 Vorrede zur zweiten Auflage.  [15] Wohin konnte würdiger das Verlangen einer zweiten Auflage dieser Schrift an mich ergehen, als hieher auf den Monte Pincio, wo jenseits des Häusermeeres der ewigen Stadt und über den Kuppeln und Thürmen, welche aus demselben emporragen, der Blick auf dem wunderdereichen Dom ruht, der über den Gräbern der Apostel sich wölbt, auf dem hohen Bau, in dessen Gemächern der oberste Hirte über der Heerde wacht, aus denen er in ernsten Momenten an dieselbe das väterliche Wort, das warnende, mahnende, tröstende richtet. Wann konnte ich freudiger diesem Verlangen entsprechen, als in eben denjenigen Tagen, in welchen die erhebende Kunde von der Rückkehr so mancher gewichtiger Männer Englands in den Schoß der katholischen Kirche jeden getreuen Sohn derselben zur Verherrlichung ihres Herrn aufmahnt? Sie, erst erleuchtet durch erforschte, hierauf bewältigt durch die gefundene Wahrheit, mögen auf andern Bahnen zu ihren Ufern hingeführt worden seyn, als ich es ward; das Ziel, zu dem sie gelangten ist dasselbe. Gefiele es dem Einen oder Andern von ihnen, die Pfade, auf welchen, und die Weise,[15] in der sie geführt wurden, so offen und treulich darzulegen, wie ich in diesen Blättern dessen mich beflissen habe, so gewinnen wir damit einen neuen Beitrag zu der inhaltsreichen Geschichte der göttlichen Führungen, und zu so vielen vorhandenen einen neuen Beweis, daß das redliche Annehmen auch nur einer Wahrheit den Rückweg in alle Wahrheit, wie dieselbe uns in der katholischen Kirche nur entgegentritt, anbahnt.1 Ich habe bei sorgfältiger Durchsicht dieser Blätter keine Veranlassung gesunden, irgend Etwas, was auf die Heranbilbung zum Glied der Kirche Bezug hätte, beizufügen, von dem, was ich bereits mitgetheilt, irgend etwas wegzulassen oder zu berichtigen, irgend ein Urtheil über die Dinge ausser mir zu äussern. Wohl habe ich einige Abschnitte erweitert, Verschiedenes noch berührt, nichts aber, was der Schrift, wie sie ihrer ersten Fassung nach erschienen ist, fremdartig wäre, wohl gar ihr widerspräche. Rom, am Tage des heiligen Gallus 1845. Fr. Hurter.[16] Fußnoten 1 So eben ist dieß geschehen durch die ausgezeichnete Schrift Newmans über seine Conversion, die in deutscher Uebersetzung (Schaffhausen Hurter'sche Buchhandlung) erschienen ist. 
 Zweiter Band An Herrn ***  Gerade bei Empfang Ihres Briefes wollte ich die zweite Hälfte des durchgesehenen Exemplars meiner Schrift an die Verlagshandlung abgehen lassen. Was Sie mir über den Eindruck, den dieselbe auf Sie und mehrere Ihrer Freunde gemacht habe, bemerken, soll mich nur zu Dank gegen Gott veranlassen, wenn er mich würdigte, manche Saite zu berühren, welche in gleichgestimmten Gemüthern ihren Wiederklang findet. Der Bemerkung, ich hätte in meine Schrift Verschiedenes hineingezogen, was zu meiner Person bloß in untergeordneter Beziehung stehe, und ein mäßigerer Umfang würde derselben mehr Leser und vielleicht größere Wirkung verschafft haben, kann ich doch nur theilweise beipflichten. Letzteres möchte wahr seyn; bezüglich des Ersteren glaube ich aber entgegnen zu dürfen: obwohl Verschiedenes seine Veranlassung in Beobachtungen auf Reisen gefunden, dürfte doch nichts berührt worden seyn, was nicht mit religiösen und kirchlichen Fragen der Gegenwart und hiedurch mit meiner innern Entwicklung in naher Verwandtschaft stände. Daß bei einer zweiten Auflage der Schrift das Eine oder Andere wegfallen oder abgekürzt werden könnte, fühle ich sehr wohl. Allein Sie wissen aus Erfahrung, wie viel leichter es ist, dem zweiten Abdruck eines Buches hinzuzufügen, als daraus wegzulassen; daß bei einem solchen, welches entgegensetzter Beurtheilung[5] nothwendig unterliegen muß, das Letzte noch schwieriger wird, muß Ihnen gewiß einleuchten; schwieriger deßwegen, weil Gehässigkeit und Verdrehungssucht hierin einen bequemen Anknüpfepunkt finden könnten. Mögen dieselben jetzt daran sich halten, daß ich auch das Erstere nicht vermieden habe. Meinethalb! Es kann bei Schriften solcher Art von einer streng einhaltenden Form kaum die Rede seyn; was an ihnen für den Einen Veranlassung zum Tadel wird, dem zollt der Andere Beifall. Die Frage, welche Alle zugleich stellen dürfen, lautet: ist der Verfasser durchweg wahrhaftig, hat er sich nicht anders gegeben, als wie er ist? Hierüber soll nicht seine Person, sondern seine Schrift Zeugniß geben. Venedig, an Aller Seelen Tag. 1845. F. H.[6] Von jenem tumultuarischen Wesen, unter welchem in allen Ländern die Reformation hervorbrach und in den einen Geltung, Anerkennung und Herrschaft zu gewinnen versuchte, in den andern hiezu es brachte, mußte nothwendig der Blick wieder zurück sich wenden auf die alte Kirche überhaupt, im Besondern aber auf die Anfänge der Verbreitung des Christenthums. Ei! wie anders als diese hastigen Glaubensverbesserer, die mit Gewalt den alten Bau niederreißen und nach ihrem Sinne einen neuen aufführen wollten, haben nicht Jene gehandelt, »deren Ruf ausgegangen ist in alle Lande und deren Wort erschallt hat von einem Ende der Erde zu dem andern!« Welch' andere sittliche Naturen waren nicht diejenigen, welche als von Gott berufene und ausgesendete Boten den heil. Christum verkündigt haben, »daß er der Herr seye, zur Ehre des Vaters!« Welch' anderer Mittel haben sie sich bedient, sie, die aufgerichtet haben das Wort der Versöhnung unter allen Völkern; sie, die »bekehrt haben die Herzen der Kinder zu dem ewigen Vater;« mit denen Allen die Gnade des Vaters, die Liebe Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes unverkennbar war! Haben auch sie die Gnadenbotschaft verkündet, das Kreuz aufgerichtet, das wahre Gotteslicht angefacht, den Weg, die Wahrheit und das Leben dargewiesen, in die Liebe Gottes gepflanzt, was zuvor nicht seine Liebe war, haben auch sie dieses Alles bewerkstelligt unter Auflehnung, Eigendünkel und Streitsucht,[7] durch Raub und Hader, durch Keulen und Schwerter, durch Blutgerüste und Verbannungen? Haben auch sie, die mit allen ihren Glaubensbrüdern so oft den blutigsten Verfolgungen durch die heidnischen Kaiser sich blosgestellt sahen, gleich dem Reformator Mathäus Flacius gelehrt: man müsse die Fürsten dadurch im Zaum halten, »daß man ihnen Empörungen im Hintergrund zeige?« Haben auch sie die Massen gespornt, in die Tempel ? und waren diese doch nur der Götzenverehrung gewidmet! ? einzubrechen und sie zu verwüsten? Haben auch sie ihre Widersacher, ob Heiden, Juden oder Irrgläubige, darniedergeschimpft? Haben auch sie nach Blut gelechzet, und mittelst dessen dem Wort, welches sie lehrten, Eingang und Verbreitung zu verschaffen gesucht? Welche Aehnlichkeit zwischen jener langen Reihe erlauchter Namen, die, mit Clemens von Rom beginnend, durch die ersten vier Jahrhunderte (um blos auf diese mich zu beschränken) herabläuft, und denjenigen Namen, welche die erste Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts nennt, läßt sich aufweisen? Haben nicht so viele von Jenen in manchartiger und staunenswürdiger Weise buchstäblich an sich in Erfüllung gebracht das apostolische Wort: »durch den Glauben haben sie Königreiche besiegt, Gerechtigkeit gewirkt, Verheissungen empfangen, der Löwen Rachen verstopft, die Wuth des Feuers erstickt, sind der Schärfe des Schwertes entronnen, gekräftigt aus Krankheiten hervorgegangen, unbesiegbar geworden im Krieg; haben der Fremden Heere darnieder geworfen; Andere haben Hohn und Schläge, Kerker und Bande erduldet; sie wurden gesteinigt, zersägt, gemartert, durchs Schwert getödtet; sie sind in Schafspelzen, in Ziegenfellen, hungernd, geängstigt, Trübsal duldend, weil ihrer die Welt nicht werth war, in Einöden umherirrend, auf Gebirgen, in Schluchten, in Höhlen; Alle bewährt durch das Zeugniß des Glaubens.« Wenn denn das Urchristenthum so Alles, die Reformation nichts Anders ist, als eine Zurückführung des Glaubens und der Gestalt der Kirche, nach so vielen Jahrhunderten einer unermeßlichen Abirrung, zu jenem schönen Zustande, warum denn[8] sind die geistigen Kräfte, die sittlichen Elemente, welche jenes gegründet, und es alles Widerstrebens ungeachtet in die innersten Tiefen der Menschheit unerschütterlich gegründet haben, vor drei Jahrhunderten nicht ebenfalls reproducirt worden? Man sollte glauben, gleiche Zwecke ließen sich vorzüglich durch gleiche Mittel erzielen, so wie beide gegenseitig ins Licht sich setzen. Wollte man aber jene Männer im Anfang des 16ten Jahrhunderts neben jene der ersten vier Jahrhunderte der christlichen Kirche stellen, wie erstaunlich viel müßte nicht postulirt, wie ungleich mehr noch ignorirt werden? Prüfen wir dagegen das Leben, würdigen wir das Verfahren, durchforschen wir die Schriften derjenigen, welche frevelhaft den gewaltigen Riß in die Kirche gemacht haben, so mögen wir wohl das Urtheil eines neuern Schriftstellers ernst, aber nicht unbegründet nennen, welcher sagt: »Vergeblich suchten wir bei den Männern, welche die von dem Erlöser als vollkommen göttlich geoffenbarte Religion von Mißbräuchen zu reinigen berufen sich wähnten, die zu einem solchen Unternehmen durchaus unerläßlichen Eigenschaften: ruhige, klare, feste Besonnenheit, Sanftmuth, Reinheit der Sitten, Demuth und Bescheidenheit, gewissenhafte Menschenliebe, Duldsamkeit, apostolische Erleuchtung, feyerlichen Ernst, gediegene Kenntniß des christlichen Alterthums; ? statt dessen finden wir nur: Wankelmuth und widersprechende, stets wechselnde Meinungen, heftige, leidenschaftliche Gemüthsart, unbegränzten Ehrgeiz, anstössiges, unsittliches Betragen, den feindseligsten Verfolgungsgeist, Selbstsucht, Rabulisterei, die rohesten Ausbrüche der Uneinigkeit, leichtfertige Lästerung in Glaubenssachen, Hader und Schmähsucht, Oberflächlichkeit und Einseitigkeit in wissenschaftlichen Kenntnissen.« ? Käme uns da nicht Augustins Wort im fünften Buch seiner Gottesstadt zu Sinn: »Was ist geschwätziger als die Eitelkeit? In ihr liegt nicht die Kraft, welche in der Wahrheit liegt. Läge sie aber auch in ihr, so würde sie doch mehr schreyen als die Wahrheit.« [9] Das lehrten, das sprachen in unmißverstehbarem Wort, mit unwiderleglichen Thatsachen die Zeugnisse der Geschichte, an welche noch andere Erwägungen aus derselben sich anknüpften. Eben dieses Jahrhundert, welches in seiner ersten Hälfte Luther, Carlstadt, Münzer, Zwingli, Calvin und so viele Andere, dann die beklagenswerthe Wunde, welche der Kirche geschlagen worden, gesehen hatte, sah in seiner zweiten Hälfte einen heiligen Ignatius, Franz Borgia, Camillus Lelli, Philipp Neri, Carl Borromäus, Franz von Sales, Vincenz von Paulo, eine heilige Theresia und so Viele, nicht blos Heilige der Kirche, sondern überhaupt Lichter des Menschengeschlechtes. Sollte dieses seltene Zusammentreffen der ausgezeichnetesten Geister, der edelsten Naturen, der thätigsten Individualitäten zu Heilung der brennenden Wunde, zu Reinigung, Erneuerung und Erkräftigung der Kirche von innen heraus nichts weiter als ein glücklicher Zufall, ein günstiges Ereigniß gewesen seyn? Und ob ihr die Treue, die Ausdauer, das Wirken zu Anderer Seelenheil; ob ihr die Erleuchtung, die Sittenreinheit, die Tadellosigkeit des Lebens; ob ihr einzelne Tugenden, als: Gehorsam, Demuth, Bescheidenheit, Selbstverläugnung und Selbstaufopferung; ob ihr einzelne Geistesvorzüge, als: Klarheit, Wärnte, Folgerichtigkeit, Eindringlichkeit des Gesprochenen oder des Geschriebenen als letzten und höchsten Maaßstab zu Beurtheilung des wahren Werthes des Menschen aufstellet, wie verhalten sich diese mit Recht als heilig Erkannten und Geehrten zu denjenigen, die nicht allein sich selbst mit vielen Andern von der Kirche losgerissen, sondern Alles daran gesetzt haben, dieselbe zu zerstören? Es durfte aber nicht bloß das höchst berücksichtigenswerthe Moment des gleichzeitigen Erscheinens dieser Männer erwogen, nicht allein die Individualität eines Jeden derselben angeschaut, nicht einzig ihr Wesen, vorzüglich von dessen sittlicher Seite, gewürdigt werden, sondern es bot sich zugleich die Frage dar: zu welchen Schlüssen werden wir berechtigt, wenn wir die Mittel ihrer Wirksamkeit, die Art und Weise derselben, sodann den Einfluß ihres Thuns und Waltens auf die Bekenner der[10] Kirche, aus welcher sie hervorgegangen sind und welcher sie ihr Leben geweiht haben, den Mitteln, der Wirksamkeit und dem Einfluß derjenigen gegenüberhalten, durch welche die Trennung von der Kirche bewerkstelligt worden ist? Ich habe bereits in einem nach allen Seiten gewendeten Ueberblick von jenen Mitteln so wie von der Art und Weise gesprochen, in welcher die Trennung angebahnt und durchgesetzt wurde; zugleich, theils nach den eigenen Zeugnissen der Urheber derselben, theils nach andern Geständnissen und Klagen, den sittlichen Zustand berührt, der in den allerersten Zeiten ebensosehr an Denjenigen, welche das Begonnene pflegen und festigen sollten, als an dem Volk, welches auf diese Bahn gezogen worden, sich bemerklich gemacht hat. Daß aber der langjährige kirchliche Kampf, die hieraus hervorgehende unvermeidliche Lockerung aller Bande, die alle Verhältnisse durcharbeitende Lösung jeglicher Ordnung, das gegewaltige Anstürmen wider das Bestehende, die heftigen Angriffe auf Dasjenige, was bisher geglaubt und geübt worden, das unablässige Herabwürdigen und Verlästern aller in das Leben verwachsenen Anordnungen und Einrichtungen, der in wogender Fluth über den kirchlichen Boden sich wälzende Zweifel und Widerspruch, daß dieses alles eine erschütternde, lokernde, auflösende, aus den Fugen treibende, verwüstende Wirkung nicht auch da müsse geübt haben, wo es zuletzt gelang, die endliche Zerstörung abzuwehren, das wird wohl Niemand können in Abrede stellen. Festigung und Erneuerung der Kirche, Herstellung von Zucht und Ordnung, unter der Geistlichkeit nicht minder als unter den Layen, das that überall Noth. Nicht ein neuer Geist müßte dem mit Christo verbundenen Körper eingehaucht, es mußte nur der unsaubere Geist gebannt werden, der unter der wilden und wüsten Parteyung sich eingeschlichen, jenen zurückgedrängt, dessen belebenden und lenkenden Einfluß gelähmt hatte. Das ist dem gleichzeitigen Auftreten und obwohl verschiedenartigen, doch durch denselben Geist und denselben Zweck geeinten Wirken jener Männer zu verdanken, die aus dem engern Kreise,[11] in welchem sie sich bewegten, bald nach jenen trüben Zeiten als Lichter der gesammten Kirche aufstiegen und deren Reformatoren im schönsten Sinne des Wortes wurden. Wer die Weltordnung bloß nach mechanischen Gesetzen sich verlaufen läßt, sieht in dieser bedeutungsvollen Erscheinung nur den unvermeidlichen Rückschlag jener die Welt durchzuckenden Schwingung; wer das Daseyn und die Fortdauer der Kirche mit einem über ihr stehenden Walten ewiger Liebe in Verbindung setzt, verehrt darin eine im Augenblick dringlicher Noth unverkennbar hervortretende Obsorge derselben. Fragt aber Jemand nach den Mitteln, welche diese, durch den Herrn der Kirche zu deren Heilung berufene Männer angewendet haben, so wird der Lebenslauf eines Jeden derselben ihn belehren, daß es die einfachsten, aber zugleich die förderlichsten waren, die sich auffinden ließen: sie haben dem Geist, der von Gott ausgeht und dessen Organ die Kirche ist, den unbedingtesten und unbeschränktesten Einfluß zuerst auf sich selbst gestattet, hienach durch ebendenselben auf Andere einzuwirken gesucht. Welchem aus ihnen in dem Gang seiner kirchlichen Thätigkeit ihr folgen möget, nirgends werdet ihr auf Anwendung gewaltsamer Mittel stossen; nirgends in ihrem Thun wird euch Poltern und Lästern begegnen; nirgends bei ihrem Bemühen werdet ihr ihnen ein endloses Schwanken in dem, woran sie festhielten und worein sie gewurzelt waren, nachweisen können. Oder hat aus ihnen auch Einer nur die höchsten, die gesammte Geisterwelt bewegenden Fragen heute so, morgen im entgegengesetzten Sinne entschieden? Hat aus ihnen auch Einer nur jetzt um die Gunst der weltlichen Gewalt gebuhlt, und dann wieder ihr Trotz gesprochen? Hat von ihnen auch Einer nur den Kampf des Menschen um Selbstbeherrschung und Selbstverläugnung, dem schon von den Heiden der Preis zuerkannt worden, hinabgezogen in die eckelhafte Pfütze des gemeinsten Hohnes? Hätte auch Einer nur von ihnen über Hurerei und Vielweiberei mit empörender Leichtfertigkeit sich geäussert? Hätte auch Einer nur aus ihnen gegen Jene, die doch in seinen Augen Aufrührer, Ketzer und Abtrünnige seyn mußten, bloß[12] von ferne eine solche Sprache sich erlaubt, wie sie jenen gegen die Kirche, deren Oberhaupt, alle ihre Hirten, Lehrer und Bekenner ganz geläufig geworden war? Dagegen werdet ihr an denselben verwirklicht finden jene, die lieblichsten Tugenden in sich fassende Aufforderung des heil. Apostels: »Im Uebrigen, Brüder, was wahrhaftig, was keusch, was gerecht, was heilig, was lobenswerth, was ehrenhaften Rufes, was eine Tugend seye, was zum Lobe der Zucht dienen mag, dem denket nach.« Deßwegen darf man ungescheut alle Gegner auffordern, die glaubenswürdigen Lebensnachrichten von diesen Männern, ihre Schriften, alle Documente über ihr Thun mit dem schärfsten Auge zu durchforschen: ob sie ihnen Widersprüche gegen jene apostolische Aufforderung nachweisen, mit anderm Vorwurf sie beladen mögen, als etwa mit dem, daß ihr Leben im strengsten Geist, ihr Wirken im unverdrossensten Dienste der katholischen Kirche verlaufen seye und kein anderer Zweck sie durchdrungen habe, als derjenige: Herstellung des Zerfallenen, Festigung des Erschütterten, Zurechtweisung des Verirrten durch Leben, durch Vorbild, Wort und That zu bewirken. Ob und wie ihnen dieses gelungen seye, hierüber mangelt es nicht an Zeugnissen, die freilich anders lauten, als jene über die nächsten Folgen der verkündeten neuen Lehre vorhin angeführten. Ueberall mit dem Erscheinen dieser Männer sehen wir die Geistlichkeit zurückkehren zu Unterordnung, Zucht, Pflichttreue, sittlicher Würde und Ehrbarkeit des Lebens. Jetzt noch begeht Rom den Gedächtnißtag des heil. Philippus Neri, als den eines wahren Regenerators der Geistlichkeit, in der solemnesten Feyer; und die jedesmalige Anwesenheit des Oberhauptes der Kirche mit sämmtlichen Cardinälen ist eine bis auf unsere Tage seinen hohen und fortdauernden Verdiensten dargebrachte danksagende Anerkennung. Jetzt noch zerbreitet sich über die Lombardei der Segen, welchen der heilige Bischof ihr gebracht und den die Stellung seines Riesenbildes zu Arona dem Geistesauge vergegenwärtigt. Jetzt noch ehrt Savoyen in dem großen Bischof[13] von Genf die feste Vormauer gegen feindliche Unterwühlungsschliche, die ganze katholische Kirche aber eines ihrer hochbegnadigtesten Glieder in dem reichen Kranz so Vieler. Jetzt noch sieht Paris um die irdische Hülle des reinsten Gefässes der wahren Charitas alljährlich in dankglühenden Herzen und froh gestimmt durch so gottgeweihten Vorgang zu heilbringender Nachahmung seiner Liebe Tausende und Tausende gesammelt. Jetzt noch ist der 31. Juli für alle wahren Kinder der Kirche ein Tag des Dankes und des Frohlockens zu Gott, in Erinnerung der reichen Segensströme, die er zu Erweiterung, Belebung und Festigung derselben in seinem begnadigten Diener, dessen sie dannzumal gedenkt, und in dessen Jüngern in ununterbrochener Strömung bis auf den heutigen Tag sich ergießen läßt. Sofort die Thätigkeit dieser Männer in der Kirche und für die Kirche begann, öffneten sich allerwärts Bildungsanstalten für den Clerus: Uebungen, um denselben in stets regem Bewußtseyn seiner Bedeutung zu erhalten, wurden eingeführt; ein erneuerter Geist durchdrang den Unterricht und die Erziehung der Jugend; Verbindungen entstanden, um die Segnungen des echtesten Christenthums in den manchartigsten Manifestationen der reinsten Liebe durch alle Gliederungen der kirchlichen Gesellschaft und nach jeglichem Bedarf des oft von Kummer durchfurchten Erdenlebens zu verbreiten: mit höherer Würde und tieferem Ernst sah man allerwärts den Gottesdienst ausgestattet; zu sinnvollen Andachtsübungen ward das Volk geeinigt, daß fester sich weben möchten die Bande, welche den Einzelnen mit den Einzelnen und für Alle die Gegenwart mit der Zukunft verknüpfen sollten; in reinerem Eifer wurden die Heilmittel geboten und hiemit ein ausgebreiteteres und zugleich innerlicheres Verlangen nach denselben hervorgerufen; ein erfrischtes Regen, Bestreben und Hingeben, um die Gränzen der Kirche zu erweitern, ihr Licht aufgehen zu lassen über diejenigen, die in Nacht saßen, ward sichtbar, und ein neues Strahlendiadem von Glaubensboten, Bekennern und Blutzeugen leuchtete von ihrer[14] hehren Stirne. Auch damals, wie in unsern Tagen wieder, hatten die erschütternden Streiche in Kräftigungen zu dem wahren Leben und in Segnungen sich verwandelt. Sollte aber eine Verbindung, die dergleichen Männer hervorbrachte und großzog, wie die Genannten, irgend einer andern nachstehen müssen? Sollten Licht, Leben, Wahrheit, Gotteserkenntniß und Gnade da vorzugsweise, ja sogar ausschließlich quellen und strömen, wo die Gegensätze, und so grelle Gegensätze, zu ihnen sich finden, und als allein heilbringend fortwährend festgehalten werden? Wahrlich, ein gewaltiges Moment lag und liegt in dieser Vergleichung für einen Jeden, der sie würdigen mag. Im Verlauf vieler Jahre war ich mit jenen Namen allmählig bekannt geworden; ohne gerade nachzuspüren, begegnete ich allmählig genauern Nachrichten aus dem Leben und Wirken dieser Männer. Konnte ich solche Kenntniß verhüten? Durste ich so manches Ansprechende, Edle, so manchen Beweis einer hohen Frömmigkeit, eines ganz zu Gott gewendeten Lebens kalt zurückweisen, oder mit wegwerfender Gleichgültigkeit darüber hinweggehen, darum weil nun einmal die Schule es so verlangt? Wenn der Knabe an den Vorbildern der Vaterlandsliebe, der Selbstaufopferung, der Uneigennützigkeit, des Heldenmuthes, der Freundschaftstreue, an manchen Tugenden, welche in den Griechen und Römern uns entgegenleuchten, unbewegt vorüberschreitet, so wird es insgemein für ein schlimmes Anzeichen erachtet. Sollte aber derjenige, welchem in jenen Männern der Kirche noch eine ungleich vollendetere, weil aus einem tiefinnerlichen Glaubensleben hervorgegangene Blüthe der reinsten sittlichen Vollendung entgegentritt, dieselbe, wenn nicht geradezu anzweifeln, so doch auf einen weit geringern Maßstab reduciren, nur deßwegen, weil sie an einer äußern Lebensform erscheint, die nun nicht gerade die seinige ist? Wenn aber seine Geistesthätigkeit ihn nöthigt, die individuellen Erscheinungen mit den allgemeinen Zuständen und mit den hervortretenden Bedürfnissen irgend eines Zeitalters in Verbindung zu setzen, und er derartigen[15] Schlüssen über die höhere Bedeutung solcher Männer, über ihren heilenden und segnenden Einfluß auf gewisse Zeitfristen und gewichtigere Weltverhältnisse sich nicht entziehen kann, verlieren dieselben darum ihre Richtigkeit, weil dieses von Andern nicht will anerkannt, ja nicht einmal Befugniß dazu eingeräumt werden? Mag es für Andere unmöglich seyn, in der gleichzeitigen Erscheinung jener Männer dasjenige zu erblicken, was ich darin erblicke, für mich wäre es, da ich sie nun einmal nicht mehr ignoriren durfte, ebenso unmtöglich gewesen, sie von anderem Standpunkt zu würdigen, als es zuletzt geschehen mußte. Derselbe Gegensatz ließ sich aber im Bereich der höchsten Staatsgewalten, inwiefern sie der Neuerung gehuldigt oder der Kirche treu geblieben waren, nicht verkennen. Auch jene haben mit ihrem wahren, lautern Christenthum bei jeder Gelegenheit um sich geworfen, in Betheurungen, wie sehr ihnen dieses ins Herz gewachsen seye, in jedem vorkommenden Fall recht breit sich ergangen. Dagegen haben sie keine Scheu getragen, die Türken, so oft es gelingen mochte, gegen die Katholiken in die Waffen zu jagen. Die jungfräuliche Beschirmerin des Glaubens in England ließ nichts unversucht, um den Sultan Murad zum Krieg gegen Philipp von Spanien zu reizen. Alle diplomatischen Buhlkünste, die verworfensten Schmeicheleyen waren ihr nicht zu entehrend, um diesen Zweck zu erreichen. Ihr Gesandter mußte sich einen »Leibeigenen seiner Hoheit« nennen, sie selbst aber prunkte vor dem türkischen Padischah mit dem Namen einer »allermächtigsten und unüberwindlichsten Vorfechterin des wahren Glaubens gegen die fälschlich den Namen Christi nennenden Götzendiener.« Man ist ausser Stand, sich zu bekennen, ob die Kriecherei oder die Verworfenheit tiefer empöre, mit der sie dem Sultan sagen läßt: »Ihm habe Gott die Macht in die Hände gegeben, damit zu seiner Ehre alle Götzendiener, die verfluchten gemeinsamen Feinde ihrer Beiden, gänzlich vertilgt würden.« ? So haben die von der Kirche Abgefallenen die Türken nach Ungarn gerufen, bei der[16] zweiten Belagerung von Wien deren Artillerie bedient, und hätten lieber das eigene Land sammt dem deutschen Reich in Paschaliks verwandelt, als den Fortbestand der Kirche gesichert gesehen. Wie viel Böses ihr aber auf den Kopf von Philipp den Zweiten zu häufen wisset, meinet ihr, auch er hätte zu solcher Herabwürdigung sich bequemen können, wie seine Zeitgenossen? Christus sagt zu seinen Jüngern: »Wie mein Vater mich sandte, also sende ich euch;« dann wieder: »Ihr habet mich nicht erwählet, sondern ich habe euch erwählet und gesetzt, daß ihr hingehet und Frucht bringet und euere Frucht bleibe.« Sie haben diesen so klaren als inhaltsschweren Ausspruch nie mals seinem vollen Umfang und Reichthum nach gewürdigt, nie nach vollem Verdienen ihn herausgestellt. Es liegt in demselben, sofern diejenigen Stellen, welche Christi göttliche Sendung bezeugen, nicht weggeklügelt, wegvernünftelt, und hinweg mythisirt werden, das gewichtigste Zeugniß für die göttliche Stiftung des Christenthums, welches, wenn es Realität haben, wenn es wirklich, ob auch der Himmel und Erde vergiengen, als Wort von Oben nicht vergehen, wenn demselben eine Zukunft auf alle Zeiten gesichert bleiben sollte, nicht dem Zufall überlassen, sondern alsbald mit seiner Einführung in einer bestimmten Gestalt erscheinen, als sichtbare, wenn gleich der Vervollkommnung fähige Institution heraustreten mußte in die Welt, obgleich es nicht von der Welt ist. Jene Worte sind die Stiftungsacte der Kirche, in welcher zugleich die vollgültigste Erklärung über ihre Autonomie, ihr Regiment und über die Nothwendigkeit einer unmittelbaren Succession derjenigen, welche für stetes Bleiben feuer verheissenen Frucht sorgen sollen, von den zuerst durch ihn Erwähleten liegt, durch die er zugleich die Heilsordnung, womit er das Menschengeschlecht begnadigen[17] wollte, in die Welt eingeführt hat. Hier haben wir unumstoßlich die Organisation von oben, welche alle Gestaltung von unten und allen Einfluß auf diese von nebenher entschieden zurückweist. Daher die immer von neuem auftauchenden und oft mit so großem Eifer verfochtenen demokratischen Gelüste, selbst abgesehen davon, daß deren Verwirklichung die innere Auflösung nur in so weit erschreckenderer Gestalt enthüllen würde, für nichts Anderes, als für ein so unverdekteres Zeugniß der gänzlichen Abtrennung des Christenthums von seiner durch Gott gesetzten Wurzel und der völligen Subjectivirung desselben durch die Menschen gelten können. Sollte auch vor der Hand dieses demokratische Prinzip bloß an der Erscheinungsform des Christenthums und an seiner Stellung zu der menschlichen Gesellschaft sich geltend machen; wie lange würde es dauern, bis es ein Recht, auch über dessen innerstes Wesen zu Rath und zu Gericht zu sitzen, in Anspruch nehmen und sich für befugt halten würde, durch Mehrheit zu entscheiden, was ferner als christliche Lehre gelten dürfe, was nicht. Derjenige dagegen, welcher Macht und Ansehen in sich vereinigt, Andere zu erwählen, sie zu erwählen für Etwas, was über die Lebensdauer derselben hinausreichen sollte, hat hiedurch dem von ihm Eingesetzten Impuls und Richtung verliehen, und nothwendig mußten darum diese, wenn sie »in ihm bleiben« wollten und »er ihnen bleiben« sollte, in Gemäßheit des erhaltenen Auftrages, nachmals Beides auf Andere übertragen. Jenes einzige Wort ihres Herrn löst die Kirche von der Erdengewalt ab und bringt sie in organischen Zusammenhang mit ihm, der als ihr Haupt den Himmel eingenommen hat. Diesem gemäß hat auch die Kirche von ihrem Stiftungstage an durch alle Jahrhunderte gehandelt: sie hat die Glaubenslehren durch Diejenigen bestimmen lassen, welche zwar nicht sich vermaßen, den Eckstein des Glaubens gelegt zu haben, dagegen aber, wie sie denn hiezu berechtigt und verpflichtet waren, unter allen Umständen bekannten, daß sie auf diesen Eckstein durch ihn selbst erbauet worden; welche nicht ihn erwählet hatten, somdern durch ihn waren erwählet worden,[18] d. h. durch diejenigen, welche, kraft unmittelbarer Abstammung von diesen, in mittelbarer geistiger Verbindung mit ihm selbst standen. Durch diese hat die Kirche jederzeit die obersten Fragen entschieden; durch diese hat sie über die Anwendung des Glaubens auf das Leben Vorschriften ergehen, was des Gottesdienstes würdig, bestimmen, was der erkannten und geübten Lehre angemessen seye, erklären, entstandene Irrungen zurechtweisen und erhobene Zwiste in Glaubensfragen schlichten, durch diese, welche der Heilige Geist gesetzt hatte »zu Hirten und Lehrern, damit der Leib Christi erhalten werde,« das Regiment führen lassen; indem sie als oberste und allgemeine Lehranstalt für die Menschen nicht die Bildenden über den Lehrer, als Heilsanstalt nicht die Heilungsbedürftigen über den wahren Arzt hinaufsetzen konnte. Wie eifrig aber vorangestellt worden, daß hinsichtlich dessen Allen, was Glauben, Leben und Gestaltung der Kirche betreffe, einzig der klare Buchstabe der heiligen Schrift maßgebend seyn könne; jenes vorhin erwähnte, bestimmte und nicht durch einen der erwählten Diener, sondern durch den Herrn selbst in feyerlicher Stunde gesprochene Wort haben sie unbemerkt gelassen, es nie aufgerufen, dieweil dasselbe ihr Unterfangen von vornherein verurtheilt, und es, so sie nicht wider das Urtheil in offene Auflehnung hätten treten wollen, unmöglich würde gemacht haben. Zuträglicher fanden sie, es unberührt bei Seite zu lassen; denn so ward es ihnen leichter, denjenigen zu erwählen, der sie nie, und Trotz zu bieten denjenigen, die er erwählt hatte. Hiemit aber lösten sie, bei aller Berufung auf den Heiligen Geist, von ihm sich ab. In ihrer selbst veranlaßten Lostrennung von der Wurzel und dem ihr entwachsenen Lebensbaum suchten sie Anerkennung, Beglaubigung und Schutz für ihre Meinungen, indeß die ursprüngliche Lehre von Oben ausgegangen war, von Unten, und die tiefsten Fragen, welche die erhabensten Geister seit anderthalb Jahrtausenden stets mit heiliger Achtung und demuthsvoller Ehrerbietung behandelt, erörtert und in Verbindung mit den Erwählten festgestellt hatten, wurden[19] jetzt dem Entscheid der Layen, nicht selten des Volkshaufens zugewiesen, das Siegel der Untrüglichkeit durch die Mehrheit von allerlei Händen ihnen aufgedrückt. Hiemit hatten sie die, jenem Anspruch des Erlösers gemäß der Kirche zugesprochene, Autonomie auf eine Weise vernichtet, von der schwer zu bestimmen ist, ob das Wort leichtsinnig oder frevelhaft sie richtiger bezeichne. Auch von dieser Seite wurde die Kirche von ihrem Haupt abgerissen und dermaßen zersplittert, zerbröckelt, zerrieben, daß nicht Anderes übrig blieb, als das einem jeden, nach Höherem sich sehnenden Menschen innewohnende Bedürfniß einer Kirche durch die Nebelgestalt einer unsichtbaren, darum aber auch unerkennbaren Kirche zu ersetzen. Nachdem sie die weltliche Gewalt um den Preis der Kirchengüter und Kirchenzierden und durch die lockende Aussicht, ihrer Macht auch dasjenige Gebiet zu unterwerfen, welches bisanhin ausser deren Bereich gelegen, manchen Orts zu willfährigen Gehülfen und Genossen ihres Stürmens gemacht hatten, wollte Jenen die blosse Beiordnung nicht lange behagen; dem natürlichen Gang der Dinge zufolge behaupteten die Mächtigern, auf dem eröffneten Tummelplatz rechtsbefugte Herren allein zu seyn, und daß es einzig ihnen zukomme, Gesetz und Ordnung und Vorschrift zu geben; daß sie nunmehr es seyen, welche, so wie den Staat, so auch dasjenige, welchem der Name Kirche geblieben war, nach ihrem alleinigen Ermessen zu reguliren hätten. Folgerichtig! das läßt sich, dem angenommenen Princip gemäß, nicht in Abrede stellen. Denn, war jeder Christ sattsam erleuchtet, zu urtheilen, was die heilige Schrift offenbare, lehre und fordere; war er, wie man heutzutage sagen würde, mündig, um auch in Glaubenssachen sich selbst zur obersten Autorität zu werden, so mußte mit Recht das mindere dem Mehreren folgen und derjenige, welcher als blosser Christ schon für dieses im vollesten Maaße befähigt war, als Fürst zu jenem, welches doch nur Aeusseres und Sichtbares befaßte, vollkommen berechtigt sich halten. So kam es, daß selbst der Rath der kleinen Stadt Basel den zur Synode versammelten Prädicanten, welche[20] Verschwendung der Kirchengüter rügen, und die Anwendung der Kirchenzucht von der weltlichen Gewalt an die geistliche zurückfordern wollten, die Antwort ertheilte: »sie tractirten Sachen, die vor die Obrigkeit und nicht vor den Synodum gehörten.« Darum wohl Böhmer seinen dicken fünf Quartanten von dem protestantischen Kirchenrecht füglicher die Aufschrift hätte geben sollen: »Sammlung landesherrlicher Verordnungen in Kirchensachen.« Ist der menschgewordene, zu unserer Erlösung am Kreuzeszesstamme gestorbene und am dritten Tage wieder auferstandene Gottessohn der Begründer der christlichen Kirche auf Erde; hat er derselben den Heiligen Geist verheissen und versprochen, bei ihr zu bleiben bis aus Ende der Tage: so kann doch das Vorgeben, seit zwölfhundert Jahren seye seine Kirche und seine wahre, eigentliche Lehre abhanden gekommen und seye sie unter einen Wust von menschlichen Erfindungen und Zuthaten dergestalt begraben worden, daß sie nicht mehr zu erkennen gewesen seye, kaum eine andere Bedeutung haben, als die Glaubwürdigkeit seiner Worte thatsächlich zu vernichten, und wird das pomphafte Vorgeben: jetzt erst habe man seine Lehre wieder aufgefunden, hervorgegraben, gereinigt, zum wahren Widerspruch gegen ihn, zu Verläugnung der Wahrhaftigkeit seines Wortes. Wie widerwärtig es auch christlichen Ohren klingen mag, daß Luther seine Fälschung der Stelle Röm. III, 28. bloß durch die Erklärung rechtfertigen wollte: »Doctor Martinus Luther wills also haben, und spricht, Papist und Esel seye ein Ding,« so hat sie doch das Verdienst der Aufrichtigkeit, indem er sich damit nicht hinter eine Autorität verbirgt, die durch jenes Vorgeben förmlich zu nichte gemacht wird. Wo war denn Christus während der zwölfhundert Jahre, die von dem Concilium zu Nicäa bis auf die Bewegung zu Anfang des 16. Jahrhunderts verlaufen sind? Wo war denn der so feyerlich verheißene heilige Geist während aller dieser Zeit? Wo war denn mittlerweile die Kirche? Wo war denn inzwischem die Lehre? Etwa, wie zu behaupten versucht worden[21] ist, in einer chronologisch sich folgenden, nicht aber innerlich sich berührenden Reihe von Irrlehrern, von Abtrünnigen, von Widersachern. Waren ein Gregor der Grosse, ein Anselm, ein Bernhard, ein Franciskus, ein Thomas von Aquin, ein Bonaventura und wie sie Alle heissen mögen, die Lichter der Welt, der Kirche, ihres Zeitalters, waren so viele hocherleuchtete Oberhäupter der Kirche, treubesorgte und würdige Lehrer und Hirten, so viele fromme und demüthige Priester und Ordensmänner, so viele gelehrte und wahrhaft christlich gesinnte Schriftsteller, die in ununterbrochener Verkettung während eines vollen Jahrtausends sich die Hände reichen, so gar nichts? Waren sie aller christlichen Erkenntniß, alles christlichen Willens, aller christlichen That so baar und bloß, daß sie, die Einen der Erleuchtung, die Andern der Leitung, Alle der Gnade des heiligen Geistes unwürdig gewesen wären, bis derselbe endlich nach so langem Zurückziehen unerwartet in einigen störrigen Mönchen und in etlichen unruhigen Priestern die würdigen Gefässe seines Waltens und Wirkens sich wieder ersehen? Ein unerklärlicher Gottmensch und Weltheiland müßte doch derjenige seyn, der Knechtsgestalt angenommen, den Kreuzestod erlitten hätte, um die sündige Menschheit mit dem Vater zu versöhnen und die grosse Gnadenanstalt in die Welt einzuführen, dann aber dieselbe, nachdem sie unter Dulden und Leiden, unter Mühsal und Verfolgung, unter Marter und Tod seiner Bekenner endlich den Sieg errungen und sich über den Erdkreis gefestigt, sofort allen verderblichen Einflüssen bloßstellen, dem innern Verderben preisgeben, der Verzerrung bis zur Unkenntniß hätte können anheim fallen lassen! Bekannte schon der grosse Lehrer der Völker, daß »der Schatz von Erleuchtung der Herzen zur Erkenntniß der Klarheit Gottes in dem Angesichte Jesu Christi in irdene Gefässe niedergelegt seye,« und hat er nicht Engel, sondern Menschen zu Trägern seiner Gnadenanstalt gemacht, so ist sich nicht zu verwundern, wenn auch in sie Menschliches, Unvollkommenes, ja Verwerfliches nun und dann, da und dort sich eingeschlichen hat, je eines Ortes sich wieder einschleicht.[22] Aber einen sonderbaren Begriff von Gottes Weltregierung und Christi Fürsorge um seine Kirche müßte derjenige immerhin sich bilden, welcher glauben könnte, Geschlechter um Geschlechter wären wieder hinabgesunken in Finsterniß und ehevorige Unerkenntniß und Gottlosigkeit, bis es ihm nach so langem Zeitverlauf beliebt hätte, dieselben wieder zu erleuchten, zu belehren, mit sich zu verbinden, und zwar durch Solche, welchen nichts weniger möglich gewesen, als ihre wunderbare Berufung hiezu vor den Augen der Prüfenden zu beglaubigen. Das Vorgeben mithin, das ächte Christenthum, so wie der Erlöser es der Welt gebracht, seye erst durch diese wieder aufgefunden und den Menschen verkündigt worden, ist, abgesehen von den Mitteln, wodurch die Annahme des Verkündigten vielfältig bewerkstelligt wurde, eine schwere Versündigung gegen Gott, Vernunft und Geschichte einerseits, und muß anderseits demjenigen, der in der Vergangenheit sich umgesehen hat und dieselben zu würdigen weiß, allermindestens als eine höchst gewagte Behauptung erscheinen; um so gewagter, wenn man sich nicht verhehlen will, daß derselbe Luther, welcher im Jahr 1520 schrieb: »Wir hatten das Papstthum für den Sitz des ächten und boshaften Antichrists, und glauben gegen dessen Betrug und Bosheit uns um des Heils unserer Seelen willen Alles erlauben zu dürfen,« später doch wieder bekannte: »es ist gefährlich und erschrecklich, etwas zu hören oder zu glauben wider das einträchtige Zeugniß, Glauben und Lehre der ganzen heiligen Kirche, so von Anfang her nun über 1500 Jahre in aller Welt einträchtiglich (also nicht jeweils auftauchende Meinungen von einzelnen Irrlehrern) gehalten.« So stellte sich der Ursprung der Reformation und die Berechtigung zu derselben meinen, nach der Vergangenheit gewendeten Blicken dar. Aber dieselben müßten auch auf die Gegenwart sich richten, und die Frage: wie diese zu jener sich verhalte? sammt der Würdigung der Letztern wollte nun nicht ferner übergangen oder ausgewichen werden.[23] Die Beseitigung aller und jeder Autorität, die Verwerfung eines aus der Kirche und durch die Kirche herausgebildeten und fortwährend festgehaltenen Glaubens, die Aufstellung des Satzes: daß für diesen die heilige Schrift die einzige Norm, zu deren Auslegung aber ein Jeder berufen und befähigt seye, hatte die Schüler und Anhänger der Reformatoren auf ein uferloses Meer hinausgeworfen. Die Meister, denen sie nun folgten, konnten ihnen um so weniger untrügliche Leitsterne und wahre Magnetnadel seyn, als gerade die Vornehmsten unter ihnen einzig in dem Widerspruch, hierauf in dem Haß gegen die Kirche sich gleich blieben, in Bezug aber auf das, was als allgültige, positive Lehre geachtet werden sollte, bisweilen heute diese, morgen eine entgegengesetzte Meinung entweder hinwarfen oder wirklich vertheidigten; wie denn schon Faber in seiner »christlichen Beweisung von sechs Artikeln«, aus Zwinglis Schriften 37 Stellen angeführt hatte, in denen dieser die Gegenwart des wahren Leibes und Blutes Christi im Altarssacrament behauptet, in achtundzwanzig dagegen sie förmlich bestritten oder verworfen hatte. Unter der Einwirkung jenes Satzes von allgemeiner Auslegungsfähigkeit der heiligen Schrift mußten unvermeidlich die seltsamsten Meinungen aufkommen. Da dann die Zahl derer, welche neben den Häuptern der Reformation sich einen Namen gemacht haben, nicht gering war, ließ sich nicht verhindern, daß unter denjenigen, die nur durch den allgemeinen Antrieb gegen die Kirche sich in Bewegung setzen liessen, anbei das Bedürfniß fühlten, Andern sich anzuschliessen, ein Schwanken entstehen mußte, welches vermuthlich jene Gleichgültigkeit gegen die Predigt zur Folge hatte, worüber aus den letzten Lebensjahren von Luther so bittere Klagen ertönen, und was Melanchton das tragische Geständniß abnöthigte: »er hätte über die Religionsspaltungen mehr Thränen vergossen, als Wasser in der Elbe fliesse.« Die Nothwendigkeit, die eingerissenen Dämme durch andere zu ersetzen, machte sich nur allzubald fühlbar. Jede grössere Partei, welche Willen und Leben genug in sich verspürte, um[24] einer andern weder sich anzuschliessen, noch sich zu unterwerfen, sperrte sich durch ihre sogenannten Bekenntnißschriften gegen alle übrigen ab, stellte in diesen ihre Einigungsformel auf und mit derselben eine Autorität, ohne, oder gegen deren Wille ferner nichts dürfe gelehrt, nichts bezweifelt werden. Der ursprüngliche Satz: daß die heilige Schrift die alleinige Norm des Glaubens seye und ihr gemäß dieser müße bestimmt werden, blieb dem Wort nach fortwährend anerkannt, wurde aber schon durch das bloße Daseyn jener Formeln der That nach umgestossen; weil Auslegung und Anwendung der heiligen Bücher durch sie vorgeschrieben, dabei zwar wohl zu forschen geboten, aber mehr oder auch weniger zu finden, als jene gestatteten, untersagt war. Wehe dem Zwinglianer, der, auf seine heilige Schrift angewiesen, mit ihr in der Hand, eine Gegenwart Christi im Abendmahl in, mit und unter der Gestalt Brods und Weins gelehrt hätte; ? seine helvetische Confession wies ihn unerbittlich an, wie er in Betreff dieser Lehre die heilige Schrift zu erforschen und auszulegen habe. Bullinger hatte sich auch mehrmals dahin ausgesprochen, daß er lieber in die katholische Kirche zurückkehren, lieber Jesuiten in seinem Zürich auftreten sehen, als mit den Tübinger Theologen und ihren Lehren Gemeinschaft haben wollte. ? Wehe dem Lutheraner, der Brod und Wein für nichts weiter als für dürre Zeichen genommen und dabei mit der zwinglischen Auslegung der betreffenden Stellen sich beholfen hätte: die Einigungsformel lehrte ihn, daß dieß eine Auslegung der »Schwarmgeister« seye, mit welchen er jede Berührung sorgfältig zu meiden habe. Wie jeden Orts die Anwendung der heiligen Schrift, anders als die aufgestellten Formulare es gestatteten, bis hinab in die Mitte des vorigen Jahrhunderts verpönt war, dessen giebt die Geschichte genugsames, wenn gleich nicht erbauliches Zeugniß. Mittelst ihrer hatte der öde, fahle, dürre Buchstabenglaube auf lange die gemächlichste Herrschaft, das ausgedehnteste Reich begründet, die willenloseste Huldigung sich bereitet. Unerschütterlich war die Herrschaft, unwiderruflich die Huldigung[25] nicht. Die subjective Vernunft, welche durch die Reformatoren so praktisch als theoretisch auf den Thron erhoben, durch die symbolischen Büchen hierauf von demselben unerbittlich hinabgestossen worden, machte im Verlauf der Zeit ihre Rechte wieder geltend. Sie, erst freigelassen, sodann wieder eingefangen, und an die Zwangsanstalt abgeliefert, hatte ihre Emancipationsacte nicht vergessen. Der Augenblick nahte, um die Bande zu zerreissen, in vollem Freiheitsgefühl die Welt zu durchziehen, und zuletzt, ihrer Kraft und ihres Willens immer bewußter werdend, mit denjenigen, welche, ihren ursprünglichen Anwälten und Beschützern zuwider, sie in so rohe Fesseln geschlagen, übel Abrechnung zu pflegen. Forschung, Gewissensfreiheit, Lehrfreiheit, scholl's von einem Ende zum andern; und mit Einemmal war Alles zum Forschen nicht blos berechtigt, sondern verpflichtet; sollte das Gewissen fortan nur annehmen, was ihm wohlgefiele, was darüber hinausgehe, als eiteln Zwang erachten. Lehrfreiheit mußte ohnedem als natürliches Recht gelten, dieweil das Scire tuum nihil est, nisi te scrire sciat et alter, gemahnte und kitzelte, das wiederaufgefundene Pfund nicht abermals zu begraben. Was hätten die gewagtesten Hypothesen der höhern Kritik, was hätte die kunstreichste Wendung der Exegese, was hätte die scharfsinnigste Verschmelzung jeder auftauchenden Philosophie mit der Dogmatik, was hätte die kecke Reduction des christlichen Kirchenglaubens auf etwelche Sätze der natürlichen Religion genützt, hätte nicht volle Freiheit dürfen gefordert, zuletzt genommen werden, dieß Alles zu verkünden auf Kanzeln und Kathedern, hiefür Schüler zu gewinnen, mittelst des eigenen Lichtes hundert andere Lichter anzuzünden und so das Geschäfte eines endlosen Läuterns, Aufräumens und Fortschreitens als Grundidee des Protestantismus zu rechtfertigen und zugleich zu bethätigen? Nun ist es zum ersten dahin gekommen, daß jener todtgeborne Tyrann, den sie an die Stelle von Luthers freyer Forschung und allgemein eingeräumter Selbstprüfung auf den Thron gehoben hatten, darniedergestürzt worden ist; daß während ihm die Menge den Rücken gewendet hat, ja ein noch[26] grösserer Theil es nicht einmal mehr weiß, daß er einstmals in weitem Reiche unumschränkt gewaltet habe, allerwärts Einzelne über ihn zu Gericht sitzen und ihn für ein Ungethüm erklären, welches eigentlich aus den dunkeln Abgründen niemals hätte auftauchen sollen. So haben sie über die Unzulässigkeit des Symbolzwanges geschrieben; ziemlich überflüssig, weil die Zahl derer, die diesem Zwang sich unterwerfen, klein genug ist, diejenige, die ihn auflegen möchte, noch kleiner. Hat es doch neulich in der höchsten Behörde eines Schweizercantons verlautet: »Es gebe keinen protestantischen Lehrbegriff, und das helvetische Glaubensbekenntniß habe nicht allein alles Ansehen, sondern auch alle verpflichtende Kraft verloren. Manche früher erkannte Dogmen würden zwar von den Einen noch gelehrt, von Andern aber als veraltert und untauglich verworfen, so daß jeder Geistliche gewissermaaßen eine eigene Kirche repräsentire.« Wenn zwar Manche dessen nicht Wort haben wollen, so wird es ihnen doch, wie viel Mühe auch sie sich geben, schwer fallen, aus der Verkettung der Thatsachen es herauszureden, daß Strauß nichts anders seye, als die consequente Folge des von Luther aufgestellten Princips, als die natürliche Entwicklung des durch ihn gegebenen Impulses, als ein unvermeidliches Stadium auf der von ihm vorgezeichneten Bahn. Bereits ist über dieses Stadium derjenige schon hinausgelaufen, der die christliche Religion aus der Multiplication des menschlichen Herzens und der menschlichen Phantasie, als der zwei zu ihrer Erzeugung zusammenwirkenden Factoren, entstehen läßt; der uns belehrt, daß die Phantasie dem Herzen dichte und liefere, was dasselbe begehre, dessen Bedürfnisse befriedige, dem Herzen einen Gott mache, wie es denselben brauche und wünsche, indem sie reiche Mittel besitze, ihm Alles zu gewähren. Aber auch dieser wieder wurde von jenem Andern zurückgelassen, der das Christenthum geradezu für die Schmach des Menschengeschlechts erklärte. Kann unter solchem unläugbaren Fortschritt das Geheul, welches um die Freigebung eines jeden Barrabas entsteht und Christum dem Kreuz überliefert, noch befremden?[27] Braust aber nicht zu jenem Endzweck solches Geheul von allen Seiten her und in allen gellenden Mißlauten an unsere Ohren? Giebt es irgend ein Wagniß, das gegen den Herrn und seine Braut, die Kirche, unternommen, irgend eine Schmach, die ihnen angethan, irgend ein Bubenstück, was wider sie verübt wurde, dem nicht Gruß und Handschlag entgegenkäme von Jenen, die unter jeglicher Larve knirschend wider den Herrn und seine Gesalbten sich zusammenbrüdern? Meint man es fernerhin in Abrede stellen zu können, daß der Protestantismus, nachdem er erst die Schranken der Symbole darniedergeworfen, sofort kraft seines innern Wesens, seines obersten Grundsatzes, seiner alleranfänglichsten Vorgänge, von Semmler an eine lange Reihe hochgestellter Kanzelredner, vielgepriesener Jugendbildner, hochgeschätzter Schriftsteller hervorgebracht habe, deren in Verwerfung oder Zerklärung der positiven Glaubenslehren Einer weiter gegangen ist als der Andere, und um welche man kein gemeinsames Band weiter mehr zu schlingen wußte als dasjenige des Negierens; worin dann nicht des Ansehens wegen, welches der Glaube als Gegebenes für sie hatte, sondern bloß subjectiven Gutfindens wegen, Einige etwa minder weit gingen als die Andern, bis endlich, wie bereits erwähnt, der letzte Wellenschlag in den grausenhaftesten Atheismus zerrann? Da es wohl unmöglich wäre, vor einer so unabweisbar uns entgegentretenden Thatsache die Augen zu schliessen, oder diesen Zusammenhang wegzuläugnen, wie will man es so unbegreiflich finden, daß nach allen Fortschritten, welche die Einen sich erlaubt haben, da und dort ein Anderer noch weiter gegangen ist? Sollte etwas Unhistorisches in der Behauptung von einer, zwar durch viele Mitglieder sich durchziehenden, aber dennoch constant voranschreitenden Fortbildung der Reformationsprincipien bis zu Strauß und seinen Nachfolgern liegen? Sollte den Reformatoren Unrecht damit geschehen, wenn diese Fortbildung bis ins Nichts eine durch sie herbeigeführte Nothwendigkeit genannt wird? Ja, es läge ein schweres Unrecht darin, wenn Jemand so unbesonnen wäre,[28] zu behaupten, Jene hätten diese neuesten Erscheinungen vorausgesehen, mit Bewußtseyn vorbereitet, wohl gar erwartet. Ferne von mir solches Unrecht! Ja nicht einmal dessen, daß sie solche Folgen hätten ahnen können, wird Jemand, der nicht die Vergangenheit zum Zwecke der Gegenwart zurecht machen wollte, zu behaupten wagen. Und dennoch müssen diese Erscheinungen eine unausweichliche Folge der einmal in den Lauf gesetzten Lehren und der überhaupt gegebenen Richtung genannt werden. Auch war Strauß aufrichtig und einsichtig genug, um zu gestehen, daß die Reformation diese Entwicklung habe nehmen müssen, daß jetzt aber der wahren Consequenz nur die Wahl offen stehe, entweder diesem naturgemässen Gang des Protestantismus zu huldigen und zu folgen, oder aber mit der Rückkehr in die Kirche demselben überhaupt den Rücken zu wenden. Der selige Eßlinger hat irgendwo die Bemerkung gemacht, daß Spötter, Verächter und Feinde des Christenthums auch unter den Katholiken auftreten mögen und aufgetreten sey, dieselben aber Layen, nicht Päpste, Bischöfe, Priester, Lehrer der Kirche gewesen seyen; indeß unter den Protestanten die gröbsten Angriffe auf das Wesen des Christenthums, unter dem Schein gelehrter Forschungen oder philosophischer Untersuchungen, vorzugsweise von Superintendenten und Professoren der Theologie ausgegangen, dieselben aber ihrer Stellen dennoch würdig erachtet worden seyen. ? Gehen wir aber weiter, geben wir zu, es hätten sich irrige Lehren, verderbliche Bestrebungen, hochmüthige Auflehnungen je zuweilen und da und dort auch dem Schooße der katholischen Kirche entwunden, wären durch Geistliche aufgebracht, gepflegt und eine Zeitlang in Umlauf gesetzt worden. Aber die Kirche, sobald dieselben zu deren Kenntniß gekommen, hat weder die Irrthümer anerkannt, noch deren Verbreiter gewähren lassen; sie hat entweder den Krankheitsstoff mit den unverdorbenen Kräften wieder durchdrungen und hiedurch einen innern Heilungsproceß durchgeführt, oder denselben als Fremdartiges von sich ausgeschieden,[29] und hiedurch das Glied, welchem er sich ansetzen wollte, der Wiederherstellung durch die gesunden Säfte fähig gemacht. Es kann daher nichts Schieferes geben, als Aeusserungen, wie diejenige, welche jüngst in einer Beurtheilung von »Staudenmaiers Darstellung und Kritik des Hegelschen Systems« zu lesen waren, und worin es heißt: »Hegel ist aus dem Protestantismus hervorgegangen; der Unglaube im vorigen Jahrhundert ging von Voltaire und den Illuminaten, also von katholischer Seite aus. Beide Confessionen haben einander nichts vorzuwerfen.« Das Letzte ist insofern wahr, als Voltaire, die Encyclopädisten und die Illuminaten in Ländern geboren wurden oder wirkten, in welchen die katholische Kirche einheimisch ist. Darum aber sind dieselben doch so wenig von der katholischen Kirche ausgegangen, als die Klosterstürmer im Aargau, seiner Zeit die Zwingherrn der Kirche in Luzern; indem zwischen dem »katholisch getauft« und ein Glied der katholischen Kirche seyn, ein wesentlicher Unterschied besteht. Alle Genannten sind nicht nur nicht in der Kirche gestanden und haben nicht bloß von derselben, wenn nicht formell, so doch materiell, sich losgesagt, sondern sie haben gegen dieselbe angekämpft, sie waren Widersacher derselben, deshalb hiedurch schon von ihr getrennt. Die Kirche hat sich sodann bei mehr als einer Veranlassung entschieden gegen sie erklärt, und darüber selbst die Verlästerungen und den Hohn ihrer Feinde in reichem Maaße hinnehmen müssen; mithin ein neuer Grund, um die Genannten zu ihr gar nicht zählen zu dürfen. Wenn sie aber nicht weiter und kräftiger gegen sie auftreten konnte, so geschah es nicht deßwegen, weil sie jene Lehren und Frevel mit gleichgültigem Auge wahrgenommen hätte, sondern deßwegen nur, weil dieselben hier die materielle Gewalt an sich gerissen hatten, dort auf deren Schutz und auf die Menge Solcher pochen konnten, die sich durch ihre Leichtfertigkeiten bethören ließen, oder die ihrem Anstürmen und Unterwühlen Beifall zollten. Anders hingegen verhält es sich in dem Protestantismus mit Hegel und allen denjenigen Schul- oder Volkslehrern, welche[30] die Autorität des Christenthums untergraben und an die Stelle des Offenbarungsglauben eine bloße Vernunftreligion setzen wollen, oder zuletzt so weit vorangeschritten sind, um, wie die neuen Titanen der hegelschen Schule, aller Religion, als einem unnatürlichen Ding, den Krieg zu erklären. Ihr erinnert euch doch, wie das preussische Ministerium von den theologischen Fakultäten sämmtlicher Hochschulen ein Gutachten darüber verlangte: ob der Licentiat der Theologie, Bruno Bauer, der bekanntlich Strauß weit hinter sich zurücklaßt, noch ferner als Lehrer der Theologie ? wohlverstanden der christlichen Theologie ? dürfe geduldet werden? Ihr erinnert euch wohl, wie hierauf die theologische Fakultät der (zur Unterweisung im Christenthum gestifteten) Universität Königsberg in feiger und verdammlicher Meinungsverhüllung sich für incompetent erklärte, somit den Unterwühler aller Religion dennoch als Lehrer der christlichen fortan unbedenklich wollte gewähren lassen? Aufrichtig gesprochen: glaubt Jemand, wenn die gleiche Frage an irgend eine katholische Universität ergangen wäre, sie würde ebenfalls dieselbe in so treuloser Niederträchtigkeit von der Hand gewiesen haben? Fänden sich ferner gar keine protestantische Theologen, welche für Bauer jetzt noch einstünden, hiedurch seine Meinungen zu den ihrigen machten, und es somit anerkennten, daß ein vollkommen redliches Dienstverhältniß zu dem Christenthum auch bei gänzlichem Beseitigen desselben bestehen, daß die Treue, Redlichkeit und Intelligenz eines Dieners durch nichts glänzender sich bethätigen könne, als durch Ermordung seines Herrn? Könnte dies mit solcher Oeffentlichkeit und unter solchem breiten Pochen auf unbestreitbare Zuständigkeit derartiger Gesinnung in der katholischen Kirche ebenfalls auch vorkommen? Hat nicht ein unter den Protestanten in kirchlicher Stellung obenan Stehender (Macheineke) in Kraft dieser Stellung erklärt, man könne Bauer unmöglich verwerfen? Dürfte ein katholischer Bischof eine ähnliche Erklärung (und beträfe sie nicht einmal, wie hier, ein durchgeführtes widerchristliches System, sondern bloß eine einzige unkatholische Lehre)[31] mit derselben heitern Sicherheit abgeben? Aber freilich hatte Marheineke vollkommen Recht; er vertrat wirklich den Protestantismus, wie er geworden ist und werden mußte, denn er stützte seine Erklärung darauf: »Bauer habe die Kritik nicht angefangen, sondern nur fortgesetzt. Wollte man daher ihn verwerfen, so müßte man die lange Reihe seiner Vorgänger, die in vieler Beziehung das christliche Gebäude bereits wankend gemacht hätten, auch verwerfen; das aber seye Niemand eingefallen.« Heißt aber am Ende das nicht mit ehrlicherer Aufrichtigkeit sich äußern, als wenn man ein Hosianna über den gelegten Samen und ein Lamento über die endlich gereifte Frucht anstimmt? Hier habt ihr den Commentar zu jenen manchmal vernommenen Worten: »Beide Confessionen haben einander nichts vorzuwerfen.« Zwei Haushaltungen stehen neben einander. Die eine bemüht sich, ihre Angehörigen zur Gottesfurcht, zur Sittsamkeit zu erziehen; der hierum besorgte Vater hält treue Wacht, daß Alles im Hause ehrbar und geordnet vor sich gehe In der andern heißt es: hier trägt Jeder sein Gesetz in sich selbst und damit die Freiheit, nach dessen Eingebungen zu handeln. Wohin solche Lehre führen werde, läßt sich leicht erniessen. Wenn nun aber ein Glied der erstern Haushaltung mehr die Gesinnungen der andern befolgen, über die Lehren des Vaters sich hinwegsetzen, sich so bewähren würde, daß der Vater dieses Glied, als nicht mehr zur Hausgenossenschaft gehörend, erklären, von seinem Rechte Gebrauch machen und es ausstossen müßte, könnte man deßwegen mit Wahrheit sagen: beide Haushaltungen haben einander nichts vorzuwerfen; was in der einen vorkömmt, kömmt in der andern ebenfalls vor? Allerdings erheben sich gegen jene Bauleute, welche nicht nur den Eckstein verwerfen, sondern das ganze Gebäude abtragen möchten, auch unter den Protestanten Stimmen; eine Stimme aber kann sich wider sie nicht erheben; denn nirgends ist eine Macht, die ihrem Schaffen und Treiben Einhalt thun[32] könnte. Sie werden zu Lehrern der künftigen Diener des Worts gesetzt, und Niemand kann eine wirksame Gegenrede dagegen erheben; es werden ihnen Gemeinden übergeben, wo sie nach freyem Ermessen ihr Wesen treiben mögen, und Niemand ist, der hieran hindern dürfte; sie werden zu Hofpredigern bestellt und zu Consistorial-Räthen oder Superintendenten erhoben, und man muß ihren Protestantismus als einen vollkommen normalen, und ihre Wirksamkeit als eine mit dem Geist desselben in vollkommenem Einklang stehende anerkennen; es bleibt gar nichts Anderes übrig, als für denjenigen, welchem die »Kanzelvorträge« eines solchen vom Christenthum Zehrenden und hiefür dasselbe Verzehrenden nicht gefallen, die Freiheit, von denselben wegzubleiben und im Stillen gegen den Protestantismus desselben zu protestiren; denn geschähe es laut, so könnte es ihm ergehen, wie jenem im ersten Bande dieser Schrift erwähnten Bürger von St. Gallen, da er hiemit in ungeziemenden Tadel wider die oberste und untrügliche Autorität, die weltliche Macht, sich verliefe. Die Zahl derjenigen aber, welche Lehrer und Kanzelredner von diesem Geiste für die höher gebildeten und für die wahren Träger des Lichtes halten, ist gewiß eben so groß, als die Zahl derer, welche diese Meinung nicht theilen. Hierüber hat die neueste Erscheinung der »protestantischen Lichtfreunde« unwiderlegliche Beweise geliefert; und kaum ließe sich zweifeln, daß nicht dieselben auf bedenkliche Weise sich mehren dürften. ? Nun läßt sich freilich nicht läugnen, daß es katholische Geistliche solchen Schlages ebenfalls gebe; aber gewiß in sehr geringem Maaße da, wo die Kirche in Betreff der Erziehungsanstalten ihrer künftigen Diener nicht von entgegengesetzten Bestrebungen der Staatsgewalt überwuchtet ist, und wo die Ausübung des obersten Hirtenamtes in dem vollen Umfange seiner Verpflichtungen durch dieselbe nicht gelähmt, wohl gar auf Null herabgesetzt wird.[33] Ueber diesen Wahrnehmungen hat eine Vermuthung mir sich entgegengedrängt. Wir sehen einerseits die katholische Kirche in allen Ländern einen Vergeistigungsproceß durchmachen, in welcher sie ebensosehr sich verklärt als erkräftigt. Jenes nicht in dem Sinne, in welchem es noch im Anfange dieses Jahrhunderts wollte genommen werden, wo unüberlegtes Dareinfahren, Auflösung der innern Organisation, Lockerung der Disciplin, Schmälerung des Cultus, Wegwerfen vieler Gewohnheiten und Institutionen, Verflachung des Dogma's, Verdrehung der Geschichte, lüderliche Unwissenheit, vornehmes Aburtheln und Geschmeidigkeit gegen weltliche Begehren, mit Vergeistigung und Läuterung der vermeintlich stumpf und dumpf gewordenen Kirche gleich genommen, und die Restauration des Hauses durch Einreissen, Zusammenschlagen und Beschränkung desselben auf die vier Hauptmauern und allenfalls noch das Dach sich bewähren sollte. Die gegenwärtig sich kund gebende Läuterung besteht als eine wahre, diesen Namen verdienende, im Gegensatz zu jener, darin, daß nicht eingerissen, nicht zusamengeschlagen, nicht ausgeräumt, nicht weggeworfen, wohl aber das Bestehende von dem Unrath, der etwa durch den Lauf vieler Jahrhunderte daran sich gehängt haben mag, in übereinstimmendem Bestreben so vieler Einzelner in allen Ländern gereinigt, wo es noth thut, der Bau ausgebessert, wo er wankend geworden wäre, befestigt, das Vorfindliche nach allen Seiten gewendet, besehen; nach Bestandtheilen und Bestimmung gewürdigt wird, und hierüber so Vielen das Licht aufgeht, Bau und Einrichtung und Ausstattung seyen doch nicht so unzweckmässig, wie jene Allerweltslichtmacher und jene Allessammtabschleifer auszujodeln beliebten; und es wäre doch Schade gewesen, wenn man ihrem blinden Eifer gefolgt, den Bau auch nur theilweise niedergerissen, mit ihrem wohlfeilen Tapeten ihn aufgeputzt hätte. Das Vergeistigen besteht vielmehr darin, daß man nicht in hohen und hohlen Worten gegen Organisation, Disciplin, Cultus und Dogma declamirt, oder in wässerichtem Gewäsche sie verschwimmen läßt, sondern[34] daß man in deren Wesen, in deren Sinn, in deren Bedeutung, in deren Wirksamkeit möglichst tief eindringt; daß man deren Werth, deren Zweckmässigkeit, deren Einfluß, deren Zusammenhang mit der Gottesanstalt und dem Bedürfniß der Glieder der Kirche zu ermitteln sich bemüht; wobei man zu ganz andern Resultaten gelangt, als die Werkleute mit Hammer, Keule, Hacke, Brecheisen, Kehrwisch und Schaufel je nur zu ahnen vermochten. Die Vergeistigung besteht mitunter auch darin, daß die Kirche, des überflüssigen Fettes entledigt, unter welchem sie zuletzt, in dämmerichter Behaglichkeit daherkeuchend, erlegen wäre, nun gelenkiger, regsamer, rüstiger geworden ist, und den einst allzusehr nach aussen gezogenen Blick mehr nach innen wenden kann. Der Körper der heiligen apostolisch-römisch-katholischen Kirche, dann anderseits jenes Menschengehäuse, welches in Deutschland durch Strauß, Bauer, Feuerbach und ihre Genossen, in Frankreich durch Quinet, Libri und Gleichgesinnte vertreten wird, bilden die beiden Endpuncte des Menschengeschlechts, jener zum Himmel, dieser zur Erde gewendet, jener um den Sieg des Geistes über den Körper ringend, dieser den Geist in dem Körper aufgehen lassend. In zahllosen Abstufungen, in endlosen Bruchtheilen und Schattirungen, von den Ueberbleibseln der Frankfurter Pragmatiker und den sogenannten Katholischen tout court (oder in unsern Tagen Deutsch-Katholiken), weil sie nicht durch die Einheit, mit der Gesammtheit wollen verbunden seyn, bis zu denjenigen, die sich noch eine in den Ruhestand versetzte Gottheit können gefallen lassen, steht zur Zeit noch eine unermeßliche Menge, gesammelt aus allen denjenigen, die nicht eingegangen sind in die Kirche, und nicht sich angeschlossen haben den Herolden des nackten Materialismus. Nun aber scheint der Weltgang im Zuge zu seyn, daß je länger desto mehr dieses Mitten-inne-stehende von den beiden gegenseitig sich abstoßenden Kräften wird verschlungen werden; die halbe Wahrheit und der halbe Irrthum werden auf die Dauer in Unentschiedenheit sich nicht[35] mehr erhalten können; das eine oder das andere der beiden Elemente wild ihrer immer eine größere Menge an sich ziehen, bis endlich das zwischen inne liegende Feld wird gesäubert seyn, bis die Kirche und der Materialismus sich Auge an Auge gegenüber stehen, und der letzte Kampf mit dem Drachen beginnt. Aber, verhehlen wir es uns nicht, verstärkt immerhin die Kirche die Reihen ihrer Streiter ? sie lassen sich zählen, die Massen wenden sich vorerst noch zu den wallenden Bannern des Andern, der lustig durch die Welt seine Trompeten schmettern läßt. Es ist vor bald drei Jahrzehnden viel von der Union der Lutheraner und Reformirten gesprochen worden. Viel Rühmens und Jauchzens ward da über Berg und Thal gehört. Die Hoffnung eines gewaltigen Umschwunges der Dinge, einer durchgreifenden Wiedergeburt des Geistes ward daran geknüpft. Für mich war sie ein Zeitungs-Artikel, der gelesen und ? vergessen wurde. Erst nachdem mir Muße geworden und die Täuschung nimmer länger sich verbergen ließ, hat dieselbe meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen; doch nicht, unt in den Preis dieser Erscheinung einzustimmen, mehr, um den Witz der Frau von Krudener zu würdigen, welche sich darüber äußerte: die Todtengerippe von Luther und Zwingli wären aus ihren Gräbern hervorgegangen, um sich zu umarmen, mit ihrem Verwesungsgeruch sich gegenseitig zu durchdringen ? darauf sich wieder niederzulegen. Mir erschien jene Einigung nicht als ein Act des Lebens, sondern als Beurkundung der Fäulniß. Daß aber Hoffnung gehegt ward (und die Umstände und äußern Anzeichen bestärkten darin), in solche Fäulniß allmählig auch die katholische Kirche hineinzuziehen, um auf dem Bette allgemeinen Moders ein Drittes, so eine Art Cabinets-Religion, zu treiben, hat sich nachwärts aus allerlei Anzeichen schliessen lassen. Später wollte michs bedünken, der gleiche Geist welcher diese Union eingegeben, habe zu ähnlichem Zwecke nicht gar lange[36] darauf den Spectakel mit den gemischten Ehen hervorgerufen, Allerdings haben sie dabei die Rechte, aber bloß eingebildete oder selbst geschaffene Rechte, des Staates vorgeschützt und durch dieses Blendwerk Vielen den Blick getrübt, daß sie nimmermehr klar in die Sache zu schauen vermocht; im Grund aber ließ sich das ganze Treiben (wenn wir von der schnöden Vergewaltigung der durch Christum eingesetzten Kirche ab Seite des absoluten Staats absehen) auf die Forderung des Indifferentismus an die Glaubensfestigkeit zurückführen, in ihm hinfort aufzugehen. Hätten sie ihre eigene Geschichte zu Rath ziehen wellen, sie würde ihnen darüber Aufschlüsse ertheilt haben, über ihr Unterfangen zu Gericht gesessen seyn. Durch sie wäre es ihnen in die Erinnerung zurückgerufen worden, daß ihre Vorfahrer, die bei dem Austritt aus der Kirche noch Glaubensfähigkeit besessen, ja diese sogar als Beweggrund zu ihrem Schritt hervorstellten, eben dasjenige, wozu sie nun mit starrer Hartnäckigkeit zwingen wollten, am entschiedensten verabscheut und hierin, zu großem Jubel ihren Meinungsgenossen, die heutige Praxis der Kirche weit überboten hatten. Da aber deren gegenwärtige Nachkommen mit ihrem Gewissen, inwiefern dasselbe außerhalb des Umkreises ihres absoluten Staates sich bewegt, reine Tafel gemacht hatten, fiel es ihnen unbequemt, anderwärts noch auf lebenskräftige Ueberreste desselben zu stoßen und der religiösen Ueberzugung und Ordnung noch eine Macht zugestanden zu sehen, deren Einfluß sie längst schon sich entzogen hatten. So verrannten sie sich in den abentheuerlichen Widerspruch, dasjenige, was sie an sich für gleichgültig und werthlos erachteten, von denjenigen, welche es ohne Pflichtverletzung nicht gewähren durften, durch Zwang, unter Verfolgung und mittelst ungerechter Strafsätze zu ertrotzen; womit zugleich die Selbstständigkeit der Kirche am bequemsten in Frage gestellt, ihren Dienern der Charakter einer unantastbaren Verbindung mit ihr abgestreift und ihnen das Gepräge bloß weltlicher Angestellter für weltliche Zwecke mit voller Schärfe aufgedrückt werden konnte.[37] Doch wie unerwartet wurde nicht durch die Calculationen der Menschen ein Strich gezogen; wie verblüfft, mit wie langen Gesichtern fassen sie nicht in ihren Canzleyen; wie biß nicht das Schreibervolk in seine Federn, da die Voraussetzungen sich als nichtig erwiesen, da der Wahn, endlich hätten sie auch die katholische Kirche in eben so tiefe Niedrigung hinabgearbeitet, wie ihr eigenes Meinungsgewoge, welches sie Kirche nennen, so unerwartet zerrann; da das Licht die hie und da sich angehängten Nebelwökchen zerriß und die vermeintlich abhanden Gekommene in hellerem Glanze wieder vom Himmelsgewölbe strahlte! Da standen sie, die Hand vor der Stirne, zu Haufen, scheu sich fragend: »Wer ist die, welche heranzieht gleich der aufsteigenden Morgenröthe, schön wie der Mond, auserwählt wie die Sonne, furchtbar wie die wohlgeordnete Schlachtreihe des Heerlagers?« Wie, um bei der verordneten Union stehen zu bleiben, wie die katholische Kirche in der Eucharistie den belebenden Pulsschlag so der Lehre als des Cultus, in höchster Beziehung aber des mit Christo geeinten Lebens von je Zeit anerkannt hat, so war auch bei Luther und Zwingli die aufgestellte Ansicht über das Abendmahl der Nerv ihrer Lehren und ihrer Bestrebungen. Bei sonst verwandten Meinungen und übereinstimmenden Absichten wurde dieß zum Trennenden, ja nicht bloß zum Trennenden, sondern zum Entzweienden. Und in der That lassen Luthers und Zwinglis Lehre nicht sich vermitteln; das: »Das ist«, und das: »Das bedeutet,« stehen sich so schroff gegenüber, als die beidseitig hieran geknüpften Anwendungen der Lehre der katholischen Kirche. Das Gespräch von Marburg konnte keine Vereinigung erzielen; die Verfechter beider Lehren mochten wohl einsehen, daß die eine nothwendig die andere ausschließen müsse; was Luther (seiner Neigung und Weise nach) so ausdrückte: »daß entweder er oder sie (die Sacramentirer) Diener des Satans seyen; weßhalb hier kein Recht und Mittel zu finden seye.« Von Zwingli dagegen wird berichtet, er habe durch einbildisches, hochfahrendes Wesen und rohe Manieren zurückgestoßen. Wie[38] hierauf Luther über ihn und seine Anhänger herfuhr, ist allbekannt. In mehreren confessionellen Schriften der Anhänger Luthers wird die Lehre seines Zeit- und Bestrebungsgenossen geradezu verdammt. Die Anhänger von diesem hielten dann treulich Gegenrecht. Principiell daher sollte, sowohl bei den Lutheranern als bei den Reformirten, die Lehre vom Abendmahl immerfort, wenn nicht die wesentlichste, so doch eine der wesentlichsten Lehren, und der Empfang desselben einer der vornehmsten Acte des Cultus seyn. Richtig aufgefaßt, lassen Dogina und Cultus nicht wohl sich trennen, indem dieser die sichtbar hervortretende Seite des erstern, Theilnahme daran einem Jeden, der zu demselben sich bekennt, die offen gegebene Bürgschaft der Uebereinstimmung seyn sollte. Indem nun die Union das Brod und den Wein Allen gleichmässig reicht, dabei aber die Gewißheit hat, daß der Eine es nicht nur in verschiedenem, sondern in einem, dem Andern ganz entgegengesetzten Sinne empfange, verkehrt sie die Sache, giebt sie die Wesenheit, das Unsichtbare, die Lehre Preis und legt allen Werth auf das Zufällige, auf das Sichtbare und Aeußere. Der Reformirte hat dabei nichts aufzugeben, denn zu weniger als zu einem Sinnbild und Erinnerungszeichen kann das Sacrament nicht gemacht werden; der Lutheraner hingegen giebt dabei dasjenige auf, für dessen Beibehaltung der Stifter seines Glaubens so sehr eiferte, dessen Wegwerfung er mit so entschiedenem Wort nicht bloß mißbilligte, sondern verdammte. Empfängt demnach der Lutheraner Brod und Wein im Abendmahl neben dem Reformirten, so spricht die Vermuthung weniger dafür, daß der Reformtirte zu der Vorstellungsweise des Lutheraners sich erhebe, als daß dieser zu derjenigen des Andern herabsteige, und das Geheimnißvolle, was der Lehre seines Hauptes zufolge in dem Sacrament immer noch liege, an das bloß durch die Sinne Wahrnehmbare dahingegeben habe. Allein auch Jener setzt sich dem Verdacht aus, er gehe weiter, als der Begründer seiner Meinung zu gehen habe erlauben wollen, und bequeme sich anzunehmen, was der Entscheid des[39] höchsten Richters, seine Vernunft, als unbegreiflich verwerfe. Will man nun der Vermuthung, es wolle Einer den Andern täuschen, und einer in den Augen des Andern scheinen, als ob er in dieser obersten Frage mit ihm übereinstimme, als gegen Beide aufheblich, nicht Raum geben, so bleibt nur die Annahme übrig: ein Jeder erachte es für durchaus gleichgültig, welche Ueberzeugung an den Empfang des Brodes und Weines sich knüpfe, die äußere und sichtbare Handlung werde in seinen Augen zur Hauptsache. Man darf aber dieser Voraussetzung unbedenklich sich hingeben, indem es an protestantischen Kirchenlehrern nicht fehlt, welche dessen kein Bedenken tragen, das Abendmahl bloß als eine Art Brüderschafttrinken darzustellen, und unter den Lutheranern die Zahl derjenigen, die hierin den Zwinglianern beipflichten, ungleich grösser seyn mag, als umgekehrt. Es ist dieß auch ganz natürlich. Zwingli's Meinung hat den Vorzug des vollen und blanken Rationalismus, indeß an derjenigen von Luther noch ein abgerissener Rest der kirchlichen Autorität klebt, der jedoch, zur persönlichen Autorität des Lehrers verkümmert, im Lauf der Zeit immer mehr verschrumpfen, vergilben und verrotten mußte. Daher es Strauß abermals zum Verdienst angerechnet werden darf, daß er die Redlichkeit hatte, der innern Gesinnung so vieler Tausende seiner Glaubensbrüder das klare, bestimmte Wort zu leihen, wenn er in seiner Glaubenslehre versichert: »daß das Abendmahlsbrod und Wein dem auf modernen Boden Stehenden ungenießbar seye, und daß dieser das Abendmahl nicht eher wieder mitmachen könne, als bis demselben aller Fleisch-und Blutgeschmack und damit auch die Beschränkung auf die Gemeinschaft eines bestimmten Glaubensbekenntnisses und einer einzelnen Religionsform abgethan und es im kantischen Sinn zum Bruder. mahle der allgemeinen Humanität gereinigt und erweitert wäre; obgleich man füglich ohne alle dergleichen Ceremonien auskommen könne.« Demnach war jener so hoch gepriesene, so laut bejubelte,[40] als Krone des Fortschritts und der Befreyung von Vorurtheilen angerühmte Act der Vereinigung nichts weiter, als ein Zeugniß mehr für die innnere Auflösung. Er konnte auch nur da zu einer Zeit vollzogen werden, wo man mit dem Wesentlichsten und Wichtigsten bereits aufgeräumt hatte, den Tauf bloß noch als altherkömmliche Aufnahms-Ceremonie in den äussern Kirchen-Verband, die Einsegnung der Ehe als einen bürgerlichen Act und den Empfang des Abendmahls als einen Gebrauch betrachtete, dem ein Jeglicher so viel Gewicht beilegen möge, als er für gut finde. War jene Vereinigung wirklich eine Annäherung, so war es nicht eine Annäherung im Bewußtseyn, Etwas zu besitzen, von dessen Werth man durchdrungen war, und welches man in christlicher Liebe auch dem Andern gönnen wollte, sondern es war weit eher eine Annäherung im Gefühl, wenn nicht Alles aufgegeben zu haben, doch über Alles mäckeln zu können. Anneben wollte es damals und später verlauten, zeitliche Berechnungen wären auf die Leichtigkeit, mit der die Sache zu Stande gekommen seye, hie und da nicht ohne allen Einfluß geblieben. Offenbar ist die reformirte Lehre von dem Abendmahl die dürftigste, die je auf die Bahn gebracht worden ist; sie setzte der nackten Subjectivität die Krone auf, indem sie bloß sichtbare Zeichen darbietet, welche ihre Bedeutung erst durch die Gesinnung und Stimmung des Empfangenden erhalten sollen, wobei das Wesentliche am Ende nur in der gemeinsamen Theilnahme besteht. »Die Empfangenden sollen, sagt Zwingli selbst, den Uebrigen bewähren, es wolle Einer zu Christo gehören, oder gehöre ihm wirklich. [Demnach theilnehmen, um von den Menschen gesehen zu werden]. Denn der Glaube, der noch eines Zeichens bedürfe, seye kein Glaube. Das Zeichen aber seye eine rein äußere Sache, durch welche in dem inwendigen Menschen 'nichts bewirkt, nur über das, was er schon besitze, ihm ein Pfand gegeben werde.« Selbst da, wo er zu einer würdigeren, weil tiefern, Vorstellung sich erhebt, läßt er das Sacrament doch nur als Zeichen heiliger, ja der heiligsten[41] Dinge, sowohl derer, die geschehen sind, als derer, die wir selbst thun müssen, gelten. Würde nicht bei solcher Vorstellung öffentliche und gemeinsame Theilnahme als wesentliches Erforderniß aufgestellt, wiewohl an sich dieses ein Moment von bloß untergeordneter Bedeutung seyn kann, so ist nicht einmal abzusehen, warum es gerade ein Geistlicher seyn müsse, der das Abendmahl auszutheilen habe? warum es gerade in der Kirche ausgetheilt werden müsse? warum nicht ein Jeder, an jedem Ort und in jedem Augenblick, sobald er bei dem Genuß von Brod und Wein in jene Stimmung sich versetzt, d. h. an den Tag des Erlösers denken mag, sich vorstellen könne, er empfange wirklich das Abendmahl? Denn die Predigt, welche die erforderliche Stimmung bei ihm hervorrufen soll, kann er nöthigenfalls durch eigene Ueberlegung ersetzen. Nicht daß die katholische Kirche diese Stimmung für gleichgültig erachtete und die Einwirkung der Sacramente auf die Gläubigen ex opere operato ableitete. Gegentheils, daß sie auf diese Stimmung großes, ja das größte Gewicht lege, dafür giebt sie den zweifellosesten Beweis darin, daß sie alle Heilmittel zu Belebung dieser Stimmung spendet, daß sie den Menschen nicht allein lehrt, sondern ihm dazu verhilft, mit reinem Gewissen, mit gekräftigtem Vorsatz zu gottgefälligem Leben demselben sich zu nahen, da ja die Wirksamkeit des Bußsacramentes durchaus von der innern Stimmung (der gefühlten Reue) abhängt. Aber die katholische Kirche macht die Würdigkeit des Sacramentes von dieser Stimmung nicht abhängig, jene kann durch diese weder gewinnen noch verlieren, sondern es bietet sich dieses an, damit der Mensch mittelst ihrer die darin liegende Kraft in sich aufnehme. Herzog Johann Friederich von Sachsen, der Sohn des seiner Churwürde verlustig gegangenen Churfürsten, hatte daher so unrecht nicht, wenn er in einer heftigen Schrift gegen die Wittenberger erklärte, durch ihre Hinneigung zu der zwinglischen Ansicht trachteten sie, »das heilige Abendmahl gänzlich zu entkräften und auszulöschen, demselben allen Saft[42] und alle Kraft abzuziehen, nach Hinwegnahme des Kernes die bloßen Schalen, nach Ausdreschung der Körner das leere Stroh, nach Ausschüttung des Goldes den leeren Beutel darzureichen, und so die Kirche ihres werthesten Schatzes zu berauben.« ? Prüfen wir jedoch die beiden, damals so schroff sich gegenüberstehenden Behauptungen näher, so werden wir gestehen müssen, daß die Lutherische Ansicht zwar mit dem Schein größerer Tiefe und innerlicher Gläubigkeit sich umziehe, eigentlich aber aller Begründung, aller dogmatischer und wissenschaftlicher Haltbarkeit ermangle; daß einzig entweder das katholische Dogma, oder die gegenüberstehende zwinglische Lehre Folgerichtigkeit in sich trage, an der lutherischen hingegen eine Unsicherheit und ein Widerspruch hervortrete, der nur so lange nicht zum durchgreifenden Bewußtseyn gelangen mochte, als er durch den äußern Zwang einer über den Bekenntnißschriften sorgfältig wachenden Staatsgewalt darniedergehalten wurde. Denn daß der menschlichen Vernunft, sobald sie den Glauben an ein über ihr stehendes Mysterium von sich weist, die zwinglische Ansicht als die richtige und durchweg genügende einleuchten müsse, erhellet daraus, daß dieselbe in denjenigen Ländern, welche nicht von dem ersten Reformationstumult ergriffen wurden, sondern erst späterhin der Kirche absagten, wie England, die Niederlande, die Hugenotten in Frankreich, vorzüglich sich verbreitete, die lutherische dagegen fortan keine neuen Eroberungen machen konnte. Mußte ja der beibehaltenen Annahme einer realen Gegenwart Christi in, mit und unter den Gestalten der auf dem Felde des Kriticismus sich umher treibende Verstand die Frage über das vermittelnde Organ dieser Gegenwart auf dem Fuße folgen lassen. Nur die katholische Kirche vermag es, dieselbe genügend zu beantworten; sie hat von jeher gewußt, daß es nicht zureiche, eine Hostie, den Wein auf den Altar zu stellen, um eines gegenwärtigen Christus sich getrösten zu dürfen; daß vielmehr ein hinzutretendes, nicht willkührlich gewähltes, sondern durch höheres Ansehen mit einerseits verbindlicher, anderseits wirkender Kraft ausgestattetes[43] Mittel unerläßlich seye. Und so ist es auch ihr nur gegeben, jenes bedeutsame apostolische Wort (1 Cor. 11, 27) von dem unwürdig Essenden, der sich hiemit des Leibes und Blutes des Herrn schuldig macht, seinem klaren Vollgehalt nach zu würdigen und in Anwendung zu bringen; während in jeder Form der Trennung nur hineingeflickte Klügelei, unter willkührlicher Mischung des Subjectiven und Objectiven, demselben einiges Verständniß abzugewinnen vermag. Wie aber Luther, bald nach seiner Kriegserklärung gegen die Kirche, jenes gegebene Mittel, wodurch die Gestalten zur Wesenheit werden, im Uebermaß des Trotzes weggeworfen, hat er dennoch den Glauben an diese letztere (woran wir einen aufbewahrten Rest ächt religiöser Gesinnung ehren, Andere bloß Unbehülflichkeit, um über eingesogene Vorurtheile nicht in vollfreyem Schwung sich erheben zu können, wahrnehmen) bei barscher Verschmähung des Erstern beibehalten. Um nun aus dieser, durch ihn bereiteten Verwicklung sich herauszuhelfen, giebt es zweierlei Wege, denjenigen, auf welchem seine nächsten Nachfolger sich verstiegen, denjenigen, auf welchem die Spätern sich verlaufen haben. Die Erstern suchten sich durch die Ubiquität zu helfen, ohne zu ahnen, daß sie hiedurch die solideste Brücke zum Uebergang in den Pantheismus erbauten; die Andern riefen den subjectiven Glauben der Empfangenden zu Hülfe, und haben hiedurch der altgläubig lautenden Form die zwinglische Lehrweise untergeschoben, die objectiv reale Gegenwart, wie die Kirche dieselbe lehrt, zu einer bloß subjectiv realen verkümmert, damit aber den Keim eines bis zur letzten Austreibung alles substantiell Christlichen sich verflachenden Rationalismus in den innersten Kern der Lehre verpflanzt. Ein befriedigender Mittelweg aber liegt bei Verwerfung der kirchlichen Lehre außerhalb des Bereiches des Möglichen. Die vorwärts geführten Gemeinden mögen es aber ihren Hofpredigern und Consistorialräthen danken, daß sie ihnen durch Reimereyen behülflich sind, ihre subjective sacramentalische Wesenheit bequemer in Activität zu setzen, die, auch in Betreff dieser[44] Lehre geschmeidigteren und gehörig ernüchterten, Gesinnungen bei Gelegenheit gegenseitig daran sich erlabsalen zu können. So dürfen die Würtemberger bei dieser öffentlichen Austheilung von Brod und Wein in Ton und Sinn von: »Brüder lagert euch im Kreise,« ihre subjective Behaglichkeit und erforderliche Geneigtheit, unter dem Genuß von Speise und Trank höhern Gedanken Raum geben zu wollen, gegenseitig in folgenden Reimten austönen: Du willst mit den Deinen Dich im heil'gen Fest vereinen Und ihr Wirth voll Gnade seyn; Dann wird dem lebend'gen Glauben Frucht der Aehren, Saft der Trauben Wunderbar zum Heil gedeihn. Auch wodurch ich mich erfrische, Nähr' und stärk' am eignen Tische, Oder in der Freunde Zahl (Abends im Waldhorn), Sey mir dann, weil du zugegen Täglich bist mit Zucht und Segen, Heilig durch dein Abendmahl. Ein solches Verdienst der wasserklaren Nüchternheit haben dann freilich weder das Lauda Sion Salvatorem, noch das Pangue lingua. Nun in all der Zeit noch, da ich das Abendmahl ganz im Sinne der reformirten Lehre gab und nahm und durch keine davon abweichende Meinung je mich beschleichen ließ, wußte ich doch den Begründern derselben wenig Dank für ihr Zurückfordern des Kelchs, worauf ein so großes Gewicht gelegt worden ist und noch gelegt wird. Ich hätte mich gerne mit einem einzigen Zeichen begnügt, da überhaupt jener Vorstellung gemäß die Zahl der Zeichen zur Sache nichts beitragen kann, und die gläubige Hinwendung der Gedanken auf den erlösenden Tod[45] Christi zur Erbauung, Ermuthigung und Festigung des Menschen von gleicher Wirksamkeit ist, ob ein leibliches Zeichen mehr hinzukomme oder nicht. Allein diesem von jeher gehegten Wunsch, man möchte niemals auf Einführung des Kelches verfallen seyn, lag nicht die mindeste dogmatische Meinung zu Grunde, sondern lediglich der Eckel, aus einem Becher zu trinken, aus welchem schon mehrere hundert Personen vor mir getrunken hatten. Ich konnte denselben nie überwinden, sah auch niemals eine Nothwendigkeit ein, thun zu sollen, was mir widerstrebte. Daher dieses das Einzige war, worin ich mit dem bloßen Schein mich begnügen zu dürfen glaubte. Mit dem Allem war mir weiter noch nichts klar, als der Zerfall desjenigen Hauses, an welchem die, aus dem alten hinübergenommenen Werkstücke immer mehr zerhämmert, zermeisselt und zersplittert wurden, sodann der feste, sichere und großartige Bau des andern. Bis jetzt, d. h. bis zum Jahr 1841, hatte ich jedoch nur auf dessen Aussenseite den Blick geworfen, es gleichsam nach allen Richtungen umgangen, mochte daher Auskunst ertheilen über dessen Verhältnisse, und wußte wohl im allgemeinen Etwas von seiner innern Einrichtung, seinen Bewohnern, ihrer Art und Weise; eigentlich aber in dessen Innerem umgesehen hatte ich mich nicht; d. h. wie ich bereits früher erwähnte, mit den Dogmen und namentlich mit den Gegensätzen hatte ich mich bis dahin noch wenig, eigentlich und absichtlich gar nie beschäftigt. Dieß würde höchst wahrscheinlich niemals geschehen seyn, wären meine äussern Verhältnisse unverrückt dieselben geblieben, welche sie seit mehr als drei Jahrzehnden waren. Ich würde mit dem, was ich besaß, vollkommen mich begnügt haben, überzeugt, daß von Wesentlichem und Unerläßlichem mir durchaus nichts abgehe. Jetzt nahm ich Möhlers Symbolik zur Hand, um aus ihr sowohl die Lehre der katholischen Kirche, als auch das Verhältniß[46] der einzelnen Lehren zu den nichtkatholischen kennen zu lernen. Da mußte allerdings schon der erste Abschnitt über den Urzustand des Menschen mein Nachdenken in hohem Grade beschäftigen. Ich habe niemals über Fragen des geoffenbarten Glaubens die Vernunft als letzte und untrügliche Richterin anerkennen können, weil hiemit nicht allein die Nothwendigkeit, sondern selbst die Thatsächlichkeit der Offenbarung aufgehoben würde. Wollte man aber unter jener Behauptung eine solche noch annehmen, so müßte sie als vollkommen überflüssig, mithin Gottes unwürdig, erscheinen. Offenbart sie hingegen, was die Vernunft aus sich selbst schon erkennen mag, so wird man natürlich auf die Frage getrieben: wozu denn noch eine Offenbarung? Diese Frage muß dann abermals gestellt werden, wenn Gott offenbaren sollte, was die Menschenvernunft zu verwerfen berechtigt wäre. Anders dagegen ist das Verhältniß der Vernunft bei Annahme einer über ihr stehenden Offenbarung. Diese kann uns Wahrheiten mittheilen, vor denen die Vernunft sich beugen, dieweil sich selbst das Geständniß ablegen muß, daß ihr Umfang zu deren Erfassung unzureichend seye. Dergleichen sind z.B. die Lehren von der Dreyeinigkeit, der Einigung beider Naturen in Christo, seiner Nichtbetheiligung bei der Erbsünde, u. A. Denn ob unsere Vernunft diese Lehren nicht zu erfassen vermöge, sie widerstreiten ihr doch nicht; wesentliches Merkmal göttlicher Offenbarung bleibt es immerhin, daß sie der Vernunft nicht entgegentrete; ihr Gefangennehmen unter den Glauben kann sich nur auf Vernunft-übersteigendes, nicht aber auf Vernunft-widriges beziehen. Das Letztere mußte Statt finden bei Annahme der einen wie der andern protestantischen Lehre von dem Urzustande des Menschen. Beide sind vernunftwidrig; woher es kommen mag, daß im Grunde die ursprüngliche Lehre der Reformatoren über die Erbsünde nicht für lange Zeit Geltung fand, später diejenigen, welche den aufgeklärten und freisinnigen Theologen beigezählt werden wollten, nicht nur die Ansicht von Jenen über die Erbsünde, sondern diese selbst verworfen haben. Luthers[47] Behauptung nun, daß der Mensch nach dem Sündenfall seiner Freiheit dergestalt verlustig gegangen seye, daß alles freie Handeln bloß Schein und alles menschliche Thun im Grunde nur Gottesthat seye, muß geradezu für vernunftwidrig, ebensowohl dem wahren Begriff von Gott, als demjenigen von dem Menschen widersprechend, zugleich auch die Prämisse zu den entsetzlichsten, so Tugend als Laster und alle menschliche Zurechnungsfähigkeit vernichtenden Folgerungen ausstellend, erklärt werden; so zwar, daß selbst Melanchthon in spätern Jahren von dieser Lehre ganz zurückkam, indem er in den Abgrund blickte, in welchen durch sie die Menschen hinabstürzen mtüßten. In ihrer schroffsten Gestalt tritt jene Lehre hervor in Melanchthons früherer Behauptung: daß Gott der Urheber des davidischen Ehebruchs und des Verraths des Judas seye, so gut als der Bekehrung von Paulus, denn er allein wirke das Gute, wie das Böse. Noch greller muß der ruhigen Prüfung Zwingli's Erklärung vorkommen: Gott vermöge, bewege und treibe zur Sünde an, mache zum Sünder, bringe mittelst des Geschöpfs die Sünde hervor. Wenn sie dann, wie auch Calvin, eine Milderung in der Behauptung suchten, selbst bei dem Bösen habe Gott einen guten Zweck, so vergassen sie hierüber, daß sie dadurch geradezu mit der göttlichen Schrift in Widerspruch traten, welche uns ernstlich davor warnt, die böse That durch den guten Zweck rechtfertigen zu wollen. Hieraus wurde weiter gefolgert, daß der verdorbene Mensch für das Gute keine Erkenntnißkraft und keine Willenskraft mehr besitze. Zuletzt wurde sogar die Erbsünde zur Substanz des gefallenen Menschen, zu einer anerbornen Kraft gemacht, und behauptet, daß somit in dem gefallenen Menschen nicht das geringste Gute zurückgeblieben seye. ? Der heidelbergische Katechismus stellt aber gleich Eingangs die Frage auf: ob wir, was Christus Matth. XXII, 37?40 als Innbegriff des Gesetzes und der Propheten aufstellt, »vollkommlich halten« könnten? und beantwortet dieselbe rundweg: »nein, denn ich bin von Natur geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen.«[48] Dieser schließt die andere Frage sich an: »Hat Gott den Menschen also bös und verkehrt erschaffen?« worauf die Antwort steht: »Nein: sondern Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen, d. i. in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit.« Ich hatte nun zu aller Zeit in Predigten und im Religionsunterricht auf die Lehre von der Erbsünde, als Bedingung der Erlösung, das wesentlichste Gewicht gelegt, erst jetzt aber aus Möhler kennen gelernt, daß meine Anschauungsweise der katholischen näher stehe, als derjenigen, welche von den Reformatoren aufgestellt war. Ich konnte jene von Natur eingepflanzte Neigung, »Gott und den Nächsten zu hassen,« unmöglich nach dem strengsten Begriff dieses Wortes nehmen; widersprach ihm doch die Ueberlegung, die allergewöhnlichste Erfahrung. Daher wurde dieser Ausdruck durch mich stets zu einer höchst mangelhaften Erkenntniß und Liebe ermässigt, die ohne Beihülfe göttlicher Gnade niemals in eine vollkommenere übergehen werde. Das der Erbsünde verfallene Menschengeschlecht pflegte ich immer unter dem Bild einer Kette darzustellen, deren oberster Ring durch Gottes Hand gehalten worden, aber zersprungen, hiedurch Allesdarniedergefallen seye, was an demselben gehangen habe. Sie erschien mir als eine innere, von der menschlichen Natur unzertrennliche Verschlimmerung, weswegen der Wiederhersteller, der Mittler, nothwendig auf andere Weise die Menschheit habe an sich nehmen müssen, indem er, von irdischen Eltern abstammend, schon deßwegen uns mit Gott nicht hätte versöhnen können. Auch eine vollkommene Zerstörung des Ebenbildes, wonach der Mensch geschaffen worden, konnte ich nie annehmen; wohl aber, wie bei einem wirklichen Bilde, eine Entstellung desselben durch Staub und Schmutz, selbst bis zu völliger Unkenntlichkeit. Damit ward dann ein helleres oder dunkleres Wiederhervortreten desselben, durch immerwährende Reinigung unter dem Einfluß des Glaubens an Christum, in Verbindung gesetzt, bis einst durch volle Zurechnung seines Verdienstes das[49] entstellte Bild den ursprünglichen Glanz wieder gewinnen werde. Möhler überzeugte mich abermals, daß meine Auffassungsweise dieser Lehre, von der ich niemals abgewichen bin, der katholischen Lehre und der Bestimmung derselben durch das Tridentinum ungleich näher stehe, als derjenigen von Luther, Zwingli und Calvin. Da dieß aber nicht Gegenstände waren, die ich nur selten berührte, sondern solche, auf die ich, meiner Ueberzeugung von den Obliegenheiten eines Botschafters an Christi Statt gemäß, sehr oft und in den mannigfaltigsten Beziehungen zurückkam, so hätte wohl nichts näher gelegen, als den Beweis, daß meine Lehre keine ächt protestantische seye, hierauf zu gründen. Es wäre, wie ich nachher wohl eingesehen habe, nicht schwer gewesen, dieß darzuthun, obgleich es mich überrascht, aufs höchste würde befremdet haben, die Rechtgläubigkeit meiner Lehre unter diesem Gesichtspunkt angefochten zu sehen; gleichwie ich nachher mich überrascht fand, als ich aus Möhler kennen lernte, daß meine bisherige Ueberzeugung nichts weniger als mit den Ansichten der Reformatoren üebereinstimme. Hätte sich doch hier eine praktische Seite der verderblichen Einwirkung der Beseitigung eines Grundsatzes derselben auffinden, nachtheilige, weil mit diesem nicht durchweg übereinstimmende Folgerungen hieraus weit eher sich träumen lassen, als aus der Bewunderung eines vor mehr als sechs Jahrhunderten lebenden Papstes. Ob wohl diejenigen, denen diese letztere nicht gefallen wollte, in Beziehung auf jene Lehren bessere Urprotestanten seyn mögen? Und sind sie es, können sie wohl glauben, daß jene Auffassungsweise der Lehre von der Erbsünde dem göttlichen Wort, dem Wesen des Schöpfers und dem Bedürfnisse des Menschen entsprechender, zu Förderung seiner Heiligung wirklich dienlicher seye? Ferner hatte ich viel Redens gehört von dem verwerflichen Pelagianismus, welchem die katholische Kirche huldige; naher hierauf eintreten, oder nachforschen zu wollen, wie es damit sich verhalte, kam mir aber nie zu Sinne. Jetzt überzeugte ich[50] mich, daß diejenigen, welche mit diesem Vorwurf so freigebig sind, vermuthlich nie gelesen haben, daß es in der fünften Session des Conciliums von Trient, in welcher diese Lehre behandelt ward, ausdrücklich heisse: »wer behauptet, daß die Erbsünde entweder durch natürliche menschliche Kraft, oder durch irgend ein anderes Mittel, als durch das Verdienst des einigen Mittlers, unseres Herrn, Jesu Christi, der durch sein Blut mit Gott uns versöhnt hat, und unsere Gerechtig keit, Heiligkeit und Erlösung ist, gehoben werden könne, der seye verflucht.« Diese und andere Stellen, die Möhler häufig anführt, weckten einen sonderbaren Begriff von der Redlichkeit derjenigen, welche mit allen Waffen gegen die katholische Kirche bei jeder Gelegenheit heranziehen, und, was schon hundertmal abgewiesen oder widerlegt worden ist, immer von neuem wieder hervorsuchen und behaupten. Bestimmter und entschiedener kann der Glaube an die herstellende Wirksamkeit des Verdienstes Christi nicht ausgesprochen werden, als in jenem Satz des Tridentinums. Dieses aber allein ist der Ausdruck der Kirche; dieses allein sagt uns, was deren Lehre seye. Ist Einer etwa einmal hievon abgewichen, so sprach er damit seine eigene Meinung, nicht aber die Lehre der Kirche aus. Darüberhin hat das Tridentinum eine ganz andere Bedeutung, als jene Bekenntnißschriften, denen man einzig noch eine historische Geltung zuerkennt, welche Gewicht und Ansehen nur für sehr Wenige noch haben, und denen etwelcher Werth im allgemeinen bloß noch in dem Falle zugestanden wird, wenn sie gegen die Lehren der Kirche sich anführen lassen. Aber nicht aus dem Tridentinum allein, sondern aus dem, was noch höher steht, aus dem Meßcanon, sowohl in seiner obersten Beziehung, als in seiner ganzen Oekonomie, als endlich in seinen bestimmten Ausdrücken, leuchtete mir später die völlige Unhaltbarkeit jenes Vorwurfes auf's helleste ein; gleichwie sodann selbst in den Gewohnheiten und Ausdrücken des Lebens, auch da, wo von speculativer oder gelehrter Theologie unmöglich die Rede seyn konnte, eine fortlaufende[51] Widerlegung der unabläßigen, erneuerten Anschuldigung mir sich darbot. Eben so überrascht fand ich mich in Bezug auf die Lehre von der Rechtfertigung. Bei der Frage: »wie wirst du gerecht vor Gott?« hält freilich der heidelbergische Katechismus fest an dem durch Luther in das N. T. hineingefälschelten, » allein.« Ich meinerseits hielt immerwährend eben so fest daran, jedoch niemals im Sinne von jenem: »Sündige, sündige tapfer darauf los, der Glaube macht Alles wieder gut;« sondern in dem Sinne, daß alle unsere guten Werke, als mangelhaft, uns in die ursprüngliche Heiligkeit nicht wieder zurückversetzen können, daß dieses einzig dem versöhnenden Tod des Erlösers zu verdanken und eine göttliche Gnadenwohlthat seye, die wir anders nicht als durch den Glauben uns aneignen können; daß aber einem Glauben, der nicht durch »Früchte der Dankbarkeit« sich bemerklich mache, dieser Name gar nicht gebühre. Seye der Glaube das Mittel, das Verdienst Christi sich anzueignen, so seyen die guten Werke unerläßlich, um erst uns, sodann Andere zu überzeugen, daß derselbe nach rechter Art in uns vorhanden, zur schaffenden Kraft in uns geworden seye. Das nun stund freilich jener fides formata, die Luther nicht anerkennen wollte und an welcher jetzt noch einige Anstoß nehmen, ziemlich nahe. Dahin war ich aber gekommen durch die heilige Schrift selbst, durch die eigene, freie, aber redliche Forschung, ohne alle Berücksichtigung des Tridentinums. Dieß blieb unverändert meine Lehre von der ersten Zeit an, in welcher mir das christliche Lehramt übertragen worden, und in der ich noch nicht einmal ein Exemplar des Tridentinums gesehen, geschweige denn dasselbe gelesen hatte. Denn bis auf den heutigen Tag bin ich noch nicht dazu gekommen, es wirklich zu lesen, obwohl in späterer Zeit der Fall öfters eintrat, etwa eine, Disciplin, Einrichtung und Recht berührende Stelle desselben nachzuschlagen. Das, was auf die Lehre sich bezieht, habe ich erst in den Anführungen bei Möhler gefunden. Durch ihn erst habe ich erfahren, daß es die Frage: »Wie der[52] Mensch durch den Glauben aus Gnade gerechtfertigt werde?« so beantwortete: »Der Glaube ist der Anfang alles Heils, Grundlage und Wurzel aller Rechtfertigung; denn ohne ihn ist es unmöglich, Gott zu gefallen und zur Kindschaft gegen ihn zu gelangen.« Möhler führt in seiner Symbolik folgende Stelle aus Cornelius a Lapide an, in welcher ich meine Lehre über Glaube und Werke und deren gegenseitiges Verhältniß, wie ich sie gleichmässig zu aller Zeit einzuprägen gesucht habe, in wenige Worte zusammengefaßt fand: »Unter Gläubigen sind jene gemeint, welche sich nicht, gleich den Dämonen, mit einem nackten, leeren Glauben begnügen, sondern Jene, welche, wie Freunde, einen durch die Liebe gestalteten Glauben besitzen; die also an Christum in der Weise glauben, daß sie auch seine Gebote vollziehen; die einen demuthsvollen, lebendigen und gehorsamen Glauben besitzen, kurz, die nicht bloß theoretisch, sondern praktisch glauben.« Eine, der katholischen mindestens sich annähernde Lehre vom Glauben, ist so einleuchtend, so natürlich, so dem menschlichen Bedürfniß entsprechend, daß es Mühe kostet, schlichten, einfachen Layen es nur begreiflich zu machen, daß die Reformatoren das Gegentheil gelehrt hätten. Es würde schwer fallen, einen redlichen und noch glaubensfähigen Protestanten zu überzeugen, daß Luther ausgesprochen habe: »Die Forderung, daß der rechte Glaube seine Gestalt von der Liebe empfange, seye ein eitler, erdichteter Schein, eine trügliche Täuscherei des Evangelii;« daß er irgendwo den Satz aufgestellt habe: »wenn im Glauben ein Ehebruch könnte begangen werden, so wäre er keine Sünde;« daß von Calvin und Andern Aehnliches seye gelehrt worden. Es ist im Jahr 1840 vorgekommen, daß ein mir nahe Befreundeteter einigen Bürger bemerkte, eben jene gänzliche Trennung des Glaubens von den Werken seye ursprüngliche protestantische Lehre, wie sie von den Reformatoren aufgestellt worden; daß hierob diese Bürger ganz ungehalten wurden und ihm vorwarfen, das gerade seye der verdorbene, mangelhafte Glaube der katholischen Kirche. Ob er sie[53] dann auch auf die sechszigste Frage ihres heidelbergischen Katechismus verwies, sie blieben dabei: ohne gute Werke könne es kein wahres Christenthum geben. Man lernt aus diesem Vorgang zweyerlei. Zuerst, wie die Lehre, daß der Glaube ohne Rücksicht und ohne nothwendigen Einfluß auf die Werke zur Rechtfertigung hinreiche, alles praktischen Werthes ermangle; wie dagegen die Lehre von dem, durch die Werke (d. h. dem zu Christo gerichteten Wandel) bethätigten Glauben ein unabweisliches Bedürfniß des menschlichen Geistes seye, also daß hier Offenbarung und Vernunft zusammentreffen. Dann aber läßt er auch einen Blick thun, welcher Begriff von der katholischen Kirche unter den protestantischen Massen herrschend seye, derjenige nämlich eines diametralen Gegensatzes; so zwar, daß nicht nur das Richtige immerdar auf protestantischer, das Unrichtige dagegen auf katholischer Seite stehen muß, sondern selbst in der Weise, daß gerade deßwegen, weil dort nur das Richtige zu finden seye, hier das Unrichtige noth wendig herrschen müsse; so daß es wahrlich nicht befremden darf, wenn aus dieser Unkenntniß entweder ein solches dünkelhaftes Herabsehen, oder eine eingefleischte Abneigung gegen die katholische Kirche sich erzeugt. Wer wollte hieraus dem unwissenden Haufen einen Vorwurf machen, wenn er sieht, wie dessen mit dem Gewande der Wissenschaftlichkeit umkleidete Führer ihm in Beidem voranschreiten? Kann man weiter gehen, als ein Recensent in der hallischen Literatur-Zeitung gethan hat, da er (1827 Erg. Bl. Nro. 37) rundweg behauptete, nicht die griechische, sondern die römische Kirche seye die schismatische; oder die hengstenbergische Kirchenzeitung, welche über Bernhard Overberg bemerkte: »Wie auch der Wohlgesinnte durch Irrthümmer seiner Kirche in wichtigen Dingen von dem Weg abgeleitet werden könne; welch großer Segen es daher seye, in einer Kirche geboren zu seyn, welche die Wahrheit ohne Beisatz menschlichen Irrthums bekennt, (c'est moi!) das zeigt die Thatsache, daß Overberg, der selbst über das Gesetz[54] Gottes nachdachte Tag und Nacht, der u. s. w., es für bedenklich hielt, dem westphälischen Landmann die Bibel in die Hand zu geben.« Indem ich in der Lehre der katholischen Kirche mich umsah, und mir über dieselbe ein bisher ungekanntes, weil nie gesuchtes', Licht aufgieng, bot sich mir die Frage dar über die Möglichkeit einer Wiedervereinigung der von ihr Getrennten; eine Frage, die schon vielfältig aufgeworfen worden ist, einst die edelsten Geister beschäftigt, selbst Unterhandlungen und Anträge hervorgerufen hat. Se. Heiligkeit, Gregor XVI, hatten eines Tages die Gnade, mir aus zufälliger Veranlassung eine Stelle aus einer Schrift von Grotius vorzulesen, worin derselbe diese Frage äußerer Gründe wegen verneint. Die Protestanten, sagt er, müßten vor Allem erst unter sich geeinigt werden, erst zu einem Ganzen sich gestalten können, um sodann als Solches mit dem Ganzen der katholischen Kirche unterhandeln zu können. Jenes aber seye nicht denkbar, daher auch dieses immerfort unmöglich bleiben werden. Leuchtete dieß schon damals, in der ersten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts, ein, wie muß es nicht jetzt einleuchten, wo der Zustand ein ganz anderer, die innere Auflösung und das Auseinanderfallen auf den höchsten Punct gediehen ist? Die katholische Kirche bildet noch heutzutage eine Einheit, wie sie es zu Bossuets Zeit bildete; steht aber die protestantische Kirche unserer Tage auch nur noch da, wo sie zur Zeit von Leibnitz und Molanus stand? Wer möchte für eine solche Behauptung einstehen wollen? Damals lag wenigstens in den noch allgemein anerkannten Bekenntnißschriften ein etwelches inneres Bindemittel, ein kräftigeres Aeußeres gieng aus der Stellung der Staatsgewalt zu den Kirchen hervor. Jenes ist längst beseitigt worden, dieses will und kann sich nicht mehr geltend machen; Niemand mehr in den protestantischen Kirchen[55] würde der Staatsgewalt eine Befugniß einräumen, in dieser Beziehung sie vertreten zu dürfen. Man sagt nicht zu viel mit der Behauptung, daß bald jedes Individuum, zumal von den Lehrenden, eine besondere Kirche für sich bilde. Keines würde das andere in Glaubenssachen als seinen Bevollmächtigten anerkennen, so wie es auch nirgends ein Individuum giebt, welches hierin die übrigen zu vertreten hätte. Wollte aber eine Staatsgewalt dieses Recht sich beilegen, und würde es auch von ihren sämmtlichen Unterthanen ohne allen Widerspruch anerkannt, so könnte doch diese Staatsgewalt bloß für sich allein handeln und keine andere würde das Eingegangene zugleich für sie verbindlich erachten. Denn es bildet jedes Land oder Ländchen wieder ein gesondertes Aggregat solcher Kirchen, bloß äußerlich geeinigt durch etwelche Formularien oder Gewohnheiten, und keines fände sich geneigt, einen solchen Act der Souveränetät an den Regenten eines andern Gebiets abzutreten. Schon von diesem Standpuncte aus betrachtet, sind alle Gedanken an Wiedervereinigung in das Gebiet der Träumereyen zu verweisen. Allein, mir scheint, es liege noch ein weit gewichtigerer, tieferer, weil innerer Grund in den einander schlechthin ausschliessenden Principien, auf welchen so die katholische Kirche, als die mancherlei protestantischen Parteien beruhen; Principien, die mit dem Sündenfall, der Welterlösung und dem Wesen der durch diese begründeten Heilsanstalt unzertrennlich zusammenhängen.? Daß Gott den Menschen mit voller Freiheit erschaffen habe, ist nicht allein Lehre der katholischen Kirche, sondern auch der heidelbergische Katechismus lehrt es implicite in dem Ausdruck, daß derselbe »nach Gottes Ebenbild geschaffen seye«, explicite aber, indem er sagt: »Gott habe den Menschen also erschaffen, daß er das, was Gott in seinem Gesetz von ihm fordert, thun könnte, er aber habe sich und alle seine Nachkommen aus Anstiftung des Teufels durch muthwilligen Ungehorsam dieser Gaben beraubt.« Es war also Mißbrauch der Freiheit, welcher den Sündenfall herbeiführte. Um die Folgen desselben aufzuheben,[56] um mit Gott, von dem wir hiedurch uns getrennt hatten, uns wieder zu versöhnen, ist Christus Mensch geworden und am Kreuz gestorben. Aber Er wollte nicht bloß dadurch uns erlösen, daß er die Wirkungen der Sünde beseitigte, sondern ebensosehr, daß er zu der durch ihn bewerkstelligten Versöhnung von eben der Kraft sich bewegen ließ, welche derjenigen, die den Sündenfall veranlaßte, geradezu gegenübersteht. Dieser ist aus der Freiheit, die Erlösung ist aus dem Gehörsam hervorgegangen. Wollte jene zur Gottähnlichkeit sich erheben, so erniedrigte sich das ewige Wort, »welches von Anfang her bei dem Vater war,« und »nahm Knechtsgestalt an;« aber nicht dieß allein, sondern: »Christus ward gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.« Dieser Gehorsam ist daher nicht allein die Wurzel, sondern noch weit mehr, er ist die innerliche Bedingung der Versöhnung mit Gott. Es sollten durch Christum nicht allein die Folgen der Trennung von Gott, sondern allervörderst sollte dasjenige, worin das eigentliche Wesen derselben besteht, aufgehoben werden. »Denn so wie durch den Ungehorsam eines einzigen Menschen Viele zu Sündern geworden sind, so werden durch den Gehorsam eines Einzigen Viele zu Gerechten.« Das Hauptmoment der Erlösung liegt somit weniger in dem Kreuzestod selbst, als in dem Gehorsam, in welchem Christus diesem sich unterzog; so wie der Abfall von Gott nicht in dem Genuß der Frucht, sondern in dem Hinwegsetzen über das Verbot ? in dem Mißbrauche der Freiheit ? lag. Die innere That geht der äußern immer voran, diese ist nur die sichtbar hervortretende Seite des innerlich bereits Vollzogenen. »Und zwar, da er Gottes Sohn war, hat er an dem, was er gelitten, Gehorsam gelernt;« d. h., er hat diesen Gehorsam, wie in der Menschwerdung gegen den Vater, so für alle Menschen erkennbar in seinem Leiden bethätigt. Wenn wir nun die Kirche nicht bloß als ein Summarium von Bekennern Christi, sondern (katholischer Lehre gemäß) als den Körper Christi, dessen verherrlichtes Haupt er ist, betrachten,[57] so ist eine Gemeinschaft der Gnaden, Gaben, Eigenschaften zwischen Körper und Haupt unerläßliche Bedingung der Verbindung, Uebereinstimmung und organischen Einigung. Wir finden diese darin, daß, wie bei dem Haupt und der Thatsache der Welterlösung, so auch bei der durchgebildeten Aneignung derselben von der Kirche in ihrer Gesammtheit, wie sodann in ihren einzelnen Gliedern, der Gehorsam ebenfalls Lebensbedingung und Lebenskraft der Kirche ist und seyn muß. Die geistige Ehe der Kirche mit Christo, ihrem Bräutigam, beruht, wie die leibliche zwischen Mann und Weib, darauf, daß er ihr Beschützer und Beschirmer, sie ihm gehorsam seye. Deßwegen ist es erste Aufgabe der Kirche, alle ihre Glieder in freyem Gehorsam zu Christo ihrem Herrn und, da sie dessen Stellvertreterin auf Erde ist gegen sich selbst zu erhalten. Das Eine soll durch die Lehre und alle Mittel, wodurch dieselbe in dem Erlösten zu Wirksamkeit, Thätigkeit und Frucht gelangen kann, das Andere durch alle von ihr angeordneten Disciplinar-Anstalten erzielt werden. Gebietet z.B. die Kirche Enthaltsamkeit an gewissen Tagen, so geschieht es vorzüglich, um im Gehorsam zu üben, und dadurch zweifelloser mit sich und dem Haupt zu verbinden; legt sie Bußwerke auf, so geschieht es, um Ungehorsam durch Gehorsam zu sühnen; stellt sie es nicht in das freye Belieben eines Jeden, in der Versammlung der Gläubigen sich einzufinden, die Heilmittel auf sich einwirken zu lassen, sondern legt sie dieses dem Christen, dafern er ihr ächter Sohn seyn will, als Verpflichtung auf, so gemahnt sie ihn auch dadurch nur um so eindringlicher an den Gehorsam, den er in ihr demjenigen zu leisten habe, der ihn in den Gehorsam des Vaters zurückführen wollte. Denn der Gehorsam ist die Anforderung Gottes, welche durch die gesammte heilige Schrift sich durchzieht; in allen Mahnungen, in allen Verheissungen, in dem, was als Kern und Stern der Gnadenanstalt Gottes, von dem Dämmerschein im Paradies bis hinan zur Lichtfülle auf Golgatha anerkannt werden muß, glänzt als Lichtquell der Gehorsam. Immerdar[58] und in den mannigfaltesten Lauten vernehmen wir den Widerhall jener Worte: »Will etwa der Herr Opfer und Brandopfer; und nicht vielmehr, daß seiner Stimme gehorcht werde? Besser ist Gehorsam als Opfer, und Aufmerken vorzüglicher als das Fett von Widdern.« Verlangt daher die Kirche, daß bei irriger Meinung, bei verderblicher Lehre, bei abweichendem Gebrauch, bei gewagter Deutung ihrer Aussprüche und Anordnungen, der Mensch ihrem Entscheid, als demjenigen der Trägerin und Säule der Wahrheit, sich unterwerfe, so soll dieß in Gehorsam gegen denjenigen sich bewähren, der zu Jenem sie gesetzt hat. Sie lehrt den Gehorsam als höchste und Alle gleichmässig umfassende Verpflichtung; sie stellt ihn dar unter allen Verhältnissen als Grundbedingung oder Schmuck jeglicher Tugend; sie macht ihn zum alleinigen Bindemittel zwischen dem Kind und dem Vater, zwischen dem Erlösten und dem Erlöser, zwischen dem Menschen und Gott. Der Gehorsam bildet das innerste Getriebe, den eigentlichen Pulsschlag ihres ganzen Organismus, die dynamische Einigung ihres großen Baues. Tritt er bei dem Religiosen durch das feyerliche Gelübde in die Reihe der obersten und heiligenden Pflichten, so bekennt sich der Weltpriester, ja selbst der Jüngling, der erst den Entschluß, zu dem Dienste der Kirche sich befähigen zu wollen, kund gegeben hat, gegen seinen Bischof zu demselben in frei übernommener, dennoch unabweichlich bindender Obliegenheit. Der Gehorsam unterwirft das Beichtkind, welche Stellung sonst in der Welt es einnehme, seinem Beichtvater und lehrt es, dessen Räthe zu befolgen, dessen Mahnungen sich zu fügen, dessen Zurechtweisungen sich zu unterziehen, in ihm den Stellvertreter jener höhern, einzig auf dem Gehorsam ruhenden Ordnung zu verehren. Der Gehorsam ist eine solche feste Grundlage der Kirche, ein solches Agens in der Kirche, eine solche gewichtige Forderung der Kirche, daß selbst ihr Oberhaupt demselben sich nicht entziehen darf. Auch der Papst hat seinen Beichtvater, und, will nicht er zuerst das Gefüge der Kirche auflösen, nicht selbst, was er heiliger Obliegenheit[59] gemäß wahren soll, Preis geben, so darf gewiß auch er in dem Augenblick, da er seinem Beichtvater gegenüber erscheint, nicht die Fülle seiner Macht gegen denselben einsetzen, steht dannzumal gewiß in dem, was das Heil seiner eigenen Seele betrifft, sein Beichtvater über ihm. Gewiß hat daher eine so fromme als geistreiche Ordensschwester die Seele, die durch Alles walten muß, was mit der Kirche in lebendiger Verbindung steht, richtig erkannt, wenn sie mir schrieb: »O wie gut ist es doch, unter dem heiligen Gehorsam zu leben! Man weiß durch ihn den Willen Gottes so klar, so bestimmt. Möchte doch mein ganzes Leben nichts Anders seyn, als ein steter Act des Gehorsams!« Wohin demnach in der Kirche du dein Auge wenden, was du deinem prüfenden Blick unterwerfen, was du zum Gegenstand deiner Forschung machen magst, was in derselben dich anspricht, in Alles verflicht sich der Gehorsam, allenthalben wird dir in leifern oder kräftigern Spuren der Gehorsam entgegentreten, und werden Lehre und Anordnung den Gehorsam nicht bloß als Schmuck dir empfehlen, sondern als wesentliche Pflicht auferlegen, zu ächter Tugend in dir ausbilden wollen. Oder nimm diesen Gehorsam hinweg, und du trennst den Körper von dem Haupt; du lösest nicht bloß ein zusammenhaltendes Band, nein, du treibst den einigenden Geist aus; du tödtest das Leben, damit der Leichnam auseinanderfalle, zerbröckle, in Staub sich verflüchtige; du wirfst denselben von Golgatha's lichtquellenden Höhen nieder in die düstere Einöde des todten Meeres. Diesem entgegen ist das Princip aller protestantischen Parteyen: die Freiheit. Hervorgegangen in ihren Gründern aus völliger Abschüttlung des Gehorsams, haben sie die individuelle Freiheit in Glaubenssachen zur letzten Grundlage ihres Systems gemacht. Frei, d. h. entledigt von höherer, bindender und einigender Autorität, soll der Mensch dasjenige erforschen, was er finden mag, und annehmen, was ihm zusagt. Ohne es zu wollen (das seye zugegeben), ist ihnen über ihrem Widerstreben gegen die Kirche das Hauptmoment in der Gnadenanstalt[60] Gottes entschwunden; und wie sie auch damals noch die äussere That der Erlösung mögen festgehalten haben, von der innern wurden sie abgetrennt, und haben die Beziehung derselben gerade zu demjenigen, wodurch sie nothwendig geworden, aufgehoben. Damit verlor die ser erste und letzte, höchste und tiefste Beweggrund der Welterlösung seinen bildenden und ordnenden Einfluß auf das Ganze, wie auf den Einzelnen; der Gehorsam, inwieweit er mit der Freiheit sich verschmilzt, trat aus der Kategorie der mit Gott einigenden und die Theilnahme an der Erlösung bedingenden Tugenden in diejenige der blossen Zierden hinüber, und die Freiheit, als Mutter der neuen Lehre (wie der Gehorsam der Vater nicht bloß aller kirchlichen Lehre und alles kirchlichen Glaubens und Thuns, sondern der Kirche selbst ist), nahm dessen Stelle ein. Hiemit (was doch im Vorübergehen berührt werden mag) erklärt sich der rasche Schwung, welchen die Neuerung alsbald gewann, ungleich leichter, als durch die in der Kirche damals zum Vorschein gekommenen Uebelstände und durch das Zusammentreffen der politischen Conjuncturen. Beide zwar dürfen als secundäre Förderungsmittel nicht unberücksichtigt bleiben. Unläugbar aber lag das Lockende, Bezaubernde und Fesselnde der neuen Lehre darin, daß sie an den, seit dem uranfänglichen Abfall in das Menschenherz gepflanzten Grundtrieb, Gott gleich seyn zu wollen, d. h. der subjectiven Freiheit das Uebergewicht über den von Gott geforderten Gehorsam einzuräumen, sich wendete. Das wohlverstandene Christenthum stellt ein gegenseitiges Durchdringen der Freiheit und des Gehorsams, ein Vermitteln von beiden, als höchste Aufgabe. Das durch Mißbrauch der Freiheit von Gott abgefallene Menschengeschlecht sollte erst durch strengen Gehorsam wieder zum richtigen Gebrauch der Freiheit erzogen werden, Darum ward das Gesetz (der Zuchtmeister, wie Sanct Paulus es nennt) durch Moses gegeben, um mittelst desselben auf die Gnade, die in Christo erschienen ist (dieweil nur »recht frei ist, wer durch den Sohn frei wird«), vorzubereiten. Alles Walten der Kirche während[61] fünfzehn Jahrhunderten zielte darauf ab, Freiheit und Gehörsamt in einen innern Zusammenhang zu bringen, beide in Einklang zu verbinden, so daß einerseits die Freiheit nicht mehr ungezügelt herrsche, wie sie durch den Sündenfall mit Gott in Widerspruch sich gesetzt und in dem Heidenthum gewaltet hatte, anderseits der Gehorsam nicht aus knechtischem Geist hervorgehe, wie dieß unter dem Gesetz bewirkt worden. Diese, durch Christum bewerkstelligte Vermittlung aber hat die Reformation, wenn nicht aufgehoben, doch unläugbar geschwächt, indem sie der Freiheit wieder ein solches Uebergewicht einräumte, daß dieselbe im Verlauf der Zeit zu jenem uranfänglichen Hochmuth zurückführen konnte: »ihr werdet seyn wie Gott;« ein Ziel, an welchem wir bereits angekommen sind. Mittelst der für ihre religiösen Gesellschaften aufgestellten Verfassungen haben im Fernern die Urheber der Trennung durch Beseitigung aller und jeder Autorität die Uebung des Gehorsams geradezu unmöglich gemacht, daher selbst den Begriff davon in geistlichen Sachen völlig verwischt. Sie gehorchen allerdings der über ihnen stehenden Gewalt, aber nur als Staatsbürger, weil sie sich für Staatsdiener halten, und weil jene eine weltliche Gewalt ist. Sie unterziehen sich allerdings einigen Vorschriften oder Beschränkungen, aber blos deßwegen, weil das Herkommen, oder die Sitte es fordert, weil, sich darüber hinwegsetzen zu wollen, Aufsehen oder Gerede veranlassen könnte. Einem geistlichen Ansehen zu gehorchen, das würden sie als unvertragsam mit der Freiheit betrachten. Vollends aber einer anerkannten und überwachten Lehre zu huldigen, das gälte ihnen mit Verknechtung des Geistes gleichbedeutend; zumal nirgends unter den von der Kirche Getrennten Etwas gefunden wird, was man eine geistliche und kirchliche Autorität im eigentlichen Sinne nennen könnte. Wird aber deßungeachtet von Gehorsam und selbst in der Weise gesprochen, als ob derselbe in rechter Art nur da zu finden wäre, wo man von der Kirche sich losgerissen habe, so zeigt sich hierin wieder jene Unklarheit, auf welche wir so vielfältig[62] stoßen. Es giebt zweyerlei Gehorsam: derjenige des Soldaten gegen seinen Befehlshaber, derjenige des Kindes gegen den Vater; jener hat die Furcht, dieser hat Liebe und Dankbarkeit zur Mutter; jenem steht die Strafe, diesem steht eine Fülle von Wohlthaten zur Seite; jener muß geleistet werden, sobald er gefordert wird, dieser ist nur möglich bei durchaus freiem Willen. Darum soll jener minder preiswürdige Gehorsam für den wahren Christen in diesen vollkommenern verklärt werden, denn das göttliche Wort fordert ihn auf, auch der weltlichen Obrigkeit nicht aus Furcht vor der Strafe, sondern um des Gewissens willen zu gehorchen. Will man aber nicht glauben, daß der Mensch, welcher in Freiheit seinem Gott und dem von ihm gesetzten Organ, der Kirche, gehorche, auch der Obrigkeit, in welcher er gleichfalls ein Organ Gottes, nur zu anderem Zwecke, erkennt, um so freudiger gehorchen werde? Einzig wer hieran gewöhnt ist, wird auch zum Verständniß und zur richtigen Anwendung jener andern Forderung gelangen, die von Manchen mißverstanden, von noch Mehrern in die Reihe der obsolet gewordenen Sentenzen verwiesen wird: »man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!« Verwandt mit dem Gehorsam, ja bedingt durch denselben, in manchen Beziehungen nur dessen freudiges Bewußtseyn und dessen sichtbare Bethätigung, ist eine andere Tugend, die ebenfalls von dem Haupt auf die Glieder übergehen soll: die Demuth. »Er erniedrigte sich selbst,« setzt das göttliche Wort mit Christi Gehorsam in den innigsten Zusammenhang; und in jener »Gefangennehmung der Vernunft durch den Glauben,« von der der heilige Apostel spricht, verschmelzen Gehorsam und Demuth in Eines. Eben so ist anderseits verwandt mit der Freiheit und gleichfalls hervorgehend aus ihr der Hochmuth, dessen Charakter darin besteht, über Alles sich emporheben, auf Alles herabsehen zu wollen. Auch die Demuth nimmt unter der Reihenfolge der christlichen Eigenschaften, der unerläßlichen Forderungen an den Gläubigen, in der katholischen Kirche einen ungleich höhern Rang ein, als er ihr in irgend einer andern religiösen[63] Verbindung angewiesen werden kann. Die Kirche allein verlangt, daß Jene ebensowohl in der Gesinnung als in der That sich bewähre. Betrachten wir es aber genau, so kann wahrlich keine Regung des wahren, weil freyen Gehorsams ohne Demuth stattfinden. Jeder Act eines Gehorsams, den wir, nicht einer zwingenden und mit empfindlichen Strafen bereit stehenden Gewalt, sondern einem blos gemahnenden, auffordernden und liebreich lenkenden Ansehen in innerer Freudigkeit leisten, ist zugleich eine Demüthigung vor diesem Ansehen, indem wir damit bezeugen, daß wir die Einsichten und die Absichten desselben für ungleich erleuchteter und heilsamer erkennen, als alle Schlüsse des eigenen Verstandes und als alle Mahnungen des eigenen Willens. Ja der Glaube selbst, inwiefern er annimmt, was Gott dem Menschen geoffenbaret hat, ist eine fortwährende Bezeugung der in uns wohnenden Demuth. Daher eröffnet auch die katholische Kirche eine wahre Schule der Demuth, welche jenes ewig bleibende Wort: »Gott widerstrebt den Hochmüthigen, aber den Demüthigen gibt er Gnade«, aus dem Gebiete der Lehren in dasjenige der Praxis zu versetzen lehrt; alldieweil aus der Wurzel der Freiheit die Demuth niemals als vollreife Frucht erwachsen kann. Oder werdet ihr bei Menschen, die Glauben haben, die den wahren katholischen Glauben sich bewahrten, jenen unbändigen, jenen über Alles hinausfahrenden Hochmuth, worin heutzutage jeder Milchbart sich spreizt, womit jeder Fant zum gewichtigen Mann sich blähen zu können wähnt, ebenfalls finden? Was anders hat zwischen sich und die Wahrheit die schauerliche Kluft gesetzt, was anders thürmt gegen sie einen unübersteiglichen Wall auf, was anders sperrt gegen die Einwirkung der göttlichen Gnade sich ab, als der Hochmuth, welcher die unvermeidliche Folge des Irrwahns ist? Bei solchem Widerstreit der Principien, der tiefsten Lebensfactoren und der Gesammtrichtung, die aus dieser hervorgehen muß, dürfte eine andere Wiedervereinigung der von der Kirche ausgegangenen mit derselben, als auf dem Boden der[64] Gleichgültigkeit (gerade wie in der Union der beiden protestantischen Hauptparteyen), mit aller Entschiedenheit zu den unmöglichen Dingen gezahlt werden, inwiefern wenigstens jene Wiedervereinigung die Totalität der Getrennten umfassen sollte. Dem könnte die katholische Kirche dem Gehorsam absagen, so würde sie hiemit alle Ansprüche auf ihr Fortbestehen aufgeben; könnte irgend eine der protestantischen Hauptparteyen aufhören, die individuelle Freiheit als oberste Besorgniß zu proclamiren, so hätte sie damit der Trennung die Wurzel abgehauen. Ein unbeirrtes Nebeneinanderstehen kann aber nicht Vereinigung genannt werden. Denn wer in wahrer Unberzeugung in die katholische Kirche eintritt, der muß vor allen Dingen geneigt seyn, in den Gehorsam zurückzukehren, diesem in Demuth sich zu unterziehen, und jener, Alle von Allen trennenden Freiheit zu entsagen. Ich habe dann früher schon von der Liebe, als nicht blos von einem Merkmal, sondern als von dem bewegenden Lebenselement der Glieder der Kirche nach aussen gesprochen. Die Charitas ist im Grund, von innen herausgehend und, da es in der Kirche, als dem Leib Christi, bei gleicher Beziehung Aller zu dem Haupt, kein Oben und kein Unten giebt, ringsum gewendet, eben das, was von aussen hineingehend, und, nach oben gewendet, der Gehorsam. Der Glaube ist eine innere, verborgene Operation, muß aber offenbar werden, zur Beglaubigung sowohl für sich selbst, als für Andere. Allein er kann durch nichts offenbar werden, als durch Gehorsam und Liebe, welche beide so unzertrennlich sind, als das Doppelgebot: Liebe Gott über Alles, deinen Nächsten wie dich selbst. Gehorsam und Liebe, durch welche beide die Demuth unerläßlich sich durchschlingen muß, sind daher die Siegel des christlichen Sinnes, die Angelpuncte des christlichen Lebens, das Gleichwerden des Gliedes mit dem Haupt, welches als Solches durch nichts Anderes sich darstellt, als durch den Gehorsam gegen oben (den Vater) und durch die Liebe nach unten (die Menschen ? welche[65] Sünder und von ihm getrennt waren). Denn das menschgewordene Wort ist allerdings uns »gleich geworden, ausgenommen die Sünde;« aber es ist uns deßwegen gleich geworden, damit wir ihm gleich würden ? in Gehorsam und Liebe. Die wahre Gemeinschaft mit ihm kann also nur da bestehen, wo Gehorsam und Liebe ihrem Vollgehalt nach anerkannt, gewürdigt und zu Lebenspotenzen gemacht werden. Wo man den Gehorsam, als des Menschen unwürdig, verwirft, kehrt man in die alte, aus Mißbrauch der Freiheit hervorgegangene Sündhaftigkeit zurück; und wo man die Liebe abschwächt, da wird auch Christus nicht in seiner vollen Bedeutung gewürdigt. Oftmals kreuzen sich wunderliche Begriffe und Vorstellungen über Möglichkeit einer Wiedervereinigung in den Köpfen. Man hört Protestanten häufig sagen: was wir zu wenig haben, das haben die Katholiken zu viel, die Sache wäre bald gethan, wenn die Einen abliessen und die Andern annähmen. Sie stellen sich die Sache vor wie einen Markt, bei dem der Eine fordert, der Andere bietet, und man allgemach immer näher sich rückt, bis endlich der Handel zum Abschluß gedeiht. So gut es, meinen sie, in der Willkür der Reformatoren gestanden hätte, Einiges zu belassen oder hinwegzuräumen, eben so leichten Kaufs könnte die katholische Kirche hingeben, was ihnen gerade nicht einleuchtet; womit zu gegenseitiger Zufriedenheit Alles leicht sich anordnen liesse. Man möchte solche Aeusserungen die Stimme des praktischen Lebens nennen, die einerseits nicht bis zu der Wurzel der Trennung ? dem gänzlichen Verwerfen des Gehorsams ? hinabdringt, anderseits nicht zu der Höhe der Gelehrten, Lehrenden und Weltlichter sich erschwingen kann, um in lächerlichem Wahn zu stolziren: die katholische Kirche seye geradezu eine Verläugnung des christlichen Glaubens, und es stehe sich nicht Katholik und Protestant, sondern Katholik und Christ gegenüber; die vielmehr in schlichtem Sinn dafür hält, in dem Nothwendigsten und Wesentlichsten seye des Gemeinsamen immer noch sehr viel, daher blos bei Werthung des Wesentlichen in Unklarheit und Irrthum sich verläuft.[66] Die Meinung aber, daß fordern, bieten und feilschen zum Zweck einer Wiedervereinigung in der Ordnung wäre, ist nicht neu; wir finden einen Versuch, auf solche Weise das griechische Schisma mit der lateinischen Kirche auszusöhnen, schon im Jahr 1233. Bekanntlich bilden die Lehren vom ungesäuerten Brod bei der heil. Messe und über den Ausgang des Heiligen Geistes die wesentlichsten Differenzpuncte zwischen beiden. Papst Gregor IX forderte damals den Patriarchen Germanus von Nicäa zum Wiederanschluß an die katholische Kirche auf. Zu dem Ende sandte er zwei Dominicaner und zwei Franziscaner an denselben, welche aus Veranstaltung des Kaisers feyerlich empfangen wurden. In einer Audienz bei dem Patriarchen erklärten aber die Ordensbrüder, sie wären nicht gesendet, um vor einer Synode über die fraglichen Puncte förmlich zu disputiren, sondern blos, um mit dem Patriarchen in freundschaftliche Besprechung sich einzulassen. Allein es erfolgten dennoch Disputationen, welche den gewöhnlichen Ausgang solcher Kämpfe hatten: keine Partei konnte die andere überzeugen. Darauf fragte der Kaiser die päpstlichen Boten, unter welchen Bedingungen die Wiedervereinigung statt finden könnte? Als sie ihm dieselben mitgetheilt, reisten sie nach Constantinopel ab. Nach kurzer Zeit wurden sie zur Rückkehr nach Nicäa eingeladen, und die Erörterungen begannen von neuem; man schied aber erbitterter auseinander, als man zusammen gekommen war. Da ließ der Kaiser die Ordensbrüder in seinen Palast kommen und eröffnete ihnen: »Wenn unter Königen über Schlösser oder Landstriche Zwist entsteht, so läßt Jeglicher von seinem Recht Etwas nach, um auf einem Mittelwege zum Frieden zu gelangen. So, scheint es mir, sollte es zwischen eurer und unserer Kirche geschehen. Es bestehen zwei Differenzpuncte: das ungesäuerte Brod und der Ausgang des Heiligen Geistes. Wir wollen die Form eures Sacramentes annehmen, nehmet ihr dagegen unser Glaubensbekenntniß an, hiemit wäre die Trennung gehoben.« Daß die päpstlichen Boten auf dergleichen Vorschläge sich nicht einlassen konnten, wenn sie auch durchblicken[67] liessen, daß in bloßen Formalien der Papst dse Griechen wohl werde gewähren lassen, ist leicht begreiflich. Hatte mich auch Möhlers Symbolik über Manches belehrt, was mir bisher entweder gar nicht, oder nur unvollständig und fragmentarisch bekannt war; hatte sie mir vorzüglich theils die Willkühr, theils den Wankelmtuth in Aufstellung der abweichenden Lehrsätze ins Licht gesetzt, wozu dann noch die längst gemachte Erfahrung hinzukam, daß selbst von diesen wesentlichsten vor so Vielen, die in der protestantischen theologischen Welt als Autoritäten angepriesen werden, alle Anerkennung und Geltung verloren hätten, so stand ich deßwegen noch nicht in der Fassung, als Glied der katholischen Kirche mich erklären zu können oder zu wollen. So fest und entschieden konnte ich über Alles noch nicht mich aussprechen. Gemäß daher meinem Grundsatze, vor allen Dingen müsse der Mensch, was er immer seyn wolle, dieses ganz zu seyn sich bestreben, zog ich es vor, einsweilen lieber noch an der Pforte des Heiligthums zu verweilen, als in dasselbe einzutreten, ohne mich vollkommen heimisch darin zu fühlen. Ich vertraute derjenigen Leitung, welche so mancher äußern und innern Bande allmählig mich befreit hatte. War so Manches um und an mir vorgegangen, ohne daß ich es darauf hätte anlegen können oder wollen; hatte so Manches mir sich dargeboten, ohne daß ich es suchte: so mochte ich wohl erwarten, ich würde auf ähnliche Weise wohl noch zur letzten Erkenntniß geführt werden, Zwar konnte es mir nicht verborgen bleiben, daß der Meinung, welche Einzelne von mir hegten, ein derartiges Zögern nicht vortheilhaft seyn könne. Man hatte sich gefreut, bei mir eine gerechtere Würdigung der kirchlichen Vergangenheit, eine unabhängigere Auffassungsweise des Bestehenden zu finden; man hatte mit Theilnahme wahrgenommen, wie ich deßwegen[68] wollte gedrängt werden; man hatte sodann mich als Verfechter der auf alle Weise angegriffenen Kirche gesehen, und meinte deßhalb, ich müßte Alles, was derselben eigenthümlich ist, mir ebenso vollkommen angeeignet haben, wie derjenige, welchen sie von Jugend an genährt und erzogen hat, Allein der Preis, in der Meinung Anderer allfällig mich zu heben, oder schiefer Beurtheilung zu entgehen, konnte für mich denjenigen, nie anders denn mit der entschiedensten, unbedingtesten, dem Wichtigsten wie dem minder Wichtigen vollkommen beipflichtenden Ueberzeugung als Glied der Kirche mich erklären zu können, nicht aufwägen. Richtig erfaßt, möchte eine Rückkehr in dieselbe durch das, wider der Menschen Erwartung oder Wunsch zwischeneintretende Zögern an Werth nichts verlieren; so wie es leichter ist, sich zu vergegenwärtigen, was nach bloß allgemeiner Auffassung der Verhältnisse ein Anderer thun sollte, als was nach eindringlicher Berücksichtigung und Abwägung derselben ihm zu thun möglich. Ich kann aber nicht sagen, daß ich während jener Zeit des Nachforschens und der Vorbereitung zwischen der katholischen Kirche und dem Protestantismus eigentlich in der Mitte gestanden hätte. Nach den Früchten, die der Letztere mir getragen, und nach den gewonnenen Momenten zu Würdigung seiner hitzigsten Verfechter, und nach der tiefern Erforschung seines Ursprungs so wie seines Zustandes, war derselbe für mich eine abgethane Sache, so wie auch jede Beurtheilung meiner Person, die aus demselben hervor gieng, mir nur höchst gleichgültig seyn konnte. Ich fand nicht die mindeste Anmuthung, an irgend einer seiner öffentlichen Lebensäußerungen mehr Theil zu nehmen, durfte aber hiebei die feste Ueberzeugung hegen, daß dieses, dem Wesen und dem Geist desselben gemäß, im allgemeinen als ein durchaus normalmässiger Zustand betrachtet wurde und, wenn er so bis an mein Lebensende fortgedauert hätte, weder Befremden, noch weniger bei irgend Jemand Mißstimmung würde hervorgerufen haben. Indeß darf ich nebenbei nicht verhehlen, daß zu dieser Zeit noch[69] jene arge Täuschung mich befangen hielt, zu meinen, die feste Ueberzeugung von den Grundwahrheiten der Offenbarung genüge, die äußern Formen wären minder wesentlich. Es ist dieß eine Täuschung, in welche im Gefühle der Dürre und Unzulänglichkeit des Protestantismus viele tiefere und gottesfreudigere Naturen hineingedrängt werden, worin sie aber ganz behaglich und gegen jede Mühe des weitern Herumblickens und Forschens gesichert, hiemit jedes Conflictes im Innern und des oftmals noch schwierigern mit den äussern Verhältnißen überhoben sich fühlen. Mir selbst aber hatte die Fruchtbarkeit und Rothwendigkeit der Heilsmittel in der katholischen Kirche, und welche innere Gewißheit und Festigkeit aus dem Bewußtseyn entspringe, in ein grosses Ganzes nicht bloß mit beifälliger Anerkennung hineinblicken zu können, sondern demselben eingefügt zu seyn, noch nicht hell genug eingeleuchtet. Auch ist es leichter gesagt als ausgeführt, daß der Mensch in solchen Angelegenheiten alle Rücksichten aus den Augen setzen müsse; so wie es auch schwerer ist, die eigenen Vorurtheile zu überwinden, als über die fremden sich hinwegzusetzen. Mag man daher sich am Ende gestehen, das eine Band seye gelöst, so ist deßwegen das andere noch nicht geknüpft. Ich ließ mich bald wieder in den Strudel von allerlei kleinern und grössern Arbeiten hineinreissen, unter welchen eine tiefere Erwägung der Frage, was ich in dieser Beziehung thun sollte, in den Hintergrund gedrängt wurde. Im Jahr 1843 sah ich mich veranlaßt nach Paris zu gehen. Ich hatte dort Freunde, denen ein Besuch angenehm, Personen, welchen Bekanntschaft mit mir erwünscht war, fand freundlichere Aufnahme, als ich je hätte ahnen dürfen. Im Vorüberreisen sollte ich mit dem Hochwürdigsten Bischof[70] von Straßburg mich besprechen, wurde aber von demselben nach Heitern, einem Dorfe in der Nähe von Neubreisach, eingeladen, wo er an dem Sonntage, den ich in Straßburg zuzubringen gedachte, die neugebaute Kirche zu weihen hätte. Ich folgte gerne der Einladung, weil ich dabei Gelegenheit fand, einer Festlichkeit beizuwohnen, die zu den seltenern gehört. Kaum ich am Vorabend derselben, um dem Bischof einen Besuch abzustatten, in den Pfarrhof eingetreten war, wollte der Pfarrer es durchaus nicht zugeben, daß ich in das Wirthshaus zurückkehre; ich würde dort, meinte er, bei der Bewegung, die durch das ganze Dorf des morgigen Tages wegen herrsche, wenig Ruhe finden; er wolle es möglich machen, daß ich ein Unterkommen in seinem Hause finde, denn wer von seinem Bischof geehrt werde, habe dadurch volle Ansprüche auf seine Obsorge. Ich fand in dem Herrn Pfarrer Siffert einen anspruchslosen, gastfreundlichen, frommen, treueifrigen Priester, der sichtbarlich den Tag, an welchem die Weihe eines neuen Tempels in seiner Gemeinde konnte vorgenommen werden, als einen lichten in seinem Leben betrachtete. Der anbrechende Festmorgen wurde durch Glockengeläute Böllerschüsse und Musik begrüßt, und frohe Bewegung ergieng durch das ganze Dorf. Eine geschmückte Bevölkerung war frühzeitig auf den Beinen, um die Triumphbogen, die Blumengewinde, die mancherlei Verzierungen, die zu Verherrlichung der Feyerlichkeit an dem Pfarrhofe, besonders aber an dem Haupteingange der Kirche angebracht waren, in Augenschein zu nehmen. Begünstigt durch die Witterung, langten allmählig Züge von Männern und Frauen, Jünglingen und Mädchen aus den Nachbargemeinden an, und die ganze Umgegend schien bewegt von frohem Jubel über dem Glück, welches der Nachbargemeinde in dem unter so schwerer Anstrengung und grossen Opfern zu Stande gebrachten Bau eines würdigen Gotteshauses zu Theil geworden. Mir trat hierin jene schöne Zeit unter Augen, in welcher die Bewohner einer Stadt, eines Fleckens, eines Dorfes kein bedeutungsvolleres, segensreicheres Ereigniß[71] sich denken konnten, als mitten unter ihren einfachen Wohnstätten ein Haus des Herrn aller Herren sich erheben, die Thore zu der Stätte sich öffnen zu sehen, an welcher die unvergänglichen Schätze, die himmlischen Güter, das Gemeinsame unter aller Verschiedenheit des irdischen Daseyns ihnen geboten werden sollte; sowie auch damals aus weitem Umkreis Alles herbeizog, um sich mitzufreuen, mitzudanken, mitzujubeln. Es trat hiemit vor meinen Blick einer jener Glanzpuncte, die nicht dem Leben, sondern bloß dem christlichen Leben eigenthümlich sind. Aber auch die Kirche selbst in ihrem stattlichen Bau, in ihrer Räumlichkeit, in ihrer würdigen Ausstattung setzte mich in Staunen. Heitern ist ein Dorf von mittlerer Grösse, ganz von Landleuten bewohnt, und doch hatte dieser Bau über 140,000 Franken gekostet, daher nicht nur ansehnliche Beiträge, sondern mehrjähriges Mitwirken durch Hand- und Spanndienste erfordert. Es kehrte lebendig in meine Erinnerung zu rück, wie ich einst die äussersten Mittel hatte anwenden müssen, um die Vorsteher eines Dorfes nur dahin zu bringen, aus dem Kirchenvermögen die eine Hälfte einer Kirche ausweißen zu lassen, nachdem die andere Hälfte schon seit Jahren auf Kosten einer Stiftung hergestellt worden war; wie sodann kurze Zeit vorher in meiner Vaterstadt, die sich eine Zusammenstellung mit dem Dorfe Heitern schönstens verbitten würde, der blosse Bau einer Orgel um eine beinahe zehenfach kleinere Summe, als dort die Kirche gekostet, an Widersprüchen, Rivalitäten, Gleichgültigkeit und kargen Beiträgen scheiterte. Ich lernte von der praktischen Seite einen Glauben kennen, der auch in dem einfachen Landmann Bereitwilligkeit weckt, freiwillige Opfer zur Ehre Gottes, zu Bereitung einer würdigen Stätte für seine Andacht darzubringen; ich konnte mich lebendig in die Stimmung eines solchen Dorfbewohners versetzen, der mit seinen Lebensgefährten einen wohl zu verzeihenden Ruhm darin sucht, selbst oder durch die Vorväter dem Herrn ein Haus errichtet zu haben, welches ihr Stolz seyn, die Nachbarn zu Nacheiferung wecken möge.[72] Zugleich dann sah ich eine zahlreiche Bevölkerung durch sichtbare Beweise der Ehrerbietung Freude darüber an den Tag legen, daß sie ihren Oberhirten, mit ihrem geistigen Heil beschäftigt, in ihrer Mitte mochte weilen sehen. Die Verrichtungen bei der Weihe der neuen Kirche selbst, die Gesänge, die Gebete, die simbolischen Handlungen, der ganze Gang der lange dauernden Feyerlichkeit, bei welcher auch eine kurze, aber ergreifende Predigt durch den hochwürdigsten Bischof nicht fehlte Alles zumal gab mir den Beweis, wie tiefgedacht die Anordnungen der Kirche zu jeder Art Festlichkeit seyen, wie sinnreich wie erhebend und großartig. Auch der Eindruck, den die aus der Nachbarschaft herbeigekommenen Geistlichen auf mich machten, war ein höchst befriedigender, wohlthuender. Sie erschienen insgesammt ihrem Stande gemäß gekleidet, und auch nicht bei Einem hätte Jemand in Zweifel stehen mögen, ob er einen katholischen Priester, oder aber einen Steuereinnehmer oder einen Bezirksarzt vor sich sehe. Ihr Benehmen hatte ebensowenig den Anstrich von burschikoser Nachlässigkeit, als von jener rückengelenkigen Geschmeidigkeit, welche den priesterlichen Charakter oft noch mehr verunziert, als jene. Geschaart um ihren Bischof, gewährten sie das schöne Bild eines solchen Verhältnisses, wie es überall bestehen sollte; nichts Drückendes, Gebieterisches, sondern freundliches, liebreiches Entgegenkommen von Seite des Oberhirten gegen seine Gehülfen, nichts Scheues, Zurückhaltendes, wohl aber freye Bewegung, geregelt durch Ehrerbietung von Seite dieser. Nirgends so anschaulich, wie in der gegenseitigen Stellung eines Bischofs zu seiner Geistlichkeit sollte jener Gehorsam in Freiheit sich abschatten, welchen ich als das Element der Erlösung und als bewegende Kraft der Kirche erkenne. Wird das Bewußtseyn, denselben fordern zu dürfen und zu müssen, erleuchtet durch einen Strahl eben jener Liebe, die in dem gemeinsamen Herrn mit dem Gehorsam sich einigt, und hält die Anerkennung von Mitarbeitern derjenigen von Untergebenen das Gleichgewicht, dann werden auch bei diesen[73] Gehorsam und Freiheit so sich durchdringen, daß, was in Gehorsam geschieht, die wahre Freiheit zur Mutter, und die Freiheit den Gehorsam zum treuen und fürsorglichen Begleiter hat. ?????? Raschen Fluges durcheilte ich mit der Mallepost die, ohnedem wenig Merkwürdiges darbietende Strecke von Straßburg nach Paris, wo ich bald mit manchen ausgezeichneten und wohlgesinnten Männer in nähere Berührung kam. Ich hatte zu Wien vor vier Jahren ebenfalls in einer katholischen Stadt mich befunden; die kirchlichen Denkmale daselbst hatten meine Aufmerksamkeit nicht minder auf sich gezogen wie in Paris; besondern kirchlichen Feyerlichkeiten hatte ich dort beigewohnt, wie hier; die religiösen Zustände und die Erscheinungen des religiösen Lebens waren, wo Gelegenheit sich darbot, damals Gegenstand meiner Unterhaltung, wie jetzt; und doch trat bei diesem Allem zwischen damals und jetzt ein bedeutender Unterschied hervor. Es läßt sich nicht läugnen, Paris besitzt an kirchlichen Denkmalen einen größern Reichthum und eine größere Mannigfaltigkeit, als Wien; es ist wahr, während meines Aufenthaltes in der französischen Hauptstadt trafen ansehnlichere Feste ein, als während des Aufenthaltes in der Hauptstadt der österreichischen Monarchie; auch bin ich dort mit mehr Personen in Berührung gekommen, mit welchen jene Gegenstände unter mancherlei Gesichtsonneten sich erörtern ließen, als früher in Wien. Dieses zugegeben, war ich mir jetzt doch eines mächtigern Zuges zu jenem Allem, einer lebendigern Theilnahme, eines gesteigerten Interesses dafür bewußt. Die Hauptverschiedenheit bestund nicht in demt, was meine Aufmerksamkeit fesselte, sondern in der größern, unmittelbarern Anziehungskraft, die jetzt dieses Alles auf mich übte. Vier Jahre früher war die katholische Kirche für mich eine großartige Erscheinung, die meinen Blick auf sich zog, an der ich manche Vorzüge wahrnahm, die ich gern anerkannte, welche[74] ich, ohne einer Lüge gegen mich selbst mich schuldig zu machen, in Zweifel zu ziehen, oder geradezu wegzuläugnen mir niemals hätte erlauben können. Vier Jahre später hatte sie eine ganz andere Bedeutung für mich erhalten; die bloß objective Anschauung war durch mancherlei gemachte Erfahrungen und gewonnene Aufschlüsse bereits in eine subjective Wahlverwandtschaft übergegangen. Ich möchte sagen, in jener frühern Zeit seye mir die Kirche erschienen als eine mit mancherlei Vorzügen begabte, hochgestellte Frau, der ich wohl Achtung erwies, wo sie mir begegnen mochte, auch mehr als eine gute Eigenschaft nachzurühmen wußte, in ihrer Gesellschaft keineswegs mich unbehaglich befand; dann aber aus ihrer Nähe ebensogerne wieder in das eigene Haus und in den hier befindlichen Kreis zurückkehrte. Jetzt war sie mir schon mehr geworden; ich fand mich mächtiger hingezogen zu ihr, befreundeter mit ihr; wenn ich sie auch meine Gebieterin und Beschützerin noch nicht nennen konnte, so ahnete ich doch, daß sie demjenigen, der seine Huldigungen ihr darbringe und unter ihren Schutz sich begebe, durch mancherlei Gnaden vergelte. Zum Erstenmal in meinem Leben befand ich mich daher in der Hauptstadt Frankreichs in einer katholischen Stadt mit ganz anderm Gefühl, als zuvor in Wien oder in München, mit demjenigen nemlich, daß unter dem vielen Bedeutungsvollen, was dieselbe meiner Wahrnehmung und Forschung darbieten könne, das katholische Leben, welches mitten unter den schroffsten Gegensätzen in ihr mannigfaltig hervortrete, neben mancherlei anderem Bedeutsamem und Anziehendem nicht das Unwichtigste seye. Das, was von den meisten Reisenden in der Regel am wenigsten beachtet wird, weil sie dazu zu vornehm, oder zu abgestumpft, oder über dergleichen Nebensachen, die ihrem Wahn nach in der jetzigen Welt keinen Curs mehr haben, oder doch nicht mehr haben sollten, langst hinweggekommen sind: dasjenige, was die Gestaltungen des religiösen Lebens betrifft, ist mir am hellesten in der Erinnerung geblieben. Ich hätte weniger[75] als hundert Andere zu berichten gewußt über Götter, Cultus und Kirche der heutigen Sinnenwelt ? das Theater; über den Pulsschlag der jetzigen Gesellschaft gewöhnlicher Färbung ? die materiellen Unternehmungen und deren Gang; über gastronomische Erscheinungen, Genüsse und Herrlichkeiten; über so mancherlei Siebensachen, worauf immerhin im Vorübergehen der Blick geworfen wurde; am wenigsten über die politischen Parteyen und ihre Fahnenträger in und außer der Kammer; über das, was beabsichtigt und nicht beabsichtigt werde, was kommen dürfte und gewöhnlich anders kommt. Mächtiger dagegen nahm jenes sonst Unbeachtete mich in Anspruch, blieb nicht ohne bestimmenden, festigenden Einfluß auf mich. Der erste Eindruck zwar ließ mich von so Manchem, was ich nachmals fand, das Gegentheil erwarten; stimmte mich eher unendlich tief herab, als daß er mich hätte erheben können; rief ein Bild hervor, welches ich glücklicher Weise bald nachher an ein günstigeres und zusagenderes vertauschen konnte. Ich erwachte nemlich in diesem»Herzen und Gehirne der Welt,« wie Louis Blanc in seinen zehn Revolutionsjahren Paris nennt, zum Erstenmale am Morgen des Himmelfahrtsfestes, und begann alsbald die Wanderung durch einige Straßen. Hätten nicht Kalender und eigene Erinnerung es mir gesagt, daß heute die Christenheit eines ihrer größten Feste feyere, hier wahrlich hätte mich nichts daran gemahnt. Durch die Straßen wogte nicht eine festlich geschmückte, sondern zu gewohntem Betrieb und Verkehr hin- und her rennende Bevölkerung; die Ausrufer schrieen ihren gewohnten Text; alle Kaufladen waren geöffnet; das Scheuern vor den Häusern, das Reinigen der Glasfenster vor den Gewölben gieng seinen Gang, wie an jedem andern Tage. Ich kam an die Tuilerien; hier sah ich mehrere Arbeiter beschäftigt, von den eisernen Stäben des Gitters, welches neu bemahlt werden sollte, den Rost abzukratzen. Es war eben etwas mehr als ein Jahr vergangen, seit der Erzbischof von Paris an der Spitze seiner Geistlichkeit zu dem König gesprochen hatte: »Wir setzen unsere Hoffnung[76] auf die Zusicherungen von Eifer für die Religion und den festen Willen, sie beschirmen zu wollen, welche Ew. Maj. uns mehr als Einmal gegeben hat. Vertrauend diesem Königswort, hoffen wir, daß in nicht ferner Zukunft es der Regierung möglich seyn werde, die öffentlichen Arbeiten an den Gott geweiheten Tagen aufhören zu machen, und daß unter Einwirkung des mächtigen Beispiels alle Franzosen diese heiligen Tage ehren werden.« Es war eben etwas mehr als ein Jahr vergangen, seit der König hierauf geantwortet: »Man muß auf die schweren Zeiten Rücksicht nehmen, in denen wir leben. Man muß keinen Bau beginnen, den man nicht vollenden könnte. Ich weiß, daß die Religion aller Kraft der Gesetze bedarf, um den Angriffen derjenigen zu entgehen, die sie unglücklicher Weise aufgegeben haben. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich vor meinem Tod Alles noch ins Werk setzen könnte, was ich zu deren Besten ausgedacht habe.« Wie stimmte dieses Beispiel festtäglicher Arbeit an dem Königsschloß mitten unter der, für das Land den Ton angebenden Bevölkerung zu jenen obligaten Phrasen des Monarchen? Hat zwar der alte Spruch: Regis ad instar totus componitur orbis, viel, und hier in Paris besonders viel von seiner Geltung verloren, so ist dieß weniger der Fall in demjenigen, was der eigenen leichtfertigen Gesinnung, der eigenen üblen Gewohnheit zusagt, als in dem, was denselben widerspricht. Hätte es nicht dem König obgelegen, sofern für den Augenblick die Umstände Gesetz und Vorschrift für Alle zu erlassen noch nicht gestatteten, doch den Beweis zu geben, daß er dieselben wenigstens für den Umkreis seiner persönlichen Verhältnisse zu erlassen wisse, und daß jene Worte Besseres gewesen seyen, als momentane Schönrednerei, an das Gewand desjenigen gerichtet, dem sie als Entgegnung gegolten? Müssen nicht solche Beispiele mehr als Alles dazu dienen, die aus der Religionsverachtung der Encyklopädisten erzeugte und durch den Religionshaß[77] der Revolution in die Gesellschaft eingeführte Nichtachtung der, den höhern Pflichten und Bedürfnissen gewibmeten Tage als ganz in der Ordnung zu betrachten? Die Gazette de France ermangelte hernach nicht, diese zu so unpassender Zeit, an so unpassendem Orte begonnene Restauration mit entschiedener Mißbilligung hervorzuheben, zumal dabei nicht, wie bei den Befestigungsarbeiten, ein Drängen der Zeit habe können vorgeschützt werden. Sie bezeichnete diesen Vorgang geradezu als ein schlechtes Beispiel von Seite der Aufseher über die öffentlichen Arbeiten. Hatte sie Unrecht? Nachdem ich dieses gesehen, verwunderte ich mich um so weniger über die Emsigkeit, mit welcher an den Kai's stromabwärts das Ausladen und das Fortschaffen des Brennholzes auf Karren betrieben wurde. Längs des Ufers bis zur Invalidenbrücke hinabwandernd, wendete ich mich hier, um zur Kathedralkirche hinaufzusteigen. Ueberall, bis in die allernächste Umgebung derselben, die gleiche Wahrnehmung. Eben war die Zeit des Hochamts gekommen. Ich trat hinein in »das Kleinod und den Augapfel der Bischöfe von Paris,« wie ein alter Schriftsteller dieselbe bezeichnet, und war nach allem bisher Beobachteten nicht besonders erstaunt, den großen Raum nur sparsam besucht zu sehen. In Folge des an dem Himmelfahrtsfeste Wahrgenommenen stellte sich mir im ersten Augenblicke Paris unter dem Gesichtspunct des kirchlichen Lebens von einer recht düstern Schattenseite dar; daß es sich bald von einer desto heiterern Lichtseite zeigen würde, konnte ich noch nicht ahnen. An dem Gang meines Lebens ist mir, wie ich es oftmals, nachdem wieder eine Strecke zurückgelegt war, unzweifelhaft genug erkennen mochte, und wie ich es auch nachzuweisen versucht habe, die Dazwischenkunft einer unsichtbaren Hand recht augenfällig klar geworden. Mehr als einmal hat dieselbe mich[78] erfaßt, um ohne, ja nicht selten, gegen meinen Willen, auf einen Standpunct mich zu führen, in Verhältnisse mich zu bringen, über deren Zweck erst spätere Zeit mir die Augen öffnen konnte. Ich glaube fast, daß diese Hand weit häufiger, als in der Regel erkannt wird, in den Gang der Menschen eingreift, denselben lenken will. Aber sie wird eben so häufig nicht wahrgenommen; dieß deßwegen, weil erst der Blick, dann die Ueberlegung den gegebenen Wink nicht wahrnehmten mag; weil beide durch die nahestehende Erscheinung sich fesseln lassen; weil es dem Menschen nicht beifällt, diese mit dem rückwärts Liegenden, bald darauf mit dem Folgenden in einen innern Zusammenhang zu bringen. Jene Hand nun ergriff mich gleich am zweiten Tage meines Aufenthaltes in Paris auf unverkennbare Weise, und führte mich an ein Ziel, welches ich unmöglich im Auge haben konnte, weil es mir durchaus unbekannt war. Ich saß Abends in einem Hotel in der Straße Richelieu mit einem Dänen und besprach mich mit ihm über die Localität der großen Oper. Aus seiner Beschreibung des Gebäudes glaubte ich entnehmen zu können, ich wäre des Vormittags bei abgestatteten Besuchen an demselben vorübergefahren. So kannte ich wenigstens die Richtung, in welcher das Opernhaus lag; und da ich nicht wußte, wie den Abend zubringen, schien miir das Räthlichste, in dieses zu gehen. Ich wanderte daher von meiner Wohnung die Strasse Richelieu hinauf, dem Boulevard der Italiener zu, und fragte an dem Kaffehaus, welches den Namen des Cardinals trägt, einen jungen Mann um den weitern Weg. Er bezeichnete mir die zweite Straße an der entgegengesetzten Seite des Boulevards, diese werde mich sicher und bald an das gewünschte Ziel führen. In der Stellung, in welcher er mir die Auskunft ertheilte, achtete er nicht darauf, und ich natürlich um so weniger, daß die Rue Grange, als Fortsetzung der Rue Richelieu, über den Boulevard hinaus unmittelbar hinter unserm Rücken sich öffne; daher konnte es meinem freundlichen Wegweiser nicht zu Sinne kommen, mich hier[79] auf aufmerksam zu machen. Ich bog also, statt in die zweite, in die dritte Straße zu meiner Rechten ein, und stand bald vor einem Gebäude mit einer kleinen Säulenhalle, Es war eben dasjenige, welches ich am Morgen bemerkt hatte, und welches mit der Beschreibung des Dänen vollkommen zusammenzutreffen schien, so daß ich gar nicht zweifelte, vor dem Opernhause zu stehen. Obwohl es mir auffiel, keine angezündeten Laternen, keine Wache, kein Menschengedränge (nur sehr wenige Personen befanden sich auf der Straße) zu erblicken, wie ich dieß Alles am vorigen Tage bei einem andern Schauspielhause wahrgenommen hatte, konnte ich doch nicht von ferne ahnen, daß ich vor einem ganz andern Gebäude, als vor dem Opernhause, stehen dürfte. Ich vermuthete, da ich nicht vorher den Theaterzeddel zu Rathe gezogen, zu früh mich eingefunden zu haben. Indeß, da ich doch einige Personen hineintreten sah, folgte ich diesen durch die erste Thüre, in Erwartung, hier die Casse zu finden. Allein sie zeigte sich nicht. Ich folgte durch eine zweite Thüre und fand mich in einem ziemlich großen Saal voll geordneter Sessel, im Hintergrunde, wie es mir schien, durch einen blauen Vorhang geschlossen; aber keine Logen, Niemand zu sehen, der nach dem Eintrittsgeld fragte; das befremdete mich von neuem, und noch mehr setzte mich der schmale, unverhältnißmässig lange Raum in Verwunderung, der in auffallend beengter Gestalt höchstens einige hundert Personen fassen konnte. Da jedoch zur Linken ein weit größerer Raum, von diesem abgesperrt, sich öffnete, kehrte ich zu dem Eingang in jenen zurück, und war wie aus den Wolken gefallen, statt, wie ich immer noch glaubte, in dem Opernhause, in einer großen, nach Basilikenart gebauten Kirche mich zu finden. Ich gieng wieder hinaus, um das Gebäude besser zu besehen, und las nun über den Säulen die Innschrift: Beatæ Mariæ Virgini Lauretanæ. Nun gedachte ich, bei dem ersten Begegnenden auf's neue nach dem Opernhause mich zu erkundigen, zuvor aber im Vorbeigehen das Innere dieser Kirche wenigstens zu[80] überblicken; daher ich neuerdings hineintrat, dießmal stracks dem Mittelschiffe zu. Indeß hatte sich am innern Eingang der sogenannte Schweizer in seiner Livree und mit seinem großen Stock aufgestellt. Sobald ich nun meine Schau antreten wollte, fragte er: ob ich des Officiums wegen, oder bloß um die Kirche anzusehen, hineingekommen wäre? Letzteres seye zu dieser Stunde nicht gestattet. Diese Frage überraschte mich noch mehr. Neuling, wie ich war, entgegnete ich: ob denn so spät am Abend noch ein Officium statt finde, und welches? Ich konnte mir höchstens einen Trauergottesdienst denken. Da erhielt ich den Bescheid: wir befänden uns ja in dem Marienmonat (May), in welchem alle Abende in sämmtlichen Kirchen von Paris eine Andacht zur seligsten Jungfrau gefeyert werde, in einer halben Stunde werde dieselbe beginnen. Daß diese Eröffnung mir etwas ganz Befremdliches war, wird Jedermann begreiflich finden. Aber, da sie nun einmal gemacht worden, lag der Gedanke nahe: dein Fleisch und Blut haben dich nach der Oper führen wollen; eine andere Gewalt hat dich ergriffen, und zur Stunde, da ohne Zweifel viele tausend Herzen zu der gnadenreichen Fürbitterin sich erheben werden, gegen deinen Willen in dieses Haus dich geleitet. Welchem Zug sollst du nun Folge leisten? Der Entscheid durfte nicht zweifelhaft seyn. Ich blieb also, wo ich war, und hatte einsweilen noch Musse, die reich ausgestatteten Seitenschiffe und die prachtvolle Decke mit ihren Cassetten und so fleissig gearbeiteten, als schön gezierten Füllungen zu besehen. Nach halb acht wurden Kirche und Hochaltar erleuchtet, wobei das Gemälde in dem Halbrund über dem letztern, Mariens Krönung auf Goldgrund, glänzend hervortrat. Allgemach füllte sich der Raum, nicht mit Personen der untern Stände, selbst wenigen der mittlern, sondern fast ausschließlich mit wohlgekleideten Herren und Frauen (Am letzten Maitag fand ich die Kirche so gedrängt voll, daß wohl weit mehr als 3000 Personen, die sie sonst bequem fassen kann, mögen versammelt[81] gewesen seyn.). Um drei Viertel auf acht bestieg ein Geistlicher die Kanzel und begann den Gottesdienst mit dem englischen Gruß und der lauretanischen Litanei, unter Beantwortung durch die Versammlung. Nach dessen Beendigung stimmten die trefflich eingeübten Chorknaben einen Choral an mit Orgelbegleitung. Diesem folgte ein wunderschöner Figuralgesang mit so klangvollen, metallhaltigen, umfangreichen, biegsamen Stimmen, daß sie auf jedem Theater unfehlbar würden beklatscht worden seyn. Nachdem der Gesang eine Weile gedauert, wendete sich die Versammlung und hörte eine gehaltvolle, in ruhigem Tone vorgetragene Predigt an, deren Thema war: Maria, das von Gott ausersehene Gefäß des heiligen Geistes; wobei der Prediger in fortlaufender praktischer Anwendung seine Zuhörer an die Verpflichtung eines jeden Christen gemahnte, den heil. Geist, welcher Allen verheissen worden, in sich aufzunehmen und in sich wirken zu lassen. Nach der Predigt hob der Gesang (zum Theil Stücke aus dem hohen Lied) wieder an, Choral und Segen schlossen die in jeder Beziehung erhebende Andacht, die ganze zwei Stunden gedauert hatte. Die ersten Abende, die man in einer fremden Stadt zuzubringen hat, bevor Bekanntschaften angeknüpft worden sind, nähere Beziehungen sich herausgebildet haben, werden immer etwas lästig, zumal wenn wenig Neigung vorhanden ist, seine Zeit im Theater und noch weniger, sie in Kassehäusern zuzubringen. Die gemachte Erfahrung entriß mich nun der Verlegenheit, wozu ich die Abendstunden verwenden sollte. Schon des folgenden Tages begab ich mich wieder in die gleiche Kirche. Gleiche Menge der anwesenden Personen, gleiche hinreissende und erhebende Feyer. Dießmal vermißte ich aber den ansprechenden Vortrag des gestrigen Tages; der heutige war eintönig, eine unausgesetzte Wiederholung derselben einschläfernden Cadenzen. Desto mehr sprach der Innhalt der Predigt mich an. Der Geistliche hob besonders hervor, wie alles Talent, alles Genie, alle höhern Geistesanlagen ihre Vollendung und[82] ihre segensreiche Verwendung nur im Dienste der Kirche gewönnen; wie Wissenschaft, Kunst und alle Zierden oder Güter des Lebens, auf die wir so Grosses hielten, deren wir uns so gütlich thäten, die wir oftmals selbst wider die Kirche und ihren Herrn verwendeten, zuerst doch von ihr ausgegangen, durch sie gepflegt und beschirmt wor den wären, und wie dieselben, wollten wir nur die segnende Obhut der Kirche anerkennen, noch immer bei ihr Pflege, Förderung und Schirmt finden könnten. Nur von demjenigen, dessen Name in das Buch des Lebens eingetragen seye, dürfe man in Wahrheit sagen, er habe gelebt. Ob der Thaten, des Wirkens, der Bestrebungen von Hunderten und Hunderten noch so viele Bücher, ob ihres Preises noch so Mancher Mund voll wäre, sie seyen dennoch hinabgestiegen in die Gruft, ohne ein wahres Leben gelebt zu haben; indeß das Kind, welches in frommem Gebet Gott und der seligsten Jungfrau seine Tage anempfehle, das ächte und volle Leben in sich trage; in dessen Buch geschrieben zu seyn, ein gültigeres und sichernderes Zeugniß gewähre, als alles Lob, womit die menschlichen Bücher von uns sprächen. Christus und seine Kirche über Alles, für Alles, zu Allem und in Allem ? das hätte man füglich das reiche Thema dieser Predigt nennen können. Ungeachtet der folgende Tag Sonntag war, fand ich die noch grössere Magdalenenkirche zu dieser abendlichen Feyer nicht weniger angefüllt, die Personen ohngefähr von der gleichen Kategorie, wie in jener; denn beide Kirchen liegen in Stadttheilen, welche fast ausschließlich von Leuten der Gesellschaft und von Begüterten bewohnt werden. So schön auch hier die Feier war, so konnte der Gesang doch nicht so ausgesucht genannt werden, wie in der Kirche Unser Lieben Frauen von Loretto. Die Predigt hatte die Empfehlung des Rosenkranzes zum Gegenstand. Anfangs wollten mir weder Ton und Modulation der Sprache, noch der Innhalt des Vortrages gefallen; ja bei der Schilderung des Mittelalters und seiner Unwissenheit, und wie der heil. Dominicus einzig mit seinem Rosenkranz an den[83] Aegern und Ungläubigen ungleich mehr ausgerichtet habe, als die wider sie gesendeten Heere, konnte ich ein leises Lächeln nicht überwinden. Allmählig aber wurde die Stimme des Predigers runder, geschmeidiger, das Vorgetragene praktischer, und es hätte mancher deutschkirchlicher Eiferer und freimüthiger Blättler gegen den Rosenkranz demselben Momente entnehmen können, an die ihm vielleicht in seinem Beseitigungsdrang niemals der Sinn gekommen. Der Redner übersah nicht, daß der Rosenkranz wohl manchmal mechanisch dahergesagt werde, berührte aber, wie, wenn auch nur eines der drei Geheimnisse desselben den Geist anrege, wenn bei den Worten des Vater Unsers oder des englischen Grusses die erforderliche Sammlung auch nur vorübergehend eintrete, solches ohne gesegnete Wirkung niemals bleiben könne. ? Ich habe im folgenden Jahr zu Rom am Schlusse der Marienandacht den berühmten Pater Ventura nach einer ausgezeichneten Predigt über die allerheiligste Dreyeinigkeit den nämlichen Gegen stand zwar mit kurzem Wort, aber in gleichem Sinne berühren gehört; vornehmlich hervorhebend, wie der Rosenkranz eigentlich aus himmlischen Worten und Lehren: dem Gruß des Himmelsboten an Maria, dem Gebet, welches von dem Herrn uns hinterlassen worden, und dem kurzgefaßten Inbegriff aller von Oben geoffenbarten Glaubenswahrheiten zusammengesetzt seye, darum nothwendig den Menschen emporheben müsse aus dem Reich des Vergänglichen in dasjenige seligmachender Wahrheit. In St. Germain l'Auxerrois war Montags darauf die Feyer einfacher, obwohl in ihren Bestandtheilen dieselbe, wie in den andern Kirchen. Die Versammlung schien hier beinahe ausschließlich aus Bürgersfrauen zu bestehen, Männer dagegen wohnten verhältnißmässig weit weniger bei, als in den vorhin genannten Gotteshäusern. Die religiöse Erneuerung scheint zu dem männlichen Theil des Gewerbsstandes noch nicht hinabgedrungen zu seyn, eine Erscheinung, die sich aber nicht auf Paris allein beschränkt. Die am Altar angestimmten Gesänge wurden von einem grossen Theil der Anwesenden begleitet,[84] denn sie waren einfacher, als in den beiden andern Kirchen. Die Predigt bestand in einer sehr faßlichen und zweckmässigen Homilie über das Magnificat. Diese Andachten zu der heiligen Jungfrau, in Deutschland erst neulich in München und, wie ich dessen selbst mich überzeugt habe, unter erhebendem Zusammenfluß aller Stände und Alter wieder hergestellt, sind in den Kirchen von Paris seit nicht allzulanger Zeit erneuert worden, erfreuen sich aber jetzt schon einer ausgezeichneten Theilnahme und zwar (das konnte ich wahrnehmen, wo und so oft ich mich zu denselben einfand) einer recht andächtigen Theilnahme. Um die Schlüsse, welche man auf dergleichen, eben nicht für Jedermann erfreuliche Erscheinungen bauen möchte, mit leichter Mühe zu entkräften, wird gewöhnlich eingewendet: Manche fänden sich dabei bloß aus Gewohnheit, Andere nur deßwegen ein, weil es eben Mode seye. Ich will nicht allein auf den Satz: de internis non Judicat praetor, verzichten, sondern selbst jene Einwendung zugeben; dennoch behaupte ich, daß in diesem Allem eine Rückkehr zu bessern Gesinnungen sich offenbart. Sie liegt schon darin, daß die Mode etwas Derartiges nur aufzubringen im Stande ist, daß sie diese Richtung genommen hat, und daß sie in derselben eine solche Gewalt gewinnen konnte. Stellen wir aber nicht alle Wirksamkeit der gottesdienstlichen Feierlichkeiten, der Verkündung höherer Wahrheiten gänzlich in Abrede, so läßt sich mit Recht annehmen, daß unter Hunderten, welche nach jener Voraussetzung ohne innern Zug in den Kirchen sich einfinden, doch etwa in Einem, und unter den vielen Malen, an denen er sich einfindet, etwa Einmal ein Gedanke des Höhern angeregt, seine Aufmerksamkeit gefesselt, sein Nachdenken, mindestens seine Gefühle geweckt werden, ein erleuchtendes, mahnendes, leitendes Wort ihn ergreife, in sich selbst ihn hineinführe, ihn, was er sonst aus wenig bedachter Gewohnheit und aus blosser Nachahmung gethan, in innerem Verlangen zu thun allmählig bestimme. Muß dieses zugegeben werden, so hat man damit wenigstens eingeräumt, daß auch die blosse Gewohnheit[85] oder die Gewalt der Mode zum Mittel werden könne, welches am Ende ohne gesegnete und vielleicht nachhaltige Wirkung nicht bleiben, welches jedenfalls bei gleichgültigem oder verächtlichem Vorübergehen eine Wirksamkeit nie hätten äussern können. Wie sehr daher jene Einwendung in den Schein der platten Verständigkeit und der übernüchternen Beurtheilung sich hülle, etwelcher Anstrich des schwer zu verbeissenden Ingrimms über eine solche nimmermehr erwartete Wendung der Dinge bricht durch diese Hülle dennoch hervor.- Als Clodwig, der Stimme des heiligen Remigius folgend, zu verbrennen beschloß, was er bisher verehrt, und zu verehren, was er bisher verbrannt hatte, als er das siegesstolze Haupt demüthig unter die Segen und Gnaden spendende Hand des taufenden Bischofs beugte, mag wohl Mancher seines Heergefolges mehr durch des Fürsten Beispiel, als durch innere Ueberzeugung bewältigt worden seyn, ein Gleiches zu thun. Und doch ist aus seinen im Christenthum wenig unterrichteten Kriegsgefährten jener glaubenstreue Adel hervorgegangen, welcher freudiger nie das Heldenschwert zog, als wenn im Kampfe mit den Saracenen die eine oder die andere Siegespalme winkte. Ebenso sind die Nachkommen Mancher, welche nur durch Gewalt von der alten Kirche konnten losgerissen und nur durch Zwang und Furcht in eine neue hineingetrieben werden, nachmals als bewußte, entschiedene Gegner der erstern aufgetreten; denn vertrocknet waren die Thränen, verklungen die Seufzer der Vorfahren; die nimmer in Zweifel gestellte Ansicht, die herrschend gewordene Formt des Lebens hatte unvertilgbar ihr Gepräge ihnen aufgedrückt. Alles bedarf eines Anfangs, ob auch derselbe minder vollkommen, selbst tadelnswerth seye: über seiner Entwicklung kann dieses absterben, jenes eine durchdringende und gestaltende Macht gewinnen. So möchte ich durch jene, wohlfeilen Kaufs erworbenen Bemerkungen das Erfreuliche, was ich bei dieser, wie bei andern kirchlichen Veranlassungen wahrnehmen konnte, mir nicht verkümmern lassen. Die Andachten während des Marienmonats sind aber nicht[86] die einzigen, welche des Abends gehalten werden. Je zuweilen finden in dieser oder jener Kirche dergleichen statt; so z.B. in der Kirche des petits peres, oder Unser lieben Frauen vom Sieg alle ersten Sonntage des Monats diejenige der Erzbruderschaft vom Rosenkranz. Auch einer solchen wohnte ich bei. Die Kirche (ohnedem keine der größten) war zum Erdrücken von Menschen angefüllt. Vorerst kündigte ein Priester den Versammelten an, wer der Fürbitte der Erzbruderschaft sich empfehle, oder für wen sie dieselbe einzulegen sich verpflichtet fühlen müsse. Unter den Erstern wurden große Zahlen von kürzlich Verstorbenen, von Kranken, von Wöchnerinnen, von Brautleuten, von Kindern, von Seminarien und Erziehungsanstalten, auch 52 Juden und etwas mehr als 400 Protestanten genannt; unter den Andern wurden namentlich erwähnt: die gedrückte Kirche in Spanien, die hart verfolgte Kirche in Rußland, die leidende Kirche in Würtemberg und besonders die schwer bedrängten Klöster und Katholiken in der Schweiz. Neben Rosenkranz und Gesängen war auch mit dieser Andacht eine Predigt verbunden, der ich aber bei der Entfernung von der Kanzel nicht genau folgen konnte; nur so viel vernahm ich, daß sie von Pflicht und Wirkung der Fürbitte der Gläubigen für einander handelte. Eines Samstags Nachmittags wollte ich in dieser Kirche den Abbé Ratisbonne aufsuchen, fand aber die vielen Beichtstühle derselben nicht nur alle besetzt, sondern zum Theil von den Blicken der Anwesenden, um ebenfalls Eingang zu finden, so zu sagen belagert, so daß ich mir eigentlich ein Bedenken gemacht hätte, Hrn. Ratisbonne's Thätigkeit in diesem Augenblick zu unterbrechen. Und doch war dieser Samstag nicht der Vorabend eines Festes, sondern eines gewöhnlichen Sonntages. Ich wurde nachher versichert, daß ich es so an jedem andern Samstage finden würde. Dieses, bei dem ersten Anblick auffallende Zusammendrängen so vieler Personen erklärt sich aber leicht, wenn man weiß, daß Manche zu dem ehevorigen[87] Gebrauch zurückgekehrt sind, monatlich das heilige Abendmahl zu empfangen und zuvor ihre Beichte abzulegen. Die Bauart der meisten Kirchen von Paris ist so, daß von den Seitenschiffen hinter dem Hochaltar herum ein Kreis von Capellen sich zieht. Unter diesen ist immer eine der größten, wenigstens der sorgfältigst ausgestatteten, der heiligen Jungfrau geweiht. Selten, zu welcher Tageszeit man in die Kirche trete, wird man diese Capelle ganz verlassen finden. Wie manche Frau aller Stände, jedes Alters, (doch auch Männer fehlten nicht immer) sah ich da, innbrünstig betend vor dem Bilde der Gnadenmutter. Die Andacht zu ihr scheint sehr verbreitet zu seyn, und oft gedachte ich bei dem Anblick der Betenden an das Wort, welches einst eine der Ersten unter allen Fürstinnen zu mir sagte: »Sie könne es nicht begreifen, wenn nicht jede Mutter ihre Kinder täglich dem gnadenreichen Schutz der heiligen Jungfrau anempfehle!« Reine, innige, ganz sich hingebende Andacht, habe ich bei dem Gottesdienst wahrzunehmen vielfach Gelegenheit gehabt, und das in allen Kirchen, unter allen Ständen, bei allen Lebensaltern. Das entschiedene Gegentheil, was hie und da in den Städten einen so unerquicklichen, deprimirenden Eindruck macht, zeigte sich in Paris ungleich seltener. Mehr als einmal sah ich bei Processionen, wenn das Sanctissimum sich nahte, zierlich gekleidete Frauen ihren Kniesessel wegrücken und, auf den Boden sich werfend, in der demüthigsten Stellung das Vorübertragen desselben abwarten, herbei sich drängen, um ehrfurchtsvoll den Fuß der Monstranz küssen zu können. Ein Gebrauch, den man in den Kirchen Deutschlands und Italiens nicht kennt, hat sich als Rest des Alterthums in allen Kirchen Frankreichs erhalten: ein Ueberbleibsel der alten Oblationen, deren evangelischer Grund in der Stelle Matth. V, 23[88] gefunden wird1. Vor dem Offertorium nämlich tragen zwei, in weisse Chorhemden gekleidete Knaben, unter Vortragung einer Kerze und unter Voranschreiten des Schweizers, der ihnen Bahn macht, auf einer Bahre, auf weissen Tüchern (candidis fanonibus der Alten) liegend, einige Brodringe, die von brennenden Wachskerzen umgeben sind, nach dem Hochaltar. Dort wird das Brod (panis terrestris, zum Unterschied von dem panis coelestis, zum Behuf der Messe) gesegnet, hierauf nach der Sacristei getragen, um in kleine Würfel zerschnitten zu werden. Die Küster fassen es dann in zierliche Körbe, und bieten es durch die Reihen der Anwesenden dar, von denen Jeder ein solches Würfelchen nimmt, das Kreuzeszeichen macht und es in den Mund steckt. Sobald das Brod im heiligen Abendmal nichts als ein Erinnerungszeichen an Christus, daneben zugleich eine Mahnung an brüderliche Gemeinschaft durch ihn und in ihm seyn soll, so möchte dieser sonntägliche Gebrauch jener Vorstellung vollkommen entsprechen, und dieß schon eine Communion nach calvinischem Sinne mit allem Recht können genannt werden. ? Auch darin läßt sich die enge Verwandtschaft mit den alten Oblationen erkennen, daß nicht die Kirche es ist, welche jenes Brod liefert, sondern die Pfarrgenossen, die sich wahrscheinlich darüber unter einander verstehen, damit es niemals daran fehlen kann. Nicht lange nach dem Mißverständniß, welches mich statt in das Opernhaus in die Kirche geführt hatte, machte Graf von Ho rrer jene Bemerkung, mit der ich die Vorrede zu diesen Lebenserinnerungen eröffnete. Ich konnte nicht viel darauf erwiedern; aber ich gestehe, daß sie wie ein elektrischer Funke in mich einschlug. Der Gedanke an jenen Abend trat dabei allzulebendig vor mich; manches früher und vorzüglich in der letzten Zeit Erlebte mit seinen besondern, anscheinend unwichtigen[89] und für mich dennoch so bedeutungsvollen Nebenumständen (vor Allen der Geburtstag!) tauchte wieder auf; selbst die Beweggründe, die mich nach Paris geführt hatten, und die mancherlei Zeugnisse von beifälliger Anerkennung dessen, was ich ursprünglich nur zu Ausfüllung müssiger Nebenstunden unternommen, ward mit jenem Bild, dessen er sich bediente, in Verbindung gesetzt. Deßwegen wäre es mir zur baaren Unmöglichkeit geworden, in jenem, wider alle Absicht erfolgten Hineingezogenwerden in eine Kirche, zu der Ehre derjenigen erbaut, die mir längst schon mehr gewesen, als bloß eine merkwürdige Individualität, nicht ein abermaliges, gnadenreiches Auswerfen der Angel zu erkennen. Wenn Frankreichs jetziger Regent die Benennung, welche der Stolz, die Zierde und das kostbarste Juwel in der Krone der Nachfolger des heiligen Ludwigs durch eine lange Reihe von Jahrhunderten war: der Allerchristlichste, als werthlos oder aus welcher Ursache immer es seye, von sich geworfen hat, so möchte man wohl sagen, dieselbe seye von dem bessern Theil seines Volkes als theures Ueberbleibsel aufgegriffen worden, um es sorgfältig zu bewahren und fortan sich damit zu schmücken. Es ist unglaublich, was die in christlichem Glauben wurzelnde und mit christlicher Lebensfülle wirkende Wohlthätigkeit, eben jene Charitas, von der ich früher gesprochen, unter allen Gestalten, zu allen Zwecken, alle Geschlechter, Alter und Stände durchdringend, einzig in Paris leistet, wie vielerlei Verbindungen zu thätigem Beistand für Andere und nach jedem denkbarem Bedürfniß der zahlreichen besondern Glieder der Gesellschaft durch sie bestehen, blühen, wirken; wie neben dem, was durch öffentliche Berichterstattungen, Mittheilungen, Rechnungsausweise weitern oder engern Kreisen bekannt wird, Manches noch geschieht, was verborgen bleibt. Auch hierin gehen die höhern Stände (was ich jedoch keineswegs mit dem Ausdruck: die Reichen, gleichbedeutend genommen wissen möchte), wie billig, voran. Andere, die durch das materielle Treiben der Zeit nicht durchweg verknetet, vertrocknet und verknöchert[90] sind, bleiben ebenfalls nicht zurück. Ich weiß von Seite des Pfarrers von St. Eustach, daß durch die Fischhändlerinnen und Gemüseverkäuferinnen (die sogenannten Halldamen), die in der Nähe dieser Kirche ihre Marktplätze besitzen und mehr noch als andere Berufsarten ihren ehemaligen Typus bewahrt haben, zu Werken der Wohlthätigkeit mehr beigetragen wird, als man vielleicht ahnen möchte. Handelt es sich darum, durch Beisteuern an Blumen, Lichtern, anderm momentan zu verwendendem Schmuck die Feyer irgend eines Festes zu erhöhen; sind zu Erneuerung, zu würdigerer Ausstattung einer Kirche Geldbeiträge nothwendig; bedarf sie irgend eines kostbaren Geräthes, nie wird die Einladung hiezu an die Pfarrgenossen vergeblich ergehen. Auf diese Weise, wiewohl nicht minder durch anderweitige Beiträge, hat die Anhöhe des Montmartre zu dem Ueberblick über das weitgedehnte Häuserlabyrinth und der reichen Fernsicht, welche sie gewährt, noch eine andere Sehenswürdigkeit in dem schönen Calvarienberge gewonnen, welchen der dortige Pfarrer aus solchen freiwilligen Gaben auf seinem Kirchhof anlegte. Dieser Calvarienberg besteht aus neun geschmackvollen Capellen, jede in einem besondern Baustyl aufgeführt, jede mit einem höchst würdig gearbeiteten Hochbilde aus der Leidensgeschichte geziert, alle um ein heiliges Grab sich reihend, welches sowohl in seinen Dimensionen, als in seiner äussern Gestalt dem heiligen Grab zu Jerusalem sorgfältig nachgeahmt ist. Ein Paar dieser Capellen sind zur Zeit noch von Holz; »denn, sagte mir der Pfarrer, ich muß innehalten mit der Vollendung, bis mir die Mittel zukommen, um auch diese in Stein verwandeln zu können. Ist mir aber das weitaus Grössere gelungen, so wird auch dieser kleine Rest auf seine Vollendung nicht allzulange warten müssen.« Ich habe dieses vorläufig angeführt, bloß um darauf hinzuweisen, wie der durch religiöse Ueberzeugung angeregte Gemeinsinn noch immer nicht erstorben seye, noch immer zu Stande bringe, was Erlasse und Verordnungen weltlicher Gewalten[91] schwerlich bewerkstelligen könnten. Es ist überhaupt bemerkenswerth, daß dem Staat, wie sehr er sich auch spreize, und wie wortreich auch dargelegt werden wolle, daß alles Wohlthätige der gesellschaftlichen Einrichtungen Ausflüsse aus dem Strome seiner Vollgewalt seyen, noch nie und niemals eine Vergabung gemacht worden ist, selbst von denjenigen nicht, die ihn zeitlebens als Brodherrn erkennen, oder gar als ihren Götzen präconisiren, indeß der Kirche immer noch und überall, wo jener Moloch nicht die allernatürlichsten Rechte verschlingt, Vergabungen zu den mannigfaltigsten Zwecken gemacht werden. Denn selbst durch die Schenkungen und Vermächtnisse an die zu bloßen Staatsanstalten verkümmerten Schulen, die manchmal nur deßwegen erfolgen, weil sie in solche herabreglementirt worden sind, zieht sich eine unbewußte Erinnerung an deren kirchliche Natur. Die Götzen, wie sehr auch man sie beräuchere, sind todt und lassen todt, Gott aber ist lebendig, und ruft das Leben hervor und erhält es. Spricht man aber von Opfern für die Kirchen, für den Gottesdienst, für dessen Erfordernisse, so kann man immer noch hundertfältige Variationen hören über das alte Thema: »Wozu dieser Unrath? Man könnte ihn verkaufen und das Geld den Armen geben!« Es sind aber auch, jetzt wie damals, die Armen nur der gleissende Vorwand; ganz andere Gesinnungen lauern im Hintergrund. Sie sagen wohl auch, es ist Ostentation, es ist eine übelverstandene und noch übler geleitete Frömmigkeit, welche zu dergleichen Dingen mißdraucht wird; für solche Mittel ließe eine weit zweckmäßigere Verwendung sich auffinden. Es soll nicht nach Thatsachen gefragt werden, in welchen der volle Beweis läge, daß die also Redenden von ähnlicher Willfährlichkeit durchdrungen sehen, jedoch derselben eine andere, ihrer Ueberzeugung nach zweckmäßigere und ersprießlichere Richtung gehen wollten; die Frage könnte vielleicht einer entsprechenden Antwort nur zu lange vergeblich harren. Das aber, wenn wir den letzten Gründen solcher Bereitwilligkeit zu würdiger Ausstattung des Hauses des Herrn und seiner[92] festlichen Tage nachspüren, dürfte kein gewagter Schluß genannt werden, daß Bereitwilligkeit zu christlich gemeinnützigen und praktischen, oder, wenn man lieber will, rein menschlichen Zwecken mit derselben insgemein Hand in Hand gehe. Es haben doch beide die gleiche Wurzel, es gehen doch beide aus den gleichen Ueberzeugungen hervor, und verwandt wenigstens können beide genannt werden, da ein und dasselbe Bewußtseyn nach Wille und Kraft sie zu fordern antreibt. Wir Deutsche kennen zwar durch Reiseberichte, durch Mittheilungen in mancherlei Zeitschriften und durch statistische Werke Paris von jeglicher Seite und unter allen Gesichtspuncten möglichst genau; wir vermögen vielleicht über die großen offentlichen Wohlthätigkeits-Anstalten so gründliche Nachweisungen zu geben, als dieß von irgend einem Franzosen geschehen könnte; aber sicher ist es, daß durch kleinere, nicht gerade verborgen, aber geräuschlos wirkende Verbindungen oder beschränktere Stiftungen wenigstens ebensoviel und in vielartigen Formen der Hülfeleistung geschieht, als durch jene, welche die Aufmerksamtkeit des Reisenden auf sich ziehen. Wer für diese Weltstadt dasjenige leisten wollte, was der Prälat Morichini (jetziger Nuntius in München) für Rom geleistet hat, oder für Verona vor ein Paar Jahren in den »historisch-politischen Blättern« unternommen wurde, der fände sicher ein reiches und schönes Feld zur Bearbeitung und würde Paris von einer Seite darstellen, von der es noch lange nicht so bekannt ist, wie es verdiente. Der am weitesten verbreitete, der größten Theilnahme sich erfreuende, in dem ausgedehntesten Kreise wirkende Wohlthätigkeitsverein ist derjenige zum Zwecke der Glaubens-Verbreitung und Erhaltung. Er darf ähnlichen Verbindungen, die auf den britischen Inseln ihren Ursprung haben, mit vollem Rechte an die Seite, da aber weder politische noch merkantile Hintergedanken in diese regsame Thätigkeit, hier zu Begründung, dort zu Befestigung des christlichen Glaubens, sich einmischen, unbedenklich über dieselben hinauf sich setzen. »Der erste Anfang[93] des Werkes,« sagt eine der neuesten Berichterstattungen, »war, wie bei allen christlichen Anstalten, still und geräuschlos. Oft leitet Gott die Umstände so, daß Niemand sich als Urheber seiner Werke anpreisen, Niemand dieselben durch Menschennamen einweihen darf. Verborgen ist ihr Ursprung, wie die Quelle großer Ströme, bei welchen es schwer zu bestimmen ist, aus welchem Bächlein sie zuerst entstehen. Zwei Nothrufe, der eine aus Osten, der andere aus Westen, beide in einer Provincialstadt von zwei frommen Frauen vernommen, waren der erste Anlaß zu dem so glücklich ausgeführten Plane, der die Missionen beider Welttheile, die dort gegründeten Kirchen bereits so kräftig unterstützt.« Diese Provincialstadt war Lyon. Die Nothrufe ergiengen, der erste im Jahr 1815 von dem Hrn. Dubourg, Bischof von Neu-Orleans, der andere ein Jahr später von den Vorstehern der auswärtigen Missionen, welche nach langer Zeit ihr verlassenes Haus in Paris mit ihrem ehevorigen Eifer, aber ohne die ehevorigen Hülfsmittel wieder bezogen hatten. Um diesen Glaubensboten einige Unterstützung zu verschaffen, gründete eine gottselige Dame zu Lyon unter frommen Arbeitsleuten eine Gesellschaft zu wöchentlichen Beiträgen von einem Sous. Zwar stieg die Zahl der Theilnehmer bald auf tausend, aber gering waren dennoch die Mittel, welche dargeboten werden konnten, beschränkt der Kreis, von welchem sie ausgiengen; dringender dagegen wurden die Bitten derjenigen, welche mit ihrem Eifer zwar Vieles, ohne Mitwirken Anderer aber lange nicht das bewerkstelligen konnten, was als lohnendes Ziel ihnen vor Augen sich stellte. Da erwachte im Jahr 1822 der Gedanke, einen Verein zu stiften, der die Missionen des Erdkreises umfasse, mithin katholisch in der reinen und vollen Bedeutung des Wortes seye. Zwölf Männer treten zusammen, um hierüber sich zu berathen. Die begeisterte Rede eines Priesters verleiht dem Gedanken Gestalt und Wirklichkeit, der Verein gewinnt seine Einrichtung, und der erste Jahresertrag beläuft sich auf 15,274 Franken. Bald wurden in andern Städten Südfrankreichs[94] ähnliche Vereine gegründet, welchen Geistliche und Layen wetteifernd beitraten. Sobald dann ein zweiter Centralausschuß in Paris sich bildete, war die Anstalt über das gesammte Königreich ausgedehnt. Anerkannt durch Papst Pius VIII, begünstigt durch mehr als 300 Bischöfe, empfohlen von allen Kanzeln, schlossen bald sämmtliche katholische Länder Europa's2 sich an, und erhob endlich Gregor XVI mittelst Kreisschreibens vom Jahr 1840 die »Gesellschaft zu Verbreitung des christlichen Glaubens« zum Ansehen einer allgemein-christlichen Anstalt. Solchen Schwung nahm nun fortan das Werk, daß schon das Jahr 1842 einer Einnahme von 3,233,486, Franken sich erfreuen und auf Missionen in Europa, Asien, Afrika, Amerika und Oceanien beinahe drei Millionen verwenden konnte, wovon allein auf Asien nahe an eine Millionen, auf Amerika über 800,000 Franken, mehr als eine halbe Million auf Oceanien fielen; für europäische Länder, in welchen die wiedererstehende Kirche der hülfreichen Hand, der theilnehmenden und fördernden Liebe bedarf, ebenfalls viel Segensreiches geschieht. Am Ende des Jahres 1814 fassen sie in Wien zusammen, um auf die durch die Revolution über ganz Europa gesungene Antiphon: ce qui est bon à prendre, mit vollem Chor des Responsorium: est bon á garder, erschallen zu lassen. Sie haben dort für höchst ersprießlich erachtet, die Intestaterbschaft der Revolution ohne Beneficium inventarii anzutreten und haben, wenn nicht immer brüderlich und friedlich, so doch in die gesammte Verlassenschaft bis auf den Inhalt der letzten Trödelkammer sich getheilt. Als nun aber Einer noch auftrat, der seinen Antheil des Genommenen nicht umsonst[95] in die gesammte, zu theilende Habe eingeworfen, mit den Notherben nicht umsonst zu rechter Zeit sich wollte abgefunden haben, da klammerte an seinen Theil mit allen Anhängseln desselben ein Jeder um so fester sich an; daneben aber fand Jeder in allweg einleuchtend, daß man der erhobenen Reclamation Rechnung trage, vorbehaltlich jedoch, daß ihm die Kreide nichts anschreibe. Bei so allseitig willfahrender, löblicher und höchst loyaler Anerkennung ward es durchaus angemessen, billig und gerecht erachtet, die Befriedigung jener Ansprüche dem bereits genugsam spoliirten Kirchenstaat aufzuerlegen; war es ja ohnedem uuermießliche Wohlthat, hervorgehend aus einem Ueberschwang von Rechtsgefühl, diese einzige Parcelle des Raubes, den der niedergekämpfte Räuber von allen Seiten an sich gerissen, ihrem rechtmässigen Besitzer, der Kirche, welche alle Staaten werden und vergehen gesehen, zurückzustellen. Freilich verlor der apostolische Stuhl hiemit die schönsten Domänen, zu einem jährlichen Ertrag von 830,000 römischen Thalern, und so die Mittel, Manches zum Besten der Christenheit und der Kirche zu wirken; da aber Niemand von dem, was er umschlungen, Etwas hergeben wollte, wer war leichter hiezu zu zwingen als der irdisch wehrlose Oberhirte der Christenheit? Zu dieser Zeit also, in welcher hier der Hymuns der Sänger zum Preis unvergleichlicher Mässigung gesungen, dort der heilige Vater in das uralte Erbgut der Kirche, nachdem man vorerst unter vieler Suada von segensreichem Waffenglück wider allesverschlingendes Unrecht und von künftiger Weltprosperität über deren Eigenthum zu Gunsten des Ansprechenden verfügt hatte, endlich zurückkehren mochte, fortan entblößt der Hülfsmittel, die er Kraft seines heiligen Amtes zu Verbreitung und Befestigung des christlichen Glaubens an allen Enden der Welt verwenden sollte, zu eben dieser Zeit weckte Gott die Keime jenes Werkes, welches durch anderwärts und in anderer Weise zu Stande gebrachte Mittel gedeihlich demselben Zwecke dient. Indeß also die Menschen es böse machten, wußte Gott es gut zu machen.[96] Ganz kurz bevor ich nach Paris gekommen, war in weitaussehender und, wenn er erkräftigen sollte, in höchst folgereicher Bedeutung, der neueste Wohlthätigkeitsverein durch den kürzlich verstorbenen Bischof von Nancy gestiftet worden: der Oeuvre de la sainte enfance, oder die Verbindung christlicher Kinder für regelmässige Beisteuern zum Ankauf der Kinder von Ungläubigen in China und anderer, dem Götzendienst unterworfener Länder. Bewegt durch die Berichte über das entsetzliche Loos so mancher neugeborner Kinder, vorzüglich in China, trug sich der eifrige Bischof lange mit dem Gedanken, ob nicht zu leiblicher und geistlicher Rettung dieser beklagenswerthen Geschöpfe ein Versuch zu machen wäre? Von der Kinderwelt sollte das schöne Unternehmen ausgehen; an die Kinderwelt vorzüglich wendete er sich; das Gefühl der Kinderwelt über der Vorstellung des jammervollen Schicksals so vieler, durch gleiche Hüflosigkeit und gleiche zweifache Bestimmung verwandter Mitgeschöpfe bei verthierter Fühllosigkeit ihrer Erzeuger dann bei dem Hinblick auf gedoppelte, so leibliche als geistliche Fürsorge, deren sie sich erfreuten, wollte der Bischof in Anspruch nehmen; besondern Segen zu dem edlen Vorhaben, hoffte er, werde an das Scherflein und zugleich an die Fürbitte der Kleinen sich knüpfen, und Großes hervorgehen aus dem liebesfreudigen Zusammenwirken unzählig vieler, an sich unscheinbarer Kräfte, gleich dem Thau, der still und unbemerkbar und dennoch lebenspendend die lechzende Flur erquickt. So eben hatte der fromme Stifter diese Vereinigung, die christliche Kinderwelt zu seinem Zwecke gleichsam geistig um sich schaarend, ohne deßwegen von bereitwilligem Mitwirken auszuschliessen, was jetzt schon oder in Zukunft ihrer entwachsen seyn würde, derselben die äußere Gestaltung und diejenigen Formen gegeben, die bei dergleichen Unternehmungen in Frankreich gebräuchlich sind. Ich traf ihn ganz belebt von seinem Vorhaben, mitten unter Charten von China, Planen der Hauptstadt Peking und verschiedenen Merkwürdigkeiten des Landes, welche der Pater Grosse, der das ungeheure Reich von der großen Mauer bis nach[97] Canton zweimal durchreiste, nach Frankreich gebracht hatte. Mit dem Ausdruck der vollesten innern Gewißheit über dem Bewußtseyn, einer segensreichen Sache den ersten Impuls gegeben zu haben und von Gottes Gnade Segen und Gedeihen für dieselbe erwarten zu dürfen, sagte er mir: »O, ich erfreue mich für mein Unternehmen eines kräftigen Fürbitters vor dem Throne der Allmacht in dem dieser Tage verstorbenen Bischof von Straßburg.« Dieser, Herr Tharin, einst Erzieher des Herzogs von Bordeaux, hatte bloß einige Tage vorher unter der sorgfältigsten Pflege seines Freundes und vormaligen Rachbars, des Herrn Bischofs von Nancy, in dessen Hotel seine irdische Laufbahn beschlossen. Die Sache, welche der Bischof in seiner angebornen Lebhaftigkeit mir darlegte, nahm mich alsbald in Anspruch, sein lebendiger Eifer für dieselbe riß mich hin; ich erbot mich zu dem Versuch, in Deutschland und in der Schweiz dafür zu wirken, was freudig angenommen wurde, Ich habe auch mein Versprechen treulich gehalten, wenn nicht mit großem, doch mit einigem Erfolg. Während Großbritanien Kriegsflotten und Landheere ausrüstete, um China, welches gegen den ungehinderten Absatz des in kalter Gewinnsucht ihm aufgedrungenen, entmarkenden und zerstörenden Giftes des Opiums sich sträubte, zum Verbrauch desselben mit Waffengewalt zu zwingen; während Frankreichs oberste Landesintelligenzen in den Bewohnern der MarquesasInseln einen Stoff fanden, dem man Bedürfnisse schaffen und aufdringen könne, um für Frankreichs Erzeugnisse einen neuen Markt zu schaffen; während das fromme England den ungerechten Krieg gegen China als bequeme Gelegenheit betrachtete, unter allmähliger Zerstörung des Herzblutes seiner Bevölkerung diese durch seine Speculanten ausbeuten zu lassen, dann zu etwelchem Ersatz für bereiteten physischen und ökonomischen Ruin einige Bibeln und etwelche metaphysische Ideen bei dem Volk an den Mann zu bringen; während das industrielle Frankreich in jenen Inseln nur einen neuen Ernteplatz für seine Fabrik-Nabobs begrüßte, reift in einem katholischen Bischof der[98] zarte, rein christliche Gedanke, in eben jenem Reiche, welches unter Kanonendonner und Säbelklirren zum Besten einer Kaufmannsgilde mit entnervendem Gift überschwemmt werden soll, Kinder, die nur den Weg von der Geburt zu dem schrecklichsten Tode finden, diesem zu entreissen, sie durch christliche Erziehung zu Werkzeugen des geistlichen und leiblichen Wohls ihrer Landsleute, zu einstigen Lehrern und Lehrerinnen, zu Aerzten und Hebammen, zu Katechisten und Priestern, selbst zu Missionären, immer also zu einer segensreichen Bestimmungerziehen zu lassen. Man suchte, bald nachdem die Kunde von dem schönen Unternehmen weiter sich verbreitet hatte, die Nachrichten über die Gewohnheit der Chinesen, viele neugeborne Kinder absichtlich dem Tode Preis zu geben, ernstlich in Zweifel zu ziehen, um hiemit des Bischofs Bemühen als ein nutzloses, aus falscher Voraussetzung hervorgegangenes darstellen zu können. War es Irrthum, war es Plan? Regte sich hierin jener Geist, der in dem alten Europa überall, wo es ihm möglich, und in jeglicher Gestalt wider die Kirche auftritt, mit verbissenem Grimm hinüberblickt über die Meere, wo immer sie eine neue Stätte ihres Wirkens sich ersieht, wo immer sie dem Herrn einen Weinberg anzulegen beflissen ist, und der Arbeiter, die dessen Pflege sich angelegen seyn lassen, viele findet? Nehmen wir das Erstere, als das Verzeihliche an! Berichte, die keinem Zweifel Raum lassen, könnten denselben belehren. Schon der Erste, dem wir einige Nachrichten über China verdanken, Marco Polo, meldet uns, daß Kublay, der zu dem bereits von seinen Vorfahren eroberten nördlichen China auch den südlichen Theil des Landes sich unterwarf, solche Kinder aufsuchen und erziehen lasse. Der Venetianer versichert, daß jährlich mehr als zwanzigtausend Kinder ausgesetzt würden; nunmehr durch die Fürsorge des Chans dem Tode entrissen, nähmen kinderlose Reiche einen Theil derselben an, träte der Rest in die Dienste oder unter die Kriegsheere des Tartaren. Diese Rettung beruhte aber nur auf dem persönlichen Willen des[99] damaligen Herrschers, das Aussetzen der Kinder blieb als eingewurzelte Sitte. Sie bestand vierhundert Jahre später noch in ungeschwächter Gewohnheit. Der holländische Gesandte Joh. Nienhof, der in der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts China durchreiste, spricht davon in seinen Nachrichten über dieses Land: Hct Gezantschap der Néerlantsche-Ost-Indische Companie an den grooten tartariscchen Chan, den tegenwortigen Keizer van China. Er giebt II, 46, mehrere Beweggründe dafür an, worunter auch die Lehre von der Seelenwanderung. Te dezer oorsake, sagt er, wort dit ombrengen der kinderen geenzins in t'heimelijk, maar voor eenen jeder in t'openbaar gedaan. Der russische Collegienrath Peter Dorel berichtet in einem der neuesten Werke über China (Sept anneés en Chine, Paris 1842.): »Viele arme Bewohner von Canton werden durch die Noth gezwungen, ihre Neugebornen zu verlassen. Häufig fallen diese armen Creaturen der Gefrässigkeit von Hunden anheim. Dürftige erziehen, um hiedurch für ihr eigenes Bestehen zu sorgen, junge Leute zu Schauspielern, zu feilen Dirnen, den beiden einträglichsten Gewerben im Lande. Ich hörte, es seye einst selbst bei den Reichen gewöhnlich gewesen, viele neugeborne Kinder des weiblichen Geschlechts zu erwürgen, weil eine große Zahl Töchter den Eltern zur Schande gereichte. Das war wenigstens Uebung in der Provinz Fo-Kien.« ? Nach englischen Berichten wurden in der einzigen Stadt Peking jährlich über 3000 Kinder auf den Schindanger geworfen, diejenigen nicht gerechnet, welche von Pferden zertreten, von Hunden verzehrt, bei der Geburt erwürgt, an Mohamedaner verkauft, oder an Orte geworfen werden, wo man sie nicht entdecken kann. Der P. Joset, General-Procurator der Propaganda zu Macao, schrieb seinem Bruder zu Anfang des Jahres 1841: »Viele Kinder werden den Missionären für drei, sechs Franken zum Kauf angeboten, mit dem Beisatz: wenn man dieselben nicht nehme, sehe man sich gezwungen, sie zu tödten. Nun wäre das Ankaufen zwar leicht, wie aber dieselben[100] ernähren, erziehen?« ? »Werden Kinder krank, schrieb der Lazarist P. Mouly schon vor einigen Jahren aus Peking, so wollen die Eltern durchaus nicht, daß sie im Haus sterben: um sie unkenntlich zu machen, schwärzen sie ihnen das Gesicht, werfen sie auf die Straße und überlassen sie hier ihrem Schicksal. Einige jedoch waren so glücklich, von Christen aufgehoben, getauft und verpflegt zu werden.« Auf den Umstand, daß in den Königreichen China, Siam und Cochinchina das Geld selten, mit wenigen Mitteln Vieles auszurichten seye, stützte nun der Hochwürdigste Bischof den Gedanken, auf englisch-chinesischem Boden ein Haus zu bauen und Brüder und Schwestern einer religiösen Genossenschaft dahin zu senden, welche die losgekauften Kinder in Pflege nähmen. Ein solches Haus könnte zugleich zum Absteigequartier der Glaubensboten dienen, die darin erzogenen Kinder würden später durch das Land sich verbreiten, und der Einführung des Christenthums mit reichlichem Erfolg vorarbeiten. So habe einst der große Papst Gregor noch als Abt von St. Andreas den Ankauf englischer Sclaven und hiedurch die Verbreitung des Christenthums in England bewerkstelligt; so habe Carl der Große junge Sachsen in Corbey erziehen lassen und durch sie das Land dem Glauben gewonnen; Aehnliches ließe sich daher jetzt in Bezug auf China bewerkstelligen. Bedenkt man, welche große Summe jeder Chinese kostet, der in dem chinesischen Collegium zu Neapel zum Christenthum erzogen und zum Glaubensboten gebildet wird; bedenkt man, wie gering deßwegen die Zahl der Zöglinge ist, die während eines Jahrzehends aus jener Anstalt in ihr Vaterland zurückkehren; wie spärlich mithin die Erfolge ihrer Thätigkeit sind, da hier wohl mit der vollesten Bedeutung das Wort kann angewendet werden: »Die Ernte ist groß, der Arbeiter sind Wenige, bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter sende,« so darf man wohl gestehen, daß einzig an das Gelingen dieses schönen Vorhabens die Hoffnung sich knüpfen dürfte, die Christianistrung dieses unermeßlichen Reiches mit größerem Erfolg[101] zu untermehmen und mit geringerem Aufwand unendlich mehr zu leisten, als dem chinesischen Collegium zu Neapel und der Propaganda zu Rom möglich. Wenn aber vollends im Verlauf der Zeit es geschehen könnte ? was sich leicht denken läßt ? diese Anstalten mit jenen, in dem Lande selbst unternommenen Bemühungen in eine zusammenwirkende Verbindung zu bringen, dann dürfte auch über China die Morgenröthe aufgehen und der Tag anbrechen.« Von dieser Hoffnung belebt, stiftete der Bischof seinen Verein, ausschließlich dem genannten Zwecke gewidmet, den Umfang des Werkes dem Segen der göttlichen Vorsehung anheimstellend. Indem vorzüglich Kinder demselben beitreten sollen, wird hiedurch den Eltern ein leichtes Mittel an die Hand gegeben, die Gesinnungen thätiger Liebe und Dankbarkeit gegen den Erlöser in denselben hervorzurufen, zu nähren. Wenn das Kind des Wohlhabenden, sagt er, für das Kind des Armen, welches bloß sein Gebet zu steuern vermöge, den monatlichen Sous beitrage, so übe es ein gutes Werk schon damit, daß es die Theil nahme daran auch jenem möglich mache, und werde so zwischen Allen das Band christlicher Einigung enger geknüpft. Da ferner dem Verein dieselbe organische Einrichtung, wie demjenigen zu Verbreitung des Glaubens, gegeben werde, könne er zugleich als Vorbereitung dienen, um mit dem 2lsten Altersjahr diesem beizutreten. Denn über dieses hinaus dürfen nur diejenigen in demselben verharren, welche ihren Beitritt auch zu jenem darthun können. Eine weise Bestimmung, damit nicht durch das Besondere dem Allgemeinen und, was in unserer beweglichen Zeit so leicht, durch das neu Aufkommende dem länger Bestehenden Eintrag geschehe. Die Beisteuer soll regelmässig seyn, um auf etwas Bestimmtes zählen zu dürfen; sie soll gering und für Alle gleich seyn, dem Armen zum Trost, dem Reichern zur Ehre. Ob auch weit aussehend in jeder Beziehung das Unternehmen, alle Hoffnung setze er auf den Beistand göttlicher Gnade. Das Reglement enthält nur die nothwendigsten Bestimmungen.[102] Jedes getaufte Kind kann als Mitglied des Vereins eingeschrieben werden und bis zum 2lsten Jahr es bleiben. Neben den regelmässigen Beiträgen werden auch Subscriptionen und Geschenke angenommen. Kurze tägliche Gebete der Kinder, wo eine Abtheilung des Vereins sich findet, jährlich eine Messe, sind damit verbunden. Für Verwaltung, Leitung und Verwendung sind ein Centralrath und Diöcesanräthe aufgestellt. Jener wurde alsbald ernannt und bestund damals aus dem Hochwürdigsten Herrn Bischof von Nancy, als Präsidenten (nach französischer Sitte wurde in der Person des Herrn Erzbischofs von Paris ein Ehrenpräsident aufgestellt), den Vorstehern der Missionshäuser in Paris, einigen Generalvicaren, neun Pfarrern der Hauptstadt und sieben Layen, meist aus dem hohen Adel, so wie man denn an der Spitze aller, aus christlicher Liebe hervorgegangenen und für deren Zwecke wirkenden Verbindungen Namen desselben begegnet. Sobald des Unternehmen bekannt geworden war, erklärten zwei Cardinäle, der Nuntius zu Paris, acht Erzbischöfe und fünfundzwanzig Bischöfe, für dessen Förderung wirken zu wollen; Andere versprachen das Werk zu empfehlen; Theilnahme ward sofort in Belgien, Irland und England, und alle geistlichen Communitäten Frankreichs machten sich zum Mitwirken anheischig. Während dieses Vorhaben bei dem Herrn Bischof von Nancy gereist war, traf der früher erwähnte P. Grosse aus China ein. Er versicherte, Anstalten zur Bekehrung von China könnten jetzt mit der größten Leichtigkeit errichtet werden. Unverzüglich, meinte er, sollte man Schulen eröffnen. Man könne Kinder für 10,12 Sous kaufen, solche selbst unentgeldlich er halten. In den an die Engländer abgetretenen Theilen sollten die Ausgangspuncte begründet werden, und daß jene in dieser Beziehung günstige Gesinnungen hegten, dafür lägen Beweise am Tage.[103] Für einen Plautus der neuern Zeit könnte es keinen ergiebigern und köstlichern Charakter geben als denjenigen eines deutschen Franzosenfressers (ein französischer Deutschefresser wäre das Nämliche), so eine Art Horribilicriblifax des alten deutschen Lustspiels. Es giebt aber auch literarische Franzosenfresser, die ihren Heißhunger mit der Gegenwart nicht ersättigen können, sondern denselben auf die Vergangenheit zurückwirken lassen. Besonders ist ihnen Ludwig XIV. eine immer noch nicht genugsam zerarbeitete Beute. Sie begnügen sich nicht damit, denselben in seinemt feindseligen Verhältniß zu dem deutschen Reich nach vollem Verdienen zu würdigen sondern er soll in allen sonstigen Beziehungen möglichst tief herabgesetzt werden. Es kann mir nicht einfallen, weder den Anwalt, noch weniger den Lobredner dieses Monarchen machen zu wollen, dessen Unternehmungen alle ich nicht anpreisen, dessen Mittel, um zu seinen Zwecken zu gelangen, ich nicht immer rechtfertigen, dessen Einwirkung auf sein Volk ich nicht immer vertheidigen möchte. Daß er aber ein Fürst in voller Bedeutung des Wortes war, mit der äußern Würde die innere verband, und als einigender wie bewegender Geist eines an Größen jeder Art reichen Zeitalters uns sich darstellt, das läßt sich aus jedem Bildniß desselben herauslesen, ob nun dasselbe in einem Einzelbild oder in einer Composition uns entgegentrete, in deren jeder der Fürst nicht bloß nach Stellung, Haltung und äußeren Merkmalen, sondern durch das unverkennbare Gepräge dynamischer Hoheit uns sich bemerkbar macht. Von dieser ihm innewohnenden Herrschergröße zeugt nicht bloß der Umfang, die Pracht, die Großartigkeit seiner Schöpfung ? des Schlosses von Versailles, ? sondern weit mehr noch der Gedanke, welcher durch das Ganze sich durchzieht, welchem alle Theile untergeordnet sind, zu welchem sie alle in Beziehung stehen. Schon die Stellung seines Reiterbildes, oben an der sanft ansteigenden Fläche, die zum Schloß führt, hoch aufragend über die Standbilder aller sieggekrönten Feldherren des Reichs, will daran gemahnen, daß der Monarch die Sonne seye, um welche alle,[104] auch die leuchtendsten Sterne kreisen. Wie von der Hohe des Herrschersitzes Platz und Gärten und Straßen nach allen vier Richtungen abwärts sich senken und sich verlieren in den Niederungen, so sollte der Monarch der Gipfel seyn, zu welchem von allen Weltgegenden des Landes, durch sämmtliche Abstufungen und Ordnungen jedes Verhältnisses, Alles hinan sich hebe. Es ist wahr, Ludwig XIV hat diese zeitliche und sichtbare Große des Königthums mit einer Art Cultus umgeben, welchen die frühere Zeit nicht gekannt hatte, zu welchem er die großen Geschlechter seines Landes nur allzugeneigt fand, zu welchem sie mit einer Gewissenhaftigkeit sich bequemten, die in mehr als einer Beziehung in das Uebertriebene umschlug, selbst wenn man will, bisweilen an das Lächerliche streifte. Wie bei wiederholtem Besuch von Versailles dieses Alles mir klarer ward und anschaulicher diese Vergangenheit mir vor Augen trat, frappirte mich eines: die Capelle von allen Seiten her das Schloß überragen zu sehen. Ist dieses Zufall, war es Absicht? Ließ es Ludwig geschehen, wollte er es so haben? Wenn man den Denkwürdigkeiten des Herzogs von St. Simon glauben soll, so müßte man sich für das Erstere entscheiden. Der Herzog, welcher übrigens Versailles unter allen und jeden Beziehungen nicht tief genug herabsetzen kann, sagt von der Capelle: sie gewähre von jeglicher Seite den traurigen Anblick eines unermeßlichen Katafalks, der das Schloß zu erdrücken scheine. Mansard habe sich diese Unförmlichkeit erlaubt, um durch sie den König zu nöthigen, das Gebäude um ein Stockwerk zu erhöhen. ? Abgesehen davon, daß durch eine solche Erhöhung der Gesammtbau an Würde schwerlich gewonnen hätte, läßt sich doch fragen: ob der Monarch, der mit so freyem Sinne für alles Große und Erhabene einen so festen Willen und so unerschöpfliche Mittel besaß, wäre er durch das Hinausragen der Capelle über das Schloß unangenehm berührt worden, dem vermeinten Uebelstand nicht auf die eine oder andere Weise bald würde abgeholfen haben? Dürsten wir nicht eher annehmen (und es würde sich darin eine wahre, eine[105] wirklich erhabene Geistesgröße beurkunden), es seye dieß mit seiner Zustimmung so angeordnet worden, zum Zeugniß, daß so wie er der Scheitelpunct aller Macht, jederartigen Größe seines Reiches seye, alles darin Vorhandene in huldigender Beziehung zu ihm stehe, er dennoch auch über sich selbst noch eine andere Macht anerkenne, welcher er eben dieselbe Huldigung, die er von Andern verlange, darzubringen habe? Bei solcher Voraussetzung, die wenigstens durch keinen zwingenden Gegenbeweis als durchaus grundlos abgefertigt werden kann, wäre Ludwig XIV vor die Augen seines ganzen Reiches als eben derjenige getreten, als welchen ihn in der Zurückgezogenheit seines Gemaches der Beichtvater fand, da er diesem, den Rosenkranz betend, begegnete. Denn welche Widersprüche auch in dem Leben dieses Monarchen sich zeigen, wie geringer Einfluß der äußern Uebung auf die innere Gesinnung und die daraus hervorgehende That ihm möge vorgeworfen werden: die Anerkennung doch einer über ihm stehenden Autorität, welcher er selbst schuldig seye, was er von Andern für sich fordere, ist nie mals von ihm gewichen. Sehen wir daher in ihm einen Fürsten, von welchem berichtet wird, er habe nur an einem einzigen Tage seines Lebens, bei Gelegenheit eines großen Marsches, die Messe versäumt; er habe jedes Jahr vor Anfang der Fasten seinen Hofleuten in ernster Anrede erklärt, wie ungeziemend er es finde, wenn in dieser Zeit Jemanden Fleisch vorgesetzt würde; der während Advent und Fasten beinahe allen Predigten beiwohnte und an allen kirchlichen Feyerlichkeiten Theil nahm; der ferner bei der Messe darauf sah, daß vom Sanctus bis zur Communion des Priesters Alles, wie er selbst, auf den Knieen liege: so dürfen wir auch an der Vermuthung festhalten, jenes Verhältniß der Capelle zu seinem Schloß seye sein eigener, klar bewußter Wille gewesen.[106] Die Würde, der Ernst, die Bemessenheit, selbst der äußere Glanz, womit in allen bedeutendern Kirchen von Paris jede gottesdienstliche Handlung, besonders aber Sonntags das Hochamt gefeyert wird, muß in dem hineintretenden Fremdling immer einen sehr angenehmen und erhebenden Eindruck hervorrufen. Angenehmer noch berührte mich eine andere Wahrnehmung. Wo ich des Sonntags eine Kirche besuchte, welches Geschlechtes oder Standes die Personen um mich her seyn mochten, beinahe Jedermann hatte seinen Paroissien de Paris in der Hand, welcher das ganze Officium jedes Sonn- und Festtages in lateinischer Sprache, mit französischer Uebersetzung zur Seite, enthält. Da sind nirgends, wie manchen Orts in Deutschland, so Allerwelts-Andachtsbücher mit Universal-Herzenslabsalen, keine Sentimentalitäts-Riechfläschchen »für Gebildete,« keine Gottseligkeits-Breitöpfe für Christen »aller Stände« zu finden, sondern Jeder, wenn er nur will, kann in voller Innerlichkeit bei, mit und in dem Gottesdienst seyn, so wie derselbe in seinen besondern Theilen dem Sonn- und Festtage sich anschließt. Jeder Anwesende spricht mit dem Priester das Sündenbekenntniß und muß sich darüber nicht bloß in unfruchtbarer Betrachtung ergehen. Keiner darf sich mit Reflexionen über die sonntägliche Epistel und das Evangelium begnügen, sondern die Worte der heiligen Schrift sind an ihn selbst gerichtet, er vernimmt dieselben, er kann sie ihrer tiefen Bedeutung nach zu seiner Belehrung, Erleuchtung und Stärkung unmittelbar auf sich anwenden. Jeder steht bei jedem Theil der Handlung mitten in derselben, und die Gebete des Priesters werden zu seinen Gebeten, was unbestreitbar weit erweckender und emporhebender ist, als alle Gefühle und Empfindungen, die wir bloß einem Dritten nachfühlen und nachempfinden. Es ist daher nichts Ungewöhnliches, viele Männer die Responsorien in lateinischer Sprache mitsprechen, die Hymnen in französischer Sprache von Frauen mitsingen zu hören, so daß eine vernehmliche Theinahme an dem Vorkommenden nicht auf das Kreuzeszeichen und auf das Niederknieen sich beschränkt.[107] Es war am ersten Sonntage meines Aufenthalts, als ich zufällig bei dem Beginn der Vesper in die Invalidenkirche trat, wo ich zu nicht geringer Verwunderung durch jene Wahrnehmungen zum Erstenmal überrascht wurde. Neben mir saß ein Mann mittlerer Jahre, dem Aeußern nach ein ehrbarer Bürger, unsern von mir ein alter Invalide. Beide, gleichwie Andere, die in der Kirche zerstreut fassen, hielten die Responsorien (und sie dauerten sehr lange) mit einer Präcision, wie man sie in dem Chor einer Klosterkirche nicht besser finden kann. Die Psalmen, die Hymnen wurden ebenfalls lateinisch mitgesungen. Mein Nachbar hatte zwar wohl ein Buch, welches sowohl den Text als die Noten enthielt, aber nur höchst selten warf er einen flüchtigen Blick in dasselbe; gleich dem Invaliden, sagte und sang er Alles mit treuem Gedächtniß, so genau, als hätte er von seinem Buch niemals den Blick abgewendet. Ich fand nachher bei verschiedenen gottesdienstlichen Feyerlichkeiten dasselbe wieder. Am Fronleichnamsfeste besuchte ich die Kirche von St. Roch. Bekanntlich darf seit den Julitagen vom Jahr 1830 in keiner französischen Stadt, in welcher ein akatholisches Consistorium sich befindet, eine Procession die Kirche verlassen. Hier überzeugte ich mich, wie ein armseliger Nothbehelf eine Procession in der Kirche selbst seye. Die von den Thürmten schallenden Glocken, die voranziehende Musik, die wallenden Banner, die Chöre der Priester und Jungfrauen, der Baldachin, unter welchem der Pontisikant einherschreitet, die Blüthen, die zu seinen Füßen ausgestreut werden, die Weihrauchwolken, die vor ihm emporwallen, dieses Alles ist nicht für den engen und geschlossenen Raum der Kirche geschaffen, es soll, es muß, es strebt hinaus in das Weite; dieses Alles in seinem Verein schmückt das Fest, ist das Symbol der triumphirenden Kirche, die nicht in Mauern sich kann eingränzen lassen, die unter dem blauen Himmelsgewölbe, unter grünen Bäumen, unter dem Feyerschmuck der ganzen Natur, unter aller Heerlichkeit dessen, der sie geordnet, die Herrlichkeit zur Schau tragen will, mit[108] der er auch sie ausgestattet hat. Und dann vollends die lebendige Kirche, die Schaaren der Glaubigen, welche unter Gesang, mit brennenden Kerzen und im Schmuck der Blumen und in Festtagsgewändern sich anschliessen sollen dem Hochwürdigsten, welches die fortwährende Gnade der Welterlösung ihnen vor Augen stellt, hier aber gebannt sind an ihre Stühle und Plätze und kaum Raum finden, durch Niederknieen in demuthsvollem Glauben das höchste Gut ihres Hoffens und Sehnens, ihres Lebens und Liebens zu verherrlichen! Man könnte eine ganze Bibliothek anlegen aus Büchern, Broschüren, Abhandlungen und Aufsätzen über die Verordnung des Königs von Bayern, daß seine in Reih und Glied gestellten Truppen dem vorübergetragenen Sanctissimum, ohne Rücksicht auf Confession, die in katholischen Ländern geforderte und gezollte Ehrerbietung zu erweisen hätten. Die Sache liesse sich immer noch unter dem Gesichtspunct einer mitlitärischen Anordnung betrachten, welche in allen Fällen, in denen eine Truppe aufgestellt ist, Gleichmässigkeit der Haltung und Bewegung fordert. Wie Vieles aber auch hiegegen gesprochen worden ist, gegen jenen Zwang in Frankreich, der zu unterlassen nöthigt, wozu Lehre, Vorschrift und Gewissen auffordern, was Niemand zur Theilnahme zwingt, Niemand kränkt oder verletzt, habe ich, außer von denjenigen, welche denselben schmerzlich empfinden, von den Toleranten und eifrigen Protectoren der Gewissensfreiheit nicht einen Einzigen reden, nicht einen Einzigen derselben als Eingriff in die Rechte eines anerkannten Cultus mißbilligen hören. Gegentheils, man soll es ganz natürlich finden, daß diejenigen, deren Cultus eine solche Celebrität gestattet, ja fordert, Andern, die sichs zum Vorzug anrechnen, von derselben nichts zu wissen, durch deren Veranstaltung und Beobachtung nicht Anstoß geben, wie man sich auszudrücken beliebt; daß, mit andern Worten, die unermeßliche Majorität den Ansichten einer kleinen Minorität sich anbequemte in Bezug auf einen Gebrauch, den jene mit Recht zu den höchsten Manifestationen ihres religiösen Lebens zählen muß,[109] und der dieser höchstens gleichgültig und zweckwidrig scheinen, nie aber für sie beunruhigend seyn kann. Es drückt sich hierin, um nicht zu sagen Willkürlichkeit gegen alles Nichtkatholische, eine Sentimentalität aus, die bei einem Staat, welcher in dem Satz: la loi doit etre atheé, die höchste Formel aufgefunden zu haben wähnt, zwar überrascht, aber nicht angenehm berührt. Man mag sich hienach nur verwundern, daß diejenigen, von denen eine solche zeitweisheitliche Anordnung ausgegangen ist, nicht folgerichtiger sich erwiesen haben. Denn zu den in Frankreich anerkannten und geschützten Religionen und Culten gehört auch der israelitische; hätte man nun nicht ebensogut sagen und ganz durch dieselben Gründe rechtfertigen können: die Feyer des Sonntags erregt bei den Israeliten, welche dieselbe nicht angenommmen haben, Anstoß, deßwegen soll an keinem Orte, an welchem eine Synagoge sich befindet, der Sonntag anders als in der Stille begangen werden, deßwegen soll besonders alles Glockengeläute, welches eine solenne Ankündigung dieses, von den gleichberechtigten Juden nicht anerkannten festlichen Tages ist, unterbleiben? Man muß es aber zur Steuer der Wahrheit bekennen, daß nicht sowohl die Protestanten jene Beengung der sonst durch die Charte anerkannten katholischen Religion hervorgerufen haben, als vielmehr die schlechten Katholiken; daß Diese an Beibehaltung des wahrhaft beschwerenden Verbotes mehr hängen, als Jene, sammt denjenigen Allen, welche in religiöser Beziehung gar nichts sind und gar nichts wollen, und lieber die glanz- und wohlfahrtsvollen Tage des National-Convents zurückkehren sähen, in dessen Augen jeder Glaube eine Thorheit, das Kreuz aber das größte Aergerniß war. Jenes Verbot wurde in schmachvoller Condescendenz gegen die Julirevolution erneuert, die nicht bloß eine Empörung gegen das rechtmässige Königthum, sondern zugleich ? wenigstens in ihren ersten Folgen ? eine Reaction gegen die allmählig sich wieder bildende Kirche gewesen ist. Was den revolutionären Doctrinen huldigt und den revolutionären Bestrebungen, wo immer sie nach der[110] Herrschaft ringen mögen, sein Lebehoch zujauchzt; was mit den schimmlicht gewordenen Brocken der lüderlichen Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts sich auffüttert und jetzt noch auf den immer öder werdenden Heiden des Voltairianismus herumlungert; was in die ausgespannten Netze des Pantheismus und seiner Milchschwester, der Fleisches Emancipation, sich versitzt hat; was dem Object des ersten Gottesgebotes immer fort noch den corsischen Tyrannen der Körper,- wie der Geisterwelt substituiren möchte; was alltäglich auf die sauren Riedwiesen der Zeitungsdiatriben sich hinaustreibt: Alles dieses findet in jenem Verbot den Ausdruck wunderherrlicher Weisheit. Es ist dieß ein Beweis mehr, wie das Wort Freiheit in dem Munde derjenigen Partei zu verstehen seye, welche mit demselben manchmal so tollen Lärm schlägt. Eben als ich in Paris eingetroffen war, hatte der Kampf über Freiheit des Unterrichts begonnen. Alles nahm mit jener Lebhaftigkeit, welche den Franzosen eigen ist, daran Theil; Alles schaarte sich auf die eine oder andere Seite; Alles griff mit Hast nach den Blättern und richtete nach dem zuvörderst den Blick, was auf diese große Frage des Tages Bezug hatte. Doch war leicht zu bemerken, daß an den besuchtesten öffentlichen Orten denjenigen Organen, welche gegen die aus der Revolution herabgeerbte und durch den thatkräftigen Despoten festgestellte Einrichtung das Wort führten, der Zutritt nicht gestattet war. Nicht allein in den verschiedenen Heerlagern der Tagdieberei, in den besuchtesten Caffés des Palais-Royal und in andern, mit diesen auf gleicher Linie stehenden, auch in dem Lesecabinet de la tente, wo es an deutschen und selbst mehreren Schweizerzeitungen nicht fehlte, vermißte ich überall das Univers, den Ami de la religion und ähnliche Zeitschriften, indeß von den verschiedenen Revuen, die kurz zuvor entstandene Monde catholique abgerechnet, kaum eine oder[111] die andere fehlen mochte. Es ließ sich hieraus zweyerlei abstrahiren. Zuerst, daß diejenigen, welche vermöge ihrer Gesinnung auf Seite der für die Freiheit des Unterrichts Sprechenden stehen, weniger in den Caffeehäusern sich lagern, als die Andern, denn sonst würde wohl auch ihrem Bedürfniß entsprochen, ihrer Gesinnung Rechnung getragen werden. Wie aber jene der Zahl, besonders dem Gewicht nach zu diesen sich verhalten, hiefür fand ich begreiflicher Weise keinen Maßstab. Sodann wird hieraus klar, daß es mit der Unpartheilichkeit und Unbefangenheit in der großen Weltstadt im Grunde nicht viel besser stehe, als in dem verkümmertsten Nest des Liberalismus deutscher Zunge. Man brüstet sich mit Freisinnigkeit, man wirst Andern, die in entgegengesetzter Richtung sich bewegen, engherzige Verknechtung des Geistes, schroffe Ablehnung jeder Gegenrede vor, indeß es nichts Engherzigeres giebt, als jene Freisinnigkeit, die erst jeder störenden, oder zur Prüfung nöthigenden Einrede die Thüre weist, um dann im ausschließlichen Besitz des Wortes an unwidersprochenem Austoben und Herpoltern desselben in voller Luft sich erlaben und mit siegestrunkenem Blick versichern zu können, die Andern bis zur totalen Lautlosigkeit darniedergeschwatzt zu haben. Der Streit, den sie damals in Frankreich erhoben, in welchem ein Jahr später noch bedeutendere und gewichtigere Kräfte sich entwickelten, und der bis zum heutigen Tage noch schwebend ist, auch vermuthlich in der allernächsten Zeit nicht wird entschieden werden, ist im Grunde nicht ein rein französischer, sondern in seinen obersten Beziehungen ein Streit, der in jedem Lande sich erheben ließe, welches durch die Allesregiererei des Constitutionalismus oder des Absolutismus unterjocht ist. Er ruht anderwärts; zwar nicht in dem Innern der Geister, welche die letzten Zwecke verwandter Bestrebungen durchblicken, nicht in den Tiefen der Gemüther, welche durch so schnöde Absicht noch verwundet werden können, aber auf der Oberfläche; die Bekümmerniß kann nur in verbissenen Seufzern, in schüchtern hervortretendem Wink laut werden, weil Gesetz,[112] Gewalt und Schergen das Klagewort zurückdrängen, und hundert feile oder feindselige Stimmen zum Uebertäuben desselben mit erwünschtem Succurs heranziehen. Bei diesem angehobenen Streit handelt es sich in letzter Beziehung um die Fragen: wem liegt die Verpflichtung der Obsorge für die Kinder ob, und wem steht mit dieser Verpflichtung das erste Anrecht an die Kinder zu ? den Eltern oder dem abstrakten Staat? Die erste Frage ist den Eltern (Sparta abgerechnet) noch niemals und nirgends streitig gemacht worden, daß aber die zweite der ersten als Begleitesatz nothwendig folgen sollte, das will nicht zugegeben werden. In Frankreich, wie in Deutschland, dürfte es sonderbare Aufnahme finden, wenn entweder der Einwohner fordern wollte, die Staatsgewalt müße für die leiblichen Bedürfnisse seiner Kinder sorgen, dieweil sie Theile des Staats wären, oder aber dieser Vorschriften erlassen, wie und womit die Eltern ihre Kinder zu nähren und zu kleiden hätten. Stünde dieser unverkümmerten Obsorge an Gewichtigkeit diejenige wohl nach, womit der Kinder Geist und Herz genährt, in welcher Weise diese groß gezogen werden sollen? Müßte hierüber das Recht der Eltern als erloschen erklärt werden und eine unbedingte Vormundschaft des Staats an deren Stelle treten? diese dann sollte die Jugend nicht allein zu einer Geistesnahrung zwingen dürfen, welche die Eltern als eine zuträgliche, dem höchsten Bedarf entsprechende nicht anerkennen können, sondern jede andere Stätte, an welcher sie für ihre Kinder diese zu finden hofften, ihnen sowohl durch Prohibitiv- als Präventiv-Maßregeln abgesperrt werden! Wollte die Einmischung des Staats nicht über die natürliche Gränze des Rechts hinausgreifen, so dürfte dieselbe nicht weiter gehen, als zu fragen: ob für Unterricht und Erziehung der Kinder gesorgt werde? Ihnen aber, zumal in religiöser Beziehung, ein Gepräge aufdrücken zu wollen, was das Gewissen der Eltern verletzt, was deren zarte Fürsorge in der obersten und wesentlichsten Angelegenheit des menschlichen Gemüthes als eine unbefugte mit schnödem bureaukratischem[113] Gebieten zurückweist, was die Kinder in den höchsten Lebensfragen zum diametralen Widerspruch gegen treubesorgte Eltern heranzieht, was jene sowohl durch die Gesammtrichtung, als durch die tagtäglich eingeträufelten Lehren, der Kirche, in deren lebendiger Verbindung diese die einzige Bürgschaft der gedoppelten Wohlfahrt, der zeitlichen und der ewigen, anerkennen, entfremdet oder gegen dieselbe gleichgültig macht, ein solches Gepräge durch Zwangs- und Sperr-Anstalten dem heranwachsenden Geschlecht wider den Willen so vieler und gerade der achtungswerthesten Eltern aufdrücken zu wollen, dazu hat der Staat kein Recht. Und ob man auch darauf hinweise: aber hier ist es so, und dort wird es so gehalten, und in jenem Land bestehen ähnliche Einrichtungen, so wird durch dieses Alles nicht das Recht, sondern bloß die Thatsache bewiesen, daß diesem auch anderwärts die gebührende Anerkennung nicht wiederfahre. Denn selbst durch die dichteste Wolke von Zeugen für das Bestehen des Unrechts kann dem natürlichen und absoluten Recht nicht das mindeste abgedingt werden. Kehren wir die Sache um. Denken wir uns ein Land, in welchem die Kirche ihre ehevorige Stellung noch einnähme, in welchem dieselbe einer solchen Bedeutung sich erfreute, und deren Obere ein solches Gewicht besässen, um, nicht ohne Hoffnung des Erfolges, das ausschließliche Recht des Unterrichts in allen Fächern und Zweigen des Wissens und selbst der Erziehung für sich zu verlangen, in Frankreich die Stelle der jetzigen Universität, in andern Ländern diejenige einzunehmen, die von dem obersten Ministerium durch alle Gliederungen einer, wenn nicht offenbar feindselig gesinnten, so doch für religiöse Interessen durchaus blasirten Bureaukratie herabläuft! Welches Gelärme über herrschsüchtige Anmassung, über Gefährdung der heiligsten Interessen der Menschheit, über bedrohliche Verknechtung würde nicht sofort aus allen Winkeln hervorbrechen, von einem Ende des sogenannten gebildeten Europa's zum andern wiederhallen, in lautem Rothschrei die Spalten aller Zeitungen füllen! Sollte aber das Recht bloß auf Seite der Verneinung[114] stehen, ausschließlich denjenigen Tendenzen zukommen, welche im bessern Fall die Kirche ignoriren, die Jugend über deren Lehren und Forderungen in Unkenntniß lassen, oder auf den Unterricht hierin, wie nothdürftig er auch seye, als auf einen Abbruch an Nützlicherem schielen, oder ihn in einer Allgemeinheit und Gestaltlosigkeit verschwimmen lassen, von der kein sicherer und gefestigter Eindruck zurückbleiben kann? Von dem, was in entschieden abgekehrtem Sinne, in feindseligem Geiste, in zerstörender Absicht geschieht, gar nicht zu sprechen! Sollte für Eltern, welche durch einen kirchlichen Unterricht ihren Kindern die gedeihlichste Ausstattung zur Wanderung durch das Leben besorgen zu können glauben, neben dem unkirchlichen nicht auch Gelegenheit, jenen zu finden, eröffnet werden? Sollen sie mit blutendem Herzen zusehen, wie dieselben in einen solchen sich müssen einpferchen, sich selbst aber auf den einzigen Trost des Jammers verweisen lassen? Betrachtet man immerhin, was der kirchliche Unterricht zu geben vermag, als überflüssiges Gepäcke, welches an rüstigem Vorwärtsschreiten nur hindern könne, ? anerborne Leichtfertigkeit, lockende Beispiele, verführerische Verhältnisse, Einflüsse mancher Art können leicht Ursachen werden, nur allzubald, nicht allein allfälligen Ueberflusses, sondern der ganzen Habe sich zu entledigen, und den weitern Weg in jener innern Nacktheit zu verfolgen, worin etwa Einer den Triumph der Geistesfreiheit und Menschenwürde anpreisen mag; indeß es demjenigen, der bloß und dürftig von Haus entlassen wurde, ungleich schwerer fällt, auch nur das Nothwendigste allmählig sich zu erwerben. Es giebt mehr Reiche, die zu Bettlern, als Bettler, die reich geworden sind. Dieses Monopolium des Unterrichts ist die empörendste Tyrannei, die sich denken läßt. In den Gründen, womit man dieselbe rechtfertigen will, liegt der bitterste Hohn gegen das Menschengeschlecht; wenn gleich die Mehrzahl desselben in seiner Blindheit, in der es zu Neigung und Abneigung, für Zustimmung und Verwerfung, durch etwelche Schlagworte sich[115] gängeln läßt, gegen das Gefühl desselben verhärtet seyn mag. Welcher gellende Mißton durch das laute Summen von Freiheit, zu dem jeder Ellenritter und jeder reisende Meßwaaren-Speculant, in Verbindung mit den bartlosen Weltordnern, seinen Beitrag liefert! Frei soll der Mensch seyn, eine freye Bildung soll er erhalten, rufen Pädagogen und Demagogen, Gesetzgeber und Kleidermacher. Freiheit schallt es von allen Seiten, Freiheit ist der Menschen Element; aber nur in centrifugaler Richtung bewährt er, daß er darin sich bewege; ja nicht in centripetaler, diese führt zur Knechtschaft! Wollte er aber in unverbesserlichem Starrsinn nach dieser die Wendung dennoch nehmen, dann stehe der Zuchtmeister bereit, der es ihm einbläue, welcher Weltgegend zu das Land der Freiheit liege. Es kann aber Frankreich mit jenen deutschen Staaten, welche die Schule in das große Noviciat einer antikirchlichen Secte verwandelt haben, die sicherste Würdigung ihres Systems finden, wenn sie nach der Quelle fragen, aus welcher dasselbe zuerst hervorgebrochen ist. Wie man auch Ludwig XIV und das Regierungssystem, als dessen Schöpfer er angesehen wird, beurtheile, so weit suchte er seine Eigenmacht doch nicht auszudehnen, um nicht allein vorzuschreiben, was und in welchem Geist müsse gelehrt werden, sondern gleichzeitig durch alle möglichen Vorkehrungen jede Erziehung in anderm Geist und zu anderm Zweck, als dem seinigen, wenn nicht geradezu zu verhindern, so doch durch alle erdenkbaren Beschränkungen zu erschweren. Mag er auch den Körper seiner Unterthanen für maaßlos frohnpflichtig, ihren Beutel für steuerpflichtig bis zum letzten Pfennig gehalten haben, dessen gedachte er nicht, selbst ihren Geist sich tributbar zu machen. Allerdings wurde auch damals demselben übereinstimmmend die gleiche Richtung gegeben: eine monarchische und katholische; dieselbe gieng aber nicht aus Ordonnanzen und Regulatioen der obersten Gewalt, sondern aus einem harmonischen Bestreben der Lehrenden hervor, der Sensus comumunis aller Classen und Stande der Ration kam ihr entgegen, und[116] sonder Zweifel wär bei einem Versuch, sie in eine antimonarchische und antikatholische zu verkehren, jeder abwehrenden Dazwischenkunft der weltlichen oder der kirchlichen Autorität die öffentliche Verurtheilung vorangeeilt. Es war aber das Recht des Unterrichts damals weder der Kirche noch dem Staat ausschließlich, es war weder besondern Ständen noch Corporationen vorzugsweise eingeräumt; und doch bestand zu jener Zeit noch kein Staatsgrundgesetz, von welchem man bei Gelegenheit mit vollklingender Emphase versicherte, es müsse eine Wahrheit seyn; und doch scholls damals noch nicht von Unten zum Throne hinauf und vom Thron nach Unten hinab: »Der Unterricht soll frei seyn.« Wiewohl damals ein solcher Schall von nirgends her ausgieng: einzig das Wort hatten sie nicht, die Sache befassen sie vollkommen, ein anderes Verhältniß konnten sie sich nicht einmal denken. Könige und Bischöfe, Städte und geistliche Corporationen hatten Lehranstalten gestiftet; Priester und Layen, Weltgeistliche und Religiosen ertheilten Unterricht; eine allgemeine Concurrenz war eröffnet; den Eltern blieb die freieste Wahl, ihre Kinder unterzubringen, wohin Neigung und Vertrauen sie zog. Fehlte es zwar an jener abgeschmackten Formulirungssucht, welche über das Unbedeutendste Vorschriften ertheilen, selbst das Geringfügigste ordnen und Alles in eine Maschine verwandeln will, von deren Räderwerk Bewegung und Wirken nach Maaß sowohl als nach Umfang allein abhängen soll, so fehlte es doch nicht an lenkender Ueberwachung, welche Freiheit und Ordnung in bessern Einklang zu bringen verstund, als unsere formularienhungrige Zeit; dagegen fehlte es anderseits an den pecuniären Leistungen, welche heutzutage für die Zwangswohlthat des Uni versitäts-Monopols den Eltern auferlegt werden. Wie man auch über die National-Versammlung und über die Constituante sich erklären möge, das läßt sich nicht in Abrede stellen, daß bei Behandlung einzelner Fragen in denselben immer noch Stimmen vernommen wurden, die mit hellem Blick und festem Muth dem Drang, die Saturnalien der Brutalität[117] zu feyern, entgegentraten. Zwar wollte schon die Constituante das Unterrichtswesen sich dienstbar machen, aber sie stand davon ab und gab es frei, denn sie überzeugte sich, es seye ein richtiges Wort, was Talleyrand damals gesprochen: »Sobald Jedem das Recht zustehe, an den Wohlthaten des Unterrichts Theil zu nehmen, so müsse demselben dasjenige, solchen ertheilen zu dürfen, zur Seite gehen. Seyen Privilegien ihrer Natur nach gehässig, so seye dasjenige des Unterrichts das gehässigste, ja geradezu unvernünftig.« Wohl ist es unzertrennlich in die jetzigen Begriffe verwachsen, für die gesetzgeberischen Bestrebungen zu Einzwängung des Unterrichts, damit jeder verneinende Geist in der Schule ungehindert seinen Tummelplatz finde, sie nur gegen den wesentlich bejahenden sorgsam abgesperrt bleibe, ein unbestreitbares Recht des Staats in Anspruch zu nehmen und in der schonungslosesten Anwendung desselben einen Triumph des Fortschrittes zu beklatschen. Aber nie genug kann man es ihnen in Erinnerung bringen, daß die Ehre so preiswürdiger Erfindung niemand Anderm zukomme, als Danton, Robespierre und ihren Genossen; daß dieses so munter vertheidigte Zwangsrecht nichts Anders als ein Lappen seye, herausgerissen aus dem blutgetränkten Mantel der Revolution, dem man noch immer seine Herkunft ansieht, obgleich sie ihn allerwärts nach Landestracht zugeschnitten haben. Dantons Wort: »Die Kinder gehören der Republik und dann erst den Eltern,« umfaßt, wie ich anderwärts gesagt habe, Alles, was die Sclaverey fordernde Autokratie offen bekennt, und die Freiheit heuchelnde Autokratie in ihren Hintergedanken birgt. Daher sahen wir jenes damals erlassene Gesetz: »Wer seine Kinder der gemeinsamen Erziehung entzieht, darf, so lange dieses geschieht, seine bürgerlichen Rechte nicht ausüben,« in mehr als einem Land nur in etwas milderer Form in Anwendung bringen. Haben sie aus Chaptals Rede, die er im Anfang des Consulats über die Frage gehalten: ob der Unterricht frei zu geben seye? wohl jene Worte sich gemerkt: »Eine Regierung, die sich zum unbeschränkten Herrn[118] des Unterrichts machen würde, könnte denselben zu ihren Zwecken ausbeuten; dieser mächtigste Hebel unter allen könnte in ihren Händen das vornehmste Werkzeug der Sclaverei werden?« Bonaparte wenigstens scheint sich dieselben gut gemerkt zu haben. Denn so wie er sämmtliche Hebel der Macht in seine Hände gebracht hatte, sollte auch dieser wirksamste von allen ihm nicht entgehen. Er schuf die sogenannte Universität, in welcher alle Befugniß zum Unterricht sich concentrirte, in der Meinung, es würde hiedurch um so unfehlbarer ein homogener Geist demselben sich einpflanzen lassen, und keine andere Gesinung mehr aufkommen können, als wie sie eben zu seinen Zwecken brauchbar seyn. Wenn auch Ludwig XVIII diese Schöpfung des Despoten mit den väterlichen Einrichtungen des Königthums, mit dem socialen Geist der Regierung unverträglich erklärte, so adoptirte er sie dennoch, und ohne Entgegenstreben waltete sie fort bis zur Julirevolution. Mit dieser regte sich der Gedanke, auch jene vorenthaltene Freiheit zurückzufordern; »dieß seye,« sagte in der Sitzung der Deputirtenkammer vom 6. August 1830 der Abgeordnete Berard, »Frankreichs allgemeiner Wunsch.« Deßwegen mußte die Charte versprechen, eigene Gesetze über den öffentlichen Unterricht und dessen Freiheit in möglichst kurzer Zeitfrist erlassen zu wollen. Man hatte in Berücksichtigung von Frankreichs Interesse und Begehren die Ueberschrift über ein höchst inhaltschweres Capitel mit schmiegsamer Bereitwilligkeit verfaßt; die Blätter, auf welchen der Gegenstand hätte erörtert, entwickelt und ins Reine gebracht werden sollen, sind bis zur heutigen Stunde weiß geblieben. Heinrichs IV Wort: »ein Königreich ist wohl eine Messe werth!« wurde dem Wesen und dem Bedürfniß der Zeit nach übersetzt: ein Königreich ist wohl eine Lüge werth! Derjenige Theil der Franzosen, welcher das nun einmal bestehende Getriebe der öffentlichen Einrichtungen nicht als tadelfreyes oder unverbesserliches oberstes Agens der Gesellschaft erachten kann; welcher derselben einen andern Cultus, als denjenigen[119] gegen die jeweils vollziehende Macht und den Inviduen ein anderes Ziel, als möglichste Befriedigung der materiellen Bedürfnisse für zuträglicher hält; welcher, weil für das Leben, also auch für den Unterricht und die Erziehung, eine religiöse Unterlage als die sicherste und kräftigste erachtet; dieser Theil der Franzosen blickt, nicht sowohl auf das Fortbestehen, wie die Gegenpartei vom Standpunct ihrer Nothwehr aus ihm anzufälscheln beflissen ist, sondern bloß auf das ausschließliche Fortbestehen einer Staatseinrichtung, die jedem, auf Bildung der Jugend einwirkenden Element freyern Spielraum gestattet, als demjenigen, welches länger als ein Jahrtausend in Frankreich für das wesentlichste und unerläßlichste erachtet wurde, mit tiefer Betrübniß. Denn nie, will man sich anders den unbefangenen Gesichtspunct bewahren, darf vergessen werden, daß keine Stimme gegen das Fortbestehen, jede einzig gegen die Ausschließlichkeit der Universität laut wird. Auch berührten ihre Klagen nicht die Form, sondern das Wesen; sie erhoben die Stimme nicht wider das Universitäts-Monopol, als wider solches, sondern gegen den widernatürlichen Zwang, welcher sie hindert, ihren Kindern diejenige Geistesbildung zu geben, die sie als die allein wahre, allein befriedigende anerkennen. Sie verlangen Unterrichtsfreiheit, nicht um eine Freiheit mehr zu haben, sondern damit die Schranke wegfalle, welche ihnen die richtige Bahn absperrt. Sie fordern, daß die Charte zur Wahrheit werde, nicht deßwegen, weil die Zusage der Unterrichtsfreiheit in derselben enthalten ist, sondern weil dieselbe diese Zusage als Ausdruck des natürlichen Rechtes, des nationalen Willens aufgenommen hat. Sie wollen nicht, daß der Staat in seinen Rechten verkürzt, oder in Verfolgung seiner Zwecke beschränkt werde; aber sie wollen ebenso bestimmt, daß diejenigen der Individuen anerkannt, ihnen die Verfolgung einer solchen Richtung, die über die Zwecke des Staates hinaufragt, in dieselben ebensowenig hineingreift, als ihnen hinderlich wäre, nicht unmöglich gemacht werde. Wo die Doctrinäre an den Buchstaben der Charte sich halten und Erfüllung[120] der Zusage nur deßwegen fordern würde, weil es eben Zusage ist, fassen diejenigen, welche wider das Universitäts-Monopol mit solchem Ernst, mit solcher Gewandtheit, mit so glänzenden Geisteswaffen auf den Kampfplatz treten, dessen Wesen auf, wie dasselbe durch eine enggeschlossene Gliederung von dem Mittelpunct in Paris über ganz Frankreich sich verzweigt. Offen, unwiderlegt, vor vielen Zeugen Ohren sprach schon vor 14 Jahren, bei Gelegenheit des Processes wegen der freyen Schule, Graf Montalembert die bedenklichen Worte, welche leider seitdem an ihrer Wahrheit und an ihrem Gewicht nichts verloren haben: »Der Krebs frißt an allen Anstalten, Collegien, an Allem, was die Universität gegründet hat; überall da zeigt er sich, wohin wir nach ihrem Willen unsere Kinder ausliefern sollen, und, um sie besudelt zu sehen, dieselbe bezahlen müssen. Giebt es eine einzige Anstalt der Universität, in welcher ein katholisches Kind seines Glaubens leben könnte? Lastet nicht Zweifelsucht, eisige, zähe Gottlosigkeit auf allen denjenigen Seelen, deren Unterweisung sie in Anspruch genommen hat? Sind sie nicht alle besudelt, oder versteinert, oder erstarrt? Steht nicht die gräßlichste, schauderhafteste, naturwidrigste Unsittlichkeit in den Verzeichnissen jedes Collegiums, in der Erinnerung jedes Kindes geschrieben, wenn es auch nur acht Tage darin zugebracht hätte? Wird die Ansteckung nicht alljährlich todbringender; frißt sie nicht alljährlich Tausende von Kindern? So handelte Inlianus nicht! Er schloß die Christen von den öffentlichen Schulen aus, zwang sie aber nicht, ihre Kinder denselben zu übergeben, damit sie Glauben und Sittlichkeit verlören.« Diese Zeugnisse haben sich seitdem vermehrt; sie sind nicht allein zahlreicher, sie sind auch gewichtiger geworden; jedenfalls konnten sie sich nicht vermindern, je ernster die Summitäten der großen Lehrercorporation, die lenkenden und ordnenden Geister derselben sich bestrebten, die aus Deutschland hinübergeholten Fragmente des Pantheismus, verquickt mit allen homogenen Theilen, die sie aus verwandten Philosophen[121] aller Zeiten und aller Völker gezogen, nach Frankreich einzuführen, die heranwachsenden Geschlechter mit denselben zu tränken, und die katholische, ja überhaupt die christliche Lehre, als ein antiquirtes Mährchen zu behandeln, womit die Menschheit zur Zeit ihrer Kinderjahre füglich habe amüsirt oder geschreckt, immer ader in Uebereinstimmung mit ihren schwachen Kräften können gegängelt werden. Hat doch der gegenwärtige Minister des öffentlichen Unterrichts, Herr Villemain, in merkwürdiger Uebereinstimmung mit Feuerbach, den christlichen Glauben als Frucht der Einbildungskraft und des Enthusiasmus bezeichnet; erschien doch diesem obersten Wächter und Garanten des Lehramts durch ganz Frankreich die Gottheit Christi als eine düstere Lehre, als eine scholastische Spitzfindigkeit; und fand an diesem Hochbetrauten des vormals allerchristlichsten Königs sowohl der Arianismus, als Kaiser Julianus den eifrigsten Lobredner! Darin blieb der Schöpfer der Universität hinter der maurerischen Weisheit deutscher Staatslenker und ihrer freudig schmiegsamen Gesellen zurück, daß er die Geistlichkeit und deren Bildung nicht ebenfalls in den ehernen Ring des Universitätszwanges bannte; die Seminarien standen fortan unter den Bischöfen, welche nicht allein ungehindert die Lehre überwachten, sondern auch die Lehrer bestellten, Vorschrift und Ordnung ertheilten; welcher Freiheit allein es zu verdanken ist, daß die Geistlichkeit Frankreichs an Würde und Berufstreue, an ächt priesterlicher Gesinnung und Tüchtigkeit von derjenigen keines Landes übertroffen wird. Diese freye Bewegung der kirchlichen Bildungsanstalten schien aber den in ihrem Freisinn Bonaparten überbietenden Wächtern der Universitätsgewalt ein Mißstand; die Seminarien glichen ihnen einem feindlichen Lande, in welchem sie weder die Erzeugnisse ihrer Weisheit absetzen, noch als Austausch von daher Taxen beziehen konnten. Vielleicht mag für sie noch ein größeres Gewicht in der Wahrnehmung liegen, daß alljährlich aus denselben eine geweihte Gehaar hervorgehe, deren Lebensbestimmung[122] es seye, ganz andere Lehren zu verbreiten, ganz andere Ueberzeugungen aufrecht zu halten, in Dienste eines ganz andern Geistes zu wirken, als wie den Universitätsherren zu thun beliebt. Es liegen in ernstem Kampfe mit einander zwei abgekehrte Elemente, deren jedes Frankreichs Bewohner, Frankreichs Zukunft zu durchdringen bestrebt. Das eine getragen von der Einfachheit, dem schlichten Wort, dem Beispiele des Lebens; das andere vergesellschaftet mit der stolzen Weisheit, mit den reichen Gütern, mit der weitgreifenden Macht dieser Welt. Es sollten nimmer auf die Dauer beide nebeneinander bestehen, es sollte nimmer das erste das stolze Walten des andern verkümmern, es sollte auch jenes, abgetrennt von seiner Ouelle, in den Dienst von diesem hinübertreten. Uebersehen wir aber nicht, daß die Stellung der Universität zu jener Zeit, als sie ins Daseyn gerufen worden, eine ganz andere war, als gegenwärtig. Man sagt nicht zu viel, wenn man behauptet: Bonaparte wollte Frankreichs Seele, Frankreichs belebender, ordnender, lenkender Geist, alle Individualitäten, alle vorhandenen Existenzen, alle denkbaren Kräfte sollten nur Organe seyn, deren verschiedenartige Lebensthätigkeit zu jener, Alles in sich vereinigenden Intelligenz in Beziehung stünden, durch sie Bewegung, Richtung und Bestimmung erhielten. Die Wissenschaften, die Künste, der Handel, sie alle waren mehr oder weniger Manifestationen des Centralgeistes, dessen Walten bei allem Schein der Freithätigkeit, dennoch Maaß und Ziel ihnen zuwies. So die Universität. Auch sie war nur ein Organ an dem Gesammtkörper, ein Mittel zu einem gegebenen Zwecke, ein Reflex von Bonapartes Idee, eine der verschiedenen Incarnationen des durch ihn repräsentirten Geistes. Von diesem Standpunct beurtheilt, sind das heutige Frankreich und das damalige Frankreich zwei durchaus verschiedene Erscheinungen, und die Beziehung der Universität zu jenem ist eine ganz andere, als diejenige war, in welcher sie zu diesem stand. Die Satzungen und Bestimmungen, die ihr damals gegeben worden, bestehen zwar jetzt noch; da aber[123] der Geist, aus dem dieselben hervorgiengen, entwichen, der Zweck, zu dem sie erlassen wurden, beseitigt ist, so ist sie hiedurch mit ihrer Wirksamkeit nach außen in ein ganz anderes Verhältniß getreten. Sie hat aufgehört, das Organ eines einigenden Geistes, der Mandatar einer höhern Gewalt, das Mittel zu einem gegebenen Zwecke zu seyn. In ihrer Stellung zu dem dermaligen Frankreich hat sie zum Selbstzweck sich aufgeworfen, und in dem Gebiet, über welches sie von dem grossen Autokrator zum rechenschaftspflichtigen Landpfleger bestellt worden, nach dessen Ableben als unabhängiger Herrscher sich ausgerufen. Daß der Einzelne dem Begwaltigten, der seiner Seits doch nur Unterthan des Höhern ist, sich füge, kann nicht befremden; aber ebensowenig kann es befremden, wenn er nicht einsehen will, warum der Begwaltigte seine Befugniß in dem vorigen Umfang immerfort noch in Anspruch nehmen wolle, indeß von demjenigen, der ihn bestellte und der der Stützpunct seines Waltens war, keine Spur mehr vorhanden ist. Die Universität hat zwar nicht aus eigener Machtvollkommenheit, sondern erst durch Connivenz der Restauration, hierauf unter Beihülfe und Benützung der Julirevolution, dem Eroberer, sich selbst sofort aber, als sie gesichert sich wußte, seinem Geist den ihrigen undseinen Zwecken die ihrigen substituirt. Diejenigen da gegen, welche Freiheit des Unterrichts verlangen, stellen hierin die natürliche Frage: haben wir nicht an das durch Bonapartes Sturz herrenlos gewordene Gut der freyen Geistesbewegung ein so wohlbegründetes Anrecht, als diese Corporation? Allein diese will sich nicht einmal mit demjenigen begnügen, was der vorige Oberherr ihr eingeräumt, sondern trachtet ihr Gebiet noch zu erweitern, ihr Joch auch denen aufzulegen, die selbst Jener damit verschont hatte. Während daher der Schöpfer der Universität das kirchliche Gebiet in Unabhängigkeit von ihr bestehen ließ; während die Charte, Frankreichs unantastbares Grundgesetz, allgemeine Freiheit des Unterrichts in Aussicht stellte; sollte der einzige Boden, auf welchem unter allem Wechsel der Dynastien bisher[124] allein Freiheit gewaltet, ebenfalls unter das Universitätsjoch gebannt werden. Allerdings mag es ihnen wehe thun, in die Bildungsstätten der Geistlichkeit keine Professoren bringen zu können, welche die jungen Kleriker zu ihrem künftigen Stand und ihrer Bestimmung durch die sublime Weisheit vorbereiten: »das Christenthum seye in einem Stall geboren worden und trage jetzt noch den Stallgeruch an sich;« oder, ? »es gebe kein Böses; was der Mensch für bös gehalten habe, seye nur Unvollkommenheit seines eigenen Wissens, Unzulänglichkeit seiner eigenen Kraft:« oder, »Spinoza, seye darum so groß, weil er es auf sich genommen, mit Jesus Christus in die Schranken zu treten; denn der Nazaräer hätte den Gottmenschen verkündigt, der Holländer aber den Welt-Gott.« Welche Förderung im Bau »des Tempels,« wenn die einstigen Priester angeleitet würden, mit einem der Universitätslehrer das Bekenntniß abzulegen: »ich glaube an die Legitimität, Souveränetät und Infallibilität der menschlichen Vernunft.« Wie trostreich und erhebend, wenn dieselben sie als Theile der zu durchgreifender Erneuerung der Zukunft berufenen Jugend gewöhnt würden, Preisvertheilungen mit Absingung der Marseillaise zu verherrlichen, und dabei als »Beweise der Weisheit und der Erleuchtung« Reden über das Thema anzuhören: »die Menschenseele seye ein Partikel der Gottesseele?« Dürsten nicht die kirchenfeindlichen Zeugnisse, wie weit verwandte Bestrebungen in einer deutschen Provinz am Ende es gebracht zu haben glaubten, nochmals den Universitätsherren ein lautes Macte virtute estote! zurufen; sie überzeugen, daß Ausdauer in improbo labore selbst die Kirche anscheinend zu besiegen wisse? Würde bei ungehemmtem Einfluß der Universität auf die Diener der Kirche das hierüber jubelnde Frankreich Deutschland gar zu lange um seinen Ronge und seine »freimüthigen Blätter« beneiden, oder über den schwachen Anklang, den sein Abbé Chatel gefunden, trauren müssen? Was immer es seye, die Unabhängigkeit der Seminarien von der Universität, der hieraus hervorgehende Mangel alles[125] Einflusses derselben auf die Geistlichkeit, der Gegensatz der beiderseitigen Doctrinen wollte den Thurmwächtern des Monopols nicht behagen. Deßwegen wurde unter Einwirkung der mit der Revolution zu hohem Ansehen und durchgreifendem Einfluß sich erschwingenden Wortführer der Universität schon im December 1831 die lockende Aussicht eröffnet, daß von einer bestimmten Frist an Keiner zum Bischof, Generalvikar, Domherrn, Departemental-oder Cantonal-Pfarrer dürfe befördert werden, der nicht den Grad eines Bacealaureus oder Licenciaten erlangt, somit eine Prüfung durch die Universität bestanden, die Vollendung seiner Bildung nicht durch diese gewonnen habe. Daß der Beweggrund zu einem derartigen Bestreben weder in der Mangelhaftigkeit der geistlichen Bildungsanstalten, noch in dem reinen Verlangen, die aus denselben hervorgehenden Jünglinge auf eine höhere Stufe der Tüchtigkeit emporzuheben, sondern einzig aus monopolistischer Scheelsucht und aus der Hoffnung hervorgehe, ihnen allmählig einen andern Geist, als denjenigen, den sie aus den Seminarien mit sich nehmen, einhauchen zu können, ließ sich damals schon vermuthen. Einige Jahre später hat es ein anderer hochemporgehobener Universitätsherr, Salvandi, in einem Bericht an den König so ziemlich unumwunden ausgesprochen: »Offenbar, sagte er, würde die Universität ihrer Bestimmung nicht genügen, wenn sie das Recht, die oberste aller Wissenschaften zu lehren, und die Grade, welche das zum priesterlichen Amte erforderliche Wissen bekräftigen, aus den Händen ließe; allgemach muß der Clerus zu uns zurückkehren;« d. h., durchdrungen werden von der Lehre der Universität, welche ihre wechselnden Philosophen über den unwandelbaren Glauben hinaufsetzt, die Autorität des Menschengeistes als die oberste und allein heilige präconisirt, und für sich geradezu als unbestritten das Recht in Anspruch nimmt, »die Geister in ihrer Ungewißheit zu leiten.« Man ist sich zwar gewöhnt, jede Lebensäußerung, die aus reinkatholischem Geiste hervorgeht, zu verdächtigen, jede Forderung, die das ächtkatholische Bewußtseyn stellt, nicht bloß zurückzuweisen,[126] sondern als Beleg der Geistesarmuth zu bespötteln; so wie aber dieses nicht gewagt werden darf, ihm irgend einen unreinen Hintergedanken anzudichten, jede Abwehr desselben gegen versuchtes Darniedertreten, gegen auferlegten Zwang als hellen Beweis störriger Unfügsamkeit oder barscher Unfriedfertigkeit zu verschreien. Darum ist nicht unterlassen worden, auch diese wichtige Frage, in Deutschland ebensosehr als in Frankreich, von ihrem richtigen Standpuncte auf einen ganz andern hinüberzureden. Man hat von Umsichgreifen der Geistlichkeit, von der Absicht, Unterricht und Erziehung der Jugend in ihre Hände bringen zu wollen, von Widerstreben gegen die nationale Entwicklung, von Lähmung des Fluges der Intelligenzen, und was dergleichen mehr ist, gesprochen; als ob das Zurückfordern eines natürlichen und nur nach Maßgabe entgegenkommenden Vertrauens auszuübenden Rechts als Umsichgreifen zu bezeichnen wäre; als ob die Beseitigung des einen Zwanges die Einführung eines andern unabweislich zur Folge haben müßte; als ob nationale Entwicklung nur bei religiöser und sittlicher Gleichgültigkeit gefördert werden könnte; und als ob antichristliche und pantheistische Lehren die Schwingen wären, mittelst deren allein die Intelligenzen sich emporheben könnten. Die Blätter und Zeitschriften, welche jeder Verirrung des Menschengeistes das Wort reden, für jedes Anstreben wider das positive und festgehaltene Christenthum Sympathien äußern, einen materialistischen Staatsmechanismus als die lauterste Quelle alles wahren Menschenglückes anpreisen, haben in Deutschland ihren Widerklang schnell gefunden, indem sie hier gar wohl wissen, daß es nicht ohne alle Rückwirkung auf ihren Boden bliebe, wenn es in Frankreich gelänge, in Beziehung auf den Unterricht zur wahren Freiheit durchzudringen. Meint man aber, die Geistlichkeit und der an sie sich anschliessende gesunde Kern des französischen Volkes, welches in den Schaden der Gegenwart, in die Gefahren der Zukunft hell genug blickt, hätte in seinen Klagen über die verderbliche Wirkung der durch die Universität gepflegten Lehre zu schwarz[127] gesehen, die Farbe zu grell aufgetragen, die Sachen zu sehr übertrieben; meint man, sie jage in ihrer Forderung um Freiheit des Unterrichts einem Phantom nach, sie spiele gleichsam Molieres eingebildeten Kranken, sie träume von Gefahren für Erhaltung christlicher Gesinnung unter dem heranwachsenden Geschlecht, indeß nicht diese Gesinnung, sondern nur deren krankhafte Ueberwucherung wolle beschnitten werden, so vernehme man das Urtheil eines Protestanten über die, wenigstens heidnische oder doch das Christenthum höchst oberflächlich berücksichtigende Richtung des Universitäts-Unterrichts. Der Deputirte, Graf von Gasparin, sagte darüber: »Ich möchte es begreiflich machen, daß in den Collegien der Universität unsere Kinder nicht an ihrer rechten Stelle sind. Der gewichtigste Grund, dem man seinen vollen Gehalt nicht leicht wird absprechen können, ist der, daß in unsern Collegien in Wahrheit keine religiöse Erziehung statt findet. Das ist der unaustilgbare Fleck, die endlose Verdammniß gemischter Anstalten [welche in Deutschland so hoher Staatsprotection sich erfreuen], daß sie die Religion, gleich einem andern Unterrichtsfach, auf ihre Stunde, und meistentheils auf die letzte verweisen müssen. Mag man da seinen Unterricht im Christenthum besser oder schlechter erhalten; dasselbe durchdringt nicht alle Unterrichtszweige, es übt nicht jene absolute Herrschaft, die es von Rechtswegen fordern darf. Die kommende Zeit wird sich nicht genug verwundern können, wenn sie vernimmt, daß eine Gesellschaft, die sich eine christliche nennt, sieben bis acht der schönsten Jahre der Jugend ihrer Kinder zum ausschließlichen Studium der heidnischen Schriftsteller verwendete und dieselben mit deren falschen Ideen, deren falschem Ruhm nährte; daß sie dieselben ausschliessend in dem Cultus gegen das Vaterland und die Ehre erzog und ihnen die, dem Evangelium widerstrebendsten Grundsätze einpflanzte; daß dieses Evangelium an eine so niedere, untergeordnete Stelle verwiesen ward, daß es gegen den Einfluß verabscheuungswerther, unsern angebornen Neigungen schmeichelnder Lehren[128] nur selten ein Gegengewicht zu bilden vermag; und daß man unter dem Namen Jesu Christi sich anstrengt, Schüler des Socrates oder des Zeno so viel möglich heranzubilden.« Sollte es dann ferner heißen: gleichwie die vielstimmigen Organe des katholischen Frankreichs keine Beachtung verdienten, dieweil sie nur die Ausschließlichkeit der Kirche verträten, welche immer noch den Jugendunterricht als ein ihr zustehendes Privilegium zurückfordern mochte, ebensowenig dürfe man dem engherzigen Pietismus des Grafen Gasparin das Ohr leihen, indem dieser die Jugend gegen eine freiere Geistesbildung, die nur an den großen Vorbildern der Alten erstarken könne, absperren möchte. ? So höre man den Vicepräsidenten des königlichen Erziehungsrathes, der es wenigstens nicht auf sich nehmen mag, die Universität ihrer Anklägern gegenüber zu rechtfertigen. »Dieses Princip des Monopoliums, sagt er, läßt alle Parteyen der Reihe nach seine Streiche empfinden. Nichts Gesichertes, nichts Großes läßt sich durchführen; ja noch mehr ? nichts Moralisches. Keine freye Ueberzeugung kann Lebensfrist gewinnen in einer Corporation wie die Universität, die unablässig Gefahr läuft, am folgenden Morgen in Abrede stellen zu müssen, was sie am Abend zuvor anerkannt hat. Es ist lange Zeit her, seit ich, unter Allen der Erste, beharrlich, folgerichtig und mit treuem Sinn wider das Monopol, dieses Grab alles Glaubens und alles Unterrichts, mich erhoben habe.« Denn nicht allein vom Standpunct ihrer antichristlichen, pantheistischen und destructiven Richtung, nicht allein der Lehren wegen, womit sie die Jugend tränkt, der Gesinnung wegen, die sie ihr einflößt, ist die Universität mit ihrem Monopol für Frankreich verderblich, sondern es mangelt auch dem Unterricht selbst alle Solidität, alle ächt wissenschaftliche Haltung Wie könnte diese statt finden, wenn in den obersten Collegien die Zeit, anstatt sie zu Vorlesungen über das angekündigte Fach zu verwenden, in Declamationen im Sinne von Parteifragen zerrinnt? Auch hier darf man seine Zuflucht weder zu Vermuthungen, noch zu haltlosen Incriminationen nehmen; die[129] Statistik der Universität selbst bietet Belege hiezu dar, welche durch ihre Quelle gegen jeden Zweifel gesichert sind. Sie zeigt, daß von den Schülern, die um das Baccalaureat sich melden (also in den Departemental-Collegien ihre Vorbildung erhalten haben), jährlich die Hälfte, als ungenügend vorbereitet, zurückgewiesen werden muß, während bei denjenigen, die aus den kleinen Seminarien hervorgehen, diese Zahl bloß auf einen Dritttheil sich beschränkt. Ein der Universität sonst sehr ergebener Publicist sagt in die ser Beziehung: »Es ist eine furchtbare Beweisführung gegen die Studien an der Universität, daß mehr als die Hälfte ihrer Zöglinge nach vielen Jahren Unterricht nicht einmal eine lateinische Uebersetzung zu Stande bringen kann. Allerdings besitzen die Professoren viele Kenntnisse, aber nur in der Weise der Register an den Büchern.« Sollte nicht auch auf diesem Gebiete die freye Concurrenz, die man doch in allen andern Dingen als Förderungsmittel jedes Bedürfnisses der Gesellschaft so sehr anpreist, gedeihlichere Früchte tragen? Läge nicht für Viele darin schon eine Beruhigung, die Anstalt zur Erziehung ihrer Kinder nach freyer Wahl treffen zu können? Welchem Lebensberuf der Knabe sich widme, kein Gesetz schreibt dem Vater vor, wen er als dessen Lehrherrn ersehen müsse. Soll aber derselbe die wissenschaftliche Laufbahn betreten; da steht ihm bloß die Wahl zwischen den, mancherlei Bedenklichkeiten hervorrufenden Anstalten und dem Privatunterricht offen, dessen Kosten nur selten Einer zu bestreiten vermag; in jedem Falle aber wird der Beweis des Maaßes der Kenntnisse demjenigen, wie und woher er dieselben sich erworben, untergeordnet; eine Mauthanstalt auf dem geistigen Gebiete und im Bereich der Wissenschaft, bei welcher Frankreich nur damit sich trösten mag, daß seine deutschen Nachbaren dieses sinnreiche Institut bei sich ebenfalls eingeführt haben. Man sollte glauben, eine einfachere, natürlichere und gerechtere Forderung könne es nicht geben, als die: wir wissen, daß die Universität ihren Zöglingen statt eines katholisch-religiösen[130] Unterrichts Gleichgültigkeit gegen jede Religion einpflanzt. Da wir nun unserer religiösen Ueberzeugung gemäß wünschen müssen, daß die Söhne, welche Gott uns anvertraut hat, nach den Grundsätzen der Religion und zwar speciell der christ-katholischen Religion, die wir für die beste, ja für die alleinseligmachende halten, erzogen werden; da wir wünschen müssen, daß sie vor allen Dingen angeleitet werden, unsern katholischen Glauben zu kennen, zu achten und zu lieben, so sprechen wir in Kraft der Charte die Freiheit an, dieselben solchen Lehranstalten zu übergeben, die nicht unter Einfluß und Leitung der Universität stehen, die somit für Erreichung unseres obersten Zweckes genügende Bürgschaften darbieten. Dadurch würde Jedermann in sein Recht eingesetzt, in dem seinigen Niemand benachtheiligt. Die Eltern, die den größtem Werth darauf setzen, daß ihre Kinder zuvörderst zur Gottesfurcht, in festbegründetem christlichem Glauben, zur treuen Anhänglichkeit an die Kirche, zur Sittlichkeit erzogen werden, gewönnen Beruhigung, denn sie würden alsbald Anstalten sich öffnen sehen, welche dieses Alles gewährten. Die Aufsicht, welche sie selbst über diese führen würden, böte ihnen Sicherheit, daß jenes Alles nicht bloß zum Aushängeschild gemacht werden könnte, sondern Realität haben müßte. Die eingeräumte Freiheit würde den Vorstehern und Angestellten solcher Anstalten die moralische Verbindlichkeit auferlegen, den Anforderungen gewissenhafter Eltern genügend zu entsprechen. Die Concurrenz würde einen edlen Wetteifer hervorrufen, und manches bekümmerte Herz Beruhigung finden. Den Gleichgültigern, denjenigen, welche das, worauf die Andern so hohen Werth legen, leichten Sinnes in den Kauf geben können, welche über sichern Broderwerb, über baldige Anstellung hinaus nichts kennen und nichts wollen, gleichwie denjenigen, welche mit der Universitäts-Philosophie und mit den Universitäts-Principien sich einverstanden erklären mögen, und die Universitätsherren als die Schatzmeister aller Errungenschaft, des menschlichen Geistes und als die alleinberechtigten Ausspender derselben betrachten, diesen insgesamt[131] stünden nach wie vor alle Collegien offen; immerhin könnten sie des freudigen Anblicks sich getrösten, ihre liebe Jugend zunehmen zu sehen, so wie an Alter, auch an sothaner Weisheit und deren erquicklichen Früchten. Sind denn in Frankreich, sind denn in aller Welt diejenigen, wie wenig ihrer auch wären, welchem Stand und welchen Schichten der Gesellschaft nun sie angehören mochten, so gar nichts, sie, die Alles daran setzen, daß ihre Kinder nicht allein in etwelchem beliebigem Meinen (croyance), sondern in dem sichern, festen Glauben (foi), den sie selbst bekennen, erzogen werden? Sind diese, die mit aller Liebe, Treue und Innigkeit an den von Gott ausströmenden Offenbarungen, und mit eben derselben Liebe an den Gewohnheiten, Uebungen und Vorschriften der Kirche hängen, so gar nichts, daß ihre Klagen hier an dem eisernen Monopol, dort an der starren Willkür fruchtos verhallen müssen? Wären sie etwa der unedlere, leichtfertigere, unfügsamere Theil der Gesellschaft? Würde man Meutereien, Conspirationen, Unredlichkeit, Lüderlichkeit, oder zuletzt auch nur Unfähigkeit vorzugsweise von einem Geschlecht zu befürchten haben, das in seiner Jugend nach jenen Grundsätzen wäre herangebildet worden? Sollte die wahre Gottesfurcht, der Gehorsam gegen die Kirche, die Ehrerbietung gegen die Organe höherer Wahrheiten, die pflichtgetreue Beobachtung von mancherlei übenden Vorschriften nachmals unter dem schaffenden und thätigen Leben und auf dem Boden der bürgerlichen Verhältnisse in das Entgegengesetzte umschlagen, und deßwegen der Unterricht in widerstrebendem Sinne alles wünschbare Glück zweifellos verbürgen? Ist endlich jener Geist, welchen ein Unterricht nach dem ächten Sinn der wahren katholischen Kirche ins Bewußtseyn rufen, nähren und als Grundlage alles Thuns festigen will, ein so werthloser, unberücksichtigungswürdiger, ja vielleicht gar verderblicher, daß man jedem andern Geist, wehe er, von woher es seye, und führe er, wohin er wolle, unbedenklich das freye Walten einräumen kann, dagegen jenem nur mit aller Vorsicht und aller Anstrengung[132] den Zutritt versperren muß? Man sollte glauben, um ein entscheidendes Urtheil zu finden, dürfte man in keiner großen Verlegenheit sich befinden. Oder gäbe die studirende Jugend von Paris, diejenige der polytechnischen Schule bevorab, keine Anhaltspuncte hiefür an die Hand? Läge ein solcher, und meines Erachtens ziemlich bedeutsamer, nicht schon in der neuen Benennung einer Straße? Vanneau. Nach der Beobachtung, die man seit anderthalb Jahrzehnden hat machen können, nach den vielfachen Erörterungen, die man in allen Blättern hat lesen müssen, nach den sich stets wiederholenden Betheurungen, die man hat anhören dürfen, daß Frankreich Vorbild und Garantie aller wahren, der Menschheit würdigen Freiheit seye, hätte man erwarten sollen, dieses Zurückfordern einer der wesentlichsten, einer der natürlichsten Freiheiten würde gleich einem elektrischen Funken die Gemüther durchzucken: es würde alles sich vereinigen, um eines Zwanges los zu werden, der zum Vortheil einer bleyernen Despotie in ein System gebracht und durch diese den Intelligenzen des Volkes, somit den edelsten Theilen desselben, auferlegt wurde. Dem aber ist nicht so. Anstatt Einigung zu bewirken, bewirkte die Frage Zertrennung. Die Phrase: »die Charte soll eine Wahrheit seyn,« hatte für diesmal ihren Zauberklang verloren. Die Meinung, die öffentliche Stimme spaltete sich; hier stunden diejenigen, welche an jene Wahrheit Berufung nahmen, dort die Andern, welche nicht allein willig es geschehen ließen, sondern selbst laut und ungestüm es verlangten, daß sie in dieser Beziehung eine Lüge bleibe. Dazu wirkten zwei Ursachen. Für die Franzosen ist eigentlich die Freiheit nur eine Nebelgestalt, ein Schlagwort, welches an geeignetem Ort mit erforderlicher Emphase ausgesprochen und in günstigem Augenblicke in Anwendung gebracht, zu dem jedesmal beabsichtigten Zwecke verhilft. Sie begnügen sich mit dem Klang, die Sache selbst kennen sie nicht. Das Centralisations-System ist so sehr in sie eingedrungen, bei dem größern Theil so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, daß[133] es ihnen nicht schwer fällt, dasselbe mit der Freiheit als gleichbedeutend zu nehmen, und jeden Versuch, dessen eiserne Macht zu brechen, als ein Attentat gegen die Freiheit und die durch diese geschirmte Ordnung zu betrachten. Das die eine Ursache. Einleuchtender und von unverkennbarerem Erfolg war die andere: die Taktik der Universitätsherren gleich bei dem Anbeginn der laut gewordenen Forderung von Unterrichtsfreiheit. Diese vorzüglich, neben der tiefen Bedeutung, welche in der Forderung selbst lag, nahm mich in Anspruch, denn sie ließ mich in die innere Verwandtschaft der gleichgesinnten Geister unter allem Volk und in das Uebereinstimmende der überall vorkommenden Manipulationen blicken. Die Frage nämlich wurde durch die Vorkämpfer für das Monopolium alsbald ihrem ursprünglichen Boden entrückt und auf einen fremden verpflanzt, aus ihrer klaren und bestimmten Fassung in eine allgemeine, minder greifbare hinübergearbeitet. Ein erster schrillender Pfiff sollte das Signal geben zu einem allmählig sich bildenden und immer lauter und tobender werdenden Gebrause, über welchem die ursprüngliche Frage gar nicht mehr vernommen ward. Man nahm Umgang davon, daß seit dem Jahr 1839 wiederholt aus den verschiedensten Theilen des Landes Petitionen, von Personen der verschiedensten Stände unterzeichnet, um Freiheit des Unterrichts an beide Kammern eingegangen waren; daß mehrere politische Blätter den unchristlichen Ton und den antikatholischen Geist, der von der Universität herwehe, längst schon in den entschiedensten Ausdrücken scharf gerügt hatten; daß einzelne Bischöfe, und am letzten derjenige von Chartres, kraft ihrer Hirtenpflicht auf die Gefahren aufmerksam gemacht hatten, welche der katholischen Religion von gewissen Lehrstühlen der Universität drohen; daß der neueste und entschiedenste Angriff von dem Domherrn Desgarets zu Lyon ausgegangen war in seinem merkwürdigen Buche: Le monopole universitaire, destructeur de la religion et des lois, ou la charte et la liberté d'enseignement. Gegen diese Angriffe sich zu wehren, die von allen diesen Seiten erhobenen Anschuldigungen[134] zu widerlegen, dem Gegner mit offenem Visir zu stehen, das konnte den redlichen Universitätsherren und ihrem Anhang nicht zusagen; bequemer war es, die Abwehr gegen den gerüsteten Gegner in den Angriff gegen einen ruhig Zusehenden umzutauschen. Die Jesuiten sind's! hob der alte Jesuitenriecher Constitutionnel mit seinem verschimmelten Bonapartismus an; die Jesuiten sind's! scholls von dem Oberpriester aller Tagesgötzen, dem Siecle, wieder; die Jesuiten sind's! lautete es aus dem ministeriellen Weihrauchbecken, dem Journal des Debats; die Jesuiten sind's! brummte es zwischen dem Cigarrendampf aus dem Mund der Vestalin Dudevant; die Jesuiten sinds! lispelte die fashionable Revue des deux mondes: die Jesuiten sind's! knurrte der für die mittleren Classen berechnete National und vergaß hierüber gerne, daß er nicht viele Monate früher die Erziehung der Universität »eine ruchlose, immoralische, unzusammenhängende« genannt hatte. Nach solchen Vorbereitungen, unter denen immer der obligate Kehrreim: die Jesuiten sind's! abgeleyert werden mußte, kündigten die Herren Michelet und Quinety ihre großen phantasmagorischen Vorstellungen auf den 4. und 10. Mai an, die dann unter rauschendem Applaus etwelcher Blaustrümpfe und der hoffnungsvollen Jugend Frankreichs an besagten Tagen zum Besten gegeben wurden. Seitdem klangen die Hörsäle nur von der Rotte Lojola's; und damit Alles frischfreudiger von statten gehe, wurde etwa die Marseillaise angestimmt; so daß Lamartine darüber bemerkt haben soll: »Ohne für eine der beiden Parteien mich zu erklären, muß ich wenigstens ein Unterrichtssystem tadeln, welches die Jugend, anstatt in der Liebe zu Gott und seinem Gesetze, in der Art und Weise unterichtet, wie Verschwörungen müssen angezettelt werden.« Wiewohl es notorisch ist, daß die Jesuiten den wider die Universität erhobenen Klagen ganz fremd blieben, daß sie in Stille und Zurückgezogenheit der Beobachtung ihrer Lebensregel, etwa kirchlichen Diensten und den Wissenschaften oblagen,[135] so mußte doch Alles durch sie angezettelt oder mußte es, wenn dieß nicht, in ihrem Interesse angehoben worden seyen. Da brach wieder, und seitdem verstärkt, gegen diese ein Sturm los, wie er in den schönsten Tagen von Choiseul und dem jansenistischen Parlamente gesaust. Alles, was damals schon losgelassen worden, müßte, frisch herausgeputzt, von neuem aufmarschiren. Es erschienen Flugschriften, welche das Thema in den vielfachsten Variationen durch die ganze Tonleiter durchführten. Von neuem konnte man sich überzeugen, daß die Wortführer und Tonangeber der antichristlichen Faction die Lehre ihres Altvaters sich recht tief eingeprägt und zur Triebkraft ihres Thuns gemacht hatten. Voltaire ermahnt nemlich irgendwo seine rüstigen Mitarbeiter: »Lüget, lüget, immer wird Etwas haften. Nur dann, wenn die Lüge Uebels stiftet, ist sie ein Laster, eine sehr große Tugend aber, wenn sie Gutes stiftet. Erhebet euch daher zur wahren Tugend! Man muß lügen wie ein Teufel, nicht zaghaft, nicht blos zeitweilig, sondern keck, unausgesetzt.« Das Wort war gefunden, es war gesprochen, die Sammelstätte war gegeben, zu der sie nun emsiglich heranzogen unter ihren Standarden, Abzeichen, Sinnbildern jeglicher Farbe und jedweder Gestalt, von allen Seiten her. Da marschirten auf die gelichteten Reihen der Veteranen der Encyclopädie, die Leichtbewaffneten der modernen Lüderlichkeit, die Phalangen der Religionsfeindschaft, die Sensenmänner des Jakobinerthums, die Grenadiere der bonapartischen Despotie, die Lanzenträger des Industrialismus, die junge Garde der Fleischesemancipation und die Triarier der Universität. Wie sie da einander die Hände schüttelten, allen gegenseitigen Groll abzuthun sich gelobten, zu stehen verhießen wie ein Mann wider das Ungethüm, dessen Rachen gähne, um, wenn nicht Frankreich selbst, so doch Frankreichs Stolz und bisherige Glückhaftigkeit zu verschlingen; wie sie da sich anbiederten, daß ob so treuherziger Innigkeit die hellen Thränen in Strömen hätten fliessen mögen! Weg war die Freiheit des Unterrichts, vergessen die Charte, aus dem Spiel[136] die Universität, verwandelt hatte sich der Kampf in denjenigen der vereinigten kirchenfeindlichen Parteien wider die Kirche, wider den Rest ihrer Selbstständigkeit, wider die Anerkennung, die ihr von einem Theil der Nation noch gezollt wird, wider das Verlangen so mancher Gemüther nach derselben, wider das Entgegenkommen zu den Wohlthaten, deren Spenderin sie ist. Solche Gestaltung hat der Streit immer mehr gewonnen, in solcher Weise haben die Streitkräfte auf beiden Seiten sich gemehrt, mit solchem Bewußtseyn stehen dieselben immer noch sich gegenüber. Zu jenem Vorspiel, welches am 4. und 10. Mai in den Hörsälen der Herren Michelet und Quinet gegeben worden, bin ich zwar nicht mehr gekommen, so wenig als zu der, acht Tage darauf dem Sänger des Ahasverus und des Atheismus dargebrachten Ovation. Aber von dem Eindruck, den diese Erscheinungen gemacht hatten, sprach jeder Mund, und, da dieser Gegenstand die große Tagesfrage war, welche jede andere in den Hintergrund drängte, so fiel es nicht schwer, die Beziehungen derselben zu Gegenwart und Zukunft mir klar zu machen. Es war mir um so leichter, mit etwelcher Sicherheit mich zu orientiren, als es an Veranlassung nicht fehlen mochte, den hier geführten Kampf, unter etwelchen Modificationen, auch auf dem deutschen Boden wahrzunehmen. Hier zwar, in denjenigen Provinzen wenigstens, in denen ähnliche Bestrebungen zu ähnlichen Beschwerden Stoffes genug bieten, läßt sich mit dem Wort Jesuit nicht dasselbe Glück machen, wie in Frankreich; hier haben sie ihm aber mit gleichem Erfolg das Wort Ultramontaner, etwa auch Römling, substituirt. Es thut die gleiche Wirkung, es findet dieselbe Anwendung; die Männer, denen es beigelegt wird, halten an der gleichen Ueberzeugung fest, wie in Frankeeich diejenigen, welche als Jesuiten bezeichnet und von der antikirchlichen Faktion mittelst dieser Bezeichnung in Verruf gebracht werden sollen. War es erst gelungen, durch das ausgesprochene Losungswort die Gemüther in Allarm zu bringen, so war der weitere Schritt weit leichter,[137] ihnen vorzuspiegeln: Aufhebung des Universitäts-Monopols seye nur ein Vorwand, die Absicht, den Unterricht und die Erziehung der Jugend in die Gewalt der Geistlichen zu bringen, wahres, höchstes und letztes Ziel. Es dient dieß zu neuem Beweis, daß der Altvater in seiner vorhin angeführten Ermahnung einen recht praktischen, wahrscheinlich durch vielfache Erfahrung bewährten Blick kund gegeben hatte. Seinen Rath zu befolgen, ist natürlich weit leichter und gesagten Zwecken fördersamer, Einwendungen durch Thatsachen zu widerlegen, als strittige Fragen parteilosem Entscheid zu überlassen. So behauptete im Verlauf des Haders ein Universitätsmann: selbst die Professoren der kleinen Seminarien könnten gegen bloße Zöglinge der zweiten Classen der Universitäts-Collegien einen Concurs nicht bestehen. Da erbot sich der Abbé Dupanloup zu einer Prüfung mit Zöglingen der kleinen Seminarien und solchen desjenigen königlichen Collegiums in Paris, welches im besten Ruf stehe; als einzige Bedingung solle festgesetzt werden, daß, wie sich im Grund von selbst verstund, sämmtliche Zöglinge des Collegiums an der Prüfung Theil nahmen und Alle in allen Fächern mit Jenen in den Concurs träten. Für die Provinzen erbot er sich zu Gleichem. Warum wurde der Vorschlag nicht angenommen? Warum wurde ein so einfaches und unwidersprechlich maßgebendes Auskunftsmittel nicht bereitwillig ergriffen? Oder ist es geschehen? Ich weiß es nicht, zweifle aber daran. Paris zählt etwa vierzig Kirchen und größere Capellen, unter diesen aber auch die selten geöffnete Sorbonne und die von andern Wohnungen ziemlich entfernt liegende Invalidenkirche. Allerdings wenig, sehr wenig für die nahe an eine Million steigende Bevölkerung. Eine Abhülfe dieses Mangels ließe sich darin erblicken, daß in allen Pfarrkirchen des Sonntags vom frühen Morgen bis in den späten Abend beinahe ununterbrochen[138] gottesdienstliche Verrichtungen statt finden, Messen bis gegen ein Uhr, dann Katechisationen, Vesper, Salut, Abendandachten, Versammlungen von Bruderschaften oft bis Abends acht Uhr; so daß sich immer noch die Möglichkeit denken ließe, daß abwechselnd die gesammte Bevölkerung zur Andacht in den Kirchen sich einfinden könnte. An Predigten fehlt es ebenfalls nicht, da mit jeder feyerlichen gottesdienstlichen Handlung eine solche verknüpft ist, und außer den allgemein vorgeschriebenen Festtagen und Andachtsübungen noch jede Kirche ihre besondern festlichen Tage begeht, an welchen jene nicht auf eine einzige sich beschränken, auch lange vorher angekündigt werden. Einen größern Uebelstand könnte man es nennen, daß beinahe alle Kirchen von dem äußersten Saum der Stadt, in welchem der niedrigste, religiöser Anregung und Belehrung bedürftigste Theil der Bevölkerung zusammengedrängt wohnt, ziemlich weit entfernt liegen, daher die äußern Triebfedern ihres Besuches: Nähe, Beispiel der Umgebung, das Fortgezogenwerden durch die Menge weniger wirken können, somit leicht anzunehmen ist, daß ein großer Theil der untersten Volksklassen in Bezug auf höhere Bedürfnisse, die einzig in der Kirche ihre Befriedigung finden können, gänzlich abgestumpft ist. Die Wahrnehmung, daß des Sonntags, zu welcher Zeit in die stets offen stehenden und nur in wenigen Stunden irgend einer gottesdienstlichen Verrichtung entbehrenden Kirchen man eintrete, Leute der niedersten Volksklassen nur wenig angetroffen werden, ist nicht geeignet, jene Vermuthung zu entkräften. Welche Wendung zum Bessern in den höhern Ständen immerhin sich bemerklich mache, es dürfte lange Zeit darüber hingeben, bis dieselbe die untern Schichten ergriffe, durchdränge. Wer Gelegenheit gehabt hat, auch nur während eines einzigen Sonn- oder Festtages in irgend einer italienischen Stadt sich aufzuhalten, dem konnte gewiß die unermeßliche Verschiedenheit, die Paris in dieser Beziehung darbietet, nicht entgehen. Er muß, ob er wolle oder nicht, die furchtbaren Verwüstungen, welche die Revolution in den Gemüthern angerichtet hat, wahrnehmen;[139] er muß es inne werden, wie manche zerstörende Mittel, um die Menschen über ihr thierisches Daseyn hinaus kein anderes ahnen zu lassen, hier mit furchtbarem Erfolg gewirkt haben und noch fortan wirken. Unverkennbar ist die Zahl der rohen und der gebildeten, der brutalen und der verschlissenen Heiden, oder einer Rasse, die noch tief unter den Heiden steht, in Paris größer, als in irgend einer andern Stadt. Es macht sich aber auch im Geistigen und Immateriellen dieselbe Wahrheit geltend, wie in dem Materiellen: daß das Werk der Zerstörung unglaublich rasch voranschreite, der Aufbau dagegen nicht allein der andauernden und unverdrossensten Anstrengung, sondern langer, sehr langer Zeit bedürftig seye, bis nur einigermaßen dessen Zunehmen sichtbar werde. Unendlich schnell ist jene von den obern Regionen nach unten geströmt; hat aber in den ersten eine Regeneration endlich begonnen, auf welche Schwierigkeiten stößt sie nicht, um langsam und allmählig in die letztern hinabdringen zu können? Auch darin wird die Wahrnehmung in der moralischen Welt von einer unläugbaren Thatsache in der physischen bekräftigt: daß nemlich das Ungesunde weit leichter das Gesunde überwältige, als dieses jenes wieder zurechtbringe. Ein gewisses Maaß Essig unter ein weit größeres von W ein geschüttet, wird diesen allmählig verderben, das gleiche Maaß von Wein aber unter den Essig gemengt, wird diesen niemals wieder in unverdorbenen Wein verwandeln. Faßt man die Bevölkerung von Paris ins Auge, so kann man eine Anzahl von 50,000 österlichen Communicanten gewiß keine beträchtliche nennen; und doch ist sie jetzt etwas größer als vor zwölf Jahren, und konnte man mich versichern, daß ein etwelcher, wenn gleich noch sehr sparsamer Zuwachs dennoch sich bemerklich mache. Von besonderem Interesse müßte aber eine Statistik, wenn ich so sagen soll, dieser 50,000 nach ihren socialen Verhältnissen seyn, wie die Geschlechter, die Lebensalter, die Rangstufen der Gesellschaft, die Berufsarten, z.B. die Advocaten, die Aerzte, die Industriellen, die Beamteten,[140] die Handwerker, die Taglöhner, der Adel, in jener Gesammtzahl sich repräsentirt fänden. Ihrem Bau nach lassen sich die Kirchen von Paris in drei Klassen theilen ? in solche aus der Blüthe christlicher Zeit (gothische), in solche der mittlern (17tes Jahrhundert), in solche der neuesten Zeit. Zu Beurtheilung des Werthes einer Kirche, als solcher, dient mir immer die Beantwortung der Frage: wenn aus diesem Gebäude alles dasjenige, was auf das Christenthum Bezug hat, und was zu dessen Feyer erforderlich ist, hinausgeworfen würde, so daß bloß noch der leere Raum bliebe, könnte man bei dessen Anblick im Zweifel stehen, ob derselbe nicht vielleicht zu diesem oder jenem, bloß zeitlichen, vielleicht auch nur vergnüglichen Zwecke der Gesellschaft gedient, oder müßte man alsbald sich überzeugen, daß er einer solchen Bestimmung niemals gewidmet gewesen wäre, dürfte man ahnen, daß er eine höhere, demnach eine gottesdienstliche Bestimmung möchte gehabt haben? In letzterem Sinn müßte gewiß die Frage beantwortet werden bei St. Genovevenkirche die nun wirklich ein leerer, öder, aber selbst in seiner Unbestimmtheit imposanter Raum ist, dessen erhabene Größe durch das armselige lehmene Götzenbild an der Stelle des vormaligen Hochaltars nur noch mehr hervorgehoben wird. Wiewohl dieser Bau in keine der drei vorhin aufgestellten Kategorien sich einreihen läßt, wird dennoch bei den großartigen und richtigen Verhältnissen desselben dem Eintretenden alsbald klar werden, daß er eine Bestimmung müsse gehabt haben, welche alle bloß irdisch- und menschlich-gesellschaftlichen Zwecke überrage; unter welchem Eindruck die Aufschrift auf dem Fries zum unendlich Lächerlichen aufschwillt. Die Pariser mögen zur Zeit des Kaiserreichs, während dessen in den unterirdischen Räumen einige Senatoren beigesetzt wurden, dieses selbst gefühlt haben, wenn[141] sie den Witz in Umlauf brachten: »in Ermanglung großer Männer würden hier Senatoren begraben.« Hat gleich die Julirevolution, so wie den rechtmässigen Herrscherzweig vom Throne, so die Schutzpatronin von Paris aus ihrem heil. Tempel verjagt und künftig dem Knochengerüste Voltaires die Perspective der Aufbewahrung in denselben und der Huldigung als Vergrößerer des Menschengeistes« eröffnet, so waltet doch beinahe ungetheilt die zuversichtliche Hoffnung vor, daß kein Jahrzehend vergehen dürfte, bis die fromme Hirtin in dasselbe wieder einziehen werde. Unter den gothischen Kirchen zeichnet sich die erzbischöfliche durch ihre Größe und durch ihr Alterthum vor allen aus. Zu ihr hat jener Bischof Mauriz den Grund gelegt, der von dem kleinen Dorf Sully an der Loire den Beinamen erhielt, und schon als armer Schüler das Almosen verschmähte, wenn der Spott die Bedingung daran knüpfen wollte: daß es ihm aber doch nicht einfallen werde, jemals zu bischöflicher Würde sich erheben zu wollen! Er war eine der vielen Illustrationen, welche zu Innocenzens des Dritten Zeit im Schmuck der Würde, des Geistes und des Herzens die Kirche verherrlichten. Von ihm wird erzählt, daß er bereits zu Paris in hohem Ansehen gestanden hätte, als seine betagte Mutter den Pilgerstab ergriffen, um an des geliebten Sohnes Ehre sich zu erfreuen. Als sie die Stadt betreten, habe sie einige Frauen nach dessen Wohnung gefragt und als des hochgeehrten Mannes Mutter sich zu erkennen gegeben. Da hätten die Frauen gemeint, so ärmlich gekleidet dürfte das Bauernweib doch vor ihrem allgeachteten und hochgestellten Sohne nicht erscheinen, sie darum zu sich genommen, mit bessern Kleidern ausgestattet und so bei Maurizen dieselbe eingeführt. »Willkomm, lieber Sohn!« habe sie bei dem Eintritt gerufen; er aber erwidert: »Wie? Du wärest meine Mutter? Unmöglich! Die geht nur in Zwillich gekleidet! Du kannst es nicht seyn!« Er wollte sie durchaus nicht erkennen, so daß die Frauen mit ihr sich wieder entfernen und die vorigen Kleider ihr geben mußten. Und als sie[142] in diesen eintrat, entblößte Mauriz das Haupt, umarmte sie und rief: »jetzt erkenne ich meine Mutter!« Gehören dergleichen Züge ebenfalls zur Finsterniß jener Zeit, gleich den Bauwerken, die sie hervorgerufen hat? Die Hochbilder an der Ringmauer um den Chor, das Leben des Erlösers darstellend, sind offenbar noch aus der Zeit der Erbauung der Kirche, ganz in jenem einfachen, strengen, wenn man will rohen Styl gehalten, dem aber doch ein wunderbares Gepräge der Andacht und Glaubensinnerlichkeit aufgedrückt ist, welches mit der größern Zierlichkeit der Formen und der kunstgerechtern Ausführung nicht immer sich einigt. ? Durch die in kirchenfeindlichem Ingrimm bewerkstelligte Zerstörung des erzbischöflichen Palastes, und wenn nun noch die angebaute Sacristei wird abgetragen werden, hat die Kathedralkirche viel gewonnen; sie steht jetzt von allen Seiten frey und macht von dem jenseitigen Seineufer einen würdigen Eindruck. ? Ob nach den Beschädigungen und Zerstörungen, welche St. Germain l'Auxerrois in den ersten Jahren nach der Juli-Revolution zu gleicher Zeit erlitten hatte, auch diese Kirche würde hergestellt werden, war eine Zeitlang zweifelhaft. Paris hätte damit ein herrliches Baudenkmal, ein wahres christliches Alterthum verloren, welches (d. h. bezüglich auf die Stiftung, der jetzige Bau selbst ist aus de Anfang des 15ten Jahrhunderts) die Sage an Childebert I. anknüpft. Lassen ihre gemahlten Fenster, wie diejenigen aller Kirchen, die Spuren der ersten Revolution und ihrer thierischen Wildheit nur noch allzusehr durchblicken, so werden doch die Verwüstungen, welche in jüngster Zeit der aufgehetzte Pöbel, gleichwie die Verderbnisse, welche der Zahn der Zeit angerichtet hat, in Harmonie mit dem ganzen Baustyl beseitigt. Es wäre ungerecht, wenn man es nicht anerkennen wollte, daß die jetzige Regierung in Betreff der Erhaltung oder Herstellung der kirchlichen Gebäude nicht saumselig seye. So hat dieselbe die St. Magdalenenkirche schneller vollendet, als die Restaurationszeit sie ihrer Vollendung entgegengeführt. St. Vicenz von Paul, an der Straße Lafayette, sah damals seiner baldigen Weihe entgegen.[143] Ein Kleinod des christlichen Frankreichs, auch seiner Bauart nach, so weit mir solches durch einen Panzer von Gerüsten wahrzunehmen möglich gewesen, lange vernachlässigt und deßwegen vielfach beschädigt; die heilige Capelle in der alten Königsburg der Herrscher von Frankreich, dem jetzigen Justizpalast, rückte ebenfalls seiner Erneuerung entgegen. Vielfach wurde noch jener, zu Anfang des Jahres 1843 gemachte Fund einer zinnernen Kapsel mit einem darin verschlossenen Herzen besprochen, und von den Einen beharrlich die Vermüthung geäußert, daß es dasjenige des heiligen Ludwigs seyn dürfte. Die Gegner gründeten ihren Zweifel auf den Mangel einer lesbaren Inschrift oder bestimmter Symbole, sodann auf die Zeugnisse der Zeitgenossen, die nur von dem dorthin versetzten Haupt3 sprechen, des Herzens aber keine Erwähnung thäten. Diesem entgegneten die Andern: 1) das Herz könnte gleich nach des Königs Tod, so wie die Eingeweide nach Montreale, nach Paris gesendet worden seyn; 2) die Arbeit der Kapsel zeige eine solche fleissige Vollendung, daß dasselbe nur das Herz einer sehr hochgestellten Person könnte umschlossen haben; 3) die Stelle, an der das Ueberbleibsel aufgefunden worden, seye das Sanctum Sanctorum, wo man gewiß keinem andern, als dem Herzen eines vornehmen Gliedes des königlichen Geschlechtes den Platz würde angewiesen haben; 4) lasse sich auch aus späterer Zeit Niemand auffinden, der solcher Ehre wäre würdig erachtet worden. Man sprach damals davon, um völlige Gewißheit zu erlangen, solle eine Untersuchung der zu Montreale aufbewahrten Ueberbleibsel auf diplomatischem Wege eingeleitet werden. Ob dieß geschehen ist, oder zu welchen Resultaten es[144] geführt habe, weiß ich nicht, da diese Frage nur an Ort und Stelle und durch die geführten Erörterungen vorübergehendes Interesse für mich gewonnen hatte. Eine gothische Kirche der schönsten Verhältnisse ist diejenige der alten und hochberühmten Abtey St. Germain des Pros. Noch jetzt sieht man ihr, besonders an dem großen Chor, die ehemalige Klosterkirche an, deren Zerstörung durch eine, während der Gräuelzeit darin angelegte Salpeterfabrik in kurzem nicht mehr abzuwenden gewesen wäre, der sie jedoch im nahen Augenblicke des unwiederbringlichen Zerfalls glücklich noch entrissen wurde. ? St. Stephan auf dem Berge (St. Etienne du Mont.) datirt zwar schon aus einer Zeit, in welcher der altchristliche Baustyl durch mancherlei Zusätze entstellt war, deren Beigabe indeß dieser Kirche eine gewisse Leichtigkeit und Zierlichkeit verleihen, die das Auge bestechen könnte, wenn ich auch den Ausdruck eines meiner Freunde: diese Kirche seye ein kleines Juwel, nicht unbedingt anwenden möchte. Die Jube, die einzig in dieser Kirche noch sich vorfindet und an den alten Gebrauch erinnert, von da aus dem Volk die Epistel vorzulesen, macht trotz der Leichtigkeit mit welcher die dahinführende Wendeltreppe sich emporwindet, einen störenden Eindruck, weil sie Chor und Kirche trennt, den freyen Blick in jenen und auf den Hochaltar hemmt. ? Den Verfall der altchristlichen Baukunst zeigt die Kirche von St. Eustach, merkwürdig nur durch die Höhe ihres Gewölbes, welches bei dem Mißverhältniß der Länge zu der Breite noch mehr herausgehoben wird. Unter den Kirchen der neuern Bauart ist die von St. Sulpiz die größte, die angenehmsten Verhältnisse darbietend, 99' Höhe auf 336' Länge und 174' Breite. Bei mancherlei Abweichungen in der Grundlage, in den verwendeten Säulenordnungen, in den besondern Dispositionen im Innern zeigen viele der übrigen Kirchen von Paris, weil ohngefähr um die gleiche Zeit aufgeführt, in ihrem Bau größere Verwandtschaft als mit denjenigen aus der altchristlichen, mit denjenigen aus neuester Zeit und dem durch diese erzeugten Geschmack.[145] Zu den Kirchen, in welchen das Christliche weniger dem nackten Bauwerk aufgedrükt ist, als durch die innere Ausstattung sich bemerklich macht, gehört die Kirche Unserer Lieben Frauen von Loretto, zu der am Tage des heiligen Ludwigs im Jahr 1823 der Grundstein gelegt wurde. In Basilikenform gebaut, mit einem Gemisch aller architektonischen Formen, reichen Vergoldungen, manchartigen Zierrathen überrascht sie mehr, als daß sie den Geist erhöbe, fühlt man sich in derselben mehr behaglich, als daß man bewältigt sich fände und aufwärts gezogen; man möchte sie eher einen zierlich ausgestatteten Raum für Reunionen höherer Stände zu christlichen Anregungen und Begehungen, als ein Haus des Herrn nennen, welches die gesammte Gesellschaft, als eine Versammlung gleicher Heilsbedürftiger, an den Stufen seiner Altäre in Demuth und Andacht vereinigte. In architektonischer Hinsicht wird der St. Magdalenenkirche den Vorzug des Vollendeten, Erhabenen und Großartigen wohl Niemand absprechen wollen. Ob aber die Worte: Aux grands hommes la patrie reconnoissante, als Aufschrift unter ihrem Fronton dem Geist des Bauwerkes nicht ebensogut (besser jedenfalls als an St. Genovevenkirche) entspräche, als diejenige D. O. M. sub invocatione Sanctæ Magdalenæ, ist eine andere Frage. So schön die Vorstellung des jüngsten Gerichts auf dem Fronton ist, rechts unter Fürbitte der heiligen Magdalena die Begnadigten mit den Cardinaltugenden und der Unterschrift: Ecce dies salutis, links die Todsünden, vor dem Engel mit dem Flammenschwert weichend, und der Unterschrift: Væ impio, so würde man dennoch jene Symbole der Wissenschaft und Kunst, der Macht und des Reichthums, die nunmehr an dem vormaligen Heiligthum der einfachen Hirtin und Schutzheiligen von Paris angebracht sind, hier ebensogut und gewiß besser als dort verwendet sehen. Es ist auch bekannt, daß Bonaparte diesen, in seiner Grundlage mehrmals abgeänderten Bau zu einem Tempel des Ruhms, zu einer französischen Walhalla bestimmte, wozu er als erweiterte[146] Nachbildung des athenischen Parthenons wohl besser sich eignen mochte, als zu einem christlichen Tempel. Kehrte je eine kirchenstürmende und menschenvergötternde Zeit zurück, die Umgestaltung wäre bald bewerkstelligt, und den nachmals Hineintretenden dürfte kaum das Gefühl anwandeln, in einem Raume zu weilen, aus welchem Höheres und Geheiligteres seye herausgewiesen worden. Kann man sich mit der christlichen Ausstattung des Baues, die in ihren einzelnen Theilen so reich als vollendet ist, begnügen; kann man sich eine Trennung des letztern von der erstern gefallen lassen; kann man für den Augenblick darüber hinwegsehen, daß zwar alle Künste sich vereinigt haben, um die christlichen Mysterien und den unermeßlichen Reichthum christlicher Offenbarung, Begebnisse und Thatsachen hier in einer Fülle meisterhafter Gebilde unter Augen zu stellen, indeß der Bau selbst Typus einer ganz andern Lebensansicht, eines ganz andern Cultus ist: alsdann wird man ohne Bewunderung denselben nicht ansehen, ohne einen bleibenden Eindruck davonzutragen ihn nicht verlassen; nur muß man dabei vergessen, daß er in seinem Aeußern etwelche Verwandtschaft mit der Börse an sich trage. St. Magdalenenkirche liegt auf einer kleinen Erhöhung, zu welcher eine Treppe von 30 Stufen längs der ganzen Breite des Gebäudes hinanführt. Zweiundfünfzig kannelirte korinthische Säulen, jede 60 Fuß hoch und 7 1/2, Fuß im Durchmesser, umgeben dasselbe und, da das Licht durch vier Kuppeln einfällt, haben die Mauern keine Fenster, sondern Nischen, in deren Raum zwischen den Säulen zwölf wohlausgeführte Standbilder von Heiligen, beide Geschlechter abwechselnd, oben und unten aber an jeder Reihe ein Erzengel, jedes Bild sechszehn Fuß hoch stehen. In den beiden Nischen neben beim Haupteingang stehen der heilige Philipp und der heilige Ludwig, in der Mauer der Ostseite die vier Evangelisten. An den Thorflügeln des Haupteinganges, von getriebenem Kupfer, wollte man wenigstens in den Dimensionen die berühmten florentinischen Thüren[147] von Guiberti übertreffen. Weiter jedoch, als zu dieser Ueberflüglung des Maaßes, konnte es unsere Zeit bei allen ihren Mitteln nicht bringen. Diese Thüren haben eine Höhe von zehn Meter, auf eine Breite von fünf, und stellen die zehen Gebote vor, ohne Frage meisterhaft ausgeführt. Eine unterirdische Heizung verbreitet gleichmässige Wärme von 10-12 Grad durch den ganzen Raum. Der innere Reichthum an Marmor, Vergoldung, Farben, Gemälden und Standbildern von den vorzüglichsten Meistern ist blendend. Das Gemälde der Absis verdient Bewunderung wegen seiner reichen Composition, welche einen Zeitenlauf von achtzehn Jahrhunderten zu einem großen Gesammtbild zusammenfaßt, und damit in unendlicher Mannigfaltigkeit den Ausdruck aller Völkerstämme, die Einfachheit der Glaubensheroen mit dem Reichthum der Prunkgewänder der obersten geistlichen und weltlichen Herren in reichem Wechsel vereinigt. Christus auf dem Thron, das Zeichen des Heils in der Hand, Magdalena, durch gewährte Sündenverzeihung getröstet zu seinen Füßen, bildet den hochgestellten Mittelpunct, um welchen in engerem Kreise die Apostel und Evangelisten sich schaaren. Zur Rechten reihen Constantin, die ersten Märtyrer und die vornehmsten Kirchenväter sich an. Dann kommen die Päpste Urban, und Eugenius, der heilige Bernhard und die Kreuzfahrer, besonders hervortretend unter diesen der heil. Ludwig und Gottfried von Bouillon; mit vielen Andern sind auch Venedigs bejahrter Doge, Heinrich Dandolo, und der Geschichtschreiber von Constantinopels Eroberung, Gottfried von Villehardouin, nicht vergessen. Bis zu den Griechenkämpfen der neuesten Zeit und Missolunghis letztem Gebet wenden sich die Gruppen dieses Halbkreises hinab zu der Mitte. Links von dem Erlöser steht eine andere Schaar von Blutzeugen und Heiligen beider Geschlechter; unter diesen die heil. Katharina und die heil. Cäcilia, in dunkler Wolke hinter ihnen der irrende Jude mit Reisetasche und Stab. Dann folgt Clovis mit seinen Kriegern und der heilige Vaast mit dem Kreuz, sie lehrend, Remigius,[148] die Taufe spendend, ob ihrem Anblick eine Druidin im innerem Grimm von dannen fliehend. Weiter sitzt Carl der Große, dem ein Cardinal den Krönungsschmuck, ein saracenischer Botschafter den Schlüssel zum heiligen Grab bietet. Alexander III legt den Grundstein zu Unserer Lieben Frauen Kirche von Paris, neben welchem Friedrich der Rothbart und der Doge von Venedig an Herstellung der Einigung zwischen Kirche und Reich erinnern. Mit diesen sind Otto von Wittelsbach, der Bayernfürsten Stammvater, und Johanna d'Arc Gegenbilder zu der Gruppe der Kreuzfahrer, und Dante, Raphael und Michael Angelo deuten auf die Beziehungen der Künste zu der Kirche. Der Mitte zu wendet sich Heinrich IV, wie er in die Kirche zurückkehrt, und Ludwig XIII, wie er der heil. Jungfrau die Krone anbietet, Richelieu neben ihm. Bonapartes Krönung durch den Papst, der Bischof von Genua mit dem Concordat und zwei Cardinäle schliessen die Bilderreihe auf dieser Seite. Ob man die französische Geistlichkeit von dem Standpunct ihrer kirchlichen Verrichtungen, oder von demjenigen ihrer übrigen Amtsthätigkeit, ob man sie von demjenigen ihres Wandels oder ihrer Regsamkeit in Förderung christlich-wohlthätiger Zwecke betrachte: im allgemeinen wird man nicht verkennen, daß sie aus den Stürmten und Wirbeln der Revolution, aus schweren Verfolgungen und bittern Leiden geläutert, würdiger und von ihrer hohen Bestimmung durchdrungener hervorgegangen seye. Schon in dem Umstand, daß die Blätter, welche gegen dieselbe, gegen ihr Wirken und gegen die Kirche unablässig knurren, wie der Constitutionel und einige andere, wenn es ihnen gelingt, irgend ein Histörchen aufzutreiben, wobei ein Geistlicher in unehrenhaftem, selbst schlimmem Lichte erscheint (und wer wird darüber erstaunen, daß unter einem so zahlreichen Stande dergleichen etwa Einmal vorkommt!), so heißhungrig darüber herfahren, daß sie dann seiner gar nicht los werden können; daß[149] sie es in allen Formen und mit allen Zuthaten und unter allen Wendungen eine Zeitlang auftischen, schon darin liegt ein genugsamer Beweis, wie dergleichen in Menge nicht vorkomme; denn sonst würde man nicht so eifrig Jagd darauf machen, würde man wenigstens schneller zu Neuem übergehen und nicht über dem Schalkssinne die Gefahr, zu langweilen, unberücksichtigt lassen. Hat der Kampf um Unterrichtsfreiheit die Augen über die letzten Zwecke so Vieler, die für die bisherigen Beschränkungen mit Bitterkeit und Hitze in die Schranken getreten sind, heller geöffnet; hat die Taktik derselben, die Geistlichkeit nach Maßgabe ihrer äußern Rangordnung zu entzweyen, und die Pfarrer von den Bischöfen zu trennen, in das Entgegengesetzte umgeschlagen und jene Einigung hervorgerufen, ohne welche weder die Wirksamkeit der Geistlichkeit eine wahrhaft gedeihliche, noch ihre Stellung eine würdige und gesicherte seyn kann; so laßt sich hievon noch eine andere, nicht minder ersprießliche Folge erwarten, nemlich die fortgehende Abschwächung des vorhandenen Restes des sogenannten Gallicanismus. Daß derselbe nach dem Anbau, welchen die Kirche auf Frankreichs Boden wieder gefunden, und nach den Erfahrungen, welche sie in dieser ersten Zeit zwar unter dem Schild, aber auch unter dem Schwert des glücklichen Kriegers gemacht hatte, für viele Geistliche aller Abstufungen dennoch wieder Geltung gewinnen konnte, muß um so mehr befremden, je weniger derselbe seinem Ursprung und Wesen, seiner Tendenz und Wirkung nach gebilligt werden kann. Erzeugt aus einem Conflict der weltlichen Macht mit der geistlichen, und genährt durch das Bestreben, mittelst Beschränkung der Rechtssphäre der letztern die eigene zu erweitern, waltete derselbe lange Zeit ausschließlich zwischen Beamtenwelt und Kirche. Die seltsame Verbindung der weltlichen Macht und des geistlichen Ansehens in Frankreich zu Behauptung eingebildeter Freiheiten, die gewissermassen wider das Oberhaupt des letzteren geschlossen ward, tritt in der ersten Zeit, da man von gallicanischen Freiheiten sprach, noch nicht[150] hervor. Ich glaube, der Ausdruck selbst lasse sich nicht früher als im Jahr 1461, unter Ludwig XI., nachweisen und seye rein weltlichen, d. h. legistischen Ursprungs. Er kommt zu jener Zeit vor in den Remontrances faites au Roi Louis par sa cour de parlemente sur les libertés gallicanes. Schon dieses deutet darauf hin, daß vornehmlich die Rechtsgelehrten es gewesen seyen, welche unter jener Benennung den König antrieben, manche Befugniß gegen oder über die Kirche in Anspruch zu nehmen; gerade wie ebendieselben einst die römischen Kaiser zu Aehnlichem und noch Weitergehendem verleitet und dadurch jene Zerwürfnisse herbeigeführt hatten, welche Friedrich I. mit Alexander III. in Spannung, Otto IV. um die Reichskrone und Friedrich II. in den Bann brachten. Die abenteuerlichste dieser sogenannten Freiheiten, ? abenteuerlich, weil die Ueberschrift das Wort Freiheit hinstellt, das Capitel aber von Knechtschaft handelt, ist diejenige der appellatio ab abusu, ohne allen Zweifel von richterlichen Corporationen, die Alles sich unterwürfig zu machen bestrebten, ausgesonnen. Daß mit einem solchen Grundsatz jedes Kirchen regiment aufhören müßte, leuchtet alsbald ein. Am klarsten und kürzesten spricht sich über diesen Punct aus der selige Herr Erzbischof von Cöln in seiner Schrift: Ueber den Frieden unter der Kirche und unter den Staaten. Er sagt: »Ich halte die se Appellation für eine Erfindung, welche durch schlechte Gesinnung des Ungehorsams gegen den Papst und gegen die Bischöfe veranlaßt, diesen Ungehorsant sehr begünstigt, durch die Schwäche der geistlichen Obrigkeiten in praxi möglich gemacht, welcher, ein tiefer Eingriff in die Kirchengewalt und durch das Schwert der Staatsgewalt erzwungen, damals in Frankreich eingeführt worden ist.« Um übrigens jene sogenannte Freiheit de appellatione ab abusu nach vollem Verdienst zu würdigen, darf man sich nur Benthamts Definition in Erinnerung bringen. Ihm zufolge ist sie »eine Appellation, über was immer es seye, was, aus welchem Beweggrund immer es seye, wem immer es seye, mißfallen möchte;« also eine legistische[151] Berechtigung zu der maaß-und ziellosesten Fronderie. Daher das Augendrücken und Zunicken gegen diese gallicanischen Freiheiten und das Erheben derselben, gleich als einem zu Sieg und Ruhm führenden Banner, diesseits des Rheins nicht befremden darf. Die ältern Vertheidiger dieser sogenannten Freiheiten, Peter Pithou, Jacob Gillot und Peter Du Pui, waren insgesammt Rechtsgelehrte, welchem Stand auch Peter de Marca angehörte, wiewohl dieser nach dem Tode seiner Frau in den geistlichen Stand trat und Bischof ward. Schrieb aber der Rechtsgelehrte de Marca sein Buch aus königlichem Auftrag, so nahmt es der Bischof Peter nach päpstlichem Willen zurück; denn wie wenig damals das französische Episcopat von jenen angeblichen Freiheiten etwas wissen wollte, zeigt das Sendschreiben, welches im Jahr 1639 gegen Dupuy in drei Bänden ? de damnandis voluminibus inscriptis: Traités des libertés de l'eglise gallicane, erlassen wurde, und noch viel mehr, daß das Parlament den Druck dieses Sendschreibens untersagte. Ja zwölf Jahre später noch meinten die Bischöfe, man könnte diese angeblichen Freiheiten eher les servitudes de l'eglise gallicane nennen. Die Sache gewann, unter Beibehaltung des früher in Umlauf gebrachten Wortes, eine durchaus andere Gestalt durch die bekannte Declaration des Clerus vom Jahr 1682. Unter welchen Veranlassungen, unter welchen Constellationen, aus welchen Beweggründen diese Erklärung hervorgieng, ist bekannt. Ob zwar die vier Artikel theils von selbst sich verstehen, und sogar in Rom nie in Abrede gestellt worden sind, theils in richtiger Anwendung auch dort schwerlich würden angetastet werden, wollte man dennoch Folgerungen daraus ziehen, welche mit dem Begriff von der Kirche, als eines unzertrennlichen und wohlgefügten Organismus, nicht vereinbar sind; daher sie auch damals schon (dieser und der noch gewichtigern Ursache wegen, sie nicht zur Standarde für ein Schisma werden zu lassen) nicht bloß von Rom verworfen, sondern in mehrern Landern bekämpft wurden.[152] Der Gallicanismus, wie seit jener Declaration manche französische Bischöfe demselben gehuldigt haben, ist nicht sowohl den alten Parlaments-Arroganzen, als den nachherigen Emser-Punctationen, welche man hinwiederum die großgefütterte Tochter jener Declaration nennen möchte, enge verwandt. Die vier Punctatoren sprachen ebenfalls von Rechten und Freiheiten, aber bei Leibe nicht nach Unten, wo man deren wohl noch eher hatte verlangen mögen, sondern bloß nach Oben, wo Anspruch und Berechtigung nicht weiter gieng, als zu unzerrüttetem Zusammenhalten des Ganzen unumgänglich. Daß Frankreichs neuere Gesetzgebung unter Bonaparte auf stäte Einprägung jener vier Puncte drang, hierauf wenigstens Allem, was einen solchen Particularismus unterstützen und in den Ansichten fortpflanzen kann, mehr als hold sich erweist, selbst zur allgemeinen Doctrin ihn machen mochte, sollte doch zu dessen Würdigung ein bedeutendes Hauptelement darbieten. Fenelon sah gewiß richtig, und man dürfte dem in scharfer Bitterkeit geführten Streit eine gewichtige Einwirkung nicht absprechen, wenn er die französischen Bischöfe insgesammt zu ernstlichem Erwägen der Worte leitete, welche der große Erzbischof von Cambray damals dem Herzog von Chevreuse schrieb: »Es ist wahr, Roms Ansprüche gehen etwas weit; aber ich fürchte die Layengewalt ungleich mehr!« Gallicanische Freiheiten im Munde von Bischöfen und Geistlichen, daneben die gegenwärtige Gesetzgebung in Kirchensachen, diese neben einander laufenden Begriffe gestalten sich zum Subject und zum Prädicat, welche bei richtiger Prüfung gegen jedes Zusammenfügen sich sträuben. Ich wenigstens vermöchte es nicht über mich, den Namen Freiheit einer Verordnung beizulegen, welche dem Geistlichen bei Geldbuße und Gefangenschaft von einem Monat bis auf zwei Jahre verbietet, ohne Zustimmung des Cultministers über religiöse Gegenstände mit dem Oberhaupt der Kirche in schriftlichen Verkehr zu treten. Ich begreife es nicht, wie das Wort Freiheit zu einer Bestimmung passe, welche die Kundmachung von Beschlüssen allgemeiner[153] Concilien (die ohne Frage für den wahren Katholiken bindend seyn müssen) der Prüfung und Bewilligung von Staatsräthen (die ja nicht selten Protestanten, Juden, selbst Atheisten seyn können) unterwirft. Ebensowenig vermochte ich einzusehen, was Bischöfe, welche dem Gallicanismus huldigen dürften, für eine Kirchenfreiheit in den Bestimmungen erblicken, daß ohne Berathung der Kammern und ohne Genehmhaltung der Könige kein religiöses Fest eingeführt, wo Bekenner eines andern Cultus sich vorfinden, außerhalb der Kirche keine Feyerlichkeit statt finden dürfe, über das Glockenläuten der Bischof mit dem Präfecten sich zu verständigen habe, als mir in den Beschränkungen bei der Wahl von Ehrenpredigern, bei dem Inhalt der Predigten eine solche einleuchtet. Es setzt ferner einen seltsamen Begriff von Freiheit voraus, dem geforderten Recht der weltlichen Gewalt, in die innere Verwaltung der Kirche, wann und für so lange es ihr beliebt, sich einmischen zu können, jenen Namen beilegen zu wollen. Welche Freiheit in dem Verbot liege, zu zurückgezogener Lebensweise und Gebet einen gemeinsamen Wohnort, ohne einer durch das Gesetz bereits ausgesprochenen Strafe verfallen zu seyn, nicht wählen zu dürfen, ? darüber durch einen Geistlichen, der mit seinem Gallicanismus sich breit macht, eine befriedigende Erklärung zu erhalten, müßte sehr interessant seyn. Faßt man einerseits diese und ähnliche, von der Staatsgewalt ausgegangene Verfügungen ins Auge, fragt man sich anderseits, was wollen Geistliche mit dem Gallicanismus, wohin nimmt derselbe seine Richtung? so darf man kein Bedenken tragen, denselben eine höchst übelverstandene und über dem Graben des eigenen Grabes keuchende Fronderie gegen das Oberhaupt der Kirche zu nennen. Nach den Erfahrungen, welche die französische Geistlichkeit in jener Zeit zu machen hatte, in welcher die Revolution erst noch sich bereitete; nach der Stellung, die ihr in dem Kaiserreich angewiesen war; nach den Wahrzeichen, woran sie sich die Absichten einer sehr strebsamen Parthei fortwährend werken kann; nach den nur allzu offen am Tag liegenden Entwürfen[154] der Universitätsherren in Betreff derselben wäre es sich um so mehr zu verwundern, wenn die Zahl derjenigen, welche immer noch dem Phantom der gallicanischen Freiheiten nachjagen, nicht zusehends sich verminderte, wenn der französische Clerus nicht immer mächtiger gezogen würde, aufs innigste und ohne schwächenden Vorbehalt an den Mittelpunct kirchlicher Einheit sich anzuschließen, mit welchem allein er stark und gekräftigt gegen jede Gefahr seyn wird. Sieht man, von welcher Seite, hier durch Insinuationen, dort durch Ordonnanzen, das Bestreben ausgeht, jenen Zusammenhang zu lockern, zu erschweren, zu zerreissen; faßt man Gesinnung, Stellung und Wesen derjenigen scharf ins Auge, die hiefür am regsamsten und nicht selten am erfolgreichsten wirken, so kann kein Zweifel mehr obwalten, daß das Divide in unablässigem und klar bewußten Hinblick auf das Impera angestrebt werde. Neben der wildwüsten, neben der oberflächlich-gelehrten, neben der pantheistisch-antichristlichen Literatur gewinnt in Paris (und es ist in dieser Beziehung mit Frankreich beinahe gleichbedeutend) die gründliche und gediegene immer mehr Boden. In keinem Lande geschieht für Aufsuchung alter Geschichtsquellen, für Herausgabe der werthvollesten Materialien zur Landesgeschichte aller Zeit so viel, als gegenwärtig in Frankreich. Man muß der jetzigen Regierung, besonders dem Minister Guizot, gerechte Anerkennung wiederfahren lassen, daß von ihr zu Förderung so verdankenswerther Bestrebungen Anregung nach allen Seiten ausgeht, jene nicht nur den möglichsten Vorschub leistet, sondern auch mit ansehnlichen Hülfsmitteln immer bereit steht. Für Jenes liegt unter andern in der höchst ausgezeichneten Bibliothèque de l'ecole des chartes ein Beweis vor, für Dieses zeugen die mancherley Inedita, welche seit einem Jahrzehend in der königlichen Druckerei erschienen sind.[155] Das Studium und die Behandlung der Geschichte haben in neuerer Zeit wieder ebensosehr an Ernst gewonnen, als dieselben in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts leichtsinnig dahin geopfert wurden. Thierry, Fauriel und andere, ihnen verwandte Forscher, wie als neuester Famin in seiner Geschichte der saracenischen Einfälle in Italien, stehen an Gründlichkeit und Genauigkeit den Deutschen in nichts nach, haben meist den Vorzug glatterer Form und gewandterer Darstellung. Hiedurch ist es ihnen möglich geworden, Freude an solidem Wissen allgemein anzuregen und Geschmack an dergleichen Geistesproducten hervorzurufen. Giebt es zwar noch Manche, welche einer gewandten Geistmacherei über Thatsachen und Zustände der Vergangenheit vor einer klaren Darstellung derselben nach den vorhandenen Denkmälern und den Zeugnissen der Zeitgenossen den Vorzug einräumen, so mehrt sich doch die Zahl derjenigen, welche mit jenem sich nicht mehr zufrieden geben. Die Zeit ist vorüber, in der man ganze Zeiträume mit ein paar Schlagwörtern, als näherer Erforschung unwürdig, beseitigen konnte. Man ergiebt sich jetzt nicht mehr darein, mit den Wörtern finster, fanatisch, ungebildet, dummgläubig das Mittelalter abgethan zu hören; man will in demselben sich umsehen, tiefer in dasselbe eingehen, unbefangen es würdigen. Deßwegen finden gründliche Forschungen und Darstellungen ausländischer Schriftsteller in Frankreich häufig ein größeres Publikum als selbst in ihrer Heimath. Daß sogar Damen solcher Lectüre sich zuwenden, gehört nicht zu den ungewöhnlichen Dingen. Geschichtliche und wissenschaftliche Erörterungen über die Stellung der geistlichen und weltlichen Macht finden ebenfalls, wie ihre Bearbeiter, so verdiente Aufnahme und Würdigung. Auch da ist es für die tiefer Gehenden nicht mehr an der Zeit, jene als bloße Usurpation abzufertigen; man gesteht derselben eine rechtsgültige Realität zu, man will ihren Ursprung, ihr nothwendiges Bestehen nicht mehr verkennen. Des bereits vor ein paar Jahren erschienenen Werkes: du pouvoir des Papes [156] au moyen-âge, von Hrn. Gosselin, Director des Seminars von St. Sulpice, wurde von manchen urtheilsfähigen Männern mit vielem Beifall Erwähnung gethan; ebenso eines Werkes des Hrn. Abbé Rohrbacher, einst Professor in Löwen, jetzt Directors des Seminars zu Nancy: des rapports naturels entre les deux puissances. Dessen histoire universelle de l'eglise catholique wird als ein Werk gerühmt, auf welches Frankreich stolz seyn könne, da es von wesentlichen Gebrechen, an denen Fleury leide, sich ferne halte. An Umfang wird es der Kirchengeschichte des erwähnten Schriftstellers so wenig nachstehen, als an gelehrter Quellenforschung; seiner Anlage nach dürfte es aber mit dreissig Bänden kaum vollendet seyn. Auch die gegenwärtigen Zustände der Kirche finden ihre Darsteller, Bearbeiter, Berichterstatter, welche mit der vollesten Sachkenntniß und hellen Blickes in die Gegenwart hinein, in die Zukunft vorwärts schauen. Zu den Erstern darf ich mit Recht zählen den Verfasser des durch sein Detail von Thatsachen der Gegenwart und durch seine Kenntniß der Verganheit höchst berücksichtigenswerthen Werkes: »Die Leiden und Verfolgungen der ka thol. Kirche in Rußland,«4 gegenwärtig in Paris lebend, mit dem in Rußland herrschenden Geist und den durch denselben eingegebenen Verfolgungsmaßregeln aber vertrauter, als vielleicht manche in hoher Stellung daselbst Dienende. Von den Andern nenne ich den Abbé Vedrine, von welchem gerade während meiner Anwesenheit erschienen ist: Simple coup-d'oeil sur les douleurs et les espèrances de l'eglise aux prices avec les tyrans des consciences et les vices du dix-neuviême Siécle. Was jenes Werk ausführlich in Bezug auf ein einziges Land, von welchem der Nothschrei zu dem Himmel und über die ganze Erde dringt, leistet, das leistet das eben genannte überblicklich über alle Länder Europas,[157] hält sich hierin aber (wie billig) vornehmlich bei Frankreich auf. Dasselbe böte zu dem, was ich über die Universität bemerkt habe, eine reiche Nachlese. Als Beleg, daß meine Mittheilungen über sie weder einseitig, noch mein Urtheil ungerecht seye, führe ich den Anfang des 6ten Capitels von Hrn. Vedrine's Schrift an, welches, von dem Verhältniß der Universität zu der katholischen Religion handelnd, so beginnt: »Der gefährlichste Feind des Glaubens in Frankreich, ein Feind, welcher unmerklich, aber gewiß dessen Zukunft in unserm Lande aufs Spiel setzen und demzufolge die Gesellschaft in Frankreich und dessen Nationalität vernichten muß, die auf den Katholicismius gegründet ist, durch den dieselbe ins Leben gerufen und so lange Jahrhunderte hindurch erhalten worden, ist die Universität, mit der furchtbaren, einflußreichen und zerstörenden Macht, die ihr verliehen ward.« Man könnte dieses kurze Capitel den Text nennen, wozu Hrn. Desgaret's ausführliche Schrift die Noten und Beweisstellen liefert. Wollte man aber rufen: abermals ein Geistlicher, auch hic niger est, tu caveto, so fordere ich jeden urtheilsfähigen Leser auf, zu lesen, zu prüfen, zu widerlegen, wenn er im Stande ist. »C'est presque un phénomène qu'un homme sincèrement catholique dans l'université, rara avis,« sagt er. Hier liegt der Handschuh, wer ist so keck, denselben aufzunehmen? Unter den macherlei Prachtwerken, welche in Paris erscheinen und gewöhnlich bloß dem Luxus, der Unterhaltung, oder der bloßen Bilderlust dienen, verdient eines hervorgehoben zu werden, welches, durch die zierlichste topographische und artistische Ausstattung sich empfehlend, zugleich die scharfsinnigsten Untersuchungen über den tiefen Sinn christlicher Kunstgebilde in einem staunenswerthen Aufwande von Gelehrsamkeit durchführt. Es ist dieß das Werk: Vitraux peints de Saint-Etienne de Bourges von Art. Martin et Ch. Cahier Prêtres (aus der Congregation der Pères de le Foi). Ein Heft dieses Werkes führt den besondern Titel: sur quelques points de zoologie mystique dans les anciens vitraux [158] peints. Der erste Abschnitt desselben handelt von dem Pelikan, als christlichem Symbol. Da werden alle Aussagen der Griechen und Römer, der Kirchenväter beider Sprachen, der Schriftsteller des Mittelalters, gelegentlich auch Neuere (selbst der Göttinger Beckmann, qui saisit cette occasion de jeter la pierre aux ecrivains mystiques ? in seiner Ausgabe des Aristoteles, L. de Mirabilibus ist nicht übersehen) mit seltener Belesenheit zusammengetragen, abgehört, hierauf der Beweis gegründet, daß der Pelikan als Symbol der Eucharistie nicht vor dem 15ten Jahrhundert (als mit seinem eigenen Blute die Jungen nährend), sondern ursprünglich als Symbol der Wiederbelebung (Auferweckung von den Todten) durch das vergossene Blut Jesu Christi in den christlichen Bilderkreis seye aufgenommen worden. Alle Schriftsteller bis auf Albert den Großen hinab halten nicht an dem Nähren der Jungen durch das Blut des Pelikans, sondern daran fest, daß dieselben durch die Alten vom Tode wieder erweckt werden. Wie so der Tod als die Wiederbelebung erfolge, hierin allein weichen sie von einander ab, und zwar nach folgendem Schema: I. Der Tod. Ursache. A. Die Eltern. a. Der Vater; aus Strenge. Der heil Eustathius; Bruno; Peter Damiani; Hugo; der falsche heilige Thomas. b. Die Mutter Der heil. Epiphanius. c. Unentschieden, welches. D. h. Gregor der Große, Isidor, Beda, die Glosse, Remigius von Auxerre, Honorius von Autun. B. Eine Schlange. a. Aus der Ferne, durch Ausspritzen des Giftes. Eusebius, Glykas, der falsche Hieronymus, Johan von St. Geminiano. b. Durch Biß. Albert der Große.[159] II. Die Wiederbelebung. A. Deren Art. a. Durch vergossenes Blut. Eustathius, Augustin, Gregor der Große, die Glosse, Peter Damiani, Albert der Große, der falsche Thomas, Johann von St. Geminiano. b. Durch wiederholten Flügelschlag. Eusebius, Beda, Glykas, der falsche Hieronymus. B. Urheber der Wiederbelebung. a. Die Mutter. Augustin, Eustathius, Gregor der Große, Peter Damiani, Albert der Große, Johann von St. Geminiano. b. Der Vater. Eusebius, Glykas, Epiphanius. c. Unentschieden. Isidorus, Remigius von Auxerre, die Glosse, Honorius von Autun, Bruno. Man findet daher in den ältern bildlichen Darstellungen den Pelikan immer in Verbindung mit der Kreuzigung. Die Verfasser dieser Abhandlung glauben, die spätere symbolische Vorstellung lasse sich aus dem ableiten, was Horapollus in seinem Hieroglyphicis, von welchem Werk während eines Jahrhunderts nach der aldinischen Editio princeps (1505) achtzehn Auflagen aus Licht traten, über den Geyer sage, der in Ermanglung anderer Nahrungsmittel die Jungen mit seinem Blut nähre. Ein Fenstergemälde in St. Johanniskirche zu Lyon stellt die fünf Hauptmysterien des Lebens des Erlösers dar, umgeben mit Medaillons, auf welchen typische oder symbolische Bilder sich zeigen. Auf einem derselben sieht man eine Menschengestalt in unverkennbarem Zustande der Schwäche; ein Vogel reckt den Hals, als wollte er seinen Kopf auf ihre Kniee legen, ein gleichgestalteter aber schwebt in der Luft und blickt auf beide hin; die Darstellung trägt die Inschrift chladrius.[160] Nun werden die Aussagen des alten Bestiaire de l'arsenal, eines ähnlichen, in Reimen verfaßten Werkes Johanns von Vitry (in Gesta Dei per Francos), Alberts des Großen, Vicenzens von Beauvais, andere Schriftsteller jener Zeit über den Vogel, den sie caladre, calandrius, nennen, vernommen. Derselbe ist ein weisser Vogel, ohne den mindesten schwarzen Fleck. Wird er einem Kranken nahe gebracht, so zeigt er an, ob dieser leben oder sterben werde. Ist's das Letztere, so wendet der Vogel von dem Kranken den Blick ab, ist's das Erstere, so blickt er ihn an, legt seinen Kopf auf ihn, zieht hiedurch die Krankheit in sich und fliegt der Sonne zu. Nachdem auch hier die Stellen der Alten und der Kirchenvater citirt und die verschiedenen Meinungen über das Thier selbst, in welchem solche wunderbare Eigenschaft sich befindet, berührt worden, wird die Deutung des Symbols gegeben: Christus, der zu uns hinabsteigt, um unsere moralische (Sünde) und physische (Tod) Schwachheit hinwegzunehmen. ? Mit gleicher Gelehrsamkeit wird dann noch von dem Einhorn gehandelt. Da ich hier von ausgezeichneter Gelehrsamkeit spreche, darf ich wohl eines Werkes Erwähnung thun, welches eine staunenswerthe Belesenheit auf jeder Seite eines Umfanges von eilf Bänden an den Tag giebt. Zwar gehört es weder seinem Verfasser, noch seiner Sprache nach der französischen Literatur an; ich berühre es nur deßwegen, weil Jener zu Paris sich aufhält und die Bekanntschaft mit ihm und seiner Familie zu den freundlichsten Erinnerungen gehört, die an meinen Aufenthalt in jener Weltstadt sich knüpfen. Außerdem möchte ich glauben dürfen, das Werk, welches in England solches Aufsehen erregt hat, daß die ersten Bände um keinen Preis mehr aufzutreiben sind, welches jetzt in Amerika stereotypirt wird, und dessen Ertrag von dem Verfasser zu mancherlei kirchlichen Zwecken bestimmt worden ist, möchte in Deutschland so viel als gar[161] nicht bekannt seyn. Es hat den Titel: Mores catholici, or ages of faith. Verfasser desselben ist Hr. Kenelm Henry Digby, Esq. Bevor ich aber auf das Werk eingehe, muß ich der Katastrophe erwähnen, welche Hrn. Digby England zu verlassen und seinen Aufenthalt zu Paris zu nehmen, wenn nicht genöthigt, so doch veranlaßt hat. Hören wir unsere Redner, Schöngeister, Versmacher, Zeit- und Zeitungsschriftsteller und all das Volk, welches als Claqueurs im Foyer des Jahrhunderts sich zusammen findet, um die Autoren und Histrionen des angeblichen Fortschrittes zu beklatschen, dann sollten wir meinen, so breit, warm und fest in dem zu sitzen, was sie Civilisation nennen, daß wir billigermassen uns nicht genug wundern dürften, wie aus den Ungethümen des abgewichenen Jahrhunderts ein so wohlgezogenes, feingesittetes, glattgeschliffenes Geschlecht habe hervorgehen können; und als griesgramig und brummig und querköpfig müßte Jeder sich anfahren lassen, der nur den Schein eines Zweifels sich erlauben wollte. Was könnte aber einer dafür, wenn z.B. der Auftrit zu Karlsruhe am 5. September 1843 ihm König Richards I. von England Krönungstag unwillkürlich in Erinnerung gebracht, ihn also tief in das finsterste Mittelalter hinein versetzt hätte; wenn das, was bloß fünfzehn Tage später wider die Juden zu Heidelberg sich ereignete, Anderes, was seitdem an andern Orten sich zugetragen hat, ihm die Frage aufzwänge: hat unsere Zeit vor jener so viel mehr zum voraus, als einzig das etwas wirksamer gewordene Compelle der öffentlichen Gewalt? In Hrn. Digby's Begebniß liegt Stoff zu einer ähnlichen Frage. Hr. Digby und seine Familie sind lebendigwarme Glieder der katholischen Kirche. Sie bewohnten ein schönes Landhaus, Springfield-House, in der Nähe von Southamton. Begütert, mild, hülfreich, hatten die Armen der Umgebung in ihnen Wohlthäter, die ungetröstet Niemand von sich ließen. Doch wenn ein Fremder des Weges zog, säumte man nie, ihm mit bedenklicher Miene zu verdeuten: hier wohne eine katholische[162] Familie. Prediger der verschiedensten Glaubensmeinungen ergiengen sich auf den Kanzeln des benachbarten Southamton zum öftern in sehr ungeziemenden Ausdrücken über die katholische Religion und deren Bekenner. Am Neujahrstage des Jahres 1842 kam der durch seinen sonderbaren Wankelmuth bekannte Hr. Sibthorp, der kurz zuvor zu dem katholischen Glauben sich bekannt hatte, zu der Familie Digby auf Besuch. Am folgenden Tage (Sonntag) spielte einer jener Prediger auf dessen Rückkehr in die Kirche an, mit dem Bemerken, diesen Morgen habe er in der katholischen Capelle zu Southamton das Abendmahl empfangen. Während die Familie des Morgens dem Hochamt, Abends der Vesper beiwohnte, zeigte sich eine verdächtige Person spähend zweimal in dem Hause. Ein katholischer Handelsmann bemerkte Abends einem Freund: »Er wünsche, daß jener Besuch für die Bewohner von Springfield-House glücklich ausfallen möge.« Amt Montag reiste Hr. Sibthorp wieder ab. In der gleichen Nacht ? einer der kältesten des ganzen Winters ? um zwei Uhr des Morgens, erwachte ein Bedienter und sah das Haus in vollen Flammen; kaum blieb ihm noch so viel Zeit, um seinen Herrn aufzuwecken. Hrn. Digby's Gattin und Schwiegermutter mußten sich in möglichster Hast aus dem Bette flüchten, die kleinen Kinder durch die strenge Kälte in entlegene Häuser gebracht werden. Das Feuer verbreitete sich mit solcher Schnelligkeit nach allen Seiten, daß außer einigem Silbergeräthe nichts sich retten ließ. Während die Flamme noch wüthete, richteten Unbekannte an Einzelne aus Hrn. Digby's Gesinde die auffallende Frage: ob Hr. Sibthorp noch anwesend seye? Nicht zu übersehen ist, daß das Feuer an einer Stelle ausbrach, an welcher weder Kamin, noch Heerd, noch sonst Etwas sich befand, was die Vermuthung einer Verwahrlosung oder eines unglücklichen Zufalls hätte unterstützen können; auch bezeugten nachher die Polizeimänner, sie wären keine volle Stunde früher an dem Hause gewesen, hätten nicht die mindeste Spur von Feuer wahrgenommen, wohl aber bei ihrer Annäherung zwei Männer[163] davon laufen gesehen. Angestellte Nachfragen führten aber auf keine Spur, an welche eine Untersuchung sich hätte knüpfen lassen. Nun von Hrn. Digby's Werk. Es war ein eigenthümlicher Gedanke, dasselbe nach den acht Seligkeiten (Matth. VI) einzutheilen. Der Verfasser legte dabei die Idee zum Grunde, nachweisen zu wollen, wie diese Seligkeiten, wenn je hienieden auf Erden, zur Zeit des Mittelalters die Menschen beglückt hätten. Hiezu hat er einen unermeßlichen Reichthum von Thatsachen aus den gesammten schriftlichen Ueberresten jener Jahrhunderte zusammengebracht. Er hat nicht allein die Sammlungen von d'Achery, Martene, Muratori, Leibnitz, Petz u. A., nicht allein die Italia sacra, die Gallia sacra, Waddings Annalen, die Werke eines Bernhard, Peters des Ehrwürdigen, Ruperts von Deutz, Peters von Blois u. v. a. Schriftsteller jener Zeit, sondern diejenigen fast aller Länder, die zu seiner Aufgabe in etwelcher Beziehung standen, wie Görres Mystik, Höcks Sylvester, Staudenmaiers Scotus, Jäcks Gallerie der vornehmen Klöster Deutschlands, Arx Geschichte von St. Gallen, die Chronik von Einsiedlen, diejenigen anderer Klöster, dann die besondern Geschichten französischer Bisthümer, viele Breviere, einen großen Theil des Asceten gelesen, durchforscht, unermeßlich viel zu seinem Zweck Dienliches zusammengetragen. Mit der glücklichsten Anwendung führt er daneben eine Menge Stellen aller griechischen und römischen Classiker, der Kirchenväter, der englischen Dichter an. Selten findet man eine Seite, deren Inhalt nicht auf dem Zeugniß von drei, fünf, selbst noch mehr Schriftstellern beruhte. Es lohnt sich wohl der Mühe, einen nähern Ueberblick des reichen Inhalts von wenigstens ein paar Bänden zu geben. Der neunte Band beginnt mit der VI. Seligkeit: »selig sind die Friedfertigen«. Hr. Digby zeigt, wie in jenen Jahrhunderten, wenn auch des Grundes und der Erscheinungen von Unfrieden genug vorhanden gewesen, Liebe und Neigung zum[164] Frieden alle christlich Gesinnten dennoch wahrhaft durchdrungen habe, der Krieg als Ausgeburt des Teufels angesehen worden seye. So viele Gebete und Hymnen aller Breviere sprächen den Preis des Friedens aus, so wie auf dessen Erhaltung oder Herstellung Päpste, Bischöfe, Geistliche und Religiosen bei jeder Gelegenheit eingewirkt hätten. Wie viele Burgherren dagegen, von wildem Geist und von Raubsucht getrieben, der Fluch ihrer Umgebung wurden, wird nicht verschwiegen, eine lange Reihe von dergleichen Thatsachen aufgezählt, und aus den Berichten hierüber, aus den Namen, welche jene Ruhestörer gewannen, aus den Sagen, die an ihr Ende sich knüpften, der entschiedenste Abscheu gegen solche Gesinnung und Thun nachgewiesen; worauf das letzte Capitel dieses Bandes eine Galerie gefeyerter Friedensstifter aller Geschlechter, Rangstufen und Stände der menschlichen Gesellschaft aufführt. Der zehnte Theil beginnt mit den Worten aus Jesajas XXXII: Sedebit populus meus in pulchritudine pacis, in tabernaculis fiduciae, et in requie opulenta. Der Innhalt desselben besteht darin, darzuthun, wie in dem Glaubenszeitalter jene Worte an den Klostern buchstäblich in Erfüllung gegangen seyen. Das erste Capitel giebt einen Ueberblick des Zeitalters des Glaubens in Beziehung seiner Liebe zum Frieden, und bildet den Uebergang zu den Klöstern; ? deren allgemeine Verbreitung Beweis friedlicher Gesinnung; Aufzählung der berühmtesten Gotteshäuser; Darlegung, daß die Mönche Männer des Friedens gewesen; daher, als wesentliche Ergänzung des im 9. Bd. Begonnenen, ein allgemeiner Ueberblick über die Kloster ? II. Beantwortung der Frage im allgemeinen: was war das Mönchsleben? ? III. Kurzer Aufschluß über die Frage: was nützten die Klöster? ? IV. Besuch in einem Kloster; liebliche Lage, zu friedlichen Eindrücken geeignet; Vorzüge solcher Belegenheit; die Mönche liebten Berge, Eilande, Wälder, überhaupt Schönheiten der Natur, welche sie zu heiligen sich bestrebten. ? V. Der Besuch fortgesetzt und durch Erzählung des Ursprungs einiger Klöster erläutert.[165] Eintritt in die Abtei. ? VI. Beschreibung der klösterlichen Gebäude; der Thorgang, die Werkstätten, Gärten, Stallungen. Aufschluß über die Befestigung einiger Klöster; baukünstlerische Schönheit; Einfachheit und Armseligkeit in den ältesten Zeiten. Das Refectorium, die Räume für Gastfreundlichkeit; Wohlwollen gegen Fremde; innere Ausschmückung, Malerei, Bilder, Innschriften. ? VII. Kirchenschätze, Edelsteine, edle Metalle, heilige Gefässe, Alterthümer, Bücher, Reliquien. ? VIII. Die Kirche. Eigener Eindruck der Klosterkirchen; Charakteristik derselben; geordneter Gang des Gottesdienstes; Vortheile hieraus für das Volk. Die Grabmäler, deren merkwürdige Menge in den Klosterkirchen. ? IX. Die Büchersammlungen; Bemerkungen und Nachrichten darüber; das Schreibzimmer; Verwendung der Mönche zum Bücherschreiben; die Schulen; geschichtliche Nachrichten über sie; Bemerkungen über die Universitäten und deren Beziehung zu jenen. ? X. Klosterzucht; wesentlicher Bestand derselben; äussere Observanz; Gehorsam, Kleidung, Fasten, Schweigen, Nachtwachen, Studien, Handarbeiten. ? XI. Bisweilen nöthige Reformen. Ursprung der Mißbräuche; Einfluß der Welt; Dazwischenkunft der weltlichen Gewalt. Königliche Gefängnisse in einigen Klöstern. Zeugnisse alter Schriftsteller über grosse Heiligkeit der Klöster im Mittelalter. Allgemeine und besondere Nachweisungen. ? XII. Die Besucher der Abteyen; welcher grossen Vorgänge dieselben Zeugen waren; Bezeichnung der verschiedenen Arten von Gästen; Einige gekommen, um hier ihr Lebensende zu erwarten, Andere, um den Schrecknissen des Krieges zu entgehen, Andere, um Seelenfrieden zu suchen. ? XIII. Die Bekehrten. Der Beruf der Menschen zu dem Mönchsleben in dem Glaubenszeitalter, dargethan aus Berichten der Mönche und aus Erzählungen denkwürdiger Bekehrungen. ? XIV. Die klösterliche Gemeinschaft im allgemeinen; besondere Eigenschaften des klösterlichen Charakters. ? Einfalt, Liebereichthum, Wohlwollen, Freigebigkeit, Mitleid. Opposition der Religiosen gegen den literarischen und socialen Charakter[166] weltlicher Schriftsteller, Philosophen und Politiker. Bemerkungen über das Erinnerungsvermögen und hohe Alter in den Klöstern. Die Einheit und Selbstständigkeit des klösterlichen Wesens; seine zarte Frömmigkeit, ? XV. Die klösterlichen Beschäftigungen. Beweis, daß die Mönche nicht müssige Menschen waren; Unterschied zwischen Nichtsthun und der Fähigkeit, wie dem Verlangen, heiliger Musse zu geniessen. Thätigkeit der Mönche als Glaubensboten, als Befreyer von Gefangenen, als Diener des öffentlichen Wohls in Zeiten des Elends. Landbau und öffentliche Werke. Mönche als Dichter, Musiker, Maler. ? XVI. Umgang in dem Kloster. Asketische Weisheit der Mönche; Mysticismus; Erzählung wunderbarer Begegnisse; Gesichte; vertrauliche Gespräche und Erlebnisse von Mönchen. ? XVII. Der Frieden des Klosterlebens. Zeugnisse der Mönche; freundschaftliche Verbindungen in und ausser dem Kloster; Anhänglichkeit an Celle, Haus und Orden; Zeugnisse innern Friedens aus Klostertagebüchern. Die Mönche des einen Ordens liebten und ehrten diejenigen des andern. Friede und Liebe zwischen Klostergeistlichen und Weltgeistlichen; Unterbrechung dieses Einklangs sind Ausnahmsfälle. Lobsprüche der Bischöfe über die Orden. Erklärung der Exemtionen. Abneigung gegen die Orden mit christlichem Glauben unvertragsam. ? XVIII. Einfluß der Orden. Mönche, Freunde der Armen; ihre Dienste gegen Grosse und die gesammte menschliche Gesellschaft. ? XIX. Blick auf die Urkunden, um die Quellen klösterlichen Reichthums aufzudecken. Beweggründe der Stifter und Wohlthäter. Klöster, Mittel der kirchlichen Gesellschaft und des staatlichen Friedens. Ihre Stifter gehörten zu den Friedfertigen. Schluß: daß in den Klöstern die Welt den Typus des Friedens erkennen könne. ? XX. Abschied vom Kloster; Einkehr bei den Einsiedlern; Einsiedler in den ältesten Zeiten; Lagen, in denen sie gewöhnlich ihr Leben zubrachten; ihre Lebensweise; Verwendung und Dienst für die Kirche; ihr Friede mit allen Geschöpfen. Ihr Herabsteigen von den Bergen zu Auftritten, von denen das nächste Buch handeln wird,[167] zeigt ein glaubensvolles Erdulden von Verfolgung für die Sache der Gerechtigkeit. Die achte Seligkeit lautet: »Selig sind, die der Gerechtigkeit wegen leiden.« Hievon handelt der eilfte und letzte Band. Derselbe ist eine Darstellung des Martyrthums nach allen seinen Beziehungen; freilich nicht in jener verkehrten Weise, in welcher der kriegschnaubende Zwingli den verdienten Tod fand, oder in derjenigen, in welcher der waldensische Pfarrer und Kriegsoberste Arnaud unter Anfeurung zu Niedermetzlung der Feinde von dem Marterthum seiner Meinungsgenossen spricht; denn causa, non poena, sagt der heilige Augustin, martyrem lacit. Heiden, Mahomedaner, Juden, Manichäer unterwarfen, wo sie konnten, auch im Mittelalter noch die Christen dem Martyrthum; oft konnte treue Befolgung der kirchlichen Vorschriften, Festhalten an der Gerechtigkeit ihm nicht entgehen, boten Legisten, würdelose Priester, Blumenschen den Königen zu Werkzeugen desselben sich dar. Merkwürdig bleibt die, durch alle Jahrhunderte und unter allen Gegnern der Kirche vorkommende Erscheinung der Einigung der Getrennten zu Haß und Widerstand gegen die Kirche, herab von den Sadducäern und Pharisäern, von Herodes und Pilatus, bis auf Hengstenberg und Bretschneider. Schon der heilige Ambrosius sagt: »Die Ketzer werden unter sich nie einig, nur gegen die Kirche sind sie es. Das sind die Gegner des katholischen Glaubens, unter sich zwar getheilt, geeinigt aber in einer gemeinsamen Verschwörung gegen die Kirche Gottes.