
                              Schopenhauer, Adele

                                      Anna

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                               Adele Schopenhauer

                                      Anna

                    Ein Roman aus der nchsten Vergangenheit

                                  Erster Theil

                                Meiner Freundin
                                        
                               Ottilie von Goethe
                                        
                            geb. Freiin von Pogwisch
                                        
                                   gewidmet.

                                    Vorrede


Indem ich diese Bltter dem Publikum bergebe, erlaube ich mir die Bitte, sie
nicht fr eine auf wirkliche Ereignisse basirte Erzhlung anzusehen. Stadt,
Strae, Umgebung und das nicht mehr vorhandene Haus, in welchem ich selbst meine
frhste Kindheit verlebte, Sitten und Ansichten, die man damals in vielen
Thringischen Familien wiederfand, sind dem Erlebten entlehnt; ich whlte diesen
Hintergrund, um meinen Schilderungen eine grere Wahrheit zu sichern; aber
leider habe ich weder eine Familie von Waldau noch einen Brgermeister Mller
mit den Seinen in dieser Umgebung gefunden. Nur Sophie und Duguet sind, wie ich
gern eingestehe, naturgetreue Portraits, auf denen ich sorglich geweilt, die ich
zu meiner eigenen Freude in dankbarer Erinnerung ausgefhrt; mgen sie im Bilde
dieselbe wohlwollende Beurtheilung finden, die diesen trefflichen Menschen im
Leben Keiner versagte, der sie kannte.
    Wo aber ein blos zuflliges Zusammentreffen Aehnlichkeiten durch die sich
vervielfltigenden Wiederholungen gleicher Zustnde hervorruft, mge man mich
nicht zur Portraitmalerin stempeln, ich verwahre mich dagegen: denn ich fhle,
da ich auch nicht die mindeste Anlage dazu habe und nur eine so bestimmt und
scharf sich abzeichnende Persnlichkeit wie die unserer alten Diener mich zu
einer Charakteristik wirklich gekannter und mir werther Menschen verlockt hat.
    Das Allgemeine gewhrt so vielfachen, so reichen Stoff, da mir das Umbilden
zur Einzelnheit zu angenehm und zu leicht scheint, um es gern mit einer Copie
tglicher Begegnungen zu vertauschen.

                                      1806


Drauen wthete der Krieg mit seinem grlichen Gefolge: Brand und Plnderung;
in den Husern, in denen die bengsteten Einwohner der Stadt sich vor
krperlicher Mishandlung und dem Eindringen der feindlichen Krieger zu bergen
suchten, herrschte die Beklommenheit eines noch ganz ungewissen Geschicks.
Obgleich des Kaisers Befehl, die Erlaubni zur Plnderung, seit gestern schon
zurckgenommen, waren die entzgelten Soldaten nicht zu bndigen, die Ordnung
noch nicht herzustellen mglich gewesen.
    Noch blieben Thor und Thren fest verrammelt, alle Fenster und Lden
geschlossen; auf dem Steinpflaster der den, nur von Soldatenhaufen durchzogenen
Gassen mischten sich die Spuren des vergossenen Bluts mit den langen weien
Streifen des aus Uebermuth verstreuten Mehls - und immer noch wirbelten die
schwarzen Dampfwolken aus dem groen Schutthaufen empor, zu dem eine Reihe
Huser geworden, die der Feind zuerst beim Eindringen ber die Kegelbrcke auf
Napoleons Befehl angezndet. Wunderbar genug hatte die Flamme, wie eine
Riesenfackel, still und gerade fortgebrannt, ohne weiter um sich zu greifen. Ans
Lschen hatte Niemand denken knnen im entsetzlichen Drange des Augenblicks,
auch mochte es anfangs verwehrt worden sein - es wute kaum Einer vom Andern in
der Jeden aus allen Winkeln, einer Hydra gleich anstarrenden Angst!
    An einem Erkerfenster der Windischen Gasse standen, furchtsam einander
umfassend, zwei kleine Mdchen und sahen zu, wie des Nachbars Hofthor mit
Flintenkolben eingeschlagen wurde; da kam die Amme der jngeren Geschwister und
ri die Kinder zurck, dann lie sie rasch das grne Rouleau vor den Scheiben
nieder.
    Aber eben jetzt war drben das Thor gefallen und aus dem Innern des
nachbarlichen Hauses erklang lautes Wehegeschrei. Mit einem Satz war die kleine
Anna vom Stuhl am Fenster hinab und auf dem Boden, und ehe noch die Amme
Leontinen, die ihr zunchst gestanden, aus den Armen zur Erde entlassen konnte,
war jene ihrem Blick und Ruf entschwunden.
    Die Amme scheute vor Allem lauten Verdru; sie wandte sich sogleich zu den
andern Kleinen, die ruhig in ihren Bettchen neben einander lagen und schlafen
sollten, weil es Nachmittagszeit war - zu Mittag war freilich noch gar nicht
gegessen worden.
    Der Vater Anna's und der beiden Zwillingsschwesterchen war, als
Brgermeister, noch auf dem Rathhause, wo er sich selber keinen Rath wute, denn
er konnte kein Franzsisch; die Mutter stand drauen am Herd und sott
Kartoffeln. Anna lief an ihr vorber und durch den Gang, der das Vorder- und
Hinterhaus verband; aber die Thre am Ende desselben fand sie verschlossen.
Aengstlich klopfte das Kind mit den kleinen Fusten, rttelte gewaltsam am
Schlo und schrie aus Leibeskrften: Monsieur! monsieur Capitaine!
    St. Luce hatte gehrt, ein Zufall lie ihn gerade in der Nhe sein; allein
nun hinderte auch ihn die abgesperrte Thr, und er begann auf seiner Seite eben
so laut zu rufen: Madame, Madame! ffnen Sie doch! Geschwind!
    Jetzt brachte die vom Lrm geschreckte und aus der Kche hergeeilte Mutter
den Schlssel. St. Luce trat ein; aber eh' noch ein Wort unter ihnen gewechselt
werden konnte, hatte Anna die Hand des jungen Offiziers erfat und ri ihn, in
Thrnen, Schmeicheleien und Bitten zugleich ausbrechend, heftig mit sich fort in
das Vorderzimmer ans Fenster. Ein Blick gengte. Mit einem Sacre dieu! fuhr St.
Luce die Treppe hinab auf die Strae, stieg ebenfalls durch die zerlcherte
Hofthr und trieb nach wenigen Minuten ein halbes Dutzend brmtziger Kerls mit
flachen Sbelhieben desselben Wegs wieder hinaus und vor sich her. Schurken!
schrie er, und der Kaiser, der es verboten hat! Unsinnige!
    Fluchend zerstreute sich das Gesindel; St. Luce ging wieder in des
Brgermeisters Haus zurck, verrammelte mit Hlfe der Mutter und der Amme die
Auenthre und es ward Alles auf ein Weilchen still.
    Endlich ertnten drei leise Schlge an einem unteren Fensterladen und eine
wohlbekannte Stimme forderte Einla. Es war der Vater, aber mit ihm ein
Offizier, ein Regimentsarzt, der Majorsrang hatte, als Einquartierung. Der
Brgermeister hatte ihn sich selbst auf dem Bureau zugetheilt.
    Der erschpfte Mann setzte sich, noch innerlich bebend von all der Angst und
der Sorge, in eine Ecke des Wohnzimmers; ihm war zu Muthe, als habe er in seinem
eigenen Hause und Besitz kein Recht mehr. Die Mutter fhrte schchtern den
unwillkommenen Gast in die Putzstube, sah aber noch im Schlieen der Thre, wie
der Ermdete sich auf das gute, nur selten benutzte Sopha warf, und kehrte
niedergeschlagen zu ihrem Gatten zurck. Und wir haben nichts fr ihn zu essen
im Hause, nicht einmal Brot! seufzte sie.
    Diable! sagte Monsieur August, der Bediente des Regimentsarztes, ein
baumlanger Grenadier. Er hatte die Klage errathen und halb verstanden. Und mein
Herr will frhstcken! fuhr er fort.
    Frhstcken um ein Uhr Nachmittags? schluchzte die Amme, die das eine
franzsische Wort unterschied.
    Gib, was du hast, da nur Friede bleibt, sagte der gengstete Hausherr. Gib
doch nur um Gottes willen! Du hast ja die eine Wurst und backe etwa einen
Eierkuchen, nur mache mir den Major nicht verdrielich! Er ist unsere Sauvegarde
und schtzt uns vor der Plnderung!
    Die Mutter eilte fort. Und wir hatten seit gestern frh nur Kartoffeln,
sprach Anna, da kann er auch wol zufrieden sein.
    Unterdessen hatte der Major den Grenadier gerufen und fluchend den Befehl,
ein Frhstck zu schaffen, wiederholt.
    Die Brgermeisterin nahm nun die sechsjhrige kleine Leontine, die ruhig mit
ihrer Puppe spielte, auf den Arm. Willst du wol dem Major sagen, Leontinchen,
da wir nichts Besseres im Hause haben, da die Soldaten schon vorgestern Alles
weggenommen?
    Sie trug das Kind zum Major; das Dienstmdchen folgte mit Eiern, Wurst und
einer sauern Gurke, dem Lieblingsessen der Thringer. Laut lachend blickte der
Major auf die Gruppe. Was will uns denn die Nrrin? rief er aus.
    Die Mutter brachte zitternd ihre Worte auf Deutsch an, der kleine
Dolmetscher auf ihrem Arme wiederholte sie in reinem Franzsisch.
    Schwere Bomben! sagte der Major, noch immer lachend, du fingerlanger Schatz
sprichst Franzsisch?
    Weil ma bonne eine Franzsin ist, erwiderte eifrig das Kind, und ich rathe
dir sehr, dich nicht ber dein Frhstck zu beklagen, sonst bekommst du Schelte!
    Alle Wetter! Und wo ist denn diese saubre Bonne?
    Nun, bei der Mama!
    Und die Mama?
    Drben im Hinterhause, wo wir wohnen.
    Und nun sehe mir einer den Dummkopf von Brgermeister, der uns hier
einquartiert!
    Die Magd und die Hausfrau hatten indessen das sprliche Mahl auf den Tisch
gestellt, Anna trat mit den Kartoffeln hinzu. Ich spreche auch Franzsisch,
sagte sie, aber nur ein bischen. Der Offizier sah auf. Ich bitte sehr um
Verzeihung! fuhr Anna mit unbeschreiblicher Anmuth fort, indem sie die
Kartoffeln vor ihn hinstellte und mit der andern Hand eine kleine einladende
Bewegung machte.
    Kreuz Donnerwetter! August! sieh mir einmal nach, was all dies Getrtsch
eigentlich soll?
    Und August machte Kehrt, ward aber von Niemand zurechtgewiesen und brachte
also nach zwei Minuten einen zitternden Beutlergesellen, der im Waschhause,
hinter den Waschgefen versteckt gelegen, und mit ihm ein hbsches in Thrnen
zerflieendes Dienstmdchen, die er auch unten gefunden.
    Ist das deine Mama? lachte der Major Leontine an.
    Aber das war zu viel fr Anna's Herz. Sag ihm doch, Leontine, bat sie, da
deine Mama eine fremde Dame ist, und da ihr im Hinterhause nach der Esplanade
zu wohnt, und sag ihm, da dies nur eure Marie ist, und da meine Mutter dich
geholt hat, weil du Franzsisch sprichst.
    Leontine that ihr Bestes. Ah! Deine Mutter ist eine vornehme Dame! und der
da? fuhr der Major fort, indem er auf den Beutler zeigte.
    Ei, das ist ja unser Liebhaber! erwiderte Leontine ganz ernsthaft.
    Nun aber war es um des Herrn wie um des Dieners Fassung geschehen. Beide
brachen in ein homerisch-unauslschliches Gelchter aus. Eine Flut von Witzen
und Zweideutigkeiten berschttete den armen Beutlergesellen mit einer
Verlegenheit, die ihm helle Schweiperlen ins Gesicht trieb und um so peinlicher
war, da weder er noch die brigen Anwesenden ein Wort von dem Allen verstanden.
Nur die beiden Kinder belustigte die Scene und Anna lachte herzhaft mit.
    Unterdessen hatte der Major gegessen und eine mitgebrachte Flasche Wein
geleert; der gute Humor prdominirte. Rasch sprang er auf, nahm Leontine auf den
Arm, gab dem Beutlergesellen einen Tritt in den Rcken und trieb ihn vor sich
her zur Thr hinaus.
    Komm, mein Liebchen, wir wollen deine Mutter besuchen!
    In tdtlicher Angst folgte die Hausfrau mit Annen an der Hand. Auch die
Annemarie wollte ihren Schatz nicht aus den Augen verlieren.
    Man hatte, wie schon erwhnt, der Ordnung halber den Gang gesperrt, der oben
die beiden Wohnungen verband; ungern wollte die Brgermeisterin ihn anzeigen,
dennoch konnte sie dem Fremden das Kind um so weniger allein berlassen, als es
ihr anvertraut war. Mit bittenden sanften Vorstellungen suchte sie den Offizier,
der sie nicht im mindesten beachtete, von seinem Vorhaben abzubringen; umsonst,
und so gelangte die ganze Karavane auf die Hausflur, die zwar in Verbindung mit
dem Gange stand, aber auch eine Treppe hatte, die, abgesondert von demselben, in
den Hof fhrte.
    Hier wohnt Wilhelm, sagte im Vorberkommen Leontine. Sogleich machte der
Major Anstalt, in die verschlossene Stube zu dringen. Der Liebhaber warf sich in
Todesangst dem Helden zu Fen und flehte um Schonung.
    Imbcille! brllte der Franzose, indem er ihm einen zweiten Futritt gab.
    Monsieur August hatte dem Flehenden lngst einen groen Stubenschlssel aus
der Tasche gezogen, mit dem er ganz gelassen das Zimmer ffnete. Auer dem Bett
und Handwerkszeuge des armen Burschen, war nichts in der Kammer zu sehen, und
nun wurde der in seinen Erwartungen getuschte Major alles Ernstes bse, weil er
sich genarrt glaubte; da der arme Beutler sein Bischen Geld unter den Wurzeln
eines abgeblhten Nelkenstockes verborgen, der im Winkel stand, fiel ihm eben so
wenig ein wie Allen, die vor ihm da gewesen.
    Unter vielen, von allen Seiten unverstandenen Reden rckte indessen der
kleine Haufe, der jetzt muthig voraneilenden Leontine nach, durch Hof und
Schuppen, eine andere Treppe hinan, und pltzlich standen Alle in dem von Frau
von Waldau bewohnten Hinterhause, in einer Kche und vor einer appetitlichen
dicken Franzsin von etwa sechs und dreiig Jahren, die mit Hilfe einer Magd
Tassen und Glser aufwusch.
    Oho! sagte Madame Sophie, da bekomme ich ja viele Zuschauer beim
Glsersplen.
    Ist das deine Mutter? fragte der Major.
    Das ist ma bonne Sophie! jubelte Leontine ihr in die Arme laufend.
    Mein Herr, Madame nimmt jetzt keinen Besuch an, sagte ganz trocken Madame
Sophie.
    Das wollen wir einmal sehen! donnerte der Major.
    Sophie erschrak doch ein wenig; sie versicherte, sie wolle nachfragen, ob
Madame zu sprechen sei - da ffnete sich eine gegenberstehende Thre.
    Frau von Waldau! rief die Brgermeisterin. Ach, es ist nicht meine Schuld,
gndige Frau!
    Frau von Waldau trat den Eindringenden ruhig entgegen. Es war eine
stattliche gelassene Erscheinung, nicht schn, nicht hlich, mit der sichern
und vornehmen Wrde der Haltung, die man bei unserer weiblichen Aristokratie oft
findet und die meistens sogar der Zgellosigkeit imponirt. Rasch hatte sie sich
mit der Brgermeisterin verstndigt, und ehe noch der Major das Zudringliche
seines Eintritts irgend bevorworten konnte, war diesem St. Luce aus einer
offenen Nebenthre entgegengekommen, hatte seine Hand ergriffen und ihn in aller
Form der Frau Baronin von Waldau vorgestellt.
    Die Scene auf dem Verbindungsgange, die Gewalt, mit welcher er sein
Erscheinen hier erzwungen, Alles wurde durch das besonnene Betragen jener Beiden
so gnzlich ausgelscht, da der Major selbst kaum sich dessen zu erinnern
vermochte. Frau von Waldau versicherte sehr hflich, er sei ihr willkommen; und
da in der jetzt Alles umwogenden Unruhe ein friedliches Asyl mehr denn je als
Bedrfni erscheine, so habe sie gesucht, ein solches in ihren Zimmern sich zu
bewahren, wobei ihr die Galanterie und Ritterlichkeit seiner Landsleute zu Hilfe
gekommen. Wenn es erst gelungen sein wrde, die tobenden Massen noch in etwas
mehr zu beschwichtigen, hoffe sie ihn bei lngerem Verweilen auch bei sich in
ihren kleinen Abendcirkeln zu sehen; fr den Augenblick sei freilich noch Alles
zu aufgeregt.
    Der Major stotterte einige unbehlfliche Phrasen und begann Leontinens
Liebenswrdigkeit zu preisen, was ihn glcklich in Zug und zu Erwhnung des
Liebhabers brachte, der eigentlich sein Kommen veranlat haben sollte.
    Die gndige Frau lchelte, erklrte in zwei Worten, wie die Liebschaft des
gengsteten Beutlergesellen zu einer ihrer Mgde diesem den Spitznamen
verschafft habe; und ehe noch der Major es selbst wute, hatten er und St. Luce
sich beurlaubt und dieser ihn in sein Quartier zurckbegleitet.
    Und nun, lieber Major, bitte ich Sie, der Baronin, die unter den ganz
besondern Schutz des Prinzen Murat gestellt ist, im Nothfall jeden Beistand
angedeihen zu lassen, wenn ich selbst meinem Regiment folgen mu, sagte St.
Luce, sich anmuthig verbeugend; es scheint da diese Dame in groem Ansehen
steht!
    Da er selbst mit unsglicher Mhe und Aufopferung Frau von Waldau den
erwhnten Schutz und eine Sauvegarde verschafft, davon sagte er kein Wort.
    Der Major bi sich in die Lippen und murmelte blos: Ich werde dir's
gedenken, mein Bester!
    Die nchsten Tage fhrten eine Art Stille herbei, die, wie ein trbes
Wasser, ihre Tcke barg. Die Plnderer schienen zur Disciplin zurckgekehrt, auf
den Straen war Alles ruhig; nur geordnete Regimenter durchzogen sie und
glnzende Offiziere des nun angelangten Generalstabes sah man auf- und
niederreiten. In den Husern aber blieb die rohe Gewalt noch eben so entfesselt,
als sie frher es gewesen; einzelne Mishandlungen fanden immer noch statt, nur
war der Unfug minder merkbar. In diesen einzelnen Fllen aber zeigten sich
Kenntni der Sprache und billiges Gewhren gleich unwirksam, da die jetzigen
Forderungen nicht durch das Bedrfni des Augenblicks, sondern nur durch
Frechheit und Uebermuth erzeugt sein konnten.
    Leontine war nicht wieder zu Brgermeister Mllers hinbergekommen. Frau von
Waldau ngsteten die rden Spe und Liebkosungen des Majors, und Madame Sophie,
die sich selbst mit vollem Recht Servante-maitresse im Hause titulirte, hatte
schon gestern ihre Meinung gesagt, folglich blieb Leontine zu Hause, und Mllers
muten ohne Dolmetscher sich behelfen.
    Anna war den ganzen Tag betrbt gewesen, am Morgen war St. Luce auf seinem
schnen Schimmel fortgeritten mit seinem Regiment. Nun fiel ihr mit einem Male
ein, da er ein Franzose sei und also nach ihres Vaters Ausspruch zu den bsen
Leuten gehre, die das ganze Land unglcklich machten. Es war ihr unbegreiflich,
da er, so gut und schn, irgend Jemand unglcklich machen sollte; und sie wre
gern zu Waldaus hinbergegangen, um Leontinen zu fragen, die Mutter hatte ihr
aber die Kleinen zu hten gegeben, weil die Amme Kinderzeug wusch. Der Vater war
wieder auf dem Einquartierungsbureau. Anna erzhlte den Geschwistern, als sie
nebenan den Major sehr lustig lachen und singen hrte. Leise schlich sie hinzu -
die Thr war blos angelehnt - noch leiser schob die kleine Hand sie zurck.
    Aber, Monsieur Major! was machst du denn mit der Mutter Shawl? und die
Kette! und die weien Spitzen - Mutter! Mutter! brach das arme Kind in lautes
Weinen aus.
    Die Mutter kam und blieb versteinert an der Schwelle stehen. Der Major lie
sich nichts anfechten. Das wird meiner kleinen Freundin Spa machen! sagte er;
und die Herrlichkeiten verschwanden in seinen Mantelsack.
    Die arme Brgermeisterin nahm ihr schluchzendes Kind in die Arme und
beschwichtigte es mit Kssen; sie konnte nicht reden - kaum ein Seufzer entglitt
den zitternden Lippen; es war ihr zu Muth, als sei sie nirgend mehr sicher in
der Welt. Anna aber ri sich los: Bser Major, rief sie franzsisch aus, das
gehrt meiner Mutter! und streckte die Hand nach den verlornen Schtzen aus.
    Ah, kleiner Naseweis! Was geht's dich an? schrie ihr der Major entgegen.
Dich soll ja - - Eh noch die zagende Mutter das Kind an sich zu reien
vermochte, hatte es Monsieur August auf den Arm genommen und tnzelte mit ihm
zur Thre hinaus.
    Nun, nun, mein Herzchen, stille! ich gebe dir etwas anderes. Da! sagte er,
indem er sie niedersetzte und von einer Schnur, die er um den Hals trug, eine
goldne Berlocke lste, die er ihr gab. Bah! nimm sie nur! Sie ist mit vollem
Rechte mein! Der sie getragen, liegt auf dem Felde der Ehren! Nimm, nimm! und
zur Mutter gewendet, fuhr er pltzlich ganz leise fort: Ah! nix sag, Madame!
Monsieur le Major bs! bs! dazu machte er eine erklrende sprudelnd heftige
Bewegung und war fort, ehe noch die Rthin vom Schreck sich erholte.
    Mutter und Kind weinten. Anna hielt die Berlocke an's Licht. Mutter, Mutter!
ob er die auch andern Leuten genommen hat? und die Kleine wollte hinaus, sie ihm
wiederzugeben, aber Monsieur August war nirgends zu finden.
    Als am Abend der Vater heim kam und die Mutter ihm den Unfall klagte, war
auch der Major ber alle Berge.
    Anna hatte die Berlocke behalten; es war ein zierliches Posthrnchen von
Gold, eine der damaligen Modespielereien, die man hufig an der Uhr trug; sie
hatte fest beschlossen, sie Monsieur August zurckzugeben, wenn er wiederkme,
und sie deshalb an einem Bndchen um den Hals gehngt. Das Kind konnte sich gar
nicht denken, da man auf immer fortgehen, immer fortbleiben knne; sie hatte
nie an Reisen oder Abschied gedacht.

Leontine war viel weniger entwickelt, als ihre kleine Freundin; die uern
Erlebnisse zogen noch wie Guckkastenbilder an ihrer Seele vorber. Sie erzhlte,
da jetzt alle Abende eine Menge Offiziere zur Mama, Thee zu trinken, kmen, und
da Madame Sophie ihn im Gesellschaftszimmer bereiten msse. Und die alte
Frulein Wallstdt von oben kommt auch, schlo sie.
    Aber wo ist denn dein Vater? fragte Anna.
    Der sitzt noch im Dachstbchen, er kommt nicht und Mama hat mir streng
verboten, von ihm zu reden.
    Und Duguet?
    O, Duguet soll sich gar nicht sehen lassen, versicherte die Kleine. Sophie
hat gesagt, die Franzosen wrden ihr ihn gleich wegnehmen, wenn sie ihn fnden,
weil er auch ein Franzose sei.
    Kurios, sagte Anna, daran habe ich noch nie gedacht!
    So? fuhr Leontine altklug fort; sie sagt, er mte dann Soldat beim Kaiser
werden, und dann htte sie keinen Mann mehr!

Lieber Waldau, ich bin's, sagte flsternd eine weiche Stimme und ein leiser
Finger klopfte an die Thr des Dachstbchens.
    Wie lange, liebes Kind, willst du mich eigentlich hier gefangen halten?
sagte Waldau, der Eintretenden herzlich die Hand bietend. Mich dnken die
Gefahren dort unten fr dich weit grer, als die mich bedrohenden.
    Nicht im mindesten, erwiderte sie lachend, es sei denn, da du fr mein Herz
frchtest; denn allerdings mu ich, inmitten all der Angst und Unruhe, die
liebenswrdige Wirthin machen und alle Abend fnf bis sechs Offiziere bei mir
sehen, die mir unsre Einquartierung zuschleppt, und sehr schne Leute obendrein!
    O Josephine! seufzte Waldau, die Hand ber die Augen legend, welch eine
furchtbare Zeit! Dich unter den Feinden, den rohen Scherzen den Bravaden dieser
Schergen unsers Vaterlandes ausgesetzt - und mich hier, im Dachkmmerchen,
versteckt, wie einen Feigling, wie einen Hospitalkranken, Ausstzigen oder
Narren!
    Und bist du etwa nicht krank, Waldau?
    O ja, an meinen sechsundsechzig Jahren und den tausend Erfahrungen, die sie
mir aufgewlzt! - Aber hast du denn nun ordentlich warm zu Mittag gegessen,
Kind?
    Und ein wenig nrrisch bist du auch, lieber Freund, fuhr sie, die Frage
berhrend, fort. Deine Koblenzer Thorheit, die jugendliche Excentricitt, die
dich antrieb, dich als Beschtzer der Emigranten auszusprechen, hat wie die
meisten Kinderkrankheiten spte und bse Folgen hinterlassen.
    Josephine! ich war damals ein Mann! Als ich nach Paris kam - doch,
unterbrach er sich selbst, lassen wir das!
    Wenn die gute alte Wallstdt, die ich, als einzige Dame meines Bereichs,
nicht missen kann, mich nur nicht den ganzen Tag von dem unterhalten mchte, was
die Soldaten bei ihr geplndert haben! - Die Langeweile ist auch keine kleine
Qual, sagte, ablenkend, Josephine.
    Ist ihr denn so viel weggekommen? fragte Waldau.
    Keine Stecknadel! In unserm Hause ist gar nicht geplndert worden, und nur
theilweise drben bei Brgermeisters, wo unter andern der saubre Major, den mir
St. Luce noch zu guterletzt prsentirte, eine Kommode ausgerumt hat. Glaube
mir, Sophiens Kochen und Backen whrend der Schlacht, die Vorrthe, die wir
aufgekauft hatten, und der berraschende Empfang, der den Plnderern ward, haben
Wunder gethan. Nach einem Tage voll Blut und Kampf einen fr sie gedeckten Tisch
finden, das ist eine Verlockung, der es wahrhaftig schwer ist, bsen Willen
entgegenzusetzen. Diese Frau ist unser guter Engel.
    Aber du? du hattest bis gestern nur Kartoffeln?
    Bewahre, lieber Freund, ich hatte auch eine Tafel Chokolade zum Nachtisch. -
    Und heute? - fuhr er fort, in zrtlicher Bewunderung ihres heitern Muthes
ihre Hnde an sein Herz drckend - und heute?
    Nun, heute mut du Sophien fragen; du weit, da ich mich nicht um die
Details der Wirthschaft bekmmern darf!
    Ich habe aber gestern von Duguet gehrt, da sogar fr unsre Herzogin -
    Uebertreibung! Die Menge, denen die edle Frau den Schutz ihrer frstlichen
Nhe gewhrte, hatte vielleicht die Vorrthe aufgezehrt; die Franzosen hatten
die Bckerlden geplndert und zerstrt, die vorrthigen Mehlscke auf den
Gassen ausgeleert - wo sollten die Leute sogleich das Brot hernehmen, oder den
Muth, es zu backen? Bei uns hat man am ersten Tage fr sie nach einer Flasche
alten Wein gefragt; schade da ihn die Kerls schon allen ausgesoffen!
    Josephine! den ganzen Keller?
    Oui, mon ami! Bis auf ein Fchen Malvasier und weien Burgunder, den Sophie
irgendwo, in ihrer Tasche glaube ich, versteckt hat.
    Fnf hundert Flaschen!
    Haben uns gerettet, Waldau! Das sind Nebendinge. Als ich dich glcklich
berredet hatte, in dies Dachstbchen zu ziehen, da war alles gut! Nur einen
Augenblick, als die Kanonenkugeln wie Scheeren die Bume unter unsern Fenstern
beschnitten und die Zweige gegen die Scheiben anschlugen, war mir bange!
    Armes Kind! sagte Waldau bewegt, htte ich dich nicht in mein Leben
gerissen!
    So wrde ich auf andre Weise gelitten haben! Lieber Freund, wer darf in
unsrer Zeit auf ruhige Tage hoffen? Da du durch frhere Begnstigung der
Emigrationen, durch deine Freundschaft mit Turgot und Chateaubriand die Augen
auf dich gezogen, ist halb vergessen; das Schlimmste, glaube mir, sind deine
Artikel im Tartarus. Indessen geht Mancher, dem das Herz ngstlich schlug, jetzt
sorgenlos umher und spielt den Vermittler zwischen den Feinden und den der
Sprache nicht mchtigen Stadtbehrden. Warum sollten wir mehr zu frchten haben
als sie?
    Weil ich nicht so handeln werde.
    Thut nichts, dafr hast du eine gar gescheite Frau! Habe nur noch ein klein
wenig Geduld, ich habe dir bei allen Bekannten ein wunderschnes Podagra
angelogen!
    Und die Offiziere?
    Halten mich fr eine reiche Witwe. Sophie benimmt sich vortrefflich, sie ist
abwechselnd die Hausfrau, wenn Gemeine kommen und Duguet gerufen wird, oder
meine Gesellschafterin, meine Haushlterin, ich glaube sogar meine Duegna. Sie
singt mit ihren Landsleuten Nationallieder in lttich'schem Dialekt, die Gott
verstehen mag.
    Es klopfte wieder leise und Madame Sophie erschien mit der Hlfte eines
gekochten Huhns, hinter ihr die beiden Kinder.
    Eh! Sophie, wo hast du das her? riefen wie aus einem Munde beide Gatten.
    Dame! erwiderte Sophie, mit groer Gewandtheit den Tisch mit Silber deckend,
man ist nicht umsonst eine Ltticherin. Man hat seinen Landsmann.
    Siehst du! sagte lachend Frau von Waldau, so macht sie es den ganzen Tag.
Die gute Seele ist eine wahre Perle in dieser Zeit.
    Ich glaube, sie fhlt sich im gewohnten Element, sie die Revolution
erzeugte.
    Die Kinder unterbrechen das Gesprch. Mitten in Kriegesnoth und allgemeiner
Sorge breiteten Bildung und Anmuth eine Art Friedensasyl um die Leidenden. Aber
auch das angenehme angewhnte Gefhl der Wohlhabenheit hatte Theil an der
Gestalt des Augenblicks.
    Daheim traf die von Waldaus rckkehrende Anna die Mutter oft in Thrnen.
Seit dem Eindringen der feindlichen Truppen wollte das Wirthschaftgeld nirgend
mehr zureichen. Manches war, in den ersten Tagen der Drangsale vernachlssigt,
weggekommen, durch die Plnderer fortgeschleppt; nun zeigten sich von allen
Seiten Bedrfnisse, es mute Vieles neu angeschafft werden; alle Ausgaben hatten
sich vergrert und das Einkommen sich nirgend gemehrt.
    Der Brgermeister war ein ngstlicher Mann, rechtlich in hohem Grade,
dagegen um den Pfennig handelnd und sorgend. Die Mutter war dadurch gewohnt, das
Geld zu manchem kleinen Putz- oder Kleidungsstck von ihrem Wirthschaftsmmchen
abzusparen, jetzt mute es einzeln dem Vater fr alles Fehlende abgefordert
werden; es ward ihr ungern, oft mit Vorwrfen gegeben. Anna war erst acht Jahre
alt, aber sie fhlte mit der Mutter; - und wenn sie eben drben gewesen war bei
Waldaus, fhlte sie es noch tiefer. Wenn ich gro bin, will ich reich sein!
sagte sie.
    Aber es hatte nicht den Anschein, als ob Anna das Talent des Reichseins oder
Reichbleibens vom Himmel erhalten; kaum bekam sie irgend ein Stck Kuchen, ein
Spielzeug, was es auch sein mochte, so trug sie es hinber zu Leontinen. Nie
fiel ihr ein, da sie irgend etwas besitzen knne, das nicht eigentlich jener
angehrte, und mit stillem Entzcken weidete sie sich an der Freude, die sie der
kleinen Freundin bereitete.

Man sagt den glcklichen Stunden nach, da sie Flgel haben; mir scheinen die
unglcklichen in noch rascherem Flug zu entschwinden, nur ist eben ihr
Vorberziehen ein unmerklicheres, es gleicht dem lautlosen Schweben des
Nachtvogels oder der Fledermaus, deren Bewegung man nicht hrt. Jahre des
Elends, die im Entstehen unertrglich schienen, liegen pltzlich in langer Reihe
hinter uns. - Hast du das wirklich ertragen? fragt rckschauend das vor der
eignen Leidensfhigkeit zusammenschreckende Herz - all das Entsetzliche erduldet
- all die Schmach berdauert? Und vor Allem fragt so der Deutsche, der vor und
nach dem Handeln so viel, ach, oft so nutzlos spricht! - aber im Augenblick des
Leidens stille hlt und Unermeliches sich aufbrden lt, eben weil er die
Kraft des Ertragens und Hebens an sich kennt, und so erging es in jener
kummervollen Zeit dem Einzelnen wie den Nationen. Es reihten Tage sich an Tage,
sie wurden Monde, wurden Jahre der Erniedrigung, bis wir das Joch, das uns zu
erdrcken schien, zu dem Ziele hinzutragen gelernt, das uns mit dem Bewutsein
unzerstrbarer Strke den Vollgewinn der Freiheit wiedergeben sollte.
    Nach und nach hatte man die Offiziere mit der Anwesenheit eines kranken
Gemahls der Frau vom Hause bekannt werden lassen; als endlich Waldau unter sie
trat, waren sie lngst an ihn gewhnt, hatten von ihren Vorgngern ihn erwhnen
hren; Niemand sprte bei seinem Erscheinen seiner Vergangenheit nach, der
Feuerbrnde des Tartarus ward in jener kaleidoskopartig die Gegenwart stets
umgestaltenden Zeit kaum mehr gedacht. Man erzhlte, da der Kaiser bei Waldau's
Namennennung gefragt: Est-il auteur? aber die ihn zunchst Umgebenden gehrten
insgesammt zu den immer brillanter werdenden Abendzirkeln des Waldauschen
Hauses; ihnen war der Herr desselben so unschuldig, unbedeutend erschienen, da
die Antwort, verneinend oder ausbeugend, den Fall unerrtert lie.
    Und wer htte denn auch in diesem schweigsamen, fast theilnahmlosen Mann den
kaum vor wenig Jahren erst einer glnzenden Laufbahn entrckten Staatsmann und
Politiker zu erkennen vermocht?
    Waldau zeigte sich mit einem Male gnzlich umgewandelt: denn er war
zurckgetreten in lautlose Stille und lie das unselige Geschick seines
Vaterlandes an sich vorberziehen, wie einen verheerenden Lavastrom, ohne irgend
ein ueres Zeichen des Schmerzes. Er hatte sogar Stunden, in denen das ihm
eigne groe Combinationsvermgen ihn schon damals zu der festen Ueberzeugung
trieb, da nur ein allgemeines, grenzenloses Elend sein Volk allmlig wieder zu
einem siegverheienden Widerstande krftigen werde. Waldau war ein gelehrter,
tiefer Denker; der Glanz, der damals Preuens Jugend, besonders aber das
Militair, bis zum Uebermuth gesteigert hatte, mute seinen strengen Blick
ungeblendet lassen. Jahre lang hatte er die bunten Erscheinungen seiner Zeit,
wie eine rckwrts spiegelnde Fata Morgana betrachtet, die das Untere zu oberst
kehrt. Noch vor kurzem hatte er es versucht, seine Stimme warnend zu erheben,
jetzt war er verstummt; in dem ihm aller Wahrscheinlichkeit nach eng
zugemessenen Kreis der Tage konnte er nun nichts Groes zu erleben erwarten!
    Josephine hatte ihren Gatten sehr lieb; sie hatte den viel lteren Mann aus
Enthusiasmus geheirathet. Wenn man jetzt die anmuthig gelassene Erscheinung in
der Frbung sah, die ihr mannichfaches Erfahren, Zeitenwechsel und ganz
aristokratische Gewhnungen gegeben, konnte man sich gerade in ihr keine solche
Aufregung mglich denken. Auch war sie deren nur noch im tiefsten Herzen fhig,
und diese sehr seltenen inneren Erschtterungen der Seele nahmen immer eine so
bestimmte uere Form des Handelns an, da man kaum umhin konnte, sie fr
Frchte einer groen Besonnenheit zu halten. Und eine solche Frucht der ihr
ganzes Wesen durchzitternden Angst um Waldau war die Art und Weise, mit der die
noch an der Jugendgrenze stehende Frau es mglich machte, sich dem allgemein
lastenden Druck zu entziehen und um sich und ihren Gatten eine Gesellschaftsoase
zu bilden, die ihm uere Sicherheit und das geistige Lebenselement bot, von dem
die Erhaltung krper- und gemthskranker Menschen weit fterer abhngt, als wir
es uns eingestehen mgen.
    Umsonst umgibt uns der weite Wesenkreis der auf unsere Geistesfragen ringsum
antwortenden Natur mit analogen uern, die inneren Erscheinungen unsers Lebens
rckspiegelnden Erfahrungen; wir beachten sie nicht. Die Lsung so mancher
qulenden Verworrenheit liegt in Riesenhieroglyphenschrift um uns her gebreitet;
aber wir wenden unser Auge ab.
    Der Cappflanze geben wir mit stets erneuter Frsorge die ihr zusagende Erde;
wir stellen sogar die Gewchse zu einander, deren Odem eine verwandte Atmosphre
um sie her bildet, ngstlich entfernen wir die fremdartigen, denen vielleicht
gerade diese Ausstrmung gefhrlich werden knnte - nur den Menschen, die
edelste Blte der Schpfung, stoen wir kalt in eine ihn erdrckende, seinen
besten Eigenschaften fremde Umgebung! Wir knicken die zarten Keime seines
angebornen Empfindens und dann fodern wir eine Entwickelung von ihm, die kaum
das gnstigste Verhltni zu sichern vermocht htte.
    Zum Glck gibt es Frauen, die allenthalben instinctmig das Amt der
Pflegerinnen bernehmen. Wie man zuweilen Kinder eine Blume an die Lippen
drcken und gleich darauf ein runzliches, altes Muhmengesicht mit gleicher
Inbrunst herzen sieht, als leuchte dem frischen jungen Blick das Gttliche durch
jede Hlle zu; eben so unbewut verleihen jene edeln weiblichen Naturen der
schwankenden Ranke den Stab, dem wankenden Schritt den Arm, dem zagenden wie dem
erstarrenden Herzen die Umgebung, deren es zum Genesen bedarf!
    Und eine solche geborene Soeur grise alles Lebens war Josephine.
    Waldau htte ohne sie das Dasein nicht zu ertragen vermocht. Sie wute ihn
von einem Tage zum andern hinzuhalten und durch stete Theilnahme und stets
erneutes Interesse zu hindern, da ihn diese Mitteltemperatur der Existenz, die
so pltzliche Unthtigkeit, nicht vernichte.
    Was damals Weimar an ungewhnlich begabten Mnnern und anmuthigen Frauen in
sich schlo, das verstand Josephine um sich und Waldau herzuziehen, das Strende
suchte sie mehr und mehr zu entfernen, und ihr Haus ward bald mitten im Drang
der drckenden Zeitumstnde zum Sammelplatz aller wissenschaftlich Gebildeten
und Knstler.
    Fast mchte es unserer objectiven Zeit unmglich scheinen, die jenen
gewaltsamen Kriegsmomenten vorangegangnen stillen Jahre sich zu
vergegenwrtigen. Fabelhaft klingt es, wenn die ergrauten Denker und Gelehrten
jener Tage uns von der Abgeschlossenheit ihres damaligen geistigen Schaffens
erzhlen, unglaublich die Versicherung: da in Jena selbst, am Vorabende der
entscheidenden Schlacht, jeder von ihnen nur mit seinem wissenschaftlichen
Zwecke beschftigt, den Riesenschritt des Geschicks erst am Kanonendonner
erkannte.
    Und doch war dem so, und doch wurde eben durch diese Begrenzung so
Vollstndiges geleistet und sogar die Schpfung einer Volksbildung durch eine
bloe Theaterbhne mglich.
    Von dieser jetzt untergegangenen Subjectivitt, die so ganz verschieden von
der unsern, nur in ihrer eignen Thtigkeit sich spiegelte, gab es in Josephinens
Umgebung gar manche Beispiele. Was kmmerte diese die Politik! Freudig kehrten
alle die von Auen ungern gestrten Naturen in das durch sie ihnen gebotene
Lebenselement zurck. Ihre geselligen Kreise wurden bald land-, ja weltberhmt;
im Grunde dachte sie nur daran, ihren Gatten zu erheitern, unbewut aber fhlte
sie selbst sich hingerissen, gefiel gern, lernte gern im lebendigen
Geistesverkehr und ward bald zum Mittelpunkt desselben, denn sie verstand mit
unnachahmlicher Grazie zuzuhren.
    Auch Anna war jetzt viel bei Waldaus. Die kleine Leontine hatte eine Menge
Lehrer, es fehlte ihr aber noch an Sttigkeit. Anna's Eltern schickten diese in
eine ffentliche Mdchenschule, in der sie nichts lernen konnte, weil nichts in
derselben grndlich gelehrt ward. Die Eltern kmmerte das wenig, schrieb doch
die Mutter selbst nicht orthographisch. Auch waren die Brder, die frher bei
einem Verwandten, einem Landpfarrer, in Pension gewesen, nun heimgekehrt. Der
Brgermeister fand, da deren Erziehung ihm tglich mehr kostete, und wandte um
so weniger an Anna's Unterricht.
    Die Buben aber waren wild und ungezogen; war der Vater im Rath, konnte die
Mutter nicht mit ihnen fertig werden; und die Amme, die zur Wartung der Kleinen
im Hause geblieben, machte ihr viel bse Stunden durch tgliches Anklagen
derselben.
    All diesen Uebelstnden grndlich abzuhelfen, nahm endlich der Brgermeister
einen Gymnasiasten in's Haus, der den Knaben das nthige Latein einbluen
sollte. Anna, meinte er, knne beim Repetiren der Weltgeschichte und Geographie
gegenwrtig sein und die Krmchen der brderlichen Gelehrsamkeit auflesen.
    Es versteht sich, da der achtzehnjhrige Primaner die Buben ebenso wenig in
Ordnung zu halten im Stande war als die Brgermeisterin; hchstens verga er bei
ihnen sein eignes Latein.
    Der armen Anna ging es durch Mark und Bein, wenn Herr Schmied in seiner
Verzweiflung die Jungen beim Papa verklagte und dieser sie mit vterlicher Hand
frchterlich durchprgelte; noch mehr widerte es sie an, wenn der Schler mit so
einer Execution den Knaben drohte und andere Male Versteckens oder Blindekuh mit
ihnen spielte, zuweilen sogar zu seltsamen Bestellungen sie benutzte. Anna
fhlte ein dunkles Unrecht, einen Schmerz in dem Allen und nahm mit doppelter
Freude die Erlaubni an, Leontinens Unterricht mit dieser zu theilen.
    Aber wenn es nun nach langer Woche endlich Sonntag war und die Magd die
Stube mit feinem Sand bestreut hatte, wenn die mit rothem Kattun bezogenen
eichenen Meubles im Sonnenschein glnzten, Mutter und Kinder geputzt zur Kirche
gingen, o dann war Anna weit lieber zu Hause, denn drben merkte man ja den
Sonntag gar nicht!
    Sie freute sich an Allem, am Sonntagsbraten, am Trpfchen Wein, das die
Geschwister bekamen, an den frisch gefllten Blumenvasen und vor Allem an der
Mutter; denn an diesem Tage zog die Brgermeisterin einen weien, garnirten Rock
an und ein Negligejckchen mit rosa Bandschleifen; und dann kam ihr alter
Verehrer und Hausfreund, der Prsident Ballheim und machte ihr eine
Morgenvisite.
    Und das Alles war so feierlich und schlug wie eine Wnschelruthe aus Anna's
poetischer Seele tausend Quellen des Glcks hervor!
    Wer in jenen Tagen Thringen und Weimar gekannt hat, mu sich erinnern, da
die jetzt so oft an einzeln uns erhaltenen Beispielen bewunderte Einfachheit der
huslichen Einrichtungen damals ganz allgemein war und der Luxus unser Lndchen
weit spter berhrt hat. Dennoch waren die Stnde durch Umgang und uere
Lebensbedingungen geschieden, das Waldau'sche Haus hielt die Mitte zwischen
Hof-, Brger- und Knstlerwelt.
    Waldaus waren Fremde; sie hatten grostdtische Sitten, in ihrem Hause
geschahen eine Menge Dinge, die Brgermeisters fr unpassend erklrt haben
wrden, wren sie je in diese Zirkel gekommen; das aber fiel beiden Familien
auch nicht im Traume ein.
    Josephine hatte eine Ahnung von Anna's Charakter; allein die tausend
Nadelstiche des so frh gestrten Lebens konnte sie nicht gewahren, weil sie
deren Huslichkeit nicht kannte.
    Wenn die Brgermeisterin ohne Vorwissen ihres Mannes Kartoffeln oder Aepfel
aus dem Garten verkaufte und sich von deren Erls ein Tuch, eine Haube
anschaffte, ahnete Niemand, da Anna der Vergleich der Art und Weise, wie Waldau
und seine Gattin lebten, so schmerzlich ins Herz schnitt, und doch, wenn ein
ander Mal das Kind von seinem Bettchen aus die Mutter in tiefer Nacht, bei einem
einzigen Licht, an der Christbescheerung fr die Kleinen heimlich arbeiten sah,
wenn es die tausend Ersparungen und Berechnungen bemerkte, durch welche die
theure Frau den Geschwistern ein Spielzeug mehr auf den Weihnachtstisch legen
konnte, dann fhlte es sich wieder tausendmal glcklicher als Leontine, deren
Wnsche so leicht und nebenher erfllt werden konnten. Annen ward dann Alles
lieber, instinctmig empfand sie einen Vorzug ihres Geschicks und es ward ihr
ernst und still beim Fest zu Muthe. Das schwarze Kleid der Mutter, das
Kuchenbacken, ja sogar das vorangehende Fasten rhrte sie durch einen
geheimnivollen beglckenden Zauber; aber Anna verstand sich selbst eben so
wenig, als Frau von Waldau sie begriff.
    Drben zerfiel indessen das uere Leben auch in zwei Hlften. Madame Sophie
hatte eine eigenthmliche Atmosphre, die eben so sehr von der ihrer Herrschaft,
als von dem thringisch-brgerlichen Leben abwich. Man spricht so viel ber das
Festhalten der Englnder an ihren Sitten und Gebruchen auf dem Continent, sie
machen etwas mehr Umstnde dabei, als die Franzosen, die am Ende dasselbe thun.
Denn es bleibt hchst bemerkenswerth, da selbst die Revolution mit ihren Folgen
die eigentliche Familiensitte des Petit bourgeois nicht anzugreifen vermocht
hat!
    Madame Sophie wurde noch mit altvterischer Galanterie von ihrem Manne
behandelt, der trotz seiner zahlreichen Infidlits sie entschieden als
Hauptperson anerkannte und von seinen Landsleuten sich le mari de la femme de
regret nennen lie; liebte ihn doch diese Frau aus Herzensgrunde und verdeckte
unermdlich alle seine Schwchen!
    In der hhern Gesellschaft war der Muth, mit welchem sie ihre Herrschaft vor
der Plnderung bewahrt, zu allgemein bekannt, als da man sie einer gewhnlichen
Dienerin htte gleichstellen mgen.
    Auch war sie eine durchaus angenehme Erscheinung, voller Witz und Verstand,
ungezwungen und dennoch bescheiden. In ihrer rein bewahrten Nationalitt lag ein
so eigenthmlicher Reiz, da beinahe keiner der berhmten Gste des Waldau'schen
Hauses an Madame Sophiens Thre vorberging, ohne auf ein Viertelstndchen bei
ihr einzusprechen. Bei diesen Gelegenheiten entfaltete sie eine Menge durch
Erfahrung erworbener Kenntnisse, und belustigte oft ihre Zuhrer durch die
wunderlichsten Aufklrungen ber Zeitumstnde, die ihnen in ganz anderem Lichte
erschienen waren.
    Die Kinder waren viel um sie und hrten solchen Gesprchen gern zu, noch
lieber aber lieen sie von ma bonne's eigener Vergangenheit sich erzhlen. War
die Gesellschaft oben beisammen und Duguet beschftigt, nahm Sophie die beiden
kleinen Mdchen auf den Schoos und erzhlte ihnen: von Ludwig des Sechszehnten
Tode, von der Emigration und wie sie damals als Kammerfrau im Dienst der schnen
Grfin D'Alvigni gestanden. Und Bild auf Bild drngte sich hervor aus dem tiefen
Schacht ihrer Erinnerung.
    Dann sprach sie weiter von den Clubs, den Jakobinern und der Zeit der
Terreur, deren Greueln sie mit der grflichen Familie entflohen; sie beschrieb
den Kleinen den Strombergang der Verbndeten ber den Rhein bei Mhlheim und
die herzzerreiende Trennung des Grafen von seiner Gemahlin, die erst nach
Jahren erfuhr, da auch ihn bald nachher das Beil der Guillotine getroffen.
Dazwischen aber webte ihr heiteres Naturell humoristische Skizzen des
Emigrantenlebens; Grafen und Marquis traten als Schneider und Schuster auf, um
wiederum an Galatagen, bei ihren Zusammenknften, mit den alten Abzeichen ihres
Ranges zu glnzen.
    Die bunte Mischung all dieser Bilder fhrte die Kinder in eine Realitt des
Lebens ein, die ihnen kein Geschichtslehrer geboten haben wrde.
    Nun malte Sophie die sich steigernde Noth aus; die Scenen wechselten immer
geschwinder; schon hatte die Grfin alles verkauft, was sie von Werth gerettet;
ma bonne ward Wscherin und ernhrte sie und ihre beiden Kinder.
    Anna ward sehr ernsthaft, sah sie freundlich an und fiel ihr endlich
schweigend um den Hals.
    Aber das Elend wuchs. Sophiens Erwerb reichte nur sprlich, Duguet war
seinem Herrn gefolgt, mit ihm verkleidet ber die franzsische Grenze
zurckgegangen. Nun ward es Winter. Mit frchterlicher Gewalt schwemmte der
Eisgang seine Krystallblcke daher, als Sophie zum zweiten Male mit ihrer
Gebieterin Mhlheim berhrte. In wilder Eile setzten eben Truppen ber den
theilweise freiwerdenden Strom. Das Gedrnge war unbeschreiblich bengstigend;
durch lange Gassen verschlossener Huser irrten Sophie und die grfliche Familie
auf und nieder, ohne ein Unterkommen zu finden; den Kindern bluteten die zarten
Fe und versagten den Dienst. Mhsam schleppte Sophie sie weiter; endlich ward
eine schlechte Schlafsttte mit vielem Gelde erkauft - Mutter und Kinder ruhten.
Sophie wagte noch einmal sich hervor, Nachrichten einzuziehen und Lebensmittel
einzukaufen; auf diesem Wege aber ward ihr sehr unwohl. Die Unglckliche blieb
in einem fremden Hause auf den Marmorquadern eines Vorplatzes liegen; als es
ihre Krfte gestatteten, kroch sie mhsam auf Hnden und Fen unter einen
dunkeln Treppenvorsprung. - Niemand beachtete, niemand gewahrte sie, und dort
gebar die Arme einen Sohn.
    Wenn Sophie bis dahin erzhlt hatte, brach sie in unaufhaltsames Weinen aus
und schickte die kleinen Mdchen zu Bette.
    Aber die Kinder konnten nicht schlafen; Leontine sah, wie Sophie eine seidne
Schnur hervorzog, die sie um den Hals trug, und ein daran hangendes zerbrochenes
Geldstck lange betrachtete. Als einmal Anna sie fragte, was denn aus ihrem
Kinde geworden, sagte sie, es sei lange todt, man msse nicht davon sprechen.