« Als der heilige Franz Xaver in Japan vor den Bonzen das Christenthum predigte, waren diese in acht Parteyen getheilt, in endlosem Hader standen sie einander gegenüber; bald aber vergassen sie ihres Streites und stemmten sich vereint gegen die Glaubensbotschaft. Aehnliches bemerkt Clarendon von seiner Zeit; umbra protegit umbram. Wie unter blutdürstiger Verfolgung das Reformationswerk eingeführt, gefestigt ward, wird in dem Buch auch nicht übergangen. ? Am schönsten spiegelt sich des Verfassers klarer, milder Sinn ab in dem[168] Epilog, der vornemlich an seine Landsleute gerichtet ist. Er schließt sein Werk mit Rathers von Verona Worten (unter kleiner Namensänderung): Amazon.de Widgets Qui c?pisse librum dederas, finire dedisti, Cunctipotens, famulo dando rogata Tuo; Hunc ego Kenelmus pro Te quia ferre laborem Suscepi, probra Christe dilue mea. Da ich einige Bruchstücke über wissenschaftliches Thun und Bestreben, vornehmlich in Beziehung auf die katholische Kirche, hier mitgetheilt habe, kann ich die große Anstalt, welche der Abbé Migne auf Montrouge, am äussersten Saum des Boulevard d'Enfer, gegründet hat, nicht unerwähnt lassen. Sein Vorhaben, von welchem ein bedeutender Theil schon in Wirklichkeit übergegangen ist, ist kein geringeres, als die Hauptwerke der Schriftsteller in allen Zweigen der theologischen Wissenschaften aus allen Ländern in grossen Sammlungen zu vereinigen und durch mäßige Preise deren Anschaffung, sey' es nun als vollständige Sammlung, oder die bedeutendern Werke gesondert, Jedem möglich zu machen. So sind bereits erschienen der Cours complet d'Ecriture Sainte und der Cours complet de theologie, jeder in 27, zwar mit möglichster Raumersparniß, dennoch aber sehr anständig und auf gutes Papier gedruckten Quartbänden. Der erste dieser Curse umfaßt neben der heiligen Schrift die bewährtesten Exegeten und Hermeneuten, der andere die Dogmatiker, Beide die vollständigen Werke von 270 Autoren, mit der Biographie eines jeden derselben. Die Aufnahme der einzelnen Werke erfolgt immer mit Zustimmung von Bischöfen und Theologen, und eine Gesellschaft von Pfarrern und Seminardirectoren besorgt den Abdruck. Man findet z.B. im Bd. XXVI des Cours de theologie: Zanolini disputationes de festis et sectis Judeorum: Benedictus [169] XIV. de festis etc.; Assemani de ritibus sacris; Peronne de transsubstantiatione et reali praesentia Christi in Eucharistia; Du Pin methode pour etudier la theologie, nebst mehrern andern Werken; im Bd. XXVII: Molanus de historia SS. imaginum; Zaecaria Antifebronius vindicatus. Eine andere, ungleich grössere Sammlung soll sämmtliche griechische und lateinische Kirchenschriftsteller, von den apostolischen Vätern an bis in das XII. Jahrhundert, in 300 ähnlichen Bänden umfassen. Davon waren damals die Werke des heil. Augustin (15 Bd.), des Johannes Chrysostomus (bereits 9 Bde), des Hieronymus, alle nach den besten Ausgaben, entweder schon ganz oder wenigstens zum Theil vollendet. ? Eine andere Sammlung, von der acht Bände die Presse verlassen hatten, führt den allgemeinen Titel Demonstrations èvangeliques und soll die Apologeten aller Zeiten, aller Völker und aller Confessionen, von Tertullian herab bis auf Wisemann, enthalten. Da wird man (um Einige zu nennen) neben den Werken von Bossuet, Huet, Massilon, Fenelon, Gerdil, Gregor XVI, Marcel de Serres, auch diejenigen von Baco, Grotius, Leibnitz, Tillotson, Euler, Haller, Neker u. v. A. finden. Natürlich erscheinen in der Ursprache nur diejenigen Werke, deren Verfasser latein oder französisch geschrieben haben, diejenigen der Schriftsteller anderer Volker in sorgfältigen Uebersetzungen. Zu den fernern Planen des unternehmenden Mannes gehören noch Sammlungen der vornehmsten Katecheten und der ausgezeichnetesten Kanzelredner, in welchen jedes Land und jedes Zeitalter repräsentirt werden soll. Ausserdem sind von verschiedenen andern grossen und deßwegen selten gewordenen oder schwer anzuschaffenden Werken neue Auflagen durch ihn besorgt worden: z.B. von den Sammlungen, die unter dem Titel Perpetuité de la foi de l'eglise catholique vom Port-Royal ausgegangen sind; von Pallavicinis Geschichte des Conciliums von Trient; von dem Dictionaire apostolique von [170] Montargon; von den sämmtlichen Werken von Lefranc de Pompignan, des Grafen I. von Maistre, von Riambourg, Wiseman u. A. Daß diese Unternehmungen von allen Seiten freudig begrüßt werden, erhellet daraus, daß die beiden ersterwähnten Course bereits in der fünften Auflage erscheinen. Wer einen einzigen Band derselben zur Hand nimmt und den Preis (5 Fr. für den Band) gegenüberhält, muß sich alsbald überzeugen, daß nicht gemeine buchhändlerische Speculation der Beweggrund zu einem Unternehmen seyn könne, welchem sein Begründer alle seine Zeit, alle seine Kräfte, mit einem Wort sich selbst, im vollesten Sinne des Wortes, opfert, von dem er einzig die Seele und der Leiter ist. Es ist buchstäblich wahr, daß Hr. Abbo Migne seine Wohnung niemals verläßt; und wie wär' ihm solches auch möglich, bei der unerläßlichen Aufsicht auf die grosse Zahl von Arbeitern zu allen Arten von Beschäftigungen, bei der beinahe erdrückenden Last von Correspondenz, nicht bloß nach allen Ländern, sondern nach allen Welttheilen, bei einer Correspondenz, die ebensowohl das Scientifische seiner Unternehmungen, als zum Theil das Merkantile der Anstalt umfaßt? Er versicherte mich, der Herausgabe jener beiden Course seyen etwa 5000 berathende Briefe vorangegangen. Von den Vielen, welche seine Anstalt besuchen, und denen, je nach Stand, Würde und Bedeutung der Personen, er nicht immer sich entziehen kann, daher auch in dieser Hinsicht viel Zeit zu opfern gezwungen ist, nicht zu sprechen. Tritt man in Hrn. Migne's Anstalt ein, so gelangt man erst in die Räume, in welchen zwischen Staketen die ungeheuren Büchervorräthe aufgeschichtet liegen, bereit, nach allen Weltgegenden versandt zu werden. Dann kommt man in die Druckerwerkstätte, in welcher fünf Schnellpressen, durch Dampf getrieben, jede 15000 Bogen täglich liefern kann. Von da öffnet sich eine weite, mit Glasfenstern überwölbte Halle, auf deren einen Seite eine zahlreiche Schaar Setzer, auf der andern diejenigen sich befinden, die mit den verschiedenen Manipulationen[171] des Stereotypirens beschäftigt sind. Weiter gelangt man zu den Schriftgießern. Viele Arbeiterinnen sind mit dem Falzen und Zusammentragen der Bogen beschäftigt, von wo sie in die Hände der Buchbinder gelangen, nicht bloß zum Heften, sondern zum wirklichen Einbinden, welches auf Verlangen bis zu dem elegantesten und kostbarsten Aeussern, in Maroquin mit Goldschnitt, hier ebenfalls besorgt wird. Was daher, um ein Buch in eine Bibliothek aufstellen zu können, nur irgendwie erforderlich ist, Alles das wird auf Montrouge aus dem ursprünglichen rohen Material zu jedem Dienst bereitet, mit Ausnahme des Papiers; dieses ist der einzige Stoff, den Hr. Migne fertig bezieht, und zwar, wie er mir sagte, bloß deßwegen, weil es ihm an dem nöthigen Wasser gebricht, sonst er mit allem Uebrigen auch noch eine Papierfabrik verbinden würde. In der Schreibstube endlich staunt man über die colossalen Handelsbücher, welche ihres Gleichen irgendwo kaum finden möchten, und neben dieser ist das kleine Cabinet, in welchem der Gründer der so merkwürdigen Anstalt dieselbe mit ihren anderthalbhundert Arbeitern überwacht, zusammenhält, leitet, deren Wirken nach allen Seiten fördert. Durch sein Unternehmen, nicht sowohl durch dessen Ausdehnung und dessen materielle Bedeutung, sondern durch den Zweck und das Wirken desselben, welches vorzüglich für das bücherarme Amerika ein höchst wohlthätiges ist, hat sich Hr. Abbé Migne eine bemerkenswerthe Stellung unter den Zeitgenossen erworben. Wenn er auch selbst nicht als Förderer, sondern nur als Depositär und gewissermassen als Großschatzmeister der gesammten christlichen Wissenschaft aller Zeiten und aller Völker betrachtet werden darf, so hat doch schwerlich eine Zeit einen Mann aufzuweisen, welcher der ächten christlichen Wissenschaft so wesentliche und weithin reichende Dienste leistete wie er. Schon der Gedanke zu einem solchen Riesenunternehmen und noch mehr der Entschluß zu dessen Verwirklichung, trotz grosser Schwierigkeiten, setzt einen kühnen und dennoch klaren Geist, einen kräftigen und beharrlichen Willen, einen hellen[172] und praktischen Blick voraus. Dieß Alles hatte Hr. Migne in früherer Wirksamkeit nicht minder, denn jetzt als Seele des grossen Unternehmens bewährt. Im letzten Jahr des abgewichenen Jahrhunderts zu St. Flour in den Gebirgen der Auvergne geboren, ist Hr. Migne ein grosser stattlicher Mann, in würdevoller Haltung, mit einem klaren, seelenvollen Adlerauge, einer klangvollen Stimme; sein ganzes Aeusseres verräth Kraft, Entschiedenheit und Festigkeit, die er auch in seiner frühern Stellung als Seelsorger bei jeder Gelegenheit an den Tag legte. Der Umstand, daß der Vorsteher des Collegiums von St. Flour nach Orleans versetzt wurde, dürfte auf die Lebensrichtung des jungen Migne den entscheidenden Einfluß geübt haben. Er ging mit seinem Lehrer nach jener Stadt, und trat im Jahr 1817 in das dortige Seminar, in welchem er nach drei Jahren Aufseher, bald darauf aber Professor zu Chateaudieu ward. Sobald er die Priesterweihe erhalten konnte, mußte er eine Pfarrei übernehmen. Sie liegt in morastiger Gegend, was seine Gesundheit gefährdete. Man erstaunte, als bald darauf der Bischof von Orleans den 25jährigen Priester auf die Cantonal-Pfarrei Puiseaux, eine der ansehnlichsten und angenehmsten des ehemaligen Gatinais, ernannte. Waren die Pfarrgenossen gegen ihn eingenommen, weil sie einen Andern lieber zu ihrem Seelsorger gehabt hätten, so bedurfte es nur seiner ersten Predigt, um die Aufmerksamkeit, welcher Achtung und Zuneigung bald folgten, an Hrn. Migne's Person zu fesseln. Mit welchem Eifer und mit welchem Erfolg er sein Amt verwaltete, mag daraus erkannt werden, daß er bei Antritt desselben 26 bloße Civilehen in der Gemeinde vorfand, die nach wenigen Jahren alle, bis auf drei, in kirchliche Ehen verwandelt waren. Er setzte es durch, daß die Eltern ihm die Kinder ein ganzes Jahr lang in den katechetischen Unterricht sandten, wozu er des Tages nie weniger als zwei Stunden verwendete. Dieser Eifer hatte den erfreulichen Erfolg, daß nachher die Kirche oft mit so vielen Zuhörern sich füllte, daß er zu seinem[173] Unterricht die Kanzel besteigen mußte, In kurzer Zeit war er überzeugt, mit Zuversicht sagen zu könnnen: »Glaubt ihr, ein einziges meiner Kinder könne ohne Buße sterben, dafern es nicht durch jähen Tod hingerafft wird?« Kein Armer sprach ihn je vergeblich um Etwas an, und der Bemerkung: aber seine Wohlthaten fielen bisweilen einem Unwürdigen zu, entgegnete er: »desto schlimmer für ihn; Gott und sein Gewissen werden es ihm wohl noch sagen.« Die Julirevolution kam. In sein Verhältniß zu den Behörden und den Gutgesinnten brachte sie keine Aenderung. Aber viel Krämer-, Schreiber- und Schergenvolk meint in solchen Begegnisien sich zu erheben, wenn es weidlich radicalisirt. Das war natürlich auch in Puiseaux der Fall. Doch wußte Hr. Migne selbst diesen Maulhelden Achtung zu gebieten. In jener Zeit wurde ein Mitbruder desselben durch das Lumpengesindel aus seiner Pfarrei verjagt. Einige aus Puiseaux glaubten, als Nationalgarden ihren Kriegsmuth bethätigen zu können, wenn sie diesen Pfarrer unter dem Vorwand, er reife ohne Papiere, am Thore des Städtchens verhafteten. Hr. Migne vernahm dieses, eilte herbei und erbot sich als Bürgen für den Bedrängten. »Ja, wer sind denn Sie?« erwiderten die Helden, Bewohner seines Pfarrsprengels. »Sie können von Glück sagen, wenn Ihr Widerstreben gegen die Gesetze nicht bestraft wird!« »Nun denn, sagte Hr. M. zu seinem Mitbruder, legen Sie Sich an die Erde, wir wollen sehen, ob sie es wagen, Sie fortzutragen.« Auf diese Worte kreuzten die Gemeindsgenossen die Bajonnette über der Brust des eigenen Pfarrers, Unverzagt aber öffnete dieser seine Soutane und sagte: »Zeigt mal, ob Ihr Euren ungeziemenden Spott bis zum Mord treiben könnt?« Jetzt zogen die Herren Nationalgarden ab. ? Amt nächsten Fronleichnamsfest dann machten sich einige Zeitgemässe den Spaß, einen Feldaltar mit dreifarbigen Fahnen auszustatten und denselben so einzurichten, daß bei dem Heraufsteigen das Brett unter ihres Pfarrers Füßen weichen und er sich in die Fahnen verwickelt finden mußte. Das bereitete[174] Späßchen blieb Hrn. Migne verborgen. Da es ihm aber unziemlich schien, politische Symbole in eine religiöse Feyerlichkeit zu mischen, begnügte er sich damit, vor dem Altar eine Verneigung zu machen, worauf erst er weiter gieng. Nun erhob sich gewaltiger Lärm über Nichtachtung der Nationalfarben. Das gab ihm Veranlassung, eine kleine Schrift zu schreiben unter dem Titel: Von der Freiheit. Durch einen Priester; doch fügte er sich gerne dem Willen seines Bischofs, der den Druck mißrieth. Aber längst schon beschäftigte Hrn. Migne der damalige Zustand der religiösen Presse. Hier, glaubte er, winke ein Feld zu grösserer und segensreicherer Wirksamkeit, als auf der Pfarrei. Er ließ die Ankündigung des Univers religieux, eines Blattes erscheinen, welches noch jetzt einen ausgezeichneten Rang einnimmt, und unendlich viel Gutes gestiftet hat. Als er zu dessen Herausgabe alles Erforderliche vorbereitet hatte, bat er den Bischof um seine Entlastung. Ungern, aber in Ueberzeugung, daß Hr. Migne auf dieser Weise der Religion und der Kirche grössere Dienste leisten werde, ertheilte er ihm dieselbe am 9. Nov. 1833. Das Univers sollte rein katholisch seyn, keiner Parthei, weder in religiöser noch in politischer Beziehung, huldigen. Die Aufgabe war preiswürdig, die Zeit aber nicht so, um mit Erfolg dieselbe lösen zu können. Alles stürmte anfangs auf das Univers ein; den Einen galt es für legitimistisch, den Andern für philippistisch; diese nannten es absolutistisch, jene radical; jetzt sollte es fanatisch, dann wieder ketzerisch seyn. Der endlosen Polemik satt, zog sich Hr. Migne nach ein paar Jahren von dem Blatt zurück, und begann den Gedanken seiner grossen Sammlungen zu verwirklichen. Anfangs bediente er sich dazu der Pressen eines Buchhändlers, bald darauf gründete er die erwähnte Anstalt. Dadurch wurde der Neid der Gewerbsleute rege. Sie gewannen den Domherrn Trevaux, daß er den verstorbenen Erzbischof bearbeite, Hrn. Migne die Fortsetzung zu untersagen:[175] es zeige sich, hieß es, dabei zu viel Kaufmännisches, was mit priesterlichem Charakter unverträglich seye. Daß Hr. Migne seinen Obern freudig zu gehorchen wisse, hatte er bei Gelegenheit der erwähnten Schrift dem Bischof von Orleans überzeugend bewiesen. Hier aber stand, zugleich mit seiner Ehre, seine Redlichkeit auf dem Spiel. Grosse anvertraute Summen waren in das Unternehmen bereits verwendet. Er setzte dieß auseinander; der Erzbischof bestand zwar nicht weiter auf dem Verbot, zog aber die Hrn. Migne nothwendigen priesterlichen Vollmachten zurück, so daß derselbe im Sprengel von Paris zu keinen geistlichen Verrichtungen befähigt ist. Der gegenwärtige Erzbischof trat hierin in die Fußstapfen seines Vorgängers, ungeachtet Beide von dem musterhaften und priesterlichen Wandel Hrn. Migne's vollkommen überzeugt seyn mußten. Allerdings untersagen die Kirchengesetze sehr weislich jedem Priester alle Handelsunternehmungen. Allein hier möchte sich die Frage stellen lassen: ist das Wiederabdrucken von Büchern zum Behuf der Verbreitung katholischer Lehre und Wahrheit als ein Handelsunternehmen zu beurtheilen? Auch lauten die Brevets zum Buchhandel und zur Buchdruckerei nicht auf Hrn. Abbé Migne, sondern auf den Namen seines Bruders und würdigen Gehülfens. Endlich weiß man ja, wie viele religiöse Corporationen ehevoriger und jetziger Zeit in allen Ländern Buchdruckereien zu Verbreitung ähnlicher Werke besessen haben, ja daß selbst die Propaganda eine berühmte Buchdruckerei hat, deren Director sogar der Hergausgeber der Annali religiosi, der gelehrte Abbate Luca, lange Zeit war. Andere Bischöfe indeß theilen die Ansicht der Erzbischöfe von Paris nicht. Eine unermeßliche Menge von Geistlichen zollt Hrn. Migne fortwährend den aufrichtigsten Dank für sein Unternehmen. Ein Cardinal schrieb ihm: »Unter allen Geistlichen der katholischen Welt bewirkt keiner so viel Gutes, wie Sie.« Als er am 1. Jan. 1842 den vollendeten Curs der heiligen Schrift dem Oberhaupt der Kirche zu Füßen legte, fügte[176] der Herausgeber ein Bekenntniß seines katholischen Glaubens bei, welches dem heiligen Vater die vollkommenste Befriedigung gewährte. Welche Mühe auch die Universitätsmänner sich geben, gegen die Geistlichkeit zu declamiren; wie sehr auch der knurrende Constitutionel, der wurmfrassige Siecle und der radicale National solemne Anlässe, dergleichen der Universitätsstreit einer war, aufgreifen, um ihr Gift zu verspritzen; wie sehr die mancherlei Revüen, verschiedener Geister Kinder, meist aber Milchbrüder in dem lobsamen Bestreben, die Kirche und deren Autorität anzufechten, wenigstens deren Diener zu bekritteln; wie gierig auch in den Kaffeehäusern die pflastertretende Jugend nach dergleichen Futter schnappe: es kommen zwischenein den noch Erscheinungen vor, welche von allen Genannten kaum ignorirt werden, an denen sie selbst nur schweigend und keifend vorübergehen können, die aber ganz Frankreich kennt, die Jeden, der die wahre Große nicht nach der äussern Erscheinung, sondern nach den innern Motiven zu würdigen versteht, mit Bewunderung erfüllen, und in welchen gegen die Wirksamkeit von Declamationen, Beschuldigungen und Anschwärzungen für die Einen eine Schutzwaffe, für die Andern ein nicht leicht abzuschwächendes Gegengewicht gegeben ist; ein Gegengewicht solchen innern Gehaltes, daß es jede äussere Ausstattung keck verschmähen darf. Der alte Spruch: »an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen,« bliebe ein ewig dauerndes Wort unumstößlicher Wahrheit, wenn es auch nicht von dem Munde desjenigen ausgegangen wäre, der die Wahrheit selbst ist. An diesen Spruch darf Frankreichs Geistlichkeit Berufung ohne alle Gefährde einlegen; wenn gleich in dem Streit über Freiheit des Unterrichts, darum, weil dieselbe kraft ihres Amtes und ihrer Obliegenheit alsbald[177] in die vordersten Reihen sich gestellt hat, die Gegenparthei ihre altbekannten Waffen der Entstellung, Verdrehung und Lüge wider sie vornämlich zu schärfen sich befliß. Der hochwürdigste Bischof von Chartres sah sich daher durch diese Taktik der Gegner veranlaßt, in seinem früher erwähnten Sendschreiben ein ernstes, aber mit dem vollen Gewicht der tagtäglich in die Augen springenden Thatsachen ausgestattetes Wort zu sprechen. Nachdem er dargewiesen, wie sich die Universitätsherrn unter dem Namen Jesuiten ein Schreckbild zurecht gemacht hätten, gegen welches sie ihre Streiche geführt, bemerkt er, wie sie nunmehr sich bemühten, diesem als Seitenbild die Geistlichkeit zuzugesellen und dieselbe unumwunden oder unter falschen Incriminationen als Werkzeuge der Verderbniß, als ein Gehäuse gefährlicher Menschen darzustellen; als ob sie sagen wollten: kann man uns Verirrungen vorwerfen, so wollen auch wir diejenigen der Geistlichkeit aufdecken; möge sie zittern! ? »Thut es immerhin, sagt ihnen der Bischof; wir zittern nicht. Der gottgeweihte Stamm darf nicht erröthen über die Lehren, die er verkündet. Er hat sie aus göttlicher Quelle geschöpft, und die ganze Welt weiß, daß überall, wo er lehrt, Ordnung und Tugend erblühen; daß verirrte Seelen, die ihn hören, dem Glauben sich zuwenden; daß Viele von der Bahn des Verbrechens zurückweichen, zum Heil wiedergeboren werden, ein wahrhaft neues Leben beginnen.« Es war wirklich seltsam, hier den Constitutionnel und dort in der Revue independente die George Sand als Wächter der Sittlichkeit an Frankreichs hohem Reichspalast schildern zu sehen und ihr Werda! als einem Verdächtigen Jedem zurufen, der in Barett und Soutane auf denselben zuschreiten wollte. Der Erstgenannte hatte in seiner treueifrigen Obsorge um Sittenreinheit zwei Werke denuncirt, welche in den reingeistlichen Anstalten dem Moralunterricht für die künftigen Priester zu Grund gelegt würden. Auf diese Schriften wollte er den Beweis bauen, daß die dem geistlichen Stande bestimmten Jünglinge mit allen denkbaren, sogar mit kaum denkbaren Unsittlichkeiten[178] bekannt gemacht würden. Stellen aus dem Zusammenhange zu reißen, und weiter noch, um zu ersprießlicherer Zweckdienlichkeit ihnen zu verhelfen, sie irrig zu übersetzen, auf dergleichen Kleinigkeiten kam es bei so edelsinnigem Zwecke natürlich nicht an. Der hochwürdigste Bischof von Straßburg wies aber alsbald in einer an das Univers gerichteten Zuschrift den Zeitungsschreiber nach Verdienen zurecht, wovon natürlich der für den Fortschritt lobsam sich mühende Ehrenmann keine Kenntniß zu nehmen hatte. Der Bischof von Chartres beleuchtete in einem besondern Brief auch diese Anschuldigung, vornehmlich dadurch, daß er auf die Früchte des Unterrichts hindeutete. »Beurtheilen wir,« sagt er, »den Eindruck dieses Unterrichtes aus seinen Erfolgen. Die Universität entläßt nur wenige ihrer Zöglinge mit unzerrüttetem Glauben, mit unverdorbenen Sitten; wie steht es dagegen mit denjenigen, die zur Priesterwürde gelangt sind, was wird aus diesen? Sie begraben sich auf dem Lande, wo sie weder Umgang noch Zerstreuung finden, aber unter allen Entbehrungen und Unannehmlichkeiten nicht müde werden, zu erbauen, zu trösten, wohlzuthun. In der Einsamkeit bereiten sie sich auf ihre Predigten vor, durch die der Glauben, alle edeln Gefühle, alle Tugenden, deren Quelle er ist, geweckt werden; sie festigen den frommen Sinn, die Selbstaufopferung jener Jungfrauen, welche als Engel in Menschengestalt nach allen Seiten sich verbreiten, über Meere schiffen, in weiter Ferne dem Unglück hülfreiche Hand bieten und Gegenstand der Bewunderung und der Segnungen der Muselmänner, der Barbaren Afrika's, sogar der Wilden sind. Ihr brennender Eifer, die Wohlthaten des Glaubens und der Gesittung zu verbreiten, zieht sie selbst nach Cochinchina, wo sie Monate lang gemartert, nach den Inseln des stillen Oceans, wo sie von den Menschensresiern zerfleischt werden können. Das sind die Wirkungen des Unterrichts in den Seminarien, die nach den Vorstellungen eurer Sittsamkeit die Einbildungskraft besudeln, den Muth lähmen, den Menschen der Herrschaft der Sinnlichkeit unterwerfen sollen. Bewundert, statt zu verfolgen![179] Oder so solche Opfer, so hohe Beweggründe, so muthiges Hingeben euch nicht ergreift, so schweigt wenigstens, so bemüht euch doch nicht, durch unbegründete und tükische Anklagen eine Hochachtung zu untergraben, die ihr so seltenen Tugenden zollen solltet!« Fragt man daher nach Früchten, nicht bloß nach jenen oftmals mehr gleissenden als anmuthigen, mehr zur Augenlust als zur Erquickung dienenden, mehr in weitgeführter Geistesentwicklung oder Gewandtheit zu Verfolgung eigener Zwecke als in wahrhaft veredelnden Tugenden sich kund gebenden, fragt nach wahren, Gott ehrenden, den Mitmenschen erquicklichen, denjenigen, der sie trägt, in Wahrheit zierenden Früchten, so wird dieser Frage unmittelbar die andere sich anschliessen, trägt wohl die Jugend, welche aus den Anstalten der Universität hervorgeht, von Früchten jener Art, ich will nicht einmal sagen gereiftere und zahlreichere, sondern nur ebenso ausgebildete und ebenso mannigfaltige, als diejenige, welche aus den Seminarien entlassen wird? Hat man aus diesen auch schon von Meutereien berichten können, von Aufständen gehört, welche bald zu Strafen gegen Einzelne, bald gegen Alle, selbst zu zeitweiligem Schliessen der Anstalten nöthigten? Liesse sich von den Seminarien auch ein Vorhang lüften, der ein so düsteres Bild vor uns hinstellte, wie Solches im Jahr 1830 in Bezug auf einige königliche Collegien durch den auftragsgemäß verfaßten Bericht mehrerer Geistlicher an einen Erzbischof geschehen ist? Könnte ein Arzt, wie Hr. Lallemand zu Montpellier gethan hat, aus Seminarien Aehnliches mittheilen, wie von andern Erziehungsanstalten, oder aus jenen ein Zeugniß vernehmen, wie aus solchen: »Seyen sie versichert, demjenigen gegenüber, was ich gesehen habe, könnte man die ruchlosen Werke des Marquis de Sade noch Schäfergedichte nennen?« Erinnert man sich nicht, welche traurige Schilderungen deutsche Blätter über die Zucht- und Sittenlosigkeit, über die bodenlose Versunkenheit und brutale Verwilderung der meisten, das sogenannte lateinische Quartier in Paris bewohnenden Jünglinge bisweilen uns gegeben[180] haben? Wie kann man unter dem Anblick solcher Uebelstände Anstalten verdächtigen wollen, welche die Jugend heranziehen in geregelter Ordnung, zum Gehorsam, zu freudiger Thätigkeit in mühevollem Berufe, zu bereitwilliger Hingebung im schweren Dienste für Andere, zu Genügsamkeit, zu jederartigen Entbehrung, worunter diejenige eines geselligen Lebensverkehrs gewiß nicht die geringste ist? Es ist aber eine Seite besonders, nach welcher die französische Geistlichkeit vor derjenigen der meisten andern Länder sich auszeichnet und welche zu Anerkennung allermindestens einer großen moralischen Kraft berechtigt, oder auch zwingt. Es ist dieß der so ununterbrochene, als zahlreiche Ausgang der Glaubensboten aus Frankreich nach allen Weltgegenden, nach Amerika und Kleinasien, nach Australien und Polynesien, nach der Tartarei und nach China. Das Volk sieht sie hinziehen diese jungen Priester, wie sie die Kirche seit bald zwei Jahrtausenden nach allen Richtungen sendet, ausgestattet mit ihrem Glaubenseifer, ihrem Gehorsam, ihrer Demuth; es weiß, sie gehen, wenn nicht gewaltsamem, so doch durch Entbehrung, Ungemach und Anstrengung unter mancherlei Gestalt ihrer harrendem Tode entgegen. Es fragt sich verwundert: was treibt sie hiezu an? Und da kann es sich keine andere Antwort geben, als: Glaube und Liebe, Hingebung an Gott und die Mitmenschen. Hiemit wird Jeder derselben ein zweifacher Bote des Glaubens, hier für das Land, welches er verläßt, dort für dasjenige, nach welchem die Meeresfluth ihn trägt; hier festigt er Hunderte, deren Verbildung noch nicht so weit gediehen ist, um bewegt so großartige Erscheinungen an sich vorübergehen zu sehen, dort sucht er dem Vater Kinder, die so eben als solchen ihn noch nicht erkannt haben. Die Weltmenschen, die bei Allem, was der Einzelne beginnt, sich fragen: was sucht er dabei, was hat er davon, was gewinnt er dadurch? unfähig, diese Fragen nach ihrem Begriff befriedigend zu lösen, gehen verwirrt von dannen, und wagen es doch noch nicht, so großartige, wenn gleich über ihr eng eingepfähltes Verständniß hinausschreitende Entschlüsse[181] herabzusetzen. Den kecken Geistern aber, den übermüthigen Recken, den großmauligen Phrasenmachern, welche so gerne ihr Land und ihr Zeitalter des Menschgewordenen entledigt sähen, muß es zur unheimlichen Wahrnehmung werden, daß ihrer und ihrer Bannerträger Anstrengung ungeachtet sein Name fortwährend noch Vielen als der Name gilt, zu dessen Bekenntniß die Völker aller Zungen berufen seyn sollen. Es ist keine Frage: die Philosophen, die Schriftsteller, die grossen Geister der Gegenwart halten sich für die Lichter der Welt, berufen, das alte Dunkel, welches noch immer auf ihr lastet, zu verscheuchen, den menschlichen Geist, wie es mit lächerlichem Ausdruck auf Voltaires Grabmal zu lesen ist, zu bereichern, das, was sie Civilisation nennen, zu verbreiten, zu der Freiheit, wie sie dieselbe verstehen, zu erheben, und für so grosse Anstrengung reichen Lohn, weiten Ruf, hohes Ansehen, gemächliches Leben zu ärnten. Aber wie kommt es, daß noch nie, zu keiner Zeit, aus keinem Volk einer dieser Philosophen, einer dieser grossen Geister, einer dieser warmen Menschheitsanwälte ausgegangen ist aus seiner Heimath, hintangesetzt hat die Behaglichkeiten des Lebens, Verzicht geleistet hat auf das, was auch den Alltagsmenschen fesselt, und ein Licht, eine Freiheit und eine Civilisation dahin zu tragen versuchte, wo von diesem Allem keine Spuren zu finden sind; daß noch nie Einer von ihnen einen Boden sich wählte, der erst noch unter des Tages Last und Hitze, unter Schweiß und Mühseligkeit, unter Ausdauer und Mangel, unter jeglicher Art Beschwerden, die den Menschen zum Kampf auf Leben und Tod herausfordern, urbar zu machen ist? Wie kommt es, daß von den Vielen, welche ihren Zeitgenossen aufhelfen zu müssen wähnen, alle nur dahin sich wenden, wo etwas niederzureissen ist, nicht ein Einziger dorthin, wo er zum Aufbau nicht allein bequemte Stätten, sondern zugleich reichen Vorrath von Material fände? Sie, die von ihrer Liebe zur Menschheit, von ihrer Sorge um die Menschheit, von ihrem Wirken für die Menschheit, von ihrer Anstrengung zum Besten der Menschheit so Vieles, so Erstaunliches,[182] so Prunkvolles uns vorzureden wissen, warum hat es bis jetzt nie Einer von ihnen je gewagt, dahin sich zu verbannen, wo die Menschheit in nichts Anderem noch sich bewährt, als in der Körperbildung und in demjenigen, was das nothdürftigste physische Bestehen auferlegt und zugleich lehrt? Wie? Der Entschluß hiezu, die Begeisterung hiefür, der Muth, den dieß erfordert, die Beharrlichkeit, die es verlangt, die Unterwerfung unter die Mühsale, die es auferlegt, die Todesverachtung, die es voraussetzt, sollte allein Wirkung einer Lehre sein können, die ein Jeder von Jenen, wenn nicht zu beseitigen, so doch zu verbessern, nach seinen Eingebungen umzugestalten und durch den Kehricht seiner Träumte zu vervollkommnen sich berufen fühlt? Wie? Leute, meist junge Männer, deren Geistesanlagen mit den Eurigen messen zu wollen Ihr als Entehrung betrachten würdet, auf deren Wissen ihr als auf armselige Hadeln herablicket, von deren Bildung ihr mit mitleidigem Achselzucken sprechen höret, die eurem Stolz nur ihre Demuth, Eurer Geistesentfeßlung nur ihren Gehorsam, Euern hochfliegenden Speculationen nur ihren einfältigen Glauben an die Seite setzen können; deren gesundes Wesen, Thun und Wirken, so es mit dem Eurigen wollte verglichen werden, ihr mit Unmuth zurückstossen würdet: diese Leute wagen zu Hunderten, was nicht einem Einzigen von Euch bloß von ferne zu versuchen je nur zu Sinn gekommen ist? Und doch sind sie es, welche sonder Zweifel aber mit den Weihen einer andern Weihe theilhaftig geworden, als jenes geschniegelte Herrchen, welches dem auf Mitarbeiter in dem Weinberge des Herrn ausgehenden Bischof von Texas zwar als solchen sich anbot, zuvörderst aber fragte: was es jährlich hiebei sich erwerben werde, und welcher Ruhegehalt, den nachher es in seiner Heimath zu verzehren wünschte, nach einigen Jahren seiner warte? Und doch lehrensie die gebundene Menschheit wahrhaft frei zu werden, sind sie es, welche in den verdunkelten Gemüthern das leuchtende Leicht anzünden, den Barbaren die ächte Civilisation bringen und keinen andern Ruhm hierin suchen, als denjenigen ihres Herrn, und[183] keinen andern Lohn damit begehren, als denjenigen, welchen ihr als falsche Münze in allgemeinen Verruf bringen zu können wähnet! Lassen wir die Philosophen aller Zeiten zur Schau an uns vorübergehen, und fragen wir: wo hat an einem Einzigen seiner Schüler irgend Einer dasjenige gewirkt, was durch den Lauf so mancher Jahrhunderte das Wort vom Kreuz an vielen Tausenden gewirkt hat, auch fortwährend noch wirkt? Hienach mögen sie richten. Meditati sunt inania. Zu Bildung solcher Glaubensboten für alle Weltgegenden giebt es in Paris verschiedene Anstalten. Eine der größten und berühmtesten ist diejenige der auswärtigen Missionen, mit einer dem heiligen Franz Xaver geweihten Kirche. Ihre Zöglinge sind vorzugsweise für China und Indien bestimmt, und erhalten deßwegen in den Sprachen dieser Länder Unterricht. Diejenigen, welche vor ein paar Jahren in ersterm Lande ihren Glauben mit dem Leben besiegelt haben, waren meistens aus Frankreich gebürtig. Der Obere der Lazaristen, in dem Hause, welchem einst der heilige Vincenz von Paul vorstand, und dessen Kirche noch jetzt seinen wohlerhaltenen Leichnam als kostbarste Reliquie bewahrt, versicherte mich, daß aus der Tartarei vor ganz kurzer Zeit die erfreulichsten Berichte über den Erfolg der dortigen Missionen eingetroffen wären. Wenn im Westen des größten europäischen Reiches es den Anschein habe, als sollte die katholische Kirche durch die gewaltigsten Hammerschläge der nachten Gewalt für den Augenblick zerschmettert werden, so eröffne sich dagegen die Aussicht, daß sie im Osten eben dieses Reiches unter den freyen Tartaren, Bekennern der lamaischen Religion, bald ansehnlichen Zuwachs erhalten könnte. Mit Aufmerksamkeit vernähmen dort selbst die Priester die Belehrung der Missionarien; und da jene eine Art gemeinsamen Lebens in Häusern führten, die mit Einkünften ausgestattet wären (gewissermassen nach Art unserer Klöster), so seye in Folge der eingetroffenen Berichte die Hoffnung nicht allzukühn, daß Manche derselben bei der Möglichkeit, ihre Lebensweise fortsetzen zu können, zum[184] Christenthum sich wenden dürften. Ueberhaupt wären die Fortschritte desselben so ansehlich, daß die Ernennung eines der Missionäre zum apostolischen Vicar in kurzem nothwendig werden möchte. Auch Syrien ist eine Landschaft, welche aus diesem Hause mit Missionarien versehen wird. Die Schwestern des heiligen Vincenz von Paul, deren grosses Mutterhaus in der rue du Bac sich befindet, stehen mit jener Congregation in Verbindung. Man zählt ihrer über 2500, welche theils in Spitälern der Hauptstadt, theils in andern Städten ihren Dienst versehen, auch zur Krankenpflege in Privathäuser berufen werden. Aber noch grössere Dienste leisten sie in Syrien und in andern asiatischen Landschaften der Türkei. Die meisten, welche dahin gehen, besitzen einige Kenntniß in der Heilkunde; in ihren dortigen Hausern sind sie mit den nothwendigsten Arzneimitteln versehen und nebenbei ertheilen sie den Türkenkindern Unterricht. Durch diese verschiedenartigen Dienstleistungen erwerben sie sich das Vertrauen der Einwohner und setzen sich bei ihnen in verdientes Ansehen. Durch sie gewinnt die That das Uebergewicht über die Lehre; sie werden zu verwirklichenden Zeugen der Wahrheit des alten Spruches: Worte mahnen, Beispiele reissen fort. So verschaffen sie dem Christenthum Eingang in manches Herz, weniger durch jene, als durch menschenfreundliches Wirken. Besonders, versicherte man mich, setzten sie sich in Gunst bei den türkischen Frauen, deren Kinder durch die Schwestern unterrichtet, von ihnen je zuweilen in den Hausern ihrer Eltern besucht werden. Dann zeigten sich jene ganz erstaunt darüber, daß fremde Frauenspersonen Kindern, die sie gar nichts angiengen, so viel Zuneigung beweisen, so freundlich mit ihnen sprechen, so viel Nützliches sie lehren könnten, ohne hiefür irgend eine Vergeltung zu verlangen. Aufmerksam höre manche Mutter den Unterhaltungen der Schwestern mit den Kindern zu, und hiedurch werde Neigung zu einem Glauben, als dessen Furcht die reinste Menschenliebe sich bewähre, in dem Herzen mehr als einer Mahomedanerin geweckt, und[185] könne durch des Weibes Glauben, wie der Apostel sagt, auch der ungläubige Mann gewonnen werden. Eine andere Pflanzstätte von Glaubensboten findet sich in der Strasse Picpus. Kaum hatte die französische Seemacht von den Marquesas-Inseln Besitz genommen, als auch das Christenthum sich rüstete, sie in geistigen Besitz zu nehmen, oder vielmehr seinen geistigen Besitz den Bewohnern dieser Inseln mitzutheilen. Ein Bischof mit dem Titel von Nikopolis, sieben Glaubensboten, sieben Katecheten und zehn andere Geistliche giengen schon am Ende des Jahres 1842 dahin ab, um das nicht der christlichen Lehre, die Wohlthat des christlichen Gottesdienstes diesen Insulanern zu bringen. Obwohl die Philanthropen und Cosmopoliten in der Deputirtenkammer saure Gesichter dazu schnitten und die Protestanten dafür sich wehrten, daß dieses Feld den Aussendlingen jedweder Secte sollte geöffnet werden, zeigte doch der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, wenn gleich selbst Protestant, die seltene Unbesangenheit, zu bekennen: »die Grundlage von Frankreichs Grösse seie die katholische Religion, diese flechte sich unablöslich in die anderthalb Jahrtausende seines Bestehens, darum mit Recht deren Boten Vorschub und Schutz von Seite der Regierung erwarten dürften.« Freilich werden diesen Missionarien der einzig wahren Civilisation andere der fälschlich sogenannten auf dem Fuße folgen und vielleicht schnellere Fortschritte machen als jene, vielleicht bald ausreissen, was diese mühsam gepflanzt haben; denn es ist von Repräsentanten des Zeitgeistes und der Nation in Aussicht auf künftigen Handelsverkehr mit diesen Insulanern das furchtbare Wort gefallen: »noch haben sie keine Bedürfnisse, aber wir werden ihnen solche schaffen.« Das jedesmalige Hinziehen der Missionarien nach den fernen Himmelsstrichen ist den Deklamatoren wider Kirche und Geistlichkeit stets eine höchst unangenehme Sache. Es tritt damit eine Einwendung gegen sie auf mit so hellem Wort, daß Jedermann dasselbe vernehmen muß, in so einfacher Rede, daß Jedermann dieselbe versteht, mit so faßlichem Sinn, daß er[186] auch klar wird Demjenigen, der weder lesen mag noch kann. Der gesunde praktische Sinn des Volkes versteht aber doch diese, so oft unter seinen Augen sich erneuernde Erscheinung zu würdigen und sie jenen Luftstreichen von Leuten, die in behaglicher Ruhe sich gütlich thun und nicht der mindesten Entsagung, Aufopferung, wohl gar Todesverachtung, oder auch nur Beschwerde in blosser Hingebung an Andere fähig wären, gegenüber zu stellen. Man mag sich hiebei unbedenklich die Frage erlauben: hätte erst die Universität auch der geistlichen Bildungsanstalten sich bemächtigt, ihr Gepräge auch diesen aufgedrückt, allmählig das ächt Christliche aus denselben abgezogen, den tiefern und reinern Geist, der in ihnen waltet, hinausgetrieben, sie auf die schmale Kost einiger philosophischen Quisquilien gesetzt, würden dann wohl auch noch Glaubensboten aus denselben ausziehen können und wollen? Hat der teutsche Rationalismus eines Löfflers, Paulus, Bretschneiders, Röhrs und aller dieser Coryphäen der Negation andere Missionäre, als zum Niederwerfen des Kreuzes, wo dasselbe noch stand, hervorzurufen vermocht? Liesse sich an jenen Deutschkirchlern, an jenen Synodikern, an jenen Christlich-katholischen ein so besonderer Drang wahrnehmen, Pfründen und behagliche Ruhe und Lebensbequemlichkeiten und die Aussicht auf Trinkbecher, Subscriptionen und Festschmäuse, dann Haus und Heimath und Freunde und geselligen Verkehr dahinzugeben, um unter allseitigen Entbehrungen und vielartiger Noth und immerwährenden Gefahren rohen, oft feindselig gesinnten Völkerstämmen auch nur ihr Licht anzuzünden, auch nur ihren Glauben zu verkünden, auch nur die Keime ihrer bloß materiellen Civilisation zu pflanzen? Sie lassen sich zählen diejenigen aus ihnen, die es wagen möchten, in das Reich der Mitte einzudringen, die es darauf ankommen lassen, ob unter den Rothhäuten die Friedenspfeife oder das Skalpell ihrer warte, die die Kraft besitzen, Afrikas Sonnenbrand und Californiens Eisnebeln zu trotzen. Solchen Muth, solche Selbstaufopferung, Furcht einer gedoppelten Liebe, die stärker ist als der Tod und die durch alle Trübsale nicht[187] mag ausgelöscht werden, findet ihr nur bei denjenigen, die in unablösbarer Einigung mit der Kirche sind herangezogen worden, die ihr so gerne als Ultramontane, Jesuiten, Römlinge, Blindgläubige verschreien möchtet! Und auch unter den Protestanten sind es nicht diejenigen, die das Christenthum ab- und ausgenüchtert, sondern diejenigen, welche von dem anvertrauten Glaubensschatz noch das Meiste bewahrt haben, deßwegen mit dem Willen noch einige Kraft in sich tragen, denselben auch Andern zu öffnen, die hiezu mit dem Glaubensboten der katholischen Kirche auf gleichem Wege sich finden lassen. Denn wahrlich, es liegt noch eine reichhaltigere Bedeutung, als bloß diejenige der Festigkeit und Sicherheit in dem Wort, daß Christus der Eckstein seye; ? wer ihn als solchen annimmt und als solchen ihm sich anfügt, in denjenigen geht aus demselben eine bauende Kraft hinüber, indeß sein Verwerfen, sey' es in philosophischem Dünkel, sey' es aus rationalistischer Flachheit, sey' es in wilder Auflehnung gegen die Kirche, auch zu anderweitigem Zerstören antreibt. Wären die Philosophen, die Weltmenschen, die in alle materiellen Interessen Verstrickten, dem einzigen Cultus von diesen Hingegebenen noch fähig, manche Erscheinungen, die ihrem Blicke sich darstellen, in deren unzertrennlichem Zusammenhang mit dem christlichen Glauben zu würdigen, so müßten sie doch bei Wahrnehmung seiner fortdauernden Macht über die Gemüther stutzig werden und sich die Frage stellen: in welchem andern reingeistigem Bereiche Aehnliches aufzufinden seye? Auch hierin wieder steht Frankreich voran. Ich will nur daran erinnern, daß es hier an Geistlichen nicht fehlt, die zuvor die Kriegerlaufbahn betreten haben und mit Ehren auf derselben vorangeschritten, hierauf in den höhern Dienst der Kirche übergegangen sind ? das Mittelalter nannte ja die Widmung hiezu: militare Deo ? sodann in demselben die nemliche Pflichttreue und denselben Muth wider andere Feinde zeigten, wie in jenem. Ich könnte dessen mehr als ein Beispiel anführen, und wer für Wahrheit ein Zeugniß ablegen mag, müßte zugestehen,[188] daß diese nachher weder als die Saumseligsten, noch als die Unwürdigsten sich erzeigten. Wo aber die Thatsachen nicht in Abrede gestellt werden können, da sucht man häufig Motive sich selbst zu bilden und sie den Personen, an welche jene sich knüpfen, anzuheften, um hiedurch die bewältigende Macht, die sonst in den Thatsachen läge, bestmöglichst abzuschwächen. Alles wird lieber zugegeben, als was auf Untadelhaftes, Achtunggebietendes zurückwiese, die Wechselwirkung zwischen einem reinen Sehnen des Geistes nach Höherem und dem Entgegenkommen desselben einzugestehen nöthigte. Und doch dürfte es in einzelnen Fällen mehr als schwierig seyn, hierüber hinwegzusehen. Der während meines Aufenthalts zu Paris im südlichen Frankreich verstorbene Christian von Chateaubriant hatte bereits den Grad eines Rittmeisters der Garde-Cuirassiere erreicht, hatte mit Auszeichnung in dem spanischen Feldzuge gedient. Seine persönlichen Vorzüge, seine Herkunft, das Ansehen seines Geschlechts, selbst das Verhältniß zu seinem hochgefeyerten Oheim, ließ ihn in eine glänzende Laufbahn hinausschauen. Er wendete derselben den Rücken, entsagte dem Dienst und trat in den Jesuitenorden, in welchem nichts Anderes, als gehorsame Erfüllung jeder Obliegenheit, die der Obere ihm auferlegen mochte, seiner wartete; in welchem vielleicht durch Entbehrung und Anstrengung der Keim zu jener Krankheit geweckt wurde, die ihn zu innigem Bedauern vieler Freunde frühzeitig dahinraffte. Einer der einnehmendsten, geistreichsten, pflichtgetreuesten und thätigsten Bischöfe Frankreichs, der kürzlich verstorbene Bischof von Nancy, hatte sich in seiner Jugend ebensowenig dem Stande gewidmet, dessen Zierde er in jeder Beziehung gewesen ist. Zur Zeit des Kaiserreichs bekleidete er, obwohl noch jung, eine ansehnliche Civilstelle. Auch er konnte bei seinem Talent, bei seiner Tüchtigkeit, bei dem Vorschub, welchen eine angesehene Abstammung gewährt, mit Gewißheit darauf zählen,[189] bald zu den höchsten Stufen des Ranges, des Ansehens und der Wirksamkeit emporzusteigen. Da soll er einst in einer Gesellschaft von Zeitgenossen aus dem Militar- und Beamtenstande durch deren frevelhafte Reden so von Abscheu und tiefem Unmuth ergriffen worden seyn, daß er den Vorsatz faßte, so gefahrdrohenden Verhältnissen auf das schnellste und in der sicherndsten Weise sich zu entziehen, worauf er seine Stelle niederlegte und in ein Seminar sich flüchtete, um auf einen Lebensberuf sich vorzubereiten, von welchem er, so wie Erkräftigung des innern Lebens, so einen mächtigen Schirm gegen ähnliche Gefahren mit Recht erwartete. Wollten diejenigen, welche jede großartige, aus ungetrübtem innerem Bedürfniß, aus einem edlern Aufschwung des Geistes hervorgehende Entschliessung durch das Andichten irgend eines verborgenen Hintergedankens sofort zu besudeln sich bestreben, einwenden: aber doch mochte er hiebei damals schon die Inful im Auge gehabt haben! so läßt sich ihnen leicht entgegnen: der zeitlichen Vortheile, welche dieselbe gewähren mag, bedurfte der Betreffende nicht im mindesten; hinsichtlich des Ranges und Ansehens aber, die mit derselben verknüpft sind, boten ihm seine frühern Verhältnisse die genügendste Bürgschaft, wogegen so manche Anforderungen und schwere Obliegenheiten, welche geistlicher Beruf und bischöfliche Würde auferlegen, seinen frühern Verhältnissen durchaus fremd geblieben wären; dabei weiß Jedermann, daß das, was unter dem Voranschreiten auf der anfänglichen Laufbahn auf äussern Glanz hätte müssen verwendet werden, bei der nach her erwählten, und dessen vielleicht noch ungleich mehr, zum Mittel der manchartigsten Wohlthätigkeit wurde. Schwerlich würde eine hohe Stelle am Hof oder im Staat die moralische Verpflichtung hervorrufen, sich z.B. mit einem Achtzig von Verbrechern bis in den späten Abend in ein Gefängniß einschliessen zu lassen; was sich der Bischof eines Tages, da ich bei ihm zu Gast gebeten war ? nicht als Obliegenheit (deren er in Paris keinerlei haben konnte), sondern in freiwilligem Eifer für die Verrichtungen seines priesterlichen Amtes ? hatte gefallen lassen,[190] um Jenen mit nothwendiger Belehrung das Sakrament der Firmung zu ertheilen. Declamirt immer gegen die Geistlichkeit, weiset uns aber nebenbei Beamtete, Begüterte, Weltliche jedes Berufes vor, welche unter ähnlichen zeitlichen Verhältnissen Glücksgüter, Zeit, Geistes- und Willenskräfte zu jederartigen Förderung ihrer Mitmenschen, auch nur in gleichem Maaß und Umfang und in gleicher Zahl aufzuwenden stets bereit wären, wie jene! Was aber möchten sie gegen den so geistreichen als liebenswürdigen, so hoch gefeyerten als anspruchslosen Abbé Ravignan herausgrübeln, der ohne Anerkennung eines höhern Innenlebens und einer rein aus diesem hervorgehenden Thätigkeit das seltsamste psychologische Räthsel bleiben müßte, welches sich denken läßt. Derselbe hatte sich der Rechtsgelehrsamkeit mit ebenso grossem Eifer als hervorragendem Talent, daher ausgezeichnetem Erfolge gewidmet, so daß er bald nach Vollendung seiner Studien eine für sein Lebenalter ausgezeichnete Stellung einnahm. Eines Tages sollte vor dem obersten Gerichtshof zu Paris ein Rechtsfall verhandelt werden, in welchem der königliche Anwalt aufzutreten hatte. Dieser aber fand sich abwesend. Da befahl der Präsident dem jungen Ravignan, dessen Stelle zu vertreten, was er nicht ablehnen durfte. Ohne mit der fraglichen Sache sich bisdahin beschäftigt zu haben, ohne Zeit zu erhalten, in dieselbe sich einzustudiren, mußte er eben ihrer sich annehmen, und verfocht sie mit einer solchen Klarheit, mit einer solchen Bündigkeit der Beweisführung, mit einem solchen Glanz der Beredsamkeit, daß Bewunderung für ein solches hervorragendes Talent Alle erfüllte, die seinen Vortrag hörten. Er bewährte dieses fortwährend, und ungetheilt herrschte die Meinung, daß er schnell zu den höchsten Stellen emporsteigen werde. Niemand zweifelte an dessen raschem Voranschreiten auf der glänzendsten Laufbahn bis zum äussersten Ziele Dieser Beifall, der Hrn. Ravignan von allen Seiten untrauschte, machte ihn nachdenklich; er fürchtete, von demselben zur Eitelkeit hingerissen zu werden, und die Huldigung der[191] Welt am Ende durch Huldigung an sie zu vergelten. Um solcher Gefahr zu entgehen, trat er von dem anfangs gewählten Lebensberufe zurück in einer Zeit, da ihm die glänzendsten Aussichten sich darboten, und begab sich in das Seminar von St. Sulpice. Das Talent offenbart sich unter allen Verhältnissen; die gewissenhafte Verwendung desselben beschränkt sich weder auf diese noch auf jene Richtung, erachtet jeden edlern Zweck als gleich hoch. So konnte, wollte und durfte auch Hr. Ravignan in dieser neuen Bestimmung sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Er brachte manche Jahre in dem Seminar zu; und wer seines Eifers, seiner Erfolge, seines Wandels und besonders seiner Vorträge Zeuge war, pries Gott, daß er der Kirche einen Mann zugeführt habe, der, wozu er auch durch sie berufen werde, ihr zum mannigfaltigsten Segen dienen müsse. Es wurde bereits in Aussicht gestellt, daß ein solches Talent, ein solcher seltener Geist nicht lange in untergeordneter Wirksamtkeit verbleiben könne; daß, kaum er als Geistlicher allgemeiner bekannt seyn würde, ein Bischofsstuhl und noch Höheres seiner warten dürfte. Auch diese Ahnungen blieben dem Seminaristen nicht verborgen; und abermals wandelte ihn die Besorgniß an, die äussern Verhältnisse möchten eine grössere Gewalt über ihn gewinnen, als er denselben einzuräumen geneigt war. Um daher einer möglichen, ja sehr wahrscheinlichen Erfüllung jener frohen Erwartungen und Voraussagungen jede Verwirklichung von vornherein abzuschneiden, ließ Hr. Abbé Ravignan unter die Väter der Gesellschaft Jesu sich aufnehmen, welche bekanntlich ihren Gliedern die Annahme jeder geistlichen Würde untersagt. Ihr nun, die ihr den reinsten, aus dem lautersten inneren Verlangen hervorgehenden Entschlüssen durch Andichtung eines bloß weltlichen Beweggrundes einen Mackel anzuheften beflissen seyd, kommet und saget, was von dieser Art den königlichen Procurator Ravignan geistlich zu werden, was den Abbé Ravignan in die Gesellschaft Jesu sich aufnehmen zu lassen habe bewegen können![192] Welches Rufes nun derselbe als Prediger in Paris genieße, ist weltkundig. Man hat mich bedauert, zu einer Zeit dahin gekommen zu seyn, in welcher ich ihn nicht hören konnte. »Sie hätten Zeuge seyn sollen,« sagte man mir, »mit welcher Gewalt der Wahrheit, mit welcher Unwiderstehlichkeit der Gründe, mit welcher Fülle der Gedanken, mit welchem Glanz der Beredtsamkeit, mit welcher sprudelnden Lebendigkeit er, je nach den Verhältnissen seiner Zuhörer, jetzt die mittlern Classen, dann die Frauen der höhern Stände, dann das männliche Geschlecht, und oft an einem und demselben Tage jede dieser Classen gesondert zu dem Ergreifen der höhern Güter zu erwecken, für den Ernst des Lebens zu gewinnen, für die Anforderungen und Anerbietungen des Christenthums zu begeistern und bleibende Eindrücke unfehlbar hervorzurufen weiß.« Mein Bedauern, Hrn. Abbé Ravignan nicht hören zu können, war natürlich noch grösser. Dafür zähle ich zu den angenehmsten meines Aufenthaltes in Paris die Stunde, in welcher ich durch einen Freund in die bescheidene Celle des merkwürdigen Mannes in der Hue des postes eingeführt wurde, und zugleich Gelegenheit mir sich darbot, neben andern Männern dieser Vereinigung noch den so tiefgelehrten P. Cahier kennen zu lernen. Auch die Benedictiner von Solesmte besitzen zu Paris ein Absteigquartier (ein pied-a-terre), ein kleines Priorat in der Rue Monsieur, am einen Ende der Vorstadt St. Germain. Sie haben es in Erinnerung an die altberühmte Abtei, welche diesem interessanten Stadtviertel den Namen gegeben hat, St. Germain genannt. Es ist ein gewöhnliches Wohnhaus mit einem kleinen Garten. Ein Zimmer des Erdgeschosses ist in eine enge, einfache Capelle verwandelt, in welcher sie ihren Chor halten. Das Bestreben der wiedererstandenen Benedictiner in Frankreich geht vorzüglich dahin, den alten Ruf des Ordens in Pflege der Wissenschaften aufzufrischen. Ein Mann, der das Gewicht dieser Aufgabe nicht allein zu würdigen, sondern durch seine Person dieselbe zuerst zu lösen weiß, steht ihnen vor: der Abbé Gueranger, der während meines Aufenthalts in Paris[193] von einer Reise nach Amerika zurückkehrte. Was ich von allen Seiten über denselben vernahm, ließ mich um so lebhafter bedauern, daß ich während der wenigen Tage, da er sich in Frankreichs Hauptstadt aufhielt, seine persönliche Bekanntschaft nicht machen konnte. Seine Institutions liturgiques, wovon bei Debecourt damals zwei Bände erschienen waren, verdienen nach ungetheiltem Zeugniß Aller den Leistungen eines Mabillon, Montfaucon, Dom Vic und Vaissette, der Gebrüder Sainte-Marthe und vieler anderer Coryphäen grosser wissenschaftlicher Unternehmungen in der Vergangenheit mit Recht an die Seite gestellt zu werden; sie sollen sich durch die umfassendsten und tiefdringendsten Forschungen über diesen Gegenstand auszeichnen und für das Alterthum des kirchlichen Cultus die schlagendsten Beweise darbieten. Doch nicht bloß in dem Stammsitz deß in Frankreich hergestellten Ordens, auch in dem bescheidenen kleinen St. Germain finden geschichtliche Forschungen ihre Pfleger. Der Prior, Hr. Abbé Pitra, beschäftigte sich gerade mit einem Leben des heil. Leodegarius. Bischof von Autun, über welchen er aus dem, demselben geweiheten Chorherrenstift zu Luzern in der Schweiz einige Mittheilungen durch mich zu erhalten hoffte; aber ohne grossen Erfolg, da dort nicht einmal ein eigenes Officium für den Schutzpatron des Stifts besteht. Ein anderer junger, der Wissenschaft sich widmender Mann, der zur Zeit noch als Novize in St. Germain sich befand, ist der Abbé du Lac, an welchen sich für die Zwecke der religiösen Genossenschaft schöne Hoffnungen knüpfen. Zum Eintritt in diese religiöse Gemeinschaft kann abermals keine Lust zu gemächlichem und behaglichem Leben, keine Aussicht auf Rang und Würden bewegen. Dergleichen werden ihren Gliedern nicht ertheilt, zu jenem fehlen alle Mittel. Sie muß ihre wenigen Bedürfnisse aus dem, was etwa der Einzelne einbringen kann, und aus dem Ertrag literarischer Arbeiten bestreiten, denen Jeder sich zu unterziehen verpflichtet fühlt. Nur religiöser und wissenschaftlicher Eifer vereint kann für talentvolle junge Leute Beweggrund werden, einem Lebensberuf[194] mit unabänderlichem Entschlusse sich zu widmen, der bloß innere Befriedigung, von äusseren Dingen nichts als Entbehrung und Anstrengung gewähren kaum. Die Declamatoren gegen die Klöster, die grundgelehrten Kenner der Geschichte und der menschlichen Natur dürften sich daher wohl zwischenein ernstlich mit Beantwortung der Frage beschäftigen: wie es zu erklären seye, daß, nachdem der Fortschritt und die Geistesentfeßlung diese Anstalten als ein die Menschheit entwürdigendes Joch so dienstbereitwillig in Trümmer geschlagen habe, es doch noch immer Solche ? und zwar weder unter den Beschränktesten noch unter den Schlechtesten ? gebe, die dasselbe von neuem sich aufzulegen beflissen wären, und zwar unter weit ungünstigern Verhältnissen, als diejenigen gewesen seyen, unter welchen die siegbrüllenden Liberatoren dasselbe zerschmettert hätten? Wahrlich eine ernste Frage, deren richtige Würdigung weder durch das Christenthum noch von Seite der richtig beurtheilten menschlichen Natur gescheut werden dürfte. ??? Ruhigen Blickes, in einfachem Gewande, bescheiden, je zu zwei oder drei habe ich sie öfter durch die Strassen von Paris wandeln gesehen, die Schulbrüder, diese treuen und genügsamen Unterweiser und Erzieher der ärmtern Jugend. Welcher Contrast zwischen ihnen und den aus deutschen Seminarien in die Dörfer hinausgeworfenen Lehrer mit Vatermördern, Brille, Handschuhen, Tabakspfeiffen mit langer Röhre und bammelnden Troddeln! Man sieht es jenen schlichten Brüdern an, daß sie der Aufgabe, die Jugend durch allerlei in dieselbe hineingepfropften Wust zu verbilden, nicht gewachsen wären; dagegen müßte Jeder, welcher denselben lieber ausfegte als sorglich aufstapelte, schon auf den ersten Anblick Vertrauen zu ihnen gewinnen. Dieses Vertrauen kömmt ihnen auch von allen Seiten entgegen, so daß sie bereits gegen 300 Häuser durch das ganze Land besitzen und die Schülerzahl von 9209, die sie im[195] Jahr 1821 zu unterrichten hatten, sich jetzt (man vergesse nicht, daß das Wort jetzt auf das Jahr meines Aufenthaltes in Paris ? 1843 ? sich bezieht) vervierfacht hat. Gemäß des göttlichen Wortes: »wenn ihr Nahrung und Kleidung habt, so begnüget euch, verlangen sie nichts weiter, als die Einrichtung ihrer Häuser. Der Weise, wie sie ihres Geschäftes wahrnähmen, versicherte man mich, seye durchweg das Gepräge wohlthuender Ordnung und Regelmässigkeit aufgedrückt. In ihrem Unterrichte beschränken sie sich auf Lesen, Schreiben, Rechnen, die nothwendigsten Anfangsgründe der Geographie und Linearzeichnen. Aber die Jugend in den Wahrheiten der Religion zu begründen, mit Geduld und Milde deren Fehler zu verbessern, mit weisem Maaß Lohn und Strafe anzuwenden, ein höheres Ziel, als blosse Abrichterei für das materielle Leben im Auge zu behalten, das ist's, was sie auszeichnet, was sie besorgten Eltern, wohlgesinnten Gemeindevorstehern so werth macht. Während daher die Einen die Krone von Frankreichs Baum mit fahlen Blättern am schönsten zu zieren vermeinen, sorgen diese schlichten und von der Zeitweisheit als »unwissende« gehöhnten »Brüder,« dafür, daß seine zartesten Wurzelfasern von gefunden Säften durchdrungen werden. Die, welche Jenes sich angelegen seyn lassen, mögen vor der Welt schillern, diese suchen Lohn und Befriedigung in segensreichem Wirken. Die Regierung hat ihnen in der Vorstadt St. Martin ein geräumiges und bequemes Haus, zum Noviciat für das ganze Land bestimmt, eingeräumt; sie gaben ihm die liebliche Benennung zum Kinde Jesus. Sie lassen sich etwa auch in Privathäuser rufen, um in diesen die Kinder zu unterrichten; aber nicht den Vornehmen und Reichen der Welt, wo ansehnliche Vergeltung ihrer warten könnte, wenden sie ihre Dienste zu, sondern denjenigen widmen sie dieselben am liebsten, welche nur wenig zu geben vermögen, womit sie aber immer zufrieden sind. In ihrem Bestreben finden sie Mitwirken für die weibliche Jugend bei den barmherzigen Schwestern, welche neben[196] der Krankenpflege auch diesem Dienst christlicher Liebe sich unterziehen. In dem östlichen und südlichen Frankreich findet sich eine ähnliche religiöse Verbindung unter der Benennung »Marianische Brüder.« Doch ist der Unterricht derselben ausgedehnter, als derjenige der Erstern, die sich ausschließlich auf Primarschulen beschränken. Jene halten selbst Pensionate, in denen Sprachen, sogar Philosophie gelehrt wird. Sie theilen sich in ihren Häu fern in Priester, Lehrer und (Handarbeit verrichtende) Brüder. Alle legen die drei Gelübde ob, und tragen eine einfache, gleichmässige, aber bürgerliche Kleidung. In ihrem Schulhause haben sie ein gemeinsames Schlafzimmer, ein Eßzimmer, ein gemeinsames Arbeitszimmer und eine Capelle, in welchen Räumen insgesammt Clausur beobachtet wird. Aber auch sie verlangen, wenn sie irgendwohin berufen werden, keine andere Vergeltung, als Fürsorge für ihre wenigen Bedürfnisse. So sehen wir auch da wieder Liebe, Gehorsam und Demuth zum segnenden Geflechte sich verschlingen, auch da wieder durch diese Kräfte Früchte reisen, welche ohne dieselben weder hervorgetrieben, noch gezeitigt werden könnten, und, wo jene nicht sich finden, vergeblich gesucht würden. Wann wird man endlich zur Einsicht gelangen, daß befriedigender Unterricht und zweckmässige Erziehung in jedem Lande am besten von Congregationen besorgt werden, welche durch die Kirche in dem Christenthum wurzeln, und in dieses hinein auch die heranwachsenden Geschlechter pflanzen; von Männern, welche die Wesenheit nicht dem Schein aufopfern, über dem Untergeordneten nicht das Höhere zerrinnen lassen, und in ihrer Dienstverrichtung über dem Blick nach Oben und über der Liebe zu ihren Miterlösten für die Rücksichten auf ihre eigenen Personen keinen Raum finden? Während die Angestellten, sey's aus Diensteifer, sey's aus Wahlverwandtschaft, die Besoldungen aus dem Communal-Vermögen Lehrern zuwenden, welche in den Anstalten der Universität[197] ihre Bildung und ihren Zuschnitt erhalten haben, sendet die Neigung und das Vertrauen der Einwohner die Kinder den armen Schulbrüdern zu. An mehr als an einem Orte bestehen Schulen nebeneinander, eine des wohlbezahlten Lehrers mit kümmerlicher Kinderzahl, eine andere jener Brüder mit zahlreichem Besuch der Lernenden und kümmerlichem, dennoch innerlich frohem Bestehen der Lehrenden und immer weiter sich verbreitendem Verlangen, dieselben zu besitzen. Es sind mir zu dessen Beweis mancherlei Thatsachen erzählt worden. So hat z.B. der Stadtrath von Senlis einen Primarlehrer der erstern Art berufen und gibt ihm einen jährlichen Gehalt von 2400 Franken, wofür er kaum dreissig Schüler um sich sieht. Obwohl die Stadt wenig begüterte Einwohner zählt, sind doch die einigermassen Wohlhabenden zusammengetreten und geben jährlich freiwillig 1800 Franken, von denen drei marianische Brüder nothdürftig sich erhalten, aber mehr als 200 Kinder zu unterrichten haben. Dasselbe ist in Auxerre der Fall. Hier besuchen wenigstens dreihundert Kinder die Schule der Brüder indeß der wohlbezahlte Herr Stadtschulmeister mit einigen angefüllten Bänken sich begnügen kann. Man wirst der Geistlichkeit insgesammt vor, sie seye dem Elementar-Unterricht nicht besonders gewogen. Es fragt sich aber: ist dieselbe in ihrer Mehrzahl dem Unterricht an sich, oder ist sie dem Unterricht, wie er gerade gegeben wird, nicht gewogen? Erachtet sie denselben für überflüssig, wohl gar für schädlich; oder hält sie ihn nur für ungenügend und etwa deßwegen für schädlich, weil die Richtung, welche ihm gegeben wird, eine solche ist, mit dem sie sich nicht einverstanden erklären kann? Ist es das Letztere, so dürfte darin gegen die Geistlichkeit kein Grund zur Anklage liegen. Daß es aber dieß seye, dürfte kaum in Zweifel gezogen werden, sobald man weiß, daß zwei veröffentlichte Schriften über den Volksunterricht kein Geheimniß daraus machen, wie unter 77 Normarschulen in Beziehung auf religiösen und sittlichen Unterricht blos eilf befriedigende Resultate aufweisen konnten. Erschiene wohl die Geistlichkeit[198] würdiger und pflichtgetreuer, wenn sie auf solchen Mangel des Wesentlichsten eines gewissenhaften und gedeihlichen Volksunterrichtes vergnügten Blickes schauen, solchem wohl gar noch das Wort sprechen, denselben begünstigen könnte? Ob auch alsdann der Eine oder Andere der schmunzelnden Lobsprüche mancher Wortführer solcher Bestrebungen sich zu getrösten hätte, könnte er dieselben mit klarem Bewußtseyn und richtiger Würdigung von Amt und Obliegenheit in Einklang bringen? Ist jene Anklage wahr, so trägt die Universität und der an ihrer Spitze stehende Großmeister, so trägt eine große Zahl der Lehrer entweder durch den Innhalt ihrer Lehren, oder durch ihr Betragen redlich dazu bei, dieselbe hervorzurufen und die Veranlassung dazu immer fester zu begründen. Es wird in Frankreich in ähnlicher Weise, wie in den bestvorangeschrittenen Ländern deutscher Zunge, Alles angewendet, um den Dorfschulmeistern eine sattsame Dosis Dünkel einzutrichtern, um sie dem Geistlichen des Orts wenigstens an die Seite, jedenfalls gegenüberzustellen. So sagt unter anderm ein Circular des Großmeisters an die Lehrer: »Was die moralische Erziehung anbetrifft, so setze ich hierin mein Vertrauen vorzüglich in Sie... Auch der Lehrer ist eine Autorität in der Gemeinde. Der Maire ist Vorsteher derselben und der Lehrer soll ihm bei jeder Gelegenheit die schuldige Achtung erweisen... Der Pfarrer hat auch ein Anrecht auf Achtung,« (der Bauer ist, so zu sagen, auch ein Mensch, spricht in »Wallensteins Lager« der Wachtmeister), denn sein Amt entspricht demjenigen, was in der Menschennatur das Höchste ist... Sollte es sich unglücklicher Weise treffen, daß der Diener der Religion dem Lehrer nicht das gebührende Wohlwollen schenkte, so darf dieser nicht sich erniedrigen, um es wieder u gewinnen; er muß zu warten wissen« (il saurait l'attendre ? was man auch übersetzen könnte: er muß ihm auf den Dienst zu lauern verstehen). Einige Thatsachen zu Beleuchtung der Gesinnung und des[199] Betragens dieser »Autoritäten in der Gemeinde« können nun gleichfalls zu Beurtheilung jener, wider die Geistlichkeit erhobenen Anklage auf einen richtigen Standpunkt uns verhelfen. Der Bischof von Chartres, dem doch vermöge seiner Stellung ein Blick in die Wirksamkeit der Lehrer zugetraut werden dürfte, sagt in seinem Sendschreiben, daß manche Leiter des Primar-Unterrichts für ihre Religosität ebensowenig Bürgschaft gäben, als die Lehrer der höhern Anstalten, vielmehr ebendemjenigen Geist huldigten, der in der Universität die Herrschaft an sich gerissen habe, das System des Atheismus in manchen Provinzen Frankreichs einheimisch zu machen suchten. Der Bischof schließt in dieser Beziehung sein Schreiben mit den Worten: »Sobald die den Studien fremde, ungebildete Volksklasse den Glauben verloren hat, ist sie jeder höhern Betrachtung, die sie zu denselben zurückführen könnte, unfähig; und da sie die Grundlage der Gesellschaft bildet, so muß diese selbst früher oder später dem Stoß der zügellosesten Leidenschaften weichen, sobald sie durch die Religion nicht mehr gefestet und gestützt ist.« Es ist aber nicht nothwendig, einzig an die Aeusserungen des Bischofs sich zu halten. Thatsachen, allgemein kund gewordene Thatsachen liefern jedenfalls die Scholien dazu. So verkündete unter andern der Schullehrer der Halbinsel Lézardleur, dem Lehrbuche der Universitäts-Philosophie gemäß, daß jedwede Religionsübung gleichgültig, und daß es gar nicht darauf ankomme, ob man Jude, Christ oder Muselmann seye, indem die Dogmen nur speculative Ideen wären. Der Schulinspector im Departement der Vogesen lehrte in einem von der Universität gebilligten Buch seine Lehrer: der Gedanke seye die Wahrheit an sich, d. h. Gott, das Gebet daher unnütz. Ob nun sämmtliche Lehrer diese erhabene Meinung für sich zu behalten, und keiner sie wieder zu verkünden sich mögen gedrungen gefühlt haben? Im Departement vom Canal zog ein Lehrer an der Spitze seiner Kinder aus, einen Tambour voran, die Marseillaise singend, die vor dem Pfarrhaus unterbrochen ward, um[200] dem Jubelruf Platz zu machen: »Weg mit den Jesuiten! Weg mit den Pfaffen!« Und durch solches Formiren der jugendlichen Gemüther sollte Frankreichs Geist erkräftigt, Frankreichs Wohlfahrt gefestigt, die Gesellschaft auf diejenigen Grundlagen gebaut werden, welche allein Bürgschaft des Gedeihens und der Sicherheit ihr geben könnten! Hören wir aber zum Ueberfluß noch einen Zeugen, den gewiß Niemand der Parteilichkeit oder Befangenheit zu Gunsten eines Unterrichts im Sinne der Kirche beschuldigen wird. In einem Bericht an die Akademie der moralischen Wissenschaften über Vergiftung durch Arsenik sagte Hr. Cormenin: »Ich muß bekennen, eine stumme, verborgene Verderbniß schleicht durch die Dörfer. Es ist wahr, man hat lustigere Lehrsäle und Zimmer für die Lehrer, mit einem Speicher darunter, gebaut. Man tapezirt das Innere der Säle mit Tafeln von ba, be, bi, bo, bu, und künstlich gemalten Thieren aus. Der Unterricht gewinnt fast allenthalben den scheinbaren Anstrich einer blühenden Cultur. Aber die Erziehung mangelt, und die Lehren einer religiösen Moral werden den Buben und Mädchen nicht gehörig eingeprägt; man lehrt sie nicht genugsam, Gott im Himmel und dessen Stellvertreter auf Erden, ihre Eltern, zu lieben.« (Der Universitätslehre nach ist, ein Nicht-Ich zu lieben, eine unsinnige Hypothese.) »Das dürfte mit Recht die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich ziehen. Das wäre ihre Pflicht, läge in ihrem Interesse. Denn ein Volk, welches keine feste moralische Richtschnur hat, kann auch kein tiefes Gefühl für Freiheit und Ordnung besitzen, und ohne diese beiden ist das Regieren unmöglich. Aber soll man zusehen, ob eine solche Wiederherstellung der Sitten von selbst sich mache? Stehen die vorhandenen Mittel der Gesetzgebung, der Polizei, der Abhülfe mit der Dringlichkeit und Grösse des Uebels in richtigem Verhältniß? Ich trage kein Bedenken zu erklären: »Nein!«[201] Ein Aufenthalt von sechs Wochen in Frankreichs Hauptstadt hatte mir des Belehrenden, Angenehmen, Unterhaltenden Viel geboten, mit manchen bedeutenden Männern mich in Verbindung gebracht, in das Wesen der katholischen Kirche und deren Einfluß auf das Leben heller mich blicken lassen, in jeder Beziehung Belehrung gewährt und neue Anregungen hervorgerufen, ohne jedoch entschieden zu festigen, ohne zu einem bestimmten Entschluß zu verhelfen. Zerrannen auch immer mehr die Nebel, das Licht war mir doch noch nicht in seinem vollesten Glanze aufgegangen; immer mehr aber wurde ich der nachten Frage entgegengetrieben: ob die Verwegenheit oder der Muth, jene nach innen gewendet, dieser nach aussen gerichtet, jene verdammlich, dieser preiswürdig, endlich das Uebergewicht gewinnen solle? Ist der selbstständige Mensch, ist derjenige, der nicht durch Angewöhnung, Umgebung und die Macht der äussern Verhältnisse willenlos sich kann ziehen und gewichtigere Factoren des innern Lebens durch sie aufwiegen lassen, erst dahin gelangt, das Daseyn einer Wahrheit, einer höhern, heilbringenden, in allen ihren Theilen harmonischen Wahrheit auf einem Gebiete zu ahnen, welches sonst in kurzer Abfertigung als das des entschiedenen Irrthums bezeichnet wird; geht das Licht dieser Wahrheit aus anfänglicher Dämmerung durch manche unabweisliche Einflüsse immer heller ihm auf; gewinnt dasselbe dadurch, daß er dessen Strahlen nicht absichtlich sich entzieht und gegen dessen Einwirkung nicht frevelhaft sich sperrt, für ihn immer grössere Klarheit: so könnte nur die Verwegenheit den Versuch wagen, die in das Innere eingegangene Wahrheit äusserlich mit dem Gewande des Irrthums zu umhüllen, und gleichsam einen täglich sich erneuernden Zwiespalt zwischen Seyn und Schein herauszufordern. Verwegenheit wäre es zu nennen, dieweil hiemit ein Kampf, nicht auf Sieg, sondern auf Untergang angehoben würde; ein Kampf, in welchem nichts Wesentliches zu gewinnen wäre, wohl aber die Gefahr nahe stünde, nicht allein das Geschenkte oder Errungene, sondern selbst das ursprünglich Besessene zu verlieren, und nicht nur auf der,[202] unter manchen Beschwernissen erklommenen Höhe sich nicht erhalten zu können, sondern hinabzustürzen in den bodenlosen Abgrund. Darum aber, weil die Ahnung solcher Gefahr den Menschen zwischenein wohl einmal berühren mag, besitzt er noch lange nicht den Muth, ihr zu entgehen, denn sie stellt sich ihm bei weitem nicht unter allen den Schrecknissen dar, die mit ihr unzertrennlich verknüpft sind; diese enthüllen sich ihm in ihrem vollen Umfange dann erst, wenn er durch göttliche Gnade die Kraft gewonnen hat, dieser Gefahr zu entgehen, somit von gesicherter Stellung festen Blickes in sie hineinzuschauen. Zu diesem Muth, der je nach individuellen Verhältnissen und besondern Veruntstandungen bei dem Einen in grösserer Entschiedenheit und nach bedeutenderem Maß vorhanden seyn muß, kann der Mensch zwar wohl sich bereiten, aber nach voller Erforderniß denselben nicht sich verleihen; es ist nicht Sache des Rennenden und Laufenden, sondern der leitenden und kräftigenden Gnade. Das habe ich wohl erfahren. Es mag seyn, daß derjenige, welchen entweder Leichtfertigkeit oder untergeordnete, vielleicht sogar verwerfliche Beweggründe in die Kirche zurückführen, bald mit sich im Reinen ist, denn er verkehrt den Zweck in das Mittel. Da aber, wo die entgegenkommende und nicht zurückgewiesene Wahrheit allmählig und immer tiefer in das Herz eingedrungen ist und von demselben Besitz genommen hat, da klammern auch sofort die äussern Verhältnisse zäher an den Menschen sich an; sie wollen gegen jene ein Gegengewicht bilden, die Herrschaft ihr streitig machen; es beginnt der Kampf zwischen Geist und Fleisch, zwischen dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren, zwischen dem Unvergänglichen und dem Vergänglichen, zwischen dem Hinaustreten auf ungewisse, vielleicht mit Dornen und Klippen besäete Pfade und dem sorglosen Dahinschlendern auf gewohnter Bahn. Man müßte aber die menschliche Natur schlecht kennen, wenn man im Zweifel stehen wollte, nach welcher Seite sie mehr sich hingezogen fühlte. Am Ende drängt Alles in die Frage sich zusammen:[203] äusserer Friede und innerer Kampf, innerer Friede und äusserer Kampf? Diesen an jenen setzen zu können, darf der Mensch von sich allein kaum erwarten; ist es ihm aber vergönnt, aus dem Verlauf seiner eigenen Begegnisse mit etwelcher Sicherheit die leitende Hand herauszulesen, so darf ihm gewisse Hoffnung nicht fehlen, es werde dieselbe, was sie aus weiter Ferne und in leisen Anfängen begonnen, seiner Entwicklung mit Stätigkeit entgegengeführt, auch an das Ziel zu bringen wissen. Getrost, deßwegen aber weder sorglos noch gleichgültig, mag er dieß der Zukunft anheimstellen, ohne über das Wie vorläufig in nutzlose Erörterungen sich zu vertiefen. In solcher Gesinnung kehrte ich nach Hause zurück. Zwar mit reichem Gewinn von meinem Aufenthalt in Paris, dennoch über nicht über alle Bedenklichkeiten erhoben: dennoch, so auch diese würden beseitigt seyn, noch lange nicht begnadigt mit jener Entschlossenheit, welche der innern Ueberzeugung alle äussern Rücksichten zum Opfer zu bringen vermag; dennoch in zuversichtlichem Vertrauen, wie bisanhin ohne mein Zuthun Manches sich gefügt und wider mein Erwarten, ja selbst gegen meine Absicht Vieles sich gestaltet, so würde auch über diesem Dunkel entweder schneller oder auf eine Weise, worüber vorher grübeln zu wollen unnütz wäre, das Licht aufgehen. Da bot unerwartet Innocenz Hülfe. Nach meiner Rückkehr aus Paris wandelte es nemlich, in Unschlüßigkeit, welchen gewichtigen Gegenstand zur Erforschung um Bearbeitung ich an die Hand nehmen wollte, mich an, müssige Stunden mit irgend einer leichten Arbeit auszufüllen. Ich dachte an Innocenzens Schrift »von den Geheimnissen der Messe,« die ich zum Behuf meiner geschichtlichen Studien über ihn einst sorgfältig durchgangen hatte. Schon damals schien es mir, diese Erläuterung seye in sehr praktischem Sinne abgefaßt, dürfte ebensowohl zu gründlicher Belehrung über den tiefen Sinn und den rechten Innhalt der hl. Messe, als zur Erbauung für Jeden[204] dienen, der in der Ahnung von deren tiefer Bedeutung nach einem klaren Verständniß derselben sich sehne. Demnach hielt ich dafür, eine Uebersetzung und dadurch Bekanntmachung dieses Werkes dürfte ein verdankenswerthes Unternehmen in doppelter Beziehung seyn: einerseits um jene Aufschlüsse zu gewähren, anderseits um zu zeigen, daß in deren Verfasser, mit den Eigenschaften eines grossen Oberhauptes, diejenigen eines gründlichen Theologen und eines glaubensfreudigen Gliedes der Kirche sich zusammengefunden hätten. Bei nochmaligem Durchlesen der Schrift, in welcher der so mächtige als geistreiche Verfasser derselben vor dem hochheiligen und unausforschlichen Gehrimniß in tiefer Demuth sich beugt, ward ich in dieser Meinung bestärkt, fand daher in einer zu beginnenden Uebersetzung5 Beides: eine zusagende Ausfüllung müssiger Stunden, sodann die Möglichkeit, Manchen, denen das Werk nachmals dürfte bekannt werden, hiemit einen Dienst zu erweisen. Aber ich fand noch mehr; ich fand eigene Erbauung und eigene Belehrung. Das Werk hatte jetzt eine andere Bedentung für mich selbst gewonnen, als früher, da ich in demselben nur nach Bruchstücken der theologischen Meinungen des Verfassers, blos nach Zeugnissen seiner Ansichten und Gesinnungen forschte, dasjenige, was die Sache selbst betraf, ganz auf sich beruhen ließ. Erst indem ich Innocenzens Auslegung las, und dieses einzig in der Absicht, zu entscheiden, ob das Unternehmen einer Uebersetzung mir zusagen könnte, hierauf noch mehr, als diese selbst begann, gieng mir während der Arbeit immer heller das Licht auf. Ich lernte sowohl den Gesammtinnhalt der Messe, als deren umfangsreiche Beziehung richtiger erkennen; ich blickte immer klarer und tiefer in dieselbe hinein; ich ward wunderbar angeregt durch die sinnvolle Bedeutung dessen Alles, was man die sichtbare Ausstattung der heiligen Verrichtung nennen möchte; die Einfachheit, Erhabenheit und Würde der Gebete und Formein, aus denen das Ganze zusammengesetzt ist, erfüllte mich mit besonderer Ehrfurcht; ich sah alles Emporhebende, Tröstende[205] und Belebende der gesammten Heilsordnung, der göttlichen Rathschlüsse zur Wiederversöhnung des gefallenen Menschengeschlechts mit dessen Schöpfer und Vater zusammengesaßt in diese heilige Handlung; die Dahingebung des Erlösers zu Tilgung unserer Sünde leuchtete aus dem Ganzen als innerster Kern, um welchen Engel und Menschen, Kämpfende und Triumphirende, Lebende und Verstorbene, Priester und Layen in zusammenstimmender Verherrlichung sich einigen; fortan heller gieng mir das Licht auf, daß sie in erfrischender und erkräftigender Fülle den Gläubigen umfasse als Gnadenquell, aus welchem der Lebensborn über Feyernde und Theilnehmende, über Anwesende und Abwesende, über Nahe und Ferne, über Lebendige und Hingeschiedene mit seinen geistigen Segnungen strahlte; sie trat mir entgegen als lichtfunkelnder Edelgestein, um welchen Stoff und Ausstattung, Worte und Bewegungen, Altar und Tempel, und mit diesem Allem die darauf hingewendeten Gemüther der Mitfeyernden die reiche und kostbare Einfassung bilden. Ich hatte zwar bisanhin wohl hie und da bei Gelegenheit einem Hochamt beigewohnt, aber dessen verborgenen Sinn mehr geahnet als verstanden; mehr in dasselbe hineingetragen, als aus demselben herausgenommen; mehr in allgemeinen Gefühlen mich bewegt, als dabei, wie es hiezu uns auffordert und seiner wohlerkannten innern Macht gemäß uns zwingt, in das versöhnende Leiden unsers Erlösers mich versenkt. Jetzt erst begann ich dasselbe einigermaßen zu verstehen; jetzt erst war mir klar, was aus ihm zu schöpfen seye; jetzt erst bildete es die Erlösung, von dem Augenblicke da der Herr mit dem genommenen Brod sich selbst zur Speise gab, bis zu seiner Auferstehung, in allen Momenten seines versöhnenden Leidens, mir vor Augen. Wie oft dachte ich, während meine Uebersetzung voranschritt: in den protestantischen Kirchen, die doch alle christlich sich nennen, und mit diesem #Beiwort ihre Unterordnung unter Christum und ihre Verbindung mit Christo und ihren Glauben an Christum andeuten, oder wenigstens andeuten sollten, muß[206] man es darauf ankommen lassen, ob der Mensch an einem, dem christlichen Gottesdienst geweiheten Tage an denjenigen, welcher Gegenstand seiner Verehrung seyn sollte, auch bloß vorübergehend oder von ferne gemahnt werde; ob es dem Prediger gefalle, Christum auch nur zu nennen; oder aber in seinem »christlich« genannten Vortrag über denselben hinwegzuschreiten, als verdiente er nicht einmal Erwähnung; ob der Herr Kanzelredner es für gut finde, auf denselben, als auf den Anfänger und Vollender des Glaubens, zu erbauen, oder ob es ihm genüge, auf ihn, als höchstens auf einen wohlmeinenden Lehrer, auf ein anregenees, vielleicht bloß berücksichtigenswerthes Beispiel aufmerksam zu machen? Es trat mir in Erinnerung, wie vielfältig man in protestantischen Kirchen zwar manches Nützliche und Brauchbare vernehmen könne, ohne deßwegen an den Weltheiland erinnert zu werden. Aus Innocenzens Schrift aber überzeugte ich mich, daß einer Messe mit wahrem Sinne Niemand beiwohnen könne, ohne nicht allein die Erinnerung an den Erlöser zu erneuern, sondern eigentlich in belebende Gemeinschaft mit ihm zu treten. Da nähert er sich uns, da verkehrt er mit uns, da nimmt er uns bei der Hand, um zu dem Vater uns zu führen, da weckt er uns nicht allein durch sein Wort, sondern haucht seinen Geist uns ein, da tritt er in die Mitte der Gläubigen, daß er mit ihnen und sie mit ihm seyen. Man kennt jenes Wort König Friedrichs des Zweiten von Preußen über die Weise, wie die verschiedenen Confessionen Gott behandelten. Seit ich mich in die Tiefen der heiligen Messe eingeführt sehe, möchte ich jenes Wort dahin berichtigen: die Reformirten hören von ihm reden (so anders der Redner seiner sich nicht schämt), die Lutheraner können ihn von weitem reden hören (wenn nicht der Hr. Superintendent meint, die Leute wären eigentlich versammelt, um die Ansichten seiner eigenen Person zu vernehmen) zu den Katholiken aber kommt er selbst, verkehrt mit ihnen, giebt Jedem von ihnen ganz sich zu eigen. Wäre daher der Priester selbst der ausgedörrteste und ausgesaugteste Rationalist, er könnte doch, während und so lange er[207] die heil. Messe celebrirt, und selbst wenn er diese neumodisch verkümmerte, von dem Menschgewordenen, von dem Weltheiland von dem Mittler zwischen Gott und dem Menschen uns nicht losmachen, denselben doch uns nicht vorenthalten, von demselben uns doch nicht scheiden, von den grünen Auen des Lebens uns doch nicht hinausstossen auf seine dürre Vernunftheide. Demjenigen, welcher in dem Protestantismus geboren und alt geworden ist, fällt es allerdings schwer, das Geheimniß der Verwandlung der Stoffe in dem heil. Meßopfer anzunehmen. Das ist der Stein des Anstosses, der am schwersten zu beseitigen, das die Schwierigkeit, die am längsten nicht zu überwinden ist. Ich begreife es, wie der Katholik, der in diesem Glauben geboren, aufgewachsen, erzogen, durch alle Umgebung und Uebung und Mahnung darin gefestigt worden ist, dessen sich vecwundern kann, daß hierüber so große Bedenklichkeiten aufsteigen mögen. Gelänge es ihm aber, in die seit früher Jugend eingewöhnte Anschauungsweise des Protestanten, zumal des mit Zwinglianischer oder Calvinischer Meinung getränkten Protestanten, einen Blick zu thun, so würde ein solches Sträuben ihm weniger befremdlich vorkommen. Allerdings gäbe es da einen Ausweg, ? und wer weiß, ob nicht Manche, die in die Kirche zurückgekehrt sind, denselben betreten haben; ob er nicht vielleicht am Ende mir selbst als der vollkommten richtige würde vorgekommen seyn? derjenige nemlich: in Berücksichtigung, daß jenes constante Lehre der Kirche von dem frühesten Alterthum her gewesen und von den größten Geistern aller Jahrhunderte unverrückt festgehalten worden seye, dasselbe unter Verzichtleistung auf jedes weitere unfruchtbare und verwirrende Grübeln in guten Treuen ebenfalls anzunehmen. Denn sobald der Mensch mit Anerkennung des göttlichen Ursprungs der Kirche mit deren aus diesem herfließenden Gestaltung und Regimtent, den damit in Verbindung stehenden Anordnungen und Vorschriften, mit den andern, ihr eigenthümlichen Lehren sich vollkommen einverstanden erklären könnte, und nur Jenes noch als letzte Bedenklichkeit vorschützen müßte, so wäre nicht einzusehen, mit welchem[208] Grund er diesem ein trennendes Uebergewicht einräumen dürfte. Hiebei ist mir dabei manchmal der Vorgang jener Engländerin zu Sinn gekommen, welche über den Gott in der Büchse spottete, hierauf aber durch geheimnißvolle Macht zu dem Skrupel getrieben ward: und wenn er es dennoch wäre! aber auch zugleich ihn zu er kennen und zu bekennen sich gezwungen sah. Ich sträubte mich gegen jenes äusserste Mittel. Ich hoffte immer noch, zu einer innern Ueberzeugung zu gelangen und auch hierüber jene Klarheit zu finden, welche mir über alles Andere allmählig zu Theil geworden war. Am Ende kann man Alles annehmen, Alles sich gefallen lassen; aber es liegt doch meines Bedünkens ein wesentlicher Unterschied darin, ob es in innerer Erkenntniß oder bloß in ausserer Anbequemung geschehe. Will man einen Beweggrund des Zögerns hierin erblicken, so seye dieses ohne Widerrede zugegeben; ein begründeter Vorwurf läßt sich meines Erachtens daraus nicht ableiten, oder man müßte leicht bewirkte Zustimmung über gewissenhafte Prüfung hinaussetzen. Wohin man sich entscheide, auch diese Schwierigkeit wurde durch Innocenzens Schrift für mich endlich gehoben, erreicht, was ich so sehnlich wünschen mußte. Sie wurde gehoben, nicht weil der große Papst sie für den natürlichen Menschen beseitigt, nicht weil er für diesen zu erklären versucht hatte, was menschlicher Scharfsinn nicht zu erklären vermag und menschliche Demuth erklären zu wollen sich nicht anmaßen wird, sondern vorzüglich durch seine Worte, wo er sagt: »Indem also der Priester die Worte ausspricht: das ist Mein Leib, das ist Mein Blut, werden Brod und Wein in den Leib und in das Blut Christi verwandelt, mittelst der Kraft jenes Wortes, durch welche »das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat;« durch welche Er sprach, daß es werde, gebot, und es geschaffen stund; durch welche Er ein Weib in eine Säule und einen Stab in eine Schlange, die Brunnen in Blut und das Wasser in Wein verwandelte. Konnte[209] Eliä Wort Feuer vom Himmel fallen machen, wie hätte das Wort Christi nicht Brod in Fleisch umwandeln können? Wer dürfte Derartiges meinen von Demjenigen, »Dem kein Ding unmöglich ist, durch Den Alles, und ohne Den Nichts gemacht ist.« Unbestreitbar ist es etwas Grösseres, zu erschaffen, was vorher nicht war, als zu verwandeln, was ist; ist es unendlich mehr, das, was nicht ist, aus dem Nichts hervorrufen, als das, was ist, zu etwas Anderem machen. An Jenem wird Niemand zweifeln; in dieses aber sollte Jemand Zweifel setzen? Das sey ferne. Unvergleichbar grösser ist es, daß Gott in solcher Art Mensch geworden ist, in der Er nicht aufhörte Gott zu seyn, als daß Brod in solcher Art Fleisch wird, daß es aufhört Brod zu seyn. Jenes geschah durch die Menschwerdung ein einziges Mal, dieses geschieht durch die Consecration unablässig. Es möchte aber Einer sagen: Ich bin allerdings gewiß, daß das Wort jene Kraft hat, aber ich bin gewissermaßen nicht überzeugt, daß Er dieß will. Ein Solcher nehme wohl in Acht, daß, als Er das Brod genommen, Christus es war, der es gesegnet und gesprochen hat: »das ist Mein Leib.« So hat die Wahrheit selbst gesprochen, und darum muß, was sie gesprochen hat, durchaus wahr seyn. Was demnach Brod war, als Er es nahm, war Sein Leib, als Er es gab. Somit war das Brod in Seinen eigenen Leib und der Wein in Sein Blut verwandelt. »Denn nicht, wie der Ketzer meint, vielmehr vermeint, muß es, als der Herr sagte: »das ist Mein Leib,« so genommen werden, als hätte Er gesagt: das bedeutet Meinen Leib; etwa wie der Apostel sagt: »der Fels aber war Christus,« d. h. der Fels bedeutete Christus. Dieses würde Er eher von dem Osterlamm, als von dem ungesäuerten Brod gesagt haben. Denn ohne allen Zweifel bildete das Osterlamm den Leib des Herrn vor, das ungesäuerte Brod aber war eine wahrhaftige Sache. So hatte Johannes der Täufer gesagt: »Siehe da, Gottes Lamm,« bezeichnete es aber durch den Beisatz: »welches die Sünden der Welt hinwegnimmt.« So[210] bestimmte auch Christus die Worte: »das ist Mein Leib,« näher durch den Beisatz: »welcher für euch dahingegeben wird.« Wie mithin der Leib Christi in Wahrheit dahingegeben wurde, so wurde derselbe als der wahre bezeichnet, nicht im Bild, was vergangen, sondern in der Wahrheit, welche bereits gekommen war. Denn auch als die Juden unter einander haderten und sagten: »Wie kann Dieser uns Sein Fleisch zu essen geben?« sprach Jesus zu ihnen: »Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch, wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esset und Sein Blut trinket, so habt ihr das Leben nicht in euch. Wer Mein Fleisch isset und trinket Mein Blut, der hat das ewige Leben.« Deßwegen sagte er: »Amen, Amen,« in Wahrheit, in Wahrheit, damit nicht bildlich, sondern in Wahrheit die Worte, »wenn ihr nicht Mein Fleisch esset,« verstanden würden. Und um die Wahrheit noch bestimmter auszudrücken, fügte Er bei: »Mein Fleisch ist die ächte Speise, und mein Blut ist der ächte Trank.« »Ich also, der ich das ewige Leben zu erhalten mich sehne, esse das wahre Fleisch Christi und trinke Sein wahres Blut, jenes Fleisch nemlich, welches Er von der Jungfrau an sich genommen, jenes Blut, welches Er am Kreuze vergossen hat. Ich glaube von Herzen und bekenne mit dem Munde, daß ich in diesem Sacrament unsern Herrn Jesus Christus selbst genieße, gestützt auf das Ansehen Seines Wortes: »Wer Mich isset, der wird durch Mich leben.« Dabei kam mir noch eine andere Ueberlegung zu Hülfe. Die Protestanten, ich meine hier diejenigen, welche zu jenen Fundamentallehren des Christenthums, die auch von Luther, Calvin u. A. mit vollem Ernst und ohne Wanken anerkannt worden sind, noch in guten Treuen sich bekennen, erheben nicht den mindesten Zweifel gegen ein Geheimniß, welches ebenso wenig nach dem Maßstab der menschlichen Erfahrung gemessen werden kann, als dasjenige der wesenhaften Gegenwart Christi im Altarssacrament, und welches das Fassungsvermögen der menschlichen Vernunft nicht minder übersteigt, als dieses; der[211] Unterschied zwischen beiden besteht einzig darin, daß jenes auf eine einzige Thatsache sich beschränkt, anbei der Gläubigen Annahme aus ferner Vergangenheit dargeboten wird, daß dieses hingegen alltäglich, an jedem Ort, in eines Jeden Beiseyn sich erneuert. Dieses Geheimniß ins Auge gefaßt, läßt sich daher in Bezug auf das erstere erwiedern, was den Zweiflern an den Wundern oft schon erwiedert worden ist: sind wir gezwungen, auch nur ein einziges Wunder anzuerkennen, so ist die Frage, ob die Zahl derselben grösser oder geringer seye, nur von untergeordnetem Belang. Jenes Geheimniß nun, welches von allen in den Hauptfragen christlich-gebliebenen Formen zugleich mit dem apostolischen Glaubensbekenntniß angenommen wird, ist dasjenige der Menschwerdung, mit welchem überhaupt das Christenthum als göttliche Offenbarung und als Welterlösung steht oder fällt. Von den gläubigen Protestanten ? von denjenigen, die gegen die Offenbarung selbst protestiren, spreche ich nicht ? zweifelt Keiner daran, daß »Christus empfangen seye vom heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau,« d. h. eben der Jungfrau, die zu dem Engel gesprochen hat: » wie soll das zugehen, sintemal ich von keinem Manne weiß?« Dieses Geheimniß wird in dem Katechismus gelehrt, von den Kanzeln verkündet, bildet den Stützpunct alles Glaubens. Demselben zufolge hat der Erlöser menschliche Natur angenommen aus der Jungfrau Maria, er hat sie angenommen in durchaus anderer Weise, als Kinder durch ihre Eltern derselben theilhaftig werden; wir dürfen ihn also auch in dieser Beziehung den zweiten Adam nennen. Wird dieß nicht festgehalten, alsdann kann es zwar immer noch einen Stifter des Christenthums geben, aber einen Weltheiland gibt es nicht mehr; denn ohne dieß stünde Christus unter dem Gesetz der Sünde, wäre er zwar ein Mensch, der durch weise Lehren, durch einen tugendhaften Wandel, durch ein heiligmäßiges Leben sich ausgezeichnet hätte, der indeß, solchen Ursprunges gemäß, wenn auch frei von der wirklichen, doch nicht frei gewesen wäre von der[212] Erbsünde, daher der wahre Mittler zwischen Gott und den Menschen nicht hätte werden können. Ist es nun schwieriger, das Geheimniß der Verwandlung der Stoffe in dem heiligen Meßopfer anzunehmen, als dasjenige der Geburt eines Menschen durch die Jungfrau, d. h. ohne Zuthun eines Mannes? Wäre dieses faßlicher, leichter zu erklären, stünde es unsern Begriffen und unserer Erfahrung näher? Oder würde etwa die Schwierigkeit dadurch gemindert, daß Jenes vor mehr als achtzehn Jahrhunderten in Nazareth sich ereignet, dieses am heutigen Morgen in irgend einer beliebigen Kirche statt gefunden hat? Oder sollte das selbsteigene Wort des Herrn: »Das ist mein Leib,« von minderem Gewicht seyn, als dasjenige seiner jungfräulichen Mutter: »wie soll das zugehen, sintemal ich von keinem Manne weiß?« Im einen Fall haben wir das Wort der Mutter, im andern dasjenige des Sohnes, in beiden den Bericht der Evangelisten. Jenem haben auch diejenigen zweifellosen Glauben beigemessen, welche sich für berechtigt hielten, dieses zu verwerfen. Den Glauben an das eine Geheimniß haben sie beibehalten, weil es aus der Ferne und aus der Vergangenheit zu uns hinübertönt, dem Glauben an das andere haben sie abgesagt, weil sie dem Zeugniß ihrer Sinne das Uebergewicht einräumten und vor demselben (im Gegensatze zu jenem) das Hinausreichen des Glaubens an die Brodverwandlung (selbst bis in die Uranfänge des Christenthumts), so wenig als die Uebereinstimmung der ältesten Liturgien in so verschiedenen Sprachen, weder Anerkennung noch Berücksichtigung finden konnte. Vor dieser Ueberlegung, in Verbindung mit Innocenzens Werk, zerrann der letzte Zweifel, verschwand alle Ungewißheit. Den Grundlehren des geoffenbarten Christenthums hatte ich von jeher aus vollester Ueberzeugung beigepflichtet; die Stiftung und Leitung der Kirche durch deren Haupt hatte ich längst anerkannt; daß ihre Selbstständigkeit göttlicher Wille und die Entwicklung ihrer innern Organisation nicht ein Werk des Zufalls gewesen seye, leuchtete mir ebenfalls ein; ihren grossen[213] Reichthum an Gnadenmitteln, zu denen auch ein den Menschen nach allen seinen Anlagen in Anspruch nehmender Gottesdienst wesentlich gehört, konnte ich unmöglich verkennen; über die Urheber der Trennung, die Motive zu derselben und die Mittel sie durchzusetzen und zu festigen, hatte ich mir einen hinlänglichen Vorrath von Notizen verschafft; die innere Zerrissenheit des Protestantismus und der bis zu offenkundiger Verläugnung des eingebornen Sohnes und zuletzt noch weiter gehende Zerfall desselben war durch keine Fragen und durch keine Zuckungen des Pietismus zu verkleistern; die Harmonie des Lehrgebäudes der Kirche mit dem Begriff einer göttlichen Heilsanstalt und mit den Bedürfnissen des nach Herstellung der Kindschaft mit dem Vater verlangenden Herzens war mir immer klarer geworden; und die an meiner Person erfahrenen Führungen Gottes, wie er zuletzt gleichsam mit gewaltiger Hand von der Bahn mich hinweggerissen, lagen vor mir wie ein aufgerolltes Buch, und nun zerstob auch die letzte Bedenklichkeit: konnte mir ferner noch eine Wahl offen stehen? Wäre nach solcher Beseitigung aller Hindernisse, bei solchem, wenn auch langsamem, jedoch stätigem Hineinleiten in alle Wahrheit weiteres Sträuben nicht zur baaren Sünde wider den heiligen Geist geworden? Durste, da auch nicht die leiseste und ferneste Einwirkung der Aussenwelt der im Innern waltenden Gewißheit trübend sich beimischen, oder das geringste Bewußtseyn von zeitlichen Rücksichten lähmend an diese sich anheften konnte, Unentschiedenheit allzulange fortdauern? In dieser Beziehung mochte ich seit dem 16. Juni 1844 freien Sinnes und heitern Muthes mit jenem Römer wünschen, nicht allein, daß mein Haus, sondern daß mein ganzer Mensch von Glas wäre, damit Jedermann es möglich würde, Kunde davon zu nehmen, was darin vorgehe; zu spähen, ob an die Beweggründe zu meiner Rückkehr in die Kirche irgend ein unreiner Zusatz sich anheste; ob ich wohl das rückhaltsloseste Kundwerden und das Beurtheilen derselben (insofern dieses ein geradsinniges und ehrliches zu seyn über sich gewinnen könnte) zu scheuen hätte. War demnach[214] jetzt nicht Alles an jenem äussersten Punct angelangt, wo nur noch, wie ich früher bemerkt habe, die Wahl zwischen der leichtfertigsten Vermessenheit und dem durch Gottes Gnade gefestigten Muth offen stand? ?????? Es sey mir aber vergönnt, den Lauf dieser Darlegung für einen Augenblick zu unterbrechen, um vorerst einige Worte über die heil. Messe, als den ununterbrochen strömenden Licht- und Gnadenquell alles Gottesdienstes, beizufügen. Wiewohl durch Innocenz in das Verständniß derselben hineingeführt, hierauf mit lebendigerer Theilnahme ihr beiwohnend, als früher geschehen konnte, wo ich sie bloß noch als ein mit manchartiger Feierlichkeit ausgestattetes Mittel zu Anregung religiöser Gefühle und als lebendigere Erinnerung an Christi Darbringung betrachtete, schaute ich in sie auch jetzt noch (um mit dem Apostel zu sprechen) wie in einen Spiegel an dunklem Ort. Die an mir selbst gemachte Erfahrung veranlaßte mich zu der Vermuthung, daß derjenige, der zwar an der Pforte der Kirche stehe, aber noch nicht in dieselbe hineingetreten ist, mit wie tiefer Ehrfurcht gegen diese heilige Handlung er erfüllt seyn möge und mit welcher Andacht auch er derselben anwohnen möge, doch nur Hieroglyphen darin wahrnehmen könne, von denen er wohl ahnen, ja erkennen dürfte, daß sie einen unausdenklich tiefen Sinn haben; daß er aber nicht im Stande seye, Alles genügend zu verstehen, und daß volle Fähigkeit hiezu dann erst ihm zu Theil werde, wenn der, selbst durchsichtige Schleyer, der jedoch immer noch von der Kirche ihn trennte, gefallen seye. Mir wenigstens ist es so gegangen. Ich habe bei mei nem Aufenthalt zu Rom und zu Neapel, bevor ich mich als Glied der katholischen Kirche erklärt hatte, in mancher Kirche einem Amt oder einer Messe beigewohnt, jedesmal erbaut, emporgehoben, geistig gestärkt mich gefühlt; im Vergleich zu der[215] Weise aber, womit die Anwesenheit bei dieser Feyer seit meiner Rückkehr in die Kirche auf mich einwirkte, ist es mir, als hätte ich damals nur durch eine Ritze des kaum gelüfteten Vorhanges hineingeblickt, indeß dieser jetzt völlig hinweggenommen ist. Ich möchte die heil, Messe die grosse Pulsader nennen, welche das verklärte Haupt mit dem Körper, der Kirche, verbindet und das Lebensblut durch das gesammte Geäder desselben treibt, niederwallend in der Fülle aller Gnaden, die von dem Haupt ausströmen, und aufwärts wieder kehrend in Dank, Preis und Verherrlichung, hiemit zu Erhaltung des wahren, gefunden und kräftigen Lebens in ununterbrochenem Kreislaufe sich bewegend. Ob auch handelnd dabei einzig der Priester auftrete, mitsprechend nur die Wenigen (auch wohl bloß der Einzelne), welche in den Erwiderungen die Gläubigen vertreten, Jeder der Anwesenden, findet er anders mit der rechten Gemüthsstimmung sich ein, nimmt dennoch an Allem den vollesten, lebendigsten Theil; er spricht mit, er handelt mit, er glaubt mit, er empfängt mit, er eignet alle Gnaden sich an, die aus Wort, Symbol, Sache und Wesen quellen. Hier besteht eine wahre, lebenvolle, allumfassende Gemeinschaft der Gläubigen, geschaart um denjenigen, der auch zur verschlossenen Thüre hineinzutreten vermag und, so wie bei Allen, auch bei diesen seyn will. Er läßt nicht nur von sich verkünden, nicht nur auf sich hinweisen, nicht nur seine Rede vernehmen, sondern neben dem, daß dieses Alles statt findet, kommt er selbst, ist er Allen gegenwärtig, wird er im Glauben von Allen empfangen, verbindet er sich mit Allen, gibt er Jedem sich zu eigen. Die Messe ist ein Abriß der gesammten Heilsordnung, ein Innbegriff aller göttlichen Anforderungen und Gewährungen, aller Zusagen und Bedingnisse, ein Compendium aller Seelenzustände. Zagen und Muth, Furcht und Hoffnung, Kummer und Tröstung, Seufzen und Jauchzen flicht sich in dieselbe und durch dieselbe, die ganze Tonleiter der durch den wahren Glauben reingestimmten Seele klingt durch dieselbe durch und berührt die verwandten Saiten, daß sie zu reinen Accorden um denjenigen sich verschmelzen,[216] welcher Priester und Opfer zugleich ist. Im Bewußtseyn ihrer Sündenschuld steigt die Seele hinab in die Tiefen der Finsterniß, der sie durch jene verfallen ist, und himmelan schwingt sie sich in dem Jubel über ihre Erlösung zu den Räumen des unerschaffenen Lichtes, an den Thron des Lammes, vor welchem die unzählbare Schaar aus allen Geschlechtern und Zungen, mit Palmen geschmückt, zu dem nie verhallenden Lobgesang sich einigt; um dann erkräftigt von da zurückzukehren zur Erde, in des Lebens Kampf und Friede, Mühsal und Luft, Beschwerniß und Erquickung, Angst und Trost, Entbehrung und Segensfülle, Prüfung und Bewährung und in alle Beziehungen, die durch das Daseyn, das wechselvolle und zur wahren Bestimmung vorbereitende, hindurch sich schlingen. Wo ist eine Predigt, katholisch oder nicht katholisch, rechtgläubig oder irrgläubig, gottbegeistert oder klarverständig, aus welcher ein solcher reiner, voller, erhebender, dahinreissender Strom der Andacht, des Trostes, der lautersten Seelenwonne hervorbräche und befruchtend zum wahren Leben durch alle Gemüther sich ergösse. Da ist Gottesfreude, da ist Versenken in Christum, da ist Aneignung, nicht allein seines Verdienstes, sondern seiner selbst nach der vollen Unermeßlichkeit seines Wesens. Da rauscht ein mächtiges, ein unwiderstehliches, vom Anbeginn bis zum Schluß Alles mit sich fortreissendes: »Empor die Herzen!« Aufjubelnd gehst du (denn wer in rechter Stimmung der Messe anwohnt, ist geistig dergestalt mit dem Priester geeinigt, daß alle Gebete desselben und alle Verrichtungen desselben zu Gebeten und zu Verrichtungen des Gläubigen werden), aufjubelnd gehst du hervor an den Altar des Herrn, der »deine Jugend erfreut,« der »deine Stärke ist,« der »zu deiner Leitung sein Licht und seine Wahrheit sendet,« und in der Hoffnung auf ihn alle deine Traurigkeit verscheucht. Alles bereitet dich, daß du in Dank dich erhebest zu dem, der da war und ist und seyn wird von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Das ist die Stimmung heiterer und heiliger Ruhe, in welcher das Sehnen deiner Seele[217] nach den Vorhöfen des Herrn, nach »seinem heiligen Berg, nach seinen Gezelten« gestillt, deine Freude in dem lebendigen Gott wach wird, »der Himmel und Erde gemacht hat.« Aber durch diese milden Harfentöne rauscht plötzlich der aus allem Irdischen hervorbrechende Mißklang in der schuldbewußten Trennung von Gott. Wohl trittst du an den Altar des Herrn, wohl möchte dein Geist sich aufschwingen zu ihm, wohl möchtest du in seliger Luft dich wiegen in seinem Anschauen, in seiner Verherrlichung; aber dir gebricht es an Würdigkeit, aber die Schuld hat deines Geistes Schwingen gelähmt, aber du fühlst dich gebannt in das Land, welches nicht deine Heimath ist. Da bewältigt es dich, deine Schuld zu bekennen; du rufst die Vollendeten, die derselben Entledigten und zugleich die mit dir in derselben noch Ringenden, daß sie vereint, sammt dir, Gott um Erbarmen, um Verzeihung, um ein neues Leben bitten; du erseufzest, daß »er dich hören, daß dein Rufen zu ihm dringen« wolle. Damit wird die Seele, die in ihrem Jubel mit allzukühnemt Flug sich aufschwingen wollte, zurückgeführt, in die Wirklichkeit hinabgezogen zu dem Bewußtseyn, welches selbst bei der reinsten Stimmung, unter den lautersten Regungen zwischenein immer wieder uns beherrscht und welches allein aller göttlichen Gnaden uns theilhaftig, weil fähig macht. Und schon öffnet sich der nach Gott verlangenden Seele eine Trostesquelle in der Erinnerung, daß sie nicht allein stehe, sondern in kräftigender Einigung mit denen Allen, die nicht nur ihr gleich im Glauben wandeln, sondern auch mit denen, die längst schon eingegangen sind zum Schauen. Aber es ist allzugewaltig, es ist zu mächtig, zu unabweislich, zu unbesiegbar verflochten in unser Inneres dieses Gefühl der Schuld, als daß wir mit dem bloßen Bekenntniß derselben uns begnügen könnten; wir müssen flehen, klagen, rufen, andringlich, unabläßlich; wir müssen mit jenem »Opfer eines geängstigten Geistes, eines zerschlagenen Herzens« an die Stufen des Altars treten, um endlich der heiligen Dreifaltigkeit zu danken für die Barmherzigkeit, die sie an uns thut, und in dem Bekenntniß, »wie wunderbar des Herrn[218] Name seye auf dem ganzen Erdkreise,« unsern Dank aussprechen. Obwohl dann in solcher Gnade wieder aufgerichtet, ist dennoch bei der hienach sich sehnenden Seele das Bewußtseyn der Schuld ein so tief gewurzeltes, ein dergestalt bewältigendes, ein solchermaaßen drückendes, daß dieselbe Ruhe, Trost, Licht nur finden kann in dem immer und immer erneuerten Seufzen: »Herr, erbarmte dich unser!« So niedergebeugt vor dem Angesichte des Herrn, durchdrungen so von Zagen, ob je wieder das Auge und das Herz zu ihm sich möge emporheben; so gleichsam nichts Anderes kennend, fühlend, wissend, als die Schuld, reicht aus der Höhe die allmächtige Hand hinab, welche allein zu heilen, zu kräftigen, aufzurichten vermag. Angeweht von dem Hauch der Gnade, ist nun nicht allein jede Bekümmerniß zerronnen, nicht bloß der innere Friede zurückgekehrt, sondern die Bangigkeit hat sich zum Frohlocken verklärt, und der Erhörung ihres heißen Flehens, des Erbarmens versichert von dem Angesicht des Herrn, steigen wir ermuthigt hinan zu seinem Heiligthum, und es jubelt die Seele, des Zusammenstimmens mit den himmlischen Heerschaaren gewürdigt, in Lobpreisung auf zur Benedeyung, zur Verherrlichung des allmächtigen Vaters, »des Lammes, welches hinwegnimmt die Sünden der Welt,« und betet zu dem, »den sie in der Glorie der ewigen Dreieinigkeit anschaut,« daß sie in der Festigkeit dieses Glaubens Schutz gegen alle Widerwärtigkeiten immerdar finden möge; worauf sie durch das apostolische Wort sich gemahnen läßt an die »Tiefe der Weisheit und der Erkenntniß Gottes, desjenigen, aus dem, durch den und in dem Alles ist, dessen die Ehre seye in Ewigkeit.« Nunmehr zurückgewendet zu jener Stimmung, in welcher die Menschenseele herausgetreten ist, um dem Altar sich zu nahen, fühlt sie jetzt erst sich in Fassung, zu verherrlichen den Allerhabenen, »der über den Cherubim thronet, und die Abgründe durchschaut und gebenedeyet ist im Firmamente des Himmels;« findet sie sich ermuthigt, das »Alleluja« ihm zu singen. Damit aber so würdiglich dieses geschehe, als von[219] Kindern, die nur durch Gnade Zutritt haben zum Heiligthum, Solches möglich, soll seine Barmherzigkeit noch im Besondern »Herz und Lippen reinigen,« um hienach »würdig zu verkünden das Evangelium,« das Wort des Lebens, welches nicht allein zeuget von ihm, »der aufgerichtet hat das Wort der Versöhnung,« sondern in welchem er selbst zu uns spricht und »uns kund macht, was er von dem Vater gehört hat.« In Freudigkeit, dessen Trostesbotschaft vernehmen zu dürfen, richtet der Gebeugte sich empor, denn er weiß sich gewürdigt, durch dasselbe hineingeführt zu werden in das Innere der Rathschlüsse Gottes. Erleuchtet dann durch das Lebenswort des Menschgewordenen und durchdrungen von der Gewißheit, daß in ihm nur Heil und Seligkeit zu finden seye, der uns nahe ist, wie wir ihm uns nahen, fühlt die Seele unwiderstehlich sich aufgefordert, fühlt sie sich hingerissen, zu bezeugen, welches da seye ihr innerster, Alle einigender Glaube, und hie mit würdig die Fassung zu bewähren, daß sie besucht werde von dem »Ausgang der Höhe,« und zu bekennen, daß sie in segnender Gemeinschaft stehe mit der ganzen Kirche, die der Herr durch alle Zeiten, »aus allem Volk und allen Geschlechtern und allen Zungen und allen Heiden durch sein eigenes Blut erlöset und sich erkaufet hat.« In diesem wahren, uralten, ungezweifelten, durch die Apostel verkündeten und seit der allerersten Kirchenversammlung bis auf jeden gegenwärtigen Tag unablässig bekannten Glauben mit dem Priester geeinigt, bringt durch diesen und mit diesem auch Jeder der Umstehenden dem dreieinigen Gott, der an ihm und »an Allen Barmherzigkeit gethan« hat, die »Opfer der unbefleckten Hostie und des Kelches des Heils« dar, wie für eines Jeden, so im besondern für seine »Sünden, Uebertretungen und Unterlassungen.« Denn auch im Gnadenzustande darf die stäte Erinnerung an das, was den Wiederbringer aller Gnade hinabzog von dem Throne der Majestät in die Knechtsgestalt nimmermehr fehlen. Damit aber von dem Gläubigen ferne bleibe jeder irrige Wahn, als wäre Gott nur [220] sein Gott, oder als dürfte sich, wofür er fleht und was er hofft, nur auf seine eigene Person beschränken, damit tief es ihm eingeprägt bleibe, er stehe in unzertrennbarer Gemeinschaft mit der gesammten Kirche, mit Nahen und Fernen, mit den sichtbaren wie mit allen unsichtbaren Gliedern derselben, bringt er das Opfer Jederzeit dar »für alle Christgläubige, für Lebende und für Abgestorbene, auf daß es zum Heil des ewigen Lebens Allen gedeihe.« Aber wer ist würdig, dem Herrn sich zu nahen? Wer ist würdig, nicht allein zu hören, sondern zu betasten das Wort des Lebens? Muß nicht aller Trost aus dem vernommenen Lebenswort, muß nicht alle Zuversicht, die in dem freudig bekannten Glauben unsere Seele durchzuckt, nur um so mehr in uns den »Geist der Demuth« wecken, unser Gemüth durcharbeiten, das heiße Verlangen hervorrufen, daß Gott »das Opfer, welches wir vor seinem Angesichte verrichten, wohlgefallen« möge? Muß nicht über diesem heißen Sehnen durch allen Jubel, zu dem die Nähe an den Altären des Herrn die Herzen stimmt, immer wieder als Mißklang sich durchziehen das Bekenntniß des Sündigen, daß er unrein, daß »alle seine Gerechtigkeit gleich seye einem befleckten Kleid?« Muß nicht der Mensch brennen von Verlangen, daß er unter den Unschuldigen des Herrn Altar umgebe, um dort die Stimme seines Lobes zu hören, alle seine Wunderthaten zu verkünden?« Wer sollte daher nicht flehen: »wasche mich von meiner Ungerechtigkeit, reinige mich von meiner Sünde?« Alle sollen darum in Gemeinschaft mit dem Priester, in einem durch Andacht emporgehobenen Gemüth ihm folgend, die Hände waschen, Alle zu dem innbrünstigen Flehen sich vereinen, »daß Gott ihre Seele nicht mit den Gottlosen verderbe;« daß ihm wohlgefällig werde das Opfer, welches sie darbringen zum Gedächtnisse des Weltheilandes und aller seiner Gnadenwirkungen, sodann in Erinnerung an diejenigen, die Allen vorangewandelt sind hienieden auf den Pfaden der Gerechtigkeit und des Heils, die wir als Vorbilder und als Fürbitter ehren sollen; so daß der Herr[221] »dieses Opfer aus eines Jeden Händen nehme zum Lob und zum Preis seines Namens, zu des Darbringenden Nutzen und zum Besten seiner ganzen Kirche, und daß unter diesen ein Jeder zum ewigen Opfer ihm geweihet werde. Erinnerst du dich, wie das ewige Wort, als es bereit war zurückzukehren zu dem Vater, von dem es gekommen ist, an den Ersten der Apostel, an den Stellvertreter der gesammten Kirche bis ans Ende der Tage, dreimal, bis zu dessen Betrübniß in der Furcht, es möchten Zweifel des Herrn Herz von ihm trennen, die Frage stellte: Petrus liebst du mich? Dieß umkehrend, stellt die gesammte Kirche in jedem Gläubigen, so oft er bei der Feyer der heiligen Mesie in seines Herrn Nähe tritt, in dreimaligem Bekenntniß der Sünden gleichsam dreimal die Frage: Herr liebst du mich? Kannst du mich Sünder lieben? Und ob auch die tröstende Antwort erfolge: ich, ich verzeihe die Sünden! das Gefühl derselben, das gewaltige, das mit Riesenlast drückende treibt in deren ängstigendem, kummervollem Geständniß immer wieder mit zagendem Herzen, mit bebenden Lippen zu der Frage: aber darf ich, darf ich denn wirklich der Verzeihung der Sünde, der Fülle deiner Liebe mich getrösten? Siehe hier, indem du an dem heiligen Opfer Theil nimmst, zwei Glaubensbilder in dir geeinigt, den Zöllner, der nur seufzen kann: »Herr, sey' mir armen Sünder gnädig!« und den Gichtbrüchigen, der freudig ersteht über dem heilenden Wort: »sey getrost mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!« Haben wir so, dem Erzvater Jakob gleich, mit dem Herrn gerungen und nicht ihn loslassen wollen, er hätte uns denn gesegnet, so werden zuletzt auch wir aufgerichtet durch eben das Segenswort, welches leibliche Heilung dem darniederliegenden Gichtbrüchigen brachte. Dergestalt durch geweckten Trost in dem lebendigen Gott, durch das demuthsvolle Geständniß der Schuld, durch das freudige Bekenntniß des Glaubens, durch die erleuchtende Verkündung des Evangeliums, durch das dargebrachte Opfer bereitet; darüberhin gestimmt, in das tiefste Geheimniß des Glaubens, in die Anschauung des Kreuzestodes und der[222] versöhnenden Aufopferung des Herrn, als in den ewigen Born der Gnade, uns zu versenken und ihn, »der von Gott uns zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung gemacht ist,« unter uns und in uns würdiglich aufzunehmen: sollen, aller darniederziehenden Bande entledigt, in erneuertem Schwunge unsere Herzen empor sich heben und Dank sagen Gott unserm Herrn und anbeten in dem Bekenntniß der wahren und ewigen Gottheit die Besonderheit in den Personen und die Einheit in dem Wesen und die Gleichheit in der Majestät, und sollen sich zum dreimal heilig und zum Hosianna in der Höhe mit dem Preis der Engel und Erzengel, mit dem Zittern der Thronen und Gewaltigen, mit dem Lobgesang der Cherubimt und Seraphim auch unsere Stimmen vereinigen. Geheiligt, gereinigt, abgezogen von allem Irdischen, dem Thron der ewigen Majestät uns nahend, verbinden wir mit der Lobpreisung derselben das demüthige Flehen, nun nicht mehr um uns, die wir beruhigt und emporgehoben in der Gewißheit der Gnade stehen, sondern um die gesammte Kirche, deren Glied Jeder von uns freudig sich weiß, »daß der Allmächtige sie im Frieden bewahren, beschützen, in Eines versammeln und regieren wolle.« Denn welche Segnungen er über dieselbe ausgießt, auch wir sind derselben, jeder Gläubige wird ihrer theilhaft, mag ihrer sich freuen; Jeder darum, ob er auch der eigenen Person nicht besonders gedenke, fleht für sich selbst, indem er bitet, daß der Allmächtige bewahren wolle die gesammte Kirche, zugleich mit ihrem sichtbaren Oberhaupte, mit dem eigenen Hirten, der über ihm steht, und mit allen wahren Bekennern des Glaubens, die nicht für sich allein, sondern auch für die Ihrigen, für die Erlösung aller Seelen, für die Hoffnung des Heiles Aller Opfer und Gelübde darbringen; denn nicht vereinsamt und gesondert, sondern in unzertrennter, segnender Gemeinschaft stehen sie mit denjenigen Allen, welche bereits »den guten Kampf gekämpfet haben und mit der Krone der Gerechtigkeit sind geziert« worden. Friede in der Gegenwart,[223] Anreihung an die Heerde der Auserwählten in der Zukunst, das sind die höchsten denkbaren Güter; daher wir für diese nochmals bitten, zugleich aber zuversichtlich bekennen, daß sie uns zu Theil werden einzig und ausschließlich um unsers Herrn Jesu Christi willen. An dessen versöhnendes Leiden wir in der Feyer der heiligen Messe und durch die Feyer der heiligen Messe nicht bloß erinnert werden, wovon wir in derselben nicht bloß sprechen hören, sondern in dessen Mittelpunkt dieselbe uns hineinversetzt, ja daß wir nimmer ihm entweichen können, an dasselbe uns bannt, und in unausforschlicher Weise, was in gegebenem Zeitmoment, an bestimmem Orte geschehen ist, in seiner höchsten und letzten und ewig wirkenden Beziehung als immerwährend und allerwärts Geschehendes mit stets neuer und gegenwärtiger Gnadenwirkung wiederholt, und »das reine, heilige, unbefleckte Opfer« des gekreuzigten Leibes und des verflossenen Blutes vor unsren Augen abermals darbringt, um durch leibliche oder doch geistige, immer aber wahre gläubige Theilnahme daran »mit aller himmlischen Segnung und Gnade erfüllt zu werden; und in dem Frieden, der sein Geschenk, und in dem würdigen Empfang seines Leibes, was seine Gnade seye, dieses Erbarmen an uns bewähren, dafür, damit Niemand in Irrthum, Sünde und Verderbniß falle, »nicht in Erwägung eigenen Verdienstes, sondern in reicher Ausspendung der Verzeihung;« denn nur Christum schaffet, heiliget, belebt und segnet Gott all dieses Gute.« Damit aber in dem Augenblick, in welchem für den Menschen die Aussenwelt gleichsam zerronnen und für ihn nur sein Erlöser und er nur für diesen vorhanden seyn soll, bewahrt werde vor aller Anwandlung tödtender Selbstsucht und Ausschließlichkeit, soll nochmals jeder Theilnehmende gedenken der Unzertrennlichkeit, der Alles umfassenden, unaufhörlichen Einigung und Gemeinschaft sowohl mit denen, welche geschmückt mit dem Zeichen des Glaubens und des Heiles uns vorangewallt, als mit denen, welche zum vollen Genusse der Seligkeit alsbald eingegangen sind; zu wessen Bekräftigung wir noch das[224] Gebet beten, wozu wir durch göttliche Anordnung von dem Herrn und Haupt der Kirche selbst sind herangebildet worden. In so festem, vollem, unerschütterlichem Glauben stehen wir jetzt, es seye Alles, was in irgend einer Weise uns beglückt, Gnade Gottes, und es könnten derselben nur theilhaftig werden diejenigen, welche ihn dafür bitten, daß wir nochmals um Erlösung von allen Uebeln zum Herrn flehen, und »Befreyung von Sünde und Sicherung gegen alle Drangsal« einzig von seiner Barmherzigkeit erwarten. So gewiß, so zuversichtlichfreudig setzen wir darum all unser Vertrauen einzig auf das Verdienst Jesu Christi, des »Lammes Gottes, welches die Sünden der Welt dahinnimmt,« daß wir unter der Anschauung seines Opfertodes, der Veranlassung desselben abermals gedenkend, dreimal zu ihm emporseuszen, er wolle »unser Erbarmen tragen,« wie mit solchem erfüllet worden sind des Herrn Apostel, Blutzeugen und Diener; dieß aber auch geloben wir so ungetheilt, so innig Christo uns zu ergeben, daß wir Befreyung von Sünden einzig durch seinen gekreuzigten Leib und sein vergossenes Blut erwarten, die Kraft, treulich seinen Geboten nachzukommen, nur von ihm erbitten; dafür bekennen wir, unser Vertrauen auf ihn allein setzen zu können, so zuversichtlich, daß wir innbrünstig flehen, es wolle der Empfang seines wahren Leibes und Blutes »uns nicht zu Gericht und Verdammung, sondern zum Heil des Leibes und der Seele gedeihen.« Durch dieses Alles vorbereitet, soll endlich »das himmlische Brod, der Kelch des Heiles empfangen«, durch den Act dieses Empfangs der »Name des Herrn angerufen« werden. Selbst aber zwischen der, mittelst aller Segnungen der göttlichen Lehre und des Naheseyns des himmlischen Lehrers hervorgerufenen beseligenden Stimmung dringt wieder das unabweisliche Gefühl der Unwürdigkeit durch. Dieses aber darf nicht in die schweigsame Verborgenheit des Herzens verschlossen bleiben; dasselbe muß kund werden, denn es ist nicht ein vereinsamtes, es ist ein allgemeines, es ist das, jeden Christen, und den wahren, den seine Seligkeit mit Furcht und Beben Schaffenden zumal, immerfort[225] durchdringendes Gefühl. Darum soll in dreimal wiederholter Selbstanklage ein jeder der Feyer Anwohnende dasselbe aussprechen, zugleich mit dem festen Vertrauen zu derselben Wirkung des Wortes auf die Seele, wie dort bei des Hauptmanus Knecht auf den Leib. Nun ist des Menschen Seele bereitet gleich der Braut, an der kein Fehl noch Mangel erfunden ist, daß ihr Bräutigam mit ihr sich vermähle; daß der Leib und das Blut des Herrn empfangen werde, um dieselbe »zum ewigen Leben zu bewahren.« Von dieser erkräftigenden und zum Leben, das aus Gott ist, von neuem weckenden Zuversicht, von der innern Gewißheit, daß Christi Verdienstes und der Gnade willen, in der er selbst zur Speise des geistigen Lebens sich dargiebt, kein Fleck der Sünde zurückbleibe, soll das nochmalige Abwaschen der Hände Zeugniß geben. Denn, »was der Mund empfangen, das soll in reines Gemüth aufgenommen und die zeitliche Gabe zum ewigen Heilmittel uns werden.« Jetzt ist der gesammte inwendige Mensch wieder bereitet und ertüchtigt, »den Gott des Himmels zu loben und Angesichts aller Lebendigen ihm für die Barmherzigkeit zu danken, die er an uns gethan hat,« und nun in vollem, zweifellosem Trost nochmals zu ihm zu flehen, daß das Empfangene »zum Heil des Leibes und der Seele ihm gedeihe,« durch denjenigen, welcher der Vermittler und der Quell aller Gnaden ist, durch Christum unsern Herrn. Kraft Alles, unter dieser Feyer Empfundenen, Gesprochenen, vor Augen Gestellten, Empfangenen getröstet, emporgehoben, erneuert und gestärkt gehen wir unter dem Segen der allerheiligsten Dreyeinigkeit von dannen. Sollte aber je in anerborener Unvollkommenheit und Erdverwandtschaft der menschlichen Natur das Unsichtbare nicht über das Sichtbare, das Irdische nicht über das Himmlische, das Leibliche nicht über das Geistige und das Zeichen nicht über das Wesen den Sieg davon tragen, sollte nicht in freyem Fluge der Geist über den engen Raum des Tempels sich emporgehoben haben, so wird der Gläubige am Schluß noch durch das Evangelium Johannis gemahnt, daß er mit diesem geistigen[226] Aar sich aufschwinge zum Wort, »das im Anfang und bei Gott und Gott war,« und in solchem Flug es gereinigt, vergeistigt und verzehrt werde, was als irdische Schlacke ihm noch anhängen möchte. Wo, um es mit kurzem Wort zu berühren, wo wäre eine Feyer, oder welche liesse sich erdenken, veranstalten, einführen, die mit so kräftig ergreifender Anregung an unsere Sündhaftigkeit und an das in unser Wesen verflochtene Bedürfniß der Gnade von oben gemahnte; die so zu der jubelreichsten, lautesten Verherrlichung des Dreimaleinen uns dahinrisse; die mit so fest geflochtenem Band an das versöhnende Verdienst Jesu Christi in seinem Kreuzestod, an die über die Gläubigen von diesem ausströmende Gnade uns kettete; die so lebendig die Einigung aller wahren Bekenner Christi in aller Zeit und in allem Raum vor Augen uns stellte; die Gottes unendliche Liebe gegen uns in der Dahingebung des Eingebornen mit den hervorgerufenen Liebesgefühlen gegen alle Bekenner des Namens, »der über alle Namen ist,« in so reinen Accorden erklingen liesse; die so einer Strahlenkrone, zusammengefügt aus den erhabensten Worten der heiligen Schrift, aus den tiefsten Geheimnissen der Offenbarung und aus den geheiligtesten Empfindungen des Menschenherzen gliche, wie die heilige Messe? Und wie tiefgedacht reihen sich, gleich vier lichtstrahlenden Edelgesteinen, demjenigen voran, was des christlichen Glaubens und christlicher Lebensthätigkeit, was des tiefsten Bewußtseyns und dessen unendlich vielfacher Aeußerung Wurzel und Krone, Quelle und Strom ist, reihen sich ihm, dem Gekreuzigten und Verklärten, zum Himmel Aufgestiegenen und alltäglich und überall uns Nahen, die vier am vornehmlichsten hervortretenden Hauptmomente der heil. Messe voran? Das Aufjauchzen der Seele zu dem durch Alles sich offenbarenden Gott in dem Gloria, ihr Dank für die Verkündung seines Heilsbeschlusses durch das Evangelium, die jubelnde Bezeugung freudiger Annahme und treulichen Festhaltens in dem Credo, endlich, hinangehoben zur Einigung mit den himmlischen Heerschaaren, ihr Anschauen und Bekennen des[227] tiefsten und unausdenklichsten Geheimnisses in der Präfation; damit, hiedurch bereitet und gestimmt, der Gläubige sich versenke in das erlösende Leiden und in die versöhnende Aufopferung Jesu Christi, seines Herrn und Hauptes. Siehe aber hier zugleich den hellen, jeden Zweifel zurückweisenden Aufschluß, warum jene Charitas, von der ich früher gesprochen, das unvertilgbare Merkmal und das kostbare Erbgut der katholischen Kirche seye. Es ist unmöglich, der heiligen Messe mit hellem Verständniß, mit innerer Sehnsucht, mit heiliger Andacht oft beizuwohnen, ohne daß die milde Wärme jener Charitas mehr oder minder anregend in dich einströmte. Denn es wird hier von jener »Liebe, die stärker ist als der Tod, und welche alle Flammen der Trübsal nicht auszulöschen vermögen,« nicht bloß zu dir gesprochen, es werden dir über dieselbe nicht allfällige Betrachtungen angestellt, es werden nicht beliebige Nutzanwendungen davon gemacht, sondern du wirst hineingezogen, gekettet, versenkt in »das Geheimniß der Liebe, in welches auch die Engel mit voller Luft hineinschauen.« Dasselbe wird vor dir offen, klar und laut, es wird unablässig und in seinem vollesten Umfange erneuert vor deinen Augen; dasselbe begnügt sich nicht damit, daß du es dir aneignest, sondern es ergreift dich, daß du dich ihm aneignest; Christus will darin nicht allein in Liebe dir sich verbinden, sondern ebensosehr sollst du in Liebe ihm dich verbinden, und allsofort, was du von ihm gewonnen hast, ohne Vorbehalt oder Beschränkung, in vollem, unbemessenem Maaß übertragen auf Alle, die er berufen hat, gleichwie auch sie Alle dasselbe auf dich übertragen. Und diese, in der höchst möglichen Feyer und durch die höchste denkbare Feyer des Gottesdienstes den gläubig Anwesenden unabweislich durchströmende Gesinnung sollte unfruchtbar bleiben für das Leben? Gehet hinaus durch die Länder, durch die Völker, durch die Zeiten, ? die herrlichsten Früchte in tausendfacher Gestaltung werden überall euch entgegenlächeln, alle hervorgebracht einzig durch diese Feyer, gezeitigt durch dieselbe. Alle die hunderfältigen Stiftungen für jegliches Erforderniß des vielfach bedrängten,[228] immer mit unzähligen Kümmernissen ringenden Menschenlebens, so zahlloser Einzelner Darangeben der eigenen Person an die Noth, an die Hülfsbedürftigkeit, an die rath- und thatreiche Förderung Anderer, alle die Opferfreudigkeit, die hier durch die Weise seiner Verwendung dem zerrinnenden Gut die Segnungen des Bleibenden zuzuwenden weiß, dort das zur Fortdauer bestimmte Leben in der Wirksamkeit für die Gegenwart aufgehen läßt; dieß Alles hat seinen verborgensten Keim und seine zartesten Wurzeln und die volle Kraft zu seinem Gedeihen in der heiligen Messe, in der unablässig uns vor Augen gebildeten Dahingebung des Eingebornen zu unserer Erlösung, in der unausgesetzten Mahnung, die ihr entquellenden Gnaden nicht uns allein anzueignen, sondern dieselben überzutragen auf Alle, die der Theilnahme daranberufen sind und waren. Wenn denn sie, die selbst das Buch geschlossen und damit dessen so reicher als klarer Innhalt ihnen fortan ein verborgener bleibe, mit eigener Hand das Siegel daran gelegt haben, wenn denn sie so schweres Gewicht darauf legen, daß der Mensch allein durch den Glauben gerecht werde, wie mögen sie nicht sehen, daß hier mehr seye? Steht nicht derjenige, an den wir glauben sollen, höher als der Glaube, der nur die Wirkung, indeß Jener die Ursache, nur das Abgeleitete, indeß Jener der Quell, und die mehr oder minder klare subjective Anschauung, indeß Jener das reine Object ist? Die heil. Messe aber bringt uns in lebensquellende Verbindung mit der Ursache, setzt uns in den Quell hinein, stellt uns in unmittelbare Gemeinschaft mit dem Object. Damit gewinnt zugleich die Lehre, daß der Glaube eine Gnade Gottes seye, ihren sichern Boden, ihre richtige Bedeutung; denn hiedurch nur kann die Subjectivität des Menschen zu der Objectivität Gottes in Beziehung gesetzt, somit verklärt werden. Auch stellt sich die heil. Messe in reinern Einklang mit dem geschriebenen Wort Gottes, welches uns sagt, daß Christus uns zur Gerechtigkeit gemacht seye; denn sie bringt uns in unmittelbare Verbindung mit ihm, indeß die tiefgedachteste Rede über den Glauben nur eine durch die[229] Subjectivität für die Subjectivität vermittelte zu bewerkstelligen vermöchte. Haben aber diejenigen, welche von Kanzeln und in Büchern und Blättern immer von der menschlichen Selbstgerechtigkeit sprechen, der die katholische Kirche das Wort rede, und von der persönlichen Werkheiligkeit, der sie des Vaters Gnade und des Sohnes Verdienst leichtfertig und gewissenlos unterordne; haben diejenigen, welche gläubigen Hörern oder Lesern zu Festigung des Wahnes, als wüßten unfehlbar nur die von der Kirche Getrennten die unermeßliche Wohlthat der Erlösung würdiglich zu erfassen, die Anschuldigung von Abschwächung, wohl gar Verschmähung derselben durch die katholische Kirche immer von neuem wieder darbieten, haben diese Alle je auch nur einen oberflächlichen Blick auf den Canon der Messe geworfen? Daß sie dieses der Mühe werth mögen gehalten haben, muß zu ihrer Ehre bezweifelt werden, denn sonst würde die Schuld der schmählichsten, der frechsten Unredlichkeit auf ihnen lasten. Faßt nicht der Canon, gleichwie das Ganze der heiligen Messe, die allertiefste und zugleich die allgemeinste Manifestation des kirchlichen Gesammtlebens, das innerste Mark der Lehre und des Glaubens zusammen, wie diese von den urältesten bis in die neuesten Zeiten hinab allenthalben, wo die Kirche Wurzel gefaßt hat, unverändert verkündet, von Jedem, der wahrhaft ihr angehören wollte, ungezweifelt angenommen worden sind? Wo wäre ein freyeres und offeneres Bekenntniß der Schuld und eigenen Unfähigkeit, wo ein zuversichtlicheres und sehnsuchtsvolleres Hinwenden zu dem alleinigen Mittler zwischen Gott und den Menschen, wo ein wankelloseres und unbedingteres Ergreifen des allein in dem Kreuzestode des Gottes-und zugleich Menschensohnes dargebotenen Heiles zu finden, als in der Feyer der heiligen Messe? Von dem ersten bis zu dem letzten Moment derselben flicht sich beiderlei Empfindung, die der selbstverschuldeten Trennung von Gott und die der Versöhnung und Gnade, durch alle Worte, Handlungen und Symbole. Und das könnte die satte Unwissenheit in wegwerfendem Hochmuth mißkennen,[230] das könnte die unbelehrbare Verblendung nicht blos in Zweifel stellen, nein, geradezu umkehren wollen! Christus, und zwar Christus der Menschgewordene, Christus der Weltheiland, Christus der unserer Sünden willen Gestorbene und unserer Rechtfertigung wegen Auferstandene über Alles, durch Alles, für Alles, das ist die constante Lehre, das ist der Cultus der katholischen Kirche; an diesen Christus, und nicht an einen andern, ist sie mit ehernen Ketten gekettet. Darin dann ist die heilige Messe der Innbegriff aller Katholicität (Allgemeinheit) zu nennen, daß sie alle höhern und tiefern Saiten des menschlichen Gemüthes berührt; daß sie ferner unabhängig ist von aller Individualität, diese derselben nichts beifügen, ihre Bedeutung und Wirksamkeit nicht schwächen, den Glauben nicht auf falsche Bahnen lenken, durchaus nicht von Christo, dem Erlöser, ihn abziehen kann, sondern sie in demselben ihn wurzeln lassen muß; daß sie im weitern überall nur Eine und dieselbe ist, so daß der Mensch, wenn er durch unsichtbare Gewalt mitten aus ihrer Feyer herausgerissen und an einen Ort versetzt würde, der Hunderte von Meilen von demjenigen entlegen wäre, an dem er zur Anwohnung bei derselben sich eingefunden, er bei ihrem gleichzeitigen Beginn an beiden Orten weder Unterbrechung noch Abweichung, bloß die Vollendung dessen wahrnehmen könnte, was an dem ersten Orte angefangen worden; daß sie ferner nicht eine auf besondere Tage beschränkte, nach längern Fristen wiederkehrende, nur an einzelnen Orten vor sich gehende, sondern eine allerwärts und alltäglich und überall und immerdar in gleicher Bedeutung und mit gleichem Gewicht und in gleicher Wirksamkeit sich wiederholende Feyer, gleichsamt der Athemzug des mit dem Haupt verbundenen Körpers ist; daß endlich selbst der Verlust des einen oder des andern der äussern Sinne, des Auges oder vornehmlich des Ohres von fruchtbarer und segensvoller Theilnahme an derselben nicht ausschliessen würde; und daß ihr zuletzt der Charakter eines objectiven Gottesdienstes, d. h. einer von dem Gläubigen zu Gott aufsteigenden Verehrung in dargebrachter[231] Verherrlichung, Lobpreisung und Opfer (was einzig dem Begriff von Gottesdienst genügend und würdig entspricht) unvertilgbar aufgedrückt ist, ohne deßwegen die von Oben herab auf die Gläubigen niedersteigende Anregung, Bereitung und Belehrung auszuschliessen. Nach dieser Abschweifung kehre ich zur Andeutung des weitern Ganges meiner innern Fortbildung zurück. Jene Uebersetzung von Innozenzens Schrift hatte das letzte Hinderniß beseitigt, die seit drei Jahren begonnene Erkenntniß katholischer Wahrheiten, die in der Trennung von der Kirche so übereilt verworfen worden, vollendet, in den organischen Zusammenhang zwischen Innerem und Aeußerem, zwischen Unsichtbarem und Sichtbarem, zwischen Lehre und Anordnung immer klarer mich blicken lassen. Es galt nur noch, die äussern Hindernisse einer persönlichen Wiedervereinigung, oder vielmehr das einzige mögliche Hinderniß zu beseitigen; denn andere unvermeidliche Folgen, wie untrüglich auch dieselben vorauszusehen waren, durften als Hindernisse nicht anerkannt werden. Wer das Bekenntniß der Wahrheit und die Annahme der dargebotenen Heilmittel von dergleichen abhängig machen kann, bei dem verwandelt sich jene in Lüge, und schlägt die Verschmähung von diesen in das entgegengesetzte um. So wie aber eine geheimnißvolle höhere Macht vom dem Anschauen des Aeussern der Kirche in deren Inneres mich hineingeführt und hier nach längerm Umblicken auch in diesem mich überwältigt hatte, und beharrlicher Widerstand nimmer möglich war, leuchtete mir ein, daß das offene Bekenntniß gefestigter Ueberzeugung wohl kaum an einem andern Ort füglich könne ausgesprochen werden, als an dem Mittelpunkt der Kirche selbst. Hiezu kam jedoch noch ein anderer Beweggrund. Mittheilungen aus Rom in Reiseberichten und in öffentlichen Blättern[232] enthalten in Betreff der kirchlichen Zustände daselbst, der Stellung der Kirche zum Leben, namentlich dann des Verhältnisses der zu ihrer obersten Lenkung berufenen Individualitäten zu dem Geist und den Anforderungen derselben Widersprüche, die oft auf keinen Vergleichspunct sich zurückführen lassen. Es ist schwer, unter dem Gewirre so vieler und wenn nicht immer gewichtiger, doch häufig stürmischer Stimmen die erforderliche Unbefangenheit zu gewinnen. Droht hier die eine Klippe, so steht ihr gegenüber eine andere. Oftmals nemlich stellen die Gestalten der Dinge, die wir nur aus weiter Ferne anschauen können, unserm Auge sich dar gleich den Aposteln und Heiligen über dem hohen Eingang in St. Peterskirche, als sorglich ausgeführte Gebilde, indeß, in der Nähe beschaut, sie mehr rohen, unförmlichen Massen gleichen. Ich wollte also auch von dieser Seite mir Gewißheit verschaffen; ? ich wollte selbst sehen, erst mich überzeugen, ob das gesammte Thun und Wesen an dem Mittelpunct der Kirche die Prüfung auch in der Nähe nicht zu scheuen habe? Ich wollte ein so ernstes und gewichtiges Vorhaben ebensowohl jeden Einfluß berückender Illusionen entziehen, als gegen spätere Zweifel, es mochte doch in Wahrheit Manches wohl anders sich verhalten, als wie gutmüthige Meinung es anzunehmen geneigt wäre, mich sicher stellen. Bevor ich aber zu solcher Reise mich entschloß, sollte ein Band kleinerer Schriften erscheinen. Ich hatte mich langst schon mit dem Gedanken getragen, eine solche Sammlung zu veranstalten und dieselbe mit Aufsätzen zu eröffnen, die auf Geschichte und Politik Bezug hätten. Wie aber jene Ueberzeugung gewonnen und jeder Widerstand gegen den Zug zu der Rückkehr in die Kirche unmöglich geworden war, schienen mir die Verhältnisse eine Aenderung des Planes zu gebieten und gewissermassen zu fordern, daß dieser erste Band mehr derartige Aufsätze enthalte, welche meiner vormtätigen amtlichen Stellung den Ursprung verdankten, wozu dann auch eine Auswahl von Predigten durfte gezählt werden. Hiemit sollten unverdächtige Belege dazu gegeben werden, wie ich mir zu je Zeit meine[233] Stellung gedacht, was ich dabei angestrebt, in welchem Geist und nach welcher Gesinnung ich die Wahrheiten der Offenbarung zu verkünden mich beflissen. Anneben liessen sich in der Vorrede im Vorübergehen einige Blicke auf den Zustand des Protestantismus in gegenwärtiger Zeit werfen, dann in Beurtheilung desselben und in Andeutung der unabweislichen Ansichten Winke geben, deren Würdigung ein endliches Lossagen von demselben, als von einer keine Befriedigung darbietenden Sache, so unerwartet hätte nicht finden sollen. Mit dem Vorsatz, so anders Rom darin nicht würde wankend machen, als Sohn der mit allen Gnaden ausgestatteten und alle Gnaden spendenden Mutter zurückzukehren, bestieg ich am 29. Februar 1844 den Postwagen, ohne irgend Jemand einen andern Beweggrund mitzutheilen, als den so natürlichen, das schöne Italien mit allen seinen Herrlichkeiten jeder Art zu sehen; selbst ohne gegen die mir zunächst Stehenden etwas Anderes durchblicken zu lassen. Es hat aber von jeher zu meinen Eigenthümlichkeiten gehört, die wichtigsten Vorhaben, die mich selbst berühren, so lange sie bloß noch Entwürfe sind, oder nur noch dem Reich der Möglichkeiten angehören, in mich zu verschließen, nur vor mir selbst sie anzuschauen und zu überlegen, und dann erst davon zu sprechen, wenn sie gereist sind, wenn zu ihrer Verwirklichung geschritten werden soll. Darum ließ ich auch gegen den Hrn. Fürstabt von Einsiedeln, den ich auf dem Wege besuchte und von dem ich selbst einige Aufträge nach Rom mitnahm, nicht das Geringste durchblicken; aber auch er berührte Derartiges nicht mit einer Sylbe, wiewohl ich ahnen konnte, daß er bei seinem Wohlwollen gegen mich eine solche Wendung mit warmer Liebe wünschen möchte. Ebensowenig weckte ich dergleichen Hoffnungen bei Sr. Excellenz, dem Hrn. Nuntius, bei welchem ich Empfehlungsbriefe an mehrere Cardinäle in Empfang nahm und leisen Andeutungen die allgemeinsten und unbestimmtesten Erwiderungen entgegenstellte. Einzig der Prior der Cartäuser zu Ittingen gestand mir nachher, er seye am Tage vor meiner Abreise nach einem mir gemachten[234] Besuch nicht ohne sichere Ahnung meiner Rückkehr in die Kirche geschieden, und habe auch deßwegen unverzüglich nach Paris geschrieben, um mich der Fürbitte der Erzbruderschaft zum unbefleckten Herzen Mariä zu empfehlen, welche sofort, wie mir Freunde nachher geschrieben, unablässig eingelegt wurde. Wenn ich hier einige Erinnerungen aus Italien folgen lasse, so geschieht dieß keineswegs in der Absicht, die Reiseberichte über dieses Land mit einem solchen zu vermehren, der weder dem längst Bekannten und bis zur Uebersättigung Abgehandelten Neues beifügen, noch durch das Ueberraschende der Auffassungsweise oder durch Originalität der Darstellung vorübergehend anziehen und befriedigen könnte! Zu jenem dauerte mein Aufenthalt zu kurz, zu diesem würde mir die erforderliche Gewandtheit mangeln. Ich beschränke mich nur auf Weniges, was zu dem Hauptzwecke meiner Reise in Beziehung steht, entweder nur subjectiv mich berührt, oder von Andern, weil so specielle Veranlassung ihnen dazu fehlte, vielleicht auch, weil sie minder Neigung dazu hatten, weniger berücksichtigt worden ist. Es giebt wenige Menschen, welche Verumständungen oder Begegnisse, auch einzelne Erscheinungen oder Wahrnehmungen, die mit dem Vorabend der Ausführung folgereicher Unternehmungen zusammentreffen, zu diesen in einige Beziehung zu setzen, nicht geneigt wären. Was zu anderer Zeit Hundertmal unbeachtet an uns vorübergegangen, oder was aufgenommen worden wäre, als für sich bestehend, wird alsdann gerne mit der nächsten oder fernern Zukunft in Verbindung gebracht; nicht gerade im Sinn der Präsagien der Alten, als bestimmter Wink, aber doch als Hoffnung weckende oder Besorgniß einflössende[235] Vorbedeutung. Weiter als zu froher Erwartung uns zu stimmen, heiteren Blickes dem Ziele entgegenzugehen, die Hoffnung gedeihlichen Ausganges zu steigern, darf die Annahme derartiger Beziehungen nicht gehen, soll sie nicht in verwerflichen Aberglauben umschlagen. Es ist das Glück auf! das Weidmanns Heil! welches der Begegnende dem zu Berg fahrenden Knappen, dem zu Forst ziehenden Jäger zuruft, nur, anstatt im Wort, in irgend einem Begegniß, in irgend einer allgemeinern Erscheinung an uns gerichtet. Als solche ermuthigende Vorbedeutung nahm ich meine Fahrt über den Gotthart am 5. März, sonst einem Trauertage für die Schweiz, wäre, dessen Bedeutung würdigen zu können, noch Fähigkeit vorhanden! Zu Schaffhausen schon hatte wohlmeinende Besorgniß gegen den Uebergang über das Gebirg in solcher Jahreszeit und bei den Berichten von häufigem Lawinenfall während des verflossenen Winters Bedenklichkeiten erhoben. In Einsiedeln wurde mir eine abschreckende Schilderung gemacht von den Beschwernissen, wenn auch nicht gerade Gefahren, die unfehlbar meiner warten würden. In Luzern begleiteten mich Wind und Regen aus einer Gesellschaft in den Gasthof, und gewährten bei möglicher Einwirkung auf die furchtbaren Schneemassen eben nicht besondere Beruhigung. Als ich aber am frühen Morgen vor Tagesanbruch das Dampfschiff bestieg, strich durch das zerrissene Gewölke ein frischer Wind über den See. Die Sterne blinkten. In goldenem Flimmern traten die Hörner der Gebirgsstöcke aus dem weichenden Dunkel heraus, und der kalte Morgen verbürgte wenigstens, daß selbst an den bedrohlichsten Stellen der Schnee nicht könne gelockert seyn. In Flüelen betrat ich den hart gefrornen Boden und in voller Strahlenpracht glänzte die Sonne vom Himmelsgewölbe. Alles verhieß den schönsten Tag, die günstigste Fahrt. Zu Wagen giengs über Amsteg hinaus nach Wyler, wo die Schlitten bereit standen, um die für diese Zahreszeit ungewöhnliche Reisegesellschaft von acht Personen aufzunehmen. Der Himmel war so rein, die Luft so still und bewegt, die Sonne so klar[236] über uns, daß bis weit hinauf über Ospental, wo allmählig dieselbe hinter die Hohen sank, Mantel und Oberrock füglich hätten mögen entbehrt werden, und der Conducteur versicherte, wohl an hundert Tagen könne man die Reise über das Gebirge machen, ohne, zumal in der rauhern Jahreszeit, einen einzigen zu treffen, der während seiner ganzen Dauer dem damaligen gleich käme. So mochte es mir nun als gute Vorbedeutung gelten, daß von all dem Bedenklichen, was doch so ganz unbeachtet nicht geblieben war, nicht nur nichts mir sich entgegenstellte, sondern die Fahrt so behaglich war, wie eine in den Frühlingstagen in anmuthigem Thal immer nur seyn könnte. Großartiger und des Ungewohnten wegen eindrucksreicher war sie jedenfalls, als eine solche; ein stundenlanges Weilen in dem ernsten und schimmernden Riesenpalast des Winters, ein rasches und dennoch gemächliches Hingleiten durch denselben. Hier führte die Straße, wie zwischen den Wällen einer durchbrochenen Festung, durch eine gewaltige Lawine, in deren Marmorwände abgesägte Baumstämme, gesprengte Felsen und die Wurzeln weggerissener Tannen eingekeilt waren. Dort zeigten sich verwüstende Spuren mächtiger Schneestürze; oben in den Schöllenen ward mir der seltene Anblick einer am jenseitigen Rande der Schlucht niederfallenden Lawine zu Theil, zwar klein, aber in ihrem Herabrollen über den Felsen in dem hellen Sonnenlicht vollkommen einem Wasserfall von blendendem Silberglanz gleich; und, damit keinerlei Erfahrung fehle, wurde ich oben in der Nähe des Urnerschen Schirmhauses aus meinem Schlitten in den Schnee geworfen, zu wahrem Ergözen, weil ich wohl bei einer Minute lang das Unvermeidliche nahen und in dessen langsame und gemächliche Vorbereitung hinein sah, bis ich endlich, in meinen Mantel gehüllt, weich und tief im dem kalten Bette lag, in welches ich aber ohne Hülfe des Postillons immer tiefer hinabgesunken wäre, ohne Möglichkeit, mir durch bloß eigene Anstrengung wieder heraushelfen zu können. Ich hatte vor einigen Jahren den gleichen Weg bei gleich heiterem Himmel am ersten September gemacht. Wie verschieden[237] war nicht beidemal der Anblick des Gebirges! Damals überall in Zacken und Spitzen aufstarrend, in scharfen Gräten sich hinziehend, jetzt durch den hohen Schnee Alles abgerundet; statt der schroffen Formen gewaltige Wellenlinien in leichten Senkungen und Hebungen; die oft tiefe Kluft, in der die Reuß schäumt, völlig ausgefüllt, daß man gemeint hätte, von ihrer einen Seite zu der andern ebenen Fußes hinübergehen zu könneu. An mancher Stelle führte die Bahn in einer Höhe von 15 Fuß über den Schnee, denn tief unter derselben ragten die Köpfe der Wehrsteine daraus hervor, und in Urseren führten überall eingehauene Stufen zu den Hausthüren hinab. Wie schwindlicht aber die Fahrt über die Tremtola nach Airolo, wo der Schlittweg nicht der Fahrstraße folgte, sondern oft drei, vier Krümmungen derselben in gerader Linie, oft so jäh als ein Kirchendach abschnitt! Einiges Grauen wandelte über dem pfeilschnellen Hinabschiessen dennoch mich an, zumal als, bevor die Mitte erreicht war, eine der Stangen, mittelst deren das Pferd den Schlitten halten und leiten sollte, knickte und nur nothdürftig wieder zusammengebunden ward. Glücklicher Weise milderte die Dämmerung den scheuen Blick in die tiefen Klüfte, und der flugartige Lauf entrückte ihre Schauer dem Auge so rasch, daß der Furcht keine Zeit blieb, sich fest zu klammern. Wer je diese Fahrt im Sommer gemacht hat, findet sich in eine durchaus unbekannte Welt versetzt, wenn er im Winter sie wiederholt. Alsdann hat sie ihre eigenthümlichen Reize, muß sie einen bleibendern Eindruck zurücklassen, wenn anders sie so gefahrlos und so ohne alle Beschwerde gemacht werden kann, wie ich mich dessen erfreuen durfte. Der fünfte März hatte mir sein: Glück auf! zugerufen zur Fahrt nach Italien. Ich nahm den heitern Himmel, den klaren Sonnenschein, die milde Luft, den leichten Uebergang über das Gebirg als gute Vorbedeutungen hin. Wie ich einen Tag früher die Witterung ungleich schlimmer getroffen hätte, so wäre auch am Tage nachher dieser Uebergang weit unbehaglicher, wo nicht beschweelicher gewesen.[238] Schon in Bellinzona, wo ich in der Residenz der Benedictiner von Einsiedeln einen angenehmen Rasttag zubrachte, gemahnte ein schneidender Wind, wenn nicht an den Norden, jedenfalls an die Nähe der Hochgebirge, und Kälte, Nebel und unaufhörliches Schneegestöber verwandelten vollends die Fahrt über den malerischen Langen-See in das Gleichgültigste und Bedeutungsloseste von der Welt. Ueberhaupt habe ich von Italiens mildem Himmel erst in Genua, und von dort aus erst in Terni von einem frühern Frühling etwas verspürt, dagegen in den hohen, ungeheizten Zimmern, obwohl in doppelte Kleidung gehüllt, doppelt gefroren, sobald mir von der milden Luft, die bereits sich fühlbar machen wolle, gesprochen wurde. Könnte es mir beifallen, einen Reisebericht in gewohnter Art zu geben, so müßte ich nothwendig von dem Eindruck sprechen, welchen der Dom in Mailand auf mich machte; denn jetzt sah ich denselben im Innern in seiner erhabenen Würde zum Erstenmal, da sie vor sechs Jahren zum Behuf der Krönung dessen Mittelschiff in einen ungeheuren Festsaal verwandelt, die Nebenschiffe aber abgesperrt hatten. Doch auch dießmal ward der Anblick durch ein ungeheures Tuch, welches der Fastenpredigten wegen in mäßiger Hohe über einen grossen Theil des Raumes gespannt war, wesentlich verkümmert. Aber ich müßte dann auch mit gewohntem Touristen-Ausdruck von dem Glück sprechen, welches mir zu Theil geworden, die Fanni Elsler in der Scala tanzen zu sehen, indeß ich lieber von dem Eckel sprechen möchte, der über dem plumpen Götzendienst mich anwandeln wollte, welchen ich ihr zuwenden sah. Ein allgemeiner Empfehlungsbrief an alle Cartaufen Italiens hatte mir nicht die Kirche derjenigen von Pavia, die jedem Reisenden offen steht, geöffnet, wohl aber eine genauere Besichtigung dieser einzigen Schatzkammer kirchlichen Kunstreichthums möglich gemacht. Die Brüder, ich glaube eilf an der Zahl, waren erst seit vier Monaten in das seit zwei Menschenaltern verlassene Haus wieder eingezogen. Doch fand ich bereits einen Novizen unter ihnen. Welcher Contrast zwischen dem[239] großartigen, auch in dem Unbedeutendern das Gepräge vormaligen Reichthums an sich tragenden Bau, dessen weite Gänge, selbst einzelne Zellen, mit den zierlichsten Sculpturen ausgeschmückt sind, und der gegenwärtigen Armuth, in welcher jede Ueberschreitung der Ordensregel eine reine Unmöglichkeit wäre, da die Brüder ohne tägliche Unterstützung des edelgesinnten Grafen Mellerio zu Mailand nicht einmal kümmerlich, wie jetzt der Fall ist, bestehen könnten. Und dennoch habe ich auf ihren Gesichtern den unverkennbaren Ausdruck heiterer Ruhe und des innern Seelenfriedens lesen können, habe in dem P. Prior einen freundlichen und in dem P. Vicar einen wissenschaftlich gebildeten Mann gefunden, der mir in seiner Celle schon den Anfang einer kleinen Bibliothek vorwies. Denn die Räume, über deren marmornen Thüreinfassungen das Wort Bibliotheka zu lesen ist, stehen verödet. Gelbe Rüben und Kartoffeln, beide der Fastenzeit wegen in Oel gekocht, wären ihre tägliche Nahrung, bemerkte mir der Erstere; doch wollte er mich mit einer Flasche Wein oder mit Kasse bewirthen, wofür ich ihm aber meinen verbindlichsten Dank sangte. In der Schenke unten im Dorf, wo ich des Postwagens von Mailand harrte, drückten die Bauern ihre Zufriedenheit darüber aus, daß die guten Väter endlich wieder zurückgekehrt wären. »O! sie singen so schön,« sagte Einer; »und« fügte ein Anderer bei: »sie führen ein so strenges Leben.« Die Bauern priesen den Kaiser, der das Kloster zurückgegeben, und den Grafen, der die Rückkehr der Ordensbrüder möglich gemacht habe, und versicherten mich, man freue sich dessen in der ganzen Umgegend; freilich hätten dieselben es jetzt hart, aber es seye zu hoffen, daß ihre Lage allmählig wohl sich bessern werde. Wohlwollendem Bemühen in Pavia vervanke ich die seltene Auszeichnung, daß mir die Reliquien des heiligen Augustinus[240] gezeigt wurden. Sie werden in der Capelle des Heiligen unter dem Altar in einer Nische mit drei Schlössern aufbewahrt, wozu die Schlüssel unter den Bischof, das Domcapitel und den Stadtrath getheilt sind. Sie, nach dem Vandalensturm von den Gläubigen auf die Insel Sardinien gerettet, hatte der LongobardenKönig Luitprand für sein geliebtes Pavia um Goldgewicht von den Saracenen erworben. Durch verdankenswerthe Veranstaltung des Hrn. Professors Pertile wurden jetzt die drei Schlüssel zusammengebracht, die Nische geöffnet und der Glaskasten, in welchem die kostbaren Ueberreste enthalten sind, aus dem silbernen Schrein, welcher jenen umschließt, auf einen bereiteten Tisch gestellt, in Gegenwart einiger Canoniker der Domkirche und mehrerer anderer Geistlicher. Ein Gefühl, zu dessen Schilderung die Sprache zu arm ist, durchbebte und bewältigte mich, als ich dieser irdischen Hülle mich nahte, welche einst einen so mächtigen, einen durch himmlisches Licht so erleuchteten Geist umschloß. Ich empfand eine unnennbare Bewegung, als ich vor diesen Ueberresten eines Mannes stand, den einst die Macht der göttlichen Gnade von den düstersten Irrgängen hinwegriß und auf die Bahn des Heils stellte; die ihn von den schwindlichten Höhen einer stolzen Philosophie herabzog, um in Demuth zu den Füßen des Kreuzes zu bekennen, daß alles wahre Geistesleben nur aus dem Born der Gnade quelle; die in so merkwürdiger Leitung ihn zu ihrem außerwählten Rüstzeug bestimmte, daß er zum Kämpfer, Lehrer, Vorbild und Herold des Glaubens erst für sein Zeitalter werde, sodann zum Strom des Segens, der befruchtend Jahrhunderte hinab durch die Gefilde der Kirche sich ergiesse. Eines nur war mir in der unmittelbaren Nähe dieser heiligen Ueberreste peinlich: daß ich diese Gefühle in mich verschliessen müßte, ihnen wenigstens durch äussere Beweise der Ehrerbietung nicht, wie es mich drängte, den vollen Lauf lassen konnte. Besorgniß vor dem Verdacht, daß ich nur gegebenes Beispiel nachahmen, in Gefälligkeit Andern mich anbequemten mochte, legte mir Zurückhaltung auf; ich wollte lieber gleichgültiger, als bloß gefällig scheinen, lieber[241] nichts thun, als der Meinung Raum geben, es ginge nicht aus vollester Ueberzeugung hervor. Aber das darf ich jetzt wohl gestehen, daß der Anblick dieser Ueberreste, die Sorgfalt, mit der sie aufbewahrt werden, die Ehrerbietung, womit Jeder ihnen sich näherte, die Kunde, welch einen Schatz die Stadt Pavia in deren Besitz anerkenne, zu Festigung in mei nem Vorsatz nicht wenig beitrug. Insofern ist der heil. Augustinus und was von seiner irdischen Hülle der Verehrung der Gläubigen sich noch erhalten hat, mittelbar wenigstens nicht ohne Einfluß auf mich geblieben. Wer aber mag, wo es sich um Einflüsse der Gnade handelt, das Mittelbar und Unmittelbar scharf auseinander halten! Eine Verbindung, welche diejenigen, die vor anderthalb Jahrtausenden in ihr geleuchtet haben und fortan noch leuchten, die, persönlich gegenwärtig, segensreich in ihr gewirkt haben und, leiblich dahingenommen, fortan noch wirken, die deren Säulen in jeder Beziehung waren und fortan noch sind; eine Verbindung, welche das Andenken an dergleichen Männer nicht bloß in dem stummen Wort der Bücher aufbewahrt, sondern in der lebensfrischen Erinnerung aller Geschlechter und aller Stände und aller Lebensalter erhält, ja dieselben nicht bloß in der Erinnerung, sondern auch dasjenige von ihnen noch ehrt, was sonst an Millionen Menschen unbeachtet der Verwesung anheimfällt ? und würde hiezu auch nichts Anderes als Dankbarkeit der Beweggrund seyn ? eine solche Verbindung ist mindestens achtungswerth, zu ihr muß sich hingezogen fühlen, wer das Verdienst in irgendwelchem segensvollem Wirken zu würdigen geneigt ist. Eine solche Verbindung aber ist die Kirche, und solche dankbare Anerkennung läßt sie denjenigen wiederfahren, welche im dreifachen Lichte des Glaubens, des Handelns und des zu Gott gewendeten Wissens in ihr geleuchtet haben. Und dann welcher Gegensatz zu den Menschen gewöhnlicher Art, die den Begriff eines Schatzes an den Besitz irdischer Kostbarkeiten knüpft, oder das, was hier der Sterblichen schaffender Geist, dort ihr sinniger Fleiß an kunstreichen Gebilden zu Tage gefördert, mit erstaunlichem[242] Aufwand zu vereinen, mit eifersüchtigem Blick zu hüten, in begeistertem Wort zu preisen sich bemüht; hier aber theurer und höher und werther als Jenes und Dieses unscheinbares Gebeine deßwegen achtet, weil frommer Glaube den Geist, welchen dasselbe unter den Sterblichen einst getragen und umschlossen, den Auserwählen Gottes beizählt, die an seinem Thron als Fürbitter für ihre hienieden wallenden Brüder und Miterlösten stehen! Mit solchen Gedanken, bewegt von mancherlei Gefühlen, schied ich von diesen Ueberresten, jedenfalls nicht ohne segensreiche Wirkung ihres Anblickes; und wär' es auch keine andere, als daß solchen Riesen der Erleuchtung und der Begnadigung gegenüber der geirohnliche Mensch als Zwerg sich vorkommen muß. Diejenigen, die mich kennen, oder deren Urtheil Werth für mich haben kann (Andern sey Freiheit gegönnt, in die Welt hinauszuklügeln oder hinauszularmen nach voller Lust), werden mich keiner Anmassung oder Selbstüberhebung zeihen, wenn ich sage, daß mir eine etwelche Aehnlichkeit mit dem grossen Kirchenlehrer vorschwebte. Auch er war in eine weitherrschende Irrlehre, in diejenige der Manichäer, verstrickt; auch er ahnete, daß in ihr die volle Wahrheit, nach der sein Verlangen gieng, nicht enthalten seye; auch er sah die Partei, in die er anfangs getreten, in mancherlei Lehrmeinungen zerrissen; aber auch er blieb dennoch derselben lange getreu; aber auch er schätzte an Ambrosius anfangs mehr den Schmuck der Redekunst, als den Vollgehalt rechtgläubiger Wahrheit (gleich wie ich mehr den äussern Bau der Kirche erkannte, als ihrer innern Gnadenfülle nachspürte); auch er wurde zu dieser hinübergezogen, wenn nicht gegen, doch ohne wahres, hellbewußtes Verlangen; und was für ihn der grosse Erzbischof von Mailand geworden ist, das ward für mich der grosse Nachfolger des Apostelfürsten am Anfang des dreizehnten Jahrhunderts. Ihn hatte Ambrosius, mich Innocenz der Dritte zurückgerissen, überwältigt. Ebendeßwegen erschien mir Hrn. Poujoulats Geschichte des grossen Kirchenlehrers ein willkommenes Geschenk für unsere Zeit, und[243] bot, als er mir das seiner Vollendung entgegengereifte Vorhaben mittheilte, der Gedanke sich dar, dassalbe alsbald auf deutschen Boden zu verpflanzen6. Sodann gieng es mir hier, wie es dem Menschen mit dem Menschen oft zu gehen pflegt: man trägt grosse Hochachtung gegen Jemand in sich, man ist mit tiefer Verehrung gegen irgend eine hochstehende Persönlichkeit erfüllt: sind wir aber erst in des Mannes Nähe gekommen, haben wir einigen Umgang mit ihm gepflogen, ist seine nähere Bekanntschaft uns zu Theil geworden: alsdann werden Achtung und Verehrung erhöht, unerschütterlich begründet, es wird dieß Alles lebendiger, es tritt in nähere Beziehung zu uns, es treibt uns, auch dasjenige zu vernehmen, was zuvor uns gleichgültiger gewesen wäre. Als ich endlich mittelst Hrn. Poujoulats Werk in den geistigen Proceß, welchen der Kirchenlehrer durchzumachen hatte, hineinblicken konnte, als es mir möglich ward, die Bahnen zu überschauen, auf welchen die göttliche Gnade ihn zur Erkenntniß der alleinigen Wahrheit zurückgeführt hatte, da ward mir Alles um so klarer, theurer, näher stehender. In der Domkirche von Pavia machte ich die Bekanntschaft des liebenswürdigen Canonicus Giovanni Bosisio, der mir seine Relazione storica documentata del dono fatto della Chiesa Pavese d'una insigne reliquia del corpo di S. Agostino a Monsignore Antonio Adollo Dupuch, Vescovo di Algeri, zum Geschenk machte. Das Lesen dieser Schrift, der Werth, den der Bischof von Algier auf den Besitz eines Theils der Reste desjenigen setzte, der ihm vor bald anderthalb Jahrtausenden unmittelbar vorangegangen, das Bewußtseyn zu Pavia, welcher Schatz ihm hiemit übergeben und wie dadurch zwischen beiden Kirchen eine engere Gemeinschaft begründet werde, die Ehrerbietung, welche auf dem weiten Wege von Pavia bis Toulon in lebendigem Andenken an den grossen »Gottesmann« (in der ächten Bedeutung dieses Wortes) seinem Ueberbleibsel gezollt wurde, die Feyerlichkeit, mit der die wiedererstandene Kirche von Hippo, als Wohnstätte seines Lehrens, Wirkens und Waltens,[244] dasselbe aufgenommen, die frohe Theilnahme selbst der Mauren und Araber, in denen eine Erinnerung an den grossen Raumi, der vor alter Zeit in diesen Gegenden der Völker geistiger Vater gewesen, auch jetzt noch nicht erloschen war ? dieses Alles gab den Eindrücken, die ich im Dom von Pavia gewonnen, bleibenden Nachhalt. Welche rasche Entwicklung von dem 25. März 1839 an, da der Bischof in Bona's Nähe auf den Trümmern von Hippo aus unförmlichen Steinen einen Altar errichtete und mit dem Hirtenstab den Umriß einer Kirche in den Sand zeichnete, bis zum 28. October 1842, da sieben Bischöfe aus Frankreich den kostbaren Schatz in ein hergestelltes Heiligthum begleiten und nach so langer Zeit zum ersten Male wieder zur Ehre Gottes in hellem Feyergesang den Namen preisen konnten, der ein helles Licht der Kirche von Afrika war, ein nie verbleichendes Gestirn ist über der gesammten Kirche! War es bei jenem ersten unscheinbaren Lebenszucken des Wiedererstehens einer altherrlichen Kirche nicht ein natürlicher Wunsch des Hochwürdigsten Bischofs von Algier, sie, wenn auch nur mit einem geringen Theil der Reste des Mannes, der ihre durch alle Zeiten und über alle Erdgürtel leuchtende Zierde gewesen, beglücken zu können? Und wie zart die Aufmerksamkeit der Wächter des Schatzes zu Pavia, ihm den rechten Vorderarm zu überlassen, der so oft zur Segnung der Gläubigen jener Landstriche sich bewegt, in so väterlicher Sörge über Hippo, über Calame, über Cirtha, über Julia-Cäsaräa den Hirtenstab erhoben, zur Belehrung, Zurechtweisung und Erbauung, wie der Zeitgenossen, so der Kirche durch alle Jahrhunderte bis aus Ende der Tage so rastlos die Feder geführt! Von dem Augenblick, da der Schatz, der die neue Kirche von Hippo beglücken und beehren sollte, seinem Verwahrungsort enthoben, bis zu demjenigen, da er dort niedergelegt wurde, tritt uns der Ernst und die Freude der gesammten Kirche über solchem Besitz entgegen; diese rein, lauter und wohlbegründet nur darum, weil jener hiezu ihr zweifellose Berechtigung gibt. Für so kostbar aber wird in Pavia dieser Schatz errachtet, daß[245] er unter die besondere Obhut des allgemeinen Vaters der Christenheit gestellt ist, also daß schon von Papst Benedict XIII unter Strafe der Excommunication das Verbot ergieng, von diesen Ueberresten Etwas zu trennen, und durch Gregor XVI bei Anlaß ihrer Versetzung und der neuen Ausschmückung ihrer Umgebung dasselbe erneuert ward. Darum bedurfte es eigener Ermächtigung durch das Oberhaupt der Kirche, daß Pavia's Bereitwilligkeit, der Kirche von Bona irgend einen Theil derselben zu überlassen, Folge dürfe gegeben werden. Genau war dabei die Vorschrift, wie dieser zu entheben seye. Mit dem Bischof von Pavia hatten Alle, deren Gegenwart erforderlich war, in die Domkirche sich zu verfügen. Nach kurzem Gebet wurde ehrerbietig der silberne Schrein, der den Glaskasten mit dem Reste des Heiligen umschließt, aus dem Altar hervorgezogen, und auf einen angemessen geschmückten Tisch zwischen brennende Lichter gestellt. Dann wurden die Siegel geprüft, ob sie unversehrt seyen, und genau mit der Urkunde verglichen, die zur Zeit, da deren neue Verwahrung statt fand, abgefaßt worden. Nach unversehrtem Befund des Gefässes müßte dieses geöffnet und mit Beiseyn von mindestens zwei Aerzten der Arm weggenommen, von diesen eine genaue Beschreibung desselben niedergeschrieben werden. Hierauf ward das Gefäß wieder geschlossen und mit den Siegeln der Bischöfe versehen, das Gebein sodann dem Bischof von Algier überreicht, von ihm in eine geziemende Kapsel gelegt, diese durch den Bischof von Pavia versiegelt und der Reliquienkasten wieder unter den Altar verschlossen, über den ganzen Vorgang aber durch den Canzlar eine Urkunde abgefaßt. Am 28. Oktober 1842 stieg die Sonne hinter den Hügeln von Edough auf, und der Kanonendonner verkündete die Rückkehr des Schatzes, der vor 1314 Jahren von diesen Gestaden geflüchtet worden. Die Glocken erschallten und zwei herbeigekommene Kriegsschiffe rüsteten sich zum Festschmuck. Von allen Seiten wallte das Volk heran. Um halb neun Uhr bewegte sich der Feyerzug, verherrlicht durch die Anwesenheit der sieben[246] französischen Bischöfe, als Stellvertreter der Kirche ihres Landes, in einer langen Reihe von Barken durch den Hafen von Bona zu dem Triumphbogen, der aus Blümengewinden und mit der Innschrift: »Augustin sein geliebtes Hippo,« an dem Hafendamm errichtet war. Der taktmässige Ruderschlag mischte sich in den ernsten Gesang: Benedictus, den die Bischöfe und die Geistlichen anstimmen und die Gestade widerhallten. Angesichts des Forts zogen die Schiffer ihre Ruder ein und aus dem Halbkreis der Barken steuerte eine dem Ufer zu, um das Erzbild des grossen Hirten und Lehrers, zu seinem Denkmal bestimmt, abzusetzen. Wie dann unter kostbarem Baldachin der Erzpriester von Hippo, um den kostbaren Schatz in Empfang zu nehmen, der Landungsstätte sich näherte, reihten sich die Geistlichen und die Bischöfe zu dessen Begleit an den Triumphbogen, wo die bürgerlichen und militärischen Autoritäten ihrer harrten und der heilige Ueberrest auf einen bereiteten Altar gestellt wurde. Wohl mit Recht sagte der Maire von Bona in seiner Anrede an den Bischof und seine Gefährten: »Zu froher Hoffnung sieht das französische und christliche Bona sich berufen, die Kette der Zeiten wieder zu knüpfen in der zweisachen Geschichte der Kirche Jesu Christi und der Civilisation der Völker an eben der Stätte, an welcher die katholische Religion und der menschliche Geist mit solchem Ruf und solchem Glanz sich verherrlichten. Aber von heute an beschränkt sich Bona's Besitz nicht mehr bloß auf die beiden Hügel der königlichen Stadt (Hippo regius), auf die Erinnerung und die Spuren des Mannes, durch den es ruhmreich geworden ist; nicht allein erfreut es sich jetzt seines Bildes, mehr oder minder werthvoll wegen der Kostbarkeit des Stoffes, mehr oder minder geschätz, der Aehnlichkeit willen; sondern es findet sich nun beglückt durch den Leib, mindestens durch einen Theil des Leibes dieses Fürsten der Kirche, der so groß ist vor den Menschen, so groß vor Gott. Möge in diesen Landstrichen die Civilisation und mit ihr die Religion Christi wieder aufblühen! Bona, es hat dessen die Bürgschaft gewonnen, wird der leuchtendste Mittelpunkt unserer[247] Eroberung werden. Dieser Arm ist hinüber gekommen, um unsere Fahnen zu segnen, um unsern Waffen den Sieg zu sichern; er ist der Stätte, an der er unsterbliche Dinge verrichtet hat, wiedergegeben, daß er neue Wunder wirke, daß er die befruchtenden Quellen christlichen Glaubens und menschlichen Wissens von neuem über das durstende Land rieseln lasse und seinen ursprünglichen Reichthum und Glanz herstelle.« Mit Recht schloß der Erzhelfer von Hippo seine Anrede mit den Worten: et ossa ipsius visitata sunt, et post mortem prophetaverunt; ipsum gentes deprecabuntur et erit sepulcrum ejus gloriosum. Mag man denjenigen, der das gerettete Herz eines Lehrers, Freundes und Vorbildes in den Strom geworfen, damit keine Regung, Ueberbleibseln eine Werthschätzung zuzuwenden, ihn anwandle, als einen starken und erleuchteten Geist preisen; mag man den Fürsten, welcher die in dankbarer Erinnerung verehrte irdische Hülle seiner Ahnfrau, die in allen Tugenden geleuchtet und der Segen ihrer Zeitgenossen gewesen, in schnöder Kälte dem Zertreten Preis gegeben, den »Hochsinnigen« (magnanimus) nennen: auch von bloß menschlichem Standpunct genommen ist die Uebung der Kirche, in Dankbarkeit derer zu gedenken, die ihre Wohlthäter, Lichter und Säulen waren, in freudiger Anerkennung das zu ehren, was von ihnen der Nachwelt sich erhalten hat, sinnvoller, gemüthlicher, dem Bedürfniß der Edlern entsprechender zu nennen. In unverblichener Rückerinnerung an diesen für mich so bedeutungsvollen Tag hoffte ich anderthalb Jahre später, bei kurzem Verweilen in Pavia, den Herren Bosisio und Pertile bezeugen zu können, wie unaustilgbar zugleich mit demselben die dankbare Erinnerung an ihr Wohlwollen mir eingeprägt seye. Leider befanden Beide sich abwesend, und die Freude des unverhofften Wiedersehens, die vorher wohlthuend mich bewegt hatte, sollte mir so wenig zu Theil werden, als wenige Tage darauf diejenige, in Genua den liebenswürdigen Pfarrer von San Pancrazio zu finden, dessen Bekanntschaft ich voriges Jahr[248] dem Hrn. Domherrn Bosisio verdankte. Es war Herbst, die überall den Vacanzen und Erholungen gewidmete Jahreszeit. War es dem Gang gemäß, den ich durch eine lange Strecke der irdischen Laufbahn genommen, nach der Leitung auf derselben, die mir wiederfahren, nach der aufgegangenen Einsicht, die mir immer heller und vollkommener zu Theil geworden, weniger mehr Sache der freyen Wahl, als der unabweislichen Verpflichtung, in die Kirche zurückzukehren, so durften andere Pflichten, wenn sie auch dieser gegenüber entweder untergeordnet, oder doch minder gewichtig zu nennen waren, nicht aus den Augen gesetzt, nicht für gering geachtet oder geradezu übersehen werden. Auch das Höchste und Segensreichste erreicht seinen obersten Zweck dann nur, macht der Fülle des ihm entströmenden Segens dann nur, oder wenigstens in so vollerem Maaße uns theilhaftig, als wir sorglich uns bemühen, jedes Hinderniß, insoweit dieß in unserer Macht steht, vorher aus dem Wege zu räumen, als wir wenigstens nicht anmaßlich über jede Rücksicht uns hinwegsetzen, Störungen in den engsten Verhältnissen zu verhüten uns angelegen seyn lassen. Ist erst von unserer Seite das Möglichste gethan, wäre hiedurch unter allem offenen und freundlichen Bemühen Verständigung nicht zu erzielen, alsdann erst können wir uns frei nennen, dürften wir für befugt uns erklären, zu thun, wozu die innere Mahnung an uns ergeht, nach den letzten Versuchen das grössere Gewicht unbedenklich dieser zugestehen. Allerdings hatte ich in Betreff meines Vorhabens solche Schweigsamkeit beobachtet, daß ich auch gegen meine Frau nicht das Geringste vorher durchblicken ließ, zugleich jedoch mit dem festen Vorsatz von ihr schied, sie brieflich allmählich darauf vorzubereiten. Kann es doch manchmal im Leben vorkommen, daß in solcher Weise die wichtigsten Erörterungen leichter und gedeihlicher[249] von statten gehen, als unter mündlichem Verkehr. Ruhiger und unbefangener jedenfalls, zumal wo der Gegenstand nur auf dem Gebiete der Ueberzeugung, oder, wenn man zuletzt will, auch nur auf demjenigen der Ansicht und Meinung waltet, werden Erörterungen in jener Weise geführt. Zwar hatte ich von der Zeit an, da ich das Vorhaben der Reise ihr mitgetheilt, die Erwartung gehegt, sie würde vielleicht eine Ahnung durchblicken lassen über deren mögliche Folgen; etwa veranlaßt durch bisweilen vernommene Aeusserungen eine Besorgniß entschlüpfen lassen; unter den Vorkehrungen zur Reise in solcher Beziehung vielleicht eine Bemerkung hinwerfen, was ich dann freilich ebensowenig abgelehnt, als überhaupt die Wahrheit verhehlt, oder auch nur in Zweifel gestellt hätte. Es erfolgte aber nie auch nur von ferne die leiseste Andeutung, nie eine Aeusserung, die in irgend einer Weise hierauf hätte hinzielen können. Ob gar kein Gedanke, daß die Reise ein solches Resultat haben könnte, ihr je sich dargeboten, weiß ich nicht. Aber auf etwelches Gewicht meiner Gründe, selbst bei anfänglich minder entgegenkommender Uebereinstimmung, durfte ich mit Zuversicht zählen, da nach vorangegangenen Erfahrungen dem klaren Blick meiner Frau der Protestantismus nicht von so besonders liebenswürdiger Seite sich darstellen konnte. Ihre frühern, in unbelehrbarem Unglauben durch mich von der Hand gewiesenen Warnungen: die Leute thäten mir schön, weil sie zu jeglicher Diensterweisung immer bereit mich fänden, ob ich aber nicht allzugrosses Vertrauen in sie setzte? hatten nur allzubald eine über jegliche Ahnung, geschweige denn Voraussicht hinausschreitende Erwahrung gefunden. Boten ihr Einwendungen sich dar, so durfte sie bloß dieses in ihrer Erinnerung auffrischen, nur, wenn sie auch die innern Gründe sofort in ihrem vollen Umfange nicht zu erfassen vermochte, vorerst an äussere sich halten. ? Ich begann demnach die Einleitung zu Eröffnung meiner Gedanken schon von Pisa aus, gerade mit dem Bericht über die zu Pavia mir wiederfahrene Gunst und mit Andeutung eben derjenigen Gedanken, die ich hier ausgedrückt habe. Von Florenz aus, wo[250] ich in St. Johannes Domkirche meinen Geburtstag feyerte, und Gott um Erleuchtung und Festigung anflehte, wurden die einleitenden Briefe fortgesetzt. Hierauf bot die Schilderung der kirchlichen Festlichkeiten der heiligen Woche in Rom, so wie nachher derjenigen zu Neapel in Erinnerung an den heiligen Januarius Stoffes genug, um meine Ueberzeugungen immer deutlicher zu enthüllen und am Ende mein Vorhaben unverdeckt hervortreten zu lassen. Ich hatte mich Anfangs auf Einwendungen, auf Widerspruch, auf die gewohnten Bedenklichkeiten, die in solchen Fällen den äussern Verhältnissen entnommen werden, und die ich selbst lange genug erwogen, aber auch bereits besiegt hatte, zuletzt gar auf eitle Versuche, mich zurückhalten zu wollen, gefaßt gemacht; wiewohl ich auf der andern Seite jene erwähnten Erfahrungen in die Wagschale legen, anbei hoffen durfte, die Bekanntschaft mit manchen Würdenträgern der Kirche, etwa gemachte Besuche in Klöstern, der Eindruck freundlicher Begegnung bei derartigem Zusammentreffen, selbst die Lockung der Musik bei katholischem Gottesdienst dürften, wenn nicht die protestantische Unwissenheit in Betreff der katholischen Kirche, so doch das Herbste protestantischen Vorurtheils bedeutend bei ihr gemildert haben. Als dann in den Antworten auf meine dem Ziel immer näher entgegenrückenden Eröffnungen eigentlicher Widerspruch gar nicht, Einwendungen aber nur in dem Maaße zum Vorschein kamen, wie die Rücksichten auf meine Person und namentlich diejenigen einer auch um das zeitliche Wohl ihrer Kinder besorgten Mutter sie nothwendig eingeben mußten, da durfte ich wohl auch darin eine höhere Leitung erkennen, die nach derjenigen Seite, von welcher die empfindlichsten Schwierigkeiten sich hätten erheben können, von dergleichen nicht eine Spur zum Vorschein kommen ließ. Die Einwendungen wurden immer schwächer, zogen sich zuletzt auf das zurück, was ich von Anfang an mir selbst hatte sagen, kraft eigener Würdigung der Umstände, der Verhältnisse, der Personen mit der größten Wahrscheinlichkeit erwarten können. Aber eben deßwegen hätte ich es auch für einen unzeitigen[251] Eingriff in die höhere Fügung erachtet, wenn ich eine Erklärung früher hätte geben wollen, als bis die Einwendungen ? wie ich solches mit der vollesten Zuversicht immer zuverläßiger erwarten durfte ? völlig verstummt wären. Ich zog es vor, meinen Aufenthalt in Rom für etwa acht Tage zu verlängern, um mit voller Beruhigung in jener Hinsicht und mit dem gewiß nicht geringen Segen vollkommener Entfernung jedes Widerspruches von dieser Seite als Glied der Kirche mich erklären zu können. Auch schien mir bei dem, unter meinen Wahrnehmungen in Rom immer tiefer gefestigten Vorhaben der Aufschub von Wochen und Tagen nun nicht mehr in Anschlag gebracht werden zu dürfen, um so weniger, da ein unerwartetes und plötzliches Lebensende nur zu denjenigen Möglichkeiten gehört, deren Eintreten wir an jedem Ort und in jedem Augenblick unseres irdischen Daseyns zu gedenken haben. Diejenigen, welche in der Folge wegen dieser freundlichen und ohne die leisesten Schwierigkeiten erfolgten Verständigung mich beglückwünschten, haben damit gleichsam in meinem Innern gelesen; denn ohne dieß wäre meine nachherige Freudigkeit weder so ungetrübt, noch so vollständig und fortan unvermindert gewesen. Und ist es eine gewagte Behauptung, wenn ich sage: daß die göttliche Gnade in dem Herzen einer von Geburt her dem Protestantismus angewöhnten Frau bereits zu wirken begonnen habe, sobald sie die Rückkehr ihres Mannes in die wahre Kirche ohne Mißstimmung vernehmen kann? Wie, ohne Mißstimmung? Selbst mit der freudigsten Zustimmung. Ich konnte baldiger Abreise wegen nach meiner Aufnahme in die Kirche zu Rom keine Briefe mehr von Haus erwarten, unterwegs ebensowenig, weil ich wohl in vielen Städten, in keiner aber lange genug mich aufhielt, das Eintreffen in keiner zum voraus mit Zuverlässigkeit bestimmen konnte, um Briefe in irgend eine abgehen zu lassen. Es mischte sich daher unter das viele Erfreuliche, was in so manchen Städten, in denen ich auf der Heimreise weilte, mir entgegenkam, oftmals eine gewisse Unruhe, wie wohl der nächste Brief[252] den ich zu Verona erwartete, lauten würde? Dieser aber war der reine Wiederhall jener Freude, die mich emporhob, er sprach die volleste Zufriedenheit, in der Ueberzeugung aus, daß ich gewiß nur aus den reinsten und tiefsten Beweg gründen meinen Vorsatz werde ausgeführt haben. Die volle Bewährung fand sich dann nachher, bei dem Wiedersehen in der Cartause Ittingen, wo meine Frau mir über die Unannehmlichkeiten und Beängstigungen, die sie nicht lange vorher statt meiner zu ertragen gehabt hatte, mit der heitersten Miene und dem unerschütterlichsten Gleichmuth Bericht erstattete; wie nahe es auch gelegen hätte, in Anwandlung bitterer Erinnerung mir die Schuld davon beizumessen. Der Segen, den mir das Oberhaupt der Kirche bei dem Abschied für sie ertheilt hat, ist somit nicht wirkungslos geblieben, und die vielen Gebete, welche fromme Seelen mehr als eines Landes in jener, die Glieder der Kirche belebenden und einigenden christlichen Liebe für sie zum Himmel senden, werden ihre Wirkung ebensowenig verfehlen. ???? Da ich hier bloß solche Erinnerungen auffrische und derartige Beobachtungen mittheile, welche in einiger Verwandtschaft zu dem Hauptzwecke meiner Reise stehen, so sage ich nichts über Genua, wo ich zum Erstenmal an Italiens milderem Himmel mich erquickte; nichts von der Seereise nach Livorno, die ich, trotz ziemlich starken Gegenwindes und mühsamerem Lauf des Dampfschiffes, frei von allem Mißbehagen und großtentheils in ruhigem Schlaf zurücklegte; nichts von Pisa's schönem Dom und den Flügelthüren seiner Taufkapelle, und noch weniger von den Kunstschätzen und den sehenswerthen Denkmälern in den größern Kirchen der Arnostadt. Von diesem Allem haben Andere bei längerem Verweilen gründlicher, bei grösserer Gewandtheit besser geschrieben, als ich es vermöchte. Nur über Umbrien mögen ein paar Worte ihre Stelle finden.[253] Ich fuhr von Florenz nach Arezzo durch das Thal von Chiana, welches hinausführt nach den Schluchten und vormals waldbekränzten Höhen der Apeninnen, wo der kirchlich denkwürdigen Stätten, an denen ich einst im Geist geweilt, so manche lagen. Nie so sehr wie damals bedauerte ich es, in der Zeit beschränkt und durch die Jahre gehemmt zu seyn, um als rüstiger und leichtbeweglicher Fußgänger dahin gelangen zu können, wohin der zu Wagen Reisende nur selten und nie ohne bedeutende Geldopfer gelangen kann. Wie gerne wäre ich nicht hinaufgestiegen nach jenem von jähen Felsen umstarrten, von uralter Waldung umschlossenen Grund, welchen unter den Schauern achtmonatlichen Schnees der Herzogsjüngling von Ravenna zur Stätte seines strengen Büsserlebens erkoren und aus dessen etwas gemilderter Vereinigung das jetzige Oberhaupt der Kirche hervorgegangen ist. Ich hätte mich hinübergewendet zu dem schattichten Thal, zu dem schönen Wässerlein, an welchem nicht viel später Johann Gualbert lieber dem Gekreuzigten leben, als an dem seiner Erinnerung geweihten Tage das Gewissen mit dem Tod eines Gefreundeten beflecken wollte. Ich wäre hinangewandert nach jener wundervollen Bergeshöhe, auf der noch heutiges Tages die Armuth den gabenreichen Wirth an Tausenden von Pilgrimen macht, und wo in Bildern und Denkmälern und Uebungen eine lebendige Erinnerung an die vielbezweifelte und vielverspottete und dennoch vielgeglaubte Stigmatisation des heiligen Franz noch heutzutage fortdauert. Aber ich mußte mich begnügen, im Dahinfahren auf der gewohnten Strasse aus der Gegend von Levana hinüberzufliegen nach diesen denkwürdigen Stellen mit meinen Gedanken. Ich hatte nicht lange vorher für die zweite Auflage des vierten Bandes von Innocenz das Leben des heiligen Franz mit besonderer Vorliebe aufs neue bearbeitet. Der Schauplatz seines Lehrens und Wirkens zwischen Arezzo und Fuligno schwebte daher in frischer Erinnerung mir vor Augen. Perugia mit seiner schönen Lage auf dem Hügelrücken, der zwischen drei[254] zusammenlaufenden Thälern ausspringt, war mir um so interessanter, da Bernadone's Sohn als »Blüthe der Jugend« ein Jahr dort in Kriegsgefangenschaft gesessen. Mit besonderer Aufmerksamkeit forschte ich nach dem unbedeutenden Rivo torto, wo er dem in seinem Undank und Eidbruch übermüthigen Kaiser Otto entgegentrat und ihm die Wendung seiner Hoffart verkündete. Von dem Hügel hinab winkte mit seinen Kirchen und Thürmen und Klöstern Assisi, wo einst des Heiligen Wiege gestanden, und abermals schmerzte es mich, daß Zeit und Gelegenheit mangelten, auch dort mich umzusehen. Aber doch vor St. Maria degli Angeli ward Halt gemacht, und weniger zog mich das aus seinen Ruinen bald wieder erstandene grosse Kloster, die prachtvolle Kirche mit ihrem schönen Chor und dem glänzenden Marmorboden an, als die enge Zelle, die einst den wundersamen Geist barg, in welchem ein neuer Lebensquell für die christliche Welt sprudelte, und weniger als das durch Overbeks herrliches Gemälde so würdig ausgestattete Portiuncula-Kirchlein, in welchem Jener so oft in seinen Erlöser sich versenkte. Könnten Kritik, Klügelei und Zweifel Franzens innige Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten, zwei Jahre vor seinem Lebensende äusserlich in den Wundmalen sich darstellend, dergestalt verwischen, daß nicht die leiseste Erinnerung und nicht eine Spur des Fürwahrhaltens daran mehr bliebe: seine innere, seine geistige Gemeinschaft mit seinem Herrn können sie nimmermehr zernichten. Er hat nicht nur wie der Meister, dem er so ganz zu eigen sich gegeben, den Armen das Evangelium gepredigt, sondern er hat das Evangelium der Armuth gepredigt. Er hat dieselbe nicht allein als göttliche Anordnung tragen, er hat sie nicht bloß als Mittel der Heiligung angeloben, er hat sie nicht einzig als Tugend sich zueignen gelehrt; er hat von ihr förmlich Besitz genommen, er hat sie vor den Augen der Welt in einen Schmuck verwandelt, er hat sie zu allen, durch die Kirche bereits geweihten und ihr dienenden Kräften als eine neue in deren geistiges und sittliches Getriebe[255] eingefügt. Preiset immerhin die Lehren, welche das Niedrige zur Geltung des Hohen erheben und das Hohe in die Stellung des Niedrigen herabdrücken möchten, der heilige Franz hat diese Aufgabe, die ihr nur im Sturm und unter dem Einsturz aller gesellschaftlichen Ordnung und mittelst aller Gräuel, die euch nichts als ein vergnügliches Spiel wären, zu losen vermöchtet, er hat dieselbe nicht allein in Ruhe und zu Festigung dieser Ordnung, sondern mit dem Anhauch einer heiligenden Kraft gelöst. Er hat der Armuth in der Verkettung der menschlichen Zustände ihre Bedeutung neben dem Reichthum, der Niedrigkeit ihren Vollgehalt neben der Hoheit angewiesen. Er ist das Werkzeug gewesen, zu verwirklichen das Wort des grossen Lehrers der Völker: »was vor der Welt thöricht ist, das hat Gott erwählet, um zu Schanden zu machen die Weisen; und das Schwache der Welt hat Gott erwählet, um zu Schanden zu machen das Starke; und das Unedle der Welt und das gering Geachtete hat Gott erwählt, und das, was nichts ist, um zu zerstören, was Etwas ist, damit Angesichts seiner kein Fleisch sich rühme.« Und das Wunder der fünf Brode, es erneuert sich noch täglich. Das Kloster, welches sich über den durch Franz geweihten Statten erhebt, zählt bei hundert Brüdern. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen und der himmlische Vater ernährt sie doch. Und wenn an dem grossen Festtage vom 2. August die Schaaren von weitem Umkreise zu Tausenden und Tausenden heranwallen, sie Alle gehen gesättigt von dannen, und Niemand kann sagen, wie die Brüder Vorräthe aufspeichern, oder in Sorge um die kommenden Tage sich abmühen. Siehst du aber die Kirche, die an Große, an Erhabenheit, an architektonischer Zier neben viele der gefeyertesten sich stellen kann, und du frägst: wer hat sie gebaut, so wird dir die Antwort: die Armuth hat sie gebaut! Was nichts ist vor der Welt, hat in dem weiten Thal ein Haus erstehen lassen dem Herrn der Welt, das würdig ist dessen, dem Himmel und Erde gehört; es ist die Armuth, es ist der Glaube, es ist[256] die Liebe, die diese Säulen aufgerichtet, diese kühnen Wölbungen hingestellt, diesen Marmorglanz über den weiten Raum ausgegossen haben. Hinten an dem ausgedehnten Park von Capodimonte über Neapel, einsam, verborgen, im Schatten hoher Pinien, Platanen und immergrüner Eichen liegt ein kleines Capuciner-Klösterlein, gewissermassen als Theil der königlichen Lustreviere die Ruine eines gothischen Bauwerkes darstellend. In seiner Sacristei sah ich zwei Gemälde ohne Kunstwerth, aber ungemein gemüthlich in ihrer kindlichen Naivetät. Auf dem einen ist Jesus abgebildet, der das Kleid über der Brust zurückstreift und in seinem geöffneten Herzen das Bild des heiligen Franz zeigt; als Gegenstück hängt der heil. Franz, der in seinem geöffneten Herzen das Bild des Erlösers trägt. Wie Mancher wird da nicht schreien über unwürdige Spielerei, über abgöttischen Heiligendienst, über Herabsetzung des Erlösers, über groben Anthropomorphismus, über Mißbrauch der Kunst durch einen dem Aberglauben fröhnenden Pinsel! Soll aber im Grund nicht jeder Christ dasselbe Bild im Herzen tragen, nicht jeder zu der Zuversicht hinanstreben, daß auch sein Bild in dem erbarmungsvollen Herzen des Erlösers getragen werde? Oder verdiente etwa die Lämmleins-Theologie darum den Vorzug, weil ihre Bilder in dem Wind zerrinnen, dieses dagegen durch Gestalt und Farbe festgehalten und vor Augen gestellt wird? ?????? Es war am Freitag Abend vor Palmsonntag, als ich in die ewige Stadt einfuhr, und noch am gleichen Abend sah ich den Gegenstand der Sehnsucht der gleichgültigen wie der wahren Christen, der Neugierigen wie der durch Ehrfurcht Hingezogenen, der Feinde wie der treuen Kinder der Kirche ? St. Peters-Platz und Dom in der Vollmondsbeleuchtung. Den ersten Besuch am folgenden Morgen stattete ich meinem Landsmann, Monsignore von Curtins, Caplan der Schweizergarde[257] und Hausprälat Seiner Heiligkeit, ab, um durch dessen Verwendung bei den Feyerlichkeiten des Palmsonntags und der heiligen Woche einen geeigneten Platz zu erhalten. Wie durch seine unermüdliche Fürsorge in meinen Aufenthalt zu Rom alles Angenehme sich verflochten und durch seine aufmerksame Verwendung alles Sehenswerthe mir sich erschlossen hat, so erzeigte er sich alsbald bereit, hierin seine wohlwollende Obsorge mir angedeihen zu lassen, doch sollte ich hiefür noch die Gutheissung Sr. Eminenz, des Hrn. Cardinal-Staatssecretärs, einholen, was mir nicht schwer fiel, da ich an denselben mit den besten Empfehlungen versehen war. Der Cardinal hatte selbst die Gewogenheit, an den Hauptmann der Garde, Hrn. von Pfyffer, zu schreiben, daß er einen der wenigen reservirten Plätze, unmittelbar hinter den Cardinälen, auf der Bank der apostolischen Protonotarien, mir anweise. So konnte ich den erhebenden Feyerlichkeiten in St. Peter und in der sixtinischen Capelle, möglichst nahe den Altären und dem päpstlichen Thron, beiwohnen. Se. Heiligkeit hatte durch Hrn. von Curtins meine Ankunft unverzüglich erfahren und nachher selbst ihn gefragt: ob mir auch ein anständiger Platz angewiesen seye und ob ich bei den Vespern in der sixtinischen Capelle mich eingefunden hätte? Von der Erhabenheit der Feyerlichkeiten vom Palmsonntage bis zum Ostertage, von dem tiefen und bewältigenden Eindruck, den dieselben auf jedes empfängliche Gemüth machen müssen, sage ich nichts; dieses Alles ist vielfältig geschildert worden. Nur zwei Bemerkungen seyen mir vergönnt. ? Amt grünen Donnerstage, nachdem das allerheiligste Sacrament in grosser Procession aus der sixtinischen in die herrlich erleuchtete paulinische Capelle begleitet worden, wird unmittelbar darauf der Papst, folgend den Bischöfen und Cardinälen, auf den grossen Balkon der St. Peterskirche getragen, um den Segen zu ertheilen. Es hallen die Glocken, es donnern von der Engelsburg die Kanonen, es wirben die Trommeln, es schmettern die Trompeten, die Menge auf St. Peters-Platz fällt auf die[258] Kniee. Alles, was zu Verherrlichung der Erdenhoheit sich vereinigen läßt, und mehr noch, als was zu Verherrlichung irgend einer ausschließlich irdischen Hoheit gestattet ist ? das Niederknieen der versammelten Menge, ist hier vereinigt. Aber welche Mahnung an denjenigen, bei dessen Erscheinen alle diese Zeichen der Verherrlichung der Macht sich vereinen, daß er dieselben nicht auf sich, sondern auf den Einzigen beziehe, dessen Stellvertreter er ist; daß er nicht, berauscht durch diesen Erdenglanz, sich, sondern Ihm nur die Ehre gebe, auf dessen Ehre all' sein Sinnen und Bemühen und Wirken abzielen soll! Unmittelbar von diesen Merkmalen der Erdenhoheit, die so leicht blenden könnten, steigt der Papst hinab in die Kirche, um hier, dem Beispiel dessen folgend, der auch sein Herr ist, den Dienst des Geringsten in dem Fußwaschen zu verrichten. Zerronnen ist der Pomp, gleich dem Wergbüschel, der bei der Krönung vor des Papsts Augen verbrannt wird, und das Niedrige und das Mühsame des Lebens, langer dauernd als jener, soll hiemit, als dessen ernstere Aufgabe, bleibender ihm sich einprägen. Dem irdisch Hohen soll das geistig Hohe unmittelbar folgen und hierin an denjenigen, an dessen Person Jenes sich knüpft die Mahnung ergehen, daß, wie dasselbe nur um ihn seyn könne, so dieses in ihm seyn müsse; daß es dann in so höherem Glanze leuchte, zu je niedrigerem Dienst in Nachahmung dessen er sich bequeme, welcher, da er hätte mögen Herr seyn, zuerst Aller Diener geworden ist. Nachdem der Papst die Fußwaschung verrichtet hat, und die sogenannten Apostel voraufgezogen sind an den zierlich ausgestatteten Tisch in der grossen Loggia von St. Peter, kömmt auch das Oberhaupt der Kirche, um sie zu bedienen. Ich konnte kaum meine Augen abwenden von dem freundlichen, frommen Greisen, der gleich einem wohlbesorgten Hausvater zu seinen Kindern hintrat, aufmerkend, daß es Keinem an Etwas gebreche, von dem Augenbick an, da er Jedem der Dreizehn Wasser über die Hände goß, bis zum Schlusse der Tafel. Wahrlich keine geringe Aufgabe für einen achtzigjährigen Greisen,[259] den darüber hin seit der Mitte des Morgens anstrengende Functionen ununterbrochen in Anspruch genommen haben, dreizehn Speisende, Einen um den Andern, mit sämmtlichen Gerichten eines nicht ganz beschränkten Gastmals zu bedienen! Auch andere Fürsten pflegen an diesem Tage zwölf Arme zu speisen, und in ähnlicher Art deren Diener zu machen. Und dennoch, welch' ein Unterschied auch hier! Setzen wir den Fürstenrang, welchen der Papst mit ihnen theilt, setzen wir das ihm allein zukommende Ansehen als Oberhaupt der Kirche bei Seite, führen wir die Sache auf das rein Menschliche zurück: welch' ein Unterschied einzig von diesem Standpunct zwischen dem Papst und den weltlichen Fürsten! Für diese werden unter ihren Unterthanen die Betagtesten ausgesucht, und es mag wohl noch nie vorgekommen seyn, daß der Fürst älter gewesen wäre, als derjenigen Einer, die er bedient. Es bleibt also bei diesen immer noch die rein menschliche Ueberordnung des Alters. Nicht so bei dem Papst. Er ist der Greis, und diejenigen, welche durch ihn bedient werden, sind junge Leute. Es beugt sich also hier ? wenn ich so sagen soll, nicht allein der Fürst vor dem Unterthan, das Haupt der Kirche vor dem bedeutungslosen Glied derselben, sondern es beugt sich das Alter vor der Jugend. Wie schwer würde es nicht schon dem leiblichen Vater werden, wenn er Angesichts vieler Tausende sich bequemem müßte, zum Diener seiner Söhne sich zu machen; wie noch schwerer dem greisen Herrn, wenn er solchergestalt unter den jungen Diener hinabsteigen sollte? Weiter könnte die Demuth nicht gehen Darin liegt zwischen der Speisung der Apostel durch den Papst und durch die weltlichen Fürsten, bei aller Aehnlichkeit, doch ein wesentlicher Unterschied. Auch hatte das Ganze nicht, wie die Befangenheit oder übler Wille und schiefe Voraussetzung dessen so gerne sich und Andere bereden möchten, das Ansehen eines hohlen, bedeutungslos gewordenen Herkommens, oder eines eitlen Schaugepränges, oder einer drückenden Last. Es war keine erkünstelte Demuth, in welcher der Papst diesen Dienst verrichtete: nicht immer vermochte er die innere[260] Bewegung zu unterdrücken; mehr als einmal traten dem ehrwürdigen Greisen Thränen in die Augen; und wie tausenderlei Meinungen auch die Köpfe der dicht gedrängten Zuschauer beherrschen mochten, ein Gefühl, das der Rührung und der tiesen Achtung, vor der Persönlichkeit wenigstens des Handelnden, konnte gewiß kaum Einer von sich weisen. Eine eigenthümliche Funktion fiel, bald nachdem der Papst sich entfernt hatte, mir zu. Ich befand mich innerhalb der Schranken auf der Erhöhung, auf welcher die Tafel errichtet war. Sie wird immer in ihrer ganzen Länge mit Veilchen und Rosenblättern bestreut. Da bat einer der Untenstehenden mich um ein Veilchen. Ich gab es ihm. Kaum er es empfangen, streckte ein Zweiter die Hand auf, und wie ich auch diesem willfahren, so erhoben sich Duzende von Händen, und wo ich stund, riefen eine Menge Stimmen: Signore, una fiore! und drängte sich Alles an das Geländer, um der Spende theilhastig zu werden; so daß ich nicht genug zusammenraffen konnte, und am Ende, was ich anfangs mit voller Hand reichte, um die Hunderte und Hunderte befriedigen zu können, in sparsamerem Maß gewähren mußte, aber dennoch in wenigen Minuten beinahe den ganzen Blumenschmuck der Tafel weggeräumt hatte, ohne Alle der immer von neuem sich Herbeidrängenden befriedigen zu können. Einige der zurückgebliebenen Prälaten ergötzten sich über meine unablässig nach allen Seiten gerichtete Dienstfertigkeit. Am Ende wurden sogar Stücke von den auf den Tellern liegenden Citronen von mir verlangt. Dem aber glaubte ich doch nicht entsprechen zu dürfen, da ich ja auch nur ein Forestiere wäre wie alle Andern, und nur aus besonderer Gunst an dieser, für die Uebrigen abgesperrten Stelle mich befände; mit solchem Gesuch wies ich sie an einen der umstehenden Prälaten, dem ein Verfügungsrecht eher als mir zukomme. Das Gesuch wurde nicht vergeblich gestellt.[261] Es giebt vielleicht Solche, die in dem Wahn stehen, das Erhabene, Ergreifende der Functionen der heiligen Woche, wohl gar der Pomp und die äussere Pracht, womit dieselben umgeben sind, hätten auf meinen Entschluß, in die Kirche zurückzukehren, einigen Einfluß geübt, gewissermassen mich berückt. Wäre derselbe unmittelbar nach der heiligen Woche ausgeführt worden, so könnten sie eine etwelche Beglaubigung für ihre Vermüthung sogar aus dem Zeitpunct dieser Rückkehr herausfinden, obwohl dabei ein Taumel müßte vorausgesetzt werden, welcher Ueberlegung und Urtheilsfähigkeit durchaus niedergehalten hätte. Denn das müßte doch alsbald einleuchten, daß ausser Rom Gleichem nirgends, Aehnlichem nur annähernd in irgend einer namhaften Stadt zu begegnen seye. Mit Recht wäre an dem Verstand desjenigen zu zweifeln, auf welchen Aeusserlichkeiten, von denen er wissen kann, daß sie in solchem Glanz nirgend anderswo zu finden sind, einen solchen Einfluß üben könnten, daß er so zu sagen sich selbst ihnen zum Opfer brächte. Allein gerade das Entgegengesetzte hat bei mir statt gefunden. Die Ueberlegung war für mich von grossem Gewicht, daß all dieses Aeussere, wie tiefsinnig, wie würdig, wie großartig, wie hinreissend, wie glanzvoll auch es seye, das Eigentliche und Wesentliche weder zu verändern, noch seiner wahren Bedeutung und Wirkung nach im mindesten zu erhöhen vermöge. Ob in dem Wunderbau der christlichen Welt, ob an dem reichausgestatteten Altar über St. Peters Gruft, ob in den reichen päpstlichen Gewändern prangend, ob umgeben von den Cardinälen und den höchstgestellten Fürsten der Kirche, ob unter dem Gesang des geübtesten und kunstfertigsten Sängerchors, ob in Gegenwart von Tausenden aller Länder, aller Völker, aller Zungen, aller Meinungen, ob im Beiseyn der Botschafter der ersten weltlichen Gebieter in der Christenheit, ob umsäumt an dem äussersten Kreis von den geharnischten Schweizern und von der Ritterwache mit entblößtem Schwert das Oberhaupt der Kirche Hochamt halte, ob dagegen in der schmucklosen Dorfkirche, bei vier Lichtern, an ärmlich ausgestattetem Altar, in[262] dürftigem Meßgewand, unter den mißtönigen Stimmen einer ungeübten Schuljugend der einfache Priester Messe singe ? das Hochamt des Papstes hat keine höhere Bedeutung als die Messe des Priesters, die Messe des Priesters hat nicht geringeres Gewicht als das Hochamt des Papstes; Beide thun Ein und dasselbe, Amt und Messe stehen in gleicher Beziehung zu dem Haupt und Herrn der Kirche; Beide haben Eine und dieselbe Segenswirkung auf den wahren Gläubigen; Beide führen mit gleicher geistiger Macht in das Innerste des Verdienstes Christi hinein, und Beide erneuern das Opfer, welches er am Kreuz dargebracht hat. Der strahlende Diamant gewinnt nichts durch die kostbarere und kunstreichere, verliert nichts durch die ärmlichere und rohere Fassung! Das sichtbare Oberhaupt der Kirche steht allerdings auf der obersten Spitze ihrer Stufenleiter; dem Nachfolger Petri ist allerdings mit der Obsorge um die Heerde des guten Hirten die Fülle der Gewalt übertragen; die erhabene Würde ist allerdings mit allen Attributen irdischer Hoheit ausgestattet; aber wo es das Geistige gilt, wo jenes Alles nur als Zuthat erscheint und die Feyer des heiligen Geheimnisses das Höchste und Tiefste, das Innerste und Wesentlichste ist, da ist der Papst nicht mehr als der letzte Priester von Aracöli, ist dessen Würde nicht geringer, als diejenige des Oberhauptes der Kirche. Auch das wieder gehört zu den nicht genug erwogenen Größen der katholischen Kirche, daß die höchste Feyer derselben zugleich eine alltägliche Feyer ist, und daß alle Aeusserlichkeit und alle Zuthat, so wenig als Persönlichkeit, auf deren Wesen und Bedeutung irgendwelchen Einfluß üben kann. Darum läßt sich mit Recht fragen: ob für den Gläubigen, welchen der rechte Sinn und das wahre Verlangen in die Kirche führt, ob für denjenigen, der zu seiner Erhebung und Erleuchtung, zu seiner Festigung und Stärkung in der Gegenwart seines Erlösers in dessen gnadenreiches Verdienst sich versenken will, ob für einen Solchen das Anwohnen einer einfach, aber würdig gefeyerten Messe nicht denselben Werth haben müsse und die vollkommen[263] gleiche Gnadenwirkung habe, wie das durch alle glänzenden Zuthaten ausgestattete Hochamt? Ich habe mitten unter der erhabenen und erhebenden Feyer in St. Peter keinen Anstand genommen, diese Frage mit Ja zu beantworten, und hiedurch an Sicherstellung und Entschiedenheit nicht wenig gewonnen. Denn wahrlich, nichts Unvollkommeneres und Ungenügenderes ließe sich denken, als die Kirche, wenn der Werth des Dargebotenen und die Einwirkung des Gefeyerten, so wie anderwärts von der Individualität, so in ihr von jenen Zuthaten abhinge. Vielmehr, wie die Wesenheit des Gottesdienstes hier nicht von der Person kann verschlungen, so kann sie auch nicht durch das Hinzukommende bedingt werden. Daß dann die äussern Dinge uns nicht unberührt lassen, daß unwidersprechlich durch den Canal der Sinne der Geist in reinere und höhere Stimmung versetzt werden müsse, daß der Gottesdienst in einem hohen Dom, zu dessen Ausstattung die irdischen Hülfsmittel, die ausgezeichnetesten Talente und was der menschliche Kunstsinn nur irgend Bewunderungswerthes zu schaffen vermag, in jeder Art gewetteifert haben, uns von dem Sichtbaren zum Unsichtbaren leichter hinanhebt, als derjenige in der unförmlichen Dorfkirche, daß unter den emporwallenden Weihrauchdüften und unter den Melodien einer wohlgeübten Capelle wir freudiger zum Thron der himmlischen Majestät uns aufschwingen und in unserer Brust das Dreimalheilig in helleren Accorden wiederklingt, als wo ringsum Dürftigkeit uns umgiebt, das ist natürlich, dafür sind und bleiben wir immer Menschen. ?????? Ich mag wohl der erste Protestant und dazu noch vormaliger Geistlicher und Würdeträger unter ihnen gewesen seyn, der von einer Anzahl Prälaten als beharrlicher Verfechter der (materiellen) Interessen der Klöster dem Oberhaupt der Kirche[264] empfohlen worden ist, der den Auftrag vorweisen konnte (wie der Hr. Fürstabt von Einsiedeln solchen in schriftlicher Beglaubigung mir gab), im Namen eines ganzen Klosters Sr. Heiligkeit die Füße zu küssen und den Dank eines Frauenconvenies für ertheilte Indulgenzen auszusprechen. Bald nach meiner Ankunft in Rom ließ Seine Heiligkeit mich wissen, wie erwünscht diese Ihr seye, wie sehr Sie mich zu sehen verlange und wie Sie zu einer Audienz nach der heiligen Woche, zu einer Zeit, in welcher die Ruhe vor andern Audienzen freyere Muße gestattete, mich würden rufen lassen. Dazu wurde der Donnerstag nach der heiligen Woche bestimmt. Mein Freund und Landsmann Curtins erhielt als Hausprälat den Auftrag, mich durch die Scala secreta ein zuführen. Der Papst erhob sich bei meiner Annäherung an seine Person, und sobald ich meinem von Einsiedeln erhaltenen Auftrage Genüge thun wollte, hieß er mich aufstehen, nahm selbst von einem zur Seite seines Arbeitstisches stehenden Tabouret einen Haufen Bücher hinweg und lud mich ein, mich zu setzen, eine Auszeichnung, worüber Curtins nachher ihrer Seltenheit wegen nicht genug sprechen konnte. Ich glaube, die Heiterkeit, die aus dem Blicke des damaligen Oberhauptes der Kirche leuchtete, die unbeschreibliche Freundlichkeit, die in seinem ganzen Wesen sich kund gab, die milde Ruhe desselben, die den sich Nähernden herbeizog, die Einfachheit, die, wie an seiner Person, so in seiner Umgebung an den Tag trat, die hohe, ungesuchte, anspruchslose Würde, die uns in ihm entgegenkam, hätte selbst den verstocktesten Protestanten für seine Person einnehmen müssen. Es war ein eigenes Gefühl, das mich durchdrang, hier neben einem in weltlicher Beziehung immerhin noch bedeutenden Monarchen, aber, was dieses weit überragt, neben dem Oberhaupt der Kirche, neben dem Nachfolger einer so langen, bis zu der Person des Erlösers hinaufreichenden Reihe von Vorfahren, neben dem Erben von achtzehn Jahrhunderten ebenso zu sitzen, als hätte ein alter Bekannter zu vertraulichen Gespräche mich eingeladen. Als ich nun meine[265] offenen Schreiben dargereicht und der Papst sie überblickt hatte, erwiderte er mit dem ihm eigenthümlichen Wohlwollen: Dessen hätte es nicht bedurft, längst schon sind Sie mir bekannt.« Ich befand mich in einiger Verlegenheit wegen der Sprache. Zuvor nemlich hatte ich gehört, daß der Papst nicht gerne französisch spreche; italienisch aber konnte ich nicht. Als ich daher in jener Sprache anfangen wollte, sagte er: ma piano, piano! Ich zwang mich daher, italienisch zu radebrechen, so gut es gehen wollte, stand ja Curtins zur Aushülfe gegenüber. Gewiß kann es keinen bessern Beweis geben, daß die Art der Aufnahme und die Persönlichkeit des Papsts auch nicht die leiseste Befangenheit aufkommen ließ, als daß ich es wagen durfte, meinen Gedanken einen so mangelhaften Ausdruck zu leihen. »Sollte es mir nicht Freude gewähren,« sagte der Papst weiter, »Sie persönlich kennen zu lernen; sind Sie doch der Apoleget meiner Vorfahren!« Ich wollte den Ausdruck Apologet nicht gelten lassen, und bemerkte: ich hätte eigentlich nur die Resultate parteiloser Forschung, eine Geschichte, nicht eine Apologie geben wollen. ? »Eben,« erwiderte er, »weil Sie die Wahrheit wieder in ihr Recht eingesetzt haben, nachdem sie durch Entstellung schon seit so langer Zeit verdrängt worden ist, und weil die Grundlosigkeit so mancher schiefen Urtheile durch Sie nachgewiesen worden ist, sind Sie der Schutzredner eines ungerechter Weise Mißkannten geworden; Sie sind freilich ein Apologet, aber nicht ein Panegyriker.« In diesem Sinne ließ ich mir den Ausdruck gefallen. Ich sprach dann von der Fortsetzung des Werkes, welches in der französischen Uebersetzung den Titel führt: Tableau des institutions et des moeurs de l'eglise an moyen age. Da der Papst dieselbe noch nicht kannte, theilte ich ihm einen kurzen Ueberblick des Innhaltes mit, worüber er grosses Verlangen äusserte, sie kennen zu lernen. Ich erfuhr bald nachher vom Pater Peronne, daß die Uebersetzung in der Bibliothek des Collegio rumano sich vorfinde, und bat ihn, mir dieselbe zu leihen, um sie Sr. Heiligkeit mittheilen[266] zu können. Monsignore Curtins hatte aber während meines Aufenthaltes in Neapel den guten Gedanken, sich dieselbe, gegen spätern Ersatz, von den Jesuiten abtreten zu lassen und sie dem Papst in meinem Namen zu Füßen zu legen. Die Unterhaltung war so ungezwungen, als sie nur immer gedacht werden kann. Der Papst erzählte mir, daß sein Lehrer ein geborner Protestant gewesen seye. Derselbe habe sich in frühern Jahren zu Dresden aufgehalten. Entrüstet über die unwürdige Geschmeidigkeit mancher seiner damaligen Glaubensgenossen, bei innerlich entschiedener Ablehnung der Lehre, in der katholischen Kirche aus Augendienerei gegen den anwesenden Hof dennoch auf die Kniee zu fallen, habe dieser Mann den Muth gehabt, stehen zu bleiben. Später seye derselbe nach Wien gekommen, in die Gemeinschaft der Kirche zurückgekehrt und in den Camaldulenser-Orden eingetreten. Nicht minder ausgezeichnet durch große Gelehrsamkeit, als durch reine Frömmigkeit, habe er alle Würden, die ihm seyen angeboten worden, beharrlich ausgeschlagen. In einer Grabschrift auf denselben hätte die spätere Zeit eine prophetische Anspielung auf die Stellung, welche zwei seiner Zöglinge in der Kirche eingenommen, der verstorbene Cardinal Zurla und er ? der Papst ? erblicken wollen. Er aber seye es gewesen, der dem hochverdienten Lehrer im Tode die Augen zugedrückt habe. Ich hatte vor der Audienz die Gärten des Vaticans durchwandert. Der Papst sprach davon, wie angenehm und für seine Gesundheit wohlthätig der tägliche Spaziergang durch diesen ausgedehnten Raum ihm seye. Er könne auf solche Weise von seinem Arbeitszimmer aus, ohne durch Begegnende gestört zu werden, ganz bequem einen Weg von drei Miglien zurücklegen. Ich fand später für die allgemeine Versicherung, daß er trotz seines so hohen Alters ein rüstiger Fußgänger seye, eine augenfällige Bestätigung, als ich ihn nach der Fronleichnamsprocession durch St. Peters Kirche nach der Thüre zum Palast gehen sah, so rasch, daß kaum das Gefolge Schritt halten konnte. Als ich dann die schöne Aussicht rühmte, die man in[267] den Gärten geniesse, stand der Papst von seinem Stuhl auf und sagte: »Treten Sie hier an das Fenster, da ist sie noch weit ausgedehnter,« und damit bemühte er sich, die schweren Vorhänge auf die Seite zu schieben und die grossen Fensterflügel zu öffnen, mit einer Leichtigkeit und Behendigkeit, welche Curtins Hülfe zu spät kommen ließ. In der That, der Blick über die Stadt und auf das Albanergebirge ist prachtvoll, zwar nicht so frei wie auf den Stufen der Laterankirche, aber durch die vielen Kuppeln und Thürme, die über die Stadt sich erheben, und den gegenüber liegenden Quirinal und Trinita di Monte reicher. »Kommen Sie,« sagte hierauf der Papst, »hier ist die Aussicht verschieden, aber nicht minder schön,« und öffnete die Thüre des grössern Nebenzimmers, um an ein anderes Fenster mich zu führen, mit dessen Aufsperren er uns ebenfalls zuvorkam. Wie ich entlassen wurde, brachte ich noch die Bitte vor: Seine Heiligkeit möchte die Gnade haben, die Frau Priorin im Catharinenthal durch irgend ein Andenken zu erfreuen. Kaum ich für die Audienz, die er mir gewährt, gedankt, eilte der Papst an ein Kistchen und nahm zwei geweihte Rosenkränze und ein kleines silbernes Kruzisir heraus, jene für die angegebene Bestimmung, dieses für mich, und sagte, indem er mich entließ, er hoffe mich wieder zu sehen. Daß dieses unschätzbare Wohlwollen, welches der Heilige Vater mir erwies, aus der reinsten Herzensgüte hervorgegangen, daß es ihm wirklich erfreulich gewesen seye, mich ihm vorgestellt zu sehen, dessen sind mir alsbald Beweise darin zu Theil geworden, daß er gegen verschiedene Personen der Audienz, die er mir gewährt, erwähnte. Wenige Tage hernach begegnete ich bei Wiedereröffnung der deutschen Kirche St. Maria del Anima einem deutschen Baron, der sogleich zu mir sagte: »Sie sind vor ein paar Tagen bei dem heiligen Vater gewesen!« »Wie wissen Sie das?« erwiderte ich. ? »Er Selbst hat es mir gesagt; Sie können nicht glauben, mit welcher Liebe er von Ihnen sprach.« ? Ein paar Tage später sagte mir Hr. Dr. Alertz ohngefähr das Gleiche; auch diesem hatte er erzählt,[268] ich seye ihm vorgestellt worden und es seye ihm sehr angenehm gewesen, mich zu sehen. Der Hr. Cardinal Ostini bezeugte mir dasselbe. Dergleichen Erfahrungen wägen andere, welche der Undank, die Mißgunst, der geheime Haß, die verkappte Hetzlust und eine Unzahl ähnlicher Elemente bereiten können, reichlich auf. In die Zeit, die ich vor der Abreise nach Neapel noch in Rom zubrachte, fiel der Tod des Cardinals Pacca, drängte sich Manches, was die Thätigkeit des heiligen Vaters in Anspruch nahm. Wenige Tage, ehe ich jenen Ausflug antrat, ließ mir derselbe aber doch durch Monsignore Curtins sagen: sofern ich irgend Etwas ihm vorzutragen oder von ihm zu wünschen hätte, wolle er gerne eine kurze Audienz mir gewähren; so aber dieß nicht seye, bliebe eine solche besser bis zu meiner Rückkehr verschoben, da er nur ungerne blos für wenige Minuten mich bei sich sähe, für längeres Besprechen aber die Muße ihm mangeln würde. Jedenfalls lasse er mir glückliche Reise wünschen und erwarte, daß ich meine Rückkehr ihm anzeigen werde. Nach dieser säumte ich nicht, die verlangte Anzeige zu machen. Die Einladung zu einer zweiten Audienz ließ nicht lange auf sich warten. Empfang und Behandlung war wie bei der ersten, und der Papst hatte auch für diese einen Tag ersehen, an welchem er mir etwas mehr Zeit schenken konnte. Er freute sich meines Berichtes über das Blut des heiligen Januarius und der Erklärung, daß ich demselben ebensowohl ohne Glaube, als ohne Unglaube, bloß in der Absicht zu sehen, mich genähert hätte, nun aber im Falle wäre, ein sicheres und gegen Einreden gefestigtes Urtheil darüber zu fällen. Die katholische Kirche, bemerkte er, verlange nichts als vorurtheilsfreye Prüfung, dieser müsse unfehlbar Manches in anderem Licht sich darstellen, als da, wo das Gegentheil vorhanden seye. An die Bemerkung: ich hätte Beweise genug gegeben, daß ich durch jene mich leiten lasse, knüpfte sich das im vollesten Sinne als väterlich-freundliche Aeusserung hingeworfene Wort: Spero,[269] ehe lei sara mio figlio! Mehr sagte der Papst nicht; und es war auch dies der einzige Wink, den er in solcher Beziehung mir gab. Sonst berührte er diesen Punct niemals auch nur von ferne; und ich versichere, daß dieser offene, würdige Verkehr, welcher Alles meiner Ueberzeugung, meinem freyen Willen anheimstellen, keinerlei Einfluß auf mich üben, keine Erwartungen oder Hoffnungen aussprechen wollte, gleichsam sich hütete, auf meine Gesinnungen und Ueberzeugungen einzuwirken, mich in meinem Vorsatz ungleich mehr festigte, als wenn ich hätte wahrnehmen können, daß man es auf meine Zurückführung in die Kirche angelegt, einen besondern Werth in dieselbe gesetzt hätte. Daß diese den Papst erfreuen würde, das durfte ich mit Recht ahnen, und mag wohl jeder unbefangen und richtig Urtheilende natürlich finden. Aber gerade in diesem völligen Gewährenlassen erkannte ich ein Zeugniß ? wie deren nachher so viele mir zu Theil geworden sind ? daß die katholische Kirche nicht darüber sich freut, daß der Mensch zu ihr, sondern daß sie zu dem Menschen gekommen ist; denn nicht sie, die ihre Pforten öffnet, macht einen Gewinn, sondern dessen ist der Gewinn, dem die Pforten geöffnet werden. Das waren auch die Gefühle, welche mir aus allen Ländern und von den Personen der verschiedensten Stände einstimmig entgegenkamen. Daß die Freude der Mutter für das Kind, welches zu ihr wieder seine Zuflucht nimmt, mit der Freude über das Kind selbst sich verschmilzt, ist ganz natürlich; wie wäre sie sonst die treue, die besorgte, die an Liebe so reiche Mutter? Ich erlaubte mir, Se. Heiligkeit zu fragen: ob Sie mit dem, was ich in der Fortsetzung meines Werkes über den Papst gesagt hätte, zufrieden wäre? contentissimo, war die Antwort. Auch diese Audienz dauerte über eine halbe Stunde und hatte ganz das Gepräge einer lehrreichen Conversation über eine Menge der interessantesten Gegenstände, wie z.B., was ich schon früher erwähnt habe, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Wiedervereinigung der von der Kirche getrennten[270] Parteyen als Gesammtheiten, über die Katakomben Roms und deren allseitige hohe Bedeutung, über manches andere Derartige. Welche Freude leuchtete aber nicht aus dem Antlitz des ehrwürdigen Greisen, welches väterliche Wohlwollen, welche unbeschreibliche Herzlichkeit kam mir nicht entgegen, als ich am 20. Juni mit dem Wort: nun seye erfüllt, was er nicht lange vorher als Hoffnung und Wunsch ausgesprochen, zum Letztenmal das Glück hatte, dem Papst vorgestellt zu werden! Es war gerade an dem Tage, an welchem derselbe dem König von Bayern einen Besuch abgestattet hatte. Ich war auf eilf Uhr bestellt worden. Um halb zwölf sah ich den heiligen Vater in den innern Hof des Vaticans einfahren, ihn die grosse Treppe hinaustragen, und folgte unmittelbar nach. Kaum mochte ich mich zwei Minuten in dem Vorzimmer befinden, als schon die Klingel zum Eintritt in das Arbeitszimmer rief. Der Papst kam auf mich zu, dankte der göttlichen Gnade, die alle Hindernisse meiner Rückkehr aus dem Wege geräumt habe, und beglückwünschte mich mit der Theilnahme eines Vaters an dem Glück eines ihm werthen Sohnes. So eben sagte er, komme er von dem König von Bayern und hätte mit demselben von mir gesprochen, denn dieser theile seine Freude über die mir wiederfahrene Gnade. Dabei machte er mich darauf aufmerksam, daß ich nun auf allerlei Widerwärtigkeiten mich gefaßt halten müßte. Wie ich hiegegen bemerkte, daß mir dieß keineswegs verborgen seye, erwiderte er: er zweifle nicht im mindesten daran, daß solche Erfahrungen nur zu meiner Festigung dienen und in meinen Ueberzeugungen mich stärken würden, daß ich denselben Muth, Ruhe, ein heiteres Bewußtseyn und Gottvertrauen entgegensetzen werde. Er gab mir erneuerte Versicherungen seines wahren Wohlwollens, und sprach die Hoffnung aus, daß das von mir gegebene Beispiel nicht ohne gesegnete Früchte bleiben möchte. Ungleich höher als durch das sichtbare Zeichen der Beehrung, welches er mir bereitet hatte, und durch das schmeichelhafte Breve darüber, welches er mir überreichte, durfte ich mich[271] wohl dadurch beehrt halten, daß er mit eigener Hand jenes mir an die Brust heftete. Unter Anwünschung alles, so innern als äussern Wohlergehens und erneuerter Versicherung fortdauernder väterlich er Gesinnung gegen mich entließ er mich mit dem apostolischen Segen für mich und die Meinigen. Gewiß giebt es keine seltsamere, verworrenere Vorstellung, als diejenige, welche ein eingefleischter oder beschränkter Protestant von dem Papst sich macht. Dieser wird ihm von Jugend auf directe oder indirecte, bei jeder Veranlassung, durch jeglichen Canal, so unbedingt entweder als Schreckbild oder als Spottbild hingestellt, daß nothwendig bei ihm ein Begriff sich festgestellt, welchem in aller Wirklichkeit nichts entspricht. Ob nun so Einer von der einen oder der andern äussersten Richtung, käme er in die unmittelbare Nähe des heiligen Vaters, nicht anders über ihn urtheilen, nicht beschämt über seine Leichtgläubigkeit oder über seine Befangenheit von dannen gehen müßte! Oder könnte er bei kirchlichen Functionen, je nach deren Bedeutung, den Ernst, die Frömmigkeit, die Demuth des heiligen Vaters beobachten, erfassen, dürfte dieses nicht bleibend einen tiefen Eindruck auf ihn machen, zu gemässigterem Urtheil ihn stimmen? Ausser bei den Functionen der heiligen Woche habe ich den Papst am Palmtag, am Osterfest, bei den Exequien des Cardinals Pacca, am Feste des heiligen Philipp Neri, bei der Fronleichnamsprocession gesehen. Bei allen diesen Feyerlichkeikeiten wurde die äussere Verrichtung durch die unverkennbare innere Theilnahme, wenn ich so sagen soll, verklärt. Bei der letztern aber mußte die Hingebung, die Innbrunst, der unverkennbare Ausdruck der tiefsten Selbsterniedrigung, worin er, mitten unter dem ihn umrauschenden Pomp, das Allerheiligste trug, zur Andacht hinreissen; und ich konnte nachher nur mitleidig über einen scharfsichtigen Preussen lächeln, der in jenem Allem das unverkennbare Zeichen des Marasmus senilis sehen wollte. »Um solche Vermuthung hegen zu können, erwiderte ich ihm, haben Sie die würdevolle Haltung, den festen Gang, womit[272] der heilige Vater unmittelbar nachher den Raum durchschritt, der durch die Kirche zu dem Eingang in den Vatican führt, nicht bemerkt, haben seine volle, wohlklingende, sichere Stimme bei kirchlichen Functionen, bei dem Segen am Ostertag, nicht gehört.« Wirklich verdiente seine Stimme Bewunderung; hörte man sie bloß, so würde man glauben, sie wäre die Stimme eines kräftigen Vierzigers. Einzig bei den Exequien des Cardinals Pacca war in einem etwelchen Zittern derselben die innere Bewegung nicht zu mißkennen. Aber wahrlich, in Erinnerung an den Hingeschiedenen, im Rückblick auf seine thaten- und zum Theil leidenvolle Laufbahn, in Vergegenwärtigung dessen, was er beinahe ein halbes Jahrhundert durch dem heiligen Collegiumt gewesen, hätte man dieselbe nicht anders wünschen mögen; man wurde daran gemahnt, daß die reinsten menschlichen Gefühle auch das Gemüth des Oberhaupts der Kirche, wie eines jeden sinnigen Menschen bewegen. Zeh war hocherfreut, bei einem zweiten Besuch Roms den heiligen Vater geistig noch ebenso lebendig, körperlich noch ebenso rüstig, vor allem aber ebenso wohlwollend gegen mich gesinnt zu finden, wie fünfzehn Monate früher; und fünfzehn Monate sind bei einem Alter, welches die achtzig bereits überschritten hat, ein nicht unbedeutender Zeitraum! Wie er da bei einem Besuch in Tivoli an einem heitern Herbsttag, den man bei uns zu den Sommertagen hätte zählen mögen, bei drei Stunden unermüdlich in Bewegung war, um Kirchen, Klöster Werkstätten und die reizendsten Puncte der Umgebung zu besuchen, und der Jubel einer dichtgedrängten Bevolkerung in der Heiterkeit, die aus ihm hervorleuchtete, ihren reinen Widerhall fand! Als er später mich fragte: wie es mit den Gesinnungen meiner Frau in Bezug auf die katholische Kirche stünde, und ich entgegnete, ich hielte es für besser, Ueberzeugungen allmählig durch den stillen Einfluß der Umgebungen und aus sich selbst heranreifen zu lassen, als durch Ermahnungen darauf einzuwirken, bestärkte er mich hierin und fügte mit der liebreichsten Theilnahme bei: hieran thäte ich wohl; dergleichen[273] könnte wahrhaft gedeihlich nicht durch Menschen erstrebt, sondern müßte der Gnade Gottes anheimgestellt bleiben; diese aber werde an meiner Frau noch unfehlbar sich offenbaren. Ich füge dieses bloß als Beweis bei, wie auch der Papst keinen Werth darauf setzte, die ausser der Kirche Stehenden in dieselbe hineinreden zu wollen. Wer den Werth der menschlichen Verhältnisse bloß nach den Aeusserlichkeiten schätzt, von denen dieselben umgeben sind, oder nach den mancherlei Behaglichkeiten, zu denen jene die Mittel darbieten, der wird das Oberhaupt der Kirche in keiner Weise beneiden; oder wer glauben möchte, in der Verbindung einer gedoppelt hohen Stellung, einmal als Oberhaupt der Kirche, sodann als Regent eines Staates von beinahe drei Millionen Unterthanen, seye in manchen Dingen die Lebensweise des Papstes derjenigen anderer Fürsten ähnlich, der würde ebenfalls sehr irren. Wenn man die grössere Dienerzahl im Innern des Palastes und etwelches (unerläßliches) Gepränge bei jedesmaligem Erscheinen ausserhalb desselben ? Dinge, die zu dem, was man Lebensgenuß nennt, wenig beitragen ? abrechnet, so ist die Lebensweise des Papstes von derjenigen eines einfachen Religiosen wenig verschieden; und ich bin versichert, daß der geringst ausgestattete Bischof in Europa, ja mancher Pfarrer auf einer reichlich dotirten Pfarrei ein behaglichers, jedenfalls ein ungleich weniger beschränktes und einförmiges Leben führt, als das Oberhaupt der Kirche. Kein irgendwie wohlhabender Bürger kann bescheidener wohnen, als dieser. In den unermeßlichen Gebäuden des Vaticans ist der Papst (die Vorzimmer abgerechnet, welche den Wachen und dem dienstthuenden Personale angewiesen sind) auf vier Zimmer beschränkt. Das letzte Vorzimmer ist zugleich sein Speisezimmer; aus diesem tritt man in ein einfaches[274] Schlafkabinet, aus diesem in das Arbeitszimmer, hinter welchem sich ein etwas grösserer Salon befindet, worin er fremde Fürsten zum Besuch empfängt. Alle diese Zimmer sind so einfach ausgestattet, als nur möglich. Wer in dem letzten Vorzimmer nicht stehen mag, kann sich auf hölzerne Bänke niederlassen. Ein einziger Lehnsessel steht unter einem Thronhimmel, vor diesem wird der Tisch des Papstes gedeckt. Immer speist er einzig und läßt während des Mahls sich vorlesen. Es ist mir gesagt worden, nur äusserst selten lade er seinen Beichtvater, den Cardinal Bianchi, zu sich ein; welcher aber die einzige Person seye, die je bei ihm speise. Am frühen Morgen, zu einer Zeit, in welcher wahrscheinlich der größte Theil untergeordneter Personen noch der Ruhe pflegt, steht der Papst in seiner Capelle schon an dem Altar, um die heilige Messe zu lesen. Darauf beginnen die Geschäfte, deren Menge ihn nie disspensiren kann, das Brevier zu beten, so gut als der letzte Geistliche. Nach kurzer Zeit werden die Geschäfte durch Audienzen unterbrochen; denn schwerlich dürfte es einen Monarchen geben, der so viele Audienzen zu ertheilen hätte, als der Papst, und wäre es auch nur, damit so viele neugierige Reisende nach ihrer Heimkehr das bekannte Sprichwort sich nicht müßten vorwerfen lassen. Seine einzige Erholung besteht Abends in einem Spaziergange durch die vaticanischen Gärten, zu denen er etwa einen Cardinal oder einen Monsignore beruft, um mit ihm sich zu unterhalten, seltener in einer Spazierfahrt vor eines der Thore Roms. In den päpstlichen Palästen ist niemals die Rede von Gesellschaften, von Concerten, von andern Zerstreuungen oder Unterhaltungen, womit nicht bloß Fürsten, sondern selbst begüterte Privatpersonen ihre Abende zubringen; die dreifachen Obliegenheiten des Priesters, des Regenten, des Kirchenoberhauptes gewähren hiefür keine Muße; zudem legt die hohe Stellung eine Zurückgezogenheit auf, in welcher der Mensch jener sich selbst zum Opfer bringen muß. Gewiß giebt es in Europa keinen Hof, der weniger kostete, als der päpstliche. Auch kommt das,[275] was der Papst für diesen und für seine Person aus der apostolischen Kammer bezieht, kaum in Betracht. Selbst hievon wird der größte Theil zu Almosen verwendet, wie er denn alle Jahre am Weihnachts- und am Osterfeste jedesmal 5000 Scudi unter die Bedürftigen austheilen läßt, ungerechnet vieler wöchentlichen und monatlichen Unterstützungen an arme Familien. Eine Gewohnheit ist durchaus tief begründet dem Wesen des Oberhauptes der Kirche angemessen, daher diesem nur eigen, aber auch so, daß sie von keinem aufgegeben werden dürfte: ? daß nämlich der Papst niemals den Vatican verläßt, sey' es nun, um in eine Kirche sich zu begeben, oder bloß um durch eine Spazierfahrt sich Bewegung zu machen, ohne daß nicht der Almosenier ihn begleitete und durch Spenden an die Armien das Erscheinen desjenigen bezeichnete, den der immerwährende Wohlthäter und Gnadenspender für Alle als sichtbaren Stellvertreter auf Erden gesetzt hat. Wohl ziemt es diesem, durch immerwährende Erweisung von Wohlthaten in seines Herrn und Hauptes Fußtapfen zu treten. Ein Papst, der die Nothleidenden an sich könnte vorübergehen lassen, ohne etwelche Erquickung ihnen zukommen zu lassen, wäre die größte Anomalie, die sich denken ließe. Es ist wahr, diese Uebung, der auch die übrigen Würdenträger der Kirche sich nicht entziehen können, mag zu Förderung des Bettels in Rom viel beitragen, und der Fremde hat nicht Unrecht, wenn er über denselben etwelche Beschwerde führt; wiewohl es ungerecht wäre, den Almosen Begehrenden Ungestüm oder Unverschämtheit vorzuwerfen. So flehend sie kommen, so bereitwillig ziehen sie sich wieder zurück auf das Wort: » ich habe kein Geld bei mir,« oder: »ich bin nicht mit kleiner Münze versehen.« Folgen sie dir auch einige Schritte, so wirst du doch in Wahrheit nicht sagen können, daß sie dich verfolgen. Darin aber liegt eine Ungerechtigkeit, wenn man diesen Bettel der päpstlichen Regierung zum Vorwurf machen, darauf einen Beweis mangelhafter Einrichtungen gründen will. Die Freiheit,[276] bei eigener Noth das Mitleid und die christliche Liebe Anderer in Anspruch nehmen zu dürfen, ist überhaupt von katholischem Glauben unzertrennlich, ist so tief in das durch denselben hervorgerufene Leben verwachsen, daß selbst derjenige italienische Staat, der sonst wohlbekannter Ursachen wegen die eifrigsten Lobredner findet, dieselbe einzig in der Hauptstadt, nirgends aber ausserhalb dieser hat beseitigen können. Denn kaum ich von Florenz nach Incisa gekommen war, fand ich mich von Bettlern so umlagert, wie ich es in keinem Städtchen des Kirchenstaates ärger fand, und wo immer ich im Toscanischen aus dem Wagen stieg, konnte ich mich überzeugen, daß die gouvernementale Freisinnigkeit noch nicht in die untern Volksklassen hinabgestiegen seye. Oder brächte ein einziger Reisender aus Livorno und Pisa in dieser Beziehung andere Erinnerungen zurück? Ziehen sich in den Ländern katholischen Glaubens in dieser Beziehung andere Begriffe durch die Gesellschaft als in solchen, die zu diesem nicht sich bekennen, so darf man vor allen den Kirchenstaat nicht nach dem Maaßstab unserer heutigen Polizeistaaten bemessen, welche eine grosse Aufgabe darein setzen, dem Begüterten den Anblick der Armuth und dem Behaglichen das Bild des kummervollen Elendes sorgfältig zu entziehen, wofür sie dann jenen besteuern, zugleich dieses der Pflicht des Dankes entheben. Daß der Papst, als weltlicher Monarch, ein ähnliches System befolgen könnte, wird doch keinem Zweifel unterliegen; daß die Anwendung durchgreifender Zwangsmaßregeln einzig in seinen Gebieten materiell unmöglich wäre, wird im Ernst Niemand behaupten wellen. Die Fragen hingegen: dürfte der Papst das Oberhaupt der Kirche dem weltlichen Monarchen unterordnen, wäre in seinen Ländern die Anwendung von Zwangsmaaßregeln zu Beseitigung des Bettels nicht ebensogut möglich, als in andern Staaten? würde damit die eigentliche Grundlage seiner weltlichen Herrschaft keineswegs verrückt? diese Fragen können gewiß nicht durch ein nacktes Ja entschieden werden. Der Polizeistaat kennt nur Regulative und deren Vollziehung; die christliche Liebe dagegen ist ein Ding, wofür es in[277] seinen Registern keine Rubrik giebt. Zwar kann er wohl verhüten, daß die Leute nicht nackt herumlaufen, daß sie nicht geradezu verhungern, aber dieses geschieht nicht aus Erbarmen, sondern damit Skandal verhütet werde, damit er nicht in schlimmen Ruf komme. Die Barmherzigkeit in Anspruch zu nehmen, das überläßt er Andern, wacht aber sorgfältigst, daß dieselbe nicht auf sein Gebiet hinüberwuchere, wo sie ihn alsbald gerüstet fände. Der Staat der Kirche hingegen könnte nicht weiter gehen, als diese beiden Gebiete, das der freyen christlichen Milde in dessen doppeltem Anbau durch den Flehenden und durch den Gewährenden, und das der Gesetzesvorschrift in solchen Einklang zu bringen, daß von jenem nicht ein allzuweit getriebener Mißdrauch gemacht würde. Ein strenges Verbot hingegen, welches die tägliche Berufung an das christliche Erbarmen und die tägliche Bethätigung desselben unmöglich machte und damit deren Begriff immer mehr verkümmerte, die freye Thätigkeit der christlichen Liebe in die Zwangsjacke auferlegter Steuern einschnürte, das widerspräche dem Geist der Kirche und würde das Gepräge verwischen, welches dieselbe auch dem Staat, worin ihre oberste Leitung den Sitz hat, aufdrücken soll. Die Kirche muß, in Gemäßheit so mancher Ansprüche ihres Herrn und Begründers, der Armuth sowohl an sich, als ihrer Stellung zu den übrigen Gliedern der Gesellschaft eine andere Bedeutung zuerkennen, als dem von ihr geschiedenen Staat zuläßig scheint. Sie darf auch, will sie anders sich selbst nicht ungetreu werden, diese Anerkennung niemals aufgeben. Mir scheint, sogar in den Lokalitäten, welche die Bettler gewöhnlich sich auswählen, liege ein unverkennbares Zeugniß, daß sie Gewährung ihrer Bitten weniger von dem Menschengefühl als ausschließlich von der christlichen Liebe, die eigentlich nur die verklärte Ausbildung von jenem ist, erwarten; denn man findet sie am häufigsten in der Nähe einiger Kirchem, hauptsächlich aber auf der langen Straße, die von Monte Cavallo nach der Porta Pia hinausführt, dem Weg, auf welchem die meisten Cardinäle ihre abendlichen Spazierfahrten machen.[278] Obwohl ich nach Rom kam als einfacher Reisender, waren mir doch Aufträge, wie von Geistlichen so von weltlichen Obern zu Theil geworden. Diejenigen, von denen ich sie empfangen, hegten die Zuversicht, es würde mir nicht schwer fallen, da, wo sie ausgerichtet werden sollten, Zutritt und Gehör zu finden. Ich bemerkte daher Sr. Eminenz, dem Hrn. Cardinal Staatssecretär, bei dem zweiten Besuch: ich hätte zwar dergleichen Aufträge, allein ich könnte mich über nichts ausweisen, wäre auch in keiner andern Eigenschaft nach Rom gekommen, als in derjenigen eines blossen Privatmannes; es käme nun darauf an, ob Se. Heiligkeit und Se. Eminenz einen Theil desjenigen Vertrauens in mich setzten, womit ich mich von allen Gutgesinnten meines Vaterlandes beehrt sähe. »O, erwiderte der Cardinal, wir setzen vollkommen gleiches Vertrauen in Sie!« Einige Tage später bemerkte ich dem Papst das Gleiche, und erhielt die gleiche Antwort. Der Weg zu einigen Besprechungen war somit angebahnt. Das Wichtigste darunter betraf Wünsche für baldige Herstellung des Bisthums St. Gallen. Die hierüber zwischen Bevollmächtigten des katholischen Theils dieses Cantons und dem Herrn Nuntius schon seit langem gepflogenen Unterhandlungen waren bereits zu dem Entwurf eines Vertrages gediehen, der nur noch der letzten Erörterung und endlichen Feststellung bedurfte. Ich hatte wenige Tage vor meiner Abreise einem Brief an den apostolischen Vicar in St. Gallen zufällig die Anzeige beigefügt: ich gienge nächstens nach Rom, ob er wohl dort Etwas zu bestellen habe? Das hatte jenes Ansuchen zur Folge, mit dem Bemerken, ich würde die erforderlichen Papiere bei meiner Ankunft daselbst entweder vorfinden, oder bald nachher zugeschickt erhalten. Der Hauptzweck der Besprechung sollte darin bestehen, über Einzelnes Auskunft zu ertheilen und den Abschluß zu befördern, um den Vertrag dem katholischen Großen Rath in St. Gallen sobald als möglich vorlegen zu können. ? Der Antrag war mir in zweifacher Beziehung erwünscht; erstens, weil er mir Veranlassung gab, einer guten, weil auf Wiederherstellung[279] und Erhaltung abzielenden Sache vielleicht einige Dienste leisten zu können; sodann, weil mir dadurch Gelegenheit eröffnet wurde, in die Weise, wie zu Rom Geschäfte behandelt werden (worüber so viel ungereimtes Zeug in Umlauf gebracht wird), ein wenig hineinzublicken. Gerade das, was meiner Wahrnehmung sich darbot, veranlaßt mich, diesen Gegenstand einläßlicher zu berühren. Sobald ich daher dem Hrn. Cardinal-Stastssecretär jenen Auftrag eröffnet hatte, bezeichnete mir Se. Eminenz einen der ersten Prälaten der Staatskanzlei, um über dieses und Anderes mit ihm mich besprechen zu können. Ich würde namentlich dessen, was auf das Bisthum St. Gallen Bezug hat, nicht erwähnen, wenn ich nicht darin eine Pflicht anerkennen müßte, die mancherlei absichtlich verbreiteten Irrthümer oder vorgefaßten Meinungen über Unterhandlungen in Rom nach gemachten Erfahrungen zu berichtigen. ? Es gilt nämlich als ausgemachte Sache, daß derjenige, der wegen irgend Etwas in Rom unterhandeln wolle, vor Ränken, Duplicitäten, einem Gewebe von Irrgewinden nicht genug sich zu hüten vermöge. Statt dessen bin ich in Allem der größten Offenheit, Geradsinnigkeit, Lojalität begegnet; allfällige Einwendungen wurden mit der größten Klarheit entgegengehalten, durch bestimmt formulirte Gründe unterstützt, Erläuterungen gerne angehört, Gegenrede in demjenigen Sinn aufgenommen, in welchem sie gemacht wurde. Weiter wird mit grellen Farben das Schreckbild überall hingestellt, Rom trachte nur um sich zu greifen, suche nur seinen (und oftmals höchst gemeinen) Vortheil, gehe einzig auf Unterjochung aus. Auch dessen bin ich nicht das Mindeste inne geworden; im Gegentheil, diejenigen Punkte, an welchen im bloßen Interesse von Roms Ansehen, Einfluß, Vortheil am meisten auszusetzen gewesen wäre, wurden am allerleichtesten erledigt, in Betreff von diesen zeigte sich die größte Nachgiebigkeit. Wo dagegen an den gemachten Einwendungen entschiedener festgehalten wurde, hatten sie den einzigen Zweck, der Kirche von St. Gallen eine möglichst würdige Stellung zu verschaffen, ihr die zweckmäßigste innere[280] Organisation zu verleihen, über Erhaltung ihrer Freiheit zu wachen, deren Wirksamkeit ihrer hohen Bestimmung gemäß zu sichern. Wurde dabei alles Vorgeschlagene im Hinblick auf die allgemeinen Kirchengesetze, auf die durch die gesammte katholische Christenheit seit undenklichen Zeiten unverrückt bestehenden Anordnungen und Einrichtungen geprüft, hieran fester gehalten, als dem von seinem Standpunkt ausgehenden Unterhandelnden bei dem ersten Anblick dringlich schien, so kann dieß wahrlich weder befremden noch mißstimmen; eher müßte es befremden, und dann mit vollem Recht, wenn ein Angestellter der römtischen Curia hierüber leichtlich hinweggehen wollte. Einiges rührte auch daher, daß man in Rom von den gegenwärtigen republikanischen Einrichtungen nicht hinreichend tiefdringende Kenntniß besitzt; daß man sich die damit verbundenen Formen nicht klar genug machen konnte; daß man in Beziehung auf St. Gallen die bestehende Parität, und wie deren Verhältnisse sowohl zu einander, als diejenigen der katholischen Kirche zu dem gemeinsamen Staat sich ausgebildet haben, nicht mit hinreichender Schärfe aufzufassen wußte. Ist man in Rom seit einem Vierteljahrhundert bei dergleichen Verhandlungen behutsamer, vielleicht zäher geworden, so fällt die Schuld hievon nicht auf Rom, welches sich in allen, während der letzten Pontificate abgeschlossenen Concordaten nachgiebig und lojal erwiesen hat, sondern sie fällt auf die weltliche Diplomatie, die zu Unredlichkeiten, auf die Staatsgewalten, welche zu willkürlicher Anwendung der eingegangenen Verträge dem irdisch machtlosen Rom gegenüber vollkommen berechtigt sich glaubten. Es kann weder ein Zeugniß für Staatsweisheit noch ein Beweis der Lojalität darin liegen, wenn man die Stipulationen von Verträgen in einem ganz andern, als dem jeder redlichen Interpretation ungesucht sich kund gebenden Sinne anwendet, und einzig deßwegen, weil dieselben mit Rom eingegangen worden sind, weil sie die katholische Kirche betreffen, sich zu einer Handelnsweise befugt hält, die man bei hundertmal grösserer Macht nicht einmal den Lippe'schen Fürsten oder[281] dem Landgrafen von Hessen-Homburg gegenüber sich erlauben würde. Es ist keine lojale Vollziehung von Verträgen, wenn in denselben Ausstattung der Bisthümer in liegenden Gründen verheißen wird, das Personale aber auf eine Besoldung angewiesen bleibt; wenn man Domcapitel einsetzen läßt, nachher aber hindert, oder erschwert, daß sie stets vollzählig seyen; wenn man es zugiebt, daß durch die Bullen eine freie Bischofswahl binnen drei Monaten gefordert werde, hierauf die Vollziehung derselben von einer zuvor eingeholten speciellen Erlaubniß abhängig macht; wenn den Capitularen der Domkirchen eigene Wohnungen zugesagt, diese aber nicht nach vollem Umfang der eingegangenen Verpflichtung ihnen eingeräumt werden; wenn man zu Errichtung von Seminarien, »die nach Vorschrift des tridentinischen Conciliumts unter freier Leitung und Verwaltung des Bischofs stehen sollen,« sich anheischig macht, dann aber die Seminarien entweder gar nicht errichtet, oder dem Bischof allen Einfluß auf dieselben entzieht, oder diesen auf wenige Aeusserlichkeiten beschränkt, in allem Wesentlichen sie der Staatsgewalt unterordnet; wenn man die angehenden Geistlichen zum Besuch von Anstalten zwingt, die ausser jeder Berührung mit dem Oberhirten stehen und für die Lehre, welche sie pflanzen, ihm keinerlei Bürgschaft leisten; wenn man die Verpflichtung zu Errichtung von Emeriten-Häusern übernimmt, diese aber bloß auf dem Papier stehen läßt und nachher über Vollziehung nur in schnöden Ausflüchten hinwegschreitet; wenn man die Worte: »sollte etwa auf einen einzureichenden Verzeichniß von Candidaten zur Bischofswürde Einer derselben dem Landesherrn minder angenehm seyn, so ist er auszustreichen,« dahin ausdeutet, daß entweder eine Wahl kaum mehr möglich wird, oder die Frage, weßwegen der Ausgestrichene minder angenehm seye, unverkennbar zu seinen Gunsten lauten müßte, dieweil seine Individualität zu Leitung des Bisthums im wahren Sinne der Kirche die befriedigendste Bürgschaft gäbe; wenn dem Bischof die volle bischöfliche Gerichtsbarkeit in Gemäßheit der Kirchengesetze[282] und der gegenwärtig bestehenden kirchlichen Uebung zugesichert, diese aber factisch einem aus geschmeidigen Creaturen zusammengesetzten Kirchenrath unter Commando eines Ministers des Polizei-Kirchen- und Eisenbahnwesens zugewiesen wird; wenn man durch das ganze Verfahren mit der Kirche den unzweideutigen Beweis giebt, daß man den heiligen Stuhl nur noch nicht gänzlich beseitigter Vorurtheile wegen als berechtigte Autorität anerkennen, im Grund aber kraft eigener Machtvollkommenheit zu handeln gewollt seye. Würde ein Privatmann in Vollziehung eingegangener Verträge derartige Redlichkeit an den Tag legen, er könnte dem doppelten Urtheil, demjenigen der Gerichte und demjenigen der öffentlichen Meinung, schwerlich entgehen. Aber mit Rom glaubt man sich schon befugt, zu unterhandeln, das Eingegangene auf sich beruhen zu lassen, und nachher in Blättern und Flugschriften auszukünden: vor der Curia müsse man sich in Acht nehmen, man finde in ihr keine Geradsinnigkeit, dürfe sich darauf gefaßt machen, von ihr hintergangen zu werden, indeß man zu Beschwerden im entgegengesetzten Sinne Berechtigung darbietet. Wäre es zuletzt nicht lojaler, zu erklären: wir schliessen keine Verträge über die kirchlichen Verhältnisse mit Rom, wir ordnen dieselben nach unserer bloßen Willkür; als mit solchen Verträgen in der Hand und einer ihnen entweder nur wenig entsprechenden oder geradezu widersprechenden Verfahrungsweise im Sinn, die redlichen Katholiken zusammt dem heiligen Stuhl zu täuschen; jenen vorzugeben, wir handeln ja nur in Uebereinstimmung mit diesem, diesem aber das Nachsehen zu lassen, getröstet durch den Gedanken, es fehle ihm an allen Mitteln, um auf eine redliche Vollziehung der Verträge mit wirksamem Nachdruck zu dringen? Oder würde es allenfalls so schwer fallen, für den Widerspruch zwischen den mancherlei Stipulationen der verschiedenen Concordate und der Thatsache ihrer Nichterfüllung, oder ihrer Erfüllung in anderem Sinne, Beweise beizubringen? Oder wären nirgendsher Klagen aus solcher Veranlassung vernommen worden? Oder stünden Erfolglosigkeit[283] und Grundlosigkeit dieser Klagen in unzweifelhaftem Zusammenhang? Was erlaubte sich in dieser Beziehung der erste und letzte König der Niederlande? Nachdem er, aller Einsprachen der Bischöfe und Roms ungeachtet, sein philosophisches Collegium zu Dekatholisirung Belgiens eröffnet, fand er für seinen Wunsch zu Abschliessung eines Concordates bei Leo XII dennoch bereitwilliges Entgegenkommen. Dasselbe wurde zwischen dem vorigen Papst, damaligen Cardinal Capellari, und dem Grafen von Celles am 27. August 1827 unter Vorbehalt der Ratification binnen 60 Tagen abgeschlossen. Aber der König, den Einflüsterungen der liberalen Partei das Ohr leiheno, verweigerte nicht nur die Vollziehung, sondern seine Rathgeber glaubten selbst auf den eigenen Ruf, dieweil es ja nur eine kirchliche Angelegenheit betreffe, so wenig Rücksicht nehmen zu müssen, daß ein Rundschreiben der Regierung gar kein Hehl daraus machte, es habe mit dem Concordat bloß ein Spiel sollen getrieben werden. Um dieses einigermaßen zu beschönigen, hatte kurz vorher ein im Dienste jener Partei geschriebenes Blatt ankünden müssen: »Rom bedrohe Belgiens Freiheiten und Ruhe.« Zur Genüge ist jene tückische Diplomatie bekannt, die einst dem heiligen Vater in Gegenwart von Personen des Landes, dem der right honourable Diplomate angehörte, die Bemerkung abnöthigte: er wisse wohl, daß ein Solcher nicht alle seine Gedanken stets auf der Zunge haben dürfe; aber durch den Widerspruch glatter Worte mit entgegengesetzten Absichten das Oberhaupt der Kirche und alle Cardinäle hintergehen zu wollen, das schreite über die kluge Gewandtheit hinaus. Mochte im Vertrauen auf sein angelegtes Spiel der Diplomate seinen Landesheern anreizen, der vollen Willkür gegen die Kirche den Lauf zu lassen: »denn er habe den Papst in der Tasche,« so zeigte es sich bald, »daß die Tasche ein Loch hatte,« wie einst in Anwandlung heiterer Laune der Papst selbst einem meiner Bekannten bemerkte.[284] Meine Unterhandlungen bewiesen mir auf das Ueberzeugendste, daß in Rom Offenheit Offenheit, redlicher Wille redlichen Willen finde. Jemand, dem über dergleichen Angelegenheiten ein Urtheil zukommt, wie wenigen unter seinen Zeitgenossen, der vormalige preußische Staatskanzler Fürst Hardenberg, hat hierüber ein um so parteiloseres Zeugniß gegeben, da er gewiß nicht geneigt war, Rom seinem Monarchen gegenüber mehr einzuräumen, als er unvermeidlich mußte. Die Nothwendigkeit, mit dem heiligen Stuhl über die Stellung der katholischen Kirche in den preußischen Gebieten sich endlich zu verständigen, bewog den König, seinen Kanzler nach Rom zu senden, worauf man sich in acht Tagen über die Grundzüge eines Concordates geeinigt hatte. Nach seiner Rückkehr äußerte sich der Fürst in Bezug auf die bei jener Gelegenheit gemachten Erfahrungen: »nie habe er einen Hof gefunden, mit welchem leichter zu unterhandeln seye, als den Römischen; aber Eines müsse man mitbringen, redliche Gesinnung; ohne solche werde man in Rom nicht fertig.« Eine derartige Anerkennung aus solchem Munde schlägt das Gebrüll von tausend kenntnißlosen Schwäzern nieder. Der Prälat, an welchen der Cardinal-Staatssecretär mich wies, war der so liebenswürdige als geschäftserfahrene Monsignore Corboli. Derselbe machte mir Ausstellungen über acht Puncte, wovon weitaus die meisten im Interesse des herzustellenden Bisthums waren, nur ein Paar, welche die Rechte des kirchlichen Primats berührten. Unter jenen befand sich z.B. der gehässige Beisatz zum Eid des Bischofs, welcher zwar wohl der Bulle für Herstellung des Bisthums Basel entnommen war, aber demselben das Unwürdigste zumuthet, was sich denken läßt, indem er ihm die Stellung, wenn nicht eines Spions, so doch eines Angebers aufladet; denn jener Beisatz lautet: »Sollte ich je Kunde erhalten von einem dem Staat nachtheiligen Anschlage, sey es in meiner Diöcese oder anderswo, so werde ich die Regierung davon in Kenntniß setzen.« Kein Privatmann, und derjenige, welcher in dem Eid die höchste moralische Verpflichtung anerkennte,[285] am allerwenigsten, würde jemals einen solchen Eid sich zumuthen lassen; dieß um so minder, je entschiedener er die Verpflichtung anerkennen würde, in gegebenem Fall aus redlichem Willen demjenigen Genüge zu leisten, wozu bindende Verpflichtung in vorauszusetzender Gewissenhaftigkeit liegt. Aber von einem Bischof soll in eidlichem Angelöbniß gefordert werden, was man von jedem rechtlichen Mann mit voller Zuversicht erwarten dürfte! Wer sich der Vorstellung, in einem jeden Bischof einen Schleicher, einen Förderer der Ruhestörung, einen Staatsfeind erblicken zu sollen, überheben kann, der wird gestehen müssen, daß in dem Begehren eines solchen Eides ein offizieller Zweifel an dem moralischen Werth desjenigen ausgesprochen seye, dem derselbe auferlegt werden will. Ist der Bischof diejenige, auch innerlich hochgestellte Person, die er seyn soll, so wird richtiges Bewußtseyn ihm die Fälle von selbst bezeichnen, in denen er zu solcher Eröffnung sich verpflichtet halten müßte; wäre er jenes nicht, so würde die Eidesformel solchem Mangel nicht abhelfen; sie kann daher nur zu schnöder Herabwürdigung der hohen Stellung dienen. Wenn man aber so an Allen herumnergeln will, geben etwa alle Staatsgewalten unserer Tage so zweifellose Beweise von reinem Wohlwollen gegen die Kirche, von einem loyalen Verfahren gegen dieselbe, von ehrlicher Anerkennung ihrer Rechte, daß man zuletzt nicht noch weit größere Gefahren für denjenigen herauscalculieren könnte, welcher einen solchen Eid zu leisten hätte? Es ist noch in frischem Andenken, wie im Canton Aargau Ehrenmänner einzig deßwegen, weil sie in einer wichtigen Angelegenheit ihren Diöcesanbischof um Rath gefragt hatten, einer Criminal-Untersuchung und jedenfalls einer criminellern Behandlung unterworfen wurden, als Solche, die an eine fremde Macht sich gewendet hätten. Es gellt noch in unsern Ohren, wie noch weit mehr das Oberhaupt der Kirche bei jeder Veranlassung eine fremde Macht genannt wurde. Wie nun, wenn schreiende Bedrückungen der Katholiken dieses Oberhaupt in einem Lande nöthigen würden, hiegegen seine[286] Stimme zu erheben, wenn dann sogar der Bischof hierum wüßte, und es fiele irgend einem Rathsherrn ein, dieses nach den Grundsätzen seines Staatskirchenrechtes »als verdächtige Verbindung, welche die öffentliche Ruhe gefährden könnte,« auszuschreien und durch zeitgemäßes Lärmschlagen die Massen in erforderliche Bewegung zu bringen, wo fände der Bischof Bürgschaft, daß er nicht in kurzem Wort als eidbrüchig erklärt und demgemaß behandelt würde? Sollte es aber als Merkmal absonderlicher Staatsweisheit und der sorglichsten Fürsichtigkeit gelten, Alles, was von der Kirche kommt und mit der Kirche in Verbindung steht, mit jedem erdenklichen Mißtrauen zu überschütten, so seye Jenes nur deßwegen angeführt, um darauf hinzuweisen, daß noch weit weniger Grund vorhanden seye, in die Begehren aller und jeder Staatsgewaltiger mit der unbedingtesten Arglosigkeit einzugehen, und gefährdende Auslegung hier mit grösserem Recht dürfe befürchtet werden, als von dorther Nachtheil bei Unterlassung des nicht ehrenhaften Beisatzes. Es vergiengen nach den Verhandlungen nur wenige Tage, bis ich Nachricht erhielt: der heilige Vater seye geneigt, vier Puncte, die der erhobenen Einwendungen wegen unerörtert geblieben waren, in Gemäßheit der Bestimmungen des Entwurfes anzunehmen, die erhobenen Bedenklichkeiten mithin fallen zu lassen. Und dieß waren gerade diejenigen, welche die Rechte des Primats vorzüglich berührten, worüber also dem landläufigen Geschwätze zufolge Nachgiebigkeit am wenigsten hätte erwartet werden sollen. Die andern, über die man sich noch Verständigung vorbehielt, bezogen sich insgesammt auf das Bisthum selbst, auf die erforderliche Stellung und Wirksamkeit des Bischofs, auf mögliche Bürgschaft, durch ein würdiges und wohlgesinntes Capitel der Erwählung eines solchen Oberhirten für alle Zukunft versichert seyn zu können. Eine andere, ebenfalls einzig in der redlichsten Fürsorge um die St. Gallische Kirche gestellte Forderung, diejenige nemlich von Verwaltung der erforderlichen Ausstattung durch den Bischof selbst, wurde am längsten und beharrlichsten festgehalten; es bedurfte aber[287] nachher bloß einer klaren Auseinandersetzung der obwaltenden Verhältnisse und einer genügenden Beleuchtung des wirklichen Thatbestandes, um auch diese Einwendung ohne Mühe zu besiegen. Kurz, ich darf es offen, frei von aller Befangenheit und einseitigen Vorliebe bekennen, daß ich in dieser ganzen Verhandlung das redlichste Entgegenkommen, die weitreichendste Nachgiebigkeit und die uneigennützigste Obsorge um das gedeihliche Bestehen des St. Gallischen Bisthums und um das Wohl der dortigen Kirche zu ehren hatte. Und es freut mich um so mehr, dieses Auftrages gewürdigt worden zu seyn, als mir damit Gelegenheit gegeben worden ist, ein gewissenhaftes Zeugniß auszustellen, selbst wenn es nicht gelingen sollte, festgewurzelte Vorurtheile und vorgefaßte irrige Meinungen dadurch niederzuschlagen. Talleyrand beklagte sich einst über die lenteurs de Rome. An dem Diener eines Herrn, der bei Unterhandlungen als ultium ratio das Schwert in die Wagschale zu legen gewohnt war, ist sich dessen nicht zu verwundern. Augenommen aber, daß ein etwas langsamer Geschäftsgang in den römischen Gewohnheiten liege, so läßt sich Bedächtlichkeit, Umsicht und ein Abwägen nach allen Seiten aus den Obliegenheiten der Kirche und ihrer Lenker und aus der Natur der zur Erörterung gebrachten Gegenstände und aus der Nothwendigkeit, stets im Auge behalten zu müssen, was durch den Lauf der Jahrhunderte zur unabänderlichen Vorschrift geworden ist, gar wohl rechtfertigen. Allein auch die Erfahrung ist mir geworden daß diese lenteurs nicht eine unbeugsame oder unübersteigliche Norm seyen. Es war mir nemlich mit den erforderlichen Aufschlüssen zugleich die Bemerkung zugegangen, daß eine Beförderung der Sache, die ohnedem mancherlei obwaltender Schwierigkeiten wegen schon lange gedauert hatte, höchst wünschbar seye; zum Theil auch deßwegen, weil mündliche Besprechung während meiner Anwesenheit in Rom der Beendigung förderlicher seyn dürfte, als der langsame Weg schriftlicher Verhandlung. Ich bemerkte dieß sowohl dem heiligen Vater, als[288] auch dem Hrn. Cardinal-Staatssecretär, und entwickelte die Gründe, welche Beförderung dieser Angelegenheit wünschbar machten. Aus dem Gang der Unterhandlungen in der Schweiz konnte ich dann den Beweis schöpfen, daß Se. Excellenz, der Hr. Nuntius, immer gemäß des Fortganges meiner Besprechungen in den Fall gesetzt wurde, dieselben ihrem Endziel näher zu führen. Eines noch darf nicht übersehen werden: daß nemlich Rom der Natur und des Gegenstandes der Unterhandlungen wegen, in welches es in der Regel mit den weltlichen Staaten zu treten hat, stets in minder günstiger Stellung sich befindet, als diese ihm, jedenfalls als dieselben einander gegenüber. Die Unterhandlungen zwischen weltlichen Gewalten betreffen immer materielle Interessen. Auch der kleinste souveräne Staat, wäre er von einem zehnmal grössern lange Zeit hingehalten worden, könnte er sich überzeugen, daß dieser ihn zu beeinträchtigen, zu täuschen, zu mißleiten, wohl gar zu hintergehen sich bestrebe; dürfte er ahnen, der andere räume seiner Uebermacht ein grösseres Gewicht ein als dem Recht; hätte er vielleicht früher schon in dieser Beziehung nachtheilige Erfahrungen gemacht, kann am Ende füglich den Faden abreissen, kann die Verhältnisse auf dem Fuß fortdauern lassen, wie sie früher bestehen mochten, kann zuletzt den Spröden spielen, seine souveräne Befugniß, von dem Flächeninnhalte des Landes unabhängig, einsetzen, so gut als der andere mächtige Staat; kurz er kann gegen den unterhandelnden Theil auf vollkommen gleichen Fuß sich stellen, und darf dabei immer der Billigung durch die öffentliche Meinung sicher seyn. Nicht so Rom bei Unterhandlungen, die mit ihm, als dem Mittelpunct der Kirche, angeknüpft werden wollen. Hier handelt es sich nicht um materielle Interessen, sondern um die seiner Obhut und Leitung anvertraute Kirche und um diejenigen, welche deren Glieder sind. Der Papst tritt hier gewissermassen in die Eigenschaft eines Seelsorgers ein. Wie dieser auch den verstocktesten Sünder, der seine Ermahnungen verschmäht, der seine Räthe von[289] der Hand weist, der ihm die entschiedenste Hartnäckigkeit entgegenstellt, doch nicht aufgeben darf, fortwährend die Hoffnung festhalten muß, zuletzt doch noch gehört zu werden: ebenso darf auch Rom Unterhandlungen zum Besten der Kirche selbst dann nicht von der Hand weisen, wenn es voraussehen kann, daß sie nicht zum Ziele führen werden; es darf dieselben niemals abbrechen, wenn ihm auch die Unnachgiebigkeit noch so hell einleuchtet; es muß seiner noch so wohl begründeten Empfindlichkeit Schweigen auferlegen; es muß auch dann wieder sich geneigt finden lassen, wenn fruchtlose Versuche noch so oft gemacht worden sind, wenn Anträge kommen, von deren Unzulässigkeit es auf den ersten Anblick sich überzeugt halten kann, ja dann selbst, wenn es mit Beweisen aufzutreten vermöchte, daß es hintergangen, daß gemachte Zusagen nicht seyen gehalten worden. Ueber dieses Alles muß es hinwegsehen können; gilt es doch in Verständigung über die kirchlichen Einrichtungen nicht Rom, gilt es ja die Kirche; es gilt nicht ein eigenes, sondern ein anvertrautes Gut; es gilt nicht Unterthanen, sondern Glieder der Kirche, deren oberste und geheiligteste Interessen durch dieselbe und durch deren sichtbares Oberhaupt gewahrt werden sollen. Könnte man es über sich gewinnen, an diesem Gesichtspunct festzuhalten, gewiß würden oftmals richtigere und billigere Urtheile gefällt werden, als wie sie dem blinden Vorurtheil und dem wegwerfenden Uebermuth geläufig sind, und man würde der Perfidie entsagen müssen, Roms Obsorge um das Gedeihen, die Rechte und die Freiheit der Kirche mit Interessen nach dem gemeinen und untergeordneten Begriffe dieses Wortes gleichbedeutend zu nehmen. Ich darf wohl gestehen, daß ich zu diesen Bemerkungen mitunter auch dadurch veranlaßt worden bin, daß ich nirgends einer Rückerinnerung an das Jahr 1833 begegnete, wo ein bloß zehn Jahre vorher abgeschlossener Vertrag in St. Gallen eben so willkürlich als einseitig umgestossen wurde. Ich bin fest überzeugt, daß eine weltliche Macht, gegen die man sich etwas dieser Art und in gleich schnöder Form erlaubt hätte,[290] nachher zu neuen Unterhandlungen über den nämlichen Gegenstand schwerlich so geneigt sich würde erwiesen haben, Hier aber ward über jenes Vorgegangene das tiefste Schweigen beobachtet, die Sache an die Hand genommen, als wäre zu keinerlei Beschwerde je Veranlassung gegeben worden. Neben dem Bemerkten treten noch zwei Hemmnisse entgegen, welche Roms Stellung bei Unterhandlungen, zumal mit protestantischen weltlichen Gewalten, erschweren; die eine aus Irrthum und Unkenntniß, die andere aus üblem Willen hervorgehend. Man denkt sich den Papst in seiner Beziehung zu der Kirche unumschränkter, als er es in der That ist und seyn kann. Allerdings ruht in ihm die Fülle der Gewalt, aber nicht in der Weise eines Autokrators, der nach Willkür und Laune gewähren und versagen kann. Die Gesetze, die Einrichtungen, die Gewohnheiten der Kirche können durch ihn um so weniger umgangen oder aufgegeben werden, je unzertrennlicher in deren Wesen dieselben verflochten sind, je unantastbareres Ansehen sie durch ihr langes Bestehen, durch ihre allgemeine Geltung gewonnen haben. Nichts ist leichter, als in die Meinung sich festzurennen, es hänge ganz von dem Willen des Papstes ab, in dieses oder jenes Begehren einzuwilligen, und dann, wenn dieses nicht geschieht, über Unnachgiebigkeit oder über eigensinniges Festhalten an veralterten Formen zu klagen; indeß nie sollte vergessen werden, daß man zwar wohl mit der Person des Papstes unterhandle, daß aber diese Person nicht sowohl ein concretes Individuum als der Träger einer unwandelbaren Idee seye, welche höher stehe als die Personlichkeit. Findet man es ganz natürlich, daß ein Monarch bei Unterhandlungen die Grundgesetze seines Reiches nicht in allzuweitgehender Nachgiebigkeit gegen einen Andern zum Opfer bringe, so sollte man billig genug seyn, anerkennen zu wollen, daß auch die Kirche ihre unwandelbaren und in jeder Weise geheiligten Grundgesetze habe, und daß es weit leichter seye, von Rom Manches zu begehren, als für dieses, in das Begehrte einzuwilligen, ohne seine Verpflichtungen gegen die allgemeine[291] Kirche und den in irgend ein Land sich erstreckenden Zweig derselben aus den Augen zu setzen. Hieran knüpft sich dann noch die Leichtigkeit, mit der jede weltliche Macht aus allen vorangegangenen Verträgen Anderer mit Rom die gemachten Zugeständnisse zusammentragen und dieselben, unter steter Berufung, daß dieses da und jenes dort seye eingeräumt worden und jedes Kind an das Wohlwollen der Mutter gleiche Ansprüche habe, gehäuft in Vorschlag bringen kann. Der Bemerkung: das seye ein sehr bequemtes Verfahren, jede seit zwanzig Jahren irgendwo gemachte Vergünstigung, ohne Berücksichtigung der vorhandenen Veranlassung, unter dem Titel gleicher Berechtigung bei jedem gegebenen Fall gleichmässig fordern zu wollen, war im Grunde nicht viel entgegenzuhalten. Noch schwieriger würde bei solchen Unterhandlungen Roms Stellung dadurch, wenn die Bevollmächtigten weltlicher Gewalten das Oberhaupt der Kirche bloß als ein unvermeidliches Ueberbleibsel einer Vergangenheit betrachten wollten, die weit hinter den Begriffen und den Bedürfnissen der jetzigen Zeit stehe; oder vielleicht als einen Gegner, welchem man, was nur immer möglich, entweder abtrotzen, und so dieß nicht gelinge, ablisten müsse. Es kann nicht schwer fallen, von der weiten Verbreitung einer so schmählichen Vorstellung sich zu überzeugen, um der Vermuthung Raum zu geben, auch die höchsten Regionen dürften derselben nicht unzugänglich seyn. Wie aber, wenn man ihrer sich nicht frei halten kann, wie läßt sich eine auf Offenheit, Redlichkeit, loyalen Sinn und geneigte Beiständigung gegründete Unterhandlung erwarten? Kann Rom nicht immer in Alles einwilligen, hat es an Manchem, was in die kirchlichen Einrichtungen verflochten ist, pflichtgemäß festzuhalten, dann glaubt jeder Schreibersjunge sich berechtigt, über Herrschsucht, Geistesverknechtung, Starrsinn, verknöcherte Formen zu lärmen; erweist es sich nachgiebig, geht es in seinen Bewilligungen bis an den äussersten Saum der Gränze des Zulässigen, alsbald muß es gefährliche Hintergedanken bergen, dann sollte man[292] doppelt auf der Hut seyn, von der andern Seite gerade um so weniger Nachgiebigkeit erzeigen. Ist es überhaupt für Protestanten schwer, zu billiger und unbefangener Beurtheilung der Kirche und ihres Verhältnisses zu der weltlichen Gewalt einen richtigen Standpunct zu gewinnen, so machen schlechte Katholiken, welche in der Kirche nur einen Hemmschuh für das erblicken, was sie Beseitigung der Vorurtheile und freye Entwicklung nennen, ihnen solches noch schwerer. Herr von Haller hat mir hiezu aus eigener Erfahrung die Bemerkung gemacht: »Die Treulosigkeit und die hochmüthige Verachtung in allen Unterhandlungen mit dem Oberhaupt der Kirche hat mich schon im Jahr 1817 höchst unangenehm berührt. Damals wurden wegen Organisation des Bisthums Basel zwei schweizerische Staatsmänner nach Rom gesendet. Sie hatten die abentheuerlichsten Instruktionen erhalten, gegen welche ich vergeblich Widerspruch erhob. Würde aber der Papst in alle ihre Forderungen ohne Ausnahme eingewilligt haben, selbst dann würden sie damit nicht zufrieden gewesen seyn, immer noch anguem sub herba vermuthet haben. Dergleichen schiefe Urtheile sind zum Theil auch in dem vorliegenden Fall vorgekommen. Zwar zu den gewohnten Klagen über Roms Unnachgiebigkeit und Gier nach eigenem Gewinn wurde hier keine Veranlassung gefunden; dafür mußte an die Nachgiebigkeit Verdächtigung geknüpft werden, mußten bedrohliche Absichten, die freilich nicht sich entziffern liessen, im Hintergrunde stehen. Fiel es schon damals, während die Verhandlungen noch im Gang waren, schwer, eine triftige Widerlegung der Andeutung entgegenzustellen: daß es immer noch leichter seye, Verabkommnisse mit Fürsten zu schliessen als mit Republiken, in denen halbjährlich die Personen, und mit ihnen die geltenden Grundsätze, Ansichten und Bestrebungen wechselten und wobei der spät er zu Einfluß Gekommene diejenigen des Vorangegangenen nicht nur nicht zu vertreten habe, sondern oftmals denselben gerade zuwiderhandle; wo es irgend einer auftauchenden[293] Personalität leicht möglich werde, der allgemeinen Stimmung sich zu bemächtigen und ihr für eine Zeitlang Wort und Richtung bald in diesem, bald in jenem Sinne zu leihen, hiemit unerwartet wieder in Frage zu stellen, was nicht lange vorher noch so allseitig erörtert und hienach anscheinend bindend eingegangen und festgesetzt worden; ? so sollte dieselbe bald hernach ihre theilweise Rechtfertigung in der Wendung finden, welche der letzten Erörterung der zwischen den St. Gallischen Abgeordneten und der Nuntiatur verabredeten Uebereinkunft durch die gemischten Behörden wollte gegeben werden. Da warf, als es sich um deren Sanction handelte, eine größtentheils durch Legisten und Advocaten vertretene kirchenfeindliche Partei die Maske so weit ab, als nur immer thunlich war, und griff zu allen denjenigen Mitteln, welche im Augenblick des bevorstehenden Entscheids folgreicher Fragen durch den Radicalismus seit einer langen Reihe von Jahren stets sind angewendet worden: Aufregung der Gemüther durch allerlei Vorspiegelungen, durch wahrheitswidrige Berichte, selbst durch Petitionen, deren formelle Gültigkeit die Prüfung nicht immer würde bestanden haben. Wir wollen keine Reorganisation der kirchlichen Angelegenheiten unseres Cantons, wir wollen die Fortdauer eines Provisoriums, weil unter einem solchen alle Bande weit eher sich lockern und hiedurch Gegenwart und Zukunft weit sicherer uns zufallen, ? das durfte nicht offen gesagt werden; unschwer aber war zu durchschauen, daß unter andern Formen, durch erhobene Bedenklichkeiten, durch hineingeworfene Hindernisse doch nichts Anderes sollte erzielt werden. Alle feindseligen Elemente, welche die Katholicität auch in diesem Ländchen in sich schließt, und die insgesammt (man kann auf diese constant erscheinende Verbrüderung nie genug aufmerksam machen) auf dem politischen Boden dem Radicalismus huldigten, schaarten sich daher zu einer geschlossenen Phalanx, um die Herstellung des Bisthums, wenn nicht zu vereiteln, so doch ins Ungewisse hinauszuschieben; anbei mochten sie mit Zuversicht auf spätern Succurs von den Protestanten zählen, für deren Mehrzahl[294] solcherlei Stimmen unbegreiflicher Weise ein grösseres Gewicht haben, als diejenigen der treuen Kinder der Kirche; sie nennen dieselben Stimmen vorurtheilsfreyer oder aufgeklärter Katholiken, indeß sie nur als Stimmen der nach dieser Seite vornehmlich gewendeten radicalen Zerstörungslust gelten können. Ausserdem stossen dergleichen Fragen, sobald auch Protestanten ein Wort dazu zu sprechen berechtigt sind, auf zwei hindernde Elemente auf Furcht und Scheelsucht. Jene läßt die Protestanten in einer wohlgeordneten Gestaltung der Kirche unter ihrem Bischof allerlei Besorgnisse ahnen und, wer weiß welche, Gespenster fürchten, daher sie geneigter sind, eine solche zu hindern, als zu fördern; diese wird wach durch den Gegensatz ihres formlosen, durchaus abhängigen Kirchenwesens, wobei der Gedanke auftauchen mag: was wir nicht bedürfen, sollte auch für Andere nicht nothwendig seyn; reichen wir mit so wenig aus, warum sollten Andere dieß nicht ebenfalls können? Nur eine geistig freye Stellung und eine tüchtige Bildung im wahren Sinne des Wortes kann gegen dergleichen Anwandlungen schirmen; daher jene Art von Katholiken bei der Mehrzahl der Protestanten auf freudiges Mitwirken zweifellos zählen darf. Wie sehr auch alle Antecedentien seit bald dreissig Jahren durch Thatsachen sowohl als durch wiederholte Erklärungen, erst von Begründung, hierauf nach hastiger Beseitigung des endlich Begründeten, von Wiederherstellung eines eigenen Bisthums St. Gallen gesprochen hatten, jetzt sollte erst die Nothwendigkeit, ja sogar Zulässigkeit einer solchen Herstellung in Zweifel gezogen werden. Wie sehr dann dem oberflächlichsten Blick auf die allgemeinen politischen und kirchlichen Zustände der jetzigen Schweiz entweder die reine Unmöglichkeit, oder doch die kaum zu beseitigende Schwierigkeit des Anschlusses an das Bisthum Basel alsbald sich darthun mußte, es wurde auch diese mit Andringlichkeit angerathen, nur um die Sache endlos in's Schwankende hinauszuwerfen. Wie patzig auch sonst auf schweizerische Nationalität und unberührte Erhaltung derselben durch Fernehalten jederlei Einflusses von Aussen gepocht wird, lieber unter[295] das entfernte und deutsche Erzbisthum Freiburg unter Badenscher Staatshoheit hätte man sich gefügt, als aus einem winzigen Theil der Spolien der uralten Abtei, deren Herren sammtliche iura quasi episcopalia einst geübt, das Bisthum des eigenen Cantons wieder erstehen zu sehen. In wie wildem Anfall man vor eilf Jahren die Losreissung von Chur erstürmt und wie ungeberdig man dieselbe aufrecht erhalten, lieber mit Chur hätte man sich wieder verbunden, als den Oberhirten im eigenen Lande eingesetzt. Man vermochte bitterem Grimm darüber, daß die kirchlichen Verhältnisse wieder bleibend sollten geregelt werden, so wenig Einhalt zu thun, daß einer der Vordermänner sogar zu der höhnischen Erklärung sich verleiten ließ: auch er wolle ein Bisthum, aber Anschluß an ein anderes Bisthum, und dieses um so entlegener, desto lieber, am besten an ein amerikanisches. Neben dem Allem wußte man, daß schon vier Jahre früher den St. Gallischen Abgeordneten durch den Herrn Nuntius eröffnet worden war: »Daß der heilige Vater zu einem Anschluß an das Bisthum Basel niemals einwilligen werde, sondern auf der Herstellung eines eigenen Bisthums für den Canton St. Gallen beharre.« Darauf wurde das in Vergleich zu den Stipulationen des Jahres 1823 in jener Beziehung verringerte Domcapitel angefochten. Aber wieder wußte man, daß das Oberhaupt der Kirche die Einsetzung eines Bischofs ohne Capitel eben so wenig genehm halten, als die weltliche Gewalt in St. Gallen die Ernennung des Bischofs auf alle Zeiten dem heiligen Stuhl überlassen würde. Mithin auch hier nicht die offne Erklärung: wir wollen keine Herstellung einer geordneten kirchlichen Einrichtung; ? dagegen diejenige: wir wollen dieselbe bloß unter solchen Bedingnissen, von denen wir zum voraus schon gewiß sind, daß sie nicht werden eingegangen werden! Um endlich gegen das herzustellende Bisthum den gewichtigsten, gemeinfaßlichsten und den grossen Haufen am leichtesten zu gewinnenden Schlag zu führen, wurden die Armen vorgeschoben. Bei Aufhebung der reichen Abtei, hieß es, seye ein Theil ihres Gutes[296] für sie bestimmt worden, durch Verwendung desselben zu Ausstattung eines Bisthums (nach Abzug von 200,000 fl. für die Domkirche die Hälfte des im Jahr 1823 dazu Verwendeten) würden diese verkürzt, und pflichtgetreue Landesväter hätten weit eher die Armen zu bedenken, als Insel, Domherrn und Capitelskreuze. Man liest in einem alten Buch, es seye einst von einem Weib Jemanden in Beiseyn von zwölf Freunden ein Glas mit köstlicher Salbe über das Haupt gegossen worden. Da habe einer dieser Freunde gesagt: Warum hat man diese Salbe nicht um dreihundert Groschen verkauft und den Armen gegeben? Das alte Buch berichtet, der gute Freund habe dieß aber nicht gesagt, weil er viel auf die Armen gehalten, sondern weil er den Beutel getragen hätte. Dieser letzte Satz zwar fällt aus dem Vergleiche weg; aber doch schoben hier jene aufrichtigen Freunde der katholischen Kirche die Armen ebenso vor, wie dort der gute Freund bei dem unzeitigen Salben; sie hätten dießmal den »Unrath« des Bisthums so gut daran gegeben, wie Jener den Unrath der Salbe. So erhob sich am 30. October des Jahrs 1844 im katholischen grossen Rath mächtiger Kampf, zu welchem die Gegner des Bisthums alle ihre Streitkräfte aufboten, und alle ihre Waffen zusammenrafften, um die Frucht vierjähriger Unterhandlungen, die Hoffnung so Vieler, welche nach endlicher Festigung und Organisation der so schwer erschütterten und mannigfach zerrütteten Kirche ihres Cantons sich sehnten, wo möglich zu vereiteln und Alles wieder für lange Zeit ins Ungewisse hinauszuwerfen. Es wäre interessant, die Persönlichkeiten der beiderseitigen Kämpfer und ihre Stellung zu der Kirche als Individuen zu kennen. Hiedurch würde sich über den Werth der verfochtenen Principien und der aufgeführten Gründe das untrüglichste Licht verbreiten. Nur so viel ist mir zur Kunde gekommen, daß die gewandtesten, beharrlichsten und entschiedensten Wortführer gegen das Bisthum der Mehrzahl nach dem Stande der Rechtsvertreter angehörte. Aber wie sehr auch anfangs[297] der Entscheid schwankte, der Sieg neigte sich bei diesem ersten Anprall zuletzt doch auf Seite derjenigen, welche für Herstellung des Bisthums eingestanden waren. Indeß leuchtete noch für die Andern Hoffnung erklecklicher Verstärkung von Seite der Protestanten bei der bevorstehenden Erörterung in dem allgemeinen grossen Rath, welcher als oberste Landesbehörde der Uebereinkunft seine Sanction zu ertheilen hatte. Jenen aber darf es zur Ehre nachgesagt werden, daß sie nicht sowohl dem laut ausgesprochenen Wunsch der eminenten Majorität ihrer katholischen Mitbürger durch verdächtige Allianz mit einer betriebsamen Minderzahl unter diesen Hindernisse in den Weg legen, und anstatt, wie hierüber vielleicht eine Zeitlang Furcht und Hoffnung walten mochte, zu Verwerfung der Uebereinkunft Hand bieten wollten, sondern einzig auf Zurückweisung einiger Puncte, welche entweder mit den sogenannten Staatsrechten oder mit dermaliger St. Gallischer Gesetzgebung nicht in völligem Einklang standen, sich beschränkten. Zwar gewährte die Ernennung einer Commission zu Prüfung des Concordates durch ihre Zusammensetzung keine Beruhigung, da sie, aus vier Katholiken und drei Protestanten bestehend, nur zwei entschiedene Verfechter des Bisthums in ihrer Mitte zählte, und auch der kleine Rath in umständlicher Berichterstattung bestimmte Ausstellungen machte. Das zähe Widerstreben ist aber lehrreich dadurch geworden, daß es zwei einläßliche Beleuchtungen zur Folge hatte, ein Minderheitsgutachten und ein Mehrheitsgutachten, aus denen bei den ungleich mehr als nur das sich entnehmen läßt, was die in Frage stehenden Puncte beleuchten sollte. Aus dem Minderheitsgutachten, welchem unbestritten der Vorzug der Klarheit, Ruhe, Gründlichkeit der Erörterung und schlagender Beweisführung zuerkannt werden muß, ist zu ersehen, wie es dem Radicalismus nicht darauf ankomme, auf Vorschriften der Vergangenheit, indeß dieselben durch spätere längst ausser Kraft gesetzt worden sind, sich zu berufen, unbestreitbare Thatsachen ausser Acht zu setzen, über frühere Verhandlungen und die ihnen zu Grund liegenden Principien[298] hinwegzusehen, und ganze Zeiträume mit ihrem Thun und dessen Resultaten zu ignoriren, sobald die Erreichung eines Zweckes dadurch um so möglicher sich darstelle; aus dem Mehrheitsgutachten aber, obwohl es ausführlich nur fünf Puncte, als neuer Erörterung und genauerer Formulirung bedürftig, behandelt, tönen zwischenein so manche Stoßseufzer und klingt mehr als ein Jammerlaut, daß kirchliche Angelegenheiten, statt nach den vorwärtsfliegenden Ideen der Staatskirchenrechtler, dem noch immer fortdauernden Bestand der Sachen gemäß müßten geordnet werden, daß es dem Leser gewissermassen die Ueberzeugung aufdringt: nur sträubend füge man sich der Nothwendigkeit, nur höchst ungern unterziehe man sich in Herstellung einer endlich wieder geregelten Organisation der Kirche dem Mißbeliebigen, für den Augenblick aber Unvermeidlichen, durch die Stimme von 16000 dafür Petitionirenden Geforderten, durch 150 von 170 Geistlichen Unterstützten. War auch eine weitere Verhandlung zu nachträglicher Erzielung von vier herausgehobenen Puncten Folge jener Bestrebungen, so konnten dieselben doch nicht so weit führen, um eine Verwerfung des Concordats selbst zu erzielen. Der letzte erneuerte Nothschuß um Anschliessung an ein anderes Bisthum verpuffte am Ende ohne sonderlichen Knall. So bot die ganze Anstrengung keine andern Folgen dar, als diejenigen, zu dem Bestreben und Treiben der radicalen Partei neue, nicht ganz werthlose Beiträge geliefert zu haben. Die Unterhandlungen wurden ein Jahr später zu Rom neuerdings eröffnet. Der hiemit Beauftragte, Herr Administrations-Präsident Gmür, war keine vierzehn Tage vor mir dort eingetroffen; und da wir zusammenwohnten, so war ich von dem Gang derselben immer aufs genaueste unterrichtet, hatte auch Gelegenheit, über die wesentlichsten Gegenstände derselben meine Ansichten ihm mitzutheilen. Es ist wahr, es kostete jetzt mehr Mühe, zu dem erwünschten Resultat zu gelangen, als das Jahr vorher. Aber wer trägt dessen die Schuld: Rom, oder die weltliche Gewalt in St. Gallen? Durfte man es jenem[299] verargen, wenn es über der Erfahrung, daß selbst die am weitesten gehende Nachgiebigkeit nur das Begehren von noch größerer, ja bis zum Unmöglichen zur Folge habe; wenn es in Besorgniß, auch jetzt wieder möchte der Radicalismus mit ihm das gewohnte Spiel treiben und das Bestreben gleich wie die Hoffnung der aufrichtigen Katholiken in Täuschung verwandeln, zurückhaltender sich zeigte, selbst in der Wahl auch einzelner Ausdrücke die größte Vorsicht anwendete? Schritt der Gang der Unterhandlung dießmal etwas langsamer und mühsamer voran, so war nicht Rom schwieriger geworden, sondern die zähen Gegner des Bisthums hatten durch ihre illojale Krittelei dasselbe schwieriger gemacht. Anbei zeigte sich hier bei der Unterhandlung, wie nachmals in St. Gallen bei der Verhandlung, wen der Vorwurf der Unbelehrbarkeit mit größerem Recht treffe: Rom oder den Radicalismus, und wer die eigenen Zwecke unverrückter im Auge behalte und durch jegliches Mittel zu erstreben suche: Rom oder der Radicalismus? Denn unter dem Gang der erstern konnte ich mich neuerdings überzeugen, daß alle Differenzpuncte, worüber dieselbe waltete, ebenso gut so als anders hätten können erledigt werden, wenn der apostolische Stuhl bloß sich im Auge gehabt hätte; denn dieser selbst fand sich durch keinen derselben unmtittelbar berührt. Es war das Recht und die Stellung der Kirche an sich, es war das Recht und die Stellung der Kirche von St. Gallen und ihrer künftigen Oberhirten, welche er vertrat; für diese allein machte er den gewissenhaften Anwalt, was einzig jener böswillige Irrthum ihm zum Vorwurf machen könnte, welcher ihrer unzertrennlichen Verbindung wegen den apostolischen Stuhl mit der Kirche identificirt. Bei allem hier Bemerkten kann ich mich übrigens auf eine Autorität berufen, welcher Einsicht und Unparteilichkeit, gewonnen durch den Schatz vieljähriger Erfahrungen, Niemand absprechen wird, ? auf den Ritter Artaud von Montor in seinen Lrbensgeschichten der Päpste Pius VII und Leo XII, der[300] während langer diplomatischer Laufbahn zu ähnlichem Zeugniß sich veranlaßt fand. Man macht sich in Deutschland eine seltsame Vorstellung von dem Leben der Cardinäle. Selbst diejenigen, welche nicht absichtlich alle kirchlichen Institutionen in ein gehässiges Licht stellen und über die kirchlichen Personen recht viel Herabwürdigendes zu verbreiten sich bestreben; wie viel mehr dann noch die Unzahl Solcher, welche durch dergleichen, sobald es nur recht oft und keck wiederholt wird, leicht sich berücken lassen und es der Mühe nicht werth erachten, wahrheitsgemässe Aufschlüsse sich zu verschaffen, halten das Leben eines Cardinals für ein höchst gemächliches, welches unter leichter Beschäftigung, Liebhabereien, Zeitvertreib, gesellschaftlichem Um gang, unterbrochen durch den zwischeneintretenden Pomp kirchlicher Functionen, in aller Behaglichkeit dahinrinne. Es ist wahr, es hat eine Zeit gegeben, in welcher einzelne Cardinäle durch ihren Reichthum, ihre Macht, ihr Auftreten, durch Zahl und Glanz ihres Gefolges, durch die Ueppigkeit ihres Lebens, die Pracht ihrer Feste, durch politischen Einfluß, wohl auch durch Intriguen sich zum Mittelpunkt von Rom in der einen oder andern Weise gemacht, die Aufmerksamkeit nicht allein der ewigen Stadt, sondern der ganzen christlichen Welt auf sich gezogen haben. Das ist längst anders geworden, und es sind nicht mehr die Aeusserlichkeiten, welche diesen Kirchenfürsten ihren hohen Rang anweisen, sondern die wirklichen Vorzüge treuer Pflichterfüllung, vielfacher Thätigkeit, strenger Zurückgezogenheit und einer nicht zur Schau getragenen Frömmigkeit. Allerdings nehmen die Cardinäle in der gesellschaftlichen Rangordnung Roms die oberste Stelle ein, kommen ihnen in dieser Beziehung ausschließliche Rechte zu, werden ihnen Ehrenbezeugungen[301] erwiesen, auf die sonst Niemand Anspruch machen dürfte; aber unzertrennlich hievon sind ihnen äußere Formen vorgeschrieben, in die wohl von denjenigen, die so eilfertig über Alles absprechen, Keiner gerne sich fügen, oder so dieses geschähe, in denselben so besonders behaglich nicht sich finden würde. Wer da meinen wollte, die Lebensweise eines Cardinals böte auch nur so vielerlei Annehmlichkeiten, wie diejenige eines begüterten und geschäftsfreien Privatmannes in einer großen Stadt, der würde sehr irren. Der Anforderungen, der manchartigen Obliegenheiten sind viele, der Erholungen nur wenige, und diese sehr beschränkt; der Tag der meisten, vielleicht aller dieser obersten Kirchenfürsten verläuft größtentheils unter Pflichterfüllung und Geschäften. Hat der Cardinal des Morgens den priesterlichen Anforderungen Genüge gethan, so warten seiner, als Präfect oder als Mitglied einer, meist aber mehrerer Congregationen, die Obliegenheiten derselben, sey' es nun in Sitzungen, oder in Bearbeitung von Vorträgen, oder in Durchlesung von Acten, oder in Conferenzen mit dem heiligen Vater, oder in Audienzen an mancherlei Personen, welche letztere viele Zeit auch für Solche in Anspruch nehmen, die nicht gerade Geschäfte halber sich anmelden lassen. Als hochgestellte, weitbekannte, vermöge ihrer Laufbahn in ausgedehnten Verbindungen stehende Männer haben sie alle Unbequemlichkeiten, welche an einen erworbenen Namen sich knüpfen, in ungleich größerem Maaße zu tragen, als hundert Andere. Dazu flechten sich durch das ganze Jahr die vielen Feste der Basiliken oder so mancher der vorzüglichsten Kirchen Roms, in deren erstere sie mit dem Papst durch die Pflicht, in die an dern entweder durch die Ehrerbietung gerufen werden, die sie zu dem Heiligen tragen, in dessen Ehre eine Kirche geweiht ist, oder durch das Wohlwollen gegen die Geistlichen an derselben, oder durch die Zuneigung zu dem Orden, dem sie gehört; wie z.B. in St. Ignazio am Feste des heil. Aloys nicht weniger als acht Cardinäle Messe lasen. Der spätere Abend ist wieder Geschäften oder priesterlichen[302] Pflichten, etwa auch einem freundschaftlichen Besuche gewidmet. Vor dem Schlafengehen werden die Hausgenossen vereinigt, um gemeinschaftlich mit ihnen in der Hauscapelle den Rosenkranz zu beten. Ich selbst habe zu Fermo bei dem Cardinal-Erzbischof dieser Andacht, als einer zu der Hausordnung gehörenden, beigewohnt. Zwar ist ihnen in Hausgeistlichen, Dienerschaft, Pferden, Wagen, Wohnung ein gewisses, ihrem Rang und ihrer gemeinschaftlichen Stellung angemessenes Gepränge vorgeschrieben, und dennoch dieses wieder beschränkt. So darf kein Cardinal seinen Wagen mit mehr als zwei und mit keinen andern als mit schwarzen Pferden bespannen lassen; die rothen Federdüsche (Fiocchi) derselben sind das ausschließliche Merkmal der Cardinals-Equipagen. Die einzige Erholung der Mitglieder des heiligen Collegiums besteht des Abends in einer Fahrt vor die Stadtthore, wo ihnen einige Bewegung im Freyen und zu Fuß gegönnt ist. Doch verbietet die Sitte jede Fahrt in offenem Wagen; erst in neuerer Zeit haben einige Cardinäle angefangen, statt der grossen viersitzigen Kutschen, kleinerer Stadtwagen sich zu bedienen. Wie Vielen ich auch immer begegnet bin, niemals sah ich einen Cardinal in Gesellschaft einer weiblichen Person fahren. Selbst der schönste Spaziergang Roms, derjenige auf dem Monte Pincio, wird von ihnen verhältnißmäßig weit weniger besucht, als andere Standpuncte in der Nähe der Stadt, gerade weil jener am Abend der Sammelplatz der schönen Welt ist. Man hört von keinen Gastmälern, welche von den Cardinälen gegeben werden. Wird ein Fremder etwa zu Tisch gebeten, so findet er anständige Einfachheit, welche von derjenigen eines gewöhnlichen Privatmannes sich nicht unterscheidet. Ich habe nichts davon vernommen, daß die Cardinale Gesellschaft gäben, und traf ich je Einen an drittem Ort in solcher, so war er gewiß der Erste, der sich zurückzog, gewöhnlich ungleich früher, als die meisten Anwesenden an das Fortgehen dachten. Es ist daher eine Seltenheit, nach Ave Maria einem Cardinalswagen[303] zu begegnen, worin eine unwidersprechliche Bestätigung des Gesagten liegt. Wie boshaft ? lügnerisch mußte mir nicht daher folgende Aeußerung des Italieners Ferraris auffallen, die sich mir unter den frischen Eindrücken des vielfältig Beobachteten gleich nach meiner Rückkehr in der Revue des deux Mondes (Mayheft 1844) darbot? »Die Regierung des Kirchenstaates,« sagt dieser von giftigem Groll gegen das Christenthum und die katholische Kirche schwellende Universitäts-Professor zu Paris, »wird überwuchtet durch zweiundsiebenzig Fürsten [die Cardinäle]; diese leben auf Kosten des Staats verhältnißmäßig behaglicher und prunkvoller als die Glieder eines Königshauses in einem constitutionellen Staat.« Dergleichen leicht hingeworfene Aeußerungen werden dann begierig als zweifellose Wahrheit aufgefaßt und dienen dazu, Vorurtheile und Haß ebensowohl zu pflanzen, als zu nähren. Sollte dieser Ferraris jemals auch nur kurze Zeit in Rom sich aufgehalten haben, so müßte er selbst am besten wissen, wie sein Vorgeben zu der Wahrheit sich verhalte. Wer überhaupt je mit Geistlichen höhern Ranges, welche neben den priesterlichen Obliegenheiten zugleich bei den allgemeinen Angelegenheiten der Kirche bethätigt sind, in nähere Berührung gekommen ist, der mußte durch dieselben angezogen sich fühlen. Insgemein durchdringen sich bei ihnen der diplomatische und der priesterliche Charakter auf eine Weise, daß der eine dem andern zur aufhöhenden Unterlage dient. Die Feinheit des Geschäftsmannes, in der edlern Bedeutung des Wortes, die priesterliche Würde, gepaart mit der sie begleitenden Milde; die sorgfältige Jugendbildung, welche Einzelne mit einem Reichthum von Gelehrsamkeit, Alle mit vielfachen Kenntnissen, mit Liebe zu den Wissenschaften und zu geistiger Beschäftigung ausstattet; der sichere Tact im Umgange; die italienische Anmuth, dieses Alles vereinigt, verleiht den Geschäftsmännern der Kirche ein Gepräge, dessen einzelne Theile schon hinreichen, um dem Verkehr mit einem Manne hohe Anziehekraft zu ertheilen, in[304] solcher glücklichen Mischung aber diesen, so zu sagen, in eine Atmosphäre verwandelt, in welcher man stets angenehm und behaglich sich fühlt. Und es ist dieß bei weitem nicht eine bloß persönliche Ansicht, sondern mehr als Einer meiner Freunde, welcher jemals in dergleichen Beziehungen gekommen war, hat unaufgefordert und in zufälliger Veranlassung an den verschiedensten Orten dergleichen Geständnisse in Bestätigung der eigenen Erfahrung mir gemacht. Schon am ersten Tage meines Aufenthalts in Rom stattete ich dem P. General der Jesuiten, dem ich durch den P. Rector zu Schwyz empfohlen worden, einen Besuch ab. Ich wollte mir eigentlich nur den Tag bestimmen lassen, an welchem er mich am bequemsten empfangen könnte, zugleich anfragen, ob unter den Vätern der Gesellschaft nicht etwa ein Deutscher sich befände, mit welchem ich mich in der Muttersprache leichter, als mit Andern in der französischen oder italienischen verständigen könnte. Zum Glück befand sich al Gesú der P. Peters aus Paderborn, der sich mehrere Jahre zu Freiburg in der Schweiz aufgehalten hatte, und den ich deßwegen als halben Landsmann begrüßen konnte. Da er aber an jenem Samstage in dem Hause nicht anwesend war, ließ ich mich am Dienstag abermals bei dem P. General anmelden, einzig um mich zu erkundigen, ob er mit dem P. Peters schon von mir gesprochen habe. Ich wurde zwar so freundlich, wie das Erstemal, jedoch mit dem Bemerken von dem Hrn. P. General empfangen: er seye gegenwärtig mit Geschäften so überladen, daß es ihm unmöglich seye, mir längere Zeit zu widmen. Dieß hatte ich auch gar nicht beabsichtigt, indem ich wohl überlegt hatte, daß die Osterwoche keine geeignete Zeit seye, um den vielbeschäftigten Vorsteher einer geistlichen Corporation für Gegenstände[305] in Anspruch zu nehmen, welche später ungleich bequemer sich erörtern ließen. Nun wurde ich aber durch die Wahrnehmung überrascht, daß ich am Samstag vorher über eine halbe Stunde in der interessantesten Unterhaltung mit demselben zugebracht hatte, ohne daß er meinen Namen kannte. Denn als ich jetzt eben mich entfernen wollte, fragte er: da ich ein Schweizer wäre, müßte ich wohl wissen, wann mein Landsmann, Dr. Hurter, der dem Vernehmen nach auf dem Wege nach Rom begriffen seye, ankommen würde? Auf die Erwiderung: ich wäre es selbst, bezeugte er die größte Freude, entschuldigte sich, meine Karte nicht angesehen zu haben, und bot mir einen Stuhl an. »Denn,« sagte er, als ich mich dessen weigern wollte, aus Besorgniß, in seinen Geschäften ihn zu unterbrechen, »für den Dr. Hurter habe ich immer Zeit.« Meine Achtung und Zuneigung für die Gesellschaft Jesu ist wieder aus keinerlei persönlicher Berührung, sondern einzig aus Würdigung der Zeitereignisse, des Weltganges und der gegenwärtigen Zustände, aus Studium und Nachdenken hervorgegangen. Es war im Herbst 1813, daß ich den ersten Jesuiten und zwar blos als flüchtige Erscheinung sah und sprach, indem der P. Schmid, gegenwärtig in Schwyz, mich besuchte. Aber über die Leistungen der Väter an den ihnen anvertrauten Jünglingen hatte ich von verschiedenen Seiten die unverdächtigsten, aus Erfahrung und Beobachtung geschöpften Zeugnisse öfters vernommen. Jedoch selbst diese wurden mir erst dann zu Theil, nachdem meine Meinung über die Gesellschaft längst sich festgestellt hatte; sie konnten daher keineswegs eine leitende oder bestimmende, sondern blos eine bekräftigende Wirkung haben. Mein Urtheil über diese kirchliche Institution gründete sich auf drei Fundamente: 1. Auf Würdigung der Personen und der Beweggründe, durch die seiner Zeit ihre Unterdrückung veranlaßt, der Mittel, wodurch sie erzielt, und der Formen, unter denen sie bewerkstelligt worden;[306] 2. auf die merkwürdigen Umstände ihrer Erhaltung und Wiederherstellung; 3. auf die Würdigung endlich, sowohl ihrer erbittertesten Widersacher, als auch der diametralen Gegensätze gegen sie. Zu diesem gesellt sich dann noch ein anerborner, unwiderstehlicher Trieb, ungerecht Verfolgter, gewaltthätig Unterdrückter, grundlos Gehaßter, so weit immer die Kräfte reichen, mich anzunehmen. Ich habe von jeher Alles, was auf anderm, als dem offenen Wege des Rechts, Alles, was durch die bloße Uebermacht, unter Beiseitsetzung von jenem wollte bewerkstelligt werden, ohne mir hierüber den mindesten Rückhalt aufzuerlegen, verabscheut, die Gleichmacherei von oben war mir nicht minder verhaßt, als die Gleichmacherei von unten, und das czarische Einstürmen auf die Kleidung der Juden würde an mir den gleichen Lobredner finden, wie das aargauische Einbrechen in das Klostergut; denn ob der Mensch sich selbst Gott und seinen Willen dem Recht gleich, oder ob er beide aus den Augen setze: das kommt sowohl in der Wirkung, als in dem Verhältniß zu ihm selbst auf ein und dasselbe hinaus. Diese unabweisliche Forderung nun trat zu jenen drei erwähnten Beweggründen als Ergebniß der Reflexion hinzu und verlieh denselben ein so viel größeres Gewicht; so wie hinwiederum durch dieselben die Ueberzeugung von einem unermeßlichen Unrecht, woran Zahllose wuthwillig und frevelhaft fortan sich betheiligen, immer tiefer wurzelte. Das Eine kam dem Andern zu Hülfe, Beide stützten sich gegenseitig und festigten die gewonnene Einsicht um so unerschütterlicher. Der Leser ? über den geneigten sollte ich in vorausgesetzter Erwartung kaum mich täuschen dürfen, der ungeneigte aber könnte bis jetzt in dieser Schrift mehr als zu viel gefunden haben, worüber er mit mir rechten möchte ? der Leser muß es mir schon zu gut halten, wenn das bloße Wort Jesuit mit so vielen Zeitgenossen auch mich veranlaßt, meinen Gedanken über die Gesellschaft, nunmehr lebendiger geworden[307] durch persönliche Berührung und mancherlei wohlthuende Erinnerungen, gegenwärtig den Lauf weit ungehemmter zu lassen, als es nur vor kurzer Zeit noch geschehen wäre; vielleicht sogar das Maaß zu überschreiten, welches in Mittheilung von Erlebnissen und eigenen Wahrnehmungen einem solchen Gegenstand unausweichlich vorgezeichnet seyn sollte. Aber der Mensch bleibt immer in Etwas das Kind seiner Zeit und das Product seiner Umgebungen; ist daher bei dem besten Willen und der richtigsten Einsicht in das Zulässige nicht immer stark genug, des Einflusses derselben sich zu wehren. Nun kann Jedermann, der auch nur ein einziges Zeitungsblatt zur Hand nimmt, derjenige aber vollends, welcher sich die Tagesneuigkeiten und Tagesansichten durch ein erklecklich freisinniges zeitgemäß zufertigen läßt, zur Genüge wissen, daß seit zwei Jahren die Jesuiten das große Wort sind, mit welchem man in der Schweiz auf sein Lager sich darniederlegt, auf demselben sich dehnt, und von demselben sich wieder erhebt; die bewegende Kraft, mit der man in den großen Rath trabt, um sein Licht leuchten, und in die Fuselkneipe schlendert, um seinen Tabacksqualm von sich zu lassen; daß der Schall: Jesuiten, zur Frage geworden ist, welche alle Geister in den Casino's und Harmonien, in den Gesellschaften des zeitgemäßen Frohsinnes und der schweizerischen Eintracht, so wie auf den Herbergen und Wachtstuben zu Betrachtungen, Erörterungen und Prophezeiungen stimulirt; der Gegenstand, welcher Mann und Weib, Jünglinge und Jungfrauen, Greise und Windelwichte in Bewegung setzt; welcher auf Volksversammlungen bebrüllt, auf Kanzeln »angezogen,« in den Schulen erörtert wird; welcher Furcht und Entsetzen, Schauer und Beben, zähnefletschenden Ingrimm und tobsüchtige Belehrungswuth hervorgerufen; welcher die Stammelnden in Redner, die Besitzer des Conversations-Lexikons in Grundgelehrte und die Kurzsichtigen in Hellsehende umgewandelt; welcher endlich die Repräsentanten der »treuen, lieben, biedern« Eids- und Bundesgenossen für vier Wochen zu freundbrüderlicher Disharmonie in übermüthigem Begehren und männlich[308] fester Abwehr zusammenseparirt, überhaupt in der kürzesten Zeit unendlich mehr angeregt, gewirkt und zu Stande gebracht hat, als die gewandteste Feder zu beschreiben vermöchte. Was Wunder daher, daß ein solcher, von einer Landesgränze zur andern ergehender und alle Geschlechter, Alter, Stände, Lebensverhältnisse und Individuen ergreifender Rumor auch mich erfaßte, forttrieb und überwältigte, zu dem Anschluß an den überall, jedoch mit ebenso verschiedener Richtung als Waffe sich aufraffenden Landsturm auch mich hinriß, und nun veranlaßt, den tausend und tausend Stimmen, welche im Unisono über die Jesuiten laut werden, auch die meinige beizufügen; freilich die im Lande der Freiheit etwas gefährliche und bei dem lauten Gejauchz von Freiheit etwas mißfällige Freiheit in Anspruch nehmend, über das Thema etwelche Variationen mir erlauben zu dürfen. Beginnen wir mit Erörterung der Beweggründe jener urplötzlichen und scheinbar auf alle Zeiten dauernden Vernichtung einer so weitverbreiteten, so ansehnlichen und in so viel verzweigter Wirksamkeit stehenden Gesellschaft, so finden wir die Gesammtheit dieser Gründe durch die Hauptpersonen vertheilt, im Einzelnen durch jede derselben gesondert vertreten, dabei aber ein so auffallendes Zusammenwirken, daß der Ueberblick über diese Gründe, verbunden mit einer parteilosen Prüfung der angewandten Mittel und der Weise, wie das Beschlossene vollzogen worden, jedes unbestochene Rechtsgefühl zum Besten der gewaltthätig Verfolgten in Anspruch nehmen muß. Despotie, Unsittlichkeit, Lüge, Habsucht und Religionshaß hatten gleichsam ihre Vollgewaltiger zu Vernichtung des Ordens in einen Minister-Congreß vereinigt. ? In Portugal, wo der Sturm nicht sowohl anhob, als vielmehr zuerst losbrach, war sie die That eines verschlagenen, grausamen, vor keinem Mittel[309] zurückschaudernden Königsdieners, der mit sultanischer Gewalt auf das Land drückte und mit geschmeidiger Rückengelenkigkeit seine Schlingen immer enger um den schwachen Fürsten zog. Dem grundlosen Vorwurf, in Brasilien die Stiftung eines ähnlichen Reiches wie in Paraguay beabsichtigt zu haben, der Anschuldigung: die Gesellschaft wäre von ihren heiligen und frommen Satzungen durchaus abgefallen, welche durch die Spiegelfechterey einer zehntägigen Untersuchung zu überzeugender Gewißheit hätte sollen erhoben erhoben werden, folgte am 13. Januar 1759 das empörende Mordwerk an den Ufern des Tajo. Aber die Asche des Blutgerüstes, auf dem dasselbe durcharbeitet worden, wird hier zur kräftigen Schutzrede für die mit ähnlicher Wuth verfolgte Gesellschaft, gegen welche aus dem ganzen Reich nicht ein einziger Ankläger sich auftreiben ließ. ? In Frankreich hatte die wider jede ausser ihr stehende Autorität sich auflehnende Legistenzunft die Gesellschaft seit deren Erscheinen in dem Königreich bitter gehaßt und bei jeder Gelegenheit verfolgt; später eine, die kirchliche Ordnung durch versteckte Mittel lähmende Secte derselben enge sich angeschlossen; beide sodann mit der in offener Gottesverachtung immer kecker sich spreizenden Literatur schweigend eine Brüderschaft geschlossen, deren der aufgestachelte Haß einer Buhlerin, in enger Verbindung mit der Leichtfertigkeit eines obersten Geschäftsführers der königlichen Angelegenheiten, vergnüglich sich bedienen mochte, um einen kirchlichen Organismus zu verderben, dessen einflußreiche Mitglieder die ernstesten Vorschriften der Religion nicht zum Spielball gebieterischen Begehrens der Unsittlichkeit herabsudeln wollten. ? In Spanien sind es Minister, welche die unbegränzte Allbefugniß des einen mit der behaglichen Religionsverachtung (damals Philosophie genannt) des andern ihrer Zeit- und Standesgenossen in jenen beiden Reichen in sich verbanden, um den gewaltigen Streich mit aller wilden Brutalität der schrankenlosesten Autokratie zu vollführen. ? In Neapel ward die Eifersucht eines gallsüchtigen Advocaten durch Haß gegen geistliches Ansehen gestachelt, das Verderben zuerst[310] über diejenigen zu wälzen, in deren Einfluß er die vornehmste Stütze desselben erblickte. ? Und ob kein Fürst dem Erwerb der Besitzungen des Ordens jede andere Rücksicht untergeordnet und darin ein ebenso gewichtiges Motiv gefunden habe, als Andere in ihrem Haß, darüber gäbe ebenfalls die Geschichte genügende Auskunft. Aber so unerhörte Maaßregeln gegen eine bisanhin in allen Reichen mit so grossem Einfluß ausgestattete, überall in so hohem Ansehen stehende, zu so manchartiger Wirksamkeit berufene Gesellschaft; aber ein so unablässiges Einstürmen auf das Oberhaupt der Kirche, daß es durch einen allgemein verbindlichen Ausspruch hintennach jene Maaßregeln billige, ein ferneres Bestehen der Gesellschaft für unbefugt erkläre, sollte doch durch erhärtete Verbrechen, nicht etwa eines einzelnen Gliedes, sondern der Gesammtverbindung, sollte durch den unzweifelhaft angenfälligen Thatbestand der Gemeinschädlichkeit derselben gerechtfertigt werden. Doch das Auto-da-Fé, am 21. Sept. 1761 zu Lissabon an dem schwärmerisch-frommen, 70jährigen Pater Malagrida vollzogen, sprach nicht mehr von einer Mitschuld an dem zwei Jahre früher, dem Versuch von Damtiens nachgeahmten Mordanfall auf den König, sondern berührte nur noch »Lügen, falsche Prophezeyungen, ketzerische Lehren,« diese aber so unerwiesen, wie das anfangs vorausgesetzte Mitwissen um jenen meuchlerischen Anschlag; beides aber, selbst bei vorausgesetzter Beweisführung, nicht an dem Orden, sondern bloß an einer Individualität desselben haftend; so daß selbst Voltaire das bluttriefende Handwerk »eine Verbrüderung des Uebermasses des Lächerlichen mit dem Uebermaß des Grauenvollen« nannte. Oder sollten etwa die beispiellosen Qualen (grauenvoller, weil länger dauernd als alle, denen ein Glaubensbote bei den wildesten Heidenstämmen entgegengehen konnte), welche Pombal über zehntausend Unverhörte in seinem schäumenden Groll erst hergewälzt, hierauf in seiner menschenverachtenden Sorglosigkeit bis zum Entsetzlichen andauern lassen, die Stelle von Beweisen vertreten? Sollten die Hunderte, welche nach Jahren noch in[311] den Kerkern von Angola unter Afrika's glühendstem Sonnenbrand hinserbten, ein Zeugniß der Schuld seyn? Oder sollte dieses aus den fünfzig Fuß tiefen, unterirdischen, dunkeln Casematten des Bollwerkes von St. Julian und aus den Hunderten, welche nach fünfzehn Jahren noch in denselben schmachteten, mit unumstößlicher Gewalt heraufstöhnen? Dann wahrlich gäbe es ebenfalls keinen zwingendern Beweis dafür, daß zu Nero's Zeit die Christen Rom in Brand gesteckt hätten, als das nachmalige Verbrennen derselben ! ? Hören wir, neben allen jenen moralisch vernichtenden Anschwärzungen, neben diesen physisch lähmenden Gewaltthaten, diesen empörenden Wüthereyen, nachdem schon mehr als zwanzig Jahre darüber hingeschwunden waren die Stimme des 81jährigen ehemaligen Assistenten der portugiesischen Provinzen, Johann Guzman's! Verdiente etwa, nachdem jenes Alles im schrankenloser Machtvollkommenheit vollzogen worden, dieselbe so gar keine Berücksichtigung? Er, »im Begriff, vor dem ernsten Richterstuhl der göttlichen Gerechtigkeit zu erscheinen,« bezeugt dem König, daß mehr als sechshundert seiner Unterthanen, der unglückliche Rest so zahlreicher Glieder der Gesellschaft in seinen Staaten, jetzt noch »von Kummer darniedergebeugt seyen, sich solcher Anschlage und Verbrechen beklagt zu wissen, vor welchen selbst die Barbaren zurückschaudern würden,« »Sie beweinen,« sagt er, »sich insgesammt als verurtheilt ansehen zu müssen, ohne vor Gericht geladen, verhört worden zu seyn; ohne Gelegenheit gehabt zu haben, zu ihrer Vertheidigung auch nur einen einzigen Grund anführen zu können.« »Er selbst,« fährt er fort, »viele Jahre an eine Stelle gesetzt, an der er die unmittelbarste Kenntniß der Sache habe gewinnen können, er seye bereit, auf die rechtsgültigste und feyerlichste Weise die Unschuld des ganzen Körpers sammt den Häuptern seiner Assistenz zu bezeugen, und zu bekräftigen: daß Beide der Verbrechen, deren sie beschuldigt würden, in keinerlei Weise schuldig wären. Er und alle Landesverwiesene verpflichten sich insgesammt, noch härtern Strafen, als die bisher erduldeten, sich zu unterwerfen, wenn nur ein einziges der betreffenden[312] Individuen des mindesten Verbrechens wider den Staat könne überführt werden,« Ist es möglich, daß das schuldbewußte Gewissen, unter verdienter Strafe stehend, ein solches Anerbieten noch machen dürfe? Ist es denkbar, daß es vor dem offen stehenden Grab, vor dem Uebergang in die Ewigkeit eine solche Sprache führen könne? Ja! werden sie rufen, die Häuptlinge der Hetze wider die Jesuiten, die Revolutionäre aller Farben und Gestalten, die Förderer des religiösen und moralischen Verfaulens des Menschengeschlechts, die grundtiefen Hälblinge des Wissens, die Nihilisten unter allen Religionsparteyen, die drollig en Basazzo's des Zeitgeistes, endlich der durch ihre vereinten Dienste in das Wogen gebrachte belfernde Troß, ja! eine solche Lügenstimme an der Grabespforte ist nicht nur denkbar, sondern sie ist durchaus nicht anders denkbar, denn dieser Pater Guzman war ein Jesuite, und das Wort Jesuite begreift alles Infernale in sich, was nur immer in einer Menschengestalt sich zu verkörpern vermag. Gerade in dieser feyerlichen, ernsten, am Grabesrande gegebenen Versicherung liegt das unmißverstehbare Geständniß einer alle Gränzen überschreitenden Schuld; denn es ist von einem Jesuiten gegeben, daher in einem seinem Wortlaute stracks entgegengesetzten Sinne auszulegen. Die sogenannten Gemässigten dagegen werden lispeln: es ist nur Schade, daß der so Sprechende Anwalt in eigener Sache ist (als ob Pombal und seine Genossen es nicht noch weit mehr und dazu noch ohne die mindeste moralische Garantie wären), und die Parteilosigkeit dieses Zeugniß nicht als ein gültiges annehmen kann. ? Gewiß aber, würde Kain auftreten, um wegen seines Brudermords sich zu rechtfertigen, würde Judas wieder erscheinen, um über seinen Verrath durch Vernunftgründe sich zu erklären, dann würde das Zartgefühl jener gesammten Phalaur sich sträuben, dergleichen Ehrenmänner ungehört von sich zu weisen; sie würde es sicher als einen Act unerläßlicher Gerechtigkeit und pflichtschuldiger Unparteilichkeit erklären, dem Judas unsern Herrn gegenüber zu stellen, um zu[313] vernehmen, ob auch Er Etwas möchte vorbringen können, und demnach zu entscheiden, auf wessen Seite das Recht stehe. P. Guzman aber ist ein Jesuite, was bedarfs weiter Zeugniß? Dieser Name allein faßt ohne weitern Beweis jede mögliche und unmögliche, jede denkbare und nicht denkbare Schuld in sich! In Madrid war zwar, nach mancherlei Beschwerungen des Volkes, hierauf in Folge einer leichtsinnigen Kränkung seiner Sitten, am 27. März 1766 der Aufruhr wegen der Hüte ausgebrochen, schnell aber vorübergegangen, bald in Vergessenheit gerathen, jedoch ein Jahr und fünf Tage später ihm durch die ganze Monarchie in beiden Hemisphären der Sturm gegen die Gesellschaft gefolgt; unerwartet, um so mehr als der König bei seiner Abreise von Neapel dem General die Zusicherung gegeben: »niemals werde er vergessen, was die Gesellschaft seinen Ländern so diesseits als jenseits des Meeres geleistet;« angeblich aber dennoch als wohlverdiente Vergeltung für eben dasjenige, was unter dem frischen Eindruck des Begegnisses keinem Menschen zu Sinn gekommen war. Jetzt sollte Niemand anders jenen Aufruhr angezettelt, genährt, durch Geldspenden ermuthigt haben, als die Gesellschaft. Doch begnügte der königliche Erlaß sich damit, dieselbe insgesammt und ohne Ausnahme als Verbrecher, ihr Fortbestehen mit der Erhaltung von Ordnung, Friede und Gerechtigkeit unvereinbar zu bezeichnen, und diesem dann noch verborgene Gründe, welche in dem Herzen des Monarchen verschlossen bleiben müßten, beizufügen. Deßwegen wurde Beweise hiefür vorzulegen schon damals für überflüssig gehalten, jetzt wären solche noch weniger beizubringen; gewichtiger indeß zu Beurtheilung der gegen sie wirksamen Triebsedern dürfte das Zeugniß seyn, welches Condorcet ihrem bittersten Verfolger Aranda ertheilte, indem er ihn als entschiedenen Feind des Klerus, des Adels und des Königthums bezeichnete. Immer aber liegt in dem Verfahren, wie man in Spanien Belege für die Schuld der Jesuiten wollte aufgefunden haben, dann nicht minder in der materiellen Beschaffenheit dieser Belege[314] ein solches Zeugniß, welches zu unbefangener Gesinnung weit einleuchtender gegen die Verfolger, als gegen die Verfolgten spräche. Man weiß nemlich, daß ein Bote dem Rector des Collegiums zu Madrid in eben dem Augenblick, da die Gesellschaft zu Tische gehen wollte, ein versiegeltes Paket überbrachte, welches der Empfangende, um nicht die Ordnung zu brechen, vorerst bei Seite legte. Während aber die Väter noch bei Tische fassen, pochte bewaffnete Macht an der Pforte. Sobald derselben geöffnet worden, stellte sie die Anwesenden unter Aufsicht, durchforschte die Zellen und nahm, was an Papieren sich vorfand, in Beschlag, darunter auch jenes noch uneröffnete Paket. Dieses nun sollte die Beweise von irgendwelchen gefährlichen, nie aber näher bezeichneten Planen, von verrätherischen Entwürfen enthalten, und wurde, um das Oberhaupt der Kirche von ernster Triftigkeit der erhobenen Anklagen und der Nothwendigkeit der Unterdrückung einer so höchst bedrohlichen Verbindung zu überzeugen, nach Rom gesendet. Als dann in der zur Untersuchung niedergesetzten Commission der Cardinal Braschi, nachheriger Papst Pius VI, auf den Gedanken kam, das Papier zu untersuchen, zeigte sich an den Wasserzeichen, daß alles in Spanien seye gefertigt worden, ungeachtet Briefe aus den verschiedensten Ländern sich sollten zusammengefunden haben; und ebenso trugen die Schriftzüge insgesammt den spanischem Charakter an sich. Vor dem autokratorischen Terrorismus aber, welcher damals den heiligen Stuhl bestürmte, mußten auch die gründlichsten Gegenbeweise und die ruhigsten Einwendungen sich zurückziehen. Wurden in Portugal und in Spanien so viel als keine Gründe zu Rechtfertigung der im Schwindel der Allgewalt getroffenen Maßregel vorgebracht, indem man Berufung auf den unbeschränkten königlichen Willen für hinreichend hielt, so verrannte sich das französische Parlamient auf der entgegengesetzten Bahn und bewies nichts, weil es zu viel beweisen wollte. Man hat allerdings ein grosses Gewicht darauf legen zu dürfen geglaubt, daß hier die Einrichtungen und Vorschriften der[315] Gesellschaft einer Prüfung seyen unterworfen, dabei aber mit den Gesetzen des Reiches und den (sogenannten) gallicanischen Freiheiten in Widerspruch befunden worden. Abgesehen jedoch von der hinterlistigen Weise, wie man, angeblich zu einem ganz andern Zwecke, die Vorlegung jener Statuten gefordert und von argloser Willfährigkeit erlangt hatte; auch abgesehen davon, daß die Prüfung weder mit gebührender Redlichkeit noch mit erforderlicher Parteilosigkeit, sondern im Hinblick auf einen bestimmten Zweck vorgenommen ward und ein Resultat liefern sollte, wie es diesem angemessen war; muß es doch als ein Rechtsverfahren eigener Art bezeichnet werden: die Frage über befugtes Bestehen einer Institution in einem Lande erst nach der wiederholt und bündig ausgesprochenen Anerkennung derselben durch das oberste Ansehen der Könige, sodann nach zweihundertjährigem und dazu ebenso ausgedehntem, als manigfachem und stetsfort anerkanntem, offenkundigem Wirken derselben in Untersuchung ziehen und verwerfen zu wollen. Das sieht wohl, wenn nicht einer nackten Gewaltthat, doch der monstruösesten Informalität ebenso gleich, als ein Tropfen Wassers dem andern. Liegt dann eine etwelche Rechtfertigung für die Angeschuldigten schon in der kecken Seltsamkeit des angewendeten Mittels, so liegt eine noch weit entscheidendere in der unbegränzten Ausdehnung und noch mehr in der maaßlosen Häufung der erhobenen Anschuldigungen, deren viele geradezu gegenseitig sich ausschließen. Es sollten nämlich die Glieder der Gesellschaft insgesammt, allerwärts, jederzeit, beharrlich und mit Zustimmung ihrer Obern und Generale die Simonie, die Gotteslästerung, den Kirchenraub, die Magie und Hererei, die Sterndeuterei, die Irreligiosität unter jeder Gestatt, den Götzendienst und Aberglauben, die Unkeuschheit, den Meineid, das falsche Zeugniß, die Bestechung der Richter, den Diebstahl, den Elternmord, den Todschlag, den Selbstmord, den Königsmord gelehrt haben. Ferner sollte ihre Lehre das Schisma der Griechen begünstigen, das Dogma vom Ausgange[316] des Heiligen Geistes gefährden, den Arianismus, den Sabellianismus, den Nestorianismus fördern, die Gewißheit der Dogmen über die Hierarchie, über das heilige Meßopfer erschüttern, das Ansehen der Kirche und der heiligen Bücher darniederwerfen, den Irrlehren Luthers, Calvins und anderer Neuerer des 16ten Jahrhunderts Vorschub leisten, diejenigen von Wickleff wieder auffrischen, die Irrthümer des Tryphonius, Pelagius, der Semipelagianer, des Cassianus, Faustus, der Marseillaner erneuern, der Ketzerei Gotteslästerung beifügen. Nebendem sollte ihre Lehre die heiligen Väter, die Apostel, Abraham, die Propheten, den heiligen Johannes den Täufer, die Engel schmähen, die allerseligste Jungfrau Maria ruchlos beschimpfen, die Grundlagen des christlichen Glaubens erschüttern, den Glauben an die Gottheit Christi zerstören, das Mysterium der Erlösung anfechten, die Gottlosigkeit der Deisten begünstigen, den Epikuräern sich nähern, die Menschen wie Thiere, die Christen wie Heiden zu leben lehren. Kurz, um es in wenige Worte zusammen zu fassen: »Alle wurden aller Verbrechen schuldig« erklärt. ? Compendiöser verfuhr man da, wo man nur ihre Güter im Auge hatte; hier überhoben diese, in Verbindung mit dem Taumel der Autokratie, aller weitern Beweisführung. Es ist höchst merkwürdig, die Schmähungen der Nichtkatholiken und die Anschuldigungen der katholischen Gewalthaber einander gegenüber zu stellen und sich einfach die Frage vorzulegen, ist es möglich, daß beiderlei Anschuldigungen in den gleichen Personen sich vertragen, gleichzeitig Grund haben können? Die Erstern werfen den Jesuiten Unverträglichkeit, Unduldsamkeit, Verfolgungssucht gegen andere Religionsparteyen vor; die Letztern hingegen einen Indifferentismus, der nicht bloß auf Duldung, sondern auf positive Förderung jedweder Irrlehre ausgehe. Die Lutheraner und Calvinisten erkennen in den Jesuiten die geheimen und rastlosen Triebfedern aller Beschränkungen, Beirrungen und Verfolgungen gegen sie; die Parlaments-Katholiken hingegen schreyen, sie leisteten den Irrlehren[317] Luthers, Calvins und aller Neuerer Vorschub. Von Jenen werden die Jesuiten die Prätorianer des päpstlichen Stuhls genannt, mittelst deren er seine Unterdrückungsplane durchzuführen wisse; soll man aber diesen glauben, so gefährdeten sie die Dogmen über die Hierarchie und das Ansehen der Kirche. Nach den Einen drängten sie durch übertriebenen und abergläubischen Mariendienst die Erkenntniß und die Anbetung des Erlösers zurück; nach den Andern hingegen beschimpften sie die allerseligste Jungfrau Maria und alle Heiligen. Von Jenen werden sie beschuldigt, daß sie die Gewissen änstigten, durch allerlei kindische Skrupulositäten sie in Banden hielten; von Diesen, daß sie geradezu die Menschen wie Thiere, die Christen wie Heiden zu leben lehrten. Die Redlichen unserer Zeit werden diesen Widerspruch ausgleichen durch die Behauptung, daß Beide Recht hätten, indem Alles auf gehöriger Destinction von Zeit, Ort und Umständen beruhe, wie zum Theil schon damals gesagt worden ist. Der gleiche Widerspruch waltete unter ihren Feinden und Verfolgern, die ausschließlich im Schooß der katholischen Kirche gegen sie auftraten. Während ihnen das Parlament, neben Verfechtung aller erdenklichen Laster und Begünstigung aller je aufgetauchten Irrthümer, offene Feindseligkeit gegen die Kirche bis zu Vernichtung ihrer Hierarchie und des heiligen Stuhls zur Last legte, wurden sie von den Jansenisten beschuldigt: sämmtlichen Päpsten eingeflüstert zu haben, wie sie ihre Breven verfassen müßten, dem heiligen Stuhl alle Verfügungen andictirt, alle Berathungen der Bischöfe Frankreichs geleitet, in den Hirtenbriefen denselben die Feder geführt und auf sämmtliche theologische Facultäten eingewirkt zu haben. Wie nun wäre diese Vereinigung des Widersprechendsten möglich, ja nur denkbar? ? Hier verkündigten die Encyclopädisten in ihrem Artikel »Jesuiten,« »in ihren Häu fern seyen sie dem maßlofesten Despotismtus unterworfen, predigten dagegen den Unterthanen den unbedingtesten Gehorsam gegen den Oberheren;« dort behauptete das Parlament von Paris; »selbst das Leben[318] der Könige schwebe vor ihnen in unablässiger Gefahr.« Und doch, wie grosse Mühe man sich auch gab, eine Comtplicität Damiens' und der Jesuiten herauszusälscheln, sie scheiterte ebensogut, als früher diejenige, die Schrift: l'art d'assassiner les rois ihnen aufzubürden; indeß die genauesten Untersuchungen mit Damiens nur Verhältnisse desselben zu den Jansenisten und zu Parlamentsräthen an den Tag förderten. Auf beiden Seiten dann, von denen diese Widersprüche aufgestellt wurden, hieß es (was wohl zu merken) nicht: hier oder dort ist ein Individuum der Gesellschaft, welches eine solche Richtung verfolgt, solche Lehre lehrt, solcher Verirrung sich schuldig macht; sondern auf beiden Seiten wurde Alles der Gesammtheit zugeschrieben, mußte das Vorgeworfene Sinn, Wille, Zweck der Gesellschaft selbst seyn. ? Da möchte man doch die bescheidene Frage sich erlauben: wie es möglich seyn dürfte, daß nicht allein das Entgegengesetzteste, sondern das Widerstrebendste und gegenseitig sich Abstossende in einer zahlreichen Verdindung auf lange Dauer so sich habe einigen können? Der Apostel Jakobus ahnete solche Möglichkeit nicht, wenn er fragt: kann auch ein Brunnen Salzwasser und süsses Wasser liefern? Das Schönste aber ist, daß im Lauf der Zeit die sich ausschliessenden Anschuldigungen dergestalt in einander sich verkneteten, daß der Mund eines Jeden, der nur halbwegs die Höhe des Zeitalters erklommen zu haben glaubt, dieselben in einem Athemzug ausstößt, wobei, wie so oft bei dem Beplaudern von Tagesfragen die Ueberlegung in den gemächlichsten Quiescentenstand sich versetzen läßt. Und wie waren im weitern die Rechtsformen beschaffen, die den endlichen Schlußnahmen überall vorangiengen? Es waren diejenigen der übermüthigen Willkür in ihrer obersten Phase; es war das trunkene Elend des, Gott, Menschen und[319] Recht verachtenden und mit einer lüderlichen Philosophie kokettirenden Absolutismus, der ein fallsüchtiges Nervenzucken für Regungen einer gesunden Lebenskraft hielt. ? Portugal verlangte zwar zum Schein ein päpstliches Breve, wartete aber dessen Ausfertigung nicht ab, sondern trieb, aller Antwort zuvorkommend, die Jesuiten mit Gewalt aus Aemtern und Häusern, entriß dem Nuntius seine Gerichtsbarkeit über die Geistlichen, um sie einer willenlosen und darum willfährigen Special-Commission übertragen zu können, und setzte die Inquisition, die hier, wie in Spanien, das dienstbare Werkzeug der Staatsgewalt war, gegen sie in Bewegung. ? In Spanien wurde die sogenannte Untersuchung in undurchdringliches Dunkel gehüllt und als aus diesem urplötzlich der niederschmetternde Strahl hinausfuhr, gleichzeitig allen Unterthanen das unbedingteste Schweigen über den gesammten Vorgang auferlegt, jede Erörterung aufs strengste untersagt, der Tadel wie die Rechtfertigung des befolgten Vorfahrens als Hochverrath verboten: sintemal es jenen nicht zustehe, den Willen des Oberherrn zu beurtheilen und auszulegen. Hätte wohl das Bewußtseyn einer durchaus gerechten Sache, eines vorwurfsfreien Verfahrens dergleichen Vorkehrungen können aufkommen lassen? ? Oder kann der Mangel desselben ersetzt werden durch die, unter den gegebenen Umständen an Blasphemie streifende Erklärung, welche zu Neapel der Legiste Tannucci seinem unmündigen König in den Mund legte: »Er habe von Gott seine Macht empfangen; darum seye er über ein Verfahren, wozu er durch Staatsgründe (die aargauische raison d'état bei ähnlicher Gewaltthat) bewogen werde, einzig Gott Rechenschaft schuldig.« ? Die sonstigen Maaßregeln aber, welche er gleichzeitig wider die Rechte, die Freiheiten und das Eigenthum der Kirche eintreten ließ, zeigen, wie es mit dieser Rechenschaft gegen Gott seye gemeint gewesen. In ähnlicher Weise wollte ein gottvergessener Staatsgewaltiger dem kleinen und unmündigen Herzog von Parma die Sporen verdienen. In Frankreich endlich war der Haß des Parlaments gegen die Gesellschaft längst[320] schon geneigt, den Forderungen des Ministers und des allmächtigen Kebsweibes mit der freudigsten Unterwürfigkeit entgegen zu kommen. Schon am 6. August 1761 verfügte es in angemaßter Vollgewalt, daß alle Unterrichtshäuser der Jesuiten sollten geschlossen werden, ihre fernern Zöglinge jeder Anstellung unfähig seyn. Noch besaß der König so viel Selbstständigkeit, diesen Beschluß für wirkungslos zu erklären; jenes aber war in seiner Eigenmacht bereits so weit vorangeschritten, um dem königlichen den eigenen Willen entgegenzustellen, und am gleichen Tage des folgenden Jahres die gänzliche Aufhebung der Gesellschaft und der Zerstreuung ihrer Mitglieder als einer gottlosen, der Kirche wie dem Staat verderblichen Anstalt auszusprechen. Sich zu rechtfertigen ward den Jesuiten entweder fürmlich verboten, oder doch aufs äusserste erschwert, hernach dieses gezwungene Schweigen wieder als Beweis gegen sie ausgebeutet. Zwei Jahre später sollte sogar jedes Glied der Gesellschaft zu einem Eid gezwungen werden: daß es alle wider dieselbe erhobenen Beweise für begründet, den Orden selbst für strafbar, verwerflich und dem König gefährlich erkenne. Wie Viele haben, trotz des Grimmes, mit welchem die Männer der Bosheit und Gewalt gegen sie wütheten, den Eid geleistet? Dieses Verfahren des Parlaments fand schon im Jahre 1806, wo die Frage über die Jesuiten bereits der Geschichte verfallen schien, daher ruhiger und parteiloser behandelt werden konnte, als ein Menschenalter früher möglich gewesen, ihre Würdigung durch den nachmaligen Pär, Grafen Lally-Tolendal, der Folgendes darüber sagte: »Die Unterdrückung der Jesuiten war Sache der Parteyung und nicht der Gerechtigkeit. Sie war ein hochmüthiger, racheschnaubender Sieg des richterlichen über das geistliche, ja man darf wohl sagen, über das königliche Ansehen. Die Gründe waren nichtig, die Verfolgung war barbarisch. Die Vertreibung von tausend Unterthanen aus ihren Häusern und ihrem Vaterland wegen bildlichen Auedrücken, die allen Mönchsinstituten gemein sind, und wegen Scharteken, die längst in den Staub begraben und in einem[321] Jahrhundert verfaßt waren, in welchem alle Casuisten zu den gleichen Lehren sich bekannten, war der willkürlichste, gewaltthätigste Act, der verübt werden konnte.« Und welches war jene Scharteke? Mariana's Schrift de rege, worin die bekannte Stelle vorkömmt: daß man das Recht habe, einen tyrannischen König zu tödten. Aber hatte nicht der heilige Thomas von Aquin, oder wer unter seinem Namen den letzten Theil des Werkes de regimme principum verfaßt haben mag, bedingsweise den gleichen Satz aufgestellt? Hatte nicht die Sorbonne das Nämliche gelehrt und am 7. Jan. 1589 förmlich erklärt: das Volk seye seiner Pflicht ledig und könne mit gutem Gewissen (gegen den König) zu den Waffen greifen, worauf am 1. August Heinrich III, welcher allgemeiner Verabscheuung schon längst verfallen war, durch den Dominicaner Clement ermordert wurde? Mariana's Buch aber trat erst nach dieser That an das Licht und trug sogar die Bewilligung der königlich spanischen Censur, so wie der Inquisition an der Stirne. Aber schon im folgenden Jahr waren es Jesuiten selbst, welche gegen dasselbe Klage erhoben, so daß der General Aquaviva die ganze Auflage des Buches vernichten ließ und für einen neuen Abdruck eine Berichtigung verordnete. Richesne versichert daher, nicht ein einziges Exemplar dieser Schrift gesehen zu haben. Am 6. Juli 1610, also nicht volle sieben Wochen nach Heinrich II Ermordung, erließ der nämliche General nachfolgende Verfügung: »Kraft des heiligen Gehorsams verordnen Wir unter Strafe der Excommunication und der Unfähigkeit zu jeglichem Dienst, so wie auch der Suspension von kirchlichen Verrichtungen und andern, nach Unserm Gutdünken noch zu bestimmenden Strafen, daß kein Mitglied unserer Gesellschaft weder öffentlich noch privatim, weder bei Vorlesungen noch bei Berathungen, noch viel weniger bei Veröffentlichung[322] einer Schrift zu behaupten wage, es seye irgend Jemand erlaubt, was man immer von Tyrannei vorschützen möchte, Könige oder Fürsten zu tödten, oder an ihren Personen sich zu vergreifen« u. s. w. Das hingegen bleibt sorgfältig unberührt, daß lange vor Mariana Bellarmin, gleichfalls Jesuite, geschrieben hatte: »Es ist unerhört, daß man je den Mord eines Fürsten, wäre dieser auch Heide, Ketzer und Verfolger gewesen, gebilligt habe, wenn es eines solchen Verbrechens fähige Ungeheuer auch mag gegeben haben.« Gesetzt aber Mariana hätte den fraglichen Punkt nicht in wissenschaftlicher Form thetisch behandelt, sondern nach heutiger Demagogenweise apodictisch hingestellt, konnte deßwegen eine zahlreiche, durch alle Länder verzweigte Gesellschaft für irgend eine gewagte, ja selbst verbrecherische Lehre eines ihrer Glieder verantwortlich gemacht werden? Wie vollends konnte sie dafür verantwortlich gemacht werden, wenn ihre Obern die Ersten waren, welche dieselbe mißbilligten? Aber der 5. Jenner 1757 stand noch in frischer Erinnerung; man war damals noch nicht so weit vorangeschritten, um dergleichen Ent seglichkeiten (wie bei der neuesten in unserer Zeit geschehen ist) als Stoff für Witzeleyen aufzunehmen. Der Schauder durchzückte noch alle Gemüther, und je grösseres Dunkel über der erschütternden That lag, desto leichter ward es den, Feinden der Gesellschaft überall mit lautem Schrei von der königsmörderischen Politik derselben, von ihrer Willfährigkeit zu den furchtbarsten Anschlägen zu sprechen, und vor dem geistig und körperlich abgeschwächten König schlesische Jesuiten, in der Eigenschaft von geheimen Werkzeugen Friedrichs II, als Schreckbild auftauchen, vor der öffentlichen Meinung aber die dem Untergange Geweihten als die Schuldigen erscheinen zu lassen. Hiezu bot sich in jener Erörterung des spanischen Jesuiten eine bequeme Verbindung zwischen Lehre und That. Wie oft jedoch jenes Verhalten des Ordens zu Mariana's Lehre nachgewiesen werden ist, immer mit gleicher Keckheit wiederholen die, Feinde der Jesuiten ihre Anschuldigung; immerfort muß Mariana für die Gesellschaft[323] einstehen, immerfort wird das Urtheil des Generals ignorirt. Und wie dieses auch nachgewiesen, und wie auch gegen die Richtigkeit des Nachgewiesenen eine Einwendung nicht für möglich gehalten werde, alsbald rückt irgend Einer, der vielleicht in einer Zeitung oder in einer Schmähschrift die aufgewärmte Anschuldigung gelesen hat, als mit einer unumstößlichen Wahrheit damit wieder hervor, wird dieselbe rechtzeitig neuerdings aufgewärmt, alsdann müssen doch wieder diese Autoritäten die untrüglichen seyn. Ich besitze eine ähnliche Scharteke von 163 Seiten in klein Duodez, angeblich zu Rheims gedruckt im Jahre 1577, mithin Mariana's Schrift ziemlich lange vorangehend. Dieselbe führt den Titel: »Resolution claire et solide sur la question tant de fois faite de la prise des armes par les inferieurs: ou il est monstré par bonnes raisons, tirées de tout droit divin et humain, qu'il est permis et licite aux Princes, Seigneurs et peuple infeurieurs de s'armer, pour s'opposer et resister à la cruauté et felonnie des Princes superieurs, voire mesme neccessaire pour le devoir dunquel on est tenu au pays et Republique. Schon das Wort Republique läßt auf den Stand des Verfassers schließen; Ton, Innhalt und Ausdrücke aber verrathen es unwiderleglich, daß er ein Huguenotte ist, der die Zulässigkeit der Empörung gegen den rechtmäßigen König aus der Vernunft, der französischen Geschichte und der Bibel zu vertheidigen und zu beweisen sucht. Wie nun, wenn man mit diesem Schriftchen in der Hand den Satz verfechten wollte: der Protestantismus lehre den Aufruhr als Pflicht? Welcher ehrliche Mann würde Solches unternehmen wollen? Und er wäre eben so gut dazu berechtigt, als diejenigen es sind, welche Marianas Lehre der gesammten Gesellschaft Jesu unterschieben wollen. Ja er wäre hiezu noch mehr derechtigt, indem es nicht schwer halten müßte, darzuthun, daß die meisten Urheber der Reformation Aehnliches wie Mariana, nur nicht bedingt wie er, gelehrt, ja Buchanan in Schottland, Suleau de Rozier in Frankreich den Mord aller katholischen Könige ohne irgend[324] einen Vorbehalt förmlich als ein verdienstliches Werk dargestellt haben. Sesbst der seiner Sanftmuth und Milde wegen so vielfach gepriesene Melanchthon hatte sich nicht gescheut, deßwegen, weil Heinrich VIII von England den Gedanken hegte, von der Princessin von Cleve sich zu scheiden, einem Freunde zu schreiben: »ein Gott gefälligeres Opfer giebt es nicht, als einen Tyrannen zu schlachten. Gabe doch Gott einem beherzten Mann diesen Gedanken ein!« Mehr als ein Jahrhundert früher erklärte Huß entschieden: es könne und solle jeder Tyrann, (und wen dergleichen Leute für einen solchen angesehen wissen wollten, kann man aus den Schriften seiner Nachfolger ersehen) mit Fug und Recht von Jedwedem, heimlich oder öffentlich, trotz Eidschwur und Vertrag, ohne richterlichen Spruch oder Befehl ermordet werden. Behauptete doch der Schutzredner für den Königsmörder Clement, Edmund Richer, schon im Jahre 1581, daß das höchste Ansehen in geistlichen und weltlichen Dingen wesentlich und in letzer Beziehung der Menge zustehe. Sollten aber Clement und Richer etwa Jesuiten gewesen, jener von diesen angestiftet worden seyn? Sollte Milton bei ihnen die Lehre geschöpft haben: daß dem Volk das Recht zukomme, den König zu strafen? Er widerlegt hierauf den Salmasius auf höchst merkwürdige Weise. »Wollt ihr wissen,« sagt er, »weßwegen Salmasius nur auf Gewährsmänner unserer Zeit sich beruft? Die Antwort ist leicht. Er weiß gar zu gut, daß alle ausgezeichneten Gelehrten der reformirten Confession entschieden Gegner seiner Lehre sind. Er soll nur den Versuch wagen! Er wird alsbald finden, daß ich einen Luther, Zwingli, Calvin, Bucer, Peter Martyr, Paree in den Kampf rufen und ihn unter dem Gewicht ihrer Autorität darniedertreten könnte.« Von wem also wird der Königsmord gelehrt: von den Jesuiten oder von den Vormännern antikatholischer Secten? Ob aber Königsmord an sich erlaubt seye, ? ob ein König in keinerlei denkbarem Fall (demjenigen z.B. der Nothwehr, als entschiedener Feind u. dgl.) dürfe getödtet werden, das[325] sind zwei durchaus verschiedene Fragen. Ueber die letztere wäre es, möglichen Mißbrauchs wegen, besser, sowohl das Für als das Wider auf sich beruhen zu lassen; die erstere dagegen ist von keinem Jesuiten, wohl aber von mehr als einem ihrer erbittertesten Gegner, von mehr als einem zeitgeistigen Philosophen rundweg mit Ja beantwortet worden. Kann unsere Zeit förmliche Aufforderungen zum Königsmord in Prosa wie in Reimen nicht genugsam lesen und gerade von Solchen, welche die Gedärme des letzten Jesuiten, ja überhaupt des letzten Priesters zu nichts lieber verwenden würden als zur Erdroßlung des letzten Königs? Und über dergleichen nicht wegzuräsonnirende Ergüsse einer dämonischen Wuth schreitet die angeblich gebildete Welt höchstens mit dem Achselzucken über unzeitigen Eifer hinweg, um allen ihren Ingrimm für die auf Verdrehung oder auf willkürliche Entstellung gebaute falsche Anklage gegen die Jesuiten zu versparen, und durch gegenseitigen Ausbruch denselben zu steigern. Selbst Hobbes, obwohl der Vertheidiger des absolutesten Despotismus, gestattet den Tyrannenmord unbedingt und nennt denselben ein hosticidium. Wie weit sind aber die neuern Aufklärungs-Propheten (doch insgesammt Widersacher der Jesuiten!) sowohl in der Theorie, als seit dem letzten Jahrzehnd des abgewichenen Jahrhunderts praktisch, nicht auch hierin vorangeschritten! Besteht nicht unter unsern Äugen in Deutschland, und auch in einem großen Theil des übrigen Europa's, eine Faction, welche öffentlich die Volker auffordert, alle Könige zusammt ihrem Geschlechte zu morden? Für Verbreitung solcher Lehre verlangen und erhalten meist ihre Apostel noch volle Preßfreiheit, ja Einzelne derselben stehen sogar in hohen Ehren und Aemtern. Hingegen haben die Jesuiten noch keinen einzigen König gemordet, keinen einzigen Mörder eines Königs auf irgend eine Weise in Schutz genommen, indeß sie selbst von Königen und deren zeitgeistigen Rathgebern theils gemordet, theils massenweise in das kläglichste Eleno geworfen worden sind. Aber auch das gehört zum Fortschritt in der Lüge und[326] zu der Forderung, die Augen vor dem Sonnenlicht zu verschließen und die Nacht als solche anzupreisen, daß man die Gemordeten für Mörder und die Mörder für Gemordete ausgiebt! Entsprechend dann waren in allen drei Ländern die Bemühungen und Maaßregeln der allmächtigen Minister, um die Genehmigung der Könige, die Billigung des vorlauten Theils der öffentlichen Meinung und endlich die Zustimmung des Oberhauptes der Kirche zu erschleichen oder zu erstürmen. Ihre Bemühungen bei den Monarchen waren der Beweggründe, der Mittel und der Zwecke vollkommen würdig. Den geistesschwachen, sinnlichen Joseph von Portugal hatte der Schuß vom 3. Sept. 1759 als willenloses Werkzeug in Pombals Hände geworfen. In erheuchelter Sorge um die Sicherheit für das Leben des königlichen Herrn wurde es dem gallsprühenden und blutdürftigen Minister leicht, Zustimmung für Alles zu finden, was sein glühender Haß ihm eingab. ? Von Carl III von Spanien wird erzählt, es seye gelungen, ihm die unantastbare Meinung einzuprägen, die Jesuiten wären Urheber jener Sage, die ihn zum Sohn des Cardinals Alberoni machte, und hiedurch jenen tiefgewurzelten Groll gegen die Gesellschaft auf zustacheln, der bei seinen sonstigen Gesinnungen jedenfalls nur einem ausserordentlichen Motiv beigemessen werden kann. ? In Frankreich war Ludwig XV nicht viel kräftiger als sein Zeitgenosse in Portugal. Nach dem, was er im Jahre 1757 erfahren, fiel es nicht schwer, ihn durch das Phantom des Königsmords zu schrecken, ihm, bei Mißstimmung des Parlaments und des Volkes, eine neue Fronde in den Hintergrund zu mahlen, hiedurch seine Zuneigung für die Gesellschaft ihm allmählig zu entrücken und beliebt zu machen, an den Papst das Gesuch um eine Reform derselben zu richten.[327] Auf die Gesinnung des Volks wurde in Portugal und in Frankreich durch Schmähschriften gewirkt, wozu feile Federn leicht sich fanden. Dort hatte der schändliche Pater Norbert freudige Aufnahme, einen königlichen Jahrgehalt, Druck und Verbreitung seiner Libelle auf öffentliche Kosten und mit diesem Allem ein gesichertes Gehäge für seine verläumderische Thätigkeit gefunden. Minister und Publizist waren gegenseitig ihrer vollkommen sich würdig, und der Eine durfte sich der Tischgenossenschaft des Andern nicht schämen; so wie die vierfache Herkunft, der vierfache Name und das vierfache Gewerbe auf den Werth des Ehrenmannes genugsames Licht wirst. Denn er war, je nachdem es ihm zuträglich schien, Franzose, Holländer, Schweizer und Engländer; er hieß Pater Norbert als Capuciner, Parisot als Tapetenkrämer, Piter als Schenkwirth und Abbé Platel bei geheimen Ränken in Rom. Dieser Piter war indeß nicht der einzige, welcher in Pombals Solde, aus dem Gelde, was dieser über die Jesuiten erbeutet hatte, zu ihrer moralischen Vernichtung schriftstellerte. Der Despot fand feile Federn genug; an Mitteln, dergleichen »Ausgeburten des Neides und der Ruchlosigkeit,« wie Clemens der XIII diese Schandschriften bezeichnete, durch alle Länder zu verbreiten, fehlte es ebensowenig. Jenes Zeugniß des Papsts war der Wiederhall der Stimme von beinahe vierhundert Bischöfen der Christenheit. In Frankreich wirkten auf die Einen der Spott und die Witzeleyen der Philosophen, auf die Andern die in ernstem Ton gehaltenen Anschuldigungen eines Abbé Chauvelin, der Rechenschastsbericht von la Chalotais, dem, wie vielen solcher Ehrenmänner, die Erreichung des Zweckes über die Wahrheit gieng. Ließ sich doch dieser von blinder Wuth so weit fortreissen, um den Jesuiten vorzuwerfen, sie hätten nicht einen einzigen Mathematiker von Bedeutung aufzuweisen. Lalande, der damals das Register zu seiner Geschichte der Astronomie anfertigte und ihr einen Artikel über die Jesuiten als Astronomen beifügte, erstaunte über deren Anzahl. Im Jahr 1773[328] sah er Jenen zu Saintes und hielt ihm seine Ungerechtjgkeit vor. La Chalotais gestand sie jetzt auf die unbefangenste Weise selbst ein; war ja der Zweck erreicht! Die Tagesschriftstellerei hob sich mit unglaublicher Regsamkeit zum Element, welches den durch abweichende Beweggründe ausgekochten Haß der Parlamentsglieder, der Jansenisten und der Philosophen zum Trank bereitete, der die Menge in wilden Rausch versetzen sollte. Hierin war das Pariser-Parlament schon am Ende des sechszehnten Jahrhunderts, wenn nicht mit ähnlichem Erfolg, doch mit nicht geringerer Kühnheit vorangegangen. Aus dem den Jesuiten abgestohlenen Vermögen hatte es schon damals ein reiches Arsenal von Schmähschriften gegen sie anlegen, zugleich aber, damit durch Gegenrede deren Wirkung nicht abgeschwächt werde, allen Buchdruckern und Buchhändlern verbieten lassen, irgend Etwas, was zu Gunsten der Verfehmten sprechen wollte, weder zu drucken, noch in Umlauf zu bringen. Jetzt wurde zu gleich löblichem Zwecke jenes Arsenal wieder geöffnet, daraus hervorgezogen, was immer Brauchbares es bergen mochte. Hatte zu jener Zeit Arnauld die Lüge (z.B. stets seye der General der Jesuiten ein Spanier und durch den König von Spanien ernannt) in rhetorischem Wortgepränge daherschreiten lassen, so wußte Pascal die gefährlichste (zumal in Frankreich) aller Waffen zu handhaben: den Witz und den Spott. Wer ihrer mit Gewandtheit sich zu bedienen weiß, ist damit jeder Prüfung und jeder Beweisführung enthoben, und darf weit weniger über seine Erfolge im Zweifel stehen, als wenn er jenem mit noch so grosser Sorgfalt sich unterzöge. Deswegen hat Pascal auf viele verwandte Geister fortwährend großen Einfluß geübt und wurde seine Art, die Gesellschaft von Seite ihrer Principien (die er entstellte) und ihrer Bestrebungen (die er verdächtigte) und ihrer Lehren (die er aus dem Zusammenhang riß) nicht bloß anzufechten, sondern geradezu zu verdammen, die normalmäßige, und ist es seitdem geblieben; hierob in Vergessenheit gerathen, daß damals schon, als seine »Briefe aus der Provinz«[329] erschienen, viele Gelehrte Frankreichs, alle Bischöfe, mehrere Päpste dieselben als »lügenhaft und verläumderisch« verworfen hatten, und die weltlichen Behörden nicht minder entschieden dagegen aufgetreten waren. Ebenso kennt unsere Zeit nur den Voltaire, welcher der Verbrüderung wider die Jesuiten mit der ganzen Macht seiner Feder und seines Gewichtes auf die Zeitgenossen beitrat; indeß sie von dem Voltaire, der doch zwischenein Regungen der Ehrlichkeit und Parteilosigkeit ebenfalls das Wort lieh, keine Notiz nimmt. In derartiger Anwandlung gesteht er unbefangen, daß nichts leichter gewesen wäre, als in ähnlicher Weise sowohl gegen die Dominicaner als gegen die Franciscaner aufzutreten. »Aber,« sagt er, »man wollte nun einmal an die Jesuiten. Pascals Briefe bezweckten die Behauptung eines vorhandenen Planes, die Menschen zu verderben; ein Plan, den keine Secte, keine Gesellschaft je gehabt hat oder haben könnte.« Diese Schriftstellerei, ausgerüstet mit den gescheuerten und neu geschärften Waffen, welche sie schon in früherer Zeit getragen, und den inzwischen neu geschmiedeten, trat jetzt wieder nach allen Seiten und in jeglicher Gestalt in Thätigkeit. Wurde dieselbe noch nicht so schwunghaft betrieben, wie in unsern Tagen, so besaß sie dagegen Autoritäten, dergleichen wir jetzt ähnliche nicht aufzuweisen haben, und deren Wort über die höhern Stände eben dasselbe vermochte, was gegenwärtig die von allen Seiten summenden Stimmen der Tagesblätter auf die gleichartiger gewordene Maße. Voltaire, die gewaltigste dieser Autoritäten, war seiner längst beurkundeten Tendenz nach leicht zu gewinnen, um so leichter, als die Jesuiten bisher auch seiner nicht geschont hatten. Choiseul fand ihn daher bereitwillig für seinen Antrag: die Schuld jener Frevelthatem, welche ganz Europa in Bestürzung gesetzt hätten, ihnen und den zahllosen Schriften ihrer Theologen aufzubürden, welche als Ausgeburten der Hölle den Königsmördern den Mordstahl in die Hände gegeben hätten. War doch die Gesellschaft Jesu an dem Bau der »Infamen,«[330] welche »ecrasirt« werden sollte, einer der mächtigsten Strebepfeiler. ? Auch Diderot sollte gewonnen werden. Er stand damals in literarischer Fehde mit Berthier, das ließ ungezweifelten Beitritt hoffen, zumal ihm ansehnlicher Geldzufluß für solchen Ritterdienst geboten wurde. Dieser war aber ehrlich genug, zu erklären: »Bei meinem Streit bedarf ich Niemandes Hülfe. Geld besitze ich zwar keines; doch weiß ich mir welches zu verschaffen.« ? Ebenso ehrenwerth erwies sich Rousseau. Auch auf sein Mitwirken hatte man sich Rechnung gemacht, denn seine Gesinnung gegen die Jesuiten war bekannt. Man weiß aus einem Schreiben desselben an den Erzbischof von Paris, daß er sollte gewonnen werden. »Aber,« sagt er, ich habe mich gegenwärtig über die Jesuiten nicht zu beklagen, zudem sind sie jetzt Unterdrückte.« Diese Bemühungen, alle literarischen Notabilitäten wider die Jesuiten zu vereinigen, beweist mehr als alles, daß der G rund ihrer Aufhebung weder in der abstracten Einrichtung der Gesellschaft, noch in den concreten Individualitäten derselben lag, sondern Entwurf und Bestreben einer engverbundenen Partei war. Was bei den Genannten mißlang, wurde desto vollständiger erreicht bei der Zahl untergeordneter Schriftsteller, denen der Klang der Münze ein wekenderer Ton war, als die Stimme der Wahrheit und der Redlichkeit. Der Präsident Roland d'Ereville gestand in einer im Jahr 1781 erschienenen Schrift mit der größten Offenheit, daß zu Vertreibung der Jesuiten er einzig für seine Person über 60,000 Franken aufgewendet habe, und daß die Sache schwerlich gelungen wäre, wenn er ihr nicht sein Geld, seine Zeit und seine Gesundheit geopfert hätte. Wie nun die Philosophen mittelst ihrer Waffen den Kampf erhoben, so geschah dieses von den Jansenisten mittelst der ihrigen. Einer derselben, Dom Clemencet, ein Geistlicher, verwandelte das Kloster der weissen Benedictiner in Paris zur Werkstätte, aus welcher Schmähschriften aller Art gegen die Gesellschaft hervorgingen. Je größerer Vorrath von Unwahrheiten,[331] Verdrehungen und Entstellungen in denselben aufgestapelt, dieser nach dem Geschmack der verschiedenen Leserclassen zurechtgemacht war, desto größer war deren Wirksamkeit, die noch in unsere Tage herabreicht, da er noch immerwährend die Waffen und Rüstungen bildet, unter denen die Redlichen jetziger Zeit sich zusammenbiedern, um die fortschrittsfeindliche Gesellschaft darniederzuschimpfen und aus dem Felde zu lügen. Die Jansenisten lieferten als reichhaltigste Fundgrube zu unermüdlicher Ausbeutung durch deutsche Biedermänner die »Auszüge verderblicher Behauptungen,« welche die Jesuiten jederzeit und beharrlich gelehrt haben sollten. Wiewohl die Grundlosigkeit dieser »Behauptungen« damals überzeugend nachgewiesen worden ist, sind sie noch immer die Pandekten aller Jesuitenfeinde. ? Eine andere Schrift, unter dem Titel »dreifache Nothwendigkeit,« stellte diese auf in der Vertilgung der Jesuiten, der Entfernung des Dauphins (Vaters Ludwigs XVI) von dem Thron, der Vernichtung des Ansehens der Bischöfe, und hätte gerade durch diese Zusammenstellung die Augen über die letzten Zwecke des wider die Jesuiten Begonnenen am sichersten öffnen können und sollen. Auf Choiseuls Geheiß erschien das Machwerk, welches den Titel führte: »die Jesuiten des Hochverraths schuldig in Theorie und Praxis.« In schlauer Berechnung des noch unverblichenen Eindrucks, den die Attentate bei Trianon und in Lissabon zurückgelassen hatten, durfte man sich von solcher Anschuldigung die durchgreifendste Wirksamkeit versprechen. Darum sollten die Jesuiten in allen Ländern den Königsmord gelehrt, diesen aber in Frankreich an Heinrich III, Heinrich IV, Ludwig XIV, dem grossen Dauphin, dem Regenten, an Ludwig XV, sodann in letzter Zeit an dem König von Portugal versucht haben. »Immer,« heißt es in dieser Schmähschrift, »immer führten sie den Dolch in der Hand, um ihn jedem Fürsten, der nicht von ihnen wolle geleitet werden, in das Herz zu stossen; um mit demselben jeder fremden Macht zu dienen, welche ihnen Zugeständnisse verheisse.« Diese Schrift gieng so weit, um dem gläubigen Leservolk den[332] König von Preussen geradezu als Mitverschwornen derselben zu bezeichnen. Diese Anschuldigung des Königsmords (obwohl es an dem Beweis eines solchen bis auf den heutigen Tag noch mangelt) spielte damals und spielt noch heutzutage selbst bei Solchen, die vor der Vollführung nicht so besonders zurückschaudern würden, eine so bedeutende Rolle bei dem obligaten Ingrimm eines Gebildeten gegen die Jesuiten, daß einige Rückblicke auf dergleichen Versuche wohl mögen erlaubt seyn. Der erste war der Anschlag eines gewissen Barrieres auf Heinrich IV. Schon dieser sollte von den Jesuiten ausgegangen seyn. Was verschlug es, daß Frankreichs Reichshistoriograph aus den Acten bewies, daß ein Spanier, welchem Barrieres zu Madrid sein Vorhaben mitgetheilt hatte, hierüber mit einem Jesuiten gesprochen, dieser von der That ernstlich abgemahnt und den Anzeigenden veranlaßt habe, den Anschlag dem französischen Gesandten zu offenbaren, damit dieser (was auch geschah) den König zu Vorsichtsmaßregeln veranlasse? Matthieus Werk stand bestaubt in den Bibliotheken, die Lügenschriften hingegen durchflogen mit frischen Schwingen die Welt. ? Wer wußte es noch, daß Chatel selbst unter der grausamsten Folter erklärt hatte: kein Jesuit habe um seinen Mordanschlag gewußt, noch weniger ihm denselben angerathen? Wer erinnerte sich noch, daß selbst die frevelhafte Beichte, mittelst deren man solches doch noch zu erfahren hoffte, fehlgeschlagen hatte? Wer gedachte noch der eigenen Erklärung des Königs in Gegenwart des Parlaments: »man Chatels schwarzer That habe kein Jesuite Theil gehabt?« Rein vergessen war dieses Alles. Das aber hatte man nicht vergessen, daß Chatel (so wie übrigens auf der Universität) bei den Jesuiten in Clermont studirt hatte, daß nach dessen Anfall das dortige Collegium auf die gewaltthätigste Weise durchwühlt, daß hierauf der Pater Guignard (ohne den geringsten Beweis von Schuld) aufgeknüpft worden war; also Zeugnisse genug, um neuerdings die Geschichte zu verfälschen, dem würdigen Zweck das schöne Mittel anzupassen; der geringfügige[333] Umstand, daß ein Jahr nach Guignards Mord das Parlament selbst gestehen mußte: es habe bei jener Verurtheilung übereilt gehandelt und die Rechtsformen verletzt, mußte dabei ausser jede Berücksichtigung fallen. ? Da bei Ravaillacs That, trotz aller Folter, abermals gegen die Jesuiten nichts herauszubringen war, half sich das Parlament in seinem Drang, diese dennoch hineinzuziehen, durch das Verbrennen von Mariana's Schrift. Unsern redlichen Zeitungsblättern und ihrem lichtgierigen Publikum genügt dieses vollkommen, um durch Folgerungen beizufügen, was in den Acten sich nicht finden läßt; wogegen Heinrichs früherer Rückberufung der Jesuiten und seiner Wittwe nachheriger Gunst gegen dieselben entlastende Beweiskraft höchstens für beschränkte Köpfe oder verknöcherte Ultramontaner zugestanden wird. ? Was endlich Damiens anbetrifft, so hat es auch da nicht an Bemühungen gefehlt, die Jesuiten mit demselben zu verwickeln, obgleich jeder Parteilose weiß, daß diesem so wenig als den frühern Meuchlern die Folterqualen eine Aussage gegen dieselben zu erpressen vermochten und daß selbst Voltaire dieses nicht allein anerkennt, sondern bezeugt, er müßte sich zum elenden Nachbeter der Jansenisten herabwürdigen, wenn er anders sprechen wollte. Immerhin! Hatte aber nicht das Parlament eine Betheiligung der Jesuiten herauszubringen gehofft; hatten aber nicht die Jansenisten auf eine solche angespielt; war es aber nicht gelungen, Argwohn gegen sie herzurufen? Dieser ist geblieben, indeß das Rechtfertigende, was die Procedur zu Tage gefördert, der Vergessenheit verfiel. So stand an Behendigkeit, Mittel zu dem Zwecke zu schaffen, diese Zeit der unsrigen nicht nach. Unbestritten gebührt hierin der Vorzug den Jansenisten. Sie besonders bewährten sich durch die Schrankenlosigkeit, Abentheuerlichkeit und Widersinnigkeit der zusammengejagten Anschuldigungen als dienstbare Werkzeuge des Parlaments und haben daneben die traurige Genugthuung sich verschafft, noch fortwährend als vollgültige Gewährsmänner bei verwandten Bestrebungen aufgerufen zu werden. Deßwegen[334] ist der Wahn, die Parlamentsbeschlüsse gegen die Jesuiten wären Ergebniß einer bestimmten Thatsache, natürliche Folge einer gemachten wichtigen Entdeckung, eine Schlußnahme gewesen, wozu plötzlich gewonnene Einsicht geführt hätte, nichts weiter als die Folge eines künstlich angelegten und wohlberechneten Blendwerkes. Diese Aufhebung war einfach die Vollendung eines längst gehegten und seiner Verwirklichung beharrlich entgegengeführten Anschlages, zu dessen letzter Vollziehung nicht bloß die bereits bezeichneten Mittel der Tagesschriftstellerei, sondern auch, rückgreifend in die Vergangenheit, das Schmieden falscher Actenstücke dienen sollte. Denn zu eben der Zeit, da Damiens seinen Mordversuch anstellte, also noch fünf Jahre, bevor man den Augenblick zu Vollführung der vorbereiteten That günstig erachtete, wurde ganz Frankreich urplötzlich mit einem angeblichen Edicte Heinrichs IV an alle Parlamente, worin er die Jesuiten als Anstifter verschiedener Mordversuche gegen seine Person aus dem ganzen Reich verbannt, gleichsam überschwemmt. Das angebliche Actenstück war vermuthlich durch den Abbé Chauvelin verfertigt worden. Wiewohl aus der äussern Form, aus Abweichungen in der Tagesangabe, aus Styl, Ausdrücken (die Könige bedienten sich immer der Worte: dans les lieux de Notre obeissance, die Parlamente hingegen derjenigen: dans les lieux de notre ressort, und hier kanten die letztern vor) und Orthographie, endlich aus dem Umstand, daß es bis zu seinem Erscheinen allen Geschäftsmännern und allen Schriftstellern durchaus unbekannt geblieben war, seine Unächtheit alsbald bis zur Evidenz erwiesen wurde, mußte es doch als ächtes Actenstück gelten, wogegen über die Gesinnungen, welche Heinrich IV bei verschiedenen Veranlassungen in Wort und That rücksichtlich der Jesuiten an den Tag gelegt hatte, gänzlich sollte hinweggesehen werden. Vermuthlich aber muß, ungeachtet des riesenhaften Widerspruches, in welchem diese mit jenem Papier treten, dasselbe noch heutzutage bei denjenigen Allen, welche in[335] ihrer Berserkerwuth jedes Mittel für erlaubt, ja preiswürdig erachten, als rechtskräftiges Actenstück gelten. Solche Schriften hingegen, welche entweder die Lügen aufdeckten, oder den hingeworfenen Behauptungen Gründe gegenüberstellten, oder überhaupt in einem für die Gesellschaft günstigen Sinn verfaßt waren, wurden zu jener Zeit durch die wider die Jesuiten mit aller Betriebsamkeit Auftretenden behandelt, wie von der Zerstörungsparthei unserer Tage ähnliche Schriften behandelt werden. Jetzt vereinigt man sich, dieselben zu verschreien, ihre Verfasser zu verdächtigen, diesen Manches anzudichten, was sowohl ihre Personen als ihre Absichten in schiefes Licht stellen soll. Damals stand jedoch ein expeditiveres Mittel zu Gebot; zwar nicht mehr das frühere, deren Druck geradezu zu untersagen, aber das Parlament ließ sie auf öffentlichem Platze durch den Henker verbrennen. Es ist nicht zu zweifeln, daß unsere Förderer der Menschheit dasselbe noch jetzt gerne anwenden würden, wenn es gleich mit dem Wortlaut ihrer Reden in allzu grellem Mißverhältniß stünde; sie mögen nur bedauern, daß sie hiezu zu ohnmächtig sind. Dieses Mittels bedienten sich die Legisten jener Zeit gegen eine Schrift, welche den »Auszug aus den Parlaments-Protokollen« (worin jenes Edict Heinrichs IV enthalten seyn sollte) mit dem »Auszug aus den Behauptungen« verglich und die Widersprüche zwischen beiden aufdeckte. Aehnliches Loos traf eine im Jahr 1756 durch die Jesuiten veranstaltete Schrift: »Die Wirklichkeit des Anschlages von Bourgfontaine.« War dieser Anschlag wirklich eine Fabel, wie die zwei Jahre später verfaßte Schrift: »Die siegende Wahrheit und Unschuld,« darzuthun versuchte, so. hätte man dieselbe füglich auf sich können beruhen lassen, ohne durch eine solche Maaßregel die Vermuthung zu begründen, das an das Tageslicht Gezogene dürfte doch mehr als Fabel seyn. Die Sache ist diese. Der königliche Advocat Johann Filleau zu Poitiers hatte im Jahre 1654 der Königin, Mutter Ludwigs XI V, Anzeige von einer Verabredung zwischen sechs Personen gemacht, die sich zum Ziel gesetzt hätten, die geoffenbarte[336] Religion und vordersamst den Katholicismus in Frankreich zu stürzen und die Jesuiten auf Tod und Leben zu verfolgen. Die Verbundenen nannten sich die Wissenden und vollkommen Erleuchteten und ? gleich den spätern Illuminaten ? bezeichneten sich selbst sowohl, als ihre Gegner durch angenommene Namen. Man hat diese Anzeige Filleau's für ein Mährchen erklärt; und es mag seyn, daß die Jesuiten dasselbe nach Umfluß von hundert Jahren wieder aufwärmten, weil sie darin eine Waffe wider ihre Gegner erblickten. Deßungeachtet ist die Grundlosigkeit des Vorgegebenen noch lange nicht erwiesen; ja die Stellung und die persönlichen Verhältnisse derjenigen, welche die größte Mühe sich gaben, den Glauben an diese zu begründen, bietet für die Vermuthung, Filleau möchte doch geheimen Entwürfen auf die Spur gekommen seyn, ein nicht so kurzweg zu entkräftendes Gewicht dar. Jedenfalls schwebt über der Sache ein kaum zu enthüllendes Dunkel; gewiß bleibt nur das, daß das Parlamentsverfahren gegen das Büchlein das schlechteste Mittel war, um die Unstatthaftigkeit der gemachten Anzeige zu erhärten. Solcher Art nun waren die Mittel, welche zu dem Zwecke führen sollten. Die schonungslose Härte, unter der in den drei Königreichen die Gewaltmaßregeln gegen die Gesellschaft in Vollziehung gesetzt wurden, und zu der man auch andere Staaten verlocken konnte, zeugt wieder eher für als gegen die Gesellschaft. Denn überall, wo erwiesene Verbrechen zu verfolgen und zu bestrafen sind, darf man unbedenklich der Gerechtigkeit ihren Gang lassen; sicher, daß deren offenes und richtiges Walten jeden Irrthum verhüten und jeden Zweifel verscheuchen wird, diese hingegen nothwendiger Weise immer sich festsetzen müssen, sobald man auf der Bahn der Willkür sich verläuft. Darum müssen jedenfalls die Verfügungen der Fürsten (oder[337] vielmehr ihrer Minister) in dieser Angelegenheit von dem trüben Lichte bloßer Gewaltsschritte umzogen werden. Zwar ließ sich unter allem Rausch von unbedingter Machtherrlichkeit eine dunkle Ahnung, daß der Rechtsboden ein festerer seyn dürfte als derjenige der Willkür, nicht durchweg abweisen. Dieser festere Boden ließ sich aber nur dadurch gewinnen, daß man von dem Oberhaupt der Kirche ein Proscriptionsedict gegen die dem Haß preisgegebene Gesellschaft zu erwirken sich bestrebte. Aber selbst die Weise, wie dieses erzielt werden sollte, entspricht durchaus dem bisher bezeichneten Verfahren. Choiseul, des langsamen Voranschreitens der Sache überdrüssig und frivol genug, um zu meinen, ein solcher Mönchshader sollte durch einen einzigen Federzug abgemacht werden können, schlug den übrigen bourbonischen Höfen vor, mit kurzem Worte von Clemens XIII die Aufhebung des Ordens zu verlangen. Daß das Oberhaupt der Kirche nur unter Darlegung der gewichtigsten Gründe in ein solches Begehren einwilligen werde, könne und dürfe, das kam ihm bei seiner Petulenz gar nicht zu Sinne. Um erst seinem bereits genugsam eingeschüchterten und zagenden Herrn die Zustimmung zu dieser Forderung abzulocken, setzte er Furcht und Stolz, bei dessen indolenter Entnervung die einzig wirksamen Triebfedern, in Bewegung. »Gregors VII Entwürfe tauchen wieder auf,« flüsterte er dem Furchtsamen zu; »soll der Sohn eines venetianischen Handelsmannes (Elemtens XIII) einem Enkel des heiligen Ludwigs Trotz bieten?« herrschte er den Stolzen an. Hiedurch war Ludwig überwältigt, er nickte endlich dem Begehren des Ministers sein königliches Ja zu. Um sodann, da dieses abgezwungen war, dem Papst die unzweifelhafte Rechtmässigkeit des Verlangten einleuchtend zu machen, überrumpelten französische Truppen Avignon, brachen neapolitanische Kriegsknechte mitten im Frieden in Benevent und Ponte-Corvo ein, mußte der Herzog von Parma Ferrara bedrohen. Der französische Gesandte in Rom glaubte die Rechtsgründe bedeutend zu verstärken, indem er den Vorschlag machte, durch vereinte Waffengewalt Rom vom Meer und vom Land[338] auszuhungern, zugleich mittelst dieser Vorkehrung, um weiter noch dem Papst die überzeugendsten Beweise von der Rechtmässigkeit und Wohlthätigkeit der gemachten Forderung zu liefern, einen Volksaufstand zu veranlassen. Wie man auch über den sanften, frommen Clemens XIII urtheilen mag, er hat in dieser Angelegenheit eine Festigkeit bewiesen, welche ihn den Würdigsten unter seinen Vorfahren anreiht. Weder die Fluth unerwiesener Beschuldigungen, noch die anfänglichen Versuche, das Beabsichtigte von ihm zu erbuhlen, noch die hierauf von allen Seiten gegen den irdisch Wehrlosen erhobenen Bedrängnisse waren mächtig genug, ihn mit der Erfahrung zweier Jahrhunderte, mit der Obsorge um das Wohl der Kirche, mit der Einsicht in die letzten Zwecke des Begonnenen, mit der eigenen bewährten Ueberzeugung in Widerspruch zu verwickeln. Den erstern stellte er in der merkwürdigen Bulle Apostolicum ein beredtes Zeugniß über die vielfältigen Verdienste der schuldlos Verfolgten, den zweiten das Bewußtseyn von Pflicht und Würde, den dritten Standhaftigkeit und Gottvertrauen entgegen. Die Nachwelt mag richten zwischen dem stürmischen Uebermuth der fürstlichen Begwaltigten und dem Wort des greisen Oberhauptes der Kirche: »Lieber will ich, gleich jenen ersten Nachfolgern des heil. Petrus, mein Leben im Elend beschliessen, als am Rande des Grabes meine grauen Haare schänden durch Verrätherei an meiner Pflicht.« Welches Unheil wäre der Welt erspart worden, wenn Jeglicher (nicht bloß jeder Papst) zu aller Zeit, in jedweder Stellung unverrücktes Festhalten an der Pflicht zum Lichte seines Lebens würde gemacht haben? Als dann der Tod dieses Papstes etwelchen Aufschub in die Sache brachte, erlaubten sich die Gesandten der hiezu verbundenen Hofe in Betreff dieser Angelegenheit die übermüthigste Sprache gegen das Conclave.[339] Die ungewöhnlich lange Dauer desselben (über vierthalb Monate) bewies, daß die Caldinäle die Zeitumstände erwogen, vielleicht zwischen den Rücksichten auf diese und dem, was Pflicht und Recht zusammt der Würde der Stellung geboten, hin- und her wankten. Vermuthlich dürften in beförderter Widerbesetzung des heiligen Stuhls diese dennoch die Oberhand gewonnen haben, hätte nicht die Diplomatie ungewöhnlich viel mit der Wahl sich zu schaffen gemacht und in denjenigen Cardinälen, welche mehr den Willen ihrer Höfe als die Pflicht gegen die Kirche ins Auge faßten, nur allzudienstfertige Gehülfen gefunden. Bei solcher Gesinnung waren es besonders die spanischen Cardinäle, welche die Erwäblung des Cardinals Ganganelli betrieben. Ob ihnen seine Person genügende Bürgschaft gab, er würde dem so längst mit Ungestüm Geforderten entsprechen, ist nicht gewiß, nur auffallend, daß er, an welchen am wenigsten gedacht wurde, und dieß durch solche Förderer, auf St. Peters Stuhl erhoben ward. Gewisser ist es, daß er lange Zeit dagegen sich sträubte; nicht in großartigem Entgegenstreben, welches weniger die Folgen als die Pflicht in's Auge faßt, nicht mit jener erhabenen Würde, welche Ruhe, Sicherheit und am Ende das Leben selbst unbedenklich einsetzt, um unangetastet und unverrückt jene zu retten, sondern mehr in Ausflüchten, in allerlei kleinlichten Windungen, in Hülfsmitteln, deren Art dem Wesen eines Oberhauptes der Kirche nicht ganz angemessen seyn dürfte. Zwischenein begieng er aber doch die Schwachheit, dem König von Spanien zu schreiben: »die Glieder der Gesellschaft hätten ihres unruhigen Geistes und der Keckheit ihrer Umtriebe wegen den Untergang wohl verdient.« Damit hatte er sich wehrlos den Dienern dieses Fürsten ausgeliefert. Der König ordnete nun nach Rom als Stellvertreter, nicht bloß seiner Person und seiner Macht, sondern auch seines barschen Begehrens, den zum Grafen von Florida Blanca beförderten vormaligen Fiscal Monino. Dieser trat auf mit der Drohung: der König werde jenen Brief drucken lassen, hiedurch den Papst vor aller Welt Augen brandmarken. Gegen solche schwerlich[340] abzuwendende Gefahr hielten die aus dem Zwiespalt zwischen Pflicht und Gefälligkeit hervorgehenden Ausflüchte nicht lange vor; Monino ward fort und fort ungestümer, übermüthiger, also daß es allgemeine Sage ward, er habe zuletzt den Papst sogar genöthigt, den Entwurf einer Unterdrückungsacte des Ordens durch ihn selbst vorlesen zu hören. Ob dieser Sage eine wirkliche Thatsache zu Grund liege oder nicht, so viel ist gewiß, daß aufmerksamem Lesen des päpstlichen Breve's wider die Gesellschaft Jesu unmöglich entgehen kann, daß darin ein Widerhall der zu Lissabon, Madrid und Paris in Umlauf gesetzten Anschwärzungen nachtone. Z. B. in der Stelle: »aus diesen wichtigen Beweggründen und aus andern Ursachen, welche die Regeln der Klugheit und der Obsorge um die beste Leitung der allgemeinen Kirche an die Hand bieten und die Wir in Unserer Brust verschlossen behalten;« ? hören wir dieselben Worte, welche die spanischen Minister ihrem König in Bezug auf die entdeckte Verschuldung des Ordens in den Mund legten. Vorher dann: »die unbeschränkte Gewalt, die sich der vorgesetzte General dieser Gesellschaft anmaßte,« ? was schallt aus diesen Worten Anderes, als das Echo der französischen Parlaments-Incriminationen, welchen hiemit grösseres Gewicht verliehen ward, als demjenigen, was unter den Augen der Oberhäupter der Kirche sich gebildet, entwickelt, gefestigt, durch ihre Gutheissung rechtliches Bestehen gewonnen hatte? Das Verbot gegen alle und jede Ordens- und Weltgeistlichen: »sich nicht gelüsten zu lassen, etwas für oder wider die Gesellschaft zu schreiben, von dieser Aufhebung und ihren Ursachen und den damit in Verbindung stehenden Dingen ohne ausdrückliche Erlaubniß des Papstes weder schriftlich noch mündlich Etwas zu aussern,« ? ist es nicht die treue Copie der königlich spanischen Ordonnanz in Betreff der gleichen Angelegenheit? Vollends dann der Ausdruck: »Der Regularorden, welcher gemeiniglich (qui vulgo dicitur) die Gesellschaft Jesu genannt wird,« ? heißt dieß nicht so viel, als wäre jene Benennung eine erschlichene, eine unbefugt angenommene, eine etwa[341] durch den Spott beigelegte, oder durch blinde Verehrung aufgedrungene, nirgends sanctionirte, amtlich niemals gebrauchte? Hätte im Widerspruch gegen alle Actenstücke, gegen alle Urkunden, gegen eine dritthalbhundertjährige unveränderliche Uebung, gegen den nie verrückten Geschäftsstyl so vieler Vorfahren, gegen Gregors XV unmißverstehbare Erklärung: Statuimus, nomen Jesu, quo laudabilis hic ordo nascens a sede apostolica nominatus est et hactenus insignitus, perpetuis futuris temporibus in eo retinendum, von einem nach freyem Ermessen handelnden Oberhaupte der Kirche ein solcher Ausdruck je können gebraucht werden? Wie immer es mit jener Sage sich verhalten möge, das ist gewiß, daß das Breve: Dominus ac redemptor, erschien, (allem bisherigen Gebrauch der Kirche in den wichtigsten Angelegenheiten zuwider) ohne vorangegangene genaue Untersuchung, ohne Berathung mit den Cardinälen, ohne Zuziehung des heiligen Collegiums. Aber auch das ist gewiß, daß Clemens XIV mit aller Willfährigkeit, zu thun, was ihm möglich, es doch den hitzigsten Feinden der Gesellschaft nicht zu Dank machen konnte. Sie hatten eine Bulle erwartet, ein blosses Breve wollte sie nicht befriedigen. Sobald aber dieses erschienen war, »wurde es auch,« wie Johann von Müller sagt, »weisen Männern bald bemerklich, es seye eine gemeinschaftliche Vormauer aller Autorität gefallen.« Die Weise, in der, noch lange bevor der Papst gesprochen hatte, die Individuen der Gesellschaft durch die zu ihrem Umsturz Verbündeten behandelt wurden, setzte dem Verfahren gegen sie die Krone auf. Diese Behandlung sollte mit den Beweggründen zu ihrer Vertreibung, mit dem eingehaltenen Rechtsverfahren, mit den angewendeten Mitteln in vollkommenen Einklang treten. Pombal ließ sämmtliche Ordensglieder in allen[342] Besitzungen Portugals, diesseits und jenseits des Meeres mit Ausnahme der Obern und sämmtlicher angesehener Glieder der Gesellschaft, die er für die ausgesonnenen Marter seiner Kerkerhölen aufgespart hatte, ohne Rücksicht auf Alter, Schwäche, Gebrechlichkeit, Herkunft, Verdienste zusammentreiben, mitten im Winter auf königliche Kriegs- und Kauffarteischiffe laden, auf der Ueberfahrt an Allem Noth leiden, endlich an den italienischen Küsten aussetzen, wo sie, ihrem Schicksal überlassen, nicht einmal mit den spärlichsten Mitteln künftigen Bestehens versehen wurden. Selbst die französischen Philosophen fanden darin ein Uebermaaß von Grausamkeit, der König von Spanien hingegen ein theilweise nachahmenswerthes Beispiel. Am Morgen des 2. Aprils 1767 hatten die Landpfleger und die Städtemeister in allen spanischen Besitzungen der vier Erdtheile ein dreifach versiegeltes Schreiben zu eröffnen, welches ihnen unter Androhung von Todestrafe befahl, mit gewaffneter Macht sämmtliche Häuser der Jesuiten zu besetzen, ihre Personen zu ergreifen, binnen vierundzwanzig Stund en nach einem bezeichneten Hafen zu transportiren und sie dort unverzüglich einzuschiffen, bloß mit ihrem Brevier, einiger Wäsche und etwas Wenigem an Geld versehen. So wurden 6000 Priester jedes Alters, manche von hoher Geburt, andere durch Wissen ausgezeichnet, Greise an der Schwelle des Grabes, Schwache, Kranke, aufs hohe Meer geschleudert, ohne zu wissen wohin. Genua, Livorno, selbst Civitavecchia wies sie ab. Ohne Hülfe, ohne Hoffnung, durch Beschwerden und Krankheit täglich sich verringernd, mußten sie sich bei sechs Monaten auf dem Meere herumtreiben, bis ihnen endlich auf der Insel Corsica aus Land zu steigen, in den Casematten der dortigen Bollwerke ein trübsalvolles Leben zu fristen gestattet ward. In Frankreich bestand das Gewaltthätigste nicht darin, daß die Glieder der Gesellschaft zu Ablegung ihres Gewandes gezwungen, nirgends ihrer mehr als Fünf beisammen geduldet wurden; nicht darin, daß man mit der habsüchtigsten Gier nach ihren Gütern griff und mit der härtesten Kargheit kaum die[343] nothdürftigsten Mittel zu ihrem Lebensunterhalt ihnen zukommen ließ; sondern darin vornehmlich lag es, daß man sie wegen der Weigerung des Eides, wodurch sie selbst ihren Orden als strafbar und verwerflich hätten erklären sollen, nicht allein der sparsanten Unterstützung, sondern selbst der Fähigkeit zu kirchlichem Dienst beraubte, und sogar aus dem Lande verbannte. Der Friede, die Ruhe des Landes fordern dieß, hieß es damals mit gleich keklichem Grinsen, wie heutzutage. »Choiseul,« sagt ein französischer Schriftsteller des gegenwärtigen Jahrhunderts, »vertilgte sie, wo immer er sie traf, mit einer Härte der Vollziehungsformen, wozu utan in der Geschichte aller Völker kein Seitenbild findet; nur die ersten Proscriptionen im Jahr 1789 bieten Vergleichungspunkte dazu dar.« (Doch hätte der Verfasser auf die Aufhebung der Tempelherren durch den habsüchtigen Philipp den Schönen zurückgehen dürfen, würde er hierin ein entsprechendes Seitenbild gefunden haben). Sollte in diesem Allem ein zureichendes Ersatzmittel für die mangelnden Beweise der Schuld liegen? Sollte diese etwa noch bündiger dargethan werden durch das nachmalige Verfahren im Kirchenstaat, wo man die Jesuiten nicht bloß als Gesellschaft, sondern so zu sagen priesterlich tödtete; indem ihnen das Breve erst gestattete (wie es auch ohne den willkürlichsten Einbruch in die Kirchengesetze nicht anders konnte), nicht nur alle priesterlichen Verrichtungen in dem Stand von Weltgeistlichen fortzusetzen, sondern ihnen (ebenso natürlich) zu allen kirchlichen Würden und Beneficien Zutritt eröffnete, vierzehn Tage später dagegen ein Rundschreiben sämmtlichen Bischöfen des Kirchenstaates auf das Bestimmteste untersagte, ihnen irgend eine kirchliche Verrichtung zu erlauben. Die Glieder der Gesellschaft waren demnach ihrer Ordensverbindung entrissen, als Weltgeistliche aber jeder Verrichtung unfähig erklärt, doch in den Layenstand ebensowenig zurückversetzt. Somit war ihnen durch eben das Ansehen, bei welchem sie sonst Schutz und Hülfe unter allen Begegnissen hätten suchen und finden sollen, in einer Weise Bande angelegt, wie die Geschichte der Kirche in ihrem langen[344] Verlauf nichts Aehnliches aufzuweisen hat. Konnte byzantinischer oder czarischer Machtrausch je weiter gehen? Allein gerade diese Eructation des Machtrausches schlägt in ein Zeugniß gegen diejenigen um, in welchen derselbe sich zerarbeitete. Die Hofföldlinge in Rom sahen, wie alsbald nach Erscheinen des Breve's die Glieder der Gesellschaft nicht nur unter allen Unbilden ihren priesterlichen Obliegenheiten Genüge zu thun sich strebten, wie sie zu lehren fortfuhren, wie sie in den Kirchen zu Beicht saßen, sondern wie dessen das Volk froh war, wie alle Stände zu ihnen sich hindrängten. Da preßten Schaam und Furcht ihnen jenes unerhörte Rundschreiben aus, welches derjenige, der in der Hauptsache den Stürmern endlich zu Willen geworden, nun zu verweigern keine Kraft mehr hatte. Sollte die Schuld wider jeden Zweifel gesichert werden durch den Befehl: wenn der Papst nach Castel-Gandolfo ziehe, dürfe bis auf sechs Meilen kein Jesuite dem Schloß sich nähern, durch die unverkennbare Absicht, hiemit den Verdacht verbrecherischer Anschläge auf sie zu wälzen? Sollte dieselbe erhärtet werden durch die Form der verfügten Verhaftungen, wie sie kaum bei den gefährlichsten Verbrechern in Anwendung gebracht wird? Sollten die Ketten, welche man dem würdigen P. Guntier um Hals, Leib und Füße warf, die verpestete Höhle voll allartigen Ungeziefers, worin man ihn über ein Jahr schmachten ließ, die Stelle einleuchtender Thatsachen vertreten? Meinte man, ein zwingender Beweis maaßloser Verschuldung müsse aus dem Verfahren herausspringen, welches gegen den hochbejahrten, sanften und in Alles sich fügenden Ordensmann, den General P.. Ricci, angewendet wurde, dem selbst seine treuesten Freunde keinen andern Vorwurf zu machen wußten, als daß er die immer drohender gewordenen Gefahren durch Weinen und Beten abzuwenden gehofft, zu festen und schnellen Entschlüssen hingegen die erforderliche Entschiedenheit nicht besessen habe? Denn wäre wirklich der Orden eine solche Synagoga Satanae gewesen, wie zu jener Zeit vorgegeben wurde und in der unsrigen mit oraculirender Frechheit wiederholt wird, so ergäbe[345] sich aus P. Ricci's Betheurungen, daß einzig er als General, dessen despotische Gewalt über alle Glieder ein Hauptvorwurf gegen die Gesellschaft ist, um all dieß satanische Treiben allein nichts gewußt hätte. Oder wäre derselbe wirklich eine solche dämonische Natur gewesen, um im Augenblicke des Todes, gleichsam Angesichts des gegenwärtigen Erlösers, am 19. Nov. 1775 mit sterbender Hand jene Erklärung niederzuschreiben, in deren Eingang er sagt: »Ich erkläre und bezeuge, daß die aufgehobene Gesellschaft Jesu keinen Beweggrund oder Ursache zu ihrer Aufhebung gegeben hat. Ich erkläre und bezeuge es mit derjenigen moralischen Gewißheit, welche ein Oberer, der über seinen Orden unterrichtet ist, nur immer haben kann.« War aber die Schuld des Ordens und die in diesem Fall unabweisliche Mitbetheiligung des Obern eine so ausgemachte Sache, wie konnte der zu dessen Einvernahme beauftragte Verhörrichter, Hr. Andreetti, auf des Generals wiederholte Nachfrage um die Ursache seiner Verhaftnehmung ihm erwidern: »Begnügen Sie Sich damit, daß Sie keines Verbrechens wegen gefangen gesetzt sind; was Sie auch daraus entnehmen können, daß ich Sie niemals über ein solches befragt habe.« Sollte daher dem mangelnden Verbrechen die beispiellose, haarsträubende Grausamkeit in der Behandlung des Gefangenen wenigstens einen Schein leihen? Man lese die Denkschrift, die derselbe aus seinem Kerker an Pius VI gerichtet hat, und antworte, ob man der leiblichen nicht die moralische Qual beigesellt habe, und dieß mit einer ausgesonnenen Künstelei, wie man sie sich gegen den entmenschtesten Verbrecher schwerlich würde erlaubt haben. Es war ein Verfahren, welches selbst dem stürmischen Aranda die Aeusserung ablockte: »Wozu dergleichen Wüthereien? Wir haben ja nichts weiter als die Aufhebung der Gesellschaft Jesu verlangt!« Läge zuletzt ein Beweis der Schuld darin, daß durch die Commission, welche Clemtens XI V gegen die Gesellschaft zum größten Theil aus deren bittersten Feinden niedergesetzt hatte, Mehrere von den übrigen Verhafteten alsbald nach ihrer Loslassung,[346] ohne Vorwissen des Papstes und Landesherrn, von Rom verwiesen, Allen aber auf's strengste untersagt wurde, von dem, worüber sie in den Verhören befragt worden, je das Mindeste verlauten zu lassen? Hat die wahre Gerechtigkeit nothwendig, in ein so undurchdringliches Dunkel sich zu hüllen, über Hand und Zunge der Menschen einen solchen Bann zu sprechen? Hat das innerlich gesicherte Bewußtseyn derselben die Prüfung und Erörterung ihrer Handlungen je zu scheuen? Läge nicht vielmehr in alle dem Betreiben, womit die zu dem gleichen Zwecke Verbrüderten einander zu überbieten sich bestrebten, sodann in den gegenseitig darüber entschlüpften Vorwürfen Zeugniß und Gewicht, um ein richtiges Urtheil sich zu bilden? Während eben des Zeitverlaufs, in welchem allerwärts solcher Willkür gegen die Jesuiten ungezügelt der Lauf gelassen wurde, sagten die englischen Zeitungen, doch gewiß nicht in Sympathie für jene, sondern in preiswürdiger Entrüstung über so maßlosem Niedertreten des Rechts und der Gebote der Menschheit: »das Menschengeschelecht möge für seine unantastbaren natürlichen Rechte auf der Hut stehen; denn nimmer länger wären dieselben gesichert, sobald Menschen unmittheilbarer Beweggründe wegen konnten verurtheilt, sobald weder Last noch Schuld, die auf ihnen haste, wolle dargelegt werden.« Und dieses, und zwar in solcher Art, und in solchem Umfang wurde ins Werk gesetzt zu einer Zeit, in welcher Alles sich anstrengte, gegen die Barbarei der vorigen Jahrhunderte den sentimentalsten Abscheu in den zierlichsten Phrasen sich anzuschmachten; zu einer Zeit, in welcher man sich gegenseitig der errungenen Zierlichkeit und Milde der Gesittung wegen belobspruchte. Es wurde ins Werk gesetzt gegen Tausende von Männer, denen man nicht Anderes vorwerfen konnte, als einer Verbindung anzugehören, welche nun einmal die Macht- und die Wortführer der Zeit aus dem Inventarium der Kirche zu streichen sich verbunden hatten. Wer aber wollte zweifeln, daß in unsern Tagen dieselbe Gesinnung, welche bei einem einzigen, dem scheußlichsten Verbrecher mehr zugezählten Streich ein Zettergeschrei[347] über Unmenschlichkeit erheben und wegen eines ihm zu spät gebrachten Brei's in ihren zartesten Gefühlen sich verletzt finden würde, mit kaltem Hohnlachen in jene Gräuel hinblicken könne? Wurden ja alle diese empörenden Barbareien nur gegen Jesuiten verübt, gegen welche die Wissenden das Halloh erheben, welches der Troß der Unwissenden in gellendem Geheule nachbrüllt. Die Gerechtigkeit und Menschen verachtende Willkür der Gewaltigen zeigte sich um diese Zeit auf ihrem Scheitelpunct, nach Innen in diesem Verfahren gegen die Gesellschaft Jesu, nach Aussen in den Gewaltsschritten gegen Polen. Jenes und diese sind der gleichen Wurzel entwachsen: ? dem Machtrausch, der kein Gesetz über sich anerkennt. Man kann nicht über die eine Handlung den Schrei des Unwillens und über die andere Freudengejauchz erheben. Billigung oder Mißbilligung muß beide gleich treffen; beide sind Unflathskinder der gleichen Eltern. Es dauerte aber nicht lange, bis die blutschänderische Umarmung dieser Bastarde das Scheusal zeugte, welches den Mordstahl gegen die rechtmäßigen Nachkommen des geilen Ahnherrn noch jetzt nicht aus den Händen gelegt hat. Sah Clemens XIII nicht weiter, als die sogenannten philosophischen Staatsmänner und die durch sie gegängelten Regenten, wenn er dem Kaiser schrieb: »Soll, was dem Stärkern gefällt, deßwegen als Recht gelten, so muß Jeder einsehen, daß es auch für die Fürsten keine Sicherheit mehr gibt?« Zu eben der Zeit, als in Frankreich alle Mittel in Bewegung gesetzt wurden, um die Gemüther wider die Jesuiten aufzuregen und Jansenismus und Magistratur wetteifernd den Wünschen der Philosophen entgegenkamen, verfügte sich der Präsident d'Eguilles, der Aristides der französischen Magistratur genannt, nach Versailles und gab freiwillig vor dem Könige folgende Erklärung: »Wenn die Kirche durch die wider die Jesuiten unablässig gefällten Urtheile sich gekränkt sieht, so muß sich durch die beiden Beweggründe, von denen die Feinde der Gesellschaft zu ihrer Zerstörung angetrieben werden, der Thron[348] noch weit mehr gefährdet sehen. Der erste dieser Beweggründe ist: einer durchaus königlich gesinnten Gesellschaft die Erziehung, besonders der höhern Stände, aus den Händen zu winden. Der andere ist so gefährlich, als der erste, nämlich: durch den überraschenden Fall derjenigen Corporation, welche in dem Königreich die unerschütterlichste schien, alle andern in Schrecken zu setzen und sie fühlen zu lassen, daß der Haß des Parlaments mehr zu fürchten, als der Schutz des Königs zu suchen seye.« Dieses lichtscheue Dunkel nun, in welches die letzten Beweggründe des Verfahrens gegen die Gesellschaft gehüllt wurden; diese in ihrer Maaßlosigkeit und Allgemeinheit in's Unbestimmte verschwimmenden Anschuldigungen, die man wider dieselbe zu häufen sich bestrebte; die stürmische Hast, in welcher unter dem Taumel der Allbefugniß ihre Feinde dem Ziel entgegenstürzten; die entsetzlichen Gewaltthaten, unter denen allein dasselbe erreicht werden konnte; die gänzliche Beiseitsetzung eines geordneten Ganges in der gesammten Angelegenheit; dieser trotzige Uebermuth, welcher in ihnen schäumte; die Barbareyen, welche ausschließlich die Stelle von Beweisen vertreten sollten: dieses Alles zusammen vereinigt sich zum Zeugniß für die Gesellschaft. Denn gegen die Schuld steht der gerade Weg offen, mögen die erlaubten Mittel unbedenklich angewendet werden, ist ein rechtliches Verfahren nicht zu scheuen, wird Gerechtigkeit die Strafe mit derselben in's Gleichgewicht setzen; um dagegen die Schuldlosigkeit zu verderben, reichen diese Mittel nicht hin, führen jene Wege nicht zum Ziel, ist ein solches Verfahren nicht das geeignete. Da müssen aussergewöhnliche Wege und Mittel aufgesucht, jene vielmehr vermieden werden. Abgesehen daher noch von den Gesinnungen und den Zu ecken der Personen, die bei diesem Zerstörungswerke als die Rührigsten und Gewaltthätigsten auftraten, schien mir von je Zeit ein bedeutendes[349] Zeugniß für die Gehaßten, in Verruf Gebrachten, Verfolgten vornehmlich in der hier dargelegten Art und Weise zu liegen, in welcher allein die Erreichung des Endzweckes möglich gemacht wurde. Denn so unbelehrbar und unnachgiebig hat da, wo beglaubigte Beschwerden, gegründet auf erwiesene Thatsachen und unterstützt entweder durch das äussere Ansehen oder durch das moralische Gewicht der Abhülfe Suchenden an ihn gelangten, der heilige Stuhl in Angelegenheiten, die das wahre Wohl der Kirche betrafen, niemals sich erzeigt, um, unter Beiseitsetzung des Völkerrechts, durch offenen Friedensbruch, durch bewaffneten Einfall, durch Aushungerungspläne, durch schnöden Uebermuth, durch Gewalthandlungen jeder Art und von allen Seiten her ihm abzuzwingen, was durch Mittel des aus Ueberzeugung hervorgehenden Einverständnisses nicht zu erzielen gewesen wäre. Das jedoch ist bloß ein negatives Zeugniß. Es fehlt ebensowenig an den gewichtigsten, wie an den berücksichtigenswerthesten positiven Zeugnissen. Ob wir nun das grössere Gewicht auf diejenigen legen, welche durch die Zeiten hinablaufen, oder auf diejenigen aus jener Epoche, zu welcher die Verfolgung in den vollen Fluß gekommen ist, ? dieselben drängen sich uns von allen Seiten entgegen. Da stehen unter jenen obenan die Thatsachen, daß durch die Jesuiten in rastlosem Zusammenwirken mit andern zur wahren Erneuerung der Kirche gesendeten Männern und in treuer Befolgung der Glaubensbestimmungen, Vorschriften und Satzungen der tridentinischen Versammlung das erschütterte Ansehen der Kirche mit glänzendem Erfolge gefestigt, dem Bestreben, dasselbe zurückzudrängen, ein starker Damm entgegengestellt, viele Verlockte der Mutter wieder zugeführt, viele Irrende zurechtgewiesen, viele innerlich wankend Gewordene auf's neue gesichert; daß die Gottesverehrung wieder mit Würde ausgestattet, das Priesterthum zu hellerem Pflichtbewußtseyn geweckt, das Volk zu sittlicherem Wandel geleitet und Manches ins Leben gerufen wurde, wodurch ein werkthätigerer Einfluß der Heilswahrheiten auf dieses selbst sollte vermittelt werden. Es reiht sich an dieses[350] die andere Thatsache, daß durch sie die unter Hader, Kämpfen, Angriffen auf die Kirche und eingerissener allgemeiner Zerrüttung zu Boden liegende Bildung der Jugend, und zwar aller Stände und nach allen Bedürfnissen, wieder emporgehoben, auf eine sichere Grundlage gebaut, nach bestimmer Ordnung geregelt, und, wie deren Bedeutung und oberster Zweck es erheischt, der Kirche inniger angefügt und hiemit wohlthätig selbst noch auf spätere Zeiten hinausgewirkt wurde. Mittermaier z.B. ersieht in seinen »Italienischen Zuständen« diese Nachwirkung einer ehemaligen Jesuitenschule zu Bormio darin, daß dort jeder Einwohner lesen und schreiben könne, während dieses lange nicht in allen Ortschaften des Lombardisch-Venetianischen Königreiches der Fall seye Diesem folgt als dritte Thatsache, daß die Gesellschaft die Leuchte des christlichen Glaubens so weit, vielleicht weiter noch und nirgendshin mit geringerem Erfolge getragen hat, als irgend ein anderer Orden. Zählt sie die Boten desselben zu Tausenden, so zählt sie diejenigen, welche freudig in so hoher Bestimmung allen Entbehrungen sich unterzogen, alle Mühsale ertragen, alle Marter erduldet, selbst ihr Leben zum willigen Opfer dargebracht haben, zu vielen Hunderten. Ihr findet die volkreichen Städte der Heiden, die sparsam bewohnten Einöden der rauhesten Erdstriche, die unzugänglichsten Wälder der Wilden, die unwirthlichsten Meeresgestade, ihr findet die Länder aller Erdtheile geröthet mit dem Blute ihrer Glieder. Könnet ihr nicht müde werden, das Lob zu verkünden jener Dreihundert, die in Treue gegen das Vaterland an den Thermopylen des unvermteidlichen Todes harrten; preiset ihr in Rede und Gesang jene Heerschaar, welche in ungleichem Kampfe, emporgehoben durch ihren Heldenmuth, darniedersank bis auf die letzten Zehn; zwingt euch jede That, in welcher Pflicht oder Ehre den Vorrang über das Leben gewinnen, Anerkennung und Beifall ab; zollet ihr euere Bewunderung nicht ohne Recht dem beherzten Krieger, der unter eigener Lebensgefahr die Genossen rettet, dem kecken Seemann, der in stäter Todesnoth die entlegensten Klippen aufspürt, dem unverdrossenen Forscher, der[351] der Wissenschaft zu lieb allen Beschwerden Trotz bietet und vor keiner Noth erschreckt; jauchzet ihr Jedem zu, der nach Hohem, vielleicht auch nur nach Eitlem ringend, Gemächlichkeit nicht für das Wünschenswertheste und das Leben selbst nicht als der Güter oberstes hält; ? könntet oder wolltet ihr dann Aehnliches einer Gesellschaft versagen, die, mit ebensolcher Gesinnung ausgestattet, neben jene Alle, nur zu Erreichung weit höherer Zwecke, in die Schranken tritt? Einer Gesellschaft, die so erfolgreich die hohe Aufgabe zu lösen weiß, Tausende von Gliedern aller Zungen und Stämme in Treue zu dem, von keinen sichtbaren Gränzen umschlossenen Vaterland in einem Sinne zu verbinden, mit gleicher Hingebung an eine, durch keinerlei zeitliche Vortheile vergeltende Bestimmung sie zu durchdringen; an eine Ehre, die oftmals vor den Augen der Welt in Schmach sich verwandelt, freudig Alles zu setzen; mit dem wackern Krieger wetteifernd in Gehorsam gegen des Obern Wort weder vor der Gefahr zurückzubeben, noch nach Erfolg und Lohn zu fragen und bereitwillige Entschlossenheit in Jedemt hervorzurufen; zu zweifelhafter Weckung des geistigen Lebens in Unbekannten und vielleicht wildfeindlich Gesinnten die süßen Gewohnheiten der Heimath, die Berührung mit Mitbrüdern und die Sicherheit geordneter Einrichtungen unbedingt demjenigen hinzuopfern, was die Verlassenheit, was das unstäte Leben, was der tägliche Zusammenfluß aller denkbaren Mühseligkeiten, was endlich die jeden Augenblick sich erneuernde Todesgefahr Schauerliches in sich vereinen; die das, was etwa nur Einmal, an einzigem Ort, in dem Moment gesteigerter Anregung vor uns aufblitzt, dergestalt zur bewegenden Lebenskraft zu erheb en wußte, daß wir ihm durch den Lauf von Jahrhunderten und allerwärts begegnen? Und dieß Alles ohne irgendwelche Aussicht auf irdischen Gewinn, auf zeitlichen Vortheil, auf Weltehre, einzig im Bewußtseyn der Pflicht, in Liebe zu den Menschen, im Hinblick auf den verherrlichten Meister, in der Hoffnung der unverwelklichen Krone jenseits. Oder sollte eine derartige, mit so hohen dynamischen Mitteln ausgestattete, in ihren Gliedern[352] einen solchen demuthsvollen Gehorsam, verbunden mit solcher Alles übersteigenden Willenskraft, hervorrufende Gesellschaft darum dem Haß, dem Hohn, der Verfolgung bloßgestellt seyn, weil sie nicht ein irdisches, einzig ein himmlisches Vaterland kennt; nicht nach einem diesseitigen, sondern nach einem jenseitigen Ziele läuft; nicht um das Lob der Zeitgenossen, sondern um die Ehre vor Gott duldet, ringt und kämpft; nicht die materiellen, sondern die unvergänglichen Güter denjenigen eröffnet, welche sie in deren Entfremdung von Gott aufsucht? Dieß das nie verbleichende Zeugniß aus ihren Thaten. Ein anderes liegt in dem Wetteifer, womit Könige, Fürsten, Gemeinwesen und Städte die Gesellschaft, kaum ihr Wirken sichtbar zu werden, kaum ihr Ruf zu verlauten begonnen, in ihre Reiche, Gebiete, Verbindungen aufzunehmen, ihnen Häuser zu bauen, Anstalten anzuvertrauen, ihre vielseitige Thätigkeit für die Untergebenen nutzbar zu machen sich bemühten; wie dabei in beharrlicher Strebsamkeit Schwierigkeiten überwunden, Hindernisse beseitigt, erforderliche Hülfsmittel geschaffen wurden, ein durch alle Stände ergehendes freudiges Zusammenwirken alsbald hervortrat. Wahrlich, so kurzsichtig, so bethört war auch damals die Welt, waren diejenigen, welchen die Geschicke der Länder zugewiesen waren, nicht, um insgesammt durch ein Blendwerk sich berücken, durch blossen Schein sich täuschen zu lassen. Dergleichen vielleicht hätte den Ersten begegnen mögen; aber bald genug würden die Andern zur Einsicht gelangt, würden sie mit ihrem Verlangen stille gestanden seyn, würden sie dem begonnenen Lauf Einhalt geboten haben. Und, erst niedergelassen in einem Lande, wurde ihre erfolgreiche Thätigkeit in fortan vielartigerer Weise entweder rege in freiem Willen, oder in Anspruch genommen von oben. Die volkreiche Stadt und das einsame Gehöfe in der schwer zugänglichen Ferne, die Schulen wie die Gefängnisse, die Kirchen wie die Spitäler, waren deren Zeugen. Führte doch Richelieu, als die Belagerung von La Rochelle in die Länge sich zog, unter dem Heere eine[353] Jesuiten-Mission ein, dieweil er wohl erkannte, daß der Krieger, wie ernstlicher zur Furcht Gottes er angeleitet werde, um so weniger vor den Gefahren des Kampfes bebe; wie mehr seine Treue zu dem unsichtbaren Herrn sich festige, um so minder diejenige zu dem sichtbaren wanke. Das dritte Zeugniß ist die ununterbrochene Reihe von Stimmen der Oberhäupter der Kirche, das Vertrauen gegen die Gesellschaft, welches sie auf mehr als eine Weise bethätigten, und die ausgezeichneten Gnaden, womit sie dieselbe bedachten. Flechten auch zwischenein sich Mahnungen, Winke und Rügen, veranlaßt durch auftauchende Erscheinungen, durch vorübergehende Uebelstände, so beweist dieß nur, daß auch die Gesellschaft Jesu, gleich jeder Einrichtung, die in dieser Welt wurzelt (und strahlte von derselben in noch so hohem Maaße das Gepräge der Vollkommenheit), Menschen zu Trägern gehabt habe. Redlichkeit macht sich aber zur Pflicht, jene Stimmen vollständig anzuhören, sodann abzuwägen, ob das Beifall zollende oder das Tadel spendende Wort das Uebergewicht habe, und ob dem allgemeinen Zeugniß nicht vor der speciell veranlaßten Rüge der Vorzug gebühre. Selbst der strengste Vorwurf, zu welchem in besonderer Vorkommenheit der Vater gegen ein Kind sich veranlaßt sähe, kann noch nicht über dasselbe den Stab brechen, es den ungerathenen Kindern noch nicht beigesellen. Für den auf dem Boden der katholischen Kirche fest Stehenden liegt das gewichtigste Zeugniß für die Bedeutung der Gesellschaft in den Anschuldigungen, Verunglimpfungen und bodenlosen Nachreden, welche die von jener Getrennten wider dieselbe erhoben, in den Lügen, welche sie wider dieselbe verbreitet, in dem Haß, worin sie wider dieselbe sich überboten haben; es liegt darin, daß alle Pfeile gegen die Kirche, geschärft und zuerst, wider die Gesellschaft gerichtet wurden; gleichwie der Strom, der das Land überfluthete, mit seinen Wellen den Damm peitscht, hinter welchem dasselbe fortan dem Anbau wieder gewonnen wird. Von ihrem Standpunkt genommen, der das immer weitere Zurückdrängen und das Unterwühlen der[354] Grundfesten der Kirche als den nach dem Maaße des Gelingens voranschreitenden Befreiungs-und Beglückungsproceß der Menschheit anpreist, hatten dieselben vollkommen Recht; denn Niemand that diesem Voranschreiten so entschieden Einhalt, Niemand stellte demselben so kräftig sich entgegen, Niemand schaarte und einigte die Zerstreuten so erfolgreich wieder um das Panier des Gekreuzigten, als die Gesellschaft Jesu. Aber auch nichts wirst über die, auf dem Gebiete der Kirche selbst gegen sie sich erhebenden Feinde ein helleres Licht, als ihre Verbrüderung mit denen Allen, welche in offenem Bekenntniß ausser der Kirche stehen. Das beweist, was immer sie nebenbei bezeugen mögen, ihre angebliche Treue an der Kirche, das wirst ein genugsam erhellendes Streiflicht auf ihren Gehorsam gegen die Kirche, das zückt wie ein erleuchtender Blitz über ihre letzten Zwecke. Vernehmen wir zuletzt noch zwei Zeugnisse, das eine zwar von einem Jesuiten selbst, der aber doch zu seiner Zeit einen allgemein wohlklingenden Namen hatte, das andere von einem Dominicaner. Das erste ist von Denis, welcher lange nach Vernichtung des Ordens mit ungeschwächter Anhänglichkeit an denselben erfüllt, als Aufgabe, die an den Einzelnen sollte erreicht werden, angiebt: »Eifer, Gott immer vor den Augen des Geistes zu haben; vergängliche Dinge nach ihrem wahren Werth zu schätzen; nicht für sich, sondern für die Wohlfahrt anderer zu leben; dem Nächsten überhaupt durch Wort und Beispiel zu nützen; daher sündlichen Hang der Seele nach Weichlichkeit, Wohlleben, Ueppigkeit, Zornmüthigkeit zu unterdrücken, den stolzen Sinn zu zähmten, auf die Erduldung jeder Art von Widerwärtigkeit gefaßt zu seyn, seine Meinung der Meinung Anderer zu unter werfen, den Obern bereitwilligsten Gehorsam zu leisten, Einsamkeit und Stillschweigen zu lieben, mit größter Bescheidenheit von seinen eigenen Sachen zu denken und zu sprechen, die ungeschliffenen Sitten Anderer mit Geduld zu ertragen, keinen Menschen zu beneiden« u. s. w. ? Das andere Zeugniß ertheilt ihnen Natalis Alexander in seiner[355] Kirchengeschichte. »Kaum,« sagt derselbe, »hatte sie Gott zu dienen begonnen, als sie durch den Neid sich angegriffen sah. Aber der Kirche gleich, erhaben über den Neid, dienten Verfolgungen ihr nur zum Erstarken; wie die Arche schwebte sie über dem Gewoge, und wurde emporgehoben zu jener Höhe des Ruhmes und der Glückseligkeit, womit Gott ihre Verdienste und ihre Mühen um seine Ehre und das Heil der Nächsten im Bekämpfen der Ketzerei, in Vertheidigung des Glaubens, in Förderung der Wissenschaften und der Frömmigkeit, und in Erhaltung und Erweiterung der katholisch-apostolisch-römischen Kirche lohnen wollte. Aber, möchte eingewendet werden, es mag seyn, daß für die frühere Zeit, zu welcher in voller Jugendkraft ein besserer und edlerer Geist in der Gesellschaft noch die Oberhand hatte, jenen Zeugnissen einigermassen Gültigkeit kann zugestanden werden; anders jedoch verhielt es sich in derjenigen Zeit, in welcher die erhobenen Klagen deren unwiderbringliche allseitige Verwirrung und die unausweichliche Nothwendigkeit ihrer Unterdrückung nur allzueinleuchtend darthun. Aber sollte es etwa in dieser an Thatsachen und neben diesen an lauten, zahlreichen und unverdächtigen Stimmen für die Angefeindeten fehlen? Selbst der blindwüthigste Gegner der Gesellschaft Jesu wird nicht in Abrede stellen können, daß zu eben der Zeit, in welcher jener Sturm wider sie heranbrauste, ihre Glieder in allen Ländern die vornehmsten Erziehungsanstalten inne gehabt; daß sie die Beichtväter der Fürsten, des Adels, der ausgezeichnetesten Personen aller Stände gewesen; daß sie in allen grossen Häusern sich wohl gelitten, mit allgemeinem Vertrauen geehrt gesehen, und eben so festbegründetes Ansehen unter dem Volke genossen hatten. Es soll nun zugegeben werden (denn, darf die Anklage nicht ungerecht seyn, so darf die Fürsprache es ebensowenig seyn), daß in den Erziehungsanstalten nicht immer seye[356] geleistet worden, was hätte können und sollen', daß unter den Beichtvätern nicht Jeder mit dem erforderlichen Ernst seines Amtes wahrgenommen habe, daß unter den Gewissensräthen nicht Alle zuvor ihr eigenes Gewissen gehörig berathen hätten, daß in dem Verhältniß zu dem Volk da und dort auch Solches unterlaufen seye, was wohl Anders hätte gemacht werden mögen; dieses Alles zugegeben, liesse sich den noch kaum mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen, daß eine, durch die ganze kathol. Welt, unter allen Himmelsstrichen, unter allen Völkern, unter allen Sprachen, unter allen Ständen verbreitete Gesellschaft ein solches Ansehen, ein solches allgemeines Vertrauen, einen solchen Einfluß hätte gewinnen und so lange bewahren können, wenn sie, auch nur in ihrer Mehrzahl, allen den verderblichen Meinungen gehuldigt, zu allen den scheußlichen Lehren sich bekannt, alle die Laster gefördert, in sich selbst all dieses innere Verderben getragen hätte, welches dem Parlament zu Paris derselben aufzubürden, dem König von Spanien, wie dem Verfasser des Unterdrückungsbreve's, in die Grundtiefen seines Innern zu versenken beliebte. Will man wähnen oder glauben machen, das menschliche Geschlecht seye zu irgend einer Zeit so geistig unfähig, so sittlich verdorben, so tief gesunken gewesen, daß es, und dazu noch in seinen obersten Schichten, in seinen ansehnlichsten Summitäten, blindlings einer so verworfenen und dazu noch überall offen hervortretenden Rotte als Beute sich hingeben und dieß mehrere Menschenalter hindurch habe bleiben können? Doch das sind bloße Schlußfolgerungen, welche nur eine subjective Beweiskraft in Anspruch zu nehmen haben; es sind mehr Urtheile, gebaut auf die allgemeine Ansicht der Verhältnisse. Gültige und zwingende Zeugnisse müssen Thatsachen zur Unterlage haben. Es sollen dergleichen folgen! Stellen wir, als die unverdächtigsten, die Zeugnisse von ein paar Gegnern voran. Bekannt ist dasjenige von Voltäre, der irgendwo von ihnen sagt: »Sieben Jahre lebte ich in dem Hause der Jesuiten; und was habe ich bei ihnen gesehen? das arbeitsamste und mässigste Leben. Alle ihre Stunden waren[357] zwischen den Sorgen, welche sie uns zuwendeten und ernsten Andachtsübungen getheilt. Ich berufe mich hiebei auf Tausende von Menschen, die gleich mir erzogen wurden. Ich staune, daß man ihnen eine verderbliche Moral zum Vorwurf machen will. Ich behaupte, es giebt nichts Widersprechenderes, nichts Schmählicheres, als Leute, die in Europa den strengsten Lebenswandel führen, an Asiens und Amerikas Gränzen den Tod suchen, einer schlaffen Moral anzuklagen.« Auch der Bischof von Soissons, obwohl als Jansenist ein entschiedener Feind der Gesellschaft, anerkannte dennoch selbst zur Zeit des wüthendsten Sturmes, daß in der Kirche kein Orden zu finden seye, dessen Glieder ein geregelteres und sittlicheres Leben führten. Dergleichen Stimmen sollten doch unverdächtig genannt werden dürfen. Uebergehen wir die zahlreichen Zeugnisse aus früherer Vergangenheit, so erscheint, vornehmlich der Zeit und der Veranlassung wegen, die es hervorriefen, dasjenige als höchst gewichtig, welches die durch Ludwig XV niedergesetzte Commission von 45 Erzbischöfen und Bischöfen in Betreff der Gesellschaft erstattete; mit welchen übereinstimmend der damalige Erzbischof von Paris in dem Orden die Vereinigung von Talenten, Tugenden und hohen Verdiensten, sowohl um den Staat als die Kirche, anerkannte. Oder verdiente es so gar keine Berücksichtigung, daß zu eben der Zeit, in welcher der Sturm gegen die Gesellschaft von allen Seiten her mit der unverhaltensten Wuth losbrach, von den Bischöfen aller Länder Briefe bei Clemens XIII eingiengen, er möchte doch der Verfolgten sich annehmten, die Gesellschaft in ihrem bisherigen segensreichen Wirken für die Kirche aufrecht halten und beschirmen? Was die Bulle Anostollenm zur Folge hatte, die wir deßwegen den Nachhall der vereinten Stimme des gesammten christlichen Episcopates nennen möchten. Freilich haben nachher die kecker gewordenen Feinde der Gesellschaft, sobald sie deren Untergang unwiederbringlich beschlossen hatten, das Bekanntwerden dieser Briefe zu verhindern gewußt. Sollten nun diese Bischöfe insgesammt entweder so kurzsichtig, oder um das wahre Wohl ihrer Heerden[358] so gleichgültig, oder endlich so willenlose Gebilde der Gesellschaft gewesen seyn, um ohne innere Ueberzeugung an das Oberhaupt der Kirche dergleichen Zuschriften richten zu können? ? Man weiß ferner aus den von einem Franzosen verfaßten Denkwürdigkeiten über das Pontificat Pius VI, die gar nicht in einem den Jesuiten günstigen Sinne geschrieben sind, daß ausser ein paar Cardinälen und einigen eifersüchtigen Orden Alles, was in Rom durch Einfluß, Ansehen und den Besitz von Glücksgütern hervorragte, für die Jesuiten günstig gestimmt war, und daß deßwegen unter der langen Regierung jenes Papsts bereits viele Schritte zu ihrer Herstellung geschahen. Zwar hat man hier, dieweil die Thatsache an Rom sich knüpft, ein Auskunftsmittel alsbald bei der Hand: man schreibt Solches verblendetem Eifer, beschränkter Einsicht, unreinen Beweggründen, verwerflichen Zwecken zu; gleich als ob Intelligenz, Aufrichtigkeit, redlicher Wille, sittlicher Werth jeder Zerstörungspartei, als ein von ihr unzertrennliches Monopol, zweifellos anheimgefallen wäre! Die Sage von der durch Choiseul der Kaiserin Maria Theresia zugesendeten eigenen Generalbeichte läuft längst schon durch alle Bücher und Büchlein und wird jedem Schuljungen zum Ergötzen eingetrichtert; davon aber wollen sie nichts wissen, daß die Kaiserin zu eben der Zeit, da man ihr die Zustimmung zur Vernichtung des Ordens abdrängen wollte, an jenen Minister schrieb: »Sie glaube wohl, daß die Regenten von Portugal, so wie die Bourbons zu ihren wider die Jesuiten ergriffenen Maaßregeln gute Gründe gehabt haben mögen; was hingegen ihre Staaten betreffe, so könne sie das Benehmen der in denselben befindlichen Ordensglieder nur billigen.« Ferner erklärte sie: »Daß sie das Fortbestehen des Ordens, sowohl in Bezug auf das Wohl des Volkes, als auch im Interesse der Religion, für gleich wichtig erachte und demgemäß denselben erhalten und schützen wolle.« Sollten aber die Jesuiten, gegen welche das als Hauptvorwurf will geltend gemacht werden, daß sie insgesammt einer und derselben Direction blind unterworfen seyn müßten, durch diese die geheime Weisung[359] erhalten haben, in den einen Ländern in Lehre und That ein durchaus verwerfliches, in den andern ein entschieden zu billigendes Benehmen einzuhalten? War demnach der ganze Orden insgesammt und in allen Beziehungen durchaus gefährlich und gemeinschädlich, wie konnte er in Oestreich eine so auffallende und unbegreifliche Ausnahme machen? Zumal wenn man sich erinnert, daß seine Glieder nirgends stabil sind, sondern nach dem Willen des Obern jeden Augenblick dahin sich begeben müssen, wohin er sie sendet (wie denn auch manche deutsche Jesuiten lange, lange Jahre in Pombals Kerkerhöhlen schmachteten). Das Unbegreiflichste wäre alsdann die erstaunliche Geschmeidigkeit, mit welcher ein und derselbe Mensch Pombals Anklagen und Maria Theresia's Lob hätte rechtfertigen können! Oder sollte Pombal ein würdigerer, gerechterer, für das Wohl des Landes besorgterer, tadelfreyerer Minister, als Maria Theresia eine solche Fürstin gewesen seyn? Oder sollte deren Zeugniß der hoffärtigen Lüderlichkeit, der gekränkten Eitelkeit und der dadurch hervorgerufenen Rache einer Pompadour nachstehen? Wäre aber die Stimme der Kaiserin eine vereinzelte? Der nicht minder durch vielseitiges Wissen, als durch Frömmigkeit und Milde achtenswerthe Denis schrieb in seinen Lesefrüchten, daß er in der Gesellschaft bis zu ihrer Auflösung »ohne Lebenssorgen, unter schönen Beispielen von Tugenden und Anstrengung zufrieden gelebt, gelernt und gelehrt habe, und sich noch jetzt keines eigenen oder fremden Fehlers erinnnere, der von den Vorgesetzten entdeckt und nicht geahndet worden wäre.« In seinem Testament aber betheuert er auf das Feyerlichste vor dem Allwissenden: »Daß er durch sechsundzwanzig Jahre in der Gesellschaft nichts als Gutes gelernt und genossen habe.« ? Dieser Stimme wird man, als derjenigen eines Betheiligten, rundweg Berechtigung absprechen. Aber noch neulichst haben wir es aus den »Denkwürdigkeiten der Caroline Pichler« vernommen, welche Bestürzung die Nachricht von der Unterdrückung der Gesellschaft Jesu damals durch ganz Wien verbreitete. Doch[360] gewiß nicht deßwegen, weil man dieselbe für so gefährlich oder für so versunken hielt, wie die Jesuitenfresser uns noch immerfort möchten glauben machen. Gleiches Zeugniß geben die Berichte jener Zeit aus Lissabon, Madrid, Neapel, ja aus allen Städten, in welchen die Jesuiten mit ähnlicher Wirksamkeit sich angesiedelt hatten. Wir wissen ferner, daß der Unterdrückungsact, wenn auch in demselben die Stimme des Oberhauptes der Kirche gesprochen hatte, doch nicht mächtig genug war, um die Zuneigung, die Anhänglichkeit an sie, das Vertrauen zu ihn en in tausend und tausend Herzen auszureissen, diese Gesinnungen eben so leicht zu unterdrücken, wie die Gesellschaft in ihrem Bestehen. Es hallt uns selbst ein Zeugniß für sie entgegen in der unmuthsvollen Klage ihrer Feinde: daß auch sogar nach ihrer Unterdrückung noch Manche bei ihnen, obwohl unter anderer Gestalt. Leitung, Trost und diejenige geistliche Hülfe suchten, welche bewährte Gewissensräthe und Beichtväter zu gewähren wissen; daß sie fortan noch auf Kanzeln und an den Altären dem Volk die Belehrungen und den Trost der Religion spendeten; daß ehemaligen Jesuiten noch fortan junge Leute zur Erziehung gerne anvertraut würden. Wäre es aber denkbar, daß eine weitverzweigte Verbindung von Männern einerseits so notorisch verworfen seyn, andrerseits selbst in ihrem Mißgeschick und der schonungslosesten Verfolgung durch die Gewaltigen anheimgefallen, dennoch eines solchen allgemeinen Vertrauens, einer so hohen Achtung allerwärts sich habe erfreuen können? Wäre es denkbar, daß Tausende und Tausende der angesehensten, hochgestelltesten, nach Leben und Wandel ehrenwerthesten und frommsten Personen beiderlei Geschlechts so verblendet hätten seyn können, um sich durch eine Verbindung berücken zu lassen, welche, planmässig und durch Organisation und Autorität dazu angeleitet, die Religion nur zum Deckmantel der schlechtesten, nichtswürdigsten, eigensüchtigsten Zwecke, Religiosität und Sittlichkeit bloß zur Hülle ihrer verwerflichen Leidenschaften, ihrer niedrigen Absichten zu machen sich bestrebte? Wie kommt es ferner, daß nicht die würdigsten,[361] edelsten, sittlichsten, frommsten, anerkennenswerthesten Männer aller Länder, sondern daß ein blutdürstiger Günstling, eine übermüthige Metze, ein frivoler Minister, ein habsüchtiger Fürst als Ankläger derselben auftraten, dabei in einer, Gottlosigkeit an der Stirne tragenden und offenkundig fördernden Schriftstellerei Unterstützung, bei notorisch bestochenen Pfaffen Mitwirken suchten; Männer jener Art dagegen, weit entfernt, die erhobene Klage aus gemachter Erfahrung zu unterstützen, über die Gewalthandlung trauerten? Wie kommt es, daß, anstatt den Entscheid eines gerechten Oberhauptes der Kirche durch beglaubigte Darlegung aller entdeckten Unthaten, aller verübten Gräuel, aller empörenden Lehren herbeizuführen, dieser einzig durch Ränke, Drohungen, Gewaltstreiche, durch den Verein aller schlechten Mittel herbeigeführt werden konnte und mußte? Supplirt die Geschichte durch actenmässige Nachweisungen, rechtfertigt das Verfahren der Verfolger der Jesuiten dadurch, daß ihr wenigstens nachliefert, was dieselben beizubringen unterlassen haben; beantwortet jene Fragen, löset jene Räthsel, bringet Licht in jenes Dunkel; alsdann werden alle Declamationen überflüssig seyn, denn erwiesene Thatsachen haben immer ein grösseres Gewicht, und eine unwiderstehlichere Gewalt liegt in ihnen, als in den lautesten und furibundesten Declamationen! Meinet ihr aber, diejenigen, welche es nicht über sich vermögen, in dergleichen einzustimmen, mit dem neulich geäusserten Wort abfertigen zu können: »die Kämpfen für die Jesuiten wüßten nur schon hundertmal aufgewärmte Gründe stets von neuem wieder vorzubringen und, was zum öftern schon gesagt worden, abermals zu sagen?« so können diese sogenannten Kämpen euch mit noch weit grösserem Fug dieses Wort zurückgeben, ja noch mehr als dieses: sie können euch sagen, ihr wüßtet nur hundertmal schon widerlegte und zurückgewiesene Anschuldigungen bis zum Eckel aufzuwärmen, gleich als ließe sich durch unablässiges und vielstimmiges Wiederholen die Lüge je in die Wahrheit umreden. Dadurch hingegen würdet ihr dieses Vorwurfes euch entschlagen, dadurch könntet ihr der Frage eine neue Wendung geben, wenn[362] ihr Licht, aber reines, helles Licht in jenes Dunkel zu bringen wüßtet. Es läuft von Mund zu Mund, die Jesuiten hätten in die verborgensten Staatsgeheimnisse sich einzubohren und die Gewissen der Fürsten nach vollem Belieben am Gängelband zu leiten gewußt. Wie kommt es aber, daß in allen Staaten die grausamen Maaßregeln und, was wohl zu merken, nicht in allen gleichzeitig über sie hineinbrachen, ohne daß sie bei jenem Eindringen oder bei solchem Uebergewicht dieselben abzuwenden gewußt hätten? Ihr werfet ihnen die verschmitzteste und abgefeimteste Ränkesucht vor. Wie kommt es aber, daß sie mittelst dieser das Ausgesonnene und in Vollziehung Gebrachte nicht wenigstens zu lähmen oder doch zu mildern wußten, ungeachtet in dem Schlag auf Schlag sich Folgenden und unverkennbar das Allerletzte Vorbereitenden dringliche Aufforderung genug gelegen hätte, alle Mittel (woran ja, an erlaubten wie an unerlaubten, bei ihnen ein schauervolles Arsenal vorhanden gewesen seyn soll!) in Anwendung zu bringen? Ihr unterhaltet euch jetzt noch so gerne über ihre unermeßlichen Reichthümer. Wie kommt es aber, daß sie in einem Momten, in dem es sich entschieden über Seyn oder Nichtseyn handelte, diese wirksamste aller Minen nicht springen ließen? Ihr werfet ihnen vor, sie hätten mit Gift und Dolchen gespielt, wie Kinder mit Nüssen. Wie kommt es aber, daß von ihren anerkannten wüthenden Verfolgern in allen Reichen nicht ein Einziger vor dem einen oder vor den andern auch nur in Furcht schweben durfte, ja, wie ihr Benehmen zeigt, ihnen selbst davor nicht im mindesten bange war? Oder sollte, wer offen den Königsmord lehrt, heimlich denselben begünstigt, vor dem Mord von Ministern, und dazu feindseligen und barbarisch verfolgenden Ministern, zurückschaudern? Ihr werfet ihnen vor, die Moral wäre in ihren Händen wie Wachs gewesen, das je nach beliebigem Druck jede Gestalt angenommen habe. Wie kommt es aber, daß so viele Tausende Hunger, Noth, Elend jeder Art, den jahrelangen Aufenthalt in unterirdischen Löchern, in den scheußlichsten[363] Kerkern der Untreue an ihrer Verpflichtung vorzogen; daß sie nickt, was so leicht möglich gewesen wäre, unter Darangabe von dieser bei ihren Verfolgern einige Gunst zu erbuhlen suchten? Wer sich's zur Aufgabe macht, Andere mit Eiden spielen zu lehren, sollte dieser an dem seinigen mit so unerschütterlicher Festigkeit halten? Um aber nochmals auf ihre Schätze zurückzukommen: wo waren dieselben? Ja in ihren Kirchen, in ihren Sacristeien befand sich ein grosser Reichthum von Kostbarkeiten; sie erachteten dieß der Würde des Gottesdienstes angemessen. Von daher, von dem geplünderten und geschändeten Grabmal des heiligen Franz Xaver zu Goa langten die neun Kisten Silbergeräthe und Edelsteine für Pombal an, womit er sein Haus, von einem Madonnenbild das diamantene Halsband, womit in Rom der schändliche Alferi seine Dirne schmückte! ? Wohl befassen sie in jedem Lande liegende Güter, die Jedermann kennen konnte, jene geträumten Schätze hingegen wurden nirgends gefunden, ungeachtet man ihnen mit bewaffneter Macht selbst an Orten nachspürte, welche der Anstand zu nennen verbietet. Warum sprach man hernach, als die Täuschung zerronnen, als die gehegte Erwartung unbefriedigt geblieben war, von einem Bettel, der nicht der Mühe sich lohne? Hätten sie wohl bei dem Besitz solcher Schätze ihre ohne die mindeste Unterstützung nach Rom hinübergefertigten Ordensglieder aus Portugal erst durch Verkauf von silbernem Kirchengeräthe, darauf, als die Zahl der Unterstützungsbedürftigen durch Lieferungen aus Spanien, Neapel und Parma sich mehrte, diese grosse Zahl einzig dadurch unterhalten müssen, daß sie in den noch bestehenden Collegien ihren Lebensbedarf auf das Mindeste beschränkten, um desto sicherer ihren Mitbrüdern beistehen zu können? Indeß ein Auskunftsmittel bleibt der blinden Anschwärzungssucht noch übrig: das Vorgeben, sie hätten ihre Schätze geflüchtet. Aber wohin denn, in welchen Winkel der Erde, da sie überall plötzlich überfallen, geächtet, unterdrückt, beaufsichtigt wurden? Und wie sollten sie, während unter den damaligen Verhältnissen ihre einstige[364] Herstellung das Undenkbarste unter der Sonne schien, wie sollten sie in ihrer nachherigen theilweisen Armuth und Verlassenheit dergleichen hülfreiche Schätze unberührt gelassen haben? Aber Schätze der Jesuiten, das ist ein Wort, welches jetzt noch, kaum ausgesprochen, eine Zaubergewalt auf Ohren und Gedanken von Tausenden übt. Oder, nachdem in allen Ländern so entsetzlich gegen sie gewüthet worden, und als auch von daher, von wo sie dessen am wenigsten sich's hätte versehen sollen, der letzte zerschmetternde Schlag ausgegangen war, haben sie auch nur nachher die Welt mit Klagen angefüllt? Haben sie auch nur dieselbe mit Schmähschriften gegen ihre notorischen Verfolger überschwemmt? Haben sie in irgend einem Lande aus Rache Kabalen geschmiedet? Heraus mit den Beweisen hiefür, aber mit den klaren, actenmässigen Beweisen, ansonst Wahrheit und Gerechtigkeit für den Verbrecher, ja sogar für den Jesuiten! Wolltet ihr aber die Wahrheit hören, so würde sie euch sagen, daß Clemens XIV zwar die Gesellschaft auflösen, nicht aber das einzelne Glied von der fortwährenden, moralisch sich selbst auferlegten Heiligachtung des Gelöbnisses freisprechen konnte, welches Unterwürfigkeit unter den apostolischen Stuhl forderte, in der sie den König von Preussen sogar um Vollziehung des päpstlichen Ausspruches an ihnen baten, worin er zuletzt nicht seinem, sondern ihrem eigenen Willen Genüge that. Würden jene Verbindungen, welche am wildesten auf die Jesuiten einstürmen, ähnliche Fügsamkeit gegen gerechte, wie die Jesuiten gegen ungerechte Vorkehrungen bethätigen? ?????? Wahrheit, Gerechtigkeit, parteiloses Urtheil, wenn dieselben gegen so manches wider die Gesellschaft Vorgebrachte Bedenklichkeiten erheben, wenn sie weder in dem lauten Toben, noch in dessen öfterm Wiederholen, noch in der Zahl der Lärmenden ein Ersatzmittel für zureichende Gründe anerkennen[365] dürfen, sind deßwegen nicht blind; es kann ihnen nicht zu Sinn kommen, in den Fehler der Widersacher zu verfallen, und wie diese in globo verdammen, ebenso in globo zu lobpreisen, ruhig und nüchtern anerkennen sie, daß auch an der Gesellschaft Jesu Ausstellungen gemacht werden können, so gut als an jeder menschlichen Institution. Vor Allem müssen die Ausstellungen, um sie gehörig zu würdigen, classificirt werden. Zuerst giebt es solche, die es nur vermöge der individuellen Meinung des Urtheilenden sind; ? diese haben kein Recht, allgemeine Anerkennung zu fordern, denn mit weit grösserer Befugniß kann das gegenüberstehende Princip sie in das Umgekehrte verwandeln. Neben diesen giebt es Ausstellungen, welche an die Gesellschaft vermöge ihres Wesens als eines religiösen Ordens im Allgemeinen sich knüpfen. Ferner giebt es solche, die aus der Einrichtung, Gliederung und Stellung derselben hervorgehen. Endlich lassen solche sich vorbringen, wofür einzig das Individuum einzustehen hat. Daß aber die Gesammtheit, der Innbegriff aller Individuen, eine solche verworfene, verabscheuenswerthe Verbrüderung, gewissermassen, wie die Gesellschaft Manchem möchte dargestellt werden, den wahren Abschaum der Menschheit zu irgend einer Zeit, oder auch nur in irgend einem einzelnen Lande je gebildet hätte, das muß von psychologischem, von moralischem und von gesellschaftlichem Standpuncte zugleich als geradezu unmöglich zurückgewiesen werden. Eine Ausstellung der ersten Art wäre ihr Gehorsam gegen den General, ihre Unterwürfigkeit unter den Papst. Jener, sagten die Grundredlichen damals, ist unumschränkter Gebieter über sie, selbst zu bösen Dingen kann er den Einzelnen verpflichten, dieser muß das Anbefohlene vollziehen. Das Gleiche wiederholen die Biedern der Gegenwart mit unermüdlicher Schreibfertigkeit und mit allem Accent, den sie auf das Wort »böse Dinge«nur immer zu legen vermögen. Und wie graut ihnen nicht bei dem Ausdruck »Unterwürfigkeit unter den Papst,« den nicht der Jesuite allein, sondern jeder wahre Katholik als seinen geistlichen Vater durch solche Unterwürfigkeit ehrt? Welch'[366] ein Vergehen, daß in solcher z.B. die Gesellschaft bei Clemens' XI Interdict über Sicilien weniger dessen Ursachen oder Absichten erörtern, als dasselbe beobachten wollte. Wäre dieß eine gültige Ausstellung, alsdann liesse sich mit gleichem Recht dem Soldaten ein Vorwurf daraus machen, wenn er nicht, bevor er zu Feld zöge, in Erörterungen über die Befugniß seines Fürsten zum Krieg sich einliesse. In jenem Fall hatte das Oberhaupt der Kirche gesprochen; den Jesuiten stand es nicht zu, über den Ausspruch Betrachtungen anzustellen, zu Richtern über denselben sich aufzuwerfen; ihrer Ordensverpflichtung gemäß und zugleich als Priester der katholischen Kirche hatten sie einfach demselben sich zu fügen. Ob das barbarische Verfahren des Vicekönigs von Sicilien, Grafen Maffei, gegen sie grössere Billigung verdient, als ihr Gehorsam gegen den geistlichen Obern, dieser Entscheid sollte doch nicht ausschließlich der Meinung anheimfallen. Wie denn oftmals jedes Geschlecht, jedes Alter, jeder Stand jede Berufsart ihre besondern physischen Gebrechen hat, so haben nicht selten sie Alle auch ihre intellectuellen oder moralischen Unvollkommenheiten. Wenn die mit Bewußtseyn erfaßte und mit Ausdauer erstrebte Aufgabe des Religiosen vornehmlich dahin gehen soll, in engerer Verbindung mit dem Herrn, dessen Dienst er besonders sich gewidmet hat, die allen Menschen innewohnende Unvollkommenheit von seiner Person möglichst ferne zu halten; wenn ihm dieses auch gelingt und er wirklich dazu sich erhebt, von manchen sittlichen Gebrechen, die so leicht den Weltmenschen beschleichen können, unberührt zu bleiben, so drohen ihm dagegen andere, gegen welche dieser gesicherter seyn dürfte. Es sind Mängel, die aus dem Wesen des Standes hervorgehen, an diesen sich heften, und selbst wieder in solche sich scheiden, denen das beschauliche, und in solche, denen das werkthätige Leben leichter zugänglich ist. Auch der Ordensstand wandelt den Menschen nicht um; er ertheilt ihm einzig Anleitung, Mahnung, Hülfsmittel, wie eine solche Umwandlung sich anstreben lasse. Aber gerade die Unvollkemmenheiten, die aus[367] dieser besondern Lebensbestimmung und Lebensrichtung hervorgehen, sind, weil für den ihr sich Hingebenden am wenigsten bemerkbar, am schwersten zu beseitigen. So mögen auch in der Gesellschaft Jesu, so gut als in jedem andern kirchlichen Orden, nicht Alle, die derselben einverleibt waren, den festen Willen oder die erforderliche Kraft besessen haben, um über diese Standesunvollkommenheiten sich zu erheben. Da aber ihre Glieder bei vielartigerer Thätigkeit und mannigfaltigerer Berührung mit der Aussenwelt ihr Leben weit mehr vor den Augen von dieser führten, als diejenigen anderer Orden, so konnten dergleichen Unvollkommenheiten weniger sich verbergen. Beides dann mag dazu mitgewirkt hab en, daß ihn dieselber leichter zum Vorwurf konnten gemacht werden, als ihren übrigen Standesgenossen. Da ferner die Gesellschaft Jesu die frühere erziehende Thätigkeit der Benedictiner, das seelsorgerliche Wirken der Frauciscaner und den Predigerberuf der Dominicaner in sich vereinigte, hiedurch in die vielseitigsten Berührungen nach allen Richtungen trat, so darf es nicht befremden, wenn die Stimmen, welche gegen Uebernahme jeder einzelnen dieser Obliegenheiten durch geistliche Orden bisweilen laut geworden sind, vereinigt, daher um so lauter, gegen Jene sich richteten. Diese Stimmen können keine unbedingte Gültigkeit in Anspruch nehmen; ihr relatives Gewicht aber läßt sich nur nach den Gründen wägen, deren willen sie laut werden. Die Einen erheben dieselben aus Principien, die von blosser Abneigung sich nicht bestechen lassen; die Andern lediglich aus dieser; die Dritten aus Scheelsucht oder Widerstreben; und bei noch Andern werden sie hervorgerufen durch einen augenblicklich sich ergebenden Uebelstand, vielleicht bloß durch allfällige, an ein Individuum sich knüpfende Verirrung. Diese Stimmen haben nachmals in den Absichten der Machthaber ihren Vereinigungspunct gefunden und sind allzusammt laut geworden, nicht immer ohne Mitwirken derjenigen, welche in der Gesellschaft einen rüstigern Nebenbuhler auf dem einen oder auf dem andern jener Gebiete[368] erblickten. Aber tadelnde oder herabwürdigende Stimmen sind deßwegen noch keine Beweise, so wenig als Unvollkommenheiten Scheußlichkeiten sind. Anderes dann soll ausschließlich und eigenthümlich ihnen zur Last fallen. Eine Anschuldigung zwar, auf die einst besonderes Gewicht wollte gelegt werden, diejenige nämlich der Aufnahme von Tertiariern, um hiedurch grössern Einfluß auf viele Layen zu gewinnen, hätten die Franciscaner und Dominicaner mit ihnen zu theilen gehabt; da diese, zuvor der Kirche unbekannte Einrichtung gleichzeitig mit beiden Orden ihren Ursprung nahm, ohne daß dieselbe je Anfechtung erlitten hätte. (Es giebt übrigens einen, zwar nicht in der Kirche, eher gegen die Kirche stehenden Orden, der ungleich mehr Tertiarier ? d. h. Uneingeweihte, daher bloß Aggregirte ? zählt, als alle kirchlichen Orden zusammen genommen je zählten, und der auf die Masse dieser Crethi und Plethi nicht wenig sich zu Gute thut.). Nothwendig muß es gewissermaaßen aus dem Wesen jeder kirchlichen Ordensverbindung hervorgehen, die nicht auf Beschaulichkeit beschränkt, sondern thatkräftig in das religiose Leben der Menschen einzuwirken berufen ist, daß sie ihrer Wirksamkeit die möglichste Ausdehnung zu verschaffen sucht. Behaupten wollen, daß für die menschliche Gesellschaft Nachtheil hieraus erwachse, wäre höchst gewagt. Daß dann das Glied einer solchen Verbindung der seinigen einen hohern Werth beimesse als jeder andern, und in zu grossem Eifer um deren Ausdehnung und Einwirkung leicht könne dahingerissen werden, auf die zu verwandter Thätigkeit Berufenen scheelen Auges zu blicken, da, wo gegenseitiges Fordern Pflicht wäre, sogar in den Weg zu treten, das gehört, so wie im Allgemeinen zu den Schwachheiten der menschlichen Natur, zu den Unvollkommenheiten, welche dem Ordensstande eigenthümlicher sind, im besondern. Ebensowenig können die Vater der Gesellschaft Jesu wegen des Streites über die Ceremonien in China in schlimmeres Licht gestellt werden, als ihre Widersacher. Auch dieser, nur[369] allzulaut gewordene Hader ist ausschließlich geistlicher Nebenbuhlerei entsprungen. Daß die Nachsicht der Jesuiten in China dem Christenthum leichter Anknüpsspunkte finden und demselben ungehindertern Eingang verschaffen konnte, als der Rigorismus der Dominicaner, das hat der Erfolg erwiesen, so wie auch der Ausspruch des heiligen Stuhls ihr Verfahren gutgeheissen hat. Ein untrügliches und unfehlbares Urtheil jedoch, ob jene Nachsicht schlechtweg zu verwerfen, diese Strenge ausschließlich anzupreisen seye, dürfte kaum sich fällen lassen. Hat die Verbreitung des Christenthums darunter gelitten, so läßt sich die Schuld hievon so wenig dem einen als dem andern Theil aufbürden, sondern dieses war Folge des zwischen Beiden entstandenen Conflicts. Wie viel aber die alljährlich nach Canton kommenden Kaufleute der Holländer dazu beitrugen, das Christenthum überhaupt den Chinesen verächtlich zu machen, das ist über der Geschäftigkeit, alle Schuld einzig den Jesuiten aufzubürden, immer unerörtert geblieben. Die Anzeige des Statthalters von Marannon, daß die Gesellschaft damit umgienge, die Gewalt der Könige in Mexiko, Peru und Brasilien umzustürzen, darf mit Recht zu den leichtfertigen Vermuthungen gezählt werden, und verliert außerdem alles Gewicht durch die Stellung des Anzeigenden zu Pombal, dessen Creatur er war. ? Was das sogenannte Jesuitenreich in Paraguai betrifft, so waren dadurch Niemandes Rechte gekränkt worden. Gesetzt auch, die Gesellschaft hätte in diesen unermeßlichen Landstrichen, wo die Gränzen der europäischen Herrschaften unausgemarket und mit schwankendem Recht in einander liefen, ein Gebiet sich ausersehen, welches während langer Zeit von keiner der beiden Kronen beachtet worden, so bedarf es wahrlich aller einseitigen Wuth der Gegner, um hierauf einen Vorwurf zu stützen. Derselbe kann weder durch das Factum einer zu Stande gebrachten Territorialhoheit, aber noch weniger durch die Weise, wie diese geübt worden, sich rechtfertigen. Hatte doch, faßt man nur Jenes ins Auge, der älteste Orden von Europa Territorialhoheit seit Jahrhunderten in vielen Ländern[370] besessen, ohne daß es Jemanden zu Sinn gekommen wäre, hierauf eine Anklage wider denselben zu begründen. Sollte aber eine solche mit grösserem Recht an das Bestreben sich anknüpfen lassen, die gesellschaftliche Einrichtung für ein einfaches, nach Kinderart leitsames Volk in der Weise einer großen christlichen Haushaltung zu ordnen? Es mag seyn, daß weltliche Gewalthaber, welche die harmlosen Indianer anders benützen zu können und anders behandeln zu dürfen glaubten, als es von den Jesuiten geschah, in diesen Einrichtungen, die auf den Beschauenden den Eindruck einer Idylle machen mußten, ein gefährliches Beispiel erblickten. Konnte man aber in der nachmaligen Behandlung dieses friedlichen Völkchens durch die spanischen und portugiesischen Gebietiger und Kriegsknechte eine Rechtfertigung der wider die Väter erhobenen Anklage finden? Darf der parteilose Beobachter einem Staatsrecht, welches, um die für unbefugt ausgeschrieene Herrschaft eines geistlichen Ordens nicht aufkommen zu lassen, einen Theil der durch ihn Geleiteten niedermetzelt, den übrigbleibenden entweder in entlegene Landstriche zum Sclavendienst abführt, oder zur Rettung in die Urwälder nöthigt, Anerkennung und Huldigung eher zuwenden, als einer geistlichen Gemeinschaft, die es darauf anlegt, ihren Untergebenen die Wohlthaten des Friedens, der Ordnung und eines geregelten Lebens zuzusichern? Wären daneben die Antecedentien und die nachwärts zum Vorschein kommenden Verhältnisse eines Jbagnez von solcher Beschaffenheit, um auf sein Zeugniß hin diejenigen eines Charlevoix, Muratori und Anderer geradezu unter den Tisch zu werfen? Oder läge nicht darin, daß noch zu Anfang dieses Jahrhunderts, sobald ein Greis jener Gegenden von den »heiligen Vätern« sprach, Alles zu ehrerbietigem Horchen sich wendete, und die geringste ehemalige Berührung mit denselben als besondere Auszeichnung galt, nicht ein Zeugniß, welches alle Worte des Lobes überwiegen, alle Ergüsse des Tadels niederschlagen muß? Verdiente neben diesen gar keine Beachtung, was der Engländer Wakerton auf seinen »Wanderungen durch Südamerika« wahrnahm: daß[371] nemlich auch in Fernambuco, wo einst die Jesuiten die nachmals durchaus vernachläßigte Erziehung besorgten, sie noch fortwährend in gutem Andenken standen. Will man überhaupt auf Herabwürdigung und auf Vorwürfe vorsätzlich ausgehen, so läßt sich nicht allein das Unschuldigste, sondern selbst das Preiswürdigste mit dem Gift der Verdächtigung bespritzen. Wie in Frankreich der Ernst, mit dem die Jesuiten dem ärgerlichen Begehren der königlichen Buhlerin entgegentraten, ein Beweis der Herrschsucht und, wo sie im Beichtstuhl ähnlichen anwendeten, bedrohlicher Gewissenstyrannei seyn sollte, so durften in Spanien ihre Armuth, ihre Bescheidenheit, ihre Mildthätigkeit gegen die Dürftigen, ihre Obsorge um die Kranken, ihr liebereiches Verwenden für die Gefangenen keine Tugenden, sondern mußten sie alle demagogische Künste seyn. Abläugnen ließ sich nicht, was unter den Augen einer ganzen Nation geschah; dergleichen Tugenden dem klaren Blick, dem gesunden Urtheil gegenüber zu beflecken, war schwierig; darum blieb das einzige Mittel, Beweggründe unterzuschieben, bei denen dieselben in glänzende Laster sich verkehrten. War es der Haß, oder war es die Unredlichkeit, welche Ruy Campomanes in solches trostlose Bemühen trieb? Es sind ihnen damals innere Streitigkeiten, Reibungen, hieraus entstandene Klagen, in letzter Zeit vornehmlich diejenigen vorgeworfen worden, welche während Philipps II Regierung aus Spanien vor das Oberhaupt der Kirche gelangten. Abgesehen von der Sonderbarkeit, demjenigen, was vor beinahe zwei Jahrhunderten vorgefallen, untersucht, erörtert, zurechtgewiesen, beigelegt worden, nach so langem Zeitverlauf, in welchem jenes Andenken daran verwischt worden, neuerdings Grund zur Anklage entlehnen zu wollen, laßt sich allererst bemerken, daß die Gesellschaft Jesu den Vorwurf etwa entstandener innerer Reibungen mit allen andern Orden, ja selbst mit manchen weltlichen Anstalten, die zu Ausdehnung und Ansehen gelangten, zu theilen hat; dieweil jegliche Ordensvorschrift, gleichwie die über ihnen Allen stehenden Lehren des Christenthums, dem[372] Menschen nur die dienlichen Mittel zu seiner Vervollkommnung an die Hand geben kann, das Maaß und die Weise der Anwendung aber seinem freien Willen anheimzustellen hat. Man muß ein großer Neuling in der Geschichte der kirchlichen Orden seyn, um nicht zu wissen, daß alle übrigen ähnliche, mehrere derselben noch weit beklagenswerthere Störungen aufzuweisen haben, aus denen sie jedoch entweder von selbst sich heraushelfen konnten, oder Heilung durch die über ihnen Allen stehende Autorität fanden. Immer aber hängt eine reifliche Würdigung solcher Erscheinungen von der richtigen Beantwortung der Frage ab: durch wen wurden die Reibungen veranlaßt, vornemlich aber oft hartnäckig fortgesetzt? Waren es auch hier wieder die ehrenwerthesten, pflichtgetreuesten, der Lösung ihrer Aufgabe am gewissenhaftesten nachstrebenden Glieder einer solchen Communität, die dergleichen herbeiführten; oder waren es nicht vielmehr die Störrigen, nach andern Dingen Strebenden, in den gewählten Verhältnissen unbehaglich sich Fühlenden, deren Namen bei Erscheinungen dieser Art vorzüglich genannt werden? Fraget hierüber nicht diejenigen an, welche jedes Widerstreben gegen geregelte Ordnung, jede Unbotmäßigkeit gegen wohlgefügte Einrichtungen, jede Auflehnung gegen ein bestehendes moralisches Ansehen als Geistesschwung, als ehrenwerthen Drang nach Freiheit, als muthiges Abwerfen entehrender Fesseln, um Beweggründe und Zwecke unbekümmert, zu präconisiren gewohnt sind; befraget einfach die Geschichte anderer geistlicher Gemeinschaften und wendet die erhaltene Antwort auf die Gesellschaft Jesu an! Kann etwa jener Jakob Hernandez, welchem das Ordensgewand zu enge wurde, der hierauf, weil seine Absicht, es von sich werfen zu können, nicht zu erreichen war, seinen Provincial bei der Inquisition verzeigte und hiedurch etliche Gleichgesinnte zu Aehnlichem ermuthigte, kann dieser mit Recht der Gesellschaft vorgeworfen werden? Brächtet ihr es über das Herz, einiger Ausreisser wegen eine ganze Heerschaar des Treubruches und des Meineids an ihrer Fahne zu beschuldigen ? Oder wäre jener Dionysius Vasquez, der schon unter dem[373] Generalat des heil. Franz Borgia von dem Amt eines Ministers des Collegiums von Rom dringlicher Ursachen wegen entfernt werden mußte, dann aus Rachsucht in Spanien Alles zu verwirren und durch falsche Berichte selbst den König zu mißleiten wußte, ein gültiger Zeuge wider den Orden und eine Last, die auf demselben haftete? Dann ließe sich den Franciscanern ihr erster oberster Meister, Elias von Crotona, jeden Augenblick vorwerfen; und doch wird dieß Niemand beifallen. ? Wäre jener Abreu, welcher zu Ende des 16. Jahrhunderts der Form, dem Wesen und dem Geist des Ordens zuwiderlaufende Neuerungen der Gesellschaft aufdrängen wollte, damit aber entschieden zurückgewiesen ward, ein hinreichender Beweis von solcher »Zwietracht und Eifersucht in derselben,« derenwegen sie jene »reichen Früchte nicht mehr habe bringen und den Nutzen nicht mehr schaffen können, wozu sie gestiftet worden?« Will man folgendem, im Verhör während der Gefangenschaft abgelegten Zeugnisse des Generals: daß zu eben dieser Zeit, in welcher die Feinde des Ordens mit Anschuldigungen und Anklagen wetteiferten, in demselben »viele Regularität, viele Frömmigkeit, viel Eifer, insbesondere viele Eintracht und Liebe obgewaltet habe, und während fünfzehn Jahren von äusserster Beklemmung nie innere Unruhe oder Tumult entstanden, sondern jetzt noch (im Jahr 1774) Alle ihrer, wenn noch so sehr verfolgten Gesellschaft mit warmer Liebe zu gethan seyen,« will man diesem Zeugniß, als durch den Obern ertheilt, alles Gewicht, jegliche Glaubwürdigkeit absprechen? Wohlan, wie will man andere, gegen jede Einwendung gesicheite Thatsachen entkräften? Nenne man irgend einen im Verlaufe der Zeit zahlreich gewordenen, weit durch die christlichen Länder sich verbreitenden, zu tiefgreifendem Einfluß, zu hohemt Ansehen, vielleicht auch zu genügender Ausstattung gelangten Orden, der nicht früher oder später in Fractionen, besondere Congregationen, verschiedene Verzweigungen sich geschieden, theilweise Reformen u. s. w. in seinem Innern hervorgerufen hätte! Nun zählte zur Zeit ihrer Unterdrückung die Gesellschaft Jesu in 37 Provinzen[374] aller Welttheile 612 Collegen, 340 Residenzhäuser, 50 Noviciate, 24 Profeßhäuser, 200 Missionen und über 22,000 Mitglieder jeder Abstufung, und erfreute sich einer Dauer von 233 Jahren. Wer wäre aber im Stande, irgend eine Trennung, irgend eine Modification, irgend einen Ausläufer von dem Hauptstamme zu bezeichnen? Der Cartäuserorden und die Gesellschaft Jesu sind unter den bedeutendern kirchlichen Orden die einzigen, aus welchen Fractionen und Reformen niemals hervorgegangen sind. Wäre dieß aber wohl ausgeblieben, wenn Zwietracht und Hader so tief gewurzelt, so endlos, so gefahrdrohend und ärgerlich geworden wären, wie es von daher vor. geworfen wurde, wo eine gründlichere Kenntniß hätte dürfen erwartet werden? Behalten wir diese große Zahl der Ordensglieder im Auge; überblicken wir die Dauer der Gesellschaft, vergegenwärtigen wir uns das weite Gebiet und die Mannigfaltigkeit ihrer Thätigkeit, und vergessen wir über dem Allem nicht, daß auch diese Institution niemals der Vermessenheit sich unterwand, den Eintretenden seiner bloßen Aufnahme wegen gegen jeden Einfluß des anerborenen Verderbnisses sicher stellen und hiemit den Sieg über die menschlichen Leidenschaften auch dem Sorglosen verbürgen zu wollen, so wird es uns keineswegs in Staunen setzen, daß von Schuld, und etwa selbst von schwerer Schuld, nicht jeder Einzelne könne freigesprochen werden. Dabei aber werden wir ebenso wenig übersehen, daß gewissenhafte Treue, redliche Pflichterfüllung, ungefälschte Gottesfurcht, bereitwillige Hingebung zu jeglichem Dienste für Andere in der Regel geräuschlos, unbemerkt und ohne Aufsehen zu erregen, jederzeit walten, wirken und verlaufen; der Umfang, die Dauer und die Macht des Geredes hingegen immerdar mit der Weite der Abirrung des Einzelnen und mit der Größe des Aergernisses zunehmen, jene gewöhnlich überbieten. Wie denn schon im gemeinen Leben ein einziger Verbrecher mehr und einer unendlichen größern Anzahl von Menschen zu reden Veranlassung giebt, als zwanzig Individuen, deren Daseyn, obwohl nicht nutzlos und[375] schlaff, aber doch ruhig, schlicht und harmlos verläuft. Wollte man daher nach Jenen das Menschengeschlecht bemessen, dann müßte es wahrlich schlimm stehen mit demselben. Kann darum nicht jedes Glied des Ordens jeglicher Pflichtverletzung freigesprochen werden, so dürfte dieselbe bei mehr als Einem vornemlich in allzugrosser Nachsicht gegen sittliche Verirrungen der Beichtkinder, in Lockerung der moralischen Grundsätze in einzelnen Fällen bestanden haben; etwa in dem Mangel an pflichtgemäßem Ernst, wie jener weder durch die in Anwendung gebrachten Forderungen des Christenthums gestattet wird, noch dem wahren Gedeihen der menschlichen Gesellschaft zuträglich seyn könnte. Aber selbst bei diesem Vorwurf, der vorzüglich an das vorige Jahrhundert sich anknüpft, ist nicht zu vergessen, zuerst: daß die Gesinnungen und die Sitten jener Zeit allerwärts durch eine Erschlaffung und Leichtfertigkeit sich auszeichneten, die mit der erschütterten Achtung gegen höhere Wahrheiten Hand in Hand gingen; sodann: daß weder Ordensgewand noch Ordensgeist vor der jeweils im Schwung gehenden Verderbniß einen Jeglichen zu beschirmen vermögen. Ferner verdient dabei erwogen zu werden, daß in keinem einzigen Lande die heftigsten Ankläger und bittersten Verfolger der Gesellschaft ihres eigenen sittlichen Werthes wegen so besonders berechtigt gewesen wären, allzuweit getriebene Nachsicht gegen Sünden den Gliedern der Gesellschaft zum Vorwurf zu machen. Endlich, da wir es auch bei den Jesuiten mit Menschen, also den Gebrechen der menschlichen Natur nicht gänzlich enthobenen Individuen, zu thun haben, bleibt noch Eines zu berücksichtigen. ? In je vertraulicherer Stellung zu dem Fürsten, seye es als Günstling, sey' es als Beichtvater, der Einzelne stehen mag; je mehr die Schwäche dort dem Mann der That, hier dem Mann des Raths Einfluß auf sich einzuräumen geneigt ist, als die ihrer selbst bewußte Regentenkraft sollte und dürfte, desto größere Lockung liegt hierin für denjenigen, dem solcher Einfluß gestattet wird; eine Lockung, gegen welche weder die Fülle des äussern Glanzes, noch die unscheinbare Armuth des[376] Ordensgewandes einen Jedweden immerdar sicher zu stellen vermag. Winkt dann hiemit ein Hinausschreiten über die Gränzen der Befugnisse (für den Menschen das Verführerischste) dem Gewandten mit gleichem Reiz, wie dem Hochgestellten: läge zuletzt so besonders viel daran, ob dessen ein Ludwig von Haro oder ein Pater Acunha sich anmaße? Oder hätte Spanien sich bitterer zu beklagen über einen Pater Nithart, als über einen Emanuel Godoy? Wäre der geheime Einfluß von jenem dem Regenten verderblicher gewesen, als die feile Eitelkeit von diesem? Zum fruchtbaren und reichlich ausgebeuteten Mittel, um in Frankreich den Haß gegen die Gesellschaft so recht mitten in das öffentliche Leben hineinzupflanzen, wurde endlich la Valettes mißglücktes Handelsunternehmen. Wie man auch über dasselbe urtheile, das darf nie vergessen werden, daß weder der General noch der Ordensrath um dasselbe wußten, und daß das nachmalige Gerichtsverfahren und dessen Folgen insoweit wenigstens für die Jesuiten sprechen, daß sie solche Schlauköpfe, wie gewöhnlich vorausgesetzt wird, nicht gewesen seyen; denn sonst hätten sie nicht in die Parteilosigkeit und Redlichkeit der richterlichen Behörden ein so zweifelloses Vertrauen setzen können. Beruhte der Spruch, daß der Orden für das einzelne Glied haftbar seyn müsse, auf einer willkürlichen Voraussetzung, so bewies die Leichtigkeit, mit welcher falsche Wechsel konnten geltend gemacht und hiedurch die Schuld verdoppelt werden, sodann die Beschlagnahme aller Güter der Gesellschaft, um die Tilgung derselben unmöglich zu machen und den Widerwillen gegen sie mit gekränkten Interessen zu verknüpfen, daß jenes Begegniß als willkommenes Hülfsmittel zu schnellerer Erreichung des Zweckes seye ausgebeutet worden. Bei den aus der Hauptfrage entstehenden Gerichtsversammlungen sahen sich die Legisten auf ein unbemessenes Feld versetzt, auf welchem sie sowohl ihrer eigenen Gehässigkeit nach voller Lust fröhnen, theils die gewinnreiche Zuneigung hoher Gönner sich erwerben mochten, daher sie recht weidlich auf demselben sich herumtummelten. Wie indeß[377] über diesen Specialfall geurtheilt werde, in demselben kann unmöglich der Hauptgrund weder zu dem mit solcher Betriebsamkeit ausgestreuten Haß, noch zu der Fortdauer desselben, noch zu der geringsten Beschönigung der wider die Gesellschaft vollführten barbarischen Maßregeln liegen. Und doch muß es hiezu einen Beweggrund gegeben haben. Welches aber mag wohl derselbe gewesen seyn? Alle damaligen Umstände, alles nachher Eingetretene, die ganze unberührte und durch keinen Zeitverlauf gemilderte, ja eher auf Wucher angelegte Vererbung des schäumenden Hasses an die Gegenwart weist uns auf die Rührigkeit der im Finstern gegen das Christenthum, als das Element der bisherigen Ordnung, wirkenden Verbrüderung; führt uns auf den Grimm der Bleiwage gegen das Kreuzeszeichen. In diesem, und einzig in diesem, können wir den letzten, seines Zweckes sich klar bewußten und alleinigen Grund der damals wider die Gesellschaft Jesu angehobenen Verfolgungen und des, in verstärktem Maaß auf unsere Zeiten herabgeerbten Tobens gegen sie finden. Mit dem Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wußte jene geheime Verbrüderung, deren Entstehen in Dunkelheit gehüllt ist, die im Verfolg in eben solcher ihre Entwürfe und Zwecke ausgesonnen hat, und in diese erst nach langer Vorbereitung und Prüfung nur wenigen Eingeweihten hineinzublicken gestattet, auch in Frankreich sich einzuschleichen. Nachdem sie aus dem anfänglichen Zustande der Ueberwachung in denjenigen offener Beschützung durch königliche Prinzen übergegangen war, verbeeitete sie sich mit unglaublicher Schnelligkeit über alle Theile und alle Stände des Reichs, und köderte durch die Lockungen gesellschaftlicher Vergnügungen eine unermeßliche Menge argloser Gemüther, die ausser diesen nichts Anderes in ihr weder suchten noch fanden, nebenbei aber unbemerkbar mit Gleichgültigkeit[378] gegen die Religion, mit Geringschätzung ihrer Anforderungen und Uebungen, mit Verachtung gegen ihre Diener getränkt wurde. Umsonst hatten zwei Oberhäupter der Kirche, doch schwerlich auf bloße Vermuthungen hin und ohne etwelche bestimmtere Spuren ihrer letzten Tendenzen, mit Ernst gegen dieselbe gesprochen; umsonst hatte der Ritter Folard, nachdem er lange für sie gewirkt, der Stimme seines Gewissens Gehör gegeben, und es geoffenbart, daß dieselbe über einer Revolution brüte, welche den Umsturz jeder rechtmäßigen Gewalt als Endziel sich gesetzt habe. Jenes öffnete die Augen so wenig, als dieses; es war Sache der Mode, welche allgemach an die Stelle der obersten Autorität trat, in diese Verbrüderung sich aufnehmen zu lassen; ob auch dabei Tausenden und aber Tausenden jede Ahnung ferne blieb, sie möchten, ihrer selbst bewußt, andere als die eigenen Zwecke vergnüglichen Zusammenseyns unter Beseitigung beschränkender Formen, fördern helfen. Daß außer diesen weiter reichende Zwecke vorhanden gewesen seyen, ist, so oft die Frage ernstlicher zur Sprache kam, entweder mit bitterem Ernst in Abrede gestellt, oder mit sardonischem Lachen als bemitleidenswerthe Gespensterfurcht von der Hand gewiesen worden. Jenes hat von Unzähligen in aller Aufrichtigkeit geschehen können, indem sie über die unschuldigen Aeusserlichkeiten und das, was für eine etwelche Gutmüthigkeit lockend seyn mag, hinauszuschreiten niemals in Versuchung kamen. Dieses, ging es von den Wissenden aus, ist natürlich; denn ein Geheimniß fängt dann schon an, seine Natur, vornehmlich aber seine Bedeutung und Wirksamtkeit zu verlieren, sobald man nur weiß, daß es ein solches ist. Auffallend war mir immer die Warnung, welche vor vielen Jahren ein sehr hochgestellter Staatsmann einer der ersten Monarchien an seinen Sohn selbst gegen jenen äussern und unschuldigen Anschluß an die Verbrüderung, mit folgender Erklärung richtete: »Ich war Lehrling und wußte nichts; ich war Geselle und wußte nichts; ich ward Meister und wußte nichts; ich ward Meister vom Stuhl und wußte nichts; da aber erhielt ich Gelegenheit, durch eine[379] Ritze weiter zu blicken, und ich schauderte zurück. Darum rathe ich dir, bleibe ferne.« Der göttingische Professor Feder, eine durchaus ruhige und höchst sittliche Natur, sagt ebenfalls: »Ich würde, wenn ich mit allem, was ich erfahren habe, noch einmal zu leben anfienge, nie wieder in irgend eine Gesellschaft eingehen. Denn gefährlich sind sie allemal für den unparteiischen Beobachter der allgemeinen Menschen- und Bürgerpflichten, leicht auch für die Geradheit des Charakters.« Der positive Christenglaube und dessen Organ und Hort, die Kirche, als der offene, zu Anerkennung und Aufrechthaltung der göttlichen Ordnung über das Erdenrund verbreitete Verein hat zweyerlei Feinde. Man könnte die einen die theoretisch en, die andern die praktischen, oder auch die speculativen und die activen nennen; häufig stehen beide Arten in engem Bund wider dieselbe. Die ersten sind diejenigen, welche die Kirche als starre Verfechterin obsolet gewordener Kindersagen, als hemmendes Blei an den aufwärts strebenden Geistesschwingen gering achten, und ihre Beseitigung als eine Wohlthat für das Menschengeschlecht preisen würden. Die Andern sind diejenigen, welche als Feinde der bisherigen gesellschaftlichen Ordnung, zugleich den Aufbau auf ganz andern Grundlagen ruhender Gesammteinrichtungen anstrebend, dieselbe als das größte Hinderniß ihrer Absichten hassen, und deren Beseitigung, als selbstständiger Institution, nicht bloß gerne sähen, sondern durch alle sich darbietenden Mittel darauf hinzuwirken sich bemühen. Gewiß ist es nicht etwas Zufälliges, daß diejenigen Alle, welche durch mancherlei Verfügungen das Untergraben der Kirche auf geheimem Wege, oder deren Beschränkung durch gewaltthätige Vorkehrungen offen betreiben, gewöhnlich jener geheimen Verbrüderung angehören; gleichwie auch damals, als der Sturm gegen die Gesellschaft ausbrach, diejenigen ihr angehörten, durch welche dieser hauptsächlich veranlaßt wurde. Denn die Gesellschaft war seit ihrem Bestehen einer der mächtigsten Strebepfeiler an der Kirche, eines ihrer kräftigsten Organe in gedoppelter Bedeutung, sowohl durch ihre Stellung und das Vertrauen,[380] welches sie umgab, für die Gegenwart, so wie dann durch den Einfluß ihrer zahlreichen Bildungsanstalten für die Zukunft. Kann es daher befremdlich seyn, daß das vereinte Bemühen allererst gegen diesen Pfeiler und dieses Organ sich richtete, indem die Fortdauer seines Wirkens den Erfolg der wider die Kirche gerichteten Bestrebungen wesentlich hemmte, wenn nicht mehr als zweifelhaft machte? Es gehört auch keine besonders scharfsichtige Beobachtungsgabe dazu, um zu durchschauen, daß gerade in unsern Tagen das Wiedererscheinen der Gesellschaft auf demjenigen Felde, von dem man sie so gedeihlich verdrängt hatte, somit Besorgniß, die Zukunft, deren man sich so fest versichert glaubte, theilweise sich wieder entrissen zu sehen, zum hauptsächlichsten Beweggrund wird, um das wildeste Toben in jeglicher Verkörperung von neuem gegen sie heraufzubeschwören; dabei, weil die Klugheit Solches anräth, anstatt dieses letzten und tiefsten Grundes ganz andere, den Begriffen des grossen Haufens faßlichere Ursachen zurechtzumachen und voranzuschieben. Andere Erscheinungen, die mit diesen Vorgängen ausser jeder Beziehung stehen, sind dennoch geeignet, etwelches Licht selbst auf diese zu werfen. So ist es gewiß höchst merkwürdig, daß im Jahr 1827 der Grundstein zu dem Gebäude jener Universität in London, welche für allgemeine Glaubensfreiheit (d. h. Befreyung von allem Glauben) offen stehen sollte, durch den Herzog von Sussex, als den sichtbaren Obern jener Verbrüderung gelegt wurde. Ferner ist es eine bekannte Sache, daß unter den protestantischen Geistlichen die entschiedensten Rationalisten und Indifferentisten insgemein diesem öffentlich-geheimen Bund angehören; daß die sogenannten »Wahrheitsfreunde« in Norddeutschland (eine unverhehlt zur Feindschaft gegen das Christenthum sich bekennende Secte und gleichgesinnte Vorläufer der nachherigen »Lichtfreunde«) Temipel und Cultus in jenen geschlossenen Winkeln finden; daß endlich in England die Freimaurer nicht nur als Widersacher der Puseyiten auf dem Gebiete der Wissenschaft oder des Glaubens, sondern als deren entschiedene Feinde auftreten, dieweil sie die[381] zerrüttet geglaubte Grundlage des Christenglaubens wieder zu festigen beflissen sind. Oder sollte in all' dem Angeführten bloß ein zufälliges Zusammentreffen müssen erkannt werden? Uebrigens müßte, wie früher berührt worden, das allein schon die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, daß unter den ausser der Kirche Stehenden die bittersten und heftigsten Feinde derselben in allen Ländern und zu aller Zeit zugleich die bittersten und heftigsten Feinde der Jesuiten waren. Das sollte deren organische Verbindung mit der Kirche und deren Bedeutung für die Kirche am genügendsten beweisen. Denn sobald sich der Haß auf eine große, vielgliedrige Verbindung wirst, so richtet derselbe seine Pfeile nicht gegen deren bedeutungslose, sondern gegen ihre edelsten, thatkräftigsten, bemerkbarsten Glieder. Und ebenso waren auch in der Kirche selbst diejenigen, welche ihr nur zum Schein angehörten, oder welche die Autorität derselben zu lähmten und zu untergraben beflissen waren, zu aller Zeit entschiedene Gegner der Gesellschaft. Denn liesse es sich wohl denken, daß ein und derselbe Mensch der Kirche sich widersetzte, dabei aber der Gesellschaft Jesu gewogen wäre? Wie sonderbare Individuen das Menschengeschlecht schon mag hervorgebracht haben, ein solches dürfte wohl schwerlich je zum Vorschein gekommen seyn; wir müßten in ihm die seltsamlichste Anomalie erkennen, die uns irgend begegnen könnte. Clemens XIII, wie sehr man sich's auch angelegen seyn lasse, ihm gegenüber seinen Nachfolger, wenn nicht mit einem Heiligenschein, doch mit der Aufklärungsgloriole zu umziehen, sah hierin gewiß heller und tiefer als dieser. Er durchschaute den innern Zusammenhang des Sturmes wider die Jesuiten mit dem, unmittelbar hinter dem Rücken der Schaaren gegen die Kirche selbst Vorbereiteten; er sah, daß man nicht an das Aussenwerk einzig, sondern an das Hauptwerk selbst wolle.[382] Schon in seinem Breve vom 9. Brachmonat 1762 an den König von Frankreich drückt er dieses offen aus, indem dasselbe mit den Worten anfängt: »Wir bitten Dich, geliebtester Sohn, um Deinen mächtigen Schutz, nicht allein für die Glieder der Gesellschaft Jesu und ihrer Angelegenheiten, sondern für die Religion selbst, indem gegenwärtig beide Sachen auf's engste mit einander verknüpft sind. Denn längst schon haben die Feinde der Einen die Zerstörung der Andern als für ihre Zwecke unerläßlich erachtet.« Dann in einem spätern Breve vom 9. Juli 1768 an die französische Geistlichkeit, als ein Theil dieser Zwecke bereits erreicht war, sagt er: »Was bedarfs weiter? Die Obsorge um die heiligsten Angelegenheiten ist Euch beinahe gänzlich entzogen; man fragt Euch darüber nicht mehr um Rath, oder Ihr wisset selbst nichts mehr darum; und zu grosser Gefahr des Glaubens werden andere Lehrer zum Unterrichte der Zugend bestellt.« In der That, in dem Schwanken des Hofes, die Magistratur jetzt seinen Diensten fügsam zu machen, dann aber, sobald sie minder gelehrig sich erwies, mit allem Pomp königlichen Glanzes und mit aller Barschheit königlichen Willens dieselbe anzuherrschen, hatte ein grosser Theil der französische Legisten Gefallen daran gefunden, auf den Fuß einer beharrlich und planmässig befolgten Opposition, nicht sowohl gegen einzelne Begehren, als vielmehr gegen die Autorität überhaupt sich zu setzen; dieß, weil viele derselben von der Irrlehre des Jansenismus angesteckt waren, zu allererst offen, unverhehlt und am hartnäckigsten gegen die Kirche. Und zwar giengen diese Feinde derselben nicht stufenweise zu Werke, sondern sie begannen sogleich mit dem Ende. Es ist das erste Beispiel eines bisanhin unerhörten Verfahrens wider die Kirche, ihr Ansehen, ihre Oberhäupter und deren bestimmte, durch die ganze katholische Welt anerkannten Aussprüche und Verfügungen, daß von einem weltlichen Collegium, ohne daß dieses förmlich von der katholischen Gemeinschaft sich losgesagt hätte, eine durch päpstliche Acten anerkannte Ordenssatzung, ja daß selbst päpstliche Bullen unumwunden, jene nicht[383] allein für Mißbräuche erklärt, sondern geradezu sammt diesen durch Henkershand verbrannt wurden; daß der wahnwitzige Uebermuth so weit gieng, das Gleiche an dem Hirtenbriefe des eigenen Bischofs zu vollführen und diesen sogar seiner Einkünfte verlustig zu erklären. Alles Empörende, was dreissig Jahre später die Nationalversammlung, die Constituante und der Convent in irgend einer Beziehung gethan haben, ist nur ein Nachzücken desjenigen, was im Jahr 1762 durch das Parlament begonnen wurde, und doch waren jene factisch die obersten Gewalten, was dieses nicht war. Man könnte die Gewaltthätigkeiten des Parlaments füglich eine Fortbildung des Gallicanismus in seiner gehässigsten Form nennen. Das bereits wankende königliche Ansehen vermochte die letzterwähnte Frechheit der Legistenzunft nur mit Mühe zu hemmen. Aber es dauerte nicht lange, bis ihm selbst, in der Unfähigkeit, aufrecht halten zu können, was eine Reihe von Vorfahren in Uebereinstimmung mit der Kirche angeordnet und bisher immer geschirmt hatte, der erste Herzstoß beigebracht wurde. So eröffnete, mittelst der im März 1764 erfolgten Genehmigung des Parlamentsschlusses vom 6. August 1762 über Abschaffung der Gesellschaft in Frankreich, Ludwig XV gleichsam feyerlich die Bahn, auf welcher sein Nachfolger zum Eintrachtsplatze sollte geschleppt werden. Dies nicht darum, weil die Sache die Gesellschaft Jesu betraf, sondern weil der Monarch hiemit einer Autorität, welche diejenige des Thrones zu überragen begann, sich zu Füßen legte. So rasch erstarkte dieselbe, daß sie nicht volle zehn Jahre später der offenen Widersetzlichkeit noch den schnödesten Hohn beifügen konnte. Denn auch in Frankreich ärntete Clemens XIV für seine Willfährigkeit nicht einmal die armselige Genugthuung einer Anerkennung derselben. Das Parlament gestattete nicht, daß sein Aufhebungsbreve bekannt gemacht werde; dergestalt hatte es bereits seinen Stuhl über den des heiligen Petrus hinaufgesetzt. Jene weltliche Corporation wollte demjenigen, der auf diesem saß, so wenig das Recht einräumen, in[384] die Kirche einzuführen, was er ihr für zuträglich, als aus derselben hinwegzunehmen, was er ihr hinderlich erachtete; von dem Parlament nur sollte über Beides der allein gültige, unwiderrufliche Ausspruch ausgehen. Stemmte sich demnach die Feindschaft dieser Legisten bloß gegen die Jesuiten, oder tritt man ihnen bei solchen Schritten der bisher unerhörtesten Anmaßlichkeit zu nahe, wenn man jene blos für den Aushängeschild erklärt, hinter welchen die weit tiefer greifende Feindschaft gegen die Kirche selbst nothdürftig sich verhüllte? In einem Umfange, wie er selbst wohl es zu ahnen nicht wagen mochte, war d'Alembert's jauchzender Zuruf an Voltaire in Erfüllung gegangen: »Hindern wir die jansenistischen Giftstimmen nicht, die Jesuiten aufzufressen; sind erst diese vertilgt, dann wird das Jansenisten-Gesindel von selbst verenden!« ? Oder sollten jene geheimen Winke: Frankreichs Staatsschuld konnte am besten durch Beschlagnahme der reichen Stifte und Abteyen gedeckt, Oesterreich und Preussen am leichtesten ausgesöhnt, jenes für den Verlust von Schlesien durch Säcularisation der geistlichen Fürstenthümer am genügendsten entschädigt werden, mit dem Anschlage gegen die Jesuiten nur zufällig zusammengetroffen seyn? Sollte in Frankreich die sogenannte Reform der Bettelorden und die Aufhebung so mancher Kloster, zumal des weiblichen Geschlechts, als eine vereinzelte Maaßregel müssen angesehen werden? Sollte man wirklich nicht der Hoffnung Raum gegeben haben: seye erst die Vernichtung der bestorganisirten, lebenskräftigsten, auf kirchlichem Gebiete am vielseitigst thätigen Gesellschaft erreicht, dann würden die übrigen entweder von selbst fallen, oder deren Vernichtung unausweichlich folgen, hierauf das Weitere (zumal an unmittelbarer oder durch ihren Wandel mittelbarer Handreichung einzelner Fürsten der Kirche nicht zu zweifeln war) von selbst sich ergeben? Zwar mochte Massillon noch immer im vollen Bewußtseyn seiner hohen Pflicht von der Kanzel zu Ludwig XV sprechen: »Welche Schmach für uns, Sire, wenn wir den Dienst der Wahrheit zum Dienst der Schmeichelei und der Lüge mißbrauchten?[385] Wenn wir von dem Predigerstuhl, aufgerichtet, um die Großen zurechtzuweisen, falsche Lobsprüche spendeten; wenn wir, ferne davon, die Lehrer der Könige zu seyn, zu feilen Sclaven der Eitelkeit und des Glückes uns herabwürdigten.« Aber schon wagten Höflinge hierüber dem König zuzurufen: »Welch' ein frecher Mensch! Die Ehre Ihrer Regierung hat er angegriffen! Darf dieser Priester es wagen, dieselbe zu besudeln?« Denn bereits hatte Helvetius ohne Rückhalt verkündet: »Wenn die Priester im allgemeinen grausam sind, so rührt dieß daher, daß sie einst Opferer, d. h. Schlächter, waren; das Wesen ihres ursprünglichen Standes klebt ihnen immer noch an. Die Kirche ist ein Tiger; aber das Wissen der Philosophen ist ein reines, heiliges Feuer. Ist der Bischof der größte Barbar unter den Menschen, so kommt dieß daher, weil er nie satt wird und keiner Gefahr ausgesetzt ist. Er ist ein Treuloser und eine Memme zugleich.« Noch hatte der junge Abbé von Beauvais den apostolischen Muth, in Gegenwart der Madame du Barry und des gesammten verfaulten Hofes den König an die Pflichten des Fürsten zu gemahnen und das: Tu es ille vir, mit gewaltigem Ernst ihm an das Herz zu legen; im folgenden Jahr aber ihm zuzurufen: »Die Stunde schlägt! Die Stunde des Gerichts naht! Noch vierzig Tage, und Ninive wird zerstört werden!« (Ludwig XV starb wirklich vor Abfluß dieser 40 Tage.) Noch einigte er in der Leichenrede auf den verlebten Monarchen alle Kraft und allen Glanz der Beredtsamkeit zu Schilderung des Jammers seiner letzten Tage, sagte aber mit tiefem Blick in die bereits sich bildenden Zustände: »Mußte man denn, um einige alte Irrthümer zu beseitigen, die Wahrheit selbst antasten? Ja, fortan soll es keinen Aberglauben mehr geben, weil keine Religion mehr; keinen falschen Heroismus, weil keine Ehre mehr; kein Vorurtheil, weil keine Grundsätze mehr; keine Heuchelei, weil keine Tugend mehr. Verwegene Geister, schauet die Verwüstungen, welche euere Systeme anrichten! Erbebet über euern Erfolgen, über eine Revolution[386] noch beklagenswerther als die Ketzereyen, welche die Gestalt einiger unserer Nachbarstaaten umgewandelt haben.« ? Flugs rief der am Grabesrande stehende achtzigjährige Voltaire in das Publicum: »Der Prälat habe in seiner Leichenrede der Wahrheit und der Vernunft Hohn gesprochen, seinen Wohlthäter (Ludwig XV hatte den Abbé zum Bischof von Senlis ernannt) geschmäht.« Ihn selbst aber grinste er an: »Ey, mein Hochwürdiger Herr! Sie wähnen Sich ein neuer Jeremias zu seyn! Wollen auch Sie Ihren König verrathen, wie dieser Jude?« Den Abbé Sabatier nannte er ähnlicher Ursache wegen »einen Elenden.« »Dergleichen arme Seelen«, sagte der Veteran der Gottlosigkeit, »verdienen keine Beachtung. Könnte eine Kröte in den Gärten von Versailles oder St. Cloud den dortigen Meisterwerken der Kunst Abbruch thun an ihrem Werth?« Und wie lange von dieser Zeit her stund es an, bis Jemand in der kurzen Frist von zwei Jahren einen ganzen Band voll der unfläthigsten und blutdürstigsten Carrikaturen gegen die Geistlichkeit sammeln konnte? eine Fluth von Bildern mit Unterschriften, wie: »Der Clerus gesäubert, ausgepeitscht, bettelnd, zusammengehauen, der Vergiftung, des Mordes beklagt, geprügelt, aufgeschlitzt, verfolgt, an die Laternen gehängt, mit Hagelgeschütz niedergeschmettert, Räthe, Kinder, Höflinge des Satans, Bewohner der Hölle.« Welche Rechtfertigung aber geht nicht aus dieser, rasch an das äusserste Ziel vordringenden Entwicklung der Dinge auf Clemens' XIII Bulle Apostolicum über; welches Licht dagegen wirst sie nicht auf die Worte des Aufhebungsbreve's: »es seye kaum oder gar nicht möglich, daß, so lange die Gesellschaft bestehe, der wahre und dauerhafte Friede der Kirche wieder hergestellt werden könne?« ? Sie bestand also nicht mehr die Gesellschaft; welcher Friede aber beglückte fortan die Kirche, in einzelnen Ländern bis auf unsere Tage? Waren denn und sind die Feinde der Gesellschaft die Friedfertigen, liegt besonders ihnen Alles daran, als Solche Kinder Gottes zu heißen? Es war im Jahr 1752, als ein Engländer, eingeweiht in[387] die letzten Absichten des geheimen Bundes, zu Ancona dem P. Raffay, Professor der Philosophie in dem dortigen Collegium, in vertraulichem Augenblicke, weil er Zuneigung zu ihm gefaßt hatte, die Eröffnung machte: »er wäre jung und noch durch kein Gelübde gebunden, darum würde er wohl am zuträglichsten sich berathen, wenn er eine andere Laufbahn in's Auge faßte; denn kaum dürften bis zu Vernichtung der Gesellschaft noch zwanzig Jahre verfliessen.« Als hierüber betroffen der Professor gefragt: wodurch denn dieselbe ein so bitteres Loos möchte verschuldet haben? erhielt er zur Antwort: »Ohne Frage sind manche Glieder Ihrer Genossenschaft hoher Achtung werth; aber der Geist, welcher dieselbe belebt, steht unsern philanthropischen Absichten für die Menschheit im Wege. Ihr lehrt die Christen, im Namen Gottes der Kirche, die Menschen ihren Königen gehorchen, und schlaget sie dadurch in Fesseln. Ihr werdet zuerst springen, dann die Despoten.« Allerdings durchdrangen Religion, christlicher Glaube, christlicher Sinn und christliche Uebung das gesammte Unterrichtswesen der Gesellschaft. Dieselbe hat der Jugend die großen Musterbilder der Alten in That und Form nicht (wie etwa von pietistischer Engherzigkeit könnte in Vorschlag gebracht werden) vorenthalten, aber ihre Lehrer haben der Begeisterung für eine trügerische die veredelte Freiheit, zu welcher nur das Christenthum uns erhebt, sie haben der falschen Tugend, für welche die Heiden sich begeisterten, die wahre, die den Glauben als Vater anerkannt, sie haben ihren irrigen Begriffen von Sittlichkeit die reinen des Christenthums an die Seite gestellt, und mit dem bloß blendenden das erwärmende Licht zu einigen gewußt. Glücklicher und erfolgreicher als sie hat Niemand die schwierigste Aufgabe der Erziehung zu lösen beflissen: über der Entwickelung des Verstandes die Anlagen des Herzens nicht zu verabsäumen, und neben der Bildung des Geistes gleiche Aufmerksamkeit derjenigen des Gemüthes zu schenken. Indem sie ihr Erziehungssystem auf Liebe zu dem Christenthum gründeten und mit dieser Alles durchdrangen, verstunden sie es, wie ein französischer[388] Schriftsteller sagt: »das menschliche Wissen gegen jenen giftigen Hochmuth sicher zu stellen, der dem innersten Wesen der Staaten gefährlicher ist, als alles Dunkel der Unwissenheit.« Sollte es bloßer Zufall gewesen seyn, daß alsbald nach Unterdrückung der Gesellschaft die Baulichkeiten ihres berühmten Noviciatshauses in Paris zur einen Hälfte in einen Freimaurerwinkel, zur andern in ein formlich eingerichtetes Serail von feilen Dirnen verwandelt wurde? Mochte man hierin nicht eher den Ausbruch höhnender Siegestrunkenheit erkennen? Es war dasselbe dämonische Grinsen, welches vierzig Jahre später in Deutschland durch verwandte Geister Aehnliches trieb; z.B. in einer Bischofsstadt das von einem ehemaligen Oberhirten errichtete und ausgestattete Priesterseminar in einen Spital ausschließlich für Syphilitische verwandelte, und einzig durch Zufall zurückgehalten ward mit den Marmorsäulen des Hochaltars einer berühmten Klosterkirche den Eingang zu einem Theater zu zieren. Alsbald der große Wurf geschehen, der mächtige Wehrstein an dem Bau der Kirche gebrochen war, konnten diejenigen, welche der Gründe der Unterdrückung der Gesellschaft Jesu am klarsten sich bewußt waren, die Früchte der gelungenen That, in ruhiger Erwartung des sichern Heranreifens aller übrigen, unmittelbar und augenblicklich auf dem Felde der Erziehung ärnten. Denn daß die Entfernung der Jesuiten von den Lehranstalten hier ein Hauptbeweggrund ihrer Unterdrückung war, dort dieselbe zur erwünschten Folge hatte, sieht man aus dem, was durch die Genossen der geheimen Verbrüderung in allen Ländern geschehen ist, aus dem Triumphgeschrei, welches sie gerade deßwegen am lautesten erhoben haben. In Portugal mußte, um die veranlaßte unermeßliche Lücke auszufüllen, zusammengetrieben werden, was man an unreifen Köpfen, dünkelhaften Halbwissern und windigen Sophisten nur immer aufraffen konnte, und die Universität Coimbra verlor seitdem immer mehr an Ansehen und Bedeutung. Bereitwilligkeit, jeden Rest des Glaubens in[389] ministeriellem Sinne zu verflachen und bald möglichst vollends zu verjagen, ward höher geschätzt als wissenschaftlicher Ernst, bot die zureichendste Bürgschaft für erforderliche Lehrertüchtigkeit. Damit dann solches Bestreben nicht ein vergebliches seye, wurden die Eltern durch willkürliche Strafen gezwungen, ihre Söhne auf diese hohe Schule der Religionsverachtung zu schicken, wo fortan auch für Portugal der Revolutionsgeist groß gezogen wurde. ? In den Rheinlanden wurden die Hochschulen zu Mainz und Bonn gestiftet, um den heranwachsenden Priestern den Febronianismus und Rationalismus ihrer hohen Patrone einzutrichtern. ? Von Wien konnte ein Protestant bezeugen: »an der Brust der Geistlichkeit werde unter dem Nanten Theologie die philosophische Schlange genährt.« ? Maria Theresia lebte noch, und schon konnte der Cardinal Migazzi ihr seine Bekümmerniß über Gegenwart und Zukunft eröffnen, als er ihr sagte: »Die Kirchenzucht in ihren Grundlagen zerwühlen, das ganze Gebäude der Religion zerstören, umgestalten, über den Haufen werfen, das hieße, Hrn. Stöger zu Folge, zwischen alter Lauterkeit und den Mißbräuchen der neuesten Zeit die Mitte halten. Ich erbebe, allergnädigste Frau, wenn ich daran denke, daß man es wagt, unter den Augen Euer Majestät, in Ihrer Hauptstadt selbst, im Schooß der ersten Universität Ihrer Staaten dergleiche freche Behauptungen in Wort und Schrift in Umlauf zu setzen.« ? »Durch die Betriebsamtkeit unserer Brüder,« schrieb einer der Adepten in Bayern, »sind die Jesuiten von allen Professorsstellen entfernt worden. Wir haben die Universität Ingolstadt von ihnen gesäubert.« Sollte etwa das Unbegreiflichste ? allgemeine Unfähigkeit der Jesuiten ? eine solche Maaßregel zum Besten des Landes und der Jugend nothwendig gemacht haben? Lag nicht vielmehr der Grund hievon in der Richtung, welche sie der Erziehung gaben und die von der geheimen Secte für ihre Plane nicht zuträglich erfunden wurde? Gewiß nur dieses, wenn ein anderer jener Adepten schreiben konnte: »Muß uns daran gelegen seyn, die gewöhnlichen Schulen für uns zu haben, so liegt noch weit[390] mehr daran, daß wir uns der geistlichen Seminarien und ihrer Oberen versichern. Mit diesen Leuten gewinnen wir den vornehmsten Theil des Landes; ? dergestalt kommt das ganze Volk in unsere Hände.« Zu Frankreich gieng die Sorge um Herstellung der verödeten Collegien und Unterrichtshäuser auf die Parlamente über, oder mochte von diesen ohne Mühe an sich gerissen werden. Da aber mit einemmal eine unzählige Menge von Stellen zu besetzen waren, konnte es nicht schwer fallen, vorzugsweise solche Leute an dieselben zu bringen, von denen man sich eines Wirkens in demjenigen Geist versichert halten durfte, welcher den so unabsehbar folgereichen Umschwung bereitet hatte. Dieser Geist wurde zugleich den Formen eingeimpft, womit man die neuen Anstalten bekleidete. An die Stelle der ehemaligen monarchischen Einrichtungen trat jetzt eine republikanische; der Director wurde durch ein Directorium ersetzt, Bureau genannt; in das Collegium Ludwigs des Großen wurden 600 Knaben aus dem gemeinen Volke als Freischüler gesetzt, zugleich aber, um sie gegen jede Rüge oder Ahndung über Unbotmäßigkeit sofort sicher zu stellen, das bisanhin unerhörte Vorrecht der Inamovibilität ihnen zugetheilt, ja sogar der Appell comme d'abus von ihren Obern an die Tribunale eingeräumt; woraus in kurzem eine derartige Unfügsamkeit hervorgieng, daß die Schüler Spottschriften gegen ihre Lehrer nicht nur unter sich herumboten, sondern dieselben zum Ergötzen des Publikums sogar drucken ließen. Da begann die Emancipation der Jugend! Dieselbe hat bald genug ihre Früchte getragen; sie trägt und mehrt dieselben noch immerfort. Keine sechs Jahre seit Unterdrückung der Jesuiten waren vergangen, als in Frankreich Stimmen über unbemessen um sich greifenden Unglauben und Gottlosigkeit bereits ertönten. Keine sechs Jahre waren vergangen, als ein General-Anwalt vor dem Parlament zu Paris erklärte: »Nicht ein Winkel mehr seye ihm bekannt, in welchen die philosophische Verpestung nicht eingedrungen wäre. Ueberall würden durch die Gluth[391] der Gottlosigkeit die Seelen versengt, die Herzen dürr; Weiber entschlügen sich ihrer heiligsten Pflichten, um in den Lehren des Unglaubens sich umzusehen. Die Grundpfeiler der Gesellschaft würden zernagt. Eine wahre Sündfluth von Schriften, erzeugt aus Irrreligion und Gesetzverachtung, seye über das Land hereingebrochen, und selbst die Kunst in den Dienst solcher Verderbniß getreten.« Ueberhaupt ist die Richtung, welche seit Unterdrückung des Ordens die Erziehung der Jugend, in Frankreich zuerst, mehr oder minder aber auch in andern Ländern genommen hat, und der Geist, welcher derselben sich bemächtigte, zu merkwürdig, als daß diese bedenkliche Erscheinung nicht zu ernsten Betrachtungen Anlaß gäbe. Wer vorzüglich erhob sich, um, wenn immer es zu erreichen gewesen wäre, Robespierre's wankende Macht zu stützen, als die akademische Jugend von Paris? Wer erscheint bei tumultuarischen Auftritten immerdar in erster Reihe, als eben diese Jugend? Wer tritt bei sogenannten Emeuten wilder und trotziger auf den Kampfplatz, stürmt in diabolischem Rasen wider das, was Tausenden ehrwürdig und heilig ist, kecker voran, als die akademische Jugend von Paris? Wer nöthigt wildstörrigen Sinnes wegen die Behörden häufiger zu Zurechtweisungen und nicht selten zu den strengsten Maaßregeln, als eben wieder diese Jugend? Und der Name der Straße Vanneau bleibt, so lange er dauern wird, ein unvertilgbares Denkmal, daß die jetzige Erziehung Alles eher zu erreichen, als ihre höchste, vornehmste und edelste Aufgabe zu lösen wisse. Zu eben der Zeit, als die dem Christenthum feindseligen Lehren ihre ungestörte Verbreitung fanden, und Choiseul der Sorbonne eine Beleuchtung derselben und ihrer Folgen förmlich verbot, schon im Jahr 1770, erklärte der General-Anwalt Seguier offen: »Der Gottlosigkeit genügt es nicht, sich die Geister unterthänig zu machen; sie will jeden Gedanken an Gott aus unsern Herzen herausreissen. Ihr ruheloser, waghalsiger, jederlei Abhängigkeit feindseliger Geist geht zugleich darauf aus, alle bürgerlichen Einrichtungen umzustürzen. Dann erst wird sie am[392] Ziele ihrer Wünsche sich glauben, wenn sie die vollziehende sammt der gesetzgebenden Gewalt in die Hände der Menge gebracht, wenn sie alle nothwendige Ungleichheit der Stände und Verhältnisse vernichtet, wenn sie die Majestät der Könige herabwürdigt, deren Ansehen zweifelhaft gemacht und den Launen der blinden Menge untergeordnet, ja die ganze Welt in Anarchie und in alles, von derselben unzertrennliche Unheil gestürzt haben wird. Alsdann werden in dem allgemeinen Gewirre wahrscheinlich diese angeblichen Philosophen, diese unabhängigen Geister, um über den gemeinen Haufen sich emporzuschwingen, auftreten und den Völkern vorreden, daß diejenigen, welche sie aufzuklären verstanden hätten, auch allein fähig wären, sie zu leiten. In dem Charakter, in der Regsamkeit, in der Neuerungssucht unseres Volkes wird die schrankenlose Freiheit weitere Mittel finden, um die furchtbarste aller Revolutionen zu bereiten.« ???? Wirklich ist auch, nachdem diese in scheußlicherer Gestalt wüthete, als je sich hätte ahnen lassen, bisweilen die Frage aufgeworfen worden: ob wohl dieselbe ohne die vorangegangene Unterdrückung der Gesellschaft Jesu dennoch eingetreten wäre? Es hat nie an Solchen gefehlt, welche meinten, dieser eine unmittelbar hemmende Kraft zuschreiben zu dürfen. Sie halten dafür, durch ihre Verbindungen, durch ihren Einfluß, durch ihr Wirken auf Kanzeln und im Beichtstuhl, durch ihre Stellung zu einer großen Anzahl von Individualitäten hätte es der Gesellschaft möglich werden können, nützliche Entdeckungen zu machen, zu rechter Zeit beherzigenswerthe Winke zu ertheilen, Warnungen ergehen zu lassen, Einzelne von dem Irrwege zurückzuziehen. Hieran zweifle ich; einmal in den Lauf gesetzt, hätte auch die Gesellschaft Jesu gegen die wogende Fluth keinen haltbaren Damm bilden können. Uebrigens ist es ein undankbares[393] und nutzloses Bemühen, durch Wenn und Aber das Bett ausmarken zu wollen, in welchem der Strom der Zeiten sich würde hinabgewälzt haben, dafern diese Wenn und Aber aus dem Gebiete der Träumereyen in dasjenige der bestimmten Thatsachen würden hinübergetreten seyn. Indeß ist doch eine Thatsache vorhanden, welche zu Erörterung jener Frage festen Boden darbietet und eine Entscheidung derselben in dem Sinne wenigstens zulassen dürfte: daß die Unterdrückung der Gesellschaft Jesu der nachmaligen Gestaltung der Revolution in ihren empörendsten und gräßlichsten Erscheinungen wesentlichen Vorschub wenigstens mittelbar geleistet habe. Diese Thatsache ist keine andere, als die bereits erwähnte Entfernung der Gesellschaft von aller Erziehung. Damit ward der größte Theil von Frankreichs Jugend dem Einfluß derjenigen ausgeliefert, die zwar schwerlich eine Revolution in so weitem Umfang wollten, wie sie ihn zuletzt gewonnen hat, die aber doch auf eine gänzliche Umgestaltung aller bisherigen Grundlagen und alles dessen, was auf dieselben gebaut war, hinarbeiteten. Frankreichs Zukunft wurde immer mehr abgetrennt von Gott, von der Kirche, von dem Königthum, von den nationalen Einrichtungen, von seiner Geschichte, seinen Gewohnheiten, seinen bewegenden Gedanken. Andere Bahnen wurden gezeigt, andere Formen eingewöhnt, andere Principien als allein richtige, zusagende und Gedeihen verbürgende angepriesen. Es kann nicht widersprochen werden, daß weitaus der größte Theil der durch die Entfernung der Gesellschaft erledigten Lehrstellen den Gegnern derselben, wenn nun nicht gerade ihrer Personen, doch gewiß ihrer Grundsätze, ihrer Bestrebungen und ihrer Erziehungspraxis übergeben, durch diese der Jugend diejenigen Lehren als die untrüglichen eingepflanzt wurden, welche die Jesuiten ferne von ihr halten zu müssen geglaubt hatten. Man darf nur auf den größten Theil der hauptsächlichsten Theilnehmer und Gewaltiger der Revolution einen Blick werfen, und man wird sich überzeugen, daß ihre Jugend in die Zeit müsse gefallen seyn, in welcher die Gesellschaft bereits von allen[394] Unterrichtsanstalten entfernt war; daß denselben mithin andere Grundsätze, andere Ueberzeugungen mußten beigebracht, eine andere Richtung gegeben worden seyn. Es bietet zu Würdigung der Folgen, die aus jener Unterdrückung erwachsen sind, einen höchst merkwürdigen Haltpunct, wenn man überschaut, wie viele, nicht bloß Anhänger, sondern wirkliche Scheusale der Revolution einzig aus dem den Jesuiten entrissenen Collegium Ludwigs des Grossen hervorgegangen sind. Wollte man weiter nachforschen, so würde man zuverlässig bei andern Anstalten auf ein bestätigendes Resultat geführt werden. Aus jenem Collegium ist hervorgegangen der Minister Lebrün, welcher das Todesurtheil gegen Ludwig XVI besiegelte, ihm es ankündigte, der Vollziehung beiwohnte und der Versammlung Bericht darüber erstattete; ferner Robespierre zusammt seinen Henkersknechten Sijas und Pilot, von denen der Eine »die Arbeiten der Guillotine« in Paris zu beaufsichtigen hatte, der Andere an Robespierre schrieb: daß der Anblick, wie die Lyoner zu Hunderten hingemetzelt würden, seine Gesundheit herstelle. Aus ihm gingen hervor Camille Desmoulin und Chenier, die Posaunen der Revolution; dasselbe lieferte im weitern die Blutmenschen Freron, Noel und Tallien; es hatte jenen Audrein groß gezogen, der zum Dank, weil er aus den Papieren des Königs Anklagen auf ein Todesurtheil herausgefunden und für dieses gestimmt hatte, durch seine Spießgesellen dem Bisthum Quimper aufgezwungen wurde; gleich ihm war dessen Zögling ein gewisser Poiron, der aus gleich unsaubern Händen das Bisthum Arras, Dumouchel, der das Bisthum Nimes, Desbois, der das Bisthum Amiens annahm. Gewiß waren diese Genannten nicht die einzigen Zöglinge des Collegiums, die auf der Bahn der Revolution ihren Lauf nahmen, viele Andere mögen die dort eingesogenen Lehren, vielleicht nur in minder auffallender Weise in das Leben hinübergetragen haben. Meint man aber, wenn das Collegium unter der Leitung der Jesuiten geblieben wäre, es würden dennoch solche Ungeheuer, solche Blutmenschen, solche pflichtwidrige Priester daraus hervorgegangen seyn? es[395] würden bei fortdauerndem Einfluß der Jesuiten auf die Erziehung die antisocialen und antireligiösen Ideen binnen eines Vierteljahrhunderts ebensosehr die ganze Generation durchdrungen haben und kraft der ungemessenen Herrschaft, die sie über die Einzelnen gewannen, mit eben solcher, Alles niederwerfenden Gewalt über Kirche, Monarchie und die gesammte Gesellschaft hergefahren sey? Jene angeführten, aus einer einzigen Bildungsanstalt hervorgegangenen Personalitäten sind doch für Annahme eines Zusammenhanges der Aufhebung des Jesuitenordens mit dem ungehemmtern Voranschreiten der zerstörenden Lehren ein schwer zu entkräftender Beweis, und es müßte ein ziemliches Maaß von Schwergläubigkeit erfordern, um haltbare Einwendungen gegen die Schlußfolgerung zu erheben: hätte man die Jesuiten nicht von der Erziehung verdrängt, so würden hundert und hundert junge Leute, statt daß sie nachher in der besten Manneskraft der Revolution huldigten und entweder dieselbe weiter trieben, oder von ihr sich ziehen liessen, eine ganz andere Richtung genommen haben; Mancher, der von der Religion sich lossagte, vielleicht sogar zu ihrer Vertilgung mitzuwirken sich vermaß, hätte sie lieben gelernt; Mancher, der in Unsittlichkeit und Rohheit aufgieng, hätte beide gemieden; Manchem, der eine zügellose Frechheit zum höchsten Gut stempelte, wäre Liebe und Gehorsam gegen die bürgerliche Ordnung eingeflößt worden; Mancher hätte gegen die Anwandlungen zur Empörung ein Gegengewicht in sich getragen; und vielleicht wäre mehr als ein Scheusal durch einen bessern Einfluß auf seine Jugendjahre zum achtungswürdigen Gliede des Menschengeschlechts herangewachsen. Ich will zwar keineswegs behaupten, daß diejenigen Alle, welche die den Jesuiten entrissenen Lehrstühle einnahmen, es geradezu darauf angelegt hätten, die Jugend für die Revolution zu erziehen; aber konnten nicht Unfähigkeit, Leichtsinn, Gleichgültigkeit da, wo zuvor Ernst, Erfahrung und die volle Einsicht in die Grösse der Aufgabe gewaltet, ebenso grossen Schaden stiften?[396] Eine andere, negative Förderung, welche der Revolution gleichfalls aus der Unterdrückung der Jesuiten erwachsen ist, läßt sich ebensowenig übersehen; auch ist dieselbe nicht minder bedeutend. Ein Beispiel nemlich der Gewaltthat, der Rechtszertretung, der Beraubung, der massenweisen Beurtheilung unter etwelchen legalen Formen war gegeben; es war gegeben auf eine überraschende Weise; gegeben von daher, von wo es einen Einfluß auf die Gesinnungen unfehlbar üben müßte; gegeben gegen eine zahlreiche Menge von Individuen, die bisanhin in der öffentlichen Meinung hoch gestanden hatten. Ob über dasselbe damals gejauchzt, ob darüber wehgeklagt wurde, das kömmt nicht in Betracht; auch Jenen, die jauchzten, konnte es nicht entgehen, daß ein Gewaltsstreich durchgeführt worden, daß man um des Zweckes willen über die Mittel hinweggeschritten seye. Je auffallender, je tiefer greifend, mit je grösserer Autorität umzogen ein Beispiel des Unrechts ist, desto weiter und tiefer erstreckt sich seine Wirkung über und in die Gesellschaft; desto gewaltiger erschüttert es den Glauben an die Unantastbarkeit des Rechts; desto sicherer stumpft es bei Vielen das sittliche Gefühl ab; desto mehr zerrinnt die Achtung vor der Heiligkeit des Gesetzes und dem höhern Ansehen; desto unwiderstehlicher lockt es, in engerem Bereiche nachzuahmen, was in weiterem mit so viel Glück und unter so lautem Beifall gelungen ist. Welcher Einfluß dem ganzen Verfahren wider eine so hochgestellte, so sehr geachtete, so vielfach wirkende Gesellschaft in Lockerung aller Grundsätze und Zerstörung der Scheu vor Gewaltthat auf die Förderung der Revolution müsse zugeschrieben werden, das gehört zu den undurchdringlichen und unerforschlichen Geheimnissen, die aller menschlichen Berechnung sich entziehen; einen solchen Einfluß überhaupt aber bezweiflen, wegläugnen zu wollen, das hiesse den Zusammenhang der Dinge in Abrede stellen, dürfte zu den gewagtesten Behauptungen gezählt werden. Es tritt hier, nur in umgekehrter Anwendung, der gleiche Fall ein, wie mit Staatseinrichtungen, die durch unlautere Mittel zum Bestehen gelangt[397] sind, oder wie mit Regierungen, die Unrecht auf Unrecht häufen; dieselben müssen, durch natürliches Fortwirken des Vorangegangenen, in Anwendung der Justiz lahm werden und über manche furchtbare Verirrungen leichter hinweggehen; nicht immer, weil sie dieß wollen, sondern weil eine unsichtbare Macht ihren Arm zurückhält, eine erforderliche Bewegung nicht mehr in ihrer Gewalt steht. ? Lally-Tollendal sah gewiß richtig, wenn er bemerkt: »daß die ungerechte Aufhebung der Gesellschaft Jesu den Zerfall der Ordnung nach sich geführt habe, als unvermeidliche Folge eines grossen Unrechts. Der öffentlichen Erziehung aber seye dadurch eine bis auf jenen Tag unheilbare Wunde geschlagen worden. Nur zu gut habe der Parlaments-Präsident Seguier, obwohl durch seine Collegen überwältigt, als ehemaliger Zögling der Jesuiten gewußt, wie ungerechter Weise sie seyem verschrieen worden.« ?? Das Oberhaupt der Kirche hatte gesprochen; ob frei, ob gezwungen, das durfte, seiner eigenen Erklärung gemäß, nicht untersucht, es mußte einfach befolgt werden, was dasselbe verordnete. Mehrere Fürsten, wie der König von Sardinien, einige geistliche Fürsten Deutschlands, fügten sich mit schwerem Herzen. Darauf bildete Florida-Blanca's trotziger Ungestüm ein überwiegendes Gegengewicht gegen Pius' VI Neigungen. Eine Gesellschaft, die den katholischen Glauben wider die tiefstgehenden Angriffe mit Gewandtheit und Erfolg stets verfochten; die denselben mit Beharrlichkeit und heroischer Selbstaufopferung über Länder verbreitet, in denen er zuvor nicht bekannt gewesen; die bei zwei Jahrhunderten als die festeste Stütze des apostolischen Stuhls und als Säule der Kirche sich erwiesen; die als Gewissensräthe der Fürsten auf alle Weltereignisse eingewirkt; die heranwachsende Jugend bald aller Stände gebildet,[398] und das Vertrauen aller Rangordnungen der Gesellschaft besessen; die alle Gebiete der Wissenschaften mit glänzenden Erfolgen angebaut hatte; diese Gesellschaft war mit einem einzigen Federzuge aus der Reihe der bedeutungsreichsten Institutionen der Christenheit verschwunden, schien durch einen Blitzstrahl darniedergeschmtettert, ohne die leiseste Möglichkeit, je wieder erstehen zu können. Gegen alles Erwarten, alle Berechnungen einer übermüthigen Staatsweisheit zu Schanden machend, und trotz alles Hohnlachens des siegestrunkenen Hasses fand sie ihr Pathmos in Gebieten, auf denen von dem Oberhaupt der Kirche nichts weiter anerkannt wurde, als dessen leibliche Existenz, unter Monarchen, von denen man über jenen Vernichtungsact den größten Jubel, zu bereitwilligem Mitwirken das geneigteste Entgegenkommen hätte erwarten dürfen. Aber gerade bei diesen Monarchen ? wäre es auch nur der Geist des Widerspruchs gewesen, der dazu ermahnt hätte, wäre es bloß deßwegen geschehen, um wieder in einer andern Art von Uebermuth zu bewähren, daß vor ihnen die Erlasse des Oberhauptes der Kirche nicht mehr als ein innhalts loser Schall seyen ? fand die Gesellschaft, in dem Lande des Einen vorübergehend, in dem des Andern länger, Anerkennung, Schutz, Sicherheit. Die Bestrebungen des protestantischen Königs Friedrich von Preussen, des Gönners der französischen Philosophen, Schöngeister und Encyklopädisten, die in seine Staaten aufgenommenen Väter der Gesellschaft Jesu durch das Oberhaupt der Kirche anerkennen zu lassen, und die Vorwürfe der Achselträgerei, welche dieses für vermuthete Geneigtheit hiezu von den Gesandten der katholischen Höfe hinzunehmen hatte, sind zu den merkwürdigsten Erscheinungen in der Zeitgeschichte zu zählen. Friedrich schrieb seinem Geschäftsträger in Rom: er mochte nur dem Cardinal-Staatssecretär erklären, daß er fest entschlossen seye, in seinem Lande die Gesellschaft zu erhalten, da er noch nirgends bessere Priester gefunden habe, als die Jesuiten wären. Sein geheimer Agent, Abbé Ciofani, versicherte ihn nachher, Pius VI hätte sich gegen ihn[399] geäussert: »die Entscheidung seines Vorgängers zurückzunehmen, wäre ihm bei dem Widerspruch der kathol. Höfe unmöglich; dagegen gebe er das feyerliche Versprechen, daß er die Gesellschaft, welche sich in Preussen bilden würde, niemals für regelwidrig erklären wolle.« Den Jesuiten selbst sagte der König im Jahr 1775: »Ich werde euch schützen; weder der Papst, noch sonst Jemand hat mir das Mindeste zu befehlen.« ? »Ich habe,« schrieb er einst, »anderthalb Millionen katholische Unterthanen. Es liegt mir daran, daß sie verständig und der Religion ihrer Väter gemäß erzogen werden. Hinsichtlich des Talents zum Erziehen haben die Jesuiten das Probestück abgelegt; einzig im Beisammenleben sind sie dieser grossen Aufgabe gewachsen. In solcher Art sollen sie bei mir leben, vorbehaltlich der kirchlichen Gesetze, welche der Papst ihnen vorzuschreiben für gut finden wird.« Selbst die Rechtfertigung, in die er seinen philosophischen Freunden gegenüber sich einlassen zu müssen glaubte, wird, wenn nicht zur Schutzrede, doch zum Zeugniß für die Verfolgten. »Wohl oder übel,« schrieb er Jenen, »obgleich ich Ketzer, ja sogar Ungläubiger bin, ich mußte den Orden erhalten. Man trifft in unsern Gegenden keine wissenschaftlich gebildeten Katholiken, ausser den Jesuiten. Ich hätte gar Niemand gefunden, der nur Schule zu halten im Stande gewesen wäre. So blieb mir keine Wahl übrig, als entweder die Jesuiten bestehen, oder die Schulen zu Grunde gehen zu lassen.« So wirkten sie unter dem Namen »Priester des königlichen Schulinstituts« fort, bis sein Verfolger die Universitäten Halle und Frankfurt mit der wohlfeilen Schenkung ihrer Güter bedachte. ? Wer aber sollte es glauben? selbst das Ordensgewand, welches diejenigen in Preussisch-Polen nicht ablegten, setzte die bourbonischen Höfe in Furcht, ihre Diplomatie in Bewegung, den Papst mittelst dieser in Schrecken. L'habit ne fait pas le moine, wußten die Jesuiten wohl, sie legten das Ordensgewand ab. Viele Väter der Gesellschaft hatten sich in die Häuser ihres Ordens in Weißrußland geflüchtet. Als das Breve Clemens XIV erschien, wollte Stanislaus Czerniewicz, Rector des Collegiums[400] zu Polozk, der päpstlichen Verfügung Gehorsam leisten. Die Kaiserin aber, welche bei Besitznahme dieses Theils von Polen Beibehaltung seines Religionszustandes verheissen, verbot es ihm. Auch sie war, gleich ihrem Nachbarn und Zeitgenossen, überzeugt, daß ihre katholischen Unterthanen keine bessere Priester und Erzieher finden könnten als die Jesuiten. Dieselben hatten sich ausserdem durch Verwendung bei den Türken für gefangene Russen Ansprüche auf das Wohlwollen der Czarin erworben. Eben als das Unterdrückungsbreve erschienen war, oder allernächstens erscheinen sollte, sollte es der Nuntius in Polen versuchen, dieselbe gegen den Orden zu stimmen. Der Botschafter des Papsts mußte sich aber die Demüthigung gefallen lassen, von der schismatischen Selbstherrscherin die Erklärung hinzunehmen: »Sie könne nicht begreifen, weßwegen man einen Orden aufheben wolle, welcher mehr als irgend ein anderer seine Kräfte der Erziehung der Jugend, sich selbst aber dem wahren Wohl der Volker widme.« Alle weitern Bemühungen scheiterten an ihrer Festigkeit, welche von ihr selbst in das Licht der Gerechtigkeit gestellt wurde. Die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten von Weißrußland war mit besondern Vollmachten dem Bischof von Mallo, der zu Mohilew seinen Sitz hatte, übertragen. Dieser, der Gesellschaft günstig, erlaubte ihnen die Aufnahme von Novizen, und die Kaiserin verwendete sich hierauf bei dem neugewählten Papst um Herstellung der Gesellschaft. »Die Gerechtigkeit,« schrieb sie ihm, »die Forderung der Vernunft, endlich meine feste Ueberzeugung von der Nützlichkeit der Jesuiten in meinen Staaten bestimmen mich, dieselben zu beschützen.« Unbedingt entsprechen konnte Pius VI nicht; er durfte nicht weiter gehen, als vorerst über ihr Fortbestehen und über die Aufnahme von Novizen in den russischen Staaten hinwegsehen. Bald darauf erkrankte der Papst so schwer, daß man an seinem Aufkommen zweifelte. Kaum auf dem Wege der Besserung, bestürmten ihn die Gesandten der bourbonischen Höfe aufs neue gegen diese Ungebührlichkeit in einem andern Winkel der Erde. Man sieht hieraus deutlich genug, daß immer noch Zorneseifer[401] und Wuth den Mangel an Rechtsgründen gegen den Orden ersetzen mußten. Denn sonst müßte es das Uebermaaß des Lächerlichen genannt werden, wenn hundert Religiosen in Weißrußland Spanien Ursache zu Befürchtungen hätten geben sollen. Aber nicht bloß in Rom, in Petersburg selbst suchte der König von Spanien, oder vielmehr dessen Minister und Rathgeber, die Verhaßten zu verfolgen, zu ächten, zu verderben. Von der Kaiserstadt aus sollte der Bischof von Mallo gezwungen werden, seine vom Papste erhaltenen Vollmachten herauszugeben. Catharina ließ jedoch dem spanischen Botschafter einfach erwieder: »Sein Herr möge Gründe gehabt haben, die Jesuiten aus seinen Staaten zu verbannen; sie habe die ihrigen, dieselben in ihrem Reich zu erhalten.« Da diese Zumuthungen nicht an das Ziel führen wollten, wurde der König von Polen aufgeboten, daß auch er mithelfe, die Kaiserin zu bearbeiten. »Es braucht hier keine Vermittlung,« schrieb sie ihm, »ich bin Herrin in meinem Haus.« Auch das genügte noch nicht. Auf einen abermaligen Versuch folgte die bestimmte Erklärung der Kaiserin: »Ich habe die Verfügung des Bischofs von Mohilew gutgeheißen; will der Papst Ernst gegen ihn anwenden, so werde ich ihn zu schützen wissen. Lieber ein Schisma, als Vertreibung der Jesuiten aus Weißrußland.« Selbst jetzt noch wollten die bourbonischen katholischen Höfe nicht ruhen. Sie trieben den Papst an, er müsse verlangen, daß das Unterdrückungsbreve gegen die Jesuiten auch in Rußland verkündigt werde. Der Papst konnte abermals nicht ausweichen. Die Kaiserin hingegen antwortete: »So lang ich lebe, lasse ich nie eine Bulle in meinen Staaten veröffentlichen.« Der nicht ruhende Ungestüm der katholischen Höfe veranlaßte unangenehme Conflicte zwischen dem Oberhaupt der Kirche und der Kaiserin, unter welchen sie den Jesuiten Vollmacht ertheilte, sich einen Vicar des Generals mit allen Privilegien, deren die Gesellschaft sonst genossen, als Obern zu setzen. Sodann dauerten die Collegien zu Mohilew und Polozk fort, es wurden Novizen aufgenommen[402] und die vornehmsten Herren von Lithauen durch die Väter erzogen. Obwohl nun auf kleine Anzahl zurückgeführt und auf engen Raum beschränkt, war die Gesellschaft doch noch thatsächlich, für Rußland aber rechtlich vorhanden. Ein Keim derselben war gerettet; bald durfte er hervortreten aus der Verborgenheit an das Licht, indem später, als der Sturm sich zu legen begann, die Verfügungen der Kaiserin von dem Oberhaupt der Kirche genehmigt wurden. Zwölf Jahre, nachdem das Unterdrückungsbreve die kathol Christenheit in Bestürzung gesetzt hatte, zählte die Gesellschaft in Rußland 178 Mitglieder aus verschiedenen Ländern. Paul I, dem man neben manchen bizarren Eigenthümlichkeiten einen hellen Blick in den Ursprung, das Wesen und die Förderungsmittel der Revolution und einen entschiedenen Widerwillen gegen dieselbe nicht absprechen kann, erzeigte sich dem Orden besonders gewogen, und kam hierin mit seinen Gesinnungen denjenigen des neuen Oberhauptes der Kirche entgegen. Dieses fand daher in dem Beherrscher Rußlands keinen Widerspruch, als es am 7. März 1801 die Gesellschaft im russischen Reich förmlich herstellte, den Vorschriften des Stifters gänzlich sich zu unterwerfen, Seminarien und Collegien anzulegen, der Erziehung wie der Seelsorge sich zu widmen gestattete, den Priester Franz Carun zum General ernannte, und dieselbe in seinen besondern Schutz nahm. Inzwischen war die Aussaat, welche die Männer des Hasses in den Ländern der bourbonischen Höfe so fleißig ausgestreut hatten, bald genug freudig und üppig in die Halme geschossen. Dieselben Mittel, deren Anwendung gegen die Jesuiten die hohen Herren so dienstwillig zugegeben hatten, wurden nun in verstärktem Maaße gegen sie selbst in Bewegung gesetzt. Die Feinde der Jesuiten und der Kirche hatten den Fürsten vorgespiegelt, sie dürften um so größer und weiser sich dünken, je barscher sie die Rechte der letztern und ihres Oberhauptes Stück für Stück prüfen, anzweifeln, bei Seite setzen ließen. Waren[403] aber die ihrigen fester begründet, geheiligter, wohlthätiger? Durften sie sich beklagen, wenn zu der verkündeten Lehre bald eifrigere, regsamere Mitschüler sich einfanden, als sie, die zuerst auf den Bänken sich niedergelassen? Unter dem wilden Orkan dann, der so lange über Europa brauste und, was noch so fest gewurzelt schien, an die Erde zu strecken drohte, hatte man allerseits ganz anderer Dinge zu gedenken, als einer in stiller Verborgenheit machtlos ihr Daseyn fristenden Gesellschaft, die noch zudem für Anerkennung in jener Landschaft, die ihr als Zufluchtsstätte gedient, eine Urkunde des Oberhauptes der Kirche vorweisen konnte. Man kann wohl sagen, die ausgebrochene Revolution habe der Gesellschaft Jesu zum Schirm gedient. Denn wer weiß, ob ohne dieselbe die bourbonischen Höfe ihren Sturm in St. Petersburg nicht fortgesetzt, am Ende die Kaiserin nicht doch zur Willfährigkeit gestimmt hätten? Die Revolution hatte jedenfalls bei Allen, welche entweder deren Beute werden sollten, oder ihren zerstörenden Lehren keine Macht auf sich einräumen wollten, die Begriffe über die Gesellschaft wesentlich geläutert und umgestaltet. Nach so langen und schweren Erfahrungen konnte es einzelnen Fürsten nicht entgehen, daß sie durch leichtfertiges Handbieten zu deren Unterdrückung sich selbst einer der tüchtigsten Stützen beraubt, der Nachkommenschaft die sicher leitende Magnetnadel entrissen, hiemit an Untergrabung ihres eigenen Ansehens gearbeitet hätten. Kaum das Sturmeswehen der Revolution vertobt zu haben schien, stellte der König von Neapel dem Papst vor: »In diesen unglücklichen Zeiten seye als besonders rathsam zu errachten, sich der Priester der Gesellschaft Jesu zu bedienen, um die Jugend in christlicher Frommigkeit und Gottesfurcht wieder zu unterweisen.« Am 30. Juli 1801 dehnte Pius VII seine Verfügung Betreffs der Jesuiten im russischen Reich auch auf die Staaten des Königs beider Sicilien aus. Wohl war es, wenn wir den Zustand der Religion nach den zwanzigjährigen Wettern, die über die schönsten Länder[404] unseres Erdtheils dahergetoset sind, in's Auge fassen, ein Jahrzehend später würdige »Sorge um Alle,« welche das Oberhaupt der Kirche bewog, einundvierzig Jahre, nachdem jener Schlag durch die Hofe ertrotzt worden, die Gesellschaft wieder zu ihrem ehevorigen Zweck und nach ihrem ehevorigen Wesen in die gesammte Kirche zurückzuführen; zu dem Zweck vorzüglich, »sich der Erziehung der katholischen Jugend zu widmen, dieselbe im Glauben zu unterrichten und zur Tugend zu bilden, wie auch Seminarien und Collegien zu leiten.« Fortan bedurfte es keines protestantischen und keines schismatischen Fürsten mehr, um, in leidenschaftsloser Würdigung der Gesellschaft, vielleicht auch aus Widerstreben gegen das Haupt der Kirche, ihr eine Zufluchtsstätte zu bereiten. Jerusalems Pforten hatten dem Flüchtling nach Aegypten mit voller Sicherheit zur Rückkehr wieder sich geöffnet, und wie, wenn der Bau vollendet ist, das Gerüste mag abgetragen werden, so verwandelte sich nicht volle siebenzehn Monate später, nachdem Pius VII seinen Ausspruch gethan, das so lange Jahre hindurch gastliche Land in ein feindliches. Am 7. August 1814 erschien die Bulle Sollicitudo omnium, am 20. Dec. 1815 die kaiserliche Ukase, welche die Jesuiten einsweilen aus St. Petersburg und Moskau, fünf Jahre später aus dem ganzen Reiche verbannte. Es ist auffallend, wie, kaum jene Bulle die Anerkennung der Gesellschaft über die gesammte Kirche ausdehnte, die Feinde beider für das Breve Clemens XIV jene Infallibilität in Anspruch zu nehmen suchten, welche sie sonst dem Oberhaupt der Kirche, wenn dasselbe auch über die tiefgreifendsten Fragen ex cathedra spricht, entweder gar nicht zuerkennen, oder selbst in Spott zu verkehren beflissen sind, und hierin, so zu sagen, katholischer seyn wollten, als der Papst selbst. Die Frage: ob so viele genehmigende, begünstigende, anpreisende Stimmen von sechsundzwanzig[405] Oberhäuptern der Kirche, von Pauls III Bulle Regimini militantis Ecclesiæ, bis zu derjenigen Clemens XIII Apostolicum, nicht allermindestens eben so großen Gewichts seyen, als diejenige eines bestürmten, bedrohten, in mannigfaltige Unfreiheit verstrickten Papstes, ? diese Frage kam' nicht einmal in Betracht; die Uebereinstimmung einer Reihe von dreissig Nachfolgern, von Paul III bis auf Pius VII, sollte jener einzigen Ausnahme gegenüber ohne alles Gewicht seyn; die Summe der bauenden, erhaltenden, rechtfertigenden Zeugnisse sollte vor dem einzigen niederwerfenden, zerstörenden in unwiderrufliche Nullität sich zurückziehen! Wie in dem Gejauchze über die endlich erstürmte Unterdrückung der Verhaßten vergessen ward, daß bei einem ähnlichen Verfahren gegen die Tempelherrn alle Rechtsformen wenigstens äusserlich beobachtet worden; wie die notorielle Verdorbenheit der Humiliaten, die vorangegangenen wiederholten Mahnungen an sie und selbst ihr Mordanschlag auf den heiligen Carl der Erinnerung entfallen war, so wurde über dem Ingrimm, die zweifellos unwiederbringlicher Vernichtung Anheimgefallenen so unerwartet wieder erstehen zu sehen, mit der Geschichte noch weiter reine Tafel gemacht, und über die, in ähnlichem Falle mehr als einmal vorgekommene Berufung von dem übel an das besser unterrichtete Oberhaupt der Kirche hinweggeschritten, als wäre dergleichen aus keiner Zeit vorzuweisen. Man wußte nicht, daß Clemens VIII zwar wohl die »guten Brüder« des heil. Johannes von Deo abgeschafft, nachdem aber der Advocat Angelus Androsilla und der Bruder Johann von Carthagena ihre Rechtfertigung mit einleuchtenden Gründen durchgeführt, Clemens IX sie in den vorigen Stand zurückgestellt hatte, in welchem sie zur Erleichterung ihrer leidenden Mitmenschen an mehr als einem Orte noch jetzt segensreich wirken. Es blieb ein unberücksichtigter Vorgang, daß »die Armen von der Mutter Gottes der frommen Schulen« (die Piaristen), mancher wider sie erhobenen Anschuldigungen wegen, durch Innocenz X als Orden aufgelöst, sodann aber durch Paul V wieder[406] eingesetzt wurden, dieweil Mehrere, besonders aber der Capuciner, Bruder Valerianus de Magnis, Theologe König Ladislaus IV von Polen, die Grundlosigkeit der ihnen zur Last gelegten Anschuldigungen lichtvoll dargethan hatte. Der Groll und der Zeter, welche ausbrachen, sobald das freye Oberhaupt der Kirche, bewogen durch die Erfahrung, durch die Vorstellungen von Königen, durch »die Bitten von Erzbischöfen und Bischöfen und dem Verein der ausgezeichnetesten Männer,« widerrief, wessen der unfreye Vorgänger nimmer länger sich hatte erwehren können, ließ Solches und Anderes bei Seite liegen, um ebensowohl gegen die neuerdings allgemein anerkannte Gesellschaft, als vornehmlich gegen denjenigen, der ihre hohe Nützlichkeit für die Kirche durchschaut hatte, mit alter Zügellosigkeit in frischem Drang loszuschäumen. Auch damals, und seitdem immerwährend, erneuerte sich, was im Anfang der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durchgehends hat können wahrgenommen werden: die Feinde der Gesellschaft Jesu und die Feinde der Kirche fallen in Eines zusammen, oder wenigstens schaaren sich alle Gleichgültigen, alle Verflacher der Kirche, alle kirchlichen Deutschthümler, alle Gönner der gouvernementalen Unterjochung der Kirche, alle diejenigen, welche mit dem todten Leich nam derselben vollkommen zufrieden sich geben können, und gewiß alle diejenigen, welche die bloße Verstandesbildung der Jugend nicht nur für das Eine Nothwendige, sondern für das ausschließlich Genügende erachten, auf Seite von Jenen, und dieß um so eifriger, je mehr sie sich überzeugen, daß durch die Gesellschaft dem Götzen des Jahrhunderts die Weihrauchkörner könnten vorenthalten werden. Hätte nicht meine Individualität und mein ganzes geistiges Wesen von jeher gegen die Lehren und die Bestrebungen der Revolution entschieden sich gesträubt: der Blick auf ihre Förderer[407] und Gönner, auf die Mittel, die sie in Anwendung brachten, auf die Absichten, die sie zu erreichen sich bestrebten, auf das sonstige Thun und Lassen derselben, würde stets von ihr mich zurückgeschreckt, gegen die Vorspiegelungen, mittelst deren man ihr Eingang zu verschaffen suchte, wenigstens behutsam gemacht haben. Sind es die gewissenhaftesten Männer, welche am eifrigsten für dieselbe wirken? Die Wege, welche sie allerwärts betreten, die Mittel, deren sie so häufig sich bedienen, geben darüber hinreichendes Zeugniß. Sind es die uneigennützigsten Männer? Sofort bei dem Gelingen ist allerwärts ihr Erstes, daß sie Gewalt, Ansehen und hohe Besoldungen unter sich theilen und ängstlich darob wachen, daß sie ihnen nicht wieder entrissen werden. Sind es die wahrhaftigsten Männer? Die Vergleichung ihrer pomphaften Versprechungen und der nachmaligen Zustände geben hierüber die befriedigendste Auskunft. Sind es die gottesfürchtigsten Männer? Ihre geführten Reden, ihre oft zur Schau getragenen Grundsätze, ihre ganze Weise löst jeden Zweifel. Sind es die sittlich reinsten Männer? Die nähere Umgebung jeder Orte verschafft über mehr als Einen von ihnen genügende Kunde. Ebenso lag für mich von jeher die beste Apologie der Jesuiten in der Persönlichkeit ihrer lautesten, lärmendsten, bittersten Feinde. Allein hier, da ich in einem Lande und zu einer Zeit schreibe, wo das bloße Wort Jesuit alle dämonischen Gewalten entfesselt hat, ist es nothwendig, daß ich vor Allem gegen jedes Mißverständniß, gegen jede falsche Deutung, vorzüglich aber gegen den Vorwurf ungerechten und leichtfertigen Urtheils über höchst achtungswerthe Personen mich verwahre. ? Wir wissen aus der ältern, wie aus der neuern Geschichte der Gesellschaft und könnten es noch ausserdem der Wichtigkeit der Sache selbst entnehmen, daß beinahe überall, wo die Frage über deren Berufung in ein Land oder in eine Stadt der Erörterung durch befugte Personen anheimfiel, eine Verschiedenheit der Meinung sich offenbarte; daß, neben der entschiedenen Bejahung, durch die eigentlichen Feinde Widerspruch, durch Andere aber[408] Bedenklichkeiten noch so beharrlich seyn mögen, noch so wenig von denselben sich zurückbringen lassen, deßwegen zu den Feinden der Gesellschaft zählen, und hiemit Verdacht gegen ihre wahre Katholicität erheben zu wollen, wäre nicht bloß ungerecht, wäre baare Lieblosigkeit. Der Zweifel, ob diese oder irgendwelche andere kirchliche Institution zu einer gegebenen Zeit, an einem bestimmten Ort, für eine besondere Wirksamkeit geeignet seyn dürfte oder nicht, schließt noch keinen Zweifel über den Werth einer solchen Institution selbst, noch weniger feindselige, oder auch nur ungeneigte Gesinnung gegen dieselbe, am allerwenigsten Widerspruch gegen die Kirche in sich. Jener ist relativ, dieser absolut; bei jenem kann manchen besondern Umständen oder Verhältnissen Rechnung getragen, selbst, wenn man will, denselben allzugrosses Uebergewicht eingeräumt werden, hier dagegen kann dergleichen nicht in Anschlag kommen; in Beziehung auf Jenes mögen, gleichviel ob richtige oder irrthümliche, immerhin hinsichtlich des Besondern wohlgemeinte Ansichten obwalten, neben welchen Anerkennung der fraglichen Institution, selbst Achtung und Geneigtheit gegen dieselbe dennoch bestehen kann. Lassen sich ja bei allen folgereichen Fragen, daher auch bei derjenigen: ob Zeit, Ort und Umstände die Berufung der Gesellschaft Jesu zu irgend einem bestimmten Wirkungskreise nothwendig oder auch nur räthlich machen? ? immer noch, neben triftigern und überwiegenden, solche Beweggründe denken, denen mindestens Würdigung und Anerkennung redlichen Wohlmeinens nicht darf versagt werden, Einwendungen, die bei weitem nicht dazu berechtigen, denjenigen, der durch dieselben sich bestimmen läßt, zu den Widersachern des Ordens selbst zu zählen. Läßt sich doch in keinem Fall läugnen, daß irgend eine Institution für den einen Ort passender seyn möge, als für den andern, unter gegebenen Umständen für zweckmässiger und ersprießlicher zu halten seye, als unter andern, wenigstens in durchaus aufrichtiger Meinung von Einzelnen dafür gehalten wird. Diese meine Ueberzeugung in Betreff einiger höchst achtenswerther Männer zu Luzern[409] welche dort gegen die Berufung gestimmt haben, dürfte um so unbefangener seyn, da ich kein Bedenken trage, zu erklären: daß ich selbst, so ich hierüber zu sprechen berechtigt gewesen wäre, mit der entschiedensten Festigkeit auf Seite derjenigen würde gestanden seyn, welche für diese Berufung, als für eine heilsame, wohlthätige und nothwendige Maßregel, sich erklärt haben. Daß sie dieses aber seye, dafür giebt es kein sichereres Kriterium, als das unmittelbar nach der Schlußnahme aufwirbelnde Geschrei aller Zerwühler, Radicalen, Nihilisten, Communisten und Anarchisten, sammt dem jammerseligen Nachtönen aller Hälblinge. Es giebt dann noch einen Einwurf, der von Einzelnen nicht ohne seltsamliche Befangenheit, hie und da aber doch in guter Treue erhoben, von Andern in bestimmterer Erkenntniß seiner Wirksamkeit aufgegriffen wird, dieweil er zugleich geeignet ist, den Anstrich einer ehrenhaften Mässigung zu verleihen. Dieser Einwurf lautet: fünfzehn Jahrhunderte habe die Kirche bestanden ohne Jesuiten, daher wären sie offenbar derselben nicht nothwendig, ja sogar überflüssig. Nichts ist (um nicht zu sagen abgeschmackter) unlogischer als diese breitgeschlagene Behauptung. Besteht denn nicht der Organismus des menschlichen Individuums, lange bevor dasselbe diese körperliche Gewandtheit, jene geistige Ausbildung sich hat aneignen können? Würde dieser Organismus oder dieses Individuum nicht ohne alle Frage auch dann noch fortbestehen, wenn entweder jene Gewandtheit oder diese Ausbildung ihm fremd geblieben wäre oder wieder könnte entzogen werden? Hat er aber einmal beide sich erworben, so würde der Mensch es als höchst sonderbare Zumuthung erachten, wenn Jemand ihm ansinnen wollte, darum, weil er dieselben in den Kinderjahren noch nicht besessen, oder zur Zeit, der er ihrer weniger bedurft, noch nicht damit ausgestattet gewesen, sie wieder aufzugeben. Ebenso ist die Gesellschaft Jesu nicht Etwas, dem kirchlichen Organismus Angefügtes, sondern sie ist Etwas aus demselben Entwickeltes, aus dessen innerster Lebenskraft Hervorgegangenes und von derselben Durchdrungenes[410] auch dergestalt mit demselben Verbundenes, daß er durch dessen Hinwegnehmen leiden müßte, obwohl er dadurch keineswegs könnte gefährdet werden. Darf daher mit dem Vordersatz jenes Einwurfs selbst der entschiedenste Freund der Jesuiten unbedenklich sich einverstanden erklären, so muß er doch die Folgerung ebenso von der Hand weisen, als wenn sie in Beziehung zu irgend einem menschlichen Individuum wollte aufgestellt werden. Diesem würde eine andere Meinung entgegenstehen, ungleich gefährlicher als jene, weil sie thatsächlich auf Irrwege führen würde; die Meinung nemlich: wenn ein verblendeter und beschränkter Verehrer der Gesellschaft Jesu meinte, dieselbe gewissermassen mit der Kirche identificiren, das Bestehen oder die Wirksamkeit der Kirche von dem Bestehen der Gesellschaft unzertrennlich halten zu dürfen. Hiemit würde er in den gröblichen Irrthum verfallen, den heiligen Geist, welchen Christus der Kirche verheissen hat, in eine Form bannen zu wollen, ausserhalb welcher er entweder gar nicht, oder doch nur mangelhaft wirken könnte. Ich bin überzeugt, daß die Jesuiten selbst einem solchen Irrthum zuerst entgegentreten würden; ihr Benehmen nach dem Breve Clemens XIV, in welchem sie sich in schweigendem Gehorsam unter den Ausspruch des Oberhauptes der Kirche fügten, giebt dessen das unwiderleglichste Zeugniß. Konnte eine solche verkehrte Meinung sie nicht beschleichen zur Zeit, da Alles wieder sie anstürmte, so würden sie derselben noch weniger beipflichten in einer Zeit, wo dieses zwar nicht aufgehört hat, in der sie aber dennoch vielfältig der ehevorigen Wirksamkeit zurückgegeben wurden. Jener Einwurf und dieser Irrthum sind zwei Extreme, zwischen welchen die richtige Einsicht in der Mitte liegt. ? Kehren wir von dieser Abschweifung zu den eigentlichen Widersachern der Gesellschaft Jesu zurück! Die wider die Jesuiten Lärmenden scheiden sich zunächst in zwei Kategorien: in Wissende und Nichtwissende, in Tonangebende und Einfallende, in Voranschreitende und Nachstampfende. Da die Letztern den grossen und hellen Haufen bilden,[411] so mag wohl die Musterung bei diesem beginnen. Auch dieser läßt in verschiedene Cohorten sich scheiden. Am zahlreichsten tritt diejenige auf, welcher von den Jesuiten schlechterdings nichts bekannt ist, als der bloße Name, und dieser auch erst, seitdem sich dessen die Zeitungen als eines allgemeinen Losungswortes zum Entfesseln aller wilden und verneinenden Kräfte bedient haben. Für diese ist er nichts weiter als ein Laut, ein allgemeiner Sammelruf, ein ungedeutetes Wortzeichen, welches alle möglichen Gelüste in Bewegung setzt, ohne daß sie über dessen Bedeutung auch nur die mindeste Rechenschaft sich geben könnten. Es ist jenes Hepp! Hepp! welches vor zwanzig Jahren die niedere Bevölkerung verschiedener deutscher Städte gegen die Juden zum Schäumen brachte, und über dessen Sinn die Gelehrten sich die Köpfe zerbrachen, während die schutzlosen Israeliten allen Mißhandlungen und Gewaltthaten durch eine tobende Menge sich blosgestellt sahen. Diese Art wird am besten characterisirt durch ein Individuum in Genf, welches bei einer anarchischen Versammlung mit Andern aus voller Kehle rief: a bas la rotte de Lojala! Da aber der Lärmende diesen Namen zum Erstenmal gehört hatte, mußte er den Nachbar erst fragen, wer denn dieser scheußliche Mensch, den er so gründlich darniederzubrüllen sich bestrebte, eigentlich gewesen seye? Als er hierauf den befriedigenden Aufschluß erhalten: das seye ein südamerikanischer General gewesen, brüllte er noch weit unermüdlicher: a bas la rotte de Lojola! Nach diesen ziehen diejenigen heran, welche den Jesuiten aus Befangenheit, Unwissenheit, Vorurtheil abgeneigt sind, die nur ein einziges Ohr haben, welches für den Strom aller Anschwärzungen und Lästerungen selbst nicht einmal hinreicht; die dann, überwuchtet durch denselben, wähnen, wie ernstlich an der Wohlfahrt der Menschheit sich scharwerken und wie gewichtige und vorwärtsgeschrittene Leute sie seyen, wenn bei dem Wort Jesuit auch sie in erkleckliche Entrüstung sich hineineifern. Sie sind repräsentirt durch diejenigen, welche, in ihrem wortreichen Eifer durch die Frage unterbrochen: was sie denn von[412] den Jesuiten zu besorgen, worin sie über dieselben sich zu beschweren, was sie denn eigentlich wider sie vorzubringen hätten? nichts zu antworten wissen, als: es sind eben doch Jesuiten! Weiter schaaren sich Jene, welche in der erhobenen Hetze als Statisten und Choristen auftreten, blos die Bewegungen eines Vordermannes nachahmen, den Haufen vermehren, weil sothanes Thun als zeitgemäß präconisirt wird, somit dabei der wohlfeilen Ehre sich betheiligen, an der Rettung des mit Knechtschaft bedrohten Menschengeschlechts aus Leibeskräften mitzuwirken und als rüstige Handlanger an dem Bau des Tempels Salomonis zu operiren. Sie richten die Augen in den blauen Himmel, weil hundert Andere sie ebenfalls hinaufrichten, und laufen nach einer Straßenecke, weil sie ein Paar hundert Füße vor ihnen dahin in Bewegung sehen, anneben ein fleißiger Zeitungsleser dergleichen Handthierung in so allgemeiner Noth sich nicht entschlagen soll. Solche Art Widersacher werden schockweise gezählt. Sie können euch die rührendsten Reden über die bedrohlichen Gefahren herabwimmern, welche, durch die Jesuiten bereitet, gegen das Menschengeschlecht im Anzug wären, und nachher ganz wohlbehaglich gestehen, sie hätten niemals Gutes, wohl aber immerdar allerlei Schlechtes in Betreff der Jesuiten gehört; auch hätte es sie niemals angewandelt zu fragen, ob denn neben diesem jenes ebenfalls vorhanden seye. Natürlich dürfen dann auf diesem blühenden Felde des inngründigen Jesuiten-Priester-Kirchen- und Katholiken-Hasses auch diejenigen nicht fehlen, für deren Meinungen, Lehren, Bestrebungen und Wesen das in alterthümlicher Observanz beibehaltene Beiwort »christlich« ohngefähr dieselbe Bedeutung hat, )wie bei der letzten deutschen Kaiserin der zurückgebliebene Titel »allzeit Mehrer des Reichs,« wo nicht vollends wie bei den englischen Königen derjenige »Beschützer des Glaubens;« auch mich diejenigen, welche die ausschließlich gültige Strömung der Offenbarung von oben nach unten in pantheistischem Wahnwitz in eine von unten nach oben gehende verkehren; die deßhalb[413] sämmtlichen unverkennbaren Signaturen der erstern, von dein Gruße des Engels im Hause von Nazareth bis zum Tage von Bethanien, eine etwelche subjective Geltung nur für so lange zugestehen können, als die »Gesammtintelligenz« (jene Umschlingung der Phantasie und des Bedürfnisses, aus welcher Gott hervorgeht) nicht anders darüber verfügt, alsbald jedoch, so diese gesprochen hat, einer Sünde wider einen solchen, den einzigen, von ihnen anerkannten und angebeteten heiligen Geist sich schuldig machen weder wollen, noch dürfen. Hier winkt die herzerhebende, palmenreiche Arena auch denjenigen, welche niemals das Bewußtseyn berührt hat, daß die Andern, zwar wohl als Brüder in Christo, vor allem aber im Auftrag von diesem verkünden sollen, was nur von ihm ausgegangen ist, zu ihm allein führen kann; die daher in so naivem Ignoriren und bei bloß erdgebornem Zusammenbrüdern mit allerlei, kraft eigenen An- und Ausspruches wohlberechtigtem Volk, auch dessen letzter Forderung, daß das Heilige aufhöre, in treubrüderlicher Dienstfertigkeit sich fügen können, sobald ihnen dargethan wird, daß »die religiösen und geistigen Interessen des höhern Volkslebens,« von reinerem Lichte umschienen, dessen sich entschlagen wollen; sintemal sie, durch die »Gesammtintelligenz« überbrüdert, an dieser sich nicht werden versündigen wollen und dürfen. In solchen Augenblicken müßte es sich auf's Fürtrefflichste bewähren, welche ergiebigen Ritterdienste für Amt und Brod der, jedes positiven Gehalts entbehrende Christianismus vagus (als Schwimmblase) zu leisten im Stande seye. Möchte doch derselbe, wie nichts außer ihm und am wenigsten eine abgeschlossene und beharrlich festgehaltene Auffassung der so bildsamen christlichen Lehre, treulich schützen gegen jede unzeitige Anmaßung, jener allein gültigen »Gesammtintelligenz« eine unverrückbare Ueberzeugung entgegenstellen zu wollen. Wie tief unter diesen Lichtziehern der Zeit steht nicht der Jesuite, der in Glaubenstreue dem Jesuiten verwandte katholische Priester, welche Beide mit allem Nachdruck, den sie in dieses Wort legen können, sagen: »ich weiß, an wen ich glaube; welche[414] Beide in felsenfestem Glauben die anvertraute Hinterlage bis zum Tod bewahren und Beide mit dem Apostel sagen und nöthigen Falls mit ihm bethätigen zu müssen wähnen: »ich sterbe täglich!« Wie weit hinter jenen Geschmeidigen stehen nicht alle die beschränkten Fanatiker der ersten Jahrhunderte der Christenheit, welche ebensosehr der schrankenlosen imperatorischen Machtvollkommenheit, als der heidnischen »Gesammtintelligenz« gegenüber, Angesichts der Scheiterhaufen, der mordgerüsteten Büttel und der reißenden Bestien bekannten, Christus, nicht, daß er der Weise von Nazareth, sondern »daß er der Herr seye zur Ehre Gottes des Vaters;« welche verkündeten, nicht, was die »neuere Wissenschaft« aus diesem tagtäglich zu machen für gut findet, sondern: »derselbe gestern und heute und in alle Ewigkeit!« Nun kommt aber ein nicht unbedeutender Trupp, für den das Wort Jesuit eine ganz bestimmte und anerkannte Bedeutung hat; zwar nicht gerade die engbegränzte, welche durch den Sprachgebrauch ihm angewiesen wird, sondern im Gegentheil eine höchst umfangsreiche und manigfaltig angewendete. Sie haben dieses Wort zum gemeinsamen Halloh ausgeprägt, erst gegen alle glaubens- pflicht- und kirchengetreuen Katholiken, sodann gegen die würdigen, gewissenhaften und ehrenwerthen Priester unter denselben insbesondere; ferner ist es der Ruf gegen alle diejenigen, welche überhaupt dem geoffenbarten Christenthum eine höhere Bedeutung zugestehen, als die Nihilisten noch gestatten möchten, und die dasselbe nicht auf ein Unendlich-Kleines wollen abziehen lassen (in welcher Bedeutung dann auch von protestantischen Jesuiten gar häufig und scharf gesprochen wird); weiter tönt es gegen alle diejenigen, welche in den bürgerlichen Einrichtungen nur etwelche Ordnung noch, in den öffentlichen Verhältnissen nur etwelchen Ernst und einige Ehrenhaftigkeit noch, in der Frage über Recht und Unrecht und in der Würdigung so des einen als des andern nur etwelche Parteilosigkeit noch, bei Erörterung der allgemeinen wie der besondern Angelegenheiten nur einen Rest von Redlichkeit[415] und Wahrhaftigkeit noch erhalten möchten; entschiedener wird es gegen diejenigen gerichtet, welche Freiheit der Meinung und Freiheit der Rede in anderem Sinne nehmen, als in demjenigen schmiegsamer Anbequemung und lautloser Unterwürfigkeit unter die Häuptlinge alles Umsturzes und des in's Brüllen getriebenen blinden Haufens; erfolgt endlich noch, wie es den Anschein dazu hat, die Bewegung auf der Bahn des Fortschrittes in geometrischem Verhältniß, so dürfte in der Schweiz die Zeit nicht mehr ferne stehen, in welcher nicht nur Jeder, der an sich Etwas ist, und weiß, was er will, sondern auch Jeder, der Etwas hat, als Jesuit wird gelten müssen. Was wir in der Schweiz seiner Mannigfaltigkeit nach auf engern Raum zusammengedrängt und in seiner Erscheinung schärfer eingeprägt sehen und ungehemmter ausgesprochen hören, das könnten wir, nur weiter zerstreut, überall finden. Besonders würden wir weit umher jener Species von Denkgläubigen und Freisinnigen begegnen, die, wenn z.B. in Paris an einem schönen Morgen Einer ihnen berichten würde, in vergangener Nacht hätten die Jesuiten die Thürme von unserer Lieben Frauen Kirche in die Tasche gesteckt, weder Anwandlung noch Zeit fänden, zu überlegen, ob dieß nur physisch möglich, geschweige denn, ob es moralisch denkbar seye; denen es in ihrer vorurtheilsfreyen Bestürzung über so Ungeheures nicht zu Sinne käme, die Augen aufzuheben, ob denn diese Thüren wirklich nicht mehr sichtbar wären, sondern die nichts Eiligeres zu thun wüßten, als in alle Barbierstuben, Kaffehäuser und Schenken zu rennen und dieselben mit ihren Declamationen über das entsetzliche Volk der Jesuiten zu erfüllen, die zu allem Gräulichen nun auch dieses verübt hätten. Man erinnert sich zwar wohl, daß im Jahr 1784 ein Spottvogel eine Schrift herausgegeben hat unter dem Titel: »Augenfälliger Beweis, daß die Jesuiten an dem Erdbeben in Calabrien Schuld sind.« Es sollte uns nicht wundern, wenn es damals Leute gegeben hätte (und wie gut mag es seitdem nicht gelungen seyn, deren Zahl zu mehren?), welche den Spaß[416] als Ernst nahmen. Gehört es doch zum untrüglichen Kennzeichen eines vorwärtsgeschrittenen, vorurtheilsfreyen, casinofähigen Menschen, über Eisenbahnen und gegen Jesuiten peroriren zu können. Ein jauchzendes Hear him! kann nur demjenigen entgegenjubeln, welcher genugsamen Vorrath von erforderlichen Tinten mit sich führt, um den Jesuiten zum rechten Schreckbild auszumahlen. Ja ein Jeglicher, der ernstlich an dem Fortschieben des Jahrhunderts sich betheiligen will, muß es als Pflicht erachten, alles Mißbeliebige, was je in der Welt vorgieng, mit Donnerstimme den Jesuiten aufzubürden, nach Kräften mitzuwirken, der mündig gewordenen Menge allmählig einen derartigen, mit obligatem Inngrimm wider sie gewendeten Köhlerglauben einzupflanzen, daß es nur des gehaßten Namens bedarf, um dessen Träger in Alles zu verwickeln, ja dieselben zu Urhebern und geheimen Förderern von Allem zu machen, was entweder an sich beklagenswerth, oder für die Wortführer unerwünscht ist. So geschah es z.B. vor fünf Jahren im Wallis. Die dortigen Jesuiten kannten die Umtriebe der Jung schweizer; sie sahen, wie dadurch steigende Gährung hervorge? rufen wurde; sie ahneten bei der Stimmung der Gemüther, daß ein Ausbruch nicht werde zu vermeiden seyn; auch entging es ihnen nicht, daß alsdann die radicale Partei mit vollen Backen die Schuld ihnen beimessen würde. Da durchschauten sie wohl, daß Pflicht und Klugheit gebiete, diesen politischen Fragen völlig fremd zu bleiben. Als daher Einzelne sie berathen wollten, wurden dieselben nicht nur abgewiesen, sondern den Vorstehern der Gemeinden verdeutet, sie möchten ihren Mitbürgern den Wink ertheilen, die Väter mit dergleichen Besprechungen nicht zu behelligen, da doch Keiner würde angehort werden; es wurde selbst in jenen Tagen jede Berührung nach aussen unterbrochen. Dennoch hat nachher die junge Schweiz die Jesuiten als Haupturheber des bewaffneten Zu sammentreffens bezeichnet, und alle öffentlichen Blätter der Schweiz widerhallten fröhlich von dieser Anklage. Im Jahr 1845 war wieder dasselbe zu hören, wiewohl ich versichert bin ? Zeugnisse, wie[417] über jene Zeit, sind mir nicht zu Theil geworden ? daß sie auch dazumal wieder die gleiche Weise des Verfahrens werden eingehalten haben. In solcher Art hat vor nicht langer Zeit in Deutschland ein gewisser Deppen eine Schrift »über die Demagogie der Jesuiten« herausgegeben. Dieser Ehrenmann überbietet noch das Parlament von Paris, denn dasselbe führt doch noch ein langes Verzeichniß bestimmter und faßbarer Vergehungen auf, deren aller die Gesellschaft sich schuldig gemacht hätte; jener hingegen befleißt sich einer musterhaften Kürze, denn er sagt geradezu: »es gibt kein Laster, keine Niederträchtigkeit, deren die Jesuiten sich nicht schuldig gemacht hätten; in allen Schändlichkeiten sind sie Meister gewesen; hundert Folianten würden nicht hinreichen, das Register ihrer Sünden zu fassen.« Welcher Dienst an der armen Menschheit, wenn der theure Mann (ich glaube, er seye ein schlesischer Schulmeister, dem es daher an Gehülfen nicht fehlen könnte) auch nur den ersten von diesen hundert Folianten dem Druck zu übergeben sich entschließen könnte! Wenden wir uns aber von diesen Haufen zu den eigentlichen Stimmführern, zu denjenigen, welche wissen, was sie mit ihrem rastlosen Geschrei gegen die Jesuiten wollen, so erblicken wir unter ihnen zuerst diejenigen, die überhaupt das Christenthum als eine antiquirte Sache betrachten, daher mit denen Allen, welche dasselbe nach seiner concreten Gestalt festzuhalten und fortzupflanzen sich bemühen, auch die Jesuiten hassen; sodann diejenigen, welche in Beziehung auf die Kirche eine Auflösung ihres innern Verbandes und eine Lockerung der hierarchischen Ordnung als Segnung für das Menschengeschlecht anpreisen, deßwegen mit denjenigen, welche Willen und That für Erhaltung der Kirche verwenden, auch die Jesuiten hassen; ferner diejenigen, welche die staatlichen Einrichtungen mehr aus atomistischen Rotationen, als aus organischen Kräften möchten hervorgehen lassen, darum mit denen Allen, welche für Anerkennung und Wirksamkeit von diesen einstehen wollen, auch die[418] Jesuiten hassen; diejenigen sodann, welche jede Beschränkung des Individuums durch die Macht des Ansehens und durch den Einfluß einer mit mancherlei Vorschriften den Menschen in Anspruch nehmenden Religion als Eingriff in dessen Rechte verschreyen, darum mit denen Allen, die hiefür zu wirken sich berufen halten, auch die Jesuiten hassen; im weitern diejenigen, welche statt des Gehorsams die Freiheit (eigentlich die Ungebundenheit, oder die blinde Unterwürfigkeit unter ihre Satzungen) zur bewegenden Kraft der Gesellschaft machen möchten, darum mit denjenigen Allen, die den Gehorsam zu lehren, zu pflanzen, zu dem selben, als für die Grundkraft jeder gedeihlichen Einrichtung, von dem Hause angehoben, bis zur Kirche hinaufsteigend, jeden Einzelnen anzubilden sich bestreben, auch die Jesuiten hassen; diejenigen, welche zwar allen Werth auf die Entwicklung der Verstandeskräfte durch Unterricht setzen, die Ausbildung hingegen der Willenskräfte durch Erziehung Preis geben, darum mit denen Allen, welche dieser den Vorrang einräumen, auch die Jesuiten hassen; diejenigen besonders, welche an die materiellen Güter und Bestrebungen dergestalt gekettet sind, daß sie von solchen, welche dieselben unendlich überragen, nur nicht einmal mehr das Daseyn ahnen, die darum mit denen Allen, die die Anerkennung ihres Werthes zu erhalten beflissen sind, auch die Jesuiten hassen; endlich und vor Allen aber diejenigen, welche in Heranbildung der Jugend zu Vereinigung aller jener Zwecke der Zukunft sich bemächtigt, und, weil die Möglichkeit, dieselbe einer andern Richtung zuzuwenden, vorzüglich an die Jesuiten sich knüpft, der Gesellschaft tödtlichen Haß geschworen haben. Wirst man auf die Bestrebungen der Zeit und auf die Erscheinungen der Zeit nur den flüchtigsten Blick, so kann man, wenn nicht über eine bestehende Verbrüderung, doch über ein gleichzeitiges Zusammenwirken der mannigfaltigsten feindseligen Kräfte gegen die (wahre) katholische Kirche von keiner Täuschung länger sich beschleichen lassen. Das Wirken dieser Kräfte wird schwieriger, der Erfolg desselben zweielhafter auf jedem Punct, auf welchem die Jesuiten festen Fuß gewinnen können.[419] ? Daher dieses vereinte Geschrei, auch bei verschiedenen Beweggründen; daher diese zusammenlärmenden Stimmen, wenn auch in abweichenden Lauten. Es ist, wie einer meiner Freunde richtig bemerkte, nicht sowohl die offensive Macht, als vielmehr die defensive Kraft, welche in ihnen verfolgt wird. Den klarsten Beweis hiefür geben diejenigen Länder, in welchen nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts der Sturm gegen sie anhob. Diese hatten von einem offensiven Auftreten der Gesellschaft nichts zu fürchten, weil zu einem solchen, dafern es möglich gewesen wäre, damals keine Veranlassung, kein Zweck vorhanden, weil anscheinend gegen die katholische Kirche keine Gefahr, kein roher Angriff gerichtet war. Aber ihre defensive Kraft stand der zwar willkürlichen, aber nur allmähkig voranschreitenden Beeinträchtigung der Kirche, stand den Attentaten gegen ihr Ansehen, stand der Vergiftung derselben durch die Lehren einer materialistischen Philosophie im Wege. Darum mußte erst diese Kraft gebrochen werden um jeden Preis; sie soll noch heutzutage durch alle Mittel, und wären es selbst diejenigen des Treubruches, der Anarchie, der versunkensten Lügenhaftigkeit, selbst des Mordes und des Brandes, darniedergehalten werden. Die Einsichtigern unter den Feinden wissen so gut, als Andere, daß, wie zur jetzigen Zeit die Sachen stehen, die katholische Kirche in unserm Europa durch die Jesuiten an äusserer Ausdehnung nichts gewinnen kann; dieselben wiegen sich aber dergestalt in dem übermüthigen Wahne: ihnen ausschließlich gebühre die Herrschaft über die Gemüther, zu ihren Zwecken einzig müßte diesen die Richtung gegeben werden, daß sie Jeden, in welchem durch die Lehre der Jesuiten ein anderes Licht aufgeht, Zeden, der durch diese in fester Ueberzeugung mit der Kirche geeint wird, Jeden, dessen Leben durch sie tiefere Wurzeln gewinnt, als eine widerrechtlich ihnen entrissene Beute betrachten und gegen diejenigen, welche solcher Sünde wider ihren Geist sich schuldig machen, das allgemeine Aufgebot mit allen möglichen Waffen ergehen lassen. Wahr ist es, die Jesuiten haben in ehemaliger Zeit, in welcher die Gränzen zweyer getrennten Gebiete,[420] noch nicht scharf ausgemarket, vielfältig in einander liefen, die Kriegsweise, zu welcher die Gegner der Kirche nicht nur vollkommen berechtigt, sondern sogar berufen sich glaubten, ebensowenig verschmäht, als diese. Indeß würde es nicht schwer fallen, alle daherigen Anschuldigungen verstärkt und vermehrt auf jene zurückzuwenden. In einseitiger Erinnerung an jene Vergangenheit werden nun die Gestalten aus derselben immer von neuem als Schreckensphantome heraufbeschworen, um durch sie die eifernde Beschränktheit so Mancher zu berücken, welche vor den letzten Zwecken der wissenden Jesuitenfeinde zurückschaudern würden. Man bethört sie durch das Vorgeben, das Wort laute: Jesuiten gegen Protestanten (d. h. solche unter diesen, die noch eine göttliche Offenbarung glauben), indeß es der Wahrheit gemäß lautet: die Bleiwage gegen das Kreuz. Von jener Gesellschaft, deren Geheimnisse, einst weit undurchdringlicher waren, als diejenigen der Jesuiten, die den Cultus gegen sie durch Ehre, Gunst, Glanz und Macht ablohnt, wozu es in unsern Tagen den Jesuiten an allen Mitteln fehlt, die manchen Orts mit verhüllter und dennoch unverkennbarer Despotie reichsnet, von ihr geht das Delenda Carthago über die Gesellschaft Jesu, über die Kirche, über das Christenthum aus. Befraget hierum Spanien und Portugal! Lege man sich einfach die Frage vor: ist je ein irreligiöser, ein unsittlicher, ein revolutionär gesinnter, ein zur Empörung geneigter, ein wider seine Obern anstrebender, ein blos für zeitliche Zwecke lebender Mensch als Verfechter der Jesuiten aufgetreten? Welches wird die Antwort seyn? Denen aber, die für dieselben auftreten, welche andere Vorwürfe könntet ihr ihnen insgemein machen, als daß sie euere Aufklärung nicht fordern, euerm Fortschritt nicht huldigen, euerer Gleichmacherei und euerem Freiheitszwang wider Alles, was von geistiger Autorität ausgeht, nicht das Wort reden, euer Hinwegräumen aller Schranken nicht anpreisen, euer Jagen nach materiellen Genüssen und Gütern nicht theilen wollen? Welche andere Vorwürfe, als daß sie im Glauben etwas Unwandelbares, in der Kirche[421] etwas durch höhere Anordnung Gesetztes, im Staat eine Construction von oben herab anerkennen, und in dem Oeffnen der Schleussen und in dem Hereinbrechen der Fluth, die dieses Alles hinwegzureissen droht, eben nichts so besonders Glückhaftes zu erkennen vermögen? Könnet ihr den Vertheidigern der Gesellschaft Jesu ebenfalls vorwerfen, daß sie fremdes Gut gestohlen, mit Eiden gespielt, das Recht gehönt, Schlechtes, was sie unverdeckt getrieben, mit Frechheit geläugnet, in andere Häuser die Brandfackel geschleudert, Horden zum Morden und Sengen ausgerüstet, über ihre geheiligtesten Verpflichtungen mit lachendem Frevelmuth sich hinweggesetzt, und bei diesem Allem auf die hohe Stufe ihrer Cultur gepocht hätten? Schreiben die Jesuiten Bücher; man läßt ihnen diese Freiheit; sicher aber ist es, daß, wenn der Verfasser als solchen sich zu erkennen giebt, man irgend Etwas darin auswittern und ihm zum Vorwurf machen wird, was, hätte ein Anderer vom ersten bis zum letzten Wort gleichlautend es geschrieben, schwerlich darin wäre gefunden worden. Treten sie als Prediger auf, man laßt sichs gefallen; aber gewiß muß ihr Vortrag einen versteckten Zweck haben, auch wenn derselbe sich nicht ergrübeln läßt, und den er gewiß nicht hätte, wäre die Predigt von einem Andern gehalten worden. Wollen sie Beicht sitzen, man läßt sie gewähren, und zückt höchstens die Achseln über diejenigen Personen, welche an ihrem Beichtstuhl sich einfinden mögen. Nicht das Bücherschreiben, nicht das Predigen, nicht das Beichthören ist's, um dessentwillen man die Jesuiten nicht dulden will, sondern dann vorzüglich, wenn sie der Jugend sich annehmen wenn sie als Erzieher auftreten wollen, besonders wenn künftige Priester durch sie gebildet werden sollen, dann müssen die Schildwachen von dem einen Ende des feindlichen Heerlagers zu dem andern das: Hannibal ante portas! sich zurufen.[422] Der Zeit- und Weltgeist weiß es wohl, daß die Schulen der Kampfplatz sind, auf welchem entschieden werden soll, wem die Zukunft gehöre. Hier hat Jener seine Werkstätte aufgeschlagen, hier den Sammelplatz errichtet, aus dem er, eingeübt und vollgerüstet zur Eroberung und Beherrschung der Welt, seine Legionen durch alle Pforten aussendet. Hier will ausschließlich er ordnen, bilden, walten, gebieten. Er sieht es wohl, daß, wenn ihm die Jesuiten auf diesem Boden begegnen, er es mit hochverständigen, kunsterfahrenen, umsichtig und nachhaltig wirkenden Männern zu thun hat. Er fühlt es, daß seine lehrenden Glieder, wie sehr er auch sie gespeist, getränkt und mit Leib und Seele sich verpflichtet hat, gegen einen erziehenden Körper, welchen ein Geist, ein Wille, eine Kraft belebt, welcher einen Zweck und ein Ziel im Auge hat, nicht bestehen können. Es mag seyn, daß er für den Unterricht mehr Mittel besitzt, zu demselben grössere Gewandtheit bringt, Mannigfaltigeres zu leisten vermag, glänzendere Erfolge aufzuweisen im Stande ist, daher ohne Besorgniß hierin mit den Jesuiten sich messen, sie vielleicht weit hinter sich zurücklassen dürfte. Aber die Erziehung, das ist's, was er fürchtet, das ist seine schwache Seite; über seine Tüchtigkeit zu dieser Kunst, der ersten und wichtigsten von allen, darüber kann er sich nicht ausweisen, denn sie kann und soll wohl mit dem Unterricht Hand in Hand gehen, ist aber ganz verschiedener Natur von jenem. Auch fordert er von seinen Bestallten nichts weiter, als daß sie bestmöglichst und mit möglichst Vielem den Kopf und die Verstandeskraft anbauen und mit dieser mehr oder minder gewandt, mehr oder minder zu operiren lehren, anbei mag vortheilhaft das Herz und die Willenskraft füglich brach gelassen werden; oftmals noch sehr glücklich, wenn nur dieses! Er fürchtet eine zu festem Glauben, zu treuer Anhänglichkeit an die Kirche, zu freudigem Gehorsam, zu schöner Bescheidenheit, zu wahrer Gewissenhaftigkeit, zu ächter Frömmigkeit erzogene Jugend. Eine solche würde ihm seine Zukunft entreissen, denn sie würde auf eine ganz andere Wandelbahn gezogen.[423] Die Zeugnisse über Tüchtigkeit der Jesuiten in dem grossen und schwierigen Werke der Erziehung folgen sich von Baco an ununterbrochen durch die Folge der Zeiten hinab bis auf unsere Tage, und zwar durch die ausgezeichnetsten Männer, durch die hervorragendsten Intelligenzen, selbst durch Solche, welche man nicht als Pfeiler der Religiosität anerkennen wird, wie Voltaire. Der Protestant Grotius darf neben Pascal doch wohl eine Geltung in Anspruch nehmen. Jener sagt über sie: »tadellos sind ihre Sitten, ihre wissenschaftliche Bildung ist gut, ihr heiliger Wandel gewinnt ihnen großes Ansehen bei dem Volk. Mit Weisheit wissen sie zu befehlen, in Treue gehorchen sie. Der neueste unter allen Orden, hat der Ruf der Jesuiten denjenigen der frühern überflügelt, daher diese scheel auf sie sehen. Zwischen starrem Gehorsam und trübsinniger Anmaaßung in der Mitte, fliehen sie der Menschen Gebrechen nicht und jagen ihnen nicht nach.« Aber Pascal muß schwerern Gewichtes seyn, als der Protestant Grotius; dieser wird ignorirt, jener fortwährend ausgebeutet. Unbedenklich sey zwar zugegeben, daß der Jesuiten-Zögling, demjenigen einer zeitgeistigen Anstalt gegenübergestellt, in verschiedenen Dingen den Kürzern ziehen, und in dem Mancherlei, was jener zur Schau tragen mag, schwerlich es ihm gleich thun dürfte. Ob ein heilsames Maaß der geistigen Anstrengung, wie die Jesuiten es einzuhalten und mit freyer Erholung zu versetzen wissen, einer immerwährenden Spannung nicht vorzuziehen, ob Alles durch die Schule zu bewerkstelligen, dem nachmaligen Leben nichts zu überlassen seye, mag gleichfalls unerörtert bleiben. Selbst die Behauptung soll nicht angefochten werden, daß die Jesuiten unserer Zeit wissenschaftliche Notabilitäten, wie ihnen dieselben früher niemals mangelten, nicht aufzuweisen haben, daher auf diesem Felde mit andern Anstalten nicht Schritt halten können. Das aber ist heutzutage nicht das Eine Nothwendige; weit mehr muß in Zurückführung der Jugend zu gediegener Gesinnung, in der Christianisirung der heidnisch gewordenen Zeit die Bürgschaft einer gedeihlichen[424] Zukunft gesucht werden. Sind nun die Jesuiten nicht die Einzigen, welche dieß können, so sind sie doch diejenigen, welche es am entschiedensten wollen; deren Betheiligung daher bei Bildung künftiger Priester eine so hochwichtige Sache ist. Denn vorzugsweise bei diesen, und für dieselben besonders in dem Maaße, in welchem sie zu einstiger Wirksamkeit unter dem Volke berufen sind, kommt es ungleich weniger auf den Umfang des Wissens in allerlei Fremdartigem an, als auf feste Anhänglichkeit an das Eine Nothwendige und diejenige Institution, welche zu dessen Bewahrung der Menschgewordene eingesetzt, auf Glaubenstreue, Herzensreinigkeit und Pflichteifer. Die weltlichen Gewalten, welche bei Entscheidung über Tüchtigkeit des künftigen Priesters neben das geistliche Ansehen sich hineingedrängt haben, geben schon dadurch zu merken, welches Gewicht sie auf Jenes legen, was doch das Erste und Letzte seyn sollte, daß sie dieses gegen ein verlangtes Allerlei ex omni scibili nur allzusehr in den Hintergrund treten lassen. Erhält ein durch die Jesuiten gebildeter Priester von dergleichen vielleicht eine geringere Ausstattung auf seinen Lebensweg, so wird dagegen diejenige, welche unter allem Umständen den ihm Anbefohlenen zu gut kommen kann, desto reicher und gediegener. Hat es aber mit dem Vorgeben, daß die Jesuiten nur einen geistabstumpfenden Mechanismus einzutrichtern verstünden, daß es innerhalb der Mauern ihrer Erziehungshäuser so finster aussähe, daß sie selbst sogar unfähig wären, die Jugend zu wecken, zu bilden, zu gewinnen, seine volle Richtigkeit; wie kommt es denn, daß es eine so große Seltenheit ist, unter ihren Zöglingen Einen zu finden, der nicht nachher noch Liebe zu ihnen bewahrte, der nicht mit Achtung von ihren Personen, mit dankbarer Rückerinnerung von der Zeit spräche, die er bei ihnen zugebracht? Wie kommt es, wenn denn Alles so mangelhaft, so unzweckmäßig, den menschlichen Bedürfnissen so unangemessen ist, daß die strengsten Ankläger, die bittersten Widersacher gegen die Gesellschaft nicht aus der Zahl derjenigen auftreten, welche bei der genauesten Kenntniß, über sie zu klagen, am meisten[425] Ursache haben sollten, zu bejammern, daß ihre Geistesanlagen, ihre Willenskräfte, ihr bildsames Gemüth und die schönen Tage ihrer Jugend in ihre Hände gefallen seyen? Wie leicht, wenn Grund zur Klage mit Liebe zur Wahrheit sich verbände, würde es nach der Befreyung aus einer solchen Zwangs- und Verbildungsanstalt ihnen nicht fallen, offen wider dergleichen Erzieher das Wort zu ergreifen, da sie von ihnen nichts mehr zu fürchten oder zu hoffen, vielmehr das Entgegenjubeln so vieler Tausende zu gewarten hätten? Wie kam es, daß in Portugal der scheußliche Pombal, in Bologna der nichtswürdige Cardinal Malvezzi bei der Jugend an die Jesuiten eine Anhänglichkeit und gegen ihre gewaltthätigen Verfügungen einen Widerstand fanden, die Beide sicher nicht erwarteten? Dort erklärten die Novizen, selbst Knaben von sechszehn Jahren, daß sie von den Vätern sich nicht trennen, denselben folgen wollen bis in den Tod; konnte zu Coimbra die empörendste, selbst bis zur Todesdrohung sich steigernde Behandlang auch nicht den Jüngsten unter jenen zum Abfall bewegen. Eben so wenig konnte zu Bologna Malvezzi anders als durch die roheste Gewalt etwas ausrichten. Er befahl nämlich, gestützt auf ein angebliches Breve, welches aber Niemand jemals zu Gesicht bekommen hatte, noch bevor dasjenige wegen Unterdrückung der Gesellschaft erschienen war, allen Obern, erst ihre Novizen, sodann die Studirenden der Universität zu verabschieden. Auch hier weigerten sich die jungen Leute, dem Befehl zu gehorchen. Auch hier mußten die Novizen mit Gewalt aus den Ordenshäusern gerissen und ihren Eltern zurückgegeben werden; die Studirenden aber erwiderten: Gehorsam gegen Gott gehe demjenigen gegen die Menschen voran. Sofort ward gewaffnete Macht aufgeboten, um sie aus dem Collegium vor die Stadt zu schleppen. Hier sollten erst Liebkosungen, darauf Drohungen die jungen Leute zu Ablegung des geistlichen Gewandes bewegen. Da beide wirkungslos blieben, mußten die Soldaten Gewalt brauchen und Jedem das Kleid vom Leibe reissen, Nach diesem wurden alle öffentlichen Schulen, in denen die Jesuiten zu Bologna[426] bisher gelehrt hatten, zu großem Leidwesen der Eltern wie der Schüler geschlossen. Wie kommt es ferner, daß die jungen Germaniker, wenn sie längst aus Rom in ihr deutsches Vaterland zurückgekehrt sind, innige Anhänglichkeit an die Männer bewahren, unter deren Obhut sie herangebildet worden sind, fortwährend mit Liebe von ihnen sprechen, noch lange Zeit Verbindung mit diesen und mit ihren zurückgebliebenen Studiengenossen unterhalten? Wie kommt es, daß dieselben zu Erfüllung ihrer religiösen Pflichten freudige Gewissenhaftigkeit, zu ihren Studien Ernst, in ihrem Betragen Anständigkeit, in ihrem Wesen Heiterkeit und Unbefangenheit, in dem Umgang Freimüthigkeit mit Bescheidenheit gepaart, bei ihren Spielen jugendliche Munterkeit stets bewähren? Gehet z.B. an einem Vacanztage nach St. Saba, beobachtet das halbe Hundert künftiger Priester für Deutschland, bewegt euch unter ihnen, unterhaltet euch mit ihnen, nehmet Theil an ihren, jetzt geistigen, jetzt körperlichen Erholungen: was tritt euch entgegen? eine Schaar blühender Jünglinge, sittliche Reinheit ihr Gepräge, Zufriedenheit in ihren Blicken, Fröhlichkeit aus ihnen strahlend, Freiheit in Allem mit geziemender Schranke, Spiel und Scherz, Ernst und Wißbegierde, je nachdem die Saite berührt wird, ungehemmte Bewegung durch Haus und Garten, und unter ihnen der Pater Rector und sein Assistent, unterschieden bloß durch Alter und Kleidung, aber in ihrer Mitte weilend mit dem Wohlwollen, mit der Liebenswürdigkeit, mit der Zufriedenheit von Vätern, die unter einer Schaar hoffnungsvoller, geliebter, anhänglicher, leitsamer Söhne sich bewegen, an einer Stätte, an welcher nicht das Wort, sondern das beiderseits wohlverstandene Wechselverhältniß Gesetz, Maaß und Regel vorschreibt. Hier spreche ich nicht vom Hörensagen, nicht nach Berichten oder nach Büchern, sondern als Augenzeuge, als redlicher Beobachter. Es war einer der anmuthigsten Nachmittage während meines Aufenthaltes in Rom, derjenige, welchen ich dort zubrachte. Und damit nicht Jemand etwa meine, man habe es auf einen günstigen[427] Eindruck angelegt, habe gleichsam eine Parade veranstaltet, so ist zu wissen, daß ich dorthin gekommen bin, ohne daß man es wissen konnte, daß ich eingetreten bin in einem Augenblicke, in welchem die ganze Schaar nach voller Luft in der freiesten Bewegung sich befand. Sollt' es ein einnehmenderer, sollt' es ein Besseres versprechender Anblick seyn, derjenige eines Haufens junger Leute, die in Tabakqualm, hinter schäumenden Bierhumpen, unter dem Gesang von Zoten sitzen, mit zweideutigen Spässen sich gegenseitig erquicken, die Staatseinrichtungen zurechtpoltern, oder über die Lehrer herfahren; vielleicht durch Geberde, Haltung, Ton, Benehmen und Rede das kannibalische Wohlseyn jener bekannten Fünfhundert uns in Erinnerung bringen? Welche, so ihr anders hiefür noch einigen Sinn und etwelchen guten Willen habet, welche hieltet ihr zu Wahrung und Spendung der heiligsten Güter geeigneter, weil ernster, gewissenhafter, an sich würdiger; welchen möchtet ihr mit gutem Gewissen den Glauben, die Sittlichkeit, und die in Beiden wurzelnde Ordnung des Volkes lieber anvertrauen; welche, meine ihr wohl, böten für ein würdiges Priesterleben sicherere und genügendere Bürgschaft, jene oder diese? Aber freilich jene werden es einst zu ernst nehmen, sie werden Begriffe von dem Wesen, der Würde, den Pflichten gegen die Kirche und damit des Priesters mitbringen, die ihr zu den ausländischen Seltenheiten machen möchtet; aber die Bildung zu ihrer Bestimmung ist jenseits der Berge vollendet worden, darum werden sie Ultramontanen seyn, indeß die befriedigendste Aussicht vorhanden ist, daß die Andern als fügsame Werkzeuge des Oberamts, wenigstens als wackere Bierkumpane des Hrn. Amtsrevisors bestens sich qualificiren werden. Steigen wir aber hinab zu Verhältnissen weit untergeordneter Art. Denken wir uns einen der rüstigsten Zeitbeweger, einen Derer, welcher wider Alles, was in religiöser, politischer und gesellschaftlicher Ordnung seit Jahrhunderten gelehrt und gesetzt worden jst, auf jeglichem Wege zu Felde zieht; denken[428] wir uns, ein solcher bedürfte eines Menschen, dem er die Pflege seiner Person, die Obhut über sein Eigenthum, die alltägliche Verrichtung aller Dienste, deren Wahrnehmung das Leben eben so angenehm wie deren Verabsäumen unbehaglich macht, anzuvertrauen hätte; würde wohl seine Wahl zweifelhaft seyn, wenn neben einem solchen, bei dem seine eigenen Ansichten über Glaube, Sittlichkeit und gesellschaftliche Ordnung bereits in Fleisch und Blut übergegangen wären, ein Anderer stünde, dem durch priesterlichen und wär' es meinenthalb jesuitischen Unterricht, Gottesfurcht, goldreine Gewissenhaftigkeit, Treue, Unverdrossenheit zu jeglichem Dienst, anbei Bescheidenheit und freudige Willfährigkeit zu jedem Aufgetragnen wäre eingepflanzt worden; oder welchem von diesen Beiden möchte er wohl den Vorzug geben? Wie dürfte überhaupt das Verhältniß einer Herrschaft zu Dienstboten sich gestalten, welche die Lehren eines Bruno Bauer, Sallet, Jordan und ähnlicher Propheten in das volle Leben hineinzusetzen verstünden? Wie es aber kommen müßte, wenn dergleichen zur bewegenden Kraft des Gemeinlebens werden sollten, das lehrt uns Salzbacher in seiner Reise nach Nordamerika mit wenigen Worten. Ein gewisser Owen stiftete dort eine Atheisten-Gemeinde mit vollkommener Gleichheit und Gütergemeinschaft. »Enthusiasten, Landstreicher, Gauner und faule Taugenichtse,« sagt er, »meldeten sich als Mitglieder der Gesellschaft und liessen sich eine zeitlang auf gemeinschaftliche Kosten wohl schmecken. Wie nichts mehr vorhanden war, gieng die saubere Cameradschaft auseinander.« Denken wir an Ciceros Wort! »Beseitigt man die Ehrfurcht gegen die Götter, so weiß ich nicht, ob hiemit nicht die Treue, die gesellschaftliche Ordnung unter den Menschen und die vortrefflichste aller Tugenden, die Gerechtigkeit, zugleich weichen müßte?« Wollte man den Versuch machen und zehn junge Leute zum Unterricht, zur Erziehung und zur Heranbildung für den geistlichen Stand einer durch Jesuiten geleiteten Anstalt übergeben, und ebensoviele zu diesem Ziel den in Deutschland nunmehr[429] gewöhnlichen Weg machen lassen, hierauf ihnen insgesammt christliche Gemeinden auf dem Lande zur Leitung anvertrauen, und sodann nach Verlauf einiger Jahre genau untersuchen, wo unter dem Volke grössere Pünktlichkeit in Besuch des Gottesdienstes und in Beobachtung der Religionsvorschriften, wo grössere Anhänglichkeit an die Kirche und an alle ihre Verordnungen, wo entschiedenere Festigkeit in dem wahren katholischen Glauben, wo grössere Eingezogenheit und Sittlichkeit, festere Ordnung und Redlichkeit, wo überhaupt ein zu schönerer Lebensthätigkeit durch das Christenthum angehauchter Geist, unter den so verschiedenartig Herangebildeten selbst aber grössere Einfachheit, Berufstreue, Zufriedenheit, Unterordnung unter Obere, Alles dasjenige herrsche, was den wahren Priester ziert und ehrt ? wie würde wohl der Versuch ausfallen, welche Ergebnisse würde er darbieten? Das eben ist die grosse Kunst der Väter, daß sie nicht allein den Knaben und Jüngling mit den schönen Vorzügen der menschlichen Gesellschaft in der edlern Bedeutung des Wortes und zu den Anforderungen seines künftigen Berufes auszustatten, von diesen ein klares Bewußtseyn und zu deren Erfüllung einen treuen Ernst hervorzurufen, sondern zugleich seine Individualität zu respectiren, seine Anlagen zu veredeln wissen, nicht aber sie unterdrücken oder zerstören. Ich habe in der Ritterakademie zu Innsbruck den Knaben eines Freundes besucht, der, mit vorzüglichen Geistesgaben ausgestattet, auf dem Lande jedoch, unter weiblicher Aufsicht, die ihn durchgreifend nicht zu leiten vermochte, eine Zeitlang herangewachsen, einem jungen Wildfang glich, dessen Anlagen aber unter mancherlei Unfügsamkeit immer wieder durchblitzten. Nachdem ein tüchtiger Mann mit dem schönsten Erfolg ihn zu unterrichten begonnen, wurde er, kaum zehn Jahre alt, den Jesuiten übergeben. Er befand sich, als ich nach Innsbruck kam, erst drei Vierteljahre unter ihrer Leitung, und ich war ganz überrascht von der Veränderung, die in dieser kurzen Zeit mit dem Knaben vorgegangen war. Derselbe hatte an seiner anerbornen Lebhaftigkeit nicht das Mindeste[430] eingebüßt, dagegen erwies er sich leitsam, bescheiden, wißbegierig, und hatte bereits den Anstrich eines Zöglings gewonnen, der auch in dem Umgang mit ältern Personen für sich zu interessiren weiß. Es ist dann, um mit erbittertem Groll durch jedwedes Mittel zu wirken, in neuerer Zeit nicht unterlassen worden, aus den alten Rumpelkammern an Schriften hervorzulangen, was immer, hier von der Ungründlichkeit, dort von der Beengtheit, dann wieder ? was den gewaltigsten Staub aufwirft ? von der Intoleranz der Jesuiten und ihrer Unehrerbietigkeit gegen die Reformatoren Zeugniß geben sollte; gleich ob dieses Alles ein nothwendiges Attribut und ein unveränderlich sich fortpflanzendes Requisit ihres Unterrichts bleiben müßte! Anbei haben sie den bekannten Ausspruch: Sint, ut sunt, aut non sint, sammt der Festigkeit der Väter, in welcher sie durch Erfahrung Bewährtes nicht alsbald an das erste Beste aufgeben und nicht jede auftauchende Theorie sofort in ihre Praxis aufnehmen wollen, dahin ausgebeutet, daß jede Ansicht, die vor Zeiten gehegt, und jedes Urtheil, das ehemals gefällt worden, ja selbst jede Redeweise, deren sie einst sich bedient, daß dieses Alles durchaus unverändert heutiges Tages noch bei ihnen in Anwendung komme und unfehlbar in Anwendung kommen müsse. So haben sie aus einem verrotteten Compendium der Weltgeschichte, zu Anfang des verwichenen Jahrhunderts verfaßt und damals in einigen deutschen Jesuitenschulen gebraucht, Stellen abdrucken lassen, welche entschieden für die Autorität des heil. Stuhles sprechen, die Arianer trocken Ketzer, aber auch die Reformation eine Kezerei nennen und die Personalitäten der Reformatoren etwas unsanft berühren. Was sollte hiemit bewiesen werden? Sollten die ausgehobenen Stellen die reale oder die formale Unzweckmässigkeit des Geschichtsunterrichts darthun?[431] Durfte denn die Autorität des heil. Stuhles nicht mehr, wie vor hundert Jahren, anerkannt werden, dieweil dieselbe einigen Staatsgewaltigen und einigen Zeitungsschreibern oder Geschichtsfälschern nicht mehr behagt; sollten darum die Jesuiten Anerkennung dieser Autorität nicht mehr lehren? Sind etwa die Arianer seit hundert Jahren deßwegen aus Irrgläubigen in Rechtgläubige verwandelt worden, weil vor den Zeitweisen der altkatholische Glaube seine ehemalige Gültigkeit an jedweden Irrglauben abtreten sollte? Darf von festem katholischem Standpunct aus die Reformation und zum Theil die Personalität ihrer Urheber nicht mehr beurtheilt werden, wie von Anfang her geschehen ist, alldieweilen man sicher grosses Bedenken tragen würde, das Urtheil ihrer Nachfolger über die Kirche auch nur im geringsten zu verkümmern oder zu ermässigen? Sollte aber das Entsetzliche, Unverantwortliche und Gefährliche auf das Formelle, auf die Wahl der Ausdrücke sich beziehen? ? Wie, wenn Jemand es unternehmen wollte, einer ähnlichen Aehrenlese aus protestantischen Schulschriften jener Zeit sich zu unterziehen? Meint man wohl, es wäre so ganz unmöglich, ein Seitenbild zu jenen Urtheilen und Ausdrücken aufzustellen? Ich selbst erinnere mich aus meiner Schulzeit, also nicht aus dem Anfang des vorigen, sondern aus den ersten Jahren des laufenden Jahrhunderts, von einem Papst »Höllenbrand« sprechen und alle Irrlehren jeder Zeit weidlich preisen gehört zu haben. ? Zu eben der Zeit, als die Revolution ihre Schöpfer und Geschöfe in Tiger unter Menschengestalt verwandelte; als durch sie die Glieder des Königshauses geopfert, der Adel geschlachtet, die Priester hingewürgt, die Massen durch Ersäufung und Hagelgeschütz belehrt wurden; ihre unverjährbaren Rechte auf Besitzthum für ein Verbrechen, und Tugend für einen Schandfleck galt, deren das Eine nur durch Blut zu sühnen, das Andere darin abzuwaschen seye; als durch alle Nachbarländer die gleiche Orgie der Hölle brausen sollte, selbst mitten unter diesem Höllensabbath hat doch nicht von allen Kanzeln das Freudengejauchz über den »nahen Sturz des alten[432] Babylons« können zurückgehalten werden, hat doch die damalige Zeitschrift eines Protestanten gemeint, aller jener Fluch der Revolution würde genügend aufgewogen durch deren beglückende Folge, daß nunmehr Rom, der Papst, die katholische Kirche zumal vernichtet würden. Wollten wir nach Seitenbildern uns umsehen, welche Alles, was die zeitgemäße Geschäftigkeit wider die Jesuiten aufzustöbern im Stande ist, weit hinter sich lassen, so brauchen wir nicht um ein volles Jahrhundert zurückzugehen; die allerneueste Zeit bietet uns dergleichen dar, weit über jeden Bedarf hinaus. Nicht im Jahr 1735, sondern im Jahr des Heils 1842 ist in der lichtpflegenden Universitätsstadt Göttingen von einem gewissen Bodemann, welcher gewiß Jeden übel ansehen würde, der dessen Ehrenperson in Geisteserleuchtung und Fortschritt unter die Jesuiten herabsetzen wollte, ein »Handbuch für Volksschullehrer beim Unterricht über die Unterscheidungslehren« herausgekommen, worin Stellen, wie folgende, in Fülle sich finden: »der große Goliath zu Rom läßt nicht nach, in Bullen und Allocutionen den Kindern Israel Hohn zu sprechen;« »der Mariendienst ist der vollständigste Götzendienst und trägt den Charakter des baaren Unsinnes an der Stirne;« »die katholische Kirche stellt den Satz auf, daß der Mensch auch wohl sein eigener Erlöser werden könne;« »die katholische Kirche hat gar kein Hehl, daß ihr überwiegender Grund (für Austheilung des Sacraments der Eucharistie in einer Gestalt) kein anderer ist, als unverschämte Impertinenz, mit der sie, anstatt durch Gründe zu widerlegen, nur mit knabenhaftem Uebermuthe zu sprechen weiß;« »die Messe ist der Drachenschwanz, der viel Ungeziefer und Geschmeiß erzeugt.« Dergleichen Kern- und Kraftsprüche sind durch das Schriftlein in Fülle angebracht. Wollte nun ein Jesuit dieses mehr denn hundert Jahre später als jenes Compendium erschienene Büchlein zur Hand nehmen und darauf den Beweis gründen: sehet, das wird durchweg in den protestantischen Volksschulen, wenigstens in denjenigen des Königreichs Hannover, gelehrt, wie würde man nicht von allen Seiten über ein so[433] beschränktes und vermessenes Urtheil herfahren, diejenigen, welche solcher Betriebsamkeit wider sie sich unterziehen, vielleicht zuerst! Es wird doch Niemand verlangen, daß die Jesuiten in ihren Schulen der Reformation Lobreden halten und die Personen der Reformatoren panegyrisiren sollen. Dessen aber bin ich fest überzeugt, daß, würde Jemand mit einem Jesuiten über diesen Gegenstand zu Rede kommen, derselbe (Jeder von ihnen) so ehrlich und offen wäre, zu gestehen: das werden, können und dürfen wir nie. Keiner von ihnen Allen würde mit hohlen Phrasen von Prüfung, Gewissensfreiheit, Toleranz u. dgl. zu Verkleisterung einer entgegengesetzten Praxis um sich werfen. Gehet aber in protestantische Schulen, deren Lehrherren mit hoher Selbstvergnüglichkeit auf die beschränkten, dumpfen, geistlähmenden Schulen der Jesuiten herabsehen, dagegen auf ihre eigene Unbefangenheit, Freisinnigkeit und Zeitgemäßheit unendlich viel sich gute thun, und höret da den schalen, geistlosen, einseitigen, und nicht nur bisweilen von den gehässigsten Urtheilen durchwürzten Geschichtsunterricht! Wahrlich, um dergleichen mit so entschiedener Virtuosität treiben zu können, müßten die Jesuiten erst lange noch bei den Lichtziehern des Jahrhunderts, bei den Popularitätsmännern der Zeit in die Schule gehen, und mit allem, ebenso lechzendem, als leicht zu stillendem Durst der genügsamen Seichtigkeit um die lautere Quelle jedes soliden Wissens und jedes richtigen Urtheils, um irgend ein Conversations-Lexikon, sich lagern. Ueberhaupt ist es, nebenbei gesagt, mit diesem Anbieten und Fordern von Toleranz eine ganz curiose Sache. Wird ein Vorgang, eine Personalität der Geschichte auf den Grund von Documenten, glaubwürdigen Zeugnissen und der Thatsachen an sich mit aller Ruhe und in rein objectiver Haltung dargestellt, treten aber dieselben hiedurch in ein anderes, als das bisher gewohnte Licht, ergeben sich andere, als die längst zurechtgemachten und traditionell gewordenen Resultate, flugs heißt es: jene so natürliche als gerechte Forderung der Toleranz seye unverantwortlicher Weise mit Füßen getreten worden. Werden[434] Vorgänge der Gegenwart, die empörendsten Verfügungen der Gewalt, die augenfälligsten Vorkehrungen der gesetzverachtenden Willkür mit den Acten in der Hand, diesen Schritt für Schritt folgend, aufgehellt, dargelegt, alsbald muß nicht allein jene gerechte Forderung aus den Augen gesetzt, es muß sogar frevelhafter Weise der Friede gestört worden seyn. Ließe sich indeß von dieser Seite an Verunglimpfendem und Kränkendem, was hinab, von dem giftigsten Spott bis zur plumpsten Lästerung und dazu noch ohne vorausgegangene Herausforderung nur immer zu Tage gefordert werden kann, auch bloß so viel sammeln, daß es den zehnten Theil dessen betrüge, was von anderer Seite scheffelweise ausgestreut wird? Es soll von der Fluth eckelhafter Zeitungen, welche in den Ländern deutscher Zunge hierin sich überbieten, so wenig als von der Obsorge der Censuren, jede Hemmung dieses wallenden Stromes treu fleissigst zu verhüten, nicht gesprochen werden; aber läßt sich in neuester Zeit der gesammten katholischen Literatur aller Länder auch nur ein Buch vorhalten, das jenem monströsen eines gewesenen Stadtschreibers von Reutlingen gleich käme, in welchem derselbe ein Schimpf Alphabet gegen den Papst zusammen stoppelte, und mit erstaunlicher Mühe es dahin brachte, daß selbst die Buchstaben X und Y darin paradiren konnten? So ist noch in jüngster Zeit in Schlesien, zu Erbauung und Belehrung der dortigen Katholiken, unter dem Titel: »der Antichrist,« eine Schrift erschienen, in welcher gegen das Oberhaupt der Kirche alle erdenklichen Verunglimpfungen im vollesten Maaße ausgeschüttet werden. Findet es die Congregation des Inder nothwendig, irgend ein offenbar gotteslästerliches oder gegen die Kirche feindseliges Preßerzeugniß auf das Verzeichniß der verbotenen Schriften zu setzen, welcher Spott ertönt nicht über diese Verfügung, welcher Lärm wird nicht erhoben über unwürdige Bevormundung, Geistesdruck und Engherzigkeit? Daß aber seiner Zeit Bretschneiders »Freiherr von Sandau« den Katholiken auf Staatskosten in die Hände gezwungen, dessen Widerlegung hingegen, den »Freiherrn von Wiesau,« um ihr[435] gutes Geld zu erwerben durch strenges Censurverbot ihnen beinahe unmöglich gemacht wurde, das muß wohl ganz in der Ordnung gewesen seyn! Welche Bibliothek von Schriften vollends würde sich nicht aufstellen lassen, wenn man in Rom, oder in einer andern katholischen Stadt in die kleinlichte Gewohnheit sich hätte verlaufen können, alljährlich ein Bild von Luther oder eines andern seiner Bestrebungsgenossen zu verbrennen? Ist es aber nicht mehr in Erinnerung, daß bis auf wenige Jahre hin ein solches, mit allen Attributen päpstlicher Würde ausgestattet, jedes Jahr an bestimmtem Tag in großem Schaugepränge zu London verbrannt worden ist? Freilich wird es heißen: in Rom wäre eine solche gemeine Handlung das empörendste Unrecht gewesen, es wäre damit die geistige Ueberlegenheit gehöhnt worden; hier jedoch habe man der fremden politischen Gewalt Solches nach vollem Verdienen anthun dürfen, ja müssen. Was würde man ferner sagen, wenn an irgend einem katholischen Ort der gottesdienstliche Gebrauch der Protestanten, und zwar derjenige, den sie für ihren höchsten und tiefsten erachten, öffentlichem Hohn preisgegeben würde? Daß aber an meinem Geburtsort seit der Reformation bis auf den heutigen Tag der Nachtwächter verpflichtet ist, am Christabend und in der Neujahrsnacht die Präfation der Messe (natürlich mit unterlegten andern Worten) zu singen, das mag man durchaus angemessen finden. Gewiß gibt es kein Wort, an welches so wunderliche Begriffe sich knüpfen, wie an das Wort Toleranz. Dennoch ist es, wer wollte dieß läugnen, ein schönes Wort, ist der Begriff, den dasselbe bezeichnet, ein edler, ein höchst würdiger, ein erhabener. Aber von dem Wortlaut bis zu dem Begriff ist ein weiter, ein noch weiterer Weg von diesem zur Wirklichkeit. Fragen wir dieser nach, will es uns dann nicht, wie im gewöhnlichen Leben und selbst in den individuellen Beziehungen so oft, bedünken, es werde gewöhnlich am breitesten von derjenigen Eigenschaft gesprochen, von deren Besitz man am fernsten ist, und es möchten die Beweise, wie ein wahres[436] Wort über Anpreisung und Ausübung der Toleranz Rousseau gesprochen, in dichter Fülle und in jeglicher Gestalt heran sich drängen? Sollte nicht tausenderlei Erfahrung dar auf hindeuten, daß in ebendem Verhältniß, in welchem die innere Ueberzeugung ein von Gott gegebenes anerkennt, mit Freude erfaßt und im unentweglicher Festigkeit sich aneignet, daß in ebendiesem das Wort (wenn als solches selbst seltener ausgesprochen), Begriff und Wirklichkeit sich durchdringen? Wogegen bloße Subjectivität unter innerem Zwiespalt des Bedürfnisses nach solchem Gegebenen und des Bestrebens, an dessen Stelle sich selbst zu setzen, über dem leeren Wort sich zerarbeitet, dabei dessen Wesen zwar bei jeglicher Art von Vereinung, den Gegensatz aber ausschließlich gegen die Bejahung in Anwendung zu bringen, gleichsam durch innere Nothwendigkeit gedrängt wird. Die wahre Toleranz ist Frucht der Gnade, die Gott den Demüthigen gibt; der Mangel derselben, welchen bloßes Gerede nicht zu ersetzen vermag, knüpft sich an den Hochmuth, der von jener niemals berührt wird. ?????? Doch, von dieser Zwischenbemerkung kehre ich zu der Erörterung des Hauptgegenstandes zurück. ? Auf der einen Seite hat man sich viel zu schaffen gemacht, mit der Forderung der Regel: das einzelne Ordensglied müsse in solcher Art Gehorsam leisten, als wenn es ein Leichnam oder der Stock in der Hand eines Greisen wäre; auf der andern Seite hat man Bücher' gefüllt mit Declamationen gegen die über Alles sich erstreckende und in Alles sich mischende Herrschucht der Jesuiten. Abgesehen davon, daß im Grund das Wort des heil. Apostels: »ich lebe, aber doch nicht ich, sondern Christus lebet in mir,« das Gleiche besagt; abgesehen davon, daß schon der heil. Benedict den Gehorsam von seinen Schülern als wesentlichste Pflicht verlangt und der heil. Franz denselben beinahe mit dem gleichen Ausdruck fordert, wie der heil. Ignatius; abgesehen davon, daß eine religiöse Genossenschaft[437] ohne Gehorsam gar nicht denkbar ist; hat man nicht erwogen, daß überhaupt derselbe, wie schon früher angedeutet, die bewegende und erhaltende Kraft der katholischen Kirche seye, in sie gleichsam eingepflanzt und ihr vorgebildet durch denjenigen, den sie als ewiges Haupt und verherrlichten Träger alles Gehorsams anerkennt. Allein auch ohne dieß ist sich nicht zu verwundern, daß eine Zeit, welche den Gehorsam nicht allein geringschätzt, ja verachtet, sondern ihn gewissermaßen aus dem Menschengeschlecht dergestalt verbannen möchte, daß er am Ende nur noch in den Wörterbüchern als ein ausser Gebrauch gekommener Laut angeführt würde, daß eine solche Zeit mit Unwille auf die eigentlichen Stammhalter des Gehorsams herabschaut, und, da der Schritt hiezu ein gar leichter ist, gerade deßwegen ihren Ingrimm gegen dieselben richtet, weil sie in Lehre und Uebung den Gehorsam so hoch emporheben. Wie es aber in der Welt oft geht, der Widerspruch, in welchen man hierüber sich verwickelt, wird nicht geahnet. Indem man diejenigen, an welchen jener Gehorsam so unerträglich, so empörend gefunden werden will (obwohl die Unterwerfung unter denselben That des freyen Willens bleibt), zu verborgenen Herrn der Welt, oder ihnen wenigstens den Vorwurf macht, nach solcher Herrschaft zu streben, hat man nicht bedacht, daß gerade hierin die schönste Lobrede auf den gehaßten Gehorsam gehalten, demselben eine geheimnißvolle Macht zugestanden werde; dieß um so mehr, als er der Angelpunct seyn soll, auf welchem jene angebliche Weltherrschaft, oder doch der Versuch, dieselbe an sich zu reissen, ruhe: demnach müßte er eine so wirkungs-, darum so werthlose Eigenschaft nicht seyn! Bot und bietet der Orden nichts Anderes dar, als die Aussicht auf jene vermeinte Weltherrschaft; konnte und kann er einzig durch die trügerischen Reize von dieser zu derjenigen Hingebung an denselben locken, welchen er von seinen Gliedern fordert; darf das edlere Verlangen, seine Kräfte den höchsten Bedürfnissen des Menschengeschlechts in Bildung der Gemüther zur Gotteserkenntniß und Gottesliebe, in Leitung der Seelen[438] zu dem obersten Ziele des Daseyns zu widmen; darf der uneigennützige Heldenmuth, unter Entsagung, Beschwerden, Ge fahren, Martern und Tod dem Glauben Bekenner, der Kirche Kinder, den Seelen das ewige Heil zu gewinnen; darf die Sehnsucht, unter Armuth, Entbehrung, Gehorsam, Aufopferung für Andere, unter Furcht und Zittern um sich selbst, in der weltüberwindenden Hoffnung des ewigen Gnadenlohnes zu wurzeln; ? darf und kann dieses Alles, als verschiedene aber überwiegende Beweggründe des Eintrittes in die Gesellschaft nicht in Anschlag kommen, durchaus nicht, wie der blinde Eifer so kecklich behauptet, - dann fürwahr ist dieselbe die unerklärlichste Erscheinung in der Weltgeschichte. Da der gesammte Orden zur Zeit seiner Aufhebung über 20,000 Mitglieder zählte, so darf man mit Recht fragen: wie mochten vernünftiger Weise einem solchen Trugbild von Herrschaft jährlich so viele Hunderte damit nachjagen, daß sie bereitwillig ihre Jugend in strenger Zucht, unter schwerer Prüfung, in langer Vorbereitung zubringen, alsdann der äussersten Armuth, jederlei Entbehrung und Pflichterfüllung, bei gänzlichem Aufgeben des eigenen Willens, sich unterzogen? Wie konnten durch eine solche Nebelgestalt alljährlich viele Hunderte bethört werden, daß sie das Liebgewordene an das Widerstrebende, die Gewohnheiten der Heimath an die Beschwernisse der unwirthlichen Fremde, die Ruhe des Hauses an die Stürme der See und an die Schauer des mißbehaglichsten Clima's, das Weilen im Schoße der Civilisation an die Unstäte unter ungezähmten Wilden, und die unangefochtene Sicherheit Europa's an die Kerker, Folterwerkzeuge und Mordwaffen China's und Japans ohne Zaudern, ohne Sträuben, ohne die leiseste Einwendung oder ohne Widerrede vertauschten? Hätte jene Weltherrschaft in Beziehung zu der Gesammtheit sogar in Wahrheit bestanden, für den Einzelnen wäre sie doch nur ein Trugbild, eine Nebelgestalt gewesen. Denn, wie beschränkt, oder wie sehr von Herrschsucht gestachelt man den Einzelnen sich denken möge, der einen wie der andern Voraussetzung mußte es doch hell genug einleuchten, daß zu[439] jenem obersten Ziel der Herrschaft, oder auch nur des geringsten Antheils an derselben von Hunderten nicht Einem zu gelangen möglich werde. Daß man das Leben einsetzen könne, um unter Gefahr seines Verlustes ein erträumtes oder wirklich hohes Gut zu gewinnen, ist begreiflich; daß man aber den gesammten, muthmaßlich langen Lebenslauf einsetzen könne, um unter alltäglichen Beschwerden gegen das Ende desselben, nur in höchst zweifelhafter Wahrscheinlichkeit des Gelingens, dem Zwecke sich zu nähern, zu welchem jenes Alles das kostbare Mittel seyn sollte, das wäre um so weniger denkbar, je grösser die Zahl derer seyn würde, die durch solches Blendwerk sich bethören ließen. Aber ja, sie hat sich eine Herrschaft erworben, die Gesellschaft, eine Herrschaft, an welcher Jeglicher Theil nehmen mochte; diejenige, deren Unterlage die Achtung und das Vertrauen, deren Erwerbungsmittel Religiosität, Tugend, Selbstaufopferung, edle Bildung des Geistes und des Herzens sind! Ihr aber, die ihr so sehr die Rückkehr dieser Herrschaft fürchtet, die ihr so aus allen Kräften dagegen euch anstemmen zu müssen glaubet, die ihr so erbauliche Reden über Civilisation und deren Segensfrüchte, so prunkvolle Lobpreisungen des Fortschrittes zu halten wisset: nennet die Völker, welchen ihr die ächte Civilisation, bloß mit dem Crucifix in der Hand und dem Rosenkranz im Gürtel, gebracht habet! Zählet sie auf die Seelen, denen durch euch Kraft in des Lebens Mühsalen, Trost in seinen Bekümmernissen, innere Ruhe unter den Stürmen der Leidenschaften und eine helle Leuchte aus dem irdischen Dunkel zu dem ungetrübten Glanz des Himmels geworden ist! Gebet uns Kunde von den Ländern, in die durch euer Bemühen Ordnung, Zufriedenheit, Einigkeit, gegenseitiges Wohlwollen, wahre Liebe eingekehrt ist! Weiset sie auf die Blutzeugen, die euere Gesinnung stark gemacht hat, um selbst die Qualen der Kerker, die Peinigungen durch Henkersknechte zu ertragen, und im Hinblick auf eine jenseits wirkende Krone so geruhig und heiter das Blutgerüst zu besteigen, wie ihr vielleicht die Treppe hinangeht, die euch zu einem Bacchanal führt![440] Bei diesem Allem fehlt es mir nicht an Beobachtungen und Erfahrungen, über die Gesellschaft, die ich, theils während meines kurzen Aufenthaltes in Rom, theils auf meiner Heimreise selbst zu machen Gelegenheit hatte. Auch nach der Rückkehr von Neapel nach Rom kam ich mit verschiedenen ihrer Glieder mehrmals mit dem Hochwürdigsten P. General, auch mit dem Assistenten für Deutschland, P. Janssen, in Verkehr, am öftersten, der Sprachverwandtschaft wegen, mit P. Peters. Die hohe Meinung, die ich von dem Scharfblick der VV. Jesuiten hatte, wurde durch jede Unterhaltung mit ihnen befestigt und erhöht. Ich hatte Gelegenheit, die Klarheit zu bewundern, mit der jede Frage alsbald aufgefaßt, von allen Seiten in's Licht gesetzt, die möglichen Folgerungen nach jeder Beziehung daraus abgeleitet wurden. Die Erörterungen über jeden zur Sprache gebrachten Gegenstand waren ebenso ruhig, als sie das Wesen der Sache, ihrem innern Zusammenhang nach, Schritt für Schritt entwickelten. Man pflegt sich die Jesuiten als Leute vorzustellen, die stets Netze und Garne und Treiber in Bereitschaft hätten, um Andere für die katholische Kirche einzufangen, daher keine hohere Aufgabe kennten, als diejenige, was immer sich darböte, in dieselbe entweder hineinzulocken, oder hineinzustoßen. Ich bin überzeugt, daß, wäre es in meinem Heimathsort oder in andern protestantischen Orten bekannt geworden, daß ich einen der ersten Besuche zu Rom al Gesú abgestattet und denselben häufig wiederholt hätte, man nach dem 16. Juni allgemein würde gerufen haben: sehet, das ist das Werk der Jesuiten! Diese Schlauköpfe haben sichs wohl gedacht, daß sie hier einen leichten Fang machen konnten, und darum werden sie an Entgegenkommen und Schmeicheleyen und Lockungen und Ueberredungen es nicht haben mangeln lassen. Da sieht man wieder, wie man sich vor ihnen in Acht zu nehmen hat! ? Wahrlich den Jesuiten habe ich in dieser Beziehung nichts zu verdanken, wohl aber denjenigen, die sich um so großer, gewichtiger und erleuchteter glauben, se grimmiger sie die Jesuiten hassen, und[441] je gründlichere Lästerungen und Verdrehungen gegen dieselben sie zum Besten geben; die anbei darüber entrüstet sind, zu vernehmen, daß Gott, wider ihre Absicht, gerade ihrer vorzüglich zu Werkzeugen seiner Gnade an mir sich bedient habe. Indeß, da ich wohl wußte, daß ich mehrern Gliedern der Gesellschaft dem Namen und bisheriger Gesinnung nach nicht unbekannt seye, hätte es mich so besonders nicht befremden können, wenn etwa der Eine oder Andere von ihnen, in Voraussetzung, es liesse sich hierüber wohl ein offenes Wort mit mir sprechen, wenigstens auch einige Winke oder Andeutungen sich erlaubt hätte. Aber wie oft ich auch al Gesú mich einfand, wie manche längere Unterredung über die mannigfaltigsten kirchlichen Erscheinungen und Zustände mit dem Hrn. P. General und noch öftere mit Hrn. P. Peters ich hatte, diese Saite wurde nie auch nur von ferne, selbst nicht einmal in der leisesten Anspielung berührt. Auch hier blieb ich in dieser Beziehung mir überlassen; und ich darf wohl sagen, daß diese zarte Discretion meine Achtung vor den Vätern der Gesellschaft Jesu ungemein erhöht hat; denn eine flüchtig hingeworfene Aeusserung des berühmten P. Peronne, eigentlich bloß Wiederholung eines durch Vermittlung des Herrn Abbé Migne zu Paris am Ende des Jahres gegen mich geäusserten Wunsches, hervorgegangen aus der reinsten Theilnahme, konnte ebensowenig als Versuch, mich bestimmen zu wollen, angesehen werden, als im gemeinen Leben das Wort: ich hoffe Sie wieder zu sehen, für eine förmliche Einladung gelten kann. Eben dieser so wohlthuenden Schonung wegen fand ich mich veranlaßt, bei meiner Firmung durch den Hrn. Cardinal Ostini in der Capelle des heil. Aloys in Gegenwart vieler Zeugen dem Hrn. P. General dafür zu danken, daß er keinen Versuch gemacht habe, auf mich einzuwirken. Er hatte den Sinn dieser Danksagung wohl verstanden, denn er erwiderte mir mit dem heitersten Blick: »Das habe ich nicht im mindesten für nöthig erachtet, ich sah wohl voraus, daß es so kommen würde.« Das nun in Beziehung auf mich selbst. Eine Wahrnehmung[442] von allgemeinerer Bedeutung konnte mir in Rom ebensowenig entgehen; diejenige nemlich, daß die Gesellschaft jenes Vertrauen, dessen sie zur Zeit ihrer ausgedehntesten Wirksamkeit genoß, unter der Ungunst der Zeiten nicht im mindesten eingebüßt, oder daß sie dasselbe, wie sie es damals besessen, sich wieder erworben habe. Ich mochte in Rom al Gesú vorübergehen, wann ich wollte, stehs sah ich die glänzendsten Gespanne vor dieser Kirche halten; ich mochte in dieselbe eintreten, wann es war, so fand ich in derselben eine große Zahl Andächtiger aller, besonders der höhern Stände. Des Sonntags war dieselbe immer dicht angefüllt. Das Gleiche nahm ich in ihrer Kirche zu Neapel wahr. Freilich die Anschuldigung eines höchst würdevollen Gottesdienstes (wenn anders hieraus dergleichen erhoben werden darf), glänzender Ausstattung der Kirchen an festlichen Tagen, wunderschöner Beleuchtung derselben bei den Abendandachten, die Vereinigung dessen Allen, was die Anwesenden fesseln, anregen, emporheben kann, diese Anschuldigung müßte die Jesuiten heutigen Tages wieder ebenso treffen, wie in der Vergangenheit. Ich war dessen Zeuge zu Neapel an dem Feste eines Ordensheiligen, zu Rom an demjenigen des heiligen Aloys; an beiden Orten wohnte ich an diesen Festtagen einer erhebenden Feierlichkeit bei. Blicken wir unter solchen Umgebungen nicht auf diejenigen, welche vielleicht nur hineingehen, um zu schauen; blicken wir auf die Vielen, welche durch Anderes bewegt und gehoben sich fühlen. Nehmen wir zu Begründung unserer Urtheile nicht das niedrig Menschliche, nehmen wir dazu das in edlerem Verlangen emporstrebende Menschliche. Ist, was von der Kirche ausgeht, in Huldigung gegen Jenes, ist es nicht vielmehr in liebreicher Berücksichtigung von diesem geordnet? Nach meiner Rückkehr von Neapel in die ewige Weltstadt wohnte ich in der langen Galerie des Quirinals, auf Monte-Cavallo, der Kirche des Noviciats der Jesuiten gegenüber; beinahe so oft ich zum Fenster hinausblickte, sah ich entweder Wagen dort anfahren, oder Leute in dieselbe eintreten. Auch da gedachte ich der seltsamen Widersprüche in dem Urtheil über[443] die Väter. Auf der einen Seite beschuldigt man sie eines zu weit gehenden, höchst gefährlichen Latitudinarismus und behauptet, dieses Hätschlen der Sünden führe besonders die Vornehmen so zahlreich ihren Beichtstühlen zu; auf der andern Seite klagt man, sie erfüllten durch unbemessenen Rigorismus die Gemüther mit einer Aengstlichkeit, welcher Einzelne auf Kosten ihres innern Friedens bisweilen unterlägen. Wo ist hier die Wahrheit zu suchen? ?????? Da ich die Rückreise von Rom nach der Schweiz in Gesellschaft eines kurz zuvor zum Priester geweihten Germanikers (Hrn. Dominicus Gmür von St. Gallen) machte, und dieser angewiesen war, unterwegs in den Collegien der Gesellschaft seine Unterkunft zu suchen, so fand ich mit ihm freundliche Aufnahme in denjenigen aller Städte, durch welche der Weg uns führte. Von Loretto bis nach Innsbruck habe ich überall, wo Häuser der Jesuiten sich befinden, in diesen mich aufgehalten; überall bin ich in der zuvorkommendsten Weise empfangen, auf's Wohlwollendste behandelt worden; überall habe ich Männer von den edelsten Grundsätzen, von den einnehmendsten Manieren, von ungemeiner Milde und Sanftmuth gefunden. Der Grundsatz des Ordens, über nichts, was demselben widerfährt, zu klagen, alle Angriffe schweigend über sich ergehen zu lassen, den bittersten Verunglimpfungen Geduld und Schonung entgegenzustellen, und hierin dem Vorbild desjenigen zu folgen, »welcher nicht schmähete, da er geschmähet war, nicht drohete, da er zu leiden hatte, und denjenigen freiwillig sich übergab, die ein ungerechtes Urtheil über ihn herbeiführten,« ist in den Charakter der Individuen übergegangen, deren Name die Jüngerschaft gegen ihn andeutet. In allen Häusern des Ordens konnte ich ungesucht die genaueste Pünctlichkeit im Kleinen wie im Grossen, im geringfügig[444] Scheinenden wie in Wichtigem bemerken; Unverdrossenheit in jedem Moment, in welchem die Obliegenheit rief, die heiterste Geselligkeit in den Viertelstunden, welche der Erholung gewidmet, ? aber auch diese eingehalten nach unverbrüchlicher Vorschrift; daneben ein anerkennenswerthes Bestreben der Obern, mir jeden Orts den Aufenthalt angenehm zu machen, ohne darunter in der eigenen freien Bewegung mich zu hemmen, oder sich selbst in der vorgeschriebenen Ordnung stören zu lassen. Unter solcher doppelten Rücksichtsnahme gewinnt die Gastfreundlichkeit ihre wahrhaft erfreuende Seite, wird das Verweilen in einem solchen Hause zur Annehmlichkeit, jede Bedenklichkeit, lästig zu fallen, alsbald beseitigt. Ich habe schon im meiner Jugend oftmals sagen hören; körperliche Reinlichkeit lasse auf Reinheit der Seele schliessen. Gewiß liegt viel Wahres in diesem Satz. Jene nun habe ich in allen den Häusern der Gesellschaft, in denen ich verweilte, immer gefunden. Man möchte es eine geringfügige Sache nennen, aber doch darf ich sie nicht unberührt lassen: allerwärts sah ich vor dem Refectorium einen Brunnen mit zwei Hahnen angebracht, daneben zwei reine Handtücher; Keiner trat in jenes ein, Keiner verließ dasselbe, ohne jedesmal die Hände zu waschen. Im Innern der größten und angesehensten Häuser, selbst den Hauptsitz des Ordens al Gesú zu Rom nicht ausgenommen, herrscht übrigens die größte Einfachheit, welcher, zu gleich mit jener Reinlichkeit, das Gepräge der Ruhe und Ordnung aufgedrückt ist. Das Zimmer des P. General hat vor demjenigen des Capuciner-Generals nichts zum voraus, als den grössern Umfang; das Geräthe darin ist schwerlich werthvoller als in jenem. Die Zellen der Vater unterscheiden sich von denjenigen der Capuciner ebenfalls bloß durch etwelche grössere Räumlichkeit; und schwerlich würde der Religiose eines etwas begüterten Klosters diesseits der Alpen mit der Wohnstätte eines Jesuiten, und wäre es diejenige des Rectors selbst eines ansehnlichen Collegiums, tauschen wollen. Auch die Zimmer für Fremde unterscheiden sich von den andern nur wenig,[445] höchstens durch ihre bequemere Lage. Eben so einfach ist das Mahl, während dessen immer vorgelesen wird, und welches auch allfällige Nachzügler schweigend einnehmen. Kurz, man findet hier die Armuth der Religiosen gewiß so streng, als sie bei den Capucinern nur immer kann gefunden werden, die Beobachtung aller Vorschriften ebenso pünctlich, als bei den Cartäusern. An mehrern Orten, namentlich in Reggio und zu Innsbruck, bin ich in die Erziehungsanstalten der Gesellschaft geführt worden; ich habe die Classen in Augenschein genommen von denjenigen der jüngsten Schüler bis hinauf zu denen, welche der Vollendung ihrer Studien nahe stehen. Ich spreche nicht von den schönen, zweckmässigen Räumlichkeiten, welche allein schon das Verweilen in denselben zur Freude machen; das sind ausserwesentliche Dinge, die vielleicht da oder dort der Gesellschaft eher mögen gegeben, als durch sie angeordnet worden seyn. Aber der Eindruck, welchen die Zöglinge aller Altersstufen auf den Eintretenden machen müssen, das ist ihr Werk. Ueberall sah ich an denselben die Farbe blühender Gesundheit, ? Beweis, daß sie nicht, wie die, aller eigenen Anschauung entbehrende Urtheilsfertigkeit vorgiebt und zum Nachleyern Hunderte bereitwillig findet, in engen Klostermauern ohne Bewegung und Erholung ihre Jugend vertrauren müssen; überall paarte sich Munterkeit mit einer heutzutage so selten gewordenen Bescheidenheit, Höflichkeit ohne Schüchternheit, anständiges Benehmen ohne linkische Steifheit. In Reggio wurde ich bei dem Eintritt in die Classe der Jüngsten, Knaben von sieben oder acht Jahren, gegrüßt, ohne daß sie die fremde Erscheinung verblüfft angeglotzt hätten; sie wiesen mir ihre Schriftproben, ihre Zeichnungen mit einem offenen Entgegenkommen, als wären sie an mich gewöhnt; die Mittlern zeigten nichts von jener ungeschliffenen, oft tölpelhaften Verlegenheit, welche auf der Scheidelinie zwischen Kinder- und Knabenjahren in öffentlichen Schulen manchmal einen so widerwärtigen Eindruck macht oder Lichtenbergs Wort zur Anschauung bringt, daß in vielen Schulen die[446] Knaben eher angewöhnt würden, die Nase zu rümpfen als zu putzen; und ebensowenig war an den ältesten (bis zu siebenzehn Jahren) vorlautes Wesen, oder jener anmaßliche Blick, oder jene glimmstengelnde Bengeley wahrzunehmen, welche zu sagen scheint, die Welt warte nur, bis ihnen der Bart gewachsen seye, um dann endlich zu gewinnen, wessen sie so lange entbehrt habe. Im Theresianum zu Innsbruck wurde ich auch in die Kleiderkammer der Zöglinge geführt. Ich darf mit Recht sagen, daß die verständigste und besorgteste Hausfrau schwerlich so zahlreichen Vorrath genauer und besser in Ordnung halten könnte, als ich es hier sah. Nicht minder anständig (das Wenigste, was ich davon sagen kann) und zugleich räumlich fand ich ihr Refectorium, wo eben die Tische gedeckt stunden. An den Zöglingen aber, deren die meisten in ihren Lehrsälen versammelt waren, konnte ich die gleiche Bemerkung machen, wie zu Reggio, und ich verließ diese Räume ebenso befriedigt wie jene; durch Alles, was ich gesehen, wurde ich in meiner Achtung, in meinem Vertrauen zu der Gesellschaft gefestigt, aufs neue überzeugt, daß, wenn eine erfreulichere Aera für die Menschheit eintreten solle, dieß dann nur möglich seye, wenn der Gesellschaft Jesu zunächst auf die Erziehung der höhern Stände und auf die Bildung künftiger Priester, dann allmählig auch anderer Classen der ehevorige Einfluß wieder eingeräumt werde. Oder sollten diejenigen Gemeinden Deutschlands, an welchen Germaniker als Seelsorger wirken, über dieselben sich zu beschweren Veranlassung finden? ???? Bald nach meiner Rückkehr in die Schweiz staunte ich, in den öffentlichen Blättern zu lesen, der P. Provincial der Gesellschaft Jesu und die Regierung von Luzern hätten sich über[447] die Bedingungen verstanden, unter welchen jene die Leitung des zu errichtenden Priesterseminariums übernehmen würde. Ich hatte sehr triftige Gründe zu glauben, daß beide Theile von einem solchen Einverständniß noch ziemlich ferne stünden, und daß die Absicht, die Väter zu diesem Zwecke nach Luzern zu berufen, noch längere Zeit blosser Wunsch bleiben dürfte. Indeß die Verständigung war erfolgt; wie und auf welchen Grundlagen, weiß ich nicht, da ich in näherer und dauernder Berührung zu Luzern mit Niemanden stehe. Mehr als was bloß summarisch der Schweizerische Correspondent darüber berichtete, habe ich bis zu dieser Stunde nicht erfahren, da ich durch den gesammten Zeitungswust auch nicht eine Minute mir rauben lasse. Sobald diese Nachricht ruchtbar wurde, ertönten die Posaunen des Radicalismus und der Negation von einer Gränze der sogenannten Eidgenossenschaft bis zur andern, und immer lauter und schrillender wurde geblasen, und es drangen die Töne in alle Winkel und in alle Schenken und in alle Gruppen, zu denen ihrer Drei sich sammelten, und sie zischten hinein in alle Gelage und selbst durch alle Schulen; und immer mehr wurden die Ohren betäubt, und immer mehr wirbelte es in den Köpfen, und immer rüstiger wurde mittelst der Preßbengel die Urtheilskraft zu Boden geschlagen, und immer gründlicher die Ueberlegungsfähigkeit ausgefegt; und rabiater schallte es aus allen Tiefen von Tag zu Tag jenen unausgesetzten Posaunenstössen entgegen. Da ward mir hinsichtlich jener schon lange gewonnenen Würdigung der Feinde der Gesellschaft und der Gründe des Hasses gegen sie von Tag zu Tag wesentliche Bestätigung. Waren sie sich dessen bewußt oder nicht? Immerhin mußte der Gegensatz, den die Jesuiten wider ihr Wesen bilden, kraft unbezwinglicher Naturnothwendigkeit alles Entgegenschäumen in seinen Grundtiefen aufwühlen, und den flammenden Gischt bis zu den Eiseszinnen der Gebirge hinansprühen. Bei den Gehaßten volles Hingeben an die Kirche in ihrer concreten Gestalt, bei den Häßern verächtliches[448] Geringschätzen oder frevelmüthiges Niederdrücken derselben bei unheimlichem Gemahnen, daß auch sie einst in diese getragen worden; bei jenen das stäte Bild wohlgefügter Ordnung, bei diesen ein Valetsagen aller Ordnung, inwiefern sie nicht die Gewalt zum Stützpunct hat; bei jenen Gehorsam die bewegende Kraft in dem Einzelnen, wie in dem verbundenen Ganzen, bei diesen der Gehorsam nicht allein als Tugend, sondern selbst bis auf den Wortlaut abhanden gekommen, oder in den lautlosen Frondienst gegen knechtende Gewalt verwandelt; bei jenen ein Heranbilden der Jugend zur Furcht Gottes, zu heiliger Scheu vor seinen Geboten und allen sittlichen Zierden des socialen Lebens, bei diesen Geringschätzung alles dessen, unter Förderung dünkelhaften Wissens, anmaßlichen Auftretens und ungefüger Barschheit. Ueber dem sichtbarlich sich bildenden stürmischen Aufbruch von Hunderttausenden wider sieben Jesuiten, die in Luzern sich niederlassen sollten, traten mir in ihrem vollen Umfange die riesigen Widersprüche vor Augen, welche ein sittlich verfaultes Geschlecht mit einer Leichtigkeit verschluckt, als wären es unbemerkliche Mücken. Es kann nicht meine Aufgabe seyn, auch nur die flüchtigste Skizze von der Weise zu entwerfen, in der es darauf angelegte und der Mittel, durch die es zu Stande gebracht wurde, ein durch papierene Bande wenigstens zu leidlichem Anschein noch geeintes Volk entschieden auseinander zu reissen, das auseinander Gerissene in blutigen Zwiespalt sich gegenüberzustellen, und einerseits alle verneinenden Kräfte zu fanatischem Mordschnauben aufzustacheln, ander seits diejenigen, welche diesem als Opfer hätten fallen sollen, zu gottvertrauender, darum muthiger Gegenwehr zu begeistern, in jedem Fall eine Saat des bittersten Hasses auszustreuen, dessen Fortdauer bei allem lügnerischen Gebrauch vertrockneter Canzleiformeln so schnell nicht abwelken wird. Hoffentlich wird dieses Blatt der Geschichte den Nachkommen nicht blos mit den daran haftenden Blutspuren überliefert werden, es wird sich doch wohl eine Feder finden, welche den schauderhaften Zeichen die Auslegung beifügt und mit geprüfter[449] Waage über die Parteien zu Gericht sitzt. Mit wenigen Worten jedoch jene Widersprüche berühren zu wollen, kann demjenigen, der nach Zeit, Ort und Gesinnung der Sache so nahe steht, wie ich ihr stehe, nicht verargt werden. Sieben Jesuiten tollten nach Luzern kommen, um die Bildung der künftigen Priester dieses ganz katholischen Cantons zu leiten. Auf einmal scholl's wie Sturmesbrausen von Genf bis Rheinek: Wie? Jesuiten nach Luzern? Auf! der Protestantismus der gesammten Schweiz schwebt in der äussersten Gefahr! ? Sprach man zuvor von Jesuiten als von Jugendlehrern, so zuckte man mitleidig die Achseln. Was sollen diese, hieß es, mit ihrem verrosteten Mönchskram in unserer vorangeschrittenen Zeit, bei der unermeßlichen Entwicklung der Wissenschaft, bei der Höhe, welche unsere Cultur erstiegen hat, bei der allgemein verbreiteten Bildung? ? Berührte man sonst den Protestantismus und als dessen Gegensatz den katholischen Glauben und katholisches Leben, so sah man die Leute erst recht breit auftreten und verkündigen: der Protestantismus allein entspricht dem wahren Wesen und Bedürfniß des menschlichen Geistes; er nur kann demselben zusagen; er einzig ist die eines freien Volkes würdige Religionsform (wenn denn doch eine solche nothwendig seyn sollte), denn er allein schlägt den Geist nicht in Fesseln. Er beruht nicht auf äußern Satzungen, er bedarf nicht, wie der Katholicismus, menschlicher Vorschriften, er hält nicht, wie dieser, überall Bande in Bereitschaft; er nur strebt vorwärts, wie es des Geistes Bestimmung ist; er wurzelt in des Menschen Brust, er hat seine Wohnstätte in eines Zeden lichtem Verstand, verklärt tritt er hervor als »Gesammtintelligenz;« seines Sieges bewußt, mag er ruhigen Blickes in die Ohnmacht des hinsterbenden Katholicismus hineinblicken! ? So hieß es sonst bei jeder Veranlassung. Nun sollen sieben Jesuiten nach Luzern kommen, und, gleich als hätte ein Windwirbel es weggefegt, zerronnen ist das stolze Bewußtseyn, verklungen sind die schönen Phrasen, bereits an den, so hinab in die Grundtiefen sich senkenden und untastbar darin ruhenden Wurzeln sollte die Art liegen, und für die 1,292,871[450] so glaubensfesten Protestanten und vielleicht gar die 1755 Juden im Canton Aargau noch inbegriffen, sollte der unerbittliche Hannibal an den Thoren stehen. In solcher Noth, dieß es nun, wäre dringlich, daß Alles sich aufmache, was einen Mund zum Schreien, was eine Hand zum Schreiben, zuletzt was eine Faust zum Dareinschlagen habe. Es sollten die Rathe rathen, die Zeitungen spornen, die Volksredner lärmen, unermüdlich alle Wächter rufen. Es wurden wider die gefährlichen Sieben Volksversammlungen gehalten, von tausend bis zu zwanzigtausend anschwellend. Es wurde durch die Cantone ein Volksbund geschlossen, als ob das Land in der äussersten Gefahr, am Rande des Unterganges schwebe. Es wurden die Heldenherzen registrirt, es wurden Rüstungen veranstaltet, es wurden durch hochgesinnte Retter Kriegsgeschwader geordnet. Handwerksbursche aller Länder wurden zusammengebrüdert, schwellenden Muthes, um für Gewissen, Freiheit und Vaterland zu siegen, oder davon zu rennen. Erklärungen oder Begehren zur Unterschrift liefen herum, und mehr als eine Dorfgemeinde, deren Bewohner zuvor vielleicht niemals das bloße Wort Jesuit gehört hatten, stand auf wider die Entsetzlichen wie ein Mann, oder auch ein Mann für Alle (wie es denn im Canton Schaffhausen vorgekommen ist, daß Einer Namens Aller ? ein neuer Winkelried ? die Feder in die Dinte stieß), oder die Lebenden für die Todten, die Jetzigen für die Kommenden, indem nicht nur an einem Ort die Zahl der Unterschriften diejenige der Ortsbewohner überstieg. In der protestantischen Waat wurde die Frage gestellt: Willst du, daß Jesuiten unter uns sich einnisten? die Verneinung aber dazu benützt, um nebenbei die erste Morgenröthe der schönen Parisertage von 1791 und 1792 wieder heranbrechen zu lassen, oder zu dem Versuch, die beglückenden Gedanken Weitlings aus der stummen Schrift in die lebensvolle That zu versetzen. Leute, die Ursache genug gehabt hätten, vor dem bloßen Gedanken an solche Möglichkeit zurückzuschaudern, thaten aus dem feurig herumgebotenen Taumtelkelch dermaaßen Bescheid, daß sie in[451] dem veranstalteten Bacchanal in den gleichen Taumel verfielen, und in blinder Wuth mitraseten wider ein Element, welches allein gegen das letzte Ueberfluthetwerden der Gesellschaft verläßliche Bürgschaft zu leisten vermöchte. Die sichtbare und wirklich nahe stehende Guillotine, sammt der unsichtbaren, aber dennoch sich manifestirenden Gewalt, welche dieselbe am Ende in Bewegung setzen könnte, verlor ihr Schreckendes über der Angst vor Scheiterhaufen, die man sich an die Wand gemalt hatte. Die unverkennbar um sich greifende Verthierung der Menschheit in erfolgreich angestrebter Entfeßlung aller Leidenschaften schien manchen Bethörten ein geringeres Uebel, als die noch so beschränkte Herstellung einer geistigen Macht, welche jener entgegenzuwirken, diese durch das einzige helfende Mitte zu dämpfen verstünde. Individuen, in manchen Dingen leidlich klug und verständig, waren dem Fieberkranken gleich geworden, der mit brennender Gier nach dem Gifttrank greift, und mit Händen und Füßen gegen die Arznei schlägt, die, wenn nicht alsbald Heilung, doch Beschwichtigung bringen könnte. Kurz, es machte weitumhin durch alle Schichten der Gesellschaft ein Getriebe und ein Gethue sich bemerkbar, welches aus den niedersten Gründen zur höchsten Bergeshöhe hinanwallte, und wovon einzig die tiefste Besonnenheit und die gewiegteste Nüchternheit sich unberührt erhalten konnte. Ist aber die Revolution während fünfzehnjähriger Gewaltherrschaft niemals an eine Frage gelangt, welche sie zur letzten Enthüllung ihres Wesens dergestalt nöthigte, wie diese, so ist es auch bei keiner Veranlassung je so offenbar geworden, daß sie durch Rohheit zur Rohheit erziehe; daß es der großen Menge gewöhnlicher Menschen schwer falle, der langsamen, aber nachhaltigen Einwirkung von dieser mit Erfolg sich zu erwehren, und daß das Umsichgreifen eines entsittlichenden, darum immer mehr zerstörenden Jacobinismus unvermeidlich in ihrem Gefolge seye. Dann wieder lautete es in bedenklichem Wort, sie säen Zwietracht, die Jesuiten, sie reizen die Gemüther auf, sie gefährden die innere Ruhe, ste trennen die Verbundenen, sie stören den[452] Landesfrieden; die protestantischen Nachbarn können nicht fleißig genug auf der Hut, nicht wachsam genug seyn. ? Aber seit fünfundzwanzig Jahren leben und wirken die Jesuiten zu Freiburg, in der Nachbarschaft des protestantischen Waatlandes, dicht an der Gränze des protestantischen Berns. Unfehlbar werden Beweise, schlagende Beweise für diese Anschuldigung in Fülle beigebracht, es wird aus diesen Cantonen zur Genüge dargethan worden seyn, weß Alles gegen diese Protestanten sie bereits sich unterwunden hätten, um hieraus mit überzeugender Gewißheit sich versichern zu können, wessen sie unfehlbar von anderwärts her gegen die Protestanten anderer Cantone ebenfalls sich unterwinden würden. ? Aber wie auch gelärmt, und was Schreckendes in Fülle verkündet wurde, nicht eine einzige Thatsache aus so nahe liegender Beziehung ist zur Sprache gekommen, nicht auf die mundeste Spur, daß gerechte Beschwerde von dorther je verlautet habe, konnte hingedeutet werden. Selbst der rasch vorwärts geschrittene Radicalismus der Berner Gebietiger vermochte nicht Klage zu führen, daß die Jesuiten auch nur von ferne je sein Fortschreiten zu hemmen, oder ihm in den Weg zu treten versucht hätten. ? Ja noch mehr. In eben jenem katholischen Canton Freiburg bildet das Städtchen Murten mit kleiner Umgebung eine protestantische Parcelle. Hier doch werden diese Nichtkatholiken das Daseyn der Jesuiten zu fühlen gehabt, hier doch werden sie ohne allen Zweifel vielfältig geneckt, in ihrer Ueberzeugung beirrt, in ihrer Gewissensfreiheit bedrängt worden seyn; diese doch werden während eines vollen Vierteljahrhunderts des Bekehrungseifers der Jesuiten nur mit großer Noth sich haben erwehren können; von daher werden gewiß Beweise auf Beweise sich häufen; von daher wird eine Wolke von Zeugen ausmarschiren. Aber auch von daher nicht der leiseste Laut, nicht der unbedeutendste Beleg zu dergleichen aus Murten. So haben doch gewiß die Waatländer viel zu erzählen, wie die Jesuiten im Wallis, von Brieg aus, in ihrem Canton es treiben, was sie da Alles versuchen, wie fleißig sie da ihre Drachenzähne säen? Tiefes[453] Schweigen hat auch hierüber bis zu dieser Stunde geherrscht. Wie gewaltig demnach von Mund zu Mund jene Phrasen klangen, lautlos und stumm blieb Alles, sobald es sich um Belege, um erweisliche Belege, um Belege handelte, denen man nöthigen Falls hätte nachfragen können. Doch jene, welche über die verderblichen Zwecke der Jesuiten die ermüdendsten Reden gehalten, den gründlichsten Widerwillen ernstlich losgelassen, für ihre gerechte Entrüstung weder Maaß noch Ziel gekannt haben: sie haben wohl die Eintracht gepflegt durch ihre, bald höhnische, bald gewaltthätige Behandlung der katholischen Mitbürger? Sie haben wohl die Gemüther beruhigt durch ihr anmaaßliches Beherrschen der Kirche? Sie haben wohl keine Mißstimmung hervorgerufen durch ihre Verfolgung würdiger Geistlicher, durch ihren Raub an den gewährleisteten Stiftungen der Vergangenheit und der Verwendung desselben zu allerlei unheiligen Zwecken? Sie haben gewiß den Landesfrieden nicht gebrochen durch Ausrüstung und Ausstattung Solcher, die auf eigene Faust die Brandfackel, den Mordstahl und die Verwirrung in ein Bundesland tragen sollten? ? Doch ja, die Jesuiten haben dieses Alles verschuldet, denn warum wollten sie auf den Ruf einer rechtmässigen katholischen Obrigkeit in ein ganz katholisches Land, in einen selbstständigen Canton kommen, in unverantwortlicher Mißkennung des höchsten Willens aller Radicalen und Nihilisten? So fielen alle Unthaten verthierter Menschen ausschließlich Gott zur Last, denn weßwegen hat er dieselben geschaffen. Aber Luzern ist eines der Vororte der Eidgenossenschaft; deßwegen berührt die Frage, ob es seine künftigen Priester, ob diejenigen, die einst der Kirche, nicht dem Staat (wovon sie durch die Verfassung zweckmässig ausgeschlossen sind) dienen sollen, durch Jesuiten wolle bilden lassen, nicht bloß den betreffenden Canton, sondern den gesammten Bund; deßwegen muß hier die Cantonal-Souveränetät der Bundes-Autorität nachstehen. ? Dabei wird dem Wortlaut des Bundesvertrages: die XXII souveränen Cantone »vereinigen sich durch den gegenwärtigen Bund ? zu Behauptung ihrer[454] Freiheit, Unabhängigkeit und Sicherheit gegen alle Angriffe fremder Mächte, und zur Handhabung der Ruhe und Ordnung im Innern;« sodann: »die Tagsatzung trifft alle erforderlichen Maaßregeln für die innere und äussere Sicherheit der Eidgenossenschaft,« ? diesem Wortlaut wird bei Volksversammlungen, in grossen Räthen und auf der Tagsatzung mit der solemnesten Frechheit eine Deutung angetobt, als wäre dieser Bund, weil »gegen alle Angriffe fremder Mächte,« demnach auch gegen sieben Jesuiten geschlossen, und als wäre mit ihrer Berufung einleuchtend, unbestreitbar der casus foederis eingetroffen, welcher die Befugnisse der Souveränetät aufhebe. Als dagegen vor vier Jahren die radicalen Rapacitäten Aargaus unter entschiedenem Widerspruch der katholischen Einwohner, unter anfänglicher Einrede des grossern Theils der verbündeten Stände, in offenbarer Verachtung eines klar sprechenden Artikels der beschworenen Bundesverfassung, in den Saturnalien der rohesten und gewaltthätigsten Willkür das urkundlich gewährleistete Eigenthum der uralten und reichen Abteyen des Landes in wildem Frevel an sich gerissen, da müßte die Cantonal Souveranetät über dem Bund stehen, und gelang es endlich durch allerlei Mittel, die Stimmen von zwölf »treuen, biedern« Eids- und Bundesgenossen zusammenzukünsteln, daß sie, unter Verabschiedung jedes Rechts- und Schamgefühls, kein Bedenken trugen, in den Tagsatzungsabschied aufzunehmen: was die Bundes-Urkunde in unmißverstehbarem Wort tage, sage sie eigentlich nicht, und was dieselbe ausdrücklich verbiete, werde durch sie unzweifelhaft gestattet, ? ein Fündlein, welchem sie früher den glimpflichen Namen Transaction anheuchelten. In Luzern hatte alsbald nach den Behörden die Mehrzahl des Volkes für Berufung der Jesuiten insofern gesprochen, als dieselbe nicht, wozu sie befugt gewesen, Einsprache dawider eingelegt. Zwar mochte einer wenig zahlreichen, aber jegliches Mittel aufgreifenden Partei daselbst, welche seit drei Jahren jeden Anlaß benützte, um der Regierung Verlegenheiten zu bereiten und, wo immer die Möglichkeit dazu zu erschauen war,[455] selbst deren Fortbestehen in Frage zu stellen, mittelst rastloser Umtriebe es erreichen, einen Theil des Volkes zu vermögen, gegen jene Berufung ein Verbot (das Veto) einzulegen; worauf dieselbe anfangs laut und zuversichtlich durch die ganze Schweiz verkündete: das Luzernervolk seye in seiner überwiegenden Mehrheit entschieden gegen dieselbe. Als hierauf der Erfolg ganz anders sich erwies, mußte durch das Mitwirken der Gleichgesinnten in andern Cantonen der Gegenstand erst zur eidgenössischen Sache, dann zu derjenigen der gesammten protestantischen Bevölkerung, selbst der entlegensten Landestheile, gemacht, sollte durch angezettelte Verschwörung, durch förmlichen Aufruhr, durch gewaffneten Einbruch mitten im Frieden die zu Gesetzeskraft erwachsene Schlußnahme unter beabsichtigtem Umsturz der Regierung gewaltsam hintertrieben werden. Galt es dagegen im Jahr 1841, dem Canton Aargau durch die Ueberzahl von etlich hundert Protestanten eine den Katholiken nachtheilig scheinende Verfassung aufzuladen; galt es, eine solche, welche gleichzeitig durch terroristische Maßregeln gegen diejenigen begann, die auf gesetzlichem Wege das willkürliche Walten radicaler Dränger hemmen wollten, in Solothurn mit erzwungener Mehrheit durchzusetzen, so war in beiden Fällen die Mehrheit ohne alle Rücksicht auf Gründe und Beschwerden der Minderheit unbedingt zu respectiren; war darnach auch nicht von ferne zu fragen, wie weit im der Zahl die Minderheit dieser Mehrheit sich annähere, auf welcher Seite das größere Recht, der bessere Wille sich finde? Hatte sich ja die Mehrheit erklärt, durch diese die untrügliche Stimme gesprochen. Hier dagegen wurde von einer ansehnlichen, darum berücksichtigenswerthen Mehrheit geredet, diese mit vollem Anspruch auf Beistand in den Vordergrund gestellt, verkündet, daß man sie ohne Pflichtverletzung nicht dürfe im Stich, lassen. In diesem Fall sollte demnach, wenn nicht die Mehrheit keine Mehrheit, so doch die Minderheit nicht dasjenige seyn, wofür sie, sonst in allen andern Fällen gelten mußte: ? nicht mehr vorhanden, sobald die Zahl von jener aufgenommen und bekannt gemacht war.[456] Die Jesuiten, hieß es ferner, sind Fremde, sie haben kein Vaterland, sie geben für eine schweizerische Gesinnung keine Bürgschaft, ihre Einwirkung auf die Jugend ist darum um so bedenklicher. Da verdient doch vordersamst erwogen zu werden, daß es bisanhin den übrigen Cantonen noch nie eingefallen ist, einem andern Vorschriften darüber geben zu wollen, wen er zum Unterricht seiner Jugend nicht geeignet halten dürfe, welcher Herkunft diejenigen seyn müßten, die er hiezu zu berufen für gut finde, von Bundeswegen den Grundsätzen, der Richtung, oder der Methode derselben nachzufragen; daß bis dahin weder Tagsatzung, noch grosse Räthe, noch Volksversammlungen geglaubt hatten, als oberste Schulbehörden der Eidgenossenschaft auftreten zu sollen; daß vielmehr bis jetzt fest an der Meinung gehalten worden ist, Solches seye Sache des betreffenden Cantons, so wie auch einzig dessen Behörden die Verantwortlichkeit einer übereilten oder mißglückten Wahl über sich zu nehmen hätten. Vollends dann, als zum Theil der Abhub deutscher Flüchtlinge in mehr als einem Canton mit offenen Armen empfangen, als in heisser Sehn sucht nach deren Lebensbrod dieselben hier mit Lehrer- und dort mit andern Stellen eilfertig versehen wurden, da fiel es keinem Canton ein, den andern hierüber zur Rede stellen, seine volle Befugniß ihm streitig machen zu wollen, die Einrede zu erheben: diese Menschen seyen landesflüchtige Fremdlinge, in der Heimath dem Gesetz verfallen, Niemand kenne ihre Lehre, ihre Absichten, ihre Zwecke, um so begründetere Zweifel seyen deßwegen über ihre Gesinnungen zu erheben, gerechte Besorgniß zu hegen, sie möchten einen schlechten Geist der Jugend einpflanzen. Und als hierauf die giftige Saat, welche diese Fremdlinge mit vielfacher Geschäftigkeit ausstreuten, in Verbreitung der schlechtesten und zertrennendsten Lehren, in Verhöhnung aller vormaligen eidgenössischen Tugenden, in stäter Herabwürdigung der ältesten Bundesglieder, in übermüthigem Spott über deren Glauben, Cultus und Kirche, in immerwährendem Hetzen in dem engern Bereich der Bürgerschaften, in unausgesetzten moralischen Meuchelanfällen[457] auf Jeden, der nicht ihres Gelichters ist, in der Verpestung, die sie mittelst der niederträchtigsten Ausbeutung der Preßfreiheit über den grossen Haufen verbreiteten, nur allzuschnell aufgieng und nur allzuüppig wucherte, selbst da fiel es Niemand bei, den sie aufnehmenden Cantonen von Bundeswegen den Vorwurf zu machen, daß dieses Fremdlinge und dazu meist noch Glücksritter seyen; daß sie zu so vielem Unheil über das Land noch alle Schmach auf den Schweizernamen wälzten; daß innerer Friede und inneres Gedeihen bei dem ungezügelten Walten dieses zusammengelaufenen Volkes unmöglich, daß dasselbe der Giftwurm seye, der das innerste Mark der ehebevor glücklichen und friedlichen Eidgenossen durch seinen Zahn benage und zugleich durch seinen Auswurf zersetze. Da wäre jede Stimmte, welche in dem redlichsten Wohlmeinen, auch noch so leise und gemässigt, hierauf angespielt hätte, dem schneidendsten Spott und der gellendsten Lache begegnet, und im besten Fall würde man mit Entrüstung über ein so unbefugtes Unterwinden gegen die Cantonal-Souveränetät und das sichtbar aufblühende Volksglück sich geäussert haben. Was ein Jesuit ist, was er glaubt, was er lehrt, was er anstrebt, wie er wirkt, was er als Prediger verkündet, wie er als Beichtvater sein Amt verwaltet, worauf er als Jugenderzieher sein Augenmerk richtet, das kennt man, das ist Niemand verborgen, nicht im Dunkeln treiben sie ihr Werk. Aber dieselben sind allzupositiv in ihrem Glauben, allzutreu an ihrer Kirche, allzupünctlich in Allem, was den Gottesdienst betrifft, mit einem Wort, sie sind zu entschieden katholisch und suchen mit ernster Thätigkeit in jeglichem Wirkungskreis die gleiche Gesinnung zu pflanzen und zu pflegen. Das nun ist's, weßwegen die gerühmte Freisinnigkeit sie verwirft, sie verfolgt, was sie durch alle Mittel zu hindern trachtet. Wie wissenschaftlich, sittlich und gesellschaftlich monströs eine Lehre seye, wie weit hinaus in die Negation sie schreite, hinter dem Schild der anerkannten Denkfreiheit ist sie geborgen; aber die eminent positive Lehre hat auf solche Sicherheit keinen Anspruch, sie kann[458] keinen haben, denn sie soll als Zeugniß unfreien Denkens gelten. Hatte Luzern zu Bildung seiner künftigen Geistlichkeit sieben Ronge's, hätte es sieben Pantheisten, hätte es sieben Junghegelianer, hätte es sieben erklärte Atheisten berufen, gewiß die Tagsatzung hätte hierin keine Gefahr erkannt, die andern Cantone würden vor dem blossen Gedanken an eine Einmischung bei so preiswürdiger That zurückgeschaudert seyn, die bekannten Vaterlandsfreunde wären ruhig und unbesorgt geblieben, manche Zeitungsblätter wurden den herrlichen Fortschritt mit Entzücken verkündigt haben, und Jubel und Jauchzen wäre aus mehr als einer Kehle hervorgebrochen, die jetzt über dem Halloh gegen die Jesuiten vielleicht heiser geworden ist. Ferner hat man es nicht gewußt, oder nicht wissen wollen, vermuthlich aber für zweckdienlich erachtet, es in Vergessenheit zu stellen, daß von den Jesuiten niemals die Absicht gehegt worden ist, in den Canton Luzern zurückzukehren, daß sie ein solches Verlangen niemals geäussert, daß sie niemals der dortigen Regierung sich angeboten, noch weniger versucht haben, ihr sich aufzudringen; wie sie denn keinem Land, keiner Stadt sich aufdringen, wider Willen derjenigen, die hierüber zu entscheiden berechtigt sind, auch da nicht länger verweilen, wo sie für entbehrlich gehalten werden. Offenkundig (die Zeitungen haben ja seiner Zeit des Weiten und Breiten davon gesprochen) ist es, daß das Verlangen nach ihrer Rückkehr von Luzern selbst ausgegangen ist; wodurch dasselbe veranlaßt worden war, blieb ebensowenig ein Geheimniß. Wie lange es hierauf dauerte, welche Schritte geschahen (Alles ohne Zuthun der Gesellschaft), bis endlich ein Beschluß möglich wurde, ist ebenfalls wieder Jedermann bekannt; weniger vielleicht, daß die Obern der Gesellschaft nicht alsbald so willfährig sich erzeigten, wie sonst derjenige zu thun pflegt, der mit heißer Begierde irgend Etwas zu erreichen hofft, oder gar es zu erreichen sich bestrebt, ja daß es sogar eine Zeitlang zweifelhaft war, ob sie nur dem an sie ergangenen Ruf entsprechen würden. Trotz dessen sind flammende Reden gehalten worden von den Anschlägen der Jesuiten,[459] wie sie auch da sich eindrängen wollten, von der Herrschsucht der Gesellschaft, von der kalten Gleichgültigkeit, mit der sie über blutende Leichen und über rauchende Trümmer ohn' alles Bedenken fröhlich einherschreite, wenn sie nur irgendwo ihren Thron aufschlagen könne. Auch das gehörte zu dem »süssen Brei« jenes Dichters, welchen die Masse aller Kategorien gierig hineinschlang und darob für Alles ein offeneres Ohr behielt, als für Wahrheit. So ist in dieser Angelegenheit des Grundfalschen, Boshaften, Erlogenen, einzig auf den Zweck Berechneten unermeßlich viel von allen Seiten zusammengesteuert, zusammengerednert und zusammengeräthlet worden. Das Endergebniß liesse sich in einen Erlaß, ohngefähr folgenden Wortlautes, fassen: »Wir Fortschrittler, Wir Revolutionsmänner, Wir Nihilisten, Wir Bleiwägler insgesammt, in pleno und specialiter ad hoc versammelt, fragen nicht: hat Luzern als souveräner Stand irgend ein anerkanntes Recht; wir fragen nicht: glaubt es, in heller Einsicht oder in stockdichter Verblendung, daß die Jesuiten als Erzieher seiner künftigen Priester ihm nützlich seyn könnten; uns berührt es nicht, ob diesen Jesuiten in solcher Beziehung Vertrauen zu schenken seye, oder nicht; uns geht es nichts an, ob diese Jesuiten ihren Einfluß auf das, wozu sie berufen sind, und auf den Canton, in den sie berufen sind, beschränken, oder darüber hinaus erstrecken dürften ? wiewohl wir von vornherein annehmen, daß sie den Nachbarcantonen lästig fallen, und diese, trotz der so hoch entwickelten Cultur und aller, so wachsamen als kostbaren Polizei, weder ihres verderblichen Einflusses sich entschlagen, noch erforderliche Maßregeln der Abwehr werden treffen können; denn dieses Alles kann auf unsere, so wohlgemeinten als rechtlich begründeten Beschlüsse keinerlei Einfluß haben; sondern: es sind eben Jesuiten, und diese wollen wir nicht, diese dulden wir nicht, für dieses Nichtwollen und Nichtdulden haben wir die erforderliche Anzahl durchaus unberechtigter, aber desto lauter sprechender Stimmen zusammengebracht und, alsbald wir gepfiffen[460] haben, sind diese zumal laut geworden, so daß euch, die ihr es wagen könnet, andere Meinung zu hegen, die Ohren hätten gellen mögen. Hienach habt ihr euch zu fügen, daran geschieht unser, als der einzig gültige Wille; im übrigen der garantirten Cantonal-Souveränetät und der anerkannten Gewissensfreiheit in allen Stücken unbeschadet.« Wollte man glauben, es seye der Protestantismus, der die angeführten Widersprüche erzeugt und in sich hinein geschlungen habe, so würde man nicht nur irren, sondern gegen denselben höchst ungerecht seyn; sofern man nämlich unter Protestantismus und Protestanten eine, durch ein bestimmtes Glaubensbekenntniß und durch treues Festhalten an den aus der Kirche geretteten Lehren der Offenbarung zu einem gleichartigen Ganzen verbundene Religionsparthei versteht. Daß dieser Protestantismus für die Jesuiten zwar keine Sympathien haben, daß ihm deren Niederlassung in einem katholischen Nachbarlande nicht gerade die erwünschteste Sache seyn könne, das soll ihm nicht verargt werden. Dennoch aber kann man nicht nur, sondern man darf mit allem Recht von demselben die bessere Meinung hegen, daß er sich schämen würde, umt Solches zu hindern, dergleichen Triebfedern, wie hier geschah, in Bewegung zu setzen, solche Mittel, wie sie jetzt ungescheut gehäuft wurden, anzuwenden, daß er zu ehrlich, zu wohlgesinnt wäre, zu viel Gewissen hätte, um ohne die leiseste Bedenklichkeit selbst die verworfensten Gewaltthaten zu versuchen. Im Gegentheil, ich könnte Protestanten nennen, deren die Einen unbefangen genug sind, dem Recht und einer unverkennbar guten Absicht über bloß eingebildete Besorgniß oder beengende Abneigungen das Uebergewicht einzuräumen; noch Mehrere aber, denen gegründete Furcht über die möglichen Folgen einer immer weiter gehenden Entwicklung des losgebrochenen Treibens näher steht, als wenn alle Jesuiten von Europa nach der Schweiz ziehen wollten. Nein, es ist nicht der Protestantismus, wenigstens nicht der glaubensfähige Protestantismus, von dem jenes Alles ausgegangen[461] ist, ja der auch nur beifällig ihm zustimmte, sondern es ist der in den Nihilismus fortgeschrittene und damit zugleich in den Radicalismus aufgegangene Protestantismus, welcher in Verbindung mit allen, jenen beiden verwandten Elementen zu dem, was ich vorgehends berührt habe, sich vollkommen berechtigt halten mochte. Fraget, wie viele von denjenigen, welche am lautesten gegen die Jesuiten geschrieen, die, weil sie erst die verschiedenen Behörden Luzerns, hierauf die Mehrheit des dortigen Volkes, sodann alle Katholiken, zuletzt selbst diejenigen Protestanten, welche offener Widerrechtlichkeit das Wort nicht reden konnten, mit den Jesuiten identificirten; die deßwegen, weil sie in solche Betäubung sich hineingearbeitet hatten, am Ende selbst vor den entsetzlichsten Gewaltthaten nicht mehr zurückbebten, fraget, wie viele von diesen an den geoffenbarten Glaubenswahrheiten, die der alte Protestantismus als geheiligtes Gut bewahrt hat, mit zweifelloser Anhänglichkeit noch festhalten; wie Viele derselben ihnen durch ihr Leben Zeugniß geben; wie viele derselben den Gottesdienst schätzen und fleissig besuchen; wie viele derselben nicht auch im Bereich der Zucht, Sitte, Ehrbarkeit, Redlichkeit, Berufstreue, Mässigkeit, Sparsamkeit als entschieden Protestirende sich bewähren? Fraget, wie viele aus ihnen, wenn sie auch von der Fleisches-Emancipation als Lehre ihr lebenlang nichts gehört haben, doch in praktischer Uebung derselben den blossen Theoretiker zu Schanden machen würden? Fraget, wie viele aus ihnen, wenn ihren auch das Wort Materialismus ganz unbekannt ist, doch genaue Vertrautheit mit der Sache an den Tag legen? Läßt dann sich aus den Mitteln, die zu Erreichung eines Zweckes angewendet werden, ein Urtheil über diesen selbst ableiten, so kann der Entscheid über den Werth der widerstrebenden Zwecke zweyer, in der äussersten Erbitterung sich gegenüberstehenden Parteien weder schwer fallen, noch schwanken, sobald wir jene angewendeten Mittel in's Auge fassen; so wenig als die durch momentane Rücksichten gebotene Bemäntelung des Grundverwerflichen, als einer dennoch »guten Sache,« denjenigen[462] irre zu leiten vermag, der hinreichend freyen Sinn bewahrt hat, um die Ereignisse, sowohl an sich, als in ihrem Zusammenhange zu erwägen. Da nehmen wir nun auf der einen Seite einen ruhigen, bemessenen, gesetzlichen, anbei festen Gang wahr, fern von aller nutzlosen Wortmacherei, ? auf der andern ein unablässiges Treiben, ein unausgesetztes Hetzen, ein fortwährendes Ueberbieten im Verdrehen, Entstellen und Lügen; auf der einen Seite sehen wir entschlossenen Muth zu Abwehr des Unrechts, ? auf der andern tollkühne Frechheit zu unbegränztem Verüben desselben; auf der einen Seite erblicken wir eine Gesammtbevölkerung zu innbrünstigem Flehen in dem Heiligthum des Herrn geschaart, ? auf der andern wuthschäumende Horden, unter Zechgelagen in den Schenken tobend; auf der einen Seite hören wir das demuthsvolle Seufzen um den gnadenreichen Beistand des Allmächtigen, ? auf der andern das gräßlichste Hineinfluchen in einen infernalen Tollsinn. Auf welcher dieser beiden Seiten nun möchte, wenn nicht das Recht, so doch der preiswürdigere Zweck zu suchen seyn? Oder sollte derselbe vertreten werden durch Individualitäten gleich jenem vollblutigen Neueidgenossen, der beim Herausreichen congrev'scher Raketen aus einem bundesbrüderlichen Arsenal unter mephistophelischem Grinsen schnarrte: »die werden in Luzern zischeln?« Um aber diese, selbst wider Willen allzuausführliche Erörterung endlich zu schliessen, seye nur noch eine Frage erlaubt an den ersten Besten unter denjenigen selbst, welchen das höchst gewagte Lob gespendet wird: »sie hätten der Liebe zum Vaterland und zur Freiheit sich selbst zum Opfer gebracht.« Die Frage ist diese: wäre damals ein Jesuite wehrlos in euere Gewalt, Einer von euch hingegen unter seinem Mordschnauben in Gewalt der Jesuiten gefallen, wessen Loos hättet ihr wohl theilen mögen? Die Beantwortung dieser einzigen Frage (und gewiß kann sie Keinem schwer fallen) richtet euch, euere Helfershelfer, euere ganze Sippschaft, zusammt euerem, durch Gottes unverkennbare Leitung mißglückten Unterfangen![463] Doch ob dem Ausgang dieses Unterfangens, wie auch darin in verständlichem Wort die von der Menschenweisheit mißachtete Stimmte gesprochen, mögt ihr vorerst noch nicht verzagt seyn; hat er ja zum lustigen Sabbath geschmeidigerem Volk die Bühne eröffnet! Zum fröhlichen Reigen werden sie jetzt sich sammeln, Jene, zu denen Job gesprochen: »Ja, unter den Menschen seyd ihr die Einzigen; mit euch wird die Weisheit sterben! Wer aber wüßte nicht, was ihr wisset!« Diesem wedelnden Volk, welches in auferbaulicher Devotion die Kerze aufsteckt vor dem Heiligen, im Rücken aber die Hand drückt dem guten Gesellen mit der schönen Hahnenfeder, dieweil man doch nicht wissen kann, wozu er zu brauchen wäre, ist alsbald mit jenem Ausgang Gelegenheit entgegengewallt, wunderherrliche Reden zu halten an die Andern: in welch' empörender Anmaßung man ihr Recht und Bestehen gefährdet, mit welchem Frevelmuth man ihnen an Leib und Leben gegangen, wie inngründig sie für dieselben gezittert, wie himmelhoch jauchzend sie gewesen, daß jenes erhalten, diese gerettet worden. Aber weiter werden sie wimmern zu diesen Andern: »Wie treu mit Euch wir es meinen, wie herzlich wir darob jubeln, daß das Recht sieghaft gewesen; des Leibes und der Habe Ihr Euch erwehrt, daran werdet ihr doch wohl nicht zweifeln! Indeß ob dem Allem hat Euch nicht entgehen können, daß man in blankem Ernst Euch an das Leben habe greifen wollen! Wir wissen aber, Ihr seyd Leute, bei welchen ein gutes Wort eine gute Statt findet, die es schwer auf's Gewissen nähmen, so sie Andern zum Beharren in so todfeindlichem Zorne Anlaß geben sollten! Das Recht, dieß hat uns ausser der Massen gefreut, das Recht habt Ihr jetzt gewahrt, das Leben habt Ihr aus dem Todeskampfe gerettet, Gott mögt ihr wohl danken (Solches verargen die Gegner Euch nicht), daß er dazu Euch beigestanden! Aber, höret auf unsern wohlgemeinten Rath, er ist parteilos, er geht aus doppelseitigem Bruderherzen hervor: um des lieben Friedens willen tödtet jetzt Euch selbst, damit Ihr Andere bewahret, daß sie in solche[464] verabscheuenswerthe Verirrung wider Euer Recht, Leib und Leben nicht etwa von neuem hineingerissen werden; hiemit entziehet Ihr ihnen jeden Vorwand, Euch ferner übel zu wollen! Preiswürdig ist der muthvolle und sieghafte Kämpfer für das Recht, preiswürdiger derjenige, welcher der unterliegenden Widerrechtlichkeit in frohem Entgegenkommen anbieten mag: ihr gebühre dennoch, sobald sie es nur mit einigem Geziemen fordere, der alleingültige, unwiderrufliche Entscheid?« ? Ob unter so zuckersüsser Rede die Bleiwage ganz stumm bleiben mag? Es sprachen aber so nicht allein sogenannte Freunde. Es sprechen so auch diejenigen, welche so viel darauf sich zu Gute thun, daß der freyen Regung der Volker, wie immer sie seye, und wonach immer sie trachte, durch sie keinerlei Eintrag geschehe. Und treulich halten diese an sich, wenn des Schlechten noch so viel geschieht, wenn des Empörenden noch so viel verübt wird; denn respectiren muß man, schützen sie vor, was im Namen des Volkes unterfangen, was in dessen angeblichem Willen glücklich vollführt wird. Bricht man unter wildem Hohnlachen den Bund, vollstreckt man längst gehegte Anschläge auf gewährleistetes Eigenthum, mästet sich die Willkühr unter richterlichen Formen mit wilder Verfolgung, muß ein duldsames Volk seine Liebe zur Kirche durch ökonomischen Untergang büssen, heult der glückhafte Uebermuth sein væ victis! mit Korybanten-Gerassel in die Ohren der Schlachtopfer, da wird der gute Rath so theuer, wie zu des Propheten Elisäi's Zeit in Samaria der Lebensbedarf, da ein Eselskopf achtzig Silberlinge und das Viertel Taubenmist fünf galt. O, sagen sie alsdann bei sich selbst, es geht Alles so ruhig, so friedlich, so seinen geordneten Gang: sollten wir Blinde sehen, wir Taube hören, wir Stumme reden, zwekwidrig stören das Voranschreiten so vielversprechender Entwicklung? Sobald dagegen das Recht der übermüthigen Anforderungen standhaft und der gräuelvollen Anschläge sieghaft sich erwehrt, und nichts weiter begehrt, als daß ihm seine wohlgefestete Befugniß, derjenigen jedes Dritten unnachtheilig, belassen werde, dann ziehen sie die Schleussen des guten Raths,[465] höher als vor der Sündfluth diejenigen des Himmels. Diese Rathgeber sind die wahren Triarier des Unrechts, die alte Garde des Frevels, welche geruhig dem Verlauf des Schlachtgewühles zusieht, in heiterer Siegeshoffnung für den Herrn, dem sie dient; dann jedoch, so seine Trompeter zum Rückzuge blasen müssen, unverweilt herbeistürzt, um durch andere Operation ihm zu sichern, was er unter Gemetzel und Mordbrand vergeblich angestrebt. Aber freilich die legitimen Reminiscenzen sind zum »Brandmal,« die dynastischen Interessen zum funkelnden Stern geworden! Mag somit derartiger Verbrauch des guten Raths euch noch in Verwunderung setzen? Es ist oft gesagt und in neuester Zeit als ausgemachte Sache wiederholt worden, daß in Rom über der Mutter der Sohn, über Maria der Erlöser, wenn nicht beinahe vergessen, doch in den Hintergrund gestellt werde. Ihr, wird gesagt, seyen die meisten Kirchen geweiht, zu ihren Festen vereinige sich die vorzüglichste Feyerlichkeit, zu deren Verherrlichung werde das Meiste aufgewendet, ihr Bild an den Straßenecken und an Gebäuden am häufigsten gefunden, zu ihr am vertrauensvollesten in den Kirchen gefleht, die lauretanische Litanei am inbrünstigsten gebetet, ihr Lob schalle des Abends in Gesängen vornehmlich durch die Straßen, durch ihren Namen wolle der Arme zur milden Gabe bewegen, und als Betheurung und Ausdruck des Staunens seye derselbe im Gespräch am öftersten zu vernehmen. Beherrscht von dieser Meinung, wenn gleich nicht in ähnlichem Grade darüber entrüstet, wie manche Andere kam ich nach Rom und glaubte, in mancherlei Wahrnehmungen eine Bestätigung derselben zu finden. Auch ich war anfangs geneigt, dafür zu halten, eine solche Hintansetzung des Erlösers zu Gunsten seiner jungfräulichen Mutter lasse sich gar nicht in Abrede stellen; eine Vernachlässigung, welcher, wenn sie wirklich[466] statt fände, ein wahrer Christ das Wort doch niemals reden könnte. Allein auch hierüber wollte ich nicht sofort urtheilen, sondern sehen und hören. Allererst erlaubte ich mir gegen einen deutschen Geistlichen meine Besorgniß zu äussern, daß eine solche Hintansetzung schwerlich zu mißkennen seye. Dieser vermochte aus längerer, unbefangener Beobachtung dieselbe zu losen; er bewies mir, daß auch diese Anschuldigung aus jener Oberflächlichkeit hervorgehe, die in Unfähigkeit, Alles sorgfältig zu beobachten und mit einander in Verbindung bringen, alsbald mit einem fertigen Urtheil in Bereitschaft stehe. Auch das gemeine Volk in Rom, bemerkte er mir, kenne den Unterschied zwischen Christo, der Fülle der Gnade, und Maria, der Fürbitterin um Gnade, gar wohl; und wenn auch deren Name in seinem Mund häufiger vorkomme, und wenn auch durch die Marienfeste die Erinnerung an sie lebhafter angeregt werde, so dürfte ich mich vollkommen überzeugt halten, daß Niemand in Rom so unwissend seye, entweder Mutter und Sohn auch nur gleich setzen, oder das, was dem Sohn allein gebühre, auf die Mutter übertragen zu wollen. Schon daß abwechselnd durch die Kirchen das ganze Jahr hindurch das Sanctissimum ausgestellt seye, erhalte den Glauben an den Erlöser und die Anbetung desselben und das Vertrauen auf ihn stets durch das ganze Volk lebendig. Ich vernahm die gegebenen Aufschlüsse gerne, unterließ aber nicht, von deren Triftigkeit durch eigene Beobachtung mich zu überzeugen. Die erwähnten Ausstellungen des Hochwürdigsten gaben dem Bemerkten nicht geringe Bestätigung. Eine solche Ausstellung, welche in der betreffenden Kirche jedesmal 40 Stunden dauert, zeigt schon in der äussern Anordnung, daß hier das Höchste sich finde, was dem Glauben des katholischen Christen kann dargeboten werden. Ich habe während dieser Feyerlichkeit eines Abends nach St. Peterskirche mich begeben. Sie gewährte einen imposanten Anblick. Auf dem Hochaltar, über den hundert Lampen um die Confessio der Apostelfürsten, stand unter einem Wald brennender Wachskerzen das hochwürdigste[467] Gut. Durch jede Seitenkapelle verbreitete eine einzige Lampe ein unsicheres Licht, und hinauf in die hohen Wölbungen und hinaus bis zum Eingang zerrann der Lichtglanz in das Dunkel. Hunderte von Betern knieten, in Andacht versenkt, an dem Geländer der Confessio, viele andere zerstreut in den gewaltigen Schlagschatten, welche die Pfeiler warfen. Dieß, vierzig Stunden ununterbrochen dauernd, gemahnt Jeden an die Nähe dessen, welcher der Quell und das Ziel seines Glaubens ist. In ähnlicher Weise findet diese Ausstellung in jeder andern Kirche statt. Nun giebt es wohl Niemand in Rom, der als Glied der Kirche gelten wollte, welcher nicht mehrere Male während des Jahres durch die Anbetung, die er dem Sanctissimum erwiese, lebendig daran erinnert würde, wer sein Haupt, wer der Quell des geistigen Lebens, wer der Grund seiner Zuversicht seye. Ausserdem besteht eine sehr zahlreiche Erzbruderschaft vom allerheiligsten Altarssacrament, die zur immerwährenden Anbetung desselben sich verpflichtet hat. Hiezu sendet sie unausgesetzt, Tag und Nacht, das ganze Jahr hindurch, einige ihrer Glieder in die Kirche, welche an der Reihe ist. Eine Erorterung über den Glauben an die wesentliche Gegenwart Christi im Altarssacrament kann in dieser Schrift nicht durchgeführt, wohl aber die Sache von dem katholischen Standpunkt aufgefaßt und hienach das Urtheil gefällt werden: daß vermöge dieser Einrichtung dem Sohn eine ganz andere Stellung und ein ganz anderes, unendlich höheres Verhältniß zu dem Gläubigen angewiesen werde, als der Mutter. Demnach würde jene Anschuldigung schon hiedurch entkräftet. Wahr ist es, das Gebet, welches bei den kirchlichen Feyerlichkeiten zweiten Ranges, zumal bei den Abendandachten, am öftersten in den Kirchen gehört wird, und welches der Italiener von zartester Jugend an spricht und kennt, ist die Lauretanische Litaney, in welcher »die reinste, keuscheste, unbefleckte, liebliche, wunderbare Mutter, die weiseste, ehrwürdige, mächtige, gütige, getreue Jungfrau, die Königin der Engel, der Patriarchen, der Propheten, der Apostel, der Märtyrer, der Beichtiger, der Jungfrauen,[468] aller Heiligen,« bei jeder dieser Eigenschaften und bei allen andern Auszeichnungen, die ihr beigelegt sind, um Fürbitte angefleht wird. Wie sehr aber die jedesmalige Wiederholung des »Bitte für uns« zu jedem Ausdruck der Verherrlichung sie während der Dauer des Gebetes hervorhebt, so tritt sie doch wieder zurück der Stellung nach, die sie in der Litaney einnimmt, und dem Gewicht der andern Seufzer nach. An Christus, an die Dreyeinigkeit wendet sich das Hülfe rufende Herz zu allererst; von Christo, von der Dreyeinigkeit hofft es Erhörung, hofft es Erbarmen; hier allein findet es den Quell der Gnaden, deren Leiterin Maria bloß ist; es weiß dieß, es ist dessen fest überzeugt, siebenmal seufzt es darum, und erst nachdem es sich Bahn gemacht hat, nachdem es vorgedrungen ist an den Thron der Allmacht und Gnade, sieht es sich gleichsam um und erblickt Maria, wie einst von dem Schwerte des Schmerzens durchbohrt unter dem Kreuze, so nun von Glorie umzogen an jenem stehen; es nimmt sie gleichsam bei der Hand, zieht sie mit sich hin, daß ihr Flehen mit seinem Seufzen sich vereine. Das Herz weiß, daß Maria nicht hilft, nur mit ihm und für dasselbe bittet. Hat es dann sein Seufzen beendigt, so erwartet es volle Erhörung, Erlösung, Erbarmung doch nur von dem Lamm Gottes, »welches dahin nimmt die Sünden der Welt,« und es wendet sich an dieses, welches um seiner Mutter willen Erhörung, Erlösung, Erbarmung ihm nicht versagen wird. Also auch hier wieder der Sohn vor der Mutter, über der Mutter; und das übersieht, vergißt auch der Beschränkteste, auch das Kind nicht; denn so aller Unterweisung baar, so zur Religionsübung blos abgerichtet darf man, wie Manche möchten glauben machen, das italienische Volk sich nicht denken. In welchen Illusionen über Unwissenheit des gemeinen Volkes in Italien man immerhin sich wiegen möge, so unwissend ist auch der Unwissendste nicht, daß es ihm unbekannt wäre, daß die höchste und tagtäglich in allen Kirchen und von allen Priestern begangene Feier, die heilige Messe, einzig und allein auf den dreimaleinen Gott sich beziehe; daß er, so oft er derselben[469] beiwohne (die Zahl derer aber, welche dieses einzig auf den Sonntag und einige der vornehmsten Feste beschränken, mag sehr gering seyn), vor dem Dreimaleinen kniee, zu dem Dreimaleinen bete, und diejenige Person der Dreieinigkeit gegenwärtig wisse, die uns zum Heil Mensch geworden ist. Er ruft mithin nicht nur täglich den Sohn an, sondern er nahet sich dem Sohn und der Sohn nahet sich ihm; er steht täglich in dessen und nicht in der Mutter wesentlicher Gemeinschaft; er ist darüber gar nicht im Ungewissen, wem er die Gnadenwirkung des heiligen Opfers zu verdanken habe, dieweil er während der ganzen Handlung mehr als einmal hört und versteht, daß Alles ihm zu Theil werden möge durch Jesum Christum, Gottes eingebornen Sohn, der in Gemeinschaft des heiligen Geistes mit dem Vater regieret von Ewigkeit zu Ewigkeit.« Wird dabei die »selige, glorreiche, allezeit jungfräuliche Gottesgebärerin Maria« ebenfalls genannt, so weiß jedes Kind, daß ihr erst die nachfolgende Stelle angewiesen ist. Gleiche Bewandtniß hat es mit dem Rosenkranz, der am Abend gebetet wird, und dem gewöhnlich der Segen folgt. Jener wird mit Eifer gebetet, der wahre Werth aber auf diesen gelegt, die Mutter zwar gepriesen, die geheimnißvolle Gnadenwirkung aber von dem Sohn erwartet, in dem, alsbald von dem ganzen Volk aus dem Pangue lingua angestimmten, Tantum ergo dieses bezeugt, in dem darauf folgenden Genitori genitoque abermals der Dreimaleine verherrlicht. Der Glaube an die persönliche Gegenwart Christi im Altarssacrament und die hievon unzertrennliche tägliche, ja stündliche Anbetung derselben ist so innig in die ganze Anschauungsweise eines italienischen Katholiken verflochten, so unabweisbares Bedürfniß desselben, so der Pfeiler seines Glaubens, daß mir einst der berühmte Pater Ventura sagte: es hätten ihn Viele zu jeder Zeit versichert, nur die Gewißheit, Christum in ihrer Nähe zu haben, mache sie glücklich, und sie würden der Verzweiflung anheimfallen, wenn der Gedanke möglich wäre, daß der Glaube an diese Gegenwart sich anstreiten ließe. Wie läßt[470] sich bei solcher Ueberzeugung und bei der hier berührten Praxis die Anschuldigung rechtfertigen, es würde des Sohnes weniger gedacht, als der Mutter? Trete man im Vorübergehen in die nächste Kirche, während die Messe celebrirt wird, alsbald muß man sich überzeugen, daß die Anwesenden dieser genau folgen, in dieselbe mit aller Innigkeit verflochten sind; schwerlich wird es einem Einzigen einfallen, wenn der Ministrant zum Sanctus klingelt, statt zu Gott, zu Maria sich zu erheben, oder das Mea culpa, statt an den Sohn, an die Mutter zu richten. Manchmal des Nachts hört man in den Straßen Rom's von Vorüberwandelnden das Eviva Maria singen, aber vergessen wir nicht, daß es immer mit dem: e chi la creó schließt. Wo, wann und in welcher Art der Christ die heilige Jungfrau preise, nie kann dieses geschehen, ohne daß nicht immer desjenigen zugleich gedacht würde, den auch sie verherrlicht hat, und der unendlich, alle menschlichen Begriffe übersteigend, hoher steht als sie. Am letzten Abend der Mayenandacht horte ich in der Kirche der Theatiner eine ausgezeichnete Predigt des P. Ventura über die allerheiligste Dreieinigkeit. Er behandelte dieses schwierige Thema mit einer Klarheit, mit einer Faßlichkeit, daß der Hochgebildete, wie der Ungebildete sich wahrhaft erbaut finden mußte, und es wohl kein schöneres Zeugniß geben konnte, daß er die Geister und Herzen zu fesseln verstehe, als die Stille und Ruhe, welche von Anfang bis zu Ende über der dichtgedrängten Zuhörerschaft in der großen Kirche waltete. Am Schluß berührte er den Rosenkranz und wies dabei einleuchtend dar, daß es unmöglich seye, denselben zu beten, ohne zugleich an die höchsten Geheimnisse, die an die Person des Erlösers sich knüpfen, dringlich erinnert zu werden, mithin jeder Vorwurf, als würde über der Mutter der Sohn vergessen, verschwinde. Das nun ist wieder einer der Fälle, in welchen leicht gefaßte und möglicher Weise durch den ersten Anschein genährte Vorurtheile vor genauer Erforschung, vor etwelchem tiefer gehenden Umblick und vor parteiloser Prüfung in sich selbst zerrinnen.[471] Das heidnische Rom ist todt und begraben, das christliche lebt und webt. Jenes und dieses haben Alterthümer aufzuweisen, und beiderlei Art reicht beinahe gleichweit hinaus. >Die ersten sind zerstreute Knochen eines unermeßlichen Riesengerippes, merkwürdig, staunenswerth; Fragmente gewaltiger, durch sich selbst sprechender Actenstücke, aber außer Beziehung zu der Gegenwart; die andern sind eingefügt in den lebendigen Organismus und werden immerfort berührt durch dessen Regen und Walten. Sie ist theilweise zusammengebrochen, verödet, der Spielplatz der Jugend geworden, jene Basilika Cäsars, die die einst von dem Gewühle der Rechtsuchenden und Rechtvertretenden und den ernsten Richtersprüchen wiederhallte; aber jetzt noch schmachtet der Nachfolger des großen Meisters in dem mamertinischen Kerker, jetzt noch sprudelt der Quell, der ihm zur Wiedergeburt seines Wächters das Wasser bot. Noch zieht sich der heilige Weg am Capitol hinauf, durch Septimius Severus Triumphbogen zu dem Flavischen Theater; er ist öde, Niemand betritt ihn mehr, verklungen ist der Jubelruf, der den eintretenden Imperator begrüßt, das Gejauchz, welches den siegenden Fechter umrauscht, das Todesröcheln, welches von Bestien und Sclaven hinaufgestöhnt; aber noch verkündet das Kreuzlein auf der mit Christenblut getränkten Arena den Sieg des Nazareners über Imperatoren und Legionen und Weltherrschaft und Götzenthum. Noch steht als formloser, kaum zu beachtender Block die Meta sudans, von welcher einst Tausenden der lebende Quell sprudelte; aber jetzt noch ist dem lebensvollen Christenglauben ein Kleinod, wie damals, das Prophyrbecken, in welches die heilige Praxede das Blut der Märtyrer sammelte. Zwischen Winkelgäßchen und Gartengemäuer windest du dich durch zum tarpeiischen Felsen; dein Zweck ist nur, daß du sagen könntest: auch an diesem bin ich nicht vorübergegangen; aber noch hörst du auf Pietro in Montorio den Apostelfürsten durch den martervollen Tod das Zeugniß wiederholen: »Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.« Schweigend gehst du vorüber an dem schweigsamen Forum Trajan's und wirfst[472] einen neugierigen Blick auf die zerbrochenen Granitsäulen und auf die über die Grundfläche zerstreuten Trümmer; es ist ein Bruchstück der Grabesstadt Pompeji mitten in das Leben, in das Eilende, Rauschende, Bewegliche geworfen: aber noch spricht zu dir in den unterirdischen Wölbungen von St. Martino in Monte die Versammlung der dreihundert Bischöfe unter ihrem Oberhaupt, dem heiligen Silvester, noch rüsten sie sich, hinzueilen nach Nicäa, um den Grundton anzugeben zu dem tagtäglich als lobsingendes Bekenntniß durch den Dom der Gesammtkirche schallenden: Ut in confessione verae sempiternaeque Deitatis et in personis proprietas et in essentia unitas et in majestate adoretur aequalitas. Wie es über Ezechiels Todtenfeld rauschte und die vertrockneten Gebeine des Herrn Wort hörten und er ihnen Odem gab und der Wind sie anblies, daß sie wieder lebendig wurden, so sind auch auf dem Leichenacker des alten Roms einzelne der umher liegenden Gebeine angehaucht worden von dem weckenden Odem, weil hineinversetzt in das wahre, in das lebendige Leben. Es sind diejenigen, welche der Geist der Kirche berührt, denen er in dem Kreuz das Sigel des neuen Lebens aufgedrückt hat. So ist, da er dem Tode verfallen war, zurückgerufen in das neue, in das wahre, in das volle Leben jener ungeheure Thermensaal mit den riesenhaften Porphyrsäulen geheimnißvollen Ursprungs, der einst von den Orgien heidnischer Ueppigkeit wiederhallte. Ihn hat in dasselbe zurückgerufen das tägliche unblutige Opfer und der Klaggesang strenger Ordensmänner. ? In Staub gesunken sind die alten Götzen jenes, sie zumal umschließenden Tempels, den kein volles Menschenalter vor der Ankunft desjenigen erstehen gesehen, von dem der Prophet verkündete: »er wird zu nichte machen alle Götter des Landes;« aber achtundzwanzig Wagen voll irdischer Ueberreste seiner Blutzeugen haben das verödete Götterhaus mit dem christlichen Leben durchdrungen, haben es dem christlichen Leben gewonnen, haben der Königin der Märtyrer dasselbe geweiht. ? Es ist nicht mehr der riesenhafte Denkstein über der Gruft eines zu[473] den Todten hinabgestiegenen Volkes, jenes Colosseum; wohl sind in demselben die Klagetöne der schweißtriefenden Juden, wie das Freudengejauchz der schaulustigen Quiriten verhallt; aber das Kreuz auf der Arena verkündet noch jetzt den Todeskampf der Christen, zeigt noch jetzt das zur Erde rieselnde Blut der Väter, deren geistige Kinder wir sind, einigt in höherer Bedeutung Vergangenheit und Gegenwart, und weihet das lautlose Steinwerk zum beredten Herold des göttlichen Erbarmens. ? Auch sie wären dem Tode verfallen, jene bilderreichen Thurmsäulen, welche den Zeitgenossen die Thaten ihrer Imperatoren vor Augen stellten; aber die einfachen Standbilder der ewigen Friedensboten über dem Kriegs- und Schlachtgewühle und den Triumphzügen verkünden, daß höher als diese andere Kämpfe und andere Siege und andere Ruhmeskronen stehen, auf einer Bahn, die geöffnet ist Jedem bis an's Ende der Tage. ? Und wessen Verrichtungen sie anzeige und wessen Lob sie spreche, die Bilderschrift auf jenen Prachtkegeln, die das dahingeschwundene Geschlecht von den Nilesufern in die ewige Stadt verpflanzt, du weißst es nicht, es sind unentzifferte Züge, die doch nur fremder Begegnisse Kunde dir gäben; aber das Kreuz von ihrer Spitze zeigt dir, daß die Zeiten und deren Fülle in Beziehung zu demjenigen stehen, den dasselbe dir versinnbildet, und daß durch ihn in solcher diese stummen Denkmale auch zu dir treten, dem sie vielleicht hienieden stets ein ungelöstes Räthsel bleiben. Doch die Todten, die als Wandervögel alljährlich zu Tausenden nach Rom kommen, sie zieht eine unheimliche Macht in unbewußter Wahlverwandtschaft zu dem Todten, und häufig mit flüchtigem, oft mit befangenem Blick schreiten sie vorbei an der reichlich strömenden Fülle des allerwärts ihnen winkenden Lebens. In undankbarem Abmühen möchten sie das Todte in das Leben, das Vergangene in die Gegenwart zurückarbeiten, und die Kälte, den Schauer, den Moder, der jenem anklebt, diesem anheften, ? darum weil sie die Bruchstücke von jenem fertig zu lesen glauben, dieses ihnen zur ungedeuteten Hieroglyphe[474] gewerden ist. In Rückerinnerungen aus ihrer Jugend, einst mit Bewunderung für das zertrümmerte Heidenthum und mit Vorurtheil gegen das, alle Lebenserscheinungen durchdringende Christenthum getränkt, ergehen sie sich in Wehklagen, daß von jenem nur sparsame Ueberreste sich erhalten haben, in mitleidsreie es Seufzen, daß sie diesem so oft begegnen müssen, in unmuthsvollen Expectorationen, daß das Letztere einen Strahl seiner heiligenden Macht in so Manches gesenkt habe, was den Untergang des Erstern überdauert. Heimgekehrt, wissen ihrer so Viele über jede Scherbe, über jeden Mauerrest, über jeden Schutthaufen aus jener Vergangenheit Buch zu führen, die gründlichste Rechenschaft zu ertheilen; fraget sie aber über so Vieles, was gleich weit in jene hinausreicht, dabei aber der Gegenwart ebenso gut angehört als jene, fraget sie über das, was seit fünfzehn Jahrhunderten dasselbe wie heute verkündet, und es wie heute so morgen und in alle Ewigkeit verkünden wird, sie werden euch keinen Bescheid zu geben wissen; es werden euch Zweifel anwandeln, ob sie denn in Rom, in Rom der Christenstadt, wirklich gewesen seyen. Daher bei oft ins Kleinlichte gehender Kenntniß desselben doch so viel Unkenntniß; daher bei so allzeit fertigem Urtheil so viel Vorurtheil. ???? Vollends dann in unterirdischer Finsterniß, sparsam von einigen Lichtlein erleuchtet, durch die Irrgänge alter Sandgruben oder Steinbrüche, zwischen den aufgeschichteten Grabkammern zuckt das Leben in den Tod, ragt der Tod in das Leben hinein. Sie waren einst beide in Roms Katakomben verschwistert, dieweil die Lebenden, rings von Todten umgeben, des wahren Lebens sich bewußt wurden; dieweil die Todten ihre Schlafstätte fanden, wo sie im Glauben an das wiedergeborne Leben sich der Gewißheit getrösteten, daß der Tod der sichere Eingang zu diesem seye. Und jetzt noch verkündet aus den geöffneten[475] Gräbern, an den verlassenen Altären, von den einsam gewordenen Bischofssitzen der Tod das Leben; und wie düster, wie schaurig, wie öde Alles auch seye, dasselbe steht doch zu deinem Leben, fühlst du anders dessen Schwingungen in dir, in Beziehung; es weht dich nicht der Hauch des Grabes, es haucht dich der Geist an, der damals hier waltete und belebte, wie er jetzt noch waltet in der Kirche, und belebt durch die Kirche, die hinausgezogen ist aus den Grüften an das helle, freie, freundliche, Alle erquickende Sonnenlicht. Pompeji und Roms Katakomben! Welche Verschiedenheit des Anblicks, des Eindrucks, der Gefühle, die durch Beide angeregt zurückgelassen werden! Ueber dir wölbt sich dort Neapels heiterer, tiefblauer Himmel; es umfangen dich linde, laue Lüfte; es schweift dein Blick zu dem geheimnißvollen Berg, über das üppig grünende Land; im Sonnenglanz steigst du durch die Gräberstraße hinauf, schreitest ein durch das Stadtthor in die verödeten Gassen, vorüber den Buden und Werkstätten und Bädern und den Mauern der Häuser, die von einstiger Zier und Bequemlichkeit zeugen, weiter zu dem Forum mit den großartigen Trümmern seiner Tempel und seiner Basilika, hinab zu den Theatern und den Lustwandelbahnen in ihrer Nähe. Aber es bewältigt dich in dem Contrast zwischen dem Himmel und dem Erdenfleck, worauf du stehst, zwischen den zerstörten Resten menschlicher Kunstsinnigkeit und den vollkräftigen Gebilden einer immerfort jugendlich frischen Natur, unter den Zeugnissen eines einst behaglich hier sich bewegenden Volkes und dem eintönigen Widerhall deiner Fußtritte auf dem uralten Lavapflaster, ein Mißdehagen, eine Beklommenheit, die dich hinaustreibt aus diesem schaurigen Thal des Todes in das warme, blühende, wallende Leben; und sicher müßte der entweder der eifrigste Alterthümler oder ein Klotz seyn, der es hier ohne Begleiter einen halben Tag auszuhalten vermöchte. Wie anders in Roms Katakomben, in die ich mit dem kundigsten Führer und Berichterstatter über dieselben, dem P. Marchi, hinabzusteigen das Glück hatte! Dieselben Gefühle, die den[476] heiligen Hieronymus vor fünfzehn Jahrhunderten durchdrangen, da er als Knabe mit seinen Alters- und Schulgenossen in diesen Schlafstätten der Blutzeugen und Gläubigen weilte, werden jetzt noch rege in einem Jeglichen, der mit wärmerem Gefühl, mit einem für das geistig Hohe empfänglichern Sinn in dieselben hinabsteigen mag, als in einen Grubenschacht, aus welchem die Metalle für den Weltverkehr zu Tage gefördert werden. Wohl sind auch aus ihnen edle Metalle eines geistigen Weltverkehrs zu Tage gefördert worden; eines Weltverkehrs, der nicht allein die Stände und Geschlechter und Völker und Länder und Erdtheile unter einander, sondern diese mit dem Himmel verbindet. Da siehst du ebenfalls das Gestein, von dem sie umschlossen waren, und dessen Signatur, welche den kundigen Blick darauf hinwies; als Verlarvung des kostbaren Innhalts tritt dir vor das Auge die Höhlung, in der einst das Fläschchen mit dem vergossenen Blut bewahrt, die ausgezeichnetere Gruft in Form eines Altars, in welcher der Bischof, der zum Zeugniß des Glaubens das Leben gelassen, beigesetzt worden. Ob auch die Luft dumpf, der Gang meist enge, die Wanderung beschwerlich seye: es durchdringt dich ein eigenes Gefühl der Ruhe, du findest dich heimisch, es umweht dich der Hauch des Glaubens, des Muthes, der Tugend, der unzerstörlichen Lebenshoffnung dieser Bekenner Christi; du erschaust in der Einfachheit der vorkommenden Bilder ihre Lostrennung von dem zierlichen Heidenthum, ihren Gegensatz gegen dasselbe, welches den unbeholfenen Pinsel der Mitbrüder allein für würdig hielt, mit den geheimnißreichen Darstellungen die Stätten der Ruhe der Hingegangenen, der Andacht der Weilenden zu schmücken; du ahnest aus den getrennten größern Räumen, worin einst der Gottesdienst gefeiert worden, die sittliche Strenge, welche sorgfältig die Geschlechter schied; du überzeugst dich an den steinernen Sitzen, einst für die Bischöfe bestimmt, von dem Hinausreichen priesterlicher Ueber- und Unterordnung bis in die Uranfänge der Kirche. Sie sind nun hinausgezogen die Banner des Königs aller[477] Könige, sie flattern durch die Lüfte, sie wallen von Zinnen und Thürmen, und froh, frei und sicher schaarst du dich zu dem ihnen folgenden Zuge; und doch fühlst du dich heimisch in diesen engen Räumen, denn du stehst an der Tugend strahlenden, an der Blut getränkten Wiege deines Geschlechtes. Der gute Hirte, der auf der Schulter das in die Irre gegangene Schaf zurückträgt, an dem lebendigen Quell, der seiner Hand entströmt, es tränkt, ist ja jetzt noch derselbe Hirte, trägt und tränkt jetzt noch, wie damals. Moses, der dem Felsen das lebendige Wasser entspringen läßt, ist noch dasselbe Sinnbild dessen, der für uns der lebendige, ins ewige Leben fließende Brunn ist, wie er es für die Ahnherren des Glaubens, für die Stammväter war, in deren unter Mühen und Trübsal errungenes Gut wir ruhig als Erben uns gesetzt haben. Jonas im Wallfisch, die Knaben im Feuerofen, Daniel in der Löwengrube, Isaak auf dem Holzstoß sind für uns die gleichen vorbildlichen Zeichen des Kampfes und des Sieges, wie sie für Jene es waren. Das Bild aber der Jungfrau mit dem Kinde festigt uns in dem ehrfurchtsvollen Vertrauen zu ihr, denn es sagt uns, es seye ein Vertrauen, welches so weit hinausreicht als der Glaube an denjenigen, der, ewig und gleich mit dem Vater, menschliche Natur in ihr angenommen. Man möchte beschwerende Anklagen gründen auf den Gebrauch, welchen die Kirche von den Leibern macht, die in diesen Grüften gefunden werden. Mag auch, ich weiß es nicht, zu einer Zeit weniger Vorschrift und Ordnung, weniger Abwehr verwerflichen oder beschränkt-frommen Mißbrauches hierin gewaltet haben, sicher ist's, daß seit langem auch hierauf jene genaue Sorgfalt verwendet wird, welcher Alles, was die Kirche berührt, in Rom unterworfen ist. Die Katakomben sind zur obersten Aufsicht unter drei Bischöfe getheilt. Die Nachgrabungen werden regelmäßig während des Winters ? im Sommer würde es der Gesundheit der Arbeitenden gefährlich seyn ? fortgesetzt; aber je weiter unter der Erde sie fortschreiten, mit desto größerer Schwierigkeit geschieht es, weil ein sehr strenges[478] Verbot der Congregation über die heiligen Gebräuche die Erde, als durch die Auflösung christlicher Leiber geweihte, an den Tag zu schaffen, untersagt. Pater Marchi versicherte mich, daß in den Katakomben von St. Agnese eine Familie aus dem Neapolitanischen schon seit anderthalb Jahrhunderten diese Arbeit gleichsam erblich verrichte; wohl der schönste und triftigste Beweis redlicher Diensterfüllung, welche unter den Huftritten unserer Aufklärung in allen Verhältnissen immer seltener erblüht. Ob ein aufgefundenes Grab den Leib eines blossen Gläubigen, ob es denjenigen eines Märtyrers enthalte; dann, ob eines Solchen, der in martyrio cruento oder in martyrio incruento das Leben gelassen, darüber kann nie Irrthum obwalten, da durch constante Zeichen dieses Alles angegeben wird. Für das blutige Märtyrthum zeugt das Blutfläschen, die Todesweise der andern wird durch verschiedene Sinnbilder angedeutet. Das Grab eines blossen Gläubigen wird niemals geöffnet, höchstens die Tafel mit der Inschrift hinweggenommen. Solcher findet man in der christlichen Sammlung des Vaticans eine grosse Zahl, manche auch in den Vorhallen mehrerer Kirchen, besonders in derjenigen von St. Maria in Trastevere. Gelangen die Arbeiter an das Grab eines Blutzeugen, so haben sie hievon alsbald dem Bischof, unter dessen Obhut die Katakombe steht, Anzeige zu machen. Dieser dann säumt nicht, in eigener Person sich einzufinden, oder einen Beauftragten hinzusenden, welcher das Gefundene vorläufig unter Siegel legt. Später wird in Beiseyn des Bischofs oder seines Beauftragten das Grab geöffnet, das Vorgefundene in einen Korb gelegt, und dieser unter den Augen der Arbeitenden abermals versiegelt, ein Verbal-Proceß darüber aufgenommen, und Alles in das Haus des Bischofs getragen. Hier wird es untersucht und in Verwahrung gehalten, bis die gefundenen Reste als Geschenk an eine Kirche übergehen. Befindet sich an dem Grab eine Inschrift, so wird diese den Gebeinen beigelegt; und da dieselbe gewöhnlich den Namen des Blutzeugen enthält,[479] so ist dieser hiemit bekannt. Allein die meisten Gräber ermangeln derselben; alsdann wird dem aufgefundenen Körper ein Name gegeben, immer ein solcher, der in Beziehung zu dem christlichen Leben und zu dem über dasselbe abgelegten Zeugniß steht, wie Victor, Felix, und dgl. Deßwegen werden solche Ueberreste getaufte Heilige genannt, woraus das unsinnige Vorgeben entstanden seyn mag: es würden in Rom Gebeine getauft, sodann als Heilige verehrt. Pater Marchi erzählte mir, es seye unlängst ein Grab gefunden worden, worin zwei Leiber von Märtyrern gelegen hätten, der Eine ein Erwachsener, der Andere dem Anschein nach ein Knabe von fünfzehn Jahren. Daß der Eine unter Blutvergiessen das Leben gelassen, dessen habe das vorgefundene Fläschchen Zeugniß gegeben, der Mangel desselben darauf hingewiesen, daß der Andere ohne solches seye hingerichtet worden. Dabei hätten sich an den Gebeinen unverkennbare Spuren gezeigt, daß der Andere verbrannt worden seye, und zwar ohne allen Zweifel in umgekehrter Richtung, mit den Füssen aufgehängt, das Haupt gegen den Holzstoß gerichtet. Auch zu Neapel finden sich dergleichen Katakomben, besonders unter dem grossen Spital San gennaro dei poveri: diejenigen zu Rom sind aber weit sehenswerther, jedenfalls frei von heidnischer Beimischung, was in Neapel nicht der Fall zu seyn scheint. Denn man gelangt in den dortigen Katakomben unter andern in eine hohe und verhältnißmäßig räumliche Halle, an deren Wänden noch schöne Fresken zu sehen sind, die von griechischer Kunst zeugen und auch nicht von ferne an das Christenthum erinnern. Linguisten mögen sich an Grabschriften die Schreibarten Pheleicissimæ und Gabeinus merken, was an den Hellenismus der alten Parthenope erinnert.[480] Bekannt sind in Neapel die Monache di casa, welchen mancherlei Bemerkungen über Unverträglichkeit und Klatschsucht angehängt werden. Es sind dieß Frauenspersonen, die in Nonnentracht umhergehen und einige klösterliche Vorschriften in ihren Häusern beobachten. Der Fremde, dem dieß unbekannt ist, wird stutzig und fragt: ob denn die Klosterfrauen zu Neapel die Clausur nicht kennen, ob sie so frei über Märkte und durch Strassen umherschweifen dürfen? In Rom kommen diese Hausnonnen nicht vor, wohl aber etwas Aehnliches, was meiner Ansicht nach entschieden den Vorzug verdient, nemlich die Spose di Cristo. Das sind Mädchen, welche häufig schon in den Kinderjahren dem Heilande sich verlobt haben, aber entweder zu arm sind, um in ein Kloster eintreten zu können, oder nicht im Stande, die Lebensweise desselben zu ertragen. Indeß das Gelübde, Jungfrauen zu bleiben, haben sie (freiwillig) doch abgelegt, sie halten sich streng durch dasselbe gebunden, so gut als ob sie in einem Kloster ihr Leben verbrächten. Ihnen bleiben daher die weltlichen Lustbarkeiten fremd, und, stolz auf ihren Stand als Spose di Cristo, würden sie jeden Heirathsantrag mit Unwillen von der Hand weisen. Häufig treten sie in einen Dienst, gewöhnlich bei einer geräuschlos lebenden Haushaltung. Als Hauptbedingung fordern sie, daß sie täglich in die Messe gehen und allen religiösen Verpflichtungen getreulich nachkommen dürfen. Ohne dieß würden sie nicht bleiben. Wer aber geneigt und im Fall ist, Solches ihnen gewähren zu können, der darf die sicherste Ueberzeugung haben, daß er keine willfährigere, anhänglichere, redlichere und treuer besorgte Dienstboten finden dürfte. Ihrer strengen Eingezogenheit darf er zum Voraus schon versichert sich halten.[481] Daß in Rom Conversionen häufiger vorkommen, als sonst irgendwo, ist begreiflich. Fehlt es ja nie an Solchen, welche mit zuvor schon gehegter Absicht oder angeregter Neigung nach dem Mittelpunct der Kirche sich begeben, dieweil es sie hinzieht, an diesem selbst offen zu bekennen, wozu inneres Sehnen oder vielleicht bereits gewonnene Ueberzeugung sie geleitet hat. Ausserdem sind der Veranlassungen, der nicht zu berechnenden Einwirkungen, welche dergleichen anbahnen, fördern, bewerkstelligen, gar mancherlei. Ganz Rom ist für den, welcher Ohren hat, zu hören, gleichsam eine nie verstummende, in der mannigfaltigsten Redeweise an einen Jeden sprechende Predigt zu Verkündung des in das Leben eingetretenen christlichen Glaubens. Auf Rom läßt sich das Wort des Psalmes anwenden: »Der Tag übergiebt dem Tag das Wort, und eine Nacht thut kund das Wissen der andern. Es giebt keine Sprache und keine Rede, in der ihre Stimmte nicht gehört würde. Ihr Schall gehet aus in alle Lande und an die Ende des Erdkreises ihre Worte.« Wohl möchte es nichts Anziehenders, nichts Lehrreicheres geben, als wenn die Beweggründe, die Veranlassungem, die Einflüsse könnten zusammengestellt werden, welche während des Verlaufs bloß eines einzigen Jahres auf die verschiedenen Individuen zu deren Rückkehr in die Kirche eingewirkt haben. Ohne allen Zweifel würde man daraus sich überzeugen können und überzeugen müssen, daß bei den Bedeutendern und in jeder Beziehung Selbstständigen unter denselben nichts weniger unterlaufen seye, als dasjenige, was man gewöhnlich Proselytenmacherei nennt, von der man so gerne Rom angesteckt wähnt; indeß man gewiß, wenigstens in den höhern Classen, so der Geistlichen als der Layen, hier derselben so ferne steht, als irgendwo, ebenso viel Zartgefühl besitzt, um in die innersten Herzensangelegenheit eines Dritten unberufen sich nicht einmischen zu wollen, als anderwärts. Uebrigens giebt es eine zweifache Proselytenmacherei; und es ist die größte Frage, welche von beiden schwunghafter betrieben[482] werde, indeß diejenige, welche von beiden die würdigere seye, weniger zweifelhaft seyn kann. Es giebt eine Proselytenmacherei, welche in festbegründeter Ueberzeugung wurzelt und die Liebe als Agens hat, eine andere, welche, wenn nicht aus Wanken und Gleichgültigkeit hervorgeht, doch die Abneigung, wo nicht den Haß, zur bewegenden Kraft macht; eine, welche, glücklich im Besitz reicher und kostbarer Habe, jeden Andern zu deren Mitbesitz einladen, mit demselben ihn ausstatten möchte, eine andere, welche, auf ihre Entblößung stolz, denjenigen, der diese nicht theilt, bereden möchte, auch seines Besitzes als eines werthlosen Dinges sich zu entschlagen; die eine theilt mit, die andere entzieht, denn sie kann nichts geben, im besten Fall dem Menschen nur dasjenige lassen, was der, welchen sie gewinnen möchte, längst schon gehabt hat. Die eine weiß, daß sie das Individuum, welches sie zum Gegenstand ihrer Bemühungen wählt, in eine über alle Zeit und allen Raum sich erstreckende und von dem Himmel zur Erde reichende Verbindung einfügt, die andere, daß sie von dieser es losreist, um es in eine solche zu bringen, der keine andere Bürgschaft gegeben ist, als diejenige des (immerhin wandelbaren) guten Willens einer grössern oder geringern Anzahl von Personalitäten. Jene hat einen positiven, ja mehr als positiven, einen unerschütterlichen Ausgangspunct und faßt eine positive Wirksamkeit ins Auge (wiewohl es gutmüthigem Eifer leicht begegnen mag, daß er in dieser Beziehung allzuleicht sich täusche), jene, von Negativem ausgehend, ist ausser Standes zu berechnen, wo das Endziel der Negation gesteckt seye. Aber gerade da, wo die Proselytenmtacherei aus dem Bewußtseyn des vollen Besitzes und aus einer anerkannten Verpflichtung hervorgeht, zu dessen Theilnahme auch Andern zu verhelfen, kann in untergeordneten Verhältnissen die Anwandlung zu einer gewissen, die natürlichen Gränzen leicht überschreitenden Bethätigung derselben nahe liegen. Ich will gar nicht bezweifeln, daß mancher Priester in einfacher Gutmüthigkeit seines Herzens sich verpflichtet glaubt, dieselbe versuchen zu sollen,[483] wo nur immer Gelegenheit dazu sich darbieten mag; daß daher in Gefängnissen oder in Spitälern oder an andern derartigen Orten Mancher aus den untern Volksclassen in die katholische Kirche hinübergezogen wird, der an eine Rückkehr in dieselbe sonst vielleicht nie gedacht hätte; daß sogar zwischenein auch Mittel mögen angewendet werden, deren Rechtfertigung schwer fiele. Eine Frage aber wäre es, ob diejenigen, welche bei vorkommenden Fällen alsbald Lärm zu schlagen bereit stehen, auch immer die Umstände, durch die dergleichen Bekehrungen leichter gemacht werden, kennen und, wenn sie dieselben kennen, ob sie vor Uebertreibung ebenfalls sich frei halten und daneben zu richtiger Beurtheilung dessen geneigt seyn mögen, was vielleicht in mehr als einem Fall den Lärm nothwendig dämpfen müßte? Es ist vor wenigen Jahren vorgekommen, daß mehrere nichtkatholische Sträflinge längere Zeit in einer Gefangenschaft zu Rom sich befanden. Von diesen giengen Einige, ob aus innerer Ueberzeugung, ob in Hoffnung, ihr Loos zu verbessern, ob in vollkommen freyem Willen, oder überredet, weiß ich natürlich nicht, zur katholischen Kirche über. Das wurde bekannt, und augenblicklich begab sich der Hausprediger einer Gesandtschaft, der in aller Zeit vorher niemals um diese Landsleute und Menschen sich bekümmert hatte, in die Gefangenschaft und ließ dieselben zusammen kommen. Denjenigen, welche katholisch geworden waren, machte er darüber Vorwürfe, mußte aber die Einrede vernehmen: wenn um die religiösen Bedürfnisse der Gefangenen diejenigen sich nicht bekümmerten, welche im Fall wären, darum sich erkundigen und Beistand leisten zu können, wenn der Gefangene aller Mittel zu seiner Belehrung und Tröstung sich beraubt sehe, so dürfe es Niemand befremden, daß er zu denjenigen Mitteln seine Zuflucht nehme, die ihm freundlich dargeboten würden. Dieß wäre Ursache, weßwegen sie katholisch geworden seyen. ? Den Andern nun, welche deren Beispiel nicht gefolgt waren, gab der Prediger Namens seines Fürsten eine Geldunterstützung. Darüber beschwerten[484] sich nun jene Erstern, indem sie meinten, sie wären trotz ihres Uebertrittes zu der katholischen Kirche Unterthanen ihres Landsherrn, so gut als jene Andern, zumal die Zahl der unter seiner Regierung stehenden Katholiken keine geringe seye. Das hatte die Folge, daß von dem Staatssecretariat des Innern nichtkatholischen Geistlichen der Eintritt in die Gefängnisse untersagt wurde. War dieses Verbot nicht durch jenen Vorgang gerechtfertigt? Diente aber das gespendete Geschenk als Mittel, Jene in ihrem nichtkatholischen Glauben zu festigen, gegen die Andern verdiente Ungnade zu beseitigen, wäre dieses Mittel ein preiswürdigeres, als dasjenige, durch geweckte Hoffnung besserer Behandlung oder schnellerer Entlassung einen Gefangenen zur Annahme eines andern Glaubens zu bewegen? Bei manchen ungesuchten und unbeabsichtigten Bekehrungen selbstständiger Personen würde man nicht selten auf die überraschendsten Veranlassungen und Einwirkungen stossen; auf Einwirkungen, wenn nicht gerade so unerklärlich und wunderbar wie diejenige, welche Alphons Ratisbonne in die Kirche hineinführte, doch immer so auffallend, daß in ihren ersten Anfängen wenigstens der Finger Gottes nicht verkannt werden könnte; wie in jenem Regenschirm, welchen ein Engländer in einem Beichtstuhl zurückgelassen hatte, was zur Veranlassung wurde, ihn sammt einem Freunde wieder in die Kirche zurückzuleiten, wie Solches in Abbé Rohrbach er's »Ueberblick über die vornehmsten Bekehrungen« zu lesen ist. Einen nicht minder merkwürdigen Gang nahm die Bekehrung einer deutschen Dame, welche vorzüglich alle die Abneigung gegen das Papstthum und die Person eines Oberhauptes der Kirche mit sich nach Rom brachte, welche so häufig den deutschen Protestantismus aller Schattirungen und Abarten durchdringt und stachelt. Eines Tages begegnete sie unsern des Stadtthores dem Papst, der eben eine Spazierfahrt machte. Da zwang es sie mit unwiderstehlicher Gewalt, gleich Andern, auf die Kniee zu fallen und den Segen des ehrwürdigen Greisen[485] zu empfangen; was augenblicklich einen so tiefen Eindruck auf sie machte, daß sie beinahe in Thränen zerfloß und lange noch, nachdem der Papst schon vorübergefahren war, in ihrer knieenden Stellung verblieb. Als sie endlich sich aufraffte, kehrte die vorige Gesinnung zurück und sie machte sich über ihre ungeziemende Schwachheit bittere Vorwürfe, Seye doch, kam es ihr hierauf zu Sinn, derjenige, bei dessen Erscheinen sie sich auf die Kniee gelassen, und der sich Oberhaupt der Kirche nenne, ein sündiger Mensch gleich Andern; warum denn ihm solche Ehrerbietung beweisen? Die Reue über ihre Schwachheit steigerte sich zum Grimm, und sie beschloß, Genugthuung für dieselbe sich dadurch zu verschaffen, daß sie dem Papst seine Anmaßlichkeit, bei gemeinsamer Unvollkommenheit mit allen andern Menschen, geradezu vorhalte. Zu dem Ende ließ sie um eine Audienz bitten, gleichzeitig aber Postpferde bestellen, um unverweilt nach ihrer kühnen That wenigstens dem Bereich des Beherrschers des Kirchenstaates sich zu entziehen. Es war nicht schwer, die Audienz zu erhalten. Die Dame hatte wirklich den Muth, ihr Vorhaben auszuführen und dem Papst zu bemerken: wie er sich den Stellvertreter Christi auf Erden nennen könne, da er ein sündiger Mensch seye? Mit seiner anerbornen Milde antwortete ihr der Papst: »Obwohl er selbst tagtäglich dieses sich sage und Gott anflehe, daß er, unangesehen dessen, zu Führung des schweren Amtes mit seiner Gnade dennoch ihm beistehen wolle, freue es ihn, wenn er auch durch Andere hieran erinnert werde, damit er stets desto lebendiger und demuthsvoller dessen gedenke.« Diese Antwort entwaffnete die Dame. Sie fühlte sich wieder ebenso betroffen, als an dem Tage, da sie dem Papst auf offener Strasse begegnet war. Man versicherte mich (und es fällt mir bei der Persönlichkeit Gregors XVI gar nicht schwer, es zu glauben), der Papst seye hierauf, gleich einem Katecheten, in einige der wesentlichsten Puncte des katholischen Glaubens mit ihr eingetreten, und habe die Audienz verlängert, um über verschiedene Differenzen die Dame zu belehren. Dieß[486] Alles habe auf dieselbe solchen Eindruck gemacht, daß sie die Postpferde abbestellt, hierauf um einläßlichere Unterweisung sich umgesehen, endlich die volle Ueberzeugung gewonnen habe, daß der katholische Glaube der wahre, sie somit zu diesem übergetreten seye. Ein deutscher Edelmann, dem ich die Nachricht über diese gewiß höchst merkwürdige Rückkehr in die Kirche verdanke, erzählte mir, wie er in seinen frühern Jahren durch die Eitelkeiten und Zerstreuungen des Hoflebens geradezu um allen Glauben gekommen seye. Die protestantische Lehre, in der er mit aller leblosen Kälte des norddeutschen Rationalismus erzogen worden, habe er nur allzubald über Bord geworfen, die katholische dagegen gar nicht gekannt, oder höchstens nach den abschätzigen Urtheilen, welche in seinem Heimathlande gewohnheitsgemäß über sie gefällt würden. So seye er auf Reisen nach Rom gekommen, mit dem Vorhaben, länger daselbst zu verweilen. Leichtfertigkeit und Neugierde hatten ihn getrieben, einen Jesuiten um Unterricht in der katholischen Glaubenslehre anzugehen, nicht sowohl, um in dieser sich umzusehen, als vielmehr, um von dem Standpunct des Rationalismus und des Protestantismus, bei sonstigem Mangel an aller innerer Ueberzeugung, dem Jesuiten zu widersprechen, also gewissermaßen bloß unfruchtbar den Verstand beschäftigende Dialektik zu treiben. Mit bewundernswerther Klarheit habe sein Widerpart (denn einen Lehrer erkannte er in ihm nicht) die wesentlichsten Lehren des Christenthums dargelegt, und mit noch grösserer Ruhe seine Einwendungen angehört, mit schlagenden Gründen sie zu entkräften gewußt, ohne jedoch einen andern Eindruck in ihm hervorzurufen, als denjenigen der Achtung vor der Geistesschärfe des Mannes, dem er gegenüber stund. In seiner Rolle als entschiedener Protestant habe er sich immer wieder auf die heilige Schrift zurückgezogen und dieselbe als Schild allen noch so schlagenden Beweisen des Jesuiten entgegenhalten. Da seye ihm einst von demselben mit aller Gelassenheit bemerkt worden: sofern er dabei auf die Lutherische Uebersetzung sich stütze, so[487] führe er dasjenige, was er beweisen wolle, zugleich wieder als Beweisgrund an, drehe sich somit in einem nichtigen Kreise herum. Denn Luther selbst habe, um für den wesentlichsten Satz seines Systems einen Ausspruch der göttlichen Schrift anführen zu können, zuerst diese in Röm. III, 28 verfälscht; wie er denn dessen alsbald sich überzeugen werde, wenn er nur seine Uebersetzung mit der Urschrift vergleichen wolle. Mit dieser Nachweisung, die damals für ihn eigentlich eine Entdeckung gewesen, habe er sich nach Hause begeben, und nimmer von dem Gedanken sich losmachen können, daß es mehr als ein Wagniß dürfe genannt werden, die heilige Schrift als obersten und allgemeinen Richter in Glaubenssachen zu proclamiren, dann aber, damit der Ausspruch dieses Richters den eigenen Meinungen eine untrügliche Sanction verleihe, eben diese Schrift zu verfälschen. Hiedurch seye Luthers Beruf als angeblicher Kirchenverbesserer vor sein en Augen in ein bedenkliches Licht, seye zugleich an die Stelle der bisherigen Gleichgültigkeit der Zweifel getreten; habe er die frühern Entwicklungen des Jesuiten, die sonst eindruckslos an ihm vorübergegangen wären, in seiner Erinnerung wieder hervorgenommen, die Unterredungen nunmehr mit Ernst und wahrem Verlangen nach Licht und Belehrung fortgesetzt. Aus einem kalten und widerspruchsreichen Dialektiker seye er in einen Wahrheit suchenden Schüler umgewandelt worden, dabei die Gnade Gottes ihm zu Hülfe gekommen. So habe die Nothwendigkeit des Glaubens zum wahren Leben ihm fortwährend fühlbarer sich gemacht, habe er immer mehr, immer heller und tiefer erschaut, daß allein der katholische Glaube der wahre seyn könne, habe es ihn mit unwiderstehlicher Geistesmacht in die katholische Kirche hineingezogen. Je mehr und mehr seye ihm die Ueberzeugung aufgegangen, daß er in ihr nur das Licht finden könne, nach welchem er zuvor gar kein Verlangen gehabt, die Seelenruhe, deren Entbehrung er bisweilen nur allzu schmerzlich gefühlt, und den Trost, dessen Segensfülle er bisanhin niemals geahnet. Wie er dann ein Bekenntniß abgelegt, seye er in jeder Beziehung inne geworden,[488] daß eine wahre Wiedergeburt in ihm vorgegangen seye. Ich habe es niemal vermocht, das abgebraische Axiom, daß Minus mit Minus multiplicirt Plus gebe, an irgend einer Erfahrung oder an irgend einer concreten Thatsache mir klar zu machen. Durch dergleichen Bekehrungsfalle wird dasselbe anschaulich: die Negation führt in eben demselben Augenblick zum Positiven, in welchem sie sich selbst negirt, das Minus durchdringt das Minus und wandelt es in Plus um. Die merkwürdigste Conversion in neuester Zeit dürfte ihrer wunderbaren Verumständungen wegen diejenige seyn, welche vor kaum anderthalb Jahren in einer andern Hauptstadt Italiens erfolgt ist. Eine Dame von sehr guter Herkunft, geistreich und wahrhaft gebildet, hatte noch als Mädchen, zusammt einer gleichgesinnten Jugendfreundin, in den Lehren des Protestantismus diejenige Befriedigung, die Beiden Bedürfniß gewesen wäre, nicht gefunden; es drängten sich Beiden allerlei Zweifel auf, welche sie nicht zu lösen vermochten. Sie nahmen Bücher zur Hand, mittelst welcher ihnen wohl ein etwelcher Schimmer, nicht aber das volle Licht aufgieng. In dieser Ungewißheit wurden sie einig, sich an einen Geistlichen in der Nachbarschaft zu wenden, der ihre Lectüre leitete, und in der gewonnenen Richtung sie festigte. Nicht lange hernach verheirathete sich die Eine an einen Mann, der mit dem Adel der Herkunft aus einem der edelsten und angesehensten Geschlechter seines Landes denjenigen des Geistes und des Herzens verband, dabei aber ein entschiedener Protestant war, in dem Protestantismus die allein richtige und gültige christliche Lehre anerkannte. Eben so festgewurzelt war bei der Frau die Neigung für die katholische Kirche, ja sie gewann an innerer Gewißheit unendlich, als später die Jugendfreundin, durch keine Rücksichten und Hindernisse gehemmt, in den Schooß derselben zurückkehrte. Aber die Frau brachte ihre Sehnsucht dem ehelichen Frieden zum Opfer, welcher einzig hier durch nur hätte können gestört werden. Viele Jahre flossen über diesem bittern Kampf dahin, ungetrübt für[489] ihr eheliches Verhältniß, weil sie denselben in ihr innerstes Heiligthum verschloß. Indeß mächtiger ward der Zug zu dem reinen Quell aller Gnaden in ihr rege, als mit dem Tod einer einzigen Tochter in der schönsten Jugendblüthe die schwerste Heimsuchung sie traf. Doch zu keiner Zeit weniger, als eben in jenen Tagen, hätte sie es wagen dürfen, hierüber gegen ihren Mann auch nur die leiseste Andeutung verlauten zu lassen. Denn dieser hatte eben damals in seinen Dienstverhältnissen, aus Beweggründen, die ihm nur zur Ehre gereichen, unter Untergebenen einige gemischte Ehen gefördert, was ihm in dem streng katholischen Lande nicht geringe Unannehmlichkeiten zuzog. Dieselben mißstimmten ihn vorzüglich gegen die katholische Geistlichkeit, welche hieran Theil hatte, und damit gegen die Kirche selbst. Entschiedener zugleich erwies er sich für den Protestantismus, dem er unzertrennlicher nicht allein für seine Person anhieng, sondern welchen er auch mit aller Macht äusserer und innerer Ueberlegenheit in denjenigen zu festigen sich angelegen seyn ließ, auf welche er seiner Stellung gemäß einzuwirken vermochte. Dieses Auseinandergehen in der Erkenntniß und in den geheiligtesten Bedürfnissen des Herzens war das einzige Schwere, was die treffliche Frau zu tragen hatte; aber auch Etwas, was durch alles Uebrige, was sonst das Leben ihr darbot, nicht konnte aufgewogen werden. In solcher Verlassenheit war sie einzig auf eine katholische Freundin angewiesen, der sie ihre Bekümmerniß eröffnen durfte, von der sie verstanden wurde, bei der sie Theilnahme und Ermuthigung fand, in deren Haus sie einen katholischen Priester traf. Gemeinsam mit diesem wurden die Frauen einig, eine Novene zu veranstalten, um Gott zu bitten, daß er dem Mann einen geneigteren Sinn in Betreff der katholischen Kirche verleihen wolle. Die Frau aber, weit entfernt, auf Kosten des in jeder andern Beziehung höchst glücklichen ehelichen Verhältnisses Gewährung ihres Verlangens gleichsam erzwingen zu wollen, hielt sich so sehr zurück, daß sie nicht einmal eine katholische Kirche betrat; nur um bei dem Mann[490] nicht Mißstimmung hervorzurufen. Deßwegen wurde die Novene in der Art veranstaltet, daß die Frau in dem Hause der Freundin mit dieser gemeinschaftlich betete, während gleichzeitig in der Kirche der Priester im Geist und im Gebet mit ihnen am Altar sich vereinigte. Bald hernach wurde der edlen Frau auch diese Freundin durch den Tod entrissen. Welche Wunde dieser schwere, in fremdem Lande doppelt schmerzliche Verlust ihr schlug, läßt sich leichter fühlen, als aussprechen. Indeß blieben die Verhältnisse einige Zeit noch, wie sie seit langem gewesen waren, bis eines Tages unerwartet der Mann seiner Gattin die Eröffnung machte: er sehe wohl, daß ein unwiderstehlicher Zug sie nach der katholischen Kirche ziehe; hege sie das Verlangen, sich unterrichten zu lassen, so wolle er ihr hieran nicht hinderlich seyn; nur wünsche er, daß sie in der Wahl des Geistlichen seine Neigung (oder vielleicht auch noch nicht verschwundene Abneigung) berücksichtige. Dieses war nicht schwierig, indem derjenige, auf den Beide, als auf einen Landsmann, leicht sich vereinigten, des vollesten und verdientesten Zutrauens bei Jedermann sich erfreuen durfte. Sofort wurden die nöthigen Vorkehrungen zu baldigem Beginn dieses Unterrichts getroffen. Da die Dienstpflicht den Mann in einer andern Stadt zurückhielt, als in derjenigen, in welcher der Geistliche wohnte, verlangte er fortwährende Berichterstattung über den Innhalt und den Erfolg des Unterrichts. Der Geistliche fand, daß dieses am zweckmäßigsten durch die Frau selbst könnte übernommen werden, und veranlaßte diese, die gepflogenen Unterredungen schriftlich an den Mann gelangen zu lassen, mit dem Anerbieten, Unvollständiges ergänzen, Nothwendiges beifügen zu wollen. Sobald er aber die ersten Früchte seiner Belehrung gelesen, überzeugte er sich alsbald, daß es der Nachhülfe von seiner Seite nicht bedürfe, wie es ihm auch erwünschter war, wenn dieser Verkehr zwischen Mann und Frau statt finde ohne alle Dazwischenkunft von seiner Seite.[491] Um über die Controverspuncte sich selbst besser orientiren und beurtheilen zu können, inwiefern seine Gattin den ertheilten Unterricht auffasse, erbat sich der Mann zugleich einige Bücher über diesen Gegenstand, die er nicht allein erhielt, sondern auch mit grosser Aufmerksamkeit las, also daß der halberwachsene Sohn, der inzwischen die Mutter besuchte, die Frage: wie der Vater sich befinde? dahin beantwortete: er sitze beinahe Tag und Nacht über den Büchern, weit mehr als sonst. ? Begreiflich konnte der Unterricht nicht schwierig seyn; der ausgestreute Same fiel auf einen Boden, der schon seit zwanzig Jahren nicht nur bereitet war, sondern der Aussaat harrte. Nach wenigen Wochen konnte der Mann die Anzeige erhalten, es stehe der Aufnahme seiner Gattin in die Gemeinschaft der katholischen Kirche nichts mehr entgegen, dieselbe hänge einzig noch von seiner Zustimmung ab. Auch diese erfolgte, und zwar mit freiem und freudigem Willen. Darauf wurden Tag und Ort verabredet, wo diese Aufnahme vor sich gehen sollte; und zwar, damit Aufsehen vermieden werde, in einer kleinen Stadt, unsern der Hauptstadt. Doch nicht lange hernach bemerkte der Mann: er sehe eben nicht ein, warum eine andere Stadt gewählt werden sollte, als diejenige, in welcher der Geistliche, der den Unterricht ertheilt habe, und in der sie sich gerade befänden. Auch das wurde beliebt; und so brach endlich der Tag an, an welchem das vieljährige stille Sehnen der Frau an das so heiß gewünschte Ziel gelangen sollte. Alles war bereitet; da trat unerwartet der Mann zu dem Geistlichen und fragte: ob es nicht angienge, daß auch er, gemeinsam mit seiner Gattin, das Bekenntniß des katholischen Glaubens ablege? Die Mittheilungen aus dem erhaltenen Unterricht, in Verbindung mit dem eifrigen Forschen in den empfangenen Büchern, hätten ihn zu der gleichen Ueberzeugung geleitet, und in dieser seye auch sein Entschluß zur Rückkehr in die Kirche unerschütterlich begründet. In so wunderbarer göttlicher Gnadenheimsuchung mochte die beglückte Frau an diesem Tag, der nun beide Eheleute mit der Kirche vereinigte, mit dem dreifachen Ehrenkranz des Glaubens,[492] der Geduld und des Gottvertrauens sich geschmückt sehen und eines Lohnes sich freuen, den vor kurzem noch ihre kühnste Hoffnung nicht hätte erwarten dürfen. Je grösser, entschiedener und beharrlicher die Vorurtheile waren, die den Mann vorher der Kirche gegenüberstellten, und je weniger Menschen zu deren Beseitigung beigetragen haben, desto glänzender ist auch der Sieg, den dieselbe über ihn errungen hat; je edler dann sein Charakter ist, je weniger das reine Licht erkannter Wahrheit durch untergeordnete Rücksichten bei ihm konnte getrübt werden, desto grössern Werth muß auch sein freyes Bekenntniß dieser Wahrheit ihm verleihen. Ich theile hierin nicht Etwas aus Hörensagen mit, nicht Etwas, was durch den Lauf von Mund zu Mund entstellt oder ausgeschmückt worden wäre. Ich könnte Zeit, Ort und alle Namen nennen; ich habe nicht allein das Glück gehabt, diese lebendigen Glieder der heiligen Kirche kennen zu lernen, sondern habe den ganzen Verlauf der Sache aus dem Munde des Geistlichen, der den Unterricht ertheilte und von dieser zweifachen Rückkehr Zeuge war, selbst vernommen. Die Thatsache, daß in Rom viele Conversionen mehr oder minder bemerklicher Personen vorkommen, mag jenseits der Berge, wo gewöhnlich nur die Resultate bekannt werden, die Ursachen und Mittel aber, welche zu denselben geführt haben, verborgen bleiben, jenen Wahn einer überall auf der Lauer stehenden Bekehrungssucht erzeugt und durch häufiges Wiederholen dergestalt darin befestigt haben, daß dieselbe unter Roms, wenn nicht Merkwürdigkeiten, doch Eigenthümlichkeiten aufgeführt wird. Unkenntniß und Vorurtheil stehen gewöhnlich in gegenseitiger Wechselbeziehung; jene festigt in diesem, und dieses stößt jener eine Vergnüglichkeit ein, mittelst welcher sie aus ihrer rein negativen Sphäre in die positive sich versetzt zu haben vermeint.[493] Beide sind, wo es sich um Rom handelt, von grossem Gewicht; sie pflanzen Meinungen fort, rufen Urtheile hervor und bieten, wo es hiezu Veranlassung giebt, zu Folgerungen die Hand, welche auf ganz willkürlich gesetzten Prämissen ruhen. Wie oft, indem ich so manches Gehörten und Gelesenen mich erinnerte, die Sachen hernach in Wahrheit ganz anders fand, wie oft habe ich nicht gewünscht, die Leute möchten selbst nach Rom kommen und sehen, aber weiter nichts mitbringen, als Angen, um sehen zu können, als den Sinn, sehen zu wollen. So haben sie sich in Deutschland ein Gespenst gebildet, welches überall, in den Ministerien, in den Schreibstuben der Subalternen, in den Zeitungen, in den Kirchenblättern, in allen Lucubrationen der fleissigen Bücherlieferanten umgeht, was sie als Vogelscheuche auf alle Kreuzstrassen stellen, vor dem alle Zeitgemässen gebührend zurückbeben sollen, und was nebenbei tausend armen Seelen ihr bischen Daseyn vergällt; ? sie legen demselben den Namen Ultramontanismus bei. In Deutschland, sagen sie, seye dieses Schreckbild nur der Reflex eines in Rom wohnenden Ungethüms, welches dort dem brüllenden Löwen gleich herumgehe und suche, wen es verschlinge. O! ihr Lieben und Guten, ihr Geängstigten und Zagenden, ihr Wachenden und rastlos Herumschildernden, möchte es euch doch so gut werden, nach Rom zu kommen und überall nachzuspüren, wo ihr das Ungethüm finden möchtet! Ich meine fast, euer noch so angestrengtes Suchen würde vergeblich seyn. Aber sie schreyen: nein! nein! wir brauchen nicht nach Rom zu gehen; das Suchen wäre eine überflüssige Sache; wir wissen schon, wo es sitzt; dort in dem grossen Gebäude, in welches man aus dem Hof des Quirinals hinabsteigt, dort sitzt es, dort brütet es über seinen Planen, dort schmiedet es die Ketten für die arme Menschheit, dort laufen in seinen Händen die Faden zusammen, mittelst deren es die Völker der Welt gängeln möchte, dafern unsere Fürsten und ihre Räthe nicht (Gott sey Dank!) so klug und energisch wären, denjenigen, welcher nach Deutschland[494] hinauslaufen sollte, zu durchschneiden, daß er seine Ziehkraft verliere, oder sobald man dieser trauen wollte, zerreissen würde. Dieser Ultramontanismus, inwiefern derselbe in Rom seinen Sitz haben und von da hinaus über die Berge nach festem (verderblichem ? versteht sich ohnedem) Plan agiren sollte, ist ein Gebilde, erzeugt aus eurer krankhaften Einbildungskraft und eurem bösen Gewissen. Nicht dort auf Monte-Cavallo, sondern hier, in der unauflöslichen Verbindung jener beiden Elemente ist der Sitz dieses Gebildes; und eben deßwegen könnt ihr seiner nicht los werden, verfolgt es euch, wo ihr geht und steht, gleich Horazens atra cura; ja, nähmet ihr Flügel der Morgenröthe und flöget ihr ans äusserste Meer, ihr würdet es auch dort wieder finden, seine Hand würde auch dort auf euch lasten. Sind aber nicht jene seine natürlichen Erzeuger, von denen es noch mit etwelcher Realität ausgestattet wird, so ist es überhaupt nur ein Schemen, ja weniger noch, ein bloßer Wortlaut, den ihr der blindgläubigen Masse als Losung hingeworfen habt, unter welcher ihr sie zum Heerzuge zusammenruft, um denselben wider etwas ganz Anderes, euch aber Wohlbekanntes zu richten. Die Schläge, sagt ihr, sollen ausschließlich das Ungethüm treffen, welches als Ultramontanismus umherschleicht; ihr aber wisset nur allzugut, daß sie in dieser Beziehung in den Wind ausgehen, das Substrat hingegen, welches davon getroffen wird, die wahre, ächte, diesen Namen allein verdienende katholische Kirche ist; und daß, je besser es euch gelingt, diese dem Auge durch euer Gespenst zu entrücken, die gutmüthigen Gesellen in ihrer Geisteseinfalt desto tapfer er darauf losschlagen. Gewiß wandelt euch zuweilen ein Schalkslachen an, wenn ihr sehet, wie tapfer sie unter dem Namen Ultramontanismus die Kirche selbst unter die Faust nehmen. Ihr aber, die ihr ehrlich in dem Wahn stehet, der Ultramontanismus seye eigentlich eine Art Ueberwucherung der katholischen Gesinnung, kämet ihr nach Rom, wolltet ihr da nachspüren, fändet ihr Gelegen heit, hier euch umzusehen, dann vielleicht könnte der Alp von euch weichen, dann könntet ihr genesen[495] nach Hause kehren. Ihr habt euch vielleicht in die Meinung verrannt: Rom seye über allen Detail der deutschen Kirchen auf's genaueste und bis ins Geringfügigste informirt, auch lasse es nichts und keine Gelegenheit vorübergehen, um auf sie in jeglicher Weise einzuwirken, Alles seinem Willen gemäß zu normiren; offene und geheime Canäle in Menge wären vorhanden, mittelst welcher römische Ansichten, Gesinnungen und Neigungen zu beharrlich verfolgtem Zwecke verbreitet würden, jede Eigenthümlichkeit vor denselben unerbittlich weichen müßte; eine rastlose, ins Wunderbare gehende Thätigkeit herrsche dort, um anzubahnen, durchzusetzen, festzuhalten, was in Rom's Interesse nur immer erzielt werden wolle. Man meint, es gelte hier in Bezug auf die kirchlichen Angelegenheiten Deutschlands, was in Schillers Don Carlos der Großinquisitor zu dem König sagt: »dein Leben liegt angefangen und beschlossen in der Santa-Casa heiligen Registern.