Lngst hatten die Tage der Unterdrckung zu Jahren sich gereiht, Napoleon hatte
den Kaiser Alexander zu sich nach Erfurt berufen und der spanische Feldzug
bereitete sich daselbst vor.
    Josephine sa allein in ihrem Zimmer. Waldau war seit einigen Wochen
leidender und schwcher geworden. Beklommen sah sie dem Feind aller zehrenden
Uebel, dem Herbst, in's bunte Blumenauge - ach! mit den Blttern und Frchten
fallen die Menschen der Erde zu und die farbigen Bltensterne legen sich,
Auferstehung verheiend, auf deren Grber!
    Josephine hielt eine Menge unerffneter Briefe in der Hand. Sie erwartete
weder Gutes noch Bses aus der Ferne, die nchste Nhe war's, die so beengend
auf ihr lastete. Es ist etwas Entsetzliches um das unaufhrliche gespenstische
Auftauchen der Angst um ein geliebtes Leben, wie man auch den Gedanken an das
uns Drohende zu bannen suche: immer umschleichen uns die Schatten der Sorge mit
ihren heimlichen Dolchen und berfallen uns in heitrer Gegenwart, wie Diener
eines Vehmgerichts, mit pltzlichem Entsetzen.
    Endlich fiel Frau von Waldau's trber Blick auf die Briefe. Eine
franzsische Handschrift? Aus Erfurt? Rasch erbrach sie das Siegel und las:

                                 Gndige Frau!

Wenn das Bild eines jungen Mannes, dem whrend der Tage der Schlacht bei Jena
das Glck Ihrer Bekanntschaft ward, noch nicht ganz Ihrer Erinnerung
entschwunden ist, so wird die milde Gte, die noch einem Sterne gleich in der
seinen steht, diesem Schreiben gern Verzeihung gewhren. Denn wie ein
Posaunensto des jngsten Gerichts rufen meine Worte einen Todten aus dem Grabe
und geleiten hoffentlich einen glcklichen Sohn in die Arme seiner gewi noch
glcklichern Mutter. Ohne Zweifel haben Sie, hochverehrte Frau, schon errathen,
da ich meine Erzengelschaft dem Zufall danke, den so lange beweinten Sohn Ihrer
Madame Sophie gefunden zu haben, die, wie ich von meinen beneideten Kameraden
erfahren, Ihr Hauswesen noch wie ehemals besorgt.
    Der Kaiser hat mich in diesen zwei heien Kriegsjahren zum Rang eines
Obersten erhoben, und als Adjutant des Marschall Ney bin ich ihm nach Erfurt
gefolgt.
    Eben hier glaube ich in einem jungen Soldaten, der an den Folgen in Portugal
empfangener Wunden krankt und von Lazareth zu Lazareth geschleppt wird, den in
Mhlheim ausgesetzten Sohn der wackern Frau Duguet erkannt zu haben. Die Klagen
des kaum dem Knabenalter entwachsenen Jnglings, der seiner Existenz fluchte,
weil er, der weder Vater noch Mutter gekannt und Niemanden angehre als nur
seinem Kaiser, den Feldzug nicht mitmachen solle, zogen mich an; der Zorn, den
er den rztlichen Rathschlgen entgegensetzte, rhrte mich tief; ich gewann mir
sein Zutrauen. Jetzt, nachdem ich alle Details seiner Lebensgeschichte gehrt,
das Stck Taschentuch mit dem Zeichen Marc Duguet und die treubewahrte Hlfte
des Fnfsous-Stcks gesehen, das er, wie seine Mutter, am Hals trgt, scheint
mir unzweifelhaft, da er wirklich das in Mhlheim ausgesetzte, so lang beweinte
Kind sei. Sein Alter trifft auch zu. Wenige Stunden, nachdem Sie, verehrte Frau,
diese Zeilen erhalten, hoffe ich selbst meinen Kranken bei Ihnen einzufhren,
und als Belohnung das Glck zu genieen, Sie und Herrn von Waldau zu begren
und um die Fortdauer Ihres Andenkens und mir unschtzbaren Wohlwollens zu
bitten.
                          Mit ausgezeichneter Achtung
                                 und Verehrung
                                                              Ihr tief ergebener
                                                                       St. Luce.

Sophie! rief aufspringend Frau von Waldau, groer Gott! ich habe die Briefe seit
drei vollen Stunden! Sie knnen jeden Augenblick hier sein! Sophie, so komm
doch!
    Madame! erwiderte die Gerufene, den mit einem Foulard umwundenen hbschen
Kopf zur Thre hereinsteckend, es ist nur, weil ich das Bett mache -
    Sophie! Monsieur de St. Luce ist Oberst geworden und wird vielleicht schon
in einer Stunde hier sein!
    Ach, Madame! welches Glck! der gute junge Mann! Aber da mu ich mich
beeilen, Madame werden ihn zu Tische bitten, vielleicht logiren wollen. Pardon,
Madame! charmanter junger Mann, und Oberst! Ja, ja, das sieht dem kleinen
Korporal hnlich, der kennt seine Leute! Wundert mich nicht, da sie einen Gott
aus ihm machen. Duguet, Duguet! rief sie im Gehen zur andern Thr hinaus; Du
hilf mir - Monsieur de St. Luce ist Oberst geworden!
    Die Freude kann sie tdten, sagte Josephine leise vor sich hin; der Schlag
kann sie rhren, sie ist so heftig! Aber, Sophie, fuhr sie fort, sie beim Arm
ergreifend, um sie zu halten; es ist noch eine andere Nachricht mitgekommen; es
ist aber nur eine schwache Hoffnung! Der Oberst hat von einem jungen kranken
Soldaten gehrt, in Portugal, der den Namen Marc Duguet fhrt.
    Sophie wandte den Kopf, kein Zug des sonst so regen Gesichts bewegte sich,
mit starrem Auge blickte sie die Sprechende wie bewutlos an, sie hatte, das sah
man, keinen klaren Gedanken, all ihre Fhigkeiten hatte das eine Wort
erschttert.
    Bald aber berflog ein leises Zittern die ganze Gestalt, die Brust hob sich
langsam und schwer, ohne einen Laut ausstrmen zu lassen, die bleichen Lippen
bebten convulsivisch; endlich hauchte sie fragend: Madame?
    Ja! erwiderte Josephine, indem sie nun auch den andern Arm ergriff, um die
Schwankende wie zufllig zu sttzen, er hat hingeschrieben, um Nachrichten
einzuziehen.
    Nachrichten! er lebt, er ist nicht in Portugal umgekommen, er lebt noch?
    Wenn er es nur ist, sagte Frau von Waldau, um den Eindruck zu schwchen.
    Es wre mglich, schrie Sophie mit pltzlich freiwerdendem Jubel auf -
mglich! mein Sohn! mein Sohn knnte leben, - ich wre nicht seine Mrderin! O,
setzte sie wieder ermattet hinzu, ihre Arme sanken und groe Thrnen perlten
ber ihr wieder erwrmtes Gesicht, ich knnte mir verzeihen, und Gott auch! Sie
legte die Hnde auf ihr Herz und wurde still.
    Aber der junge Mensch soll verwundet sein, meint St. Luce.
    Verwundet? Wollen sie sagen, todt? - Duguet, Duguet! rief sie, mit einem Mal
wieder auf ihren Mann sich besinnend.
    Waldau ffnete eben die Thre, hinter ihm trat Duguet ein. Josephine hielt
ihrem Gemahl den Brief entgegen; sie wute, da er keiner Unbesonnenheit fhig
sei. Sophie sprang auf Duguet zu, sie wollte ihm um den Hals fallen, aber ihre
Knie brachen zusammen, sie fiel ihm zu Fen und brachte nur die Worte hervor: O
jetzt, jetzt wirst du mir verzeihen!
    Bis zu diesem Augenblicke hatte der wthende hoffnungslose Schmerz zu
harpyenartig an ihr Herz sich angekrallt, sie hatte nie begreifen knnen, da
sie auch an Duguet ein groes Unrecht gethan, indem sie ihn und sein Kind
verlassen.
    Ja, sagte Josephine zu Waldau, Schiller hat recht: ein glcklicher Mensch
ist ein Heiliger!
    Unterdessen hatte Waldau gelesen. Der junge Mann scheint mir sehr flchtig,
sagte er halblaut; ich frchte, Josephine, du hast dich bereilt. Es ist so
vieles unklar in dem Briefe.
    Duguet hatte seine Frau aufgehoben und auf einen der Thre nahen Stuhl
niedergesetzt. Nun berschttete er sie mit tausend Fragen, dazwischen bat er
seine Herrschaft einmal um das andere um Verzeihung, Sophiens, nach seiner
Ansicht, ganz unerklrlichen Betragens wegen, indem er, bald zu Waldau, bald zu
Josephinen gewendet, sein unaufhrliches: Aber was ist ihr? wiederholte.
    Sophie schluchzte nur: Mein Sohn, mein Sohn! und war durchaus keines andern
Gedankens fhig.
    Es war ein Glck, da in eben diesem Augenblick St. Luce's Wagen vorfuhr.
Die menschliche Natur ertrgt solche Spannung nicht lange. Mit Blitzeseile war
der kranke Waldau, hinter den mit einander beschftigten Gatten weg, an der
Hausthre, vor welcher eine Extrapost hielt.
    Oberst St. Luce hatte einen schnen schwarzugigen, todtblassen Soldaten
neben sich, die Bedienten halfen denselben herausheben und fhrten ihn langsam
ins Haus. Der junge Mann ging sehr gekrmmt; es schien, als habe eine Kugel die
inneren, edleren Theile verletzt, vielleicht die Lunge berhrt.
    St. Luce begrte die nun auch herbeigeeilte Josephine und sagte, indem er
ihre Hand an seine Lippen zog: Ich habe gewollt, da Sie selbst es ihm
aussprechen, denn das Glck wird am besten durch einen Schutzengel den Menschen
verkndigt.
    Aber die Wunden werden am besten durch eine Soeur grise behandelt! lchelte
sie ihm freundlich zu.
    Beides, weil Sie beides sind, gndige Frau.
    Waldau hatte den Arm des jungen Kranken ergriffen. Fhlen Sie sich stark
genug, eine heftige Erschtterung zu ertragen? fragte er sehr sanft.
    Der Soldat sah ihn verwundert an. Ist der Kaiser hier? fragte er in zitternd
jubelnder Hast.
    Eben so schn, nein, noch viel schner ist die Freude, die Sie erwartet,
sagte Josephine. Haben Sie niemals etwas Anderes sich gewnscht?
    Sie mssen weit zurckschauen, in ihre frheste Vergangenheit, setzte Waldau
hinzu.
    Gott! meine Mutter! rief auer sich der Kranke. O, Madame, Madame, Sie sind
zu jung, um es selbst zu sein; aber, um Gottes willen, wenn Sie etwas von ihr
wissen, o geschwind! geschwind! lassen Sie mich bei ihr sterben, da ich nicht
bei ihr leben durfte!
    Er schwankte. Waldau hielt ihn mit Mhe. Bitte, bitte, fuhr er fort, vor
Josephine wie zum Gebet die Hnde faltend.
    Ei, junger Freund, drohte freundlich St. Luce, haben Sie denn nur dem Feinde
gegenber Courage? Haben Sie doch jetzt den Muth, fr Ihre Mutter zu leben!
    Aber des Sohnes Herz war nun mit Gewalt erweckt und vermochte die Ueberflle
eines geahneten Glcks nicht lnger schweigend zu tragen. Mutter! Meine Mutter!
rief er laut aufschreiend.
    Und die Mutter hrte und erkannte beim ersten Laut die Stimme ihres Kindes.
Mein Sohn, mein Sohn! klang es von drinnen, und im Augenblick lag sie an seiner
Brust. Sie fragte nichts, untersuchte nichts, der Ton hatte wie ein Zauber
gewirkt und sie herbeigezogen. Bewutlos war sie ihm gefolgt, die Erschlaffung
war verschwunden; sie hatte mit einem Male Kraft, Riesenkraft; aber ach, wie sie
das Haupt hob, um nun auch die geliebten Zge zu sehen, fhlte sie die leblose
Schwere des seinen auf ihrer Schulter. Der junge Krieger war ohnmchtig
geworden.
    Die Umstehenden versuchten, ihn aufrecht zu erhalten, das Zimmer war noch
nicht erreicht, kein Stuhl auf dem Hausflur; sie vermochten die Last des
hochgewachsenen, starken Jnglings nicht zu tragen und muten ihn langsam auf
den Boden sinken lassen; die Mutter aber hielt ihn fest und legte geschickt
seinen Kopf auf ihren Schoos, indem sie neben ihm kniete. Es gibt kein
schmeichelndes Liebeswort, mit dem sie ihn nicht nannte; sie ri ihm die Uniform
auf, um ihm Luft zu verschaffen, und fand das Fnfsous-Stck, das sie lachend
und weinend zugleich an die Lippen drckte.
    Immer lag er ihr noch nicht sanft, nicht bequem genug; bald kte sie seine
Haare, bald seine Hnde oder flsterte ihm in's Ohr, und hauchte ihn an, als
wolle sie ihr Leben ausstrmen in seine Brust, es ihm zu geben. - Duguet war ihr
gefolgt, allmlig schien auch er zu begreifen; er sprang auf Waldau zu und stand
zitternd mit gerungenen Hnden vor ihm. Die Stimme versagte ihm. Ist es wahr?
war alles, was er hervorbringen konnte.
    Ich glaube, ja, lieber Duguet, erwiderte Waldau; aber fassen Sie sich, denn
er ist krank, Sie mssen ihn schonen.
    Duguet nickte seinem alten Herrn das gewohnte Verstehen zu und kniete erst
leise neben dem Ohnmchtigen. Nur die gewaltig pulsirende Ader auf seiner Stirn
und die kurzen fast rchelnden Athemzge zeugten von der Kraft, die er anwandte,
sich zu beherrschen; als er aber nun das Gesicht seines Sohnes so ganz in der
Nhe sah, so da ihn sogar dessen Haare berhrten, da ri ihn der innere Jubel
doch unaufhaltsam fort, dicke Thrnen rollten ber das braune Gesicht, der feste
Mann bebte an allen Gliedern und sah den Wiedergefundenen mit unbeschreiblicher
Zrtlichkeit an. Armes Kind, armes Kind! flsterte er, dann wandte er sich zu
seiner Frau: Aber, Sophie! - sie sah auf und wre ihm gern um den Hals gefallen,
aber sie mute ihren Sohn untersttzen; es lag eine Welt von Gefhl in ihrem
Auge.
    Aber, Sophie! sagte er endlich, er liegt hier schlecht! Komm, komm! Und wie
eine Feder nahm er den schweren Krper des Soldaten auf, den Alle nur mhsam
gehalten, und trug ihn unten in die Hinterstube hinein, die er und Sophie
bewohnten, dort legte er ihn still auf das Bett.
    Waldau, Josephine und St. Luce blieben an der Schwelle des Zimmers stehen;
es wagte keiner, sie zu berschreiten; sie hrten eine Weile schweigend von
auen zu.
    Sophie hatte ihren Sohn in's Leben zurckgerufen; jetzt sa er aufrecht im
Bette, zwischen den Eltern. Und nun ging es an ein so seliges Fragen und
Erzhlen und an das Erkennen des Vaters, den zu sehen ihn ja die Ohnmacht
gehindert. Der junge Soldat hatte die Hlfte seines Fnfsous-Stck an die seiner
Mutter gehalten, und o Freude! die Stcke paten aneinander.
    Wie die arme Frau den Jngling mit den Blicken verschlang, und wie Duguet,
stolz auf seinen Sohn, hher zu werden und zu wachsen schien! Jetzt sprachen
alle Drei zugleich. Sophie erzhlte von jener entsetzlichen Nacht, wie sie ihr
armes, kleines Kind auf die Schwelle eines reinlich und wohlhbig aussehenden
Hauses niedergelegt und, unter einen Schuppen gekauert, lange abgewartet, da
man es abhole; wie endlich ein Mann aus der Thre gekommen und es gefunden, wie
sie bei dem Anblick einen Moment kraftlos zusammengesunken sei, dann aber habe
laufen mssen weit, weit weg, um es nur dem Manne nicht aus den Armen zu reien!
    Gleich darauf war sie unter einen Trupp betrunkener Soldaten gerathen, die
sie festgehalten und gezwungen, die Carmagnole mit ihnen zu singen; kaum diesen
Wthenden entflohen, mute sie mit der Grfin weiter. Von der Stunde an hab' ich
noch oft gelacht, zufrieden bin ich nie wieder geworden, schlo sie.
    Arme Mutter! armes Weib! sagten Duguet und der junge Soldat, wie aus einem
Munde.
    Marc Duguet - er hie so nach dem Vater, Sophie hatte, da sie nicht
schreiben konnte, ein abgerissenes Stck Wsche mit dem Namen dem Kinde auf die
Brust gelegt und es mit Stecknadeln an die wenigen Hllen befestigt, in denen
sie es eingewickelt; wie htte sie im Drang des Augenblicks Kinderzeug sich
verschaffen knnen - Marc Duguet war vom Leben herumgeworfen worden und in all
dessen Wendungen ein Findelkind geblieben. Er erzhlte den Seinen, da schlichen
die Horchenden still davon, in Frau von Waldau's Zimmer zurck.
    In diesem Augenblick fate eine kleine Hand die Josephinens und ein leiser
Ku streifte ihre Finger; es war Anna, die ein unbemerkter Zeuge des ganzen
Auftritts geworden. St. Luce freute sich ungemein, seine junge Freundin
wiederzusehen. Das Kind schlang beide Arme um seinen Hals und dankte ihm unter
heien Thrnen, da er ma bonne so glcklich gemacht: Ich hatte lngst gemerkt,
da ihr Sohn nicht todt war, sagte sie.
    St. Luce blieb noch bis zum nchsten Tage. Anna war jetzt zehn Jahr alt und
fesselte seine Aufmerksamkeit mehr und mehr. Er begleitete sie zu den Eltern
hinber, und obschon Sprache und Nationalitt ihm ein eigentliches Verstehen
ihrer huslichen Lage unmglich machten, hatte er doch bald genug gesehen, um
das Mdchen Josephinen auf's Dringendste zu empfehlen. Whrend seiner
Anwesenheit wich sie kaum von seiner Seite und erzhlte ihm alle ihre kleinen
Leiden und Freuden; sie zeigte ihm auch das vom Grenadier August erhaltene
Posthrnchen, das sie noch immer am Halse trug, und konnte nicht begreifen, da
er ihr keine Nachricht von dessen ehemaligem Besitzer zu geben vermochte.
    Nach der Abreise des jungen Obersten, der dem noch kranken Marc einen Urlaub
bis zu seiner Genesung ausgewirkt hatte, nahm Josephine sich Anna's ernstlicher
an; St. Luce's Besuch ward zum Capitelstrich ihres Lebens, das von jenem
Augenblicke an eine edlere Gestalt gewann.
    Der junge Marc blieb vorlufig im Hause und erhielt ein eignes Wohnstbchen,
brachte jedoch den grten Theil des Tages in dem seiner Eltern zu. Die Kinder
nahm Josephine in ein an das ihre stoendes Zimmer, wo sie ihre Stunden
erhielten, nur die Abende durften sie noch theilweise bei ma bonne bleiben.
Durch diese Einrichtung sah Anna die ausgezeichneten Mnner, die mit Waldaus
verkehrten; sie fiel Jedem von ihnen auf und gewann sich hier die belehrenden
Freunde, die in spteren Jahren einen unschtzbaren Einflu auf ihre Bildung
uerten.
    Der Winter verging. Waldau fhlte sich krftiger, Josephine athmete
sorgenfreier auf. Da trat eines Morgens Madame Sophie, in Thrnen fast
aufgelst, in ihr Zimmer. Ah, Madame! er will fort!
    Allerdings wollte Marc fort. Der Kaiser hatte Madrid erobert, seinen Bruder
Joseph von Neuem auf Spaniens Thron gesetzt und die Englnder geschlagen.
    Zu Astorga, wohin er am ersten Januar gezogen, traf ihn die Nachricht der
ernstlichen Kriegesrstungen Oestreichs. Am dreiundzwanzigsten war er bereits
selbst in Paris, um dem kaum erst noch vierhundert Stunden von ihm entfernten
Feindesdrohen sogleich zum vierten Mal die Stirn zu bieten.
    Von Tag zu Tag erwartete man den Ausbruch des Kriegs, jetzt lie es dem
jungen Soldaten nicht lnger Ruhe; das Corps, zu welchem er gehrte, marschirte.
Freude und sorgliche Pflege hatten ihn gestrkt; wie htte der Kriegsgeborne
lnger noch zu sumen vermocht! L'empereur va  Vienne! wiederholte er zehnmal
in einem Tage; wo sein Kaiser war, leuchteten ihm Glck und Leben.
    Sophie htte ihn gern dem Soldatenstande ganz entzogen; im Herzen noch
Royalistin, konnte sie nicht umhin, den petit Caporal mitunter noch fr eine Art
Landesverrther anzusehen, obschon sie mit groer Theilnahme den Erzhlungen
ihres Sohnes zuhrte; er kam ihr hchstens wie ein Kaiser der Armee vor; wenn
nur von dieser die Rede war, konnte sie mit den Andern an Enthusiasmus
wetteifern; doch auf den Thron Frankreichs, auf welchem sie den Mrtyrer Ludwig
gesehen, vermochte sie nicht, sich ihn zu denken.
    Wie aber den kaum wiedergefundenen tausend Gefahren entrissenen Sohn vor den
von Neuem drohenden Uebeln bewahren! Zu fest hing er seiner glnzenden Laufbahn
an; ihn dem Auge seiner Vorgesetzten zu bergen, schien allzu schwer. Am Ende
blieb der Armen nur die Qual, ihn fern von sich, dem mglichen Elende
preisgegeben zu wissen. Konnte er nicht von Neuem erkranken, verwundet,
verkrppelt, wieder von Lazareth zu Lazareth geschleppt werden?
    Lange kmpfte das arme Weib - die Mutter siegte. Sie beschlo, ihm zu
folgen, sein unsicheres Loos wenigstens so lange zu theilen, als sie ihn nicht
fr ganz genesen hielt. Da Duguet seinen sterbenden Herrn verlassen knne, kam
weder ihm noch ihr in den Sinn. Die Gatten muten sich trennen! Das blieb
unausweichlich, aber zum Glck wollte ja der Kaiser in kurzer Zeit mit Oestreich
fertig sein und in Wien einziehen; dann konnte Sophie zurck - die Oestreicher
mochte sie ohnehin nicht leiden und gnnte ihnen alles Bse.
    Nachdem Sophie ihrer Gebieterin ihr ganzes Herz erffnet, bat sie um ihre
einstweilige Entlassung: obschon es wahrscheinlich mein Tod sein wird, unsere
Leontine zu entbehren, schlo sie; aber ich bin ja nur drei Monate meines armen
Kindes Mutter gewesen, und Marc ist achtzehn Jahr alt.
    Josephine fhlte, da an keine Aenderung des so gewaltsam gefaten
Entschlusses zu denken; sie versuchte nur, dem Plan eine praktischere Gestalt
und die Mglichkeit des Gelingens zu geben, indem sie St. Luce schriftlich um
seine Vermittelung bat. Der Kaiser gestattete nur Marketenderinnen den
Regimentstrains sich anzuschlieen; es blieb der einzige Ausweg, Sophien in den
Dienst einer der begnstigten Offizierdamen zu bringen, die einzelnen Chefs
folgen durften. Der junge Oberst hatte lngst Erfurt verlassen, dennoch
erreichte ihn der Brief und nach Verlauf weniger Wochen war Sophie von ihm als
Kammerfrau der Geliebten eines seiner Freunde empfohlen, der Marc's Regiment
befehligte und in Magdeburg der Marschordre harrte.

Gottlob! nun ist's berwunden, sie schlft! sagte Madame Sophie, indem sie leise
Leontinens Kammerthre an sich zog, schon im Reisekleid, sich zu Duguet an den
Tisch setzte und mit dem Rcken der Hand ein Paarmal ber die Augen fuhr! Wie
gro sie sein wird, wenn ich sie wiedersehe!
    Hol's der Teufel! ich glaube, armes Weib, da du eine ungeheure Thorheit
begehst, brummte Duguet, aus dumpfem Sinnen auffahrend; er reichte ihr ber den
Tisch hin die Hand, als mte er die Hrte des Wortes vergten.
    Sophie hatte nicht recht hingehrt, ihre Gedanken waren schon unterwegs. Sie
zog eine groe silberne Taschenuhr aus dem Kleide hervor und sagte: jetzt wird
er wol schon in Buttstdt sein - morgen frh vier Uhr, meinte er, wrde das
Bataillon von dort abmarschiren - er htte doch lieber schon gestern gehen
sollen, der arme Junge! so knnte er nun ein Paar Stunden schlafen.
    Duguet ging im Zimmer auf und nieder und stubte, mit einer Damastserviette
um sich schlagend, die reinen Meubles ab.
    Du hast nichts als ihn im Kopf! murmelte er halb rgerlich.
    Wenn's Glck gut ist, glaubst du wol gar, mir wre das Herz nicht schwer?
erwiderte sie, euch Alle zu verlassen, dich und Madame und unsern armen Herrn!
Die Thrnen traten ihr in's Auge.
    Nun, nun, so war's nicht gemeint! begtigte sie Duguet; i doch einen
Bissen! Er versuchte ihr vorzulegen. Die Nacht ist grimmig kalt; in einer Stunde
wird der Postwagen da sein. Ja, ja, mein armer Herr, fuhr er fort, die
gekreuzten Hnde sanken ihm auf's Knie, wird es nicht lange mehr machen. Ich
hielte es nicht aus, ihn jetzt zu verlassen. Seitdem die Bume treiben, ist er
so mager, und Nachts hustet er; es mchte Einem das Herz spalten.
    Gott gebe ihm nur noch ein Jahr, seufzte Sophie, da ich ihn wiederfinde. Er
und Anna machen mir am meisten Sorge.
    Anna! wie so?
    Der Vater ist ein schlimmer Mann, da haben sie ihm in den Kopf gesetzt, das
Kind wrde hier im Hause zu einer vornehmen Dame gemacht, und die
Brgermeisterin soll es nicht so oft herlassen. An den Stunden, meint er, sei
auch nichts gelegen, Kche und Haus gingen ihm vor. Du lieber Gott! er wird das
Kind nicht hindern, die geht ihren eigenen Weg. Und unser Leontinchen ist so
allein und viel zu schwchlich, um Anna entbehren zu knnen; sie lernt besser,
sie ist sogar viel gesnder und frischer, wenn sie die kleine Freundin um sich
hat - Herr, mein Gott! da ist sie!
    Anna hatte die Kchenmagd beredet, die beide Wohnungen verbindende Gangthre
offen zu lassen; bei Brgermeisters lag Alles um zehn Uhr in den Federn, jetzt
war es ber Mitternacht. Die Kleine schlief mit den Geschwistern allein in der
Kammer, sie konnte leise aufstehen, um sich zu Madame Sophie zu schleichen,
deren Reiseplan sie lngst entdeckt, und strzte jetzt unerwartet in deren Arme.
    Wo kommst du her, liebe Anna? woher weit du -
    Ach, ma bonne, erst hat es mir das Herz gesagt! Dann fuhren mich die Brder
auf der kleinen Schleife spazieren, du weit wohl, auf der Leontine nicht fahren
darf. Sie hatten versprochen, mich kein einzigmal in den Schnee zu werfen, so
nahm ich ihren Vorschlag an. Als wir um die Ecke bogen, kam der Postwrter und
hatte deinen Koffer auf dem Karren - ach, sei nicht bs! - Da frag4e ich ihn. -
Aber wo ist denn Leontine?
    Madame Sophie verschluckte ein Paar Thrnen und sagte ganz leise und
wehmthig: Leontine mu schlafen! Du weit wohl, da sie sonst krank wird. Anna
nickte. Und, fuhr jene fort, das Kind zwischen ihre Knie nehmend, wenn sie
morgen aufwacht und ich fort bin, so sei du da und trste sie und sage ihr: ich
kme gewi wieder. Der Kaiser will's nicht lange machen mit den Oestreichern;
ist er in Wien, so kehre ich zurck, dann la mich dich und Leontinen
zusammenfinden. Wenn aber der liebe Gott Ernst mit mir oder mit meinem armen
Jungen machen sollte, was eigentlich eins ist, so bleibe du bei ihr, verlasse
sie niemals, sei ihre Schwester; dir vertraue ich sie an. Dein Vater freilich -
Ach, erwiderte betrbt Anna, nun er einmal seine Meinung gesagt hat, denkt er
nicht mehr daran; er merkt so wenig auf mich. Und die Tante hat ihm auch
zugeredet und versichert, ich knnte, wenn ich recht gut Franzsisch sprche und
keinen Mann kriegte, Kammerfrau bei der Frau Herzogin werden -
    Warum nicht gar! fuhr Duguet dazwischen.
    Nein, nein, sagte ma bonne, du darfst nicht dienen! Sieh doch, Duguet, steht
sie nicht da wie eine kleine Grfin?
    Und wozu wre denn die ganze Revolution gewesen, wenn das Verdienst nicht
erhoben werden knnte aus dem Staube? salbaderte Duguet, von alten Erinnerungen
erfat. Gewi, Mademoiselle, fuhr er fort; wenn mein guter Herr uns erhalten
wird, so werden Sie unsere Familie niemals verlassen drfen. Man sieht, er
rechnete sich dazu.
    Die Uhr schlug! Noch eine Viertelstunde! Sophie athmete schwer, machte sich
allerlei zu thun, ffnete und schlo wol zehnmal ihren Reisesack, setzte die
warme Mtze auf, sah wieder nach ihrer Uhr; endlich eilte sie festen Tritts
hinaus, die Treppe hinan, - sie nahm von ihrer Gebieterin Abschied.
    Wenige Minuten spter hatte sie schon an Duguet's Seite die Hausschwelle
berschritten. Anna hatte ihren Arm ergriffen und umklammerte ihn mit beiden
Hnden. Stumm wanderten sie durch die frhlingsklare Nacht dahin - einzelne
Sperlinge schreckten auf, als sie an den Esplanadenbumen vorbergingen, die
Straen waren still, nur ganz von weitem dutete ein verspteter Nachtwchter.
Vor dem Posthause hielt der Wagen. Sophie zitterte ein wenig, aber bei solchen
Gelegenheiten weinte sie nicht; es lagen so viele bange Abschiede hinter ihr.
Einen Augenblick hielten alle Drei sich umschlungen, denn Anna wollte ma bonne
nicht loslassen - da schmetterte das Posthorn und die arme Kleine wute selbst
nicht, wie es zuging, da pltzlich der Wagen schon in der Ferne weit, weit die
lange Strae hinabfuhr; jetzt bog er um die Ecke. Anna hielt sich beide Augen zu
und der erste heftige Schmerz ihres Lebens hatte sie ergriffen.
    Duguet sah sie an und schttelte den Kopf. Armes Kind! sagte er, damit wird
man nicht glcklich. Dann nahm er die Kleine in die Arme und lief eilends mit
ihr nach Hause, als wollte er sie von dem Kummer hinwegtragen, der sie und ihn
betroffen.

Der Eindruck, den Sophiens Abschied dem zarten Kindesgemth hinterlassen, war
ein dauernder. Anna hielt Wort: mit immer tiefer wurzelnder Liebe blieb sie
Leontinens Gefhrtin, ertrug nun ihretwillen die Scheltworte des Vaters und
erschmeichelte sich tglich von Neuem die Erlaubni, hinberzugehen. Anna's
Vater war kein gemeiner oder harter Charakter, es lag eine tchtige, nur
unentwickelte Eigenthmlichkeit in dieser Natur, die alle Krfte, deren sie sich
bewut war, der strengen Realitt des Lebens zuwandte. Aber in den Winkeln
seiner Seele blieb dennoch manches unverstandene Edle unausgebildet liegen - so
war ihm Freundschaft durchaus weder fremd, noch unbegreiflich; er hatte sogar
selbst einen reichen vornehmen Herrn zum Freunde, fr welchen er sich in jngern
Jahren eben so treu und hingebend geopfert, als jetzt Anna fr Leontine es that.
Aber an seiner uern Lebensgestaltung hatte dieser adlige Freund nichts
gendert, - und da eine solche Empfindung auch bei Frauen statthaft sei, gab er
berhaupt gar nicht zu. Erst nach einer Reihe von Jahren, nachdem er sich von
der unerschtterlichen Festigkeit des Charakters seines Kindes berzeugt hatte,
gewann ihn Anna in so weit, da er keinen Versuch mehr machte, hemmend in die
Rder ihres Geschicks einzugreifen.
    In dieser Zeit war er von mehren Seiten sehr hart gebeugt worden. Beide
blhende Zwillingsschwestern Anna's, sanken, von einem nervsen Fieber
ergriffen, zugleich in's Grab, und an den Shnen erlebte er wenig Freude.
Vielleicht htten bedeutendere Geldmittel, und durch diese eine planmigere
Erziehung, den Knaben einen regeren Eifer und eine entschiedenere Richtung
gegeben; aber obgleich der Tod seiner jngeren Tchter das einstige Erbtheil der
brigen Kinder vergrerte, vermochte der ngstliche Mann nicht darber mit sich
in's Reine zu kommen, was er fr sie zu thun berechtigt sei, und wie es
auszufhren, ohne sich und seine Frau an den Bettelstab zu bringen.
    
    Jedes an sich noch so unbedeutende Ereigni erhhte die Sorglichkeit, mit
welcher er den eigentlichen Betrag seines Vermgens selbst seinen Kindern zu
verhehlen suchte, und die Sparsamkeit, mit der er sie und seine Frau tglich
peinigte. Unter zahllosen kleinlichen Rcksichten und Einschrnkungen wuchsen
die Buben auf; ohne eigentliche Wahl eines einstigen Fachs wurden sie blindlings
ihrer Bahn zugestoen; von nichts sagenden Umstnden gedrngt, ergriffen sie
bald diese, bald jene Bestimmung, verlernten das kaum Erlernte wieder in der
neugewonnenen Richtung und wechselten dann kleinlaut das noch unerreichte Ziel
abermals mit einem noch fernern. Leider ist dieses die Geschichte einer Menge
junger Leute jener Zeit, die in dem betrieb- und industrielosen Thringen aus
Mangel innerer Energie als taube Blten dem groen Baum des Lebens fruchtlos
entfielen.
    Die Weigerung des Vaters, den Shnen die ihnen zu Begrndung einer Carriere
nthigen Mittel reichlich zu geben, erbitterte die Buben und machte sie
abwechselnd stckisch und leichtsinnig. Der Eine lief aus Ueberdru unter die
Soldaten, der Andere spielte dem Alten zum Trotz, als Commis bei einem Krmer,
im nahen Auslande den vornehmen Herrn en miniature und machte Schulden.
    Anna litt sehr, die Thrnen und die Sanftmuth der Mutter thaten ihr so weh.
Einzelne heftige Auftritte mit den Verwandten ihrer Eltern, die bald fr, bald
gegen des Vaters Ansichten sich aussprachen, verschchterten sie ganz. Da sie
ihren Lebensunterhalt verdienen lernen sollte, sagte man ihr den ganzen Tag,
ohne ihr jedoch irgend ein Hlfsmittel zu Erreichung dieses Zwecks zu bieten.
Die Mutter hoffte auf eine frhe Heirath fr sie; die Tante wollte sie in
Hofdiensten wissen. Was konnte natrlicher sein, als da Anna wieder und immer
wieder zu Waldaus hinberflchtete, wo all diese Qual sie nicht berhrte.
    Da sie in so untergeordneter Stellung auch nicht einen Augenblick an die
einstige Benutzung der ihr dort gebotenen Vortheile dachte, da sie im
Gegentheil unaufhrlich bemht war, Sophien Wort zu halten, nur darauf sann, fr
Leontine etwas zu thun, zeugt von der Unbefangenheit ihres Charakters.
    Madame Sophie hatte nicht so streng Wort gehalten als der Kaiser; er war
lngst mit den Oestreichern fertig und in Wien eingerckt, sie war aber nicht
zurckgekehrt. Leider erkrankte der junge Mann dort von Neuem. Sie zog den
Vortheil aus ihrer wunderlichen Lage, ihren Sohn nie ganz aus den Augen zu
verlieren. Auch hatte das treue Herz dieser Frau eine zu warme Tiefe, um der
neuen Gebieterin, die ihr dieses Glck verschaffte und ihrer Dienste nthig
bedurfte, mit Undank zu lohnen.
    So kam der Frhling des Jahres 1812 herbei, ohne die Gatten vereinigt zu
haben.
    In Deutschland erhob sich damals ein innerer Frhling: die von Osten nach
Norden gehenden unaufhrlichen Bestrebungen deutsch gesinnter Mnner brachen der
Freiheit unseres Vaterlandes langsam und besonnen Bahn.
    Oft zeigten sich Boten dieser wachsenden Hoffnungen im Waldauschen Hause,
ungehemmt und vom Feinde nicht bemerkt, flog die Kunde besserer Tage seinem
sinkenden Leben vorber. Er nahm indessen nur einen wehmthigen Antheil an dem
Allen, denn er hielt sein Volk fr noch nicht hinlnglich gereift.
    Eines Abends sa er in seinem Lehnstuhl, von wenigen nahen Bekannten und
Gleichgesinnten umgeben, und unterhielt sich lange mit ihnen von einem in der
guten Sache sehr thtigen Freunde, dem ehemaligen preuischen Obersten von
Geiersperg.
    Liebes Kind, sagte er pltzlich, zu Josephinen gewendet, ich kenne keinen
zuverlssigeren Menschen auf Erden.
    Als die Andern Abschied genommen, erneuerte sich das Gesprch zwischen ihm
und seiner Gattin. Ich habe Geiersperg nie gesehen, sagte sie, und du kennst ihn
so lange Jahre.
    Waldau lchelte seltsam. Du wirst ihn bald kennen lernen, fuhr er fort, und
wenn er kommt, so bitte ich dich, ihm unbedingt zu vertrauen. Unbedingt, liebe
Josephine. Er kte sie auf die Stirn und lie sich von Duguet in sein
Schlafzimmer geleiten. Am andern Morgen fand man ihn todt in seinem Bett; auf
seinem Nachttische lag ein versiegelter Brief an Geiersperg.
    Wenige Wochen spter lie sich ein Jger bei der noch immer tief betrbten
Witwe melden; er habe eine Botschaft an den verstorbenen Herrn gehabt, hie es,
die er der gndigen Frau selbst zu berbringen wnsche.
    Das ist Geiersperg! blitzte es in ihr auf - und er war es. Auf einer
geheimen Sendung des Bundes begriffen, dem er angehrte, berraschten ihn in
Helgoland des sterbenden Freundes letzter Gru und dessen Bitte, seine Witwe
noch vor Ausbruch des russischen Kriegs in die Nhe ihrer Verwandten nach
Breslau zu geleiten. Und Geiersperg kam.
    Es war ein stattlich schner Fnfziger, voller Feuer und Enthusiasmus fr
die Sache Deutschlands, auf deren glckliches Ende er mit frommem Gottvertrauen
bauete.
    Der Oberst blieb acht Tage. Anna sah ihn wenig, auch Frau von Waldau kam
whrend der Zeit nicht viel zum Vorschein; sie war beschftigt. Leontine
erzhlte von vielen Vernderungen im Hause; pltzlich kndete Frau von Waldau
ihre morgende Abreise an. Sie versprach wiederzukommen und behielt einen Theil
ihres Quartiers. Geiersperg hatte die ganze Zeit hindurch fr einen Frster
ihres Schwagers gegolten und begleitete sie als solcher nach Breslau. Duguet
blieb zurck. Nach einigen Wochen verschwand auch er; man sagte, er sei nach
Dresden gegangen, wohin Napoleon eben die deutschen Frsten berufen hatte.
Vielleicht hoffte er von dort aus Gelegenheit zu finden, sich dem Obersten zu
nhern, bei dessen Geliebter Sophie in Diensten stand, und diese
zurckzubringen.
    Die erste Stunde des verhngnivollen Jahres dreizehn gewhrte Annen, nach
einer langen traurig hingebrachten Zeit, die erste Freude. In Freiberg wohnte
von der Mutter ein lterer Bruder, der im Bergwerk Geschworener war und daselbst
ein heiteres, etwas mhseliges, von der brigen Auenwelt abgeschlossenes Leben
fhrte. Sein einziger Sohn Otto, ein ungewhnlich fhiger Junge von funfzehn
Jahren, hatte sich selbst zum Chemiker bestimmt. Der Vater brachte ihn zum neuen
Jahre nach W...... in die Lehre eines alten Vetters, der als bedeutender
Pharmaceut dort lebte und ihm die nthigen Vorkenntnisse beibringen, das heit
ihn zur Universitt vorbereiten sollte, die er im nchsten Jahre zu beziehen
gedachte.
    Wie fast alle im Bergbau Erwachsenden, war der Jngling lustig, phantastisch
und fromm. Die Einfachheit seines Wesens gewann ihm bald die Herzen der ganzen
Familie, sogar das des Brgermeisters. Auch ihn hatte, wie seinen Vater, das
Leben Jenseits der Berge kaum berhrt, die Politik war ihm ganz fern
geblieben. Er hatte zwar mitunter auch tchtig auf die Franzosen geschimpft,
doch etwa so, wie wir auf den Teufel, ohne etwas Besonderes dabei zu denken. -
    Die Neigung zur Analyse alles Sichtbaren schien Otto angeboren. Der Alte,
ein Bergmann mit Leib und Seele, htte ihn lieber auch zum praktischen Bergbau
ausgebildet; und wirklich hatte der Knabe die ersten mhseligen Jahre der
Lehrzeit bestanden und in den Gruben von unten auf gedient. Aber es trieb ihn
gewaltsam weiter, der Bahn seiner Wissenschaft zu, und der Vater konnte es nicht
ber's Herz bringen, den Willen des sonst so nachgiebigen Kindes zu brechen. Um
in Freiberg aufgenommen zu werden, wo es damals etwas aristokratisch zuging,
waren des Alten Verhltnisse nicht gnstig genug; und Otto selbst entzog sich
gern dem Kreis seiner Gefhrten, um der einmal erwhlten Richtung bestimmter
folgen zu knnen.
    Der frhliche Ohm fiel in der Neujahrsnacht dem ngstlichen Schwager wie
eine Bombe in's Haus: beide alte Herren contrastirten wunderlich, aber sie
vertrugen sich und Otto's Gegenwart brachte Leben in den kleinen Familienkreis.
    Anna athmete auf in seiner Nhe; er rief den Frohsinn wieder wach, den der
Familie Waldau Verlust in Schlummer versenkt hatte. Die beiden schnen jungen
Leute entwickelten sich im Umgange mit einander; und als im Verlauf der nchsten
Monate der allgemeine Enthusiasmus auch sie erfate, entfaltete der volle
krftige Sonnenstrahl jener Tage ihre Kindheit mit zauberischer Schnelle zur
Jugendblthe.
    Es ist viel ber jene Zeit geschrieben worden; - wer sie in gesunder Jugend
frisch durchlebt hat, dem wird keine der Beschreibungen vllig gengen; sie
hatte das mit der Liebe gemein, da, obgleich sie in Aller Herzen widerhallte,
jeder Einzelne sie ganz anders durchfhlt, durchlebt oder durchtrumt zu haben
whnt als seine Genossen. - Am ersten Mrz hatten die Verbndeten Frankreich den
Krieg erklrt.
    Der Herbst des nmlichen Jahres, der zum Frhling der Vlkerfreiheit ward,
reifte das nun funfzehnjhrige Mdchen zur Jungfrau und den um ein Jahr lteren
Knaben verhltnimig noch rascher zum Jngling.
    Die ausgezeichneten Mnner und Frauen, denen Anna im Waldau'schen Hause
begegnet war, hatten auch nach Josephinens Abreise das wunderbare Kind nie ganz
aus den Augen verloren. Trotz aller huslichen Hemmungen ward Annen manche
schne Gelegenheit geboten, ihre Anlagen zu entwickeln, ihr Zeichnen- oder
Sprachtalent zu frdern, und mit glhendem Eifer hatte sie instinctmig jede
derselben ergriffen. Konnte dieser aphoristischen Bildungsweise nun gleich keine
grndlichere Kenntni entwachsen, so hatten doch wenigstens geliehene Bcher,
freundliche Ermunterungen und gelegentliche ernstere Gesprche jeden edeln Keim
ihrer jungen Seele frisch und lebendig erhalten.
    Otto'n war es nicht so gut geworden, das Geistig-Schne schlummerte noch in
ihm; er kannte nur die Poesie seines errathenden Gefhls, und hatte sich dagegen
eine Menge praktischer und empirischer Kenntnisse erworben, denen jetzt der
schnelle Zeitenwechsel strend entgegentrat. Um so entschiedener drngte sich
das volle wogende Freiheitsgefhl als poetisches Streben pltzlich in seine
Existenz.
    Rings im ganzen Lande stand Deutschlands Jugend auf, rstete sich und
bildete Freicorps. Otto's Blut kochte; unaufhrlich lag er dem Brgermeister an,
ihn nun auch mit in den Krieg ziehen zu lassen. Brief auf Brief trug die
flehentlichsten Vorstellungen nach Freiberg zu seinem Vater, aber die beiden
Alten blieben unerbittlich: Otto schien ihnen noch immer ein Kind.
    Wie viele heie Thrnen weinte der Bayard in der Knospe um seinen
unerreichten Ruhm! wie bebte Anna vor Zorn und Schmerz, als sein Vater endlich
mit einem Machtwort all diesen heroischen Plnen ein Ende machte und den Ritter
ohne Furcht und Tadel mit der Aussicht, zu Ostern immatriculirt zu werden, nach
Jena in Pension that! Aber freilich begann fr die beiden jungen Leute eine
Serie ganz neuer Leiden und Freuden durch diese Trennung.
    Das Jenaische Studentenleben hatte durch die Nhe Weimars fr dort
Einheimische einen sonderbar eigenthmlichen - fast knnte man sagen, einen
huslichen Reiz. Da gab es zweimal die Woche Markt- und Botentage, an denen die
Gemseweiber ihre grnen Waaren hinbertrugen und im Heimkehren Otto'n die von
der Tante besorgte Wsche oder irgend einen fr ihn bewahrten Leckerbissen, ganz
gewi aber ein Briefchen von Anna berbrachten. Ach, man schreibt so gern mit
funfzehn Jahren!
    Und dann die Komdienabende, an denen er mit den Gefhrten hinberwanderte
und Anna von weitem im Parterre sitzen sah, ihr wol gar beim Nachhausegehen
begegnete! Schon wenn er durch das Kegelthor singend mit seiner Landsmannschaft
einzog, war es mglich, sie am Fenster einer Freundin zu gewahren. Zum Onkel
durfte er nicht so oft, der schalt ber die Verschwendung der acht Groschen, die
der Eintritt in's Theater kostete. Vor allem aber gab es eine Aussicht auf ein
noch nie genossenes Glck, das, Annen auf den ersten Ball zu begleiten, als die
bis dahin mit franzsischen Expeditionsbureaux angefllten Sle endlich
ausgerumt wurden und nach jahrelanger Pause wieder fters getanzt werden
konnte.
    Arme Kinder! es sollte ihnen nicht so gut werden.
    Lngst schon zog die Brgermeisterin Sonntags keine rosa beschleiften
Negliges mehr an; sie war bla geworden und mager, und dann stiller und immer
stiller. Seit dem Tode der zwei kleinen Mdchen war sie nie wieder zu voller
Kraft gelangt; sie athmete schwer, und wenn sie mit dem Nhzeug Annen
gegenbersa, sank ihr die Arbeit in den Schoos, und sie konnte die Tochter so
halbe Stunden lang wehmthig ansehen, ohne mit ihr zu sprechen.
    Wenn die Buben einmal schrieben, oder zufllig einer ihrer Streiche dem
Vater zu Ohren kam, ging sie den ganzen Tag keichend und tief gebckt einher,
aber sie klagte nicht.
    Der Brgermeister hatte seine Amtsgeschfte im Kopf, er sah nicht, wie
bleich sie war; frh morgens ging er auf das Rathhaus, das Mittagsmahl ward
eilig eingenommen, zu Nacht a er nach thringischer kleinbrgerlicher Sitte
allein warm, die Andern nahmen mit einem Butterbrot frlieb. Der Brgermeister
hatte gar keine Zeit, den Zustand seiner Frau zu bemerken.
    Als nun einmal an einem wunderschnen Frhlingstage Otto als Fuchs, den Rock
am Stock, ber der Schulter tragend, frhlichen Sinnes mit andern Studenten zur
Auffhrung der Ruber herberkam, gewahrte er das Mdchen nirgends. Es trieb ihn
zu ihr hin, im Zwischenact eilte er in des Oheims Haus, ffnete schnell die
Zimmerthr - er wollte sie berraschen - da lag die Tante schon auf der Bahre.
Anna sa still weinend zu den Fen derselben; - der arme junge Freund hatte
nicht einmal von der kurzen Krankheit etwas erfahren.
    Wie er am Begrbnitage vom Kirchhof heimkehrte, stand Anna am Fenster, sie
hatte das kleine, von ihr und der Verstorbenen bewohnte Gemach aufgerumt, wie
zu der Mutter Zeiten, und blickte starr und besinnungslos die Gasse entlang,
ohne zu sehen; sie war nun fertig, mit Allem fertig; sie konnte sich durchaus
keinen Begriff der kommenden Tage, ja nicht einmal der nchsten Stunde machen.
    Sie bemerkte den eintretenden Otto gar nicht; als er sie leise umfate und
an seine Brust zog, wehrte sie ihm nicht, hrte nicht die tausend
Schmeichelnamen, mit denen der arme Junge sie zu trsten versuchte. Ihr
Schweigen ri ihn weiter fort, ihre Nhe, die eine unbekannte Seligkeit durch
alle Pulse seines Lebens jagte, steigerte ihn - immer bestimmter in seinen
Wnschen und Empfindungen, schlo er damit, ihr zu sagen, wie unaussprechlich
theuer sie ihm sei, wie er nur einzig sie liebe und lieben werde, und wie sie
ihm vertrauen, den Vater nicht scheuen solle, Tag und Nacht wolle er arbeiten,
in vier bis fnf Jahren msse er ganz gewi schon eigen Brot haben, dann - dann
knne er sie heimholen, als seine Frau. Jetzt sah sie auf und mit den groen
blauen Augen eine Secunde starr ihn an; enger umrankte sie sein Arm - Otto!
Otto! rief sie, was fllt dir ein. Ich - Du? aber das ist ja ganz unmglich! und
mit einer heftig raschen Bewegung ri sie sich los und lief hinaus -
erschrocken, blindlings, unbewut, den alten Weg hinber, durch den Gang, der
nach Waldau's Wohnung fhrte; Jahrelang war die Thre verschlossen geblieben,
sie bedachte es nicht - jetzt wich sie bei der ersten Berhrung - und mit einem
jubelnden Freudenschrei strzte Leontine in Anna's Arme!
    Lange hielten sich die Mdchen eng umschlungen. Anna konnte es nicht
begreifen, keinen klaren Gedanken fassen, sie sah nur mit Entzcken ihrer
Freundin in das strahlende Gesicht.
    Aber hattest du mich denn nicht gehrt, nicht meine Stimme erkannt? fragte
wieder und wieder Leontine; ich hatte ja geklopft, ich wollte ja zu dir, dich
berraschen.
    Pltzlich fiel Annen der Mutter Tod ein; sie brach in lautes Weinen aus und
die Thrnen des herben Wehs und der kindlichsten Freude mischten sich auf der
jungen Mdchen Wangen. Allmlig wurde Anna ruhiger; sie konnte sprechen. Hand in
Hand gingen Beide endlich hinber zur Generalin Geiersperg: Josephine hatte dem
Wunsch ihres verstorbenen Gemahls zufolge dem edeln Freunde ihre Hand gereicht.
    Der erste Augenblick des Wiedersehens war tief erschtternd, Josephine hatte
whrend Leontinens Abwesenheit den Tod der Brgermeisterin erfahren. Als Anna
das Haupt aus der Umarmung der mtterlichen Freundin erhob, an deren Brust sie
lange leise geschluchzt, bemerkte sie einen jungen Offizier des
Freiwilligencorps, der neben ihnen stand und sie mit tiefer Theilnahme
betrachtete.
    Sieh', Anna, sagte Josephine, das ist mein Bruder, von dem ich dir so oft
erzhlt, den ich bei meiner Heirath mit Waldau als kleinen Knaben verlie; es
ist, glaub' ich, eigentlich mein Sohn, fuhr sie lchelnd fort, indem sie mit den
Fingern ber seine schnen braunen Locken hinstrich; er knnte es wenigstens den
Jahren nach wol sein.
    Anna machte einen halbverlegenen Knicks und schlug die Augen nieder - dann
eilte sie mit Leontinen fort. Das ist ein wunderbar schnes Mdchen, flsterte
der junge Mann, der bereits Verschwundenen immer noch nachsehend.
    Leontine war dreizehn Jahre alt und noch ganz und gar ein Kind. Sie hatte
alle ihre Puppen und all ihr Spielzeug mitgebracht, das sie nun vor Annen
ausbreitete. Anna sah wie ihr Schutzengel aus, als sie so ernst und freundlich
neben der am Boden Knienden stand, die immer neue Herrlichkeiten aus einem
Kfferchen hervorzog. Sie dachte unwillkrlich an Madame Sophie. Und weit du
denn nicht, wo jetzt Duguet ist? fragte sie Leontinen.
    Ach, sagte diese, seit vielen Monaten haben wir nichts mehr von ihm gehrt.
Er hatte in Dresden Sophien nicht gefunden, und der gute Mann ist nun bei unsern
Feinden, bei den Franzosen, - wer wei, ob er nicht mit gegen uns fechten mu.
    Anna sah mit einem Male so mitleidig und traurig aus, da der junge
Offizier, der eben mit Josephinen eingetreten war, laut ausrief: Aber das
Mdchen ist ja wirklich ein Engel!
    Die Kinder hrten es nicht, sie waren zu sehr miteinander beschftigt.
    Josephine blieb nur wenige Tage, sie ordnete ihre Geschfte und den Verkauf
des greren Theils ihrer Mobilien, packte ihre Kunstschtze und bereitete sich
vor, nach Berlin zu gehen, wo sie Geiersperg erwarten sollte. An dem glcklichen
Ausgange des Kriegs zweifelte damals schon Niemand, man zitterte nur der Opfer
wegen, die er vom Einzelnen fordern mute.
    Roderich, der Generalin Bruder, hatte schon am folgenden Tage Weimar
verlassen, er war zu seinem Regiment zurckgeeilt.
    Auch Otto hatte nach Jena zurckgemut, und zwar ohne Annen wiedergesehen zu
haben, die Josephine den ganzen Tag bei sich behalten hatte. Aber er gnnte der
Geliebten den ihr wie vom Himmel zugefallenen Trost des Wiedersehens ihrer
theuern Freunde und trug sein Herz voll himmlischer Trume und Hoffnungen nach
Jena hinber. Mit brennender Sehnsucht erwartete er dort den nchsten Sonnabend,
an dem er wieder nach Weimar zu kommen gedachte; er hatte keinen rechten Muth
zum Schreiben, denn die erste Liebe macht ja des Jnglings Herz schchtern, wie
das der Jungfrau. Auch hatte sein Gefhl pltzlich die Welt zur Ewigkeit
ausgedehnt, zu der hinber die Liebe tausend Brcken schlug; was galten ihm acht
Tage, blieb sie ihm von nun an auf immer!
    Josephine ging am nchsten Morgen zum Brgermeister, was noch nie geschehen
war, und blieb zwei volle Stunden bei ihm. Als sie aus seinem Zimmer trat,
sprang ihr Anna entgegen, sie drckte das schne Kind freundlich an's Herz und
sagte weich und innig: Liebe Anna, du gehst mit uns nach Berlin; dein Vater hat
mir erlaubt, dich auf ein Jahr mitzunehmen.
    Anna zitterte und weinte vor Schmerz und Glck, sie umarmte bald Josephinen,
bald ihren Vater, Leontine jauchzte und tanzte im ganzen Hause umher, sie war
auer sich vor Freude.
    Gerade acht Tage nach dem Begrbni der Brgermeisterin reisten sie ab; Anna
schrieb einen herzlichen, ja fast zrtlichen Abschiedsbrief an Otto; des letzten
Gesprchs erwhnte sie mit keinem Wort.
    Als er das Blatt gelesen, packte Otto sein Rnzel und verlie Jena. Der alte
greise Vater erfuhr es erst hinterdrein und mute das einmal Geschehene
ertragen, wenn er es auch nicht gutzuheien vermochte.