« Darum dürfe man in Rom nur nachschlagen, um selbst über die unbedeutendste Specialität einen Actenstoß hervorlangen zu können. ? Dem aber ist nicht so; denn der Schluß aus analogen Verhältnissen ist kein gewagter. Ich habe in Bezug auf die Vorgänge und Zustände in der Schweiz, welche doch in neuester Zeit die Kiche wesentlich berührt haben, bei weitem nicht diejenige genaue Kenntniß gefunden, welche ich unfehlbar voraussetzte, ja bei mehreren Cardinälen (die man sich doch insgesammt als Glieder des obersten Raths der Kirche, daher mit den Angelegenheiten derselben genau vertraut denkt) zeigte sich ein Mangel hieran, der mich in Staunen setzte. Sollte es demnach in Bezug auf deutsche Angelegenheiten, die noch dazu ungleich umfassender, mannigfaltiger, weiter verzweigt und dazu versteckter sind, als die schweizerischen, anders stehen? Diese berühren, wenn man selbst diejenigen der rein katholischen Cantone dazu zählt, in welchen die kirchlichen Verhältnisse niemals getrübt waren, eine Zahl von 800,000 Katholiken, jene, wenn man Oesterreich und Bayern ausnimmt, das Zehnfache. Ist die Kenntniß in Beziehung auf[496] die Erstern eine mangelhafte, sollte sie in Beziehung auf die Andern vollständiger und tiefer gehend seyn? Aber, sagt man, gerade dieser Mangel an näherer Kenntniß unserer kirchlichen Angelegenheiten ist es, den wir der lobsamen Wachsamkeit unserer Ministerien, der preiswürdigen Fürsorge unserer ministeriellen Kirchenräthe und der unergründlichen Umsicht aller von den Ministerien eingesetzten sonstigen Räthe, so wie dem Gebiß, welches unsere hochpatriotischen Beamteten den Bischöfen angelegt haben, vorzüglich verdanken. Ohne dieß würde Rom längst schon in Alles sich eingemischt, Gesetz und Vorschrift nach seinem Belieben und zu seinem Vortheil (denn diesen und Rom können viele Leute getrennt sich gar nicht denken) gegeben haben. ? So viel ich in Rom beobachten konnte, so scheint dort ein solches Bestreben der Allesregiererei und des in Alles Sichmischen gar nicht vorhanden zu seyn; das einzige Bestreben geht dahin, daß das rechtliche Bestehen der Kirche überall anerkannt und die hievon unzertrennliche Befugniß derselben, unbeirrt in ihrem Innern walten zu können, nicht in anmaßlicher und machttrunkener Willkür gehemmt, wo nicht gar beseitigt werde. Rom ist weit davon entfernt, den Frieden stören zu wollen; aber es weiß, daß zwischen schweigsamem Dulden und wahrem Frieden ein wesentlicher Unterschied und noch lange nicht Ursache vorhanden seye, diesem Lobreden zu halten, wenn gleich die lederne oder die moralische Knute jenes in schönster Vollendung zu erzielen wisse. Um in die mannigfaltig verzweigten Verhältnisse eines Volkes, die darüberhin mehr geistiger als materieller Natur, wie diejenigen der Kirche sind, zu selbstsüchtigem Zwecke mit Absicht und Erfolg einwirken zu können, wäre doch gewiß Kunde der Sprache dieses Volkes vor Allem das Unerläßlichste; ohne solche muß nothwendig Alles zweifelhafter, unverständlicher werden. Ferner müßte ein solches Volk nothwendig durch Personen, welche ihrer Gesinnung nach den Wirkenden, ihrer Herkunft nach denjenigen verwandt wären, auf welche eingewirkt werden soll, an dem Mittelpunct einer derartigen Thätigkeit[497] sich vertreten sehen. Nun aber läßt sich unter sämmtlichen Angestellten der Staatskanzlei nicht nur kein einziger Deutscher, Keiner, bei dem man eine genauere Kenntniß der deutschen Verhältnisse, Zustände, Neigungen, Richtungen voraussetzen könnte, sondern überhaupt Niemand finden, der auch nur eine oberflächliche Kenntniß der deutschen Sprache besässe. Abgesehen davon, daß hiedurch nicht allein das maaßüberschreitende, sondern selbst das nothdürftigste Einwirken wesentlich erschwert wird, halte ich dieses für ein Gebrechen, und erlaubte mir da und dort, hierauf, als auf ein solches aufmerksam zu machen. Daß die Acten der Bischofswahlen nach Rom gehen müssen, daß die Bischöfe durch das Oberhaupt der Kirche präconisirt werden, daß einige reservirte Fälle an die Pönitentiarie der Kirche gelangen, daß etwa Dispensen nachzusuchen sind, das kann man doch keinen Einfluß weder auf die Angelegenheiten noch auf die Gemüther in dem Sinne nennen, in welchem man denselben als Aufgabe und Frucht des sogenannten Ultramontanismus ausgeben möchte. Allerdings ist in ehevoriger Zeit in dieser Beziehung von Rom aus mehr geschehen. Man könnte aber wohl sagen, was damals zu viel geschah, geschieht jetzt zu wenig; dieß gewiß nicht zum Vortheil der Kirche, aber ebensowenig zum Vortheil der Staaten, die unfehlbar sich selbst unendlich besser berathen würden, wenn sie ehrlich und redlich die freye Existenz der Kirche anerkennen und demjenigen, der zu deren obersten Leitung berufen ist, sein Recht zugestehen wollten, anstatt die Eine wie das Andere, bei der noch statt findenden Unmöglichkeit, Beide wegdekretiren zu können, unter allerlei Windungen und verwerflichen Schlichen wegzureglementiren. Indeß, es giebt einen Ultramontanismus, welcher Realität hat, der aber von Rom durch kein anderes Mittel, als durch das alleroffenste und allereinfachste: durch sein Daseyn, hervorgerufen wird. Die Kosmologen behaupten, die Sonne seye an sich ein kalter Körper; und doch wird durch ihre Strahlen auf unserer Erde die Wärme bewirkt. Wie dieß zu erklären[498] seye, weiß ich nicht, wohl aber, daß es, sobald sich die Sonne verbirgt oder unter den Gesichtskreis herabsinkt, weniger warm ist. Somit wäre die Sonne nicht der Quell der Wärme, sondern das Mittel, die Wärme zu erzeugen; diese hätte demnach weniger die Richtung von dem Punct auf die Oberfläche, als vielmehr von dieser nach jenem. Ob jene Hypothese der Kosmologen haltbar seye, ist mir unbekannt, aber sie ist für mich ein Bild von diesem Ultramontanismus. Rom hat gar nicht nothwendig, den organischen Zusammenhang aller Gliederungen mit dem Haupt, die Beziehung aller einzelnen Puncte zu dem Mittelpunct besonders zu lehren, mit möglichster Zuthulichkeit diese Lehre zu verbreiten; es kann dieses der richtigen Schlußfolgerung eines Jeden, der eine durch den Weltheiland gestiftete Kirche anerkennt, es kann dieses der Geschichte und seinem achtzehnhundertjährigen Bestehen überlassen. Könntet ihr von Tausenden, die sich's nicht bloß zur Ehre (worin immer noch allzuviel Subjectivität sich mischen kann), sondern zur Pflicht, zur heiligen Pflicht anrechnen, ultramontan genannt zu werden, einen Jeden befragen, ob er hiezu in Rom oder von Rom aus unmittelbar (mittelbar, ja! ? denn nach dieser Beziehung erschallt das nie verstummende Wort) unterwiesen, erzogen, vielleicht gar gedungen worden seye, möglicher Maßen würdet ihr unter dem gesammten Tausend nicht einen Einzigen finden, der dieses bezeugen könnte, vielleicht nicht einen Einzigen, der Rom gesehen, oder mit Jemand, der von dort ausgegangen wäre, je in Berührung gestanden hätte. Und doch findet ihr, trotz euerer Vigilanz, trotz euerer ministeriellen Rüsen, trotz eueres in alle Schulen eingeführten Entkatholisirungsdranges, trotz euerer bebänderten Decane, trotz euerer so redlich und ehrlich amtenden Censoren, und trotz eueres Fahndens auf jegliche ächt katholiche Regung unter Priestern und Layen Viele, die euer Schmachwort ultramontan sich zu höherer Ehre rechnen, als jeden huldvollen Blick des Herrn Oberammtmanns, als jeden Ronge'schen[499] Händedruck des Herrn Assessors, und selbst als jedes Kreuzlein, wofür sie das Kreuz in den Tausch geben müßten. Woher dieses? Sie haben das Endziel erblickt, an welches all' euer sogenannter Entfeßlungs- und Entfinsterungskram unfehlbar führen muß; sie haben die Nothwendigkeit erschaut, daß das Fortbestehen der Kirche, (der Kirche im wahren Sinne des Wortes) und die Einheit der Kirche sich gegenseitig bedingen; die Geschichte hat sie belehrt, daß der einfache Stuhl, vor welchem, mit allem Erdenglanz umschienen und mit aller Erdenmacht ausgestattet, so viele Throne aus dem Dunkel aufgestiegen und in dasselbe zurückgesunken sind, weder eine Zufälligkeit, noch ein Gebilde der Menschenweisheit seyn könne; sie haben sich überzeugt, daß, ungeachtet eures Geiferns über Anmaßung, Untertretung und Zwangherrschaft, der geistigen, zugleich aber wohlgeordneten Freiheit hier eine geschirmtere Zufluchtsstätte eröffnet seye, als in allen euern Organisations-Edicten und Landrechten. Darum zieht ein, die Grundtiefen ihres Seyns bewegendes Verlangen, nicht ein dämonischer Stachel der Widersetzlichkeit, wie ihr in der strotzenden Fülle eures Vorurtheils wähnt; ein in ihr Wesen verflochtenes Bedürfniß nach dem Bauenden, nicht, wie euer reizbarer Ingrimm vorgeben möchte, ein strafbarer Kitzel zum Zerstören, sie Alle nach dem Kern, welcher der Ausgangspunct aller sicheren Lehre und aller Einigung in deren Anwendung, aller Autorität und aller geregelten Ordnung, aller Freiheit und zugleich alles wohlverstandenen Gehorsams ist. Und wäret ihr lernfähig, so würdet ihr unter allem euerem schwirrenden Eisern über leidigen und hemmenden Ultramontanismus schon längst eingesehen haben, daß nicht Rom es ist, welches denselben pflegt, sondern euer eigenes gewalthaberisches und kirchlich-revolutionäres Thun und Treiben, welches die erhaltenden Kräfte, die edlern Geister zwingt, unverwandten Blickes nach jenem Lichte zu schauen, das, »seit der Morgenstern über den Völkern aufgegangen und der Tag angebrochen ist in den Herzen,« immerfort geleuchtet, nach dem Magnet, welcher unter dem schäumendsten Wogengefluthe[500] stets die sichere Bahn bezeichnet hat. Das ist der Ultramontanismus, den ihr so bitter haßt, welcher der Vergewaltigung der Kirche durch euere materielle Wucht, ihrer Zersetzung durch das Aufbürden einer wildfremden Doctrin und solcher Formen, welche feindlichem Boden entwachsen sind, ihrer Zersplitterung in haltlose Subjectivitäten und Individualitäten sich entgegenstemmt. Wo in einem Lande Solche sich finden, welche hiefür einzustehen Anmuthung und Obliegenheit in sich tragen, da bedarf es für sie keines Zeichens zu gegenseitiger Erkenntniß und keines Wortlauts zur Verständigung; derselbe Glaube, die gleiche Liebe, die nämliche Treue zu der Mutter einigt sie Alle. Uebrigens ist auch von den Worten Ultramontanismus und ultramontan mittelst unbemessenen Verbrauchs jeder scharf gefaßte und klare Begriff rein abgezogen, sind dieselben auf ganz unbestimmte und schwanke Benennungen beschränkt worden, die im Grund von willkürlich gebildeten Lauten wenig sich unterscheiden. Wollte man diejenigen, welche diese Worte am geläufigsten in Mund und Feder führen, ersuchen, den Begriff, den sie damit verbinden, genau zu formuliren, so würde wahrscheinlich von zwei Sachen eine erfolgen: entweder müßten sie denselben Meinungen und Bestrebungen unterstellen, zu denen selbst derjenige sich nicht bekennen könnte, den sie sogar als ultra-ultramontan verschreyen möchten; oder sie würden als ultramontane solche Ueberzeugungen und Richtungen bezeichnen, von denen Jeder erklären müßte: das ja sind keine andern, als die ächtkatholischen; aber ihr habt jenes als eigenes Wort bloß darum ausgeprägt, weil ihr auch den Begriff des Wortes katholisch verfälscht habt, und dieses nunmehr in einer Weise gebraucht, wogegen Jeder, der es ferner in seiner richtigen Geltung anwenden will auf's bündigste sich verwahren muß. Was unsere Väter noch katholisch schlechthin nannten, das nennet ihr jetzt ultramontan; was ihr aber katholisch nennet, das hätten unsere Väter vielfältig geradezu von sich gestossen. ? Wird nun ein Mensch, eine Meinung, ein Bestehendes[501] ultramontan genannt, so heißt dieß im Sinne derjenigen, welchen dieses Wort geläufig ist, gewöhnlich so viel, als: dieses hat unsere Zustimmung nicht, es ist nicht so, wie wir es haben möchten. Dabei ist, aller natürlichen Anwendung der Sprache entgegen, nicht derjenige, auf den das Wort angewendet wird, der Träger seiner Bedeutung, sondern derjenige der es anwendet. Deßwegen ereignet es sich nicht selten, daß über Jemand die Einen als über einen Ultramontanen herfahren, während die Andern wähnen, ihm mit der Erklärung, er seye dieses nicht, ein besonderes Lob beizulegen; oder daß je nach Zeit und Veranlassung von den gleichen Leuten die nämlichen Individualitäten heute dem Wort verfallen und morgen desselben entledigt erklärt werden. Verkehrt sich übrigens für den wahren Katholiken das Wort ultramontan nach seiner scheltenden Bedeutung in einen Lobspruch, so hat er allen Anlaß, eine genaue Selbsterforschung anzustellen, sobald er durch die Bezeichnung: nicht ultramontan zu seyn, gelobhudelt werden will. Schaue er nur auf die Personalitäten, von denen dieses Wort ausgeht, und auf die Zwecke, denen sie nachjagen, dann wird er nicht lange im Zweifel stehen können. Wie aber, um hier wenigstens mit ein paar Worten den Gegensatz zu berühren, wie, wenn man in Rom, von dortigem Standpunct aus hinüberschauend über die Gebirge, von einem Ultramontanismus spräche, der noch weit verbreiteter ist, einen ganz andern Charakter an sich trüge und ein ganz anderes Ziel sich setzte? Der nicht in einem Streben nach Einigung und Erhaltung, sondern in doppelter Weise sich offenbart: nach der einen in Zertrennung und Zerstörung, in Auflösung und Verflachung, in dem Eintreiben eines durchaus unkatholischen Geistes in die katholische Lehre, katholische Uebung, katholische Verfassung, katholische Literatur und katholische Gesinnung; nach der andern in hämischer Betriebsamkeit zu Verbreitung der böswilligsten Schmähungen, der giftigsten Lügen, der frazzenhaftesten Entstellungen. Fehlt es für die Rührigkeit des erstern nicht an einer Fülle offenkundiger[502] Zeugnisse jeglicher Art, so würde es zuverlässig Demjenigen, der in die engern Kreise des gemeinen Lebens eintreten und eine Zeitlang in denselben sich bewegen könnte, ebensowenig schwer fallen, Belege für dessen Vorwalten nach der andern Seite in Menge beizubringen. Dieses Treiben, was sich zu Rom Ultramontanismus nennen ließe, ist sicher nach der einen Beziehung verderblicher, nach der andern unstreitbar gehässiger, als was die Tagesblätter und die Buchmacher von Deutschland Ultramontanismus nennen, und nach der letztern aber weiter verbreitet, als sie nur gestehen mögen. Einer meiner Freunde gewann zu Rom in gegenwärtig laufendem Jahre Gelegenheit, über diese letztere Art von Ultramontanismus eine ergötzliche Erfahrung zu machen. Er hatte zur Feyer der heiligen Woche dorthin sich begeben. Wenige Tage nach derselben traf er auf einem Ausfluge nach Tivoli mit einer Protestantin zusammen. Noch bewegt durch die großen Eindrücke, welche Alles auf ihn gemacht, und namentlich der so mächtig ergreifenden Segnung am Ostertage, lenkte er die Unterhaltung auf diesen Gegenstand. Aber die Protestantin erwies sich ganz unwillig dagegen und erwiderte ihm: Es möchte wohl hingehen, daß am Ostertage der Papst die Katholiken segnete, wenn er nur nicht Fluch und Verdammung gegen alle Andersglaubenden dabei ausspräche. »Das thut er,« setzte sie versuchter Berichtigung meines Freundes im entschiedensten Ton der zuversichtlichsten Behauptung bei, »so hat es bei meiner Confirmation der Pastor mir ausdrücklich gesagt.« Wäre etwa derartiger Ultramontanismus nicht vorhanden? Würde nicht manchen Orts eifrigst für denselben geworben? Fände man ihn nicht ganz in Ordnung? Oder erhöben sich wohl mit Ernst Stimmen dagegen? Man sieht, der galanteste Denkglaube schleppt so gut seine Geistessessein hinter sich her, als der Aberglaube, und der helldünnste Aufkläricht hält an seinen Traditionen so zäh, als die dunkle Kirche an den ihrigen,[503] Diesem, durch alle Künste der Sophistik und alle Wendungen der Redefertigkeit aufgerüsteten Schreckbilde ist als treuer Waffenbruder in dem so ehrlich geführten Kampfe noch ein anderer an die Seite gestellt worden, damit er den Zweck fördern helfe: die Lehre von der alleinseligmachenden Kirche. Ja, sie besteht diese Lehre, sie muß bestehen, so lange es eine Kirche giebt, welche ihren Ursprung von Gott unmittelbar ableitet, der Verbindung mit ihm sich bewußt ist. In derjenigen Fassung hingegen, in welcher dieselbe Lehre als Anklage und Verwerfungsurtheil gegen die ächtkatholische Kirche sich handhaben läßt, ist sie ein Kind, hervorgegangen aus der Umschlingung des Indifferentismus und der Entstellung, eine Frazze neben der wahren, klarbegriffenen Lehre, wie solche in richtigem Verständniß dargestellt und aufgefaßt wird. In solchem ist sie zu Rom, gleichwie anderwärts, von Geistlichen aller Rangstufen in meiner Gegenwart oftmals berührt, in ihrer Thesis mit aller Strenge, wozu Offenbarung, Vernunft und feste Ueberzeugung berechtigen, verfochten, in ihrer Anwendung stets mit einer Milde festgehalten worden, von der man auf der Gegenseite keinen Begriff hat, sie nicht will aufkommen lassen. Schon die Annahme einer ignorantia invincibilis, wie dieselbe nicht zu Milderung eines Systems von vornherein statuirt werden muß, sondern aus blosser Wahrnehmung der Zustände sich ergiebt, durchdringt jene Lehre mit einer Mäßigung, gegen welche das abschätzige Urtheil über die warmgläubigen Glieder der Kirche gewaltig absticht. Welches Gewicht dann, in Verbindung mit dieser Lehre, das katholische Dogma auf das Bestehen und die Erhaltung der sichtbaren Kirche lege, meinet ihr etwa, die unsichtbare seye ihr nicht ebensogut bekannt, als euch, oder dieselbe werde von ihr verworfen? Aber freilich gilt ihr nicht diese als Kern, sondern jene; aber freilich macht sie das Daseyn und das fortwährende Daseyn von jener zur unerläßlichen Bedingung der Möglichkeit von dieser. Erst eine sichtbare Kirche, und sodann nur die Hoffnung, daß der, »welcher die Seinen kennet,« noch Manchen dazu zählen dürfte,[504] den menschliches Auge, als deren Glied zu erkennen, nicht vermag. Es haben jedoch in jenen Uranfängen der Lossagung von der sichtbaren Kirche, ihrer Lehre und ihrer Autorität, in welchen dieser baaren Negation noch viel Positives zur Seite lief, die Förderer von jener eine Behauptung von alleinseligmachender Wirkung ihrer, als vollgültige Lehre verbreiteten Meinung noch ungleich schroffer hingestellt, als in unserer Zeit durch die Kirche geschieht. Oder lag dem Bedenken, worin Luther seinem Churfürsten anrieth, die Wiedertäufer, so Mann als Weib, mit Schwert und Feuer und durch jegliches Mittel vom Leben zum Tod zu bringen; lag jener Flammenrede gegen Carlstadt; lag jenen Verwünschungen gegen Zwingli und seine Anhänger nicht die Forderung einer alleinigen Gültigkeit der Lehre, wie sie durch ihn ermittelt worden, zu Grunde? Liesse sich nicht vermuthen, in den Worten: »man würde zu sündigen fürchten, wenn man sich mit denen verbände, welche, wenn auch nur in Einem, aber in einem wesentlichen Puncte abweichen,« träte dieser Meinung selbst der neueste Panegyrist jener Bestrebungen bei, dafern nicht die unverkennbare Tendenz seines Unternehmens eine kräftige Verwahrung gegen diesen Irrwahn einlegte? Ist nun jene Behauptung von den Nachfolgern derjenigen, welche mit solcher Gewalt von der Kirche sich losgerissen haben, im Verlauf der Zeit gänzlich untergraben worden, so dürfen sie, bei dem Beweggrund, aus welchem dieses hervorgieng, solche Ermäßigung der ursprünglichen Entschiedenheit sich nicht zum Verdienst anrechnen. So wie es unzertrennbar in das Wesen der katholischen Kirche verflochten und keineswegs ihrem Belieben anheimgestellt ist, ob sie ihre Lehre als die alleinseligmachende noch ferner erklären wolle, oder nicht; ebenso war es anderseits eine unvermeidliche Nothwendigkeit, daß die spätern Bekenner der abweichenden Lehre jene Behauptung der frühern zuletzt ganz aufgeben mußten. Indeß hat sich doch eine schwache Abschattung des alleranfangs noch mit grossem Ernst Gesetzten bis in unsere Tage erhalten,[505] ja will in diesen mit merkwürdigem Gethue recht breit lagern. Nachdem nemlich, im Widerspruch mit dem ursprünglichen Lehrtypus, das Evangelium seinem Gesammtinnhalte nach dem subjectiven Meinen eines Jeglichen preisgegeben worden und dasselbe sein durchweg bindendes Ansehen verloren, haben sie sich den Namen »Evangelische« beigelegt, und führen nun denselben mit grossem Gepränge. Spräche sich hiemit ein Zeugniß aus für Anerkennung eines leitenden und einigenden Ansehens, welches dem Evangelium zugestanden werde, so läge in dem Wort doch irgend ein Gewicht nach der einen Seite, indeß, wie nunmehr die Sache stehen, in demselben die blosse Anmaßlichkeit nach der andern Seite hervortritt, worin es gewissermassen zu sagen scheint: wir allein, die wir das Evangelium nach voller Lust zerarbeitet haben, wir allein noch besitzen dasselbe; ihr Katholiken dagegen besitzet es durchaus nicht, wenigstens ist es für euch ein verschlossenes Buch; gleich als ob nicht der unerschütterliche Glaube an das Evangelium das Cement wäre, welches den Bau auf den Grundstein festigt, gleich als ob es in der katholischen Kirche einen Gottesdienst gäbe ohne Evangelium; als ob nicht, welches Gewicht seine Worte für jeden Gläubigen haben müßten, schon darin sich kund gäbe, daß es nur stehend darf angehört werden! Wahrhaft schmerzlich wird es daher oft, zuhören zu müssen, wenn Katholiken durch unbedachtes Nachsprechen jener hochmüthigen Benennung die kränkende und herabsetzende Anmaßlichkeit derjenigen, die ausserhalb ihrer Gemeinschaft stehen, so zu sagen rechtfertigen, und gleichsam dem Hohn beipflichten, der in so hochfahrender Aneignung gegen sie ausgesprochen wird. Zweierlei hat in Rom meine Erwartung nicht ganz befriedigt: die Fronleichnamsprocessionen und die Kirchenmusik. Erstern[506] geht jenes Ansprechende, Sinnige, Gemüthliche ab, welches bei diesen Festlichkeiten, als der Verherrlichung der streitenden und triumphirenden Kirche, in vielen kleinern Städten Deutschlands und der Schweiz, selbst in grössern Dörfern, Alles in Anspruch nimmt und zu einem grossen Ganzen sie einigt. In Rom verwandeln sie sich mehr in ein Gepränge, wobei die Gesammtheit in zwei Hauptparteyen sich scheidet: in Handelnde und in Zuschauende. Da sieht man nicht jene grünen Baumzweige, zwischen denen der Zug sich durchbewegt; da vermißt man die Weihrauchfässer, die vor dem dahergetragenen Heiligthum sich aufschwingen, die Blumenfülle, die zu den Füßen des Tragenden ausgestreut wird; da fehlen die geschmückten Altäre unter freyem Himmel, an welchen nach allen vier Weltgegenden die Evangelien gelesen werden; da entbehren wir den feyerlichen Schall der Glocken (denn welche Glocken haben sie oft in Italien selbst bei den größten Kirchen, und wie vollends werden dieselben geläutet, oder eigentlich gehämmert!); da mangelt die mitziehende Gemeinde, Männer und Weiber, Jungfrauen und Jünglinge; so Manches wird hier vergeblich gesucht, was diesseits der Gebirge bei sonnenhellem Himmel diesen Tag zum Fest der Feste macht. Seyen wir deßwegen nicht ungerecht; stellen wir nicht unbedingte Forderungen, die, weil sie hier zulässig, deßwegen nicht überall erreichbar sind. Wie wäre es möglich, daß bei der Hauptprocession, an dem Festtage selbst, auch nur ein Theil der Einwohnerschaft Roms mitziehen könnte? Wo wäre, da dieselbe nur um den, obwohl die Plätze aller Städte an Umfang weit übertreffenden, St. Petersplatz zieht, der erforderliche Raum, da schon die Zahl der Ordens-und Weltgeistlichen sammt den vielen Zöglingen aller Seminarien und Klosterschulen wenigstens dreitausend beträgt? Wie lange müßte nicht der Festzug dauern, da jetzt schon die Vordersten der entgegengesetzten Seite der Colonnade sich nähern, wenn am Anfang der andern das Bauner der heiligen Kirche, unmittelbar nach deren Oberhaupt, sich erhebt? Begreiflich ist es dann wohl, daß die Menschen, sobald[507] sie bei einer solchen Feyerlichkeit nicht durch einiges Mithandeln betheiligt sind, in den Stand bloßer Zuschauer hinübertreten, worüber freylich die Andacht nicht besonders angeregt, wenigstens nicht auf die Dauer in Anspruch genommen wird. Mehrere Congregationen, zwischen Ordens- und Weltgeistlichkeit gewissermassen in der Mitte stehend, wie die Theatiner, die Philippiner, die Jesuiten u. A. finden zu der grossen Procession sich nicht ein. Bei einigen Orden vermißte ich gerade die Obern, die ich sonst wohl erkannt hätte; bei manchen Individuen den Ausdruck jenes geistigen Mithandelns und jener Weihe, ohne welche ein solcher Zug mehr einem durchmarschierenden Heerhaufen gleicht, mit dem Unterschied, daß statt der Gewehre Kerzen getragen werden. Machten unter den vielen Capucinern, Franziscanern und andern zahlreichen Conventen Einzelne durch unverkennbare Andacht und Innigkeit geistiger Theilnahme an der Feyer sich bemerklich, zeigten sie, daß sie von deren Bedeutung ergriffen und durchdrungen sich fühlten, so trugen hingegen weit Mehrere eine gewisse Gleichgültigkeit zur Schau, in der es beinahe den Anschein hatte, als wären sie zu einem Frondienst aufgeboten. Wie der Mensch in Beziehung auf seine Lebensverhältnisse sagen muß: nil ab omni parte beatum, und dabei über Mißgeschick doch nicht klagen darf, so kann man auch hinsichtlich desjenigen, was mit der Kirche in Verbindung steht, sagen: nil ab omni parte sanctum, ohne daß hiedurch ihrer erhabenen Bedeutung Abbruch gethan würde. Die wahre Procession mit dem unverkennbaren Merkmal der Weihe, der Würde des Festes, des Bewußtseyns der hohen Feyer beginnt eigentlich erst mit dem Erscheinen des Domcapitels von St. Peter, oder wenn, wessen ich mich nicht mehr genau entsinne, etwa ein anderes demselben vorangeht, worauf überhaupt, ansteigend in ihren Rangstufen, bis hinauf zum Decan des heiligen Collegiums, unter Festgesängen die hohe Geistlichkeit folgt. Zuletzt aber, nach drei Inseln und zwei Tiaren, jede in Mitte zweyer geharnischter Schweizer mit ihrer Hellbarde,[508] das Oberhaupt der Kirche auf seinem Tragsessel, die Fächer von Pfauenfedern zur Seite, das hochwürdigste Gut in den gefalteten Händen haltend ? welch ein Bild der Demuth, der Gottesfreudigkeit, ich möchte sagen der Verklärung! Eine solche Innigkeit, eine solche Hingebung kann nicht Sache des Wollens, es muß, dieß ließ sich bei der Erscheinung Gregors XVI nicht verkennen, es muß freithätig hervorquellen, der Ausdruck des innersten, tiefsten, lautersten Wesens seyn. Ich möchte es einen reinen Harfenton nennen, welcher, wo er in reinem Herzen eine ähnlich gestimmte Saite trifft, dieselbe unfehlbar in entgegenklingende Schwingung setzen wird. Es ist nicht die Macht des äussern Glanzes, es sind nicht die Zuthaten blendender Hoheit, es ist die dynamische Gewalt der in Anbetung des Höchsten aufgehenden Würde, welche in dem Augenblick ihres Herannahens die Menschen in Andacht darniederbeugt. Durch die ganze Octave ziehen aus verschiedenen Hauptkirchen abwechselnd Festzüge aus und durch den Bezirk, der jenen als Pfarrsprengel angewiesen ist; so am Sonntag aus St. Johann im Lateran, am letzten Tage der Octave wieder über den St. Petersplatz, doch dießmal nur, so weit die Colonnade reicht; bei diesen beiden pflegt gewöhnlich der Papst zu Fuß mitzugehen, was aber dießmal bei keiner derselben der Fall war, weil etwelches Unwohlseyn ihn daran hinderte. Diese Processionen beginnen Jedesmal ein paar Stunden vor Ave Maria; die Häuser der Strassen, durch welche sie ziehen, sind mit Tapeten oder Teppichen behangen, eine oder ein paar Musikbanden vom Bürgermilitär werden dazu berufen, von den Pfarrgenossen gehen Einige, jedoch verhältnißmässig nicht Viele mit; dagegen drängen sich desto mehr Zuschauer beim Ausziehen und beim Einziehen des Zuges an die Kirche und durch die Strassen, was begreiflich weder bemessene Ordnung fördert, noch für erforderliche Stimmung ein Hebel seyn kann. Ich habe die meisten dieser Processionen mit angesehen, angezogen aber oder angesprochen fand ich mich von keiner. Die ungeheuren Kirchenfahnen, unter deren Last ihre Träger beinahe erliegen und welche[509] bei dem leisesten Windzug von den Vieren, welche die Stricke halten, nur unter den abentheuerlichsten Windungen können die rigirt werden; die riesigen Kreuze aus Pappendeckel, welche unbehauene Holzstämme vorstellen und ebenfalls nur mit Mühe aufrecht zu halten sind; die ohrzerreissenden, disharmonischen Töne ungeübter Blechmusiken, dieß Alles konnte keinen befriedigenden Eindruck auf mich machen, bildete gegen solche Festzüge, die ich anderwärts gesehen hatte, einen allzugrossen Contrast. Böte Rom nicht eine Menge erhebenderer und würdigerer kirchlicher Feyerlichkeiten, dieser wegen müßte derjenige, welcher bei solchen Anderes sucht, als Befriedigung der Neugierde oder der Schaulust, nicht dahin gehen. Noch weniger darf man nach Rom gehen in der Hoffnung, gediegene und erhebende Kirchenmusik zu hören. Natürlich die päpstliche Capelle (ein wahrer musikalischer Solitär) ist hievon ausgenommen. Instrumentalmusik in einer Kirche gehört zu haben, erinnere ich mich nicht, einzig Orgel und Gesang. Bei dem Charakter, welchen gegenwärtig die Kirchenmusik in Rom leider angenommen hat, möchte ich dieses noch ein großes Glück nennen. Aber die Orgeln sind selten von Bedeutung, stehen gewöhnlich zu der Größe der Kirche in keinem Verhältniß, und die Leistungen derselben lassen sich mit denjenigen auch nur mittelmässiger deutscher Kirchen nicht vergleichen. Z. B. ein höchst widerwärtiges Nachschnarren der Pfeifen in jedem Augenblick, da der Organist inne hält, wie es in der Kirche von St. Ignaz das Ohr beleidigt, würde sicher in Deutschland nirgends geduldet werden. Das Lärmen einer mehr oder minder vollständigen türkischen Musik, namentlich das gellende Glöckleinspiel anzubringen, das ist das höchste Bestreben der italienischen Orgelbauer, das ist ihr Stolz, das begründet ihren Ruhm. Die schönste und volltönigste Orgel, die auch wirklich den Anforderungen an dieses wahrhaft kirchliche Tonwerk entspricht, habe ich in der Chorkapelle von St. Peter gehört. Das jedoch ist nicht die wesentlichste Calamität im Bezug auf Kirchenmusik; sondernder schlechte, ja höchst verwerfliche Geschmack[510] der dieselbe nicht bloß verweltlicht, sondern im eigentlichsten Sinne frivol gemacht hat, ist es noch mehr. Für denjenigen, welchen die wahre Gesinnung, das einzig gültige Verlangen in die Kirche führt; welcher die Erwartung hegt, daß Alles, was er sieht und hört, zum zusammenstimmenden »Empor die Herzen« werde, für diesen kann es nichts Betrübenderes geben, als die Macht der Tone, anstatt zur Sammlung und Erhebung, zur Zerstreuung und zum Darniederdrücken verwendet und den demüthigenden, zugleich aber himmelwärts hebenden Ernst des unblutigen Opfers unter dem leichtfertigsten Geleyer gleichsam gehöhnt zu finden. Ein solcher Uebelstand muß in Rom weit mehr auffallen, als an jedem andern Ort; um so mehr, da von dem heiligen Gregor dem Grossen, dem Schöpfer des würdigen Kirchengesanges, bis auf Benedict XIV herab, die Päpste mit großem Ernst darob hielten, daß diese wichtige Begleitung des Gottesdienstes nicht zu dessen Verunstaltung mißbraucht werde. Hat doch das tridentinische Concilium in seinen Bestimmungen, was bei der Feyer der Messe zu beobachten, was zu meiden seye, den Bischöfen zur Pflicht gemacht, »von Orgelspiel und Gesang alles Flatterhafte und Unreine ferne zu halten, damit das Haus des Herrn in wahrem Sinne ein Bethaus möge genannt werden.« Auch wurde ich versichert, der Cardinal-Vicarius Petri, habe unter dem 16. August 1842 ein Decret gegen diese Mißbräuche erlassen, die überdem in eigenen Schriften und selbst in periodischen Blättern ernstlich gerügt worden sind. Es scheint aber, dieses Verderbniß seye jedoch bereits so allgemein in das Fleisch und Blut der Jetztlebenden übergegangen, daß die Capellmeister und Organisten es gar nicht mehr wagen dürften, andere als die leichtfertigste Opernmusik vorzutragen, sonst sie allgemeiner Geringschätzung in Bezug auf ihre Tüchtigkeit sich bloßstellen und unfehlbar den bewährtesten Ruf auf's Spiel setzen würden. Fragte ich aber, warum die Geistlichen jeder Kirche nicht ernstlich entgegenträten, so erhielt ich zur Antwort: alsdann würden solche Kirchen sich minder besucht sehen. Anerkennen auch Einzelne unter ihnen[511] den großen Uebelstand, so besitzen sie den Muth nicht, demselben entgegenzuwirken; Andere sind vielleicht nicht einmal mehr fähig, zu dieser Erkenntniß sich zu erheben. Es darf wohl befremden, daß ein Mann, wie der voriges Jahr verstorbene päpstliche Capellmeister Baini, nicht neben seiner Einsicht allen seinen Einfluß einsetzte, um diese ärgerliche Verderbniß, und wäre sie noch so weit verbreitet und noch so tief gewurzelt gewesen, und wäre ihr noch so allgemein gefröhnt worden, aus allen Kräften zu rechter Zeit zu hemmen. Es ist mir ein betagter und höchst einsichtsvoller Capellmeister ? leider habe ich seinen Namen vergessen ? genannt worden, der dieses Verkommen der Kirchenmusik von ihrem eigentlichen Wesen, was erst seit Anfang dieses Jahrhunderts eingerissen seye, nicht bitter genug zu beklagen wisse, aber das erforderliche Gewicht, um dagegen aufzutreten, eben nicht mehr besitze. Fragt man dem Grund des Uebels nach, so findet man auch diesen da, von woher früher so manches Verderbliche über die Kirche sich gewälzt hat. Alle, mit denen ich hierüber zu Rede kam, stimmten darin überein, daß dieß ebenfalls ein Vermächtniß aus der Zeit der Franzosenherrschaft seye, welche das Kirchliche frivol genug behandelt habe. Von daher schreibe sich diese nachtheilige Einwirkung auf den allgemeinen Geschmack. Ich habe hierüber Erfahrungen gemacht, die mich jedesmal wahrhaft betrübten. Zum Erstenmal war dieß der Fall in der deutschen Kirche St. Maria dell Anima. Dieselbe war einer durchgängigen Herstellung und Erneuerung wegen zwanzig Monate geschlossen geblieben. In dieser langen Zeit wurde auch eine neue Orgel gebaut, die, wenn sie nicht gerade ein deutsches Meisterwerk ist, doch zu den bessern in Rom gehört. Ein Tyroler, mir, wie sämmtliche in der Anima befindlichen Priester, bald befreundet, war als Organist berufen worden und hatte deutschen Geschmack und deutschen Ernst in Betreff der Kirchenmusik mitgebracht. In den letzten Tagen des Aprils erfolgte die Eröffnung der Kirche durch ein Triduum, an dessen erstem Abend der Patriarch von Constantinopel functionirte[512] und am Schluß der Feyer den Segen ertheilte. Die Orgel halte die ganze Handlung mit der erforderlichen Würde begleitet, als im Augenblick der höchsten Feyer, wo Alles vor dem emporgehaltenen Sanctissimum auf die Knie fiel, das widerwärtige Glöckleinspiel durch die ersten Tone hallte. Da wich bei mir plötzlich alle Andacht der Entrüstung, und ich konnte nicht begreifen, wie mein Crazolara, der so richtige Gedanken über Kirchenmusik oft vorher gegen mich geäussert, so sich habe vergessen können? Kaum daher in das Refectorium eingetreten, apostrophirte ich denselben über diesen schreyenden Mißgriff. Da erwiderte er mir: der Orgelbauer, der ihn beim Spiel gehütet, hätte anfangs beharrlich darauf bestanden, bei der heiligen Handlung die türkische Musik loszulassen, denn ohne dieß stünde sein Ruf auf dem Spiel. Er aber habe sich diesem aus allen Kräften widersetzt, und da Jener nicht durchzudringen vermocht, habe er wenigstens, während er selbst im Spiel begriffen gewesen, unvermerkt das Register des Glotleinspiels gezogen, damit doch dieses den Italienern zu lieb dazwischen klinge. Ein anderes Mal trat ich zufällig Abends in die grosse Dominicanerkirche St. Maria sopra Minerva. Auch hier wurde der Segen ertheilt, das Orgelspiel war aber so, daß, wenn zehn junge Bursche ebensoviele Mädchen erblickt hätten, sie dieselben unbedenklich hätten ergreifen und während des Segens einen Walzer oder Hopser nach der Musik tanzen können. Ich verließ die Kirche voll Unwille über ein solches Jahrmarktsgeleyer. Unter den Nonnen von St. Cecilia hörte ich am Abend der dortigen Fronleichnamsprocession ausgezeichnete Stimmen und ebensoviel Präcision und Ausdruck in dem Gesang; aber wieder mußte ich sagen: trüge doch dieser einen kirchlichen Charakter an sich! Das Vorgetragene hätte in einer Singakademie mit Recht Beifall verdient, für eine Kirche dagegen und für eine hohe Feyer in einer solchen paßte es durchaus nicht. Er kamt mir vor wie Arien aus Opern.[513] Dieses Mißbehagliche, und hiezu noch, wo anderwärts Instrumentalmusik in den Kirchen zu hören war, die Nachlässigkeit im Zusammenstimmten hat mich bis nach Venedig verfolgt, wo ich am Allerheiligenfeste in der Kirche des heiligen Marcus Erhebenderes zu hören hoffte, aber nicht minder getäuscht ward. Auch hier war sowohl die Wahl der Musikstücke, als die Ausführung so wenig ansprechend wie anderwärts; und ich darf wohl gestehen, daß der einfache, von einer kleinen Orgel begleitete Gesang der wenig geübten Schulkinder in der katholischen Kirche zu Schaffhausen mir immerdar ungleich würdiger und ansprechender schien, als die Musik in manchen grossen Kirchen Italiens, zumal wenn dort nicht sogenannte deutsche Messen mit den schneidenden Doppellauten in meine Ohren prickelten; denn wie man diesen deutschen Messen (d. h. unterlegtem deutschem Text) irgend einen Vorzug einräumen könne, das blieb mir stets unerklärlich. Zuletzt läuft es auf eine wahre Micheliade hinaus. Das bisher Gerügte sind verletzende Uebelstände, die an die Compositionen und an die Wahl der Stücke, etwa auch an die Ausführung sich knüpfen. Es giebt noch einen andern Uebelstand, der wenigstens störend genannt werden dürfte, wenn selbst über jenes keinerlei Tadel sich aussprechen liesse. Tritt nemlich bei grossen Festlichkeiten ? wie es z. B. am Vorabend des Festes des heil. Aloys der Fall war ? ein stark besetzter Chor mit untermischten Solopartien auf, so haben die Capellmeister die üble Gewohnheit, mit einer dicken Notenrolle auf das Geländer unablässig dergestalt den Tact zu dreschen, daß über dem unerträglichen Klopfen jeder Eindruck verloren geht. Dieß berührte mich unangenehm zum Erstenmal in St. Clara zu Neapel, und ich konnte mich nicht genug darüber verwundern, wie der Tact für das Schickliche dem materiellen Tactschlag so könne zum Opfer gebracht werden. Wer an so Etwas nicht gewöhnt ist, für den geht jeder sonstige Werth des Gesangs völlig dahin. Fragt man nach kräftigen, wohlgebildeten, klangvollen[514] Stimmen, so fehlt es nicht an Veranlassung, dergleichen zu hören. Wie bei den Zöglingen der grossen Anstalt von S. Michele zu Rom alle vorhandenen Talente oder künstlerischen Anlagen sorgfältig gepflegt und zu dem höchstmöglichsten Grad der Ausbildung emporgehoben werden, so auch das Talent für Musik, namentlich für Gesang. Die Anstalt liefert ihre Zöglinge zu den meisten bedeutenden kirchlichen Feyerlichkeiten, und die Leistungen derselben müssen in Beziehung auf Kunstfertigkeit unfehlbar befriedigen; ist dieß in Bezug auf den Stoff weniger der Fall, so ist Solches nicht die Schuld derjenigen, welche bloß auszuführen haben, was ihnen vorgelegt wird. Was aber diese junge Leute zu leisten vermögen, sobald dieses dem Ort, der Umgebung und der Veranlassung angemessen ist, das konnte ich dem Schluß des Marienmonats in der Kirche St. Andrea della Balla entnehmen, wenn anders unter den Sängern, die dort versammelt waren, Zöglinge von San Michele sich befanden. Wie jedoch dem seye, einzig dort hörte ich einen Gesang, der sowohl in Beziehung der Ausführung als der kirchlichen Würde nichts zu wünschen übrig ließ, daher, wie es des Kirchengesanges Bestimmung ist, wahrhaft in Andacht emporhob. Im Waisenhause zu Rom besuchte ich die Knaben, in dem kleinen Kloster von San Giuseppe die sechszehnjährige Tochter des verstorbenen Landeshauptmanns Müller von Näfels. Ich konnte mich der Thränen nicht enthalten, wie ich diese Schlachtopfer des fanatischen Radicalismus erblickte. Als nämlich dieser, durch seine Helfershelfer in den Cantonen Zürich und St. Gallen aufgestachelt und sicher gestellt, nicht nur die von sämmtlichen Cantonen einst besiegelten und gewährleisteten Verträge, weil sie den Katholiken des Landes Glarus eine unabhängige und gesicherte Stellung einräumten, in wilder Gleichmachungsgier zerriß, sondern hierauf noch die katholische Kirche[515] auf die empörendste Weise an seinen Siegeswagen knebeln wollte, gehörte der Landeshauptmann Müller zu denjenigen, welche an der Spitze seiner Glaubensgenossen, wenn nicht die erste Gewaltthat hindern konnten, so doch dem andern Unterfangen entgegenzustehen versuchten. Wie sie seinen Schwager, den Zeugherrn Tschudi, in dem scheußlichsten Kerker bei der unmenschlichsten Behandlung in einen solchen Zustand versetzt hatten, daß ihnen nur die Wahl blieb, denselben im Namen der Rechtsgleichheit, der Freiheit und zeitgemässer Institutionen zu morden, oder durch vier Mann auf einer Matraze in das Haus seiner hochbetagten Mutter zu zweifelhafter Herstellung zurückbringen zu lassen, so hatten sie den Landeshauptmann Müller genöthigt, um ähnliche Süssigkeiten einer Regeneration nicht verkosten zu müssen, landsflüchtig zu werden. Die harten Einbußen an dem Vermögen, der Blick in eine düstere Zukunft, der Kummer um ihre nächsten Anverwandten brachen seiner zu Hause gelassenen Gattin das Herz. Man darf ihren Tod die erste traurige Frucht einer Unterdrückung der Katholiken nennen, die nur darum weniger beachtet worden ist, weil sie über eine kleine Zahl sich erstreckte, auf einen unbedeutenden Erdenwinkel sich beschränkte. Der Vater nahm nun die vier mutterlosen Waisen zu sich und wendete sich nach Italien, in der Hoffnung, zu Modena eine Anstellung zu finden. Als dieß fehlschlug, trug er seine Hoffnungen nach Rom, wo aber kein besseres Licht für die Zukunft ihm aufgieng. Der Capellan der Schweizergarde Seiner Heiligkeit, Monsignore de Curtins, hatte ihm für die Sommermonate seine Wohnung im Vatican eingeräumt. Eines Tages im August 1839 begegnete er Müllern auf der Engelsbrücke, von wo derselbe mühsam nach seiner Zufluchtsstätte sich fortschleppte. In der gleichen Nacht wurde Herr von Curtins durch die Trauerbotschaft seines Hinscheids aufgeweckt. Als er nach dem Vatican hinauseilte, sah er die vier Kinder um den Leichnam des Vaters in Thränen zerfließend, rathund hülflos in fremdem Lande. Doch hatte das älteste derselben,[516] ein Mädchen von fünfzehn Jahren (welches nicht lange hernach dem Vater nachfolgte), voraussehend, daß alsbald eine Versieglung der Hinterlassenschaft erfolgen dürfte, noch so viel Besonnenheit, aus dem Schrank die wichtigsten Papiere und Briefschaften des Verstorbenen herauszunehmen und, damit ja Niemand neuer Verfolgung der Gebietiger im Heimathlande könne bloßgestellt werden, zu verbrennen. Allerdings forderten diese, daß die Kinder zugebracht würden; aber der rastlosen Verwendung ihres Oheims, des gleichfalls verfolgten und gewaltthätig vertriebenen Pfarrers von Glarus, eines Bruders des Zeugherrn Tschudi, gelang es, dieses zu verhindern. Denn sobald er den frühzeitigen Tod des Schwagers vernommen, eilte er selbst nach Rom, um den hülflosen Waisen zu rathen, wie immer möglich für sie zu sorgen. Die Knaben fanden hienach einen neuen Vater in dem allgemeinen Vater der Christenheit, der sie auf seine Kosten in das Waisenhaus versorgte und sie dort erziehen läßt; die Mädchen fanden eine zweite Mutter in der vortrefflichen Gräfin Lützow, Gemahlin des österreichischen Botschafters in Rom, welche auf gleiche Weise dieselben in San Giuseppe unterbrachte. So hat die Vorsehung für die Waisen gut gemacht, was die Menschen böse zu machen gedachten. Mir aber, als ich diese Kinder besuchte, traten in ihnen Ankläger und Zeugen gegen diejenigen vor Augen, welche, wenn ich noch den tadelfreyesten Beweggrund hervorhebe, einer Theorie zu lieb, kalten Blutes den anderthalbhundertjährigen Frieden eines Landes vernichten, einzelne ihrer Mitbürger, deren Geschlechter seit Jahrhunderten die Zierde desselben gewesen, um Glück, Ruhe und Wohlstand bringen und derartige Schlachtopfer sich bereiten konnten. War es aber nicht Schlimmeres, als blosse Theorie, da solche Wütherei eintrat, ungeachtet die katholischen Glarner am Ende in die Beraubung der urkundlich gewährleisteten Rechte sich fügen, nur diejenigen ihrer Kirche retten wollten? einer Kirche, die wahrlich die sechsmal zahlreichern Protestanten dieses Ländchens[517] niemals gefährdet hat und ebensowenig in Zukunft hätte gefährden können. Kurze Zeit nach meiner Ankunft in Rom machte ich die Bekanntschaft des königlich sächsischen Hofmalers, Hrn. Vogel von Vogelstein. Er wünschte in seine große Portraitsammlung von Zeitgenossen mein Bild aufzunehmen. Nicht ohne einige Mühe konnte er meine Einwilligung erlangen, denn bisher hatte ich jede Aufforderung, mich mahlen oder zeichnen zu lassen, beharrlich von der Hand gewiesen, da ich es für kleinliche Eitelkeit halte, Andern sein Ebenbild aufdringen zu wollen. Nur das Jahr vorher hatte ich eingewilligt, daß der Sohn meines verstorbenen Freundes, des Grafen von Enzenberg, Graf Hermann, mein Bild entwerfe, weil es bloß im Scherz begonnen, dann aber in treuer Wahrheit ausgeführt wurde. Auch das, daß eine Copie jener in Rom gefertigten Zeichnung dieser Schrift beigelegt wird, war nicht mein Tand, sondern wiederholter Wunsch der Verlagshandlung, welchem Hr. von Vogel freundlichst entsprach. Von bleibendem Werth für mich sind die angenehmen Stunden, die ich um diesen liebenswürdigen Mann zubrachte. Er hatte eben jene bildliche Darstellung der Hauptideen von Dante's göttlicher Comödie vollendet und öfters habe ich mich in Betracht der reichen und tiefgedachten Composition versenkt. Wohlverdienter Ruf ist derselben nach Deutschland vorangeflogen, indem nicht lange vor des trefflichen Mannes Rückkehr dahin die »Allgemeine Zeitung« Kunde von seiner reichen Schöpfung gegeben hatte. ? Vor dieser begegnete ich einem Landsmanne aus dem Tessin, dem Abbate Giuliani, von der Congregation der Somascher, Lehrer der Mathemtatik in dem Clementino zu Rom, zugleich aber einer der gründlichsten Kenner und der begeistertesten Verehrer des unsterblichen Dichters,[518] dessen Werk sein Hauptstudium geworden ist. Abbate Giuliani las eines Tages eine sehr geistreiche Beleuchtung von Hrn. v. Vogels sinnvoller Composition vor. Man hätte dabei sich fragen mögen, wer in die Tiefen der Dichtung des Florentiners mit klarerer Auffassungsgabe mochte eingedrungen seyn, der Maler oder der Redner? Am zweiten Ostertage hörte ich in der Akademia Tiberina einen andern Vortrag desselben: über Dante's Ehrerbietung gegen die päpstliche Autorität. Wäre ich nicht dem Beiwort zeitgemäß entschieden abhold, so würde ich dasselbe diesem Vortrag unbedenklich beilegen. Denn wirklich darf es zeitgemäß genannt werden, manche irrige Meinungen, die in Betreff des Dichters Wurzel fassen wollen, zu berichtigen. Wie man nämlich in Deutschland selbst dahin sich verirrt hat, Dante sogar den Ruf eines Propheten der Reformation anzuklügeln, so meinte man, einiger aus dem Zusammenhang gerissener Stellen wegen ihn als Zeugen wider das päpstliche Ansehen, selbst wider die Institution des Papstthums aufrufen zu dürfen. War das Erste eine lächerliche Spitzfindigkeit in jener Art, wie Tacitus zum Propheten des Preussenthums erschwatzt werden sollte, so geschah in dem Andern dem Dichter Unrecht, wie Hr. Giuliani mit schlagenden Beweisen dargethan hat. Denn wenn der Guelfe kein Bedenken trägt, die Häupter seiner Partei, die grimmigsten und rastlosesten Widersacher der Päpste, Kaiser Friedrich II und seinen Canzlar, Peter von Vineis, als Ketzer in die Hölle zu verweisen, so möchte es doch schwer fallen, ihn als Gegner der Kirche und des Papstthumts anzuführen. Vielmehr wie Roms Gründung nur einen Zweck hat ? Amazon.de Widgets Denn Rom und Reich (um Wahres zu verkünden) Ward nur gestiftet, um den heil'gen Ort Zum Sitz für Petri Folger zu begründen ? so ehrt Dante in Anastasius II die päpstliche Würde selbst in der Hölle (XI, 6) durch ein glänzendes Grabmal und sagt zu Nikolaus III (Hölle XIX, 103):[519] ? ? weil Ehrfurcht meine Zunge hält Für jene Schlüssel, die Du einst getragen, Da Du gewandelt in der heitern Welt, Enthielt ich mich, Dir Schlimmeres zu sagen; gleichwie er im Fegfeuer mit Adrian V nur knieend spricht, und auf dessen Frage: »was knieest du hier?« erwidert: Ich empfand Ob deiner Würde Vorwurf im Gewissen, Daß ich vor Dir noch grad und aufrecht stand. Schon in seinem (obwohl der Kirche widersprechenden) Urtheil über Cölestin V liegt ein Beweis, welche hohe Ueberzeugung von päpstlicher Würde ihn durchdrang; an andern, noch weit schlagendern fehlt es nicht. Wenn aber Dante über einige Päpste strenger zu Gericht sitzt, so hat man es zu wenig beachtet, daß er immer die Person von der Institution streng scheidet; daß gerade hiedurch der Tadel gegen jene, dafern sie den Forderungen von dieser nicht entsprachen, weit eher hohe Achtung vor dieser, als das Gegentheil beweise. Was besonders Bonifacius VIII anbetrifft, so muß wohl billiger Entscheid einen Theil der heftigen Worte auf Rechnung der Partei-Gesinnung Dante's und der damals auf beiden Seiten herrschenden Erbitterung schreiben. Oder hätte etwa der entschiedene Ghibelline sich gemässigter erzeigen sollen, als der feurige Guelfe? Oder wüßte umgekehrt die Geschichte das Licht, welches der Dichter um den Can grande zieht, durch keinen Schatten zu temperiren? Forster weiß in seinem »Handbuch für Reisende in Italien« von dem Herzog von Modena nichts weiter zu berichten, als: »daß er durch sein absolutestes Regierungsystem, durch sein lästiges Preßgesetz, durch die lange Liste verbotener Bücher, worunter die Comedia divina von Dante, und die Nichtanerkennung der Orleans'schen Dynastie in Frankreich sich berühmt gemacht habe;« wogegen ich freilich einiges Anderes, was Hrn. Förster entweder entgangen ist, oder was er jenen Entsetzlichkeiten[520] gegenüber keiner Beachtung werth halten mag, zu erichten wüßte. Es ist wahr, man könnte (die Sache bloß vom absoluten Standpunct erwogen) die hier ausgesprochene Proscription, die dort erwachende Mißstimmung gegen Italiens größten Nationaldichter für eine unerklärliche Abnormität hatten, sie geradezu eine unverzeihliche Versündigung gegen Geist und Talent, eine unläugbare Verknocherung der empörendsten Art nennen. Aber die Sache hat eine Seite, die auch jene Mißstimmung, wenn nicht geradezu rechtfertigt, doch wesentich entschuldigt. Man kennt die Bestrebungen des »jungen Italiens,« wie es darauf sinnt, unter Gewaltthat, Blutvergiessen und allen Gräueln der Revolution den gesellschaftlichen Zustand der Halbinsel im Sinne seiner abentheuerlichen Theorien von Grund aus umzukehren; wie es auf allen erdenklichen Schleichwegen Mißvergnügen auszusäen und Genossen des Frevels an sich zu ziehen bestrebt; wie es in tollkühnen Wagnissen, unter denen Menschenleben, Sicherheit und Ordnung nicht hoher geachtet werden als Seifenblasen, seine Zwecke zu erreichen strebt; wie es einer gesicherten Werkstätte, um seine Entwürfe vorzubereiten, eines schirmenden Zufluchtortes, um über deren Vollstreckung zu brüten, wie es so offenen als geheimen Vorschubes bei denen sich zu erfreuen hat, deren Rechenkunst bereits die Procente zu ermitteln weiß, welche ein ähnlicher Zustand auf der Apenninen-Halbinsel, wie derjenige auf der Pyrenäen-Halbinsel, auf Kosten der Bewohner ihnen selbst tragen würde. Dieses junge Italien hat Dante's Ghibellinen-Gesinnung gegen einige Päpste auf das Papstthum selbst, dann von diesem auf alle Regentenhäuser übergetragen und mißbraucht, es hat um jener willen den großen Dichter zum Thema seiner mordbrennerischen Pamphlete, als Vordermann zum Sturme gegen die Kirche, als Fahnenträger im Anlauf gegen die bestehende Ordnung erwählt. Dante war seit alter Zeit zur Autorität in Italien geworden; Dante's Name galt als der gefeierteste durch Italien; Dante klang dem italienischen Ohr als[521] ein bedeutungsvoller Laut. Unter das Gewicht dieser Autorität, dieses Namens, dieses Lauts stellten nun die Schwärmter für eine Revolution ihre Entwürfe, entlehnten von ihm das Wort zu deren Beschönigung, suchten mittelst desselben Manche anzuködern, zu bethören. Dante und abermals Dante klang es aus dem Munde derjenigen, die man als die Begabtesten, als die Rastlosesten, als die Unverbesserlichsten unter jenen ruchlosen Landesregeneratoren kannte. Der offenkundige Mißbrauch mußte am Ende den besonnensten und redlichsten Gebrauch verdächtig machen; bald war es dahin gekommen, daß selbst das bloße Reden über den herrlichen Dichter Argwohn erregte, und in Gefahr brachte, in die Vorkehrungen, die Jene den Regenten abzwangen, verwickelt zu werden. Zu den Häuptern des jungen Italiens wird der landflüchtige Advocat Zacheroni gezählt; wie es denn scheint, daß in diesem Lande ebenfalls Advocaten an der Spitze der Umwälzungspartei stehen, daß sie zu ihrem Besten auch hier die Ordnung in einen großen Rechtshandel verwandeln möchten. Dieser gab im Jahr 1838 zu Marseille den Commentar von Guiniforto degli Bargigi zu des Dichters Hölle heraus und zeigte in der Widmung desselben an das junge Italien, was dieses in der Comedia divina zu suchen und zu finden, weßwegen vorzüglich sie so hohen Werth für dasselbe habe. Durch diese Widmung, dann durch das Bemühen, die Schrift heimlich und heftweise in das Land hineinzuschwärzen und durch dasselbe zu verbreiten, wurde überall die Censur aufmerksam gemacht, und es erfolgte ein Verbot gegen diesen Commentar, welchen so strenge Maßregeln nicht getroffen hätten, wenn er in Italien und durch einen harmlosen Gelehrten dem Druck wäre übergeben worden; denn der Inhalt desselben ist unverfänglich, ja Bargigi darf mit Recht zu den vorzüglichsten Scholiasten des Dichters gezählt werden. Aber der Advocat macht diesen zu dem Genossen seiner Gesinnungen und der Bestrebungen seiner ganzen, durch die Welt zersprengten, aber zu ihren Anschlägen geeinten Sippschaft.[522] Er dichtet dem Dichter Italiens Zusammenschmelzen, Haß gegen das päpstliche Ansehen, das Zertreten desselben an. Aus dem Lande der Verbannung spricht er zu seinen Genossen, in der Sprache der Werkführer und Handlanger an dem neuen Thurmbau in sämmtlichen Ländern: »In Italien wird alles Denken unterdrückt. Wen das Elend seines Vaterlandes bekümmert, dessen wartet entweder das Beil des Henkers, oder das schauervolle Elend einer schweren Gefangenschaft. Es ist ein besonderer Zufall, daß Dante's heiliger Gesang nicht, entweder politischer Gründe wegen, oder unter dem Vorwand der Religion, kann verworfen werden. Haben traurige Zeiten Italien tödtliche Wunden geschlagen, so haben die Stellvertreter Christi dasselbe vollends um alle Einheit gebracht. Machtlos, um es sich zu unterwerfen, haben sie immerwährend Hader genährt, die Parteyen unterstützt und zu Vollendung der Schmach die Fremden herbeigerufen, damit sie mit Blut es düngen. »Unter Unfällen werden kräftige Geister gestähelt; die Liebe zur Freiheit, welche Christus uns gelehrt hat, zieht sie groß; die Philosophie lehrt sie, Besseres hoffen. Hievon belebt, verschmähte Dante, der Hocherhabene, durch Unterwerfung unter die Kirche seine Heimkehr nach Florenz sich anzubahnen. Leuchten nicht Sonnenglanz und Sternengefunkel über jeden Erdenfleck, und läßt sich der süssen Wahrheit nicht unter jedem Himmelsstriche nachsinnen! Radicalreform des Katholicismus und der politischen Einrichtungen Italiens, das ist der wesentlichste Innhalt, das der Hauptzweck seiner Dichtung, in der er dem Anbruch des neuen Morgenroths entgegensingt. Theokratie und Despotismus hielten sein Vaterland in Ketten, er trat ihnen entgegen. Erhaben, freyen Blickes, schweift der Ghibelline über den Trümmern einer Welt und harrt einer bessern Zeit, eines Menschenalters der Grosse und des Friedens. Sein Hauptfeind ist Rom und dessen krebsartig zerfressener Hof. Er harrte des Sieges, der die grosse Hure in die Hölle werfen wird, Von wo's zuerst der Neid heraufgesandt;[523] dann wird seine Sitte und Eintracht zurückkehren, dann wird Italien, dem Joch der Factionen entrissen, einig und stark werden. Dante war ja der Erste, welcher der römischen Kirche ihre Hurenwirthschaft mit den Königen, ihre Verknechtung der Religion zu politischen Zwecken offen vorwirft.« Natürlich wird von dem nach Regeneration lechzenden Jung-Italiener die Geschichte zurechtgemacht in gleicher Art, wie sie von seinen Gesinnungsgenossen anderer Länder zu ähnlichen Zwecken zurecht gemacht wird. Durch Dante's ganz Italien begeisterndes Gedicht, versichert der Advocat Zaccheroni seine gläubigen Jünger, seye der römische Hof so niedergeschmettert worden, daß er sich nach Avignon geflüchtet habe. Darauf hätte die Inquisition den Geistesschwung, zu welchem an Dante's Gedicht Alles sich erkräftigt, durchaus erstickt, und die Ausleger sich bequemen müssen, des Dichters erhabene Gedan ken von politischer und religiöser Reform auf die Proportionen eines theologischen Sermons oder einer moralischen Abhandlung zurückzuführen. Am Ende klingt noch ein Seufzer, daß die Deutschen in den Busen der schönen Sclavin sich eingenistet hatten, gleich als in Feindesland. »Aber« ruft der Advocat, »junges Italien! ? Dante zeigt dir das Ziel! Deine Aufgabe ist, Italien seiner hohen Bestimmung entgegenzuführen!« Dann kommt noch ein heftiger Vorwurf gegen Silvio Pellico, daß eine harte Gefangenschaft ihn dahin habe bringen können, den Katholicismus selbst in seinen größten Mißbräuchen zu ehren und zur Devotion sich erziehen zu lassen; ja daß er sogar in seinem Gedicht: »Dante's Tod,« den sterbenden Ghibellin en zur Selbstdemüthigung vor die mißgestaltete Hure geschleppt habe. Diese Palinodie seye eine baare Insulte gegen Dante's Andenken, dessen Gedicht fortan für Italiens Völker zum Freiheitsbanner, zum Zeichen der Einigung gegen Rom werden müsse. Nachdem überall in Italien die Censur diesen Commentar in Beschlag hatte nehmen lassen, setzte der Advocat seinen[524] Bestrebungen die Krone auf durch eine, von Spott und Uebermuth strotzende, nachgesendete Zueignung an den vorigen Papst, Sie lautet so: »Ihre liebevolle Beflissenheit, mittelst der Ehrwürdigen Vater des heiligen Officiums und der bewaffneten Macht sich die Exemplare meines herausgegebenen Buches zu verschaffen, nachdem sie auf gesetzlichem Wege in Ihre weltlichen Herrschaften hineingekommen waren, ist mir Zeuge der heissen Begier, die Sie zu demselben in Sich tragen, und verleiht mir die Kühnheit, ihm Ihren Namen vorzusetzen, sintemal derselbe darin die würdige Stelle eben da finden wird, wo der Ghibelline diejenigen anderer Ihrer Vorgänger hingewiesen hatte. ? Nehmen Sie mit dem guten Willen vorlieb, bis ich im Fall seyn werde, Ihnen eine Arbeit von grösserem Belang darzureichen, woran ich schon Hand angelegt habe: das letzte Concilium in St. Peters Hauptkirche. Voll Ehrfurcht gegen die Majestät der höchsten Schlüssel gewärtige ich Ihren väterlichen Segen. Marseille, den 15. August 1838. Joseph Zaccheroni.« Man denkt sich Rom so gerne als heilige Stadt, als das Salem, zu welchem von Morgen und von Abend, von Mittag und von Mitternacht die Volker ziehen, als den Ort der Sicherheit für Alle, die gleich dem gescheuchten Vogel ein Obdach suchen, als die Ruhestätte für Jene, die dem ermatteten Hirschen ähnlich nach dem gefahrlosen Lager sich sehnen, als den Hafen, welchem so manches umhergetriebene Schiff zusteuert. Ohne allen Zweifel ist es für Viele, die aus äussern und innern Irrsalen, Gefahren und Stürmten sich retten wollen, ein Salem, eine Zufluchtsstätte, ein schirmender Hafen. Man[525] denkt es sich so gerne als die Stadt, in welcher unablässig die Dankgesänge zu dem Dreyeinigen aufsteigen, das Lob der unbefleckten Jungfrau ertönt, in welcher Alles die Ehre dessen verkündet, der in der Höhe ist, den Frieden unter denen, welche, guten Willens, hienieden weilen. Man erwartet hier den geistlichen Streitern zu begegnen, die mannigfaltig sind, wie die gerüsteten Schaaren eines wohlgeordneten Kriegsheeres, vielartig, wie das goldgewirkte Gewand der Königin im Hohenlied. Man hört sie wohl diese Dankgesänge, diese Loblieder auch man begegnet in ihnen jenen Streitern. Doch mischt sich in dieses nur allzuviel dessen hinein, was mitten unter dem Bilde des Friedens, der Ruhe, der Sicherheit das Gegenbild dieser freundlichen, erquickenden, segnenden Güter hervortreten läßt. Nur allzuhäufig wird der Eindruk, den die rein geistliche Stadt auf uns machen müßte, gestört durch das Erscheinen von Kriegsleuten aller Waffengattungen, aller Rüstungen, aller Farben. So schön, ja glänzend und wohlberitten die päpstliche Reuterei ist, so stattlich die Grenadiere daherziehen (die übrige Infanterie hat blos den Anstrich gewöhnlicher Milizen), so möchte man dieses Waffengepränge einen Mißklang nennen, der durch die sonstige Harmonie sich durchzieht, und uns bitter daran gentahnt, daß hienieden auch nicht ein Ort seye, der mit ungetrübtem Frieden uns umfange, erquicke, das Vollgepräge desjenigen an sich trage, welcher den Seinen den Frieden hinterlassen wollte. Wie heiterer und wohlthuender wäre nicht der Eindruck, den Rom auf uns machte wenn nirgends Kriegsvolk uns begegnete; wenn nur droben, wo der Vater der Gläubigen für diese wachet, wirket und lebt, die alterthümlichen Schweizer, »zu seiner leiblichen Hut bestellt« (wie der Dienstvertrag sagt), an der Pforte und am Eingang in die Gemächer die Wache hielten; wenn bei den feyerlichen Umzügen neben den Kleinodien und seiner Person einzig diese daherschritten, und bloß das Geleite der Edelwache den Wagen des Oberhauptes der Kirche und Regenten des Landes mit würdigem Glanze umgäbe.[526] Ehedem, so wurde ich wenigstens dessen versichert, habe man in Rom von solchem Kriegsgetöse in Trommeln und Trompeten, von solchem Kriegsprunk in mancherlei Waffenarten nichts oder nur sehr wenig gehört und gesehen. Aber auch dessen, daß dieses nothwendig geworden, trage jene verwegene Notte von Umwälzern die Schuld, die nichts unversucht lasse, um wenigstens in dem südlichen Theil der Halbinsel durch Aufruhr, Mord und Verwirrung ihre würdigen Beglückungsplane durchzusetzen. So laste ihr Unterfangen, wenn es auch bisher noch immer vereitelt worden, doch fortwährend darin auf dem Lande, daß dessen Oberherr sich genöthigt gesehen, zu Schutz und Abwehr Vorkehrungen zu treffen, welchen empfindliche Vergrösserung der Lasten unvermeidlich gefolgt wäre, was Einzelne, die über dieser nicht auf die Ursache zu blicken vermöchten, zur Rückwirkung im Sinne jener trügerischen Rotte geneigt machen dürfte Alle Lebensbedürfnisse hätten seitdem, solcher nothgedrungenen Vermehrung der Waffenmacht wegen, grösserer Besteurung unterworfen werden, eine Erhöhung des Preises erfahren müssen. Und dennoch brüsten Jene sich damit, daß allgemeine Wohlfahrt, bisher nicht gekannte Glückseligkeit von dem Gelingen ihrer Entwürfe unzertrennlich seyn werde; und dennoch fehlt es nicht an Thoren, welche durch ihre Vorspiegelungen sich blenden lassen, an denen die laut redenden Zeugnisse aus nicht sehr ferne liegenden Zeiten, aus so vielen andern Ländern unbeachtet vorübergehen! Thoren, welchen selbst die neueste Heldenthat dieser Weltverbesserer, bei mißlungenem Bubenstück durch den Diebstahl an der Ersparnißkasse zu Rimini sich zu trosten, die Augen nicht aufgehen! Wird es auch an Einverstandenen nicht fehlen, welche hiefür, wie für Alles, was in solchem Dienste versucht wird, Entschuldigungsgründe, wo nicht Rechtfertigung, fertig in Bereitschaft halten, und nicht den Mordbrenner, sondern den Hausbesitzer für straffällig erklären. Trotz jenes Kriegsvolkes, was Rom nun mit allen grossen Städten gemein hat, macht es doch wieder einen Eindruck, den mindestens von denjenigen, die ich gesehen habe, keine andere[527] Stadt zurückläßt, trägt es neben dem Gepräge, worin es jenen gleich kömmt, wieder ein eigenthümliches an sich. Was du beinahe in allen andern Städten findest, das findest du in Rom ebenfalls, hiezu aber noch vieles Andere, was du sonst allerwärts vergeblich suchen würdest. Liebst du Zerstreuung, Rom bietet dieselbe in mannigfaltigerer Weise, als jede andere Stadt; freut dich das Gewühl der Straßen, die Straße Toledo in Neapel abgerechnet, findest du es, wie auf dem Corso, vielleicht in keiner andern Stadt des Festlandes; suchst du die Einsamkeit, diese gewiß kann dir, bis hinaus nach dem Campo Vaccino, dem alten Palatinus, und bis zu St. Croce in Gerusalemme in solcher Art nirgends geboten werden; zieht die Gesellschaft dich an, sie ist in Rom so belebt, so glänzend, so geistreich als irgendwo, zugänglicher aber als allerwärts. Ist das Alterthum dein Steckenpferd, wo fändest du so reiche Ueberreste desselben in jeglicher Gestalt? Nimmt die Kunst dich in Anspruch, vereinigt nicht Rom deren herrlichste Gebilde aus jeder Zeit, in jedem ihrer Zweige, eine Menge von Werkstätten, deren täglich neue Schöpfungen mit den vorangegangenen wetteifern? Hast du der Wissenschaft dich geweiht, es fehlt weder an stummen, noch an lebendigen Mitteln, die darin dich fördern können; willst du erforschen, was die christliche Wohlthätigkeit zu Stande bringen könne, in wie unerschöpflichen Formen sie zu wirken verstehe, Rom bleibt auch in dieser Beziehung Hauptstadt der Welt; ist endlich dein Verlangen dahin gerichtet, das christliche Leben in seinen manigfaltigen Erscheinungen kennen zu lernen, so weißt du ja, daß Rom seit anderthalb Jahrtausenden der Mittelpunkt der Christenheit gewesen, daß es derselbe noch jetzt, ja daß es in seiner noch gegenwärtig eigenthümlichen Gestalt einzig aus jenem hervorgegangen seye. Trägt auf der einen Seite Alles in Rom den Charakter des Grossen, Weiten, Vollendeten, entschieden Ausgeprägten an sich, so ist es doch anderseits wieder anmuthig, fesselnd, heimelig. Es läßt diese Signatur seines Wesens auch auf diejenigen übergehen, welche in demselben weilen und sich bewegen; man findet sich leicht, schließt[528] bald an einander sich an, ist mittheilsamer als vielleicht sonst irgendwo. In Beziehung auf das, was das Bindemittel des gesellschaftlichen Verkehrs ist, die Unterhaltung, macht Rom ebenfalls einen andern Eindruk, als sonst die meisten grossen Städte. Hier z. B. ist das Theater nur von untergeordneter Bedeutung, daher man mit jenem Schmalbier: ob die Schauspielerin Agehöriger Weise aus den Coulissen hervorgetreten seye, ob der Schauspieler H bei dieser oder jener Stelle die Hände nach Erforderniß bewegt habe, ob die Sängerin C bei irgend einer Passage gleiche Höhe ergurgelt habe, wie vor einem Jahr die Sängerin D, ob die Tänzerin F den Fuß noch über die wagrechte Linie hinauf habe erheben können, in Rom nicht beköstigt und gar übersättigt wird. Kammern giebt es auch nicht; daher man sich über den Stand der Parteyen, über das Gelärmte der Wortführer, über die Angriffe auf die Regierung, über die liberalen Motionen ebensowenig ereifern, als jedes Kaffehaus und jede Schenke in eine Taschenausgabe des Ständehauses verwandeln kann. Von dem langweiligen und abgedroschenen Geschwätze über Eisenbahnen, in wie viel Minuten diese oder jene befahren werde, wie viel Procente eine jede abwerfe und welche Concurrenz ihr bevorstehe, bleibt man ebenfalls verschont. Dagegen hört man in Kassehäusern und Barbierstuben (denn diese werden oft zum Sammelplatz ebenso verschiedener Personen, wie jene) von bevorstehenden Feyerlichkeiten in der einen oder andern Kirche, von Processionen, von Gegenständen sprechen, die überhaupt auf die Kirche Bezug haben. Es wird erörtert, ob der Papst bei diesem oder jenem Fest sich einfinden werde, oder eingefunden habe, wer seine Stelle vertrete, u. s. w. Jedes bedeutendere Ereigniß, welches zu der Kirche in Beziehung tritt, weckt Theilnahme; in das, was mit derselben in Verbindung steht, findet man oft unerwartete Einsicht. So hörte ich einst den Barbier mit demjenigen, den er unter dem Messer hatte, ein gar nicht uninteressantes Gespräch über Monte-Casino und die verdienstlichen Arbeiten seiner Bewohner führen.[529] Es ist natürlich, daß die öffentliche Erörterung allerwärts derjenigen Gegenstände sich am liebsten bemächtigt, welche den Menschen zunächst liegen; ob uns dieselbe zusage oder anwidere, das ist Sache des Geschmacks, vorzüglich der Wahlverwandtschaft. Samstags den 27. April fuhr ich von Rom nach Neapel ab. Die Station, welche der Vetturin am ersten Tage machte, war nicht der Mühe werth, denn wir kamen nur bis Valmontone, was erreicht wurde, ohne nur unterwegs füttern zu müssen. Der Vorwurf, daß man mit solcher Fahrgelegenheit höchst langsam vorankomme, gilt blos von dieser Seite der Apeninnen, auf derjenigen gegen das adriatische Meer ist es ganz anders. Aber auch darüber läßt sich leichter klagen, als der natürlichen Ursache nachforschen. Will man dieß, so wird man über den natürlichen Grund nicht lange im Zweifel stehen. Auf dem ganzen Wege von Florenz bis nach Neapel wird die Strecke, die man zurücklegen kann, durch die Nachtquartiere bestimmt, in welchen sich möglicher Weise Halt machen läßt. Ich habe einige Male, wenn ich mißvergnügt war, nicht weiter gekommen zu seyn, was mit schweizerischen oder deutschen Kutschern so leicht möglich gewesen wäre, des andern Tages mich selbst fragen müssen: wo ich denn die Nacht hätte zubringen wollen? und in der Unmöglichkeit, genügende Antwort ertheilen zu können, mich zufrieden stellen müssen. Waren doch schon die Wirthshäuser der noch einigermaßen erträglichern Orte, wie z. B. in Otricoli und Nepi elend genug. Am adriatischen Meer dagegen, von Loretto bis nach Intola, wo man nach Bologna einlenkt, liegt in geringer Entfernung von einander Städtchen an Städtchen. Diese alle bieten ohngefähr ähnliche Herbergen; wenn nicht gerade so bequeme und wohlversehene wie durch das Breisgau hinab, an der Bergstraße und längs des Rheines,[530] doch immerhin leidliche. Uebrigens sind für denjenigen, welcher keine Eile hat, diese Vetturini immer dem Postwagen vorzuziehen: man kann sich leichter seine Reisegesellschaft wählen, ist nicht so zusammengepfercht, wie in jenen, und ? die Hauptsache ? man sieht das Land, weil man nie des Nachts fahren muß. Die Gegend um Valmontone, das alte Labicum, ist sehr malerisch. Man fährt durch eine Schlucht hinunter, über welcher rechts auf zerklüftetem Hügel ein Dörfchen steht, der Berghang links mit Wald bekleidet ist, den der Deutsche auf dem langen Wege von Florenz nur zu sehr vermißt. Alles trägt Spuren vulkanischer Wirkung. Von der Osteria, die in schönem Thalgrunde liegt, führt, was selten in Italien, eine Allee riesengrosser Bäume nach dem Städtchen, das, wie beinahe alle im Kirchenstaat, auf einem Hügel erbaut ist; jenseits des Gründes, hoch über der Osteria erbebt sich ein Klösterlein. Valmontone war bei den Alten seiner guten Trauben wegen berühmt. Wenigstens muß Clodius Albinus sie sehr schmackhaft gefunden haben, weil er bei einem Gastmal 23 Pfund derselben verzehren konnte. Liest man aber in den römischen Schriftstellern das Lob der Trauben oder der Weine einer Gegend, bekommt man dann letztern heutzutage in den Osterien zu schmecken, so muß man sich fragen: hatten die Alten einen minder seinen Geschmack, oder hat die Behandlung der Reben und der Weine Rückschritte gemacht? So rühmen Strabo und Plinius den Wein des benachbarten Segni's; Martialis sagt von demselben: Potabis liquidum Signina morantia ventrem, Ne nimium sistant, sit tibi parca sitis. Ich habe zwar keinen davon getrunken, bin aber, demjenigen nach zu schliessen, der mir in Valmontone vorgesetzt ward, fest überzeugt, daß er jetzt die adstringirende Wirkung, wenn nicht auf den Magen, doch gewiß auf die Zunge üben würde (Von dem Wein in Capua, der als der beste, nachdem anderer zurückgewiesen worden, gelten sollte, und doch nur mit Zucker[531] gemischt sich hinunterschlingen ließ, mag ich gar nicht sprechen. Er war schlechter als der geringste unsers nördlichen Landes in mittelmäßigen Jahren. Im Hauptgasthof des jetzigen Capua's wären Hannibals Krieger schwerlich verwöhnt worden.) Der schöne Abend konnte zu nichts Besserem benützt werden, als zu einem Spaziergang nach dem Städtchen, welches mir aus der Geschichte Innocenzens wenigstens dem Namen nach bekannt war. Er hatte es dessen, durch Schulden gedrückten Herren abgekauft und seinen Bruder Richard damit belehnt, so daß es noch in der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts der Familie Conti zugehörte. Jetzt ist es, wenn ich nicht irre, im Besitz der Fürsten Doria-Pamphili, die hier ein ziemlich grosses, aber auch ziemlich vernachläßigtes Schloß haben. Auf einem freyen Plätzchen vor der Kirche öffnet sich eine schöne Aussicht, einerseits in das Thal hinunter, anderseits über die Landschaft, welche den Anblick eines Knäuels von Hügeln, einzelne mit Städtchen gekrönt, darbietet. Ein junger Geistlicher trat mit jener milden italienischen Freundlichkeit zu uns hin, die einen so wohlthuenden Eindruck zurückläßt. Er führte uns in die Kirche, theilte uns Nachrichten über das Städtchen mit und nannte uns die vorzüglichsten Puncte der Fernsicht, auf denen das Auge ruhte. ? Bei einbrechender Dämmerung mischte sich in das Geläute von dem Kloster über der Osteria das Krachen der Böller von der jenseitigen Höhe. Die Kirche des Städtchens feyerte am folgenden Tage ein Particularfest. In dem hinter Valmontone fortlaufenden Thal sieht man, was in Italien selten, einige Ruinen von Burgen. Die erste, auf mässiger Höhe über einem Weiler, zeigt noch crenelirte Mauern, die in ziemlicher Strecke über den Hügelsaum sich zogen. Es könnten die Trümmer des Castells Montefortino sevn, einst Eigenthum der römischen Montfortini. Weiterhin, wo das Thal sich öffnet, sieht man zwei zerfallene Burgen mit dachlosen Thürmen, wie man sie in Deutschland häufig findet. Es gieng mir hier, wie mit der Gegend um St. Maria dei Angeli, sie war mir geschichtlich bekannt und hatte daher mehr Anziehendes[532] für mich. Nicht weit von Valmontone, rechts ab von der Straße, erhob sich von seinem Hügel das Städtchen Segni, von welchem Innocenzens Geschlecht den Beinamen führte ? Commites Signini, einst Vaterstadt Papst Vitalians, der dem Kirchengesang eine Vorschrift gab und die Orgeln verbessert haben soll. Bald hernach blickte ich nach Anagni hinauf, wo Innocenz geboren worden, und sein Geschlecht bis zu dessen Erlöschen zu den sogenannten zwölf Sternen der Stadt gehörte. Fünf Miglien weiter gings nach Ferentino, wo Innocenz in Freundschaft zu dem Bischof so oft weilte; jetzt, was ich beim Durchfahren bemerken konnte, ein jämmerlicher Ort, der, obwohl ein Bischofssitz, bei einer Einwohnerzahl von 8000 Menschen dem Fremden nicht einmal eine Herberge bietet. Am Morgen des 28. Aprils kam ich in dem freundlichen San-Germano an und bestieg sogleich einen Esel, um nach Monte-Cassino hinauszureiten, wo ich schon lange angekündigt und erwartet war. Es ist ein überraschender Anblick, wenn man durch den langen düstern Thorweg dieses Stammhauses der Benedictiner und ihrer zahlreichen Aeste voranschreitet in den ersten Hof, vor die großartige Treppe, die in den zweiten Hof zum Eingang in die Kirche führt. Ein Geistlicher, der eben hinaustrat, ahnte, wer ich wäre, und führte mich, altem Benedictiner Brauch gemäß, zuerst in die Kirche und aus dieser in die anstossende Bibliothek, wo die Anwesenheit mehrerer Bewohner des Klosters schon einen günstigen Eindruck auf mich machte, denn es war daraus wahrzunehmen, was dann bald darauf in dem Umgange sich bestätigte, daß die jetzigen Cassinenser, wenn sie auch an zeitlichem Besitz eine nie herzustellende Einbusse erlitten haben, wenigstens den alten wissenschaftlichen Ruf des Ordens und des Hauses wieder zu verjüngen sich bestreben.[533] Die wesentlichste Anregung hiezu verdanken sie dem am 10. Juni des vorhergehenden Jahres im Alter von 80 Jahren verstorbenen Archivar Ottavio Fraja Frangipane, einem Mann, dessen Name bei allen Gelehrten Europa's mit demjenigen von Monte-Cassino unzertrennlich sich verbindet. Derselbe stammte aus einem achtenswerthen Geschlechte zu Puzzuoli und trug, weil er zur Erziehung nach Monte-Conssino gesendet worden, gleichsamt von Kindesbeinen an das Gewand des heiligen Benedicts. Schon am 20. Sept. 1779, da er eben das 17te Jahr angetreten, legte er das Ordensgelübde ab. Von dieser Zeit bis zum letzten Lebenshauch schmückten ihn alle Tugenden des Christen und des Religiosen. Noch als Novize kam er bisweilen mit andern Conventualen in das Archiv, dessen berühmter Vorsteher, Giambattisto Federici, ihnen die schönen Miniaturen der Handschriften zeigte, die aber Ottavio weniger lockten, als diese selbst, so daß er, wo es ihm immer möglich ward, aus dem Kreise seiner Mitbrüder sich hinausstahl, um im Lesen der Schriftzüge sich zu üben. In kurzem hatte er es bereits dahin gebracht, die Stelle eines Codex aus dem IX Jahrhundert, deren Entzifferung selbst der so kundige Camillo Pellegrini in seiner Historia Principum Langobardorum aufgegeben hatte, fertig lesen zu können. Fortan boten auch die ältesten Pergamente der Abtei seinem geübten Blick keine Schwierigkeiten mehr dar. Das Kloster verdankte seinem unverdrossenen Fleiß, unter Federici's Mitwirken, einen diplomatischen Coder in 13 Bänden, einen reichen Nachtrag von lateinischen Wörtern des Mittelalters zu Du Cange's Glossar, viele Berichtigungen zu Ughelli's Italia Sacra (die jetzt zu zwei Banden angewachsen sind) und geschichtliche Denkwürdigkeiten über die vornehmsten Besitzungen der Abtei. Unter der kummervollen Zeit der Fremdherrschaft, welche die Abtei in eine Anstalt (Stabilimento) verwandelte, aber doch die Religiosen beisammen ließ, vollendete Ottavio das von seinem Vorfahren begonnene Repertorium über das gesammte Archiv, jedoch nicht als mechanische, sondern als wissenschaftliche[534] Arbeit, besonders mit wichtigen Andeutungen in Beziehung auf Palaeographie ausgestattet. Seinem sorgfältigen Durchforschen des cassinensischen Handschriften-Schatzes verdankt man die Auffindung von 10 Reden des heiligen Augustins, welche dem sonst so sorgfältigen Nachspüren der Mauriner entgangen sind. Frangipane hat sie im Jahr 1819 zu Rom herausgegeben. Der Beifall, den er hiefür erntete, veranlaßte ihn, noch Mehreres aufzusuchen; nicht ohne Erfolg; denn er war so glücklich, den Nachträgen zu den Werken des Bischofs von Hippo, welche von den Canonikern Caillau und Saint-Zoes im Jahr 1836 zu Paris herausgegeben wurden, werthvollen Zuwachs zu verschaffen. Ausser diesen Ueberresten entdeckte er den sechsten Brief des karthaginensischen Diakons Ferrand, des Schülers des heil. Fulgentius, woron Gallandi in seiner Bibliothek der Vater nur ein kleines Bruchstück veröffentlichen konnte. Als Widerlegung der Arianer ist dieser Fund von hoher Wichtigkeit. Dabei stand Frangipane in brieflichem Verkehr nicht allein mit allen Gelehrten Italiens, wie den Cardinälen Zurla, May, den berühmten Geschichtsforschern Pompeo Litta in Mailand und Carl Troja in Neapel und vielen Andern, sondern auch mit denjenigen der meisten übrigen Länder; unter den Deutschen mit Niebuhr, Blume, Pertz, Schulz, dann dem Dänen Estrup u. A. Zu den verschiedenartigsten Zwecken wurde er um Auskunft, Unterstützung, Mitwirken angegangen, immer bereit, aus den Schätzen der cassinenischen Handschriften mitzutheilen, was verlangt wurde, oder was er auffinden konnte, oder was ihm wichtig schien. ? Hiefür liegt in den zahlreichen Briefen, die er empfangen, eine Fülle von Zeugnissen; übereinstimmende ertheilten ihm diejenigen, welche je selbst zu Monte-Cassino einsprachen. Man darf hierüber nur lesen, was Pertz in dem fünften Band des Archivs für ältere deutsche Geschichtskunde und Blume in dem Prodromus corporis juris civilis sagen. Dabei zierten den für seinen Beruf und die Wissenschaft[535] lebenden Mann Demuth und Bescheidenheit. »Alles zur Ehre Gottes und des heil. Benedicts«, waren gewöhnlich die Worte, mit denen er die seinen Verdiensten gewidmeten Lobsprüche von sich abwendete. Unter wie glänzenden Anerbietungen er in verschiedene Städte gezogen werden sollte, die bescheidene Stellung in seinem geliebten Monte-Cassino hatte allein Werth für ihn. Wollte man aber meinen, es wäre ihm vergönnt gewesen, in freyer Musse alle seine Zeit auf jene Lieblingsstudien zu verwenden, so würde man sehr irren. In seinen frühern Jahren war ihm auch die Verwaltung des Klosters übertragen, welcher er nicht minder förderlich war, als dem Archiv. Ferner hatte er die Novizen im Gregorianischen Gesang, als dessen gründlicher Kenner, zu unterrichten. Bei zwanzig Jahren verwaltete er das beschwerliche und zeitraubende Amt eines apostolischen Pönitentiars an der cassinensischen Basilica, wo täglich nicht allein aus der Nachbarschaft, sondern aus weiter Ferne viele Beichtende ihn angiengen. Neben diesem Allem richtete er sein Augenmerk darauf, für das Archiv einen tüchtigen Nachfolger anzuziehen. Es ist der 14. Sebastian Kalefati. Ottavio Fraja Frangipane starb, wie er gelebt hatte, heiter, fromm, gottergeben bis zum letzen Athemzug. Man wird von mir keine Nachrichten über die Schätze der Handschriften-Sammlung, über andere Merkwürdigkeiten erwarten, welche Monte-Cassino noch jetzt in sich vereinigt. Andere haben dieses besser beschrieben, als bei kurzem Aufenthalt es mir möglich wäre. Jene silbernen Inschriften an den alten Bronzethüren, die vornehmsten Besitzungen der Abtey in der ältesten Zeit aufzählend, sind vielleicht das einzige Document dieser Art, was irgendwo gefunden wird. Für das südliche Italien eine Seltenheit ist die große, ausgezeichnete Orgel. An innerer Pracht, an dem Reichthum der mannigfaltigsten Marmorarten, an kunstverständiger Verwendung derselben steht der Kirche von Monte-Cassino nur diejenige der Cartause von Pavia zur Seite. Aber wie in dieser, so ist auch in jener die prachtvolle Sacristei ihrer ehemaligen Schätze entblößt. Die[536] Franzosen haben den ganzen Vorrath theils kostbarer, theils kunstreicher, dann durch Alterthumt und Arbeit unschätzbarer Priestergewänder in der Sacristei selbst auf einen Haufen geworfen und angezündet, um der hineingewirkten edeln Metalle schneller habhaft zu werden. Einer, der nachher die Asche sammelte, erhielt aus dieser noch Goldkörnchen für den Werth von fünfzig Ducaten. Es war am 30. Dec. 1798, daß ein Hause Franzosen in San-Germano einzog und in dem Palast der Abtei die schauderhafteste Wirthschaft trieb, worauf General Championet am Neujahrstag 1799 den Vorschlag eines Waffenstillstandes mit General Mack rund von der Hand wies. Sobald der Unterhändler sich entfernt hatte, ließ Jener den hochbetagten Abt vor sich schleppen und gab einen Befehl des französischen Directoriums vor, welchem gemäß in drei Stunden 100,000 Ducaten müßten bezahlt seyn, oder der Abt erschossen, das Kloster zerstört werden. Das hieß Unmögliches verlangen, daher der Abt und die Ordensbrüder sich zum Tode bereiteten. Einige greise Religiosen versuchten es indeß, den Wütherich milder zu stimmen; statt dessen gerieth er in solchen Zorn, daß er ohne Scheu vor dem Alter sie zum Zimmer hinausstieß. Um den Ungestüm einigermaßen zu mildern und wenigstens das Leben des Abts zu retten, wanderte aus dem Kirchenschatz der Rest des vorhandenen Silbers (vieles war vorher schon zum Besten des Königs und des Reichs hingegeben worden), Kreuze, Rauchfässer, zwei große Bilder von St. Benedict nach San Germano herab; auch eine heilige Familie von Raphael mußte in die ruchlosen Hände des Räubers übergehen. Mit allem dem waren nicht mehr als 30,000 Ducaten zusammenzubringen, Championet hiemit nicht befriedigt, so daß er den Abt mit vorgehaltener Pistole zu Unterzeichnung eines Wechsels von ungeheurem Belang nöthigte. Nachdem seine Soldaten den Palast der Abtei noch geplündert, zog der Franzose dem General Mack entgegen. Unmittelbar nach seinen Vorrücken versammelte sich der Pöbel von San-Germano, richtete einen[537] Freiheitsbaum auf, verkündete die Republik und eignete sich als ersten Act der volksthümlichen Gewalt einige Mühlen der Abtei an. Aber frei solches Schwindels erhob sich das übrige neapolitanische Volk und trat muthig und mit glücklichem Erfolg den Franzosen entgegen. Das mußte nutürlich das Werk des alten, zitternden, streng bewachten Abts seyn. Championet schrieb ihm von Capua: »Ich bin davon unterrichtet, wie Sie, Herr Abt, unter den Bewohnern jener Gegend den Aufruhr nähren. Wissen Sie, daß Sie den ersten Unfug, den ersten Mord, der dort begangen wird, mit Ihrem Kopf werden bezahlen müssen. Christenthum und Gottesfurcht legen Ihnen die Pflicht auf, zum Wohl des Menschengeschlechts zu predigen. Sollten Sie den treulosen Charakter ihrer Secte bewähren, nicht als Freund eines Volkes sich erweisen, das dem Verderben entgegenrennen will, so zittern Sie.« ? Zudem wurde der Abt genöthigt, in einem Hirtenbrief seine geistlichen Untergebenen zu ermahmen, der Waffengewalt sich zu enthalten, die fremden Herren zu ehren. Ein Armeebefehl war beigefügt, Niederbrennen aller Ortschaften drohend, deren Bewohner nicht der Republik sich anschtiessen würden. Die Unterthanen der Abtei blieben zwar ruhig, bezeugten aber ihre wankellose Treue gegen dieselbe, ihren Kummer über die erlittenen Bedrängnisse erboten sich zur Aufnahme des Abts und der Religiosen, nothigen Falls zu deren Vertheidigung. Die parthenopäische Republik war eine Ephemeride. Am 9. Mai verkündete das Licht von tausend Fakeln im San-Germano Ruffo's Siege, die Flucht der Franzosen. Schon am folgenden Tag erschienen diese in der Nähe von San-Germano. Die sogenannten Vertheidiger des Königs ergriffen die Flucht, und die angsterfüllten Bewohner der Stadt suchten Sicherheit in den Gebirgen; die Religiosen von Monte-Cassino wandten sich wieder ihrem Kloster zu, Niemand blieb in der Stadt zurück als der Abt und drei der Brüder, welche, alt und schwach, wie er, nicht zu entrinnen vermochten.[538] Im Kloster herrschte unbeschreibliche Bestürzung, vermehrt, als aus dem Thal hinauf der Kanonendonner dröhnte. Wer es vermochte, schickte sich zur Flucht an, ergriff aus der Kirche, was an Reliquien oder andern Kostbarkeiten ihm sich darbot, und machte sich auf die einsamsten Fußsteige, überzeugt, die Mauern des Vaterhauses nicht mehr zu sehen. Nur ein betagter Ordensbruder, der Novizenmeister mit seinen Zöglingen und ein Einziger der jüngern Conventualen blieben in dem verlassenen Kloster. Friedrich Gattola, so hieß der Greis, vermochte durch das Ansehen seines Alters die Furcht der Zugebliebenen zu besiegen und sie zu festigen, im Vertrauen auf Gott dem Tod zu trotzen, um, so es möglich wäre, das Schlimmste abzuwenden. Waffenschimmer und Schüsse kündigten den Brüdern die Nähe der schäumenden Wütheriche an. Sie empfahlen ihre Seelen Gott, öffneten die Thore, und sahen in kurzem achtzig französische Soldaten mit gezückten Schwertern (weil sie einen Hinterhalt fürchteten) unter fürchterlichem Gebrüll durch den Thorweg des Klosters hineinziehen. Die Ordensbrüder bemühten sich, dieselben zu beruhigen: es seye hier kein Versteck zu besorgen; aber knirschend vor Grimm drangen sie ein, in der Absicht, nicht allein zu plündern, sondern zu zerstören. Keine Stelle war so verborgen, in die sie nicht, geflüchteten Schätzen nachspürend, einbrachen; keine Mauer konnte sie hemmen; mit Waffen und, Fackeln bahnten sie sich den Weg, verwüstend, u. nichts zu rauben war. Es war, als folgten die paar wehrlosen Mönche einer Rotte Teufeln, hier die Hand der Wildern durch Bitten von Brand zurückhaltend, dort mit Flehen die Führer beschwörend, sie möchten doch manches Kostbare gegen Zerstörung sichern, von dem französischen Namen das unaustilgbare Brandmal abwenden, im 19ten Jahrhundert die gräßlichen Rasereyen der Saracenen des achten wiederholt zu haben. Vorzüglich wendete sich die Obsorge der Mönche der Bibliothek, dem Archiv und der Kirche zu, die Wuth der Franzosen aber vorzüglich gegen diese; manches Buch wurde zerrissen, nachher[539] zur Nahrung des Feuers verwendet. Die eisernen Thüren des Arvichs ließen vermuthen, dieser Raum besonders möchte Schätze bergen. Sie sprengten die Thüren auf, drangen beutegierig hinein. Da bat sie der junge Heinrich Gattola, der zuvor den alten Schriften viele Zeit und Sorge gewidmet, kniefällig, sie möchten diese, ihnen selbst nutzlose Kostbarkeiten schonen. Ein Säbelhieb in den Nacken war die Antwort. Lautlos und ohne Klage zog der demüthige Ordensbruder sich zurück, und wollte, in Besorgniß, dem Rohen schaden zu können, einem fragenden Officier nicht einmal die Ursache seines Blutens offenbaren. Tobend in vereitelter Hoffnung, warfen sie die Schriften unter einander, verschleppten sie bis hinaus in die Gärten, verwendeten sie, um Speisen darein zu wickeln; von den Urkunden rissen sie die Siegel ab, manche Handschrift gieng in Stücken, Vieles wurde zuletzt mitten im Archiv dem Feuer geopfert, und unter steter Todesgefahr dankten die Religiosen der göttlichen Vorsehung, daß nicht das ganze Kloster in den Flammen aufgieng. Gräßlicher hausten die Ungethüme in der Kirche. Das Tabernakel wurde mit dem Degengriff aufgesprengt, die Hostienbüchse herausgerissen, in der Sacristei das Silber von den Reliquien weggeschlagen, diese fortgeschmissen, der Chrisam, des wenigen edlen Metalls an den Gefässen wegen, ausgeschüttet. Wie sie mit den heiligen Gewändern verfuhren, habe ich oben berührt. Unter diesen befand sich der Mantel, welchen einst der grosse Feldherr Consalvo bei seinem triumphirenden Einzug in Neapel getragen, nachher dem heiligen Benedict gewidmet hatte. Ihn traf das gleiche Loos der Zerstörung mit allem Uebrigen. Dem Raub ließen die Ruchlosen den Hohn vorangehen; sie bekleideten sich mit den Meßgewändern, den Rauchmänteln, nahmen Wachskerzen in die Hand, zogen processionsweise zur unterirdischen Kirche hinab, und sangen dort im Psalmenton die Marseillaise, hierauf Hurengesänge, und brachen zwischenein in ein gellendes Gelächter aus; dazu hatten sie noch Lastthiere, Esel, welche den Raub forttragen sollten, in die[540] Kirche gebracht. Nachdem die heiligen Gewänder verbrannt waren, wollten sie noch die kostbare Orgel zusammenbrechen. Doch hieran wurden sie von ihren, durch die Bitten der Mönche erweichten, Häuptlingen gehindert. Noch waren sie des Plünderns und des Verwüstens nicht satt, als der späte Abend anbrach. Aus den ausgehobenen Thüren und herbeigeschleppten Büchern zündeten sie in den Schlafsälen und selbst in der Bibliothek Feuer an und brieten Fleisch darüber. Thiere wurden geschlachtet, Wein herbeige schleppt, ein Unwesen getrieben, wie es von den Wilden eines andern Welttheils nicht ärger hätte geschehen können. Mitten unter diesen Horden bewegten sich die wenigen Mönche in unablässiger Wachsamkeit, daß das Feuer nicht um sich greise; wohin sie aber den Blick wendeten, sahen sie Pergamente, Bücher, Stücke von Kirchengeräthe in den Flammen prasseln. Mit Tagesanbruch endlich zogen die Scheusale aus den nackten Mauern ab. Ueberall konnten die bekümmerten Klosterbrüder auf angebrannte Bücher, rauchende Stoffe, halbversengte Fleischstücke treten. Kaum aber die Franzosen von dannen gewichen waren, stürzte sich, Geyern gleich, der Abschaum der Kreuzstrassen in das Kloster und warf, um es mitschleppen zu können, was sich noch vorfand, zu den Fenstern hinaus. Von San. Germano gesehen glich in jener Nacht das Kloster einer unermeßlichen Feueresse, und von oben herab sah man die ganze Nacht hindurch die Kanonen um die Stadt blitzen. Hier wurde noch Scheußlicheres verübt, als oben in der Einsamkeit des Berges. Mit der Stadt gieng auch der Abbatial-Palast beinahe ganz in Feuer auf. Bis Joseph Bonaparte im Jahr 1805 in Neapel einbrach, verfloß allzukurze Zeit, als daß Monte-Cassino von den Unfällen jener Gräuelstage sich hätte erholen können. Zwar nahm der Eroberer den Abt wohlwollend auf und sagte ihm beim Weggehen mit pathetischem Lächeln: »Widerfährt Ihnen je Etwas, so schreiben Sie nur geraden Weges an mich, immer werde ich Ihnen zu Diensten stehen.« Aber ebenso pathetisch[541] war bald nachher die Proclamation des zum König von Neapel verwandelten Großwählers, durch die er sämmtliche Klöster schloß und ihr Vermögen dem Staatsschatz zuwies. Doch sollten die Bibliotheken und Archive von Monte-Cassino, Cava und Monte-Vergine an ihren Orten bleiben und an dem erstern durch 50, an den andern beiden durch je 25 Religiosen besorgt werden; das Ordensgewand jedoch mußten sie ablegen, ihrer Güter waren sie beraubt worden. Trotz dessen beobachteten die Zurückgebliebenen die Regel und die gottesdienstlichen Zeiten, wie vorher. Dafür wurden sie von Uebelwollenden verdächtigt, verläumdet, durch Soldaten bewacht, mit denen sie ihren kärglichen Lebensunterhalt noch theilen mußten. Mit Murat kehrte eine etwas mildere Zeit zurück und er erwies sich stetsfort geneigt, allen dringlichern Bedürfnissen abzuhelfen. Durch das Concordat zwischen Pius VII und König Ferdinand wurde Monte-Cassino hergestellt; aber an die Stelle des vormaligen reichen Besitzes trat jetzt eine jährliche Anweisung auf den königlichen Schatz. Nicht allein das Vermögen war dahin, nicht allein die Zahl der Religiosen war verringert, auch die moralische Bedeutung des Ordensstandes war erschüttert. Und nochmals drohte Untergang im Jahr 1820 durch die Schwätzer, welche für kurze Zeit die öffentliche Gewalt an sich gerissen hatten und das Land in einen ersprießlichern Zustand hineinzureden sich vermaßen. Es war aber gar zu wenig zu erhaschen, und zudem wurde ihnen das Handwerk des Reichsnens bald genug gelegt; Beides diente der Abtei zum Schirm. Jetzt wohnen bei zwanzig Religiosen in dem schönen Bau, fünfzehn Knaben werden dort erzogen, das Seminar des Cassinensischen Sprengels, etwa sechszig Jünglinge, steht unter Leitung der dortigen Benedictiner, und in der Kirche findet Jedermann stets den Beichtstuhl offen. Zugleich aber ist in dem Kloster ein reges wissenschaftliches Leben erwacht; eine Buchdruckerei ist angeschafft worden, und es ist nicht zu zweifeln, daß in der Folge die gelehrte Welt mehr als einer werthvollen Gabe von daher sich wird zu erfreuen haben. Fundamentalwerke der Geschichte[542] und aller mit ihr verwandten Wissenschaften können doch nur durch das vereinte Bemühen solcher Congregationen zu Stande gebracht werden. Der Prior des Klosters (der jetzige Abt hält sich immer in San. Germano auf, wo er einen eignen Palast besitzt), dessen Geschichtschreiber, der gelehrte Luigi Tosti, der Bibliothekar und ich fassen des Abends in traulichem Kreise beisammen. P. Luigi lenkte das Gespräch auf die Geschichte Innocenzens des Dritten, absichtlich voraussetzend, ich gehöre der katholischen Kirche an. Wiewohl ich damals nahe daran stand, anzuklopfen, ob mir würde aufgethan werden, hätte ich doch durchaus nicht Etwas scheinen wollen, was ich im eigentlichen Sinne noch nicht war, und erklärte daher alsbald: er stehe im Irrthum, wenn er mich für einen Angehörigen der katholischen Kirche halte. Er machte dessen kein Hehl, daß es ihm nur darum zu thun gewesen seye, dieses Capitel zu berühren, denn er knüpfte hieran die Bemerkung: aus meiner Geschichte lasse sich entnehmen, daß ich die Kirche für dasjenige an erkenne, was sie seye; nothwendig aber sollte dieses einen Jeden, der bereite so weit gekommen wäre, dahin führen, mit derselben sich zu vereinigen, dafern er nicht in Widerspruch mit sich selbst fallen und einer Inconsequenz sich schuldig machen wolle. Denn die Wahrheit einerseits erkennen, anderseits aber nicht bekennen, seye die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist, müsse unvermeidlich in's Verderben stürzen, so anders der Mensch die Offenbarung nicht für eine blosse Schulmeinung halte, welcher er nach Gutfinden beipflichten möge oder nicht. Ich bemerkte ihm hierauf etwas ausweichend: der Mensch könne die Institution der Kirche hoch stellen, wie wirklich von mir geschähe; er könne an den Vorschriften der Kirche und an den Lehren derselben Vieles finden, was ihm zusage; hiemit[543] aber seye noch nicht erwiesen, daß gerade Alles genugsam ihm einleuchte, daß er unbedingt Alles annehmen könne. Auch seye der Wunsch, daß Einer, der der Kirche nicht angehöre, und ebensowenig derselben aus Unwissenheit oder blindem Vorurtheil abgeneigt seye, in deren Schooß zurückkehren möchte, bälder ausgesprochen, als erfüllt. Er natürlich von seinem Standpunct stelle sich dieses weit leichter vor, als es in der Realität seye. Niemand könne ja wissen, welche äussern Hindernisse einem solchen Schritte entgegenstünden, ja vielleicht denselben sogar unmöglich machten. Um von Anderem nicht zu sprechen, so waren doch die ehelichen und elterlichen Verhältnisse zu berücksichtigen. Ob er denn glaube, daß hier keine Pflichten in Anschlag zu bringen seyen; daß eine Conversion von grossem Segen begleitet seyn könnte, wenn sie Unfriede und Hader zur Folge haben würde? Ob die Zukunft der Kinder nicht ins Auge zu fassen wäre? Ueberhaupt erfordere ein derartiger Entschluß lange, ruhige und ernste Ueberlegung, er könne unmöglich zu denjenigen gehören, die gleichsam im Stegreif sich fassen liessen. Die Einen pflichteten mir bei, und sprachen dabei die Hoffnung aus, daß ich hinsichtlich der ersten Schwierigkeit wohl noch würde erleuchtet, jede von aussen entgegenstehende durch Gottes Gnade hinweggeräumt werden. Aber P. Tosti hatte Lust, die freundschaftliche Controverse fortzusetzen. In Betreff der ersten Einwendung, meinte er, liesse sich wohl Rath schaffen, jeder Zweifel leicht sich lösen; denjenigen, welcher in Erkenntniß der Wahrheit schon so weit vorgerückt seye, wie ich es zu seyn scheine, vollends zu unterrichten, könne nicht schwer fallen. Die andere Einwendung verdiene allerdings Berücksichtigung, dürfe aber durchaus nicht zum unbedingten Abhaltungsgrund werden. Denn in Sachen des Seelenheils bleibe immer der Mensch sich selbst der Nächste, und keine Rücksicht auf Andere dürfe ihn von dem abhalten, was er demselben als zuträglich erkenne und erkennen müsse. Das seye doch klar, daß in der zukünftigen Verantwortung unmöglich der[544] Eine für den Andern einstehen, nicht der Eine die Schuld auf den Andern werfen könne. Sage ja unser Herr selbst, wer nicht stark genug seye, um seinetwillen Vater und Mutter und Weib und Geschwister, Haus und Heimath zu verlassen, der seye seiner nicht werth. Hiemit setze er selbst die Bekenntniß seiner Person über alles Andere hinauf, beseitige hiedurch jede mögliche Einwendung. ? Der Entgegnung, daß ja ein ächter Protestant, der durch den aus dem Protestantismus hervorgehenden Unglauben nicht sich belhören lasse, Christum ebenfalls bekenne, und daß ich ihn von jeher als eben denjenigen anerkannt und bekannt hätte, als welcher er in der katholischen Kirche verkündigt und geglaubt werde, folgte die Einwendung: daß aber dieses Bekenntniß folgerichtig auch die Annahme alles dessen in sich schliesse, was Christus sonst angeordnet und zu stäter Beobachtung seiner Kirche übergeben habe; daß daher einzig diese im Besitz aller derjenigen Heils- und Gnadenmittel sich befinde, deren der Mensch, um Christum von Herzensgrund bekennen und alles Vertrauen in ihm setzen zu können, so nothwendig bedürfe. Wohl, meinte P. Tosti, verdiene diese Angelegenheit das reifliche Nachdenken. Er könne sich aber wohl vorstellen, daß in dem Geräusch und unter den Zerstreuungen Rom ich hiezu so leicht nicht Veranlassung, oder doch die erforderliche Stimmung nicht finden würde. Da ohnedem er sammt seinen Mitbrüdern hoffe, ich würde einige Tage auf Monte-Cassino verweilen, so möchte ich meinen Aufenthalt verlängern, so lange es mir beliebte; hier, in klösterlicher Einsamkeit, würde ich in meinem Nachdenken und in meiner Prüfung durch nichts gestört werden; stiegen über dieses oder jenes Bedenklichkeiten auf, so fehle es nicht an Männern, die mit Bereitwilligkeit mir Aufschlüsse ertheilen, allfällige Zweifel gerne lösen, in jeder Beziehung treue Dienste mir erweisen würden. Anbei lasse sich leicht einsehen, daß meine Rückkehr in die Kirche, dafern sie in Rom erfolgen sollte, Aufsehen erregen, die Kunde bald in alle Länder sich verbreiten müßte, was ich vielleicht eben[545] meiner Verhältnisse wegen eher möchte verhüten wollen. Hier in Monte-Cassino dagegen könnte ich in die Kirche aufgenommen werden, ohne daß irgend Jemand früher etwas davon erführe, als mir selbst zuträglich schiene. Ich war froh, daß hiemit ein Punct zur Sprache gekommen war, über den ich mich ohne allen Rückhalt nicht allein aussprechen konnte, sondern aussprechen mußte. Ich bemerkte: ob und wo oder wann ich mich als ein Glied der katholischen Kirche erklären könnte oder würde, hierüber wüßte ich vorerst nichts zu sagen; hingegen seye das gewiß, daß ich mich niemals und selbst nicht für einen Augenblick dazu verstehen könnte, es bloß heimlich zu seyn. Allerdings liessen sich besondere Umstände denken, in welchen man eine zeitweilige Verheimlichung mit gutem Gewissen sich erlauben dürfte; nach meiner Meinung könnten dergleichen jedoch nur höchst selten eintreten und küßten immerhin durch ein augenfälliges Gewicht sich rechtfertigen. Beweggründe solcher Art nun wären jedenfalls in Bezug auf meine Person nicht vorhanden. Ueber dasjenige, was in höchster Beziehung dieselbe betreffe, glaube ich Niemand Rechenschaft schuldig zu seyn; deßwegen könnte ich, sobald es sich um das Bekenntniß der erkannten Wahrheit und der vollen Ueberzeugung handle, durch dasjenige, was ausser mir stehe, niemals abgehalten oder zurückgeschreckt werden. Müsse, wie hierüber kein Zweifel zulässig seye, die, ohne alle trübenden Nebenansichten erfolgende Rückkehr eines Nichtkatholischen in den Schooß der Kirche von jedem wahren Glied derselben als eine göttliche Gnadenerweisung, mithin als etwas absolut Gutes angesehen werden, warum dieses vor andern Menschen verheimlichen? Wäre sie das hingegen nicht, wäre eine solche Rückkehr eher etwas Tadelnswerthes, ob sie wohl durch Verheimlichung preiswürdiger werden könnte? Nie in meinem Leben hätte ich anders seyn als scheinen, oder anders scheinen, als seyn wollen.[546] Nie, auch unter den bedenklichsten Zeitläuften nicht, hätte ich die Stimme der Ueberzeugung zurückgehalten, was ich als wahr und gerecht erkannt, nicht auch als Solches furchtlos verkündet, Ob ich nun in dieser wichtigsten Angelegenheit für Gegenwart und Zukunft zu einem solchen, sonst in allen Vorfällen auf das Entschiedenste zurückgewiesenen Widerspruch zwischen der innern Gesinnung und dem äussern Benehmen mich bequemen sollte? Das wäre mir durchaus unmöglich, mit meinem eigenthümlichsten Wesen unvereinbar. Wer einmal von der ganzen Wahrheit der katholischen Kirche überzeugt wäre, nicht aber hinreichenden Muth besässe, dieselbe unter allen Umständen und selbst bei gewisser Voraussicht von schiefer Beurtheilung, Anfechtung, Widerwärtigkeit und was immer menschliche Beschränktheit und Feindseligkeit ihm bereiten möge, zu bekennen, der könne doch von wahrer Ueberzeugung nicht sprechen, indem jeder Muth von derselben unzertrennlich seye. Wie ferner bei bloß heimlicher Erklärung? Sollte ich die Kirche besuchen, oder nicht? Wenn das Letztere, welchen einstigen Gewinn alsdann die Gemeinschaft mit der Kirche, oder ob wenigstens allen Gewinn, den sie gewährt, dieses mir bringen würde? Wenn das Erstere, ob hiemit die Heimlichkeit beobachtet würde? Wollte deßwegen nachher Jemand mich fragen, wie ich zu der Kirche stünde, ob ich der Wahrheit ausweichen, dieselbe sogar in Abrede stellen dürfte? Wie ich sämmtliche diese Fragen mir selbst beantworten müßte, stehe vor der Hand der Entschluß fest: daß von dem Augenblick an, in welchem ich in die Gemeinschaft der Kirche zurückkehren wollte, ich es nicht im geringsten verhindern würde, daß mit dessen Vollziehung diese alsbald zu Jedermanns Kenntniß gelange. ? Diesem mußten Alle ihren Beifall zollen; und da der Augenblick zur Complet gekommen war, nahm unsere freundschaftliche Unterredung mit dem herzlichsten Wunsch ein Ende, daß Gottes Gnade das unverkennbar an mir begonnene Werk zu meinem Heil bald vollführen wolle. Daran ist nicht zu zweifeln, daß, sobald ich dieß hätte wünschen mögen, meine Rückkehr in die Kirche heimlich hätte[547] geschehen können. Aber weit gewisser ist es, daß ich hiezu niemals mich würde bequemt haben. Auch seit dieselbe erfolgt ist, habe ich unter keinerlei Umständen jemals nur die leiseste Anwandlung eines Wunsches gehabt, daß dieses möchte geschehen seyn; dagegen schwebte es mir oft vor, wie peinlich ein solches Verhältniß am Ende werden müßte. Hätten irgendwelche positive oder negative, immer aber bloß menschliche Berücksichtigungen zu jenem Entschlusse mich bewegen können, da hätte ich zwischenein auftauchender Besorgnisse: leicht dürften in nicht durchaus lautern Absichten Vorwürfe über nicht durchaus lauteres Benehmen einigermaßen begründete Anknüpfspuncte finden, schwerlich mit so ganz heiterem Bewußseyn mich erwehren können. Auch da mag ich jetzt wohl berühren, wie ich im April des Jahres 1841, unmittelbar nach meiner Rücktrittserklärung aus meinen bisherigen Verhältnissen gegen einen Freund mich äusserte. Diesem hatte ein sehr hochgestellter Mann in ** gesagt: wenn ich nur mich entschliessen wollte, zur katholischen Kirche überzutreten, so würde eine höchst zusagende Stellung mir ohne allen Zweifel angeboten weiden. Ich erwiderte: zu solchem Uebertritt könnte ich mich vor der Hand (damals) nicht entschliessen, auf alle Fälle aber wäre ein vorangehendes Anerbieten jener Art das sicherste Mittel, selbst bei entschiedener Neigung mich zurückzuhalten. Will man es unerklärlich, will man es tadelnswerth finden, daß drei Jahre später, nachdem die volleste Ueberzeugung für mich zur leitenden, bestimmenden, ja zwingenden Macht geworden ist, allfälligen Befürchtungen nicht grösserer Einfluß seye eingeräumt worden, als früher möglichen Hoffnungen; daß die Wahrscheinlichkeit, das Mißfallen der Einen mir zuzuziehen, für mich nicht grösseres Gewicht gehabt habe, als die Gewißheit, das Wohlgefallen vieler Andern mir zu erwerben; daß Rücksichteleyen negativer Art ebensowenig zurückhalten, als Aussichten positiver Art anspornen konnten? So viel ist sicher, daß, wenn ich zu einem bloß heimlichen Anschluß an die Kirche mich hätte verstehen können, es kaum wahrscheinlich gewesen[548] wäre, daß das Geheimniß auf lange Zeit so verwahrt würde geblieben seyn, daß auch nicht die leiseste Ahnung der wahren Thatsache hinausgedrungen wäre aus den Wänden, die dasselbe hätten verschliessen sollen. Würde ich aber hiedurch die katholische Kirche, welche da ist die »Gründveste und der Pfeiler der Wahrheit,« besser geehrt haben, als so; oder stünde ich selbst ehrenvester da, als so, da alsbald Jedermann wissen durfte und sollte, wie es in Beziehung zu derselben mit mir stehe? Damit ist zugleich die Frage beantwortet: ob überhaupt nicht ein wahres Christenthum denkbar seye, welches alle äussern Formen als zufällig, aufferwesentlich und gleichgültig betrachte und ausschließlich an den Geist sich halte; eine Art eklektisches Christenthumt, welches in seinen Gedanken von der Kirche, so wie von jeder ausserhalb derselben stehenden Partei, annehme, was ihm zusage, anbei das Hauptsächlichste in das sogenannte ehrlich und redlich Handeln setze? Man darf nur erst an der Pforte der Kirche stehen, noch nicht einmal an diese angeklopft, geschweige denn in ihrem Innern selbst nur oberflächlich sich umgesehen haben, um von der Grundverwerflichkeit dieser Meinung aufs vollkommenste sich zu überzeugen. Dieß ist, beim Licht betrachtet, nichts anderes als ein etwas manierlicherer Rationalismus, dessen letzte Consequenzen aber unvermeidlich auf alle die Irrwege führen müssen, auf welchen der ungeschliffenere in die Kreuz und Quere springt. Demnach bliebe es ganz und gar dem subjectiven Gutfinden eines solchen Eklektikers anheimgestellt, was er von allen diesen Parteien, deren in seinen Augen keine im Besitz der vollen Wahrheit stünde, annehmen oder verwerfen wolle. Es mag ihm wohl bequem dünken, ein derartiges Christenthum zu eigenem Hausgebrauch sich zurechtzumachen, ein Kirchlein in sein Gärtchen sich zu bauen, um unter dem Begiessen des Kohls zwischeneln sich zu erholen; aber er vermehrt damit nur die Summe der Individualitäten, die draussen stehen; von denjenigen aber, welche ihre Wahrheit sieghaft damit erweisen zu können glauben, daß[549] sie unablässig einen Hagel von Steinen und Koth gegen die Kirche schleudern, unterscheidet er sich einzig dadurch, daß er einer solchen Beweisführung ruhig zusieht, allenfalls denkt, dieselbe ließe sich in gleicher Berechtigung gegen diejenigen anwenden, welche sich so ernstlich auf dieselbe verlegen. Diese Leute sind im Grunde in Bezug auf das Christenthum eben das, was in Bezug auf die Politik das Juste milieu, nur für jenes ganz natürlicher Gründe wegen nicht so verderblich, wie die Letztern für die bürgerlichen Einrichtungen und die gesellschaftliche Ordnung es sind. Wäre indeß das Christenthum nicht von Gott unmittelbar ausgegangen, stünde es nicht unter seiner unverkennbaren Obhut, würde nicht wesentlich der inwendige Mensch in sein Gebiet gehören, dann allerdings würde ihr Einfluß auf dasselbe ebenfalls ein zerstörender seyn; so aber gleichen sie denjenigen, die wohl mit gutem Willen und in redlichem Gefühl, dessen zu bedürfen, Etwas suchen, demselben aber allerwärts, nur da nicht nachspüren, wo sie es unfehlbar finden müßten; die zwar, wie der heilige Augustinus sagt, emsig nach Gold, dabei nur ihr eigenes Grab sich graben. Ist die Kirche die Stadt auf dem Berge, die Stadt, die einen Grund hat, dessen Baumeister Gott selbst ist, so einigt sich in ihr Sichtbares und Unsichtbares. Aber es hilft nichts, aus der Niederung entweder zu ihr sich hinaufwimmern, oder gar Bruchstücke derselben in diese hinabseufzen zu wollen. Hier gilt es, mit dem Psalmisten zu rufen: »Sende dein Licht und deine Wahrheit; sie nur können mich hinan und herbei führen auf deinen heiligen Berg und zu deinen Gezelten.« Wie jeder Gläubige, dem Apostel zufolge, ein lebendiger Stein an dem Bau des Hauses Gottes seyn soll, so kann er dieses einzig dadurch werden, daß er an denselben angefügt wird; er muß also durch die Gehülfen jenes Baumeisters hinauf sich tragen lassen; hiemit muß die Eigenschaft der Stadt auf dem Berge, das Unverborgenseyn, ihrem vollen Wesen nach in ihn ebenfalls übergehen. Im Thal bleiben und bloß zuweilen einen freundlichen Blick hinaufsenden zu wollen, hilft nichts.[550] Uebrigens hielt eben jener Grundsatz: nicht den äussern Anschein mir beilegen zu wollen, indeß das volle Gepräge des Wesens noch mangle, mich von jedem Besuch der katholische Kirche zurück. Seit dem 19. März 1841 hätte ich volle Freiheit gehabt, in dieser mich einzufinden. Es wird aber Niemand sagen können, daß er je in derselben mich erblickt habe, als einzig bei zwei Gelegenheiten, bei welchen jedoch der Beweggrund nicht in der Kirche, sondern in persönlichen Beziehungen lag. Das eine Mal bei dem Trauergottesdienst für einen Sohn meines Freundes, des Grafen von Enzenberg, das andere Mal bei demjenigen für diesen selbst. Welchen Beweggrund hiezu, um ihn dem allein wahren und gültigen gegenüberzufiellen, man immerhin herausklügeln möchte, ein anderer waltete nicht ob, als derjenige: in den Augen der Katholiken nicht für einen der Ihrigen angesehen zu werden, indeß ich es dem wahren Wesen nach doch nicht war; und ebensowenig auf der andern Seite zu der nicht minder irrigen Vermuthung Veranlassung zu geben, als besuchte ich diese Kirche vielleicht gar aus Mißstimmung über Widerfahrenes; womit nach meiner Ueberzeugung der Weg zur Kirche unerläßlich zum Weg des Verderbens werden müßte. Doch bin ich fest versichert, daß ein Besuch, dessen Beweggrund in ein Zwielicht sich gehüllt hätte, ungleich weniger Groll würde veranlaßt haben, als nachher, wo derselbe nicht mehr (in eigener Unklarheit Ergrimmter) einem unklaren Verhältniß konnte nachgesehen werden, sondern wo Bedürfniß, Recht und Pflicht denselben offen ankündigten, mit gebieterischer Macht dessen Anerkennung forderten. Schon war in Rom die Reisegesellschaft nach Neapel gefunden, der Vertrag mit dem Vetturin bereits geschlossen, der Tag der Abfahrt festgesetzt, als die Fürstin Wolkonski mir bemerkte: »Sie kommen zur günstigen Stunde nach Neapel,[551] Sie werden das Blut des heiligen Januarius sehen, versäumen Sie doch nicht dieses Wunder.« ? Nun von dem Blut des heiligen Januarius hatte ich schon viel gelesen, und ebensoviel von allen den Manipulationen, welche angewendet würden, um es zum Fliessen zu bringen. Daß es noch zu anderer Zeit gezeigt werde, als während der Octave seines Festes, im September, das wußte ich nicht. Die Nachricht der Fürstin war mir daher sehr erwünscht. Ich gieng somit, wie ich es nachher Jedermann erklärt hatte, nach Neapel, in Bezug auf diese Sache ohne Glauben und ohne Unglauben, aber doch in der Erwartung, irgend einer versteckten Vorkehrung zu begegnen, welche auch der genauesten Beobachtung sich zu entziehen wisse. Vorherrschend war allerdings der Wille, zu sehen, zu beobachten, und zwar, so es immer möglich wäre, genau zu sehen, dabei vorgefaßte Meinung möglichst ferne zu halten. Stand hier die lange Erfahrung, so stand dort das Zeugniß so mancher Reisebeschreiber, beide gegenseitig sich aufwägend. Jedenfalls konnte ich mich am wenigsten von der Vermuthung losmachen, die Sache in ein solches Helldunkel gehüllt zu finden, unter welchem dieselbe, bei allen zufällig darüber ziehenden Streiflichtern, immer noch in hergebrachtem Ansehen erhalten, demnach in vollkommen gleicher Berechtigung mit dem Glauben auch der Zweifel könnte geltend gemacht werden. Es war Samstag Nachmittags, den 4. May, als das Blut des heiligen Januarius in grosser Procession aus dem Dom nach der Kirche von St. Clara begleitet wurde, wohin schon am Vormittag das Haupt des Heiligen gebracht worden war. Bei den Empfehlungen, womit ich versehen war, und den Verwendungen meines Freundes und Landsmannes, des Hrn. Abbo Eichholzer, fiel es nicht schwer, innerhalb der Schranken um den Hochaltar meinen Platz zu erhalten. Zunächst, aber ausserhalb derselben, fanden sich zwei Bänke, mit Weibern aus der untern Volksklasse angefüllt, welche in gellendem Ton aus voller Kehle unablässig schrieen. Wie widerwärtig anfangs die Sache mir schien, so überzeugte ich mich doch bald, daß sie mit[552] dem Ave Maria, mit dem Vater Unser, der Lauretanischen Litanei und ähnlichen Gebeten wechselten. Es waren diejenigen welche als Abstämmlinge von der Amme des heiligen Januarius, oder, wie Andere sagen, aus seinem Geschlechte selbst, seit unfürdenklichen Zeiten diesen Ehrenplatz und das Ehrenrecht des schreienden Gebets inne haben, und hierauf ebenso stolz sind, als ein Adelicher auf seine Ahnen, Titel und Befugnisse; daher sie auch jenes Recht mit gleicher Sorgfalt auf ihre Nachkommen zu verpflanzen beflissen sind. Gewiß kostet es nicht die geringste Anstrengung des Verstandes, darüber zu lachen, daß die Betreffenden auf diesen Vorzug so großen Werth setzen, daß derselbe nur an Lazaroniweiber sich knüpft, daß sie dennoch viel darauf sich zu gute thun, ungeachtet er nicht mit dem Besitz materieller Güter verkünden ist; ungeachtet er sich nicht, wie der Gewinn eines Fabrikherrn oder die Procente einer Eisenbahn, in Zahlen darstellen läßt; ungeachtet er durch keine äussern Ehrenzeichen sich bemerklich macht; ungeachtet er nur auf die Kirche sich beschränkt, nur auf einen kirchlichen Glauben (oder meinethalb Wahn) sich stützt. Meinem Gefühle nach liegt etwas Rührendes in dieser innern Herzensfreude armer Weiber, ihre Herkunft von einer Person ableiten zu können, die in uralter Vorzeit in so naher Beziehung zu demjenigen sich befunden, der erst einer Gegend geistlicher Wohlthäter, hierauf todverachtender Zeuge des Glaubens, sodann Vermittler der höchsten Gnaden Gottes, endlich Gegenstand der Verehrung des ganzen Landes geworden ist. Der nüchterne Verstand kann hier Abhandlungen denken, reden und schreiben; der flache Spott mag hier für schaale Witze seinen wohlgedüngten Boden finden; das Gemüth wird diesem, in höherer Beziehung zuletzt gleichgültigen Gebrauch immer ein anziehende Seite abgewinnen. Es mag draussen Dämmerung gewesen seyn, als das Glockengeläute das Herannahen der Procession in die lichtstrahlende, menschenvolle Kirche ankündigte. Die lebensgrossen silbernen oder reichvergoldeten, auch wohl mit Edelgesteinen besetzten Brustbilder von sechsundvierzig Heiligen zogen voran, vorüber[553] dem Hochaltar, auf welchem die Ueberreste des Blutzeugen und Landesvertreters in sein, von Diamanten, Smaragden und ähnlichen Edelgesteinen funkelndes Brustbild eingeschlossen standen. Jeder der sich nahenden Heiligen wurde von den Weibern mit einem Gebet begrüßt und, je nachdem derselbe ihrem Herzen näher stand, ward das Schreyen lauter und gellender, hatte es förmlich den Ausdruck, als wollten sie das Himmelreich mit Gewalt und Ungestüm an sich reissen. Aber auch hier bot sich mir alsbald die Bemerkung wieder dar, wie grundlos die Anschuldigung seye, als würde über den Geschöpfen der Schöpfer, über den Erlösten der Erlöser, über den Heiligen der Quell der Heiligkeit vergessen; denn jedem, den Heiligen gebrachten Lebehoch (als solches klang die Begrüßung) und dem Ora pro nobis folgte immer das Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto. Also auch hier dem Heiligen die Anerkennung, dem Dreimaleinen allein die Ehre! Endlich kam, in eine Art Monstranz eingefügt, das Flaschchen mit dem Blut und wurde auf die Epistelseite des Altars gestellt. Ich drängte mich diesem so nahe als möglich, und fand zwischen schaulustigen Gesichtern und foppenden Bocksbärten noch Raums genug, um den ganzen Hergang mit der genauesten Aufmerksamkeit zu beobachten. Anfangs wollte es mir als tadelnswerthe Nichtachtung des Schicklichkeitsgefühls vorkommen, daß eine Handlung, die ? wenigstens nach neapolitanisch-kirchlichen Begriffen ? eine eminent religiöse seyn sollte, unter einem solchen, bis zu den obersten Stufen des Altars und dicht an die Seite des Priesters sich vordrängenden Gehäufe von Neugierigen und gewiß auch Frivolen sollte vorgenommen werden. Nachher aber ward es mir klar, daß die Möglichkeit, den Vorgang mit der größten Genauigkeit, ohne alle Rücksicht auf Gesinnung und Zweck der Nahestehenden beobachten zu können, nicht nur nicht sollte beschränkt, sondern in dem größten Umfang eingeräumt werden. Sind es doch immer Fremde, die am ersten Tage der Ausstellung des Blutes innerhalb der Schranken des Altares ihre Stelle suchen. Welches[554] deren Absicht seye, die unter anderer Vorkehrung so leicht sich darbietende Anschuldigung: es seye nicht von dem Flüssigwerden des Blutes zu reden, Niemand könne sich nahen, Täuschung des Fernegehaltenen seye leicht möglich, sollte hiedurch beseitigt werden. Und in der That, gegen vierzig Personen stunden so dicht um den Gegenstand, daß es für diese Alle keines scharfen Auges bedurfte, um den Hergang mit der möglichsten Aufmerksamkeit zu beobachten. Ein Priester hob nun das Gefäß, worin die Fläschchen (eine genaue Abbildung desselben, wie der Fläschchen, findet sich in den Actis Sanctorum, Septemb. T. VI) enthalten sind, aus der Monstranz, ein anderer stand neben ihm mit einer brennenden Wachskerze, von nicht grösserem Durchschnitt, als der dritte Theil eines Zolles, gerade hinreichend, um über die gläserne Einfassung des Fläschchens genugsames Licht zu verbreiten; zudem ward die Kerze so gehalten, daß zwischen ihr und dem Gefäß noch immer Zwischenraumes genug blieb, um das Widerstreben gegen die Sache unter dem Verdacht von einwirkender Wärme-Ausströmung aus der schwachen Flamme von vornherein zurückzuweisen. Dem entgegen ist dann viel gesprochen und bereitwillig geglaubt worden von der Manipulation des Priesters, durch dessen warme Hände, in Verbindung mit der Temperatur der Kirche, der in dem Fläschchen enthaltene Stoff endlich flüssig werden müsse. Alle, welche Solches behaupten, haben entweder dieses Flüssigwerden nicht gesehen, oder, wenn sie es gesehen haben, und dennoch von einer solchen Manipulation sprechen, sind sie die schändlichsten Lügner, welche wissentlich Etwas vorgeben, was durchaus anders sich verhält, wovon nicht einmal eine Spur vorhanden ist, Dasjenige Fläschchen, in welchem der Stoff (ich will mir bloß diesen Ausdruck erlauben), welcher flüssig werden soll, sich befindet, ist versiegelt, und Niemand, der das Siegel betrachtet, wird den Argwohn hegen, als wäre es neuern Ursprungs. Weiteres jedoch könnte ich über dasselbe nicht sagen, indem begreiflich zu genauer Beobachtung (wohlverstanden ? bloß[555] des Siegels) die erforderliche Zeit gemangelt hätte. Die Fläschchen selbst stehen in einem Gefäß ? in Gestalt eines kleinen Handlaternchens ? auf der Vorder- und Rückseite mit einem Glas versehen; zwischen ihnen und den beiden Gläsern ist aber ein leerer Raum, im Durchmesser eines Fingers. Unter diesem einschliessenden Gefäß befindet sich ein metallener Stiel, etwa fünf Zoll lang, zur Handhabe dienend, und über demselben ein metallenes Krönchen, oben mit einem Kreuz versehen. Mittelst des erstern wird es in die Monstranz eingeschraubt. Der dichte Stoff, von bräunlichter Farbe, füllt das Hauptfläschchen nicht ganz, sondern es bleibt von demselben bis zur Mündung ein leerer Raum, nicht des vollen Drittheils des Fläschchens groß. Der Priester faßt nun mit der einen Hand den Stiel, mit den Fingerspitzen der andern den obersten Theil jenes Kreuzes, und geht damit an dem Altar hin und her, um den Anwesenden das Fläschchen zu zeigen; wobei er dieses nicht, sondern das ganze Gefäß wiederholt umkehrt, der andere aber mit dem kleinen Lichte leuchtet, um Jeden zu überzeugen, daß der Stoff in festem Zustande sich befinde. Eine andere Bewegung habe ich den Priester nie machen gesehen; selbst von der leisesten Berührung des Glases, hinter welchem immer noch frei und in leerem Raum das Fläschchen stünde, geschweige denn von einer Manipulation, kann gar nicht die Rede seyn; eine Berührung des Fläschchens selbst wäre physisch unmöglich. Während das Gefäß öfters gewendet wurde und der darin enthaltene Stoff fest blieb, sang der Chor das Miserere und das athanasianische Glaubensbekenntniß. Lauter und inbrünstiger beteten die Weiber die lauretanische Litanei, die Versammlung schloß sich den Gebeten an. Zwischenein erhoben Jene mit dem Ausdruck des heissen Verlangens, ja des Ungestüms, ihre Stimmen sonst noch. Ich konnte aber nichts verstehen, weil sie in neapolitanischem Dialect ihrem Herzen Luft machten. Wohl hatte ich gelesen, sie giengen, wenn das Flüssigwerden zu lange sich verziehe, nicht selten von dem heißen Flehen in Verwünschungen gegen den Heiligen über. Ich fragte[556] meinen Freund und Landsmann, den Abbé Reinhard, der neben mir stand, ob in diesem Augenblick dergleichen Verwünschungen seyen ausgesprochen worden? Er versicherte mich, schon öfters an den Festen des heiligen Januars in der Kirche sich eingefunden, so Etwas aber niemals gehört zu haben. Auch dieses müsse er für Erfindung Uebelwollender oder Unwissender halten, die einzig aus dem Ton schliessen könnten und wollten. Dießmal aber hätten die Weiber gerufen: »O heiliger Schutzpatron, Du siehst so blaß aus, Du bist so mager! Aber es ist sich dessen nicht zu verwundern, da Du in deinem Leben für uns so viel gearbeitet hast!« Auch hierüber mag die dünkelhafte Selbstgenügsamkeit lachen; liegt aber nicht in diesen Worten die Naivetät eines kindlichen Glaubens? Eine etwelche Bewegung der Ungeduld zeigte sich dennoch durch die Versammelten; denn bald eine Viertelstunde lang hatte der Priester das Gefäß gewendet, und immer noch zeigte sich der Stoff in seinem festen Zustande. Endlich warf er einige leichte Bläschen, und plötzlich war er zerronnen, die Flüssigkeit füllte das Fläschchen, welches zuvor den oben bemerkten leeren Raum gezeigt hatte. Sobald der Priester das erfolgte Wunder ankündigte, schallte, von der Menge angestimmt, das Te Deum durch die Hallen der Kirche; der Priester aber fuhr fort, das Fläschchen mit der flüssiggewordenen Materie Jedem zu zeigen, drückte es Jedem auf Stirne und Brust und reichte es zum Küssen dar. Das ist der getreue Bericht meiner Beobachtungen am Abend jenes Samstages. Ich könnte auf Alles, was ich hier mittheile, jeden Augenblick den Eid ablegen: daß ich Anderes, als was ich mit meinen Augen gesehen habe, nicht, dieses aber auch so berichte, wie ich gesehen habe. Nach dem erfolgten Flüssigwerden wurden die Ueberreste wieder nach San Gennaro zurückgetragen. Die zahlreiche Procession, die mit ihren vielen Kerzen in der Dunkelheit der Nacht durch die lange, schmale Gasse, die von St. Clara nach der Domkirche führt, sich bewegte, bildete einen magischen Anblick.[557] Aus weiter Ferne klangen die Stimmen der Weiber herauf, die mit ihren Lobgesängen dem Heiligen voranzogen. Eine dichte Menschenmenge stand in der Nähe der Kirche, um den Zug anzusehen. - Am folgenden Vormittag fand ich mich frühzeitig genug in der Capelle des heiligen Januarius ein, wo das Flüssigwerden wieder vor sich gehen sollte. Dießmal konnte ich noch näher hinzutreten, noch genauer beobachten. Wieder wurde das Miserere angestimmt, und die auf den Knieen liegende Menge harrte mit Ehrerbietung und freudigem Erwarten, die Augen nach dem Altar gewendet. Mit dem Bischof von Lancaster und einem General-Vicarius aus Canada stand ich auf dessen oberster Stufe, unmittelbar neben dem Priester, welcher das Gefäß in den Händen trug. Er behandelte es auf vollkommen gleiche Weise, wie der andere Priester am Abend vorher. Mehr als einmal hielt er mir dasselbe unter Augen, und ich überzeugte mich von der vollkommenen Dichtigkeit und Festigkeit des Stoffes, so wie man bei gesunden Augen und klarem Bewußtseyn von irgend einer Sache nur immer sich überzeugen kann. Jetzt so wenig, als am Abend vorher, fand auch nur von ferne eine andere Berührung des Gefässes statt, als in der oben beschriebenen Weise. Dießmal jedoch dauerte es nicht so lange, bis der Stoff flüssig wurde. Es mochten kaum fünf Minuten vergangen seyn, als die Bläschen zum Vorschein kamen, die Masse vollkommen zerrann, das Fläschchen sich wieder gefüllt hatte, da zuvor ein ähnlicher leerer Raum zu sehen gewesen. Wieder ergoß sich die dichte Menge, welche die Januarscapelle und ausser derselben einen Theil der Domkirche gefüllt hatte, in das Te Deum. Am letzten Tage der Octave führte mich der Zufall nochmals in die Capelle des Heiligen, wo ich den Innhalt des Fläschchens in flüssigem Zustande der Verehrung ausgestellt fand. Zu dieser erschien in eben diesem Augenblick ein neapolitanischer Großer aus einem der vornehmsten Geschlechter. Er nahte sich ihm mit der gleichen Ehrerbietung, wie ein[558] nebenan knieender Lazaroni, ließ es sich auf Stirne und Brust drücken, wie dieser, und küßte es, gleich diesem. Dieß geschah in einem Augenblick, von dem der Fürst nicht wissen konnte, ob Jemand oder Niemand ihn sehen, ob von den viermalhunderttausend Bewohnern Neapels dieser oder jener seiner dargebrachten Ehrerbietung Zeuge seyn, ob ein prüfender oder ein zweifelnder, ein glaubender oder ein spottender Fremdling sein Erscheinen würdigen oder belächeln dürfte. Dasselbe mußte also nothwendig Folge innerer Anregung seyn, denn keinerlei Berechnung konnte sich einmischen, wie man etwa von des Königs, in grossem Geleite abgestatteten Besuch bei dem heiligen Blut sagen konnte: dieß seye eine, in kluger Berechnung dem Volksglauben dargebrachte Huldigung. Und was nun? Nach dem wiederholt Gesehenen, sorgfältig Beobachteten die unerschütterliche Ueberzeugung, daß hier etwas Außerordentliches, etwas Unerklärliches, Unbegreifliches statt finde, ? ein Wunder, sofern man vor diesem Ausdruck nicht zurückschreckt, oder denselben auf Etwas anwenden will, was alljährlich öfters vorgeht. Ich darf mit der festesten Zuversicht wiederholen, daß ich weit eher mit dem entgegengesetzten Vorsatz, als mit demjenigen, etwas Außerordentliches und Unerklärliches sehen zu können, in St. Clarens Kirche mich eingefunden, daß ich nicht übereilt einen Entscheid gefaßt, daß ich am ersten Abend jedes Urtheil suspendirt habe, indem ich vorerst nochmals sehen wollte. Unbefangener bin ich allerdings schon am ersten Abend geworden durch die alsbald in meine Erinnerung tretenden Lügen der Reisebeschreiber von einer Manipulation des Fläschchens in warmen Händen, sammt allen den Zuthaten und Erklärungen, wodurch sie die Sache entweder lächerlich zu machen, oder in einen groben Betrug zu verwandeln sich bestreben. Nachdem ich sodann am folgenden Tage bei hellem Sonnenlicht, auf den Stufen des Altares, dicht an der Seite des Priesters, den ganzen Hergang nochmals von Anfang bis zu Ende und mit gleichem Vorsatz, bloß prüfen zu wollen, beobachtet[559] hatte, da sah ich keinen zureichenden Grund mehr, mit meinem Urtheile zurückzuhalten, oder durch hervorgesuchte Wenn und Aber dasselbe zu verclausuliren, oder es in die Schwebe zu stellen, oder an der richtigen Wahrnehmungsfähigkeit meiner Sinne zu zweifeln; sondern, wo ich befragt wurde, oder wo das Gespräch auf diese Sache sich lenkte ? was zu Neapel in den der Ehre des Heiligen gewidmeten Tagen so selten nicht ist ? äusserte ich mich: etwas Wunderbares, wenigstens Unerklärliches könne hier selbst von dem Ungläubigsten, so er nur redlich unb aufrichtig seyn wolle, nicht geläugnet werden. Entweder müsse er ein Solches im eigentlichen Sinne, so wie es von dem Oberhaupt der Kirche, von der gesammten Geistlichkeit und von dem ganzen neapolitanischen Volk dafür gehalten werde, annehmen, oder unvermeidlich ein noch weit grösseres Wunder darin anerkennen, daß ein Betrug (zwischen welchem und der außerordentlichen Erscheinung keine Wahl offen steht), der jeweils nur unter dem Zusammenwirken Mehrerer möglich seye, durch den Lauf vieler Jahrhunderte in immer gleich ungeschwächter Wirksamkeit habe fortdauern können. ? Ich weiß wohl, daß die Wörter Blendwerk, Priesterlist, Habsucht, Herrschsucht als allzeitfertige Trümpfe immerwährend in Bereitschaft liegen. Das aber sind Worte, durch die das Zeugniß gesunder Sinne sich nicht entkräften läßt. Stellen wir uns für den Augenblick auf den Standpunct des Betruges; so darf man des Vorganges nur Einmal Zeuge gewesen seyn, um sich gestehen zu müssen, daß ein solcher jedenfalls unmöglich Werk eines Einzigen seyn könne, etwa eines Solchen, dem das Geheimniß, unter Verpflichtung sorgfältiger Ueberlieferung an einen Nachkommenden, wäre anvertraut worden, sondern daß ein Zusammenwirken Mehrerer unerläßlich seyn müsse. Nun müßte es unbedingt eine Thatsache sonder Gleichen genannt wer den, wenn durch den Verlauf mehrerer Jahrhunderte eine zahlreiche Reihe der gewissenlosesten Betrüger ununterbrochen den ersten Rang unter der neapolitanischen Geistlichkeit hätte einnehmen können, somit ein Jeder in die Zwecke[560] und Absichten der Vorangegangenen und der Gleichzeitigen mit der nämlichen Willenlosigkeit oder Gewissenlosigkeit eingegangen wäre; indeß die Geschichte mehr als einem Erzbischof oder ihm Nahestehenden das unverwerfliche Zeugniß der Frömmigkeit und aller priesterlichen Tugenden beilegt. Aber auch dieses in Abrede gestellt und angenommen, was sich durchaus nicht zurückweisen läßt, daß immerfort ihrer Mehrere in das Geheimniß müßten eingeweiht seyn: wäre es nicht das unbegreiflichste aller Wunder, wenn im Verlauf so vieler Jahrhunderte, von einer so großen Zahl Wissender nie ein Einziger je ? wo nicht aus Redlichkeit und Wahrheitsliebe ? doch in Beschränktheit, in unüberlegter Plauderhaftigkeit, in unbewachtem Augenblick, zuletzt aus Bosheit, aus Rachsucht, in Widerspruchsgeist, in Zeiten, welche dergleichen begünstigten, aus Speculation, in Hoffnung sich in Credit setzen zu können, kurz, aus welchen lobenswerthen oder verwerflichen Gründen immer es seye, aus der Schule geschwatzt, entweder den Betrug rein aufgedeckt, oder doch genugsame Merkmale, die zu dessen Enthüllung führen konnten, an die Hand gegeben hätte. Die Bollandisten haben bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts mit der genauesten Scrupulosität sich bemüht, nicht nur die schriftlichen Zeugnisse und Berichte über diesen Vorgang aus allen Zeiten zu sammeln, sondern wiederholt an Ort und Stelle Alles zu erforschen und zu beobachten. Schon im Jahr 1661 reisten Henschen und Papebroch deßwegen nach Neapel, und waren am 10. März in Gegenwart mehrerer andern Personen Zeugen der Sache. Beinahe hundert Jahre später kam der Bearbeiter der Acten über den heil. Januarius in gleicher Absicht dahin, und am 21. August 1754 wurde in Gegenwart der zum Schatz Verordneten (mehrerer Herrn vom höchsten Adel), vieler Geistlicher und anderer angesehener Männer durch den Erzbischof das Blut aus der Nische genommen und eine Acte über dessen Verwahrung und Hervornahme aufgesetzt und unterzeichnet. In dieser heißt es: »Die ehrwürdigen Ueberbleibsel werden mit der größten Vorsicht (summa cantela)[561] verwahrt; die Schreine sind aus Werkstücken von Marmor in die Mauer gebaut, durch zwei Thüren, jede inn- und auswendig mit Silberblech beschlagen, verschlossen. Jede Thüre hat zwei Schlösser und zwei verschiedene Schlüssel; zwei derselben verwahrt der Erzbischof, zwei ein zu der Deputation Verordneter (aber mit öfterm Wechsel der Person durch das Jahr). Blut und Haupt zugleich werden des Jahres nur Drei mal, das Letztere allein wird an mehrern hohen Festen hervorgenommen. Der Erzbischof sendet alsdann einen Delegirten, der Verordnete findet sich in Person ein, und Zeugen geistlichen und weltlichen Standes sind immer viele anwesend. Würden aber die Verordneten nicht zur bestimmten Stunde sich einfinden, so wäre es unmöglich, die Ueberbleibsel hervorzunehmen.« Man kennt die Sorgfalt, womit die Christen das Blut der Märtyrer unter allem Toben der Heiden und selbst unter dem Henkersschwert, und wären es auch nur Tropfen desselben gewesen, oder hätten sie nur Tücher in dasselbe tauchen können, auffaßten, selbst mit Erde von der Richtstätte vermischt es zusammenrafften. Prudentius sagt in seinem Preisgesang auf den heil. Vincentius über diesen Gebrauch: Hic purpurantem corporis Gaudet cruorem lambere, Plerique pestem lineam Stillante tingunt sanguine, Tutamen ut sacrum suis Domi reservent posteris. Der heilige Januarius nun war Bischof von Benevent, und wurde in der Christenverfolgung unter Diocletian im fünften Jahre des vierten Jahrhunderts mit einigen Gefährten nach Puzzuoli geschickt, um im dortigen Amphitheater den wilden Thieren vorgeworfen zu werden. Seine Leidensgeschichte erzählt uns, daß diese gesänftigt zu seinen Füssen sich gelegt hätten, worauf der Richter, hierob noch wüthender geworden, Befehl zu seiner Enthauptung gegeben habe. Bei dieser faßte[562] eine gottesfürchtige Frau sein Blut in zwei Fläschchen auf, in das eine das reine und unvermischte, in das andere das mit Erde gemengte. Unter Kaiser Constantin dann wurden die Gebeine des Blutzeugen von Puzzuoli nach seiner Geburtsstadt Neapel gebracht und in der durch den heil. Bischof Severus in seiner Ehre (ausserhalb der Mauern) erbauten Kirche beigesetzt. Die Frau, welche sein Blut aufbewahrt hatte, brachte dem Bischof die Fläschchen, und so wie diese dem Haupt nahe gebracht wurden, erhielt es seine Flüssigkeit wieder. Im neunten Jahrhundert belagerte Sicon, Fürst von Benevent, die Stadt Neapel, wobei er vor Allem Obacht hielt, daß Niemand die heiligen Ueberbleibsel wegtrage; denn er glaubte, dieselben gehörten dem Bischofssitz, nicht dem Geburtsort des Blutzeugen. Nachdem er die Stadt eingenommen und die Gebeine erhoben, brachte er sie unter lautem Frohlocken nach Benevent. In den stürmischen Zeiten König (Kaiser) Friedrichs II wurden sie in die Abtei Monte-Bergine geflüchtet und so heimlich unter dem Hochaltar eingemauert, daß bei zweihundert Jahren Niemand Etwas davon wußte. Im Jahr 1480 sollte ein neuer Hochaltar gebaut werden, da wurden sie entdeckt und im Jahr 1497 mit großer Feyerlichkeit wieder nach Neapel gebrach. Das Haupt indeß, nebst dem Blut, war immer in Neapel geblieben. Wer entweder in dem königlichen Museum zu Neapel die in Pompeji gefundenen Gegenstände, oder zu Rom in dem christlichen Museum des Vaticans, oder endlich in der Sammlung des P. Marchi die in den Katakomben gefundenen Glasgesässe zu Aufbewahrung des Märtyrerbluts gesehen hat, der wird keinen Zweifel darüber hegen, daß auch dieses Fläschchen aus eben jener Zeit herstamme. Dessen geben ihm dann noch, ausser Mabillon, die Abbildungen Zeugniß, welche in Boldelli's Osservazioni sopra i sagri cimiteri di SS. Martiri ed antichi Cristiani di Roma zu sehen sind. Die in diesem Werk abgebildeten Fläschchen haben nicht allein ihrer Gestalt nach mit demjenigen, worin das Blut des heil. Januarius aufbewahrt wird, die größte Aehnlichkeit, sondern[563] es zeigt sich an denselben ebenfalls, entweder auf dem Boden oder an der Seite, auf der sie lagen, ein Sediment von gleicher Farbe, wie jenes Blut. Die Vermuthung, daß auch in diesen reines, nicht mit mineralischen Substanzen vermischtes Blut enthalten seye, wurde seiner Zeit durch einen von Leibnitz angestellten chemischen Versuch zur Gewißheit erhoben. Er erhielt ein solches Fläschchen aus den Katakomben von St. Calixt zu Rom, und brachte das Sediment mit einer Auflösung von Sal ammoniacum in gemeinem Wasser in Verbindung, um zu sehen, ob Etwas davon in das Glas eingefressen habe, und sich wieder ablösen lasse. Allein hievon erzeigte sich nichts, das Glas war nicht im mindesten angegriffen; woraus Leibnitz den Schluß zog: dieser Ueberrest seye Stoff von Blut, ohne Beimischung einer mineralischen Substanz, welche allein während so langer Zeit in das Glas einzudringen vermocht hätte. So viel über den Ursprung und die Beschaffenheit des Fläschchens und seines Innhaltes. Allein noch bis auf den heutigen Tag haben die Einen gemeint, mit etwelchen lügenhaften Berichten oder durch ein paar Witzworte die Sache abfertigen zu können. Redlichere haben es versucht, verschiedene Hypothesen aufzustellen; das Einfachste, irgend ein chemisches Präparat in durchaus übereinstimmendes Raumverhältniß zu bringen, auf durchaus gleiche Weise zu behandeln, und dann mittelst eines durchaus gleichen Erfolges von dem angeblichen Geheimniß den Schleyer zu lüften, das ist meines Wissens noch nie versucht worden, wenigstens noch nie gelungen. Man kennt zwar wohl in der Chemie ein Präparat, welchem man den Namen Januarsblut beigelegt hat; dasselbe mag das Aussehen von Blut haben, es mag seyn, daß es bei einer gewissen Behandlungsweise, bei gewissen Temperaturgraden flüssig wird; darin liegt aber noch kein Beweis, überzeugend würde derselbe nur bei Anwendung einer durchaus gleichen Behandlung, ohne alles Hinzutreten eines von aussen einwirkenden Elementes. Daß von der brennenden und bloß bei dem Vorzeigen[564] flüchtig hingehaltenen Kerze auf das zwischen den beiden Gläsern isolirt stehende Fläschchen irgendwelche Wärme ausströmen könne, das wird gewiß Niemand, welcher Augenzeuge war, behaupten wollen. Aber die Hand des Priesters! sagt man. Diese hält allerdings den Stiel des Gefässes, indeß die Fingerspitzen der and ern das Kreuz auf der Spitze berühren. Mache nun Jemand den Versuch mit einem Taschenlaternchen, erfasse er dessen Stil, stelle er in den leeren Raum den sensibelsten Thermometer, und beobachte er, ob derselbe nach viertelstündigem Halten auch nur unmerklich steigen werde? Nun bleibt noch die athmosphärische Wärme in der vollen Kirche übrig. Nehme man einen Körper, der aus festem Zustande noch weit schneller in den flüssigen übergienge, als geronnenes Oel, und bringe man denselben in vollkommen gleiche Temperatur-Verhältnisse, und sehe wieder nach, ob die Veränderung in gleichem Zeitverlauf sich zutrage, ob jedenfalls der Uebergang aus dem festen in den flüssigen Zustand mit gleicher Schnelligkeit erfolge, wie hier, wo das Flüssigwerden nicht ein allmähliger, sondern ein rasch verlaufender Proceß ist? Zu diesem Allem müßte noch eine höchst seltsame Voraussetzung hinzukommen: daß nemlich die höhere neapolitanische Geistlichkeit vor Jahrhunderten schon in dem Besitz chemischer Geheimnisse gewesen seye, welche die in neuester Zeit erstaunlich vorangeschrittene Wissenschaft bis auf den heutigen Tag noch nicht zu entziffern gewußt habe. Sollte das etwa ein hinterlassenes Erbstück des Erzzauberers Virgilius gewesen seyn, von dessen Künsten Bischof Conrad von Halberstadt in seinem Reisebericht bei Arnold von Lübeck uns so merkwürdige Dinge erzählt? Bemerkenswerth bleibt es immer, daß der berühmte Chemiker Davy sich ausser Standes sah, eine befriedigende Erklärung aufstellen zu können, daher der Annahme einer ausserordentlichen Herganges nicht abgeneigt war. Daß sein Anerbieten zu chemischer Untersuchung der in der Flasche befindlichen Substanz von der Hand gewiesen wurde, ist doch wohl begreiflich, weniger, daß er ein solches Anerbieten nur[565] machen konnte. Bleibt hiemit gewiß für immer der analytische Weg versperrt, so steht der synthetische unbedingt offen, und Niemand könnte einen Chemiker an Herstellung einer Substanz hindern, mit welcher, unter vollkommen gleichen Modalitäten, eben dasjenige sich zutrüge, was mit der Substanz in dem Fläschchen. Hören wir nun nach diesen apriorischen Schlußfolgerungen einige Zeugnisse! Beginnen wir dabei mit einem der neuer sten. ? Unter die tiefsten Denker und unter die ausgezeichnetesten Gelehrten seines Faches, die Neapel in letzter Zeit aufzuweisen hat, gehörte der Professor Nikolaus Fergola, ein Mathematiker ersten Ranges, anneben hervorgehoben durch alle jene höhern und edlen geistigen und moralischen Eigenschaften, welche die Römer unter dem Wort Virtus begriffen haben. Er starb als Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften am 21. Juni 1824. Unter den werthvollen Handschriften, die er zurückließ, und welche von der Bibliothek des königlichen bourbonischen Museums aufbewahrt werden, fanden sich auch vollständige, nur der Anordnung noch bedürfende Materialien zu einer Schrift, die voriges Jahr durch den Professor Flauti herausgegeben wurde unter dem Titel: Teorica de miracoli, esposta con metodo dimostrativo seguita da un dicorso apolegetico sul miracolo di S. Gennaro, welchem noch eine Abhandlung beigefügt ist: II sentimento ed il pensiero essere incompatibili alla materia, matematicamente dimostrato. Mathematiker gelten in der Regel nicht als Leute, welche durch Eindrücke auf die Einbildungskraft leicht sich bestechen lassen; sie gehen in der Regel bei ihren Forschungen behutsam zu Werke, wollen auf den Grund der Erscheinungen dringen, begnügen sich nicht mit Schein und Möglichkeiten, sondern verlangen zwingende Beweise. Fergola's Definition eines Wunders ist ganz kurz folgende: »Ein Wunder ist ein Phänomen, von dem sich keine natürliche Erklärung geben läßt;« wobei Fergola zugleich die Unzulänglichkeit der Wolfischen[566] und der Clarkschen, so wie die Frechheit der Spinoza'schen Definition nachweist. Darauf geht er zu der innern Möglichkeit der Wunder über und widerlegt die Einwendungen der Gottlosen. Nachdem er ferner über die Natur der Wunder, deren Urheber und Zweck, und über die Energumenen seine Sätze aufgestellt und erwiesen, kömmt er auf das Wunder des Bluts des heiligen Januarius. Zuerst beschreibt er mit aller Genauigkeit das Gefäß, in welchem das Fläschchen gezeigt wird, und stimmt bezüglich der Weise der sorgfältigen Aufbewahrung mit dem früher Erwähnten vollkommen überein. Das Flüssigwerden erfolgt 25 Male im Jahr, mithin in einem Jahrhundert 2500 Mal, obwohl es etwa zu einer Zeit unterbleibt. Die namhaftesten Aerzte, Philologen, Kritiker Neapels sind häufig Zeugen des Vorganges gewesen, und Keiner je fand sich zu Einwendungen dagegen veranlaßt. Das Blut, so wie es flüssig wird, zeigt keine leimartigen Bestandtheile, sondern wird flüssig wie Wasser, und bleibt sich in diesem Zustande stets gleich. Ob vor den Beschauenden das Fläschchen täglich über tausendmal gedreht werde, nie wird dasselbe trübe. Fergola hat seiner Abhandlung eine Tabelle beigefügt, in welcher die Wärmegrade der Kirche während drei Octaven, nach Fahrenheit'schem Thermometer, und zugleich die Zeitdauer des Flüssigwerdens und die Beschaffenheit von diesem genau verzeichnet ist. Während der ganzen Octave vom 19. bis 26. September 1794 wechselte der Wärmegrad in der Kirche bloß zwischen 77 und 80 Grad Fahrenheit (20 bis 21 1/ 2 Reaumur), wahrlich ein unbedeutender Unterschied; die Zeit des Flüssigwerdens dagegen von 5 bis 27 Minuten, und einmal nur wurde die Substanz bloß halb flüssig. Bemerkenswerth ist, daß am 19. Sept. bei 80 Graden 27 Minuten, am 26. aber bei 77 Graden nur fünf Minuten verflossen. Vom 2. bis 10. May 1795 wechselte das Thermometer zwischen 67 und 80 Grad, die Zeit zwischen 2 und 41 Minuten, bei 67 Grad verflossen 15 Minuten, bei 80 Grad 33 M.; wonach Wärmegrad und Zeitdauer ausser[567] aller gegenseitigen Beziehung stehen. Noch merkwürdiger ist der Wechsel der Zeitdauer in dem Verhältniß zu der Folge der Tage. Man wäre vielleicht geneigt, zu glauben, die Zeit bis zum Flüssigwerden nehme im Fortschreiten der Tage ab, und wenn dasselbe heute stattgefunden, werde es morgen um so schneller vor sich gehen. Keineswegs. Am 2. May verflossen 12 Minuten, am 3. bloß 2, am 4. hingegen 41 und am 5. nur 22. In den acht Tagen vom 19. bis 26. September des gleichen Jahres schwankte das Thermometer zwischen 74 und 81 Grad, die Zeit aber zwischen 3 und 32 Minuten. Auch dießmal standen Zeit und Warmegrad durchaus in keiner Wechselverbindung. Im September erfolgt das Flüssigwerden um 9 Uhr Vormittags, worauf das Blut aus der weit wärmern Januars Capelle auf den Hochaltar der kältern Domkirche getragen wird und bis zum Abend, wo man es wieder in seine Nische stellt, in immer gleich flüssigem Zustande bleibt. Im May ist es täglich zweimal flüssig, Vormittags von 9 bis 12 Uhr; um Mittag wird das Reliquarium verhüllt und die Kirche geschlossen. Wird hierauf Nachmittags drei Uhr die Hülle weggenommen, so findet sich das Blut wieder in festem Zustande, bis es abermals fliessend wird. Das nun sind die Beobachtungen eines Privatmannes, während des Verlaufes einer kurzen Zeitfrist. Allein seit dem Jahr 1659 werden alle Wahrnehmungen über die Beschaffenheit des Blutes bei dem Herausnehmen aus der Nische, über die Umstände, unter denen es flüssig wird, über den Grad der Flüssigkeit, über den Zeitverlauf bis zu dieser, durch den Schatzmeister der Capelle und einen Chorherrn Jedesmal aufgezeichnet. Würde das wohl geschehen, oder der Mühe werth erachtet werden, wenn hier Betrug statt fände? Diese Aufzeichnungen sind zugleich ein fortlaufender Commentar zu dem eidlich beschworenen Bericht des Secretärs der zur Deputation des Schatzes Verordneten, der darüber sagt: »Manchmal verzieht sich das Flüssigwerden, Einmal etwa erfolgt es gar nicht; bisweilen ist das Blut schon flüssig, wenn es aus dem Schrank[568] genommen wird; nicht selten füllt es das Fläschchen so, daß die Bewegung des Flüssigen nicht kann wahrgenommen werden. Das Gleiche ist zuweilen der Fall, wenn es ausgesetzt ist; entweder bleibt es so den ganzen Tag, oder es sinkt wieder. Jetzt wird die ganze Masse flüssig, dann wieder bleibt ein Klumpen zurück, der in dem Fläschchen umherschwimmt; ein anderes Mal, jedoch selten, wird es flüssig, indem es zum Küssen dargereicht wird, gewöhnlich indeß, wenn es auf dem Altar steht, wo Niemand es zu berühren im Stande ist; eine brennende Kerze wird von Zeit zu Zeit hingehalten, um zu sehen, ob das Flüssigwerden erfolgt seye. Alle diese Verschiedenheiten erzeigen sich ohne Ordnung oder Reihengang, auf den etwa die Witterung Bezug haben konnte. Nicht nur wird zu gleicher Zeit des einen Jahres wahrgenommen, was in derjenigen des andern anders ist, ja oft in der gleichen Octave, selbst an dem gleichen Tage sind Verschiedenheiten zu bemerken.« Hierin ist dann die Behauptung des Temperaturwechsels zwischen der angeblich kältern Nische, worin das Blut aufbewahrt wird, und der wärmern Kirche entschieden widerlegt, wenn nicht von vornherein dürfte angenommen werden, daß diese Temperatur-Verschiedenheit nicht so bedeutend seyn könne, um einen festen Körper in einen flüssigen zu verwandeln. Wäre aber auch, wovon sich nach Fergola's Untersuchungen das Gegentheil herausstellt, die Mauer-Nische wirklich kälter, als die Domkirche, so könnte doch der Unterschied der Temperatur nicht so beträchtlich seyn, um einen flüssigen Stoff in ganz kurzer Zeit in den Zustand des Geronnenseyns zu verwandeln. Mache man den Versuch mit dem feinsten Oel, und sehe man, ob in einer neapolitanischen Kirche je eine so niedere Temperatur eintrete, die das Oel zum Gerinnen dringen könne! Der Engländer Weedall stellte dergleichen Versuche an. Er setzte ein Glasgefäß mit Gallerte aus Kalbsfüssen, mit einem Thermometer versehen, über eine Feuerwärme von 73?75 Grad Fahrenheit, und mußte sie fünf Viertelstunden drehen, bis sie[569] zu zerfliessen begann; bei steigender Wärme von 60?86 Graden bedurfte sie 35 Minuten, bei 105 Graden (321/2 R., also einer Temperaturhöhe, die zu keiner Zeit in der Kirche vorkommen kann) 15 Minuten. Bei 78 Graden wird Butter nur in fünf Viertelstunden, und erst auf der Oberfläche weich, und bloß bei 100?106 vergeht er in 12 Minuten völlig. Eis dagegen würde bei 68 Grad seine Festigkeit nicht lange bewahren, doch ebensowenig, und betrüge es an Gewicht blos eine Unze, in 12 Minuten vollständig zergehen. Hiebei ist dann nicht zu übersehen, daß alle diese Stoffe bei gleichem Wärmegrad unabweichlich in gleicher Zeitfrist sich verändern, indeß bei dem Blut des heil. Januarius hierin die größte Verschiedenheit bemerkt wird, und der Wärmegrad auf die Zeit des Flüssigwerdens keinerlei Einfluß übt. Wie endlich soll man es erklären, daß die Flüssigkeit das Einemal das Fläschchen füllt, ein Andermal nicht? Fergola läßt seinen Beobachtungen den Satz folgen: Ein hermetisch verschlossenes, jedem chemischen Agens und jedem äussern Einfluß unzugängliches Fläschchen ist auf zwei Drittheile seines Raumes mit einer harten Substanz angefüllt; wie kommt es nun, daß diese, in die Nähe eines andern Körpers (der Reliquien des Heiligen) gebracht, unter verschiedenen Modalitäten, jetzt den gleichen Raum einnehmend, dann das Fläschchen füllend, doch ohne es zu zersprengen, flüssig wird gleich Wasser, dabei niemals das Fläschchen trübt? Hierauf entgegnet er: »als Canon der Physik steht fest: man darf zu Erklärung der Naturerscheinungen keine andern, als wahrhaftige Gründe und deren nicht mehr, als zur Erklärung nothwendig sind, beibringen.« Weiter ist es Canon der Kritik: »Die Cautelen, welche eine Gesellschaft anwendet, um eine Thatsache gegen Betrug sicher zu stellen, müssen gewisse Gränzen haben, über welche hinaus dieselben nicht gehen dürfen, denn sonst müßte man Cautelen gegen die Cautelen verlangen, was in's Endlose getrieben werden könnte, und unfehlbar alle morasche Gewißheit vernichten, die Gesellschaft auflösen würde.[570] Unter solchem Skepticismus könnte kein Sohn sich für rechtmässig erkennen, kein Vertrag gültig, gar nichts mehr gesichert seyn.« »Aber,« fährt er fort, »möchten die Rationalisten am Ende einwenden: wäre es nicht denkbar, daß die Priester von San Gennaro mittelst falscher Schlüssel Nachts die Capelle ausschlössen, das Fläschchen aus dem Reliquarium herausnahmen, und Menstruum, oder irgend eine chemische Zubereitung in dasselbe gössen und es bewerkstelligten, daß am folgenden Tag zu bestimmter Stunde das Blut flüssig werde?« ? Fergola beantwortet dieß mit dem Sprüchlein: »Betrug dauert selten lange,« und zum Theil mit denjenigen Gründen, welche in Betreff einer Sache, die unter den verschiedensten Königshäusern und unter Zusammenwirken vieler Personen während mehrerer Jahrhunderte immer statt gefunden hat, alsbald auch mir sich darboten. »Trüge man indeß,« sagt Fergola weiter, »den Einwendungen der Ungläubigen grössere Rechnung, als sie verdienen, ließe man die Mauernischen im Schatz des heiligen Januars die Nacht durch auf's sorgfältigste bewachen, und das Flüssigwerden gienge dennoch vor sich, würden Jene wohl alsdann die Richtigkeit der Thatsache anerkennen? Lieber würden sie das Wort der Juden wiederholen: die Wächter haben geschlafen, sie haben von den Priestern sich überlisten lassen. Aber in der Octave der Translation bleibt das Blut immerwährend von Mittag bis drei Uhr auf dem Hochaltar des Doms, nur verhüllt, und zeigt sich Jedesmal beim Enthüllen geronnen und wird neuerdings flüssig. Wer schleicht denn am hellen Tage hinein, um die Operation des Füllens des Fläschchens vorzunehmen?« Fergola schließt dieses Capitel mit den Worten, welche sich auch mit vollem Recht auf die gelahrten Wunderzerklärer des Neuen Testaments anwenden lassen: »Wer die Wahrheit der Wunder läugnen will, sieht sich zu tausenderlei Tollheiten gezwungen.« Gehen wir nun zurück in die Zeiten, um die ältesten Zeugnisse über diesen Vorgang abzuhören. Die Marteracten über[571] den heil. Januarius und seine Gefährten, aus diesen die ältesten Breviere, beschreiben denselben gerade so, wie er noch jetzt wahrgenommen wird. »Eine vornehme Sache,« heißt es im achten Lesestück des Breviers für das Fest des heiligen Januarius, »ist auch sein Blut, welches geronnen in einem Glasfläschchen aufbewahrt wird. So wie man es in die Nähe des Hauptes des Märtyrers bringt, wird es auf wunderbare Weise flüssig, und bis auf den heutigen Tag sieht man es dann Blasen werfen, als wäre es so eben vergossen worden.« ? Das älteste Zeugniß mit Zeitbestimmung reicht an acht Jahrhunderte hinaus. Im Leben des heiligen Peregrinus, des schottischen Königs Malcolms Sohn, liest man: »Der heilige Peregrinus kam auch nach Neapel zu dem erlauchten Wunder des heiligen Blutzeugen Januarius. Dort werden zwei Glasfläschchen mit dem Blut des Heiligen aufbewahrt. Es ist steinhart. Werden aber die Fläschchen dem Haupte des Blutzeugen genähert, so wird das Blut mit einem gewissen schäumenden Brodeln alsbald flüssig und die Fläschchen bleiben unversehrt.« ? Daß wenigstens Haupt und Blut aufbewahrt werden, berichtet kein Jahrhundert später der sicilianische Cartäuser Maraldus. ? Aeneas Silvius zählt in seinem Commentar zu den Reden und Thaten König Alfonso's vier sehenswerthe Dinge in Neapel auf. »Als fünftes,« sagt er, »wenn es Jemand vernehmen will, würde ich beifügen, jenes heilige Blut des heiligen Januarius, welches bald geronnen, bald flüssig gezeigt wird, obwohl es vor 1200 Jahren für den Namen Christi vergossen worden ist.« ? Das älteste neapolitanische Druckwerk sind wahrscheinlich die Pandectæ medicinales Matthæi Silvatici, herausgegeben im Jahr 1474 von dem königlichen Leibarzt Angelo Cato. In der Zueignungsschrift an den König Ferdinand von Aragonien zahlt derselbe zu Neapels Schätzen auch das Blut des heiligen Januarius. »Was soll ich« sagt er, »von dem Blut dieses Martyrers sprechen, welches zu Neapel mit größter Ehrerbietung aufbewahrt wird? Welche Wunder immer unter den Angen der Bekenner Christi in unserer Zeit vor sich gehen mögen,[572] wäre eines leuchtender, unläugbarer? Von dem Haupte entfernt, wird das Blut hart, in dessen Nähe gebracht, wird es flüssig, ebenso, als wäre es an diesem Tage vergossen worden.« ? Aehnliches bezeugt der genuesische Doge Fregoso, welcher vom Jahr 1478?1483 als Flüchtling zu Neapel sich aufhielt. ? Robert Gaguin erzählt in seinem Meer der Chroniken, oder Geschichtsspiegel von Frankreich (Mirouer hystorial de France): am 3. May 1495 habe König Karl VII in Begleit vieler Cardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe und Prälaten in St. Januarskirche der Messe angewohnt, darauf seye ihm Haupt und Blut des Heiligen gezeigt worden, letzteres steinhart; kaum es aber einige Zeit auf dem Altar gestanden, habe es alsobald sich zu erwärmen und zu fliessen begonnen, gleich Blut, welches so eben einem lebenden Menschen wäre entzogen worden. Am Ausführlichsten spricht darüber einer der merkwürdigsten Männer am Anfang des 16ten Jahrhunderts, der berühmte Franz Pico, Fürst von Mirandola, der gleichnamige Vetter nemlich von jenem, welchen Scaliger das Monstrum der Gelehrsamkeit genannt hat. Derselbe gab im Jahr 1502 ein Werk heraus: de fide et ordine credendi. Darin findet sich folgende Stelle: »Zu Neapel, in der Campagna, werden die Ueberreste des Blutzeugen Januarius aufbewahrt. Ein Gefäß enthält sein Blut, welches frommer Sinn nach seiner Hinrichtung aufbewahrte. Stellt man dasselbe in die Nähe der Glieder, so fängt es gleichsam zu schäumen an und wird flüssig und kehrt in den frühern Zustand des Blutes zurück; entfernt man es an einen andern Ort, so gerinnt es wieder und wird fest, und nimmt die Gestalt an, wie Blut sie haben muß, das vor vielen Jahrhunderten vergossen worden. Doch geschieht dieses nicht immer; denn sobald jener Gegend irgend ein Unfall droht, oder Ruhestörung es hindert, so deutet es durch seine Unbeweglichkeit die be vorstehende Plage an, wie die Landesbewohner aus langjähriger Erfahrung wissen. Ich habe mit meinen eigenen Augen dieses feste und seiner Natur gemäß schwarze Blut bei der Annäherung an das Haupt roth, flüssig werden[573] Blasen werfen gesehen, gleich als wäre es unmittelbar der Ader entströmt. Ich wiederhole es: ich habe es mit eigenen Augen gesehen und habe mich vollkommen überzeugt, daß dieses auf natürlichem Wege unmöglich so sich zutragen könne. Denn für den Philosophen ist es eine ausgemachte Wahrheit, daß Etwas, was seine Gestalt verloren hat, in dieselbe nicht wieder zurückkehren könne. Wer dieses nicht glauben wollte, den würde leicht die Erfahrung belehren: er dürfte nur Blut nehmen; wäre es erst geronnen, und nach Monaten ? ich will nicht einmal sagen Jahren ? in einen erdichten und staubförmigen Stoff verwandelt, so würde es in seine vorige Gestalt, oder nur in die Accidentien der Gestalt, d. i. Röthe, Flüssigkeit u. s. w., nicht wieder zurückgebracht werden können.« Diesen Zeugnissen läßt sich noch eine Bulle Sixtus V beifügen, worin er sagt: »Wir wollen, daß die in der erzbischöflichen Kirche von Neapel gelegene Capelle, der Schatz des heil. Januarius genannt, wo das Haupt und das Blut dieses Heiligen aufbewahrt wird und, wie Wir vernommen haben, die göttliche Majestät beständige Wunder wirkt, mit erforderlicher Ehrerbietung besucht werde.« Noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts verfaßte ein neapolitanischer Rechtsgelehrter in entschieden beipflichtendem Sinn über diese Thatsache folgendes Gedicht: Nondum credis Arabs, Scythicis quin Barbarus oris Confugis ad veræ religionis iter? Aspice, palpa hæc! Stat longum post Martyris ævum Incorruptus adhuc et sine tabe cruor; Imo hilaris gliscit, consurgit, dissilit, ardet Ocyor, extremæ est impatiens tubæ. Perfidus an cernis, capiti ut cruor obvius, ante Frigidus et durus, ferveat et liqueat? Caute vel asperior, vel sit adamantinus Afer Sanguine quin duro sponte linquente liques? Gegen dergleichen Zeugnisse könnten nur Gegenzeugnisse,[574] erwiesene Thatsachen, concrete Gründe Gewicht haben; blosses Abweisen, nacktes Läugnen, wohlfeiles Spotten erklärt nichts, entkräftet nichts, hellt das Dunkel nicht auf. Der Baron Bielefeld sagte seiner Zeit freilich zu Neapel: »einen solchen zerrinnenden Stoff wissen unsere Apotheker ebenfalls zu bereiten.« Aber warum haben sie es in Berlin nie versucht, diese ausserordentliche Erscheinung zu reproduciren? ? Ein anderer Deutscher brachte die scharfsinnige Erklärung: es wären zwei Monstranzen vorhanden, eine mit dem harten, die andere mit dem flüssigen Blut, und während der Function würde jene von dem Priester escamotirt. Wer auch nur einmal den Vorgang beobachtet hat, der käme hiemit wieder zu einem Wunder, wenigstens zu einem wahren Herenmeister, der mit der wunderwerthesten Leichtigkeit vor den Augen von Tausenden eine ganze Monstranz wegstipitzen könnte, ohne daß Jemand es wahrnähme. ? Noch abenteuerlicher hat der Franzose Serces, um das Flüssigwerden zu erklären, die Nähe des Vesuvs und der Solfatara zu Hülfe genommen. Aber wie müßte es denen zu Puzzuoli und zu Resina ergehen, wenn die Wärmeströmung von diesen beiden Puncten eine solche Wirkung bis in den Dom von Neapel ausdehnen könnte? Da er wohl fühlen mochte, dieß könne nicht gelingen, so fiel es ihm nicht schwer, zu behaupten, die Sache gienge an verborgenem Ort, blos in Gegenwart von leichtgläubigem Pöbel, unter Fernehalten gebildeter Personen, und zu einer Zeit vor, die nicht genau festgesetzt seye. Das heißt wenigstens das Lügen in ehrlicher Weise betreiben, indem auch nicht ein Pünctchen Wahrheit in dasselbe gemischt wird. Ein Engländer trug das Wunder von dem Heiligen auf seine Priester über. »Wunderbar,« rief er, »sind die chemischen Kenntnisse der Priester des Schatzes von St. Januar!« ? So sinnt man in Ermanglung einer zureichenden Erklärung lieber das Ungereimteste aus, als in offenem Bekenntniß seiner Unfähigkeit wenigstens das Ausserordentliche und Unerklärliche zu bekennen. Man ist unendlich weit über die Zeit jenes bescheidenen und pflichtmässigen Zweifels hinausgeschritten, welchen der[575] hessische Jurist Heinrich Kornmann in seinem lateinisch geschriebenen Buch: »Ueber die Wunder der Verstorbenen,« in Betreff des vorliegenden so ausdrückte: »Wiewohl die Sache allgemein bekannt ist, möchte ich doch das sichere Zeugniß Solcher vernehmen, die gegenwärtig waren und mit offenen Augen den Vorgang beobachteten.« Unter den frühern Reisenden spricht Keyßler wenigstens gemäßigt und ohne die läppischen Zuthaten, womit Spätere ihre Berichte würzen zu müssen glaubten. Da in seiner Reisebeschreibung die Zeitangaben hinsichtlich seines Aufenthalts zu Neapel mangeln, so ist es ungewiß, ob er das Flüssigwerden des Blutes selbst gesehen, oder den Hergang nur nach Berichten und aus Vermuthungen beschrieben habe. Ich bin geneigt, das Letztere anzunehmen; denn er sagt darüber Folgendes: »Die in dem Glase befindliche Materie ist braunroth und gleicht dem Balsamo Peruviano, welcher auch leicht flüssig gemacht werden kann. An dem Tag, da dieses Wunder geschehen soll, steht dieses Blut vor einer Menge Lichter (unwahr, die Menge ist nicht groß und Jedenfalls ragen die Lichter bedeutend hoch über das Gefäß hinauf); das Glas, worinnen es nun zwar noch in einer kleinen Phiole, die etwa eines Fingers lang, eingeschlossen ist, wird den umstehenden und zwar mit großer Begierde herzu sich drängenden Personen zum Kusse an den Mund und hernach an die Stirne gehalten (aber immer dann erst, wenn es schon flüssig ist, daher Keyßlers Folgerung von selbst dahin fällt); bei solcher Gelegenheit stürzt der Priester dasselbe mehr als tausendmal (rein unmöglich, soll heissen ein paar Duzendmal) um, daß der Boden oben und auf die Seite zu stehen kömmt. Die Wärmte seiner Hände (ohne allen Einfluß, wie ich überzeugend gesehen und dargethan habe), der Qualmt der Lichter (welcher nicht die geringste Wirkung hervorbringen kann), der Dunst, welcher aus der Menge des Volkes in einer warmen Jahreszeit (man denke an Fergola's Vergleichung zwischen Thermometer und Zeitverlauf), und endlich der warme Odem, der aus dem Munde der Küssenden kommt (nachdem[576] das Flüssigwerden schon geschehen ist), nebst andern Umständen (deren Angabe nicht hätte sollen unterlassen werden) könnte auch eine andere, vorher flüssig gewesene Materie schmelzend machen. (In einer Anmerkung führt Keyßler an: »Im Jahr 1733 hat der bekannte Chemikus Hofrath Neumann in Berlin das Geheimniß erfunden, auf eine leichte Art und so oft er will, eine dergleiche Fliessung des Blutes, wie von des heil. Januarius Reliquien vorgegeben wird, nachzumachen.« ? (Für Gläubige wie Ungläubige wäre es interessant, dieses unter vollkommen gleichen Modalitäten, wie das Ereigniß in Neapel, sich vormachen zu sehen.) »Es wäre billig,« fährt Keyßler fort, »daß man den Ungläubigen und Ketzern genugsame Freiheit vergönnte, die Umstände dieses Wunders genauer einzusehen (diese ist ihnen aber wirklich ohne alle Beschränkung vergönnt), anstatt daß sie sich, wie Andere, begnügen lassen müssen, daß der Priester endlich ruft: il miracolo e fatto, und dann mit großen Freuden das Te Deum laudamus angestimmt wird.« Wenn Kotzebue in dem Flüssigwerden des Blutes nur einen der vielen Beweise von dem dummen Aberglauben der Neapolitaner findet, so ist er doch ehrlich genug, nicht den Aberglauben an beliebig Ersonnenes in Anspruch zu nehmen. Er sagt: »Man glaubt gewöhnlich, die Flüssigkeit der rothen Materie werde durch die Wärmte der priesterlichen Hand hervorgebracht; aber darin irrt man. Die kleine Phiole, welche das sogenannte Blut enthält, ist in einer größern gläsernen Flasche eingeschlossen, so daß zwischen beiden ein leerer Raum sich befindet, die Wärmte einer Hand folglich schwerlich bis dahin dringen kann, und auf jeden Fall ein sehr unsicheres Mittel seyn würde. Wohlunterrichtete (d. h. nicht über die Sache selbst, sondern in omni scibili et nonullis aliis ? sogenannte Aufgeklärte) haben mich versichert, das Wunder werde blos durch chemische Mittel bewirkt, daher es auch oft so lange daure; aber fehlen könne es nie, wenn die Flasche nur immer brav geschüttelt (das aber wird sie nicht, sondern blos gewendet) werde. Wenige Leute, selbst wenige Priester, sind im Geheimniß,[577] und es giebt unter den letztern vernünftige Leute, die steif und fest an das Wunder glauben.« Elise von der Recke wollte zwar die flache Verständigkeit an dem Vorgange ebenfalls üben, aber ihre pretiöse Nervenschwäche vereitelte das lobwürdige Vorhaben, sie konnte es in der Kirche nicht aushalten und mußte sich zurückführen lassen. Doch gereichte es ihr zur trostreichen Beruhigung, »den Erfolg eines Experimentes nicht gesehen zu haben, dessen Geheimniß leicht zu errathen seye.« Dafür giebt ihr Begleiter, Böttiger, in einer Anmerkung zu ihrem Reisebericht ein Zeugniß, dessen merkwürdiges Gewicht sicher ihm selbst nicht einleuchtete. Er sagt nemlich: »das größte Wunder an diesem Wunder seye wohl das, daß es bei dem Mitwissen so Vieler (woher aber wußten der Hr. Hofrath dieses?), die damit zu thun haben, seit so vielen Jahrhunderten stets unverrathen geblieben seye.« Also immerhin ein Wunder, und zwar allerdings dieses (ohne daß der Herr Hofrath es auch nur zu ahnen vermochten) unbestreitbar das grössere, darum schwerer zu glaubende! Der, wie durch mancherlei Geisteswerke, so auch durch seine »Wahrheit in der Hermes'schen Sache« bekannte königlich Preußische Staatsrath Rehfues, hat in seinem »Gemälde von Neapel« diesen Vorgang durch fade und höchst vergriffene Spässe zu beseitigen versucht. »Bekanntlich,« sagt er, »wieder holt sich dieses Wunder seither beinahe jedes Jahr einigemal, und Viele haben versucht, es natürlich zu erklären. Indeß ist es, wie vorauszusehen war, Keinem gelungen; denn wenn der Himmel einmal ein Wunder thun will, so ist es natürlich, daß er es einrichtet, um nicht von jedem Zweifler erklärt werden zu können. Freilich giebt es der Vorwitzigen genug, die, wenn sie's auch nicht erklären können, dennoch nicht glauben wollen; und es hat uns daher manchmal geschienen, als ob die Art von Wundern, welche die Siamesen von ihrem Heiligen, Pra Ariaharia, erzählen, die beste sey, weil sie alles Nachgrübeln schon von selbst verbietet.« ? Dann wieder: »Ich will mich nicht mit Erklärungen abgeben, wie das Wunder geschieht; denn darum[578] ist es ja eben ein Wunder, weil man es nicht erklären kann. Genug ist es, zu bemerken, daß in Neapel auch noch andere Leute steif und fest daran glauben, als nur der Pöbel.« An einem andern Ort sagt er: »Es mag wohl seyn, daß die Weiber im Einverständniß mit den Priestern sind.« (Welchen Dienst würde er der Wahrheit erwiesen haben, wenn er auch nur von ferne hätte andeuten wollen ? wie und zu welchem Zwecke dieses Einverständniß bestünde?) »Es giebt wenige Wunder, die der Welt etwas genützt hätten. Dieses gehört auch unter die unfruchtbaren; und es ist nicht abzusehen, warum der Heilige nicht lieber jedes Jahr durch eine zehnfältige Ernte seinen frommen Neapolitanern ein Liebeszeichen giebt.« ? Dann wieder: »Man weiß, wie oft das Blut des heiligen Januarius in Neapel flüssig wird; aber Niemand weiß, wie das zugeht, ausser den Wenigen, welche der Himmel zu diesem Wunder gebraucht. Ich habe selbst gesehen, wie die Flasche in der Hand des Priesters that, und kann mir nur eine Erklärung denken, welche, glaube ich, noch Niemand gemacht hat. Wie, wenn jene trockene, dunkelrothe Masse Eis wäre, welches man bekanntlich in Neapel weit besser zu behandeln versteht, als in Archangel? In der Hand des Priesters vergeht es zuverlässig, besonders wenn er die Flasche (die er gar nicht berührt) recht fest hält und andächtig dazu betet. Am bequemsten aber wird es seyn, zu glauben.« ? Am bequemsten, wenigstens am leichtesten für Hrn. Rhefues wäre es gewesen, die Sache mit Eis sogleich nachzumachen, und sein ???? durch die Welt zu rufen. Daß doch oft die größten Spitzköpfe auf das Allereinfachste nicht verfallen können! Der Franzose Misson versichert in seinen Reisen, den Vorgang »dieses angeblichen Wunders« zweimal gesehen zu haben. Er läßt uns die Wahl zwischen einem wirklichen Wunder oder dem plumpsten Betrug (le tour le plus grossier). Indeß, sagt er, mache es in der katholischen Kirche größeres Aufsehen, als irgend etwas. Hr. Paschal zählt es zu den Kennzeichen der wahren Religion. Um aber als Gelehrter jeden[579] ehrenrührigen Verdacht, als pflichtete er diesem bei, von sich abzuwälzen, führt er aus Horazens fünfter Satyre des ersten Buches jene Stelle an, wie heidnische Priester das Volk wollten glauben machen, sie wüßten Weihrauch ohne Kohle zu schmelzen. ? Kein volles Jahrhundert später sagt Dupaty: »Er zwar habe das Flüssigwerden ebenfalls gesehen; aber es gehe ganz natürlich damit zu.« Des geringfügigen Umstandes jedoch, das Wie etwas näher zu bezeichnen, enthebt er sich gänzlich. Am Ende fügt er bei: »Seit einiger Zeit ist dieses Wunder in Mißkredit gekommen; vermuthlich wird es bald ganz aufhören. Wahrscheinlich wird es mit Nächstem auf der Welt nur ein einziges Wunder noch geben: die Welt.« Auch einige Lügenberichte oder läppische Witze englischer Reisender mögen folgen. Addisson fertigt die Sache mit der Benennung einer »tölpelhaften Schwankes« ab. ? Middleton heftet seinen Lesern Folgendes aus seiner Einbildungskraft auf: Während in der Kirche ein paar Messen gelesen werden, machen sich die übrigen Priester insgesammt mit dem Fläschchen viel zu schaffen; es ist in solcher Weise aufgehängt, daß, während ein Theil, Dank der Wärme der Hände oder der Beihülfe anderer Mittel, zu zerrinnen beginnt, die Tropfen auf den leeren Grund eines andern Fläschchens hinabfallen.« ? Nicht ehrlicher berichtet der Doctor Moore in seinem Vierv of society and Manners in Italy, Lett. 64, der Priester gebe sich viele Mühe, das Fläschchen zu erwärmen und zu streicheln. (Rein unmöglich, da er dasselbe gar nicht berühren kann.) ? Ein neuerer englischer Reisender, welcher unter dem Namen Eustacius sogenannte »Classische Reisen« herausgegeben hat, obwohl Katholik, erklärt nicht, sondern fertigt blos ab: »Niemand,« sagt er, »giebt sich die Mühe nachzuforschen; man setzt voraus, die Thatsache rechtfertige sich durch sich selbst; die Neapolitaner behelfen sich des Grundsatzes der alten Deutschen: heiliger und ehrerbietiger ist es, von den Göttern zu glauben, als zu wissen.« Stellen wir nun alle Berichte, von dem neapolitanischen[580] Arzt Matthäus Silvaticus im fünfzehnten Jahrhundert bis auf denjenigen des englischen Naturforschers Waterton in letzter Zeit auf die eine Seite, auf die andere Alles, was seit Masson bis auf den neuesten Touristen herab vorgegeben, geklügelt und gewitzelt worden ist, und würdigen wir die Summe von Beidem, ohne alle Rücksicht auf die Erscheinung selbst, blos nach ihrem Zusammenhang und nach ihrer Beweiskraft an sich, welches Resultat gewinnen wir? Dort eine ununterbrochene Reihenfolge durchaus übereinstimmender Zeugnisse, hervorgegangen aus genauer Erkundigung, ruhiger Beachtung, abgelegt mit Ernst und Würde; hier dagegen Urtheile von Hörensagen, aber mit der naktesten Zuversichtlichkeit ausgesprochen, aus der Luft gegriffene Verdächtigungen, freche Verdrehung dessen, was unter den Augen von Tausenden vorgeht, und oft gemeine Spässe an der Stelle von erwarteter befriedigender Erklärung. Das Mildeste, was sich darüber sagen läßt, ist jenes Wort: »und ihr Zeugniß stimmte nicht überein.« Unerklärliches muß Jeder anerkennen, der unbefangen sehen, redlich urtheilen will. Die Kirche aber stellt den Glauben an ein fortwährendes Wunder mit dem Blut des heiligen Januarius insofern einem Jeden anheim, daß sie denjenigen, der dasselbe als solches nicht anerkennen mag oder kann, deßwegen von ihrer Gemeinschaft nicht ausschließt. Dagegen sollte man meinen, das geringste Maaß von Ehrlichkeit würde es vorziehen, die Sache auf sich beruhen zu lassen, als, um hiezu nicht sich verstehen zu müssen, mit frecher Hand nach Auskunftsmitteln zu greifen, welche einen ganzen, immerhin achtenswerthen Stand durch eine lange Reihe von Jahren zu gewissenlosen Betrügern stempeln. Wenn der Neapolitaner die Abwendung der drohendsten Gefahr des Vesuvausbruches vom 20. Dezember 1631 der Fürbitte des heil. Januarius verdankt, der Protestant dagegen dieselbe dem zufälligen Umstand zuschreibt, daß die Lava einen andern Weg genommen und das Toben des Elementes ohnedem nachgelassen habe, so stellt sich Jeder auf einen Standpunkt, den er mit Gründen vertheidigen kann; wenn aber der[581] Letztere, um die Mangelhaftigkeit seiner Erklärung dessen, was der Andere zweifellos annimmt, nicht eingestehen und vor demjenigen, was dieselbe überragt, nicht sich beugen zu müssen, seine Zuflucht entweder zu Kindereyen oder zu Unredlichkeiten nimmt, dann weicht der Boden unter seinen Füßen, und er sinkt unter diejenigen herab, welche das Austreiben der Teufel nicht anders als durch einen Bund mit Belzebub, dem Obersten der Teufel, erklären wollten. In jedem Fall hat die abergläubische Ungläubigkeit vor der abergläubischen Leichtgläubigkeit nichts voraus, als ihr pausbackiges Blasen. Nach allem, mit eigenen Augen Gesehenen und sodann aus glaubwürdigen Berichten in Bestätigung desselben Vernommenen mußte ich dem Urtheil von Sabbatino am Schlusse einer Abhandlung über das Blut des heil. Januarius beipflichten, welcher sagt: »Ich weiß gar wohl, daß viele Ausländer, selbst Katholiken, an dem Wunder zweifeln, oder, bevor sie es sehen, nicht daran glauben. Da ich aber Solche öfters in die Schatzcapelle begleitet und sie zu genauem Beobachten veranlaßt habe, überzeugten sie sich, daß hier nicht mehr zu zweifeln wäre, und daß der Vorgang auf keine Weise einer natürlichen Ursache sich zuschreiben lasse. Nachdem sie Augenzeugen geworden waren, hat Mancher gegen mich sich erklärt: das Flüssigwerden des Blutes seye wenigstens eine wunderbare Sache; Keiner, der sie beobachtet, vermochte einen Grund aufzufinden, sie ferner zu bezweifeln.« ? Darum mag wohl Solger, ob auch Mancher darüber die Achseln zucken dürfte, ein wahres Wort gesprochen haben, wenn er in seinen philosophischen Gesprächen sagt: »Es gehört ein weit stärkerer Geist dazu, ohne Krittelei und Erklärungssucht Wunder zu glauben, als Alles, was mit den gemeinsten Verstandesregeln nicht übereinstimmen will, matt und feig hinwegzuläugnen.« Somit war nach wiederholter genauer, aber redlicher (in den Augen aller Gegner aus bloßem Widerspruchsgeist das Unverzeihlichste) Beobachtung, die mich das Wunder, oder, wenn es milder lauten sollte, das Ausserordentliche anzuerkennen[582] zwingt, mein Urtheil festgestellt, als mir die Schrift des Abbate Luca zu Gesicht kam: Sopra una celebre controversia di battuta in Inghilterra negli anni 1831 e 1832 intorno alla liquefazione del Sangue di S. Gennaro, Vescovo e Martire. Ich entnahm derselben zu meiner größten Befriedigung, daß dreizehn Jahr früher der englische Priester Weedall in gleicher Jahreszeit Augenzeuge des Vorganges gewesen seye und beinahe die gleiche Argumentation über das Wunder in dem einen oder in dem andern Sinne (d. h. als Wunder des Betrugs oder als Wunder in Wahrheit) aufgestellt habe, was er in dem zu Birmingham erscheinenden Catholic Magazin and Review, veröffentlicht, hiedurch zu einer lebhaften und lange dauernden Erörterung Veranlassung gegeben hatte, in welcher die Gegner bloß hinter unhaltbare Hypothesen sich verschanzten. Hr. Weedall konnte den Hergang mit gleicher Bequemlichkeit beobachten, wie ich; er beschreibt denselben mit den gleichen Umständen, wie ich; und er begnügte sich mit den gleichen Umständen, wie ich; und er begnügte sich mit dem am Abend in St. Chiara Gesehenen so wenig, als ich, sondern verschob ebenfalls sein Urtheil, bis er am folgenden Morgen im Dom zum zweitenmal Zeuge gewesen. Hier stand er, gleich mir, neben dem Priester und überzeugte sich, gleich mir, daß bei der Weise, wie derselbe daß Gefäß halte, die körperliche Wärme auf den Stoff in dem Fläschchen, möge nun derselbe bestehen, woraus es seye, nicht den allergeringsten Einfluß zu üben im Stande seye. »Leichter,« sagt er, »würde die an einen Leuchter gelegte Hand eine Kerze entzünden, als jene Berührung einen festen Stoff flüssig machen.« Hiemit bin ich vollkommen einverstanden. Es wurde Hrn. Weedall von einem Ungenannten eingewendet: »die gebildetesten und achtungswerthesten Neapolitaner und der Erzbischof selbst (da mals der greise Cardinal Ruffo) glaubten wahrscheinlich nicht an das Wunder.« Darüber machte er die gleichen Bemerkungen, wie ich. Ich setze in das Begleiten der Procession und in den Besuch des Königs bei dem[583] Blut nicht einmal so grossen Werth, wie er; das liesse sich am Ende als Ostentation deuten; solche aber konnte für jenes Haupt einer der ersten Familien Neapels, mit welchem ich in der Capelle zufällig zusammentraf, unmöglich Beweggrund des bloßen Privatbesuchs werden. Auch könnte ich einen andern und zwar nicht bloß durch sogenannte Bildung, sondern durch tüchtige Wissenschaftlichkeit ausgezeichneten Fürsten nennen, der mit der vollesten Anerkennung des Unerklärbaren mit mir darüber sprach. Ein Gelehrter, der zwar nicht genannt ist, denn ich aber wohl kenne, und der zu den unterrichtetesten und achtungswerthesten Personen Neapels gewiß mit Recht gezählt werden darf, zugleich Mitglied des Domcapitels ist, sagte zu Hrn. Weedall: »Ich will Ihnen frei meine Meinung gestehen. Ich bin nicht leichtgläubig, und prüfe Alles. Man spricht oft von Wundern, welche da oder dort sich sollen zugetragen haben. Im Allgemeinen schenke ich ihnen nicht leicht Glauben. Was aber das Blut des heiligen Januarius betrifft, so ist mir jeder Zweifel darüber aufgehellt. Ich halte das Flüssigwerden augenfällig und ohne Bedenken für eine wunderbare Sache. Liesse sich vernünftiger Weise an nehmen, es walte unter uns ein geheimes Einverständniß? Sie kennen unsere Stellung. Wir bilden zwei getrennte Corporationen mit verschiedenen Capellen und ganz abweichenden Rechten und Privilegien. Mir ist nicht gestattet, den Schatz zu betreten, und die Capelle vom Schatz hat keine Befugniß, in unserm Capitel sich einzufinden. Wir mögen uns gegenseitig kennen, eine engere Verbindung aber besteht unter uns nicht. Das Wunder geht bald in unserer Kirche, bald in der Capelle vor, und dieß durch so manche Jahrhunderte hinab, unter so vielen politischen Revolutionen, über welchen so oftmals die Interessen und die Gesinnungen der Bürger in Zwiespalt gekommen sind. Es wäre unmöglich, daß wir in versteckter Spitzbüberei eine geheimte Verabredung treffen, daß so viele unserer Vorfahren sie hätten aufstellen und festhalten können. Wer über diesen Gegenstand mich befragen mag, dem weiß ich keine andere Antwort zu ertheilen, als: Komm und[584] siehe! Kommen auch Sie und sehen auch Sie, nicht bloß an einem einzigen Morgen, sondern jeden Morgen, die ganze Octave hindurch. Prüfen Sie genau, und Sie werden finden, daß das Flüssigwerden nicht nur wirklich erfolgt, sondern daß sich zuweilen eine Vermehrung des Volumens zeigt, worin meiner Ansicht nach die bemerkenswerthefte Eigenthümlichkeit bei diesem Vorgange besteht.« So, entfernt von Leichtgläubigkeit, wie von Ungläubigkeit, und nach sorgfältiger Beobachtung in freyer Ueberzeugung zu bekennen genöthigt: daß hier Etwas vor sich gehe, zu dessen Erklärung weder menschliche Erfahrung, noch menschlicher Scharfsinn hinreiche ? darf von der reinsten Gewissenhaftigkeit dennoch die Frage gestellt werden: wozu dieses Wunder? Diese Frage darf um so unbedenklicher gestellt werden, weil die Gewissenhaftigkeit zugleich eine durchaus befriedigende Antwort zu ertheilen im Stande ist. Beobachte den Neapolitaner, wie lebhaft, wie beweglich, wie als Spielball seiner Einbildungskraft er sich erzeigt! Sein Auftreten, in welcher Gestalt du ihn sehen magst, seine Gebärden, der Ausdruck seiner Sprache verräth dir schon sein wallendes Blut, seinen des Ungewöhnlichen bedürftigen Sinn. Bei einem solchen Volk könnte bloße Belehrung unmöglich lange vorhalten; dasselbe bedarf Etwas, was ihm seine Abhängigkeit von dem Höhern nicht vor die Ohren, sondern durch die Augen vor den innern Sinn bringt. Ihm ist eine gewaltige Macht nothwendig, die ihn zwischenein von der Erde, welche gleich einer Buhlerin alle Reize und Lockungen vor ihm enthüllt, oder deren verzaubertes Kind er ist, losreißt, die ihm laut und vernehmlich zuruft: es ist Etwas über dir, in dessen Hand dein Geschick steht, was mit Segen dich überschütten, was Landesnoth über dich herwälzen kann. Dieses Verborgene, Geheimnißvolle ist ihm, der weniger durch die Speculation, als durch das Wahrnehmbare sich ziehen läßt, zu unfaßbar, gewinnt unmittelbar auf ihn nicht diejenige Einwirkung, wie auf den mehr geistigen Menschen. Darum ruft jener alljährlich wiederkehrende Vorgang,[585] für seine Begriffe weit verständlicher, ihm zu: das Verborgene, welches jenes so Erfreuende als Bekümmernde dir zu bereiten vermag, tritt dir nahe in seinem Boten, dem heiligen Januarius, der zugleich dein Anwalt vor demselben ist; in dem, was unter deinen Augen zu verschiedenen Zeiten des Jahres sich zuträgt, hast du das Siegel, daß Gott deiner gedenkt, zugleich die Weckstimme, daß du seiner ebenfalls gedenkest. Uebrigens wurde einem meiner Freunde durch einen ganz gewöhnlichen Lazzaroni jene Frage auf eine Weise beantwortet, welche jede Klügelei darniederschlagen und die aufgeschwollenste Philosophie zum Verstummen bringen muß. Bloß in der Absicht, zu vernehmen, was der Lazzaroni wohl vorbringen würde, fragte er denselben: weßwegen denn alljährlich das Wunder sich wiederhole? Da erwiderte dieser mit dem Ausdruck des siegreichsten Bewußtseyns: »Weßwegen denn hat Gott Himmel und Erde erschaffen? Weßwegen hat er Euch ins Daseyn gerufen?« Der natürliche Verstand hatte diesem einfachen Menschen die kürzeste Formel an die Hand gegeben, mit welcher der Glaube dem in den Zweifel sich hüllenden Unglauben entgegentritt. An Calculatoren, welche längst schon in Groschen und Pfenningen berechnet haben, welchen Schaden ihrem Staat dasjenige bringe, was sie Aberglauben nennen, fehlt es nicht; möchte einmal Einer in der Berechnung, welchen Nutzen die Beseitigung des Glaubens an dieses Wunder dem neapolitanischen Volk bringen dürfte, zu der Rechnung die Probe liefern! Wenn aber der leichtfertige, sinnliche, zu mancherlei Bösem geneigte Neapolitaner auch nur einmal des Jahres, zerknirscht oder in Anbetung hingerissen, vor dem Altar liegt, auf welchem er die verehrten Ueberreste erblickt, sollte dieses, weil er vielleicht des andern Tages wieder seinen gewohnten Gang fortgeht, darum gar keinen Werth haben? Und wenn ihr eine ganze Litaney von Schlimmem über die Neapolitaner abzukugeln wisset, würde dieselbe sich verkürzen, wenn ihr ihm[586] das Wunder mit dem Blut des heiligen Januarius zu sequestriren vermöchtet? Vorstehendes über diesen merkwürdigen und jedenfalls unerklärlichen Vorgang lag schon zum Druck bereit, als mir in dem zweiten Januarsheft des »Katholiken« das Zeugniß des englischen Naturforschers C. Waterton zu Gesicht kam. Ich konnte nur höchst angenehm überrascht mich finden, zu sehen, daß derselbe, ebenfalls unter eigener Anschauung, durchaus das Nämliche wahrgenommen, und die vollkommen gleiche Ueberzeugung gewonnen habe, wie ich. Auch er berichtet wahrheitsgemäß, daß der Canonicus das Gehäuse, worin die »Fläschchen sich befinden, vor seinen Augen zum öftern von einer Seite zur andern gewendet habe, um zu zeigen, daß das Blut nicht flüssig seye, wobei er das Gehäuse nur mit den Fingerspitzen berührt habe.« ? Auch er sagt von jenen Frauen, die aus der Familie des Heiligen abstammen, daß sie innbrünstige Gebete zum Himmel emporschicken, wobei sie sich in einer schwer zu beschreibenden Weise geberdeten. »Fremde,« sagt er ebenfalls, »die mit der italienischen Sprache (dem neapolitanischen Dialekt) nicht, oder nur unvollkommen bekannt sind, und die den durch einen solchen Act erregten Euthusiasmus nun nicht theilen, haben behauptet, die Frauen schimpften und schmähten den Heiligen, weil sein Blut nicht so schnell flüssig werde, als man es wünschte. Ich befand mich, während die Frauen beteten, dicht bei ihnen, und hörte weder Drohungen, noch Schimpfworte, sondern nur Aeußerungen der andächtigen Begeisterung.« Den Hergang des Flüssigwerdens hatte er ebenso genau und wiederholt beobachtet, als ich, demnach mit seinen eigenen Augen gesehen, »daß das Blut einen Klumpen bildete und durchaus unbeweglich war.« Ferner giebt er Zeugniß, daß der ärmste Mann ebensogut als die Königin Wittwe (die damals gerade in der Kirche sich sich befand), die Reliquie in der nächsten Nähe habe betrachten können. Auch er hatte dasselbe in seinem flüssigen Zustand wiederholt besichtigt, und schließt seinen Bericht mit folgenden Worten: »Alle meine frühern[587] Erlebnisse traten vor diesem Ereigniß in den Hintergrund, und ich spreche hiemit als meine volleste Ueberzeugung aus: daß das Flüssigwerden des Blutes des heil. Januarius ganz unzweifelhaft durch ein Wunder bewirkt werde.« Ich habe mich bei meinem kurzen Aufenthalt in Neapel oft an diesem Volk ergötzt, zumal in Begleit meines Landsmannes Reinhard, der dessen Art und Weise kannte, es zu behandeln und mit ihm zu sprechen wußte. Greift man einen Franzosen bei seiner Ehre an, zweifelt man an seinem Muth, dann hat man ihn von der empfindlichsten Seite berührt; ehedem war dasselbe der Fall bei dem Schweizer, gegen dessen Treue und Redlichkeit Verdacht gehegt werden wollte; nennt man einen Deutschen einen Flegel, oder betilelt man ihn Spitzbuben, so wird er am sichersten aufbrennen. Für den Neapolitaner giebt es ein Wort, welches er empfindlicher aufnimmt, einen Zweifel, der ihm noch schwerer auf's Herz fällt, als dem Franzosen derjenige an seinem Muth. Nenne ihn Türke, und du hast in sein Innerstes gegriffen. Wenn du mit Einem um irgendwelchen Dienst handelst, so kannst du ihm birbante (Spitzbube) sagen, dafern es nur mit lachendem Munde geschicht und du allenfalls eine Erwiderung, die vielleicht ein Spott oder ein Scherz ist, ebenso gleichmüthig hinnehmen magst; aber Turco würde Jener nicht so gelassen ertragen. Früge man in Deutschland mit dem Ton der Entrüstung oder des Vorwurfs irgend einen Menschen: ob er getauft seye? er würde den Fragenden anglotzen und meinen, was das ihn angienge. Nicht so der Neapolitaner. Das sei tu batezzato? mit dem Ton des Zweifels gesprochen, ist das Empfindlichste, was man ihm vorhalten kann. Wir fuhren einst auf einem Curriculo von Nocera nach Castellamare. Der Bursche, der das Pferd leitete, hatte weniger Verstand, als sein Thier.[588] Unbarmherzig hieb er auf dasselbe los, hielt dabei öfters die Leitseile straff und machte es ganz störrig, daß wir immerfort in Gefahr schwebten. Reinhard mochte mit ihm poltern, wie er wollte, es half Alles nichts; wollte er ihm das unmenschliche Peitschen verbieten, so erwiderte der Bursche: das Pferd gehöre ihm, er könne es behandeln wie er wolle. Endlich aber fuhr er ihn an: sei tu Turco o Cristiano, sei tu batezzato? Damit war der Bursche niedergeschmettert; willig gab er die Zügel sammt der Peitsche aus der Hand und sprach auf dem Rest des Weges kein Wort mehr. Allerdings haben diese Leute von ihrem starken Glauben an die Bedeutung der heiligen Taufe bis zu der Ansicht, dieselbe seye eine herkömmliche, aber unschädliche, darum fortan zulässige Aufnahms-Ceremonie noch einen weiten Weg zu durchwandern. Sollten sie aber je an diesem lichtvollen Ziel anlangen, würde dann wohl besser mit ihnen zu verkehren seyn, würden sie für die Fabriken ein brauchbareres Material abgeben? Neugierig, geschwätzig sind sie durchweg, aber auch gutmüthig. Ich wollte mich anheischig machen, irgendwo, besonders auf dem Lande, mit irgend Jemand um Etwas zu feilschen, und gewiß in ein paar Minuten hätte sich ein ganzer Kreis um uns her gebildet, aus welchem jedes Individuum zu dem Handel sprechen würde. Wir mietheten zu Salerno ein Curriculo, um nach Castellamare zu fahren, und begegneten unterwegs jenem erwähnten, welches von daher kam. Nun wurden die beiden Führer einig, unter unserer Genehmigung ihre Ladungen auszutauschen. Während wir daher das Pferd in Augenschein und von dem engen Sitz das Maaß nahmen, ob er wohl räumtlich genug seyn möchte, standen unversehens bei sechs Personen um uns her; die Einen wendeten sich an die beidem Bursche, um ihnen vorzurechnen, was sie gewönnen, Andere an uns, um uns zu dem Tausch zu ermuntern, da er ganz zu unserem Vortheil ausfiele. Ein baarfüssiger Krämer, der ein großes Brett mit Glaswaren auf dem Kopfe trug, machte ebenfalls Halt, um in die Unterhandlung zu sprechen,[589] und gieng, nachdem er seinen Beitrag zugesteuert, so ruhig, wie er gekommen war, seines Weges. Zudringlich, geldsüchtig, seine Forderungen oft ins Lächerliche übertreibend ist all das Volk, welches überall, wie die Wespen eine frühreife Frucht, den Fremden, noch ehe er den Fuß auf die Erde setzen kann, umschwärmt. Ehe er sich umsieht, ist er durch einen Kreis von Bettlern, Führern, Wegweisern, Gepäckträgern, Fuhrleuten, Eselsmiethern und allen Arten und Abarten solches Volkes eingeschlossen; Alle drängen sich, Alle zugleich strecken die Hände aus, Alle zugleich rufen, Alle zugleich bieten ihre Dienste an, von allen Seiten schallts ihm entgegen: Eccellenza! Als wir in Castellamare einfuhren, stürzte ein solcher Schwarm Dienstfertiger, noch bevor wir stille hielten, mit einem Geschrei, als wie eines gewaltigen Sturmes Brausen, auf uns ein, daß es unmöglich ward, auf Tausende auch nur Eines zu antworten. Diesem gellenden Durcheinanderschwirren so vieler Stimmen stellte ich plötzlich und unausgesetzt mit aller Kraft der Lunge eine solche Masse unartikulirter Töne entgegen (in unserer Schweizersprache Joolen genannt), daß rasch Alle ins lauteste Lachen übergiengen und wir ganz gute Freunde wurden; Alle diese Dienstfertigen liessen sich nun ruhig bedeuten: wir bedürften für den Augenblick gar nichts, als eines Mittagessens. Doch ein paar Bubem mit Eseln, die uns zu dem königlichen Lustschloß Quisisana hinauf spediren wollten, lauerten diesem ab, und folgten uns mit ihren Thieren durch die Strassen. Sie liessen sich bloß dadurch abweisen, daß wir ihnen in jeder Strasse minder boten, als in der vorigen, indem wir bemerkten, wir wären ja dem Ziel schon um so viel näher. So hatten wir uns in dem Städtchen la Cava auf die steinernen Stufen unter einem bedeckten Gang gesetzt, um Jemand zu finden, der unsere Reisesäcke nach dem Kloster Trinita, eine starke halbe Stunde in dem Gebirg, hinaustrage. Flugs waren wir von wenigstens acht Burschen umgeben, die, in vollem Eifer gestikulirend und declamirend, uns überzeugen wollten,[590] wie mühsam der Weg, wie fern das Kloster seye. Der Erste forderte einen Piaster, der Andere einen Dukato, der Dritte versicherte, nur so seinen Herren zu lieb würde er sich mit acht Carlin (1 fl. 36 kr.) begnügen. Wir lachten sie aus, trieben unsern Scherz mit ihnen, was gutmüthig aufgenommen, immer mit gleicher Münze bezahlt wurde. Endlich sprang aus ihrer Mitte der Stattlichste und Bestgekleidete hervor und anerbot, für ein Carlin (12 kr.) mit beiden Reisesäcken sich zu beladen und zugleich unser Wegweiser zu seyn. Mit diesem Wort war der Handel geschlossen. Unterwegs unterhielt er uns damit, wie er bei der Rückkehr mit seinen Cameraden einen schweren Stand haben werde, daß er uns so wohlfeil bedient habe. Er war ein so munterer Begleiter, und ertheilte uns über Alles so freudig und klar Bescheid, daß wir gleich vergnügt von einander schieden, als er das Doppelte seiner Forderung von uns empfieng. Am folgenden Tag aber wußte derjenige, welcher unser Gepäcke wieder zurücktragen sollte, bereits, was wir am vorigen Abend für das Hinaustragen gegeben hätten, und wollte deßwegen nicht mit wenigerem sich zufrieden geben. Eines Nachmittags fuhr ich mit meinem Landsmann, dem Abbé Reinhard, von Neapel nach der Villa des vorigen Nuntius, Monsignore di Pietro, hinaus, theils um demselben vor seiner Abreise nach Portugal einen Abschiedsbesuch zu erstatten, theils um nochmals an der Lage der Villa, welche unbestritten die herrlichste vom ganzen Posilipp ist, und deren wunderreiche Aussicht einzig derjenigen von Capo Miseno nachsteht, mich zu ergötzen. Wir mietheten einen Nachen und bedingten als Ziel der Fahrt die Spitze des Posilipps, über welcher, Nisida gegenüber, das Landhaus sich erhebt. Es scheint aber, daß der Name »Spitze« einem andern Punct des Vorgebirgs beigelegt wird; denn als wir an diesem angelangt waren, erklärten die Schiffer: jetzt befänden wir uns am Ziel unserer Wünsche. Ich lachte ihnen aber bemerklich, daß die eigentliche Spitze des Posilipps vor Nisida liege, und daß wir[591] unserer Geschäfte wegen dorthin fahren müßten. Ungeachtet die Entfernung kannt eine Viertelstunde beträgt, klangts schon wieder von einem Piaster, einem Ducato mehr, setzte aber auch das Versprechen billiger Vergütung unsere Ruderer alsbald wieder in unverdrossene Bewegung. Auf der Rückfahrt wurde dann neuerdings von der weiten Strecke und der großen Anstrengung ein Weites und Breites gesprochen. Reinhard ließ sich in Erörterungen ein, gab zwar Zusicherungen, wies anbei Uebertriebenes von der Hand. Ich dagegen, weil ich von Allem nur selten ein Wort verstand, mußte über die Erörterungen unaufhörlich lachen, womit ich meine Leute alsbald gewann. Questo, sagten sie, auf Reinhard deutend, questo a il petto stretto, um quello Signore, auf mich hinweisend, a il cuore largo. Beim Aussteigen hatte aber mein Landsmann die Sache bald abgemacht, er zahlte einen Carlin mehr und die Schiffer gaben sich auch zufrieden. Angenehm für den Fremden ist dieser Zudrang von Bettlern und Erwerbsuchenden allerdings nicht, doch kann dabei nicht entgehen, daß die sich Anbietenden irgend einen Dienst zu erweisen suchen, die Verlangenden am Ende mit Wenigem zufrieden sind, indeß die Bettler anderwärts (z. B. in den protestantischen Cantonen der Schweiz) meinen, sie hätten Alles von rechtswegen zu fordern und man seye, was man geben mag, eigentlich schuldig. Allerdings sind die Beschwerden, welche über jene italienischen Dienstfertigen oft laut genug geführt werden, nicht ungerecht. Das aber ist ungerecht, die Ursache dieser Belästigung anderswo suchen zu wollen, als wo sie einzig zu finden ist; das ist ungerecht, sie ausschließlich dem Volk aufzubürden, welches dazu Veranlassung giebt, und hieran allgemeine Folgerungen über dessen Charakter anknüpfen zu wollen. Gewiß ist dieses einzig Wirkung der jährlichen Nomadenzüge der Reisenden. Diese sind es, welche dem Volk jenes Gepräge aufgedrückt, welche zu solchem Gewerbe es herangezogen haben, und nun vergessen sie den Schulmeister und seufzen, daß der Schüler so gelehrig gewesen seye. Erst trat ein Bedürfniß[592] nach dergleichen Hülfleistungen ein, dieses erzeugte das Uebermaß der Anerbietungen und aus diesem gieng dann mittelst ganz natürlicher Wirkung die Zudringlichkeit hervor. In frühern Zeiten, d. h. bis zum Ende des abgewichenen Jahrhunderts, waren es meistens reiche Leute, welche so weite Reisen unternahmen, und ihre Paoli weniger zu Rath halten mußten, als gegenwärtig Viele ihre Bajochi; da war es begreiflich, daß der leicht gewonnene Erwerb lockte. Wie dann die Zahl der Zugvögel sich mehrte, mußte auch die Zahl derjenigen sich mehren, die dem mühelosen Geschäfte sich hingaben, ihnen die Federn auszupflücken. »Wo das Aas ist, da sammeln sich die Adler« (oder auch die Insecten), sagt unser Herr im Evangelium; das bewährt sich hier. Daß in den Ortschaften, durch welche die Hauptzüge gehen, oder welche die anziehendsten Puncte sind, diese Plage durch die Fremden hervorgerufen wurde, dessen kann man sich leicht überzeugen, sobald man auf die minder besuchte Seite der Apeninnen oder vollends in das Innere des Landes kömmt; da wird man nicht von Bettlern bestürmt, nicht von Führern und Pferdeverleihern umlagert, da hat man keine Ursache, über all dieses Beschwerniß Klage zu führen. Der heilige Thomas von Aquin sagt: raro sanctificantur, qui multum peregrinantur. Dieses Wort findet seine begründete Anwendung, wie auf die Reisenden selbst, so in natürlicher Wechselwirkung auf die Bewohner derjenigen Gegenden, die von jenen in großen Schaaren durchzogen werden. Z. B., welche Ueberreste jener Einfachheit, Biederkeit, Sitteneinfalt, die Einem noch vor 50 Jahren ungesucht begegneten, findet man jetzt in denjenigen Theilen der Schweiz, welche von den Schwarmen der Neugierigen, Müssiggänger und Prasser aller Länder in ähnlicher Weise durchschwirrt werden, wie die Gegenden um den Golf von Neapel? Wahrlich dort findet sich Aehnliches wie hier, nur unter andern Formen und etwas minder lästig, des kühlern Blutes wegen. Ich bin weit entfernt, all dieses Widerwärtige in Schutz nehmen,[593] oder es auch nur erträglich finden zu wollen; es hat mich überall angeeckelt, so gut als jeden Andern; z. B. in Terni, wo in der Nähe der Wasserfälle kein Schritt sich thun läßt, ohne daß zwischen dem Gebüsch oder den Felsen eine Hand zum Fordern herausragte; aber das widerstrebt mir, die Wurzel anderwärts suchen und landläufigem Geschwätz gemäß sie gewissermassen finden zu müssen, als da, wo man dieselbe nicht erst aufzusuchen hat, sondern wo sie unverdeckt am Tage liegt. Sobald man es daher, bevor ein allgemeines, darum leicht übereiltes, deßwegen ungerechtes Urtheil ausgesprochen wird, über sich gewinnen kann, zu beobachten, wo vorzüglich zu jener Klage unverkennbarer Grund sich darbiete, wo dagegen nicht, ist hiemit der erste, unerläßliche Schritt geschehen, dem Warum dieses Unterschiedes nachzuspüren; dann wird man über dasselbe unmöglich lange im Dunkeln bleiben können. Freilich dürfte es dabei schwer fallen, wenigstens bedingter Anerkennung einer Behauptung von J. J. Rousseau ganz sich zu erwehren: daß nämlich in dem anfänglichen Naturzustand alle Menschen gut gewesen wären, das Schlechte hingegen ihnen erst seye anerzogen worden. Hier müßte man sicher durch Vorurtheil im höchsten Grade geblendet seyn, wenn man dieses Schlechte, oder doch höchst Beschwerliche und manchen Genuß, den Natur, Kunst und Alterthum sonst gewähren, Verbitternde nicht als Wirkung jener Anerziehung erkennen, nicht sich gestehen wollte, daß die Maßen durch die Maßen verdorben werden. Dadurch wird freilich der Behauptung von Förderung der Civilisation durch die in raschem Fortschreiten erleichterte Möglichkeit, das Menschengeschlecht in einen unablässig beweglichen Nomadenhausen zu verwandeln, ein riesiges Fragezeichen entgegengestellt. Die Beurtheilung, ob das Fragezeichen an gehöriger Stelle angebracht seye, oder nicht, hienge von dem Begriffe ab, den wir dem Wort Civilisation unterlegen. Können wir einen gewissen moralischen Schwerpunct, den dieselbe dem Charakter verleiht, und mittelst dessen er auf geordneter Bahn seinen Lauf nehmen sollte, nicht davon trennen,[594] alsdann werden wir kaum dieses Fragezeichen übel angebracht finden; könnte aber jenes ausser Berücksichtigung fallen, müßte deren wahrer Charakter mehr in einer gewissen Verschlissenheit, in einer oberflächlichen Allgemeinheit, in einer geläufigen Redefertigkeit, die über alles Denkbare sich zu er giessen immerwährend bereit steht, in einem Jagen nach viel fältigem Erwerb, als Mittel zu ausgesonnenen Genüssen, gesucht werden, dann freilich dürfte mit vollem Recht derjenige ein schwatzgallichter Murrkopf genannt werden, welcher das Fragezeichen wohl angebracht fände. Wenn die Plackgeister der Reisenden, welche von den Paoli's und Carlini's derselben ihr Daseyn fristen und jenen Insecten vergleichbar sind, die von dem Blut des Menschen zehren, manche Aeusserung des Unwillens hervorrufen, so ist Solches begreiflich, weil natürlich; diese Erscheinung aber zur Unterlage des Urtheils über ein ganzes Volk machen zu wollen, kann nur der grämtlichen Leichtfertigkeit eines Touristen beifallen, der von Paris, Berlin, Wien, von woher es seye, seinen fertigen Maßstab mitbringt, und, was mit demselben nicht zusammentrifft, in die Brüche wirst. Diese haben es zwar durch ihr Jammern, Klagen und Verwünschen wohl dahin gebracht, daß unter vielerlei gläubigem Leservolk, welches in treulichem Hineinschlingen alles Vorgesetzten eine Tinktur der Urtheilsfähigkeit sich erworben zu haben meint, an den Wortlaut Italiener das Beiwort, »träg« oder »betrügerisch« unzertrennlich sich anknüpft. Wer nicht bloß lesen muß, sondern sehen kann, findet Manches anders. Er wird sich z. B. bald überzeugen, daß in Italien weder die handwerktreibende Classe in den Städten, noch das Landvolk minder rührig seye, als in andern Ländern. Tagdieben, die aufrechten Rückens durch die Welt kommen wollen und auf den Beutel anderer Menschen speculiren, giebt es in den großen Städten aller Länder im Ueberfluß; diejenigen von Italien haben hierin nichts zum voraus. Sonst habe ich zu Rom und in Neapel die Werkstätten so früh geöffnet[595] und so spät geschlossen und die Arbeit in denselben so rüstig betrieben gesehen, als irgendwo diesseits der Alpen. Den Tribut, welchen in den Sommermonaten der Himmelsstrich auferlegt, darf man nicht so unbedingt auf blosse Rechnung der Menschen schreiben. ? Aber eben dieser Himmelsstrich erleichtert dem Landvolk die Arbeit, ohne daß es den Ueberschuß an Zeit immer zu verwenden wüßte. Daß es in jener nicht saumselig seye, beweist der Anbau des Bodens, den ich bis auf den Col di fiore, wo die Höhe nur noch ein geringes Erträgniß gewährt, so gut besorgt sah, als irgendwo in Deutschland. In solchen Gegenden, wo dieß weniger bemerklich ist, wie in der Campagna di Roma, hängt dieses unbedingt von den Eigenthumsverhältnissen ab. Vor Perugia und anderwärts begegnete ich oft Weibern, welche Gemüse nach der Stadt trugen, dabei an den Lenden einen Rocken befestigt hatten und vor sich her spannen; was doch kein Beweis von Trägheit ist. Als ich am 23. Juni des Morgens in der Gegend von Civita Castellana die Augen aufschlug, sah ich Hunderte von Arbeitern mit der Erndte beschäftigt. Es war Sonntag. Eine solche Thätigkeit am frühen Morgen dieses Tages befremdete mich. Da ertheilte mir einer der Reisegefährten die Auskunft: die Hitze könne hier den gereiften Feldfrüchten so verderblich werden, als in kältern Gegenden der Regen. In solchen Fällen seye es dem Bischof des Sprengels, oder auch dem Pfarrer eines Ortes gestattet, die Erlaubniß zum Einsammeln zu ertheilen und den Gottesdienst bis zum Eintreten der grössern Tageshitze zu verschieben. Auf den folgenden Tag traf das Fest Johannes des Täufers ein, eines der größten in den Kirchen des päpstlichen Gebietes; Nachmittags war auf dem fruchtbaren Gelände zwischen Tolentino und Macerata das regsamste Erndtegewimmel zu sehen; was diejenigen sich merken mögen, welche die alberne Sage, die Kirche und die kirchlichen Feste beförderten die Trägheit, so begierlich wiederkauen. Daß in Landstrichen, auf welchen der Erde ihre Erzeugnisse[596] nur unter größerer Anstrengung können abgerungen werden, unter climatischen Verhältnissen, welche dem Menschen für Nahrung, Kleidung, Heitzung mannigfaltigere Bedürfnisse auferlegen, die Nothwendigkeit, diesen fürzusorgen, zu größerer Regsamkeit zwinge, ist natürliche; darum aber dürfte diese noch so wenig eine Tugend genannt werden, als die Genügsamkeit des Südländers, welche ebenfalls mehr Wirkung des Clima's, als des Willens ist. Es wäre noch eine Frage: ob den gewöhnlichen und natürlichen Menschen nicht überall ein Hang zur Trägheit bewältigte, den er erst dann zu überwinden sich bestrebt, wenn er auf irgend eine Weise über die unterste Stufe des Daseyns sich erhebt. Hienach wäre es das Ungerechteste zu nennen, Trägheit, als vorherrschenden Charakter, irgend einem Volk ausschließlich vorzuwerfen, oder denselben gar (wie ich dergleichen von Jugend an zu hören gewohnt war) für unvermeidliche Wirkung irgend einer Religionsform ausgeben zu wollen. Obwohl Norwegen in allen Beziehungen der Gegensatz von Neapel genannt werden kann, bezeichnet Mügge in seinem Reisebericht über dieses Land die Trägheit dennoch als einen nationalen Fehler seiner Einwohner, und dieß bis hinauf in die unwirthlichsten Einöden der Gebirge. Als Beweis dessen führt er an, daß eine Haushaltung, für welche in Deutschland ein einziges Dienstmädchen vollkommen ausreichen würde, in Christiania deren zwei bedürfe. Wieder sagt er: wenn dort ein Arbeiter seinen Taglohn verdient habe, halte es schwer, für Geld und gute Worte ihn zu bewegen, die Arme noch weiter zu rühren. Haben wir da nicht den neapolitanischen Lazzaroni, wie er leibt und lebt! Warum aber wollt ihr diesem, dem die heitere Sonne Feurung und einen Vorrath von Kleidern für so mannigfaltigen Wechsel des Wärmegrades erspart, über welchem der blaue Himmel sein Sternengezelt ausspannt, dem zu seiner Leibesnahrung einige Pomeranzenschaalen und für das Festmahl Macaroni genügen, vor dessen Blick »der Berg« und das Meer tagtäglich neue Reize entfalten, warum wollt ihr diesem seine Genügsamkeit und sein[597] daran geknüpftes Far niente zum Vorwurf machen? Wär er ein edlerer Mensch, wenn er als leibeigener Frohnknecht eueres Industrialismus sein Leben in einer Spinnstube verdumpfte? Nehmen wir das Gegenbild von dieser angeblichen Trägheit und beantworten wir mit ehrlicher, vorurtheilsfreier Gesinnung die Frage: welches von Beiden doch das anziehendere, zusagendere seye, welches unter ihnen auch nur dem bescheidensten Ideal der Menschheit näher stehe? Hülfsmittel, zureichende Hülfsmittel zu genügender Beantwortung könnten vielleicht die Fabrikgegenden jedes Landes liefern. In dem hochgepriesenen England z. B. sind Wolverhampton und Willenhall sehr gewerdfleissige Ortschaften; ihre Gesammteinwohnerschaft ist von den zartesten Kinderjahren an bis zu dem Greisenalter, dessen Kräfte aufgezehrt sind, mit Fertigung von Eisenfabrikaten, an letzterm Ort ausschließlich von Ketten und Nägeln, beschäftigt. Welchen Umriß der dortigen Zustände giebt uns nun, nicht etwa ein mißstimmter Reisender, Einer, der eilenden Fusses durchgezogen und flüchtige Blicke rechts und links geworfen und ohne oder mit Vorsatz ein Zerrbild hingezeichnet hätte, sondern ein mit aller Genauigkeit entworfener, weil durch Untersuchung in Auftrag des Parlaments erstatteter Bericht: »der Childrens employement commissions report«? Diesem zufolge wohnen zu Wolverhampton die Menschen nicht desser als die Irländer in ihren schlechtesten Hütten. Es sind wahre Löcher, in denen sie sich aufhalten, und zu denen man nur durch Moräste von Schmutz gelangen kann. Im Innern dieser Wohnungen findet man durchaus nichts, als den nothdürftigsten und dazu noch armseligsten Hausrath. Die Kinder, denen man draussen begegnet, sind blaß, schlapp, kachektischen Aussehens; um sie dämlich zu machen, werden ihnen Präparate von Opium gegeben, kaum die Hälfte derselben besucht eine Sonntagsschule. Was die Väter die Woche durch erwerben, wird des Sonntags in Branntwein vertrunken, und hält das Geldchen zufällig bis in den Montag hinein, so wird dieser noch dazu genommen. In Willenhall ist's noch schlimmer. Da sind beinahe alle Einwohner[598] mißgestaltet, mit mancherlei Gebrechen behaftet. In die Kirche geht Niemand, gewöhnlich ist die Stimme des Pfarrers diejenige eines Predigers in der Wüste. Dieser Report, welcher in die Abgründe eines intellectuellen, moralischen, physischen und socialen Verderbnisses schauervolle Blicke uns eröffnet versichert, daß zu Birmingham eine große Menge von Eltern ihre Kinder beinahe nie sehen; jene bringen den Tag in den Fabriken zu, diese sind der Hut eines andern, nur wenig ältern Kindes, oder eines alten Weibes überlassen. Während zu Manchester noch im Jahr 1841 auf 32 Einwohner ein Augeschuldigter kam, hat sich im vorigen Jahr das Verhältniß schon wie 1: 16 gestellt, indeß es sich nach Mittermaier in dem durch Manche so tief herabgesetzten Neapel wie 1: 105 und in den Abruzzen gar nur wie 1: 191 herausstellt. Wie anders in dem entgegengesetzten Norden, den man sich so gern als Sitz strenger Redlichkeit und Sittlichkeit zu denken gewohnt ist! Da kam nach officiellen Berichten zu Stockholm in den Jahren 1841 und 1842 auf neun Einwohner ein Beklagter, ein Verurtheilter auf dreizehn, in kleinern Städten kein bedeutend verringertes Verhältniß (nur auf dem Lande 1: 139). Sollten aber die dort an Weidern, wie an Männern nicht selten vorkommenden Straffälle, das Abendmal im Zustande der Trunkenheit empfangen zu haben, in katholischen Ländern, zumal in solchen, denen noch kein ministeriell zugestutzter Katholicismus auf regiert worden ist, auch nur denkbar seyn? Welche fruchtbaren Bemerkungen liessen sich nicht vollends an eine Statistik der Ehescheidungen knüpfen! Oder wäre die Leichtigkeit derselben ebenfalls Blüthe der Civilisation, Segensfrucht der Vernichtung der Kirche, Siegespreis des würdigen Kampfes um sogenannte Geistesentfeßlung? Was könnet ihr gegen diese Zahlen einwenden?[599] Ueber den Aberglauben, die Unwissenheit, die geistliche Vernachlässigung der Neapolitaner wissen Reisebeschreiber, Kirchenzeitungen und Repertorien die inngründigsten Abhandlungen zu schreiben, oder die herzbrechendsten Seufzer loszulassen. Wer durch die Einen sich belehren, durch die Andern sich bewegen lassen könnte, der müßte meinen, das Volk kenne dort in der That nichts von dem Christenthum und Niemand gäbe sich Mühe, ihm einen andern Begriff davon beizubringen, als den unklaren, welchen es etwa, und dieß nur zufällig, dem ungedeuteten Cultus entnehmen könne. Wir diesseits der Berge belächeln den beschränkten Neapolitaner, der die Menschen in Christen (Katholiken) und Türken scheide; der ohne Ahnung, daß es auch noch andere Formen der Verehrung Christi gebe, als die seinige, unter die Türken Alles zähle, was nicht Katholik seye. Aber könnte man nicht mit ebenso vollem Recht über diejenigen lachen, welche in anmaßlicher Selbstgenügsamkeit bei einem aus- und abgeklärten und auf eine bloße Verstandes-Operation reducirten Christenthum auf alle diejenigen, die mit einem solchen nicht beglückhaftet sind, als auf Geschöpfe minderen Schlages herabsehen, und denselben zwar nicht die absolute Fähigkeit, mit ihnen ebenbürtig noch werden zu können, wohl aber die Möglichkeit hiezu absprechen, allsolange sie nicht ihrem, das Leben ungleich mehr in Anspruch nehmenden Christenthum entsagen könnten. Sollte die Querköpfigkeit eines Stockpietisten, oder die gemüthlose Flachsinnigkeit eines Rationalisten oder die schnaufende Aufgedunsenheit eines in beiderlei Farbe schillernden Ausgleichers vor der glaubenseinfältigen Beschränktheit eines neapolitanischen Lazzaroni so viel zum voraus haben? Ein Unterschied kann bloß darin liegen, daß der Erste vielleicht ein Professor, der Andere Mitarbeiter an einer gelehrten Zeitschrift, der Dritte Flugblättler, der Vierte aber Lastträger oder Fischer ist, dessen Beine wahrscheinlich, so lange sie ihn trugen, niemals in Strümpfen steckten. Wäre ein Versuch denkbar, was der Protestantismus mit und aus den Neapolitanern machen würde, gewiß dürfte kaum[600] ein Menschenalter dahingehen, bis diejenigen, welche nicht gänzliche Abtrennung von Gott für den vollendeten Fortschritt des Menschengeschlechts zu erklären vermöchten, selbst wünschen müßten, dieselben katholischem Glauben und Cultus wieder zurück geben zu können. Uebrigens ließen sich aus Erfolgen, die nicht Versuche, sondern eine längst bestehende Einwirkung in jenem Sinne hie und da gehabt haben, Schlüsse mit ziemlicher Sicherheit bauen. Ob in letzter und allgemeiner Beziehung der Unglaube oder der Aberglaube zu gefährlichern Ausbrüchen führen könne, darüber könnte man noch in speculative Erörterungen eintreten, schwerlich aber darüber, welcher von Beiden auf den allgemeinen, gewöhnlichen und tagtäglichen Lebensverkehr störender und unbehaglicher einwirken dürfte; oder man müßte der Erfahrung jegliches Stimmrecht geradezu absprechen. Es gilt gewissermaßen als ausgemachte Sache, daß in den katholischen Ländern, namentlich in denjenigen jenseits der Gebirge, über die Glaubenslehren wenig Unterricht vorkomme, das Volk mit dem Cultus sich begnügen müsse, und daß es in Bezug auf denselben nicht sowohl Belehrung erhalte, als vielmehr (wenn ich so sagen soll) dafür abgerichtet werde. Dieses für den Augenblick zugegeben, läßt sich doch nicht in Abrede stellen, daß aller Cultus der katholischen Kirche die Anerkennung Christi als eines persönlichen, als des Eingebornen und Weltheilandes nothwendig voraussetze, zugleich aber als etwas Lebendiges das Leben selbst berühre und zu sich in Wechselbeziehung setze, was in solcher Weise ein bloßer Vortrag, und alle in die Gränzen der Speculation eingeschlossene Belehrung nicht vermag. Daß es aber an dieser in aller und jeder Hinsicht in Neapel fehle, muß ich sehr bezweifeln. Einmal wenigstens habe ich in der gedrängt vollen Jesuitenkirche vor dem Hochamt eine Predigt gehört, ein anderes Mal trat ich gegen Abend in die Kirche von St. Maria del Carmine, wo ich zum Schluß einer solchen kam und viele der anwesenden Lazzaroniweiber beinahe in Thränen zerfliessen sah. War vielleicht beim Austritt aus der Kirche der Eindruck bald wieder verflogen, so wolle man mir doch zur[601] Güte sagen, ob so zweifellose Versicherung sich geben lasse, daß Aehnliches anderwärts und bei der kunstgerechtesten Auseinandersetzung eines philosophischen Problems oder eines moralischen Themas durchaus nicht zu besorgen seye? Schon die zahlreichen, durch die Stadt zerstreuten Kirchen sind in ihrem immerwährenden Offenstehen ein lautloses Verkünden höherer Wahrheiten. Man kann mit Recht jede Kirche »eine Thüre des Himmels« nennen; aber die Thüre darf nicht verschlossen seyn, wenn man durch dieselbe eingehen soll. Wer nun möchte ein Verzeichniß führen über die Tausende, die alltäglich, bloß als zufällig Vorüberwandelnde, bloß weil die offen stehende Thüre sie daran gemahnt, bloß weil durch dieselbe, ob zwar ohne artikulirten Ton das Ohr berührend, ein rufender Laut hinaus dringt, zu jeder Stunde eintreten durch dieselbe? Wer möchte Buch halten über die Heilsgedanken, welche so im Vorbeigehen geweckt werden, über die Gebete, zu denen ohne dieß der Mensch nicht Anregung fände, über die Seufzer, die zum Himmel emporsteigen, nur weil die Gelegenheit sie hervorruft, über so manche Anregungen des Höhern, und sollten es auch leicht wieder sich verflüchtigende seyn, wozu sonst Veranlassung schwerlich sich böte. Allerdings kann man dergleichen verborgene Gemüths- und Herzens Operationen anzweifeln, sie in Abrede stellen, die Voraussetzung derselben als Täuschungen einer leicht beweglichen Einbildungskraft erklären; denn es werden an den Kirchen für Ein- und Austretende keine Contremarken gegeben, wie bei den Theatern, und noch weniger lassen sich für Gefühle und Gedanken, wie bei den englischen Zollwegen, turnpikes anbringen, um am Abend genau aufzählen zu können, wie Viele den Tag über durchpassirt wären. Denken wir uns Neapel mit seiner Bevölkerung von mehr als 400,000 Einwohnern, von denen ein nicht unbeträchtlicher Theil vielleicht keinen festen Wohnsitz hat, oder denselben öfter wechselt, so dürfte die Vermuthung, es möchte in Beziehung eines regelmässigen religiösen Unterrichts der Jugend eben nicht so sich verhalten, wie es an sich zu wünschen wäre, eine ganz[602] unbegründete nicht seyn. Das aber wäre nicht allein unbegründet, sondern höchst ungerecht, wenn man hiebei die, aus den unabweislichen Verhältnissen hervorgehenden Einflüsse nicht in Anschlag bringen wollte. Ich möchte wohl wissen, wie es damit in andern grossen Städten, in denen es, obwohl unter anderer Form, Lazzaronivolk genug giebt, und in welchen ähnliche Verhältnisse nothwendig statt finden müssen, wie in Neapel, gehalten werde? Ob wohl, trotz daß dort weit mehr Pollzei immerwährend in Bewegung ist, und weit mehr reglementirt, vielleicht über Alles Mögliche ungleich mehr Register geführt und mehr geschrieben und von allgemeiner Geistesbildung fühlbarer Wind gemacht wird, als in Neapel, ob auch dort jedes Kind so ganz sicher und regelmässig den erforderlichen Religions-Unterricht erhalte? Die Geistlichkeit in Neapel scheint wohl zu fühlen, daß in mancher Beziehung die Macht der unabweislichen Verhältnisse grösser seye, als die helleste Einsicht in das, was nothwendig wäre, als alles Bemühen um dieses. Aber sie hat ein Ersatzmittel aufgefunden, und muß demnach nicht durchweg so gleichgültig, träg, selbstsüchtig seyn, wie diesseits der Alpen oft mit kurzem Wort behauptet wird. Dieses Ersatzmittel sind die capelle serotine, von denen vielleicht Mancher, der sogar längere Zeit zu Neapel sich aufgehalten und hunderterlei Dingen nachgefragt und hernach über tausenderlei Bericht erstattet hat, nicht einmal Etwas weiß. Diese capelle serotine bestehen darin, daß ein Geistlicher Abends seine Kirche eröffnet und darin förmlichen Religionsunterricht ertheilt, verbunden mit etwelchen Gebeten und gottesdienstlichen Uebungen. Jener aber ist der Hauptzweck; wer darnach ein Verlangen hat, kann in der Kirche sich einfinden. Freilich ist auch hiemit weder Verzeichniß noch Controlle verbunden, das Unterricht-Nehmen ist, wie das Unterricht-Ertheilen, Sache des freyen Willens, aber die Gelegenheit wenigstens ist eröffnet, und daß der Gebrauch immer fortdauert, dient zum Beweis, daß dieselbe nicht ungenützt gelassen werde.[603] Das jedoch ist nicht die einzige Weise, in welcher Geistliche und zwar ? was nicht zu übersehen ? ohne alle Verpflichtung, bloß in christlicher Liebe, der Jugend der untern Volksklassen sich annehmen. Ich begegnete eines Sonntags auf einem Spaziergange von Capodimonte herab mehrern Zügen junger Leute, von 7 bis zu 17 Jahren hinaus. In guter Ordnung, singend, und von ein paar Geistlichen begleitet, schritten diese Züge über die Landstraße. Mein Freund Reinhard ertheilte mir hierüber folgende Auskunft: Um die Jugend des Sonntags dem verderblichen Herumwühlen zu entreissen, sammelten Geistliche dieselbe um sich, gäben ihr Unterricht im Gesang, auch in christlicher Lehre, und zögen mit ihr ausserhalb der Stadt ins Freye, wo sie unter ihrer Leitung und stäter Aufsicht angemessenen Spielen sich überlassen könnte. Abgesehen von der Belehrung, welche die jungen Leute erhielten, und daß sie auf diese Weise von wildem Zeitvertreib zurückgehalten würden, übte dieses wohlwollende Bemühen der Geistlichen einen versittlichenden Einfluß in zweifacher Beziehung; zuerst durch Angewöhnung zu einem geordneten und bescheidenen Betragen bei der Jugend, sodann selbst auf die Eltern, indem sie nemlich sich bemühten, ihren Knaben eine doch etwelchermassen sonntägliche Kleidung, besonders Schuhe und Strümpfe anzuschaffen, da sie vorher die Kinder auch des Sonntags halb nackt hätten umherlaufen lassen. Wirklich bemerkte ich unter den Vielen, denen ich begegnete, kaum ein Paar, welche barfuß giengen. Abends dann sah ich wieder mehrere solcher Züge bei ihrer Rückkehr nach der Stadt. Es war al Carmine, dem eigentlichen Lazzaroniviertel. Die jungen Leute schritten, gut geordnet und geistliche Lieder singend, durch die Menge, und es war unschwer zu bemerken, daß diese wohlgefällig auf sie blickte; manche der umhersitzenden Fischer und Schiffer erhoben sich bei ihrer Annäherung, und nicht Wenige nahmen vor dem geistlichen Gesang ihre Mützen ab. Daß es junge Leute geben könne, bei denen eine beklagenswerthe Unwissenheit in religiöser Erkenntniß zum Vorschein[604] komme, das will ich nicht in Abrede stellen. Ob aber Neapel, oder überhaupt katholische Länder die einzigen seyen, in denen Solches sich wahrnehmen ließe, das wäre erst noch zu erörtern. Abbo Reinhard und ich trafen eines Abends in Puzzuoli mit einem solchen jungen Menschen zusammen. Wir giengen durch die Stadt, in der Absicht, das Amphitheater aufzusuchen, als uns derselbe einige bronzene Götzenbildchen, namentlich einen Priap, als eben aufgefundene Alterthümler zum Verkauf anbot. Ich lachte und sagte zu meinem Begleiter: e cinque cento. Der Knabe, 13 bis 14 Jahre alt, gut gekleidet und mit einer vielversprechenden Physiognomie, welcher das Gepräge einer gewissen Gewandtheit unverkennbar aufgedrückt war, lachte ebenfalls und gestand uns ehrlich, daß die Bildchen weder antik, noch cinque cento, sondern von gestern wären; um ihnen den giallo antico, zu verleihen, brauche man sie nur einige Stunden in die Solfatara zu legen. Er erbot sich nun als Führer zu den Alterthümern Puzzuoli's. Da aber Reinhard mehrmals dort gewesen, glaubte er, das Amphitheater ohne einen solchen zu finden; den Tempel des Serapis hatten wir so eben verlassen. Der Junge mochte merken, daß wir uns nicht auf dem rechten Wege befänden und zog unverzüglich ein Doppelcarlin aus der Tasche, um es als Wette anzubieten, daß wir das Amphitheater nicht finden würden, wobei zur Bedingung gesetzt ward, daß hierüber von beiden Theilen nichts dürfte gesprochen werden. Reinhard nahm die Wette an und ich, als Unbetheiligter, wurde Depositär der Baarschaft. Indem wir so vorschritten, machte ich eine Bemerkung in französischer Sprache; flugs führte der Knabe die Unterhaltung in dieser fort. Dieß machte uns stutzig, und wir fragten ihn, wo er französisch gelernt habe? Per prattica, war die Antwort; er seye Führer der Fremden und so habe er im Umgang mit diesen französisch gelernt; englisch seye verzweifelt schwer, Deutsche kämen selten, die Reisenden beider Nationen bedienten sich gewöhnlich des Französischen, darum wären jene Sprachen ihm unbekannt. Diese Unbefangenheit und das aufgeweckte Wesen[605] des Knaben ergötzte uns, die Wette wurde inzwischen aufgehoben und er zu unserm Wegweiser nach dem Amphitheater bestellt. Nun fieng er an, von dem Serapistempel, von andern alten Tempeln und von den heidnischen Gottheiten zu sprechen, Er zeigte sich eben so bewandert in der Mythologie, als überhaupt in den Merkwürdigkeiten in Puzzuoli's Umgebung; denn als er um die Zeit befragt wurde, in welcher der Monte Nuovo entstanden seye, wußte er genau nicht allein das Jahr, sondern Monat und Tag anzugeben. Mit dem Allem stieg unser Interesse an dem Knaben. Reinhard sagte zu ihm: da du in der alten Mythologie so gut bewandert bist, so laß sehen, was du von christlicher Lehre und dem Katechismus weißt. Da war der schwache Punct getroffen. Ohne die mindeste Verlegenheit zu zeigen, antwortete der Junge: ja davon wüßte er nichts, er habe nie einen Katechismus gesehen, oder Religions-Unterricht erhalten. ? Aber euer Pfarrer, wurde ihm bemerkt, wird doch wohl Christenlehre halten; wie kommt es, daß du nie an dieser Theil genommen hast? ? O, versetzte der Knabe, unser Pfarrer e tanto stupido! Auf die Frage, ob er denn noch nie gebeichtet, noch nie das heil. Sacrament empfangen habe, antwortete er: schon mehrmals. Da zeigte sich aber, daß er über die Bedeutung Beider nur den oberflächlichsten Begriff hatte. Bei weiterem Nachforschen überzeugten wir uns, daß er etwelchen Schulunterricht müsse empfangen haben, denn er konnte, wenn nicht ganz fertig, doch ziemlich leidentlich lesen, versicherte, auch ein wenig schreiben zu können. Dieser Zustand des jungen Menschen, bei sichtlicher Bildungsfähigkeit, gieng uns zu Herzen. Ich bemerkte demselben, daß jene Kenntniß der Mythologie bei seinem Beruf als Fremdenführer ihm allerdings von einigem Nutzen seyn könnte, nicht aber für sein wahres Heil; daß dieses Kenntniß der christlichen Religions-Wahrheiten erfordere, wozu der Katechismus ihm Anleitung geben könne; dieselbe werde seinem Beruf keinen Eintrag thun, seye ihm aber in höherer Beziehung unerläßlich. Er[606] hörte unsere Bemerkungen wenigstens ohne Abneigung an und versprach auf das Anerbieten, ihm einen Katechismus zusenden zu wollen, denselben zu lesen und sich einzuprägen. Wir ließen uns von ihm seinen Tauf- und Geschlechtsnamen angeben, erneuerten beim Scheiden unsere Zusage, gleichwie er das Versprechen, daß er den zu übersendenden Katechismus unfehlbar sich zu Nutz machen wolle. Nach Neapel zurückgekehrt, kaufte ich den Katechismus, welcher durch den kürzlich verstorbenen Erzbischof, den Cardinal Caraccioli, für die Erzdiöcese approbirt war. Mein Freund Reinhard half mir, ein Schreiben an den blos acht Tage vorher eingesetzten Bischof von Puzzuoli verfassen, dem ich von dem Vorfall Nachricht gab, mit der Bitte, den Katechismus dem Knaben zustellen zu wollen. Auch Neapel besitzt ein Collegium della pronaganda fide, am Abhang des Hügels von Capodimonte, auf welchem der königliche Palast liegt und über dessen Rücken der herrliche Park sich ausdehnt. Dasselbe ist gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts durch Matthäus von Ripa, der lange Jahre als Misionär in China sich aufhielt, gestiftet und durch sein Vermögen ausgestattet worden, aber einzig zur Bildung von Chinesen zu Glaubensboten für ihr Land bestimmt. Mein Freund und Landsmann, Abbé Eichholzer, der mit allen bemerklichen Personen Neapels bekannt ist, hatte die Gefälligkeit, mir durch sein Geleite Zutritt in diese Anstalt zu verschaffen. Die Zahl ihrer Zöglinge kann nicht groß seyn, wenn man bedenkt, wie langer Jahre es bedarf, um einen chinesischen Knaben mit der zum katholischen Priester und zum Missionär erforderlichen Bildung und Tüchtigkeit auszustatten, und wenn man die Kosten für einen Jeden, von der Abreise bis zur Rückkehr in sein Land in Anschlag bringt. Man berechnet den Aufwand für jeden Zögling auf 6000 Ducati, daher bei der Beschränktheit der Hülfsmittel nicht auf jedes Jahr einer kommt.[607] Zu der Zeit, in welcher ich in das Collegium eingeführt wurde, befand sich die grössere Anzahl mit ihren Lehrern in Vorlesungen außerhalb des Hauses. Ich traf nur zwei der jüngern und einen sechszigjährigen blinden Priester, ebenfalls Chinese. In der Propaganda zu Rom wird Jedermann die chinesischen Zöglinge an ihrer eigenthümlichen Kopfbildung und an den, von den europäischen so sehr abweichenden Gesichtszügen aus der Mitte aller andern alsbald herausfinden. Was er in ihren Zügen als unverkennbaren Ausdruck des Charakters liest, vorherrschende Gutmüthigkeit und weiche Milde, das zeigt sich hier, übereinstimmend in dem Alten, wie in den Jungen, in ihrem Benehmen, in ihrer Gefälligkeit, selbst in dem Ton ihrer Rede. Sie brachten allerlei Stoffe und Erzeugnisse des Kunstfleisses ihrer Landsleute herbei, insgesammt Belege, in welcher hohen Vollkommenheit in China alle Arbeiten gefertigt werden. Die Seidenzeuge hatten eine Dichtigkeit und einen Farbenglanz, worin sie selbst diejenigen der ausgezeichnetesten Fabriken Europa's übertreffen dürften. Um uns einen Begriff von ihrer Sprache zu geben, las uns der Eine aus einem chinesischen Buch vor, der Andere schrieb mir auf chinesisches Papier und in chinesischen Schriftzügen meinen Namen. Als ich die Zeit, die er dazu brauchte, und den Raum, den die wenigen Worte einnahmen, überschaute, kam es mir zu Sinn, welches Glück bei unserer Preßfreiheit es wäre, wenn wir der chinesischen Schriftzeichen uns bedienen müßten! Darin läge ein wirksames Gegengift gegen diese Pestilenz. Welche Zeit würde nicht zum Schreiben, Setzen, Lesen erfordert; welcher Umfang für die großen französischen Blätter, und vollends für die englischen Zeitungsmonstra! So lange China seine Schriftzüge beibehält, könnte der Kaiser seinem Volk unbedenklich Preßfreiheit gestatten, es bedürfte wenigstens langer Zeit, bis sie demselben die destructiven Lehren bis zur Uebersättigung eingeträufelt, die Wahrheit in Lüge, das Unrecht in Recht verkehrt und Alles wider einander gehetzt hätte. In weiser Vorsicht, damit sie mit ihrer Muttersprache nicht[608] außer Uebung kommen, hält man die Zöglinge von dem Umgang mit Italienern möglichst fern, daher sie in der Sprache derselben höchst unerfahren sind; kaum daß sie von den Dienstboten des Hauses einige Ausdrücke erhaschen. Die Unterrichtssprache ist die lateinische, in dieser muß sich daher Jeder unterhalten, der des Chinesischen unkundig ist. Die Zöglinge wissen sich sehr leicht darin auszudrücken. In einem großen Saal des Hauses befinden sich die Porträte Aller, welche, seit die Stiftung besteht, ihre Ausbildung darin erhalten haben. Weil aber gerade eine Reparatur dieses Theils des Hauses statt fand, waren die Bilder abgenommen, so daß ich sie nicht sehen konnte. Obwohl die Gesammtzahl der daraus hervorgegangenen Glaubensboten nicht sehr groß seyn kann, so finden sich unter derselben dennoch verhältnißmäßig Viele, die Opfer des christlichen Eifers bei Verbreitung des Evangeliums unter ihren Landsleuten geworden sind. Die Anwesenden erzählten uns, es seye vor nicht langem Bericht eingetroffen, daß Einer, der der wenigen Jahren das Haus verlassen, bei der vorjährigen Christenverfolgung in Cochinchina das Leben gelassen habe. Wahrlich, es ist schwer zu entscheiden, wer größere Bewunderung verdient, die Lehrer, die den Herzen der Zöglinge unter so vielen laut sprechenden Zeugnissen, welches zeitliche Loos ihrer warte, dennoch eine solche warme und muthvolle Liebe zu dem Christenthum einstößen können, oder die Zöglinge, welche durch diese Aussicht von dem Glauben und der Bestimmung, zu der sie erzogen werd en, nicht zurückbeben. Wollten es die Philosophen und jene Alle, die so verächtlich auf das christliche Priesterthum herabblicken, doch einmal versuchen, durch ihre noch so bestrebsam vorgetragenen Lehren Aehnliches zu bewirken! Gründliche Kenntnisse, Gelehrsamkeit, Forschungseifer, der an die allgemeinsten, wie an die speciellsten Gegenstände sich[609] macht, sind in Italien ungleich weiter verbreitet, als man sich im Auslande gewöhnlich vorstellt. Beinahe jede bedeutendere Stadt hat ihre gelehrte Gesellschaft, deren Mitglieder sich regelmäßig versammeln und die Ergebnisse ihres Forschens und ihrer wissenschaftlichen Thätigkeit gegenseitig sich mittheilen; wie denn bald nach der Rückkunft an meinen Aufenthaltsort von derjenigen zu Assisi mir die unverdiente Ehre widerfuhr, unter deren Mitglieder aufgenommen zu werden. Sollten zwar die Lieferungen des Preßbengels als Maaßstab der in einem Lande verbreiteten Kenntnisse und der Pflege der Wissenschaften gelten, dann freilich stünde Italien gegen die Länder deutscher Zunge weit zurück. Aber unfehlbar sind jene Lieferungen der unzuverlässigste Maaßstab an sich, sie wären es noch mehr in der versuchten Anwendung auf Italien. Dieß aus zwei Ursachen. Die erste, weil dort nicht Jeder, der einige Blätter geschrieben hat, durch den Kitzel gestachelt wird, mit diesen seine sämmtlichen Sprachgenossen zu behelligen und zugleich seinen Namen auf einem Titelblatt zu lesen; sodann weil der Fabrikationsvertrieb gedruckter Sachen (der Buchhandel) in Italien im Grunde gar nicht organisirt ist, und es weit mehr Mühe kostet, in Neapel dasjenige sich zu verschaffen, was in Rom gedruckt wurde, als hier in Schaffhausen dasjenige, was in Riga herauskommt. Es fehlt auch Neapel nicht an großen Gelehrten, die einen reichen Schatz gründlichen Wissens mit eben so großer Liebenswürdigkeit und Anspruchlosigkeit, als mit jener einnehmenden Anmuth verbinden, welche den Italienern besonders eigen ist. Nicht blos Alters halber, sondern ebensosehr der Vielseitigkeit seiner Kenntnisse wegen, auch darum, weil ich demselben zuerst, schon am Tage nach meiner Ankunft in Neapel, bei Eichholzern begegnete, mag der Abbé Guarini genannt werden. Aus dem beinahe achtzigjährigen Greifen blitzt unter wenig besorgter Aeusserlichkeit und kleiner Statur alle Lebhaftigkeit eines beweglichen Geistes, namentlich aber eine caustische Ader, welche Jedem zuzurufen scheint: gare, â qui me touche! Er schüttelt martialische Epigramme gleichsam aus dem Aermel, und[610] wehe demjenigen, auf welchen er die Pfeile seines vollen Witzes richtet, er zermalmt ihn ebenso gewiß, als sein römisches Vorbild es konnte. Daneben ist er im Umgang der anspruchsloseste und der gemüthlichste Mann, den man finden kann, anbei gesprächig, witzig, lebhaft. Als vormaliger Dominikaner gilt er für einen Theologen, der seines Gleichen suche, ausgezeichnet durch scharfe Dialektik, und ein Thomiste, wie wenige. Derjenige Zweig aber, worin er die entschiedensten Verdienste hat, ist die oscische Sprache, deren Wiederhersteller er mit allem Recht genannt werden darf. Er hat eine Grammatik und ein Wörterbuch derselben und verschiedene Untersuchungen darüber geschrieben, durch die sich sein Ruf weit über Neapel hinaus verbreitete. Ihm zuerst ist es gelungen, die unentzifferbar scheinenden Aufschriften an einzelnen Häusern zu Pompeji, worüber zuvor Manche sich den Kopf zerbrochen hatten, so fertig als richtig zu lesen, wie er denn auch in der Alterthumskunde der ganzen Umgegend durchaus heimisch ist. Bei einer höchst einfachen Lebensweise hat er den beträchtlichsten Theil seiner Einkünfte auf den Druck seiner mancherlei Schriften verwendet, deren Verleger, wozu eben in Neapel Mancher sich genöthigt sieht, er größtentheils selbst ist. Ein deutscher Gelehrter, dem eine derselben die verdiente Meinung über den Verfasser einflößte, äusserte den Wunsch, er möchte Alles besitzen, was er geschrieben, war aber nicht wenig betroffen, als ihm der Abbé Guarini des andern Tages eine halbe Bibliothek in die Herberge sandte. Als Geschichtsforscher kennt das Ausland den Cavaliere Carlo Troja, der in seiner Geschichte von Italien namentlich den Rechtsverhältnissen unter der wechselnden Oberherrlichkeit der verschiedenen nordischen Volker seine Ausmerksamkeit schenkt. Im Fach der Geschichte ist er unbestritten der gründlichste und thätigste Gelehrte Neapels in gegenwärtiger Zeit. ? Die Gesellschaft, welche zu Durchforschung der Archive und Heraus gabe aller urkundlichen Denkmäler des Königreichs sich gebildet hat, darf zu ihren in jeder Beziehung ausgezeichnetsten Mitgliedern den Fürsten Belmonte zählen, dessen Bekanntschaft[611] ich schon in Rom machte. Ihm ist vorzüglich die Aufsuchung und Bearbeitung der Urkunden aus der byzantinischen Kaiserzeit zugefallen, was jeder Kenner für eine Arbeit erachten wird, die ihren Mann fordert. Nicht geringere Kenntniß hinsichtlich des Altgriechischen muß wohl als Herausgeber und Ergänzer mehrerer herkulanensischen Rollen der Oberintendant des bourbonischen Museums, Monsignore Scotti, Erzbischof von Thessalonich, besitzen. Ist seine Gelehrsamkeit groß, so ist seine unbeschreibliche Liebenswürdigkeit noch grösser, und Beiden hält seine Anspruchslosigkeit die Wage, indem er mehrere Bisthümer, zu deren Annahme der König ihn nöthigen wollte, ablehnte, und nur mit Mühe dazu bewogen werden konnte, durch Ertheilung des Titels von Thessalonich zu bischöflicher Würde sich erheben zu lassen. Ich trug eigentlich Bedenken, durch Einwilligung in sein wohlwollendes Anerbieten, die werthvollesten und ausgezeichnetsten Gegen stände der herkulanensischen Alterthümer in eigener Person mir zeigen zu wollen, ihm die kostbare Zeit zu rauben. Durch ihn bin ich auch auf die erwähnte Abhandlung des verstorbenen Fergola aufmerksam gemacht worden; er legte mir das Original derselben vor, und seinem Bemühen verdankte ich am Tage vor meiner Abreife ein Exemplar der Druckschrift. In dankbarer Erinnerung an denselben überraschte mich ein Jahr darauf die Nachricht an seinen unerwarteten Hinscheid um so schmerzlicher. Er war eine edle Seele in der reinsten und vollesten Bedeutung dieses Wortes, ein frommer Priester, wie nur irgend einer, ein Gelehrter, der jedem Lande Ehre gemacht hätte. Wer ihn kannte, durfte ihm ein Have anima candida! von Herzensgrund nachrufen. Unter den Forschern und Kennern der Alterthümer Neapels und der ganzen Gegend nimmt unstreitig der Canonicus de Jorio den ersten Rang ein. Man dürfte sagen, es befinde sich am Posilypp und bis hinaus auf das Cap Miseno kein altes Gemäuer, was er nicht durchforscht, untersucht, zu erklären sich bemüht, kein Stein, den er nicht umgekehrt hätte.[612] Wer in und um Neapel sich umsehen will, dem ist seine Indicazione del pin rimarcabile in Napoli e contorni unentbehrlich. Ueberdem hat er einen Führer durch Pompeji, Untersuchungen über den Serapistempel in Puzzuoli, Nachrichten über die herkulanensischen Ausgrabungen, eine Beleuchtung der Reise des Aeneas in die Unterwelt und die elisäischen Felder nach Virgil, und über manche andere Gegenstände des Alterthums geschrieben. Ich traf den liebenswürdigen Mann heiter und geistreich, obwohl an körperlichen Gebrechen schwer leidend, mitten in einer ausgesuchten, zahlreichen Bibliothek sitzend, und diese gleichsam so in sein Ich verwachsen, daß er einem Bedienten nur die Nummer eines Buches nennen durfte, um dasselbe alsbald vor sich auf dem Tische zu sehen, und mit einem bewundernswerthen Gedächtniß augenblicklich zu finden, worauf er in demselben aufmerksam machen wollte. Es mag wohl kaum ein Gegenstand des Alterthums zur Sprache gebracht werden, worüber er nicht sogleich den klarsten und erschöpfendsten Bescheid zu ertheilen wüßte. Auch als Geistlicher macht er seinem Stand Ehre; wenigstens sind mir seine politisch-moralischen Grundsätze für die christliche Jugend sehr gerühmt worden. Mit ausgezeichneter Belesenheit in den Kirchenvätern der ersten Jahrhunderte hat der Abbé Quadrari in einer Dissertation die alberne Behauptung des bekannten Joseph Potters, in dessen »philosophischer, politischer und kritischer Geschichte des Christenthums und der christlichen Kirchen« widerlegt: als hätte die ursprüngliche Kirche um die Dogmen wenig sich bekümmert, jeder Christ seine besondere Lehre gehabt, und eine solche, die von sämmtlichen Gläubigen anerkannt worden wäre, es gar nicht gegeben. Dogmen, behauptet Potter, wären erst in der Mitte des dritten Jahrhunderts in der Alexandrinischen Schule entstanden und Anfangs bloß Sache der Gelehrten und der Schulen gewesen. Erst zur Zeit und unter Einfluß Constantins habe jene Gleichgültigkeit in Betreff der Dogmen aufgehört. Diese Behauptung müßte für das System des[613] Biographen des Bischofs zu Pistoja und für die Folgerungen, die er seinen Zwecken gemäß daraus ableiten konnte, zu reichhaltig seyn, als daß er nicht jene aller Begründung ermangelnde Meinung besonders ins Licht gestellt hätte. Sie ist ganz geeignet, unwissende oder oberflächliche Leute zu berücken. Aber Abbé Quadrari hat die völlige Haltlosigkeit derselben schlagend nachgewiesen. ? Ich erwähne dessen bloß als eines Beleges, daß es in Neapel nicht an Männern fehle, welche auf die Erscheinungen der neuern Literatur ein aufmerksames Auge haben und hinreichende wissen schaftliche Bildung besitzen, um, mit dieser ausgerüstet, wider die schönrednerische Flachheit aufzutreten. Das hätte ich kaum erwarten dürfen, in Neapel Karrikaturen auf die Aargauischen Unthaten vom Jahr 1841 zu begegnen. Es sind mir deren drei mitgetheilt worden, jede mit einem beißenden Epigramm des alten Guarini versehen. Die schneidendste ist diejenige, welche die Uebergabe des neuen Bundesvertrages zu Aarau in feyerlichem Zuge darstellt. Auf einem Lehnsessel, in großem Staatscostüm, die Füße auf einem Kissen, umgeben von den Satrapen der Macht in Thiergestalten und überragt von dem Bajazzo, der auf der Schellenkappe die Innschrift trägt: l'elat c'est moi, sitzt der Großgebietiger Waller; ein immenser Roßkopf auf einem schmächtigen Husarenleiblein an seiner Seite dürfte Aargau's ruhmfunkelnden Marschall vorstellen, ein anderer Thierkopf, aus schlächterähnlichem Gewande herausragend, die mit Oel und Eisen gewerbende neusolothurner Audacität; gesinnungsverwandte Gebietiger anderer Cantone, Candidaten der vollziehenden Gewalt einer neuen Helvetik könnten hinter den übrigen Ungethümen versteckt seyn. Schlichte, einfache und ehrliche Leute, neben Schalksgesichtern und Thierphysiognomien, diese aus den Fenstern des Rathhauses blickend, schauen dem Zug zu. Denselben[614] eröffnet eine Musikbande nackter Faunen, welchen weder Hörner noch Schweife fehlen. Ihnen folgt der Staatskanzler mit der besiegelten neuen Bundesurkunde, auf deren Einband die Zahl XII zeigt, daß in ihr dieser leidige und lästige Artikel nicht mehr enthalten seye. Ihr unmittelbar folgt ein Mensch, halb als Bär gekleidet, die Hand der Gerechtigkeit tragend, die er nie gekannt. An seinem hochmüthigen Auftreten erkennt man die bandfabricirende Excellenz von Neubern, und das demüthig nachwedelnde Hündlein trägt auf einem Täfelchen in der Schnauze den eigenen Namen »Baselland« zur Schau. Nächstdem erscheint mit hervorragender Halskrause und Collier grec, den gebrochenen Krummstab und die gestohlene Insel der Propstei von St. Ursus und Victor unter dem Arm, einer der Autokratoren Solothurns, ihm nach der Gefährte, (Repräsentant des Volkes) in zerlumptem Mantel und zerrissenen Strümpfen. Als schmächtiger Franzose, mit der Brille auf dem hageren Gesicht und mit Tanzschuhen an den spindlichten Beinen, einen Esel, von dem mit allen Emblemen des Freimaurerthums gezierten Mantel umwallt, am Arm führend, schreitet Waat einher, das zu jener Zeit merkwürdig janusköpfige Genf hinter ihm, das martialische Jungschweizergesicht der heilbringenden Bundesurkunde, das süßlichte des ancien regime einem einfältigen Tropfen zugekehrt, der mit verbundenen Augen nachtappt. Nach diesem tritt Tessins Espartero auf, der glückhafte Blutmensch Luvini, welchem unheimlich Nessi's Schatten sich ankrammt und von dem Begleiter in blutbeflecktem Mantel ihn trennt; aber zwischen dem Vertreter Tessins und der belästigenden Schattengestalt erhebt sich über des erstern Haupt, züngelnd und ringelnd, ein Drache. Mit Bäffchen, Prädicantenmäntelchen und Brille, dem Zeichen emsigen Bücherlesens, schreitet in pedantischer Bedächtlichkeit das behutsam abwägende Zürich daher; es trägt wirklich die Wage in der Hand, da aber die Schale mit dem Capuciner von derjenigen, in welcher der Diener des Worts sitzt, in die Höhe getrieben wird, schließt es mit seelenwonnigem Blicke dem Zuge sich an. St. Gallen[615] hat einen Schnurrbart und ein martialisches Gesicht, muß aber des Stelzfußes wegen, dieweil der andere Fuß zu dem Feyerzug nicht sich einfinden mag, einer Krücke sich bedienen. Schaffhausen oder Glarus (der Componist hat vielleicht das Ptar nobile fratrum unter ein Bild gefaßt) ist, um nachhumpeln zu können, sogar zweyer Krücken und darüberhin noch eines Stockes bedürftig, und hat ausserdem an seinem Kopf den letzten Ausdruck menschlicher Physiognomie eingebüßt. Bünden dagegen hätte diese bewahrt, selbst eine Soldatenuniform gerettet, aber das eine Auge desselben ist noch durch die katholische Binde der Gerechtigkeit und Bundestreue verhüllt. Den Zug schließt in alter Schweizertracht, doch mit neumodigem Militärhut geziert, eine Karbatsche in der Hand, und auf dem dreiköpfigen Höllenhund reitend, anbei einen höchst vergnüglichen Blick auf die Voranschreitenden werfend ? Mephistopheles. In der Mitte zwischen den Zuschauern und dem Zuge sitzt ruhig, Alles überschauend, halb Wolf, halb Fuchs, der Gott sey bei uns. Die Ahnung einer gewissen Gleichheit aller Menschen ruht, durch die Einen minder erkannt, bei den Andern klarer in das Bewußtseyn hinaustretend, in der Brust beinahe eines jeden Einzelnen. Sowohl diejenigen, welche in den Gesammtzuständen eine göttliche Weltordnung verehren, dabei in allen Sonderverhältnissen, somit auch in Bezug auf die ihrigen, und dieß nicht minder an sich, denn hinsichtlich der Beziehung derselben zu Allem, was um sie her ist, einer göttlichen Leitung in demuthsvoller Unterwerfung huldigen, als ihrerseits diejenigen, welche in dem Menschengeschlecht nichts weiter erkennen, denn einen auf dem Erdenrund umherkrabbelnden Atomenhaufen, legen auf Anerkennung dieser Gleichheit ein großes Gewicht.[616] Beide mit Recht. Aber bei jenen hat dieselbe einen dynamischen Gehalt, diese möchten ihr mehr oder weniger eine materialistische Realität geben. Bei jenen wurzelt sie in der unzertrennbaren Verbindung des Menschengeschlechts mit Gott, dem Schöpfer, Erlöser und Heiligmacher, bei diesen wird sie unvermeidliches Ergebniß der immer weiter gehenden Abtrennung von Gott. Jenen ist zu deren Annahme volle Berechtigung von oben gegeben; sie ist ihnen gegeben in wankelloser Anerkennung der Stellung der Menschen als Kinder eines gemeinsamen Vaters, der gleichen Bestimmung Aller unter den mannigfaltigsten äußern, niemals aber zufälligen Formen; sie ist ihnen ferner gegeben in richtiger Würdigung ihres in Beziehung zu dem obersten Richter vollkommen gleichen Werthes bei treuer Pflichterfüllung unter weitreichenden, wie unter geringfügigen Obliegenheiten und des für Jeden bereitstehenden gleichen Erbes. Die Andern schaffen sich eine Berechtigung dazu mittelst ihrer Theoreme, ihrer selbstersonnenen Ideale, ihres nackt materialistischen Ausganges und Zieles, und fordern, wenn sie es dahin bringen können, unbedingte Anerkennung ihrer Gültigkeit mittelst Zerstörung, Zwang und Gewaltthat. Indem die Einen die von Gott ausgehende Gleichheit anerkennen, lehren und verkünden, erhalten und festigen sie die gesellschaftliche Ordnung und durchdringen sie die menschlichen Gemüther mit frommer Ergebung in höhere Fügung, mit heiterer Ruhe und Zufriedenheit; während die Herolde der andern Gleichheit zu einiger Verwirklichung derselben nur durch den Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung gelangen könnten, jedenfalls, um ihr nahe zu kommen, alle dämonischen Leidenschaften des menschlichen Herzens in Mißvergnügen, Neid und zügellosen Begierden aufstacheln müssen. Das Wesen jener wahren, weil vor Gott gültigen Gleichheit kann nicht würdiger und richtiger bezeichnet werden, als durch die Worte, welche der in allen Beziehungen so vortreffliche, aber von den Jesuitenfeinden bitter gehaßte Dauphin, Sohn Ludwigs XV und Vater jener drei letzten Könige von[617] Frankreich, welche die Benennung »allerchristlichste« für ihre Zierde hielten, an diese noch als Kinder richtete. Er hatte nemlich dieselben in die Taufregister seiner Pfarrkirche, mitten unter allen andern Neugebornen, je nach dem Zeitpuncte ihrer Geburt, einschreiben lassen, und sie bisweilen hieran erinnert: »Da stehen,« sagte er zu ihnen, »euere Namen, untermischt unter diejenigen alles Volkes. Hieraus mögt ihr lernen, daß der Vorrang, dessen ihr geniesset, nicht an euere Natur sich knüpfe, denn dieser gemäß sind alle Menschen gleich. Eine wahre Verschiedenheit wird nur durch Tugend begründet. Wie leicht kann nicht das Kind eines Armen, dessen Name auf dem Verzeichniß dem eurigen nachsteht, vor Gottes Augen größer seyn, als ihr in denjenigen des Volkes es je seyn werdet.« Diese Idee der Gleichheit hat durch die Menschen zu mancher Zeit auf verschiedenen Wegen in die Wirklichkeit eingeführt werden wollen; wie sehr sie aber auf denselben sich abmühen, sie wälzen doch nur den Stein des Sisyphus. Wären sie durch das Blendwerk ihrer selbstgeschaffenen Ideale nicht berückt, so würden sie sich längst überzeugt haben, daß alle jene Wege, und wie viele derselben noch mögen ersonnen werden, nimmermehr zum Ziele führen können. Die Einen haben das Menschengeschlecht in jenes mißgestaltete Traumbild unter wildem Sturm hineinzurasen sich unterwunden, ohne in ihrem Tollsinn zu ahnen, daß sie vorerst die ganze Natur umkehren müßten. Wohl hatte es ihnen gelingen mögen, ihrem Phantom zu lieb die Thürme des Straßburgermünsters, damit sie nicht ferner so unbefugt in den blauen Himmel hinausragten, auf die Höhe gewöhnlicher Hausdächer zu erniedrigen; aber die physische, die intellectuelle, die moralische Natur, ja selbst die ihrem eigenen Gang überlassenen gesellschaftlichen Verhältnisse hätten wider ihr eitles Bemühen Tag für Tag Widerspruch eingelegt. Und wo es ihnen auch theilweise gelungen ist, diese Gleichheit scheinbar aufzustellen, der Versuch hat der That nach in das Entgegengesetzte umgeschlagen. Sie haben zwar wohl, was gesellschaftlich höher stand, tiefer herabgedrückt; aber, was tiefer stand,[618] emporzuheben, dazu war ihre Fähigkeit unzureichend, all ihr Thun und Treiben fruchtlos. Dem lächerlichen Eisern wider »Vorrechte« ist es zwar wohl gelungen, diejenigen, welche rechtmässig solche befassen, bis auf einen gewissen Grad derselben zu berauben; dagegen sind mit dem Raub Andere bekleidet worden, welche unter der Larve der Gleichheit dieselben thatsächlich und ungleich drückender üben, als Jene pflegten. So wurden zwar die Befugnisse der höher Gestellten manchen Orts vernichtet, aber die Natur der Dinge hat alsbald andere geschaffen, und die ohnmächtigen Herausforderer der göttlichen Ordnung haben es nicht weiter zu bringen gewußt, als mit dem Raub, jedoch in schreyendern Farben, die Nackten zu bekleiden, über das anmaßliche Gebaren, womit die maulfertige Menge darin sich spreizt, eine Zeitlang mit Samielsblicken zu kichern, und an die Stelle einer Aristokratie eine Kakistokratie zu stellen, wo Optimaten sonst walteten, nachher Pessimaten reichsnen zu lassen. Andere haben einen minder gewaltsamen, aber eben so wenig zum Ziele führenden Weg eingeschlagen. Sie bemühen sich, nicht allein durch äussere Abzeichen für die Stunden des Beisammenseyns, durch angelernte und alsdann in Anwendung gebrachte Formeln eine scheinbare Gleichheit sichtlich darzustellen, sondern vornehmlich durch bereitwilliges Aufgeben aller entschieden ausgeprägten und in das Leben eintretenden Gestaltungen einer höhern Ueberzeugung, in allgemeiner Gleichgültigkeit gegen solche und in matter Genügsamkeit mit demjenigen, was für den alltäglichen gemeinen Lebensverkehr ausreicht, eine innere Gleichheit flacher Princips- und Gemüthsarmuth hervorzurufen, und eine Verwirklichung der äussern hiedurch allmählig anzubahnen. Es sollte fortan nur eine allgemeine Menschheit geben, in wonneseliger Ekstase für diese ein Jeder für nichts weiter, als für ein Stäubchen dieses Atomenhausens sich hatten, ihrem höchstem Ideal gemäß ohne jede andere Gliederung, als wie sie für das Innere der geheimen Verbrüderung festgesetzt worden, darüberhin ohne anderes höheres Gesetz, als wie[619] jede Individualität es für sich selbst aufzustellen für gut finden möge. Allein längst vor jenen Stürmern und vor diesen Schleichern ist Gleichheit, in wie weit dieselbe auf Erden verwirklicht werden kann und darf, ins Leben eingeführt worden durch die Kirche, und zwar auf die mannigfaltigste Weise, in den vielartigsten Formen. Wäre man nicht so arg in den Wahn verstrickt, alles wahrhaft Grosse, Preiswürdige und Gedeihen Verbürgende wäre eigentlich am sichersten ausser der Kirche, ja selbst im Gegensatz gegen dieselbe zu suchen; wollte man sich lediglich herbeilassen, so unendlich Vieles, was durch sie geordnet und gefördert wird, bloß mit offenenem Auge anzublikken, mit hellem Verstand zu prüfen, so könnte man sich bald überzeugen, daß sie vollkommen genügend gewähre, was man auf anderem Wege vergeblich anzustreben, durch andere Mittel umsonst zu erreichen sich bemühe; daß sie im Frieden und unter ordnungsgemäßem Gang in vollem Maaße zu Stande bringe, was unter Sturm und Zerrüttung, bei einem von ihr abgekehrten Richtung nur höchst unvollständig sich erreichen lasse; daß sie darüberhin Allem eine höhere Weihe ertheile, es in ganz andere, als bloß menschliche, irdische und zeitliche Beziehung setze. Die Natur der Dinge, die durch das ganze Menschengeschlecht sich durchziehende und von demselben unzertrennliche Ordnung läßt den menschlichen Gleichmachern zu scheinbarer Erreichung ihres Zweckes durchaus kein anderes Mittel übrig, als dasjenige: das Hohe zu erniedrigen, das Hinaufragende zu verkürzen. Und wo etwa Solches ihnen gelungen ist, da sieht man aus ihrem Jubel und aus allen ihren nachfolgenden Schritten, daß ihnen dieses vollkommen genügte, ja daß sie, welches sonst ihr Vorgeben seyn möge, weiter nichts zu erreichen entweder hofften, oder sich vorsetzten. Eine allgemeine Freiheit, von der so viel Bombast gemacht wird, ins Daseyn zu rufen, liegt ausser dem Bereich ihrer Kräfte, höchstens eine allgemeine Knechtschaft können sie bewerkstelligen. In Beziehung[620] auf allgemeine Gleichheit aber bringen sie es nur zum Niedertreten in den gleichen Schlamm; so wie es hinsichtlich des Besitzes ihnen einzig möglich werden könnte, eine ähnliche Armuth, niemals aber eine gleiche Behäbigkeit zu erzielen. Denn, so wie sie nur materielle Zwecke haben, so stehen ihnen auch bloß mechanische Mittel zu Gebote. Da sind denn die Mittel, Zwecke und Erfolge der Kirche nicht allein durchaus andere, sondern geradezu entgegengesetzte. Die Kirche (und ihr allein nur sind hiezu die Kräfte und die Hülfsmittel gegeben, nicht von ihr an sich gerissen), die Kirche hebt die Menschen zu gleicher Höhe empor, spricht ihnen die gleiche Würde zu, setzt sie zu demjenigen, der über Alle unendlich erhaben ist, in gleiche Beziehung, und macht dieses Alles nicht von den äussern Verhältnissen, sondern von der, Allen gleich sich darbietenden Gnade Gottes und der selbsteigenen Annahnte derselben abhängig. Die Kirche allein darf, ohne Besorgniß mißverstanden zu werden, oder zu frevelhafter Anwendung Veranlassung zu geben, dem Fürsten ankündigen: ob er vor den Augen des Alles Ordnenden und Alles Richtenden ebensoviel gelten wolle, als von seinen Unterthanen einer der Geringsten, das hänge von ihm ab; diesem aber: auf ein strahlenderes Diadem, als das von Edelgesteinen funkelnde seines Herrschers, seye auch ihm das Anrecht eingeräumt, und gleichen Werth habe er vor demjenigen, welcher in Knechtsgestalt gekommen seye, um ohne Unterschied Alle zu sich einzuladen, wie der in Purpur Geborne. Und dieses einzige Organ der wahrhaft freyen, aber weder das Hohe besudelnden, noch das Niedrige aufstachelnden Rede möchtet ihr beseitigen, um eure lästernden Schmutzblätter, oder eure perfiden Zersezzungsinstrumente an deren Stelle zu bringen! Und die reine Jungfrau, die einzige, welche ohne Verlust ihrer Jungfrauschaft solche kräftige Kinder gebären kann, möchtet ihr schwächen, daß sie eine Bastardenbrut würfe, bloß dazu tüchtig, rings um eure Kanzleyen und Polizeiwachtstuben den Staub zu lekken! Und wo je bei solch ungewohnter Rede ? Dank eurem[621] vierzigjährigen, treufleißigen Scharwerken ? euer Ohr erbebte, wolltet ihr zusammenlaufen und schlotternd und grinsend rufen: habt ihr sie gehört die ungebührliche, die anmäßliche Stimme der Kirche? Ziehet sie straffer an die Bande! Ob aber pflichtgemäß die Kirche jener Befugniß des freyen Wortes gegen Alle und nach eines Jeden besonderer Stellung zu der Gesammtheit solcher Rede sich unterziehe, sie greift dabei in die realen Zustände nicht nur nicht ein, sondern sie lehrt allgemeine Anerkennung und Achtung derselben als eines, wie Alles, von Gott Gesetzten und Geordneten. Indeß eröffnet sie auch für die wirkliche äussere Gleichheit den Weg, aber einen offenen, rechtmässigen, friedlichen, heilbringenden; zwar nicht für eine Gleichheit, die jeglichen Unterschied aufheben will, aber für eine Gleichheit des Weges und des Zieles. Ihre Laufbahn ist einzig dem geistig, sittlich und körperlich Gebrechlichen verschlossen; kein Erforderniß der Herkunft oder der bloß weltlichen Verhältnisse wird von demjenigen verlangt, der dieselbe betreten will. Der Sprößling des Fürstenhauses hat kein grösseres Anrecht an die erhabenste Stufe in der Kirche, als das Kind des armen Taglöhners; sie beruft in ihren obersten Rath neben den Königssöhnen diejenigen des schlichten Landmannes; sie setzt auf ihre Bischofsstühle den vormaligen Schüler, dem in seiner Jugend die Charitas um Gotteswillen das tägliche Brod reichte, und nimmt in die ärmliche Capucinercelle denjenigen auf, dessen Jugend in dem väterlichen Palast aller Erdenglanz umrauschte; der Schleyer weiht das Hirtenmädchen zur Schwester der Fürstentochter, und unter Entbehrung und geheiligter Pflichterfüllung hat diese vor jenem nichts voraus, als das Bewußtseyn grösserer Verzichtleistung. In ihrer Stellvertretung dessen, der sie gesetzt hat, vernimmt und verwirklicht die Kirche, damit es ein fortan gültiges seye, das Wort des königlichen Propheten: »Der von der Erde den Dürftigen erhebt und aus dem Staube den Armen aufrichtet, daß er ihn neben die Fürsten setze, neben die Fürsten des Volkes.« Wo ist eine Laufbahn, wie diejenige der Kirche, auf[622] welcher, für einmal nur das Irdische und vor Menschen Geltende ins Auge gefaßt, Herkunft, Talent, Fleiß, Wissen, Frömmigkeit, Demuth in vollkommen gleicher Berechtigung mit einander wetteifern mögen; in welcher jetzt der empfangene, jetzt der erworbene innere Vorzug äussern und gesellschaftlichen sich beilegen kann? Meint ihr aber, von Gleichheit seye dann nur zu sprechen, wenn es überhaupt keine in die Augen fallenden Vorzüge mehr gebe, wenn alles Höhere auf den Spiegel gemeinsamer Niederung zurückgeführt werde? Dieses Problem hat die Kirche ebenfalls gelöst; ihr allein wohnt die Kraft inne, nicht nur friedlich, sondern in gedoppelter Segenswirkung auch dieses zu lösen. Hiezu aber bedarf sie nicht des Pesthauches eines Wohlfahrtsausschusses, nicht der Wucht agrarischer Gesetze, nicht der Gräuel von Proscriptionen, nicht allgemeinen Brandes mittelst Baboeuf'scher Doctrinen; sie löst es friedlich, in freyer, in freudiger Zustimmung Aller, welche die hohe Bedeutung seiner Lösung erkennen; sie löst es durch den Lebensodem, der von ihr ausgeht, den wir Charitas nennen. Diese ist das innere, vergeistigende Element jener Menschenbrüderschaft, die ihren Anknüpfspunct und ihr Vorbild in dem Allerhabenen sindet, von dem uns zum Trost und zur Erhebung gesagt wird, »daß er sich nicht schäme, unser Bruder zu heissen.« Gehe zu Rom in der heiligen Woche in die weiten Säle von Trinita dei Pellegrini, wo die Pilger der ganzen Welt in Schaaren sich drängen. Du siehst dort Gestalten in gleichmässigem Gewande; wie die Dienerschaft eines hochbegüterten Hausherrn sind sie um diejenigen, welche es in heiliger Zeit nach den heiligen Stätten zieht, beschäftigt, die Füße ihnen zu waschen und zu trocknen, die Gerichte ihnen zu auftragen, bei Tisch sie zu bedienen. Sind es Bestellte des Hauses, denen solche Sorge obliegt? Ja, es ist die Dienerschaft des Herrn aller Herrn, der hier in seiner Wohnung Gäste beherbergt; in ihrer Verrichtung tragen sie ein und dasselbe Gewand, sind sie Alle vollkommen sich gleich. Draussen aber schmückt den[623] Einen der Purpur, indeß der Andere bescheiden in seinem Schurzfell durch die Straßen wandelt; dieser trägt den Fürstenhut, jener erscheint morgen vielleicht als Taglöhner an dessen Palast. So findest du in ähnlicher Gleichstellung zum Werke christlicher Liebe die »Brüder des heiligen Johannes des Enthaupteten,« welche den zum Tode Verurtheilten im Gefängniß besuchen, in seiner zweifachen Angst ihn trösten, durch mildernde Theilnahme den schweren Gang zur Richtstätte ihm erleichtern, und durch gesammelte Almosen in den Straßen so seiner Seele, als seiner Hinterlassenen gedenken. Gehe nach Florenz! Auch dort findest du Priester und Layen, Vornehme und Geringe, in vollkommen äusserer Gleichstellung als Fratelli della misericordia zu verwandtent Liebesdienst geeinigt, um nemlich in stets bereiter Hülfserweisung jedem plötzlich Verunglückten beizustehen. Gehe in andere Städte, du wirst von Aehnlichem erfahren; z. B. zum Zwecke, Verstorbene zu beerdigen, aber nicht, wie dieß anderwärts verstanden wird, einzig um den entseelten Leichnam zu seiner Grabesstätte zu tragen, sondern ebensosehr zu erfüllen, was die christliche Liebe durch den christlichen Glauben für die abgeschiedene Seele des Miterlösten zu thun ermahnt wird. Was immer die Menschen versuchen mögen, um die, ihrem Gesammtdaseyn unvertilglich aufgedrückte unendliche Verschiedenheit auszugleichen, auf friedlichem Wege werden sie es kaum zum leisen Schein der Möglichkeit, auf gewaltsamem nur unter empörenden Freveln auf bloß flüchtige Augenblicke zu Stande bringen; in wie weit es erreichbar, läßt sich einzig durch die Kirche bewerkstelligen, und durch sie deßwegen allein, weil sie es nur zum Mittel von Zwecken macht, die alles Irdische überragen. Ich habe zu Rom manchmal am späten, Abende Züge von Singenden unter meinen Festern vorüberwandeln gehört, und[624] wenn ich schaute, was es wäre, sah ich eine grössere oder kleinere Zahl junger Leute, von einem oder zwei ältern begleitet. Der Gesang selbst konnte nicht aus Fenster locken, nur die Neugierde vermochte es. Doch war zu vernehmen, daß es nicht weltliche Weisen seyen, welche sie sangen, der kirchliche Klang war unter aller Mißtönigkeit nicht zu verkennen. Ich erfuhr nachher, es wären dieses junge Leute, welche eine Nachtschule besuchten, und immer auf solche Weise unter Aufsicht nach Hause giengen; mittelst dieser Fürsorge werde das Herumschwärmen auf der Strasse und alle Anwandlung zu Unfug am sichersten verhütet. Da, wo über das Schulwesen am redseligsten geschrieben, und, wenn irgendwo eine derartige Schule zu Stande kommt, über diese abermalige Berücksichtigung eines dringlichen Volksbedürfnisses entweder Weihrauch mit vollen Händen in das Becken geworfen wird, oder sonst des Lobes und Preises kein Ende ist, begnügt man sich, daß die Schule bestehe, ohne zu ahnen, daß dieselbe oft nur der Ausgangspunct für manche Rohheit und Unsittlichkeit seye, und ebne auf Mittel, wie diesem könne vorgebeugt werden, zu sinnen, oder solche ausfindig zu machen. Hier aber in Rom, welches man sich so gerne in allen Dingen weit zurückstehend denkt, beschränkt man sich nicht darauf, der armen Jugend Gelegenheit zu verschaffen, einige nothwendige Fertigkeit zu erlangen, sondern man bemüht sich zugleich, darauf Bedacht zu nehmen, daß nicht auf der einen Seite Gutes erzielt, auf der andern aber weit Schlimmeres befördert werde. Man gefällt sich darin, Italien, den Kirchenstaat zuvörderst, als ein Land zu denken, in welchem alle Aufmerksamkeit nur der Kirche zugewendet, aller Werth nur auf deren Besuch und auf Feste in derselben gelegt seye, selbst auf die nothdürftigste Bildung der untern Classen durchaus Niemand Bedacht nehme, dieß gänzlich dem Zufall überlassen bleibe. Wer aber da und dort über dergleichen Dinge Nachfrage halten, wer in Bezug auf Rom in der zweiten Auflage der aus den gründlichsten Nachforschungen und den bewährtesten Quellen hervorgegangenen[625] Schrift des Prälaten Morichini, jetzigen Nuntius zu München, degl' istituti di publica caritá ed istruzione primaria e delle prigioni in Roma, sich umsehen will, der wird auch hierüber bald zu einer andern Ueberzeugung gelangen. Freilich eine Sache findet man in ganz Italien, eine andere aber in Rom durchweg nicht: zunächst hat man dort keinen Begriff von einer Schule, die wider die Kirche sich erhebt, von Schulmeister-Seminarien, die durch ihre Zöglinge, wenn nicht Zweifel, so doch Gleichgültigkeit gegen höhere Wahrheiten, gegen die Satzungen, Vorschriften und Uebungen der Kirche unter dem Volk verbreiten, wenn nicht sollen, so doch unabwendbar werden; die den Wahn nähren, die Kirche seye nur für die alten Weiber vorhanden, die von ihr getrennte Schule dagegen der reine Quell, aus welchem der frische, kräftige Lebenssaft durch alle Adern des Volkes rinne. Da hört man nicht die Sprache, die ich so hundertmal von Landleuten gehört habe, die damit bloß etwas ganz Natürliches und von selbst sich Verstehendes auszudrücken meinten: »wenn mein Kind in der Schule nur schreiben und rechnen lernt, damit ist der Zweck erfüllt;« gleich als ob dasjenige, was auf das Christenthum Bezug hätte und was damals reglementarisch noch Hauptsache der Schule war, so viel als keiner Beachtung werth wäre. Das Andere, was wenigstens im südlichen Italien nicht gefunden wird, ist der Schulzwang, der in manchen Ländern mit einer so rücksichtslosen Härte durchgeführt wird, daß er die ehevorige Leibeigenschaft nicht allein in dieser, sondern in seiner Ausdehnung weit übertrifft. Und zwar sehen wir denselben in dem Maaße steigen, in welchem die Schulen der blossen Staatsbotmässigkeit unterworfen und der ausschließlichen Leitung derjenigen überlassen werden, die, unter möglichster Beseitigung jedes religiösen Elementes, nichts weiter als eine sogenannte Menschheit, aber eine ihren Zwecken dienstbare Menschheit heranziehen möchten; die längst das Crucifix an der Wand aus den Schulen verbannt haben, um ein Emblem sogenannter Geistesentfeßlung an dieselbe zu hängen, und die[626] Kinderkehlen für das: »Laßt uns ihr Brüder« geeigneter finden, als für das Ave Maria. In Roms niedern Schulen lernen die Kinder zwar auch lesen und schreiben; aber, da die Anstalten insgesammt unter der unmittelbaren Aufsicht und Leitung der Kirche stehen, größtenthens aus dieser hervorgegangen sind, mithin derselbe Geist, der durch diese weht, auch in ihnen angefacht und genährt wer den soll, wird in ihnen die vielgepriesene Verstandesentwicklung, die nur allzuhäufig in mechanische Abrichterei umschlägt, und welche diesseits der Alpen so viel Geredes veranlaßt, der religiösen und moralischen Bildung untergeordnet. Der vorherrschende Standpunct, von dem aus die Schulen beurtheilt und gewürdigt werden, ist derjenige, daß sie Pflanzstätten des Christenthums und zwar desjenigen Christenthums seyen, wie die katholische Kirche dasselbe lehrt und übt. Deßwegen wird nicht ausschließlich nach der Tüchtigkeit des Lehrers zur Mittheilung jener Kunstfertigkeiten gefragt, sondern ebensogroße Aufmerksamkeit seiner sittlichen Befähigung zugewendet; wie z. B. auf der Insel Sardinien (gleichwie in dem schweizerischen Canton Freiburg) als solcher Keiner kann angestellt werden, ohne daß er hierüber ein Zeugniß des Erzbischofs vorlegte, und dieses selbst jedes Jahr aufs neue sich beglaubigen ließe. Seit Joseph Casalanza im Jahr 1597 die »Väter der frommen Schulen« gestiftet, hat es weder zu Rom, noch im Kirchenstaat an Schulen für die untern Volksklassen gefehlt, und die Päpste haben vielfach auf dieselben ihr Augenmerk gerichtet, durch Erlasse und materielles Beistehen ihrer sich angenommen. Diese Vater unterrichteten im Jahr 1840 ohngefahr 15,000 Kinder beiderlei Geschlechts. Neben dem, was in vielfacher Weise von der Kirche ausgeht, wird durch die Privatwohlthätigkeit für Armenschulen, für Kleinkinderschulen u. dgl. Vieles gethan. So gründete im Jahr 1826 der Fürst Massimo eine Schule für 64 arme Kinder mit einer Lehrerbesoldung von 150 Scudi; eine andere wurde dreizehn Jahre später durch die Fürstin Borghese (wie denn dieser Name an[627] Alles, was zu Rom christlich Wohlthätiges gewirkt wird, unzertrennlich sich knüpft) gestiftet. In der Regel begnügt sich die christliche Liebe nicht mit der einmal ausgeworfenen Gabe, sondern es ist, als legte sie mit derselben zugleich die Verpflichtung sich auf, in fortwährender Obsorge zu wachen, daß der gepflanzte Baum seine reichlichen und gesunden Früchte trage. Dann bestehen Klosterschulen, d. h. nicht einzig bloß solche, wobei junge Leute zur Erziehung in die Gotteshäuser aufgenommen, sondern die von armen Kindern besucht werden. Die Frauen des kleinen Klösterleins von San Giuseppe am Campo Vaccino (meistens französische Nonnen) führten mich in die ihrige, in welcher etwa dreissig Kinder, augenfällig ganz armen Eltern angehörend, im Lesen, Schreiben, Stricken unterrichtet werden. Auch da trat mir das schöne Bild der Ruhe, Ordnung, Sittsamkeit und des Folgens auf den bloßen Wink der Lehrerin entgegen. Es kann sein, daß nicht überall auf den Dörfern regelmässig geordnete Schulen bestehen. Aber man hat mich versichert, daß auch da manchen Orts die freiwillige Liebe ersetze, was das organisirende Gesetz ausser Acht lasse. Manchmal seye es der Pfarrer des Orts, welcher auf solche Weise einen Theil seiner Muße zum Besten der heranwachsenden Pfarrkinder verwende. Mehr als ein fähiger Knabe habe auf solche Weise eine Vorbildung erhalten, wodurch er in den Stand seye gesetzt worden, in eine höhere Schule, in eine der zahlreichen Lehranstalten Aufnahme zu finden, und damit eine ehrenvolle Laufbahn zu betreten. Wir finden in allen Ländern deutscher Zunge Schulgesetze, Schulorganisationen, Schulvorschriften, Schulbehörden, Schulberathungen, Schulstrafen, Schulprämien, Schulzeitungen, Schulbücher, Schulmittel in Hülle und Fülle, also daß wir ein wahres Schulvolk können genannt werden, und meinen, wie die seligen Götter auf das ärmliche Treiben der Sterblichen in stolzem Wohlbehagen, so aus unserm Schul Olymp auf die bodenlose Schul-Misere anderer Lander und Völker herabschauen zu[628] können. Wir haben Recht, sofern es auf's Gesetzgeben, Zwingen, Rathen, Schreiben, Reden, Drucken und Lesen ankömmt. Wie steht es aber, wenn man nach dem Handeln, Eingreifen, Fürsorgen fragt? Welche Seitenbilder haben wir in dieser Beziehung neben denjenigen aufzustellen, welche Mittermaier in seinen italienischen Zuständen anführt? Wo sind die Seitenbilder z. B zu jener Gräfin Tornielli Bellini zu Novara, welche im Jahr 1833 zu Gründung eines Instituts, um Knaben und Mädchen theoretisch und praktisch in Gewerben zu unterrichten, 400,000 Lire hergegeben hat; zu jenem Falliola in Mailand, der 50,000 Lire zu Gründung einer Knabenschule auf einmal beitrug; zu jenen wenig wohlhabenden Landleuten, die eine nicht viel geringere Summe zu Stiftung einer Schule an der großen Seidenfabrik zu Aglie, auf der Insel Sardinien, in kurzer Zeit zusammenbrachten? Reden und Thun, man sieht es auch hier, sind zweyerlei Dinge. Wie aber der Sinn ächt christlicher Wohlthätigkeit nur durch die Kirche angeregt wird. so wird er in seiner schönsten Wirksamkeit erhalten einzig durch dasjenige, was zu derselben in der engsten Beziehung steht. Ich sage nichts Unbegründetes, wenn ich die Charitas den Lebenshauch der katholischen Kirche nenne, der, von ihr ausströmend, alle ihre wahren Glieder durchdringt. Dieselbe ist eine Hinterlage, von demjenigen ihr anvertraut und durch denjenigen in sie übergegangen, der ihr nichts Geringeres gegeben hat, als sich selbst zum Lösegeld für Alle. Die Wechselbeziehung des Glaubens an seine immerwährende Gegenwart zu der stäten lebendigen Fortdauer dieser Charitas gehört ebenfalls zu den unausforschlichen Mysterien, woran der in alles Daseyn eingreifende Glaube so überreich ist. Es erzeugt zwar immer böses Blut, wenn man dieses Capitel berührt, und so lange man keine Zahlen vorführt, glaubt man sich berechtigt, auf eine[629] mindestens ebenso grosse Neigung zu Wohlthätigkeit ausserhalb der katholischen Kirche pochen zu können. Zahlen lösen aber jeden Zweifel, vor ihnen zerrinnt jeder Dunst. Der Freiherr Heinrich von Andlaw hat in seiner im May voriges Jahres erschienenen Schrift: »über die Stiftungen im Großherzogthum Baden,« in sehr einläßlicher Mittheilung nachgewiesen, daß in dem Zeitraum, welcher die letzten fünf Monate des Jahres 1834 bis Ende 1844 umfaßt, für Kirche, Schule, Almosen und besondere Wohlthätigkeitsanstalten in den katholischen Landestheilen des Großherzogthums 552,793 fl. 36 kr., in den protestantischen dagegen für gleiche Zwecke in dem nemlichen Zeitraum nur 145, 513 fl. 36 kr. seyen gestiftet worden, in jenen also, wenn wir das Verhältniß der Bevölkerung wie 2: 1 in Anschlag bringen, beinahe das Doppelte. Billigermaßen dürfen die durchaus verschiedenen Verhältnisse nicht übersehen werden, wenn sich ergiebt, daß zu ersterer Summe 108, 529 fl. 8 kr. durch Geistliche, zu letzterer hingegen durch ebensolche bloß 2654 fl. 44 kr. ? Dort beiläufig 1/5, hier nicht einmal 4/60 beigetragen wurden. Dürften ähnliche Zusammenstellungen aus andern Ländern etwa abweichende Resultate liefern? Und welche fruchtbare Bemerkungen der mannigfaltigsten Art liessen sich nicht an diese authentischen Berichte knüpfen? Hier haben wir trockene Zahlen, die Angabe materieller Mittel, deren Umfang noch lange nicht den eigentlichen Werth eines dargebrachten Opfers bestimmt. Ist doch die Widmung einer größern oder geringern Geldsumme zu irgend einem Zwecke der Wohlthätigkeit bei weitem nicht die edelste Frucht, die reinste Blüthe jenes von Christo ausgehenden Lebenshauchs. Eine Geldsumme kann der Reiche geben, ohne von jener Charitas nur im mindesten angeweht zu seyn, ohne die hohe Bedeutung und die Mahnungen derselben zu kennen, ohne nur deren Daseyn zu ahnen. Welcher Werth auch einer solchen Gabe müsse zuerkannt werden, wie ersprießliche Zwecke auch dadurch sich fördern lassen, sie kann gewonnen werden, weil es nun einmal so gebräuchlich ist, aus Ostentation, um irgend eine[630] Veranlassung mit größerer Solemnität zu umziehen, um sich selbst Genüge zu thun. Ist der Wechsel ausgestellt, ist derselbe honorirt, die Ausgabe gehörig zu Buch gebracht, dann ist das Geschäft, wie jedes andere, abgemacht. Die Charitas, die wahre christliche Liebe, betrachtet dieses nur als Grundsteinlegung zu einem Gebäude; sie weiß, daß hiemit dasselbe noch nicht aufgeführt ist, und, selbst aufgeführt, es der Obsorge noch fortan bedarf; ja daß dieser, ist auch der Grundstein durch Andere vor langer Zeit schon gelegt worden, nicht geringeres Verdienst gebührt, als demjenigen, welcher diesen gelegt hat. Wollen wir den Umfang, wollen wir die vielartige Verzweigung, wollen wir die andauernde und in das zarteste Geäder des menschlichen Gesammtkörpers auslaufende Obsorge dieser Charitas, wie Rom auch in dieser als Weltstadt, als Mittelpunct der Christenheit sich darstellt, kennen lernen, so dürfen wir nur Morichini's erwähntes Werk zur Hand nehmen und mit erforderlicher Aufmerksamkeit dasselbe durchlaufen. Da sehen wir zu allervörderst (wie es auch, nicht als Verdienst, sondern als Verpflichtung anerkannt werden muß) die Oberhäupter der Kirche in ihrer gedoppelten Eigenschaft, als solche und als weltliche Herren Roms, mit ihrem Beispiel zu aller Zeit darin voranleuchten, daß sie wohlthätige Anstalten sowohl zu stiften oder auszustatten, als die bestehenden zu erweitern, oder denselben ihre fürsorglichste Aufmerksamkeit zu widmen beflissen waren. Daß sie auf Weihnacht und Ostern 5,000 Scudi austheilen lassen, mag zuletzt als Obliegenheit erkannt werden, welche der eigenthümliche Charakter ihrer Stellung ihnen auferlegt. Aber auch an die Staatseinkünfte ist der Armuth eine Ansprache, wenn nicht durch das Gesetz, so durch die anmuthigere und darum nicht minder bindende Vorschrift des Herkommens eingeräumt. Diesem nach werden jährlich 30,000 Scudi von dem Ertrag des Lotto's zu Almosen verwendet, woraus 3355 Personen täglich, 375 monatlich, 1040 in dringlichen Fällen Unterstützung in Jahresfrist erhalten haben. Binnen zwei Jahren[631] sind in der Stadt Rom aus Stiftungen und Staatseinkünften an Arme 648, 128 Scudi vertheilt worden. Allein dieß Alles läßt sich mit klingenden Metallstücken abthun. Dürfen wir darin das Hervortreten der Menschenfreundlichkeit, der Mildthätigkeit, der christlichen Liebe zwar nicht verkennen, so findet diese doch andere Weisen, in denen sie, ihrer zärtern Natur nach, nicht äussere Hülfsmittel, sondern sich selbst einzusetzen im Falle ist. Nach beiden Seiten darf, ja muß Rom den Namen der Hauptstadt der Christenheit mit dem vollesten Gewicht in Anspruch nehmen; nach der einen Seite zeigt es uns seine umfangsreichen, wohlbedachten Stiftungen in Spitälern, Waisenhäusern, Pilgerherbergen für alle Nationen und Stände, Anstalten nach jedem Bedarf und zu jedweder Hülfleistung, wie für Blinde, Taubstumme, sonst körperlich Gebrechliche, zur Rettung für gefallene, zur Bewahrung für verlassene Mädchen, u. s. w.; nach der andern Seite stellt es uns, neben der Obsorge um jeglichen Bedarf der Nothleidenden, diejenige um die eigentliche Pflege, und zwar die geistliche, wie die leibliche, der Bedürftigen dar; nämlich seine Vereine, um Kranke in ihren Häusern zu verpflegen, seine Brüderschaften zum Besuch der Gefangenen, zur Besorgung der Entlassenen, zur Tröstung der Verurtheilten, zu Erweisung christlicher Liebe an Verstorbenen. Da lautet es nicht nur als allgemeine Empfehlung wohlgesinnter Hülfsbereitwilligkeit, sondern wird es in seinen besondersten Beziehungen aufgefaßt und verwirklicht jenes Wort, mit welchem einst der König die zu seiner Rechten Stehenden begrüßen und eingehen heissen wird in das seit Grundlegung der Welt bereitete Reich des Vaters: »Ich war hungernd und ihr reichtet mir Speise; ich war durstend und ihr gabet mir zu trinken; ich war ein Fremdling und ihr nahmet mich auf; ich war krank und ihr besuchtet mich; ich war im Kerker und ihr seyd zu mir gekommen!«[632] Oder, ? da läßt sich abermals unbedenklich Berufung einlegen an die Erfahrung aller Zeiten, an das Bestehende in allen Ländern; aus welcher Zeit und wo hättet ihr eine Einrichtung aufzuweisen, die derjenigen der Bruderschaft von Mariens Verkündigung in Rom gleich käme? Ihrer Entstehung nach reicht sie in jene Zeiten hinauf, in welchen der bald nachher so schmählich herabgewürdigte »werkthätige« Glaube so vielerlei Großartiges hervorrief, wie er früher gethan hatte und später fortwährend noch that, ob zwar zu je Zeit nach verschiedenartigem Bedürfniß, doch in Beweggrund und Endzweck zu allen Zeiten gleichmäßig. Ihrer segensreichen Wirksamkeit nach knüpft auch diese besondere Gewohnheit ausschließlich wieder an Rom sich an, den Mittelpunct, nicht bloß der Leitung, sondern jeder eigenthümlichen Lebensregung der Kirche, die niemals unterläßt, zugleich mit dem äussern Wohlthun die Obsorge um das innere geistliche Wohlseyn zu verbinden. Nun daß bei solemnen Anläßen im Lebenslaufe fürstlicher Häuser, bei gewichtigen Ereignissen, welche an Glieder derselben sich knüpfen, in das Festprogramm die Ausstattung armer Mädchen als Beigabe der Bewährung allerhöchster Huld aufgenommen wird, gilt nicht als etwas ganz Ungewöhnliches; ist aber die Festlichkeit verrauscht, so mag zugewartet werden, wen die göttliche Gnade für die Rückkehr einer zweiten aufspare. Nicht so in Rom, wo durch die jährliche Wiederkehr des kirchlichen Festes diejenige des daran geknüpften Rosenfestes (dafern für diesen Thatbeweis der Charitas jener romanartig schmachtende Ausdruck gebraucht werden darf) verbürgt wird. Und auch hier wieder, wo diese anmuthige Veranstaltung in die still und geräuschlos wirkende Kirche verwachsen ist, wie anders als dort, wo sie nur als Erweiterung und Verschönerung des Hoffestes gelten kann und zu einem agreablen Zuwachs zu den allübrigen Decorationen dient? Dort werden der Ausgestatteten alljährlich mehr Hunderte, als hier nach langem, oft sehr langem Zeitverlauf Duzende gezählt. Da ziehen sie, ein langes Reihenpaar, mit dem bräutlichen Kranz in den Locken und im Gewande der Unschuld am Tage der[633] jungfräulichen Beschirmerin durch die Hallen der Kirche zu den Füßen des segnenden Vaters, ihm zu danken für die ansehnliche Mitgift aus der im Verlauf der Jahrhunderte reich gewordenen Stiftung, an welche niemals ein weltliches Schirmrecht, oder ein tus inspectionis, oder ein tus cavendi, oder was immer sie auf ihren Kathedern oder in ihren Schreiberstuben als ihr Jus mögen ausgeheckt haben, gleich einer ausmergelnden Schmarotzerpflanze sich angeklammert hat. Würde aber die Kirche glauben können, mit dieser Vertheilung geprägten Silbers ihrer Obsorge genügt, eine wesentliche Wohlthat erwiesen zu haben? Nein! Ihrem tiefsten Wesen gemäß sind diese Silberstücke nur das vor der Welt geltende Zeichen, daß sie jene in zärterer, umfassenderer Weise den also Begabten längst schon angedeihen lassen, sie derselben würdig erfunden habe. Denn nicht nach Zufall oder höchstens auf bloßen, von der Gunst des Augenblicks abhängenden Ausspruch werden diese aus der Zahl ihrer Altersgefährtinnen herausgehoben, sondern seit Jahren sind sie beobachtet worden, müssen über ihren Wandel fortlaufende Zeugnisse vor Augen liegen, spornt und zügelt die Aussicht auf Auszeichnung und Begabung auch diejenigen, welche die Zahl derer, die zu derselben können aufgenommen werden, überschreitet. Da möchte man wohl wieder fragen: könnte Aehnliches in gleichem Umfange, nicht sowohl der Summe des Dargezählten und der Menge der Individualitäten, sondern vielmehr der, bei Manchen unbestreitbar durch das Leben hindurchgreifenden moralischen Wirksamkeit nach, durch die bloße Philanthropie ebenfalls geleistet werden? Vollends aber: möchten der Cultur-, oder der bloße Begriffs-, oder der dürre Schreiberstaat, oder die kammerlichen Intelligenzen und parlamentarischen Maulfertigkeiten geneigt seyn, auch nur von ferne von solchen Ideen je sich anwandeln zu lassen, dergleichen aus dem Boden der Kirche als reife Früchte in nicht sparsamer Saat immerfort hervorwachsen? Seyen wir nicht ungerecht! Viel Aehnliches hat unser Jahrhundert in manchen andern Städten entstehen, aufblühen, erstarken[634] gesehen. Neben vielem Eiteln, Gehaltlosen, Verwerflichen, was unser Zeitalter erzeugt und großgezogen hat, was es anpreist und worauf es stolz ist, ohne daß dessen Gehalt edlen Metalles wäre, läßt sich ein weitverbreitetes Bestreben, der Noth zu steuern, den Bedürftigen beizustehen, das Elend zu mildern, läßt sich, neben theilweise entsetzlicher Härte, eine gewisse Weichheit der Gesinnung in edlerer Bedeutung, eine Zartheit der Gefühle, die in vielfacher Gestaltung in die That überzugehen sich bestrebt, nicht mißkennen. Wäre jeder Fortschritt in seinen Beweggründen so tadelfrei, in seinen Zwecken so lauter, in seinen Wirkungen so beifallswerth, dann mit vollem Recht dürfte ein Feind des Menschengeschlechts Jeder genannt werden, welcher derartigem Fortschritt sich nicht anschliessen wollte. Was aber in solcher Beziehung irgendwo ins Leben gerufen worden ist, was irgend eines Ortes Anerkennung verdient, wenn es auch, bei vorhandenen reichern Hülfsmitteln, Aehnliches, was Rom aufzuweisen hat, überragt, diesem gebührt doch darin der Vorrang, daß längst schon Solches dort bestand, bevor anderwärts nur der Gedanke daran rege ward. Unter Roms zahlreichen Anstalten ragen zwei weit über alle andern empor, finden sich vielleicht ähnliche, die in jeder Beziehung ihnen an die Seite könnten gestellt werden, nirgends in der Welt; und der Fremdling, der nach dem vielen Sehenswerthen und Merkwürdigen der ewigen Stadt fragt, kann unmöglich dieselben unberücksichtigt lassen, daß er nicht wenigstens Kunde darüber sich verschaffte, wenn es auch schwerer hält, in deren Innerem sich umzusehen. Die erste ist der Spital von San Spirito, Innocenzens des Dritten großartige und noch jetzt nirgends in der Welt übertroffene Stiftung, dieweil sie von dort an Gegenstand der Fürsorge aller seiner Nachfolger geworden ist.[635] San Spirito liegt jenseits der Tiber, unsern von St. Peter. Wohl mag manche kleine Stadt sich finden, deren Umfang dem Complex aller Baulichkeiten, die zu demselben gehören, nicht gleich kommt, an Zahl der Bewohner ihm weit nachsteht. Noch ist die ursprüngliche Bestimmung, welcher gleichzeitiger Sage nach der Spital seine Gründung verdankt: Aufnahme, Verpflegung und Erziehung von Findelkindern, neben der andern, Besorgung der Kranken, Hauptzweck desselben. Aber diesem schliessen noch mehrere verwandte Zwecke sich an, wie denn eine Jahreseinnahme von 90,600 römischen Thalern (222,500 rheinischen Gulden) dergleichen wohl möglich macht. Ein Begriff der Großartigkeit dieser Anstalt läßt sich schon daraus gewinnen, wenn man weiß, daß in dem vorigen Jahrzehend des laufenden Jahrhunderts die Zahl der Aufgenommenen nach seinen beiden Hauptzweigen an Kindern 31,689 und an Kranken 134,916 betrug, also einzig von diesen in jährlichem Durchschnitt 13,491, was auf den einzelnen Tag 370 brächte. Wie hoch, wie räumlich, wie heiter und lustig die Krankensäle der berühmtesten Spitäler Italiens seyen, z. B. diejenigen des großen Spitals in Mailand oder dessen, der zu Modena unter Besorgung der barmherzigen Schwestern steht, sie alle werden von denjenigen in San Spirito in jeder Beziehung überragt. Da ich in dergleichen Anstalten nichts lernen kann, so hat eine gewisse Scheu, Kranke und Leidende zum Gegenstand bloßer Neugierde zu machen, und die Besorgniß, sie hiedurch in ihren innersten Empfindungen zu verletzen, von der Wanderung durch Krankensäle von jeher mich abgehalten. Ich begnügte mich, hier von der Thüre aus in einen der geräumigsten Säle hineinzublicken, und war erstaunt über die Größe. Die Apotheke des Hauses steht zu der Anstalt in übereinstimmendem Verhältniß. Sie ist eine der besteingerichteten und schönsten, die man sehen kann; ihre Laboratorien sind mit allen Instrumenten und Einrichtungen, welche die Entwicklung der pharmaceutischen Wissenschaften in ihrem weitesten[636] Umfang gegenwärtig nur immer fordern kann, auf's vollkommenste versehen. Mit meinem Besuch in San Spirito verband ich noch einen besondern Zweck. Ich wußte, daß in dem Archiv des Hauses die Urschrift der Ordensregel für die Spitalbrüder vom Jahr 1193 aufbewahrt werde. Saulnier hatte in seiner Geschichte des Ordens berichtet, sie seye mit dem Bild Innocenzens des Dritten in Miniatur geschmückt. Verschiedene Anfragen, die ich deßwegen früher nach Rom gerichtet hatte, waren aber alle ohne befriedigende Auskunft geblieben. Ich konnte nicht einmal mit Gewißheit erfahren, ob jene Handschrift vorhanden, oder vielleicht im Laufe der Zeiten zu Grund gegangen seye. Deßwegen wollte ich die Gelegenheit, an Ort und Stelle mich zu erkundigen, nicht versäumen. Der Archivar der geistlichen Congregation, die noch immer fortbesteht, hatte daher die Gefälligkeit, mich in das Archiv zu führen und die fragliche Handschrift, die wirklich noch vorhanden ist, mir vorzuweisen. Sie besteht in einem kleinen Folioband, auf deren erstem Blatt die Nachricht enthalten ist, daß (wenn ich nicht irre im Jahr 1737) der damalige Commendator dieselbe dem Zustande der Zerfalls, worin sie durch die Länge der Zeit versetzt worden seye, entrissen und restaurirt habe. Da fand sich nun allerdinge das von Saulnier erwähnte Bild. Allein Jedermann muß sich auf den ersten Anblick überzeugen, daß dasselbe nichts weniger als ein Portrait seye. Der Maler wollte eben zum Schmuck einen Papst hinmalen, und da genügten ihm die Kennzeichen der Würde, das Gesicht war Nebensache, denn es trägt den bedeutungslosesten Ausdruck eines ganz jungen Menschen. So haben oftmals die alten Maler eine Figur mit einem Kaisermantel und einer Kaiserkrone hingemalt und einen bestimmten Namen darunter geschrieben; aber nicht derjenige, der diesen trug, sondern der Kaiser an sich sollte dargestellt werden. Wahrscheinlich hatte Saulnier die Handschrift selbst nicht gesehen, sonst würde er von einem gleichzeitigen Ebenbild nicht haben sprechen können.[637] Die andere große Anstalt, in ihrem Innern noch merkwürdiger und eine unendlich größere Mannigfaltigkeit des Sehenswerthen darbietend, ist das »Apostolische Hospitium von San Michele a Ripa« (am Ufer der Tiber), 334 französische Meter oder 1750 römische Palmen lang, 80 Meter tief und 4 Stockwerke hoch, mit acht Höfen und drei Kirchen und einer Einwohnerzahl von nahe an tausend Personen. Dasselbe steht unter der speciellen Obsorge des Cardinals Tosti, als apostolischen Visitators; ihm verdankt es seinen gegenwärtigen blühenden Zustand, nachdem es unter den Stürmen der Revolution gewaltige Erschütterungen erlitten hatte. Die an Kunstgegenständen aller Art und dem mannigfaltigsten wissenschaftlichen Vorrath reich ausgestattete Reihe von Prachtzimmern des Cardinals ist der augenfällige Beweis, daß San Michele dessen Lieblingsaufenthalt ist, wie denn selten ein Tag vergeht, an welchem er nicht längere Zeit daselbst zubrächte. Leider war dieß an dem Vormittag, an welchem ich mich dahin verfügte, nicht der Fall; aber ich fand den Auftrag, mich überall herumzuführen. San Michele hat eine doppelte Bestimmung; es ist Waisenhaus und Versorgungsanstalt für Betagte zugleich; in jenem werden 220 Knaben und 270 Mädchen erzogen, in dieser 125 Greise und ebensoviele alte Frauen verpflegt. Sowohl die Alter als die Geschlechter sind durchaus getrennt; die Mädchen haben für den täglichen Gebrauch ihre besondere Kirche, die Knaben ihr eigenes Oratorium, und wenn sie an Sonn-und Feyertagen Alle in der großen Kirche zusammenkommen, sind sie doch so geschieden, daß sie einander nie zu Gesicht bekommen. Knaben können mit dem eilften Jahr eintreten und bleiben bis zum 20sten, wo sie mit einer Aussteuer von 30 Scudi, meistens aber mit einer ansehnlichern erworbenen Summe austreten, weil einem Jeglichen die Hälfte seines Erwerbes gutgeschrieben und, wenn er das Haus verläßt, eingehändigt wird. Unter diesen können es diejenigen, die durch Anlage und Ausbildung zum Gesang sich auszeichnen, oft zu einer erklecklichen[638] Summe bringen; denn häufig werden deren Mehrere zu besondern Kirchenfesten berufen, wofür sie immer eine ansehnliche Belohnung erhalten. Auch bei der Erziehung und Ausbildung der Mädchen wird besondere Rücksicht auf den Gesang genommen, damit sie desto eher Aufnahme in den Klöstern finden. Ich wurde bei meinem zweiten Besuch Roms in der Capelle der Mädchen durch einen Gesang überrascht, welcher unbestritten zu dem Vollendetesten gezählt werden durfte, was ich in dieser Weise je gehört habe. ? Jedes austretende Mädchen erhält 100 Scudi Aussteuer zu seiner Verheirathung, 200 zum Eintritt in ein Kloster. Den ersten Keim dieser wahrhaft großartigen Anstalt müssen wir in der christlichen Liebe des Prälaten Thomas Odescalchi suchen, welcher unter dem Pontificat Innocenz X verlassene und herumschweifende Kinder zu St. Galla vereinigte, und sie in der Religion und zu Handwerken erziehen ließ. Sein Geschlechtsverwandter, 'Papst Innocenz XI, unterstützte ihn in Erbauung eines eigenen Hauses zu diesem Zweck auf eben dem Grund, auf welchem der jetzige Riesenbau steht; im Jahr 1686 wurde dasselbe vollendet. Mehr als ein Jahrhundert früher hatte Leonhard Cerusi, mit dem Zunamen der Gelehrte, eine ähnliche Stiftung gemacht. Bei dieser waren zwar die jungen Leute in einer Wohnung vereinigt, wurden aber zu Erlernung von Handwerken täglich in die verschiedenen Werkstätten der Stadt geschickt. Innocenz XII faßte die günstige Lage der Odescalchischen Stiftung ins Auge, und sah sich bewogen, die zweckverwandte von Cerusi damit zu vereinigen, die Zahl der aufzunehmenden Knaben aber auf 300 zu erhöhen; für die Betagten beiderlei Geschlechts und die Mädchen bestimmte er den lateranensischen Palast. Noch grössere Erweiterungen verdankte San Michele Papst Clemens XI, auch Clemens XII fügte Einiges bei. Pius VI vollführte Clemens VI Absicht, die Waisenmädchen, welche bisher immer im Lateran gewohnt hatten, ebenfalls in San Michele unterzubringen. Daher erhielt der Bau durch ihn eine ansehnliche Erweiterung.[639] Leo XII und der vorige Papst haben der Anstalt gleichfalls ihre Aufmerksamkeit gewidmet, und unter der sorgfältigen Verwaltung des Cardinals Tosti ist es dahin gekommen, daß die Einnahmen und Ausgaben sich die Wage halten, was zuvor, bei Verlusten, welche die Anstalt während des französischen Einbruches erlitten, und Schulden, die sie nachher hatte machen müssen, der Fall nicht war. Ich wurde zuerst in den Musiksaal geführt, wo vier der ältesten Zöglinge mit ihrem Lehrer sich anwesend fanden. Sie sangen gerade ein Quartett, bei welchem schwer zu unterscheiden war, ob der Umfang und der Klang ihrer Stimmen, oder die Reinheit und Richtigkeit des Vortrages grössere Anerkennung verdiente. Darauf wurden ihnen noch einige andere Campositionen vorgelegt, welche sie mit gleicher Fertigkeit und Vollkommenheit ausführten; so daß ich wohl begriff, wie sie zu Erhöhung der Feyerlichkeiten in die Kirchen berufen würden. Dieß geschah z. B. in St. Maria del Anima am 19. April, als dem Geburtsfest Sr. Majestät des Kaisers, welches in Beiseyn des Botschafters und des sämmtlichen Gesandtschaftspersonales durch ein grosses Hochamt gefeyert ward. Es giebt kein Handwerk, was in Werkstätten getrieben werden kann, und keine Kunst, welche der Zögling, je nach Neigung, Anlage, Talent, nicht in dem Hause selbst aufs beste lernen könnte. Z. B. Alles, was in das Wollgewerbe ein schlägt; die rohe Wolle kommt in das Haus und geht als vollständig verarbeitete Uniformen für das päpstliche Militär heraus; ebenso ist es mit der Seide, die als Zeuche der verschiedensten Art das Haus wieder verläßt. Ferner kommt das Leder hinein und wird in Schuhe, vollständige Tchako's, in andere Arbeiten aus diesem Stoff verwandelt. Da sieht man in dem grossen Hof der Werkstätten diejenigen der Wagner, Schmiede, Schlosser, Drechsler, Steinhauer, Kupferschmiede, Schreiner. Wollen Andere Schriftgießer, Schriftsetzer, Buchdrucker, Buchbinder werden, auch dergleichen Werkstätten finden sich in dem Hause. Das Ausgezeichnetste aber sind die Lehranstalten[640] für Alles, was auf die bildenden Künste Bezug hat. Der Unterricht im Zeichnen jeglicher Art, Geometrie, Perspective, Anatomie, Sculptur, Architectur kann vollständiger, umfassender und erfolgreicher wohl kaum irgendwo ertheilt werden, als in San Michele. Hat man den Zeichnungssaal durchwandert, in welchem sämmtliche Knaben, diejenigen, welche den Künsten sich widmen, wie natürlich in so höherem Maaße, ihre Vorbildung erhalten, so gelangt man in die mancherlei Zimmer, in welchen Architekten, Marmorarbeiter für Ornamente, dann eigentliche Bildhauer, Steinschneider, Holzschneider, Stempelschneider, Mosaiker, Maler, Kupferstecher herangebildet werden; bis zu welcher Vollkommenheit, dafür kann es keinen überzengendern Beweis geben, als die Thatsache, daß die berühmtesten Kupferstecher zu Paris, Rom und Neapel Zöglinge von San Michele sind. Unter den Zimmern des Cardinals ist ein ziemlich geräumiges mit Kupferstichen von Zöglingen des Hauses ganz ausgeschmückt, gleichwie eine Reihe schöner Sculpturen in dem Corridor Arbeiten von ihnen sind. In der neuesten Zeit hat man auch mit Verfertigung von Gobelins wieder begonnen, und ich habe den Anfang eines solchen gesehen, der dem Schönsten, was die königliche Manufactur zu Paris zu leisten vermag, unbedenklich darf an die Seite gesetzt werden. Man kann sich leicht vorstellen, wie groß, um für den Bedarf so vieler Menschen zu sorgen, die Küche seyn müsse. Es widerstrebt mir sonst, in dergleichen hineinzugehen; aber ich muß bekennen, hier fand ich alles blank und reinlich und das Personale nicht, wie so häufig, in einem Aeussern, um schon durch seinen Anblick den gesegnetesten Aypetit zu stillen. So sind auch die Refectorien räumlich, hell, luftig, und wieder hätte ich wünschen mögen, daß so Viele, welchen es schwer fällt, das Prädicat »unreinlich« von Italien zu trennen, hier sich hätten umsehen können. Obwohl es Samstag war, sah doch das Tischzeug noch gut aus. Daß überhaupt auch für das Leibliche bestens gesorgt seyn müsse, war daraus wahrzunehmen, daß in dem Refectorium der Knaben Jeder[641] sein eigenes Tellertuch hatte und vor jedem Gedeck ein Fläschchen Wein und ein schönes weisses Brödchen lag. San Michele liegt nicht fern von St. Paul, nur auf dem rechten Ufer der Tiber und dieß an den Strom gebaut, wie jenes auf dem linken in einiger Entfernung von demselben. Bekanntlich müssen die Benedictiner, deren Kloster mit dieser Kirche in Verbindung steht, in der Mitte Mai's dasselbe wegen der Aria cattiva verlassen und nach St. Calirt ziehen, von wo sie erst im November nach St. Paul zurückkehren. Ich fand mich daher verlaßt, den Geistlichen, der mich herumführte, zu fragen: ob bei solcher Nähe des Stromes der Einfluß der schlimmen Luft sich nicht fühlbar mache? Er versicherte mich, daß dieß niemals statt finde, indem die an dem Gebäude vorüberfliessende Tiber die Athmosphäre stets rein und frisch erhalte. Hierin fand ich eine Bestätigung dessen, was mir eine ganz ungebildete Frau über die Ursache der Aria cattiva bemerkte, als ich mich verwunderte, daß auf dem etwas höher gelegenen Peters- und dem spanischen Platz dieselbe gewöhnlich herrsche, dagegen in den dicht bewohnten Theilen der Stadt nicht. Ich hatte mir die Sache gerade umgekehrt gedacht. Die Frau schrieb dieses Fühlbarwerden der bösen Luft der Ruhe des untern Dunstkreises über jenen weiten Räumen zu, der gewissermaßen in Stagnation sich befinde, wogegen auf dem Corso, und in andern Straßen die, mittelst häufig herumfahrender Wagen und durch das Ausströmen der Rauchfänge veranlaßte Bewegung eine ähnliche nachtheilige Einwirkung verhindere. Mir schien diese Erklärung ihrer Einfachheit wegen befriedigend. Zwei Thatsachen, die beinahe aus allen Ländern alljährlich in Zahlen uns vor Augen treten, und deren Vorwärtsschreiten ebensowenig kann geläugnet, als deren Vorhandenseyn[642] muß beklagt werden, sollten den wärmsten Lobredner unserer hohen Cultur und Verfeinerung bald überzeugen, daß dieselben dennoch ihre bedenklichen Seiten darböten; dieß um so mehr, als oftmals deren Entwicklung für so vollkommener und die Stufe, die sie erklommen hat, für so höher gehalten wird, je mehr es ihnen gelingt, dasjenige zu beseitigen oder doch kraftlos zu machen, was gegen jene Uebel zum einzigen Gegengewicht, zum allein wirksamen Vorbeugungs- oder Heilmittel werden könnte. Je mehr nemlich die Menschen mit allen ihnen innewohnenden Kräften nach materiellen Gütern und Genüssen jagen; je mehr ihr Daseyn in die vergängliche Welt versinkt, und von seiner höhern Herkunft, Leitung und Bestimmung abgetrennt wird; je weniger die Religion in den ganzen Gang und in alle Thätigkeit des Lebens eines Menschen sich verflicht, und je geringerer Werth überhaupt auf dieselbe gesetzt wird, desto häufiger werden Seelenstörungen und Selbstmorde vorkommen. Diese beklagenswerthen Erscheinungen der einen und der andern Art zeigen sich in Italien weit weniger, als in andern Ländern. Morichini lehrt uns, daß die Zahl der Geisteskranken im Kirchenstaat auf 722 ansteige, immerhin eine grosse Zahl, wenn wir mit unsern Vergleichungen um fünfhundert Jahre zurückgehen; eine kleine, wenn wir andere Länder gegenüberstellen. Bei derselben würde es, die Einwohnerzahl des Kirchenstaats zu 2,734,000 Köpfen gerechnet, ein Individuum auf nicht volle 4000 treffen. Wir kennen die mancherlei Ursachen, welche zur Veranlassung solcher traurigen Erscheinungen werden können, ja es sind sogar in mehreren Ländern besondere Statistiken hierüber gefertigt worden. Auch dieses gestaltet sich in Italien anders, sofern wir wenigstens aus dem Kirchenstaat auf die übrigen Staaten schliessen dürfen. Bei einer grossen Zahl von jenen 722 rührt die Seelenstörung vornehmlich aus einer zu weit getriebenen Gewissenhaftigkeit oder Aengstlichkeit her, weil nemlich die ihr Unterliegenden sich für allzugrosse Sünder halten, die über ihre Gnade vor Gott im Zweifel stehen müßten. Welcherlei durchaus[643] verschiedene Hauptfactoren dieser Erscheinung in andern Ländern vorkommen, ist nur allzubekannt. Eben so gering, im Vergleich zu andern Ländern, ist die Anzahl der Selbstmorde. Deren sind binnen vier Jahren in Rom bloß 28 vorgefallen, und unter diesen betrafen die meisten Fremde. Im übrigen Kirchenstaat kennt man dergleichen traurige Vorfälle kaum. Dagegen sind wir in manchen Theilen Europa' s dahin gekommen, daß wir, wenn bei einer Stadt von 160,000 Einwohner von sieben Selbstmorden des Jahres gesprochen wird, das Wörtchen nur dazu setzen. Ohne Frage bezeichnet auch dieses ein Fortschreiten, aber wahrlich nicht eines der befriedigendsten Art. Zu Erklärung des Unterschiedes, welcher in dieser Beziehung zwischen nördlichen und südlichen Völkern herrscht, zieht man vielerlei Ursachen herbei, unter denen eine einzige, aber zunächst liegende, am wenigsten in Anschlag gebracht werden will. Namentlich wird dem Himmelsstrich, dem hellen Sonnenschein, der reinen Luft, der freiern Bewegung in diesen auf der einen Seite ebensoviel, als auf der andern dem Mangel hieran zugeschrieben. Dabei vergißt man, daß vor einem haben Jahrtausend dieß Alles ebenso sich verhielt, wie noch heutzutage, daß aber in jener Zeit solche traurige Verirrungen unter dem einen Himmelsstrich so wenig vorkamen, als unter dem andern. Ferner könnte man dessen gedenken, daß zur Zeit der Imperatoren-Herrschaft Himmel, Sonne und Luft über Italien die gleichen waren, wie in unsern Tagen, hingegen gerade damals unter dem versunkenen, fleischlich gewordenen, aller höhern Güter, jedes stärkenden und emporhaltenden Trostes verlustig gegangenen Geschlecht Selbstmorde häufig genug vorkamen; während umgekehrt zu der gleichen Zeit unter den Bewohnern der nördlich gelegenen Länder, die wahrscheinlich eines minder günstigen Climas sich erfreuten, als gegenwärtig, dieselben unerhört waren. Gewiß zeugt es von einem höchst beengten Gesichtspunct, diese Thatsachen von den climatischen Vethältnissen vorzugsweise abhängig machen zu wollen.[644] Auf weit tiefer liegende Ursachen bin ich in Neapel nicht bloß von einem, sondern von mehrern meiner Landsleute aufmerksam gemacht worden. Dort befinden sich in dem Dienste des Königs vier Schweizerregimenter. Der Raum, auf welchem dieselben sich rekrutiren, ist verhältnißmässig ein sehr kleiner, welcher besondere climatische Verschiedenheiten nicht darbietet. Aber der eine Theil dieser Leute besteht aus Katholiken, der andere aus Protestanten. Nun bestätigt häufige Erfahrung mancher Jahre, daß unter den Letztern ungleich mehr Selbstmorde vorkommen, als unter den Erstern. Will man auch die Sache der Wirkung des Weines zuschreiben, welcher, allzu reichlich getrunken, den Fremdling mehr dumpf als fröhlich macht, so ist damit wohl das Auffallende an sich, nicht aber das immer merkwürdig bleibende Verhältniß erklärt. Die Geistlichen der Regimenter wissen aber aus der Beichte, daß katholische Soldaten von dergleichen Anwandlungen ebensowohl beschlichen werden, als protestantische; daß jene hingegen, entweder durch sich selbst oder unter ihrem Beistand, derselben weit leichter Meister werden. Die einzige Person in Rom, die ich aus früherer Zeit her kannte, war der Cardinal Ostini, am Ende der zwanziger zahre apostolischer Nuntius in der Schu'eil. Die einzige Person, welche bald nach meiner Ankunft daselbst eine Frage an mich stellte, ohngefähr im Sinne des P. Luigi Tosti zu Monte-Caisino, war dieser Cardinal. Er erhielt beinahe die gleiche Antwort wie Jener, einzig mit der Zusicherung, daß ich in keinem Fall Rom verlassen würde, ohne ihm eine bestimmte Erklärung zu geben, ob meine Ueberzeugungen eine Rückkehr in die Kirche mir möglich machen würden, oder nicht. Damit war der Cardinal wenigstens in so weit befriedigt, daß er Alles meinem Gutfinden anheimstellte und bei den Spazierfahrten, die ich wöchentlich an ein Paar Abenden mit ihm machte, diesen[645] Gegenstand unerörtert ließ. Ich war dessen um so froher, als die innere Gewißheit mit einer Festigkeit vorhanden war, die keines Zuwachses bedurfte, die möglichen äußern Schwierigkeiten dagegen durch keinerlei Dazwischenkunft oder Verwendung dritter Personen sich beseitigen liessen. Von woher einzig, in keinem Fall aber unüberwindlich, solche sich hätten erheben können, habe ich früher, zusammt der Weise angedeutet, wie ich dieselben allmählig zu beseitigen mich bestrebte. Inzwischen war mitten unter der reichen Fülle alles Großen, Bedeutungsvollen und Herrlichen, was Rom und Neapel in jeder Beziehung mir darbieten konnten, dieses der vorherrschende Gedanke, dabei das Zusagendste, daß ich denselben, unberührt durch jeden Einfluß von Außen, in der Abgeschlossenheit meines Innern herumtragen und bewegen und hiedurch an Sicherheit, Festigkeit und Entschiedenheit unendlich gewinnen konnte; was vielleicht weniger der Fall gewesen wäre, wenn ich irgend Jemanden etwelche Einwirkung darauf eingeräumt hätte. Daß Hoffnungen, Wünsche, alle aber einzig aus dem reinsten Wohlwollen gegen meine Person hervorgehend, gehegt wurden, war selbst dann nicht zu verkennen, wenn auch nicht ein Wort die innere Gesinnung verrieth. Kaum aber mochte von denjenigen, mit denen ich am öftersten in Berührung kam, Jemand nach so langem, scheinbar ungenützt gebliebenem Zeitverlauf nahe Verwirklichung dieser Hoffnungen, baldige Erfüllung dieser Wünsche noch erwarten; dieß um so weniger, da jenen Allen der unwiderrufliche Vorsatz bekannt war, am 22. Juni von Rom abreisen zu wollen. Welch anderer Vorsatz aber eben so fest, seiner Ausführung, so anders nicht die mächtigsten Hindernisse dawider sich aufthürmen würden, ebenso nahe stand, ahnete Niemand. Hätte ich es der durch meinen Lebenslauf sich hindurch ziehenden Führung, der immer deutlicher gewordenen Winke, der immer klarer sich entwickelnden Ueberzeugung entgegen, durchgesetzt, aus Rom heimzukehren, ohne vor der Menschen Augen sichtbar werden zu lassen, was in so langer Vorbereitung im Innern[646] endlich zur Reise gelangt war, dann gewiß wäre, ich bin dessen fest überzeugt, die Rückerinnerung an die ewige Stadt mir nachher ebenso peinlich geworden, als mir jetzt in derselben der heiterste und freundlichste Stern meines Lebens blinkt. Des Psalmisten Wort möchte ich auf dasselbe anwenden: »Könnt ich deiner vergessen, Jerusalem, so müßte ich meiner Rechten vergessen. An dem Gaumen soll meine Zunge kleben, wenn ich nicht deiner gedächte; wenn ich nicht Jerusalem allem Erfreulichen voranstellte.« Was ich hier in diesen Blättern in Beziehung auf den innern, wie auf den äussern Gang meines Lebens einfach, schmucklos und wahrheitsgetreu mitgetheilt habe, trat von der Zeit an, da ich mich Rom näherte, als immer lichtvolleres Gesammtbild vor meine Augen, in welchem der Geburtstag des Jahres 1840 als strahlender Mittelpunct sich heraushob. Dabei durfte dem Gewicht zweyer Hauptmomente entscheidender und festigender Einfluß nicht versagt, in diesen vornehmlich eine liebreiche höhere Fürsorge nicht mißkannt werden, beide die volleste Gewährleistung bietend, daß, frei von aller subjectiven Trübung, die rein objective Enthüllung und Anschauung der Wahrheit diese Rückkehr in die Kirche bewerkstelligt habe. Sollten auch dieselben nicht mächtig genug seyn, um vorgefaßte Meinung, böswillige Verdrehung, parteisüchtige Lüge, blinde Entrüstung und was Alles in dieses Gebiet gehören mag, zu entwaffnen, so quillt doch aus ihn en die befriedigendste Sicherstellung des eigenen Bewußtseyns. Wäre es mir möglich gewesen, bald nach dem 19. März 1841 in die Kirche zurückzukehren, wozu es an hie und da kund gewordenen Wünschen und Erwartungen nicht fehlte, und was damals vielleicht weniger befremdet hätte, als drei Jahre später, so hätte selbst bei vollkommen gleicher innerer Gewißheit dennoch bisweilen die Frage sich aufdringen mögen: ob Mißstimmung, Unwille, wenn ich so sagen soll, eine Art von Trotz, hieran nicht ebensoviel Theil hätte haben können, als volle Ueberzeugung, klare Einsicht, unabweisliches Verlangen? Diese[647] waren damals in dem Umfange, wie sie zu unbedingter Hingabe an die Kirche unerläßlich sind, noch nicht vorhanden, und konnten in der Art, wie sie unter fortschreitender Entwicklung nach drei Jahren gewonnen worden, auch noch nicht vorhanden seyn. Waren nach der einen Seite die äussern Bande gelöst, so waren deßwegen die innern nach der andern Seite hin noch lange nicht genügend angeknüpft, und eine Rückkehr in die Kirche zu jener Zeit wäre im Grund mehr ein Tausch der sichtbaren Verhältnisse, als die Frucht der Alles umfassenden, darum allein genügenden Erkenntniß gewesen. Das hätte mir nie zusagen können; obwohl die Hoffnung eines bildenden Einflusses der äussern Verbindung auf die innere Gewißheit sich dabei hätte festhalten lassen. Das Kind, welches durch seine Geburt schon mit der Kirche verbunden ist, wird durch sie für dieselbe erzogen; wer bloß in allmählig erwachendem Verlangen, sey es nun aus gänzlicher Gleichgültigkeit, sey es aus Ahnung der Mangelhaftigkeit des bisher Besessenen, heraus- und zu dem Genügendern Befriedigendern, Vollkommenern hingezogen wird, der kann und muß bei Andern nach Belehrung sich umsehen, die ihn, so rückwärts in das, was er verlassen, als vorwärts in das, was er sich aneignen möchte, hinein blicken zu können befähigte. Neben diesen denn mag es Einzelne geben, die vermöge ihres Lebensganges, ihrer Bildungsstufe und ihrer Persönlichkeit diesen Weg unmöglich betreten, auf diese Hülfe sich nicht beschränken dürfen, zumal wenn sie in gereiften Jahren als Glieder der Kirche sich darstellen wollen, da sie ihr zuvor nicht angehört hatten. Solche müssen, so sie mit gutem Gewissen Aufnahme in die Kirche begehren wollen, in sich selbst die Schule durchgemacht, in sich selbst das Für und Wider reiflich erörtert haben, so daß sie nebendem nur noch der Erkräftigung und Befestigung bedürfen. In solchem Falle befand ich mich; solcher Gang ist nicht sowohl durch mich erwählt, als mir vorgezeichnet worden, als der einzig mögliche, auf welchem ich zum Ziele endlich gelangen könne. Dabei diente mir das Bewußtseyn, daß in mein Vorhaben auch nicht das mindeste Trübende der erwähnten Art sich einmischen[648] könne, zu eben so großer Beruhigung, als es von wesentlichem Gewicht für mich war, nimmer zu verschieben, was Erkenntniß und Verlangen mit entschiedenem Wort forderten. Das andere Hauptmoment gieng hervor aus einer gegenüber stehenden Gewißheit. Ich dürfte den verstocktesten Gegner, den böswilligsten Widersacher, die giftigste Lästerzunge und all das Volk, welches hinter Allem, wozu es selbst entweder nicht fähig wäre, oder was es einzig von seinem beengten Standpunct zu beurtheilen vermag, ich dürfte diejenigen Alle, welche in ersonnener Voraussetzung einen geheimen und versteckten, zugleich aber unlautern, wenigstens unehrenhaften Zweck herauswittern zu dürfen und zu sollen wähnen, mit der reinsten Zuversicht auffordern, irgendwelchen, auch nur scheinbaren zeitlichen Vortheil herauszucalculiren, welcher aus der Rückkehr in die Kirche mir sich darbieten konnte. Ich bin sicher, daß es auch dem angestrengtesten Scharfsinn, ohne meilenweit über die Bahn der Ehrlichkeit und Wahrheit hinauszutreten, rein unmöglich wäre, einen solchen zu erspähen; alldenn er müßte den unfehlbaren Erfolg in Anschlag bringen, das seit langem schon bei manchen Personen erworbene Wohlwollen mir dadurch unzweifelhafter zu sichern. Hätte das eigene Bewußtseyn außer diesem auch nur den leisesten Schimmer von zeitlichen Vortheilen mir entgegengehalten können, wahrlich, ich würde mich weit mehr bedacht, weit mehr gezaudert, hierin ein weit grösseres Hinderniß gefunden haben, als in jederlei, aus anerkennenswerthen, aber doch bloß menschlichen Rücksichten hervorgehender Einwendung meiner Frau, oder der mir am nächsten Stehenden. Aber gerade dieses Bewußtseyn, daß, ohne zu den abentheuerlichsten, waghalsigsten und grundlosesten Vermuthungen seine Zuflucht zu nehmen, ohne einer Bosheit verfallen zu seyn, für die es keinen Namen giebt, von dieser Seite nicht der leiseste Vorwurf mich berühren könne, machte mich frei, darum stark, fest und entschlossen. Selten habe ich in entscheidenden Augenblicken, unter tiefgreifenden Verumständungen mir die Folgen verhehlet, welche[649] ein Auftreten nach diesem oder jenem Sinne haben könne, niemals durch diejenigen, welche, als minder Zusagende, auf Andere einen bestimmenden Einfluß hätten üben, sie unschlüssig oder wankend machen mögen, mich abschrecken lassen. Denjenigen, welche nachmals es so leicht fanden, mir zu bemerken: dieses, oder jenes hätte ich mir selbst zugezogen; würde ich eine andere Partei ergriffen haben, dann wäre es sicher anders gekommen, solchen Scharfsichtigen und Hellschauenden, was kommen würde, schon in dem Augenblicke vorauszusagen, in welchem noch Niemand meine Entschlüsse oder die Weise meines Auftretens kennen konnte, wäre mir zu keiner Zeit schwer gefallen. So war es auch nicht erst der väterlich theilnehmende Wink des Oberhauptes der Kirche, der auf Unannehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten mich aufmerksam zu machen hatte, ich gedachte vorher schon, daß dergleichen nicht ausbleiben würden, wenn ich auch weder über deren Beschaffenheit, Gestalt und Umfang, noch über diejenigen, die derselben vornehmlich sich befleissigen wür den, Auskunft zu ertheilen vermocht hätte. Aber hievon auch ganz abgesehen, fordert die Rückkehr in die Kirche, dafern dieselbe aus den rechten Beweggründen hervorgehen und in der allein wahren und gültigen Gesinnung erfolgen soll, eine Selbstverläugnung, verlangt sie Opfer, legt sie Verpflichtungen auf, deren entledigt zu seyn derjenige, welcher entweder die Bedeutung dieser Opfer und Verpflichtungen nicht zu würdigen im Stande ist, oder der es nicht weiter gebracht hat, als mit Geringschätzung auf die Kirche darniederzublicken, als höchstes Glück, als oberstes Gut preist. Es ist wahr, der Mensch, wenn er anders ein Glied der Kirche, nicht bloß dem Schein nach, sondern in Wahrheit und Wesenheit werden will, tritt mit seiner Rückkehr in dieselbe aus einem Zustande der Ungebundenheit in denjenigen der Gebundenheit[650] über, und vertauscht eine Freiheit, in der er seines Glaubens oberster Schiedsrichter und aller seiner aus demselben hervorgehenden Lebensthätigkeiten unbeschränkter Herr ist, ? dem Ausdruck derjenigen gemäß, welche in jener so behaglich sich fühlen, - an ein Joch; aber freilich an das Joch, von welchem gesagt ist, es seye sanft, gleichwie die übernommene Last leicht. Ich habe früher bemerkt, daß der Gehorsam der Angelpunct seye, auf welchem die Menschwerdung und die Welterlösung ruhe. Dieser Gehorsam ist der Angelpunct der Welterlösung nicht allein, insofern er die bewegende Kraft dessen war, der mittelst desselben bis zum Kreuzestode sich erniedrigt hat, sondern er tritt ebensowohl hervor in Derjenigen, in welcher die Menschwerdung erfolgt ist und die dem Unbegreiflichene was ihr angekündigt worden, nichts Anderes entgegnete, als das, durch allen Lauf der Zeit hellleuchtende Wort: »Siehe, ich bin die Magd des Herrn, es geschehe, was du gesagt hast!« Von der Zeit an, da der Jüngling, der väterlichen Gewalt entwachsen, selbstständig in das Leben tritt, wird er des Gehorsams immer mehr entwöhnt, bis er zuletzt selbst den Begriff desselben verliert und kaum noch sich erinnern mag, daß er ein Ausdruck des Sprachschatzes seye. Zwar spricht man wohl noch von Gehorsam gegen Landesvorschriften, vergißt aber, daß es, wie ich bereits früher bemerkt habe, zweyerlei Gehorsam gebe, einen mechanischen und einen dynamischen; einen, der durch die gegenübergehaltene Strafe und die Unmöglichkeit, derselben zu entweichen, bewirkt wird, einen andern, der in freyer Willensthätigkeit von innen herausgeht. Der Gehorsam gegen Landesgesetze trägt in der Regel den Charakter des erstern an sich, denn hinter denselben steht gewöhnlich als unerbitterlicher Rüger aller Verabsäumung die mehr oder minder empfindliche Strafe, die unfehlbare Aussicht auf Mißdehagliches, was zur Wahl des minder Mißbehaglichen in dem Gesetz zwingt. Geht Etwas von dem Charakter des wahren, einzig achten Gehorsams auch in jenen über, so ist dieß einzig[651] Einwirkung der Kirche, Abschattung des durch sie gepflanzten Gehorsams, dieweil sie der Obrigkeit, gleich ihr selbst, im Hinblick auf Denjenigen Gehorsam zu leisten gebietet, welcher Beide gesetzt hat. Wonach (beiläufig bemerkt) vom Schwindelgeist der Zeit befallene Staatsgewalten auf dem verderblichsten Wege wandeln, sobald sie glauben, die Menschen würden in Beobachtung der Anordnungen und Anforderungen in dem weltlichen Bereich um so bereitwilliger, dem Staat (wie sie es nennen) um so gehorsamer seyn, zu je grösserem Ungehorsam gegen die Kirche sie gezwungen oder verlockt werden könnten; da vielmehr der wahre Gehorsam gegen diese die unzerstörliche Wurzel des Gehorsams gegen jenen ist. Fordert dagegen die Kirche Gehorsam, so kann sie sich nur an den freyen Willen wenden, wird allein dieser denselben gewähren, der Mensch aber, so wie er hiezu sich versteht, diesen freyen Willen durch die Kirche geweiht, geläutert, veredelt und gekräftigt zurück erhalten. Allerdings hat und übt auch die Kirche eine Strafgewalt; allein dieselbe ist solcher Natur, daß die Möglichkeit ihrer Anwendung schon den Gehorsam, und zwar jenen erleuchteten und veredelten Gehorsam voraussetzt. Sobald dieser von einem Individuum aufgegeben wird, hat sowohl die Belehrung, als die Zurechtweisung durch die Kirche ihre wirkende Kraft auf dasselbe verloren. Man sagt, der Trieb zur Freiheit seye dem Menschen eingeboren. Das ist nicht zu läugnen. Aber es steht der Geburt die Wiedergeburt zur Seite, und mittelst dieser soll die ebenfalls in dem Menschen schlummernde Fähigkeit zum Gehorsam wieder geweckt werden. Der Freiheit alles Gewicht einräumen, den Gehorsam aber als Gegensatz gegen dieselbe erklären wollen, hieße auf die leibliche Abstammung von Adam einen größern Werth legen, als auf die geistige Vereinigung mit Christo. Der Mensch muß zur Erkenntniß der hohen Bedeutung des Gehorsams und zur Lust an dem Gehorsam zurückkehren, sobald er Christum seinem vollen Wesen nach würdigt, demnach nicht allein bloß in seiner Beziehung zu den Menschen, sondern[652] auch in derjenigen zu dem Vater, dem er gleich ist. Denn so wie jener, als lebendiges Glied an dem Haupte, aller Güter und Gaben desselben theilhaftig zu werden sich bestrebt, kann er unmöglich mißkennen, daß freudiger, mit der wahren Freiheit sich einigender Gehorsam eine von dieser Wesenheit unzertrennliche Eigenschaft seye. Indem er denselben gegen den Körper, der da ist die Kirche, in sich hervorruft und bewahrt, kann er erst der Früchte, welche des Hauptes Gehorsam auch ihm getragen hat, in vollem Maaße theilhaftig werden und an sich selbst die Tiefe und den Reichthum jenes Wortes erfahren: »so euch der Sohn frei macht, seyd ihr recht frey.« Zu dieser Freiheit aber, wie zu jeder ächten, ist der Gehorsam die alleinige Pforte. Dasselbe ist der Fall mit der Demuth. Auch diese wird nur durch die Kirche gelehrt und kann nur in ihr erlernt, d. h., sich angeeignet werden. Anerboren, ebenfalls mit der leiblichen Geburt, ist dem Menschen der Hochmuth, Wirkung der Wiedergeburt ist die Demuth. Denn so wenig als von dem Gehorsam läßt die Welterlösung von der Demuth sich abtrennen. »Er erniedrigte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an.« Wer? »Das Wort, das am Anfang war und das bei Gott und welches Gott war, und durch welches alle Dinge gemacht sind.« Auch diese Tugend wird einzig durch die Kirche gepflegt, geübt, vorgebildet, gefordert; in ihrem Bereich allein ist die selbe zu finden. Von Natur ist der Hochmuth uns eingepflanzt; die Kirche versetzt uns in das gedeihlichere Element der Demuth. Zu aller Zeit ist sie die Krone ihrer leuchtendsten Helden, der Schmuck ihrer erhabensten Geister, die Zierde ihrer frommsten Bekenner, die Eigenschaft ihrer lebendigsten Glieder gewesen. Um die Demuth zu verstehen, zu würdigen, in ihrer hohen Bedeutung zu schätzen, muß man der Kirche angehören, da diese Tugend einzig durch sie hervorgerufen wird, so wie auch sie nur das Wort zu ihrer Bezeichnung geschaffen hat und richtig zu gebrauchen weiß. Wie dann bisweilen alle Früchte eines Baumes von dem Boden, dem derselbe entwachsen[653] ist, oder die Fische von der Zugabe zu dem Wasser, in welchem sie leben, einen gewissen Geschmack bekommen, so auch gewinnen die Menschen von dem geistigen Element, worin sie leben und sind, eine gewisse Richtung. Wer das, was der Gegensatz der Demuth ist, als Vater anerkennen muß, dem wird, mehr oder minder erkennbar, des Vaters Art als Gepräge aufgedrückt seyn. So lassen sich an den Individualitäten mit ziemlicher Bestimmtheit zwei auseinander gehende Richtungen erkennen, vertreten durch zwei gegenüberstehende Principien; das eine, ausgesprochen in dem Wort: »ihr werdet seyn wie Gott«, ? d. h., ein Jeglicher wird Alles von sich und durch sich erkennen, gut finden, bestimmen, festsetzen; das andere, verkündet in der Erklärung: »Niemand kommt zum Vater, denn durch mich;« ? demnach Alles mit und durch Ihn und durch die von Ihm gesetzt Verbindung, bei welcher Derjenige, der Solches gesprochen, bleiben will bis ans Ende der Tage. Zu diesen beiden christlichen Elementen gesellt sich als drittes, derselben Frucht und Wirkung ? wie denn, in der Kirche ebensowohl, als ausserhalb derselben alle wesentlichen Eigenschaften, die bauen den, gleichwie die niederreissenden, in unzertrennbarer Wechselbeziehung stehen ? der Glaube, von welchem in Wahrheit dann nur gesprochen werden kann, wenn er alles individuelle Meinen und alles subjective Fürwahrhalten möglichst ausschließt. Es kann sich zwar wohl fügen, daß dieses mit dem Glauben vollkommen übereinstimmt, allein Beide sind doch nicht dasselbe, sie haben durchaus verschiedene Quellen, verschiedene Beweggründe, deßwegen verschiedene Gültigkeit. Das eben ist das Irrthümliche, das Grundverwerfliche des Hermesianismus, daß er nicht, wie der krasse Rationalismus, die Offenbarung selbst, wohl aber den Glauben an dieselbe zerstört, und das Gegebene in ein Selbstgeschaffenes verwandelt. Die französische Sprache stellt einen scharfbestimmten und richtigen Unterschied auf zwischen foi und croyance. Man sagt, im Deutschen lasse sich das nicht wiedergeben.[654] Ich sollte doch meinen, es wäre möglich. Könnten wir nicht nach der Analogie von lieben und liebeln ebenfalls sagen, glauben und gläubeln? Jenes wäre die freudige Anerkennung, darum zweifellose Annahme einer zum Heil der Menschen von oben kund gewordenen, unter der Pflege der Kirche entwickelten, und durch allen Zeitverlauf geschirmten göttlichen Offenbarung; dieses ein nach subjectivem Ermessen mit derselben getriebener Dilettantismus, so zu sagen ein gefallsüchtiges Kokettiren mit dem Glauben, was je nach wechselnder Ansicht oder Bedürfniß, nach wetterwendischer Neigung oder Laune, bald eifriger bald lauter betrieben werden, von den: Ganzen heute mehr, morgen minder sich aneignen konnte. Der Glaube hingegen, wie die die katholische Kirche ihn pflanzt pflegt und von ihren wahren Gliedern fordert, verwirklicht des Erlösers Wort, mit welchem er die Jünger auf ein Kind hinwies: »so ihr nicht werdet wie dieses, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen;« zugleich sucht er sich das Zeugniß des Apostels über sich selbst beilegen zu dürfen: »ferne von mir sey' alles Rühmen, als im Kreuz Jesu Christi.« Wie oft hat nicht in Rom dieses sichtbar mir sich dargestellt? Meine vergnügtesten Abende daselbst habe ich unter den Priestern der deutschen Kirche St. Maria del Anima zugebracht, denen mein Freund Curtins, als mit einer Art obern Leitung über das damit verbundene Pilgerhaus beauftragt, ebenfalls beigefügt werden darf. Ist auch ihre Zahl nicht groß, so bot sich in Beziehung auf Anlagen, Gemüthsart, Wissen, Lieblingsneigungen in ihnen eben diejenige Mannigfaltigkeit dar, welche von jedem grössern oder kleinern Verein unzertrennlich ist. Jeder trug sein eigenes Gepräge an sich, Jeder verfocht bei allen vorkommenden höhern Fragen seine eigene Meinung; in Beziehung hingegen auf Alles, was kirchliche Lehre, Einrichtung, Uebung, Forderung betraf, sprach sich bei Allen die gleiche Ueberzeugung, die nämliche innere Zuversicht, ein durchaus gleiches Zusammenstimmen aus. Wäre die Anzahl dieser Priester durch eine gleiche verdoppelt worden, so[655] hätte damit wohl jene äussere Manigfaltigkeit einen Zuwachs gewinnen können, indeß die Uebereinstimmung hinsichtlich dessen Allen, was von der Kirche ausgeht und zu der Kirche zurückzielt, sicher die gleiche geblieben wäre. Ebensowenig konnte bei italienischen und französischen Priestern derselbe reine Einklang verkannt werden, trat vor dieser tiefsten und höchsten Einheit jede Stammes- und Sprachverschiedenheit völlig zurück. Es kam mir dabei oft zu Sinn, wenn, statt jener sechs deutschen katholischen Priester, sechs deutsche protestantische Geistliche beisammen sässen, so dürfte es sich weit leichter treffen, daß unter ihnen Allen, sowohl über den Umfang des Glaubens, als über das Gewicht und die Nothwendigkeit der einzelnen Lehren desselben, nicht Zwei gleicher Meinung wären, als daß nur Ebensoviele in jeder Beziehung vollkommen übereinstimmten. Aber gerade wegen jener unzertrennlichen Wechselbeziehung aller wesentlichen Eigenschaften des wahren Gliedes der katholischen Kirche, wonach im Grunde jede Haupttugend nur ein in verschiedenem Farbenspiel wahrgenommener Strahl des die Finsterniß durchleuchtenden Lichtes und eine besondere Manifestation des in dem Glied zur Gestaltung gekommenen Hauptes ist, fallen Gehorsam und Glaube wieder mit der Demuth zusammen. Der Erstere ist die Lossagung von dem eigenen, unvollkommenen und in die Irre führenden Willen, um einem reinern und auf den richtigen Weg leitenden sich zu unterwerfen; er ist also ein Act der Demüthigung, der an dem Willen vollzogen wird. Der Andere ist eine Unterordnung der eigenen trüglichen Intelligenz unter eine höhere und allein untrügliche; daher ein Act der Demüthigung, dem sich der Geist unterzieht. Denn so wenig Eigenwille und Gehorsam, so wenig lassen sich Hochmuth und Glaube vereinigen; nicht nur schliessen dieselben sich aus, sondern, wo die Einen walten, da müssen die Andern weichen. Der wahre Glaube laßt sich freiwillig und ohne Widerstreben zu Gott emporziehen; und eben deßwegen, weil er weiß, daß die Kraft von oben herabkommt und er ihr nur[656] Empfänglichkeit und Leitsamkeit anbieten kann, wird er demüthig werden in der Erkenntniß, daß das höchste Gut ein Gegebenes, nicht ein Errungenes seye. Der von der Kirche Getrennte meint, Gott zu sich herabziehen, wo nicht gar (wenigstens den Erlöser, wenn er eines solchen noch zu bedürfen glaubt) schaffen zu können; und damit wird es ihm schwer fallen, des Hochmuths sich zu erwehren. Alles Glauben, wie die Kirche es fordert, ist somit eine fortwährende Demüthigung, wobei unfehlbar die Demuth als Tugend in das menschliche Bewußtseyn, demnach auch in das Leben eintreten wird. Der lange Weg, beginnend mit Anerkennung der geschichtlichen Bedeutung päpstlicher Einwirkung auf die Geschicke der Völker im Allgemeinen, hierauf, so in ihrer Großartigkeit, als nicht minder in ihrer Wohlthätigkeit und nach ihrem Einfluß bis auf die zartesten Verästungen des gesellschaftlichen Organismus, besonders hervortretend in einer aus dem Lauf der Jahrhunderte vorzugsweise herausgenommenen und mit möglichster Eindringlichkeit erforschten Zeit, nachgewiesen an einer hohen Persönlichkeit, hatte mich so unvermerkt als ungesucht zur Anerkennung des hehren und erhabenen Baues der Kirche, als einer über weiten Raum und durch langen Zeitverlauf mit tiefer Weisheit und in unverrückter Ordnung waltenden Institution geführt. Nach diesem sah ich mich eben so ungesucht durch Dienste, welche, bei entschiedenem Widerspruch gegen Gewaltthat und Widerrechtlichkeit in jeglicher Gestalt und auf jeglichem Boden, dem durch rohe Willkür in schnödem Unterdrückungs und Beraubungs-Gelüste niedergetretenen Recht der Kirche in der Gegenwart konnten geleistet werden, mit manchen Würdeträgern oder Gliedern derselben in Berührung gebracht. Inzwischen war ich unter mancherlei kränkenden und tief verwundenden, anneben dann wieder wohlthuenden Erlebnissen zu einer allseitigen Unabhängigkeit gelangt, unter welcher allein die Möglichkeit gegeben war, von dem Aeussern und bloß menschlich Scheinenden an der Kirche zu dem Innern, Wesentlichen und Belebenden mich zu wenden. Hiemit gieng allmählig, aber[657] immer heller und umfangsreicher das Licht auf über den Zusammenhang des Aeussern und Innern, des Sichtbaren und Unsichtbaren, des Vormaligen und Jetzigen, des Gegenwärtigen und Zukünftigen, dessen Allen zumal in seinen Gegensätzen. Auf diesem Wege ward ich immer näher dem Ziele gebracht, an welchem ich mich begnadigt fühlen sollte durch jene helle, zuversichtliche und siegreich die letzten Bedenklichkeiten verscheuchende Gewißheit, die dem Menschen nur zwischen offener und freudiger Huldigung gegen die erkannte Wahrheit und dem bedenklichsten Zerfall mit sich selbst die Wahl läßt. In gedoppelter, so innerer als äusserer Freiheit, diese dadurch erhöht, daß ebensowenig mußstimmende als, nach menschlichem Standpunct beurtheilt, verlockende Elemente sich einmischen konnten, durfte ich wohl von der bisherigen und unverkennbaren göttlichen Führung und Bereitung von so langer Zeit her mit voller Zuversicht erwarten, daß dieselbe Gnade auch jene Berücksichtigungen zur erwünschten Entwicklung führen würde, welche, wenn nicht unbesiegbare Schwierigkeiten entgegenstellen, doch zu Vollziehung des Vorhabens unter minder zusagenden Verumständungen nöthigen konnten. Die feste Zuversicht täuschte nicht. Jene Anfangs erhobenen Einwendungen meiner Frau traten vor den gemachten Mittheilungen und dem ausgesprochenen Verlangen immer mehr zurück. Daß irrthümliche Meinungen von äussern Einflüssen, von Manchem, was entweder in der vermutheten Weise mich durchaus nicht berührte, oder in Wahrheit nirgends statt fand, bei ihr noch vorherrschten, war natürlich. Wer da weiß, welche Vorurtheile über Rom unter den Protestanten seit drei Jahrhunderten sich beinahe unvertilgbar gefestigt haben, selbst unter denjenigen, die weder vom blinden Haß erfüllt sind, noch jeder Albernheit, welche ihnen will aufgetischt werden, Glauben beimessen, den wird solches nicht befremden. Die Hauptsache war in's Reine gekommen; daß in Bezug des Andern mündliche Aufschlüsse in der Folge jede grundlose Voraussetzung berichtigen und besiegen würden, dessen war kein Zweifel zu hegen.