                                      1822


An einem der bis zur Erde hinabreichenden Balkonfenster, die eine
Eigenthmlichkeit der Bauart des alten Berns sind, sa eine elegant gekleidete
junge Frau und blickte gedankenschwer vor sich hin in die klare Gebirgsweite.
    Die Alpengipfel begannen aufzuleuchten, im Thal war die Sonne bereits
verschwunden; das lichte Grn der vorliegenden Unterberge ward noch einen
Augenblick von ihrem schwachen Widerschein erhellt, im Hintergrunde der
Landschaft aber, da wo sich die Hgelkette weitete und hob, frbten sich die
mattern Abendtinten zu tieferem Purpur, violett und blau; - langsam rollte die
Dmmerung ihr Dunkel darber hin, und hell und heller durchflammten es die
rosigen und goldgelben Spitzen der Gletscher.
    Die beiden Eiger, die Breiten- und Blmelisalp, eine nach der anderen
erglhte; nur das finstre Aarhorn streckte ber seine Schneescheitel noch zwei
schwarze Felsspitzen in den heitern Abendhimmel, deren gerad' ansteigende
Flchen keine Schneedecke dulden.
    Alle diese Herrlichkeit berflog das ernste Auge der schnen Frau, dann
schaute es so fest in sie hinein, als ob es noch darber hin in's Weite she.
Sie hatte den einen Arm auf die eiserne Balustrade gesttzt; der liebliche Kopf
ruhte in der schmalen, von blonden Locken berflossenen Hand. Dieses Anlehnen
hatte etwas Mattes, Mdes, das Auge aber, das so durchdringend die Ferne suchte,
war dunkel und frisch wie die Veilchen der Eisspalten am Rande der Gletscher.
    Zu ihren Fen, dicht vor ihr, lagen auf einem Teppiche zwei kleine fnf-
bis sechsjhrige Knaben, die sich zankten und den Beschwichtigungen einer
englischen Kinderfrau Trotz boten. Die blonde Frau hrte nicht darauf.
    Jetzt trat ein stattlicher schner Mann von einigen dreiig Jahren in's
Zimmer und zu ihr; eine Secunde lang hob sie die Augen, senkte sie aber sogleich
wieder auf die Gegend hin.
    Als sich jedoch der junge Mann in ihrer Nhe auf ein Sopha setzte, schien
sie sich zu besinnen, wandte sich rasch zu ihm und begann ein heiteres Gesprch.
    Nun ja, erwiderte er, mir ist es am Ende auch recht. Ich kann es hier so gut
abwarten, wohin sie mich versetzen, als in B., nur sehe ich nicht ein, warum das
nicht eben so leicht nach Rom, Florenz oder Neapel sein knnte, als nach jeden
andern Ort. Graf Fink ist zu alt, er kann dem Posten nicht lnger vorstehen,
Baron Stein will nach Deutschland zurck; wir aber haben drei volle Jahre in
Italien zugebracht, kennen das Terrain, und -
    Ich glaube nicht daran, sagte Anna, ich frchte, wir mssen uns an den
Gedanken eines nrdlichen Aufenthalts gewhnen. Wr'st du, lieber Roderich, nur
erst vllig hergestellt.
    Thorheit! versicherte ihr Gemahl, meine Brust ist wieder krftig; ja, ich
denke, sobald ich nur diese mich beengenden Berge und ihre verdammten
weichlichen Molken hinter mir habe, werde ich reiten knnen wie sonst.
    La dir noch die wenigen Wochen Ruhe, bat sie, sind wir doch jetzt aus dem
eigentlichen Hochgebirg heraus und hier in der Stadt, wo du mehr Zerstreuung
hast, der Umgang mit den Professoren und sonstigen Honoratioren ist ja so bel
nicht, und dann - sie zog ihn zu sich an's Fenster - sieh' doch diese Pracht
nicht mit so unsttem Blick an, der Geschfts- und Gesellschaftswirbel wird dich
bald genug wieder erfassen!
    In diesem Augenblick bertnte das Geschrei der beiden Kinder das Gesprch
bis zu gnzlicher Unterbrechung. Der Wrterin Beruhigungsmittel reichten nicht
mehr aus. Die Mutter eilte, den Jngsten in die Arme zu nehmen und dadurch dem
Streite ein Ende zu machen.
    Die Buben werden unertrglich ungezogen, schalt Graf Kronfeld - so hie der
junge Mann - ich werde diese Interimszeit benutzen, ihnen einen tchtigen
Hofmeister zu suchen.
    Den sechsjhrigen Kindern! lachte Anna.
    Egon ist im siebenten.
    Seit gestern, und die heutige Unart stammt, glaube ich, noch direct vom
Geburtstagskuchen her.
    Aber, liebe Anna, mit funfzehn Jahren kann der Eine Offizier sein, mit
achtzehn der Andere eine diplomatische Carriere beginnen. Wir knnen doch unsre
Shne nicht wild aufwachsen lassen wie diese Alpenpflanzen.
    Anna seufzte. Nach einer Weile ward sie heiterer und als sich die Wrterin
mit den Kleinen entfernt hatte, fuhr sie fast neckend fort, whrend sie die
Blumen ordnete, die Kronfeld im Eifer seines Vergleichs auf den Tisch geworfen:
    Du scheinst einen ganz auerordentlichen Werth auf eine mglichst frhe und
mglichst vielseitige Entwickelung zu legen. Mssen denn nun unsere Shne
durchaus in der Diplomatie Pferde zureiten und im Kra ministerielle Noten
dechiffriren?
    Warum nicht? wenn sie es gescheiter machen als ihr Papa, nicht vom Gaule
fallen, wenn er durchgeht, und sich nicht gerade in dem Augenblicke verlieben,
in dem sie einen Cabinetsbefehl studiren sollen. Er war aufgestanden und blickte
ihr freundlich in die Augen; sie lchelte ihm zu: man sah, Beide belebte eine
angenehme Erinnerung.
    Sie standen, zwei vollkommen edle, wahrhaft schne Gestalten, neben
einander, der Graf war lichtbraun, gro, von aristokratischem, doch krftigem
Gliederbau; man sah ihm weder den frhen Lebensgenu, noch die frhe
Geistesarbeit an.
    Warum, fragte er weiter, sollten sie nicht eben so lebhaft an ihrem
Vaterlande hangen wie ich? Warum sollen die Jungen zu ihrer Zeit nicht auch fr
die Freiheit schwrmen und sie jubelnd begren, ohne da sie deshalb gerade
Wartburgenser zu werden brauchen, oder gar ihr Ehrenwort brechen, wie leider,
leider so Mancher unserer jetzigen Jugend? Ist es mir selbst doch schwer genug
geworden, den Glanz jener Tage in uns Allen nach und nach ermatten und
verdumpfen zu sehen. Warum sollte ich nicht hoffen, da meinen Kindern auf der
nmlichen Bahn ein besseres Loos blhen werde?
    Weil sie keinen Freiheitskrieg wirklich mit zu durchfechten haben werden,
weil, eh' sie erwachsen, ganz andere Interessen die Welt bewegen mssen, und
endlich, weil es eben dem Herrn Papa recht sehr schwer geworden, den kurzen
Kriegestraum zu vergessen, die Uniform wieder an den Nagel zu hngen und in die
alte abgemessene Laufbahn zurckzukehren.
    Kronfeld seufzte. Sehr wahr, indessen habe ich mich doch darein gefunden.
    O ja, bis auf das Zureiten wilder Pferde, was, soviel ich wei, nicht zum
Charg d'affaires gehrt.
    Immer kommst du darauf zurck.
    Weil es uns zurckbringt in's Vaterland, lieber Freund, das du brigens
frchte ich, sehr verndert finden wirst.
    Wollen sehen, brummte Kronfeld. Ich bin aber genesen, und es kann auch
anders kommen, und wre berhaupt gar nicht dahin gekommen, wenn die
italienischen Aerzte besser wren, und wenn die dumme alte Wunde nicht gerade
dem Armbruch so nah' - ich htte bleiben knnen, sollen.
    Roderich! Du hast Mutter und Schwester am Brustleiden verloren.
    Aber Josephine? ist sie nicht gesund und krftig? bin ich's nicht auch?
Haben mich die vielen Reisen angegriffen? Hast du mich vor dem unglcklichen
Sturze klagen hren?
    Anna wollte etwas erwidern, als sie durch den Eintritt einer alternden,
trotz den ergrauenden Haaren noch immer hbschen Frau unterbrochen ward, deren
uere Erscheinung zwischen der einer Dienerin und einer brgerlichen Hausfrau
in sehr glcklich gewhlter Mitte stand. Sie war ein wenig altmodisch gekleidet,
mit kurzen Aermeln, ein klares etwas gesteiftes ber einander gefaltenes
Battisttuch umschlo ihren Hals, die schwarze seidene Schrpe mit den
Seitentaschen fehlte auch nicht, die Franzsin war vom Scheitel bis zum
zierlichen Fu unverkennbar. Auch sprach sie Franzsisch und nur zuweilen ein
belbehandeltes Deutsch. Ihr erster Blick suchte die Knaben, dann bergab sie
der Frau Grfin eine Visitenkarte.
    Kann weder der Jger, noch der Bediente sie bringen, Sophie? fragte der
Graf, etwas gereizt. Sie wissen, ich liebe dergleichen Unordnungen im Dienst
nicht.
    Verzeihung, Herr Graf! aber -
    Mein Gott! rief Anna, welche die Karte angesehen, mein Vetter Otto!
    Was? der kleine Bergstudent, der deinetwegen in die weite Welt lief?
    Ist nun gro und stattlich geworden, beinahe so stattlich wie der gndige
Herr, versicherte Sophie. In einer Stunde will er wieder anfragen. Er ist ein
gelehrter Professor, in Basel geworden, und der Wirth erzhlte mir, er sei ein
entsetzlich berhmter Mann und habe irgend was entdeckt; auch zogen eine ganze
Menge Schler hinter ihm drein.
    Das ist ja kaum mglich, sagte Anna, die Karte wieder und wieder berlesend,
der ganze Mensch ist ja doch erst fnfundzwanzig Jahre alt.
    Wird auch nicht so arg sein, meinte Kronfeld. Ma bonne ist immer freigebig
gegen ihre Lieblinge gewesen und hat auch mich vom Secondlieutenant zum
Hauptmann avanciren lassen.
    Aber der Herr Graf sind es ja doch auch nachher geworden, sagte seufzend
Sophie, eine weit zurckliegende Erinnerung umflorte ihr Auge.
    Leider ja, durch das Abschiedspatent. Ach, liebe Sophie, das waren schne
Tage, obschon du whrend derselben meine Freundin und Feindin zu gleicher Zeit
gewesen bist. Aber wir wollen nicht davon reden, ich bin nun ein ergrauender
Diplomat und mu meine Jungen versorgen.
    Die Kinder waren lngst wieder hereingeschlichen, sie hingen an Sophie wie
Kletten.
    Jungens, wollt ihr einen Hofmeister haben?
    Von Pfefferkuchen, Papa? fragte der kleinste.
    Nein, nein! schrie der lteste, ich mag keinen Hofmeister.
    Anna stand immer noch da, wie eine Trumende; es war dunkel geworden, die
Bedienten hatten den Thee servirt und Licht gebracht. Sie schaute gedankenvoll
in die kleinen Flammen derselben, wie frher in die leuchtenden Alpen hinein;
endlich sagte sie gepret: Ich wollte, ich htte ihn wiedergesehen.
    Frchtest du die Erinnerung? fragte Kronfeld.
    Ja, erwiderte Anna, an seinem Bilde hngt das meiner ganzen Kindheit.
    Ich bitte dich, liebe Anna! sprach Kronfeld, pltzlich wie durch Zauber ein
Andrer geworden, indem er so edel und ruhig vor sie hintrat, da sie
unwillkrlich zusammenschrak, als habe sie etwas Ungerechtes gedacht, ich bitte
dich, bedenke, wie sehr dieser junge Mann dich geliebt hat und was er gelitten
haben mag; sei besonnen! Ich will noch einen Augenblick zu Lady Frederic
hinbergehen, fuhr er franzsisch, mit einer leichten Wendung zu Sophien fort,
bringen Sie die Knaben zu Bette oder bergeben Sie sie der Betty; ich kehre bald
zurck. Wenn der Herr Professor Schulze kommt, wird Madame wol die Gte haben,
ihn anzunehmen und zu unterhalten, bis ich wieder hier bin.
    Anna blieb allein. Sie hatte lngst ihre heitere Fassung wieder errungen,
als nach etwa einer halben Stunde ein Bedienter den Professor anmeldete. Otto
hatte sich vortheilhaft entwickelt; er war sehr gro geworden und seine ehemals
zu kleinen, zusammengedrckten Zge hatten sich ausgearbeitet und erweitert,
sein Gesicht war bleich, aber auffallend schn. Rasch trat er auf Annen zu, als
wollte er sie in die Arme schlieen, dann wich er um ein Paar Schritte zurck
und stand fast ungeschickt verlegen vor ihr, ohne das begrende Wort sogleich
finden zu knnen.
    Lieber, lieber Otto! rief Anna, ihm die Hand reichend, wie freue ich mich,
da du da bist.
    Wirklich, Anna! wirklich? es freut dich? Er zog ihre Hand einen Augenblick
an sein Herz, lie sie aber sogleich wieder los. Nun, so freut es mich auch.
    Ohne ihre Aufforderung abzuwarten, setzte er sich, gepret nach Athem
ringend, auf einen Stuhl ihr gegenber; sie nahm ihren Fauteuil am Fenster
wieder ein. Nun betrachteten sich Beide einige Minuten lang schweigend; in
Beider Zge strahlte die Freude an des Andern Erscheinung.
    Und du bist schon Professor, Otto? nahm endlich Anna das Wort, und wo?
    Vorlufig nur in Basel. Ich bin nach der Schweiz gekommen, um einige
Localbeobachtungen zu machen. Eine Entdeckung, die mir in die Hand gefallen, hat
mir hier berall die Leute gewonnen. Sie haben mir die in Basel erledigte
Professur angeboten, die manche Vorzge hat; meine Zeugnisse waren gut. Ich habe
die Stelle angenommen. Ein paar Jahre werde ich bleiben. Ich studire Schwedisch,
ich will spter zu Berzelius, er ist der Einzige, der mich anzieht. Davy ist
noch in Italien.
    Du bist gerade so geworden, wie ich mir dich dachte, sagte Anna, nur noch
geschwinder, als ich es erwartete.
    Ja, siehst du, erwiderte Otto und wurde feuerroth, ich sagte dir's im
Voraus. Du aber bist sehr vornehm geworden, eine Grfin, eine groe Dame, du
hast Lakaien und Jger, Kammerdiener und Zofen, und du hast auch noch deine
prchtige alte Madame Sophie, von der du mir so oft erzhltest; ich habe sie den
Augenblick nach deinen Worten wieder erkannt.
    Ach, die Arme, fuhr Anna fort, froh, das gefahrlose Thema erfassen zu
knnen, sie hat vor einigen Jahren ihren durch so viele Gefahren hindurch
geretteten Sohn nun doch verloren. Der arme junge Mann ist an den Folgen einer
Wunde gestorben, die er an den Ufern der Beresina erhalten hatte.
    Wir waren nach Italien gegangen; Kronfeld konnte nach mehrjhrigem
Kriegsleben sich nicht sogleich an die diplomatische Laufbahn gewhnen, die ihm
frhere Studien und Vorbereitungen anwiesen. Dort angelangt, bernahm er
indessen doch einzelne geschftliche Sendungen und diplomatische Reisen und ward
endlich als Attach der preuischen Gesandtschaft in Mailand angestellt. Etwa
zwei Jahre nach meiner Vermhlung gingen wir dahin ab. Da trat eines Abends auf
der Strae eine todtbleiche und, wie es schien, todtmde Frau auf mich zu und
fragte mich nach mir selbst; sie hatte mich nicht erkannt.
    O! sagte Otto, das ist natrlich, du bist unglaublich schn geworden; aber
ich - htte unter Tausenden dennoch dich erkannt.
    Als ich den Klang der lieben, wohlbekannten Stimme hrte, rief ich laut
ihren Namen; sie fiel ohnmchtig auf das Steinpflaster, noch ehe ich sie in
meinen Armen aufzuhalten vermochte. Wir lieen sie sogleich nach unserer Wohnung
bringen, von da an hat sie bei uns gelebt. Auch an der Beresina hatte sie ihren
Marc trotz seiner Wunden glcklich am Leben erhalten, in der Schlacht bei
Leipzig, die der kaum Geheilte wieder mitfocht, erhielt er eine nicht
gefhrliche Quetschung am Bein von dem Druck einer Kanonenkugel, die ihn aber
dienstunfhig machte. Sie flchtete mit ihm nach Frankreich, wohin eine fast
fanatische Verehrung seines Kaisers ihn zog; dort blieben sie. Die gute Sophie
mute zuletzt zu so mancher ueren Noth einen gewaltigen inneren Kampf
bestehen, als die Bourbons wieder auf den Thron kamen und sie ihrem Herzen nach
sich ber die erneute goldne Zeit zu freuen hatte, whrend sie mit Marc die
untergegangene Sonne des Kaiserthums beweinte. Marcs Enthusiasmus fr den
Gefallenen fristete ihm eine Weile das Leben, im beglckenden Traume der hundert
Tage endete er. Duguet war bei Geierspergs geblieben, indessen wollte es mit dem
neuen Herrn nicht recht gehen; er folgte seiner Frau nach Paris. Als aber die
redlichen Menschen ihren Sohn begraben hatten, war es ihnen am natrlichsten,
mich aufzusuchen und sich meinem Schicksal anzuschlieen. Sophie nimmt sich
jetzt meines Hauswesens an, wie einst des Waldau'schen, und pflegt meine Kinder.
    Kinder! Du hast Kinder? Eine nicht zu bewltigende Rhrung berhauchte die
aufblitzende Emprung in Otto's Zgen. Er schwieg. Auch Anna fand kein Wort; es
war gut, da eben jetzt Kronfeld eintrat. Nach einer Stunde schon standen Anna
und Otto einander ohne Verlegenheit gegenber. Beim Abendessen hatten die Mnner
bereits eine Menge gemeinschaftlicher Gesprchs-Interessen und jede Spur von
Verlegenheit war verschwunden.
    Anna ging frh auf ihr Zimmer. Sie fhlte sich todtmde. Denken mochte sie
nicht. Kronfeld fand sie schlafend, als er durch ihre Stube in die seine ging,
er beleuchtete sie scharf mit dem Lichte, das er in der Hand hielt. Sie schlief
wirklich. Bin ich nicht ein Thor! lachte er vor sich hin und schlich leise
vorber.
    Am nchsten Morgen war Anna ihrer vollen Kraft sich wieder bewut. Nein,
sagte sie, ich wre doch nicht glcklicher mit ihm. Was er forderte, hatte ich
damals nicht, htte es wol auch jetzt nicht fr ihn. Er wird mich vergessen; er
hat es wol schon tausend Mal gethan in dieser langen Zeit. Aber ihr Herz strafte
sie Lgen.
    Otto hatte sie nicht vergessen; er hatte nur nicht Zeit gehabt, den Schmerz
zu hegen, der ihn so gewaltig ergriffen, denn er hatte zuerst sich in den Krieg
gestrzt, und als dieser endete, tief in seinen Studien sich vergraben. Die
Nachricht von Anna's Heirath hatte ihn, da sie gleich nach Beendung des ersten
Feldzugs vollzogen worden, schon in Paris erreicht. Ein paar leere Liebeleien,
ein paar Momente des Sinnenrausches abgerechnet, hatte die Liebe sein Leben
nicht eher wieder berhrt, als eben jetzt in Bern, wohin er in den Ferien
gekommen war. Anna's Wiedersehen verlschte den leichten Eindruck und gab ihn
der alten, nie ganz berwundenen Qual zurck.
    Die ersten Tage vermied er sie, dann fhrte ein Zufall ihn ihr wieder zu.
Sie hatte sich auf eine so verwandtschaftlich sichere Weise zu ihm gestellt, da
ihm sehr bald bei ihr am ruhigsten zu Muthe ward.
    Mnner wie Otto, die ihre Kindheit und Jugend in den Mittelstnden verlebt
haben, sind dem Einflu des aristokratischen Benehmens vornehmer Frauen in hohem
Grade ausgesetzt. Ohne eben verlegen zu sein, fhlen sie dennoch in hheren
Gesellschaftskreisen sich etwas unsicher; um Alles in der Welt mchten sie
keinen Versto begehen, besonders plagt sie eine geheime Scheu, lcherlich oder
gar ungehobelt zu erscheinen; so geben sie unbewut der Einwirkung einer
anmuthigen, nicht schwer sie niederdrckenden Ueberlegenheit sich hin. Schlgt
doch diese Ueberlegenheit ber all solche Abgrnde leicht fliegende Brcken,
erscheint sie doch so unbedeutend, der Gewalt und Kraft des mnnlichen
Charakters gegenber - nur bestimmt sie in all ihrer Unbedeutenheit erst diesen,
dann den nchsten Augenblick, reiht Schritt an Schritt und Stunde an Stunde. Und
auf diese Weise ist manche vornehme und sogar manche dabei recht hliche und
nicht sonderlich geistreiche Frau zur Circe gescheiter und ausgezeichneter
Mnner geworden.
    Und nun Anna, Anna, die mit dem sichersten Weltanstande das einfache,
wohlwollende Gefhl eines Kindes vereinte, Anna, die nichts fr sich suchte,
keine Art heimlichen Strebens hinter angenommenen Formen barg, in der Alles
lauter Wahrheit geblieben war, wie htte Otto sich ihr zu entziehen vermocht!
Bald sah er sie tglich; sie war wieder eben so freundlich und herzlich zu ihm
als in den Zeiten ihres frheren Beisammenlebens. Wie hatte sie jede Erinnerung
derselben sich zu bewahren gewut! und dennoch mischte sich auch nicht die
leiseste Andeutung eines Gedankens seiner damaligen Liebe in diese Bilder, die
sie im magischen Glanze seinem Blicke tglich aufs Neue entfaltete; ja, oft
vermochte er, ihr gegenber, selbst kaum mehr daran zu glauben, da sich damals
sein leidenschaftliches Gefhl gegen sie ausgesprochen, da er in jener
unvergelich schnen, traurigen Stunde ein Glck getrumt, vor dem ihm jetzt
schwindelte, da er seine heien Wnsche ihr gestanden, seine Hand ihr geboten.
    Und doch war Otto keiner von den Mnnern, die sich die Vergangenheit
absprechen, sie annulliren wollen, weil sie nicht mehr in ihre Gegenwart pat.
Der helle Strom des Lebens flo ihm voll und tief durch die Seele und er scheute
den Rckblick auf dessen vernderte Ufer nicht. Es ist unbegreiflich, wie wenig
Menschen den Muth haben, wirklich glcklich oder elend zu sein, wie die meisten
aus purer Feigheit mit einem Mittelzustande sich begngen. Otto traute sich zu
beiden die Kraft zu, darum schlo er die Augen nicht vor dem, was abgegrenzt,
schmerzlich weit hinter ihm lag; er verga es nur momentan, weil sie es so
wollte.
    Anna dagegen berhrte das Verlassen ihres vterlichen Hauses ungern. Es war
der Wendepunkt ihres Daseins gewesen, es hatte ihrer Existenz eine andere
fremdartige Frbung gegeben, die sie nicht mit Bewutsein sich gewhlt, die
nicht ihr ganzes Wesen durchdrungen; in einzelnen Stunden war sie sich dessen
bewut.
    Wenn sie von ihrer Mutter sprach, war es von deren Leben, ihren Tod erwhnte
sie nie. Sie sprach berhaupt ungern vom Tode - er ist so rthselhaft, sagte
sie, und darum schaudert mir vor ihm; es geht mir wie den Kindern, die sich vor
allem frchten, was sie nicht kennen. Knnte ich ergrnden, was der Tod ist, mir
wrde nicht mehr bangen.
    Anna ehrte die christlichen Dogmen aus innigster Ueberzeugung, nur, uerte
sie oft, hat Christus selbst zu wenig ber den Tod gesagt, denn die Auferstehung
erklrt den Tod nicht; sie springt ber das Grab hinaus in einen neuen Zustand
mitten hinein.
    Auch die Fabel der Alten, das schne Bild geistiger Verklrung, der
Psyche-Schmetterling, gengte ihr nicht. Die Raupe ist geflgelt worden, hat
ihre Farben gesteigert, ihre Formen entwickelt und hinterlt die Larve, wie
eine Blume ihre Knospenkapsel, aber des Menschen Leib verwelkt und bricht
endlich ganz und gar zusammen, ihm entsteigt keine sichtbar veredelte und doch
seiner Urform verwandte Gestalt. Ich glaube an die Fortdauer, eben darum graust
mir vor den unlsbaren Rthseln des Todes.
    Als du ein Kind warst, erwiderte Otto lchelnd, hast du mich oft mit
dergleichen Fragen und Aeuerungen geplagt, die ich, der Sprache nie sonderlich
mchtig, dir nicht zu beantworten vermochte. Weit du noch, wie ich mir damals
half? Ich zeigte dir auf einem der Bltter im groen Bilderbuche der Natur die
Antwort. Ich will's heute wieder so machen und aus unscheinbaren Substanzen, aus
Gas und formenlosen Stoffen eine Gestalt dir erwecken, die wir zu den Urformen
der unorganischen Natur zhlen. Er lie nach bekannten chemischen Proceduren
einige Stoffe sich krystallisiren und fragte ganz trocken: Auf die Gre kommt
es dir doch nicht an? Nun, knnte denn die flchtige Substanz der Seele im
Uebergange mit uns noch unbekannten Stoffen sich nicht wie dieser Krystall zur
eigenen Urgestalt erwecken? Da httest du die Auferstehung des Geistes, die
Verklrung seiner frheren, verborgenen Wesenheit. La den Krper als bloe
Schale der Erde.
    Du bist, sagte Anna, trotz all deiner Gelehrsamkeit immer noch der alte
philosophirende Phantast, und glaube mir, ich bin immer noch das glubige, aus
allen Krften der Seele aufhorchende Kind.
    Ja, ja, sagte Kronberg ein wenig schlfrig, Sie beide harmoniren als
unbewute Poeten im Mrchenfache, das merke ich; gedenken Sie aber einmal der
Realitt eines unpoetischen, ungelehrten, krppelhaften -
    Und krystallisiren Sie ihn in seine Urform als Whistspieler, setzte Anna
scherzend hinzu.
    Allerdings spielte ich gern, wenn wir einen vierten Mann htten.
    Vor dem todten Whistmann frchte ich mich gar nicht, versicherte Anna.
    Und alle Drei setzten sich lachend an den Spieltisch und Kronberg fand seine
Frau allerliebst.
    Kronberg war ein wirklich gebildeter, unterrichteter Weltmann; die
Naturwissenschaften aber waren damals keineswegs ein Gemeingut der Gesellschaft.
Nur wenn durch seine Anwesenheit ein hochberhmter Reisender sie zum belehrenden
Gesprchsstoff umschuf, erweckten sie ein durchgehendes Interesse, das demnach
in den meisten Fllen entschieden der Persnlichkeit des Erzhlers viel zu
danken hatte.
    Es war daher Kronberg durchaus nicht zu verargen, da ihn Otto's Gesprche
mitunter langweilten und er sich rgerte, da, wie er oft Annen versicherte, ein
so grundgescheiter Mensch nicht im Stande sei, eine ordentliche Conversation zu
machen - und nicht einmal dir gegenber! setzte er kopfschttelnd hinzu.
    Eigentlich hatte Otto berhaupt noch nie ordentlich mit einer Dame
gesprochen; die jungen Mdchen, mit denen er auf selten besuchten Bllen
verkehrt hatte, verstanden es eben so wenig als er, ein fortgesetztes Gesprch
zu fhren. In so jungen Jahren ist es meistens der Liebe allein vorbehalten, die
Brcke des Verstehens zwischen den Geschlechtern zu schlagen.
    In Bern erst war er einem Mdchen begegnet, mit der zu reden ihm gelungen
war, er wute kaum selbst, wie es zugegangen. Es war die Tochter eines armen
Schreiblehrers. Der Vater, gelhmt und altersschwach, wnschte sie in einem
Institute, in welchem er selbst bisher den Dienst versehen, an seiner Statt als
Lehrerin unterzubringen. Die dem Plane sich entgegenstellenden Schwierigkeiten
hatten Otto in dem Hause, in welchem er bei einem lteren Collegen wohnte, mit
dem hbschen Vrenely zusammengefhrt. Die Professorin interessirte ihn fr das
arme Kind und suchte seine Frsprache bei dem ihm befreundeten Institutsdirector
fr dasselbe zu gewinnen.
    Trotz ihrer niederen gesellschaftlichen Stellung war das Vrenely ungemein
beliebt in Bern. Der Vater mochte auch wol bessere Tage gekannt haben,
wenigstens hatte er seinem Tchterchen eine sorgfltige Erziehung gegeben. In
einigen hheren Kreisen freundlich aufgenommen, hatte das schne junge Mdchen
durch die Lieblichkeit seiner ueren Erscheinung, durch die Anspruchlosigkeit
seines ganzen Wesens die regste Theilnahme sich erworben.
    Vrenely war durchaus von Anna verschieden; sie hatte wenig Muth, aber viel
Pflichtgefhl, das den Mangel an jenem bertrug, und so unternahm sie in fast
gleicher Lage mit der, aus welcher Anna zu ihrer jetzigen Stellung durch die
Generalin von Geiersperg gelangte, ihren eigenen Weg zu gehen, weil sie fr
ihren Vater es als nthig erkannte. Mit vierzehn Jahren schon hatte sie kleine
Kinder im Lesen, Rechnen und Schreiben unterrichtet und den Alten fast ganz und
gar erhalten. Jetzt war sie siebenzehn. Es war die Rede davon, sie bei einem
Doppelinstitute fr Knaben und Mdchen, statt besoldeten Lehrers, die Stunden
geben zu lassen; der Fall war noch nicht vorgekommen und der grte Theil der
Gesellschaft interessirte sich fr sie und ihr Anliegen.
    Vrenely war, wie sonst wol eigentlich echte Katholiken zu sein pflegen,
fromm und still die lange Arbeitswoche, ja den ganzen Sonntagsmorgen hindurch,
dann aber nach vollendetem Geschft frhlich und guter Dinge, als breite das
Leben einen Reichthum von Festtagen um sie her. Sie hatte den vollen krftigen
Wunsch, das Dasein zu genieen, aber auch den Genu zu verdienen. Sie hoffte
unendlich viel von der Zukunft und stellte in ihrem Herzen jedem Worte, das sie
ihren kleinen Zglingen vorschrieb, eine mit allen Farben einer regen Phantasie
ausgefhrte Initiale voran, aus Engeln und Blumen zusammengesetzt; aber alle
flossen in einen einzigen Wunderrahmen zusammen, der sich um ein schnes
ritterliches Heiligenbild hinzog, als sie Otto gesehen. Er fand sie fast jeden
Abend bei der alten Professorin; ihr geflliges Aeuere und ihre Herzensgte
gewannen ihn. Das Mdchen schien ihn zu lieben, aber sie dachte weder an Liebe
noch an Heirath dabei, sie dachte nur - an Ihn. Sie hatte auch gar keine Zeit,
ihr Gefhl zu betrachten oder zu analysiren; sie lie es in sich walten, wie man
die Sonne sich bescheinen lt.
    Da sah Otto unvermuthet Annen wieder. Es war vorbei, er dachte nicht mehr an
das Vrenely; er kam gar nicht mehr herunter zur alten Frau Professorin und hatte
des selbst kein Arg. Ihn hatte eine hhere Gewalt ergriffen, seine Seele war wie
von einem Blitzstrahl durchleuchtet, er konnte sich auf nichts Anderes besinnen.
    Anna war wirklich unbefangen geworden; sie hatte die kurze Strung einer ihr
unsglich lieben Vergangenheit vergessen wollen, um den Jugendfreund sich zu
bewahren, und es war ihr gelungen. In solchen Fllen ist das Gemth der Frauen
beweglicher, ja wechselnder, als das der Mnner.
    Mit jedem Tage fhlte sich Kronberg mehr und mehr gesunden; er betrachtete
sich als vllig hergestellt und stand in eifriger Correspondenz mit dem Frsten
H., dem allgewaltigen Minister, der ihm gewogen war und durch dessen Gunst er
eine wirkliche Gesandtenstelle in Rom, Florenz oder Neapel zu erlangen hoffte.
Die nchsten Wochen, oder wenigstens die nchsten Monate muten hierber eine
Entscheidung bringen. Kronberg schwankte, ob er dieselbe in der Schweiz abwarten
solle oder nicht.
    Die Verhltnisse in Deutschland waren ihm unangenehm, sie drckten ihn. Mit
einer rein legitimen, fast ritterlich poetischen Anhnglichkeit an Knig und
Vaterland, die ihm sein kurzer Kriegerstand zurckgelassen, verband er den schon
damals erwachenden, in unsern Tagen so allgemein und allgewaltig heranwachsenden
Drang nach persnlicher Freiheit; die amtlichen Verhltnisse, wie gnstig sie
sich ihm auch gestalten mochten, ekelten ihn an; die fr ihn zu hoffende
Carrire, welche ihn unter unmittelbare Leitung des Ministeriums stellen mute,
gengte ihm durchaus nicht; nur ein Gesandtenposten, wo mglich der eines
Ministerresidenten, gewhrte, selbst wo er ihm die grten Rcksichten
aufzubrden schien, seiner Ansicht nach, die Garantie einer persnlichen
Unabhngigkeit, die ihn, trotz allen mit ihr verbundenen Lasten der
Gesellschaft, lockte und alle ihm sonst gebotenen Vortheile abweisen lie.
    Aber, sagte ihm Otto in einer langen Unterredung ber diesen Gegenstand,
fhlen Sie denn nicht, Herr Graf, da im Verhehlen einer Gesinnung, in
Darstellung irgend einer Thatsache, deren Frbung ein bestimmter Zweck bedingt,
auch ein Zwang liegt? Und sollte dieser nicht grer sein als der eines Amtes,
das seine feststehenden Formen und seinen festsitzenden Schlendrian mit sich
fhrt?
    Lieber Freund! erwiderte Kronfeld, man wird identisch mit seinem Staate und
verhehlt, beschnigt, verschweigt gerade so, wie etwa der Einzelne in der guten
Gesellschaft sich gern von der besten Seite zeigt. Glauben Sie mir, der Triumph
eines feinen Diplomaten ist der seste auf Erden, - ausgenommen der einer
schnen Frau, schlo er lachend, zu seiner Gemahlin gewendet. Pardon! Er kte
ihr schmeichelnd die rosigen Fingerspitzen.
    Otto fhlte sich unangenehm berhrt, ja wunderlich gergert und verletzt.
Diese Galanterie, mochte sie noch so zart und ritterlich sein, verwundete ihn
jedesmal, wenn Anna der Gegenstand derselben war. Sie war ihm so heilig und er
noch ein recht glubig Liebender. Er lie das Gesprch fallen.
    Kronfeld glaubte, er habe ihn nicht verstanden. Diese Gelehrten, sagte er
verdrielich zu sich selbst, vermgen mit ihrer mathematischen Weisheit die
Sonnenstubchen zu berechnen, aber im gemeinen Leben knnen sie nicht drei
zhlen. Wenn's Glck gut ist, meint der, ich wolle den p.....schen Staat auf
meine Schultern nehmen und durchs Weltmeer tragen, wie St. Christophorus den
Herrn!
    Anna sah Beide an und lchelte, sie verstand Beide, nur hielt sie Otto's
Liebe fr minder ernst; sie hatte gerade genug ber das hbsche Vrenely gehrt,
um nicht an die Unvergnglichkeit dieser Liebe fr sich selbst glauben zu mssen
- so glaubte sie nicht daran. An die Mglichkeit einer heftigen Leidenschaft
dachte sie gar nicht, theils traute sie dem Jugendfreunde sie nicht zu, theils
fehlte ihr der Mastab fr dieselbe, und berhaupt trumte Anna nicht und wiegte
sich nicht in Emotionen. Ihr ernster Charakter gehrte nicht zu den
romantischen; sie bebte zurck vor der eigenen Kraft und Tiefe ihres Wesens,
wenn irgend ein Umstand den Schatten derselben an ihr vorbergleiten lie, ohne
ihn zu erkennen, wie zuweilen ein unverstandenes Geisterleben durch einen Mark
und Bein erschtternden Schauder uns schreckt, den wir nicht zu erklren
vermgen. So vergingen mehre Wochen.
    Otto fing indessen doch allmlig an, sehr zu leiden; er sah tglich mehr
ein, da Anna weder ihn, noch seine Liebe begriff - und die Leidenschaft will
verstanden sein, um jeden Preis verstanden! Er verlangte, da sie wisse, was er
um sie erduldet, wie damals ihr Verlust sein ganzes Dasein umgestaltet, welchen
unermelichen Schmerz sie ihm gegeben. Mehr forderte er nicht; er suchte nichts
zu erreichen, nicht einmal ihre Liebe. Was konnte diese Liebe ihm gewhren! Otto
war ein frommer, ganz einfacher Mensch; ihm war die Ehe eine chinesische Mauer,
die unwiderruflich von jeder Hoffnung auf die Geliebte ihn schied.
    Auch Vrenely ward des eigenen Herzens sich mehr und mehr bewut; es war so
finster in ihrer Seele geworden. Der frohe Muth, mit dem sie sonst
allmorgendlich erwachte, war pltzlich wie versunken in ihrer Brust. Wie ward
ihr Alles so bitter schwer. Sie hatte nun die lange gewnschte Stelle erhalten;
sie konnte ihren alten Vater ernhren und pflegen - aber, ach! ihre Stunden gab
sie nicht mehr gern. Wie erbrmlich kam es ihr jetzt vor, nur kleine Kinder
schreiben und buchstabiren zu lehren; wie gar gering, wie mangelhaft war nicht
eine solche Kenntni! Was mute nicht die wunderschne Frau, die sie so oft mit
Otto am Schulhause vorbergehen sah, alles wissen und Ihm sagen knnen.
    Sie besann sich jetzt auf jedes Wort, das er frher mit ihr gewechselt, -
das hatte sie sonst auch wol Nachts oder in einzelnen freien Stunden, und, ach!
wie gern gethan, aber damals war es ihr immer vorgekommen, als enthalte die
ganze Welt nichts Schnes oder Edles, das sie nicht mit ihm besprochen - nun sie
es sich so recht innig-grausam berlegte, hatte er ja nur ganz oberflchlich von
dem Nchstliegenden zu ihr geredet. Er hatte ihr Vieles erzhlt, aber vielleicht
hatte er damals schon bei dem Allen gar nicht an sie gedacht, sondern immer nur
an die schne Fremde mit den langen blonden Locken.
    Otto ahnte von dem Allen nichts. Gibt es etwas Traurigeres, als dieses
Nebeneinanderleben und Leiden, wo keiner auf den Andern sieht, ja nicht einmal
die Qual eines nahen und liebenden Herzens beachtet? Und jeder meint dennoch,
eine Unermelichkeit der Empfindung in sich zu tragen, und sie reicht nicht
einmal fr den dicht neben ihm Stehenden, neben ihm Weinenden aus!
    Das Ende der Herbstferien nahte, mit Entsetzen dachte Otto des Augenblicks,
der ihn von Annen trennen mute. War er schon nicht glcklich in ihrer Nhe,
empfand er dennoch einen Todesschauer bei dem Gedanken, die Abende, die er jetzt
groentheils bei Kronfelds zubrachte, knftig ohne sie in Basel durchleben zu
mssen. Unwillkrlich ging er jeden Tag etwas frher hinber, mit jeder Stunde,
ach, mit jeder Minute htte er geizen mgen!
    Eines Abends, als er dem Hause zueilte, gewahrte er den Reisewagen des
Grafen, der eben, schwer bepackt, aus dem Hofthor und die Strae entlang rollte;
Duguet, mrrisch, in seinen dicken Pelz gehllt, sa auf dem Bock - das mute
nach Norden, die Nacht hindurch, weit, weit gehen, groer Gott! war sie ihm denn
schon wieder verloren?
    Das nmliche Gefhl, mit dem er einst den Brief aus der Hand legte, der ihm
Anna's Reise nach Berlin verkndigt hatte, berfiel ihn jetzt mit pltzlicher
Gewalt und wlzte sich erstickend auf sein Herz; ihm vergingen die Sinne. Ohne
zu bedenken, da er auf offener Strae sei, lief er dem Wagen eine weite Strecke
nach; als die Unmglichkeit, ihn zu erreichen, endlich seine Schritte hemmte,
strzte er eben so mechanisch in wilder Hast zurck und dem Hause zu, das die
Familie bewohnte. Unten im Hofraum stand Philipp, des Grafen Reitknecht, und
wusch den zweiten Wagen, in welchem Anna hufig auszufahren pflegte. Sie ist
noch da! schlug es an Otto's Herz! Er trat in das Haus, die Mgde waren emsig
mit der tglichen Arbeit beschftigt, nirgend gewahrte er eine Spur von
Reiseanstalten oder Unruhe. O guter Gott, sie ist noch da! Er lehnte sich
erschpft an die Treppenbalustrade und vermochte nichts weiter zu denken, kaum
sich auf den Fen zu erhalten. Ein Strom von Glck und Dank flutete auf in
seinen Adern, in seiner Seele. Sie mute noch da sein, da lagen ihre Handschuhe,
ihr Hut. Sie war im Nebenzimmer; sechs Schritte, so stand er ja vor ihr.
    Der starke Mann zitterte wie ein Kind und hatte lange nicht den Muth, die
sechs Schritte zu thun. Endlich ffnete er die Thr des Salons; am Tische sa
das Vrenely zwischen den beiden kleinen Knaben und gab ihnen Schreibstunde. Otto
rang nach Athem und blieb an der Schwelle stehen, da trat Anna hinzu; sie war im
Hintergrunde des Zimmers gewesen. Das Vrenely war aufgesprungen von seinem
Stuhl, die beiden Frauen standen neben einander.
    Zum ersten Mal durchzuckte ihn eine Erinnerung an sein frheres Benehmen
gegen das Mdchen, welches schon wieder zwischen den Kindern sa. Seit den acht
Tagen, da die Stunden begonnen, hatte sie ja Zeit gehabt, auf diesen innerlich
schon hundertmal durchlebten Augenblick sich vorzubereiten, sie beugte sich
unter dessen Gewalt, wie eine Lilie unter dem aufstrmenden Nachthauch, aber sie
blieb gefat. Anna war ruhig, wie immer; sie blickte sinnend bald Otto, bald das
Vrenely an. Ob er sie liebt? fragte sie sich leise und eine helle Rthe berflog
ihre Wangen; sie wute ja, er liebe sie selbst.
    Otto blickte mit tiefer Glut auf Anna's schne Zge, die der rosige Hauch
verklrte; er hatte das arme Vrenely bereits wieder vergessen. Ich glaubte dich
fort, Anna! ich hatte den Wagen gesehen, entrang sich fast tonlos seiner Brust.
    Du! er nennt sie Du! widerklang es in Vrenely's Herzen.
    Fort, ohne dir Lebewohl gesagt zu haben? wie wre das mglich, Otto!
    Hast du es nicht bereits einmal gethan? fragte Otto sehr bitter. Zum ersten
Mal war er emprt ber Anna's Unbefangenheit.
    Die Rthe auf ihren Wangen wich, sie ward bla, sehr bla. Du solltest jetzt
und berhaupt niemals mich daran erinnert haben, Otto! es wre gromthiger
gewesen, edler. Du hast Kronfeld's Reisewagen gesehen, er ist nach Karlsruhe.
Der Minister H. kommt auf der Rckreise dort durch. Roderich will ihn sprechen.
Es hat sich schnell, in wenig Stunden gemacht. Nach beendigter Lection der
Knaben wollte ich zu dir schicken, dir es sagen zu lassen. Kronfeld grt dich
herzlich, er kommt in sechs bis acht Tagen zurck. Uebrigens, mein Freund! fuhr
sie freundlicher und sehr weich fort, brigens sollte man Todte ruhen lassen,
und diese Vergangenheit mit all ihrer Lust und all ihrem Leide mu todt sein -
sie ist an der Gegenwart gestorben. Otto, ist uns denn nicht noch unendlich viel
an einander geblieben? Sie bot ihm mit tiefer Rhrung die Hand.
    Vrenely sa mit dem Rcken gegen die Sprechenden gewandt, aber sie hrte das
halblaut gefhrte Gesprch. Sie hatte ihre Strke berschtzt, das empfand sie
jetzt erst. Hatte sie doch das ganze Anerbieten, den Kindern Stunde zu geben,
nur angenommen, weil sie Ihn sehen wollte. Ihn neben ihr! Es war ihr gewesen,
als msse sie dann mit einem Male genesen von all der Qual, oder daran sterben,
und nun tdtete das Allerunerwartetste sie nicht, sondern die Qual wuchs und
berwuchs in tausend Gestalten zugleich all ihre Vorstze und Krfte.
    Anna und Otto standen in einer Fensterbrstung vor einander und sahen sich
wehmthig an, das Vrenely hatten jetzt Beide vergessen.
    Anna, flsterte er endlich, die dargebotene Hand leidenschaftlich an sich
ziehend, ich habe es lange schweigend ertragen. Warum hattest du mir das gethan!
War ich dir denn damals gar nichts? Ist dir denn in diesen vielen Jahren nie
eingefallen, was du in mir zerstrt, was ich um dich gelitten.
    Otto, ich war ein Kind, funfzehn Jahre. Kannte ich denn das Leben, wute
ich, was ich that? Jetzt wei ich es, ich htte anders handeln sollen und
mssen. Ach! glaube mir, es hat mir oft unsglich leid gethan.
    Wo wre die Liebe, die bei solchen, wenn auch absichtslos gesprochenen
Worten nicht, von tausend zndenden Funken durchglht, aufloderte zur
verzehrenden, jedem Gesetze Trotz bietenden Leidenschaft? Anna, die er so kalt
geglaubt, Anna fhlte also, da sie unrecht an ihm gehandelt; sie hatte es
bereut, sie hatte um ihn, mit ihm gelitten. Wie anders wre vielleicht Alles
gekommen, wenn Josephine sie nicht berredet, ja durch ihr Uebergewicht sie
vielleicht gezwungen. Jeder Vorwurf, den er der Geliebten gemacht, war aus
seinem Gedchtnisse entschwunden. O wie sophistisch ist die Neigung! Otto verga
die ganze schmerzliche Vergangenheit, ja die ganze noch schmerzlichere
Gegenwart, er zog schweigend Anna's zitternde Hnde an seine Lippen und zum
ersten Mal im Leben berstrmten heie Thrnen das schne mnnliche Gesicht.
    Anna erschrak, sie wute nicht, was zu thun; sie empfand ihre eigne
Unvorsichtigkeit, ihrer Kinder und Vrenely's Nhe. Sie vermochte nichts, als ihn
bittend anzusehen und leise ihre Hnde den seinen zu entziehen. Jetzt kehrte
auch ihm die Besinnung und das Gefhl des unwiederbringlichen Verlustes zurck,
schneidend kalt lie er sie los und wandte sich von ihr ab.
    Mut du die Wege noch weiter von einander leiten, Otto? fragte sie mit einem
unaussprechlich trben ernsten Ausdruck. Aber der Schmerz hatte ihn berwltigt;
er zitterte heftig und griff in der Aufregung nach einem in der Nhe stehenden
Tischchen, um sich zu sttzen; die auf demselben befindlichen Glser klirrten
gegeneinander und Vrenely wandte unwillkrlich den Kopf. Er weinte; nun wute
sie ja Alles! und so ganz war sie vergessen, da er in einem solchen Augenblicke
nicht einmal ihre Anwesenheit gewahrte. Auch das Mdchen weinte hei und still,
aber die arbeitgewohnte Hand fhrte dennoch die kleine Hand des Knaben, der
eifrig seine Grundstriche machte. Das arme Vrenely war nicht an heftige
Aeuerungen gewhnt.
    In Anna's Seele regte sich jetzt zum ersten Mal eine Ahnung der tiefen
Leidenschaft, die Otto seit Jahren fr sie empfunden und treu bewahrt hatte, und
vor ihr richtete, einem Gorgonenhaupte gleich, die Verantwortlichkeit sich auf;
der leiseste Hoffnungsschimmer mute ihn verwirren, die entschiedene
Zurckweisung konnte seine Thatkraft hemmen im Augenblicke ihrer Entwicklung.
Ach, und die Seele hat auch ein Janushaupt mit doppeltem Antlitz! Mitten in
diese wahrhaft edle Empfindung mischte sich der egoistische Schmerz: Beide nicht
glcklich, beide liebelos den langen leeren Weg des Lebens! Noch nie hatte Anna
so klar sich's einzugestehen gewagt, da sie ihren Gemahl eigentlich nie
geliebt; vor der ungeheuern Wahrheit in Otto's Gefhl brach pltzlich diese
Ueberzeugung herzzerreiend, fast vernichtend grell an das Licht, aber sie stand
ruhig, den Blick zur Erde gesenkt und nur die blonden Locken zitterten ber der
heftig pulsirenden Ader an den Schlfen.
    Gerade dies Schweigen vernichtete den letzten Rest der Kraft in Vrenely's
Brust; sie hielt diese pltzliche Stille fr den lautlosen Ausdruck des Glcks,
weil sie selbst wortlos so unsglich glcklich gewesen; ihr war, als strbe sie
in diesem Augenblick, ihr Kpfchen sank auf die Lehne des Stuhls, auf welchem
ihr kleiner Zgling sa, und unaufhaltsam flossen ihre Thrnen. Da trat Sophie
zu ihr, die vor wenig Secunden durch die Alkoventhr hereingekommen war; die
Stunde hatte geschlagen, ma bonne wollte die Knaben abholen. Der kleinste sa in
seinem hohen Sthlchen fest eingeschlafen, Vrenely hatte es nicht bemerkt; der
ltere schrieb noch, aber in immer krauseren Schriftzgen. Sophiens Falkenauge
berflog die beiden Gruppen, sie begriff alles.
    Sie sind unwohl, liebe Mamsell, sagte sie leise, indem sie hinter des
Mdchens Stuhl trat, um die Weinende mit ihrer Gestalt den im Fenster Stehenden
zu verdecken. Frchten Sie nichts, es hat's niemand gesehen. Kommen Sie, wir
wollen auf mein Zimmer oder in den kleinen Hausgarten gehen; es ist beklommen
hier, frische Luft wird Ihnen wohlthun.
    Vrenely richtete das freundliche Auge dankend zu ihr auf, an den langen
schwarzen Wimpern hingen die hellen Thrnen, wie Thau an einer dunkeln Blume;
sie war keines erwidernden Lautes mchtig.
    Die Kinder - der Kleine war erwacht - sprangen frhlich auf die Mutter zu,
Anna beugte sich liebkosend zu ihnen nieder; ihr Herz ward stiller.
    In Otto regte sich pltzlich bei diesem Anblicke die entzgelte Furie der
wildesten Eifersucht, mit einem unterdrckten Schmerzensschrei schlug er beide
Hnde vor das Gesicht.
    Vrenely war aufgestanden und schwankte eben an Sophiens Arme der Thre zu;
der leise Aufschrei traf ihr Ohr. Unfhiger noch, seinen als den eigenen Schmerz
zu ertragen, erlag das arme Kind so vielen zugleich es bestrmenden heftigen
Gefhlen, es fiel ohnmchtig in ma bonne's Arme und mute hinausgetragen werden
in deren Stube.
    In tiefster Seele erschttert, blieben Otto und Anna zurck, des Mdchens
Schmerz hatte zu unwiderlegbar laut gesprochen, er bedurfte wenigstens vor
diesen Beiden keiner Erklrung. Lange fanden weder sie noch er ein Wort, Otto
stand mit untergeschlagenen Armen, als trotze er der neuen Qual, die ihren
Schatten ber seine Tage legte; die Grfin sa wie am ersten Abende im Fauteuil
am Fenster, aber sie blickte nicht mehr auf die erglhenden Gletscher und Alpen,
sondern in die viel starrere und schroffere Natur des menschlichen Gemths.
    Was wirst du thun? fragte sie endlich.
    Ich wei es nicht, antwortete er wild, und es kmmert mich nicht; ich bin an
dem allen nicht Schuld. Leide ich denn etwa nicht?
    Otto, sagte sie sehr sanft, ich glaube, du mut uns so bald wie mglich
verlassen.
    Du willst mir die einzige kurze Freude meines geknickten Jugendlebens
misgnnen? Bleibt mir denn etwa auer diesen paar Augenblicken mit dir noch so
gar viel, da ich sie wegwerfen knnte, wie welke Blten, oder sind sie dir eine
Last? Hat dich meine Leidenschaft etwa berlaufen wie ein zudringlicher
Glubiger? Habe ich irgend etwas verlangt? dir eine Untreue, eine Erwiderung
aufgebrdet? Ich will ja nichts von dir, als deine Gegenwart, die jeder Bettler
hier mit mir theilt.
    Anna, Anna! fuhr er fort, immer heftiger im Zimmer auf- und
niederschreitend, du kennst mich nicht; reize mich nicht durch Sophistereien,
mache mich nicht zum wilden Thier, das in der Wuth des Schmerzes alles zerreit
und niedertritt. Was geht das Mdchen mich an? Habe ich ihr je ein Wort von
Liebe gesagt? Was kmmert mich auer dir die ganze Welt!
    Ich wei es nicht; aber sie hat sich geliebt geglaubt. Ein Recht dazu
konntest du auch ohne Worte ihr geben - - und mut es irgendwie gethan haben;
das Kind ist so bescheiden. O, glaube mir, es ist gut, ja nthig, da du gehst.
Werde ich dich denn nicht vermissen? Ach, ich hatte mich ja so unbeschreiblich
auf Basel und unser Wiedersehen dort gefreut!
    Nun, Anna! nun?
    Ich irre vielleicht, wir Frauen verstehen ein Mnnerherz so schwer in all
diesen Verhltnissen. Ich kann dich nur bitten, lade keine neue Schuld auf dein
Haupt, keine auf mein gedrcktes Herz.
    Du? rief er, auf sie losstrzend, als wolle er ihr zu Fen sinken, du
schuldig, und durch mich? Engel! und worin? Er prete ihre zitternden Hnde
gegen seine glhende Stirn, dann eilte er fort.
    Mehre Tage traf er sie nie allein. Er hatte anfangs wegbleiben wollen, doch
es nicht vermocht. Jetzt fand er sie bestndig von Sophien und ihren Kindern
umgeben, sogar Frauen aus Bern als Besuchende bei ihr. Nie war ihm Anna
reizender erschienen, als in diesem milden, besonnenen Versagen, in dieser Scheu
vor allem Unrecht; aber ihre Absicht erreichte sie nicht, denn sie entflammte
ihn nur zu immer heftigerer Leidenschaft. Sie bedachte nicht, da sein ernster,
einfacher Sinn sie ohnehin jetzt vor neuem Aussprechen seines Gefhls schtze;
nur das Ueberraschende des Moments hatte ihn zu Ausbrchen fortgerissen, die er
selbst strenger tadelte als sie.
    Vrenely war krank geworden. Anna besuchte sie tglich; sie erzhlte ihr, wie
zufllig, von ihren Kinderjahren und der schnen mit ihrem Vetter verlebten
Jugendzeit. So schien uerlich alles beschwichtigt und in das alte Geleise
zurckgekehrt; die Stunden mit den Kindern sollten nchstens wieder beginnen.
Otto htte wahnsinnig werden mgen, jede Regung seines Wesens fhlte er gezgelt
und tief im Innern den gigantisch tobenden, blind wthenden Schmerz.
    Mit bewundernder Schwrmerei schlo sich das arme Mdchen der schnen
gtigen Frau an, die ihr so viel Wohlwollen erzeigte; sie glaubte Sophien, die
ihre Ohnmacht dem pltzlichen Eintritt der Krankheit zuzuschreiben schien,
obschon ihr klarer Sinn sich nicht zu bergen vermochte, da des Geliebten Herz
sich von ihr gewendet; sie fand nur eine Milderung ihres Geschickes in dem
Gedanken, da er Annen vor ihr gekannt und geliebt.
    Dennoch mte dieser knstliche Bau eines ertrglichen Zusammenlebens zu
einem sehr zweifelhaften Glck fr alle geworden sein, htte nicht ein ganz
unerwarteter Brief Leontinens dem Augenblick pltzlich eine neue Frbung und
neue Interessen aufgedrungen. Sie schrieb:

Thue mir den Gefallen, herzliebe Anna, gleich bei Empfang dieser Zeilen so
recht grndlich auf mich zu schelten; sage: ich sei von einem Leichtsinn, den
man bei meinen einundzwanzig Jahren nicht zu entschuldigen vermge. Meine
Unberlegtheit und Koketterie mten und wrden mich gewi noch in unabsehbare
Abgrnde strzen; auf diese Weise msse ich geistig und krperlich zu Grunde
gehen. Letzteres, Gott sei's geklagt! fngt bereits an, nmlich beim Teint, den
ich in diesen Tagen gar sehr vernachlssigt.
    Wenn du nun im Zuge bist, kannst du gleich sagen, da ich bei einem Haar
zwei hchst achtbare, treffliche Kavaliere durch meine entsetzliche Frivolitt
auf zeitlebens elend gemacht haben wrde, wenn sich diese lieben Kreaturen
Gottes nicht glcklicherweise gleich mit einem zweiten Meisterstck der
Schpfung getrstet htten. Wirf mir nun auch noch vor, da ich bei der letzten
an mich ergangenen, jedenfalls unverdienten Bewerbung, weil sie etwas sehr lange
dauerte, am Ende nicht mehr recht Acht gab, aufsprang und beinahe - aber nur
beinahe - in der Zerstreuung davongegangen wre und den Freier stehen gelassen
htte, ohne alles abzuwarten, was er vorzutragen fr nthig fand. Ach, liebe
traute Anna! zeichne mich schwarz, so recht kohl-pech-raben-snden-schwarz, dann
aber ruhe aus und fasse dich, denn das Schlimmste kommt noch! ich habe einen
viel rgeren, viel tolleren Streich begangen, als diese alle - ich bin
davongelaufen! Mit einem Liebhaber? O Gott, nein, Kind; vor einem Liebhaber,
weil er sehr langweilig wurde.
    Nun bin ich aber in Solothurn, zwei, drei Meilen von euch, und meine Babet
sitzt neben mir, betrachtet verzweifelnd meine zerknitterte Haube und meinen
entfrbten Kapot, und versichert: da sie nicht wei, wie das alles enden soll!
- Nun gerade so weit bin ich auch.
    Im Grunde war die Geschichte ganz einfach Als die Saison in Baden beendigt,
wollten wir, wie du weit, nach Straburg, wo Geierspergs Nichte heirathen und
wir - das heit ich - dazu tanzen sollten. So weit war alles gut; nun aber denke
dir meinen Todesschreck, macht uns am zweiten Tage unseres Aufenthaltes dort
mein frhester, ehemaligster Ver- und Entlobter, Vetter Albert, eine angenehme
Ueberraschung, kommt von Koblenz aus angefahren und trifft, mir nichts, dir
nichts, in Straburg mit uns zusammen.
    Und nun geht das Anhalten noch einmal los, und ich bin in dem letzten halben
Jahre um ein ganzes lter geworden, denn Geiersperg erklrt mir peremptorisch,
ich sei mndig und ganz mein eigner Herr, vermuthlich aber nicht meine eigne
Frau, da ich, wie Babet sagt, absolument seinen Vetter Albert nehmen soll.
    Ich hre das alles an, sage nicht ja, nicht nein. Nun wird der General
zornig und fragt: Misfllt dir sein Aeueres? - Gar nicht, Papa. - Ist er nicht
gebildet, wohlhabend, Graf? Was kann in seinen Verhltnissen dich abschrecken? -
Rien au monde, papa. - Hast du irgend eine andere Neigung? - Fr den Augenblick,
nein, Papa. Nun ging ein entsetzliches Donnerwetter ber meinen Uebermuth los.
Ach, Herzens-Anna! sie redeten alle so in mich hinein, Albert war so
auerordentlich zrtlich, schn, glcklich, dazu war es himmlisches Wetter, man
konnte an einem solchen Tage Niemand betrben. -
    Da habe ich vermuthlich ja gesagt; denn gleich darauf ging's an ein Herzen,
Kssen, Danken, Gratuliren da es eine Lust war.
    Nach der Hochzeit der Cousine machten wir alle eine kleine Reise nach Trier,
Albert immer mit; wir sahen schne Alterthmer und unverfngliche Leute; es ging
prchtig. Gerade unter der Porta nigra berkmmt mich der alte Ennui. Ich fange
an zu experimentiren, gerade wie in der Pension. Bald servire ich ihm hei, bald
kalt, bald glht er, da er fast besinnungslos zu meinen Fen liegt, bald
schilt er mich, wird bitter, heftig, scharf, schroff. Das war doch nun wirklich
endlich eine Abwechselung, und ich bitte ihn um Verzeihung. Aber mit einem Mal
wird mir's fatal - aber ganz fatal - ich begegne einem jungen Manne; er grt
her, ich gre hin. Ach, lieber Engel! es war eine so unschuldige
Liebesgeschichte, Mdchen von vierzehn Jahren knnten sie lesen. Wird mir mein
Verlobter wild, aber wild wie ein Trke. Geiersperg hlt lange wohlgesetzte
Reden, Mama macht Vorstellungen, Babet sagt: Aber wenn nun das gndige Frulein
durchaus nicht mgen, da thte ich's absolument nicht!
    Babet hat den Stein der Weisen gefunden, denke ich, und kurz, wie wir eben
von St. Bern-Kastell aus das himmlische Moselthal entlang schauen, sage ich:
Albert, wir wollen es doch lieber gut sein lassen, wir passen doch nicht fr
einander! Und wie nun so recht das Lamento und die ganze betrbte Geschichte im
Gange sind, fngt mir der Mensch an zu weinen. Groer Gott! - denke ich, das
Weinen halte ich nicht einmal von der Babet aus, wenn sie ein Battisttuch
versengt hat, sondern schenke es ihr immer lieber, damit sie nur gleich aufhrt
- was soll daraus werden? Ehe ich mich noch besinnen kann, heirathe ich einmal
in solch einem Accs den Vetter Albert frischweg und mu mich hinterher wieder
von ihm scheiden lassen. Das geht nicht!
    Und da fiel mir wie ein Lichtstrahl meine Anna ein, mit ihrer festen,
treuen, starken Seele, und mein verehrter schner Onkel, dem ich nicht die Hand,
aber die Stirn ksse - halt! denke ich, nach Bern fhrt gewi ein Eilwagen, oder
du nimmst einen Char  banc, die Babet packt so etwas nothwendigstes Zeug
zusammen, und du flchtest zur Tante Anna. Gesagt, gethan; wir erreichen Abends
Kehl, Straburg gegenber, wo wir bernachten sollen, wir trennen uns ziemlich
spt ganz doloros und schwrmerisch; Geiersperg geht glorreich davon, weil er
mich wieder einmal durch die Kraft seiner gediegenen Grnde besiegt, gedemthigt
und so zu sagen total herumgekriegt hat; Mama denkt Alles geschlichtet zu haben
und geht ihrerseits mit ihrem Compensations- und Nivellirungssystem zu Bette;
Albert kt mir die Hnde; ich, ich lasse alles gut sein; wie sie aber smmtlich
in ihren Kammern sind, schreibe ich, wie's Maidli am Brnnli, meinem Schatz den
allerletzten Abschiedsbrief, schleiche frh um vier Uhr, in der Morgendmmerung,
ganz sachte mit der Babet und ihrem Pckchen zum Hause hinaus und sitze nun in
Solothurn. Hier habe ich frs Erste ausgeschlafen, dann mir die Gegend durch's
Fenster beschaut, und von fern, aber nur ganz von fern, kann ich den Montblanc
erblicken.
    Die Solothurnerinnen tragen hliche Mtzen. Hier im Hause ist eine Dirne
aus Schwyz, diese hat eine schwarze Flgelhaube von Spitzen auf, die auf ihrem
Kopfe wie ein dunkler Schmetterling aussieht, der auf einer Rosenknospe sitzt;
das allerliebste Gesichtchen ist das einzige Lustige, was mir bis jetzt hier
vorgekommen. Die Solothurnerinnen sehen alle entsetzlich fromm und ehrbar aus;
die Stadt ist winklig und schmutzig: das hat mich zur Reflexion gebracht. Ich
will doch lieber hier warten, bis ihr mich holt. Da ich mit der Babet ber
Nacht allein im Wirthshause geblieben, mag wirklich unpassend genug sein, und
nun ich aufgewacht bin, frchte ich mich fast; die Leute sehen einen so
besonders an. Wir haben gleich gefragt, ob der Onkel noch nicht da sei und
gethan, als ob wir ihn erwarteten. Zgere nicht, lieber Engel, schicke schnell
Duguet mit Pferden und Wagen - oder komme selbst zu
                                                    Deiner thrichten Leontine.

Otto war bei Annen, als sie den Brief empfing. Lies! sagte sie, ihm denselben
reichend, ich mu doch sogleich hin. Ohne weitere Erklrung verlie sie das
Zimmer, um die nthigen Reiseanstalten zu treffen.
    Duguet ist mit dem Grafen fort, und sie will allein in der Nacht fahren?
scho es ihm durch die Gedanken. Er eilte ihr nach; sie stand im Vorzimmer, von
ihren Leuten umringt, denen sie ihre Befehle gab.
    Anna! sagte Otto sehr sanft und ernst, es wird spt werden, la deinen
Jugendfreund dich begleiten.
    Sie sah ihm fest in die Augen; eben in diesen immer ganz einfachen Worten
lag Otto's Gewalt, tausend Eide htten sie nicht sicherer gestellt. Sie fhlte
das, und das Bewutsein der edeln Zuverlssigkeit dieses Charakters leuchtete
einen Moment auf in ihr, fast wie ein Glck. Schweigend bot sie ihm die Hand. Um
welche Stunde? fragte er. - Sogleich erwiderte sie; ich lasse nur anspannen.
    In diesem Augenblicke bertnte das lustigste Charivari von Posthornklngen,
Jauchzen und Schreien, Jubeln und Lachen ihre Worte; unwillkrlich eilten beide
an's Fenster, unten hielt Kronberg's Wagen. Er selbst stieg eben heraus, ein
junger Mann stand bereits am Schlag, den Rcken dem Fenster zugekehrt. Ehe noch
Otto's fragender Blick dem ihren zu begegnen vermochte, legten sich zwei warme
weiche Hndchen auf Anna's Augen; sie wandte sich rasch, es war Leontine,
Leontine in all ihrer Frische, in all ihrer glnzenden Heiterkeit.
    Bist du mir bs? fragte unter tausend Liebkosungen der seste
Schmeichellaut einer weiblichen Stimme. Bist du mir wirklich ganz bs? Aber es
war schwer, ihr zu zrnen, wenn man sie ansah.
    Leontine war blond, aber von jenem durchleuchtenden Blond, das in den blauen
Adern des schneeigen Teints, in den wie hingehauchten zarten Farben der Lippen,
der Wangen, der blarthlichen Fingerspitzen berall sich ausspricht. Es war
nicht mglich, etwas Dmonisch-Lieblicheres zu sehen als dies Amorskpfchen, das
wiederum zuweilen, aber selten, seine eigene Psyche schien, wenn Mitleid oder
Neigung die reizenden Zge durchstrahlten. Und so war ihr ganzes Wesen: Dmon,
Amor und Psyche, und der Muthwille der Hauptzug ihrer Erscheinung im tglichen
Leben. Sie hatte sich ungewhnlich spt entwickelt; jetzt war sie einundzwanzig
Jahre alt und sah aus wie siebzehn.
    Aber wie kamst du zum Onkel? fragte Anna nach den ersten Ausbrchen der
Freude; wie du, Kronberg, zu Leontinen?
    Par compagnie, wie der Staar von Segringen ins Netz kam, wrde Freund Hebel
sagen, antwortete lachend Leontine.
    Ganz recht, sagte Kronberg, ich sah das Vglein auf dem Zweige sitzen und
fing mir es. Was sollte ich anders am Thor von Solothurn gewahren -
    Als meine schnen Augen; nicht wahr, Onkel?
    Er kte ihr die Hand. Die meinen ri ich allerdings ein wenig gro auf. Das
Uebrige knnt ihr euch ja leicht denken.
    Nicht ganz, erwiderte Anna, denn noch immer begreife ich nicht, wie du so
schnell wieder hier sein konntest.
    Davon nachher, sagte Kronberg freundlich.
    Otto war es, als fhre ihm ein Messer in die Brust. Sie werden reisen,
dachte er dumpf; dazwischen gaukelte Leontinens Bild vor seinen Sinnen.
    Sophie war hereingeschlichen; sie vermochte es nicht, Leontinens Nhe zu
entbehren. Leontine herzte und kte sie und schmeichelte ihr wie ein Kind.
Komisch war es anzusehen, wie in der guten alten Bonne Respect und abgttische
Liebe fr ihren Zgling miteinander kmpften; sie nannte Leontinen wol zehn Mal
in einem Athem gndiges Frulein und Du, kte ihre Hnde und schalt sie
zugleich wegen ihrer in Unordnung gerathenen Locken.
    Auch Duguet hatte unaufhrlich im Zimmer zu thun, servirte zum ersten Mal in
seinem Leben schlecht, prsentirte Pfeffer zum Thee und lachte endlich sogar mit
ber seine eigenen dummen Streiche, was bei seiner Dienstgewhnung ganz unerhrt
war.
    Erst jetzt fiel Annens Blick auf den Fremden. Es war ein junger Mann von
vier bis fnfundzwanzig Jahren, nicht gro, nicht klein, kaum ausgezeichnet in
der ueren Erscheinung und dennoch blieb der erste Blick auf ihm haften; es war
durchaus kein schnes, nur ein sehr edles Gesicht, nichts auffallend darin als
die gedankenklare, elfenbeinweie und hohe Stirn, dann vielleicht noch der
kleine etwas trotzig gewlbte Mund - in unserm Deutschland gehrt ein schn
geschnittener Mund zu den Seltenheiten - vielleicht also war es dieser
knstlerisch geformte, fast ideale Mund, der so unbegreiflich das Auge fesselte,
vielleicht war es auch nur das reine Ebenma der ganzen Gestalt und jedes
einzelnen Zuges. Otto war unendlich schner, aber jener sah vornehmer aus. Otto
erinnerte an einen jungen Aar, von dem man jeden Augenblick erwartet, nun werde
er die Flgel ausbreiten, jener schien keiner bestimmten Zeit, keinem bestimmten
Lande anzugehren, und es fiel Niemand ein, ihn mit irgend etwas Anderem zu
vergleichen.
    Vergeben Sie, lieber Herr Gotthard, sagte der Graf, die Damen tragen die
Schuld; wie Sie sehen, machen sie mich so verwirrt, da ich vergessen habe, Sie
meiner Gemahlin vorzustellen. Liebes Kind, Herr Gotthard will so gut sein,
unserer Knaben sich anzunehmen, was um so nthiger ist, als - doch wo sind denn
die Kinder?
    Der ein Hofmeister? dachte Anna, das ist ja unmglich. Sie verneigte sich
verbindlich und sprach einige hfliche Worte; zum ersten Mal in ihrem Leben war
sie verlegen, es berkam sie das Gefhl einer Mystification. Leontine hatte
indessen mit angeborner Koketterie Otto in ein langes Gesprch gezogen, dessen
Wogenspiel ihm ber dem Kopfe zusammenschlug; ihm war es, als sprche er mit
einer Fee oder Sylphide, so flatterten Wort und Gedanken hin und her. Als aber
die Knaben kamen, die sie noch nicht gesehen, verga sie ihn mit einem Mal und
ward mit diesen zum Kinde. Otto sah ihr verwundert nach.
    Der junge Fremde schien berrascht, seine Zglinge so klein zu finden,
beugte sich aber mit einer gewinnenden Herzlichkeit zu ihnen nieder und begann
ein halblaut gefhrtes Gesprch, das ihn gleichsam mit den Kindern isolirte. Im
Verlauf einer halben Stunde hatte er sie gewonnen; eigentlich hatte er sie nur
befragt und sich von ihnen erzhlen lassen, er hatte nicht mit ihnen gespielt,
nicht einmal gescherzt, aber er hatte ihr Zutrauen erworben, denn als er sich
beurlaubte, um auf seinem Zimmer Einiges zu ordnen, liefen beide ihm nach.
    Anna! fragte jetzt Otto leise, was soll der junge Mann?
    Gott wei es, erwiderte sie, ich kann kaum umhin, die ganze Sache fr einen
Scherz zu halten.
    Nicht im mindesten, versicherte Leontine, der Onkel hat ihn von Karlsruhe
mitgebracht, um eure Kinder zu erziehen und mir ihn gleich in dieser Eigenschaft
vorgestellt.
    Ich habe den Minister gesprochen, sagte Kronberg, als er endlich am spten
Abend mit Anna allein war; ich erreichte Karlsruhe drei Stunden vor seiner
Abreise und sah ihn bei sich und dann bei Sternheim, wo wir dinirten. Er hat mir
goldene Berge versprochen, leider aber mit der unglcklichen Idee geendigt, mir
den Vorschlag zu einer Sendung nach Petersburg zu machen; unterdessen hofft er
mir die Stelle in Neapel verschaffen zu knnen; an Rom, meint er, sei vorlufig
nicht zu denken. Ich bin nun genthigt, nach Berlin zu gehen und dort zu
verweilen, bis ich meine Instructionen erhalte, und bin jetzt nur
zurckgekommen, um dir vorzuschlagen, hier oder am Rhein zu bleiben.
    Otto geht ja zurck nach Basel, dachte Anna. Gut, sagte sie ruhig.
    Ich meine, fuhr der Graf etwas verlegen fort, die Einrichtung fr so kurze
Zeit in Berlin mit den Kindern, dem indispensabeln Bediententro, den Ausgaben
einer Hofprsentation werden groe Unkosten verursachen.
    Ich bleibe gern, sagte Anna. Aber was soll der junge Mann hier -
    Sonst, fuhr Kronberg fort, mtest du in Berlin verweilen, bis ich von
Petersburg zurckkehrte, und unserem Range nach ein brillanteres Haus machen als
etwa Geierspergs. Freilich kann es einige Monate dauern und du bliebest allein
dort.
    Kronberg, sagte Anna fest, dann kann ich nicht hier bleiben. Frage mich
nicht weitlufig, ich will hingehen, wohin du willst, aber nicht etwa Jahre lang
ohne dich hier sein, glaube mir! - Indessen sage mir, was soll der junge Mann
hier?
    Die Kinder erziehen, liebe Anna! Es ist ein seltsames Ding mit diesem jungen
Menschen, er ist mir sehr dringend vom Minister empfohlen; Nheres wei ich
selbst nicht. Indessen scheint er das Seine gelernt, vorlufig aber keine
Aussichten zu haben. Der Minister bat mich, ihn auf ein paar Jahre zu nehmen; er
meint, spterhin werde man ihn als Privatsecretr bei einer Legation anwenden
knnen. Der neueren Sprachen ist er vollkommen mchtig und ein sehr klarer Kopf
- - Dir gefllt er nicht?
    Gefallen, Roderich! Ich habe zehn Worte mit ihm gesprochen. Zum Glcke sind
die Kinder zu jung, er kann ihnen nicht schaden. Mir sieht er zu vornehm aus, er
macht einen ungewhnlichen Eindruck; das meint auch Leontine.
    Bah! die findet Alles ungewhnlich, weil sie es selbst ist. Ihre kleine
Escapade macht mir aber Kopfbrechen. Mein Schwager hat Unrecht; schon als Albert
das erste Mal um sie anhielt, mochte sie ihn nicht. Schade, es wre eine
brillante Partie, der kleine Trotzkopf aber -
    Albert ist ein Schwchling.
    Eh bien, ma chre! sie ist bedeutend genug, ihm nachzuhelfen. Das geben die
besten Ehen. Aber du willst also nicht hier bleiben?
    Einige Monate, ja - lnger, nein!
    Liebes Kind, du weit, da ich nicht eiferschtig bin. Du hast wahrlich
Verehrer genug gehabt, um diese Eigenschaft in mir zu wecken - und zu
unterdrcken, schlo er fast galant. Aber die kleine Vrenely -
    Anna errthete; sie vermochte es nicht, Otto's Gefhl preiszugeben. Ich
werde bleiben, sagte sie, bis Leontine mit ihrer Mutter ausgeshnt ist, dann
mut du das Weitere bestimmen.
    Ich danke dir und traue dir vollkommen, erwiderte er mit einem Anflug des
edeln Ernstes, der ihn in einzelnen Momenten so liebenswerth erscheinen lie;
aber ich bin achtundvierzig Stunden gefahren und falle um vor Ermdung. Er kte
sie auf die Stirn und ging.
    Beklommenen Herzens blieb Anna vor ihrer Toilette sitzen; sie kleidete sich
gern allein aus, wie sie berhaupt ungern persnliche Bedienung brauchte. Madame
Sophie erschien Abends nie, ohne da ihr geklingelt worden. Es war eigen,
welchen Unterschied ma bonne zwischen Annen und Leontinen machte. Die erste
blieb immer ihre Gebieterin, die andere, trotz ihren tausend Launen,
Bedrfnissen und Eigenheiten, das Kind, das sie erzogen.
    Lange sa Anna so vor den tief heruntergebrannten Kerzen. Also nun wieder
hingehalten mit leerem Versprechen! Wieder nach Petersburg und einem Phantom des
Glanzes nachjagen, ohne Zweck und Ziel! Wieder ein momentanes Wirken nach auen
hin, das der nchste Windsto des Geschickes spurlos verweht! - Armer Kronberg!
- - Und dann zu guterletzt die wiedergewonnene Last einer Geselligkeit, die
sogar mich schon ermdet! Mein Gott, und ich bin so jung! - Wie viele, viele
Jahre das so fortgehen kann: dies schn, geistreich, witzig, brillant sein
mssen! Alles das nach gegebenen Gesetzen, wie einen Zehnten, den man abliefert!
    Und dagegen Otto mit dieser stillen Unergrndlichkeit seiner tiefen Seele! -
Nein, ich liebe ihn nicht. Kronberg hat recht, so ruhig zu sein; aber ich will
fr ihn sorgen wie eine Schwester. O, wie bliebe ich so gern hier, diesen weien
Alpenhuptern gegenber, einsam und still wie sie! - -
    Es war weit ber Mitternacht, sie trat an's Fenster, die Alpen hatten
ausgeglht. Der Herbst hatte sein Schweigen ber die Landschaft gebreitet, auf
dem dunkeln Grunde der ungestrten Nachtstille leuchteten die Bilder ihrer
Vergangenheit auf. Kronberg stand wieder vor ihrem inneren Auge, wie er sich
nach dem ersten Feldzuge um sie beworben. Wie fern schien jene Zeit zu liegen!
Damals, wie edel, wie fest zeigte sich sein Streben! Welcher Aufopferung mute
sie ihn nicht fhig halten, wenn er seine knftigen Plne und Wnsche ihr
entfaltete! Mit ihr auf seinen Gtern leben, seine so lange gedrckten, zur
Knechtschaft herabgewrdigten Bauern in ihren Rechten vertreten, sie beglcken -
das war sein einziges Ziel. Er wollte dem Staat nicht dienen als Beamter, er
wollte sich seine eigene Stellung in demselben suchen und erbauen, wie der Adler
seinen Horst.
    Gedachte sie dann ferner all der Versuche seiner Verwandten, diesen
grillenhaften Eigensinn zu brechen, wie sie es nannten, wie that ihr das Herz so
unsglich wehe um ihn! - Dann kam die Reise nach Italien. Ach, da gerade diese,
die ihn so vielen strenden Einwirkungen entziehen sollte, da gerade diese
Reise, die anfangs einer genialen Flucht glich, ihn nach und nach allen seinen
frheren Zwecken entfremdete! Wie drngten einander die reichen
Erinnerungsgarben der ersten Jahre, die sie und ihr Gemahl in Italien und
Sicilien verlebt hatten! Rom, Florenz, Genua, Palermo und das schwimmende
Venedig! - Nur da zuletzt im goldenen Freudenbecher der schwere, bittere
Bodensatz geblieben.
    Eben diese immer wechselnden Scenen, besonders der in Nichts zerflatternde
Freiheitstraum der Neapolitaner, waren es, die Kronberg's Ansichten und Vorstze
nach und nach umgeschmolzen und so gnzlich umgewandelt hatten. An die Stelle
eines nationalen Ganzen war ihm die Kleinheit des eigenen Ichs getreten und ein
gelungenes Miteingreifen in den momentanen Gang der Ereignisse hatte eine
malose Eitelkeit in ihm erweckt, die wie ein feines Gift allmlig alle
Lebensfasern seines intellectuellen Seins durchdrang. Seitdem war er ein
Spielball in der Hand der Mchtigen geworden, hatte viel gethan und im Ganzen
wenig geleistet. Das ist die Macht des Lebens! seufzte Anna.
    Wenige Tage spter reiste Kronberg wirklich nach Berlin. Ueber ihren
Winteraufenthalt wollte er von dort aus ihr schreiben, wenn das Geschft, das
ihn nach Petersburg berief, erst deutlicher in seinen Verzweigungen
ausgesprochen. Anna lie ihn gewhren, sie war ja entschlossen. - Otto schwieg,
er hatte noch acht glckliche Tage vor sich.
    Die Abende hatten sich belebt; einzelne Kunstfreunde, junge Maler, die schon
frher erwhnte alte irlndische Dame, Lady Frederic und vor Allen Leontine
hatten einen poetisch regen Geist in der kleinen Gesellschaft geweckt. Sogar das
Vrenely fand den Muth, zu kommen, wenn gleich nicht immer den, zu reden.
Leontine nannte sie ihr Veilchen, sich selbst deren Schmetterling.
    Sehen Sie, Comtesse, sagte ein alter Professor zu Leontine, ich behaupte,
unsre Gegend allein ist wirklich im Stande, dieser immer wieder heranwachsenden
Knstlermenge stets neue, frische Motive zu gewhren. Der Wechsel der
Beleuchtung und Frbung bringt phnomenartige Wandelungen hervor, die, in der
Darstellung treu zurckgespiegelt, den Vorwurf des Gemldes immer neu und
originell erscheinen lassen und es unsern jungen Burschen leicht machen, ein
Bild zum Ganzen abzurunden.
    Charmant, sagte Leontine; aber, bester Professor, es ist doch viel
Verwandtschaftliches in den Bildern, so etwas  la cousin germain Aehnliches.
Die Herren ***** und ihre Schler haben es der Mama Natur treulichst
abgelauscht, wie sie es hier mit Himmel und Erde hlt; sie gewhrt
liebenswrdige Charakterbilder, diese Schweiz, mit ihren frischen, grellen
Tinten, aber mir trumt von greren, edler gehaltenen Landschaften. Lachen Sie
mich nur aus, wenn ich's gestehe, da mich diese Art Bilder alle, alle an
Genregemlde im Riesenstyl erinnern.
    Die Hintergrnde, gndiges Frulein, entbehren der groartigen
verschwimmenden Linien der Ferne in dem Theil der Schweiz, den Sie kennen, sagte
mit einem Male Herr Gotthard. Die nchstliegenden Berge werden von hheren
Gebirgsketten oder gar von den Alphrnern in ihren Thalweitungen unterbrochen,
die sich nur schluchtenartig ffnen, um neue Hhenreihen zu zeigen. Das Berner
Oberland ist ja durch und durch Gebirg. Sie mten es von hheren und ferneren
Standpunkten bersehen. Schaffhausen, wo die Knstler leben, die Sie nannten,
liegt in diesem Sinne etwas gnstiger; doch wird auch dort die Gegend Ihren
Kunstanforderungen nicht gengen.
    Kennen Sie die so genau? fragte das Frulein.
    Vergebung, wenn ich ja sage. Aus Ihrem vorhergehenden Gesprch kann ich
ziemlich bestimmt entnehmen, da Sie die Landschaft wie ein historisches Bild
behandelt wnschen, und da, whrend Ihnen in der Wirklichkeit hier die Gegend
einen frischen, krftigen Eindruck gewhrt, sie im Gemlde dennoch Ihnen beengt
erscheint. Ihr Landschaftsideal wrde schon nicht mit der treuen
Portraitauffaffung unserer hiesigen Landschafter sich gengen lassen, selbst
wenn die Gewohnheit ihnen nicht einen gewissen Rhythmus der Auffassung gegeben
htte.
    Kann es denn etwas Hheres in der Landschaft geben, als das treue
Spiegelbild der Natur zu sein? fragte Otto.
    O ja, wie es etwas Edleres gibt, als die individuelle Aehnlichkeit der
Menschen: die vergeistigte Natur in ihrer mglichsten Vollendung - das Ideal.
Nur sind die einzelnen Zge des unorganischen Lebens weit schwieriger
aufzufassen und deren hhere Harmonie noch schwerer zu errathen und
herzustellen, als die der menschlichen Erscheinung. Es gehrt also ein viel
feineres und ausgedehnteres Proportions- und Schnheitsgefhl dazu, um hier
alles Strende und Disharmonische zu meiden und nicht der Farbe allein das
Erreichen eines Effects anzuvertrauen, der nur durch Zusammenwirkung alles
Genannten erreicht werden darf. Ach, man mte, schlo er possirlich-wehmthig,
ein Poussin und ein Claude le Lorrain und noch einiges mehr sein als beide!
    Alle lachten; der Professor aber fragte: Sind Sie denn ein Maler?
    Nein, sagte Herr Gotthard, es ist mir schwer geworden, der Kunst ganz zu
entsagen, aber ihre Ausbung wrde mich auf meinem Lebenswege hemmen. Anna sah
auf. Er stand so ruhig da, als habe er das Allergewhnlichste gesagt.
    Ich wette, flsterte Leontine ihr zu, dieser Rattenfnger von Hameln wird
nchstens sein Zauberlied singen und uns Alle sich nach ziehen, wie jetzt deine
Knaben, die den ganzen Tag an ihm hangen wie Kletten. Anna war sonderbar
nachdenkend, sie nickte schweigend.
    Die Andern hatten von Singen gehrt und fingen an, Leontinen zu bestrmen.
Lady Frederic qulte sie um ein irlndisches Lied.
    Bewahre! sagte Leontine, ich thue niemals, was man von mir will; ich mag
heute nicht singen und werde Ihnen lieber eine Geschichte erzhlen. Beiher
knnen die gelehrten Herren dann von mir selbst erfahren, was ich eigentlich von
der dargestellten Landschaft verlange; denn wenn ich sie reich und groartig
will, bis ber das Ma des Alltglichen hinaus, so will ich sie doch auch
wechselnd und treu, wie der Laddy und das irische Mdchen.
    Alle rckten eifrig zusammen, Leontine setzte sich auf einen niedrigen
Sessel zu Anna's Fen und begann, Vrenely sa ihr gegenber. Es war schwer,
etwas vollendet Schneres zu sehen, als diese drei Frauenkpfe neben einander;
aber wenn Leontine wie ein Amor, Vrenely wie eine Waldnymphe aussah, blieb Anna
immer die schnste und eigenthmlichste Erscheinung unter ihnen; man mute an
Titians Frauenbilder denken, wenn man sie ansah, deren bestimmte Individualitt
auch keinen Vergleich duldet. Seltsam, da sie diese Eigenschaft einer so streng
abgeschlossenen Eigenthmlichkeit mit Gotthard gemein hatte.
    Leontine sprach ihre Ballade, nur den Mittelsatz derselben sang sie, ohne
alle Begleitung, in wiegend einfrmiger Melodie, deren Weise, zwischen
Intonation und Recitativ gehalten, einen wunderlichen, geisterhaften Eindruck
hinterlie.

                             Ballade. (Irlndisch.)

Nach Limrick klar der Shanon wellt;
Am grnen Ufer sitzt die Maid,
In tiefster Liebe Herzeleid.
Sie weint um ihren trauten Knaben,
Den ihr entfhrt die Elfen haben,
Die Jemmy's Schne nachgestellt.

Von Knockfirn das Kluge Weib,
Das sie befragt in ncht'gem Rath,
Ein Mittel bald gefunden hat:
Wol kann die Maid den Liebsten retten
Aus aller Geister Zauberketten,
Liebt sie die Seele, nicht den Leib.

Trifft voll den Flu des Mondes Strahl,
So jagt vorbei auf weiem Ro
Er in der Elfen Wirbeltro;
Sie mu hinauf zu ihm sich schwingen,
Mit ihren Armen ihn umschlingen
Und halten ihn, trotz Grau'n und Qual.

Ueber den Rasen hin,
Ueber die Haide grn,
Flimmert und schwirrt es,
Nebelt und wirrt es
Wie glnzende Seide.
Sie schweben und schimmern,
Sie schwinden und flimmern
Zu Lust und Leide.
Ueber die Haide grn
Jagt Er unhrbar hin
Im Elfenkreise.

Schnell auf das Ro das Mgdlein springt,
Fat ihn mit starker Liebe Arm;
Ob ihr auch folgt der Elfen Schwarm
Sie denkt Maria's Gnad und Schmerzen.
Da fhlt sie, weh! am bangen Herzen
Den Schlangenleib, den sie umringt.

Das Scheusal fest sie an sich pret;
Ob es ihr droht mit spitzem Zahn,
Lautlos durchfliegen sie die Bahn.
Jetzt wird er Uhu, Br und Katze,
Er grins't sie an als Teufelsfratze -
Doch hlt ihr Arm den Trauten fest.

Da grau't der Tag! Das Morgenlicht
Legt sich auf aller Berge Hh'n!
Sie wagt's, den Liebsten anzusehn.
Es liegt in ihrem Arm geborgen,
Den sie erlst in Angst und Sorgen,
Und blickt ihr selig in's Gesicht!

Gewhr' uns, Gott, in Glck und Noth
Ein treues Herz, das fest uns hlt;
Und wie die Snde uns entstellt,
Es wagt in muth'ger Liebe Walten,
Trotz allem Wandel uns zu halten,
Bis wir erwacht in sel'gem Tod!

Sie schwieg. Otto starrte sie tief erschttert an. Liebende finden berall etwas
ihrer Empfindung Analoges.
    Vrenely war im Zuhren der Sprechenden immer nher gerckt; sie horchte noch
immer auf wie ein Kind, nachdem jene geendet. Endlich strich sie mit der kleinen
schn geformten Hand die dunkeln Haare aus der Stirn und flsterte fr sich hin:
Was fr ein Glck das sein mu!
    Leontine lachte. Das hab ich schn gemacht! sagte sie; ich dachte eine
rechte Qual und Angst, sonst habe ich wahrhaftig schlecht geschildert.
    Es ist ein groes Talent, was Sie da haben, mein gndiges Frulein, meinte
der alte Professor. Haben Sie denn das alles erdacht?
    O dear no! seufzte die Lady, das liebe Herz! Ich habe die Sage schon gehrt,
da ich noch in my green years und in green Erin war. Bei uns sind die Elfen den
Familien durch zahllose Bande verknpft und die Geschichten wachsen mit uns auf.
Sie war ganz aufgeregt von ihren Erinnerungen. Aber, schlo sie, Kind! die
Anwendung ist weder nationell, noch katholisch.
    Gotthard hatte bisher stumm dagesessen, nach einer Weile wandte er sich zu
Anna. Es wre ein Unermeliches, ein solches Erkennen durch alle
Lebensverwandlungen der Zeit hindurch, wenn es gegenseitig wre und zwei
krftige Naturen vereinte.
    Und glauben Sie wirklich, ein Mann wre eines solchen festhaltenden Glaubens
fhig? fragte Anna.
    Er sah sie durchdringend an. Ja, sagte er endlich, ich glaube es. Beide
schwiegen.
    Aber, meine Herrschaften, wo ist denn die Landschaft geblieben? rief
Leontine, der das Recensiren langweilig war. Sie hatte das Loben in ihrer
Familie stets wie eine Art Landplage, Pestilenz oder Heuschreckenschwarm
betrachtet und ertragen. Das ist das eine Auge, meinte sie, was zu haben
schrecklich, und gar zu verlieren noch schrecklicher wre. Ach! seufzte sie
hchst drollig, in der Mark sitzt mir ein ganzes Nest Waldaus, die zwitschern
alle die nmliche Weise; drucken lassen sie mich nicht, ich knnte ja in
Recensentenhnde fallen! Sie geben mir aber mein Theil Bewunderung rein umsonst.
Du bist nicht mit gemeint, Anna! schlo sie, ihr liebes Gesichtchen an deren
Schulter legend und sie so von unten auf ansehend. Weit du wol noch die Zeit,
da wir gar nicht zu singen wagten, um nicht etwa Ausdruck in die Gesangsweise zu
legen; ich spielte damals in Gesellschaft blos Klavier, aus lauter Gefhl meiner
Wrde und der ihr anklebenden Anstandspflichten.
    Wildes, irisches Mdchen! sagte die Lady.
    Aber die Landschaft, die Landschaft! fuhr Leontine fort. Sehen Sie, bester
Professor, ich gestatte es recht gern, da man durch Licht, Schatten und
allerlei Zuflligkeiten der Landschaft einen sogenannten Charakter aufbrde, man
kann sie meinetwegen dster, schaurig oder so lieblich verlockend machen wie den
Ku einer Geliebten; man mag dabei, wie die Indier lehren, alle fnf
Liebespfeile der fnf Sinne losschnellen, aber sie mu am Ende doch immer wieder
in den Grundzgen ihrer Eigenthmlichkeiten erkennbar bleiben, die Steine mssen
nicht wie Wollenballen, Gletscher nicht wie gefrorne Wasserflle aussehen, und
Granitfelsen nicht wie behauener Sandstein; sie mu sich in eingeborner alter
Treue uns an's Herz schmiegen, wie der Laddy an des Mdchens Brust, im
Vollgefhl des ihr Heimatlichen, da wir sie zu erkennen vermgen.
    O Jerum! Jerum! sagte der Professor, so wie der grimme Leu ein
fleischfressend Thier ist, also sollen auch wir in einem gottesfrchtigen und
christlichen Wandel leben? Sind mir das Kunsturtheile!
    Es war mit der Aufmerksamkeit vorber, Alle lachten und der Abend schlo auf
heitre Weise mit Musik und allerlei Scherzen. Von Poesie und Kunst war nicht
weiter die Rede.
    Das Scheiden und der Tod kommen gleich unvermeidlich, darum sucht man so
gern den Gedanken an beide zu bannen. Die Ferien gingen zu Ende; Otto mute nach
Basel, seine Vorlesungen zu erffnen. Die letzten Tage waren leidlich
vorbergegangen, er hatte viel gearbeitet, chemische Versuche und andere
wissenschaftliche Beobachtungen angestellt, auch eine Untersuchung der
nchstliegenden Gletscher mit andern Gelehrten unternommen. Anna hatte ihm
versprechen mssen, da er Abschied von ihr nehmen drfe; zu ihrer Verwunderung
trat er vllig heiter und ruhig in ihr Cabinet.
    Er brachte eine groe Menge getrockneter Alpenpflanzen, die er auf den
Gletscherrndern und den hchsten Gebirgen fr sie gesammelt, und erklrte ihr
wol eine Stunde lang deren eigenthmliche Beschaffenheit. Endlich kam der
gefrchtete Augenblick. Er reichte ihr die Hand. Ich danke dir, Anna, fr die
unsglich schnen Stunden, die du mir gegeben, sagte er mild; du hast mir das
Leben wieder lieb gemacht, gleichviel um welchen Preis. Eh' sie ihm zu antworten
vermochte, war er ihr entschwunden.
    Anna war schmerzlich bewegt. War das eine Ueberanstrengung der Kraft? es sah
nicht so aus. Ihre Gedanken jagten einander in peinlicher Hast, sie gedachte
Leontinens und Vrenely's O, sagte sie wehmthig, ich werde nie das Leben
ertragen lernen! Also auch in ihm haftet kein Gefhl! Und doch ist es gut so,
ich habe es ja selbst gewollt, gewnscht. Da flog die Thr auf, Vrenely trat
ein. Das arme Mdchen war Otto auf der Treppe begegnet, er hatte ihr freundlich
und hastig Lebewohl gesagt; unten hielt bereits sein Reisewagen - er war fort.
    Seit den letzten Wochen war eine groe Vernderung mit Vrenely vorgegangen,
sie hatte sich pltzlich in sich selbst krftig entwickelt, ihre Gedanken waren
scharf geordnet, ihr Urtheil war klar geworden; sie las und lernte in jeder
freien Stunde, und gab ihren Unterricht gut und besonnen. Auch jetzt trat sie
zwar mit hochgertheten Wangen und fliegender Brust ein, aber so vernichtet und
aufgelst in Lieb und Leid, wie sie bei jenem Gesprch zwischen Otto und Annen
gewesen, war sie jetzt keineswegs.
    Er ist abgereist! sagte sie fast tonlos. Schon? erwiderte Anna. Armes Herz!
sie reichte Vrenely die Hand.
    O, er wird wiederkommen! versicherte die Kleine; es ist nicht anders
mglich. Bei den Worten flossen ihr die Thrnen aus den Augen.
    Leontine sah sie traurig an. Ach, Vrenely! Sie sind viel, viel zu gut. Wenn
wir die Mnner lieb haben, mishandeln sie uns. Kommen Sie, Kind, wir wollen
Musik machen; lernen Sie von mir eine leichtfertige Seele sein, ich tauge gar zu
nichts Anderem, als euch arme, weiche Gemther zu rchen. Wir wollen die neuen
Walzer einben.
    Liebes Frulein, meine Augen sind trbe, ich habe die halbe Nacht hindurch
geschrieben, seufzte Vrenely.
    An Ihn? fragte unbesonnen Leontine.
    Vrenely erglhte wie eine Rose. An wen? hauchte sie bebend hervor. An wen
knnte ich wol zu schreiben haben! Ich habe aus dem Englischen bersetzt; der
Professor lernt es auch eben, und da hatte ich Lust bekommen und fing es vor
Kurzem an.
    Aus welchen Fden die Liebe ihr Glck spinnt! flsterte Leontine Annen zu.
Aber ihre Lockungen zogen das Mdchen am Ende doch hinber in den Saal, und ihre
Gutmthigkeit gaukelte ihr so lange vor, bis sie heiterer gestimmt schien.
    Gotthard brachte einige von Annen gewnschte Bcher und Noten; er sah sehr
ernst, fast trbe aus und erwhnte ebenfalls Otto's Abreise. Wir werden ihn alle
vermissen, erwiderte Anna. Gotthard antwortete nicht sogleich. Anna war dieses
Schweigen gewohnt an ihm, er war einer von den still und besonnen immer nach der
einmal innerlich angeschlagenen Richtung fortdenkenden Menschen; auch jetzt
glaubte sie ihn mit irgend einem Vorschlag fr der Kinder Unterricht
beschftigt. Basel ist sehr nahe, sagte er nach einer Weile. Sie sah erschreckt
auf; da Otto im Laufe des Semesters kommen knne, war ihr nicht eingefallen.
Jetzt schien ihr seine Heiterkeit erklrlich. Leontine und Vrenely waren
unterdessen in den Salon gegangen, Gotthard war zum ersten Mal mit der Grfin
allein.
    Es regte sich ein Gefhl des Unmuths und der Unzufriedenheit mit Otto in
ihrer Brust, als habe er absichtlich sie getuscht; sie arbeitete emsig an ihrer
Tapisserie, ohne ein anderes Gesprch zu beginnen. Als folge Gotthards Blick
wortlos dem Zuge ihrer Gedanken, fuhr er nach einer Pause fort: Und Sie, gndige
Grfin, Sie finden es nicht natrlich, da in unserer so streng und viel
fordernden Zeit wir Mnner einzelne glckliche Stunden fester zu ergreifen und
zu halten streben, als die zarteren, vom Auenleben minder hart behandelten
Frauen? Wie lange Jahre hindurch bleiben wir nicht gezwungen, mit einem eilends
errafften Genu des Glcks Verlangen zu beschwichtigen, das die Natur in jede
Menschenbrust gelegt. Anna zhlte ihre Stiche. Und gewi, einem solchen Kreise
nahen zu drfen, in ihm vermit zu werden, ist ein so groes, seltenes Glck,
da ein Nachtritt es nicht zu theuer erkauft. Darum zweifle ich auch nicht, da
wir den Professor recht bald wieder hier begren.
    Ich habe geglaubt, der Weg sei weiter, sagte Anna etwas verlegen.
    Gotthard hatte bis dahin mit gesenkten Augen gesprochen, jetzt schlug er sie
auf; sie fhlte sich mit diesem einen Blick bis in ihr tiefstes Seelenleben
durchschaut; rasch entschlossen, heftete sie den ihren fest auf ihn, er hatte ja
kein Recht, in das von ihr Verschwiegene sich zu drngen; aber ihr Auge traf auf
ein todtenbleiches Antlitz, dessen zitternde Lippen eine tiefe Gemthsbewegung
verriethen.
    Nach wenigen Secunden empfahl sich Gotthard, um nach den Knaben zu sehen.
    Anna blieb nachdenkend auf ihrem Stuhl sitzen. Worber sann sie denn so
seltsam ernst und tief? Sie fhlte sich gereizt, und doch war ihr, als msse sie
Gotthard eine Art Aufklrung schuldig sein.
    Ihm? dem Hofmeister meiner Kinder? fragte sie sich mit pltzlich erwachendem
Stolz. Wie kann dieser Mensch es wagen, mich zu beurtheilen, mich zu richten?
Warum argwohnt er zwischen mir und Otto eine Leidenschaft - ein Verhltni? -
Aber thut er es denn wirklich?
    Verstimmt schritt sie im Zimmer auf und nieder und entwarf allerlei Plne,
Gotthard sich fern zu halten.
    Weit du, sagte jetzt Leontine, die unterdessen zurckgekommen, da die
Kleine trotz ihrem Liebesunglck glcklicher ist, als wir beide?
    Wie so? fragte Anna zerstreut.
    Du, mein Herz! fuhr Leontine fort, indem sie sich in eine Sophaecke warf,
bist an einen vortrefflichen Mann verheirathet, dem du die unendliche Ehre
erzeigst, seine Gemahlin zu sein. O still! still! Du wirst mir doch nicht von
dem Glck sagen, da wir dich in die reichsgrfliche Krone unsers Hauses gefat,
als deren besten Edelstein? Halte mich doch um Gottes willen nicht fr
miserabel, Anna! Dein Glck kenne ich innen und auen, wie meine alten
Handschuhe. Mein Oheim ist wirklich ein guter Mensch und ein echter Cavalier, er
hat sogar eine Menge vorzglicher Eigenschaften; unglcklich bleibt es indessen
doch, da gerade Er in eurer Ehe der Mann ist.
    Leontine, du qulst mich!
    Und ich mchte dich doch nur veranlassen, deine Stellung genauer zu
berblicken, um sie etwas leichter zu nehmen.
    La mich den einmal scharf bestimmten Weg so fortgehen, bat Anna.
    Wahrhaftig, du httest irgend einen meiner Cousins in Pommern, oder, wenn
man dort nicht katholisch wre, nach Westphalen hin heirathen sollen, so einen
der vielen blonden Johannes, Karls und Egons von Kronberg. Du wrst ihm eine
zchtige, demthige Hausfrau geblieben - wie ich deren dort eine Menge kenne und
liebe - httest ihm aus langer Weile eine Reihe blhender Kinder geschenkt;
kurz, es wre bei deinem Charakter immer alles gegangen, nur httest du nicht
vorher dem Zweige der phantastisch khnen Waldaus aufgepfropft werden mssen! In
meinem Papa steckte noch die ganze franzsische Revolution - mir ist sie ins
Blut bergegangen und siedet darin fort. Mama's Eltern waren respectable
Philister, und Geiersperg ist ein tapfrer Ritter, den das Mittelalter aus
Versehen zurckgelassen hat, als es ber die Erde schritt.
    Du aber, armes Kind! in unserm Hause, mitten unter allem erwachsen, was
Deutschland an Geist, Anmuth, Verstand und Witz zusammenbringen konnte, du
sollst nun unsern guten, prchtigen Roderich bestndig leiten und schieben, und
zwar so fein, da er's selber nicht merkt! Du sollst dem in seiner Art
ehrenwerthen, sehr aristokratischen Edelmanne eine elegante, ebenso
aristokratische Gefhrtin sein, pas plus! denn das Uebrige ist vom Uebel - du
mit deinem Kothurnen-Charakter, du, die fr ein geliebtes Herz zu sterben
vermchte!
    Leontine, ich hoffe, ich kann auch fr dasselbe leben.
    Wahrhaftig ja, das kannst du! Du bist eine gute Frau, eine vortreffliche
Mutter, du bist ein Stern der Gesellschaft, der oft ihre Existenz bedingt und
beherrscht. Anna, weit du, wenn du im weien Atlaskleide durch unsre Hofsle
rauschest, so kann ich, wei Gott! nie recht begreifen, da man nicht Ihre
Majestt zu dir sagt, und vergesse immer wieder, da mein guter, dummer Onkel
Gesandter geworden ist, um dich an den Hof zu bringen.
    Ja, sagte Anna lachend, warum hat er auch eine Roturire geheirathet!
    Siehst du, rief aufjauchzend Leontine, so himmlisch gut und gescheit htte
mir unter tausend Brgerlichen nicht eine geantwortet! Das ist's ja eben, mein
Kronjuwel, da du ein geborner Prinz Regent, innerlich deiner eignen hchsten
Vornehmheit dir bewut bist. Darum ist man auch immer  son aise mit dir und
kann dir alles sagen. Ach, ich wollte nur, ich htte die Courage, dir auch etwas
recht Schlechtes, recht Fatales von mir selbst zu sagen! Sie barg das Gesicht in
den Hnden.
    Von dir? Bist du ein Falschmnzer geworden und hast uns betrogen?
    A-peu-prs! gelogen habe ich wirklich, 'pon honnour! sagt Lady Frederic, und
das Schlimmste, schlo sie, aus ihrer Sophaecke aufspringend und in einem hchst
aufgeregten Zustande zu Annen hinlaufend, das ganz Erschreckliche ist: ich lge
noch!
    Was wird da herauskommen, dachte Anna, die irgend eine Narrensposse
erwartete. Aber Leontine warf ihr beide Arme um den Hals, kte sie wiederholt
und heftig, und zwei helle Thrnen fielen auf Anna's Wange, die sie nicht selbst
geweint. Thrnen? Leontine, du? Mein Gott, was ist denn geschehen?
    Morgen! Morgen! flsterte die Schluchzende und eilte in ihr Cabinet, das sie
hinter sich abschlo.
    Aber der nchste Tag brachte nicht die gewnschte Erklrung; es kam nicht
dazu. War es Absicht, war es Zufall? Anna konnte sich keine Rechenschaft darber
geben. Leontine schien heiterer als je, phantasirte den ganzen Tag von
Bergfahrten, vom Gletschermeer, vom Grindelwald, und wollte, trotz dem
Sptherbst, noch berall hin, besonders lag ihr ein Ausflug nach Luzern zum
Markt in Gedanken; sie hatte den Kopf voller Aeuerlichkeiten und Muthwillen.
    Annen war dieser pltzliche Wechsel der Stimmung ihrer Freundin nicht fremd;
sie kannte an dem wunderlichen Mdchen einen sie seltsam und stoweise
berfallenden Hang zu philosophischem Grbeln, der zuweilen in fast skeptischen
Unglauben ausartete. Leontine verdankte diese Richtung dem frhen, bei
wiederholtem Aufenthalt in Schlesien sich stets erneuenden Umgang mit einer sehr
bigotten katholischen Familie, deren Hauskaplan ihrem kindischen Witze zum
Stichblatt dienen mute. Der Eifer des alten Domine, sein Mangel an Kenntnissen,
die groben Widersprche, zu welchen seine beschrnkten Religionsansichten ihn
hinrissen, alle diese sich in katholischen Lndern oft ganz gefahrlos
wiederholenden Zuflligkeiten, die den wirklich Frommen kaum berhren, reizten
die junge Protestantin erst zum Widerspruch, dann zur Analyse, endlich zu
gnzlichem Misverstehen des nur mit einfachem Sinne auf wohlthuende Art zu
Erfassenden.
    In Berlin gewhrte Geierspergs Bibliothek, die sie heimlich durchstberte,
dem noch an der Grenze der Kindheit stehenden Mdchen Gelegenheit zu einer Art
Controverse mit ihrer jungen Freundin, die auf Annen einen vorbergehenden, auf
Leontinen einen dauernden Eindruck machte, der mit den Jahren tiefer ward, als
ihr glnzender Scharfsinn sich entwickelte. Sie schrieb Annen lange, hchst
geistreiche Briefe ber solche Gegenstnde, die diese sanft und vllig ruhig
erwiderte.
    Bei spterem Wiedersehen begann Anna durch den momentanen Unfrieden, in den
sie die geliebte Zweiflerin verfallen sah, insgeheim zu leiden; ein lngeres
Beisammenleben hatte jedoch diesen ersten Eindruck lngst gemildert. Wie oft
hatte sie Leontinen tiefsinnig spottende, an Voltaire's Geist erinnernde
Bemerkungen aussprechen gehrt, wie oft aber auch in weicheren Augenblicken die
heien Reuethrnen gesehen, die das liebenswrdige Wesen ber die Unmglichkeit
vergo, sich einen berzeugenden Glauben an die trstlichen Verheiungen unserer
Kirche anzueignen. Stunden lang konnte sie die Mglichkeit einer individuellen
Fortdauer bestreiten und andere Male am Krankenlager alter Diener und
Nothleidender denselben durchdringenden Geist zur Erweckung des innigsten,
reinsten Gottvertrauens anwenden. Da dieser stete Wechsel eines unaufhrlich in
sich bewegten Gemths dem starken festen Sinn der jungen Frau widerstand, ist
begreiflich, aber die Verschiedenheit ihrer Naturen wirkte nicht strend auf die
Zrtlichkeit der so lange und eng Verbundenen. Allmlig war Annen die
Ueberzeugung geworden, da dieser flutenreiche, ewig auf- und niederwogende
Charakter Gefhlstiefen in sich berge, die dem Senkblei willkrlichen
Eindringens stets unerreichbar bleiben mten. Sie hatte sich darein ergeben,
wie man eben an das Ungewhnlichste sich gewhnt, wenn ein seltenes Geschick uns
dasselbe aufdringt und das, was die Welt als Phnomen anstaunt, in die Bahn
unserer Alltglichkeit wirft. Natrlich machten aber jetzt weder Leontinens
Thrnen, noch ihr spteres Schweigen ber deren Ursache einen so tiefen Eindruck
auf sie, als dies bei jeder Andern der Fall gewesen sein mte. Sie schrieb
Leontinens Aufwallung einer augenblicklichen Erregung zu und mochte sie nicht
mit lstigen Fragen verletzen, als dieselbe vorber schien.
    Gotthard beschftigte sich mit immer regerem Eifer mit den beiden Knaben.
Ihre Entwicklung grenzte ans Staunenswerthe, doch qulte er sie wenig oder gar
nicht mit Lectionen, er entfaltete die reichen Anlagen der Kinder, wie ein
geschickter Grtner eine frische Pflanze zur gesunden Blte bringt. Halbe Tage
streifte er mit ihnen umher ber die minder hohen Berge, durch Thler und
Schluchten hin, er gab ihnen Unterricht in den einzelnen Zweigen der Naturkunde,
er fhrte sie in Stdte und Drfer zu Handwerkern und Bauern, bildete ihr Auge
und zeigte ihnen alles, was er sie lehrte; sie muten es mit Hnden greifen,
dann begriffen sie es auch geistig. Zum eigentlichen positiven Lernen hatte er
den nchsten Winter bestimmt.
    Sie machen meine Kinder zu Amerikanern, sagte lachend Anna, wenn die Knaben
ein unbegreiflich klares Auffassen uerer Eindrcke zeigten. Geht das so fort,
so werden die Buben mit funfzehn Jahren heirathen wollen und ich mit dreiig
eine alte Frau sein mssen.
    Er blickte ihr mit einem fast jubelnden Ausdruck in das reizende Gesicht. Im
Gegentheil, gndige Grfin, ich sichere Ihnen eine nie unterbrochene Jugend und
immer frische Sinne zu.
    Sie sah ihn dankbar an. Sie fhlte zwar dunkel, da er die Kinder um
ihretwegen liebe, aber sie gestand es sich nicht.
    Von Otto war nicht wieder unter ihnen die Rede gewesen; Anna dachte nicht
mehr ihrer Plne, Gotthard sich fern zu halten. Es ist etwas Furchtbares um die
Gewalt des sich alltglich Wiederholenden, wie es leise die Seele umspinnt!
    Kronberg war immer noch in Berlin. Sie schrieb ihm lange Berichte ber der
Knaben Fortschritte, die er in wenigen Zeilen mit der Versicherung erwiderte: es
freue ihn, durch die Erfahrung ihr beweisen zu knnen, da er sich in Herrn
Gotthard nicht geirrt. Uebrigens lie er sich in keine Details ein; der
Aufenthalt in den ehemals heimischen Kreisen, der rasche Diplomatenwechsel, der
zu Verona erffnete Congre, an welchem der Minister so bedeutenden Antheil
nahm, hatten seine ganze Seele mit so mannigfaltigen Eindrcken berfllt, da
er Gott dankte, alle Familiensorgen seiner Gemahlin berlassen zu knnen.
    So freundlich Kronbergs Schreiben war, lag dennoch unendlich viel
Schmerzliches fr sie in dem Briefe; das leise Gefhl, dem Gemahl lstig zu
werden, berschlich sie mehr und mehr mit kltender Qual. Da er als Diplomat
dem Reactionssysteme unbedingt anhangen, die monarchischen und conservativen
Grundstze zur Norm all seiner Urtheile machen und dabei mit wachsendem Egoismus
eine immer rcksichtsloser ausgedehnte persnliche Unabhngigkeit behaupten
knne, war ihr unbegreiflich. Diese Art Freiheitsliebe, die nur ihn selbst von
jeder individuellen Pflicht lsen sollte, kam ihr unedel vor. Die
Oberflchlichkeit, mit welcher er die griechische Freiheitssache behandelte, die
ihr frisches Herz mit dem glhendsten Enthusiasmus erfllte, that ihr wehe. Das
Hinwegschlpfen ber Josephinens Stimmung gegen Leontine, vor allem aber die
Gleichgltigkeit gegen die Fortschritte der Kinder, die nur im Triumph ber die
getroffene Wahl eines Hofmeisters eine Spur der Theilnahme zeigte - alles dies
verletzte sie unaussprechlich. Ueber die Bestimmung eines Winteraufenthalts fr
sie enthielt der Brief keine Zeile und doch ging der October bereits zu Ende.
Kronberg mute es ganz und gar vergessen haben.
    Otto war noch nicht von Basel herbergekommen. Gotthard lebte nur den
Kindern und seinen Studien. Seit ein paar Tagen hatte er sich fast ganz
zurckgezogen; wenn die Kleinen ihn nicht beschftigten, kam er gar nicht aus
seinem Zimmer. Seine Lampe brannte immer noch, wenn Anna, an grostdtische
Stunden gewhnt, lange nach Mitternacht von Leontinen sich trennte; der bleiche
Strahl erhellte die Hautelissetapete ihres Schlafzimmers, auf der die Schlacht
bei Sempach dargestellt war; erwachte sie gegen Morgen, so lag der matte Schein
immer noch auf irgend einem Theile des graulichen Bildes. Der junge Mann
arbeitet sich todt! sagte sie leise zu sich selbst. Am Morgen erzhlte sie es
Leontinen.
    Welch ein entsetzlicher Ernst in dieses Menschen Willen! Er will Minister
sein, und glaube mir, er wird es.
    Minister? fragte Anna.
    Ja, erwiderte Leontine, er will eine unerhrte Carrire machen, und wenn er
sein Ziel erreicht hat, irgend etwas Groes, Ungewhnliches durchsetzen.
Vielleicht ist er verliebt und hofft auf diese Art die Hand seiner hher
gestellten Geliebten zu erhalten.
    Was fr romantisch-thrichte Ideen du von allen Leuten dir machst! sagte
Anna etwas gereizt. Nun soll der junge Mann verliebt sein, weil er des Nachts
schreibt!
    Ja so, meinte lachend die Gescholtene, ich verga, in unsern raisonnirenden
und revolutionairen Zeiten mu man ein Weib oder ein sechszehnjhriger Jngling
sein, um zu lieben! O dolce amore, ragion cui non s'intende, e se ragion intende
subito amore non ! Mit fnfundzwanzig Jahren ist man viel zu alt zum Lieben,
nicht wahr?
    Sollte Gotthard lieben? Aber wen? Lange sann Anna schweigend nach, nicht die
leiseste Aeuerung hatte jemals Leontinens Vermuthung besttigt. Aber warum
arbeitete er denn so rastlos? Ihr fielen die Volksbewegungen der letzten Jahre
in Spanien, Portugal und Brasilien ein; was konnte er mit ihnen allen zu
schaffen haben? In Deutschland war ja alles ruhig. Und dennoch, sollte er irgend
einer geheimen politischen Verbindung angehren - unmglich, das glich ihm
nicht. Zum ersten Male dachte sie daran, da sie ihn nie nach seinem Vaterlande
gefragt. Ein Deutscher war er, obschon er mehre Sprachen mit gleicher Fertigkeit
sprach, das schien ihr gewi. Kann man zugleich so ganz einfach und dennoch so
rthselhaft sein? dachte sie. Sie sprach ihre Gedanken nicht wieder gegen
Leontine aus.

Duguet rumte den Salon auf, Leontine wollte tanzen heute Abend, auch ohne Ball,
lieber nach dem Klavier als gar nicht. Eine kleine Gesellschaft war dazu
eingeladen. Jetzt war er fertig, er sah sich ein paar Mal um, dann zog er ein
gefaltetes Blatt aus der Tasche, das er, an's Fenster tretend, zwischen den
Fingern hin und her schob und in den hellen Sonnenstrahl hielt.
    Mais - c'est malhonnte ce que tu fais l! sagte mit einem Male Madame
Sophie. Als er seine Frau gewahrte, steckte Duguet das Blttchen ein - es war
ein versiegelter Brief - und begann ganz tapfer Marlborough s'en va-t-en guerre
zu singen, was bei ihm das entschiedene Zeichen eines groen inneren Triumphs
war. Zugleich rckte er Tische und Sthle zurecht und stubte sie auf schon
erwhnte Weise mit dem Tuch, den Takt schlagend, ab. Sophien sah er gar nicht
an, er war auf dem hchsten Gipfel seines Hochmuths.
    Mais je dis que c'est malhonnte ce que tu fais l!
    Hein? fragte er.
    Was hattest du denn fr ein Papier? fuhr sie fort.
    Hein? qu'est-ce? fragte er, immer heftiger um sich schlagend. Aha, si! eine
Rechnung vom Herrn.
    Die man nur auf der Rckseite lesen kann, wenn man sie in die Sonne hlt?
    Er schwieg und ordnete mit wachsender Hast die Sessel.
    Es ist eine Indiscretion! Gib mir das Papier! bat sie dringend.
    Diable! sagte er, comme tu y vas! was geht dich's an!
    Gib mir das Blatt, Duguet! ich wei, was es ist.
    Hoho! Du weit, was es ist? Ich will es nicht hoffen! Meine Frau, meine Frau
will wissen, was ein Papier enthlt, das unsre ganze Familie - das heit, unsre
Herrschaft, in Noth und Schande bringen kann! Sacre bleu! und wie sie mir das
ganz ehrlich und unschuldig, mir nichts, dir nichts, so hinsagt! Wie kannst du
so etwas von dir sagen? Und mir? mir von dir? hein? Begtigend fuhr er fort:
Allons, allons, ne te fche pas! Ich wei schon, es ist dir nur so entfahren!
Nichts auf der Welt weit du von diesem Gott vermaledeiten Wisch, es geht dich
nichts an, das verfluchte Papier!
    Duguet, willst du mir das Papier geben?
    Nein!
    Ich bitte dich um Gottes willen, Duguet, gib mir das Papier! Du weit nicht,
was du thust.
    Sophie zitterte an allen Gliedern.
    Diable! sagte nochmals Duguet, sie von Kopf zu Fu mit den Augen messend,
und woher weit denn du den Inhalt eines versiegelten Blattes?
    Weil ich - ich kann, ich darf es dir nicht sagen; aber bei allem, was dir
heilig ist, beschwre ich dich, schweige und gib es mir!
    Schweigen? Ich? Schweigen, wenn es die Ehre, den Namen, das Blut meines
Herrn gilt? Was geht mich der Narr an, der jetzt - Weib, mach mich nicht rasend!
Ich darf gar nicht daran denken, es reit mir das Herz aus dem Leibe. - Da, da
ist dein verfluchtes Papier; ich will es nicht lesen, aber nicht du, nicht sie,
Niemand soll's lesen. Und du sollst sehen, schlo er immer drohender und wilder,
da ich alles vereiteln werde. O, mein Herr! mein armer Herr! Mit Hnden und
Zhnen ri er das Papier in tausend kleine Stckchen und warf es in die Kohlen
des Kamins.
    Nach Athem ringend, stand Sophie vor ihm und sah zu, wie das Feuer den Brief
verzehrte, whrend Duguet, die geballten Hnde vor den Augen, hinauseilte. Als
die Thre heftig drhnend hinter ihm zugeworfen war, blieb sie noch eine Weile,
gespannt horchend, regungslos stehen, seine Schritte verhallten endlich auf dem
Corridor; ja, er war fort. Sie sammelte die letzten am Kaminrande herumliegenden
Papierfetzen und warf sie den andern nach in die Kohlenglut. Gott sei Dank! er
hat nichts gelesen! Tief aufathmend, als sei eine Riesenlast ihr entnommen,
verlie Sophie den Salon.

Es war ein schner, aber kalter Herbstabend; die Gesellschaft hatte sich
entfernt, es war Niemand mehr im Saal, als die Hausgenossen und der alte
kunstliebende Professor; das nmliche Kaminfeuer, das zum stillen Trger des
Geheimnisses geworden, das Madame Sophie so bedrckte, hielt den kleinen Kreis
noch beisammen.
    Aber warum, Herr Gotthard, wollten Sie nicht mit mir tanzen? fragte
Leontine.
    Ich habe es nie gelernt, Gndigste, und frchtete, sie mit einem schlechten
Tnzer in Verlegenheit zu setzen.
    Gott Lob und Dank! Die Achillesferse! rief, laut auflachend, das Frulein.
Anna, Anna! Herrn Gotthards verwundbarer Fleck! Wahrhaftig, lieber Herr
Gotthard, Sie konnten mir gar keine grere Geflligkeit erzeigen als durch
diese kleine menschliche Unvollkommenheit; aber nun mssen Sie sich auch mir zur
Liebe blamiren und auf der Stelle mit mir tanzen! Der Professor und Anna
stimmten scherzend bei.
    Wenn Sie mich unterrichten wollen, gndiges Frulein, werde ich wenigstens
nie mehr die Entschuldigung haben, nicht tanzen zu knnen, sagte Gotthard
verbindlich; er war in Leontinens Zauberbann gerathen.
    Sie war aufgesprungen und hatte bereits ihre Hand auf seinen Arm gelegt.
Einen Walzer, lieber goldner Professor! Erst aber langsam, wenn ich bitten darf.
    Sie schwebte mit Gotthard dahin; er tanzte, wie die meisten Deutschen,
seinen Nationaltanz gut, sogar schn. Schneller, immer schneller! rief Leontine.
Der alte Professor trommelte immer heftiger auf dem Klaviere herum, mit und
neben dem Takt; Gotthard folgte mit grter Gewandheit und sicherem Taktgefhl
jedem Wechsel des Rhythmus.
    Herr Gotthard, sagte, pltzlich stillstehend, Leontine, das ist abscheulich!
Sie tanzen vortrefflich! Ich bitte dich, Anna, walze nur ein einziges Mal um den
Saal - Gotthard stand bereits schchtern, aber doch bittend vor ihr.
    Zum ersten Male berhrte ihn der Grfin Hand, das Blut stieg ihm in's
Gesicht, aber er tanzte sicher und besonnen fort. Das ungewhnlich reine Ebenma
seiner durchaus edeln Gestalt trat whrend des Lndlers auf das Vortheilhafteste
an's Licht, seine Zge waren ruhig geworden, er machte einen sehr angenehmen
Eindruck. Anna empfand zum ersten Mal in ihrem Leben eine wirkliche Freude am
Tanz; sie fhlte keines ihrer Glieder, auch nicht den sie leicht sttzenden Arm
ihres Tnzers; jede Bewegung des schnen Paares pate harmonisch an einander.
    Aber, Anna! rief Leontine, die sich im Sopha recht bequem zurechtgesetzt
hatte, um mit kritischem Blicke zuzusehen; aber, Anna! es ist ja wundervoll, wie
ihr Beide zusammen tanzt!
    Der Professor wollte es geschwind auch sehen, verga zu spielen und drehte
sich um. Der improvisirte Ball hatte ein Ende.
    Und warum sagten Sie denn eigentlich, Sie knnten nicht tanzen? fragte der
Professor.
    Weil ich nur walzen kann. Einen Tanzlehrer mir zu halten, war meinen Eltern
zu kostspielig. Von den auslndischen Tnzen, die ich heute hier sah, kann ich
keinen.
    Schade, da ich's nicht gesehen habe, sagte der Professor.
    Nun wollte Leontine durchaus dem Professor zu Ehren an dessen Stelle
spielen, und Gotthard und Anna sollten und muten ihm noch einmal vorlndlern;
sie hatten jedoch kaum die Hlfte des Zimmers erreicht, als die Saalthre
aufflog und Otto durch dieselbe eintrat.
    Er blieb an der Schwelle stehen und schreckte sichtlich zusammen; berhaupt
schien er von der ganzen Scene, obschon sie ihm augenblicklich laut lachend
erklrt ward, so unangenehm berhrt, da weder Leontinens einschmeichelndes
Entgegenkommen, noch Annens herzliche Freundlichkeit den Eindruck sogleich zu
verlschen im Stande waren. An Kronbergs spte Stunden gewhnt, hatte er es
gewagt, zu fast nchtiger Zeit und in Reisekleidern zu kommen. Der folgende
Morgen war zu einer nochmaligen Gletschermessung hinter Grindelwald bestimmt,
von welcher er Abends nach Bern zurckzukehren und dann den folgenden Tag wieder
nach Basel zu reisen gedachte.
    Alles dies erzhlte er mit so seltsam kalter Miene, da Leontine aufmerksam
wurde und ihn mit dem durchtriebensten Uebermuthe zu necken begann. Sie
behauptete, er wolle sich selbst als Gletscher ausmessen lassen, anstatt, wie er
vorgebe, das Vorrcken des Eismeeres zu beobachten, was auch in der That viel
unbequemer sei. Anna blieb in ihrer Einfachheit ganz arglos, sie suchte
Leontinens heftige Ausflle gegen Otto zu mildern und ihr Wohlwollen besiegte
nach und nach den eiferschtigen Unmuth des Freundes, er ward etwas heiterer.
    Gotthard hatte sich an das Klavier gesetzt und phantasirte ungemein schn.
Nur der alte Professor achtete darauf und nickte still entzckt gegen den Takt.
    Otto fragte nach allem, nach den Kindern, nach Briefen und Nachrichten, nach
Sophien; seine warme brgerlich-husliche Theilnahme legte sich balsamisch weich
auf Anna's verwundetes Herz. Sie mied jedoch alle nhere Errterung ber ihres
Gemahls Schreiben. Nach ihrem Winteraufenthalt zu fragen, fehlte Otto der Muth;
so kam weder ihr Reisen noch Bleiben zur Sprache, und leise und allmlig
entfaltete sich ihm die Wunderblte des Glcks, die immer die Nhe eines
geliebten Gegenstandes, selbst unter den traurigsten Beziehungen mit sich
bringt. Sa er doch neben ihr! Die Zimmer, die sie bewohnte, all die kleinen
Thee- und Arbeitsgerthschaften zu sehen, hatte er ja so unendlich lange
entbehrt, und nun war alles noch da und wie sonst, es zog sich wie ein Zauber um
seine Sinne. Da Gotthard sich nicht in das Gesprch mischte, gewhrte ihm
ebenfalls eine Erleichterung. Allmlig wurde er immer frhlicher und begann von
seinen Vorlesungen, seinem Leben in Basel, den eben damals die Geologen und
Naturforscher zuerst beschftigenden Gletscheruntersuchungen und seiner
morgenden Expedition zu erzhlen. Aber, fragte er, pltzlich sich besinnend, wer
ist denn der Fremde, der eben von euch ging? Ich bin ihm an der Hausthre
begegnet?
    Du irrst, erwiderte Anna, wir haben keine neue Bekanntschaft gemacht.
    Doch kam er aus euerm Hause, sogar aus eurer Etage, die Treppe herunter.
Vielleicht ein Bekannter von Herrn Gotthard?
    Dieser verneinte stumm.
    Leontine versicherte, es msse ein guter oder bser Geist sein, der sich
ihrer drohenden Winterlangeweile anzunehmen denke; sie hatte tausend Fragen,
immer eine possirlicher als die andere, und baute zuletzt aus Otto's Antworten
eine so grotesk-burleske Gestalt des Fremden zusammen, da Alle in lautes Lachen
ausbrachen und die lustigste Stimmung des kleinen Zirkels sich bemchtigte.
    Nun, wenn es sich nicht so verhlt, wie das gndige Frulein zu meinen
belieben, sagte endlich, immer noch lachend, der alte Professor, so mu er eine
Traumgestalt des Herrn Gotthard sein, der seit einer halben Stunde dasitzt, als
brte er, wie Doctor Faust's Famulus ber einen Homunculus.
    Gotthard hatte keinen Theil an dem Gange des Gesprchs genommen, auch jetzt
war er zerstreut und hatte nicht recht hingehrt. Ach! sagte er ernst und weich,
welcher Mensch ist am Ende individuell genug, um so ganz genau Dichtung und
Wahrheit in sich zu scheiden und mit Gewiheit zu sagen, das habe ich erlebt -
das habe ich getrumt!
    Otto ma ihn von Kopf zu Fen, ein furchtbarer Zorn loderte auf in seinen
Augen. Ihm war Gotthards Zerstreuung sehr erklrlich; dieser bemerkte es nicht
und blieb still in seinem Winkel sitzen.
    Leontine war aufgestanden und hatte trotz der Novemberklte ein Fenster
geffnet; sie sah eine Weile hinaus. Als sie auf Anna's wiederholtes Bitten zur
Gesellschaft zurckkehrte, erschien sie den Andern bleich und angegriffen; sie
zitterte sogar. Sie schob es auf die Nachtluft.
    Der Professor, den die pltzliche, ihm ganz unerklrliche Verstimmung
drckte, hatte sich wieder zu Gotthard an das Klavier gesetzt und bat ihn, eine
seiner Lieblingscompositionen zu singen. Gotthard fragte die Grfin, ob sie es
erlaube, und willfahrte dem alten freundlichen Mann gern; aber er sang andere,
als die gewohnten Textworte.

Mitten in der Brandung auf den Felsentrmmern
Ruht der alte Schiffer, schauend in die Flut;
Unter blauen Wogen, wo die Muscheln schimmern,
Bergen sich Korallen vor des Blickes Glut.

Durch das Meergebrause ruft er den Erschreckten
Und den Bernsteinwldern und den Perlen zu:
Schlaft in euern Tiefen! Die euch sonst erweckten,
Meine Taucherblicke, gnnen euch die Ruh'.

Glnzt mit euerm Schimmer, euern Purpurzweigen
Ruhig durch die klare, rasch-bewegte Nacht;
Bleibt in eurer Schne der Najade eigen,
Zu des Wellenbettes hochzeitlicher Pracht.

Hren's die Najaden, unten in den Wogen,
All' die Nereiden steigen still herauf,
Und ein Netz von Klngen, die sein Herz durchzogen,
Schlagen unter Wellen sie dem Fischer auf.

Doch der alte Schiffer schttelt seine Locken,
In des Auges Muschel schlft die Thrne fort.
Er sieht Netz und Schlingen - die Gesnge stocken,
Seinen Nachen treibt es aus dem Felsenport.

Rasch in sicherm Sprunge steht er in der Barke,
Fat das Steuerruder mit erfahrner Hand:
Ruhig, Klang und Welle! Euch bezwingt der Starke
Und ihr tragt den Nachen mir zum sichern Strand.

Mit jedem Vers war Gotthards Stimme voller und tnender, sein Ausdruck mchtiger
geworden. Als er an die Worte kam: Ruhig, Klang und Welle! leuchtete eine fast
blendende Kraft und Sicherheit aus seinen ganz vergeistigten Zgen, so da Alle
in dem kleinen Kreise davon ergriffen, ihn starr und bewegungslos anschauten,
etwa wie einen pltzlich unter ihnen erstandenen Propheten oder einen von
hherer Kraft Begeisterten. Leontine stand einen Moment, das schne Kpfchen zu
einer fast demthigen Stellung herabgebeugt, neben ihm am Klavier. Ja, sagte sie
leise, Sie werden ein glcklicher Schiffer sein, denn Sie vermgen die inneren,
wie die ueren Gewalten zu bndigen, Sie haben die Kraft dazu.
    Kraft ist nicht Glck, mein Frulein! sagte Gotthard sehr ernst.
    Er war aufgestanden und mit an den kleinen runden Tisch getreten, um den die
Andern saen. Wunderbar, der untergeordnete, der besoldete Hofmeister der Kinder
stand unter ihnen wie ein Frst. Sogar Sophie staunte ihn mit einer Art dumpfen
Respect an, mit dem sie nicht leicht bei der Hand war. Gotthard bat, sich
beurlauben zu drfen, verbeugte sich tief vor Annen, leicht vor den Uebrigen und
verlie den Saal.
    Das ist doch ein sehr ungewhnlicher Mensch! sagte Otto dster. Anna
schwieg. Ach! erwiderte Leontine, wie in Traumeswogen versunken, halb flsternd
vor sich hin redend, wenn sich diese Ueberlegenheit an die Spitze eines
bedeutenden Unternehmens stellte, wenn in Oberitalien -
    Sophie warf den Nhkorb des Fruleins um und brachte mit den unbedeutendsten
Fragen und Suchen nach den herumrollenden Wollenknueln das Gesprch aus dem
Gange. Leontine errthete heftig; Anna reichte Otto quer ber den Tisch die
Hand.
    Als Anna in ihr Schlafzimmer trat, leuchtete die stille Arbeitslampe wie
gewhnlich herber. Er schreibt noch! Sie trat ans Fenster und legte die heie
Stirn gegen die khlenden Glasscheiben. Zum ersten Mal hatte Gotthard vergessen,
seine Vorhnge zu schlieen. Sie sah hinber, sah ihn ein Paquet Schriften
packen, siegeln und adressiren. Lange stand er dann, es betrachtend, am
Schreibtische; er sah sehr ernst, fast trbe aus. Pltzlich wandte er sich und
trat mit einer unerwartet raschen Bewegung ihr gegenber an sein Fenster.
    Das alterthmliche Haus, das die Familie bewohnte, umschlo, mit seinem
Nebenbau und Seitenflgeln im Viereck, nach hinten zu einen ziemlich engen Hof;
Gotthard sah also durch die einander schrg gegenber liegenden Zimmerfenster
Annen unerwartet ganz nahe vor sich. Er hatte scharfe Augen und mute bemerken,
da sie ihn beobachtet hatte. Ein unbeschreiblicher Ausdruck von Seligkeit und
Schmerz berflog einen Augenblick seine Zge, dann senkte er die Augen. Als er
sie wieder hob, war das Meteor seines Glckes verschwunden und tiefe Finsterni
umhllte das ganze Gebude. Fr das ganze lange Leben einen Augenblick des
Glcks! sagte er wehmthig vor sich hin. Er lschte auch seine Lampe, dann sank
er im Dunkeln auf einen Stuhl und blickte tiefsinnig in die Nacht hinaus.
    Als er am nchsten Morgen nach dem Frhstck, seine Zglinge abzuholen, bei
Annen erschien, sah er unbefangen und heiter aus wie immer.
    Mu dem armen Kinde, dem Vrenely, gerade heute einfallen, sich einen guten
Tag zu machen! sagte Leontine, Hut und Mantel abwerfend. Ich wollte keinen von
euern Leuten hinschicken und lief selbst hin, sie einzuladen. Sie ist nach
Brienz zu Verwandten.
    Ich habe gar nicht gewut, da sie hier aus der Umgegend ist, antwortete
Anna.
    O, wie ist das mglich? fragte Leontine, indem sie ihren alten
Lieblingsplatz, eine Art niedrigen Kindersthlchens, zu der Freundin Fen
einnahm und ihren zierlichen Arm auf deren Knie legte. Hat sie dir nie vom
Haslithal erzhlt? Wenn dich die alten erfahrungsgrauen Granitgeister durch die
Felsenpforte in das liebliche kleine Eden einlassen, so kannst du dort gewahren,
woher ich all meine Elfen- und Nixenbekanntschaften habe. Das frische grne Thal
ist ihr Tanzboden und Sammelplatz; pltschernd, flsternd und wiegend steigt es
von allen Seiten zu ihm hinab; da wehen Wasserflle wie silberne Fahnen, sie
stuben so duftig geisterhaft hernieder in lauterem Glanz, sie schwingen ihre
Regenbogenschleier ber die grnen Felsenwnde hin, oder schmeicheln in kleinen
krausen Schaumwellen zwischen den Grsern und Blumen sich ein, und Alle erzhlen
das nmliche Mrchen, jedes trgt es ein Stckchen weiter in's bunte Leben.
Haben sie aber die Tiefe des Thales erreicht und sind glcklich dem liebenden
Drohen des Sonnenstrahls entgangen, der in tausend Kssen ihre Schnheit an sich
ziehen will, dann eilen die Plauderinnen, die gar nicht auf ihn hren, weiter;
sie eilen, eilen, berlaufen einander bis zum Ulschibach, dem grten und
schnsten der Gebirgsbche, der mit einer ganzen Kaskadenfamilie den Bergrcken
hinunterstrzt, und nun geht es lustig fort in schumendem Jubel. Ueber die
grnen Berge schauen die ernsten Wetterhrner auf das pltschernde Kinderspiel
nieder; sie strecken ihre alten Schneehupter dicht bereinander her; aber so
alt und klug sie sind, hat's ihnen die Sonne dennoch angethan, sie errthen noch
immer, wenn sie so seitwrts ber die Felswand weg nach den tanzenden Bchlein
hinlugt. Und wenn die Nacht kommt, dann solltest du erst sehen, wie alle mit
einem Mal leichenhaft bleich werden, ordentlich graulich; aber man mu tief in
die Mitternacht wachen, um das zu erfahren. Die Bchlein haben de nicht Acht,
sie springen und tanzen lustig fort bei Mondenschein und Sternenlicht und bis
zur Morgenrthe.
    Gotthard hatte ihr mit steigendem Interesse zugehrt. Welch ein Schatz
innerer Poesie! sagte er leise. Leontine drehte languissant ihr Kpfchen ihm zu
und erwiderte halb schlfrig: Ach, bester Herr Gotthard! ein einziger Regentag
macht ihn zu Schanden.
    Ich stehe recht rgerlich arm zwischen Ihnen Beiden, meinte Anna. Ihr ward
diese bunte, alles berkleidende Phantasie, Ihnen Ihr rastloses
wissenschaftliches Streben, mir aber treten Poesie und aller Ernst des Lebens
immer nur in's Herz. Das ist recht unbequem, damit kann man eigentlich nichts
anfangen.
    Wie knnen Sie, gndigste Grfin! mein Streben beurtheilen - ich meine
eigentlich, wie es bemerkt haben? Kaum waren die unglcklichen Worte ber
Gotthard's Lippen, so fiel ihm die Nachtscene ein und er verstummte, in
sichtlicher Verwirrung.
    Wo es das Herz zu bergen gilt, sind Frauen muthiger als Mnner. Sie erzhlte
ganz unbefangen, wie sie von ihrem Zimmer aus sein Licht herberschimmern she
und oft gesorgt, er werde zu sehr auf seine Jugendkrfte bauen und sich
berarbeiten. - Da lag die arme kleine Blte eines geheimnireichen Glckes vor
ihm - entblttert - zu seinen Fen. Es mute sein - dachten beide.
    Nach einem Augenblicke erwiderte er: Ich habe eine alte gichtbrchige Frau
gekannt, die fast den ganzen Tag zu Bette lag, aber dennoch tglich um fnf Uhr
in die Frhmesse ging und whrend derselben auf den kalten feuchten Steinen
kniete; sie behauptete, es schade ihr nicht, whrend sie sonst sehr besorgt um
sich war, und wirklich wurde sie nicht krnker dadurch und die Aerzte lieen sie
gewhren. - Lassen Sie mir meine Kirche, Grfin, und - ihren etwas strengen
Dienst.
    Und wie heit diese Kirche? fragte Anna.
    Der Staat, gndige Frau - und allgemeines Wohl.
    Ich fhle die Wesenheit, wenn ich auch nicht die Form des Gehalts erkenne,
die Sie Ihrem Leben geben. Jedenfalls werden beide edel sein. - Sonderbar, fuhr
sie nach einer Weile fort, da ich auch nicht einmal die Richtung derselben
kenne, ja nicht einmal wei, welcher Theil Deutschlands Ihr Vaterland ist?
    Ich bin ein Rheinpreue, mein Vater war ein Schlesier. Die Liebe zu meiner
Mutter hatte ihn bewogen, sein Vaterland zu verlassen und in das ihre zu ziehen.
Wir lebten in Mehlem, einem der kleinen weien Rheinufer-Stdtchen, die Sie
kennen. Ich machte meine Studien zu Bonn, Berlin und Breslau; in den Ferien
besuchte ich Frankreich, Belgien, Oberitalien. Ich bin sogar einmal auf kurze
Zeit in England gewesen. Der bekannte und geehrte Prsident Hellemon, meines
Vaters Freund und mein Pathe, leitete meine ersten Schritte in das ffentliche
Leben. Ich verdanke ihm viel, doch wollte er mir eine meinem Wesen fremdartige
Richtung geben. Meine Eltern hatte ich verloren, ich konnte mich nicht
entschlieen, in seiner Hand das Instrument seiner Zwecke, sein Geschpf zu
werden. Ich ri mich los. - Im Jahre 1817 hatte mich ein gnstiges Ungefhr in
die Nhe des Frsten gebracht, der damals die Rheinprovinzen durchreiste.
Hellemon stellte mich ihm vor; spter hatte er ihm Arbeiten von mir gezeigt,
mich ihm empfohlen. Mir ward dessen Gunst auf eine noch unverdiente Weise. Das
Uebrige, gndige Grfin, ist Ihnen bekannt.
    Aber wie konnten Sie, wenn Ihrer Familie Mittel beschrnkt waren, so
bedeutende Reisen machen?
    Klima, Boden und Jugendkraft begnstigten mich, ich arbeitete mich durch,
ich gab sogar an kleinen Orten ein paar Mal Concerte, wo ich lnger blieb,
Musikstunden, ich schrieb ab, ich behalf mich. Kurz, ich habe die erwhnten
Lnder in interessanten und bedeutenden Momenten gesehen und wollte, da meine
Studien vollendet, eben nach Spanien, als der Krieg von Neuem das unglckselige
Land berzog.
    Auf dem Rckwege traf ich den Frsten in Karlsruhe, er concentrirte fr den
Augenblick meine Kraft, er gab mir Beschftigung - und ffnete mir Ihr Haus.
    Ein jubelndes frisches Kindergelchter unterbrach, von der Treppe herauf
schallend, das ernste Gesprch. Leontine, die wie halb schlummernd in ihre
eigenen Gedanken und Trume versunken still gesessen, fuhr auf und lief den
Kleinen entgegen, die mit groem Eifer ihr Zusptkommen entschuldigten, ma bonne
habe sie weit, weit auf die Bastei spazieren gefhrt, um die Alpen zu sehen.
    Und, fuhr der Aeltere fort, mit den tiefblauen Augen seiner Mutter an
Gotthard hinauf sehend, wenn du nur mit oben gewesen wrest, die Leute sagen,
da Lawinen gefallen sind - eine ganze Menge. Denke nur, du httest sie uns
gezeigt. Die Berge brauen, sagte der alte Senne unten am Thor, und das sei so
rechtes Lawinenwetter, da fielen sie dutzendweise in's Thal. Wrst du nur
mitgegangen, lieber Herr Gotthard!
    Mein Gott! rief Leontine, pltzlich aufgeschreckt, und unsre
Gletscher-Reisenden? - Reicht das Wetter wol so weit?
    Das wre entsetzlich!
    Gotthard gestand, ihm fehle genaue Kenntni der Wetterscheiden und der
ganzen Wettergestaltung im Hochgebirg. Gleich nach der Stunde, die ohnehin heute
im bloen Erklren einiger naturgeschichtlichen Gegenstnde bestehe, wolle er
selbst zum Sennen gehen und ihn befragen. Die Kinder zogen ihn fort.
    Gegen Mittag, noch ehe Gotthard wiederkehrte, kam Besuch aus der Stadt und
sogleich war von Lawinen die Rede, die hier nahe an Bern selbst gefahrlos und
ganz unbedeutend wren, im Oberlande aber sehr gefhrlich.
    Es sei gar toll, meinten einige Herren, in solchem Wetter Excursionen in's
Gebirg zu wagen, es heie, Gott versuchen. Und wiederum ward die ganze
Gletschermessung als unntz, als thrichte Spielerei gescholten, denn die
Unwissenheit reibt sich ja so gern an ihr unverstndlichem wissenschaftlichen
Streben.
    Auf den Seen brause der Fhn, hie es weiter, und die Luft hange weit und
breit voll Schnee; so wie es windstill werde, wrde sich's in Massen
niedersenken.
    Gnad' ihnen Gott und behte sie! sagte eine junge freundliche Frau. So ein
Herr aus der Fremde denkt sich einen schsischen oder bairischen Winter zu
finden; bei uns aber beginnt er zeitig, und ist gar hart und scharf. Und wir
haben den zweiten November, es wre kein Wunder, hingen die Eiszpfli schon am
Dchli mme.
    Annen starrte das Herz in der Brust. Leontine fertigte leise Duguet ab, und
dann noch einen zweiten Diener, sie sollten sich beide erkundigen, ob man von
irgend einem Unfall oder Unwetter im Oberlande gehrt. Es war nichts zu
erfahren.
    Der Tag verging, der Abend kam. Sie begannen zu warten, zu horchen auf jeden
Laut, auf den Schritt in der Gasse, auf das Oeffnen der Hausthr; es kam
Niemand. Die Kleinen hatten etwas von der Unruhe gemerkt, sie fragten alle
Augenblicke, ob denn Onkel Otto nicht komme, den sie noch gar nicht gesehen und
der ihnen immer etwas mitbrchte und sie auf seinem Fue tanzen oder fliegen
lie.
    Die Nacht brach ein. Die alte Thurmuhr schlug Stunde um Stunde so bleischwer
langsam, es kam Niemand. Die unter den Husern hinlaufenden Arcaden, in denen
Tags hindurch ein fast sdlich reges Leben sich bewegte, wurden de. Schon waren
lngst alle Lden und Werksttten geschlossen, die Lichter erloschen nach und
nach die ganze Gasse entlang, es ward so todeseinsam. Anna hrte ihr eigenes
Herz schlagen mit peinlicher Gewalt, sonst nichts, gar nichts.
    Vergebens suchte sie das Thrichte, Kindische ihrer Angst sich einzureden;
es berwltigte sie wieder und wieder.
    Gegen Morgen hrte sie ein Pferd aus dem Stalle ziehen. Sie flog an's
Fenster; es war Duguet, er hatte sich vom Nachbar einen Char-a-banc geliehen,
dem er jetzt heimlich ein Pferd einspannte. Er vermochte es nicht, die Angst
seiner jungen Gebieterin so unthtig zu ertragen. Sophie stand mit einer Laterne
im Hof und leuchtete ihm; dann packte sie ein und steckte eine Menge kleiner
Paquete, auch eine Flasche Wein in das Wgelchen - sie mute doch wol auch an
ein mgliches Unglck glauben. Endlich schleppte sie noch einen alten Pelz ihres
Herrn herbei. Duguet nahm ihn nicht um, er legte ihn, sorgsam gefaltet auf den
Sitz; augenscheinlich bestimmten ihn die wackern Leute fr Otto. Kalte Thrnen
rollten ber Anna's bleiche Wangen, als Sophie vorsichtig das Thor ffnete und
der Char-a-banc aus dem Hofe fuhr, leise, leise, um sie nicht zu wecken. Sie
trat zurck, als der alte treue Diener schon im Abfahren den Blick noch einmal
ihrem Fenster zuwandte; sie wollte seinem so ergebenen Eifer kein Mislingen
zeigen, und aus der weit entlegenen Zeit ihrer Kindheit flog zauberschnell ein
Bild ihrer Seele vorber, wie Duguet nach dem allerersten Abschiedsleid in
seinen Armen sie nach Hause getragen, als wolle er mit ihr dem Schmerz
entlaufen.
    