[658] Am 14. Juni Abends theilte ich auf einer Spazierfahrt dem Cardinal Ostini das Vorhaben mit, nach acht Tagen abreisen zu wollen. In Erinnerung an die frühere Zusage, daß ich Rom nicht verlassen würde, ohne ihm eine bestimmte Erklärung über Möglichkeit oder Unmöglichkeit meiner Rückkehr in die Kirche mitzutheilen, schien er bei dieser Eröffnung etwas befremdet. Allein ich verscheuchte alsbald jeden Zweifel, ob ich wohl würde Wort halten, indem ich beifügte, daß zu der innern Ueberzeugung nun noch die Beseitigung aller äussern Abhaltungsgründe hinzugekommen seye, ich somit die Hoffnung hegen dürfte, daß er selbst die Gewogenheit haben würde, den Act meiner Aufnahme in die Kirche vorzunehmen, wozu er den Tag bestimmen möchte. Vor Allem aber mußte ich ihm ebenfalls meinen Dank dafür bezeugen, daß er bei häufigem Umgang und unter so verdankenswerthem Wohlwollen, mich nach und nach zu allen entlegenern Merkwürdigkeiten Roms zu bringen, in jener Beziehung mich ganz mir selbst überlassen und keine weitern Versuche, zu dieser Rückkehr bewegen zu wollen, gemacht, sondern mit Vertrauen den eigenen Entschluß abgewartet habe. Wie dann diese Eröffnung aufgenommen wurde, wird wohl nicht nothwendig seyn, zu berühren. Der Cardinal bestimmte die zehnte Vormittagsstunde des nächsten Sonntags, um meine Erklärung anzunehmen. Er war die einzige Person in Rom, welcher mein Vorhaben bekannt war; nur eine noch sollte vor Ausführung desselben Kenntniß davon erhalten: mein Landsmann Curtins, dessen unablässiger Fürsorge ich so unendlich viel Angenehmes, was mir in Rom zu Theil ward, verdanke. Ich gieng Samstag Abends zu ihm hinauf in den Vatican, um ihn zu einem Spaziergange einzuladen. Auf diesem, ausserhalb der Ringmauern des Palastes, eröffnete ich ihm: ich fände mich verpflichtet, eine höchst wichtige Neuigkeit ihm zur Kenntniß zu bringen, zugleich ihn um einen neuen Freundschaftsdienst zu bitten. Das erste nun bestand in der Mittheilung dessen, was an dem folgenden Morgen bei dem Cardinal vor sich gehen[659] werde; das Andere in dem Ansuchen, er selbst möchte sodann Schlag zehn Uhr in den Palast hinausgehen und bei Seiner Heiligkeit sich anmelden lassen, um dem Papst zu berichten, jenes Wort, welches er bei der letzten Audienz zu mir gesprochen: »er hoffe, ich würde noch sein Sohn werden,« gehe in eben diesem Augenblick in Erfüllung. Ich glaubte nämlich, bei dem ungemeinen Wohlwollen, welches der Papst mir bewiesen hatte, ihm als Oberhaupt der Kirche und als Landesherrn es schuldig zu seyn, daß er von meiner Rückkehr in die Kirche nicht erst hintennach und durch dritte Personen, sondern gewissermassen durch mich selbst, und zwar in eben dem Augenblick in Kenntniß gesetzt werde, in welchem jene vor sich gehe. Curtins strahlte bei dieser Nachricht vor Freude und dankte mit bewegtem Herzen Gott, daß er mir solche Gnade habe zu Theil werden lassen. Er gestand mir ebenfalls, daß dieses längst schon sein heissester Wunsch gewesen seye, und er seit meiner Ankunft in Rom in dieser Beziehung unter der heiligen Messe mehr als ein Memento eingelegt hätte. Aber weiter zu gehen, auch nur die leisesten Andeutungen gegen mich zu äussern, hätte er niemals sich erlauben mögen, indem er wohl gefühlt habe, daß dieses ein Gegenstand so zarter Natur seye, daß selbst das längst dauernde und engste Freundschaftsverhältniß Scheu tragen müßte, denselben zu berühren. Ohnedem hatte er an die natürliche Voraussetzung sich gehalten, ich allein könnte im Fall seyn, zu wissen, wie es in diesem Punct mit mir stehe, was ich für thunlich und möglich erachten könne, was nicht. Diesem folgte natürlich die Frage: wie ich es mit meiner Rückkehr in die Kirche wollte gehalten wissen, ob darüber Schweigen sollte beachtet, oder ob es kund dürfte gemacht werden? Ich erklärte mich gegen ihn in dem gleichen Sinne, wie früher in Monte-Cassino, mit dem Bemerken: mir selbst werde es wohl von Niemand wollen zugemuthet werden, daß ich das Geschehene andern Personen mittheile; seye er aber geneigt, Einzelnen von meinen Freunden und Bekannten es zu berichten, so räumte ich ihm hiezu die unbedingteste Befugniß[660] ein. Curtins machte nachher von derselben einen solchen Gebrauch, daß er mir hiedurch neue Verbindlichkeiten auferlegte. Seit meiner Ankunft in Rom waren beinahe drei Monate verflossen. Gegen Niemand hatte ich hinsichtlich meiner Gesinnungen auch nur die leiseste Aeusserung verlauten lassen, Niemand hatte einen Schritt wahrnehmen können, der zu solcher Erwartung hätte berechtigen dürfen. Mag es auch seyn, daß (wie es nachmals an Andeutungen hierüber nicht gefehlt hat) unmittelbar nach meinem Eintreffen daselbst Dieser und Jener derartige Erwartung hegte, es war allzuviele Zeit verstrichen, als daß dieselbe noch hätte können festgehalten werden; und selbst bei denjenigen, welche mich am öftersten sahen, hatte die Vermuthung die Oberhand gewonnen, ich würde Rom wieder ebenso verlassen, wie ich in demselben mich eingefunden; zwar wohl anerkennend, welche Elemente christlichen Lebens dasselbe in sich schließe, aber ohne denselben eine Einwirkung auf mich einzuräumen. ? Keine acht Tage, bevor meine Aufnahme in die Kirche statt fand, hatte eines Abends nach der Rückkehr von einer Fronleichnams-Procession der junge Baron Giovanelli mich in meine Wohnung begeleitet und dort mir erklärt nach langem Kampf mit sich selbst dränge es ihm, endlich Muth zu fassen, und mich zu fragen, welches eigentlich in Betreff der katholischen Kirche meine wahren Gesinnungen wären? Er habe bei so vielen Veranlassungen sich überzeugt, daß ich deren Institutionen, deren Lehren so gut kenne, als mancher Priester, in deren Geist so tief eingedrungen seye, als irgend Jemand, daß deren Gottesdienst mich so sehr anziehe und erbaue, als dieß bei einem wahren Glied der Kirche nur immer geschehen könne; und doch hätte ich mich niemals verlauten lassen, welche Beziehung zu meiner Person und zu meinem Innern ich diesem Alle einräumte. Jetzt stehe meine Abreise bevor- und dieß lasse vermuthen, ich werde von Rom heimkehren, ohne größere Gewißheit gewonnen zu haben, ohne zu einem erkennbaren Resultat gelangt zu seyn,[661] Damit möchte es beinahe den Anschein nehmen, als gehörte ich zu denjenigen, welche alle Religionsformen für unvollkommen und unzureichend, die katholische einzig für diejenige hielten, die unter denselben die mindest unvollkommene wäre. Allein dieses stünde denn doch mit meinen bisweilen geäusserten Ansichten über die Kirche in Widerspruch. Diese Offenheit freute mich um so mehr, als mir durch dieselbe Gelegenheit gegeben war, eine irrige Voraussetzung in Betreff meiner Frau zu berichtigen, als wäre dieselbe von allem denkbaren protestantischen Widerwillen gegen die katholische Kirche durchdrungen. Dabei blieb es doch, um alles Aufsehen zu vermeiden, der festeste Vorsatz, von meiner Absicht der Rückkehr in die Kirche ausser dem Cardinal Ostini keinem Menschen Etwas zu sagen. Indeß war an jenem Abend die letzte Erklärung, deren ich harrte, noch nicht angekommen. Ich trat daher wohl in die aufgeworfene Frage ein, immer aber entgegenhaltend, wie schwer es dem in der katholischen Kirche Erzogenen und mit allen Banden seines geistigen Wesens an dieselbe Geknüpften fallen müsse, in die mancherlei äussern und innern Schwierigkeiten hineinzublicken, nach deren Beseitigung derjenige, der unter ganz andern Ansichten und deren Einflüssen auf das Leben herangewachsen seye, erst im Fall sich befinde, an der Pforte der Kirche anklopfen zu können. Ich durfte weiter nichts aussprechen, als die Hoffnung, daß meine Einsichten stets tiefer dringen und klarer werden, die äussern Hindernisse vielleicht doch noch weichen möchten. So bewahrten die Einen immerhin etwelche Hoffnung für kommende Zeiten, indeß der grössere Theil meiner Bekannten der Vermuthung sich hingab, kaum dürfte Anderes von mir zu erwarten seyn, als Anerkennung von so manchem in der katholischen Kirche Vorzüglichem, Zweckmäßigem oder Ansprechendem, als, wie bisanhin, ein unbefangenes, parteiloses Urtheil. Noch am Morgen des 16ten Juni kam Theiner nach St. Maria del Anima und traf dort den Baron Giovanelli. Das Gespräch führte sie auf meine bevorstehende[662] Abreise, und sie stritten sich darüber, ob wohl je eine öffentliche Anerkennung der katholischen Kirche nach ihrem Wesen und ihrer Nothwendigkeit für jeden wahren Gläubigen von mir zu erwarten seyn dürfte. Theiner behauptete: wer so nahe zu stehen scheine, wie ich, dann aber von Rom weggehen könne, ebenso wie er gekommen seye, von dem müsse man beinahe befürchten, er stelle den Winken der göttlichen Gnade seinen eigenen Willen entgegen und sträube sich wider die Einflüsse derselben. Giovanelli dagegen, in frischer Rückerinnerung an die kurz vorher statt gefundene Unterredung, meinte, wenn allerdings für den Augenblick nichts zu erwarten seye, wäre doch nicht jede Hoffnung aufzugeben; stünde ich zwar noch nicht an dem Ziele, so befände ich mich doch sicherlich auf dem Wege; lasse sich auch nicht ahnen, wann, wo und wie ich an demselben anlangen möchte, so hege er dennoch zu der göttlichen Gnade das feste Vertrauen, daß sie mich dahin leiten werde. Von St. Maria del Anima begab sich Theiner zu dem Hr. Cardinal Ostini. Dieser, weil ich zugleich mit der gemachten Eröffnung erklärt hatte: ich wolle von keiner Heimlichkeit wissen, theilte ihm mit, was in einer Stunde vor sich gehen würde. Hoch erfreut ging jener nach St. Maria zurück, und erklärte dem Baron Giovanelli, was er vernommen und welche Befriedigung es ihm gewähre, seinem Irrthum so unerwartet sich entrissen zu sehen. Um zehn Uhr fand ich mich bei dem Cardinal ein. Man hat in Deutschland oftmals die abentheuerlichsten Berichte darüber verbreitet, was demjenigen, welcher in die Gemeinschaft der Kirche zurückkehren wolle, auferlegt werde, welche Forderungen an ihn gestellt würden, deren Zugeständniß den Betreffenden ohne Weiteres unter die Blödsinnigen oder unter die Ehrlosen einreihen müßte. Von Allem dem fand sich nichts. Es war Alles so einfach, so klar, so natürlich, wie es die Sache mit sich bringen mußte. Damit aber nicht Jemand meine, man habe aus Behutsamkeit, oder Schlauheit (wovon[663] man immer so viel zu fabeln weiß), oder aus persönlichen Rücksichten mit mir eine Ausnahme machen wollen, so diene Jedermänniglich zur Nachricht, daß die Formularien, welche ausgestellt oder in Empfang genommen werden, gedruckt sind: daß mithin auch darin wieder die Kirche keinen Unterschied zugiebt, sondern Alle, welche zu ihr zurückkehren wollen, gleich behandelt, in dieser Beziehung keinerlei Verschiedenheit des Standes oder der Persönlichkeit anerkennt. Auch von der vermeintlichen Wiedertaufe, von welcher ich später zu meiner größten Verwunderung hie und da sprechen hörte, ist keine Rede; was derjenige, welcher nicht ohne alle kirchengeschichtliche Kenntniß ist, schon von vornherein widerlegen könnte, indem ja mit solchem Begehren die Kirche der donatistischen Irrthümer sich betheiligen würde. Allerdings befragte mich der Cardinal über die Weise unserer Taufe, aber einzig um zu wissen, ob sie eine sacramentalische, der Intention der Kirche entsprechende Handlung, und nicht in eine willkürliche Aufnahms-Ceremonie, wie dieß bei einigen Secten der Fall ist, verwandelt worden seye. Wie nach Augustins Ausspruch Wort und Element zur christlichen Taufe unerläßlich sind, so wollte der Cardinal bloß versichert seyn, ob auch bei uns Wasser genommen, mit solchem das Kind begossen werde, so daß einige Tropfen abfliessen könnten, und ob die Namen der drei Personen des göttlichen Wesens klar, bestimmt und die Lehre von der heiligen Dreieinigkeit in sich fassend, ausgesprochen würden. Da bisher solches Alles bei unserer Taufe stattgefunden hat, erklärte er dieselbe für eine der Kirche durchaus entsprechende. Im Weitern hatte ich einfach das athanasianische Glaubensbekenntniß nachzusprechen, dem Cardinal anzugeloben, daß ich von demselben niemals abweichen wolle, die göttliche Einsetzung und somit die Autorität der Kirche anerkenne, hernach jenes gedruckte Formular der Rückkehr in diese zu unterzeichnen. Da ich mich wieder gesetzt hatte und zu dem frühern Verhältniß der Unterhaltung zurückgekehrt war, konnte ich nicht[664] umhin, dem Cardinal meine Verwunderung auszudrücken über die ziemlich kurzgefaßte Weise, in der meine Aufnahme in die Kirche erfolgt seye. Ich wäre ja über keine der wesentlichsten Lehren derselben befragt, mir nicht die mindeste Unterweisung ertheilt worden; er seye ja nicht einmal versichert, ob ich die vornehmsten Dogmen, namentlich diejenigen, worin die Protestanten so weit von der Kirche abweichen, auch nur kenne, geschweige denn, ob ich von deren Wahrheit und höherem Ursprung gehörig überzeugt seye. Ich konnte mich nicht enthalten, zu bemerken, das scheine mir, Jemand cavalierement in die Kirche aufnehmen. »O,« sagte der Cardinal, »auf die Weise, wie ich mit Ihnen verfahren bin, dürfen Sie keinen Schluß bauen. In Betreff Ihrer mochte ich mit Recht die zuversichtliche Erwartung hegen, daß Alles, was die Kirche lehrt und fordert, ihnen längst schon genügend werde bekannt seyn. Haben Ihre, zu allgemeiner Kenntniß gekommenen Studien hiefür einen Beweis gegeben, so werde ich wohl in der Voraussetzung, daß Sie durch weiteres Forschen und Nachdenken zur vollen Einsicht dürften geführt seyn, mich nicht geirrt haben.« Darum, fügte er bei, werde es, wie mit mir, nicht mit Jedermann gehalten; die Kirche lasse es an erforderlicher Vorsicht und Gewissenhaftigkeit nicht fehlen; Niemand werde in dieselbe aufgenommen, ohne daß man sich genügend überzeugt hätte, der Betreffende seye durch Unterweisung, die oft lange daure, zu hinreichender Kenntniß der kirchlichen Lehre und aller derjenigen Obliegenheiten gekommen, die er mit dem Eintritt in die Kirche auf sich nehme. Ich hatte den Cardinal noch nicht verlassen, als Curtins herbeikam, um mir Kunde zu geben, wie von dem heiligen Vater die Nachricht, die er ihm mittheilen sollte, seye aufgenommen worden. Sie hatte denselben ebensosehr überrascht als erfreut, und er ließ mir sogleich durch Curtius seinen apostolischen Segen zu meinem ausgeführten Entschluß ertheilen. In eben dem Augenblick, da er bei dem Papst eingetreten, war der Cardinal Staatssecretär aus dessen Gemach herausgegangen;[665] kaum hatte der heilige Vater von Curtius die Nachricht vernommen, so klingelte er, um den Cardinal zurückzurufen und ihm dieselbe ebenfalls mitzutheilen, wie dieß am gleichen Tage gegen andere Personen seiner Umgebung geschah. Außer Overbeks gab es Niemand in Rom, welcher meine Rückkehr durch mich selbst erfahren hätte. Aber alle meine Freunde und Bekannten vernahmen dieselbe schnell genug, und es fehlte nicht an der aufrichtigsten Theilnahme. Gerade bei dieser Gelegenheit lernte ich die katholische Kirche von einer Seite kennen, die meine Verehrung gegen sie erhöhen, meine Ueberzeugung, daß der wahre Geist sie durchdringe, daß das Leben in derselben vor dem so nahe stehenden Irrthum am sichersten verwahre, ungemein festigen mußte. Von dem Cardinal bis zu dem einfachen Pilgerbruder Michel in der Anima, von der Fürstin bis zu der armen Frau herab, welche mein Zimmer kehrte, wurden Beglückwünschungen an mich gerichtet; aber insgesammt alle und ohne Unterschied derjenigen, von welchen sie ausgiengen, waren nur ebensoviele Stimmen, die Dank gegen Gott bezeugten und zu solchem aufforderten, daß er seine Gnade mir habe widerfahren lassen. Alle Freude darüber ward nur in der Weise geäussert, daß dieselbe ihren Wiederhall in mir finden sollte; und von Allem, was man vielleicht sonst wähnen möchte, kann auch nicht bei einem Einzigen die leiseste Spur zum Vorschein. Hierin dann trat mir unverkennbar zweierlei vor Augen: zuerst die unerschütterliche innere Glaubensgewißheit, die unter aller Theilnahme bei einem Jeden zunächst hervorleuchtete, und in dem Bekenntniß sich offenbarte, daß mit dem Einen Nothwendigen, was ihn beglücke, nunmehr auch ich seye ausgestattet worden; sodann jene oft erwähnte Charitas, welche in so allseitigen Aeusserungen der Freude darüber sich kund gab, daß der unermeßliche Schatz, zu dem von Geburt an Jeder berufen, auch demjenigen seye erschlossen worden, der bisanhin von demselben ferne gestanden. Es lag in allen diesen Bezeugungen, gleichwie in allen andern, welche nachmals schriftlich an mich gelangt sind, etwas so Inniges, Mildes,[666] Liebreiches, eine solche einstimmige Obsorge um mein wahres Wohlseyn durch die Berufung zu den höchsten Gütern, zu deren alleinigen Verwalterin und Spenderin Gott die Kirche erkoren hat, daß dieß schon den Eintritt in eine, durch solchen Geist bewegte und alle zeitlichen Bande überragende Vereinigung zu einer beglückenden und trostreichen Sache machen muß. Dabei bethätigte sich ungesucht und ohne alle Nebenrücksichten und in vollem Glanze die Anerkennung eines belebenden Wechselverhältnisses zwischen dem heilsbedürftigen Menschen und dem gnadespendenden Gott. Und da, wo von dem obersten Hort der Lehre bis herab zu dem Letzten, der im Lichte derselben wandeln soll, Alles einstimmig von der göttlichen Gnade als der alleinigen, die Erkenntniß wie das Bekennen der Wahrheit wirkenden Ursache spricht, da, wo Niemand des Menschen Rennen und Laufen, Wollen und Anstreben auch nur leise berührt, da sollte von pelagianischem Irrthum das Ganze durchdrungen, durch solchen die Wahrheit verdrängt worden seyn! Und das in einer Kirche, welche, der Stimme der Ueberlieferung folgend, den Glauben ein »übernatürliches Licht, eine Gabe Gottes, eine von Gott eingegossene Tugend« nennt, dadurch der Mensch Alles fest und ungezweifelt für wahr hält, was Gott geoffenbaret hat, und was die katholische Kirche zu glauben vorstellt!« Weiter geschah es, abermals gegen Vorsatz und Wille, daß meine Rückkehr in die Kirche zu Rom nicht auf die bloße Erklärung sich beschränken, sondern auch die sacramentalische Vereinigung mit derselben ebenfalls dort erfolgen sollte. Ich bemerkte dem Cardinal: von den sechs Tagen, die ich in Rom noch zuzubringen gedächte, wären die drei nächstfolgenden zu einem Besuch in Subiaco bestimmt. Damit wäre meine Zeit so sehr verkürzt, daß es mir nicht möglich würde, durch Beichte und den Empfang des heil. Abendmahls als wirkliches Glied der Kirche mich darzustellen und ebenfalls noch das Sacrament der Firmung zu erhalten. Ob es nicht angienge, dieses Alles[667] bis zu keiner Heimkehr zu versparen, wo ich entweder in dem nahen Kloster Rheinau oder in Einsiedeln Solches nachholen könnte? Damit erklärte sich der Cardinal vollkommen einverstanden; so daß ich Rom eigentlich mehr mit dem Willen, ein Glied der katholischen Kirche zu werden, als mit den Beweisen, ein solches zu seyn, würde verlassen haben. Das aber sollte nicht geschehen; was in Rom begonnen worden, sollte dort auch seine Vollendung gewinnen. Noch am Abend des gleichen Sonntags suchte Curtins mit mir die Landkutsche auf, welche wöchentlich ein paar Male nach Subiaco fährt. Er zweifelte nicht im geringsten daran, daß der Montag einer der Tage der Abfahrt seye. Allein wir erhielten den Bescheid, vor Mittwoch gehe dieselbe nicht mehr ab. Zu diesem Ausfluge sind mindestens drei Tage erforderlich. Da nun der Platz in dem Postwagen auf Samstag den 22, Juni schon bezahlt war, reichte am Mittwoch die Zeit zu jener Fahrt nicht mehr hin, und ich mußte, wie ungerne es auch geschah, den Besuch der Geburtsstätte des Benedictinerordens aufgeben. Darin schien mir ein Wink zu liegen, ich dürfe Rom nicht als unreife Geburt, sondern nur in vollkommen bewerkstelligter Wiedergeburt durch Empfang der heiligen Sacramente verlassen. Ich theilte also dem Hrn. Cardinal mit, daß mir nunmehr Zeit genug übrig bleibe, meine Rückkehr in die Kirche durch Erfüllung aller Forderungen derselben zu bethätigen. Dieß war ihm um so erwünschter, als er mir zu Empfang der heiligen Communion den kommenden Freitag und die Kirche von St. Ignazio vorschlagen konnte, wo er an dem Feste des heiligen Aloys ohnedem der gesammten studirenden Jugend Roms dieselbe austheilen, zugleich dann in der Capelle des Heiligen mir das Sacramtent der Firmung ertheilen würde. Zu letzterm erbat ich Herrn Overbek als Pathen, und eine große Zahl von Bekannten, Schweizer, Deutsche, Franzosen, Italiener hatten zu der Feyerlichkeit sich eingefunden, um durch ihre Anwesenheit Theilnahme an der mir widerfahrenen Gnade nochmals zu[668] bezeugen. In der Kirche selbst aber erschien ich an der Spitze dieser zahlreichen Jugend, gleichsam als Zeuge, daß der Weg des redlichen und demüthigen Forschens ebensowohl zu der Kirche hinführen, als derjenige des von Gott abgetrennten und hochmüthigen Forschens von ihr hinweglenken möge. Manche aber haben mir nachmals gestanden, daß mein Erscheinen, gleichsam als Führer dieser Jugend, einen tiefbewegenden Eindruck auf sie gemacht habe. Einen nicht geringern machte auf mich die Wahrnehmung, daß, ohne es zu wollen, ja selbst ohne es nur zu ahnen, die beiden Hauptmomente meiner Rückkehr an Feste der Gesellschaft Jesu, das letztere aber an eine derselben besonders werthe Stätte sich knüpfte. Der 16. Juni war zur Erklärung meiner Rückkehr gewählt worden, weil früher diese nicht erfolgen konnte; den 21. hatte der Cardinal gewählt, weil an diesem Tag ohnehin die vorzüglichste kirchliche Function in St. Ignazio ihm zufiel. Jener Tag aber war das Fest des heil. Franz Regis, was mir erst hintennach bemerkt werd en ist, auf den andern fiel dasjenige des heil. Aloys. Dieses Zusammentreffen war mir ungemein erfreulich, da ich schon seit langen Jahren eine ganz besondere Achtung gegen die Gesellschaft Jesu in mir getragen hatte, ohne durch die Anschuldigungen, Herabwürdigungen und Lügenschriften, welche von allen Seiten mit so erstaunlicher Betriebsamkeit und in solchem merkwürdigen Uebermaaß gegen sie verbreitet wurden, je mich irre machen zu lassen, ja ein solches Vertrauen in dieselbe setzte, daß ich niemals die feste Ueberzeugung verhehlte: sofern es möglich seye, dem mit solcher verwüstenden Wirkung voranschreitenden innern Zerfall des Menschengeschlechts noch vorzubeugen, dasselbe von dem Abgrund, in welchen die revolutionären Bestrebungen aller Art es hinabzutreiben sich bemühten, noch zurückzureissen, dieß einzig dadurch sich erzielen liesse, daß überall der Gesellschaft auf die Leitung und Erziehung der heranwachsenden Geschlechter der ehevorige Einfluß wieder eingeräumt würde.[669] So war durch göttliche Leitung am Vorabend meiner Abreife von Rom der vornehmste Zweck, weßwegen ich mich dahin begeben hatte, auf's vollständigste erreicht, stand ich an dem Ziele, über welches seit drei Jahren immer heller das Licht mir aufgegangen war, und fühlte ich mich beglückt durch jene innere Gewißheit und Festigkeit, welche die segensreiche Frucht ernsten und gewissenhaften Strebens nach Wahrheit und höherer Erleuchtung ist. Von dem Standpunct, von welchem ich jetzt in das Ganze der katholischen Kirche nach dem innern Zusammenhang ihrer Lehre, Uebungen, Einrichtungen, Forderungen und dargebotenen Gnaden blickte, konnte ich je länger desto weniger die Wuth begreifen, von der so Manche wider dieselbe erfüllt sind, den blinden Haß, der gegen dieselbe sie stachelt, und welcher vielleicht einzig von der gänzlichen Unkenntniß derselben überboten oder auch durch diese bedingt und genährt wird. Mehr als je schien mir in unsern Tagen, in Bezug auf denjenigen, welcher der Eckstein des Glaubens und der Kirche ist, zur That zu werden das Wort des gottesfürchtigen Mannes: »Dieser ist gesetzt zum Sturz und zur Erhebung Vieler in Israel und zum Zeichen, welchem wird widersprochen werden« Denn nicht einzig das förmliche Verwerfen desselben, sondern auch das Nichtanerkennen, als desjenigen, der es ist, muß Widersprechen genannt werden, in welches Jeder, der ihn zum bloßen Religionsstifter, und wäre es selbst mit der Eigenschaft eines Gottesboten, macht, ebensowohl sich verläuft, als der nackte Deist. Ohne Einfluß auf den geistigen Menschen kann die, aus dem Zusammenwirken des eigenen Forschens, Prüfens und Vergleichens und der durch mancherlei Mittel entgegenkommenden Gnade hervorgehende Rückkehr in die Kirche unmöglich bleiben. Dieß habe ich an mir erfahren. Das Bewußtseyn, im Besitz einer Wahrheit zu seyn, die unter der schirmenden Obhut des heiligen Geistes fortan seit der Zeit gestanden, da der, welcher die Wahrheit selbst ist, sie hernieder brachte; einer Wahrheit, die im Verlauf der Zeit wohl sich entfalten und immer kräftiger entwickeln (wie aus dem Keim der Baum mit seinen Aesten,[670] Zweigen, Blättern, Blüthen, Früchten), nie aber berichtigt, wohl gar umgestaltet werden mag; einer Wahrheit, die der Mensch nur in Demuth annehmen, oder aber in Hochmutth verwerfen kann (dieweil alles Herumkünsteln und Herumklügeln daran und alles Zustutzen derselben nach der Tagesmeinung nur Larve ist, hinter welche dieser Hochmuth sich verbirgt); dieses Bewußtseyn macht zugleich empfänglicher für jede andere, wenn derselben immerhin untergeordnete Wahrheit, verleiht eine sonst ungeahnete Sicherheit in dem Festhalten an ihr, eine über alle Begegnisse emporhebende Gewißheit, und erhobt den Muth, wie zum Bekenntniß, so zur Verfechtung aller Wahrheit unter allen Umständen aufzutreten. Es geht mit solcher Einfügung (nicht blos Anschluß) in den Gesammtkörper ein Theil der Wesenheit des Hauptes, zu deren Mitbesitz jener berufen ist, nach dieser Beziehung auch in das Eingefügte über. Dem, aus dem Eingehen in die Wahrheit und aus dem Bekenntniß der Wahrheit in den Menschen hinüberquellenden Muth, für alle Wahrheit einzustehen, leuchtet als erkräftigendes Vorbild das zermalmende Wort, welches die ewige Wahrheit, nicht gegen die Personen, wohl aber gegen die Verirrungen und Unthaten der Pharisäer und Schreiber gesprochen hat. Aber es geht in denjenigen, welcher dem Gesammtkörper eingefügt wird, ein Theil der Wesenheit des Hauptes auch nach seiner andern Beziehung, nach seiner Milde gegen die Irrenden, über, nicht allein vorgebildet, sondern fortan wirkend in jenem Wort: »Vater verzeih' ihnen, sie wissen nicht, was sie thun.« Darum ist ein wesentlicher Unterschied zu machen zwischen Anschluß an die katholische Kirche und Einfügung in den mit dem Haupt verbundenen Gesammtkörper. Bei Jenem kann der Mensch innerlich bleiben, wie er war, anneben in Allem, was an sichtbarem Thun die Kirche fordert und was an äusserer Bewährung der Theilnahme sie auferlegt, eifrig und folgsam sich erzeigen; bei diesem hingegen muß er selbst, kann aber im Grund nur er selbst mit Zuversicht sich bewußt werden, daß das äussere Band zum innern sich verklärt habe. Ist dieß der[671] Fall, so wird mit dem, daß sein Urtheil über die Sachen klarer strenger und entschiedener wird, dasjenige über deren Träger, über die Menschen, ruhiger, schonender, milder werden; wo er zuvor Beide vermengte, wird er jetzt sich bemühen, sie in bestimmter Unterscheidung auseinanderzuhalten; wo er zuvor geneigter war, über jene hinwegzugehen und an diese sich zu halten, wird jetzt sein inneres Wesen zu dem entgegengesetzten Verfahren ihn leiten; er wird ohne Scheu und Zagen vor Jedermanns Ohren bekennen können, alles Bösen, nicht aber der Bösen (mögen dieselben immerhin die in Gift getauchten Pfeile ihrer sittlichen Verworfenheit gegen ihn richten!) Feind zu seyn. Ob er in den Gang der Weltereignisse hineinblicke, und hier das Spiel so mancher finstern Elemente, so mancher zerstörenden Kräfte, so mancher verderblichen Zwecke, besonders in ihrer Richtung gegen die Kirche, vor seinen Blicken sich entfalte; ob er den Lauf des eigenen Lebens überschaue, und da auf manches Widerwärtige, Kränkende stoße, was ihm durch Andere bereitet worden: sein durch das Licht der Kirche erleuchteter Geist und sein von dem Lebensodem der Kirche angehauchtes Gemüth wird in den meisten Fällen, auch wenn subjectiver Willen und daraus hervorgehende concrete Absicht nicht kann geläugnet werden, ihn doch an jenes: »Sie wissen nicht, was sie thun,« gemahnen und dadurch eine Gesinnung festigen, welche in Demjenigen lebte, den diese Einsicht zur Fürbitte, somit zu dem reinsten Wohlwollen stimmte. Wie denn auch dem Apostel dieses einleuchtete, indem er sagt »Wenn die Fürsten dieser Welt die geheimnißvolle Weisheit Gottes erkannt hätten, würden sie niemals den Herrn der Herrlichkeit gekreuzigt haben.« Das ist jene Liebe, welche als der vom Himmel auf die Erde gebrachte Schatz zu treuer Bewahrung in der Kirche hinterlegt, in ihr zur bewegenden Kraft geworden ist, durch sie allen ihren Gliedern eingepflanzt werden will, mittelst ihrer nur angeregt, von ihr nur gewonnen, in deren Lichte nur ihrem vollen Wesen nach erkannt werden kann. Wie zwar der gesammte Sprachschatz, deren die Kirche sich bedient, auch zu[672] anderweitigem Gebrauch und somit in gleicher Berechtigung mit ihr selbst, denjenigen Allen offen steht, welche dieselbe nicht kennen, ihr widerstreben, sie vielleicht sogar hassen, so bedienen sich auch diese derselbigen Ausdrücke, wie die Kirche; aber sie bezeichnen damit entweder verschiedene, oder ganz anders modificirte, manchmal sogar ihrer eigenthümlichsten Wesenhaftigkeit verlustig gegangene Begriffe. Das gerade findet Statt mit dem Wort Liebe, mit welchem nicht allein arger Mißbrauch, sondern häufig selbst Unfug getrieben, und welches am meisten oftmals von denjenigen im Munde geführt wird, die entweder am wenigsten von ihr angeweht, oder ohne Kenntniß ihrer ächten und allein gültigen Natur sind. Sie kehren die Sache um; das wesentliche Merkmal ihrer Liebe ist, wenn nicht ein willfähriges Beipflichten zu jedwedem Irrthum, zu jeder subjectiven, besonders mit etwelcher zuversichtlichen Anmaßlichkeit vorgetragenen Meinung, doch ein stummes Gewährenlassen derselben, ein unentschiedenes Schweben zwischen dieser und der Wahrheit, eine mattherzig eingeräumte, vollkommen gleiche Berechtigung für Beide; worüber dann unbedenklich die Menschen mögen preisgegeben, wohl gar allen Waffen der Bosheit blosgestellt werden, indeß sogar von der Theilnahme an jener verkehrten Anwendung einzig die Trägerin der göttlichen Wahrheit und die durch keine Gewalt von ihrem Bräutigam zu scheidende Braut, die Kirche, ausgeschlossen bleiben soll. Dem Begriff, mindestens dem Verfahren dieser Leute zufolge, müßte kein Menschenherz je der Liebe so gänzlich abgestorben gewesen seyn, als das Herz desjenigen, welcher dieselbe höher setzte als Engelssprache, als Prophetengabe, als Wunderkraft, als Mildthätigkeit; dieweil er an anderm Ort erklärt hat: ob auch ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium verkündigte, anders, als wir es verkündigt haben, der seye verflucht.« Und dieses Evangelium war kein anderes, als dasjenige von Christo, dem Gekreuzigten, welches in der katholischen Kirche nicht allein treulich bewahrt wird, sondern welches sie fortwährend selbst ist und bleiben wird bis ans Ende der Tage. Denn in der katholischen Kirche wird[673] nicht nur über Christus gesprochen (in der Predigt, die es zu Weiterem, als hiezu, nirgends, auch in jener nicht zu bringen vermag), spricht nicht nur er selbst (in dem vorgelesenen Evangelium ? größtentheils seinen Worten), sondern ist er wesenhaft gegenwärtig (in dem allerheiligsten Altars-Sacrament.) Ich spreche nicht von meiner Rückreise. Sie war vergnügt, anmuthig, lehrreich. Ich hatte auf derselben Gelegenheit, den Unterschied wahrzunehmen zwischen dem christlichen und zwischen dem christuslosen Staat, zwischen jenem, der auch die höhern Bedürfnisse des Menschen seiner Fürsorge nicht für unwürdig hält, und zwischen demjenigen, der für die Seelen nicht den Bettlerpfennig mehr in der Tasche behält, indeß er für die Körper Millionen auswerfen kann. Wir fuhren Samstag Abends mit dem Postwagen von Rom ab, die erste Station, an welcher um Mittag einiger Halt gemacht wurde, war Terni. Da ist die Einrichtung getroffen, daß mit der letzten Messe bis zu dessen Ankunft muß zugewartet werden, worauf die Reisenden, so sie den Postwagen verlassen, in die Kirche sich begeben. Wir diesseits der Alpen fördern nicht allein eine unermeßliche Menge Reisende, sondern beschäftigen außerdem eine große Anzahl Personen mit unsern Eisenbahnen, die doppelten Stellung von jenen zu Erde und Himmel gedenken wir nicht, und diese, welchen bei ununterbrochenem Dienst in dem Fernestehen von jeder Kirche am Ende selbst die Erinnerung an eine solche abhanden kommen muß, suchen wir gleichsam in die völlige Entfremdung von Gott hinauszuspediren. Welcher Regierung gebührt der Vorzug: der päpstlichen, die auch in materieller Beziehung auf das (wenn immerhin für Einzelne nur vermuthetes) Bedürfniß Bedacht nimmt, oder jeder modernen, die nicht einmal das Daseyn einer solchen zu ahnen scheint?[674] Viel Merkwürdiges habe ich auf dieser Rückreise gesehen, viel Erfreuliches ist mir wiederfahren, viele erwünschte Bekanntschaften habe ich gemacht. Vor Allem konnte ich nicht in der Nähe von Fermo vorüberreifen, ohne dem dortigen Cardinal-Erzbischof, der während der drangsalvollsten Jahre so lange an der Nuntiatur in der Schweiz hatte ausharren müssen, und mir in all' dieser Zeit so viele Beweise des Wohlwollens gegeben, einen Besuch abzustatten, und ihm Zeugniß zu bringen, in wie wohlverdientem Andenken bei so vielen ausgezeichneten und gutgesinnten Personen, die damals mit ihm in Berührung gekommen, er fortwährend stehe. Leider war für Beide die Zeit des Beisammenseyns allzukurz bemessen, ein heiterer Tag aber derjenige, welchen ich bei ihm zubrachte. Loretto durfte auch nicht übergegangen werden, und wäre es nur gewesen, um die schöne Kirche mit ihren herrlichen Bronzethüren und dem Sculpturen-Reichthum, welcher die Casa santa einfaßt, zu beschauen. Ancona lockte nicht zum Verweilen; aber eine behäglichere Fahrt, als von dort bis über Pesaro hinauf, längs der Meeresküste, unter dem sonnenhellesten Himmel, erfrischt durch ein leises Lüftchen, welches immer von neun Uhr Morgens über den klaren Wasserspiegel strich, läßt sich nicht denken; um so behaglicher, als mein Begleiter, Dominicus Gmür von St. Gallen, und ich den ganzen Weg, durch fremde Personen ungestört, mit eigenem Vetturin zurücklegten. Mit einem höchst liebenswürdigen und durch die trefflichsten Gesinnungen ausgezeichneten Mann, dem Bischof Ugolini von Fossombrone, traf ich in Fano zusammen. Durch seine Veranstaltung wurde Hallers Restauration der Staatswissenschaften den Italiänern und durch diesen ich dem Bischof bekannt. Weil Fossombrone abseits meines Weges lag und ich meine Zeit etwas zu Rath halten mußte, kamen wir überein, im Hause der Jesuiten zu Fano uns zu finden. Die Schrift des Bischofs: Esame sulle varie opinioni delle scrittori profane e sacri intorno alla questione: se, e come venga di Dio la sovranitâ, temporale, zeigt den,[675] auch auf anderm, als dem theologischen, Gebiete einheimischen Gelehrten. Er theilt vollkommen Hallers Ueberzeugungen von dem Ursprung der fürstlichen Macht, im Gegensatz zu der, alles revolutionäre Streben begünstigenden und jede gesellschaftliche Ordnung auflösenden Fiction eines Contract social. In solchem Sinn erschien schon im Jahr 1836 sein Catechismo antirevoluzionario politico, und im folgenden Jahr eine meisterhafte polemische Restauration des Naturrechts unter dem Titel: Institutiones juris socialis naturæ. In den folgenden Jahren gab er heraus: Ristretto della teoria dello stato naturale sociale dal celeberrimo Dottore C. L. de Haller, und: Isame critico dell opinione adottata dagli scrittori par l'elezione del principo temporale. Ueberdem ist er Verfasser vieler theologischer und moralischer Abhandlungen, in welchen zu Bekämipsung der Revolution die Grundlehren des Hallerschen Systems, als mit der Vernunft, der Erfahrung und dem Christenthum durchaus übereinstimmend, gleichsam in jede Zeile hineingewoben sind. Ich betrachte es als einziges Mißgeschick meiner Reise, daß bei der Ankunft zu Modena der Herzog durch Krankheit an das Bett gebannt war und hierin ein Hinderniß lag, ihm vorgestellt werden zu können. Ich bedauerte dieß um so mehr, als Alles, was ich in seinem Land von ihm hörte und sah, die hohe Idee, die ich längst schon von diesem Fürsten hegte, in vollem Maaße bestätigte. Zu derselben bin ich auf dem gleichen Wege gelangt, wie zu meinen Ueberzeugungen in Betreff verschiedener anderer Personen, aber auch besonderer Institutionen und Maaßregeln. Zuerst wurde durch mich erwogen, von wem die herabwürdigenden Urtheile über so Manches, und so auch über diesen Fürsten, hervorgiengen, bei welchen Veranlassungen sie geäussert wurden, an welche Verfügungen[676] desselben vorzugsweise sie sich anknüpften. Da zeigte sich bald, daß in allen Ländern die Umwälzungspartei ihn zur Zielscheibe ihres Hasses gemacht hatte und die Zungenfertigkeit der zahllosen Masse Nachhumpelnder an den vorgesprochenen Phrasen ich übte. Es zeigte sich, daß sein kräftiges Auftreten zum Schutz einer Rechte und zur Bewahrung seines Volkes gegen eine Glückseligkeit, die demselben auf Kosten des Landfriedens, unter Umsturz aller Ordnung, und zum Besten von Ideologen, Schwätzern und Ehrgeizigen wollte aufgebürdet werden, ihm die Ehre solches Hasses zugezogen und ein derartiges Geschrei wider ihn veranlaßt hatte; so daß wohl Jeder, den die Stärke und die Zahl der Stimmen berücken kann, meinen müßte, der Herzog wäre ein finsterer Tyrann, ein launenhafter Despot, ein geistesstumpfer Autokrator, eine wahre Anomalie des neunzehnten Jahrhunderts; daß man kaum der Vorstellung sich erwehren möchte, in Modena sähe es so finster, traurig, unheimlich aus, wie kaum an einem Orte der Welt. Wenn man durch das Modenesische fährt, sieht man ein fruchtbares, wohlangebautes Land, schöne, freundliche Dörfer, wie man sie in Italien kaum anderswo findet, Gesichter, in deren Ausdruck keine Spur von Kummer, Elend und Druck wahrzunehmen ist. Nun das Land hat freilich der Herzog nicht geschaffen, die Dörfer hat er nicht gebaut, aber lastete auf jenem der vermeintliche Druck, so würde doch irgend Etwas davon sich bemerklich machen. Die Stadt Modena hat sich ? und hier ist das Gepräge zu frisch, um es mißkennen zu können ? in neuester Zeit bedeutend erweitert, verschönert, was kaum der Fall seyn dürfte, wenn es so unbehaglich wäre, unter der Regierung dieses Herzogs zu leben. Um denjenigen, welchen dieses gewissermassen zur Richtschnur ihres Urtheils über die Verwaltung eines Landes dient, doch etwas Tröstlicheres darzubieten, bemerke ich, daß ich während zweitägigen Aufenthalts in Modena nicht einem einzigen Bettler begegnete. Alle Personen, mit denen ich in Berührung kam, haben nicht allein mit Achtung von ihrem Landesherrn gesprochen, sondern[677] manche vorzügliche Eigenschaft desselben hervorgehoben, und seine landesväterliche Sorge, die man übrigens nicht bloß aus Worten vernehmen, sondern an sichtbaren, darum zweifellos sprechenden Schöpfungen sehen kann, angepriesen. Muth, Entschiedenheit und Gottesfurcht sind Erbgüter seines Hauses, die daher auch dem Haupt desselben nicht fehlen. Den ersten hat er bewiesen, indem er selbst die Soldaten anführte, welche den Menotti und seine Mitverschworenen in dem Hause, worin sie versammelt waren, sollten gefangen nehmen, und, trotz der Schüsse, welche von diesen Vaterlandsfreunden auf ihn gerichtet wurden, nicht von seinem Kriegsvolk sich trennte. Wie begreiflich unter solchen Umständen die äusserste Entrüstung und wie natürlich es gewesen wäre, wenn der Herzog alle Mittel der Gewalt hätte anwenden lassen: die Berücksichtigung einer Familie, welche den untern Stock des Hauses bewohnte, worin die Landesbeglücker ihren Rathssaal aufgeschlagen hatten, überwog dennoch so, daß er von zwei mitgebrachten Kanonen, mittelst deren dasselbe hätte können zusammengeschossen werden, keinen Gebrauch machte, sondern lieber es darauf ankommen ließ, ob es nicht gelingen werde, zuletzt auf andere Weise in dasselbe einzudringen. Hierauf bewahrte seine Entschiedenheit das eigene Land, den angränzenden Kirchenstaat und das Parmesanische vor den Gräueln der Revolution. Seine Gottesfurcht ist nicht, wenn ich so sagen soll, eine officielle, eine solche, die aus der erkannten Wohlanständigkeit eines guten Beispiels des Obern hervorgeht, sondern die in den Tiefen des Gemüthes wurzelt, daher nicht damit zufrieden ist, wenn die Untergebenen den äussern Schein derselben an sich tragen, sondern will, daß sie auch bei ihnen zur lenkenden Kraft des Lebens werde. Gerade hierauf hatte die, durch jene revolutionären Bestrebungen nothwendig gewordene Besetzung des Landes nicht vortheilhaft eingewirkt. Namentlich hatte bei dem untern Hofgesinde eine bedenkliche Gleichgültigkeit gegen Erfüllung der religiösen Pflichten und wohl auch Anderes, was unabweislich diesem auf dem Fuße[678] folgt, sich eingeschlichen. Das sollte gebessert werden. Kaum daher die Truppen das Land wieder verlassen hatten, berief der Herzog deutsche Ligorianer zur Seelsorge für das untere Hofgesinde (ebenfalls vielfältig aus Deutschen bestehend), und der klugen Thätigkeit dieser Vater gelang es, bei ihren Pflegbefohlenen in Kurzem wieder Anerkennung des Werthes der heil. Sacramente und des Besuches des Gottesdienstes hervorzurufen. Deßwegen stehen die Ligorianer bei allen Wohlgesinnten zu Modena in hoher Achtung. Der Herzog aber mag, theils dieser Ursache wegen, theils weil er durch die antikirchlichen Bestrebungen der Neuerer sich nicht berühren läßt, zu jeder andern auch noch die Nachrede sich gefallen lassen, bigott zu seyn; ein Wort, welches heutzutage denjenigen: Jesuit, ultramontan u. dgl., sich anreihen läßt. Was würden sie erst sagen, wenn sie jenes merkwürdige Decret kennten, mittelst dessen der Herzog alle, den Rechten der Kirche zuwiderlaufenden Gesetze und mißbräuchlichen Uebungen eines Schlages aufgehoben hat, ohne sich durch die Furcht ängstigen zu lassen, hiedurch an seiner Würde oder an seiner Unabhängigkeit Etwas einzubüßen? Oder sollte der Fürst, welcher in das Schlepptau der Sophisten sich nehmen liesse, beide besser wahren, als derjenige, welcher das Wesen und das Recht der Kirche anerkennte? Das Spital und die Versorgungsanstalt für Frauenspersonen, unter Leitung und Obsorge der Barmherzigen Schwestern stehend, ist nicht nur ein großes, sondern ein großartiges und in aller Beziehung trefflich eingerichtetes Gebäude, in welchem, neben der leiblichen Pflege, ebenso sorgfältig auf die geistliche Bedacht genommen ist. Hat auch der jetzige Herzog dasselbe nicht gestiftet, so hat er es doch hergestellt, erweitert, ansehnliche Summen auf dasselbe verwendet, und ein schönes Marmorrelief am Fuße der Treppe verkündet ihn als vornehmsten Wohlthäter des Hauses. Wahrscheinlich ist auch das Spital für Männer, welches die Fate ben fratelli besorgen, von ihm ebensowenig unberücksichtigt geblieben. Ich habe dieses nicht[679] gesehen, kann also bloß aus der Analogie eine Vermuthung hierüber ableiten. Hingegen verdankt eine Erziehungsanstalt für taubstumme Mädchen ihr Daseyn dem Herzog. Ich brachte in derselben mit mehrern literarischen Notabilitäten von Modena einen unvergeßlichen Abend zu, und war bei einer kleinen Prüfung, welche die Lehrerin vornahm, erstaunt über die schöne geistige Entwicklung, die diese armen Mädchen gewonnen hatten. Eine dritte große Anstalt, welche durch den Herzog geschaffen worden, ist die Irrenanstalt zu Reggio. Als vierte, damals ihrer Vollendung nahe stehend, und als Bauwerk zugleich eine Zierde von Modena, läßt diesen das unfangsreiche Convict sich anreihen, welches zur Unterrichtung und Erziehung einer bedeutenden Anzahl junger Leute den Jesuiten übergeben werden soll. Bekanntlich ist der Herzog sehr reich ? riechissimo, sagte mir ein vortrefflicher Mann. Ausserdem daß sein Reichthum dem Lande an sich zu gut kommt, macht er von demselben wohlthätigen Gebrauch, nicht allein auf die erwähnte, sondern auch auf andere Weise. Als vor wenigen Jahren Theurung eintrat, war es wieder der von unsern warmen Volksfreunden so vielfach verlästerte Herzog, welcher aus seinen eigenen Mitteln den Dürftigen Beistand leistete und sorgte, daß die Noth für sie weniger fühlbar werde. Das also wäre der Despot, den sie in Deutschland so gerne als Schreckbild hinmalen, von dem sie nur Schlimmes auszusagen wissen, weil er die Plane der angeblichen Weltbeglücker durchschaut, denselben kräftiger entgegensteht, als kein anderer Fürst, und nicht durch einen Haufen Schwätzer und Rechtszertreter sich in den Quiescentenstand will setzen lassen. Jene schönen Eigenschaften eines Regenten sind von dem Vater auch auf die Söhne übergegangen. Jemand, der in enger Beziehung zu dem herzoglichen Hof steht, versicherte mich, wenn unter gewichtigen Weltereignissen je wieder die hohe Gestalt eines christlichen Helden vor der Gegenwart erscheinen sollte, so wäre dieses unfehlbar in dem Herzog Ferdinand, dem zweiten Sohn des Herzogs, zu gewarten. Der Hof selbst stellt das[680] schöne Bild einer durch alle geistigen und sittlichen Vorzüge geeinten Familie dar. Dem fürsorglichen Wohlwollen, womit mein Freund und Landsmann, Graf Johann von Salis, meinen zweitägigen Aufenthalt in Modena mir lehrreich und anziehend zu machen sich bemühte, setzte er damit die Krone auf, daß er mir den Hauptmann Caponi zum Begleiter nach Reggio mitgab. Man wird nicht leicht einen Mann von vortrefflichern Gesinnungen, gediegenerem Charakter, richtigeren Urtheil und erfreulicherer Dienstfertigkeit finden, als ihn. Wie groß möchte wohl die Zahl derjenigen Kriegsleute in allen Ländern seyn, welche bei der Abfahrt von einem Ort an die Gefährten die Frage stellten: ob sie gewohnt wären, das Reisegebet zu verrichten? (mit dem Lobgesang Zachariä beginnend) und dann aus dem Gedäch miß mit der vollesten Sicherheit zu respondiren wüßten, wie es von ihm geschah. Wie groß dürfte nicht eher die Zahl derjenigen seyn, welche Kriegsstand und religiöse Anregungen geradezu für Gegensätze betrachteten, was doch ehebevor anders gewesen seyn dürfte? Je mehr das religiöse Element als Grundwurzel dieses mir theuer gewordenen Mannes hervortrat, desto klarer und gereifter war auch sein Urtheil über alle gewichtigern und in die allgemeinen Verhältnisse tiefer eingreifenden Gegenstände, die zur Sprache gebracht werden konnten. Wir hielten an der Irrenanstalt, welche einige hundert Schritte vor Reggio liegt. Sie ist neu erbaut, von ansehnlichem Umfang. Der Arzt, Herr Galloni, hatte die Gefälligkeit, uns überall herumzuführen. Eine kleine Zahl solcher Unglücklicher, an welchen die Heilungsversuche zur Zeit noch fruchtlos geblieben waren, befanden sich in einem Hof beisammen, friedlich, aber größtentheils in starres Hinbrüten versunken. Wie zu Hall, bei Innsbruck, sah ich auch hier musikalische Instrumente in einem der Säle, und Herr Galloni versicherte, daß Musik häufig unter die vorzüglichen Hülfsmittel zur Heilung könne gezählt werden. Wir fuhren darauf in das Collegium[681] der Jesuiten, von denen ich, wie bereits erwähnt, in ihre Schulanstalt (in einem andern Gebäude) geführt wurde, und in derselben jenen befriedigenden Eindruck gewonnen, wovon ich früher gesprochen habe. Dankbarkeit verpflichtet mich, einen Mann nicht unerwähnt zu lassen, dessen Wohlwollen ich, wie es scheint, längst schon, ehe er nur daran denken konnte, mich je persönlich kennen zu lernen, gewonnen hatte, und der, kaum ich ihm vorgestellt worden, Alles aufbot, um das an sich schon freundliche Reggio mit unvertilgbaren Zügen meiner Erinnerung einzuprägen. Es ist dieß der Advocat Jakob Bongiovanni, der zwar im Augenblick meiner Ankunft abwesend war, nach ein paar Stunden aber zurückkam, und von welchem die Jesuiten und andere Notabilitäten, die durch diese herbeigerufen worden, mich versicherten: daß es ihm eigentlich Kummer würde verursacht haben, wenn er nachher hätte vernehmen müssen, ich wäre in Reggio gewesen, ohne daß es ihm möglich geworden, mich zu bewillkommen. Alles, was die dienstfertigste Liebenswürdigkeit nur auszusinnen vermag, um einem Fremdling den Aufenthalt in einer Stadt irgendwie angenehm und interessant zu machen, wurde durch ihn veranstaltet; er begleitete mich in die vornehmsten Kirchen, in deren einer man so eben bei Ausgraben des Bodens zum Behuf ihrer Verbesserung ein höchst merkwürdiges Pavimentum aus weit zurückliegender Vergangenheit aufgefunden und zum größern Theil schon abgedeckt hatte; mit jugendlicher Behendigkeit (wiewohl er bedeutend älter seyn muß, als ich) traf er in der prachtvollen und reich ausgestatteten Kirche der heiligen Jungfrau della Ghiara alle Vorkehrungen, um mich das wunderthätige Bild derselben in der Capelle hinter dem Hochaltar im möglichster Nähe anschauen zu lassen; er führte mich in die Sammlung von Naturmerkwürdigkeiten des berühmten Spallanzani, auf die reichhaltige Bibliothek, in der ich jedoch, da es schon spät am Abend geworden war, bloß ausruhen konnte; er wollte mich nicht entlassen, ohne daß ich aus seiner (wie ich hörte) sehr ansehnlichen Büchersammlung[682] zum An denken ein Exemplar der seltenen Originalausgabe der Fastenpredigten des P. Segneri mit mir nähme; ? wie ich denn versichert wurde, daß man Bedenken tragen müsse, ein Buch von ihm zu entlehnen, indem er sofort bereit stehe, es dem Verlangenden als Geschenk zu überlassen. Am folgenden Morgen fand er schon um fünf Uhr in dem Collegium der Jesuiten sich ein, um nochmals Abschied von mir zu nehmen, und begleitete uns an die Wohnung des Polizeibeamten, damit er uns jeder Mühe zu Besorgung unserer Pässe enthebe, wobei er mit großer Anstrengung diesen aus dem Bett bewegen mußte, ohne welche Fürsorge wir wahrscheinlich einen ziemlich langen Halt hätten machen müssen, indem nur unablässiges Treiben denselben endlich in Bewegung zu setzen vermochte. Ein solches wohlwollendes, fürsorgliches Hingeben eines in hoher Achtung stehenden Mannes, den wir zuvor nicht einmal dem Namen nach kannten, und dieß von dem Augenblick des ersten Zusammentreffens an bis zu demjenigen der Trennung, muß doch gewiß in Jedem, der Solches zu würdigen weiß, eine unauslöschliche Erinnerung zurücklassen. Sollte daher Gott mir die längste Lebenszeit bestimmt haben, nie würde ich den Namen Reggio aussprechen können, ohne des Advokaten Bongiovanni zu gedenken, den ich die personificirte Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit nennen möchte. Nicht geringere Sorge um mich trugen die Benedictiner von St. Johann zu Parma, deren Kloster, der Kathedralkirche gegenüber, ein prachtvoller Bau ist. Der Abt, Herr Ildephons Verzer, ein ungemein freundlicher alter Herr, hatte nach Empfehlungen, welche von Einsiedeln vorangegangen waren, schon auf der Heimreise nach Rom mich erwartet und durch meinen Reisegefährten über den St. Gotthart, den P.[683] Jacob von St. Stephan in Augsburg, bei späterem Wiedersehen zu Rom mich dringlich gemahnen lassen, daß ich Parma auf der Heimreise ja nicht übergehen möchte. Deßwegen durfte ich es nicht versäumen, von Modena dorthin mich zu wenden. Wäre es mir eingefallen, eine Reisebeschreibung zu geben, so könnte ich aller Merkwürdigkeiten erwähnen, welche Parma in sich schließt, zu denen allen die Benedictiner mich geleiteten; ich könnte von verschiedenen Personen sprechen, deren Bekanntschaft sie mir verschafften, von denen ich wenigstens den Bibliothekar, Ritter Pezzana, dem verschiedene kleine Schriften, Ergebniß specieller Forschungen über parmesanische Literar- und Kunstgeschichte, zu danken sind, nicht übergehen darf. Welche handschriftliche, zum Theil durch ihre künstlerische Ausstattung werthvolle Schätze die Bibliothek von Parma, gleich derjenigen zu Modena, durch diese aber wahrscheinlich noch übertroffen, besitzt, läßt sich aus jedem Handbuch über Italien erfahren; so wie das Theater Varnese, in Verbindung mit dem Palast dieses Geschlechts zu Rom, der Farnesina und den Trümmern der farnesischen Gärten daselbst, uns einen Begriff von der großartigen und geschmackvollen Baulust und den reichen Hülfsmitteln desselben einen Begriff geben. Vor meiner Abreise bereitete sich mir noch etwas überaus Angenehmes. Der Abt sagte mir nach Tisch, er wolle mir die Schule des Klosters vorstellen; die jungen Leute hätten in neuester Zeit von mir gehört, daher werde es dieselben erfreuen, mich zu sehen. Er ließ sie Alle auf sein Zimmer kommen, etwa zwanzig an der Zahl, von ohngefähr acht bis sechszehn Jahren hinauf, insgesammt anmuthige, wohlgebildete, vielversprechende Physiognomien. Bei großer Unbehülflichkeit in der italienischen Sprache konnte ich freilich mit ihnen nicht so mich unterhalten, wie ich gewünscht hätte. Da kam mir Gmür damit zu Hülfe, daß er eine Anzahl Bilder des heil. Aloys, die er von Rom mitgenommen, anbot, um sie zu vertheilen. Ich wies nun eines vor, mit dem Bemerken: wer von Allen zuerst die Hand[684] aufhebe, sollte dasselbe in Empfang nehmen. Lange wollte Keiner es wagen, endlich faßten (wie solches allerwärts geschehen würde) ein Paar der Jüngsten den Muth, und hoben die Hand auf. Da ich aber dem Zweiten sagte, er habe mit dem Ersten beinahe gleichzeitig die Hand erhoben, es wäre daher billig, daß ihm der Preis ebenfalls zuerkannt würde, und es dabei sichtbar ward, daß ich nicht bloß ein paar Exemplare, sondern einen hinreichenden Vorrath solcher Bilder besässe, kamen unverweilt Alle, um eines solchen theilhaftig zu werden. Bald darauf trat Einer aus ihnen zu mir und bat mich, ich möchte ihm meinen Namen unter das Bild schreiben, worin ich ihm gerne willfahrte. Kaum dieß geschehen war, äusserte Einer nach dem Andern die gleiche Bitte, so daß ich, weil am Ende auch Einige der Capitularen sich anschlossen, bei einer Viertelstunde vollauf zu thun hatte, um den Bildchen allen meine Unterschrift beizufügen. Mir aber gewährte dieß, in Erinnerung an das Fest des heil. Aloys und weil derselbe Patron der studirenden Jugend ist, ich aber in so leichter Weise der gesammten Schule eine Freude bereitete, wahres Vergnügen, gleichwie es auch nicht zu verkennen war, daß meine Willfährigkeit dem Abt angenehm seye; denn er knüpfte an Bild und Schrift eine passende Ermunterung an sämmtliche Schüler. Es giebt wohl wenige Kirchen, welche an künstlerischen Ueberresten aus dem frühern Mittelalter noch so viel bewahrt haben, wie die ehemalige Kirche des Klosters von St. Zeno in Verona, dessen einer der letzten Aebte Papst Clemens XIII, als Cardinal Rezzonico und Venetianer, gewesen war. Der deutsche Priester, Hr. Oberauch, der die Gefälligkeit hatte, zu den vornehmsten Sehenswürdigkeiten und Männern dieser Stadt mich zu führen, machte die richtige Bemerkung: es seye dieß vermuthlich dem Umstand zu verdanken, daß in späterer[685] Zeit das Kloster nicht reich genug gewesen seye, um, gleich andern derartigen Stiften, einen neuen Bau, der wahrscheinlich vieles Alte als werthlos würde zerstört haben, zu unternehmen. Denn es läßt sich gar nicht ermessen, was von der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts an allerwärts, besonders aber in Rom, an dergleichen Kunstsachen verloren gegangen ist. Hieran wird man am augenfälligsten erinnert bei einer Wanderung durch das unterirdische St. Peter, wo man an Hochbildern, Sculpturen, Grabmälern und andern Gegenstanden dieser Art, welche einst zur künstlerischen und monumentalen Ausstattung der Kirche dienten, einen reichen und höchst merkwürdigen Schatz aufbewahrt findet, indeß in mancher andern Kirche solche Sorgfalt weniger angewendet worden seyn mag. An St. Zeno zu Verona schienen mir vorzüglich merkwürdig die Bronzethüren, welche mit ihren ungestalteten Figuren in das erste Ringen der Kunst um anschauliche Darstellung eines Gegenstandes zurückweisen. Sie haben zwar in dem langen Lauf der Zeit etwas gelitten, es wäre aber nicht unmöglich, den Gegenstand zu entziffern; ? wahrscheinlich die Legende des Heiligen, in dessen Ehre die Kirche geweiht ist. Wer die acht (durch ihren Reichthum an Urkunden immer schätzenswerthen) Quartanten von Biancolini's ki Notizie storiche delle Chiese di Verona zur Hand genommen hat, der wird über die Menge von Kirchen, Capellen und Klöstern, welche in dieser Stadt sich fanden, staunen. Bei einer Wanderung durch die Nebenstraffen stößt er noch auf viele der letztern; aber die Schildwachen davor zeigen ihm, daß sie in Casernen umgewandelt seyen. Es hat eine Zeit gegeben, in welcher die erbaulichsten Sermonen darüber zu lesen waren, wie die Klöster Zwinger des Müssigangs, des Geistesdruckes, des Aberglaubens, mitunter auch der Unsittlichkeit gewesen seyen, und welchen Dank die Menschheit denjenigen wissen müsse, welche diese Zwinger geöffnet, ihre Herstellung unmöglich gemacht hätten. Es fehlt auch unserer Zeit nicht an Rednern, welche das alte Thema von neuem behandeln.[686] Wie kommt es aber, daß noch Keiner an den so nahe liegenden Gegensatz, an die glückliche Umwandlung sich gemacht und auseinandergesetzt hat, wie sie nun in ihrer jetzigen Bestimmung zu Wohnstätten der Thätigkeit, der geistigen Regsamkeit, eines geläuterten und dennoch kräftigen Glaubens und der reinen Sittlichkeit geworden seyen? Denn alsdann nur läßt sich von wohlbedachter Fürsorge sprechen, wenn das Unvollkommene an Vollkommeneres vertauscht, an die Stelle des Schlimmen das Gute gesetzt wird. Sollte aber bei Verwandlung eines Klosters in eine Caserne in Wahrheit hievon können gesprochen werden? Sollten wirklich mit den vorigen Bewohnern all' jene Mißstände ausgezogen, mit den neuen der Gegensatz derselben eingezogen seyn, und eine Caserne einen lieblichern und anziehendern Anblick gewähren, als ein stilles, friedliches und wohlgeleitetes Kloster? Was es aber mit allen jenen angeblich menschenfreundlichen und menschheitsfördernden Motiven zu Aufhebung der Klöster der Wirklichkeit nach auf sich habe, dafür mag eine einzige Thatsache als Stellvertreterin der letzten, wenn auch seltener ausgesprochenen, dennoch allein wahren Gründe einstehen. Posen zählte seiner Zeit als katholische und erzbischofliche Stadt mehrere Klöster. Der Rechtsstaat, welcher dieses Theils von Polen sich bemächtigt hatte, konnte nicht umhin, seine Menschheit durch Aufhebung dieser Klöster zu beglücken und zu fördern; paßten sie ja nicht mehr in die Zeit, war ja ihr ferneres Bestehen eine Abweichung mitten in der vorangeschrittenen Entwicklung, konnte ja ihr Wirken bloß ein der obscuren Vergangenheit angemessenes seyn. Da fand sich der unerwünschte Umstand, daß unter ihnen ein Kloster der Philippiner bestand, gestiftet durch eine noch vorhandene adeliche Familie und mit dem urkundlich ausgesprochenen Vorbehalt, daß, wenn je das Kloster erlöschen sollte, das gesammte Stiftungsgut der Familie wieder müßte zurückgegeben werden. Somit war die Erreichung des letzten und nackten Zweckes bei Aufhebung der Klöster an diesem einzigen unmöglich; vor der[687] Besorgniß aber, daß eine reiche Familie noch reicher werden könnte, wurde es für zuträglicher gehalten, den angeblichen Zweck der Menschheit in den Hintergrund treten zu lassen. Dieses einzige Kloster blieb dort bis auf den heutigen Tag. Wie würde es aber der Menschheit ergangen seyn, wenn eine hinreichende Anzahl ähnlicher Bestimmungen gleiche Hindernisse in den Weg gelegt hätten? Es kann nichts Erfreulicheres geben, als an drittem Ort werthen Personen zu begegnen, deren Nähe man niemals hätte ahnen können. Dergleichen unerwartete Ueberraschungen sind mir schon mehrmals zu Theil geworden. Eine solche war mir auch im Noviciat der Jesuiten zu Verona bereitet. Wie ich dort eintrat, sagte mir der Pater Rector, wirklich befinde sich der Erzbischof der Mechitaristen aus Wien bei ihnen; es werde ihm wohl angenehm seyn, mich zu empfangen. Der P. Rector wußte nicht, daß ich denselben von der Kaiserstadt her kannte, und es mir somit doppelt erwünscht seyn mußte, ihm meine Aufwartung zu ma chen. Der wohlwollende Prälat sprach aus der tiefsten Fülle seines Herzens von der Freude, die er bei der Nachricht meiner Rückkehr empfunden, und wie sein Dank gegen Gott so innig seye, als derjenige meiner bewährtesten Freunde. Er versprach mir, unverzüglich nach seinem Eintreffen zu Wien meinen Sohn rufen zu lassen und ihm von meinem Wohlbefinden Nachricht zu geben, da er sich wohl vorstellen könne, wie angenehm es demselben seyn werde, solche von Jemand, der mich getroffen, unmittelbar und bald möglichst zu vernehmen. Der Erzbischof säumte auch nicht, sein Versprechen zu erfüllen. Bei der Ankunft in Botzen standen schon Pferde in Bereitschaft, um uns nach dem Ritten, dem Sommeraufenthalt der Botzner Familien, herauszutragen. Sie nennen denselben Sommerfrisch;[688] und wahrlich muß das Weilen in dieser Gebirgswelt, welcher die Abdachung gegen Süden einen mildern und dennoch nicht minder großartigen Charakter aufdrückt, als der entgegengesetzten der Abfall gegen Norden, das physische, intellectuelle und gemüthliche Leben gleichmäßig erfrischen. Mein Reisegefährte und ich fanden auf dieser herrlichen Bergeshöhe die herzlichste Aufnahme in dem gastlichen Hause des Hrn. Baron Giovanelli, gegen dessen Sohn ich mich in Rom aufs bestimmteste hatte verpflichten müssen, nicht durch Botzen zu reisen, ohne diesen Abstecher zu machen. Ich hatte auch den Eltern des Erfreulichen über denselben so viel zu berichten, gleichwie ich gegen ihn zu sehr mich verpflichtet fühlte, überdem durch meine Freunde in München längst schon mit dem Vater in zu naher geistiger Bekanntschaft stand, als daß nicht dieses Alles meinem eigenem Verlangen, diese in die persönliche übergehen zu lassen, hätte entgegenkommen sollen. Hier fand ich mich im Kreise, nicht allein der liebenswürdigsten, sondern zugleich einer wahrhaft katholischen Familie und im erkräftigenden Umgang mit einem Mann, dessen Ueberzeugungen und Weltansichten, in deren bedeutungsreichsten Beziehungen, zu den meinigen in vielfachem Einklang standen. In solchen Augenblicken und im Verkehr mit solchen, durch alle Macht des geistigen Wesens uns anziehenden Individualitäten können wir einer leisen Klage darüber, daß das Leben unter Kommen und Gehen, unter Zusammentreffen und Scheiden verlaufe, kaum uns erwehren; und doch wird hiedurch einzig die Vielseitigkeit und damit das Anmuthige desselben bedingt. ? Als ich vor acht Monaten dieses schrieb, durfte ich freilich nicht ahnen, daß das persönliche Bekanntwerden mit diesem, damals noch lebenskräftig scheinenden Mann wirklich ein Kommen und Gehen für immer zu nennen und daß die Nachricht seines Hinscheids eine der ersten seyn würde, der ich bei meinem zweiten Besuche Roms begegnen mußte. In dieser mit allen Herrlichkeiten der Natur ausgestatteten Gebirgswelt hätte leicht der Neid mich anwandeln können, dafern[689] ich demselben zugänglich wäre. Eine halbe Viertelstunde hinter der Häusergruppe, welche Klobenstein heißt, meist Wohnungen der Botzner Familien, in deren Mitte sie eine liebliche Capelle erbaut haben, liegt das Pfarrdorf, dessen Namen ich nicht mehr ganz sicher bin, daher ihn lieber unerwähnt lasse. Der Baron Giovanelli führte mich zu dem Geistlichen und hier in dem Pfarrhofe des einsamen Bergdörfchens, wohl 4000 Fuß über der Meeresfläche, fand ich eine Bibliothek, wie man sie in mancher Stadt, in mancher bedeutenden Abtei vergeblich suchen, nur höchst selten bei einem sehr begüterten und dabei wissenschaftlich hochgebildeten Privatmann finden dürfte. Ich spreche nicht von deren Umfang, welche ihren Besitzer nöthigte, oberhalb seiner Wohnung ein besonderes Haus bauen zu lassen, sondern von deren innerem Werth. Welchen grossen Sammlungen von Bibelerklärern, welchen Sammlungen von Urkunden oder Geschichtsquellen, wie d'Achery, Martene und Durand, Balutz u. dgl., welchen Kirchenvätern man nachfragen mag, sie alle, zusammt der Bibliotheca patrum maxima finden sich in der Bibliothek dieses Pfarrers, jene aber insgesammt in den besten Ausgaben, oft in den ausgesuchtesten Exemplaren. Ebenso fand ich mehrere Prachtwerke; aber nicht minder war die neuere theologische und historische Literatur, bis auf einige der bewährtesten Zeitschriften herab, vertreten. Der Besitzer dieses Bücherschatzes muß ein ungemeines Glück gehabt haben, umt dieses Alles zusammenbringen zu können; und er hat es nicht zusammengebracht als todtes Kleinod, sondern er lebt in seinen Büchern, läßt, was bei derartig Begüterten nicht immer der Fall ist, mit der wohlwollendsten Zuvorkommenheit auch Andere Gebrauch davon machen. Dabei kann man einen einfachern Mann, als diesen Pfarrer, kaum sehen, der um so merkwürbiger wird, wenn man weiß, daß er bis zu seinem neunzehnten Jahr buchstäblich weder lesen noch schreiben konnte, Beides erst in diesem zu lernen begann und darauf Studien machte, um zum Priester geweiht zu werden. Höchst wahrscheinlich sind die beiden nahen Bischofsstädte Trient und Brixen, höchstens Innsbruck, zugleich die[690] Endpuncte seiner Welt, über welche hinaus er in seinem Leben schwerlich je gekommen ist. Er zeigte eine kindliche Freude, als er mich mit solchem Interesse in seiner Bibliothek weilen sah, und schleppte Alles, was ich nur immer zu sehen wünschte, oder worauf zufällig die Rede kamt, mit der freudigsten Behendigkeit herbei; so wie ich meinerseits durch das schlichte Wesen, die Anspruchslosigkeit und unverkennbare Herzensgüte des Mannes ungemein angezogen mich fühlte. Hier in seiner Bibliothek, sagte er mir, finde er mit seinen Caplanen während der Abgeschiedenheit in den langen Wintertagen genügenden Stoff zur Beschäftigung, so wie zur gegenseitigen Unterhaltung. Das Anmuthigste begegnete mir in Zirl, der ersten Poststation ausserhalb Innsbruck. Wir waren von da mit Tagesanbruch abgefahren und machten dort für einen Augenblick Halt, um schnell ein Frühstück einzunehmen. Gmür und ich befanden uns ganz allein in einem obern Zimmer. Beim Heruntergehen stand unter der Hausthüre ein Mädchen, wahrscheinlich die Tochter des Wirths, die mir mit auffallender Ehrerbietung die Hand küßte. Ich hielt es für Landessitte, und fand deßwegen nichts Befremdendes darin. Auf ähnliche Weise zog der Wirth, ein älterer Mann, die Mütze vom Haupt, und half mir ebenso in den Wagen. Kaum aber hatte ich mich gesetzt, so trat er näher und sagte mit gerührtem und doch zutraulichem Ton: »ich gratulire Ihnen.« Ich wußte rein nicht, was das bedeuten sollte, erwiderte daher: was es denn zu gratuliren gäbe? Da versetzte er: »Ja wir wissen Alles von Ihnen, wir haben Alles in den Zeitungen gelesen. Ich versichere Sie, ganz Tyrol ist voll Freude darüber.« Bei diesen Worten gieng mir ein Licht auf, wodurch diese ungemeine Zuvorkommenheit möchte bewirkt worden seyn. Anfangs fiel ein leiser Verdacht auf meinen Reisegefährten, er dürfte vielleicht mit dem Wirth über mich gesprochen[691] haben; allein er war nicht aus dem Zimmer gekommen. Es blieb daher nichts übrig, als die höchst wahrscheinliche Vermuthung, daß der Conducteur meinen Namen konnte genannt und hiedurch den Wirth zu solcher (wirklich rührenden und gewiß aus der Tiefe des Herzens hervorgehenden) Theilnahmsbezeugung veranlaßt haben. Donnerstags Morgens, den 18. Juli, traf ich in St. Gallen ein, und fand dort bei dem apostolischen Vicar eben angekommene Briefe von Haus, welche von dem Nachricht gaben, was kurz zuvor in meiner Geburtsstadt gegen die Meinigen (eigentlich aber gegen mich gerichtet) vorgefallen war, zugleich mich beschworen, vorerst noch nicht heimzukommen. Auch darin, daß diese Briefe mir zukamen, durfte ich unverkennbar eine höhere Leitung verehren. Dießmal hatten die Zeitungen, welche gewöhnlich mehr wissen, als die Personen, mit denen sie sich beschäftigen, auch nur ahnen, mit dem völlig aus der Luft gegriffenen Bericht, ich würde den Rückweg über St. Gallen nehmen, mir einen Dienst erwiesen, woran sie nicht denken konnten. Mir war nichts weniger als dieses zu Sinn gekommen; vielmehr gieng meine Absicht schon in Italien dahin, von Feldkirch über Bregenz zu gehen, um sowohl dort, als in Constanz, werthe Bekannte zu besuchen. Noch auf dem Wege von Innsbruck stellte ich diesen Vorsatz allen Bemühungen meines Reisegefährten, ihn bis nach St. Gallen zu begleiten, entgegen. Einzig der Umstand, daß ich bis nach sieben Uhr des Morgens vier endlose Stunden in Feldkirch hätte zubringen, dann, im Ungewissen, ob ich bei meiner Ankunft in Bregenz oder in Lindau ein Dampfschiff zur Abfahrt bereit finden würde, an letztem Ort neuerdings in einer Stadt, in der ich Niemand kannte, verweilen müssen, bewog mich, den Weg über St. Gallen vorzuziehen und dort einen Tag auszurasten.[692] Ohne dieß würde ich von allem Vorgefallenen schwerlich etwas erfahren haben, somit, ohne das Geringste zu ahnen, heimgekehrt seyn. Aber es bedurfte der dringlichsten Vorstellung des apostolischen Vicars, um mich zu bewegen, der Stimme in den Briefen Gehör zu geben. Lange wollte mir scheinen, es könnte als Beweis der Schwäche und gewissermassen des Zweifels an der Rechtmässigkeit seiner Sache ausgelegt werden, wenn der Mensch bei Handlungen, worüber er keinen Andern Rede zu stehen habe, durch die er noch weniger den Rechten derselben oder ihren Personen zu nahe trete, durch Drohungen und selbst durch Manifestationen der rohen Gewalt sich einschüchtern, oder von dem zurückhalten lasse, wozu die Befugniß mit Grund durch Niemand ihm dürfe streitig gemacht werden. Am Ende wich ich seinen Vorstellungen, in Verbindung mit demjenigen, was die Briefe sagten. Ich pflege nemlich so zu urtheilen: der Mensch kann Gefahren oder auch empfindlichen Widerwärtigkeiten entgegengehen unter dreyerlei Modalitäten. Zuerst unbewußt und ohne es ahnen zu dürfen. Da muß er dieselben über sich losbrechen lassen, weil deren Abwendung nicht in seiner Macht steht; was dann aber kommen möge, er wird sich ungebeugten Sinnes erhalten bei dem Gedanken, daß nichts von ungefähr, nichts ohne höhere Zulassung geschehe, unter Allem ein heilsamer Zweck verborgen seye. Sodann kann es geschehen, daß er bei Befolgung der innern, alle untergeordneten Berücksichtigungen überragenden Stimme der Ueberzeugung, des Rechts, der Pflicht zwar deren Möglichkeit ahnet, doch ohne untrügliche Voraussetzung, daß diese werde zur Wirklichkeit werden; da sänke er zu den feilen Seelen herab, wenn jene Möglichkeit ihn auch nur für einen Augenblick im Unentschiedenen lassen, schwankend, wohl gar irre machen könnte. Die dritte Art der Verumständungen ist, daß er die Gefahren oder doch Widerwärtigkeiten sich bilden und unvermeidlich heranziehen sieht, ihnen aber nur unter Darangabe seines tiefsten und wesenhaftesten Seyns, oder dessen, wofür er einzustehen sich berufen fühlt, entgehen[693] könnte. Auch da kann die Wahl nicht zweifelhaft seyn, wird er der Behauptung von Jenem das Uebergewicht über alle Bedenklichkeiten einräumen. Anders hingegen verhält es sich, wenn Gefahren drohen dessen wegen, was nicht mehr in Frage kann gestellt, nicht mehr muß errungen werden, was bereits in die Wirklichkeit eingetreten ist. Sobald unter solchen Umständen Winke ergehen, warnende Stimmen sich vernehmen lassen, begründet auf Thatsachen, oder auf wohlerwogene Wahrnehmungen, da spricht in denselben wenigstens insofern eine höhere Stimme, als gänzliches Ausserachtlassen dem nachmaligen Vorwurf der Verblendung, des Starrsinns, der muthwilligen Selbstverschuldung und selbst den eigenen Vorwürfen eine nicht abzuweisende Handhabe darböten. Dieser Fall schien mir jetzt vorhanden, dieß bestimmte mich. Ich fand es am räthlichsten, vorläufig nach der Cartause Ittingen zu fahren, um meine Frau und meine Kinder, nach deren baldigem Wiedersehen ich seit dem Vorgegangenen um so sehnlicheres Verlangen in mir trug, dorthin kommen zu lassen. Daß ich wohl daran gethan hatte, den Vorstellungen des apostolischen Vicars Gehör zu geben, dafür fand ich Bestätigung schon am folgenden Tage. Mein Jugendfreund, der vormalige Regierungsrath Stierlin, hielt sich gerade in seinen Besitzungen zu Wengi auf, durch welches die Straße von St. Gallen nach Schaffhausen führt. Er vernahm zufällig, daß ich auf dem Postwagen mich befinde, und ließ ungesäumt einspannen, um mir nach Frauenfeld nachzufahren, in der Voraussetzung, ich wüßte noch gar nichts von dem Vorgefallenen, mich daher dringlich zu bitten, ich möchte lieber mit ihm zurückkehren. Auch er stellte es mir als unverantwortliche Tollkühnheit vor, wenn ich unter der obwaltenden Stimmung geradezu heimkehrte, und machte mir den treugemeinten Vorschlag, umzuwenden und eine Zeitlang bei ihm zu verweilen. Er war ganz beruhigt, als ich ihm mein Vorhaben mittheilte, nach Ittingen gehen und dort mit den Meinigen zusammentreffen zu wollen. War es mir schmerzlich, daß das mit so schmählichem Unfug[694] Unternommene gegen durchaus Unbetheiligte, gegen Solche, die weder auf die unabweisliche Entwicklung meiner Ueberzeugungen einen Einfluß zu üben vermochten, noch, was diese geboten, zu fördern oder zu hindern im Stande waren, vollführt wurde; hätte ich selbst wünschen mögen, man möchte sich in der Voraussetzung meiner bereits erfolgten Rückkehr nicht getäuscht haben, da ich den geistigen Muth, auch dem Schlimmsten so leicht nicht zu weichen, mir wohl zutrauen durfte, so beruhigte mich doch die Ruhe und Fassung, mit welcher mir am andern Tage, alsbald nach der ersten Freude des Wiedersehens, meine Frau über das Vorgefallene Nach richt gab. Es geschah in solcher Art, daß ich anfangs eine weit mildere Vorstellung von demselben mir machte, als nachher, wo ich mit den Einzelnheiten genauer bekannt und es erst mir möglich wurde, in den Geist hineinzublicken, der dazu, wozu man sich berechtigt hielt, antrieb. Hier aber hatte ich den, seines Ursprungs wegen mir sonst verhaßten Ausdruck einer »augenblicklichen Verirrung« anwenden mögen. Ich meinte in der Voraussetzung mich nicht zu täuschen, daß bei zurückgekehrter, ruhiger Ueberlegung doch die Einsicht die Oberhand gewinnen dürfte, daß es besser und vielleicht ehrenhafter würde gewesen seyn, wenn Solches unterblieben wäre. Die spätere Zeit hat mich auch hierin eines Andern belehrt. Welche Factoren vorzüglich dazu mitwirkten, mag unerörtert bleiben. Ehrliche Mittel wurden nicht immer angewendet, und die Wahrheit mußte zwischenein als ein Ding sich behandeln lassen, was in vorkommendem Fall und zu beabsichtigtem Zweck unbedenklich auf die Seite dürfe geschoben werden. Daß ich aber von Anfang an und fortwährend Alles, wozu man sich berechtigt glaubte, milder beurtheilte, als vielleicht vermuthet werden mag, und auch mein Urtheil unverändert so geblieben ist, das verdanke ich einzig dem Einfluß dessen, was so wenig begriffen werden konnte, daß es zum Beweggrund des Unternommenen geworden ist.[695] Das Innere des Menschen ist ein Heiligthum, in welches Niemand hineinzublicken vergönnt ist. Es ist eine Werkstätte, in welcher er selbst, unbelauscht von Andern, seine Arbeit verrichtet. Diese können Kenntniß nur von demjenigen erlangen, was er selbst zu ihrer Kunde zu bringen geneigt seyn mag. Ueber dessen Beschaffenheit, über dessen Werth oder Unwerth mögen sie alsdann nach Belieben urtheilen; wie es aber geworden, welche Kräfte dabei mitgewirkt, was darauf fördernden oder hindernden Einfluß geübt, darüber müssen sie im Dunkeln bleiben; wollen sie dennoch ein Urtheil sich erlauben, so wird es in den meisten Fällen ein unvollkommenes, ein einseitiges, ein höchst gewagtes, daher nicht minder ein irriges, als ungerechtes seyn. In dieser verborgenen Werkstätte (in welche ich in diesen Blättern einen Blick eröffnet habe) wurde unter manchartigen Einflüssen, unter Zusammenwirken verschiedener Kräfte, unter lange dauerndem Bemühen zu Stande gebracht, was am 16. Juni ans Licht trat. Wie dieses würde beurtheilt werden, hierüber konnte ich um so weniger im Zweifel stehen, je gewagtere Behauptungen, je unreifere Urtheile, je albernere Voraussetzungen über mich zu belächeln ich seit langer Zeit her vielfältig Veranlassung gehabt hatte. Bei der gänzlichen Unkenntniß, welche in Bezug auf die katholische Kirche unter den Protestanten ins gemein herrscht; bei den Vorurtheilen, die sie gleichsam mit der Muttermilch gegen dieselbe einsaugen, und worin sie heranwachsen und erstarken; bei der Abneigung, um nicht zu sagen Haß, der durch so mancherlei Mittel in ihnen genährt wird, durfte ich wohl erwarten, daß meine Rückkehr in diese Kirche jenen Angewöhnungen gemäß würde beurtheilt und zur Veranlassung von Mißstimmung und Widerwille gegen mich werden. Dieß um so mehr, je weniger irgend Jemand in die innere Unausweichlichkeit dieser Rückkehr hineinzublicken vermochte, dagegen die ehevorigen Verhältnisse vor Zedermanns Augen stunden. Es hätte mich weit mehr befremden können, wenn dieses anders gewesen wäre. Ueber die Gestaltung und das Maß dessen,[696] was geschehen ist, will ich nicht rechten; über die Elemente, welche dazu sich zusammenfanden, keine Vermuthungen anstellen; die innere Berechtigung derjenigen, welche bei der äussern Entrüstung am entschiedensten sich erwiesen, nicht untersuchen, und am wenigsten nach den Personen oder Beweggründen derjenigen fragen, welche dergleichen zu bewerkstelligen oder hintennach in Schutz zu nehmen, vielleicht auch später von Neuem hervorzurufen sich bemühten. Weder gegen diejenigen, welche ihre Gewissensfreiheit, ihre geläuterte Einsicht in Glaubenssachen, ihre politische Freisinnigkeit und den Werth dieser und aller andern Kleinode auf solche Weise ins Licht setzen zu können, noch gegen diejenigen, welche eine Rückkehr zu der katholischen Kirche, die einst auch ihrer Väter Haus war, einen »Abfall vom Glauben« nennen zu dürfen vermeinen, könnte ich den mindesten Unwillen in mir tragen, wohl aber Bedauern mit den Einen wegen solchen Widerspruches zwischen Wort und That, mit den Andern wegen der Leichtfertigkeit, Behauptungen auszusprechen, deren ganzes Gewicht zuerst wider sie sich wenden ließe, mit Beiden über Unkenntniß und Vorurtheil, welche die Quelle jeder Verirrung und aller Bitterkeit sind und bleiben werden, so lange man dieselben für etwas Wesenhaftes halten mag. Jedenfalls konnten Erfahrungen und Wahrnehmungen solcher Art nicht dazu dienen, das geringste Bedauern zu wecken, aus Verhältnissen ausgetreten zu seyn, welche die Beweise, daß sie die würdigern und befriedigendern seyen, durch dergleichen Bethätigungen überzeugend führen zu können wähnen; wiewohl ich, um nicht ungerecht zu seyn, eine vorherrschend mitwirkende Veranlassung hiezu in den allgemeinen Zuständen eines Theils des schweizerischen Volkes und derjenigen Mittel, welche dasselbe immer tiefer hinabzuarbeiten sich bestreben, anerkennen muß. Gegentheils haben diese Erfahrungen und Wahrnehmungen mich zu innigerem und lebendigerem Dank gegen die göttliche Führung veranlaßt, die zu jener Verbindung mich zurückleitete, welche über alle Zeit und allen Raum sich erstreckt,[697] und zu innerer Erleuchtung, Erkräftigung und Beruhigung einen so unendlichen Reichthum ihr von oben zugetheilter Kräfte und Mittel darbietet. Kräfte und Mittel, deren hochmüthiges und frevelhaftes Verschmähen solches Zerreissen vieler segnenden Bande, so beklagenswerthe Zertrennug, so bittern Unfrieden, so schweren Haß, so stolze Anmaßung, so schnödes Selbstvertrauen, so freche Unfügsamkeit hervorgerufen und so Viele auf eine Bahn geworfen hat, auf welcher sie als Irrsterne dem Dunkel entgegenlaufen. Wer weder aus Nebenansichten, sondern in tiefem Verlangen, weder in eilfertiger und unüberlegter Hast, sondern nach langer Vorbereitung, weder durch äussern Schein geblendet, sondern in innerer Gewißheit in das Haus des Vaters, welches einst die Vorväter leichtfertig verlassen haben, aus welchem vielleicht auch manche derselben unter dem Zwang der rohen Gewalt sind vertrieben worden (denn wer mag dafür einstehen, daß sein Urältervater, der in jener stürmischen Zeit gelebt, nicht lieber in dem Vaterhause geblieben wäre?), der ist dahin gekommen, jedem scheelen Blick, jeder Verunglimpfung, jeder Drohung, selbst aller Gewaltthat heitern Gemüthes entgegenzurufen: Wer wird von Christi Liebe uns scheiden? Drangsal oder Noth, Gefahr oder Verfolgung? Bin ich doch gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder das Gegenwärtige noch das Künftige, weder Hohes noch Tiefes, noch irgend ein Geschaffenes uns von der Liebe Gottes, welche in Christo Jesu, unserm Herrn, ist, uns wird scheiden können.« Aber ebensowenig wird dieß Alles uns scheiden können von der Kirche, die, als seine Braut, Eines ist mit ihm, und die, wie aller seiner Güter und Gaben, also auch der von ihm ausgehenden und zu ihm zurückzielenden Liebe ihrem ganzen Vollgehalt nach theilhaftig ist, und in solchem Besitz als unsere Mutter sich bewährt, als eine fürsorgende, gnadenvolle, nimmermehr ihrer Kinder vergessende Mutter; welche überall sie geleitet, zu jeder Zeit sie schirmt, treulich Acht hat, daß die ihrer Hut sich Uebergebenden[698] von dem Wege, der zu des Vaters Haus führt, nicht ablenken. Auf diesem aber wird, weil durch selbsteigene Erfahrung bestätigt, nimmer meiner Erinnerung entfallen das Wort, welches vor nicht langer Zeit eine Frau zu mir gesprochen hat, die, ebenfalls dem innern Verlangen, zur Kirche zurückzukehren, folgend, sorgenfreyen Wohlstand an ungewisse Abhängigkeit vertauschte. »Seit ich der Kirche angehöre, sagte sie, werde ich es inne, daß der liebe Gott, wenn er auf der einen Seite mir einen Backenstreich giebt, auf der andern an Liebkosungen es nicht fehlen läßt.«[699] Fußnoten Amazon.de Widgets 1 Man sehe über diesen Gebrauch: Binterim, die vorzüglichsten Denkwürdigkeiten der christkatholischen Kirche Th. 4, Bd. 3. S. 366 ff. 2 In den Verzeichnissen wird man zwar ausser dem lombardisch-venetianischen Königreich sämmtliche Staaten des Hauses Oestreich vermissen, was aber daher rührt, weil in diesen die Leopoldinen-Stiftung als ähnlicher Verein zu gleichem Zwecke thätig ist. 3 Z.B. Wilhelm Guyart in seiner Reimchronik sagt ausdrücklich: -li Rois mit en sa Chapele, Que S. Loys fist tele faire, Qu'a tout le monde devroit plaire, Le chief de lui. 4 Dasselbe ist so wie die Schrift von Vedrine in deutscher Uebersetzung in der Hurter'schen Buchhandlung er schienen. 5 Dieselbe erschien 1845 in der Hurter'schen Buchhandlung. 6 Schaffhausen 1846. Hurtersche Buchhandlung. 
 Vorrede zur ersten Auflage.  Einer meiner Freunde in Paris machte einst die geistreiche Bemerkung: Gott habe dem heiligen Petrus das Netz übergeben, die Angel aber sich vorbehalten. Und wirklich geht die ewige Gnade, während Jener der Kirche Stämme und Völker gewinnt, dem Einzelnen oft durch weite Strecken der Lebensbahn langem Zeitverlaufs nach, und wirft die Angel aus, ob das Fischlein möge gewonnen, zu Denen, welche der große Menschenfischer gezogen hat, hinzugefügt werden. Es ist dieß dieselbe Obsorge, deren Wahrnehmung wegen der Herr der Kirche selbst sich den guten Hirten nennt, der auch dem einzelnen Schaf, in wie weiter Ferne von der Heerde in der Irre es wandle, nachgeht und, wenn er es gefunden, dasselbe nicht bloß zu sich, ruft, sondern auf den eigenen Schultern zurückträgt.[3] Der Wege sind zahllose, der Mittel mancherlei, der Erfolge verschiedene. Simon und Andreas rief der Herr selbst, Nathanael suchte ihn auf, Nikodemus kam in der Nacht zu ihm, Saulus ward auf dem Wege nach Damaskus ergriffen; aber auch an Solchen fehlt es nicht, welche sagen: die Rede ist hart, wer mag sie hören? Es ist vielleicht mehr als Einer, der von sich bekennen müßte: der mit Angel, der mit der freundlich lockenden Stimme ist mir nachgegangen, ich habe seiner nicht geachtet, ich bin meiner Wege gezogen; es sind Winke erfolgt, aber, was um mich her, war mächtiger, war bewältigender; ich habe es darauf ankommen lassen, daß er mit lauter und immer lauterer Stimme rufe: Siehe, ich stehe vor der Thüre! Zuletzt ist er eingegangen durch dieselbe, wie dort bei den Jüngern, ohne Geräusch, ohne sie zu brechen; er hat den, lange dem eigenen Willen Folgenden ergriffen, daß es nun auch von dessen Augen fiel wie Schuppen. Ich darf wohl von mir mit Recht sagen: ich habe nichts gesucht, sondern bin gesucht worden; ich habe die verschiedenartig auf mich einwirkenden Verhältnisse nicht ausgewählt, sondern sie sind mir entgegentreten; ich habe wohl rufen gehört, aber ich fand mich zu behaglich auf meinem Sitz und meinte, nicht zu widerreden, möge genügen; ich habe nicht selbst dem Anklopfenden die Thüre aufgemacht, er ist am Ende kraft seines Willens und seiner Macht durch dieselbe hineingetreten.[4] Die Mahnung zu Kreuzeszeichen (S. 102) in der Jugend ist so wenig aus Reflexion oder in weiterer, denn auf den nächstliegenden Zweck zielender Absicht hervorgegangen, als in den Knabenjahren der, nicht blos auf Befriedigung der Schaulust sich beschränkende Eindruck der Fronleichnams-Procession (S. 105f.) durch der Menschen Rede oder Einwirken hervorgerufen wurde. Wer da weiß, wie auf Universiitäten das Zusammentreffen mit Andern und das nachherige Anschliessen an sie oft von den allergeringfügigsten Kleinigkeiten abhängt, den wird schwerlich die Behauptung anwandeln, ich hätte mit Absicht Freunde und Bekannte gesucht, die auf meine Ueberzeugungen denjenigen Einfluß übten, den ich ihnen verdanke; da wohl in diesen Verhältnissen das Wort eher lauten wüßte: wer sucht, der findet nicht. Daß ich hierauf in ein Kloster kam, war ebensowenig Vorsatz und Wahl, als es in meiner Macht stand, unter behaglichem Hinfliessen der Zeit gegen die Eindrücke des kirchlichen Lebens mich abzusperren. Bestimmter Wille lag einzig darin, niemals je dem Rationalismus Theil an mir zu gestatten; doch auch jener vorzugsweise durch die Eindrücke der Jugend geweckt, durch spätere Umgebung gekräftigt. Daß ich auf Innocenz den Dritten stieß ? ich darf wohl dieses etwas trivialen Ausdruckes mich bedienen ? geschah abermals weder aus Ueberlegung noch in Berechnung, sondern durch das, was Sprachgebrauch Zufall nennen zu dürfen meint. Da dieser Papst mich nicht abstieß, wofür durch den bisherigen Lebenslauf gesorgt war, mußte[5] er mich anziehen; denn reichbegabte, entschieden auftretende Männer, thatenreiche, inhaltsschwere Zeitfristen können nur Klötze theilnahmslos in der Mitte stehen lassen. Welcherlei Einfluß eine solche, mit steigender innerer Befriedigung übernommene Beschäftigung freyer Wahl haben mußte und auch hatte, wird in diesen Blättern an mehreren Stellen berührt. Unbemerkbar änderte sich darob die Richtung: bisanhin hatten die Verümständen ihre anziehende und abstossende Kraft ohne Entgegenwirken an mir geübt; fortan galt es als Aufgabe, die höchste Anforderung der Stellung in ihrem weitesten Umfange zu erkennen, und dem bestmöglichsten Entsprechen dieser Anforderung die Verümständungen dienstbar zu machen. Amazon.de Widgets In dem Allem lag eine langsam und stätig fortschreitende Zubereitung von ferne her, die aber sicher Mittel ohne Zweck, Keim ohne Entwicklung, Anlage ohne Ausführung würde geblieben seyn, wäre nicht später das Anklopfen, wäre nicht das laute Rufen, zuletzt ernstes Mahnen erfolgt. Um Mittel, Keim und Anlage zu bilden, hiezu war allerdings mein Mitwirken erforderlich: Zweck Entwicklung und Ausführung dagegen wurden herbeigeführt ohne, selbst gegen meinen Willen. Als hierauf nach langen Jahren (wie denn unter den eingetretenen Reibungen selbst hierüber von Woche zu Woche heller das Licht sich verbreitete) der Wendepunct eines in ehrenhafter Thätigkeit, vielartiger Wirksamkeit und freudiger Verwendung für Andere geführten Lebens (dessen aller Anfangs ungeahnet) von dem Jahrestag der leiblichen Geburt ausgieng; wie[6] hiemit an eben das, was gegen dreissig Jahre die heitersten, ruhigsten und harmlosesten Stunden bereitet, Sturm und Wetter, gleich als von wolkenlos scheinendem Horizont urplötzlich, hervorgebrochen, sich knüpfte, und der äussere Friede in bittern Hader verwandelt, vorübergehend der innere getrübt ward; wie über den Schlägen durch jene Hand, die da verwundet und heilet, die Gedanken, oder doch die Regungen der Herzen nach auseinandergehenden Richtungen offenbar wurden: zur eisesstarren Kälte (wenn nicht noch Schlimmerem!) diejenigen, zu denen die mannigfaltigste Wechselbeziehung seit drei Jahrzehende geträumt worden, zu der erquikendsten Theilnahme diejenigen, bei denen zu Weckung des reinsten Dankgefühls das bloße freundliche Wort genügte; wie endlich Wille und Kraft auch zu demjenigen verliehen wurde, was insgemein den Menschen am schwersten fällt und in ihr Wesen am zähesten verwachsen ist ? zur Darangabe zeitlicher Vortheile; wie dieses Alles, in kurze Zeitfrist zusammengedrängt, sich folgte, und nimmermehr das Anklopfen sich mißkennen ließ, sollte da geschehen, was zu Meriba, was zu Massa in der Wüste? Sie waren gelöst die Bande, sie waren gehoben die Hindernisse, es war der Freiheit zurückgegeben der Wille; sollte das Herz sich verstocken, sollte der Friede gesucht werden in dem Ausschlagen wider den Stachel? Es war doch erst ein Rufen, es war doch erst ein Anklopfen. Aber für den drinnen Weilenden galt es nun nicht mehr, sitzen zu bleiben. Nicht, daß er alsbald sich erhoben hätte, um die Thüre zu öffnen; aber[7] das Geräusche, in welchem sonst die Stimme verklungen, war jetzt zerronnen; es forderte der innere Sinn auf, zu forschen, wer angeklopft, zu lauschen dem Ruf, zu würdigen dessen Ton und Bedeutung. Das geschah; nicht in Mißstimmung über das Erfahrene, nicht eilfertig, nicht oberflächlich, sondern langsam, zögernd, geruhig, dem Alles überragenden Ernst der Sache angemessen. Aus den Stürmen um mich her hatte ich mich die Windstille geflüchtet; die Bewegung war von der Oberfläche gewichen, hiemit aber, wie es wohl nur dem Stumpfsinn oder der unverzeihlichsten Oberflächlichkeit anders möglich gewesen wäre, hatte sie sich nach innen gewendet, nimmermehr von aussen wahrnehmbar, weil nur ein, in immer fanftere Schwingungen zerrinnendes Fluthen und Wogen. Da trat unter dem Wanken, ob ich wohl öffnen, ob ich noch länger zaudern möchte, Er ein mit dem Wort: Friede sey mit Dir, da ich eben mit dem beschäftigt war, was in vergangener Zeit einer seiner erleuchtetesten und höchstgestellten Knechte über seine stäte Gegenwart unter den Erlösten gesprochen. ? es gilt hier aber, was der heil. Augustinus sagt: »War das Schaf für den Hirten nothwendig; war nicht dem Schafe vielmehr der Hirte nothwendig?« Es giebt Solche, die in dergleichen Vorgängen Alles durchaus von dem Menschen abhängig machen, alle Beweggründe ausschließlich in ihm aufsuchen, von einem Hinzutreten göttlicher Gnade nichts wissen wollen. Weßwegen dieß? Das leuchtet hell ein; der Mensch wird damit auf ihreArena geschleppt, wo sie[8] von allen Seiten über ihn herfahren können. Geläufig mag es ihnen zwar auch seyn, von göttlicher Leitung und Allem, was hieran sich knüpft, zu sprechen; aber auf solchem Wege, zu solchem Ziele sie wahrnehmen, gar anerkennen zu wollen, das, meinen sie, seye der gröblichste Irrthum, ja gar, dieweil einmal Solches durch sie nicht will gestattet werden, strafbarer Frevel. Es giebt aber hier zwei Frevelwege; der eine: die göttliche Gnade zur Redensart und zum Deckmantel zu machen, hinter welchem Verwerfliches sich verbergen soll; der andere: mit geschlossenen Auge, mit verstopftem Ohr, mit eisernem Willen ihr sich gegenüberzustellen. Oh hier leichtfertig Beziehung auf jene genommen werde, indeß Alles von diesem ausgegangen, ob jenes Anklopfen der Gnade so bequem zu mißkennen gewesen wäre, darüber wird wohl noch mehr als Einer ein redliches Urtheil abzugeben im Stande seyn. Oder wär's überbaupt keine Gnade, wenn das Kind auch nur wieder zu der Vermuthung gelangen mag: es dürfte doch besser seyn, in das Vaterhaus zurückzukehren, welches einst in stürmischem Trotzen verlassen worden? Indem aber die letzte Bedenklichkeit gehoben ward und die letzte zurückhaltende Schranke fiel, ist dann ebensobald über die Vergangenheit, nicht, wie menschliche Rede sich auszudrücken liebt, das Licht erst aufgegangen (in solchem stund sie seit aller Zeit, erleuchtet durch denjenigen, der selbst das Licht ist), wohl aber die Binde hinweggefallen von den Augen, also daß sie nun, rückblickend von dem augenblicklichen[9] Standpunct, in einen ohne Unterbruch fließenden Strom von Klarheit schauen konnten, wo zuvor nur durchblitzende Schimmer, flüchtig vorüberstreifend, wollten wahrgenommen werden. Was bei jedesmaligem Erscheinen blos als abgerissen, zufällig, vorübergehend auf sich mochte beruhen und auch lange genug wirklich beruhte, hat unverweilt diese mangelhaften Merkmale verloren, es ist in einen inwendigen Zusammenhang getreten, es hat eine gemeinsame Bedeutung gewonnen, es ist dessen höheres Gepräge zum Vorschein gekommen. Ich habe es nun versucht, den Lauf dieses Stromes zu zeichnen, von seinem Quell in den Seufzern meiner Eltern über die Hinrichtung Ludwigs XVI (sicher kein unwichtiges, kein folgeloses Moment) bis zu seiner Ausmündung in St. Ignazio zu Rom. Was auch vermuthet, wie auch mag geurtheilt worden seyn, dessen bin ich mir vollkommen klar bewußt, daß, hätte sich der Strom ungehindert durch die Niederungen fortgewälzt, hätten nicht Klippen und Riffe ihn unterbrochen, er diese Wendung schwerlich genommen, er den Ausgang in das Gnadenmeer der Kirche schwerlich würde gefunden haben. Denn, ob es zwar von Manchem nicht geahnet, oder vielleicht nur nicht mag zugegeben werden, eine unermeßliche Verschiedenheit liegt darin: Einzelnes in der katholischen Kirche nicht zu mißbilligen, dann aber als Glied derselben mit der freyesten und freudigsten Ueberzeugung sich zu bekennen, und Alles anzunehmen, was sie als sorgliche Mutter zu unserem Heil uns darbietet. Man muß diesen Weg[10] selbst durchgemacht haben, um seine Lange bemessen zu können. Daß aber für Jenen der Weg, wie weit immerhin er noch seye, doch so weit nicht seye, wie für denjenigen, dem die Kirche entweder ganz gleichgültig ist, oder der gar feindselig ihr gegenübersteht, das freilich ist nicht zu läugnen. So wie es denn nicht an Beispielen fehlt, daß die göttliche Gnade selbst Leute der einen und der andern dieser Gesinnungsweisen wider aller Menschen Vermuthen ergriffen hat, so zeigt der Lebensgang Anderer, daß schon das Erste genügte, um allmählig von Erkenntniß zu Erkenntniß emporzusteigen. Darum aber mögen neben den Zeugnissen von derartigen Führungen, auch diejenigen ihre Stelle finden, an denen ersehen werben mag, wie dieselben den Menschen von der bequemen Lagerstätte, die er sich ausersehen, hinweg und dorthin zu lenken wissen, wo nicht scheinbare, darum falsche, Ruhe ihn einschläfern will, sondern wo der wahre und sichere Friede, der höher ist als alle Vernunft, ihn zum allein lebendigen Leben weckt; damit erkannt werde, des Herrn Gedanken seyen zwar nicht unsere Gedanken, es sollten aber die Wege des Ewigen die unsrigen werden, und damit Alles diene zu seiner Ehre und zu seiner Veherrlichung. Amazon.de Widgets Aufrichig, getreu und redlich, ungeschmückt und rückhaltslos habe ich meine Gesinnungen, meine Bestrebungen und mein Verhalten unter allen Begegnissen und Beziehungen des Lebens in diesen Blättern dargelegt; Manches, da von frühern und nähern Verhältnissen ich dergestalt abgelöst bin, daß ich nunmehr als Unbetheiligter in dieselben hinüberblicken kann, kund gegeben, was[11] ich früher in mich zu verschließen Ursache gehabt hätte. Meinen Solche, die mich entweder gar nicht kennen, oder wohl lieber mißkennen, sie wüßten über den innern Proceß meines Lebens bessere Aufschlüsse zu ertheilen, so seye ihnen diese Freude von Herzen gegönnt; mögen sie sich versichert halten, daß ich sie darin nie stören werde. Finden sich Solche, die aus dem Gegebenen mich anders beurtheilen zu dürfen und über die einzelnen Erscheinungen und Richtungen meines Lebens ihre Schlaglichter zu werfen sich berechtigt glauben, so sey' auch diesen derartige Freiheit nicht verkümmert. Sogar diejenigen sollen an Befriedigung ihrer Gelüste nicht gehindert werden, welche, sey es aus Selbstbewußtseyn, sey' es aus Erfahrung, oder sey' es aus Theorie, erst den Willen, dann die Thatsache der Wahrheitsliebe anzweifeln. Dieß auf kundgegebene Gesinnungen anwenden, ist leicht, dieweil Niemand weiß, was im Menschen ist, denn nur der Mensch selbst; daß es Vielen nicht schwer falle, auch auf Handlungen und Vorgänge es auszudehnen, lehrt die tägliche Erfahrung. Welches die vorherrschende Richtung der Zeit seye, habe ich S. 285ff. berührt. Wohl möchte sie da verlauten: es klinge ja als Widerspruch, so großes Gewicht darauf zu legen, daß von Anbeginn her mit aller Festigkeit an dem menschgewordenen Weltheiland seye gehalten worden, er dann aber erst nach langen Jahren in den Menschen eingezogen, denselben, gleich als wäre er ihm bisher fremd gewesen, vorgefunden habe. Darin kann Widerspruch nur für diejenigen liegen, welche die unzertrennliche Verbindung[12] zwischen Christus, dem Haupt, und seinem Körper, der Kirche, nicht anerkennen, nicht zugeben wollen, daß der nur jenes wahrhaft besitze, dem dieser nicht fremd seye. So ist es zu aller Zeit geglaubt worden; dieser Glaube reicht bis zu den Aposteln hinauf. Wer weder in Wankelsinn, noch in Leichtfertigkeit, auch nicht durch Blendungen der Einbildungskraft berückt, ebensowenig aus Gefälligkeit gegen Menschen, am wenigsten irdischer Rücksichten wegen, sondern, weil er an der Furth Phanuel bis zum nahenden Morgenroth mit dem Manne gerungen und Solches von ihm als Segen gewonnen hat, in die katholische Kirche eingegangen ist, der wird mit ihrem Glauben auch ihre Praxis sich zu eigen machen: im Wort der Wahrheit, durch die Kraft Gottes, unter den Waffen der Gerechtigkeit, bei Ehre und Schmach, bei bösen und bei guten Gerüchten, sich als ihr Kind und als Gottes Diener zu bewähren, und nicht von dem Bösen sich überwinden zu lassen, sondern in dem Guten das Böse zu überwinden; denn, was der Kirche zu wankelloser Zuversicht verheissen worden: die Pforte der Hölle werben sie nicht überwältigen, das ist in ihr auch dem Einzelnen verheissen, sondern er sich als deren Kind bekennen darf. Einem solchen aber liegt über Alles zweierlei ob: zunächst, daß er demjenigen, der so wunderbar aus den Elementen der Wahrheit in die volle Wahrheit ihn geführt hat, hiefür die Ehre gebe, dankbar den Vater der Gnade preise; sodann, daß er der Mutter, der[13] heiligen römisch-katholischen Kirche, als treuer Sohn sich unterwerfe und ihrem Urtheil Alles, was er zu Andern spricht, anheimstelle. Schaffhausen, am Allerseelentag des Jahres 1844. Friedrich Hurter.[14] 
 Erster Band  Mag man es Eitelkeit nennen, vergnügten Blickes, mit wohlgefälligem Bewußtseyn zurückzuschauen auf eine lange Reihenfolge Dahingeschiedener, die aus den Wogen der voranwallenden Menschenalter heraustreten in engere Beziehung zu uns, um gleichsam als gesonderte Strömung durch die uferlose Fluth uns zu tragen; zumal wenn dieselben jeweils unter ihren Zeitgenossen eine andere Stellung eingenommen haben, als bloß an die Scholle Geketteter, für des Lebens zerrinnende Bedürfnisse Wirkender. Wär's eine Eitelkeit, so wäre es eine alte; denn schon Virgil hebt es an einem seiner Helden hervor, daß er prisco de sanguine Sabinorum entstammt seye, und glaubt mit dem Zeugniß: Julius a magno dimissum nomen Julo, den Höchsten seiner Zeit noch höher zu heben. Oder sollte, was an der Gesammtheit eines Volkes natürlich und löblich: frohen Gefühls der Vorfahren zu gedenken, die nicht bedeutungslos im Strom der Zeiten zerronnen, an den Einzelnen es weniger seyn, indeß die Bande zwischen diesen fester, umgränzter und bestimmter sind? Aber mit dem Gewicht, was wir auf solches Bewußtseyn legen, wird zugleich von Geschlecht zu Geschlecht ein Erbe übernommen, dessen Würdigung und Besitznahme von der Verpflichtung, dasselbe zu schirmen, zu wahren, unvermindert, ja, wo immer es geschehen mag, gesichert und vermehrt[1] den Nachkommen zu überliefern, nie sollte getrennt werden. Denn auf welcher Rangstufe das Geschlecht, der Einzelne stehe, da nur ließe sich von Eitelkeit sprechen, wo solche Anerkennung gefordert, nicht aber zuerst geleistet, nicht als unantastbares Fideicommiß wollte gewahrt werden. Geschlechter, die in manchartiger, jedoch anderer Weise, als blos durch Spate, Hammer, Beil und Scheere, unter den Kreisen, auf die sie angewiesen waren, zu schaffen und zu wirken verstunden, sind in denselben dem Knochengerüste vergleichbar, welches den Körper in allen seinen Theilen trägt, der Zersetzung oder Umbildung weniger blosgestellt ist, bei gesunden Säften jede, durch den Lauf der Natur entstandene, Lücke in neuen Bildungen wieder herstellt. Zieht ihr etwa die Molluskenbildung vor, welche vorwärts neue Ansätze fördert, rückwärts die Fäulniß walten läßt, momentan Menschen auf die Oberfläche der gesellschaftlichen Ordnung treibt, die keine Vorfahren haben, darum meist auch keine Nachkommen erwaren dürfen; Gebilde des Augenblicks, Blasen, die dem Boden entsteigen und platzen, um sofort andern die Stelle einzuräumen? Auch Jenes steht in natürlicher Beziehung zu der ehevorigen organischen Gliederung der Gesellschaft. Dieses ist Ergebniß einer Atomistik, von der man uns vorgeben will, sie seye Krone, Blüthe und Frucht eines gedeihlichen gesellschaftlichen Zustandes. Wer derselben huldigen mag, indeß eine Vergangenheit Anderes ihn lehren konnte und sollte, hat von dieser sich abgetrennt. Aber so Namen als Abzeichen (Wappen), beide nach der einen Richtung scheidend, nach der andern verbindend, dann der erstern Bedeutung, der letztern Beziehung, verlieren sich in ein Dunkel, in welches der blos trügerische Schimmer der Vermuthung zwar manchmal hineingetragen, Licht dagegen nur äusserst selten gebracht, häufiger, so nicht die Namen durch sich selbst sprechen, nicht einmal jenes gewagt werden kann; am ehesten noch da, wo Laut und Bild die Annahme näherer oder fernerer Verwandtschaft wenigstens unterstützen. Wenn in der Entwicklung und Ausbildung der Sprachen ein Uebergang von[2] dem Sinnlichen zum Uebersinnlichen, eine Vergeistigung der ursprünglichen materiellen Begriffe nicht verkannt werden kann, so möchte schon bei den Römern das allgemeine hortari, als Ermunterung zu jeglicher Thätigkeit, seinen Ursprung in dem entschiedenern Antreiben zu bestimmter That, der Krieger zum Kampf, der Ruderer zur mühevollen Arbeit, der Pferde zum Lauf, der Hunde zur Jagd zu suchen haben; und wer weiß nicht aus seinem Sallust, wie die nächtlichen Feuer und das Gejauchz der numidischen Könige den römischen Kriegern zum Angriffe des folgenden Tages magno hortamento erant? Die nordischen Völker, welche nachmals der lateinischen Sprache entweder blos sich bedienten, wo die anerborene nicht ausreichte, oder zu ihrem Gebrauch dieselbe in neuer Gestaltung ausbildeten, drückten ihr hiemit vielfältig das Gepräge des eigenen Wesens auf, welches der That vor dem Wort den Vorzug gab, die Handlung höher stellte als die Geistesoperation, die derselben vorangeht. So finden wir schon in dem Salischen Gesetz das ursprünglich römische Wort zum ortare umgeschaffen, und in dem Satz: si quis de campo alieno aratrum anteortaverit, dessen Begriff vom bloßen Antreiben in das Vollziehen verwandelt; was die Italiener in ihrem urtare beibehalten haben, die Franzosen in heurter nach beiderlei Sinn anwenden, indem sie es vom Anprall der Schiffe und der Reitergeschwader gebrauchen, wovon sie es wieder zurückwenden zu seiner metaphysischen Bedeutung. Ob aber das deutsche Wort, welches als Zeitwort »hurten« nur im Flamändischen, in der Muttersprache einzig in der Abwandlung hurtig (wohl auch dem alten Buhuxt zu Grunde liegend) vorkömmt, dem lateinischen blos sinn- oder zugleich wurzelverwandt seye, das dürfte kaum mehr sich entscheiden lassen. Es läge darin der Begriff, dort des Kecken, hier des Behenden, beide vielleicht in demjenigen, dem einst zur Bezeichnung der Name Hurter beigelegt worden, durch Kriegsmuth sich bewährend, das letztere zumal versinnbildet in dem Pfeil des Wappens, der vermuthlich einst auf dem Bogen ruhte, jedoch[3] seit alter Zeit schon in einen halben Mond übergegangen ist. Mir trat, sofort ich Zeichen und deren Bedeutung in innere Verbindung zu setzen vermochte, in dem Pfeil noch ein anderes Sinnbild entgegen: dasjenige des geraden Fluges zwischen Ausgangspunkt und Endziel; also daß die Natur seiner Bewegung wohl rasches Vorandringen, nie aber krumme Linien, Wendungen, Biegungen, gar Zickzack zuläßt. Es war daher bei Anfechtungen, die in politischen Feindschaften, wie in Neckereien, die in religiöser Mißdeutung ihren Grund hatten, ein bisweilen mit besonderer Vorliebe gebrauchtes Bild: der Pfeil habe zwar eine blanke Spitze, jedoch auch ein reines Gefieder, vor Allem aber seye ein anderer Flug, als in gerader Richtung, ihm unmöglich. Hierin mochte er in erschöpfendem Maß die tiefste und unveränderlichste Richtung meines Wesens, Willens und Thun bezeichnen, welche heitern Bewußtseyns jede schiefe oder gehässige Beurtheilung an sich mag vorübergehen lassen. Ob dann wohl der Pfeil seiner Beschaffenheit und seiner Bestimmung nach an sich zu den Trutzwaffen gehört, so hätte dennoch mein ganzes inneres Wesen niemals mir erlaubt, ihn als solche in strengerem Sinne zu gebrauchen; aber zur Abwehr genügt die Schutzwaffe nicht immer, bei abgezwungener Vertheidigung wird zu solcher auch jene. Darum in langem Bedenken über Auswahl eines Wappenspruches, wobei das so leicht sich darbietende, weil dem Zeichen theilweise verwandte: Qui s'y frotte, s'y pique (allerdings zur Distel der burgundischen Herzoge besser passend), aber dennoch einigermaßen herausfordernde, dem, mehr unvermeidlich die Abwehr auferlegenden Parta tueri, erschöpfend zugleich das nach allen Richtungen Gewendete und auf alles Denkbare sich Beziehende andeutend, der Vorzug gegeben ward. Doch selbst dieses durfte mehr für Andere, mehr auf dasjenige, wozu ich mich gesetzt, oder wessen ich, in Anerkennung der ewigen Gerechtigkeit, mich annehmen zu müssen, erachten mochte, als auf mich selbst Anwendung finden. In Beziehung zur eigenen Person sollte es auf unmittelbar von Gott Empfangenes,[4] oder auf dasjenige beschränkt bleiben, was durch der Vorfahren Fürsorge an mich gelangt ist. Wie in jener erstgenannten Weise, das mögen diejenigen erkennen, die in den ersten Band meiner kleinen Schriften geblickt, und von richtigem Standpunkt die darin enthaltenen Voten über den Heidelbergischen Katechismus, die Synodalreden, die Predigten gewürdigt haben; wie in der andern Weise (vornehmlich die Gesinnungen bewährend), davon zu sprechen wird Gelegenheit in dem Verfolg dieser Selbstbekenntnisse sich ergeben. Der relgiösen Verarmung einerseits und der politischen Zerfahrenheit anderseits hat dieses Parta tueri bisweilen viel Unnöthiges zu schaffen gegeben. Die goldglänzenden Schriftzüge blieben Beiden unentzifferte Runen; wie manchmal glaubten sie nicht, denjenigen, der darin die Signatur seines ganzen innern Seyns, gleichwie seines äussern Thuns, klar und dennoch geheimnißvoll, offen und dennoch für Tausende ein Räthel, wollte hervortreten lassen, zu necken oder zu verwirren, wenn sie es in unreinem Munde zur Lüge werden ließen; vergessend, daß rapta und parta aus den gleichen Lauten zusammengesetzt, das tueri aber, wie für dieses von oben auferlegte Verpflichtung, so für jenes von unten geweckter Naturtrieb seye. Es sollte aber in der Wahl eines solchen Spruches, sofern derselbe nicht Ergebniß einer hervorragenden That, einer bedeutungsreichen Lebenswendung, einer folgewichtigen Beziehung ist, wenn nicht ein bewegendes Princip, so doch eine vorherrschende Neigung und Richtung bezeichnet, hiemit zwingende Verpflichtung auferlegt werden, dieselbe unter allen Vorkommenheiten und Wendungen des Lebens ohne Wanken zu bethätigen. Damals, als ich jene Wahl traf, waren die Zeiten ruhig, für politische Stürme schien das lebende Geschlecht zu matt, für kirchliche Reibungen über dem Behagen an einem eudämonistischen Indifferentismus jede Schnellkraft auf weichem Lotterbette in dämmerichten Schlummer gelegt; auf der einen Seite gewann das Aufklärungsgewerbe ausgebreitetere Kundschaft, auf der andern mußte von Jedem, der als honetter[5] Mensch gelten wollte, Paß und Aufenthaltskarte von dem Rationalismus gelöst werden; wer dieß verschmähte, hatte es sich selbst beizumessen, wenn er, gebildeter Gesellschaft unfähig gehalten, mit abschätzigem Seitenblick vor die Thüre gestellt wurde, oder gar als verdächtig geheimer Aufsicht anheimfiel. Es war daher mehr ein unbewußter, anerborner innerer Trieb, der zur Wahl jener Worte leitete, als gleich Anfangs schon helle Würdigung ihrer vollen Bedeutung. Aber die Zeit, zu dieser sich zu erheben, rückte immer näher, die Bethätigung der hiemit sich selbst auferlegten Verpflichtung durfte je länger desto weniger aus den Augen gesetzt werden. Feindeszeugniß, hier in mattem Spott, dort in halbverbissenem Grimm ertheilt, darf als das partheiloseste gelten. In der offenen Erklärung: »Gegebenes schirmen,« somit erhalten zu wollen, liegt keineswegs, wie so laut und lärmend will vorgegeben werden, der Begriff des unverrückten Stillestehens, blinder oder starrsinniger Vertheidigung des Unhaltbaren, durch der Menschen Tand, Sorglosigkeit oder übeln Willen Entstellten, Zerrütteten, Verderbten; wohl aber liegt darin der Begriff des Festhaltens an bewährter Ordnung, selbst treuer Unterwerfung unter diese; da, wo unter das Gegebene sowohl die Ordnung, als die Freudigkeit zu ihrer Anerkennung und daherigen Unterwerfung unter sie gezählt werden darf, der Abwehr alles Stürmischen und Uebereilten, der Erforschung und Würdigung aller Gründe, ein Reflex der in der Weltordnung sich offenbarenden Ruhe in der Bewegung und der Bewegung in der Ruhe; es ist der huldigende Hinblick auf eine Centripetalkraft, ohne welche der Makrokosmos in einen unermeßlichen Atomenhaufen zerstieben, da, wo jetzt Maß, Ordnung und Einklang waltet, Alles zum gestaltlosen Chaos zusammenbrechen würde. In diesem Sinne vertreten die beiden gewählten Worte diejenigen Alle, welche eine göttliche Weltordnung nach deren doppelten Einwirkung auf das gesammte, wie auf das individuelle, Leben in dessen zweifacher Beziehung, zum geistigen und zum leiblichen Daseyn, zu Kirche und Staat,[6] anerkennen, und die Erhaltung so wie die Vertheidigung dieser Weltordnung gegen die nach deren beiden Seiten heranrückenden Stürmer und Unterwühler sich zur Aufgabe machen. Man könnte es das Wort nennen, woran die über den Raum Zertheilten sich finden, die durch Stellung und Lebensaufgabe Geschiedenen sich einigen. Der älteste Hurter, über welchen geschichtliches Zeugniß vorliegt, ist jener Caspar, der am 9. May 1474 zu Breisach in dem Ringe, der über Peter von Hagenbach, des Herzogs Carl von Burgund Vogt im Elsaß und der Grafschaft Pfirdt, geschlossen ward, als kaiserlicher Herold auftrat, um den Verurtheilten ritterlicher Würde öffentlich zu entsetzen, ritterlichen Kleinodes zu entblößen, dann, da er solches nicht an ihm gefunden, in Auftrag der sechzehn Richter von der Ritterschaft, bevor der Scharfrichter seines Dienstes waltete, zu dem Verurtheilten sprach: »Peter von Hagenbach, es ist mir leid, daß deine Thaten ritterlicher Ehre und des Lebens dich verlustig machen. Mir ist befohlen, die glorreichen Zeichen von dir zu nehmen. Ich finde sie nicht. Also, im Namen des himmlischen Schirmherrn St. Georg und in Kraft jener, auch von dir beschworenen Eide, erkläre ich vor aller Welt hier öffentlich dich, Peter von Hagenbach, ritterlicher Ehren, Würden und Hoheit entgürtet und unwerth. Strenge Ritter, edle, zur Ritterschaft aufwachsende Knappen, gedenket eurer Pflicht und dieses Beispiels.« Als noch im gleichen Jahr auf »Zinstag vor Simon und Judä« Bern im Namen aller Eidgenossen an des Herzogs von Burgund »durchlauchtigste Herrlichkeit und allen den Ewern« erklären ließ: »von unsertwegen und für die Unsern eine ehrliche, offene Fehde, und wollen in Ansehung Mord, Brand, Raub und allerley Unglück bei Tag und Nacht der Unsern und unsere Ehre wohl verwahrt haben,« war es wieder »der alte weltkundige Parzifal, der Herold Caspar Hurter,« welcher[7] Carln diese Absage in das Lager vor Neuß brachte. Auch in Bezug auf diese Sendung berichten die Zeitgenossen, es habe derselbe auf geschickte Weise die Gelegenheit zu ergreifen gewußt, um sowohl den Brief dem Herzog eigenhändig zu überantworten, als dann auch, wie es in der Pflicht seines Amtes lag, dessen Inhalt mündlich vor ihm auszusprechen. Kaum aber mag er von Carl so freudig empfangen, so fürstlich entlassen worden seyn, als kurze Zeit darauf der Herold Herzog Renats von Lothringen; denn die Geschichtschreiber melden, Carl seye schon bei dem Anblick des Siegels an dem Brief, den Caspar Hurter ihm dargereicht, in knirschenden Zorn gerathen, und habe nur die Worte ausstossen können: »Bern, Bern!« Wenn wir denjenigen Glauben beimessen dürfen, welche über die alten Einrichtungen des heiligen Römischen Reichs Forschungen angestellt und Sammlungen angelegt haben, so war der Dienst eines kaiserlichen Herolds dazu eingesetzt, um zu achten, daß die kaiserlichen Befehle, Schutz- und Adelsbriefe, Reichsabschiede und Polizeiverordnungen von Jedermann gehalten würden. Deßwegen war der Strafe verfallen, wer Jenen tadelte oder beleidigte. Mühsam geleisteter Dienste wegen wurden sie und ihre Kinder ritterfrei erklärt, und starb der Herolde einer, so sollte er seines Amtes wegen, »dieweil es ein so edel und großmüthig Amt ist«, mit Trompeten und Heerpauken begraben werden. Es sagt auch Kaiser Carl V. in dem Diplom, womit er im Jahr 1521 Caspar Sturm zum Reichsherold ernannte: »Als weiland Unsere Vorfahren amt Reich, Römische Kaiser und Könige löblicher Gedächtniß, bis auf Uns, ehrbare, verständige und geschickte Personen zu Ehrenholden gehabt und gebraucht, die den Stand des Adels und der Wappengenossen, so aus Ehrbarkeiten, Tugenden, guten Werken und Thaten herfließen und erhalten werden und Andere reizen und bewegen, sich desselbigen Standes auch würdig und theilhaftig zumachen, und daran seyen, daß die Ehr und Zier des Adels nicht verletzt, sondern gemehrt, und die Laster und Mißbräuche ausgereutet werden; und dann Uns, als römischem Kaiser, gebühret[8] und zustehet, wie Wir selbst auch aus angebornem Gemüth zu thun geneigt sind, Alles das, so den Stand des Adels und der Wappengenossen zu Lob und Ehr Kaiserlicher Majestät pflanzet, fürzunehmen, ? so haben wir genannten Caspar Sturm zu Unserm kaiserlichen Ehrenholden aufgenommen und verordnet etc.« Die ältesten Nachrichten versichern, der erste Hurter seye nach Schaffhausen von Frauenfeld hinüber gezogen. Es ist wahrscheinlich, weil in früherer Zeit nirgens sonst, als in letzterer Stadt, dieser Geschlechtsnahme vorkömmt, und bis in die neueste Zeit sich erhalten hat. Die Abstammung desjenigen, der unter den Bürgern zu Schaffhausen dieses Namens zuerst genant wird, von dem erwähnten Reichsherold läßt sich documentirt nicht nachweisen, wohl aber nicht grundlos vermuthen aus dem, unter dem nachmals zahlreich gewordenen Geschlecht oft vorkommenden, Taufnamen Caspar und dem noch öfterer erscheinenden, mit jenem engverwandten, Melchior. Vermuthen läßt es sich auch daraus, daß jener erste Hurter, Hans seines Taufnamens, ein selbstständiger Mann gewesen seye, indem keines Gewerbes, welches er betrieben, Erwähnung geschieht, wohl aber, daß er im Jahr 1507 mit Hans Stockar eine Wallfahrt zu dem heiligen Grabe gemacht habe; obwohl Stockar in dem nicht uninteressanten Tagbuch, welches er über seine Pilgerfahrt hinterlassen, und die Hr. Professor Maurer-Constant im Jahr 1839 herausgegeben hat, seiner Begleiter nicht namentlich Erwähnung thut. Es scheint, daß das Geschlecht bald in zwei Aeste sich theilte, deren der eine das Wappen auf goldenem Grunde (der ältere), der andere auf blauem Felde erscheinen ließ. Wenigstens kommen Ringe und Siegel aus ältern Zeiten vor, die bald in Gold, bald in blau blasonirt, in allem Uebrigen aber vollkommen sich gleich sind. Willkür in solchen Sachen hat, selbst da, wo man an Vorschriften entweder nicht dachte, oder nicht denken konnte, in ältern Zeiten weniger geherrscht, als heutzutage. Indeß kann nur die ältere Linie ihre Abstammung von diesem ältesten Hurter zu Schaffhausen nachweisen; die Verbindung[9] der Andern mit demselben ist nicht klar, wiewohl sie beinahe eben so weit hinausreicht. Beide Zweige gehörten zu denjenigen Geschlechtern, welche an den öffentlichen Angelegenheiten der kleinen eidgenössischen Stadt und ihres Gebiets seit frühern Zeiten in mancherlei Weise Theil genommen haben. Zwischen den Jahren 1652 und 1831, in welchem die Stadt mit dem Canton einer neuen Revolution unterlag, lassen sich blos neun Jahre auffinden, in welchen nicht ein oder zwey Glieder, jetzt des einen, dann des andern dieser Zweige, oder beider zugleich, in dem kleinen Rath gesessen hätten. Noch zahlreicher waren sie zu aller Zeit in dem geistlichen Stande, wie z.B. im Jahr meiner Aufnahme in denselben ich unter etwa vierzig, die ihm angehörten, der Fünfte meines Geschlechtes war, und es gegenwärtig eine Ausnahme seyn dürfte, die vielleicht während des Laufs der beiden letztverflossenen Jahrhunderte niemals vorgekommen ist, daß derselbe gegenwärtig ein einziges Mitglied meines Namens (meinen Bruder) zählt. Auch die Würde eines Antistes wurde im siebenzehnten, dann wieder im achtzehnten Jahrhundert, durch einen Hurter bekleidet, der erstere zu meinen unmittelbaren Vorfahren gehörend. Andere machten sich um ihre Vaterstadt als Lehrer des Gymnasiums, als dessen Rectoren, als Professoren der höheren Lehranstalt, Collegium humanitatis genannt, verdient. Ebensowenig blieben die Glieder dieses Geschlechts der medicinischen Laufbahn fremd. Einige betraten dieselbe, wie es scheint, nicht ohne Auszeichnung, da von ihnen ein Paar als Mitglieder der Academia naturæ curiosorum sich bemerklich gemacht haben. Aeltern Ursprungs ist das Geschlecht der Ziegler; angesehen seit frühern Jahrhunderten, begütert, dieweil im Jahr 1421 einer derselben um eine ansehnliche Summe für seine Vaterstadt sich verbürgt. Wie zahlreich auch im Verfolg der Zeit seine Sprößlinge geworden sind, sie stammen alle von einem[10] Einzigen ab, welchem Kaiser Maximilian I. im Jahr 1487 den Adelsstand verliehen; wohl nicht ohne persönlich es Verdienen, da er als Kriegsmann in dem Mailänderzug bei Novara, als Staatsmann in bald nachher erlangter bürgermeisterlicher Würde in dem eigenen Canton, bei Angelegenheiten des Bundes als Gesandter an Papst Julius II und bei manchen Unterhandlungen im Innern und im Aeußern in langer Laufbahn sich ausgezeichnet. Solcher Art waren die Männer, welche von Zwingli, weil an der Disputation zu Baden seine Sache nicht gesiegt, als »Kuhmelker« bezeichnet wurden. Daß ein paar Jahre später die sogenannten christlichen Bürgerstädte ihrem nach Schaffhausen gesendeten Boten die Warnung mitgaben, »sich vor Ziegler und dergleichen Knaben wohl zu hüten«, beweist, daß seine gereifte Erfahrung, sein Scharfblick und sein vielfach bethätigtes Wirken um der Mitbürger Wohl ihn die erstürmte Neuerung nicht in derjenigen Färbung erblicken ließ, die man durch die Gegensätze wortreicher Anpreisung und gellender Lästerung über dieselbe zu zaubern sich bemühte. Darf dann noch aus des Sohnes Neigung ein Schluß auf des Vaters Gesinnung gezogen werden, so möchte dieser in nachherigem Beitritt zur neuen Lehre und neuem Brauch nur dem Unvermeidlichen sich gefügt haben; denn so wenig theilte jener den damaligen grellen Haß gegen das Zerstörte, daß er die Verheirathung zweyer Töchtern an katholische Patricier von Luzern so wenig hinderte, als sich widersetzte, daß im Jahr 1586 sein zwölfjähriger Enkel nach Rheinau und von da nach Luzern zum Studiren geschickt wurde, von wo aber geistliches und weltliches Betreiben denselben zurückzog, um in dem gesinnungsverwandten Heidelberg ihn unterzubringen. Jener Bürgermeister Hans Ziegler ist daher der gemeinsame Ahnherr aller derjenigen, die noch jetzt diesen Geschlechtsnamen führen. Denn andere, welche einen gleichen Stammvater mit ihm mögen anerkannt haben, auf welche aber die kaiserliche Beehrung sich nicht erstreckte, sind schon in der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts ausgestorben. Es giebt in der Magistratur meiner Vaterstadt keine Stellen,[11] die in der Reihenfolge derjenigen, welche dieselben verwalteten, nicht Einen oder Mehrere dieses Geschlechts aufzuweisen hätten. Nicht minder betraten viele desselben die kirchliche Laufbahn. Zur Zeit meines Eintritts unter die Geistlichkeit befanden sich deren vier in ihrer Versammlung. Als Aerzte haben Einige ebenfalls sich hervorgethan, also daß die hohe Schule zu Rinteln unter ihren Rectoren einen aus diesem Geschlechte zählte, der durch viele gelehrte Abhandlungen in jener Zeit einen Namen sich erworben, ein anderer aber in der Mitte des vorigen Jahrhunderts darüber geschrieben hat: durch welche Mittel scheinbar Ertrunkene wieder ins Leben zu rufen seyen. Wer unter ihnen weder gelehrten Berufsarten noch dem Handelsstande ? auch damals geehrt ? sich widmen mochte, der fand eine geachtete Stellung in den Kriegsdiensten der Eidgenossen in Frankreich und Holland. Man mag es bedauern, daß die Römersitte, dem Sarg eines Verstorbenen die Bilder der Ahnen vorantragen zu lassen, ausser Gebrauch gekommen, für das Una eademque via sanguisque animusque sequuntur so wenig innerer Antrieb mehr vorhanden ist. Es könnte in jener alten Sitte Sporn und Zügel zugleich liegen. Wird der Erstere vielfältig durch die äussern Verhältnisse ersetzt, so ist es schwerer, Etwas aufzufinden, was den Letztern verträte, zumal wenn die Formen der gesellschaftlichen Ordnung in Verbindung mit den herrschend werdenden Begriffen das Gemeinmachen nicht mehr erschweren, und die Gegenwart über die Tafel, worauf die Gesinnungen und die Handelsweise der Vorfahren aufgezeichnet sind, als nasser Schwamm fährt. Wer aber möchte in der Buhlerey mit jener und so Vielem, was sie aus den Grundtiefen hinausgetrieben hat, so weit gehen, um selbst den Wassertopf zu halten, in welchen der Schwamm könnte getaucht, spurloses Verwischen vollständiger bewerkstelligt werden? ? Als am 19. Juni 1790 der Nationalversammlung zu Paris der An trag gemacht wurde, alle Adelstitel und Wappen abzuschaffen, Jeden hinfort bloß als Bürger zu begrüßen, und mit der ursprünglichen[12] Bezeichnung seines Geschlechts ihn zu benennen, zeichneten sich von Trägern geschichtlicher Namen die Vicomtes von Noailles und Matthäus von Montmorency unter den lautesten Jubilanten über so kostbaren Fund aus. Einige Zeit nachher trat Letzterer in das Caffé Valois im Palais-Royal und ward von dem Grafen Rivarol spöttisch angeredet: »Ich habe die Ehre, den Bürger Matthäus Bouchard (ursprünglicher Geschlechtsname der Montmorency) zu grüßen.« Das brachte den Bürger und den Vicomte in gewaltigen Zwiespalt, und der Ingrimm des Letztern überwog den neugebackenen Civismus des Erstern. »Mögen Sie, erwiderte er bitter dem Grafen, immerhin die Gleichheit anpreisen, Sie können es doch nicht hindern, daß ich vermöge meiner Geburt unendlich mehr gelte, als ein Bürgersmann der Straße St. Denis. Die Welt kennt meinen Namen; meine Geburt ist ein vollgültiger Titel. Kurz ich komme ab (je déscends) von Anna von Montmorency, dem Connetable; ich komme ab von Matthäus von Montmorency, Marschall von Frankreich; ich komme ab von dem Anna von Montmoreney, welcher die Wittwe Ludwigs des Dicken ehlichte; ich komme ab«... »Aber mein lieber Matthäus, erwiederte schnell Graf Rivarol; warum sind Sie denn so weit herabgekommen?« ( Pourqoui étes Vous donc tant descendu?) ? Dergleichen lächerliche Mattheslein, nicht immer mit der Entschuldigung, daß es junge Leute seyen, wie dieser es war, treiben Zeiten der Umwälzungen immer in Fülle hervor; seltener aber folgt ihnen eine Restauration, welche den besudelten Adel durch den umgehängten Pairsmantel nachher wieder polirt. Erst im Jahr 1717 theilten sich die Ziegler in zwey Aeste, indem vier Brüder dieses Geschlechts damals von Kaiser Carl VI, wegen des durch den ganzen spanischen Sucessionskrieg den österreichischen Regimentern in den Waldstätten angeschafften Bedarfs, eine Erneuerung ihres Adels, eine Vergrösserung ihres Wappens und den Namen » von Zieglern« erhielten.? Eine Urenkelin des jüngsten jener vier Brüder war meine Mutter, deren Eltern zahlreichen Kindern frühzeitig entrissen, diese hierauf,[13] zum Theil unerzogen, unter ihre vielen Onkeln und Tanten vertheilt wurden. Dabei ward in so trauriger Fügung unter Allen meiner Mutter das glücklichste Loos beschieden, indem sie in das Haus derjenigen ihrer Verwandten aufgenommen ward in welcher sie nicht nur eine zweite Mutter, sondern eine Frau fand, die, wie durch Verstand, so durch Herzensgüte, wie durch treue Fürsorge in dem engern Bereich ihrer nächsten Umgebung, so durch Dienstfertigkeit und die anspruchloseste Freudigkeit zum Helfen und Unterstützen, nicht bloß da, wo sie nähere Verpflichtung dazu anerkannte, sondern wo überhaupt Gelegenheit sich darbot, zu den Ersten ihres Geschlechtes gehörte und der ungetheiltesten Achtung mit vollem Recht bis an ihr spätes Lebensende genoß. Ich habe sie noch wohl gekannt, diese schlichte, liebreiche, bis in das höchste Alter heitere »Frau Base« (es war damals noch Sitte, der verwandtschaftlichen Beziehung bis in die weitesten Kreise eingedenk zu seyn, indeß sie heutzutage ? unter den vielen Zeichen der Auflösung eines mehr ? schon in den nächsten auf die Seite gesetzt wird); mit 84jähriger zitternder Hand hat sie vor der Abreise nach der Universität mir ein kleines Blumensträußchen in das Stammbuch gemahlt, und es war mir nicht geringe Freude, nach der Rückkehr sie noch ebenso rüstig und heiter zu finden, wie ich sie verlassen. Unter der mütterlichen Leitung dieser trefflichen Frau gewannen die ausgezeichneten Anlagen meiner Mutter ihre Richtung auf das Praktische; eine andere haben sie nie gesucht, nie genommen, nie gekannt. Die Franzosen nennen die Schriftzüge sehr bezeichnend les caracteres. In der That treten daran häufig Lineamiente des geistigen Wesens und der vorherrschenden Richtung ganzer Zeitalter, verschiedener Nationen, einzelner Individualitäten hervor; so daß Lavater wohl recht daran that, auch die Handschriften unter die Merkmale aufzunehmen, mittelst welcher das verborgene innere Wesen des Menschen sich entziffern lasse. Es bedarf nur geringe Uebung dazu, um eine Handschrift in das Jahrhundert, in das Land zu verweisen, dem sie angehört. So würde es mir nicht schwer fallen, aus der[14] Handschrift eines Briefes, vom Ende des vorigen Jahrhunderts wenigstens, zu entscheiden, ob er in Zürich, in Bern, in Basel, in Schaffhausen (in Bezug anderer Orte fehlt mir die Erfahrung) geschrieben worden. Tragen die Handschriften der neuern Zeit nicht häufig das Gepräge des Centralisirens, des Generalisirens, des Cosmopolitismus, des Industrialismus, des Dampfs und der Eisenbahnen an sich? Die Festigkeit und jene praktische Tüchtigkeit meiner Mutter spiegelte sich in ihrer Handschrift ab, welche groß, stark, wohl etwas eckicht, aber für Jedermann leserlich war, etwa wie man sich dieselbe für einen recht brauchbaren Dorfschulmeister jener Zeit denken mag; einer Zeit, in welcher dieser noch als rechter Arm des Pfarrers galt, nicht aber zu einem hochbestellten Professor in omni scibili et nonnullis aliis sublimirt war. Aus früherer Zeit habe ich einige Hefte religiösen Inhalts von der Hand meiner Mutter gesehen; in späterer Zeit dagegen hat sie ausser den Ausgaben ihrer Haushaltung, einen Brief alle Jahre an einen ihrer abwesenden Brüder, nachher an mich, schwerlich je Etwas geschrieben. Ebensowenig hat das Lesen ihrem hellen Verstand Eintrag gethan, noch sie in eine Sphäre hinübergezogen, die so leicht den klaren Blick in das Zunächstliegende trüben kann. Zu jener Zeit waren noch nicht tausend Federn in Bewegung einzig für das weibliche Geschlecht, um ihm eine Zeit zu vertreiben, zu deren Anwendung ihm häufig die Luft fehlt. Meine Mutter mag sich als Mädchen an Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen gelangweilt haben; ich aber sah sie in meinem Leben nie ein anderes Buch zur Hand nehmen, als ein Gebetbuch für alle Morgen und Abende des Jahres, am Sonntag Lavaters Lieder und ein damals in grossem Credit stehendes Erbauungsbuch: »Der Christ in der Einsamkeit,« welchem später Heß »Leben Jesu« beigefügt wurde. Dagegen hörte ich sie manchmal darauf sich zu gute thun, wie es in früherer Zeit nichts weiter bedurft hätte, als irgend eine weibliche Arbeit zu sehen, um sofort dieselbe nachmachen zu können; ich vernahm auch von Andern, wie die »Base Ziegler«[15] in allen Vorkommenheiten, die das Hauswesen betreffen könnten, immer das Richtige zu treffen gewußt habe; und lange nach ihrem Hinschied wurde von Verwandtinnen mir mehrmals bezeugt: wenn in Verlegenheiten, welche häusliche Fragen betroffen hätten, sie nicht Rath gewußt habe, dann wäre solcher schwer zu finden gewesen. Wäre ihr Leben in eine Zeit gefallen, welche in die weibliche Bildung noch andere Elemente aufnimmt, als bloß Arbeiten und was das Hauswesen mit allen seinen oft kleinlichten Einzelheiten berührt, so würde sie zuverlässig auch hierin Andern nicht nachgestanden seyn. Ihrer Tante lernte sie das Zeichnen und Mahlen von Blumen ziemlich erträglich ab; ohne ihre Vaterstadt verlassen zu haben, sprach sie wenigstens so viel französisch, um zu meinem größten Verdruß über Tisch Alles, wovon ich als Knabe nichts wissen sollte, meinem Vater mitzutheilen (einzig das unangenehme trés peu, wenn ich etwa um mehr Brod bat, hatte ich ihr bald abgelauert); und nachher, da ich zur Zeit der Einquartierung eben diese Sprache zu lernen begann, konnte sie meiner Wortarmuth, in der ich etwa mit einem Soldaten radebrechen wollte, genügend zu Hülfe kommen. Vermöge ihrer Anstelligkeit, ihrer unermüdlichen Thätigkeit, und ihres immer auf das Thun und Handeln gerichteten Sinnes, waren ihre Ermahnungen, Vorstellungen, Warnungen, Aufträge, Befehle immer kurz, aber bestimmt, klar, unmißverstehbar, stets der Veranlassung oder dem Bedürfniß des Augenblicks angemessen. Ich bin überzeugt, daß die Angewöhnung an diese praktische Weise, im Gegensatz gegen die oft langen, durch die geringste, unbedeutendste Veranlassung in Fluß kommenden Expectorationen meines Vaters, den unüberwindlichsten Eckel gegen das breite, nutzlose Hin- und Herreden bei Berathungen in Behörden und überall da, wo irgend ein Handeln doch das Finale seyn muß, mir eingepflanzt hat. Wo im spätern Leben es daher in meiner Hand lag, den Gang eines Geschäftes zu lenken, den kürzesten Weg zu dessen dennoch gründlicher Erledigung vorzuzeichnen, habe ich mich stets bestrebt,[16] dasselbe so zu erfassen, daß es nicht durch nutzloses Differiren ins Unendliche gezogen werde. Es ist mir selbst zur Unart geworden, daß alles Ueberflüssige, alles Weitschweifige, alle bloße Wortmacherei, Alles, was nicht zur Aufhellung, sondern bloß zur Verlängerung dienen konnte, manchmal seinen Reflex in meinen Bewegungen und in meinen Gesichtszügen fand. Darum ich unter den vielen Wohlthaten, welche Gott mir zugewendet hat, diejenige, zahlreicher Behörden und solcher Collegien, die eigentlich nichts schaffen, nichts Eingreifendes zu Stande bringen können, bloß mit gleichgültigen Armseligkeiten sich befassen müssen, für immer enthoben zu seyn, nicht unter die geringste zähle; und nie fand ich mich innerlicher vergnügter, als wenn zur Zeit erlangter Befreyung die Leute (meistens sich selbst zum Maßstab nehmend) die Meinung durchblicken liessen, es dürfte mir schwerlich etwas Zusagenderes wiederfahren, als in dergleichen eintreten zu können. Im Stillen nährte ich wohl den Wunsch, es möchte Solches versucht werden, aber einzig um die zweifelloseste Enttäuschung alsbald eintreten zu lassen. Hundertmal, wenn ich einer Magd rufen wollte, sie solle mir Wasser holen, dieses oder jenes, z.B. eines meiner Kleidungsstücke bringen, oder sonst etwas für mich besorgen, hörte ich meine Mutter sagen: »du kannst selbst gehen, du hast noch junge Füße, du brauchst noch keine Bedienung;« und mehr als einmal wurde gegen die Neigung, mir zu willfahren, sogar ein förmliches Verbot eingelegt, ich genöthigt, in eigener Person zu vollführen, womit ich Andere beauftragen wollte. Daher ist mir dieß jetzt noch geblieben, hat sich aber zu einer Eigenschaft ausgebildet, die sich ehedem in öffentlicher Stellung darin bethätigte, daß es mir widerstrebte, für Solches, was ich durch mich selbst ausrichten zu können und zu dürfen glaubte, fremde Mitwirkung anzugehen, oder vorläufiges Gutheißen nachzusuchen. Lag jedoch dieses in den Formten und Vorschriften, dann habe ich jederzeit unverbrüchlich an diese mich gehalten; war mir hingegen freye Hand gegeben, so hütete ich mich wohl, Formen, Schwierigkeiten und Hindernisse erst zu schaffen,[17] Zustimmung oder Genehmigung nachzusuchen. Ich habe in meinen Wirkungskreisen Manches angebahnt und durchgesetzt, worüber Andere vom Pontius zum Pilatus laufen zu müssen geglaubt hätten; das sicherste Mittel, in allgemeinen Verhältnissen, mitunter auch bei Persönlichkeiten, wie sie in einem engen Gemeinwesen gegeben sind, viel reden und nichts ausrichten zu können. Vielleicht diente noch Anderes dazu, diese Eigenthümlichkeit bei mir auszuprägen. Von meinem Vater hatte ich, wie schon bemerkt, bei allen Veranlassungen die endlosesten Erpostulationen anzuhören, die gewöhnlich in die Drohung von Schlägen ausliefen. Diese zwar wurden selten applicirt, desto häufiger kehrten jene wieder. Von meiner Mutter hingegen, da sie dem Reden das Handeln vorzog und in diesem nie säumte, hatte ich empfindliche Lehren desto öfterer in Empfang zu nehmen; doch schmerzten sie mich ungleich weniger, als die bisweilen bis zur schreyenden Ungerechtigkeit steigende Anhäufung harter und unverdienter Vorwürfe von jenem. Dazu kam dann noch bei meinem Vater die oft ungleich bitterere und nicht selten lange dauernde Nachlese eines finstern Blickes, eines sauren Benehmens; wogegen bei meiner Mutter mit der Vollziehung des Strafactes Alles abgethan, die vorige Freundlichkeit wieder hergestellt war. Nicht daß sie in verderblicher Schwäche durch unzeitiges Hätscheln des Kindes je mit sich selbst in Widerspruch getreten wäre, oder zur Vermuthung verübten Unrechts Handhabe geboten hätte; es waltete in ihr nur der zu gehöriger Zeit verständig angewendete Ernst, welcher, wie für Alles Maß und Ziel einzuhalten, so auch jedes Mittel zur rechten Zeit in Wirksamkeit zu bringen weiß. Ein Wort meiner seligen Mutter, welches sie zu einer Zeit gesprochen, da ich schon in den Jahren stand, um dessen volle Bedeutung zu würdigen, ist nicht in ein unfruchtbares Erdreich gefallen. Mein Vater bemerkte eines Tages, wie man im Hinblick auf die Kinder in Collegien manchmal sich dazu verstehen müsse, der Meinung Anderer sich anzubequemen; könne man[18] doch nicht wissen, wie dieselben in der Zukunft Jenen wieder zu nützen oder zu schaden vermöchten. Da erwiederte sie sofort: nie würde sie durch dergleichen Rücksichten in ihrer Meinung sich bestimmen lassen. »Denn« fügte sie bei, »sind die Kinder etwas, so werden sie ihren Weg machen, ohne dergleichen Hülfe zu bedürfen; sind sie nichts, so wird man Ihnen dieselbe entweder nicht gewähren, oder sie wird ihnen doch wenig nützen.« Es war dieß gewiß ein entschiedenes Wort, der Ausdruck einer tüchtigen und ehrenwerthen Gesinnung. Dergleichen Charakterzüge können durch alles Bücherlesen und durch die Bekannschaft mit noch so vielen, alltäglich unter allen Zonen aufschiessenden Romanen nie gewonnen werden. Obgleich meine Mutter um Politik sich zwar nie bekümmerte, Staatsveränderungen ihr ziemlich gleichgültig waren, und sie die Revolution nicht ihrer Principien, sondern der Einquartierung wegen haßte, die derselben in ganz kurzer Zeit folgte, so bin ich doch gewiß, daß sie dem Wort entgegengejubelt hätte, welches ich nach der abermaligen Volksbeglückung vom Jahr 1831 zu einem Freunde sprach: »Ich hoffte mit Gottes Hülfe meine Knaben dermassen zu Aristokraten zu erziehen, daß sie gegen jede Erwählung in irgend eine Behörde gesichert blieben.« Sollten sie aus der Art schlagen, so könnte ichs bedauern, hätte aber mir keinen Vorwurf zu machen. Ich erfreute mich der herzlichsten Liebe meiner Mutter, wozu, neben äußerer Aehnlichkeit, diejenige der Gemüthsanlagen nicht wenig beitragen mochte. Auf diese Zuneigung war ich so eifersüchtig, daß ich ihrer letzten Entbindung nur mit Bangigkeit entgegen sah; denn da sie schon sechs Knaben geboren hatte, war die Sehnsucht nach einem Mädchen ebenso natürlich, als bei mir die Besorgniß, alsdann nur mit der zweiten Stelle mich begnügen zu müssen. Nichts glich daher meiner Freude, als ich vernahm, mein jüngster Bruder seye geboren worden. ? In späterer Zeit dann hatte ich manches Beweises zarter Aufmerksamkeit von ihr mich zu erfreuen. In die letzten Jahre ihres Lebens waren aber schwere Prüfungen verflochten, die ich ihr möglichst[19] zu erleichtern mich bestrebte. Im Jahr 1811 ertrank einer meiner Brüder im Rhein, und sie, nichts ahnend, vernahm die erste Kunde durch seine in Bestürzung daher stürmenden Mitschüler. Ein anderer Bruder, an dem sie mit der größten Zärtlichkeit hieng, brachte aus einem Militärspital in Rheinau, wo er angestellt war, den Keim zum Typhus mit sich, und ein, während ihres Schlafes geöffneter und in der Bekümmerniß nicht wieder geschlossener, Schrank verrieth ihr seinen Tod, ohne daß wir sie auf die Trauerbotschaft hätten vorbereiten können. Bei drei Jahren litt sie an einer äusserst schmerzhaften Krankheit, in welcher ihre einzige Erholung entweder ein kurzer Besuch oder ein etwas verlängerter Aufenthalt bei mir auf dem Lande war. Dabei erzeigte sie sich immer heiter, erfreut über jede Stunde, die ich bei ihr zubrachte. ? Ich bin versichert, daß ich das Beste, was an mir ist, ihrem Einfluß verdanke. Der erste May des Jahres 1786 war der Vermählungstag meiner seligen Eltern. Das Jahr darauf wurde ich geboren. Mein Vater schrieb in eine von ihm sorgfältig bewahrte Bibel: »Den 19. März 1787 ward meine liebe Gattin nach einer harten Geburt, Nachmittags zwischen zwölf und ein Uhr, glücklich von einem gesunden Söhnlein entbunden, welchem wir in der heiligen Taufe die Namen Friedrich Emanuel beilegen ließen. Gott verleihe ihm seine Gnade und den Beistand seines heiligen Geistes.« Wenn Ehegatten die Aussicht lächelt, ihre Verbindung durch Nachkommen gesegnet zu sehen, so wird bei den Meisten leiser oder vernehmlicher der frohen Hoffnung der Wunsch sich beigesellen, daß männliche Nachkommenschaft den Reigen eröffne; und wenn sie auch, wie nachher Alles, ohne durch entschiedenes Verlangen sich bewältigen zu lassen (was mit wahrer Hingebung an Gottes Wille in Widerspruch tritt), demselben dieses ebenfalls anheimstellen, so wird doch gewiß die Freude und der[20] Dank gegen Gott, um so lebendiger seyn, wenn die erste Erwartung in jenem Sinne zur Wirklichkeit wird. Dieß war auch bei meinem Vater der Fall, bei dem hiedurch selbst die poetische Ader in Wallung kam, indem er in ein kleines Unterhaltungsblatt, welches der Zeitung, die er damals redigirte, beigegeben wurde, folgendes Gedicht einrücken ließ. Gibt dasselbe gerade nicht von dichterischer Anlage, so giebt es doch von einem frommen Sinn und von einer tüchtigen Gesinnung Zeugniß. Empfindung bei der Entbindung meiner Gattin. Meinem Retter will ich danken, Nie, nie soll mein Glaube wanken, Denn Er hilft und rettet gern, Ist dem Flehenden nicht fern, Der voll Innbrunst zu Ihm spricht: Herr! ach Herr! erbarme Dich! Thränend, mit beklemmtem Herzen ? Als in ihren größten Schmerzen Der Geburt mein Weibchen war, Und die drohende Gefahr Meine Seele tief beklemmte, Jeden Athemzug mir hemmte, Rief ich, Herrlicher! zu Dir! Muth und Kräfte gabst Du ihr; Halfest glücklich sie entbinden, Ließ'st mich Vaterfreuden finden. Gott! o Gott! wie dank ich's Dir! Wonne strömt durch meine Glieder, Du schenkst mir mein Weibchen wieder,[21] Und mit ihm den lieben Kleinen, Der mit seinem ersten Weinen, Vater! Dir sein Leben dankt. Leite ihn durch Deine Gnade, Laß ihn auf dem Dornenpfade, (Willst Du ihm das Leben schenken) Immer, Herr! nur Dein gedenken. Führe seine ersten Schritte, Gütiger! ich fleh ? ich bitte ? Laß ihn Deine Wege wallen, Seyn nach Deinem Wohlgefallen Und nach Deinem Wort und Sinn. Söllt' er aber Dein entbehren, Und Dich, Gütiger! entehren, (Wie ich um sein Leben bat) Bitt' ich, Herr! ach nimmt ihn hin. Glücklich für das Daseyn erweist sich an manchen Menschen dieses »Führen«, um welches mein Vater bat, nicht auf einer Heerstraße unserer Zeit, auf der man oft an dem Ausgangspunkte schon das ferne Ziel erblickt, dabei Höhen und Niederungen sorgfältig zu vermeiden, jedenfalls Steigung und Fall möglichst gleichmässig zu vertheilen sucht. Ob der Mensch das Leben bloß für ein kürzeres oder längeres Dahinschlendern, ohne andere, als bloß momentane, Zwecke erachte; ob er eine Führung anerkenne, und, was noch mehr ist, bei einzelnen Wendungen und durch bisweilen angestellte Rückblicke zu einer Erkenntniß dieser Führung und zu einer Einsicht in dieselbe zu gelangen sich bestrebe: immerhin mag er dessen sich freuen, daß der Weg gleich als durch eine reiche und wechselvolle Landschaft sich zeigt, in welcher dessen Wendungen ihn oft gegen Erwarten in den finstern Wald, statt auf lachende Auen, dann ebenso unversehens auf den sonnenhellen Hügel mit weitem Gesichtskreis, statt in den düstern Felsengrund, bringen; daß er ihm Beschwerniß darbietet, wo er auf gemächliches Voranschreiten zählte, dann wieder unvermuthet die Pfade ebnet, wo er zum Vorwärtskommen auf das Zusammenraffen aller seiner Kräfte sich[22] gefaßt machte. Viele zwar werden das »Führen« niemals inne, weil sie nicht einmal überdenken mögen, ob es ein solches gebe, daher noch weit weniger sich umsehen, ob sie wohl dessen Spuren wahrnehmen dürften. Wenigen, vielleicht gar Keinen, ist es gegeben, in jedem Augenblicke des »Wallens«, an jeder Beugung des Weges, bei jedwedem Begegniß auf demselben das Führen zu erkennen, auch nur eine führende Hand zu ahnen. Hunderte ziehen dahin, ohne auch nur einen würdigenden Blick auf den Pfad, auf das, was an demselben ihnen begegnet, auf die Umgebung zu werfen. Selbst bei dem Besonnenern kann nur allmählig die Aufmerksamkeit auf die leitende Hand rege werden, muß erst bei längerem Voranschreiten die Wahrnehmungsgabe sich schärfen, muß, entweder aus äusserer Veranlassung oder aus innerer Anmuthung, die Aufforderung ergehen, für einen Augenblick etwa stille zu stehen und das Auge rückwärts zu wenden. Haben wir aber hieran uns gewöhnt, alsdann erst kann ein innerer Zusammenhang dessen, was in seiner Erscheinung uns als zufällig oder vereinzelt vorkam, von uns geahnet, derselbe allmählig uns klar werden; kann mit der Annäherung an das Ziel je mehr und mehr Alles zum beziehungsreichen Bilde sich entfalten, dessen Mittelpunkt Gottes Bemühen um den Menschen ist. Wer mit der Erziehung des Sterblichen durch den allein weisen und treulich besorgten obersten Lehrmeister, mit der innern Ausbildung des Einzelnen irgendwie vertraut ist, der dürfte mit vollem Recht mich Lügen strafen, wenn ich vorgeben wollte, ich wäre auch nur zu bloßer Ahnung eines solchen »Führens« frühe schon erwacht. Nein, es ist eine schöne Zeit des »Wallens« vorübergegangen; ich bin des Weges eben, mühelos und gerade lange genug dahergeschritten, auch manchmal, gleich so Manchen, wirklich recht sorglos und unbedacht auf demselben umhereschlendert, bis ich nur an die Möglichkeit eines Geführtwerdens dachte. Denn lag etwa einmal in den ersten Zeiten Etwas queer über den Pfad, lustig hüpfte ich darüber hinweg, dazu noch freudig und zuversichtlich um mich blickend, im Gefühle munterer[23] Behendigkeit oder zuversichtlicher Gewandtheit. Als dann in der Folge so recht in zögernder Langsamkeit die Vermuthung sich einstellte, es könnte neben allem Bewußtseyn der Freithätigkeit eine unsichtbare und nur in leisen Winken sich kund gebende Führung dennoch einiges Anrecht der Förderung auf den zu irgend einer Zeit eingenommenen Standpunkt sich geltend machen, so dauerte es doch abermals wieder geraume Zeit, bis dem Geistesauge ein etwelches Hineinblicken in die Verbindung der jeweiligen Begegnisse auf dem Wege und in deren innern Zusammenhang, als Beurkundung einer nachhaltigen Führung zu einem bestimmten Ziele, möglich ward. Jetzt aber, nach dem Verlauf von mehr als fünfzig Jahren, hebt dieser innere Zusammenhang immer sichtbarer sich hervor, und wird es mir von Tag zu Tag leichter, zu durchschauen, wie ein höherer Wille, bei zarter Schonung des eigenen, sanft und schonend, immer aber stätig, dahin mich lenken wollte, wo ich an meinem achtundfünfzigsten Geburtstage, an diesem aber nicht mehr unerwartet, noch weniger in raschem Uebergang dahin gelangt, mich fand. Unter dieser allmählig sich entfaltenden und immer fester wurzelnden Ueberzeugung von einer Führung, nicht bloß im allgemeinen, sondern zu einem immer heller und wahrnehmbarer hervortretenden Ziele, bin ich dahin gekommen, zerronnene Hoffnungen, vereitelte Erwartungen, fehlgeschlagene Entwürfe, unerfüllte Wünsche, erlittene Unbilden, zugefügte Schädigungen (in engen Verhältnissen oft das einzige Mittel, um vorübergehend an dem Kitzel etwelcher Machtvollkommenheit sich erlaben zu können), schiefe Beurtheilungen, absichtliche Verdrehungen meines Wollens und Strebens, so Vieles, was gewöhnlich zu der Kehrseite des Lebens gezählt wird, nicht allein mit Gleichmuth zu ertragen, sondern mir klar zu machen, welchen, von dem Ziele leicht ablenkenden Einfluß die Erfüllung der Hoffnungen, Erwartungen, Entwürfe, Wünsche, hätten haben können; welch werthvoller innerer Ersatz für die Unbilden, Schädigungen, schiefen Beurtheilungen und grundlosen Anfeindungen unverhofft mir zu Theil geworden seye, um hiemit auf einen Hohepunkt[24] mich zu erheben, auf welchem jenes Alles es mir möglich macht, zu durchschauen und mich zu überzeugen, daß es in das Ganze dieser Führung als nothwendiger Bestandtheil sich einmische. Wie es aber Leute giebt, welche eine große Virtuosität darin besitzen, die befriedigendsten Zustände (befriedigend wenigstens, sofern man nur über hundert Andere um sich her das Auge mag schweifen lassen) durch hinzugefügte Wenn und Aber und durch unfruchtbare Vergleichungen in Frage zu stellen, so suche ich dagegen immer mehr, auch dem, was man sonst unbehaglich, selbst widerwärtig nennen möchte, eine vergnügliche Seite abzugewinnen. Wer recht will und es recht angreift, dem wird es so besonders nicht schwer fallen, das Fractus si illabatur orbis, Impavidum ferient ruinæ, zur wahren, unbedingten Hingebung unter eine ebenso weise als väterliche Leitung zu veredeln. Die ältesten Erinnerungen aus meiner Kindheit reichen in mein drittes Jahr hinauf ? der Schrecken über einen grossen Hund, der mir, einem General von Tschudi folgend, an der dunkeln Treppe der elterlichen Wohnung begegnete, sodann die Klage über eine in den Stadtgraben gefallene Peitsche, und die eilende Geschäftigkeit der Wärterin, mir dieselbe wieder zu verschaffen. Die Wohnung, in der ich meine vier ersten Jahre zubrachte, steht noch heutzutage so lebendig vor meinen Augen, daß ich eine zutreffende Beschreibung derselben, wie sie damals beschaffen war, mir zu machen getraute, oder, befände sie sich noch in vollkommen gleichem Zustande wie damals, mich alsbald darin wieder erkennen würde, ungeachtet ich sie seit jener Zeit nie wieder betreten habe. Von meiner Mutter wurde mir erzählt, wie mein Vater große Freude daran gehabt hätte, daß ich schon im Anfang des vierten Altersjahres einzelne Verse[25] Gellertscher Lieder auswendig hätte hersagen, und wie er sich nicht wenig darauf zu gut gethan, daß ich in eben dieser Zeit bereits hätte lesen können Des Unterrichts, den mir meine Mutter darin gab, und wie sie mit einer Scheere auf die Sylben in dem Namenbüchlein hinwies, erinnere ich mich noch gar wohl. Mit beginnendem sechsten Jahr wurde ich einem siebenzigjährigen Geistlichen, einem Verwandten von väterlicher Seite, übergeben, um durch eine Stunde täglichen Unterrichts auf das Gymnasium vorbereitet zu werden, d.h. fertig Latein lesen, etwas schreiben und die Zahlen und deren Gebrauch kennen zu lernen. Der »Vetter-Pfarrer« war kein Kirchenlicht, aber ein schlichter, gutmüthiger alter Mann, der mich, wenn er mir wohl wohl wollte, »Brüderlein« hieß, jährlich an den Tagen nach den Mahlzeiten der Geistlichen, deren Hospes er war, zum Mittagessen behielt und mit Pasteten bewirthete, dann je zuweilen mit einem Zeddel, worauf geschrieben stand: »der Fritz hat heute seine Sache gut gemacht und einen Kreuzer verdient,« nach Hause entließ, zwischenein auch, wenn der Wechsel von meinem Vater nicht honorirt wurde (was eben öfters geschah), die Ehre des Ausstellers rettete. Die Unterrichtsstunde wurde neben der öffentlichen Schule bis zu meinem zehnten Jahre fortgesetzt, vornehmlich des Schreibens wegen. Da aber der gutmüthige Mann zu nachsichtig gegen mich und überhaupt kein Lehrer war, ließ er mir von Anfang an ein nachlässigeres, mir aber bequemeres Halten der Feder zu, und verfehlte die ersten Grundlagen dergestalt, daß ich es nie zu einer gefälligen Handschrift bringen konnte; dieß um so weniger, als das sorgfältige und mehrmalige Nachmahlen der Vorlagen mir stets zu langweilig war, und ich bei verschiedenen nachherigen Lehrern die sogenannten Schreib- und Rechenstunden ausschließlich in Uebungen des Rechnens (worin ich allerdings frühzeitig eine große Fertigkeit gewann) verwandelte. Da ich keine, meinem Alter nahestehenden Geschwister, keime solche Verwandten, in den frühern Jahren keine Jugendfreunde,[26] keine Nachbarskinder hatte, mit welchen umzugehen war; da ich ferner aus übertriebener Aengstlichkeit meiner Eltern nur selten das Haus verlassen durfte, in diesem ziemlich streng gehalten wurde, so ist die Erinnerung an diesen Greisen, seine Frau und eine Schwester derselben, alle gleich alt und gleich gutmüthig, wenn auch ein dürftiges, doch eines der sparsamten anmuthigen Bilder aus meinen Kinderjahren. Die gegenseitige Zuneigung blieb bis an das Lebensende des freundlichen Mannes. Wie sich dieselbe hernach aus jugendlicher Angewöhnung durch unablässige Ermahnung meiner Eltern zur Dankbarkeit, diese aber überhaupt zum unvertilgbaren Charakterzug sich veredelte, so bemühte ich mich, solche vorzüglich gegen den alten Vetter zu bewähren. Bei meiner Aufnahme unter die Geistlichen stand er in seinem achtzigsten Jahre, und indem er dabei blos weinen konnte, zeigten sich schon alle Anzeichen des Kindischwerdens, welches bald überhand nahm. Dennoch versäumte ich es nicht, ihn nachher öfters zu besuchen, um so mehr, da ich bald hierauf eine Pfarrei erhielt, die er ein halbes Jahrhundert früher bekleidet hatte, und so durch angeregte Rückerinnerungen wenigstens für vorübergehende Augenblicke sein Bewußtseyn wieder zum Aufflammen bringen konnte. Ueberhaupt ist durch väterliches Wort und Beispiel eine Eigenschaft in mich gepflanzt, genährt und herangezogen worden, deren der eitle, vermessene, von vorn herein zu Allem sich befähigt glaubende Nachwuchs gleich mancher andern, nicht zu bedürfen, ja eher als einer Schwäche sie meiden zu müssen wähnt ? die Dankbarkeit. Wer je zu meinen Eltern in freundschaftlicher Beziehung stand, wer je mir selbst wohlwollte, wer je irgendwelche Gefälligkeit mir erwiesen hatte, der durfte auf treues Gedächtniß hiefür, auf fortwährende Anerkennung freundlicher Gesinnung, fördernder That, auf das Bestreben wenigstens, durch andauernde kleine Aufmerksamkeiten unverblichene Erinnerung an den Tag zu geben, mit voller Zuversicht zählen. Daher war von allen bittern Erfahrungen diejenige für mich die bitterste: vieljährige uneigennützige Dienstleistungen, von[27] mancher beharrlichen Anstrengung begleitete Bemühungen, mannigfaltige Verwendungen für Andere, aufrichtige, nicht blos gehegte, sondern bei jeder Veranlassung bethätigte Gesinnungen der Zuneigung, ja selbst der Hingebung, urplötzlich in Vergessenheit gestellt, selbst mit aufgeblasener Keckheit in das Gegentheil hinübergeredet, ein Benehmen eingehalten zu sehen, als wäre von allem Jenem niemals auch nur die mindeste Spur vorhanden gewesen. Doch gilt auch hier das Wort des Apostels: »Geben ist seliger denn Nehmen.« Wem von Andern Dankbarkeit widerfährt, der mag wohl dessen sich freuen; größer aber ist immer (dafern der Erfahrung ein Wort mitzusprechen vergönnt seyn mag) das innere Behagen desjenigen, in welchem dieselbe von den pulsirenden Lebenskräften ein unzertrennlicher Bestandtheil ist. Die ersten Jahre erwachender Geisteskräfte fielen in die gräulichen Zeiten, in welchen über den entsetzlichen Unthaten der französischen Revolution die Tigernatur des menschlichen Geschlechts in ihrer scheußlichsten Verzerrung sich zu erkennen gab. Ich war noch nicht sechs Jahr alt, als die Kunde von der Gefangennehmung des Königs und seiner ganzen Familie die, damals gegen dergleichen Ereignisse noch nicht so stumpfsinnig wie heutzutage sich erweisende, Welt in Bestürzung setzte. Zu jener Zeit gab es noch keine Legitimisten, Conservative, Servile; die verschiedenen Schlagwörter zu Bezeichnung der Gegner waren ebensowenig erfunden, als der Schematismus, in welchen man die mancherlei Parteien nach besondern Schattirungen zu rubriciren sich bemüht; denn jene selbst waren noch nicht vorhanden. Es gab damals blos Revolutionäre, Jakobiner, welche keinen Preis zu theuer fanden, um für denselben ihre erträumte allgemeine Freiheit und Gleichheit und den Umsturz göttlicher Ordnung in Kirche und Staat zu verwirklichen; über diesen dann kannte man nur noch ehrliche Leute, welche jeden Versuch solches[28] gewaltsamen Umsturzes, vollends dann dergleichen Wagnisse gegen einen König und sein Haus, als Attentate gegen das von oben Gesetzte verabscheuten. Die Könige galten noch als von Gottes Gnaden, als Gesalbte des Herrn; die Lehren von getrennten Gewalten, von den Fürsten als Volksbeamteten u. dgl. figurirten nur in den Schriften der Theoretiker, in den Blättern der Jakobiner; in die allgemeinen Begriffe waren sie noch nicht eingegangen; so wenig als ein Gemengsel der abgekehrten Doctrinen aufzustellen, oder in der Verkupplung zweyer sich abstoßender Worte ein Janusgesicht sich zu schnitzeln versucht worden wäre. Empörung wurde noch als verwerflich, nicht als ein geheiligtes oder als ein Recht taxirt, mit dem man zu letzt noch ersprießliche Unterhandlung anknüpfen könne; Gewaltthat wurde noch für das anerkannt, was sie ist, nicht als Expansion der innern Kraft zurechtgeredet; die Sympathien für den Umsturz mußten gegen diejenigen für Erhaltung bestehender Ordnung noch zurücktreten; ja vor den meisten Menschen jener Zeit hätten sie, ohne Entsetzen zu erregen, nicht einmal leise sich kund geben dürfen. Man war noch nicht so weit vorangeschritten, um einen vorübergehenden Volkstumult, in Hoffnung, es mochte doch demselben etwas Anderes zu Grunde liegen, mit Jubel zu begrüßen; dann aber in Unmuth die Augen von ihm abzuwenden, sobald gegen die Wahrheit, daß eben jenes Andere ihm durchaus fremd gewesen seye, auch die letzte Einwendung, auch der leiseste Vorbehalt nicht mehr möglich war. Erdbeben, Feuersbrünste und Ueberschwemmungen leisteten jener Zeit noch vollkommen, was der unsrigen Empörungen, Mordbrenner-Einfälle, Revolutionen und Thronverstoßungen. Mein Vater theilte die Entrüstung der unermeßlichen Mehrzahl seiner Zeitgenossen über der unerhörten Frevelthat der französischen Jakobiner. Bei früherer Anwesenheit in Paris hatte ihn ein dienstthuender Offizier der Schweizergarde in den Saal eintreten lassen, in welchem die ganze königliche Familie von der Rückkehr einer Jagdparthie das Mittagmahl einnahm. Da tauchte über den von Tag zu Tag sich folgenden empörenden[29] Nachrichten diese Erinnerung wieder lebendiger, vielleicht selbst in günstigerem Lichte, vor seinem Auge auf. Er fühlte hiedurch um so mehr sich angetrieben, gegen die gräßliche Unthat sich zu ereifern; jedesmal dann wurde von der Heiterkeit, die der König bei jenem Mahl gezeigt, und von der unbeschreiblichen Gutmüthigkeit, die aus seinem ganzen Wesen geleuchtet, von der Schönheit und Lebhaftigkeit der Königin gesprochen. Ich erinnere mich recht gut, wie mein Vater manchmal des Abends die Berichte der öffentlichen Blätter über die erlauchten Gefangenen im Tempel, Bruchstücke aus den Reden der Vertheidiger des Königs, die empörenden Ausfälle der wüthendsten Revolutionsmänner gegen die Personen und das Haus der Bourbons mit sichtbarer Rührung, bisweilen unter Thränen, meiner Mutter vorlas, und wie diese bei diesen Mittheilungen seufzte. An Aeusserungen über das Ungeheuer, welches sich Egalité nannte, fehlte es dann natürlich ebensowenig, am wenigsten aber konnte er jenen Blumenschen verzeihen, den König schlechtweg Ludwig Capet zu nennen. Als das gefällte Todesurtheil eintraf und die Zeitungen über die letzten Stunden des Königs und über die Einzelnheiten unter denen jenes vollzogen worden, Bericht gaben, da sah ich so Vater als Mutter Thränen vergießen. Die Ausdrücke der Entrüstung und Worte des Abscheus erneuerten sich, so oft ein erlauchtes Haupt des Königshauses durch Henkershand fiel, so wie bei den Berichten über die Füsilladen zu Lyon und die Nojaden zu Nantes (deren ich mich noch besonders erinnere), zumal aber, als auch Madame Elisabeth das Loos der andern Glieder ihres Hauses theilen mußte. Von der Mildthätigkeit, Menschenfreundlichkeit, Frömmigkeit dieser Königstochter ward Vieles erzählt, und ihre Ermordung gerade deßwegen als noch größere Unthat dargestellt. Ich war bei diesen Mittheilungen häufig zugegen, horchte aufmerksam zu, und blieb dabei nicht ohne innere Theilnahme, so wie sie auch einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf mich machten.[30] Dieser Stimmung entsprechend war die Hoffnung, daß die zerlumpten und ohne gehörige Kriegsrüstung zu Felde ziehenden Sanscülotten-Haufen vor den wohlgeordneten, mit Allem aufs Beste versehenen Heeren des Kaisers nicht würden bestehen können, daß dem gräuelhaften Volk der verdiente Lohn nicht entgehen dürfte. Von der trefflichen Mannszucht, von der guten Ordnung der österreichischen Heere gab es dabei Manches zu hören, und jeder errungene Sieg, jede hoffnungerweckende Wendung wurde entweder bei dem Mittagstische oder Abends beim Theetrinken meiner Mutter freudig verkündet; ich aber nahm hieran so aufrichtig Theil, daß ich damals schon entschieden österreichisch gesinnt, daher den Franzosen, als Urhebern der Revolution und all' des Entsetzlichen, was ich vernommen, mit der vollesten Entschiedenheit abgeneigt war. Besonders aber erinnere ich mich der Niedergeschlagenheit, welche durch die mißlungene Landung auf Quiberon hervorgerufen wurde; wobei freilich der damalige Graf von Artois, von welchem vielleicht mein Vater aus Paris selbst nicht den günstigsten Eindruck zurückgebracht hatte, anneben aus der Zeit der Belagerung von Gibraltar noch Einiges in Erinnerung geblieben war, nicht ganz geschont wurde. Diese Bilder, Eindrücke konnten keineswegs folgenlos bleiben. Es war möglich, daß sie in Verbindung mit dem, was durch die Umgebung bewirkt war, einen ersten Antrieb gaben. Zwar konnte dieser im Verlauf der Zeit über weitern Erlebnissen, unter der Ausbildung des eigenen Urtheils, je nach erwachender anderer Neigung, einen Gegenstoß erhalten, hiedurch bald wieder verwischt werden; aber eben so leicht war es möglich, daß jenes Alles zum Kern wurde, an welchen nachwärts Wahrnehmung, Erfahrung, Urtheil und Anschauung in organischem Gebilde sich anfügte, in freithätiger Operation ausschied und von sich ferne hielt, was damit nicht in Einklang zu bringen war. Dieß Letztere fand Statt; des dabei mitwirkenden Faktors werde ich nachher gedenken.[31] Kaum ich den ersten Monat des siebenten Jahres angetreten hatte, wurde ich dem Gymnasium übergeben, von vierzehn oder sechszehn Mitschülern weitaus der jüngste. Mein Vater setzte einen gewissen Stolz darein, einen Knaben in so früher Kindheit in diese Schule bringen zu können, wie es seit dem Verlauf langer Zeit niemals geschehen war. Indeß muß man sich unter dem Wort Gymnasium nicht eine solche Anstalt denken, dergleichen sie heutzutage durch dasselbe bezeichnet wird. Es war im Grunde nichts weiter, als eine Schule, in der die Schüler, von den ersten lateinischen Leseübungen an, beinahe ausschließlich nur mit dieser Sprache beschäftigt wurden. Das Urtheil ist nicht zu scharf, wenn man dieses Gymnasium in seiner damaligen Einrichtung und in seinen Leistungen die jämmerlichste Anstalt nennt, die man sich denken kann; ohne innern organischen Zusammenhang, jeder Lehrer sich selbst überlassen, der Unterricht ein lebloser Mechanismus; Alles, nicht bloß mit den dürftigsten, sondern eigentlich mit den armseligsten Hülfsmitteln ausgestattet; der Erfolg, selbst an den Aufmerksamern und Fleissigern, im Verhältniß zu dem Zeitaufwand so unbedeutend als möglich. Der Unterricht beschränkte sich zunächst auf das Auswendiglernen des Heidelbergischen Katechismus, ohne alle weitere Erklärung. Doch war man so weit gekommen, daß in allen Classen auf höhere Anordnung der berüchtigte Schluß der achtzigsten Frage sowohl bei dem Lernen als bei der Kinderlehre weggelassen, so behandelt wurde, als seye er nicht vorhanden. Sodann waren in den untern Classen Leseübungen in deutscher Sprache eingeführt, die nichts weiter als fertiges Lesen zum Zweck hatten, an die steh von Orthographie so viel anschloß, daß unter jeder sich darbietenden Veranlassung eingeschärft wurde, bei allen Wörtern, denen man einen der drei Artikel vorsetzen könne, eines großen Buchstabens sich zu bedienen; in zwei Stunden am Schluß des ersten Schuljahres wurden an einer gemahlten Tafel die Noten gezeigt, worauf in den folgenden Classen die Psalmen, später die jetzt verschollenen Lavater'schen Schweizerlieder mit ihren leyerhaften[32] Melodien, erst durch die einzelne, dann durch sämmtliche Schüler, nach dem Ton einer Geige und der Stimmte des Vorsängers mußten gesungen, hiemit gewissermaßen ein Lesen betrieben werden, ohne irgend einen Buchstaben zu kennen; denn die Kenntniß der Noten und deren Verhältniß zu einander blieben uns während sechsjähriger Abrichtungszeit spanische Dörfer. Wer mit gutem Ohr und einer leidlichen Stimme begabt war, konnte, so gut es gehen mochte, das Vorgeleyerte nachleyern, wer nicht, an dem war Hopfen und Malz verloren. Einige Lehrer ertheilten Unterricht in der Geographie, in der Art, daß sie auf der Landkarte die Stelle der vornehmsten Städte eines Landes nachwiesen und nachher die Schüler mit eigenen Fingern dieselben wieder aufsuchen ließen. Als Hauptfach wurde in allen sechs Classen die lateinische Sprache betrieben, der dann nach der ersten Hälfte der Schulzeit für diejenigen, welche wegen ihres künftigen Berufes als Geistliche derselben bedurften, die griechische sich anreihte. Aber was war das für ein Unterricht in der einen wie in der andern dieser Sprachen! Welcher Erfolg nach einer mindestens sechsjährigen Dauer desselben bei so großem wöchentlichem Zeitaufwand! Als Lehr- und Lesebuch waren von der dritten bis in die sechste Classe hinauf Chompré Selecta latini sermonis und eine im Jahr 1790 zu Zürich herausgekommene Grammatik eingeführt, welche auf 182 S. in kl. Octav die Formen der Haupt- und der Zeitwörter, auf 30 Seiten, in XIII Regeln gebracht, die Syntax mit etwelchen Sentenzen, amt Schluß zu diesen ein kleines Vocabularium enthielt. Declinationen und Conjugationen mußten auswendig gelernt werden; aber selbst das Spärliche, was darüber hinausgieng, war im Grund für die Schule nicht vorhanden, da auch die wenigen Seiten Syntax niemals durchgegangen wurden. Neben dieser Grammatik mußten wir noch Cellarii liber memorialis auswendig lernen, aber durchaus nichts anderes als die Stammwörter; von sämmtlichen abgeleiteten und zusammengesetzten Wörtern wurde wieder so wenig Notiz genommen, als bei der Grammatik von[33] der Syntax. Man gieng von der Voraussetzung aus, die Schüler würden zu deren Kenntniß durch das sogenannte Uebersetzen allmählig wohl gelangen. Hatten dann alle Schüler ihr Pensum aus dem einen oder andern dieser Bücher hergesagt, was ein schönes Stück Zeit wegnahm, dann gieng es an das Uebersetzen; d.h. der Lehrer übersetzte einen Abschnitt in den untern Classen ein-, zwei- auch wohl dreimal vor, dann mußten entweder der Reihenfolge nach, oder auch ohne diese zu beobachten, alle Schüler den Abschnitt nachübersetzen, d.h, Wort für Wort das Lateinische in das Deutsche verwandeln. Hiemit war Alles gethan. Synonymik, Bau der Sprache, Geist der Sprache, Verhältniß des Deutschen zu dem Lateinischen kamt selbst in den obersten Classen nicht in Betracht. Einmal in der Woche wurde ein sogenanntes Exercitium, d.h. eine Uebersetzung aus dem Deutschen ins Lateinische, vorgenommen. Der Lehrer dictirte die deutschen Sätze, sodann die lateinischen Worte, welche über die deutschen geschrieben wurden; hierauf konnte der Schüler an seine Arbeit gehen. Als Fehler galten Abweichung des Geschlechts zwischen Hauptwort und Beiwort, der Zahl zwischen diesen und dem Verbum, der Indicativ bei einem den Conjunctiv regierenden Fürwort. Was sonstiger Gebrauch oder die Eigenthümlichkeit der Sprache erheische, das blieb im Dunkeln. Noch mangelhaster war der Unterricht in der griechischen Sprache. Unter der Voraussetzung, daß keine andern Schüler an dem Unterricht in derselben Theil nähmen, als solche, welche sich dem geistlichen Stande widmen wollten und daß diese eigentlich nur das Neue Testament zu lesen brauchten, wurde schon in der vierten Classe, in welcher dieser Unterricht begann, und eine im Anfang des vorigen Jahrhunderts zu Basel herausgegebene Grammatik auswendig zu lernen war, erklärt: dem Dualis habe man nicht nachzufragen, indem dieser im Neuen Testament doch nur ein einziges, oder vielleicht zwei Mal vorkomme. Ein anderes Lesebuch als das Neue Testament kam, wenigstens in den beiden ersten Classen, gar nicht in unsere Hände. In der zweiten wurde die Grammatik ganz bei Seite gesetzt[34] und der Unterricht folgendermaßen ertheilt: der Lehrer hatte ein neues Testament, welchem die deutsche Lutherische Uebersetzung zur Seite stand. Nun las er einen Vers zuerst griechisch, hierauf deutsch vor und wiederholte dieses durch den Abschnitt eines Capitels zwei-, dreimal, worauf an den Ersten unter den Schülern die Aufforderung zum Uebersetzen ergieng, dann der Reihe nach an die Uebrigen. Wer nur ein wenig aufpaßte, oder öfters im Neuen Testament gelesen hatte (was damals bei Keinem ganz fehlte), der war im Stande, die Uebersetzung ziemlich wortgetreu wieder zu geben, womit er seine Sache gut gemacht hatte. Waren alle abgefertigt, so schritt der Lehrer in seinem Kapitel weiter. Aeusserst selten wurde der Bedeutung des einzelnen Wortes oberflächlich nachgefragt, der Bildung desselben und seinem Verhältniß zum Redesatz nie; wurde jene glücklich getroffen, so war aller Gerechtigkeit Genüge gethan. Der Rector, der den Unterricht in der sechsten Classe zu ertheilen hatte, stand in hohem Ansehen, als ein sehr gelehrter Mann, als ausgezeichneter Lehrer. Das erstere war er infofern, als in seiner Jugend der Unterricht in den alten Sprachen ungleich gründlicher war betrieben worden, denn in der spätern Zeit, er daher, gleich andern seiner Collegen, das Latein auch schriftlich gut zu handhaben wußte; als er in ziemlich umfassender Kenntniß der neuern Litteratur beinahe alle übrigen hinter sich zurückgelassen und seinen Geschmack an den damaligen Mustern ausgebildet hatte; als er ferner durch einen klaren Blick, durch ein ruhiges Urtheil sich auszeichnete, jungen Leuten gerne Anleitung zu Studien und Lectüre gab, einen christlich-philosophischen Sinn, etwa in der Art eines Jerusalems, an den Tag legte, oder wie derselbe durch die sogenannte Schinznacher-Gesellschaft, deren angesehenes Mitglied und letzter Präsident (aber ohne der einbrechenden Revolution wegen sein Präsidium üben zu können) er war, mochte vertreten werden. Auch als tüchtiger Lehrer würde er anfehlbar sich bewährt haben, dafern er jungen Leuten reifern Alters hätte Vorlesungen[35] nach eigener Art halten können. Aber zu einem in das Detail eingehenden Sprachunterricht für fünfzehnjährige Knaben war er nicht geeignet, oder vielleicht damals, als ich seinen Unterricht besuchte, als Sechziger, besonders des Nachmittags nicht immer dazu aufgelegt. Der nachmittägige Unterricht begann Sommers und Winters mit zwölf Uhr. Wie manche Stunde ward da nicht förmlich verplaudert! Ich trat in seine Classe in dem Jahr, in welchem die Revolution in die Schweiz einbrach; wie vieles gab es daher nicht zu erzählen, zu erörtern, zu fragen! Wir hatten es uns bald gemerkt, daß nichts leichter seye, als unserm guten Lehrer das: Dic cur hic? aus dem Bewußtseyn zu escamotiren, besonders an den Diensttagen, an welchen drei Nachmittagsstunden für jene sogenannten Exercitien bestimmt waren, welche für uns noch etwas mehr Anstrengung erheischten als das Nachübersetzen. Nach Beendigung des vormittägigen Unterrichts blieben daher gewöhnlich die Optimaten unter den Schülern, d.h. diejenigen, welche schon das zweite Jahr in der Classe saßen, zurück, um sich über Mittel und Wege zu berathen, wie das Exercitium abzuwenden seye. Da mußte ein Jeglicher sich anheischig machen, mit dem Vorrath von einigen Fragen Nachmittags sich einzufinden und bestimmt, wer die erste vorzulegen habe, nach deren Erörterung, und wenn man an die Plätze gewiesen werden dürfte, der Zweite mit der seinigen hervorrücken solle u.s.w. War hiemit, was gar nicht schwer fiel, erst ein beträchtlicher Theil der Zeit hingebracht, so zog gewöhnlich der Lehrer seine Uhr hervor; hatten wir es bis zu halb Zwei bringen können, so hieß es: es lohnt sich jetzt nicht mehr der Mühe, das Exercitium anzufangen; dann wurde entweder bis drei Uhr fortgeplaudert, oder sonst Etwas, was behagte und keine Mühe kostete, vorgenommen. Auf diese Weise verschwand unbemerkt mancher Dienstag, auch mancher andere Nachmittag, aus der Schulzeit. Eben so armselig und höchst unpraktisch war die Disciplin. Früher regierte Meister Baculus. Am Ende der siebenziger Jahre wurden die damals jungen philanthropischen Ideen in[36] die Schule verpflanzt; der absolute Schulmonarch wurde nicht blos durch eine Constitution beschränkt, sondern geradezu vom Thron gestoßen; jedoch war unter den Lehrern einer vorzüglich Legitimist geblieben, so daß Reactionsversuche bei demselben nicht selten vorkamen. Daß sich aber damals die Eltern in Fragen zwischen Lehrern und Schülern noch nicht als oberstes Tribunal hinaufsetzten, und Beide als gleichgestellte Parteyen, mit unverkennbarer Vorliebe für den meist fehlbaren Theil, vor dasselbe riefen, mag folgende Thatsache darthun. Besagter Lehrer fand es eines Nachmittags für gut, durch einen derben Streich mit dem ledernen Rücken seines griechischen Testaments über den Backen mir zu beweisen, daß ich in irgend Etwas nicht der Gebühr nach mich betragen hätte. Es läßt sich leicht denken, daß der in der Aufwallung gefühlte Schlag schmerzte; ich schrie und rief: das würde ich meinem Vater klagen. Auf dieses Wort kam ein zweiter, noch heftigerer Streich mit dem gleichen Strafinstrument, und zugleich wurde die Thüre geöffnet mit dem Wort: jetzt könnte ich gehen und es berichten. Der Schmerz trieb mich wirklich von dannen, und, ungeachtet ich bis an das elterliche Haus höchstens ein paar hundert Schritte zu gehen hatte, war, bis ich dort ankam, der Backen hoch geschwollen. Ich rechnete darauf, dieses Merkmal würde unfehlbar für mich sprechen. Als ich nun die Klage schluchzend vorgebracht hatte, ward mir der kurze Bescheid: wenn ich es dießmal nicht verdient hätte, so hätte ich es gewiß ein anderes Mal verdient. Ich mochte mich nur wieder in die Schule zurückbegeben. Selbst bei meiner Mutter fand ich den gehofften Trost nicht. Damals empfand ich allerdings doppelten Schmerz, denjenigen des Streiches und denjenigen zerronnener Hoffnung der Theilnahme. Jetzt haben beide versaust, und wenn ich auch den Lehrer nicht rechtfertigen kann, so muß ich doch meinem Vater Beifall geben. Die Autorität des Lehrers sollte in den Augen des Schülers nicht geschwächt werden. Wenn der Jugend gegenüber die Autorität der Eltern bisweilen nicht erhalten werden mag, und die Autorität der Lehrer oft von jenen[37] nicht erhalten werden will, und der heranwachsende Knabe somit kein höheres Ansehen mehr anerkennen muß, vor dem er sich zu beugen und welchem er zu gehorchen hat, dann wird er bei reifern Jahren noch weniger eine andere und höhere Autorität anerkennen, als seinen bloßen Willen. Da ist sich dann nicht zu verwundern, wenn Unfügsamkeit, Trotz und Uebermuth, die wirksamsten Factoren der Zerstörung, immer bedenklicher in die gesellschaftliche Ordnung hineinwirbeln. Die ganze Schulzucht beruhte auf einem todten, darum zu geistiger und moralischer Belebung der Schüler durchaus unfähigen Mechanismus. Jeder Lehrer hatte eine in verschiedene Fächer eingetheilte Tabelle. Wer sein Pensum richtig auswendig gelernt hatte, wer das Vorübersetzte einigermaßen getreulich nachzuübersetzen wußte, wer in seinem Exercitium blos mit ein paar grammatikalischen Fehlern sich begnügen konnte, der erhielt zwei Striche in der Rubrik Fleiß; diese konnten sich dann bei einiger Mangelhaftigkeit verringern und selbst in Striche von negativer Bedeutung übergehen. Wer bei dem Lesen, plötzlich aufgerufen, nicht alsbald fortfahren konnte, wurde in der Rubrik Unachtsamkeit angemerkt, wodurch ein Fleißesstrich um die Hälfte seines Werthes vermindert ward; höhern Ranges waren die Unarten, z.B. wenn einer über einer Lüge ertappt ward, oder gegen einen Mitschüler gröblich sich vergangen hatte, wobei aber gewöhnlich mit dem Strich und der Ankündigung des Striches die Sache abgethan war. Noch höher standen die Zeichen des Muthwillens; sie wurden aber so sparsam angewendet, daß die Ertheilung eines solchen Zeichens nicht allein für die Classe, in der es vorkam, sondern gewöhnlich für die ganze Schule zum Ereigniß ward, welches man sich gegenseitig erzählte, zum Gegenstand der Erörterung machte. Das Schlimmste blieb immer, daß, die Unachtsamtkeiten abgerechnet, das Verhältniß des Vergehens zu dem Strich ein unklares blieb, daß Laune, Mißstimmung, Abneigung des Lehrers einen zu großen Spielraum fand; daß endlich eine Kleinigkeit oft den verhängnißvollsten Strich zur Folge hatte, Gewichtigeres dagegen hingieng, das moralische[38] Gefühl weniger als etwa noch der Ehrgeiz berührt ward. Denn am Ende jeder Woche wurde Abrechnung gehalten, die guten und schlimmen Striche zusammengezählt, diese von jenen abgezogen und nach dem Resultat die Rangordnung der Schüler für die künftige Woche bestimmt. Am Ende des Jahres erfolgte Generalrechnung und hienach Rangbestimmung für das Examen. Die erste Hälfte der Schüler bekam Prämien und wurde ohne weiters in die folgende Classe versetzt, bei den übrigen hieng dieses von dem Entscheid der Examinatoren ab. Ich erhielt in allen Classen (eine ausgenommen) Prämien, doch niemals eine von den ersten; Unachtsamkeiten und Striche in der Rubrik Unarten wiesen mir Jederzeit das in medio tutissmus ibis an. Zwar hat es immer Schüler gegeben, die beinahe ununterbrochen die Vordersten waren; aus den meisten derselben ist nichts geworden. Die leidige Gewohnheit, allwöchentlich die Rangordnung zu bestimmen, leistete der Neigung, durch ertheilte Gunst oder Ungunst bei Eltern jene zu erwerben, diese zu vermeiden, etwelchen Vorschub nur allzuleicht. Die Rückerinnerung an den magern Chompré, an den Neid, der uns, zum Griechischen Verurtheilte, plagte, wenn wir im Winter in der ersten Morgenstunde an der verhaßten Sprache uns zerarbeiten mußten, während die andern noch behaglich zu Hause sitzen konnten, an den triumphirenden Blick, mit welchem diese im Sommer uns in der Schule zurückliessen, an die Unbilden, die mir durch die sogenannten Meritentafeln zugefügt wurden, in Verbindung mit nachheriger Einsicht in deren Unfruchtbarkeit, ja Zweckwidrigkeit, veranlaßten mich im Jahr 1824, als ich an Berathungen über gänzliche Umgestaltung des Gymnasiums Theil zu nehmen hatte, auf Beseitigung aller Chrestomathien bei höhern Classen zu dringen, den Unterricht im Griechischen für alle Schüler, welche Latein lernen wollten, obligatorisch zu machen, und gegen alle Tabellen solcher Art ? die in einem alten, sauer gewordenen Lehrer des Gymnasiums, der an jenen Berathungen Theil nahm, immer noch ihren Patron fanden ? auf das entschiedenste mich zu erklären,[39] und dazu, daß rücksichtlich dessen Allen ganz andere Verfügungen getroffen wurden, nicht wenig beizutragen. Eine Gesinnung vorzüglich, die dann in dem Verfolg der Jahre immer mehr sich ausbildete und festigte, also daß ich sie wohl eine der Grundkräfte meines Lebens nennen mag, faßte in früher Kindheit schon Wurzel: entschiedener Haß gegen alles und jedes Unrecht, in welcher Art und gegen wen und durch wen immer es verübt werden mochte. Hiezu aber zähle ich auch Alles, was in Beiseitsetzung wohlerworbener Rechte und hierauf begründeter Ordnung durch wühlerische Mittel, wer immer dieselben in Anwendung bringen möge und wie sehr man auch sie zu beschönigen sich befleisse, will erstrebt werden, oder an das Ziel gelangt. Hiedurch ist nicht allein meine politische, zum Theil auch meine religiöse Weltanschauung bedingt, sondern verschiedenartige Thätigkeit veranlaßt worden, so wie dieses wieder zu irrigen Urtheilen über mich geführt hat. Erlebnisse auf dem Gymnasium, hiezu bittere Erfahrungen in dem elterlichen Hause, daneben manche entschiedene Aeusserungen meines Vaters über Redlichkeit in öffentlicher Stellung, haben frühzeitig mit jenem Haß den Sinn für Recht in dessen Anwendung auf alle denkbaren Vorkommenheiten geweckt, von dem Gegensatz gegen dasselbe mich zurückgescheucht. Denn, wie der Widerwille gegen Unrecht zu jener Zeit einzig auf meine Person sich beziehen konnte, sodann im Verlauf der Jahre zum entschieden vorwaltenden Bewußtseyn sich entfaltete, so schloß derselbe im Verfolg der Zeit allen Verhältnissen und allen Einrichtungen und allen Personen sich an, an denen das Unrecht sich wollte geltend machen. Den jüngsten unter meinen Mitschülern im Alter wenigstens um ein Jahr nachstehend, als Kind von schwächlichem Körperbau, durch übertriebene Aengstlichkeit meiner Eltern von andern Kindern möglichst zurückgehalten, daher schüchtern und verzagt,[40] war ich immer die Zeilschiebe der Neckereyen meiner Mitschüler, gegen die ich mich entweder über haupt nicht, oder höchstens, wenn es gar zu arg getrieben wurde, durch Schimpfwörter wehren konnte. Noch steht es hell vor meiner Erinnerung, wie wohlthuend es mir war, wenn je etwa ein Anderer meiner sich annahm und mir einigermaßen Ruhe und Sicherheit verschaffte. Häufig aber vereinigten sich Solche, die am bittersten mich geneckt hatten, zum Zeugniß wider mich; dann war alle Vertheidigung wirkungslos. Ich erinnere mich noch, als wäre es erst gestern vorgefallen, wie mich einst während des Regenwetters eine Schaar die Gasse, die zu unserm Haus führte, hinauf verfolgte, ich von einem Stein in eine Lache glitschte und die Nächsten bespritzte. Nachmittags wurde vor dem Lehrer, dessen Abneigung gegen mich Keinem verborgen seyn konnte, geklagt, dieß wäre mit meinem Vorsatz geschehen. Ich mochte mich rechtfertigen, wie ich wollte, ich mußte sie absichtlich bespritzt, ich mußte Unrecht haben, ich mußte auf der Rubrik »Unart« mit einem Strich bezeichnet werden. Ausser der Schulzeit beinahe immer in das Haus gebannt, und in diesem ohne Spielgenossen, blieb mir nichts Anderes übrig, als um Bücher mich umzusehen und aus diesen etwa abzuschreiben. In der dritten Classe wurden die dürftigen Fragmente, die aus Justins Geschichten in der ofterwähnten Chrestomathie sich fanden, übersetzt. Ich sah wohl, daß in dem Schriftsteller noch Vieles enthalten seye, was ich ebenfalls gerne gewußt hätte. Da kam mir mein alter »Vetter Pfarrer« zu Hülfe und gab mir Ostertags Uebersetzung. Trug nun der Lehrer auf, das in der Schule Uebersetzte zu Haus niederzuschreiben, so glaubte ich etwas Beifallswerthes gethan zu haben, wenn ich noch ein Capitel, welches in unserm Buch sich nicht vorfand, aus der Uebersetzung abschrieb. Der Lehrer dagegen faßte den Argwohn, ich hätte auch das Aufgetragene abgeschrieben, was aber nie der Fall war; denn so viel hatten die Ermahnungen meiner Mutter doch gefruchtet, daß ich in allen Dingen ehrlich zu Werke gieng. Wie ernstlich ich meine[41] Unschuld betheuerte, wie aufrichtig ich den Sachverhalt darlegte, ich fand keinen Glauben, ich mußte mein Buch in die Schule bringen, worauf es augenblicklich confiscirt ward, ich aber mit dem lebendigen Gefühl von dannen gieng, es seye mir Unrecht geschehen. Ich will es zugeben, daß der Lehrer recht hatte, die Uebersetzung nicht zu dulden; ich dagegen hatte nicht minder recht in dem Bewußtseyn, von derselben keinen Mißbrauch gemacht zu haben. Dieser Haß gegen das Unrecht wurde zum hellesten Bewußtseyn gebracht durch den Aufenthalt in der vierten Classe des Gymnasiums, welches Jahr ein wahres Jammerjahr für mich war. Ich trat als einer der obern Schüler in dieselbe ein, sank aber in kurzem und für immer in die zweite Hälfte und in dieser manchmal nahe an den Untersten hinab. Anfangs ward ich hierdurch sehr mißstimmt; bald aber konnte ich wahrnehmen, daß der Lehrer mir entschieden abhold seye; weßwegen, kann ich bis auf den heutigen Tag nicht entziffern. In keiner Classe je war es mir möglich, die Augen unablässig auf das Buch geheftet zu haben; dafür hatte sie jetzt der Lehrer desto häufiger auf mich geheftet, und jeden Augenblick erscholl es: »Hurter, fahr fort.« Half nicht zufällig durch den zurückgebliebenen Klang das Ohr aus, so konnte das Auge nicht mehr retten und eine Unachtsamtkeit (ja der gute Mann hatte sogar Pünktlein als Zeichen halber Unachtsamkeit erfunden) war die unerbittliche Folge. Kindereyen habe ich mir zu schulden kommen lassen gleich andern Mitschülern; was aber für diese einen leichten Verweis nach sich zog, das ward an mir sofort als Unart mit Strich taxirt. Am Ende des Schuljahr es fand sich auf der Tabelle bei meinem Namen die unerhörte Zahl (sie ist mir bis jetzt treulich im Gedächtniß geblieben) von 95 Unachtsamtkeiten, 22 Unarten und 2 Muthwillen verzeichnet, die mich nothwendig zum Untersten herabgedrückt hatte, ungeachtet ich meine Pensa nicht schlechter lernte, als in den frühern Classen (die Mutter nahm jeden Tag Grammatik und Cellarius zur Hand, um sich zu überzeugen, daß ich meine Lection gehörrig inne hätte; und ließ[42] keine Nachlässigkeit durchschlüpfen), auch das Uebrige nicht weniger befriedigen durfte, als in allen vorhergehenden. Zu noch grösserem Leidwesen für mich wurden die Tabellen wöchentlich meinem Vater zugesendet, um ihn zu überzeugen, mit welch einem ungerathenen Knaben er die Schule belästige. Da fehlte es anfangs nicht an einer reichen Nachlese der bittersten Vorwürfe. Anfangs gab ich mir alle Mühe, aus meiner niedern Rangstufe mich emporzuarbeiten, allein umsonst; zuletzt wurde ich zwar in meinen Arbeiten nicht nachlässig, aber gegen jene Zeichen völlig abgestumpft, so daß ich ungescheut meinen Spott damit trieb und eine Vermehrung derselben mir das Gleichgültigste von der Welt wurde. Es scheint, daß auch mein Vater allmählig die richtige Einsicht gewann, denn nach und nach wurden die Vorwürfe milder, zuletzt hörten sie ganz auf, wiewohl die Einsendung der Tabellen fortgesetzt wurde. Nun kam Ostern. Da ich der Letzte in der Classe war, hörte ich von allen Seiten, ich würde in derselben zurückbleiben müssen. Man denke sich, welche Aussicht hierüber mir sich eröffnete; mit welchem Muth ich ein neues Jahr bei solchen, von mir wohldurchschauten Verhältnissen in der Classe würde begonnen haben; wie leicht ich auch in den nothdürftigen Leistungen hinter dem Möglichen und bisher noch getreulich Eingehaltenen zurückgeblieben, vielleicht ganz versunken wäre! Nie in meinem Leben stand meine ganze Zukunft an einem solchen Wendepunkt. Ich faßte Muth, und erklärte meinem Vater mit Thränen, in dieser Classe würde ich es nimmer aushalten, müßte ich in derselben zurückbleiben, so würde ich nicht mehr in die Schule gehen. Eine in mißstimmtem Ton gehaltene Ermahnung war die Antwort. Ich glaube aber, daß mein Vater bei seinem Freund, dem nachmaligen Antistes Habicht, für Beseitigung dieser Besorgniß ich verwendete; wenigstens konnte ich nachmals oft von meinen Mitschülern hören: gewiß hätte ein Anderer in meinem Falle müssen zurückbleiben; man wisse aber wohl, daß der Triumvir Habicht meinem Vater gerne einen[43] Gefallen erweise. Wie dem seye, ich rechtfertigte ihn dadurch, daß ich in der folgenden Classe schon in der zweiten Woche wieder der Oberste von Allen ward, und, wiewohl Unachtsamkeit und Flüchtigkeit bald wieder dieses Ranges mich verlustig machten, ich doch niemals in die zweite Hälfte herabsank. Jener Lehrer hat wohl nachmals schwerlich mehr daran gedacht, wie leicht sein Benehmen gegen mich meinem ganzen Daseyn eine unerwünschte Richtung hätte geben können. Würde er aber noch leben, so müßte er gewiß bezeugen, daß ich ihm, obwohl Möglichkeit dazu in der Folge leicht sich dargeboten hätte, niemals Veranlassung gegeben, zu ahnen, daß dieses Alles meiner Erinnerung so unauslöschlich eingeprägt geblieben seye. Erst als Mitglied des geistlichen Standes mit ihm in Berührung gekommen, setzte ich die Achtung gegen ihn, als gegen einen Aeltern, niemals aus den Augen; nachmals aber durch meine Stellung über ihn hinausgerückt, konnte er von meiner Bereitwilligkeit, seiner persönlichen Interessen mich anzunehmen, so überzeugende Erfahrungen machen, wie jeder Andere. Welcher Fehler ich mir bewußt bin, desjenigen, erlittenes Unrecht nachzutragen, sobald ich mich nur überzeugen konnte, daß der Andere selbst es nicht fortzusetzen gedenke, kann ich mit unverstelltem Bewußtseyn mich frei sprechen. Ohne meine Eltern gefragt zu haben, durfte ich außer das Haus, wenigstens außer die einsame Gasse, in der dasselbe lag, nicht leicht einen Tritt thun. Zu Anfang Märzen des Jahrs 1796 war der Rhein kleiner als seitdem je. Der Seltenheit wegen wurde eines Tages die Mannschaft der Gemeinde Neuhausen auf einer zu Tage gekommenen Geschiebbank des Flusses oberhalb seines Falles gemustert, Das wußten meine Mitschüler, und beschlossen, insgesammt nach Beendigung der Schulstunden hinauszugehen. Der Spott über mein Zurückbleiben war ein wirksames Mittel, mich zum Anschliessen an alle Uebrigen zu bewegen. Ungeachtet wir amt hellen Tage zurückkamen, wurde ich alsdann ins Verhör genommen, wo ich mich nach der Schule befunden hätte? und hierauf durch eine Tracht[44] Schläge mir eingeprägt, daß dergleichen Eigenmächtigkeiten nicht mehr vorkommen dürften. Bei solcher streng eingehaltenen Weise fand ich mich zu Ausfüllung meiner Mußezeit auf Selbstbeschäftigung angewiesen, welche ohne alle Anleitung meinem vollen Belieben zu Kindereien, Spielereyen oder Lesereyen anheimgestellt blieb. Ich fand großen Geschmack an dem Lateinischen, und gab mich daher mit Hülfe eines schlechten Wörterbuchs mit Uebersetzungen ab. Ungeachtet ich mich mit dieser Sprache mehr beschäftigte, als irgend einer meiner Altersgenossen, so daß ich bis zu meinem dreizehnten Jahr Curtius, Florus, Justinus und den ganzen Livius sammt den Supplementen von Freinshemius (man kann aber denken wie!) gelesen hatte, und selbst späterhin neben dem öffentlichen noch Privatunterricht erhielt, habe ich es bei der höchst mangelhaften Grundlage, welche durch die Schule gelegt wurde, nie dahin gebracht, nur zwei Zeilen ohne Furcht und Zittern und mit etwelcher Zuversicht Latein schreiben zu können. Jener Eifer bereitete mir eine neue, weil unverdiente, darum so tiefer wirkende Kränkung. In der sechsten Classe wurden diejenigen Bruchstücke aus Sallusts Catilina gelesen, welche in Chompré's Collectaneenbuch sich befinden. Neben dem Reiz, den die schöne Sprache für mich hatte, wurde mein Interesse noch mächtiger angeregt durch den Inhalt; nemlich durch Cicero's Klugheit, Ernst und Kraft, womit er die Machinationen eines Patrioten damaliger Zeit (das Lesen fiel in das Jahr 1800, wo dieses Wort ungefähr ebenso gebraucht wurde, wie gegenwärtig Radicaler, Freisinniger, Mann des Fortschritts) vereitelte, und wie dieser sammt seinen Anhängern wohlverdientem Ausgang überliefert worden war. Was daher in der Schule vorkam, hatte ich zu Hause in einem vollständigen Sallust, den ich mir zu verschaffen wußte, längst durchgemacht. Der Lehrer pflegte, ehe er zu dem gewohnten Vorübersetzen schritt, Jedesmal zu fragen: ob einer der Schüler das vorhandene Fragment zuerst zu übersetzen sich getraue? Jedesmal war ich derjenige, der dazu sich anbot, und ziemlich befriedigend[45] die Aufgabe löste. Einigemal erfolgte dieß ohne Einrede, nachher aber wurde bei den Mitschülern die Scheelsucht rege, daß immerwährend der Jüngste etwas leisten könne, woran von ihnen Keiner sich wagte. Allgemein hieß es, das gienge nicht mit rechten Dingen zu, es könne nicht fehlen, daß ich nicht zu Hause eine deutsche Uebersetzung benützte. Ich mochte mich noch so bestimmt erklären, gegen den Gebrauch einer deutschen Uebersetzung noch so entschieden protestiren (in der That weiß ich bis auf den heutigen Tag nicht einmal, ob eine solche damals schon vorhanden gewesen seye), ich wurde mit meinem Anerbieten zum Vorübersetzen fortan abgewiesen. Zu Hause setzte ich zwar das Lesen in meinem Sallustius fort, fühlte aber tief, daß mir Unrecht geschehen seye. Noch lebhafter und noch früher wurde dieses Gefühl durch Einflüsse des Hauses und dort gemachte Erfahrungen geweckt. Bei der einsamen Lebensweise, die ich zu führen hatte, bei der sparsamen Berührung, in die ich mit andern, und dann nur mit alten Personen kam, konnte große Verlegenheit und Unbehülflichkeit in dem Benehmen nicht ausbleiben. Diesem glaubte mein Vater durch Ermahnungen abhelfen zu können. Wurde daher Jemand nicht erforderlichermaßen von mir gegrüßt, der Hut nicht gehörig vom Kopf genommen, sonst ein derartiges Versehen gemacht, so ward ich amt Nachtessen mit einer langen Brühe von Tadel übergossen, gewöhnlich dann ein Bücherfresser genannt, der einst zu nichts taugen werde, der seinen Eltern nur Schande bringe; war mein Vater erst in den Fluß der Rede hinein gerathen, so folgte ein kränkender Vorwurf dem andern, bis amt Ende, wie man zu sagen pflegt, kein guter Faden mehr an mir zu finden war. Weinte ich zuletzt, was nie ausblieb, so nannte er das Krokodillsthränen. Damals war ein junger Verwandter, aber weit älter als ich, als Lehrling in der Buchdruckerei meines Vaters. Dieser hatte sich durch Lügen, Naschen, Entwenden in den schlimmsten Ruf gebracht, und war nach vielen Zusammenkünsten und Besprechungen mit Befreundeten auf eine für mich geheimnißvolle Art verschwunden.[46] Ließ mein Vater seinem Unmuth nun vollends den Lauf, so nannte er mich den * * secundus: und sprach doch mein Gewissen von allen den Fehlern, die mir von Jenem nur zu bekannt waren, mich vollkommen frey. Dergleichen hatte ich nicht etwa sparsam, sondern bald jede Woche anzuhören, wodurch ich in meinem Innersten nicht blos niedergedrückt, sondern gleichsam vernichtet wurde, so daß ich mich häufig mit dem Gedanken herumtrug, aus einer Oeffnung in dem Gibel des Hauses mich auf die Straße herunterzustürzen, um dieser Pein ein Ende zu machen. Ich hörte zwar wohl etwa einmal meine Mutter ein paar französische Worte zwischenein sprechen, die vielleicht zu größerer Schonung riethen, konnte aber selten einen Erfolg merken. Möglich, daß das Sträuben gegen viele Worte bei nothwendiger Zurechtweisung Anderer jetzt noch Nachwirkung jener bittern Erfahrung seyn mag. Man könnte leicht glauben, es hätte diesem so entmuthigenden, als übel berechneten Verfahren meines Vaters gegen mich Gleichgültigkeit, wohl gar Abneigung zu Grunde gelegen. Das aber war es im Geringsten nicht; ich würde auch sicher dessen nicht erwähnen, wenn ich nicht die volleste Ueberzeugung hegen dürfte, daß die Absicht gut, nur die Wahl des Mittels nicht die beste gewesen seye. Denn trotz dieser sehr unsanften Berührungen hielt er viel auf mich. Um mich für die sonstige Zurückgezogenheit zu entschädigen, nahm er mich jederzeit auf seine Spaziergänge mit; wenn er je des Sonntags ? was aber selten geschah ? auf ein benachbartes Dorf gieng, und dort mit andern seiner Bekannten ein Glas Wein trank, ließ er mich nicht zu Hause. Geschäfte führten ihn oft in das anderthalb Stunden entfernte Dorf Thaingen, wo er im Namen des minderjährigen Sohnes einer Tante meiner Mutter dessen erbliche Gerichtsherrlichkeit verwaltete, und von meinem sechsten Jahr an war ich beinahe jedesmal sein Begleiter. Aber durch dieses Alles ward der bildende Einfluß mit Altersgenossen nicht ersetzt; erst von meinem zwölften Jahr an konnte ich mich an zwei derselben enger anschließen.[47] Mein Vater war ziemlich sparsam. Den Kindern Geld zu geben, hielt er nicht allein für unnöthig, sondern selbst für schädlich; und ich theile bis auf einen gewissen Grad diese Gesinnung. Auch von meinen Taufpathen erhielt ich nie etwas; der eine, mein Oheim, war wenige Jahre nach meiner Geburt gestorben, eine unverheirathete Tante gab mir etwa Kleidungsstücke zum Geschenk, die begreiflich keinen unmittelbaren Werth für mich haben konnten; so mußte ich mich für einen Crösus halten, wenn ich ein paar Kreuzer zusammenbrachte, die dann um so sorgfältiger verwahrt wurden. Um meinen ärmlichen Finanzen etwas aufzuhelfen, erbot ich mich einst als zehnoder eilfjahriger Knabe, meiner Mutter während der Ferien zu Verrichtung einer Handarbeit um den Preis von einem halben Gulden. Der Vertrag wurde eingegangen, und 14 volle Tage beinahe ausschließlich auf diese Arbeit verwendet. Wer war froher als ich, da mir nach deren glücklicher Vollendung die Einnahme eines halben Guldens entgegenwinkte? Ich lief also freudig, um meinen Lohn in Empfang zu nehmten. Aber wer mag sich meiner Verblüfftheit verwundern, als ich von meinem Vater mit den Worten abgewiesen ward: wenn ich die Arbeit um Geld hätte verrichten können, so hätte ich sie auch ohne dieses aus Dankbarkeit verrichten sollen; er müsse mir Nahrung, Kleidung und vieles Andere geben, daher dürfte ich mir auch wohl etwas gefallen lassen. ? Da wandelte mich doch abermals die Ahnung an, als geschähe mir durch Verweigerung des so mühsam verdienten kleinen Lohns etwelches Unrecht. Ein anderes Mal wurde mir befohlen, aus einem Behälter in der Hausflur alte Rebpfähle herauszuwerfen, und einem Mann, der sie kaufen wollte, vorzuzählen. Während ich hiemit beschäftigt war, kam die Magd mit dem Wassereinter auf dem Kopf. Sie achtetete des vor ihren Füßen liegenden Holzes nicht, und ich konnte sie aus meinem Verschlag weder sehen noch warnen. Unversehens purzelte sie hin, und warf den kupfernen Eimer auf die Treppe, gieng hinauf und klagte mich an, ich hätte ihr das Holz zwischen die Beine geworfen. Alle[48] Betheurungen meiner Unschuld und der Unachtsamkeit der Magd halfen nichts; ein paar Ohrfeigen reichem zur Bestrafung nicht hin, sondern ich wurde noch darüberhin von dem Mittagessen ausgeschlossen. Die Ungerechtigkeit dieser Sentenz lag so klar vor meinen Augen, daß ich mich mit vollem Recht in den Stand der Nothwehr gedrängt und ? da ich sonst den ganzen Tag bei reisen Trauben in dem Garten zubringen konnte, ohne nur eine Beere zu berühren ? keine Sünde zu begehen glaubte, da es mir möglich ward, einen Groschen zu entwenden, um das verlorene Mittagessen durch ein gekauftes halbes Pfund Brod zu ersetzen. Ich erinnere mich gar wohl, daß ich so argumentirte: die Magd habe gelogen, die Mutter ihr voreilig geglaubt, das entzogene Mittagessen seye mehr werth als der Groschen, somit könnten sich meine Eltern nicht beklagen, da ihnen noch immer ein Gewinn bleibe. Aber durch eine eigene Handlung sollte der Abscheu, irgendwelches Unrecht zu begehen, recht tief und bleibend mir sich einprägen. Ich habe schon früher bemerkt, daß ich mit andern Kindern wenig Gemeinschaft hatte. Die Straße, in welcher mein elterliches Haus lag, war wenig bewohnt, nur gerade gegen über wohnte ein Fuhrmann, der ein paar Knaben meines Alters hatte. Da ich mich nie von der nächsten Umgebung des Hauses entfernen durfte, fand ich in diesen, so ungerne es von meinen Eltern gesehen wurde, und wie manche Vorwürfe ich deßwegen zu hören bekam, meine einzigen Spielgefährten. Die Abzugsrinne des Brunnens war die Stätte und bot zugleich das Material zu unsern Arbeiten. An einem Samstag ? ich mochte ungefähr neun Jahr alt seyn ? bemerkte einer der Buben: unsere Wasserbauten würden weit besser von statten gehen, wenn wir Werkzeuge dazu hätten. Hiezu könnten wir leicht kommen. Es seye heute Wochenmarkt, an welchem die Töpfersfrauen Geschirr feil böten; wenn wir uns daher auf den Markt begäben, könnte es uns nicht schwer fallen, ein paar kleine Töpfe zu stehlen. Der Vorschlag gefiel mir. Wir schlichen uns auf den Markt; als aber die That ausgeführt werden[49] sollte, ward es mir doch unheimlich, und ich glaubte die Erfüllung meiner Verbindlichkeit und das Gewissen dadurch in Einklang zu bringen, daß ich ein Töpfchen nahm, dessen Boden zerbrochen, welches mithin werthlos war. Aber schnellen Fußes ereilte mich die Strafe. Die Töpfersfrau mochte mich gekannt, oder meinen Namen erfahren haben, und machte sich sogleich auf, um vor meiner Mutter Klage zu führen. Kaum war ich in das Haus zurückgekehrt, so hatte ich ein Examen zu bestehen, welches nur kurze Zeit dauerte, da ich nichts läugnen konnte. Sogleich wurde ich in eine alte Küche eingesperrt, und bis am Abend mir selbst überlassen. Als die Zeit der Dämmerung nahte, trat meine Mutter mit einem kleinen Bündelein und einem Laib Brod in die Küche und erklärte mit kurzen Worten: sie wolle einen Dieb nicht länger im Hause behalten, ich könne hingehen, wohin ich wolle; aus Barmherzigkeit gebe sie mir ein Hemd und ein Paar Strümpse, auch, damit ich bei spätem Abend nicht verhungere, ein Brod mit. Was nun erfolgte, kann man sich denken. Ich aber war damit von jeder Anwandlung, auf ungerechte Weise Etwas an mich bringen zu wollen, für immer geheilt, und wo ich jetzt noch von ungerechter Erwerbung höre, kömmt mir jener Samstagabend und die Küche zu Sinn. Neben diesen persönlichen Erfahrungen vernahm ich dann noch von meinem Vater Manches, was mir gegen Alles, was auf anderem, als auf offenem und redlichem Wege erzielt werden wollte, einen tiefen Abscheu einpflanzte. Theils waren es Mittheilungen von Ränken und Kniffen, welche Gewaltige oder nach Einfluß Strebende in den Verhältnissen unserer Stadt bei mancher Gelegenheit in Anwendung gebracht hatten, theils Rückerinnerungen aus der Zeit, da er als Landvogt zu Lugano gewaltet. Ich hörte ihn oft sagen, daß er jeden Tag in die Landvogtei zurückkehren und mit gutem Gewissen Jeden zur Erklärung auffordern wollte, ob er je das Recht gebeugt hätte, obwohl es an ertragreichen Anmuthungen hiezu nicht gefehlt habe. Bei den zu der Stellung nicht im Verhältniß stehenden Einkünsten[50] seye es ihm nicht befremdlich gewesen, daß ein verheiratheter, oft von erwachsener Familie umgebener Landvogt, der nicht aus eigenen Mitteln habe zusetzen können oder wollen, mancherlei sich hätte erlauben müssen, um in äusserem Auftreten als erste Person der Landvogtei gegen die reichern adelichen Familien sich nicht in den Schatten zu stellen, und hiemit an seinem Ansehen einzubüßen. Da er aber unverheirathet gewesen, hätte er mit dem rechtlich Bezogenen ganz gut auskommen, alles Andere daher immer von der Hand weisen können. Eine Bestätigung dieser gelegentlich mir gemachten Bemerkungen lag für mich in der Acusierung eines Freundes, daß er nach vollen dreissig Jahren, und nachdem die Revolution längst einen Kanton Tessin gebildet hatte, noch anerkennende Erinnerungen an die Verwaltung meines Vaters dort vorgefunden habe. An dieses knüpfte sich eine andere Mittheilung, die mir mein Vater schon in frühern Jahren gemacht hatte, als Lehre, daß man nie auf krummen Wegen zu Ehrenstellen und Ansehen gelangen dürfe, daß ein rechtlicher Mann dergleichen entschieden verabscheue. Der Pfingstmontag war der Tag, an welchem seit vielen Jahrhunderten die Bürger meiner Vaterstadt alljährlich ihre Obrigkeit wählten. Niemand hatte seine Stelle für länger als ein Jahr, und in jedesmaliger Erwählung neuer Personen wäre bloß ein vollkommen zuständiges Recht geübt worden. Aber die gegebenen Verhältnisse zogen natürliche Schranken; die Gewohnheit in unfürdenklicher Uebung trat an die Stelle der Vorschrift; abgesetzt und nicht mehr gewählt werden, bildete daher seit langen Zeiten einen und denselben Begriff. Ich erinnere mich während des letzten halben Jahrhunderts der Souveränetät meiner Geburtsstadt eines einzigen Falles dieser Art. Die beiden ersten Vorsteher jeder Zunft waren Mitglieder des »kleinen Raths« (wofür heutzutage die geschwollene Benennung »Regierung« gebraucht wird), der dritte war Beisitzer einer richterlichen Behörde. Dem regelmässigen Gang gemäß, den damals alle öffentlichen Einrichtungen nahmen, rückte bei[51] dem Ableben einer der beiden Erstern dieser Letztere gewöhnlich in dessen Stelle ein. Nun geschah es in der Mitte der achtziger Jahre, daß ein Theil der Zunftgenossen meines Vaters gegen den Einen jener Beiden kein großes Vertrauen mehr hegte, oder daß derselbe irgend einer Ursache wegen ihre Gunst verscherzt hatte. So bildete sich kurz vor Pfingsten ein Complott, um ihn bei dem nächsten Wahltage auf die Seite zu setzen und meinen Vater an dessen Stelle zu bringen. An der Spitze der Verbindung stand mein Oheim, der aber Ursache genug hatte, die Sache seinem Bruder gegenüber sehr heimlich zu betreiben. Amt Vorabend des Wahltages (ich könnte selbst die Stelle an der Stadtmauer nennen, wo es geschah) wurde meinem Vater der Anschlag kund gethan, worauf er alsbald zu seinem Bruder eilte und ihm in den bestimmtesten Ausdrücken erklärte: wenn er nicht augenblicklich die Sache rückgängig mache, so werde er ihn sein lebenlang nie mehr Bruder nennen; wollte aber der Anschlag dennoch ausgeführt werden, so möchten die Zunftgenossen zu der Stelle im kleinen Rath wählen, wen immer sie wollten, nie aber wähnen, daß er auf Kosten eines Andern, gegen welchen kein zureichender Grund des Mißvergnügens sich nachweisen lasse, vorwärts zu kommen gedenke. Hiemit war das Vorhaben vereitelt. Nicht die Zeiten (wie man gewöhnlich sagt), aber die Menschen haben sich geändert. Denn wenn auch das Wegschieben Anderer, um selbst voranzukommen, nicht gerade offen getrieben wird, so setzt man sich doch mit vollem Behagen an die Stelle desjenigen, welchen manchmal nur Laune, Intrigue, Meinungsverschiedenheit, sogar in einzelnen Fällen blos eine eigene Ansicht von derselbigen wegtreiben. ? In Bezug auf mich aber waren durch alle angeführten Vorgänge, Erlebnisse, Mittheilungen und daraus hervorgehenden Winke einer Seite des Charakters die Grundzüge eingeprägt, die nie wieder verwischt werden konnten, gegentheils mir zur wesentlichen Kraft wurden, um diejenigen Gesinnungen in mir herauszubilden und manche derjenigen Handlungen zu veranlassen, in denen ich nur wieder Mittel anerkennen muß,[52] wodurch ich an das Ziel sollte geführt werden, an welches die Vorsehung zuletzt mich geleitet hat. Zu der damaligen Schulordnung gehörte, daß die Schüler jeden Sonntag Zweimal, des Donnerstags Einmal, die Hauptkirche besuchen mußten. Vor dem sonntäglichen Morgengottesdienst hatten sie sich, bis das Gymnasium in ein zweckmässigeres Local, aber weiter von der Kirche entfernt, verlegt wurde, Jedesmal in jenem zu versammeln und von da paarweise nach dieser zu ziehen. Zwischen der Kinderlehre und dem Abendgottesdienst stand die Wahl frei, am folgenden Tage aber wurde Nachfrage gehalten, ob sie jener oder diesem beigewohnt hätten; das Ausbleiben gieng nie ungerügt hin. ? Ließe sich eine Absicht denken, den Kindern von frühester Zeit Abneigung gegen den Kirchenbesuch auf alle Zukunft einzupflanzen, man hätte sicher keine zweckmässigere Einrichtung aussinnen können. Fürs erste waren den Schülern Plätze auf der Emporkirche hinter der Kanzel angewiesen, von wo sie den Prediger unmöglich sehen und ebensowenig, zumal die jüngsten, die an der äussersten Mauer ihre Bank hatten, hören konnten. Sodann war der damalige Antistes ein beinahe achtzigjähriger Greis, dessen Predigten auch von Erwachsenen nicht besucht wurden, weil bei fremdem Dialekt und zitternder Sprache beinahe Niemand ihn verstand, auch die herrnhutische Richtung, welcher er folgte (man fand nach seinem Tode die Ernennung zum Bischof der Brüdergemeinde bei ihm), zu jener Zeit nur sehr wenig Anklang fand. So mußten, besonders im Winter, bei leichter Kleidung (denn damals wußte man noch nichts davon, die Kinder durch Pelzwerk, Mäntel und Alles, wessen oft selbst die erwachsenen Personen noch entbehrten, zu schützen) fünf Viertelstunden in der peinlichsten Lage, ohne den mindesten Gewinn, vertrauert werden. So wenig sonst mein Vater über Einrichtungen oder Personen[53] vor mir tadelnd sich vernehmen ließ, so bewies er doch hierüber seine sonstige, gewiß vernünftige und wohlthätige Zurückhaltung nicht immer. Er äusserte sich manchmal gegen den Zwang, welchem Kinder von 8?9 Jahren in strenger Winterkälte unterworfen würden, um den Vorträgen eines Predigers beizuwohnen, den sie nicht sehen, nicht hören, nicht verstehen könnten, der selbst die Erwachsenen nicht anziehe. Auch war diese Verpflichtung zur Kirche das Einzige, womit es von meinen Eltern nicht so streng genommen wurde, wenn ich mich entweder verschlief, oder, um zu Hause bleiben zu können, dieses, jenes vorschützte. Als dann bald hierauf meines Vaters Freund Habicht an die zweite geistliche Stelle der Stadt berufen wurde, ließ er sich durch die (übrigens immer laxer beobachtete) Vorschrift der Schule nicht mehr binden, sondern jeden Sonntag mußte ich ihn in die Kirche, worin dieser predigte, begleiten. Kirche, sagte er, seye Kirche, und man besuche sie nicht, um darin gewesen zu seyn, sondern um den Prediger zu hören und zu verstehen. Bei allem dem gieng ich aber doch nur in die Kirche, weil ich mußte. Als ich aber im 12ten Jahr französisch zu lernen begann und nur erst einige Fortschritte gemacht hatte, zog ich die französische Kirche vor, unter dem Vorwand, es wäre dieß zugleich eine gute Uebung; eigentlich, weil dort die Predigt weit kürzer dauerte. Wollen wir aufrichtig sprechen, so müssen wir gestehen, daß der reformirte Gottesdienst für Kinder bloß ein andictirtes, daher höchst schwaches Interesse haben kann, und dieses um so schwacher, je beweglicher die Kinder, mit je lebhafterer Einbildungskraft begabt sie sind. Sprechet ihnen von Gott, aller Menschen, also auch ihrem Vater, von ihm, als dem gemeinsamen Wohlthäter und Erhalter, von Christo, ihrem Herrn, Erlöser und Beschirmer, wecket in ihnen Gefühle des Dankes gegen die sie überall begleitende Gottheit, stellet es ihnen als Pflicht vor, jenen Gefühlen im Gebete Worte zu verleihen, ? sie werden begierig Euch zuhören, es wird leicht werden, ihnen euch verständlich zu machen, sie werden freudig die Händchen[54] falten, die vorgesprochenen Gebete euch nachstammeln, und nachher aus freyen Stücken dieselben wiederholen; denn neben dem Zug zu der Welt schlummert in den Menschenherzen auch derjenige zu Gott, und das Gebet ist der Uebergang desselben in das Bewußtseyn, ein Hervortreten desselben zur Selbstthätigkeit. Nehmet ferner die heilige Schrift, durchgehet mit den Kindern Stücke derselben, die ihrer Fassungsgabe angemiessen sind, deutet ihnen hin auf den Reichthum der Weisheit und Tiefe, die darin liegt, es wird euch nicht schwer fallen, ihre Aufmerksamkeit zu feßeln, die Keime der Gotteserkenntniß und Gottesfurcht in ihnen zu wecken und durch das concrete Bild die Liebe zur abstracten Wahrheit in ihnen anzufachen. Sprechet ihnen aber von der Pflicht, Gottes Wort in langer Rede sich verkünden zu lassen, mahnet sie durch alle, hiefür sprechenden Gründe an die Nothwendigkeit, stumm und unthätig, weil unangeregt, eine beträchtliche Zeit durch an demjenigen Theil nehmen zu sollen, was man Gottesdienst nennt, treibet sie durch Beispiel und Befehl in die Kirche ? trotz alles dessen wird schwerlich ein Wort der Predigt ihnen so theuer seyn, als das Wort »Amen.« Nehmet hundert Predigten, und wenn ihr eine um die andere gelesen habt, so beantwortet Euch unbefangen die Frage: ob von allen Kindern, die in der Kirche gewesen seyn mögen, viele aufmerksam ihr werden gefolgt seyn, deren Inhalt aufgefaßt und verstanden haben? Unbeweglich, ohne daß seine Individualität durch irgend etwas Aeußerliches in Anspruch genommen wird, soll das Kind eine Stunde lang sitzen und, frey von allen Nebengedanken, seinen Geist auf metaphysische Erörterungen oder moralische Abhandlungen richten. Wer möchte der Aufgabe gewachsen seyn, dieselben für seine beschränkte Fassungsgabe auf erforderliche Weise zu bereiten? zumal es in der reformirten Kirche nicht gebräuchlich ist, die abstracten Wahrheiten an concreten Beispielen, sofern die heilige Schrift dergleichen nicht darbietet, nachzuweisen, sie sonach, weil anschaulicher, auch verständlicher zu machen. Man spricht so gerne von[55] todtem Mechanismus; ein todterer Mechanismus aber, wenigstens für Kinder, läßt sich nicht denken, als die Anhörung einer Predigt, besonders wenn dann noch ihr Inhalt langweilig, ihre Formt trocken, der Vortrag eintönig oder sonst zurückstoßend ist. Abgesehen von der Ausstattung der Kirchen und von den verschiedenem Mitteln, die durch den Canal der äussern Sinne auf den innern wirken, durch die Thätigkeit der Einbildungskraft das Gemüth anregen können, fordert doch der katholische Gottesdienst etwelches Mitwirken der Anwesenden, macht er doch in dem Niederknieen, Bekreuzen, an die Brust Schlagen eine gewisse Selbstthätigkeit möglich, nöthigt er zu einiger Aufmerksamkeit. Ich sprche hier aus zweifacher Erfahrung; zuerst, in klarer Erinnerung, wie sehr ich als Knabe in die Kirche hineingetrieben, äusserst selten dagegen hinein gezogen wurde; sodann, aus Beobachtung der Theilnahmslosigkeit, die ich auf dem Land und in der Stadt bei der Jugend meistens wahrnehmen mochte; ungeachtet ich wohl andeuten dürfte, daß Eintönigkeit und Kälte, so wenig als Hast oder einschläfernde Langsamkeit, mir als Prediger je möchte zum Vorwurf gemacht worden seyn. Zu dem Beten dagegen, was meine Mutter frühzeitig mich lehrte, dabei durch Gegenwart oder nachherige Erkundigung sorgte, daß es nicht unterlassen werde, mußte ich nicht gezwungen werden. Warum? Die Gebete dauerten nicht eine endlose Zeit, ihr Inhalt stand meinen Begriffen näher, die Worte regten meine Gefühle an, ich konnte durch Lesen oder Hersagen selbstthätig dabei seyn. Ich glaube, daß auch in den reifern Jahren noch bei den meisten Personen hinsichtlich des auf das Predigen beschränkten oder eigentlich mit demselben verwechselten Gottesdienstes, wenn sie auch dessen nicht Wort haben wollen, jener Druck der Einförmigkeit im Hintergrund lauere. Woher käme es denn sonst, daß, sobald man nur vernimmt, es werde ein Geistlicher predigen, den man sonst selten zu hören Gelegenheit hat, wohl gar ein Fremder ? und dann von je ferner her, desto besser ? ja daß selbst dann, wenn man[56] nicht weiß, weß Geistes Kind er seye, was er vortragen und wie er durch seinen Vortrag befriedigen werde, die Kirchen viel zahlreicher besucht sind, als wenn zu gleicher Zeit der gewöhnliche Prediger die Kanzel betritt? ? Die durch das lange Jahr sich durchschleppende Monotonie der gänzlichen Passivität bei dem Gewohnten wird für einen Augenblick unterbrochen. Was in der katholischen Kirche durch eine grössere Solennität (die aber nicht zufällig auftaucht, sondern ihre natürliche Veranlassung in der höhern Bedeutung eines jeden festlichen Tages findet) bewirkt wird, das wird hier durch die blosse Neugierde bewirkt; über dem Verlangen zu wissen, was der Fremde könne, welcher Richtung (in der protestantischen Kirche kein geringes Moment) er denn angehöre, welchen Vortrag er habe, wie er gefallen möge, über der Neigung, Vergleichungen anstellen, nachher sein Urtheil abgeben zu können, tritt der eigentliche Zweck, welcher einzig und allein in die Kirche führen sollte, in den Hintergrund. Ausserdem, wie oft ist nicht zu hören: diesem, jenem Geistlichen mag ich nicht in die Kirche gehen, er ist mir zu langweilig, er macht widerwärtige Bewegungen auf der Kanzel, sein Vortrag ist zu schläfrig, er ist zu weitschweifig u.s.w.; dann wieder, besonders in neuerer Zeit: dieser, jener predigt nicht das lautere Wort Gottes, er gehört nicht zu den Auserwählten, er hat nicht den wahren Geist, er predigt eben, aber...? Alles dieses beweist, daß die objective Seite des Gottesdienstes dergestalt verwischt ist, daß Niemand dessen auch nur eine Ahnung hat, es gebe eine solche, es müsse eine solche geben, sie seye, sobald man das Wort Gottesdienst anders denn als blossen Klang gebrauche, die wesentlichere und nur bei deren reiner Anerkennung seye die andere, die subjective, wahrhaft möglich. Daher emporte mich von jeher der tausendmal vernommene Ausdruck: man gehe dem Pfarrer in die Kirche, etwa wie man dem Professor in die Vorlesungen geht. Nach solcher Vorstellung beruht eigentlich Alles auf dem Pfarrer, was vermöge meiner Ueberzeugung: der Geistliche seye Botschafter an Christi[57] Statt, stets entschieden von der Hand gewiesen werden mußte, und öfters die Entgegnung hervorrief: »Der Pfarrer geht euch nichts an; Gott, euerem Herrn und Heiland, und dann euch selbst habt ihr in die Kirche zu gehen.« Daher ist es aus meiner innersten Anschauung hervorgegangen, wenn ich je zuweilen (freilich die unabweisliche Realität, wie dieselbe protestantischer Anschauungsweise unvertilgbar eingepflanzt ist, zu wenig berücksichtigend) wider das Beurtheilen, am kräftigsten aber immer wider das persönliche Anpreisen der Botschafter an Christi Statt gesprochen und auf die Worte des Apostels mich zurückgezogen habe: »ich achte es wenig, daß ich von euch gerichtet werde, oder von menschlichem Gerichtstage; auch richte ich mich selbst nicht, Einer nur ists, der mich richtet.« Deßwegen auch selbst habe ich während etlichunddreissig Jahren, in denen ich das Predigtamt verwaltete, immer durch die sonntäglichen Gebete, weil an diese doch noch eine objective Seite, eine Huldigung gegen Gott, ein eigentliches Unterwerfen unter Gott (Dienen) sich knüpfte, Jederzeit bewußter in Andacht erhoben mich gefühlt, als durch die Predigt, in welcher nothwendig die eigene Person mehr hervortreten mußte. Auch damit stellte ich mich zu manchen meiner Collegen in einen Gegensatz, indem Einzelne von ihnen diese Gebete, als etwas immer Wiederkehrendes, in eintöniger Weise herleyerten, oder in eilender Hast herunterhaspelten, damit ja bald möglichst die Zuhörer zu dem gelangen konnten, was aus eigenem Gebäcke für dieselben in Bereitschaft stand. Aus eben diesem Grunde verabscheute ich den bestehenden Gebrauch, daß alle Samstage eine Person bei sämmtlichen Geistlichen der Stadt herumgieng, um zu fragen, ob sie predigen würden, oder wer allen falls an ihrer Statt predige und dann solches in den Häusern ansagte. (Jetzt lassen sie es zum Trost des Publikums im Intelligenzblatt neben den Steigerungen und den zur Vermiethung stehenden Wohnungen bekannt machen.) Ist es zu schneidend, wenn ich diesen Gebrauch den Theaterzetteln der Städte, den Speisezetteln der Restaurationen vergleiche? Auch jene künden dem Publikum an, nicht nur[58] welche Stücke gegeben, sondern welche Schauspieler in den Hauptrollen erscheinen werden; diese, womit der Koch das Bedürfniß der hungernden Gäste zu laben vermöge. Auch bei jenen gibt der individuelle Geschmack jetzt dem Einen, dann dem Andern den Vorzug; auch bet diesen will die Luft zu Stoff oder Zuthat nicht aufs Gerathewohl in den Topf greifen. Läuft es nicht mit solcher Bekanntmachung an das »geneigte Publikum« darauf hinaus, daß ich, bevor ich nach Hut und Gesangbuch greise, erst versichert seyn wolle, es werde mir dargeboten, was meinen Ansichten, was meinem Geschmack zusage, was mich's nicht bereuen lasse, die Stunde daran gesetzt zu haben? Wenn aber das Individuum in die Kirche mich locken oder aus derselben verscheuchen kann, wo bleibt dann das Verlangen nach den Heilswahrheiten, das Sehnen nach Gottes Brünnlein, das Wassers die Fülle hat, wo bleibt der Begriff des Gottesdienstes? Kaum wird Jemand, der irgend einer Angelegenheit wegen je mein Zimmer betreten will oder muß, mir den Vorwurf unfreundlichen Empfangs, oder mürrischer Antwort machen können. Die Frage aber, ob ich des andern Tages predigen werde, wurde stets mit Mißmuth angehört, bisweilen auch blos mit der Aeusserung beantwortet: es wird gepredigt werden. Wäre es irgendwie möglich gewesen, diesen Gebrauch zu beseitigen, ich würde eine Pflichterfüllung darin gesehen haben; denn ich hielt ihn und halte ihn noch für eine, dem wahren Begriff von Gottesdienst stracks widerstrebende, darum verwerfliche Gewohnheit. Dieser Begriff zwar, wie derselbe während meiner ganzen amtlichen Thätigkeit unter unabweichlichem Festhalten in mir lebte, das sehe ich erst jetzt, seitdem ich manche meiner Ueberzeugungen in nähere Prüfung zu ziehen Muße hatte, vollkommen ein, ist kein ächt reformirter, denn er setzt eine Autorität, eine über Allen, über dem Botschafter wie über denen, an welche die Botschaft ausgerichtet werden soll, stehende Autorität voraus; er räumt weder der subjectiven Willkür noch dem Geschmack das unbestrittene Recht ein; er überläß ihnen einzig die Formt, fordert aber für den[59] Stoff die Anerkennung des Anvertrauten, darum gewissenhaft zu Bewahrenden. Insofern freilich war und bleibt jener Begriff ein katholischer. Zu jener Zeit trug ich denselben in mir als bewußtlose Regung, als eingepflanzte, aber nicht entwickelte Idee; jetzt sind Grund und Beziehung desselben mir klar geworden. Der Wille, dem Pfarrer in die Kirche zu gehen, läßt durch das reformirte Kirchenwesen vollkommen sich rechtfertigen: der Gottesdienst hat sich in einen Lehrvortrag verwandelt. Bei einem solchen ist es ganz natürlich, daß die Anziehekraft theilweise zwar wohl durch dessen Inhalt, aber eben so sehr durch die Aeusserlichkeiten desselben bedingt ist. Hat man nicht erfahren, daß oft grundgelehrte Professoren auf Universitäten ohne Zuhörer bleiben, bloß deßwegen, weil sie die Gabe eines gefälligen Vortrages nicht besitzen; daß andere dagegen, die mit solcher begabt sind, bei ungleich minderer Gründlichkeit ihre Hörsäle gefüllt sehen? Darum habe ich bei dem stets bitter gefühlten Mangel an aller Objectivität des Gottesdienstes mich bemüht, in den Inhalt und die Ausführung meiner Predigten hievon soviel aufzunehmen, als diese nur immer zulassen. Darum blieb stets die trostlose Kleinkrämerei einer von dem Glauben abgetrennten Moral von mir unberührt, und war jener, mit der Anforderung seines Hervortretens an dem gesammten Leben in der unendlichen Reichhaltigkeit dieses Stoffes, das alleinige Gebiet, auf dem ich gerne weilte, mich heimisch fühlte, zu eigener Erquickung mich ergieng. Eben deßwegen waren meist die Advents- und andern Festpredigten diejenigen, welche mich selbst am meisten befriedigten, denen ich die größte Aufmerksamkeit zuwendete; weil in denselben ein Stoff lag, welcher dem Glauben zur Annahme sich darbot, hiemit aber den innern Menschen zusammt seinen Beziehungen nach aussen und nach oben in das wahre Sonnenlicht stellte. Wie das Aufhören alles eigentlichen Gottesdienstes (nach dem strengsten Sinne dieses Wortes) und das Beschränken desselben auf einen bloßen irgendwelchen Lehrvortrag dem Besuch[60] der Kirche eine durchaus veränderte Richtung gegeben habe, dessen überzeugte ich mich einst an einem Weihnachtsfeyertag Nachmittags zu so größerm Verdruß, weil es in meiner eigenen Kirche statt fand. Der Diakon hatte einem fremden Geistlichen die Predigt überlassen. Schon das Thema, welches derselbe ankündigte: über Erziehung, nachgewiesen an der muthmaßlichen Obsorge der Mutter Jesu um diesen ihren Sohn, ? war für mich ein, mit meinem Begriff von diesem Tage und den Anforderungen desselben an die Verkündigung der Heilswahrheiten, durchaus unvereinbares. Die Rede selbst war ihrer geschniegelten Form und ihrem allgemeinen Inhalt nach eine solche, wie sie für einen Abendcirkel sogenannter gebildeter Herren und Frauen in einem wohlerleuchteten Salon unter herumgebotenen Reffraichissements ganz beifallswerth gewesen wäre. Dem Publikum aber, welches den Fremden noch niemals gehört hatte, somit in neuem Gefäß ein neues Gericht sich vorgesetzt sah, galt sie für eine gänzlich befriedigende und passende Predigt, wofür sie aber blos wegen der Stätte, des Tages, der Stunde und der Versammlung wegen, an, zu und vor welcher sie gesprochen wurde, gelten konnte. Wäre nicht ein Weihnachtslied gesungen, wäre nicht das gewohnte Festtagsgebet gelesen worden, so hätte man das Uebrige eher für ein schöngeistiges Nachmittags-Divertissement, als für einen Gottesdienst halten mögen. Daher war es meine Ueberzeugung seit vielen Jahren, daß mit dem vielbeliebten und vielgebrauchten Spülwasser-Ausdruck »Kanzelredner« wider Meinung und Ansicht ein Krebsschaden unserer Zeit, an welchem oft katholische wie protestantische Kirchen leiden, treffender und erschöpfender bezeichnet werde, als der Zungenschliff es ahne. Wie oft wird nicht derjenige, welcher von einem Botschafter an Christi Statt das Wort der Versöhnung zu vernehmen begierig wäre, mit eitel Kanzelrednerei abgefertigt, hat darum mit seiner Anwesenheit in der Kirche einen Menschendienst geleistet, indeß er in gutmüthiger Befangenheit meinte, des Gottesdienstes gewartet zu haben?[61] Bei der gänzlichen Beseitigung aller Ober- und Unterordnung, in welcher der Protestantismus seine vornehmste Errungenschaft verehrt; bei der Vertauschung einer von oben gegebenen Lehre in subjective Ansichten und Meinungen, bei der unbeschränkten Geltung, welche er für das Individuum in Anspruch nimmt, bei der unwiderruflichen Autorität in Glaubenssachen, womit er jeden Einzelnen, diejenigen aber, welche zu Volkslehrern bestellt werden, vordersamst ausstattet, kann es nicht befremden, daß manchen Orts die Verkündung der Heilswahrheiten, wie sie an und in Christo sind geoffenbart worden, vielfältig in eitel Kanzelrednerei, in einen Ohrenkitzel, durch etwelche christlich tönende Phrasen verbrämt, umschlägt; daß aber dergleichen auch in der katholischen Kirche und oft mit großer Selbstbewunderung betrieben wird, da wo die Lehre in ununterbrochener Ueberlieferung an denjenigen hinaufreicht, der gekommen ist, um »uns kund zu thun Alles, was er von dem Vater gehört hat«, wo dieselbe durch eine bedeutungsvolle Reihe von Concilienbeschlüssen formulirt worden ist, wo zu deren Ueberwachung anerkannte Autoritäten gesetzt sind, wo so viele glaubensdurchglühte Väter der Kirche als unerreichbare Vorbilder zu dem Herold christlicher Wahrheit in engerer und lebendigerer Beziehung stehen, als bei den Protestanten: das ist eine unermeßliche Calamität, zu deren Abwehr Alle diejenigen sich verbinden sollten, bei denen vor der Thatsache, daß gepredigt werde, das Was und Wie nicht zur inhaltschweren Frage werden kann. Wenn auf dem einen Prediger der zweideutige Ruhm lastet: es hätte jeder Gebildete denselben hören können, ohne je an einer Hindeutung auf die heilige Jungfrau Anstoß nehmen zu müssen; wenn von dem andern bezeugt wird, Damengunst vorzüglich, die er im geschmeidigen Vortrag sich zu erwerbem gewußt, hätte auf eine ansehnliche Kanzel ihn erhoben; wenn ein Dritter in gekräuseltem Haar die Bewegungen und sein Gebährdenspiel, womit er im Hause des Herrn religiöse Empfindungen hervorrufen will, vor dem Spiegel einstudirt; wenn ein Vierter durch gesuchte Bilder, in lispelndem[62] Ton vorgetragen, es darauf anlegt, Beifall sich zu erschmachten, dann wahrlich wird die Stätte, von der niederschmetternd und aufrichtend, zerschlagend und mildernd, ausschließlich das Wort ewiger Wahrheit erschallen sollte, zum Suppleanten des Theaters, das zweischneidige Schwert, welches Mark und Bein und des Herzens innerste Gedanken durchdringen sollte, zur Badine in der Hand eines geckenhaften Zierbengels herabgewürdigt. Nicht allein trage ich kein Bedenken, dergleichen, wie behaglich auch der selbstgefällige Stumpffinn gegen weckende und durcharbeitende Wahrheit mit sothaner Unzucht liebäugeln möge, für gewissenlose Entweihung des höchsten Amtes, das unter Menschen gesetzt ist, für einen pestartigen Krebsschaden, für weit verderblichere Unthat zu erklären, als wenn Einer geradezu von der Kanzel den Unglauben verkünden, der Unsinlichkeit das Wort reden würde; denn hieran konnte dich in Manchen der nicht ausgerottete Glaube, die nicht erstorbene Regung zu sittlichem Leben zu kräftigerem Widerspruch erwachen, indeß durch jenes sie beide unvermerkt aus den Gemüthern herausgeredet werden und nichts zurückbleibt, als der farb- und geschmacklose Bodensatz einer gesellschaftlichen Convenienz und Honnettetät. Jedoch ruht in katholischen Gemüthern hiefür immer noch ein etwelches Gegengewicht darin, daß der Predigt kein größerer Vorzug eingeräumt wird, als derselben gebührt, und daß Niemand sie mit dem eigentlichen Gottesdienst, auf welchen allein der wahre Werth gelegt wird, verwechselt; was bei denjenigen, welche dabei auf den sogenannten Kanzelvortrag ausschließlich angewiesen sind, und in demselben Alles suchen müßen und finden sollten, niemals der Fall seyn kann. Welcher Mißgriffe, Fehler, Verirrungen ich mir auch bewußt seyn mag, der häßlichsten, verächtlichsten, entwürdigendsten, in die ein Botschafter an Christi Statt verfallen kann: der bloßen Kanzelrednerei, habe ich nie mich schuldig gemacht. Schwerlich hätte es selbst der abgeneigtesten Gesinnung je einfallen können, in einer andern Kirche (in Anspielung auf meine Person) einem Dritten ins Ohr zu raunen: ici est la foi, [63] là (wo ich gewesen wäre) sont les paroles, wie in späterer Zeit geschehen seyn soll. Denn anderes, als wozu mit dem unerschütterlichsten Glauben ich mich bekannte und noch bekenne, und was mit demjenigen, das von allen Gläubigen zu allen Zeiten bekannt worden ist, übereinstimmt, habe ich niemals verkündet. Vor Abirrung hievon, wie vor Anbequemung an das, was gerne gehört wurde, bei innerer Abweichung, bewahrte mich einerseits die Anerkennung nicht blos allgemleiner Berufung von oben, sondern eines ganz bestimmten, klar verfaßten und genau vorgezeichneten Auftrages durch denjenigen, als dessen Botschafter ich auftreten zu müssen glaubte; anderseits ein Gefühl innerer Würde, die weder zum geistlichen Amüsement Anderer sich hergeben, noch durch gefälligen Ohrenkitzel deren Beifall erwerben wollte. Ich habe daher jene Mittel zu diesem Zwecke, mögen sie nun in dem Stoff oder in der Form liegen, stets entschieden verschmäht. Niemals hätte ich es mir abgewinnen können, da, wo ich als Botschafter an Christi Statt sprechen zu sollen mir bewußt war, die Botschaft mit Stadtneuigkeiten, oder mit Vorfällen, zu deren Berichterstattung die Zeitungen vorhanden sind, zu würzen; nur sparsam, nur wenn in der Veranlassung die genügendste Rechtfertigung lag, habe ich über Kindererziehung mich ergangen; nie habe ich die Gelegenheit herbeigezogen, um über Tod, Trennung und Wiedersehen zu schöngeistern, und niemals es darauf angelegt, die Zuhörer in Schwämme zu verwandeln, die bei dem leisesten Druck stromweise triefen. Auf Wortreichthum, Phrasenflitter, Bilderfülle Jagd zu machen, habe ich ebenfalls verschmäht; bot das Eine oder Andere von selbst sich dar, dann natürlich wurde es nicht abgewiesen, immer aber dem Höchsten und Letzten, dem Einen und Allen untergeordnet. Daher konnte ebensowenig von Berücksichtigung des Geschmackes oder der Neigung derjenigen je die Rede seyn, an welche die Botschaft ausgerichtet werden sollte; dieses Alles betrachte ich als Redensarten und Bestrebungen, die für mich gar nicht vorhanden waren. Wenn ich auch einige Wahrheiten behutsamer berührt habe, weil ich wohl wußte,[64] wie weit deren Anerkennung gehe, und wie ein tieferes Eindringen in dieselben nichts nützen, wohl aber Nachtheil hervorrufen würde, so darf ich doch vor demjenigen, der in die Herzen siehet, bezeugen, daß ich nie auch nur einen Satz ausgesprochen habe, von dessen Wahrheit ich nicht innigst überzeugt gewesen wäre, dessen Einklang mit der uralten Glaubenslehre nicht sich hätte darthun lassen. Noch weniger gebrauchte ich je, wofür es an hochgepriesenen Autoritäten nicht gemangelt hätte, Worte, Ausdrücke und Redensarten als normalmässig gebaute Vorderthüre zu ganz anders construirten Hintergedanken, welche norddeutsche Erfindung so gelehrige Praktiker herangezogen hat. Worte, Ausdrücke und Redensarten mußten stets in meinen Predigten den Vollgehalt haben, in welchem sie in der christlichen Kirche überall und von jeher ausgeprägt worden sind, und vor jedem Versuch, einer falschen Alliage das Gepräge des Weltheilandes aufzudrücken, wäre ich zurückgeschaudert. Darum hielt ich stets nur Predigten im uralten Sinne des Wortes: Botschaften der in Christo erschienenen Gnade; Kanzelrednereien, Orationen, bloße Vorträge, unter denen man sich denken kann, was man will, blieben mir immerfort ein fremdes Gebiet. Der Pfingstmontag des Jahres 1797 war der letzte, an welchem die Bürgerschaft meiner Vaterstadt in dem vollen Bewußtseyn ihrer Herrlichkeit erscheinen konnte. Unter dem schirmenden und segnenden Krummstab von Allerheiligen-Abtey erwachsen, darauf durch die Macht der Verhältnisse und lauter tadelfreye Mittel allmählig zu freyerer Selbstständigkeit sich emporarbeitend, abwechselnd nur den Kaiser, dann als Pfandherrschaft die Herzoge von Oesterreich als Oberherren anerkennend, hatte sie unter deren mildem Scepter im Jahr 1411 ihre Verwaltung in einer Weise geordnet, wie wir diese mit mancherlei Schattirungen bei den meisten Städten jener Zeit finden. Vermöge[65] damals getroffener Einrichtung wählte die Bürgerschaft, in zwölf Zünfte getheilt, alljährlich am Pfingstmontag ihre Räthe und ihre richterlichen Behörden. Es war eine vollkommen demokratische Verfassung, von derjenigen der freyen Länder in der Schweiz nur darin unterschieden, daß bei uns der Gesammtkörper aus Gliedern bestand, während er hier ein homogenes Ganzes bildete. Weil die Stadt im Verlauf der Zeit mit schweren Opfern ihrer Bürger von umliegenden Herren ein Gebiet sich angekauft hatte, über dessen Bewohner sie rechtmässige Herrschaftsrechte übte, hatte der Aberwitz des achtzehnten Jahrhunderts, als Vorläufer der Umwälzungslust, die sinnlose Benennung einer aristo-demokratischen Verfassung erfunden, gleichwie man ungefähr um dieselbe Zeit unbesonnener Weise den alten und richtigen Ausdruck von freyen Städten und Ländern immer mehr an den von Cantonen zu vertauschen sich angewöhnte. Man könnte diesen Tag ein Fest nennen, welches die Stadt sich selbst gab, und welches auch in dem geringsten, ärmsten und bedeutungslosesten Bürger das Bewußtseyn der Ehre, des Vortheils und der Würde, eines solchen selbstherrlichen Gemeinwesens Glied zu seyn, wieder für ein Jahr erneuern sollte. Ich möchte sagen, es seye dieses eine Art politischen Cultus gewesen, wodurch die einfache und jährliche wiederkehrende Operation des Wählers, in der damit verbundenen Solemnität und durch den daran geknüpften Pomp, eine höhere Bedeutung gewonnen habe, dem Begriff und dem Bewußtseyn des Einzelnen näher gerückt, verständlicher gemacht worden seye. Wurde hiedurch das Geschäft auch nicht geradezu vergeistigt, so wurde es doch zu seiner höchsten Potenz erhoben und der Pulsschlag, welcher immer von neuem das Lebensblut durch das gesammte Geäder trieb. Die Revolution war genöthigt, einen Rest dieses Gebrauches bestehen zu lassen; aber jener Cultus ist unter ihren Händen zerronnen, und was einst in dem öffentlichen Leben ein so bedeutungsvolles Moment war, ist durch sie zum kalten, langweiligen, abtödtenden Mechanismus, wo nicht zur rerächtlichen Spiegelfechterei eingeschrumpft.[66] Des frühen Morgens versammelte sich zu jener Zeit auf dem Rathhause der grosse Rath, um, gleichsam als letzten Act seines Daseyns, den Amtsbürgermeister für das beginnende Jahr zu wählen, damit wenigstens, weil hiermit sämmtliche Rathsglieder wieder in die Reihen gewöhnlicher Bürger zurücktraten, diese nicht ohne Haupt seyen. Denn der Theorie nach sollte der Bürgermeister nicht aus der Mitte des Raths, sondern bloß aus der Mitte der Bürger gewählt werden; der mehrhundertjährigen, weil natürlichen, Praxis zufolge hatte er aber bis zu diesem Augenblick, welcher den Rath auflöste und in der Gesammtheit der Bürger zerrinnen ließ, demselben immerdar angehört. Während jene Wahl vor sich gieng, wurde eine kleine Glocke geläutet, die in einem besondern Gebäude hieng und nur für diese Feyerlichkeit gebraucht wurde. Die Bürger hatten sie bei dem Zuge gegen ein benachbartes Raubschloß erbeutet, und ? wie im Mittelalter gebräuchlich ? als Siegesbeute mit sich nach der Stadt genommen. Nach dieser Wahl, wobei die einfache, schlichte und biedere Uebung vorherrschte, denjenigen, welcher das vorvorige Jahr die Stelle bekleidet hatte (die Männer wurden damals der Jugend noch nicht zu alt, deren Tüchtigkeit wurde ihrer alleingültigen und dominirenden Controle noch nicht unterworfen, und noch in keinen Schenken ventilirt, was man aus Jedem zu machen geneigt seye), aufs neue zu wählen, zog der abgetretene Rath, gefolgt von vielen in die Standesfarbe gekleideten Dienern, und der durch einen derselben getragenen Burgeroffnung (Stadtverfassung) nach der Kirche. Alle Fenster der Häuser an der Straße dahin waren bis in die obersten Stockwerke hinauf mit Zuschauenden besetzt. Kinder hätten es sich um keinen Preis abkaufen lassen, dem Festzug zuzusehen, und sie fühlten sich so glücklich als stolz, wenn Verwandte oder elterliche Freunde Häuser bewohnten, in denen sie mit Sicherheit auf Annahme zählen konnten Aber auch die Frauen, war es ihnen irgendwie möglich, versäumten es nicht, den Zug anzusehen; man ließ manchen Tag vorher anfragen oder einladen, um ja einer Stelle[67] sicher zu seyn. Mit welchem Selstgefühl blickten die Kinder aus ihren Fenstern auf andere herab, die sich mit der Straße begnügen mußten, zumal wenn zweideutige Witterung diesen Aufenthaltsort bedenklich machte! Inzwischen hatte sich in der Kirche die Bürgerschaft, aber ausschließlich diese, denn Niemand sonst wurde geduldet, versammelt. Sobald dann diejenigen, die während des vorigen Jahres den Rath gebildet hatten, hier angelangt waren, rief der Großweibel mit lauter Stimme: »Wer meiner Hochgeacht Gnädigen Herren Verburgerter nicht ist, der trete ab.« Wehe dem Fremden, der sich eingeschlichen hätte! Darauf wurden die Thüren geschlossen, jene Burgeröffnung, die Grundlage der öffentlichen Einrichtungen, verlesen, auf dieselbe der Eid geleistet. Auch in der Pflicht jährlicher Huldigung ward ein Vorzug anerkannt, der einzig den Bürgern zukommen könne; die Unterthanen huldigten blos, so oft ein neuer Landvogt oder Obervogt über sie gesetzt ward, und diesem nur in seiner Eigenschaft als Obervogt, nicht als sogenanntem Repräsentanten der Regierung. War diese Feyerlichkeit ? einst durch eine Predigt eingeleitet, in den letzten Zeiten nicht mehr ? beendigt, so zertheilten sich die Bürger nach ihren Zünften, um die Wahlen der Rathsglieder und der Beisitzer ihrer richterlichen Behörden vorzunehmen. Selten versäumte es Einer, in der Versammlung sich einzufinden, ausser das höchste Alter, Krankheit oder Abwesenheit hätte ihn gehindert. War auch, wie ich schon früher erwähnte, eine Abweichung von den vorherigen Wahlen beinahe unerhört, so wurde doch von den Wählenden das Recht, selbst in bloßer Bestätigung eine Wahl üben zu können, nach seinem vollen Werth gewürdigt, von den Gewählten die Ehre, die in dem neuerdings geschenkten Vertrauen ihnen wiederfahren, anerkannt. Von politischer Farbe, von politischer Gesinnung und dergl. konnte zu jener Zeit nicht die Rede seyn; selbst die Wörter Politisiren und politische Meinung waren damals noch nicht einmal in dem Wörterbuch zu finden, geschweige[68] denn in den allgemeinen Sprachgebrauch übergangen, und mit der heutzutägigen Knallrednerey über dergleichen wäre man von jedem Kind ausgelacht worden. Aber ein stolzes Gefühl, was es heiße, einer freien Stadt vollberechtigter Bürger sich nennen zu dürfen, lebte, weil von Jugend an genährt, durch so manche wiederkehrende Gelegenheiten immer aufgefrischt, in eines Jeden Brust. Es lautete auch damals der Ausdruck für die höchste Strafe, welche nach der Todesstrafe über einen Bürger konnte ausgesprochen werden: denselben »ehr- und wehrlos erklären.« Dieser Ausdruck ist jetzt verschollen, und die »bürgerlichen Rechte« nehmten die Stelle der Ehre unserer Vorfahren ein. Um Mittagszeit versammelten sich die Mitglieder jeder Zunft zum Festmahl, wozu der Wein aus öffentlichen Mitteln reichlich geliefert, immer sorgfältig der beste, welcher aufzutreiben war, ausgesucht wurde. Obwohl von diesem Allem Frauen und Kinder wie natürlich ausgeschlossen waren, so war dennoch der Pfingstmontag auch für sie, ja für die ganze Einwohnerschaft, ein festlicher Tag, er überragte alle andern Tage des Jahres. Man freute sich Monate, Wochen vorher auf denselben, seufzte um schöne Witterung, beobachtete während der vorangehenden Tage ängstlich Wind und Wetterzeichen und den Himmel, ob er sich umwölke, ob er, wenn Regen vorangieng, sich auf eitere, ob er Befürchtung, ob er Hoffnung wecke; und die Kinderschaar wenigstens hätte freudig den Dichter geküßt, der in Wahrheit am frühen Morgen mit dem Trost sie würde begrüßt haben: Nocte pluit tota, redeunt spectacula mane; Divisum imperium cum Jove cives habent. Wie an diesem Tage an den »Herren« der beste Mannsschmuck, den Jeder besitzen mochte, der schönste Degen, die kostbarste Tabackdose, die vorzüglichste Perücke prangen müßte, so wurden, wenn es immer geschehen konnte, für Kinder die neuen Kleidungsstücke, selbst bis auf die Schuhe hinunter, auf den Pfingstmontag aufgespart. Auch die Frauen suchten an diesem[69] Tage den vorzüglichsten Putz an sich zu vereinigen. Die Mägde bekränzten die vielen öffentlichen Brunnen in der Stadt, vornehmlich diejenigen, auf welchen Bildsäulen standen. Wie bei der Krönung des Kaisers »des heiligen Reichs Deutscher Nation« ein Ochse gebraten, ein Hause Haber der Menge Preis gegeben wurde und an den Wein ausströmenden Brunnen Jedermann schöpfen konnte, als Sinnbild, daß unter glückhafter Regierung des neuen Oberhauptes durch alle Landschaften des Reichs Ueberfluß walten solle, so trug das Bild eines der heiligen drei Könige über dem Brunnen, an welchem der Zug sich vorüberbewegen mußte, ein Glas rothen Weines mit einem Butterweck, als Sinnbild, daß von Theilnahme an der frohen Festlichkeit nicht einmal das Todte dürfe ausgeschlossen seyn. ? Daneben war dieß der einzige Tag, an welchem die große Brunnquelle vor der Stadt gezeigt wurde, und zu welcher vornehmlich die Kinder zogen, um an hineingelegten Puppen sich zu überzeugen, daß alle Neugebornen aus dieser aufgefangen würden. In jeder Haushaltung war es Gebrauch, ein besonderes Gericht, dem Geschmack der Kinder entsprechend, auf den Mittagstisch zu bringen. Erlaubte es die Witterung, so wurden Spaziergänge oder kleine Spazierfahrten gemacht, wobei aber ausschließlich Personen weiblichen Geschlechts und Kinder getroffen wurden, weil die Männer auf ihren Zünften sich gütlich thaten, oder nachher blos mit einander das Freye suchten, um für den Schmaus am Abend sich wieder zu stärken. Wie glücklich mag nicht der volljährige Bürger sich gefühlt haben, wenn er an diesem Tage zum Erstenmal unter den Mitzünftigen sein Recht üben, an der Ehre und an der Freude derselben Theil nehmen konnte! Ich hatte Verwandte, welche ein an das Rathhaus anstossendes Haus bewohnten, daher konnte es mir für den Pfingstmontag niemals fehlen. Auch bin ich, so weit ich mich zurückdenken mag, Jedesmal an diesem Tag in jenes Haus gebracht worden. Gewiß durften meine Eltern in den paar vorangehenden Wochen auf den pünktlichsten Gehorsam bei mir zählen,[70] indem schon die blosse Drohung, an dem so lange und so heiß ersehnten Tage zu Hause bleiben zu müssen, mich unglücklich gemacht hätte. Dabei fehlte es nie an mancherlei Reden und Bemerkungen, welche geeignet waren, meinen Begriff von diesem Tage zu erhöhen. Kam dann der Zug von dem Rathhause herunter, so ermangelten meine Verwandten nie, auf meinen Vater mich aufmerksam zu machen, und sobald ich ihn erblickte, wandelte mich immer ein heiteres Gefühl an; nicht, weil ich meinen Vater sah, sondern weil ich ihn unter »Meinen Hochgeacht Gnädigen Herrn des Großen Rathes« sah. Die Herrlichkeit unserer Stadt trat mir da lebendiger vor Augen, und ich meinte, es gienge deßwegen ein ungleich grösserer Theil derselben auf mich über, weil unter den Vierundachtzig, welche da hinunterzogen, auch mein Vater sich befinde. Das sind nun verschollene Dinge. Die Reihe derer, welche dieses Alles noch mit Augen gesehen haben, wird immer lichter, immer lichter der Kreis Solcher, die es nicht bloß gesehen haben, die es zu würdigen wußten, die noch mit jugendlich frischer Lebendigkeit in jene Zeit sich versetzen können. Die Ueberschwänglichkeit jetziger Zeitgenossen, die in das Gestaltlose zerrinnen, gähnt, wenn man von diesen Tagen zu ihr spricht; »Perückenzeit«, ist der Ausspruch, womit sie in burschikoser Geringschätzung dergleichen Erinnerungen abfertigt. Jede Ahnung von der Macht, welche dergleichen Lebensgestaltungen auf die Gemüther einst geübt, aber nicht deren Ahnung allein, sondern jede Empfänglichkeit dafür, wird zerreduert, zertobt, zerpolitisirt, zerradicalisirt. Dem jetzigen Zustande gegenübergehalten, könnte man jenen einem Claude Lorrain neben einem Seesturm von Berghem vergleichen; dort Milde, Ruhe, heitere Luftperspektive, ein über die ganze Landschaft ausgegossener Ton des Stillen, Anmuthigen, Behaglichen, Wohlthuenden; hier glühender Sonnenbrand, aus schwarzen Wolkenmassen hervorbrechend, ein gepeitschtes Meer, schäumende Wellen, Wasserschlünde und Wogenoulkane, herumgebeutelte Schiffe, eine sich zerarbeitende Mannschaft, nicht eines sichern Zieles sich bewußt, nicht einem[71] schirmenden Hafen zusteuernd, allaugenblicklich in Gefahr, von den Wogen verschlungen, oder an den Felsenriffen zerschellt zu werden. Denjenigen, welche diese Vergangenheit, ob auch noch nicht zwei volle Menschenjahre zwischen inne liegen, als ein Vormaliges, Gewesenes, Verschwundenes erscheinen mag, denen mit der Zeit auch der Raum zerronnen ist, also daß sie gleich geruhig vernehmen können, so sey es einst in ihrer Vaterstadt gewesen, als würde es ihnen aus einer Provinz von China berichtet, ist dieses weniger zu verargen, als jene blähende Hoffahrt, in der sie mit abschätzigem Blick in dieselbe hineinschauen; die, weil sie in der Gegenwart das große Wort an sich gerissen haben, weiter dann, wenn sie die gemeinsamen Einrichtungen und die gesellschaftliche Ordnung aus Mißtrauen, Formelnwesen, Paragraphenwust, Anmaßung, Stellen- und Besoldungsgier zusammenbrauen, eine Glückseligkeit ins Daseyn zu rufen wähnen, deren jene, ihrer Meinung nach langweilige Vergangenheit nicht fähig, ja nicht einmal würdig gewesen seye. Was das erste anbetrifft, so ist es wahr: die Schulstuben waren damals noch keine Werkstätten, welche fertige Staatsmänner, Gesetzgeber und Volksbeglücker alljährlich zu Duzenden lieferten; wer sich geltend machen wollte, hatte noch den weitwendigen Weg des Hörens, Sammelns, Arbeitens durchzumachen, bis er zum Sprechen, Lehren, Leiten gelangte; es gab noch eine Laufbahn und nicht bloß zwei Endpunkte: denjenigen des Herauftauchens und denjenigen des obersten Zieles; man kannte noch eine Vergangenheit und hielt sich daher gegen eine Zukunft verpflichtet; die Gegenwart, die mit jedem Jahr beginnende und mit jedem Jahr zerrinnende, war noch nicht Eines und Alles; und wenn wir hoffen dürften, es möchte einst die Jetztzeit, zusammt dem, was derselben vorangegangen ist, einer ruhigern stätigern, besonnenern Nachkommenschaft als Vergangenheit sich darstellen, so könnte es eine große Frage seyn, wer (um eine Tagsatzung, als den Scheitelpunct der schweizerischen Verhältnisse zu berühren) ein glimpflicheres Urtheil zu gewärtigen hätte: die gepuderten Perücken unserer Väter, oder die Commis-Vojageurs-Schnäuze der jetzigen Champagner-Cameraden?[72] Nicht daß jene Zustände ideale gewesen wären; daß in ihnen eine Macht gelegen hätte, die anerborne Art der Menschen entweder umzugestalten, oder so zu zügeln, daß sie nicht in mancherlei Weise dennoch, und nicht immer in den beifallswerthesten Erscheinungen, hervorgetreten wäre. Ich bin nicht ein so blinder oder starrer laudator temporis acti, um ausschließlich Licht sehen zu wollen, wo des Schattens nur allzuviel ist. Wie auch damals Macht und Ansehen zu Gewaltthat führte, wie launenhaft angewendete Gönnerschaft viel Nachtheiliges veranlaßte, wie Abneigung manchmal bittere Erfahrungen weckte, wie Verschleuderung oder Verunschickung der öffentlichen Mittel oft nur zu nachsichtig behandelt wurde, wie gerade in dieser Beziehung in einem unberührbaren Schlendrian Alles eingerostet war, dessen wüßte ich Manches zu berichten. Denn aus hie und da vernommenen Aeusserungen und Erzählungen meines Vaters, aus spätern Mittheilungen älterer Personen ist mir hierüber unendlich Vieles im Gedächtniß geblieben, was jetzt vielleicht niemand mehr oder nur äusserst Wenigen noch bekannt ist, und was gegen Ueberschätzung der Einrichtungen wie der Personen genugsam mich sichert. Doch bei allem Unvollkommenen, Mangelhaften und Tadelnswerthen herrschte ein gewisser Anstand, wurde noch Maaß gehalten, lag eine Anerkennung jedes Rechts immer noch zu Grund. Versuchte man auch, dasselbe zu umgehen, bisweilen zu schwächen, ? imperatorisch wegdecretirt, und das noch mit dem selbstgefälligen Blick rei quasi bene gestac, wurde es noch nicht. Hieng man manchmal mit zähem Starrsinn an Veraltertem, so würde auf die Frage: was denn bei dem endlosen Herumwirbeln der Einrichtungen, wie der Personen, für das allgemeine Wohlbehagen gewonnen werde, eine befriedigende Antwort schwer zu ertheilen seyn. Will man jener Abgemessenheit der Formten bei öffentlichem Zusammentreffen, in der man damals grössere Achtung vor dem Großweibel hegte, als heutzutage vor dem Amtsbürgermeister, den Vorwurf der Steifheit machen, so wolle man mich über den Gewinn belehren, der aus der Beiseitsetzung aller und jeder[73] Formten, aus der Verschmelzung aller Lebensalter und aller Rangstufen zu gleichen Brüdern und Gesellen hervorgehe. Klagt man die Männer jener Zeit an, sie hätten der Jugend keine unabhängige Meinung zugestanden, und das Endziel derselben allzuweit in die Jahre hinausgerückt; so mochte ein Zweifel, ob die öffentlichen Angelegenheiten bei dem lauten Wort der Jugend und dem Naserümpfen über die Alten besser fahren, und ob gemeinsame Zeitverschleuderung vorzüglichere Befähigung zu Allem ertheile als einsame Arbeitsamkeit, nicht verargt werden. Es ist wahr, Familien-Rivalitäten und Prioritäten blieben nicht immer ohne nachtheiligen Einfluß, weniger auf die öffentlichen Angelegenheiten, als auf Einzelne, die an denselben Theil nahmen; aber die einen fanden oft unerwartet ihre Beilegung, die andern sahen sich gleichfalls ein Ziel gesetzt, beide waren immer zu mancherlei Rücksichten, zu zahmem Auftreten, zum Maaßhalten genöthigt; indeß jetzt politische Färbung eben dasselbe, nur weit schonungsloser, ungestümer, hochfahrender, durch Gegengewicht weniger innerhalb heilsamer Schranken gehalten, durchsetzt. Die Formen sind anders, im Einzelnen vielleicht etwas zuträglicher geworden; ob aber die Menschen auch nur geblieben seyen, wie sie damals waren, darüber muß Jedem das selbsteigene Urtheil gelassen werden. Wähnt man dann, durch Achselzucken und mit dem Schlagwort »Spießbürgerei« diese vormaligen Zustände abfertigen zu können, so wolle man, bevor die gegenwärtigen gewürdigt oder gar preisend herausgehoben werden, bedenken, daß aus allgemeinem Schiffbruch, wenn nichts, so doch aller Schofel der sogenannten Spießbürgerei glückhaftig gerettet und seitdem mit dem flachsten und abgestandensten Liberalismus zu einem neuen. Gebäck verknetet worden ist. Welches Labsal dasselbe gewähre, läßt sich denken. Die Revolution kam. Freiheit, Gleichheit, Brüderschaft wurde verkündet. Es sollte keine Stadt, keine Landschaft mehr[74] geben, ein Canton beide vereinen. Man erkohr Wahlmänner, welche eine neue oberste Behörde ernennen sollten, doch die Stadt deren zweimal so viel, als das Land. Der Aelteste der Stadt mußte dem Aeltesten vom Land feyerlich den Bruderkuß ertheilen. Jener war der bisherige Statthalter Stockar, aus einem adelichen Geschlecht, ein so gelehrter als seiner Mann; dieser zufällig sein Holzfuhrman aus einem kleinen Dörfchen. Darauf zogen sie, je Einer vom Land zwischen Zweien aus der Stadt, wie sonst am Pfingstmontag die »Hochgeacht Gnädigen Herren«, von dem adelichen Gesellschaftshaus hinunter, dießmal aber nicht in die Kirche zum Eid, sondern auf ein anderes Gesellschaftshaus zum Mittagessen. Ich sah aus den Fenstern meiner Verwandten wieder zu, wie sonst am Pfingstmontag; und wieder freute ich mich, unter den Hinabziehenden meinen Vater zu erblicken. Zu Hause aber fehlte es nicht an Bemerkungen über den Bruderkuß, über das neue Personale, über das Mittagessen, über das ganze Wesen und Bestreben der Revolution. Jedoch unter dem tagtäglich Neuen, was dieselbe brachte, und bald meine Schaulust reizte, bald meine Neugierde beschäftigte, konnte ein Urtheil über sie Anfangs nicht so leicht sich festsetzen. Die erste Form, in welcher die öffentlichen Angelegenheiten behandelt wurden, war diejenige einer Versammlung von Repräsentanten der, 25,000 Menschen (klein und groß) zählenden Schaffhauser-Nation (National-Versammlung). Ihre Berathungen waren öffentlich. Nun war das für mich und zwei meiner Schulkameraden, mit denen ich mich allmählig vorzugsweise befreundet hatte, zu lockend. So oft diese Versammlung Sitzung hielt, wurde die freye Zeit, sonst zum Herumtreiben auf der Straße verwendet, ihr gewidmet. Nie fehlten wir somit als Zuhörer, dafern die Schule nur irgendwie es zuließ. Hatten wir eine müssige Zwischenstunde, so wurde sämmtlicher Büchervorrath mit in den Rathssaal geschleppt, und dort entweder an einem Riemen über der Schulter getragen, oder auf die Schranken, hinter welchen wir stunden, hingelegt. War die uns zurückrufende Lehrstunde verflossen, so durften die Vaterlandsväter[75] darauf zählen, uns wieder zu erblicken; und konnten wir nicht zusammen uns einfinden, so war dieß doch der verabredete Ort, um sicher uns zu treffen. Meistens waren wir drei die einzigen Zuhörer. Der Mehrzahl der Bürger hätte der Unmuth über den Verlust ihrer wohlerworbenen Rechte es nicht zugelassen, als solche sich zu stellen. Kam je Einer, so gab sein Blick unverkennbares Zeugniß, wie werth diese Einrichtung ihm seye. Auch war man noch zu sehr gewohnt, »seine hochgeacht gnädigen Herren und Obern« walten zu lassen, als daß die Revolution der Formen so schnell eine Revolution der Gewohnheiten hätte bewerkstelligen können. Endlich hätten die Ehrenvestern unter der arbeitenden Classe der Bürger eine solche windige Tagdieberei damals verabscheut. Allein das Reich dieser National-Versammlung war nicht von langer Dauer. Ein Mitglied des ehevorigen großen Raths, welches wenige Jahre vor der Revolution eines grellen Vergehens wegen »ehr- und wehrlos«, d.h. alles bürgerlichen Werthes verlustig erklärt worden war, glaubte den günstigen Augenblick gekommen, um den Gliedern der vormaligen Obrigkeit einen empfindlichen Streich versetzen, hiemit ebensosehr sein patriotisches Gefühl (nach damaligem Begriff des Wortes) bethätigen, als sich erfolgreich rächen zu können. Er begab sich insgeheim zu dem Commissaire ordonnateur en chef, dem Bürger Mengaud, dem über die Schweiz gesetzten Satrapen des französischen Directoriums, und schwärzte die Nationalversammlung an als eine Cohorte von Oligarchen. Das hatte die imperatorische Ordonnanz zur Folge: »daß die große Nation solchen Unfug, wie er in Schaffhausen getrieben werde, unmöglich dulden könne. Er verfüge daher, daß kein Mitglied der vormaligen Klein und Großen Räthe vor Ablauf eines Jahres zu irgend einer öffentlichen Stelle wählbar seye.« Betroffen über diesen Gewaltspruch, sandte die Nationalversammlung alsbald ihren Schreiber an den Gebietiger ab, um schriftlich und mündlich den Sachverhalt auseinanderzusetzen, von dem gemachten Vorwurfe steh zu reinigen und die Nothwendigkeit einer Rücknahme des Befehls darzuthun.[76] Inzwischen waltete über jenes boshafte Unterfangen allgemeine Entrüstung unter der Bürgerschaft. Doch blieb Hoffnung, die triftigen Gründe, welche gegen eine solche willkürliche Rechtloserklärung von 84 Männern vorgebracht werden konnten, würden bei dem Gewaltigen wohl noch eine Sinnesänderung bewirken. Mit Ungeduld harrte man der Rückkehr des Abgeordneten. Es war an einem Donnerstag, Nachmittags zwei Uhr, daß die Versammlung eilends und außerordentlich zusammen berufen wurde, dieses auch das einzige Mal, daß der, für die Zuhörer bestimmte Raum gedrängt voll war. Auf allen Gesichtern ließ sich die Spannung lesen, in welcher man die Berichterstattung erwartete. Diese sprach von anfänglicher großer Mißstimmung des Franzosen, wie hierauf das Interdict erneuert, der Abgeordnete, ob in der vorigen Regierung er ebenfalls Sitz und Stimme gehabt, befragt, auf die verneinende Antwort bemerkt worden seye: ihn (den Abgeordneten) berühre das Verbot nicht, er einzig seye zu jeder Stelle wählbar. Eine schriftliche Rückantwort, versicherte derselbe, habe in der Eile nicht können verfaßt werden. Mit dieser Berichterstattung hatte das Daseyn der Nationalversammlung ein Ende. In unverkennbarer Entrüstung verliessen die Bürger die Rathstube, und es hätte nur des leisesten Zeichens bedurft, so würden sie dem Urheber dieser Beseitigung aller Männer ihres Vertrauens seine Tücke bitter vergolten haben. Siebenundvierzig Jahre später hat es sich begeben, daß drei meineidige Landjäger, die durch Befreyung eines Hochverräthers dessen Schuld sich theilhaftig gemacht hatten, die hierauf durch Personalbeschrieb von der Obrigkeit zur Fahndung bezeichnet worden waren, von den Nachkommen eben jener Bürger, unter offener Verachtung der obrigkeitlichen Schlußnahme, als hochgesinnte Eidgenossen und als verdienstreiche Helden im hellen Schaugepränge nach unserer Stadt abgeholt, durch Anreden verherrlicht, durch Gesänge gefeyert, durch Trinksprüche eingebrüdert, und in kostbarem Geleite nach ihrem Aufenthaltsorte zurückgebracht wurden; also daß das, was damals in ungleich[77] niedererm Maße geübt, gerechten Abscheu geweckt, später so viel Bewunderung und Jauchzen hervorgerufen. Aber das Beiwort »ehrliebende« wird von der Bürgerschaft als Formel aus ehevoriger Zeit bis auf den heutigen Tag noch in Anspruch genommen. Hatte somit die Herrlichkeit der National-Versammlung unerwartet ihr Ende erreicht, so fehlte es zu Hause nicht an beißenden Bemerkungen über jene Sendung. Mehr als einmal hörte ich: in dem Jubel, aus einer Zahl von 84 allein wählbar zu seyn, habe der Abgeordnete die Pflicht eines Gesandten vergessen, nämlich, die Beglaubigung treuer Verrichtung seines Auftrages zu verlangen. Die Zusicherung des fremden Gebieters habe ihn dermaßen berückt, daß er weder der Nothwendigkeit noch der Schicklichkeit einer solchen gedacht habe. Zu anderer Zeit hätte man eine größere Ehre darin gefunden, das allgemeine Loos zu theilen, als auf diese Weise selbst zu der ersten und angesehensten Stelle zu gelangen. Nicht lange vorher mußte auf dem Hauptplatze der Stadt ein Freiheitsbaum mit allerlei Bändern und ähnlichen Siebensachen aufgerichtet werden. Der Regierungsstatthalter hatte bei dieser Gelegenheit eine Rede abzustoßen, die Nationalversammlung mußte paarweise auf den Platz ziehen und abwechselnd die Schaufel ergreifen und Erde in das Loch werfen, in welches der Baum gestellt wurde. Die Jugend beiderlei Geschlechts hatte Lieder dabei zu singen. Da fehlte es wieder nicht an Bemerkungen über das lächerliche Fastnachtsspiel, über den wurzellosen Baum, über die Flittern an seinen Aesten. Sobald sich dann die Revolution in ihren vollen Gang gesetzt hatte, wurden für die neugewählten Behörden durch die Central-Regierung mannigfaltige Uniformen und Hutgattungen decretirt; Schärpen verschiedener Farbe, von den Einen über die Achsel getragen, von den Andern um die Lenden geschlagen, waren die sichtbaren Abzeichen, welchem Zweige der Verwaltung der Einzelne angehöre. Das gab abermals Gelegenheit zu Spott, zumal wenn Mitglieder aus den ehemals unterworfenenen Dörfern[78] in solchen seidenen Schärpen daher traten. Alle diese Aeusserungen fielen bei mir auf einen guten Boden; nie habe ich sie aus dem Gedächtnisse verloren, zumal ähnliche bei jeder Veranlassung ihnen folgten; wozu es bei fünfjährigem Herumumtappen, was wohl einigermaßen Ersprießliches an die Stelle des zertretenen Alten sich dürfte setzen lassen, nie fehlte. Noch jetzt besitze ich einen damals erlassenen Verfassungsentwurf, welchem mein Vater die Ueberschrift gab: »Fortsetzung der politischen Experimente für die bedauernswürdige Schweiz.« Ueber die Verfassung vom 26. Hornung 1802 schrieb er: Per varios casus, per tot discrimina rerum Tandem bona causa triumphabit. Wie in unsern Tagen in Nachäfferei desjenigen, was ein unbotmässiges, stürmisches, in seinem Innern madenfrassiges Geschlecht am Seinestrand in wilder Meuterei zu Tage getobt, nicht selten ein fördernder Aufschwung der Menschheit angepriesen und durch Gleichgeartete geflissentlichst auf fremden Boden verpflanzt wurde, so geschah es auch damals in der Schweiz. Die sogenannten Töchterrepubliken glichen den jungen Entchen, welche der alten blind in jede Pfütze, selbst in jeden Strudel nachwatscheln. So kam es, daß erst zu Aarau, hierauf zu Luzern dieselben Phrasen erschollen, wie zu Paris, derselbe Haß gegen die Vergangenheit, gegen alle geschichtliche Erinnerung, gegen alle Herkunftsverschiedenheit affectirt ward, in dieser Beziehung dort ähnliche Verordnungen ergiengen, wie hier. Man begnügte sich nicht damit, die Gegenwart durchweg umzugestalten, auch die Vergangenheit sollte im Sinn derselben rectificirt werden. Ein scharfes Interdict ergieng wieder alle Wappen an den öffentlichen Gebäuden, an den Wohnungen der Privatversonen. Ob sie in Stein gehauen, Denkmäler ehevoriger tüchtiger Arbeit, ob sie Schmierereien eines höchst gemeinen Pinsels[79] waren, sie mußten verschwinden. So sah man jetzt an allem Eigenthum der Stadt, an mancher Wohnung ehevoriger Geschlechter eifrig meißeln und tünchen. Weil aber zu Schaffhausen keine besoldungsbedürftigen Fremdlinge anderer Cantone in die Stellen sich eingenistet hatten, so beschränkten die Augestellten (insgesammt Mitbürger) die Vollziehung des Befehls nur auf die erstgenannten Gebäude; wie derselbe an den andern wolle vollzogen werden, das überliessen sie dem Belieben eines Jeden. In zaghafter Schmiegsamkeit kamen die Einen ihm nach, Andere ließen ihn auf sich beruhen, wollten abwarten, ob Drohung oder Zwang sie nöthigen würde. Wie manchmal hörte ich nun im elterlichen Hause diese beloben, jene, als kriechend vor dem fremden Gräuel, tadeln, das Verschwinden der Wappen über ein paar Thoren, als Zierden derselben, beklagen! Straßenkoth, hieß es, hätte man darüber werfen sollen, dann würde er durch den Regen nach und nach abgewaschen worden seyn, und allmählig wären die schönen Wappen wieder zum Vorschein gekommen; oder, bei dem immer wieder geäusserten Glauben, das Ding könne doch nicht lange halten: in kurzem wären sie mit leichter Mühe zu reinigen gewesen, und hätten von Neuem, wie so vielen dahingegangenen, so manchen kommenden Geschlechtern Kunde gegeben von der wohlerworbenen, treulich bewahrten Herrlichkeit der Stadt. ? Aehnliche Gesinnung ist zu jener Zeit bei einem holländischen Edelmann zur That geworden. Er sollte den Wappenschild von seinem Wagen vertilgen. Statt dessen ließ er mit Wasserfarbe eine Wolke darüber malen und die Unterschrift: il passera! Mit der Rückkehr vernünftigerer Zeiten konnte ein Schwamm leicht helfen. ? Wirklich war die Wolke vorübergegangen! So gieng es mit dem abgeschmackten Wort »Bürger«, welches die Stelle der bisherigen Höflichkeitsformeln ersetzen sollte. Auch dieser nachgeahmte Gebrauch konnte eigentlich in unsere Umgangssprache niemals so sich einnisten, wie in andern Schweizerstädten; die alten Benennungen »Junker« und »Herr« blieben geläufig, nach wie vor; nur etwa einem aus[80] niederem Stand mochte die Gleichstellung in der Anrede wohl thun. Bald wurde von meinem Vater die lächerliche Seite dieser Neuerung ebenfalls hervorgehoben, dann über das Affenthum mit dem französischen Citoyen der Unwille losgelassen, immer das Wort selbst, wenn es nicht konnte abgelehnt werden, mit gerunzelter Stirne vernommen. Noch heutiges Tages höre ich das Murren, wenn es auf der Adresse eines Briefes vorkam, und erinnere mich lebhaft, wie es gegen einen damaligen Correspondenten in Bern, der regelmässig über die Begegnisse des Tages berichtete, am Ende förmlich verbeten wurde. Was wäre wohl über jenen Pfarrer in Basel gesagt worden, der, nicht aus Buhlerei gegen die Revolution, sondern in bebender Zaghaftigkeit die Leidensgeschichte des Erlösers so zu lesen begann: »In der Nacht, da unser Bürger Jesus verrathen ward?« Unter den zwölf Gesellschaften und Zünften, in welche die gesammte Bürgerschaft von Schaffhausen seit länger denn vier Jahrhunderten eingetheilt ist, war diejenige der Schmieden die zahlreichste, zugleich die begüterteste; als die entschiedenste in Wahrnehmung aller Rechte, bisweilen auch stürmischste, galt sie seit langem. Das Element, dessen die Mehrzahl ihrer Glieder zu ihrem Gewerbe bedürfe, hieß es, sprühe nicht selten in ihren Köpfen. Mein Vater war ihr zweiter Vorsteher dem Range nach, ihr erster hinsichtlich des Vertrauens, womit die Zunftgenossen ihn beehrten. Zwar gab es damals und noch weit hinab in unsere Zeit keine Zunft, welche revolutionären Neuerungen weniger huldigte, als diese; keine, welche in Behauptung jedes rechtlichen Besitzes zäher sich erzeigt hätte; keine, welche Verlorenes oder Entrissenes wieder zu gewinnen bereitwilliger gewesen wäre. Wie gerne hätten sie nicht das Geschäft ihrer Handwerksgenossen bei dem Propheten getheilt : »Die Hörner der Heiden abzustoßen, welche ihr Horn über das Land Juda erhoben haben, um es zu zerstreuen!« Wenn aber bei Solchen, die hoch über dem Handwerker zu stehen glauben, die sogenannten Principien vor dem augenblicklichen Vortheil[81] mit leichter Mühe in den Hintergrund geschoben werden, sind jene schärfer zu beurtheilen, wenn eine solche Anwandlung auch sie beschleicht? So kam es, daß bei entschiedener Abneigung gegen die Revolution, einige Zunftgenossen, damals in bestem Mannesalter, dieselbe dennoch zu Vertheilung des Zunftgutes benützen wollten. Ich weiß wohl noch, wie mein Vater einige Zeit von ihnen gleichsam bestürmt wurde; und obwohl ich nie Zeuge der Unterredungen war, so hörte ich ihn doch manchmal über diese Verirrung klagen, und mehr als einmal sich äußern: »er habe den Betreffenden die bestimmte Erklärung gegeben, daß er solchem Vorhaben aus allen Kräften sich widersetzen werde; daß er sich lieber würde zerreissen lassen, als zu einem derartigen Antrag seine Beistimmung geben. Die Jetztlebenden hätten kein anderes Recht, an dieses Gut, als dasjenige der Nutzniessung; von den Vorfahren ihnen überliefert, geböte heilige Pflicht, es den Nachkommen aufzubewahren.« ? War mir hierin nicht das Parta tueri gegeben, noch bevor ich es gewählt hatte? es ist falsch, daß die Zeiten sich ändern, nur die Menschen ändern sich. Alle diese Vorgänge, Erörterungen, Bemerkungen giengen nicht an stumpfem Sinne vorüber. Der zwölfjährige Knabe pflichtete allen letztern bei, bewahrte sie in seinem Gemüthe; nicht deßwegen vorzüglich, weil es von der väterlichen Autorität ausgieng ? denn sonst darf ich mich wohl anklagen, in manchen andern Dingen gegen diese in größere Opposition getreten zu seyn, als meiner Rückerinnerung lieb ist ? sondern weil verwandte Neigungen instinctartig diesem Allem entgegenkamen. So erwies ich mich damals schon als entschiedener Feind der Revolution, als Gegner dessen, was von unten herauf durchgesetzt werden will, als warmer Verfechter aller wohlerworbenen Rechte und glühend für deren unverrückte Anerkennung, für deren stätige Beschirmung, für unantastbare Gerechtigkeit. Das Gefasel von Menschenrechten, denen zufolge Alle an Allem Theil haben, gewissermassen Alle durch Alle regiert werden sollten, wollte mir schon damals nicht in den Kopf eingehen.[82] Derselbe ist im Verlauf der Jahre in solcher Beziehung nicht bildsamer geworden. War es Haß gegen die Revolution, welche in Oesterreich den einzigen beharrlichen Gegner auf dem Festlande fand, war es ein Trieb zu Recht und Gerechtigkeit, welche in der Besetzung Schlesiens durch den König von Preußen eine Verletzung dieser Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft ahnte, die meine mit den frühesten Kinderjahren erwachende Vorliebe für das hohe Erzhaus auch auf frühere Begegnisse übertrug? Entschieden trennte ich mich hinsichtlich dessen, was in dem Verlauf des siebenjährigen Krieges die jugendlichen Gemüther in Theilnahme bewegte, von denjenigen meiner Altersgenossen, die damals gleich mir Archenholz's Geschichte dieses Krieges lasen. Die gewonnenen Schlachten des Königs von Preußen machten mich traurig, ich jubelte nur, wenn der eiserne Würfel für Oesterreich fiel; und was Andern Friedrich II war, das war für mich die hochgesinnte Erbin des Hauses Habsburg Der nachmalige Lüneviller-Friede, welcher die schönsten, aber wehrlosen Theile des deutschen Reichs den durch ruhiges Zusehen das Erstarken des revolutionären Frankreichs Fördernden zuwarf, konnte natürlich nicht versöhnen. So wurden die aus dem Sturmeswehen der Gegenwart hervorgebrochenen Anschauungsweisen auf die Vergangenheit übergetragen, in letzter Beziehung weniger darnach gefragt, wo die größere Thatkraft, wo der eindringlichere oder umfassendere Geist gewaltet, sondern mehr, wo das größere Recht, wo für dieses der Einsatz in die Wagschale. Darum galt zu eben dieser Zeit, als Lucans Pharsalien gelesen wurden, Cäsar dem 13jährigen Knaben als Revolutionär, als Häuptling der aufgelehnten Masse; war Pompejus sein Held, weniger seiner Person nach, als weil er für Roms bisherige Einrichtungen an der Spitze seiner höhern Stande gekämpft. Des Lehrers[83] schwache Einwendung, daß dieser, hätte ihm das Glück gelächelt, gleich jenem wahrscheinlich dieselbe Wendung würde genommen haben, war mit der Entgegnung, daß Urtheile blos auf vorliegende Thatsachen, nicht auf geträumte Möglichkeiten zu gründen seyen, leicht zu widerlegen. Das Jahr 1799 brachte wieder Krieg zwischen Oesterreich und Frankreich. Die ersten Waffenthaten in der Nähe wurden freudig begrüßt, als Morgenroth der Befreyung von den verhaßten Fremdlingen und dem noch Verhaßtern, was durch ihre Tücke und ihre Uebermacht eingeführt worden. Als dann am Ostersonntag die Schlacht bei Ostrach geschlagen ward und der Kanonendonner vernehmlich zu hören war, fand sich auf einem etwas höher gelegenen Platz in der Stadt stets zahlreiche Versammlung ein, um an die Annäherung oder Entfernung des Schalles Hoffnungen und Wünsche zu knüpfen, welchem der beiden Heere der Sieg sich zuwenden möchte. Die Zahl derjenigen, welche denselben den Franzosen gegönnt hätten, war äusserst gering; laut sprach beinahe Jedermann für die öfterreichischen Waffen sich aus. Auch dieß hieng unzertrennlich mit dem rechtlichen Sinn zusammen, welcher die Bewohner unserer Stadt damals noch schmückte. Sollte in dieser Beziehung die Revolution keine Fortschritte gemacht haben? Die allgemeine gehegte Hoffnung gieng in Erfüllung. Bald sah man die Franzosen nach dem Rhein und über diesen Strom sich zurückziehen, alle Vorkehrungen treffen, um die, gottlob unhaltbare, Stadt unmittelbar bei dem ersten Versuch auf sie zu räumen, einen schnellen Uebergang ihrer Feinde aber über den Fluß zu verhindern. Langsam nährten sich die österreichischen Kriegsvölker; erst besetzten sie die Dörfer an der Gränze, hierauf die Anhöhen über der Stadt. Jeder Tag brachte etwas Neues, was an einem lebhaften, bereits regsam Partei ergreifenden Knaben unbeobachtet, unerspäht ? so weit ängstliche Vorsicht der Eltern es gestattete ? nicht vorübergehen durfte. Wie manche Stunde ward da nicht auf dem obersten Boden des Hauses zugebracht, um durch ein Fernrohr jede Bewegung[84] des österreichischen Vorpostens zu beobachten! Welche Verwünschungen wurden nicht den Franzosen nachgesendet, als sie aus dem Zeughause die Kanonen abführten, hierauf das Getäfel der Brücke wegbrachen, die Balken mit Pech überstrichen, den Durchgang mit Stroh und Holzbündeln versperrten, die Tragbalken durchsägten, und das oft besprochene Kunstwerk gänzlicher Zerstörung widmeten! Der einzige Trost lag darin, daß es nun bis zum Einzug der siegreichen Oesterreicher nicht mehr lange dauern könne. Am 13. April wurden die Einwohner der Stadt durch Kanonenschüsse vom Mittagstisch aufgescheucht. Der ersehnte Augenblick schien gekommen. Wirklich war von meiner Warte lebhafte Bewegung auf den Anhöhen beider Rheinufer wahrzunehmen. Die Nach richt beruhigte: die Franzosen stünden nur in schwacher Zahl an den Thoren, hielten dieselben geschlossen, indeß die Oesterreicher in dichtern Haufen dagegen heranzögen. Bis vier Uhr dauerte ein mässiges Feuern, als gleichzeitig mit der Kunde, die Thore wären eingesprengt und Uhlanen jagten die flüchtigen Franzosen dem Rheine zu, der aufwirbelnde Qualm die Gewißheit von der Flucht der Feinde gab. Weßwegen aus einer österreichischen Haubitze mehrere Hauser des jenseitigen Dorfes Feuerthalen in Brand gesteckt wurden, weiß ich nicht, nur daß es eine schauerliche Nacht war, geröthet durch den Brand der Brücke und der Hauser, und in ihrer Stille unterbrochen durch das Zusammenkrachen der erstern. Bei der guten Mannszucht der Oesterreicher, bei der reichlichen Ausstattung des Heeres mit allen Bedürfnissen, bei der regelmässigen Ausbezahlung des Soldes, bei dem Gebet, zu welchem die Hauptwache täglich zweimal ausrücken mußte, fehlte es abermals nicht an Vergleichungen mit den »lumpichten Franzosen,« die nur aus dem Stegereif zu leben wüßten, nie ihre Löhnung erhielten, wie die Thiere in die Zeit hineintaumelten. Dann vollends erst, als im Laufe des Sommers so manches Regiment, wohlgeordnet, von unabsehbarem Troß an Zelten und Feldgeräthe gefolgt, nach der Schweiz zog! Jede Vergleichung[85] fand ihren lauten Wiederhall in dem Knaben, der in Allem, was um ihn her vorgieng, den Anfang der Erfüllung seiner heissesten Wünsche: Unterdrückung der Revolution, nicht allein in seinem Vaterlande, sondern auch an der Quelle derselben begrüßen zu dürfen meinte. Es dauerte mehrere Wochen, bis das österreiche Heer den Uebergang über den Rhein erkämpfte. Endlich erfolgte auch dieser, und auf den Mittwoch vor Himmelfahrt sollte die Hauptmacht unter ihrem Feldherrn, dem Erzherzog Carl, bei dem nahen Kloster Paradies auf zwei Schiffbrücken über den Strom ziehen. Alles machte sich auf die Beine, um ein solches, in dieser Gegend noch nie gesehenes Schauspiel zu betrachten. Ich trat mit meinen Eltern ebenfalls die Wanderung an. Unterwegs hörte ich von meinem Vater so Vieles zum Preis des erlauchten Heerführers, daß mein Herz demselben entgegenwallte, und ich kaum den Augenblick erwarten konnte, in welchem die lebhaftere Bewegung unter Kriegsvolk und Zuschauern sein Kommen verkündete. Ich sah ihn auf einer der Brücken an mir vorüberfahren und in dem lieblich gelegenen Frauenkloster die bereitete Herberge nehmten. Aber in dem schnellen Vorübereilen hatte sein Bild mir nicht so sich eingeprägt, wie ich hätte wünschen mögen. Ich zählte auf die Möglichkeit, denselben ungestörter und ruhiger in's Auge fassen zu können, und postirte mich daher in solcher Hoffnung einem Erkerzimmer des Klosters gegenüber. Ich hatte mich nicht getäuscht. Es dauerte nicht lange, und der Erzherzog trat unter ein Fenster, unter welchem er zu meiner Befriedigung lange genug weilte. Vergnügter als ich über den vielversprechenden Tag mochte wohl niemand den Rückweg antreten. Abends noch vor eintretendem Dunkel zu Hause angekommen, stand in einer Fensterblende unseres Wohnzimmers ein Mann, dessen hohe Gestalt, dessen klarer Blick, dessen Adlernase einen bleibenden Eindruck auf mich machten. Er fragte meinem Vater nach, und als dieser hereintrat, gab er sich als den vormaligen Raths-Exspecant (Senator des kleinen Raths)[86] von Bern, Carl Ludwig von Haller, zu erkennen. Woher er meinen Vater kannte, weiß ich nicht, wohl aber, daß er alsbald Vieles von den Gewaltthaten oder den Lächerlichkeiten der helvetischen Machthaber erzählte, und wie er nur durch die Flucht ihren Verfolgungen habe entgehen können. Er hatte nämlich damals ein Blatt herausgegeben, »helvetische Annalen,« worin er die Anmaßungen und Verkehrtheiten der sogenannten Patrioten mit der ihm eigenthümlichen Ironie geisselte. Jetzt sprach er die Erwartung baldiger Befreyung der Schweiz durch die österreichischen Heere mit zweifelloser Zuversicht aus, indem das Volk allerwärts der französischen Uebermacht und noch mehr der eigenen geld fressenden Regierungs-Cohorten satt seye. ? Wirklich wurden die österreichischen Truppen, wo sie erschienen, als Retter mit Jubel empfangen, wo sie sich näherten, mit heißer Sehnsucht erwartet, und in entlegenern Theilen des Landes legte sich durch mancherlei Bewegungen und Unruhen die Alles erfüllende Unbehaglichkeit entschieden genug an den Tag. Hiegegen contrastirte gewaltig der lächerliche Pomp der Beschlüsse und Botschaften der helvetischen Machthaber, der eisenfressende Inhalt ihrer Verfügungen und die eckelhafte Buhlerei mit jedem französischen General. Ich horchte Hallers reichhaltigen Berichten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, und diese, wie sein Schicksal, machten mir den Mann höchst interessant. Später in die Canzlei des österreichischen Hauptquartiers eintretend, kam er während des Winters 1799/1800, als jenes in dem nahen Donaueschingen lag, mehrmals in unser Haus, und sein Erscheinen war für mich Jederzeit ein festlicher Tag. Mit dem Vorrücken der Franzosen im May 1800 hörten die gegenseitigen Beziehungen auf, bis sie im Jahr 1808 durch eine Anzeige der Geschichte des ostgothischen Königs Theodorich in dem »literarischen Archiv der Akademie zu Bern« und durch das Erscheinen des »Handbuchs der allgemeinen Staatenkunde« vorübergehend wieder angeknüpft wurden. Vorübergehend; denn die Verbindung hörte bald wieder auf, und wurde enger und bleibend erst gefestigt mit Hallers Rückkehr nach Solothurn[87] in den Anfängen der siegreich gewordenen Juliusreyolution, und als ähnliche Bestrebungen von Einheimischen und Fremdlingen den Frieden, die Ruhe, die Wohlfahrt und die Ehre der Schweiz in immer wilderen Fluthen wegzufegen sich bemühten. Eine geistige Einigung war aber schon durch das erwähnte Handbuch begründet worden, welches in meine Ansichten über den Staat, über die Rechtmässigkeit seiner Einrichtungen, über das Wesen der Revolutionen und über die gräßlichen Täuschungen, unter denen die Anstifter derselben die blinde Menge an sich ziehen, erst volle Klarheit und hiemit festere Ueberzeugung brachte. Bald nach dem Erscheinen dieses Werkes (1808) schrieb ich darüber Folgendes an Hrn. von Haller: »Sie können leicht denken, welche Freude es einem Jüngling verursachen mußte, zu sehen, wie Gedanken und Ansichten, die wohl auch schon in ihm rege wurden, die er aber aus Zweifel, verknüpft mit der Bedenklichkeit, ob sie auch dürften ausgesprochen werden, zurückhielt, nun aus Grundsätzen hergeleitet sieht durch Männer von anerkannter Gelehrsamkeit, Einsicht und Erfahrung. Indem ich Ihren letzten Abschnitt von den Communitätendurchlas, erinnerte ich mich eines heftigen Kampfes, den ich in meinem 14ten oder 15ten Jahr mit zwei Aposteln der Menschenrechte hatte. Das Object des Kampfes war eigentlich nur der Canton Schaffhausen. Jene behaupteten die Rechtmässigkeit der Revolution, die unserm Land endlich seine Menschenrechte, deren es seit drei Jahrhunderten entbehrt, zurückgegeben hätte. Wiewohl ich beständig einwendete, wie dieses Land von den Grafen von Sulz und andern Herren seye gekauft, demnach mit Recht besessen worden, stellten sie immer die Meinung auf: Menschen wären kein Vieh, über das man Rechte kaufen könne. Mein Satz war mir so klar, daß ich ihnen sagte, wie ihre Behauptung geeignet wäre, jedes Volk, wo immer es seye, gegen seinen Obherrn aufzuwiegeln und somit Revolutionen und die gräulichsten Verwirrungen über den ganzen Erdkreis zu verbreiten. Wenn wir die urältesten Spuren der Geschichte, welche[88] die Genesis uns darbietet, durchgehen, so finden wir leicht eine Begründung der Herrschaft über Andere, die von dem Vater auf den Sohn sich forterbte, und wegen des Rechts der Erstgeburt (Gen. 27) sich immer erweiterte; wie dann oft auch jüngere Söhne (wie Abraham), oder solche, denen der Vater, als von anderer Mutter geboren (wie Ismael), nicht jenes Recht zudachte, auszogen und, eigene Landstriche bewohnend, Oberhäupter deren wurden, die ihnen folgten. Weit entfernt, den Grundsatz von Hobbes eines belli omnium contra omnes anzunehmen, wäre doch zu fragen: ob denn wirklich die Menschen von Natur so gut seyen, daß nicht auch Einige durch Kraft ihres Körpers, oder durch List zu dieser Oberherrschaft über Andere gekommen wären, mit einem Wort durch natürliche Ueberlegenheit? Ich habe in dem Contrat social von Rousseau nur Weniges gelesen. Aber Widersprüche und Schwierigkeiten bald in jedem Abschnitte lassen sich nicht verkennen. So wie gewisse exaltirte Kopfe behaupten, man habe mit der Religion die Vernunft ihres Rechtes beraubt, indem man die Kinder taufe und sie somit, ehe sie untersuchen und entscheiden konnten, ob die selbe ihnen gefalle, der Kirche der Eltern zugeselle, da man im Gegentheil zuwarten sollte, bis die Vernunft zu ihrer Reise gekommen wäre und alsdann das Kind wählen lassen, so sollte man, dafern man die Rechte der Menschheit in allen ihren Beziehungen wollte respectiren, kein Kind in dem Staat seines Fürsten ? dem ja die Eltern die Herrschaft delegirt haben sollen! ? zur Welt bringen, sondern irgend an einem besondern Ort; und dann erst, wenn seine Vernunft zur Reise gekommen, es entscheiden lassen, ob es auch unter diesem Fürsten stehen wolle; denn welches Recht kann sich der Vater über das Kind ? das doch mit ihm gleiche Menschenrechte besitzen muß ? anmaßen? Auch die Weiber müßten um ihre Einwilligung befragt werden (da aber diese zu keiner Landsgemeinde kommen, giebt es ja nach Schlözers Staatsrecht keine wahre Demokratie!);[89] denn wer könnte Philanthrop oder Cosmopolit seyn, ohne auch jenen dies Recht zu gestatten?« Zürich und die östlichen Cantone der Schweiz waren von den österreichischen Truppen besetzt; aus Italien folgte eine Siegesnachricht der andern; die französische Heeresmacht in der Schweiz war gering; ein erlesenes österreichisches Heer stand an den Eingängen in die Gebirge, an baldigem Vordringen in diese, an Befreiung des gesammten Landes zweifelte Niemand. Eine Anfrage derjenigen, welche damals zu Schaffhausen die öffentlichen Angelegenheiten besorgten: wie es jetzt mit der Regierungsform gehalten seyn solle, wurde von den kaiserlichen Generalen dahin beantwortet: »sie hätten nur Befehl, die Franzosen zu vertreiben, keinen aber, in die schweizerischen Verfassungen sich zu mischen.« Ebensowenig gab der Erzherzog hierüber eine bestimmte Auskunft, sondern er erneuerte bloß die wohlwollendsten Zusicherungen. Man fand es daher rathsam, erst den weitern Gang der Kriegsereignisse, die Befreyung anderer Cantone und deren Beispiel abzuwarten. Dieß konnte um so leichter geschehen, da in Schaffhausen die ehevorigen Einrichtungen weniger in Trümmern lagen, als in den übrigen Theilen der Schweiz, Fremdlinge hier sich nicht eingenistet hatten, unter der revolutionären Zwangsjacke die Gesinnungen wenig angefressen waren. Bei dem Ansehen von Zürich, als ehemaligem schweizerischem Vorort, bei der Nähe desselben und den hierauf sich gründenden mannigfaltigen gegenseitigen Beziehungen, ebensosehr in den Privatverhältnissen, als zu dem Gränznachbar in den öffentlichen, hat es Jederzeit nur allzuviele Personen gegeben, welche nach dieser Stadt mit nicht immer klug berechneter Vorliebe den Blick richteten, was dort gewollt, geordnet, als zweckgemäß erachtet worden, gerne zum Maßstabe nahmen. Hier aber hatte in dem Augenblick der Wiederbefreyung durch[90] das österreichische Heer Alles eine ganz andere Gestalt als in Schaffhausen. Die angesehensten Männer waren von den Franzosen als Geiseln weggeschleppt worden, die Behörden bestanden entweder aus unbekannten, oder an die Besoldungen der Stellen sich anklammernden, oder aus principlosen und zaghaften Individuen. Ueberhaupt hatte dort die Revolution mehr Gung und größern Anhang gefunden als bei uns. Die Mitglieder der zürcherischen Verwaltungskammer warfen sich zu Constituenten des Cantons auf und meinten, den Stein der Weisen gefunden zu haben, wenn sie weder die revolutionären Einrichtungen mißbilligten, noch den ehevorigen entschieden huldigten. So bestellten sie, ohne Rücksicht auf die vertriebene Regierung und das unterdrückte Recht der Bürgerschaft, eine Interimsregierung, welche weder das Wohlgefallen der Revolutionäre, noch das Vertrauen ihrer Mitbürger erwerben konnte. Kaum diese Anordnung ruchbar geworden war, vernahm ich zu Hause den bittersten Tadel darüber. Jenen, durch eine Revolution Eingesetzten, wurde jede Befugniß bestritten, einer nur durch Ränke und Gewalt um ihre Rechte gekommenen Bürgerschaft eine öffentliche Ordnung nach eigenem Gutbefinden aufzuzwingen. Diese, hieß es, hätte man befragen, vor allen Dingen die rechtmässigen Behörden wieder einsetzen, ihnen aber die erforderlichen Modificationen der ehevorigen Einrichtungen überlassen sollen. Solche Reden des Vaters wurden von dem Knaben begierig aufgefaßt, die Nichtigkeit der Schlüsse leuchtete ihm klarer ein, als die Regeln der griechischen Grammatik. Es herrschte große Neigung vor, diese Zwitterform auch in Schaffhausen nachzuäffen. Auch hier ergriff die Verwaltungskammer die Initiative, doch nicht unter Anmaßung von Eigenmacht, sondern mit dem rechtlichen Gang, ihren Entwurf den Zünften (d.h. der Bürgerschaft) vorzulegen. Sobald der Constitutionsentwurf (wie man heutzutage den aus der Fremde eingeschmuggelten Begriff durch das fremde Wort ausdrücken würde) zur Kenntniß kam, hörte ich denselben ein Unding nennen, welches Oesterreich nicht befriedigen könne, weil zu viele[91] revolutionäre Elemente darin enthalten wären, den Helvetikern, so diese je mit den Franzosen zurückkehren sollten, ebensowenig gefallen würde, weil sie ihr Machwerk nicht genug respectirt fänden, am allerwenigsten aber der Bürgerschaft genügen dürfe, über deren festbegründetes Recht es zu leicht hinwegschreite. Bereit, an dergleichen Fragen wärmern Antheil zu nehmen, als in solchen Lebensjahren gewöhnlich, ward ich durch diese Reden der eifrigste Anhänger der Herstellung der ehevorigen Einrichtungen, sah ich darin einen unerläßlichen Act der Gerechtigkeit, die pflichtschuldige Abwendung des Unrechts, welches die Stadt erlitten. Wahrscheinlich behielt mein Vater seine Ueberzeugung nicht für sich allein, sondern theilte sie Andern mit, daß dieselbe, wie er sie auf seiner Zunft geltend machen wollte, auch auf den übrigen geltend gemacht würde Diese versammelten sich. Auf der seinigen hob mein Vater hervor: wie bei dieser wichtigen Angelegenheit kein anderer Grundsatz zur Leitung dienen könne, als auf die alte Verfassung zurückzukommen, welche auf das Recht sich stütze, auf die Probe der Erfahrung sich berufen könne, Stadt und Land vierhundert Jahre durch glücklich gemacht habe. Demgemäß solle die Stadt als Haupt und ältestes Glied des Cantons ihre Unabhängigkeit, ihre Verfassung, ihre Rechte und Güter wieder erhalten, dieser und alter Verträge wegen die Oberherrlichkeit über das mit ihr vereinigte Land ferner besitzen. In Alles, was diesem nützlich seyn dürfte, könne und werde er mit Freuden einwilligen. Ich mochte nur im Allgemeinen erwarten, daß mein Vater warm für Herstellung des Zerstörten sprechen würde; ich kannte das Vertrauen, dessen er unter seinen Zunftgenossen sich erfreute; die Gesinnungen, welche damals unter meinen Mitbürgern noch lebten, waren mir nicht verborgen; ich durfte den Ausgang, auf der Zunft der Schmieden wenigstens, ahnen; dennoch habe ich der Rückkehr meines Vaters aus der Versammlung niemals mit solcher Ungeduld geharrt, als an jenem Tage. Wie froh war ich nicht, daß dießmal das Verlangen meiner[92] Mutter, den Erfolg der Berathung zu wissen, jeder Frage von meiner Seite vorauseilte! Nicht nur auf dieser Zunft, lautete die befriedigende und erfreuende Antwort, auf allen andern ebenfalls seye der Antrag der Verwaltungskammer verworfen, eine Commission bestellt worden, um in zwei Tagen ihre Ansicht über die Weise vorzulegen, wie jener Vorschlag einer Rückühr zu dem Ehevorigen in Ausführung zu bringen seye. Als dieser Entwurf zur Berathung kam, fand er allgemeine Billigung; und da er anrieth, für diese Herstellung des Zerstörten die Genehmigung des Erzherzogs Carl durch eine eigene Deputation nachzusuchen, wurde aus zwölf Gesellschaften und Zünften durch eilf mein Vater sammt seinem Freund, dem Archivar Christoph Harder, zu Mitgliedern dieser Deputation gefordert, zwei andere möge die noch bestehende Behörde wählen. Die Herstellung der alten Verfassung entsprach meinen innersten Wünschen, die Auszeichnung meines Vaters erfüllte mich mit Freude, fesselte mich um so enger an jene. Ich habe später über diese Abordnung, deren Verrichtung und die Veranlassung dazu aus seinen hinterlassenen Aufzeichnungen einen Bericht bekannt gemacht1. Vornehmer Abschätzung war es nicht gegeben, in den Zweck dieser Veröffentlichung einzudringen. Sie hat in einer Statistik die Seelenzahl von der Stadt Schaffhausen nachgeschlagen und gemeint, was bloß an eine solche sich knüpfe, müsse vor größern Bildern zerrinnen wie der Tropfen am Eimer. Mein Zweck war aber, darzuthun, wie von Restaurationen da nur könne gesprochen werden, wo eine Rückkehr zu den richtigen Principien sich zeige, wo die Gerechtigkeit deren Grundlage bilde wie in nicht weit rückwärts gelegener Zeit die Früchte noch an dem goldenen Baum des Lebens und nicht auf dem Moor der Theorien seyen gesucht worden. Der menschliche Organismus läßt sich an dem Körper eines Zwerges so gut studiren, als an demjenigen eines Riesen.[93] Es ist nicht zu zweifeln, daß die Wirkungen dieser Wiederherstellung im Jahr 1799 auf längere, als auf die kurze Zeit ihrer Dauer sich mögen erstreckt haben. Dieselbe stellte wenigstens die Möglichkeit einer solchen vor Augen, erhielt das Andenken an das Vormalige, den Glauben daß es unter günstigern Zeitverhältnissen wieder aufleben möge, somit noch nicht als gänzlich verloren müße erachtet werden. Wäre man damals nicht wieder auf das Ehevorige zurückgekommen, schneller wäre es in der Erinnerung erloschen; aber gerade dieß rief es nicht allein augenblicklich in diese zurück, sondern hielt es fest darin, bis im Verlauf der Zeit gänzliches Vergessen mit Voranschreiten in Bildung für gleichbedeutend genommen ward. Gewiß würde man später in Einrichtungen, welche blos der Theorie entwachsen waren, auch hier widerspruchsloser sich gefügt haben, wäre nicht jener Vorgang vor Augen gestanden, hätte er nicht mit der Anhänglichkeit an tadellos erworbene Rechte den Werth derselben noch für geraume Zeit schätzen gelehrt. So war durch diese Ereignisse, die nicht theilnahmslos um den Knaben in raschem Wechsel sich drängten, das erhaltende Princip immer mehr oder weniger in sein Bewußtseyn getreten konnte seine Anschauung aus den engen Verhältnissen der heimathlichen, aber durch nicht geringere Selbstherrlichkeit, als das größte Königshaus, beglückten Stadt, leicht für das Größere und Bedeutungsvollere dieselbe Richtung gewinnen. Sie führte ihn immer mehr dahin, daß er gewaltsamer Umgestaltung des lange Bestehenden, mit welcher Kraft dieselbe auch unternommen, von welchen Erfolgen sie auch gekrönt worden, das Wort niemals reden konnte. Der üble Wille verschreit dieses als Abneigung gegen Verbesserungen, gegen das Wegräumten von Uebelständen. Es mag aber derselbe eben so gut, als diejenigen, gegen welche dergleichen Geschrei sich erhebt, wissen, daß dieß nur Vorgeben seye, um diejenigen, welche dem abwärts rollenden Rad den Hemmschuh unterlegen möchten, daß es minder rasch dahinfahre, in Verdacht zu bringen, um gegen ihr Bestreben zu mißstimmen.[94] Die Freude über Beseitigung der Revolution und ihrer Wirkungen, über Herstellung des durch sie Zerstörten, die Hoffnung, bald die gesammte Schweiz befreit zu sehen, sollte nicht lange dauern. Mit Ende Juli's übergab der österreichische Feldherr seine Stellung in der Schweiz dem russischen Heer. Ein besser geordnetes, schöneres, kernfesteres, kampfesfreudigeres Heer konnte man nicht sehen. Aber bei aller Zuversicht, welche dessen Anblick einflössen mochte, waren doch bedenkliche Aeusserungen darüber zu hören, daß der Erzherzog den Oberbefehl in anderer Gegend übernehme; denn er allein, war Vieler Meinung, würde die bisherigen Siege weiter zu verfolgen wissen. Der bald nachher aufschreckende Kanonendonner der Schlachttage von Zürich rechtfertigte die Besorgniß nur allzusehr. Man hörte denselben wieder, wie sechs Monate früher denjenigen von Ostrach; man beobachtete wieder seinen Gang; man suchte zwischenein an der Täuschung festzuhalten, daß er sich entferne, und mußte sich nur allzubald der bittern Wahrheit fügen, daß er sich nähere. Einzelne Flüchtlinge brachten schnell genug Bestätigung. Dem Rückzug der Russen, welcher das jammervolle Bild gänzlicher Auflösung in eilfertiger Flucht darbot, folgte in wenigen Tagen der berner'sche Schultheiß von Steiger. Mein Vater stattete ihm einen Besuch in dem Gasthofe ab und sagte mir hernach, auch ich müßte denselben sehen, damit mir noch in spätern Jahren eine lebendige Erinnerung an diesen hervorragenden Mann bleibe. Zu diesem Endzweck werde er mir eine Zeitung geben, um sie demselben zu überbringen; mit dem Besitzer des Gasthofes seye es schon abgesprochen, daß er mich bei Hrn. v. Steiger anmelde. Für meine Schüchternheit und Unbehülflichkeit in Gegenwart fremder Personen war es keine geringe Aufgabe, zum Erstenmal in meinem Leben vor einem so bedeutenden Manne zu erscheinen. Da kam ein gewisses Selbstgefühl zu Hülfe, daß es mir vergönnt seye, vor Denjenigen treten zu dürfen, zu dessen Preis ich seit Jahresfrist so Vieles gehört hatte, und den ich diesem gemäß Allen, welche zu Befreyung der Schweiz von[95] der Revolution amt erfolgreichsten beitragen könnten, voranstellte. Freudig vernahmt ich den Befehl meines Vaters. Noch jetzt steht lebendig das hehre Bild des schlanken, Ehrfurcht gebietenden Greifen vor mir. Er saß, weil er an den Augen litt, in einem etwas dunkeln Zimmer, in einen grünen Frack gekleidet, mit dem Stern des schwarzen Adlerordens auf der Brust. Als ich hineintrat, erhob er sich, fragte nach meinem Namen, sprach freundlich einige Worte mit mir, und entließ mich mit einem Gruß an meinen Vater. ? Er hat das Verbleichen der letzten Hoffnungsstrahlen für sein geliebtes Bern nicht lange überlebt; ich aber zähle diese Erinnerung zu den schönsten meines Lebens um so mehr, als manche Aeusserung meines Vaters längst schon entschiedene Vorliebe für das alte Bern in mir geweckt hatte. Hier nur, hörte ich immer, seye eine kräftige und würdige Politik zu finden gewesen; in Zürich und Basel hätte der Handelsgeist eine solche niemals aufkommen lassen, weil dazu sich nicht erheben können. Die Ruhe des Winters wurde einzig unterbrochen durch die Nachricht von Bonapartes Rückkehr aus Aegypten. Man ahnete nicht, welch willenskräftiges, nicht bloß belebendes, sondern auch ordnendes, darum fruchtbares Element mit ihm in das sturmes-und gräuelmüde Frankreich zurückgekehrt seye. In der ersten Zeit hörte ich aber nur Tadel aussprechen über den Feldherrn, der bei hereinbrechenden Verlegenheiten und Schwierigkeiten von seinem Heer entweiche, bittere Reden über die englischen Schiffsbefehlshaber, die eine so wichtige, als leichte Beute sorglos hätten durchschlüpfen lassen. ? Sonst fand in unserer Stadt Alles sich behaglich bei der, mit erneuerter Thätigkeit unter den alten Formen wirkenden Obrigkeit und im Verkehr mit der allmählig einheimisch gewordenen österreichischen Besatzung. Ungetheilt waltete festes Vertrauen, das heranmahende Frühjahr werde das Mißgeschick des vorigen Spätjahres[96] unfehlbar wenden und die politischen Gestaltungen dem Ziel der heißesten Wünsche so Vieler schneller entgegenführen. Wenige Kanonenschüsse am frühen Morgen des 1. May's 1800 und die Nachricht von dem Rheinübergang der Franzosen ein paar Stunden oberhalb der Stadt, deren baldiger Einzug in diese zertrümmerten schnell jene Hoffnungen. Da in der ersten Verwirrung die Soldaten in mehrere Häuser (auch in das unsrige) einbrachen und wegschleppten, was sie in der Eile erraffen konnten, fehlte es nicht an Stoff zu bittern Vergleichungen zwischen dem Einzug der Oesterreicher im vorigen Jahr und demjenigen der sogenannten Bundesgenossen, item Welt- und Menschheitsbeglücker. Wiegte man sich hierauf die ersten beiden Tage noch in der Vermuthung, das werde vorübergehend seyn, nächstens wieder der Doppeladler an den schönen Gestaden des Rheines wehen, so mußte man bald der Wahrheit sich fügen. Trauerbotschaften (und als solche galten in unserm Hause die französischen Siege) folgten sich Schlag auf Schlag. Wie dann der Waffenstillstand von Parsdorf und der bald hernach zusammentretende Friedenscongreß von dieser Seite Ruhe brachte, so wurden die Partei- und Systems-Kämpfe und Siege welche von Zeit zu Zeit an dem Sitz der helvetischen Centralgewalt sich folgten, Veranlassung zu mancherlei Aeusserungen über politische Versuche, zu denen die Schweiz sich hergeben müsse, über Liebhaberei zu großen Besoldungen und unbemessener Gewalt; insgesammt Mittel, um die sehn süchtige Erinnerung an dreihundertjährige Wohlfarth bei ungestörter Ruhe und wohlbegründeten Einrichtungen nur um so kräftiger aufzufrischen. Ich aber weiß gar wohl, daß ich jede Umkehr, die unter den Centralgewalten zu Bern statt fand, mit Wohlbehagen vernahm, weil mir dieselben, unter welchem Namen sie auftreten mochten, nur als Usurpatoren, als Zerstörer der Freiheiten und der Rechte, als Zwingherrn galten. Doch nur vorübergehend berührte mich dieses, denn es gieng nicht, wie die Kriegsereignisse, als lebenvolles, wechselreiches Bild an meinen Augen vorüber; es verlief sich nicht, wie die meine Vaterstadt betreffenden[97] Fragen, in dem engen Kreise, zu welchem auch der unreife Knabe nicht ohne alle Beziehung steht, die darum, je nachdem Geschicke und Verhältnisse es bedingen, auch ihn entweder leiser oder mächtiger in dessen Bewegung hineinziehen. An einem Sonntag Abend, gegen Ende des Jahres 1802, saß ein vorderösterreichischer Beamteter, seit langen Jahren mit meinem Vater in freundschaftlicher Verbindung, in unserm häuslichen Kreise. Die Jünglingsjahre dieses Mannes waren in die Zeiten jener flachen Aufklärung gefallen, welche in hastigem Dareinfahren gegen die wehrlose Kirche den Staat um so mächtiger, das Volk um so glücklicher zu machen glaubte, als es gelänge, jene in einen baaren Helotenstand herabzuwürdigen. Er hatte alle die schaalen Witze, alle die oberflächlichen Urtheile, alle die untergrabenden Lehren sich zu eigen gemacht, womit zu der Zeit, da er in Wien zu künftiger Anstellung sich vorbereitete, der tägliche Markt bis zum Ueberfluß überführt war. An jenem Abend nun kam eben mit einer Zeitung der Reichsdeputations-Entschädigungs-Receß an, welcher die deutschen Bisthümer, Stifte, Abteyen und Reichsstädte, gleich einem Korb voll Nüsse und Aepfel unter eine Rotte lüsterner Kinder, unter des heiligen römischen Reichs Fürsten, Grafen und Baroue auswarf. Ich war der Erste, welcher die Zeitung zur Hand nahm und durch Vorlesung von ein paar Sipulationen der Acte auf dieselbe aufmerksam machte. Sie wurde nun durchgegangen, mit einem Commentar in oben bezeichnetem Sinne begleitet, durch ein paar Anecdoten aus benachbarten Klöstern gewürzt; z.B. wie bei der Kaiserwahl Fürst Kaunitz dem Prälaten von Salmansweiler an dessen Gallawagen durch einen Miethkutscher ein Rad habe zusammenfahren lassen, damit er den »hochmüthigen Pfaffen« ärgere; dann wie bei dem Tode des allerdings heftigen, herrischen und stolzen Abts Anselm seine Conventualen die Grabschrift in Vorschlag gebracht hätten:[98] Hæc urna Anselmi Tegit ossa secundi; In coelo sedeat, Dummodo non redeat. Mehreres dieser Art wurde vorgebracht, zwischenein wieder eine hämische Bemerkung angeknüpft, und mit Jubel der Schlag begrüßt, der jetzt dem Reich der Finsterniß versetzt seye worden. Im Grunde war mir von diesen Bisthümern, Abteyen, und Reichsstädten blutwenig bekannt. Die Bedeutung der Erstern kannte ich durchaus nicht, von den letztern wußte ich bloß, daß sie Republiken seyen, ohngefähr wie unsere Stadt. Im Stillen aber wollte es mir dennoch sonderbar vorkommen, daß Einer, welcher Verlust erlitten, deßwegen berechtigt seyn solle, einem Andern den Garaus zu machen, um durch dessen Besitz sich zu entschädigen. Ich verwechsle keineswegs die Zeiten, und trage nicht im mindesten Gesinnungen späterer Jahre auf frühere über, wenn ich bemerke, daß die Witze unseres Mannes meine Bedenklichkeiten über die Sache nicht zu beseitigen vermochten. War ich auch nicht im Stande, mir über diese Verfügung gehörige Rechenschaft zu geben, sie in ihr wahres Licht zu setzen, so wollte es mir doch scheinen, als wäre hiemit ein bedeutendes Stück der französischen Revolution in Deutschland hinein verpflanzt worden: Ich fragte mich, welches Recht der Fürst von Nassau-Oranien an die Abtei Weingarten, oder der Markgraf von Baden an das Kloster Salmansweiler haben könne? Da es mir durchaus nicht gelingen wollte, ein solches herauszufinden, erblickte ich in allen diesen Bestimmungen schreiendes Unrecht. Die Unterjochung der Reichsstädte aber, über welche, verwandter Verhältnisse wegen, meine Begriffe klarer waren, erschien mir vollends als Gräuel. Ich konnte aus der ganzen Acte nichts herausbringen, als eine Kette von Ungerechtigkeiten, welche die Franzosen allen, seit ihrem Königsmord begangenen, neuerdings beifügten. Diese, in meinem fünfzehnten Jahr ohne jeglichen fremden Einfluß, ja selbst mit diesem[99] im Widerspruch aufgetauchte Gesinnung ist mir geblieben; sie ward nachher durch unmittelbare Einwirkungen in weit späterer Zeit durch freundliche Beziehungen, hierauf durch persönliche Verwendungen gefestigt. Vielleicht haben die Erfahrungen von anderthalb Menschenaltern mehr als Einen zur Ueberzeugung gebracht, daß es ein mißliches Unternehmen seyn dürfte, den, auch nur materiellen, Gewinn nachzuweisen, welchen dieses ungerechte Gut den verschiedenen Völkern deutschen Stammtes gebracht habe. Hierüber sind mir in späterer Zeit aus demjenigen Lande, in welchem man am eilfertigsten und am leichtfertigsten damit verfuhr, eine Menge der merkwürdigsten Belege bekannt geworden. Gibt es eine Prädisposition der Geister, oder, wenn man lieber will, der Gemüther, für Gewohnheiten und Uebungen, an denen die katholische Kirche darum, weil sie aus dem innersten und tiefsten Wesen des Christenthums hervorgehen, in aller Zeit festgehalten hat; giebt es keine? Ist Anwendung oder Verwerfung derselben bloß Folge der Gewohnheit, der Nachahmung, der erhaltenen Belehrung? Oder wäre es möglich, darauf hingeleitet zu werden, ohne dieses Alles, durch innere Anmuthung, über die man sich nicht einmal Rechenschaft zu geben wüßte, einzig mittelst einer solchen Prädisposition? Die Frage ist schwer zu entscheiden; doch wäre ich für Bejahung des Letztern geneigt. Die Rückerinnerung an meine Knabenjahre veranlaßt mich dazu. In meinem elterlichen Hause hörte ich von den kirchlichen Gegensätzen so viel als nichts; die Menschen jener Zeit nahmen sich dieselben theils weniger zu Herzen, theils giengen ganz andere Dinge, mit denen sie sich oft wider Willen beschäftigen mußten, um und an und nicht selten mit ihnen vor. Man gieng in die Kirche, beurtheilte den Geistlichen weniger nach der Lehre, die er vorgetragen, als nach dem momentanen Eindruck,[100] den der Vortrag gemacht hatte, gewöhnte die Kinder frühzeitig zum Gebet, ließ sie den Katechismus auswendig lernen und hielt darob, daß die Schulvorschriften über den Besuch der Kirche gehörig vollzogen würden. Hiemit war Alles gethan. Daß es ausser der reformirten Kirche noch eine katholische gebe, das wußte ich blos vom Hörensagen. Anrühmend hätte ihrer nie wollen gedacht werden, mißbilligend geschah es höchst selten, nur dann etwa, wenn mein Vater auf die Zeit zu sprechen kam, die er als Landvogt zu Lugano zugebracht hatte. Aber auch dieses erfolgte höchst sparsam. Etwelcher Tadel ergieng bisweilen nur über die zu große Zahl der Geistlichen, die nicht alle immer den erbaulichsten Wandel mochten geführt haben. Doch wurde nie vergessen, anzurühmen, daß das Verhältniß zu den obersten unter ihnen, zumal dem Bischof von Como, ein freundliches gewesen seye. Mit besonderem Behagen, als Zeichen parteiloser Rücksichtsnahme auf Schicklichkeit und würdige Festfeyer, wurde erwähnt, wie Buden, die während der Fronleichnams-Procession in der Nähe der Hauptkirche eröffnet gewesen, auf landvögtlichen Befehl alsbald seyen geschlossen worden, und unmittelbar darauf der Erzpriester seinen verbindlichsten Dank für solche zarte Aufmerksamkeit abgestattet habe. Nur der Capuziner, der auf dem verborgenen Deckel seiner Tabakdose in engem Vertrauen ein Bild des Königs von Preußen zeigte, und dieß heimlich, aus Furcht vor seinen Mitbrüdern, dessen Person darum auch gegen diese besonders hervorgehoben wurde, wollte mir niemals einleuchten. ? Daß weder in dem elterlichen Hause noch ebensowenig in irgend einem andern, in welches ich als Knabe kommen mochte, etwas vorhanden gewesen seye, was durch Bild und Zeichen an Eigenthümlichkeiten der katholischen Kirche hätte erinnern können, wird Jeder, der die Gewohnheiten jener Zeit sich lebendig zu vergegenwärtigen vermag, begreiflich finden. Nun war ich, weil schwächlich, und anderer, bereits angedeuteter Gründe wegen, von Natur sehr furchtsam. Ich sah mich Nachts nie gerne allein, besonders nicht im Finstern, und[101] ein Gewitter setzte mich in Angst und Zittern. Mein Vater glaubte, wie ich das Alter von zwölf oder dreizehn Jahren erreicht hatte, diese Zaghaftigkeit dadurch zu überwinden, daß er mich absichtlich in diejenige Lage versetzte, durch welche dieselbe gewöhnlich hervorgerufen ward. Manchmal daher befahl er mir am Ende des Nachtessens, noch in den Keller hinabzue steigen, und etwa ein Trinkglas voll Wein herauszuholen. Der Zweck lag nicht in dem Wein, nicht in seinem Verlangem nach demselben, sondern in der Nothwendigkeit für mich, in den Keller gehen zu müssen. Einige Male erfolgte der Befehl selbst bei einem heranziehenden oder bereits ausgebrochenen Gewitter. Schon in das Haus hinunterzugehen war mir sehr peinlich, vollends aber zwei lange Treppen weiter hinab, in den schauerlichen Keller. Ich mochte weinen, ich mochte zögern, so lang ich wollte, meistens half es nichts, der Befehl mußte vollzogen seyn. Mein Vater sah hierin das sichere Mittel, Furchtlosigkeit mir einzupflanzen. Zittternd und bebend öffnete ich Jedesmal die Kellerthüre, und eilte nachher mit meinem hastig genommenen Wein so schnell als möglich die Treppe hinaus. Wie mag nun im Verfolg dieser mißlichen Aufträge in mir der Gedanke erwacht seyn, durch das Kreuzeszeichen mich zu ermuthigen und zu schützen? Ich weiß es nicht. Das aber ist seit jener Zeit mir unverbrüchlich im Gedächtniß geblieben, daß dieser Gedanke einst mir sich darbot, und daß ich mit dessen Ausführung beherzter in den Keller hinabstieg. Das Gleiche wurde etwa angewendet, wenn ein Gewitter in dem Bette mich überraschte, wo ich ohne Licht nie den Muth gehabt hätte, den Kopf unter der Bettdecke hervorzuziehen. Ich erinnere mich auch nicht, daß in meiner Gegenwart jemand Anders das Kreuzeszeichen gemacht hätte, als ein einziges Mal ein Bauer aus einem benachbarten schwäbischen Dorfe, dem meine Mutter eine Suppe vorsetzen ließ. Zuletzt wäre es noch möglich, daß ich es etwa an einem österreichischen Soldaten bemerkt hätte. Doch weder in dem einen noch in dem andern Fall folgte hierauf nur die geringste tadelnde oder gar billigende[102] Aeusserung, und wurde ich, ob jenes auch von mir nicht unbemerkt mag geblieben seyn, doch durch eigene Anmuthung auf die geheimnißvolle Sache geleitet. In der Folge fand ich dieses Mittel nicht mehr nothwendig, es wurde eben so leicht aufgegeben als angewendet; aber die Erinnerung daran ist mir geblieben. Immer in dürfte es eine merkwürdige Erscheinung genannt werden, daß ein zwölfjähriger Knabe ohne alle Anleitung, ohne jedes Vorbild, so zu sagen aus einem verborgenen Trieb, in seiner Angst auf dieses Hülfsmittel verfiel. Vor dem Jahr 1803 hatte ich niemals eine katholische Kirche betreten, niemals katholischen Gottesdienst gesehen. In erwähntem Jahr wußte ich von meinem Vater die Erlaubniß auszuwirken, am Fronleichnamsfeste mit einem Freunde in die benachbarte Benedictiner-Abtei Rheinau gehen zu dürfen. Meine Erwartung war sehr gespannt. Unter Gesprächen, die auf diesen Gegenstand Bezug hatten, wurde der Weg dahin zurückgelegt. Ich traf zu rechter Zeit ein, um noch einen Theil der Predigt anzuhören. Genau erinnere ich mich noch des Schlusses, an welchem der Prediger sagte: »Der Himmel scheine durch den Glanz der Sonne diesen Tag zu verherrlichen, und der Gesang der Versammelten, der Klang der Glocken, der Donner des Geschützes werde zusammenstimmen zur Ehre des Gekreuzigten. Nur sollten sich die zur Kirche Gehörenden durch die Menge der Gasser, die sich eingestellt hätten, aus unreinen Absichten das Fest zu sehen, in ihrer Andacht und Feyer nicht stören lassen.« Ungeachtet ich selbst, so gut als viele Andere, zu diesen »Gaffern« gehörte, erinnere ich mich doch ganz genau, daß ich diesen Worten Beifall zollte, und manche platte Aeusserung während des Umzuges nicht ohne Unwille vernahm. Dieß ist abermals nicht eine Bemerkung, die etwa erst später nachgeholt worden wäre, denn sie findet sich mit folgenden Worten erwähnt, in einem Fragment von Lebensnotizen, die im Jahr 1803 niedergeschrieben wurden.[103] »Endlich, heißt es dort, wurde der Vorhang, der den Chor von der Kirche trennt, zurückgeschoben. Das Hochamt begann. Der aufsteigende Weihrauchduft, die Musik, die mit dem ernsten Gesang abwechselte, die feyerliche Stille bei der Wandlung, die Andacht, mit der Alles auf die Knie fiel, machte den tiefsten Eindruck auf mich. Nach dem Hochamt begann die Procession, die erste wieder seit den Revolutionsjahren, daher Alles aufgeboten wurde, sie recht feyerlich zu machen. Der greise Abt Bernhard, schwer geprüft durch harte Schläge des Schicksals, trug das Hochwürdigste. Seine wankenden Schritte, die Lippen, die in inbrünstigem Gebet sich bewegten, die hohe Frömmigkeit, die in seinen Zügen sich spiegelte, der Ausdruck der demüthigsten Ehrfurcht vor dem Gekreuzigten, rührten mich beinahe zu Thränen.« ? Ich kann diesem, da das Bild des Abts heute noch so frisch und lebendig vor mir steht, als vor vier Jahrzehnten, beifügen, daß bei dem Anblick des Oberhauptes der Kirche an dem gleichen festlichen Tage des gegenwärtigen Jahres, unter unverkennbaren Merkmalen derselben, den erhabenen Greifen durchdringenden Seelenstimmung, jenes Bild wieder lebendig in mir aufgefrischt war. Blieb mir auch damals die eigentliche Bedeutung des Tages ein ungelöstes Räthsel, so bedurfte es doch einer Reihe anderer Ereignisse, welche das jugendliche Gemüth in Anspruch nahmen, um den davongetragenen Eindruck wieder zu verwischen. Gleichgültig dagegen ließ mich der trockene Confirmanden-Unterricht, welcher nach dem Lehrbuch eines gewissen Bertrand (ich habe es seit jener Zeit nie wieder zu Gesicht bekommen, um über dessen Werth ein Urtheil fällen zu können) höchst schläfrig ertheilt wurde. Dieser Unterricht war auf Ostern 1802 vollendet worden, weil die Mehrzahl meiner Mitschüler nach dem Fest die Vaterstadt verlassen wollte, um ihren künstigen Bestimmungen entgegen zu gehen. Da ich hiezu noch zu[104] jung war, stellte ich meinem Vater vor, ich wäre es auch zur Confirmation und zum Empfang des Abendmals, man könnte Beides in das Jahr meiner einstigen Abreise verschieben. Um die Wahrheit zu reden, darf ich wohl bekennen, daß im Grund mir an Beidem damals nicht viel gelegen war; ich fürchtete, an den hohen Festtagen langer in der Kirche bleiben zu müßen, wo das ewige Zuhören mich ohnedem langweilte. Obwohl mein Vater einige Vorwürfe: ich schiene ihm zu gleichgültig und suchte mich der Predigt zu entziehen, wenn ich nur immer einen Vorwand dazu fände, nicht zurückhielt, fand er doch meine Gründe einleuchtend, und gab ihnen seine Zustimmung. Hinsichtlich der Predigt aber hatte er nicht ganz Unrecht. Selten wohnte ich ihr anders als mit dem Körper bei, indeß meine Phantasie überall in Zeit und Raum herumschweifte. Nahm ich mir auch vor, genau aufzumerken, so war doch der Vorsatz bald gebrochen, indem ein Gedanke der Predigt mich an einen andern ausser derselben erinnerte, hiemit der Vorsatz dahin war. Meistens entwarf ich in der Kirche die schönsten Pläne, träumte die süßesten Träume, unvermerkt schwand häufig die Zeit hin; aber kaum wußte ich oft das Thema der Predigt, und mehr als eine hätte ich nach vier Wochen neuerdings anhören können, ohne mich zu erinnern, daß sie erst kürzlich vorgekommen seye. Ueber dem Gymnasium besteht zu Schaffhausen unter der Benennung Collegium humanitatis eine Art Lyceum. Es wurde in der Mitte des 17ten Jahrhunderts durch Beiträge wohlgesinnter Privatpersonen in der Absicht gestiftet, junge Theologen wissenschaftlich auszubilden. Da aber bald die Verfügung eintrat, daß Jeder derselben doch noch für zwei Jahre eine Universität besuchen müsse, und ohne dieß nicht zum Eramen zugelassen werde, so begründete sich das sonderbare Verhältniß, daß junge Leute anderer Cantone ihre theologischen Studien zu Schaffhausen vollenden und dann sofort in das[105] Predigtamt eintreten konnten, den Einheimischen dagegen unter keinen Umständen, wiewohl sie vorschriftsgemäß drei Jahre in der Anstalt zugebracht hatten, Solches gestattet war. Obgleich in seinem letzten Zweck für Theologen bestimmt, gieng überhaupt jeder Schüler, welcher eine wissenschaftliche Laufbahn betreten wollte, in dieses Collegium über, mit dem einzigen Unterschied, daß diese an den vorschriftsgemässen dreijährigen Curs von jenen nicht gebunden und zum Besuch des Unterrichts in der hebräischen Sprache und in der Theologie nicht verpflichtet waren. Ich gehörte zu den Letztern, da über meine künftige Bestimmung noch nichts entschieden war, bei meiner Jugend kaum etwas entschieden werden konnte. Denn nach kaum zurückgelegtem dreizehntem Jahr trat ich in diese Anstalt über; beispiellos früh, aber auch beispiellos unreif. Ich wurde damit aus einem Schüler ein Student, aus einem minderjährigen Knaben ein Herr (wenigstens in den Formen des Umganges), war wechselsweise ein angehender Gelehrter, dann wieder ein Kind, las Livius und Virgil und spielte zwischenein mit bleyernen Soldaten, übersetzte heute grössere französische Bücher schriftlich und überließ mich morgen den abgeschmacktesten Kindereyen, ich brachte es in der Algebra zu leichter Lösung der Gleichungen vom zweiten Grad und verwandte nebenbei Stunden zu unwürdigem Tand. Es wurde Unterricht ertheilt in Physik, Mathematik, Philosophie, Geschichte, Theologie, Latein, Griechisch, Hebräisch. Aber wie! Der Professor der Physik war unter allen Lehrern ohne Frage der tüchtigste, junge Leute für sein Fach zu gewinnen der geeigneteste, allein hektisch, so daß er nach wenigen Monaten den Unterricht einstellen mußte, und bald darauf starb, Mich konnten nur die Experimente fesseln, Theorie und Erklräung waren mir zu langweilig, überstiegen auch meine Fassungsgabe. ? Der Professor der Mathematik hatte aus Holland alles Phlegma und alle Förmlichkeiten der Bewohner dieses Landes mit sich gebracht, und diesen gemäß eine eigene Methode erfunden. Er zählte nämlich die Unterrichtsstunden des Jahres,[106] dividirte sie in die Seitenzahl von Wolfs Anfangsgründen der mathematischen Wissenschaften, und machte in jeder Stunde den Quotienten der betreffenden Seiten durch. Da Fragen der Schüler die zugemessene Zeit verzehrt hätten, so waren diese verpönt. Fasse, wer kann! war dabei sein Wahlspruch. Zwar schrieb ich aus der kleinlichten Eitelkeit, in dem Examen mit einem recht vollständigen Heft prangen zu können, von einem Freund, der sich zu Hause gerne mit dieser Wissenschaft beschäftigte, Alles, was der Professor zu Wolf noch dictirte, genau ab, und befließ mich auch, die Figuren bestmöglichst zu zeichnen. Dennoch schätzte ich eine Wissenschaft, die meiner Lebhaftigkeit zu trocken war, und von deren höherer Bedeutung ich beinahe keine Ahnung haben konnte, nur sehr gering. Ueberhaupt war ich rasch ? je nachdem etwas mich anzog oder mir mißfiel ? entweder ein hartnäckiger Vertheidiger oder ein entschiedener Gegner. Erst bei hellerer Einsicht bedauerte ich, daß der Anfang in dieser Wissenschaft für mich so ungünstig ausfiel, sie daher für mich ganz verloren gieng. Den Professor der Philosophie könnte man den Gegensatz von demjenigen der Mathematik nennen; war dieser pedantisch pünctlich, so ließ dieser nur allzugerne sich gehen. Aber acht Stunden Logik und Metaphysik nach Feder setzten auch einen guten Magen sowohl bei dem Lehrer als bei den Schülern voraus. Wer von Beiden mit größerem Widerstreben zum Tisch sich mag gesetzt haben, zumal wenn die Lection auf einen Sommernachmittag fiel, wäre schwer zu entscheiden gewesen. Manche Stunde war daher dem Plaudern, bald über gleichgültige Dinge, bald über Bücher gewidmet. Ein 14jähriger Knabe und Metaphysik, Ontologie und wie die Unterabtheilungen alle heißen! Je mehr aber mein Vater mir die Nothwendigkeit und Vortrefflichkeit des Studiums der Philosophie ? worunter er jedoch blos Moral und besonders Anständigkeikslehre verstand ? anpries, desto größer wurde meine Abneigung dagegen; so wie mir kein Buch verhaßter war, als Chesterfields Briefe an seinen Sohn, weil ich immer hören mußte, wie man[107] daraus Anleitung für die Formen des Umgangs mit Andern schöpfen könne, und bei Allem, was in meinem Benehmen ihm nicht gefiel, auf diese langweiligen Briefe verwiesen wurde, jedesmal unter großem Bedauern, daß ich sie, weil er sie nur in englischer Sprache besitze, nicht lesen könne. Man sieht hieraus, daß, wenn ich auch in allen Fragen über die Gegenwart mit meinem Vater durchaus übereinstimmte, ich in vielem Andern nicht so willfährig mich erzeigte. ? Es war Rückwirkung der Erinnerung an diesen peinlichen, weil unfruchtbaren, Unterricht, daß ich bei späterer Reorganisirung der Anstalt aus Kräften beitrug, die acht Stunden Philosophie auf zwei, und die speculativen Theoreme auf die praktischern, ? und wenn sie gehörig vorgetragen werden ? anziehendern Zweige der Anthropologie und Psychologie zu beschränken. Sprachübung wurde viel getrieben, aber ohne Frucht für wahre Kenntniß der alten Sprachen. Alles beschränkte sich abermals auf das cursorische Uebersetzen, wobei weder Grammatik, noch Syntar, noch der innere Bau und die Eigenthümlichkeit der Sprachen in Betracht kamen. Der Unterricht war eine würdige Fortsetzung desjenigen vom Gymasium. Man mag sich von demselben einen Begriff machen, wenn man weiß, daß oft in einer einzigen Stunde achtzig und mehr Verse aus Virgil, oder eine nicht minder beträchtliche Zahl aus Homer übersetzt wurden. Mir sagte das sehr zu, denn ich konnte mit der Erzählung voraneilen, ohne der Formen wegen mich quälen zu müssen. Die Kürze und der Wohlklang der Sprache fesselten mich, und das Lesen lateinischer Schriftsteller, obwohl ich es mit gründlichem sprachlichem Verständniß so genau niemals genommen habe, blieb immer eine Lieblingsbeschäftigung freyer Stunden. Den entschiedensten Einfluß auf meine gesammte Lebensrichtung übte der Professor der Geschichte, aber keineswegs positiv, sondern durchaus negatio. Seine Universitätsjahre waren in die Zeiten der theologischen und historischen Flachmalerei gefallen. Diese hatte an ihm einen weidlichen Lehrling gefunden,[108] welcher in beiderlei Sorte gar eifrig pinselte, herkommlicher Maßen zu Darstellung des Mittelalters kaum genug Ruß austreiben konnte. Der Unterricht umfaßte zur Zeit meines Eintritts in das Collegium die Periode von Carl dem Großen bis zum sechszehnten Jahrhundert. Die Tendenz war unverdeckt keine andere, als hervorzuheben, wie viel vorzüglicher unsere Zeit vor jener, ja wie diese in allen Beziehungen eine höchst traurige zu nennen seye. Die Wörter Finsterniß, Barbarey, Mangel an Aufklärung, Dämmerung, anbrechende Morgenröthe der Wissenschaften, folgten sich Schlag auf Schlag. Die Geschichte der Kreuzzüge galt als Beweis menschlicher Thorheiten. Allerlei Anekdoten gegen den Papst, die Geistlichkeit, die ganze Zeit wurden emsiglich zusammengesucht. Die Päpste überhaupt galten als Gewissenstyrannen, als eigensüchtige Speculanten, einzig auf Erweiterung ihrer niederdrückenden Gewalt bedacht; Gregor VII war ein finsterer Starrkopf, den weisen Absichten Heinrichs IV gegenüber. Ich habe später ein chronologisches Handbüchlein, welches einst in des Professors Besitz gewesen, unter Augen bekommen. Die einzelnen Staaten sind darin in Tabellenform nach deren Anfang, Dauer und Ende aufgeführt. Ihnen voran stand das Papstthum. Da hatte der gute Mann gemeint, mit Pius VI Tod zu Valence dürfe er nachtragen, was dem Herausgeber unmöglich gewesen, und bezeichnete daher das Jahr 1799 als das letzte des Stuhles Petri. Er konnte in der Folge als kleiner Prophet mit dem ungleich größern Propheten Fichte sich trösten, der nicht lange nachher auf der Schwindelhöhe seiner transcendentalen Klettermaschine stolzirend ausrief: »in fünf Jahren giebt es keine christliche Religion mehr; die Vernunft ist unsere Religion!« ? Am schlimmsten kamen bei dem Professor die Klosterbewohner weg. Sie waren entweder extravagante oder beschränkte Köpfe, faullenzende oder pfiffige Mönche, Müssiggänger, die durch einen geistabstumpfenden Religions-Mechanismus mit Erfolg auf anderer Menschen Gut zu speculiren wußten. Da ward mir die Liebe zu Cicero, Livius, Sallust, Virgil[109] zum Gegengewicht. Auch der Professor sprach viel von dem classischen Latein, von den großen Vorbildern der Alten; doch jenes mehr, um das Latein der mittlern Jahrhunderte in den Schatten zu stellen, dieses, um darzuthun, wie die Alten erst in den Zeiten des Lichts nach Verdienen wären gewürdigt worden. Ob man im Mittelalter sie ihrer Formt oder ihres Stoffes wegen geschätzt, ob man sie auch damals gewürdigt, wie man sie angesehen habe, von dem Allem wußte ich nichts; so viel aber war mir klar, daß einzig diesen einfältigen, beschränkten, so tief herabgesetzten Klosterbewohnern die Erhaltung aller Ueberreste jener Schriftsteller zu verdanken seye. Der Professor schien mir mit seinem Preis der Classiker und seinem Urtheil über die Retter derselben in Widerspruch zu gerathen; ich dagegen fand mich hingezogen zu denen, welche meine Lieblinge aufbewahrt hatten. Mittelst der einfachen Schlußfolgerung, daß ohne deren Sorge wahrscheinlich mit vielem Andern auch diese würden verloren gewesen seyn, ward ich entschieden auf die Bahn des Widerspruches geworfen. Auf dieser mochte sich freilich meiner Neigung zu jenen Conservatoren der alten Meisterwerke ebenso viel Einseitigkeit aufdrücken, als der Verunglimpfung derselben durch den Professor; nur in der Entschiedenheit konnten Beide sich die Wage halten. Da ich dann ferner glaubte, in Kaiser Heinrich IV den Gegner, in Gregor VII den Beschirmer dieser Institution, gegen die ich zu so hohem Dank mich verpflichtet fühlte, erblicken zu sollen, anbei die Unerschrockenheit und Beharrlichkeit, womit der Papst meiner Meinung nach das erhaltende Princip vertrat, mich besonders ansprach, so wurde auch Gregor VII mein Mann, ich bereit, für ihn einzustehen gegen Jeden; jedoch ohne mehr von ihm zu wissen, als das Wenige, was der Professor über ihn zu sagen für gut gefunden hatte. Ueber eine dunkle Ahnung seiner Größe hinaus konnte ich es nicht bringen. Nun zogen in meiner Phantasie der heilige Bernhard und Peter der Eremit, dann wieder die Ritter und die Minnesänger, zu anderer Zeit der heilige Bonifacius und die Klosterbewohner[110] vorüber, Alle in andern Gestalten, als wie sie mir geschildert wurden, und doch wieder blos in nebelhaften Gebilden, wie etwa bei der Dämmerung Berge, Bäume und Schatten wohl unterschieden werden, nicht aber in bestimmten Umrissen sich darstellen. Bald träumte ich mich als Ritter, hinziehend zum heiligen Kampfe; bald sehnte ich mich nach der einsamen Zelle des Klosterbruders, um ohne die Noth einer Brodwissenschaft Gott zu leben, dem Abschreiben meiner Alten obzuliegen, obwohl ich heller weder in jene noch in diese Lebensweise hineinzublicken vermochte. Dadurch stempelte mich allerdings ein anderes Spiel der Phantasie zum Widerpart des Professors, welchem Nüchternheit als höchstens Prädicat galt, welches einer Zeit, einem Bestreben, einem Mann sich beilegen ließ. Dieses »nüchtern« und immer wieder »nüchtern« klang mir so mißtönig in die Ohren, und die Menschen, die dadurch geehrt werden sollten, kamen mir so dürr, mager und spindlicht vor, daß sie schon deßwegen keine Anziehekraft auf mich üben konnten. Auch von Aufklärung hatte ich den Professor oft und viel reden gehört. Allein bei dem Wenigen, was ich weiter über dieselbe vernahm, zeigte sie sich mir als eine Sache, die bei weitem nicht so wünschenswerth und so preiswürdig seyn dürfte, wie sie mir vorgestellt werden wollte. Ich erinnere mich noch gar wohl, welches Bedauern in dem Collegium geäussert wurde, daß die Schrift des Celsus gegen das Christenthum verloren gegangen seye, so daß man sie nur noch aus den in der Widerlegung des Qrigenes citirten Stellen kenne, welcher wahrscheinlich blos dasjenige aus ihr heraus gehoben habe, was für ihn getaugt hätte; indeß bei dem Besitz der vollständigen Schrift es sich vielleicht ergeben würde, daß Celsus »gesundere Ansichten über das Christenthum« aufgestellt habe, als der düstere Bekämpfer desselben für zulässig gefunden. Ich weiß es noch recht gut, daß dieses Bedauern keinen Anklang bei mir fand, ich mich vielmehr verwunderte, wie ein Geistlicher wünschen könne, daß eine in feindseligem Ton gegen das Christenthum gerichtete Schrift noch vorhanden seyn möchte. Sympathien für die[111] verkannten Irrlehrer brachen bei Gelegenheit genugsam hervor, so wie die Kirchenschriftsteller nicht immer in dem schönsten Lichte erschienen. Da ich noch nicht vorhatte, Theologie zu studiren, berührte mich dieses minder. Doch stiegen jene als große Gelehrte, als ausgezeichnete Schriftsteller, vornehmlich als solche, die zum Theil in lateinischer Sprache geschrieben hatten, in meiner Achtung; denn des Mißtrauens war genug in mir erregt worden, um ganz Anders, als das Vorgebrachte, in Bezug ihrer zu ahnen. Noch einen andern Impuls verdanke ich diesem Professor, einen Impuls, in welchem vielleicht der erste Keim meiner jetzigen Entwicklung zu suchen ist, der Jedenfalls nicht wenig dazu beigetragen hat, mich dahin zu bringen, wo ich gegenwärtig stehe. ? Der Professor führte nämlich nebenbei einen Trödelhandel mit alten Büchern, der ihm selbst eine schöne Bibliothek verschafft hatte. Aus Clement, Vogt, Maittaire und andern Sammlungen, die von seltenen Büchern handeln, besaß er hierin ziemliche Kenntniß, was er, so wie in seinen eigenen Büchern, so auch in denjenigen, die er verkaufte, anzumerken nie unterließ. Daher kam nicht leicht ein älteres Buch aus seinen Händen, welches nicht eine editio rara, perrara, rarissima, sparsim obvia, incastrata u.s.w. gewesen wäre. Da ich frühzeitig Bücher las und auf Bücher einen großen Werth setzte, so fand ich mich schon von erster Jugend an auf allen Bücherversteigerungen ein. Der Professor steckte mich leicht mit seiner Raritätsmanie an; all mein kärgliches Taschengeld wanderte zu großem Verdruß meines Vaters fortweg in seine Hände, zum Theil für Schund, dem aber die Aufschrift liber rarus und perrarus selten fehlte, so wenig als gegen mich die Versicherung: es wäre zu wünschen, daß alle jungen Leute solche warme Liebe für Wissenschaften und ? Bücher bethätigten, wie ich. Letztere wenigstens wurde unterhalten durch den unerwarteten Fund vieler werthvollen Werke auf dem Heuboden eines alten Großoheims, und durch die glückliche Wendung, mit der ich denselben[112] in guter Stunde ihm abzulocken verstund. Die Liebhaberei zum Büchersammeln begleitete mich auf die Universität, und ward mittelbar die erste Veranlassung zur Geschichte Innocenzeus des Dritten. In die Mitte meiner Studentenjahre zu Schaffhausen fällt die Schilderhebung der schweizerischen Bevölkerungen aller Cantone gegen die kostspielige, deßwegen, und weil sie allen geschichtlichen Erinnerungen und den an- und eingewöhnten vielhundertjährigen Einrichtungen stracks zuwiederlief, verhaßte helvetische Regierung. Es ist in neuerer Zeit bedauert worden, daß dieselbe die Waffenmacht vernachlässigt hätte, als wodurch sie allein den feindlichen Parteien Schweigen hätte gebieten können. Hieraus mag ersehen werden, was in der Schweiz zu gewarten stünde, wenn das Bestreben Einzelner, eine Centralmacht zu begründen, je sich verwirklichen liesse. Jetzt würde man eine solche Vernachlässigung sich nicht mehr zu Schulden kommen lassen. In unsern Tagen verstünden sie das Gewerbe, unter dem blendenden Namen der Freiheit Allen das härteste Joch aufzulegen, und unter dem klingenden Wort »allgemeine Rechte« zu Allem sich berechtigt zu halten, besser als damals. Hätten sie erst die Stühle in den Ring gestellt und sich verständigt, wer auf dieselben sich niederlassen dürfe, dann würden sie mit Geharnischten den Ring umzingeln und einen Gurt von Schwertern und Spiessen nach aussen kehren und ferne halten das ungeweihte Volk, welches in Entrüstung über die Orakelworte, die aus dem Ringe ertönten, sich nähern und klagen wollte, es seyen dieß nicht Worte, wie sie einst zu den Vatern gesprochen worden, und nicht ein Verfahren wie es jenen Lauten: Freiheit und Recht, entspräche. Dann würden sie Bedürfnisse schaffen, die man niemals gekannt, würden das Land in eine Weide von Müssiggängern unter den Freunden und Brüdern verwandeln und in diesen wieder bereitwillige Schergen zu Verfechtung ihrer Uebermacht heranziehen. Dann würden[113] wohl die gerechtesten Beschwerden, die in kurzem diejenigen jener Vergangenheit überbieten dürften, von dienstfertigen Scheeibern als Ränke und Leidenschaften »feindlicher Parteyen« taxirt und durch Schwert, Brandschatzung und Henker sorgfältig verhütet werden, daß die Leidensstimme zur Leidensstimme gelangen, der Klagelaut an dem Klagelaut erstarken, die Meinung, als wäre die Regierung für das Volk, und nicht dieses für die Form, wohl gar für die Individuen der Regierung vorhanden, je wieder zu einer Lebensäusserung aufflammen könnte. Was im Jenner 1841 zu Solothurn im Kleinen geschah, würde alsdann unvermeidliches Loos der Gesammtschweiz werden. Das Mißvergnügen und die Befreiungsversuche, welche im Sommer 1802 erst in den kleinen Cantonen ihren Anfang nahmen, wurden nur vorübergehend besprochen, immerhin beifällig, als darin Regungen des alten Geistes, Abneigung gegen die Einheitsregierung wahrgenommen wurden. Die rasch sich folgenden, nach kurzem Bestehen immer wieder vereitelten Versuche, für die eine und untheilbare helvetische Republik irgend eine zusagende Form aufzufinden, hatten bei jedem Wechsel schneidende Bemerkungen von Seite meines Vaters genug hervorgerufen, die alle in mir ihren reinen Widerhall fanden. Wie man aber auch dem Sträuben der Unterwaldner, hierauf ihrer Nachbarcantone, gegen die verhaßten und drückenden Einrichtungen Erfolg wünschte, wenigstens im besondern Interesse dieser Gründer schweizerischer Freiheit, weitergreifende Einwirkung glaubte man anfangs hievon nicht gewarten zu dürfen. Erst als der helvetische General Andermatt vor Zürich zog und Kunde eintraf, er hätte im Namen der Landesväter diese Stadt wiederholt mit Haubizen und glühenden Kugeln beschossen, weil die Bürger seinen Haufen den Einzug verweigert, erst von da an ward die Stimmung entschiedener, der Verwünschung von Gewalthabern, die derlei Gräuelthat sich erlauben könnten, kein Zwang mehr angethan, rückhaltsloser die Hoffnung besserer Zeit in Befreyung von dem »helvetischen Joch« ausgesprochen; alsbald hierauf die Nachricht beruhigte[114] und zugleich ermuthigte: der Befehlshaber der helvetischen Truppen habe von der bedrängten Bundesstadt abziehen müssen. Die Bewegung, welche damals durch die ganze Schweiz von einer Landesgränze zu der andern ergieng, theilte sich auch meinen Mitbürgern mit. Obwohl Schaffhausen in Vergleich zu andern Städten die Last der Einheitsregierung weit weniger fühlte, so war doch der Verlust der ehevorigen Rechte noch nicht verschmerzt, das Gesammtgepräge noch nicht verschlissen, das Selbstbewußtseyn noch nicht zur Carricatur geworden. Bei dem Anfang jener immer entschiedener hervortretenden Erregung jedoch beruhte geraume Zeit Alles auf dem Reden; lange wollte es zu keinem Entschlusse kommen. Vermuthlich gedachten die Behörden in pflichtgetreuer Klugheit, erst den Gang der Dinge zu beobachten, einen voreiligen Schritt zu vermeiden. Mir schien die Sache zu langsam zu gehen, ich meinte, zu baldiger Beseitigung des fremdartigen Gewächses einer Centralgewalt müßte auch von meiner Vaterstadt das Möglichste beigetragen werden, hielt mich daher in meinem Eifer berufen, unter der Hand hierauf einzuwirken. Auf einem Brunnen der Stadt steht das Bild Wilhelm Tells. Ich verabredete nun mit einem Bekannten, dem Einzigen, der aus früherer Schulzeit zu Hause geblieben war, auf einen Kartendeckel mit großen Buchstaben die Worte zu schreiben, welche einst zu Nero's Zeit an der Bildsäule des Brutus zu Rom waren gefunden worden: »O lebtest du!« Nach eingebrochener Nacht sollte die Tafel mittelst einer Stange der Bildsäule an den Arm gehängt werden. Ich träumte mir, durch das entlehnte Wort unfehlbar den lebendigsten Enthusiasmus unter meinen Mitbürgern hervorzurufen, ahnete aber nicht, daß es wahrscheinlich nur von Wenigen würde verstanden werden, dagegen geeignet seye, den Urheber des Unternehmens unfehlbar zu verrathen. ? Das Vorhaben wurde indeß glücklich vollführt, die Tafel jedoch am folgenden Morgen, wahrscheinlich durch einen Hausbesitzer in der Nähe des Brunnens, weggenommen. Da gewährte es mir nachher nicht geringe Befriedigung,[115] als ich davon sprechen hörte: es seye an dem Bilde des Brunnes eine Schrift gefunden worden. Glücklicher Weise wollte Niemand wissen, wie sie gelautet habe. Später versuchte ich Aehnliches durch ein anderes Mittel. Ich verfaßte einen Aufruf: man solle nicht so schläfrig den Ereignissen zusehen, es seye an der Zeit, zu erwachen, den übrigen Eidgenossen, die wider die Gewalthaber sich erhoben hätten, endlich sich anzuschliessen. Von dieser Schrift (es war ein Quartblatt) schrieb ich vier Exemplare, alle, damit sie besser in die Augen fielen, mit rother Dinte, und klebte sie in der Dunkelheit an verschiedene Straßenecken. Des folgenden Tages befand ich mich eben bei dem Professor I. G. Müller im Collegium, als der Perückenmacher ihm erzählte: in der verflossenen Nacht wäre an einigen Ecken eine Schrift gefunden worden, deren Inhalt er aber nicht kenne. Der Professor entgegnete: wenn er doch nur ein Exemplar derselben zu Gesicht bekommen könnte, es würde ihm nicht schwer fallen, aus den Schriftzügen den Verfasser zu entdecken. Wie sehr ich mich während dieses Zweigesprächs zusammennahm, so müßte doch die in mein Antlitz steigende Röthe ihm mich verrathen haben, wenn er mir gerade den Blick zugewendet hätte. Dieß scheint nicht der Fall gewesen zu seyn, denn die Sache wurde nicht weiter berührt. Die Hauptereignisse, der Aufstand im Aargau, die Einnahme von Solothurn und Bern, das Vorrücken der Mannschaft der kleinen Cantone, fielen glücklicher Weise in die Zeit der Ferien. Bei der allgemeinen Theilnahme, welche diese Vorgänge in verwandter Stimmung fanden, sah man jeden Tag hindurch in jeder Straße kleine Gruppen, die alle aufgegriffenen Nachrichten, bald wahre, bald falsche, sich mittheilten, sie commentirten, ihren Gesinnungen gegen die helvetische Regierung freien Lauf ließen, darüber, was hiesigen Orts zu thun seye, hin- und hersprachen. Wo ich Einige beisammen stehen sah, trat ich ebenfalls hinzu, mischte mich in jedes Gespräch, theilte ungescheut meine Meinung mit, gleich als hätte ich volles Recht dazu[116] gehabt So wurde ich allgemein bekannt, und war als ein junger Mensch von der besten Gesinnung unter allen meinen Mitbürgern wohl gelitten. Von frühem Morgen bis in den späten Abend trieb ich mich so durch alle Straßen. Zu Hause wurde dieses nicht nur nicht verwehrt, sondern, von meiner Mutter wenigstens, gerne gesehen; denn regelmässig kehrte ich von Zeit zu Zeit heim, um ihr über alles Vernommene Bericht zu erstatten; womit ich ihr einen großen Dienst erwies. Ich hätte meine damalige Thätigkeit derjenigen eines Adjudanten vergleichen können, welcher seinem Befehlshaber fleissig mittheilt, was er wahrgenommen, alsbald dann wieder hinausfliegt, um Neues auszuspähen und ebenso mit diesem zurückzukehren. Mein Enthusiasmus theilte sich bald meiner Mutter mit, und damit war mir der volleste Freibrief für mein Herumfahren ertheilt. Ob die Behörden von sich aus einen Entschluß faßten, oder ob sie zu einem solchen durch die immer lauter werdende Stimme ihrer Mitbürger zuletzt getrieben wurden, weiß ich nicht. Es drängte sich damals Alles so rasch, daß mir von dem Einzelnen nur das Wesentliche sammt demjenigen, wessen ich selbst Zeuge war, im Gedächtniß geblieben ist. Doch die Vorgänge eines Abends stehen noch so farbenfrisch vor demselben, als hätten sie sich gestern ereignet. Er trug sich an einem Dienstage zu. Auf fünf Uhr war eine Versammlung der Municipalität in Verbindung mit andern Behörden angesagt. In Erwartung, etwas Neues zu hören, gieng ich meinem Vater auf das Rathhaus voran. Es dauerte nicht lange, und der weite Raum vor dem Versammlungszimmer füllte sich mit Männern aller Stände, welche der Beschlüsse harrten, die genommen werden wollten. Als ich mich zu einer Gruppe stellte und meiner Gewohnheit gemäß mitzusprechen anfieng, fragte mich einer der Anwesenden: »Ja, wer seyd denn Ihr?« Ehe ich aber antworten konnte, fiel ihm ein Anderer in die Rede: »»Laß du nur diesen, er gehört zu den Rechten,« und nannte ihm meinen Vater. Darauf sagte der Erste: »Nun das ist brav. Ich glaubte, Ihr[117] wäret der und der (der Sohn eines Mannes, der damals als Mitglied der Centralregierung den Unwillen, der diese traf, zu theilen hatte); wäret Ihr es gewesen, so hätte ich Euch eine Ohrfeige gegeben, daß Ihr die Rathhaustreppe hinuntergetaumelt wäret.« Ich hatte aber den Bezeichneten in Begleit eines Verwandten, der früher mein Mitstudent gewesen war, wohl bemerkt, mich jedoch vor jeder Berührung mit ihnen, oder vor jeder Annäherung an sie sorgfältig gehütet. Die Berathung verzog sich bis in die Nacht. Draussen wurde es immer lauter; die harrende Menge verlangte immer dringender einen Beschluß, welcher der allgemein herrschenden Stimmung entspreche, oder wollte wenigstens wissen, wozu die Behörden geneigt wären. In die Rathsstube wurde entboten: es wäre nun Zeit, daß man sich zu Etwas entschlöße ? Die Ungeduld und die Unruhe stiegen fortwährend. Endlich fand man es zweckmässig, den Professor Müller, einen sonst sehr beliebten Mann, unter die Bürger hinauszusenden. Er kam, schüchtern, blaß, bei mattem Kerzenschein noch blasser, und da er seine ohnedem leise Stimme jetzt noch weniger erheben konnte, wurde er kaum in der nächsten Umgebung gehört, richtete daher nichts aus. Die Unruhe wurde in den fernern Kreisen immer größer, immer dringender das Verlangen nach einer Schlußnahme. Daher folgte ihm ein anderes Mitglied der Behörde, zwar mit stärkerer Stimme begabt, aber klein von Statur. Auch diese Magistratsperson gab sich Mühe, zu beruhigen, konnte aber ebensowenig ausrichten als sein Vorgänger. Endlich trat der nachmalige Bürgermeister Stierlin, ein großer, schlanker Mann, mit einer Stentorstimmte begabt, unter die Menge, forderte dieselbe zum Vertrauen zu ihren Obern auf, verhieß Berücksichtigung ihrer preiswürdigen Begehren, einen Beschluß, welcher der Vaterstadt, als eines alt eidgenössischen Gliedes, würdig seyn werde. Jetzt erwies sich alles zufrieden, Jedermann begab sich erfreut und ruhig nach Hause. Es war Nachts zehn Uhr geworden: Bald wurde ein Contingent einberufen, um es zu den andern[118] Schweizertruppen zu senden. Da wurde allgemeiner Jubel laut; Freiwillige boten zur Bildung eines erlesenen Corps sich an; die Bewohner der Landschaft wetteiferten mit denen der Stadt; jauchzend eilten die Bewaffneten derselben zu. Die helvetische Regierung hatte keine Wurzel in dem Volk; man kannte sie nur durch die damals noch sparsam gelesenen Zeitungen, durch mißbeliebige Verfügungen, durch die seit Jahrhunderten bei uns unbekannten Abgaben. Gleichzeitig reiste zu der nach Schwytz einberufenen Tagsatzung ein Abgeordneter ab. Daß ich die allgemeine Freude über die glückliche Wendung theilte, brauche ich nicht beizufügen. Für einen kurzen Augenblick sollte ich sogar activ auftreten. Die helvetische Regierung saß bereits in dem festen Schloß Chillon, entweder Hülfe von Frankreichs erstem Consul, oder ihre Auflösung durch das Volk erwartend. General Rapp brachte ihr ärmliche Lebensfristung. Die schweizerischen Truppen mußten auf des fremden Gebieters Befehl sammt der Tagsatzung aus einander gehen. Als nun unser Contingent auf dem Heimmarsch begriffen war, machte sich ein unbekanntes Individuum den schlechten Spaß, zwei Bürgern, welche einen Spazierritt in das benachbarte Zürichergebiet unternommen hatten, die Schreckensbotschaft aufzuheften: jenes werde von allen Seiten durch die Bauern des Cantons Zürich angegriffen, ohne schnelle Hülfe stünde es in Gefahr, aufgerieben zu werden. Deß erschracken, wie natürlich, die Beiden; und ohne nähere Erkundigung einzuziehen, sprengten sie nach der Stadt zurück, um die Trauerbotschaft anzukündigen. Nun gerieth Alles in Bestürzung und Allarm; standen doch Väter, Söhne, Brüder, Freunde, Bekannte, stand darüberhin der Stadt Ehre in Gefahr. Wer einer alten Flinte, einer Hellbarde, eines Spießes habhaft werden konnte (denn zweimalige Entwaffnung hatte die Feuergewehre selten gemacht), ergriff seine Waffe und suchte in eilender Hast über den Rhein zu kommen. Die Trommeln wirbelten, an allen Straßenecken flackerten die Pechpfannen; in der Nacht zogen die Bewohner der nächsten Dörfer, denen Eilboten[119] die traurige Kunde gebracht hatten, nach Art eines Landsturmes mit allerlei Vertheidigungswerkzeugen bewaffnet, heran, ebenfalls zur Hülfe der Bedrohten. Bei so allgemeinem Eifer durfte ich nicht mehr bloßer Hörer, müssiger Zuschauer bleiben. Daß mir das Mitziehen von meinen Eltern niemals würde gestattet werden, wußte ich wohl. Ich stellte also vor: in solcher Gefahr müßte die Stadt bewacht werden; daher seye nichts als billig, daß ich wenigstens denjenigen mich anreihe, die zu diesem Dienste sich vereinigten. Hiegegen war nichts einzuwenden. Nun eilte ich zu meinem Großonkel, um aus einem sonst sorgfältig verschlossenen Wandschrank als unentbehrliches Werkzeug eine Jagdflinte zu entlehnen. Diesen hatte die Verwirrung zu Gewährung des Gesuchs willfähriger gemacht, als er zu jeder andern Zeit sich würde erwiesen haben. Schnell wurde die leichteste Waffe herausgegriffen, Schrot war bald herbeigeschafft, Pulver hatte ich ohnedem. Dieses in der Tasche, die Flinte amt Arm, zog ich der Hauptwache zu, wo viele ältere Männer, ohngefähr in gleicher Weise bewaffnet, sich zusammengefunden hatten und meinen Eifer höchlich belobten. Es war die einzige Nacht meines Lebens, die ich unter den Waffen zugebracht habe. Sie zeigte mir dieses Gewerbe nicht von lockender Seite. Einmal zwar war es für mich ganz vergnüglich, als ich mit einem Dutzend Anderer zu einer Patrouille ausser der Stadt beordert wurde; es war ein nächtlicher Spaziergang, auf welchem man nach Bequemlichkeit dahinziehen und plaudern mochte, und wieder nach der hell erleuchteten, lebhaft bewegten Stadt zurückmarschirte. Nach Mitternacht hingegen wurde mir in einer einsamen Sackgasie in dichtester Finsterniß vor einem geschlossenen Thor, hinter welchem ein Pulverwagen stehen sollte, der Posten angewiesen. Kein Mensch gieng da vorüber. Die Finsterniß, die Einsamkeit, die monotonen Laute eines kreischenden Windelwichts in der Nähe, machten mir die Stunde zu einer Ewigkeit. Zum Zeitvertreib lud ich meine Flinte, schüttete aber, wie ich des andern Tages beim Abfeuern bemerkte, im Dunkel das Pulver größtentheils neben den Lauf.[120] Als endlich bei baldigem Abfluß der Stunde ein Knecht mit einer Laterne daher kam, begrüßte ich diese freudiger, als je die Morgensonne, denn ihr Träger bot mir zugleich Gelegenheit, ein Zweigespräch anzuknüpfen, unter welchem ich meiner Ablösung harrte. Mit Tagesanbruch hatte meine kriegerische Laufbahn ein Ende, das Contingent rückte am Abend wohlbehalten hier ein und versicherte, in seinen Quartieren niemals behaglicher sich befunden zu haben, als zu der Zeit, da man hier allgemein für sein Leben zitterte. Ich hatte bis ins fünfte Jahr in dem Collegium zugebracht, lange Zeit der einzige Zögling desselben. Welchem Beruf ich mich widmen wollte, war immer noch unentschieden. Darin handelte mein Vater weislich, daß er dieses meiner freien Wahl anheimstellte, selbst ohne ernstlichen Versuch, mich zu irgend Etwas zu bereden. Seine Bemerkung: die Theologie öffne die Bahn zu manch anderem Ziele, ließ ich mir schon gefallen; alle Versuche hingegen, die nachher leicht zu erwerbende Stelle eines Hauslehrers in den reizendsten Bildern und durch mehrere concrete Beispiele mir vor Augen zu malen, konnten nichts verfangen. Ich hatte eine wahre Antipathie gegen ein solches Verhältniß, welches mir stets zu beengend und zu untergeordnet erschien. Entschieden bei mir war nur, einen solchen Beruf zu wählen, der mich auf eine Universität und vornehmlich in die Nähe einer großen Bibliothek brächte. Das konnte aber einzig möglich werden, wenn ich mich für die Theologie erklärte, worin ich Unterricht bereits in dem Collegium genommen und zum Glück des alten Döderleins Dogmatik mit Interesse und Liebe studirt hatte. So viel ich mich erinnere, gehört dieses Lehrbuch noch zu den rechtgläubigen. Ein einziges Hinderniß wurde jedoch in Bezug auf meinen endlichen Entschluß darin geahnet, daß ich nicht die mindeste Kenntniß der hebräischen[121] Sprache hatte. Allein der Professor versicherte, diesem Mangel lasse sich durch Privatstudien leicht abhelfen. Bei dem geringen Interesse, welches der öffentliche Gottesdienst mir abgewinnen konnte, muß ich es für eine wahre Fürsorge der göttlichen Gnade um mich anerkennen, daß sie erst zu dem Studium der Theologie mich leitete, und sodann die Erreichung aller andern Ziele, auf die ich während der Universitätsjahre meinen Blick ernstlicher richtete, als auf dasjenige, zu welchem jenes unmittelbar führen sollte, vereitelte. Mir zwar galt das Studium der Theologie nur als Mittel, eine andere Laufbahn betreten zu können. In dieser Beziehung waren die manchmal geäusserten Bemerkungen meines Vaters, so lange sie nicht an jene Bestimmung sich knüpften, die er dabei vorzugsweise im Auge hatte, um so weniger ohne Einfluß geblieben, als sie den eigenen Wünschen und Hoffnungen entgegenkamen. Da ich aber doch nicht bloß Theologie zu studieren vorgeben, anbei sie gänzlich auf die Seite setzen durfte, wurde ich dadurch gezwungen, mit den geoffenbarten Wahrheiten mich ernstlicher zu beschäftigen, als es wahrscheinlich ohne dieß geschehen wäre. Nun stand die Wahl offen zwischen der erhaltenden Richtung und der auflösenden, zwischen dem Festhalten an einer objectiven Offenbarung und der subjectiven Klügelei. Zu dieser konnte leicht der damalige Stand der Wissenschaft, die Richtung der Professoren, der Einfluß der Studiengenossen und allfälliger Umgang hinüberziehen; für jene lag etwelche Bürgschaft in sonstiger Gesinnung und vielleicht selbst in den Grundsätzen, denen ich bei den politischen Fragen, die in den letzten Jahren so lebendig mich berührt hatten, das Uebergewicht einräumte. Darüberhin war aus den Eindrücken der Jugend, von den Aeusserungen meines Vaters, durch die Gewohnheiten meiner Mutter mir so viel gebliebem, daß ich Jenes als das allein Richtige, eine wahre Verbindung der Menschen mit dem Himmel Begründende, darum Beglückende erkannte, so wie ich dann in späterer Zeit mit allem Ernst hiefür zu leben und zu[122] wirken mich bemühte. Hätte mein Lebenslauf einen andern Gang genommen, welcher rege Selbstthätigkeit in Bezug auf Darlegung der tiefsten Wahrheiten des, als Offenbarung von oben anerkannten Christenthums nicht von mir unablässig gefordert hätte, vielleicht wäre ich für dieselben gleichgültiger geworden, wäre deren erleuchtender Glanz für mich allmählig erblichen; hätte bei dem Mangel aller Anregung durch Gottesdienst und daheriger Beiseitsetzung völlige Gleichgültigkeit leicht mich beschleichen können. Göttingen leuchtete als Universität meinem Vater alsbald ein, weil es damals an Ruf allen andern voranstand; weil weitaus der größere Theil unserer Geistlichen ebenfalls ihre Studien dort gemacht hatte; weil zwei meiner Jugendgenossen dahin vorangegangen waren. So reiste ich, 17 1/2 Jahr alt, im Herbst 1801 nach Göttingen ab; jung, unreif, ohne Anleitung, in meinen Studien unbedingt mir selbst überlassen; jedoch durch den Gehorsam, in dem ich erzogen worden, durch die Gewohnheit, mich immer zu beschäftigen, durch der Eltern Ermahnung und Beispiel fest genug, daß ich lieber beinahe gar keinen als verderblichen Umgang suchte, meine Zeit, wenn nicht gerade zwecklässig verwendete, doch nicht nutzlos zerrinnen ließ. Da ich lange vor Anfang der Ferien dort eintraf, begann ich sogleich mit dem Versuch, durch eigene Bemühungen das Versäumte in der hebräischen Sprache nachzuholen. Ich strengte mich mit der Grammatik und unter Hülfe des Wörterbuchs einige Monate durch sehr an; aber das Holpael und Hitpael waren mir zu splittericht, und da ich es nachher bei Eichhorn in einem Collegium über die Psalmen doch nicht weiter bringen konnte, als die Wurzeln, die er etwa an die Tafel schrieb, in meinem Hefte nachmalen zu können, hängte ich diese Sprache als nutzloses, langweiliges und zeitraubendes Zeug an den Ragel, in der Hoffnung, es werde entweder doch nicht dazu kommen, ein geistliches Amt übernehmen und ein theologisches Examen bestehen zu müssen, oder es dürfte dann immer noch möglich seyn, auf irgend eine Weise mir durchzuhelfen.[123] Da ich im Rückblick auf fünfthalb, in unserer Anstalt zugebrachte, Jahre auf Collegien keinen großen Werth setzte, so hörte ich deren nie mehr als vier: ? exegetische bei Eichhorn, kirchenhistorische bei Plank, einmal Dogmatik bei Stäudlin, am liebsten griechische Alterthümer und Pindar bei Heyne. Ausser diesem, dessen Bild durch den langen Lauf der Jahre an Farbenfrische bei mir nichts verloren hat, konnte keiner der Professoren wahrhaft mich anziehen; Eichhorn mit seiner Freundlichkeit noch am meisten, aber nur bei Besuchen auf seinem Zimmer; Plank hingegen war mir in den Vorlesungen zu trocken, Stäudlin zu steif. Bei Heyne's Vorlesungen über Pindar (wie nachher, als ich ein Collegium über Apollonius Rhodius bei Mitscherlich hören wollte) ward ich nur zu bald inne, daß es bei meiner höchst dürftigen Kenntniß der griechischen Sprache, bei der Unwissenheit in den unerläßlichsten Elementen der Grammatik, mir durchaus unmöglich seye, den mindesten Nutzen daraus zu ziehen. In jenem Fragment vom Jahr 1808, mithin noch unter frischen Eindrücken (sie sind aber auch jetzt nicht völlig verblichen) nahestehender Rückerinnerung, finde ich über die andern Collegien Folgendes angemerkt: »Von der Kirchengeschichte, welche im ersten Semester das Mittelalter umfaßte, glaubte ich, müßte es doch eine höhere Ansicht geben, als diejenige, welche Plank hatte. Da wurde keine Rücksicht genommen auf den Zweck der Kirche, auf die innere Uebereinstimmung ihres Systems, auf die Vortrefflichkeit ihres Cultus, auf die Poesie, die in ihrer Geschichte liegt, in ihrem Kampf mit der weltlichen Macht, und in der hohen Idee, die in dem Papstthum sich darstellte, nämlich den großen Gedanken einer geistigen Weltherrschaft zu realisiren. Man sah blos Machinationen, Cabalen, Auflehnung gegen rechtmässige Herren. Man kann einen Cäsar in den Himmel erheben und einen Gregor VII in die Hölle hinabstossen, gleich als ob der Form, nicht dem Geist, Bewunderung zu zollen wäre. Das Kleinlichte, Lächerliche wurde hervorgehoben und das Höhere von der unvortheilhaftesten Seite dargestellt,[124] In den Reliquien sollte nur eine einfältige Verehrung von Knochen, in der Beichte ein von schlauen Priestern ersonenes Mittel, die Laien zu bethören, in dem Cölibat blos eine Grausamkeit, die nur ein, aller menschlichen Gefühle beraubter, Tyrann habe anordnen können, in dem Pracht des Cultus Abgötterei zum Vorschein kommen.« Nach langen Jahren habe ich Plank auf einer Verdrehung ertappt, die mir um so mehr leid thut, da sonst an seinen Büchern ein billigeres Urtheil mit Recht gerühmt wird. Wahrscheinlich sollte dieselbe (ich kann sie noch in meinem Hefte nachweisen) die Stelle eines Witzes vertreten. Wo er nämlich von den abentheuerlichen Reliquien sprach, die im Mittelalter hie und da verehrt wurden, erwähnte er auch der versteinerten Excremente des Esels, auf welchem der Heiland am Palmtage zu Jerusalem eingeritten seye, und die irgendwo in einer Kirche zur Verehrung auf bewahrt worden wären. Lange Jahre nachher führte mich der Zufall auf die betreffende Stelle in den Fastis Corbeyensibus (Leibnizii Script. T. II. p. 310.), bei dem Jahr 1217. In Erinnerung an jenes Vorgetragene erstaunte ich nicht wenig, Folgendes darin zu finden: Nebulo autem omnium nebulonum duo stercora asimi, a diuturnitate temporis in lapides, ut adjunt, conversa, quo Christus vectus est in Hierosolymam, in itinere isto ab eo rejecta, obtulit Beckæ, Priorissæ in Fretelshem, ut ipse ibi audivi. ? Der Ausdruck nebulo omniumnebulonum, das obtulit (dem Anbieten, welchem dem Zusammenhang gemäß ein Zurückweisen folgte, sonst ein vidi schwerlich fehlen würde) und das bloße audivi beweisen gewiß zur Genüge, wie auch damals die Sache seye genommen worden. Folgendes war damals mein Urtheil über Eichhorn, woran ich auch jetzt noch wenig zu ändern wüßte. »Was war jene Exegetik? Wie konnte sie einem Menschen genügen, der nicht eine egoistische Sittlichkeit zum höchsten Ziele des menschlichen Lebens machen will! Nicht ohne tiefen Unwillen sah ich Christus wieder erniedrigen, täglich kreuzigen, das eifrigste Bestreben,[125] ihn zu einem Sittenprediger, zu einem Moralisten des 19ten Jahrhunderts zu machen. Das Göttliche entschwand, das Heilige zerrann unter profanen Händen, und die Perle des Evangeliums wurde weg geworfen. Die Wunder des Herrn wurden nicht nach jener Weise des Dr. Paulus, aber auf eine andere, nicht minder sträfliche, wegräsonnirt. Hypothesen zu deren Erklärung wurden gebaut, die, wenn Alles so sich ereignet hätte, dieselben noch wunderbarer gemacht hätten. Gelehrsamkeit, Witz, Erfahrung, Vernunft mußten fröhnen, um zu dem Ziele zu leiten, zu dem man geleitet seyn wollte. Runde Zahlen, Varianten, falsche, oder selbst ersonnene, Uebersetzungen, Mangel an Einsicht der Schreiber, Vorurtheile, Herablassung zu den Volksbegriffen, oder Steigerung dieser Begriffe zu höhern Vorestellungen, Accommodation zu den Hörern oder Lesern, Alles wurde aufgerufen, um wegzubringen, was man weggebracht, herbeizuführen, was man herbeigeführt haben wollte. Daß Christus und seine Lehre göttlichen Ursprungs seye, war, ebenso wie der heilige Geist, figürliche Redensart. Es gelang sogar den Einsichten dieses tiefblickenden Mannes, die Berichte der Evangelisten über das Leben Christi, wie eine Herkulanumsrolle aufzuwickeln, gleichsam eine hydrographische Charte derselben zu entwerfen, und nachzuweisen, welche Quellen, Bäche, Flüsse in diesen Hauptstrom gestossen seyen, wie sie denselben gebildet hätten. Und wie gieng man mit seinen heiligen Aposteln um? Zu verwundern ist sich, daß noch Keiner aufgetreten ist und bewiesen hat, daß Judas der einsichtsvollste, verständigste, und ? um den Gipfel der Vortrefflichkeit zu bezeichnen ? der Aufgeklärteste unter ihnen gewesen seye, welcher endlich dem Unwesen habe ein Ende machen wollen. Wie? Schreibt man nicht Einleitungen in das N. T., deren Absicht, die Glaubwürdigkeit des Evangeliums zu untergraben, unverdeckt sich zu erkennen giebt? Dieß soll Aufklären genannt werden, Verdienste um die christliche Religion sich erwerben, den Wust alter Vorurtheile wegräumten! Hätten Jamblichus und seine Zeitgenossen[126] voraussehen können, was da kommen würde, sie hätten sich wahrlich die Mühe ersparen mögen, Jesus ihren Apollonius von Thyane entgegenzustellen. Wenigstens scheinen unsere Exegeten und Scheinweisen diesen copirt zu haben, um nach seinem Muster einen Christus zu bilden. Immer bleibt Sokrates, mit dem norddeutschen, entchristeten Jesus verglichen, entweder ein weiserer oder ein besserer Mann. Er wollte seine Zeitgenossen, ohne vorzugeben oder fälschlich zu glauben, er könne Wunder wirken, zu hellerer Erkenntniß Gottes leiten und zu besseren Menschen machen. Auch Jesus wollte dieses ? denn das heißt ja das Menschengeschlecht von den Sündenstrafen erlösen und mit Gott versöhnen; ? aber, um Glauben zu gewinnen, sollten Wunder gewirkt werden, die dieses nicht, sondern bloß Scheinwunder waren. Entweder gab sie Christus, überzeugt, daß sie nur dieses seyen, für Wunder aus, dann war er ein Betrüger, Sokrates mithin ehrlicher; oder er täuschte sich selbst und war geblendet, indem er sie für wahre Wunder hielt, dann war Socrates einsichtsvoller. Aber welchem unverdorbenen Gemüth, welchem Menschen, dessen kindlicher Sinn noch rein und fähig ist, der Tempel Gottes zu seyn, einen Thron des Höchsten in seinem Innern aufzurichten, kann dieses genügen? Lese man die heilige Schrift, die von ihm zeuget. Zeuget sie nicht von seiner Gottheit? Kann ein Mensch, der einzig aus irdischen Zwecken zu dieser heiligen Urkunde hintritt, und in ihr finden will, was er zu finden sich vorgesetzt hat, nie aber etwas, wodurch ihr Ansehen und die Ehre der allerheiligsten Dreieinigkeit und das ewige Glück der Menschen könne gefordert werden, nach achtzehn Jahrhunderten dieselbe besser verstehen, als jene, vom Geist der Gottheit erleuchteten, durch hohe Tugend mit dem Unendlichen gleichsam innigst vertrauten Väter der Kirche, die, von den Aposteln oder von ihren Schülern gelehrt, uns manche dieser Urkunden entzifferten?« Welchen Eindruck Stäudlins Dogmatik auf mich machte, ist so ausgedrückt: »Gleiche Tendenz, ähnliche Nichtigkeit hatte[127] die Dogmatik. Die Reformatoren hatten doch nicht jegliche Spur des Christenthums aus ihren Systemen verwischt. Ihre Ueberzeugungen von dem Heiland, der Erlösung und Begnadigung sind dieselben geblieben, wie in der alten Kirche. Noch war ihnen Christus göttlichen Wesens theilhaftig, von einer reinen Jungfrau geboren, unter wunderbaren Ereignissen getauft, hatte Wunder gewirkt, gelehrt und gelitten, und war nach schmerzlichem Tod für die Welt und nach glorreicher Auferstehung in Gegenwart seiner Jünger zum Himmel gefahren. Dieses ist nunmehr unsern Zeitweisen zu viel. Sie verwandeln die Herrlichkeit des eingebornen Sohnes. Noch hätte man, meinen sie, in jenen Zeiten dem Volk diesen Glauben lassen müßen, wie man dem von der Blindheit Geheilten erst in der Dämmerung, dann allmählig bei stärkerem Licht die Binde von den Augen nehmen dürfe, bis er zuletzt den Glanz der Sonne zu ertragen im Stande seye. Nach drei Jahrhunderten seye man in Erkenntniß und Einsicht vorangeschritten, stark genug, um ohne Schaden in das Sonnenlicht zu blicken, welches man der modernen Aufklärung verdanke. Für das neunzehnte Jahrhundert wäre es, wie diese Herren sagen, eine Schande, an solchen Ammenmärchen zu halten. Der Zeitgeist leide die Fesseln des Aberglaubens und Irrwahns nicht länger; er habe sie abgeschüttelt, und man müße derselben entledigen, wer noch mit ihnen sich schleppe. So wurden denn alle Lehren unserer allerheiligsten Religion, die noch übrig geblieben sind, durchgegangen und gezeigt, daß diejenigen nur Stich halten könnten, auf welche durch Vernunft und Betrachtung der Welt die Menschen, vornehmlich die alten Weisen, wären geführt worden. Gegen sämmtliche positive Lehren, welche unserer Religion allein eigenthümlich sind, wurden Zweifel erhoben, wenigstens Einwendungen dagegen vorgebracht. Man citirte Sagen aus griechischer und römischer Geschichte, aus Indien, von Apollonius und Mahomed, um als Belege zu dienen: Aehnliches, was von Christo gesagt werde, werde von andern Menschen ebenfalls gesagt; wer, da man dieses nicht für wahr[128] halten könne, für die Wahrheit auch dieser Sagen auftreten wolle? Wischnu sollte menschgewordener Gott, von einer Jungfrau geboren seyn, so gut als Jesus; Mahomed seye auf ausserordentliche Weise von Gott zu seinem Propheten erklärt worden, wie er; von dem ermordeten Romulus hätten die Senatoren nicht minder vorgegeben, er seye gen Himmel gefahren; Apollonius seye auf ähnliche Art verschwunden;« u.s.w. Unter welcher Form daher dieser Rationalismus mir entgegentrat, in keiner konnte er mir etwas anhaben. In allgemeiner und objectiver Beziehung stellte ich ihm das dem Menschengeschlecht innewohnende Bedürfniß des Glaubens, in subjectiver den gegebenen Glauben, so wie er mir aus dem Katechismus bekannt war und was ich von demselben zu Hause vernommen, als undurchdringliche Mauer entgegen, fügte etwa den grellsten dogmatischen Leichtfertigkeiten eine Expectoration des Unwillens meinem Collegienhefte bei. Dafür übersandte ich unserm damaligen Antistes eine weitläufige lateinische Abhandlung, wie unzertrennlich der Glauben an die Offenbarung durch Christum mit dem Glauben an eine verbale Inspiration der heiligen Schriften zusammenhänge. Aehnliche Erörterungen sollten dem Professor der Theologie in Schaffhausen meine Thätigkeit und zugleich meine Rechtgläubigkeit beurkunden. »Der Umgang, heißt es dort ferner, mit Andern, die ebenfalls Theologie studiren sollten, konnte mit jener Richtung der Professoren noch weniger mich versöhnen. Durch alle Vertheidigung ihrer Meinungen wurde ich in meinen Ueberzeugungen nur bestärkt, um so mehr, als ich die Studiengenossen gegen jede Stimme, als diejenige ihrer Lehrer, taub fand. Es wollte mich bedünken, ihnen liege mehr an den schaalen Einfällen eines Exegeten und an den Aussprüchen eines deistischen Dogmatikers, als an den Worten des Heilandes. Je toller die Erklärungen ausfielen, je mehr wegräsonnirt wurde, desto mehr bewunderten sie die vielen Einsichten dieser hecherleuchteten Männer. Welche Erwartungen von unserer Zeit konnte ich hegen, wenn ich sah, wie eine witzige Wendung in dem Vortrage des[129] Professors auf diejenigen, welche einst Diener der Religion (ihrer Meinung nach ? Sittenlehrer) werden sollten, in solche Begeisterung versetzte, daß sie ihm dafür ein Lebehoch brachten (ein Factum, welches wirklich vorgekommen ist); wenn ich bemerken konnte, daß sie die großen Lehrer der Kirche verachteten, nur deßwegen weil jener gesagt hatte, sie seyen anderer Meinung als er, oder weil die äußere Gestalt ihrer Werke derjenigen, wie unsere Zeit sie liebt, nicht angemessen ist; denn diese will Alles klein gehackt, mit niedlichen Vignetten, in farbigtem Umschlag. Das Kind hat gut den Achilleus einen groben Bengel heißen, weil es seinen Schild nicht von der Stelle bewegen, geschweige denn führen kann. Wie Tyrus Mauern und Indiens Ruinen, so zeugen auch Jene von einem kräftigern Geschlecht, das herabgesunken ist zu der Schattenwelt, auf dessen Gräbern das jetzige Pygmäengeschlecht wohl herumtanzt, aber zusammenstürzen würde, so sie sich bewegten.« Unter solchen Anlagen, Neigungen, frühern Einflüssen, damaligen Beobachtungen bildete sich in mir immer mehr eine Weltansicht aus, welche blos zwei Jahre nach meinem Abgang von der Universität als Nachklang damaliger Ideen in folgendem Fragment sich ausspricht. »Wenn das letzte Decennium des verflossenen Jahrhunderts das fürchterliche Schauspiel des blutigen Kampfes zwischen zwei entgegengesetzten Formen bürgerlicher Einrichtungen uns dargeboten hat, so dürfte vielleicht in kurzem ein gleicher Kampf über kirchliche Formen sich wiederholen. Die auseinander gehenden Meinungen der Gelehrten geben uns zum Theil bereits das Vorspiel dazu. Indeß die Einen dem eitlen Idol einer Erziehung des Volkes zur Beseitigung des Glaubens und eines immerwährenden Fortschreitens ? dem Abgott unserer Zeit ? huldigen, bemühen sich die Andern, schwach an Zahl, aber stark durch innewohnende Geisteskraft, eine bessere Zeit in Poesie und Wissenschaft hervorzurufen. Eingenommen von jenem gar zu schön klingenden Wort und allzutauschenden Bild eines allgemein verbreiteten Lichtes, gehen die Bemühungen des kleinern Theils der erstern Partei[130] von der Ueberzeugung der Möglichkeit einer solchen Menschenerziehung aus; andere brauchen sie nur als Maske, um ihre Projecte gegen bürgerliche und ihre Ausfälle gegen kirchliche Einigung dahinter zu verbergen. Aber ihre Worte: Menschenbeglückung, Menschenrechte, Staatszwecke und ähnliche, gleichen nur dem Köder, womit man den einfältigen Fisch täuscht und fängt. Der andere Theil dieser Partei zeichnet sich vornemlich dadurch aus, daß er dem Menschen zu seinem gefunden Menschenverstand will geholfen haben, indem er die Wissenschaft in die Sphäre des gemeinen Lebens herabzieht und damit gleichsam den heiligen Tempel Apolls zur Herberge für die verschiedenen Innungen entweiht; daß er ferner den Werth der Wissenschaft blos nach deren praktischer Nützlichkeit für das gemeine Leben, ja Alles, was ist, nur nach dieser berechnet; daß er die Moral über die Religion setzt, und dieser nur nach Maßgabe ihres Einflusses auf jene Werth zuerkennt, daher aus dem heiligen Apostelamt ein Lehramt gemacht hat, oder zu machen sich bestrebt, angeordnet, um dem Volk nützliche Begriffe über mancherlei Gegenstande des Lebens beizubringen und für den Staat intellectuell eben dasjenige zu seyn, was polizeilich die Marechaussee ist; daß nur nach Verhältniß, in welchem Einer von dem kirchlichen System dissidirt, er den Namen eines aufgeklärten Mannes sich erwirbt, und dann erst, wenn er alle Dogmen der Kirche in Zweifel ziehen kann, zum würdigen Mitglied ihrer Gilde wird; daß er endlich einen entschiedenen Haß, bald offen, bald verborgen, in Schriften und in Reden, wo immer es sey, gegen die alte Kirche und ihre Anhänger zu Tage giebt, mit dem Wort Aberglauben deren Cultus, mit dem Wort Finsterniß die Länder stempelt, in denen sie noch vorhanden ist; ja unbedingt den Werth eines Mannes, der zur Zeit ihrer Alleinherrschaft lebte, nach seinem Ungehorsam gegen die Kirche oder der Abweichung von ihr beurtheilt, ihn dann ihrer Zunft zugesellt und den größten Ehrentitel ihm damit zu erweisen wähnt, wenn sie ihn einen Aufgeklärten nennen.[131] Diesen Leuten gilt die Religion für nichts weiter als für einen Kehrwisch, womit man die Stäubchen, welche allenfalls das Glimmern eines glasirten Bildes verdunkeln, sorgfältig abwischen müsse, nicht aber für die Alles durchdringende und bewegende Kraft.« Wollte Jemand sagen, an diesem, in meinem 21sten Jahre niedergeschriebenen Fragment trete unverkennbar bereits der Keim derjenigen Ueberzeugungen hervor, denen ich zuletzt offen zu huldigen nicht länger mich entziehen konnte, so will ich gar nicht mit demselben rechten. Es spricht sich darin zuerst eine entschiedene Abneigung gegen den damals herrschenden vulgaren Rationalismus aus, der zu jener Zeit beinahe allgemein mit Protestantismus für gleichbedeutend, ja als dessen farbigste und aufrichtigste Blüthe gehalten wurde. Ist er jetzt in dieser Weise außer Curs gekommen, so ist dieß nicht deßwegen geschehen, weil man seine Gehaltlosigkeit, seinen diametralen Widerspruch gegen das eigentliche Christenthum durchschaute, sondern weil man im Fortschritt der Zeit ihm ein sorgfältiger zugeschnittenes Gewand umzuhängen verstund, weil das Bestreben gelang, ihn durch Verquickung mit christlichen Ausdrücken mehr abzuglätten und durch dialektische Ausschmückung ihm den Anstrich des Tiefgedachten zu verleihen. Führen wir die Aeusserungen, Schriften, Lehren Mancher derjenigen, welche sich für berechtigt halten, gegen jenen Rationalismus den Stein zu heben, auf ihren wahren Gehalt zurück, so werden wir finden, daß sie vor denselben nichts weiter zum Voraus haben, als größere Gewandtheit oder Frechheit, um Versteckens zu spielen. Sie subjectiviren das Christenthum so gut als jene, sie räumen seinen Lehren Gültigkeit und bindende Kraft blos insofern zu, als dieselben beglaubigende Unterschrift und Siegel von ihnen vorweisen können, so gut als jene, und unterscheiden sich von ihnen blos darin, daß sie weniger mit Vereinzeltem und Untergeordnetem tändeln, als vielmehr den innersten Kern wo nicht zu beseitigen, doch umzugestalten sich bestreben, indeß sie der Hülle größere Schonung erzeigen, als jene gewohnt[132] waren. Gegen diese, erst später zum Vorschein gekommene Art ist aber das angeführte Fragment nicht minder gerüstet, als gegen diejenige, welche zur Zeit, da es niedergeschrieben worden, das große Wort an sich gerissen hatte. ? Sodann wird darin von einer alten Kirche, von deren Anhängern und ihrem Cultus, nicht mit normaler Geringschätzung, sondern als von einer eben sowohl bestehenden als befugten Sache gesprochen, ja als von einem Gegensatz gegen jenen Rationalismus, welchem Berechtigung weit eher zuzuerkennen seye, als diesem. Darauf daß diese Gedanken in Blättern niedergelegt wurden, welche, aus der Anregung des Glaubens hervorgegangen, keine weitere Bestimmung hatten, als in dem Schreibpult verwahrt zu werden, ist mit Sicherheit das Urtheil zu gründ en, daß in ihnen die tiefste Ueberzeugung ausgesprochen seye. Wollte man aber weiter gehen und aus denselben ein Bestreben, irgend etwas durchsetzen zu wollen, ein Bemühen einer engern oder weitern praktischen Anwendung folgern, so konnte diese einzig darin zugestanden werden, daß in alle öffentliche Thätigkeit und Wirksamkeit bloß jene entschiedene Abwehr rationalistischen Einflusses und unentwegliches Festhalten an dem, was der ausgeschiedenen von der alten und ursprünglichen Kirche geblieben war, in ununterbrochener Thätigkeit sich hineingeflochten hat, und daß das erste der Hauptsatz, das andere durch den langen Lauf vieler Jahre einzig das Corollarium gewesen seye. Es bedurfte andauernder Vorbereitung, vielfacher Erfahrung, tiefdringender Erlebnisse, bis dieses Verhältniß sich umgestaltete. Gehen wir wieder zu der Universität zurück. ? Die Collegien ließen mir viele Zeit übrig. Manche Stunde derselben brachte ich auf der Bibliothek zu, in welcher ich mir bald eine ziemlich ins Einzelne gehende Lokalkenntniß erworben hatte. Dann wieder bestrebte ich mich, im Lateinschreiben weiter zu kommen, und übersetzte zu diesem Ende mühsam und wahrscheinlich schlecht genug, Schillers Geschichte des Abfalles der Niederlande in diese Sprache. Später wollte ich mich an die Bearbeitung einer Preisaufgabe über einen Gegenstand der[133] römischen Archäologie machen. Ich mußte das Vorhaben aufgeben, weil die werthvollesten Ausgaben der Alten, deren ich hiezu bedurft hätte, von der Bibliothek nicht verliehen wurden Statt dessen unternahm ich es, alle Stellen der Classiker und der Kirchenväter über den Phönix zu einer Abhandlung zu verarbeiten. Ich übergab sie Heynen, der den Fleiß lobte, aber verdiente Ausstellungen an der Latinität machte, da unter aller Anstrengung, aber jeder fremden Anweisung entbehrend, die Mangelhaftigkeit der ersten Grundlage nimmermehr sich überwältigen ließ. Doch verschaffte mir dieser Versuch Heyne's besondere Zuneigung, das Zeugniß treuer Verwendung meiner Zeit, und in Bezug auf Benutzung der Bibliothek jede Vergünstigung, die ich nur wünschen konnte. Jetzt, da über Manches meine Ansichten sich berichtigt haben, kann ich es nur beklagen, daß Luft zu dergleichen Arbeiten die Neigung, Collegien zu hören, immer mehr in den Hintergrund drängte, und ich dadurch die Vorlesung über manches Fach versäumte, was in allgemein wissenschaftlicher Bildung besser mich hätte begründen können. In dem thörichten Wahn, was in den Collegien zu lernen seye, lasse ebenso gut aus Büchern sich lernen, ohne alle Ahnung von der so anregenden als bildenden und wahrhaft bereichernden Wirksamkeit des mündlichen Vortrages beschränkte ich mich immer mehr auf einige unerläßliche Fachcollegien, dieß vornehmlich deßwegen, um in vollständigen Heften einst Zeugnisse meiner Studien zurückbringen zu können. Dagegen bewegte mich immer mehr der Gedanke, die Bearbeitung irgend eines Gegenstandes in der Absicht zu unternehmen, dieselbe bald möglichst durch den Druck bekannt zu machen. Dazu lockten die reichen Hülfsmittel der Universitätsbibliothek, der Kitzel, schon in früher Jugend mit einer gelehrten Arbeit vor der Welt zu erscheinen, am meisten aber die Hoffnung, hiedurch eine zusagende Laufbahn mir zu eröffnen, das Bedürfniß endlich, wenn bei dem einstigen Examen meine theologischen Kenntnisse nicht zureichend erfunden werden sollten, durch einen Beweis, daß ich deßwegen doch nicht müßig[134] gewesen, meine Zeit doch nicht nutzlos vergeudet hätte, und, wenn nicht zu dem Einen, so doch zu Anderem tüchtig erfunden werden möchte, alle Vorwürfe erfolgreich niederzuschlagen. Ich wählte die Geschichte des ostgothischen Königs Theodorich und machte mich sofort an das Sammeln der Materialien, worüber ich die Zeit für Anderes noch mehr beschränkte. Das erste Universitätsjahr verfloß beinahe unter derselben Lebensweise und unter denselben Gewohnheiten wie zu Hause. Da ich wenig Bekanntschaften hatte, weil ich solche weder suchte, noch an Orten, wo dergleichen sich eingehen lassen, mich einfand, mit meinen schweizerischen Landsleuten nur alle Sonntage für ein paar Stunden zusammenkam, wurde ich weder aus meinem bisherigen Ideenkreise herausgerissen, noch dieser durch das Messen der Kräfte besonders gefestigt, entwickelt, erweitert. Das war dem zweiten Jahr vorbehalten. Der Zufall führte einen Studenten, der Würzburg an Göttingen vertauschen wollte, auf der Reise mit einem andern zusammen, der früher von Halle aus seine schweizerischen Landsleute zu Göttingen besucht hatte, jetzt aber gleichfalls dahin sich begab. Durch diesen wurde ich mit jenem in der ersten Stunde seiner Ankunft bekannt, und Beide fanden Zimmer in dem Hause, welches ich bewohnte, womit die engere Verbindung bereits angebahnt war. Der Würzburger-Student war der im Jahr 1821 als Professor der Chemie in Freiburg im Breisgau verstorbene Franz von Ittner. Die Bekanntschaft mit ihm, welche hernach in ein enges Freundschaftsverhältniß zu seiner ganzen Familie übergieng, hat sowohl an sich, als in ihren weitern Folgen, auf mein geistiges Wesen den entschiedensten Einfluß geübt. Derselbe studierte die Medicin ungefähr in gleicher Weise, wie ich die Theologie. Zwar in der katholischen Kirche geboren, anerkannte er von dieser blos dasjenige, was davon in die Schelling'sche Philosophie eingegangen war. Ich zweifle, daß er von den Lehren der Kirche besonders viel wußte, oder ihnen ein besonderes Gewicht beilegte; für die Kirche selbst aber nahm er das Wort, als für die Mutter und Schirmerin der Kunst, als[135] für die Kraft der Einigung der Völker, als für eine großartige, tiefgedachte, alles Schöne bedingende Institution. Ueber den Protestantismus äusserte er sich wegwerfend, weil derselbe mit Beseitigung derjenigen Mittel, die auf den geistigen Gesammtmenschen einwirken sollen, blos an den kalten Verstand sich wende, andere, ebenso gewichtige Elemente in dem geistigen Wesen des Menschen unberücksichtigt lasse, deßwegen eine allseitige Ausbildung des Innern nie zu erzielen vermöge, das Grab aller Kunst seye. Je entschiedener ich alle rationalistischen Anwandlungen von mir wies und den alten Kirchenglauben als alleinigen Ausdruck des wahren und von Oben stammenden Christenthums gelten ließ, desto mehr mußte ich mich auch zu denjenigen hingezogen fühlen, die ich mancher Ausdrücke und Bestrebungen wegen anfangs für Bewahrer desjenigen Theils der geoffenbarten Lehre erkennen zu dürfen glaubte, welcher bei der Reformation gerettet worden, und in der ich das unantastbare Stammgut der Christenheit, unabhängig von confessionellen Unterschieden, ehrte. Das Verdienst, durch den Kampf für die Kirche mit ihr selbst den geoffenbarten Glauben gerettet zu haben, maß ich gerne, neben den von mir bereits anerkannten Vorzügen, Gregorn VII bei, und das Urtheil über ihn galt mir als Prüfstein, inwiefern ein Anderer der vorherrschenden Art und Weise verfallen seye, oder nicht. Ich liebte es, diesen Papst zur Sprache zu bringen, dabei an die gewöhnlichen Aeusserungen wider ihn oft beissenden Spott gegen die im Schwange gehende und von den meisten Studenten so begierig eingeschlürfte Aufklärung zu knüpfen. Als bei einer solchen Gelegenheit, bei der ich gewöhnlich allen Andern einzig gegenüber stand, Ittner auf meine Seite trat, und für meinen Liebling ebenfalls das Wort nahm, wenn gleich aus ganz andern Gründen, war die Freundschaft geschlossen. Ein Landsmann und früherer Mitstudent zu Schaffhausen, ebenfalls Mediciner und Schüler Schellings, dabei weit mehr mit Philosophie und was damit verwandt ist, als mit Heilkunde[136] sich beschäftigend, trat meinen Expectorationen gegen die ausräumende und alle Lehre auf den gemeinsten hausbackenen Menschenverstand (welcher Ausdruck damals ohngefähr die gleiche Rolle spielte, wie gegenwärtig derjenige: Fortschritt) beschränkende Theologie gewöhnlich bei. Wir machten uns öfters über diejenigen lustig, denen es weniger Kummer verursachen würde, wenn ein ganzes Evangelium, als wenn ihrem Heft ein einziges Wort eines Professors verloren gienge. Auch unser Freund beklagte den tödtlichen Streich, welcher durch die Reformation der Kunst versetzt worden; weil mir aber die Abschwächung und Gefährdung der Dogmen als deren unvermeidliche Folge vorzüglich sich darstellte, so trug ich kein Bedenken, den andern auch in jener Beziehung um so eher beizutreten, als ich bei meinen theologischen Freunden für die Kunst überhaupt keinen Sinn fand. Weiter jedoch vertieften sich jener Freund und ich nie, weder in das Wesen der beiden Confessionen, noch in die Gegensätze der beiden Kirchen, noch in die Glaubenslehren. Im Verkehr mit Andern dann begnügte ich mich, die geretteten Ueberreste des aus der frühesten Vergangenheit herabgeerbten Glaubens zu vertheidigen, unter zwischenein verlautender Klage über eine äussere Form, welche für dessen Träger, Bewahrer und Vermittler an die Menschen die Laufbahn leichtsinniger Weise auf das Minimum verkürzt habe, indeß ihnen vorher eine lange, ehrenvolle und glanzreiche offen gestanden hätte. Merkwürdig aber mochte ich es nennen, daß von meinen sehr wenigen, nicht sowohl Universitäts freunden, als vielmehr nur nähern Bekannten, zu denen insgesammt jedoch über den Aufenthalt in Göttingen hinaus keine fernern Beziehungen fortbestanden, zwei später in die katholische Kirche zurückkehrten, einer in dieselbe eintrat; nämlich Christian Schloßer aus Frankfurt, der schon vor vielen Jahren in Rom starb, Dr. Freudenfeld aus Meklenburg, gegenwärtig im Jesuiten-Collegium zu Freyburg, und Bernhard Seligmann aus München, auf dessen Grabstein ich während der letzten Tage meines Aufenthalts zu Rom zufällig[137] stieß. Sicher ist es, daß der erwähnte Landsmann, der mit Christian Schloßer in der engsten Verbindung stand, ihm in jener Rückkehr unfehlbar würde gefolgt seyn, hätte ihn nicht bald nach dem Abgang von der Universität der Tod dahin gerafft. Manche seiner Unterredungen drückten eine solche Neigung auf's Unverkennbarste aus, wobei Schloßers Vorgang nicht ohne bestimmenden Einfluß würde geblieben seyn. Ob wahre Ueberzeugungen von katholischer Wahrheit oder Einflüsse der Philosophie eine solche Neigung bei ihm hervorgerufen haben, weiß ich nicht. Der öftere Umgang mit ihm, und der tägliche mit meinem Freund Ittner, führte mich zwar in diese Philosophie nicht ein, gab mir aber doch einen Begriff über die Auffassungsweise der meisten Erscheinungen, zu der sie ihre Schüler heranbildete, über die Ansichten, die aus ihr sich entwickelten. In das eigentliche System derselben drang ich niemals ein, gab mir auch keine Mühe darum, indem ich bei christlicher Ueberzeugung die Philosophie für durchaus überflüssig erachtete. Ich finde über mein Verhältniß zu der damaligen Philosophie Folgendes aufgezeichnet, dessen Richtigkeit ich jetzt noch anerkennen muß: »Als ich die Universität bezog, war die glänzende Epoche der kantischen Philosophie vorüber. Eine neue Philosophie hatte ihr allherrschendes Ansehen im Süden bereits gestürzt, und im Norden begann dasselbe, obwohl immer noch groß genug, zu wanken. So viel ich aus einer summarischen Betrachtung des Ganges der Wissenschaften während der letzten zwei Jahrzehnde, also in eben der Zeit, während welcher die kantische Philosophie auf dem Gipfel ihres Ansehens stand, wahrgenommen, habe, schien es mir, als wäre ihr Einfluß auf dieselben nicht der günstigste gewesen. Dieß dürfte wenigstens der Fall seyn bei der Theologie. Die dogmatischen Systeme ihrer Anhänger sind ausgemergelt wie Gerippe, die Vernunft sollte Alles beweisen, und verworfen werden, was aus ihr steh nicht beweisen ließ. Für die Moral wollte sie einen höhern und, wie man glaubte, die Menschen zwingendern obersten[138] Grundsatz aufstellen, als das Christenthum und sein göttlicher Lehrer gethan hat. Die Hoffnung künftiger Vergeltung, meinten ihre Anhänger, seye als lohnsüchtig verwerflich, absolute Rechtlichkeit des Menschen würdiger. Und doch hat keine Zeit eine selbstsüchtigere Moral aufgestellt, als die unsrige. Denn blos damit eines Jeden Leben, Eigenthum und Ehre gesichert seye, wollten sie dem Volk noch einen äussern Schein von Religion belassen, die eigentliche Gottesverehrung aber verwerfen. Eine ganz andere Philosophie machte jetzt großes Aufsehen. Eine norddeutsche Universität konnte aber nicht der Ort seyn, wo eine Philosophie, die allem Haschen nach Nützlichkeit entgegen war, auf nackte Logik nicht viel hielt, hoffen durfte, großen Eingang zu finden. Doch ließen sich durch Andere, welche dieselbe sich zu eigen gemacht hatten, Notizen über sie erwerben. Die Grundsätze, welche diese Philosophie aufstellte, die Folgerungen, die sie zog, die Hinneigung, welche die reichbegabten Geister, die eine neue Poesie geschaffen hatten, zu ihr zeigten, dieß Alles erweckte bei mir einige Vorliebe für dieselbe, und ich würde mir Mühe gegeben haben, in sie einzudringen, wenn ich nicht bald geahnet hätte, daß auch ihre Vordersätze mit dem geoffenbarten Christenthum eben nicht besser in Einklang stünden, als diejenigen der kantischen Philosophie. Ueberzeugt, daß ein wahres Glied der christlichen Kirche keine Lehren über Gott und die menschliche Seele annehmen dürfe, als diejenigen, welche diese aufstelle, enthielt ich mich dessen, schätzte aber dennoch die Männer hoch, deren durchdringender Scharfblick einsah, was dem Zeitalter Noth thue, woran hauptsächlich es krank liege, und deren rüstige Kraft keine Gelegenheit ungenützt ließ, Irrthümer zu bestreiten, welche der Norden gleichsam zu Glaubensartikeln erheben wollte.« Einen eigenthümlichen Umschwung in meinen Ansichten bewirkte mein Freund Ittner in den ersten Tagen unseres Zusammenseyns dadurch, daß er mit der neuern Poesie mich bekannt machte. Eine dunkle Ahnung, daß es etwas Anderes geben müße, als die wässerichten Gedichte eines Zachariä, als[139] die langweiligen Lustspiele eines Gellert, als die wortreichen Romane eines Wielands, lag wohl in mir; aber ob es vorhanden, wo es zu suchen seye, das war mir durchaus verborgen. Ich sehnte mich nach etwas, was eine unnennbare Lücke in meinem Geiste ausfüllen sollte. Aber unter meinen, handwerksmässig Brodwissenschaft treibenden Bekannten war es mir unmöglich, dasselbe zu finden; sie kannten es selbst nicht, und hätten sie es auch gekannt, so würde es in die Summte ihrer Begriffe nicht eingepaßt haben. Ittner, dessen, was eine ganz neu gewordene Poesie bereits zu Tage gefördert hatte, kundig, wies mich auf Tieks romantische Dichtungen. Die Genoveva blieb lange mein Lieblingsbuch, welches ich nachher Jedem empfahl, zu welchem ich in freundschaftlicher Beziehung stand, auch Jedem bemerkte, sie habe eine wahre Umwandlung in mir veranlaßt. Ich habe erst vor wenigen Tagen noch den Brief eines Freundes gefunden, der zwar beifällig über das Gedicht sich äusserte, aber, wie es auf mich jene Wirkung hätte haben können, nicht begriff. Was ich im Jahr 1808 darüber schrieb, ist sicherlich aus der innersten Fälle meiner, damals noch ganz frischen Empfindungen hervorgegangen, darum auch dieses hier eine Stelle finden mag. »Als ich die Genoveva las, hätte ich, wie Archimedes, durch die Straßen rufen mögen: Gesunden! Gesunden! Ich fand nämlich darin, was meine tiefsten Gefühle in frohe Bewegung setzte, was hundert verborgene Bilder enthüllte, eine Fülle von Gedanken entfesselte. Nächst der Nachfolge Christi hat kein Buch so mich gerührt, so hingerissen wie dieses. So oft ich sie lese, wiege ich mich in süßer Melancholie. Genoveva stellte mir das Bild einer durch innige Vereinigung mit Gott gestärkten Seele vor Augen, die Alles mit Gleichmuth erträgt, deren innere Kraft auf den höchsten Gipfel gesteigert ist; der edle Drago, der liebliche Schmerzenreich sind Gebilde, die mich zu Thränen rühren, so oft ich sie betrachte. Die Umrisse der beiden Riepenhausen vollendeten den Genuß den mir das Buch gewährte; stundenlang möchte ich vor ihnen stehen, sie anblicken.[140] Die neue Bahn war betreten. Es folgten die Volksmährchen, worin ich den blonden Eckbert und die schöne Magelone in dem mannigfaltigen Reiz der Gedichte, womit das Mährchen, gleich dem Peplos der Minerva, durchflochten ist, allen vorzog Die Phantasien über Kunst, Kaiser Octavian, hierauf Novalis Schriften, weckten theils neue Ansichten, berichtigten die vorhandenen, erfüllten mit stiller Wonne und berührten verschieden die Saiten meines Gemüths. Damit wurde zugleich der Gesichtspunkt näher fixirt, woraus ich alle Schriften betrachtete, die von Lob und Preis unserer Zeit überfloßen, und von Ausfällen und Schmähungen gegen diejenigen strotzten die entweder in der Wissenschaft oder in der Kunst von der Bahn wichen, auf der Jene schon so lange herumgekrochen waren. Sie wußten nichts Anderes, als mit Wunderpsalmen und katholischem Kreuz- und Quersinn um sich zu werfen; als ob die Kreuz- und Quersprünge des muthigen Streitrosses nicht von mehr Lebensfülle zeugten, als die gleichförmig geregelten Schritte eines alten Walkergauls.« In solcher Weise wurden damals die Gebilde der Phantasie der sogenannten romantischen Schule durch die, zu unserm größten Ergötzen bereits den Todeskampf kämpfende allgemeine deutsche Bibliothek mit den rostigen und stumpfen Waffen nicolaischer Nüchternheit bekämpft. Ich trat als eifriger Anhänger dieser neuen Schule, als ein gelehriger Schüler auch darin auf, daß ich in raschem Absprechen und schonungslosem Verkleinern, wodurch dieselbe damals sich auszeichnete, die schönsten Fortschritte machte. Ich bewährte dieß, als ich bald hernach zu Heidelberg in das Zimmer eines Freundes eintretend, vor allen Dingen dessen Bibliothek musterte, und eine Menge Bücher, die ihm in Schaffhausen anempfohlen worden, als Schund und Schofel, den er nicht schnell genug beseitigen könne, so anders etwas aus ihm werden solle, umkehrte, und meine Lieblinge, die er in jener Stunde zum erstenmal nennen hörte, als di majorum gentium im Reiche der Poesie anpries. Es waren jene Jahre die Zeit, in welcher auf dem Gebiete der Aestthetik[141] (besser als heutzutage in dem Bereich der gesellschaftlichen Ordnung) »die göttliche Grobheit« eine Rolle spielte. Meine Liebhaberei für Bücher, vornehmlich solche, die auf Auctionen zu erwerben waren, hatte ich nicht zu Hause zurückgelassen. In Göttingen fand ich Gelegenheit, ihr zu huldigen; mehr als meinem Vater, der nachherigen bedeutenden Frachtauslage wegen, lieb war. Doch habe ich vieles Werthvolle für geringen Preis von diesen Steigerungen, deren ich keine versäumte, an mich gebracht. Dabei waren unter den Studenten nur wenige Concurrenten zu fürchten, da der größte Theil derselben bloß auf neuere Werke Jagd machte, die ältern unberücksichtigt ließ. Bei einer solchen Gelegenheit erwarb ich mir ein Werk, an dessen Besitz meine nachherige Thätigkeit, mein Ruf, meine spätern Verwicklungen und zum Theil die ganze Wendung meines Lebens sich knüpfte. Es war die Ausgabe von Innocenzens Briefen, durch Baluzius in zwei Bänden besorgt. Ich kannte den Mann, der die Briefe geschrieben, nicht weiter als dem Namen nach, den Inhalt derselben noch weniger; ich kannte bloß einigermaßen den Herausgeber, faßte die beiden schön gedruckten, trefflich erhaltenen Folianten und den geringen Preis von 2 fl. 24 kr. ins Auge. Für dieses Gebot blieb mir das Werk; ich trug es, freudig eines so wohlfeil erstandenen Schatzes auf mein Zimmer und stellte es zu den andern Büchern. Allerdings war es Zufall, daß die Sammlung auf die Steigerung kamt, daß ich gerade auf derselben mich einfand, daß Niemand ihren Werth kannte, daß der wohlfeile Preis (denn nichts als dieser leuchtete mir in die Augen) mich lockte. Aber eben so gewiß ist es, daß ohne den Besitz dieses Buches ich die Geschichte Innocenzens des Dritten nicht würde geschrieben haben, mit unendlich Vielem, was mir mit solcher Umständlichkeit einzig hiedurch bekannt wurde, nie würde bekannt geworden seyn, vielleicht in einem ganz andern Ideenkreise mich bewegt hätte. Wenn sich nun an diesen Besitz nicht blos eine höchst befriedigende Thätigkeit von drei Jahrzehnden des eigenen[142] Lebens, sondern Manches, was sowohl in großer Zahl Freunde als mitunter auch Gegner mir erwarb; ja wenn sich daran, was noch weit mehr ist, die ersten Anfänge eines immer heller aufgehenden Lichtes und einer immer völliger werdenden Erleuchtung durch den himmlischen Gottesstrahl knüpft; wenn in letzter Beziehung sogar ehrenvolle und zusagende Verhältnisse des äussern Lebens damit in Verbindung sich setzten, darf es alsdann eitle Anmaßung genannt werden, wenn in dem Glauben, daß auch gering Scheinendes nicht von ungefähr geschehe, ich jenem Zufall eine höhere Bedeutung unterlege, als der gewöhnliche Sprachgebrauch mit dem Worte verbinden mag? Das vierte halbe Jahr des Aufenthalts auf der Universität wurde fast ausschließlich auf die »Geschichte des Königs Theodorich« verwendet, und in Hoffnung, nicht bis zu Ablauf des Semesters in Göttingen verweilen zu müssen, hörte ich in diesem Semester gar keine Collegien mehr. Mein Vater hatte mir nämlich versprochen, unmittelbar von der Universität nach Amsterdam reisen zu dürfen, wo damals drei meiner Oheime von mütterlicher Seite wohnten, deren keiner, seit ich geboren, war, je seine Vaterstadt besucht hatte. Da ich hieran den Wunsch knüpfte, auch Paris zu sehen, bereitete ich mich durch etwelches Studium der großen archäologischen Sammlungen auf das Anschauen jener Bilderwerke vor, welche die Franzosen aus allen Theilen Italiens nach ihrer Hauptstadt geschleppt hatten. Hiezu gewährte Heyne die seltene Vergünstigung, daß mir die Bibliothek Vormittags geöffnet ward, und ich ganz allein in derselben hervornehmen durfte, was mir beliebte; auch versah er mich mit Empfehlungsbriefen an Silvestre de Sacy und an Visconti. Aber mein Vater war nicht geneigt, meinen Wunsch zu gewähren. Er that recht daran; denn bei meiner Jugend, bei meiner Unerfahrenheit und daherigen Unfähigkeit, in einer fremden Stadt mit der erforderlichen Selbste ständigkeit und Klugheit mich zu bewegen, hätte ich leicht in die schwierigsten Verwicklungen gerathen können. Drei lichte Punkte treten in meiner Rückerinnerung an[143] Göttingen immer hervor: die Bibliothek, der Hofrath und Oberbibliothekar Reuß und vor Allen Heyne. In der erstern war ich so zu sagen einheimisch, und in einer Anstellung an derselben würde ich damals das oberste Ziel meiner Wünsche erkannt haben. Zu dem Hofrath Reuß stand ich weiter in keiner Beziehung, als in derjenigen, welche erst aus häufigem Begegnen hervorgieng, darauf freundliche Behandlung und wohlwollendes Handbieten in kleinen literarischen Zweifeln und Anfragen zur Folge hatte. Ich zählte es daher zu dem Angenehmsten, was mir im Jahr 1837 widerfahren konnte, dem zwar körperlich schwachen, aber noch seiner Geisteskräfte in heiterer Ruhe geniessenden Greisen nach so vielen Jahren meine Gefühle unverblichener Dankbarkeit ausdrücken und mich in seine Erinnerung zurückrufen zu können. Er hatte, wie leicht zu begreifen, kaum noch meiner gedacht, um so mehr aber war er erfreut durch meine Aufmerksamkeit. ? Für Heyne hatte ich solche Verehrung, daß später ein Zusammentreffen mit Voß mir nicht so zum erwünschten Ereigniß ward, wie es ohne dieß wahrscheinlich gewesen wäre. Zeh konnte mich selbst der kleinen Neckerei nicht enthalten, meine Gesinnungen der Verehrung für Jenen mit etwelcher Emphase vor ihm an den Tag zu legen. Auch konnte die Vergleichung des, stets in einer, seinem Alter geziemenden Eleganz auftretenden »Herrn Geheimen Justizraths« mit dem in seinem Aeussern gar zu schlichten Professor nicht zu Gunsten des letztern ausfallen. Doch abgesehen hievon, hörte ich nachher Jacobis Mittheilung um so lieber: er hätte sich lange mit Voß gestritten, ob seine Verdeutschung Homers wirklich den unabweisbaren Anforderungen an eine solche entspreche. Jacobi stellte eben dasjenige an derselben aus, was so manche Andere daran ausgesetzt haben: sie gewähre bei allzugroßer Rachbildung des Deutschen nach dem Griechischen dem Lesenden keinen reinen Kunstgenuß, da ein zu großes Ringen mit dem Verständniß erfordert werde.[144] Mein Aufenthalt in Amsterdam und in Holland überhaupt dauerte beinahe drei Monate. Es war eine in Unthätigkeit und zweckloser Pflastertreterei zugebrachte Ferienzeit; behaglich, indem meine Oheime und Tanten sehr besorgt waren, meinen Aufenthalt angenehm und alles Sehenswerthe mir zugänglich zu machen. Noch am Vorabend vor meiner Abreise kamen meine politischen Antipathien durch Verbreitung eines gedruckten Berichts von einem vollständigen Sieg, welchen die Preußen über Bonaparte's Heer bei Jena erfochten hätten, in ein mißliches Dilemma. Einerseits hätte ich jauchzen mögen, daß der Usurpator, als welcher er mir stets vorkam, endlich seinen Meister gefunden habe; andererseits quälte mich der Neid, daß nun den Preußen sollte gelungen seyn, was das Jahr zuvor Oesterreich unter so großer Anstrengung erfolglos versucht, und erfolglos deßwegen vorzüglich, weil eine deutsche Macht um den Preis von Hannover noch Aergeres gethan hatte, als blos dasselbe im Stich zu lassen. Aber schon im Haag erfolgte die Enttäuschung und im Dom von Mainz konnte ich einem Tedeum für den Sieg bei Jena beiwohnen, welches durch die Anwesenheit Josephinens mit ihrem Hofstaat verherrlicht ward. Der Rückweg führte mich über Leiden, Rotterdam, Brüssel, Cöln, den Rhein hinaus. Man erzählte mir in Rotterdam, das bronzene Bild des grossen Erasmus auf der Maasbrücke seye bei dem Bildersturm sammt Crucisiren und andern Bildern in den Strom geworfen worden. Einige Zeit nachher hätte die Rotterdamer Besorgniß angewandelt, ihre Geringschätzung des großen Mitbürgers, dessen Ruhm ganz Europa erfülle, müßte ein sehr nachtheiliges Licht auf sie werfen, sie gerechtem Spott blosstellen. Daher seye beschlossen worden, das Bild wieder aufzusuchen, dasselbe, nachdem es gefunden worden, zum Beweis ihrer Hochachtung auf die Brücke zu stellen. Alle andern Bilder blieben natürlich als abgöttischer Gräuel von der Fluth weggespühlt oder in derselben begraben. Daher seye der Witz gemacht worden:[145] Amazon.de Widgets O Himmel! ist es nicht ein Jammer, Daß Christus nicht war ein Rotterdammer! In Brüssel war Allerheiligenfest das zweite Fest der katholischen Kirche, welches ich in meinem Leben sah, Es setzte die ganze Stadt in Bewegung, und der gedrängt volle Dom bot mir einen merkwürdigen Gegensatz gegen die sparsam besuchten Kirchen meiner Vaterstadt dar. Nicolai's, Gablers und Aehnlicher Bekrittlungen von Chateaubriands Genie du Christianisme, welches damals so großes Aufsehen erregte, hatten mich schon in Göttingen auf dieses Buch aufmerksam gemacht. Ich schätzte mich glücklich, es bei einem Buchhändler in Brüssel zu finden, und machte es zur Lectüre auf meiner Reise. Der Glanz der Darstellung, der Reichthum der Bilder, die Anmuth der Sprache fesselten mich, ich fühlte mich ergriffen, gehoben, meine Phantasie angeregt, und armseliger, dürrer und verzerrter erschien mir die Anschauungsweise der meisten hier so sinnvoll behandelten Gegenstände, die mir aus nicolaischen Reisebeschreibungen, Faustinen, Berliner Monatsschriften, deutschen Bibliotheken und ähnlichen übernüchternen Schreibereyen in der Erinnerung geblieben war. ? Der Dom von Cöln erschien mir als Typus der höchsten Aufgabe des Lebens und zugleich der Zeit, in der er erbaut worden; ? Propheten und Apostel, Patriarchen und Väter, Lehrer und Blutzeugen, zwischenein das Zeichen des Heils, vorbildend das Leben, in welchem nirgends ein Einschnitt seyn sollte ohne das Heilige; die Thürme aufstrebend, um die Erde dem Himmel zu verbinden, aber gleichsam niedergeschmettert, als hätte der Ewige Solches noch nicht gewollt. Meine Rückreise führte mich an dem nahen Ziele in eigenthümliche Verhältnisse und Umgebungen, welche nicht ohne Einfluß auf mich blieben und vielleicht zu Beurtheilung von Manchem mir einen andern Standpunkt anwiesen, als ich ihn ohne jenes unerwartete Zwischeneintreten vermuthlich niemals würde aufgefunden haben während ich noch in Holland weilte, war[146] mein Freund Ittner in das elterliche Haus nach Heitersheim im Breisgau zurückgekehrt, wo sein Vater als Ordenscanzlar des Malteser Großpriorats deutscher Zunge wohnte, jetzt aber, da das Fürstenthum durch den Preßburger-Frieden Baden zugewiesen worden, in die Dienste des Greßherzogs dieses Landes übergangen war. In der Absicht, meinen Freund zu besuchen, wählte ich von Heidelberg den Rückweg durch das Breisgau. In Heitersheim sagte mir Ittner, sein Vater befinde sich zu St. Blasien, von dem Großherzog beauftragt, die Aufhebung dieser Abtei zu bewerkstelligen. Sein Vorschlag, uns zu einem Besuche gemeinsam dahin zu begeben, war mir höchst erwünscht. Hatte ich doch schon zu Hause viel von der prachtvollen Kirche von St. Blasien, von dem großen Kloster, von der wissenschaftlichen Thätigkeit seiner Bewohner, von dem gelehrten Abt Martin vernommen, später dann mehrere der Urkundenwerke, die wir der wissenschaftliches Thätigkeit der dortigen Benedictiner verdanken, theils mit großem Beifall nennen gehört, theils in den Bibliotheken gesehen und angestaunt. Die kleine Reise dahin wurde gegen die Mitte Decembers angetreten. Es wirkte mit magischem Eindruck auf mich, als wir bei schon eingebrochener Nacht in dem Wagen, mit vier fürstlichen Pferden bespannt, zu der Klosterpforte hinein, an den dunkeln Massen der gewaltigen Gebäude vorüber, zu dem großen Portal fuhren, drei Livreebediente mit Kerzen die gemächliche Doppelstiege hinauf durch einen langen Gang in das Zimmer des Herrn Canzlars uns leuchteten. Der Vater meines Freundes war ein großer, stattlicher Mann, corpulent, mit schönen, regelmässigen Gesichtszügen, imponirend in seiner Haltung. Ich wurde auf das freundlichste empfangen und sogleich hinsichtlich meiner Studien ins Examen genommen, was befriedigend auszufallen schien; schon darum, weil Herr von Ittner seine Studienzeit ebenfalls im Göttingen zugebracht hatte, und bei großer Vorliebe zu der classischen Literatur und ausgezeichneter Vertrautheit mit derselben in der Verehrung für Heyne mit mir wetteiferte. Denn auch er hatte denselben zu[147] eben der Zeit, da er in dieser Wissenschaft gleichsam als Imperator waltete, fleissig gehört, und nicht minder als ich an ihn sich hingezogen gefühlt. Kaum dann in lebhafter wissenschaftlicher Unterhaltung eine halbe Stunde verflossen war, hieß es: morgen würde uns die Bibliothek gezeigt werden, aber wir müßten auf der Stelle unser Ehrenwort geben, daß wir nie Etwas »schießen« wollten. Wir gaben es und haben es redlich gehalten; ich zwar einzig des Ehrenwortes wegen, nicht Gewissens halber. Denn ich räsonnirte so: »schießt« der Großherzog das ganze Kloster mit Allem, was dazu gehört, so hätte ich gerade so viel Recht als er, wenigstes ein Buch zu »schießen« sein Recht an das Ganze ist nicht besser begründet, als mein Recht an einen Theil es wäre. Daß das Ehrenwort mich band, that mir hernach um so mehr leid, als einst der Fürst Hrn. Ittner den Wunsch ausdrückte, er mochte mir von sämmtlichen Sanct-Blasianischen Werken (die meist in zahlreichen Exemplaren vorhanden waren) eines zum Andenken geben, er aber unter dem Vorwand, sie wären bereits alle gezählt, Gewährung ablehnte. Noch vor Tisch mußten wir dem Fürsten unsere Aufwartung machen. Denn obwohl dieser nur zum Schein noch Herr im Kloster, der Commissarius nunmehr die Hauptperson war, obwohl ich unter vier Augen manches wegwerfende Urtheil über denselben hören konnte, so wurden doch die äußern Formen des Anstandes nie aus den Augen gesetzt, auch streng darob gehalten, daß sie von uns bei allen Gelegenheiten beobachtet würden. So fand sich z.B. Hr. von Ittner jederzeit vor dem Fürsten in dem Tafelzimmer ein; man stund nie von der Tafel auf, ohne daß er nicht demselben eine Verbeugung gemacht und gedankt hätte, was von uns um so mehr befolgt werden mußte. Als ich einst bei dem Casse auf einem Bein vor dem Fürsten stand, hatte ich gleich nachher eine derbe Lection anzuhören: »ob ich es für geziemend hielte, vor einem Fürsten auf einem Bein zu stehen? Wenn auch seine Herrschaft zu Ende gehe, so sehe er doch immer noch Reichsfürst, dem schuldige Achtung gebühre.«[148] Waren die Formen bemessen und untadelhaft, so wurde das Geschäft selbst nicht mit der größten Milde betrieben. Hiezu wirkte vorzügliche frühere Mißstimmung. Durch den Lüneviller-Frieden nemlich hatte der Herzog von Modena sein Land verloren, der Reichsdeputations-Entschädigungs-Receß ihm hiefür das Breisgau angewiesen, die fünf reichen Abteien desselben hingegen sollten als Entschädigung für verlorene Besitzungen dem Malteserorden zufallen. Der Herzog wollte von dem Tausch nichts wissen, und nahm bekanntlich das Breisgau niemals an. Die Abteien, St. Blasien an der Spitze, suchten ihrerseits zu beweisen, daß der Malteserorden eine geistliche Stiftung seye, wie sie, und kein Grund vorhanden, die eine zu Gunsten der andern aufzuheben. Die Klöster verfochten ihre Angelegenheit in einer Druckschrift, und gaben sich auch sonst alle Mühe, für die Rechtmässigkeit ihrer Ansicht zu gewinnen, wen immer sie konnten. Die Druckschrift hatte eine Entgegnung von Seite des Ordens (wahrscheinlich durch dessen Canzlar verfaßt), durch jenen Umstand aber eine Lebensfristung der Klöster bis zu Ende des Jahres 1806 zur Folge. Ittner, als Canzlar des Ordens, war daher auf jene Bestrebungen und auf diejenigen Personen, welche dieselben am thätigsten sich hatten angelegen seyn lassen, bitterböse zu sprechen, und diese Stimmung blieb nicht ohne etwelchen Einfluß. Er theilte überhaupt jene Gesinnung gegen die Ordensgeistlichkeit, welche während seines Aufenthalts zu Wien herrschend war, und von da über Deutschland sich verbreitet, selbst einige geistliche Fürsten zu Gewaltthaten bethört hatte, die nur allzubald wider sie selbst gewendet werden sollten. Die geistige Beschränktheit der Mönche kam als Lieblingsthema öfters zur Sprache. Wenn ich dann die Verdienste der Sanct-Blasianer durch Herausgabe so vieler gewichtiger Urkundenwerke hervorhob, so wurden dieselben nur höchst bedingt anerkannt und mehr als einmal mußte ich hören: »hätten diese dummen Mönche einen Theil des Papieres dazu verwendet, um wohlfeile Schulausgaben der Classiker darauf zu drucken, so würden sie hiemit[149] der Welt einen größern Dienst erwiesen haben, als durch jene Werke.« Wollte ich Etwas zum Lob des so thätigen als gelehrten Fürsten Martin sprechen, so hieß es, er seye doch ein faselnder Greis geworden, indem er in spätern Jahren seinen Nabuchonodosor somnians gegen die Revolution geschrieben habe. Weiter wurde als Beweis unnöthigen Thuns und nutzloser Papiervergeudung angeführt, noch in letzter Zeit habe einer der Conventualen unverantwortlicher Weise das Papier durch den Druck eines asketischen Werkes, unter dem Titel Scudum fidei, verderbt, welches schon bis zum fünften Theil vorgerückt, nun aber alsbald und mit Recht eingestellt worden seye. Dann ergieng ferner die Klage: es lasse sich mit Niemand im Kloster über Wissenschaftliches ein vernünftiges Wort sprechen, von classischer Literatur ( Ittners Lieblingsstudium) seye keine Spur vorhanden und das Griechische ein völlig unbekanntes Gebiet. ? An letztere Klage knüpfte sich dann der Vorschlag, wir möchten eine Zeitlang bleiben, damit am Abend, nach vollbrachter Tagesarbeit, doch Jemand ihm zu literarischer Unterhaltung dienen könnte. Mir, der ich ohnehin keine besondere Sehnsucht verspürte, bald zu Hause einzutreffen, war dieß sehr erwünscht, und ich wußte für die Verlängerung des Aufenthaltes meinem Vater so einleuchtende Gründe anzugeben, daß er, ungeachtet an den Ort Bedenklichkeiten sich hätten knüpfen können, keine Einwendungen machte. Von der reichhaltigen und wirklich kostbaren Bibliothek mangelte ein Catalog. Ittner gab mir den Auftrag, wenigstens die Hauptwerke derselben zu verzeichnen; ich sollte seinem Sohn die Titel dictiren. Hier war ich nun ganz in meinem Element, mein Freund dagegen wurde in ein ihm völlig fremdes Gebiet versetzt. Ich freute mich, so manches Hauptwerk wieder zu finden, andere, deren Namen mir blos bekannt waren, jetzt beschauen zu können; und leicht vergaß ich hierüber der sonst empfindlichen Januars- Kälte in dem weiten Raum. Mein Freund dagen fluchte über die mechanische Arbeit, über die Titel ihm gleichgültiger Folianten, über die Kälte;[150] ich aber fuhr ununterbrochen fort zu dictiren, bis seine Drohung: mir, wenn ich nicht aufhöre, das Dintenfaß an den Kopf zu werfen, meinem Eifer und seiner Arbeit jedesmal ein Ende machte. Die Bereitwilligkeit zu diesem Geschäfte, der warme Eifer für classische, wie für jede andere Literatur, die Lebendigkeit, welche ich in die abendliche Unterhaltungsstunde brachte, hatten mir Ittners volle Zuneigung gewonnen, so daß er nebenbei meiner bisweilem für Sachen, die er sonst Niemand anvertrauen mochte, als geheimen Sekretärs sich bediente. Er dictirte mir z.B. die Reserve, durch deren Unterzeichnung der Fürst und einige der vornehmsten Conventualen bezeugen sollten, der Bestand des Klostervermögens seye in guten Treuen angegeben worden; ferner hatte ich die Anträge über die künftigen Pensionen sowohl des Fürsten als der verschiedenen Obern zur Absendung nach Karlsruhe abzuschreiben; wobei jedoch Ittner als erfahrner Geschäftsmann die Vorsicht hatte, die Zahlen auszulassen, so daß mir die Sache dennoch ein Geheimniß blieb. Die Unvorsichtigkeit, einige Actenstücke nicht zu rechter Zeit zu beseitigen, hat vielleicht durch hervorgerufene, aber, wenn sie eingetreten seyn sollte, ungerechte Mißstimmung zu Karlsruhe etwelchen Einfluß auf die Ansätze jener Zahrgehalte geübt, auf jeden Fall nicht den günstigsten Eindruck gemacht. Ich bin als Copist zu deren Kenntniß gekommen, und darf ihrer, da es eine durchaus der Vergangenheit anheimgefallene Sache betrifft, nun wohl erwähnen. Während Bonapartes Feldzug gegen Oesterreich hatte sich im Winter 1805?1806 ein Abentheurer unter dem Namen eines Grafen de la Barse und mit dem Vorgeben, eine gewichtige Stelle in dem kaiserlichen Generalstab zu bekleiden, in das Kloster eingeschlichen. Es scheint, daß er dort längere Zeit sich aufgehalten und durch das Anrühmen großen Einflusses auf den Marschall Berthier und auf den Kaiser selbst das Vertrauen des Fürsten zu gewinnen gewußt habe. Dieser sah nachher in dem Grafen den geeigneten Mann, das Kloster zu retten,[151] dessen Untergang nach dem Vorrücken der Franzosen kaum mehr zu bezweifeln war. ? Der Fürst rief daher ? da jener das Kloster seit längerer Zeit verlassen hatte, ? seine Verwendung schriftlich an, und es wurden die Entwürfe dreyer Briefe vorgefunden: der eine, sofern mir mein Gedächtniß treu ist, an den Kaiser selbst, der andere entweder an Berthier oder an Talleyrand, der dritte an den Grafen gerichtet. An diesen ergieng' die Bitte, die beiden ersten Briefe zu übergeben und das darin Enthaltene durch sein vielvermögendes Wort zu unterstützen. Zum Beweis, daß er nicht für Undankbare sich verwende, wurde er vorläufig mit 500 Louisdors honorirt, unter Versprechen von Mehrerem, dafern seine Verwendung zum erwünschten Ziele führen sollte. In dem Brief an den Kaiser wurde einfach um dessen Protection für das Kloster gebeten; derjenige aber an Berthier oder Talleyrand entwickelte die Gründe für dessen Erhaltung aus militärisch-administrativen Rücksichten. Der Schwarzwald, hieß es darin, seye anerkannt der wichtigste Paß zwischen Frankreich und Deutschland; bei der Beschaffenheit des Bodens aber und dem Mangel an größern Städten werde die Verpflegung eines durchziehenden und noch mehr eines darin verweilenden Heeres schwierig. Es müßte daher der Fortbestand eines Klosters, welches in der unwirthlichsten Gegend mit reichen Vorräthen zu aller Zeit versehen wäre, für den Kaiser von großer Wichtigkeit seyn. St. Blasien böte in Kriegszeiten diesen folgereichen Vortheil dar, woran die Hoffnung sich knüpfen lasse, daß der Kaiser nicht selbst dessen sich werde berauben wollen. ? Es ist mehr als wahrscheinlich, daß diese Briefe an ihre Bestimmung niemals gelangten, jetzt aber nicht ganz ohne Wirkung bleiben. »Sehen Sie, sagte Hr. von Ittner, nachdem ich die Briefe, deren Copie vorläufig nach Karsruhe gehen sollte, abgeschrieben hatte, sehen Sie, selbst Deutschland wollten diese Spitzbuben verrathen und den Feind des Kaisers, ihres Souveräns, in dessen eigenem Land unterstützen!« Ich aber sah in diesem Schrit nichts so Entsetzliches; ich dachte, wer den[152] sichern Tod vor Augen sieht, sucht eben Hülfe und Rettung nur bei demjenigen, der dieselbe gewähren kann. Mir schien es vielmehr ein Beweis von der Klugheit des Fürsten, daß er dem Eroberer die Sache von derjenigen Seite darzustellen suchte, von welcher allein etwelche Berücksichtigung zu hoffen war. Auch leuchtete es mir hell genug ein, daß der berührte Vortheil bei einem neuen Krieg am Ende den Oesterreichern ebensogut zu Nutz kommen könnte, als den Franzosen; es handelte sich nur darum, wer am ersten zur Stelle wäre. Daran, daß Ittners neuer Oberherr gegen Kaiser und Reich noch viel Aergeres verübt, als der Fürst von St. Blasien in Aussicht gestellt hatte, dachte ich in jenem Augenblick nicht, sonst ich jene Aeusserung nicht blos schweigend würde angehört haben. Das weiß ich bestimmt, daß ich bei mir selbst dachte: dieser Sache wegen, die mir so ganz natürlich schien, hätte man nicht so viel Aufhebens machen sollen. Ich fühlte wahres Mitleid mit dem Fürsten, wenn diese Entdeckung ihm schaden sollte, und bedauerte aufrichtig, daß er nicht zu rechter Zeit darauf Bedacht genommen, die verwünschten Briefe zu beseitigen. Jene Gesinnungen, welche bei dem Anblick des Reichsdeputations-Entschädigungs-Rezesses mich vorübergehend durchflogen hatten, gewannen jetzt, da ich gewissermaßen mitten in die Sache versetzt war, eine bestimmte Gestalt. St. Blasiens Leistungen auf demjenigen Gebiete, welches vor allen andern mich lockte, traten in die Erinnerung, die innere Ordnung, Bemessenheit, klösterliche Pünktlichkeit, des Fürsten Freundlichkeit gegen mich, lebendig vor Augen; ich konnte in der Aufhebung nichts als eine Gewaltthat, ein freches Vergreifen an fremdem Eigenthum erblicken. Mehr als einmal in der Nacht habe ich Thränen über das traurige Loos des Klosters vergossen und zu Gott gefleht, er mochte mir die Hülfe, die ich ohne meine Absicht dabei leiste, nicht anrechnen. Der Fürst mochte meine Gesinnungen ahnen. Wehmüthig sagte er mir einst nach aufgehobener Tafel: »Alles läßt sich doch nicht verspeisen!« Mein Blick mußte ihm Zeugniß geben, daß ich ihn vollkommen verstanden[153] hätte. Er war ein Mann im Anfang der Fünfzig. Sein Aeußeres gebot Achtung; das Unglück seines Stiftes hatte ihm viel von seiner Heiterkeit geraubt und nicht selten einen bemerkbaren Zug von Harm in seinen sonst ruhigen Blick gemischt. Hr. von Ittner überzeugte sich bald, daß ich seine Ansichten über die klösterlichen Institute nicht theile. Der lebendige Eindruck der Gegenwart und der Umgebung auf das jugendliche Gemüth war gewaltiger als Räsonnement und Reflexion. Durch viele Jahre meines Lebens haben in mancherlei Vorkommenheiten jene vor diesen das Uebergewicht in mir behauptet. Wenn wir bisweilen zusammen durch die menschenleeren, langen Klostergänge schritten und ich der Käle wegen die Hände in die Rockärmel zusammensteckte, sagte Ittner öfters im Scherz: ich gienge ja förmlich wie ein Novize einher; er glaube, eo seye ein Glück, daß das Kloster aufhöre, sonst würde ich am Ende wohl noch darin bleiben. ? Ganz Unrecht hatte er vielleicht nicht, amt wenigsten, wenn es möglich gewesen wäre, in solcher Weise darin zu bleiben, wie ich damals darin war, ? Herr meiner selbst, ohne alle Sorge für das Leben. Mein Zimmer lag nur wenige Schritte von einer Thüre, die auf die Gallerie der herrlichen Kirche und von da zu einer andern über dem Chor führte. Diesen, der sehr zahlreich besetzt war, hörte ich oftmals im Bette, oftmals gieng ich durch jene Thüre Morgens beim Hochamt, Nachmittags bei der Vesper, auf die Galerie, und fand mich Jedesmal sehr erbaut, indem dadurch meine innern Empfindungen, die ohne äußere Stimme meist ruhig schlummerten, gleich gebundenen Geistern sich ablösten, und frei sich bewegten und freudig hinaufjubelten zu demjenigen, welcher ihr Quell und ihr Ziel ist. Ich wohnte den großen Festfeyern der Weihnacht und des heiligen Blasius bei, und die Pracht, in welcher die Celebrirenden erschienen, die Würde und Pünktlichkeit, mit der sie des Gottesdienstes wahrnahmen, der ernste vierstimmige Gesang, von der großen, als Meisterwerk geltenden, Orgel getragen, die aufwallenden[154] Weihrauchdüfte, waren ebensoviele Ströme, die in mein Innerstes hineinflutheten und es himmelan trugen. Der lebendige Kern des Hochamtes war mir damals noch durchaus unbekannt; aber das durch die äußern Sinne Wahrnehmbare desselben drang mit gewaltiger Macht in den innwendigen Menschen, und ergriff, bewegte, durchströmte in geheimnißvollem, mehr geahnetem, als klar gewordenem Einwirken diesen in der Totalität seines Wesens. Hier, durch welche Anregung, unter welcher äußerer Veranlassung wüßte ich nicht mehr anzugeben, stellte die heilige Jungfrau als hochbegnadigte, als zu dem sie Ehrenden in segnender Beziehung stehende Individualität mir sich dar. Ich sollte fast meinen, die immer festgehaltene und durch keine Eichhorn'sche Exegese und keine Stäudlin'sche Dogmatik erschütterte Ueberzeugung von Christo dem Gottmenschen habe in mir wenigstens etwelche Geneigtheit bereitet, einen Theil der ihm schuldigen Anbetung als höhere Achtung auch auf seine irdische Mutter (als Jungfrau wurde sie mir wenigstens durch das Glaubensbekenntniß von Jugend an bezeichnet) überzutragen. Ein Hang zum Geheimnißvollen, was in der Vereinigung von Jungfrau und Mutter, eine Vorliebe zum Idealen, was in der Alles überragenden Hoheit und der zu Jedem sich herablassenden Milde sich darstellt, der völlige Mangel an allen Beziehungen zu weiblichen Wesen (außer mit Mutter und Tanten und alten Basen war ich mit andern nie in Verkehr gekommen), der hiemit durch stille Verehrung ersetzt wurde, ohne durch Rede und Umgang meiner Schüchternheit Verlegenheit zu bereiten, dieß Alles mochte jener Geneigtheit förderlich entgegen gekommen seyn. Es zog mich an, der heiligen Jungfrau meine Huldigung darzubringen, ihrer Obhut mich zu empfehlen, um Fürbitte sie anzuflehen. Mehr als Einmal habe ich, von tiefer Rührung ergriffen, schluchzend ihr alle meine Sünden bekannt, so daß ich am andern Morgen durch meinen Freund Ittner, der über Störung der Ruhe sich beklagte, als neuer Jeremias ausgelacht wurde. Uebrigens war dieses Alles blos[155] Frucht der im Stillen verarbeiteten Eindrücke oder von selbst wach gewordenen Regungen; der Menschen Rede hat nicht das Geringste dazu beigetragen. Denn auch nicht ein einziges Mal habe ich mit irgend einem der Klosterbewohner unter vier Augen gesprochen; außer dem Fürsten und ein paar Geschäftsmännern unter den Capitularen kannte ich keinen Einzigen, und diese Alle sah ich nur bei der Tafel. Mein Umgang während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in St. Blasien beschränkte sich auf meinen Freund, seinen Vater und ein paar Töchtern eines Beamteten. Von diesen Allen bekümmerte sich aber Niemand um mein Inneres. Wie so Manches, was in jenen Jahren mich anregte, durchflog, ergriff, stimmte, hernach in anderer Umgebung, bei festgestelltem Beruf und Wirken, unter vielartiger Beschäftigung, auch wohl in dem Strudel des Lebens erblich, zerrann, in Vergessenheit sank, so erlosch allmählig auch jener Zug des Herzens zu der allerheiligsten Jungfrau, denn es fehlte Anmuthung von außen, es fehlte gleichsam ein zwingendes Gebot; nur wenn ich etwa ein wohlgelungenes Bild derselben sah, mischte sich in die Betrachtung etwas mehr als Anerkennung des Kunstwerthes, immer aber blos vorübergehend. Gleichgültig zwar ist sie mir nie geworden; freudig blieben mir immer Veranlassungen, von ihr sprechen zu können, wärmer, als es von einer protestantischen Kanzel sonst geschehen mag, weiter jedoch niemals gehend, als es mit der herrschenden Lehre vertragsam. Zu jenem lag volle, nicht blos Befugniß, selbst Aufforderung in dem obersten Grundsatz des Protestantismus und in dem dürren Ausdruck des Synodaleides: »zu lehren nach dem lautern Wort Gottes alten und neuen Testaments«, an dessen so bestimmtem Wort: »Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechtsfolgen«, nichts zu mäckeln, abzudingen, wegzuexegesiren seyn sollte. Denn es heißt nicht: sie werden mich dafür halten, sondern »preisen«; also eine innere Gewißheit, hervortretend an lauter Verkündung, an hellem Lob. Wie kann man so unablässig auf das Wort Gottes, und nichts[156] als das Wort Gottes sich berufen, und dergleichen Glanzstellen gleichwie Philipp. II, 10. 11., auf sich beruhen lassen, als wären sie nicht vorhanden? Für wen aber die Stimme eines Menschen deßwegen, weil ihm der Name eines Reformators beigelegt wird, größeres Gewicht haben kann, als diejenige der heiligen Schrift, der wollte nicht vergessen, daß Oekolompadius, der Basler Reformator, die heilige Jungfrau irgendwo nennt: »Die von Engeln und Erzengeln verehrte Beschützerin der Menschen, die Königin der Barmherzigkeit, unsere mächtige Schirmerin in allen unsern Anliegen.« Noch eines sollte doch nicht übersehen werden. Welche auserwählte Geister auch in den Evangelien um die Person des Erlösers sich reihen, weder Johannes, sein Vorläufer, noch der heilige Petrus, der Apostelfürst, noch Johannes, der Lieblingsjünger, noch irgend ein Anderer, sagt von sich selbst Etwas aus, was der Zukunft zur Beherzigung und Nachahmung empfohlen würde; alle Zeugnisse über sie, alle Bestimmungen, denen gemäß wir sie zu würdigen haben, gehen hervor aus dem Mund unsers Herrn; einzig Maria ergreift, so zu sagen für sich selbst, das Wort, giebt von sich selbst ein Zeugniß, stellt aus sich selbst an alle Geschlechtsfolgen die Forderung, daß sie von ihnen selig gepriesen werde. Damit steigt sie höher als jene Alle, stellt sich hinauf über jene Alle; es ist damit der demüthigen »Magd des Herrn« ein Vorrang eingeräumt, der Keinem der Andern gegeben ist. Zn den kommenden Geschlechtern spricht in den Evangelien ausser unserm Herrn Niemand sonst als sie. Und hierin sollte nicht ein Wink liegen, dieß nicht unsere ernsteste Beherzigung verdienen! Erst nach vielen Jahren, und abermals ohne alle äussere Veranlassung, ganz aus innerer Mahnung, wachte wieder auf, was so lange geschlummert hatte. Die heilige Jungfrau stellte sich mir dar in näherer Beziehung zu denjenigen Allen, welche kindlich, fromm, bereitwillig sie anerkennen als »die Gebenedeyete unter den Weibern«, als die Hochbegnadigte, in mütterlicher Liebe zu ihnen gewendet. Ich fühlte mich mächtig gezogen,[157] in höherem Sinn, als nur mit Ehrerbietung ihrer zu gedenken; getrieben, mich zu reihen an diejenigen, von denen sie prophetisch verkündet, daß sie »von ihnen werde selig gepriesen werden.« Ich habe erkannt in ihr jenen »Stern«, der mit so reinem Lichte über dem Wogenmeere der Gegenwart aufgegangen ist; ich habe sie begrüßt als die »Königin der Barmherzigkeit;« ich habe später in den herbsten Begegnissen in ihr die »Mutter der Gnade«, der Tröstungen und der Milde anerkennen können, Und welches Mitleid erfüllt mich nicht mit denjenigen, welchen dieser reine Quell des Erbarmens, des Trostes, der Segnungen durch ihre mütterliche Fürbitte, unbekannt, darum verschlossen ist! Ausser der Schwester meines Freundes, die mit ein paar Gespielinnen im Anfang unseres Aufenthaltes ebenfalls für einige Tage zu einem Besuch nach St. Blasien sich eingefunden hatte, waren die erwähnten Töchtern eines Beamteten die ersten, mir an Jahren ziemlich gleichstehenden weiblichen Personen, mit denen ich nicht allein bald in täglichen Verkehr kamt (da ihr Haus das einzige war, welches wir besuchten), sondern je bisweilen Worte wechseln konnte. Da wir unter zwei und der Mädchen ebenfalls zwei waren, so theilten wir uns gewissermaßen in dieselben, indem, wenn wir gemeinsam in das Haus giengen, Jeder von uns vorzugsweise mit der Einen sich unterhielt, mit Beiden zugleich nur dann, wenn der Andere abwesend war. Ich hatte große Freude an Neckereyen, Possen und kleinen Eulenspiegeleyen, und nahm bald wahr, daß mir in den Mädchen, namentlich in der ältern, Gehülfinnen zu Dergleichen zu Gebote stünden. Das vorzüglich war es, was mich zu denselben hinzog, was ich in ihrer Gesellschaft aussann und durch Hülfe der Einen beinahe täglich ausführte. Ich gieng gewöhnlich Vormittags, während die Mutter in dem Hochamt sich befand, hinüber, entweder um die Mädchen in ihrer Arbeit zu stören, oder alles Geräthe des Zimmers unter stetem Schelten[158] und Lachen derselben auf einen Haufen zu tragen oder ähnliche Streiche zu vollführen; dann über dem grollenden Blick der Mutter, welche unter den obwaltenden Umständen den Schützling des großherzoglichen Commissarius doch nicht auszuzanken wagte, heimlich mich zu ergötzen. Eine Stunde vor dem Nachtessen giengen wir in der Regel gemeinsam hinüber, wo ich unter den Augen der Mutter wieder das gleiche Spiel trieb. Mein Freund dagegen, der in dieser Beziehung weit ruhigerer Natur war, den es aber auf ganz andere Weise zu den Mädchen hinzog, als mich, der ich bloß Gehülfinnen zu meinen harmlosen Streichen fand, hatte sich bald gewöhnt, auch nach dem Nachtessen in das Haus sich zu begeben. Vorstellungen von meiner Seite, daß es nicht schicklich seye, in solcher Zeit bei jungen Frauenzimmern Besuche abzustatten, konnten ihn so wenig zurückhalten, als sein Spott und die Schilderung, wie über meinem Zurückbleiben die Andere sich langweile, zu seinem Begleit mich bewegen. Ich brachte die Stunden bis zu der oft späten Zurückkunft meines Freundes gewöhnlich mit Lesen zu, ohne auch nur ein einziges Mal ihn zu begleiten. Als ich mich von den Mädchen trennen mußte, war es mir nur leid um die unschuldigen Schwänke, welche die heitere Laune jeden Tag eingab, und so bereitwilliges Mitwirken, bald leidend, bald handelnd, förderte. Diese Trennung erfolgte in der Mitte Februars. Der mehr als zweimonatliche Aufenthalt in einem Kloster, unmittelbar vor dem bevorstehenden Eramen, schien meinem Vater mehr als genug. Auch konnte ich nicht mehr den tiefen Schnee vorschützen, der das Reisen über den Schwarzwald beinahe unmöglich mache. Ueberdem nahte sich das Geschäft des Commissarius seinem Ende, womit zugleich die Auflösung des Klosters vor der Thüre stand. Ich fuhr also heim und wurde von meinen Eltern aufs freudigste empfangen. Nicht viel später als ein Jahr nachher habe ich über diesen Aufenthalt in St. Blasien Folgendes aufgezeichnet: »Wer hat nicht jenes liebliche Wiesenthal gesehen, von Bergen umschlossen,[159] die mit dunkelgrünem Nadelholz bewachsen sind, durch welches die klare Alb fließt, bald in schäumenden Wirbeln, dann wieder ruhig über Kiesel hingleitend, einige Male in Wasserfällen brausend, und mitten in dem Thal einen Dom sich erheben, in welchem das Lob des Unendlichen in hehren Gesängen einst wiederhallte, ohne inne zu werden, daß zu Andacht und Beschauung hier oder nirgends der Ort zu finden seye, ohne von himmlischer Melancholie sich durchbeben zu lassen? Die Seele ist besonders empfänglich für diese Stimmung in Tagen, in welchen Erde und Himmel, Jahreszeit und Temperatur contrastiren. Wenn der letzte Monat des Jahres durch Heiterkeit und Sonnenglanz uns vergessen macht, daß der unfreundliche Winter gekommen seye und die düstern Gedanken, die das scheidende Jahr gebiert, verscheucht, dann durchdringt den Menschen nicht selten eine eigene Stimmung, gleichsam ein Helldunkel des Gemüths. Das wirkte jener December, den ich in St. Blasien zubrachte. Die Natur, sonst abgestorben, lebte noch in dem Grün bemooster Tannen. In reiner Luft ist der Mensch am besten gestimmt, dem Zug seiner Empfindungen sich zu überlassen, zu folgen, wohin die Phantasie ihn zieht. Nie aber kann ich dem Genuß einer schönen Naturscene, die auf mich einwirkt, mich hingeben, ohne daß zugleich die Geister derer, die in der Vergangenheit an diesem Orte geweilt haben, an mir vorübergleiten. Oft, wenn die Morgensonne, hinter den Bergen hervortretend, die hohen Tannenwälder vergoldete, das Wasser vorüberrauschte, traten jene Aebte und Brüder vor mich, die hier in frommer Einfalt, abgeschieden von der Welt, nur Christo und seiner göttlichen Mutter dienend, ihr gottgeweihtes Leben verbrachten; mit ihnen die frommen Stifter, die, wie jetzt nicht mehr geschieht, minder auf die Laufbahn schauten, als auf das Ziel, darum das Gotteshaus reichlich beschenkten, daß es aufblühe und weithin leuchte. Oder einsam, zur öden Wildniß, wo abgerissene Felsblöcke, ähnlich den Leichensteinen eines hingeschwundenen kräftigen Geschlechts, an dem Abhang der Berge umherliegen und in schauerlicher Tiefe über Klippen[160] und niedergeschmetterte Bäume der Waldbach rauscht, über dessen einförmigem Tosen die Stimme des Geyers, der hoch in der Lüften kreiset, der einzige Laut ist, den man hört, und der vorüberfliegende Vogel, das einzig lebendige Wesen, das man sieht, ? in solche Gestalt hätte ich die Gegend zurückzaubern mögen. Früh des Morgens nach meiner Ankunft erwachte ich. Was sollte ich zuerst sehen? Die Kirche, die ich als Meisterstück der neuern Baukunst so oft bewundern hörte? Die Bibliothek, von der ich an einem solchen Sitz gründlichen historischen Forschens nicht wenig erwartete. Herr, Hergott, Gerbert, Ussermann, Eichhorn, Neugart, welche Namen! Wer kann die Kirche betreten, ohne es zu empfinden, ein solcher Tempel seye würdig, den Ewigen darin zu verehren! Nichts Ueberladenes, Geschmackloses, was zerstreut, was Gedanken weckte, welche denen zuwiderliefen, die an diesem Ort uns durchdringen sollten! Die Klostergänge waren mit Gemälden behangen. Natürlich konnten sie von Seite der Kunst nicht in Betracht kommen; doch gieng ich selten an ihnen vorüber, ohne einige Aufmerksamkeit ihnen zu schenken. Es waren Erinnerungen an die ersten Zeiten der Abtei, Otto und Reginbert von Seldenbüren, andere Stifter und Wohlthäter. Sie schienen mir oft zu fragen: warum solches Unrecht, warum Zerstörung dessen, was wir zu Gottes Ehre gegründet? Da eilte ich weg, und betrauerte das Loos der Abtei, der Gegend, der Wissenschaft.« Mir wollte es immer noch nicht recht einleuchten, daß ich in das Predigeramt treten und wahrscheinlich ein Landpfarrer werden sollte; um so weniger, als ich mir über das Wesen und die Wirksamkeit eines solchen noch niemals eine genügende Vorstellung zu machen versucht hatte, oder, wenn es je versucht wurde, ausschließlich an die Kehrseite mich hielt, daß eine andere[161] auch nur denkbar seye, mir nicht einmal gestehen wollte. Dachte ich mir (und dieß war die Vorstellung, welche jede andere überragte), daß mit solcher Bestimmung ich von allem wissenschaftlichen Umgang und Verkehr würde abgeschnitten werden, so graute mir vollends davor. Mein Wunsch gieng noch immer dahin, irgendwo an einer Bibliothek eine Anstellung zu finden, wozu ich meiner Neigung und etwelcher erworbener Kenntniß wegen auf gutem Wege mich glaubte. Es wurden zu diesem Endzwecke mancherlei Schritte an verschiedenen Orten gethan, doch ohne Erfolg. Ueberhaupt waren jene Zeiten, in denen Krieg an Krieg sich drängte, allerwärts die größte Spannung herrschte, diejenigen Anstalten, welche nur unter dem Schirmte des Friedens blühen können, oft kaum ihr Fortbestehen durchringen konnten, zu Förderung auf derartiger Laufbahn nicht im mindesten günstig. Wollte aber mein Vater auf seine Lieblingsidee einer Erzieherstelle zurückkommen, so stand meine Abneigung, vielleicht mein Vorurtheil, fertig da. Am Ende leuchtete mir immer noch das als Ehrenwerthestes ein, was mich am wenigsten in Abhängigkeit versetzte. Mein Vater legte in allen Dingen großen Werth darauf, daß altbestehende Vorschriften, Uebungen, Gewohnheiten unverbrüchlich beobachtet würden. Etwaige Beiseitsetzung derselben durch andere Personen wollte er nie als Regel gelten lassen. Zu jenem ? ich weiß nicht genau, war es Vorschrift, war es bloß Uebung ? gehörte, daß ein von der Universität zurückgekehrter Candidat schon in den ersten Wochen nach seinem Eintreffen bei dem Antistes das sogenannte Thema aufnehme, d.h. eine exegetische Arbeit über ein Capitel der heiligen Schriften beider Testamente entweder sich zuweisen lasse oder wähle Der damalige Antistes, als Freund meines Vaters mir besonders wohl gewogen, überließ mir die Wahl, die, neben einem leichten Psalm, auf das 24ste Capitel des Evangelinms des heil. Matthäus fiel. Ich hatte dabei zwei Zwecke: erst, durch Festhalten des prophetischen Charakters dieser Rede des Heilandes in geschichtlicher Nachweisung pünktlicher Erfüllung des einen Theils[162] und hierauf gebauter fester Erwartung von einstiger Erfüllung auch des andern, meiner Rechtgläubigkeit Genüge zu thun und dieselbe hiedurch zu beurkunden; sodann mit der Gelehrsamkeit, welche in dem Commentar leicht anzubringen war, einen etwelchen Nimbus um mich zu verbreiten. Denn ich konnte und wollte mir nicht verhehlen, daß bei dem Mangel an sogenannten theologischen Kenntnissen und bei der Nachlässigkeit, mit der ich gerade diese Studien betrieben hatte, das Bestehen eines Examens für mich zu einer etwas mißlichen Sache werden könnte. Doch vertraute ich der Gutmüthigkeit des Examinators, den geringen Forderungen, welche damals gestellt wurden und etwelcher Gewandtheit im Disputiren, die ich zu Göttingen im Umgang mit meinen Freunden gewonnen hatte. Während ich nun mit allem Eifer und unterstützt von etwelcher Erfahrung im Sammeln, Ordnen und Anwenden von Materialien, die ich über frühern, aus eigenem Antrieb unternommenen Versuchen mir erworben hatte, dieser Ausarbeitung oblag, beförderte ich zugleich den Druck des ersten Bändchens der Geschichte Theodorichs; etwa wie der umsichtige Feldherr, wenn er hinauszieht gegen das feindliche Land, die Bildung einer Reserve sich angelegen seyn läßt, auf die er bei einer unerwarteten Wendung des Kriegsglücks sich mit Sicherheit zurückziehen kann. Meinen Commentar suchte ich durch Benutzung aller ältern und neuern Hülfsmittel möglichst vollständig zu machen, dabei demselben den Ausdruck der bestimmtesten Meinung zu geben, da mir das berühmte Non liquet bei ernsten Fragen von jeher als verächtlicher Nothbehelf der Zaghaftigkeit oder der Zweideutigkeit vorgekommen war. Weil aber vier Bogen als Maximum des Normalmaßes einer solchen Abhandlung bezeichnet wurden, mußten größeres Format und kleinere Schriftzüge bei dem ansehnlichen Umfange aushelfen. Auf das Examen im Griechischen, zumal dieses bloß auf das neue Testament sich beschränkte, durfte mir ebensowenig als auf das im Lateinischen bange seyn. Aber im Hebräischen wußte ich damals so wenig Bescheid, als jetzt. Uebrigens sind[163] mir Geistliche genug vorgekommen, welche unverhältnißmässig viele Zeit auf diese Sprache verwendet hatten, dabei im Examen ganz gut bestanden waren, nach zehnjähriger Amtsführung aber kaum mehr die Buchstaben kannten, überhaupt, sobald sie einmal ins praktische Leben übergetreten waren, jede Anmuthung zu dieser Sprache gänzlich verloren hatten. War dieselbe etwa Einem unter einem vollen Duzend geblieben, so hatte sie doch keinen größern Werth als denjenigen einer unfruchtbaren Liebhaberei. Daher habe ich zu aller Zeit das Betreiben des Hebräischen für einen blossen Pfarrer, zumal auf dem Lande, für einen unnöthigen Luxus, und die viele Zeit, die blos deßwegen verwendet werden mußte, um eine halbe Stunde im Examen damit paradiren zu können, für baren Verlust gehalten. Hunderte, wenn sie aufrichtig seyn wollen, werden zugeben müssen, daß ich hierin Recht habe. ? Ich eröffnete mich daher geradezu dem Examinator. Dieser nahm die Sache auch nicht so bedenklich auf, sondern bezeichnete mir einen der leichtesten Psalmen als denjenigen, den er vornehmen werde. Glücklicherweise besaß ich Hutteri Psalterium harmonicum, in welchem der hebräische Text zur Seite mit lateinischen Buchstaben gedruckt ist. Durch mehrmaliges Lesen gewann ich hiefür die erforderliche Fertigkeit, und die Bedeutung der einzelnen Worte konnte ich mir mit Hülfe des Lexikons hinreichend einprägen. Mittelst dieser Vorkehrungen fiel die Sache zu voller Befriedigung aus, Als ich auf die Frage: über welchen Abschnitt in der Dogmatik ich vorzüglich examinirt seyn wollte, denjenigen von der heil. Dreieinigkeit bezeichnete, konnte der Professor sein Erstaunen nicht genug aus drücken. Es war dieß eine Lehre, welche selbst von Vielen, die nicht dem vulgären Rationalismus huldigten, zu jener Zeit schweigend gleichsam beseitigt worden war. Ich aber hatte Gründe genug, auf meiner Wahl zu bestehen. Für's erste verfocht ich diese Lehre aus Ueberzeugung, da sie ja doch den innersten Kern des geoffenbarten Christenthums bildet, und von seinen wahren Bekennern in aller Zeit als[164] solchen anerkannt worden ist; sodann durchschaute ich wohl, daß bei dem damaligen schwankenden Zustande der Theologie ein unerschöpflicher Stoff zu Controversen darin liege, wodurch das Examen, statt zu Erforschung der Kenntnisse, in eine Disputation sich verwandeln könne; endlich waren mir die Schellingschen Philosopheme zu Begründung dieser Lehre einigermaßen bekannt geworden, und mit diesen erhaschten Bruchstücken hoffte ich zugleich zu glänzen und zu siegen. Ich hatte richtig vorausgesehen. Der zweite Vorsteher der Geistlichkeit, ein vollendeter Rationalist, daneben, wie ich im Verlauf der Zeit die meisten von ihnen kennen gelernt habe, ein sehr humaner, im Umgange freundlicher und selbst gemüthlicher Mann, machte wirklich Einwendungen; unter Andern bemerkte er mir bei einer zur Lehre vom heiligen Geist angeführten Stelle der heiligen Schrift: ob ich denn nicht wüßte, daß das Wort Geist in allen Sprachen ein besonders viel bedeutendes Wort, es daher nicht gewiß seye, ob es hier in dem angeführtem Sinn könne genommen werden? Ich entgegnete: gerade weil es so vielbedeutend seye, könne es hier gar wohl diesen Sinn haben, daher mir zum Beweis dienen. ? Ich konnte in den Blicken der andern Examinatoren lesen, daß diese Freimüthigkeit sie überrasche und Beifall bei ihnen fand. Es ist mißlich, in einem Zweige der Wissenschaft geprüft zu werden, den man bloß dem Namen nach kennt, und dem man die Benennung einer Wissenschaft nicht einmal gerne zugestehen mag. Das war bei mir der Fall mit der Moral. Ich wußte nur, daß Mosheim neun Quartanten darüber geschrieben hatte, und war schon vor dem ersten Anblick der vier dicken und enggedruckten Bande von Reinhard's Moral zurückgebebt, auch durch den Eifer, womit die theologischen Flachmaler unter meinen Bekannten in die Collegien der Moral keuchtem, dergestalt davon abgeschreckt worden, daß ich mich nie entschließen konnte, ein Collegium darüber zu hören. Der Umgang mit den beiden ehemätigen Schülern Schellings, welche nun gar dieselbe als sogenannte Wissenschaft lächerlich machten, vollendete[165] meinen Widerwillen. Diese damalige Ansicht hat sich bei mir bis auf den heutigen Tag im Wesentlichen nicht geändert, wohl aber entwickelt und berichtigt. Daß Moral vorgetragen werden, daß der künftige Geistliche zum Besuch dieser Vorträge verpflichtet werden solle, hiegegen wäre jede Einwendung verwerflich. Daß aber die Moral, d.h. die christliche Moral, aus dem untergeordneten und secundären Standpunct, auf welchem sie zu der Dogmatik steht, auf einen mehr oder weniger selbstständigen erhoben, häufig von jener abgetrennt, dann aber wieder von dieser ganz und gar nicht berücksichtigt werden will, das halte ich nicht blos für einen Mißgriff, sondern in seinen Folgen ungleich tiefer und nachtheiliger einwirkend, als vielleicht dafür gehalten wird. Nichts hat so sehr dem Rationalismus Bahn gemacht, als diese Trennung, welche selbst formell von der Lehre Christi (d.h. von seiner Lehrweise) abweicht, und in den schönsten Zeiten des Christenthums und den tiefsten Geistern, die mit demselben sich beschäftigt haben, unbekannt war. In des Apostels Wort: »Alles, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde,« ist der christlichen Moral enge, ja unabtrennbare Beziehung zur Dogmatik für alle Zeiten angewiesen; jene selbst aber, von dieser getrennt, wird von ihrem rein praktischen Boden einigermaßen auf den speculativen hinübergeschoben, sie ergeht sich in Darstellung einer Thätigkeit, zieht aber von derselben ab, was ihr Impuls, Leben und bleibenden Nachhalt allein zu verleihen im Stande ist. Das nun, daß ich auf die Moral im Sinne des Brodstudiums niemals etwas gehalten, in solcher Art nie mals mit derselben mich abgegeben hätte, durfte ich nicht sagen, ich mußte dem Examen über dieselbe mit einer gewissen Zuversichtlichkeit entgegengehen. Daher bemerkte ich dem Examinator, es wäre wohl das Würdigste, statt über einzelne Lehren, über das Princip der Moral sich einzulassen, und da sähe ich mich genöthigt, den freyen Willen zu bestreiten. Ueber diesem Anerbieten erschrack der gute Mann noch mehr (er hatte auch wahrlich Ursache!), ließ mich aber gewähren. Ich steckte nemlich damals[166] tief in den Irrgewinden der Prädestinationslehre, hatte hierüber in frühern Jahren mit dem Professor der Theologie häufig disputirt, zu Unterstützung meines Irrthums als Student selbst eine Abhandlung geschrieben, in welcher Calvin in Schutz genommen wurde; so waren mir die Gründe für und wider ziemlich geläufig. Ich sah wohl ein, daß hier eine Schraube ohne Ende umgedreht werde, der Wortkampf ins Unendliche sich verlängern könne. Auf diese Weise kam ich nicht blos durch das Examen glücklich durch, sondern erwarb mir das ungetheilte Zeugniß vorzüglicher Kenntnisse, und daß ich den von mir gehegten Erwartungen vollkommen entsprochen, sie selbst noch übertroffen hätte. Es blieb nur noch eines ? die sogenannte Probepredigt, welche acht Tage später zu halten war. Auch diese fiel stümperhaft aus; ich wußte aber die innere Armuth unter Floskeln, wobei selbst Sheakspears »Seyn oder Nichtseyn« paradiren mußte, und durch eine gewisse Thätigkeit des Vortrages zu verhüllen. Die Nachsicht oder die Genügsamkeit ermangelte nicht, hierüber ebenfalls volle Befriedigung auszusprechen und hiemit mich als vollberechtigtes Glied des geistlichen Standes des Cantons Schaffhausen zu erklären. Am folgenden Tage, als ich hiefür meine Danksagung abstattete, überreichte ich dem damaligen Präsidenten des Schulrathes, Hrn. I. G. Müller, das erste gedruckte Exemplar der »Geschichte des Königs Theodorich.« Er lachte, und sagte: »er glaube beinahe, ich hätte hiemit dem Kirchenrath eine Verlegenheit bereiten wollen, für den Fall, daß ich wäre abgewiesen worden.« ? Etwas Derartiges lag wohl im Hintergrunde. Ich sendete alsbald ein Exemplar jener Geschichte an meinen Landsmann, Johann von Müller, damals Minister in Cassel. Er antwortete ermuthigend, anspornend, gerechte Ausstellungen an der Form, dem Ausdruck, besonders an der[167] etwas bizarren Vorrede, welche an die neue philosophische Schule gemahnte, nicht verhehlend. Ich erwiderte ihm: »Erst neunzehn Jahr alt, als ich den ersten Theil vollendete, konnte ich nicht ruhen, bis ich ihn unter der Presse wußte, in dem Gedanken: je jünger, desto eher zu verzeihen; über dieser Begierde wurde alles Andere unterlassen, übersehen, vergessen. Die Vorrede enthält Ansichten über die Weltgeschichte, dunkel ausgedrückt, als Begriffe, die sich selbst noch nicht geläutert haben, und in sich wogend, keiner klaren Darstellung fähig sind. Den Hauptgedanken indeß, den sie enthält, habe ich noch nicht aufgegeben. Ohne von den Schriften jener Männer, welche die neue philosophische Schule gründeten, etwas gelesen zu haben, aber mit Manchem, was ich vor den Jahren meines akademischen Lebens hörte und was mir als unumstößliche Wahrheit aufgestellt wurde, nicht mich begnügend, fühlte ich immer, daß mir Etwas wangle: Ich suchte, aber was ich fand, wagte ich mir dennoch nicht zu gestehen, da es allem Gehörten oft ganz widersprach, bis ich in öfterm Umgang mit einem Freunde, der mehrere Jahre dem Studium der Philosophie obgelegen hatte, bemerkte, daß er nicht selten Sachen und Meinungen angriff, die auch mir als zu bekämpfend vorkamen. Wir schritten weiter; er theilte mir seine Ansichten über Geschichte, Kunst und Manches so im Leben als in der Wissenschaft mit, und froh hätte ich rufen mögen: ??????. Es war jugendliche Eitelkeit ? und sie hat mich noch nicht verlassen ? mir mehr anmaßen oder tiefer gehen zu wollen, als ich durfte. Hieraus gieng Mehreres hervor, was ich vielleicht bei meinen Freunden zu vertheidigen suchen würde, um nicht zu einem Geständniß genöthigt zu werden, welches ich nur hier ablege, weil schuldige Achtung und Vertrauen auf Ihre Nachsicht es von mir fordern. Weit entfernt, allem Gewagten und Unverständlichen der Philosophen und Philosophaster der neuen Schule beizupflichten, oder an der dunkeln Scholastik, die ihre Schriften mit einem Nimbus der Höhe und Tiefe umziehen soll, Wohlgefallen zu haben, stimme ich ihnen[168] darin wenigstens bei, daß sie die seichte Nützlichkeits-Theorie der letzten Decennien des abgewichenen Jahrhunderts gestürzt haben, und, dem Skelettiren aller Wissenschaft ein Ende machend, in Alles mehr Leben, Eifer und Wärme brachten. Je mehr ich unsere Zeit betrachte, desto mehr Aehnlichkeit finde ich ? wenn ich überhaupt sehr nach Vergleichungen haschte ? zwischen ihr und dem dritten und vierten Jahrhundert der römischen Kaiser; derselbe Zerfall der alten Lehre, die Orakel dahin ? und die Wallfahrtsörter, als guter Polizei zuwider, verboten; die Philosophen zu Sophisten geworden, in den Schleyer der Nacht gehüllt, endlich die alte Lehre wieder suchend, schwach sie vertheidigend, unkräftig und mit zu wenig Einfluß versehen, um sie erhalten zu können (wie Libanius, Inlianus u. A.); ähnlicher Zerfall bei den Staaten, und überall eine Menge Mittel aufgewendet, um glauben zu machen, es werde immer besser; nie mehr von römischem Muth und Patriotismus gesprochen, als wenn die Legionen flohen und Söldlinge das Reich vertheidigten ? und jetzt, Reden an die deutsche Nation, über Nationalehre, viel Geschrei von Deutschheit; arges Spiel mit dem Namen Quirirten, und allenthalben grausame Ennuchen, aussaugende Statthalter, Ankläger und Angeber, ? und jetzt dasselbe Spiel mit Humanität, Staatszweck Bürgerglück und wie die Worte alle lauten ? und nicht einmal freye Macht über das eigene Leben, fröhlicher Genuß des Eigenthums! Ich lese gegenwärtig Ammianus Marcellinus, der treueste Abriß jener bleyernen Zeit, und fast sauge ich seine Galle ein, um sie auf die unsrige auszugießen. Wie herzlich hat es mich doch gefreut, Ihren Beifall gerade für jene Stellen zu finden, die so ganz den beliebten Ideen des Jahrhunderts entgegen sind. Es sind eben jene, nach denen ich suchte; sie sind mir nun doppelt theuer. Wie gerne entwiche ich nicht einem Jahrhundert, in welchem wenig Größe des Charakters zu finden, selbst bei Fürsten der wahre Fürstensinn entflohen ist, und begäbe mich in die mittlere Zeit. Das Haus Hohenstaufen und sein kräftiges Jahrhundert, des Stammes[169] Macht und heroische Thaten, seine Fehden und sein trauriges Ende schweben seit einiger Zeit vor meinem Sinn. Dieß zu beschreiben, möchte ich zum Geschäfte meines Lebens machen; aber es wäre ein kühnes Unternehmen; nur der Alkmenä Sohn mag die Keule schwingen.« Sicher war dieß ein phantastischer Gedanke, zumal in den äussern Verhältnissen, in welchen ich mich damals befand, um so mehr, da bereits schon diese Aufgabe derjenige zur Hand genommen hatte, der sie umfassender und befriedigender gelöst hat, als es mir jemals möglich gewesen wäre. Jener Brief aus welchem Hr. von Raumer die, diese Zeit berührende, Stelle seinem Werk vorgesetzt hat, war eine Erwiderung auf obige Herzensergießung. Es ist wahrscheinlich der letzte Brief, gewesen, den Johann von Müller schrieb; denn ich habe ihn erst geraume Zeit nach seinem Tode erhalten, unvollendet, ohne Schluß und Unterschrift. Der Protestantismus birgt ? abgesehen von der heutigen Zerrissenheit seiner Lehre ? seltsame Widersprüche in seinem Schooß. Er unterwirft einerseits diejenigen, die seiner Verkündung sich widmen wollen, einer Prüfung, welche jedoch meistenorts mehr auf intellectuelle Ausbildung und eine gewisse Summe des Wissens, als auf feste Begründung in den Fundamentallehren des geoffenbarten Glaubens und auf ungetheiltes Eingehen in das volle Wesen desselben Rücksicht nimmt. Er gesteht (in derjenigen Fraktion wenigstens, die durch den Staat anerkannt und in den Staat verschmolzen ist) Keinem, der nicht den von dem Letztern vorgeschriebenen Weg durchgemacht hat, und vor ihm über seine wissenschaftliche Ausbildung sich beglaubigt hat, Befugniß zu, in einer Kirche irgend Etwas zu verrichten. Er macht das Predigen zum Centralpunct alles Gottesdienstes, wenn nicht zum alleinigen, so doch zum weitaus[170] wesentlichsten Träger desselben; wie denn schon die uralte Bennenung: »Diener des Worts,« gleichwie die moderne: »Herr Prediger,« dessen Zeugniß giebt. Anderseits aber läßt er zu, daß derjenige, der noch nicht geprüft ist, der über den Umfang seiner Kenntnisse und, was doch mehr sein sollte, über seinen Glauben, noch keinen Beweis geleistet hat, der also mit Recht eine höhere Befugniß noch nicht in Anspruch nehmen könnte, dennoch die höchste, geehrteste und bedeutungsvollste kirchliche Function verrichten, d.h. nach Belieben überall predigen dürfe. Die Staatsgewalt würde denjenigen, welcher, ohne unter die »Diener des Worts« aufgenommen zu seyn, die Sacramente, namentlich das der heiligen Taufe, ertheilen wollte, alsbald zu nicht geringer Verantwortung ziehen; demjenigen hingegen, welcher von der Universität zurückgekehrt ist und um ein Examen nur erst sich angemeldet hat, wird es unbedenklich gestattet. Heißt das nicht, die Präsumation, schon deßwegen, weil er einige Zeit auf einer Universität zugebracht, werde er alles abverlangte Wissen in erklecklichen Maß in sich tragen, und wenigstens noch so viel Glauben bewahrt haben, um glücklich durch das Examen hindurch schiffen zu können, indeß es mit dem Einen oder mit dem Andern, oder mit Beiden zugleich, anders sich verhalten könnte, doch zu weit treiben? Oder fehlt es etwa an Beispielen, daß Candidaten, die zu dem Examen sich angemeldet und zurückgewiesen worden waren, vorher öfters gepredigt, auch getauft hatten? In welcher Eigenschaft hatten diese nun gepredigt und getauft? Als Geistliche? Aber sie wurden aus irgendwelchen Gründen hiefür nicht anerkannt. Als Layen? Aber andern Layen wird das Gleiche nicht gestattet. War ihr Predigen vor dem Examen zulässig, warum soll es sofort nach diesem es nicht mehr seyn? Konnte es nach dem Examen nicht mehr zugegeben werden, mit welchem Recht und aus welchem Grund vor demselben? Man wird zwar sagen, es wurde gestattet in Hoffnung und als Uebung. Aber ist denn der Gottesdienst, zumal dessen gewichtigster Theil, so wenig werth, oder ist es, durch wen derselbe abgehalten werde, so[171] gleichgültig, daß man ihn einem Jeglichen Preis geben kann, schon deßwegen weil man seines Aufenthalts auf der Universität wegen zu der Voraussetzung sich berechtigt glaubt, er werde ein leidliches Eramten ablegen können und dadurch jede vorher gehaltene Predigt legitimirt werden, wie unehliche Kinder per subsequens matrimonium legitimirt werden? Hätte der Protestantismus nicht jeder Formt entsagt, wäre nicht hiemit jede Erinnerung an eine höhere Mission, deren sichtbare Beurkundung an einen solemnen Act geknüpft seyn sollte, verschwunden, würde man sich nicht damit begnügen, daß überhaupt gepredigt oder getauft werde; so müßte man einsehen, daß es, die heiligen Handlungen ihrer innern Bedeutung nach ins Auge gefaßt, unziemend seye, die Hauptverrichtungen des Gottesdienstes Jemanden zu gestatten, nur darum, weil ihm der wohlgemeinte Wunsch entgegenkommt, er werde sich hiezu nachmals als tüchtig und würdig bewähren. Ebenso müßte man, die Glieder der gottesdienstlichen Verbindung ins Auge gefaßt, einsehen, daß es ungerecht seye, bloß solcher Erwartung wegen einem Individuum eine Befugniß zuzugestehen, welche allen Andern verweigert wird; daß es endlich das Ungerechteste von Allem seye, bei Andern verhindern, oder an Andern rügen und bestrafen zu wollen, wozu sie, nicht erweislicher innerer Unfähigkeit, sondern bloß des Mangels jener Präsumtion wegen, nicht berechtigt seyn sollten. Es ist hier ein Widerspruch, der nie beseitigt, höchstens unter sehr unstichhaltigen Scheingründen verfochten werden kann. Aber der innere Widerspruch geht noch weiter. Gestachelt durch feindseliges Entgegenstreben gegen die katholische Kirche bis hinab in die äussersten Manifestationen ihrer Lebensthätigkeit, entblöden sie sich nicht, jenen Worten (Petr. II, 9): »ihr seyd das königliche Priesterthum,« welche die katholische Kirche zu keiner Zeit übersehen, aber ebensowenig in einseitiger Parteianwendung je falsch ausgelegt hat, eine solche Deutung zu geben, mittelst welcher sie theoretisch mehr zugeben, als sie praktisch einzuräumen für angemessen erachten möchten; dieß[172] aber einzig in der Absicht, in geistlichen Dingen über die Autorität einer von Gott gesetzten Kirche das Phantom einer Volkssouveränetät in geistlichen Sachen scheinbar hinaufzustellen. Wehe aber demjenigen, welcher den Wortlaut, womit man durch wohlgefälligen Ohrenkitzel und angefachten Hochmuth den absichtlich genährten confessionellen Haß in Athem erhalten möchte, für mehr als für einen eben dienlichen Wortlaut, für ein wirkliches, nicht blos aus wohlberechneter Herablaßung eingeräumtes, sondern durch das alleroberste Ansehen von Ansang her zugestandenes (wofür es ja unbedingt gelten sollte) Recht nehmen, demnach sich für befugt halten möchte, als Priester, nicht einmal Anderer, sondern nur die eigenen Kinder zu taufen, dieselben der Theilnahme an der Communion für fähig und würdig zu erklären, nicht fremder, sondern blos der eigenen Ehe aus derartiger priesterlicher Machtvollkommenheit Gültigkeit zuzuerkennen, oder, nicht allein den Seinigen, sondern zugleich Andern das Wort Gottes zu verkünden! Gewiß wäre es sehr merkwürdig zu sehen, wie die privilegirten Diener des Worts der praktischen Anwendung ihrer theoretischen Einräumung gegenüber sich geberden, und mit welchen thatsächlichen Corollarien sie jenen unbedingt hingestellten Satz zu umzäumen sich bestreben. Wenigstens haben jene Maßregeln gegen Wiedertäufer, zu denen ich noch zur Zeit, da die Machinationen wider mich bereits im vollen Gang waren, zu großer Befriedigung der Geistlichen (mit meinen Ueberzeugungen aber gar nicht im Widerspruch stehend) Hand bot, mich hinreichend darüber ins Klare setzen können, daß eine pomphaste Erklärung: daß Alle, welche durch die Taufe in die christliche Gemeinschaft aufgenommen, priesterlicher Rechte theilhaftig wären, weiter nichts seye, als eine bombastische Protestation gegen die richtige Auslegung der Worte des heiligen Apostels und eine aus unüberlegter Befangenheit hervorgehende Provocation gegen die Kirche. Sollte aber etwas Wirkliches, Anerkanntes in jenem Vorgeben liegen, wo bliebe ? nicht die Amtsverrichtung ? wohl aber die Pfründe?[173] Natürlich nicht damals drängten alle diese Bemerkungen mir sich auf. Es ist lange Zeit darüber hingegangen, bis ich Veranlassung gefunden hatte, so manches Vorkommende einer Prüfung zu unterwerfen. Ich hätte daher in späterer Zeit, da jener Gebrauch in Betreff der heimgekehrten Studenten als förmlicher Uebelstand mir sich darstellte, gerne das Möglichste angewendet, um denselben zu beseitigen, sofern ich hätte hoffen dürfen, begriffen zu werden; wenn ich nicht hätte fürchten müssen, den ersten Widerspruch dagegen bei den Geistlichen zu finden; wenn nicht das Einverständniß der weltlichen Gewalt dazu nothwendig gewesen wäre, und es mir in den spätern Zeiten nicht im Innersten widerstrebt hätte, deren Mitwirken zu Anordnungen in Anspruch zu nehmen, die nach meiner Ueberzeugung einzig von der geistlichen Autorität ausgehen sollten. Jenes mütterliche Wort: »Wo du selbst Etwas thun kannst, da brauchst du keinen Bedienten,« klang, durch die Idee von der Kirche vergeistigt, durch Alles hindurch, was ich nachmals an der Spitze der geistlichen Angelegenheiten zu bewerkstelligen versuchte. Doch, ich kehre zu der Zeit meines Examens zurück. Ich glaubte, mit dessen Beseitigung Muße zu einem literarischen Unternehmen zu finden; denn damals fühlte ich gar zu sehr den Kitzel, in der gelehrten Welt mich bekannt zu machen. Ich gedachte wieder meines Lieblings, Gregors VII, und verschaffte mir zu diesem Zwecke eine Scharteke, welche seine Geschichte enthielt, um von dem Lebensgang und dem Wirken dieses Papsts wenigstens eine oberflächliche Kunde zu erlangen und wo möglich die Quellen kennen zu lernen, aus denen die Geschichte könnte geschöpft werden. Aber der Zweifel, zu diesen Quellen je gelangen, die daherige Furcht, nur etwas Ungenügendes und Unvollkommenes zu Stande bringen zu können, sodann die baldige Wendung meines Lebens, in die ich mich, ich mochte wollen oder nicht, fügen mußte, ließen diesen Gedanken schnell genug wieder verschwinden.[174] Damals, wie seitdem ununterbrochen, herrschte in dem kleinen Canton Mangel an Geistlichen. Der Ausweg, ihn zu einer Succursale der Candidaten der Stadt Basel von besonderer Färbung zu machen, war noch nicht aufgefunden. Da nun bei meiner Rückkehr von der Universität eine der kleinern Gemeinden ohne Pfarrer sich befand, wurde ich schon mehrere Monate vor dem Examen beauftragt, wechselsweise mit einem ebenfalls zurückgekehrten akademischen Freunde Sontags dort zu predigen und zu katechisiren. Hierauf starb acht Tage nach meinem Eramen unerwartet der Pfarrer eines größern Ortes, und wieder stand Niemand für Aushülfe zur Verfügung, als ich, wobei jedoch die Erleichterung getragen wurde, daß bald dieser, bald jener Geistliche in die etwas entlegene Gemeinde gehen, ich dann in der seinigen am Sonntag functioniren sollte. Ich, mehr zu literarischen Arbeiten geneigt, die Gedanken immer nach einer andern Laufbahn gewendet, in Hoffnung mich wiegend, dem Zwang, eine Landpfarrei annehmen zu müssen, doch noch entrinnem zu können, auch bisweilen Neigungen zu Zerstreuung fröhnend, war leichtfertig, weil in dem Alter zwischen zwanzig und einundzwanzig Jahren jugendlich genug, bei jenem immerwährenden Wechsel der Ortschaften mit einer einzigen Predigt mich zu behelfen, die dann auch in einem einzigen Vierteliahr in eilf Kirchen zum Besten gegeben wurde. Nun sollte die erledigte Pfarrei wieder besetzt werden. Sofort hieß es, man werde Niemand anders wählen, als mich. Wurde die oberste Landesbehörde nicht von einem Gefühl angewandelt, daß sie eine unverantwortliche Leichtfertigkeit begehe, einem jungen Menschen von zwanzig Jahren und einigen Monaten, welchem die Verfassung noch für wenigstens fünf Jahre den unschädlichen Sitz in einem großen Rath von sechzig Mitgliedern versagte, eine Gemeinde von mehr als tausend Seelen anzuvertrauen, so wird mir wohl Niemand einen Vorwurf daraus machen, daß dieses Gefühl mich noch weniger anwandelte und daß die Leichtfertigkeit des Nehmenden mit derjenigen der Gebenden höchstens wetteiferte. Auch nicht die Ueberzeugung,[175] so ernster Pflichterfüllung in keinerlei Weise gewachsen zu seyn, sondern die Unlust, auf einem einsamen Dorfe wohnen zu müssen, fern von geistigem und geselligem Verkehr, die Hoffnung, durch Verwendung Anderer meine Lieblingsaussichten doch noch verwirklicht zu sehen, veranlaßten mich, gegen Annahme der Stelle Anfangs Einwendungen zu versuchen. Aber da stand auf der einen Seite mein Vater mit der Erklärung: »ich werde doch nicht glauben, nachdem er so viel auf mich verwendet, daß er mich forthin ernähren werde, er habe für meine Brüder zu sorgen, wie für mich;« stand auf der andern Seite der Antistes mit der Bemerkung: »wenn ich diese Stelle nur deßwegen, weil mir die Lust dazu mangle und das Dorf etwas abgelegen seye, nicht annähme, so würde man später bei Stellen, die ich vielleicht zusagender fände, auf meine Neigung auch keine Rücksicht nehmen. Ich sollte froh seyn, in so früher Jugend eine Pfarrei zu bekommen, um die, als um eine der besser bezahlten, es sonst Bewerber genug gegeben habe. Würde ich aber nach erfolgter Wahl darum einkommen, so könnte ich, in Rücksicht meiner Jugend, leicht Erlaubniß erhalten, für ein Jahr bei dem Pfarrer des benachbarten Ortes zu wohnen.« Gegen die Gründe des Vaters und gegen diejenigen des Antistes war nichts einzuwenden; ich mußte mich bequemen, und ein leichter Sinn hob mich über mißbeliebige Aussichten und Schwierigkeiten bald hinweg. Nolentem traxit, muß ich, nachdem seit jener Zeit achtunddreissig Jahre verflossen sind, dankbar gegen den Ziehenden anerkennen. An allen Fundamental-Artikeln des Christenthums, welche die Reformation aus der alten Kirche beibehalten hat ? gegen die bloß negirenden hatten Naturanlage, der Umgang auf der Universität, mein Aufenthalt in St. Blasien, mich verwahrt ? hielt ich zwar mit eiserner Strenge fest; aber dieß war mehr Ueberrest des dem Gedächtniß eingeprägten Heidelbergischen Katechismus, mehr Glaubensfähigkeit als Glaubensbewußtseyn, mehr Abwehr des Rationalismus (indem die Besorgniß obwaltete, wenn demselben auch nur eine Ritze geöffnet[176] würde, könnte er am Ende durch eine weite Bresche einziehen), als sichere Begründung in dem, was den Menschen zum Heil geoffenbart worden. Unter jeder andern Umgebung und bei jeder andern Berufsthätigkeit, worin nicht Veranlassung gelegen hätte, mit den Glaubenswahrheiten mich aus Obliegenheit zu beschäftigen, wäre vielleicht der Keim, welcher volle Lebensfähigkeit in sich trug, allgemach erstorben, hätte gewiß nie gehörig sich entwickelt, und der passive Gottesdienst würde schwerlich anziehende Kraft genug geübt haben, um jenes zu verhüten. Unter solcher gefährlichen Unentschiedenheit einerseits, unter solcher schlummernden Anlage anderseits, bin ich fest überzeugt, daß ich es einzig der mir auferlegten und unabwendbaren Nothwendigkeit zu verdanken habe, bei dem Glauben nicht allein geblieben, sondern an denselben gebunden worden und hiedurch unter mancherlei Wendungen des Lebens zuletzt zu dessen voller Erkenntniß gekommen zu seyn, und daß ich in diesem Zwang das erste Moment unverkennbarer göttlicher Führung verehren müsse. Ich trage keine Scheu, dieses offen zu bekennen; so wie überhaupt nicht die geringste Anwandlung mich beschleicht, irgend etwas zu bemänteln, oder anders darstellen zu wollen, als der Wahrheit gemäß es sich befände. Welche Veranlaßung hätte ich dazu, da jene Vergangenheit von der Gegenwart durch eine Kluft getrennt ist, und ich in gewisser Beziehung ebenfalls sagen mag: ich vergesse was dahinten ist, und wende mich nach dem vorgesetzten Ziel. Wäre ich der größten, der verschuldetesten Abirrung bewußt, ich müßte derselben um so eher geständig seyn, weil hiedurch nur die göttliche Gnade in helleres Licht träte. Dient es aber zu gerechtem Vorwurf, sich besser darstellen zu wollen, als man ist, so folgt daraus nicht, daß der Mensch dem Entgegengesetzten sich unterziehen müße; so wenig als er in der Sünde beharren darf, damit die Gnade desto mächtiger werde. Mögen aus solchen redlichen Geständnissen Andere, die Alles eher als dieses Beiwort anerkennen und begreifen können, über mich herausklügeln und an mich heranfälscheln, was [177] ihrer Natur verwandter, dergleichen kann mich um so weniger berühren, da ich meiner aufrichtigen Ueberzeugung gemäß alles, worin ich geirrt habe, oder worin ich der Anforderung, welche eingegangene Verpflichtung mir auferlegte, entweder nicht gewachsen war, oder nicht genügte, bereitwillig auf mich nehme, aber eben so bereitwillig göttlicher Gnade beimesse, was durch mich, wenn nicht immer bewirkt, doch in getreuem Willen angestrebt worden ist. Ob dieser entweder so ganz und gar niemals vorhanden, oder während etlich und dreissigjährigen Bemühens unablässig so durchaus verkehrt und verwerflich gewesen seye, wie giftige Aufgedunsenheit aus fragmentarischem Hörensagen herauszuklügeln sich bemüht gewesen, das mag um so eher auf sich beruhen, als ich für Wollen und Thun zu jeder Zeit einen höhern Bestimmungsgrund anerkannte, als der Menschen Lob oder Tadel. In meinem einundzwanzigsten Jahr war ich somit wider Willen an eine Pfarrei gesetzt worden. Dabei war mir nichts klar, als die unerläßliche Verpflichtung, denjenigen, über die ich gesetzt worden, die Offenbarung Christi zur Versöhnung der Menschen zu verkünden. Damit sah ich mich darauf hingewiesen, den Glauben an dieselbe, um diesen in Andern zu pflanzen, zu festigen und zu erhalten, zuerst in mir immer mehr zu verarbeiten, zuerst in Beziehung auf die eigene Person in demselben zuzunehmen. Da ich aber nie und bei keinen wichtigen Fragen je anders gesprochen als gedacht habe; da ich mir, nicht vor Menschen, sondern vor dem allwissenden Herzenskündiger das Zeugniß geben darf, daß ich während 34 Jahren niemals auf der Canzel Etwas verkündete, wessen ich nicht feste Ueberzeugung gehabt hätte und wovon ich nicht jetzt noch mit vollerer Wahrheit und in umfassenderem Zusammenhang überzeugt wäre, so darf ich wohl dieses Zwanges froh seyn, dem ich gewiß ausschließlich die immer vollendetere Entfaltung der innern Gewißheit zu verdanken habe.[178] So war die Anlage; dieß der Vorsatz. Die Vorsehung sorgte, daß beide eine gute Pflege fanden; denn ich will nicht behaupten, daß sie damals schon unausreißbar fest gewurzelt gewesen wären, Meinem Ansuchen, bei dem benachbarten Pfarrer mich aufhalten zu dürfen, wurde mit größter Geneigtheit entsprochen; da der angeführte Grund, ich hätte ja bei solcher Jugend nicht die mindeste Erfahrung, hell genug einleuchten mußte. Dieser Pfarrer war zwanzig Jahre älter als ich, ein gewisserhafter, redlicher, glaubenstreuer Mann, der die Offenbarung mit der unbedingtesten Hingebung für das annahnt, was sie ist: für die gnadenreiche Veranstaltung Gottes zur Erlösung und Beseligung der Menschen. Freilich wurde er in spätern Jahren auf die Bahn des Conventikelwesens, des Vorläufers des engherzigen und einseitigen Pietismus, getrieben, welcher zur Zeit, da ich mich seines Umganges erfreute, in unserm Canton noch durchaus unbekannt war. Zu jener Zeit gab es unter den rechtgläubigen Reformirten nur ein kleines Häuflein Herrnhuter, still, ruhig, mit Jedermann im Frieden, zurückgezogen und anmaßungslos lebend, meist auf die Stadt beschränkt; neben ihnen in einigen Gemeinden Separatisten, ebenfalls harmlos in ihrem Betragen, nur an dem offentlichen Gottesdienst nicht Theil nehmend und mit den Geistlichen ausser aller Beziehung stehend. Unter diesen dann fand sich eine große Zahl von Rationalisten, wie die seit den siebenziger Jahren grassirende sogenannte Aufklärung sie erzeugt und die allgemeine deutsche Bibliothek dick gefüttert hatte. In Beziehung auf den Rationalismus theilte der Pfarrer meine Ueberzeugungen vollkommen. Es war einer jener ruhigen, selbst langsamen Geiler, welche neue Ideen nicht leicht auffassen, dann aber sie desto besser verarbeiten; welche mit einem Buch nicht bald fertig sind, dann aber in demselben manche Schwäche des Urtheils, manches Gebrechen der Darstellung, manchen Fehler der Schlußfolgerung, vielleicht auch manchen verborgenen Vorzug entdecken, über welches Alles der lebhaftere Kopf leichter hinwegeilt. Waren seine Aeußerungen über[179] literarische Erscheinungen oft sehr bedächtlich, so waren sie desto gründlicher und gediegener. Insofern, und da ich in dieser Hinsicht häufig als Gegensatz gegen ihn auftrat, habe ich sicher mehr von ihm gelernt, als er von mir, hatte ich ihm mehr zu verdanken als er mir; ich war das anregende, er das ordnende Element. In der Abneigung gegen alle Verflachung (jetzt häufig in Verschiesung übergegangen) des positiven Christenthums begegneten wir uns durchweg; durch ihn gewann dieselbe bei mir einen festern Boden. Ich glaube nicht, daß er als sogenannter Kanzelredner großen Effect machen konnte, aber daß er Besseres als dieß bewirkte, weil er ein treuer und gewissenhafter »Botschafter an Christi Statt« war, dessen habe ich mich aus der einzigen Predigt überzeugt, die ich von ihm zu hören Gelegenheit fand. Ich habe auch in der Folge viel Vertrauen in ihn gesetzt und mich des Zusammenkommens mit ihm stets gefreut. Später zwar hat uns die vorerwähnte Richtung, die er genommen, auseinandergerissen, was ich wahrhaft bedauerte. Doch ist dadurch weder die Erinnerung an ihn erblichen, noch wurde die Zuneigung zu ihm geschwächt, und es freute mich in späterer Zeit noch, diese gegen seine Kinder zu bethätigen. Ich gedenke dessen um so lieber, als Dankbarkeit in unserm engen und beengten Gemeinwesen eine ausländische Pflanze ist, die unter dem Wüstenwind des Radicalismus und des Nihilismus vollends verdorret. Nach einem Aufenthalt bei meinem Nachbar von fünf Vierteljahren zog ich in meine Pfarrei, nicht weil es mich trieb, unter meinen Pfarrkindern zu wohnen, sondern blos um nach meiner Phantasie leben zu können. Mit der sonntäglichen Predigt, mit der Katechese (über deren, durch altes Herkommen angenommene, Ferien der Antistes mich belehrt und einen folgsamen Lehrling gefunden hatte), dem Unterricht der Katechumenen während des Winters, und etwelchen Schreiben an das[180] Ehegericht bei Unzuchtsfällen und Ehestreitigkeiten war Alles abgethan. Die Seelsorge war zu jener Zeit überhaupt in allen Gemeinden ein unangebautes Feld. Die Gemeindsgenossen zeigten nirgends ein Bedürfniß darnach, und die Geistlichen wollten ebensowenig unnöthige Mühe sich aufladen. Somit machte ich keine Ausnahme, konnte ich keinem Vorwurf der Nachlässigkeit mich aussetzen. Ich unterschied mich als Jüngster von der Mehrzahl meiner weit ältern Collegen weder zu meinem Vortheil noch zu meinem Nachtheil, einzig dadurch, daß ich etwa vorkommende Klagen über Geschäftslast mit Spott abfertigte und die jämmerliche Kleinigkeitskrämerei in breiter Erzählung von Nebenumständen bei Matrimonialfällen Jedesmal ins Lächerliche zog. ? Es war im Frühjahr 1809, als ich in meinem Dorf mich niederließ. Der Aufenthalt auf dem Lande, getrennt von aller Gesellschaft, war mir aber höchst langweilig. Wie der Sonntag Abend gekommen war, fühlte ich mich frei, und gieng entweder sogleich, oder doch am Montag Morgen nach der Stadt, schrieb dort meine Predigt auf den nächsten Sonntag (diese gute Gewohnheit hatte ich angenommen und bis zum Jahr 1840 bewahrt, alle Predigten zu schreiben, und immer frühzeitig in der Woche damit anzufangen) und verdämmerte die viele übrige Zeit mit Besuchen, Spaziergängen und auf andere Weise. Am Samstag kehrte ich nach meiner Pfarrei zurück, in welcher ich selten eine volle Woche zubrachte. Während des Winters war die Communication schwieriger; da regte sich die alte Lust zu schriftstellerischen Arbeiten wieder. Das französische National-Institut hatte die Preisaufgabe gestellt: Quel fut, sous le gouvernement des Goths, l'etat civil et politique de l'Italie? Quels furent les principes fondamentaux de la legislation de Theodoric et de ses successeurs? et specialement quelles furent les distinctions qu'elle etablit entre les vainqueurs et les peuples vaincus? Naudet und Sartorius haben nachmals Beide die Aufgabe gelöst. Sie umfaßte gerade den Gegenstand, dessen Bearbeitung ich für ein drittes Bändchen der[181] Geschichte Theodorichs aufbewahrt und zum Theil schon vollendet hatte. Die Materialien waren größtentheils gesammelt, es durfte dem Vorhandenen nur eine andere Form gegeben werden. Aber die Arbeit mußte entweder in französischer oder in lateinischer Sprache geschrieben seyn. Das erste war mir unmöglich; ich begann also das Geschriebene in das Lateinische zu übersetzen. Nun gebrach es, um Verschiedenes zu vervollständigen, an den erforderlichen Hülfsmitteln; ich gedachte Heyne's Bemerkungen über meine Latinität; und, obgleich ich schon ziemlich weit vorgerückt war, legte ich die Arbeit auf die Seite. Aber jetzt noch glaube ich, daß, wenigstens in Bezug auf Vollständigkeit und Gründlichkeit, dieselbe sich wohl hätte dürfen sehen lassen. Diejenigen, welche starrer Formeln wegen, die zu irgend einer Zeit aufgestellt worden sind, sich berechtigt oder bemüssigt glauben, alles Gemüthsleben abzuspiessen, und jede individuelle Regung entweder in jene einzuzwängen, oder, wenn sie deßungeachtet sich will geltend machen, als verpönte Abnormität zu perhorresciren, werden wegen Etwas, das ich damals mir auferlegte, gewiß rufen: Siehe da den Katholiken im protestantischen Gewande! Und doch hatte ich seit meiner Abreise von St. Blasien mit Katholiken keinen Umgang gehabt, mit irgend etwas, was die katholische Kirche berührte, nicht im mindesten mich beschäftigt, über Religions-Differenzen mit Niemand gesprochen, und war es mir beinahe wieder ebenso gegangen, wie füher mit jenem Kreuzen. Oft wird im Fortgang der Jahre das Band, welches die Kinder an ihre Eltern knüpft, schlaffer und loser, Anstand und Schicklichkeit treten an die Stelle der Liebe und Dankbarkeit. Im dem Verhältniß zu meiner Mutter war dieß umgekehrt. Die Liebe zu ihr ward immer herzlicher und wärmer. Diese Liebe rief einst bei einer fröhlichen Wanderung auf den Feldberg[182] in Gesellschaft junger Herren und Frauenzimmer bei dem Anblick des Rheines und der Erinnerung an die Mutter ein solches unüberwindliches und unerklärliches Heimveh (weil vorher und nachmals mir durchaus unbekannt) hervor, daß ich mit Einemmal verstummte, alsbald in Thränen ausbrach und, trotz der sorglichsten Bemühungen von zwei Freundinnen, die sonst Alles über mich vermochten, bis Mitternacht nicht mehr mich trösten konnte. Ich hatte nemlich meine Mutter krank, jedoch auf dem Wege entschiedener Besserung, verlassen Wie ich aber in der Ferne den Rhein, in der sinkenden Abendsonne als goldener Streif sich darstellend, erblickte, fühlten sich Gedanke und Sehnsucht urplötzlich, ohne allen Willen und durch unwiderstehliche Macht bewältigt, zu ihr hingezogen, angekettet an sie. Ich befand mich in dem sonderbarsten, unerklärlichsten Zustand, dessen Andenken meiner Seele tief sich eingeprägt hat. Die gute Mutter war öfters von schweren Krankheiten heimgesucht, die sie geduldig trug, einzig darauf bedacht, Andere so wenig zu bemühen, als möglich. Eines Abends saß ich an ihrem Bette, und da ich ihre Leiden sah, erbot ich mich, die Nacht über bei ihr zu wachen. Die Bereitwilligkeit, mit der sie gegen sonstige Gewohnheit das Anerbieten annahm, war mir Beweises genug, daß ihr dasselbe sehr willkommen sey. Ich sah sie wohl viel leiden, mehr als sie sagen mochte, um mich nicht zu belästigen. Abwechselnd las ich in dem Codex Theodosianus, und weinte dann wieder in unbezwinglicher Besorgniß, die Krankheit möchte eine noch schlimmere Wendung nehmen. In dieser Bekümmerniß bot sich mir der Gedanke dar, ich wollte, um ihre Herstellung von Gott zu erbitten, ein Jahr lang alle Samstag nur zwei Eyer essen, also ein freiwilliges Fasten mir auferlegen. Ich habe darauf in aller Stille, unbekümmert um die Urtheile der Reformatoren, das Gelübde vollzogen, ohne nachher je in meinem Leben das Fasten zu empfehlen oder nur darüber zu sprechen. Bemerkt konnte es auch nicht werden, da ein uraltes Mütterchen, welches mein Hauswesen besorgte, die einzige Umgebung, ohnedem gewohnt war,[183] meinen Tisch bald aufs reichlichste und etwa einmal mit der sonderbarsten Frugalität bestellen zu müssen. Später, als ich meinen Vater große Schmerzen leiden sah, habe ich eine ähnliche Enthaltsamkeit in Bezug auf den Wein mir auferlegt. Soll denn dasjenige, wozu Einer die Anmuthung in dem Heiligthum seines Herzens findet, darum verpönt seyn, weil tausend Andere diese Anmuthung nicht kennen, selbst dagegen sich sträuben würden, oder weil einst Einer irgendwo aufgestanden ist, der irriger Anwendung wegen gegen die Sache selbst fulminirt hat? Es finden sich hie und da seltene Geister, die mit derartiger Schnellkraft ausgestattet sind, daß sie zu Erhaltung in unermüdeter Thätigkeit keiner Anregung von außen bedürfen, daß sie, alles Verkehrs mit Andern entbehrend, blos durch eigenen Willen und innewohnende Luft die Wirksamkeit von jenem ersetzen, ja in ihrer Abgeschlossenheit noch Größeres leisten, als wenn sie solchem sich hingäben. Zu diesen gehörte ich nicht. Ich gleiche dem Stahl, der ohne Berührung mit dem Stein keine Funken von sich geben kann. Dann giebt es wieder andere, welche der Zusammenfluß von Arbeiten, eine gewisse Last von Geschäften, arbeitsfreudig macht und die am leichtesten Etwas zu Tage fördern, wenn sie zu regsamer Thätigkeit, selbst nach verschiedenen Richtungen hin, gezwungen sind. Endlich finden sich auch Solche, für welche die Muße zum Grab der Thätigkeit wird, die, weil sie zu Allem Zeit hätten, zu nichts Zeit finden, gleich reichen Verschwendern, die oft bei großem Besitz nicht einmal für kleine Ausgaben mit der nöthigen Baarschaft versehen sind. Dieses war bei mir so lange der Fall, bis ich gerade durch die Menge der manchartigsten Geschäft, die mir während vieler Jahre oblagen, gewohnt wurde, mit dem Rest der Zeit im eigentlichen Sinne zu geizen. Darum wird es für junge Leute, ob sie auch Anlagen und Neigung zu[184] Thätigkeit, zumal im Bereich des wissenschaftlichen Gebietes, besitzen, immer gefährlich, wenn sie allzusehr Herren ihrer Zeit sind, und Berufsarbeiten nicht ein heilsames Joch ihnen auflegen. Jugend hat nicht Tugend, gilt auch in dieser Beziehung, und das edelste Pferd verliert seine Vorzüge, wenn es allzuhäufig ungenützt stehen bleiben muß. So hatte ich mehrere Jahre durch überreiche Muße; der Zwang aber, der mich erst dieselbe schätzen gelehrt hätte, fehlte; denn was das geistliche Amt von mir forderte, obwohl ich darin nichts versäumte, und Leichtfertigkeit mir nie zu Schulden kommen ließ, nahm einen besonders großen Theil meiner Zeit niemals in Anspruch. Ich habe daher nie weniger gearbeitet, nie meine Zeit leichtfertiger verdämmert, als in den Jahren von 1809?1814. Nicht daß ich ganz müssig gegangen wäre; gegentheils, ich habe in diesen Jahren an eine Geschichte der Longobarden gedacht und zu diesem Endzweck die Quellen gelesen, Vieles dazu gesammelt, dann aber im Mißmuth, ich möchte doch nicht alle Materialien zusammenbringen, doch nichts Erkleckliches leisten können, Alles wieder aufgegeben und an etwas Anderes mich gemacht, aber ebensowenig dabei ausgeharrt. Inzwischen, da ich im Herbst 1810 meine Pfarrei an eine angenehmere, blos eine Stunde von der Stadt gelegene, deren wohlgebaute Wohnung besonders mich lockte, vertauscht hatte, war ich in meinen Ueberzeugungen immer mehr erstarkt und hatte ich im Predigen größere Uebung gewonnen, so daß ich in dieser Beziehung allmählig mich selbst mehr befriedigte. Es war jenes Zunehmen im Werke des Herrn, von welchem Paulus am Ende des ersten Briefes an die Corinther schreibt, und welches ich niemals im Sinn eines Zuwachses für die Gesammtheit von aussen her (bei dem Glauben an eine göttliche Offenbarung unmöglich), oder gar einer allmähligen Umgestaltung des Stoffes, sondern als eine immer vollkommener sich darstellende[185] Entwicklung des von dem gegebenen Glauben durchdrungenen Individuums von innen auslegte; wie mir denn überhaupt eine Erleuchtung des Lichts durch Menschenbetriebsamkeit und von unten herauf zu jeder Zeit als eine Absurdität, und eine durch des Menschen Hülfe fortschreitende Vervollkommnung des Christenthums, anders als in seiner Einwirkung auf jeden einzelnen Gläubigen (jenes Nachstreben des Apostels, daß er das ergreifen möge, worin er durch Christum ergriffen worden) als ein Unding, als baarer Widerspruch gegen das Wesen der göttlichen Offenbarung vorgekommen ist. Weder in jener Zeit, noch später, sprach die theologische Literatur mich an. Ich kannte sie blos aus der Jenaischen Zeitung und aus den, ein abgetriebenes und abgeriebenes Christenthum vertretenden Marburger Annalen, wobei ich die, früher in Bezug auf poetische Erscheinungen gegen die allgemeine deutsche Bibliothek angewendete Praxis erneuerte: principiell für schlecht zu halten, was sie besonders lobten, wenigstens für erträglich, was sie herabwürdigten. Die exegetischen Werke erschienen mir als fruchtlose Buchstäbleri, jene sogenannte höhere Kritik als wahres Attentat gegen die Offenbarung, gegen den Glauben von 18 Jahrhunderten. In der Nachtmahlsformel werden zu Schaffhausen mit Andern auch ausgeschlossen »die Durchächter des Wortes Gottes.« Das wäre, sagte ich oft im Scherz, der wahre deutsche Ausdruck für Exegeten; oder das Wort Exeget bezeichne seinem Grundbegriffe nach einen Menschen, welcher Saft, Kern, Leben und Geist aus den heiligen Büchern herauszuziehen beflissen seye, und mit größter Wichtigkeit und Breite Abhandlungen schreiben könne, ob in Matth. XXIV, 18, das Wort Kleid in der Einzahl oder in der Mehrzahl als richtige Lesart gelten müße. Im Ernst dann fragte ich: wenn wieder so ein Speculant die Unächtheit eines biblischen Buches oder Capitels erwiesen zu haben wähne, welchen Dienst er wohl dem Glauben, der Zuversicht, der Hoffnung, der Trostesbedürftigkeit so vieler Seelen erwiesen zu haben meine? Wer wohl mit ruhigerem Selbstgefühl, mit heitererem[186] Blick, mit dem Gedanken, für das wahre, lebendige Christenthum Etwas gewirkt zu haben, auf angewendete Zeit, auf sein Bemühen zurückblicken könne, ein Lavater, wenn er nach Vollendung seines Pontius Pilatus die Feder niederlege, oder so ein Exeget, der nach beendigter Arbeit sagen möge: dieses Evangelium sollte nun durch mein Bemühen abgeschafft, dieser Brief beseitigt seyn? wohin es kommen müßte, wenn am Ende herausgegrübelt wäre, daß einzig der Kartendeckel des Einbandes der heiligen Schrift ächt seye? In der Dogmatik war mir der Unglaube der Einen, die schaale Klügelei der Andern, vor Allem die falsche Alliage der Zeitphilosophie mit der Offenbarung und das Bestreben, die christlichen Ausdrücke zur Folie ganz anderer Lehren zu machen, durchaus verhaßt. Mir schien der Unglaube eines Helvetius, Voltaire und ihrer Zeitgenossen unter den Franzosen weniger schlimm, als das Zerreiben und Zerklären des Christenthums durch die sogenannten Theologen. Dort zeigte sich doch eine gewisse subjective Ergötzlichkeit, eine Verruchtheit des behaglichen Lebens. Jene, meinte ich, hätten im bacchantischen Taumel einer Orgie die Brandfackel durch Persepolis geschwungem, wogegen diese in kahler Nüchternheit mit Hammer und Meissel herangezogen kämen, und vandalenmässig, wo sie noch eine Klammer, ein verbindendes Metallstück fänden, dasselbe herausschlügen, damit ja kein Stein auf dem andern bleibe. Eine Anmerkung in diesem Sinne, zum Theil mit den nämlichen Worten, wurde späterhin zum erwünschten Vorwand, ein periodisches Blatt, welches ich damals herausgab, von Rathswegen zu unterdrücken. ? Darin aber habe ich manches Unrecht abzubitten, daß ich mich oft in meinem Eifer zu den bittersten Sarcasmen gegen solche den Glauben untergrabende Schriftsteller hinreissen ließ. Ich hatte angefangen, unter dem Titel Diabolica eine Sammlung von literarischen und doctrinellen Nichtswürdigkeiten protestantischer Schriftsteller und Prediger anzulegen; darin z.B. aufzuzeichnen, wie der Hauptpastor Böckel zu Hamburg[187] aus der Versuchungsgeschichte Matth. IV, 1?11 das Thema ableitete: »über die große Mannigfaltigkeit der Nahrungsmittel, welche Gott den Menschen darbeut« (was von einer Kirchenzeitung »ein sehr würdiges Thema« genannt wurde); wie ebenderselbe am grünen Donnerstage, dem Fest der Einsetzung des heiligen Abendmahls, über die Wahl der Speisen, ein Anderer am zweiten Ostertag bei Anlaß der Jünger von Emaus über den Nutzen des Spazierengehens, ein Dritter am Palmsonntag bei den Worten: »und sie brachen Zweige ab,« gegen den Forstfrevel und ein Pastor Ruhmer zu Krippesna und Neundorf am ersten Dreifaltigkeits-Sonntag über »die erhabene Bestimmung des menschlichen Auges« gepredigt habe. Ebenso erörterte Einer in einer Pfingstpredigt die Natur, die Vortheile und die Wirkungen des Windes. Bei dem Evangelium von den Aussätzigen handelte ein Anderer von der Krätze: 1) woher sie entstehe, 2) wie man sie heile. Auf Weihnacht nahm sich ein Dritter zum Thema: wie man der transportirten Armen sich annehmen müsse; amt Charfreitag sollte eine Christengemeinde erbaut werden durch Darlegung der Pflicht, die Todten anständig zu begraben. Es kamen Weihnachtspredigten vor über die Nacht, Osterpredigten über den Aberglauben, Pfingstpredigten über den Werth ungewöhnlicher Naturereignisse. Als im Städtchen Hirschberg das Gerücht sich verbreitete, es seyen in einem Hause junge Hunde förmlich getauft worden, folgte eine Predigt »über die Vorrechte, welche die Taufe den Kindern gewähre.« In einem »Rathgeber bei dem Studiren« von einem gewissen Steinbrenner finden sich Predigten vom Nationalstolz, vom Testamentmachen, von den Kennzeichen des wirklichen Todes, über Tischfreuden. Merkwürdig schien mir schon der Titel einer Sammlung von einem gewissen Liefnert: Predigten etc. ? über Erziehung der Jugend, staatsbürgerliche Ereignisse, Unglücksfälle, u.s.w., selbst wenn nicht die Geschichte Josephs dazu wäre verkümmert worden, »über das Verhalten des Bürgers und Landmannes in Kriegszeiten« sich zu ergehen. Ist es doch in dem Jahr 1844 noch vorgekommen, daß bei[188] Grundsteinlegung der neuen Kirche zu Hamburg, die einst in der Ehre des Ersten unter den Aposteln Christi geweiht war, der dortige Hauptpastor Dr. Alt eine Rede hielt, von welcher öffentlich bezeugt worden ist, daß in derselben der Name Christi ebensowenig vorgekommen seye als in den für diese Feyerlichkeit gewählten Gesängen, vielmehr daß öffentlich gestanden wurde, jene Rede hätte zu Begründung einer Synagoge oder eines Heidentempels ebensogut gepaßt, wie zu derjenigen einer christlichen Kirche. Schwerlich aber würde dieser Hauptpastor auf den Namen eines wahren und dazu noch sehr erleuchteten Protestanten Verzicht leisten wollen. ? Ich bedaure es, daß ich nur wenige Blätter mit dergleichen Merkwürdigkeiten anfüllte, bald aber mit dem Sammeln wieder nachließ; es wären zu Beleuchtung des Standes des Protestantismus erbauliche Collectaneen herausgekommen, wel che zugleich zu einer Apologie des Dr. Strauß hätten können benützt werden. Mit der eigentlich gelehrten Wirthschaft im Hause der christlichen Theologie stand es damals nicht besser. So wurde in Streitschriften gegen Harms geradzu gesagt: »Mögen auch Glaubensansichten in frühern Zeiten noch so nützlich gewesen seyn, bei so sehr veränderter Bildung der Zeit wären sie es nicht mehr. Man müsse jetzt in der Theologie anders bauen als vor 300, ja nur vor 100 Jahren. Die, welche der Kirche die Form des 16ten Jahrhunderts jetzt noch aufdringen wollten, verwirrten dieselbe, zerstörten das Heiligthum.« ? Da ward dann besonders die damals vielbesprochene Altonaer-Bibel gerühmt. Da fuhr Röhr in seiner Prediger-Bibliothek über jede Schrift her, in der noch eine Spur dogmatischen Glaubens zu finden war, und verkündete bereits: »daß es einst einen historischen Christus gegeben habe, der uns aber in mythischer Gestalt unter Augen gestellt werde.« ? Wegscheider fand, daß unsere Zeit mit ihrer Bildung den Begriff von einer übernatürlichen Offenbarung nicht mehr festhalten könne. ? In dem kirchlichen Journal eines gewissen Berthold waren Behauptungen in folgendem Sinne nicht selten: da der Hauptzweck des kirchlichen National-Institutes[189] (!) die religiös-moralische Volkserziehung beziele, so eigneten sich allerdings religiös-moralische Predigten vorzugsweise für die Kirche; allein dessen ungeachtet seyen auch Predigten über physiko-theologische, oder über gewisse pädagogische und psychologische Lehrsätze zulässig. Und welche Meinung konnte ich von einer Theologie und deren Wirksamkeit zu Erhaltung und Förderung des geoffenbarten Glaubens hegen, als deren Restaurator, als deren hell strahlendes Licht der Pantheist Schleiermacher angepriesen ward, über dessen Dogmatik ein Recensent in der Halleschen Literatur-Zeitung mich belehr hatte: »daß er seine subjective Meinung den Aussprüchen Christi und der Apostel unterschoben, und es darauf angelegt habe, sein Evangelium mit dem Schein der Wahrheit, als ob es das alte und gewohnte seye, zu verkünden;« und der selbst in seiner Dogmatik sagte: »der Streit in der protestantischen Kirche ist so groß, daß das, was Einigen die Hauptsache des Christenthums scheint, von Andern für bloße Hülle gehalten wird und daß, was diese hinwiederum für das Wesentliche ausgeben, jenen als so dürftig erscheint, daß sie meinen, es lohne sich nicht, das Christenthum nur deßwegen dafür zu halten?« Das Geständniß, daß ich keine theologischen Bücher gelesen habe, kann daher nicht befremden. Mein dogmatisches System war in dem Katechismus gegeben; in der Ueberzeugung, daß von Allem, was über den Sündenfall, den Heiland, die Erlösung und die Mittel, diese uns anzueignen, uns geoffenbart seye, die Menschen nichts abdingen, und nach eigenem Gutdünken nichts modificiren dürften, stand es fest; durch die eigenen Predigten und den Gebrauch der heiligen Schrift (die ich so viel als möglich, mich nur als deren Organ betrachtend, in dieselben zu verflechten mich bestrebte) wurde es immerwährend in Thätigkeit erhalten. Nur Lavater's Pontius Pilatus und Rambach's Auslegung der Leidensgeschichte waren theologische Bücher, die ich gerne zur Hand nahmt; jenes, weil es ungemein geistreich, gedankenvoll ist, an das geschichtliche Substrat eine Fülle der feinsten Bemerkungen anknüpft und oftmals in[190] origineller Sprache jene mehr als Lichtfunken hinwirft, denn einläßlich entwickelt; dieses, weil es die Leidensgeschichte ganz mit jener gläubigen Hingebung behandelt, welche in dem Leiden Christi den Kern und Stern aller Offenbarung verehrt, und in alle Einzelnheiten mit ungemeinem Scharfsinn eindringt, auch dem scheinbar Unbedeutendsten eine praktische Seite abzugewinnen weiß. Beide Bücher haben mir sowohl zur Erbauung als zur Belehrung gedient: später kamen Cramer's Passionspredigten hinzu. Wie anders durfte ich mir jene Zeit denken, da er zu Copenhagen alles mit dem Evangelium erfüllte, als diejenige, von der eben berichtet wird: »im Städtchen Mariboe komme der Prediger zuweilen in den Fall, den Hauptgottesdienst Sonntags Morgens nicht halten zu können, weil er ein total leeres Gotteshaus finde;« welchem der Berichterstatter ganz ruhig und dem Schein nach vergnüglich beifügte: »Mariboe werde bald in Dänemark und in andern Ländern viele Schwesterstädte finden.« Wie anders jene Zeit als die neueste, wo in einem Theil eben dieses Dänemarks ein Verein seinen Zweck: Ausrottung alles positiven Christenthums öffentlich ankünden und seinen Gliedern dafür den stolzen Namen Wahrheitsfreunde, welchen sie jetzt an denjenigen »Lichtfreunde« vertauscht haben, beilegen kann? Und rühmen sich nicht diese Alle, Protestanten zu seyn? Mein erstes offentliches Auftreten in geistlichen Angelegenheiten, die den Canton und nicht blos die Pfarrei berührten, erfolgte ihm Jahr 1812 und geschah im gleichen Geist, der in allem Nachherigen erkannt werden konnte. Die Verflachung, vor welcher so Manches schon darum kein Bestehen mehr finden sollte, einzig deßwegen, weil es aus der Vergangenheit herrührte, hatte einen großen Theil unserer Geistlichkeit sich dienstbar gemacht. Wie noch jetzt, so war auch damals der Ausdruck: »es paßt nicht mehr für unsere Zeit,« ein Schlagwort, welches alle Prüfung, alle Würdigung, alles Nachdenken durchaus[191] ersparte, und Jedem, der dasselbe nachlallen konnte oder mochte (und dazu bedurfte es keiner großen Anstrengung) den Anstrich eines vorurtheilsfreyen Mannes, ja sogar eines Denkers und Wohlfahrtsförderers verlieh. Nun hatte in jenem Jahr der alte Antistes Habicht seine Würde niedergelegt und einen Nachfolger erhalten, in welchem die allgemeine deutsche Bibliothek, so zu sagen, sich incarnirt hatte. Bereits erklangen Töne, die bisherigen Kirchengebete wären obsolet, die Zeit erheische, daß endlich neue an ihre Stelle träten, womit man ja in Deutschland meisten Orts längst schon mit lobenswerthem Beispiel vorangegangen seye. Diese Töne fanden leicht Wiederhall, und es war gar nicht zu zweifeln, daß die schönen Kirchengebete, Ueberreste einer glaubensfreudigen und glaubenskräftigen Zeit durch irgend einen rationalistischen Gemeinbrei würden verdrängt werden. Das gieng mir zu Herzen; ich hätte ungerne diese Gebete dahin gegeben, denn durch ihre Beseitigung schien mir der wahren christlichen Erkenntniß und Ueberzeugung in unserm Canton ein unwiederbringlicher Schaden zugefügt zu werden. Ohne Jemand ein Wort zu sagen, begann ich, eine Auslegung des ersten dieser Gebete (dasjenige für den sonntäglichen Morgengottesdienst) zu schreiben und den vollen Einklang desselben mit der heiligen Schrift und der Lehre des geoffenbarten Glaubens darzuthun. Ich wollte damit den Christen zur klaren Einsicht verhelfen, welchen Schatz sie an diesen Gebeten besäßen. Die Schrift wurde alsbald gedruckt. Sie fand Beifall, und sofort hatte alles Reden von neuen Gebeten ein Ende. Daß aber an solche mit Ernst gedacht worden seye, zeigte sich bald. Der neue Antistes, wie bereits erwähnt, ein sehr freundlicher, im Umgang äusserst liebenswürdiger und auch gegen Jüngere wohlwollender, Mann sagte mir nachher in sehr mildem Tone: »Mit Ihrer Schrift haben Sie uns einen schlimmen Streich gespielt, da wird es uns ja unmöglich, neue Gebete einzuführen, die doch so nothwendig wären.« Ich erwiederte nichts, freute mich aber im Stillen der Erreichung meines Zweckes. Wer sich[192] die Personalien der damaligen Geistlichkeit noch zu vergegenwärtigen im Stande ist, der wird die volle Ueberzeugung hegen, daß ohne diesen meinen Schritt das Volk damals unfehlbar um seine alten Gebete gekommen wäre. Die Pfarrei nahm meine Zeit sehr wenig in Anspruch; äussere Anmuthung zur Thätigkeit war nicht vorhanden; wissenschaftlicher Verkehr, wie ich mir denselben gewünscht hätte, mangelte gänzlich; auf mich selbst beschränkt, unternahm ich bald Dieses bald Jenes. Manches ohne bestimmten, Anderes mit so weitaussehendem Zweck, daß hierin schon der unvermeidliche Keim des baldigen Laßwerdens um so mehr lag, da auch von aussenher keine Ermunterung entgegenkam. Die großen Weltereignisse des Jahres 1813 beschäftigten alle Geister, spannten alle Erwartungen, mich, in welchem die Reminiscenzen der Revolution noch nicht erloschen waren, dessen Urtheil über dieselbe sich noch im mindesten nicht geändert hatte, der in Bonaparte nur die zahmer gewordene Fortsetzung derselben verwünschte und in seinen Kriegen nichts Anderes als eine Verkettung von scheußlichen Ungerechtigkeiten und wilden Gewaltthaten erblickte, den Engländern wegen ihrer unversöhnlichen Feindschaft gegen ihn und den Spaniern wegen ihres glänzenden Heldenmuthes zu jeder Zeit Waffenglück wünschte, mich besonders. Ich weiß noch gar wohl, mit welcher Begeisterung ich die Proclamation der Tagsatzung wegen der schweizerischen Neutralität aufnahm, und mich nicht damit begnügte, eine Predigt über dieselbe zu halten, sondern sie sogar in dieselbe einflocht; obwohl ich nachher den Umsturz der Mediationsacte, bloß weil sie Bonapartes Werk war, gar nicht ungerne sah. Dieser erfolgte alsbald nach dem Einmarsch der verbündeten Heere, wenigstens inwieweit dieselbe die gemeinsamen Einrichtungen der Eidgenossenschaft festgestellt hatte. In den einzelnen Cantonen gieng diese Beseitigung hier rascher, dort langsamer[193] vor sich. Sobald aber der Einnahme von Paris die Entsagungsacte von Fontainebleau gefolgt war, mußten auch die Bedächtlichsten sich überzeugen, daß für sie an die Stelle des durch ein Machtgebot Aufgedrungenen jetzt ebenfalls etwas Anderes treten müsse. Bern, Freiburg, die demokratischen Cantone waren mit ihrem Beispiel längst vorangegangen, und hatten sich in ihren politischen Einrichtungen wieder mehr den frühern Formen genähert, ohne gegen Modificationen, welche den veränderten Umstanden angemessen waren, sich abzusperren. In Schaffhausen herrschten abermals entgegengesetzte Neigungen. Denen, welche an der Spitze der Geschäfte standen, war es nicht schwer gefallen, die durch die Mediationsacte gegebenen Einrichtungen so zu benützen, daß alle Faden der öffentlichen Angelegenheiten in ihren Händen zusammenliefen, sie der Mittelpunct wurden, um welchen Alles sich drehen mußte, und Richtung und Bewegung von einigen Wenigen ausgieng. Es soll damit nicht gesagt werden, daß die Richtung eine falsche, die Bewegung geradezu eine mißbehagliche gewesen seye; aber doch war Alles, was hiedurch seine Wandelbahn sich bestimmen ließ, der Anerkennung und des Vorschubes sicherer, als was nicht geradezu in jene sich einfügen wollte. Wie an hundert Ausdrücke im Lauf von zwei Menschenaltern eine unbegreifliche Begriffsverwirrung sich angeklammert hat, so ist dieß der Fall bei dem Wort Aristokraten. Man ist noch jetzt geneigt, mit diesem Wort Individualitäten zu bezeichnen, welche Glück und Geschick genug befassen, die nackte Demokratie zu ihrem Fußschemel und zu dem Getriebe zu machen, durch welches sie sich obenan zu erhalten wußten, somit ihre Personen an die Stelle der Prinzipien setzten: indeß dem wahren Aristokraten diese Alles, jene Nichts gelten. Aber eben darum, weil dieser sich fest und consequent an die Prinzipien halt, kann er oft, ohne nach Stellen, Macht und Ansehen zu lungern, jenen Namen mit weit grösserem Recht verdienen, als diejenigen Alle, welche durch die Schultern der Ochlokratie emporgehoben, herrisch und anmaßlich auf den gutmüthig dienstbaren Knecht herabschauen. Ja es[194] ließen sich Beispiele anführen, wie diese Nominal-Aristokraten Niemanden abgeneigter sich erwiesen, als den wahren Aristokraten. Diejenigen nun in meiner Vaterstadt, welche die Formen der Mediationsacte so fügsam und geschmeidig gefunden und nicht sowohl in dieselben sich hineingelebt, als vielmehr sie zu eigener Bequemlichkeit verarbeitet hatten, gedachten, das liebgewordene Neue zu Grund zu legen und in dieses (was nicht zu umgehen war) Einiges von dem Alten einzufügen. Andere glaubten, der entgegengesetzte Grundsatz seye der richtige: das Alte solle zu Grund gelegt und diesem das Neue, inwieweit es dem öffentlichen Wohl förderlich, angepaßt werden. Jene hatten die Stellung, den Einfluß, die Macht, diese das Recht für sich, sodann die Mehrzahl ihrer Mitbürger, welche noch der vorigen Zeiten, der Rechte gedachten, die ihnen durch würdige Vorfahren auf untadelhafte Weise erworben worden; für den Jubel über deren Verlust gab es damals noch keine Stimmen. Unter diejenigen, welche bei einer neuen Organisation zu dem durch Revolution und Mediation blos thatsächlich Beseitigten zurückkehren wollten, gehörte nebst mehreren Andern auch mein Vater. Eine Schrift, worin diese Männer die Rechts- und Naturgemäßheit jenes Ganges kurz darzulegen sich bestrebten, mißfiel auf der einen Seite höchlich, öffnete auf der andern die Augen und weckte die Geister. Für mich zwar war die Zeit, in welcher ich bei Verhandlung der wichtigsten Fragen immer auf der väterlichen Seite stand, längst vorüber; hier aber entsprach die verfochtene Ansicht meinen erhaltenden Grundsätzen aufs vollkommenste, und, ohne bisdahin Bedeutung oder Ansehen mir erworben zu haben, ließ ich doch keinen Anlaß vorübergehen, um meine Beipflichtung zu geben, so daß ich mir einst von dem Antistes den Vorwurf zuzog, die Zunftversammlung höher als die Conventsversammlung gesetzt, diese, da eines Tages beide auf die gleichen Stunden fielen, über jener versäumt zu haben. Das Bemühen jener Männer hatte im Grund der verwandten Gesinnung der Bürgerschaft nicht sowohl den Impuls[195] als vielmehr das Wort verliehen, daher es zu erwünschtem Ausgang führte. Es rettete von den vierhundertjährigen Formen, was noch haltbar war, nahm von dem Neuen so viel auf, daß Niemand über verknöcherte Stabilität mit Grund sich beschweren konnte. Sah ich als Geistlicher nur auf meine Person oder auf den Stand, so hätte es mir vollkommen gleichgültig seyn können, welches Princip durchgeführt worden war, denn die Stellung der Geistlichen war unter jedem eine gleich gesicherte und gleich zusagende. Aber die anerborene Neigung, zu Erhaltung wohlerworbener Rechte beizutragen, was möglich, das in mein Innerstes schon längst verflochtene Parta tueri, die warme Liebe für die Vaterstadt riß mich unwiederstehlich von dem Boden des gleichgültigen Zuschauers hinweg. Das der Vaterstadt jederzeit aus vollem Herzen zugerufene Esto perpetua kettete sich bei mir nicht an die Mauern und Häuser und die Einwohnerzahl, sondern an die Institutionen, an die Rechte der Letztern, an den Wunsch, daß dieselbe angesehen, gewichtig und geehrt seye. Zu eben dieser Zeit des heftigsten Kampfes durch Europa und der wichtigsten Fragen für das eigene Vaterland verabredete ich mit meinem Bruder, einem politischen Blatt, welches mein Großvater schon und dann mein Vater herausgegeben hatte, eine andere Gestalt und einen neuen Titel zu verleihen. So entstand mit dem Jahr 1814 der »Schweizerische Correspondent«, an dessen Herausgabe ich zwanzig Jahre lang den größten Antheil hatte, und darin das Mittel fand, meine antirevolutionären Gesinnungen zu befestigen, auch wohl kund zu geben. Diesem Princip gemäß wurde der Kampf, der damals über ganz Europa entbrannt war, dargestellt, und mehr als ein Aufsatz (zumal nach der Wiederkehr Bonapartes von der Insel Elba) athmete den glühendsten Haß gegen den »Weltverwüster.« In den französischen Fragen nach der Restauration sprach sich[196] das Blatt immer für die Legitimität und gegen diejenige Partei in den Kammern aus, welche die jakobinischen Grundsätze gezähmt, geschmeidigt, glatter gemacht, ihnen aber nicht entsagt hatte. In den eidgenössischen Angelegenheiten wurde das aristokratische, und wo dieses nie bestanden hatte, das ehevorige Element vertreten. Wo je kirchliche Ereignisse zu berühren waren, geschah dieß bei protestantischen im Sinne jener Rechtgläubigkeit in allem Positiven, welche Grundlage meiner Ueberzeugungen blieb; bei katholischen im Sinne der Freiheit und des Rechts und der herkömmlichen Einrichtungen der Kirche und der Erhaltung von diesem Allem, was von den Machthabern nicht immer anerkannt, von den Protestanten oft gar nicht gewürdigt, häufig in falsches Licht gestellt wird. Man konnte es daher einerseits nicht begreifen, wie in einem Blatt, welches in einer protestantischen Stadt erschien, gegen Unrecht, das die katholische Kirche irgend eines Ortes entweder durch die That oder mittelst der Rede zu dulden hatte, nicht wolle eingestimmt, ja selbst noch in entgegengesetztem Sinne das Wort genommen werden; indeß man anderseits der seltenen Unpartheilichkeit sich freute, welche der vorherrschenden Zeitrichtung sich zu erwehren vermochte. Zwei Jahre später, im Jahr 1816, wurde ein besonderes Blatt ausschließlich den Nachrichten aus der Schweiz, und hauptsächlich der beurtheilenden Anzeige (was die Franzosen Analyse nennen) aller erscheinenden Schriften, welche die Schweiz berührten, gewidmet. Anderthalb Jahre nach seiner Begründung trat ein Ereigniß ein, welches eine Zeitlang dem Blatt vielen Stoff lieferte, hiedurch Beifall oder Mißstimmung hervorrief, und am Ende ein obrigkeitliches Verbot bewirkte, durch den Einfluß der letztern aber an jenen Vorwand geknüpft, den ich S. 189 berührt habe.[197] Die bekannte Frau v. Krudener wählte im Frühjahr 1817 die Schweiz zum Schauplatz ihrer wandernden Predigerbühne, Sie wußte einige Gehülfen an sich zu ziehen, durch Almosen das Volk um sich zu sammelm, theils durch den Reiz der Neuheit, theils durch einen gewissen Ernst ihrer Worte manche Zuhörer an sich zu locken. Die Noth der Zeiten, welche die Gemüther für dergleichen empfänglicher macht, in Verbindung mit der geistlichen Dürre, welche damals über den protestantischen Gebieten lastete, kam ihr wesentlich zu Hülfe. Nachdem sie in verschiedenen Gegenden sich herumgetrieben und viel Redens veranlaßt, näherte sie sich unserer Stadt, bezog hierauf ein Landhaus in der Nähe derselben, und, nachdem sie später weggewiesen worden, ließ sie sich abermals in der Nachbarschaft auf baden'schem Boden nieder. Mir wollte dieses wandernde Predigen nicht einleuchten, noch weniger, daß ein Weib dessen sich anmaße, In der ersten Beziehung, schien es mir, werde die Würde der Verkündigung der Heilswahrheiten gefährdet, wenn sie anderswo, als in dem dazu bestimmten Hause, wenn sie in Schenken vorgetragen, wenn sie zum Mittel gemacht werde, die Menge dahin nach sich zu ziehen; in solcher Ueberzeugung bestärkten mich manche Anekdoten über einzelne Vorfälle in diesen zusammengeblasenen Auditorien. In der andern Beziehung trat mir das mulier taceat in ecclesia als bestimmte, höhere, darum nicht zu verachtende Satzung vor Augen. Auch hierin mischte sich ein, wenn auch unklarer, dennoch, wie viel utan über dessen Verschwinden sich gute thun mag, nicht abzuweisender Begriff von der Kirche, als einer mit unverrückter Ordnung ausgestatteten Einrichtung. Ich sah nemlich in der Beseitigung einen ungeziemenden Eingriff in die Befugnisse der bestellten Geistlichen; eine Herabwürdigung ihres Ansehens, wenn unberufen, aus eigener Machtvollkommenheit, jedes daher kommende Weib sich befähigt und berechtigt halten sollte, ohne weiters auszuüben, was erste und oberste Verrichtung des Jenen ausschließlich übertragenen Amtes seyn sollte, Nach dem, was Frau von[198] Krudener lehre, wozu sie ermahne, wie sie wirke, fragte ich nicht sowohl, als das es mir überhaupt unzulässig vorkam, daß sie lehre, ermahne, wirke, und dieß noch an solchen Orten, unter solchen Umgebungen. Ich trat also förmlich gegen sie auf, sowohl grundsätzlich als thatsächlich; d.h. indem ich von jenem Standpuncte aus ihr Erscheinen an sich beleuchtete, als dann mir durch verschiedene Augenzeugen berichten ließ, was Tag für Tag an ihrer Lagerstätte vorgehe. Obwohl ich wußte, daß sie manche Weiblein und auch manche Weibleinsnaturen unter Männern an sich gezogen, und diese mein entschiedenes Urtheil sehr mißbilligten, fuhr ich dennoch fort, zu dem einen Zweck meine Ueberzeugungen zu entwickeln, zu dem andern die mancherlei kleinen Vorfallenheiten sorgfältig zu sammeln, was dann manchmal mit Ironie, jetzt von dem Berichterstattenden, dann von dem weiter Mittheilenden gewürzt ward. Diese Anträge veranlaßten, noch weitere Materialien über die Predigerin und ihre Begleiter aus andern Cantonen herbeizuschaffen, um dieselben zu einer eigenen Schrift zu verarbeiten, die nachher unter dem Titel erschien: »Frau von Krudener in der Schweiz. Helvetien 1817.« ? Es sind aus dieser Erscheinung in unserm Canton bald mancherlei Reibungen, Mißstimmungen, Ueberspannungen, selbst Abentheuerlichkeiten hervorgegangen. Diese letztern erschienen unter ähnlichen Symptomen, wie zu Anfang dieses Jahrhunderts in einem Theil der Vereinigten Staaten Nordamerika's. Wie dort von der Nothwendigkeit einer übernatürlichen Wiedergeburt gesprochen und gepredigt wurde, so ergieng bei uns viel Redens von einem Kämpfen, welches der Mensch durchmachen müße, um erlangter Gnade versichert zu werden. Der Verlauf beider Erscheinungen stimmte beinahe vollkommen überein. Die Leute fielen in eine Art Agonie, in welcher sie von krampfhaften Zuckungen befallen wurden, worauf diejenigen, die sich so hatten überwältigen lassen, versicherten, jetzt hätten sie die Wiedergeburt an sich erprobt. Mitleidiges Herabsehen auf diejenigen, welche nicht so nervenschwach[199] waren, harte Urtheile über Solche, welche den Werth einer solchen Erscheinung bezweifelten, war deren erste Folge. Ueberhaupt ist mit dem Erscheinen der Frau von Krudener eine Saat des geistlichen Hochmuths ausgestreut worden, die nicht zu besonders lieblichen Früchten aufgegangen ist. Jenes Kämpfen war ansteckend, besonders bei den Weibern. In allen Kirchen, in denen die Prediger der Erscheinung Vorschub leisteten, kam dasselbe häufiger vor, und hausenweise wanderte das Landvolk des Sonntags in diejenigen Dörfer aus, wo es hoffen konnte, von der Ansteckung ergriffen zu werden oder wenigstens solcher Vorgänge Zeuge zu seyn. Ein fester Wille des Geistlichen konnte jedoch die eigene Kirche leicht frei halten. Das war bei mir der Fall. Ich habe weder gegen das Auswandern in andere Gemeinden, noch gegen das sogenannte Kämpfen öffentlich gesprochen, wohl aber unter der Hand den bestimmten Vorsatz zur Kenntniß gelangen lassen, daß die erste Person, welche vor mir unter der Predigt kämpfen würde, durch den Meßner zur Kirche herausgeführt werden sollte. Das half; Niemand hatte Luft, den Versuch zu wagen, ob ich wohl Wort halten dürfte. Dagegen ist nicht zu läugnen, daß in Folge des Erscheinens der Frau von Krudener hie und da eifrigeres Verlangen nach geoffenbarter Wahrheit, freudigere Hinwendung dazu, größerer Ernst, derselben Einwirkung zu verschaffen oder zu gewähren, durch sie ebenfalls geweckt worden ist. Ob man nun den um sich greifenden Pietismus für etwas Segensreiches oder für etwas Beklagenswerthes halte: durch das Erscheinen der Frau von Krudener ist, wenn nicht der erste Keim dazu gelegt, doch Empfänglichkeit für denselben vorbereitet worden. Mit jenen verschiedenen Unternehmungen, an welche noch anderweitige Thätigkeit sich anschloß, war eingetreten, was mir noth that: Beschäftigungen, die durch regelmässige Beschlagnahme meiner Person gleichsam einen Zwang auf mich übten. Der menschliche Geist hat etwelche Aehnlichkeit mit dem Erdboden. Dieser trägt vollkommnere und reichlichere Früchte,[200] wenn man mit der Ansaat wechselt; der menschliche Geist gewinnt häufig an Thätigkeit blos durch den Wechsel der Arbeit. Es war dieß die oft ausgesprochene Maxime meines väterlichen Freundes, des verstorbenen Hrn. Staatsraths von Ittner, der mir manchmal bezeugte, blos dadurch neue Luft und geistige Spannkraft zu gewinnen, indem er von der einen wissenschaftlichen Beschäftigung zu der andern übergehe. Ich habe seinen Grundsatz so manche Jahre durch seitdem bewährt erfunden und einzig seiner anfänglichen Befolgung verdanke ich es, daß mir beharrliche Ausdauer bei einem und demselben Geschäfte, zuletzt selbst die entgegengesetzte Weise, über dem Einen alles Andere auf der Seite zu lassen, möglich wurde. In eben jenes Jahr, in welchem ich durch Mitwirken an dem »Schweizerischen Correspondenten« eine bestimmte Verwendung eines Theils meiner freyen Zeit fand, fällt der Beginn jener Arbeit, der ich die Mußestunden des schönsten Theils meines Lebens gewidmet habe; der ich, in Ahnung, doch noch Etwas zu Tage fördern zu können, was mir zusagen dürfte, die heitersten Augenblicke verdanke; an die im Verfolg alle Wendungen meines äußern, und durch diese die Entwicklungen meines innern Lebens, ja selbst die endliche Feststellung von jenem sich knüpfen. Ich darf die Sache um so merkwürdiger nennen, da nicht ein bestimmter Vorsatz, nicht eine bewußte Absicht zu dieser Arbeit mich hingeführt, oder im Verfolg derselben mich geleitet hat, sondern das Hinführen durch das, was gewöhnlich mit dem Wort: Ungefähr ? bezeichnet wird, erfolgt, das Leiten gänzlich aus dem Fortgange der Arbeit hergeflossen ist. Ich erinnere mich dessen, obgleich nun seitdem volle dreissig Jahre hingeschwunden sind, mit aller Bestimmtheit. Eines Tages (es mag im Jahr 1814 gewesen seyn) gieng ich in meiner Bibliothek auf und ab. Da fiel mein Blick auf jene in Göttingen erstandenen zwei Bände Briefe Innocenzens[201] des Dritten. Ich hatte sie seit jener Zeit nie in den Hand en gehabt, als so oft ich meine Bibliothek ordnete; auch von Allem was ich seither begonnen, betrieben, wieder aufgegeben hatte, stand mehrs in einiger Beziehung zu diesem Abschnitte des Mittelalters. Im Grund kannte ich den Papst Innocenz nicht näher, als ich ihn während meiner Studienzeit kannte, d.h. dem Namen nach. Ich griff nach dem Buch, wie man oft zwecklos ein solches zur Hand nimmt, um es zu durchblättern. Da stieß ich im Anfang des ersten Bandes auf die Gesta Innocentii, von denen die Ueberschrift besagte, daß sie von einem gleichzeitigen Schriftsteller verfaßt wären. Das lockte mich, sie zu lesen. Wie ich hiemit voranschritt, staunte ich immer mehr über die Menge gleichwie über die Wichtigkeit der Begegnisse, die in dieses Pontifikat sich drängten; über die Klarheit, mit der dieser Papst in dieselben blickte; über die Kraft und Thätigkeit, mit der er in denselben waltete; über die Festigkeit, die er bei so vielen wichtigen Vorkommenheiten erwies; und ich gewann den Umriß einer höchst ausgezeichneten Persönlichkeit. Die Briefe, die in die Gesta verflochten sind, veranlaßten mich dann auch, in der eigentlichen Sammlung zu blättern. Da setzte mich zu allererst die Menge der Geschäfte, die damals entweder zur Berathung oder in letzter Beziehung zur Entscheidung nach Rom gelangten, in Verwunderung. Es stellte sich mir hierin das Bild einer Weltregierung dar, gestützt, nicht auf Gewalt der Waffen und auf materielle Kräfte, sondern bloß auf ein geistiges Ansehen, als dessen alleinige Quelle die stäte Beziehung auf eine von oben eingeführte Weltordnung und die Verpflichtung, über diese zu wachen, erkannt werden mußte. Kaum ich mit erforderlicher Aufmerksamkeit das erste Buch dieser Briefe gelesen hatte, war es mir klar, daß hiemit ein würdiger und zugleich (was immer ins Auge gefaßt wurde) noch unausgebeuteter Gegenstand zur Bearbeitung mir sich darbiete; ein Gegenstand, für den es mir wenigstens an dem wesentlichen Hülfsmittel nicht zu gebrechen schien; denn daß außer diesen Briefen noch so Vieles zu finden seyn dürfte, ahnete ich[202] nicht. Ich las also vorerst die beiden Folianten, und merkte mir Vieles an, was ich der Berücksichtigung würdig hielt. Gleichzeitig suchte ich aus vorhandenen Hülfsmitteln über die eigentlichen Weltbegebenheiten, welche in den Briefen berührt waren, mir vorerst etwelche Kenntniß der Quellen zu erwerben, und durchlas daneben in den Chroniken aller Sammlungen, deren eine ziemliche große Anzahl in meiner Bibliothek sich findet, was immer über das halbe Jahrhundert, in welches Innocenzens Leben fiel, darin enthalten war. So hatte ich mir binnen vier Jahren einen reichen Vorrath von Materialien angelegt, der mir zulänglich schien, eine Ausarbeitung beginnen zu können. Es entstand ein Manuscript, welches etwas mehr als 1000 geschriebene Seiten umfassen mag. Allein während dieser Ausarbeitung, die gegenwärtig als ein höchst dürftiges und mangelhaftes Machwerk erscheint, und später blos als Leitfaden und Abriß gebraucht werden konnte, fuhr ich unablässig fort, herumzuspüren, ob nicht noch mehr aufzufinden seye? Wiewohl ich damals noch nicht einmal das Daseyn der durch Brequigny und du Theil aufgefundenen Briefe kannte, erhielt ich doch in Kurzem des neuen Zuwachses so viel, daß ich mich alsbald überzeugte, es bedürfe noch langer, angestrengter Forschung, bevor an eine Arbeit zu denken seye, welche unter Hoffnung auch nur etwelcher begründeter Ueberzeugung gewissenhaften Bemühens und daheriger günstiger Aufnahme an das Licht treten dürfte. Ich habe manche Stücke des Werkes zwei- und dreimal umgearbeitet, blos deßwegen, weil ich stets neue Notizen fand, nicht gerade immer über die Hauptsache, häufig blos nur dazu dienlich, um die Züge des Bildes, um welches alles Uebrige sich reiht, genauer auszuführen, die Farbenabstufung individueller zu halten, Manches beizufügen, was entweder die handelnden Personen bestimmter hervorheben, oder den Schauplatz der Handlungen anschaulicher machen könnte. So ist über diesem emsigen Suchen und Zusammentragen Vielerlei hinzugekommen, was man mehr zu bloßem Schmuck als zum Wesen der Geschichtserzählung rechnen möchte, und woran ich[203] ursprünglich nicht einmal denken konnte. Z.B., während ich du Canges Constantinopolis christiana las, lediglich zum Zweck, einige vielleicht mir bisher unbekannte Nachrichten über die Eroberung dieser Hauptstadt zu finden, stieg der Gedanke in mir auf, eine nähere Beschreibung der eroberten Stadt zu versuchen, woraus jener Abschnitt: »ein Gang durch Constantinopel« entstand; eine Schilderung dieser Weltstadt nach damaligem Zustand, von der mir Manche bekannt haben, daß sie dieselbe in dem Werk ungerne vermissen würden. Ich hatte bei meinem Unternehmen keinen Gelderwerb im Auge, dessen ich nicht bedurfte; kein Kitzel, meinen Namen bald auf einem Büchertitel gedruckt zu sehen, stachelte mich mehr; kein sonstiger Zweck schwebte mir vor Augen; ich beabsichtigte durchaus nichts, als vor Allem eigene Befriedigung, als das Bestreben, mir am Ende selbst das Zeugniß geben zu dürfen, so nach Stoff als nach Form geleistet zu haben, was mir möglich. Konnte Zögerung diesem stets Festgehaltenen mich näher bringen, so war sie mir erwünschter als Beschleunigung, die einzig durch dasjenige hätte können auferlegt werden, was mir durchaus fremd blieb. Im Verfolg der Zeit, da durch amtliche Obliegenheiten, durch die gegen meinen Bruder in Bezug auf unser gemeinschaftliches Unternehmen eingegangenen Verpflichtungen, allmählig durch hinzukommende an dere Geschäfte, denen ich mich nicht entziehen konnte, durch Arbeiten, welche großen Zeitaufwand erheischten, später durch viele Sitzungen in Behörden, durch Familienverbindung endlich das Gegentheil von jenen Jahren eintrat, in denen über allzuvieler Muße die Regsamkeit erschlaffte, da erst ward ich inne, was der Mensch zu leisten vermöge, wenn unter Allem, was bloß das Pflichtgefühl in Anspruch nimmt, noch eine Lieblingsbeschäftigung ihm winke, nach welcher er den sehnsüchtigen Blick richten möge, wie unter der Last des Tages der Jüngling nach der Geliebten, bei der er unter Kosen und traulichem Wechselverkehr den Abend hinzubringen hofft, Und schwerlich dürfte der lebensfrohe Knabe, den[204] Entfernung schon mehrere Tage von der Geliebten trennte, mit brennenderem Verlangen des Augenblickes harren, da ihre Nähe ihn wieder beselige, als ich, so die Umstände zu ähnlicher Trennung gezwungen hatten, die Stunde, in der ich entweder zum Sammeln oder zum Componiren des Gesammelten zurückkehren durfte. Dieß dann vollends, als über der wieder ausgebrochenen Revolution die Zeit drückender, über unverstandener Gesinnung mancher Mißton gellender geworden war, mehr als ein sonst zusagendes Verhältniß in das Gegentheil umgeschlagen hatte, der Blick in die Zukunft (die leider ungleich schlimmer geworden ist, als die begründeteste Besorgniß vor anderthalb Jahrzehenden es nur zu gestehen sich getraute) eine immer düstere Färbung gewann: da war diese Vergangenheit die harmlose Zufluchtsstätte, in die ich so gerne mich zurückzog, über welcher, wenn sie auch von den Ausbrüchen menschlicher Leidenschaften und Verirrungen so wenig frei war, als irgend eine Zeit, doch ein ordnender, leitender, beschwichtigender Geist zuletzt immer wieder als oberste Autorität anerkannt ward; also daß jene Worte des römischen Geschichtschreibers, womit ich im Jahr 1834 die Vorrede zu dem zweiten Band schloß, als der reinste Laut der damaligen Gemüthsstimmung anerkannt werden darf. Erst jedoch als die Verarbeitung von mehr als dreissigtausend Papierschnitzeln, auf welchen die einzelnen Notizen geschrieben sind, schon ziemlich weit vorgerückt war, begann ich einen Verleger zu suchen. Das Glück führte mich zu dem trefflichen Perthes, zu dem ich hiedurch bald in eine zusagendere Verbindung trat, als in eine bloß merkantile. In Bezug auf die innere Construction des Werkes und dessen Beziehung zu mir, seinen Einfluß auf mich, werde ich an geeigneterer Stelle das mir bewußt Gewordene berühren. Daß dasselbe verschiedene Urtheile, und welche, hervorrufen würde, war mir klar, bevor eine einzige Seite gedruckt war. Ich hätte mich anheischig gemacht, verschiedenen, die nachher gefällt worden sind, das Wort zu leihen, bevor irgend Jemand das Werk zu Gesicht gekommen[205] war. Dessen aber war ich schon bei der ersten Zeile, die geschrieben wurde, mir bewußt, daß ich auf die beifälligen, imwiefern sie an den Geist des Werkes sich knüpften, niemals hinzuarbeiten suchte, die mißfälligen aber ebensowenig vermeiden wollte. Eines nur bemühte ich mich alles Ernstes zu vermeiden: daß nachher nicht bewiesen würde, ich hätte flüchtig, oberflächlich, ohne erforderliches Studium an diese Geschichtschreibung mich gemacht; oder daß gesagt, mit Recht mir vorgeworfen werden könnte, ich hätte den Stoff nur trocken und langweilig und den Leser zurückschreitend zu behandeln gewußt. Ein solcher Tadel allein wäre mir bitter geworden, jeder andere ist wirkungslos, weil nicht unerwartet, an mir vorübergegangen. Alles beinahe, was auf den äußern Gang meines Lebens, und mehr noch, was auf dessen innere Bildung und deren Erweiterung oder Begränzung den wesentlichsten Einfluß übte, ist mir von jeher entgegengekommen, hat mir sich dargeboten, ohne daß ich es suchte; hat erst allmählig, hierauf immer gewaltiger, mich ergriffen, ohne daß ich es hierauf anlegte. Eine unmerkliche, mit dem Endziel, zu dem ich zuletzt geführt ward, oft kaum in scheinbarem Zusammenhang stehende Ursache hat nicht selten einer, allerdings im Innern ruhenden, ohnedies aber niemals wach gewordenen Disposition den ersten Anstoß gegeben, deren Entfaltung veranlaßt und möglich gemacht. Bei der Ueberzeugung einer unmittelbaren göttlichen Offenbarung des christlichen Glaubens nach seinem ganzen Umfang, dann bei der weitern Ueberzeugung, daß es gar nicht in dem Belieben des Geistlichen liegen könne, zu verkünden, was ihm gut dünke, sondern daß er ganz der Pflicht folgen müsse, festzuhalten, was seit Jahrhunderten als wesentliche christliche Lehre gegolten, lag die Anerkennung, daß derselbe Botschafter an Christi Statt seye, ziemlich nahe; und von da an war es kein weiter Schritt zu der Annahme, daß der Verein ihrer Aller mehr als[206] eine blos zeitliche Gewerbsgenossenschaft, daß er einen Stand bilden sollte, der dazu noch einen höhern Grund seines Daseyns in sich trage, als denjenigen bloßer Nutzbarkeit für Andere, oder gar nur des Wohlgefallens der weltlichen Gewalt. Diese, erst im Verfolg durch Stellung und Wirksamkeit in mir hell und bewußt gewordene, vielleicht auch durch Anschauungen aus der Vergangenheit gefestigte Idee schlummerte noch in mir, daher ein Versuch, sie in andern anzuregen, in jener Zeit zu den unmöglichen Dingen gehört hätte. Ich war zwar wohl Mitglied der Geistlichkeit, fand mich wohl, jedoch blos um Freunde zu sehen, bei ihren regelmässigen Versammlungen ein; da aber in diesen keine Spur von Standesgeist sich regte, ahnete auch ich nicht, daß es einen solchen geben könne, ja gehen sollte. Es war ein geringfügiger Anfang, welcher auch auf diese Bahn mich warf; ein Anfang, der blos durch das nachmalige Hinzukommen der äußern Stellung zu bestimmter Richtung zuführen konnte. ? Das Zusammenwirken verschiedener Ursachen hatte die Finanzen des kleinen Cantons bis zum Jahr 819 in einen mißlichen Zustand versetzt. Man glaubte dahin gekommen zu seyn, ihnen nicht anders, als durch Einführung directer Steuern aufhelfen zu können. Diese sollten unter verschiedenen Formen bezogen, unter denselben auch eine Einkommenssteuer angeordnet werden. Die Ansätze dieser Abtheilung des Steuergesetzes, inwieweit es vorzüglich die Geistlichkeit berührte, schienen mir außer jedem richtigen Verhältniß zu stehen, wonach die andern Einwohner des Cantons zu den Lasten beizutragen hätten. Es wollte mich bedünken, man habe sich dabei zu einer Unbilligkeit hinreißen lassen, die mir, schon als solche, ohne Rücksicht auf diejenigen, die dadurch berührt werden sollten, widerstrebte. Deßhalb versuchte ich es, jene Ansätze in ihrer Beziehung zu allen andern zu beleuchten, und hierauf durch Zahlen den Beweis zu gründen, daß die Geistlichen einer allzuhohen Besteurung unterworfen würden. Eine Schrift, die ich hierüber ursprünglich einzig zu meiner eigenen Befriedigung verfaßt hatte, las ich[207] hernach bei einer Zusammenkunft mehreren Geistlichen vor. Diese theilten die gleiche Ansicht, ohne sie gerade so begründet zu haben, wie ich; oder sie mögen durch meine Auseinandersetzung für dieselbe gewonnen worden seyn. Kurz, meine umständliche Entwicklung fand ihren Beifall; sie meinten, man sollte den Versuch wagen, der Obrigkeit darzuthun, daß durch gedacht Verfügung die Geistlichkeit mehr beschwert werde, als jeder andere Cantonsangehörige. Sie drangen deshalb in mich, die Schrift dem Antistes zu übergeben, daß er sie der gesammten Geistlichkeit mittheile, und einer Vorstellungsschrift zu Grund legen lasse. Ich erfüllte den Wunsch. Die Schrift wurde, ohne ihren Verfasser zu nennen, wofür ich angesucht hatte, der versammelten Geistlichkeit vorgelesen und fand hier ebenfalls ungetheilten Beifall, an welchen der Beschluß sich knüpfte, dieselbe beinahe unverändert der Obrigkeit als Gesuch um billigere Behandlung einzureichen. Dieser Schritt hatte keinen andern Erfolg, als daß der damalige Actuar der Geistlichkeit die Gunst, in der er bei dem Bürgermeister gestanden hatte, für geraume Zeit einbüßte. Denn jener wurde als Verfasser der Schrift gehalten, von welchem man Derartiges gar nicht erwarten zu dürfen geglaubt hätte. Die Rückantwort an die Geistlichkeit verhüllte die Ungeneigtheit unter manche, mitunter sehr gehaltlose Scheingründe; so daß ich mich nicht erwehren konnte, eine Abschrift derselben mit beißenden Noten zu begleiten und meine Collegen damit zu ergötzen. ? Folgereich war dieser Versuch einzig für mich, und dieß nur insofern, als ich dadurch aus einem höchst passiven Glied der Geistlichkeit in ein sehr actives verwandelt wurde. Diese war damals in ihren obersten Gliedern sehr schlimm repräsentirt. Der Antistes und derjenige, der ihm als Gehülfe zu Seite stand (Triumvir genannt, weil es ehedessen mit jenem ihrer drei gewesen waren), vertrugen sich nicht nur nicht mit einander, sondern stießen einander geradezu ab, so daß die gemeine Rede gieng, sie ahmten, wo sie öffentlich aufträten, den[208] österreichischen Doppeladler nach. Allerdings konnte es nach Anlagen, Neigungen, selbst äusserer Persönlichkeit, keine größern Gegensatze geben, als diese beiden Männer. Aber es darf nicht verschwiegen werden, daß die Schuld der Disharmonie durchaus auf Seite des Antistes lag, der schon gegen die Erwählung seines künftigen Nachfolgers mit bitterer Mißstimmung sich ausgedrückt hatte, und die Anmuth in Umgang, die sonst Jedermann einnehmen mußte, in jedem Verhältniß zu diesem gewissermassen unterdrückte. Wenn wir sahen, wie sein College an der Achtung gegen ihn es niemals ermangeln ließ, wie derselbe bei jeder Gelegenheit ihm entgegen zukommen sich bestrebte, wie er eine oft nur zu weit gehende Nachgiebigkeit an den Tag legte, meist aber von Jenem zurückgestossen ward; wie der Antistes, so oft in einer Verhandlung sein College das Wort nahm, den Widerwillen in Blick und Geberde nur allzusehr sichtbar werden, bisweilen selbst von schnödem Unmuth sich überwältigen ließ, so empfanden wir, ich und einige meiner Freunde unter den Geistlichen, wahre Betrübniß hierüber, und erblickten hierin die Bestätigung dessen, was wir über die ähnliche Stellung Beider in verschiedenen Behörden durch leise Andeutungen Anderer vernahmen. Wir begriffen nur zu sehr, daß dieses Mißverhältniß auf die gesammte Geistlichkeit nachtheilig zurückwirken, daß sie hiedurch alles Ansehen einbüßen müsse. Wir sprachen einstimmig den dringenden Wunsch aus, daß bei einstiger Wiederbesetzung der Antisteswürde solches anders werden möchte. Ich vollends kam über dieser Wahrnehmung zwischen Thür und Angel; einerseits hatte ich mit dem Eintritt in den geistlichen Stand mich gewöhnt, den Antistes als Obern zu betrachten, gegen welchen ich immer größere Rücksichten der Höflichkeit nahm, als alle übrigen Geistlichen zu thun pflegten; anderseits zwang mich das natürliche Rechtsgefühl, über das unfreundliche Benehmen des Antistes gegen den Collegen die Gesinnungen meiner Freunde zu theilen. Ein bei mancher Gelegenheit vorgekommener Witz meines Vaters: »Die Geistlichkeit hänge zusammen wie ein Gemäß Erbsen,« ließ Jederzeit[209] einen um so tiefern Stachel in mir zurück, als ich leider die Bestätigung so oft vor Augen sehen mußte. Daß ein besserer Zusammenhang, eine innere Einigung und hiemit eine angemessenere Stellung nach außen hervorgerufen werden möchte, war mein sehnlichster Wunsch; demselben aus allen Kräften zur Verwirklichung zu verhelfen, später mein ernstestes Bestreben. Aber es drohte mir um diese Zeit eine Gefahr, in deren Abwendung ich eine besondere Fürsorge der göttlichen Vorsehung verehren zu müssen glaube. Damals war es die Vereitlung einer Hoffnung, das Verschwinden einer Aussicht, nach welcher ich mit Wohlgefallen die Augen richtete, mithin für den Augenblick nichts Angenehmes. Wie oft aber seitdem habe ich nicht eine zu Dank verpflichtende, höhere Fügung darin verehrt! Dieß von Jahr zu Jahr mit entschiedenerer Ueberzeugung. Durch einen Todesfall stand in der obersten Landesbehörde eine bedeutende Veränderung bevor. Man erwartete, der damalige Staatsschreiber würde als activer Beisitzer in jene eintreten. Meine Freunde, welche wohl wußten, daß ich den Aufenthalt auf dem Lande nicht zu den Glückseligkeiten zählte, und die gute Meinung hegten, daß ich zu der Stelle eines Staatsschreibers mich eignen dürfte, warfen ihr Augenmerk auf mich und schlugen mir vor, ohne alles Zuthun von meiner Seite, die Wahl auf mich zu lenken. Ausdrücklich als Bedingung feststellend, daß ich bei dem ganzen Verlauf der Sache unbetheiligt bleiben könne, willigte ich gerne in ihre Anträge ein, und es schienen keine großen Schwierigkeiten dagegen sich zu erheben. Unerwartet aber nahm die Sache eine solche Wendung, daß die fragliche Stelle gar nicht erledigt wurde, also von mir nicht mehr die Rede seyn konnte.[210] Es fiel mir jedoch um so leichter, in das Fehlschlagen dieser Erwartung mich zu fügen, als der Gedanke nicht von mir ausgegangen, ich daher demselben nicht so mich hingegeben hatte, wie einem Plan, der Ursprung und Ausbildung in mir selbst gefunden hätte. Auch drängte sich bei aller Neigung für den Vorschlag doch die Besorgniß zwischenein, ob meine freyen Stunden, die mit immer größerer Luft auf Innocenz verwendet wurden, nicht zu viele Verkümmerung erleiden dürften; was mich gegen den Antrag schon etwas lauer gemacht hatte. So wie aber die Revolution von 1831 hereingebrochen war, und seitdem von Jahr zu Jahr mit klarerem Blick und festerer Ueberzeugung, erblickte ich in jener Bereitung eine göttliche Gnade, die mich vor zweyerlei Gefahr bewahrte; nämlich, entweder von derjenigen, meinen Principien ungetreu zu werden, oder wenigstens mit der Revolution und ihren Grundsätzen eine Abkunft schliessen zu müssen, um an der Stelle noch festzuhalten, oder aber diese, die mir vielleicht inzwischen lieb geworden wäre, zu verlieren, oder sie nur unter Verhältnissen behalten zu können, die ich für das Drückendste halte, denen ein Mensch von meiner Art sich zu fügen genöthigt wäre. Ohne Einbusse an der innern Unabhängigkeit wäre es in jedem Fall schwerlich abgelaufen. Die größte Gefahr aber möchte wohl in der Trennung von der Kirche und in dem Hinwegtreiben von demjenigen bestanden haben, wozu dieselbe verpflichtet. Eine ganz andere Laufbahn hätte mit jener Stelle mir sich eröffnet; eine Laufbahn, auf der ich so Manchem, was in seinen blos zufällig scheinenden Folgen ohne Einfluß nicht blieb, wohl schwerlich würde begegnet seyn. Der Gesichtskreis wäre vielleicht ein anderer geworden, die Ideen, die mich bewegten, ganz andere, jedenfalls die Zwecke, die anzustreben gewesen wären, ganz andere. Was man auch sagen, wie sehr man auch auf Selbstständigkeit und Selbstbestimmung pochen möge, der Mensch bleibt doch immer das Product der in dem Zeitverlauf auf ihn einwirkenden Umgebungen, die entweder ihre anziehende oder ihre abstoßende Kraft an ihm üben. Der Unterschied besteht nur darin, daß[211] dieser in Willenlosigkeit die Kräfte auf sich einwirken laßt, jener aber die eine oder die andere sich assimilirt und zu ihnen in Wechselwirkung tritt, unter welcher er der Freithätigkeit nicht verlustig geht. Ueberdem war in Folge der erwähnten Schrift meine Stellung in der Geistlichkeit eine mir zusagendere geworden. Es war mir damit gleichsam das Licht aufgegangen, daß hier noch Manches anzubahnen, zu fördern, zu wirken seyn dürfte. Blos Speculatives hat niemals einen Reiz für mich gehabt, nur dem Praktischen habe ich zu aller Zeit gerne mich hingegeben. Daher mich Behörden und Berathungen, durch welche Etwas zu Stande zu bringen war, immer freudig, regsam, thätig fanden; solche, in denen viel gesprochen und nichts gethan, oder nur höchst unerhebliche Dinge erörtert und beseitigt werden konnten, mich stets gelangweilt haben, und nie ich es der Mühe werth hielt, den Ausdruck theilnahmsloser Gleichgültigkeit dabei zurückzuhalten. Eine Berathung jener Art nahm mir, sammt dem, was sich daran knüpfte, mehr als die Hälfte des Jahres 1823 ausschließlich und mit Zurückdrängung jeder andern Arbeit, in Beschlag. Man liest, daß die Signoria von Venedig, um einst irgend einen Bau aufzuführen, eine Kirche habe niederreissen lassen mit dem Versprechen, dieselbe an einem andern Ort wieder zu erbauen. Alle Jahre seye am Himmelfahrtstage die Geistlichkeit jener Kirche vor den Doge getreten, mit der Frage: »Herr! wann werdet Ihr die Kirche wieder aufbauen?« und alle Jahre seye die Antwort erfolgt: »»über ein Jahr!«? So hatte in Schaffhausen die Geistlichkeit seit zwanzig Jahren an den Synoden der Obrigkeit das Ansuchen gestellt, ihre spärlichen Besoldungen möchten doch verbessert werden, und alle Jahre die Antwort erhalten: »sobald die Finanzen solches zuliessen, würde hierauf Bedacht genommen werden.«[212] Im Jahr 1823 kam das Ansuchen abermals zur Sprache. Dieses einfältige Spiel war mir längst zum Eckel geworden, und ich wies darauf hin, daß mit dergleichen vagen Anträgen nie das Mindeste werde ausgerichtet werden; die beträchtlichen, aber durch lange Ueberlieferung stets schlecht verwalteten Güter der vormaligen Klöster böten hinreichende Hülfsmittel, um das durch die anders gewordenen Lebensverhältnisse gerechtfertigte Ansuchen der Geistlichen ohne den mindesten Nachtheil für die Finanzen zu berücksichtigen. Wollte man daher etwas erreichen, so müsse erst die Dringlichkeit des Gesuches selbst durch die erforderlichen Nachweise begründet, sodann die Möglichkeit, entsprechen zu können, dargethan werden. Die Versammlung fand, daß dieser Weg allein zum Ziele führen könne, und wählte eine Commission von fünf Mitgliedern, in welchen das jüngste vor mir 22 Jahre älter war, als ich. Alle sind nun gestorben; aber lebten sie noch, so würden sie gewiß einstimmig bezeugen müssen, daß ich die Seele der Commission gewesen seye. Ich bemächtigte mich der Sache gleichsam ausschließlich, aber ohne es zu wollen, ohne hieran nur zu denken, ohne die mindeste vorher gefaßte Absicht. Dieß kam so: während die Uebrigen ihre Thätigkeit auf die Sitzungen beschränkten, wandelte es mich an, erst einen Punkt schriftlich zu beleuchten und das Geschriebene den Andern mitzutheilen; der erste führte dann zu einem zweiten, dieser zu einem dritten und so entstand endlich eine Denkschrift; welche 177 gedruckte Quartseiten mit mehrern Tabellen füllte und die Sache von Seite der gesellschaftlichen und ökonomischen Stellung der Geistlichen, der Pflicht (gemäß der bei der Reformation und der Säkularisation des reichen geistlichen Guts ausgesprochenen Grundsätze) und der Möglichkeit (unter Nachweisung des Finanzstandes dieser Stiftungsgüter) beleuchtet. Diese Schrift ist ganz aus meiner Feder geflossen. Außerdem hatte ich den Rath gegeben, um der nahe liegenden Besorgniß schweigender Beseitigung des Gesuchs vorzubeugen, dieselbe drucken zu lassen und, unmittelbar nach erfolgter offizieller Ueberreichung in der Sitzung, jedem Mitgliede des[213] Raths ein Exemplar zuzustellen. In der Ueberraschung, welche die Einflußreichern bei dem Anblick der Druckschrift an den Tag legten, lag für mich der Beweis, daß meine Vorsicht nicht grundlos gewesen seye. Als dann die Berathung Jahr um Jahr auf die lange Bank geschoben wurde, behielt ich die Sache unablässig im Auge und suchte, nach der einen Seite antreibend, nach der andern zügelnd, zu bewirken, daß sie vorwärts gehe und doch nicht aus dem Geleise geworfen werde. Hatte mein Bemühen damals den beabsichtigten Erfolg nicht vollständig erreicht so hat sie doch bewirkt, daß vorerst jährliche 2000 Gulden mehr verabreicht wurden, und vielleicht eine später erfolgte Verbesserung, zu der ich noch vor dem Jahr 1840 die erste Anregung gegeben und meine Gedanken über die Art, wie sie bewerkstelligt werden könnte, mitgetheilt habe, durch sie angebahnt worden ist. Da hierauf der Vorschlag über Verwendung jener 2000 fl. der Geistlichkeit überlassen wurde, wußte ich hier solche Verfügungen beliebt zu machen, wonach die Summe nur in Alterszulagen zu Berücksichtigung längerer Amtsführung und nicht zu Verbesserung einzelner Stellen (auch weil sie hiezu nicht hingereicht hätte) verwendet wurde; wobei meine Absicht vorzüglich diejenige war, die wirkliche Ausstattung der Stellen in Statu quo zu lassen und hiedurch freye Hand zu behalten, die Nothwendigkeit einer durchgreifenden Besoldungsverbesserung auch später möglichst einleuchtend hervorheben zu können. Jetzt, da dergleichen Dinge für mich in die reinste Objectivität hinübergetreten sind, und ich davon sprechen kann, wie man von Geschichten aus den Zeiten der Vorväter spricht, hat blos noch eine Erinnerung wahren Werth für mich: daß ich nämlich jeden Vorwurfs frey bin, bei der Disposition über jene Summe meine damalige Stellung (wie es leicht möglich gewesen wäre) so verwendet zu haben, um aus derselben früher, als es dem natürlichen Gang der Dinge gemäß seyn mußte, mir selbst Etwas zuzusichern. So sehr das Rechtsgefühl mich treibt, auch das Geringste, worauf ich Anspruch machen zu können[214] glaube, bis aufs Aeusserste zu verfechten, und das Parta tueri mit allem möglichen Gewicht hierauf anzuwenden, so fremd war mir von jeher Alles, was auch nur von Ferne auf eigenen Vortheil abzielen konnte. Die erwähnte Denkschrift befaßte sich zugleich mit den Besoldungen der Schullehrer; schon darum, weil die an dem Gymnasium Angestellten, mit Ausnahme zweyer, sämmtlich Geistliche waren. Sie konnte aber nicht umhin, die Dringlichkeit einer Verbesserung der Schulen selbst zu berühren. Das Gymnasium, was auch seit zwanzig Jahren an demselben mochte geflickt worden seyn, entsprach seinem Zwecke so wenig, als zu jener Zeit, in welcher ich dasselbe besucht hatte. Die Einsicht, daß längeres Stillestehen in dieser Beziehung nicht zum Guten führen könne, war allgemein erwacht. Seit einiger Zeit war selbst in den Zunftversammlungen der Wunsch nach einer Reorganisation des Schulwesens überhaupt mit stets erneuerter Dringlichkeit ausgesprochen worden, so daß der Rath bei so vielen laut geworden Stimmen nicht länger taub bleiben durfte. Der Schulrath war zu dieser Zeit nicht so componirt, um eine durchgreifende Verbesserung mit Hoffnung gedeihlichen Erfolges demselben übertragen zu können. Nur von einer blos hiezu niedergesetzten Special-Commission glaubte man Befriedigendes erwarten zu dürfen. Eine solche wurde im August des Jahres 1824 gebildet und ich zu deren Mitglied ernannt. An dieser Stelle glaube ich den Beweis gegeben zu haben, daß der Mensch hinsichtlich der höchsten Beziehungen, mit Wort und That und seiner ganzen Individualität nach, für Erhaltung der anerkannten Principien einstehen, daneben in allem Andern dem Fortschritte, nach wohlerwogener Würdigung dieses Wortes, dennoch in Wille und That huldigen möge. Offenbar hat nichts so verderblich auf das Gymnasium eingewirkt, als der Umstand, daß die Stellen desselben wie Pfarreien angesehen[215] wurden, und heute ein Mitglied des geistlichen Standes, wenn es dadurch seine ökonomische Lage verbessern konnte, an eine Lehrerstelle, auch wieder von dieser zu irgend einer Pfarri übergieng. Nun hat schwerlich ein weltliches Mitglied jener Commission wärmer dafür gesprochen, daß dem geistlichen Stand hinfort das ausschließliche Anrecht auf Schulstellen nicht ferner dürfe eingeräumt bleiben, als ich; keines hat für unbedingt freye Concurrenz zu den Lehrerstellen, sowohl unter Fremden als unter einheimischen, entschiedener das Wort genommen, als ich; und ebenso, wenn ich nicht irre, war ich es (und es scheint mir nothwendig, Solches in Erinnerung zu bringen), der zuerst darauf aufmerksam machte, es müßten sämmtliche anzustellende Lehrer, selbst derjenige der Mathemtatik, der protestantischen Confession angehören. Diese Berathung war wieder eine derjenigen, durch welche Etwas zu Tage gefördert werden sollte und konnte, darum ich stets mit Freude daran Theil nahm, auch, weil ich darin ein Wirken zum wahren öffentlichen Besten erkannte, in der ersten Zusammenkunft den Antrag stellte, daß keine Sitzgelder sollten angenommen werden. Denn es schien mir hiedurch das zu Stande Gebrachte an Werth zu gewinnen, wenn jede pecuniäre Vergeltung abgewendet würde. Wir sind seitdem auch darin vorangeschritten, daß über Vaterlandsliebe, Bürgerpflicht und Obsorge um das Gemeine Wesen ungleich häufiger, wortreicher und klangvoller gesprochen wird, als damals, anneben Anträge auf Emolumente und Besoldungsvermehrungen bei jeder Gelegenheit zum Vorschein kommen, auch daß Erweise unremuneriter Verwendung für öffentliches Wohl als Perückenstaub verflogen. ? Wie nach vielen Sitzungen dieser Commission ein erster Entwurf zu Stande gekommen war, worüber Geistlichen, Lehrern und Magistratspersonen Bemerkungen und Vorschläge einzugeben freigestellt worden, und dergleichen wirklich im nicht geringer Zahl einliefen, ward das Geschäft, sie zu ordnen und nachher der Commission vorzutragen, mir zugewiesen. Ich darf es wohl als Beweis anführen, daß ich, mit[216] Hintansetzung aller Lieblingsneigungen an Arbeiten, zu gemeinem Besten das möglichste zu übernehmen, nie mich gescheut habe, wenn ich erwähne, daß ich gleichzeitig der Commission in dreifacher Eigenschaft beiwohnte: zuerst als Referent, sodann gewissermassen als erstes stimmgebendes Mitglied (denn die meist confusen Ideen meines Vorgängers konnten nur äußerst selten berücksichtigt, ja mußten eher noch widerlegt werden), in der letzten Hälfte endlich als Protokollführer. Ich glaube, daß kaum ein einzigesmal der Sitzungstag vorübergieng, ohne daß nicht schon am gleichen Abend das ziemlich umständliche Protokoll der so eben beendigten Sitzung fertig gewesen wäre. Was ich in Verbindung mit Andern hier zu besprechen und anzuordnen hatte, sollte unter gleichem Zusammenwirken ins Leben treten, hierauf unter meiner Obsorge erhalten werden. Denn, sobald nach erfolgter Genehmigung des Vorgeschlagenen durch die höchsten Behörden Alles der Ausführung entgegengereist, sodann diese selbst vollzogen war, wurde mir erst gemeinsam mit einem meiner Freunde, nachmals einzig, das Ephorat der höhern Lehranstalten übertragen. Sagte irgend eine Obliegenheit mir zu, hegte ich von irgend einer die Zuversicht befriedigenden Erfolges, so war es diese, und während dreizehn Jahren habe ich ihr manche schöne Stunde gewidmet, hiebei, wie immerdar bei allem Aufgetragenen, von dem Grundsatz ausgehend, nichts übernehmen, ohne alsbald mit der Uebernahme den Vorsatz verbinden zu wollen, jeglicher Obliegenheit nach bestem Wissen und Gewissen zu genügen und wenigstes kein Opfer der Zeit zu scheuen Viele Schulanstalten unserer Zeit verdienen hinsichtlich der Bemühungen für Geistesbildung alles Lob; hiemit dann glaubt man jeder Anforderung entsprochen, die hohe Aufgabe genügend gelöst zu haben, indeß nur allzuhäufig Zucht und Ordnung weniger berücksichtiget werden, hiezu noch der Wahn Wurzel faßt, die Schüler gehörten der Schule blos während der Schulstunden an, außerhalb dieser habe sie nach denselben nicht zu fragen. Das in meiner Jugend so oft Gehörte: qui proficit in literis u.s.w., lebte noch immer in[217] meiner Erinnerung, so daß ich den moribus allermindestens so großes Gewicht zugestand, als den literis, daher ich der Geneigtheit der Lehrer, ihre Aufmerksamkeit auch auf das Verhalten der Schüler außerhalb der Schule ausdehnen zu müssen, inwiefern wenigstens derartige Ungebührlichkeiten zur Kunde kamen, welche einen verderblichen Einfluß in diese leicht verpflanzen konnten, mit der größten Bereitwilligkeit Hand bot. Ob ich aber nicht immer freundlichen Ernst der etwa nothwendig gewordenen Strenge vorgezogen, diese nicht in allen Fällen mit der tadelfreiesten Unpartheilichkeit angewendet hätte, dieweil im Großen wie im Kleinen, am Unbedeutenden wie am Bedeutenden, activ wie passiv, jede Ungerechtigkeit mich empört, darüber möchte ich jetzt noch so Lehrer als damalige Schüler zum Zeugniß aufrufen. Was zu Vervollkommnung des innern Organismus unserer Lehranstalten dienen konnte, hat in der Behörde Jederzeit einen willfährigen Vertreter an mir gefunden; indem ich der Stimme der täglichen Beobachtung, der Erfahrung und des ausschließlichen Lebensberufes gerne die verdiente Anerkennung zollte, auch jene Engherzigkeit, für welche ein kleines Mehr des Aufwandes oft das überwiegende Gegengewicht ist, niemals mich beschleichen konnte. Unter den Lehrern selbst bemühte ich mich, jede aus Irrung oder Mißverständniß etwa hervorgehende Spannung zu beseitigen, und jenes, auf gegenseitige Anerkennung beruhende, freundliche Verhältniß, in welcher ich gegen sie selbst zu treten von Anfang her mich befliß, auch unter ihnen zu erhalten. Da ich für alle ihre Wünsche und Anträge in der Behörde stets den Anwalt machte, zog ich mir von anderer Seite bisweilen den Vorwurf zu, ich räumte ihnen zu viel Einfluß auf mich ein, suchte nicht eine gehörige Unabhängigkeit von ihnen zu behaupten Mich selbst ruhiger und unbefangener beurtheilend, als es von Manchen nur für möglich mochte gehalten werden, darf ich diesen weniger von der Hand weisen, als denjenigen, welchen nachmals kleinlichter Haß in unverkennbarer Unredlichkeit wider mich zu erheben suchte, als wäre ich[218] in herrischer Weise (wozu so Anlage als Gewohnheit mir durchaus fehlt) in der Schule aufgetreten. ? Nicht minder fanden allfällige pecuniäre Begehren und materielle Wünsche der einzelnen Lehrer in mir ihren beharrlichen Fürsprech, so daß unter den frühern Angestellten der Schule kaum einer sich finden mag, dem nicht vorzüglich durch meine Verwendung, oder durch das Benützen günstiger Umstände, auf irgend eine Weise wäre entsprochen worden. Bemerkenswerth ist es, daß später der Einzige, welchem ich einen derartigen Dienst je erweisen zu können niemals im Fall war, auch der Einzige gewesen ist, in dessen Benehmen gegen mich bei den Ereignissen des Jahres 1840 keine Veränderung wahrgenommen werden konnte. Aus meiner Stellung zu den höhern Lehranstalten von Schaffhausen und deren Lehrerpersonale ließe sich genügend darthun, daß Willfährigkeit zu Veränderungen und Verbesserungen mit eisernem Festhalten an dem, was mehr das Gebiet der obersten Principien berührt, gar wohl vertragsam und jeder hieraus abgeleitete Vorwurf starrer und unfruchtbarer Stabilität gewöhnlich nichts anderes seye, als eine jener Verdrehungen und Lügen, woran unsere Zeit so reich ist. Denn da die Organisation des Gymnasiums nicht durch Fachmänner entworfen und festgesetzt worden war, mußte wohl Mancherlei daran mangelhaft seyn. Wie ich aber immer der Praxis vor der Theorie das Uebergewicht einräumte, so war ich überzeugt, daß jene das Mangelhafte von dieser bald ausscheiden werde. Deßwegen erwies ich mich stets geneigt, den einleuchtenden Ergebnissen derselben zu huldigen, darum weder der Beschränkung oder der Anfügung von Lehrfächern, noch der Einführung oder Vertauschung von Lehrmitteln mich zu widersetzen. Als aber Letzteres auch das Religionsbuch treffen sollte, da trat das entschiedenste Entgegenstreben ein.[219] Für das Gymnasium ist, wie für alle Schulen des Cantons, der heidelbergische Katechismus das Lehrbuch in dem Christenthum. Bald nachdem das Gymnasium nach jener neuen Einrichtung in den Gang gekommen war, wurden (aus welchem Grunde ist gleichgültig) Versuche gemacht, den Katechismus aus demselben zu entfernen, womit entweder das wichtigste Unterrichtsfach (hiefür habe ich die Religion stets gehalten) jederartiger Subjectivität des Lehrers preisgegeben, oder irgend ein Leitfaden eingeführt worden wäre, wie sie der norddeutsche Rationalismus auf jeder Messe haufenweise zu Tage fördert. Ich hatte bei zwanzig Jahren nach diesem Katechismus den Religions-Unterricht ertheilt, darüber katechisirt, er war mir von Jahr zu Jahr lieber geworden, ich fand in demselben die Grundlehren des Christenthums klar, bündig, folgerichtig dargelegt; die Polemik hatte ich von Anbeginn meines amtlichen Wirkens ganz bei Seite gelassen, oder ihr dahin die Richtung gegeben, wo eine Polemik stets wird statt finden müssen. Schon vor weit längerer Zeit, noch bevor an einen solchen Versuch auch nur von Ferne konnte gedacht werden, hatte ich in einer kleinern Schrift: »Ueber Schuleinrichtungen in einem Freistaat« folgendermaaßen darüber mich geäussert: »Wo etwa noch reformirte Freistaaten das Glück geniessen, den heidelbergischen Katechismus als Lehrbuch der Religion zu besitzen, da können die Vorsteher der Kirche keine dringendere Fürsorge tragen, als die, zu wachen, daß derselbe ja nicht als veraltertes, unpassendes, abgegriffenes Geräthe bei Seite gelegt werde. Nur der Mangel an rechtem Verständniß, der eitelste Aufklärungsdünkel und das undankbare Bemühen, hinwegzuräumen aus dem Christenthum alles Unterscheidende, Eigenthümliche, Wesentliche, haben denselben zum Gegenstand leerer Declamationen gemacht. Dieser tüchtige, feste, gewaltige Wehrstein an der Kirche ist Jenen ein Gräuel, und zierlicher stünde ihnen freilich ein gedrechseltes, geschnitzeltes Hölzlein, das nöthigenfalls auch beugbar wäre.« Zwischen dieser öffentlichen Erklärung und dem Versuch[220] der Beseitigung des Katechismus aus dem Gymnasium, womit er in der Folge nothwendig auch aus den übrigen Schulen hätte weichen müssen, waren gegen zehen Jahre verflossen. Aber meine Gesinnungen waren noch die gleichen, und ich fand mich im Gewissen verpflichtet, jenem Versuch entgegenzutreten; nicht zum Schein, nicht schwach, nicht lau, sondern, wie ich es gewohnt war, sobald es die Vertheidigung einer mir lieb gewordenen Sache galt, mit aller Entschiedenheit, warm, kräftig, mit Beharrlichkeit. Ich schrieb für den Fall, daß der Kampf ernster werden sollte, unter dem Titel: »Für den heidelbergischen Katechismus. Ein öffentliches Votum2«, eine Apologie des Lehrbuches. Da ich zwar den Kampf nicht scheue, jedoch niemals denselben suche, und zu keiner Zeit meines Lebens geneigt war, so lange etwas durch die Behörden entschieden werden konnte, die unberufenen Stimmen des Publikums hineinlärmen zu lassen, verwahrte ich die ganze Auflage auf's sorgfältigste, um nur im letzten Nothfalle die Schrift, gleichsam als Mittel der Appellation an die christliche Gesinnung, zu veröffentlichen. Da es sich dann bei dieser Frage um etwas ganz Anderes als um eine Stunde mehr oder weniger für dieses oder jenes Fach, als um eine Grammatik oder um einen Leitfaden für mathematischen Unterricht handelte, so erklärte ich alsogleich, daß durch eine Entscheidung gegen das eingeführte Religionslehrbuch die Sache noch lange nicht beendigt seyn, sondern ich sie dann in andern Behörden und selbst auf der Kanzel zur Sprache bringen, ja nichts unversucht lassen würde, um dasselbe zu retten. Bei dem Allem würde aber derjenige, welcher den Werth des Buches in dem Negativen gesucht, das eminent Positive desselben bloß als Beigabe zu jenem angesehen hätte, in Zweisein über einen derartigen Protestantismus Recht gehabt haben. Daß aber fünfzehn Jahre später, und zwar auf eben dieses[221] kostbare Uebergewicht des Negativen gegründet, dergleichen wirklich seyen erhoben wordem, habe ich, erst nachdem die erste Ausgabe dieser Schrift bereits veröffentlicht worden, durch die »historisch-politischen Blätter« zu großer Vergnüglichkeit vernommen. Um die Kunst, das einmal Positive in das Gleichgültige und das Negative in das absolut Nothwendige hinüber reden zu können, ist Niemand zu beneiden. Da sie mir stets fremd geblieben ist, habe ich dessen, weßwegen ich für den heidelbergischen Katechismus in die Schranken trat, was aber an demselbem ich leicht Preis geben konnte, kein Hehl gemacht, z.B. bei der berüchtigten 80sten Frage geradezu bemerkt: Wenn es fernerhin solcher Worte bedürfte, so müßten sie nicht gegen diejenigen gerichtet seyn, »welche die Gottheit Christi in Gestatt Brods und Weins anbeten,« sondern vielmehr gegen diejenigen, welche dieselbe ganz und gar abläugnen, oder den Glauben daran durch ihre Lichtlerei verbannen mochten. Nicht minder habe ich bei Frage 30 der Wahrheit Zeugniß gegeben: »daß die katholische Kirche nie und nirgends gelehrt habe, daß bei Heiligen ?Heil zu suchen seye,?« daß vielmehr aller Ernst einzusetzen seye gegen diejenigen, welche ihr Heil bei sich selbst, in ihren Entwürfen, in dem materiellen Fortschritt, in den vergänglichen Dingen suchen. Die Polemik gegen der Menschen sündhaftes Wesen und hieraus hervorgehende verkehrte Art, schien mir dringlicher und fruchtbarer, als jede confessionelle Polemik, neben welcher jenes im schönsten Flor stehen kann. Bei solchem ernsten Bemühen ? und es sind noch mehrere Zeugen jener Verhandlungen vorhanden, die Auskunft ertheilen könnten ? hege ich wohl schwerlich eine irrige Meinung, wenn ich vermuthe, daß ohne mein festes Auftreten dieses Lehrbuch bald genug aus den Schulen verschwunden wäre. Schon bei bloßem Schweigen von meiner Seite hätte die Sache wahrscheinlich eine andere Wendung genommen; wie aber erst, wenn ich zu Beseitigung des Buches ebensoviel hätte thun wollen (eigentlich können, da ich ja damit erst mich selbst hätte aufgeben müssen), als ich zu dessen Erhaltung aus dem innersten[222] Antrieb meines geistigen Wesens gethan habe? ? Diese und andere ähnliche Bemühungen, vor welchen Lieblingsansichten, ebensogut als Rücksichten persönlicher Freundschaft, in den Hintergrund treten mußten, hätten wohl als Belege dienen mögen, daß es einen Protestantismus gebe, welcher ebensoweit von dem Versuch entfernt seye, das Christenthum in das Heidenthum zurückzuprotestantisiren, als von der Meinung, den Werth desselben bloß nach dem Umfang der Negation bemessen zu sollen. Gottlob, daß die Folgezeit mich dem Irrwahn entrissen hat. Von diesem Allem, was ich als bereits zweiter Vorsteher der Geistlichkeit zu wirken mir angelegen seyn ließ, muß ich zurückkehren in die Zeit, da ich zu die ser Stelle gelangte. Auch dieß wieder hieng augenfällig von dem ab, was die Menschen so gerne Zufall nennen. Die Herausgabe des »Schweizerischen Correspondenten« rief mich jeden Donnerstag nach der Stadt. In einer müssigen Viertelstunde machte ich bei meinem Vetter und vertrautesten Freund, dem Polizei-Präsidenten Hurter, einen Besuch. Das Gespräch führte uns auf den Antistes. »Ja dieser, entgegnete mein Vetter, wird den morgigen Tag schwerlich überleben.« Ich war über solcher unerwarteten Nachricht betroffen, denn bisdahin hatte ich nicht einmal von seiner Erkrankung Etwas gehört. Mein Augenmerk war längst schon nach dieser Stelle, d.h. nach der nächsten an derselben, welche gewissermaßen ihre Coadjutorie cumjure succedendi genannt werden konnte, gerichtet. Ich hörte Jederzeit mit Vergnügen zu, wenn andere Geistliche die Frage aufwarfen: wer wohl diese Stelle einst erhalten, wer für dieselbe sich eignen würde, und wenn sie dabei die Personlichkeiten musterten, das Für und Wider in Beziehung derselben erörterten. Dieß war einer der wenigen Gegenstände, bei denen ich gewöhnlich stummer Zuhörer blieb. Es darf nun wohl gestanden werden, daß ich unter solchen Erörterungen immer blos[223] an mich selbst dachte, nicht, weil ich glaubte, ich wäre gelehrter, würdiger, tüchtiger als Andere, sondern blos weil ich ahnete, es würde kein Anderer so wie ich den Willen zu einem Versuch in sich tragen: ob der Geistlichkeit ein Bewußtseyn ihres Standes eingeflößt, ob sie in demselben zu einem Ganzen vereinigt und ihr hiedurch eine würdigere Haltung und eine einflußreichere Stellung könnte verschafft werden. Daß dieses geschehen möchte, war längst schon im Stillen mein Wunsch; daß es geschehen könnte, war ein Lieblingsspiel meiner Entwürfe. Wie gerne hätte ich nicht demjenigen mich angeschlossen, untergeordnet, dessen Persönlichkeit mir einige Bürgschaft dafür dargeboten hätte, daß er hiezu beitragen könnte und wollte! So wie dann über meine Ideen in dieser Beziehung von dem ersten dunkeln Anfang an etwelches Licht sich verbreitete, und von nirgends her eine solche Zuversicht mir entgegenleuchtete, erschien ich mir als eine Nothwendigkeit für die Geistlichkeit, Auch ich musterte im Stillen oftmals die Individualitäten; bei welcher derselben aber ich mochte stehen bleiben, nirgends bot eine solche mir sich dar, an welche ich auch nur eine Vermuthung hätte knüpfen können, daß dieser Gedanke in ihren Ideenkreis eingegangen wäre. Ueberhaupt konnte ich unter solcher Würdigung sämmtlicher Geistlicher unter allen nur zwei finden, neben welchen ich als Bewerber um jene Stelle niemals würde aufgetreten seyn; doch blos deßwegen, weil ich zu keiner Zeit Etwas beginnen mochte, dessen Mißlingen ich von vorne herein mit der größten Zuverlässigkeit mir hätte klar machen können. Neben dem Einen hätte ich mich bloß vor dem Alter, neben dem Andern vor dem wohlverdienten Zutrauen, neben Keinem aber aus innerer Ueberzeugung zurückgezogen. Es gehört zu meinen Gewohnheiten, alle denkbaren Verumständungen zu erwartender oder auch blos möglicher Eventualitäten bisweilen mir zu vergegenwärtigen und mich zu fragen: wie dann wohl, wenn die eine oder die andere, in dieser oder in jener Weise, eintreten würde, ich mich benehmen, welche Maßregeln ich treffen wollte? Hieraus ist mir schon[224] mehrmals der Vortheil erwachsen, da, wo Handeln noth thut, nicht erst überlegen zu müssen, sondern gewissermaßen nur dasjenige Schiebfach meiner Erinnerung zu ziehen, im welchem die Weisungen für den eintretenden Fall, so zu sagen, schon gehörig entworfen sich finden. So war es jetzt. Die Mittheilung meines Vetters überraschte mich zwar im ersten Augenblick, fand mich aber gerüstet, da längst Alles vorbedacht war. Als erster und unerläßlichster Schritt bot sich die Nothwendigkeit dar, über den Zustand des Kranken sichere Erkundigung einzuziehen, denn Voreiligkeit wäre nicht allein unzart ? was mich nie anwandeln konnte ? sondern zugleich nachtheilig gewesen. Die Berichte lauteten so bedenklich als möglich. Das Nächste sodann war, mir über die Gesinnung jener Beiden Gewißheit zu verschaffen. Gegen den Einen von ihnen, den nachmaligen Helfer Hurter, damals Pfarrer einer ansehnlichem Landgemeinde, erklärte ich mich mit aller Offenheit und mit jener aufrichtigen Achtung, die ich ihm zeitlebens zollte, und mit der aufrichtigen Erklärung, freudig ihn an die Stelle treten zu sehen; die Gesinnung des Andern erforschte ich durch Mittelspersonen. Beide waren nicht im mindesten geneigt, die fragliche Würde anzunehmen. Amt folgenden Morgen um fünf Uhr starb der Antistes; ich erfuhr seinen Hinscheid alsbald, setzte unverzüglich diejenigen Personen, welche von der Sache unterrichtet seyn mußten, in Bewegung, und um neun Uhr waren die Vorbereitungen, um mir die erledigte Stelle zu verschaffen, nach allen Seiten mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit des Erfolges vollzogen. In der Vermuthung, daß die Mehrzahl der Geistlichen meine Beförderung an dieselbe nicht ungerne sehen würde, täuschte ich mich nicht. Die bisherigen Uebelstände in dem Verhältniß des Antistes und seines einstigen Nachfolgers hatten Alle unangenehm berührt; sie durften der festen Zuversicht sich hingeben, daß der so nothwendige Einklang, sofern die ledig gewordene Stelle mir zufiele, würde hergestellt und gefestigt werden. Neben diesem hatten sie auf bisherige Erfahrung von bereitwilligem und nachhaltigem Verfechten ihrer Interessen die[225] sichere Erwartung um so mehr bauen können, in dieser Beziehung zu jeder Zeit ihren Mann an mir zu finden. Von anderer Seite jedoch fand meine Bewerbung Widerstreben. Was für die Einen Beweggrund der Zuneigung war, wurde für Andere Beweggrund der Abneigung. Man fürchtete das Bemühen, die Geistlichkeit aus dem durch lange Uebung eingewöhnten Normalzustand der Nullität herausgerissen zu sehen; obgleich man mich wieder durchaus falsch beurtheilte durch die grundlose Voraussetzung, ich möchte selbst über die Gränzen des Zulässigen hinausgehen, indeß ich stets darauf Bedacht nahm, den sichern Boden des durch die Verhältnisse und Zustände Gestatteten und diesen gemäß Erreichbaren niemals zu verlassen. Es wurden daher allerlei Versuche gemacht, meine Erwählung zu vereiteln. Das Ansehen kam denselben zu Hülfe; daneben wurde das Mitwirken schiefer Beurtheilung und dessen Allen, was hieran so leicht sich knüpfen läßt, nicht verschmäht. Ein Glück war es, daß die Wahlen nicht nach Belieben durften hinausgeschoben werden, die Zeit zu Gegenbemühungen auf drei Tage beschränkt blieb. Amt 5. Sept. 1824 erfolgte meine Erwählung. Bei vielen schätzenswerthen Eigenschaften, worunter eine stets hervortretende Zuwendung zu den geoffenbarten Grundlehren eine der vornehmsten, fehlte es dem neuen Antistes durchaus an Geschäftsgewandtheit, an einem hellen Blick in die vorkommenden Fragen, an dem richtigen Tact, deren Hauptmomente zu erfassen. Mir dagegen hatte ich als Hauptaufgabe gesetzt, daß er geehrt, als Oberer anerkannt werde, jetzt ebenso sichtbar eine Uebereinstimmung zwischen ihm und mir hervortrete, als zuvor die Mißstimmung hervorgetreten war. Daher habe ich mich immer beflissen, jenen Mängeln zu Hülfe zu kommen, was etwa durch dieselben ausser das Geleise gerathen wollte, in dasselbe zurückzulenken, in den Behörden den Meinungen meines Obern und Collegen alsolange mich anzuschließen, als es nicht auf Kosten besserer Ueberzeugung hätte geschehen müssen. Mehr jedoch als Einmal habe ich bitter gelitten, wenn[226] bei Solemnitäten, an denen er zu sprechen hatte, entweder allzugroßer Eifer ihn über die Schranken ruhiger Besonnenheit hinausriß, oder, wenn in andern Fällen die Unfähigkeit, eine Berathung zu leiten, allzugrell aus Licht trat; und ich bedaure jetzt noch manchen Zwiespalt, der hiedurch zwischen meinem officiellen Benehmen und meinen Privatäusserungen veranlaßt und nicht immer gehörig abgelehnt worden ist. Er seiner Seits hat es an Beweisen des Vertrauens und der Zuneigung gegen mich nie ermangeln lassen, wodurch es mir leicht ward, bei allen wichtigern Vorkommenheiten meine Ansichten zu entwickeln und in den meisten Fällen ein gemeinsames Handeln vorzubereiten. Dagegen fehlte es auch nicht an Veranlaßungen, wo ich es für Pflicht hielt, in mehr unwesentlichen Dingen meine Meinung der seinigen unterzuordnen. Meine kirchliche Stellung hatte mir ein gewisses Ansehen, meine unverdrossene Theilnahme an Allem, was das öffentliche Wohl fördern konnte, etwelches Zutrauen, und Beides meinem Wort auch in Bezug auf die bürgerlichen Verhältnisse einiges Gewicht erworben. ? Ich habe früher berührt, wie im Jahr 1814 hinsichtlich der Constituirung des Cantons zwei Meinungen sich gegenüberstunden, wovon diejenige, welche das geschichtlich und rechtlich Bestandene wieder zu Grund legen wollte, den Sieg davon trug. Die andere, für welche das blos theoretisch Beifallswürdige größern Werth hatte, war damals zwar unterlegen, deßwegen aber nicht verschwunden. Sie setzte ihre damals vereitelte Hoffnung auf das Jahr 1825, in welchem eine Revision der Verfassung vorgenommen und im folgenden Jahr darüber abgestimmt werden sollte. Zu dieser Reformpartei ? wenn ich sie so nennen soll ? gehörten fast alle meine Bekannten, die meisten meiner Altersgenossen, Manche von ihnen durch Lage und Stellung im Fall, ihren Bestrebungen Gewicht und hiedurch Zuneigung zu verschaffen. Sie zweifelten nicht, um[227] so eher mit denselben durchdringen zu können, weil manche Gebrechen, nicht sowohl der öffentlichen Einrichtungen, als ihrer Anwendung, auch der Personalitäten, welche deren Träger waren, gefühlt wurden; weil sie auf das Mitwirken des unbesiegbaren Irrthums zählen durften, der alles Ersprießliche von jenen erwartet, und dabei die Menschen und deren aller Formen spottenden Mängel unberücksichtigt läßt; endlich, weil es offen am Tag lag, daß während eines Jahrzehends derjenigen, welche principiell oder blos aus Empirie dem Ehemaligen das Wort geredet hatten, Viele in das Grab gesunken, Viele dagegen nachgewachsen waren, die den neuen Doctrinen huldigten. Es sollte eine Revolution auf friedlichem und legalem Wege bewerkstelligt, Alles, was von ehevorigen Einrichtungen und Gewohnheiten aus dem Sturme der Zeiten sich gerettet hatte, gemächlich und geräuschlos in das Meer der Vergessenheit versenkt werden. Gelegenheit, öffentlich und in Privatunterredungen meine conservativen Grundsätze geltend zu machen, war hiemit gegeben. Ich habe den Gang der sich entgegenstrebenden Bemühungen, bei welchen es an Ereiferung auf beiden Seiten nicht fehlte, damals, in frischer Erinnerung der Gespräche, Verhandlungen und Wendungen, in einer Handschrift von dritthalbhundert Seiten niedergeschrieben unter dem Titel: »Die Verfassungs-Revision im Canton Schaffhausen in den Jahren 1825 und 1826;« in welchem Sinne, läßt sich aus dem Motto schlieffen, welches ich aus Horaz wählte: O navis, referent in mare te novi Fluctus! O quid agis! Fortiter occupa Portum! Die ursprünglichen, von dieser Reformpartei ausgegangenen Vorschläge wollten an die Stelle der seit Jahrhunderten bestandenen, vor zehn Jahren wieder eingeführten Wahlform eine ganz neue setzen, den innern Organismus des Ländchens durchaus umändern und mittelst eines hingeworfenen schnöden Köders[228] die Zustimmung der Mitglieder des Kleinen Raths erkaufen. Die erhaltende Partei, die damals noch den größern Theil der Bürgerschaft zu den Ihrigen zählte, erblickte in diesen Vorschlägen den Verlust des letzten Restes der vierhundertjährigen Rechte und Freiheiten, und die Geistlichen standen in ihrer Eigenschaft als Bürger zu jener Zeit ungetheilt, einen Einzigen ausgenommen, auf dieser letztern Seite. Ich erstaune, indem ich nach einer so langen Reihe von Jahren wieder in die angeführte und unter den damaligen Beobachtungen geschriebene Schrift blicke, dieselben Grundzüge der Handelnsweise beider Parteien, der Verfechter des Alten und der Lobpreiser des Neuen, zu finden, die noch jetzt überall vorkommen, blos mit dem Unterschied, daß die Letztern in Frechheit, Lüge und Zügellosigkeit seitdem unendlich vorangeschritten sind. Ich finde, daß Jene sich ruhig hielten, keine geheimen Zusammenkünste, keine Meinungswerbung veranstalteten, keine ungebürlichen Reden gegen die Andern sich erlaubten. Diese dagegen übergoßen die bisherigen Einrichtungen mit Spott, dichteten ihnen Manches an, was keineswegs durch dieselben bedingt, vielmehr, insofern es tadelhaft war, von den Andern ebenso ernstlich mißbilligt wurde; sie zogen entweder die Redlichkeit oder den Verstand der Verfechter des Alten in Zweifel, und nannten dabei ihre Genossen schlechtweg das »gebildete Publikum«, sich und ihre Projecte »die gute Sache«; bemühten sich, unter die Bürger einen Zankapfel zu werfen und Einzelne durch Vorspiegelungen zu gewinnen, oder durch Drohungen zurückzuschrecken, und sogar in Aussicht zu stellen, daß, sofern die Projecte nicht durchgiengen, alle bessern Köpfe abtreten würden. Wie dann Bildung und Annahme des Projectes für identisch gehalten wurden, so nannte einer seiner Hauptbeförderer die bedeutendern Gegner desselben »vornehmen Pöbel.« Zugleich wurden einige Schweizerblätter, z.B. der Schweizerbote und die Zürcher-Zeitung, von dieser Partei zu Organen gemacht, um Alles recht ins Zwielicht zu setzen und über die Gegner so hämisch als gehässig zu urtheilen; in Allem ein Verfahren, welches im Verlauf von zwanzig Jahren die erstaunlichste Entwicklung gewonnen hat.[229] Ich finde über die Verfechter jenes Projectes in meiner Schrift Folgendes bemerkt: »Zu ihnen gehörten diejenigen, welche in den bisherigen Wahlen eine zu große Beschränkung ihrer Gewalt erblickten, und lieber des Volkes Herren als dessen Häupter und Vater gewesen wären; diejenigen, welche in dieser Wahlart einen, wenn nicht unsichern, doch allzulangsamen Weg ihrer Beförderung wahrnahmen; sodann eine Anzahl Männer, welche, in der Volubilität des Zeitalters befangen, alles Heil immer von dem Neuen erwarten und fortan von dem Neuen zum Neuern sich wenden, ohne etwas Bleibendes weder anzuerkennen, noch zu wollen; Einige, welche sich für so vornehmer hielten, in je minderer, auch bürgerlicher, Berührung mit ihren Mitbürgern sie stünden, und die sich gerne auf eine Höhe erhoben hätten, bei welcher es einige Befehlende und einen Rest Dienstthuender gäbe. ? Verfassungen müssen aber alt geworden seyn, wenn sie Werth haben, wenn sie von den Bürgern Anhänglichkeit und Hingebung sollen fordern können. Man wird einer Verfassung von gestern gehorsam seyn, weil man muß; lieben aber kann man nur eine solche, mit der und durch die man gelebt hat. Es geht hier wie mit den Regentenhäufern: ? ein neues kann sich durch Branntwein und Stöcksehäge täglich ein Lebehoch ertreiben, aber des Volkes Herz schlägt warm nur für den Regenten, mit dessen Ahnherren die Vorfahren gekämpft und gesiegt haben, dessen Haus mit dem Volke groß und glücklich geworden ist. Auch war Sparta durch nichts Anderes mächtig und stark, als weil es eine und dieselbe Verfassung am längsten bewahrt hat, indeß Athens Fall von der Zeit her sich datirt, da die Staatseinrichtungen allen Umtrieben der Ehrsüchtigen, der Sykophanten preis gegeben waren. Es zeugt daher von keiner großen Weisheit, wenn man meint, ein öfterer Wechsel der Staatseinrichtungen könne Heil bringen. Der Mensch verlangt etwas Festes, etwas Bestehendes, sonst wird er selbst das Spiel der Laune und des Zufalles;« u.s.w. Jenes Project fand den ersten Widerspruch bei vielen Mitgliedern des Kleinen Raths, und es mußte an diejenigen, von[230] denen es ausgegangen war, wieder zurückgewiesen werden. Am 13. Jenner 1826 gelangte es abermals an den Kleinen Rath, aber mit blos geringen Veränderungen; das neu aufgestellte Grundprincip der Wahlen war beibehalten, daher das, mehr zum Schein, als dem Wesen nach veränderte Project nicht bessern Eingang fand, denn das erste, und eine neue Zurückweisung sich mußte gefallen lassen. Obwohl gerade deßwegen am 5. Hornung in den Zunftversammlungen ein Bericht, wie verheißen und erwartet worden, darüber nicht konnte erstattet werden, erklärten sich doch vorläufig schon viele Stimmen gegen dasselbe, mit andern redlichen Männern vorzüglich die Geistlichen, deren Manche seit vielen Jahren jetzt zum Erstenmal bei solchen Versammlungen sich einfanden. Der damalige Antistes, durch Unpäßlichkeit gehindert, theilte seine Gesinnungen schriftlich mit: »Daß er dafür halte, die Bürgerschaft solle den Rest ihrer, aus der Revolution geretteten Rechte nicht so leichtlich an Theorien, die noch so gleissend wären, vertauschen;« und ermahnte dabei zu fortdauernder Eintracht und fortgesetzter Ruhe, »welche die Bürgerschaft bisanhin so lobenswerth bewiesen habe.« Mein Vortrag auf der Zunft der Schmieden bewirkte eine Eingabe ihrer Wünsche an den Kleinen Rath in Verbindung mit einer (leicht möglichen) Widerlegung aller, den bisherigen Einrichtungen gemachten Vorwürfe. Auf Verlangen meines Vaters, als Zunftvorstehers, mußte ich die Schrift verfassen. ? In Folge dieser laut gewordenen Stimmung der Zünfte gieng an die Commission, von der das Project ausgegangen war und mit Zähigkeit festgehalten werden wollte, vom großen Rath die Weisung, bei ihren Berathungen auf dieselben Rücksicht zu nehmen. Sie mußte nun die bisherige Wahlart unangefochten lassen, und beschränkte sich einzig darauf, die Ernennung von neun sogenannten Unabhängigen durch den großen Rath selbst in Antrag zu bringen. Es war dieß dem Wesen nach ein Erschleichen in Theilen, was im Ganzen noch unerreichbar war; die Gründe aber, durch die man diese Neuerung unterstützen[231] wollte, waren eitel Spiegelfechterei, so wie in dem Mittel, um sie durchzusetzen: ? Verheimlichung des Projects bis zum Augenblick, da über dasselbe abgestimmt werden, und Verzögerung dieser Abstimmung bis zu der alleräussersten Frist, um jeden fernern Aufschub umöglich zu machen ? eben auch keine besondere Empfehlung lag. Dennoch wurden jetzt auf den meisten Zünften gegen das Vorgelegte abermals verschiedene Ausstellungen gemacht, welche den Mitgliedern des großen Raths zur Berücksichtigung bei der Endentscheidung dringend empfohlen, zum Theil dann berücksichtigt wurden. Ich hatte an dieser, alle Köpfe beschäftigenden Bewegung öffentlich, inwieweit es mir rechtlich zukam, und in Privatverkehr mit Andern den lebhaftesten Theil genommen, von Anbeginn an entschieden für die »gerechte Sache,« die ich der sogenannten »guten Suche« entgegenstellte, auftretend. Unter dem lebendigen Eindruck der Gegenwart schrieb ich den ganzen Verlauf bis zur Zeit der Wahlen und der nachher erfolgten Eidesleistung mit Skizzirung der Parteien und Individualtäten nieder und habe mit den Worten geschlossen: »Die öffentlichen Blätter schwiegen; einzig die Zürcher-Zeitung (der Revolutions-Patriarch Paul Usteri) konnte ihren beißenden Tadel nicht zurückhalten, daß die von ihr so eifrig gepredigten Doctrinen so wenig Früchte getragen hätten.« Bis zu dieser Zeit hatte ich eigentlich noch gar keine Bekanntschaften in katholischen Ländern und mit katholischen Personen, ob nun geistlichen oder weltlichen Standes; selbst mit Hrn. von Haller befand ich mich seit dem Jahr 1810 ausser aller Verbindung, nur durch gelegentlich herausgegebene Schriften war er mir in Erinnerung geblieben. Eine blos literarische Berührung mit dem Benedictiner PP. Gregorius zu Rheinau hatte nicht über das Jahr 1808 hinaus gedauert Wie nahe[232] auch diese Abtei unserer Stadt liegt, ich war in einer langen Reihe von Jahren kaum ein Paarmal dahin gekommen; gerade so, wie viele Hunderte aus näherer oder fernerer Umgebung etwa Einmal dort einsprechen. Ebenso hatte ich Einsiedeln und Muri nur im Jahr 1811 besucht, wie man merkwürdige Oerter zu besuchen pflegt, vorübergehend, für kurze Zeit. Dennoch stand die katholische Kirche in ihrem äußern Erscheinen und in dem Organismus ihrer Verwaltung als ein hoher, wunderherrlicher, das Gepräge der Zweckmässigkeit und des schönsten Ebenmaßes an sich tragender Bau, vor meinen Augen. Das hatten nicht Anschauung, sondern meine Forschungen für die Geschichte Innocenzens des Dritten bewirkt. Wie ich in denselben voranschritt, sah ich immer klarer, mit welcher Würde, mit welcher Kraft, mit welchem Alles bewältigenden Willen, um dem geoffenbarten Christenthum und der Kirche, des erstern Träger und Hort, die umfassendste Einwirkung zu sichern dieser hohe Geist als Wächter, Lenker und Ordner, gleichsam als bewegende Kraft, in der Mitte der Kirche thronte. Die bloße Vernunft lehrte mich, und die Geschichte gab dessen bestätigendes Zeugniß, daß die Erhaltung des Christenthums ohne eine über demselben wachende Institution kaum denkbar gewesen wäre, dasselbe dem Loos blos philosophischer Schulen schwerlich hätte entgehen mögen. Die göttliche Einsetzung des Christenthums schien mir von göttlicher Einsetzung einer selbstständigen Kirche, wenigstens bis zu vollem Erstarken desselben, unzertrennlich. Die Geschichte zeigte mir, daß ein Papst, wie Innocenz, nicht blos ein glücklicher Zufall, eine seltene Ausnahme, sondern in der Kette ähnlicher Vorgänger und Nachfolger ein gleichartiges Glied gewesen seye. Ich ward immer mehr von Bewunderung erfüllt vor der, durch eine so reiche Zahl von Briefen beurkundeten Thatsache, daß er alle Hoheit, alles Ansehen, alle Macht, mit denen er umgeben gewesen, niemals auf seine eigene Person, sondern immer auf das Amt bezogen, für dessen Verwalter und Träger allein er sich bekannte. Ich erstaunte über eine Demuth, die selbst in den Momenten, in denen die Macht[233] auf ihrem Gipfel sich zeigte, in denen das Entscheidendste durchgeführt ward, über der gänzlichen Hingebung an die Sache der Kirche niemals den Gedanken an sich selbst aufkommen ließ, Ich sah ferner die Kirche ebensowohl in vollem Bewußtseyn, als in ungehindertem Besitz der Autonomie sich bewegen. Ich ahnete dabei, daß in dem Bekenntniß einer durch den menschgewordenen Gottessohn verkündeten Lehre, dann in der Verknechtung derjenigen, welche dieser Lehre Wächter, Wahrer und fortwährende Vermittler seyn sollten, durch die Staatsgewalt, ein nie auszugleichender Widerspruch liege. Ich verglich diese zunächst in nie schlummernder Wachsamkeit über die Lehre, sodann in Anordnung über alle wahrnehmbaren Mittel zu deren Einwirkung, endlich in unabhängiger zeitlicher Ausstattung durch die Geneigtheit ihrer Bekenner sich offenbarende Autonomie mit den, in dem weitern Kreise um mich hervortretenden Thatsachen, daß an die Stelle einer Aufsicht auf Uebereinstimmung der Lehre mit den geoffenbarten Grundwahrheiten subjective Willkür getreten, daß der Begriff eines selbstständigen Bestehens der Kirche auch unter uns dermaßen vernichtet worden seye, daß z.B. der vorige Antistes sich nicht getraute, eine ganz unbedeutende und zugleich zweckmässige Veränderung in dem Läuten von sich aus anzuordnen, sondern mit der Anfrage um Erlaubniß erst zu dem Bürgermeister hinaufstieg und geschmeidig hinabkehrte, als dieser den hohen Consens verweigerte; daß endlich die Diener der Kirche hinsichtlich ihrer äussern Bedürfnisse nicht blos von der Gnade weltlicher Oberer, sondern ebenso sehr von der Willkür unterer Beamteter abhiengen, was ursprünglich nicht so gewesen seye. Diese Vergleichungen konnten allerdings nicht zum Vortheil von Ereignissen ausfallen, durch welche die letzterwähnten Zustände waren herbeigeführt worden. Mit ungleich größerem Wohlgefallen weilte daher das Auge auf jenen, in welchen das Urtheilsvermögen den naturgemäßen Normalzustand anerkennen mußte. Allein so von Gott verlassen und aller natürlichen Klugheit baar war ich nie, daß ich Idealen nachgejagt hätte,[234] da, wo der flüchtigste Ueberblick mich lehren mußte, daß zwischen diesen und dem realen Standpunct Gebirge sich thürmten, Abgründe gähnten; so beschränkt war ich nie, um gegen das, was durch immer weiter schreitende Uebung dreyer Jahrhunderte Geltung gewonnen, ankämpfen zu wollen. Ich räumte diesem das volle Anrecht auf unwiedersprochenes Bestehen als einer hiezu sich hindurchgerungenen Thatsache ein, glaubte aber dabei die volle Freiheit in Anspruch nehmen zu dürfen, an eine, lange vor derselben verlaufenen Vergangenheit einen andern Maßstab anlegen zu können, als den seitdem durch jene Thatsache in den Gang gebrachten. Verargt man es aber dem Dichter, der unter den Nebeln des Nordlandes Neapels azurnen Sternenhimmel preist und hinter dem Fuselglas von des Vesuvs Flammennectar träumt? Dann erst, wenn er auf der Hasenheide einen Weinberg anlegen wollte, um Lacrimæ Christi zu pflanzen, dann erst könnte man Raths pflegen, wie bald er im Narrenhaus unterzubringen wäre. Meine Rückblicke in jene Vergangenheit hatten daher keine andere Bedeutung, als jene Sehnsucht nach ehemätigen, für zusagender gehaltenen, nun aber unwiederbringlich verschwundenen Verhältnissen. Ein Anderes wäre es, auf das Zurückführen von diesen hinarbeiten zu wollen; ein Anderes dagegen ist, auf die wirklich vorhandenen so einzuwirken, daß sie nicht fortan schlechter werden, innerhalb der Gränzen des Zulässigen und rechtlich Erreichbaren sich anzustemmen. Inwiefern jene Anschauung und Werthschätzung des Vergangenen auf dieses Bestreben Einfluß geübt, Lust und Tüchtigkeit hiezu erhöht habe, das muß zu den geheimen Processen in der verborgenen Werkstätte der Geisterwelt gezählt werden, in die während ihres Verlaufs selbst derjenige nicht zu jeder Zeit klar hineinzuschauen vermag, welcher deren Gegenstand ist. Indeß, wo einmal, auf unwiderlegbare Prämissen gestützt, die Ueberzeugung eintritt, daß dem unaufhaltsamen Herabrollen müsse Halt geboten werden; sodann, wo unter eigenem Darangeben, anbei von selbsteigenen Zwecken unberührt, dann für die wohlaufgefaßten[235] Befugnisse Dritter unnachtheilig, immer aber einzig zum Besten des innern und äussern Bestehens Anderer Solches versucht wird, da läßt sich unter allen Begegnissen mit der heitersten Ruhe in dergleichen Bestrebungen schauen, ob sie nun mögen erreicht oder vereitelt, gewürdigt oder mißkannt, gefördert oder gehindert worden seyn. In der handschriftlich vorhandenen Darlegung einer mich persönlich berührenden Begebenheit, verfaßt zu Anfang des Jahres 1833, kommt folgende Stelle vor, die, aus den damaligen Anschauungen hervorgegangen und geschrieben zu einer Zeit, in welcher ich meiner Aufgabe am vollkommensten bewußt und zu deren Lösung am rüstigsten war, über jene ein gültigeres Zeugniß zu geben vermag und die Glaubwürdigkeit ungleich mehr in Anspruch zu nehmen befugt ist, als wenn Aehnliches erst nach einem Jahrzehend aus der Erinnerung wäre geschrieben worden. »In der Mitte des vorigen Jahrhunderts,« heißt es dort, »hatte die Geistlichkeit größtentheils aus unfähigen, indolenten Menschen bestanden, welche nie zur Ahnung einer Standeswürde und Ehre sich hatten aufschwingen können. Aber wie damals die Sachen sich verhielten: sie hieng gewissermaßen von dem Antistes ab; und da dieser gemeiniglich von den Häuptern des Staates geehrt wurde und mit ihnen in gutem Vernehmen lebte, so konnten beide Stände, ohne aneinander zu stossen, ihren gewohnten Gang ungestört fortsetzen. Die Zeiten waren ruhig, das Geleise seit langem eingefahren. Mit der Revolution ward es anders. Der öftere Wechsel von Grundsätzen und Verfassungen wirkte auch auf das Verhältniß von Geistlichkeit und Staat zurück; die revolutionären Lehren stellten andere Begriffe von diesem auf; es kamen mancherlei Anforderungen, sogar Reibungen zum Vorschein, von denen die ältere Zeit nichts gewußt hatte. Indeß war auch mit der Geistlichkeit eine wesentliche Beränderung vorgegangen. Sie war geistiger, individuell kräftiger intelligenter, ausgebildeter geworden; als Gesammtheit jedoch[236] hatte sie die vorige Art noch nicht ganz vergessen. Das Bestreben des Triumvirs (mein damaliger Amtstitel) gieng schon seit langem dahin, sie zuerst zu einem compacten Ganzen zu vereinigen, sodann ihr zum Bewußtseyn der Würde und Bedeutung eines Standes zu verhelfen, endlich derselben eine kräftigere Stellung zu sichern, innerhalb der Schranken, welche durch die Natur der Sachen, wie sie aus den frühern Veränderungen hervorgegangen, gezogen sind. Sie sollte sich in ihrer allgemeinen und öffentlichen Beziehung zu dem Stande eines Körpers erheben, welcher seine bestimmte Stellung in dem Gemeinen Wesen einzunehmen und diese auf das Individuum überzutragen habe. In diesem Sinne waren bei verschiedenen Gelegenheiten Eingaben gemacht, gegen Zumuthungen Einsprachen erhoben, den Verhandlungen, wo es immer geschehen konnte, eine Wendung gegeben worden, welche dieses Bestreben unverkennbar durchblicken ließen. Das war einigen meinungsordnenden Magistraten ein Gräuel; sie ahneten hierin hierarchische Absichten, ein Gespenst, welches sie ebenso unablässig verfolgte, wie den Schultheißen Amrhyn in Luzern dasjenige von der Curia romana. Sie fürchteten, wenn der Triumvir Antistes werde, so dürfte er auf Verwirklichung dieser vermeinten Absichten und Bestrebungen noch kräftiger hinarbeiten, die Geistlichkeit dann noch weniger in demjenigen Zustand bleiben, der sich aus blossem car tel est notre plaisir ferner Alles, was den Stellvertretern des souveränen und mündigen Volkes momentan einfalle, geduldig werde aufhalsen lassen; obwohl man dessen keine Besorgniß hätte haben müssen, denn der Triumvir kannte die Gränzen, innerhalb deren die Geistlichkeit sich zu bewegen habe, zu gut, und hatte sich selbst bisweilen in den Conventen gegen Anträge erhoben, von denen er einsehen konnte, daß sie nichts als Verdruß bereiten würden, ohne daß diesen das innere Bewußtseyn aufgewogen hätte, nichts Anderes, als was recht und zulässig seye, ver langt zu haben. Was dann aber immer von der Geistlichkeit ausgieng und nicht behagte, dessen mußte Jederzeit er die Schuld tragen.«[237] Daß aber unter den Geistlichen einige, vielleicht mehrere sich fanden, die mich durchaus nicht begreifen konnten oder wollten, das befremdete mich nicht; wohl aber das, daß es Solche (oder vielleicht auch nur einen Solchen) gab, die in Augendienerei mein Wirken in schiefes Licht zu setzen suchten. Ein Derartiger, der in der Kriecherei gegen Obere eine erkleckliche Virtuosität sich angezappelt hatte, gerieth einst in eine ziemlich unfreundliche Reibung mit dem Bürgermeister um nun die verlorene Huld wieder zu erschwingen, begab er sich zu demselben und sprach zu ihm in beliebten allgemeinen Ausdrücken: »wenn er wüßte, welche Sprache in den Versammlungen der Geistlichkeit oft geführt würde! welche Anträge man sich erlaube! welche Tendenzen man hätte!« ? Der Bürgermeister theilte mir dieses bald hernach mit und ließ nicht undeutlich durchblicken, daß ich hiemit gemeint wäre. Die Reibung war aber erfolgt aus Veranlassung einer Aeusserung, welche in der Versammlung der Geistlichkeit der Geschmeidige selbst gegen die aufsichtführende Behörde über eine Amtsverwaltung sich erlaubt hatte. Ungeachtet ich damals der Sitzung gar nicht beigewohnt und die erste Kunde von jenem Ausfall durch den Bürgermeister erhalten hatte, warf der Ehrenmann seinen Argwohn, daß dieser vielmehr durch mich Nachricht hievon möchte erhalten haben, dennoch auf mich, und hoffte durch jene formlosen Hindeutungen auf Ungebürliches den gnädigsten Blick wieder erbuhlen, zugleich aber mir Eines versetzen zu können. Darum hat mich auch seit jener Zeit der allerwärts decretirte Reformationsjubel nicht besonders in Bewegung gesetzt. Was konnte ich dafür, daß es mir scheinen wollte, es seye doch zu viel weggefegt worden; nicht Alles immer aufs lobenswertheste dabei hergegangen? Wie sollte ich dieser Ansicht, die durch den Flitter aller Jubelrednerei hindurch unabweislich mir sich entgegendrängte, entfliehen? Daß gejubelt werde, ließ sich zwar[238] befehlen, nicht aber Stimme, Ton und Umfang verordnen. Als daher solcher Befehl auch in unserm Ländchen ausgieng, habe ich es vorgezogen, von christlichem Sinn und Wandel, als dem Kriterium eines reinen Glaubens, über die apostolischen Worte zu sprechen: Nun erfahre ich mit Wahrheit, daß Gott die Person nicht ansiehet, sondern in allerlei Volk, wer ihn fürchtet »und recht thut, der ist ihm angenehm;« womit ich keineswegs dem Indifferentismus das Wort sprach, sondern die Möglichkeit, dieser apostolischen Erklärung nachzukommen, mit entschiedenem Bekenntniß des geoffenbarten Glaubens in innern Zusammenhang brachte, und dieses entschiedene Bekenntniß als erstes und unerläßliches Erforderniß für Jeden aufstellte, der in dem Christennamen einen Vorzug und eine Zierde erkenne, ohne welche er, wie auch seine Form des Glaubens seye, denselben nur unbefugt sich anmaße. Vielleicht mochte man diese Art zu jubiliren eine höchst unbefriedigende, selbst tadelnswerthe nennen. Welche Fragen würde man jetzt nicht an denjenigen zu stellen sich befugt halten, der die wahre Freude an dem Wort Gottes mit dem Reichthum an dessen Frucht in Verbindung setzt? Warum geht man nicht mit vereintem Ernst an die Vielen, welche die Offenbarung zur Welt hinaus- und mit einer heidnischen Weltanschauung die bürgerliche, moralische und gesellschaftliche Auflösung hineinjubiliren mochten? Da ließe sich immer noch fragen: wer würdiger werde jubilirt haben, ich oder jener Fels in St. Gallen? der zwar die Jubelliteratur mit einem Büchlein bereicherte, dagegen ein paar Jahre später an einem Charfreitag predigte: unser Herr seye nichts mehr und nichts weniger gewesen, als ein gewöhnlicher Mensch. Und wie ward nicht diesem Jubilanten Anerkennung und Billigung so trostreicher Lehre zu Theil? Ein ehrbarer Bürger jener Stadt fand sich über dieselbe in seinem Innersten emport und konnte kaum sich zurückhalten, dem »Licht und Wahrheit« Verkündenden an seine »heilige Stätte« hinaufzurufen: Du lügst! Daß er aber dem muntern Reformations-Jubilanten seinen Fortschritt ganz dahin gehen[239] lasse, das konnte der Bürger nicht über sich gewinnen. Er schrieb ihm also einen Brief, worin er ihm sein Jubel-Evangelium in scharfen Ausdrücken vorhielt. Der Fels, anstatt sich zu bemühen, den Obscurantennebel des Bürgers durch sein Aufklärungslicht zu zertheilen, verklagte denselben vor dem Rath. Hochweiser Rath ließ den Bürger kommen und legte ihm für seinen Brief eine Strafe von zweihundert Gulden auf; wobei noch in Frage käme, ob nicht hiemit der Rath dem bindendsten Papstthum das Wort geredet habe, indem er so den Bürger zwingen wollte, unter Darangabe aller freyen Ueberzeugung, seinen Glauben dem Felsischen Unglauben ohne die mindeste Widerrede zu unterwerfen? Der so Angegangene erklärte: er müße freilich sich fügen, aber es seye doch hart, seine Meinung (ja! und welche?) nicht mehr äussern zu dürfen. Der Rath ließ ihn wieder abtreten und setzte die Strafe auf die Hälfte herab, die der Bürger unerbittlich bezahlen mußte. Sind Erscheinungen solcher Art nicht implicite in dem Reformationsjubel innbegriffen, durch denselben gerechtfertigt, aber nicht zugleich geeignet, bei positivern Naturen denselben beträchtlich anzukühlen? Wir sind nicht Herrn unserer Gedanken, oder wenigstens blos in so weit, daß wir denselben momentan uns entwinden, nicht aber daß wir ihr ursprüngliches Regen, ihr allfälliges Wiederkehren immer verhüten können. So drängte sich mir damals unter den vielen Zeitungsberichten und unter dem mancherlei Reden über dieses Jubiläum eine Frage auf, die ich weder suchte, aber ebensowenig gebieterisch von der Hand weisen konnte; die, stets von neuem geweckt, zwischen alle diese Berichte sich hineinschob, die Frage nämlich: wann feyert die katholische Kirche ihr Stiftungsfest? Und da war ebensowenig die Antwort abzuweisen: am Weihnachtstage; denn ihre Zeitrechnung fällt mit der christlichen Zeitrechnung zusammen. Oder sie beantwortete sich auch so: für denjenigen, welcher den unauflöslichen Zusammenhang des Alten und Neuen Testaments anerkennt, reicht der Ursprung dieser Kirche bis zu der Verheissung[240] im Paradies hinauf und fällt mit dem Weltalter zusammen. Sie macht daher in die beiden Ausgangspuncte aller Zeitrechnung keinen Einschnitt, der an Jahr, Monat und Tag sich knüpfte. Sie baut demnach in den Strom der Zeit keinen Damm, veranlaßt in demselben keine Unterbrechung, ja sie ist dieser Strom selbst, oder doch das Bette, worin er fluthet. Da mag wohl an dieser und jener Stelle ein Bächlein abgegraben, demselben ein besonderer Name beigelegt, eine Tafel aufgesteckt werden, mit der Innschrift: da ist der Quell des Bächleins N. N., der Strom quillt deßungeachtet von den Bergeshöhen, die in den undurchdringlichen Wolkenschleyer sich hüllen, hinter welchem der Alte der Tage sitzt, der in seiner allmächtigen Hand die Urne hält. Und hiemit wieder fällt der Ursprung der Kirche mit demjenigen zusammen, der da war, ist und seyn wird, und knüpft derselbe sich nicht an eine blos menschliche Individualität, an irgend einen durch eine solche herbeigeführten Vorgang, wohl gar an eine Handlung des Zerstörens, wie das Verbrennen von Papieren, das Zerschlagen von Bildern, das Poltern gegen Einrichtungen, an welche menschliche Schwäche oder Verderbniß Entstellung und Mißbrauch etwa heranschleichen ließ. Jetzt aber, aufrichtig, nicht von meinem damaligen, sondern von meinem gegenwärtigen Standpunct, gesprochen: was soll dieses Jubiliren? Was ist der Grundton, der durch dasselbe klingt, welches sind die Laute, die aus hundert und hundert Kehlen zusammenschallen, was einigt tausend und tausend Stimmen, daß sie zu einer Stimme und zu eines gemeinsamen Gedankens Ausdruck dabei sich verschmelzen? ? Wenn am Weihnachtsfeste die katholische Kirche in der Geburt des Menschensohnes ihre Gründung feyert, so rauscht aus tausend und tausend Tempeln, aus Millionen und Millionen Herzen ein einstimmiges »Ehre sey Gott in der Hohe« himmelan; es ist ein Gedanke, der Alle durchfliegt, ein Gefühl, das Alle durchbebt, eine Empfindung, die Alle durchzittert, ein Lob, das Alle begeistert, eine Gewißheit, die Alle beseligt; es ist etwas Allen Gegebenes, von Allen Erkanntes, durch Alle Ergriffenes, [241] Alle Bewegendes, was die Seelen erfüllt, was die Gemüther einigt, was die Herzen verbindet, was die Geister in Eines verschmelzt; es sind nicht mehr die Millionen Gläubigen, welche danken, preisen, lobsingen, jubeln; ? es ist die eine, heilige, das Erdenrund umfassende Kirche, welche einen Gedanken durch ein Wort, in einer Stimme ausspricht, und zu welcher derselbe Gedanke, in demselben Wort, durch dieselbe Stimme darniederklingt von den Chören der Engel und von den Schaaren der Vollendeten. Und wenn am Pfingsttage die katholische Kirche das Fest ihres sichtbaren Hinaustretens in die Welt feyert, so ist's wieder ein Geist, der sie heiligt und einigt, und ein Bewußtseyn, das sie in allen ihren Gliedern durchglüht, und eine Zuversicht, die sie erhebt, und eine Erneuerung der seit achtzehn Jahrhunderten wiederkehrenden Thatsache, daß in allen Zungen und in eines Jeglichen Sprache, aber in einem Sinn und nach einer Ueberzeugung und zu einer Erkenntniß und zu einem Trost und zu einer Hoffnung die großen Thaten Gottes verkündet, gepriesen, verherrlicht, Alle gefestigt werden in der erleuchtenden, leitenden, starken den Zuversicht des Eines-Seyns mit der Säule und Grundfeste der Wahrheit, der Kirche; mit ihr, welche der heilige Geist erfüllt, in alle Wahrheit leitet, bei welcher der, der sie erkaufet hat aus allem Volk, aus allen Zungen und allen Sprachen, bleiben wird bis an der Welt Ende, und welche darum in dem nimmer rastenden Kampf mit den Pforten der Hölle von dieser nicht kann bewältigt werden. So ist das Zahllose zum Einen geworden, verklärt sich das Einzelnleben in seiner höchsten Manifestation zum Gesammtleben, tritt das Endliche in verklärte Beziehung zum Unendlichen, und geht die Kirche als reine Braut in dem glänzendsten Schmuck ihrem Bräutigam entgegen. Ist dieß auch der Fall bei den, nicht allein von ihr Getrennten, sondern unter sich selbst Zerrissenen? Wo ist hier das Einigende, Verbindende, himmelan Hebende, wo das Zusammenstimmende in jenem Jubiliren? Sind da auch die tausend[242] und tausend Gefühle zu einem geworden? Sprechen da auch die tausend und tausend Stimmen wie aus einem Munde? Sind da auch die Gedanken von Millionen zu einem verschmolzen? Ist da auch ein und derselbe Laut, der von allen Erdgürteln und von allen Weltendem zu einer Verherrlichung der unmittelbaren Gnadenwirkung des Erbarmenden zusammenklingt? Ja, es giebt eine Einigung in diesem Jubiliren ? das traurige Jauchzen, daß sie aus der katholischen Kirche geschieden sind. Was aber über dieses hinaus? Etwa die Einigung in dem menschgewordenen Wort und in dem, was es uns kund gethan hat? Sind wohl diejenigen die Mehrzahl, welche jubeln, daß sie noch den Gottmenschen haben, ihn hören, darum, weil er Worte des ewigen Lebens hat, mit Freudigkeit ihm folgen können? Steht nicht dicht neben demjenigen, den diese Gewißheit noch belebt, ein Anderer, der darüber jubelt, daß die Kritik den Gottmenschen zum Propheten von Nazareth verkleinerte; neben diesem ein Dritter, der darüber jubelt, daß ihn die Vernunft endlich auf einen Weisen reduciren konnte; neben diesem ein Vierter, der deßwegen jubelt, daß ihm die fortschreitende Entwicklung die Stellung eines bescheidenen Volkslehrers anweisen mochte; neben diesem ein Fünfter, der darob jubelt, daß des Menschen Scharfsinn gelang, ihn endlich in eine Mythe zu verwandeln. Wie auch dieser Aller und noch so mancher Anderer Wege auseinandergehen, Jeder bejubelt die Gewalt, welche zuletzt auf den seinigen ihn geworfen hat, darum Jeder in anderm Sinn, Jeder in anderer Zunge, Jeder von anderm Standpuncte. Oder meint ihr, es klinge in gleichen Ton in der Hofkirche zu Weimar und in einem Bethause zu Barmen? Meint ihr, es spreche hinaus über jenes Jauchzen wegen gelungener Trennung weiter noch ein Sinn und ein Wort aus dem Munde eines Pietisten und eines sogenannten Denkgläubigen, dem seine Vernuft Gott, Altar und Priester zugleich ist? Sollten sie zusammenstimmen jene Wenigen, welchen die symbolischen Bücher noch das sind, was sie vor dreihundert Jahren waren, und die Vielen, die in der Reformation nur[243] den ersten Impuls zu einer ins Unbegränzte hinauszielenden Bewegung anerkennen und preisen? Und ist es so himmelan hebend, so verherrlichend, ein so würdiges Lobpreisen des gnadenreichen Erbarmens des Vaters, der versöhnenden Liebe des Sohnes, der festigenden Leitung des heiligen Geistes, wenn sie mitunter auch deßwegen jubiliren, daß die Gewerbe sich gemehrt, daß die Nahrungszweige sich vervielfacht, daß die Schulen sich erweitert haben, daß die Straßen besser, daß manche bürgerliche Einrichtungen zusagender geworden sind; gleich als ob ohne jenen Impuls das Menschengeschlecht durch den Lauf voller drei Jahrhunderte stille gestanden wäre! Wenn dann zur Verherrlichung des Sieges aller Siege, des Sieges des Lebens über den Tod, durch die Versammlungen der Gläubigen auf dem weiten Erdenrund bei der Wiederkehr des Lichtes, als des Sinnbildes der Erleuchtung von dem Angesichte des Herrn, das Freudengejauchz Exultet die Millionen hinreißt zu dem wahren, alle hinanhebenden Jubel, der seinen Widerhall findet in den Schaaren, die dem Lamme folgen, ? meinet ihr auch, es walte alsdann durch die Geister ein solches Gewoge und Gebrause der Ansichten, Meinungen, Lehren, oder es fluthe nicht vielmehr aus ihnen, deren »Zahl viel tausendmal Tausend« ist, ein Strom seliger und dankglühender Gefühle mit dem einen Ausdruck: »Das Lamm, das erwürget ist, ist würdig zu nehmen Macht und Gottheit und Weisheit und Kraft und Ehre und Ruhm und Benedeyung und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit?« Und meinet ihr auch, daß alsdann, wenn sie in das, Erde und Himmel einigende, Gott und Menschen versöhnende Geheimniß sich versenken: daß »der Tod verschlungen ist in den Sieg,« und wenn sie frohlocken: »Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?« ? meinet ihr, daß alsdann auch nur Einer mit Gedanken an Nahrung und Gewerb, an Straßen und Weltverkehr, an Schule und Gemeindeordnung sich beflecken, wohl gar, um solcher willen an dem Freudengesang Theil zu nehmen, könne aufgefordert, dahingerissen werden?[244] Es ist überhaupt ein eigenes Ding um dieses Reformations-Jubiliren. Wollte man sich dabei auf das Setzen und Bejahen beschränken, so wäre dasselbe gar nicht denkbar. Das immerwährende Herumquengeln von Licht und Wahrheit und Wahrheit und Licht möchte die Leute duselig machen, und das unablässige Anrühmten von Bibelverdeutschung ihnen zuletzt doch gar zu langweilig werden. Sie müssen daher über diese enge Umzäunung hinaus; und da wird das Hinwegnehmen und Verneinen nicht allein ein nothwendiger Bestandtheil, sondern die unerläßliche Bedingung des Jubilirens. Das allenthalben und zu aller Zeit, unter allen Gestalten wiederkehrende Normalthema jener in Deutschland stehend gewordenen Jubelpredigten ist eigentlich schon enthalten im Evangelium des heiligen Lucas, Cap. XVIII, 13,11, gleichwie auch diese Stelle der wahre Normaltext für dieselben wäre. Denn wie viele Jubelpredigten man zur Hand nehme, schwerlich liesse eine einzige sich finden, worin nicht die dort ausgesprochene Gesinnung bald übermüthiger, selbst trotziger, bald gemässigter und glimpflicher ausgedrückt sich fände, des Wusts von Entstellungen und platten Invectiven und blanken Versündigungen gegen alle geschichtliche Wahrheit und gegen die hausbakenste Ehrlichkeit nicht zu gedenken. Da ruft Röhr seinen Zuhörern zu: »wie Schuppen fiels der von arger Priesterlist bethörten Christenheit von den Augen, als sie aus dem, ihr in der Muttersprache mitgetheilten göttlichen Worte erkannte, welche schnöden Menschensatzungen ihr Jahrhunderte lang zu blindem Glauben dargeboten worden!« Da klagt Marheineke über »das herbe Loos der Katholiken«, deren »Glauben nichts weiter als ein Werk menschlicher Kraft und Thätigkeit« (mir selbst wurde es mündlich und schriftlich, von Geistlichen und von Layen, von dem Oberhaupt der Kirche bis zu deren unterstem Glied hinab ganz anders gesagt), »nicht eine Gabe und Gnade Gottes seye.« Da faselte ebenderselbe: »die Katholiken haben einen verfälschten Lehrbegriff, Alles ist ohne Tiefe und Innigkeit, die Sinnlichkeit kann mit allen Ehren bestehen, bedarf der Gnade der göttlichen Erlösung[245] nicht« (was bedeutet denn das überall vorkommende Kreuz?); da hören wir ihn toleranzen: »Die Katholiken vermischen das Heilige mit dem Sinnlichen, überladen und erdrücken den Gottesdienst mit weltlicher Pracht und Herrlichkeit, mit einer Menge geistloser Gebräuche und mit einem bunten Geberdenspiel.« Da findet ein Anderer in der katholischen Kirche »leeres Geschwätz, das Andacht lüge, Menschen, die mit ihrer Frömmigkeit Gewerbe treiben.« Da begrüßt sie ein Dritter mit eitel »Aberglaube, Heuchelei und Werkheiligkeit;« diese erklärt Hr. Marheineke in althergebrachter, verdrehter Deutung »für eine Lästerung des einigen Mittlers zwischen Gott und dem Menschen;« indeß sämmtliche Jubilanten in den Spitälern, Armenanstalten, Stiftungsgütern und Aehnlichem, was diese entsetzliche »Werkheiligkeit« in »der finstern Zeit« gegründet, die lichthelle Zeit aber an sich gerissen hat, sich's gar wohl schmecken lassen. Springt nicht auch hieraus wieder die Wahrheit des so unermeßlich tiefen Wortes von Tacitus: facile est odisse, quem læseris, mit ihrer vollen Gewalt in die Augen? Es gilt dieß von den Parteyen wie von den Individualitäten. Von Beiden lehrt die Erfahrung, daß, sobald die Verletzung nicht zufällig und vorübergehend ist, sondern wenn Bewußtseyn, Absicht und Berechnung deren Unterlage geworden sind, in die Gemüther der Verletzenden unabweislich der Haß einkehrt, allmählig von ihnen Besitz nimmt, gar nicht abgewiesen werden kann, am Ende zur ausschließlich bewegenden Kraft wird, daher das Verletzen fortdauert. Es ist, als treibe eine geheime Furcht, man könnte doch noch von dem Willen beschlichen werden, die zugefügte Verletzung zu würdigen, es möchte die Ahnung erwachen, der Angriff wäre zu rasch erfolgt, allzugroße Bitterkeit eingetreten, zu wenig überlegt worden, wie weit die eigene Befugniß gehe. Hiegegen giebt es kein anderes Berwahrungsmittel, als die Verletzung fortzusetzen, sie, wo möglich, zu steigern, und hiemit sich selbst eine Rechtmässigkeit und eine Gedeihlichkeit solchen Verfahrens anzulügen. Beweise, daß eine innere Nothwendigkeit[246] auf diesen Weg stoße, ließen aus dem Getriebe kirchlicher, politischer und persönlicher Erfahrungen zu Genüge sich sammeln; sie alle wären nur Belege zu den uralten Wahrheiten, daß Unrecht Unrecht, oder Lüge Lüge gebäre; wobei die Behandlung der Geschichte seit drei Jahrhunderten den fortlausenden Commentar böte. Damit es an Bekräftigung nicht mangle, steht, diesem zur Seite laufend, die Wahrnehmung, daß insgemein der Verletzte oder Beleidigte dieses Hasses, wie sehr man auch desselben ihn berechtigt meinen möchte, frei sich halte, mit demselben, als mit der unveräußerlichen Eigenschaft der Verletzenden, nicht sich gemein lassen könne, wobei diese der nothgedrungenen Abwehr oder dem festen Auftreten für die Wahrheit nur diejenigen Beweggründe unterlegen können, unter deren Einfluß sie selbst stehen. »Wir wollen auch für die Irrglaubenden und Abgetrennten bitten, daß Gott sie allem Irrthum entreisse, und sie zu der ?heiligen Mutter?, der katholischen apostolischen Kirche, gnädiglich zurückführe. ? Allmächtiger, ewiger Gott, der du Alle zum Heil leitest und nicht willst, daß Jemand umkomme, blicke auf die durch des Teufels Tücke berückten Seelen, daß die ?Herzen der Irrenden? unter Ablegung alles ketzerischen Argsinnes zur Erkenntniß gelangen und zur Einigung in der Wahrheit zurückkehren; durch unsern Herrn Jesum Christum.« ? So betet seit jener »finstern Zeit« bis in die gegenwärtige die katholische Kirche, einstimmig, in ihren Gliedern insgesammt, am Tage der Welterlösung für diejenigen Alle, welche zwar den Namen Christen sich beilegen, aber von ihr, der durch das verklärte Haupt gesetzten, getrennt sind. Wo ist nun, ich will gar nicht sagen die Wahrheit der Lehre, sondern die Anmuth der Praxis ? da, wo man für diejenigen, die sich getrennt haben, betet, oder da, wo man diejenigen, von denen man sich getrennt hat, verunglimpft, verächtlich macht, verlästert; wo das, was sie glauben, was sie ehren, was ihnen Trost giebt, was auf dem Wege des Lebens ihnen zum Stab dient, bei jeder Veranlaßung auf die schmählichste Weise in den Koth hinuntergezogen[247] wird; wo man durch Entstellung, Verdrehung, offenbare Lügen Andere zu Boden jubeln möchte? Hiezu aber glaubt man sich verpflichtet und nicht allein berechtigt, sondern förmlich bevorrechtet. Wer dann für das Angegriffene als Vertheidiger auftritt, der ist nicht blos ein Finsterling, ein Lichthasser, ein Freiheitsfeind, ein Ultramontaner; nein, er ist ein Friedestörer, ein Aufhetzer, ein Förderer der Intoleranz. Wie? Wenn man einmal einen protestantischen Prediger in einer katholischen Kirche, einen katholischen Priester in einem protestantischen Bethause auftreten ließe, Jeden in der Absicht, an dem freuden Ort die Lehren seine Kirche ins Licht zu setzen? Der Protestant begönne nun mit dem Wesentlichen und Positioen, woran wenigstens die Stifter seiner Partei noch festgehalten haben. Er höbe demnach an mit des Menschen Abfall von Gott. Thut das der Katholik nicht ebenfalls? ? Er gienge über auf die Veranstaltung des Vaters zur Zurückführung der abgefallenen Kinder. Würde der Katholik dieses bei Seite lassen? ? Er spräche von der Menschwerdung des Eingebornen. Spricht der Katholik hievon mit minderer Entschiedenheit? ? Er lehrte die Einigung göttlicher und menschlicher Natur in Christo. Lehrt der Katholik sie nicht auch? ? Er verkündete, wie Christus gelehrt, gewirkt, gelitten habe. ? Verkündet der Katholik dieses Alles weniger ernst, klar, fest? ? Er versicherte dich, daß der Weltheiland für dich gestorben, auferstanden, gen Himmel gefahren seye? Versichert nicht der Katholik dich dessen Allen mit gleicher Ueberzeugung? ? Er gäbe dir Gewißheit, daß der zu der Herrlichkeit des Vaters Zurückgekehrte seinen Geist vom Himmel gesendet habe, auf daß derselbe mit seiner Kirche seye. Wäre hierin der Katholik weniger gewiß? ? Vielleicht sagte er dir auch, daß dein Glaube in guten Werken Früchte tragen müsse. Bei dem Katholiken darfst du versichert seyn, daß dieß nicht übergangen wird. ? Womit also tröstete, womit erleuchtete, wozu ermahnete dich der protestantische Prediger, womit der katholische Priester nicht ebenfalls dich tröstete, womit er nicht ebenfalls dich erleuchtete, wozu er nicht ebenfalls[248] dich ermahnete? Wo wäre also das reinere Licht, wo wäre der bessere Glaube, wo wäre also höherer Vorzug? In diesem Allem, in dem Gegebenen, von oben kund Gewordenen doch gewiß nicht, denn hierin stimmten Beide überein; und Katholik wie Protestant ? glaubt dieser anders wirklich an den Menschgewordenen ? mögen hiedurch belehrt, emporgehoben, gekräftigt, von dannen gehen. Noch kein Anpreisen des Gegensatzes ist laut geworden. Nun kommts bei dem Protestanten, aber in lauter Verneigungen. Wenn dieser das bisher Erwähnte nicht schon offen und rund oder unter allerlei Deuteleyen von der Hand gewiesen hat, so fährt er doch fort: wir danken dir, daß wir keiner obersten Autorität des Glaubens unterwerfen sind, sondern den Richter darüber in der eigenen Vernunft in uns tragen, daher blos annehmen mögen, was diese gut heißt. ? Wir danken dir, daß über das Verständniß der heiligen Schritt keine untrügliche Anweisung uns gegeben ist, sondern Jeder darin finden kann, was seinen Begriffen einleuchtet. ? Wir danken dir, daß uns nicht sieben, sondern blos zwei Sakramente, und diese mehr zu Erinnerungszeichen denn als Mittel der Heiligung gegeben sind. ? Wir danken dir, daß wir keine, in Glaube, Werk und Gnade Vollendeten als Fürbitter für uns vor deinem Thron anerkennen, und jede Gemeinschaft zwischen den dich Schauenden und den an dich Glaubenden von uns verworfen wird.? Wir danken dir, daß wir der Hoffnung, aus der zeitlichen Sündhaftigkeit durch einstige Läuterung zu der Vollkommenheit der Gerechtfertigten uns erheben zu können, entsagt haben. ? Wir danken dir, daß kein Abbruch an den leiblichen Bedürfnissen zu Bewährung unseres Gehorsames und zur Erinnerung an des Erlösers bitteres Leiden uns auferlegt ist. ? Wir danken dir, daß wir durch keinerlei Sinnbilder an den Gnadenschatz der himmlischen Wahrheit gemahnt werden. ? Wir danken dir, daß an uns nicht die Aufforderung zu Werken der Barmherzigkeit, als Früchten und Siegeln der Reue und Bekehrung, ergeht. ? Wir danken dir, daß wir keine andern[249] Mittel zu Erweckung und Erhebung in deinem Hause finden, als das nach Belieben vorgetragene, ausgelegte und angewendete Wort. ? Wir danken dir, daß der Tage, an denen wir dich lobpreisen und des durch deine Gnade uns dargebotenen Heils gedenken können, so viel weniger geworden sind. ? Wir danken dir, daß deine Heilsanstalt auf Erden keine besondern Obern mehr hat, sondern durchaus der weltlichen Gewalt unterworfen ist, u.s.w. Bei diesem Allem kann der Protestant es nicht ausweichen, angreifend gegen die katholische Kirche aufzutreten, weil in ihr dasjenige Alles sich findet, auf dessen Beseitigung er so großen Werth legt. Der katholische Priester dagen, um seine Kirche, ihre Lehren und Umgebungen empfehlend ins Licht zu stellen, darf weder angreifen noch ablehnen. Er hat blos nachzuweisen, wie der Glaube an eine Offenbarung auch die Einsetzung eines obersten Ansehens zu deren Erhaltung für das Heil des Menschen nothwendig bedinge; wie ohne dieses das Licht göttlicher Wahrheit erlöschen, in Zweifel und Widerspruch Alles auseinander fallen würde. ? Er hat einen zusagenden Stoff, wenn er den Einklang der sieben Sacramente mit der göttlichen Gnadenanstalt, mit der Bemühung Gottes um seine abgefallenen Kinder, mit dem Bedürfniß der menschlichen Seele hervorhebt.? Er braucht nur mit eindringlichem Wort darauf aufmerksam zu machen, wie tröstlich und wie erhebend der Glaube an eine geistige Verbindung der streitenden und der triumphirenden Kirche seye. ? Er entwickelt bos, wie in Allem, was die Kirche sowohl darbiete, als fordere, dankbar Gnadenmittel anzunehmen seyen, um die glaubensfreudige Seele zu bewahren, zu üben, zu stärken, der göttlichen Liebe zu versichern. ? Er zeigt nur, wie die Kirche, als die von dem Vater im Himmel auf Erden uns gegebene Mutter, alle Anlagen, alle Kräfte, alle Fähigkeiten, alle Bedürfnisse, so Aller insgesammt wie jedes Einzelnen, berücksichtige, pflege, durch einen unendlichen Reichthum von Mitteln ihnen entgegenkomme, zu dem einen Zweck: uns desto gewisser zu dem Vater zurückzuführen. ? Geht es[250] aber hinaus über dieses, in reicher Ernte prangende Feld, so mag es geschehen, um diejenigen zu beklagen, die von den blühenden Auen hinweg auf die Haiden ihrer in Selbstgenügsamkeit stolzen Vernunft sich gewendet haben. Dieß beiderseitige Verfahren liegt aber in der Natur der Sache. Der Irrthum ist seiner eigenen Lebensfristung wegen gezwungen, unablässig gegen die Wahrheit anzukämpfen, mit rauhen Waffen gegen sie aufzutreten, sie nicht blos zu verkleinern, sondern sie gänzlich abzuläugnen, und die Standpuncte zu verwechseln, also daß er sich an ihre Stelle, sie an die seinige setzt. Auch die Wahrheit darf, soll, muß allerdings gegen den Irrthum auftreten; aber es ist eine ganz andere Weise, die sie annimmt, es sind ganz andere Waffen, die sie führt; es sind jene der alten Heldensage, in welchen die verwundende mit der heilenden Kraft geeinigt ist. Die Wahrheit darf nicht zurückstossen, sondern sie muß anziehen; sie kann nicht einreissen, sondern sie muß aufbauen; sie darf nicht nehmen, sondern sie muß geben. Darum eifert sie weniger gegen den Frevelmuth des Wegwerfens, als daß sie auf das Bedürfniß des Behaltens und Annehmens hinweist; darum maßt sie sich nicht die Flammenrede des Richters an, sondern stimmt sie in den Klagelaut des Propheten ein; schreit sie weniger: »die Völker sind in dein Erbtheil gekommen, sie haben deinen heiligen Tempel geschändet,« als daß sie seufzet: »ich habe Kinder ernährt und erhöhet, sie aber haben mich verachtet,« sie gedenkt, daß es nur Gottes und seines Eingebornen seye, zu sagen: »wer nicht mit mir ist, der ist wider mich,« ihrer aber: »wer nicht wider uns ist, der ist für uns.« Ein armseliges Stoppelwerk, welches der Pfarrer Marcus Lutz von Läufelfingen im Jahr 1816 unter dem Titel: »Geschichte Helvetiens seit dem Frieden von Tilsit bis zur Beschworung des neues Bundes« hatte erscheinen lassen und dem ich[251] sein Recht anthun wollte, brachte mich in Verbindung mit der Jenaischen Literatur-Zeitung, in der ich viele Jahre durch die Schriften, welche die Schweiz betrafen, anzeigte. Es ist wahr, ich habe mir in diesen Anzeigen bei Gelegenheit manches, von gewöhnlicher Rede abweichende Wort über die Reformation erlaubt, aber blos im Interesse der geschichtlichen Wahrheit. Sie trieben es mir zu toll mit dem ewigen Geleyer von unmittelbarer Erleuchtung, von göttlicher Fügung, von lauter Gnade, von freyem Entschluß, von blos untadelhaften Mitteln; indeß sie nebenbei die Handlungen roher Gewalt, die Beihülfe von Schwertern und Bajonetten, die Bekämpfung, Verfolgung und Vertreibung derer Aller von Haus, Hof und Heimath, die nicht erleuchtet, die von jener Gnade nicht berührt wurden, die dem freyen Entschluß sich nicht fügen wollten, doch nicht verheimlichen konnten. Es war mir unerträglich, dieses unablässige Dudeln von Licht und Wahrheit, Wahrheit und Licht, gleich als ob zwölf Jahrhunderte durch Alles in stockdichter Finsterniß gesessen hätte und mit eitel Trug und Irrthum wäre gefüttert worden. Auch hier forderte die Geschichte ihr Recht. Ich meinte, man könnte mit der Thatsache und mit der Geltung, welche die neue Lehre durch den Verlauf von drei Jahrhunderten gewonnen, sich begnügen, ohne gerade, jedem klaren Auge zum Trotz, immerwährend noch das undankbare Geschäfte treiben zu wollen, schwarz in weiß und weiß in schwarz zu verkehren. Wenn der reformirte Pfarrer gegen denjenigen, der seiner Ehe wegen ihn tadeln wollte, sich auf Zwingli beruft, so steht er in seinem vollen Recht; wenn er aber weiter gehen und Zwingli's fleckenlosen Wandel behaupten will, so darf er sich nicht beklagen, wenn er zur Behutsamkeit gemahnt wird, dieweil die Ehe seines Gewährsmannes am 2. April 1524 geschlossen, von ihm selbst aber angemerkt worden ist, sein ältestes Mädchen seye ihm den 31. Juli gleichen Jahres ? also im vierten Monat nach geschlossener Ehe ? geboren worden. Mit Emphasen jener Art, und mit Umgehung der Wahrheit haben sie gar zu breit und zu unverschämt um sich geschlagen, eine Verpflichtung[252] aber, dieses so blindlings hinnehmen zu müssen, konnte ich nie anerkennen. Es gieng mir da wieder wie in der Jugend mit meinem Professor der Geschichte: die alltäglich aufgetischten Abgeschmacktheiten führten mich zu der Wahrheit und weckten zu gleich den Geist des Widerspruchs. Dieß Alles hatte Statt gefunden, war in mir vorgegangen, hatte, jetzt blos flüchtiger Wahrnehmung, dann ein anderes Mal wieder der Reflexion sich dargeboten, lange bevor ich zu Katholiken in nähere Beziehung kam, mit irgend einem Kloster befreundet war. Es ist ganz unnöthig, irgendwelchen andern Einflüssen auf meine Ueberzeugungen als Studien und stille Ueberlegung nachzuspüren. Gewiß wäre ich solcher bewußt, könnte ich sagen, das oder dieß hat der Menschen lebendiges Wort an mir bewirkt, ich wäre aufrichtig genug, es zu bekennen; da aber der Gang meiner Entwicklung in vollester Klarheit vor meinen Augen steht, muß ich alle derartigen Versuche mit der getreuesten Wahrheitsliebe von der Hand weisen. ? Auch für später eingegangene Verbindungen war blos die Geschichte Innocenzens des Drittens das verbindende Element. Obwohl an diesen, anscheinend unerheblichen Umstand im Verlauf der Zeit von selbst und völlig absichtslos Folgen sich knüpften, die wieder zu Ursachen, neuen Einwirkungen geworden sind. Denn, nachdem die zunächstliegenden Hülfsquellen für mein Geschichtswerk erschöpft waren, mußte ich mich noch um andere umsehen. Das führte mich zuerst in das naheliegende Rheinau, dessen Bibliothek mir unendlich Vieles verschaffte, was auf der unsrigen nicht zu finden war. Die Bereitwilligkeit, mir zu entsprechen, das Wohlwollen, womit die ganze Klosterbibliothek mir förmlich zur Verfügung gestellt wurde, die freundliche Aufnahme, die ich Jederzeit zu Rheinau fand, knüpfte ein angenehmes Verhältniß, welches immer mehr und mehr sich festigte und meine dankbare Gesinnung gegen den Hochwürdigsten Herrn Präläten und sämmtliche Herrn Conventualen nie wird erlöschen lassen. Aus gleicher Veranlassung trat etwas später ein ähnliches Verhältniß zu dem Kloster Muri ein. Wie dann[253] durch die Zeitereignisse dieses auch auf einige andere Klöster ausgedehnt ward, mag wohl später berührt werden. Treulich wahrnehmend der Obliegenheiten meines Amtes, freudig manch andern Geschäften mich unterziehend, in angedeutetem Sinne unter der Geistlichkeit wachend und wirkend, für Wahrung der Rechte, für Förderung der Wohlfahrt, für Verfechtung der Ehre meiner Vaterstadt zu Allem immerdar bereitstehend, mit dem Rest meiner Zeit, bei sparsamer gesellschaftlicher Verbindung, für mein Geschichtswerk geizend und hierin die wahre Erholung findend, sah ich die Revolution des Jahres 1831 herannahen. Sie hat bedeutende Folgen für mein äusseres Leben gehabt, bedeutendere für mein inneres. Dieses, durch Festigung in meinen Principien, durch Entschiedenheit, von diesen nichts abdingen zu lassen, durch erhöhten Muth, ihrer Unwandelbarkeit Alles unterzuordnen, durch reiche Erfahrungen über der Menschen wankelmüthige Art und Weise, jetzt aber, nachdem dreizehn Jahre darüber hingegangen sind, in Vergleichung, wie so Manche, alles Halts ermangelnd, von dem damals eingenommenen Standpunct allmählig sich haben hinwegspülen lassen, in Mißtrauen über deren Werth. Während diese Revolution sich bildete, entfaltete, gefördert, gepflegt, hierauf mit Bitterkeit gegen Zweifelnde vertheidigt, endlich als glückspendender Hort und segenbringender Normalzustand angepriesen wurde, habe ich ihr frisch ins Angesicht geschaut, die Lanze überall gegen sie eingelegt, so vieles Unehrenhaste, was derselben sich anhängte, stets nach Verdienen gewürdigt, und unter dem betäubenden Gerede von vermehrter Freiheit für mich diejenige in Anspruch genommen, frei gegen sie selbst mich zu erklären; wiewohl ich bald inne ward, daß, wenn Alles, so doch dieses nicht ertragen werde. Sobald sie dann sich festgesetzt hatte, schrieb ich aus frischer Fülle des Erfahrenen: »Wahrnehmungen, Notizen, Fragmente« darüber[254] nieder, wozu ich aus Boetius das Motto wählte, von dem ich heute, den 15. August 1844, nach einem Rückblick über 13 Jahre, erkenne, daß es an Gültigkeit noch nichts verloren habe: Quod via præcipiti Certum deserit ordinem, Lætos non habet exitus. Es kann nicht meine Aufgabe seyn; über den Gang, das Erstarken und die Folgen dieser Revolution umständlichen Bericht zu erstatten. Solches würde für diese Schrift sich nicht eignen; auch wäre ich genöthigt, manche Vorgänge zu berühren, über die besser ein Schleyer geworfen wird, manche Aeusserungen anzuführen, worüber die Betreffenden selbst erstaunen müßten. Ich darf mich blos auf dasjenige beschränken was wesentliche Folgen für mich herbeigeführt hat, und höchstens berühren, welche Stellung zu derselben ich der Geistlichkeit anzuweisen bemüht war. In den letzten Tagen 1830 wurden durch Aussendlinge aus andern Cantonen und durch Helfershelfer des eigenen die meisten Ländgemeinden aufgewiegelt. Etwelchen materiellen Wünschen fügten sich die principiellen an. Von der Menge zwar nicht verstanden, wurden sie ihr dennoch als durchaus gerechte und preiswürdige Begehren angegeben. Die Rathsglieder von der Landschaft hatten aber bisdahin immer versichert, es walte überall die beste Gesinnung ob, nirgens glimme ein Funke, wäre je Solches zu bemerken, so würden sie alsbald zum Löschen aufmahnen. Gegen dergleichen Zusicherungen erhob sich nicht der mindeste Zweifel. Ob auch Symptome, die solchen gerechtfertigt hätten, hin und wieder sich bemerklich machten, die Behörden blieben unthätig und ließen den geheimen Agenten freyen Spielraum. Aber bald darauf, schon in der ersten Rathssitzung des Jahres 1831, erklärten eben Jene, welche kurz zuvor so beruhigende Zusagen gegeben hatten: es brenne lichterloh an allen Ecken, schwerlich werde man des Feuers Meister werden. Durchgehends[255] verlange das Volk eine Verfassungsänderung, einen Verfassungsrath, wie in andern Cantonen, Trennung von Stadtund Staatsgut; wenn man in dieses Alles nicht bald einwillige, so könne man für keine Folgen einstehen. Nun fand sich in dem Canton Schaffhausen das Eigenthümliche, daß alle vier Jahre neue Wahlen statt fanden, und gleich nach denselben Obrigkeit und Volk in den Kirchen einen Eid schwuren: die Verfassung für weitere vier Jahre unverbrüchlich anzuerkennen. Dieß war am Pfingstmontage vorher geschehen. Ich hatte bei dieser Gelegenheit eine Predigt gehalten3, welcher man von allen Seiten nicht Lobes genug zu spenden wußte, ungeachtet sie der Obrigkeit eine ganz andere Stellung anwies, als die Revolutionstheorie derselben einräumt. Jene, durch die Rathsglieder der Landschaft gegebene Erklärung hatte dem Rath die Maßregel abgetrotzt, sämmtliche Zünfte zu Stadt und Land auf den 11. Januar zu Eingabe ihrer Wünsche zu versammeln. Diejenigen der Stadt sprachen einmüthig den Entschluß aus: »da man durch den erst vor sieben Monaten geleisteten Eid sich an die Verfassung gebunden achten müsse, seye man zu Aenderungen an derselben nicht befugt; am Ende müßte man eher der Gewalt weichen, als nachgeben.« Es war dieß der letzte Hauch ehevoriger Gesinnung, des Bewußtseyns, was man gewesen, des Gefühls, überlieferte Rechte wahren zu müssen, der Erinnerung, zu den wichtigsten Dingen den Impuls zu geben, nicht zu empfangen. An diesem Tage hatte noch Niemand den Muth, die Initiative zu ergreifen, um auch in der Stadt die Neigung auf dem Eidbruch zu lenken. ? Die Zünfte auf dem Land hatten lange nicht alle gelehrig sich erwiesen; nur die Mehrzahl gab Begehren um Verfassungsumsturz ein. Aber nach wenigen Tagen verlauteten schon einzelne Stimmen in der Stadt: mit dem Eid seye es so eine Sache; sobald[256] die Mehrheit denselben nicht mehr zu halten geneigt seye, könne er nicht mehr binden; eben diejenigen, welche ihn geschworen, könnten ihn auch wieder lösen, und sobald schlimme Folgen zu verhüten wären, müsse man es nicht so genau nehmen; am Ende seye der Eid doch nur eine Formalität, und man könne es nicht Eidbruch nennen, wenn man den Umständen nachgebe. Man wußte nicht recht, woher diese Stimmten kamen; aber ihr plötzliches Auftauchen, ihr gleichartiger Laut, das Bemühen, welches man sich gab, sie da und dort vernehmen zu lassen, ihnen Beifall zu verschaffen, berechtigt zu der Vermuthung, sie hätten einen gemeinsamen verborgenen Ursprung gehabt. Doch scheint nicht, daß sie schon große Wirksamkeit gefunden hätten. ? Ein Individuum, welches bald nachher in enge Freundschaft mit der Revolution trat, kam in jenen Tagen der öffentlichen Unentschiedenheit zu mir unter dem Vorwand, über Gewissensscrupel in Betreff des Eides und die Frage: in wie weit derselbe bindend seye, Belehrung zu suchen. Ich zweifle aber, daß der Betreffende über meine Auskunft befriedigt werde von dannen gegangen seyn. Ich erklärte vor meinen Zunftgenossen, und sodann bei jeder andern Gelegenheit: wenn die Verfassung auf dem Lande nicht mehr möge gehalten werden, so seye das Einfachste, daß die Stadt erkläre: wir wollen dieselbe bewahren; wir anerkennen kein Bedürfniß, eine neue zu machen. Gelüstet euch auf dem Lande nach einer solchen, so verfertigt dieselbe, leget sie uns dann vor, damit wir sehen, ob sie uns gefallen könne. ? Später gieng ich noch weiter, und brachte Trennung der Stadt von dem Lande zur Sprache. Ich bewies augenfällig aus der eigenthümlichen geographischen Gestaltung des Cantons, daß dieser, geschieden von der Stadt, schon über Aufstellung eines Hauptortes sich nicht würde verständigen können, indem von den Gemeinden, die etwa hiezu sich aufwerfen könnten, keine der andern diesen Vorzug gönnen würde, überdem jede, der derselbe zufallen könnte, von den übrigen zu weit entlegen wäre. Auch würden zuverlässig die kleinern Gemeinden[257] lieber unter der Stadt als unter einer größern Landgemeinde stehen, daher eine um die andere bald zurückkommen und selbst um Wiedervereinigung mit dieser bitten, wobei es dann ganz bei ihr stünde, die Bedingungen aufzustellen. Wenn aber auch dieß, so wahrscheinlich es wäre, nicht geschehen sollte, so möge man sich erinnern, daß die Stadt lange Zeit frei, geehrt, glücklich gewesen seye, bevor sie ausserhalb ihres Weichbildes auch nur einen Fuß breit Landes als Oberherrin beseßen habe. ? Mehrere äusserten sich: »Dieses wäre zwar der letzte, jedoch einzig ehrenhafte Ausweg.« Noch wurde einige Tage durch eifrig gerathen, viel vorgeschlagen, weniger, um die Verfassung zu retten, als um dem Uebergang zu Beseitigung des in frischem Andenken stehenden Eides das Allzugrelle zu benehmen. Denn im Grunde gehörten Verschiedene der Einflußreichsten jenen Theoretikern an, welche schon im Jahr 1826 unter der Benennung »der guten Sache« eine Revolution auf gesetzlichem Wege hatten zu Stande bringen wollen. Sie schienen es nicht ungerne zu sehen, wenn das, was vor fünf Jahren mißglückte, nun durch das Land durchgesetzt würde. Es geht häufig so bei Revolutionen: man meint ein kleines Feuerchen anzünden zu können, was Niemand belästigen werde, um welches man wohl in gewähltem Kreise behaglich sich lagern, vertraulich sich besprechen und gemüthlich sich wärmen könne. Das mag dann so eine Zeitlang gehen. Aber draussen stehen noch Andere, welche über dem Zuschauen, wie es sich da so sein und fidel sitzen lasse, ebenfalls Lust zu einem Plätzchen anwandelt, und die dann denken, wenn auch sie Holz herbeitrügen und sorgten, daß das Feuer recht hell und lustig praßle, ein Recht zum Sitzen sich zu erwerben. Und da treibt es denen, die sich zuerst gesetzt haben, wider ihren Willen den Rauch und Glast ins Gesicht und müssen sie von dannen rücken, worauf bei erweitertem Kreise die Andern ebenfalls sich setzen, jene Fürsorglichen allmählig verdrängen, und nun erst die tolle Wirthschaft recht anfängt. Unter den Bürgern waltete ebenfalls keine Einstimmigkeit,[258] nicht mehr jene entschiedene Gesinnung, welche sie noch im Jahr 1814 vereingt hatte. Ein Zunftgenosse erzählte in Gegene wart anderer: bloß zwei Tage nach jener Versammlung vom 11. Januar hätten ihm zwei Männer aus einer Landgemeinde genau widerholen können, mit welchen Ausdrücken und in welchen Gesinnungen ich mich in derselben geäussert hätte. Die Zwischenzeit war schon benützt worden, um Einzelne über das Unvermeidliche der Verfassungsänderung zu belehren, für diese zu gewinnen; besonders war dieses an Solchen wahrzunehmen, welche etwa einen obrigkeitlichen Dienst bekleideten. Auch erklärte später ein seither verstorbener Rathsherr vom Lande mehrmals: man müße die ersten Triebfedern alles Vorgefallenen nicht, wie wohl geschehe, auf dem Lande, sondern in der Stadt suchen. Es werde wohl noch eine Zeit kommen, wo er dieß offenbar machen könne. Bei solchen Anzeichen war es nicht schwer, den Ausgang vorher zu sehen. Am 27. Januar wurde durch den großen Rath beschlossen, der Revolution die Herrschaft einzuräumen. In einer Proclamation maßte er sich zu guter Letzt noch die Schlüsselgewalt an, indem darin der lächerliche Ausdruck vorkommt: »derselbe behalte sich vor, die Bürger seiner Zeit ihres Eides zu entlasten.« ? Ich dagegen erklärte in meinem Schreiben, worin ich mich über das Wesen und die wahrscheinlichen Folgen der Revolution (die aber meine damaligen Befürchtungen weit überflügelt haben) sehr stark und freimüthig ausdrückte4, meinen Rücktritt aus mehrern Behörden, deren Mitglied ich bisdahin gewesen war. Ernstliche Versuche, mich zu Zurücknahme des Schreibens zu bewegen, unter dem Vorwand, es würde dadurch Andern ein schlimmes Spiel bereitet, sie würden in den Schatten gestellt, u.s.w., waren vergeblich. Ebenso entschieden erklärte ich mich in Privatgesprächen dagegen, daß Jemand aus der Stadt fortan eine Stelle annehmen sollte. Man möge die[259] Revolutionäre ihre Verfassung fabriciren und appliciren lassen; gewiß würden dem Volk die Augen geöffnet werden. »Aber, fügte ich hinzu, man müßte Kraft und Muth besitzen, irgend etwas Schweres für eine Zeitlang ertragen zu können« Der Verfassungsrath war decretirt, er müßte daher gewählt werden. Ich begab mich an dem bestimmen Tag in die Zunftversammlung, jedoch bloß um zu erklären: ich hegte über die ganze Angelegenheit noch die gleiche Meinung wie vorher; der Eid seye gebrochen; man sollte von Seite der Zunft zeigen, daß man mit Eidbruch sich nicht wolle gemein machen, daher nicht wählen; die Sache würde dennoch ihren Fortgang haben, und es stünde dann doch eine Zunft unbetheiligt und einzig von der Gewalt hingerissen da. ? Ich wußte wohl, daß Niemand mir beipflichten würde, denn das Wählen ist für die Menge eine zu verführerische Sache. Mir war es nur darum zu thun, meine Meinung nochmals auszusprechen. Als hierauf die Wahlzeddel herumgeboten wurden, erklärte ich: ich brauchte keinen, indem ich nicht wähle. Das war nun gewiß, daß die erste Folge der Revolution eine Ausscheidung des sogenannten Staatsguts von dem Stadtgut seyn werde. Dafür hatte in Folge der Mediationsacte eine sogenannte Dotations-Urkunde für die Stadt Bestimmungen getroffen, die in beiderseitigem Interesse seitdem stets unvollzogen blieben. Noch bevor der Verfassungsrath gewählt war, begann ich, die Urkunde in ihrer historischen und rechtlichen Blöße zu enthüllen und darzuthun, daß, um jene Ausscheidung zu bewerkstelligen, es keinen andern Pfad gebe, als urkundlich zu erforschen, was die Stadt auf privatrechtlichem Wege erworben und was sie blos kraft ihrer Souveränetät gewonnen habe. Jenes sey ihr wahres, unbestrittenes Eigenthum, über das Letztere möge die Theilung ergehen. Ich wußte wohl, daß es hienach nichts zu theilen gegeben hätte. Die Schrift war zum Druck bestimmt, aber die Weise, wie der Verfassungsrath bestellt wurde, bewog mich, die Feder einstweilen niederzulegen. Im Gegensatz gegen alle durch die Revolution principiell[260] geborene und in dieselbe verwachsene Praxis, Rath und Gericht auf den öffentlichen Markt zu verlegen, und, zumal über Bestreben und Wille, alle Einrichtungen mit genugsamer »Volksthümlichkeit« zu durchziehen, die Vorüberwandelnden urtheilen zu lassen, wurde in Schaffhausen das Verfassungsmachen mit der größten Heimlichkeit betrieben; man ließ sowohl über den Fortgang als über die Stipulationen der Arbeit nur selten eine vereinzelte Aeusserung durchschlüpfen. Es schien, als freute man sich inniglich des glücklichen Zufalles, der die Revolution als jungen Baren in das Haus geworfen habe, indem Hoffnung zu hegen seye, daß er zu verschiedenartiger Brauchbarkeit sich würde zähmen und abrichten lassen, um, abwechselnd, gelehrig die Hand zu lecken, zum Zeitvertreib in allerlei possirlichen Künsten herumzutölpeln, dann aber auf Wink und Pfiff Tatzen und Zähne Jedem zu zeigen, den man von dem Gehäge ferne halten möchte. Wirklich erwies sich die Bestie damals noch sehr fügsam; es däuchte sie kurzweilig, im Schlafgemach en famille gestreichelt zu werden, knurrte dabei ganz freundlich und schmiegte sich mit voller Körperlänge an den Boden. Es lüstete sie gar nicht hinaus an die rauhe Märzenluft, in das Schneegestöber, zum Tageslicht; wohler und behaglicher fühlte sie sich in ihrer unzugänglichen Zurückgezogenheit. Sollte sie gar von jenem alten Sprüchlein gehört haben: bene vixit, qui bene latuit! Verborgen wenigstens, streng verborgen, ward Alles abgemacht. Denn noch während die Arbeit ihrer Beendigung sehr nahe stand, beantwortete ein Mitglied des Verfassungsrathes dem Präsidenten Hurter die Frage über deren Vorrücken: »man schreite absichtlich nur langsam vorwärts, die Sache lasse sich leicht bis in den September hinaus verziehen; Zögerung liege wesentlich im Interesse der Stadt, weil bis zum September Manches sich entwickeln werde.« Sobald die Revolution mit wallendem Banner und rauschender Fanfare dahergezogen kam, hatte die Frage, welcherlei cantonale Einrichtungen möchten getroffen werden, für mich nur sehr untergeordneten, den gewichtigsten Werth hingegen diejenige:[261] ob Etwas und wie Viel von den Freiheiten und den Rechten der Stadt sich retten laße? Unerfahren, daß bei Revolutionen die Worte Princip und System herumschwirren wie die Maykäfer an lauem Frühlingsabend, die Sache aber nur dann festgehalten werde, wenn es eben den Pflegern der Bewegung zuträglich scheine, vertraute ich fest, man werde in Beziehung auf innere Organisation der Stadt die freyeste Hand lassen. Es war unmittelbar nach dem 27. Januar ein gedruktes Flugblatt erschienen, welches die Ueberzeugung aussprach, daß diese innere Organisation ausschließlich in der Befugniß der Bürgerschaft liege, daher ganz freithätig durch sie müße (nicht Concession, sondern Postulat) begründet werden, woran Winke geknüpft waren, denen kein Wohlgesinnter seinen Beifall versagen konnte. Das Blatt stimmte mit meinen Ueberzeugungen auf's vollkommenste überein. Wie erstaunt war ich daher nicht, als es gegen Ende Aprils (ganz im Widerspruch mit jener wenige Tage vorher ertheilten Auskunft wegen Convenienz in Zögerung) hieß: die Verfassungsarbeiten stünden ihrer Beendigung nahe, ihr Schluß berühre die innere Organisation der Stadt in einer Weise, daß alle weitern Einrichtungen dem künftigen Gesetz überlassen würden? Das hieß nichts Anderes, als durch Annahme und Einführung der Verfassung den Gesammtkörper der Bürgerschaft zum voraus binden, daß er nachher willenlos alle Verfügungen über sich müße ergehen lassen; diese Verfügungen aber von Behörden abhängig machen, die der Mehrzahl nach nicht aus Bürgern der Stadt bestehen sollten. Ja in erster Beziehung schon wurde hiedurch die ganze Zukunft der Stadt von dem Ergebniß der Abstimmung über die Verfassung auf dem Lande abhängig gemacht. So gleichgültig alle andern Bestimmungen des Verfassungsentwurfs mir waren, so sehr empörte mich diese. Ich sah darin die bevorstehende Zertrümmerung der Rechte, und zwar nicht blos der erworbenen, sondern selbst der natürlichen Rechte, dann der Freiheit, der auch nur bedingtesten Selbstständigkeit, ja sogar der Ehre der immer noch über alles geliebten[262] Vaterstadt. Sie schien mir hiedurch dem Gutfinden ihrer ehemaligen Unterthanen willenlos unterworfen, auf die unverantwortlichste Weise darniedergedrückt. Diese zufällige Entdeckung wurde unverzüglich den beiden ersten Vorstehern meiner Zunft bekannt gemacht, welche von jenem sehr geheim gehaltenen Entwurf noch nicht das Mindeste wußten, meine Entrüstung aber theilten, und die Sache theils zur Oeffentlichkeit zu bringen, theils auf erlaubtem Wege ihr entgegenzuwirken verhießen Der eine derselben, der Präsident Hurter, suchte auch wirklich auf das Nachtheilige und Kränkende einer solchen Bestimmung aufmerksam zu machen. Am 3. May Nachmittags (ich kann noch genau den Ort, die Viertelstunde und die Person bezeichnen) beschwerte er sich darüber in einer Privatunterredung bei dem angesehensten Mitglied des Verfassungsrathes vom Lande, und erhielt die Antwort: »ihnen vom Lande wäre es gleichgültig gewesen, welche Einrichtungen die Stadt getroffen hätte, daher nie zu Sinn gekommen, hierüber Etwas in die Verfassung zu bringen; weil es ihnen aber durch Collegen aus der Stadt angeboten worden, hätten sie es auch nicht ausgeschlagen. Jetzt, da er höre, daß dieses Unfrieden bringen könne, werde er zu Beseitigung der betreffenden Stellen des Entwurfes gerne Hand bieten.« Einigen Erfolg hatten diese Einwendungen, aber gerade nur so viel, als zu Verhütung des Scheiterns des Verfassungswerkes für unerläßlich erachtet ward; zu redlicher Anerkennung der Stadt konnte der Revolutionsschwindel sich nicht herablassen. Es wurde nun der 20. May als Tag der Abstimmung festgesetzt. Zuvor gieng das ziemlich glaubwürdige Gerücht, daß in den beiden volksreichsten Gemeinden des Cantons große Unzufriedenheit mit dem Entwurf herrsche, weil das Repräsentations Verhältniß des Landes nicht gehörig gewahrt, der Stadt zu viel eingeräumt worden seye. An dem einen Ort wurde wirklich eine Anzahl Exemplare des Entwurfes verbrannt, und den Mitgliedern des Verfassungs-Rathes geradezu vorgeworfen sie hätten das Land an die Stadt verrathen, Die Vermuthung,[263] das Project würde verworfen werden, gewann immer größern Boden. Indeß schien der Weg der Ruhe und Legalität einigen Unruhestiftern ein zu weitwendiger, daher allzulangsamer; sie rotteten die Einwohner von ein paar Gemeinden zu einem bewaffneten Zuge gegen die Stadt zusammen, nöthigten die an dem Wege lagen, ihnen sich anzuschliessen, und erschienen am 16. May Abends vor den Thoren, welche nicht der rathlos gewordene Rath, sondern auf eigene Faust und einzig in seiner Eigenschaft als Bürger der Obristlieutenant Bernhard Zündel schließen ließ und bei seinen Mitbürgern zu Bewachung und nöthigen Falls Vertheidigung der Stadt alle Bereitwilligkeit fand. Der Sturm gieng ohne Folgen vorüber. Man rief eidgenössische Commissarien herbei, deren der Eine seinen Pact mit der Revolution bereits geschlossen, der Andere im Canton Basel bewiesen hatte, daß kein Volksaufstand von ihm Etwas zu befahren habe. Sie fertigten denselben in einer Proclamation mit dem merkwürdigen Prädikat einer »augenblicklichen Verirrung« ab. Die schmachvolle Buhlerei mit jeder, dem Recht Hohn sprechenden Verworfenheit hatte zu jener Zeit das Wort »Transaction« noch nicht erfunden, wiewohl die Gesinnung bereits auf breiter Bahn diesem Ziel entgegen steuerte. Merkwürdig aber blieb es immerhin, daß alle erwähnten Ausbrüche der in die Revolution gesetzten Masse unberücksichtigt blieben, und von denjenigen, welche dieselbe zähmen zu können sich vermessen, die Verwerfung ihres Projectes ausschließlich mir zur Last gelegt wurde; und zwar mit all der Bitterkeit, in welcher die anfänglichen Pathen der Umwälzung von den gefirmten Radikalen der Gegenwart kaum konnten übertroffen werden. Der kurze Lauf der Zeit hat mir aber die trostlose Genugthuung verschafft, daß die sanguinischen Hoffnungen der damaligen Gönner der Revolution schon längst zerronnen sind, wogegen meine Befürchtungen sowohl in ungleich weiterer Ausdehnung als auch ungleich tiefer greifend sich verwirklicht haben; bei welcher nicht mehr abzuweisenden Erfahrung mir einzig das heitere Gefühl[264] bleibt, mit der siechen Metze niemals weder gebuhlt, noch mit ihr mich befleckt zu haben, während Andere blos durch den Eckel vor ihrer steigenden Geilheit allmählig zurückgetrieben wurden. Nach jenem Sturm von außen war derselbe in das Innere sowohl der ephemeren als der aushauchenden Behörden gefahren: amt 19. May Proclamation der Commissarien; am 20. Prüfung des Verfassungsentwurfes in deren Beiseyn, mit dem Kehrreim: und siehe da, es war Alles sehr gut; am 21. Einberufung des bereits im Todesröcheln liegenden kleinen Rathes, um dessen Mitglieder zu Anpreisung des Werkes zu instruiren, so daß mir eines derselben nachher sagte: »es seye ihm gewesen, als säße er in einer Schule, in der man sich bemüht hätte, die Lection kräftig einzulehren;« am 22. Pfingstfest; amt 23. Abstimmungstag. Man findet oftmals bei ruhmreichen oder bei schmachvollen, bei preiswürdigen oder bei verwerflichen, bei heilbringenden oder bei unheilbringenden Ereignissen eine wundersame und geheimnißvolle Bedeutung in der Wahl oder in dem zufälligen Zusammentreffen der Tage, worin im einen Fall eine glänzende und erhebende Erinnerung, im andern Fall entweder ein furchtbares Gericht oder eine schneidende Ironie liegt. Derartiges lag in der Wahl des Tages zu jener Abstimmung; ? es war Pfingstmontag, der Tag, in welchem Jahrhunderte durch die Bürgerschaft in dem höchsten Glanze ihres öffentlichen Lebens aufgetreten, der Tag, an welchem das Jahr zuvor auf die nun leichtfertig geopferte Verfassung der Eid geleistet worden war; leichtfertig, nicht in Beziehung auf die lichtlose und erfolgreich eingesetzte Masse, sondern in Beziehung auf diejenigen, welche so willfährig Hand boten und in ihrer Mattherzigkeit zu bereitwilligem »Entlasten« von dem Eid so vollberechtigt sich glaubten. Daß an dem, am 21. May versammelten kleinen Rath die Bemerkung abglitt: wie übel (im Rückblick sowohl auf die Vergangenheit, als auf den Eidschwur des vorigen Jahres) zu Annahme der Verfassung der Pfingstmontag gewählt[265] seye, darf nicht in Staunen setzen; den Einen fehlte der Sinn, Solches zu würdigen; die Andern waren durch die Vorgänge vom 16. so eingeschüchtert, daß sie nicht schnell genug noch zu dem Rettungsanker der Verfassungsannahme greifen zu können glaubten; über Alle zerbreitete die Bemerkung, daß auf Dienstag und Mittwoch der Jahrmarkt falle, welcher solche Versammlungen nicht gestatten würde, die gewünschte und so anthulich betriebene Erleuchtung. Dieß alles wurde am Vorabend vor dem Pfingstfeste betrieben. Am Morgen desselben begegnete ich auf dem Wege zur Kirche dem Helfer Hurter. Ich erklärte ihm offen: wenn ich am vorigen Tage zu gehöriger Zeit erfahren hätte, daß am Tage nach Empfang des heiligen Abendmales der Eidbruch sanctionirt werden sollte, und nur mit einigem Vertrauen von der Geistlichkeit hätte dürfen erwartet werden, daß sie den Muth besäße, ihre Pflicht zu begreifen, ihre Stellung zu würdigen, so würde ich auf schleunige Einberufung derselben gedrungen und den Antrag gestellt haben: die Feier des Abendmals im Hinblick auf den kommenden Tag in keiner einzigen Kirche des Kantons zu begehen. ? Ich bin mir noch jetzt ganz klar bewußt, daß in dieses Vorhaben, an dessen Beantragung einzig der Mangel an Zeit mich hinderte, von politischer Gesinnung durchaus nichts sich mischte, sondern daß dasselbe blos durch die reinste religiöse Ueberzeugung angeregt ward. Ich dachte mir die Sache so: Wie schon im alten Testament, sodann durch die christliche Kirche aller Zeiten herab der Vorabend großer Unternehmungen in besonderer Hinwendung zu Gott seye zugebracht worden, so sollte der Vorabend einer angeordneten augenfälligen Ungebür (ich brauche das unverfänglichste Wort) durch Enthaltung von derjenigen Feyer begangen werden, welche dem Christen die innigste Gemeinschaft mit Gott vor Augen bildet. Dieß wäre zwar gewissermaßen ein über das Land gelegtes Interdict gewesen: aber an der Befugniß, ja Pflicht der Geistlichkeit, unter solchen Umständen ein solches eintreten zu lassen, habe ich niemals gezweifelt.[266] Daran aber durfte ich mit Recht zweifeln, ob meine Ueberzeugung von dieser nur würde verstanden, begriffen, oder gar unterstützt worden seyn; denn noch heutiges Tages sehe ich die langen und verblüfften Gesichter vor mir, wel che die nachherige bloße Mittheilung dieses Gedankens bei Einigen zu Stande brachte; sie kamen mir vor wie Chinesen, die sich durch spanische Flüche angefahren sehen. Auch diese würden wohl Etwas hören, könnten aber von dem Gehörten nicht das Geringste begreifen. Bei dem Eintritt in die Kirche diente es mir eigentlich zum Trost, nur eine kleine Versammlung und unter dieser auffallend wenig Männer zu erblicken. Die Predigt war, wie immer, ganz der Feyer des Tages angemessen; nur am Schluße erlaubte ich mir, mit sichtbarer innerer Bewegung beizufügen: »Wer sich heute zum Empfang des heil. Abendmals gestimmt fühle, möge es thun.« ? Als am Ende der Brodaustheilung, gemäß der Uebung, der Meßner und ich dasselbe nehmen sollten, gab ich es bloß jenem und gieng davon. ? Geistlichen, denen dieses nachher nicht einleuchten mochte, bemerkte ich: »ich wolle zwar Keinen verurtheilen, dulde aber auch keinen Tadel in Bezug auf die eigene Handelnsweise. Es gebe Fälle, in denen nicht blos der Einzelne, sondern ganz Israel sündige, deßhalb das Heiligthum dem ganzen Volke unzugänglich seyn sollte, auch denjenigen, welche für ihre Personen die Sünde weder begehen noch ablehnen könnten, wie in dem vorliegenden Fall die Weiber.« Da ich wußte, daß in der Zunftversammlung am Pfingstmontage Beobachter aufgestellt waren, welche meine Aeusserungen alsbald hinterbringen sollten, berührte ich weder den Werth noch Unwerth des Verfassungsentwurfes, obwohl es an Bemerkungen über den bereits wahrnehmbaren Fortschritt der Freiheit darin, daß jetzt nur über das Ganze in eloho ein Ja oder ein Nein ausgesprochen werden sollte, während im Jahr 1814 und im Jahr 1825 jede einzelne Bestimmung geprüft und erörtert werden durfte, nicht gefehlt hätte. Ebenso[267] hütete ich mich, über Annahme oder Verwerfung der neu eröffneten Glückseligkeitsquelle einen Wink zu geben, konnte mich aber nicht enthalten, die Unschicklichkeit der Auswahl dieses Tages hervorzuheben, hierauf von dem Recht der Bürgerschaft zu sprechen, ihre künftigen Einrichtungen durch eigene Bevollmächtigte entwerfen zu lassen. Das Resultat der Abstimmung auf meiner Zunft war: etlichundzwanzig Annehmende gegen 57 Verwerfende; im ganzen Canton hatten diese um einige Hundert das Uebergewicht. Nun war viel Jammerns; man sprach von einer öffentlichen Calamität, legte die Verwerfung der Verfassung geradezu mir zur Last, suchte Aeusserungen, die ich in Schrift oder Rede gethan, auf die empörendste Weise zu verdrehen oder zu entstellen, und sämmtliche, Jedermann bekannte Thatsachen zu diesem Ende zu ignoriren. Auf meine Ueberzeugungen konnte dergleichen nie den mindesten Ein fluß gewinnen, auf meine Handelnsweise ebensowenig, da ich, ob Grundsätze und was aus denselben nothwendig hervorgehen muß, zu vertheidigen oder zu bekämpfen waren, stets offen zu Werke gieng, mir immer gleich blieb, dabei persönliche Zwecke niemals kannte, auch solche nicht haben konnte. Wie nachgiebig in allen untergeordneten Fragen, wie leicht durch Gründe, Bemerkungen und Vorstellungen ich zu gewinnen, wie geneigt ich bin, Erörterungen, sobald Eifer und Bitterkeit ihnen sich beimischen könnte, zu vermeiden: so zäh und beharrlich bin ich in demjenigen Allem, was die tiefsten Grundlagen der Weltanschauung betrifft. Daß die Revolution, diese völlige Umgestaltung aller rechtlichen und gesellschaftlichen Zustände, auch die Geistlichkeit und deren Stellung berühren könnte, war leicht zu befürchten. Meine Ansichten über deren Verhältniß zu den Bewegungen auf dem weltlichen Gebiete habe ich in zwei Synodalreden5, um die herrschenden Begriffe unbekümmert, dargelegt.[268] In dem ersten dieser Vorträge suchte ich zu überzeugen, daß der wahre Geistliche, im Bewußtseyn, der Träger und Herold der unwandelbaren Offenbarung zu seyn, hierin die sichernde Schutzwaffe gegen eigene Anwandlung revolutionärer Gesinnung in sich tragen, »die Kirche aber, vermöge ihres Wesens und ihrer Bestimmung, wenn alles Irdische in ein endloses Fluthen aufgelöst und dieses als der einzig gedeihliche Normalzustand ausgegeben werden wolle, möglichst unverändert bleiben, sie von ihrer heitern Höhe herabblicken müsse in dieses Gewühle.« Das hätte wohl mit Recht ein, dem heutigen Protestantismus stracks zuwiderlaufender, Satz dürfen genannt werden, indem derselbe nicht blos diesem Fluthen nirgends widersteht, sondern selbst in ein Solches aufgelöst ist, ja dasselbe hie und da sogar als dessen wahres Leben und Wesen angepriesen werden will. Es lag dem Vortrage die Idee der wahren Kirche zu Grunde, neben der Täuschung, dieselbe auf eine Gestaltung der Dinge anwenden zu wollen, welche hiezu nirgends einen Anknüpfungspunct darbietet. Man hätte das den Versuch nennen können, ein edles Reis einem wilden Dornbusch einpfropfen zu wollen. In der Rede des folgenden Jahres scheute ich mich nicht, einen Satz der erstern: daß nemlich der wahre Geistliche ein Aristokrat seyn müsse, weiter auszuführen. Die Hauptstelle lautete: »Den ächten Botschafter an Christi Statt wird die Kraft seines innern Lebens, der Verein von Wahrheit und Treue, durch eine naturgemäße Wahlverwandtschaft zu denen hinziehen, in deren Benennung von je Zeiten die Erstrebung des Besten als würdige Aufgabe ihrer höhern Stellung ist bezeichnet worden.« Dieses wurde nun im Hinblick auf die neuesten Ereignisse und Zustände weiter ausgeführt, und war im Grund eben sowenig ächt protestantisch, als jenes. Indeß scheinen die Reden mehr gehört als ihrer vollen Bedeutung nach gewürdigt worden zu seyn. Jenes erwarb ihnen einen Beifall, den sie von letzterm Standpunct aus kaum hätten erwarten dürfen. Vielleicht wurden sie freudiger auch deßwegen aufgenommen,[269] weil die Revolution die Geistlichen von Schaffhausen überrascht hatte, sie der Regungen für einen, durch beschworene Verfassung geordneten Gang der Dinge nicht alsbald sich entschlagen konnten, damals vielleicht noch weniger mit der Revolution sich amalgamirt hatten, als (bei dem Mangel einer anerkannten wankellosen Autorität beinahe unausweichlich) Solches durch den Verlauf der Zeit herbeigeführt werden mußte. Der Druck beider Reden wurde mir gewissermaßen abgedrungen; denn niemals berührte mich die Eitelkeit, mit dem, was ich aus innerster Ueberzeugung vor einem kleinen Kreise oder in besonderer Veranlaßung gesprochen, sofort auch das größere Publikum behelligen zu wollen. Indeß konnte ich späterhin unmöglich die stets fester wurzelnde Ueberzeugung abwehren, daß damals sowohl ich, der Sprechende, als die Zuhörenden von Illusionen berückt gewesen wären und, bei allem Schein von Einigung, eine unermeßliche Kluft zwischen Beiden gegähnt hätte. Ich fand mich veranlaßt, über diese Reden später das Urtheil zu fällen: »Es hätten die Hörenden zwar wohl von den Klängen und Worten angenehm sich berührt finden mögen, nicht aber den vollen Sinn in seinem ganzen Umfange und in seiner wesentlichen Bedeutung erfassen, oder dadurch in ihrem Innersten wirklich angeregt werden können; dagegen hätte der Sprechende, der realen Zustände und der concreten Individualitäten zu wenig Rechnung tragend, Beide auf eine Weise idealisirt, für welche die Einen so wenig als die Andern empfänglich gewesen seyen.« Nach solchen, in feyerlichen Momenten mit aller Entschiedenheit ausgesprochenen Ueberzeugungen mußte es mir wohl zum festen Vorsatz werden, mit der Revolution so wenig als möglich in Berührung zu kommen, sie für meine Person um nichts anzugehen. Doch stellte ich dem Gelüste mehrerer Glieder des geistlichen Standes, zu versuchen, ob ihr für diesen nicht etwas Zusagendes abzugewinnen dürfte, nicht Hartnäckigkeit entgegen, wenn ich auch gänzliches Schweigen und Gehenlassen vorgezogen hätte, indem in jedem Begehren, ist es auch[270] noch so sehr in der Natur der Sache begründet, eine Art Anerkennung derjenigen liegt, an welche das Begehren sich richtet. Weil aber einige Geistliche, zumal solche, mit denen ich vorzugsweise befreundet war, auf Versuche in jenem Sinn einen großen Werth legten, wollte ich nicht von ihnen mich trennen, gleichwie auch das Verlangte selbst vollkommen mir einleuchtete. Die Redaction aller zu jener Zeit eingegebenen Denkschriften hatte ich mir vorbehalten, weil ich einer Besorgniß, Andere mochten meine Gedanken nicht scharf genug auffassen, dieselben nicht klar genug darstellen, nie völlig mich erwehren konnte, weil ich zu Etwas, was nicht selbst in dem geringsten Ausdruck, meine Gesinnung aussprach, nicht stehen, aber auch durch allzuviele Aenderungen einen Andern nicht kränken mochte. ? Die erste dieser Eingaben richtete an den Verfassungsrath das Verlangen, daß die Geistlichen hinfort nicht mehr von der Wahlfähigkeit, gleich den Criminalisirten und Vergeldstagen, ausgeschlossen seyn sollten, was für mich einzig als Thesis Werth hatte, in Praxi dagegen entschieden verworfen ward6. Dringender, zugleich sachgemäßer, war das Verlangen gleichgestellter Repräsentation im Kirchenrath, mir zugleich einleuchtender, weil es ein rein kirchliches Interesse berührte, auch die Gewährung verwirklicht werden könnte, was meiner Ueberzeugung zufolge bei jenem nicht stattfinden durfte. Von eilf Mitgliedern dieser Behörde gehörten seit der kirchlichen Umwälzung blos drei dem geistlichen Stande an; ein schnödes Mißverhältniß, hervorgegangen aus jener Zeit, in welcher der weltlichen Gewalt Befugniß eingeräumt wurde, nicht blos über kirchliche Einrichtungen, sondern selbst über Dogmen abzuurtheilen. Gewiß hatte ich diesen Uebelstand längst eben so tief gefühlt, als irgend einer derjenigen, welche mit mir vorberathen sollten, was verlangt werden dürfte und müßte. Diesen schien Gleichstellung der Glieder beider Stände das Mindeste. Diese Ueberzeugung theilte[271] auch ich, nicht aber die Hoffnung, Solches erreichen zu können, da mir die Zeichen der Zeit nicht verborgen waren. Es tauchte aber bei den zur Vorberathung mir Beigegebenen so großer Eifer für die Sache, eine solche vermeinte wankellose Ueberzeugung auf, daß hiemit nur ein Verhältniß begehrt werde, welches im Grund längst schon hätte festgestellt werden sollen, eine derartige augenblickliche aufbrodelnde Entschiedenheit, daß sie Alle einstimmig verlangten, das Begehren sollte so abgefaßt werden: entweder die gewünschte sachgemäße Gleichstellung oder Belassung der Sache in statu quo. Das wäre unbezweifelt das Dilemma gewesen, mit welchem ich würde geschlossen haben, hätte ich einzig zu handeln gehabt. Allein ich kannte meine Leute auf beiden Seiten; ich durfte wohl ahnen, die Einen würden so wenig als möglich gewähren, die Andern bei noch so hoch tönender Forderung zuletzt auch mit dem Wenigsten sich begnügen. Ich sah daher in klangreichen Worten und krautkräftigen Erklärungen nur ein Mittel, sich zu compromittiren. Darum rieth ich von solcher Erklärung ab, es wäre denn, daß man bereits mit sich einig und fest wäre, ihr gemäß nachmals auch handeln zu wollen Es half nichts; die Stelle mußte in den gutachtlichen Entwurf aufgenommen werden. Als dieser sodann zur Berathung vor die gesammte Geistlichkeit gelangte, erneuerte ich meine Bedenklichkeiten, machte abermals aufmerksam: sobald Gleichstellung beider Stände oder Verbleiben bei dem Bisherigen ausgesprochen werde, fordere nachher die Ehre, fest dabei zu verbleiben und unter keinen Umstanden zu etwas Anderm sich zu bequemten. Auch hier ließ man sich von keiner Besorgniß möglicher Inconsequenz anfechten; die berührte Stelle, als Ausdruck der Gesinnung der Geistlichkeit, wurde abermals verlangt. Etwa nach Jahresfrist erfolgte der Entscheid. Es kam, wie ich geahnet hatte; blos in so weit wurde entsprochen, als die Geistlichkeit Befugniß erhielt, ein viertes Mitglied von sich aus zu wählen. Jetzt war es Pflicht für mich, auf die früher mit so großer Entschiedenheit aufgestellte Clausel aufmerksam zu[272] machen. Auch hier hatte ich mich nicht getäuscht. Umsonst stellte ich dar, wie nunmehr die Ehre erheische, bei dem, was so feyerlich erklärt worden, zu verharren; umsonst rieth ich, die Wahl gar nicht zu vollziehen, sondern zu erwidern, daß man, nachdem das Sachgemäße und Billigste nicht erreicht worden, bei dem status quo verbleiben wolle. Es war nichts auszurichten. Was ich von Wahrnehmung einer würdigen Stellung immerhin sprechen mochte, es wurde nicht begriffen; es herrschte die Freude eines Kindes, welches nach langem Betteln zuletzt doch Etwas erlangt. Selbst diejenigen, die sonst immer ein Arsenal hohler Pfundworte mit sich führten, ließen dasselbe unausgeschifft. Man freute sich des Kinderspiels, einen Wahlact verrichten zu können. Ich aber erklärte laut und bestimmt, an demselben keinen Theil nehmen zu wollen, indem ich nicht heute Etwas feyerlich versichern, morgen der Versicherung entgegen handeln könne. Ich habe auch wirklich keine Stimme abgegeben, dem Gewählten das Ergebniß der Wahl so trocken angekündigt als möglich. Vielleicht hatte derselbe, in der Wonne, worin er schwamm, diese Einsilbigkeit der Form auf seine Person bezogen. Geschah dieß, so irrte er gewaltig. Denn gegen den Bruder, selbst gegen den eigenen Vater hätte ich unter den gegebenen Umständen nicht anders mich ausdrücken können. Die zu Tage gekommene Unwürdigkeit hatte mich zu tief bearbeitet. Eine andere Denkschrift, gleichfalls auf mein Betreiben und durch mich verfaßt, wurde später der zur Ausscheidung des Stadt- und Staatsguts aufgestellten Specialcommission übergeben. Sie hatte die Absicht, unter dem Titel von Ansprüchen für die Armen von dem ehemaligen geistlichen Gut der Stadt dieser wenigstens noch einen Theil zu retten. Jene Ansprüche wurden durch Hinweisung auf Recht, Geschichte, Herkommen und die Analogie bei spätern Säcularisationen begründet. Waren dieß Alles Titel, die vor dem Bestreben, der Stadt von ihrem wahren, uralten Eigenthum so wenig zu lassen, als man nur konnte, jede Beweiskraft verloren, so verliert doch deßwegen[273] der gute Wille, zu erreichen und zu retten, was möglich, nicht das Mindeste. Nachdem im Laufe des Jahres 1831 die Einrichtungen der Stadt berathen und festgestellt worden, konnte man dem unvermeidlichen Herannahen der Theilung des durch diese vor Jahrhunderten erworbenen Vermögens mit Gewißheit entgegensehen. Wie diese veranstaltet werden sollte, war noch im Dunkeln, nur das gewiß, daß die Revolution dem rechtmässigen Besitzer so wenig lassen werde, als möglich. Manche Wahrnehmung hatte mich mißtrauisch gemacht, mit Besorgniß erfüllt, die Stadt möchte neben ihren Rechten und Freiheiten nun auch ihren wohlerworbenen Besitz verlieren. Mit der bonapartischen Mediationsacte war eine sogenannte helvetische Liquidations-Commission niedergesetzt worden, welche den Besitz der souveränen Städte in einen Topf werfen und aus diesem ihnen wieder vorlegen mochte, was ihr für deren Municipal-Bedürfniße hinreichend schien, den Ueberrest aber den neugeschaffenen Cantonen zuwerfen sollte. Für die Acten, durch welche jenes festgestellt wurde, hatte man den lächerlichen Ausdruck »Dotations-Urkunde« erfunden. Auch für die Stadt Schaffhausen bestand eine solche, die aber niemals zur Ausführung kam, indem für gut befunden worden, den Besitz unerörtert und annähernd in demjenigen Zustande zu belassen, in welchem er sich bei dem Ausbruch der ersten Revolution befunden. Ich erkannte fortwährend in dieser sogenannten Dotations-Urkunde nichts Anderes als einen Act revolutionärer und despotischer Willkür, und vertheidigte daher bei jeder Gelegenheit den Satz: da diese Acte niemals zur Vollziehung gekommen, nachher aber die Mediationsacte, in der sie gewurzelt, vernichtet worden, so mangle ihr alle bindende Kraft; man müße sie einem Kinde vergleichen, welches mit der Mutter zugleich gestorben seye, und nun, nachdem diese längst in Verwesung übergegangen, nicht mehr ins Leben könne gerufen[274] werden. Noch war meine frühere Ueberzeugung nicht wankend geworden, daß, ohne förmliche Rechtszertretung, zu Ausmittlung dessen, was Stadt- und was Staatsgut seye, es keinen andern und zugleich untrüglichen Weg gebe, als zu untersuchen und nachzuweisen, was erstere blos als Genossenschaft, sodann, was sie kraft ihrer Selbstherrlichkeit besessen habe. Ich setzte jetzt, da der entscheidende Augenblick näher kam, meine früher angehobenen Untersuchungen fort. Bald nachher wurden sie veröffentlicht unter dem Titel: »Wie die Stadt Schaffhausen zu ihren Freiheiten, Besitzungen, Gütern, Rechten und Häusern kam.« Das Ergebniß war, wie ich es zum voraus geahnet hatte: es stellte sich heraus, daß vermöge ihrer Souveränetät die Stadt durchaus nichts besessen, ja dieser zu Liebe noch große Opfer für ihre Unterthanen gebracht habe, mithin Alles ihr Eigenthum gewesen wäre, wenn sie auch jenes obersten Glücksgutes hätte entbehren müssen. Das geschichtliche und urkundliche Recht, meinte ich daher, könnte bei einer solchen Ausscheidung einzig maßgebend seyn, wenn anders nicht die Gewalt dictiren wolle, was die Gerechtigkeit verweigere. Diese Schrift war bereits im December 1831 zum Druck fertig, erschien aber erst Ende Aprils 1832 Da aber meine Geneigtheit, für das gefährdete Recht der Vaterstadt mit unerschütterter Beharrlichkeit und mit allen erlaubten Waffen einstehen zu wollen, Niemanden verborgen seyn konnte, hatte der so eben an die Stelle des vormaligen kleinen Rathes getretene Stadtrath schon am 9. November 1831 unter die Commisiarien, welche die schwierige Aufgabe jener Ausscheidung losen sollten, auch mich gewählt. Dieß war das einzige, ohne allen Zusammenhang mit meinem amtlichen Charakter stehende Geschäft, mit welchem ich mich je betheiligte, und dem ich, bei der Voraussicht, hiezu sehr viel Zeit opfern zu müssen, einzig in Hoffnung, meiner Vaterstadt einen bleibenden Dienst erweisen zu können, mich unterzog, und zwar (was ich nach dem Verlauf von 13 Jahren mit dem heitersten Bewußtseyn beifügen darf) in reiner Liebe zu dieser; wiewohl ein Extravasat der[275] verdrehungsgewandtesten Böswilligkeit mir selbst dieses in neuester Zeit zum Vorwurf zu machen sich abarbeitete. Zwar brachte mich dieser Auftrag in einen schwierigen Conflict zwischen jenen, bis auf den heutigen Tag nicht erschütterten, Ueberzeugungen von der allein rechtlichen Grundlage einer solchen Theilung und der jetzt nothwendig gewordenen Praxis. Zwar suchte ich gleich im Anfang bei meinen Collegen die Ansicht geltend zu machen, daß jene im Jahr 1801 ausgefertigte Dotations- (eigentlich Spoliations-) Urkunde für uns gar nicht vorhanden seye, und daß, sofern man ohne Niedertretung des Rechts an das Ziel gelangen wolle, einzig der angedeutete Weg der geschichtlichen und urkundlichen Untersuchung dürfe betreten werden. Hiegegen wurde durch jene die Rechtskraft besagter Urkunde weniger erwiesen als postulirt, zugleich aber bemerkt, daß der von mir bezeichnete Weg, wenn er auch der richtige seye, von der andern Seite nie würde anerkannt werden, weil er dieselbe zum reinen Nichts führen müßte; daß daher ein eidsgenössisches Schiedsgericht, was sich alsdann um so weniger vermeiden ließe, alle geschichtlichen und urkundlichen Beweise, wie schlagend sie auch wären, unfehlbar unter die Bank werfen und blos an jene Acte sich halten würde; daß demnach nur Anerkennung derselben den Versuch unterstützen dürfte, allfällige geneigtere Einräumungen für die Stadt zu erhalten. Durch diese, aus dem wirklichen Stand der Sachen hervorgehenden und durch denselben vollkommen sich rechtfertigenden Bemerkungen war ich auf die Wahl getrieben, entweder in Festhalten an dem, was mir als allein rechtlich einleuchtete, mit meinen Collegen in stete Opposition zu treten, unter sicherer Voraussicht, doch nichts erreichen zu können; oder aus der Commission auszuscheiden und jedes Bemühen, zu retten, was möglich, hiemit aufzugeben; oder endlich meine Ueberzeugungen in den Hintergrund zu schieben, um wenigstens Jenes zu versuchen. Ich entschied mich (ungerne genug, aber durch die Liebe zu der Vaterstadt und den Haß gegen die Revolution getragen) für das Letztere und sicherte mir dadurch bei meinen[276] Collegen wenigstens den Einfluß, daß sie zu meinen Versuchen, für die Stadt Verschiedenes doch noch in Anspruch zu nehmen, um so lieber Hand boten. Bald nach dem Zusammentritt der Commissarien beider Parteyen kamen Differenzen zum Vorschein, welche eine friedliche Ausgleichung kaum erwarten ließen. Es bedurfte keines besonders hellsehenden Auges, um eidgenössische Commissarien, als letztes Auskunftsmittel, bereits im Anzuge zu erblicken. Indeß gieng es mir hier wie vor neun Jahren bei Bearbeitung der Denkschrift der Geistlichkeit: mein unermüdlicher Eifer, zu einer Sache, der ich nun einmal mich angenommen hatte, alle Thätigkeit einzusetzen, brachte dieselbe, ohne daß ich es darauf anlegen konnte oder wollte, vorzugsweise in meine Hände. Die Neigung, dergleichen Gegenstände schriftlich zu bearbeiten, gab Veranlassung zu einer ziemlich ausführlichen Schrift: »Beleuchtung der in der Ausscheidungs-Angelegenheit des Guts der Stadt Schaffhausen von demjenigen des Cantons obschwebenden Differenzen.« Dieselbe sollte vorzüglich zu erforderlicher Orientirung der Schiedsrichter dienen, und wurde handschriftlich jedem derselben übergeben, nach Beendigung der Verhandlungen gedruckt. Einem erwünschten Erfolg aber standen neben den offenen noch geheime Hindernisse entgegen, so daß jener blos darauf beschränkt blieb, der Stadt das Kirchengut ihrer Hauptkirche gewissermaßen ? dieß, weil nicht ohne fremdartige Lasten darauf zu legen ? zu retten. Denn wahrscheinlich würde ohne Aufbietung aller denkbaren Gründe auch dieses, wie so manches Andere, ihr entrissen worden seyn. Die verwerfliche Neigung, unter dem Vorwand des Entgegenkommens und freundlicher Ausgleichung (wofür später bei weit grellerer und gewaltthätiger Rechtszertretung politische ? um nicht zu sagen moralische ? Schofelheit den Namen Transaction erfunden hat), dem Gelüste der Mehrheit zu fröhnen und das eigentliche Recht als ein Ding zu betrachten, welches für gewöhnliche Zeiten ganz zulässig seye, auch für solche möge aufgespart, in ernstern Vorkommissen[277] aber nicht dürfe angewendet werden, hat hier wahrscheinlich verborgenen Einfluß geübt. Glaubte ich, mit solchem Opfer an Zeit, mit solcher Anstrengung zu schriftlichen Ausarbeitungen, mit persönlicher Verwendung zu Aufsuchung von Schiedsrichtern für die Stadt, dieser einen wesentlichen und bleibenden Dienst erwiesen zu haben, so wußte mir dennoch schon damals nicht Jedermann Dank hiefür. Ich bin noch im Besitz eines Briefes, worin einer der für die Stadt durch mich erbetenen Schiedsrichter mir anzeigt: »Einer meiner Mitbürger hätte gegen ihn sein Bedauern darüber ausgedrückt, daß die Commissarien der Stadt in ihren Forderungen zu weit giengen; bei einiger Nachgiebigkeit (d.h. willenlosem Gutheissen aller Forderungen der vormaligen Unterthanen) hätte die Sache ohne schiedsrichterlichen Spruch können beendigt werden.« Ein Anderer bemerkte meinem Bruder: wo es sich um ein Armengut (welches einzig durch die Bürger der Stadt gestiktet und selbst durch die Dotations-Urkunde ihr ausschließlich zugewiesen, durch das Schiedsgericht aber gemeinsam erklärt worden war) handle, würde auch er auf Seite des Landes treten, Wieder wurde zu mir selbst gesagt: »es wäre besser gewesen, man hätte des Kirchengutes keine Erwähnung gethan,« ? d.h. die Stadt desselben berauben lassen. Die Falle mögen wohl selten seyn, in welchen derjenige, welcher mit Anstrengung für eine Partei Etwas rettet, hiefür von Individuen derselben noch Mißbilligung hinzunehmen hat. Am 21. Januar 1833 konnten die Commissarien dem Stadtrath den Endbericht über das ihnen anvertraute Geschäft7 erstatten und in der Uebergabe desjenigen Guts, welches der[278] Stadt verblieben ist, die Erledigung des ihnen zu Theil gewordenen Auftrages darthun. Zwei Tage später starb, schneller, als zu erwarten war, der bisherige Antistes. Wie ich früher bemerkt habe, galt seit unfürdenklicher Zeit jeder Innhaber meiner geistlichen Stelle als dessen präsumtiver Nachfolger, wurde daher die Wahl blos als Formalität angesehen. Ein Beispiel, daß es je anders seye gehalten worden, ist in den Jahrbüchern der Stadt Schaffhausen gar nicht vorhanden. Mag damals, und in Berücksichtigung des so eben beendigten Geschäftes um so mehr, die Zahl derjenigen, welche es nicht für möglich hielten, daß man den uralten Gebrauch bei Seite setzen dürfte, noch so klein gewesen seyn, ich jedenfalls gehörte unter dieselben. Sobald ich den Hinscheid des Antistes vernommen, trug ich in mir die feste Ueberzeugung, daß gerade wegen der erwähnten Bemühungen um die Stadt nicht allein der Bruch in jene Gewohnheit gemacht, sondern unfehlbar von dieser selbst ausgehen werde. Aber eben deßwegen, und weil ich improvisirten Neuerungen niemals meinen Beifall schenken konnte, widersetzte ich mich aus allen Kräften dem Antrag eines Geistlichen: ich sollte, damit über die Erwartungen der Geistlichkeit ein bestimmter Wink an die Behörden gelange, mich durch jene alsbald zum Decan wählen lassen (weil diese Stelle immer mit der Würde eines Antistes verbunden war). Bei entschiedenem Widerstreben von meiner Seite blieb der Antrag auf sich beruhen. Ich entzog damit Andern eine sicherlich erwünschte Handhabe, um mit etwelchem Schein an meine Person die Schuld von höchst seltsamen Bestrebungen zu knüpfen, für welche es nun keinen andern Boden gab, als die blaue Leere. Es kömmt dem Kirchenrath zu, der wählenden Behörde für jede erledigte Stelle drei Geistliche vorzuschlagen. Dieß sollte am 30. Jan. 1833 statt finden. Ich erschien an diesem[279] Tage seit langer Zeit zum Erstenmal wieder in der Sitzung. Zwar ungern, aber mit reifer Ueberlegung; um bei der, seit dem Januar 1831 vorherrschenden Neigung, jeden meiner Schritte falsch zu deuten, nicht dem leicht auf die Bahn zu bringenden Verdacht mich auszusetzen, ich hätte durch Abordnung eines Stellvertreters mir auf alle Fälle jenen Vorschlag zusichern wollen. Hier nun kamen alsbald, nur schwach verhüllt, allerlei Mißstimmungen wider mich zu Tage, deren einzige Wurzel in dem beharrlichen Widerstand gegen die Revolution von meiner Seite und in der Befreundung mit derselben von anderer Seite zu suchen war. Indeß, fest entschlossen, bei der Hauptfrage, nämlich der Bildung des Vorschlages, von der theilnahmslosesten Passivität nicht abzuweichen, konnte mich dieses Alles nur sehr wenig berühren. Ich blickte zu klar in die vorherrschenden Tendenzen. ? Durch die erste bestimmte Aeusserung, welche bei Bildung des Vorschlages erfolgte, sollte eigentlich eine Kränkung gegen mich ausgesprochen werden, sie war aber noch weit mehr eine solche gegen die gesammte ? freilich abwesende ? Geistlichkeit: »Es fände sich, hieß es, unter dieser nur ein Einziger, welcher tüchtig wäre, die wichtige Stelle eines Antistes zu bekleiden;« darum dieser vorgeschlagen seyn solle. Den Zweiten hatte ich zu nennen; dieß geschah pflichtgemäß, nach bester Ueberzeugung. Mein Freund, der Statthalter Harder, ließ sich, meinem bestimmtesten Wunsch entgegen, nicht zurückhalten, mich als Dritten in Vorschlag zu bringen; was aber aus Rücksicht auf die bisherige Stellung und die dreihundertjährige Uebung unter keinen Umständen konnte und durfte angenommen werden. Je unerwarteter den Meisten diese Bestellung des Vorschlages war, desto mehr befremdete sie, immer aber jeden Andern mehr, als mich selbst. Allgemein jedoch war die Meinung; daß ich, die letzte Stelle auf der Liste einzunehmen, unmöglich hätte einwilligen können. Selbst Leute, die nicht im Ruf einer besonders selbstständigen Meinung standen, äusserten sich mißbilligend über ein solch grelles persönliches Mißwollen, einzig[280] aus der Umarmung der Revolution erzeugt. Viele fragten: ob das der Dank seye für meine Bemühungen zum Besten der Stadt? Die Mehrzahl der Geistlichen war betroffen. Der einzig und vollkommen »Tüchtige« unter ihnen war ein Landpfarrer, der seit vierzig Jahren eine von Schaffhausen ziemlich entfernte Pfarrei im Canton Zürich verwaltet hatte, daher den Verhältnissen der Vaterstadt fremd geworden war; ein Mann, der noch immer sein Hebräisch forttrieb, mit Exegese eifrig sich beschäftigte, einfach und redlich, für seinen bisherigen Wirkungskreis vollkommen geeignet, aber ohne alle Idee von äußerer Würde, auch nur etwelcher Repräsentation und des Tactes, ohne welche diese nicht möglich. Er hatte und behielt immerfort das Gepräge eines Landpfarrers, der in seiner Umgebung und in seinen engen Verhältnissen alt und grau geworden ist. Merkwürdiger als der Vorschlag war am 1. Febr. 1833 die Wahl selbst. Es mußte die in dem großen Rath von einem Mitglied aufgeworfene Frage abgefertigt werden: wie es komme, daß man von der dreihundertjährigen Uebung abgewichen seye? Hienach stand auf mehrern Zeddeln dennoch mein Name, was aber bei Mangel des unwiderruflich abgelehnten Vorschlages ungültig war, der »einzig Tüchtige« konnte, trotz angewendeter Mühe, im ersten Scrutinium die erforderliche absolute Mehrheit nicht gewinnen. Bei wiederholter Wahl ergaben sich für denselben 30 Stimmen, 29 fielen auf die beiden andern, eine auf mich, ein Zeddel war weiß geblieben; daher bei einer Zahl von 61 Wählenden abermals keine absolute Mehrheit. Nun drohte arge Verwicklung. Es war mit großer Wahrscheinlichkeit vorzusehen, daß der Schützling, mit welchem vorher eine Zusammenkunft gehalten worden seyn soll, um ihm die Stelle anzutragen, in nochmaliger Wahl durchfallen, man somit gegen ihn sich compromittiren, sogar Einer gewählt werden würde, der wahrscheinlich die Wahl nicht angenommen hätte. Um also das Angebahnte zu retten, wurde zu demonstriren versucht: weil auf einem Wahlzeddel ein ungültiger, auf einem andern gar kein Name gestanden hätte, reducire sich die Zahl der[281] Wählenden von 61 Anwesenden auf 59, bildeten somit 30 die absolute Mehrheit, wäre demnach die Wahl rechtsgültig erfolgt. Hierüber entspann sich Hader in der Versammlung. Die Einsichtigern behaupteten: die absolute Mehrheit werde immer durch die Zahl der Wählenden, unabhängig von ihren durch das Stimmgeben ausgedrückten Gesinnungen oder Meinungen, bedingt. Deren seyen nun 61 gewesen, wovon blos 30 auf einen der Vorgeschlagenen sich vereinigt hätten; somit seye eine gesetzliche Mehrheit nicht vorhanden, eine Ernennung noch nicht erfolgt. Der Streit dauerte bei einer halben Stunde. Da für die entgegengesetzte Meinung der Rechtsboden fehlte, wurde sogar die Verlegenheit herausgehoben, in welche man durch eine dritte Wahl unfehlbar gebracht werden müßte. Und abermals war es nur eine sehr kleine Majorität, welche hiedurch sich belehren oder bewegen ließ, zuletzt für Gültigkeit der Wahl sich aussprach; so daß, als der Zweck mit Mühe erreduert und erfrohnt war, die naive Bemerkung sich vernehmen ließ. »Es seye nicht einzusehen, wie der Gewählte, sofern ihm die Um stände der Wahl bekannt würden, die Erwählung mit Ehren annehmen könne.« ? Anderthalb Jahre früher hatte man mit einer Wahl das umgekehrte Spiel getrieben. Damals fand sich ein Wahlzeddel über die Zahl der wählenden Personen vor. Mittelst dieser Addition bekam ein Individuum auf vollkommen gleiche Weise die Mehrheit, wie sie hier durch Subtraction bewerkstelligt ward. Auch jene Regelwidrigkeit hatte man zu retten gewußt. E sempre buono! Leute, welche mit der Physiologie der Republiken sich beschäftigen, mögen dergleichen Particularitäten sich anmerken. So merkwürdig als die Wahl waren die Ausflüchte, weßwegen man mich zu beseitigen für gut befunden habe. Zuerst warf man durch dienstbare Geister die Lüge in das Publikum: ich hätte mich erklärt, die Stelle eines Antistes nicht annehmen zu wollen, was hie und da Glauben fand. Hierauf hieß es: es seye mir aus Schonung der erste Vorschlag nicht gegeben worden, weil man gewußt habe, daß der eben erfolgten[282] Theilung wegen die Stimmen der Mitglieder vom Lande sich doch nicht auf mich vereinigen würden. Durch Andere ließ man ausstreuen: ein Theil der Geistlichen selbst würde meine Erwählung nicht gerne gesehen haben; wogegen aber allsofort einer, der dieses hörte, sehr entschieden sich erklärte, und die Geistlichkeit gegen eine solche Zulage aufs Bündigste verwahrte. Sodann fanden sich Leute, welche in Schenken auseinandersetzen mußten, daß ich zu dieser Stelle durchaus mich nicht eignen würde; insgesammt Vorspiegelungen, an welche diejenigen, von denen sie ausgiengen, selbst nicht glaubten. Sogar ein Spaß, den ich ? wohlverstanden vor zwanzig Jahren und unter Bekannten und inter pocula ? in Hinblick auf das damalige Personale des Kleinen Rathes und auf eine gewisse Erstorbenheit der Bürgerschaft mir erlaubt hatte: »Wenn die Geistlichkeit ihre Stellung kennte, und der Antistes ein rechter Mann wäre, so könnte es dahin gebracht werden, daß der Bürgermeister, ohne diesen vorerst gefragt zu haben, nicht einmal laxiren dürfte«, wurde, wie es scheint, zu jener Zeit hinter das Ohr geschrieben, jetzt aber, nachdem ich ihn längst vergessen, wieder hervorgelangt, und meinem Vetter, dem Präsidenten Hurter, bemerkt: daraus liesse sich entnehmen, wie ich es treiben würde, wenn ich Antistes werden sollte, und wie man weislich gehandelt habe, statt meiner einen Andern an die Stelle zu bringen. ? In der Abendgesellschaft eines Gasthofes hatte, kurz nach dem Tode des Antistes, noch bevor das angelegte Gewebe sichtbar geworden, Einer, der sich besonders beglückt fühlte, in dergleichen Staatsgeheimnisse eingeweiht zu seyn, meinem Vetter erklärt: ich würde in keinem Fall des Verstorbenen Nachfolger werden; worüber Beide ernstlich an einander würden gerathen seyn, wenn nicht ein Dritter mit den Worten in die Mitte getreten wäre: »Ihr Herren! ob Hurter Antistes werde oder nicht, kann ihm gleichgültig seyn; denn wenn er es auch nicht wird, so kann er dadurch in den Augen des Publicums nichts verlieren.« Gleichgültig, durchaus gleichgültig war es mir auch wirklich[283] in Bezug auf meine Person. Ich pflegte zu sagen: nur das betrübe mich, daß die Würde eines Antistes nicht in ihrer bisherigen Integrität seye erhalten worden; bis dahin seye sie eine Ehrenstelle gewesen, nun habe man für gut befunden, damit Jedem das Seinige werde, dieselbe zu theilen, und den ersten Theil mir zu lassen, mit dem zweiten einen Andern zu versorgen. Gleichgültig dagegen konnte mir dieser Gegenstand objectiv nicht seyn. Gerade in der Synodalrede des vorigen Jahres hatte ich mit entschiedenem Wort hervorgehoben, wie die kirchlichen Verhältnisse um so unwandelbarer müßten bewahrt werden, je mehr die bürgerlichen von den Fluthen der Revolution bedroht würden. Kirchlichen Neuerungen, namentlich solchen, welche die althergebrachten Verhältnisse der Geistlichkeit selbst berührten, war ich entschieden abgeneigt. Nun bot ein Glied derselben willfährig Hand, die vornehmste Uebung, welche darüberhin schon Jahrhunderte bestanden hatte, zu zerstoren und eine Neuerung zu fördern, welche man sich noch vor wenigen Jahren nicht einmal als möglich gedacht hätte. »Wie gerne hätte ich nicht die Kirche unberührt erhalten von Allem, was die irdischen Menschenzustände so maßlos zerwühlte! Welche Kränkung daher, eine Würde, die ich mir selbst in unsern engen Verhältnissen immer noch gerne als hoch dachte, durch Uebelwollen der Einen und durch revolutionäre Unbesonnenheit eines Geistlichen vor den Augen der Gleichgültigen und der Gegner der Kirche herabgesetzt zu sehen, gleich dem gemeinsten Rathsstubenpöstlein! Es kränkte, durchaus abgesehen von meiner Person, die Erfahrung zu machen, daß ein Geistlicher zu demjenigen Hand biete, was aus schlecht verhüllter Abneigung nicht blos gegen einen andern Geistlichen, sondern gewissermassen gegen den Stand selbst hervorgegangen war8.«[284] So wenig ich sonst geneigt bin, irgend Jemand durch scharfe Aeusserungen unangenehm zu berühren, konnte ich bei einem Besuch, den mir der Gewählte machte, doch nicht umhin, von revolutionären Handlungen und revolutionären Gesinnungen zu sprechen. Ich lenkte auch das Gespräch wiederholt auf den Umstand, daß er sogar das nie Erhörte gethan, und um die Würde eines Antistes sich angemeldet habe; wogegen er wiederholt versicherte, dieß seye nicht geschehen. »Aber bemerkte ich, es ist doch öffentlich im Kirchenrath ausgesprochen worden.« »Das mag seyn«, erwiderte der Gewählte, »ich habe mich aber dennoch nicht angemeldet.