    Beim Frhstck fand Anna Leontinen fast noch besorgter, als sie selbst war.
Gotthard lie um Erlaubni bitten, einen Augenblick zu den Damen
herberzukommen; sie ward ihm gern gewhrt; man ist so ungern allein, wenn man
sich frchtet. Gotthard trat in seinem mit Pelz geftterten Jagdrock ein; er
nherte sich der Grfin mit der Frage, ob sie ihm gestatten wolle, eines der im
Stalle befindlichen Pferde zu benutzen, um nach Grindelwald zu reiten. Anna
sagte ihm, Duguet sei bereits hin, sie nehme indessen sein Anerbieten an, da
jener der Sprache nicht mchtig. Wenige Minuten spter hrte sie das Pferd
vorbertraben.
    Und nun begann von Neuem und in immer sich steigerndem Grade die
Seelenmarter des Wartens. Diese Qual der Frauen - Mnner kennen sie nicht, sie
werden zornig, sie laufen fort, sie handeln, sie zertrmmern sogar - Frauen
mssen warten! Ach, wten Mnner, was es ist, fr so ein armes gequltes
Frauenherz, zu warten, sie wrden diese trostlose Pein nicht so oft ber uns
verhngen! - Mich dnkt, ich wrde dem Himmel entsagen, wenn ich ihn lange,
lange erwarten sollte - wenigstens bedrfen unsere Seelen keines Fegfeuers. Das
Warten der Liebenden auf den Geliebten, der Gattin auf den Gatten, der Mutter
auf den nicht heimkehrenden Sohn - dies Ueberma tausendgestaltiger Angst mag
wol als unser Fegfeuer schon auf Erden gelten.
    Gegen Abend zog der Lrm vieler Schritte auf dem Steinpflaster und das
dumpfe Gemurmel leiser Menschenstimmen von der Gasse herauf - sie kommen!
Langsam, Schritt vor Schritt, nahte der Char-a-banc, Gotthard ritt daneben, mit
angestrengter Kraft hielt die eine Hand sein Pferd zurck, die andere wehte
grend mit dem Tuch; augenscheinlich traute er sich des Gerusches wegen nicht,
Trab zu reiten.
    Im Wagen lag Otto, ob todt, ob verwundet, lie sich nicht unterscheiden.
Vrenely und Duguet hielten ihn sttzend in ihren Armen.
    Gott sei Dank, er lebt! rief Leontine, ich sehe es Herrn Gotthard an.
    Anna war bereits unten am Thore, Gotthard stand vor ihr. Ja, er lebt! aber
er ist verwundet, doch hoffe ich, nicht gefhrlich.
    Ohne weitere Worte schlossen sich beide dem nach der Treppe hingewandten
Zuge an. Vrenely hatte fortwhrend des betubten, wie es schien, bewutlosen,
Otto Haupt auf ihrer Schulter und trug mit, muthig und fest wie ein Mann. Das
Tuch, das sie im Wagen ber den Kopf genommen gehabt, war zurckgesunken, in
reicher Flle fielen ihre dunkeln Locken und Flechten ber Hals und Achsel und
umschleierten ihr und Otto's bleiches Gesicht; sie sah aus wie eine Mater
dolorosa.
    Otto ward auf ein Ruhebett in einem an den Salon stoenden Zimmer gelegt;
Anna hatte schon einen Wundarzt rufen lassen. Mit unhrbar leisen Bewegungen
trug Leontine alles herbei, was zu des Kranken Pflege dienen konnte. Sophie,
frh an solche Scenen gewhnt, bereitete still dem Wundarzt das Nthige zum
neuen Verbande; Duguet hatte ihr gesagt, da Otto den Arm zwei Mal gebrochen.
    So erwachte, nach einem leichten Aderla, der so lange Jahre Vereinsamte,
rings von liebenden, sorgenden Blicken umgeben, fast wie zu einem schmerzlichen
Glck; keiner hatte ihn aus den Augen verlieren wollen. Anna! war sein erster
Laut; als er sie neben sich sah, reichte er ihr die Hand und sank lchelnd, aber
erschpft zurck in die sttzenden Kissen.
    Allmlig langten nun auch die brigen Naturforscher an, mit denen er die
verunglckte Expedition unternommen. Alle waren ihm besorgt und voll warmer
Theilnahme gefolgt, und einstimmig nannten alle das Vrenely seine Retterin. Erst
jetzt fiel den Hausbewohnern ihre Gegenwart auf.
    Lauterbrunn, Grindelwald und das Haslithal liegen nahe bei einander, nur die
groe und kleine Scheideck trennen sie. Am Tage, ehe die Gletscheruntersuchung
vorgenommen werden sollte, hatte das Vrenely ihren Herrn Ohm, den gewesenen
Landammann, nach Lauterbrunn begleiten mssen, wohin ihn ein Geschft berief.
    Im Gasthof hrten sie noch Abends vom Unternehmen einiger fremden Herren,
die am nchsten Morgen gar die Gletscher auszumessen gedchten. Auch dort ward
das Wagstck vielfach getadelt; ein alter Hirt zeigte sich besonders bedenklich,
er war den Weg ber die Wenger Alp und Scheideck herabgekommen, und sagte, Wind
und Wetter seien drben gar wst; auch erzhlte er eine Menge schauerlicher
Unglcksflle, die bei derlei tollen Wagstcken sich ereignet.
    Nach Grindelwald zu habe es schwer geschneit, meinten andere, es werde sich
wol kaum ein Fhrer finden nach so bser Nacht.
    Das Mdchen berkam eine dunkle, namenlose Angst. Ob er dabei sei, wute sie
nicht, nicht einmal, da er Tags vorher nach Bern gekommen.
    Jetzt trat ein Fuhrmann aus Wengern mit an den Schenktisch; sie kannte den
Seppi. Es fhrt ein gefahrloser Weg von einem Thal ins andere, der Gebirgspfad
ist der bereits erwhnte ber die groe Scheideck hin.
    Der Fuhrmann war im Begriff, mit seinen Karren abzufahren. Vrenely
schmeichelte dem Ohm die Erlaubni ab, die Gelegenheit benutzen zu drfen, um
eine Bekannte in Grindelwald zu berraschen, sie wolle zeitig wieder zu
Lauterbrunn eintreffen, versprach sie. Der alte Mann hatte noch gar nicht einmal
Zeit gehabt, sich auf das Ja oder Nein zu besinnen, so sa sie schon auf dem
Wgelchen, neben dem Seppi und rollte mit ihm das Thal entlang.
    Als sie in die Weitung desselben kamen, begegneten ihnen Bauern und Hirten,
die auch von den Fremden erzhlten, die wirklich schon seit mehren Stunden
aufgebrochen und dem Eismeer zugewandert wren.
    Unter einem Vorwande stieg das Mdchen am ersten Hause des Grindelwalds ab,
in ihrer Seele hatte pltzlich die Sorge eine feste Gestalt bekommen, sie war
Ahnung, ja fast Gewiheit eines drohenden Unglcks geworden. Es war grimmig
kalt, obschon die Luft jetzt heiterer war, sie wickelte sich fest in ihr
Mntelchen und eilte querfeldein einem Sennbuben zu, der jetzt im Thal auf der
Herbstweide das Vieh hten half. Der Knabe war halb bldsinnig; sie hatte ihn
oft beschenkt, und er war ihr mit groer Neigung zugethan. Diesen holte sie
jetzt und beredete ihn mit ihr hinauf nach dem untern Gletscher zu gehen, es
mochte eine Stunde Wegs sein.
    Lange sahen sie nichts von den Fremden, endlich bei einer Wegkrmmung
gewahrten sie hoch ber sich am Schneegebirg schwarze, sich fortbewegende
Punkte; sie schienen nach dem oberen Gletscher sich hinzuziehen. Aber der Wind
hatte sich heftig erhoben hier in der Hhe und wehte ihr den Schnee, der noch
ganz weich und flockig in den Aarfen und Fichten hing, wie einen Schleier in's
Gesicht; noch immer vermochte sie nichts zu unterscheiden. Sie eilten weiter. Wo
der obere Weg an die Gebirgsschlucht fhrt, sah sie von Neuem die dunkeln
Gestalten.
    Herr, mein Gott! fuhr das Vrenely fort, dort oben lag schon allenthalben
fuhoher fester Schnee, und seitwrts an der Alp rollten donnernd Lawinen hinab
in den Bach und in die Enge; bald sah ich die Wanderer, bald sah ich sie wieder
nicht. Mit der Gletschermessung wird es heute nichts! dachte ich in meinem
Herzen. Ob er nur dabei ist? Es hatte mir Niemand die Namen der Fremden nennen
knnen, und keiner von allen, denen ich begegnet, hatte sie mir zu beschreiben
vermocht. Die kalte Bergluft versetzte mir den Athem und den Friedli fror und er
wollte nicht weiter mit. Ich gab ihm alles Geld, was ich bei mir hatte, und
lockte es dem Bbeli ab, da wir noch fortstiegen. Jetzt sah ich die Mnner
wieder, aber seitwrts, hoch ber uns und weit; sie gingen sichtlich nach dem
zweiten, dem Obergletscher. Scharf zeichneten sich ihre Gestalten gegen die
hellgraue Schneeluft ab, dem Einen fiel im Gehen der Mantel von der Schulter, er
haschte mit der Hand darnach. Mein Jesus! das war er, an der Bewegung hatte ich
ihn erkannt.
    Das Herz stand mir still vor Scham, was sollte ich nun sagen, wenn sie das
Unternehmen aufgaben, das nicht gelingen konnte bei dem Wetter, und wenn sie
herunterkamen und mich da fanden?
    Schrillend scharf pfiff der Wind, grell wie ein Nachtvogelschrei. Der Schnee
wirbelte immer dichter um mich her, ich mute gar die Augen schlieen, und
dennoch litt mich's nicht, umzukehren. Als ich wieder aufblinzle, steht er ganz
allein am Bergrand, und ich sehe keinen der Andern mehr um ihn, und wie ich
beklommen scharf und schrfer hinberschaue, kommt es wei und schwer die Alpe
heruntergerollt, zwei, drei kleine Lawinen zugleich strzen tobend neben ihm und
uns in die Thalschluchten. Die Gletscher konnte keine derselben treffen, ich
fhlte es an der Windspur, und doch strubte mir die Angst das Haar. Pltzlich
fragt' ich mich selbst: Wo ist er hin? Ich sehe ihn nicht mehr. Da ri es mich
vorwrts mit unwiderstehlicher Gewalt; ich sprang, ich lief, das Friedli konnte
nicht nach. Nun war ich oben an dem Gletschermeer. Es klang herber wie fernes
Rufen; weiter noch gewahrte ich die Fhrer, sie gingen eilig hin und wieder, sie
suchten, sie riefen. O, es war sein Name, den ich hrte!
    Ich hab' ein scharfes Aug', wie ein Falkenblick hielt es die Spitze fest,
auf der ich ihn zuletzt gesehen. Immer ngstlicher rannten die Fhrer auf der
Hhe an mir vorber, indem sie rckwrts schrien, es knne ihn keine Lawine
erreicht haben, und endlos seinen Namen wiederholten; aber all ihr Umherlugen
war umsonst, er blieb verschwunden. Ich, ich wei, wo er ist! kreische ich auf,
mit einer Gewalt, da mir fast das Herz in der Brust zerspringt, ich habe ihn
gesehen! und springe auf den Gletscher und packe den Fhrer am Arm und reie ihn
fort mit mir - es war der Jacquelin, ich kannt' ihn wohl. Er ist in einen
Eisspalt gefallen; und der mir nach und alle Andern hinterdrein. Es fragt
keiner, es zgert keiner, ich reie sie mit mir fort, durch die unsglich
bebende Angst meiner Seele; ich wute, er war, von dem Brausen der Lawinen
erschreckt, in irgend eine verschneite Tiefe getreten, im Fallen vom Schnee
berdeckt; ich wute es gewi, klar und deutlich, wie ich meines Lebens mir
bewut bin. Ich flog den Uebrigen voran, bis ich nicht mehr konnte, da nahm mich
Jacquelin auf den Arm und kletterte mit mir ber die Eisblcke hin, um den Platz
schneller zu erreichen.
    In den Spalten lag viel lockerer Schnee, er mute krzlich erst als Ball
herabgekollert und durch die Schwere seiner eigenen Wucht geplatzt sein. Lange
konnten wir nichts entdecken; ein Ri sah aus wie der andere. Ich kroch auf
Hnden und Fen bis an die uersten Rnder. Nein, Gottes Barmherzigkeit wird
es nicht zugeben, da mein Gedchtni fehle! Es mu da sein! Jetzt erst gewahrte
ich etwas in dem tiefblauen Spalt, es schimmerte roth, es war das Futter seines
Mantels. Ich sah hinab, da mir die Augpfel schier verglasten: es regte sich
nicht! Was ich von da an gethan, wei ich nicht; sie hatten Hacken, Schaufeln,
Stricke geholt; wie Jacquelin hinabgestiegen, wie sie ihn heraufgewunden, ich
wei es nicht. Ich war die Erste, fuhr sie nach einer Pause fort, die seine Hand
ergriff, als er nun vor uns auf dem Eise lag; sie war noch warm. Nach einigen
Secunden schlug er die Augen auf und - erkannte mich.
    Das Andre wei ich, du herzig Mdchen! rief Leontine, indem sie dem Vrenely
mit thrnenberstrmtem Gesicht in die Arme fiel. Ich wei, wie du, als er
heraufgezogen ward, immer noch besonnen jede Handreichung thatest; ich wei, wie
du voranliefst mit grter Gefahr und den alten Mann holtest, der ihn verband
und seinen Arm schiente, wie du die ganze Nacht bei ihm wachtest, bis endlich am
Morgen Duguet kam und euch alles Nthige brachte, noch eh' dein Bote abgegangen.
O Vrenely! rief sie immer heftiger weinend, jetzt mu er dein werden! Verlrst
du ihn jetzt, du mtest ja daran sterben!
    Jetzt? O nein! sagte kopfschttelnd das Mdchen, das Vrenely hat ja nun ein
Glck fr's ganze Leben! O Frulein, Frulein! fhlen Sie es denn nicht? Ich,
ich habe ihn gerettet! Wenn er nun fort durch die Welt zieht, setzte sie
trumerisch und tiefernst hinzu, in weit, weit entlegene fremde Lnder und alle
die groen Studien und Entdeckungen macht, von denen er manchmal so schn
sprach, und wenn er immer berhmter wird und allen Menschen ein Gottessegen -
das Vrenely hat ihm ja das Leben erhalten, mit dem er das alles thut! - Und -
sie errthete tief und schlug die Augen nieder - jetzt schme ich mich auch gar
nicht mehr, da Sie - und er, und so viel andre Leute es wissen, da ich ihn so
lieb habe, ihm so ganz unaussprechlich gut bin, wie gar keinem andern Mann auf
Erden; denn sehen Sie - sie heftete den klaren Blick auf Leontinen - das Vrenely
will ja nun gar nichts weiter in der Welt. Darum lassen Sie ihn nur ruhig seine
Strae ziehen, und wenn er auch das arme Schweizermaidly oft Jahrelang vergit,
manchmal wird er doch daran denken. Das ist mein Segen bis an den Tod.
    Mit immer gleich heiterer Kraft stand das Mdchen Annen bei, als Otto nun
schwer erkrankte. Mit unerschtterlicher Ausdauer pflegten ihn die Frauen,
dazwischen mute Vrenely noch fr den alten Vater sorgen und im Institut ihre
Stunden geben. Otto's Zustand blieb mehre Tage bedenklich, er hatte eine starke
Contusion am Hinterkopf und man frchtete eine Hirnentzndung. Es war graulich,
mit welcher wirbelnden Hast die Gedanken in seinem Kopfe sich drngten, welch
entsetzliche Lebendigkeit und Unruhe aus allen seinen Zgen sprach. Oft rief er
halbe Stunden lang Anna's Namen.
    Vrenely sa still neben ihm, ihre Hand reichte ihm den khlenden Trank und
ihr liebes Gesicht behielt den freundlichen gtigen Ausdruck; keine Thrne trat
in ihr Auge, das, nur jedes seiner kleinen Bedrfnisse zu entdecken bemht, fr
nichts Anderes einen Blick hatte.
    Allmlig legte sich der nervse Zustand, er kam zur Besinnung, zur
Erinnerung dessen, was geschehen. Als er krftiger ward und die Frauen ihn
mitunter ein paar Stunden lang sich oder Sophiens gebter Pflege berlieen, sa
Gotthard viel bei ihm. Die beiden jungen Mnner kamen einander nher und ein
Bandtiefer gegenseitiger Achtung schlang sich um beider Seelen. Lieben konnte
Otto Gotthard nicht, er war ihm nur dankbar. Das Herz hat Fhlfden, die
unendlich weiter reichen, als das Erkennen des klarsten Geistes.
    Als Otto wieder auf zu sein vermochte, lie er sich von Duguet zu Annen
geleiten. Mit welcher Freude flog sie ihm entgegen! wie sorgsam rckte sie dem
Freunde den Sessel in den jetzt selten gewordenen Sonnenstrahl! Wie suchte sie,
gleich einer liebenden Schwester, ihm alles recht bequem zu machen! Sie war
berglcklich, da er lebe und genese. Otto sah sie mit unaussprechlich inniger
Wehmuth an, dann reichte er ihr die Hand: Ach! sagte er, du meinst es gut,
unendlich gut, und doch, Anna, wie weh' - er vollendete nicht.
    Wunderlich verschieden schien Otto's Leiden auf die drei Freundinnen gewirkt
zu haben, was sich am deutlichsten in der Art ihrer Krankenwartung aussprach.
Leontine war an fast geister- oder elfenstiller Pflege kaum zu erreichen, sie
flog mehr, als sie ging, und doch wie in unhrbar leisem Fluge. Sie sa oft
viele Stunden bei ihm, meist unbemerkt, hinter dem Vorhang seines Bettes; war er
trbe, schaute sie hervor und erzhlte ihm, sang ihm mit halber Stimme seine
Lieblingslieder, oder sie las ihm ihre Gedichte vor, sie zeichnete bei ihm
lauter nrrisch-possenhaftes Zeug, das ihn lachen machte, so da er seinen
Schmerz verga.
    Anna war sich immer gleich, weich und ernst, errieth sie immer seine Seele.
Sie schrieb fr ihn nach Basel und an seinen noch in Freiberg lebenden Vater.
Sie that eigentlich weniger, als die Andern, beschwichtigte aber mehr und regte
ihn weniger durch uere Dinge auf, nur da eben sie die Welt ihm sonnenhell und
dennoch so finster machte!
    Mit unbeschreiblicher Zartheit trat das Vrenely zurck, sowie seine Genesung
vorwrtsschritt, mit jedem Tage sittsam scheuer, stellte sie sich wieder an die
alte Stelle; des ganzen Unfalls erwhnte sie mit keinem Wort. Verlangte er
jedoch zufllig einmal gerade von ihr eine kleine Handreichung, dann zuckte der
elektrische Strahl namenloser Seligkeit durch ihr ganzes Wesen, und man wute
kaum das Auge abzuwenden von dem Licht des Glcks, das ihre Zge durchleuchtete
und allem, was sie that, den Zauber der tiefsten Herzensneigung verlieh, dem,
einen sich ihm Jugend und Schnheit, kaum ein Mnnerherz widersteht.
    Anna! sagte eines Morgens Otto, dieser Zustand mu enden. Ich kann meine
Vorlesungen wieder beginnen, den linken Arm brauche ich nicht dazu, ich mu
zurck nach Basel. Aber ich habe vorher noch vieles mit dir zu besprechen, eh'
wir scheiden.
    Wird es dich nicht angreifen, lieber Freund?
    Er verneinte schweigend. Dann fuhr er fort: Ich mu es aussprechen, denn ich
denke doch unaufhrlich daran.
    Soll ich dir entgegenkommen, Otto? Soll ich dir sagen -
    Ich habe Kraft, liebe Anna! Du weit, genauer vielleicht, als ich selbst,
was geschehen, was Vrenely fr mich gethan. Ich kann kaum weniger thun, als ihr
das Leben geben, das sie mir erhalten. Ich bin entschlossen - ihr meine Hand zu
bieten.
    Anna sah ihn freudig an. Ich wute es, Otto, und glaube mir, du wirst
glcklich werden!
    Glcklich! Anna! sagte er sehr trbe, du solltest jetzt nicht mehr so reden!
Sie erbleichte. Ruhig, Kind! ich rufe keine Dmonen aus ihrem Dunkel an's Licht.
- Ich will lieber unglcklich sein, als unglcklich machen; siehst du, das ist
Alles. Es kostet mich einen hohen Preis: die volle Freiheit meiner Wissenschaft.
    Anna blieb eine Weile nachdenkend stumm. Eine Ehe ohne gegenseitige Liebe,
Otto -
    La das! unterbrach er sie streng. Ein Mann, Anna, liebt einmal, einmal,
nicht fterer. Unsre Sinne und unsre Eitelkeit, unser Egoismus und eure Schwche
mgen uns in tausend Verhltnisse hineinziehen, vielleicht ist keiner sicher, in
keinem Alter, in keiner Stellung, vielleicht bin ich es noch am ehesten durch
meine Wissenschaft, sie hat mein Leben bisher mir erhalten, trotz seiner Gluten.
Gluten, von denen deine Engelsseele keine Ahnung hat. Still! still! ich bin kein
Teufel, aber ich bin nur ein Mensch, Anna, ein Mann! Keiner von deinen
Papiermach-Weltfratzen. - Nun denn, versteh' mich recht, htte ich die
Mglichkeit deiner Liebe noch vor mir, die Mglichkeit, sage ich - denn, fuhr er
immer wilder fort, dein Mann ist sterblich und das Leben ist lang - nie wrde
ich einer Andern meine Hand reichen; mchten die Geier dieser Qualen an mir
nagen, gleichviel. Aber, komme es, wie es wolle, ich kenne dich, deine starke
Seele, Anna! mich wirst du nie lieben; mich nicht, das Glck blht nicht mir! -
O wer an ein Jenseits glaubte, so recht glaubte, mit der blinden Sicherheit des
Khlerglaubens, um sagen zu knnen: aber dort! Nun gleichviel, - oder
vielleicht! ich bin kein Frmmler, aber ich glaube an ein Jenseits. Dort also -
vielleicht!
    Er neigte seinen Kopf auf ihre Schulter und schwieg.
    Lange saen sie beide so stumm neben einander.
    Weit du, fuhr sie nach einer Weile gepret fort - es war, als klammere sich
ihre Seele gewaltsam an einen andern Gedanken, wie man im Wellenstrudel ein
schwimmendes Bret ergreift - weit du, da Leontine dich liebt?
    Ja, sagte er fest. La sie! Ich bin wie ein dunkler Schmetterling durch ihr
Blumenleben geflogen und habe einen fliegenden Schatten darauf geworfen. Ein
Sonnenku des nchsten Tages - und sie hat mich vergessen. - Ach, diese
glcklichen, ewig bewegten Naturen! Er strich mit der Hand schwermthig ber
seine edle Stirn und die noch feuchten Augen. Ich werde das Mdchen nicht
betrgen, ich werde nicht heucheln; ich kann ihr Treue geben, Liebe - Liebe in
deinem und meinem Sinne nicht! O bitte, bitte, fuhr er fast heftig auf, lehre
mich nicht dein Herz kennen! Ich fhle es wie das meine in der eigenen Brust.
Was die Welt, was Millionen Weiber Liebe nennen, was sie selbst in ihrer zarten
Unerfahrenheit so nennt und glaubt, das gebe ich ihr.
    Anna erwiderte nichts, sie hatte seine Hand gefat und lange in der ihren
gehalten. Pltzlich beugte sie sich nieder und eine Thrne und ihre Lippen
berhrten sie zugleich.
    Anna! Um Gottes willen, Anna! schrie Otto. Er sprang auf, ri sich los,
stand einen Moment wie besinnungslos schwankend, dann strzte er vor ihr auf die
Knie nieder und barg sein Gesicht in ihren Schoos. Endlich hob er die Augen
wieder, umschlo sie, immer noch kniend, mit dem gesunden Arm, und sah sie so
nahe, lange und innig an.
    Anna meinte zu vergehen; sie hatte keinen Muth, keine Kraft mehr gegen dies
Ueberma der Qual, aber kein Hauch der Scheu vor der Gewalt seiner Leidenschaft
befleckte auch nur eine Secunde ihre Gedanken. Da bog sich Otto noch nher zu
ihr hinber, kte leise erst ihre Augen, dann ihren Mund - und lie los. -
Schon an der Thre wandte er sich und sah sie noch einmal mit dem Ausdruck des
tiefsten Seelenschmerzes an und ging stumm, ohne wieder aufzublicken, von ihr.
    Am nchsten Morgen aber ging er zum Vrenely und bat sie um ihre Hand. Er
sagte ihr, da sie ihm das theuerste Mdchen auf Erden sei, da er die Hoffnung
habe, sie glcklich zu machen; sie mge ihm nun das Dasein wieder lieb werden
lassen, das er ja nur ihr verdanke.
    Das gute Kind war tief bewegt, sie wehrte es nicht, da Otto sie an seine
Brust zog, und legte sanft ihr Kpfchen an sein Herz. Dann aber hob sie das
Rosengesichtchen zu ihm auf und sagte, es sei nun allzuspt ihm zu bergen, wie
sehr sie ihn liebe; als er aber sie noch nher zu sich hinziehen wollte, wand
sie sich still aus seiner Umarmung und sprach ohne Schchternheit mit der
zartesten Hingebung und doch ganz fest es aus, da sie ihn genug liebe, um nicht
sein schnes, der Wissenschaft geweihtes Leben verderben zu wollen. Wenn er sie
heirathe, msse er seine groen Reisen aufgeben, und das wrde ihn gewi
unsglich unglcklich machen - darum mge er von ihr ziehen, frank und frei,
durch kein Versprechen an sie gebunden, und ihrer zuweilen gedenken. Sie aber
wolle daheim den alten Vater pflegen und seiner auch nicht vergessen. Und kme
er einst nach Jahren wieder und habe dann sein Sinn sich nicht von ihr gewandt,
dann, ja dann werde sie unaussprechlich glcklich sein, ihm anzugehren.
    Nein! sagte Otto ernst und bestimmt, indem er ihre Hand inniger drckte,
dein schnes Herz irrt. Der Mensch hat nur den Augenblick, nur dessen ist er
gewi. Er ist der feste Strand, auf dem er sicher fut, die Zukunft ist ein wild
bewegtes Meer, man mu nicht unntz sich ihm vertrauen. Und die Trennung, ach,
armes Kind! du kennst sie nicht, das ist die Brandung, an der das Schiff
zerschellt. Nein, nein, jetzt la mich in Basel dir und mir die neue Heimat
grnden, den sichern Hafen bauen. La mich sogleich mit deinem Vater sprechen.
Ich reise diese Nacht ab, aber ich hole dich - er wollte sagen, wenn Anna fort
ist, sagte aber - wenn die nchsten Rosen blhen.
    Und, setzte er immer freundlicher hinzu, denn ihr Glck leuchtendes Gesicht
erhellte auch sein Inneres, bist du erst eines Naturforschers Frau, ei nun, so
mut du eben mit forschen lernen. Warum kannst du denn nicht mit nach Schweden?
Wer wei, ich knnte wieder in ein Schneeloch fallen -
    Vrenely htte nicht so ganz Wahrheit und Natur sein mssen, um es zu
vermgen, dem Drngen des so hei Geliebten, der ja lngst ihr ganzes Wesen
beherrschte, zu widerstehen. Beide gingen zum alten Vater hinber, dessen
rhrende Freude Otto'n an den seinen erinnerte und sehr bewegte. Seinem Selbst
zum Trotz fhlte er sich glcklich, und blieb es - bis er Annens Haus wieder
betrat und sie sah.
    Er war aber den Einwohnern desselben nicht bestimmt, auf dem jeden von ihnen
anders, aber doch so gewaltig ergreifenden Eindruck dieser Stunde zu weilen,
noch war das Vorgefallene, obschon Allen bewut, nicht zur Sprache unter ihnen
gekommen, als sich die Thr ffnete und Herr Gotthard todtenbleich und mit
zerstrten Zgen ins Zimmer trat. Er hatte soeben die Nachricht vom Verscheiden
des Ministers H**** erhalten, der unerwartet auf dem Rckwege von Verona
gestorben war. Der Brief, den seine zitternden Finger krampfhaft umschlossen,
war im Augenblicke abgesandt, in welchem ein Courier die Trauerpost nach Berlin
gebracht.
    Groer Gott! schrie Anna, aufspringend und mit gerungenen Hnden vor
Gotthard hintretend, und alle Ihre Hoffnungen, alle Ihre Arbeiten - -
    Fr den Augenblick vernichtet, gndige Grfin! erwiderte er dumpf; aber -
    Der Frst ist todt? riefen Leontine und Otto zugleich. Aber Kronbergs
Gesandtenstelle, seine Reise nach Petersburg?
    Das bricht ja alle seine Plne, sagte Otto - und ward pltzlich noch
bleicher, als vorhin Gotthard.
    Anna kam zur Besinnung, der kalte Schwei trat ihr auf die Stirn. Sie hatte
weder an Petersburg, noch an den Gesandtenposten gedacht.
    Es ist nicht zu redressiren, sagte Leontine vor sich hin; sie hat ihn total
vergessen.
    Otto war aufgestanden, die Stirnadern drohten ihm zu springen; er trat ans
Fenster, den innern wilden Aufruhr seines Wesens zu verbergen.
    Ein Brief vom Herrn Grafen, flsterte Sophie Annen zu, ich habe ihn drauen
Duguet abgenommen. Gott sei Dank! nun werden die Frau Grfin doch gleich
erfahren, wo wir den Winter zubringen.
    Er enthielt die nmliche Nachricht.
    Gotthard hatte sich gefat; er berichtete noch einige mit dem Todesfall in
Verbindung stehende Nebenumstnde und verlie dann den Salon. - Otto war wie
vernichtet.
    Und Vrenely? ach, die sa daheim berselig an ihrem Nhtischchen und nhte
dem Verlobten, dem Geliebten ein lngst heimlich gesticktes Halstuch fertig. Vor
ihr saen der alte Vater und die fast eben so alte Professorin, bei welcher sie
ihren, ja, ihren Otto kennen gelernt, und alle drei erzhlten einander zum
hundertsten Mal jeden kleinen Umstand der glcklich-unglcklichen Zeit dieser
Bekanntschaft und malten sich die Zukunft mit den glnzendsten Farben der
Hoffnung und Erinnerung aus.
    Zuweilen sank dem Mdchen die Arbeit in den Schoos, die Thrnen schossen ihr
in's Auge; sie mute die kleinen Hnde ber der hochschlagenden Brust falten,
weil der innere Jubel, die tiefe, selige Dankbarkeit gegen Gott sie
berwltigte. Ach, ich bin's ganz gewi nicht werth! seufzte sie errthend, und
dann lachte sie wieder ber alle die vielen Schneelcher, in die er noch fallen
werde beim Berzelius, und schalt, da er noch immer nicht da sei; bis ihn die
Hausklingel verkndigte und ihr der Schreck in alle Glieder fuhr: er kam ja, um
Abschied zu nehmen!
    Mit drckender Schwere schlich den Andern der Tag hin. Die pltzliche
Wendung in Aller Geschick war, obschon jedem Einzelnen bewut, dennoch keinem in
ihrem ganzen Umfange deutlich. Vrenely sogar fhlte mitten im Glck den heimlich
ritzenden Dorn der Rose. Sie htte Otto um keinen Preis aufgeben und dennoch ihm
volle Freiheit lassen mgen; es drngte sie ein unbekanntes Etwas, ihm Zeit zu
gnnen, das Krankenlager hatte ihr nur allzuklar gezeigt, mit welcher
schmerzlich-leidenschaftlichen Hingebung er Annen anhing, aber eben so gewi war
sie dessen, da diese ihn nicht wieder liebe. Anna's erwachende Neigung fr
Gotthard war des Mdchens scharfem Blicke nicht entgangen, doch eine leise Scheu
lie sie vor ihr das Seelenauge niederschlagen, ihr Herz wollte nicht darum
wissen, da die verheirathete Anna ein anderes Bild in sich trage, obschon sie
ihr, Otto zu lieben, vergeben htte. Stand er aber selbst ihr gegenber, sah sie
ihn so fest und krftig ihrem zweifelnden Blicke begegnen, dann war ihr wieder,
als sei alles gut, was er gewollt, als knne er gar nicht irren, als mte
gerade sie ihn aus dieser Schlucht glhender Qual herausziehen, wie aus der
eisigen Tiefe.
    Otto sprach sich ber seine Verlobung ernst und wrdig aus. Leontine
wnschte ihm mit bezaubernder Freundlichkeit Glck; ihre Wangen glhten
fieberisch, aber sie blieb vllig Herr ihrer selbst und jeder Aeuerung. Die
groe Welt gewhnt ja auch die heftigste Natur, die Erregungen des Gemths und
der Leidenschaft zu bergen.
    Der gute Professor, der sehr willkommen Abends sich einfand, vermochte es
indessen auch nicht, den Stunden eine heitere Frbung zu geben. Otto war mit
Vrenely bereingekommen, ihre Verlobung bis zu seiner baldigen Rckkehr zu
verschweigen, weil er am nchsten Morgen in aller Frhe abzureisen gedachte. Der
Professor, der sich halb und halb im Vertrauen fhlte, war schalkhaft und leicht
wie ein bleierner Vogel. Sophie und Duguet wurden den ganzen Abend mit
Reiseanstalten und wiederholten Befehlen geqult. Sophie sah abwechselnd Annen
und Leontinen an und schttelte betrbt den Kopf, aber sie beugte sich jeder
ihrer Launen und war unermdlich in Herbeischaffung des Verlangten.
    Pltzlich entstand ein Tumult auf der Strae, der Lrm schien aus einem am
Ende derselben gelegenen Kaffeehause heraufzudringen; es war ein mistnendes,
wstes Geschrei, man unterschied franzsische und italienische Flche, deutsches
Schelten und Drohen. Ein dichter Menschenknuel schien sich in einer Ecke der
Gasse um etwas herum zu winden und zu drngen. Anna klingelte heftig. Duguet war
in Otto's Angelegenheiten ausgeschickt, der Kutscher trat ein. Die Grfin
befahl, sogleich die Ursache des Auflaufs zu erfragen.
    Nach wenigen Minuten kehrte er zurck und brachte die Antwort: die gndige
Herrschaft mchte unbesorgt sein, es wren nur eben ein paar italienische
Spitzbuben und Maleficanten arretirt worden, die Aufruhr stiften und die Schweiz
verrathen wollten.
    Die traurigen Maregeln, zu welchen im Jahre zweiundzwanzig die Verflschung
einer ministeriellen Note Veranlassung gab, sind allgemein bekannt. Einem
Lauffeuer gleich durchflogen bengstigende Gerchte einer drohenden Umwlzung
des bis dahin friedlich erhaltenen Zustandes die ganze Schweiz; in krassester
Entstellung verbreiteten sich die seltsamsten Gerchte durch die hheren und
niederen Volksclassen. Unzhlige, meist harmlose Fremde, denen die Cantone Genf,
Waadt und Wallis bisher ein sicheres Asyl geboten, muten pltzlich, des
Carbonarismus verdchtig, dasselbe verlassen; sie wurden polizeilich aufgehoben,
gewaltsam entfernt, sogar gefnglich eingezogen. Der panische Schreck hatte
jetzt auch in Bern der Gemther sich bemchtigt und wirkte um so gewaltsamer,
als er spter denn in den anderen Stdten erwacht war.
    Annens freiheitschlagendes Herz hatte schon Wochen lang mit den
Unglcklichen gelitten, die, schuldig oder nicht, ein so unerwartet hartes
Verhngni in fremdem Lande traf. Sie lie sich eben noch einmal die nheren
Umstnde des traurigen Vorfalls berichten, als Leontine und Otto zugleich
eintraten, die in ihren gegenberliegenden Zimmern von dem ganzen Lrm nichts
gehrt hatten. Der Kutscher wiederholte sogleich seine Erzhlung. Kaum aber
hatte Leontine die ersten Worte derselben vernommen, als sie todtenbleich und
bebend, wie von einem heftigen Schwindel befallen, mit sehenden Augen blind,
tappend den ersten Stuhl zu erreichen suchte, und unfhig, sich auf den Fen zu
erhalten, wie bewutlos darauf niedersank. Anna, Sophie und Otto sprangen zu,
sie zu halten; es dauerte mehre Minuten, ehe sie den Anfall, gegen den sie
sichtlich mit allen Krften rang, gewaltsam berwand. Der Kutscher wollte
sogleich zum Doctor laufen, Sophie wehrte es, Annen zuwinkend, ab; sie
versicherte, es wren Vapeurs, sie sei dergleichen am Frulein lngst gewohnt,
und das englische Salz, das irgend auf Tisch oder Console liegen msse, wrde
augenblicklich helfen. Alle Anwesenden, sogar der alte Professor, liefen,
natrlich das Salz suchend, im Zimmer umher, nur Gotthard, der hinter Madame
Sophie stand, blieb unbeweglich. Ce n'est pas lui! flsterte ma bonne der noch
halb Betubten in's Ohr. Herr Gott, da ist das Salz in meiner Tasche! Mille
pardons! fuhr sie, zur Gesellschaft gewendet, fort: Sehen Sie, es wird schon
besser!
    Leontine hatte sich wirklich erholt; mit groer Anmuth entschuldigte sie den
ihr selbst unbegreiflichen Zufall.
    O dear, o dear! schrie im Eintreten Lady Frederic, die expre von ihrem
lieben Professor Abschied zu nehmen kam. Ist das da drauen ein Spectakel! In
ihrem Eifer bemerkte sie natrlich Leontinens Unwohlsein gar nicht. Da haben sie
einen von meinen Landsleuten, das heit, ich wollte gerade das Gegentheil sagen,
einen von meinen Nichtlandsleuten, einen Englnder arretirt. Ein Irlnder htte
sie nicht hier vier Wochen lang dazu erwartet. Der arme Mensch ist tipsy, ich
glaube, sie nennen das hier ein wenig betrunken, und will sich durchaus mit der
Polizei boxen. Sie suchen nach drei Andern, die aber nach dem enormen Lrm sich
schwerlich finden lassen werden.
    Ich bitte Sie, Gotthard! sagte Anna, was ist's eigentlich?
    Landammann Wateville hat leider eine zweite und diesmal wirklich
authentische Note sterreichischer Seits erhalten, die allerdings auch die hier
sich aufhaltenden Fremden bedroht. Man spricht von Stiftung einer neuen
carbonarischen Freimaurerei; auch der franzsische Minister scheint sehr
ernstliche Maregeln zu Entfernung ihm verdchtiger Personen zu nehmen.
    In dichtem Kreise umschlossen alle Anwesenden den Erzhler. Lady Frederic
begann zu fragen. Leontine nahm jetzt lebhaft Theil am Gesprch, ihr Unwohlsein
schien vergessen. Otto, Gotthard und der Professor arbeiteten das vorgeschlagene
Thema nach allen Seiten durch.
    Drauen war es still geworden bis auf den Sturm, der an die Fenster schlug
und den ein lustig gepfiffenes italienisches Volksliedchen durchtnte.
    Ah! sagte Anna, nenna sta grazia toja! und Venedig tauchte vor ihr auf. Gott
sei Dank! den haben sie nicht!
    Leontine war jetzt brillanten Humors und zankte sich auf's Possirlichste mit
dem alten Professor.
    Htte ich Sie, mein gndiges Frulein, doch wahrhaftig nicht fr eine solche
Erzdemagogin gehalten!
    Bitte, bitte! erwiderte sie lachend, nur fr mein Herz bitte ich um das
Conservativ- oder, wie es jetzt heit, Reactionssystem.
    Man reizt die Jugend zum bestimmtesten Widerspruch durch diese scharfen
Maregeln, perorirte Lady Frederic. Es hat einen eigenen zauberhaften Reiz, den
Mrtyrer einer Idee zu spielen.
    Hier ist von einer im Allgemeinen untergegangenen, im Einzelnen leider nur
allzu wunder-lebendig erhaltenen Ueberzeugung die Rede, sagte Gotthard.
    In diesem Augenblicke variirte unten der Pfeifende und ging in
wunderlich-kecken Modulationen in das Thema des bekannten Polenliedes: Noch ist
Polen nicht verloren! ber.
    Da haben wir's, schmunzelte der Professor, unser musikalischer Demagog ist
mit der Geographie brouillirt.
    Leontine lachte laut; sie und Lady Frederic liefen an's Fenster, es war aber
Niemand zu sehen.
    Aber, mein gndiges Frulein, sagte der Professor, wenn Sie mit dem Lichte
in der Hand an's Fenster treten, zeigen Sie sich, anstatt den Gegenstand auf der
Strae zu beleuchten.
    Oh! Oh, yes, of course! meinte Lady Frederic.
    Otto hatte sich still in eine Ecke gesetzt; zuweilen sah er aus derselben
Annen wehmthig lchelnd an, als wollte er sagen: Das nanntest du Liebe?
    Gotthard sprach schn und ernst ber politische und Staatsangelegenheiten
mit dem Professor und suchte die gescheiten, aber etwas schonungslosen Fragen
der Lady, die sie wie Raketen in die Unterhaltung warf, abzupariren. Am Ende
ging der Abend, wie viele seiner trben Brder, vorber.

Als am nchsten Morgen Anna mit ihrem bedrckten Herzen wieder allein war,
berlas sie nochmals Kronbergs Brief. Der grte Theil desselben war vor Empfang
der Todesnachricht geschrieben. Wie bei seiner Abreise, schien er einen
verlngerten Aufenthalt seiner Familie in Bern zu wnschen; wie sollte sie ihm
sagen, da dieser ihrer Empfindung nach unmglich geworden? Von der Liebe eines
Andern mit einem Mann, der uns liebt, zu sprechen, ist schwer; aber einem
Gemahl, der uns nicht mehr liebt und doch als sein Eigenthum mit eiferschtigem
Blicke bewacht, das Gefhl dieses Andern als Hebel unserer Handlungen zu
bezeichnen, scheint fast unmglich. Sie frchtete im besten Falle Spott,
gleichgltiges Hinnehmen des ihr so Wichtigen, im schlimmern arges Misverstehen
und krnkenden Verdacht. Ihr Verlassen Berns war Kronberg unbequem, und leider
ist Unbequemlichkeit in unsern Tagen fast das Wichtigste,
Verabscheuungswrdigste in den Augen unserer Mnner geworden. Ich glaube, die
Bequemlichkeitsliebe ist an die Stelle des Faustrechts getreten, wenigstens
wirkt sie zuweilen eben so schonungslos und gewaltsam als jenes. Ich habe
Freundschaft, Liebe, Vertrauen und vielgestaltiges Glck an dieser unserer
fatalen Zeiteigenschaft scheitern sehen und nie begreifen knnen, warum man sie
noch nicht zu den grten Leidenschaften zhlt, die einzelnen Auserwhlten das
Leben zum Paradiese, den meisten aber zu einer sich tglich wiederholenden Qual
und Sorge machen.
    Es wird ihm sehr unbequem sein! wiederholte sich Anna und sann und sann,
einen Vorschlag aufzufinden, der ihrem Gemahl die Mhe spare, ihr einen andern
Aufenthaltsort anzuweisen. Im wiederholten Lesen des Briefes ward ihr immer
deutlicher, da des Frsten Tod die ganze nur nach seinem Willen bestimmte
Sendung nach Petersburg annulliren und da sie vielleicht gar einem Andern
zugetheilt werden knne - was dann? Vielleicht kam dann Kronberg selbst,
vielleicht berief er sie und Leontinen nach Berlin.
    Dann tauchte wieder Gotthard's Bild zwischen den Zeilen auf. Wie unwichtig
erschien die eigene Sorge, dieser gehemmten gestrten Wirksamkeit gegenber.
Knnten wir nur etwas fr ihn thun! dachte sie weiter. Sie kam an einen gestern
schon besorgten Auftrag, eine Summe Geldes einzucassiren. Die Rollen lagen vor
ihr auf dem Tische.
    Da ich, schrieb Kronberg weiter, ber das Salaire des Herrn Gotthard nichts
Bestimmtes mit ihm abgemacht, du aber, wie mir scheint, immer noch mit seiner
Methode und seinem Betragen wohl zufrieden bist, so warte nicht das Ende des
Jahres ab, sondern gib ihm funfzig Thaler in Gold und frage ihn zugleich, ob er
mit hundert funfzig jhrlich und freier Station zufrieden ist. Der arme junge
Mann ist vielleicht in Geldnoth ohne da wir es ahnen.
    Mechanisch war Anna aufgestanden und hatte blindlings eine der Geldrollen
ergriffen. Pltzlich durchzuckte sie der Gedanke, da es Gotthard, Gotthard sei,
dem sie dieselbe geben, den sie damit bezahlen solle. Eisesklte durchrieselte
ihre Glieder; sie lie das Geld fallen - es rollte auf dem Boden umher. Mit
starrem Blick folgte sie dessen Bewegung; sie zitterte mit jeder Secunde
heftiger. Jetzt bohrte der entsetzliche Gedankenstrahl wie ein glhendes Eisen
sich immer tiefer ihr ins Gehirn: Du sollst den Mann bezahlen, den du liebst -
er steht in Kronbergs Dienst!
    Wie zerbrochen knickte die hohe Gestalt zusammen. Und also ist es wahr, und
also liebe ich ihn? wirbelte in rastloser Hast das fragende Empfinden durch jede
Fiber, durch jeden Pulsschlag ihres Wesens hin. Unwiderruflich elend -
antwortete sie sich selbst.
    Lange vermochte sie durchaus nichts weiter zu fassen, noch dachte sie nicht
entfernt an ein Unrecht gegen ihren Gemahl, sie fhlte nur den Moment und seine
Pein, und da ihr Geschick entschieden sei; sie gehrte zu den Unglckseligen,
die nicht weinen im Schmerz - die trocknen Thrnen brannten ihr in den
Augenhhlen. Nach vielen Stunden fand sie Sophie in einer Ecke ihres Kanapees,
wie von pltzlicher Krankheit ergriffen, stille liegen; sie hatte heftiges
Fieber und war, von der endlosen Gedankenjagd tdtlich erschpft, in dumpfe
Betubung gesunken.
    Aber es wurde wieder Tag. Erbarmungslos schlangen sich die Stunden zur Kette
in einander; sie sollte, sie mute weiter leben.
    Ihre Knaben kamen, ihr guten Morgen zu sagen. Als sie die Kinder sah,
berflutete ein nie gekanntes Weh ihr Herz. Anna war fast immer gesund, und den
Kleinen war es so ungewohnt, die Mutter leidend zu sehen; sie brachten ihr
schnstes Spielzeug, Frchte und Blumen mit, alles, was sie nur besaen, und
wollten, damit die Mama pflegen, wie sie es ihnen bei kleinen Uebeln gethan.
    Lange hielt Anna Beide fest in ihre Arme geschlossen und sah die lieben Zge
wieder und wieder mit stillem Ernste an. Es war ihr sonnenhell in der Seele,
da, was auch geschehe, in welchen Abgrund von Qual oder Schuld dies gewaltige
Gefhl sie strze, nichts jemals von ihren Kindern sie trennen knne und drfe.
    Wochen, Monate lang hatte sie sich zu tuschen vermocht. Otto, sogar
Leontine hatten lngst das trbe Geheimni errathen; jetzt, da auch sie sich
dessen bewut geworden, feilschte und marktete sie nicht, weder mit ihrem
Herzen, noch mit ihrem Gewissen. Jede Selbstlge blieb dieser starken, groen
Seele fern, es lag vor ihr wie ein unermeliches dunkles Unglck; aber sie
beschlo, ihre Leidenschaft zu tragen, elend zu sein, wenn es denn
unvermeidlich, aber nie und nimmer das Gefhl des Verlustes ihrer Kinder auf
sich zu laden.
    Ach! auch in Annen lag der Drang nach Glck, der, mchtiger noch als der
Instinct, den Lebensmden im Schiffbruch zwingt, an den schwimmenden Mast des
zertrmmerten Schiffes sich zu klammern und mit den Meereswogen ihn ums verhate
Dasein kmpfen heit. Dieser heie qulende Durst nach Glck, den fast immer die
Liebe in jeder Menschenbrust zuerst erweckt, der mit den dahinrinnenden Stunden
immer riesiger alle Krfte der Seele berwchst und den alles sptere Leben fast
nie zu stillen vermag. Aber dem Weibe gab die erhaltende Natur ein ungeheures
Gegengewicht, da sie in diesem Ringen nach Glck nicht unbedingt zu Grunde
gehen msse: die heilige, aber so allmchtige Mutterliebe.
    Nicht umsonst erfanden die Alten das schne Wunderbild vom Pelikan, der die
eigene Brust aufreit und mit dem Herzblut seine Jungen nhrt; nicht umsonst
eint der Indier die zerstrende und erhaltende Kraft zu einer und derselben
Gottesgestalt. Tiefer noch als die leidenschaftlichste Glut greift das Gefhl
der Mutterliebe in alle Urbedingungen unseres Lebens ein und ruft schaffend und
vernichtend zahllose unverstandene, unerklrbare Erscheinungen des Lebens
hervor.
    Anna dachte von dem Allen nichts, sie fhlte es nur: die Lichtausstrmungen
der hchsten Ueberzeugungen berhren das ganze individuelle Leben, nicht die
einzelne Kraft. Die Radien eines solchen unmittelbarsten Verstehens unseres
Selbst flieen mit der tiefsten Empfindung in einen Brennpunkt zusammen.
    Sie sah ihn wieder. Alle Drei lebten das tgliche Leben so neben einander
hin wie immer. Leontinen wurde das Reden am leichtesten; sie barg ihren Kummer
um Otto nicht, sie klagte sogar auf's Anmuthigste um ihn und verklrte diese
zarte Klage mit jedem Reiz ihrer so reichbegabten Natur. Es lag eine so
elegischliebliche Wehmuth in Allem, was sie that; kein Gestndni der Liebe, nur
ein Jammer um weit entrcktes und verlorenes Schne.
    Vrenely sa viel bei ihr. Leontine ging sogar zuweilen mit in die Kirche,
wenn das Mdchen fr Otto beten wollte, sie hatte allmlig eine Art poetischer
Frmmigkeit von jener angenommen und den Glanz ihres scharfen, spottenden Witzes
in der Rckspiegelung einer so schnen Einfachheit von sich geworfen wie einen
unntz gewordenen Schmuck; und in dem Allen war kein Falsch, es war die
augenblickliche Gestaltung ihres Wesens. Nur Eins war sonderbar, Leontine, die
stets Gesellige, war gern allein, als miede sie die grellen Widersprche des
Auenlebens. Anna mute sie gewhren lassen, denn zum ersten Mal war sie der
Freundin gegenber nicht unbefangen; zum ersten Mal hatte Anna ein Geheimni.
Obwol sie ahnte, da es Leontinen lngst keines mehr sei, konnte es ihrer
Meinung nach niemals unter ihnen zur Sprache kommen.
    Man hat zuweilen im Traum das Gefhl des Fliegens, des Hinschwebens ber
schne Gegenden und geliebte Menschen; das Erwachen ist fast immer mit dem
Schreck eines tiefen Sturzes verbunden. Ich glaube, das gab uns das Wort: aus
dem Himmel fallen. So war es Annen; wie im Traume hatte sie sich hoch erhoben
ber das eigene Leben, ihr ahnete ein schweres Erwachen.
    Aber sie war trotz dem Allen glcklich und insgeheim sich dessen bewut.
Wenn Gotthard sprach, empfand sie es als ein Glck, und wenn er schwieg und sie
seine edeln Zge ansah, war's nur ein anderes; in seinem Gehen, Kommen, Bleiben,
vor Allem aber, wenn er seine ernsten Lieder sang, die sein Wesen, wie seine
Verhltnisse rckspiegelten, durchwogte sie ein Gefhl der Seligkeit, das sie
nicht einmal mit dem Gedanken zu berhren wagte, um nicht aus dem Himmel zu
fallen. Thricht, thricht, da man sagt: Unschuld und Jugend - die Frhlinge
der Menschenbrust - kehren nie wieder! Anna war eine Frau von vierundzwanzig
Jahren, und die Liebe machte sie zum vierzehnjhrigen Mdchen.
    Gotthard war unter ihnen der einzige wahrhaft Unglckliche; auch er wandte
den Blick ab vom eignen Innern, um nur auf Annens und ihrer Kinder Leben
hinzublicken und in der ihm vielleicht nur karg gemessenen Zeit des
Beisammenbleibens noch alles ihm Mgliche fr sie zu thun.
    Mit Briefen Kronbergs war auch ein Schreiben des Ministeriums an Gotthard
eingelaufen. Nicht nur fanden seine Arbeiten die vollste Anerkennung, es ward
ihm zugleich die Aussicht zu einer umfassenderen Thtigkeit erffnet. Wie es
schien, hatte der Frst selbst noch vor seiner Abreise die eingesandten Berichte
dem Cabinet, fr welches Gotthard arbeitete, vorgelegt und die Klarheit der
Darstellung, die ernste Genauigkeit derselben, die Genialitt der Combinationen
bei grter Tchtigkeit der Auffassung hatten die Blicke des Ministeriums auf
deren Verfasser gezogen. Ueberrascht, ihn nicht schon frher bemerkt zu haben,
schien man hheren Orts entschlossen, ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren.
Seine Bahn war gebrochen.
    Gotthard theilte der Grfin die gnstige Wendung seines Geschickes mit und
bat, ihm zu vergeben, wenn er sich fters dem unverdienten Vorzug - das Wort
Glck wagte er nicht - in ihrem engeren Familienkreise zu weilen, entziehe. Es
war ihm ein tiefer furchtbarer Ernst um die Bekmpfung der ihn schwchenden
Leidenschaft, darum mied er sie oft; ein Vergessen, ach, nur ein Verschmerzen
seiner Liebe fiel ihm lngst nicht mehr ein.
    Unerwartet kndete jetzt Kronberg seiner Gemahlin seine Rckkehr an; er
befahl, ein paar Gastzimmer in Stand zu setzen, und bat Annen, seine Abreise
nach Bern Allen, selbst Leontinen, zu verschweigen. Es schien leicht zu
errathen, da Josephine ihn begleiten und ihre Tochter mit einem freundlichen,
Alles ausgleichenden Besuch zu berraschen gedenke.
    Sie wird mir Leontinen entfhren, seufzte Anna, den gelesenen Brief faltend,
und wir gehen dann wol Alle nach dem Ort, den Kronberg als Aufenthalt bestimmt.
Eben wollte sie in den Saal zurck, als Gotthard aus der Thr ihres Zimmers ihr
begegnete und ernst und dringend sie um ein Gesprch weniger Minuten bat. Mit
ehrerbietigen Ausdrcken entschuldigte er sein Einmischen in eine Angelegenheit
ihres Hauses und schien dann verlegen, den Zweck desselben nher zu berhren.
    Kronbergs Befehl nach, hatte ihm Anna das unglckselige Geld zwar zustellen
lassen, die Summe aber vergrert und die Bitte ausgesprochen, die Auslagen fr
die Knaben davon zu bestreiten und spter mit ihrem Gemahl das alles zu
berechnen. Auf diese Weise war das Geld ein bloer Vorschu fr die Kinder.
Unwillkrlich suchten ihre Gedanken hierin einen Zusammenhang mit dem
gewnschten Gesprch; eine tdtliche Verlegenheit bemchtigte sich auch ihrer.
    Gotthard fate sich endlich gewaltsam und bat sie, die nchste Vergangenheit
ihrem Gedchtni zurckrufen zu drfen. Er erinnerte sie an Otto's unerwartete
Rckkehr und an den Fremden, dem jener auf der Treppe begegnet, dann an den
letzten Abend, an den Volksauflauf, an Leontinens Ohnmacht und an das vor dem
Hause gepfiffene Lied; er bekannte ihr, die dem Frulein zugeflsterten Worte
Sophiens: ce n'est pas lui gehrt zu haben; er erinnerte endlich an Leontinens
Beleuchten ihrer eigenen Gestalt, als sie mit Lady Frederic an das Fenster
getreten. Sprachlos starrte ihn Anna mit immer wachsender Angst an; sie dachte,
er werde ihr etwas ber sich selbst entdecken, er aber schlo mit
wiedererrungener Besonnenheit: Unbezweifelbar gewi scheint mir, da eines jener
unglcklichen Opfer der Politik und eigener Ueberspannung hier im Hause
verborgen ist, und da Frulein Leontinens Gte und Milde auf eine Weise
misbraucht werden, die leider den Grafen Kronberg in seiner Stellung auf's
Empfindlichste compromittiren, ja seiner Ehre gefhrlich werden kann.
    Anna blieb einige Secunden sprachlos. Nein! rief sie aus, wie knnte Sophie
- -
    Das ist mir selbst ein Rthsel; indessen wurden doch gerade ihre Worte der
Leitfaden in meiner Hand. Ich vermuthe, da im dritten Stockwerke eine ber
meinem Zimmer gelegene Bodenkammer dem Unglckseligen zum Versteck dient. Unter
einem Vorwande habe ich von des Nachbars Hause herberzusehen versucht, die
kleinen Fenster sind verhangen, die Kammer gilt fr eine Garderobe Sophiens.
    Wei Duguet? unterbrach ihn Anna.
    Ich glaube, nein! Und gerade, um mit Ihnen zu besprechen, ob ich meine
Vermuthungen Ihrem alten Diener mittheilen, mit ihm oder allein den Versuch
wagen soll, dem Verborgenen zur Flucht behilflich zu werden, kam ich hierher.
Wenn Sie es mir gestatten, Grfin, so bekenne ich Ihnen, da ich letzteres
vorziehe. In der Hoffnung, da Sie mir Ihre Erlaubni nicht versagen, um die ich
Sie herzlich bitte, habe ich - er legte ein versiegeltes Paquet auf den Tisch -
hier ein paar Verfgungen getroffen, einige Andenken und vollendete Arbeiten
zusammengerafft, die ich Ihrer Gunst empfehle. Im Fall eines Mislingens, das
mich vielleicht in Unannehmlichkeiten verwickelt, oder auch zur Flucht mit dem
Unbekannten zwingt, enthalten diese Papiere vielleicht meine Vertheidigung,
jedenfalls aber nichts, was Ihnen oder den Ihren irgend Nachtheil bringen kann.
    Gotthard! schrie Anna auf - Leichenblsse bedeckte ihre Zge - keine
Uebertreibung, die mir - sie wollte sagen, das Leben kosten wrde - aber sie
streckte nur bittend die Hand aus und der Ton ihrer Stimme versagte, er brach an
der Erinnerung ihrer Lage.
    Gotthard ergriff die bebende Hand und hielt sie einige Secunden in der
seinen, mit abgewandtem Blick sagte er leise: fhlen Sie denn nicht, da ich -
gerade ich Ihn (er nannte Kronberg nicht) um keinen Preis einer solchen
Entdeckung aussetzen darf? In meinen heutigen Briefen ist von seiner Rckkehr
die Rede, er ist Gesandter in Wien geworden - und ich - bin ihm als
Regierungscommissarius fr alles Juristische beigegeben -
    Anna schlug die Augen mit einem unaussprechlichen Ausdruck auf, sie faltete
die Hnde bittend wie ein Kind: Ist's unvermeidlich?
    Gotthard ging in tiefer Bewegung auf und nieder. Ich finde keinen Ausweg.
    Auch nicht Duguet's Hlfe?
    Nein, im Hause knnte er mir ntzlich sein, die Flucht wird er vielleicht
sogar gefhrden.
    Und Leontine?
    Nein, o nein! - Was auch geschehen mag, welchen Preis es auch koste, es mu
unter uns bleiben! Er hatte im Auf- und Niedergehen sich ihr zugewandt, seine
Zge hatten das seltsame, ihm eigenthmlich Durchleuchtende bekommen.
    Was kann im schlimmsten Fall dem Grafen drohen? fragte Anna etwas gefater.
    Eine entehrende Anklage der Duplicitt.
    Und Ihnen, Gotthard?
    Der Verdacht der Theilnahme an der Freimaurerloge, am Carbonarismus - -
    Groer Gott! also Festung, auf lange vielleicht, im Augenblicke, da Sie dem
Hhepunkt Ihres Strebens sich nhern! - Nein, rief sie pltzlich im wildesten
Schmerz, keine Pflicht auf der Welt kann mir das gebieten!
    Gotthard stand wieder still vor ihr, das Leuchten seiner Zge war jetzt wie
eine strahlende Verklrung ber sein ganzes Wesen ausgegossen - ein bebendes
Gefhl unsglichen Glcks flutete in jeder Ader, jeder Fiber; er sprach kein
Wort, er sah sie kaum eine Secunde lang an, er berhrte nicht einmal ihre Hand.
Aber pltzlich flo der Glutstrom des Glckes auch durch ihr Herz und auch ihrer
Seele wuchsen Riesenflgel: Beide wuten in diesem Augenblicke, da sie
grenzenlos geliebt wurden, grenzenlos liebten.
    Als sie wieder aufsah, war er fort.
    Indem ffneten die Knaben an Betzys Hand die Thr, sie waren schon in ihren
weien Nachtkleidchen und kamen, der Mutter gute Nacht zu sagen, um, wie sie es
nannten, ihr Dmmerviertelstndchen durch bei ihr zu bleiben.
    Anna legte die Hnde unbewut auf's Herz, als habe sie Gott fr eine groe
Gnade zu danken: ein schwerer Lebensaugenblick war schuldrein wie mit
Engelsfittigen ber sie hinweggeschwebt. - -
    Mutter! sagte Egon, indem er rasch die Lehne ihres Fauteuils erkletterte und
darauf rcklings seinen gewhnlichen Platz einnahm, Betzy ist garstig, sie will
nicht, da ich das schne Gebet spreche, das Vrenely die Tante Leontine gelehrt
-
    Ich sage das vom kleinen, kleinen Englein, flsterte schon halb im Schlaf
sein Bruder Joseph, der seinen Kopf auf Annens Schoos gelegt hatte, das ist viel
hbscher.
    Betzy wollte den Fall errtern, Anna winkte ihr, zu schweigen. Alle Gebete,
mein Egon, sagte sie liebkosend, die aus dem Herzen kommen, sind gut und schn.
    Aber nicht so schn! meinte kopfschttelnd Egon. Ich kann es recht gut
verstehen und Tante hat es mir auch erklrt. Hre nur! Er faltete, oben auf
seiner Lehne sitzend, die Hnde und betete mit tiefer Inbrunst:

Da walte Gott
In Schlaf und Tod,
Wenn Leib und Seele scheiden;
Da walte Gott
In Glck und Noth
Im Finden und im Meiden.

Da walte Gott
In seiner Treu
Auch ber meiner Liebe;
Da walte Gott,
Bewahr' vor Reu'
Die Tage hell und trbe.

All meines Herzens Bangen,
All meiner Seel' Verlangen
Geb' ich in seine Hnde,
Es fhre mich an's Ende.

Ist das nicht schn, Mutter? Und das letzte hat Tante Vrenely immer gedacht,
whrend sie Onkel Otto im Schnee suchte.
    Anna war tief ergriffen. Es gibt Lagen im Leben, in denen man an keinen
Zufall glaubt. Sie schlo den Knaben inniger an's Herz und schlichtete den
kleinen Streit mit bebenden Lippen. Als aber die Kinder fort waren, fiel die
gedankenschwere Last des Augenblicks mit verdoppelter Gewalt auf ihre Seele
zurck; sie fhlte nicht den Muth, irgend etwas gegen Gotthards Willen zu thun,
und eben so wenig die Kraft, unthtig ihn einer so drohenden Gefahr
entgegentreten zu sehen. Endlich fiel ihr ein, Otto zu benachrichtigen, ihm
einen Expressen zu senden. Im Begriff, einige Zeilen aufzusetzen, um ihn nach
Bern zu berufen, berfiel sie ein neues Schwanken. Wrde er zeitig genug kommen?
    Sie stand noch unschlssig am Schreibtische, als Duguet meldete, da der
alte Herr Professor im Salon sei.
    Wer ist noch drben? fragte sie mechanisch.
    Die beiden jungen Damen und Herr Gotthard.
    Gottlob! Heute gedenkt er also nichts in der unseligen Sache zu unternehmen!
sagte sie zu sich selbst.
    Drben war Alles heiter. Der alte Professor erzhlte und neckte die Mdchen;
Gotthard war gesprchig, aufmerksam und freundlich; die vorhergegangene Stunde
trat weit zurck und barg sich hinter ihre Schwestern; in der Gegenwart schien
Alles behaglich. Im Kamin knisterte die auflodernde Holzflamme, auf dem Tische
standen schon Frhlingsblten. Der Professor machte Vrenely eine emphatische
Beschreibung Basels; Paris und London fielen ganz daneben weg. Gotthard war zum
ersten Male gesellig-liebenswrdig, er entfaltete ein hinreiend komisches
Talent, sowol im Vortrag einiger Reiseabenteuer, als in Darstellung der darin
vorkommenden einzelnen Persnlichkeiten. Er und der Professor warfen einander
das Gesprch zu, wie einen bunten Spielball; Leontine und Vrenely bildeten ein
hchst dankbares Publicum. Zum Glck kam niemand Fremdes; die Zeit verging Allen
ungewhnlich rasch und man trennte sich spt.
    Erst auf ihrem einsamen Stbchen fiel Annen die Mglichkeit bei, da
Gotthard sie absichtlich sorglos gemacht habe, da seine Neigung ihr ein Opfer
gebracht. Sie flog an's Fenster; drben brannte, wie allabendlich, seine stille
Studirlampe. Aber die sorgende Liebe hat Argusaugen! Anna kannte gewisse
Bewegungen am Schatten, wenn Gotthard ein Buch vom Schreibtischregal
herunterlangte, oder einen beschriebenen Bogen weglegte; sie wute genau die
Zeit, wo der Docht trber zu brennen begann und er Oel zugieen mute. Sie
erwartete den Schatten seiner Gestalt; es regte sich nichts. Mit immer
gespannterer Aufmerksamkeit lauschte sie hinber, Stunde um Stunde verging in
langsam tnenden Vierteln; mit der wachsenden Angst steigerte sich die
Ueberzeugung, da auch die brennende Lampe zurckgelassen worden sei, um sie zu
tuschen, zu beruhigen, und da er nicht mehr da sei. Aber wo war er? Groer
Gott! vielleicht war schon Alles verloren! wute sie es denn?
    Leise ffnete sie ihre Thre, dichte Finsterni umhllte das ganze Haus, sie
schlich hinaus ber den Flur; sie war sich selbst nicht bewut, was sie
eigentlich wollte. Vor Allem horchen, ob der Fremde fort sei, ob Gotthard bei
ihm in der Bodenkammer, wo er versteckt sein sollte.
    Die Thre, welche die von ihr bewohnte Etage von den Uebrigen trennte, war
abgeschlossen; ohne Sophien zu klingeln, konnte sie nicht hinaus.
    Trostlos kehrte sie zurck, warf sich am Fenster auf einem Fuschemel in die
Knie und starrte, die Hnde krampfhaft gefaltet, wieder hinber. Die Lampe war
dster geworden und jetzt nahe am Verlschen; kein Laut drang durch die de
Nacht, Todesstille berall. Es ward eiskalt im Zimmer, Anna erstarrte nach und
nach ganz; alles Leben zog sich in das glhende, wachende, wartende Auge, das
ihr wie eine Kohle in der Stirn brannte. Pltzlich flammte drben eine
strahlende Helle auf, die Vorhnge wurden mit gewaltiger Hand auseinander
gerissen. Er war's!
    Er stand mit dem Lichte in der Hand am Fenster, winkte grend, trat einen
Schritt zurck, deutete mit der Hand rckwrts, als ob jener fort sei; er sah
erhitzt, aber krftig und glcklich aus. Nur wenige Secunden dauerte das alles,
dann sank der Vorhang abermals und tiefes Dunkel verschlang das ganze Bild.
    Aber wer vermchte die blendende Sonne des Glcks in Annens Seele zu
beschreiben! Er war gerettet - und das Werk vollbracht.
    Es war spt am Morgen, als Sophie die Rouleaux aufzog. Anna hatte sich erst
niedergelegt, als der Tag sie, immer noch auf ihrem Fauteuil sitzend,
berraschte; sie war wie nach einem langen Schlafe frisch und klar. Mon Dieu,
qu'elle est belle! dachte still Sophie, indem sie ihr beim Anziehen behilflich
war; eine laute Bemerkung wagte sie nicht.
    Nun war sie fertig. Annens Schritt hatte die Elasticitt der frhesten
Jugend wieder, Augen und Wangen glnzten wie nie zuvor; es sprach sich ein
Gefhl einer so ganz berwltigenden Freude in jeder Bewegung aus, da man sie
fast fragen mute, was ihr denn Glckliches begegnet? Madame mssen etwas recht
Schnes getrumt haben, sagte endlich lchelnd die alte Sophie.
    Etwas Wunderschnes, ma bonne, erwiderte Anna. Sie wei noch nicht, da er
glcklich fort ist, dachte sie mit heimlichem Jubel.
    Nach beendigter Morgentoilette begann sie nachzusinnen, wie sie die Details
der Flucht des Fremden erhalten knne. Sie hatte eine ernste Scheu vor Gotthard,
die aus der tiefen Achtung entsprang, die sie fr ihn hegte. Er wird nicht
kommen, sagte sie zu sich, denn nthig ist es nicht. Da lag das Paquet mit
seinen Schriften noch auf ihrem Schreibtische; sie verschlo es sorgsam, um -
nur etwas zu thun. Leontine kam immer noch nicht; ihr mute doch anzumerken
sein, welcher Stein vom Herzen ihr die Flucht des Fremden sei. Fast eine Stunde
ber die gewhnliche Zeit war vergangen und noch immer war sie nicht da.
    Jetzt hrte Anna einen leisen Schritt auf dem Corridor, unwillkrlich lief
sie Leontinen entgegen, ffnete ihre Zimmerthr und - Kronberg schlo sie
herzlich und leise lachend in die Arme. Wie bestellt, sagte er. Still! ich
wollte dich berraschen und zuerst allein sehen. Ich habe mir einen schndlichen
Klepper gemiethet, den ich nicht zugeritten, Kind! und bin vom letzten Stdtchen
aus geritten. Josephine folgt mir in ein paar Stunden mit dem Wagen und der
Dienerschaft; du wirst sie schon Alle unterbringen. Aber erst mu ich dich
sprechen. Er zog sie auf's Sopha. Wie schn du bist, Anna! Wie gut dir dieser
Aufenthalt bekommen ist, bei Gott! schner als vor unserer Hochzeit! Sie
errthete. O, Kind! es ist kein Kompliment, und wir kommen auch wol nicht mit
einander in's Gerede. - Aber die Zeit drngt! Er stand auf und schlo die Thr
ab.
    Liebe Anna! es sind hier im Hause entsetzliche Dinge geschehen; Leontine hat
in ihrem berschwenglichen Leichtsinn wieder eine unglcklich berspannte
Liaison angeknpft.
    Leontine? Eine Liaison? Unmglich!
    Doch, doch! erwiderte er, und zwar mit einem Abenteurer, der ihr hieher
gefolgt ist, ja sogar gewagt hat, ihr zu schreiben und bis zu ihr in unser Haus
zu dringen.
    Roderich! la mich -
    Ich frchte, das wilde Mdchen macht irgend eine irreparable Sottise. Ich
habe noch nicht einmal ergrnden knnen, ob der junge Herr von Stande ist.
Jedenfalls kann ich die Last nicht bernehmen, sie zu hten, und habe die Mutter
berredet, mich nach Bern zu begleiten, um sie wieder mitzunehmen. Ohnedies
werden wir jetzt die Schweiz verlassen, j'accepte vos flicitations, Madame! wir
sind Gesandter in Wien geworden!
    Bis jetzt hatte Anna ihre Fassung behalten, sie war durch jedes Wort, das
die Mglichkeit einer noch weit verwickelteren Angelegenheit, als Kronberg zu
ahnen schien, andeutete, zu berrascht, um eine Unvorsichtigkeit zu begehen.
    Noch mehr, fuhr Kronberg fort, whrend ihn die wirklich in dieser Aufregung
strahlende Schnheit seiner Frau immer wrmer fr sie stimmte, du wirst dich
darum krnken! Er zog sie nher zu sich und kte sie im Weitersprechen. Du bist
so arglos, - deine nrrische alte Madame Sophie hat auch mit debauchirt und will
sich ihren Pelz verdienen.
    Groer Gott! das trifft wieder zu, dachte Anna, eine sich steigernde Angst
begann in ihren Zgen sich zu malen.
    Ich glaube, sprach Kronberg weiter, ohne es zu beachten, es war auf eine
Entfhrung abgesehen.
    Aber um's Himmels willen, Kronberg! wie kommst du dazu, alle diese Details
zu wissen? brach endlich Anna ihr Schweigen, whrend ich hier -
    Duguet hat mir geschrieben.
    Und seine eigne Frau angeklagt?
    Anna, sagte Kronberg stolz, er hat die Ehre der Tochter seines verstorbenen
Herrn gerettet. Willst du das gtigst nicht so ganz aus den Augen verlieren! Die
Welt lebt nicht von Romantik! Doch, nun mu ich Leontinen sprechen; am
sichersten gleich hier, ehe ihre Mutter ankommt. Bleibe ruhig, auch wenn ich
etwas ernst mit ihr rede!
    Er ging an die Thre, schob den Riegel zurck und war im Begriff, zu
klingeln, als Leontine und hinter ihr Sophie eintraten.
    Leontine sah sehr bel aus, sie schien geweint zu haben und vermochte ihrer
Ueberraschung, Kronberg zu sehen, keinen warmen Anstrich der Freude zu geben.
    Leontine! sprach Kronberg streng, du hast uns, mich und Anna, auf eine
hchst schmerzliche und leichtsinnige Weise verletzt!
    Onkel! - erwiderte sie, wo mglich noch stolzer als er, indem sie sich hoch
aufrichtete und eine kalt gemessene Haltung annahm, die, eben so fern von Trotz
als Demuth, nur die anerzogene Sicherheit ihres Standes verrieth - da Sie sich
unaufgefordert in ein Geheimni gedrngt haben, das Sie nicht betrifft, ist es
nicht meine Schuld, wenn Sie durch diesen Schritt sich compromittiren. Meine
Handlungsweise war keineswegs durch meinen Leichtsinn bedingt, wie Sie zu sagen
belieben, sondern durch eine alles Andere berwiegende Pflicht. Ueberdem konnte
ich nicht ahnen, da Sie so schnell zurckkehren wrden, und da ich auer
Sophien keinen andern Vertrauten hatte, blieben Sie, auch im schlimmsten Falle,
auer Verdacht.
    Verdacht? fuhr Kronberg, an allen Gliedern bebend, auf. Ein Kronberg in
Verdacht? Bist du rasend, Mdchen?
    Desto besser, wenn mich die Sorge um Sie bertreiben macht; so ist aber
diese Scene um so berflssiger. Auf welche Weise Sie zum Mitwisser dieser
traurigen Angelegenheit geworden -
    Verdacht! wiederholte, noch innerlich das Wort anstarrend, der Graf.
Leontine, du wirst die Gte haben, mir den Namen des Elenden zu nennen, der, wie
ich zu ahnen beginne, deine Unerfahrenheit auf eine furchtbare Weise misbraucht
hat. Wer ist's? Er war ganz nahe an sie herangetreten und hatte ihren Arm fest,
aber nicht heftig ergriffen, indem er sie mit durchbohrenden Blicken ma. Wer
kann durch einen Schimmer von Verdacht meine Ehre beflecken? Sprich! - Oder
ziehst du vor, da ich Sophien, deine einzige Vertraute, um die wir vielleicht
nicht ganz verdient, wie sie an uns gehandelt - da ich Sophien zwinge, mir den
Namen zu nennen?
    Sophie stand leichenbla im Fenster; groe dicke Thrnen rollten ber ihr
Gesicht; sie lie den Angriff schweigend ber sich ergehen. Nur nach Annen
wandte sich zuweilen ihr bittender, trauriger Blick.
    Onkel! rief Leontine, zornig erglhend, hchstens hat meine Mutter ein Recht
zu dieser Frage, Sie haben es nicht! Er hat - durch welche gromthige Hlfe,
ist mir selbst noch ein Rthsel - in der vorigen Nacht Ihr Haus und die Stadt
verlassen.
    In der Nacht? Mein Haus? Groer Gott! so weit hast du dich vergessen! Nein,
nein! das ist nicht mglich! Die Tochter einer Kronberg kann ja nicht handeln
wie eine Dirne! Den Namen, Unglckselige! den Namen! -
    Und wenn Sie ihn wissen werden, Oheim! sagte sie, indem sie fest und
uerlich ruhig die Arme kreuzte, sind Sie darum in irgend etwas gebessert? Im
Gegentheil, der Klang, der bloe Klang desselben macht Sie zum Mitschuldigen.
    Also doch! chzte Anna, die bisher vergebens versucht hatte, den Grafen
durch leise Worte und bittende Geberden in etwas zu beschwichtigen.
    Der Name! wiederholte Kronberg, zitternd vor Wuth und in convulsivischer
Bewegung kaum noch des Tons seiner Stimme mchtig, und hingen Leben und Ehre
daran -
    Jean Carlo di Viatti, sagte sie ernst, fast leise.
    Groer Gott! schrie Kronberg auf, der berchtigte Carbonari, den die
Cabinete verfolgen lassen, den Adjutanten des Marchese Viatti? Der Graf sank auf
einen Stuhl, seine Kraft war gebrochen.
    O, mein Freund, fasse dich! Theurer Roderich! sagte Anna, ihn liebevoll
umschlingend, das Geheimni ist ja treu bewahrt, er ist in der letzt verwichenen
Nacht entflohen und hat Bern bereits verlassen!
    Wie, Anna? Anna, du wutest es? Also ist's Gotthard, der ihn gerettet! rief
Leontine.
    Gotthard? wiederholte der Graf, in hchster Entrstung von seinem Sessel
aufspringend. Gotthard? Er stie Annen wthend von sich. Weiber! Weiber! - Mein
Gott, mein Kopf! Ihr macht mich verrckt! - Was ist denn das wieder? Ist es denn
mglich? denkbar? - Anna, du, du wutest darum, und gabst mich und meine Ehre in
die Hnde eines Hofmeisters - eines Dieners unseres Hauses?
    Nein, nein - Onkel! schrie Leontine, mit ungeheurer Gewalt alle ihre Krfte
zusammenraffend - bei Allem, was mir heilig ist, schwre ich Ihnen, sie wute es
nicht! - Die Hauptsache wei sie noch nicht - - und auch Ihre Diplomatenehre ist
unbefleckt. Da ich aber jetzt - o knnte ich's noch in dieser Stunde! - Ihr
Haus verlassen mu, ist klar. Wahrscheinlich haben Sie einen Gesandtenposten,
vielleicht wre sogar jetzt Ihre Pflicht, Jean Carlo zu verfolgen. Ich sehe die
Nothwendigkeit ein, sogleich zu meiner Mutter zurckzukehren.
    Eben fuhr Josephinens Wagen in den Hof; Niemand achtete auf das laute Blasen
des Postillons; Niemand gedachte ihrer Ankunft. Kronberg war wie vernichtet.
Aber, wiederholte er in trostloser Niedergeschlagenheit, ist es denn denkbar?
Was ist dir denn der Unglckliche, da du ihm - ihm uns Alle opferst? - da du
deine und meiner Familie Ehre vergit, um eines Abenteurers willen, dem du am
Ende von acht Tagen vielleicht um einen neuen Liebhaber vergessen haben wirst!
Um eines Gechteten willen, der keines besseren Geschicks werth, eine niedrige
Intrigue ausgesponnen, um - -
    Halt! halt! Kronberg! rief erbleichend Leontine. Kein Wort, keinen Hauch
gegen seine Ehre! Er ist -
    Um Gottes willen! was denn, liebe, liebe Leontine! fragte Anna, unter
tausend Thrnen.
    Mein Mann! sagte tonlos Leontine und fiel halb ohnmchtig ihr in die Arme.
    Eben trat Josephine, von Duguet geleitet, in's Zimmer.


                                 Zweiter Theil

                                      1822

Ungefhr anderthalb Jahre vor den eben mitgetheilten Ereignissen, saen einige
junge Damen in der Eremitage auf dem Wege, der nach dem alten Schlosse von
Baden-Baden fhrt, und sahen von weitem die im Grnen umherwandelnden
Brunnengste vorberziehen.
    Wer kennt nicht, wenigstens dem Ruf und Namen nach, das freundliche vom
Schwarzwald umfriedete Thal mit seinem stillen Reiz, seiner milden Luft und
seinen in weiter Ferne verblauenden Vogesen! Schon hier zu athmen, ist der
kranken Brust eine Wohlthat.
    Die jungen, in der Einsiedelei versammelten Plauderinnen aber waren alle
gesund; sie schalten die Stille der Saison, die Einsamkeit der Gassen, den
Mangel an einem wahrhaft geselligen Verkehr und wollten die Schnheit der
Umgebung nicht als Ersatz dafr anerkennen.
    Und allerdings hat in Baden-Baden die Natur eine so verlockend-se
Sirenenstimme, da es schwer fllt, ihr zu widerstehen, und sie das eigentliche
Salontreiben Tages hindurch fast unmglich macht, es hat sich in das Dunkel der
hier schon frh und schnell einbrechenden Nacht geflchtet, in welcher aber
leider der grne Tisch nicht nur die grne Aue, sondern sogar die blumen- oder
schmetterlingsartigen Tnzerinnen verdrngt und das Spiel nicht selten allen
Zauber der Jugend und Schnheit berbietet.
    Du hast gar nicht zu klagen, Leontine, sagte eine kleine niedliche
Majorsfrau, du hast den interessantesten Brunnengast der ganzen Saison auf
deinem Hausflur.
    Bis jetzt sind wir aber in dieser Bekanntschaft noch nicht weiter als zum
ehrfurchtsvollen Gru, lachte diese.
    Ist denn die schne, schwermthige Dame, mit welcher er immer geht, seine
Gemahlin?
    Meint ihr den Polen mit dem unaussprechlichen Namen? fragte eine Dritte.
    Leontine, so rede doch! Du mut doch etwas von deinen mysterisen Nachbarn
wissen! riefen die Andern.
    Ich wei gar nichts. Alle Morgen begegne ich Beiden auf dem Wege zur
Promenade, wo es eben bei besagter ehrerbietiger und meinerseits hflicher
Verbeugung bleibt.
    C'est tout? fragte die hbsche Frstin L....
    C'est tout! erwiderte gravittisch betheuernd Leontine. Mais non, pardon!
die junge schwarze Dame ist nicht seine Frau, sondern seine Schwester.
    Mein Onkel, fuhr die Frstin fort, behauptet, der Curliste zum Trotz, der
junge Mann sei gar kein Pole.
    O! sagte Grfin Hohenheim, er hat doch so ganz den polnischen
Gesichtsschnitt, und dann den wehmthig-stolzen Ausdruck um den Mund -
    Haben Sie ihn einmal polnisch reden hren, Comtesse? fragte die Zweiflerin.
    Nein; er spricht immer franzsisch mit den Damen, die er am Brunnen kennt,
auch mit seiner Schwester.
    Nun sehen Sie! Am Ende hat mein Onkel doch recht?
    Aber er hat ja einen ganz polnischen Namen -
    Die kleine Prinzessin sah ungemein welterfahren aus und versicherte: Man
kann sich aber auch einen falschen Namen geben!
    O ja, wenn man ein Barbiergeselle ist; aber ein Mann von Stande!
    Ich habe ihn einmal gesprochen, meinte Frulein von Herchentheim; er machte
mir und meiner Cousine Platz, als der Knig hier durchkam und pltzlich auf der
Allee ein groes Gedrnge entstand. Er benahm sich sehr hflich und zeigte den
besten Ton und Anstand. In der Nhe ist er wirklich sehr schn. - Freilich fllt
mir eben ein, da er auch damals mit seiner Schwester nur franzsisch sprach.
    Das mute er jedenfalls aus Artigkeit Ihretwegen, liebes Frulein! sagte die
Prinzessin etwas ungeduldig. Ihr Urtheil ist nicht contemporain Ihres Gefallens.
    Eben schritt der junge Mann, wie gewhnlich, ernst und schwermthig vor sich
hinstarrend, quer ber den lichtensteiner Weg; die junge Dame an seinem Arme war
heute noch bleicher als sonst, sie schien sehr leidend. Er sttzte sie auf's
Sorgsamste und als sich in der Allee ein leichter Abendwind erhob, suchte er
erst die Schwester noch dichter in ihren Mantel zu hllen, und bewog sie dann
endlich, und wie man an den lebhaft bittenden Geberden deutlich wahrnehmen
konnte, nicht ohne Mhe, mit ihm umzukehren. Er zeigte brigens dabei eben so
viel heftige Ungeduld als Liebe. Es ist kein Pole! sagte die Prinzessin, und
zerpflckte gedankenvoll eine Sternblume.
    Leontine aber beschlo, noch diesen Abend das Rthsel gelst zu sehen.
    Der Zufall verwirklichte den Scherz, doch auf trbere Art, als sie es
erwarten konnte.
    Sie mochte, ihrer Reisegefhrtin harrend, die noch auf der Promenade war,
ein Stndchen auf ihrem Zimmer zugebracht haben, als sie pltzlich die Klingel
ihres Nachbarn drei-, viermal heftig anziehen hrte; fast in demselben
Augenblicke ward drben eine Stubenthr aufgerissen und sie erkannte seine
Stimme, die laut und dringend nach dem Hausmdchen rief. Es lag etwas so
Bengstigendes, Heftiges in diesem Ton, da Leontine, von der ihr eigenen
Herzensgte unwiderstehlich fortgerissen, aufsprang und ihrerseits die Thr nach
dem Flur ffnete, um zu sehen, ob ein Unglck geschehen und ob man ihres
Beistandes bedrfe.
    Ein Bild fast wahnsinniger Verzweiflung stand der junge Pole vor ihr; kaum
aber gewahrte er sie, so strzte er auf sie zu und beschwor sie im reinsten
Italienisch, mit den rhrendsten Worten; um Beistand fr seine unglckliche
Schwester, die nach einem ganz unerwarteten Blutsturz ohnmchtig geworden, und,
von dem heftigen Anfall erschpft, noch bewutlos, starr, o Gott! vielleicht
sterbend, daliege. Er wolle zum Arzt laufen, die Leidende aber nicht allein
zurcklassen. Auf sein Rufen und Klingeln sei Niemand gekommen.
    Ohne einen Augenblick sich zu besinnen, antwortete ihm Leontine, ebenfalls
italienisch, in wenigen trstenden Worten und eilte zu der Kranken in das offen
stehende Zimmer. Eben kamen der Kellner und das Dienstmdchen die Treppe herauf,
das heftige Klingeln hatte sie endlich herbeigezogen. Es ward nach dem Arzt
geschickt und der junge Mann folgte Leontinen. Fast zugleich nherten sich Beide
dem Sopha, auf welchem das schne Mdchen todtenbla, einer gebrochenen Blume
gleich, noch immer in krampfhafter Erstarrung und regungslos lag.
    Nach einigen angewandten Hausmitteln erholte sie sich in Leontinens Armen.
Der herbeigerufene Arzt fand den Zustand durchaus nicht augenblicklich
gefhrlich, schien jedoch im Ganzen die Gesundheit der Fremden fr sehr
schwchlich zu halten. Er verschrieb Arzneien, versprach nach ein paar Stunden
wiederzukommen, und empfahl die grte Ruhe, vorzglich aber jede
Gemthserregung zu meiden.
    Traurig schttelte Trzebinski das schne Haupt. Mit dem Arzt hatte er, wie
mit dem Kellner wieder franzsisch gesprochen; die Kranke war zu schwach zum
Reden. Seltsam, da er ganz vergessen zu haben schien, da er Leontinens Hilfe
italienisch erbeten. Mit rhrender Einfachheit dankte er ihr fr die ihm und
seiner armen Schwester erwiesene Gte und bat sie, der Leidenden morgen wieder
eine Stunde zu gnnen. Jetzt erst bemerkte Leontine, da, bei aller ueren
Eleganz des Benehmens, wie der ueren Umgebung der Geschwister, Beide ohne
eigne Bedienung waren.
    Leontine war durch Zufall diesmal nicht mit ihren Eltern in Baden, sie
erwartete die Generalin erst in drei Wochen, welche diese mit Geiersperg in
Karlsruhe zubrachte. Josephine hatte gewnscht, die geliebte Tochter nach einem
frhlich durchtanzten, sehr ermdenden Carneval einen etwas lngeren Aufenthalt
in der strkenden Luft des schnen Thals genieen zu lassen. So ward es mglich,
da Leontine, die mit der hingebendsten Liebe ihrer Mutter anhing, allmlig in
ein Vertrauen sich gezogen fhlte, das sie vielleicht in deren Gegenwart nicht
angenommen, jedenfalls aber nie ihr verheimlicht haben wrde.
    Am nchsten Morgen benutzte sie die erste Gelegenheit des Alleinseins, um
ihre Nachbarin zu besuchen, Stanislaus sa an deren Lager. Leontine hatte nicht
vergessen, da Herr von Trzebinski, wie der junge Pole sich nannte, im
berraschten Schmerz sie italienisch angeredet und schon im ersten Augenblick
dieser unbewuten Annherung dessen trauriges Geheimni errathen. Das Entbehren
aller sie begleitenden Dienerschaft war fr Polen von Stande ohnedies so
auffallend, da es ihre Vermuthung zur Gewiheit erhob. Das Willenlose jenes
momentanen Vertrauens strte sie nicht, hatte ja doch in jener bengstigenden
Qual das tiefste Gefhl seines Herzens sich ihr ausgesprochen! Gerade in dieser
absichtslosen Hingebung lag fr sie ein gewisser Reiz. Sie schwieg, bewahrte das
Geheimni mit fast religiser Treue, whrend der neckische Dmon ihres
unbezwinglichen Humors sie dennoch mitunter zu allerlei verfnglichen Fragen
verleitete, die ihm den Schreck eines pltzlichen Erinnerns an seine eigne
Unvorsichtigkeit geben sollten.
    Sie fand Rosalien zwar nicht besser, aber bei vollkommener Besinnung, voller
Dankbarkeit und rhrender, stiller Resignation. Gern weilte sie ein paar Stunden
an deren Lager; und da das mit Gsten berfllte Haus die Dienste einer berall
in Anspruch genommenen Hausmagd als ganz unzulnglich erscheinen lieen, sandte
sie ihr die sehr zuverlssige Babet.
    Trzebinski sah zu Leontinen auf wie zu einem Schutzengel und kleidete seinen
glhenden Dank in alle Farben einer durchaus sdlichen Nationalitt.
    Grfin Werden, in deren Gesellschaft Leontine in Baden war, bemerkte auch
heute nicht ihre versptete Rckkehr. Das Frulein sagte kein Wort, weder von
der Krankheit ihrer jungen Nachbarin, noch von der zufllig angeknpften
Bekanntschaft. In dem Augenblicke war das gnzliche Verschweigen bloer
Uebermuth, aber noch im Laufe des nmlichen Tages fhlte sie vom eigenen
Muthwillen sich gefangen und das Besprechen der ganzen Begegnung unmglich
gemacht. Als nmlich die gute Grfin und deren nchste Bekannten, von der
Tarantel der Neugier gestochen, in immer wunderlichkrauseren, immer
abenteuerlicheren Vermuthungen ber die Fremden sich auslieen, vermochte es
Leontine nicht, ruhig zuzuhren, unwillkrlich reizte sie die Damen zu noch
tolleren Aeuerungen und Voraussetzungen und hatte sich in ihrer vortrefflichen
Laune bald so fest gerannt, da es ohne gnzlichen Versto gegen alle
conventionellen Formen nicht mehr ausfhrbar blieb, die dem Gesprch
vorangegangene Bekanntschaft der interessanten Polen einzugestehen.
    Zum Glck war Grfin Werden eines jener bevorzugten Wesen, die nur ihren Tag
los sein mssen, gleichviel um welchen Preis und in welcher Gesellschaft. Sie
lie Leontinen gewhren. Sie fand in jedem nicht den Curpflichten geweihten
Augenblick irgend eine Bekanntschaft zu machen, eine Handarbeit zu besehen,
entdeckte einen noch nicht gekannten Laden, einen neuen Spazierweg, eine
vorzgliche Kuchensorte, - faute de mieux, sogar eine verarmte Familie, deren
Umstnde sie sorgfltig erforschen mute, und alle diese vielen Grnde machten
ihr das Zuhausebleiben unmglich. Enfin je ne suis pas sa gouvernante! sagte
sie, wenn Leontine ablehnte, sie zu begleiten.
    Auf diese Weise machte es sich ganz von selbst, da Leontine einen Theil des
Tages bei ihren neuen Freunden zubringen konnte, ohne von der Grfin vermit zu
werden.
    Stanislaus von Trzebinski - so stand sein Name in der Brunnenliste - hatte
sich lngst auf seine frhere Unvorsichtigkeit besonnen; er errieth aber auch
Leontinens zartes Bewahren seines traurigen Geheimnisses und wute es ihr
doppelt Dank, da ihm, allgemeine Aeuerungen und Klagen ber den gedrckten
Zustand seines Vaterlandes abgerechnet, sehr schwer wurde, ber Polen zu reden -
das er nicht kannte!
    Rosalie war ein schwrmerisch-weiches, kaum noch durch die lockersten Bande
der Erde angehrendes Wesen. Im Kloster aufgewachsen, kannte sie die Auenwelt
gar nicht, aber Religion und Vaterlandsliebe waren in ihrer jungen Seele zu
einem Brennpunkt vereint, von dem alle Radien ihres Lebens ausgingen, dem alle
Krfte desselben wieder zustrmten: auer ihnen war das Nichts.
    Der Norden, so erschien ihr Baden, die kalte Fremde erweckten eine, sie
tglich mehr und mehr aufreibende Sehnsucht in ihrer leidenden Brust; das Gefhl
einer unvermeidlichen, vielleicht lebenslnglichen Verbannung von Italien senkte
sich, ein langsamer Tod, wie mit schweren dunkeln Flgeln auf ihre Sinne, auf
ihr in Heimatsbangen vergehendes junges Herz. Mit jedem Tage nahmen ihre wenigen
Krfte ab. Der Arzt sah sich genthigt, ihren Zustand als hchst bedenklich zu
erklren, und bald reichte weder Leontinens, noch Babet's Pflege mehr aus. Zum
Glck hatte Badens Heilquell eine der in Kln lebenden barmherzigen Schwestern
hergezogen; Leontine suchte sie auf und die lange Gewhnung mitleidiger
Selbstverleugnung lie die gute alte Renate ihrer eigenen kaum vollendeten
Genesung vergessen, um mit den neu geschenkten Krften neuen Pflichten sich zu
unterziehen. Da die fromme Alte zwar ein wenig franzsisch, aber weder
italienisch noch polnisch konnte, war ein zuflliger Gewinn, der das Geheimni
der freiwillig Verbannten, Geflchteten sicherte und ihre Gegenwart nur
heilbringend erscheinen lie.
    Als Leontine die Schwester Renata zu Rosalien fhrte, ergriff Stanislaus
ihre Hand, ihr Gewand, und drckte sie an seine Lippen; er war im Begriff, ihr
zu Fen zu sinken. Alles, alles, jeden Trost meiner verdeten, zerrissenen
Existenz danke ich Ihnen! hauchte er bebend.
    Leontine war, tief erschttert, zum ersten Male keines erwidernden Lautes
fhig; es gab kein Wort fr diese so ganz ungewhnliche Lage.
    Grfin Werden sprach den ganzen Tag von der bedauernswerthen Krankheit der
jungen polnischen Dame; fr ihr Leben gern wre sie hinbergegangen. Leontine
sah sich durch immer neue, sich hufende Grnde zu immer sorglicherem Schweigen
gezwungen. Wie htte sie der Grfin Zudringlichkeit von ihren unglckseligen
Freunden abzuwenden vermocht, htte diese ihre Bekanntschaft mit denselben ahnen
knnen!
    Doch keine noch so sorgsame Pflege vermochte es, der armen Rosalie
Bltenleben zu fristen. An ihrem Sterbelager, an der stillen ganz prunklosen und
doch so selig vertrauenden Frmmigkeit des jungen schnen Mdchens und der
hingewelkten alten Nonne, die, unermdlich in Nachtwachen und Dienstleistungen,
der eigenen geringeren Leiden gern verga; an dem innern Verstehen dieser Beiden
durch Alter, Bildung und Vaterland so ganz verschiedenen Naturen lernte Leontine
den Werth eines begrenzenden Glaubens, die Gefahr ihrer eigenen Ansichten
erkennen. O, wie beneidete sie selbst Jean Carlo, wie er jetzt ohne Scheu vor
ihr sich nennen lie, um den Trost seiner Frbitte, um sein inbrnstiges, den
von Heiligen erfllten Himmel erstrmendes Gebet; denn nach demselben ward er
ruhiger, er hrte die fromme Schwester mit stiller Ergebung an, er fate neue
Hoffnung und einte die Palme des Friedens der Dornenkrone, die sein Vaterland
ihm als letztes Geschenk hinterlassen. Aber diese Dornen stachen schwer und
tief, er litt unsglich!
    Nachdem Knig Ferdinand des Vierten Reise nach Laibach der Neapel kaum
gewhrten Constitution den frhen Todessto gegeben, nachdem die lange Jahre
hindurch heimlich vorbereiteten Plne des Carbonarismus eigentlich bereits
vernichtet waren, hatte dennoch ein Spro des Freiheitsbaumes sich grnend zu
erhalten vermocht. Boralli's Schilderung der Lage des Knigs in Laibach erweckte
eine durchgehende allgemeine Begeisterung und Krieg! ward die berall im ganzen
Lande widerhallende Losung.
    Jean Carlo hatte sich im Gebirg, wo er die Truppen organisiren half, den
festesten Glauben an die Thatkraft seines Volkes bewahrt. Ueber jeden Zweifel
hinweg trugen ihn die Flgel seiner jungen Phantasie und der feurigsten
Verehrung fr Guglielmo Pepe, seines Oheims langjhrigen Freund und
Waffengenossen. Als aber kurz nach dem so glnzenden Beginnen des Kampfes diese
Flgel, gewaltsam geknickt, zur nutzlos mit Brgerblut befleckten Erde
niedersanken, als die regellose, wilde neapolitanische Armee, ohne Disciplin,
ohne Kriegsbung, ja sogar ohne hinreichende Waffen, der Uebermacht des
sieggewohnten sterreichischen Heeres fast ohne Widerstand erlag, als mehr noch
als alles dies der durch lange Knechtschaft entartete Charakter der niedern
Volksclassen dem Gelingen allzukhner, zu rascher Entwrfe einen innern, ja den
allergefhrlichsten Feind entgegenstellte, da focht Jean Carlo unter dem Helden
seiner Wahl - um die Gunst des Todes. Sie ward ihm nicht! Er erlebte es, bei
Rieti durch General Walmoden die Ueberbleibsel des unglcklichen Heeres
zerstreut zu sehen. Pepe ging nach Neapel zurck und brachte nichts mit sich
dahin, als die trostlose Nachricht seiner eigenen Niederlage.
    Jean Carlo's Oheim, der ihn an Vaters Statt erzogen, dessen Adjutant er in
dem kurzen Feldzuge gewesen, an dessen Seite er den goldnen Freiheitstraum
getrumt, ward vermit; ob er gefallen, ob geflchtet, war nicht zu ergrnden.
    Zerbrochen an Leib und Seele, hatte Jean Carlo neben ihm gefochten, bis er
selbst bewutlos niedersank. Ihn weckte die Nachricht der neuen Schmach, die
Carascosa's Heeresabtheilung getroffen.
    Als er in einem kleinen Dorfe von seiner Wunde insofern genesen war, da er
aufstehen und sich bewegen konnte, zog er Erkundigungen ein. Die vom Knig
eingesetzte provisorische Regierung hatte einen Preis auf seines Oheims Kopf
gesetzt.
    Monato, Hiacinth de Passe fielen, unzhlige Bekannte, Freunde und Verwandte
des unglckseligen Jnglings bten Leben oder Freiheit ein, ihn selbst retteten
gnstige Zuflligkeiten und die Zuneigung eines mit seinem Hause befreundeten
Frsten, Medici, der sein Pathe war. Ihm ward die Flucht erleichtert.
    Lngst ruhten seine Eltern im Grabe, ihm blieb eine einzige Schwester, die
in einem unfern Neapel gelegenen Kloster in Pension war.
    Als er in der Nacht, verkleidet, sich hinberschlich, um Rosalien ein
vielleicht letztes Lebewohl zu sagen, fand er die Aebtissin desselben, eine Base
seiner Mutter, von all den Sorgen um die Ihren schwer erkrankt und schon im
Todeskampf. Der Einzug des Knigs war nahe, die Amnestie fr Alle, die bis zum
vierundzwanzigsten Mrz an geheimen Gesellschaften Theil genommen, noch nicht
ausgesprochen, ber Jean Carlo's mgliche Rckkehr in sein Vaterland nichts
vorauszusehen, und kein einziger Verwandter, dem er die Schwester bergeben
konnte, ungefhrdet oder frei, die meisten heimlich verborgen oder geflchtet.
Noch vor Anbruch des nchsten Tages stand die Auflsung der Aebtissin zu
erwarten, die wortlos des armen jungen Mdchens zarte Hand in die seine legte.
Rosalien blieb nur die Wahl des schtzenden Schleiers, das Kreuz des Heilands,
oder das Schwere der herben Theilnahme am ungewissen Geschick ihres Bruders.
    Sie whlte das letzte. In fast wahnsinniger Verzweiflung umklammerte sie den
einzigen Beschtzer, der ihr geblieben, und beschwor ihn unter heien Thrnen,
sie nicht zu verstoen, sie nicht allein in dem der Knechtschaft geweihten Lande
zurckzulassen, sie mit sich zu nehmen in die Fremde - ach! die Aermste kannte
ja diese Fremde nicht, die sie um seinetwillen lieben zu knnen hoffte, in
welcher sie nur fr ihre Todten und fr die einstige Auferstehung ihres Volkes
zu beten gedachte und in der sie unbewut sich selbst den frhen Tod erbeten
hatte.
    Die dringende Eile der Stunden und die Thrnen des armen Kindes siegten.
Vereint flohen die Geschwister.
    Eine Weile lebten sie unbemerkt in Frankreich und gingen dann nach der
Schweiz. Von dort aus ward Jean Carlo nach Baden geschickt, weil seine schlecht
geheilte Wunde aufgebrochen. Ach, eine unendlich tiefere ffnete sich ihm dort,
als die Hoffnung schwand, Rosaliens Gesundheit herzustellen, deren Schwche der
junge Mann frher bei seinen sie immer momentan neu belebenden Klosterbesuchen
nicht wahrgenommen hatte.
    Die Aerzte schrieben ihr Uebel einer Erkltung beim Uebergang der Alpen zu -
der Tod will ja eine Ursache haben.