« Das eigentliche Gepräge unserer Zeit ist die Lüge. Die Lüge ist der Luftkreis, in dem sich dieselbe bewegt; die Lüge ist die Kraft, die ihr Getriebe in Bewegung setzt; neben dem Dampf ist sie das mächtige Agens, welches die Staaten lenkt, die Gesetzgebung durchdringt, die Gesellschaft ordnet, die Meinung beherrscht, die Zwecke fördert, der Gier der Menge fröhnt, das Daseyn von Hunderten fristet, die Geltung der Individuen bestimmt, die Zeit von Tausenden ausfüllt, mit dem Bedarf von Meinungen sie versieht, und in der Sprache das Wunder um den Thurm von Babel alltäglich erneuert. Die Lüge hat ihren Tempel in den Ständeversammlungen, ihren Thron in den Rathssälen, ihren Standort auf den Kanzeln, ihr Lotterbett in den Salons, ihr Lustrevier in den Kneipen, ihre Freistätte in der Literatur, und ihr Geschäftszimmer in den Zeitungen aufgeschlagen. Schauet jene Schwätzer, die in so vielen Ländern periodisch sich versammeln! Sie sprechen in hohen Worten, wie des Volkes reiner Wille mit des Landes höchsten Angelegenheiten sie betraut habe, wie in kristall lauterer Gegenständlichkeit über denselben sie schweben und, von allen Schlacken niedriger Persönlichkeit unberührt, seine Wahrung und Gebarung mit tiefdringendem Geistesblick sich zur segensreichen Aufgabe[285] machen. Lüge ists; ? jedes Blatt hält Register über die allarttgen Künste, durch die sie zu der ersehnten Stelle endlich gelangt sind, an derselben sich erhalten, bei zeitweiligem Verlust ihrer wieder sich bemächtigen. Sie schwatzen euch unendlich viel vor, wie der Mitbürger Wohl ihr goldreines, ihr unverrücktes, ihr alleiniges Augenmerk seye. Lüge ists; ? der Minister tritt unter sie, er hat hohe Stellen, gewinnreiche Verträge, auch Abberufungs-Decrete, Gunst und Ungunst für Söhne und Eidame, Brüder und Schwäger und die gesammte Siype in der Tasche, er zieht seinen Beutel mit Gewinnsten und Nieten hervor, er rüttelt ihn, und sehet, wie die Hände sich recken, daß er die Einen von sich gebe, die Andern nicht loslasse, und wie geschmeidig sie wedeln, daß ihm ein Gefallen daran geschehe. ? Wendet euch dorthin, wo von Unantastbarkeit des Throns, von unbegrenzter Ehrerbietung gegen den Fürsten, von den geheiligten Rechten des Landesherrn bei jeder Veranlassung der Mund trieft! Lüge ists; ? denselben zur vereinsamten Null zu machen in der großen Rechnung des Staats, das ists, wonach ihr Bestreben geht; sie lüften den Hut vor dem unfaßbaren Abstractum, wehe aber, wenn das Concretum einen Willen haben, auch Unbedeutendes, so es Jenen nicht gefiele, durchsetzen wollte! ? Vernehmet die prunkenden Reden von des Landes Flor und Wohlbehagen, von Blüthe, Gedeihen und Fortschritt! Lüge ists; ? ihre Coterie verstehen sie darunter, die sie durch ihre Gesetzgebung an die Mastung bringen, hierin gegenseitig in die Hände sich arbeiten, mit Formen und Flittern den innern, zumal sittlichen, Verfall des Volkes verhüllen wollen. ? Höret in den Rathssälen heutzutägiger Freistaaten das Bauschen mit frommen, biedern Vorfahren, mit Bundestreue und Gerechtigkeit! Lüge ists; ? die frommen und biedern Vorfahren würden mit Schmerz und Eckel den Blick abwenden von den verrotteten Unflathskindern, die mit ihnen eitel Klangrednerei treiben, dieweil die in Frevelsinn ausgesprochene Bundestreue in ein gegenseitiges Conniviren zum schändlichsten Bundesbruch umgeschlagen hat, so wie sie unter Gerechtigkeit eine vulgäre[286] Metze verstehen, gegen welche jene im Propheten Ezechiel noch ein Muster von Sittsamkeit möchte genannt werden. ? Lasset euch nicht irre machen durch die von so manchen Kanzeln ertönenden Worte: Christus, Christenthum, christlich! Lügen sinds; ? sie haben den Gesalbten des Herrn durch die Lauge ihres Rationalismus so lange hin und her gezerrt, bis er aller Göttlichkeit blos, gerade wie Einer aus ihnen geworden ist, abgerechnet die Bäffchen und die Quartalsbesoldung; sie haben den vom Himmel verkündeten, zum Himmel bereitenden Glauben durch die Retorten ihrer Kritik, ihrer Exegese, ihres Denkglaubens durch getrieben und alles specifisch Göttliche und Himmlische dergestalt daraus abgezogen, daß ihr es auf das caput mortuum einer Moral reducirt findet, die nothdürftig noch hinreicht, euch vor dem Criminalrichter zu sichern, und den Griffen einer allzuernsthaften Polizei zu entgehen. ? Sie rühmen euch den Fortschritt des Jahrhunderts, die hohe Stufe, die allgemeine Verbreitung ihrer Bildung, die nie geahnete Vollkommenheit, zu welcher unter ihrer Obhut alle Anstalten für den Unterricht der Jugend sich erschwungen haben! Lüge ists; ? Gewissenhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Treue, Redlichkeit in jeglicher gegenseitigen Vorkommenheit, Thätigkeit, Genügsamkeit, Mässigkeit, nicht aber Zeitungsleserei, Tadelsucht, Anmassung, hohle Aufgedunsenheit, knabenhafte Absprecherei, Barschheit, Waghalfigkeit durch fremde Mittel, sind die Lineamente einer gediegenen, sich und Andern gedeihlicher Bildung; darum es mit eurer Förderung der Jugend ohnedem nicht weit her ist, so ihr anders nicht mit gefärbter Brille in die Weltzustände schauet. Soll das Register fortgesetzt werden? Möchte man etwa meinen, es fiele schwer? Glaubte Jemand, es mangelte ? nicht an Meinungen, Ansichten, Vermuthungen ? nein, an Wahrnehmungen, Erfahrungen, Thatsachen darüber, wie die Lüge dem Andern die Worte im Munde zu verdrehen weiß, um zu vereiteln, was er nie gewollt hat, um dienstbar zu machen denjenigen, der frei bleiben möchte, ihn zu verfehmen, sobald jenes als unerreichbar sich ausweist? Ist euer Sinn so abgestumpft,[287] um es nicht inne zu werden, wie oft ein Quentchen Wahrheit unter einen ganzen Vorrath von Lügen hineingewirkt wird, also daß der eigentliche Stoff blos hieraus besteht, die Mischung nimmer sich scheiden läßt, der Beigeschmack aber, den er von jener entlehnt, um so schwerer zu bestimmen ist? Ists euch nie vorgekommen, daß manchmal ein nicht ganz irriger Vordersatz mit aller Gewandtheit so schwank und schief gestellt wird, daß er hiedurch allein zum Anknüpfspunct für eine Kette von Lügen mit größter Bequemlichkeit gemacht werden kann? Sind es immer blos zufällige, unwillkürliche Entstellungen, sind es immer blos leichtfertig hingeworfene Urtheile, sind es nicht weit häufiger noch wissentliche Verschiesungen, vorsätzliche Verunglimpfungen, absichtliche Verdrehungen, welche von Mund zu Mund gehen, Blatt um Blatt füllen, Stoff zur Unterhaltung in Salons und in Kneipen bieten, jeden richtigen Blick in die Zustände, jede ruhige und parteilose Würdigung der Verhältnisse oder der Individualitäten zur baren Unmöglichkeit machen, und selbst Solche mit sich fortreissen, die zurückschaudern würden, wenn sie noch die Fähigkeit gerettet hätten, hineinzublicken in das Zaubergewebe, welches auch um sie seine Schlingen gelegt hat? Und die Sprache? Wie hat nicht die Lüge Besitz genommen von dieser, Schild und Farben angeheftet an deren Gränzen, ihr Banner aufgepflanzt auf deren Höhen, ihre Rathsgebietiger vertheilt zum Reichsnen durch alle Provinzen derselben? Ists nicht, als ob die Begriffsverwirrung und die Sprachverwirrung zu ununterbrochenem Zeugungsact sich umschlungen hielten? Wohl noch sind die Klänge die altbekannten, aber nimmermehr treffen sie mit gleicher Werthung, wie das äußere, so das innere Ohr. Worin diesem sonst durch Jahrhunderte die Stimme des Tadels getönt, hieran soll es nun als an den Laut der Anerkennung, des Beifalls, des Preises sich gewöhnen, und was Beifall sonst geweckt, soll jetzt zu Tadel stimmen. Vergleichet den heutigen Gebrauch so manchen Wortes mit seiner ursprünglichen Bedeutung und fraget euch, wie viel[288] trägt es von dieser noch in sich? Wie werdet ihr staunen müssen darob, daß diese so sehr sich umgekehrt? Nehmen wir z.B. das Wort Partei. Man beschränkt dasselbe nicht mehr auf den angestammten Begriff, wonach es entweder einen, von der Gesammtheit irgendwie getrennten Collectivtheil, oder eine, in verwandter Gesinnung und in gemeinsamem Bestreben, immerhin aber rechtsgültig sich bildende Einigung, welcher mit ähnlicher Befugniß eine andere gegenübersteht ausgesprochen, oder endlich als Bezeichnung eines, Unbefugtes und dieses vielleicht gar noch auf rechtswidrigem Wege anstrebenden, Gehäuses von Menschen gegolten hat; sondern es soll durch Anwendung dieses Wortes das rechtskräftig Bestehende neben seinen Gegensatz in Frage gestellt, dieser jenem gegenüber legitimirt werden. Der ersten Beziehung nach ist das Wort gleichbedeutend mit dem gewöhnlichen »Hausen,« wo das Verbindende blos in dem Unwillkürlichen, Zufälligen, Absichtslosen liegt, wie wenn von einer großen Menschenmasse, die eine Partei zur Heimkehr nach der rechten, die andere nach der linken Seite sich wendet. In der zweiten Beziehung läßt sich von Parteien z.B. in Athen reden; es läßt sich davon auch reden, wo die Mitglieder von Collegien in Ansichten, Gesinnungen und Bestrebungen getheilt, alle aber, dergleichen zu hegen und zu verfechten, vollkommen befugt sind. Nach der dritten Beziehung knüpft sich bereits Mißbilligendes daran; es ist das Treiben, welches noch nicht zur offenbaren Widersetzlichkeit gediehen ist. Dieweil aber eine Partei eine Gegenpartei als nebenherlaufend voraussetzt oder fordert, so hat man schlauer Weise begonnen, diesen Ausdruck für alle, mit irgendwelcher Bestimmtheit, Beharrlichkeit und Ergiebigkeit gegen das rechtmässige Ansehen, sey es nun kirchliches oder bürgerliches, Anstrebenden in Gebrauch zu bringen, um hier die staatlichen Einrichtungen, dort aber die Kirche aus ihrer rechtlichen und höheren Stellung in eine blos factische hinüberzuschieben, welchem gemäß gegen die feste und unantastbare Grundlage so des Einen als der Andern ein leiser Zweifel sich hineinschleichen, zugleich[289] beide nicht besser gesichert seyn sollten, als diejenigen, welche gegen sie ankämpfen. So haben sich z.B. in mehreren Staaten Deutschlands viele verschiedenartige Elemente aus mancherlei Gründen, theils zum offenen, theils zum geheimen Kampfe gegen die Kirche, gegen das legitime Regiment derselben, gegen die rechtmässigen, in der Natur der Institution liegenden, Befugnisse ihrer Lenker und Obern, gegen mancherlei tiefbegründete Einrichtungen, gegen verschiedene, durch das Alterthum sanctionirte Uebungen derselben zusammengethan. Hier haben sie sich des öffentlichen Wortes bemächtigt, oder dasselbe wird ihnen vorzugsweise eingeräumt, damit sie unbehindert ihre Zwecke verfolgen können; dort finden sie ihre Begünstiger, ihre Förderer, in mancher Beziehung ihre Vorkämpfer in der weltlichen Gewalt, lehnen an diese sich an, buhlen um deren Gunst, erzeigen sich bereit, auf dem Altar derselben auch das Ehrwürdigste und Geheiligteste zu verbrennen, oder wie hie und da in der Schweiz zu ersehen, die Träger der weltlichen Gewalt unterziehen sich selbst jenem Geschäfte der Aufklärung ? wie sie es zu nennen bleiben. Diese sind allerdings eine Partei neben oder auch in der Kirche, insofern sie dieser angehören sollten, eigentlich aber gegen die Kirche, insofern sie gegen so Manches sich erheben, was dieselbe festhält. In Ihren getreuen, anhänglichen Gliedern, in denjenigen, die von Erkenntniß der Nothwendigkeit und Göttlichkeit ihrer Einheit durchdrungen stnd, welche in den Geist und in den Zusammenhang ihrer Institutionen blicken, welche sie von ganz anderem Standpunct als dem einer, blos zufälligen, wechselnden und zeitweiligem Gutfinden unterworfenen Verbindung zu würdigen wissen, welche in ihr eine sichere Gewährleistung für gesellschaftliche Ordnung, für bürgerliche Wohlfahrt, für zeitliches Gedeihen erblicken, in diesen Allen stellt sie sich jenen vorhin Bezeichneten entgegen, sucht sie deren Bestrebungen zu hemmen, bemüht sie sich, die gewagten Vordersätze zu berichtigen, die irrigen Folgerungen abzuwehren, die falschen Urtheile zu widerlegen, ihre eigene Anerkennung zu begründen,[290] segensreiches Walten zu fördern. Das ist der Kirche Pflicht, der Kirche Recht, der Kirche von oben gegebenes Mandat. Es wäre schwierig, dasselbe durch lange Dissertationen in Frage zu stellen, zu entkräften, ihr es abzustreiten. Da haben sie, um zu erreichen, was auf diesem Wege nie sich erreichen ließe, ein viel einfacheres Mittel ersonnen: sie nennen alle getreuen Glieder der Kirche und hiemit diese selbst die ultramontane Partei und gewinnen damit zweyerlei: zum Ersten läugnen sie hiedurch der Kirche den festen Rechtsboden ab, zum Andern postuliren sie einen solchen für sich; alle Legitimität, welche sie derselben entziehen, legen sie sich bei, und spielen den Stand der Auflehnung in denjenigen nothgedrungener Abwehr der, ihren menschheitfördernden Bemühungen starrsinnig in den Weg gelegten, Hindernisse hinüber; wobei es dann ganz folgerichtig ist, daß die wahren Glieder der Kirche der Anmaßung, der Uebertreibung, tadelnswerther Tendenzen beschuldigt, dem Spott und Hohn preisgegeben werden, auch jeweils den belehrenden Arm der Staatsgewalt durch Vorladungen, Verhöre, Strafurtheile und Versetzungen zu fühlen bekommen. So ist's auf dem politischen Gebiet. Wenn die zerstörende Partei zu Durchführung ihrer Plane kein Mittel scheut, wenn sie die natürliche Gerechtigkeit mit Füssen tritt, wenn sie das positive Recht zum Spielwerk ihrer Zwecke und Gelüste macht, wenn sie Gewaltthaten an Gewaltthaten reiht und selbst vor dem Emporendsten nicht zurückbebt; wenn sie, um sich den Anstrich rechtmässiger Handelnsweise anzufärben, Lüge auf Lüge häuft und jeden Rest edlerer Gesinnung als ihrer unwürdig von sich wirst; wenn ihr dann, ohne alle persönliche Absicht, ohne jeden andern Zweck als denjenigen, der Truggestalt die Maske abzureißen, zwar ohne übel angewendetes Schonen, aber wahrheitsgetreu, alle Schliche aufdeckt, alles Empörende, was man so gerne in dichtes Dunkel hüllen möchte, aus Licht ziehet, die Worte der Menschen nach ihren eigenen Worten richtet: dann dürft ihr sicher seyn, Parteimänner geheissen zu werden, euer Wort und euere Schriften Parteischriften genannt zu hören;[291] gleich als ob Wahrheit und Lüge, Recht und Gewaltthat Parteien, als ob dieselben wohl gar ebenbürtig wären. Ich könnte hiefür schlagende Beweise aus neuester Zeit anführen, wie man dergleichen Schriften, die der verwerflichsten Unthaten nur zu viele aus Licht zogen, die nie widerlegt, gegen welche Beweise, daß sie Unwahres berichteten, nie geführt worden sind, blos durch die hingeworfene Benennung Parteischriften (was für die Gegenwart zum Theil den Zweck erreichen mag) zur Genüge beseitigen zu können wähnte. Ich will aber einen Beweis der Vergangenheit entnehmen. Der Professor Borguet zu Lüttich hat vor einigen Jahren die Gräuel der Revolutionäre und Franzosen in Belgien am Ende des vorigen Jahrhunderts in einer historischen Schrift geschildert. Er hat nachgewiesen, wie in den Städten die Gewalt der Hefe des Pöbels übergeben, wie mehr als ein Zuchthauscandidat mit den gewichtigsten Stellen bekleidet wurde, wie diese dem beutelüsternen National-Con vent in Paris mit dem freudigsten Entgegenkommen Hand boten, um den reichen Kirchen ihre Schätze, den Gemeinden ihre Güter und vielen Wohlhabenden ihr Vermögen zu entreissen. Er hat dargethan, wie die Einwohner durch Bajonnette gezwungen wurden, Einverleibung mit Frankreich zu erflehen. So führten z.B. für die große Stadt Gent zu diesem Begehren blos 150 Stimmen das Wort; unter diesen befanden sich 59 Verbrecher, die zu diesem Endzweck dem Zuchthaus waren entlassen worden, wonach man den Werth der Uebrigen bemessen mag. Hiemit, hieß es dann, habe Gent gesprochen. Auf den Dörfern wurden Franzosen mit gefälltem Bajonett aufgestellt und angekündigt: wer französisch seyn will, geht rechts, wer nicht, geht links ? in die Bajonette. Das und Vieles, was in dem Buch nachzulesen ist, trug sich im Jahr 1793 zu. Würde nun Jemand zu jener Zeit dieses Alles eben so umständlich und wahrheitsgetreu berichtet haben, wie es jetzt durch Hrn. Borguet geschehen ist, meinet ihr nicht, jene Regenten und ihr Anhang hätten hellauf in die Welt hinausgeschrieen: das Buch ist eine Parteischrift, und ein großer Theil[292] der damaligen Welt hätte nachgeschrieen: es ist eine Parteischrift sie strotzt von Lügen, sie schmäht die redlichsten Vaterlandsfreunde, die treubesorgtesten Regenten? Jetzt, nach fünfzig Jahren aber, wird die Schrift als unverdächtiger Beitrag zur Geschichte jener Zeit dankbar aufgenommen. Wo und wann in verwandter Weise, aus ähnlichen Grundsätzen, wenn gleich nicht mit so greller Zuthat, Derartiges angestrebt werden, die zerstörende Theorie in die Praxis übergehen kann, da kommt alsbald ein zahlreicher Theil des Menschengeschlechts so weit herab, daß er nicht einmal mehr zu der bloßen Vermuthung sich erheben kann, es dürfte noch Einzelne geben, welche ohne persönliche Abneigung und ohne individuelle Zwecke, ohne Etwas zu fürchten, oder Etwas für sich selbst zu beabsichtigen, für das, was sie als wahr, gerecht und gemeinförderlich erkennen, gegen das, was sie als irrig, verwerflich und verderblich erklären müssen, in Rede oder Schrift frei und ernst, ohne Zagen und Wanken, ihre Stimme zu erheben sich gedrungen fühlen. Man kann sich gar nicht mehr zu der Ahnung erschwingen, daß die immateriellen Güter von Wahrheit und Recht für Diesen und Jenen immer noch einen unendlich höhern Werth haben können, als jederlei materielle Vortheile, an welche die Menge alles Andere dahin giebt, deren wegen sie Alles wagt, Alles duldet, zu Allem sich versteht, Alles opfert. Auch auf diesem Gebiete sind wir dahin gekommen, daß so viele Stimmführer Wahrheit und Recht einerseits, Irrthum und Unrecht anderseits nur als verschiedene Farben betrachten, in welche ein Jeglicher nach Phantasie, Laune und Luft sich kleiden möge; jenes und dieses als zwei Elemente, welche mit vollkommen gleicher Befugniß gegenseitig in der Schwebe sich halten. Wenn aus der Fluth öffentlicher Blätter, deren Mehrzahl im Dienste der Lüge steht, und durch die Lüge wie für die Lüge wirkt, wenn aus diesem, die Gefilde der Wahrheit erst übersummenden, dann abätzenden Schwarm je eines hinausragt und jene Wogen an sich brechen läßt, und helleren Blickes hinabschaut in das Getriebe, und es versucht, die Leuchte zu werden,[293] zu welcher die Sturmesmüden den Blick wenden mögen, dann aber, so es zu arg schäumt und brandet und gähnt und klafft, ein zermalmendes Wort spricht, sofort wird durch den Ausdruck Parteiblatt mit dessen Glaubwürdigkeit, mit dessen redlichem Willen, zugleich dessen Befugniß in Frage gestellt, und es in gleiche Linie gereiht mit denjenigen, deren Harpyennatur zu entschiedener Abwehr zwingt. Aber noch verderblicher, weil versteckter und glatter und berückender, wirkt die Lüge durch diejenigen, welche, mit dem zerfetzten Mantel sogenannter Parteilosigkeit umhüllt, des unseligen Dienstes sich unterwinden, einen Bund aufzurichten zwischen dem, was ewig getrennt werden muß, eine Vermittlung herbeizuführen zwischen dem, was bis an der Welt Ende sich gegenüberstehen wird, ein Gemengsel zu veranstalten dessen, was jeden Augenblick sich abstossen soll. Diese gerühmte Parteilosigkeit, die eigentlich mehr mittelst glatter Worte den Leichtgläubigen in oft wiederholten Phrasen aufgeschwatzt und den Zweifelnden in barscher Abfertigung zuweilen aufgetrotzt werden will, im Grund aber nur das eigene Wort zum Zeugen hat, diese Parteilosigkeit (wenn anders in so allgemeiner Zerrissenheit eine solche denkbar ist) besteht in nichts Anderm, als in munterm Liebäugeln nach der linken Seite, unter buhlerischem Schreicheln der rechten, und dient zu nichts Anderem, als Viele derer, die durch einen etwelchen innern Tact, jedoch ohne klares Bewußtseyn, zu dieser noch gezogen werden könnten, mittelst des erregten Kitzels von derselben zurückzuhalten, jener aber in gewonnener Kampfesrast zu neuen Operationen Muße und Terrain zu sichern. Sie nennen sich parteilos, gleich als ob da, wo es sich um die letzten Bedingungen des Seyns handelt, Parteilosigkeit noch denkbar, gleich als ob nicht Alles so weit gediehen wäre, um nicht als letztes Wartzeichen den Ausspruch annehmen zu müssen: wer nicht mit mir sammelt, der zerstreuet. Sie prahlen mit einer richtigen Mitte, die nichts weiter ist, als der ewig bewegliche Punct zwischen der unwandelbaren Wahrheit und dem rastlos sich fortwälzenden Irrthum; sie reißen die Gemüther an[294] sich, weil nichts müheloser ist, als Niemand Recht und Niemand Unrecht zu geben, der Thatlosigkeit nichts bequemer fällt, als Recht und Un recht in demselben Tiegel, so lange es gehen mag, zu verquicken; weil es der innerlich verrotteten Gemächlichkeit zusagt, auf dem bereiteten Lotterbette alsolange behaglich sich zu recken, bis die immer mächtiger gewordene Partei der Zerstörung, in niederschmetterndem Sturmesbrausen herantosend, die Schlummernden aufjagt und zu spät zur Einsicht sie ruft, es wäre klüger gewesen, nicht zu lauschen dem einlullenden Wort, sich zu erraffen und anzustrengen; klüger, rathsamer, ob zwar minder geruhig, festen Blickes der Gefahr ins Auge zu schauen, als durch Mäckeln und Schmiegen und Buhlen ihr so zum Erstarken zu verhelfen, daß sie endlich mit zermalmender Ferse über Alle daherstampfe. Mögen diejenigen, welche dem Brey gleichen, der nicht fest genug ist, um eine Form anzunehmen, und nicht flüssig genug, um darin schwimmen zu können, noch so Großes auf ihre Weisheit sich einbilden, sie werden weder Staaten construiren, noch die Gesellschaft restauriren, noch die Zukunft garantiren. Am grausigsten, schauervollsten, die lichtscheue Gestalt ihres Vaters mit deren markzerfressendem Grinsen in glutglimmendem Gepräge an sich tragend, brach aus ihren unterirdischen Schlüften die Lüge hervor, sobald sie durch den gräßlichsten aller Frevel, welcher je den Boden eines Landes besudelt ? in dem Mord des gottesfürchtigen, redlichen, kernbiedern, thatkräftigen Joseph Leu von Ebersol, herausgeschlichen aus dem Gebiete der Rede in dasjenige der That. Sie, die den Meuchler gedungen und in naturgemäßer Treulosigkeit gleichzeitig zum Opfer sich ersehen, sie, welche die Schandthat ersonnen und vollführt, mochte nicht an dieser sich ersättigen, so lange dem Hingeschlachteten der gute Klang blieb, der allüberall durch's Leben ihn begleitet. Ein Kleines blos däuchte ihr erreicht, so ihrer Blutgier nur dieses Opfer gefallen, ließe nicht auch jener sich in herzdurchbohrendes Krächzen sich umwandeln. Also frischauf, da noch von den Händen dampfend das Blut troff, mußte aus[295] dem Munde der Giftstrom rinnen. Blitzesschnell riß in glühender Hast die Satanität eines großen Theils des Erdengewürmes seine letzte Hülle von sich, und auf das Gebrülle der Wissenden: »er selbst hat Hand an sich gelegt!« wieherte es in weiten und weitern Kreisen: »was wollt ihr unfruchtbar nachspüren? Niemand Anders ist der Thäter, als der Todte selbst!« Und ob das Summarium sorgsam erforschter Verumständungen entgegengestellt, und ob des Mannes stets gleichmässiges, durch jederlei Edelsinn hervorleuchtendes Seyn und Walten eingesetzt, und ob nach irgend einer, auch nur leidlich zusagenden psychologischen Lösung so unentwirrbaren Räthsels mit Ernst oder Wehmuth gefragt worden, auf Solches ließen sie keineswegs sich ein; das nackte, das unablässig gesprochene, das schauererregende Wort sollte, dieweil sie es gesprochen, unaufhaltbar niederschlagen, was in redlicher Gemüthsart nur immer dawider aufzutreten sich erkühnen mochte. So zischelte, von dem Siegesjauchzen ihrer Kinder umrauscht, mit scharf markirten Zügen als Dæemon ex machina die Lüge hervor und rollte mit unermeßlichem Schlangengeringel gemächlich zu Haufen Tausende und Tausende, an denen die letzten Merkmale des Firnißes spärlicher Sittlichkeit noch nicht durchweg abgerieben waren, also daß in etwelcher gesellschaftlichen Scheu ihnen noch ein Hinderniß gegenübertrat, zu Anwälten des Meuchelmordes sich zu stempeln. Da lispelte ihnen die Lüge das bewährte Mittel ein, durch unabläsßges Nachlallen des Selbstmordes ihrem innerlichen Jubel die Sourdine aufzusetzen und sonach ohne die leiseste Anwandlung von Schaam zu verfechten, womit sie sonst in ehrbarer Gesellschaft offen niemals sich würden hervorgewagt haben. In trunkener Gier ward hinab durch alle Stände das Mittel ergriffen und freudig angewendet, so lange nur immer es vorhalten mochte. Darin aber hat jene Schauerthat eine unermeßliche Bedeutung gewonnen, daß vor ihr die Herzen geborsten sind, und der Blick in die bodenlosen Abgründe der Unsittlichkeit sich eröffnet hat, zugleich von der Lüge das Besitzergreifungs-Patent des Weltregimentes ergangen ist, und[296] die Herolde bestellt wordem sind, welche nach allen vier Weltgegenden den feyerlichem Act auskünden sollten, etwa in der Weise jenes »Berliners« in dem »Rheinischen Beobachter«, welcher seinen absoluten Intelligenzen zurief: »Leu war ein Fanatiker, der sich in Verzweiflung, sein Vaterland in den Abgrund des Jesuitismus gestürzt zu haben, eine Kugel durchs Herz schoß.« Und ob nun dieser allseitig mit Bewußtseyn und Plan veranstaltete Cultus der Lüge, welche ihnen zum goldenen Kalb der Israeliten geworden ist, dem sie Blumen streuen, Weihrauch anzünden und Tänze veranstalten, nicht eingeschlagen, tief eingeschlagen habe, in die gesammte Gesellschaft, hindurch durch alle Schichten derselben! Ob die Saat, welche der Vater der Lüge, da er von hinnen getrieben worden, zu bleibender Erinnerung an seine widerwärtiger Weise gehemmte Fürsorge dem ihm entrissenen Geschlechte als letztes Vermächtniß beim Scheiden hinterlassen, jetzt nicht üppiger aufschieße, als sonst je zu einer Zeit, hierüber befraget die Eltern um deren Wahrnehmungen an den Kindern, die Brotherren um ihre Erfahrung an den Dienstleuten, die Bestellten (wo diese selbst noch eines Zeugnisses fähig sind) um ihre Beobachtung an den Untergebenen, und alljedermänniglich um dessen tagtägliche Belehrung, welche Verkehr, Gewerb und das Leben in der Mannigfaltigkeit seiner Vorkommisse ihm bieten mag. Im Jahr 1833 war die Geschichte Innocenz III so weit gediehen, um den ersten Band dem Druck übergeben zu können, der auch Anfangs des folgenden Jahres erschien, Das Werk machte alsbald großes Aufsehen und veranlaßte ebenso laute Stimmten gegen, als für sich. Was allein mich hätte entmuthigen können, findet sich oben angedeutet; dessen jedoch wurde mir von keiner Seite je etwas vorgeworfen. Leo in Halle ist vermuthlich der Erste gewesen, der das Werk öffentlich besprochen[297] hat. Er zollte ihm großes Lob in den Berliner Jahrbüchern. Ein anderer Recensent in der Jenaischen Literatur-Zeitung verließ in seinem Grimm über das Buch den Boden der Objectivität, und machte in hämischer Gemeinheit jenem an der Personalität des Verfassers Luft. Ich suchte in einem Brief, den ich durch die Redaction ihm zukommen ließ, ihn auf das begangene Unrecht und auf die Nichtbeachtung seiner Recensentenbefugniß aufmerksam zu machen. Ob der Ehrenmann nicht muthig oder nicht ehrlich genug war, aus seiner Anonymität herauszutreten, weiß ich nicht; er hat mir nie geantwortet, dagegen auch den zweiten Theil unberührt gelassen. Ich führe dieß bloß an als Zug von Recensenten-Lojalität. Andere legten andere glänzende Zeugnisse ihrer Befangenheit ab, Einer vorzüglich in der Zumuthung, daß die drei Folianten Briefe von Innocenz mir gar nicht als Quelle hätten dienen sollen. Ich habe hierauf in der Vorrede zum zweiten Band vorübergehend Rücksicht genommen und muß nur bedauern, daß die französischen und die italienischen Uebersetzer diese Vorrede weggelassen haben. Anders war es in Süddeutschland. Dort machte das Werk noch größeres Aufsehen, aber in entgegengesetztem Sinne. Freute man sich, daß eine der größten Personalitäten in der Reihe von mehr als dritthalbhundert Oberhäuptern der Kirche nach stabil gewordenen Verunglimpfungen auf solche Weise wieder seye rehabilitirt worden, so freute man sich noch mehr, daß dieß durch Jemand geschehen seye, der in seiner Stellung ausser aller Beziehung sowohl zu dem Oberhaupte der Kirche als zu dieser selbst stehe. Möhler brachte das Buch, kaum er es erhalten, in das Collegium, pries es seinen Zuhörern als Mittel an, von richtiger Behandlung der Kirchengeschichte sich einen Begriff zu machen, und las jenen Abschnitt vor, der von dem Interdict handelt. Mehrere Zeitschriften besprachen es mit besonderem Beifall, und ich wurde dadurch in der katholischen Welt bekannt; doch ohne daß jetzt schon Verbindungen hieraus erwachsen wären.[298] Hier mögen ein paar Worte über mein Verhältniß zu dem Buch ihre geeignete Stelle finden. Wie ich dazu gekommen seye, an diesen Gegenstand mich zu wagen, habe ich früher berührt. Gewissenhaftigkeit und Wahrheitsliebe legten mir die Obliegenheit auf, wieder zu geben, was als Resultat meiner Forschungen mir sich dargeboten. Die Befugniß dazu knüpfte ich an den Umstand, daß ich hier auf dem unabhängigen Gebiet der Geschichte mich bewege, darüberhin ein Pontificat dargestellt werde, welches um mehrere Jahrhunderte derjenigen Zeit vorangehe, in der meine Vorfahren diese Institution selbst für eine mehr als überflüssige Sache erklärt hätten. Daß Rückwirkung dieses Urtheils in so ferne Zeiten hinaus sich verlangen lasse, konnte mir nicht zu Sinn kommen. Wohl mußte mir unter dem Nachforschen manches neuere Werk in die Hände fallen, welches über die Persönlichkeit und das Walten des großen Papstes in ganz anderem Sinne sprach, als ich darüber zu sprechen mich gezwungen fand. Meistens aber, wie mir alsbald in die Augen sprang, hatten Jene aller Erforschung der Quellen sich entschlagen, nicht einmal Kenntniß derselben besessen, von Vorurtheil sich nicht trennen mögen. Konnte ich nun, nachdem ich z.B. gesehen, wie Innocenz Alles versuchte, um den König von Frankreich mit seiner Gemahlin auszusöhnen, oder dessen Scheidungsbegehren auf den Rechtsweg einzuleiten, dem Oberhaupte der Kirche einen Vorwurf daraus machen, daß es nicht nachgegeben; sollte ich gar noch der muthwilligen Trennung das Wort reden, und an dem König rechtfertigen, was jedem Unterthan zum Vorwurf hätte gereichen, oder an dem Oberhaupt der Kirche tadeln, was in untergeordneten Verhältnissen jedem Pfarrer das Zeugniß pflichtgetreuen Handelns hätte erwerben müssen? Durste ich, nachdem ich dem Gang der Eroberung von Constantinopel gefolgt war, Innocenzens wiederholte Erklärungen darüber mir vor Augen lagen, seine ernsteste Mißbilligung durch Wort und Maßregel sich weder verschweigen, noch weniger verläugnen ließ, einstimmen in das landläufige Geschrei: der Papst habe die Kreuzfahrer zu Vollziehung[299] seiner politischen Entwürfe und zu Erweiterung seiner Macht mißbraucht? War es mir möglich, unter so vielen Zeugnissen für angestrengte und redliche Verwendung, dem unmündigen König Friedrich von Sicilien das mütterliche Reich zu vertheidigen und zu erhalten, die Zahl der Schreyer über Mißbrauch der päpstlichen Gewalt und über Ländersucht der Oberhäupter der Kirche zu vermehren? Sollte ich Angesichts der unzweideutigsten Beweise für das Gegentheil in vollgültigen Documenten die Gräuel der Albigenserkriege und die Ländergier Simons von Montfort dennoch dem apostolischen Stuhl zur Last legen? Sah ich dann neben diesem, wie unablässig und mit einer nach allen Seiten gerichteten, kaum begreiflichen Thätigkeit der Papst bemüht war, die Freiheit der Kirche zu verfechten, gegen jede Art Beeinträchtigung dieselbe zu vertheidigen, deren Ordnung zu handhaben, die Zucht in ihr aufrecht zu halten, den Einzelnen zu ermahnen oder zurechtzuweisen, mit Unparteisamkeit über Allem zu schweben, gleichsam überall gegenwärtig zu seyn, auf Kleines zu achten wie auf Großes: sollte ich diese staunenswerthe Thätigkeit deßwegen minder würdigen, weil sie auf die Kirche sich bezog, wohl gar sie mißbilligen, weil sie von deren Haupt geübt ward, oder da, wo Mittel und Zweck so klar vor Augen lagen, einen verborgenen und dazu noch tadelnswerthen Vorbehalt herausklügeln? Es fehlt nicht an Individuen, welche zu dergleichen Handlangerdiensten gut genug sind; in ihre Zunft konnte ich nicht eintreten. Denn Anderes, als redlich zu geben, was ohne Beihülfe künstlicher Wendungen oder willkürlicher Voraussetzungen mir sich dargeboten, wäre mir nie möglich gewesen. Könnet ihr Euch nicht satt genug preisen an euerm Mann um sein Wort: da steh' ich, ich kann nicht anders, helf mir Gott! so gebet doch wenigstens zu, daß ein Anderer, wo es das Zeugniß für eine, sogar auf Thatsachen ruhende, nicht blos aus eigener Machtvollkommenheit aufgestellte Wahrheit gilt, dasselbe mit allermindestens gleichem Recht anzuwenden berechtigt seye. Es ist mir zwar bald nachher von einem sehr geistreichen[300] Mann die Bemerkung gemacht worden: nicht das, daß ich in einläßlicher Schilderung dargethan, mit welchem hohen Verstand Innocenz über den Ereignissen seiner Zeit gewaltet, mit welch' entschiedenem Willen er in dieselben eingegriffen, möchte Vielen mißfallen; das hingegen den Grimm Mancher wecken, daß ich diesem Allem eine sittliche Grundlage gegeben, nachgewiesen hätte, wie nach richtig erfaßtem Begriff des Pontificats Innocenz nicht anders habe handeln können. Gerne, meinte er, würde utan den großen Mann zugegeben haben, hätte ich es nur nicht gewagt, den großen Papst wieder aufleben zu lassen. Hiemit hätte ich in das System eingegriffen, was mir niemals würde verziehen werden. ? Ich dagegen hielt dafür, anders ließe sich die Aufgabe wahrheitsgetreu niemals lösen, und stellte als Gegensatz auf: wenn ich die Geschichte eines Papstes zu schreiben hätte, der in weltlicher Politik unter seinen Zeitgenossen hervorgeragt, als Herrscher sich ausgezeichnet, als Beschirmer der Künste und Wissenschaften noch so glänzend geleuchtet, bei diesem Allem aber nicht von der Idee des Pontificats wahrhaft durchdrungen sich erzeigt, dieser nicht jenes Alles untergeordnet hätte, so würde ich wohl dessen hohe Eigenschaften anerkennen, nie aber meinen Tadel über den Mangel an letzterm unterdrücken können. Ich selbst hielt von meiner Arbeit nichts mehr, als mir das Zeugniß geben zu dürfen (und darin lag doch keine Ueberschätzung), mit unermüdlichem Ameisenfleiß, was immer über den behandelten Gegenstand sich habe auffinden lassen, zusammengetragen, sodann das Gefundene in einer Weise verarbeitet zu haben, die wenigstens in dieser Beziehung gegründeten Tadel nicht veranlaßen könnte Mich lohnte der Rückblick auf so viele hundert harmlos, heiter und befriedigend zugebrachte Stunden; mir genügte die Meinung, die Zahl so vieler tausend Bücher durch eins vermehrt zu haben, welches wenigstens neben manchen andern sich aufstellen ließe. Wie aber diese Geschichtsbeschreibung durch zwei französische, darauf durch zwei italienische Uebersetzungen zu weiterer Kenntniß gelangte, fehlte es nicht[301] an Zeugnissen, daß sie noch Anderes gewirkt, als blos über einen wichtigen und dennoch bisdahin wenig bekannten Abschnitt des Mittelalters etwelches helleres Licht verbreitet zu haben. In Deutschland wurde mir von Mehrern bemerkt, durch mich erst wäre ihnen das Mittelalter von einer Seite bekannt geworden, die ihnen vorher ganz verhüllt gewesen seye; mit dem Lesen dieses Buches erst wäre ihnen dasselbe lieber geworden, und hätten ihre Ueberzeugungen von der Bedeutung, der Nothwendigkeit und der heilsamen Wirksamkeit eines Oberhauptes der Kirche eine ganz andere Richtung genommen. Ein deutscher Erzbischof gieng in schmeichelhafter Anerkennung selbst so weit, mir zu sagen: »ich hätte ihn katholischer gemacht, als er gewesen.« ? Noch entschiedener waren die Zeugnisse, welche ich voriges Jahr in Frankreich vernehmen konnte. Zu Paris wurde mir von mehr als einem hohen Geistlichen verdeutet: die französische Kirche habe mir Vieles zu verdanken, mein Werk hätte eine große Wirkung auf den Klerus gehabt; in den meisten Seminarien wäre es vorgelesen, die heranwachsende Geistlichkeit mächtig durch dasselbe angeregt worden. Eines Tages besuchte ich die große Verlagsanstalt des Abbé Migne; ein junger Geistlicher hörte meinen Namen nennen, worauf er sogleich auf mich zu kam und sagte: »ich versichere Sie, daß in unserm Canada Ihr Name großes Gewicht hat.« Ein Jahr später äusserte in Rom der Marquis de Büssieresy gegen mich: das erste Buch, welches ihm nach seiner Rückkehr in die katholische Kirche in die Hände gefallen, seye die Geschichte Innocenzens des Dritten gewesen; er habe sie wahrhaft verschlungen, weil er darin dasjenige Alles nachgewiesen gefunden, was ihn zu dieser Rückkehr vornehmlich bewogen. Selbst aus Spanien sind mir Zeugnisse ähnlicher Art in Büchern schriftlich und sodann mündlich zu Theil geworden. Und welche Zeugnisse, mit diesen übereinstimmend, vernahm ich nicht in allen Städten und von den Menschen der verschiedensten Lebensbestimmungen in Italien? Der Papst selbst sagte mir: die katholische Kirche habe eines Geschichtswerkes, welches[302] die so lange unterdrückte und entstellte Wahrheit mit so redlichem Willen als schönem Erfolg wieder an das Licht gezogen, sich nur freuen können. Schon ein paar Jahre vorher hatte er dem schweizerischen General Grafen von Salis bemerkt: »Er könne gar nicht begreifen, wie es möglich seye, daß Einer, der so die Wahrheit durchschaue und anerkenne, nicht als Glied der katholischen Kirche sich erklären könne?« ? Der General erwiederte: »Wollen Ewer Heiligkeit nur zuwarten, die göttliche Gnade wird nicht müssig bleiben!« ? Viele, dem des Oberhauptes der Kirche gleichlautende Zeugnisse sind mir erst nach dem 16. Juni offenbar geworden; viele Personen haben mir erst seit jenem Tage gestanden, daß sie langst schon die Ueberzeugung gehabt hätten, die Wahrheit, welche in mir einen so festen Grund gewonnen, werde immer völliger sich entwickeln, und Gott gewiß alle Hindernisse, um sie ganz zu erkennen und dann auch zu bekennen, aus dem Wege räumen. Absit gloriari, nisi in Cruce Domini ? das sollte jedes Christen Wahlspruch seyn. Ich führe daher alle diese Zeugnisse an, nicht um mich selbst dadurch ins Licht zu setzen, oder ein Verdienst, welches allein Demjenigen zukommt, der zu jedem guten Werk das Wollen und das Vollbringen geben muß, meiner Person beizumessen, sondern blos um zu bekennen, daß gerade in diesen mir erst lange hintennach kund gewordenen Zeugnissen jenes Treiben gegen mich, worin ich jetzt eine wesentliche Zulassung Gottes zu Entfernung aller Hindernisse zu verehren mich verpflichtet fühle, eine Rechtfertigung finden kann. Denn, besteht das Wesen des Protestantismus darin, ohne Rücksicht auf Zeit und Umstände Alles zurückzuweisen, was seine Begründer von der katholischen Kirche verwerfen zu müssen geglaubt haben und was er in seiner fortgeschrittenen Entwicklung mit gleicher Entschiedenheit verwirft, so muß er ganz natürlich auch eine protestantische Behandlung der Geschichte, selbst derjenigen Zeiten fordern, die lange vor seiner Existenz verlaufen sind. Finden daher die Katholiken, daß eine Geschichte jener Zeit katholisch geschrieben seye, d.h., anerkennend das Wesen[303] der Kirche, wie es allgemein damals anerkannt worden, und von denjenigen, die ihr treu geblieben, noch heutiges Tages anerkannt wird, darstellend dasselbe, wie es damals bestand und wie es in seinen Grundzügen noch jetzt besteht, so müssen folgerichtig die Protestanten, die in jener Voraussetzung die Bedingniß und die Modalität der eigenen Existenz anerkennen, es eben so einleuchtend finden, daß ein solches Werk in nichtprotestantischem Geist geschrieben seye. Ich zwar meinte noch manches Jahr seit Erscheinung desselben, es seye weder in jenem noch in diesem, sondern blos in rein historischem Sinn, als Schritt für Schritt mit den unverdächtigsten Zeugnissen belegte Darstellung der Thatsachen, geschrieben worden, wie ich mich hierüber zur Zeit des lebhaftesten Conflictes ganz offen erklärt habe. Jetzt hat es Gott so gefügt, daß ich in dem einen Zeugniß eine befriedigende Anerkennung verehren, wegen des andern gleichgültig bleiben kann, ohne daß deßwegen meinem Bewußtseyn gegenüber das, wozu dieses letztere antrieb, gerechtfertigt wäre. Eine schwache Seite, wenn er dieß auch noch so entschieden ablehnt, verräth der Protestantismus immerhin durch sein Begehren, daß in den Verlauf der Ereignisse weit vor der Zeit seines Entstehens nur von demjenigen Standpunct dürfe geschaut werden, den er nachmals aufgestellt hat. Er hat darin eine große Aehnlichkeit mit den Anhängern und Herolden der Revolution, die ebenfalls für Beurtheilung der Thätigkeit und der Bestrebungen der Könige nur einen Maßstab, denjenigen nemlich, der jener entnommen ist, wollen gelten lassen. Hinter derartigem Postulat lauert immer, wenn es auch nicht ins Bewußtseyn hinaustritt, eine dunkle Ahnung des Unrechts, und es verräth Jedenfalls eine mißliche Sache, wenn man es mich über sich gewinnen kann, rechtmässigen Zuständen der Vergangenheit parteilose Anerkennung widerfahren zu lassen; dieß blos deßwegen nicht, weil dieselben einerseits noch fortdauern, indeß man anderseits sich davon losgesagt hat. Hiebei läge die Vermuthung nahe, durch ein solches gewaltsames Anpassen des[304] Urtheils der Geschichte an ein später aufgestelltes System sollte entweder die Mangelhaftigkeit desselben verhüllt, oder jeder Zweifel an unantastbare Rechtmässigkeit desselben beschwichtiget werden. Unbefangener und würdiger wäre es allerdings, die Verdienste des Pontificats um Erhaltung des Christenglaubens, um Verbreitung desselben, um die Versitlichung des Menschengeschlechts, um die Verbesserung des gesellschaftlichen Zustandes, um Wahrung gedeihlicherer bürgerlicher Ordnung anzuerkennen, als, wie so häufig geschieht, in demselben, mit Verläugnung aller Wahrheit, nur den Mittelpunct von Verwirrung, Ränken, Gewaltthätigkeiten und selbstsüchtigen Zwecken suchen zu wollen. Indem man aber die Geschichte des Pontificats zu einem ununterbrochenen, von dessen Wesen gleichsam unzertrennlichen, Gewebe von dergleichen Dingen metamorphosirt, läßt sich die Auflehnung gegen dessen Autorität allerdings besser beschönigen, indeß bei jenem redlichen Geständniß die Frage nahe läge: warum denn habt ihr euch so gewaltsam von dieser Institution losgerissen, warum glaubten zu deren Herabwürdigung euere Stifter nicht Schmähworte genug austreiben zu können? ? Was zu jener Zeit vorübergehend in solcher Weise mich berührte, ist mir erst seitdem vollkommen klar geworden, und es leuchtet mir nunmehr hell genug ein, daß das Werk auf meine damaligen Confessions-Verwandte eine andere Wirkung nicht haben konnte. Der Eindruck, den es nach der einen Seite gemacht hat, mußte, wie die Sachen stehen, nothwendig den entgegengesetzten nach der andern Seite hervorrufen; daß dieser aber hier und dort so weit gehen würde, hieran dachte ich freilich nicht. Ob und inwiefern zwischen meinen Ansichen über Freiheit Recht, Ordnung und Verfassung der Kirche und den Forschungen über Innocenz und seine Zeit eine Wechselbeziehung sich begründet habe, das vermöchte ich nicht zu ermitteln; ebensowenig als ob diesen Forschungen nicht etwelcher Einfluß auf mein Benehmen an der Spitze und in Verbindung mit der Geistlichkeit zuzuschreiben seye. Wer nach einem Ideal, ob noch[305] so fern, ob noch so unerreichbar hoch es gestellt seye, unablässig den Blick gewendet hat, dem mag, wie eng begränzt der eigene Wirkungskreis und wie tief gestellt auch die eigenen Verhältnisse seyen, dennoch der Versuch nahe liegen, irgend etwas davon in die Realität überzutragen; wobei jedoch ruhige Ueberlegung, ein klarer Blick und blos das nöthigste Maaß von Klugheit ihn niemals in das Gewagte, Unausführbare werden hinüberschreiten lassen. Das aber schwebt in vollem Lichte vor meinen Augen, daß ich in meiner Phantasie das ganze Leben von Innocenz durchgelebt und es in mir ripristinirt habe, gleich als hätte ich nicht nur alle Eindrücke der damaligen Weltereignisse an mir selbst erfahren, sondern dabei mitgewirkt und mitgehandelt. Ich weiß wohl, daß hierüber Viele mich tadeln, aus diesem offenen Geständniß eine Unfähigkeit für parteilose Darstellung deduciren, hinter den mir immer als ruchlos vorgekommenen Satz sich verbergen werden: der tüchtige Geschichtschreiber dürfe weder Religion noch Vaterland haben. Andere dürften anders urtheilen; mir aber macht es Freude, mich zu geben, wie ich bin, anbei die anfangs leisen, allmählig immer frischer und voller hervortretenden Spuren der Bereitung zum Willen Gottes zu verfolgen. Unerwartet, plötzlich, starb Ende Februars 1835 derjenige, welcher vor zwei Jahren statt meiner zum Antistes improvisirt worden war. Er verdient das Zeugniß eines gutmüthigen, vertragsamen Mannes, der eben die, in lächerlicher politischer Abneigung gegen mich ihm zugewendete, Stelle behandelte, wie er seine Landpfarrei behandelt hatte, und dem ich eine gewisse wehmüthige Theilnahme um so weniger versagen konnte, als leicht zu durchschauen war, daß die Gunst, in die er so unerwartet gekommen, bei seinen Gönnern nur so weit vorhielt, um sich selbst über deren unerwartete Zuwendung nicht allzusehr[306] zu compromittiren. Er hatte am letzten Sonntage des Februars in der ehemaligen Antistitialkirche noch gepredigt; Montags, Morgens neun Uhr, wurde mir sein Hinscheid gemeldet. Das war wieder einer der Fälle, für welchen alle eventuell möglichen oder nothwendigen Maßregeln längst überdacht waren. Zwei Stunden nach Empfang jener Nachricht saß ich schon in dem Wagen, um nach dem Kloster Muri zu fahren, nachdem ich vorher noch der Wittwe schriftlich mein Beileid bezeugt, und dieß nicht Schicklichkeitshalber oder blos zum Schein, sondern in wahrer Theilnahme, da das Unerwartete mich wahrhast erschüttert hatte, und ich gegen den Mann, der, wahrscheinlich ohne daran zu denken, zum Spielball der Mißstimmung gegen mich sich bequemen mochte, mehr mit Mitleid als mit Unwille erfüllt war. Ich hatte Muri als einsweiligen Aufenthalt deßwegen gewählt, weil die Jahreszeit für eine weitere Reise nicht einladend war, weil das Kloster von Schaffhausen nicht sehr weit entfernt liegt, weil ich eines guten Empfanges mich versichert halten konnte, weil ich mir für meinen Innocenz aus der dortigen reichen Bibliothek noch einigen Gewinn versprechen durfte (dieß wahrlich nicht vergeblich), endlich weil ich nicht in einer Stadt mich aufhalten wollte. Eben als ich in Bereitschaft stand, in den Wagen zu steigen, kam noch mein Freund, der jetzige Staatsschreiber Peyer im Hof, zu mir, um in halbofficiellem Auftrage mich zu fragen: ob ich den Vorschlag zu der erledigten Stelle annehmen würde? Ich erwiederte nur: man möchte thun, was man für zweckmässig erachte; ich stünde im Begriff abzureisen. Hiezu hatte ich mehrere Beweggründe. Zum ersten freute es mich, aus der Ferne zuzusehen, welches Spiel in meiner Abwesenheit würde getrieben werden, oder nach meiner Rückehr zu vernehmen, welches wäre getrieben worden. Sodann konnte ich leicht vermuthen, daß, nun der »einzig vollkommen Tüchtige« gestorben seye, man wohl auf den minder Tüchtigen verfallen und das gleiche Getriebe schwerlich zum Zweitenmal versuchen[307] dürfte. Meine persönliche Ehre gebot aber, auch des leisesten Scheins von Entgegenkommen mich frei zu halten, alle Vermuthungen, Gerüchte und Sagen, die an meine Person sich knüpfen konnten, unmöglich zu machen, gegen die Einflüsterung von Freunden wie gegen Gehässigkeiten von Feinden mich sicher zu stellen, was Alles einzig durch die schnellste Entfernung sich erzwecken ließ. Endlich, da meine politischen Gesinnungen sich noch nicht im mindesten geändert hatten, und ich den größten Werth darauf legte, daß man wisse, es könne weder Ungunst noch Zuneigung einen Einfluß auf die selben üben, wollte ich von vornherein allem unnützen Gerede den Faden abschneiden, als hätte ich meine Ueberzeugungen den Meinungen, so wie dieselben gerade in jenen Tagen normirt seyn mochten, gemäß rectificirt, wohl gar der erledigten Stelle zu lieb mit der Revolution einen Pact geschlossen. Ob ich die Würde eines Antistes erhalten sollte oder nicht, das war mir das Gleichgültigste von der Welt; zehn solcher Stellen hätten die Kränkung auch nur über den leisesten Argwohn in jener Beziehung nicht aufzuwägen vermocht. Die Stelle vermehrte meine pecuniären Mittel, die überhaupt bei Allem, was mich betrifft, zuletzt in Anschlag kommen, nicht. Auch bedurfte ich ihrer nicht, um mir Ansehen zu verschaffen. Die Rangerhöhung konnte mich ebenfalls nicht besonders locken; das Bewußtseyn, zu nichts Unwürdigem, mir Widerstrebendem Hand geboten zu haben, galt mir mehr als alles Andere. Der Berechnung nach hätte die Wahl noch in der gleichen Woche statt finden sollen. Für dergleichen Sachen bestanden ehedessen bestimmte Vorschriften, über die man sich niemals hinwegsetzte: jetzt, wo man vor lauter Gesetzen, Formeln und Reglementen kaum mehr Raum zum Wandeln hat, ist für Willkür, Laune und Planchen der offen oder verborgen, in Salons oder in Kneipen Lenkenden ungleich größerer Spielraum eröffnet. Was den Aufschub veranlaßte, weiß ich nicht. (Dießmal war es doch nicht die Heuernte, wie im Jahr 1829, wo eine sehr wichtige und längst erwartete Berathung des Großen[308] Raths nur deßwegen verschoben wurde, weil ein Mitglied vom Lande bemerkt hatte, den angesetzten Tag habe es zur Heuernte auf seinen Wiesen bestimmt.). Ich kam nach acht Tagen aus meinem Asyl zurück, nicht zweifelnd, die Wahl werde erfolgt seyn. Sie war aber noch nicht vor sich gegangen, was mich für mehrere Tage auf mein Haus beschränkte, indem ich nicht durch Verkehr mit Andern den Zweck meiner Entfernung vereiteln wollte. Kurz, fremder als ich damals konnte nie Jemand einer Wahl bleiben. Wie mir hierauf angezeigt wurde, sie seye vor sich gegangen, war die erste Frage: ob man mehrmals habe wählen müssen? Denn auch dessen war ich fest entschlossen, die Stelle augenblicklich auszuschlagen, sofern sie nicht in der ersten Wahlverhandlung mir zufiele. Künsteleyen wie vor zwei Jahren hielt ich mit meiner und zugleich mit der Ehre der Stelle selbst unvertragsam. Die Antwort des Rathsdieners lautete aber, daß blos ein einmaliges Stimmengeben nothwendig gewesen seye. Daß keine besonders große Majorität sich ergeben hatte, durfte dagegen keinen Scrupel veranlassen, da in solchen Fällen weniger die Minderheit zu berücksichtigen, als die Gesinnung der Mehrheit zu ehren ist, auch die Rücksichten auf die eigene Person ihr Ziel haben müssen. Aber zu ernster Bethätigung meiner Gesinnungen und zu Wahrung des incontaminatis fulget honoribus mit voller Entschiedenheit aufzutreten, ergieng blos zwei Monate später eine unabweisliche Aufforderung. Die neuen Einrichtungen haben neben vielen andern auch die Formalität geschaffen, daß der kleine Rath alljährlich dem großen einen Bericht über seine und die Geschäftsführung der mit ihm verbundenen Behörden zu erstatten hat. Da mußte bei dem Bericht von dem Kirchenrath auch der Antisteswahl gedacht werden. Diese Berichte wurden seit ihrer Einführung Jedesmal durch den Druck bekannt gemacht. Ich darf mit Recht des Wortes mich bedienen: der allerzufälligste Zufall habe mir denjenigen für das eben ablaufende Verwaltungsjahr von 1835 in Handschrift[309] zur Kenntniß gebracht, zugleich mit der Bemerkung eines Dritten: »da könnte ich sehen, wie bereits in Betreff meiner Person gesprochen, über mich geurtheilt werde.« Daß die etwas dick aufgetragenen Lobsprüche, welche dem kurz zuvor Verstorbenen ertheilt wurden, klar genug die Absicht durchblicken ließen, hiedurch einen Schatten auf mich zu werfen, befremdete mich nicht; ich war dergleichen gewohnt, und fand Jedesmal reichlichen Ersatz in der Zusammenstellung früherer zufälliger Aeusserungen über die Betreffenden mit dergleichen solemnen Ovationen. Aber kaum traute ich meinen Augen, als ich folgende, mich betreffende Stelle las: »Es ist dem Großen Rath bekannt, wem aus dem dreisachen Vorschlag des Kirchenrathes die erledigte Stelle eines Hauptes der Kirche übertragen wurde; ? einem Mann voll Geist und Kraft; und diejenigen, welche zweifeln möchten, ob der Neuerwählte, der sich häufig so offen und scharf ausgesprochen, wie wenig er mit den gegenwärtigen Einrichtungen sich befreunden könne, für die ihm übertragene Stelle sich eigne, mag die Ueberzeugung Beruhigung gewähren, daß er selbst, die Wichtigkeit seines Berufes erkennend, sich bei Annahme derselben werde überzeugt haben, daß die Kirche und um so mehr ihr Haupt, durch ein Streben ganz in Anspruch genommen werde, durch das nemlich, die Glieder derselben ihrer Bestimmung zuzuführen, und daß ein gewissenhaftes Streben der Art kein Anderes mehr zulasse. Das erkennt gewiß der Neuerwählte; sein eigenes Gefühl ist uns Bürge dafür. Und wer zweifelt daran, daß er mit Annahme der wichtigen Stelle nicht auch dem, dessen Diener er ist, das Gelübde werde abgelegt haben, die mit demselben verbundenen ernsten Pflichten getreulich zu erfüllen?« Um diese Stelle in ihrer vollen Bedeutung zu würdigen, es vollkommen zu begreifen, wie und warum sie den unangenehmsten Eindruck auf mich machen, ja geradezu mich emporen mußte, wäre die genaueste Kenntniß des Verlaufs von Sympathien und Antipathien während langer Zeit, der Stimmung,[310] der Persönlichkeiten, einer Menge kleiner Nebenumstände nöthig, die man nur erleben, nicht aber aufzeichnen, noch weniger anschaulich machen kann. Aber sicher ist es, daß von so Manchem, was seit der Revolution von 1831, nicht immer unerwartet und überraschend, mir widerfahren war, nichts je in solche Aufregung mich gebracht hatte, als das Lesen dieser Stelle. Dem meisten Bisherigen hatte ich in das Auge blicken, daher in die erforderliche Fassung leicht mich setzen können; dieses aber sollte hinter meinem Rücken geschehen, ja, ohne daß mir nur ein Entgegenwirken möglich gewesen wäre. Vollends dann durch den Druck veröffentlicht, wie hätte ich den, immerhin mich herabwürdigenden, Eindruck verwischen können? Das vorübergehend ertheilte Lob konnte mich nicht bestechen, da dergleichen überhaupt niemals mich bestochen hat. Daß ich häufig ausgesprochen, wie ich mit den gegenwärtigen Einrichtungen mich nicht befreunden könne, ? eigentlich aber vorzüglich nicht mit der Weise, wie, mit den Mitteln, wodurch, und mit den Absichten, aus denen sie eingeführt wurden, ? ist wahr; daß es offen geschah, ist ebenfalls wahr, und schwerlich unehrenhaft; über das »scharf« hingegen ließe sich rechten, wenn anders der Ausdruck nicht mit entschieden gleichbedeutend seyn sollte. Mir aber wollte aus dem ganzen Zusammenhang hervorgehen: es könnte zu allererst der Zweck meiner Entfernung zur Zeit der Wahl durch diese Worte vereitelt, es könnte aus denselben gefolgert werden, ich hätte meine Ueberzeugung der Stelle zum Opfer gebracht; oder es würde wenigstens amtlich, öffentlich, gegen jede Einwendung gesichert, ausgesprochen: ich hätte mich bisher wie ein unartiges Kind geberdet, nun aber, da mir, wider all mein Verdienen, freundlich ein Leckerbissen seye zugeworfen worden, stehe zu gewarten, ich würde mich dadurch reumüthig zum Gelöbniß der Besserung erwecken lassen. Das jedoch war noch nicht das Kränkendste. Weit ungehaltener wurde ich darob, daß man sichs herausnehmen wollte, in meiner Abwesenheit, vor einer Versammlung von 78 Köpfen[311] ? und welcherlei darunter! ? meine Person zum Gegenstand einer solchen anmaßlichen Schulmeisterei zu machen. Wäre mir bei irgend einer Feyerlichkeit dergleichen ins Gesicht gesagt worden, ich würde es zwar etwas unpassend gefunden, doch, ohne mich gekränkt zu fühlen, weil vielleicht durch die Veranlassung gerechtfertigt, es angenommen haben. Hier dagegen erschien es als ein Urtheil über meine Person, wozu man vermöge einer gewissen postulirten Superiorität der amtlichen Stellung volle Befugniß in Anspruch nehmen zu dürfen glaubte. Ich aber konnte eine solche weder dieser, noch irgend einer socialen, auch keiner persönlichen Stellung und ebensowenig irgend einer Individualität über mich einräumen. Es erschien mir als die unbemessenste Insolenz gegen meine Person, als eine unverkennbare Herabwürdigung derselben, unberufen und aus bloßer Eigenmacht erklären zu wollen: ich würde bei Annahme der Stelle mich selbst überzeugt haben, »daß ein gewissenhaftes Streben im Sinne derselben kein anderes mehr zulasse.« Mir waren die Anforderungen einer »Stelle,« die ich nicht als solche, sondern als Würde zu behandeln geneigt war, gewiß klarer als jedem politischen Schreiber, und ich steckte die Gränzen für dieselben gewiß weiter, als die landläufige Meinung zu thun pflegte. Was aber jenseits dieser Gränzen noch zulässig seye, das zu ermitteln oder herauszufühlen, mußte meinem eigenen Tact überlassen werden, der ebensogut hätte Bürge seyn können, daß ich wohl wissen dürfte, wie Beides genau auseinanderzuhalten wäre. Hätte dieß nicht in mir gelegen, durch dergleichen Mittel wäre es gewiß am wenigsten erzielt worden. Und welche, um den gelindesten Ausdruck zu brauchen, welche Unzartheit, vor einer solchen Versammlung zu sagen: »ich würde mit Annahme der wichtigen Stelle dem, dessen Diener ich seye, das Gelübde abgelegt haben, die mit derselben verbundenen ernstlichen Pflichten getreulich zu erfüllen?« Das konnte, das durfte außer mir selbst Niemand sagen; das mußte mit vollem Vertrauen erwartet, durfte nicht, durch wen es gewesen wäre, mir in's Gewissen geschoben weiden. ? Dergleichen und Aehnliches,[312] was später berichtet werden wird, gehört zu den Ergötzlichkeiten, die man in modernen Republiken auszustehen hat, sobald man die Nullen nicht vermehren mag, die einer jeweils geltenden Ziffer sich anhängen. Ich darf mich gottlob nicht über schlaflose Nächte beklagen; die Entdeckung aber, daß man auf Kosten meiner persönlichen Würde, meiner Ehre, der Unwandelbarkeit meiner Grundsätze, meiner bisher immer bewiesenen getreuen Pflichterfüllung, meiner selbst unbewußt und außer Standes, den leicht vorauszusehenden Eindruck neutralisiren zu können, ein solches Spiel mit mir treiben wolle, das beunruhigte mich in der folgenden Nacht fortwährend, und ich war bald mit mir einig, welcher Pfad hier zu betreten seye. Der damalige Bürgermeister (oder vielleicht in diesem Augenblick nur dessen Stellvertreter, dann bald hierauf an diese Stelle gewählt) war ein bejahrter, friedlich gesinnter, in jeder Beziehung wohlwollender Mann; gegen mich hatte er sich stets freundlich erwiesen, und Achtung und Vertrauen gegen mich bei allen Gelegenheiten an den Tag gelegt, wofür ich auch bis an das Ende seines Lebens dankbare Aufmerksamkeit ihm zu erzeigen mir angelegen seyn ließ. Diesem wies ich jene Ausdrücke vor, mit dem Bemerken, nun mir dieselben bekannt geworden wären, könnte ich unmöglich schweigen und noch weniger zugeben, daß ich auf solche Art mit meinen innersten Ueberzeugungen und meiner bisanhin unabänderlich befolgten Handelnsweise öffentlich in gewisser Beziehung verdächtigt würde. ? Der Bürgermeister äußerte sein tiefes Bedauern darüber, daß der Friede, den er durch die Wahl nun hergestellt glaubte, so unerwartet wieder sollte gestört werden. Er konnte die Richtigkeit meiner Bemerkungen nicht in Abrede stellen und versprach zu thun, was ihm möglich, um mir zu entsprechen. Aber unablässig beschäftigte mich der Gedanke, so unerwartet und aller Wahrheit entgegen nicht blos als wetterwendisch, sondern als unehrenhaft, weil unbedeutender äußerer Vortheile wegen von dem bisherigen Pfad weichend, oder als Einer, der[313] blos durch das Zuwerfen einer Stelle zu Erkenntniß seiner Verpflichtungen könne geführt werden, erst vor dem Großen Rath, sodann vor dem Publikum dargestellt zu wer den, dabei aller wirksamen Mittel der Abwehr mich beraubt zu sehen. Ich sandte daher unverweilt meinen Vetter zu dem Bürgermeister und ließ ihm sagen: er wisse, daß ich die Stelle eines Antistes nicht gesucht, weil nicht bedurft, auch deßwegen, um jeden Anschein, als buhlte ich um dieselbe, zu vermeiden, seiner Zeit mich entfernt hätte. Der fragliche Passus müßte daher aus dem Bericht gestrichen werden, oder ich betrachte die Wahl als nicht erfolgt, verbleibe an meiner vorigen Stelle, und ließe statt meiner wählen, wen man wolle; was um so leichter möglich, als das Amt eines Antistes von mir noch nicht angetreten seye. Blendwerk und Spiegelfechtereyen waren mir von jeher verhaßt, ich pflegte nie mit Worten zu spielen, oder mit Maßregeln blos des Scheins wegen zu drohen; man dürfte daher mit aller Bestimmtheit darauf zählen, daß ich diesem Vorsatz würde getreu bleiben. Hatte die Sache auf's Aeusserste kommen müssen, so wäre vielleicht der Ausweg beliebt worden, zu sagen: die eine Stelle wolle ich also nicht annehmen, zu der andern könnte ich nun nicht wieder zurückkehren. Aber auch in dieser Beziehung war der Entschluß bereits gefaßt: ich wäre nur der Gewalt gewichen; ich hätte entweder die Verrichtungen fortgesetzt und, was zu verhindern unmöglich gewesen wäre, mir die Temporalien sperren, oder es darauf ankommen lassen, ob ich an jenem durch thatsächliche Maßregeln wolle gehindert werden. Es wurde nun durch den Bürgermeister mit demjenigen, der den Bericht verfaßt hatte, eine Zusammenkunft veranstaltet, bei welcher ich jene Erklärung in den entschiedensten Ausdrücken wiederholte und jeden Versuch einer andern Deutung jenes Passus von der Hand wies. Allein Auslassung oder Veränderung desselben, hieß es, seye unausführbar, weil der Bericht bereits vor dem Kleinen Rath verlesen und genehmigt worden, so auch dem Großen Rath müsse mitgetheilt werden; hingegen wurde mir auf das Bestimmteste versprochen, denselben[314] nicht drucken zu lassen. Hiezu biete sich ein augenfälliger Vorwand dar, indem darin einer angehobenen Unterhandlung mit Baden Erwähnung geschehe und die Klugheit es räthlich mache, daß diese nicht vor ihrem Abschluß öffentlich bekannt werde. Mein Unwille war vorzüglich durch die Gewißheit rege geworden, daß die mißbeliebige Stelle gedruckt werden sollte, und dem Radicalismus im engern und weitern Kreise zu verunglimpfenden Folgerungen gegen meine Person erwünschten Stoff darbieten könnte. Ich überlegte, daß man in allen Fällen mit dem Anerbieten des Möglichen sich begnügen müsse und nicht durch Forderung des Unmöglichen die Sachen auf's Aeusserste treiben dürfe; ich konnte mir nicht bergen, daß bei dem Ablesen weitläufiger Acten selten Aufmerksamkeit genug vorwalte, um das Einzelne festzuhalten; daß in einer großen Versammlung nur Wenige hinreichende Gewandtheit besässen, um bei schnell verhallendem Ton jeden Ausdruck seinem vollem Gehalt nach zu würdigen; daß endlich auf solche Weise mit der Acte nach deren Ablesen auch meine Besorgnisse in die Gruft des Archives würden beigesetzt werden. Daher erklärte ich mich mit diesem Auswege befriedigt, aber unter dem bestimmten Vorbehalt, daß, wenn irgendwie die kränkende Stelle zu öffentlicher Kunde gelangen sollte, ich diese Unterhandlung als nicht erfolgt betrachten und zu meiner vorigen Erklärung: wieder in mein früheres Amt einzutreten, zurückkehre. Man konnte wohl wissen, daß ich mit dergleichen keinen Scherz zu treiben gewohnt seye. ? Die Taktik, durch amtliche Acten mich in falsches Licht zu stellen, ist später noch greller angewendet worden. Aus dem bisher Mitgetheilten treten drei Hauptelemente meiner Ueberzeugung, inwiefern dieselbe das Kirchliche berührt, hervor. Zuerst das unverrückte Festhalten an den Grundlehren der Offenbarung, wie dieselben von allen anerkannten christlichen Religionsparteien gemeinsam angenommen werden; sodann[315] die Forderung von unbeschränkter Autonomie der Kirche, als unentreißdares Eingebinde, welches von ihrem Begründer ihr in die Wiege mitgegeben worden, in voller Anerkennung und Wirksamkeit hervortretend zur Zeit Innocenzens des Dritten, und dargestellt in seiner Geschichte; endlich Mißbilligung des wilden Reformationssturmes und des abgeschmackten Geschreyes, welches die Laute der Wahrheit niederjubeln sollte, bisweilen angedeutet in Anzeigen von Büchern. Es darf nun wohl gefragt werden, wie ich namentlich bei den letztern, niemals verhehlten Gesinnungen meine Stellung als Geistlicher und als Vorsteher der Geistlichkeit mir gedacht und behauptet habe? In allen Beziehungen des Lebens mehr durch die erhaltenden als durch die entwurzelnden Kräfte angezogen und bewegt, größeres Gewicht auf das Bejahende als auf das Verneinende legend, ignorirte ich, was ausgerissen und verneint worden, und glaubte in dem, was als ewige und von Gott selbst, durch des Menschen Speculation oder Selbstgenügsamkeit unantastbar, eingesetzte Bejahung sollte erhalten werden, ernster und unbegränzter Verpflichtung genug mich unterzogen zu haben, um für fernere ungefährdete Bewahrung, Beschirmung, Fortpflanzung dieses Erhaltenen allen Willen, alle Kraft und alle Thätigkeit einzusetzen. Bot sich mir, ohne auf das Suchen auszugehen, gleichsam in innerer Anwandlung, von dem Ausgerissenen etwas zu unverweigerlicher Annahme für mich selbst dar, wie jener Zug zu der allerseligsten Jungfrau, so stemmte ich mich nicht dagegen, sondern hielt dafür, wer stets sich befleisse, jede Schuld gegen Andere in vollgewichtiger Münze treulich abzutragen, habe ihnen keine Rechenschaft über das zu geben, was er etwa noch in der Tasche behalten möge, um so weniger, wenn er es nicht versuche, dasselbe in Umlauf zu setzen und sich der Einsicht bescheide, daß das Uebriggebliebene als cursirende Sorte doch niemals würde anerkannt werden. Ich mochte mich auf jenes Wort des ewigen Wortes berufen: »noch Vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnet es jetzt noch nicht fassen.« Habe ich hierin einen Fehler begangen, so haben[316] nicht diejenigen sich darüber zu beschweren, welchen hievon nur so viel ist mitgetheilt worden, als gestattet war; sondern der Fehler, ? und ich erkenne es jetzt wohl: ein sehr schwerer ? ist begangen worden gegen diejenige, welche selig preisen sollen alle Geschlechtsfolgen auf der Erde; und nichts bleibt hier übrig, als in Demuth die Gnade der Mutter aller Gnaden anzuflehen. Wird aber zugestanden, es seye protestantisch, in vorgeschriebenen Gebeten und liturgischen Formularien von der Kanzel Manches als Wahrheit zu verkünden, was man im Herzen für Phantasterei halte, sollte es nach solchem Vorgang weniger protestantisch seyn, eine Wahrheit, indeß man ihr für sich selbst ein größeres Gewicht einzuräumen sich gedrungen fühlt, nur bis zu dem Grade zu verkünden, in welchem dieß weder Anstoß noch Widerspruch erregen kann? Soll das Minder unbedenklich gerechtfertigt, das Mehr aber von vornherein verdammt werden? Inwiefern die Stifter der verschiedenen protestantischen Fractionen, bei aller Abweichung unter einander, doch in Bewahrung der Grundartikel des christlichen Glaubens, wie sie dieselben in der katholischen Kirche vorgefunden haben, übereinstimmten, und inwiefern sie dieselben den Nachkommen (wie diese in individuelle Meinung sich zersplitterten, konnte hier nicht als Normalzustand gelten) zu treuer Erhaltung überlieferten, insofern betrachtete ich mich gleich einem Krieger, dem die Vertheidigung eines wichtigen Aussenwerkes anvertraut ist. Hat dasselbe gleich Beschädigung erhalten, ist es gleich von dem Hauptwerke getrennt, so wird es doch durch dieses noch gedeckt, und des Vertheidigers Pflicht ist, zu wachen, seine Mitstreiter anzufeuern, herzhaft den Kampf zu bestehen, nicht zu ermatten, in keinen Verkehr mit dem Feinde sich einzulassen, keinen Waffenstillstand zu schliessen, unter welchem Ueberlistung möglich wäre. Für einen solchen Feind habe ich zu jeder Zeit die Freischaaren der Zeitphilosophen, die Geschwader der Rationalisten und die Schwärme der Indifferentisten gehalten. In solcher Ueberzeugung habe ich vor Jahren schon, als ich jenes[317] Bollwerk noch zu hüten berufen war, in Hinblick auf die Streitigkeiten, welche der 20. November 1837 hervorrief, gesagt9: Ja wohl, viel edle Kräfte ? wer kann das leugnen? ? sind in diesem Kampfe nutzlos vergeudet, viel böses Blut ist auf beiden Seiten gemacht, viel alter Haß, der längst darniedergefahren schien, ist wieder aus der Finsterniß heraufbeschworen worden. Sollte eine Verständigung unmöglich, sollte es für diejenigen beider Seiten, welche doch noch Etwas wollen, nicht gerathener seyn, entweder sich zu verbinden, oder wenigstens gegenseitig sich friedlich gewähren zu lassen, um Blick, Kraft und That gegen diejenigen zu richten, die im Grunde gar nichts wollen, daher die gefährlichsten Feinde Beider sind? Dieß wenigstens wäre eine Irenik, wodurch der Stand der Sachen im Alten, jede Partei bei ihrem Recht oder Unrecht belassen würde und jedem Theil Freiheit, Macht und Sicherheit bliebe, ungetheilt die Aufmerksamkeit auf näher Liegendes und dahin zu wenden, wo es mehr Noth thun dürfte. Denn bei dem Kampfe, wie er jetzt schwebt, gewinnen nur diejenigen, welche beiden Orts Alles wegzudeuteln, wegzuvernünfteln, wegzutoleranzen, auszuklären, abzuziehen, zu verflachen sich bestreben. Gegen diese waffne, gegen diese ziehe, gegen diese streite man! Stellt ihn ein den Ruf, der allmitternächtlich hinüberschallt von einem Kriegslager zum andern: hie Welf! hie Waibling! Es schleicht durch beide Heere ein ganz anderer Feind, der in Treuen weder zum Welfenpanier noch zur Waiblingsstandarde geschworen hat, sondern eine eigene Fahne in der Tasche führt, die er entrollen wird, sobald ihm der Augenblick günstig erscheint. Er folgt einem ganz andern Heerfürsten als Welf und Waibling; er hofft eine ganz andere Herrschaft zu begründen, als dieser oder jener; er träumt sich Beide einst niederzutreten. Und schon wehen seine Signale von den Bergen, und schon flüstern sie sich das Wort zu, und schon hoffen[318] sie, laut das Feldgeschrei erheben zu können. Wie bald möchte nicht zu spät die Warnung kommen: »Wachet und betet, denn euer Widersacher gehet umher wie ein brüllender Löwe und suchet, wen er verschlinge.« In jenem Sinne, bauend auf Gottes, in Treu und Glauben angenommenes Wort, erhaltend, was dieses uns mittheilt, daran stets mahnend, daß es nicht als todter Schatz im Herzen verwahrt bleiben dürfe, sondern schaffend und wirkend in Früchten sich zeigen müsse, für mich selbst so Pflicht als Recht eines Botschafters an Christi Statt anerkennend und fordernd, habe ich stets mein Amt zu führen mich beflissen. Ich habe zu Ansang voriges Jahres beinahe ein paar Duzend Predigten herausgegeben, nicht als Schaustücke, sondern herausgegriffen aus einem Vorrath von mehr als tausend. Ich könnte sie Alle vorzeigen und Jeden auffordern, ein Abweichen von der eigentlich christlichen Lehre mir nachzuweisen. Sie sind alle protestantisch im Sinne der wesentlichsten Puncte, die vor drei Jahrhunderten noch angenommen wurden, alle aber auch katholisch, insofern jene Puncte zu jener Zeit diejenigen der Mutterkirche waren. Controversen, das bekenne ich jetzt noch mit Freude, habe ich nie berührt; denn mit dem Apostel hielt ich »alle Schrift von Gott gegeben, nützlich zum Lehren, zum Beschelten, zum Zurechtweisen, zum Unterrichten in der Gerechtigkeit, damit der Gottmensch vollkommen seye, angewiesen zu jedem guten Werk;« Allem, durch den Apostel hier Angemerkten, erachtete ich blosses Streiten niemals als förderlich. Nakte Moralpredigten konnten mir ebensowenig zusagen; die geoffenbarte Wahrheit mußte entweder die Grundlage, die Moral das Abgeleitete seyn, oder jene als pulsirende Kraft diese durchströmen. Das sicherste Kriterium, inwiefern eine Predigt ihrem Ideal, wie dasselbe mir vorschwebte, entspreche, lag für mich darin, ob sie mich selbst ergriff, bewegte, emporhob; daß dieses immerfort gelungen seye, will ich nicht sagen.[319] Noch in dem legt abgewichenen Jahrzehend machte der Pietismus auch in unserer Stadt auffallende Fortschritte. Viele der jüngern Geistlichen erweisen sich als Förderer desselben; Bibel- und Missions-Vereine und veranstaltete Feste wurden dessen Pflanzstätten. Ich habe die Ansicht von der Wirksamkeit dieser Art Missionen nie theilen können. Man will den uncultivirten Völkern zuerst metaphysische Wahrheiten beibringen und vergißt, daß sie, den Kindern gleich, etwas in die Sinne Fallendes verlangen, woran dann erst jene sich anknüpfen lassen. Die Bibel ist kein Altar, und das Wort kein Cultus, Und dann diese verschiedenen, in Glaube und Praxis oft weit von einander abweichenden Secten, deren jede ihre Sendlinge bestellt, jede die Heiden nach ihrem Wesen zu formen sich bestrebt, so viel immer sie kann, wollten mir nie einleuchten. Es schien mir immer, man gehe mehr darauf aus, Zuwachs für seine Partei, als dem Christenthum Bekenner zu gewinnen, Auch da ist die Praxis der katholischen Missionäre der menschlichen Natur und dem menschlichen Bedürfniß ungleich angemessener; darum sind auch, was man immer dagegen zu sagen sich bestrebe, ihre Erfolge weit umfangsreicher, weit sicherer, Aber nicht das allein, sondern ihre Missionen alle werden in dem gleichen Geist und zu dem gleichen Zwecke unternommen. Ob der Lazariste, der Franziscaner, der Dominikaner, der Jesuite, der Weltgeistliche, ob ein Franzose, ein Deutscher, ein Italiener, ein Spanier irgendwo als Missionär erscheine, Jeder lehrt das Gleiche, Jeder beabsichtigt das Gleiche, und würde der Lazarist dem Jesuiten, der Deutsche dem Franzosen weichen, in demselben Geist, in welchem der Erste das Werk begonnen, würde der Andere es fortsetzen. Wäre dieß mit den Missionären der mancherlei protestantischen Secten, Völker und Zungen ebenso? Einige ältere Geistliche, die mehr eine rationalistische Färbung an sich trugen, waren jenen überhandnehmenden Zusammenkünsten gar nicht hold, und blickten in dieses Umsichgreifen des Pietismus mit scheelen Augen. Bei mehr als einer Gelegenheit[320] lagen sie mir an, ich sollte mich dieser bedenklichen Erscheinung entgegensetzen, das Möglichste anwenden, um die jüngern Geistlichen davon zurückzuhalten. Konnten sie etwas Nachtheiliges über diese erfahren, irgend Etwas zu Ungunsten derselben vorbringen, so säumten sie nie, es mir mitzutheilen, es in meiner Gegenwart zu besprechen, die unerfreulichen Folgen überhaupt hervorzuheben, die an das Ueberhandnehmen dieser Partei bereits sich knüpften, mehr noch für die Zukunft drohten. Allein alle diese Bemerkungen glitten an mir ab, jene Versuche blieben wirkungslos. Andere dann, welche in dogmatischer Beziehung von den Erstgenannten wesentlich verschiedenen Sinnes waren, stellten mir die Engherzigkeit und Einseitigkeit der pietistischen Richtung vor, wie dieselbe in die kirchliche Verbindung allmählig eine gewisse Formlosigkeit einzuschwärzen sich bestrebe, oder dieses, wenn es nicht geradezu absichtliches Bestreben seye, doch unfehlbar daraus hervorgehen müsse. Auch diese Bemerkungen machten keinen besondern Eindruck auf mich. Obgleich der Pietismus mich niemals hätte anziehen, noch weniger gewinnen können, trat ich doch dieser Partei nicht nur nie entgegen, sondern blickte mit Wohlgefallen auf dieselbe, ließ sie gerne gewähren und würde, wo es noth gethan hätte, als ihr Anwalt und Beschirmer aufgetreten seyn; denn ich ehrte in ihr das Festhalten an eben denjenigen geoffenbarten Grundwahrheiten, an welchen ich festhielt, ihr bestimmtes Zurückweisen aller rationalistischen Anwandlungen, entschiedene Opposition gegen diese und hiedurch die Erhaltung des christlichen Glaubens unter dem Volke; ich betrachtete sie als rüstige, zugleich aber auch als redliche Mitstreiter auf jenem vorhin erwähnten Bollwerke. Es ist wahr, ich habe schon damals Allerlei gehört von dem geistlichen Hochmuth der Pietisten, von ihrem anmaßlichen Scheiden der Menschen in Auserwählte und in Verkommene oder gar Verlorene. Aber ich stellte Vieles von dem Gehörten auf Rechnung der Uebertreibung, des üblen Willens, des religiösen Indifferentismus, anbei geneigt, Anderes, was in diese[321] nicht passen wollte, wenigstens zu entschuldigen. Lieber blieb mir immer das Positive in rauher, als das Negative in glatter Form-Zwar bemerkte mir einst ein verständiger Landmann: wie denn er und Andere noch in die Kirche gehen könnten, da der Pfarrer immer nur von den Auserwählten spreche und an die Auserwählten sein Wort richte, und Jedermann wissen könne, wen er unter diesen verstehe, diejenigen nämlich, welche in seinem Hause zusammenkämen und fleissig zu den Missionsversammlungen nach der Stadt wanderten? Es ist wahr, Manche, nachdem Gesellschaften und Reigen und das Hofmachen aufhören mußten, haben nun einen Hof in Bauernkitteln und mit Gesangbüchern um sich geschaffen, ? immerhin ist es doch ein Hof; nachdem die Feuer auf dem Heerd erloschen sind, und es in den Töpfen nicht mehr brodelt und dampft, singen sie: Herr Jesus, sey' Du unser Gast, ? immerhin läßt man doch noch eine Einladung ergehen; nachdem man den höhnischen Blick auf Andere mit dem Ausdruck: il n'est pas de la haute volée, vielfältig hat cassiren müssen, findet man vollen Ersatz in dem selbstgenügsamen: er ist ein Babylonier, ? immerhin ist es doch eine Ausscheidung; und nach der Reduction auf eine ein, zige Magd citirt man die himmlischen Heerschaaren, immerhin kann man dabei durch zahlreichere Bedienung vor Andern glänzen. Wer früher auf seinen Gängen nach dem irdischen Reich ob er wenigstens irdischem Reichthum über Prügel gefallen ist, vielleicht gar noch darob Andern Löcher und Beulen aufgeschlagen hat, wird jetzt zum Kirchenlicht und Kirchenvater; und wem Treue und Redlichkeit nach dem Goldgewicht feil war, der will nun zum Felsen des Glaubens sich aufwerfen und den sittlichen Krebs durch Rosenwasser curiren. Seit zehn Jahren hat dieses Alles immer mehr sich entwickelt, nach Ablauf von zehn Jahren ist manche Schuppe von meinen Augen gefallen und manche Illusion zerronnen. Einmal jedoch in jener Zeit hätten sie über der unbegränzten Anmassung dieser Partei mir aufgehen können. In die Capelle, in welcher sie ihre Missionsversammlung hielten, war Wasser gedrungen; da giengen[322] sie, ohne mir ein Wort zu sagen, zu dem Meßner meiner Kirche, liessen sich dieselbe öffnen und zogen mit ihrer Versammlung ein. Das war mir doch zu viel Ich begnügte mich aber, einem der Häuptlinge in einer Zuschrift aufs freundlichste zu bemerken, daß Solches nicht angienge, indem, wenn Jeder sich anmassen dürfte, nach eigenem Gutdünken die Kirche sich öffnen zu lassen, auch jeder Andere, und dann leicht zu ganz andern Zwecken, Aehnliches verlangen konnte; auf eine Anfrage wäre gewiß kein Abschlag von mir zu befürchten gewesen. Abermals benützten jene Geistlichen diesen Anlaß, mich zu fragen: ob ich denn Alles dulden wolle? die andern hingegen, einmal in die Kirche eingezogen, meinten hiemit das volle Recht erlangt zu haben, ihre Versammlungen dahin zu verlegen. Vielleicht erinnert sich mein Freund, Hr. von Moy, noch einer lebhaften Erörterung, in die wir auf einer Fahrt vom Kloster Dietramszell nach München geriethen. Er hob die Rationalisten im Gegensatz zu den Pietisten hervor; ich dagegen vertheidigte diese mit Wärme. Jene, meinte er, wären unbefangenere Leute, wogegen diese über den engen Ideenkreis, in dem sie sich bewegten, nie sich hinauszuschwingen vermöchten, daher jeder andern Wahrheit unzugänglich blieben. Ich dagegen hielt immer fest daran, daß bei der Wendung, welche der Protestantismus meisten Orts genommen habe, die Erhaltung christlicher Glaubenslehren und die Verbreitung derselben unter dem Volk einzig noch den Pietisten zu verdanken seye, daher eine Regierung, welche dem allmähligen Verschwinden alles positiven Christenthums aus den Gemüthern nicht gleichgültig zusehen wolle, dieselben nothwendig begünstigen müsse. Ich kannte damals ihre Ausschließlichkeit noch nicht; ich ahnete noch nicht, daß sie das Wort des Herrn auf ihre Partei anwendeten: wer nicht mit uns ist, der ist wider uns; ich meinte, wo richtiger Glaube, da könnte die demselben entsprechende, weil aus ihm nothwendig hervorgehende, Moralität nicht fehlen. Ich meine damit nicht die Moralität, die gegen Polizei und Tribunalien sichert, sondern jene höhere, edlere, zärtere Moralität,[323] welche, als Blüthe wahren Christenglaubens, alle Verhältnisse mit dem, was wahrhaft, was ehrbar, was gerecht, was lieblich, was wohllautend ist, durchdringt, erleuchtet, adelt. Welcher Mensch kann sagen, daß er nicht immerfort bis an das Ende seines Lebens lernen müsse? Soviel ist gewiß, daß derjenige, welcher mit ununterbrochener Obsorge bemüht ist, Andern die Ausstattung zu bewahren, welche sie aus dem väterlichen Hause mit sich genommen haben, ihre Rückkehr in dasselbe nicht erleichtert. Der verlorne Sohn dachte dann erst an diese Rückkehr, als er nicht einmal mehr mit Trebern seinen Hunger stillen konnte, und die Gemeinde der Kinder Israel murrete wider Mose und Aaron erst in dem Augenblick, als sie in der Wüste Mangel litt; der Rationalismus aber kann kein Manna vom Himmel fallen lassen. Diese Gesinnung, ernstlich ergreifen und treulich festhalten zu wollen, was zu unverkümmerter kirchlicher Lehre in Beziehung stand, abzuweisen, was dieselbe zu schwächen schien, habe ich auch beharrlich beurkundet während vier Jahren, da durch eine Commission der Geistlichkeit ein neues Kirchengesangbuch zu bearbeiten war. Daß in einer Vereinigung von sieben protestantischen Geistlichen zu Behandlung eines Gegenstandes, welcher das Gebiet des Glaubens nach seinem weitesten Umfange berührt, allermindestens verschiedenartige Schattirungen vor kommen, wird Jeder zugeben müssen, der von derartigen Zuständen nur die mindeste Kenntniß hat. Der Mangel einer leitenden und in letzter Instanz entscheidenden obersten Autorität tritt am fühlbarsten hervor bei derartigen Unternehmungen. Da erschien dem Einen dieses Lied allzudogmatisch, allzuernst in den Geheimnissen des Glaubens sich ergehend, dem Andern jenes Lied zu allgemein gehalten, allzuflach, mit Gefühlen spielend, oder Moralien ableyernd, in den innern Kern des Glaubens zu wenig eindringend. Obwohl eigener Ueberzeugung gemäß[324] mehr nach der Seite der Erstern hingezogen, fand die Vorliebe der Andern keinen Widerstand an mir, sobald irgend einem in Frage gekommenen Lied anderweitige Vorzüge nicht abgiengen und Innhalt und Ausdruck nicht mit dem contrastirte, was ich als vorherrschenden Typus einer solchen Arbeit aufzustellen geneigt war. Da die protestantische Kirche im allgemeinen, ebensowenig als irgend eine Abtheilung derselben eines noch so kleinen Landes, aus einem Guß besteht, erachtete ich es als Pflicht, alle in ihr vorhandenen Elemente zu berücksichtigen, insoferne dieselben zu dem unveränderlichen Wesen des Christenthums eine erkennbare Beziehung noch bewahrt hatten; nur diejenigen, welchen Beseitigung des Christlichen als Fortschritt des Christenthums galt, sollten und durften nicht in Betracht kommen. Ich kann nicht sagen, daß ich durch irgendwelche persönliche Leistungen das Werk gefördert hätte; von den Erfordernissen hiezu besaß ich keine; das Feld, welches bearbeitet werden mußte, war mir durchaus unbekannt, auch hätte ich ohnedem die viele Zeit, die während vier Jahren unablässig auf diesen Gegenstand verwendet werden mußte, lieber zu Anderm genützt, fand mich daher nicht geneigt, außerhalb der häufigen Sitzungen ihm noch mehr Zeit zu opfern. Aber die durch die Stellung auferlegte Verpflichtung, die Einsicht in die Nothwendigkeit der Sache, die Ueberzeugung, zu etwas Frucht- und Segenbringendem die Hand bieten zu können, ließ zu so beträchtlichem Zeitaufwand immer bereitwillig mich finden. Ob mein Einwirken, ob mein unablässiges Bestreben, im Innern der Commission freundliche Verständigung zu erzielen, nach Aussen das Vertrauen zu ihr zu festigen, leicht mögliche unbefugte Einmischung ferne zu halten, Susceptibilitäten, auftauchende Spannungen durch vermittelnde Dazwischenkunst zu unterdrücken, sogar kränkende Verdächtigungen, die bisweilen auftauchen wollten, zu beseitigen, wohlbegründeten Ausstellungen nachmals das Wort zu reden, bloßer Krittelei aber den Zugang zu versperren, ? ob dieses Bestreben zu einem befriedigenden Gedeihen gar nichts beigetragen habe, oder[325] etwa nicht einmal vorhanden gewesen seye, hierüber bleibe das Urtheil selbst denjenigen überlassen, die ich bald nach glücklicher Beendigung des Unternehmens wohl schwerlich mehr zu meinen Freunden zählen durfte. Ob dann ferner die formelle Behandlung der Sache, die Art und Weise, wie ich, neben unbedingter Achtung vor freyer Meinungsäusserung, Alle für dieselbe zu gewinnen mich befließ, auf den endlichen Erfolg in Mitte der gesammten Geistlichkeit ohne Einfluß geblieben seye, darüber möchte wieder Berufung genommen werden an Jeden, der, unter allem nachmaligen Auseinandergehen, doch einen Rest von Unbefangenheit und Aufrichtigkeit sich noch zu bewahren gewußt hätte. Diesen Pflichten unterzog ich mich mit wahrer innerer Freubigkeit, zu dem schwerern Opfer der Zeit bequemte ich mich, umgeachtet ich schon im ersten Augenblick mit der größten Zuversicht erwarten konnte, daß hieraus (zufällig) nicht unbedeutender materieller Nachtheil mir erwachsen würde. Da es mit zu dem Eigenthümlichen der jetzigen Zustande in der Schweiz gehört, daß die politischen Meinungen den Maßstab geben, nach welchem in jedem einzelnen Falle die Gerechtigkeit ausgemessen wird, so fällt es nicht schwer, die innere Vergnüglichkeit mir vorzustellen, mit welcher eine Behörde in der Mehrzahl ihrer Glieder später die erwünschte Gelegenheit mag ergriffen haben, zugefügtem Schaden die Farbe des Rechts anzustreichen, und einem unbelehrbaren und unverbesserlichen Aristokraten zu beweisen, von welchem Firmament Schlossen fallen und Sonnenschein strahle. Hiemit glaubte ich die Obliegenheiten meiner Stellung als Geistlicher und Antistes nach den wesentlichsten Bestandtheilen der Anforderung an sie gewissenhaft wahrzunehmen, so wie jetzt noch jede Verunstaltung, die in Unkenntniß des wahren Thun und Lassens ihre Entschuldigung, so wie jede Verdrehung, die in subjectiver Lügenhaftigkeit Anderer ihrer Wurzel finden mag, ruhig von der Hand weisen zu dürfen.[326] Von der Idee der Kirche, als einer selbstständigen Institution, dann von der organischen Scheidung ihrer Glieder in Seele und Leib, in Geistliche und Layen, konnte und wollte ich mich nicht lossagen; aber ebensowenig mochte es mich je anwandeln, irgend einen unzeitigen Versuch zu machen, gegen das, was seit dreihundert Jahren sich eingebürgert hatte, in welcher Weise es gewesen wäre, anzukämpfen. Ich nahm diese Einrichtungen als unabweisliche Thatsache an, ließ sie in ihrem Werth oder Unwerth auf sich beruhen, froh, daß hierüber keine Erörterungen je eintreten konnten. Wären solche nothwendig geworden, so würde ich meiner Ueberzeugung gewiß keinen Zwang angethan, und sicher der immer mehr aufkommenden Redensart: die oberste Landesbehörde seye der Bischof, um keinen Preis beigepflichtet haben. Würde je, dachte ich mir öfters, das Handwerk der Schmiede einen Schneider oder einen Perückenmacher oder Bürstenbinder gutwillig als Obmann anerkennen? Ich habe es auch anderwärts ausgesprochen10, daß die weltliche Gewalt kein sichereres und für sie selbst glimpflicheres Mittel, um von meiner Stelle mich zu entfernen, hätte können ausfindig machen, als jene Behauptung in Schrift zu verfassen, und durch Unterzeichnung von Seite der Geistlichen Anerkennung der Richtigkeit derselben zu fordern. Glaubt wohl Jemand, ich hätte auf irgend eine Weise hiezu mich verstehen mögen? Daß hieraus ein Beweis sich ableiten lasse, ich hätte die Bedeutung des Protestantismus, als eines in den Staat hineingeschmolzenen, lediglich durch und für diesen bestehenden Elementes, oder eines Wesens, welches, unabhängig von allen sichtbaren Formen, in dem reinen Geistesgebiet sich bewege, niemals gehörig erfaßt, das will ich gerne zugeben. Erfassen doch Andere weit höhere, wichtigere und unerläßlichere Lehren nicht, ohne dabei zu ahnen, daß sie mit ihrer Bestimmung und[327] Verpflichtung in Widerspruch sich setzen, so wenig als der kleinen Zahl Solcher, die eine Ahnung laut werden lassen, die Kirche sollte nicht die willenlose Magd der bürgerlichen Einrichtungen und Gewalten seyn, dieses verargt wird. Seufzer nach Befreyung ertönen wohl hie und da, wie aber diese mit geordnetem und die Geister auch nur leidlich einigendem Fortbestehen zu vereinigen seye, das ist das große Dilemma, woran selbst der reinste Wille scheitern muß. Die innere Mißbilligung der Verknechtung der Kirche ist bei mir hervorgegangen aus der Idee derselben und verstärkt worden durch die genaue Erforschung des ganz andern Zustandes, worin sie ehedem sich befunden. Allein tauchen nicht dergleichen Aeusserungen hie und da in der protestantischen Kirche, nachdem man schon über drei Jahrhunderte in diese Ertödtung des Lebens sich gefügt hat, auch bei Solchen hervor, auf die man kaum den Verdacht werfen kann, daß ein tieferes Hineinblicken in die ehemaligen Verhältnisse dieselbem veranlaßt habe? In Frankreich z.B. haben die Protestanten darin wenigstens größere Freiheit, als die katholische Kirche, daß ihnen kein Act ihres Cultus untersagt ist, am allerwenigsten aus Gefälligkeit gegen die Katholiken, diese hingegen an keinem Orte, wo sich ein protestantisches Consistorium befindet, mit der Fronleichnamsprocession zur Kirche hinausziehen dürfen; und dennoch klagt der Graf Agenor von Gasparin in seiner Schrift: »Interessen des französischen Protestantismus«, daß der König von Frankreich die protestantische Kirche so gut bevogte, wie der Rath des Cantons Thurgau die Klöster. Erscheinen nicht von Zeit zu Zeit Constitutionsprojecte für die protestantische Kirche in Deutschland, denen nichts Anderes, als eben dieses Gefühl zu Grunde liegt; und sind nicht aus dem gleichen Gefühl unlängst jene Stimmen hervorgegangen, welche die Einrichtung der bischöflichen Kirche Englands als nachahmenswerth anempfohlen haben? Oder will Jemand den Lobpreiser von Zuständen machen, die am Ende dahin führen mußten, daß in der Hessen-Kassel'schen Rangordnung vom 10. August 1821 und[328] 30. April 1827 die »Prediger« den »kurfürstlichen Bratenmeistern, Waschcontroleurs und Hofkiefermeistern« gleich gestellt werden? Wie ich wenigstens im Innern der Kirchengebäude, die ich nicht blos als Locale zu den gottesdienstlichen Versammlungen, sondern wirklich, wenn nicht als geheiligte, doch als ausgeschiedene Wohnungen Gottes unter den Menschen betrachtete, gewaltet habe, das wurde seiner Zeit in einer andern Schrift berührt11. Ich könnte noch Mehreres beifügen, was Alles sammt Jenem beweisen würde, daß meine Ueberzeugungen in Betreff des Wesentlichen und des Zufälligen, des Geistes und der Form, sich gegenseitig ergänzten und diejenigen, welche das Unsichtbare umfaßten, nicht ohne Einfluß auf die Ansichten in Betreff des Sichtbaren blieben. Wurde dabei das Eine und Andere erreicht, und der Wiederspruch dagegen am Ende überwältigt, so ist dieß nur deßwegen möglich geworden, weil subjective Beweggründe niemals und in nichts bei mir sich einmischten. So hatten einige Geistliche die Herstellung einer Amtskleidung in Anregung gebracht und dabei Bequemlichkeit, Sorge für Gesundheit und Rücksicht auf Decenz als empfehlende Gründe hervorgehoben. Ich nahm mich der Sache mit Freuden an, und leistete ihr den möglichsten Vorschub. Gerne griff ich alle jene Motive auf; aber sie traten bei mir vor einem, für mich ungleich wichtigern, ob zwar, weil ich wohl wußte, daß ich damit nur schaden würde, niemals ausgesprochenen, in den Hintergrund: hiedurch nemlich die Geistlichen von den Layen doch wieder in Etwas zu unterscheiden. Es kostete Mühe, für den Antrag unter den Geistlichen eine Majorität zu gewinnen, immerhin, ohne zu verlangen, daß die Minorität ihr sich füge. Wie dann aber die Meinung verlautete: es sollte bei dem Kirchenrath um Erlaubniß angefragt werden, da erklärte ich[329] unverholen, daß ich zu solcher Unwürdigkeit niemals mich hergeben, sondern lieber auf das Vorhaben Verzicht leisten wollte. Zu einer einfachen Anzeige bequemte ich mich blos deßwegen, weil ich in vorhergehender Privatunterredung mich überzeugt hatte, daß die Anzeige als solche ausgenommen werden und keine Erörterung veranlassen würde; denn so dieß auch nur von ferne zu befürchten gewesen wäre, hätte ich sie unterlassen, oder alsbald wieder zurückgezogen; da ich mir durchaus nicht klar machen konnte, wie die weltliche Gewalt über das, in eines Jeden freyen Willen gestellte Vorhaben einer Anzahl Geistlichen, in dieser oder jener angemessenen Kleidung ihre Amtsverrichtungen wahrnehmen zu wollen, irgend Etwas zu verfügen oder gutzuheißen haben sollte. In dergleichen Fällen trat mir immer das Wort meiner seligen Mutter in das Gedächtniß: »wo du selbst Etwas thun kannst, da brauchst du keinen Gehülfen.« Indem ich bald nachher für die Aufnahme der geprüften Candidaten in den geistlichen Stand ein öffentliches Ceremoniell, größtentheils dem Ordinations-Rituale der anglikanischen Kirche abgeborgt, erst bei der Geistlichkeit, sodann bei der Behörde beliebt zu machen und einzuführen wußte, hatte ich eigentlich neben dem wesentlichsten, in der Sache selbst liegenden Zweck noch drei andere Zwecke im Auge. Die beiden ersten waren der Anforderung einer freyen Stellung der Kirche eng verwandt. Nach genügend befundener Prüfung eines Candidaten war es nämlich nicht, wie dem richtigen Begriff der Kirche gemäß hätte geschehen sollen, der Antistes, welcher den Betreffenden in den geistlichen Stand aufnahm und ihm zu Ausübung der Befugnisse desselben die Vollmacht ertheilte, sondern der Bürgermeister; womit doch klar ausgesprochen war, daß der Geistliche seine Mission nicht von der Kirche, sondern von der weltlichen Gewalt empfangen, dieser mithin vor jener verpflichtet seye. Dieses wekte immerdar ein peinliches Gefühl in mir; eine etwelche Milderung lag nur darin, daß es in der verschlossenen Rathsstube geschah, verborgen vor den Augen des Publicums.[330] Nun wollte ich durch ein öffentliches Ceremoniell, bei welchem blos der Antistes und drei andere Geistliche zu functioniren hätten, das Volk allmählig daran gewöhnen, daß es die eigentliche Aufnahme in den geistlichen Stand an diesen Act knüpfe, und die Befugniß zu geistlichen Verrichtungen nicht von weltlicher Gewalt, sondern von geistlichem Ansehen ableite; wohl berechnend, daß das Sichtbare vor dem Verborgenen unschwer das Uebergewicht gewinne. Das nun der erste Zweck. Der zweite war diesem nahe verwandt. Wurde nemlich ein Geistlicher in eine andere Pfarrei versetzt, so bestimmte der Kirchenrath, ob eine Vorstellung vor der Gemeinde statt haben sollte, oder nicht. Im ersteren Fall hielt der Antistes in der Gemeinde die Predigt, ein weltliches Glied des Kirchenraths begleitete ihn und fügte eine Rede bei. Gegen dieses war nichts einzuwenden. Aber während ein Theil der Präsentationsformel verlesen ward, legte nicht blos der Antistes, sondern auch der Weltliche dem Vorzustellenden die Hand auf. Dieß erschien mir Jedesmal als ungebührlicher Eingriff in das Wesen des geistlichen Standes. Gestützt auf mein Ceremoniell, hoffte ich dieses Handauflegen, als bereits erfolgt, und deßwegen nicht zu wiederholen, in Zukunft gänzlich zu deseitigen, und den Weltlichen in die natürlichen Schranken seiner Rede zu verweisen. In dem Wechsel von Gesängen, Anreden und Gebeten dauerte das eingeführte Ceremoniell etwas mehr als eine Stunde. Eine Predigt dabei hielt ich für überflüssig, und wollte hiedurch den Beweis leisten, daß eine Stunde in dem Hause Gottes in aller Andacht und zu wahrer Erbauung könne zugebracht werden, ohne immer predigen und wieder predigen zu müssen und Gottesdienst und Predigen als gleichbedeutende Worte zu nehmen. Diese Bestrebungen und Zwecke schienen mir aus der Natur der Sache, aus richtiger Würdigung des Standes derjenigen, die sich, als » berufen« zu predigen das Evangelium Gottes, als »Botschafter an Christi Statt« erkennen sollten, nothwendig hervorzugehen; also, daß man weniger darüber sich verwundern sollte, daß je Einmal Einer sie ernst ins Auge[331] faßte, als darüber, daß selbst jede Erinnerung daran so leichtlich hat können abhanden kommen. Will man diese Absichten und Zwecke mit dem Beiwort hierarchisch beehren, so wäre ich dessen schon damals zufrieden gewesen, dafern man nicht die Hervorstellung der eigenen Person darunter verstanden, sondern den Sinn des Ausdruckes auf das beschränkt hätte, was er der That nach war: das Bemühen um ein allmähliges Emporheben der gesammten Geistlichkeit auf einen gefreitern und deßhalb würdigern Standpunct. Daher mag ich das Wort zu Bezeichnung der genommenen Richtung als Vordermann gegen Aussen in seiner vollen Bedeutung gelten lassen; sollte aber darunter diejenige in umgewendeter Stellung verstanden werden, so muß ich mich hiegegen auch jetzt noch mit aller Macht verwahren, und, um früher angedeutetes nicht zu wiederholen, auf dieses verweisen12. Das aber war damals meine Praxis, deren ich nicht nur heutigen Tages noch mir bewußt bin, sondern die ich auch unter den ehevorigen Verhältnissen jetzt noch befolgen würde: daß ich nie anders als durch die Geistlichen, für die Geistlichen und mit den Geistlichen Etwas suchen oder erreichen wollte, und allfällig hierüber erweckte Mißstimmung gerne auf meine Person nahm, wenn nur der Zweck: Jene zu einigen oder zu heben, erreicht werden konnte. Vielleicht, ich will es gerne gestehen, haben die Studien über Innocenz auch hierauf etwelchen Einfluß geübt. Wie er seine Person in der Kirche aufgehen ließ, so war ich geneigt, die meinige unter den Geistlichen aufgehen zu lassen. Deßwegen darf ich den oben berührten Ausdruck mit dem heitersten Bewußtseyn ablehnen, da fern er auf meine Person, von Jenen getrennt, wollte angewendet werden. Daß, sowie der Körper höher steht, auch das Haupt höher gestellt wird, läßt sich allerdings nicht bestreiten. Die richtige Auffassung wird aber durch wahrheitsgemäße Beantwortung der Frage bedingt: will die Höherstellung des Körpers zum Mittel zu[332] diesem Zwecke gemacht, oder nur die natürliche, unzertrennliche Folge hievon in Empfang genommen werden? Ich bewegte mich entschieden innerhalb dieser Schranke. Wer sich der Vergangenheit erinnert, anbei redlich der Wahrheit Zeugniß jetzt noch geben möchte, könnte wohl hie und da einer Aeusserung oder eines Vorganges gedenken, welche das Vorwalten solcher Gesinnung bestätigen müßte. Von manchen solcher Vorgänge schwebt mir noch einer ganz unverblichen vor Augen. Als im Jahr 1835 die Universität Basel mich mit der Doctorwürde beehrte, bemerkenswerth genug wegen Kenntniß der Kirchengeschichte ? »quam nuper libro eximio comprobavit« ? und bei dem Mahl der Geistlichen mein College hiefür in einem herzlichen Trinkspruch mich beglückwünschte, erwiderte ich, ich könnte die Beehrung nur als eine, der Geistlichkeit des mit Basel vielfach befreundeten Schaffhausens zugedachte, mich aber blos als deren Träger betrachten; also, insofern ich darin eine Anerkennung des Werthes meiner sämmtlichen Amtsbrüder erblicken müsse, gewinne sie erst ihren wahren Werth für mich. ? Wer je wähnen möchte, über flacher Schönrednerei mich ertappt zu haben, der trete keck auf! Schönrednerei steht mir nicht einmal da zu Gebote, wo sie in den nichtssagenden Ausdrücken einer conventionellen Höflichkeit ganz an ihrem Platz wäre. Ueberhaupt habe ich für mich selbst, d.h. blos meiner Person wegen, zu keiner Zeit und unter keinen Umständen Etwas gesucht. Wäre es mir früher schon möglich gewesen, unabhängig, unbetheiligt mit öffentlicher Stellung, von öffentlichen Geschäften unbeladen, die Zeit nur dem zu widmen, was mir behagte, ich hätte es allem Andern vorgezogen. Weil ich aber diesem mich unterziehen, zu jener mich bequemen mußte, so anerkannte ich es als hohe Verpflichtung, unter allen Verhältnissen zu wirken, was möglich. Da indeß diese Stellung nicht eine isolirte, eine an sich zufällige oder vorübergehende, auch nicht ein Gewerbe war, welchem der Mensch blos in Rücksicht seiner selbst obliegt, so trieb es mich an, in der Gesammtheit, zu der[333] ich in so enger Beziehung stand, das Bewußtseyn eines organischen Ganzen hervorzurufen, von welchem ich weder getrennt seyn konnte, noch so auch nur mich denken mochte. Alle gegebenen Verhältnisse sind Jederzeit von mir respectirt worden, aus ihnen heraustreten zu wollen, hat mich nie angewandelt; auch dann nicht, wenn ich mir selbst sagen durfte, daß ich, hätte es in meiner Macht gestanden, sie nicht so würde gestaltet haben, wie ich sie vorfand, daß sie weit hinter dem idealen Bild, welches mir vor Augen trat, zurückstanden, Allerdings habe ich auf den Ausdruck: der Antistes wäre primus inter pares zu keiner Zeit ein solches Gewicht legen können, wie Andere darauf legen, oder Alles dasjenige daraus herauspressen zu können meinten. Ich habe dieses nicht gekonnt zur Zeit, da ich unter die Geistlichkeit aufgenommen ward, und nicht daran denken durfte, daß ich je zu dieser Würde gelangen mochte; ich habe es noch weniger gekonnt, als ich sie wirklich bekleidete. Ich pflichtete dem Ausdruck mit voller Ueberzeugung bei, insofern damit gesagt werden wollte, entweder: es seye zwischen dem Primus und den Nachfolgenden keine Kluft befestigt, sondern es bestehe ein organischer Zusammenhang, oder derselbe könne für sich allein kein besonderes Recht über die Andern in Anspruch nehmen. Ausser diesem aber blieb mir prunus immer primus und es war mir rein unmöglich, in dieses etwas Anderes hinein zu interpretiren. Wie groß auch von dem Zweiten an die Summe der Nachfolgenden seyn mochte, in meinen Augen konnte durch keine noch so große Zahl das primus je in ein anderes Verhältniß zu diesen hinübergeschoben, noch weniger indifferenzirt werden. Ebenso habe ich mir auch zu aller Zeit die ächte Aristokratie gedacht: als unzertrennliche Verbindung des äussern Vorrangs und behaupteter Würde mit aufmerksamer Berücksichtigung aller Rechtsverhältnisse, mit freundlichem Entgegenkommen gegen Jedermann, mit uneigennütziger Dienstbarkeit, mit liebreichem Wesen bei allen Vorkommenheiten, mit Wohlwollen nicht blos gegen Gleichgestellte, sondern auch gegen Andere; dieses Alles betrachtete ich[334] als unentbehrliche Folie, um jene erst in das wahre Licht zu setzen. Das Jahr 1836 führte zwei Ereignisse herbei, von denen das eine in der Folge erst auf die Verhältnisse, worin ich mich befand, sodann auf meine Person einen wesentlichen Einfluß übte, das andere, neben gewichtigern Factoren, zu Förderung gegen die Bahn, nach welcher ich bald sollte hinüber gezogen werden, doch immerhin Etwas beigetragen hat. Im April des erwähnten Jahres machte mir der seither verstorbene Fürstabt von Muri von seiner Herrschaft Klingenberg aus einen Besuch. Er theilte mir die Schritte mit, welche die Gebietiger des Cantons Aargau gethan hätten, um sich des Guts seiner Abtey zu bemächtigen und dasselbe einer Staatsverwaltung zu überantworten. Er, beschworener Verpflichtung gegen sein Stift Genüge zu thun, habe wenigstens die ausländischen Schuldtitel des Klosters sammt einigen der kostbarsten Pectoralen gerettet. Da er sich aber bei ähnlichen Gesinnungen der thurgauischen Regierung in Klingenberg nicht mehr sicher glaube, seye er entschlossen, nach Schwaben sich zu flüchten, bäte mich aber, die geretteten Gegenstände einstweilen, da sie ihn auf der Reise belästigen müßten, in Verwahrung zu nehmen, bis er darüber verfügen könne. Ich bemerkte dem Fürstabt, daß unter den obwaltenden Umständen und solchen Individualitäten gegenüber, wie sie gegenwärtig im Canton Aargau die Gewalt übten (das Jahr vorher war die gerechtigkeitsmörderische Verfolgung des Hrn. Decan Groth und anderer katholischen Ehrenmänner geschehen), wehrlos der Willkür von Menschen Preis gegeben, welche fürstlicher Rang und priesterliche Würde nur zu größerer Rücksichtslosigkeit stacheln dürfte, seine Entfernung, als Sicherstellung der Person und durch diese der Würde, von jedem rechtlich Gesinnten müsse gebilligt werden, daß ich aber einen allzulangen Aufenthalt in[335] Schwaben nicht anrathen könnte. Leicht würde er sich der Gefahr aussetzen, zurückgerufen, und, so er hiezu sich nicht verstünde, was auch kaum möglich, seiner Stellung verlustig erklärt zu werden. Denn daß zu Aarau Willkür und Gewalt, nicht das Recht, maßgebend seye, habe er seit mehreren Jahren genugsam erfahren können. Es seye nicht zu zweifeln, daß eine Entfernung ausserhalb der Schweiz den Machthabern höchst willkomm seyn dürfte, indem sie ihnen vor der unwissenden und revolutionär-fanatischen Menge die erwünschtesten Scheingründe zu dem gewaltthätigsten Verfahren darbieten könnte. Er selbst müßte hiedurch unfehlbar sein Kloster den bittersten Verwickelungen bloßstellen; indem einer, möglicher Weise verlangten, neuen Wahl die Conventualen keineswegs sich fügen dürften, hiemit aber der Gewalt, die nach keinem Recht frage, förmlich würden ausgeliefert werden. Besser wäre es daher, wenn er als Zufluchtsstätte ein Kloster in der Schweiz wähle; zumal ich überzeugt seye, daß er an jedem andern Ort, ausser in einem solchen, sich höchst mißbehaglich finden dürfte. Aus einem solchen dann könnte er auch späterhin offen die Beweggründe darlegen, welche ihn zu Rettung der fraglichen Capitalien bewogen hätten. Der Fürstabt fand meine Bemerkungen wohlbegründet und änderte seinen Vorsatz dahin ab, blos auf kurze Zeit nach Rottweil zu gehen, wo er erwartet werde; von da vielleicht noch weiter sich zu begeben, in jedem Fall aber früher oder später in die Schweiz zurückzukehren. Es standen kaum drei Wochen an, so traf er schon wieder bei mir ein. Der alte Mann erregte mein tiefstes Mitleid; er war verzagt, niedergeschlagen, rathlos, wußte nicht, wohin sich wenden; einzig darüber war er entschieden, daß er seinen Aufenthalt in einem schweizerischen Kloster nehmen wolle. Allein in der Wahl, wohin er sich begeben sollte, wurde er von mancherlei Bedenklichkeiten hin- und hergetrieben. Am Ende kamen wir darin überein, daß er vorerst nach Einsiedeln gehe, um die gehörige Fassung wieder zu gewinnen und von dort aus weiter sich umzusehen. Er nahm[336] hierauf seine Pectorale mit sich, bat mich aber, die Schulddocumente einstweilen zu behalten. Gerne willigte ich nicht ein, indem die Bewahrung von fremdem Gut bei so manchem Unerwartetem oder Unabwendbarem, was begegnen kann, mit großer Verantwortlichkeit verbunden ist. Aber die Bedrängniß, in der ich den Greisen sah, bewegte mich, und zu dem Vertrauen, welches er in mich setzte, kam noch das Rechtsgefühl, welches gerne Hand bot, rechtmässig besessenes Gut widerrechtlicher Gier zu entreissen. Es trat hier nicht sowohl das Kloster als kirchliche Institution, sondern es trat der vollberechtigte Eigenthümer, dem sein wohlerworbenes und geheiligtes Eigenthum durch schnöde Uebermacht will entrissen werden, vor meine Augen. Die freundlichen Beziehungen, in die ich seit einiger Zeit zu Muri getreten, die Nächstenpflicht, das Gefühl, einer gerechten Sache mich anzunehmen, das Bewußtseyn, zu Vereitlung gewaltthätigen Frevels wenigstens theilweise beizutragen, dieß Alles mußte mich bestimmen, dem Ansuchen zu entsprechen. Es ist nur die Stimme meiner innersten Ueberzeugung, welche einst gesagt hat und heutiges Tages, unabhängig von dem 16. Juni dieses Jahres, noch sagt: »Stünde es in meiner Gewalt, gefährdeten Besitz der katholischen Kirche zu vertheidigen, ich würde es mit gleicher Bereitwilligkeit thun, wie ich einst den Besitz der Stadt Schaffhausen vertheidigte, wie ich den Besitz einer jüdischen Synagoge vertheidigen würde, wenn ich dadurch dem rechtmässigen Innhaber einen Dienst zu erweisen, Beraubung und Ungerechtigkeit abzuwehren im Stande wäre.« Das Entsprechen stellte sich mir als politische und als Liebespflicht zugleich dar; daß aber bei Liebespflichten weder in activem noch in passivem Sinn nach der Confession dürfe gefragt werden, lehrt Lucas X, 30ff., gegen jede Einwendung erhaben. Ich wollte die Gegenstände nicht annehmen, ohne dem Hrn Prälaten für alle möglichen Fälle ein Document zu behändigen. Nachdem er dieses in Empfang genommen, reiste er ab, und ich hatte die Freude, ihn in folgendem August in der Abtey[337] Engelberg beruhigt, heiter und, so weit es die Umstände gestatteten, vergnügt wieder zu sehen. Trotz einer nachher den garganischen Gebietern zugesandten offenen Erklärung, weßhalb er jene Schuldtitel mit sich genommen, wie er dieselben seinem Gotteshaus treulich zu bewahren gedenke, trug die radicale Pöbelhaftigkeit dennoch keine Scheu, ihn in dem großen Rath mit dürrem Wort einen Dieben zu nennen, die rohe Gewalt kein Bedenken, ihn, gleich einem gemeinen Verbrecher, allen gerichtlichen Formen Preis zu geben. Da niemand den Sachverhalt besser kannte als ich, verfaßte ich, mit Vermeidung aller urtheilenden oder würdigenden Ausdrücke, und rein objectiv gehalten, einen actenmässigen Bericht über dieses Flüchten eines Theils des Klosterguts von Muri und sandte denselben an die Allgemeine Zeitung von Augsburg. Diese hatte von jenen Verhandlungen des Aargauer großen Raths das Wesentlichste aufgenommen, stand damals vielfachen Mittheilungen aus der Schweiz im Sinne der revolutionären Partei immerwährend offen, rühmte sich anbei der größten Unparteilichkeit. Ich durfte daher wohl erwarten, daß eine ruhig gehaltene und wahrheitsgetreue Berichterstattung über einen Gegenstand, der etwelches Aufsehen erregte, und die das hämisch entstellte Verfahren eines achtungswerthen Mannes in das gehörige Licht setzte, wohl Aufnahme finden werde. Zu meinem größten Erstaunen kam die Handschrift mit dem Bemerken zurück: es mangle zu baldiger Aufnahme des Eingesandten an Raum. Ich gab dem Bericht eine etwas veränderte Gestalt und brachte ihn unter dem Titel: »Staatsstreiche des Cantons Aargau,« in die historisch-politischen Blätter, womit zugleich meine Verbindung mit den Herausgebern derselben angebahnt wurde, die wieder nicht ohne bedeutende Rückwirkung auf mein inneres Wesen blieb. Wohin ich daher blicke, nehme ich einer Menge vereinzelt und an sich unbedeutend scheinender Umstände wahr, deren Zusammenwirken zur Macht wurde, die am Ende dahin mich führte, wohin ich absichtlich nicht gewollt hatte. Wäre damals mein Bericht in die Allgemeine Zeitung aufgenommen worden, schwerlich hätte[338] ich je der historisch-politischen Blätter gedacht, wäre vermuthlich Verschiedenes ungeschrieben geblieben, woran meine Ueberzengungen immer mehr sich entwickelten und festigten. Während drei Jahren bewahrte ich jenes Depositum, im Interesse des rechtmässigen Eigenthümers nach verschiedenen Seiten correspondirend, unterhandelnd, in Versuchen, diesen Besitz dem Kloster unentreißbar zu sichern, nicht ermüdend. Schmerzlich fiel mir daher, alsbald nach erfolgtem Tod des Hrn. Prälaten im November 1839, der Auftrag, das so lange Verwahrte herauszugeben, weil dieß die Bedingung einer neuen Abtswahl seye. Durch dieses Verhältniß zu Muri kam ich bald hernach auch mit den Klöstern des Thurgaus in Verbindung Diese vertrauten mir die Verfechtung ihrer Angelegenheiten ebenfalls an. Dieselben Beweggründe, welche mich bewogen hatten, dem Wunsche des Fürstabts von Muri zu entsprechen, bewogen mich, auch ihnen zu willfahren. Dieß geschah zwar nicht auf die erste Aufforderung, indem ich einerseits glaubte, sie würden leicht, wenn nicht einen, so schreyende Ungerechtigkeiten entschiedener verabscheuenden, doch einen erfahrnern und gewandtern Anwalt finden, anderseits, weil ich hiemit eine Art von Arbeiten übernehmen sollte, die mir bisdahin fremd war, der ich mich daher nicht hinreichend gewachsen glaubte. Indeß hilft das Bewußtseyn, einer gerechten Sache sich anzunehmen, bald nach, es giebt Licht und Kraft; und so habe ich gegen Willkür und Gewaltthat, gegen Lügen und Machinationen manch ernstes Wort gesprochen. Ich fand bald Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß freche Ausgeschämtheit die erste Eigenschaft eines revolutionären Gebietigers seyn müße. Denn nachdem ich im Jahr 1841 die Fälschungen, womit der thurgauische Gesandte die Tagsatzung hintergangen, aus den Inventarien und Rechnungen der Klöster Schritt für Schritt in Zahlen nachgewiesen, wurden weder jene berichtigt, noch weniger die öffentlich ertheilte Beleuchtung angefochten, so daß die spätere Zeit im Fall seyn wird, über die Mittel, durch welche der Zweck wollte erreicht[339] werden, ein vollkommen richtiges Urtheil zu fällen. Ueberhaupt gewann ich durch diese alljährlich wiederkehrenden Arbeiten immer größere Fähigkeit, in das schamlose Treiben der Revolutionsmänner, in ihr empörendes Spiel mit Gesetz und Recht, in den Widerspruch ihrer vorgeblichem Zwecke und der angewendeten Mittel, in ihren frechen Hohn gegen Wahrheit und Treue, in ihre Würdelosigkeit und Hartnäckigkeit, den triftigsten Gründen blos den gehegten Willen entgegenzusetzen, tiefer hineinzublicken, als ohne dieß geschehen wäre, hiedurch für meine Beurtheilung der Revolutionstendenzen einen festern und unverrückbarern Haltpunct. Folgereicher für meine Person war die Billigung zu Gründung einer katholischen Kirche in Schaffhausen. Versuche hiezu waren seit Anfang des Jahrhunderts schon mehrmals gemacht worden, bisdahin aber ohne Erfolg Selbst in den Versammlungen der Geistlichkeit hatte sich eine Stimme mehr als einmal hiefür verlauten lassen; natürlich, ohne Anklang zu finden, aber auch ohne schiefer Beurtheilung zu erliegen. Im Jahr 1828 erklärte sich selbst der Kirchenrath geneigt dafür, nicht so der kleine Rath. Es ist damals Niemand eingefallen, jenem beßwegen einen Vorwurf zu machen. Im Jahr 1836 wurde der Versuch erneuert, ernstlicher als früher; die Umstände hatten hiezu gewissermaßen getrieben. Dießmal war der kleine Rath günstiger gestimmt als vor acht Jahren, er forderte den Kirchenrath auf, sich zu berathen, ob entsprochen werden könne oder nicht, im erstern Fall einen Entwurf der Bedingnisse vorzulegen, unter denen in das Begehren dürfte eingewilligt werden. Auch dießmal erzeigte sich der Kirchenrath nicht abgeneigt, sondern beauftragte mich samt zwei andern Mitgliedern, einen solchen Entwurf zu bearbeiten, und ihrerseits ersuchten diese beiden Mitglieder mich, die Grundzüge zu entwerfen.[340] Ich unterzog mich dem Geschäfte, glaubte aber die Bewilligung in einer Weise verklausuliren zu sollen, die einerseits den Katholiken ausserhalb des Gottesdienstes nicht das Mindeste einräumte, anderseits die confessionellen Rechte der Stadt auf's genügendste sicherte, die Bewilligung unter allen Umständen als Gunst erscheinen ließ. Selbst in Bezug auf die Ernennung des Geistlichen wollte ich ungleich weniger einräumen, als nachmals meine beiden Collegen beizufügen für gut fanden. Hätte ich zu jener Zeit auch nur von ferne ahnen können, hiemit zum Bau eines Hauses mitzuwirken, in welchem ich nach acht Jahren selbst Zuflucht und den wahren Altar des Herrn finden, mein Leib und Seele in dem lebendigen Gott sich freuen sollten, gewiß würde ich versucht haben, die Bedingnisse anders zu entwerfen, in diesem oder jenem sie günstiger zu gestalten. Die Bemerkung des damaligen apostolischen Nuntius in der Schweiz, des jetzigen Cardinals de Angelis, mit dem ich seit seinem Eintreffen in freundschaftliche Verbindung ge kommen war: diese Bedingnisse wären drückender als in andern Cantonen, und so, daß kein katholischer Bischof sie sanctioniren könnte, ? mag doch wohl beweisen, daß ich nicht auf zweideutige Art die Interessen, deren Wahrung mir oblag, gefährden wollte. Die Frage hingegen: ob ich überhaupt für das Ansuchen an sich stimmen sollte, war eine solche, deren Beantwortung ich unmöglich an Andere abtreten oder von dem Gutfinden Anderer abhängig machen durfte. Die acht Bedingungen, welche aus unserer Besprechung hervorgiengen, erlitten in dem Kirchenrath keine Veränderung, einzig wurde auf den Antrag eines weltlichen Mitgliedes noch beigefügt, daß für künftig mögliche, gegenwärtig nicht vorauszusehende Verhältnisse der kleine Rath sich freye Hand vorbehalte, namentlich für den Fall, daß die katholische Genossenschaft die Schranken ihrer Befugnisse überschreiten sollte. Auch diesem gab ich meine Zustimmung ohne die geringste Einwendung; es schien mir natürlich, daß man in dieser Weise sich vorsehe. Von dem Kirchenrath gelangte die Angelegenheit an[341] den kleinen Rath, und dieser fand an den aufgestellten Bedingnissen wieder nichts zu ändern. Am 22. Dez. 1836 endlich wurden dieselben der Sanction des großen Raths unterlegt, welcher diese wieder ohne alle Veränderung ertheilte. Wer hätte nach dem Allem und nachdem in drei Behörden nicht die mindeste Einwendung gemacht, nicht das Geringste beigefügt oder hinweggenommen worden war, ahnen sollen, daß lange nachher bei ? vielleicht nicht erwartetem ? Gelingen der Sache einzig mir und dazu noch mit aller denkbaren Gehässigkeit Vorwürfe würden gemacht, später aufgespürte vermeintliche Mängel in der Verklausuliruug, die in drei Behörden Niemand je bemerkt oder berührt hatte, gewissermaßen mir wollten zur Last gelegt werden? Die Einführung des katholischen Gottesdienstes war an die Nachweisung eines Capitals von 20,000 Gulden geknüpft. Es mußten daher milde Beiträge gesammelt, es mußte an allen Thüren angeklopft werden, um dergleichen zu erhalten. Hiezu bedurfte es einer an die christliche Liebe gerichteten Bittschrift. Die Katholiken, die an der Spitze des Unternehmens standen, ließen sich durch Jemand, den sie demselben günstig hielten, eine solche verfassen, die hierauf lithographirt und durch Unterschriften beglaubigt wurde. Am Vorabend seiner Abreise nach der Schweiz, um die Unterstützung von Regierungen und Privatpersonen nachzusuchen, kam der Capellmeister, Hr. Joseph Pilger, zu mir, um einige Empfehlungsbriefe an Bekannte in Empfang zu nehmen, wobei er zufällig ein Exemplar jener Bittschrift aus der Tasche zog, um es mir mitzutheilen. Hatte Hr. Pilger je, während ich die Schrift durchlas, den Blick auf mich gerichtet, so konnte er aus meinem immerwährenden Kopfschütteln bereits mein Urtheil darüber errathen; denn kaum ich zu Ende gekommen war, sagte ich: »Aber, lieber Hr. Pilger, haben Sie die Schrift wirklich gelesen und sie dennoch unterzeichnen können? Wollen Sie noch vor dem Beginn Ihrem Vorhaben den Todesstoß geben? Darf man eine erhaltene Bewilligung dadurch vergelten, daß man die Vorfahren[342] und die Verhältnisse derjenigen angreift, von denen dieselbe ausgegangen ist? Hatte die Curia romana gegen die Reformation sich erklären wollen, dann möchten Inhalt und Ton der Schrift angemessen seyn, nimmermehr aber in einer Bittschrift um milde Gaben. Auch hätten Sie meine persönliche Stellung besser würdigen sollen, um nicht unbefugter Weise meinen Namen hineinzuflechten. Stellen Sie Ihre Reise ein, vernichten Sie die vorhandenen Exemplare und, sollten Sie eines derselben schon in Umlauf, gesetzt haben, so wenden Sie Alles an, desselben wieder habhaft zu werden, denn die erste Bekanntmachung müßte das Zurückziehen der Bewilligung unfehlbar zur Folge haben. Sorgen Sie für eine anders abgefaßte Empfehlung Ihrer Sache, mit dieser aber thun Sie keinen Schritt.« Ich wies nun Hrn. Pilger die auffallendsten Stellen nach, und er mußte mir beistimmen, gestand mir aber, er habe in den Verfasser das volle Vertrauen gesetzt, derselbe würde besser wissen, was gesagt werden dürfe, als er selbst; doch versicherte er mich, es seyen noch keine Exemplare ausgegeben, und er wolle den ganzen Vorrath in Verwahrung nehmen. Darauf wurde eine zweckmässigere Schrift abgefaßt, und nach allen Seiten ergiengen Bitten um Beiträge. Die Protestanten haben keine Ahnung von dem lebendigen Born der Liebe, der in Theilnahme, Fürbitte, Verwendung und Mithülfe in und durch die katholische Kirche quillt. Der Bräutigam der Kirche, der aus Liebe Mensch geworden ist, und aus Liebe am Kreuzesstamme mit Gott uns ausgesöhnt hat, hat mit dieser Fülle seines eigenen Wesens die Braut als mit einem überreichen Brautschmuck ausgestattet, und in alle Zeiten bleiben die bewegenden Kräfte des Bräutigams: Gehorsam und Liebe, zugleich die bewegenden Kräfte der Braut. Die geforderte Geldsumme stand der ertheilten Bewilligung in runder Zahl voran und verhüllte, was durch solche nicht ausgedrückt, darum von Manchen nicht in Anschlag gebracht werden kann. Beinahe mochte ich vermuthen, dieser oder jener habe der Bewilligung seine Zustimmung gegeben, oder nicht dagegen gesprochen,[343] aus Zuversicht, in jenen 20,000 Gulden liege ein untrügliches Schutzmittel gegen ihre Verwirklichung. Horte ich doch ein Mitglied des Kirchenraths alsbald sich äußern: »Es wird lange genug anstehen, bis sie jene 20,000 Gulden haben; wahrscheinlich wird die Sache niemals zu Stande kommen!« Aber bald konnte man wahrnehmen, daß dynamische Kräfte gewichtiger sind als materielle Zahlen. Es kamen Zusagen eidgenössischer Stände, Beiträge von Bischöfen und Klöstern, Gaben vom Inn- und Auslande, und mehrere deutsche Fürsten der Nachbarschaft ordneten freiwillige Steuern an; die Aussicht des Gelingens, und zwar baldigen Gelingens, wurde täglich heller. Dieß mochte mißstimmen, allzuspät den Gedanken anregen, man hätte sich von Anfang an wiedersetzen sollen. Ungeziemende Reibungen, die in einer Schenke vorgefallen seyn sollen, weckten entschiedenere Abneigung. Man suchte durch Vorgeben mancher Art auf die Gemüther der Menge einzuwirken, was besonders an den Pietisten guten Erfolg hatte. Hiezu wurde ein Exemplar jener zurückgezogenen Schrift benützt, welches nicht auf dem geradesten Wege in andere Hände gekommen zu seyn scheint. Fünfzehn Monate, nachdem der große Rath dem Gesuch seine Sanction ertheilt und keine Einwendung dagegen laut geworden war, wurde die zurückgezogene und niemals in Gebrauch gekommene Schrift, mit bittern und aufreizenden Bemerkungen begleitet, veröffentlicht. Nun wollte man mir zumuthen, gegen dasjenige, was ich mit Andern entworfen, mit noch Mehrern berathen und gutgeheißen, welchem eine andere Behörde ihre Zustimmung, die oberste ihre Sanction gegeben, fünfzehn Monate später an der Spitze der Geistlichkeit aufzutreten, wenigstens zu irgend einer Demonstration dagegen mich herbeizulassen. Und worauf gestützt? Gewiß auf irgend Etwas, was innerhalb dieser fünfzehn Monate vorgefallen, auf irgend etwas Wesentliches, was durch sämmtliche Behörden übersehen worden wäre? Nein, blos gestützt auf ein so geheißenes Actenstück, was aber, weil[344] es nie in Anwendung gekommen, kein Actenstück war, kein grösseres Gewicht haben konnte, als irgendwelche Versuche mit einer neuen Schreibfeder, höchstens als Privatausdruck der Gesinnung ihres vermeintlichen Verfassers, der hierüber Niemand Rechenschaft schuldig war, gelten durfte. Ich mochte, so entschieden es geschehen konnte, einwenden: eine Schrift, von der nie Gebrauch gemacht, ja die sogar unterdrückt worden, seye keine Acte, ein bloßer Zeitungsartikel dürfe für die Geistlichkeit nicht Motiv zu irgendwelchem Entgegenwirken werden, und dieß nach so langem Zeitverlauf um so weniger; es half nichts, die Schrift mußte ein Actenstück seyn und bleiben, es wurde die Erwartung der Bürgerschaft, die Beängstigung der Gemüther, die Mangelhaftigkeit der neun Puncte, die Nothwendigkeit, daß durch die Geistlichkeit ein Schritt geschehe, hervorgehoben. Nicht in der Absicht, dem hervorgerufenen und genährten Geschrei eines Haufens zu huldigen, durch ein Element mich bestimmen zu lassen, in welchem ich zu keiner Zeit für mich einen Bestimmungsgrund erkennen konnte, noch weniger, um nach fünfzehn Monaten den Behörden zeigen zu wollen, daß es ihnen an genugsamer Ueberlegung gefehlt habe, am allerwenigsten aber, um durch den Widerspruch späterer Räthe mit frühern mich mit mir selbst in Conflict bringen zu wollen, sondern einzig in derjenigen, aufzuhellen, abzurathen, mißverstandenem Eisern entgegenzutreten, im äussersten Falle auch Verwahrung einzulegen, versprach ich, gelegentlich die Geistlichkeit versammeln zu wollen. Zufälligkeiten, hierunter selbst Rücksichtsnahme auf die Abwesenheit der hitzigsten Betreiber des Entgegenstrebens unter den Geistlichen, verzögerten dieß; ein, während vorübergehender Entfernung meiner Person dießfalls gefaßter Beschluß wurde mir zu spät mitgetheilt, und eine Geschäftsreise nach Frankfurt, welche sich nicht mehr verschieben ließ, hinderten mich nachher, dieser Versammlung beizuwohnen. Da ich wohl wußte, welche Agitation hervorgerufen und durch die Preßlicenz in Ausfällen gegen die katholische Kirche in gewohnten Verdrehungen und Entstellungen geflissentlich genährt[345] werde und wie einzelne Geistliche als tribuni plebis hierin sich gefielen, anbei nie gewohnt, aus wichtigen Fragen, bei denen Recht und Verpflichtung zum Sprechen mir zukam, durch bequemtes Schweigen mich herauszuziehen, hinterließ ich ein Schreiben, in welchem ich der Geistlichkeit sagte: »Zeh muß Ihrem Ermessen, Ihrem Gefühl, Ihrem richtigen Tact die Beurtheilung anheimstellen, ob die Geistlichkeit, fortgezogen in dem Schlepptau der Zeitungspolemik, die dann freilich auch Andere fortgerissen hat, eine richtige, eine ihrer würdige Stellung einnehme?« In der That, die Hauptfrage war für mich in den Hintergrund getreten, und das, was diese Bewegung und diesen Eifer der Geistlichkeit hervorrief, hatte deren Stelle eingenommen. Durch anonyme Ausfälle in den Zeitungen sich antreiben zu lassen, das trat mit dem Begriff, den ich von der Würde und der Stellung der Geistlichkeit stets in mir trug, in den grellsten Gegensatz. Ich habe alles Einwirken auf höher Gestellte von unten herauf von jeher abgelehnt. War mir das Erwerben von Popularität durch hintennachfolgende Anerkennung verdienstlicher Bestrebungen erfreuend, so galt mir das Haschen nach Popularität als das Nichtswürdigste und Verwerflichste, was einen Menschen anwandeln kann, ja jede bessere Anlage, jede Selbstständigkeit desselben durchaus zerstören muß13. Ich hatte daher in jenem Schreiben zugleich erklärt, daß ich eine Schlußnahme gegen das bereits Sanctionirte niemals würde unterzeichnet haben, und zwar, gehindert durch mein früheres amtliches Handeln in dieser Angelegenheit, noch mehr aber im Bewußtseyn persönlicher Würde. Der Wortlaut des Schreibens ist das getreueste Abbild meiner dießfallsigen Ueberzeugung; darum dessen Schluß hier eine Stelle finden mag: »Sie wissen, wie im Jahr 1831 der Schwindel, welcher der Masse eingehaucht und von so Vielen in grösserem oder gerimgerem[346] Maaße aufgenommnen wurde, mir nichts anhaben konnte. Es kann Ihnen noch in Erinnerung seyn, wie ich später durch diejenigen, welche an der Spitze der Gewalt standen, mich weder in Sinn noch Wort bestimmen ließ, sondern nach meinen Ueberzeugungen stets handelte und sprach, ungeachtet es eben so schwer nicht war, vorauszusehen, was erfolgen würde. Nun müßte ich mir ganz fremd geworden seyn, wenn Schuster, Gerber und Leineweber, Bürstenbinder und Todtengräber mit Einemmal eine Macht über mich üben könnten, welche in ebenso wichtigen Beziehungen weder die gesammte Masse, noch die obersten Capacitäten über mich üben konnten. Wer möchte wohl billigermaßen erwarten, daß sich Friedrich Hurter als Lanzenträger in den Schweif einreihe, den ein Verkappter anführt und den er durch Zeitungsartikel zusammentrompetet? Mag für Sie die Stimme einer Zeitung die Hahnenstimme werden, welche nach anderthalbjährigem Schlummer den Petrus zur Buße weckt, für mich kann sie es nicht werden. Aber überlegen Sie es wohl, ob Sie Ihre Stellung, Ihr Ansehen, den Frieden gut berathen, wenn Sie Sich durch das seit einiger Zeit losgebrochene Getriebe gegen eine zuvor mehrfach berathene und erwogene Schlußnahme des großen Rathes hinreißen lassen?« Die Folge jener Berathung war eine Art Proclamation der Geistlichen an die Einwohner des Cantons Schaffhausen welche nicht sowohl belehren, als das Geschäft der Aufregung aus seiner bisherigen dunkeln Werkstätte in die Tageshelle versetzen sollte. Sie strotzte von den abentheuerlichsten Behauptungen und sprühte den giftigsten Haß gegen die katholische Kirche. So hieß es geradezu: dieselbe halte sich für die rechtmässige Herrin aller Länder. Ein Beweis, daß sie sich auf alle Weise auszubreiten und ihre Herrschaft auf die Länder zu begründen suche, wären die Bischöfe in Partibus. Noch vor kurzem habe der Nuntius in Wien erklärt: Rom könne ketzerische Könige absetzen. Kinder aus gentischten Ehen würden von der katholischen Kirche grundsätzlich als unehlich angesehen.[347] Sie seye proselytenmacherisch, umsichgreifend (und die von Genf her Frankreich durchwandernden Bibeltrödler!). Verschiedenes dann zu Verschärfung der Bedingnisse wurde vom großen Rath begehrt, das jedoch, worauf wahrscheinlich der größte Werth gelegt wurde, nicht erreicht. ? Da man sich aber nicht Wort halten wollte, durch die Zeitungen in diese Effervescenz gediehen zu seyn, mag mein Schreiben einen Stachel zurückgelassen haben, dessen Daseyn und Wirken bei erster Gelegenheit sich offenbaren sollte. Es ist mir zwei Jahre später bemerkt worden: dadurch, daß ich der Bewilligung eines katholischen Gottesdienstes nicht aus vollen Kräften mich widersetzt hätte und sogar die zuletzt versuchten Bemühungen der Geistlichkeit nicht würde getheilt haben, wäre ich ihres Vertrauens verlustig gegangen. Aber man hatte weder den Muth noch die Offenheit, mir dieses geradezu zu erklären, ungeachtet meine Aeusserungen bei Vorlesung des Protokolls über die in meiner Abwesenheit gehaltene Sitzung die leichteste Veranlassung dazu hätten geben können. Ebensowenig wollten die fortgesetzten Bemühungen um das Gedeihen des neuen Gesangbuches und das Bestreben, zu ungetheilter Annahme alle Meinungen zu freyem Zusammenstimmen zu vereinigen, die Ueberzeugung hervorrufen: die reformirte Kirche in Schaffhausen habe, trotz Innocenz III und ungeachtet einer kurz zuvor erfolgten Reise nach Wien, von mir nichts zu befürchten. Es wurde für besser gehalten, diese Gesinnungen zu verbergen, scheinbar das bisherige Verhältniß fortbestehen zu lassen, indeß, wie der Sprachgebrauch sich ausdrückt, mir auf den Dienst zu lauern; in der süßen Hoffnung, die Gelegenheit, um bequemer und ergiebiger mit der wahren Gesinnung hervorrücken zu können, werde wohl noch sich darbieten. Man hatte dieser Angelegenheit wegen sich so große Mühe gegeben, se viele Besorgnisse zu wecken gewußt, daß der kleine Rath sogar in einer Proclantation, mittelst der er alljährlich den Bettag anzukündigen pflegt, Rücksicht darauf zu nehmen, gewissermaßen seine Verfügungen rechtfertigen zu müssen glaubte.[348] Es findet sich in jener Acte folgende Stelle: »die Gefühle der Toleranz, ein wesentliches Gebot der neuesten Zeit, haben die oberste Behörde des Cantons schon am Ende des Jahres 1836 geleitet, einer Concession Folge zu geben, welche sechs Jahre früher bereits zum Ausspruche reif gewesen, damals aber den politischen Conjuncturen untergeordnet werden mußte. Diese, den in der Stadt Schaffhausen und ihrer Umgegend wohnenden Bekennern des käthölischen Glaubens gewährte Bewilligung hat ein Jahr, nachdem solche ertheilt worden, eine Beunruhigung unter euch erregt, welcher Wir Uns bewogen finden, einige Worte zu widmen. ? Zahlreiche Beispiele von beiden Confessionen in der Schweiz haben uns bewogen, die Wünsche der katholischen Einwohnerschaft der Stadt Schaffhausen und ihrer Umgegend, ihnen einen eigenen katholischen Gottesdienst zu gen statten, empfehlend an die oberste Behörde des Cantons zu bringen. ? Unter angemessenen, selbst das beängstigteste Gemüth beruhigenden Bedingungen, ist diese Bewilligung an ein harmloses Häuflein ruhiger und friedlicher Einwohner ertheilt worden, und Wir versehen Uns zu dem verständigen Sinne Unserer Mitbürger, daß sie in dieser Bewilligung lediglich einen Beweis der christlichen Toleranz und keineswegs Unsere Absicht erblicken werden, dem christlichen Glauben irgend Eines unter ihnen zu nahe zu treten!« Rachsucht und Neid sind zwei Leidenschaften, die nur einer hohen christlichen Gesinnung, einer tiefen Gottesfurcht, einem demüthigen Glauben, nicht aber einem beengenden Frömmeln, einer hochmüthenden Ausschließlichkeit weichen; ja sie finden in engen Verhältnissen einen räumlichern Tummelplatz, als in größern. Für das Erste liegt ein Beweis darin, daß sich in dieser Beziehung ein ganz eigener Ausdruck seit alten Zeiten schon in Schaffhausen eingebürgert hat: das Darandenken; nicht im Guten, als Erinnerung an Wohlthaten, an Dienstleistungen,[349] an diejenigen Erweisungen, die angenehm seyn könnten, sondern in umgekehrter Richtung. Behalte deine freye Meinung, glaube dich zu einem unabhängigen Urtheil berechtigt, hilf nicht zu Allem mit, was gerade im Schwange ist, stoße dich etwa, selbst ohne die mindeste Absicht, an Einen an, auf den auch nur der winzigste Theil öffentlicher Gewalt übergegangen ist: man wird dir »darandenken«; und wenn selbst ein langer Lauf der Jahre reine Tafel in deiner eigenen Erinnerung gemacht hat, so mag auch dann noch leicht Gelegenheit sich bieten, die Virtuosität des Gedächtnisles Anderer zu bewundern. ? Der Neid dann berührt nicht allein die materiellen Verhältnisse, er zernagt nicht blos denjenigen, welcher das Seinige durchgebracht hat, gegen denjenigen, der es zu bewahren suchte, nicht blos den Trägen gegen den Regsamen, wenn dieser in bessere Lage sich emporarbeitet; er kehrt sich auch, und dann nicht immer in den niedern Schichten der Gesellschaft, gegen andere Güter, die dir zu Theil werden mögen; angenehme Verbindungen, erlangte Auszeichnung, erworbener Ruf, manch Derartiges kann da und dort einen Wurm einsetzen, der nicht stirbt, auch bei Solchen, denen noch Anderes, als bloße Silberlinge, zu dem Weltglück zu zählen möglich ist. Bis zum Jahr 1837 hatte ich meinen Wohnort selten, nie für lange Zeit, immer nur auf unbeträchtliche Entfernung verlassen. Eine Reise einige Stunden über Stuttgart hinaus, zum Besuch von Verwandten, als Begleiter meines Vaters, im Jahr 1818, und zehn Jahr später ein zufällig von Freiburg unternommener Ausflug nach Straßburg, um den glänzenden Einzug Carls X. in diese Stadt zu sehen, waren von seltenen Reisezielen die weitesten. Ebenso hatte ich zu dieser Zeit noch sehr wenige persönliche Bekanntschaften, dergleichen nicht einmal in der Schweiz, weil Anknüpfspuncte, so wie Gelegenheiten, dergleichen zu erwerben, mangelten, eine innere Ahnung,[350] es möchte bei den mancherlei Gesellschaften, welche jährlich Leute aller Cantone zusammenwehen, neben den ausgehängten Zwecken noch verborgen gehaltene mit unterlaufen, von diesen mich ferne hielt. Nicht einmal in brieflichem Verkehr von einiger Ausdehnung stand ich bis dorthin. Mit dem Jahr 1837 trat ein Wendepunct ein, der nicht deßwegen für mich sehr folgereich geworden ist, weil ich von da an jährlich mehrere Länder besuchte, sondern weil die erste dieser Reisen mit allen nachfolgenden Ausflügen in enger Verkettung stand, jede nachfolgende in der vorangegangenen ihre Veranlassung oder ihren Beweggrund hatte; weil nicht allein aus denselben mannigfaltigere Berührungen hieraus hervorgiengen, sondern in der Folge zum Theil auch alle diejenigen Bestrebungen wider mich ihre Rechtfertigung finden sollten, durch deren Folgen die in mir liegenden Elemente geweckt, sodann ihrer Entwicklung und endlichen Gestaltung entgegengeführt werden konnten. Aber erst in der letzten Zeit, da ich dasjenige, was in seiner momentanen Erscheinung blos den vereinzelten Eindruck des Augenblicks auf mich machen konnte, ungesucht in einem innern Zusammenhang zu überblicken im Stande war, durfte ich wohl dem Jahre 1837 eine Bedeutung zuerkennen, die gleich einer reisen Frucht aus einem augenblicklich wenig beachteten Samenkorn allmählich aufgegangen ist, und darum in dem Verlauf der göttlichen Führungen meiner Person nicht die unwesentlichste Stelle einnimmt. In gedachtem Jahr feyerte die Universität Göttingen ihr hundertjähriges Jubelfest. Schon seit längerer Zeit hatte ich mir vorgenommen, zu demselben mich einzufinden. Zwar durfte ich nicht hoffen, akademischen Freunden daselbst zu begegnen, denn deren hatte ich einst nur wenige gezählt, mehrere von ihnen waren längst gestorben, andere kaum im Falle, sich einfinden zu können. Von den Professoren zogen keine mich hin; der einzige, dem ich wahre Anhänglichkeit immer bewahrt hatte, Heyne, lebte nur noch in der Erinnerung so vieler dankbarer Schüler; die wenigen Lehrer, die seit dreissig Jahren noch übrig waren, hatte ich früher nicht einmal gekannt. Es war mir[351] blos vergönnt, dem Herrn Oberbibliothekar Reuß meine Dankbarkeit für freundlichen, in Benutzung der Bibliothek mir einst erwiesenen Vorschub noch bezeugen zu können. Diese selbst, in der ich so manche Stunde geweilt, den Ort, an dem ich beinahe zwei Jahre nicht ganz nutzlos verlebt, nach mehr als dreissig Jahren wieder zu sehen, hie und da Stätten wieder zu betreten, an welche harmlose Erinnerungen sich knüpften, dieß Alles hatte Reizes genug für mich; größerer bot mir darin sich dar, unterwegs in verschiedene Städte wiederkehren, in andern, die mir in frühern Jahren unbekannt geblieben, mich umsehen, hie und da einen mir interessanten Mann kennen lernen, vielleicht neue Bekanntschaften anknüpfen zu können. Die vorzuglichste Annehmlichkeit gewann die Reise dadurch, daß sie mit einem werthen Collegen, dem vielseitig gebildeten Herrn Professor Maurer-Constant, der so geistreich und anziehend das Leben seines später hingeschiedenen Vaters zu behandeln wußte, gemeinschaftlich konnte gemacht werden. Es darf mich jetzt noch wahrhaft freuen, wenn wir, wie während sechswöchentlichen Zusammenseyns, so noch in der Rückerinnerung an heiter zugebrachte Tage zusammenstimmen. Die Hoffnung, mit Welt und Menschen in nähere Berührung zu treten, als dem, in enge Umgränzung stets Gebannten bisanhin möglich gewesen, ging schon zu Tübingen in Erfüllung, wo ich Herrn Professor Hefele, als Recensenten der Geschichte Innocenzens des Dritten in der Quartalschrift, besuchte, durch ihn mit andern Professoren bekannt wurde. Das nahe Rottenburg konnte nicht übergangen werden. Ich hatte kurz zuvor bei dem dortigen Bischof willfähriges Entsprechen zu (damaliger würtentbergischer Gesetzgebung gemäß zwar erfolgloser) Verwendung gegen einen Nachdruck meines Werkes erfahren; als bei einem ehemaligen Nachbar unserer Stadt, daher mit manchen mir bekannten Personen einst in freundschaftlicher Beziehung gestanden, durfte ich geneigte Aufnahme um so eher erwarten. Ich fand mehr als dieß; ich fand das herzlichste Entgegenkommen. In der vielseitigsten Unterhaltung, in welcher[352] ich unter andern die Nothwendigkeit der Einheit der Kirche und der organischen Verbindung der Bischöfe mit ihrem Oberhaupt lebhaft vor ihm verfocht, gieng Stunde um Stunde hin, bis über Mitternacht hinaus. ? Angenehme Tage waren mir durch Fürsorge von Verwandten in Stuttgart bereitet, andere zu Backnang bei einem Freunde, den ich vor 30 Jahren in St. Blasien kennen gelernt, mit dem kurz zuvor meine Besorgung des Eigenthums von Muri durch den sonderbarsten Zufall mich wieder in Verbindung gebracht hatte; ähnliche in dem lieblichen Jaxtthal, von wo in dem nahen Mergentheim die reichen Denkzeichen fürstlicher Forschungsliebe unter unkultivirten Völkern vorübergehend beschaut wurden. In Würzburg wollte der vorige Bischof in den Schriften über das Jubiläum der Universität Heidelberg Materialien zu nachheriger Vergleichung des beabsichtigten Zweckes meiner Reise mir zustellen, und den Entscheid möglich machen, ob in sinniger Veranstaltung von Festen Süddeutschland von Norddeutschland übertroffen werde, dafern die kurz bemessene Zeit das Auffinden jener Gedenkblätter mich hätte abwarten lassen. Ein köstlicher Abend wurde auf der Wartburg zugebracht, die um eben diese Zeit durch Montalemberts heilige Elisabeth zu neuem Ruf gelangen sollte. Was es in diesen Landschaften heisse, von der gebahnten Straße abweichen, um auf vermeinten Fahrwegen irgend einen Ort zu erreichen, das haben wir damals, in der Absicht nach Reinhardsbronn zu gelangen, ohne vorerst Gotha zu berühren, gleichwie später in Hessen zwischen Jesberg und Treisa, genugsam erfahren; dießmal kamen wir mit angestrengtem Schieben des Wagens zur Nachhülfe für die Pferde davon, das Anderemal aber lief das, was sie Straße nannten, in einen so inpraktikabeln Holzweg und zuletzt in einen so engen Fußpfad aus, daß wir Kutscher, Wagen und Gepäcke nach Marburg zurücksenden, dann aufs Gerathewohl durch Wald und Wiesen in menschenleerer Gegend über Fußsteige wandern mußten, und kaum die Erreichung unseres Zieles hoffen durften. ? Das anmuthige Reinhardsbronn mit so mancher übriggebliebener[353] Spur vormaliger Bestimmung, welche vicissitudines rerum! Aber, wie lieblich es auch seye, doch kein Hohenschwangau keine Franzensburg, nicht einmal harmonisch, wie auf der Wilhelmshöhe die Löwenburg. Unter die Lichtpuncte der Reise zähle ich die persönliche Bekanntschaft des trefflichen Perthes und seiner liebenswürdigen Familie; bei ihm verflossen in Gotha zwei Tage, wie ebensoviele Stunden. ? Die Nachfrage nach einem, meiner Person zwar durchaus fremden, Rechtsfall in Schaffhausen, worüber ich jedoch einst, durch bloße Liebe zur Gerechtigkeit angetrieben, einem Verwandten eine Species facti nach Heidelberg zugesendet hatte, um die Ansichten dortiger Juristen zu vernehmen, wurde an der Abendtafel zu Müllhausen auf dem Eichsfelde alsbald zum Anknüpfspunct mit zwei andern Göttinger-Jubilanten, dem Herrn Geheimen Instizrath Martin und Herrn Professor Guyet, Deputirten der Universität Jena, zu dem Feste, und gewährte für den kurzen Aufenthalt an der Georgia Augusta je in vorüberfliegendem Zusammentreffen vergnügliche Augenblicke. Hier am Morgen vor dem Feste in der längst bereit gehaltenen Wohnung angelangt, war die erste Bekanntschaft diejenige des Herrn Professor Phillips von München. Ich gestehe, daß ich ihn damals noch nicht einmal dem Namen nach kannte. Er dagegen fragte mir Nachmittags in dem Gewühle der vielen Festbesucher in Ulrichs Garten nach; und wie selten auch in dem Hin- und Herwogen der folgenden Tage wir uns treffen konnten, wir fanden uns dennoch in diesen rasch vorübereilenden Stunden je bisweilen zusammen. Wie groß auch die Zahl der Schweizer seye, die in Göttingen ihre Studien gemacht hatten, Maurer und ich waren die Einzigen, die unser Vaterland bei dieser Feyer vertraten. Aber an die Herzlichkeit, Gemüthlichkeit und sinnige Aufmerksamkeit gewöhnt, welche in den Festlichkeiten unseres Landes die Fernestehenden einigt, befriedigt, und solche Tage für sie in Lichtblicke des Lebens zu verwandeln versteht, wollte es uns bedünken, wären hier die Vielen aus allen Weltgegenden mehr[354] herbeicitirt worden, um der Georgia Augusta die Cour zu machen, und dann zu sehen, wie sie im weitern sich abfinden möchten. Jedenfalls stimmten wir darin vollkommen überein, daß sie es im Norden nicht so wie im Süden verstünden, Feste zu veranstalten. Die pomphaften Berichterstattungen, die nachmals nach allen Richtungen in die Welt verjagt wurden und den mangelnden Kern durch klanghafte Phrasen ersetzen sollten zwangen meinen Reisegefährten und mir auf dem langen Heimweg manches Lächeln und manche Aeusserung des Unwillens ab. Für den Rückweg war Cassel aufgespart, mit mancherlei Rückerinnerungen aus früherer Zeit. Unser Erstes war, Johann von Müllers Grab aufzusuchen. Kaum war es zu finden. Die einfache Steinplatte, die es bezeichnete, war schon eingesunken. Irre ich nicht, so veranlaßte Maurer die Wittwe des treuen Fuchs, auf etwelche Besorgung desselben Weniges zu verwenden. ? Aber wie Vieles hatten nicht die Wasserwerke auf der Wilhelmshöhe eingebüßt gegen ehedessen! Hier zerrinnt zwischen den Steinfugen und Ritzen das Wasser, dort auf Spielbänken das Geld. Diese Wasserwerke und die Kattenburg, welche traurige Sinnbinder der Zeit, die das Begonnene nicht vollenden, das Vollendete nicht erhalten kann, vielleicht nicht einmal mag! ? Sind Gasthöfe und Schenken der Barometer der Cultur, wie tief steht nicht Hessen unter der Schweiz! Hier würde man in einem Städtchen wie Treisa zwischen mehreren stattlichen Wirthshäusern die Wahl haben, dort findet sich eine erkleckliche Herberge nur in dem Hause eines begüterten Bäckers. Doch für uns war gesorgt. Eine Base, die während meines Aufenthalts in Amsterdam erst auf dem Wege zur Geburt sich befand, bewohnte den ehemaligen Edelsitz der Grafen von Ziegenhain. In ihrem Mann, dem Advocaten Wittekind, lernte ich einen tüchtigen, redlichen und mit Recht allgemein geachteten Verwandten kennen, dessen bald nachher erfolgter Hinscheid in den kräftigsten Jahren mich als Zeugen einer glücklichen Ehe um so mehr schmerzte. ? Zu Marburg stellte der reiche Reliquienkasten der heiligen Elisabeth die Sinnigkeit und Arbeitstreue[355] der Künstler, zugleich mit der Bereitwilligkeit der Großen des Mittelalters, zum Schmuck der Gegenstände ihrer Ehrerbietung das Kostbarste zu verwenden, in einem der bewundernswerthesten Denkmäler sich mir vor Augen, gleichwie die Elisabethenkirche mit dem prachtvollen Portal selbst in ihrem jetzigen verwahrloseten Zustand als würdige Umgebung jenes Denkmals gelten mag. Aber auch das Bild der leichtfertigsten Frevelhaftigkeit gieng an mir vorüber, welche die irdischen Ueberreste der edlen Ahnfrau, der Zierde ihres Geschlechts, unter würdelosem Hohn der Ruhestätte entrissen und sie mehr als vermehren konnte. Sollte hierin ein Zug »hoher Gesinnung« erkannt werden? ? Im schönsten Schmuck herbstlicher Tage zeigte sich das fruchtbare Lahnthal, das überreiche Rheingelände, hinauf von Coblenz nach dem alten Sitze des heiligen Bonifacius. Die folgenreichsten Verbindungen wurden in Frankfurt angeknüpft, zunächst mit dem für seine Familie, seine Vaterstadt, die Wissenschaften und die grosse Zahl seiner Freunde allzufrüh und so unerwartet dahingeschiedenen Bürgermeister Thomas. Gleiche Vorliebe zu Erforschung der Zustände des Mittelalters, obzwar nach verschiedenen Seiten desselben, ähnliche Ansichten über manche Erscheinungen der Gegenwart, verwandte Neigung, Bestehendes lieber zu erhalten und zu vertheidigen, als in raschem Aburtheilen zu verwerfen, über diesem Allem eine seltene Großartigkeit und Gediegenheit des Charakters, verbunden mit der anspruchlosesten Einfachheit und der einnehmendsten Anmuth im Umgange, mußten zu demselben hinziehen und alsbald das zusagendste Verhältniß begründen. Die nicht lange vorher im Vorübereilen durch meine Vaterstadt gewonnene Bekanntschaft der Hrn. Bibliothekar Böhmer und Dr. Passavant wurde erneuert, bei längerem Verweilen gefestigt, die zufällige Empfehlung von Perthes an den Buchhändler Schmerber Veranlassung, den Besuch von Frankfurt im nächsten Frühjahr zu wiederholen. Die Frankfurter Freunde empfahlen dringend, an Heidelberg nicht vorüberzureisen, ohne auf dem lieblichen Stift Neuburg[356] bei Hrn. Rath Schlosser anzukehren; was um so lieber geschah, da ich einst dessen verstorbenen Bruder zu meinen Göttinger Bekannten gezählt hatte. Für so Viele in Deutschland mag es genügen, die Namen Schlosser oder Stift Neuburg nennen zu hören, um zu wissen, mit welcher zuvorkommenden Freundschaft ich dort empfangen wurde, wie anregend und lehrreich die wenigen Stunden verflossen, die ich dießmal, gleichsam nur zu baldiger Wiederkehr mich anmeldend, dort zubrachte. Der Spätherbst war so sonnigmild, daß wir unsere Heimreise gar nicht beschleunigten, sondern gerne Karlsruhe ein paar Tage widmeten, zumal das Wiedersehen des damaligen bayerischen Bevollmächtigten, jetzt Bundestagsgesandten, Freiherrn von Oberkamp, des Freundes der meisten meiner Freunde, mich lockte. Freiburg war die letzte Station. Es knüpften sich an diese Stadt die lieblichsten Erinnerungen einer heitern Jugendzeit, da ich alldort vor damals bald drei Jahrzehenden jedes Jahr ein paar frohe Wochen in dem Ittner'schen Hause verlebt hatte. Ich fand noch Bekannte, deren Kreis aber in den nachfolgenden Jahre durch manche Gesinnungsverwandte in eben dem Maß an innerer Bedeutung zunahm, in welchem er sich der Zahl nach erweiterte. Wie, was sie so gerne mit dem bedeutungslosen Wort Zufall bezeichnen, oft die Menschen unversehens zusamenführt und verbindet, was gegenseitig ungeahnet sich nahe zu kommen bestimmt ist, so fand ich in der erzbischöflichen Wohnung den Herrn Dommherrn Räß, jetzigen Bischof von Straßburg, mir bisher kaum dem Namen nach bekannt, was in den Vormerkungen über das bleibende Heben von dieser Reise nicht eine der unbedeutendern Stellen einnimmt. Hier darf ich einen Umstand, der auf merkwürdige Weise in meine Lebensführungen sich verflicht, nicht unberührt lassen: daß nemlich in Deutschland, Frankreich und Italien viele, durch Gelehrsamkeit, Stellung und intellectuellen wie moralischen Werth[357] ausgezeichnete Männer mir entgegenkanten, die erst in ihren spätern Jahren Glieder der katholischen Kirche geworden stud. Wir haben eine so große Vorliebe für das Wort »Zufall,« daß es insgemein an alle unsere Erinnerungen, meist an unsere ganze Auffassungsweise der Gegenwart sich anknüpft, in alle unsere Begegnisse und in alle einflußreichern Bezüge der Aussenwelt zu unserer Person sich hineinwebt, darum ich dieses Wortes ebenfalls mich bedienen will, nicht deßwegen, weil ich dasselbe Gewicht darauf legte, sondern darum nur, weil ich die wenigsten dieser Männer aufgesucht habe, vielmehr absichtslos mit den meisten von ihnen zusammengetroffen bin, weil in jenem Umstand niemals das verbindende Mittel lag, ich meistentheils ? wie es bei Philipps und bei der Familie Schlosser der Fall war ? erst, nachdem die Bekanntschaft sich angeknüpft und vielleicht schon längere Zeit gedauert hatte, zur Kenntniß ihrer vorigen oder jetzigen kirchlichen Beziehung gelangte. Wann und wie ich mit Hallern bekannt wurde, habe ich früher erwähnt; es geschah zu einer Zeit, wo zwischen dem gereisten Manne und dem kaum zum Knaben werdenden Kinde andere Berührungspuncte, als diejenigen einiger freundlichen Worte und schüchterner Erwiderung, noch nicht statt finden, auch nach einem Jahrzehend dieselben blos nach Maaßgabe des inzwischen vorangeschrittenen, für jene Zeit aber immer noch trennenden Lebensalters sich modificiren konnten. Zwischen jenem Tage des Ueberganges des österreichischen Heeres über den Rhein und Hallers Rückkehr in die katholische Kirche liegt aber ein sehr langer Zwischenraum, und ein beinahe ebenso langer zwischen dieser und den nachmals vielfältiger gewordenen Beziehungen. Dennoch hat später unbegreiflicher Mangel an Ueberlegung und vorurtheilsfreyem Urtheil mir aus jener, von den Tagen der Kindheit herrührenden Bekanntschaft einen Vorwurf, oder sie zu einem schlimmen Anzeichen für meine Gesinnungem machen wollen, was doch unbestreitbar ein großes Maaß von Engherzigkeit, um nicht zu sagen von übelm Willen, voraussetzt. Als bemerkenswerth hat erst in weit späterer Zeit, erst[358] seitdem ich auf Manches, was an meine Lebensführungen sich knüpft, aufmerksamer geworden bin, oder werden mußte, die Thatsache mir sich dargeboten, daß, wie ich früher erwähnt habe, von meinen akademischen Bekannten drei in die katholische Kirche zurückgekehrt sind, und ein vierter, mehr als bloßer Bekannter ? Freund und Mitbürger ? unfehlbar den gleichen Gang würde genommen haben, hätte ihn nicht bald nach seinem Abgang von Göttingen der Tod hinweggerafft. So war ich von dem Jahr 1837 an ungesucht überall Manchen begegnet, die einst nicht zur katholischen Kirche gehört hatten, von denen ich es aber meistens erst dann erfuhr, als ich mich bereits durch sie angezogen gefunden hatte. So in Mailand Baron von Meysenburg, damals österreichischem Legations-Secretär in Turin, in Wien dem berühmten Dr. Jarke, in München, außer Hrn. Professor Philipps, noch einigen Andern zu denen, im Rückblik auf frühere Geistesrichtung, selbst Clemens Brentano dürfte gezählt werden; in Paris dem so gelehrten und arbeitsamen als liebenswürdigen Engländer Dighby und seiner Familie, dem Abbé Theodor Ratisbonne, andern bemerkenswerthen Personen; in Rom endlich der glaubensfreudigen und glaubensthätigen Fürstin Wolkonsky, mehreren Deutschen verschiedenen Standes und Berufes, unter denen ich einzig den Wiederhersteller jener, von dem tiefsten christlichen Geist durchhauchten Kunst und zugleich dieses Geistes reinstes Gefäß, Overbeck, aufsuchte, mit allen Uebrigen mehr zusammentraf, oder zu ihnen mich hinleiten ließ. Eine Wahrnehmung, die seit vielen Jahren schon mir sich darbot, ja von Zeit zu Zeit, ich darf wohl sagen, mit unwiderstehlicher Macht, mir sich aufdrängte, schweigend zu übergehen, fällt mir schwer, noch schwerer aber, meiner jetzigen Ueberzeugung wegen, sie zu berühren. Aber trotz dessen, daß ich wohl ahnen mag, wie man von einer Seite her auch das[359] bescheidenste Wort gegen mich wenden und in großer Vergnüglichkeit einer Anwandlung mich bezüchtigen werde, deren ich mich vollkommen frei weiß und auch frei erklären darf, und weil diese Wahrnehmung eine solche ist, die weder von heute noch von gestern datirt, kann ich dieselbe doch nicht unberührt lassen: diejenigen über die Persönlichkeit und die Beweggründe so vieler, zu der katholischen Kirche Zurückgekehrter. Angefangen von Stollberg, der ersten Rückkehr eines bedeutenden Mannes in der Zeit, da ich mir ein Urtheil erlauben durfte, bis hinab zu den neuesten, welcherlei Individualitäten stellen sich uns dar? Ob sie, wie mit einer gewissen entschiedenen Hoffahrt erklärt werden will, das Vollkommene an das Unvollkommene, das Lautere an das Trübe, die Freiheit an die Knechtschaft und das Licht an die Finsterniß vertauscht haben, das ist ihre Sache, ein unbedingt gültiges Urtheil in diesem Sinne darf hier nicht zugestanden werden. Wenn sie daher die Ueberzeugung von einen Tausch im umgekehrten Sinne jenes Vorgebens in sich trugen, kann einzig noch die Frage über Lauterkeit oder Unlauterkeit der Beweggründe erörtert werden. Es läßt sich aber derselben diejenige noch voranstellen: durften diejenigen, von denen sie sich ausgeschieden haben, sich glücklich schätzen, ihr los geworden zu seyn, die Andern, denen sie sich angeschlossen, darüber klagen, daß sie dieselben nun unter die Ihrigen zählen müßten? In Bezug auf kiese Frage wäre bei richtiger Würdigung der Individualitäten ein parteiloser Urtheilsspruch möglich, würde durch jene sogar wesentlich erleichtert. Mögen diese Individualitäten, deren Namen bekannt sind, alle die Zweifel, die an ihre richtige und klare Einsicht, an ihre Geistesunabhängigkeit sich knüpfen, mögen sie alle Vorwürfe, daß sie die Finsterniß mehr liebten als das Licht, die Fortschritte der Menschheit mit scheelen Augen ansähen, den Aufschwung derselben in neidischem Entgegenstreben hemmen wollten, geruhig hinnehmen; aber herausfordern dürfen sie, wenigstens alle Notabilitäten unter ihnen, herausfordern dürfen sie Jedermann, darüber Rede zu stehen, ob irgend ein[360] Bewußtseyn von Unerlaubtem, irgend ein sittlicher Mackel, der an ihnen gehaftet hätte, irgend eine Nothwendigkeit, gerechter Ahndung sich entziehen oder durch solchen Uebergang zu der alleinigen Kirche irgend eine Schuld von sich wälzen oder decken zu müssen, ob etwas solcher Art aus der vorigen Verbindung sie hinweggetrieben, sie genöthigt habe, eine Sicherheitsstätte außerhalb derselben zu suchen? Fragen wir dann ferner jener höhern Moralität nach, deren Mangel jenseits des Bereichs aller Gesetze und Tribunalien liegt, deren Besitz die Zierde des Menschen und das bekräftigende Siegel des Christenglaubens ist, finden wir diese z.B. eher bei Voß, der seinen ehemaligen Freund nur deßwegen, weil er seiner Ueberzeugung und der Leitung der göttlichen Gnade folgte, mit dem bittersten Groll auf die hämischste Weise herabzuwürdigen, zu verunglimpfen, so es möglich gewesen wäre, zu entehren sich bestrebte, oder bei Stollberg, der, auch das Kränkendste ihm verzeihend, noch sterbend seinen Kindern Versöhnlichkeit und milde Gesinnung gegen den zum erbitterten Feind gewordenen Freund empfahl? Aber, heißt es weiter: Wenn nicht gerade strafwürdige, so kommen doch unlautere Beweggründe dabei zum Vorschein, laufen solche wenigstens mit. Aber welche denn? Etwa daß die Einen leichter Stellen und Einkünfte aufgegeben, als ihrer Ueberzeugung Gewalt angethan haben? daß Andere leicht vorauszusehenden Verfolgungen und endlosen Neckereien sich unterzogen (wie vor Jahren aus einem gewissen Land mehr als Einer merkwürdige Zeugnisse hätte ablegen können)? daß diese ihrer Heimath den Rücken wenden, jene bitteren Entbehrungen sich bloßstellen mußten? Ist eine solche Bereitwilligkeit, in der Wahl zwischen unabweislicher Ueberzeugung und den äußern Dingen, ob nun von diesen die anziehenden müssen aufgegeben, die sonst zurückstossenden gewählt werden, ist eine solche Bereitwilligkeit, nicht wankend in der Mitte zu beharren, sondern um jener willen Alles daran zu setzen, ohne sittliche Kraft (um nicht zu sagen Werth) auch nur denkbar? Hat sich dann aber, nachdem in redlichem Entschluß diese Wahl getroffen worden, Einzelnen[361] aus Jenen, dieweil sie Intelligenz und praktische Brauchbarkeit zuvor bewährt und durch ihre Rückkehr in die Kirche an beiden keine Einbusse erlitten, den Einen in der Folge wieder eine ehrenvolle Laufbahn, den Andern ein angemessener Wirkungskreis, der gegen Durst sie sicher stellte, eröffnet, so berechtigt dieß zu keinem schiefen oder herabwürdigenden Urtheil; indem jedes Kind wissen kann, daß zwischen der freyen Handlung von heute und den ohne unser Zuthun sich bildenden Umständen von morgen bei weitem nicht immer ein Causalnexus bestehe. Oder haben die Sieben von Göttingen, deren Erklärung seiner Zeit Manchen zu so rauschendem Beifall stimmte, dieselbe in Voraussieht und zu dem Zweck abgegeben, daß der Eine in Berlin, der Andere in Tübingen, ein Dritter in Bonn und Jeder, wo immer, eine Anstellung finden werde? Sicher wandelt euch da kein solches unbefugtes Urtheil an; und wollet ihr euch es erlauben, mit Recht könnten Jene euch iniuriarum belangen. Soll aber das, wessen ihr dort Bedenken trüget, ja euch schämen würdet, hier, weil es gerade christliche Ueberzeugung und kirchliches Verhältniß berührt, unbedingt frei gegeben seyn? Diese Frucht haben wir wenigstens dem Indifferentismus unserer Tage, dem auf religiöser Gleichgültigkeit ruhenden Getriebe der heutigen Staaten, und dem mit protestantischen Elementen durchsäuerten Princip der jetzigen weltlichen Gewalten zu danken, daß kein Gelüste nach zeitlichem Vortheil dasjenige, was blos Wirkung der Gnade und der die innersten Tiefen durchdringenden Klarheit seyn soll und darf, fernerhin zur bloßen äußern Maske herabwürdigen kann. Wahrlich, wem irdische Ehre, zeitliche Güter, gesellschaftliche Stellung das Höchste sind, wem, wie man zu sagen pflegt, eine Carriere zu machen Ziel und Zweck des Lebens wäre, der würde wohl besser dadurch sich berathen, daß er einer, unter allen Formen der katholischen Kirche entgegenwirkenden, vielleicht sogar, wenn nicht mehr ihr Erdrücken, so doch ihr Verenden bezweckenden Verbrüderung sich einverleibte, als daß er frey und offen vor aller Welt diese Kirche für seine Mutter erklärte, zurückkehrte in ihre Arme, da[362] er zuvor ferne von derselben gestanden. Es ist hier der gleiche Fall, wie in der Schweiz mit den politischen Meinungen. Wer denjenigen, welche das laute Wort führen und damit zugleich die Herrschaft an sich gerissen haben, entgegentritt, wer sich nicht scheut, dem Blendwerk, das mit jenem getrieben wird, das Licht unter das Spiel zu halten und die Handlungen und Bestrebungen der Beweger nach den absoluten Principien der Wahrheit und des Rechts zu beurtheilen; wer nicht von den Wogen sich will treiben lassen, sondern selbst ihnen entgegenzurudern den Muth hat: auf dem darf gewiß nicht der Verdacht lasten, daß er seine Person vorandrängen wolle, daß er nach irgend einer Stelle trachte; denn ganz andere und wahrlich leicht anzuwendende Mittel würden ihn solchen Zweck ohne große Anstrengung weit sicherer erreichen lassen. In dieser Beziehung mag die katholische Kirche, mögen die Vielen, die nicht zu den Unbemerkbarsten unter ihren Zeitgenossen gehören, zu Würdigung der Beweggründe ihrer Rückkehr mit freyem Bewußtseyn herausfordern einen Jeden, der unbefangenen Sinnes, parteilosen Willens dieselbe vornehmen mag. Könnte wohl niemand aufrichtiger, als ich, denjenigen bedauern, der eigener Selbstständigkeit dermassen baar und blos wäre, um, so zu sagen, von Anderer Beispiel leben zu müßen, der, nicht blos in dem Wichtigsten, sondern selbst in Unwichtigem, einzig in dem Benehmen von Vormännern zu irgend Etwas einen Bestimmungsgrund fände, ? so darf doch das Summarium homogener Erscheinungen in jenem Sinne reichen Stoff zu ernstem Nachdenken genug bieten. ? Ammon sagt in seinem Buche von der »Einheit der evangelischen Kirche«: »Auch mir kommt es vor, als sey etwas in unserm jetzigen Protestantismus, was einen ehrlichen Mann zwingen kann, katholisch zu werden; ich meine Kerns-, Wesens- und Inhaltslosigkeit unseres Glaubens ? die Sublimirung alles materiellen Glaubens in wesen- und leblose rationelle Begriffe ? das unruhige Vordringen des Verstandes auf dem Gebiete des Glaubens, welches Christum austreibt, und sich dafür an dessen[363] Stelle setzt. Wehe dem ganzen Protestantismus, wenn er sein urkatholisches Princip verkennt und verläugnet.« Es kommen, die Thatsache ist nicht in Abrede zu stellen, in dieser Zeit auch Austritte aus der katholischen Kirche vor, und niemals fehlt es bei denselben an sogenannten rechtfertigenden Gründen, welche auf dichte Schatten und gewaltige Gebrechen in derselben hinzuweisen sich bemühen. Aber eine Zahl in die Kirche zurückgekehrter und eine gleiche Zahl aus derselben ausgetretener Individualitäten einander gegenübergestellt, sollten nicht unter den Letztern weit mehr als unter Jenen Solche sich finden, an welche die Vermuthung sich knüpfen dürfte, es möchten rein subjective Gründe wenigstens eben so großes Gewicht gehabt haben, als die Einsicht in jene Gebrechen, als der tiefernste Abscheu vor denselben, der brennende Durst nach befriedigenderer Seelenlabung? Sehet dort jene Layen, die, durch irgend eine Wendung ihrer Lebensbahn, durch irgend ein überraschendes Begegniß, durch irgend einen an sie vorzüglich gerichteten und nur von ihnen bemerkten Wink der göttlichen Gnade geweckt, gemahnt, ergriffen, in sich selbst kehrten, suchten, sich leiten, belehren liessen, endlich nach schwerern oder leichtern Kämpfen die Feßeln sprengten, durch die sie sollten zurückgehalten werden! Wollt ihr ihnen unter gleicher Werthung denjenigen an die Seite stellen, der, durch eine lüderliche Literatur in seinem geistigen Lebensmark vergiftet, erst die geordnetere Form des Glaubens von sich wirft, um bald darauf desto leichter auch diesem den Abschied zu geben? oder denjenigen, der in theoretischer und praktischer Zügellosigkeit der Autorität auf bürgerlichem Boden, wo er nur immer kann, entgegentritt und darum, so schnell es ihm möglich, die kirchliche vollends abschüttelt, hierauf verhöhnt und bekämpft? oder denjenigen, der, durch die Wucht materieller Bestrebungen darniedergefallen, jede geistige Anwandlung um so grinsender verlacht, je bestimmter sie an dem Menschen sich will geltend machen? oder jenen grundgemeinen Mammonsknecht, den die Gebühren für eine Gnadenbewilligung zur lächerlichen Wuth gegen die Kirche und ihre[364] Ordnung stachelt? Wollet ihr euch vermessen, neben jene gewichtvollen Meister in der Wissenschaft, die auf das Erforschen der Wahrheit das Leben mit allen seinen geistigen Kräften eingesetzt, die mit derselben und um dieselbe so lange gerungen, die, nachdem sie von ihr sich bezwungen gefühlt, Gold und Ehre, Wirksamkeit und geruhiges Daseyn freudig daran gegeben haben (wie wir dessen erst in den laufenden Tagen ein so leuchtendes als ergreifendes Beispiel gesehen haben), wollet ihr neben diese jene oberflächlichen Gecken in die Wagschale legen, die durch dummdreistes Verhöhnen des tiefgewurzelten Gesammtglaubens auf wohlfeilem Wege Zeitungscelebrität sich zu erbaschen suchen; jene fahrenden Mimen, die ihren Themis-Karren zur angeblichen religiösen Belustigung des Volkes aufschlagen, wo immer sie Zuschauer finden mögen; jene Wander-Prediger, denen in Gelagen, bei Champagnergläsern und unter lobhudelnden Zechsprüchen zusammengetrommelter Kirchenfeinde und in Ermanglung dessen in schmutzigen Bierhöhlen das Pfingstfest ihrer Kirchleins winkt, wonach sie zur Erholung als geistliche Müscadins mit den Weibleins sich ergehen; oder jene, welche die Auflehnung wider ihre Obern zum Kern eines mühelos ersonnenen und ohne Beschwerde an den Mann gebrachten Evangeliums machen? Das jedoch, abgesehen von allen tiefern Anschauungen und Beweggründen, wird Niemand läugnen wollen, daß die katholische Kirche ungleich mehr fordere, ungleich mehr auferlege, in ungleich größere Zucht nehme, als jede Religionsform außer ihr. Der Zurückkehrende daher ? ist ihm anders die Sache nicht blos Spiel, welches mit leichtem Sinn Form an Form und Namen an Namen tauscht ? nimmt Vieles über sich, was der Austretende hingegen von sich wirst. Was aber dem natürlichen Menschen leichter falle, der Autorität sich unterzuordnen, oder derselben sich zu entziehen, in Anforderungen und Beschränkungen einen heilsamen Zweck, oder einen lästigen Zwang anzuerkennen, in dem Joch etwas Sanftes, in der Last etwas Leichtes zu ehren, oder Beide als unerträglich abzuschütteln, darüber[365] mag Jeder, seye er wer er wolle, Antwort leicht sich ertheilen. Vernehmen wir hierüber das Zeugniß eines Mannes, den Niemand in Verdacht haben kann, nicht aus tiefster Ueberzeugung dem Protestantismus, wie wir denselben aus früherer Zeit noch kennen, zugethan gewesen zu seyn, doch nicht in dem Maaße, um darüber den richtigen und freyen Blick zu verlieren: Joh. Jacob Moser. Er sagt in dem Leben des Freiherrn Georg von Spangenberg: »Man kann in Beurtheilung einer sogenannten Religionsveränderung nicht behutsam und vorsichtig genug seyn; und geradehin zu billigen oder zu tadeln, zu loben oder zu verdammten, wenn ein gesetzter Mann, dem man Nachdenken, Prüfungsgabe, Rechtschaffenheit, Sorge um seine Seele, Uneigennutz etc. zutrauen kann, von einer kirchlichen Verfassung zu der andern übertritt, däucht mir Unbilligkeit, Ungerechtigkeit, Unverstand, es treffe eine Religonsparthei, welche es wolle, Ja, frei zu bekennen, ich habe an Personen jener Gattung, die aus Ueberzeugung (von Seelenverkäufern, die aus Ehrgeiz, Hunger oder anderer leiblicher Noth es thaten, ist die Rede nicht) katholisch wurden, mehr Treue vor Gott, mehr Reinigkeit des Lebens, mehr praktische Religion wahrgenommen, als unter Solchen, die aus der katholischen zu der protestantischen Kirche übergetreten sind.« Endlich, wenn man nicht vor Allem die Augen schliessen und sogar den nackten Zahlen ihre Beweiskraft absprechen will, so dürften selbst diese stummen Zeichen mit gewaltiger Stimme sprechen. Unsere Zeit, das läßt sich nicht läugnen, sieht häufigere Uebergänge aus der einen Confession in die andere, als das vorige Jahrhundert, und denjenigen, welche da und dort auf irgend eine Weise zu den Bemerkbaren gehören, schliessen noch viele sich an, die vor der Welt minder bedeuten, darum aber an innerem Werth, an Festigkeit der Ueberzeugung, an Lauterkeit der Absichten, an Allem, was vor dem Herzenskündiger einzig Werth hat, auch den Ausgezeichnetesten nicht nachstehen, Wie verhalten sich nun diese Zahlen zu einander; wo ist das[366] Uebergewicht, und zwar ein sehr entschiedenes Uebergewicht, auf Seite der Austretenden oder auf Seite der Zurückkehrenden? Schlaget die ersten besten Blätter auf, ihr werdet jene Zahlen finden. Sollte diese unbestreitbare Erscheinung mit ein paar hoffärtigen Declamationen, mit ein paar in Abschätzigkeit hingeworfenen Federzügen sich abfertigen lassen? Dürfte darin nicht ein leiser, oder, wenn man will, ein ernster Wink liegen über das Bedürfniß der menschlichen Seele, über ein in ihren Tiefen verborgenes Sehnen nach göttlicher Offenbarung? Diesem dann liegt die Einwendung nahe: aber unzählige Namen sind in die Verzeichnisse der katholischen Kirche eingetragen; doch wie sehr würde diese irren, wenn sie auf die große Zahl derselben stolz seyn wollte? Denn weiter, als daß diese Namen eben auf jenen Verzeichnissen stehen und die Genannten ihre Jugendjahre in dem Bereich, vielleicht unter der Obsorge der Kirche zugebracht haben, geht ihre Beziehung zu derselben nicht. Wollten sie von ihren Gesinnungen getreue Rechenschaft ablegen, so dürften wir sie mit größerm Recht zu den von ihr Abgewendeten zählen; sie haben sich von ihr emancipirt, so gut als diese; sie theilen deren Ansichten über dieselbe vollkommen, ja nicht selten sind sie noch entschiedenere und, könnten sie je die Gesinnung zur That werden lassen, grimmigere Widersacher derselben, als jene. Wollte Jemand dieses in Abrede stellen? könnte er bestreiten, daß Viele dem Wesen nach von der Kirche so gänzlich geschieden seyen, daß hiezu gar nichts als die äußere Erklärung mangle? Und doch erfolgt diese nur selten. Warum? Sie halten es nicht der Mühe werth, mit dieser hervorzutreten. Der thatsächliche Indifferentismus genügt ihnen hinreichend, sie kommen mit der Verneinung der Kirche vollkommen aus, die unsichtbare Kirche überragt ja so alle sichtbar gewordenen religiösen Vereine, daß es ein eigentlicher Ueberfluß wäre, einem solchen sich anzuschliessen, indeß der Preis vorurtheilsfreyer und aufgeklärter Menschen ihnen in keiner Weise entgehen kann. Warum also, wo die Sache spricht, Namen an Namen tauschen? Warum also, da man aus dem[367] organischen Gefüge sich ausgelöst hat, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob man diesem oder jenem Gehäuse sich anreihen wolle? Wie aber im allgemeinen unserer Zeit der Charakter des Unbeständigen, Beweglichen und Fluthenden beinahe in allen Dingen, in den ganz unbedeutenden wie in den wichtigsten aufgedrückt ist, so hat wohl kaum ein Jahrhundert der Conversionen auf kirchlichem, staatlichem und literarischem Boden so viele gesehen, wie das unsrige. Indeß meistentheils nur die ersten die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und besprochen worden, sind die andern nicht minder zahlreich, öfters nicht minder auffallend. Bemerkenswerth bleibt dabei, daß die wortlaute Masse gemeinhin mit hellem Jubel diejenigen Umkehrungen begrüßt, welche in centrifugaler Richtung erfolgen, bei denjenigen hingegen, die in centripetaler sich erzeigen, keiner Gründe Rechnung trägt, sondern bloß knirschend über ihnen die Zähne fletscht. Huldigt der Mensch in politischen Fragen unverrückt dem erhaltenden und ruhig fortbildenden Princip, dann ist er ein starrer, verknöcherter Aristokrat, unbelehrbar, unzugänglich aller Erfahrung, ein Hors d'oeuvre der Zeit. Gienge ein solcher in das Heerlager der zerstörenden Partei hinüber, dann wäre des Preises seiner Einsicht, seines hellen Verstandes, seiner tiefdringenden Urtheilskraft, des in ihm gehäuften Vereines aller leuchtenden Eigenschaften kein Ende. Durchblickt Einer, der in Verblendung, aber in guten Treuen, eine Zeitlang mit der Schaar der Zerwühler es gehalten, deren letzten Zwecke, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen, daß auf diesem Wege die vorgespiegelte Wohlfahrt der Gesellschaft nun und nimmermehr zu erreichen seye, graut es ihm vor dem Ausgang, den hiebei die allgemeinen Angelegenheiten nehmen müßten, und macht er erst Halt, kehrt er dann in sich selbst ein, wendet er sich hierauf von seinen forthämmernden Genossen hinweg, dann darf er sicher seyn, von allen Seiten, nach allen Richtungen, unter allen Formen sich angegriffen und kecken Sinnes aller Eigenschaften, die zuvor an ihm hervorgehoben worden, allermindestens untheilhaft[368] erklärt, sich fortwährend dergestalt beurtheilt zu sehen, als wäre, wie man zu sagen pflegt, nicht ein einziger guter Faden an ihm. ? So in der Literatur. Bei wie Manchem läßt sich nicht eine Umkehr der Principien, der Richtung, des Wesentlichsten nachweisen? Aber auch hier nicht selten vom Erhaltenden zum Zerstörenden, vom Bessern zum Schlechtern. Gewöhnlich dann geberden sich diejenigen, welche in derartigen Conversionen gerade diesen Pfad eingeschlagen haben, am grimmigsten gegen Solche, die den andern Weg erwählten, wie dann gegen Jeden überhaupt, der durch die Macht gewissenhafter Würdigung und tieferwogener Gründe zu einer centripetalen Umkehr ist hingezogen worden. Sie werden mit Wuth erfüllt gegen denjenigen, der an die Stelle hintritt, von der sie in leichtfertiger Wetterwendigkeit sich hinweggewendet haben, und nichts vermag sie zurück zu halten, sowohl den Mangel als die Niederträchtigkeit ihrer Gesinnungen mit bombastischer Schamlosigkeit zur Schau zu tragen, Ja die Furcht, es dürften offener Geradsinn, gewissenhafte Treue und wankellose Redlichkeit (ohne welche z.B. Geschichte sich machen, nicht aber schreiben läßt) doch noch in der Wagschale neben Talent und reichem Wissen Etwas ziehen, wird ihnen zum Stachel, um alles Gift, welches boshafter Gehässigkeit nur immer zusammen zu brauen gelingen mag, in selbstgefälliger Vergnüglichkeit auszuspritzen. Berückt von dem Wahn, aus Keckheit in Verbindung mit gewandter Handhabung der Sprache lasse sich der bleibend vorhaltende Firniß über die Grundlüderlichkeit der Gesinnung bereiten, reißen sie selbst die Gelegenheiten herbei, um die Posaunen des eigenen Ruhms in die Ohren der Zeitgenossen gellen zu lassen, gleich als ob solches Bürgschaft gewährte, daß hiemit der Nachwelt ein Lebensbild überliefert werde, wie die sich blähende Eitelkeit es fordern zu dürfen wähnt, und als ob hiemit die lebende Erinnerung an früheres, eben nichts weniger als preiswürdiges Benehmen könnte getödet, die vielfach sprechende für die Nachkommen zum Schweigen gebracht werden.[369] Beobachtungen, wie die zuvor berührten, haben seit einer langen Reihe von Jahren mir sich aufgedrängt. Wer meinen möchte, sie hätten Einfluß auf mich üben können, der würde eben so sehr mich falsch beurtheilen, als irren. Aber eben so seltsam müßte die Forderung seyn, daß die sich darbietenden Beobachtungen hätten abgewiesen werden, oder zu andern Schlüssen leiten sollen. Daß der Mensch, hat er irgend einen ernsten und gewichtigen Vorsatz durchgeführt, hintennach in den Personalitäten, wel che ähnliche Bahnen betreten haben, eine etwelche Bestätigung oder Rechtfertigung seiner Wahl finde, ist doch natürlich. Wer überhaupt so lesen und urtheilen will, wie sichs gebührt, wer mit ehrlichem Sinn aufnehmen mag, was in ehrlichem Sinn ihm gegeben wird, der muß wohl sich überzeugen, daß ich nicht Jahrbücher meines Lebens schreibe, in welchen Gedanken und Wahrnehmungen immer nur in derjenigen Reihenfolge aufgezeichnet werden, wie sie zu wurzeln begannen, sich entwickelten und zur Reise gediehen; daß vielmehr Einzelnes, was zu dieser erst später gelangte, berührt wird, wie es eben während des Schreibens sich darbietet. So knüpft sich an jene weit in die Vergangenheit zurückreichenden Wahrnehmungen eine andere, worin zu bemerkenswerthen Schlüssen Stoff liegt. Bei mehr als Einem, der aus der katholischen Kirche ausgetreten ist, dürften etwa noch, neben vorauszusetzenden innern Geistesoperationen, worüber Andern ein zutreffendes Urtheil nicht möglich ist, ein stabbrechendes nicht zukommt, Veranlaßungen zu Grund liegen, welche diesem weniger sich entziehen: es ist vielleicht ein gewisser Drang nach Befreyung; es tritt selbst bei mehr als einem Fall die Nothwendigkeit ein, dieser oder jener Ursachen wegen, zu diesem oder jenem Zwecke, in andern Verhältnissen hier Schutz, dort Vorschub zu suchen; es mag dergleichen bisweilen so in den Vordergrund treten, daß es die Ahnung von tieferer Veranlaßung überflügelt; ? im einen wie im andern Fall läßt die katholische Kirche das von ihr sich trennende Glied gehen, wohin es ihm beliebt; sie wird es[370] allerdings seiner selbst wegen bedauern, weil es hiedurch die Fülle der Heilmittel, welche sie darbietet, übermüthig oder selbstgenügsam verschmäht, nie aber wird sie es angreifen, beirren, am wenigsten verschmähen. Es lebt in ihr zu hell das Bewußtseyn, daß ihr Ansehen, ihre Bedeutung, ihr segnender Einfluß auf die Gmüther nicht das Geringste einbüße, wenn auch da oder dort der Einzelne jenes nicht mehr anerkennen mag, diesem sich entziehen will. Sie fühlt wohl über solchen Verlust eine Bekümmerniß, aber nur eine solche, die auf denjenigen sich richtet, der von der Mutter sich trennt, der ihre Einwirkung auf sich für eine werthlose erachtet. Die Bekümmerniß um einen Menschen läßt sich aber von Milde gegen denselben nicht trennen; diese dagegen verbannt alles stürmische, ungeberdige Wesen, unter welchem der Gegenstand, wider den es sich wendet, vor demjenigen, der solcher Stimmung Macht über sich einräumt, zurückweicht, dagegen gekränkter Stolz, eine selbstgeschaffene Unfehlbarkeit, der Wahn einer alles überragenden geistigen Hohe immer zwischendurchblickt. Wie wird es umgekehrt gehalten? und zwar durch alle Schichten der Gesellschaft, je nach den verschiedenen Arten der Aeusserungen, die denselben möglich oder angemessen sind. Man erinnere sich, nicht sowohl wie viele Federn, als vielmehr in welcher Weise dieselben in Bewegung gesetzt wurden bei der Rückkehr von Stollberg, Haller, Anderer? Sollte dieses Stürmen, Pochen, Scheelsehen, Verdächtigen, Bemitleiden unter dem Wahn von absoluter Vortrefflichkeit, von hellerer Erleuchtung, von preiswürdiger Freiheit, von Beseitigung mancherlei nichtiger Vorurtheile, von beneidenswerther Entwicklung, sollte dieß mit dem vornehmen Dünkel, womit man auf das Gesammte der katholischen Kirche, ja selbst auf ihre noch immerfort bestehende Fortdauer herabsieht, zusammenhängen? Sollte es zusammenhängen mit dieser subjectiven Selbstverherrlichung, die man nicht bloß in polemischen Schriften, in wissenschaftlichen Werken, in Geschichtsbüchern zur Schau trägt, sondern womit man sogar Romane, Flugblätter, Volksbücher, selbst Kalender[371] ausstaffirt, und indem man vergnüglich sich schaukelt und herabschaut auf den Haufen, welcher so tief unten in Ketten und Banden und schwüler Luft daherkeucht und aller Schwungkraft, um zu jenen Hohen sich emporzuheben, gänzlich ermangelt? Sollte daneben an so manchartig hervortretender Gereiztheit und Aerger und Geschrei nicht ein dunkles Gefühl der Störung und des unzeitigen Aufrüttelns aus behaglichem Traum und eine Mahnung an innere Schwäche (bei allem Umsichwerfen von Kraft) zum Vorschein kommen, sobald Männer, die ebenfalls bequem auf jenen Höhen hätten wandeln und ebenfalls mit jenen Gütern stolziren können, freiwillig hinübertreten in das Gebiet, welches man als Niederung zu bezeichnen gewohnt ist; wenn sie einem Gehorsam sich unterziehen, in dessen Beseitigung man die zweifellose Gewähr der Größe sucht, und mit entschiedenem Zeugniß Gütern einen Werth beimessen, denen der Eigendünkel solchen schon längst abgesprochen hat? Ist es unter allen Umständen eine mißliche Sache um dem Selbstruhm, so ist der maaßlose Dünkel, der bei dergleichen Veranlaßungen so gerne wiederkehrt, eine doppelt bedenkliche Erscheinung. Es ist bekannt, daß der italienische Schauspieler Grimaldi, als im Jahr 1781 unter dem Londonerpöbel eine gewaltige Aufregung gegen die Katholiken herrschte und Ausbrüche gegen diese befürchtet wurden, die Ueberschrift über der Hausthüre: no pope ry (nicht zum Papst sich bekennend), worin Viele ihr Schutzmittel suchten, in diejenige erweiterte: »Kein Christenthum!« Mag auch die Anekdote bloßer Schwank seyn, sie ist dennoch wahr, denn sie wiederholt steh häufig in vollkommenster Wahrhaftigkeit. Erkläret euch selbst vor denjenigen, welche von den göttlichen Offenbarungen noch mehr beibehalten haben, als den Kartendeckel des Einbandes, und von dem Christenthum mehr, als die gleichgültige Benennung, erkläret euch vor ihnen nicht blos als vollendete Rationalisten, sondern selbst als entschiedene Atheisten, sie werden es vielleicht bedauern, daß euere Geistesfreiheit euch so weit geführt habe, sonst aber zu[372] allen Dingen euch für tüchtig und geeignet zu Allem halten; erklärt ihnen aber: die ausserhalb der katholischen Kirche vorkommende Mangelhaftigkeit und Unsicherheit in demjenigen, was die tiefsten Grundsätze der Erkenntniß, des Glaubens und des Heils berührt, hätten euch zur Rückkehr in diese nicht allein veranlaßt, selbst gezwungen: sie werden zurückschaudern, sie werden diese Anwendung euerer Geistesfreiheit als Frevel erachten, sie werden entweder an euerem Verstand oder an der Reinheit eueres Willens zweifeln und nicht verhehlen, daß ihr alles ehevorigem Werthes hiemit verlustig gegangen seyd. Sie werden vielleicht nur mit etwas minder nackter Offenheit jene Meinung eines jungen Menschen theilen, dem die Bemerkung gemacht wurde: in dem großen Rath des vormals ganz protestantischen Genfs sässen jetzt dreissig Katholiken, und die Sachen giengen darum nicht schlimmer als ehedem: »er seines Orts würde lieber dreissig entschiedene Atheisten in demselben sehen, als so viele Katholiken.« ? Ja, ließen in solchen Angelegenheiten Versuche sich anstellen, sicher würde die Erklärung, zu dem Muhamedanismius sich bekennen zu wollen, ungleich ruhiger vernommen werden, als eine Rückkehr in die Kirche, man würde diesen Vorsatz höchstens als Idiosynkrasie belächeln, oder darüber, als über eine seltsame Extravaganz, die Achseln zucken. Sollte nicht auch dieß auf einen, hinter alles Pochen sich verbergenden Zweifel hinweisen? Indeß giebt es noch eine Potenz, vermuthlich bei mehr als einer Rückkehr in die Kirche vorwaltend, die bisher wahrscheinlich am wenigsten in Anschlag gebracht, weil am wenigsten begriffen, vielleicht nicht einmal geahnet worden ist. Diese Potenz ist unendlich erhaben über alle denkbaren Factoren, die bloß in dem Niedern, Subjectiven und Vergänglichen wurzeln könnten, und denen die träge Oberflächlichkeit oder der verschmitzte Abere wille so gerne, nicht allein das Gewicht, sondern das alleinige[373] Uebergewicht ansinnen möchte. Diese Potenz ist ferner höher als jede Würdigung der äußern Erscheinungen der katholischen Kirche, als da sind: Zeitdauer, gesellschaftliche Einrichtung, Cultus; darüberhin ist sie unbegreiflich tiefer, als selbst das Bedürfniß nach nahrhafterer Seelenspeise und erfrischenderem Trank, als der so nach innen als nach aussen verkümmerte und verlebte Protestantismus sie dem Geist und dem Herzen zu bieten vermag. Ich möchte diese mächtige und da, wo ihr Walten sich kund giebt, Alles besiegende Potenz die geheimste Innerlichkeit des Geistes-, Gemüths- und Seelenlebens nennen, eben das, was ich früher als Prädisposition des Geistes zu bezeichnen mir erlaubte. Man kann den Organismus der Kirche, als denjenigen jeder andern Institution ebensosehr überragend, als der menschliche Organismus jeden sonst bekannten überragt, bewundern; man kann durch den Cultus derselben, dessen genauere Kenntniß uns einen Blick in die Harmonie des Aeussern mit dem Innern, des Bezeichnenden mit dem Bezeichneten, des Abbildes mit dem Urbilde eröffnet, unwiderstehlich hingerissen sich fühlen; man kann in der Mannigfaltigkeit der dargebotenen Heilmittel die wahre und für Alles zureichende Befriedigung der tauchartigen unabweislichen Seelenbedürfnisse durchschauen; man kann in den Lehren, zumal in dem Ganzen des Lehrgebäudes, die unverkennbare Manifestation des Unnahbaren und Unerforschlichen zu Herstellung der zerrissenen Einigung mit Ihm verehren; man kann durch die bewältigende Einwirkung des einen oder des Andern dieser Elemente, oder durch deren zusammenwirkende Macht, sich bewogen, ja gezwungen fühlen, zurückzukehren dahin, von wo das hergestellte Leben der Menschheit ausgegangen ist, wo der reine, ewig fliessende Quell sprudelt, in welchen auch das Leben des Einzelnen sich tauchen soll, um gesund, urkräftig, fürderhin ungefährdet zu pulsiren, zu walten, zu wirken; über diesem Allem aber giebt es noch Etwas, was jene Elemente zumal nicht allein in sich beschließt und einigt, sondern sie durchdringt und überragt: es ist dieß das Sehnen, einzugehen in den unermeßlichen Kreis, in welchem[374] Organismus und Cultus und Heilmittel und Lehren, und was ihnen verwandt wir uns denken mögen, Radien sind, die von dem unerschaffenen Lichte im Centrum, nach allen Punkten, dieselben erleuchtend und mit sich verbindend, ausstrahlen, von diesen zurückglänzen nach der Mitte, von welcher Alles die Wandelbahn gewinnt und auf derselben nach dieser Mitte stets zielt. Die Reformation ist das Heraustreten aus diesem Kreise. Sie hat erst sich, dann jede Individualität, die ihr huldigte, als Mitte und bewegende Kraft und bestimmende Ursache der Wandelbahn aufgeworfen. Ob dann auch den Strahlen, die aus der Mitte jenes Kreises in unendlicher Lichtfülle hervorgehen, kein Ziel gesetzt ist, jenseits dessen ihr Licht erlöschen könnte, so muß doch immerhin das, was ausserhalb desselben steht, wenn es auch nicht gänzlicher Finsterniß verfallen ist, nur durch gebrochenes Licht erleuchtet werden; und ist auch etwelcher Reflex noch möglich, so ist dieser doch nimmer ein Strahl, der dahin zurückleuchtete, von wannen er hervorgegangen und allein hervorgehen konnte; sondern es ist blos ein confuses Filmmern, welches, nach allen Seiten gerichtet, als innern Kern dasjenige erscheinen laßt, was nur gebrochener Widerschein der mehrern oder mindern Helle ist. So kommt es, daß, Alles genau erforscht und gewürdigt, die, so von der Kirche getrennt sind, jedes wahre Gute, was ihnen verblieben ist und worauf sie Werth setzen, einzig dieser zu verdanken haben, und dagegen aber Eigenthümliches nichts schaffen, nichts besitzen können, was nicht die Kirche in vollkommenerem Maaße, und geweiht und vollendet durch ihr unverrücktes Bestehen in jenem Kreis, längst schon besessen, durch die ihr innewohnende, durch ihre Verbindung mit jenem Mittelpunct hervorgerufene Lebenskraft geschaffen hätte. Nehmet die Lehrer! Auf die Einen fällt noch Etwas von dem Lichte dieses Mittelpunctes in gebrochenem Strahl, die Andern sind jene Irrsterne, die der heilige Apostel »Fluthen des tobenden Meeres« nennt, »die ihre Irrsale ausschäumen.« Selbstständige Sonnen wollen sie seyn, mit innewohnender Befugniß,[375] zu bestimmen die Wandelbahn demjenigen, was in ihren Bereich tritt. Während dort Alle in geordneter Wandelbahn und mit gleichem, nur dem Maaß nach verschiedenem Glanz um das eine, ewige, unveränderliche Licht kreisen, stellt hier die Strahlenbrechung unendliche Gestaltungen auf, deren jede ihres Laufes eigener Urheber zu seyn sich berechtigt glaubt. ? Nehmet die Gebräuche, wo noch welche sind! Was an ihnen ersprießlich und wirksam ist, findet in der katholischen Kirche sich ebenfalls, aber in Leben empfangender und Leben ausströmender Beziehung zu jener Mitte ausgegangen und sich erhaltend; und wo denselben in der Trennung Etwas soll beigefügt werden, läßt es sich nur der Kirche entlehnen, kann es nur als Schale, deren Kern darnieder getreten, als Form, deren Geist ausgetrieben worden, auf andern Boden sich verpflanzen lassen. ? Nehmet die Heilmittel! Noch tragen sie die vorigen Namen, noch tönen manche Worte in herkömmlichem Klang, aber das Strömten von und zu jenem Mittelpunct ist unterbrochen, sie sind zum Schatten geworden, alldieweil nur dort das Wesen geblieben ist, wovon die Eucharistie und besonders das Bußsacrament zeugt. ? Schauet auf die Lebensäusserungen! Es werden an beiden Orten die Worte gelesen: »gehet hin und lehret alle Völker!« Wer aber hat sie der Zeit nach zuerst in Anwendung gebracht, wer hat sie dem Geist nach richtig verstanden? Wer hat den alten Missionseifer, der einst die Schüler des heiligen Franziscus und Dominicus nach dem feindseligen Afrika, nach dem fernen Asien getrieben, zu allen Zeiten genährt, geordnet, zu rastloser Thätigkeit befeuert? Waren es nicht die Oberhäupter der Christenheit und durch sie jene ertauchte Gesellschaft, welche Gott in der grossen Krise der Kirche mit allseitig wirkender Heilkraft begnadete? Wer ist in Stiftung der großartigsten Anstalt zu diesem Zwecke vorangegangen? Ist es nicht der oberste Hirte und Lehrer der Gläubigen, der in seiner Schule zu Verbreitung des Gaubens Boten für alle Erdgürtel und Himmelsstriche seit bald drei Jahrhunderten erziehen läßt? Wenn von anderer Seite Aehnliches unternommen[376] wird, so hat die Kirche im Wollen dazu den Antrieb, im Vollführen das Vorbild gegeben. Wie aber jenes Wort, in welchem der Weltheiland gleichsam sein Endvermächtniß hinterlassen, so von der Kirche als von den Andern verstanden und verwirklicht werde, das habe ich Seite 320 dieser Schrift angedeutet; denn auch diese Lebensäusserung, wie jede andere, kann ebensowohl innerhalb jenes Kreises und dann unter den belebenden Einflüssen, die nur in diesem zu finden sind, als ausserhalb desselben als Scheinwesen statt finden und es heißt in verblendeter Anmaßung die laut sprechenden Jahrbücher des Menschengeschlechts bei Seite setzen, wenn eine von der allgemeinen losgerissene Kirche das Verdienst, die ersten Verbindungen zu Verbreitung des Glaubens sich zueignen will. Und die Obsorge um die Armuth, Hülfsbedürftigkeit, Noth in jeglicher Gestalt, welchem Boden ist sie als eine der duftigsten, lieblichsten, segensreichsten Blüthen entsprossen; auf welchem Gebiete wird sie am sinnigsten, sorglichsten, emsigsten gepflegt? Bietet nicht auch hiezu die Kirche den in jeder Beziehung entsprechenden, gedeihlichen, fruchtbaren Boden? Sie allein erkennt den zweifachen Bedarf und verflicht in einander die doppelte Sorge ? diejenige um die leibliche und diejenige um die geistliche Noth, die Sorge um den sterblichen Körper und um die unsterbliche Seele. Und allerdings haben in Vieles, was die verkannte und zugleich verwünschte »Werkheiligkeit« in gottgeheiligtem Darangeben in vergangenen Zeiten zu Stande gebracht, Andere jetzt warm sich gebettet; aber meisten Orts hat mit solcher thatsächlichen Besitznahme die Erkenntniß der geistigen Bedürftigkeit und der unablässigen Wachsamkeit um diese sich verflüchtigt, und an die Stelle der geistlichen Leitung sind staatsgewaltige Regulative getreten, und Administratoren, Calcul und Controlle mühen sich ab, von aussenher zusammen zu halten, wo sonst von innen die christliche Liebe durch alles Geäder den gesunden Lebenssaft getrieben. Was dann in unerschöpflicher Liebe, in unbegränzter Dahingebung in stillem, durch die tägliche Hinwendung zu Gott gekräftigtem[377] Walten, daher in unbemessener Wirksamkeit zu Besorgung der Unheilbaren, zu Herstellung der Kranken, zu Zurückführung der Verirrten, zu Emporhebung der sittlich Gefallenen, zu Aufrichtung der Niedergebeugten, zu Berathung der Verlassenen, zu Unterweisung der Unwissenden, zu Heranbildung der Unmündigen auf beiden Gebieten, dem leiblichen wie dem geistigen, und immer in Erkenntniß des Ineinanderlaufens oder des gegenseitigen Bedingens beider, in spätern Jahrhunderten jener erlauchte Orden, der in dem Demantschmuck der Braut des Herrn als einer der köstlichsten Edelgesteine glänzt, seit seinem Daseyn unternommen, gewirkt, ausgerichtet hat, auch das hat zuletzt unter allem Daherfahren wider die Wurzel, welcher einzig auch diese Frucht entwachsen konnte, das Staunen selbst der Gleichgültigen geweckt und zu Anerkennung selbst die Hasser von jener gezwungen; es hat zu dem Versuche getrieben, ein Nachbild ausserhalb jenes Kreises und abgetrennt von jenem Mittelpunct aufzustellen, ohne es jedoch weiter zu bringen, als theilnehmende Cousinen da hervorzurufen, wo die Kirche barmherzige Schwestern geboren hat. Denn gerade dasjenige, was die hintendrein hinkende Nachahmung als unwesentlich und zufällig nicht beachten, ja sogar von vorneherein verwerfen zu dürfen glaubt: die sacramentalische Einigung mit jenem Mittelpuncte dürfte durch den Gegensatz des Nachbildes als das Wesentliche, Nothwendige, ja Unerläßliche unverkennbar sich herausstellen. Nur in dieser Einigung ist das getreue Abbild jener hier so besonders fördersamen Tugenden möglich, deren wegen der »Bräutigam der Jungfrauen«, die »Krone aller Heiligen« in der »Litanei von seinem süssen Namen«, als »der Liebwürdigste, Ehrwürdigste, Demüthigste, Aermste, Sanftmüthigste, Langmüthigste, Gehorsamste, Keuscheste« gepriesen wird. Nur das immerwährende Naheseyn des Erlösers in dem täglichen Opfer, nur die hieraus hervorgehende klare Einsicht, daß in jeglicher Gestaltung das Leben ein fortlaufender Gottesdienst seyn sollte, nur die unzertrennliche Verkettung mit ihm, nur die unbedingte Hingebung unter seinen Willen, nur die Verschmelzung[378] der Individualitäten durch Gottesdienst, Gelübde und Gehorsam in ein Bewußtseyn und in eine Lebensaufgabe, nur die, durch diese sich hindurchziehende Anerkennung, daß mit dem Schluß der Pforten gegen die äussere Welt diejenigen einer andern sich öffnen, einzig dieses Alles verbunden kann zu dem schweren Dienst erforderlichen Muth, genugsame Ausdauer, Ernst und zugleich Freudigkeit und Beharrlichkeit verleihen; kann, was noch mehr ist, sämmtlichen Verrichtungen dieser Gefässe der reinsten christlichen Liebe jenen zarten, geistigen Blüthenduft anhauchen, unter welchem jede Pflege nicht allein für die Leistenden leicht, sondern für diejenigen, denen sie zu gut kommt, wenn sie auch in nächster Beziehung nur den Körper betrifft, zur wahren geistlichen Segnung sich verklärt. Es ist nicht zu mißkennen, die Philanthropie hat ausserhalb des Bereiches der Kirche Vieles geleistet, Schönes zu Stande gebracht, manchem Schaden zu wehren, mancher Noth zu steuren, manchem Bedürfniß abzuhelfen gesucht. Vielerlei Anstalten erkennen sie als Mutter, Vielen in dem Wogendrang des Lebens reicht sie die helfende Hand, Unzähligen wird sie im Kampfe des Daseyns die emporhaltende Kraft, die geleitende Beschirmerin. Aber darf sie neben der Charitas, die das reich ausgestattete, alle denkbaren Vorzüge vereinigende Kind des Christenthums, die der lichtumgebene Brautschmuck der katholischen Kirche ist, als ebenbürtig sich hinstellen? Wir sollen nicht zum Richter des Innern der Menschen uns aufwerfen, darum nach allen den Beweggründen, durch welche die Philanthropie in Thätigkeit kann gesetzt werden, nicht grübelnd forschen; freuen wir uns, wenn Gutes geschieht, wo, weßwegen, durch wen es vollführt werde! Das aber dürfen wir sagen, daß die Charitas (wofür uns Deutschen leider der erschöpfende, scharf bestimmende Ausdruck mangelt) nach innen und nach aussen, in Beziehung auf ihren Träger, so wie auf ihren Gegenstand, in Allem nach dem Vollkommenen strebt; denn Beides, ihre Regungen sowohl, als ihre Aeusserungen, stellen sich in jenen oben angedeuteten Kreis, in jenes, aus dessen Mittelpunct[379] leuchtende Licht, wenden ihre Strahlen demselben wieder zu, Während die Philanthropie in der Unterschrift zum Beitrag für eine gemeinnützige Anstalt, zur Betheiligung bei der Abhülfe in dringlicher Noth, zur Beisteuer in gewaltig anklopfender Calamität mit einem Federzug gemacht und fertig dar steht, ist die Charitas eine expansive Kraft, die geheimnißvoll aus den Tiefen unseres, nicht blos allgemein sittlichen, sondern unseres durch die Wiedergeburt mit Christo geeinten Wesens aufquillt und niederströmt und so wenig Stillstand als Gränzen und Formt der Erscheinung kennt. Die Charitas allein erstreckt sich über Alles, umfaßt Alles, durchdringt Alles, bringt Alles, nicht mit sich, sondern durch sich mit Christo in Verbindung, Er und Er allein ist ihr Ausgang und ihr Ziel, ihr Saatkorn und ihre Frucht; was sie thut, thut sie durch Ihn, mit Ihm, in Ihm und für Ihn. Sie offenbart sich in der Gabe der Hand so gut, als in der Gabe des Mundes, in dem Almosen wie in dem Wort, in dem Brod, das sie dem Hungernden bricht, wie in dem Rath, den sie dem Fragenden ertheilt. Aber eben dieses ihr innerliches Wesen will sie auch, ? nein, sie will nicht, sie muß, denn könnte sie es unterlassen, so wäre sie die Charitas nicht mehr ? übertragen auf das, was sie ins Daseyn ruft. Es genügt ihr z.B. bei einer Wohlthätigkeitsanstalt nicht, durch die erforderlichen materiellen Mittel dieselbe dem äussern Bestehen nach zu sichern, sie muß dieselbe auch durch die spirituellen mit demjenigen in Verbindung setzen, von dem und zu dem sie selbst pulsirt; sie hat nichts gethan, wenn sie den Leib des Nackten bekleidet, sie sorgt ihm zugleich für das Hochzeitkleid zum Brautmal des Lammes; es genügt ihr nicht, dem Hungernden das erdentwachsene Brod zu reichen, sie giebt ihm zugleich das Brod, das vom Himmel kommt; sie beschränkt sich nicht darauf, dem Obdachslosen ein schirmendes Haus zu öffnen, sie will ihn auch zum Eingang führen des Hauses, welches nicht Menschenhände gebaut haben; sie bietet dem Kranken körperliche Pflege und Arznei zur Genesung des Körpers, aber die Pflege seiner Seele, die Mittel, um deren Gesundheit zu[380] erhalten oder herzustellen, sind ihr eben so wichtig. An dieses Alles denkt die Philanthropie entweder gar nicht, oder nur wenig, oder fügt es nur bei, dieweil es so Brauch und Ordnung noch ist; manchmal sogar, wie durch jenen Stephan Girard in Philadelphia geschah, der sein gestiftetes Waisenhaus sogar gegen den bloßen Besuch der Geistlichen jeder »Secte« absperrte, weist sie es noch vorsätzlich ab: die Charitas aber fügt es nicht an, sondern schmelzt es hinein. Zöget ihr nicht mit den Schwertern der weltlichen Gewalt, mit den Stangen der Gesetzgebung und mit den Laternen der Polizei aus, um Christum abermals zu fangen und zu binden und euern Landpflegern zum Verhöhnen und zum Geisseln zu überantworten; däuchtet ihr euch nicht weise und gewaltig, klug und mächtig, tief verständig und hoch erhoben, wenn ihr die Kirche von ihrem Allod verdränget, wenn ihr sie in euerem verblendeten Dünkel als unverbesserlichen Störenfried in ihr Haus eingränzet, wenn ihr selbst in dieses einen eurer Trabanten mit Dreispitz und Degen zur Ueberwachung noch einlagert, wenn ihr die leiseste Lebensregung derselben zu Protokoll nehmen, was vorgegangen, durch einen Berittenen an allerhöchsten Ort allerunterthänigst citissime einberichten lasset, alsdann hättet ihr nicht mehr nothwendig, mit der Philanthropie als dem dürftigen Surrogat der Charitas euch zu behelfen und Gott zu danken, wenn noch irgend ein geistiger Factor Etwas zu Stande bringt, wo es euch an Wille wie an Geschick fehlt. Versucht es aber, setzet sie wieder ein die Kirche, als die mit euren Staaten von gestern her allermindestens Ebenbürtige, setzet sie wieder ein in ihr von Gott angewiesenes, von euch aber durch Felonie usurpirtes Gebiet; nehmet sie von ihr die Ketten, deren Klirren eurem mißgestalteten Ohr wie Harfengetön klingt; rufet ihn ab den Trabanten, dessen bloße Gegenwart sie verunehrt; gebet sie frey die Kirche, und die erste Wirkung ihrer Freiheit wird das Wiederaufblühen der Charitas seyn, die über euern Staat und über euere Gemeinden und über euere Familien und über eure Anstalten und über eure Schulen und über[381] Alles einen Segen verbreitet wird, von dem ihr freilich in euren Registraturen, Protokollen, Geschäfts-Manualen und Diarien nichts, rein nichts verzeichnet findet. Schauet auf Frankreich ? ich bin weit entfernt, es in Allem als Muster aufstellen zu wollen ? aber dort werdet ihr sehen, was bei einer weniger geknechteten Kirche und überall da, wo die christliche Liebe, als Gottestochter, um sich bethätigen zu dürfen, nicht erst zu der Mesalliance mit der erdgebornen, »allerhöchsten Staatsbewilligung« gezwungen wird, die Charitas geleistet hat und alltäglich leistet. Diese Charitas wird aber in der katholischen Kirche nicht blos erörtert, besprochen, anempfohlen und wohl auch mitunter geübt; sondern sie ist der wahre Lebensausdruck derselben, die verklärte Lebenskraft und Daseynsbedingung, welche, herniedersteigend von oben und hinaufsteigend von unten, empfangend und gebend, ein- und ausströmend, jeden Gläubigen zum einigenden Träger beider Richtungen weiht. Die Thatsachen des Glaubens entzünden sie, und in den Begriffen, Gewohnheiten, Aeusserungen und Bethätigungen des Lebens strahlt sie wieder. Am Altare bietet sie in Christo selbst sich dar, und an eben diesem Altare wird sie mittelst der Gegenwart der Gläubigen auf Lebendige und Verstorbene, auf Anwesende und Abwesende, auf Bekannte und Unbekannte, auf Freunde und Feinde übergetragen. Im Gebete wendet sie sich durch den Mund und den Sinn des Flehenden an ihre Fülle und zerbreitet, was sie aus dieser geschöpft, über Nahe und Ferne, über die, denen sie enge befreundet ist, wie über diejenigen, deren Namen sie nicht einmal weiß. In der Opfergabe bei dem Trauergottesdienst für das verstorbene Glied des engeren Kreises wird sie in Thätigkeit erhalten für die sichtbar Verbundenen; in der Fürbitte bei so manchen geistlichen und leiblichen Nöthen, um Schutz und Hülfe in äußerer Drangsal, um Kräftigung und Erleuchtung in innerer Ungewißheit, wird sie in dem Bewußtseyn gefestigt, um mit gleicher Innigkeit alle unsichtbar Vereinigten zu umfassen. Das Flehen für die Kirche bei besondern Gefahren oder Kümmernissen derselben, für deren Hirten und Lehrer, für Abwendung[382] von Trübsal und Heimsuchung, wie im Allgemeinen so im Einzelnen, für Stärkung der Schwachen, für Aufrechthaltung der Wankenden, für Belehrung der Unwissenden, für Zurückführung der Irrenden, ist nichts Anderes, als die im eigenen und im gemeinsamen Ausdruck laut werdende Stimme der Charitas. Wo aber ist der Geist des Gebetes und die Freudigkeit zum Gebet und das allumfassende Band des Gebets so lebendig und so thätig und so stark als in der katholischen Kirche, deren Charitas hinausdringt über deren Gränzen, und ihre reinsten, ihre mildesten, ihre, alle Segnungen in sich begreifenden Gefühle und Wünsche auch denen zuwendet, die jenseits dieser Gränze stehen, und die sie dennoch mit ihren Liebensarmen umfängt? Und vollends jene Geneigtheit, die Gedanken des Heils, die Regungen des Herzens, die Handlungen des Lebens, durch die der Christ der göttlichen Gnade sich gewisser zu machen hofft, auf den Andern hin überzutragen, sich selbst mit der That zu begnügen, diesem aber die Frucht zuzuwenden, hiemit des verherrlichten Hauptes Gesinnung gegen uns in schwachem Abbild wieder zu geben, was ist es anders, als die reinste und duftigste Blüthe dieser Charitas, von der der heil. Augustin sagt: »Sie erneuert uns, daß wir neue Menschen sind, Erben des neuen Bundes, Sänger des neuen Liedes? Diese Liebe hat die alten Gerechten, Patriarchen und Propheten, so wie nachher die heil. Apostel erneuert. Sie erneuert auch die Volker und macht aus dem ganzen Menschengeschlechte, das über den Erdkreis verbreitet ist, Eines und sammelt ein neues Volk, den Leib der neuvermählten Braut des Sohnes Gottes, von der es im Hohen Liede heißt: welche ist diese, die weiß aufsteigt?« Hierüber habe ich Erfahrungen gemacht, anmuthige, wohlthuende, erquickende; nicht einmal nur, mehrmals, in den bedeutendsten Momenten des Lebens. Glaube niemand, ich hätte mich, bestochen durch das Aeussere, verleiten, gleichsam bethören lassen, einzutreten in das Innere der katholischen Kirche. Allerdings leuchtete Jenes in die Augen, aber nicht um hierüber die Pflicht ernster und genauer Prüfung der Grundlagen zu beseitigen;[383] nicht, um die Nothwendigkeit, im Innern ohne Uebereilung mich umzusehen, bei Seite zu setzen. Ich bin erst hineingetreten als neugieriger Fremdling; ich bin erst umhergegangen mit offenem Auge, wie etwa der Kauflustige in einem Hause, welches er zu beziehen zwar Neigung hätte, nicht aber in überstürzter Hast zugreifen will; ich habe mir hiedurch vielleicht eine, auch das Einzelnste durchforschende Einsicht erworben, mehr als Mancher, der selbst in dem Hause geboren worden, dessen Leben in demselben verlaufen ist; ich habe mir freyen Entscheid lange genug vorbehalten, um sagen zu können: das Haus gefällt mir, oder es gefällt mir nicht, dieses, jenes, hätte ich daran auszusetzen. Erst nachdem ich es fest, dauerhaft, wohnlich, in jeder Beziehung zusagend gefunden, erst da hätt' ich mir nimmer Gewalt anthun, nimmer mit der durch die genaueste Einsicht gewonnenen Ueberzeugung in Widerspruch mich setzen, oder mich anstrengen mögen, Fehler herauszucalculiren, wo vielleicht einer der Vorübergehenden nur eine Befleckung hingeworfen, welche Aufmerksamkeit bald wahrnehmen, treue Sorgfalt leicht beseitigen wird. Denn wahrlich nicht von innen, sondern von aussen wird manchmal das Haus entstellt; und geschieht es dort, so geht es nicht von denjenigen aus, welche über dasselbe gesetzt sind, sondern von Solchen, die sich eingedrungen und ein Recht der Aufsicht, das in seiner Anwendung oft mehr der Luft zum Verwüsten und Zerstören gleich kommt, sich angemaßt haben. Aber eben über diesem Beschauen, Forschen, Prüfen hat sich mir die Charitas genähert zu einer Zeit, da ich sie noch nicht einmal kannte. Verborgen und dennoch theilnehmend ist sie mir gefolgt, da ich's noch lange nicht zu ahnen vermochte. Sie hat meiner sich angenommen, ihre reinsten, zartesten, erquicklichsten Blüthen mir zugewendet unter Umständen, da ich sie noch nicht einmal zu würdigen, sie von ihm mangelhaften, des Gotteshauches entbehrenden Nachbilde noch nicht zu unterscheiden wußte. Sie hat in den Anempfehlungen so vieler Priester an Gott unter dem heiligen Meßopfer, in der Fürbitte verschiedener klösterlicher Communitäten beiderlei[384] Geschlechts, in den Gebeten so mancher Layen und größerer religiöser Vereinigungen, selbst in dem Flehen vieler Kinderstimmen, nachmals in Danksagungen von den Altären, mir unbewußt und erst in letzter Zeit zu meiner Kenntniß gelangt, mich umgeben, getragen, längst schon die geistigen Bande geflochten, durch welche alle wahren Gläubigen unter einander verbunden und geeinigt werden, dessen Gottesthat der Erlösung in ihrer Richtung zu den Menschen die vollkommenste Erscheinung der absoluten Liebe ist, nach des Heilandes eigenem Wort, das er im Evangelium Johannis III, 15 gesprochen. Wollte man meinen, diese Memento's, diese Gebete, diese Seufzer wären hervorgegangen aus andern Beweggründen, als aus den heitersten, lautersten Regungen der Charitas? Etwa aus dem Wahn, die Kirche werde an mir einen Gewinn machen, meine Rückkehr in dieselbe könnte für sie, meiner äußern Verhältnisse wegen, von einigem Werth seyn, und was dergleichen Voraussetzungen mehr wären? Hiemit würde man den edelsten Gliedern derselben und zugleich Tausenden und Tausenden, die wenig Bedeutung haben in der Welt, nur dessen sich freuen, daß ihre Namen im Himmel angeschrieben sind, Etwas unterschieben, was doch ihre Liebe niemals zu trüben vermöchte, nie je in ihre Gedanken kommen konnte. Die Kirche sucht keine Parteigänger, sie kann keine solche suchen, sie bedarf ihrer nicht, denn sie ist keine Partei. »Sie bedarf, wie ich es anderwärts ausgesprochen, nicht der Menschen, wohl aber bedürfen die Menschen der Kirche. Wenn dieser Hunderte und wenn Tausende und aber Tausende zu ihr zurückkehren, so hat nicht sie, sondern haben diese von Gewinn zu sprechen. Würde aber die Mutter, wenn sie die Zahl anhänglicher Kinder sich mehren sieht, nicht für diese selbst sich freuen, alsdann wäre sie die treue, die mit allen Schätzen der Gnade ausgestattete Mutter nicht.« Es waren auch alle mündlichen, alle schriftlichen Glückwünsche, die mir nachher zugekommen sind, insgesammt der einstimmige Ausdruck dieser Charitas, die nur dessen sich freute, aus ihrer Verborgenheit vor mir endlich an das Licht[385] treten zu dürfen. Ferne blieb jeder andere Ton, der nur als Mißklang sich würde hineingemischt haben. Ich will von manchen Zeugnissen, die ich als Beleg hiefür beibringen könnte, nur Nachstehendes aus einer Zuschrift anführen, die ich am letzten Tage Nov. 1844 von einem, mir längst befreundeten Mitgliede der Versammlung des Allerheiligsten Erlösers aus Alt-Oetting erhalten habe. »Das glücklichste Ereigniß für Sie, schrieb mir der würdige Mann, erfuhr ich zuerst in Wien, bei dem Nuntius Fürsten Altieri, wenige Tage, nachdem es geschehen war. Als Sie mir vor etwa sechs Jahren nach Belgien schrieben, so faßte ich den Entschluß, Sie täglich der ganz besondern Fürbitte der Gnadenmutter anzuempfehlen und beim heiligen Meßopfer täglich ein Memento für Sie einzulegen. Ich weiß, daß mehrere Priester am Rhein und an der Maas ein gleiches thaten.« (Daß es auch in andern Gegenden Deutschlands, hie und da in der Schweiz, selbst in Frankreich und Italien geschehen seye, ist mir nachher zur Kunde gekommen, gleichwie es fortwährend für diejenigen geschieht, die meinem Herzen am nächsten stehen). »Mich trieb dazu nicht nur die große Verehrung, die mir Ihr Innocenz eingeflößt, sondern auch Dankbarkeit. Denn, was Sie selbst vielleicht kaum gemüthmaß, ist dennoch wahr: daß nämlich Gott sich Ihrer ganz besonders bedient hat, um mich der Rückkehr zur Kirche zuzuwenden und mich dadurch der ganzen Gnadenfülle theilhaft zu machen, die an einen solchen Schritt geheftet ist. Daß Gott Ihnen die Erkenntniß von der Nothwendigkeit der Gemieinschaft mit der Lebensquelle alles Christenthums verleihen werde, daran zweifelte ich niemals.« Dieß über die Charitas, als die unter allen Gestalten zum Vorschein kommende Lebensäusserung der wahren katholischen Kirche.[386] Ich wende mich wieder zu jenem Kreise, dem Born alles wahren, von Gott strömenden, zu Gott wieder sich wendenden Lichtes und Lebens. Indem die Reformation herausgetreten ist aus diesem Kreise, hat sie nicht allein von demselben sich losgesagt, sondern zugleich, erst gegen sein Einwirken auf die innerhalb Verbliebenen, sodann selbst gegen dessen Daseyn Protest eingelegt. Erst hat sie mit aller ihrer damals noch übrigen Habe, sodann mit ihrer ganzen Zukunft ausserhalb desselben sich gestellt, und es von jeweiligem Standpunct und jeweiliger Bewegung abhängig gemacht, ob und wie viel von dem über seine Peripherie hinaus dringenden, durch diese aber gebrochenen Licht theils auf Einzelne, theils auf die besondern Gruppen noch fallen möge. Da haben die Einen in unsicherem Zwielicht sich gebahret, als sässen sie an dem vollen, heitern, ungetrübten Sonnenstrahl; Andere fanden sich behaglich in einem nebelhaften Schimmer, den sie als wahre, vollkommlich genügende Erleuchtung ausgegeben haben; viele sind zurückgewichen in die äusserste Finsterniß und haben von dorther versichern wollen, da nur lasse sich's recht ungestört und bequem und heiter sitzen; darin aber sind alle übereingekommen, daß der Lichtkreis nur ein Traumgebilde seye, welches kein gesicherteres Bestehen habe, als alle Phantasmata einer krankhaften Einbildungskraft, oder als die Vorspiegelungen eines befangenen Wahns, oder als die wohlberechneten Täuschungen der Gewandten und Pfiffigen. Ihrer Stellung wegen sind sie um die Erkenntniß der Wahrheit, ihres Protestirens und Negirens wegen um den Glauben an das Daseyn der Wahrheit gekommen. Und da dieser zweifache Verlust die obersten Regionen des Geistes, die höchsten Manifestationen des Lebens berührte, mußte er natürlich auch nach unten sich erstrecken, und ebensowohl die Habe als die Habenden angreifen. So ist es denn gekommen, daß an die Stelle der Wahrheit, d.h. der Erkenntniß der Wahrheit und des Glaubens an eine selbstständige Wahrheit, der nackte Zweifel getreten ist, und Allem, nicht blos dem Wissen[387] als Object, sondern auch der Anwendung des Wissens auf die Erscheinungen und Zustände, der Zweifel sich angehängt, derselbe Wissen und Thun immer mehr durcharbeitet, darniedergezogen, an die Erde gekettet und zuletzt die tollsinnige Behauptung erzeugt hat, daß er nur die Quelle der Wahrheit seye, das Negative die Mutter des Positiven; womit man wieder zu der Trostlosigkeit des Arcesilaus, des Stifters der zweiten Schule der Akademiker, zurückgekehrt war. Und in der That sehen wir in unsern Tagen alle Institutionen, alle Wissenschaften, alle Lebenserscheinungen, ja das Leben selbst durch den Zweifel untergraben, zerrissen, durchfurcht, und Alles dahin gediehen, daß derselbe, wie einst die Wahrheit es war, beinahe zum einzigen Factor der politischen, wissenschaftlichen, sittlichen und gesellschaftlichen Welt geworden ist, und für seine Organe eine unantastbarere Berechtigung in Anspruch genommen hat, als es je von der Wahrheit geschah. Er hat damit begonnen, daß er die göttliche Einsetzung der Kirche erst in Frage stellte, hierauf bestritt, zuletzt geradezu abläugnete. Mittelst dieser Operation schlich er sich von den Gebieten, auf denen er gezeugt und groß gezogen worden, auf diejenigen hinüber, die ihn lange noch ferne gehalten hatten. Er wußte schon, wo er aufmerksame Zuhörer, gelehrige Schüler finden würde. An diese wendete er sich, bei diesen fand er erst Gehör, hernach Aufmerksamkeit, sodann Zuneigung, endlich Beipflichtung; denn es winkte aus der Lehre mancher Vortheil und erfreulicher Gewinn. Obwohl nun die Zeiten nachwärts so gekommen sind, daß sie bedeutende Zweifel gegen die Wahrheit jenes Zweifels nicht allein aufgestellt, sondern eigentlich eingepaukt haben, so ist nun manchen Orts der sonderbare Zustand des Zweifels am Zweifel entstanden, ohne deßwegen noch der Wahrheit zum vollen Durchbruch verhelfen zu können. Darauf hat der Zweifel in leichtem Uebergang an den Organismus der Staaten und an die bürgerlichen Einrichtungen sich gemacht, und zuerst deren Grundlage, bald darauf Alles, was über derselben sich erhob, angegriffen. Da mußte er seine[388] Zuhörer in andern Kreisen aufsuchen. Aber es fiel ihm ebensowenig schwer, solche für diese Modalität seiner Erscheinung zu finden, als für die erste. Dieselben waren ebenso gelehrig, als jene, und er sah deren Zahl von Tag zu Tag sich mehren. All dieses Herumfühlen nach zusagenderen Staats- und bürgerlichen Einrichtungen, all' dieses Constituiren, Modificiren, Organisiren, Reglementiren und Paragraphiren, worin wir uns gleichsam auf immerwährender Fluth und Ebbe in unsern Tagen herumgetrieben finden und nimmermehr den festen Boden, die sichernde und zusagende Gestaltung zu gewinnen vermögen, ist nichts Anderes, als die Frucht des Zweifels, oder der Zweifel selbst, welcher uns unfähig macht, die Wahrheit zu finden, weil unfähig, sie zu erkennen, weil unfähig, an deren Daseyn zu glauben. Nach diesem ist er auf das Gebiet der individuellen Existenz und aller derselben sich anknüpfenden Bedingungen und Sonderthümlichkeiten übergegangen. Da hat er abermals ein weites Gefilde, einen empfänglichen Boden für seine Aussaat gefunden. In manchen Beziehungen ist diese bereits, hier dichter, dort sparsamer, aufgeschossen; und wenn anderwärts dieß minder der Fall war, so hofft er auf den Wind, der aus den vollen Halmen ihn weiter wehen wird, auf die Zugvögel, die entweder in ihrem Schnabel ihn über das Land tragen, oder in ihren Excrementen auf dasselbe fallen lassen, unbesorgt, daß günstige Witterung zu seinem Aufgehen nicht früher oder später eintreten dürfte. Er hat sich in der neuesten Zeit an das Letzte, an den individuellen Besitz und dessen Rechmässigkeit und Uebereinstimmung mit demjenigen, was er (in Frevel das Wort verkehrend) göttliche Ordnung nennt, gemacht, und hiefür nicht zu verachtende Anknüpfspuncte gefunden. Denn wenn es auch zur Zeit noch gelungen ist, den Uebergang dieser Gestaltung des Zweifels in eine wahrhafte und durchgreisende Thatsache für den Augenblick zu verhindern, so dürfen diejenigen, welche zur Abwehr auf diesem Gebiete die Hände sich zu reichen noch so geneigt, wenigstens berufen wären, der[389] Hoffnung entschiedener Erfolge gar nicht in stolzem Wahn sich hingeben, dieweil sie seinem Walten in andern Bereichen mit der höchsten Gleichgültigkeit lange genug zugesehen, ohne dabei zu ahnen, daß es ihm nicht schwer fallen werde, zu erneutem und verstärktem Angriffe Hülfskräfte im Verborgenen, und, so die Noth drängte, offen gerade aus jenen an sich zu ziehen. Ja dadurch, daß er den Bereich der staatlichen Einrichtungen sich dienstbar gemacht und durch alle Gesetzgebung in ihren weit ausreichenden Verzweigungen sich eingeschlichen, hat er für dem dringlichern Fall unerläßlicher Abwehr zum Voraus schon, wenn nicht den Willen gelähmt, so doch die Hände gebunden, und in den Rückerinnerungen, die er entgegenhalten kann, ein niederschmetterndes Wort zu seiner Hülfe sich aufbewahrt. Dort hauptsächlich, in dem Gebieten des Wissens, hat er sich festgesetzt, diese hat er erobert, da vornemlich schreibt er Gesetz, Ordnung und Gang vor. Er hat die Theologie abgelöst von der Grundwurzel, also daß sie nicht mehr die Gottesgelahrtheit ist, das Wissen, in welchem Gott selbst uns lehrt, was er seye, in welchem Verhältniß zu uns er stehe, in welches wir zu ihm gesetzt seyen; nicht mehr die Lehre, wie wir nicht blos zur Erkenntniß Gottes, sondern zur Verbindung mit ihm gelangen können. Sie ist, von dem Zweifel durchdrungen und aufgetrieben, zum Aggregat menschlicher Speculationen geworden, welche keine absolute Wahrheit mehr zugeben, sondern derselben höchstens noch eine gleiche Möglichkeit neben dem einräumen, was sie erfunden und von heute auf morgen ausgebrütet. Und die Wissenschaft der Auslegung und Erklärung hat der Zweifel vollends von der Wahrheit hinweggeschoben; hier hat er es in Anspruch genommen und errungen, daß diese das Legalitäts-Zeugniß nur von ihm sich dürfe ausstellen lassen, wofür er dann, um ja nicht allzuoft darum angegangen und in seinem Herrschen beeinträchtigt zu werden, Formalitäten und Cautelen in reichem Maaße zu schaffen gewußt hat. Die Rechtswissenschaft hat sich in den eigentlichsten Ausdruck[390] des Zweifels verwandelt, ist gleichsam aufgegangen in denselben und hat einen förmlichen Cultus des Zweifels in das Leben eingeführt. Sie ist aus einer Juris peritia, aus der auf positivem Grunde ruhenden Erfahrenheit in demjenigen, was Rechtens ist, in eine Juris prudentia hinübergezogen, aber nicht in die Prudentia, die nach Cicero in delectu rerum bonarura et umlarum erkannt wird, sondern in eine Prudentia, die sich selbst als Zweck setzt, und von diesem Standpunct aus urtheilt, was ihr zuträglich, was nicht. Damit, daß ihr der Begriff einer objectiven Wahrheit gänzlich entgangen ist, daß sie von Anerkennung derselben übermüthig sich losgesagt hat, ist ihr der Stoff, an welchem die Juris peritia ihre Anwendung finden konnte, unter den Händen zerronnen; ein solcher ist in letzter Beziehung für sie gar nicht mehr vorhanden, und so verläuft sich ihre Prudentia ganz in dem Schaffen von Formen und in dialektischer Spitzfindigkeit, um das Gewebe so künstlich anzulegen, als möglich. Hiedurch hat in so vielen Rechtsfällen der Stoff, über den sie walten, in das Accidens sich verkehren müssen, und ist zum Principale die Form erhoben worden; wer es dann am besten versteht und wem es am sichersten gelingt, diese mit zwingender Gewalt über jenen hinaufzustellen und jenen vor ihr möglichst zurückzudrängen, dem wird der Preis zuerkannt. Unter solchem Bestreben wird von der heutigen Rechtspflege das sittliche Moment nicht allein gar nicht mehr anerkannt, sondern als ein Fremdartiges, wo nicht gar Feindseliges, ausgeschieden. Welchen Einfluß aber dieses auf Menschen und Leben, auf Stellung und Verkehr, auf Glaube und Unglaube übe, hierüber liesse sich Vieles sprechen. Auch die Arzneiwissenschaft findet sich durch den Zweifel unterjocht. Sie anerkennt als wahr nur, was sie betasten, zerlegen, der Einwirkung materieller Mittel unterwerfen kann. Damit ist sie in so Manchen ihrer Pfleger durchaus fleischlich geworden. Der Mensch erscheint ihnen bloß als eines der mannigfaltigen, wenn immerhin das vollendeteste, Gebilde der Körperwelt; sie betrachten ihn als ein Rechenexempel, dessen[391] allfällige Verstöße sie zu corrigiren haben, bis es von der Tafel rein ausgetilgt wird; sie nehmen ihn für eine Maschine und sich für Maschinisten, welche vorkommenden Störungen des Räderwerkes nachsehen und nachhelfen, bis das kunstreiche Gebilde unbrauchbar geworden, in seine Bestandtheile zerlegt wird, um als Rohstoff zu neuen Formen verwendet zu werden. Daher ihr ganzes Wissen zu einer Kunde des nackten Leibeslebens einschrumpft, zu dessen durchgehender Kenntniß Skalpell und Reagentien die untrüglichen, daher ausschließlich zureichenden Hülfsmittel sind, wobei das Psychische, wenn höchstens dieses noch anerkannt wird, seinen letzten Erscheinungsgrund doch nur in den Organen des Leibes finden darf; dieweil der Zweifel an den ungreifbaren und höhern Potenzen, die mit dem Mittelpunct in jenem Kreise in unmittelbarem Rapporte stehen, Anderes nicht aufkommen läßt. Die Philosophie vollends! Sie hat den Zweifel zum Grundprincip erhoben und ihn zum fertigen System ausgebildet. Sie verläuft sich in dem umgekehrten Proceß, den die großen christlichen Denker der Vergangenheit eingehalten haben. Auch diese sind nicht zurückgebebt vor dem Zweifel, auch sie haben ihn verfolgt bis in seine subtilsten Verflechtungen, bis in sein lichtlosestes Dunkel; aber dann erst, nachdem sie der Wahrheit ein volles, kräftiges, unumwundenes Zeugniß gegeben, nachdem sie dieselbe mit dem Zweifel ausser alle Berührung gesetzt, gegen jede Anfechtung durch diesen sie aufs genügendste geschirmt hatten. Diese haben in reiner, ungemischter Objectivität denselben angeschaut, und ihm zu der eigenen, festgewahrten Ueberzeugung keine Beziehung gestattet. Jetzt ist die Stellung vertauscht, die Wahrheit wird dahin verwiesen, wo damals der Zweifel stund, und dieser wird behandelt, wie damals jene behandelt wurde. Noch darf sie ihre Danksagung erstatten, wenn ihr ein Recht zur Existenz ebensowohl zugestanden, wie für jenen postulirt wird. Die Geschichte, an welche die Forderung der Wahrheit als unabweisliches Postulat sich anzuklammern scheint, und welche[392] durch ihre falschen wie durch ihre wahren Priester dieselbe als unverkümmertes Vermächtniß in Anspruch nimmt, hält dennoch durch so Manche ihrer Bearbeiter der Wahrheit den Zweifel als Schild mit dem Medusenhaupt entgegen. Nachdem die Lüge auf ihrem Gebiete breit und derb sich festgesetzt, und bei Jahrhunderten mit autokratorischem Ansehen über dasselbe gewaltet, Gesetz und Vorschrift gegeben und, daß hieran ihr Wille geschehe, in immerwährenden Erlassen kund und zu wissen gethan, hat es seit jüngster Zeit die Wahrheit angewandelt, zu meinen, dort gebührte eigentlich das Dominium ihr, und hat ihrerseits einige Satzungen aufzustellen begonnen. Da hat Jene alsbald ihren Getreuen, Edeln und Vesten, den Zweifel, aufgeboten, daß er sammt Knappen und Heergefolge, wohlbewehrt mit Roß und Harnisch erscheine und ausziehe gegen die Widerwärtige. Und er hat sich ausgemacht, nicht nur wider das, was diese gesetzt, sondern wider sie selbst, nicht bloß wider die Befugniß, die sie in Anspruch genommen, sondern wider diejenigen, welche ihr zu huldigen geneigt sind; er hat seine Redner alle, zusammt ihren Künsten, aufgeboten, daß sie in breitem Wortstrom es ihnen zur Kunde bringen: ihre Göttin seye eine Nebelgestalt, ein körperloser Schemen, weit entfernt von aller Realität. Und in welchen Jammertönen klingt nicht der Zweifel durch die Poesie? Ihrer mehr als Einer hat ihn zum Substrat derselben gemacht. Sie haben ihn zum Pieridenquell geadelt, an dem sie sich tränken; er ist ihnen der Hybla, von dem die Honigbäche rieseln; er wird ihnen zum Gott, von dem sie in einer höchst seltsamen Art von Hochgefühl bekennen: suadente calescimus illo. Sie empfehlen, sie preisen, sie verherrlichen ihn, gleich als wär' er eine schaffende Macht, ein emporhebender Vorzug, eine der kostbarsten Anlagen des Geistes. Epos und Lyrik müssen das Strahlendiadem um seine Stirne binden, welches die innere Finsterniß, das verzweiflungsvolle Ringen, die trostlose Zerrissenheit[393] geflochten haben. Andere, die es noch nicht zur objectiven Huldigung gegen den Zweifel gebracht, aber seinem Einwirken auf ihre Subjectivität Thür und Thor geöffnet haben, tönen wenigstens ihr Von-Gott-Verlassenseyn, ihr in die ziellose Leere hinausschweifendes Sehnen, ihre unter dem Glutwind des Zweifels entstandene Dürre, ihr umherirrendes Suchen, ihr stolzes Darangeben jeglicher Hoffnung, das Zusammenbrechen jeder emporhebenden Stütze, den Verlust von Steuer und Compaß auf der unsichern Fahrt durch die Fluthen des Lebens in Weisen aus, welche mehr unheimliche Gefühle als wahres Mitleid wecken, mehr inneres Entsetzen als Wehmuth hervorrufen. Es ist der Kampf der Verzweiflung gegen ein Ungethüm, das hier in frevlem Uebermuth, dort in wildwüstem Leichtsinn herausgefordert worden ist, und gegen welches sie nur ihrer Ohnmacht, der Unzulänglichkeit ihrer Waffen, der schaurigen Zuversicht der Erfolglosigkeit sich bewußt werden. In enger Verbindung mit diesen Weisen der finstersten Trostlosigkeit, vielmehr bloß die der Welt, wie sie ist, zugekehrte Seite der heutigen Verzweiflungspoesie ist jene andere, die uns das innere Wühlen und Kochen und Zerarbeiten gegen die realen Zustände verräth, insofern noch Hüter von Schranke und Ordnung aus ihnen heraustreten. Da schäumt der Zweifel gegen den Willen, gegen die Möglichkeit, Befriedigung den Gemüthern zu gewähren, anders, als durch Auflösung in ein allgemeines Wirrsal. Da hören wir sie, sich in die Brust werfend, als erfreuten sie uns durch Gesang, stöhnen: Vorwärts dann ? bis über's Grab! Vorwärts ? ohne Wanken! Jede Rücksicht werf' ich ab, Satt hinfort der Schranken! Rur das Kühnste bind' ich an Meinen Simsonsfüchsen; ? Mit Kanonen auf dem Plan, Nicht mit Schlüsselbüchsen.[394] Diese Vulkane der Jetztzeit, welche einem in wildem Gebrause sich bäumenden Titanengeschlecht, wahren Kindern der Tellus, »hinter dem Weinglas in der Krone« Waffen »gegen die Kronen« zusammensingen und mit schneidender Ironie ihr wirres Summen und Brausen und Toben, unter welchem Alles zusammenbrechen sollte, als »süßen Brei« bezeichnen, welcher das lechzende Menschengeschlecht sicherer laben würde, als Sitte, Ordnung und Gesetz, ? sie ziehen vorüber gleich dämonischen Gestalten, welche die schwarze Fahne schwingen, auf die sie mit blutgetränktem Griffel das Wort »Zweifel« als Losungswort, als Laut der Einigung zur allgemeinen Zerrissenheit gezeichnet haben. Das Leben selbst endlich, wie ist es nicht in seinen tiefsten Zuckungen angefressen von dem Zweifel? wie ringt es nicht mit demselben, ohne dessen giftige Schlangennatur zu erkennen, ohne Tüchtigkeit, seiner zusammenpressenden Umschlingungen sich erwehren, noch ihn selbst überwältigen zu können? Was ist das Mißtrauen, welches in unsern Tagen zu einer Triebkraft und zu einem Regulator der Gesellschaft geworden ist; was sind die Cautelen, mittelst deren man alle Aeusserungen des Lebens zu verbollwerken sich befleißt und befleissen muß; was ist jene Scheelsucht, welche neben der Eigensucht Quelle des allgemeinen Centralisirens mit seinen Reglementen, Verfügungen und Formularien geworden ist; was sind diese alle Anderes, als der Zweifel an der Kraft des selbstständigen Lebens, ja an dem Daseyn desselben, als die absolute Herrschaft des Zweifels, der die wahnstolzen Freyen als Fronknechte hinter sich herkeuchen laßt? Er hat gleich jenem zerstörenden Holzwurm das Leben in seinen edelsten Theilen angebohrt, Rinde und Mark desselben zernagt und, statt des durch alle Gliederungen strömenden Saftes, jenes trockene Mehl zurückgelassen, welches von der Zersetzung und dem Absterben Zeugniß giebt, wie auch die zeitweilig noch vorkommende Grüne zu widersprechen scheine. Diesem Alles anfressenden, zernagenden und zerstörenden Zweifel tritt die Wahrheit entgegen, wie sie inmitten jenes Kreises[395] ewig, ungetrübt, unbeirrt thront und ihre Lichtfülle ausgießt über alle Stellen und Gruppen und Gebilde innerhalb des Kreises; und so wie die aussen Stehenden sich einfügen würden in denselben, müßte der Zweifel sich lösen und zerrinnen und zurückweichen in das Dunkel, aus dem er aufgestiegen, dieweil er seiner Natur nach vor der Wahrheit nicht bestehen mag. Dann würde die Kirche erkannt als diejenige, welche eigentlich den Kreis umsäumte und die, zurückstrahlend das Licht, welches der Mittelpunct auf sie ausströmt, mit den wahren, so wie äusserlichen, also vornehmlich auch innerlichen, Lebenselementen Alles durchdringe. Mit dem freyen und redlich willigen Zurücktreten in diesen Kreis würde auch der Staat das innere Gleichgewicht, das sichere Bestehen und das Wirken ohne Uebergriff oder Beschränkung, ohne künstlich angelegte Ränke oder zurückscheuchende Gewalt wieder finden. Dem individuellen Daseyn aber, dem bald vielfach zerrissenen, bald schwer gefährdeten, würden die verläßlichen, die bewährten, die sicher zur Genesung wieder führenden Heilmittel sich darbieten, wonach wohl das Bedürfniß sich aufdrängt, nicht aber die Fähigkeit, sie zu ermitteln, vorhanden ist. Die Gottesgelehrtheit würde wieder an denjenigen sich anknüpfen, ohne dessen Erkenntniß und Verehrung sie ein immerwährendes Herumtappen des Blinden ist, der über Allem, was ihm in die Hände fällt, sein »Gefunden« ausjubelt. Die Jurisprudenz würde es einsehen, daß sie Werth und Ansehen und segnende Einwirkung auf die Menschen nur dann gewönne, wenn der Strahl jenes Lichtes auch durch sie durchgienge, und daß in demselben den Dingen eine reellere Wahrheit zuständig seye, als ihren formellen Gebilden. Die Arzneiwissenschaft würde durch die tiefere Ueberzeugung von dem Leben, als ebenfalls jenem Mittelpuncte entquellend und in seiner höhern Erscheinung zu demselben zurückzielend und niemals mit ihm ausser Beziehung stehend, eine höhere Befähigung gewinnen, die Störungen seines Verlaufes zu heben. Diese Philosophie würde umgekehrt, wie die Theologie von der Mitte zum Umkreis sich erweitend, von dem Umkreis[396] zur Mitte streben. Die Geschichte dann würde die Begegnisse und Erscheinungen, statt nach dem Widerstreben gegen das wahre Licht, nach dem Maßstab würdigen, welchem gemäß sie in dasselbe hinein sich stellen. Die Poesie würde wieder eine gottesfreudige, mit dem Quell des Lebens und der Wahrheit geeinte, die himmlischen Accorde um den Thron der Majestät wiederhallende werden; und das gesammte Leben würde von anziehenden, verbindenden und bejahenden Kräften durchströmt sich fühlen, wo es jetzt nur allzusehr das Vorwalten der abstoßenden, trennenden und verneinenden zu beklagen hat. Der erste Besuch in Frankfurt wurde ohne vorherige Absicht zur Veranlassung eines zweiten im folgenden May. Der Buchhändler Schmerber schien mir der geeignete Mann, um ihm meinen Sohn als Lehrherrn anzuvertrauen; eingezogene Erkundigungen bestätigten, was das erste Zusammentreffen mich hatte vermuthen lassen. Da ich einen besondern Werth darauf setze, Söhne in Städten unterzubringen, in welchen ich auf Freunde zählen durfte, und persönliche Einführung eines Kindes befriedigendern Erfolges versichert seyn kann, als bloß briefliche Empfehlung, so begleitete ich meinen Sohn dahin. Unterwegs erneuerte ich die vorjährige Bekanntschaft mit dem Erzbischof von Freiburg, mit welchem ich damals in freundschaftliche Verdindung getreten war, die bis an seinen Tod fortdauerte. Während ich mit ihm in seinem Gartenhause saß, erlaubte ich mir manche freimüthige Bemerkung über den Stand der kirchlichen Angelegenheiten seines Erzsprengels. Gerade damals war das Treiben der sogenannten Synodiker in seinem schönsten Lauf. Es gehörte keine besondere Divinationsgabe dazu, um einzusehen, daß es diesem Volk nicht um Synoden, im Sinne der katholischen Kirche und zu dem Zwecke der Befestigung im Glauben, der Einigung in der Lehrer- und Hirtenpflicht, der Erneuerung der Kirchenzucht, der Beseitigung[397] vorhandener Uebelstände unter Layen und Klerus, sondern bloß um Einschwärzung des demokratischen Princips und manches Andern, was unvermeidliche Folge seiner Anerkennung seyn würde, in die Kirche zu thun wäre, die unter so merkwürdigem Treiben verlangten Synoden unausweichlich mit dem Zusammentritt zu ebendem werden, was in dem Bereich des Staates die zweite Kammer. Man würde gleissende Theorien aufstellen, um dadurch den vorlauten Theil des Volles zu berücken und zu ködern; Redner würden da ihren Tummelplatz suchen und finden und, um kirchliche Vorschrift und Sanction unbekümmert, wegstürmen, was ihnen unbequem oder beschwerlich fiele, zum Gesetz erlärmen Alles, wofür eine Majorität zusammenzurednern ihnen gelänge. Kann noch ein Zweifel hieran übrig bleiben, wenn man den Geist würdigt, der zu solchem Ungestüm antreibt? Dieser Form, welche so vielfältig an die Stelle der Juno eine Wolke schiebt und den Fürsten zum bloßen Figuranten herabwürdigt, schon auf dem Boden der Landesverwaltung wenig geneigt, hätte ich, auf die Leitung der katholischen Kirche angewendet, noch weit weniger das Wort reden können; durch sie würde das bisherige Verhältniß geradezu umgekehrt und jedes Gelüste bloß dadurch, daß es Einem über die Hälfte andemonstrirt und angebrüdert und angerumort werden könnte, zu einer wohlthätigen Vorkehrung gestempelt. Ich bemerkte daher dem Erzbischof, daß, sobald er solchem Ansinnen nicht allen Ernstes sich entgegenstemme, der Tag des Zusammentrittes einer derartigen Synode zugleich derjenige des Erlöschens seiner Rechte und seiner Würde könnte genannt werden, diese bloß noch auf das Pontificiren und einige andere kirchliche Functionen sich beschränken, er unfehlbar zu den Ketten des Staats noch die Stricke der radicalen Geistlichen würde zu tragen haben. Der Erzbischof pflichtete mir unbebingt bei. Aber von der Stellung des Vorstehers der Kirche eines protestantischen Ländchens, und dazu noch einer Republik heutzutägigen Schlages, scheint er keinen rechten Begriff gehabt, dieselbe wirksamer sich gedacht zu haben, als sie je war. Denn als[398] zwei Jahre später diese Synodiker das Bierhaus zur schwarzen Straußfeder in Schaffhausen abermals zur Capelle für ihr Conciliabulum ausersehen hatten, wendete er sich an mich, in Voraussetzung, es würde mir möglich seyn, Solches zu verhindern. Von Freiburg war dem Hrn. Domherrn Räß, so wie dem jetzigen Bischof von Speier und dessen Vorgänger, dem nunmehrigen Hrn. Erzbischof von Cöln, ein Besuch zugedacht. Ich erwähne dessen, da nirgends so anschaulich, weil in die Zeit weniger Stunden zusammengedrängt, die Gegensätze zwischen dem lebendigen, freyen und geistreichen Verkehr mit den vielseitig ausgebildeten höhern katholischen Geistlichen und der beengenden Berührung mit Pietisten mir vor Augen trat. Ein Mittagmahl bei dem damaligen Domdechanten Hrn. Dr. Weiß, dem auch der Bischof, Hr. von Geissel, beiwohnte, war eigentlich ein Symposion im Sinne der Alten, gewürzt durch die belebteste Unterhaltung über kirchliche Verhältnisse, politische Zustände, literarische Erscheinungen, über Alles aus jeglichem Gebiete der Gegenwart und der Vergangenheit, was den Geist anregen kann, hiebei die Obsorge um des Leibes Nothdurft nur als Vehikel betrachtet, um jene Gaben gegenseitig sich darzubieten. Jedes Gastmahl hat dann nur Werth, wenn es zum geistigen Kränzchen wird, bei dem keiner der Gäste ohne Festgabe erscheinen darf. So war dieß hier der Fall. Kaum in meinen Gasthof zurückgekehrt und schon zur Abreise bereit, erstattete mir ein königlicher Beamteter den Besuch, welchen ich ihm des Vormittags hatte machen wollen, und überredete mich, Speyer ja nicht zu verlassen, bevor ich einen der ersten dortigen protestantischen Geistlichen noch gesprochen hätte. Ich kannte denselben aus öffentlichen Berichten als einen rüstigen Kämpfer für die Rechtgläubigkeit, jenem seichten und verfaulten Rationalismus gegenüber, der in Rheinbayern seit langem schon Feldgeschrei und Marschroute von Heidelberg her sich geben ließ. Insofern willigte ich gerne in den Vorschlag ein. Aber in welch' eine ganz andere Athmosphäre, als eine Stunde zuvor, fand ich mich jetzt versetzt! Gleichsam von der[399] Höhe eines sonnigen Berggipfels, auf welchem Blumen sich wiegen, um den erfrischende Lüfte säuseln, in die dumpfe Schwüle einer eingeschlossenen Niederung! Da rückte von zwei Seiten der beengende Pietismus mit seinen Traktätleins und Missionsvereinen und Bibelfesten und allem langweiligen Baslerkram gegen mich heran, so daß ich mich leibhaftig in der Lage von Hiobs armem Sünder befand, der auf Tausende nicht Eines antworten kann. Kein freyer Gedanke, kein Flug in die heitern Räume des Wissens; eitel Gewimmer, und doch nicht die milde, treuherzige, in Gott sich wiegende Einfalt der alten Asketik! Ich war froh, daß Pferde und Wagen bereit standen und ich raschen Laufes aus der drückenden Lage heraus mich bewegen konnte. In Frankfurt selbst erweiterte sich der Kreis werther Bekanntschaften. Folgereich war die Einführung bei dem Bundestagspräsidenten, dem Hrn. Grafen von Münch-Bellinghausen, indem ich durch dessen Vermittlung Sr. Durchlaucht, dem Hrn. Fürsten von Metternich, bekannt wurde. Dieß zum Theil, die Hoffnung, dem rühmgekrönten Veteranen der europäischen Staatsmänner persönlich mich vorstellen zu können, neben dem Wunsch, wenigstens die Vorhalle von Italien und die großartigen Festlichkeiten der lombardischen Königskrönung zu sehen, ward Veranlassung, in dem Herbst des gleichen Jahres nach Mailand zu gehen. Hier ward mir die Ehre zu Theil, erst dem Hrn. Erzherzog Johann, sodann dem großen Lenker der europäischen Politik meine Aufwartung machen zu dürfen. Wieder ward diese Reise der Keim zu einer folgenden, durch die ich, ohne dessen auch nur die leiseste Vorahnung, noch weniger hiezu den Willen haben zu können, bem Ziele, zu dem ich geführt werden sollte, ohne alles eigene Vorbedenken, daher ohne eigenen Willen, um einen bedeutenden Schritt näher[400] gebracht wurde. Ich lernte nämlich zu Mailand in den Vorzimmern seiner kaiserlichen Hoheit, des Hrn. Erzherzogs Johann, dessen Adjutanten, Hrn. Major von Frossard, als schweizerischen Landsmann kennen. Die Unterhaltung wendete sich, neben manchem Andern, auf die k. k. Ingenieur-Akademie, über deren Einrichtung und Zweck ich von Hrn. von Frossard, als deren ehemaligem Zögling, Vieles vernahm, was meine Aufmerksamkeit auf sich zog und später das Vorhaben reiste, bei Sr. kaiserlichen Hoheit um die Gnade nachzukommen, meinen zweiten Sohn in dieselbe aufnehmen zu wollen. Da meine Bitte huldreich gewahrt ward, durfte ich den fünfzehnjährigen Knaben die weite Reise nicht ohne Geleite vornehmen lassen; hiebei war der Anlaß, die Kaiserstadt, so Vieles, was auf dem Wege dahin Sehenswerthes sich darbietet, zu besuchen, allzulockend, als daß ich denselben ungenützt hätte sollen vorüber gehen lassen. Ich war nicht mehr ganz unbekannt; da und dort hätte die Geschichte Innocenzens des Dritten mir zur Empfehlung gedient, freundliche Aufnahme bereitet; mehr aber noch that für mich abermal ein schweizerischer Landsmann, Hr. Meinrad Kälin, Prior des Benedictiner-Stifts zu St. Stephan in Augsburg, durch empfehlende Briefe in alle berühmten Abteyen Oesterreichs, an welchen der Weg mich vorüber führte. Ich habe in diesen Abteyen viel Schönes und Merkwürdiges gesehen, manchen kenntnißreichen und verdienten Mann kennen gelernt, in wissenschaftlichem Umgang und freundlichem Verkehr schöne Tage verlebt. Das Resultat meiner Wahrnehmungen und Erlebnisse auf dieser Reise wurde unmittelbar nach meiner Rückkehr niedergeschrieben und unter dem Titel: »Ausflug nach Wien und Preßburg,« in zwei Banden veröffentlicht. Sollte man es glauben können, daß hernach ein Vorwurf gegen mich daraus wollte abgeleitet werden, nicht nur, daß ich im Vorübergehen so manche Klöster besucht hätte, sondern selbst, daß ich nach Wien und überhaupt in ein katholisches Land gegangen seye? Und dennoch geschah dieses, ungeachtet, wie ich[401] anderwärts gesagt habe, »männiglich wissen konnte, daß die Veranlaßung zu dieser Reise (wie zu andern) weder in Calw zu suchen, noch in Treuenbriezen zu erreichen gewesen wäre.« Aber freilich, wer Andere überreden will: die katholischen Geistlichen seyen nach dem Essen ganz anders als während des »Essens, denn alsdann trete die Polemik mit ihrer ganzen Unduldsamkeit hervor,« demjenigen ist es nicht zu verargen, wenn er in dergleichen Besuchen Verdacht wittert. Hätte aber nicht auch hier wieder ein sehr bescheidenes Maaß von Ueberlegung und richtiger Beurtheilung es natürlich finden sollen, daß Einer, der als Dilettant in der Wissenschaft gelten mag, eher werthvolle und mit vielem Merkwürdigem ausgestattete Bibliotheken und andere Sammlungen und Männer, die mit ihm auf dem gleichen Gebiete sich ergehen, aufsuche, als hundert andere Dinge, denen er kein Interesse abgewinnen kann, oder bei deren Anblick er gleichgültig und fremd sich findet? Man hat sich zwar wohl gehütet, Dergleichen in meiner Gegenwart alsbald durchblicken zu lassen; vor Andern glaubte man sich weniger Zwang anthun zu dürfen. Gewiß aber wird es Niemand befremden, daß ich, zumal bei der offenkundigen und selbst unabweislichen Veranlassung zu einer solchen Reise, Jenes nicht einmal zu ahnen vermochte, daher im Kundgeben der mancherlei erfreuenden Eindrücke, die ich von so vielen Männern und so manchen Gegenständen zurückgebracht hatte, keinen Zwang mir auferlegte. Hätte ich nicht in meiner gutmüthigen Unbefangenheit und stets bewährten Offenheit die festeste Zuversicht haben dürfen, mit Allem, was ich gesehen, erlebt, besprochen, mit dem, was ich zu bemerken Veranlassung gefunden, selbst vor der gallsüchtigen Kriteley zu bestehen, ich würde schwerlich mit solcher Rückhaltslosigkeit über Alles mich geäussert, Alles mitgetheilt haben. Wer Ursache hat, dieses zu verhüten, der schweigt, selbst wenn er zum Reden aufgefordert würde. Hatte derjenige so Unrecht, welcher seiner Zeit mich beklagte, daß ich alle »Unbilden eines neuen Abdera« zu tragen[402] gehabt hätte? Doch auch dieses hat zur Zeitigung der segnenden Frucht beigetragen, darum jetzt dessen sich zu freuen ist. Indeß finde ich hier Veranlassung, eine, während mancher Jahre gemachte Erfahrung im Vorübergehen wenigstens zu berühren. Von dem Jahr 1837 an trat ich in Deutschland, Frankreich und zuletzt in Italien mit vielen katholischen Geistlichen jedes Ranges in gesellschaftlichen Verkehr; aber nie und nirgends kamen Religionsdifferenzen zur Sprache, nie und nirgends wurde ein Anwurf gemacht, als dürfte ich mich leicht in der katholischen Kirche zurecht finden, ihr vielleicht näher stehen, als ich wohl selbst glauben möchte. Der einzige Cardinal-Bischof von Mailand ließ einst eine solche Bemerkung fallen, doch nur flüchtig, selbst ohne großes Gewicht darauf zu legen. Wurde auch niemals verhehlt, daß die Geschichte Innocenzens des Dritten allen wahren Katholiken höchst willkomm gewesen seye, daß Keiner, der dieser Kirche angehöre, den großen Papst gegen die langst landläufig gewordenen Entstellungen, Verdrehungen und Verunglimpfungen besser hätte rechtfertigen können, als dieß durch mich geschehen seye, so beschränkte sich hierauf Alles. Und ich gestehe, daß diese zarte Schonung (worauf ich später zurückkömmen werde) von mir stets gewürdigt, neben tiefern Gründen zu Anerkennung der mir klar gewordenen Wahrheit für mich zu nicht geringem Gewicht geworden ist. Wollte man auch annehmen, bis zum Jahr 1841 hätte meine öffentliche Stellung etwelche Zurückhaltung geboten, so fiel diese mit jenem Jahre weg. Die freundlichen Beziehungen zu manchen Geistlichen des obersten Ranges verminderten sich nicht, gegentheils sie wurden zahlreicher, aber auch das Benehmen veränderte sich nicht, höchstens gaben sie etwa in allgemeinem Ausdruck der Wunsch zu vernehmen: Gottes Gnade möchte mich doch vollends erleuchten, um die Wahrheit in ihrem umfangsreichsten Lichte zu erkennen; nie aber ward eine förmliche Aufforderung[403] auch selbst da nicht gemacht, wo längerer Umgang etwelche Vertraulichkeit herbeigeführt hatte. So bin ich mit dem jetzigen Herrn Cardinal de Angelis während seines zehnjährigen Aufenthaltes in der Schweiz als Nuntius öfters zusammengekommen, in ununterbrochenem Briefwechsel mit demselben gestanden; er wußte, daß das unterdrückte Recht an mir seinen beharrlichen Verfechter finde; aber niemals hat er jene Saite berührt, niemals es versucht, meinem Willen eine Richtung zu geben. Der Eifer, mit welchem der Bischof von Nancy vor wenigen Jahren für den Ankauf und die Erziehung von Chinesenkindern zu wirken suchte, ergriff mich so, daß ich zur Verwendung in Deutschland ihm mich anerbot. Er nahm das Anerbieten mit der größten Freude an, ohne, wozu sich hierin so bequeme Gelegenheit dargeboten hätte, einen Wunsch oder eine Zumuthung in Betreff meiner Person daran zu knüpfen, ja auch nur von ferne die kirchliche Differenz zu berühren. Und wie vielfältig bin ich nicht mit den Herrn Prälaten von Einsiedeln, Muri, Rheinau, vielen andern Weltgeistlichen und Religiosen jedes Ranges und jedes Ordens zusammen gekommen? Niemals ist Derartiges weder in offenem Wort, noch nur in leiser Anspielung zur Sprache gekommen. Auf meiner Reise nach Rom brachte ich noch einen vollen Tag in Einsiedeln zu; ich bin überzeugt, daß der Herr Prälat den heissen Wunsch in sich trug, es möchte erfolgen, was erfolgt ist; es hätte sich bei Uebergabe einer dem Oberhaupt der Kirche einzureichenden Bittschrift der bequemste Anlaß zu etwelchen Andeutungen auf die Rückkehr in dieselbe dargeboten, aber es geschah nicht. Der mir so theure Prior der Carthäuser zu Ittingen hatte in seiner warmen Theilnahme an meinem allseitigen Wohlergehen den Erfolg meiner Reise nach Rom vielleicht geahnet, jedenfalls um Gebete hiefür gesorgt, doch ohne vor meiner Rückkehr von allem dem nur das Mindeste verlauten zu lassen, ungeachtet er am Vorabend meiner Abreise noch gekommen war, mir ein herzliches Lebewohl zu sagen. ? Diese überall mir begegnende Discretion hatte größern Werth für mich, als die aus dem reinsten[404] Wohlwollen hervorgehenden Versuche, mich zu bewegen oder zu bestimmen, würden gehabt haben. Da darf ich mit der reinsten Wahrheit alle Vermuthungen und Verdächtigungen, wozu die Unkenntniß der Personen so geneigt ist, für Traumbilder einer irregeleiteten Einbildungskraft erklären. Dagegen, wie oft ich zwar im Verkehr mit Geistlichen jeder Rangstufe über die Verfassung, das Regiment, die Justitutionen, die Stellung der Kirche gesprochen habe, enthielt ich mich doch immer aller Theilnahme an äussern Gebräuchen. War mir das Kreuzzeichen, als unablässig in das Leben sich verflechtende Erinnerung an die in Christo erschienene Gnade, stets theuer und war ich von Jahren her gewohnt, mit demselben mich niederzulegen und von meinem Lager zu erheben, und beseufzte ich manchmal in meinem Innersten den protestantischen Kreuzeshaß, der das Zeichen des Heils nur da duldet, wo es der Eitelkeit fröhnt, so wird doch kein katholischer Geistlicher sagen können, daß er je in seiner Gegenwart, weder bei dem Eintritt in eine Kirche, noch vor Beginn oder am Ende eines Mahles gesehen habe, daß ich mit solchem mich bezeichnet hätte. Die Sache selbst war mir zu heilig, und die Achtung vor der eigenen Person stand, wenn man will, bei mir zu hoch, als daß ich mich je zu Etwas hätte verstehen können, wovon die Vermuthung so nahe gelegen wäre, es geschehe einzig, um den Menschen zu gefallen, oder bloß des Scheines wegen. Das sind schwache Seelen, welche nicht ahnen, daß man ein Kreuz machen könne, ohne die Hand zu bewegen und das mea culpa bei der Messe sprechen, ohne an die Brust zu schlagen. Wohl bin ich selten an einem Kreuz am Wege vorübergefahren, ohne demselben meine Ehrerbietung zu bezeugen Aber, wer hat es gesehen? Muß man denn, um Solches zu thun, gerade den Hut abnehmen? Doch läßt sich ebenfalls fragen: wäre ein protestantischer Geistlicher deßwegen weniger würdig und tüchtig, weil ihn sein Inneres mahnte, das Kreuz, in Erinnerung an denjenigen, der das Heil daran bewirkt hat, zu ehren? Wenn die Masse mit weniger durchkommen kann, Glück auf[405] den Weg! Derjenige, der sein Mehr weder dem Andern entrreißt, noch aufdringt, dürfte doch immer nebenher und selbst voran laufen mögen. Wie bereits angedeutet, die verschiedenen Reisen, seit jener nach Göttingen, standen in einem unzertrennlichen Zusammenhange. Ohne nach Göttingen zu gehen, wäre ich schwerlich nach Frankfurt, ohne dieß nicht nach Mailand, und ohne den Besuch in Mailand nicht nach Wien gekommen; welch letzteres auf die nachmaligen Ereignisse nicht ohne wesentlichen Einfluß blieb. Gerade dieser innere Zusammenhang des in seiner Vereinzelung zufällig Scheinenden bildet eine der Strecken, durch welche der Lebenspfad sich zog, und worüber erst nachher von dem (damals noch fernen) Ziele aus, das wahre Licht sich verbreitete. Jarke sagte es mir im Herbst 1839 voraus, ich würde nicht mehr lange in Ruhe bleiben. Er hatte die Erfahrung, die tiefere Weltbeobachtung für sich, ich meine Unbefangenheit, mein Bewußtseyn, meine bessere Meinung von den Menschen. Ich lachte über seine Besorgniß, und je mehr ich lachte, desto ernster nahm er es, und desto unbelehrbarer kam er mir vor. Der Richterspruch, der zwischen beiden entschied, ließ nicht lange auf sich warten. In Erinnerung an die kurz zuvor zwischen uns statt gefundenen Erörterung deutete ich ihm den Beginn des bald nachher gegen mich ausgebrochenen Sturmes mit den Worten des alten Kaunitz an den Kaiser Joseph an: »Sie haben dennoch geschossen;« denn von der Unwahrscheinlichkeit, daß seine Vorhersage je könnte in Erfüllung gehen, war ich noch fester durchdrungen, als jener von der Ruhe der Holländer, mit der sie dem Lauf seiner Schiffe zur Schelde hinaus ins Weltmeer zusehen würden.[406] Denn eben am Anfang des gleichen Jahres, in welchem ich Wien besuchte, hatte ich in jenem vermeintlichen Bewußtseyn, den Anforderungen meiner Stelle nach allen Beziehungen zu genügen; voll Eifers, zu Allem, was meinen Mitbürgern nützlich und gemeinsamem Wohl förderlich seyn könnte, redlich mitzuwirken; in gutmüthiger Voraussetzung, durch alle Arten von Dienstleistungen und durch immer sich gleich bleibendes offenes, zutrauliches und entgegenkommendes Benehmen auf die Achtung, das Wohlwollen und das Vertrauen der Geistlichen zählen zu dürfen; hiebei dann befriedigt sowohl durch meine öffentliche Thätigkeit, als durch die persönlichen Verhältnisse, in denen ich mich befand, den Antrag eines Ministers, der in einem der ansehnlichsten unter den deutschen Staaten eine ehrenvolle Stellung mir anbieten ließ, vornehmlich unter Berufung auf alle jene Verhältnisse und Voraussetzungen, von der Hand gewiesen. Ebenso unberücksichtigt blieb der Wink, welchen ein auswärtiger Gesandter mittelbar mir zugehen ließ: ich würde sammt den Meinigen mit offenen Armen in den Staaten seines Herrn empfangen werden und alle Fürsorge finden, wobei jedoch Rückkehr in die katholische Kirche erstes Bedingniß gewesen wäre. Meine politischen Ansichten, meine geschichtlichen Versuche, meine Verwendungen im Bereiche des Rechts und meine Gesinnungen in Bezug auf die katholische Kirche, die von denjenigen der meisten meiner Confessionsverwandten wesentlich abwichen, mochten denselben zu der Vermuthung gebracht haben, ich könnte zu dieser Rückkehr leichter mich entschließen, als es damals noch der Fall gewesen wäre. Hienach dürften jene, mit der breitesten Leichtfertigkeit ausgesprochenen Vermuthungen ihre Berichtigungen finden, als gehörte ich förmlich der katholischen Kirche an, ohne für gut zu finden, dieses äusserlich zu zeigen; jene Besorgnisse, als brächte ich der Anerkennung von Verschiedenem, worüber ich allerdings das landläufige Urtheil nicht theilen konnte, die Interessen, die ich zu wahren hätte, zum Opfer. Hieraus ließe zugleich ermessen, ob für mich die Rückkehr in die Kirche zur[407] Sache eines Vertrages, zum Gegengewicht für irgend einen dargebotenen weltlichen Vortheil je hätte herabgewürdigt, überhaupt als ein Wechsel angesehen werden können, welcher ebenso leicht auszuführen als zu unterlassen seye, als eine Sache, zu der man sich so eilends bequemen möge, wie zum Umtausch eines abgetragenen Rockes an einen neuen. Hienach mögen auch jene allzeitfertigen Urtheilsprecher, die in dem Innern des Menschen wie in einem aufgeschlagenen Buch lesen zu können wähnen, sich selbst fragen: ob derjenige, der bereits im Verborgenen in einer Verbindung stünde, zu der er sich wegen gemeiner Nebenabsichten vor den Menschen nicht bekennen möchte, gegen offene Erklärung wohl sich sträuben würde, sobald er sich in den Fall gesetzt sähe, auf jene nicht nur keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen, sondern dadurch selbst noch irgend einen äussern Vortheil davon zu tragen? Auch die Frage mögen sie sich vorlegen: ob das Bekenntniß endlich gewonnener Ueberzeugung deßwegen weniger Werth habe, weil es frei von allem Hinblick auf zeitliche Verhältnisse erfolgt, als wenn es zur leicht dargebrachten Dareingabe gegen diese umgewandelt worden wäre? Wer in freyem Willen das, was Hunderte locken könnte und Tausende fesselt, ausschlägt, und in ebenso freyem Willen das, wofür ebensoviele Andere zu gar mancherlei sich verstehen würden, und, wie tägliche Erfahrung lehrt, wirklich sich verstehen, von sich wirst, der mag wohl mit der ruhigsten Fassung das wurmfräßige Gerede der Menschen über sich ergehen lassen. In eben dieses Jahr, in welchem die Reise nach Wien unternommen wurde, fiel die Berufung Straußens nach Zürich. Unmittelbar zwar berührte dieselbe weder unsern Canton, noch weniger mich. Allein bei der nahen Verbindung Schaffhausens mit Zürich, bei dem Einfluß, welchen die dort vorherrschenden Gesinnungen und getroffenen Maßregeln auf unsere Zustände[408] stets, seit der letzten Revolution aber in vermehrtem Maaße, übten, bei dem entscheidenden Schritt, welchen hiemit der Radicalismus seinem Endziel entgegen wagte, konnte der Gang dieser Sache weder im allgemeinen mit gleichgültigem Auge betrachtet, noch weniger von mir die vielseitige Bedeutung dieses Wagnisses unberücksichtigt bleiben. Der entschiedene Unwille, welchen dasselbe nach seiner christlichen, kirchlichen und theologischen Seite bei der hiesigen Geistlichkeit hervorrief, fand seinen vollen Wiederhall in mir, verstärkt durch die Ueberzeugung, daß die politisch und social zersetzenden Tendenzen hiemit ihren Scheitelpunct erreichen müßten, indem durch die Straußischen Bestrebungen das bereits manchen Orts und in manchen Individuen hinweggenommene letzte Reagens gegen eine allgemeine Auflösung planmässig, daher in möglichst weiter Ausdehnung, allgemach müßte vollends beseitigt werden. Die Berufenden und deren bisheriges Walten auf dem politischen und bürgerlichen Boden ins Auge fassend, überzeugte ich mich bald, daß in Strauß nicht eine der manchartig protestantischen Richtungen, nicht die vermeinte Wissenschaft, mit deren Trugbild der Mythologe sich zu umhüllen suchte, nicht die seine Gesittung, die als empfehlende Seite den Widersachern, und in mehr als lächerlicher Phantasterei sogar den Widersacherinnen wollte entgegengehalten werden, sondern daß in ihm eitel nichts als die nackt auftretende Negation seye berufen worden. Es war mir daher sehr erwünscht, der erfreulich ausgesprochenen Gesinnung der Geistlichkeit durch Ausfertigung eines Theilnahme bezeugenden und ermunternden Schreibens an diejenige von Zürich entgegen kommen zu können14. Dennoch war man des ächt christlichen Ausdruckes und selbst der Formen, die nothwendig in diesen verwachsen seyn müssen, so sehr entwöhnt, daß man der[409] Zuschrift durch die Bemerkung, sie seye in mittelalterlichem Ton geschrieben, irgend Etwas anhängen zu können glaubte. Konnte ich auch in den vornehmsten Urhebern der Reformation jene angebliche Erleuchtung, jene erhabene Intelligenz und jenen unantastbaren sittlichen Werth, mit denen man sie zu wahren Heroen des Menschengeschlechts erheben möchte, in dem gewöhnlich postulirten Maaße nicht finden, dieweil meine Augen für die Kehrseite ebenfalls offen waren; konnte ich der so vielfach angerühmten tadelfreyesten Lauterkeit der Motive zu derselben, und der Mittel zu ihrer Durchführung, wo so viele unverwerfliche Zeugnisse laut das Gegentheil beurkundeten, nicht beipflichten; konnte ich dem Gerede, erst mit ihr seye das so schmählich verunstaltete Christenthum wieder in seiner Reinheit dargestellt und aus dem Wust von Anfügseln, unter denen es begraben gewesen, wieder hervorgezogen worden, niemals mich anschliessen, weil Beweise aus der ältern und die Zustände der neuesten Zeit dagegen sprachen; konnte ich überhaupt aus politischen, kirchlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Gründen in das schallende Frohlocken über jene Erfolge zu keiner Zeit einstimmen: so war nun doch die Glaubenstrennung vorhanden, schien sie mir durch den Bestand von drei Jahrhunderten für diejenigen Länder, die ihr den Eingang eröffnet, sich legitimirt zu haben, und war sie hiemit zu derjenigen Form geworden, unter welcher das Christenthum auch in unserm Ländchen sollte anerkannt und erhalten werden. Demnach erkannte ich als meine Aufgabe: dahin zu wirken, daß unvermindert dasjenige wenigstens noch bewahrt werde, was jene an ächt Christlichem behalten hatte, somit das Voranschreiten des übrig gebliebenen Positiven in das absolute Nichts aus allen Kräften abzuwehren. Hierüber habe ich mit dem Ausdruck der treuesten Wahrheit zu jener Zeit folgendermassen erklärt: »Dem Antistes Hurter waren die katholische und die protestantische[410] Kirche von jeher zwei unermeßliche Thatsachen, die nun einmal bestanden; zwei Gebiete mit scharf gezogenen Gränzen, innerhalb deren auf jedem eine eigene Reichsverfassung, ein eigenes Recht, eine eigene Gestaltung hervortrat. Er nahm jede dieser Gestaltungen als etwas Gegebenes, als einen legitimen Zustand, und als revolutionär galt ihm auf jedem Boden derjenige, der zunächst die gemeinsamen Fundamente untergraben, sodann derjenige, welcher die Rechte deterioriren, die Verfassung zerstören, die Gestaltungen zertrümmern wollte. Als Protestant konnte es ihm so wenig einfallen, die katholische Kirche als eine Usurpation zu betrachten [an pietistischen Schwindlern und rationalistischen Flachköpfen, welche selbst so weit sich versteigen möchten, fehlt es auch heutzutage nicht], so wenig es ihm als Schweizer einfallen kann, das Recht des allerhöchsten Erzhauses an Oesterreich und seine übrigen Länder deßwegen für eine Ursurpation zu halten, weil die Schweiz dem größern Theil nach von demselben sich emancipirt hat.« Ueberhaupt lassen diejenigen, welche außerhalb der katholischen Kirche stehen, jeden Augenblick auf einer höchst seltsamen Inconsequenz sich ertappen. Vermöge des eingeräumten Rechtes der freyen Forschung finden sie es gar nicht so auffallend, wenn der Eine die Uranfänge des Christenthums und ihre Bedeutung als historische Thatsache anzweifelt, der Andere seinen Stifter jeder höhern Bedeutung entkleidet, welche die heiligen Urkunden ihm beilegen, und der Dritte die Lehre selbst auf einen höchst abgemagerten Deismus zurückführt, ja Viele erkennen hierin vorzugsweise das Kriterium einer richtigen Auffassung der Reformation. Der freyeste Spielraum wird hierüber Jedem unbedenklich eingeräumt. Dagegen wird die starreste Blindgläubigkeit in Bezug auf den Werth, auf die Beweggründe und auf die Umstände der kirchlichen Umwälzung gefordert. Indeß jeder andere Zweifel unbedingt gestattet ist, soll hiegegen auch nicht das leiseste Bedenken laut werden, keinerlei Einwendung sich erheben; es brausen alsbald die verschiedenartigsten Stimmen wider derartigen Frevel durcheinander. Hierüber darf die Fackel der Kritik[411] nicht leuchten; hier soll die Vernunft sich gefangen geben; hier wird ein individuelles Urtheil Niemanden gestattet. Sollte hinter der Forderung, unter das einmal Normirte ohn' alle Widerrede sich zu beugen, die Ahnung lauern, zu welch' mißlichen Resultaten unbefugtes Nachforschen auf diesem Felde unfehlbar führen müßte? Ich hatte aber in meinem Werke über Innocenz die Lehre von dem Papst gar nicht von ihrer dogmatischen, sondern blos von ihrer historischen, politischen und rechtlichen Seite aufgefaßt, indem ich darüber sagte: »Ob sich dessen Bestehen durch Aussprüche der heil. Schrift rechtfertigen lasse, oder ob sich dasselbe aus dem Wesen der christlichen Kirche, als einer tiefer, denn eine blos philosophische Secte, begründeten Gemeinschaft, gleichsam nach einer Naturnothwendigkeit herausgebildet habe, ist für den Geschichtschreiber, der vielmehr die Größe, den Umfang und den durchgreifenden Einfluß dieser, Jahrhunderte durch das Menschengeschlecht bewegenden Thatsache in's Auge faßt, gleichgültig.« ? Dieser letztere Standpunct war es vorzugsweise, auf den ich mich gestellt hatte, wenn gleich die Auslegung derjenigen Aussprüche, aus welchen der Primat Petri abgeleitet wird, mir mehr für Bejahung als für Verneinung des Erstern zu sprechen schienen. Ich hatte mich aber mit der Prüfung der beidseitigen Gründe in Betreff dieser Frage niemals ernstlich befaßt, daher mir von Hrn. von St. Cheron die Bemerkung müssen gefallen lassen: »Diese Unentschiedenheit seye blos aus Schonung gegen meine Confessionsverwandten hervorgegangen; denn, obwohl von modernen Geschichtschreibern oft angewendet, seye die Indifferenz, welche die Rechtsfrage der Thatsache unterordne, ein allzubequemes Mittel, um aller Ueberzeugung sich zu entschlagen, als daß auch ich darnach hätte greifen können.« Auch in diesem Punct sind Freunde und Feinde zusamengetroffen. Ich aber sprach ? damals noch ? die volle subjective Wahrheit in den Worten, zu denen die Letztern mich veranlaßten: Will Jemand die Lehre vom Papst ein Dogma nennen, so mag er es thun; der Verfasser der »Geschichte Innocenzens[412] des Dritten« hat die Thatsache, die Institution, in ihrem wirkenden Verhältniß zu der Kirche und für die Kirche und auf die damalige Weltgestaltung aufgefaßt, ohne groß nach deren dogmatischen Begründung zu fragen. Daß bei solcher obwaltenden Stimmung im Verfolg, als Veranlassung und Gelegenheit dazu sich bot, der Uebergang auch zu der dogmatischen Gewißheit um so leichter ward, wird Niemand in Verwunderung setzen. Wer den Vorurtheilen keinen Einfluß auf sich einräumt, der steht bereits an der Pforte der Wahrheit. Ich habe daher nach dem 16. Juni 1844 von mehr als Einem das Geständniß erhalten: die Frage, ob ich einmal zur Erkenntniß der vollen Wahrheit gelangen und in die Kirche zurückkehren würde, seye unter Solchen, die mir seit langer Zeit wohlgewogen gewesen, mehrmals erörtert worden. Denjenigen, welche zu jener Hoffnung sich bekannnt, hätte man Jedesmal diesen meinen eigenen Ausdruck entgegengehalten, welcher hier in der katholischen Kirche, dort in dem Verein der von ihr getrennten Secten zwei neben einander laufende, gleichberechtigte Strömungen erkenne, denen der Mensch, je nachdem sein Leben in die eine oder in die andere gefallen seye, mit gleicher Zuversichtlichkeit folgen könne und müsse, wenn er gleich in den Bestandtheilen beider Fluthen, oder in deren Lauf, oder in ihren Wirkungen auf das, was sie berührten, etwelche Verschiedenheiten bemerken möge. Ich könnte ja ebensogut zu denjenigen gehören, die in der einen der beiden Thatsachen das minder Unvollkommene, als in der andern, die Vollkommenheit aber in keiner von Beiden erkennten, daher ihnen die Befugniß des gleichberechtigten Nebeneinanderbestehens unbedenklich einräumen dürften. Daß der religiöse Indifferentismus mich nie angewandelt habe, dessen wird man nach dieser Darlegung meines Lebensganges keinen Zweifel hegen können, und wird es durch Einiges, was von mir im Druck erschienen ist, genugsam bestätigt finden, sofern Verdrehungssucht nicht auch dieses sich zurechtzumachen beflissen ist. Erklärt man aber jene eigenen[413] Worte als den Ausdruck des confessionellen Indifferentismus, so liesse hiegegen wenig sich einwenden. Eine unabweisliche Hinneigung aber zu der Meinung, daß bei Einführung der Reformation das Wegfegen gar rasch und rührig betrieben und Manches, etwelchen unheimlichen Aussehens wegen, und noch weit mehr in einseitiger Beurtheilung, als Schlacke seye behandelt worden, woran bei minder Hast und Eifer und bei größerer Redlichkeit das edle Metall wohl zu erkennen gewesen wäre, ist sicher auf die damalige Ansicht nicht ohne Einfluß geblieben. Dieser confessionelle Indifferentismus, zumal wenn das Gemeinsame und Wesentliche darunter nicht Noth leide, schien mir zu jener Zeit etwas ganz Zulässiges. Die göttliche Gnade hat kräftig Hand angelegt, um mich aus dieser Verblendung herauszutreiben. Jetzt urtheile ich Anders, übereinstimmend demjenigen, was ein mir Unbekannter in der Zeitschrift »der Katholik« hierüber gesprochen hat. »Das Christenthum,« sagt er, »fand bei seinem Auftreten« auch »?zwei unermeßliche Thatsachen? vor, ?zwei Gebiete mit scharf gezogenen Gränzen,? das Judenthum und das Heidenthum; es ?nahm dieselben auch als etwas Gegebenes,? aber nicht ?als einen legitimen Zustand,? sondern ruhte nicht eher, als bis es dieselben in sich aufgehoben hatte, überzeugt, daß die Legitimität derselben mit dem Eintritte der Erlösung aufgehört hatte. Der Antistes Hurter ist ein geborner Protestant: als solchem kann man es ihm nicht verargen, wenn er präsumirt, daß der Protestantismus das ?legitime? Christenthum sey; aber bei dieser Präsumtion darf er nicht stehen bleiben, er muß mit sich selber und mit seiner Confession ins Reine kommen. Entweder ist die Reformation Wiederherstellung des reinen Christenthums, oder sie ist eine Verschlechterung desselben. Im ersten Falle ist die Legitimität der katholischen Kirche vernichtet, denn der Irrthum und die Sünde hat kein göttliches Recht; im andern Fall ist die Reformation von Geburt aus eine illegitime Empörung, und ein Abfall von der Kirche kann in alle Ewigkeit durch keinen Besitzstand, weil ?sie nun einmal besteht,? legitim werden,[414] so wenig als die katholische Kirche selber sich jemals dazu bestimmen wird, dem Protestantismus irgend ein göttliches Recht zuzuerkennen.« Noch richtiger hatten den Standpunct, auf dem ich bis zu jener Zeit mich befand, die »historisch-politischen Blätter« aufgefaßt. Sie bemerken über die angeführte Stelle: » Hurter hat also das Leben und Wirken der katholischen Kirche als welthistorische Erscheinung nur von der äußerlichen, menschlichen, natürlichen Seite aufgefaßt. Wie Tacitus den Römern die Sitten der Germanen und die hervorragenden Charaktere einer bessern Zeit, so hat er seinen Glaubens- und Zeitgenossen die Geschichte der katholischen Kirche und den großen Papst Innocenz III entgegengehalten. Der nämliche Abscheu vor der Zerfallenheit und Armseligket dieser Zeit und ihrer Erzeugnisse, nicht die höhere, heilige Sehnsucht nach den geistlichen Gütern, deren Verlangen jene Zeit erfüllte, hat ihn bewegt. Er stellt sich ausschließlich, von dem geistlichen absehend, auf den politischen Standpunct, und in diesem Gebiete zeigt er sich von ausnehmender Tüchtigkeit; aber das übernatürliche Leben der Kirche und dessen Verhältniß zum natürlichen Leben der Menschheit möchte er als ein verschlossenes Räthsel bei Seite lassen, ja ganz ignoriren. ? Wollte er freilich den Dingen des geistlichen Lebens dieselbige lebendige Theilnahme zuwenden, die er für das politische hat, so würde er unfehlbar von den Prämissen, die ihm durch seine Arbeit über Innocenz zu Handen kamen, rasch zu den äußersten Folgerungen vorgedrungen seyn, und die Bruchstücke, deren er habhaft geworden, hätte er bald zum Systeme ergänzt; aber er scheint sich davor zu scheuen, sonst hätte er unmöglich im Verfolge solcher Arbeiten um die katholische Kirche sich nicht bekümmern können; und darin liegt der Schlüssel des ganzen Räthsels,« u.s.w. Das Urtheil ist etwas scharf, es kam mir damals beinahe zu schneidend vor, und Hr. Dr. Phillips selbst scheint diese Ansicht getheilt zu haben; denn, ohne daß ich eine Bemerkung darüber machen konnte (ich lag zu jener Zeit schwer krank),[415] mißbilligte er es und bemerkte mir: der Aufsatz würde in dieser Form wohl schwerlich in »die historisch-politischen Blätter« eingerückt worden seyn, wenn nicht seiner Abwesenheit wegen die Redaction andern Händen hätte müssen anvertraut werden.? Jetzt, da volle vier Jahre mit allem ihrem Forschen, Prüfen, Nachdenken, mancherlei Studien, Beobachtungen und Erlebnissen, dann aber vornehmlich auch unter mancherlei Einflüssen göttlicher Gnade nicht an mir vorübergegangen, sondern durch mich genützt worden sind, muß ich jenem Unbekannten das offene Geständniß ablegen, daß er richtiger gesehen, als ich damals nur hätte eingestehen mögen, und daß überhaupt während langer Zeit dem politischen Standpunct von mir nur allzusehr das entschiedene Uebergewicht seye eingeräumt worden. Aber eben so sehr überzeugt mich jetzt der Rückblick auf den Gang meines Lebens, daß gerade auf jenem Standpunct allmählig die Sphinx heranwuchs, ohne welche das noch zur Seite liegende »verschlossene Räthsel« mir vermuthlich niemals wäre er schlossen worden. Erst nach dem 16ten Juni 1844 ist mir abermals klar geworden, welche unverwüstliche Glaubenskraft in allen wahren Gliedern der katholischen Kirche lebendig seye; welches Vertrauen an den endlichen Sieg der Wahrheit wie über das Ganze, so über den Einzelnen, dafern dieser nur etwelche Empfänglichkeit für sie bewahre, dieselben durchwalle. Lagen auch Vielen ähnliche Urtheile, wie das angeführte, nahe, bekannten Viele offen, daß solche Besorgniß mitunter wohl auch sie angewandelt hätte, so gestanden sie mir auch, daß sie in der Hoffnung, es werde mir unter Gottes Leitung die innerste Fülle aller Wahrheit doch noch sich erschliessen, nie gewankt hätten. Diese, an der Geschichte Innocenz III bewährte Empfänglichkeit für Wahrheit, die Entfernung aller Vorurtheile, erklärte mir nicht blos ein Einziger, habe zu der Erwartung berechtigt, es würde dieselbe Wahrheit, so sie auch nach andern Beziehungen mir begegnen sollte, wenigstens nicht auf Hindernisse und Widerstand stoßen. So wie es habe müssen anerkannt werden,[416] daß göttliche Gnade es mir möglich gemacht, die Geschichte Innocenzens in derjenigen Weise zu schreiben, wie sie vorliege, habe man sofort an fernerem Fortwirken dieser Gnade nicht zweifeln dürfen. Darum vernahmen so Manche meine Rückkehr in die Kirche mit aller Ruhe, als eine Sache, die nicht habe ausbleiben können, da Gott nicht auf halbem Wege inne halte. Hiemit drückte sich abermals die lebensvolleste Ueberzeugung aus, dergleichen seye »nicht Sache des Wollenden oder Laufenden, sondern des erbarmenden Gottes.« Eine Gesinnung, welche diejenigen sich merken können, die so viel von dem Pelagianismus der katholischen Kirche zu faseln wissen. Ferner sagte ich damals: »Um das Dogma der katholischen Kirche hat sich in Wahrheit der Antistes Hurter bisanhin noch wenig bekümmert; dasjenige seiner Kirche kennt er, an diesem hält er, ohne es sich durch die Exegeten verkümmern, durch die Dogmatiker gefährden, durch die Philosophen verfälschen zu lassen. Von der katholischen Kirche kennt er, was geschichtlich oder was sichtbar ist ? ihre Reichsverfassung, ihr Recht, ihren Besitz, wohl auch ihre Umgebung in Cultus und Disciplin.« Man hat die im Anfang dieser Stelle ausgesprochene Bersicherung in Zweifel ziehen wollen. Dennoch enthielt sie das aufrichtigste Geständniß. Wird vorausgesetzt, daß mir im allgemeinen geschichtlich nicht unbekannt gewesen sey, was außer dem von den Protestanten Beibehaltenen, Lehre der katholischen Kirche seye, so hätten allerdings die Zweifler recht gehabt. Aber durch den Ausdruck: »um Dogmen sich bekümmern,« dürfte doch etwas Anderes bezeichnet werden, als ein blos oberflächliches und je zufällig über andern literarischen Beschäftigungen erfolgtes Bekanntwerden jetzt mit diesem, dann mit einem andern Lehrsatz. Ich wenigstens habe unter diesem Ausdruck ein absichtliches Erforschen, ein Prüfen, Vergleichen, mit einem Wort[417] ein dogmatisches Studium verstanden, wobei allein der innere Zusammenhang eines Lehrgebäudes, Begründung und Bedentung aller Theile, Gehalt und Werth derselben, so wie des Ganzen, uns einleuchten kann. Jene Aeußerung von diesem Standpuncte aufgefaßt, ? und ich erkläre denselben für den allein zulässigen und richtigen, weil von mir in solchem Sinne wirklich eingenommenen, ? ist und bleibt der Ausdruck der vollen Wahrheit. Ganz anders ? und abermals muß ich jetzt in voller Ueberzeugung beifügen: mit größerem Recht ? wurde dieses Geständniß von katholischer Seite aufgefaßt. Die Zeitschrift »der Katholik« sagte hierüber: »Wir dürfen gewiß seyn, die sogenannten ?Amtsbrüder? haben diese Stelle unter allen am meisten befriedigend gefunden, falls ihnen nicht ihre Höflichkeit die Ausflucht an die Hand gegeben [und der Verfasser dieses Aufsatzes hatte richtig gesehen], der Antistes habe sich hier etwas Menschliches begegnen und zu einer Behauptung hinreissen lassen, die sie nicht ganz glauben können. Aber dieses Opfer, das er dem Protestantismus gebracht, ist viel zu gering. Er hätte sich um das katholische Dogma gar nicht [ich hatte gesagt ?wenig?] kümmern, sondern dasselbe vornweg ignoriren, entstellen, verläumden sollen. ? Er hat aber in den angeführten Worten ein furchtbares Bekenntniß des Protestantismus ausgesprochen. So weit also ist es in dem Protestantismus mit der salschen Sicherheit gekommen, daß auch die Besten, die Vortrefflichsten unter ihnen sich um das Dogma derjenigen Kirche, von welcher man abgefallen, ?wenig bekümmern!? Ist die Wahrheit und Seligkeit durch sie so wenig werth, daß man sich nicht einmal die Mühe nimmt, sich in Sachen des Heiles möglichste Zuverlässigkeit und Sicherheit zu verschaffen? Gesetzt, die katholische Kirche sey allein im Besitz der vollen christlichen Wahrheit; gesetzt, der Weg außerhalb der Kirche führe zum Verderben: welche Entschuldigung hat der protestantische Prediger, dem die Kenntniß von den Principien und Lehren der Kirche so nahe liegt, und der dennoch, ohne sich um dieselben zu kümmern, die[418] That des Protestantismus mir nichts dir nichts zu seiner eigenen That macht, und Hunderte und Tausende, denen er Führer und Lehrer ist, in der Trennung von der Kirche unterhält? Von einer solchen Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit weiß man in der katholischen Kirche nichts: der Priester, obschon fest begründet im Glauben an die Unfehlbarkeit der Kirche, erachtet es nichtsdestoweniger für seine Pflicht, sich um die Lehren und Grundsätze der von der Kirche getrennten Parteien recht sehr zu bekümmern, um seine formale Katholicität auch durchgängig zu einer materialen zu erheben, und sich überall als in seinem guten Recht mit der Verwaltung des Lehramtes zu wissen. F. Hurter ? ist so sorglos gewesen, sich ?um das Dogma der katholischen Kirche wenig zu bekümmern.? Bei diesem wenig kann und darf er es nicht belassen; er ist es sich selber und ist es der Wahrheit schuldig, kein blinder Nachtreter seiner Vorgänger und Zeitgenossen zu seyn.« ? Gottes Führungen haben übrigens Gewährung des wohlmeinenden Wunsches des theilnehmenden Verfassers bald nachher angebahnt: »um das Dogma der katholischen Kirche von ganzem Herzen mich zu bekümmern.« Während ich in Wien im Beschauen so vieler Merkwürdigkeiten aller Art, in Berührung mit so manchen Personen, im Genuß so erfreuender Erweise von Wohlwollen froh und behaglich mich bewegte; während ich Jarke's Voraussage: der Protestantismus werde mir meine Geschichte Innocenzens niemals verzeihen, nicht blos ungläubig, sondern scherzend von der Hand wies; während ich dem Bewußtseyn, mit vollem Ernst zu wollen, was ich kraft treuer Würdigung des Obliegenden nur immer sollte, fröhlich mich hingab, schienen die bereits vor einem Jahr sich regenden, von mir aber wenig beachteten Keime des Bruches und nachmaliger Erbitterung sorgfältig gepflegt worden zu seyn. Denn als bald hierauf beide mit all der Heftigkeit hervorbrachen, woran eine in bittere Entfremdung umgewandelte[419] Freundschaft gewöhnlich sich bemerkbar macht, wurde der Vorwurf unüberlegten Handelns in so stürmischem Herantreten wider mich durch die Erwiderung abgelehnt: »die Sache seye schon längst reiflich überdacht worden.« Indeß schien es gerathener, vorerst noch an sich zu halten, gegentheils, den Schein anzunehmen, als interessire man sich für so vieles Schöne, was ich auf meiner Reise gesehen, für alles Angenehme, was mir während derselben wiederfahren, als freue man sich mit mir dessen Allen, was in jenen Tage mich erfreut. Anerborene Offenheit hat Solchen gegenüber, welche gerne ausforschen, anbei den Schein hievon pfiffig zu vermeiden wissen, eine schwierige, meist unhaltbare Stellung. Es fällt mir nicht schwer, Etwas ganz unberührt zu lassen; hingegen bedarf es eines fest gefaßten Vorsatzes, wenn ich, sobald ein, mir nicht ganz gleichgültiger Gegenstand zur Sprache gebracht wird, meine Meinung in mich verschliessen soll. Allzugroße Offenheit hat mir hin und wieder im Leben Nachtheil gebracht; dennoch vermag das durch mancherlei Erfahrung gerechtfertigte Mißtrauen aus der Theorie selten zur Praxis vorzudringen; noch weit weniger aber könnte ich mich dazu verstehen, dieselbe bei irgend einer Frage an äusserlich beipflichtendes, innerlich abweichendes Zustimmen zu vertauschen. Weiter als zum einfachen Schweigen in solchen Fällen habe ich es nie gebracht, begehre auch nicht, es weiters zu bringen. Man hat sich nachwärts dessen kein Hehl gemacht, daß nur einer bequemen Veranlassung seye geharrt worden, um mit, »dem längst schon reiflich Ueberdachten« wider mich loszubrechen. Man stürzte dabei auf das Unglaubliche, Widersinnigste, ohne Rücksicht auf die trübe Quelle, aus der man es auffangen mußte, und ohne zu überlegen, daß man damit die letzte Ahnung dahingebe, als wäre alle ? ich will blos sagen gemeine ? Klugheit und nothdürftige Ueberlegung von mir gewichen. Je geringfügiger an sich diese Veranlassung erscheint, je bedeutungsloser sie anfangs mir selbst vorkam, je schneller der concrete Vorgang in das Gebiet abstracter Forderungen hinüberführte,[420] je umfangsreicher, gewichtiger und entscheidender die letzten Folgen sich erwiesen, und je bemerkenswerther in dem Verlauf der Sache die allmählige Entfaltung der höhern Absichten, die dessen Allen als Mittel zu ihren Gnadenzwecken sich bediente, mir werden konnte und zuletzt werden mußte, desto mehr glaube ich ein etwelches näheres Eingehen in den Verlauf dieser Begegnisse und in die selbsteigene, erst beschränktere, hierauf freiere Auffassungsweise derselben gerechtfertigt. War doch hiedurch der Knoten geschürzt, der in jahrelanger innerer Bewegung einer so segensreicher Lösung entgegengehen sollte! In die Angelegenheiten der thurgauischen Klöster, die ich seit ein paar Jahren zu verfechten hatte, waren auch diejenigen des benachbarten Frauenklosters St. Catharinenthal mit innbegriffen. Ungeachtet dasselbe blos anderthalb Stunden von Schaffhausen entfernt liegt, war ich doch dort ganz fremd. Daß aus jener Ursache die hochwürdige Frau Priorin mit den übrigen Conventualinnen, denen solcher Verwendung wegen mein Name nicht unbekannt seyn konnte, ein Verlangen hegten, mich persönlich kennen zu lernen, ist leicht erklärlich. Sie ließen mir mehrmals den Wunsch ausdrücken, ich möchte sie doch einmal besuchen; immer aber traten Hindernisse dazwischen. Den Winter pflegte mein Freund, Hr. Graf von Enzenberg zu Singen, gewöhnlich in Schaffhausen zuzubringen. So ergieng gleichzeitig an uns Beide die Einladung, ob nicht an irgend einem beliebigen Tag er mit seiner Tochter, ich mit meiner Frau in das Kloster kommen möchte. Hiezu wurden mehrere Tage vorgeschlagen; wir konnten uns aber auf keinen derselben vereinigen, da jetzt den Einen dieses, dann den Andern jenes im Wege stand; endlich konnte man sich auf den Donnerstag einer folgenden Woche vereinigen. Der Tag war bereits verabredet, als sich mir die Bemerkung darbot, es seye der 19. März, St. Josephstag. Dem Grafen war dieß doppelt lieb, weil der Festtag ihm ohnedem die Verpflichtung des Kirchenbesuches auferlegte, mir, weil er mein Geburtstag war, den ich auf solche Weise angenehm zubringen konnte. Ich ließ mir[421] also den Vorschlag, früher von hier abzufahren, damit der Gottesdienst nicht versäumt werde, gerne gefallen, und bemerkte: ich würde ebenfalls in der Kirche mich einfinden. Da wir unsere Ankunft auf gedachten Tag zuvor angezeigt hatten, veranstalteten die Frauen, in Aufmerksamkeit gegen den Grafen, daß die vorderste Bank in der Kirche mit einem Teppich behangen wurde, wie dieß immer zu geschehen pflegt, wenn angesehenere Gäste erwartet werden. Wir Beide, mit der Kirche unbekannt, fragten, um nicht durch Nachsuchen Störung zu veranlassen, den Beichtvater, wo wir unsern Platz finden könnten? Dieser erbot sich, nach beendiger Predigt uns denselben anzuweisen; was auch geschah. Die Kirche war ziemlich angefüllt und wir folgten insgesammt an die für uns bereitete Bank. Ich wohnte dem Hochamt in der Weise bei, wie ich es bisher, in der Nähe wie in der Ferne, ob gekannt oder ungekannt, immer zu thun pflegte: mit erforderlichem Anstand, Da es mir aber von jeher schwer fiel, sitzend oder stehend allzulange in unbeweglicher Ruhe mich zu halten, beugte ich mich bisweilen, und dazu noch in einen Mantel gehüllt, über die etwas niedere Vorderlehne hinüber, und richtete mich zwischenein wieder auf. Erstere Stellung konnte leicht derjenigen eines Knieenden gleichen, wurde aber häufig auch in einer unserer Kirchen, wo gerade Geklegenheit sich ergab, in gleicher Weise angenommen. Wirklich knieen zu wollen konnte mir um so weniger zu Sinn kommen, als die Kirche mit Menschen angefüllt war, blos anderthalb Stunden von meiner Vaterstadt entfernt liegt, ich wohl vermuthen durfte, unter den vielen Anwesenden wahrscheinlich mehr als Einem von Person bekannt zu seyn. Hätte ich aber auch dieß unberücksichtigt lassen können, ich würde schon meines Freundes wegen nicht anders mich benommen haben, wieder aus dem Grunde, welchen ich S. 405 berührt habe, um nicht den Argwohn von Menschengefälligkeit auf mich zu laden. Meine Vermuthung hatte mich nicht getäuscht. Wenigstens fand sich ein Bauer unseres Cantons, in der Nachbarschaft[422] wohnend, ebenfalls in der Kirche wohnend, doch, wie er nachmals selbst gestand, in einiger Entfernung von mir. Kaum nach Hause gekommen, schlich derselbe bei einigen Geistlichen herum, um sie mit dem Schrecklichen bekannt zu machen, wessen er Zeuge gewesen: der Antistes habe während des Hochamts geknieet, sogar andere Ceremonien mitgemacht. Sofort wurde für schnelle Verbreitung dieser Aussage gesorgt, an Erweiterung und Ausschmückung, die bis zum Ministriren bei der Messe gieng, fehlte es ohnedem nicht. Volle zehen Tage gieng die glückliche Entdeckung des Bauers von Mund zu Mund, während ich dessen nicht die mindeste Ahnung hatte; seit zehen Tagen wußten mehrere Geistliche darum, und nicht einer derselben hatte den redlichen Willen, mir, ausser einer kurzen, flüchtig gegebenen und darum auch blos ebenso berücksichtigten Andeutung, eine Anzeige davon zu machen; ungeachtet, wo es Verwendung und Dienstleistung galt, Jeder zu aller Zeit, in jeder Stunde mich sicher zu finden und zu treffen wußte. Erst nach zehen Tagen bei einem Leichenbegängniß, zu welchem die meisten Geistlichen sich einfanden, glaubte ich eine gewisse Zurückhaltung, eine Art Ausweichen an mehreren derselben wahrnehmen zu können. Im ersten Augenblick fiel es mir als etwas höchst Ungewöhntes allerdings auf; ich vergaß es aber alsbald wieder, weil ich mir keinen Zusammenhang, keine Veranlassung denken konnte, fuhr daher arglos nach Hause zurück. Am folgenden Tage, dem 30. März, war Prüfung der Studenten, zu welcher, theils als Mitglieder der Behörde, theils als Professoren mehrere Geistliche sich einfanden. Ich bewegte mich unter ihnen mit gewöhnter Zutraulichkeit und Freundlichkeit, die immer ohne Unterschied Allen gleich wohl wollte, in Allen Mitbrüder anerkannte. Dießmal ließ man mich durchaus nichts merken, ungeachtet der Augenblick des Ausbruches nahe stand, ohne Zweifel bereits beschlossen war. Denn selbst die nachmals gebrauchten Ausdrücke, gleichwie die ganze Weise der bald hierauf erfolgten Ausführung der Sache, lassen gegen vorangegangene Verahredung keinen Zweifel aufkommen. Wäre[423] es auch möglich, sowohl die Rechtmässigkeit als die Untadelhaftigkeit des ganzen nachmaligen Verfahrens durchzufechten, so müßte es doch sehr schwer fallen, das bis zum Augenblicke des Ausbruches beobachtete Zurückhalten, das tiefe Geheimniß, womit das Vorhaben umzogen wurde, zu rechtfertigen. Hiezu lag gewiß keine Veranlassung in der Stellung, konnte kein Vorwand in meiner Sinnesart, noch weniger in meinem Benehmen gegen Andere gesucht werden. Wer es vermöchte, in meine Täuschung und nachherige Enttäuschung ihrem ganzen Umfang nach sich hinein zu versetzen, der könnte sich darüber nicht verwundern, daß ich gerade durch dieses erst mysteriöse, hierauf hastige Betreiben der Sache amt empfindlichsten mich verwundet fühlen mußte. Es fand nämlich nach jener Prüfung eine kurze, blos formelle Zusammenkunft derjenigen Geistlichen statt, die in Schaffhausen anwesend waren. Für diese kleine Versammlung nun war eine Art officieller Anfrage verspart worden: wie es mit dem durch Stadt und Land und über dessen Gränzen hinaus sich verlaufenden Gerüchte über meine Theilnahme an dem Gottesdienst in St. Catharinenthal verhalte? Schon darüber war ich aufs höchste erstaunt, daß eine Sage, von der ich ausser jener kurzen Andeutung bis zu diesem Augenblick auch nicht eine Sylbe vernommen hatte, zu einem so weit und so laut verbreiteten Gerücht geworden seyn sollte. Ich fand mich über solche Mittheilung ebenso verwundert, als überrascht; brachte aber bei diesem ersten Stadium das Schroffe der Form, neben welcher frühere, offene Mittheilung und freundschaftlicheres Nachfragen dem Verhältniß, wie ich mir dasselbe stets geträumt und von meiner Seite stets sorgfältig gepflegt hatte, angemessener angenehmer, und entsprechender gewesen wäre, gar nicht einmal in Anschlag, sondern dankte selbst noch, daß mir nun Gelegenheit gegeben seye, wahrheitsgemäße Auskunft im Kreise meiner Amtsbrüder zu ertheilen, für die ich nicht nur vollen Glauben zu finden, sondern durch die ich zugleich volle Beruhigung zu verschaffen hoffte, Denn in der That, ich dachte mir die Sache[424] so: diese, die mit der Aussenwelt in mannigfaltiger Berührung standen als ich, hätten die Sage vernommen und nun, da sie dieselbe weit verbreitet gefunden, aus meinem eigenen Munde ein Zeugniß vernehmen wollen, um desto entschiedener gegen dieselbe sprechen zu können. Ich zweifelte sogar nicht, daß dieses bis jetzt schon werde geschehen seyn, und einzig die Absicht vorwalte, bei richtiger Kenntniß des Sachverhalts Solches mit mehr Gewicht thun zu können. Somit wurde diese Auskunst nicht allein mit der größten Unbefangenheit, sondern mit wahrer Freudigkeit ertheilt. Ich muß mich jetzt noch darüber verwundern, daß ich Aeusserungen, wie: man wäre mir allerdings Glauben schuldig, aber der Bauer verdiene wenigstens ebensoviel Glauben als ich, er seye ein » frommer« Mann (über welche Frömmigkeit nachher allerlei wollte gesagt werden), er mache sich anheischig, seine Aussage (die sich später in bloße Vermuthung verwandelte) mit einem Eide zu erhärten; daß ich ferner die wörtliche Wiederholung der ganzen Lüge in dem vollen Umfange der abentheuerlichsten Entstellungen, hier aber unverkennbar zur zweifellosen Wahrheit gestempelt, daß ich dieses Alles so ruhig anhören und hierin noch nicht die mindeste Spur von Mißstimmung oder andere Absicht, durch mich selbst Aufschluß zu erhalten, argwohnen konnte, als blos die natürliche und redliche. Dieß war einzig deßwegen möglich, weil ich immer noch an das Daseyn eines, auf gegenseitiges Wohlwollen und brüderliche Gesinnung gegründeten Verhältnisses glaubte, noch unendlich fern von der leisesten Ahnung stund, es könnte dieses in das Entgegengesetzte je umschlagen, oder bereits umgeschlagen haben. Selbst da mein Werk über Innocenz, die Reise nach Wien, mein Besuch in den österreichischen Abteyen, meine anderweitigen Verbindungen und Aehnliches als Gründe der Verdächtigung aufgeführt wurden, die Sage von St. Catharinenthal immer mehr in den Hintergrund trat, und es sich erwies, daß die anfangs verlangte Auskunft gar nicht beabsichtigt, oder doch nicht berücksichtigt werde, selbst da noch ließ ich mich in alle jene Fragen ein, immerwährend[425] mit derjenigen Offenheit und Gelassenheit, welche sich in dem Kreise wohlwollender Freunde glaubt, und der es daher unmöglich zu Sinn kommen kann, daß aus dergleichen Vorwänden ein Grund zu Verdächtigung wolle abgeleitet werden, oder auch nur sich könne ableiten lassen. Endlich rückte einer der Anwesenden mit der Hauptsache heraus: »Ich hätte mich der Gestattung eines katholischen Gottesdienstes nicht widersetzt und später die (nach 16 Monaten durch anonyme Zeitungsartikel hervorgerufene) Bemühung der Geistlichkeit für schützendere Maßregeln nicht getheilt, hiedurch deren Zuneigung eingebüßt.« Hierauf erklärte ich aber alsbald: »Dafern die Frage über Bewilligung eines katholischen Gottesdienstes noch nicht entschieden wäre, sondern erst heutiges Tages entschieden werden müßte, so würde ich, ungeachtet dieser Bemerkung, ganz wieder so stimmen und handeln, wie vor vierthalb Jahren.« Hiemit hatte die Wendung, welche meinem Leben sollte gegeben werden, für mich auf die unerwarteteste Weise ihren Ansang genommen; sie hatte denselben genommen an einer scheinbar höchst unbedeutenden Veranlassung, an einer Sache, die an sich ganz unschuldig war, und die nur durch eine Lüge zu demjenigen sich brauchbar machen ließ, wozu sie benützt wurde. Die Wahl des Tages zu jenem Besuch war so unabsichtlich erfolgt, als nur möglich, und an diesen knüpfte sich doch Alles. Weder an dem vorangehenden noch an dem nachfolgenden, noch an manchem andern Tage, der hiezu sich hätte ausersehen lassen, würde ich mit dem Kloster auch zugleich den Gottesdienst, besucht haben, das war nur an diesem Festtage möglich. Darum es um so weniger befremden darf, wenn das ursprünglich zufällig Scheinende, weil durchaus Absichtslose, allmählig für mich in den Bereich des Bedeutungsvollen und ernstlich Berücksichtigungswerthen hinübertrat. Wie bitter mir daher auch im Verfolg, und zwar in steigendem Maaße, dasjenige ward, was aus diesen Anfängen sich entspann, bitter ? ich spreche hiemit die innerste, die aus der reinsten Wahrheit hervorgehende Ueberzeugung aus ? weniger[426] am Ende meiner Person wegen, sondern derer wegen, die vorzüglich dabei handelten, weil sie hiemit in völlig umgekehrtem Lichte sich darstellten, als ich sie mir zu denken gewohnt war; wie sehr auch die Sache eine Zeitlang mich in Bewegung setzte und den Verlust mancher Stunde bedauern ließ, die ich lieber harmloser zugebracht und zu friedlichern Zwecken verwendet hätte: ein Moment trat aus dem anfänglichen Gewirre sehr bald hervor; ein Moment, welches ich ? anfangs wider, dann mit Willen ? selbst bis auf die heutige Stunde festhalten mußte, welches immer von neuem meiner Erwägung mit unabweislicher Macht sich darbot, welches, zuerst ein kleines flimmerndes Lichtlein, an Helle immer zunahm und allmählig zur leuchtenden Fackel wurde, das Moment nemlich: daß die Veranlassung zu jener Wendung, die dem innern Leben vor dem äussern das Uebergewicht und jenem die endliche Bestimmung gab, an meinen Geburtstag sich knüpfte. Anfangs zwar, wie noch Alles, was in den ersten Monaten nachher folgte, gleich einem unentwirrten Knäuel vor mir lag, konnte dieses in augenblickliche Vergessenheit kommen, vorübergehend unbeachtet bleiben. Sobald aber etwelche Ruhe eintrat, später vollends, als ich mit heitererem Blicke rückwärts und mit forschendem Sinne in die Zukunft schauen mochte, da stellte sich der Geburtstag des Jahres 1840 immer von neuem als Denkstein auf, an welchem das Auge des Gemüthes haften mußte. Gehen doch von des Menschen Geburtstag alle Beziehungen zu dem jenigen aus, was rückwärts jedes, in dem Laufe der Zeit festgehaltenen Momentes liegt; darum war in diesem der Sinn nimmer von der Ahnung loszureissen, daß derselbe tu solchem mahnenden Heraustreten zu der Zukunft gleichfalls nicht ohne folgereiche Beziehung bleiben könne. Die Sache sammt deren Folgen, zu welcher Bedeutung für mich diese auch erwuchsen, trat zuletzt, so zu sagen, vor dem Tag in den Hintergrund, oder theilte doch mit demselbem alles Gewicht. Dieser gewann für mich je langer desto mehr die Bedeutung eines[427] unverkennbaren göttlichen Winkes, zu dessen Verständniß zu gelangen mein Bestreben fortan gerichtet seyn müsse. Hiemit gieng dann über dieses, nur im allerersten Beginn unbeachtete Zusammentreffen immer heller das Licht auf; das scheinbar Zufällige verklärte sich immer mehr zum Absichtlichen in der Fügung eines Höhern; und aus dem Dunkel, welches von dort her anfänglich mich zu umziehen schien, ist allmählig heiterer und heiterer und endlich in vollem Strahlenglanze am erneuten Himmel die Gnadensonne herausgezogen. Hätte ich wohl am St. Josephstag des Jahres 1840 ahnen dürfen, daß ich am St. Dominicustage des Jahres 1844 in derselben Kirche von St. Catharinenthal zu nicht geringer Freude der theilnehmenden Klosterfrauen unmittelbar nach ihnen die heilige Communion empfangen würde? Zwischen innen liegt die Vollendung der göttlichen Führungen. »Wer darf sagen, daß Etwas geschehe ohne des Herrn Gebot?« spricht der Prophet. Auch da mag wohlfeile Weisheit sich Deutungen oder nüchterne Belehrungen erlauben, sicher hätte ich diese seiner Zeit ohne beträchtlichen Geistesaufwand selbst mir geben können; aber es war in jenem Zusammentreffen eine Macht über mir, der ich nicht zu entfliehen vermochte. Gerade darum auch, weil die Sache mit allen ihren Folgen an meinen Geburtstag sich knüpfte, gleichsam der erste Laut der göttlichen Mahnungen, welche von da an immer ergreifender und verständlicher geworden sind, an diesem erschallte, habe ich vorliegender Schrift den Titel Geburt und Wiedergeburt gegeben. Der gleiche Jahrestag, mit welchem das bereits begonnene leibliche Leben heraustrat, um sichtbar zu werden und zu beginnen seine Functionen, wenn auch in seinen Anfängen seiner selbst noch nicht bewußt, eben dieser Jahrestag sollte das innere Leben ablösen von der Hüller die sein selbstständiges Regen bisanhin gehemmt; eben dieser Jahrestag sollte die ersten Pulsschläge dieses Lebens, ebenfalls ihm noch unbewußt, hervorrufen, damit auch sie, gleich denen des leiblichen Lebens, unter Einflüssen von Aussen und[428] unter Schmerzen und Zuckungen erstarken und so hinaustreten in das volle, freye, klare Bewußtseyn. »Ist schon das Individuum, welches in seinem Wollen und Vollbringen durch Zeitungsblätter sich bestimmen, seinen Bündel rerum expetendarum et fugiendarum durch solche sich schnüren läßt, in tiefstem Herzensgrunde zu bemitleiden, was läßt sich alsdann über Behörden sagen, welche durch dieselben ihr Geschäftsverzeichniß sich anfertigen lassen und hierin noch den Anschein sich geben möchten, als fielen ihnen die Blätter blos zufällig in die Hände. So ward, da gleichzeitig mit dem Auftreten mehrerer Geistlicher gegen mich ein Zeitungsblatt jenes Gerede ? jedoch vorerst nur als solches ? berührte, durch die weltliche Gewalt, ohne jede andere Veranlassung als diejenige unbefugter und verkappter Einmischung eilfertig berathschlagt und beschlossen: dem Kirchenrath Untersuchung aufzutragen.« Dergleichen regiminelle Eigenthümlichkeiten in einem Republiklein, in welchem Persönlichkeiten und an diese sich anreihende Sympathien und Antipathien eine so große Rolle spielen, dürfen nicht befremden. Bei einem würdevollen und geordneten Geschäftsgang würde dergleichen schwerlich vorgefallen seyn; er würde, ob ich irgend einen Schritt thun wollte, abgewartet, zuletzt, wäre dieß unterblieben, mir insinuirt haben: entweder ich, oder die Behörde. Jetzt dagegen, wo doch offenbar der erste Schritt von mir ausgehen mußte, sey' es nun, daß ich bei der Behörde Schutz wider Angriffe verlangen, sey es, daß ich, unsern Rechtsformen gemäß, auf richterlichem Wege Genugthuung suchen wollte, jetzt machte jene Ueberweisung die Sache zur Staatsangelegenheit, und lieh ihr alles Gewicht, welches einer solchen gebürt, indeß dieselbe später, als es heilige Pflicht gewesen wäre, das nach eigenem Willen Begonnene bis zu dem letzten Ziele: der Genugthuung für mich, hinauszusühren, sie sich zurückzog und mich auf den richterlichen Weg verwies,[429] Indeß war ich der Intention nach der Behörde, der Schlußnahme nach die Behörde mir zuvorgekommen. Benn bevor ich von jener etwas wissen konnte, hatte ich am 3. April vor dem Beginn einer Sitzung des Kirchenraths dem Bürgermeister erklärt: am Schluß derselben würde ich Veranlassung nehmen, über die verbreiteten Gerüchte die erforderliche Auskunft zu ertheilen. Derselbe hatte aber bereits den Auftrag, in erwähntem Sinne die Sache zur Sprache zu bringen. Der damalige Amtsbürgermeister Im Thurn war ein billigdenkender Mann, der die Meinung, daß anonymen Zeitungsstimmen ein Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten einzuräumen seye, nicht theilte. Er gehörte noch zu Denjenigen, welche der Ueberzeugung sind, daß das Gemeine Wesen nicht besser fahre, wenn jeder Lotterbube sich's herausnehmen dürfe, höher Gestellte entweder zu meistern, oder sie zu verdächtigen, oder zum Richter über sie sich aufzuwerfen. Schon dem Ton seiner Rede, so wie den gewählten Ausdrücken, womit er im Auftrag des kleinen Rathes im Kirchenrath die Sache berührte, konnte man es entnehmen, daß es der Erguß seines tiefsten Gefühls seye, wenn er sagte: er erfülle eine peinliche Pflicht, indem er einen Gegenstand zur Sprache und Berathung bringen müsse, der das hohe Ansehen, welches der Vorsteher der vaterländischen Kirche mit vollem Recht genieße, nahe berühre, Allein die Nothwendigkeit erheische, daß die fragliche Anschuldigung in objectiver und subjectiver Beziehung genau untersucht werde, »damit die Ehre und das Ansehen des Antistes sowohl, als der gesammten Geistlichkeit, bestens gewahrt werden könne.« ? In gutem Glauben, die Behörde habe in ehrlicher und redlicher Absicht mit dieser Angelegenheit so eilfertig sich betheiligt und werde sie auch in solcher an das leicht zu findende Ziel führen, bezeugte ich meine Freude über dieses amtliche Einschreiten, gab übrigens auch hier jene Auskunft, welche ich bereits einige Tage früher den Geistlichen gegeben hatte. Der Kirchenrath ernannte eine Commission zur Untersuchung[430] d.h. zum Verhör jenes Bauern. Sie bestand aus ein paar Geistlichen, denen es um nichts weniger, als um die Beweisführung der Wahrhaftigkeit meiner wiederholten Erklärungen zu thun war, die jenes hintennach hinkende Anstreben gegen Bewilligung eines katholischen Gottesdienstes am meisten betrieben hatten; dann aus einem Weltlichen, der im Anfang der Revolution und bei Anlaß jener Theilung des Stadtguts ungemein viele conservative Meinungen vor mir zur Schau getragen und häufig über die Richtigkeit der Lehren in Hallers Restauration mit mir gesprochen, nie aber den Muth gehabt hatte, sie öffentlich zu bekennen, hier nun ganz durch jene Beiden um so willfähriger sich bestimmen ließ, da er eine der Hauptstützen des schaffhauserischen Pietismus war, welcher überhaupt in der ganzen Sache eine merkwürdige Rolle spielte. Es wurde mir später gesagt, jene Geistlichen wären so weit gegangen, daß sie sich sogar in die Kirche von St. Catharinenthal begeben und dort das Maaß der Bank genommen hätten, die uns seiner Zeit angewiesen worden, um hieraus zu ermitteln ? ich weiß selbst nicht was; da eine leere Bank schwerlich Zeugniß darüber ablegen kann, welche Stellung einst Jemand in derselben angenommen habe. Indeß müssen die Aussagen des Bauern, als des Urhebers des Geredes, gar nicht befriedigend ausgefallen seyn, denn es wurde am 24. April berichtet: es seye für Bestätigung jener Anschuldigungen nichts gefunden worden. Weil aber inzwischen ein paar Subjecte, wahrscheinlich aus politischer Abneigung und von dem heutzutage vielfach vorkommenden Uebermuth wider höher Gestellte getrieben, gegen die Commission aus Hörensagen verlauten ließen: es dürfte möglicher Weise von Andern zu vernehmen seyn, was der Bauer nun nicht mehr Wort haben wollte, ? so meinten jene drei, die Acten wären noch nicht geschlossen, d.h. es lasse vielleicht auf anderem, als auf dem gewiesenen Wege, doch noch etwas sich ergrübeln. Amazon.de Widgets Trotz dessen beschloß der Kirchenrath, vorerst die Acten dem kleinen Rath mitzutheilen, der am 27. April eine weitere Untersuchung[431] von sich aus verfügte, abermals eine Commission damit beauftragte, die jedoch am 4. Mai wieder nichts Anderes berichten konnte, als: das verbreitete Gerücht seye unbegründet und unwahr, es ergebe sich aus Allem nichts als die Thatsache, »es habe der Antistes Hurter an gedachtem Tage dem Gottesdienst in der Kirche zu St. Catharinenthal beigewohnt.« In Folge dessen wurde wörtlich in das Protokoll aufgenommen: »Es gehe für den kleinen Rath aus den veranstalteten Untersuchungen die vollkommene Ueberzeugung hervor, daß das verbreitete Gerücht, als hätte der Antistes am dießjährigen St. Josephstage in Gesellschaft des Herrn Grafen von Enzenberg die Kirchenfeyer nach den Vorschriften der kathol. Kirche mitgefeyert und da durch dem Publikum ärgerlichen Anstoß gegeben ? ungegründet und unwahr ? seye, und aus diesen Untersuchungen lediglich die Thatsache sich ergebe, daß er an gedachtem Tage dem Gottesdienst in der Klosterkirche zum St. Catharinenthal beigewohnt habe. Unter solchen Umständen seye für den kleinen Rath keine Veranlassung vorhanden, weitere Schritte in dieser Sache zu thun.« Eben diese Behörde also, die 24 Tage früher hatte ankünden lassen: es müsse eine Untersuchung angestellt werden, damit (d.h. zu dem Zweck) »die Ehre und das Ansehen des Antistes ? bestens gewahrt werde,« fand nun keine Veranlassung, in dieser Sache weitere Schritte zu thun, durch diese Schlußnahme förmlich zu bekennen, jener angebliche Zweck seye nichts weiter als ein Vorwand gewesen, der nichts weniger als bindend für sie seyn könne. Welcher Wiederspruch in diesen beiderlei, unter gleichem amtlichen Ansehen gegebenen Erklärungen! Welche Lojalität der Gesinnungen! Welche Würde des Verfahrens! Da in der Zwischenzeit diese Angelegenheit sowohl zu einem Bruch zwischen mir und einem Theil der Geistlichkeit als zu einer Parteyung in dieser selbst geführt hatte; da sie, wie an einem kleinen Ort, wo Alles sich näher steht, dieß natürlich ist, nicht blos zum allgemeinen Tagesgespräch geworden war, sondern[432] Manche mit Bitterkeit gegen mich, Andere (die sich bei Hrn. Hengstenberg in Berlin dafür bedanken mögen, daß er sie in elobo zu Indifferentisten, Wüstlingen und Schwelgern gestempelt hat) für mich gestimmt; da endlich jene amtliche Erklärung des Amtsbürgermeisters im Kirchenrath: »Wahrung der Ehre und des Ansehens des Antistes« als Zweck der angeordneten Untersuchung hervorgehoben hatte, glaubte ich, wäre es, nun der vorgegebene Zweck unzweifelhaft erreicht wäre, Obliegenheit des kleinen Raths, irgend einen öffentlichen Schritt zu thun. Hatte er ja durch Ueberweisung an den Kirchenrath nicht nur mit der Sache sich behelligt, durch Niedersetzung zweyer Commissionen und Einvernahme, ich weiß nicht von welchem und von wie viel Personen, der Sache nicht allein Publicität, sondern öffentliche Wichtigkeit gegeben; anbei ? da doch wohl Behörden Untersuchungen nicht blos zu Befriedigung ihrer Neugierde anstellen ? durchblicken lassen, daß, sofern irgend etwas von dem Ausgesagten mir erweislich würde können zur Last gelegt werden, die Behörde ihrer amtlichen Stellung und ihrer Pflicht würde wahrnehmen. Schwerlich wird Jemand daran zweifeln, daß bei einem andern Ergebniß der Untersuchung sehr Mißbeliebiges meiner würde gewartet haben. Ueberdem wird unsere Zeit auch deßwegen als eine vorangeschrittene und glückhafte gepriesen, weil die Formen ungleich mehr ausgebildet seyen als ehedessen, weil die gesammte Staatsmaschine ungleich mehr innerhalb derselben sich bewegen müsse, weil hierauf der vorzügliche Werth gelegt wird. Ich theile zwar diese Ansicht keineswegs; war sie aber einmal angenommen, suchte man sie bei manchen Gelegenheiten mit allem Gejauchze als die unbedingt gültige zu präconisiren, so müßte man auch hier diese Gültigkeit anerkennen. Wie indeß der menschliche Organismus, neben den allgemeinen, noch an besondern, climatischen, landschaftlichen oder beruflichen Gebrechen leidet, andere hinwiederum verschiedenen Zeitperioden eigen sind, so können gewisse Ungerechtigkeiten nur in dem großen, andere blos in dem mikroscopischen Staat begangen werden. Die Königskrone und[433] die Jakobinermütze haben ihre Kabinetsjustiz, der Adler und der Zaunkönig ihre Idiosynkrasien. Die beabsichtigte Untersuchung hatte amtlich, und von Behörde zu Behörde gehend, eine lobenswerthe Absicht angekündigt. Die Untersuchung vollzogen, ward die Absicht ? nicht vergessen ? nein, rundweg abgeläugnet, gleich als gäbe es keine Protokolle. Offen war durch das angeordnete Verfahren bezeugt worden: am Ende könnte doch Etwas an der Sache sehn; offen zu erklären: es ist nichts daran, ? dieser Schuldigkeit glaubte man sich überhoben. Es war, als hätte man sich in das Ohr geraunt: »uns gelüstet, der noch unermittelten Anschuldigung die größte Oeffentlichkeit zu geben; sollte jedoch aber hieraus eine Rechtfertigung hervorgehen, so muß diese sorgfältig in unsern Kreis verschlossen bleiben; wird es uns möglich zu handeln, so wissen wir, was wir zu thun haben; wird es uns dagegen unmöglich, so mag der Andere dieser Unmöglichkeit sich freuen.« Der Burgdorfer Hans Schnell hat einst von einer ungleichen Elle gesprochen, nach welcher die Leute ihrer politischen Meinung gemäß zu behandeln wären; hier war gar keine Elle vorhanden, nichts als ein altfränkisches: Fügen euch zu wissen, wenn ich nicht wohl will, dem will ich nicht wohl ? hienach habt ihr euch zu achten. Man nennt dieses in hämischem Seitenblick auf vormalige Rechtszustände republikanische Regeneration. Hätte sich die Behörde in die Sache entweder gar nicht, oder blos auf mein Ansuchen eingemischt, so konnte ich von ihr auch nichts verlangen. Jetzt aber (dieß sagte mir, ohne Rechtsgelehrter zu seyn, das natürliche Rechtsgefühl) da sie mit desselben sich betheiligt habe, unter natürlichem und gewiß, wie von Jedermann, so auch von mir anerkanntem Vorbehalt, eventuellen andern Ausganges, kraft ihrer Stellung wider mich aufzutreten, jetzt seye es ebensosehr ihre Schuldigkeit, wenn nicht gerade für mich aufzutreten, doch ein evidentes Zeugniß zu geben, daß zu Jenem keine Veranlassung vorhanden seye. Was öffentlich begonnen worden, hätte auch öffentlich sollen beendigt[434] werden; öffentlicher Erklärung der Möglichkeit, Etwas zu finden, hätte öffentliche Erklärung folgen sollen: es habe nichts sich finden lassen. Rechtskundige mögen nach dieser kurzen aber getreuen Darstellung entscheiden: ob hiemit nicht ein bloßes Absolviren ab Instantia (und selbst nicht einmal dieses, da solches wenigstens dem in Untersuchung Gezogenen eröffnet wird, mir aber verschwiegen wurde) eingetreten seye, und ob in vorliegendem Fall dasselbe auch nur von ferne sich rechtfertigen lasse; da durch eine solche Schlußnahme »die Ehre« eines Beklagten nichts weniger als »gewahrt wird,« sondern das aliquid Hæret unzertrennlich damit verbunden ist. Während vollen fünf Wochen hatte ich der ganzen Angelegenheit in vollkommener Ruhe nach dieser Seite hin ihren Gang gelassen, ohne bei Jemand demselbem nachzufragen, ohne Jemand Aufschlüsse ertheilen zu wollen, ja selbst ohne mit Jemanden darüber zu sprechen. Ich setzte in die oberste Behörde noch das volle Vertrauen pflichtgetreuer Redlichkeit. Als ich hierauf von ferne her vernahm, jetzt seye die Sache durch dieselbe erledigt worden, doch ohne daß eine Mittheilung an mich erfolgte, war es natürlich, daß ich zuletzt den Amtsbürgermeister befragte, was, nun die Untersuchung beendigt wäre, in Gemäßheit der offen und bestimmt angekündigten Absicht derselben wolle gethan werden? Ich war ganz erstaunt über die Antwort: »der kleine Rath habe das Ergebniß in sein Protokoll niedergelegt, weiter werde nichts geschehen.« ? »»Aber so, bemerkte ich, könnte ja Einer öffentlich des Diebstahls bezüchtigt, Untersuchung verordnet, und nach Erfund seiner Schuldlosigkeit auf das Begehren um Rechtfertigung erwidert werden, diese stehe in irgend einem Protokoll niedergeschrieben, wo weder der Regen sie verwischen, noch Sonnenschein sie verbleichen, noch keines Menschen Auge sie sehen, aber auch er gegen Niemand darauf sich berufen könne.« ? Empört über eine solche Handeinsweise und zwar durch eine Behörde, welcher in letzter Beziehung die obersten Interessen, wie diejenigen der Gesammtheit so des Einzelnen, mit Zuversicht sollten anvertraut werden[435] können, und welche von allen Bürgern nicht bloß Achtung, sondern »Hochachtung« fordern will, richtete ich unter dem 6. Mai an dieselbe nachstehende Zuschrift: »Mit dem morgigen sind 14 Tage verflossen, seit von dem Kirchenrath die fernere Untersuchung in Betreff der Aussage jenes Menschen wieder an den kleinen Rath zurückgieng. Bis heute Abend fünf Uhr harrte ich, ob wohl in dieser Angelegenheit eine Schlußnahme erfolgt seyn und mir mitgetheilt werden möchte. Bis heute Abend fünf Uhr ist mir nichts zugekommen, woraus ich wohl entnehmmen darf, die Sache habe noch nicht wollen beendigt werden. Nach sechswöchentlichem ruhigem Zuwarten und Schweigen wird man es nun nicht mehr zu frühe finden, wenn ich letzteres vorläufig breche und ein Resultat nicht mehr erwarte, sondern bestimmt fordere. Lassen Sie mich einen flüchtigen Blick werfen auf den Gang dieser Sache! Eine namenlose Zeitungslüge veranlaßte am 2. April den kleinen Rath, nicht mich, wie ich es von freyen Stücken anerboten, zu vernehmen, sondern, weil die oberste Autorität unserer Tage, eine Zeitung, gesprochen hatte, von vornherein eine Schuld anzunehmen, den Kirchenrath zur Untersuchung aufzufordern, was am 3. April beschlossen und sofort, wie dieß in einer kleinen Stadt zu geschehen pflegt, allgemein ruchtbar und zum Mittel wurde, die Erwartung so oder so zu spannen. Im Kirchenrath wird mir zwar eine Erklärung abzugeben gestattet, was aber der kleine Rath demselben zur Kenntniß zu bringen für gut finde, vorenthalten. Es wird zur Untersuchung eine Commission niedergesetzt, von dieser über die Depositionen desjenigen, der die Sache in Umlauf gebracht, ein Protokoll vorgelegt, von dessen Inhalt aber demjenigen, gegen welchen die Untersuchung gerichtet seyn soll, wieder nicht das Mindeste mitgetheilt. Das Resultat einer langen Sitzung des Kirchenrathes scheint damals kein anderes gewesen zu seyn, als die Acten zu abermaliger Untersuchung an den kleinen Rath zurückgehen zu lassen, indem, dem öffentlichen Gerüchte zufolge, das Glück einen Dritten auf die Bahn brachte, der deßwegen,[436] weil er von Hörensagen Etwas vernommen, ebenfalls als vollgültiger Zeuge ausgesagt hat, bleibt mir wieder ein Geheimniß, und nun nach weitern 14 Tagen steht die Sache gerade noch da, wo sie am 31. März gestanden, und ist bis heute Abend 5 Uhr mir wenigstens nichts notificirt worden, was auf Beendigung derselben schliessen liesse. Dieses für mich räthselhafte Procedere läßt sich aus zwei Standpuncten beurtheilen: von dem rechtlichen und von dem moralischen. Wenn ich nun, unter gewissenhafter Darlegung des Standes der Sache und des bisherigen Verfahrens, von irgend einer Rechtsfacultät, welcher Universität es seyn möchte, mir ein Gutachten über diesen eingeschlagenen Weg und das bisherige Resultat wollte verfassen lassen, wie glauben Sie wohl, Tit., daß beide würden beurtheilt werden? Wie kann Einer förmlich angeklagt, unter Sang und Klang Untersuchung angestellt, dann, während man zusehends wahrnehmen kann, daß durch Zögerung nur gemeinste Leidenschaftlichkeit gegen den Betreffenden fortwährend genährt werde, die Sache so ruhen bleiben? Wie kann man, sie vielleicht gar noch einschlummern zu lassen, die Absicht haben? Nun aber der andere Standpunct ? der moralische. Er öffnet die Aussicht nach zwei Richtungen, gegen Sie, Tit., sodann gegen mich. Es kann Ihnen nicht unbekannt seyn, wie willkommen jene Aussagen für Einige, welche die Larve der Achtung, der Zuneigung und des Vertrauens dann schnell abwerfen konnten, geworden sind; wie diese Aussagen nicht allein schnell verbreitet, sondern auch noch manches Andere daran geknüpft wurde; wie erwünscht Einigen eine solche, weit hinausgezogene Ungewißheit seye; wie, nachdem sie genug bescheint haben, daß ihnen gegen mein Ansehen, meine Person und meine moralische Würde kein Mittel zu gemein, zu schlecht, zu verwerflich seye, wie diese ein solches Zögern auszubeuten wissen; wie Manche wenigstens, die eine unbefangenere Meinung lange noch festhielten, nun je länger desto mehr wankend gemacht werden müssen; wie alle diese Ungewißheiten nur auf meine[437] Kosten ins Endlose hinausgezogen werden: ? dieß zu entwickeln, bedarf es keiner langen Erörterung, keiner weitläufigen Ausseinandersetzung. Tit., erklären Sie herzhaft, Alles, was ich unaufgefordert, bei meiner Ehre, bei meinem Gewissen, als Mann von Stand, Rang, Würde und Charakter versichert habe, für Lüge, erklären sie die Lüge, wie sie durch die Zeitung auch zu Ihnen gelangt ist, für unumstößliche Wahrheit: so haben Sie doch einen Spruch gethan, zwar in etwas orientalischer Weise; aber es ist doch ein Spruch, es ist doch eine Erklärung, es zeigt doch noch einen Willen, es heißt doch noch regiert; während dieses Hinausziehen, dieses Tergiversiren, dieses Winden, um Jemand Recht zu halten, dem man lieber Unrecht gäbe, eine Quelle des Verderbens und, wer weiß es, zuletzt noch der mannigfaltigsten Verwicklungen werden könnte. Der moralische Standpunct öffnet aber auch die Aussicht auf Sie, Tit.. Zwar kenne ich den obersten Grundsatz der jetzigen Regierungen wohl: daß sie Niemanden verantwortlich seyen als Gott und ihrem Gewissen. Wer aber mag es demjenigen, der hiermit allein nicht sich zufrieden stellen kann, verargen, wenn ihn, wie es bei mir der Fall ist, bei längerer Verzögerung einer vollkommen befriedigenden Erklärung am Ende der Argwohn beschleicht: die Untersuchung seye unternommen worden, einzig in Hoffnung, Etwas gegen ihn herauszufinden; jetzt nun, da diese Hoffnung zerronnen, biete sich allmähliges Erlöschenlassen als letztes Mittel, ihm doch noch Etwas wenigstens anzuhängen. Wer kann es mir verargen, wenn ich bei der ganzen Sache noch andere Elemente üblen Willens im Spiel glaube? Wer kann es mir verargen, wenn ich ein solches Beginnen, Fürschreiten und Ausgehen in enge Verbindung mit meinem Geschlechtsnamen, mit anderweitigen Meinungen, mit Manchem bringe, was ich hier nicht einmal auszusprechen wagen darf? Sie werden sagen, Tit., diese Zuschrift sey nicht in geziemendem Ton abgefaßt. Es mag seyn! Aber habe ich nicht sechs Wochen ruhig gewartet? Habe ich nicht unbedingtes Vertrauen[438] in die Behörden gesetzt? Habe ich nicht deßwegen über Alles, was so vielfältig gegen mich gerichtet wurde, geschwiegen? Habe ich je an den Behörden getrieben? Habe ich einzelne Mitglieder um den Stand der Sache befragt, oder gar dieselben zu stimmen gesucht? Habe ich mich nicht immer getrost auf mein Bewußtseyn, auf die Unpartheilichkeit, auf die Gerechtigkeitsliebe der Behörden verlassen? Und nun, da ich bis heute noch einen Bescheid zu erhalten hoffte, da ich, fortan in derselben Ungewißheit, so zu sagen einem vehmgerichtlichen Verfahren mich blosgestellt sehe, nun glaube ich, durch alles jenes Zuwarten, durch alle jene Ruhe mir ein Recht erworben zu haben, nicht bitten zu können, sondern fordern zu dürfen, daß endlich Etwas geschehe; dieß um so mehr, da ich je länger desto weniger von der Ueberzeugung mich trennen kann, daß, wenn mir irgend etwas Bestimmtes hätte zur Last gelegt werden können, man wohl rascher würde zu Werke gegangen seyn. Sollte, wie ich kaum zu besorgen wagen möchte, die Mehrzahl der Glieder des kleinen Raths durch diejenigen, die Alles in Bewegung setzen, wider mich eingenommen seyn, deßhalb irgend etwas vollkommen Befriedigendes mir versagen, dann würde ich mich genöthigt sehen, dieses ganz merkwürdige Verfahren zuerst, wenigstens anzeigsweise, zur Kenntniß des großen Rathes, sodann aber mit aller möglichen Einläßlichkeit zu derjenigen des Publicums sowohl in- als außerhalb der Schweiz zu bringen. Sollte auch der große Rath den Machinationen einiger Weniger gegen meine Person das Wort reden, so würde ich zuletzt, wenn immerhin ungerne, es vorziehen, ein Land zu verlassen, in welchem Gesetz und Obrigkeit nur dem muthwillig Angreifenden Schutz gewähren, gegen die Angegriffenen dasjenige kehren, was sonst in ehevoriger Zeit gegen jene gewendet wurde. Genehmigen« u.s.w. Der Amtsbürgermeister theilte den Brief nicht der Behörde, sondern blos einem Mitgliede derselben mit. Man fand es für gut, meinem Freund, dem Rathsschreiber Peyer Im Hof,[439] Auftrag zu geben, mir dessen Zurücknahme beliebt zu machen. Die eigentlichen Beweggründe zu diesem Auswege kenne ich nicht, da Vorwände des Wohlmeinens aus der Sache leicht hergenommen werden konnten; indeß dürfte bei einem entscheidenen Schritt von meiner Seite die Behörde vor unverblendeten und rechtlich Urtheilenden wenig Ehre aufgehoben haben. Wiewohl manche Erfahrung das entschiedenste Mißtrauen hätte rechtfertigen können, ließ ich mich doch zu der angetragenen Zurücknahme bewegen. Doch bald nachher reute mich meine Bereitwilligkeit; denn ich habe mich schon öfters überzeugt, daß der nach etwelcher Ueberlegung gefaßte Entschluß des Augenblickes, ohne Rücksicht auf Anderer Gutachten, wie sehr auch deren Wohlmeinen Anerkennung verdienen mag, gewöhnlich doch der beste seye, durch Abweichen von demselben eine schiefe Bahn weit leichter betreten werde. Die Reue, daß ich mich so leicht bewegen ließ, ist bis auf den heutigen Tag geblieben. Hätte ich den Brief nicht zurückgezogen, so würde ich der Sache schnell eine andere Wendung gegeben, zwar höchst wahrscheinlich Rechtszertretung aus Rechtszertretung veranlaßt, hiermit aber doch aller Unannehmlichkeit mit Einemmal ein Ende gemacht, auch Andern Manches erspart haben, dessen Unterbleiben für sie ebenfalls besser gewesen wäre. Es giebt Augenblicke im Leben, wo die heroischen Mittel die vorzüglichern, alle andern weder das Leben zu sichern, noch den Tod herbeizuführen im Stande sind; als Panaceen der Halbheit mögen sie Werth haben, kräftigere Naturen können durch sie nur angewidert werden. Gutmüthigkeit hatte ich noch genug, gerade dieses scheinbar wohlwollenden Schrittes wegen nicht zu zweifeln, es werde wenigstens das Unbedeutendste und Unverfänglichste, was geschehen konnte, und was unserer Uebung gemäß bei keinem Rechtshandel verweigert wird, mir zugestanden werden: nemlich zu Abwehr aller weitern Anfechtungen, und um den natürlichen Vorwurf, daß das Schweigen der Behörde nach so augenfälligen Schritten immer zu etwelchem Argwohn berechtige, einen Auszug aus jenem Protokoll zu erhalten und zu bewirken, daß[440] auch der Geistlichkeit ein solcher zugestellt werde. Ich ersuchte also den Amtsbürgermeister hiefür, indem ich das bereitwillige Zurückziehen der Zuschrift als Beweis meines Vertrauens (wofür es auch damals in Wahrheit gelte konnte) und billiger Erwartung hervorhob. Derselbe fand mein Begehren sehr natürlich und verhieß, es zu unterstützen. Dieß war kein leeres Versprechen. Er that bei der Behörde, was möglich, und fand bei zwei andern, mir immer befreundeten Gliedern Mitwirken. Bereits lag es auf der Wage, daß meinem Begehren sollte entsprochen, wenigstens das mindeste Maaß der Gerechtigkeit noch eingehalten werden. Da trug ein Mitglied darauf an, man solle die Sache noch auf acht Tage ins Bedenken nehmen. Der Grund lag nicht darin, daß es hier viel zu denken gegeben oder besonderes Nachsinnen oder Nachforschen erfordert hätte, sondern einzig in der Abwesenheit eines Mitgliedes, welches in den meisten vor kommenden Fragen für die Mehrzahl gewissermassen den Vordenker machte. Da man nicht wußte, zu welcher Maaßregel dieses Mitglied stimmen, und ob es die getroffene nachher billigen oder mißbilligen würde, hielt man es für gerathener, den Entscheid bis zu dessen Rückkehr zu verschieben, da man dann sicher wäre, weder zu irren, noch zu Etwas, was Vordenker allfällig mißbeliebig, Hand geboten zu haben. Schon nach vier Tagen war für die Mehrzahl der Rathsglieder der ersehnte Augenblick gekommen, die trügliche persönliche Meinung einer untrüglich regulirenden unterordnen zu können. Der Amtsbürgermeister erneuerte seine Bemühungen für eine meinen Wünschen entsprechende Schlußnahme. Allein jetzt weit vergeblicher, als vier Tage früher. Doch war die Mehrheit auch dießmal weder ehrlich noch keck genug zu sagen: wir willigen in das gestellte Begehren nicht ein, weil wir eben nicht wollen, und weil zu bestimmen, was Rechtens seye, in unserer Macht steht; sondern es sollte der Abweisung ein Schein des Wohlbedachten und Pflichtgemässen angefärbt werden, daher gegen die Zulässigkeit meines Begehrens folgende glänzende Gründe aufgestellt wurden:[441] 1. Die Untersuchung habe nicht die Legitimation des Antistes zum Zwecke gehabt (man erinnere sich der offiziellen Mittheilung an den Kirchenrath!) sondern es seye dabei lediglich in Frage gestanden, wie es sich mit dem über ihn ausgestreuten Gerücht verhalte. (Demnach würdelose Neugierde.) 2. Es seye mit dem Ausspruch: daß das Gerücht sich als ungegründet darstelle, auch die sorgfältig verschwiegene Erklärung (gegen wen?) verbunden worden, daß für die Regierung keine Veranlassung vorhanden sey, weitere Schritte in dieser Sache zu thun; und eine officielle, zur Legitimation des Antistes dienende, dießfallsige Mittheilung an denselben würde mit diesem Ausspruch um so mehr im Widerspruch stehen, als dabei die Absicht obgewaltet, daß: 3. wofern er sich in dieser Sache persönlich gekränkt fühle, es ihm unbenommen bleibe, die richterliche Hülfe gegen die Verbreiter jenes Gerüchts in Anspruch zu nehmen (wozu ihm aber sorgfältig die Basis müsse entzogen werden); und endlich 4. zu beachten seye, daß Protokolls-Auszüge nur von Beschlüssen über Parteisachen, oder über Regierungsangelegenheiten, bei denen Einzelne als Petenten (ja nicht als Petirte) in ähnlicher Beziehung interessirt seyen, ertheilt würden. Jede Beleuchtung der Windungen dieser argen und grundfaulen Sophistik müßte allen Eindruck schwächen, welchen dieselbe in ihrer nackten Blöße auf jeden Unparteisamen, der über der Sache von der Person absehen kann, unfehlbar machen kann Nicht einmal diese Schlußnähme wurde mir mitgetheilt, um wie viel sorgfältiger also die meisterhaften Vordersätze, die ihr zur Unterlage dienen sollte, vorenthalten! Diese sind mir erst nach Jahresfrist zur Kenntniß gekommen. Wie es geschehen, soll in der Folge berührt werden.[442] Allein man begnügte sich weltlicher Seits nicht damit, durch ein so auffallendes Verfahren jedem Wagniß gegen mich Vorschub zu leisten, und den Beweis zu geben, daß für mich kein Gesetz, kein natürliches Rechtsverfahren, ja nicht einmal die einfachste Anwandlung der Billigkeit vorhanden seye, sondern die amtliche Stellung wurde sogar noch dazu mißbraucht, um hinter meinem Rücken an einem Ort, an welchem es für mich gar keine Möglichkeit der Vertheidigung oder des Schutzes gab, die Behörden und hiemit zugleich die allgemeine Meinung wider mich zu präoccupiren. Zu einer Zeit, in welcher die entstandenen Irrungen zwischen der Geistlichkeit und mir blos noch zwischen beiden Parteien schwebten, noch keinerlei officielle Anzeige an irgend eine weltliche Behörde ergangen war, keine daher über den Stand der Sache irgend etwas Anderes kennen konnte, als was das Gerücht herumbot, daher auch bei richtiger Würdigung des Zuständigen keine damit sich befassen sollte, zu dieser Zeit schon wurde in einen, dem grossen Rath unter dem 17. Juni mitgetheilten »Bericht und Antrag der Petitions- Commission,« förmlich vom Zaun heruntergerissen, folgende Stelle aufgenommen und durch den Druck in das Publicum geworfen, vielleicht zur Vergeltung, daß ich fünf Jahre früher das Kundwerden einer andern, mich unfreundlich berührenden Stelle zu vereiteln gewußt hatte: »Bald nachher erhoben sich auch Zweifel, ob nicht Bürger, die von amtswegen Einfluß auf die herrschende Kirche des Landes zu üben haben, Grundsätzen huldigen, die die Grundpfeiler derselben zu untergraben vermöchten. Ein freundbrüderliches Wort der Beruhigung wurde verweigert und die Beängstigung dadurch vermehrt. Ob es nicht besser gewesen wäre, den Willen, unerschütterlich consequent zu scheinen, der Ruhe zum Opfer zu bringen, das mögen die entscheiden, die darüber zu urtheilen berufen sind.« Daß die immer weiter sich entspinnenden Irrungen zwischen Geistlichen und mir nicht mehr lange innerhalb dieses engen Kreises würden gebannt bleiben können daß in kurzem auf irgend[443] eine Weise die weltlichen Behörden damit müßten betheiligt werden, war leicht vorauszusehen. Allein bis jetzt hatte die Irrung noch keinen officiellen Schritt außer den Versammlungssaal der Geistlichen hinaus gethan. War daher nicht mit dieser Bemerkung das Verfahren der einen Partei als ein vollkommen rechtsbefugtes erklärt, über dasjenige der andern, bevor man sie gehört, deren Gründe vernommen, diese gewürdigt hatte, gewissermassen der Stab gebrochen? War mir nicht damit ein unverkennbarer Wink gegeben, wessen ich mich von der Unparteilichkeit derjenigen, welche die Einsicht und den Willen der Mehrzahl der Behördeglieder lenkten, werde zu versehen haben? Unter jenem Bericht standen drei Unterschriften. Aus welcher Feder er geflossen seye, war für mich nicht einen Augenblick zweifelhaft. Dabei durfte ich nicht ohne Grund vermuthen, die bereitwillig Unterschreibenden hätten die Bedeutung der Stelle nicht einmal geahnet, noch weniger überlegt, wie sie damit aus ihrer Befugniß in diejenige der grellsten Rechtsverletzung gegen einen Dritten hinausgetreten wären. Ich bequemte mich daher dazu, in eine Schenke zu gehen, in welcher einer jener Drei seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte, um ihm geradezu zu erklären, dieß hätte ich nicht erwartet, hiezu wäre die Commission nie befugt gewesen; ich aber wolle das Billigere voraussetzen, nemlich: »daß bei Unterzeichnung des Ganzen wahrscheinlich nicht einmal bedacht worden seye, daß er und seine Collegen hiemit über die Gränzen ihrer Aufgabe hinausgeschritten wären. Wohnten wir in einem Lande, in welchem Alles nur in den durch das Recht vorgeschriebenen Gränzen sich bewegen dürfte, so sollte es mir nicht schwer fallen, die Unterzeichner wegen Concussion ernstlich zu belangen; bei uns hingegen, wo so häufig in besondern Fällen Persönlichkeiten die bewegende Kraft wären, müßte ich Solches wohl bleiben lassen.« ? Der Betreffende suchte unter allerlei Windungen die Sache zu rechtfertigen, war aber froh, durch das Bemerken: die Rathssitzung habe begonnen, den unbequemen Einwendungen und triftigen Erorterungen entschlüpfen zu können.[444] Wie die Sachen zwischen den Geistlichen und mir sich gestaltet hatten, konnte bei allem Mangel officieller Mittheilungen dennoch Niemand unbekannt seyn. Hätte man weltlicher Seits nicht größeres Behagen daran gefunden, das Feuer eher anzublasen, als es zu dämpfen, so würde man sich nicht verhehlt haben, daß einfache Mittheilung des Ergebnisses der so schnell und so laut angeordneten Untersuchung der Sache bald eine andere Wendung geben müßte. Da man kein Bedenken trug, dieses zu unterlassen, und das, durch das Voranschreiten der Angelegenheit gebotene Mittel nicht in Anwendung zu bringen, so konnte nichts mehr von dem weitern Schritte zurückhalten: durch die in dem erwähnten Bericht mit einer gewissen solennen Oeffentlichkeit gegen mich ausgesprochene Mißbilligung denjenigen, die wider mich aufgetreten waren, einen leicht verständlichen Wink zugehen zu lassen, im Vertrauen zu anderweitiger Unterstützung auf dem betretenen Wege fortzuwandeln. Zu diesem Allem kam dann noch eine, zwar in Dunkel gehüllte, aber doch bisweilen wahrnehmbare Verbindung meiner entschiedensten Gegner unter der Geistlichkeit mit Ton- und Maßgebenden auf weltlichem Gebiet. Dieß war so wenig ein Trugbild, als die Wechselbeziehung zwischen Beiden eine blos muthmaßliche. Was zu so unklärlichem Benehmen Veranlassung gegeben habe, ist mir unbekannt; höchst wahrscheinlich jene Selbstständigkeit in den obersten Principien, die sich für berechtigt hält, neben Andere, nicht unter sie sich stellen zu dürfen. Dieses Zusammenwirken konnte mir um so weniger verborgen bleiben, als mehr denn einmal in dem Kirchenrath, wenn von der Angelegenheit die Rede war, Weltliche gerade dasjenige als ihre Meinung vorbrachten, was nicht lange vorher in den Versammlungen der Geistlichen von diesem oder jenem der Hauptbeweger als Maaßregel gegen mich war vorgeschlagen worden. Was auf Privatwegen gegen mich unternommen wurde (z.B. ein eitler Versuch, durch arge Vorgeben meinen aufrichtigsten Freund, den Grafen von Enzenberg, mir zu entfremden[445] u.a.), berühre ich nicht, denn das Endziel, zu welchem Gott Alles gelenkt hat, überwiegt jede derartige Erinnerung und hat auch die leiseste Mißstimmung gegen die Personen dergestalt beseitigt, daß ich vielmehr Jedem, der damals mit unverdientem Uebelwollen, ja in greller Feindseligkeit wider mich auftrat, Dienste, welcher Art sie wären, mit der größten Freudigkeit leisten würde. Darum beschränke ich mich blos auf dasjenige, was, so auf der einen als auf der andern Seite, in Gemäßheit äußerer Stellung geschah. Mögen diejenigen Alle, welche, was in dem Menschen ist, besser zu kennen vermeinen, als er selbst, von Bitterkeit sprechen, die mich erfülle, von Gereiztheit, welche die Feder führe, so darf ich doch mir selbst mit frohem Bewußtseyn das Zeugniß geben, daß ich diese Angelegenheiten gegenwärtig so rein objectiv behandeln kann, als hätte ich eine Geschichte der Vorzeit, ein Ereigniß zu berichten, was eine dritte Person berührte, was dann freilich eine gerechte Würdigung der angewendeten Mittel und des eingehaltenen Verfahrens nicht ausschließen darf. Da ich jetzt, in diese Vergangenheit zurückschauend, nicht nur von derselben mich abgelöst, sondern Ursache habe, in Allem, was mir damals widerfuhr, mit unaussprechlichen Dank Gottes Gnade zu preisen, die dadurch zur Erkenntniß der Wahrheit und zur Einverleibung in die Gemeinschaft der ewigen Wahrheit mich leiten wollte, wie sollten Anwandlungen der Bitterkeit oder der Mißstimmung diesen Dank zurückdrängen, oder trüben können? Nur diejenigen, welche von dem innern Frieden, der einen durch das Licht göttlicher Gnade erleuchteten Geist, ein durch die milde Flamme wahrer christlicher Liebe durchwärmtes Herz, einen in den Strömung christkatholischen Lebens sich wiegenden Geist durchdringt, keine Ahnung haben, Solche nur können es nicht begreifen, daß man aus dem sicheren Hafen von erlittenen Stürmen mit voller Vergegenwärtigung ihres Tobens und Brausens sprechen, zugleich aber Gott danken könne, daß er sie zugelassen; solche nur werden es nicht zugeben wollen: daß man wiederfahrener Unbilden sich erinnern, anbei dennoch versöhnlicher[446] Gesinnungen in seinem Herzen gegen diejenigen sich bewußt seyn möge, die dazu mitgewirkt. Sind für Liebe und Wohlwollen auch Andere nicht unempfänglich, die wahre Liebe ist doch nur die allumfassende, die katholische, und diese ist die einzige Tochter des einzigen Vaters ? des katholischen Glaubens. Begegnet es doch wohl, daß für einen an hartem Uebel darnieder Liegenden Heilung und Herstellung nicht anders möglich ist, als durch Schneiden und Brennen und Anwendung schmerzhafter und herber Mittel. Dieser zwar kennt den Zweck dessen, was mit ihm vorgenommen wird; er ist damit einverstanden; er darf fest an der Ueberzeugung halten, daß es nicht Absicht des Arztes seye, ihm wehe zu thun, daß keineswegs übler Wille denselben treibe, ihm Schmerz zu veranlassen. Obschon er nun dieses Alles kennt, wird doch Niemand ihm es verargen, wenn er unter der Operation tobt und schreit und gar nicht glimpflich auf den Arzt zu sprechen ist. Kömmt er dann in späterer Zeit, nachdem er genesen, auf jene Tage des Schmerzens zu reden, und giebt er Bericht von dem, was er dabei erlitten und ausgestanden, und tritt er in alle Einzelnheiten der Operation ein, zugleich unter Andeutung seiner damaligen Stimmung, selbst mit Wiederholung manchen scharfen Wortes, so wird deßwegen Niemand ihn verdächtigen, daß er dem Arzt abhold seye, daß er nicht dennoch in ihm denjenigen anerkenne, ohne welchen er vermuthlich seine Herstellung nicht wieder würde erlangt haben. So wurde der heilige Augustinus nur durch heftige Brustschmerzen gezwungen, seine Schule der Redekunst in Mailand aufzugeben. Es geschah gleichsam wider seinen Willen. Aber in seinen Büchern gegen die Akademiker anerkennt er, daß blos dieser Zwang ihn in den Schooß der wahren Philosophie geführt, dem Wahnglauben des Manichäismus, entrissen habe. Wiewohl nun der Verlauf dessen, was im Jahr 1840 gegen mich sich richtete, der Operation des Schneidens und Brennens füglich verglichen werden mag, nur mit dem Unterschied, daß denjenigen, welche dieselbe verrichteten, der Zweck des Heilens[447] ebensowenig kann zugeschrieben werden, als dem Eisen in der Hand des Wundarztes, so läßt sich nunmehr von dem Gang solcher Operation und den dadurch hervorgerufenen Empfindungen dennoch mit aller Umständlichkeit reden, ohne daß deßwegen diese aus der Vergangenheit in die Gegenwart müßten hinein versetzt werden. Auch kann der Mensch über Manches, was ihn einst bewegt, angezogen oder abgestossen, in späterer Zeit genaue Rechenschaft ablegen, ohne daß hieraus sich folgern liesse, die gleichen Kräfte oder Empfindungen übten noch den gleichen Einfluß. Wenn ich daher den Verlauf jener Begegnisse, wie er von anderer Seite in Fluß gesetzt wurde, auch jetzt wieder berühre, so würde man mir sehr Unrecht thun, wenn man glauben wollte, die damals veranlaßten Eindrücke und Gefühle wären noch die gleichen. Dagegen wolle man nicht meinen, daß die Zeit geheilt habe; eine solche Kraft läge in ihr nicht, oder ich hätte vielleicht dieselbe nicht einmal auf mich einwirken lassen; nein, die Heilung ist einzig und allein aus der bewährten Quelle hervorgegangen, aus Einverleibung in die mißkannte, angefeindete, gehaßte, wahre katholische Kirche. Ich hatte das, was in der erwähnten Versammlung einiger Geistlichen vorgekommen war, immer noch arglos aufgenommen, für eine vorübergehende Aeusserung abweichender Ansichten gehalten, es daher auf mein offenes und freundliches Betragen selbst gegen diejenigen, welche dabei den meisten Eifer gezeigt, keinerlei Einfluß üben lassen. Erst am folgenden Tage, da mir ein augenfälliger Beweis gegeben wurde, man halte sich für berechtigt, selbst von meiner amtlichen Stellung ferner keine Notiz nehmen zu dürfen, sodann in dem Widerspruch der hiefür vorgebrachten Entschuldigungen, vollends aber einen Tag später, als in ungestümer Hast, unter Umgehung meiner Person, durch das Organ meines Collegen, des Hrn. Triumvir [448] Maurer, die ungesäumte Einberufung aller Geistlichen verlangt ward, und das zu einer Zeit, wo des nahe bevorstehenden Osterfestes wegen sonst unter vorgeschütztem Geschäftsdrang Alles jederzeit von der Hand gewiesen wurde, erst dann begann ich zu ahnen: ich mochte in meiner Gutmüthigkeit mich getäuscht haben, so zufällig und vorübergehend möchte doch das Unternommene nicht seyn, es dürfte wohl Etwas gegen mich im Plan liegen. Indeß war mein Entschluß bald gefaßt; ich sagte meinem Collegen auf den 9. April die Versammlung zu, verspürte aber, da ich wohl ahnen konnte, daß eine compacte Partei sich's herausnehmen würde, zu Censoren meiner Gesinnungen, selbst meiner Privathandlungen sich aufzuwerfen, keine Luft, mit Leuten mich herumzubalgen, die mir bereits einen Vorschmack gegeben hatten, welche Sprache gegen mich zu führen sie sich für berechtigt halten möchten. Deßwegen übersandte ich der Versammlung ein Schreiben, in welchem ich ? in Rückerinnerung an den Ton, welchen man sich am 30. März gegen mich erlaubt hatte ? erklärte: daß ich in dem Convent kein heiliges Officium, noch weniger einen Richter über meine Person anerkenne, daher lieber im Frieden von der Geistlichkeit scheiden, auf meine Stelle als deren Decan (Präsident in den Sitzungen) Verzicht leisten, im übrigen Freundlichkeit, Dienstbereitwilligkeit und Wohlwollen einem Jeden fortan bewahren werde. Das Schreiben war entschieden, der Ausdruck meiner tiefsten Ueberzeugung, hinweisend auf das in meine innerste Lebenskraft eingegangene Element, welches alles blos Negirende, Zerstörende, als fremdartig, in festem Willen von sich abhalte, zugleich über verschiedenes, in der katholischen Kirche Vorsindliche, mir eine andere Ansicht aufdringe, als es von dem beengten Standpunct eines Compendiums der Polemik geschehen möchte. Hierin liege der Schlüssel zu mancher meiner Ansichten über Thatsachen der Vergangenheit, über Begegnisse der Gegenwart. Ich bezeichnete drei Standpuncte zu Beurtheilung meines gesammten Wirkens. I. Die öffentliche Thätigkeit; ?[449] da seye Jeder ausgesordect, irgendwelche bemerkte Pflichtverletzung anzuzeigen, über jeden, in Widerspruch mit der heiligen Schrift, je aufgestellten Lehrsatz mich zu Verantwortung zu ziehen; II. mein Leben; ? hierüber werde das Recht zu Prüfung, Erörterung, selbst Nachforschung, hienach Klage, Jedem eingeräumt; III. dasjenige, was ich mir zuweilen schriftlich zu behandeln erlaube. In Beziehung auf dieses erklärte ich mich folgermaaßen: »Das werden Sie doch finden, daß selbst in dem Alter, in welchem auch die Jüngsten unter Ihnen stehen, also in dem meinigen um so weniger, es nicht mehr passend wäre, das Thema zu einer schriftlichen Ausarbeitung entweder bei einem Einzelnen oder bei einem Collegio zu holen, ebensowenig das, was Einem zu behandeln beliebt, nachmals als Exercitium einer Correctur zu unterwerfen. Da ich aber wohl begreifen kann, daß das, was Dr. Friedrich Hurter schreibt, mit den Begriffen und Ansichten von Manchen unter Ihnen nicht zusammenstimmt, so stehen ja einem Jeglichen, der Beschwerde führen zu können glaubt, drei Wege offen, deren Betreten ich nicht hindern könnte, noch weniger hindern möchte: 1. derjenige der Widerlegung; 2. der lojalen und ehrlichen Kritik; 3. derjenige des Preßgesetzes, welches ich zwar nicht kenne, welchen Weg aber mit Jedem zu wandeln ich zum voraus mich anheischig mache. In Weiteres hierüber mich einzulassen, hieße sich der Lächerlichkeit Preis geben, ? die einzige denkbare Potenz in der Welt, welche mir Furcht einzujagen vermag.« Ueberschaue ich nun den Anfang dieser Zerwürfnisse nach Verfluß von fünf Jahren, so stellten sich darin formell schon zwei nicht blos unvereinbare, sondern geradezu feindselige Principien einander gegenüber, bei deren Zwiespalt ein Bruch nicht anders zu vermeiden gewesen wäre, als wenn das eine oder das andere dieser Principien entweder freiwillig sich zurückgezogen hätte, oder eines durch das andere hätte können unterjocht[450] werden. Das eine, vertreten durch Ton und Stellung derjenigen, welche der Bewegung gegen mich den Anstoß gegeben hatten, das andere durchblickend durch die Grundlage, Haltung und Richtung meines Schreibens; ja man könnte jenes füglich das ultrademokratische, mir überall zuwider, in der Kirche aber am meisten, dieses das aristokratische nennen. Ich habe so gut als irgend Einer unter meinen Gegnern angenommen und (wie sie es auch nicht in Abrede zu stellen vermochten) mir zur Lebensvorschrift gemacht das Wort des Meisters: »Wer unter euch der Grössere werden will, der sey euer Diener, und welcher unter euch der Erste seyn will, der sey euer Knecht;« aber ich habe dafür gehalten, der Bestimmungsgrund hiezu könne einzig in Anerkennung des Willens desjenigen liegen, der also gesprochen, nie aber in einem Begehren derjenigen, zu deren Besten jenes Wort in Anwendung gebracht werden soll. Mir däuchte immer, das Wort spreche gegen diejenigen, zu denen es gesagt ist, eine Verpflichtung aus, ohne deßwegen Andern förmlich ein Recht einzuräumen. Von der Seite meiner Widersacher dagegen scheint nicht nur dieß angenommen, sondern alles Gewicht darauf gelegt und den Ausdrücken »Größerer« und »Erster« Realität nur insoweit zugestanden worden zu seyn, als Willfährigkeit, diesem in Anspruch genommenen Recht sich zu unterwerfen, vorhanden wäre. Ich habe auch nicht ermangelt, in dem Schreiben darauf hinzuweisen, daß ich des Dienens stets mich beflissen hätte und fortan mich befleissen würde, immer aber blos in freyer Anerkennung der hiezu von oben ergehenden Aufforderung. Die Versammlung am 9. April war stürmisch. Viel Unfreundliches wurde gesprochen, in mancher höchst anmaßlichen Bemerkung trat das erwähnte Princip mit voller Entschiedenheit hervor. Mehr als eine conciliatorische Stimme ließ sich vernehmen, verhallte aber unbeachtet, wohl gar verschmäht. Man entsetzte sich später selbst über die Treue, mit der das Protocoll verfaßt worden und versuchte es durch Nachträge zu rectificiren. Doch ich zähle dieses zu denjenigen Dingen, deren Wiederberühren[451] mit dem Zweck dieser Schrift nicht in dem mindesten Zusammenhange steht, und, wenn nicht in mir, so doch in Andern unangenehme Rückerinnerungen wecken müßte. Deßwegen werde blos das Resultat erwähnt, welches darin bestand, von mir eine Erklärung zu verlangen: »daß ich der evangelischreformirten Kirche von Herzen zugethan seye.« Dieß wurde begründet auf »Beweise von unverkennbarer Vorliebe, mit welcher katholische Zustände, Einrichtungen und Verhältnisse geschildert würden« und auf jene Aeusserung meine Zuschrift, »daß ich Vieles in der katholischen Kirche anders ansehe, als die evangelisch-reformirte (ich hatte aber nur gesagt: ?Manche von Ihnen?) Kirche es ansehe, daß der Gedanke unangenehm berühre, ob nicht hierin zwischen mir (d.h. meiner Privatperson) und dem Geistlichen und Vorsteher jener Kirche ein Zwiespalt vorhanden seye.« Den von mir »auf der Kanzel und in meiner sonstigen amtlichen Thätigkeit ausgesprochenen christlichen Lehrsätzen und Ueberzeugungen lasse aber die Geistlichkeit volle Gerechtigkeit widerfahren.« War ich damals über jene Frage, als über eine unbefugte und höchst anmaßliche empört, so darf ich mich heutiges Tages darüber freuen, daß sie so schroff, und eine Beantwortung im Grunde nicht einmal zulassend, an mich gestellt worden ist. Eben dem zähen Festhalten an derselben verdanke ich die Entledigung aller Bande, die sicher dem Fortschreiten in der Erkenntniß hinderlich gewesen wären; die Hinwegräumung der Hemmnisse, welche der Entfaltung des in mich gelegten Keimes in dem Wege gestanden und mich in eine Stellung gebannt hätten, in welcher ich den Besitz eines Theiles der Wahrheit in denjenigen des Ganzen schwerlich je würde erweitert haben, Der Ausdruck, womit ich etwas später ein abgedrungenes Wort nach anderer Beziehung schloß: »Gott hat es gut gemacht,« ist nun auf eine Weise in Erfüllung gegangen, wie ich es damals noch nicht im Auge haben konnte. Es ist zu jener Zeit, so wie früher schon und noch mehr in der Folge, durch Manche, in deren System meine Ueberzeugungen,[452] zu deren Zwecken meine Bestrebungen nicht paßten, allerlei über mich in die Welt hinausgeschrieben worden, und Aehnliches wahrscheinlich wird auch seit dem 16. Juni hinausgeschrieben worden seyn und fortan geschrieben werden. Sprach ich z.B. für die Legitimität und die Rechte der Throne, so mußte ich im Sold bald dieser bald jener Macht stehen; vertheidigte ich die Rechte der katholischen Kirche gegen die Anfechtungen der Gleichmacher und Verneiner, nahm ich mich bedrängter und aller Ungerechtigkeit Preis gegebener Institutionen derselben an, so mußte ich heimlich in diese Kirche übergetreten, mir selbst das Unmögliche als Lohn verheissen seyn. Das Aushecken von dergleichen Verdächtigungen macht immerhin den Leuten Freude, sie meinen damit Beweise entweder ihres Scharfsinnes oder ihrer Vigilanz zu geben; sie finden eine Befriedigung darin, Andere, die ihnen nun einmal nicht behagen, nicht so zu nehmen wie sie sind, sondern von denselben ein Bild sich vorzustellen, je nachdem es ihnen beliebt; vielleicht auch so, wie sie nach ihrer Erfahrung, oder selbsteigenem Bewußtseyn gemäß, die Menschen einzig sich zu denken vermögen. Man muß ihnen diese Freude nicht verkümmern, aber ebensowenig sich böses Blut darüber machen. Die wenigsten Menschen unserer materialistisch gewordenen Zeit können es eben begreifen, daß man, ohne je nach zeitlichem Vortheil zu fragen, ja selbst dergleichen Nachtheil nicht allzusehr in Anschlag bringend, gegen das, was man als verderblich, ungerecht und gewaltthätig, für das, was man als wohlbegründet und rechtmässig anzuerkennen, durch eine höhere und verborgene Macht sich gezwungen fühlt, frey und offen anstreten könne, unbekümmert, so wie um den Beifall, so um den Tadel der Wortführer unter den Zeitgenossen, oder derjenigen, welche der Gunst derselben als ihrem Götzen huldigen. Um diesen sich anzureihen, dazu bedarf es in der That wenig. Die Segel nach jedem Winde zu richten, hiezu wird kein sonderlicher Muth, keine wesentliche Anstrengung, keine ausnehmende Entschlossenheit erfordert. Ein Bischen Gewandtheit,[453] ein wenig Verschliffenheit reicht gewiß vollkommen zu. Das Allerweltsfreundchenmachen ist weder so kopfzerbrechend, noch so herzangreifend; gegentheils, je weniger man von dem Einen oder von dem Andern besitzt, desto leichter mag es von statten gehen. Wer durch die Menge sich ziehen läßt, der darf keine Besorgniß hegen, einen schmalen und beschwernißvollen Pfad unter seine Füße zu bekommen, denn jene findet zuverlässig immerdar den breitesten und mühelosesten Weg. Wollte man aber meinen, denjenigen, die Solchen nicht sich zugesellen mögen, gienge die Einsicht ab, daß sie durch das Betreten einer andern Bahn sich weder Beifall, noch Gunst, noch Auszeichnung, noch Behaglichkeit, noch die mancherlei Vortheile gewähren würden, die nur aus jenem hervorgehen? Sollten dann dieselben, dafern jenes Alles auch für sie als Ziel der heissesten Wünsche gölte, geradezu blind seyn, um die Mittel, die so nahe zur Hand liegen und an hunderten von Beispielen vor ihren Augen sich erproben, zu übersehen, und an deren Statt nach den allerunfruchtbarsten, ja verkehrtesten zu greifen? Und vollends, wenn das Leben in einem republikanischen Ländchen verlaufen ist, welches selbst auf einer Specialcharte nur einen winzigen Raum einnimmt! Sollte es dagegen so ganz und gar nichts heissen, einem innern dynamischen Princip vor allen äussern materiellen Einflüssen und Rücksichten das Uebergewicht einzuräumen, und dadurch gleichsam jene alte Askese wieder zu rehabilitiren, die weniger groß darin war, daß sie das Rauhe ertrug, als daß sie dem Einfluß des Glatten und Geschmeidigen sich entzog. Ich habe damals gesagt: »ich gehöre so wenig heimlich als offen der katholischen Kirche an.« Hätte man daher die Frage an mich gestellt: ob ich dieser angehöre? so würde ich ein entschiedenes Nein mit der freyesten Aufrichtigkeit erwidert haben, Aber ein solches Nein wäre auch erfolgt auf die Frage: ob ich der katholischen Kirche abgeneigt seye, oder ob ich überzeugt wäre, daß die Reformatoren in Allem, was sie von derselben verworfen, Recht gehabt hätten? Ich würde dessen kein Hehl[454] gemacht haben, daß die Zerstörung der wohlgegliederten Verfassung der katholischen Kirche, besonders aber die Auslieferung der von ihr getrennten Kirchen an die Staatsgewalt und die Verknechtung derselben durch diese, daß ich die Verwandlung der Gebäude der Andacht in Einöden der Andacht, daß ich die Beschränkung alles Gottesdienstes auf das immer wiederkehrende Predigen, daß ich die Beseitigung so vieler Mittel, um die Hinwendung zu Gott zu heben und das innere Leben zu nähren, unmöglich als ein Glück anpreisen könne. Denn, nie gewohnt, und in ernsten Augenblicken am wenigsten, das, was ich für wahr gehalten, zu verschweigen, demjenigen, was mir nicht einleuchtete, Beifall zu zollen, würde ich auch dannzumal jenes Alles nicht verhehlt haben. Aber zwischen demjenigen, »der an der katholischen Kirche manches Schöne sieht, in ihr manches Zweckmässige findet, selbst von Gliedern derselben manches Freundliche erfahren hat,« und zwischen deren eigentlichem Glied und Bekenner, ist noch eine sehr große und weite Kluft befestigt; glücklich, wenn ihm die Gnade von jenem Rand zu diesem die Brücke baut! Daß aber derer, welche des Weggefegten Verschiedenes, vielleicht sogar Vieles wieder zurückwünschen, eine so ganz kleine Zahl, und, könnte man die Einzelnen wägen und würdigen, deren die Leichtesten und Unbedeutendsten nicht seyen, liesse sich so mancher Klage, so manchem Vorschlag, wie unter den von der Kirche Getrennten dem Cultus und religiösem Leben aufzuhelfen wäre, entnehmen; obwohl dann anderseits Viele an Formlosigkeit und Dürre hohes Behagen finden, weil sich hiemit unbegränzte Möglichkeit darbietet, an die Stelle der Kirche ihre eigene Person zu setzen. Jene Frage war nun nicht allein eine anmaßende, sondern zugleich eine unfaßbare, indem eine bestimmte Definition hätte müssen vorausgehen: was unter evangelisch-reformirter oder protestantischer Kirche zu verstehen seye, dafern überhaupt eine[455] solche genügend sich geben läßt. In Bezug auf das erste jener Beiwörter habe ich bemerkt: »Ich könnte nicht einmal die Gesammtheit der Geistlichkeit, wie viel weniger einen Theil derselben, als meinen Obern, noch weniger als Behörde erkennen, welcher ein Recht zu solcher Frage inhärire, am allerwenigsten ein reformirtes Inquisitionstribunal, dem ich mich zu unterwerfen hätte. Aber nicht allein den Convent könnte ich zu einer solchen Frage niemals für berechtigt anerkennen, sondern auch Niemand Anders. Würde der Kirchenrath, würde der kleine Rath, würde der große Rath, würde eine ganze Landsgemeinde, würde selbst der Scharfrichter mit dem Schwert in der Hand diese Frage an mich stellen, so würde ich keine Antwort geben, würde ich auf die Thatsachen, würde ich auf die Lehre verweisen.« Die Frage war auch unbefugt, indem sie sogar in das forum internum eindringen, selbst das Herz erforschen und dieses in der Antwort gleichsam als Pfand eingesetzt wissen wollte. Hatte derjenige so Unrecht, welcher darüber sagte: »Der katholische Christ hat keine Vorstellung von solchen Plackereyen und Verfolgungen; denn in seiner Kirche würde er sich vergeblich nach einem Orte umsehen, in welchem solch eine systematische Hetze von confessionswegen angestellt würde. Man denke sich den Terrorismus eines kleinen Freistaats im Vergleich mit der gesetzlichen Ordnung einer großen, wohlregierten Monarchie, und man hat einen Schattenriß protestantischer Ketzergerichte in ihrem Verhältniß zu dem legitimen Glaubenstribunal in der katholischen Kirche.« ? Die Frage wurde durch jenen Beisatz »von Herzen« zugleich höchst beleidigend, indem sie dem Verdacht Raum gab, als könnte ich wohl zum Schein eine bejahende Antwort ertheilen, im Herzen aber doch andere Gesinnung hegen. Es war dieß ein Beweis mehr, daß gewöhnlich nichts weniger gewürdigt wird, als bewährte Offenheit; eine Offenheit, die da, wo sie zur Rede verpflichtet ist, einen Zwiespalt zwischen dieser und den Gesinnungen für das Verwerflichste und Unwürdigste erachtet.[456] Die Frage war endlich unfaßbar. Ich hätte ihr zuerst diejenige entgegenstellen können: was ist die evangelisch-reformirte Kirche und wo ist diese Kirche? Ich habe später folgendes Zeugniß eines protestantischen Theologen gelesen: »In einer Stadt des nördlichen Deutschlands ist es dahin gekommen und zu einer bekannten Sache geworden: einen andern Glauben lehrt die Universität, einen andern das Schullehrerseminar, einen andern die Gelehrten-, einen andern die Bürgerschule, einen andern lehren die beiden Nebenschulen, einen andern dreissig bis vierzig Privatinstitute; so daß es sich findet, was auch nicht anders seyn kann, daß Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern, Ehemänner und Ehefrauen, Vornehme und Geringe, Gelehrte und Ungelehrte, in ihrem Glauben wenigstens sehr weit von einander abstehen, und doch gleichmässig alle für protestantische Christen gehalten seyn wollen.« ? Wie nun, wenn ich dieses entgegengestellt und allererst verlangt hätte, es sollte aus diesem Gewirre, das, wie es hier auf einen einzigen Ort sich beschränkt, durch alle Länder sich durchzieht, die zum Protestantismus sich bekennen, das Gemeinsame herausgefunden und was demnach wesentlich und einigend seye, mir vorgelegt werden? Denn nach meinem Begriff ist die Kirche nicht ein Aggregat zahlloser Einzelner, die an verschiedenen Orten, in verschiedenen Gebäuden, jedoch aber an den gleichen Tagen und ohngefähr in den gleichen Stunden zu Gebet und Anhörung eines beliebigen Vortrages zusammen kommen; sondern die Kirche ist die organische Vereinigung Aller zu einem selbstständigen Ganzen, belebt durch die gleiche Lehre und denselben Glauben, sich erstreckend über die Bewohner sämmtlicher Länder, die zu diesem Glauben sich bekennen. Lehre und Glauben bilden den Centralpunct, und die Aufnahme beider in sich bewirkt in allen Einzelnen eine centripetale Kraft. Bloße Agglomerate mit äußern Bindemitteln sind keine Kirche, daher es wohl protestantische Kirchen, aber keine protestantische Kirche giebt. Dieß scheinen Viele zu fühlen, wenn sie Jenes auch nicht zugeben mögen. Deßwegen haben sie, seit der abstracte Centralpunct[457] in den Bekenntnißschriften zu Fetzen gegangen und längst in alle Welt vertrieben ist, in dunkler Ahnung, daß es doch eine Einigung geben müsse, zu der Fiction einer unsichtbaren Kirche ihre Zuflucht genommen und deren Thore so weit aufgesperrt, daß Gog und Magog, Crethi und Plethi in dieselbe Eingang und Aufnahme finden können, eine wahre Arche Noe, worin reine und unreine Thiere wohlbehaglich neben einander hausen mögen. Wollte man aber zu jenem ehebevor einigenden, zu jenem Centralpunct der Bekenntnißschriften zurückkehren, wollte man die volle und unbedingte Annahme von diesen ? wie es in der Vorväter Zeiten Brauch war ? zum Schiboleth machen, und hienach an jeden Einzelnen die Frage stellen: »ob er der durch diesen Glauben geeinigten Kirche von Herzen zugethan seye?« wie Viele wohl könnten mit einem entschiedenen und aufrichtigen Ja antworten? Wie Viele dagegen, die gewiß das Ja nicht »von Herzen« aussprechen könnten, würden es dennoch ferm und flott mit dem Munde aussprechen, um wenigsten Haus und Garten, Korn und Wein, Holz und Geld zu retten? Blicken wir uns inn- und ausserhalb der Schweiz die Sache etwas näher an! Waren nicht in Zürich der ehrwürdige Antistes Heß und der Theologus Johannes Schultheß Beide Reformirte, Kirchenlehrer an einer und derselben Kirche, Letzterer noch darüberhin der Bildner aller künftigen Geistlichen? Wo ist aber der einigende Punct zwischen dem Verfasser des Planes von dem Reich Gottes und demjenigen, welcher die neutestamentlichen Wunder für baare Fabeln erklärte, »wie Kröten, die er in einem Napf voll Milch zappeln sehe?« ? Gehörte nicht der liebenswürdige Antistes Falkeisen zu Basel, der Herold göttlicher Offenbarungslehre, mit dem Professor de Wette, der in Jesu (wir sagen mit unsern Vorvätern ? in Christo) ein Werkzeug in Gottes Hand sah, welches aber in seinem Plan sich betrogen hätte, ebenfalls Beide derselben Kirche an? Wo ist die Ausgleichung? ? In der Waat finden sich gewiß noch Anhänger der helvetischen Confession; wird aber jener Staatsmann sich für einen schlechtern Reformirten[458] halten, als Jene, indem er die Stelle der Glaubensbekenntnisse durch das bloße Gewissen ersetzen wollte, und (grundsätzlich richtig) die Bekenntnißschriften nur als einen protestantischen Papismus ansah? Wie dort ebenso folgerichtig Andere, ohne deßwegen auf die Benennung Reformirte verzichten zu wollen, die Meinung aussprechen, daß Bekenntnißschriften als Regulative des Glaubens mit dem obersten Grundsatz der freyen Forschung im Widerspruch stünden, einzig vollkommene Cultusfreiheit demselben entspreche. ? Welche Gemeinschaft besteht in Genf zwischen der reformirten Kirche des Herrn Malans und der anerkannten, durch die Venerable Compagnie repräsentirten, welche seit langen Jahren schon die eintretenden Mitglieder verpflichtet, niemals über die heilige Dreieinigkeit zu predigen, die Erbsünde zu ignoriren und die Gottheit Christi unberührt zu lassen? Es sind doch beide reformirte Kirchen, und wer der einen oder der andern diese Eigenschaft absprechen wollte, würde gegen jede einen harten Stand bekommen. ? Wie es unter der Geistlichkeit von Schaffhausen beschaffen war, wie die Lehre des verstorbenen Antistes Kirchhofer und diejenige einiger seiner jüngern Mitbrüder harmonirte, das mag bei Manchen, die nicht blos auf das Predigthören sich beschränken, sondern auch wissen, was gepredigt werden soll, noch in Erinnerung seyn. Hat es etwa an Solchen gefehlt, die vor wenigen Jahren, da Strauß nach Zürich berufen wurde, nur auf der Lauer lagen, um zu beobachten, wie es sich wenden würde, bereit, dem neuen Lichte sich zuzukehren, so dieses auf den Scheffel sollte erhoben werden, aber auch sich zu bequemen, nothdürftig an dem alten ferner zu schüren, so lange die Mehrheit diesem noch sich zuwenden wolle? Es ist zur Zeit jener Berufung ein Pfarrer genannt worden, der eines Sonntags im Sinne des Mythologen vor seiner Gemeinde aufgetreten seye, inzwischen aber die Weisung erhalten habe, diese stimme mit ihm gar nicht überein, daher am kommenden Sonatag ganz geschmeidig Christum wieder als das gelten ließ, wofür die Gemeindegenossen[459] ihn haben wollten. Ein solches Verfahren würde gewiß niemals zu der Frage führen: »ob der Betreffende Protestant von Herzen seye?« Diejenigen, welche es damals bekannt haben und noch bekennen, daß Strauß im Grund doch Recht habe, daß man aber das Volk nur allmählig zu seiner Einsicht heranbilden könne und müsse, unterscheiden sich von Manchen, die erst nach dem Mißglücken des Versuches wider ihn aufgetreten sind, blos durch größere Ehrlichkeit. Oder fanden sich keine »Diener des Worts,« die an innerem Halt, an Gediegenheit des Charakters, an Würdigkeit ihres Wesens mit jenen Zeitungsfabrikanten es hätten aufnehmen können, welche Weitling, so lange er noch in der Waat und in Genf schriftstellerte, als neuen Genius der Menschheit, als Apostel einer künftigen socialen Glückseligkeit verherrlichten; hierauf, als er zu Zürich in dem Kerker saß und auf den Schub geliefert wurde, nur noch von dem »Schneider Weitling« zu sprechen wußten? Gab es nicht Leute, die formell wider Strauß auftraten, materiell so sehr nicht von ihm abweichen mochten; sobald aber die Sachen den bekannten Gang nahmen, auf jenes großes Gewicht legten, indeß bei anderer Wendung dieses, als Beweis, daß man gegen den Fortschritt auch nicht ganz eingerostet seye, hätten aufrufen mögen? Ein rechter Passe-par-tout schließt Pantheon und Gemonien auf, je nachdem die Umstande es anrathen, und der Mann, in dessen Händen er liegt, denselben anzuwenden weiß. Sicher hat in der protestantischen Kirche Dr. Paulus einen weitschallenden Ruf und großes Gewicht, und schwerlich würde er sich das Prädikat eines echten Protestanten rauben lassen, wenn er schon die Apostel Packesel Jesu Christi nennt und den Tod des Erlösers läugnet. Aber nimmt Claus Harms jenes Prädicat nicht ebenfalls in Anspruch? Wer kennt nicht Wöllners Religionsedikt, womit er dem zerfallenden, durch seine Lehrer zernagten Protestantismus beispringen wollte? Und zwanzig Jahre später sucht in ebendem Berlin, in welchem Wöllner die Reste des Glaubens retten zu können wähnte,[460] ein als Hauptförderer des vorwärts schreitenden Protestantismus uns gepriesener Prediger und theologischer Lehrer die Auferstehung Christi als eine gleichgültige, das Wesentliche des Christenthums nicht berührende Sache zu beseitigen, und fordert auf: »den heiligen Manen Spinoza's eine Locke zu opfern.« In eben diesem Berlin jubelten Einzelne über Einführung der neuen »Kirchenagende für die Hof- und Domkirche,« Andere ließen sich durch Flachhauen über deren Vortrefflichkeit belehren und noch weit Mehrere kamen ihr mit Bücklingen entgegen; Röhr aber urtheilte in seiner Prediger-Bibliothek darüber: »sie habe die alten Formulare selbst zu überbieten gesucht; d.h. in der Wiederaufstellung altgläubiger Dogmen und in der Geltendmachung einer Erlösungstheorie, welche der anthropopathischen Vorstellung von Gott, die unsere redlichfrommen (das Beiwort ist bemerkenswerth) Altväter hegten, völlig angemessen war, die sich aber bei der reinern religiosen Begriffsweise unserer Zeit (!!) nicht mehr zu rechtfertigen im Stande seye.« ? Dräfecke und Sintenis in Magdeburg, Guericke und Wegscheider in Halle werden doch insgesammt »von Herzen« der protestantischen Kirche zugethan seyn wollen; an welche soll man sich halten, oder kann man Allen von ihnen gleichzeitig beipflichten? In der Veranlassung zu Kählers Schrift: »Ueber die doppelte Ansicht: ob Christus ein jüdischer Landrabbiner oder Gottes Sohn gewesen seye,« in dieser selbst, so wie hinwiederum in Demjenigen, welcher dieselbe in den »Heidelbergischen Jahrbüchern« zerzauste, machte der Protestantismus sich geltend; bei welcher aber dieser abweichenden Meinungen fand sich der richtige? ? (Möge man sich nebenbei an Luthers »verteufelte, eingeteufelte und durchteufelte Sacramentirer« ? Zwinglianer ? und an Zwinglis Lutheraner erinnern, »die nach Knoblauch und Zwiebeln in Aegypten schmecken und auf den Zurzacher Markt gehören, wo gilt: Bescheiß wer mag!«). ? Der protestantische Kirchenvater Röhr schrieb in seinen Briefen über den Rationalismus schon im Jahr 1813: »Da ein namhafter Theil gelehrter Theologen, bald vermöge gewisser[461] unauslöschlicher Jugendeindrücke, bald aus einer tadelnse werthen Besorgniß für die Autorität der biblischen Urkunden, bald aber auch aus bloßer Anhänglichkeit an das Alte und aus Abneigung, das erste Princip ihres Systems zu prüfen, dem Glauben an eine unmittelbare Offenbarung von Religionswahrheiten huldige, so könne es nicht befremden, daß dieser Glaube unter der Masse des Volkes noch einheimlisch seye, bis sie Antheil nehme an der Cultur der Weisen und Gelehrten.« Es ließe sich ein reicher Schatz der erbaulichsten Aeusserungen und Vorgänge, welche solchen herzlichen Protestantismus beurkunden, aus allen Ländern zusammentragen. ? Als Stern erster Größe an dem Himmel des sächsischen Protestantismus glänzte z.B. bei vierzig Jahren Rosenmüller in Leipzig. Dieser unternahm es, das apostolische Symbolum zu saubern, indem er die Sätze: »empfangen vom heiligen Geist,« »geboren aus Maria der Jungfrau,« »Auferstehung des Fleisches,« wegprotestantisirte. Voriges Jahr drang ein jüngerer Geistlicher auf Herstellung derselben. Darob entstand Spaltung, indem die Einen Rosenmüllers Autorität, die Andern diejenige des Symbolums vertheidigten. Aus dieser Fäulniß wurde das Ungeziefer von Flugschriften erzeugt; es hieß: man wolle ein neues Papstthum einführen, die Leute in den verschollenen Obscurantismus zurückdrängen, u.dgl.; endlich befahl hochweiser Stadtrath: es solle bei Rosenmüllers Säuberung einsweilen sein Verbleiben haben. ? Welches sind nun die wahren Protestanten, Rosenmüller, Stadtrath und Mithafte, oder einige jüngere Geistliche? Oder wäre Verneinen und Bejahen gleich möglich? Will man aber von dem strengern Gebiet der Dogmen noch ein wenig auf demjenigen der Moral sich umsehen, so dürfte auch da, in Betreff des Protestantismus von Herzen, allerlei Curioses zum Vorschein kommen. Der Generalsuperintendent Henke würde einen sonderbar angesehen haben, hätte man ihn nicht zu den Protestanten zählen wollen; er dagegen zählte die. Monogamie und das Verbot unehelicher Vermischung[462] unter die Ueberbleibsel des Mönchthums. ? Sein Zeit- und Amtsgenosse Canabich beseitigte in seiner praktischen Religionslehre (für Viele gewiß sehr praktisch) das sechste ( V II.) Gebot gänzlich: da ja ein gemässigter sinnlicher Genuß der Liebe ausser der Ehe so wenig als in der Ehe, der Sittlichkeit zuwider seye, nur müsse man Obacht geben, daß man dabei weder an Ehre noch an Gesundheit Schaden nehme; ? nut andern Worten dasjenige, was vor mehr als dreissig Jahren ein Pfarrer zu Basel einem jungen Menschen als Lebensregel für die Fremde mitgegeben hatte: Si vous ne craignez pas Dieu, craignez au moins la verole. Dieser Ehrenmann stand aber weder im Verdacht des Katholizismus, noch in demjenigen, die Jesuiten zu begünstigen; daher schwerlich Jemand beigefallen wäre, an seinem Protestantismus »von Herzen« zu zweifeln. ? Hegel und Rosenkranz, der Herausgeber des Erstern, sind zwar nicht Geistliche, aber der Eine war und der Andere ist Universitätslehrer, Lehrer an einer Anstalt, durch welche die Blüthe der Jugend, und daher Viele, die für den geistlichen Stand sich bestimmen, ihre wissenschaftliche Bildung erhalten. Welchen Einfluß nun können nicht Lehrer üben, von denen der Eine in entsetzlicher Ruchlosigkeit den Satz aufstellt: »die griechische Knabenliebe ist noch wenig begriffen. Es liegt eine edle Verschmähung der Weiber darin, und deutet darauf, daß ein Gott neu geboren werden solle;« wozu der Andere die Bemerkung macht: »das Christenthum schuf den Gedanken der von der Sinnlichkeit unbefleckten Mutter, welche den Menschen gebiert, der sich mit Gott Eines weiß. Das Christenthum stellt damit das Weib dem Manne gleich; es emancipirte das Weib und vernichtete damit natürlich die antike Romantik der Knabenliebe?« Die Parallelen könnten noch unendlich weit fortgesetzt werden. Man blicke nur auf die mehr als hundert Sekten Englands, deren nicht eine den Namen von Protestanten oder Reformirten sich würde streitig machen lassen. ? Welchen Sinn kann mithin eine derartige Frage haben, sofern man nicht behaupten[463] will, das Abgekehrteste und Widersprechendste lasse sich auf übereinstimmende positive Lehren zurückführen? Darum ist es allerdings ein scharfes, aber von einem, den meine Widersacher zugleich mit mir als einen der Trefflichsten anerkennen werden, von Claus Harms geäussertes Wort: »Daß er alle Lehren, in denen die Protestanten noch einig wären, auf den Nagel seines Daumens schreiben wollte.« Aber, wird man sagen, die heilige Schrift, vorzüglich das neue Testament, sind das einigende Princip! Weiß man denn nicht, daß alle Secten, auch diejenigen, die am weitesten auseinander gehen, hierauf sich berufen? Oder will man das Bindende und Maaßgebende der heiligen Schrift auf jene allgemeinen Notionen und moralischen Vorschriften beschränken, die man bei Plato und Confucius, bei Seneca und in den indischen Vedams findet, und damit dem Ausspruch des Professors Paulus beipflichten: »man hätte gleich bei der Reformation das neue Testament abschaffen sollen, indem eine positive Religion noch zu den Vorurtheilen der Apostel gehört habe; daß dasselbe nur zu Schwärmerei führe und man ohne dasselbe, und auch wenn der Name Jesu ganz in Vergessenheit käme, sich mit Religion genugsam behelfen könnte.« Endlich mag noch daran erinnert werden, wie erst Auslegungskunst und Accomodationslust, laut jubilirend über ihren gründlichen und ungetrübten Protestantismus, gewetteifert haben, die heilige Schrift auf ein mildheimisches Noth- und Hülfsbüchlein zu reduciren, wie sodann die höhere Kritik uns dieselbe unter den Händen escamotirt, bis endlich unter Straußens Behandlung Alles in eine Mythe sich verwandelt und in seinen Nachfolgern in Dunst und Dampf und zuletzt in noch Schlimmeres sich verflüchtigt hat. Oder wäre etwa die Zeit vorüber, in welcher Johann v. Müller gegen einen seiner Berlinerfreunde in die Klage sich ergoß: »Selbst Theologen (d.h., was man jetzt evangelische nennt) machen sich's zum Geschäft, die Grundsätze des ächten Christenthums in einem seichten Deismus zu verschwemmen;[464] die Grundlehren des Christenthums nennen sie theologische Vorurtheile; ihre Religion ist nun zu einer armseligen Hütte geworden, die kaum noch gegen Wind und Wetter deckt. Es existirt eigentlich unter den Protestanten keine Kirche mehr, d.i. eine Verbindung von Christen, die durch denselben Glauben und dieselben religiösen Grundsätze und Heilsmittel vereinigt sind; sondern ein Hause von Menschen, wovon ? vorzüglich unter den cultivirten und gelehrten Ständen ? der geringste Theil dem Luther, Calvin, Zwingli u.s.w. mehr anhängt, der größere aber seinen eigenen Meinungen folgt, so falsch und irrig sie auch seyn mögen, und die Schrift als ein bloßes Vehikel behandelt, in welches man ? der weniger aufgeklärten, noch zu bigotten und abgöttischen Bibelverehrer wegen ? die Moral einhüllen müsse; indessen der größte Theil die ganze heilige Schrift, die Offenbarung und die Dogmen des Christenthums verwirft und dem Deismus, dem Halbbruder des Atheismus, huldigt.« ? Wie kommt es aber, daß man gegen diese so weit verbreitete Erscheinung gleichgültig ist, blos im Privatgespräch sie beseufzt, etwa in einem Blatt der eigenen Färbung Klage darüber führt, anneben mit ihr, zumal wenn es gegen die katholische Kirche geht, gute Brüderschaft pflegt, als wandelte man vollkommen auf gleichem Wege, als huldigte man gleicher Wahrheit, als strebte man einem gleichen Ziele entgegen? Wie kommt es, daß man dem Hinwegnehmen, bis auf das Letzte hinab, mit der heitersten Ruhe zusehen kann, aber schon die bloße und dazu noch grundlose Furcht, es könnte Etwas gegeben werden, solchen Allarm veranlaßt? Sollte es daher kommen, daß das Wegwerfen und Verläugnen eines Theils der Wahrheit auch gegen den zurückbehaltenen gleichgültig macht, hiemit nach der einen Seite keine innere Festigkeit, nach der andern nur diejenige des blinden Ungestüms vorhanden seyn kann? Denn jene Alle, sowohl diejenigen, welche dem Standpunct ihrer Vordermänner noch so ziemlich nahe sich gehalten haben, wie jene Andern, die von demselben ins unbemessene Blaue[465] hinausgeschritten sind, sie Alle haben ihres Protestantismus zumal sich gerühmt, Bretschneider wie Hengstenberg, Edelmann wie der Pastor Grundtvig, der weitherzige Lichtfreund wie der beengte Pietist; wenn gleich Dieser scheel sieht auf Jenen, weil er mit dem, was ihm als Wahrheit gelte, allzufrevelhaft verfahre, der Eine dagegen über die Achsel blickt auf den Andern, weil sein starrer Formalismus zu plump seye, um der vor drei Jahrhunderten ergangenen Bewegung der Geister zu folgen. Alle aber, wie auch Gemeinschaft und Einigung unter ihnen sonst nicht zu finden ist, wagen es, der Welt laut zu verkündigen: »der Mensch ist frey in seinem Glauben von aller menschlichen Gewalt und in seinem innwendigen Menschen Niemand unterthan, denn allein Gott und seinem Worte,« nur wird von den Meisten noch beigefügt ? und seiner Vernunft. Und doch gerieth dieser, von aller Gewalt unabhängige inwendige Mensch in etwelchen argen Conflict da, wo er einer neuen Agende nicht fügsamlich unterthan werden, wohl gar bei dem Glauben, gerade so wie sein Urglaubensvater Luther denselben formulirt hatte, verbleiben wollte. Wie abgekehrt und widerstrebend jedoch die zahllosen Meinungen seyn mögen, der einigende Punct fehlt ihnen nicht, nur finden sie denselben nicht in dem Positioen, sondern blos in der Negation; blos darin, daß sie nicht allein Dieses oder Jenes in der katholischen Kirche, sondern daß sie überhaupt die Kirche selbst verwerfen. Es ist nicht die Liebe zu einander, es ist blos der gemeinsame Haß gegen diese, welcher sie einigt. Der Haß aber ist keine bauende Kraft, einzig in der Liebe wohnt eine solche; darum hat sich auch keine sogenannte evangelische Kirche, welche diese Benennung wahrhaft verdiente, erbaut, höchstens Werkstücke liegen umher, wie in jenem Bilde des Hirten. Was schon im 13ten Jahrhundert Reiner von den Irrlehrern seiner Zeit gesagt hat, gilt noch vollkommen gleich von denjenigen, deren Feldgeschrei seit dreihundert Jahren Licht, Wahrheit, Freiheit ist: »Die Irrlehrer, sagt er, sind unter sich in Secten getheilt,[466] jedoch im Ankämpfen wider die Kirche geeinigt. Finden sich Irrlehrer in demselben Hause zusammen, da streiten, während die eine Secte die andere verdammt, alle gleichzeitig gegen die römische Kirche.« Dieser Eifer hat dem Doctor Hengstenberg in Berlin, bekanntlich für die positiven Lehren des Christenglaubens, welchen die Stifter der Reformation bei ihrem Austritt aus der Kirche mitgenommen haben, einer der eifrigsten Streiter, einen sonderbaren Streich gespielt. Man kennt die Entschiedenheit, mit welcher er gegen Paniel in Bremen, gegen Sintenis in Magdeburg und ähnliche betrübende, leider aber mit vollem Recht ächt protestantisch zu nennende, Erscheinungen stets aufgetreten ist. Ich zollte diesem Verfechter geoffenbarter Wahrheit zu jener Zeit den aufrichtigsten Beifall. Man weiß, mit welcher Entschiedenheit dieser Vorkämpfer die Hauptlehren derselben: von der Erbsünde, von der göttlichen Natur Christi, von der Erlösung durch seinen Tod, Lehren, welche ohne die katholische Kirche den Protestanten längst abhanden gekommen wären, mit aller Macht ponirt, durch alle Gründe unterstützt, mit vielerlei Aufwand von Gelehrsamkeit vertheidigt. Ich bin sicher, daß Niemand auftreten und mir vorwerfen kann, jemals von diesen Lehren nur um ein Jota gewichen zu seyn. Nun war in seiner Kirchenzeitung Nro. 95, 96, Jahrg. 1840, ein Aufsatz zu lesen unter der Aufschrift: »Der Hauptpastor Wolf und das Hamburger Ministerium.« Diesem Wolf wird nachgewiesen, daß er an Christum gar nicht glaube, denselben auch nicht lehre, den Namen eines christlichen Geistlichen gar nicht verdiene, die Hamburger Geistlichkeit überhaupt auf arge Weise von der Bahn ihrer Pflicht und ihres Berufes gewichen seye. In den gleichen Nummern dieser Zeitung dann fand sich ein, durch Verdrehung, Entstellung, Verläumdung Alles überbietender Aufsatz unter dem Titel: »Dr. Friedrich Hurter und die evangelische Kirche Schaffhausens,« in welchem mich der Vorwurf trifft, daß ich an Christus in der strengen und bindenden Form der katholischen Kirche glaube und deßwegen, weil[467] katholische Sympathien den höchsten Unwillen des Glaubenswächters erregt hatten, raset hier der Haß noch wilder. Man steht, welche Bedeutung in dem Munde dieser Leute das Wort, hat: »werdet nicht der Menschen Knechte.« Glaubet ihr, was Andere glauben, uns aber nicht gefällt, dann seyd ihr Knechte, frei nur dann, wenn ihr glaubet, was wir, oder am Ende auch gar nichts. Wer daher nicht gerade in derjenigen Form glaubt, die sie beliebt haben, der fällt in die Brüche; doch nie so tief hinab derjenige, der gar nichts glaubt, als derjenige, der über ihre Formel hinaus glaubt. Wir haben uns mehrmals an der zwischen Rationalismus und Pietismus freudig eingegangenen Offensiv-Allianz wider Alles, was die katholische Kirche berührt, oder derselben eigenthümlich ist, im Kleinen wie im Großen ergötzen können. So wie aber die Allianz wieder sich löst, kann der Rationalismus sich überzeugen, daß er der Gefoppte gewesen seye. Indeß konnte jene an mich gerichtete Frage zugleich noch eine, dem »evangelisch-reformirten« oder protestantischen Princip offen widersprechende an sich genannt werden. »Denn, wenn der Mensch frey seyn soll in seinem Glauben von aller menschlichen Gewalt, und in seinem innwendigen Menschen Niemand unterthan,« so folgt doch nothwendig daraus, daß er noch freyer seyn müsse und noch weniger unterthan seyn dürfe menschlicher Gewalt in demjenigen, was den Glauben höchstens von ferne berührt, wie z.B. die Auffassung geschichtlicher Erscheinungen in der Vergangenheit, anderweitiger Einrichtungen in der Gegenwart. Wird das Princip der freyen Forschung, was doch ebensoviel sagen will, als in seinem Glauben von aller menschlichen Gewalt frey seyn, als oberstes aufgestellt, so muß doch dieses unfehlbar die Befreyung von menschlicher Gewalt nicht blos nach der Gegenwart, sondern weit mehr noch nach der Vergangenheit in sich schliessen, und kann Alles, was von Menschen ausgegangen ist, wer nun diese seyn und zu welcher Zeit[468] sie gelebt haben mögen, für ihn, der den letzten und höchsten Bestimmungsgrund in sich selbst trägt, weder zur Richtschnur noch zur Schranke werden. Alle menschlichen Formeln, von wie Vielen auch dieselben einst gutgeheissen und von woher auch die Sanction ihnen ertheilt worden, können als richtige Mitte nur so lange gelten, als der Mensch sie anerkennen und in freyem Willen über sie nicht hinausschreiten mag. Fiele es ihm aber ein, von dieser, durch die Formmel selbst, durch die Weise ihres Entstehens und durch das Wesen derjenigen, die sie aufgestellt haben, ihm vollkommen eingeräumten Befugniß des freyen Willens Gebrauch zu machen; bliebe hiebei für Andere gar nichts übrig, als das Zusehen, wie er nach der Linken immer weiter bis in das Grund- und Ziellose hinausschweife, so dürfte die Rechtfertigung schwer fallen, wie demjenigen, der auf dem gegebenen Boden fest und entschieden stehen bleibe, der freye Wille, nach der Rechten hinüberzublicken, wolle streitig gemacht werden. Es ist so eine eigene Sache mit dieser freyen Forschung, die denn doch als Forschung nicht frey seyn und als Freiheit nicht forschen soll. Diejenigen, welche auf diesen Satz so gewaltig pochen und in demselben nicht blos ein Juwel, sondern selbst jene Perle des Evangeliums zu besitzen meinen, für deren Erwerb Einer alle seine Habe verkauft, können es nimmermehr ablehnen, von Jedem, der kraft dieser Freiheit Vieles gleich obsoletem Plunder wegwirft, was Andere für kostbar erachten, als Brüder in der »evangelischen« Kirche begrüßt zu werden. Blutet ihnen auch das Herz darob, daß diese Kecken die Worte: »Freiheit«, »Niemand im Glauben unterthan zu seyn«, »nicht der Menschen Knechte zu werden«, ? in weiterm Sinne nehmen, als sie selbst es gerne sehen; daß so Viele glauben, die einst gezogenen Schleussen dürften noch immer geöffnet bleiben, da die Auen noch nicht sattsam getränkt wären: so bleibt einzig der kümmerhafte Trost, daß die Kugel, einmal in den Lauf gesetzt, fortrolle, und kein Aufhalten da ist. Wie aber, wenn diese freye Forschung, in ihrer Verbindung mit der[469] eigenen Geistesthätigkeit, da und dort eine Lehre findet, von der sie sagen muß, sie seye in der heiligen Schrift nicht minder begründet, als irgend eine andere ? wie z.B. diejenige gegen die Ehescheidung und die Nichtwiederverheirathung der Getrennten; oder sie lasse sich aus der Gesammtheit der göttlichen Offenbarung folgern ? wie die von der Selbstständigkeit der Kirche; oder sie werde ausserdem noch durch Vernunft und Erfahrung bestätigt ? wie die von der Beichte; wolltet ihr alsdann erwidern: so aber ist's mit der Forschung nicht gemeint, so weit darf die Freiheit nicht gehen, denn längst ist vorgeschrienden, was nach dieser Richtung erforscht werden dürfe, längst festgesetzt, wie weit die Freiheit in dieser Beziehung zu gehen habe? ? Wie viel Gründe ihr auch zu haben wähnet, von so manchem leuchtenden Namen das Präbleat Heilig abzutrennen, wir haben deren allermindestens ebensoviele, um Andern dasjenige von »Gottesmännern« noch weniger zuzugestehen. Da wird man an des Rationalisten Langsdorf Wort erinnert: »So unwidersprechlich der protestantischen Kirche die Glaubensfreiheit zusteht, so beschränkt ist dieselbe dennoch im wirklichen Leben. Zwar haben die Protestanten keinen Papst, aber ? was vielleicht noch schlimmer ist ? sie haben Päpste. Protestantische Consistorien und Synoden vertreten hinlänglich die Stelle eines Papstes.« Alles dieses erwogen, beschloß ich auf die gestellte Frage die ganz kurze Antwort zu ertheilen: »Wenn, was mir seit 28 Jahren zum Besten unserer Kirche zu wirken gelungen seye, nicht genüge, so müße ich bezüglich dieser anmaßlichen Herzensund Nierenprüferei auf die St. Johanneskirche verweisen, allwo allsonntäglich von acht bis neun Uhr des Morgens auf die Frage Antwort könne abgeholt werden.« ? Wer mich kannte, mochte eine andere Antwort kaum erwarten. Man wird vielleicht sagen, sie seye barsch gewesen; aber sie konnte in Berücksichtigung,[470] daß ein Conventsbeschluß vom 9. April wohl unverzüglich allgemein besprochen, mir aber erst am 23. zugestellt wurde, nicht anders ausfallen. Man würde sehr irren, wenn man glauben wollte, der Innhalt der Frage seye mir zuwider gewesen; nein, die Frage an sich, die Art und Weise, wie sie zu Stande gekommen, die Superiorität, die man sich damit über mich anmaßen wollte, das war mir zuwider, das rief jene Antwort hervor. Wollten die Andern mit ochlokratischem Ungestüm auf mich eindringen, so mußte ich ihnen meine aristokratische Unbeweglichkeit entgegenstellen. Wohl wird es wieder nicht an Sclchen fehlen, welche es hoch aufnehmen dürften, daß bei dergleichen Erörterungen jene Worte, die doch blos Formen, blos Grundsätze auf weltlichem Gebiet bezeichneten, hier auch nur zum Vorschein hätten kommen, den sie bezeichnenden Begriffen auch nur das mindeste Anrecht an mich habe können eingeräumt werden. Mir sind die Formen so bedeutungslos nicht, und es hat mich immer bedünken wollen, je gewichtiger eine Sache seye, desto mehr sollte zugleich auf passende Form für dieselbe Bedacht genommen werden; da oft durch Rücksichtslosigkeit gegen diese entweder das Ersprießlichste gescheitert ist, oder, was bei solcher leicht zu erreichen gewesen wäre, nicht hat können erreicht werden. Noch ein Moment, welches etwelcher Berücksichtigung würdig wäre, dürfte sich darbieten. Ehe ich von jener Frage officielle Kenntniß erhielt, war mir der Verlauf der Verhandlung, als deren Resultat sie erschien, mit allen Umständen und Aeusserungen auf's genaueste bekannt geworden, es daher weder so schwer, noch so gewagt, über die gegen mich hervorgerufene Stimmung ein richtiges Urtheil zu fällen. Wie aber, abgesehen von Veranlassung, Zweck, Gegenstand, Recht, Waffen, was immer es sey, bei jeglichem Streit eines Einzelnen gegen eine Masse, die Stellung von jenem schwieriger, der Ausgang für ihn zweifelhafter, oft mißlicher ist, so durfte und konnte ich mir nicht verhehlen, daß jene Antwort den Hader nicht beschwichtigen,[471] mir keine Ruhe verschaffen werde. Wie aber, wenn ich, um all das Störende und Mißdehagliche mir mit Einemmal vom Halse zu schaffen, entweder vorerst eine einläßliche Erklärung über das Wesen dieser reformirten Kirche verlangt, oder mit allem Entgegenkommen ein rundes Ja ausgesprochen hätte? Im ersten Fall hätte man sich auf die Negation beschränken müssen, denn im Positiven waren meine Gegner unter sich so wenig einig, als mit einem Theil derselben ich es war, standen jedenfalls in den höhern Ueberzeugungen Andere derselben von mir nicht so ferne, wie von Jenen; im zweiten Fall hätte man die Sache schwerlich weiter treiben, oder ein förmliches Inquisitions-Tribunal über den Sinn des »Ja« niedersetzen können. Allein Beides hätte mir widerstrebt, wäre mit meinen Begriffen von persönlicher Würde nicht vertragsam gewesen; das Erste hätte feigem Ausweichen gleich gesehen, das Andere würde vermuthlich doch nicht befriedigt, oder mich in die schmählichste Menschenknechtschaft versetzt haben, die sich denken läßt. Der weitere Gang der Sache, wie das Volk mit derselben, als mit einer, seinen Glauben und seine Kirche gefährdenden behelligt und in einer Petition: daß hinfort zur katholischen Religion Uebertretende von dem Bürgerrecht auf das blosse Heimathsrecht zu beschränken seyen, hineingetrieben; wie mancherlei Ersonnenes gegen mich in Umlauf gesetzt wurde; wie sich gegen mich eine ungemeine Thätigkeit entwickelte; wie unter den Geistlichen auch diejenigen, die an der Bewegung keinen Theil nehmen wollten, höchst unangenehme Erfahrungen zu machen hatten; wie bei wiederholten Versammlungen versöhnende Anträge ohne Anklang blieben und selbst dergleichen schriftliche Bemühungen meines greisen und kranken Collegen, des Herrn Triumvir Maurers, eher gegen ihn selbst aufstachelten, als die beabsichtigte Wirkung hervorbrachten; wie es sich durch so manche einzelne Aeusserung herausstellte, daß eigentlich, bei allen obligaten Versicherungen brüderlicher Liebe, eine Ausgleichung mit unbedingter Unterwerfung unter die Pietistenpartei (an welche zwar wohl andere Elemente sich anschloßen,[472] indeß sie doch weitaus die Mehrheit bildete) identificirt werde; wie man immer tiefer in das Unternommene und in solcher Art zur Gestaltung Gekommene sich verrannte, so daß am Ende mit Betrübniß in der Versammlung der Geistlichen die Klage erscholl: »so oft ein Samenkorn des Friedens wolle ausgestreut werden, stehe ein Kehrwisch bereit, um es sofort wegzufegen;« dieses und so manches Andere mag, als blos auf diese Augelegenheit, nicht unmittelbar auf meine Person bezüglich, übergangen werden. Ich blieb indeß ruhig. Ein neues Schreiben vom 15. Mai welches mit Anzeige an den kleinen Rath drohte, nochmals Beantwortung jener Frage verlangte, hiezu eine Frist von 14 Tagen aufstellte, wurde von meiner Seite einfach ad acta gelegt. Indeß setzten die Zeitungen ihr Hetzen, Entstellen und Lügen fort, und wurden dann nachher wieder als gewichtige Autoritäten gegen mich citirt und in den Versammlungen der Geistlichen vorgelesen, wie später sogar auf einen Ausdruck in Hrn. von St. Cherons Einleitung zu seiner Uebersetzung der Geschichte Innocenzens des Dritten der Beweis wollte gegründet werden, ich müßte unfehlbar Katholik seyn. Ich hätte freilich gewünscht, Andere, die über die Wege, die man einschlug, über den Gang, den man sich erlaubte, über so Vieles, wozu man sich berechtigt hielt, in warmer und herzlicher Theilnahme für mich bisweilen zu einem scharfen Wort sich gezwungen sahen, hätten meine eigene Passivität theilen können. Veranlaßt habe ich nichts Derartiges, im Grunde nicht Alles gebilligt, weil gewöhnlich diejenigen, die sich zu jederlei Provocation bevorrechtet halten, einer Abwehr oder Erwiederung nichts, als eine hintennach folgende Rechtfertigung für ihre vorangegangenen Angriffe entnehmen. Ich habe während eines Jahrzehends Gelegenheit genug gefunden, dieses als beinahe constantes Verfahren zu beobachten. Zur unbeweglichsten Passivität hatte ich zwei Beweggründe: zunächst zu zeigen, daß ich, zum Frieden stets geneigt, auch den letzten Schimmer von Möglichkeit seiner Herstellung nicht wolle fahren lassen, sodann mich zu bereiten,[473] dann erst, wenn die Nothwendigkeit förmlich dazu zwänge, ein ernstes Wort über das Ganze zu sprechen. Nachdem in einer abermaligen Versammlung der Geistlichkeit am 11. Juni neue, so wohlwollende als andringliche Aussöhnungsversuche des Hrn. Triumivir Maurer zu nichts Anderm als zu der auffallenden, meine Gegner aber in das wahre Licht stellenden Bemerkung geführt hatten: » Er seye es, der nun die Brandfackel geschwungen, den Riß unheilbar gemacht habe, den Convent (die Majorität desselben) nöthigen werde, auch gegen ihn aufzutreten,« und er beßwegen sogar öffentlicher Verunglimpfung nicht entgieng; nachdem ähnliche Versuche Anderer eben sowenig Zustimmung gewinnen konnten; nachdem man sich in Allem, wozu man bei frühern Versammlungen gegen mich sich hatte hinreissen lassen, noch weit überboten, und eine rathende und fördernde Verbrüderung mit Solchen, deren Stellung Unparteisamkeit ihnen hätte gebieten sollen, kaum mehr zu mißkennen war, sandte ich amt folgenden Tage die Schrift: »der Antistes Hurter von Schaffhausen und sogenannte Amtsbrüder«, in die Druckerei. Es geschah, wie ich mich mit der lautersten Wahrheit hierüber damals erklärt hatte, ungern, mit schmerzlichem Gefühl, wohl voraussehend die Folgen, aber nothgedrungen. Denn immer noch fiel es mir schwer, zwanzigjähriger Reminiscenzen mich zu entschlagen; immer noch bekümmerte es mich tief, ein so lange bestandenes freundliches Verhältniß auf so unerwartete Weise zerrissen zu sehen; immer noch war die Zuneigung zu meinen Collegen, wenn auch durch so manches unfreundliche Wort und noch unfreundlicheres Benehmen für den Augenblick zurückgedrängt, die ursprünglich aufrichtige, wohlwollende, zu jeglichen Erweisen bereitwillige. Ich glich dem Jüngling, den der Wankelmuth, vielleicht gar die besorgte Untreue eines Mädchens tief bekümmert, dem es aber lange unmöglich wird, seiner Hoffnung früherer Anhänglichkeit[474] zu entsagen; darum bereit, das vorige Verhältniß herzustellen, sobald jenes hiezu nur Hand bieten möchte. So glaubte auch ich, als bereits die Lanze eingelegt war, es wolle wirklich zu solcher Herstellung die Hand geboten werden, und erklärte, hierob erfreut, die meinige ohne Zaudern noch Rückhalt reichen zu wollen. Kaum jedoch aufgegangen, zerrann der Schimmer wieder. Wirkte, wie nachmals wollte gesagt werden, zufälliges Mißverständniß? war der Schritt ohne innere Anmuthung, blos in Gefälligkeit gegen Andere geschehen, stand dabei eine verborgene Absicht im Hintergrunde? ? Ich weiß es nicht; genug, daß nach wenigen Tagen ich mich überzeugen mußte, die gehegte Hoffnung seye eine trügerische gewesen. Es ist wahr, ich bin in jener Schrift mit Küriß und Flamberg aufgetreten; sie ist scharf, schneidend, zermalmend. Das vorhin aufgestellte Bild von dem Jüngling ist kein übertriebenes, kein in falschem Farbenschimmer schillerndes. Weder die frühern Gesinnungen, die mich bewegten, noch die Empfindungen, die bei den Erfahrungen der letzten Monate mir sich aufdrängten, konnten in ihrer Intensivität Jemanden kund seyn. Wozu man seit dem 30. März gegen mich sich berechtigt hatten, wie sehr man mit aller Erinnerung aus der Vergangenheit frische Tafel gemacht haben, wie viele ablehnende Stimmen man dem, aus dem tiefsten Bewußtseyn der Wahrheit hervorgehenden Laut des Einzelnen entgegensetzen, und wie wenig man der Thatsachen, also um so weit weniger dessen, was als deren Wurzel blos im Innern walten kann, Wort haben möge, das darf ich jetzt noch bezeugen: alle meine Zuneigung, alle meine Bereitwilligkeit, alle meine Hingebung, die ich gegen diejenigen hegte, die ich so gerne mit dem vollen Gewicht des Wortes meine Amtsbrüder nannte, war denjenigen gewidmet, die auch jetzt noch meine Amtsbrüder sich nennen wollten; ich hatte immerdar mich gefreut, ihnen zum Besten meine Thätigkeit zu verwenden, und wenn es nicht in größerem Umfang, noch mit gedeihlicherem Erfolg geschah, als der Fall war, so fehlte dem Einen nur die Veranlassung, zu dem Andern die[475] Möglichkeit; hätte es von mir abgehangen, ich würde sie Alle freudig in die zufriedenste Lage versetzt, sie insgesammt gerne höher gehoben haben; es that mir wahrhaft wohl, sie einig zu sehen; ich zählte die Stunden, die ich unter ihnen zubrachte, zu den heitersten meines Lebens; ich träumte von Anerkennung, Vertrauen, Entgenkommen; ich wiegte mich in dem Wahn eines befriedigenden, festbegründeten, unbetrübten Verhältnisses. Da ward ich urplötzlich, unerwartet, unvorhergesehen, hinabgestossen von dieser heitern, sonnigen Hohe in eine grausige Niederung, aufgeschreckt aus diesen umschwebenden Traumbildern in eine entsetzliche Wirklichkeit; es war Eines Schlages Alles zerronnen, was so lange in den anmuthigsten Gestalten mir vor Augen geschwebt; ich glich dem Manne, der behaglich den größten Theil seines Daseyns in einem ihm liebgewordenen Hause verlebt hat, hierauf in einem Augenblick, in welchem er es nicht ahnet, dessen Grundfesten wanken, dessen Wände zusammenbrechen, dessen Dach einstürzen sieht, anbei sichs nicht zu erklären vermag, woher diese Verwüstung komme? So wußte auch ich im Anfange nicht zu erklären, was dieses plötzliche Herantosen gegen mich möge veranlaßt haben. Denn das war mir klar, daß es aus jener lügenhaften Sage, welche an die Kirche vom St. Catharinenthal sich knüpfte, so nicht habe können hervorbrechen, um so weniger, da bereits am 30. März meiner ertheilten Auskunft die fertig gemachte Gesinnung gegenüber trat. Liegt, wie schon damals nicht wollte verhehlt werden, die Ursache in jener entschiedenen Abwehr, demjenigen mich anzuschliessen, was gegen die Bewilligung eines katholischen Gottesdienstes hintennach angestrebt wurde, so kann ich Gott nur danken, daß er einen Theil der Trübsal, welcher Keiner, der in die Kirche zurückkehrt, so leicht entgehen kann, mich vorweg nehmen ließ, noch bevor ich an dieses gedacht habe. Aber selbst auf Gefahr der schnödesten Mißdeutung und der störrigen Ablehnung darf ich es wiederholen, daß die eigentliche Trübsal nicht in den mancherlei Unannehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten, die über mich reichlich ausgegossen wurden,[476] sondern in dem Zerreissen jener Bande bestand, die ich mir so rein, so fest, so befriedigend geträumt hatte. Da hatte freilich in den ersten Zeiten und über dem anfänglichen Verlauf des Stürmens die Entrüstung das Uebergewicht gewonnen. Aber es war mir auch des Redens und Treibens gegen mich, wie dasselbe vom 30. März an immer mehr in den Fluß gekommen ist, zu viel bekannt, es waren da Wege betreten und Wendungen genommen worden, die meiner Handelnsweise straks entgegen sind! Wie schonungslos auch in ihrer Leidenschaft gegen mich in gedachter Schrift Einige dargestellt wurden, wer noch im Zusammenhange die Entwicklung jener Bestrebungen sich zu vergegenwärtigen im Stande ist, dabei alle Individualitäten zu beobachten, wie ich, so manche Einzelnheit zu vernehmen, Gelegenheit hatte, der wird das Zeugniß nicht versagen können, ich hätte der Zurückhaltung wenigstens überall da mich beflissen, wo ich nur etwelche Spuren einer gemässigtern Gesinnung, eines freundlichern Verfahrens, auch nur der scheinbaren Rückkehr zu solchem wahrzunehmen geglaubt hatte. Dieses nachzuweisen, selbst mit Darlegung nachmals erkannten Irrthums, fiele mir nicht schwer, so wenig, als es mich nach überzeugender Beweisführung, daß ich irgendwie einem Menschen durch mein Urtheil zu nahe getreten seye, Ueberwindung kosten würde, dieses jetzt noch zu berichtigen. Denn wie unerquicklich, selbst unglaublich von den angeführten Thatsachen oder Aeusserungen Manches auch seyn möge, ersonnen hatte ich nichts, absichtlich entstellt noch weniger. Aber ich stand damals mitten in dem entbrannten Kampfe, Einer gegen Viele, ohne fremde Hülfe gegen Solche, die sich Bundesgenossen aller Arten und nach allen Seiten hin geworben hatten; es wollte mir als Pflicht erscheinen, das: Nec aspera terrent, im vollesten Umfange zu bewähren. Allerdings würde ich diese Schrift in solcher Gestalt, wie sie vorliegt, jetzt nicht wieder schreiben, am wenigsten seit der Gegenstand, den sie behandelt, zur Veranlassung der endlich herbeigeführten Folge geworden ist. Denn verwünscht auch der[477] Kranke den Wundarzt im Augenblick, da der heilende Schnitt im Schmerz ihn aufschreyen macht, so verwandelt sich, ist er erst genesen, das bittere Wort in aufrichtigen Dank. War daher der Kampf als solcher schon bitter, noch bitterer der Personen wegen, durch die er angehoben worden, so darf ich jetzt mit froher Stimmung auf denselben zurückblicken, da er am Ende dahin führte, Ketten zu zerbrechen und eine Freiheit zu finden, zu der ich ohne denselben wohl schwerlich würde hindurchgedrungen seyn; nicht jene Freiheit, von der so viel eitel Redens ist, sondern die wahre, innere Freiheit, zu der nur der Gehorsam gegen die Kirche, als der Vermtittlerin der durch Christo errungenen Freiheit, uns emporhebt. Wollte aber Jemand meinen, aus dem 16. Juni dieses Jahres eine Rechtfertigung für das damals wider mich Unternommene und die ganze Art, wie es vollführt worden, ableiten zu können, so würde er arger Täuschung sich hingeben, wie der Verfolg darthun wird. Das hingegen seye zugestanden, daß die Fähigkeit, wieder ein Glied der Kirche zu werden, zu jener Zeit allbereits in mir gelegen habe. Schwerlich jedoch hätte diese Anlage zur regenden und bildenden Kraft sich entwickelt, sofern nicht derjenige, dessen Gnadenwirkung die Kirche, wie an ihrer eigenen, so an eines jeden Menschen Leitung anerkennt, allmählig die Hemmnisse beseitigt, hienach in manchartiger Einwirkung die Hand würde gereicht haben. Aus jenem Hader ragte diese Hand allerdings hervor, obwohl sie erst später erkannt, und Heilendes damals noch gar nicht wahrgenommen werden mochte. Ohne dieses Ungeahnete wäre ich sonder Zweifel in meiner bisherigen Weise fortgeschleudert, hätte ich den Protestantismus immerfort als rechtmässige. Thatsache angenommen und ihn damit auch zu der meinigen gemacht, ohne zwar den Ursprung gerade als besonders preiswürdig, noch das daraus Herfliessende als so vorzüglich wohlthätig anzusehen; aber eben so gewiß ohne Veranlassung zu finden, über dasjenige, wogegen er aller Anfangs sich aufgelehnt, mir eine andere, als eine blos oberflächliche Kenntniß zu verschaffen.[478] Wäre indeß die zu jener Zeit in Beziehung auf mich immer im Hintergrund stehende Vermuthung die richtige gewesen, gewiß würden nicht vier Jahre verflossen seyn, bis »an den Altären des Herrn der Kräfte der Sperling sein Haus, die Turteltaube ihr Nest gefunden, ich in den Gezelten des Herrn Wohnung gesucht hätte.« Entronnen den Banden, hätte ich dann sicher unverweilt den Flug dahin genommen; denn ich bin nicht deren Einer, die entweder allzulange mit Fleisch und Blut zu Rathe gehen, oder erst scheu und zagend um sich sehen, was wohl die Menschen sagen dürften? Aber nicht auf Vogels Schwingen bin ich dorthin gelangt, sondern als Pilger, der, wenn immer von treulich leitender Hand geführt, doch nur Schritt für Schritt sich erheben kann zu dem Felsen, auf welchem die Kirche thront, die der Herr gebauet, durch sein eigenes Blut gegründet, welcher allein er die Verheissung ewiger Dauer gegeben hat. Noch einmal beschäftigte sich der Kirchenrath mit der immer mißlicher gewordenen Sache. Mochte man auch ahnen, daß sie in ihren Anfängen leicht zu beseitigen gewesen, zu solcher Verwicklung und weit klaffender Zertretung niemals gediehen wäre, hätte der kleine Rath nicht auf Ueberklugheit größern Werth als auf einen geraden, würdigen, durch die Umstände, wie durch seine eigene Anfangs ausgesprochene Absicht gebotenen Gang hätte setzen wollen, so wollte man sich Solches doch nicht gestehen, und rieth sich mit allem Rathen nur tiefer in Irrgänge hinein, aus welchen man sich am Ende vielleicht einzig durch irgend etwas Gewaltthätiges würde haben heraushauen können. Dießmal meinte besagter Rath, die Geistlichkeit sollte im Lauf nächster Woche durch mich zusammenberufen und ein Versuch zur Ausgleichung gemacht werden, nach dessen Erfolglosigkeit wohl die weltliche Gewalt zu einer Verfügung sich veranlaßt sehen dürfte.[479] Aber am gleichen Tage, an welchem dieses Ansinnen an mich gelangte, war das Erscheinen jener Schrift angekündigt und von mir der Tag einer Abreise nach München festgesetzt worden, die ich dieser Wirrsale wegen von Woche zu Woche hatte verschieben müssen. Allein auch ohne dieß würde ich dem Verlangen des Kirchenrathes schwerlich entsprochen haben, noch weniger würde bei dem Stand, auf den der Hader bereits gediehen war, die aufgestellte Absicht erreicht worden seyn. Die Maßregel kam zu spät, würde überhaupt ohne Dazwischenkunft von Personen, in deren Wohlmeinen und Parteilosigkeit von meiner Seite kein Zweifel sich hätte setzen lassen, nie Erfolg gehabt haben. Amtliche Stellung konnte mir, weil kein Vertrauen ferner in Anspruch nehmen, keine Bürgschaft mehr leisten, nur in moralischem Werth ließ sich diese noch suchen. Ich übergab also das Schreiben meinem Stellvertreter für solche Fälle, ihm es überlassend, ob oder wann er die Versammlung stattfinden lassen, was er als deren Aufgabe ihr vorlegen wolle. Der Behörde zeigte ich dieses am 24. Juli an, mit dem einfachen Bemerken: »Es wäre ein für mich nicht zu lösendes Räthsel gewesen, wie (nach allem Vorgegangenen) in einer solchen Versammlung von meiner Seite auch nur die Initiative hätte sollen ergriffen werden; dieß um so mehr, da ich schon am Morgen des gleichen Tages das Erscheinen einer längst vermißten und erwarteten Erklärung hätte ankündigen lassen.« Während meiner Abwesenheit schien wider alles Vermuthen eine gemässigtere Stimmung zurückkehren zu wollen, jene Schrift wenigstens nicht, wie ich befürchten müßte, den letzten Faden abgerissen zu haben. Eine Zuschrift der Geistlichkeit vom 28. August versicherte mich, daß während der Dauer einer Sitzung des vorigen Tages ein Geist ernster Wehmuth und Versöhnlichkeit obgewaltet habe, wenn gleich durch jene Schrift der Sache eine bedenklichere Gestalt gegeben worden, und die Nothwendigkeit eingetreten seye, die jetzige Sachlage dem Kirchenrath darzulegen. Nicht nur enthalte die Schrift mancherlei Unrichtigkeiten, sondern die Mehrheit der Geistlichen er scheine von[480] ihrem Antistes als Mitbrüder aufgegeben. Rückkehr in ihre Mitte seye möglich durch Beantwortung der frühern Frage, durch öffentliche Zurücknahme der, wohl aus Irrthum herrührenden Herabwürdigung der »Amtsbrüder.« Ich kann noch jetzt bezeugen, daß ich in der ungesamt ertheilten Antwort einen Blick in mein Innerstes eröffnete; denn ich sagte darin: »Ich darf in Wahrheit gestehen, daß es von Anfang an tiefe Bekümmerniß in mir erregt hat, ein Band, welches mir stets so theuer, dessen Vorhandenseyn seit langen Jahren mein Stolz und meine Freude, dessen Erhaltung stets mein schönstes und frohestes Bestreben war, welchem Aufmerksamkeit und Obsorge zu widmen ich keine dringendere Ermahnung als die Regung des eigenen Herzens finden konnte, erst gelockert, sodann durch ein ununterbrochenes Aggregat nachtheilig wirkender Einflüsse dem Zerreissen nahe zu sehen. Mag nun die seitherige Entwicklung der Dinge auf Ihre jetzige Beurtheilung meiner Person nicht ohne allen Einfluß geblieben seyn, so werden Sie doch in die Aufrichtigkeit des Geständnisses keinen Zweifel setzen: daß ich nur mit wahrer Besorgniß alles Zuwarten von meiner Seite, alle ertheilte Winke erfolglos bleiben, ja mit inniger Betrübniß die Mißverständnisse demjenigen Puncte entgegenreifen sah, auf welchem sie einen bedenklichen Charakter annehmen mußten. Am Schluß wiederholte ich im Hinblick auf jenen Ausdruck, ?wie Wehmuth die Geistlichen erfüllt habe:?« dieselben dürften »der Ueberzeugung sich hingeben, daß ich seit langem mit nicht minderer Bekümmerniß und Trauer darüber mich erfüllt sehe, ebenfalls von daher und dazu noch so unerwartet und unverdient leiden zu müssen, von woher ich es am mindesten erwarten zu sollen meinte, und wohin meine Liebe, meine Hingebung und meine Fürsorge von jeher so aufrichtig als ungetheilt gewendet war.« Bezüglich der verlangten beiden Puncte ließ ich die Frage ganz unberührt, denn von dieser konnte bei mir jetzt so wenig, als im Anfange je, die Rede seyn, wollte ich anders meine freye Stellung, meine Ehre, den Begriff von meiner Würde[481] nicht preisgeben, im wahren Sinne des Wortes der Menschen Knecht werden. Hinsichtlich des Andern erklärte ich mich mit folgenden Worten zum Entsprechen geneigt: »Finden Sie in jener, nach so langem Dulden, Schweigen und Zusehen mir abgedrungenen und gleichsam aus den Händen gewundenen Schrift irrige Angaben, so kann zu einer Berichtigung von dergleichen Niemand bereitwilliger sich erklären, als ich; da es überhaupt zu keiner Zeit in meiner Sinnesart oder Handelnsweise lag, Jemanden absichtlich zu nahe zu treten, Jemanden vorsätzlich zu kränken, oder jedem Menschen (wie viel weniger mithin Solchen, mit denen so lange eine zusagende Verbindung bestand!), der mir über irgend Etwas ein unbegründetes Urtheil nachweisen konnte, dasjenige, was er mit Recht fordern darf, je versagen zu wollen. Indeß werden sie nicht unbillig finden, wenn ein Gleiches auch von meiner Seite geschieht ? ? da einer dauerhaften und befriedigenden Einigung nicht einseitiges Verlangen, sondern gegenseitiges Zugestehen zu Grund gelegt werden muß.« Nicht lange nachher wurden neuerdings zwei Mitglieder der Geistlichkeit, die von Anfang her eine mässigende und vermittelnde Stimme geführt hatten, an mich abgeordnet, um jene Begehren nochmals vorzubringen. Zwar konnte ich auf nichts Anderes eingehen, als auf das, was in meiner Zuschrift bereits enthalten war; doch verhieß ich dasjenige, was sie mündlich beigefügt hatten, in Ueberlegung zu nehmen und schriftlich Antwort zu ertheilen. In redlicher Geneigtheit, die vorhandenen Anfänge freundlicherer Gesinnung meiner Seits möglichst festzuhalten, entschloß ich mich, hinsichtlich jener vielbesprochenen Frage wenigstens eine Erklärung zu geben, die an den äussersten Rand des Zulässigen gehen, deßwegen nach meinem Dafürhalten befriedigen sollte. Diese Erklärung lautete so: »Haben manche Mitglieder der Geistlichkeit grundlosen Besorgnissen in Betreff meiner Person und deren Stellung zu unserer Kirche Raum gegeben, so dürften dieselben wohl als unstatthaft erkannt werden, wenn ich diese Mitglieder in den[482] Stand stelle, mit meinen thatsächlichen, offenkundigen und bisanhin von Niemanden bestrittenen Bestrebungen zu Erhaltung des Wesentlichsten, was unserer Kirche angehört, die anneben aus einer richtigen Würdigung jener Thatsachen von selbst hervorgehende Erklärung in Verbindung zu setzen, daß dieses Alles aus aufrichtigem Bestreben um Erhaltung geoffenbarter evangelischer Wahrheit hervorgegangen seye. Wenn sich mir dann in Bezug auf äußere Erscheinungen der katholischen Kirche Manches unter anderer Beleuchtung darstellt, als je von einer abgeschlossenen Norm für statthaft gefunden werden will, so ist hiebei nicht zu verkennen, daß besondere Meinungen und Ansichten über vorhandene Facta allsolange geduldet werden können, dürfen, ja müssen, so lange nicht versucht wird, denselben, obliegender und anerkannter Verpflichtung entgegen, durch amtliche Stellung weitere Geltung oder gar Einfluß zu verschaffen. Um aber den Mitgliedern des Convents solches zu erleichtern und sie jeder hieraus zu folgernden Besorgniß zu entheben, versichere ich dieselben, und männiglich, wem solches zu wissen noth thut, daß ich, so wenig als offen, ebensowenig heimlich der katholischen Kirche angehöre, ja zu einer solchen verborgenen Verbindung zu keinen Zeiten und unter keinen Umständen mich verstehen könnte; welchem ich dann noch mit gutem Gewissen beifügen darf, daß ich mich der wahren Interessen unserer Kirche fernerhin in gleichem Maße annehmen werde, wie solches bisanhin geschehen ist.« Unerklärlich, ja seltsam muß es immer bleiben, wie weder im Beginn noch in dem langen Verlauf einer derartigen Verhandlung von den Vielen, die dabei sich betheiligten, und wahrlich nicht lau, lahm und matt dabei sich betheiligten, aus dreissigjährigem Wirken und nicht bedeutungslosem Walten unter so manchen gewichtigern Vorkommnissen, welche in dasselbe sich verflochten, auch nicht ein Zweifel, geschweige denn eine erweisliche Anschuldigung konnte hervorgezogen werden, ob jeglicher Verpflichtung nicht in vollem Maaß immerdar seye genügt, irgend Etwas, was derselben zuwider, angestrebt worden; seltsam,[483] daß in Ermanglung von Thatsachen Alles nur in den Gesinnungen gesucht werden, daß ein Buch, welches nicht principiell gewisse Fragen, sondern Ereignisse in Gemäßheit der vorhandenen Documente behandelt, die Stelle von jenen vertreten mußte. Auch diese Erscheinung hat nachher, in Verbindung mit dem Geburtstag, in immer wiederkehrender Erwägung nicht geringen Einfluß auf mich geübt. Sicher würde sie diesen nie gewonnen haben, wenn sich mir hätte nachweisen lassen, oder meine eigene Rückerinnerung mir hätte sagen müssen, in Diesem oder in Jenem meines amtlichen Wirkens wäre ich entweder über die vorgesteckten Gränzen hinausgeschritten, oder hätte ich innerhalb derselben nicht dem Allem, wozu ich verpflichtet gewesen, getreulich obgelegen. War daher, wie fortwährend festgehalten worden, wirklich nichts Anderes, als ängstliche Besorgniß, hervorgegangen aus literarischen Bestrebungen und aus der unschuldigen Bekanntschaft mit einigen gesellschaftlich und wissenschaftlich höher gestellten Männern, Ursache des gegen mich Unternommenen, so hätte jene Erklärung, weil in der bindendsten Form gehalten, vollkommlich genügende Zusicherung geben können und sollen. Sie enthielt offenbar mehr, weil Bestimmteres, denn ein allgemeines Ja, als vage Antwort auf die vage Frage. An Erfahrung, daß ich jedem gegebenen Versprechen eine zwingende Gewalt über mich einräume, konnte es ebensowenig fehlen. Aber gerade dadurch, daß diese Erklärung nicht befriedigen wollte, wurde jene anfängliche Frage aus ihrer unbegränzten Weite nicht allein auf einen sehr engen, sondern auf den allerengsten Umfang zurückgeführt. Ich hätte das trockenste Ja als Antwort ertheilen, daneben als Kanzelredner das seichteste Aufklärungsgewäsch, socinianische, spinozistische, deistische und alle möglichen, das Christenthum von sich werfenden Lehren predigen können. Hiemit wäre freilich der größere Theil derjenigen, welche wider mich auftraten, nicht zufrieden gewesen; jede weitere Beunruhigung aber hätte mit der einfachen Erwiederung sich müssen bestiedigen: indem ich dem Princip der freyen Forschung[484] und der innern Ueberzeugung huldige, bewähre ich ja nicht nur, daß ich der protestantischen Kirche von Herzen zugethan, sondern daß dieselbe gleichsam in mich eingegangen, zur hewegen Kraft meines geistigen Lebens und meines thätigen Wirkens geworden seye. Von mir, als wissenschaftlich gebildeterem Theologen, könne unmöglich gefordert werden, daß ich mich durch das beschränkte und blinde Volk bestimmen lasse, sondern mir liege ob, dasselbe in das Licht der Vernunft und zu dem Bewußtseyn der Freiheit zu erheben. Daß ein solches Fortschreiten aus dem Christenthum hinaus bei mir nicht zu befürchten seye, daß ich von den Grundlehren der Offenbarung nie abweichen würde, das wußten meine Gegner gar wohl; aber mein Gesichtskreis sollte fortan nicht weiter gehen, als der ihrige, oder ich sollte mir von den Gegenständen, welche außerhalb ihrer Gemarkung lägen, keine andere Anschauungsweise erlauben, als wie die Mehrheit der Geistlichen es mit dem Zugethanseyn an die reformirte Kirche zuzugeben für gut finden würde. Und gerade deßwegen, »weil ich (ihrem eigenen Geständniß zu Folge) seit mehr als dreissig Jahren den Standpunct der Anerkennung und des Bestrebens um Erhaltung des geoffenbarten Christenthums« weder im amtlichen Wirken, noch im außeramtlichen Thun jemals verlassen hatte, schrumpfte jene Frage aus ihrer unfaßbaren Allgemeinheit auf den winzigsten Raum zusammen. Die angeführte Erklärung befriedigte wieder nicht. Allein sie war der letzte Schritt, welcher zu gegenseitiger Annäherung in dieser Sache geschah. Es traten bald andere Fügungen Gottes ein, worüber dieselbe in den Hintergrund mußte geschoben werden und unerörtert sich fortschleppen, bis ich so weit herangezogen war, um der gesammten Angelegenheit eine entscheidende Wendung zu geben. Vielleicht daß doch mehr als ein unbetheiligter Leser mir das Zeugniß ehrlicher und ehrenhafter Nachgiebigkeit nicht versagen wird. Ich wenigstens glaube jetzt noch, dieselbe immerfort bewährt zu haben, und muß gerade darin, daß bei solcher Gelegenheit dennoch nichts erzielt[485] wurde, Anderes erblicken, als blosse Unnachgiebigkeit so bei dem einen, als, wenn man formell genommen will, auch bei dem andern Theil. Ich sollte von dieser Seite, auf der ich so lange nicht unthätig gestanden war (ich sage nicht: mit Absicht, sondern einem unbewußten Drang folgend), hinweggetrieben werden, damit die anziehende Kraft der andern desto minder auf entgegenwirkende, ja vereitelnde Hindernisse stosse. Um diese Zeit starb der 74jährige Diakonus Hurter, ein durch allgemeine Achtung und ungetheiltes Vertrauen nach Verdienen geehrter Mann, in meiner Angelegenheit stets ein so aufrichtiger als warmer Vertheidiger meiner Person. Ich ahnete nicht, daß ich amt Sonntage nach seinem Tod, indem ich die Aufforderung zu dankbarer Erinnerung an seine vielen treuen Dienste in die Predigt einflocht, zum Letztenmal in meinem Leben die Kanzel betreten würde. Es war am 4. October, amt Tage, an welchem die Kirche das Andenken des heil. Franziscus feyert, und in welcher Zeit ich kurz zuvor dessen Einfluß auf seine Zeitgenossen für den vierten Band der Geschichte Innocenzeus behandelt hatte. Vier Jahre später bemerkte ich zufällig dem Herrn Cardinal-Staatssecretär: wenn der heilige Franz wisse, mit welcher Vorliebe ich in dem letzten Band meiner Geschichte Innocenzens ihn behandelt hätte, so könnte er auch zu mir, wie unser Herr zu dem heil. Thomas von Aquino, sagen: »Du hast gut von mir geschrieben.« Der Cardinal erwiederte: »Seyen Sie versichert, der heilige Franz wird sich auch mit Ihnen beschäftigen!« ? Erst seitdem ist mir dieser Zeitpunct meines Erkrankens, an welchen ich vorher nie gedacht hatte, in Erinnerung gekommen. Durch Nacht zum Licht ist überhaupt des Erdenwallers Loos; durch Nacht zum Licht, durch Schmerz zum Heil hat überhaupt Gott mich geführt; durch dunkle Nacht, durch bittern Schmerz.[486] Schwere Opfer hat er von mir gefordert, tiefe Wunden hat er mir geschlagen. Ich habe in den Opfern das Mittel der Heiligung erkennen, in den Wunden den Weg der Genesung verehren müssen. Doch wie das vorwärts gewendete Auge des klarer und heller gewordenen Lichtes in der Erleuchtung von dem Antlitz des Herrn sich freue, immer werden dem rückwäts gekehrten Blicke Trauer und Wehmuth begegnen. Ich reiste in den letzten Tagen Juli's nach München, in Begleit meiner Tochter, eines Mädchens von 17 Jahren, blühend, geistreich, lebhaft, kräftigen Willens. Ihre Heiterkeit, ihr heller Verstand, die Leichtigkeit, mit der sie in der Gesellschaft sich bewegte, da sie doch zuvor nie aus dem engen Kreise ihrer Vaterstadt hinaus gekommen war, dabei die natürliche Unbefangenheit in ihrem Benehmen, die kindliche Naivetät, welche jenen Eigenschaften wieder eine eigene Anmuth verlieh, gewannen ihr ungetheiltes Wohlwollen. Erst hier gieng mir ihr inneres Wesen auf, erst hier lernte ich sie recht würdigen; und wie ich mich freute, sie in Münchens Kunstschätze und Herrlichkeiten und in die Kreise meiner Bekannten einzuführen; wie ich an ihrem Staunen über den Reichthum so vieles Schönen, an ihrer lebhaften Theilnahme bei jeglicher Unterhaltung, an dem jugendlich rückhaltslosen Eifer, mit dem sie auch gegen die höchstgestellten Personen ihre Sätze verfocht, mich ergötzte, so suchte ihr Auge in meinen Blicken zu spähen, was in Rede und Haltung an ihr mir wohlgefällig seyn dürfte. Ich habe niemals heiterere Tage verlebt, als diese, welche ich in München mit ihr zubrachte. Sie sollten die flüchtigen Momente eines klaren, lauen, stillen Frühlingstages vor hereinbrechendem Sturm und Ungewitter seyn. »Fürchten sie nicht die herrschende Seuche?« sagte einst die Fürstin von * * * zu uns. »Ich rathe Ihnen, eilen Sie von dannen. Unser München ist jetzt ein gefährlicher Aufenthaltsort.« ? Wir trösteten uns, daß wir nur noch wenige Tage bleiben würden, und nie mit Personen in Berührung kämen, in deren Häusern Kranke sich befänden. Unser Aufenthalt in[487] Bayerns Hauptstadt hatte überhaupt nur zwölf Tage gedauert. Und wie fröhlich war erst die Rückreise vom Kloster Dietramszell, wo die Gräfinnen Enzenberg unser harrten, an dem lieblichen Tegernsee vorüber, durch das schöne Oberland, nach dem idyllischen Schwangau und hinaus nach den Gestaden des Bodensees! Und wie nahe standen sich nicht die heiterste Lebenslust und der namenloseste Kummer, das reinste Wohlseyn, in demjenigen der geliebten Tochter sich spiegelnd, und die schmerzenvolleste Heimsuchung! Marianne befand sich kaum eilf Tage wieder zu Haus, als sie unwohl sich fühlte. Sie hatte dennoch, tief verborgen und lange sich verhüllend, von München den Keim jener tückischen und mörderischen Krankheit mitgebracht, welche sie und ihre Schwester hinraffte, Eltern und Geschwister an den Rand des Grabes brachte, auch die Dienstboten des Hauses nicht unverschont ließ. Neun volle Wochen giengen, erst in Kummer und Sorge, hierauf unter mattem Schimmer von Hoffnung, zuletzt bei mir ohne Fähigkeit, die brennendste Wunde zu fühlen, vorüber. Es war an eben jenem Tage des heil. Franz, Abends, da ich am vierten Band der Geschichte Inocenzens des Dritten, an dem Abschnitt über die Templer schrieb, als ich körperliches Mißbehagen fühlte. Unbedeutend schien Anfangs die Krankheit, weil schmerzlos, fieberlos ohnedem. Manchen Tag noch konnte ich für kurze Zeit hinübergehen an das Krankenbett des geliebten Kindes, des schwachen Hoffnungsschimmers mich getrösten. Aber allmählig trat eine geistige Erschlaffung bei mir ein, welche nicht die Fähigkeit raubte, Alles zu vernehmen, Alles zu verstehen, an Alles vorübergehend mich zu erinnern, öfters des Tages um mein liebes Kind zu fragen, wohl aber diejenige, das Vernommene gehörig zu würdigen, bleibende Eindrücke in mich aufzunehmen, den Ernst der Dinge zu fühlen. Wie oft seitdem habe ich nicht die göttliche Gnade gepriesen, welche hiedurch für den Augenblick dem Bittersten das Herbe, der verwundenden Waffe die Schärfe nahm, und in einen Zustand mich versetzte, in welchem Thränen mir zum Labsal dienten![488] Es war Donnerstags den 21. October Abends, als meine jüngere Tochter, an Herzensgüte, Folgsamkeit, Bescheidenheit, Vertragsamkeit und Dienstfertigkeit ein wahrer Engel, geliebt von Geschwistern und Gespielinnen, und seit frühern Jahren mir vor Allen meiner Kinder ins Herz gewachsen, die Hand mir reichte, um leichten Uebelbefindens wegen früher zu Bette sich zu legen. Ich habe sie von diesem Augenblick an nicht wieder gesehen. Am achten Tag, beinahe zur gleichen Stunde, da sie mir die Woche vorher zum Letztenmal die Hand gereicht, brachte mir der Arzt die Trauerbotschaft ihres Hinscheids, den ich nicht ahnen konnte, weil bei wiederholter Erkundigung jedes Tages ich mit der Wahrheit verschont blieb. Ich begriff wohl, wie ein so liebes Wesen aus meinem Herzen urplötzlich seye gerissen worden, aber ich fühlte die Wunde doch nicht nach ihrer vollen Tiefe; ich vernahm die furchtbare Kunde, nicht mit Fassung, vielmehr in nicht überlegender Gelassenheit; nicht mit Ergebung, sondern in Unfähigkeit, den Verlust nach seinem ganzen Umfange zu ermessen. Denn wie anders möchte es gewesen seyn, hätte ich im Besitz voller Geisteskraft mich befunden! Ich äusserte zwar nachher ein heisses Verlangen, wenigstens die entseelte Hülle des lieben »Kindleins«, wie ich das jüngere Mädchen zu nennen pflegte, noch zu sehen, zu küssen; die Willenskraft war aber so gering, daß die blosse Bemerkung, Zugluft könnte mir schaden, mich leicht beruhigte. Vielleicht doch hätte auch die Körperkraft nicht zugereicht, mein Zimmer zu verlassen. Noch waren nicht zwei volle Tage verflossen, als ich wähnte, aus der eigenthümlichen Bereitung einer Arznei mit Zuversicht auf Mariannens Besserung zählen zu dürfen; ich erinnere mich gar wohl, wie vorübergehend erquickend der Traum war, in dem ich mich wiegte; einige Stunden später ward mir angekündigt, auch sie habe ausgelitten. Weil ich durch ihre langwierige Krankheit, durch meine stete Bekümmerniß, durch meine zärtliche Pflege, so lange mir diese noch möglich, in Betreff ihrer aufgeregt, eine Nachwirkung von jenem[489] Allem immer noch vorhanden war, so ward ich durch das, was im Grund weniger hätte überraschen sollen, als jenes Ungeahnete in dem Hinscheid der jüngern Tochter, jetzt dennoch tiefer ergriffen, wenn gleich nicht so erschüttert, bekümmert und niedergebeugt, wie es ohne die väterliche Fürsorge von oben sonder allen Zweifel geschehen wäre. Gleichzeitig lag also die irdische Hülle zweyer, auf's innigste geliebter Kinder, in dem Hause; keines hatte ich in den letzten zwölf und acht Tagen mehr gesehen, keines konnte ich mit meinen Thränen zur Rückkehr in die Erde weihen, keines zu dieser geleiten. Ein Leichenstein deckt sie Beide. Einsam ? denn in allzugroßer Anstrengung um die Pflege der Darniederliegenden und in zerreissendem Schmerz über dem unermeßlichen Verlust hatte die Krankheit nun um so heftiger, weil länger verschont, auch meine Gattin ergriffen und auch sie dem Tod nahe gebracht ? schlaflos durch die langen Novembernächte, diente es mir zur Erquickung, meinen Thränen freyen Lauf zu lassen; es waren nicht Thränen des Schmerzes, sondern der Liebe; ich klagte nicht, sondern dankte Gott zwischenein, daß er in solche Fassung mich versetzt habe, um ruhig und demüthig unter seinen Willen mich zu beugen. Denn das fühlte ich wohl, daß unter andern Umständen mehr ein stürmischer Schmerz mich zerarbeitet, als ein stiller, Linderung mit sich führender Schmerz mich bewegt hätte. Ich flehte zu der heiligen Jungfrau, daß sie die Kinder unter die Chöre ihrer Jungfrauen aufnehmen möchte; ich dachte mir dieselben als meine Schutzengel auf dem Pfade des Lebens, besorgt mir voranschreitend, mich umschwebend, mich beschützend, wie ich einst besorgt und treulich alles Bittere von ihnen so gerne abgewendet hätte. Noch jetzt, da vier Jahre seit dieser Trennung hingeschwunden sind, noch jetzt sind meine Thränen ein zartes, ein aus himmlischem Stoffen gewebtes Band, welches mit den geliebten Hingeschiedenen in lebenvolle Verbindung mich setzt, besonders wenn etwa vor einem Bilde der Gottesmutter sie meinen Geistesblicken entgegentreten und ich sie ihrer Gnade empfehlen, der[490] Zuversicht mich hingeben kann, sie seyen theilhaftig geworden ihres Erbarmens. Da ihr Tod und Begräbniß an die Feste Aller Heiligen und Aller Seelen sich knüpft, habe ich nie unterlassen, an diesen Tagen in einer Kirche das Gedächtniß der theuren Verstorbenen zu begehen; indem ich nie mit der starren, kalten, harten, öden Gewohnheit mich befreunden konnte, daß mit dem Versenken einer irdischen Hülle in die Gruft alle, auch sichtbarlich sich erweisenden Liebesbande für diese Erde auf immer abgerissen seyn sollten; daß der Hingeschiedenen fernerhin weder als Glieder der streitenden noch der triumphirenden Kirche gedacht werden dürfe, und, daß Solches nicht geschehe, von dieser selbst die Aufforderung ausgehen sollte. Ich habe deßwegen unter dem tröstenden Eindruck, womit diese fortgesetzte lebensreiche Beziehung zu den Hingeschiedenen mich erquickte, im letzten Buch der Geschichte Innocenzens III. an geeigneter Stelle folgende Anmerkung (B. XXXII, Anm. 108, n. Aufl.) beigefügt: »Es mag seyn, daß der Gebrauch, welcher geliebten Todten, sobald die Erde sie aufgenommen hat, den Rücken wendet, der vernünftigere und praktischere genannt werden dürfte, weil Hingeschiedene uns doch nichts mehr nützen; der nüchterne, frostigere, trockenere ist er gewiß. Zarter, freundlicher, wohlthuender ist jedenfalls die Lehre, welche eine fortdauernde Verbindung nicht allein zu glauben, sondern, solche Ueberzeugung bekennen zu können, veranlaßt.« Der französische Uebersetzer des Werkes hat diese Stelle mißverstanden, die scharfe Mißbilligung, welche in den angeführten Worten ausgedrückt wird, nicht geahnet, selbst gemeint, es könnte mir damit Ernst seyn, und ich in Gefälligkeit gegen meine vormaligen Meinungsgenossen Solches geschrieben haben. Der Canonicus Strozzi hat in seiner Darstellung meines Werkes ( Delle instituzionie delle costumanze della Chiesa nel medio evo et particularmente nel Sec. XIII, descritte dal S. Frederico Hurter, Roma 1845) Solches zwar geahnet, aber ungezweifelte Ueberzeugung doch nicht gewinnen können. Diese Berichtigung schien mir nothwendig.[491] Wie verschiedenartige Erfahrungen vollends habe ich nicht während dieser schmerzlichen Tage, besonders aber nach denselben, dort bei Gliedern der katholischen Kirche, der ich nicht angehörte, hier bei Gliedern derjenigen Kirche, für die ich so Vieles gethan, nur deren Geringschätzung und Haß gegen jene nicht getheilt habe, erfahren! Welche Theilnahme, nicht blos auf Beileidsbezeugungen sich beschränkende, sondern zur That werdende Theilnahme, was erst lange nachher zu meiner Kunde gekommen ist, hat sich dort nicht manchen Orts gezeigt! In mehr als einem Kloster, nicht in Frauenklöstern allein, wurden Gebete veranstaltet, um die Wiedergenesung meiner geliebten Kinder, namentlich Mariannens, als der länger Darniederliegenden, zu erflehen; andere Personen haben das Gleiche gethan, und war doch das Mädchen persönlich unter diesen nur äusserst Wenigen bekannt. Dagegen bezeugten mir Freunde, als ich wieder kräftiger geworden, sie dürften mir nicht einmal mittheilen, welche Reden hie und da, zumal von Menschen, die für frommer sich halten als andere und das Beiwort christlich als ausschließliches Vorrecht für sich in Anspruch nehmen möchten, über diese Heimsuchungen seyen geführt worden. Noch tiefer, meinten sie, als durch diese selbst, würde ich durch so entsetzliche Lieblosigkeit mich verwundet fühlen. Meint man, dergleichen Erfahrungen, so zurückstossende als anziehende, sollten ganz wirkungslos an dem Menschen vorübergehen? Hätte wohl der Verwundete im Evangelium den Leviten preisen und mit Widerwille von dem Samaritan sich wegwenden sollen? Wär' es ein eitles, ein gehaltloses Wort, was der heil. Augustinus gesprochen hat: »Gute Menschen scheinen auch in diesem Leben nicht geringen Trost zu gewähren. Denn ? wenn die Trauer betrübt, wenn der Schmerz des Körpers beunruhigt, wenn die Verbannung bekümmert, wenn eine andere Trübsal ängstigt, giebt es gute Menschen, die nicht nur mit den Freudigen sich zu freuen, sondern auch mit den Weinenden zu weinen wissen, und heilende Worte uns zureden und mit uns sprechen können, und das Harte lindern, das Schwere erleichtern, das Widerwärtige[492] überwinden.« ? Sollte es etwas so ganz Unbegreifliches seyn, daß man gemahnt würde, Lehren, welche ihre Bekenner auf so durchaus verschiedene Wege führen, etwas näher auf den Grund zu sehen? Habe ich damals in die Heimsuchung, ? wie schwer sie auch war ? ohne Ungedult oder Sträuben mich gefügt und Jobs Wort über Gegebenes und Entrissenes im Herzen und im Munde geführt und der Zusicherung des Apostels mich getröstet: »Wisset, daß denen, welche Gott lieben, alle Dinge zum Guten dienen,« so ist eigentlich über die Natur und Beschaffenheit dieses Guten Licht erst in späterer Zeit aufgegangen; so konnte, was damals zwar in festem Glauben, aber in unbestimmter Allgemeinheit angenommen worden, erst nachmals eine bestimmte Gestalt gewinnen. Sollte diese so schmerzende Wunde nicht Mittel der Heilung, der beinahe zerschmeternde Schlag nicht unerläßliche Bedingung des Emporhebens geworden seyn? Sollte der, wenn auch unausforschliche, doch nicht unerkennbare Wille nicht gerade damit den Anfang haben machen wollen, mich loszureissen aus Banden, denen eigener Wille und eigene Kraft nimmermehr sich hätten entwinden mögen? Sollte er hiemit nicht Hindernisse haben hinwegnehmen wollen, deren Beseitigung oder Uebersteigung mir, wenn nicht unmöglich, so doch äusserst schwer hätte fallen müssen? Wer die menschlichen Begegnisse, ob sie für den Augenblick freudig, ob traurig, uns vorkommen, mit einer höhern, verborgenen, aber in ihren Zwecken freundlichen und väterlichen und bei williger Hingebung zuletzt immer sichtbar werdenden Leitung in Verbindung bringt, der mag an ihrer Hand leicht dahin kommen, die für den Augenblick bekümmernde Schickung nachwärts im Lichte heilsamer und gnadenreicher Absicht zu verehren. Ich bin es inne geworden, wie mitunter durch eisige, schauererregende, mitternächtlich finstere Schlüfte der Pfad sich winde, um zur lichtumstrahlten Höhe, zum lebensprudelnden Quell uns hinanzuheben, von wo wir heitern Auges hinabschauen können auf die Windungen durch die unheimliche Tiefe.[493] Ein allbekannter Spruch schreibt dem Tod eine versöhnende Kraft zu. Häufig ist in Sprüchen der Schatz vieler Erfahrungen niedergelegt, eine unabweichliche Regel aber wollen, können sie nicht aufstellen. Zeh sollte dieses erfahren. Geistig hergestellt, körperlich aber durch dreimonatliche Krankheit aufs äusserste entkräftet, fand ich langsame Erstarkung in der Ruhe und aufmerksamen Pflege in dem Hause meines Freundes, des Herrn Grafen von Enzenberg zu Singen. Die erschlafften Beine begangen mich wieder zu tragen, die wankende Hand gewöhnte sich wieder, die Feder zu führen, die Heiterkeit des Geistes, welche nie ganz mich verlassen hatte, kehrte in vollem Masse zurück, und die tägliche, thränenreiche Erinnerung an die lieben Entrissenen ward mir zu einer Trostesquelle, wie sie aus dem Herzen selbst der theilnehmendsten Menschen nie hätte rinnen können. Während dieser Zeit hatte ich von ferne, aber blos in schüchterner Andeutung, von einer Einsendung in die Hengstenbergische Kirchenzeitung gehört, welche, bitter kränkend für mich, nicht nur die Ereignisse des verflossenen Jahres berichte, sondern in harter Weise die zartesten Verhältnisse berühre. Zugleich war darin (am Anfang Novembers ? die Zeitangabe ist gar nicht unwichtig) von einem Schreiben der Geistlichkeit Gebrauch gemacht worden, welches mir zu jener Zeit noch gar nicht hatte zugestellt werden können. Ich erhielt dasselbe erst am 14. Januar 1841. Merkwürdiger Weise war es schon am 19. Oct. abgefaßt, wurde aber, zum Zweck, es mir zu behändigen, erst amt 25. November dem Hrn. Triumvir Maurer übergeben, mit Vollmacht, dasselbe (weil zu jener Zeit meine Krankheit auf ihrem Höhepunct stand) an mich gelangen zu lassen, wann er es für thunlich erachte. Er schrieb mir bei der Uebersendung: »Man findet seinen Commentar in ein paar der neuesten Nummern der Hengstenbergischen ?sogenannten? Evangelischen Kirchenzeitung.« Bisher war das fragliche Blatt mir sorgfältig verheimlicht und es vermieden worden, der Sache auch nur Erwähnung zu[494] thun. Jetzt aber wollte ich dasselbe sehen; ich glaubte mich stark genug gegen Alles. Ich erzwang, so zu sagen, dessen Mittheilung, las auch wirklich die Entstellungen, welche an meine Person sich knüpften, mit der ruhigsten Gelassenheit, blos als neue Erscheinungen einer Gesinnung und Handelnsweise, an die ich längst gewohnt war, die daher mir nichts mehr anhaben konnte. Wie ich aber an jene Stelle gelangte, die mit eisigfrommer Kälte selbst meine verstorbene Tochter in die Sache hineinflocht, und hierin zugleich ein Laut jener Reden tönte, welche man mir bei ihrem Tod so sorgfältig verschweigen zu müssen glaubte, da war meine Fassung gewichen, konnte meine Kraft nicht mehr vorhalten, wühlte in meinem Innern der tiefste Unmuth, die bitterste Bekümmerniß, daß man sich nicht gescheut, durch entweihende Betastung meines Kleinodes kalten Blutes von der allein noch verwundbaren und gegen die leiseste Berührung empfindlichen Seite mich anzugreifen. Der allmählig wiedergekehrte Schlaf floh mich in jener Nacht, ich sah nur Marianne auf die empörendste Weise mißhandelt und dieß nicht durch einen radicalen Zeitungsschreiber, sondern durch Einen mit dem selbst sich beigelegten Prädicat »evangelisch« mißhandelt. Sie, meinte ich, würde es ihm wohl verzeihen können; desto minder jedoch dürfte ich den Frevel vergessen. In jedem einsamen Augenblick nagte mit erneuerter Gewalt dieser Schmerz an mir, so daß nach baldiger Heimkehr von Singen die noch nicht völlig gewichene Krankheit mit erneuerter Heftigkeit mich ergriff. Mein jüngerer Bruder hatte bald herausgebracht, wer der Verfasser dieser Mittheilungen seye, und ihm das Geständniß abgenöthigt, er habe dieselben nach Berlin gesendet, der Aufsatz selbst aber müsse in seiner jetzigen Fassung durch Hengstenberg redigirt worden seyn. Bei meinem damaligen Zustand unfähig zu jedem Handeln, nahmen meine beiden Brüder aufs wärmste meiner sich an. Beide erklärten den Einsender der Mittheilungen, zugleich mit dem Redactor derselben, »für Afterreder und Lügner, welche falsches Zeugniß wider den[495] Nächsten verbreitet haben.« Ich hoffe, daß sie in der Folge zur Einsicht werden gekommen seyn, daß sie in Betreff des Erstern bei mangelhafter Kenntniß des Sachverhalts zu weit gegangen seyen, um so mehr, als nachher der Christologe selbst versicherte, Jener habe seinen Mittheilungen einen Brief nachfolgen lassen, mit der Bitte, »von dem Zugesendeten keinen Gebrauch zu machen.« Hierin erkenne ich die vollgültigste Freisprechung desselben von böser Absicht, oder auch nur von üblem Willen. In Betreff des »evangelischen« Zionswächters aber mußten meine Brüder samt mir bald einsehen, wessen, bei allem Pochen auf »leidenschaftlose Haltung,« zu einem Menschen sich zu versehen seye, der am 28. November 1840 einen Dritten, den er gar nicht kennt, um auf Berichte hin, von denen er »keinen Gebrauch machen« soll, »der Abläugnung einer Thatsache« rundweg und ohne allen Beweis beschuldigen, und am 6. März 1841 behaupten durfte: »er habe nichts geschrieben, was die bürgerliche Ehre eines Dritten verletzen könne.« Nach so glänzendem Zeugniß über den selbsteigenen Begriff von Ehre durfte es weder meinen Brüdern noch mir einfallen, dem »evangelischen« Zeitungsschreiber auch nur die Fähigkeit unterzustellen, der Ehre eines Andern zu nahe treten zu können. Es mag seyn, daß die Distinction zwischen dem Einsender und dem Verfasser jenes Artikels dem größern Theil der Geistlichen bekannt war, und daß der Empfänger in seinem christlichen Eifer dasjenige beigefügt habe, was dem Erstern mit Recht nicht durfte zur Last gelegt werden. Mir, von aller Gemeinschaft mit der Aussenwelt beinahe ganz abgeschnitten, war dieses durchaus unbekannt; und ebensowenig ahnete ich, daß ein Zeitungsredactor befugt sey, erhaltenen Mittheilungen kränkende Zuthaten eigenen Gebräues beizufügen. Daß ich aber den Einsender kenne, das mochte ein Jeder wissen, so wie man mit Gewißheit annehmen konnte, daß mir ein solches sonderbares Zusammenwirken zweyer Personen unbekannt seyn müsse. Das jedoch lag für alle Fälle am Tage, daß von einem Schreiben Gebrauch gemacht worden seye, welches zur Zeit der Abfassung jenes[496] Artikels noch nicht einmal in den Händen desjenigen sich befand, der es mir hätte übergeben sollen; am sichersten sprang in die Augen, daß die bittersten Kränkungen, selbst Schmähungen, wie »das Ableugnen einer Thatsache,« durch die Zeitung mit absichtlicher Böswilligkeit seye verbreitet worden. Was war also natürlicher, als die Erwartung, es dürfte dieses Verfahren von den Geistlichen gerügt werden, worauf, wenn ich nicht irre, eine Stimme in ihrer Versammlung antrug? Dieß konnte um so leichter geschehen, wenn, wie nachher auf's bestimmteste versichert worden ist, bei dem Kränkendsten der Einsender selbst nicht einmal betheiligt war. Für mich hätte hieraus ein Beweis sich ergeben, daß es mit der Aeusserung von friedlichen Gesinnungen und dem Wunsch gegenseitiger Verständigung wahrhaft ernst gemeint gewesen seye; denn die Sachen standen im Februar 1841 gerade noch da, wo sie im vorigen September gestanden hatten; nur hatte meine Krankheit mich gehindert, über weitere Hoffnungen oder Absichten irgend Etwas zu vernehmen. Daß nicht das Mindeste geschah, daß die Sache für eine durchaus fremde, die Geistlichkeit nicht berührende angesehen wurde, mußte mich in der Vermuthung festigen, es seye eigentlich mit allen Aeusserungen von Herstellung des guten Vernehmens niemals wahrer Ernst gewesen. Doch hatte ich bis zu dieser Zeit die bessere Meinung, die freundlichere Erwartung festgehalten; meine Geneigtheit war aufrichtiger, als sie mir jetzt von der andern Seite zu seyn schien, meine Hoffnung unbefangener, als sie durch derartige Stimmung begründet werden konnte. Darüberhin wurde durch manches, in der Angelegenheit jenes Zeitungsartikels Vorgegangenes der Argwohn von anderwärtigen Einflüssen nicht gemindert. Ich glaubte mich überzeugen zu können, daß Ausgleichung und Erhaltung meiner Selbstständigkeit unvereinbare Dinge wären. Zwar hätte ich immer noch Beharrlichkeit und Ausdauer genug besessen, um eine weitere Entwicklung oder Verwicklung abzuwarten und in aller Ruhe zuzusehen, welchen Ausgang die Sache nehmen würde, so wie ich auch bereits in[497] Beziehung meines Benehmens, bei einem leicht möglichen Machtspruch der weltlichen Gewalt längst mit mir im Reinen war; nemlich einen solchen ruhig abzuwarten, ihn hierauf als nicht erfolgt anzusehen und blos der materiellen Uebergewalt zu weichen. Mithin hätte weder bisher Erfahrenes, noch ferner zu Erwartendes den mindesten Einfluß auf mich üben können. Aber ich war jetzt meiner bisherigen Stellung selbst überdrüssig geworden; die gemachten Erfahrungen ließen mir die Eiferer, den von ihnen eingeschlagenen Weg, das angewendete Verfahren, die unter ihrem Einfluß stehende Masse nicht in dem vortheilhaftesten Lichte erscheinen. Es kostete mich daher keine Mühe, der Stelle, den Geschäften und den Einkünften zu entsagen, wobei einzig der Gedanke mich unbehaglich berührte, durch diesen Entschluß heimliche Widersacher dem Dilemma zu entreissen: entweder der Verwicklung endlich doch zu einem Ausgange nach Recht und Gerechtigkeit verhelfen und so den früher betretenen Weg verlassen, oder irgend einen Gewaltact sich erlauben zu müssen, und mir hiedurch einen moralischen Triumph zu verschaffen. Am 18. März 1841 gab ich den weltlichen Behörden die Erklärung ein, daß ich allen meinen Stellen entsage. Es war nicht ein »Entlassungsbegehren«, wie man dergleichen sonst zu betiteln pflegt; und wie man auch diese in die schulgerechte Form zwängen zu dürfen glaubte. Eine solche Form konnte nach der Weise, wie die Behörden gegen mich gehandelt hatten, mir gar nicht zu Sinne kommen. Ich hatte keine Ursache, Etwas zu begehren, wohl aber zu erklären. Ich wählte jenen Tag, mit gutem Vorbedacht. Es war der Vorabend desjenigen, von welchem für mich so ungeahnet das Jahr vorher der Sturm losgebrochen war, zu welchem alle im Verlauf des Jahres gemachten Erfahrungen in Beziehung standen; diese Wahl war die erste Frucht jener Bedeutung, die dieser für mich gewonnen[498] hatte. Ich wollte den ersten Tag des anbrechenden neuen Lebensjahres, den Jahrestag des wider mich Angehobenen, in voller Freiheit beginnen. Damit aber keine Versuche gemacht würden, mich zu anderem Entschluß bewegen zu wollen, hielt ich die Sache geheim, und begab mich, sobald die Erklärung eingegeben war, in die benachbarte Abtei Rheinau. Damit auch nachher Niemand die Sache mißdeute, als wäre es nur eine Scheinmaßregel, eine List, ein Versuch, zu meinen Gunsten irgend etwas zu provociren, mußten der Correspondent in Schaffhausen am folgenden Tage, und die Allgemeine Zeitung am gleichen Tage die Erklärung kund machen. Ich hätte mich geschämt, mit dergleichen Dingen ein loses Spiel zu treiben, oder dem leisesten Verdacht mich bloszustellen, als wäre es mir auch nur von ferne möglich, Alfanzereyen, die vielleicht für weltliche Pöstlein ganz passend und dennoch bereits abgegriffen sind, copiren zu können. Jene Ausfälle in der Hengstenbergischen Kirchenzeitung hatten meinen Entschluß nicht hervorgerufen, er war die Frucht tieferer Motive; aber sie verliehen ihm unantastbare Festigkeit. Indeß glaube ich jetzt doch, in einer Stelle meiner Rücktritts-Erklärung zu weit gegangen zu seyn, und in derselben eine unverdiente Kränkung mir erlaubt zu haben; die, weil sie durch meine Veranstaltung öffentlich geworden ist, auch zu öffentlicher Zurücknahme verpflichtet. Auch ich war von demjenigen, was in dem fraglichen Aufsatz einzig mich hatte ergreifen und niederwerfen können, noch zu sehr bestürmt, anderseits aber mit demjenigen, was Aufschluß ertheilen konnte, noch so durchaus unbekannt, daß jenem Uebergewicht auch nicht das leiseste Gegengewicht zur Seite stand. Ich sagte nämlich: »man habe sich sogar bemüht, in einer, so eben von der Hand des Allmächtigen geschlagenen, tiefen und lebenslang schmerzlichen Wunde nicht mit einfachem, sondern mit dreigetheiltem Dolch sammt Widerhacken zu wühlen« Damit war allerdings demjenigen, von welchem jene Mittheilungen herrührten, eine »Entsetzlichkeit« zugemuthet, deren er gewiß nicht fähig ist, und eine Anschuldigung[499] wider ihn ausgesprochen, deren Härte ich nun nicht allein anerkenne, sondern selbst ungeschehen zu machen wünschte. Die damalige Stimmung, ja nicht zu beschreibende Verwundung soll zwar nicht zur Rechtfertigung angeführt werden; wer aber vollkommen in die erstere sich zu versetzen, die andere nur einigermaßen nachzufühlen wüßte, der würde doch etwelche Entschuldigung darin finden. Mitten unter innerer Aufregung jenen klaren Blick und jene Bemessenheit sich zu bewahren, welche nie das Maaß überschreitet, ist eine Gnade Gottes, für welche dankbar seyn darf, wem immer sie gegeben ist. Ich hatte sie nicht; jetzt aber finde ich in aufrichtiger Meinung mich verpflichtet, alles Harte und Ungerechte, was in jenen Worten liegt, zurückzunehmen, da mehr als wahrscheinlich den Ausdrücken, die mich hiezu veranlaßten, ein weniger schlimmer Sinn zu Grunde lag, als ich damals vermuthen mochte. Die Leute haben aber ein kurzes Gedächtniß. Sie haben von hohen Stellen gefaselt, wonach mich gelüstet hätte, und haben sich nicht erinnert, daß ich freiwillig in geistlicher Beziehung die höchste, die ich erreichen konnte, aufgegeben. Sie haben einen kleinlichen Maßstab; denn sonst wäre es ihnen nicht unbegreiflich, daß es etwa noch Einen geben konnte, der zu würdigen wüßte jenes Wort Plutarchs, welcher lieber in Chäronäg der Erste, als zu Rom der Zweite seyn wollte. Sie haben einen winzigen Begriff von moralischer Würde; denn sie wähnen, es seye unmöglich, Einkünften zu entsagen, bevor man nicht nach Ersatz in reicherem Maaße sich umgesehen. Sie haben blöde Augen; denn alle erdenkbaren Beweggründe schienen Ihnen einleuchtender, als die allein wahren. Man sieht hieraus, wie wenig sie denjenigen begreifen können, den es nicht anwandeln kann, ihren Götzen zu fröhnen. Sie wurde am 31. März dem großen Rath vorgeladen diese »Rücktrittserklärung«, nicht »Entlassungsbegehren.« Der Cantonsgerichts-Präsident, Bernhard Joos, beleuchtete in glänzender Rede das Verfahren der Behörden in der nun unerwartet beendigten Angelegenheit. Er rieß demselben den Schleyer, in[500] welchen man das Unförmlichste bisher so sorgfältig verhüllt hatte, hinweg, indem er zusammenstellte, was vom 1. April bis zum 3. Sept. in 17 Protokollen sich vorfand, und darin auseinandersetzte, wie ein unregelmässiger Schritt mit dem andern gewetteifert habe; wie, während die Regierung untersuchen zu sollen glaubte, die vorangestellte protestantische Religion weit hinter dem Affect der erwachten starren Leidenschaft zurückgeblieben seye. Endlich hinweisend, wie ich zu Erhaltung des Friedens zu dem Möglichsten mich verstanden hätte, gründete er hierauf den Antrag: »Drei Männer aus der Mitte des großen Raths zu bezeichnen und mit unbedingter Vollmacht zu versehen, damit der Friede dauerhaft hergestellt werde, dem man durch die an den Convent gerichtete Erklärung des Antistes so nahe gerückt gewesen seye.« Auch darin erkenne ich einen wahren und dazu nicht geringen Erweis göttlicher Gnade, daß der große Rath in diesen Antrag, so wohlmeinend und beifallswerth er hätte schemen sollen, nicht eingieng; daß er die »Rücktrittserklärung« als solche ansah und behandelte, und sie nicht in ein »Entlassungsbegehren« verunstaltete, indem bei einem solchen, auch wenn es das geringste, unbedeutendste Aemtlein betrifft, gewöhnlich durch Verschiebung noch ein Versuch gemacht wird, den Begehrenden auf andere Gedanken zu bringen. Ich anerkenne eine segensreiche göttliche Führung darin, daß der Antrag des Hrn. Cantonsgerichts-Präsidenten Joos, gleichviel, ob aus gutem oder aus üblem Willen, durchaus keinen Anklang fand. Denn nach dem Gang, welchen die Sache genommen hatte, war mein Vertrauen zu den weltlichen Behörden tief unter Null herabgesunken. Was man daher auch gethan und was man auch verheissen hätte, ich hätte es immer nur als Maske betrachtet, um bei anderer Gelegenheit, wo ich mich dessen vielleicht nicht würde versehen, mich in weniger vortheilhafter Stellung befunden haben, auf irgend eine Weise von neuem Etwas gegen mich zu unternehmen. Hätte ich daher durch diese festgewurzelte Ueberzeugung mich bestimmen lassen, und deßwegen zu nichts mich[501] verstehen wollen, so würde man nicht ermangelt haben, mich des Starrsinns, der Unversöhnlichkeit und wer weiß wessen Allen zu beschuldigen, das nachtheiligste Licht auf mich zu werfen, wozu man dann noch den Schein für sich würde gehabt und fleissig zurecht gemacht haben; hätte ich aber durch Zureden mich bethören lassen, so würde ich in die mißlichste Stellung gekommen seyn: Gegner von vornen, Feinde von hinten. Hingegen habe ich alsbald bedauert, daß von zwei Meinungen, deren die eine einfach und trocken erklären wollte, mein Rücktritt sey angenommen, ? die andere, eine Danksagung für Geleistetes hieran zu knüpfen antrug, nicht jene das Uebergewicht erlangen konnte; sie hätte allem seit Jahresfrist Betriebenen in harmonischer Weise die Krone aufgesetzt; sie hätte wenigstens das Verdienst der Consequenz gehabt. Ueberschauend, was in den Lauf eines einzigen Lebensjahres sich zusammendrängt, welche Erfahrungen während desselben ich gemacht, welche Elemtente und in welcher Weise dieselben mir entgegengetreten waren, fehlte es nicht an Veranlassung, der Stimme eines Mannes zu gedenken, den schwerlich Jemand für einen verdächtigen, weil die katholische Kirche heimlich begünstigenden Zeugen halten wird ? des Grafen von Zinzendorf, Stifters der Bürgergemeinde. Er sagt irgendwo: »Seitdem ich mit den Katholiken wenig Umgang und Correspondenz mehr habe, fange ich mich an, über ihre Geduld, Räsonnabiliät und Toleranz hintennach zu verwundern, daß sie so viele, zum Theil ungegründete Disputationes und und Krikeleyen, deren ich mich in jüngern Jahren schuldig gemacht [während seines Aufenthalts zu Paris im Jahr 1720, wo er in häufigem Verkehr mit dem Erzbischof sich befand], von mir ertragen, meine damalige Bekehrsucht ins Beste deuten und mich doch so viele Jahre nicht hassen noch drücken mögen. Wollte Gott, daß meine Glaubensgenossen mit mir so räsonnabel und christlich gehandelt hätten, als ich die Katholischen dreissig Jahre lang in allen Occasiones gefunden, selbst 1719 und 1729, da ich in ganz diversen Ländern bei Religionsmotibus[502] mit ihnen zu thun gehabt und sie mir entgegenstehen müssen, wobei sie sich nicht einbilden können, daß mein Lehrsystem aus dem Concilio Tridentino genommen war, und ich ihnen überdas von meinem Volk übel beschrieben war; aber es ist eine radicirte praktische ???????? (Wohlwollen) in der katholischen Kirche, nicht so viel Libertinage und Haß gegen die Anbeter Jesu, als bei manchen trockenen und regellos disputirenden Protestanten; und so wenig ich mir das römische Lehrsystem mit dem meinigen zu reimen weiß, oder sie begehren, für Herrenhuter zu passiren, zumal in Articulo de Ecclesia: so sehr ehre ich ihre praktische Condescendenz für alle stille, unsectirerische und in Absicht auf Allotria und Intriguen unverdächtige Christenmenschen in ihrer eigenen (welches ihre erstaunliche Geduld mit dem Pere Courrayer, welcher auf einer protestantischen Universität zugleich Doctor Theologiæ geworden, genugsam bestätigt) und noch extra casum litis in fremden Religionen. Sie führen das Anathema gegen die Gegner im Munde und haben oft viel Billigkeit gegen sie in Praxis. Wir Protestanten führen Libertatem im Munde und auf dem Schilde, und es giebt unter uns in Praxi (das sage ich mit Weinen) wahre Gewissenshenker! Bessere dich Jerusalem!« Jetzt waren die Bande gelöst. Sie waren es nicht durch mein Zuthun, sondern selbst gegen dasselbe; da wohl nicht zu zweifeln ist, daß auf Grundlage dessen, wozu ich Ende Septembers mich herbeigelassen, wenn zwar nicht früherer, wie ich so lange wähnte ? ungetübter, Einklang, so doch ein leidlicher Zustand hätte können zurückgeführt werden. Aber es mußten Krankheit, Tod, der Menschen Bitterkeit und langer Zeitverlauf zwischenein treten, um endlich zu trennen, was zwar scheinbar sich wieder genähert, auseinanderzureissen, was denn doch nimmer sollte verbunden werden. Ich selbst war vom Ende[503] Septembers 1840 bis zum 18. März 1841 ausser Standes, weder zur Annäherung noch zum Auseinandergehen Etwas beizutragen; hier ist Alles um mich und ohne mich, nichts durch mich geschehen. Ich darf also in jenem Allem wohl einen andern Willen und eine Zulassung anerkennen, bei welcher ich durchaus thatlos bleiben mußte, und deren Zweck ich allsobald nicht zu durchschauen vermochte. Aber der Block, der aus dem Steinbruch endlich abgelöst worden, ist deßwegen noch kein Standbild; es bedarf erst des Meißels und Hammers, um dieses zu gestalten. Deßwegen, weil ich von meiner öffentlichen Stellung zurückgetreten war, hatten weder Ansichten noch Ueberzeugungen in Betreff der höchsten Dinge sich geändert. Ich war zu dieser Zeit kein besserer und kein geringerer Protestant, als zur Zeit, da jene Gewissensfrage versucht werden wollte; aber ich war auch jetzt nicht mehr und nicht weniger katholisch, als damals. Nur hatte ich innere und äussere Freiheit errungen und Musse gewonnen, fortan auch demjenigen nachzufragen, wozu, um es ebenfalls in den Kreis meines Forschens hineinzuziehen, bisanhin noch keine Veranlassung gefunden worsen. Das ist sicher: die Erfahrungen, die ich gemacht hatte, die Gesinnungen, die gegen mich zum Vorschein gekommen waren, die Aeusserungen, die ich vernommen, das Benehmen, welches man gegen mich eingehalten, waren nicht geeignet, denjenigen Protestantismus, welchen die Hauptförderer der Unternehmungen gegen mich als den ausschließlich regelrechten aufstellen wollten, von einer besonders empfehlenswerthen Seite zu zeigen. Sollte ich den Baum liebgewinnen, welcher dergleichen Früchte mir dargeboten? Herr Cantonsgerichts-Präsident Joos hatte vor der obersten Behörde des Cantons gesagt (und er durfte es mit ruhigem Gewissen sagen, überzeugt, daß Niemand der Unwahrheit ihn beschuldigen werde): »Wenn ein Kirchenlehrer von dem, was er in anderwärtigen religiösen Regionen gehört, gesehen oder empfunden, nichts zu uns hinüberbringt, nichts davon in die zarten Gemüther der Jugend einimpft, noch in[504] seinen öffentlichen Vorträgen behauptet, dann sollte man denken, es sey weder Stoff noch Recht zu irgendwelchen Reclamationen oder Zumuthungen über Rechtgläubigkeit vorhanden.« Da aber weder dieses Negative ? das Unterlassen des Fremdartigen, noch das Positive ? stete Verfechtung nicht allein aller wesentlichen Lehren, sondern Verwendung für Erhaltung der Lehrmittel, genügte, indem das Hauptrequisit: zureichende Unkenntniß, erforderliche Geringschätzung und hinreichender Haß gegen die katholische Kirche mangelte, so mußten eben diese unerläßlichen Qualitäten eines »Protestanten von Herzen« mich bewegen, nimmer blos mit Bewunderung vor der Aussenseite des von ihnen verachteten Baues stehen zu bleiben, sondern nun auch im Innern besser mich umzusehen. Denn, wie die Sachen gekommen, welche Motive dabei ans Licht getreten waren, und welche Verumständungen in dieselben sich verflochten hatten: immer mehr stellte sich das Zahr 1840 gleich einer mit voller Farbenfrische sprechenden Gedenktafel auf, deren anfangs unbegriffene Züge von nun an klarer sich zu enthüllen begannen; hieran reihte sich das Zusammentreffen der Vollendung einer fünfundzwanzigjährigen Arbeit mit demselben; es folgte die Ueberlegung, daß ausschließlich diese, nichts aber, was in meinem sonstigen Thun und Wirken hiezu Berechtigung hätte darbieten mögen, die grellste Erbitterung wider mich hervorgerufen habe; an dieses endlich schloß sich die Wahrnehmung, daß mehr als Einmal, wenn Ausgleichung amt allernächsten zu stehen schien, irgend ein, ohne meine Veranlassung dazwischen Tretendes, dieselbe hinwegdrängte, am Ende durchaus unmöglich machte; die Frage über Gottes Absicht bei so schmerzlicher Verwundung, die mich betroffen, durfte doch auch nicht unerörtert, so wenig als die in der abgekehrtesten Weise offenbar gewordenen Gesinnungen der Menschen bei solcher Heimtsuchung ohne Eindruck, noch weniger, dieweil dieselben an verschiedene Glaubensformen sich knüpften, ohne abstossenden oder anziehenden Einfluß zu üben, auf sich beruhen bleiben. ? Will man nun dessen sich verwundern, daß dieses[505] Alles zusammen zur zwingenden Macht über mir sich bildete, welche vorerst absichtlicheres Forschen, eindringlicheres Prüfen auferlegte, dann in umgekehrtem Verhältniß, wie die äussern Hemmnisse schwanden, ebenso piel Förderungsmittel darbot? Sehen wir ab von dem Innern, Reichern, Tiefern, bleiben wir bei dem Aeussern auf beiden Seiten: seltsam ist es immer, hier alles Herbe, Bittere, Unfreundliche, Schneidende, Verwundende wider Einen loszulassen, dort alles Wohlwollende, Freundliche, Theilnehmende ihm bereitet zu sehen, und dann Lärm zu schlagen, daß jenes ihn nicht angezogen, dieses ihn nicht zurück gestossen habe. Denjenigen hauptsächlich, inwiefern Menschen dazu beigetragen haben, verdanke ich meine Rückkehr in die Kirche, welche darüber entweder am meisten befremdet schienen, oder am wenigsten sie zu würdigen vermochten. Kaum war ich vierzehn Tage meiner vollen Freiheit wiedergegeben, körperlich noch nicht einmal von jenem nicht unbedeutenden Rückfall vollkommen genesen, als ich von dem Herrn Prälaten von Muri eine Einladung zu einer Zusammenkunft nach Zürich er hielt. Eben war jene Schrift über die Aufhebung der aargauischen Klöster erschienen, welche in allseitiger schmählicher Nichtswürdigkeit in der Literatur schwerlich ein Seitenbild auffinden wird, zumal wenn man bedenkt, daß sie nicht als das Machwerk irgend eines namenlosen Scriblers, sondern als officielle Berichterstattung sich wollte geltend machen; so daß wirklich die Schandthat an sich und deren Apologie gegenseitig um die Palme der Verworfenheit streiten. Der Herr Prälat fand es unerläßlich, das in besagter Schrift durcheinander geflochtene Gewebe von Verdrehungen, Lügen und Entstellungen zu enthüllen, und diesem den wahren Sachverhalt unter allen Beziehungen gegenüber zu halten. Er eröffnete mir, daß er hiezu sein Augenmerk auf mich gerichtet habe und mich bäte, dieser Arbeit mich zu unterziehen.[506] Ich hatte die Schrift, welche ich widerlegen sollte, noch nicht gelesen, glaubte mich aber bei dem Umfang derselben und bei der Mannigfaltigkeit von Kenntnissen, welche zu gründlicher Widerlegung erfordert würdem, der Arbeit bei weitem nicht gewachsen. Denn daß ich leichtfertig zu irgend einem Geschäfte mich herbeidrängte, war niemals mein Fehler. Lieber lehnte ich ab (und ich kann mich dabei auf mehr als ein unverwerfliches Zeugniß berufen), was mir nicht einleuchtete, wo Zweisel, ob ich zu eigener und Anderer Befriedigung Aufgetragenes würde aus führen können, in mir aufstiegen. Deßwegen suchte ich auch dem Hrn. Prälaten begreiflich zu machen, daß er zu gründlicher Ausführung der Sache nicht den Geeigneten ausersehen habe, es ihm gewiß nicht schwer fallen dürfte, einen Mann zu finden, welcher der Aufgabe ungleich besser gewachsen wäre, aus den versprochenen Materialien etwas Befriedigenderes zu Stande bringen dürfte, als ich. Da er aber bei seiner gefaßten Meinung verblieb und in seinem Verlangen beharrte, erkärte ich mich nur zu eimem ersten Versuche bereit, welchem ich alsbald entnehmen würde, ob ich mit etwelchem Erfolg dem Auftrag mich unterziehen könnte. Das war mir klar, daß ich unter den Verhältnissen, von denen ich so eben mich losgemacht hatte, es nie hätte wagen dürfen, eine solche Schutzschrift für die widerrechtlich und durch einen schändlichen Gewaltsstreich unterdrückten Klöster zu schreiben. Denn obwohl der behandelte Stoff blos dem Kirchenrecht und dem allgemeinen natürlichen Recht, wozu es keiner Jurisprudenz bedarf, und vorzüglich der Geschichte anheimfiel, und es sich einzig um gebührende Abfertigung der empörenden Verdrehungen der Thatsachen in der Vergangenheit, und um wahrheitsgemässe Darstellung der Thatsachen in der Gegenwart handelte, so würde ich doch (abgesehen von dem Mangel an Zeit) bei meiner vorigen Stellung es nie haben wagen dürfen, eine solche Widerlegung und Vertheidigung über mich zu nehmen. Ich wußte gar wohl, wie Wenige fähig sind, confessionelle Meinungen und den Rechtsboden sammt dem Gebiete[507] der Geschichte auseinanderzuhalten. Bei ähnlichem Verfahren zu Gunsten einer jüdischen Synagoge zu schreiben, das hätte sicher Niemand mir verargt; gegentheils ich hätte darauf zählen dürfen, von Vielen den Lobspruch einer höchst vorurtheilsfreyen Gesinnung und eines achtungswerthen Rechtsgefühls ernten zu können; hingegen für beraubte und verläumdete Corporationen der katholischen Kirche einzustehen, die, weil sie Klöster sind, vor der aufgeklärten und zeitgemässen Welt auf keinerlei Recht Anspruch zu machen haben, das würde nie verziehen worden seyn. Ich durfte beßwegen mindestens ein merkwürdiges Zusammentreffen der Lösung meiner Bande mit dem Bedürfniß einer solchen Rechtfertigungsschrift anerkennen; was auch auf willfährige Geneigtheit zu dem Versuche nicht ohne Einfluß blieb. Sobald ich indeß der Arbeit mich zu unterziehen begann, überzeugte ich mich immier mehr, daß ich mir dieselbe schwieriger gedacht hatte, als ich es in der Wirklichkeit fand. Die unverantwortliche Leichtfertigkeit, mit der die klarsten Sätze des canonischen Rechts, der unmißverstehbare Wortlaut der Urkunden, die Berichte der Chroniken zum Zweck der gemeinsten Verdrehung und Verläumdung entstellt worden waren, erleichterte dieselbe ungemein. Ich folgte dem Machwerk Schritt für Schrit, oft innerlich emport über die sittliche Versunkenheit, welche darin sich zur Schau stellte, über die Schamlosigkeit, womit man demselben die Tünche der Quellenforschung und der Gründlichkeit angeklext hatte. Nach sieben Wochen lag eine Druckschrift von 157 Quartseiten zum Versenden bereit, und ich freute mich, Andere gefunden zu haben, denen ich Zeit und guten Willen widmen konnte; emporgehoben durch die frohe Zuversicht, daß redliche Dienstleistungen nicht überall zum Uebelwollen aufstacheln würden. Diese Schrift war der Keim eines grössern Werkes, welches ich im folgenden Jahr zu schreiben begann. Djeselbe hatte mich in die Machinationen der Häuptlinge und Wortführer des Radicalismus wider die katholische Kirche als Institution,[508] wider ihren Einfluß auf das Volk mittelst Lehre, Cultus und Disciplin, wider ihren innern Organismus und ihre Rechte, endlich wider die redlichsten und ehrenwerthesten Männer, welche treulich in derselben wirkten, oder aufrichtig ihr zugethan waren, unerschrocken für sie sprachen, ungleich tiefer hineinblicken lassen, als mir bisdahin möglich gewesen. Ich wußte wohl, daß Aehnliches, wie im Canton Aargau, wenn gleich der Form und dem Umfange nach verschieden, doch dem Zweck nach übereinstimmend, in manchen andern Cantonen verhandelt, angebahnt, vollführt worden seye. Eine Zusammenstellung Alles dessen, wo mioglich auf öffentliche Acten gegründet, schien mir nützlich. Einmal sollten dadurch die Zwecke, welche der Radicalismus, so bald er irgendwo festen Boden gewonnen hat, zu erreichen trachtet und die manchartigen Mittel, die er hiezu in Bewegung setzt, enthüllt, zusammengestellt, und hiedurch zu dessen Würdigung ein Beitrag geliefert werden; sodann glaubte ich, es dürfte zur Ermuthigung und Festigung für Viele dienen, wenn sie sähen, daß ähnliche Kämpfe auch Andere zu bestehen hätten, ähnlichen Plackereyen und Anfechtungen auch Andere ausgesetzt wären, durch ähnliche Entschlossenheit und Ausdauer Alle sich auszeichnen müßten, welche berufen wären, für die Kirche, deren Rechte und unverkümmertes Bestehen zu sprechen oder zu wirken. Ich eröffnete mein Vorhaben Männern verschiedener Cantone, und fand überall Bereitwilligkeit, durch Mittheilung von Acten, Berichterstattungen und Allemt, was mir dienlich seyn konnte, mich zu unterstützen. So entstand die Schrift: »Die Befeindung der katholischen Kirche in der Schweiz seit dem Jahr 1830;« zu welcher im Jahr 1843 als Fortsetzung noch eine reiche Nachlese über die Ereignisse des Jahres 1841 im Canton Aargau hinzukam, deren Quelle mancherlei Actenstücke, Tagebücher verschiedener Personen, Aufzeichnungen, unter dem Eindruck der Ereignisse selbst abgefaßt, insgesammt Schriften sind, von welchen ein öffentlicher Gebrauch niemals konnte geahnet[509] werden, an deren Glaubwürdigkeit mithin um so weniger sich zweifeln läßt. Der Radicalismus setzt seine Beweisführung in das Lärmen, in wildes, von Mund zu Mund gellendes Rufen und Schreyen und Toben. Er hat den Kreis, mit dem er sich umstellt und in dessen Mitte er über seinen Planen brütet und seine Wagnisse ausheckt und seinen Fälschungen nachsinnt, wohl geschult und abgerichtet und eingeübt. Dieser Mitte am nächsten stehen die Korybanten der knebelnden Freiheit, in unablässlgem Getöse von ihren Schilden und Kesseln und Hörnern und Zinken betäubend, stachelnd und tragend das Gelärme des wildgierigen, zuchtlosen Haufens des äussern Saumes, daß derselbe, den grimmen Blick, den klaffenden Mund nach aussen gerichtet, das Halloh, ob zum Preise der drinnen Stehenden, ob zum Sturme gegen das Versehntte, den Nächsten entgegen brülle, damit es in erweitertem Wellenschlag von der Niederung auf die Bergeshöhe und von dieser zum Thal hinab sause und in zurückkehrender Schwingung immer kecker und trutziger und verwegener lärme, und ste drinnen ob den süssen Zauberklängen gellen mögen: Hört ihrs! Es ist der Schrei der Menschheit; er dringt an das Ohr ihrer Vorkämpfer, ihrer Retter, ihrer Beglücker! Er ächzt ihnen entgegen, aufzustehen zu Rath und zu That! Sie will frey seyn chrer Bande; sie will entledigt seyn ihrer Vorurtheile; sie jauchzet ihr Glückauf dem Morgenroth zu, das hinaufglüht hinter den Höhen! ? Aber es ist doch nur ihr, der innerhalb jenes Kreises Brütenden, Wort, das sie vernehmen, es ist doch nur ihr Gelüste, welches ste treibt, es ist doch nur ihr Wille, der aus dem summenden, unartikulirten Gebrause in bestimmter Gestalt sich ablöst. Da entsenden ste durch die Städte und Märkte und Flecken und Weiler und bis zu der einsamen Hütte am Waldessaum und in der düstern Bergschlucht ihre Helfershelfer in voller[510] Waffenrüstung, bewehrt mit dem Streitkolben der Gewaltthat, mit den Bolzen der Lüge, mit dem Dolche der Verläumdung, und geschirmt durch die Pikethaube der Frechheit und durch den Küriß der Ausgeschämtheit. Begleitet von Pfeiffer und Trommelschläger eröffnen sie aller Orts den Werbplatz, und es mag Manche bedünken, die Kokarde, als Sinnbild der obersten Autorität des eigenen Gelüstes, stehe gar sein an der Mütze, und es sey' eine muntere Sache, nach vollem Belieben jene Trutzwaffen zu führen; unter die Schutzwaffen aber geborgen, möge man jeder Besorgniß spotten. So sammeln sie sich ihre Prätorianer, eine zu jeder Frevelthat bereitstehende Schaar, und ziehen aus mit ihr wider Alles, was ihre Begriffe überragt, was gegen ihre Alleinherrschaft sich erhebt, was nicht vor ihrem Scepter sich beugt, was nicht ihrem Willen sich unterwirst, was ihr Bestreben nicht theilt; und wo die eine Waffe nicht zureicht, da steht die andere zur Hand, und sichert diese nicht genügenden Erfolg, so werden alle zugleich geführt; Sicherstellung unter allen Wendungen sind durch Pickelhaube und Küriß gewährt. Aber es ist eines vornehmlich, was ihre Begriffe überragt, was vor ihrem Scepter nie sich beugen wird, was ganz Anderes anstreben muß: ein Bollwerk, gefestet auf einen Felsen, der zur Erdmitte hinabreicht, hinausragend mit seinen Zinnen zu den Himmelshöhen, der Hut übergeben einer aus langer Prüfung, nach ernster Bereitung, nicht in Schenken, unter Gelagen, aus dem Herumrasen mit Dirnen, in wildem Brüllen, sondern in heiliger Stille gesammtelten Schaar. Auch diese hat ihre Rüstung, aber eine durchaus verschiedene: sie ist gegürtet mit Wahrheit, sie trägt den Panzer der Gerechtigkeit und den Helm des Heils, sie führt den Schild des Glaubens, an welchem die feurigen Pfeile des Grundbösen verlöschen, sie schwingt das Swwert des Geistes, sie übt sich in Bitten und Flehen, sie wacht zu aller Zeit in Anrufen für alle Heiligen. Dieses Bollwerk weisen jene, aus den finstern Tiefen herausgebrochenen Häuptlinge allen Geworbenen und allen Gepreßten als Ziel[511] ihres Waffendienstes; gegen dieses Bollwerk ziehen ste von allen Seiten, an dieses Bollwerk rücken sie mit allen Werkzeugen; gegen die Hüter dieses Bollwerkes sind unablässig alle ihre Waffen gerichtet; die Sturmböcke der Alten, die Carthaunen der Neuern, die Maulwurfsgänge unter der Erde sollen zusammenwirken, um seine Mauern zu legen, um niederzuwerfen das Zeichen, welches achtzehn Jahrhunderte von seinen Zinnen geleuchtet, und über seinen Trümmern auf einer dürren Stange Cirkel, Winkelmaaß und Bleiwage, die Embleme des Nequissimi, aufzurichten. Dieses Losstürmen in der Schweiz gegen die durch eine Reihe früherer Verträge gesicherte Kirche, dieses Niederwerfen, Beengen, Verkümmern, Reguliren aller Formen und Bedindungen ihres äussen Erscheinens und der daran geknüpften Einwirkung auf ihre Glieder; sodann das planmässige Bestreben des Verflachens, Zersetzens und Vernichtens des von ihr ausgehenden und mit ihr yerbindenden Geistes in dem Nachwuchs ihrer Diener und Lehrer, in Uebereinstimmung mit ähnlichen, mindestens verwandten Bestrebungen in andern Ländern, überzeugten mich innner mehr, daß eine Institution, welche den Haß der Glaubenslosen, der blos Fleischlichen, der durch den dürren Industrialismus Geknechteten, der Philosophaster, der Kammerredner, der materialistischen Staatsgewaltiger, der Revolutionäre, der Despoten aller Farben, aller Gebilde und aller Gebiete wecken, spornen, antreiben, hierin das Abgekehrteste und Feindseligste vereinen könne; daß eine Institution, die gegen alle diese zumal nicht blos ausdaure, sondern mitten unter dem, in allen Gestalten und von allen Weltgegenden wider sie heranfluthenden Gewoge nur desto freyer und heiterer das Haupt erhebe; daß eine solche Institution doch weder so zufällig, dem menschlichen Bedürfniß so unangemessen, dem allgemeinen Wohl so hinderlich im Wege stehen, wie die Einen vorgeben, noch so aus eitel Irrthum, Trug und Wahn zusammengesetzt seyn dürfte, wie die Andern behaupteten. Der Blick in die Zeitbestrebungen und Zeitereignisse, inwiefern dieselben[512] die Kirche berührten, und, menschlicher Weise zu sprechen, gefährdeten und bedrängten, hat nicht wenig dazu beigetragen, immer mehr zu derselben mich hinüberzuziehen. Es ist dieß ein Proceß, ich sollte doch wohl sagen dürfen ? tieferer, jedenfalls eine andere Natur kund gebender Art als bei Boccacio's Pariser Juden, welcher deßwegen Christ wurde, weil er nach dem Anblick so mancher Uebelstände, welche er in Rom wahrgenommen, sich überzeugt hatte, daß eine Kirche, die trotz dessen sich erhalte, unfehlbar göttlichen Ursprungs seyn müsse. Da sah ich, indem meine Augen über unser Europa schweiften, den nordischen kronentragenden Oberradicalen, eisig wie der Himmelsstrich, unter welchem eine bluttriefende Vergangenheit zur Gegenwart sich hinabwälzt, Diocletians Schnauben mit Julians Schlichen wider die Kirche und ihre Bekenner vereinen; wie er ihnen die Tempel entriß, ihre Priester verfolgte, zum Abfall sie lockte oder nöthigte; wie er der Glaubenstreue dem Pflichteifer, dem Erbarmen um das Seelenheil die dunkeln Schlünde der Bergwerke, die der Sonnenstrahl nie erleuchtet, die Eisfelder von Sibirien, die er nie erwärmt, als Lohn entgegenhält; wie er der Anhänglichkeit an die Kirche nicht blos Ruhe, sondern Habe, Ehre, Leib und Leben gegenüberstellt, daß der zagende Mensch wähle, welchem von Beiden er den Vorzug einräume. Da sah ich, wie in erschütterndem Gebieten Verträge durch ihn gebrochen, Zusicherungen bei Seite geschlendert, geheiligte Rechte unter die Füße getreten, die noch so schüchtern auftauchenden Regungen für die alte, treue, liebreiche Mutter, die katholische Kirche, mit den Fußtritten der Gewalt niedergestampft werden; wie er die Braut des Herrn als Vagantin behandelt, als Rechtlose ihres Besitzes beraubt, und bittere Noth ihrer Diener dieselben den wahren Sinn des Versprechens, für sie sorgen zu wollen, alltäglich emtpsinden lehrt; wie weder das Geschlecht, noch die heldenmüthige Selbstaufopferung, noch das Erbarmen um die Hülfslosigkeit die Barmherzigen Schwestern gegen brutale Verloßung hinaus über die Gränzen zu schirmen vermag: wie Peitschenhiebe und Knutenstreiche[513] selbst die stille Vereinigung sehnender Herzen mit dem Gebete ferner Brüder zerreissen sollen; ? denn nicht von der Kirche dürfe durch die Nacht des Erdenlebens das Licht strahlen, sondern von dem in untrüglicher Vollgewalt, so wie über das Diesseits, so auch auch über das Jenseits verfügenden Czarenwillen, vor dessen Ukasen nicht minder als der Leib auch die Seele sich zu beugen habe. ? Da sah ich ein Volk, dessen Vergangenheit von Blutströmen durchfurcht, zerrissen durch die namenlosesten Gräuel jeder Art, durch Leichenpyramiden bezeichnet, dessen Gegenwart ein Gewebe von Jammer, Elend, Mühsal und Noth ist, dergleichen kein Land und kein Zeitalter und kein Menschenstamm Aehnliches aufzuweisen hat; gegen dessen Glauben habgierige Wütheriche und entmenschte Abentheurer das in einander sich schlingende Verbündniß der gesetzlosesten Gewaltthat und der gewaltthätigsten Gesetzgebung gestiftet haben; und bei diesem Allem sah ich, solch dreihundertjährigem Grimm zum Trotz, den durch Galgen und Rad, durch Hunger und Bloße verfolgten Glauben noch fortan dieses Volkes Glauben, dessen Licht, Schatz, Trost, seine Strahlenkrone, die Kraft seines Duldens, der Grund seiner Ausdauer, die Quelle seines Gehorsams. Da sah ich eine festverbrüderte Sophistenzunft, aufgeblasen durch allerlei Bruchstücke menschlichen Wissens, stolz in dem Dünkel ihrer Menschenweisheit, geschirmt durch eine materialistische Gesetzgebung, getragen von denjenigen, welchen das Beiwort, »allerchristlichst« wie Zweifel an ihrem Recht, wie Hohn gegen ihr Daseyn klingt, der Jugend das Buhlen mit der Sinnlichkeit, den Unglauben, die Selbstvergötterung, den Trotz und die Unbändigkeit in allen Formen und durch alle Canäle einträufeln, in Nichtachtung der Kirche, in Geringschätzung ihrer Hirten und Lehrer, in Herabwürdigung ihrer Forderungen und Vorschriften als Bannerträger dieser Jugend voranschreiten, in hunderterlei Redeweisen, unter jedem Gewand, durch tausend und tausend Stimmen ihr Thun als das, den kommenden Geschlechtern alle Herrlichkeiten verbürgende auskünden;[514] ungeachtet dessen Allen aber ein freudiges Glaubensleben dennoch wieder beginnen, die edelsten Gemüther, kie kräftigsten Geister, die beredtesten Stimmen, die glänzendsten Talente zu Schutz und Abwehr sich vereinen, die Diener der Kirche einstehen wie ein Mann zu Vertheidigung der Rechte, der Freiheit, der wahren Lebensbedingung der Mißkannten, Angefeindeten, Gefährdeten; die Gehaßte, die sie einst zu erdrücken sich vermassen, von neuen Lebensströmtungen durchwallt, aus Schutt und Trümmern und Moder und Graus in oerjüngter Kraft wieder erstehen. ? Da sah ich einen hochgesinnten Stamm, der in siebenhundertjährigem Kampf um die Herrschaft des Kreuzes wider den Halbmond mit sieggekröntem Ausgang gerungen und hiedurch seine Könige als Träger des ihm vorzugsweise gebührenden Namens »katholisch« aufgestellt; jetzt aber denselben durch eine aus verborgenen Schlüchten durch alle Mittel wirkende Sophistenrotte geblendet und verführt, ankämpfen wider das, was es einst verehrt, niederwüthen, was es einst in gottesfürchtiger Demuth aufgebaut, seine verrotteten Regenten aber folgen dem Symbol der Verneinung, wie einst ihre preiswürdigen Vorgänger dem Panier des Glaubens gefolgt waren; und doch wieder diesen Stamm unter den zuckenden Leichen seiner Kinder, unter den rauchenden Trümmern seiner Wohnungen, unter dem Einbruch alles dessen, worin er sonst seinen Stolz gesetzt, worin er seinen Schirm gesucht, so wie dessen Führer unter dem Gewirre aller blutdürstigen und mordlechzenden Parteiung inne halten, und, wär' er auch für den Augenblick noch unsicher und wankend, den Blick dahin richten, von wannen allein Hülfe, Befriedigung und Rückkehr einiger Ordnung ihm werden könnte, und neben den schauerregenden Gräueln hie und da in der Stille jene lieblichern Tugenden wieder erblühen, deren gedeihlicher Boden allein die Kirche, deren fördernde Sonne einzig der wahre Glaube ist. Da sah ich eine, aus revolutionären Elementen hervorgegangene und solchen gemäß sich fortbildende Gesetzgebung nicht[515] blos hinübergreifen in das Gebiet der Kirche, sondern förmlich ihr Joch derselben aufladen, deren natürlichste Lebensregung hemmen, ihren innern Organismus lösen, ihre Rechte beseitigen, über ihr Gut zum unbeschränkten Vogt sich setzen, Würde und Tüchtigkeit nach der Schmiegsamkeit unter die postulirte Gewalt bemessen, und für willfährige Huldigung Gunst und Gnaden zum Austausch in Bereitschaft halten; und doch haben sie in dreissigjährigem Bestreben noch nicht an das Ziel gelangen mögen; und doch scheint dieses, so oft sie es bereits ergriffen zu haben wähnen, immer wieder unter ihren Händen zurückzuweichen; und doch will es die zum Ableben Getriebene, ins Versiechen Gestossene auch da wie Morgenluft anwehen und das erste Zucken des Genesens wahrgenommen werden: wogegen sie dann jeden verneinenden Geist auswittern, um ihn ihrer traurigen Betriebsamkeit zu vergesellschaften; bildlich zu sprechen, jedes Bäckers sich freuen, der die schlechteste Kleye zur Hostie gut findet, und über das veraltete Vorurtheil, daß nur das gewählteste Waizenmehl dazu sich eigne, mit zierlichem Kratzfuß hinweghüpft. ? Da sah ich den ministeriellen Despotismus an hegel'scher Frechheit und Straussischer Fortbildung des Protestantismus aufranken, bei verblendeter Befangenheit in höhern Regionen um so tobsüchtiger sich gebahrend, die Kirche wie ein Beamteten-Bureau behandeln, die Fähigkeit zur höchsten Gewalt über sie nach dem Maaß der Mißkennung und nach dem Willen zur Beseitigung ihrer Rechte bemessen; in bitterbösem Haß selbst der Aufforderung an die christliche Liebe zum Mitwirken der Erleuchtung derer, die in Finsterniß und Schatten des Todes sitzen, den Fußtritt geben; dagegen Auflaurer, Verhöre, Strafen gegen ihre Pflichtgetreuen aufbieten, jedem Angriff auf sie, jeder Lästerung gegen sie, jeder Verhöhnung derselben freyen Lauf lassen, hemmen hingegen jede Vertheidigung, Jagd machen auf jede Darlegung der Thatsachen, knebeln leibst das wahrheitsgemässe Wort in einfacher Geschichtserzählung, dulden, was die untersten Grundlagen des Glaubens zerbricht', verpönen, was[516] einer Schutzschrift für die Gehaßte, Rechtlose, jedem Schergen Preisgegebene gleich sahe. ? Da sah ich die nichtsnutzigste Perfidie den, bei allem Vertrauen auf Erdenmacht und was derselben zu Gebote steht, dennoch ohnmächtigen Fusionsversuchen behufs eines unmerklichen Erlöschens der katholischen Kirche, mit der unterwürfigsten Zuthunlichkeit und den plumpesten Kunstgriffen beispringen; dennoch, als eben das: Dich loben wir, über so glückhaftigen Ausgang von dem alten Minister bis hinab zu dem jüngsten Polizei-Sergeanten aus vollen Kehlen wollte angestimmt werden, das Ding in das Gegentheil umspringen, und das Leben, das klug und behutsam abgespießt, das still und geräuschlos entschlafen Gewähnte, wieder hervorbrechen mit seiner vollen Lebenswärme, mit seinem innerlichen, tiefen, klaren, in voller Fluth wogenden Strom, und leuchten in neuer Wahrheit des alten Apostels Wort: »sie sind zu Narren geworden, da sie sich für weise hielten.« ? Da sah ich, wie die Bureaukratie eine, in wildem Sturm erlassene kirchenfeindliche Gesetzgebung mit einer Zähigkeit festzuhalten versucht, die sie vielleicht zu Gunsten des reiflichst Durchdachten und segensreichst Verfügten nicht erweisen würde; neben diesem aber dennoch allmählig die Ketten sich lösen, in welche einst der Körper der Kirche gelegt worden, durch den Lauf der Zeit schweigend Manches beseitigt, womit schnöder Wahn dieselbe danieder gehalten, die naturgemässe Forderung über das künstliche Regulativ das Uebergewicht davontragen, und mitten unter der verordneten greisenhaften Geistesabmagerung die ersten Regungen eines Verjüngungsprozesses nicht zu verkennen. Neben diesem, auf den verschiedensten Gebieten Wahrnehmbaren, zeigte sich dann im Weitern, wie eine, die Signatur der durchfressensten Lüderlichkeit an sich tragende Literatur, ein in Anmassung, waghalsiger Absprecherei und Unwissenheit sich blähendes Schreibervolk, die flache Zeitungsbildung, die rohe Unbotmässigkeit der durch falsche Doctrinen gefütterten Häblinge der Cultur; der Götzendienst gegen die materiellen Interessen,[517] sammt einer mit allen destructiven Principien getränkten Jugend in wildem Gebrause gegen den hohen Gottesbau von allen Seiten und mit allen Werkzeugen losstürmten. Biesen Allen zur Seite standen dann noch jene Weisen, die in heller Dünkelhaftigkeit und in blähendem Pfauenstolz alltäglich es uns zurufen : daß die Gebiete des Denkens, der untrüglichen Erkenntniß und der unfehlbaren Wissenschaft seit mehr denn drei Jahrhunderten als ausschließliches Dominium ihnen anheimgefallen seyen, und kein Anderer dieselben betreten, ja nur finden könne, so er nicht unter sie sich aufnehmen lasse, gleich ihnen denke, wie sie erkenne, mit ihnen wisse. Schon seit zwei Menschenaltern werden sie nicht minde, immer und immer zu rufen: es ist aus mit der Kirche, sie ist zur Mumie erstarrt, aus welcher die letzte Spur des Lebens entwichen ist; sie ist ein Strunk, der zusehends abserbt und verdorrt; allerwenigstens liegt sie im Todesröcheln; es kann kein Reagens mehr helfen (es wäre denn, daß sie uns als Heilkünstlern sich anvertraute); was ihr für Leben haltet, ist nur noch die letzte Function des erstarrenden Organismus, das dürftige Wachsen der Nägel und Haare an dem entseelten Leichnam; so mögt ihr wohl noch die Formen schauen, dieweil aber das Leben aus ihnen entwichen ist, wird es nicht mehr lange sich verziehen, bis auch diese zusammenbrechen. Was aber euer Denken anbelangt, so ist es ein anmaßliches, fälschliches, trügerisches, inwiefern es die Möglichkeit der Fortdauer, ja nur des fernern Daseyns, oder die Zuträglichkeit der Kirche noch statuirt. Euer Wissen dann, inwiefern es ein anderes ist, als das unsere, ist nur ein schmähliches Abirren von der Wahrheit, die längst schon durch uns fixirt worden ist, und deren unbedingte Anerkennung wir, als das Kriterium aller Tüchtigkeit zu erklären, allein befugt sind. ? Und trotz dessen sah ich in dem Riesenkörper, den ihre Prognose im Zustand allgemeiner Auflösung ankündigte, allüberall, wo sie nicht mit Kirchenräthen, bebänderten Pfaffen und Polizei-Sergeanten in einer Fronte wider denselben aufmarschiren, ein volles, frisches, reges Leben, dessen äussere Manifestationen zu dem Schluß auf ein[518] inneres Walten berechtigen; ja diese Manifestationen treten je zur Zeit in solchem colossalem Umfange hervor, wie bei jener Million, welche der heilige Rock zu Trier von dem äussersten Meeressaum bis zu den Eiseszinnen der Hochgebirge in Bewegung setzte, daß selbst sie es nicht läugnen können, in der Angst aber doch wieder es als vorübergehende Zukungen erklären, hervorgerufen durch eine immense galvanische Batterie, droben auf dem Vatikan aufgethürmt, von welcher die Verbindungsketten in den Jesuiten nach allen Gliedmassen laufen sollen. Und dessen ungeachtet, mit welcher scheinbaren Fassung und zugleich vornehmer Abschätzigkeit sie in solch' unerwartetes, alle ihre Berechnungen zu Schanden machendes, gewaltiges Regen schauen, und wie vernünftig und handbegreiflich zu ihrer Welt Beruhigung sie es zu erklären wissen, zwischenein drängt es dennoch das gepreßte Herz, durch einen Nothschrei sich Luft zu machen, wovon jener ein Ton: »Wer hätte vor fünf Jahren noch an die Möglichkeit der Wallfahrtsschwärmerei gedacht, worin jetzt hohe und niedere Geistliche, Standespersonen aller Art bezaubert und fortgerissen werden?« Jenes Prognosticiren und Prophezeyen bildet dann einen gar seltsamen Contrast mit dem zwischenein laufenden Beben und Wimmern und den Jammertönen von dem Umsichgreifen der Kirche und dem ängstlichen Gethue, welches alsbald von allen Enden hervorbricht, wenn je der Alte, den Gott auf dem Stuhl über St. Peters Grab auf die Warte gesetzt hat, oder wo immer in der Welt einer seiner Mitberufenen, ein ernstes Wort spricht gegen die Ränke, die im Finstern getrieben werden. Da schiessen sie aus allen Winkeln hervor und sitzen zu Rath und rufen gegenseitig sich zu: Habt ihr's gehört, in unserer stolzen Ruhe will er uns schrecken, die Hegemonie der dem Fortschritt Geweihten will er unsern Händen entwinden, in der festen Burg, welche unsere Vernunft aus Negationen, Kritik und Aufkläricht gebaut, mit Kirchenzeitungen, Unterhaltungsblättern und Traktätlein gebollwerkt, sind wir nicht mehr sicher! Seht, wie er die Pranken hebt, wie der Rachen gähnt! Uns, unsere Weiber, bis auf[519] die Kindlein an der Mutterbrust zumal, möcht er aufspeisen! Und die Hierarchie! Seht ihr, im Schrank neben der Insel steht hinter dem Vorhang schon der Helm bereit, an den Krummstab lehnt sich das Schwert, und nur halb bedeckt die Planeta den Harnisch! Und hört ihr den Blasbalg heulen und das Feuer knittern und die Hammerschläge fallen, wie sie die Kette schmieden, in die unser Geist soll geschlagen werden! Helft, helft Gesellen, rettet die Menschheit! ? Da wills Einen bedünken, wenn sie heute so hochmüthig vorüberschreiten und in die Brust sich werfen, und frohlockend rufen: er ist todt, er stinkt schon! und morgen zitternd murmeln: er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden! die Leute wären nicht bei Troste, und das viele Reden von ihrer Burg wäre blanke Windmacherei, und sie sähen wohl, wie deren Mauern rissig seyen, und das Gefüge nach allen Seitem klasse, und daß all ihre Zuversicht nur darauf gebaut seyn müsse, es den Hokuspokusmachern gleich zu thun, welche die Ohren beschäftigen, damit inzwischen die Augen müssig bleiben. Oder wie reimt sich die stolze Sattheit, in der man sonst so mastig bei jeder Gelegenheit auftritt, zu dem Zittern wie Espenlaub, sobald man ein leises Lüftchen zu verspüren meint? Zu den hier Bezeichneten gesellt sich dann noch eine andere Partei, vorzüglich durch den tiefen Griff hervorgerufen, welchen der 20. Nov. 1837 in die Geister zum Aufrütteln aus betäubendem Hinschlummern gethan hat. Diese will in Ländern, deren Regenten zu dem Protestantismus sich bekennen, für die katholische Kirche gar kein Recht des Daseyns anerkennen, nichts als eine etwelche beliebige Duldung von Seite des Landesherrn ihr zugestehen, dessen Gesetze aber neben und selbst trotz derselben ohne irgendwelche Beschränkung über Alles verfügen mögen. Ein Herold solchartiger Toleranz hat kürzlich noch in einem ziemlich gelesenen Blatt sich nicht gescheut, das Verfahren des Kaisers von Rußland den deutschen Fürsten als preiswürdiges Vorbild entgegenzuhalten. »Darum, ruft er ihnen zu, keine Concordate! Schon aus Achtung vor[520] seinen Glaubensgenossen darf ein evangelischer Regent durch Vertrag in kirchlichen Angelegenheiten niemals die Hände sich binden lassen; er braucht nur Gerechtigkeit zu üben.« Mit diesem letztern Satz würde wohl Jedermann sich einverstanden erklären können; aber der ehrenwerthe Schreiber stellt sothane Gerechtigkeit mit Unterdrückung alles katholischen Gebrauchs und jeder katholischen Lebensäusserung, die der Staatsgewaltiger nicht zu billigen geruht, vollkommen gleich, und derselben das einfache und probate Mittel sofortigen Gesetzerlasses gegenüber, wobei er jegliche Einwendung von vornherein zur unbefugten Auflehnung stempelt. Der wohlwollende Mann legt mit zarter Schonung ein Zentnergewicht auf das Postulat, daß der Glaube eine Thätigkeit des innern Menschen seye, mit der die Staatsgewalt nichts zu schaffen habe (natürlich, weil im diesem zu schaffen für sie zur reinen Unmöglichkeit würde); aber graziös und mit Federleichtigkeit schnellt das Gewicht in die Höhe, sobald dieser Glaube meinen wollte, er dürfte auch hinaustreten in die That, es müßte ihm gestattet seyn, durch Cultus einen Körper sich anzubilden, mittelst dessen eine Gemeinschaft darzustellen, dieser einige Vorschriften zu ertheilen und in eine äussere Erscheinung hinauszugehen. Sobald der Glaube zu so frecher Anmassung sich verlaufen wollte, hält ihm unser Mann alsbald die unbegränzte Staatsgewalt entgegen, welche dem, unter allem diesem in seinem Innern immer noch unangetasteten Glauben zuruft: Was du da unterfangen willst, das darfst du nicht, höchstens in einer Weise mag es geschehen, wie ich es haben will, sonst gebe ich's nicht zu. Denn hiemit geschieht ja dem innern Glauben nicht der mindeste Eintrag! ? Wollte dieser aber meinen, innere Glaubensfreiheit mit staatsgebieterischer Gesetzesregulirung über dessen Erscheinen lasse sich füglich nicht vereinbaren, und einem Glauben, von welchem man höchstens in verschlossener Kammer dem Andern ins Ohr lispeln dürfe, gehe die Natur des wahren Glaubens ab, so steht der freundliche Mann wieder mit gutem Rath bereit: »wer sich nicht fügen will, kann auswandern,«[521] ? Das also wäre der letzte Trost für Völkerschaften, die länger als ein Jahrtausend unter katholischen Landeshereen in ungestörter Uebung ihres katholischen Glaubens lebten, dann durch den Sturm der Zeit jenen entrissen und unter einen protestantischen Gebietiger geworfen, deren reljglösen Verhältnisse anbei durch Friedensschlüsse und Verträge doch einigermaßen gesichert wurden. Wie und wohin aber ganze Völkerschaften wandern sollen, das hat der Theure uns anzuzeigen vergessen, so wie er die mephistophelische Ironie, welche in dieser eisigkalten Resolution ihn überwältigte, nicht gefühlt hat. »Nicht dse Staatsregierung, sagt er, vertreibt einen Solchen aus dem Lande, sondern er sich selbst wegen seinen Religionsansichten, deren Anerkennung und Gutheißung von irgend Jemanden, so auch von der Regierung, er zu fordern (ja wenn nur er und nicht die von Christo eingesetzte Kirche es wäre!) überall kein Recht hat.« ? Gottlob, daß die Praxis der Regierungen immer noch milder ist, als die Theorie solches Schreibervolkes! Eines aber ist natürliches, nicht aus kunstreichen Schlußfolgerungen hervorgehendes, sondern unabweislich sich gestaltendes Ergebniß redlicher Wahrnehmung, unbetäubter Beurtheilung; nemlich daß die Kirche keiner denkbaren Staatsform widerstrebe, mit jeder sich vertrage, während es hingegen als Thatsache vor Augen liege, daß jede Staatsform gelinder oder rauher wider die Kirche sich kehren, in Feindseligkeit dieselbe zu beirren sich unterfangen könne. Zum Ueberfluß liefert, auf beschränkten Flächenraum zusammengedrängt, die Schweiz die Belege so nach der einen, wie nach der andern Seite des Verhältnisses dieser verschiedenen gesellschaftlichen Formen zu der Kirche, einzig mit Ausnahme der absolutisch-monarchischen und unter der Begünstigung, daß sie zu fünf verschiedenartigen Belegen den sechsten von ihrem Gränzland entlehne. Dieses ist, an constitutionell monarchische Form gebunden, das[522] Großherzogthum Baden. Es zeigt uns, wie dieselbe in die Verirrungen, allen destructiven Bestrebungen das Lotterkissen immer weicher zu bereiten, der Kirche dagegen ein fortan stachlichteres Dornenbette zu rüsten, in bequemer Unüberlegtheit (weil wir doch Aergeres nicht annehmen wollen) sich verlaufen könne. Da ist ihnen an ihrem doctrinell organisirten und in den Radicalismus hinüberspielenden Staat die Kirche als lästiges und äßliches Ueberbein vorgekommen, welchem durch Unterbinden der Zufluß der Säfte müsse abgesperrt werden, indeß kaustische Mittel zersetzen und das Abdorren fördern sollten; dabei haben sie dieselbe auf halbe Ration gesetzt, und die Lieferung dann weiterhin noch Unternehmern in Pacht gegeben, die weder in Bezug auf den gesunden Nahrstoff des Gelieferten so besonders wählerisch waren, noch hinsichtlich des bedungenen (ohnehin beträchtlich reducirten) Maaßes durch knabenhafte Skrüpulosität sich ängstigen liessen. Unter solcher wohlbedachter und beharrlich fortgesetzter rationeller Behandlung hoffen sie die Lästige zum verkrüppelten Serbling depotenziren zu können, welcher höchstens noch sodann des unfruchtbaren Mitleids einiger mattherziger Seelen sich zu getrösten hätte, indeß die brauchbaren Geister von der gespensterhaften Erscheinung verächtlich den Blick abwendeten. ? Wie dann herentgegen die constitutionelle Monarchie des Ergebnisses ihrer Rechte sich erfreuen, hiebei die Kirche ohne Besorgniß einer Schmälerung derselben im Besitz der ihrigen lassen könne, das läßt sich an dem Fürstenthum Neuchatel sehen, in welchem noch darüberhin ? im Gegensatz gegen den zuvor genannten Staat ? die Katholiken eine unscheinbare Minderheit bilden; da ist dem Bischof in Ehe-Jachen der Entscheid überlassen ohne Einmischung der Civilbehörden; da maßt sich die Staatsgewalt nicht an, über gemischte Ehen zu ordonnanziren, die Zahl der Festtage zu bestimmen, Schulmeister durch das Gebräue ihrer Aufklärungs-Tisane zu wohlbestellten Opponenten gegen die Kirche auszustaffiren. Der Bischof wacht über die Geistlichen und darf ohne Sorge seyn, daß eine nach Berdjenen ausgesorochene Ahndung für den Betreffenden[523] den Barometer der weltlichen Gunst zum Steigen bringe. Die Vorschriften über Amtsführung gehen von seinem Gewissen und seiner Einsicht aus, und niemals ist befürchtet worden, daß der Staat Gefahr laufe, dafern er nicht vorher zu dergleichen sein »Gefallen« ausspreche. Trotz solchen freyen Waltens der Kirche, bewegt sich aber dieser constitutionell-monarchische Staat so leicht und sicher als sonst irgend einer, der die Bedingung hiezu in dem entgegengesetzten Verfahren sucht. Eine strenge Aristokratie führte ehedessen im Canton Freiburg das Regiment mit sicherer Hand. Eifersüchtig auf ihre Rechte, hatte sie diese mit einem Wall umgeben, welchen ungestraft Niemand zu übersteigen würde versucht haben; sie duldete auf dem politischen Boden Niemand neben sich. Aber auf dem kirchlichen waltete der Bischof und sein Clerus in Gemäßheit der Rechte, die sie nicht nach der Menschen Gutsinden, sondern kraft göttlicher Einsetzung in Anspruch zu nehmen haben. Die Gebiete waren geschieden; von Uebergriffen, sey's nach der einen, sey's nach der andern Seite, wissen die Jahrbücher so viel als nichts zu berichten, wohl aber von gedeihlichem Einklang, also daß die Regenten des Landes sich nicht herabzusetzen meinten, wenn sie in ernsten Momenten neben ihrer Einsicht und Erfahrung auch der bischöflichen Fürbitte zu Förderung gemeinen Wohles etwelche Wirksamkeit beimassen. ? Eine ähnliche Aristokratie führte zu gleicher Zeit in Luzern das Regiment. Aber sie hatte in ein verweltlichtes Junkerthum ausgeschlagen, welches sich des Wahnes vermaß, schmucker und auch anstelliger würde die Kirche auftreten, so sie seine Livree trüge, wären ja beide, Kirche und Livree, gleichsam für einander geschaffen. Da haben die kleinen Herren in der Reußstadt hinübergeblinzelt nach den grossen Herren in der Lagunenstadt, und unverdrossen diesen es nachzuthun sich bestrebt, so weit es nur immer hat gehen wollen. Rüstig haben sie an der Kirche herumreglementirt und decretirt, und in den Schnürleib sie gelegt, in Hoffnung, so werde für alle Zeit deren Athmen[524] genau nach Vorschrift ihrer Rathsprotokolle erfolgen, und alles nicht anders beschehen, als wie es ihr Cotterie-Canonist in dem Jus circa sacra zu Buch gebracht. Aber die großen Herren am adriatischen Meer haben schmählich verendet, und den kleinen Junkern am Vierwaldstädtersee ist ebenfalls das Lebenslicht ausgegangen, selbst das desperate Nothmittel, durch die Jakobinermütze ihm wieder aufzuhelfen, hat auf die Dauer nicht verhalten mögen. Die Kirche dagegen hat die Herren im der Lagunenstadt und die Junkern in der Reußstadt überlebt. Qui habitat in coelis irridebit eos et Dominus subsunnabit eos. In den grünen Thälern zwischen den sonnigen Alpen und den himmelanstrebenden Kuppen, Hörnen und Nadeln, hatte schon in grauer Vorzeit die Kirche ihren duftigen Garten und die Demokratie ihre geschirmte Heimath sich bereitet. In trautem Schwesterbunde hielten unzertrennlich Beide sich umschlungen, in all der Zeit, da draussen der böse Feind da und dort das giftige Unkraut zwischen die Geeinten gesäet, Rankte doch die gottgepflanzte an der Eisenbrust dieser kräftigen Naturen freudiger auf, fächelte doch ihr immergrünes Laubgezweige balsamische Kühlung in deren sonngebräunte Stirn und durchströmte sie mit der Weihe der Kraft liebewarm ihr vielfältiges Ringen um das irdische Bestehen. Scheint doch die Kirche vorzugsweise für diese Männer der That mit den frommen Kinderseelen gesetzt, schienen doch vorzugsweise diese Männer der That mit den frommen Kinderseelen aus dem Gesäuse der Menschen für die Kirche ausgeschieden zu seyn. ? Da sind sie hingegangen und haben aus Theorie und Doctrin unter gleicher Berechtigung Aller zu Allem, bei verschiedener Sitte und abweichender Erziehung durch die Jahrhunderte, eine Volksthümlicheit mitten ins Leben einsetzen wollen, welches dase selbe halb oder höchstens in erkünstelter Sympathie hat aufnehmen können, Es war ihnen aber auch im der Wirklichkeit nicht um diese zu thun; der lauten Wortmacherei lag unverkennbar kein anderer Zweck zum Grund, als ganz einfach derjenige,[525] das hellauf Gepriesene zum Fußschemel zu machen, über den sie zu toller Gewalt und was an derselben hängt, hinaufsteigen könnten. Das hat die Kirche nicht gewehrt, als die auch mit der falschen Demokratie so wohl sich hätte vertragen können, wie mit der wahren, da sie es nicht mit den Staatsformen der Menschen, sondern mit ihren Seelen zu thun hat, Jene aber haben mit der Kirche nicht sich vertragen wollen; ihr ruhiger Gang, ihr geordnetes Wirken, ihr gefestetes Bestehen bildete gegen das tumultuarische Wesen, welches sie so gerne als unverrückbare Regel aufstellen mochten, einen allzuscharfen Gegensatz; zudem schmeichelte es, wo Alles auf Freiheit pochte, wenigstens einen von dem Winke abhängigen Knecht zu haben. Hiezu schien Niemand besser geartet als die Kirche. Also frisch drauf! Den eigenen Zweck sollte sie nach jener Gewaltherren Forderung aufgeben und als willfähriges Werkzeug fremder Zwecke frohnen. Da sie aber hiezu gutwillig nicht sich verstehen miögen, zogen sie aus mit allem erdenklichen Geräthe, um dieselben in ihre Garne zu hetzen. Sie verfolgen sie in ihren würdigsten Dienern, verhöhnen sie durch nichtsnutzige, aber hochbegünstigte Baalspfaffen, hemmen sie in ihrem Lebensregungen, kränken sie in ihren Rechten, bestehlen sie an ihrem Besitz; aber das gescheuchte Einhorn legt nur in dem Schoß einer reinen Jungfrau sich zur Ruhe. Das ist das Verhältniß der Kirche zu den verschiedenartigen Staatsformen; das ist die verschiedenartige Stellung der Staatsformen zu der Kirche. Alle jene Feindschaften nun, diese Kämpfe, dieses Anlaufen, dieses Bemühen, diese Contraste haben große Wirkung auf mich geübt, haben mächtig mich gezogen, haben mich ahnen lassen, es müßte an demjenigen, was so auseinandergehende Gewalten wider sich verbinden, so entgegensetzte Wafsen wider sich einigen, so verschiedenartige Bestrebungen wider sich in Bewegung setzen könne, wohl etwas mehr seyn, als an[526] dem, was Despoten und Revolutionäre, Philosophen und Schöngeister, Genußsüchtige und dienstwillige Schergen der Gewalt aus einem Munde als bequem, anständig und dienlich priesen. Im Gegensatz zu jenen Staatsweisen, welche das Niederdrücken der Kirche für die höchste Aufgabe der Regierungskunst zu halten scheinen, und zu jenen Zeitweisen, welche wähnen, das, was die Kirche biete und gewähre und in ihr allein zu finden ist, liege weit jenseits des heutzutägigen Bedürfnisses der Menschheit, treten mit gewaltigen Winken, so für die Einen als für die Andern, England, Belgien, die Vereinigten Staaten hervor. In diesen Ländern könnten die Ersten der Genannten die Kirche sehen, unbeirrt durch die Staatsgewalt, unverkümmert in ihrer Lebensthätigkeit durch Organisations-Edicte, Ukasen, Eingriffe, Behörden und mißtrauisches Belauschen. Hier drängt sich kein Dritter zwischen Mutter und Kinder, um das Band zu locken, das gegenseitige Verhältniß zu stören, die Wechselbeziehung zu hemmen, über Beide als unberufener Vormund sich aufzuwerfen. Die innere Lebensthätigkeit der Kirche ist frei, ihr äusseres Bestehen ist frei, ihre Anstalten jeder Art sind frei. Sie feyern Feste, und Niemand indert sie daran; sie bauen Kirchen, und Niemand schreibt die Zahl ihrer Altäre vor; sie gründen und begaben Institute, und keine Staatsgenehmigung stellt die edelste Blüthe des Christenthums, die Liebe, thätig unter Controlle; sie errichten Schulen, und Niemand zwingt diesen einen fremden, wohl gar einen feindseligen Geist auf; die Gläubigen ziehen nach theuren Andachtsstätten, und kein Polizeidiener weist an der Gränze sie zurück; sie bilden Priester heran, und keine Vorschriften machen es zum glückhaften Zufall, wenn priesterlicher Geist in ihnen nicht rein ausgefegt wird, unter langem Ringen noch die Oberhand gewinnt. Mag aber nicht bei all dieser Freiheit der Kirche die Staalsgewalt dennoch[527] ihren ruhigen und sichern Gang gehen? mag sie nicht auf dem weltlichen Boden nach voller Macht und Freiheit walten? stößt sie in irgend Etwas auf ein Hinderniß, das von der Kirche gegen sie ausgienge? Kein grundloserer Wahn, als derjenige, dann nur seye wohl und gedeihlich zu regieren, wenn die Staatsgewalt mit äller Wucht auf der Kirche laste, wenn sie dem krankhaften Gelüste des Allesregierens in Betreff ihrer mit gefrässiger Gier fröhne! Keine empörendere Voraussetzung, als daß man der bürgerlichen Treue der Kinder nur in dem Maaße sicher seye, in welchent man die Mutter in Banden lege, oder durch alle Handlungen der Gewalt, durch alle Künste die Kinder ihr abtrünnig mache! Keine starrsinnigere Verblendung als diejenige, nicht wissen zu wollen, daß einzig durch Lehre und Uebung der Kirche der Gehorsam in der Reihe der Tugenden eine der ersten Stellen einnehme, da sie nur ihn als den Abglanz der höchsten Eigenschaft des Gottmenschen verehrt! Keine tükischere Gesinnung, als erst alle Drangsale auf die Kir che zu laden, ihre Glieder in dem Heiligthum ihres Gewissens aufs bitterste zu verletzen, in frevlem Bestreben den ihr eigenthümlichen Geist zu zerstören, jede Blüthe derselben zu knicken, von innen in schleichender Strebsamkeit mit allen verwerflichen Elementen sie zu durchsäuern, von aussen durch harten Zwang in allen Beziehungen sie zu beengen, und dann, wenn Schlauheit und Willkür verbündet, am Ende den lauten Nothschrei abzwingen, diesen sofort zur Rechtfertigung solches Waltens und zur Beweisführung gegen diejenigen, welchen es aufgejocht wird, zu verkehren. Bei dem, was ich S. 387ff. hinsichtlich des über alle menschlichen Zustände und Erscheinungen sich erstreckenden Einflusses der Abkehrung von der göttlichen Offenbarung und dem Mißkennen desselben durch das Unterwerfen unter die Herrschaft und Botmässigeit des Zweifels gesagt habe, gleichwie bei der Umschau über das Benehmen und die Stellung der Gewalten gegen die Kirche, mußte ich immer wieder einer Bemerkung gedenken, welche mir einst der Hochwürdigste P. General der[528] Jesuiten machte. Schon seit dreitausend Jahren, sagte er, seye gesprochen: et nunc reges intelligite: erudimini, qui judicatis terram; und ein Jahrhundert um das andere erneuere die Mahnung, und in gewaltigen Winken wäre in des letztern Verlauf an Könige und Pfleger des Rechts die Unterweisung herangetreten, nimmer aber wolle in der Mahnung das Nunc gewürdigt werden. Nicht widersprach Felix dem grossen Heidenbekehrer, nicht sträubte er sich gegen seine Lehre, aber die gelegene Zeit, ihn rufen zu lassen, die fand er nicht. Wie dieß an tausend und tausend Einzelnen bis auf den heutigen Tag sich fortwährend erneuert, so zeigt es sich auch an den Staaten; ihre Lenker bekennen wohl, sie sähen vollkommen ein, genugsam waren sie unterwiesen, nicht blieben die Lehren, welche unter so gewaltiger Mühsal ihnen eingetrieben worden, unbeachtet und vergeblich, aber das »Jetzt« und die »gelegene Zeit,« meinen sie, seyen noch immer nicht vorhanden; andere Wege stünden ihnen offen, andere Mittel genug boten ihnen sich dar, sie selbst wären mit zureichenden Kräften ausgestattet, welche die dynamischen der Kirche überflüssig machten, ja selbst geboten, gegen deren Ueberwucherung auf der Hut zu seyn. Aber der mechanischen Wirkung steht das materielle Gewicht gegenüber, und es ist zu befürchten, jene werde dieses nicht auf immer zu bewältigen vermögen; und nur allzuspät, dann, wenn es vielleicht kein Nunc mehr giebt, zwar nicht für die Kirche, aber für jene, welche deren ordnenden und vergeistigenden Einfluß auf die Gesellschaft so trutziglich mißkannten, dürften diese sichs merken, mit weniger Argwohn und herrischem Dünkel gegen die von Gott Gesetzte möchten sie doch besser gefahren seyn. Eben die letztgenannten Länder, zwei derselben zumal, stellen auch jenen Andern, welche den Einfluß und die Segnungen der Kirche, als jenseits aller Bedürfnisse der Gegenwart liegend, erklären möchten, Thatsachen vor Augen, die, weil nicht zu läugnen, mit ihrem Vorgeben kaum zu vereinbaren sind. Ferne von aller äussern Begünstigung, zurückgewiesen von jedem[529] denkbaren Vortheil, den der Eintritt in die Kirche gewähren könnte, sieht dieselbe die Zahl derjenigen, welche sie als segnende Mutter erkennen, von Jahr zu Jahr sich mehren, die Schaaren der Gläubigen zunehmen, sich selbst festigen, erweitern, erkräftigen. Kein Zwang kann die Menschen in ihre Arme treiben, keine weltlichen Aussichten können sie locken, kein Vorbild und keine Gunst der Mächtigen können die Stelle des innern Verlangens und der Ueberzeugung einnehmen; diese allein, in Verbindung mit der göttlichen Gnade, vermögen so Erstaunliches zu bewerkstelligen. Es muß also wohl die Kirche bieten, was anderwärts nicht sich finden läßt; sie muß also wohl gewähren, was anderwärts vergeblich gesucht würde; es muß also wohl von ihr ein geheimnißvoller Zug ausgehen, der in den Menschenherzen seine Berührungspuncte findet, und mit höherer Macht, als solche in der Gewohnheit, in der Behaglichkeit, in der Unkenntniß und in dem Vorurtheil liegen kann, dieselben zu ihr hinzieht. Wollte man dieß abreden? Wüßte man eine Erklärung hiefür den untergeordneten Regungen des menschlichen Gemüthes zu entnehmen; oder liesse jene Erscheinung eine blos zufällige, eine launenhafte sich nennen, wofür zureichende Gründe aufzufinden nutzlose Mühe wäre? Auch die Thatsache, welche Mühe man sich geben möge, sie darniederzureden, bietet immer von neuem wieder unserer Anerkennung sich dar: daß nemlich, wenn unter einem uncultivirten, aber freien, wenigstens in Beziehung auf Glaubenssachen durch keine Staatsgewalt influenzirten und niedergewuchteten Volk Missionäre der Kirche und solche einer religiösen Partei auftreten, jene immer eines umfangsreichern und sicherern Erfolges sich zu erfreuen haben. Welches erhebende und zugleich rührende Bild hievon stellte uns nicht neulichst der Domherr Salzbacher in seiner »Reise nach Amerika« hierin vor Augen; wie dort unter der Noth einer meist ökonomisch beschränkten Bevölkerung Kirchen, Collegien und Klöster, christliche Bildungsanstalten und Krankenhäuser ins Daseyn sich hinausringen und in den weiten Eidstrichen die Kirche immer tieser[530] ihre Wurzeln senkt, immer weiter ihr schirmende Gezweige verbreitet. Wie oft zwingen nicht dem Leser, welcher den durch die Charitas bewegten Mann auf seinen Wanderungen begleitet, der Hinblick auf die Anstrengung, Mühen und Opfer, unter welchen allein diese Kinder der Kirche zu einem Hause gelangen können, in welchem sie um den Herrn sich sammeln, Theilnahme und Wehmuth den Seufzer ab: ach liessen sich doch von den vielen Tempeln, welche Europa ihrer Bestimmung entrissen und in Kasernen, Fabriken, Theater, Tanzsäle, Waarenspeicher und Pferdeställe verwandelt hat, auch nur einige übers Meer versetzen und der Verherrlichung des Erlösers und dem Sehnen der Erlösten wieder zurückstellen! ? Selbst unter den Drusen, deren Häupter der Verbreitung des Christenthums gewichtige Schwierigkeiten in den Weg legen, macht dasselbe Fortschritte. Auch in Mittelasien würden diese weit ansehnlicher seyn, bemühten sich nicht die Missionäre der englischen Glaubensparteien, die mahomedanischen Fürsten zum Widerstand, nicht selten zu Gewaltthätigkeiten aufzustacheln, und sähen sie nicht einen grösfern Gewinn darin, wenn das Christenthum gar keine Fortschritte, als wenn es solche mache, die nicht gerade derjenigen Form entsprechen, in welcher sie es zu verbreiten wünschen. Ich darf hier nebenbei aus genauer Kenntniß einer andern, zwar untergeordneten, dennoch aber oft so laut geführtem und so oft wiederholtem Gerede widersprechenden Erscheinung Erwähnung thun. Welche klangvolle Phrasen lassen nicht darüber sich vernehmen, daß die Klöster gar nicht mehr für unsere Zeit passen, daß dieselbe solche gar nicht mehr verlange, daß sie unbedenklich dürften beseitigt werden! Nun könnte ich Klöster nennen, die unter hartem Druck noch fortbestehen, deren Personale keineswegs in eine heitere Zukunft hinausblicken darf, deren Fortdauer nicht im mindesten gesichert kann genannt werden, die während eines Jahrzehends unter Verhältnissen sich fortschleppen mußten, die gewiß Niemand für lockend hatten wird, welchen während langer Zeit aller Zuwachs abgeschnitten blieb, die solchen dennoch, sobald es unter keineswegs[531] anziehenden Bedingungen wieder gestattet ward, in reichem Maaße wieder finden, bei denen zahlreichere Anmeldungen eingehen, als Entsprechen selbst dann möglich wäre, wenn weder Erschwerung Beschränkung einträte. Und wahrlich, weder die Hoffnung eines mühelosen Lebens, noch die Aussicht auf ein behagliches Daseyn kann hier wirken, noch sind die sich anbietenden Individualitäten solche, die entweder in sich selbst oder zum Theil in äussern Glücksgütern der Mittel zu ehrenhaftem Bestehen in der Welt entbehrten, mithin in solchem Entschluß einen letzten Ausweg betreten müßten. Ich könnte selbst Namen nennen, Einzelnheiten anführen, von entschiedenem Kampf gegen versuchte Hinderniß, gegen Widerstand sprechen. Was will nun hiegegen eingewendet, womit soll diese Thatsache, wofür ausserdem Frankreich und Belgien unterstützende Belege im Ueberfluß darbieten, aus dem Bereich der Wahrheit hinaussophistisirt werden? Wahrlich, es giebt, wie gegen den dünkelhaften Stolz, so gegen unheintliches Zagen keinen bessern Schild, als die, mit Zuversicht gegen den, der sie als Zusage seiner Gottheit gegeben, ausgesprochenen Worte: »Und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen!« Wem aber hat er diese Zusage gegeben? »Diese Pforten«, sagt Einer, der unter die Schaaren ihrer Verfechter sich einreiht, »das wissen wir, werden unsere Kirche nicht überwältigen. Allein auch das wissen wir: unsere Kirche wird gegen die Pforte der Hölle stets zu kämpfen haben. Darum darf uns ein Streit nicht bestürzt machen, der durch alle Jahrhunderte sich durchzieht. Lassen wir uns nicht schrecken durch Gefahren, Kämpfe, Niederlagen; harren wir ebensowenig mit hastiger Ungeduld eines Sieges, der niemals vollständig seyn wird. Lassen wir uns nicht von thörichtem Zorn gegen eine Empörung hinreissen, deren ewige Nothwendigkeit der heilige Geist uns verkündet, und behandeln wir Verirrungen, welche der getrübten Natur des Menschen ankleben, mit freundlichem Mitleid, statt sie mit Groll und Verwünschung als Verbrechen zu bestrafen.«[532] Wurde ferner aus dem, an wechselnden Gestalten so überreichen Bilde der Gegenwart ein Blick geworfen auf die Kirche in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, in welcher sie durch alle Länder unseres Erdtheiles in bequemer Behaglichkeit, scheinbar unangefochten, in sicherer Ruhe lebte, und ein grosser Theil ihrer Hirten und Lenker sich's wohl seyn ließ, und wendete ich von diesem Zustande des wahrhaft faulen Friedens das Auge auf die Anläufe in der Gegenwart, so war in Würdigung des jetzigen innern Seins und Wesens derselben nicht zu mißkennen, daß allerwärts das Wehen eines bessern Geistes, von welchem nicht gesagt werden kann, von wannen er komme, sich bemerklich mache; es ließ sich nicht übersehen, daß die Kirche auch da, wo man noch so beflissen ist, sie zu erschüttern, sich festige; daß sie an Boden gewinne, wie sehr man auch sie zurückzudrängen sich bestrebe; daß die wider sie geführten Streiche in Segnungen für sie sich verwandelten, und daß selbst das andauerndste Bemühen der Gewaltigen, um Horazens Wort von der schlimmern Nachkommenschaft schlimmer Vorfahren (mindestens an der Geistlichkeit vieler Länder) zur Wahrheit zu machen, wider alles Erwarten fehlschlage, und die Afterweisen und Mächtigen rathlos zusammenstehen und nur zu rufen wissen: woher dieses? So haben wir's nicht gewollt, noch weniger erwartet! ? Welche Gesichter möchten nun wohl die Schatten der Emser Punctatoren und der Frankfurter Pragmatiker einander zuwerfen? Es war auch nicht schwierig, das Wesen und den innern Gehalt (das Leben so Mancher will ich bei Seite lassen) derjenigen unter den Dienern der Kirche zu werthen, deren Bestreben dahin geht, diese zu beliebiger Verwendung an die Polizei-Directionen zu vermiethen, sie im Innern zu verflachen, nach aussen einzupfählen, das Gefüge ihres Baues zu lösen, ihre hehre Gestalt auf den winzigen Maaßstab ihrer selbsteigenen Aufklärerei zu legen. Es war nicht besonders schwierig, manchen einzelnen Wahrnehmungen die Ueberzeugung abzugewinnen, daß, das Wesen und den Gehalt von diesen, dem[533] Wesen und dem Gehalt derjenigen, welche man durch das Wort »Ultramontane« abfertigen zu können wähnt, gegenüber in die Waagschale gelegt, das Zünglein unzweifelhaft auf Seite der Letztern treibe. Oder wo findet ihr die tiefere Innerlichkeit, den höhern Ernst des Lebens, die unverdrossenere Berufstreue, die grössere Zurückgezogenheit, das reichere Maaß priesterlicher Tugenden, bei Zenen oder bei diesen, denen ihr mit dem Wort »Ultramontane« Eines anheften zu können wähnt? Dieses Alles zusammen bot ebenfalls Stoff genug, ernstlich über eine Institution nachzudenken, welche aus dem Kampf wider so viele vereinigte, offene und verkappte Feinde nur verjüngt und gekräftigt hervorgeht, und in welchen auf Seite der Vertheidiger die kräftigsten Naturen, die tiefsten Intelligenzen und die edelsten Gemüther am ernstesten sich verflochten sehen. Weiter dann rückblickend, machte mehr als eine Erscheinung, blos aus der Zeit des eigenen Lebens, mir einen andern Eindruck, als denjenigen eines nur zufälligen Ereignisses. Zunächst stand die Vertilgung des Christenthums, die Zerstörung der Kirche in Frankreich, dann nach einem Jahrzehend nicht allein deren Herstellung, sondern, man darf wohl den Ausdruck sich erlauben, deren innere Wiedergeburt. Wer hätte erwarten sollen, daß nach einer nicht zu läugnenden Erschlaffung, nach so tiefwirkender moralischer Erschütterung der Kirche durch die Materialisten, Philosophen und Schöngeister des vorigen Jahrhunderts, nach deren blutiger Vertilgung und Aechtung durch die Jakobiner und ihre Nachfolger, dieselbe je wieder anders auf Frankreichs Boden erscheinen könnte, denn als beschränkter und verborgener Verein, als geheime, höchstens geduldete Secte? Weiter trat vor meinen Blick Pius VI Wegschleppung und Tod, gleichzeitig Italiens Erledigung von französischer Waffengewalt, Roms Uebergabe an die Neapolitaner und das Conclave zu Venedig am 1. Dec. 1799, und ein halbes Jahr später die Rückkehr des neugewählten Oberhauptes der Kirche an seinen befreiten Sitz in einem Augenblicke, in welchem so eben der Kanonendonner von Marengo wieder anders[534] über Italien entschieden hatte, und hierauf eine Wahl, jedenfalls eine freie Wahl, nicht möglich gewesen wäre. Später zeigte sich die aberntätige Gefangenschaft des Nachfolgers Petri, die Kirche theils von neuem verwaist, theils als Gefangene an den Siegeswagen des übermüthigen Soldaten gekettet, dessen Stern aber allmählig erbleichend, von der empörenden Gewaltthat an; dagegen das Leben des mißhandelten, dem Tode nahe gebrachten Kirchenhauptes, wider der Menschen Hoffen oder Fürchten, gefristet durch alle die Zeit, während welcher dessen Hinscheid für die Kirche entweder die schmachvollste Knechtschaft oder die gefahrvollste Verwirrung und bitterste Bedrängniß hätte herbeiführen müssen. Gleichgültig, ob man diese Thatsachen in das Licht einer innern Verbindung bringe oder nicht! ? Tatsachen bleiben sie immer; jenes aber steht ebenso frei als das Gegentheil; zu jenem sich zu wenden, ist nicht verwerflicher, als absprechend hierüber hinweg sich zu setzen. Oder sollte derjenige, der hierin den Finger der Vorsehung wahrnehmen zu dürfen glaubt, mindern Rechtes seyn, als der Andere, welcher dabei nur den zufälligen Weltlauf an sich vorüberziehen sieht? Diesem schließt sich, aus früherer Zeit noch, an die wunderbare Beschirmung jener erlauchten Gesellschaft, die Gott mit einer übereichen Fülle von Gnaden zur innern Festigung und zur äussern Verbreitung der Kirche ausgestattet hat; welcher scheinbare Ergebenheit gegen die Kirche Verfolgung, Trotz gegen dieselbe ein Pathmos bereitete, bis diejenigen, welche ihr nach dem Leben getrachtet, gestorben waren, worauf die unter maßlosen Drangsalen Alles durchfressende Fäulniß der Noth einen Schrei um deren Wiederherstellung abdrang. In neuester Zeit reihte endlich diesem Allem der 20. Nooemiber 1837 sich an, der, einem elektrischen Schlag gleich, das in seine verborgensten Tiefen zurückgezogene, nur dem schärfsten Auge noch wahrnehmbare Leben wieder quellen, sprudeln und mit voller Wärme durch die starr gewordenen Glieder strömen, den erlöschenden Funken wieder in vollerem Lichte erglänzen[535] ließ, und den abserbenden Körper in das helle Bewußtseyn und zur Erkenntniß seiner Pflicht, welche zugleich seine Kraft ist, zurückrief. Es ist wahr, und ich darf jetzt um so weniger das Bekenntniß abzulegen mich scheuen, da ich dessen damals schon kein Hehl gehabt habe: das Cölner Ereigniß machte grossen Eindruck auf mich; ich folgte ihm mit aufmerksamem Blick; ich würdigte das Benehmen der dabei Betheiligten nach seiner activen und nach seiner passiven Seite; ich begrüßte diesen nach langer Zeit wieder vorkommenden Act freyer, fester, seiner Stellung bewußter Haltung eines Kirchenfürsten mit nicht zurückgehaltenem Beifall, nicht ohne schwache Ahnung, zu ähnlichem Handeln in gleicher Stellung, so Gott die Gnade oerliehen hätte, denselben Willen gehabt zu haben. Ich folgte mit Aufmerksamkeit der Literatur, die hierüber entstand, von jener glühenden Flannnenrede, in welcher der grosse Meister die Gemüther in gewaltiger Macht hingerissen, durch alle Schliche der Sophistik, der afterweisen Windbeutelei, des Zerredens und der Pfiffologie, und sah, wie unter allem Abmüden und Keuchen in dem Bestreben, sie zu umhüllen, zu umstricken, zu umnebeln, die Wahrheit, das Recht, das zum endlichen Abthun und Zerlegen bereit gemachte Leben immer wieder durchbrach, und der Diplomatie, der ministeriellen Windungen, der Schreiberkünste, der Polizeisergeanten und allem doppeltuchigen Hochmuthe spottete. Man mag es eine seltsame, müssige, mir nicht einmal geziemende Frage nennen; eine Frage, die damals mir sich darbot, und die auch jetzt, nachdem Alles in sein richtiges Geleise wieder geleitet worden ist, unter der Rückerinnerung an jene Vorgänge immer noch sich darbieten mag; eine Frage, die sich damals so wenig als jetzt noch sich abweisen ließ, ist und bleibt es doch: wie, wenn die preussische Regierung sich bewogen gefunden hätte, ähnlicher oder verwandter Veranlassungen wegen und unter ähnlichen Formen einen General-Superintendenten von Magdeburg oder von Stendal wegzuschleppen, ? hätte wohl die Voraussetzung der Anhänglichkeit seiner[536] Heerde an ihn die Besorgniß der innern Verwundung ihrer Individuen durch solches despotische Einschreiten ähnliches Aufbieten ansehnlichen Kriegsvolkes nothwendig gemacht, oder hätte nicht die richtigste Zuversicht der untrüglichen Erwartung sich hingeben mögen, durch den längst zärtlich gehätschelten Rationalismus seye dergleichen Unziemliches längst schon beseitigt, dergleichen lästiger Ueberfluß erstarrt? Ferner: hätte eine solche Maßregel, gegen die genannte Stellung in Anwendung gebracht, ebenfalls von den eisumlagerten Gletscherfirnen bis hinab zu den Sanddünen der Nordsee, von Ungarns Niederungen bis hinauf zu den Felsenriffen des immergrünen Erins gleich dem Wetterstrahl alle Gemüther durchzückt, eine ähnliche Theilnahme hervorgerufen, in Hunderttausenden die nämlichen Sympathien geweckt; oder würde nicht ein allfälliger Eindruck während der nächsten Abende in den Bierkneipen der Umgebungen sich müde und matt gearbeitet haben? Hätte sie wohl ebenso durch alle Staaten Deutschlands, durch Belgien und Frankreich und durch alle Länder, wo das Kreuz von den Höhen strahlt, die Geister geeinigt, die Massen an die Altäre des Herrn geführt, die Begabtesten und die Edelsten unter ihnen hinausgetrieben mit dem Schwert des Geistes und mit dem Schild des Glaubens auf den Plan und die Widerwärtigen genöthigt, ihnen, wenn gleich nach ihrer Weise, doch aber immer Rede zu stehen über das, was sie gegen den Diener des Herrn und seiner Kirche verübt; oder wäre, wenn in anderem Bereich Aehnliches für gut befunden worden, nicht Alles in den ersten Nummern des Localblättleins verlaufen? Ver arge man es mir nicht, daß damals schon die Orakelsprüche aus Darmstadt wie aus Berlin: »es ist aus mit der katholischen Kirche, sie liegt in den letzten Zügen, sie sie ist ein abgedorrter Strunk,« ein helles Lachen mir abgewonnen haben. Da also sollte kein Leben mehr seyn, wo die unsanfte Berührung eines Gliedes alsbald den ganzen Körper durchzückt? Dort hingegen sollte das wahre Leben pulsiren, wo Alles auseinander gefallen, eine gegenseitige organische Beziehung gar[537] nicht vorhanden ist; wo Alles dem aufgelösten Käse gleicht, den nur der Rand der Schachtel hindert, nach allen Richtungen über den Tisch herunter zu zappeln? Darum weckte es in mir ein befriedigendes Gefühl, bei kurzem Aufenthalte zu Cöln im Sommer 1843 mich zu überzengen, daß das sechs Jahre früher wach gewordene Leben über der endlich ertheilten Beruhigung nicht wieder in Schlummer übergegangen seye, und daß so manche Künste, welche dasselbe abermals einlullen sollten, noch lange werden müssen angewendet werden, bis sie so lobwerthes Ziel erreichen mögen. Ich freute mich, im Zusammentreffen mit einigen ehrenwerthen Bürgern in dieser Beziehung manches tüchtige Wort zu vernehmen. Unter andern sagte mir Einer: »Vorigen Monat hätten Sie hier seyn sollen, um den Fackelzug zu sehen, den wir unserm hochwürdigsten Herrn Coadjutor an seinem Namenstage gebracht haben. Cöln hat einen ähnlichen noch niemals beweristelligt. Aber er verdiente es auch, daß wir nach zwanzig Monaten ihm einen Beweis unserer Anerkennung gaben.« ? »»Aber, erwiderte ich, warum ließ man es so lange anstehen? Ich hätte gedacht, es würde früher schon Gelegenheit dazu sich dargeboten haben.«« ? »Sie haben recht,« versetzte mein Mann, »aber wir wollten erst sehen, wie unser Herr Coadjutor wäre; nun sind wir überzeugt, daß er ganz der Alte seye, und deßwegen war unser Jubel um so lauter und herzlicher.« ? Den Commentar zu dieser Rede gab er mir in mancherlei Mittheilungen über die Gesinnungen und die Handelnsweise des verstorbenen Erzbischofs, der freilich hiefür in Cöln nicht den zuträglichen Boden mochte gefunden haben. Hatte ich die gegebene, festgestellte, zu allgemeiner Anerkennung und Geltung erhobene Thatsache der Reformation bisher angenommen, und Lauf und Wandelbahn durch sie mir bestimmen lassen, ohne mit Vorsatz und Absicht, einläßlich und[538] im Zusammenhang zu erforschen, unter welchen Verumständungen sie zu solcher Thatsache geworden, so konnte nun dieses nachgeholt und mit deren fortschreitenden Entwicklung in Zusammenhang gebracht werden. Allerdings war mir im Lauf der Jahre manche Schrift in die Hände gekommen, welche von der Reformation, zunächst in der Schweiz, handelte; Manches aus jener Zeit war mir bekannt geworden, dem ich so unbedingten Beifall, wie insgemein verlangt wird, nicht schenken konnte; manche Behauptung wurde aufgestellt, die mir mit andern Wahrnehmungen und Beweisen eben nicht in richtigem Einklang zu stehen schien; die Beihülfe von manchem Mittel kam zum Vorschein, dessen Rechtfertigung ich nicht hätte übernehmen mögen; und es schien mir bei mehr als einer Gelegenheit dem Unternehmen damals eine Wendung gegeben worden zu seyn, die an Vieles, was in den letzten Jahren unter mieinen Augen fortwährend vorgieng, nur allzu lebhaft mich erinnerte. Allein diese Beobachtungen insgesammt waren bis dahin nur vereinzelte Notizen geblieben, eine eigentliche zusammenhängende Würdigung der Quellen, woraus die jetzigen Zustände hergeflossen sind, hatte ich nie vorgenommen. Jetzt war hierzu Veranlassung und Muße eingeräumt; ein näheres Eingehen in diese Reformationsgeschichte wurde nicht mehr von der Hand gewiesen. Ich hatte die mit dem Jahr 1830 neuerdings hervorgebrochene Revolution beobachtet, über die Personalitäten ihrer vornehmsten Förderer Vieles vernommen, die vorangestellten Beweggründe und die nachmals erreichten Zwecke einander gegenübergehalten, die angewendeten Mittel, um ihr zum Gedeihen zu verhelfen, so wie die immer heller hervortretenden Folgen nur zu klar gesehen. Je mehr ich daher in jenem Zeitalter mich umsah, desto mehr ward ich überrascht von der merkwürdigen Gleichartigkeit, welche durch beide Bewegungen sich durchzieht; also daß es mir auf's helleste einleuchtete, Anfang und Verlauf der Resorntation würde sich lebenvoller niemals darstellen lassen, als in der Gegenwart, welche getreue[539] Ebenbilder der Personen, der Mittel und der Weise ihrer Anwendung, der Zwecke und der Erfolge jener Vergangenheit biete, indem man nur so Manches, was unter unsern Augen vorgegangen seye und alltäglich noch vorgehe, zu copiren brauche, um, was dort sich ereignet, recht anschaulich zu schildern; mit dem einzigen Unterschied, daß dort die Hauptbewegung auf dem kirchlichen Boden sich erhoben, die politischen Institutionen blos in untergeordnetem Verhältniß und inwiefern sie jene fördern oder hemmen konnten, berührt habe, bei demjenigen hingegen, wessen wir Augenzeuge seyn müßen, das Umgekehrte stattfinde. Die politische Revolution unserer Tage geht auf den kirchlichen Boden nur da über, wo sie auf demselben noch irgend Etwas hinwegzuräumen findet, kann überhaupt auf den kirchlichen Boden da nur übergehen, wo sie einen solchen noch findet. Es war eigentlich die Berufung von Strauß, welche den bisher nur flüchtig gehegten Gedanken zunächst fesselte. Die erste Uebereinstimmung zeigt sich zwischen der ursprünglichen individuellen Stellung der Hauptförderer der vormaligen kirchlichen und der jetzigen politischen Umwälzung zu Land und Volk. ? Die rührigsten und entschiedensten bei Beiden waren Fremdlinge. Dieß waren schon diejenigen, welche durch mancherlei offene und geheime Mittel seit langem der letztern vorgearbeitet hatten. Dergleichen traten allererst als Hauptstifter und Lenker jener geheimen Verbrüderung auf, deren Ableger seit den deutschen Befreyungskriegen in den schweizerischen Städten in unerwarteter Weise sich vermehrten. Neben jenem Justus Gruner, der dieses sich angelegen seyn ließ, und neben jenem Heldmann, der zu Bern in einer sogenannten europäischen Zeitung unter geheimem Schutz die den Staat auflösenden und dic Kirche befeindenden Doctrinen zu verbreiten suchte, arbeiteten noch Andere in ähnlichem Sinne. Ob auch Einzelne höchst fleissig verschwanden, Einige, die den Boden für den Revolutionssamen urbar zu machen sich bestrebten, blieben noch immer. Als dann dieser[540] Saame zu spriessen begann, bemühten sie sich zu schnellerem Wachsthum ihm zu verhelfen. Sobald endlich die Revolution wirklich ausgebrochen, das Bisherige meisten Orts zertrümmert, mancher ähnliche Versuch in deutschen und italienischen Staaten hingegen mißglückt war, standen viele Cantone denjenigen Allen offen, welche den Frieden der Länder und die Ruhe ihrer Bewohner entweder ihren Theorien oder ihren Gelüften und Zwecken hatten zum Opfer bringen wollen. Damals diente ein Steckbrief zu grösserer Emtpsehlung, als der best ausgestellte Paß. Mit offenen Armen wurden dergleichen Leute aufgenommen, selbst mit den obersten Angelegenheiten des Landes betraut (man denke nur an den Parmesaner Rossi, den man bereits zum Solon der Eidgenossenschaft erhoben hatte!), Andere, deren übereinstimmende Gesinnungen bekannt waren, mit möglichster Hast berufen. Die Wenigsten dieser Fremdlinge haben, wie damals vorgegeben wurde, blos ein Asylrecht gesucht, sondern im Dienste der Zerstörung haben sie gearbeitet, gewirthschaftet, unternommen, was Andere nicht wagen mochten. Sie haben Zeitungsblätter gegründet, um ihrem Sinne gemäß auf die Menge einzuwirken; sie haben sich auf Lehrstühle erhoben, um die Jugend für den Götzendienst der Zerstörung zu bereiten; sie haben überall, wo sie sich einnisten konnten, alsbald in allen Angelegenheiten das grosse Wort an sich gerissen, Gesetz, Ordnung und Vorschrift für öffentliches wie für individuelles Leben zu ertheilen sich unterwunden, und der Schweiz keinen andern Dienst erwiesen, als denjenigen, unter dem Gewirre aller Parteyung und Zerrissenheit, und im Gefühle des Mißbehagens nachträgliche Betrachtungen anstellen zu können über das Wort der heiligen Schrift ( Eccles. XI. 35): »Laß einen Fremdling bei dir ein, und er wird im Sturm dich umstürzen und dich verstossen von deinem Eigenthum.« Die Reformation nun ward ebenfalls angehoben, gefördert, gefestigt durch Fremdlinge, deren zwar Einige berufen, die meisten aber ebenfalls aus ihrem Heimathlande vertrieben[541] und flüchtig waren und sich einzunisten gesucht hatten. In Bern waren es der Würtemberger Berthold Haller und ein Straßburger, Namens Köpflein, die, wie alle Anderen, nicht gegen Mißbräuche in der Kirche, sondern gegen die Kirche selbst sich erhoben; in Basel war es der Franke Hauss chein, der seine auf der Ebernburg eingesogenen Grundsätze dahin verpflanzte; in Schaffhausen unternahmen es der Waldshuter Hubmayer und der Straßburger Sebastian Meyer, die Gesinnungen der Bürger zu rectificiren; in Zürich erwies sich der Elsasser Leo Jud mit und nach Zwingli als eifrigster Beförderer der neuen Lehre, Letzterer selbst wenigstens ein Unterthan des Fürstabts von St. Gallen. Als im Jahr 1525 der Rath von Schaffhausen, nach ausgebrochener bitterer Parteyung unter den Bürgern, den Sebastian Hofmeister, dessen Predigten hiezu den Zunder unter sie geworfen, aus der Stadt verbannt hatte, fand er, als ein wegen des Evangeliums Vertriebener (wie in unsern Tagen einem politischen Flüchtling würde widerfahren seyn), in Zürich nicht allein freundliche Aufnahme, sondern alsbald eine ehrenvolle Anstellung. ? Die gleiche Erscheinung bietet sich in der romanischen Schweiz dar: in Neuchatel stürmte der Delphinate Farel, der seines störrigen Betragens wegen von Genf vertrieben worden, wider die Kirche; wie dann hier der Picarde Calvin mit der Gewalt eines Autokrators reichsnete, ist bekannt; in der Waat dagegen war der mehr als blos sanguinische Beza aus Vezelay in dem Bemühen gegen die Kirche eben so eifrig. Dasselbe fand in Bünden Statt und in den ennetbirgischen Vogteyen. Wie in der römianischen Schweiz vertriebene Frauzosen das sogenannte Glaubenslicht anzündeten, so geschah es hier durch dergleichen Italiener, durch ben Florentiner Vermilio, den Sieneser Ochino, einen gewissen Beccaria u.a. Und wollte man weiter noch eine Parallele zwischen so Manchem dieser Fremdlinge der Vergangenheit und denjenigen der Gegenwart in Bezug auf Charakter, sittlichen Werth, Auswahl der Mittel zu ihrem Zwecke, Urbanität der Sprache aufstellen,[542] man würde vielfältig durch die auffallende Gleichartigkeit sich überrascht finden. Das über den Ausgang der Cappellerschlacht geängstigte Züricher Volk mochte wohl am klarsten gesehen haben, wer Zwietracht, Unfriede und Erbitterung in die Eidgenossenschaft gesäet habe, wenn es von seiner Regierung verlangte: »man solle der hergelaufenen Pfaffen und Schwaben abstehen.« Gerade wie es auch in den letzten Jahren von mehr als einem bessergesinnten Mann anerkannt worden ist: die vornehmste Schuld der innern Zerrissenheit, des manigfaltigen Unglücks und der schmachvellen Herabwürdigung des sonst ehrenhaften Namens der Schweiz falle auf diese leichtfertig beschützten und über Unheil brütenden Fremdlinge. In den Zeugnissen von Zeitgenossen über Einzelne derselben dürften wenigstens Bruchstücke zu einer Würdigung ihres innern Werthes gefunden werden. Pirkheimer, einst Gönner und Wohlthäter Oekolampads, durch Angriffe desselben aber zu einer Rechtfertigung genöthigt, bezeichnet ihn unter angeführten Beweisen als »Sykophant, Verfälscher der göttlichen Schrift, schamlosen Lügner, Rabulisten, Verläumder, Urheber aller Zwietracht, als Rädelsführer, der durch verdammliche Irrthümer sich und Andere in das Verderben gestürzt habe.«? Gwalter, Zwinglis Schwiegersohn und Nachfolger, gesteht in einer Schutzschrift für diesen selbst: »daß es manche Leute gebe, die noch nach seinem Tod ihn für einen Feind des Glaubens, einen Widersacher dessen, für einen Störer christlicher Eintracht, Verderber der Kirche, Knecht des Satans, Verfälscher der heiligen Schrift, Seelenmörder, Gotteslästerer und Ketzer hielten.« Alsbald mit der Revolution haben die Förderer derselben den Wahn zu wecken und zu begründen versucht, daß Alle zu Allem berechtigt, befähigt, tüchtig seyen. Es ist gelehrt, geglaubt, geübt worden, daß es keinerlei Einrichtung, Befugniß, Recht gebe, über welches nicht jedweder grosse Rath erhaben seye, demselben Gültigkeit zuerkennen oder absprechen, ihm die Gränzen der Bewegung bestimmen, die Modalität seines Erscheinens[543] nach selbsteigener Lust vorzuschreiben befugt seye. ? In gleicher Weise sollte mit dem Beginne der kirchlichen Revolution alle Berechtigung, alle Kenntniß, alle Einsicht, alle Erleuchtung, deren durch fünfzehn Jahrhunderte die gelehrtesten, erfahrensten, gewissenhaftesten, umsichtigsten, frommsten, in Demuth ergebensten Männer aller Länder je theilhaftig gewesen, alle Einsicht und Erleuchtung, die sie zu Ermtittlung und Bestimmung der Heilswahrheiten und zum Besten der Kirche redlich stäts angewendet, urplötzlich und in unbegränztem Maaße übergegangen seyn auf die aus Layen bestehenden Räthe. Diese sollten, wie in unsern Tagen die Verfassungsräthe in Bezug auf bürgerliche Einrichtungen, über das Fundament, den Bau, das Wesen, die Widmung der Kirche in letzter Beziehung absprechen, festsetzen, ordnen; sie sollten, was hinfort zu glauben, zu thun, beizubehalten, zu verwerfen, welches allein gültiger Gebrauch, Verfassung, Lebensäusserung der Kirche seye, kraft unzweifelhafter innewohnender Erleuchtung bestimmen. Solche Befugniß riß vor allen der große Rath von Zürich an sich in seinen zweihundert Mitgliedern, zum Theil aus Handwerkern zusammengesetzt, deren Vorsitzer selbst erklärte: sie Alle verstünden von solchen Sachen nicht mehr, als der Blinde von den Farben; die aber kraft ihrer Stellung zu den damaligen Einrichtungen der Stadt diese Befugniß nicht von Rechtswegen besessen, sondern für sich gefordert hatten. Denn, weil die Mehrzahl des kleinen Rathes aus Männern bestand, die nicht sofort zu allen Neuerungen Hand bieten wollten, wurde demselben alle »Gewalt in Religionssachen« abgenommen und den Zweihundert beigelegt, die nun ganz nach Ermessen hierin schalteten. Diese dann sollten, nicht blos für ihre eigenen Personen, höchstens noch für diejenigen, in deren Namen sie aufgestellt waren und jene Befugniß an sich gerissen hatten, ? neim, im Namen der ganzen Kirche wollten sie es, aussprechen: die bisher zu aller Zeit und aller Orts anerkannte, geglaubte und so vielfach beleuchtete Lehre von der wesentlichen Gegenwart Christi im allerheiligsten Altarssacramente seye irrig, unbegründet,[544] darum fortan abgeschafft. Aber ebenderselbe Zwingli, der die Autorität der Kirche verwarf, dagegen seine eigenen Meinungen so freudig auf jene Autorität stützte, der jenen Rath seiner an sich gerissenen Willfährigkeit wegen so urtheilsfähig, so durch den heiligen Geist erleuchtet, so befugt gefunden hatte, über alle Concilien und die Entscheidungen aller Gottesgelehrten von anderthalb Jahrtausenden sich hinaufzusetzen, eben dieser Zwingli sah in den Gesandten der zwölf Stände, welche doch nicht aus den untersten Schichten der Gesellschaft genommen waren, die zum Gespräch in Baden sich versammelt hatten und den Gottesgelehrten noch ein höheres Gewicht einräumten, als ihrem eigenem Gutfinden, nichts als gemeine »Kuhmelker.« »Wer, schrieb er einem seiner Freunde über sie, wer sollte diesen Bauern zur Einsicht verhelfen, wer Recht habe, wer Unrecht? Besser verstehen sie sich auf das Kuhmelken.« ? Damit aber an dem Parallelisulus gar nichts fehle, haben wir gleichmässig in unsern Tagen in den Räthen alle diejenigen, welche im Sinn der Bewegungs- und Zerstörungspartei stimmten, immerdar als die Erleuchteten, als die wohlgesinnten Vaterlandsfreunde, als die sublimirte Intelligenz anpreisen, diejenigen, welche deren Bestrebungen nicht beipflichteten, für beschränkte Menschen, für Feinde des Fortschritts, für »Vorrechtler,« für »Zöpfe« ausschreyen hören. Ueber Berg und Thal, durch Hohen und Gründe lassen sie jetzt als Feldgeschrei die Worte erschallen: Menschenrechte, Volkssouveränetät, allgemeine und unbedingte Gleichstellung. Die Zeitungen trompeten diese Klänge als Tagwacht, die Flugblätter rufen sie einander zu als Wortzeichen, sie rasen durch die Kneipen, sie brausen durch die Trinkreden der Gelage, sie bilden den Zauberspruch, der die Menge mahnt und bannt, die Aufschrift der Fahnen, denen sie nachtaumeln soll. An sie, an die Menge, wendet man sich, auf sie wirkt man durch Schlagworte und Vorspiegelungen am leichtesten, sie ist am schnellsten erregbar, wenig zum prüfen geneigt; ist sie erst gewonnen, dann ist halb schon alles gethan. ? Auf diesem Wege,[545] durch dieses Mittel ward, wie jetzt auch damals, die Sache angebahnt, gefördert, durchgesetzt. Was jene Ausdrücke in unsern Tagen bewirkten, das mußten damals diejenigen: das Wort, das Gewissen, die christliche Freiheit, bewirken. ? In unsern Tagen hieß es: die Gentelurechte, die unverjährbaren, die unveräußerlichen, müsse utan zurückverlangen, nimmer länger dürften sie durch Aristokratendruck, durch den schnöden Hochmuth einer Vorrechtlerkaste schmachvoll vorenthalten werden! Forscht man ihnen aber nach diesen Gemeinrechten, so haben sie entweder nie oder nirgends bestanden, oder es mußten dagegen andere Rechte, die werth und theuer waren, dieweil sie Realität hatten, vernichtet werden. Und so ward auch damals viel gesprochen von den Rechten der Gemeinden gegenüber einer herrischen Priesterschaft; wehe aber demjenigen, welcher die Begriffe von Recht und Freiheit anders hätte nehmen wollen, als die Wortführer sie zuzugestehen für gut fanden. ? Um die sogenannten Aristokraten herabzuwürdigen, sie bald verhaßt, bald verächtlich zu machen, wurden Mährchen ersonnen, ihre Handlungen verdächtigt, ihre Vorkehrungen in falsches Licht gestellt, ihren Maßregeln ersonnene oder nichtswürdige Zwecke untergeschoben, nichts geschont, um das Glück ins Licht zu setzen, was durch deren Beseitigung aufgegangen seye. ? Zu jedem Unterfangen unserer Tage gegen die sogenannten Aristokraten durch verwandte Mittel, zu ähnlichem Zwecke hielt utan sich damals gegen Bischöfe, Priester und Ordensgeistliche, sobald dieselben ihrer Pflicht treu blieben, berechtigt und Luthers Wort: »was begegnet ihnen (den Bischöfen und Klöstern) billiger, dann ein starker Aufruhr, der sie von der Welt ausrotte,« schlug in die Begriffe nur zu gut ein. Auch dessen wird man sich bei einem Blick auf unsere Zeit nicht verwundern, daß Priester und Mönche, so bald sie ihre Pflichten mit Füßen traten, der heiligsten Verpflichtungen spotteten, durch den Geist der Auflehnung zum Wegwerfen jedes Zügels sich berücken liessen und kopfüber in die Bewegung und Alles, was dieselbe gestattete, sich warfen, sofort als christlich Gesinnte, durch den heiligen[546] Geist erleuchtete, zur gottseligen Freiheit erwachte Männer verherrlicht wurden, gleichwie jetzt unter ehemaligen Regierungsgliedern diejenigen, welche über geschworne Eiden sich hinwegsetzten, und die Bestrebungen der Umwälzer mit dem Vorgeben, gemeines Wohl wesentlich durch deren Verwirklichung zu fördern, sammt deren Früchten brüderlich theilten. Man darf nur die Schriften der damaligen Bewegungsmänner durchgehen, und man wird die auffallende Uebereinstimmunng zwischen ehedessen und jetzt auch hierin finden, dabei ebensowenig sich verwundern, daß über so unablässigen Verunglimpfungen die Mißstimmung in der Masse gegen die geistlichen Autoritäten am Ende ebenso allgemein und tief wurzelte, als in unsern Tagen gegen die weltlichen. Das vornehmste Hülfsmittel, um die Lehren der Zerstörungspartei zu verbreiten, um durch Vorspiegelungen künftigen Glückes, durch Herabwürdigung der bisherigen Zustände, durch Ausfälle auf diejenigen Personen, die in denselben besonders sich hervorgethan, diese Lehren beliebt zu machen, Anhänger ihnen zu gewinnen, sind gegenwärtig die Zeitungen. Urplötzlich sah man an allen Orten, aus allen Winkeln dergleichen aufschiessen. Sie mußten für die Revolution, wo sie noch nicht Boden gefaßt hatte, vorbereiten, wo dieses erfolgt war, sie festigen, durch unablässiges Rufen und Hetzen und Verläumden die Gemüther betäuben, Ueberlegung zurückhalten, ruhige Besinnung unterdrücken. ? In solcher Form freilich war dieses Hülfsmittel vor drei Jahrhunderten noch ungekannt; aber die Kanzeln ersetzten dasselbe nicht nur vollkommen, sondern weit erfolgreicher; erfolgreicher nicht deßwegen allein, weil dem gesprochenen Wort immerdar größere Wirkungskraft innewohnt als dem Geschriebenen, sondern deßwegen vorzüglich, weil nicht Jedermann, der Augen hat, lesen, wohl aber Jeder, der Ohren hat, hören kann. Von dem Ton, den man sich auf den Kanzeln erlaubte, kann man aus einigen erhaltenen Bruchstücken jetzt noch urtheilen, ob er von demjenigen in mehreren Zeitungen unserer Tage wesentlich verschieden gewesen seye; und ob[547] nicht an manchem Prädicanten der Vergangenheit ein würdiger Zeitungsredactor der Neuzeit seye verloren gegangen. An fliegenden Blättern in gebundener und ungebundener Rede fehlte es in beiden Zeiträumen wieder nicht. Besonders war Zwingli in der Fertigung und Verbreitung solcher Schriften zu Anpreisung seiner Lehre sehr fruchtbar und sehr rührig. Es liesse sich ein langes Verzeichniß derselben herzählen. Wie heutzutage wurden ebenfalls die Berichte oder die Gründe der Gegenpartei niedergeschimpft. Wo der Ernst nicht zureichte, da ward die schneidendere Waffe des Spottes so wenig verschmäht, als dieß gegenwärtig der Fall ist. Mit derselben stand der sittenlockere Nicolaus Manuel den Stürmern seiner Zeit durch Bild und Vers so emsig zur Seite, daß er der Disteli derselben könnte genannt werden. Versammlungen auf den Gassen und in den Trinkstuben, umt, wie gegenwärtig die politischen, so die tiefsten und schwierigsten Fragen aus dem kirchlichen Gebiet zu erörtern, anbei für das Urtheil den richtigen Standpunct zu verrücken, zugleich aber die Leidenschaften aufzustacheln, fehlten ebensowenig. Bis zum Ueberdruß haben wir unsere Herolde, Apostel und Handlanger der Revolution auf die vergangenen Zeiten sich berufen, deren Gesinnungen anpreisen, deren Handelnsweise als Vorbild aufstellen gehört. Ist man dann zurückgegangen in jene Zeiten, auf welche sie so pochend hingewiesen, hat man geforscht, welche Gesinnung darin sich kund gegeben, hat man nachgesehen, von welchen Grundsätzen die so häufig im den Mund genommenen Vorväter bei ihrem Thun und Handeln geleitet worden, werden diese hierauf gegenübergehalten den Bestrebungen, Lehren und Thaten der wühlenden Zeitgenossen, so kann man bei dem grellen Widerspruch, worauf man stößt, nicht genug sich verwundern der Frechheit, womit sie solcher Berufung, solcher Vergleichung, solcher Rechtfertigung sich unterwunden. Die frommen, treuen, redlichen, geradsinnigen Vorväter sollten nicht blos zeugen, daß Wortbruch, Treulosigkeit, Gewaltthat, Ränkesucht die gedeihlichen Elemente[548] allgemeiner Wohlfahrt seyen, sondern daß auch sie durch dieselben zu allen Aeusserungen des Lebens wären bewegt, daß Alles, worein sie nachmals ihr Glück, ihre Ehre, ihr Ansehen, ihre Sicherheit mit Zuversicht gesetzt, allein durch Jene seye gefördert worden. ? Ebenso haben sie damals auf ein Urchristenthunt sich berufen, welches so, wie sie dasselbe vorgespiegelt, niemals bestanden, und auf die ersten Zeiten des Glaubens, die durch Wort und That unablässig sie Lügen gestraft hätten. Sie haben Concilien der ersten Jahrhunderte als maaßgebende Autorität anerkannt, deren bestimmte Satzungen aber, sobald sie ihnen nicht eingeleuchtet, verworfen. Sie haben die Christen der frühern Zeit vorangestellt und vorgegeben, es seye bei ihnen dieses und jenes nicht in Brauch gewesen, hernach, weil sie Solches nach eigenem Ermessen und eigener Gewalt selbst beseitigt, sich der Uebereinstimmung mit Jenen gerühmt. Daß aber bei diesen Demuth, Gehorsam, Dulden, Verbreitung des Glaubens blos durch Lehre, Leben, Leiden, hingegen Toben, Schmähen, Lästern, Gewaltthat, Ausbreitung der Lehre eurch Schliche, Drohungen, Waffenmacht niemals Brauch gewesen seye, dessen haben sie nicht gedacht, sorgfältig vor ihrer eigenen Erkenntniß und vor derjenigen der Andern dieses vorborgen. Wie sind sie nicht, sobald es galt, Gönner, Förderer, Beschützer ihres Stürmens gegen die Kirche zu gewinnen, in hellem Geschrei daher gefahren mit Paulus Wort: »Jedermann sey unterthan der Obrigkeit, denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott,« ? denn wohl wußten sie, zu welchem Endzweck dieses diene; unter der Schutzwehr des gleichen Wortes hingegen sollte die Auflehnung gegen die geistliche Obrigkeit bis zu Vertilgung derselben dürfen geführt werden, gleich als ob diese nicht auch eine Obrigkeit und nicht ebenfalls von Gott wäre gesetzt gewesen, und als ob Sanct Paulus die eine habe unantastbar machen, die andere aber jedem ruhestörenden Abentheurer Preis geben wollen! In der Geschichte sehen unsere Umwälzer nicht das einsache Zeugniß von den Begebenheiten der Vergangenheit, nicht[549] ein Bild, in welchem Licht und Schatten vertheilt wäre, nicht einen Spiegel, der für Erkenntniß und Wille hier das Richtige und Nachahmenswürdige, dorf das Verwerfliche und Meidenswerthe vorhalte; sondern sie ist ihnen blos ein Arsenal, welches Waffen zu liefern habe, wie sie gerade in dem Augenblick deren bedürfen. Der Redlichkeit und der Gewissenhaftigkeit wird bei Behandlung derselben kein Werth zugestanden, sondern blos noch der Gewandtheit oder der Frechheit, sie für die Zwecke der Partei zurechtzumachen. So begegnen wir der grellsten Verfälschung der Geschichte jetzt wie damals, da die magdeburgischen Centuriatoren derselben die breite Bahn gebrochen, auf der seitdem Viele wandeln, die weite Pforte eröffnet, durch welche seitdem Viele eingegangen sind und fortan noch eingehen. So müßte damals wie jetzt der irregeführte Begriff von der Vergangenheit der verwerflichen Bestrebung in der Gegenwart zur Folie dienen. Zu beiden Zeiten sollten die höchsten Lebensfragen in letzter Instanz durch das Gewicht der Massen entschieden werden, die Intelligenz nur insoweit Werth haben, als sie jenen sich unterwerfen, durch diese sich bestimmen lassen, mittelst ihrer Beschlüsse blos noch eine formelle und scheinbare Freithätigkeit üben wollte. So jedoch diese nicht schnell genug hiezu sich bequemte, erst überlegen zu müssen, noch zögern zu dürfen glaubte, vereinigte die Menge Entscheidung und Vollziehung in einem und demselben Augenblick, indem sie an mehr als einem Ort, zusammengerottet, während die Räthe droben die Begehren erörterten, in die Kirchen einbrach, was ausser Bänken darin sich vorfand, auf die Straßen schleppte, und im Widerschein prasselnder Lohe die Erleuchtung durch das Wort zur Schau stellte, hiemit ebensowohl das Neue erstürmte, als Rückkehr zum Alten schwieriger, für lange Zeit wenigstens unmöglich machte. ? Schon bei dem Jahr 1523 aus berichtet: »:Die Menge war gewonnen; aber die Angesehensten, der Adel, die Geistlichkeit, die meisten Glieder des kleinen Rathes wirkten entgegen.« Also, was an Intelligenz,[550] an Wissen, an socialer Stellung, an Tüchtigkeit und gewiß auch an wahrem gutem Willen obenan stand, ließ nicht alsbald durch den Wind der neuen Lehre sich bewegen. Dieselbe fand ihren Anfang nur in dem Gegensatz von jenen Krästen ? in der Menge. Welcher Ernst oder welche tiefe Ironie liegt nicht in dieser einfachen chronikalischen Bemerkung! Welches glühende Streiflicht wirst sie nicht auf das ganze Treiben jener Zeit! Welche innere Verwandschaft mit so manchen Stürmereyen unserer Tage wird nicht in diesen wenigen Worten aufgedeckt! Heutzutage wird als oberstes Rechtsaxiom die Untrüglichkeit, wenigstens die zwingende Macht der Mehrheit aufgestellt, und allenthalben, wo eine noch so grosse Minderheit nicht allsofort gutwillig sich fügen will, wird sie als Rebellin behandelt, die am Ende selbst durch Gewalt zur Fügsamkeit unter jene miüßte eingeschult werden. War aber, wie z.B. in Wallis, die Mehrheit dem revolutionären Stürmen abgeneigt, trat sie den Lehren und den Bestrebungen der Partei des Fortschrittes entgegen, so wäre es unverzeihlicher Verrath an der Sache der Menschheit, an der Emancipation des Volkes, an der Förderung des Lichts gewesen, wenn man die Minderheit einer beschränkten, mißleiteten, durch Pfaffen und Aristotraten geknechteten Mehrheit gegenüber hätte im Stich lassen wollen. In solchen Fällen konnte die Mehrheit nicht als Mehrheit gelten, oder war, wie bei der Berufung von Strauß, das vorher so intelligente Volk plötzlich zum beschränkten, dummen, lichtlosen Haufen geworden, hatten Verstand und Einsicht in den engen Consessus einiger Behörden und in diesen nur auf diejenigen Glieder sich zurückgezogen, welche auch vor dem Aeussersten nicht zurückbebten; oder auch hieß es, eben die Minderheit seye eine so ansehnliche und, was noch weit mehr, so berücksichtigenswerthe, daß dieselbe auf Theilnahme und Unterstützung Anderer gerechte Ansprüche zu machen habe. ? Ganz so wie Heutzutage. ? So war es ebenfalls in jener Zeit, Ueberall, wo Hoffnung leuchtete, die kirchliche Umwälzung mittelst[551] der Mehrheit durchsetzen zu können, ward als Princip aufgestellt: daß auch in Glaubenssachen die Minderheit der Mehrheit sich unterziehen müsse. Man fand dieses Princip so natürlich und unantastbar, daß selbst noch in neuerer Zeit gesagt wurde: »Die Reformation gieng in Ordnung vor sich, da sie nach den Wünschen der Mehrheit eingeführt wurde.« Allein selbst mit dieser Mehrheit hatte und hat es eine eigene Bewandtniß. Es ist z.B. im Canton Aargau mehr als Einmal vorgekommen, daß bei einer Wahl die Mehrheit auf einen Mann sich vereinigte, der den Gewalthabern nicht gefiel. Dann wurde die Mehrheit nicht, weil das Ergebniß ihrer Wahl nicht, anerkannt, das Erforderliche hierauf vorgekehrt, um die Mehrheit dahin zu lenken, wohin man sie haben wollte. ? Auch damals wurde dieses prakticirt, nur in etwas abgekürzter Form. Man ließ nämlich so lange abstimmen, bis eine Mehrheit für das Begehrte herauskam, sey's nun, daß Einzelne heimlich bearbeitet, Andere kalt, noch Andere mißmuthig wurden. Zu Schaffhausen stimmte im Jahr 1528 der Rath zweimal darüber ab; ob man bei dem Alten bleiben, oder zu dem Neuen sich wenden wolle? Beidemal ergab sich ein ansehnliches Mehr für das Erstere. Aber dieses konnte sich ja unmöglich (würden in unsern Tagen die Zeitungen oerkünden) aus den Einsichtsvollern, Wohlmeinenden bilden, deßwegen darf diese Mehrheit nicht auf Anerkennung Anspruch machen, darum nicht gültig seyn! Erst da, als das Verhältniß sich umkehrte, war die Abstimmung eine vollkommen einsichtige, rechtskräftige. Auf gleiche Weise, zugleich ohne alle Rücksicht auf einen Vertrag mit Freiburg, handelte Bern im Dorfe Gy. Hier hatte ebenfalls die Mehrheit der Einwohner für Beibehaltung der katholischen Religion sich erklärt. Da wurde nochmalige Abstimmung anbefohlen, eine Abordnung hingesendet, welche die erforderlichen Winke zu ertheilen hatte; darauf geschah, was verlangt wurde, ohne an Freiburgs, des Mitherrn, Einsprache sich zu kehren.[552] Abermals heißt es, von Schaffhausen ganz dem jetzigen revolutionären Verfahren entsprechend: »im Jahr 1529 mußte man endlich dem oft geäusserten Verlangen der Mehrheit weichen.« Mit dergleichen unbewachten Aeusserungen gesteht man mehr ein, als man will, führt aber die Sache auf den wahren, unbestreitbaren Standpunct, wobei es dann freilich mit der angepriesenen unmtittelbaren göttlichen Erleuchtung etwas mißlich steht. Wo aber mit Gewißheit verauszusehen war, daß durch die Mehrheit nicht zum Ziele zu gelangen seye, da konnten so wichtige, den Menschen in seinen innersten Tiefen berührende Fragen unmöglich von der Mehrheit der Stimmen abhängig gemacht werden. So behaupteten im Zahr 1528 in Bezug auf die gemeinen Herrschaften Zürich und Bern, weil ste zwei gegen fünf standen: in Glaubenssachen könne die Mehrheit nicht gelten; indeß in eben diesem Jahr das gleiche Bern die Landleute von Hasli und andern Theilen des Oberlandes mit Krieg überzog, weil sie sich erklärten, bei ihren Rechten, unter denen sie sich an Bern angeschlossen hätten, und zu denen sie auch die freye Uebung des von den Vätern überlieferten Glaubens zählten, verbleiben und ihre gerechte Sache vor dem Richterstuhl der katholischen Cantone verfechten zu wollen. Nachdem drei ihrer Häupter hingerichtet, deren Güter eingezogen, dem Lande zur Strafe für seine Widersetzlichkeit gegen das Wort Gottes (d.h. der Herren von Bern dictatorischen Befehl) Banner, Sigill und alle Freiheiten genommen worden, hieß es: Gott habe dasselbe durch das Licht der evangelischen Freiheit erleuchtet. Zum Eckel haben wir es auskünden gehört: wenn eine Regierung die Menschenrechte (d.h. der auflösenden Lehren und des Drangs der Volksbeglücker nach Macht, Stellen und Einkünften) nicht achten, die allgemeine Gleichmachung nicht fördern, der Volksstimme nicht folgen wolle, so habe sie ferner kein Recht ihres Daseyns, seye sie billig dem Untergang verfallen, möge das Volk in beifallswerther Ermannung ihrer sich[553] entledigen; womit jede Empörung nicht allein gerechtfertigt, sondern als erste Regung der endlich erwachten Einsicht, als heilige Pflicht verherrlicht wird. ? Hätte Zwingli den Aufwieglern und Umwälzern unserer Tage Etwas vorzuwerfen, ihrer Brüderschaft sich zu schämen? Er, der den Grundsatz verfocht: wenn die weltlichen Fürsten und Obrigkeiten boshaft und wider das Gesetz Christi (d.h. wider Zwingli's Lehre und seine Auslegung des göttlichen Wortes) handelten, seye man befugt, sie ihrer Stellen zu entsetzen. Wollte nicht auch er, wie Jene ihre Menschenrechte, so durch Bajonnette seinen Glauben ourch Hellparten pflanzen? Welcher Unterschied waltete zwischen demm, Zwingli blind ergebenen Rath von Zürich, der in einem Manifest erklärte: »wenn die Hirten (d.h. die katholischen Priester) nicht recht mit dem göttlichen (nach Zwingli's Meinung normirten) Wort speisen (d.h. von Glaube und Kirche nicht abfallen), soll man sie von dannen thun, ja tödten,« ? und jenem vormaligen Züricher Rathsherrn der Neuzeit, welcher bei einem bevorstehenden Raubzug in den katholischen Theil des Cantons Aargau alles Ernstes aufforderte: »Die Mönche an die Kanonen zu spannen, um die Pferd-Nationen zu sparen; oder bei dem Angriff einer auswärtigen Macht dieselben voranzustellen, damit sie die Kugeln der zuerst abgebrannten Kanonen auffingen und so die Leiber der Vaterlandsvertheidiger deckten?« Wir haben in unsern Tagen gesehen, wie die Freunde der Umwälzung deren Lehren und Neigung zu ihr durch alle ersinnlichen Mittel auch dahin zu verpflanzen suchten, wo vorerst das Volk noch nicht dafür gestimmt war. Man trachtete, Verbindungen anzuknüpfen, Adepten zu gewinnen, Mißvergnügen zu wecken, Mißtrauen auszusäen, zwischen Behörden und Volk Spannung hervorzurufen, Einzelne als Wortführer zu gewinnen, auf jegliche Weise die Bande zu lockern, und, wenn es durch diese Mittel nicht gelingen mochte, die glimmenden Funken zum hellen Brand anzublasen. Kam aber entgegengesegten Sinnes je ein Freund zu dem andern, stattete in der harmlosesten[554] Absicht der Bekannte einem anderwärts wohnenden Bekannten einen Besuch ab, bemerkte man zwischen Beargwohnten einen lebhaftern Briefwechsel, so träumten Jene alsbald von Conspirationen, schrieen von Reactionsplanen, indeß vielleicht von nichts Anderem als von dem Wetter und dem gegenseitigen Befinden gesprochen, oder die unschuldigsten Aufträge oder Begrüssungen geschrieben wurden. ? Auch diese Erscheinung findet sich zu jener bejubelten Zeit. Man kann, um einmal aus der Schweiz herauszugehen, dieweil die Erscheinungen in allen Ländern genau mit einander verwandt sind, in Stülz »Geschichte des Klosters Wilhering« lesen, wie Luther frühzeitig seine Aussendlinge nach Oberösterreich dirigirte, mit dortigen Mißvergnügten in Briefwechsel sich setzte, zu kekerem Auftreten, zu offener Nichtachtung aller getroffenen Verfügungen ermahnte. Das gleiche fand aber in der Schweiz ebenfalls statt, nur hier bisweilen durch die Obrigkeiten vorgenommen. Zürich vornehmlich glaubte sich berufen, in den Landen des Fürsten von St. Gallen, in den gemeinen Herrschaften und selbst in den innern Cantonen ungescheut und ungehindert Propaganda treiben zu dürfen. Als es im Jahr 1529 einer Territorial-Ansprache wegen eine Rathsbotschaft nach Schaffhausen sandte, betrieb diese nicht sowohl den Gegenstand, dessen wegen sie gekommen war, sondern forderte vielmehr auf: »die göttliche Schrift ohne Zuthun und Vermischung menschlicher Lehre und Sazungen verkünden zu lassen, und allen nichts sollenden Gottesdienst, Ceremonien und Kirchengepräng mit sammt der päpstlichen Meß zurückzuschlagen,« mit einem Wort, der kirchlichen Revolution sich in die Arme zu werfen. Hiemit völlig übereinstimmend sahen wir in unsern Tagen eidgenössische Commissarien nach Basel gesendet, um Ruhe herzustellen, Einigung herbeizuführen, statt dessen aber die Rolle von Rathgebern und Förderern der Rebellion spielen. ? Sobald dagegen die Unterwaldner jener Zeit sich schuldig erachteten, ihre bedrängten Glaubensgenossen in Hasle (die, wohl verstanden, alle schuldigen Pflichten gegen ihren[555] Landesherrn ? Bern ? zu erfüllen, sich erboten) zu unterstützen, wollten Zürich und Bern auf den Tagsatzungen nicht mehr neben ihnen sitzen. Daß dagegen Zürich den Thurgau (gemeinsame Herrschaft der acht alten Orte) im Sinne der Reformation unablässig bearbeitete, daß es die Anhänger derselben begünstigte, die treu gebliebenen Katholiken beeinträchtigte und verfolgte, war ganz in der Ordnung, nichts weiter als redlicher Gebrauch der evangelischen Freiheit; vollkommen übereinstimmend mit der Weise, wie heutzutage die politische Freiheit in Anwendung gebracht wird. Kaum die Revolution festen Fuß gefaßt hatte, gieng ihr erstes Bestreben dahin, Alles, was eine Rückwendung von derselben hätte erleichtern, gar möglich machen können, zu zerstoren, ihr dadurch die bleibende Herrschaft zu sichern. In dieser Absicht wurde zu Bern ein Gesetz wegen der Familienkisten erlassen; dasselbe sollte nicht allein die Glieder der vormaligen Familien entzweyen, sondern das Fortbestehen derselben soviel möglichst erschweren. Zu gleichem Zwecke wurden in Zürich alsbald die Festungswerke geschleift, sowohl weil sie Zeugniß der rechtlich erworbenen Herrschaft der Stadt über ihre Unterthanen gaben, als auch weil durch dieselben jene mit den kleinen Cantonen in Verbindung stand, und bei einer Wendung der Dinge zu ihren Gunsten von daher leicht Hülfe hätte erhalten können. Deßwegen wurde in Solothurn das Professoren-Collegium aufgehoben, weil die bildende Einwirkung dieser Anstalt gegen Verpflanzung der zerstörenden Lehre unter das Volk eine Art Schutzwehr aufstellte. Ueberall gieng es an dasjenige, was am kräftigsten an die Vergangenheit er, innerte, was der Zukunft als Stützpunct hätte dienen können.? Ward bei der kirchlichen Revolution ein anderes Verfahren eingehalten? Zwingli ließ durch den »der Sache des Christenthums sehr ergebenen« Hetzer (derselbe wurde nicht lange darauf wegen vielerlei begangener Ehebrüche in Constanz enthauptet) die Bilder in und an den Kirchen zerstören, weil die Schwierigkeit der Herstellung gegen allfällige Sinnesänderung[556] als bestes Gegengewicht dienen konnte. In Basel wurden Gemälde, Sculpturen, Kunstwerke jeder Art aus der Domkirche herausgeschleppt und vor derselben in Haufen verbrannt. Gegen keine kirchliche Vorschrift ergiengen unablässig so laute und so schneidende Verwerfungs-Urtheile, wie gegen die Beichte. Auch dieß war sehr klug berechnet: dem erwachenden Gewissen sollte jede Reue, dem wankenden jede Hülfe von erfahrenen und treuen Priestern abgeschnitten werden. Nicht munder planmässig wurden Mönche und Nonnen zum Heirathen oder zum Austritt aus ihren Klöstern gelockt, überredet, genöthigt, um deren Fortdauer, ? was festgeblieben war, verjagt, um deren Herstellung unmöglich zu machen. Es galt, die materiellen, neben ihren moralischen Mitteln der Rückkehr gleichmässig zu vernichten. Jede Lehre, die der jetzt betriebenen Umwälzung nicht huldigt, wird geradezu für Unsinn erklärt; jede Institution, die in anderem Boden, als in dem unfruchtbaren Gerölle, Grand und Gries der zerstörenden Doctrin wurzelt, wird als Tyrannei, Beschränkung, Ausgeburt der sogenannten Vorrechtler dargestellt. Alle Vergangenheit und was aus derselben erwachsen, was durch dieselbe treulich gepflegt worden, soll in eitel Finsterniß, Druck, Herabwürdigung der Menschheit verlaufen, Licht, Wohlfahrt und Menschenwürde erst mit der Zerstörung des Bisherigen hereinbrechen können. Wer dieser, die mit solcher Thätigkeit, durch so mancherlei Mittel überall verbreitet und begründet werden will, nicht beipflichtet; ja, wer nur bei versuchter Anwendung des Umsturzes auf alle denkbaren Verhältnisse zu einiger Behutsamkeit mahnt, der darf sich darauf gefaßt halten, in einem halben Hundert von Blättern auf jegliche Weise durchgenommen, verdächtigt, verlästert, gehöhnt, bekothet zu werden. Bald wird sein Verstand in Zweifel gezogen, bald werden ihm die verwerflichsten Absichten angedichtet, all sein Thun und Lassen wird auf die gehässigste Weise entstellt, Thatsachen, die schiefes Licht auf ihn werfen sollen, werden absichtlich fabricirt, andere dergestalt mit Unwahrheit durchknetet,[557] daß sie wieder dem Zwecke dienstbar werden. Die Rusticität wird dabei zur Tugend erhoben, das gemeinste Schimpfen mit Virtutosität getrieben. Es ist bereits bemerkt worden, daß zu jener Zeit die Kanzeln unsere Zeitungen vertraten. So wenig als unsere radikalen Zeitungsschreiber kannten diejenigen Geistlichen, welche der Umwälzung sich angeschlossen hatten, irgend Zügel oder Schranken. Einfache Darlegung der abweichenden Meinungen, ruhige Belehrung über das, was man so eben aus dem lange verschlossenen Schacht göttlicher Wahrheit hervorgegraben meinte, wohlbegründete Nachweisung des Irrthums des bisherigen Glaubens oder der Unzweckmässigkeit der bisherigen Einrichtungen genügte nicht, weil es dem beabsichtigten Zweck nicht entgegengeführt hätte; nein, die heiligsten Geheimnisse der katholischen Religion mußten auf die gemeinste Weise verspottet, das Höchste derselben mit Frechheit gelästert, ihre höchstgestellten in dem Koth herumgeschleppt, und hiemit sollte dem Volk das so frevelhaft vorenthaltene Brod des Lebens gebrochen werden. Daß in freundschaftlichen Briefen Ausdrücke vorkommen, wie: »ich bitte täglich inbrünstig um gänzliche Zerstörung des Baalreiches;« »ich werde suchen, alle päpstlichen Satzungen und was dem Glauben zuwider ist, Alles, was der Papst und die Concilien vorschrieben, so schnell als möglich umzustürzen;« »es giebt Einige, welche ernstlich sich bemühen, dieses Idol, den Papst oder Antichrist, mit seiner ganzen Macht, um die Seelen zu verderben, wieder herzustellen, doch können diese Diener des Bauchs nichts ausrichten;« ? daß von dergleichen und ähnlichen Ausdrücken die Briefe der Brüder angefüllt sind, darf nicht befremden. Auch daß frühe schon die gewonnene »Menge« die Gebräuche und Satzungen der Kirche »teuflische Erfindungen,« einer der Hauptbeweger Alles, was er bekämpfte, geradezu »das Reich des Baals« nannte, mag dem Geistessturm, bem Umgestüm, welche Grundbedingung des Gelingens einer Umwälzung sind, am Ende nachgesehen werden. Aber daß Acten, Predigten und Reden mit Ausdrükken,[558] wie: »Papisten,« »Abgötterer,« »Antichtisten,« »Teufelsknechte,« »Werkzeuge des Satans« durchwürzt wurden, das hat in unsern Tagen sein Seitenbild nur im den gemeinsten Organen des Stallradicalismus zu suchen. So trachtete Einer die Menge für den Umsturz des katholischen Glaubens dadurch zu stimmen, daß er predigte: »die Messe seye Götzenbrod, Abgötterei, des Teufels Werk, des Teufels Gespinnst, es stecke nichts Anderes darin, als der lebendige Teufel, man solle sie fliehen, wie der Teufel das Kreuz; der Teufel habe sie erdacht, die Worte, die der Priester in der Messe flüstere, seyen Herensegen, die Pfaffen, die Meß halten, seyen Schelmen und Bösewichte.« Der Rath von Zürich schrieb an denjenigen von Schaffhausen, nachdem dieser endlich dem Ungestüm der Neuerungslustigen gewichen war: »Wir können Gott nicht genug Dank sagen, daß er Euere Herzen zur Ablehnung und Vernichtigung des gottlosen, irrigen, verführerischen und aus lauter menschlichen Wahn erdichteten Gottesdienstes gestärkt und aus lauter Gnade handfest gemacht hat.« ? Kaum dürften in solchem Tone die Luzerner Radicalen im Jahr 1833 an die Liestaler geschrieben haben. Die zur Reformation verbündeten (christlichen Burger-) Städte schämten sich nicht, durch Gesandtschaften Rathsglieder, die jener nicht geneigt waren, als »Knaben« zu bezeichnen, vor »denen man sich hüten müsse.« Werden in Blättern oder Schriften gegen die Umwälzer Ausdrücke gebraucht, die ihr Treiben mißbilligen, ihre Mittel würdigen, einzelne ihrer markantesten Audacitäten in's gehörige Licht setzen, sogleich erschallt ein Halloh über Ungebühr, Entstellung, Verdrehung, wenn auch hievon nichts daran ist, und man sich des gemeinen Schimpfens, welches Jene über Alles sich erlauben, schämen würde. ? So damals. Während Courtoisien, wie die angeführten, bei allen Gelegenheiten und von allen Seiten her in Fülle ertönten, erlief gewaltige Beschwerniß, sobald in katholischen Theilen der Eidgenossenschaft gegen die Neuerer nur das Wort »Ketzer« gebraucht wurde. Als dann der gelehrte und geistreiche Franziskaner, Thomas[559] Murner zu Luzern, in seinem Ketzerkalender einzelne Häupter der Neuerung mit epigrammatischem Witz zeichnete, wurde unverweilt über Unfug, Ruhestörung, Landsfriedensbruch geklagt und mit Ungestüm seine Entfernung verlangt. Die Berner aber, welche den Druck von Manuels Faßnachtsspielen, so lange die Vernichtung der Kirche erst noch vorbereitet werden müßte, trotz des giftigen Spottes derselben gegen diese und die Geistlichkeit, gerne gestatteten, schickten alsbald nach Bewerkstelligung der Umwälzung eine Gesandtschaft nach Basel, um über Schriften, die wider ihre Disputation gedruckt würden, sich zu beschweren und zu fordern, daß man den Predigern, die gegen die Reform wären ? natürlich aber blos diesen ? Schweigen auferlege. In einem Brief an die fünf innern Cantone beklagte Zwingli sich bitterlich darüber, daß sie sein Bild ins Feuer geworfen hätten, indeß er diejenigen des Erlösers und seiner Mutter überall, wo er ste traf, verbraumte und zu deren Verbrennen aufstachelte. Weil aber zu Schaffhausen der Pfarrer Benedict Burgauer blos »im Verdacht« stand, der Lehre des Züricher Gebietigers vom Abendmahl nicht beizupflichten, und sich äusserte, die Züricher hatten zu Marburg Luthern nachgeben müssen, forderten jene, daß Burgauer entweder aus der souveränen Stadt weggewiesen, oder nach Zürich geschickt werde, um mit ihren Prädicanten ein Gespräch zu halten. Als auch später nichts ihn bewegen konnte, von seiner Ueberzeugung zu weichen, erklärten eben diese Verfechter der freyen Forschung, welche nicht lange vorher bezeugt hatten: »in zeitlichen Dingen seye man der Obrigkeit Gehorsam schuldig, was aber die Seele und das Gewissen betreffe, welche Gott allein unterworfen seyn sollen, so mögen sie der Menschen Zwang nimmermehr unterworfen seyn,« daß sie diesen Burgauer nicht mehr »für einen Bruder und Mitgenoß der Kirche, sondern für einen Zerstörer derselben halten, der das Band der Liebe und Einigkeit breche; und als solchen würden sie ihn dem Rath und der Kirche anzeigen,« Auch in Verdächtigung derjenigen, die nicht sofort den Neuerungen[560] sich anbequemten wollten, war jene Zeit die würdige Vorläuferin der gegenwärtigen. So schrieb im Jahr 1528 der schaffhauserische Prädicant Erasmus Ritter an Zwingli: »Ich habe herzliches Mitleid mit dem Volk, welches begierig das Wort Gottes hört, aber der Geiz [als ob ein edler Beweggrund sich nicht hätte denken lassen], der Geiz Einiger verhindert, daß dasselbe nicht mit grösserem Gewinn sich oerbreiten kann. Zwar sind es nur Wenige, aber da es Leute sind, welche den Bauch für ihren Gott halten, und nichts thun und verordnen, was der Würde des Evangeliums entspräche, so fürchte ich bald, nur ein Deckel ihrer Bosheit zu seyn, damit dem Volk einigermaßen Genüge geschehe« Besonders reich ist unsere Zeit an Erfindung der abentheuerlichsten Gerüchte, die besonders alsdann im Umlauf gesetzt werden, sobald die Partei des sogenannten Fortschritts irgendwo einen Plan durchführen will. Entweder müssen diese Gerüchte die Aufmerksamkeit ablenken, oder gegen diejenigen, an welche man will, aufreizen, nöthigen Falls auch einschläfern, wenigstens dergestalt die Wahrheit trüben, daß es beinahe unmöglich wird, dieselbe nachher zu ermtitteln. Weil nun diese Gerüchte schnellen Umlauf finden und von vielen Hunderten wiederholt werden, nachherige Erläuterung oder Widerlegung aber meist auf einen engen Kreis sich beschränkt, so verfehlen sie selten ihres Zweckes. ? Auch dieses Mittel war damals schon gekannt. Zur Zeit des ersten Feldzuges der Zürcher gegen die katholisch gebliebenen Stifter der Eidgenossenschaft tilgte der Rottweiler Johann Vollmer eine Geldschuld an Bern durch Kanonen, die er aus Steyermark bezogen hatte. Dieselben wurden durch den züricherschen Ort Glattfelden geführt; der Landvogt von Eglisau griff die Lieferung auf, und sogleich war man beflissen, durch die ganze Eidgenossenschaft auszustreuen: Oesterreich habe die Artillerie den V. Orten zugesendet, um dieprotestantischen »Eidgenossen« damit zu beschiessen. Dies wirkte damals, wie dergleichen in unsern Tagen zu wirken pflegt. ? Da Zwingli nicht den Muth hatte, auf der[561] Disputation in Baden zu erscheinen, eine gewichtige Mehrheit anwesender Theologen aber zu Gunsten des gelehrten Dr. Eck entschied, Oekolompad, des letztern Hauptgegner, hingegen nur Wenige beistimmten, lauter Schweizer, und diese blos tür einzelne Sätze oder bedingt, suchte Zwingli das Mangelhafte durch die Beschuldigung zu ergänzen: die Disputation seye für 30,000 Gulden erkauft und bestochen worden; gerade wie in unsern Tagen oft die grellste Lüge, die frechste Anschuldigung aus der Klemme helfen muß. Faber dagegen konnte jenes Vorgeben mit Recht eine freche Lüge nennen, was dann, ganz wieder nach jetziger Weise, auf sich beruhen blieb. Eine weitere Uebereinstimmung findet sich in einzelnen Gewalthandlungen, die zwar auf beiden Seiten vorfielen, aber fortan nach völlig entgegengesetztem Maßstab beurtheilt worden sind. So erhob sich damals viel Geredes, als der schwyzerische Landvogt im Thurgau den Pfarrer Oechslin zu Burg auf Befehl der Tagsatzung zu Baden, weil er im Verdacht stand, zu Verwüstung der Kirche in Stammheimt angereizt zu haben, aufhob und nach Luzern führen ließ, wo er aber gegen Urfehde alsbald entlassen wurde. Noch heutzutage muß diese Handlung als Beweis der entsetzlichsten Gewissenstyrannei gelten. Daß hingegen der Helfer von Wyl nur deßwegen, weil er gegendie Disputation in Bern gesprochen, an den Pranger gestellt wurde, mag damals schon ganz in Ordnung gefunden worden seyn. ? Es ist noch von keinem katholischen Schriftsteller vertheidigt worden, daß Schwyz den Jakob Kaiser, der aus seiner zürcherischen Pfarrei nach Gaster reiste, um die Zwinglische Lehre auch in diesem Ländchen zu verbreiten, über welches Schwyz Oberherr war, aufheben und zum Feuertod verurtheilen ließ. Was war aber diesem vorangegangen, und warum schlüpft man hierüber so leicht hinweg? Der thurgauische Landweibel Marcus Weerli nemlich war nicht lange vorher, in der Stadt Zürich selbst, von der Seite des Landvogts von Unterwalden, und gekleidet in die Standesfarbe von Unterwalden, somit unter das Völkerrecht gestellt, hinweggerissen, eingekerkert,[562] gefoltert und hingerichtet worden. Und was hatte er in Zürich verübt, was ihn der Gerechtigkeit hätte ausliefern können? Nichts, rein nichts. Sein ganzes Verbrechen bestand darin, daß er auf anderm Gebiet, im Thurgau, dem Fortschritt der kirchlichen Umwälzung nach Kräften entgegenstand. Das mithin war ein Verbrechen in den Augen der Herolde der Gewissensfreiheit, wogegen ein Justizmord bequem sich rechtfertigen lasse. In einer Beziehung jedoch war jene Zeit der unsrigen vorangeschritten. Diese begnügt sich damit, diejenigen, welche nun eimmal den herrschend gewordenen Meinungen nicht beipflichten können oder wollen, in aller Weise herabzuwürdigen, wo möglich in Verruf zu bringen, ebenso wie es damals geschah. Sie weckt Mißtrauen gegen sie, und schließt sie hiedurch von aller Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten, wenn sie auch nicht von selbst ihrer sich zu entziehen für consequenter erachteten, thatsächlich aus; etwa auch sucht sie dieselben zu necken, zu schädigen, zu terrorisiren, nebenbei auch zu verläumden. Jene Zeit aber gieng weiter. Sobald die Neuerer des Sieges sich freuen mochten, erließen sie strenge Gesetze gegen Alle, welche ihren Glauben, ihren Trost, ihren Seelenfrieden nicht alsbald daran geben mochten. Wer nicht volle Beweise seines Reformations-Civismus gab, wurde zu Rathsstellen und zu Aemtern unfähig erklärt. Da jene Umwälzung weniger, wie die durch uns erlebte, in erster Reihe die äussern Verhaltnisse als die innersten Ueberzeugungen, die unerkannt vor den Augen der Welt unter allen Bedrängnissen dewahrt werden können, berührte, so mögen wohl Viele der Mehrheit aufgehobener Hände und unter die stürmtende Gewalt blos zum äusfern Schein sich gefügt haben, nicht ohne Hoffnung der Rückkehr freierer Zeit. Aber strengere Verordnungen wachten, daß die innere Stimme nicht in äußern Handlungen sich kund gebe. Bern erließ, um der so eben errungenen Gewissensfreiheit Jedermann ohne allen Abbruch theilhaftig zu machen, schon acht Tage nach erfolgter kirchlicher Umwälzung den strengsten Befehl, die[563] Bilder und Altäre auch in Privathäusern zu zerstören, auf Priester, welche Messe lesen würden, zu fahnden und sie einzukerkern, Beamtete, welche etwa in einem Nachbarcanton zur Messe gehen würden, zu entsetzen, Privatpersonen nach Willkür zu bestrafen. Aehnliche Verfügungen wurden zehn Jahre später für das Waatland erlassen: Priester, welche in ihrem Herzen noch papistisch wären, mußten entsetzt, Edelleute, welche nicht zur Predigt giengen, eingekerkert und, wenn sie sich der Annahme der Reformation weigerten, des Landes verwiesen werden. Denn immer noch klagten die mit der Eroberung eingeführten Prädikanten, daß in Privathäusern Bilder sich befänden, viele Weiber Rosenkränze trügen. Deßwegen wurden geheime Aufseher bestellt, welche diejenigen, die nicht in die Predigt gehen, odcr noch einige katholische Gebräuche beibehalten würden, beobachten und zur Bestrafung anzeigen sollen. Auch darin ist unsere Zeit, was ihr auch könne vorgeworfen werden, milder und schonender als jene, daß eigentlich beschwerende Maßregeln gegen Niemand ergriffen wurden, der ruhig die Ereignisse an sich vorübergehen ließ. Damals hingegen mußten in allen schweizerischen Städten Manche, die ihr tiefstes Geistesleben nicht dem wildstürmenden Begehren des großen Haufens Preis geben, und den hieraus hervorgehenden Ordonnanzen nicht sich unterziehen wollten, Bürgerrecht, Haus, Hof, Heimath, Verwandte daran setzen. Und nirgends waren es die Geringsten, geistig Beschränkten, Unehrbarsten, Gewissenlosesten, dem Gemeinwesen zur Last Fallenden, welche freiwillige Verbannung der Gewissenstyrannei durch die evangelische Freiheit vorzogen, sondern meistens waren dieses die Sprößlinge der edelsten Geschlechter, Männer, welche zu den Ersten in ihren Städten durften gezählt werden, die entweder zu deren Angelegenheiten mit Rath und That, persönlich öder in einer lange Reihe von Vorfahren mitgewirkt hatten, oder für die Zukunft mitzuwirken geeignet gewesen wären. Doch selbst hiemit waren sie, sofern sie in der verlassenen Heimath noch Etwas befassen, gesetzgeberischer Verfolgung noch lange nicht entronnen. In Basel[564] z.B. wurde verordnet, daß Solche, welche der Religion wegen ausgewandert wären, Geistliche, die in der Stadt noch Häuser, Güter und Verwandte hätten, weder bei diesen noch in ihren Hausern fortan wohnen, kein eigenes Feuer in Basel mehr führen dürften. Unmittelbar darauf wurde auch die Verfügung von Zürich angenommen, daß, wer der neuen Lehre nicht huldige, seiner Stelle verlustig gehen, an keine neue mehr gewählt werden könne; eine Maßregel, worüber Oekolampadius frohlockte. Eine spätere Verordnung setzte Strafen gegen diejenigen, welche Bilder haben, Wallfahrten unternehmem, an fremden Ort Messe hören würden. Es war dieß die Verwirklichung jenes Spruches des alten Geschichtschreibers: perinde quasi injuriam facere, id demum esset imperio uti ? Unrecht üben, bewähre erst, daß man die Herrschaft zu handhaben wisse. Calderon sagt in seinen Locken Absalons: Amazon.de Widgets Wo Aufruhr tobt, gilt immer Der Besiegte für Verräther, Und für rechtlich gilt der Sieger. Es soll zugegeben werden, daß das Bedürfniß der Sicherstellung des Neueingeführten durch Maßregeln der erwähnten Art dringlich gewesen seye; daß das Zurückbleiben von Gliedern der befeindeten und in irgend einer Stadt gestürzten Kirche nachher allerlei Reibungen hätte veranlassen und das so eben Durchgeführte später wieder bedrohen können. Man kann sich auch damit einverstanden erklären, daß die Obsorge um die innere Ruhe, um den Frieden und um das Gedeihen einer solchen Stadt dieses Alles nothwendig gemacht habe; aber das möchte doch einfache Forderung seyn, daß man endlich dem unablässlgen Reden von höherer Erleuchtung, von durchaus freyer Zustimmung, von bloßer Wirkung des endlich wieder begriffenen göttlichen Wortes, von Vermeidung alles Zwangs, und jeder Ungerechtigkeit entsage, und der Wahrheit die Ehre in dem Bekenntniß gebe: es habe sich nun einmtal wider das längst Bestandene eine Partei erhoben, die bei baldigem Erstarken[565] das Uebergewicht erlangt, hienach den Sieg davon getragen und an den Ueberwundenen das Recht des Siegers in seinem vollen Umfange geltend gemacht habe, ja man wird hiedurch die eigene Ehre unfehlbarer wahren, als durch das angestrengteste Bemühen, den Thatsachen und deren Verlauf eine durchaus er sonnene Ausserseite anzufärben. Räume man der Geschichte ihr Recht ein, und manche unfruchtbare Erörterung muß dann von selbst wegfallen. Merkwürdig aber ist, um auf jene Maßregeln zurückzukommen, daß von den, solcher Ursache wegen aus den Städten Vertriebenen oder freiwillig Weggezogenen Einzelne in fremdem Lande ihr Geschlecht zu höherem Ansehen erhoben, indeß die Zurückgebliebenen absserbten. Aus meiner Vaterstadt begaben sich die Rink von Baldenstein nach Freiburg im Breisgau, wo ihr Geschlecht noch dlüht und, neben vielen Würdeträgern der Kirche, drei Reichsfürsten aufzuweisen hat, indeß ich selbst aus dem zurückgebliebenen Zweig Einen als Großweibel (ersten Rathsdiener) kannte. Aus denen von Waldkirch kam einer nach Bayern, wo seine Nachkommen jetzt Reichsgrafen sind, wogegen andere in ihrer Heimath eine ziemlich untergeordnete Stellung einnahmen. Die von Grüth, jetzt ausgestorben, gaben bald hernach Muri einen Abt und in seiner Schwester dem Kloster Dänikon eine Abtissin. Andere, wie die Peyer im Hof und die Stokar traten wenigstens mit gleichem Ansehen in die Bundesstädte Luzern und Solothurn ein. ? Aehnliche Beispiele bietet Bern dar. Von dem mächtigen und glänzenden Geschlecht der Dießbach blieb der eine Ast der Kirche treu und zog sich nach Freiburg, wo dessen Sprößlinge noch jetzt im dreifachen Lichte des Ansehens, des Reichthums und großer chtistlicher Wohlthätigkeit blühen; indeß blos noch zwei Glieder derjenigen von Bern mittelst ihrer Vermögensumstände das alte Ansehen ihres Hauses behaupten. Zwei Wattenwyl, Enkel desjenigen, der die Reformation gefördert und Söhne des Präsidenten des Lausanner Conciliums, welches dieselbe für die Waat zu decretiren hatte, kehrten in[566] die Kirche zurück und stiegen im Dienste Kaiser Carls V. zu hohen Ehren; ihre Nachkommen erwarben sich in der alten burgundischen Freigrafschaft beinahe fürstliche Güter und sind erst vor dreissig Jahren ausgestorben. Ferner wurden die Dulliker ein Schultheißengeschlecht in Luzern, und die Wyttenbach blühen jetzt noch unter den Adelsgeschlechtern des Breisgau, indeß die in Bern zurückgebliebene Linie zu völliger Unbedeutenheit herabgesunken ist. Unsere heutigen Beweger kennen gar wohl die Macht, welche sie durch das endlose Wiederholen ihrer Schlagworte, durch das laute Rufen an allen Orten und bei allen Gelegenheiten, durch das marktschreyerische Anpreisen ihrer Absichten, durch das declamatorische Verläumden aller Derjenigen, welche nicht in ihren Schweif sich einreihen wollen, auf die Wilden, auf die Lüsternen, auf die zu Grundgerichteten, auf die Habenichtse, auf die Wankelmüthigen, auf die Augendienerischen, auf die Zeitungshungrigen, auf die Unfähigen, auf den ganzen Troß üben, an dessen Spitze sie in siegberauschtem Triumphatorenblick daherziehen. Aber hiemit Allem ists nichts gethan; sie müssen um immerwährenden Nachwuchs sorgen; sie müssen das große Noviciat für ihre, über das Bestehende daher brausende Phalaur eröffnen. Deßwegen richten sie ihr Augenmerk auf die Schulen, geben diesen Lehrmittel, die nach ihrem Sinne wirken, setzen ihnen Lehrer vor, die nach ihrem Willen arbeiten, eröffnen Seminarien, in denen die Jugend zu brauchbaren Werkzeugen formirt wird. Wäre etwa jene Zeit in dieser Beziehung sorgloser gewesen? Keineswegs. Sobald Bern die Waat erobert und durch seine Waffengewalt der Reformation unterworfen hatte, wurde verfügt, die Väter zu zwingen, daß sie ihre Kinder Prädicanten in den Unterricht schicken, und die Eltern junger Geistlicher, denen man die Pfründen gelassen, gleichfalls angehalten seyn sollten, sie protestantischen Schulmeistern zu übergeben. In Schaffhausen freuten sich alle Neuerungssüchtigen, einen Orbilius zu finden, der schon im Jahr 1526, also noch drei Jahre, bevor jene durchgebrungen waren,[567] unter 15 Artikeln, die er dem Rath eingab, auch folgenden aufstellte: »Gottes Wort weiß von der Obrigkeit, die man geistlich nennt, nicht einen Buchstaben, sondern unterwirft alle Menschen in zeitlichen und bürgerlichen Dingen der Obrigkeit, wo es nicht wider Gott ist.« In der Schule dann übte der Freisinnige die Kinder fleissig in der neuen Lehre und war sicher, hiemit die Gunst Vieler zu erwerben, die einzig darob ungehalten waren, daß der bisherige Gottesdienst nicht längst schon abgeschafft seye. Wir haben mit unserer Revolution die Begründung vieler Glückseligkeiten anpreisen gehört, als da sind: unbedingter Schutz des Eigenthums, ungehinderte Wahl eines Lebensbernses, freyes Petitionsrecht, gesetzmässige Rechtspflege, und so manches Andere. Hoher aber als dieses Alles steht die zerstörende Doctrin mit ihren Mitteln und Zwecken, mit ihrem Haß und Grimm, mit ihrer Laune und Willkür. Zur Ehre des gewährleisteten Eigenthums werden die Klöster beraubt; in Anerkennung frei zu wählender Lebensbestimmung wird der Eintritt in religiöse Gemeinschaften entweder erschwert oder ganz verboten; über das freie Petitionsrecht wurden seiner Zeit dem katholischen Bernervolk durch 8000 Bajonette und dem aargauischen Freyamt durch halbe Aushungerung die gründlichsten Erläuterungen ertheilt; und was unter gesetzmässiger Rechtspflege zu verstehen sey, darüber erhalten die Katholiken des Aargau's seit dem Jahr 1835 unablässig Belehrung. ? Dasselbe hat sich vor dreihundert Jahren begeben. Wann wurde feuriger wider die Gewissenstyrannei gesprochen, die seit länger als einem Jahrtausend auf der armen Menschheit gelastet? Wann wurde das Empörende des Glaubenszwanges in glühenderen Farben geschildert? Wann wurde darauf, daß der Glaube eine Gnade Gottes seye, kecker gepocht? Wann wurde mit evangelischer Freiheit nach allen Seiten muthiger um sich geworfen? Und wie wurde dieses Alles in Anwendung gebracht? Auch hievon einige Proben! Im Jahr 1528 forderten die Schaffhauser die Nonnen zu[568] Paradies auf, ihr Ordenskleid abzulegen, ihren Beichtyater fortzuschicken, die Clausur zu öffnen. Die Nonnen erwiderten: »In beiden Testamenten seye zu lesen, daß Jeder zu halten schuldig seye, was einmal zu seinem Munde ausgegangen; auch spreche der Mund die Wahrheit, wer die Hand an den Pflug legt und hinter sich sieht, der ist nicht tüchtig zum Reich Gottes. Daher wären auch sie (die Ordensschwestern) schuldig, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. In freier Conventsversammlung, unter Aufforderung an jedes Mitglied, nach Gott und seinem Gewissen zu stimmen, habe die Mehrheit erkannt, im Kloster zu bleiben, nach der Stiftung zu leben, die für Nonnen, nicht für Weltliche aufgerichtet worden; nie würden sie von den sieben Sacramenten sich drängen lassen.« Man sieht, diese Nonnen hatten für das Begehren, sie bei Gelübd und Lebensberuf zu lassen, eben diejenigen Grundsätze aufgerufen, die man so laut verkündete, auf die man alles Unternommene stützte; man hätte in Gewährung ihrer Bitte blos den selbst so pomphaft aufgestellten Grundsätzen gehuldigt. In der Bitte der Nonnen hatte ja ebenfalls nichts anderes gesprochen, als das Gewissen, der Glaube, die Erleuchtung, die Freiheit, wenigstens die natürliche Freiheit. Hier aber durfte die Stimme weder Klang noch Bedeutung haben. Man bestand auf der Forderung; man zwang kraft der evangelischen Freiheit die Nonnen, einem Prädicanten zuzuhören und verfügte über sie und ihr Kloster, gleich als wären sie mit Allem einverstanden. In noch grellerer Weise sollten Gottes Gnade, Licht und Wahrheit die Nonnen von St. Catharinenthal heimsuchen. Der Rath von Diessenhofen forderte sie auf, für die Neuerung sich zu erklären und entzog ihnen, um sie willfährig zu machen, Beichtvater und Capellan. Als weder Versprechungen noch Drohungen sie zu Ablegung des Ordenskleides und zum Austritt aus dem Kloster bewegen konnten, wurde die Kirche erbrochen, verwüstet, Unter Gegenwehr der Nonnen drang eine, im neuen Lichte wandelnde Horde im die Clausuren ein, begann[569] ein Zechgelage und ließ während dessen den Henker kommen, um die armen Frauen zu schrecken. Einemt landvögtlichen Beamteten, der zur Ruhe mahnte, schlugen die, dem Gewissenszwang Entronnenen die Zähne aus und sperrten ihn zu Diessenhofen in das Gefängniß. Den von Zürich gesendeten abtrünnigen Abt von Capell baten die Nonnen fußfällig, sie bei ihren Gelübden zu lassen, zuletzt wollten sie einem Ausspruch der VIII alten Orte, ihrer Landesherren, sich unterwerfen. Da wäre aber die Mehrheit, die sonst in Glaubenssachen allein gelten sollte, eine unerleuchtete Mehrheit gewesen, deren Recht nicht hätte können anerkannt werden. Wie dann keinerlei Gewalt ausreichte, versuchte man List. Eine Ordensschwester nach der andern mußte vortreten, jeder gaben die Eiferer für die Wahrheit vor, alle Vorangegangenen hätten das Ordenskleid abgelegt, warum einzig sie ihren Mitschwestern nicht solgen wolle? Allein selbst auf diesem Wege gelang es blos eine Einzige zu hintergehen. Wie auch dieser letzte Versuch mißglückte, drängte man ihnen die evangelische Freiheit auf, einen Prädicanten anhören zu müssen, damit sich doch endlich durch diesen der »Menschensatzungen« erledigt würden. Die Nonnen aber hatten den Muth, in finsterer Nacht insgesammt die Flucht aus ihrem Kloster über den Rhein zu wagen, um in Deutschland der Rückkehr besserer Zeit zu harren. In St. Gallen entwarfen die Bürger den Plan, das Kloster zu stürmen und ließen durch einen Geistlichen Druckschriften ausstreuen, um die Klosterherren zu verläumden, das Volk wider sie zu hetzen. ? Durch Abgeordnete von Zürich und Bern wurden die Cisterzienser zu Wettingen genöthigt, ihre Kleider unter Thränen abzulegen, und zu Rheinau der Pöbel angestiftet, die Kirche zu stürmen und die Bilder zu verbrennen. Ebenso wie der Abt und die Conventualen dieses Klosters zur Flucht genöthigt wurden, so blieb auch denjenigen Chorherren zu Zurzach, welche den alten Glauben sich nicht wollten abzwingen lassen, kein anderes Rettungsmittel übrig. An den Carthäusern zu Concise in der Waat prallten alle Zusprüche, Ermahnungen,[570] Drohungen und Lockungen, dem Beispiele der endlich überredeten Gemeinde zu folgen und der eingeführten Neuerung sich zu unterwerfen, immerwährend ab. Da wurden sie von Bern am 17. März 1538 mit Gewalt zu Räumung des Klosters gezwungen, ihre Liegenschaften aber um geringen Preis, als Lohn für die eifrigen Dienstleistungen in Sachen der Reformation, dem dortigen Landvogt überlassen. ? Hinsichtlich der Nonnen von Wyl berichtet die Geschichte: »es seye ihnen so arg mitgespielt worden, daß sie unter Türken und Tartaren eben keine viel schlimmere Behandlung würden gefunden haben.« Zur Zeit, als die Revolution einerseits in den Cantonen erst gegen diejenigen, die durch sie verdrängt worden waren, sodann gegen das Volk, dem, zumal in den katholischen Cantonen, über deren letzten Zweck die Augen nur allzuschnell aufgiengen, sich zu festigen hatte, andererseits noch Hoffnung winkte, sie über die gesammte Eidgenossenschaft verbreiten und selbst die Bundesacte ihr endlich zum Opfer bringen zu können, da schlossen sieben Cantone zu Unterstützung gegenseitiger Hülfe in beiderlei Absicht das sogenannte Siebnerconcordat, einen Bund zum Schutz der durchgeführten und wo möglich zu Förderung der zu verbreitenden Revolution, jedenfalls einen Bund im Bunde. Eben dieselben traten in enge Verbindung mit dem Gesandten Frankreichs, weil auch dessen König damals noch von der Nothwendigkeit geleitet wurde, durch eben dasjenige Element, welches auf den eingenommenen Thron ihn erhoben hatte, auf demselben sich zu festigen. Von dem französischen Gesandten erhielten sie in jener Zeit Rath und Impuls, ihn betrachteten sie als ihren kräftigsten Stützpunct. Gleichzeitig aber wurde gewaltiger Lärm erhoben gegen diejenigen Cantone, welche die heimlichen Künste und offenen Bestrebungen des Radicalismus mit vereintem Einfluß von sich abzuhalten suchten, und kein Mittel gespart, um endlich dem bedeutendsten derselben durch Waffengewalt das Joch des herrschenden Systems aufzulegen. Mit grimmendem Zorn wurde von Solchen gesprochen (obwohl dergleichen nirgends vorhanden waren und noch weniger den[571] mindesten Schritt thun wollten oder hätten thun können), welche nach fremder Intervention schielten. Als dann bald nachher bei Machinationen gegen die Kirche der apostolische Nuntius für die Rechte derselben auftrat, ergieng von den gleichen Leuten ein lauter Schrei über unbefugte Einmischung eines fremden Gesandten in innere Angelegenheiten. Auch zu diesem sehen wir uns in jener vergangenen Zeit nach einem Seitenbild nicht vergeblich um. Da in Constanz Ambrosius Blarer die gleiche Rolle und anfänglich mit ähnlichem Erfolg spielte, wie in den Schweizerstädten die vielen Fremdlinge, so trat im Jahr 1527 Zürich mit dieser Stadt in einen Bund zu Behauptung und ebensosehr zu Verbreitung der Neuerung. Bald traten Bern, Basel, Schaffhausen, die Stadt St. Gallen, andere Städte bcy. Sie gaben der Verbindung den anmassenden Namen christliches Burgerrecht. Gestützt auf diesen Bund betrieb jetzt Zürich, ohne alle Rücksicht auf die Rechte seiner Mitherren, in sämmtlichen gemeinsamen Vogteyen das Reformirungsgeschäft mit erneuerter Rüstigkeit, es gestattete in denselben den Klosterleuten Freiheit des Austrittes, Verheirathung, und leitete Alles so ein, daß gegen Einführung der zwinglischen Lehre in diesen Landschaften keinerlei Hinderniß mehr sich erheben sollte. Auch mit dem Landgrafen von Hessen, einem fremden Fürsten, wurde zu gleichem Zweck ein Bündniß geschlossen. ? Wie nun die katholischen Cantone sowohl von dem Bunde im Bund und nach aussen hörten und über dessen Absicht nicht den geringsten Zweifel mehr hegen konnten, meinten sie, von denen die Eidgenossenschaft der X III Orte ausgegangen war, das gleiche Recht zu haben wie die später Eingetretenen, und giengen daher nicht allein unter sich und mit Freiburg und Wallis ein Bündniß ein, sondern warben um ein solches auch bei König Ferdinand, welches im April 1529 zu Waldshut geschlossen wurde. Alsbald entstand gewaltiger Lärm, und eine Gesandtschaft von V III Orten wurde auf Betreiben von Zürich alsbald an die V. katholischen Stände gesendet, um Aufhebung dieses Bundes zu erzielen, wie überhaupt[572] Zwingli bei jeder Gelegenheit wider Bündnisse mit auswärtigen Mächten, nicht aber gegen das mit Hessen, polterte. Kaum dann Kriegsrüstungen den V. Orten den Bundesbrief mit König Ferdinand entwunden und vernichtet hatten, wurde auf des Reformators Geheiß nach einem Bund mit Venedig geworben, auf einen solchen auch bei Frankreich angetragen. Weil der Magister Zwingli damals im Zenith seiner Macht stand und nach seinem Willen Alles geschehen mußte, setzte dieses »Auge Gottes,« wie Berthold Haller zu Bern ihn nannte, dem Entwurf des Bundes mit Frankreich bei: im Falle derselbe zu Stande kommen sollte, müßten die Stipulationen vorerst der Prüfung und Entscheidung der züricherschen und anderer schweizerischen Prädicanten unterworfen werden; ein Beisatz, der weder über die Urheber noch über den Zweck des Bundes den mindesten Zweifel mehr übrig läßt. Zur Zeit, da Bourquin und seine Mitverschwornen in mordbrennerischem Einfall die Stadt Neuchatel überrumpelten und die dortige Bevölkerung muthig den Banditen sich entgegenstellte; zur Zeit, da Basel durch das Wüthen einiger Demagogen zu den Waffen gezwungen wurde; dann wieder, als Schwyz vor den Forderungen einiger bearbeiteten und aufgewiegelten Bezirke sich nicht beugen wollte; hierauf neuerdings, als Wallis einer wilden, jeder Ordnung feindseligen Gewalt sich entweder unterwerfen oder entledigen; in allerneuesten Zeit endlich, da in Luzern ein Hause Meuterer unter dem Beistand gleichartiger Spießgesellen dieses Land wieder unter das Joch des Radicalismus spannen zu können hoffte, haben wir die Kriegstrompete aus einer Menge von Blättern schmettern, haben wir aufmahnen gehört im Namen der Freiheit, des Rechts und des Bundes gegen diejenigen, welche die stolze Anmassung nicht als Freiheit, die Zertretung aller Rechte nicht als Recht, und die Verbrüderung der Radicalen nicht als Bund wollten anerkennen. Noch tönt in unsern Ohren das tobende Geschrei, womit man gegen die Verfehmten alle Leidenschaften entfesseln wollte; noch steht vor unsern Augen der finstere Grimm, womit[573] zusammengerottete Mordbrenner den Canton Luzern heimzusuchen sich vermassen. ? Findet nicht dieser bacchantische Blutdurft sein würdiges Vorbild in Zwingli, und hätten nicht der aargauische Regierungsrath Waller, der bernersche Advocat Ochsenbein und vor allen der luzernersche Hochverräther Steiger sammt so Manchen ihrer Helfershelfer volles Recht, auf den züricherschen Regenerator als auf ihren würdigen Vorgänger zu verweisen? Predigte nicht derselbe von der Kanzel Verachtung der V. Orte, als die ja seine Lehre verachteten? Pries er nicht »die Abstrikung der Lebensmittel gegen sie« als eine heilsame Maßregel? Rief er nicht: »Fürchet den Keieg nicht, der Krieg, auf welchen wir dringen, ist Friede?« Bezeugt nicht ein sehr protestantischer Schriftsteller, er habe durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel die Züricher Regierung zum Krieg zu stimmten gesucht? Schrieb er nicht selbst die Operationen für den Krieg nieder, worin unter den anzuwendenden Mitteln Raub, Brand und Mord nicht sollten gespart werden? Heißt es nicht darin, man solle »Kaiserstuhl und Diessenhofen verbrennen und verwüsten, so sie gutwillig sich nicht fügen würden?« Und vollends die Blut-Predigt, in der er die Seinen zu Mordlust entflammt! Haben die Erucationen des neuern Radicalismus ein Prachtstück aufzuweisen, welches jenem den Rang konnte streitig machen? Basels Standhaftigkeit und tadelfreye Folgerichtigkeit in den Jahren 1831?1833, die Anhänglichkeit eines größern Theiles der Landschaft an die Stadt, die mißliche Lage der Freunde und Brüder, welche auf die Bahn der Revolution sich geworfen, drängte deren Häuptlinge in andern Cantonen, diesen um jeden Preis aufzuhelfen, Basel mittelst der Wucht ihrer Gewalt zu belehren, welches der Umfang der gepredigten Menschenrechte seye. Man suchte daher Basels Gegner zu irgend einer Gewaltthat aufzureizen, in Hoffnung, es würden von der Stadt abwehrende oder vergeltende Maßregeln ergriffen were den. Die Hoffnung täuschte nicht, und Alles lärmte von Friedensbruch, welcher zu bestrafen, Basel, da es durch dasselbe[574] veranlaßt worden, sofort in Ordnung zu setzen seye; darauf wurde es durch die Bundesbrüder mit Krieg überzogen. ? In Küßnacht, einem der äußern Bezirke des Cantons Schwyz, wurde durch radicale Betriebsamkeit Hader und Unfug angezettelt; die gekränkte Partei rief ihrer rechtmässigen Obrigkeit in Schwyz, sie möchte Friede und Ordnung herstellen. Diese sandte zu solchem Zwecke Mannschaft; der Vorwand war endlich gefunden, um viele Bataillone in das altgefreite, der Revolution weniger zugängliche Land Schwyz einrücken zu lassen und darin zu walten, wie es die durch Niederlage erbitterten und feindlich einziehenden Franzosen fünfunddreissig Jahr früher nicht gethan hatten. So kriegslustig wie die Tagsatzung von 1833, welche die ersten revolutionären Audacitäten der Cantone als Väter des Vaterlandes vereinigte, wurde in jener Zeit Zürich durch seinen Träger des Lichtes und Herold der evangelischen Freiheit gestimmt. Schon im Juni 1529 rüstete es auf seinen Betrieb und erklärte den Ständen, welche Vermittlung versuchten: »dafür seye jetzt keine Zeit mehr.« Nicht blos die Stände, welche den Bund mit König Ferdinand geschlossen, sollten gezüchtigt, sondern seines Irrthums gründlich überzeugt werden, wer immer bisanhin dem »Wort« und der »reinen Lehre« sich nicht zugewendet; also daß vom Thurgau her der Fürstabt von St. Gallen in Mitte seiner Schirmherren überfallen und gefangen werden sollte. Dem Hauptheer ritt schon dießmal auf stattlichem Roß und mit zierlicher Hellebarde bewaffnet der zürchersche »Gottesmiaun« voran; doch gewiß nicht, um seine Räthe von Rauben, Brennen, Morden wirkungslos werden zu lassen! Da es dießmal Berns Vorstellungen und den Bemühungen des Landammanns Aebly von Glarus gelang, den bedrohten Frieden zu retten, erzeigte hierüber Niemand sich unwillig, als der Wiederhersteller des unverfälschten Gottesworts. »Um Gotteswillen, schrieb er nach Zürich, laßt euch nicht ircen, kehrt euch an keine Flennen; haltet mit Ernst.« Jetzt oder nie, meinte er, könne man dem »reinen Wort Gottes« in die innern[575] Theile der Schweiz Bahn öffnen. (Aber mit welchen Mitteln, mit welchem Recht?). Als der Friede nicht mehr zu hindern war, mußte Zürich auf Zwinglis Antrieb fordern: die V. Orte sollten seiner Lehre nicht allein in den gemeinsamen Vogteyen, sondern in ihren eigenen Cantonen freyen Lauf lassen. »Der Bischof des gesammten Vaterlandes,« wie Zwingli von einemt seiner Anhänger genannt wird, hoffte immer noch jenen Hirtenstab, den er am 7. Juni 1529 ergriffen, über die Häupter der Halsstarrigen schwingen zu können. Der Friede war überhaupt Niemanden so unerträglich, als dem theuren Wiederhersteller des »Evangeliums des Friedens.« Darum forderte er im May 1531 zu einem neuen Kriegszug auf, und wurde vorläufig auf seinen Antrieb den V. Orten alle Zufuhr von Korn, Salz, Lebensbedürfnissen abgeschnitten, die andern Stände ermahnt: »den Zürichern und dem Wort Gottes zu Ehren« ein Gleiches zu thun;worüber damals Zürichs Bundesgenossen zu Straßburg billiger dachten, als manche protestantische Geschichtschreiber neuerer Zeit, inbem Jene schrieben: »es seye abscheulich und gräulich, allen Christgläubigen Proviant und Leibesnahrung seinen Mitchristen abzustricken, als wodurch nicht die Thäter und Strafwürdigen, sondern vielmehr alte, betagte und kranke Leute, Kindbetterinnen, geborne und ungeborne Kinder und andere Unschuldige gestraft würden.« Aber auch diese Maßeegel befriedigte das zürichersche »Aug Gottes« noch lange nicht; seine Dantonsnatur lechzte nach Blut; es sollte gestillt werden sein Lechzen. Der Ausgang des in himmelschreiender Ungerechtigkeit, »aber doch dem Wort Gottes zu Ehren« unternommenen Krieges ist bekannt. Wie Zwingli den Sieg, hätte seine Partei ihm denselben erfochten, würde benützt haben, läßt sich aus seinem Charakter, aus seinen vorangegangenen Aeusserungen und Bestrebungen, aus seinem kriegsdurstigen Bemühen entnehmen, wenn man auch nicht in dem eigenhändig von ihm geschriebenen Rathschlag läse: »man solle 3000 Mann schnell nach Schwyz schicken, die behende in den Kirchen, was von Silber und Gold wäre, raumen,[576] ebenso in den Häusern, und Weiber und Kinder der Angesehenen wegführen, dann alsbald wieder sich zurückziehen müßten; vorher aber solle man das Rathhaus anzünden, wodurch das ganze Dorf in Flammen aufgehen würde.« Welche Mässigung dagegen die siegreichen katholischen Orte in dem Frieden von Tänikon an den Tag legten, wird selten hervorgehoben. Diese Mässigung beweist, daß dieselben nichts Anderes wollten, als daß die aufgestellte Freiheit der Gewissen auch ihnen zugestanden werde. Obwohl es bei der, mit der Niederlage und Zwinglis Untergang in der Stadt Zürich und auf der Landschaft hervortretenden Stimmung ihnen ein Leichtes gewesen wäre, die Neuerung zu unterdrücken und vollends zu beseitigen, so begnügten sie sich doch damit, »ihren wahren ungezweifelten christlichen Glauben« gegen Anfechtung zu sichern, wogegen sie auch die von Zürich und ihre Mitverwanndte bei ihrem »Glauben« lasien wollten. Nicht einmal für die gemeinen Vogteyen verlangten sie, wie sie wohl nach den bisher von Zürich befolgten Grundsätzen volles Recht gehabt hätten, unbedingte Rückkehr zum alten Glauben, blos, daß von dem neuen wieder abstehen möge, wer wolle. Selbst Theilung der Kirchengüter mit den »Prädicanten« gaben sie zu, und forderten einzig Herstellung dreyer verwüsteter Kirchen im Canton Zug. ? Und mit diesen Friedensbedingnissen vergleiche man dann diejenigen, welche Zürich und Bern nach ihrem Sieg bei Vilmergen im Jahr 1712 den katholischen Orten auferlegten! Wenn Mässigung im Glück für Recht und Wahrheit ein Zeugniß ablegen, auf welcher Seite dürften diese zu finden seyn? Die mit Erfolg gekrönte Revolution, nachdem sie mit den bisherigen bürgerlichen Einrichtungen reinen Tisch gemacht, ihren Beförderern erst dasjenige errungen, wonach sie getrachtet, kehrte sich, in den katholischen wie in den gemischten Cantonen, so schnell als möglich und mit der entschiedensten Kühnheit und mit der nachhaltigsten Thätigkeit gegen die Kirche; gleich als sollte sie nachholen, was dreihundert Jahre früher die Milchschwester[577] entweder versäumt hatte, oder was damals vereitelt worden. Sie nahm den in jener Zeit durch Wort und That ausgesprochenen Grundsatz wieder auf: daß in Religionssachen Jedermann den Verordnungen der Obrigkeit sich zu unterwerfen habe; ein Grundsatz, der nicht nur die Stellung der Kirche gänzlich umkehrt, sondern dieselbe ihrer obersten Bedeutung nach geradezu aufhebt; ein Grundsatz, der zwar dem revolutionären Despotismus ungemein schmeichelt, zugleich aber, wie man ihn auch übertünche, noch weit verderblicher und unwürdiger ist, als derjenige: daß hierin Jeder seinem eigenen Gutdünken folgen möge. ? Die Umwälzung des sechszehnten Jahrhunderts dagegen war in ihrer ersten und vorherrschenden Richtung blos gegen die kirchliche Autorität, das Dogma, den Cultus und die durch jene anerkannten kirchlichen Institute gewendet, mußte aber einer unvermeindlichen Nothwendigkeit zufolge bei dem ersten Schein des Gelingens, sobald die bürgerlichen Einrichtungen zu dem Maaßstab der verkündeten Freiheit und evangelischen Gleichstellung nicht passen wollten, auch in das politische Gebiet hinübergreifen. So geschah es zu Basel, daß auf Begehren der kirchlich Erleuchteten unverweilt das volitische Regiment müßte geändert werden. Denn wo überhaupt nicht ruhige Prüfung, sondern Umsturz das Loosungswort ist, da giebt es keine Schranke mehr, da ermuthigt das Gelingen in dem Einen auch zu dem Versuch in jedem Andern. So hielten sich in Schaffhausen die Freunde der Neuerung nicht mehr an die Ordnung, daß Zunftversammlungen nur durch die Zunftmeister sollten einberufen werden, sondern einzelne erhitzte Köpfe beriefen dergleichen auf eigene Faust. Ber mehr als hundertjährigen Gewohnheit, auf Pfingsten dem Rath zu schwören, wollte man nur nach Erfüllung gestellter Bedingnisse sich fügen. Unter dem Vorwand erlittener Beeinträchtigung wurde zu den Waffen gegriffen, inneres Blutvergießen nicht gescheut; dergestalt waren die Köpfe durch den ausgestreuten Saamen störrig und ungefügig geworden. Und es sollte keine Würdigung jener Zustände aus dem damals der Bekümmerniß[578] abgepreßten Geständnisse dürfen hergeleitet werden: »Neid, Haß, Mißtrauen, Erbitterung nahmen überhand!« ? Man sprach jetzt schon von Gleichheit der Rechte und ruhte nicht, bis die vier Rathsglieder der adeligen Gesellschaft auf zwei beschränkt waren. Auch von der gleichen Bestrebungen wurde ? gleich als hörte man die Volksredner und Schützenfestsprediger unserer Tage ? gesagt: »nur christliche Treu und göttliche Einigkeit, nicht das Zeitliche, sondern das Ewige, der Seele Seligkeit, werde gesucht.« Was dann die Bürger der freyen Städte auf dem Gebiete der Rechte dem Adel gegenüber unternahmen, das versuchtem die Landbewohner auf demjenigen der materiellen Interessen gegen die Städte, doch mit minder glücklichem Erfolg. Ihnen sollte die christliche Freiheit zur Befreyung vomi Zehnten verhelfen, denn sie hatten es bald gefunden, daß die Lehre der Meister: »nur, was aus heiliger Schrift sich erweisen lasse, könne gültig seyn,« hier trefflich sich anwenden lasse. Ganz folgerichtig behaupteten sie: obwohl das alte Testament von Zehnten spreche, so seye er doch durch die christliche Freiheit aufgehoben. Auch wer sonst vertragsmässige Lasten zu tragen hatte, machte, mit Andern vereint, entweder Versuche, oder nährte wenigstens die Hoffnung, sie abwälzen zu können. Allein das konnte in die Rechnung der Städte nicht passen: sie allein wurden durch die an sich gerissene Erbschaft der geistlichen Güter die Berechtigten, sie gaben ja dem Volk die »lautere Lehre,« und damit durfte es sich wohl begnügen. In unsern Tagen werden die Klöster bestohlen unter dem Vorgeben, dem Staat komme ein Recht zu, die Aufsicht über sie zu führen, man plündert sie unter Behauptung eines ersonnenen Stiftungszweckes; man beraubt sie, unter dem Vorwand ihrer Staatsgefährlichkeit; man bedenkt mit dem Raub die Armengüter, um sich den Schein der Uneigennützigkeit zu geben, und dem öffentlichen Beutel, wenn nicht Einkünfte zuzuwenden, so doch Ausgaben zu ersparen. ? Damals wurde das goldene und silberne Kirchengeräthe entwendet, wurden die[579] Bilder der Heiligen eingeschmolzen unter dem Vorwand, dieses Alles fördere den Götzendienst, im Evangelio stünde hievon kein Wort. Im Canton Bern kam ein grosser Theil der Kirchengüter in die Hände von Familien, aus welchen einflußreiche Männer die Reformation gefördert hatten und nun für ihren reinen Eifer um »Licht und Wahrheit« den verdienten Lohn zogen; in andern Cantonen wurden fette Schaffnerstellen gegründet, die ihren Inhabern fortan Mittel zu Wohlleben oder Bereicherung boten. Also auch hierin wieder ähnliche Mittel, verwandte Zwecke! Die auffallende Aehnlichkeit zwischen damals und jetzt, zwischen Ursprung, Erstarkung und Sieg der einen und der andern Umwälzung, stellt sich am augenfälligsten heraus an dem zusammengedrängten Umriß des Ganges, welchen die erstere in irgend einer Stadt nahm. Ein Bild kann für alle gelten, weil die wesentlichsten Züge überall die gleichen sind, die Verschiedenheit nur in unbedeutender Schattirung besteht. Ich wähle zu einem solchen Ueberblick Basel, weil hier die einläßlichen Nachrichten eines durchaus unverdächtigen Zeugen, des vormaligen Rathsschreibers, Peter Ochs, zu Gebote stehen. Es hat sich in unsern Tagen mehr als eines Ortes erwiesen, daß, sobald ein neuerungssüchtiger Kern sich gebildet und festen Fuß gefaßt hatte, derselbe auf alle Weise Anhang zu gewinnen, sich zu erweitern, endlich als gebietende Macht auftreten zu können trachtete; daß hierauf, fühlte dieses Häuschen sich so weit erstarkt, um sich offen zeigen zu können, aller Repressiv-Maaßregeln gespottet, den gelindern Hohn, den ernstern Trotz entgegengestellt wurde; daß schon auf diesem Stadium keine Zugeständnisse zu befriedigen vermochten, die Neuerungspartei nicht eher ruhte, als bis sie ihre Plane ganz durchgesetzt und mittels der Ansteckung die Einen an sich gezogen, durch die allmählig gewonnene Uebermacht Andere darniedergehalten hatte, bis endlich die Mehrzahl der Rüstigen, Unbeweglichen, minder Entschiedenen sich mußte gefallen lassen, was den Häuptern der Bewegung beliebte. Ein solches Bild bot zu[580] jener Zeit jede Stadt, die auf die Bahn der kirchlichen Revolution sich werfen ließ. Der erste Fremdling, welcher Basel in Bewegung setzen wollte, der Rottenburger Wilhelm Röblin, wurde durch den Rath verwiesen, wie er auch später durch seine Verheissung, die Bauern von Zinsen und Zehnten befreyen zu wollen, aus dem Canton Zürich verwiesen ward. Das Jahr darauf kam der »fremde geistliche Flüchtling« Oekolampadius, von der Ebernburg vertrieben, zu Basel an, wo er für einen Buchdruker arbeitete und bisweilen »vor etlichen Zuhörern« predigte, »um dem Evangelio förderlich zu seyn.« Bald wurde er dem alten Pfarrer von St. Martin als Gehülfe beigeordnet, streute aber seinen Saamen noch behutsam aus, weil er erst beobachten wollte, ob derselbe einen gedeihlichen Boden finde. Als dieses nicht mehr zweifelhaft war, weil er Gönner fand und mittelst ihrer in die Pfarrstelle sich zu setzen wußte, trat er keker und rückhaltsloser auf, ungeachtet ihm der Rath, der ja nach seiner und seiner Meinungsgenossen Behauptung die oberste Autorität in Religionssachen war, die Weisung ertheilt hatte, bei seiner Amtsverrichtung keine Neuerung vorzunehmen. Das natürlich wurde bei aller Behauptung von Gehorsam gegen die Obrigkeit durch den »Gottesmann« nicht beachtet, denn der Kern war gebildet, seine »lautere Lehre« hatte bereits so gedeihliche Wurzeln gefaßt, daß schon im folgenden Jahr ein Hause sich verabredete, bei dem ersten Glockenläuten in der Weihnacht in die Domkirche einzubrechen, alle Kostbarkeiten zu rauben, allfällig Widerstand Leistende zu tödten, hier auf in den übrigen Kirchen und Klöstern das Gleiche zu vollziehen. Vorkehrungen des Raths konnten jetzt noch den Anschlag vereiteln. In der Osterwoche des folgenden Jahres sollte durch das nämliche Mittel das helle Licht des Evangeliums auf den Scheffel gesetzt werden; allein auch dießmal stand die Wachsamkeit des Raths im Wege. ? Dergleichen Anschläge berechtigen doch wohl zu einem Schluß auf den Geist und Ton der Predigten und auf deren Verhältniß zu dem angeblich wieder an das Licht gezogenen[581] Evangelium; auch liegen in diesen Verabredungen deutliche Winke, aus welchen Schichten der Gesellschaft die ersten Förderer der Neuerung hervorgegangen und durch welcherlei Motive sie in Bewegung gesetzt worden seyen. Denn auch in Basel bewährte sich, was in andern Städten, daß die bedentendern Glieder des Raths dem Umsturz nicht hold waren; so daß hier auf das Drängen des fremden Flüchtlings, die Messe zu beseitigen, noch am 3. September 1527 der Beschluß er gieng: in so schwerem Geschäft das nächste allgemeine Concilium abzuwarten; aber dennoch zum Beweis, daß die Umwälzungspartei hinreichend erstarkt war, das Hören der Messe dem Gewissen eines Jeden anheim gegeben wurde. Man sollte glauben, diejenigen, welche in dem bisherigen Gottesdienst eitel Unfug, Mißbrauch und Gewissenszwang gesehen hatten und so sehr nach geistlicher Freiheit dürsteten, hätten hiemit erlangt, wonach sie strebten, daher sich zufrieden geben können. Das aber war es nicht, was sie wollten; was ihnen nicht gefiel, sollte auch Andern nicht gefallen, ihre Freiheit diesen mit aller Gewalt aufgezwungen werden. Schon jetzt lag die öffentliche Gewalt nur noch zum Schein in den Händen des Raths, thatsächlich begann sie immer mehr an zusammengerottete Haufen überzugehen. Der erste solcher Haufen sammelte sich, 400 Mann stark, am 22. Oktober 1527. Der Versuch war gemacht; der Rathschluß gegen dergleichen »Rottirungen,« die inskünftige nach Grösse der Verschuldung nicht ungestraft bleiben sollten, war ein Schlag in's Wasser. Anfangs verwandelte sich das Zusammenrottiren in Gelage auf den Zünften zu 50?100 Mann, angeblich zur Ehre ihrer neuen geistlichen Führer. Um der Neuerungspartei, welche natürlich unter ungestörtem Walten immer mehr anschwoll, neuen Zuwachs zu sichern, wurde dann noch den Hintersassen ? Leuten der untersten Stände, aber dienlich zu Verstärkung der Masse ? die Erwerbung des Bürgerrechts erleichtert. Hiedurch erstarkte die Menge so, und war factisch dergestalt Herr und Meister geworden, daß Haufen von 5 bis 24 Mann am[582] Charfreitag und Ostermontag 1528 (merkwürdig, daß diese durch das reine Wort Gottes Erleuchteten zu Vollführung ihrer Gewaltthaten immer die höchsten Feste sich ausersahen) in ein paar Kirchen eindrangen und die Bilder zerstörten. Zwar versuchte der Rath einen Schatten von Macht noch zu üben, indem er einige der Thäter verhaften ließ; bald jedoch zeigte sich, wo deren Wesen sich finde. Man rottete sich unverweilt zusammen, forderte unverzügliche Freilassung der Verhafteten, welche zu verweigern der Rath weder den Muth, noch die Kraft mehr besaß. Daß jetzt den Neugläubigen Kirchen eingerichtet wurden, sie somit in den unbeschränktesten Besitz desjenigen gelangten, was ihr »Gewissen« forderte, genügte wieder nicht, beweist aber hinreichend, was es mit der immer vorgegebenen »Gewissensfreiheit« eigentlich auf sich gehabt habe. Für Jeden, welcher Bilder und Messe nicht mehr haben wollte, waren somit dieselben wirklich abgeschafft; doch schrieb Oekolampadius an Zwingli: »Wir bestreben uns Bilder und Messe abzuschaffen; aber Gottes Zorn ist zu groß, als daß wir es durch das Wort ausrichten könnten.« Dieser Ausdruck läßt vermuthen, durch welche Mittel am Ende das »Ausrichten« sollte bewerkstelligt werden. Ungeachtet nach diesen Vorgängen das Zusammenrottiren neuerdings bei Lebensstrafe verboten worden, sammelten sich doch zwei Tage vor Weihnacht 1528 abermals 300 Mann, um eine neue Bittschrift zu jenem Zweck (Einführung allgemeiner Gewissensfreiheit durch gänzliche Unterdrückung der Messe) einzureichen. Darob ermannten sich die Katholicken und traten gewaffnet auf; das Uebergewicht war aber bereits auf Seite der Andern, die durch Ausrüstung von Gesinde und Knechten auf 3000 Mann sich verstärkten. Auch die Katholiken verlangten »Gewissensfreiheit« und Schutz bei den ihnen gelassenen Kirchen und bei der Messe. Noch wollte der Rath die Wahl des Gottesdienstes einem Jeden anheimstellen, was aber denjenigen, welche unablässig von »Gewissensfreiheit« sprachen, abermals nicht genügte, so daß sie bereits die Gesinnungsverwandten[583] anderer Cantone aufmahnten, um »ihnen das Mehr machen zu helfen.« Wer in den Gang der menschlichen Angelegenheiten zu blicken versteht, den kann es nicht befremden, daß allmählig die Entzweyung auch in den Rath sich einschlich. So erließ dieser Verordnungen, welche die Katholiken immer enger beschränkten. Aber auch dieses schien den Andern imnter noch zu viel, so daß ein friedlicher Zustand nicht mehr möglich war. Nun daß es Leute geben konnte, welche gegen Glaube, Gottesdienst, Heilsanstalten, religiöse Einrichtungen, die Diener der Kirche und zuletzt gegen diese selbst Einwendungen erhoben, mit Allem nicht mehr sich einverstanden, dadurch in ihren tiefsten Bedürfnissen nicht mehr befriedigt sich erklären konnten, daher etwas ganz Anderes verlangten, das läßt sich noch begreifen, am Ende auf irgend eine Weise entschuldigen. Daß sie Alles daran setzten, um dasjenige, was ihnen nun einmal wirkliches oder eingebildetes Bedürfniß geworden war, zu erlangen und dabei jeden Zwang und jede anderweitige Einmischung von der Hand wiesen, das läßt sich noch begreifen. Daß mit dem, daß sie ganz andern Ansichten huldigten, eine völlig verschiedene Lebensnorm einzuführen beflissen waren, auch der Drang zu Verstärkung ihres Anhanges sie zu Manchem dahin riß, was vor dem Richterstuhl der Gerechtigkeit nicht bestehen mag, das Alles läßt sich gleichfalls aus richtiger Würdigung der menschlichen Natur erklären. Aber daß ihnen das Errungene nicht genügte; daß sie nicht eher sich zufrieden geben wollten, als bis sie ihre Meinungen, ihre Lebensweise, das wonach sie trachteten, auch Andern, ob diese noch so sehr dagegen sich sträubten, in ihrem Innersten noch so sehr verwundet wurden, aufgejocht hatten; daß hiezu ihnen kein Mittel unerlaubt, keine Maßregel zu empörend schien; daß es in ihnen nicht die geringste Bedenklichkeit hervorrief, mit der Anwendung von diesen Mitteln und mit den aufgestellten Principien und den unablässig in Mund und Schrift geführten Worten in den grellsten Widerspruch zu treten: das ists, was sie[584] richtet; das ists, was ihr Unternehmen in die Reihe glückhafter Gewaltthaten, sieggekrönter Empörungen verweist, was die Fanfare über den endlichen Aus gang in die schneidensten Mißtöne verwandelt. Dieser Sieg stand jetzt bereit. Am 7. Februar 1529 sammelten sich wieder etwa 800 Mann. Sie forderten vor allen Dingen Vertreibung der Stützen des bisherigen Glaubens aus dem Rath, zwölf an der Zahl. Peter Ochs macht hierzu die richtige Bemerkung: »ein ungerechteres Begehren von Entlassungen läßt sich nicht erdenken;« eine damalige Handschrift dagegen sagt: »es war göttlich.« Oekolampad jubelte: »die Menge hätte erwogen, was sie der Verherrlichung Christi, der Gerechtigkeit, der Nachwelt schuldig wäre.« Ochs dagegen urtheilt über des »Gottesmannes« Jauchzen: »Mit dieser Sprache ist keine Regierung vor irgend einer Secte sicher.« Die Zwölf mußten wirklich aus dem Rath austreten und (zum Beweis, was die evangelische Freiheit der erleuchteten Menge ihnen zugedacht hatte) heimlich die Stadt verlassen. Ueber die andern Begehren wurde von Morgens sieben bis Abends fünf Uhr gerathschlagt, ohne zu einem Beschluß zu gelangen. Das befriedigte den zusammengerotteten Haufen nicht. Er oerabredete, die Sache endlich selbst auszumachen, nicht auf den folgenden Tag zu warten. Eilends waffnete sich die Masse, und führte sechs Geschütze auf. Der Rath sprang wieder zusammen und ließ Abends neun Uhr die Antwort ergehen: es soll Alles nach ihrem Wunsche geschehen. Darum gieng aber der Hause doch nicht auseinander, sondern vertheilte sich bewaffnet auf einige Zünfte. Die Menge wuchs am folgenden Morgen auf 2000 an. Jetzt war ihr Zweck erreicht: allgemeine Einführung von Prädicanten, Vernichtung alles Katholischen, Äbänderung der Regierungsform. Während aber der Rath in Erörterung des Letztern lange Zeit beisammen saß, brachen 340 Mann in das Münster, und zerschlugen Bilder und Altare, zogen von da, dem Befehl des Raths, hievon abzulassen, das damalige allgemeine Schlagwort, wenn es Empörung galt, entgegenstellend:[585] »man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen,« zu gleichem Zweck in die übrigen Kirchen. Mittlerweile wurde noch immer an dem Begehren von Abänderung der Regierungsform herumgerathen, und Abends fünf Uhr war noch nichts entschieden, ein Versuch, die Tobenden zu beruhigen, fruchtlos geblieben. »Eine Antwort wollten sie, Ja oder Nein, das und nichts Anderes,« liessen ste entbieten. Eine Stunde später ward ihrem Begehren genüge gethan. »Alles,« schrieb nachher Oekolampad, »zur Ehre Gottes und zum Frieden des gemeinen Wesens.« Am folgenden Tag, es war Aschermittwoch, zog wieder ein bewaffneter Hause, dießmal unter der würdigen Anführung des Henkers, in die Domkirche, trug Alles, was noch darin sich befand, zu Haufen auf den Platz und zündete daraus neun Feuer an. »Beim Herkules, rief der neue Apostel, ein klägliches Schauspiel für die Abergleubigen! Sie hätten Blut weinen mögen! Die Messe starb aus! O des Jammers!« Gleiches mußte nun auf der Landschaft vollzogen werden. »Die Unterthanen wurden alle Reformirte, sagt Ochs, weil ein Theil der Bürgerschaft es nun so haben wollte.« ? Hiernach mag über die Mittel geurtheilt werden, welche der kirchlichen Umwälzung zum Sieg verhelfen mußten; wie mild, friedlich und harmlos, zu Niemands Kränkung oder Beeinträchtigung ihre Durchführung verlaufen, dieselbe allerwärts Grund und Wurzel gefaßt habe. Werfen wir dann noch einen Blick auf die Wirkung der mit solchem Eifer in beiden Zeitfristen verkündeten und mit solcher Gewalt eingeführten neuen Lehren auf den gesellschaftlichen und sittlichen Zustand nach seinen mannigfaltigen Verzweigungen. Mit hellem Wort hat man in unsern Tagen über die Engherzigkeit, die Selbstsucht, den Druck der Aristokraten geschrieen, mit dem Erwachen der neuen Freiheit goldene Zeiten verheissen; und ? die Ersparnisse der Vergangenheit wurden rasch vergeudet, die Besoldungen der neuen Herren unverzüglich und manchmal fortschreitend vermehrt, die Steuern alsbald erhöht. Je mehr in Rathsfälen, an Ttinkgelagen, bei Festreden, in[586] Zeitungen die klangvollen Worte von Brudertreue, Fortschritt, Aufschwung zunehmten, desto mehr nehmen thatsächlich Glaube und Redlichkeit in allem Lebensverkehr fortwährend ab, mehrt sich die Zahl derer, welche eingegangene Verpflichtungen in den Wind schlagen, Erfüllung ihrer Schuldigkeiten für eine Sache halten, deren man gar nicht zu gedenken brauche; zeigt sich der Fortschritt in Vermehrung der Schenken, in zunehmender Verarmung, in umsichgreifender Unsittlichkeit, in steigender Zahl der Bankerotte, der Rechtshändel, der Vergehungen, der unentdeckten Frevel, der offenen Verbrechen. Das nachwachsende Geschlecht schwingt sich auf zu Ueppigkeit, Schwelgerei, Unbotmässigkeit, Rohheit, Frechheit, kecker Anmaßung; und es bedarf keines scharfen Auges, nut den Typus der durchaus veränderten Zeiten nur allzuoft in den veränderten, wilder, truziger, begierlicher sich ausprägenden Gesichtszügen zu erkennen. Und wie damals? Wie gewaltig wurde nicht gegen die Clerisei declamirt, die den Menschen das »reine, lautere Wort Gottes« vorenthalten, in allen Lastern sich gewälzt und aus denjenigen der Layen für sich eine Goldsgrube gemacht habe? Wie viel wurde nicht von Zucht und Besserung ? gesprochen? so daß man meinen sollte, jenes Urchristenthum, von welchem so viel gefaselt wird, wäre wenigstens in den ersten Zeiten nach Umsturz des »Baalreiches« in vollem Glanze zurückgekehrt. Wie es mit dieser Rückkehr beschaffen war, darüber geben nicht blos Schriftsteller, sondern die unverwerflichsten Acten und ? merkwürdiger Weise genug ? beinahe von allen Orten übereinstimmend, Zeugniß. In diesen kommt bereits in den nächsten Jahren nach Zwingli's Tod zu Zürich die Klage vor: »manche Prädicanten seyen streit- und schmähsüchtig, studirten nicht fleissig, zögen auf die Jagd, wären des Ehebruchs und der Vielweiberei geständig, als Raufer, Lügner, Trunkenbolde, Flucher, Vaganten, Roßhändler, Taugenichtse, berüchtigt.« ? Schon im Jahr 1532 wurde in der berner'schen Synode eingestanden: »es giebt Einige unter uns, (d.h. unter den dem knechtenden Aberglauben entronnenen ?Diener des Worts?), welche[587] die leichtfertigsten Kleider tragen, daß man sie vor Metzgerknechten nicht unterscheiden kann; Andere, die unverschämte Reden führen, Possen und Zoten treiben, oder doch dabei sind, da Andere in ihrer Gegenwart sich damit belustigen, von Hurerey, Ehebruch oder Jungfrauen Schwächen reden; wieder andere, die man in Wirthshäusern und zur Unzeit mit liederlichem Volk hinter dem Wein sitzen sieht.« Wie es unter dem Volk aussah, darüber giebt der Resormator Köpflein in einem Brief an Farel das unverdächtigste Zeugniß: »Das Ansehen der Prädicanten ist gänzlich weggefallen, Alles geht zu Grund. Das Volk sagt uns keck heraus: ihr wollt euch zu Tyrannen der Kirche aufwerfen, ihr wollet ein neues Papstthum in der Kirche einführen. Gott hat mich erkennen lassen, was es heiße, jetzt ein Pfarrer zu seyn, und welchen Schaden wir durch das übereilte Urtheil und die unüberlegte Heftigkeit, mit der wir den Papst verwafen, der Kirche zugefügt haben. Denn das Volk, an Ausgelassenheit gewöhnt, hat allen Zügel weggeworfen; es ruft uns zu: ich kenne das Evangelium genug, was bedarf ich eurer Hülfe, um Jesus Christus zu sinden, gehet und prediget denen, die euch hören wollen!« ? Aehnlich zu Basel. Erasmus war Zeuge, wie man einen solchen Apostel wegen schlechter Aufführung des Landes verweisen mußte, einen andern stäupen ließ, der noch so ehrlich war, es zu bekennen: seit er der neuen Secte angehangen, habe er sich in allen Lastern gewälzt. ? Zu Schaffhausen ergieng zu gleicher Zeit Klage über »kostbare und ärgerliche Kleidung, Wollust, Zutrinken, woraus Völlerey und oft blutiger Streit entstehe; über Gotteslästern, Fluchen und Schwören; über Muthwille, der mit Einheimischen und Fremden getrieben wurde, so daß Einer wohl sicherer wäre am unsichersten Orte des Odenwaldes, als in der Schaffhauser Obrigkeit, Herrschaft und Flecken.« Es schrieb auch der waatländische Reformator Viret, blos sechs Jahce, nachdem die Glaubensänderng sesten Fuß gefaßt hatte, an Bullinger (den Brief aber haben[588] sie weislich ungedruckt gelassen): »Wenn's so fortgeht, so weiß ich nicht, wie's mit unsern Kirchen noch werden soll, denn beinahe haben wir nichts mehr, was einer Kirche gleichsähe. Man darf die Sache nur ein wenig näher anblicken, so wird man so wenig Frucht des Evangeliums, eine solche Verachtung des Wortes und der Sacramente, einen solchen Mangel an Glaube und Liebe, eine solche Sicherheit zum Sündigen, so gar keine Furcht vor Gott, keine Religion finden, daß ich fürchte, wir werden zuletzt noch, wenn alle Religion aus den Gemüthern vertilgt und alle Gottesfurcht aus ihnen verbannt ist, in eine Art Atheismus verfallen. Ich besorge, wir werden unsern Nachkommen eine Kirche hinterlassen, in der alle Zucht gelöst, die auf merkwürdige Weise verwirrt, zerrissen und zu Grunde gegangen seyn wird, bevor sie geboren war.« Damit die Aehnlichkeit selbst in den Nebenzügen könne nachgewiesen werden, so mögen noch Zeugnisse über die damalige Zugend sich anschliessen. Zwinglis Nachfolger, Gwalter, klagt im Jahr 1540: »Die Musensöhne haben ein ganz soldatisches Ansehen, und in Sittenlosigkeit folgen sie dem Beispiel ihrer Lehrer.« Ein Jahrzehend später entwirft ein anderer Schweizer folgendes Bild von der damaligen Jugend: »Die jetzige Jugend ist so durchaus schlecht, daß sie dem Sodoma und Gomorrha nahe ist. Trunkenheit, Treulosigkeit, Ruchlosigkeit, Entehrung des Heiligen haben sich aller Gemüther bemächtigt, nie war die Welt in solche Verderbniß gesunken.« War es aber besser da, wo Luther seine Reformation eingeführt hatte? Hören wir seine eigenen Klagen in der Vorrede zu den schmalkaldischen Artikeln: »Wucher und Geiz sind wie eine Sündfluth eingerissen und eitel Recht worden. Muthwill, Unzucht, Uebermuth mit Kleidern, Fressen, Spielen, Prangen mit allerlei Untugend und Bosheit, Ungehorsam der Unterthanen, Gesinde und Arbeiter, aller Handwerker, auch der Bauern Uebersetzung ? und wer kann es Alles erzählen?[589] ? haben also überhand genommen, daß man's mit zehen Conciliis und zwanzig Reichstagen nicht wieder wird zurechtbringen.« Wie sitzt er nicht zu Gericht über die praktischen Wirkungen seines Unternehmtens auf das Volk in der Adventspredigt vom Jahr 1533, wo er sagt: »die Welt wird aus dieser Lehre immer je länger desto ärger, denn zuvor unter dem Papstthum. Jetzt sind die Leute mit sieben Teufeln besessen, da sie vorher mit einem besessenwaren. Der Teufel fährt jetzt mit Haufen in die Leute, daß sie nun unter dem hellem Lichte des Evangelii sind geiziger, listiger, vortheilhafter, als unter dem Papstthum. Summa ? die Welt ist des Teufels und die Leute sind eitel Teufel geworden.« ? Und welches Urtheil fällt nicht Erasmus? »Ich spreche, sagt er, nicht von Hörensagen, sondern aus eigener Erfahrung. Leute, die ich ehemals als redlich, unverdorben, treuherzig kannte, sind, sobald sie zu der Secte der sogenannten Evangelischen übertreten, gar nicht mehr zu kennen; sie sprechen nur von Mädchen, werfen freche Blicke umher, versäumen das Gebet, sind eigennützige, rachsüchtige, eitle Menschen. Ich rede aus Ueberzeugung; eine Natternbrut ist aus diesen Leuten geworden. Zeige mir einen Einzigen, der durch das neue Evangelium ein besserer Mensch geworden seye; ich aber kann dir Viele zeigen, die schlechter geworden sind.« Ein Zeitgenosse Luthers gab dessen Mitarbeitern im »Wort« folgende Benennungen, die, waren sie wahr, auf ihn, waren sie unwahr, auf diese, villeicht aber auf beide Theile, ein merkwürdiges Licht werfen. Er schalt sie: »Mammonsknechte, grobe Simonisten, eingedrungene Gesellen, Bieramseln, Esel, gottlose Schelmen, Sodomiten, schändliche Heuchler.« Schlaget aber überhaupt Luthers Werke auf und vernehmet seine eigenen Klagen, wie Widerspenstigkeit, Rachsucht, Geiz, Fühllosigkeit in die Menschen gefahren seyen; wie sie »Schweine seyen und bleiben, wie Schweine glauben, als Schweine sterhen,« Hören wir über dse damaligen sittlichen Zustände in Sachen einen unverdächtigen Zeugen, den ältern Georg Witzel[590] aus Fulda. Derselbe war geboren im Jahr 1501 und hatte sich dem Ordensstande gewidmet. 1523 verließ er das Kloster, folgte Luthern und nahm drei Jahre später ein Weib. Im Jahre 1531 sah er ein, daß aus der neuen Lehre solches Heil nicht hervorgehe, wie es ihre Urheber angekündigt hatten, und sagte sich wieder los von ihr, ohne eigentlich zum wahren Katholicismus zurückzukehren. Denn, da er Priester war, und doch von seinem Weibe sich nicht trennen wollte, ließ er sich durch einen schismatischen Bischof weihen, konnte aber nirgends weder Anerkennung noch bleibende Erlaubniß zu amtlichen Verrichtungen erhalten. Nikolaus Wolrab gab im Jahr 1537 zu Leipzig eine Sammlung von Briefen desselben heraus, die ungemein selten geworden ist, weil die Lutheraner alle Mühe sich gaben, sie zu beseitigen. Er gesteht selbst, daß zwei Wahrnehmungen vorzüglich ihn bewogen hätten, die neue Secte zu verlassen: einmal, daß jeder Schärer seine Einfälle unter dem Aushängeschild des Evangeliums an den Mann zu bringen suche, dann aber vornehmlich der zunehmende Verfall der Sittlichkeit. Dieß habe bei ihm den Entschluß gereist, von derselben sich loszumachen, und nicht ohne Lebensgefahr seye dieses geschehen. Schon am 24. Dez. 1531 stellte er dem Lutherthum die Nativität, und wir sehen es in den rationalistischen Superintendenten und Oberkirchenräthen und endlich in den Lichtfreunden in unsern Tagen gerade an dem Ziel angelangt, welches Witzel ihm schon damals gewiesen hatte. »Hat, sagt er, das Lutherthum längern Bestand, so wird es seine Anhänger ins Heidenthum zurückführen; erst in die Schule des Pythagoras, der an Gott zweifelte, dann zu Diagoras, der ihn läugnete; den Epicuräismus sehen wir schon im Gang, da es Solche giebt, die zwar glauben, es seye ein Gott, aber er sorge für nichts.« ? »Wie oft wechseln nicht diese angeblichen Evangelischen ihre Satzungen, Gebräuche, Gewohnheiten! Fast jeder Monat ist Zeuge von Neuerungen, deren nicht Maß noch Ziel ist. Man kann den Philipp durch den Philivp widerlegen, den[591] Luther durch Luthern.« ? »Mächtiger Hader ist ausgebrochen, dadurch verbreitet sich über einen großen Theil Deutschlands Gewirre und Unheil. Wie schmählich, wie traurig, wie jammervoll ist diese kirchliche Zerrissenheit! Alles ist voll Bitterkeit wider einander, durch Eigensucht, Habsucht, Schwelgerei geschändet.« ? »Nie gab es ein Zeitalter, in welchem Jedweder anmaßlicher, gegen Andere hochfahrender sich erzeigt hätte.« ? »Nicht einmal nur in der Woche schläft die ganze Stadt den Rauschesschlaf. Mich wundert nur, wo sie das Geld, was sie in Wein vergeuden, hernehmen? Manche meinen, durch fleissiges Sausen den Verdacht, als wären sie Wiedertäufer, von sich abwälzen zu müssen.« ? »Luther, der einst Evangelist zu seyn prahlt, will, daß Jeder blutgetränkt aus dem Kampf zurückkehre, und so hofft er auf die Vertilgung aller [Bauern]. Wer liest selbst bei den Heiden von so etwas? Die Alten wissen viel von Bions und Theons Fluch zu erzählen; im Vergleich zu unserm Theologen ist dieß Alles milde zu nennen. Er schnaubt nach Schwertern, Kugeln, Heeren, Metzeleyen. Wohl nehmen sie den Frieden in den Mund, sind aber dabei so in Wuth entflammt, daß sie Alle, welche nicht ihrer Partei sich anschliessen wollen, vertilgt sehen möchten.« ? »Der Schrift wird möglichster Zwang angethan, um Leidenschaften und Laster zu vertheidigen, welche selbst Plato nicht dulden würde. Um ein fleischliches Leben führen zu können, haben sie ein fleischliches Evangelium eingeführt, und es dahin gebracht, daß zu keiner Zeit die Sünde ungescheuter geübt werden durfte. Mars, Pan, Bacchus, sie Alle haben Söhne genug, die ihnen Ehre machen würden. Die Sitten sind verdorbener als je. Die Jugend wird ihrer Neigung, ihren verderbten Gelüsten völlig überlassen; ste ist dickhäutig in Schamlosigkeit und wird bald mit den Alten wetteifern; keine Zucht, keine Scheu, beinahe gar kein Schamgefühl! Die meisten Anhänger der Secte sind Sardanaple, welche oem Wahlsoruch folgen: iß, trink, ludere. Wer nicht mit diesen besoffenen Schweinen im Schlamm sich wälzen will, wird ein Wiedertäufer gescholten!«[592] ? »Ich bin nicht der Einzige, der von diesen Dingen spricht; alle Lande sind voll von Luthers Schlemmerei und Tyrannei. Ich habe nicht einmal Alles aufgedeckt; es könnte geschehen, würde es verlangt.« Man hilft sich freilich damit, zu sagen, das seyen Nachwirkungen des frühern Sittenverfalls gewesen; gerade wie jetzt die sogenannten Aristokraten manches Unerfreuliche müssen verschuldet haben, was man nicht läugnen kann und dessen Wurzel man sich doch nicht gestehen mag. Auch da finden wir Uebereinstimmung. Viel Lärms ist seit bald anderthalb Jahrzehenden erhoben worden über Aristokraten und, was gewöhnlich an sie angeschlossen wird, Ultramontaner, immer aber nur über ihre Lehren und Bestrebungen, über das, was sie in öffentlicher Stellung gethan und nicht gethan haben, dagegen beinahe nichts über ihren persönlichen Wandel; und doch würde gewiß, wenn von dieser Seite der Angriff so leicht wäre, dieß nicht unterblieben seyn. So auch damals. Gegen Eck, Faber, Murner und andere rüstige Verfechter des Angegriffenen ist viel Geschreyes zu hören, immer aber nur deßwegen, daß sie keinen Fuß breit je gewichen, daß sie zum Streit stets gerüstet, gewappnet immer an der Bresche sich gezeigt hätten. Oder sollten die Domherren, Priester, Professoren, Studenten, Rathsglieder, welche, unmittelbar nachdem zu Basel der Rath in die Begehren der Masse sich gefügt hatte, die Stadt verliessen, gerade die Leichtfertigsten, der Intelligenz nach die Unbedeutendsten, der Sittlichkeit nach die minder Ehrenhaften gewesen seyn? Ja, sie wären es gewesen, wenn den Zeugnissen der Sieger, die gegen Solche derselben Ehrlichkeit sich beflissen, wie die Radicalen unserer Tage gegen diejenigen, die ihrer Meinung ebenfalls nicht fröhnen können, keine unbefangenen Gegenzeugnisse zur Seite stünden. Unter den von Basel Abziehenden befand sich Glareanus, welchem freilich Oekolampadius »zur Verherrlichung Christi« nachrief: er seye »ein für Uebelreden und Schnurren geschaffener Mensch;« von dem aber Andere bezeugen: die Untadelhaftigkeit seines Lebens und seine Mässigung[593] seyen nur seiner ausgezeichneten Gelehrsamkeit gleichgekommen; Niemand habe eine bemessenere Lebensweise geführt, als er, der vertraute Freund des Erasmus, Budeus und Zasius. Auch der Domherr und Probst von St. Peter, Dr. Ludwig Bär, zog fort, ein Mann der doch wohl in jeder Bezichung allen Neuerern die Wage halten durfte, da Erasmus ihm sogar in einem Schreiben an den Rath das Zeugniß giebt: »Ihr habet an Ludwig Bär einen Bürger, einen rechtschaffenen Gelehrten und vorsichtigen Mann, der mehr mit einem einzigen Finger, als ich mit dem ganzen Körper zu leisten vermöchte.« Erasmus selbst zog weiter, obwohl er später wieder zurückkehrte. Zwar meint man dergleichen Männer dadurch herabwürdigen zu können, daß man sie für starrsinnig, in Vorurtheile eingerostet, unfähig, die grosse Bewegung der Geister zu begreifen und von dem Veralterten zu dem in jugendlicher Kraft erstehenden Neuen sich zu wenden, darstellt. Hätten aber die entschiedensten Anhänger und Verfechter der Kirche zugleich als die Schlechtesten, Ungebundesten, Gewissenlosesten, sittlich Verdörbensten sich erwiesen, gewiß würde man nicht ermangelt haben, dieses als Hauptargument für die totale Unhaltbarkeit des fünfzehn Jahrhunderte Bestandenen und für die umwiderlegliche Vortrefflichkeit des neu Aufgebrachten in die Acten zu verzeichnen. Was berichten dagegen diese von den Herolden des Umsturzes? Oder läßt sich Alles, was in Bezug auf sie darin sich findet, mit der Bemlerkung, es seye eben von Gegnern ersonnen worden, in Bausch und Bogen abfertigen? Und das Volk? Glaubt ihr, das immer und immer widerkehrende Predigen, jetzt von bisherigem Joch, Zwang und Druck, dann von Freiheit und abermals Freiheit, habe es im Gehörsam festigen können? Sollte die Lehre: der Glaube seye Alles, die Werke seyen nichts, die Sittlichkeit fördern? Mochte das immerwährende Fulminiren gegen Stiftungen, Almosen, gegen das, was man Werkheiligkeit nannte, zur Mildthätigkeit stimmen? Konnte das unablässige Losziehen gegen das Fasten zum[594] Mittel werden, die Mässigkeit beliebt zu machen? War das laute Geifern und Lästern, nicht allein gegen die katholische Kirche und Alles, was sie in sich schließt, sondern gegen einen Jeden, der sich die Freiheit nahm, das frei auszulegende Wort anders auszulegen, als die Wortführer, geeignet, den Gemüthern Sanftmuth, Vertragsamkeit, wahre christliche Liebe einzuflössen? Hätte die Weise, wie man über das Eigenthum der Kirchen und Klöster sprach, und die Art, wie man damit verfuhr, die Achtung vor dem Eigenthum erhöhen sollen? War man beflissen, dem Volk seine bisherigen Autoritäten verächtlich, verhaßt zu machen, durfte man denn so zuversichtlich erwarten, es würde unter neue, die keine andere Beglaubigung als ihr factisches Auftreten hatten, so leicht und willfährig sich fügen? Darf es eine so arge Verwirrung der Bauern genannt werden, wenn sie glaubten, durch das neue Evangelium von Zinsen und Zehnten sich befreyen zu können, daher mit emporgehobenen Armten demselben sich entgegendrängten, nachher aber, als sie sahen, daß sie blos den einen Herren an den andern, und wahrscheinlich den mildern an den strengern vertauscht hätten, der Pfaffen fluchten, sodann auch »dem Wort Gottes übel redeten?« ? Wenn irgend etwas die Länder, in welchen die Reformation sich festigte, vor gänzlicher Auflösung des gesellschaftlichen Zustandes bewahrte, so ist es blos das, daß die Förderer derselben, wollten sie nicht Alles zu Grund gehen sehen, wollten sie für ihre eigenen Personen eines immer nothwendiger werdenden Stützpunctes nicht entbehren, wollten sie die beibehaltenen Reste des Christenthums und deren Einwirkung auf die Gemüther nicht völlig verschwinden lassen, sich genöthigt sahen, dieses Christenthum, namentlich die Form, unter der es fortan in den von der Kirche abgerissenen Ländern erscheinen sollte, und hiemit sich selbst dem Verfügen der weltlichen Gewalt auszuliefern, dadurch, für ihre eigenen Personen zur Autorität zu werden unfähig, die eine durch die Spolien der andern zu bereichern; womit sie dann freilich mittelbar in das Bestehen der katholischen Kirche tiefer eingegriffen haben als insgemein angenommen wird.[595] Wie es endlich, damit auch die letzte Analogie nicht fehle, in der Gegenwart Solche giebt, welche die aufgestellten und durch so mancherlei Mittel verfochtenen Doctrinen bis in ihre äussersten Consequenzen verfolgen, so zeigt sich dieses auch damals. In jener Zeit, wie in der unsrigen, bebten die Einen nicht vor dem Princip, nur vor den letzten Folgen zurück, glaubten hingegen die Keckern, wenn jenes so untrüglich und beifallswerth seye, so dürfe nichts abhalten, auch dessen natürliche Folgerungen in dem weitesten Umfang in Anwendung zu bringen. In unsern Tagen sind es die Communisten, welche aus den gepredigten Menschenrechten ableiten, was Manchem, der jetzt noch rüstig sortpredigert, ohne das letzte Ziel zu beachten, einst Grauen verursachen könnte. Ebenso waren es in jenen Tagen die Wiedertäufer, welche aus der Verkündung der evangelischen Freiheit und der freyen Schriftauslegung volle Berechtigung zu Allemt, was sie lehrten und übten, in Anspruch nahmen. Daß in verschiedenen Puncten der Wortlaut der heiligen Schrift, der nun einmal nicht blos im Allgemeinen, sondern nach dem Verständniß jedes Einzelnen maßgebend seyn sollte, klar für dieselben spricht, das läßt sich gewiß nicht läugnen. Muß auch zugegeben werden, daß Einführung ihrer Lehre und gänzliche Auflösung des gesammten gesellschaftlichen Zustandes identisch gewesen wären, und darf, von dieser Seite betrachtet, ihre Unterdrückung eine schützende Maßregel genannt werden, so läßt sich doch fragen: mit welchem Recht diejenigen, die in Glaubenssachen gar keine Autorität anerkennen wollten, gegen Andere, die in eben demselben Princip wurzelten, dennoch sich selbst als vollkommen rechtsbefugte und untrügliche Autorität aufstellen durften? In letzter Beziehung läßt sich unter den gegebenen Umständen das Verfahren der Züricher und anderer, der damaligen Umwälzung huldigender Städte gegen die Wiedertäufer nicht besser rechtfertigen, als dasjenige gegen die Glieder der Kirche. Dieß ins Auge gefaßt, ist daher die damalige Erklärung des Raths von Zürich: »Was die Seele und das Gewissen, welche allein auf Gottes Wort gerichtet und[596] Gott allein unterworfen seyn sollen, belanget, so mögen sie der Menschen Zwang und Urtheil nimmermehr unterworfen seyn,« in das Gebiet der heutigen Proclamationen zu verweisen, in denen man insgemein viele schöne Worte, gedrechselte Phrasen und hochtrabende Betheurungen findet, die aber keinen gediegenern innern Gehalt haben als Seifenblasen. Auf das, was dort gesagt wurde: »es kann und mag auch kein Mensch Gottes Wort erkennen, die Gnade des Heiligen Geistes schrieb ihm denn das in sein Herz« beriefen sich die Wiedertäufer so gut als ihre Henker, nur mit dem Unterschied, daß während diese den Satz zur Redefigur machten, jene ihn zur Realität erheben wollten. Aber die Wiedertäufer befanden sich ebenfalls in der Minderheit, darum hatten sie Unrecht. Es soll zugegeben werden, daß des Bitterbösen, Verderblichen, Unwürdigen, Entarteten, Verwerflichen damals in der Kirche Manches sich gefunden habe; es fand sich aber in der Gesellschaft überhaupt; daneben war des Edlen, Guten, Würdigen, Achtungswerthen gewiß eben so viel noch selbst in damaliger Zeit zu finden. Die Geschichte hat nun einmal mit Vorliebe an Jenes sich gemacht, fleissig es herausgescharrt, zu Haufen getragen, aufgeputzt, zugestutzt, unter allen Formen hervorgehoben, so daß seit zwei Jahrhunderten alles Andere in Vergessenheit gekommen, an seinem Daseyn gezweifelt, es selbst als nicht möglich, ja nicht gedenkbar geachtet worden ist. So ist es denn von Mund zu Mund gelaufen und hat als aufgestellte und einzig festgehaltene geschichtliche Rückerinnerung den Wortlaut des berühmten Lobspruches auf die Wissenschaften für sich weggeschnappt: »Es muß die Jugend nähren, das Greisenalter ergötzen, das Glück zieren, in Widerwärtigkeit trösten, im Haus zum Zeitvertreib dienen, draussen beschäftigen, in's Bett, auf die Reise, zum Landleben begleiten.« Bleibe, wie Vieles für Bejahung spräche, selbst die Frage auf sich beruhen: ob das Böse, Faule, Madensrässige am Ende nicht durch den Organismus der Kirche selbst ausgeworfen und sie gesund worden wäre ohne das berühmte: hau, stich, brenn![597] Auch darüber will ich nicht rechten, ob diese Glaubenstrennung denn wirklich den menschlichen Geist so erstaunlich gefördert, die wahre Wohlfahrt der Staaten so unendlich gehoben, die ächte Würde des Menschen so kräftig vindicirt habe? Dagegen wäre es an der Zeit, vernünftige Menschen, die im Stande sind, in den Lehrbüchern der Vergangenheit sich umzusehen, mit dem immer wiederkehrenden Geleyer von aufgegangenem Licht, von göttlicher Erleuchtung, von höherer Gnade, von freyem Zustimmen so vieler Tausende und Tausende, von lauter tadellosen Mitteln, da, wo eine solche Masse von Thatsachen aus allen Gegenden spricht, wo eine solche Wolke von Zeugen kann aufgerufen werden' endlich zu verschonen. Behaupte, verfechte, verkündige man immerhin das Erste, es ist eine Meinung, die sich annehmen oder bekämpfen, jedenfalls hören läßt und die ein Recht des Bestehens hat, gleich mancher andern; das Letztere aber ist Lüge, ist mehr noch, ist Verläumdung der Wahrheit, Versündigung an dem gesunden Menschenverstand; es ist freche Anmassung, dem innern Sinn vordemonstriren zu wollen, lichtblau seye dasjenige, was dem äussern Sinn als rabenschwarz sich darstellt. Man behilft sich damit, es seye von anderer Seite in ähnlicher Weise gehandelt worden; obwohl es psychologisch von vorn herein angenommen werden muß, und es durch alle Geschichte hintennach bestätigt wird, daß grössere Rührigkeit, Ungestüm, Verwegenheit, gewaltthätiges Handeln nicht bei denjenigen zu suchen seye, welche Bestehendes erhalten wollen und gegen welche der Sturm sich richtet, sondern immer bei denjenigen, die gegen vorhandene, tiefgewurzelte Einrichtungen ankämpfen, dieselben zerstören, durch funkelneue sie ersetzen möchten. Es liegt dieß in der Natur der Sache. Denen, welche Bestehendes erhalten, vertheidigen, tritt etwas Bestimmtes, Gegebenes, Abgeschlossenes vor Augen; dieses legt ihnen Maaß, Ziel und Vorschrift auf; es wird ihnen zur Autorität, von welcher Gesetz und Oidnung ausgeht, welche die zerstreuten Kräfte nicht blos sammelt, sondern einigt und bindet und leitet, zugleich[598] aber auf diejenigen Mittel sie beschränkt, welche dem Zweck angemessen sind und durch diesen selbst sich rechtfertigen Das Alles findet bei denjenigen, die auflösen, niederrennen, zerstören wollen, nicht statt, dieses Alles liegt ihnen nicht ob. Wohl sind sie geeinigt durch ihren letzten Zweck, den des Zerstörens, nicht aber in Bezug der Weise, wie sie zu demselben gelangen, des Umfangs, in welchem sie denselben erreichen, der Mittel, deren sie sich bedienen mögen. Es bedarf keiner innern Uebereinstimmung, keiner Unterordnung, keines andern Einklanges, als desjenigen, Wille und Kraft gegen das zu richten, was angegriffen, bekämpft, zerstört werden soll. Dieser allgemeine Zweck läßt sich erreichen, wenn auch nebenbei noch besondere angestrebt werden; auch setzt derselbe der Anwendung von Mitteln keinerlei Gränzen, indem man sich zu jedem berechtigt hält, welches der Erreichung der Absicht extensivern oder intensivern Erfolg verbürgen kann, und der Eifer wird durch nichts gezügelt, weil er die Beseitigung dessen, wogegen er entbrannt ist, ebensosehr durchgreifend als in möglichster Ausdehnung bewerkstelligen mochte. Im Gegensatz gegen den aus tiefer Naturnothwendigkeit hervorgehenden Ungestüm einer zerstörenden Partei kann die Mässigung der katholischen Schweizercantone bei dem Frieden von Tennikon, welche sich begnügten, die Gefahr von dem eigenen Hause abgewendet, dasielbe gerettet zu haben, nicht abgeläugnet werden; und sie verliert nicht das Geringste an ihrem Werth, wenn auch nichts Anderes, als das etwas derbe Wort des Luzerner Schultheissen Golder: »Wollen die Züricher und Andere nicht an Gott glauben, so mögen sie an den Teufel glauben,« von allen Repressalien zurückgehalten hätte. Hier trifft wieder die alte und die neue Zeit auf merkwürdige Weise zusammen. Der Tessiner Revolutionär Luvini, der die Regierung mit gewaffneter Hand in offener Empörung verjagt hatte, ließ den Advocaten Nessi, welcher in gleicher Weise die Revolution stürzen wollte, ohne lange Procedur alsbald erschiessen. Die Aargauer Machthaber ließen Männer,[599] welche nur durch offene und erlaubte Mittel Garantien für die Kirche verlangt hatten, nächtlicher Weise verhaften und, als dieses die bekannten Folgen gehabt, zum Tod verurtheilen, Andere, deren sie habhaft wurden, in Kerkern behandeln, wie man keinen qualificirten Missethäter behandeln würde, Die Lucerner dagegen brachten gegen Meuterer, welche Spießgesellen aus andern Cantonen zu Verübung des Schauderhaftesten in ihr Land gelockt hatten, alle Rechtsformen in Anwendung, und banden sich hiedurch nicht allein die Hände, um mehr vollziehen zu können, wozu sie auf der Stelle berechtigt gewesen wären, sondern machten es selbst möglich, den wohlverdienten Strick des Henkers an Ovationen zu vertauschen, von welchen die Geschichte, als von urkundlichen Belegen über den Stand der öffentlichen Sittlichkeit, in ihren Jahrbüchern sorgfältig Notiz nehmen wird. Aber selbst zugegeben, die Verfechter der Kirche in jener Zeit hätten auf ganz gleiche Weise gehandelt, wie ihre Bestürmer, so darf doch nicht übersehen werden, daß ste die Augegriffenen waren, daß sie nicht blos ein Recht, sondern eine Pflicht der Vertheidigung auf sich hatten; daß Stellung, Obliegenheit, Gewissen, Eid ihnen Abwehr und Vertheidigung der Kirche auferlegten. Oder sollte, was Recht und Moral dem auf Tod und Leben Angefallenen gleichmässig unbedenklich einräumen ? die Befugniß der Nothwehr ? einer Institution nicht zustehen, dieselbe nur bei Gefährdung der zeitlichen Habe, des leiblichen Lebens eintreten dürfen, die innerste Ueberzeugung, die Bedingung des wahren und tiefern Lebens, schmiegsam den Angriffen jedes Störrigem, jedes Unbefugten sich fügen? Sollten ste hiemit ein offenes Zeugniß ablegen, nur dem Irrthum hätten sie bisanhin gehuldigt, an diesem festgehalten, in seelenmörderischer Täuschung sich und andere verstrickt; Wahrheit, zwingende Wahrheit liege einzig in bem sttacks abgekehrten Gegensatz gegen dasjenjge, was sie nach dem Vorgang von anderthalb Jahrtausenden geglaubt, gelehrt, geübt? Ferner darf nicht übeeschen werden, daß es eine sehr gewagte Sache seye, Jedem,[600] der gegen eine Institution, und dann vollends gegen eine solche auftreten mag, die weder von gestern her ist, noch auf einen kleinen Raum sich beschränkt, noch blos vorübergehende oder untergeordnete Interessen berührt, alsobald dieses geschehen und es ihm möglich geworden ist, einige Anhänger zu gewinnen, sofort eine ganz vollkommen in allen Beziehungen gleich gestellte Berechtigung des Bestehens, Bestrebens und Waltens mit demjenigen zuzusprechen, wogegen er auftritt. Zuletzt ist auch das nicht zu übersehen, daß nicht von dem Angegriffenen die Wahl der Mittel, die Weise und der Umfang des Angriffs ausgehen könne, sondern daß dieser vielmehr gewärtigen müsse, wann, wo und womit der Angreifende wider ihn anlaufen werde, mithin ein Gesetz der Nothwendigkeit ihm auferlege, zur Abwehr ähnlicher Waffen (dafern nicht die höhere Sittlichkeit sie unbedingt verwirft ? wie Lüge, Verläumdung, Verdrehung) sich zu bedienen, wie sie zum Angriffe gebraucht werden. Etwelche Vermuthung von Möglichkeit einer engern Verwandtschaft der Reformation und Revolution und Derjenigen, welche Beide betrieben, drängte sich jüngst sogar einem ganz einsachen, in höchst beschränktem Ideenkreise sich bewegenden Landmann protestantischer Confession auf. Er machte nemlich Andern die Bemerkung, zwar dürfe er über den Charakter und die Beweggründe der Reformation kein Urtheil sich erlauben, da er nichts von ihnen wisse. Aber als die jüngste Revolution angehoben und durchgeführt worden, seye er schon über die Jünglingsjahre hinaus gewesen; daher er sich wohl erinnere, was damals die Hauptbeförderer derselben als Beweggrund vorgeschützt hätten. Jetzt, da sie gelungen, stehe eben so klar vor seinen wie vor Anderer Augen, um was es eigentlich Jenen zu thun gewesen und wie von allen Versprechungen für den gemteinen Mann nichts in Erfüllung gegangen seye. Ob es nun nicht möglich wäre, daß auch die Reformatoren mitunter durch verwandte Gründe wären bewogen worden? Er könne und wolle nicht urtheilen, aber denkbar wäre es doch, daß vielleicht[601] auch damals nicht Alles so rein und lauter, oder so heilbringend, wie vorgegeben worden, gewesen seyn dürfte. Stünde es etwa besser in Deutschland? Flösse etwa hier eine klarere Quelle? Sollte die Lehre von der Unfreiheit des menschlichen Willens eine so reine, des Schöpfers würdige, die Menschen erhebende und fördernde, dem Evangelium übereinstimmende und dem grossen Zwecke desselben, der Verbindung der Erlösung und Heiligung, ? so besonders entsprechende seyn? Wäre es wirklich die Sprache eines »Gottesmiannes,« welche denjenigen, der die mit Offenbarung, Vernunft und Kiechenlehre übereinstimmende Freiheit des menschlichen Willens verfocht, mit folgenden Höflichkeitsworten bedient: »Stocknarr, Gauckler, grober Block, lügenhafter, giftiger Thomist, der würdig wäre, daß man ihn mit Ruthen auf den... striche; grober Esel, fette Sau, verdammtes Aaß, Ungeheuer, verruchter Schurke, gekrönter Esel, lästerlicher Tippel, unreiner geistlicher Dieb, lügenhafter König, verworfener Taugenichts, unsinnniger, schandbarer, toller Gottesdieb, Mörker, gefärbter Esel, eingefleischter Teufel,« wie Heinrich VIII seiner Widerlegung des Reformators wegen von Luther genannt wird? Oder ist es ein Zeugniß ? ich will nicht sagen für besondere Milde, Bescheidenheit, Duldung, sondeen blos ? für ejgene Würde, daß Luther den Erasmus, so lange er ihn auf gleichem Wege mit sich selbst glaubte, »die Zierde und Hoffnung Deuschlands, einen Mann nannte, der an Gelehrsamkeit und Geist ihn weit überrage;« hernach aber, als derselbe sein wildes Niederreissen, weil er dessen Folgen nicht mehr sich verbergen konnte, mißdilligte, ihn durch Benennungen, wie: »doppelzüngiger Betrüger, Werkzeug des Satans, Arianer und Erzketzer,« lästerte? ? Was wird erfordert, um eine Sinnesart rechtfertigen zu wollen, wie sie in Folgendem sich zu erkennen[602] giebt: Luther hatte, z.B. in seiner Schrift über die babilonische Gefangenschaft, bestimmt dafür sich erklärt, daß es dem Christen freigestellt seye, die Communion nur in einer Gestalt zu empfangen, und daß man glauben müsse, eine und beide Gestalten hätten die gleiche Bedeutung. Nun gleicht es doch einer Anwandlung von Tollsinn, wenn er anderwärts wieder sagt: »So sich der Fall ergäbe, daß ein Concilium die Communion unter beiderlei Gestalten zuliesse, dann wollten wir erst zu Verachtung des Concilii und seines Gebots allein Einer oder gar Keiner, mit nichten aber Beider (Gestalten) gebrauchen, und Alle verfluchen, die aus Gewalt des Concilii und seines Befehls beiderlei Gestalten gebrauchen würden. Wir fahren fort, Beides, wider sie zu lehren und zu thun, weil wir wissen, daß es ihnen wehe thut.« Wo will man ein Seitenbild zu dem an Verrücktheit gränzenden Uebermuth sinden, in welchem der »Theure« folgendermaaßen sich ausspricht: »Kein Engel im Himmel und vielweniger ein Mensch auf Erden soll und mag urtheilen über meine Lehre. Auch männig lich, wer sie nicht annimmt, kann selig werden; wer anders als ich glaubt, ist ein Kind der Hölle. Wer meine Lehre verdammt, den muß Gott verdammen.« Man hat freilich eine Rechtfertigung der, nicht blos selten vorkommenden plumpen Abweisungen, sondern immer wiederkehrenden gemeinen und pöbelhaften Ausfälle suchen wollen, daß man sich bemüht, dieselben zur Signatur eines derben und kräftigen Wesens zu stempeln, ja gar zum unverkennbaren Gepräge einer geistigen Gewalt sie zu erheben sich vermaß, daß man die Befugniß dazu als ungewöhnliches Mittel zu einem ausserordentlichen Zweck gleichsam von vornherein in Anspruch genommnen hat. Aber selbst dieß noch zugestanden, in welchem Lichte, und dieß einzig noch von dem Standpunct der Sittlichkeit, muß nicht ein Mann erscheinen, für welchen der Widerspruchsgeist (»wider sie zu lehren«) und die Ueberzeugung, Andern »wehe thun zu können,« zu Aufstellung neuer Lehren, wenn nicht das höchste, so doch überhaupt nur ein bestimmendes[603] Moment seyn konnte. Daß aber dieses für ihn ein überwiegendes Gewicht gewann, bezeugt Luther nicht allein in jener angeführten Stelle, sondern bei so mancher andern Veranlassung. Am Ende läßt sich freilich Alles rechtfertigen, zuletzt gar noch, wie es selbst hieran nicht fehlt, bewundern. Liebt man es aber so sehr, Luthern als sogenannten Wiederhersteller des Christenthums den Begründern und Verbreitern desselben an die Seite zu setzen, so seye uns eine einzige Frage erlaubt: Erscheinen die wahren »Gottesmänner,« deren die alte Kirche seit ihrer Einführung in die Welt durch alle Jahrhunderte, in den ersten aber, da es deren Bau, Verbreitung, Vertheidigung und Bekenntniß vor Kaisern und Landpflegern, unter Martern und Tod galt, eine so erlauchte Schaar aufzuweisen hat, erscheinen sie in einem andern Lichte, als in demjenigen der Demuth, Bescheidenheit, Wahrhaftigkeit, Redlichkeit, Lauterkeit, Beständigkeit? Hat von ihnen Allen, die von Nero bis zu Diokletian hinab verfolgt, gemartert, den Henkern oder den wilden Thieren zum Zerfleischen überliefert worden sind, ein Einziger den heidnischen Kaiser eine »Bestie, tollen Narren, Teufelsknecht, Tyrannen, der nicht gelitten, sondern von männiglich erschlagen und erwürgt werden sollte,« genannt, wie Luther den christlichen, aber nicht sofort seinen Neuerungen huldigenden Kaiser Carl V.? Wäre wohl in irgend einer Schrift eines Kirchenvaters beider Sprachen eine Stelle über Fürsten aufzufinden, die nur von ferne der folgenden gleichkämte: »es ist von Anfang der Welt selten gewesen, einen gescheuten Fürsten zu finden, und noch seltener einen, der ein ehrlicher Mann gewesen wäre; gewöhnlich sind sie die größten Narren und die größten Spitzbuben in der Welt«? In einem Sanskülottenblatt würde eine solche Stelle nicht befremden, aber bei einem Wiederhersteller des »lautern Worts Gottes« darf sie doch etwelche Bedenklichkeit wecken. Oder sollte bei dem Stifter einer neuen, oder bei dem Reiniger einer angeblich durchaus herabgesunkenen und verderbten alten Religion, die sittliche Würde, der ethische Werth ganz und gar dürfen in den Kauf gegeben werden?[604] Und ist es wohl je Einem, den wir mit Recht zu den »Gottesmännern« zählen dürfen, zu Sinn gekommen, die heiligen Schriften zu Gunsten seiner Meinungen zu verfälschen, wie Luther mit der bekannten Stelle Romi. III, 28 gethan hat? wo er auf eigene Faust das Wörtlein »allein« hineinschmuggelte und dann noch auf folgende Weise seine Fälschung rechtfertigte: »Wenn die Papisten euch wegen dieses Zusatzes fragen, so antwortet ihnen: Wenn ich Dr. Luther mich dessen hätte versehen, daß die Papisten alle zumal so geschickt wären, nur ein eintiges Capitel der Schrift recht und wahr zu verdeutschen, so wollte ich mich demüthig haben finden lassen und sie zu Uebersetzung des Neuen Testaments um Hülfe und Beistand gebeten haben; dieweil ich aber gewußt, daß Keiner recht weiß, wie man deutsch reden soll, habe ich sie und mich solcher Mühe überhoben. Wenn euer Papst mit dem Wort ?allein? sich viel will zu schaffen machen, so antwortet ihm flugs also: Dr. Martin Luther wills also haben, und spricht: Papist und Esel sey ein Ding. So will ich, so befiel ich, gegen meinen Willen gilt kein Räsonniren! Denn wir wollen nicht der Paplsten Schüler noch Jünger, sondern ihre Meister und Richter seyn; wir wollen auch einmal stolziren und pochen mit den Eselsköpfen. Ich bitte euch, ihr wollet solchen Eseln auf ihr unnütz Geplärr vom Wort ?allein? gar nicht mehr antworten, denn so viel: Dr. Luther will's so haben und spricht, er seye ein Doctor über alle Doctoren im Papstthum. Dabei soll's bleiben. Ich will sie verachten, so lange sie solche Leute (ich wollte sagen Esel) sind; denn es sind solche unverschämte Tropfen unter ihnen, die auch ihr eigen, der Sophisten, Kunst nie gelernt haben und legen sich gleichwohl wider mich in dieser Sache, die nicht allein über die Sophisterei, sondern über aller Welt Weisheit und Vernunft ist.«[605] Darf man sich in Betreff der Beweggründe und Mittel zur Reformation besser befriedigt erklären, wenn man den Blick nach England wendet? Findet man dort das reine Sehnen nach dem lebendigen Brunnen, nach dem Thau der göttlichen Gnade, nach der Erleuchtung durch den heiligen Geist? Hört man dort die Stimme zum Werde der neuen Schöpfung aus den lichten Hohen von Oben schallen? Haben dort an der mackellosen Wiege der neuen Geburt die himmlischen Heerschaaren das: Ehre sey Gott in der Hohe und Friede auf Erden, gesungen? Läßt es sich bestreiten, daß die kirchliche Umwälzung in diesem Lande die Frucht des Ehebruches, der Wollust, der Habsucht und der Blutgier gewesen seye, eingeführt durch einen meineidigen Erzbischof und getauft mit dem Blut des edlen Großkanzlers und des pflichtgetreuen Bischofs von Rochester? Und haben nicht dieselben Elemente, aus deren Umarmung das Kind hervorgegangen: Heuchelei, Habgier, Grausamkeit, unt seine Wiege gestanden, es groß gezogen, seine Erstarkung sich angelegen seyn lassen? Fiel etwa der Raub des reichen Bisthums Durham und der 645 Klöster, 90 Collegialkirchen und 110 Hospitäler, den Heinrich als Mittel seiner Vergeudung an sich gerissen, bei dem Gotteswerk so ausser alle Berechnung? Lag hierin gar kein Beweggrund, wenn nicht Lehre und Leben in seinem Lande zu verbessern, so doch von der alten Kirche sich loszureissen? Hatte nicht hierin der Wüstling sein Evangelium gesucht und gefunden? Und sollte das Eigenthum von 2374 geistlichen Stiftungen, in welchem Eduards VI. schändlicher Oheim, der Herzog von Sommerset, mit gleichgesinnten Genossen herumgeschwelgt, für ihn nicht hellern Glanz um das neue Licht verbreitet haben? Da möchte einem wohl Johann von Müllers Wort zu Sinn kommen: »Ich bin der Meinung, daß das gothische Gebäude der alten Kirche, welches ich nie hätte an zünden mögen, durch Mordbrenner, denen nur um Stehlen zu thun war, verbrannt worden ist. Die grossen Quaderstücke, die es so lange und sicher getragen, hätten zwar wohl vom Schutte gesäubert, nicht aber mit Papierballen[606] vertauscht werden sollen. Wer wird sich lieber einem nagelneuen, unprobirten Schiffe anvertrauen, als einem, das schon mehrere Reisen gemacht hat?« Es ist wahr, die Königin Maria hat während fünfjähriger Regierung 279 Personen, die von der Kirche abgefallen waren (der Mehrzahl nach aber zugleich der Empörung und des Verrathes sich schuldig gemacht hatten), hinrichten lassen. Aber war ihr hierin ihr Vater, keineswegs in der Absicht, das seit einem Jahrtausend Bestehende, als göttlich, heilig und heilbringend die Bewohner des ganzen Reiches erfüllend, durchdringend und einigend, zu erhalten, sondern um es seinen Lastern und seiner Laune zu opfern, mit seinem Beispiel nicht vorangegangen? und hatten nicht ihres Bruders Eduard habgierige Rathgeber deutsche Söldnerschaaren in das Land gerufen, um die Klage des Volkes, daß eine neue Religion ihm aufgedrungen werde, durch ihre Zügellosigkeiten zum Verstummen zu bringen? Wäre es nicht räthlicher, die Reformation, sammt Allem, was daraus hervorgegangen ist, nun einmal als Thatsache anzunehmen, als immer von dieser Erleuchtung, von jenen reinen und edlen Beweggründen, von lauter preiswürdigen Mitteln zu ihrer Einführung und Befestigung zu sprechen? Auch die Nachkommen eines Bastarden können ehrenwerthe, achtungswürdige, wohlgesinnte, tüchtige Leute werden; aber es wird ihnen deßwegen nicht beikommen, bei jedem Anlaß von der legitimen Herkunft ihres Ahnherrn zu sprechen, indeß Gerichtsverhandlungen und Aeten Jedem das Gegentheil beweisen müßten. Gewiß ist es allerwärts bei Einführung der Reformation eben so menschlich zugegangen, wie bei jeder Empörung; und die »jungfräuliche« Königin hat in ihrem Bestreben, die ihr beliebte Glaubensform ihren Unterthanen einzutreiben, vor dem französischen National-Convent in dem Bestreben, ganz Frankreich unter die Jacobinermütze zu bringen, nicht das Mindeste zum voraus. Ihre und diese Gesetzgebung unterscheiden sich lediglich durch den Gegenstand, gegen den sie gerichtet sind, durch den Zweck, den Beide fördern sollten. Was dem National-Convent[607] Royalisten und Aristokraten waren, das waren der Elisabeth Papisten und Priester, so wie den einen die Republik und die Citoyens, den andern die königliche Suprematie und die Protestanten gegenüber standen. Wer den Supremateid weigert, verliert das erstemal seine Güter, wird das zweitemal als Hochverräther behandelt, ? dort das Gleiche gegen Jeden, welcher Zweifel über seinen Civismus veranlaßt, der Republik nicht schwört; wer Jemand zur katholischen Kirche hinüberzieht, ist ein Hochvertäther, ? dort, wer einen Andern zur Auswanderung verlockt; wer Messe liest oder hört, wird um 200 Mark bestraft oder ein Jahr lang eingesperrt, ? dort, wer mit Royalisten in Verkehr tritt; wer das Bethaus nicht besucht, wird monatlich um 20 Pfund gebüßt, ? dort, wer nicht jedem Befehl der Municipalität alsbald Folge leistet; jeder Seminarist oder Priester, der das Königreich betritt, wird als Verräther behandelt und hat das Leben verwirkt, ? dort der ausgewanderte Royalist, der sich auf Frankreichs Boden wieder blicken läßt; wer dergleichen Personen aufnimmt, oder Unterstützung in das Ausland ihnen zusendet, wird verwiesen und verliert sein Vermögen, ? dort Aehnliches in Betreff der Aufnahme und Unterstützung der Royalisten; zwei Drittheile des Vermögens eines Jeden, der die Kirche nicht besucht, fallen der Krone anheim, ? hier ist die Republik nicht minder geldbedürftig und geldlüstern; Jeder, der anders betet, andere Gebräuche sich erlaubt, als in dem anbefohlenen Gebetbuch vorgeschrieben ist, wird lebenslänglich eingesperrt, ? dort das Gleiche hinsichtlich aller Vorschriften, Formen und Uebungen der Republik; alle Güter der Verbannten fallen dem Regenten als Oberhaupt der Staatskirche zu, ? dort, die Güter der Ausgewanderten der Republik. ? Was aber den Blutdurst betrifft, macht etwa die Krone schneller satt, als die Jakobinermütze, wenn wir bei einem gleichzeitigen Schriftsteller gelesen, daß während der ruhigsten und mildesten Zeitfrist von Elisabethens Gewalt, nemlich bis zum Jahr 1588, nur zwölfhundert Katholiken als Opfer ihrer Verfolgung gefallen seyen? Ein Unterschied zeigt sich blos[608] in der Weise, die Schlachtopfer zum Tode zu bringen: der National-Convent setzte das Fallbeil in Bewegung, die Jungfräuliche hingegen ließ sie erst aufhängen, dann zusammenhauen, aufschlitzen, die Eingeweide vor ihren Augen verbrennen, endlich sie viertheilen. Von der vielfachen Anwendung der Folter nicht zu sprechen. Jakobs I. legislative Tyranneyen, Karls I. blutige Unthaten und Cromwells jeden Begriff übersteigende Gräuel gegen Irland, Alles um dem »lautern Wort« die Alleinherrschaft zu sichern, sind Jedermann bekannt. Wäre aber England, welches seine Trennung von der Kirche unter so entsetzlichen Gräueln bewerkstelligte, zwischen Vergangenheit und Gegenwart einen Blutstrom als Marchscheide setzen wollte, in Bezug auf Gewißheit und Einigung im Glauben jetzt besser daran, als Deutschland? Wenn auch einige Cllieder der Hochkirche in ihrem Traum eines insularischen Special-Katholizismus noch so sehr wider die Benennung nach Individuen, wovon Englands getrennte Kir che stets verschont blieb, und wider eine, blos die Negation ausdrückende Bezeichnung (Protestanten) sich sträuben, und wenn sie noch so Grosses auf ihre bischöflische Einrichtung und auf die apostolische Succession sich einbilden, stünde es darum, die Sache genauer angesehen, mit dem dortigen Protestantismus besser, als in andern Ländern, die von der Kirche sich losgerissen haben? Angehoben mit der bischöflichen Würde und den bischöflichen Rechten, was ist die erstere Anderes, als eine Versorgungsanstalt für Begünstigte, für Freunde der jeweiligen Minister, ein Belohnungsmittel für bescheinte politische Gesinnung, oder für geleistete politische Dienste? dermassen, daß die Bisthümer Ely und Exeter längst schon offen als Lohn für boroughmonger betrachtet wurden. Der kirchliche Glaube solcher Beförderten und Ausgestatteten kommt gar nicht in Betracht, die politische Rechtgläubigkeit gilt Alles; ist diese bescheint, dann ist jedem Erforderniß Genüge gethan; und diese Herren sind während anderthalb Jahrhunderten hiedurch so schulgerecht geworden, daß[609] die Nonjurors, käme, wer da wollte, zu einer ausgestorbenen Gattung müßten gezählt werden, und man jetzt weit weniger über Solche erstaunen dürfte, die, wie vor bald bereits hundert Jahren Einer von ihnen gethan hat, schreiben könnten: »Die Nichtigkeit der christlichen Religion seye endlich an den Tag gekommen, und es lohne sich gar nicht mehr der Mühe, darüber nur eine Untersuchung anzustellen.« Dieser Ehrenmann war in der Mitte des vorigen Jahrhunderts Bischof von Baugor. ? Wie zäh sie dann an der Ordination und an etwelchen Formeln, die der Kirche entlehnt sind, noch festhalten: die Rechte der Bischöfe auf dem kirchlichen Boden sind gleich null; nicht einmal eine Zurechtweisung können sie an einen Geistlichen ergehen lassen; nicht die geringste, selbst seinen amtlichen Charakter berührende Foederung können sie an ihn stellen, ohne Gefahr zu laufen, gegen einen Stcäubenden vor weltlichem Gericht hierüber sich verantworten zu müssen. Kurz, die englischen Bischöfe stehen gerade auf derjenigen, Stufe, auf welche in einigen deutschen Staaten die katholischen Bischöfe ? vorläufig, und in Erwartung grösseen Fortschrittes ? heraborganisirt und darniederreglementirt werden sollten. Barüber ist in England die Geunblage des Glaubens nicht minder gewichen, als in Deutschland, das äussere Auseinandergeben aber, begünstigt durch Gesetze und bürgerliche Einrichtungen, ungleich weiter gediehen, als bei irgend einem andeen Volk. Da nun zugleich der demselben incarnirte Speculations-Etwerbs- und Gewinngeist zwischen die klaffenden Fugen der allgemeinen kirchlichen Auflösung sich durchwand, so gelang es hier, dasjenige, was in Deutschland ungetrübt blos in den Regionen des Verstandes- oder Gemüthslebens waltet, jenem Erdentwachsenen dienstdar zu machen und Abnormitäten, oder, wenn man lieber will, Enormitäten aus dieser Umschlingung zu erzeugen, die man andetwärts für unglaublich halten, da, wo noch ein reinerer Begriff des Höhern vorhanden ist, unbedenklich für Scheusale erklären würde, »Bie historisch-politischen Blätter« haben unlängst aus authentischen Quellen dergleichen[610] Monstruositäten uns vor Augen geführt. Daß für Partikular-Glaubensmeinungen Capellen, wie anderwärts Theater, durch Zusammenschüsse gebaut, hierauf vermiethet werden, ist noch die geringste. Dieß führt zu dem weit Eckelhafteren, daß das Verlangen und das Anbieten von Geistlichen nun den gleichen Weg durch die öffentlichen Blätter nimmt mit dem Anbieten von Kutschern, Köchinnen, Kinderwärterinnen und Lakayen. Wie denn die Einen ihre Geschicklichkeit im Pferdebesorgen, die Andern ihre Erfahrung in Bereitung eines schmackhaften Rostbeess anpreisen, oder von einer Kinderwärterin Reinlichkeit und Eingezogenheit vor Allem verlangt wird, so wird hier »standhaftes Predigen des gekreuzigten Christus,« ein »Evangelium in seiner Vollständigkeit und Freiheit,« hieneben auch »eine mächtige Stimme und ein eindringlicher Vortrag« allfällig hierauf reflectirenden Liebhabern ausgeboten, anderseits ein Geistlicher »von evangelischen Grundsätzen,« oder »von entschiedener Frömmigkeit und Geschicklichkeit« gesucht; so daß, was sonst einzig von der Kirche ausgieng, jetzt in den Bereich der zu miethenden und vermiethenden Sachen herabgesunken ist und förmliche Evangeliums-Engagements, wie Theater-Engagements, abgeschlossen werden. In welchen Knechtszustand diejenigen, welche ihrer ursprünglichen Bestimmung gemäß Herolde der geoffenbarten Wahrheit, Botschafter an Christi Statt seyn sollten, durch solchen Brauch herabgesunken sind, wie damit nicht allein jeder Begriff von Kirche, sondern von einem eigentlichen, unverrückbaren Wort Gottes unvereinbar seye, das darf wohl nicht näher erörtert werden. Welche Kluft liegt nicht zwischen den Worten: »Wie mein Vater mich erwählet hat, so habe ich euch erwählet,« »gehet aus in alle Welt und taufet sie im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes,« und dergleichen dissenterischen Intelligenzblätter- Offerten und Gesuchen! Das ist gewiß, daß in England die Parteyen allermindestens einander eben so ferne stehen, als in Deutschland; daß sie eben so heftig sich bekämpfen, als hier; und daß zwischenein[611] die religiöse Blasirtheit und der Unglaube eben so üppig wuchern, als in Deutschland, und allfällige Versuche, einen Rest der alten Lehren und Einrichtungen zu retten, auf ebenso entschiedenen Widerstand stößt, als hier. Zeh kann nicht umhin, nachfolgende Stelle, dieweil dieselbe in den jetzigen kirchlichen Zustand Englands den klarsten Blick eröffnet, den »historisch-politischen Blättern« zu entheben. »Die Bischöfe selbst, heißt es hier, sind getheilt, und Niemand in England weiß irgend einen Ausweg zu bezeichnen, ein Mittel des Friedens und der Versöhnung anzugeben. Die jetzige Generation ärntet, was ihre Vorfahren gesäet haben, und mit jedem Tage tritt augenscheinlicher hervor die hilflose, die verzweiflungsvolle Lage einer Kirche, welche weder ein gemeinschaftliches, stets gleiches Bewußtseyn ihrer Lehren, noch irgend eine Lebendige, wahrhast anerkannte Autorität hat; einer Kirche, die nur auf todte, einander wiedersprechende, vor dreihundert Jahren im Sturnte und dem leidenschaftlichen Drange der Zeit verfaßten Urkunden beruhen kann, zusammengetragen durch Männer, die selbst von jedem Winde der Lehre umhergetrieben wurden. Und jetzt drängt sich ihr bei jedem neuen Zwischenfalle, bei jeder aufgeworfenen Frage das Gefühl ihrer selbstverschuldeten Ohnmacht auf; sie vermag nicht einmal mehr eine authentische Interpretation ihrer Bekenntnißschriften zu geben, weil es ihr an den nothwendigen Organen gebricht, weil die Bischöfe selbst keine Autorität besitzen und weil der Kampf der in ihrem Schooße bestehenden Parteyen sich nicht blos auf secundäre Puncte von untergeordneter Bedeutung, sondern gerade auf die Motive und Erkenntnißquellen des Glaubens und der Lehre geworfen hat.«[612] Fußnoten 1 Denkwürdigkeiten aus dem letzten Decennium des 18ten Jahrhunderts. Schaffhausen 1839. 2 Zum Theile abgedruckt, sammt einer andern hierauf bezüglichen Schrift, in der Sammlung meiner kleinern Schriften, Bd. I, S. 1ff: 3 Sie findet sich in der Sammlung meiner kleinen Schriften. Bd. I. S. 132. 4 Abgedruckt in meinen kleinen Schriften, Bd. I. S. 43. 5 Kleine Schriften, Bd. I, S. 56ff. 6 Die Erklärung hierüber s. Bd. I, S. 77 meiner kleinen Schriften. 7 Eine Erzählung über dessen Verlauf, sammt allen dahin bezüglichen Acten, habe ich bald nachher mit Zustimmung meiner Collegen herausgegeben: »Bericht und Actenstücke über die Ausscheidung des Stadt- und Cantonal-Guts zu Schaffhausen.« VIII und 191 S. in 8. 8 Es sind dieses Worte, welche ich alsbald nach diesen Begebenheiten in einer getreuen Relation über dieselben niedergeschrieben habe, die mithin von mei nen damaligen Gesinnungen und Ansichten der Sache Zeugniß geben, nicht Reflexionen späterer Zeit sind. 9 Ausflug nach Wien und Preßburg II, 213. 10 Kleinere Schriften. Vorrede S. XVI. 11 Der Antistes Hurter u.s.w. S. 13ff. 12 Antistes Hurter, S. 26, 27, 28f. 13 Ich habe diesem in meimem Ausfluge nach Wien, I, 314, ein Blatt gewidmet. 14 Abgedruckt als Beilage A in der Schirft: »Antistes Hurter« u.s.w. 