Leontine, Schwester Renate und Jean Carlo saen in stummem Schmerz am Bett der
pltzlich, nach einem neuen heftigen Blutauswurf sanft wie ein Kind
Entschlafenen; die Nonne betete still fr die durch den unerwarteten Tod ohne
die Gnadenmittel der Kirche Hinbergegangene; Leontinens Hand ruhte zum ersten
Mal lange in der ihres armen Freundes; Keines versuchte ein lautes Wort.
    Im Hause ahnete noch Niemand die Gegenwart des Todes. Renate hatte selbst
die geweihten Kerzen zu Haupt und Fen des Sterbelagers angezndet, den
Priester hatte man nicht mehr rufen knnen, so schnell hatte der Scheideku des
Lebens die bleichen Lippen des schnen Mdchens berhrt.
    Die Badegste und Wirthsleute schliefen, auf den Straen hatte sich ringsum
Ruhe verbreitet, nur ein berwachter Orgelmann drehte auch schon halb schlafend
unter einem fernen Fenster sein letztes Stndchen ab, es war ein veraltetes
Volks- und Liebeslied; unwillkrlich mute Leontine darauf hren. Keine Nessel,
kein Feuer kann brennen so hei als heimliche Liebe, die Niemand nicht wei.
    Lange saen sie so schweigend; endlich begann Carlo zu reden. Er blickte
nach dem noch nicht ergrauenden Tage; sein unruhiges Blut trug die Unthtigkeit
des Schmerzes nicht, und es lastete der Gedanke auf ihm, die geliebte Leiche
hier im fremden Lande zurckzulassen. Sollte Rosalie als Polin mit einer Lge
in's dunkle Grab gelegt werden? Welche Hoffnung blieb dann dem Trauernden, in
mglich besseren Tagen wenigstens die schne Hlle der Schwester dem
Geburtslande wieder heim zu bringen, dem die Lebende entrissen zu haben er so
tief bejammerte? Ach, Schmerz und Glck zogen ja ihn wie sie in jedem Athemzug
hinber! - Mit heftig erwachender Leidenschaftlichkeit erneuten sich seine
Klagen. Trostlos stand Leontine neben ihm, sie litt unaussprechlich und ach! sie
wute keinen Rath fr diese neue Form der Qual. Vergebens bot sie ihm ihres in
wenig Tagen erwarteten Stiefvaters Hlfe. Jede Mittheilung des Geheimnisses an
einen Dritten lehnte er bestimmt ab.
    In diesem Augenblicke hatte die fromme Schwester, die in stillen Frbitten
am Fuende des Lagers kniete und in tiefster Sammlung das Gesprch nicht
beachtete, ihre Gebete beendet. Sie schritt der Thre zu und, schon an der
Schwelle, sagte sie leise: Ich gehe zum Dechanten; man wird nun bald zur
Frhmesse luten, er wird schon aufsein.
    Wie ein Lichtstrahl durchzuckten die einfachen Worte Jean Carlo's
verdstertes Gemth. Ja! rief er aufspringend, im Schoos der Kirche, in der
Hingebung an ihre beseligenden Wahrheiten finde ich die Gewhrung einer
Versicherung, die nichts Irdisches mir zu geben vermag. Die gefalteten Hnde
fest auf die Brust gedrckt, blickte er aufwrts und ein Ausdruck der
schwrmerischsten, inbrnstigsten Frmmigkeit berflog den Schmerz seiner Zge.
    Ja, fuhr er fort, von dir, mein reiner Engel! kam mir der Gedanke. Die
Beichte sichert mein Geheimni und brgt mir fr die Erfllung deines letzten
Erdenwunsches!
    Er hob den Schleier, der das Antlitz der Gestorbenen deckte; sie war
unaussprechlich schn. Leise kte er ihre weie Stirn, dann fuhr er, zu
Leontinen gewendet, fort: Ach, Signora! knnten Sie fhlen, was in diesem
Augenblicke meine arme zerrissene Seele wie ein Friedensbote durchzieht und das
wilde Thier in mir bndigt. O, knnten Sie mit mir glauben, so wie Sie mit mir
gelitten haben; wie Sie oft mitten in der Verzweiflung mir einen Sonnenstrahl
des Glcks in die Lebensde gesandt! Er kte heftig ihre Hnde und wandte sich
dann wieder der Leiche zu, die er mit immer steigendem aber stillerem Schmerz
betrachtete.
    Knnte ich mit ihm glauben! wiederholte sich leise Leontine. Kann ich's denn
nicht? Sie legte den Kopf zurck in die Lehne des Sessels und einzelne groe
Thrnen rollten ber ihre hochrothen Wangen.
    Da ffnete sich leise die Thr, lautlosen Schrittes trat der Dechant ein,
hinter ihm ein Chorknabe, der am Eingange stehen blieb. Er kannte die
Geschwister wohl, obschon nur unter polnischem Namen; es that ihm weh, da sein
Beichtkind ohne die letzten Trstungen der Kirche geschieden war. Nun kam er,
von der alten Schwester herbeigerufen, den Rest der Nachtwache mit dem
unglcklichen Bruder der Verstorbenen zu theilen und den Ritus der Kirche zu
vollziehen.
    Der Dechant war noch ein junger Mann mit fast durchsichtig bleichem Gesicht;
auch ihm schien die Verheiung eines frhzeitigen Todes auf die gedankenklare
Stirn gedrckt. Eine groe Milde und Sanftmuth sprach sich in seinem ganzen
Wesen aus; so war auch sein Ruf von makelloser Reinheit.
    Leontine hatte nie einen andern katholischen Geistlichen gekannt, oder auch
nur auer der Kirche gesehen, als den alten Domine, dem sie so bel mitzuspielen
pflegte. Sie kannte die sanfte Suade, die Gewalt der Einwirkung katholischer
Formen, dieses weiche Herrschen, dieses feste Ergreifen und Tragen der Seele
nicht, das in dem Riesenbau jener Kirche, in der Gestaltung jener hchsten
Manifestation des menschlichen Geistes sich ausspricht, und nun in der
vollendetsten Ausbung berwltigend ihr entgegentrat.
    War der Dechant mit den Verhltnissen der polnischen Familie unbekannt, die
er vor sich zu sehen whnte, hatte der Anblick der jugendlichen Leiche ihn
dieselben vergessen machen? Genug, er hielt Leontine vielleicht der heien
Thrnen wegen, die whrend seiner Worte ihr Gesicht berstrmten, fr
Trzebinski's Gemahlin und sprach in diesem Sinne auch zu ihr, ermahnte sie, dem
schwer Geprften nun auch die Verlorene zu ersetzen, sich wo mglich noch enger
ihm anzuschlieen, und wie aus der Tiefe der Verwesung die Kraft eines erhhten
Lebens der leiblichen und geistigen Natur sich entringe, so auch diesem so frh
geffneten Grabe ein Gott geheiligtes Leben der Liebe entsprieen zu lassen.
    Jean Carlo weinte so heftig, da er nicht sogleich die Kraft hatte, die
Anrede des Geistlichen zu unterbrechen, der im Begriff war, in einem kurzen
Uebergange dem Formular der Kirche sich zuzuwenden und deren Ceremonien zu
vollziehen, als endlich Leontinens furchtbare Erschtterung und ihr Zittern des
jungen Mannes Aufmerksamkeit gewaltsam auf sie zurcklenkten. Er ergriff mit dem
Ausdruck der tiefsten Verehrung ihre Hand und geleitete sie der Thre und Babet
zu, die schluchzend in derselben stand, dann wandte er sich wieder zum
Dechanten; in demselben Augenblick schlo sich die Thre hinter Leontinen, und
halb bewutlos folgte sie Babeten in ihr Zimmer.
    Es war Mittag und die Trauerkunde hatte sich bereits durch das ganze Baden
verbreitet, als die todtmatte Leontine die Augen aufschlug; die gewandte Babet
hatte der Grfin eine unruhige, durch die Nachbarschaft der Kranken schlaflose
Nacht des Fruleins vorgelogen.
    Aber mit dieser Nacht hatte ja nun auch das Zusammenleben mit dem
neugewonnenen Freunde aufgehrt! Der lange Tag verging, ohne da Leontine mehr
von dem hrte, was sich drben begab, als was auch die andern Hausgenossen
erfuhren. Sie sandte, wie die meisten Bewohnerinnen des Hotels, einen
Blumenkranz, der schnen jungen Todten auf den Sarg zu legen. Da er aus
Orangenblten und Granaten bestand, lie man fr einen Zufall gelten; die
Thrnen, die als Thau ihn benetzten, bemerkte Niemand. Kaum war die
Begrbnistunde bestimmt, so vereinten sich die Grfin und ihre Freundinnen, um
der Ceremonie zuzusehen. Es war ein Drngen und Treiben um die offene Grabhhle,
als htten Alle das schne Mdchen gekannt, oder als glte es eine Lustpartie.
Leontine warf sich weinend auf ihr Bett und schtzte Kopfweh vor.
    Noch am nmlichen Abend berbrachte man ihr einige Zeilen von Jean Carlo's
Hand. Sie hielt das Blatt noch in der ihren, als drauen Babets aufjubelnde
Stimme die Ankunft Geierspergs und Josephinens verkndete; kaum blieb Leontinen
Zeit, das Papier zu verbergen, so lag sie schon in ihrer Mutter Armen.
    Von nun an begann ein ganz neuer Lebensabschnitt. Geiersperg liebte joviale
Geselligkeit, war gern in Baden und fand eine Menge alter Bekannte,
Kriegsgefhrten und Jugendgenossen daselbst. Auch Josephine ward von einem
kleinen Kreise freudig begrt, eine Landpartie, eine Ausfahrt jagte die andere.
    Die Generalin ging freundlich auf jeden Vorschlag der Art ein, ihre
Lebensstellung war in der zweiten Ehe eine ganz andere geworden, als sie in der
ersten, im Jugendrausch der Begeisterung geschlossene Verbindung mit Waldau
gewesen. Die Zeit war ja so ganz verndert, es war Friede, und hatte auch dieser
Friede nicht alle Trume und Verheiungen des ihm vorangegangenen Kampfes
erfllt, so waren doch materielles Behagen oder industrielles Wirken berall an
die Stelle der frheren Romantik getreten, die Josephinens Bltenzeit belebte
und deren mitunter sehr dunkle Schatten die letzten Jahre Waldau's vor
Erschlaffung bewahrt hatten. Denn selbst als ihn Krankheit und der schwere Druck
der Ereignisse zur Unthtigkeit verdammten, hatte sich das Wechselspiel von
Sorge, Angst und Freude, das man Leben nennt, immer noch in weit hheren
Potenzen um ihn her entwickelt, als es nun im freundlichen Beisammensein mit
Geiersperg der Fall war.
    Waldau war ein Idealist, im Alltglichen ganz unerfahren; man mute
unaufhrlich fr ihn sorgen. Geiersperg sorgte lieber noch fr Andere, als da
er ihrer Leitung sich hingab; er frchtete bestndig, gehandhabt zu werden, wie
er es nannte, und wollte alles selbst machen. Hatte Josephine in ihren
ehemaligen Verhltnissen zerrissene Herzen, krnkelndes Leben und die Keime
nationaler Hoffnungen gepflegt, hatte sie damals oft jede Seelenkraft bis zur
hchsten Spannung anstrengen mssen, so pflegte sie jetzt, ohne jedoch an
Elasticitt des Geistes einzuben, mit nicht geringerer Anmuth die Blumen und
Bume, die ihres Gemahls Lieblinge waren, zog seine Jagdhunde auf und bewunderte
mit wirklich aufrichtiger Freude die von Geiersperg geschossenen Auerhhne und
Schnepfen. Sie war eigentlich nicht minder glcklich als sonst, denn bei ihr war
das Glcklichsein fast eine Eigenschaft des Charakters geworden.
    Leontinens Erziehung war ihr nicht ganz gelungen, das fhlte sie selbst,
doch, wie viele Mtter, blieb sie dabei blind fr deren Mngel; und dann hatte
ja Leontine ihres Vaters Fehler! Geiersperg tadelte sie strenger, schon deshalb
mute Josephine die Tochter entschuldigen. Vor allem war ihm nicht recht, da
sie kein Junge war; er htte so gern einen Sohn gehabt. Darum hatte er die
Verbindung mit seinem Neffen Albert fast leidenschaftlich gewnscht; sie sollte
seiner vterlichen Liebe Enkel geben. Im Ganzen konnte er die excentrischen
Weiber nicht leiden; - und hast mich doch geheirathet? sagte Josephine.
    Aber Geiersperg nahm ihren Kopf zwischen seine beiden groen Hnde und kte
sie herzlich. Von dir, liebes Kind, kann ja hier gar nicht die Rede sein, du
bist mein lieber, nrrischer excentrischer Engel! Aber im Huslichen bemerke
ich, Gott sei Dank! nur, wie du mir alles leicht und lieb machst. Wenn die
Leontine excentrisch sein wollte, wie du, so htte ich nichts dagegen.
    Geierspergs schnste Jahre waren die gefahrreichen des Kriegs und seiner
geheimen Vorbereitungen gewesen; auch nachdem er den Dienst verlassen, blieb er
innerlich Soldat. Alles, was auf das Militr sich bezog, interessirte ihn
lebhaft; in seinem Hause herrschte die strengste Disciplin, in seinem Herzen
blieb er der alte loyale, seinem Knige unbedingt ergebene Kriegskamerad. Selbst
wo sein klarer Verstand tadelte, lie sein Gefhl dem Tadel selten Raum zum
Wort, und Leontine hatte ganz recht, ihn einen Ritter aus dem Mittelalter zu
nennen. Htte der Knig seiner innersten, heiligsten Ueberzeugung zuwider
gehandelt, htte er ihn oder die Seinen durch irgend eine Ungerechtigkeit noch
so unheilbar schwer verletzt, Geiersperg war der Mann dazu, in solchem Falle
sich lieber eine Kugel vor den Kopf zu schieen, als den Grundsatz der tiefsten
Anerkennung und Verehrung der Legitimitt seines angebornen Herrschers
aufzugeben, mit dem sein ganzes Wesen verwachsen war.
    Sehr natrlich hatten ihn die politischen Ereignisse des Jahres Zwanzig in
Neapel oft und ernstlich beschftigt; so lange die Volkssache nicht von der des
Knigs getrennt war, hatte er wahrhaften Antheil an ihr genommen. Seine
langjhrige Freundschaft fr einige der Hauptagenten des bewaffneten
Interventionssystems hatte ihn nicht gehindert, sich an dem begeisterten
Aufflammen der italienischen Jugend von Grund aus zu erfreuen, es weckte in ihm
ja tausend und aber tausend Erinnerungen! Spter tadelte er das seiner Meinung
nach in unklugem Eifer zu weit gehende Parlament und fhlte sich in seinen
Ansichten etwas gestrt; dennoch machte es ihm sichtlich Vergngen, wenn
Leontine ihm triumphirend die Zeitungen vorlas, in denen die Fabier und Bruttier
der Abruzzen eine so glnzende Rolle spielten.
    Als sich aber der Aufstand immer bestimmter gestaltete und er das ganze
Unternehmen an der Muth-und Kraftlosigkeit des eigentlilichen Volkskernes
scheitern sah, ergriff ihn eine echt soldatische Ungeduld, er warf die Zeitungen
in einen Winkel und ging eine ganze Weile, von unreifem Zeuge, Kinderstreichen
und dummen Jungen murmelnd, im Hause umher. In Baden hatte die ganze Geschichte
vergleichsweise lngst einen komischen Anstrich fr ihn bekommen, den er mit
seinen alten Waffenfreunden im besten Humor ausbeutete, und deren derbe und
krnige Spe der armen Leontine in's Herz schnitten. Es war rein unmglich, in
dieser Stimmung ber Jean Carlo's Lage mit ihm zu reden.
    Vielleicht war es diese im Kreise ihrer Lieben zum ersten Mal empfundene
Entfremdung ihres innigsten Gefhls, welche Leontinen in den Abgrund eines
hoffnungslosen, in tiefes Geheimni gehllten Verhltnisses fast widerstandlos
hineinri.
    Jean Carlo begngte sich eine Weile mit Schreiben; aber sein junges Leben
war so pltzlich leer geworden, jedes Interesse darin schien erloschen,
Vaterland und Schwester waren ihm entrissen. In Baden von jeder Verbindung mit
den ihm nach und nach in Frankreich und der Schweiz bekannt gewordenen
italienischen Flchtlingen abgeschnitten, verstand er nicht einmal die Sprache,
die er um sich reden hrte; war es ein Wunder, wenn in dieser gnzlichen
Abgeschiedenheit, im kochenden Blut des Jnglings die Leidenschaft fr Leontinen
eine Hhe erreichte, die ihn jeder Rcksicht nicht nur vergessen lie, nein, die
sie ihm geradezu unmglich machte?
    Sein Zimmer war dem der so Heigeliebten gegenber; er hrte sie kommen,
gehen. Trotz Josephinens Anwesenheit fand er bald Mittel, ihr zu nahen, sie zu
sehen, zu sprechen, sie mit all dem tiefen Zauber seiner poetischen Liebesglut
zu umstricken, deren Anblick ihr vllig neu war, die sie nie zuvor gekannt, nie
frher geahnt. Denn bei uns wird ja ein wirklich vornehmes Mdchen so sorgsam
gehtet, kein Laut, kein Hauch der rohen Heftigkeit der Leidenschaft oder auch
nur menschlich-sinnlicher Schwche berhrt jemals ihr Ohr; sie wei nicht einmal
um die Existenz derselben. Und wenn nun auf diese therreinen Sinne, auf diese
schneeigklare Gedankenflche die Liebe in Gestalt der heien Leidenschaft ihr
Siegel drckt - wer darf es wagen, sie mit gemeinem Ma zu messen, oder eine
Klugheit von ihr zu fordern, die in ihrer Lage eine Erniedrigung, eine
Entwrdigung wre?
    Jean Carlo lie nicht ab, bis sie an seinem Herzen, in seinen Armen ihm
bebend Gegenliebe gestanden und zuletzt, vom Ueberma seiner sich immer
steigernden Wnsche und Qualen unwiderstehlich fortgerissen, ihm geschworen
hatte, nie einem Andern ihre Hand zu reichen.
    O, welche Glutwogen der Poesie, des Fanatismus und der sie vergtternden
Sinnlichkeit schlugen ber des armen Kindes so leicht erregbarem Herzen
zusammen!
    Wie schal und abgeschmackt erschienen ihr jetzt die frheren Bewerbungen der
Mnner, die ihr bis dahin von ehrerbietiger Ergebenheit vorgeschwatzt und darin
wahrscheinlich nur der Mode oder ihren brillanten Vermgensumstnden gehuldigt
hatten.
    Wenn Jean Carlo spt Abends leise in ihr Stbchen hinberschlich,
Stundenlang vor ihr kniete, ihre kleinen Fe kte, ihren heien Athem trank -
dann wieder, in pltzlich erwachendem Zorn gegen sich selbst, fast verzweifelnd
sich anklagte: da sie mit einem Male die Welt ihm geworden, da er um
ihretwillen sein Vaterland vergesse, da sie die heilige Jungfrau sei, zu der
sein Herz bete - wenn seine heien wollstig-schmerzlichen Thrnen ihre Hnde
benetzten, oder wenn er, von der eigenen Glut aufgeschreckt, aufsprang und
fortlief, um in der wilden Aufregung seines Wesens mit keinem Hauch ihre
kindliche Unbefangenheit zu beleidigen, dann aber, wie gebannt, am Thrpfosten
fest angeklammert stehen blieb und nur von fern mit trunkenem Auge die Wonne
ihres Anblickes in sich sog, bis dann zuletzt langsam, allmlig die unbegrenzte
Herrschaft, die sie ber ihn ausbte, die Gewalt seines Gefhls beschwichtigte,
ihn zurcklockte und er leise wieder nher trat und mit zitternden Lippen zur
guten Nacht ihre Fingerspitzen kaum zu berhren wagte, als wre sie das ihm
von Priesterhand geweihte Bild des Allerheiligsten - dann mute ja wol vor allen
diesen unverstandenen und doch so beseligenden Empfindungen die ruhige
Ueberlegung weichen, die ihr in einsamen Minuten eine Verbindung mit Jean Carlo
als unmglich erscheinen lie.
    Auf den Spaziergngen traf Leontine zuweilen mit dem Dechanten zusammen.
Immer machte sein Anblick wieder denselben tiefen, ihr unerklrlichen Eindruck
einer hheren Gewalt auf sie. War sie allein, so redete er sie an, und auch er
nannte sie Jean Carlo's Sttze, seinen einzigen Trost. Den erhabeneren, an
welchen er selbst sein vielleicht einst eben so schmerzlich-bewegtes Herz
gewiesen, nannte er ihr nicht; aber dennoch lag in jedem seiner Worte die Glorie
der Kirche, welcher er angehrte; immer hob sich aus ihnen, wie in weiter Ferne,
eine Friedenshalle empor, die auf goldenen, eine Welt tragenden Sulen ruhte und
den Zagenden ein sicherndes Asyl bot. Ach! und Leontinens in solchem Zwiespalt
von Angst und Seligkeit bestrmtes Herz hatte eines solchen so nthig!
    Josephine ahnte von dem Allen nichts; sie lachte ber Geierspergs Spe, mit
denen er gegen die Neapolitaner zu Felde zog, sie freute sich ber Leontinens
blhende Wangen und lobte sie, da sie nicht tanzte. Da diese einen Ausbruch
von Jean Carlo's wthender Eifersucht scheute, konnte die Arme nicht ahnen.
    Der Sommer ging zu Ende, mit ihm gar mancher bunte Liebestraum. Pltzlich
ward der Tag der Heimreise bestimmt. Jean Carlo's Abschied war herzzerreiend.
Er kehrte nach Genf zurck, wo er den Winter zugebracht; nach Berlin traute er
sich nicht, er frchtete erkannt und berliefert zu werden.
    In des Dechanten Gegenwart, der einen Augenblick aus Jean Carlo's Zimmer zu
ihr hinberkam, ihr Lebewohl zu sagen, zwang er die Geliebte, ihm das
Versprechen zu wiederholen, nie einem Andern, als ihm, anzugehren, und schwur
ihr Treue und Anwendung jeder ihm zu Gebot stehenden Kraft, um ihr sobald wie
mglich ein ihrer wrdiges Loos zu bieten. Mit dem Versprechen, einander tglich
zu schreiben, schieden die Verlobten.
    Aber was konnten Briefe einer glhenden Seele, wie die Jean Carlo's war,
gewhren? Trotz aller damit verbundenen Gefahr sah er Leontinen mehre Male in
Berlin; und als sie im nchsten Frhjahr zu ihren Verwandten nach Schlesien
ging, folgte er ihr auch dorthin.
    Seine Verhltnisse hatten in diesem Jahre eine Art gnstiger Gestalt
gewonnen. Obschon sein Name noch immer mit dem seines Oheims zusammen auf der
Liste der zum Tode Verurtheilten stand, ffnete sich ihm dennoch durch des
Frsten Medici Vermittlung die Aussicht auf einen knftigen ungeschmlerten
Genu seiner Einknfte im Auslande, das allerdings nur eine beaufsichtigte
Freiheit, zugleich aber die Wahrscheinlichkeit der Milderung des Richterspruchs
in den einer lngeren Verbannung ihm bot.
    Und doch waren es gerade diese Hoffnungen, die whrend eines
Sommeraufenthalts Leontinens auf den Gtern ihrer Vettern in Schlesien einen
Bruch herbeifhrten, dessen Folgen fr Beide unberechenbar blieben.
    Die Familie des Baron Lersheim, bei welcher Leontine sich aufhielt, sah oft
und gern Fremde in ihrem Hause. Jean Carlo lie sich ganz unvermuthet als einen
schweizer Gelehrten, einen Genfer, dort einfhren, was er um so eher konnte, da
er der Sprache unbedingt mchtig war.
    Schn, gewandt, mit dem krftig pulsirenden Leben in jedem Zuge des Geistes
wie der Gestalt, mute der junge, wirklich liebenswrdige Mann gefallen, und
bald hatte er das warme Interesse aller Mitglieder des kleinen Kreises sich
gewonnen.
    Anfangs geno das schne Paar der ganz unerwarteten Bltenzeit ihrer Liebe,
im Schutz dieser unschuldigen Mystification, ohne Vornoch Rckblick, in der
anmuthigen Frische eines jungen Gefhls und jungen Glcks. Ach, nur zu schnell
trat die vernichtende Schwle der Leidenschaft in ihr siegend-verheerendes
Recht! Bald ekelte Beide das Spiel mit der so ernsten Empfindung ihrer Lage an.
Jean Carlo gestand dem Baron, wer er sei, und stellte ihm frei, das ihn
gefhrdende Geheimni auch den Seinen mitzutheilen.
    Lersheim dankte ihm gerhrt fr das ihn ehrende Zutrauen, zog aber vor, bei
der noch immer ber des jungen Mannes Haupt schwebenden Gefahr, die es
schtzende Hlle nicht zu heben. Den jungen Frulein lag die Politik zu fern,
als da sie berhaupt etwas Anderes in der Erscheinung des Fremden bemerkt
htten, als da er augenscheinlich ihrer Cousine Waldau den Hof mache! Die
Baronin mochte eine dunkle Ahnung eines traurigen Geschicks ihres Gastes haben,
aber zu sehr gewhnt, ihr Urtheil immer auf das ihres Gemahls zu sttzen, suchte
sie nicht eigenmchtig nach der Lsung des von ihm nie berhrten Rthsels. So
vergingen mehre Monate.
    Jean Carlo htte indessen kein Mann und kein verliebter Italiener sein
mssen, wenn ihn dies tgliche, ffentliche und doch so geheimnireiche
Zusammensein mit der von Bewerbern umringten Geliebten nicht gesteigert und zu
immer heftigeren Wnschen entflammt htte. Frulein von Waldau war nicht nur
eine sehr glnzende Partie mit einem ganz unabhngigen Vermgen, sie gehrte
auch zu jenen fast dmonisch die Phantasie entzndenden Gestalten, deren
Gegenwart berauschend auf die verschiedenartigsten Mnner wirkt, ihre Sinne
reizt und qult; sie war eine der Frauen, die der Leidenschaft den Wahnsinn
zugesellen. Eine ihr angeborene, durch Erziehung und Umgebung ganz unberhrt
erhaltene Art Unbefangenheit, eine Unschuld der Unkenntni, die sie noch
gefhrlicher machte, lie sie dem Gemeinen wie dem Unrecht lachend und
unbefleckt vorbergehen.
    Jean Carlo's heftiges Gemth, die ihn beherrschende Glut seines Gefhls
machten ihm seine Lage bald unertrglich. Er konnte es nicht aushalten, sie
andern Mnnern gegenber zu sehen, ohne sein Anrecht auf ihr Herz geltend zu
machen, er vermochte es nicht, die ihr angeborene Koketterie zu ertragen und
machte ihr oft ungerechte Vorwrfe, ja heftige Scenen um unbedeutender
Kleinigkeiten willen.
    Vergebens bezeigte ihm Leontine die innigste Neigung; vergebens machte sie
ihn auf die Nothwendigkeit aufmerksam, der Welt kein ernsteres Einverstndni
mit ihr ahnen zu lassen; vergebens stellte sie ihm vor, da des Barons
Theilnahme am Geschick eines politischen Verbrechers sich in Abneigung
verwandeln werde, sobald dessen Einflu auf das Leben seiner nchsten Verwandten
ihm klar werde; da ihre Familie eine Verbindung mit einem Auslnder, auf dessen
Kopf noch immer ein Preis stehe, nicht zugeben knne; da bei einer bloen
Andeutung derselben ihr Vetter sie ihren Eltern augenblicklich zurckschicken
msse - Jean Carlo hrte nichts, begriff nichts, als die Unmglichkeit, diese
ewig sich erneuende Gefahr ihres Verlustes auszuhalten.
    Alle solche Erklrungen unter den Liebenden fhrten nur zu erneuten Klagen
und der Versicherung: da er ruhig sein und ihr ganz gewi unbedingt folgen
wrde, wenn er wisse, da keine Ueberredung noch Gewalt sie ihm zu rauben
vermge, da er aber ohne diese Sicherung nicht nach der italienischen Grenze
gehen knne, wohin ihn Frst Medici und sein, wie er, geretteter Oheim
beschieden hatten, um Rcksprache der Milderung des Urtheils und der sie
bedingenden Umstnde wegen mit ihm zu nehmen.
    Leontine trieb ihn seinem eigenen Interesse nach zu dieser Reise; ihn selbst
hatte der Wahnwitz der Eifersucht zu tief erfat; er vermochte weder den
Gedanken los zu werden, da einem Glcklichern gelingen knne, in seiner
Abwesenheit die Braut zu bewegen, das ihm gegebene Wort zu brechen, noch sich zu
der Trennung zu entschlieen, von welcher eine sptere Verbindung mit ihr
abhing.
    Tage um Tage, Wochen um Wochen vergingen in dieser sich immer neu
gestaltenden Selbstqual. Am Ende fhrte eine unbedeutende Auszeichnung, die
Leontine einem Andern zu Theil werden lie, einen frmlichen Bruch herbei. Der
verzweifelnde Zorn, mit welchem Jean Carlo sie mit einer alle Rcksicht
verachtenden Heftigkeit der Lieblosigkeit beschuldigte, sie in starrer
Muthlosigkeit freigab, ihr sogar ganz entsagte, reizte sie bermig; in
zornigen Thrnen wandte auch sie sich von ihm ab.
    Im raschesten Uebergange der Klage ber sie zur Selbstanklage, wiederholte
er ihr nun, da er unter all diesen Bedingungen und Einschrnkungen nicht mehr
zu leben vermge, da er auf ewig von ihr scheide, da er den Wink des Himmels,
sie freizulassen, sie nicht auch noch dem Fluch seines Schicksals preiszugeben,
nicht mehr widerstehe. Noch einmal zog er sie an seine Brust, noch einmal
bedeckten seine glhenden Ksse ihre Augen, ihren Mund, ihre glnzende Stirn,
dann ri er sich gewaltsam los und strmte fort. Vergebens suchte sie ihn zu
halten, vergebens schrieb sie ihm, beschwor ihn, wieder zurckzukehren; er war
fort nach Breslau; mehrere Tage hrte sie nichts von ihm.
    Eine unnennbare Angst erfate nun ihr Herz. Seit Jahr und Tag hatte sie ihn,
trotz aller Koketterie, als ihren Verlobten, fast als ihren Gatten betrachtet.
In Thrnen zerflieend, malte sie sich ihr eignes Unrecht aus, ihren Leichtsinn,
ihre Gefallsucht, die Geiersperg so unzhlige Male ihr vorgeworfen - ihr
dmonisches Anlocken und Aufregen der Mnner, die ihr den Hof machten, bis sie
die Gequlten, Gereizten zu irgend einer allzuheftigen Aeuerung ihrer
Leidenschaft veranlat und sie ihr nun pltzlich ganz grenzenlos misfielen, oder
ihr gar lcherlich wurden - sie klagte sich auf's Unbarmherzigste an, auch gegen
Jean Carlo nicht geduldiger gewesen zu sein, um seine Eifersucht zu schonen. Mit
jeder fliehenden Minute steigerte sich ihre Sorge, unwiederbringlich ihn
erzrnt, ihn auf immer verloren zu haben. Sie schrieb ihm nochmals nach Breslau,
erhielt aber keine Antwort.
    Es lie ihr keine Ruhe, unter einem Vorwande fuhr sie hinber. Sie kannte
die Hausleute, bei welchen er wohnte, es waren Handwerker; sie bestellte etwas
und fragte nach ihm. Noch war er da - morgen wollte er reisen - da lag sein Pa
- groer Gott, nach Neapel! Sie verstand ihn gleich: ohne sie mochte er nicht
leben! Noch einmal wollte er unter erborgtem Namen sein Vaterland aufsuchen,
dessen sonnengoldene Schnheit begren, dann sein Haupt den Rchern ausliefern;
das Dasein war ihm pltzlich zu schwer, um es noch weiter zu schleppen.
    Anstatt zur Hausthr hinauszugehen, versteckte sie sich; in einem
Augenblicke, da alles still war, schlich sie wieder die Treppen hinauf - sie
wute die Nummer seines Zimmers. Athemlos langte sie oben an; der Finger
versagte das Anklopfen, der Fu das Tragen der bebenden, fliegenden Glieder.
Gewaltsam ri sie die Thre auf und strzte bewutlos auf die Dielen des
Vorplatzes vor ihm nieder -
    Jean Carlo empfand den fr ein Mdchen, wie Leontine, ungeheuern Entschlu,
zu ihm auf seine Stube zu kommen, mit so beseligender, alle Einwendungen seines
frheren Gefhls niederschlagenden Gewalt, da er, wie berauscht von diesem
Glck, zu ihren Fen sank und, fester als je ihr verbunden, lange nur in
wortlosem Entzcken ihr zu danken im Stande war. Aber allmlig kehrte den
Glcklichen die Besinnung zurck. Vor allen Dingen mute die Geliebte das Haus
verlassen, aber vorher sollte er ihr versprechen, blos bis zur italienischen
Grenze zu reisen, dort seinen Oheim aufzusuchen und alle Schritte zur Erreichung
der Milderung des gesprochenen Urtheils zu thun. Und abermals fiel die
entsetzliche Last auf seine Seele; zum ersten Male wagte er in dieser
grenzenlosen Hingebung Beider Herzen an einander das Wort: Heimliche Vermhlung!
    Leontine erschrak; aber sei es, da der schon allzu ungewhnliche, bei einer
Dame ihres Standes unerhrte Schritt, dem Geliebten in die Stadt, in seine Stube
gefolgt zu sein, sie verwirrte; sei es Abspannung nach der ungeheuern Angst, die
sie whrend der letzten vierundzwanzig Stunden erduldet - sie widerstrebte nicht
so bestimmt, als Jean Carlo gefrchtet.
    Sein Muth wuchs durch diese unverhofft mildere Stimmung; in immer
bewegteren, immer eindringlicheren Worten schilderte er ihr von Neuem seine
Sorge, sie durch Zwang oder Ueberredung whrend seiner Abwesenheit zu verlieren;
er beschrieb ihr den unendlichen Trost des Gefhls, mit ihr unauflslich fest
verbunden zu sein und die Gewiheit mitzunehmen, in der Verbannung wenigstens
sicher des ihm nicht mehr zu weigernden Glckes zu bleiben - bis endlich halb
verlockt, halb ermdet, das unbesonnene Mdchen ihm unter der Bedingung nachgab,
gleich nach der Trauung seine Reise anzutreten. Welche Feder vermchte den
Wonnetaumel seines Dankes wiederzugeben! Die Erinnerung daran hat oft Leontinens
spteres Leben durchleuchtet wie ein Meteor des Glcks.
    Nun aber ging zu ihrer Verwunderung alles in fliegender Schnelle. Kaum hatte
der Geliebte ihr Ja, kaum hatte er sie wohlbehalten und unbemerkt den Ihren
wieder zugefhrt, so war auch der alte Domine gewonnen, die Trauung zu
vollziehen, durch welche er die Seele seiner lieben Frlen dem einzig
beseligenden Glauben zu sichern whnte. Die zu dem italienischen Geschft
bereits frher ihm verschafften Papiere, welche Jean Carlo's Geburt, Rang,
Vermgen und Identitt bewiesen, waren zur Hand. Ehe Leontine zu klarer
Besinnung kam, war der sie auf ewig fesselnde Schritt gethan.
    Derselbe Freund, der Viatti im Hause eingefhrt, ein geachteter Mailnder,
der seit Jahren schon in Deutschland lebte und mit der Familie des Baron
Lersheim verkehrte, ward unvermuthet, nebst noch einem unter dem Domine
stehenden Geistlichen, zum Zeugen der Trauung gemacht; auch Babet wohnte ihr
bei, sie war leicht zu bereden, denn Leontine war, wie wir wissen, einundzwanzig
Jahre alt, folglich mndig.
    Wenige Tage nach der Vermhlung reiste Jean Carlo wirklich seinem gegebenen
Worte gem ab; er schied zwar mit blutendem, aber auch mit hoffnungsreichem
Herzen.
    Leider aber scheiterten alle die ihn so beglckenden Hoffnungen beim
Wiedersehen seines Oheims an beider Mnner leidenschaftlich ihren frheren
Projecten anhangendem Charakter. Jean Carlo und sein Oheim fanden es in dem so
unglcklich gewhlten Zeitpunkte unmglich, sich der jetzt abermals schwer
bedrohten Gemeinschaft ihrer ehemaligen Verbndeten zu entziehen. Die
umsichgreifende Carbonaria hatte abermals unvorsichtige Schritte gethan, deren
unselige Folgen nun auch Jean Carlo's Leben erfaten.
    Ein ganzes Jahr verging Leontinen in namenloser Angst, sie sah ihn nicht
wieder! -
    Ab und zu schrieb er ihr unter Babets Adresse, aber, ach! die nthige
Vorsicht machte seine Briefe unklar. Monate lang entbehrte sie jeder Nachricht,
oft wute sie sogar nicht, wo er war. Leontine litt; sie htte weit mehr
gelitten, htte ihr leichter Sinn sie nicht ber manchen Abgrund schauderhafter
Mglichkeit hinweggetragen. Der Schritt war einmal geschehen, es lag nicht in
ihrer Natur, mit sich selber darber zu rechten.
    Wenn sie dann und wann ber jene Zeit nachdachte, mischte sich ein hchst
peinlicher Vorwurf fr ihren Gemahl in dies Nachdenken; er hatte sie einer
unabsehbaren Reihe von Schmerzen preisgegeben, wenn ihre Eltern die unglckliche
Uebereilung entdeckten; er hatte ihre Ehre sogar gefhrdet, und leise, leise
flsterte sie sich's zu: er hatte leichtsinnig gehandelt, sie preisgegeben - aus
nicht ganz edeln Grnden.
    Leontinens liebenswrdige aber vielgestaltig bewegte Natur konnte vom
Augenblick zu leidenschaftlichen Ergssen sich hinreien lassen, die eigentliche
Macht einer Geist, Sinn und Willen berwltigenden Leidenschaft begriff Leontine
nicht.
    Die Herbstreise des Jahres zweiundzwanzig brachte sie wieder nach Baden, und
die ferneren bereits mitgetheilten Ereignisse nach Bern, wo sie hoffte, Annen
ihr Geheimni entschleiern zu knnen, als ein Brief Jean Carlo's seine Rckkehr
von der italienischen Grenze und seine nahe Ankunft in Bern meldete, wohin ihn
der Wahnsinn der heftigsten Sehnsucht nach Leontinen zog, whrend eben eine
Fremden-Verordnung publicirt wurde, welche unter die strengsten gehrte, die je
bekannt gemacht wurden.
    Whrend also alle nur einigermaen in ihr betheiligten Fremden Bern zu
verlassen eilten, langte Jean Carlo daselbst an. Das Uebrige ist unsern Lesern
bekannt.

Josephinens pltzlicher Eintritt, der die so gewaltsam berraschenden
Mittheilungen Leontinens unterbrach, brachte den Grafen Roderich augenblicklich
zur Besinnung; die gewohnte Gastfreundschaft, die anerzogene Hflichkeit, die im
Duell vor dem tdtenden Sto den Kmpfenden den Gru auferlegt, siegten auch
jetzt, sogar der Schwester gegenber. Er war der Erste, der auf sie zuging, sie
mit wenigen herzlichen Worten bewillkommnete und sie bat, ihm eine unvermuthete
Strung zu verzeihen, die sie Alle das Rollen ihres Wagens habe berhren
machen.
    Auch Anna wandte sich rasch der verehrten Frau zu und legte Leontinen aus
ihren Armen an das Herz der Mutter, die, vllig arglos, dem ungeheuern Schlage,
der sie treffen sollte, die heitere Stirne bot. Die Freude, ihre beiden Kinder
wiederzusehen, wie sie die beiden jungen Frauen gern nannte, verblendete sie,
der ganze peinliche Zustand ward nicht sogleich von ihr bemerkt, ja sogar dessen
unwillkrliche Andeutung in ihres Bruders Worten vermochte nicht, sie aus dem
Taumel von Glck aufzuschrecken, der sie beim Anblick der so lang entbehrten
Theuern berwltigte. Sie hatte ja die Tochter berraschen wollen, so fiel ihr
nicht einmal deren lauter Aufschrei besonders auf, sie ma ihn dem freudigen
Erstaunen bei.
    Die Gewalt des Augenblicks beherrschte Aller Zungen; Niemand hatte den Muth,
den schneidenden Schmerz sogleich in die freudeschlagende Brust Josephinens zu
senken, deren Hnde die nun auch hinzugetretene Sophie mit Thrnen und Kssen
bedeckte, deren Hals die herbeigestrmten Knaben jauchzend umklammerten und dann
von ihr weg und dem eben erblickten Vater zuflogen, den sie bereits unten im
Wagen vergeblich gesucht.
    Victor Hugo hat so schn gesagt: das Kind sei der Engel im Hause. Die Freude
der Kleinen legte ihren reinen Himmel auf die Gewitterschwle dieser Stunde; ihr
Jubel war so hinreiend, ihr Fragen nach allen mitgebrachten Schtzen, all ihr
berwltigendes Schwatzen, Kosen und Erzhlen so lieblich, da sie den Sieg
davontrugen.
    Erst als Josephine lngst am Frhstcktische sa und pltzlich ganz
unbefangen zu Annen sagte: Ich habe dir noch nicht gratulirt, zu Roderichs
Avancement! Wenn ihr nach Wien kommt, wirst du Gelegenheit haben, deinem Hange
zur Musik recht grndlich nachzugeben - da fiel das Unvermeidliche einer
Erklrung wie ein Meteorstein aus klarer Luft Allen auf's Herz.
    Niemand antwortete. Roderichs Zge umwlkten sich, krampfhaft verzogen sich
seine Lippen zum Ausdruck eines fast hassenden Zorns - er gedachte Gotthards.
Anna erbleichte. Die Zwischenzeit hatte indessen fr jeden Einzelnen das Gute
gehabt, da Alle gleich deutlich empfanden: die Entdeckung des unseligen
Geheimnisses msse von Leontinen selbst ausgehen. Sie hatte die sie berkommene
Schwche bereits niedergekmpft; nur den Schmerz, den sie ihrer Mutter geben
msse, fhlte sie in unsglicher Qual. Auf einen fast gebieterischen Wink lie
man sie mit derselben allein.
    Keine von Beiden hat je ber diese entsetzliche Stunde gesprochen; weder
Leontine, noch die Generalin haben je die Art und Weise der Enthllungen
berhrt, die das schne klare Leben der Letzteren mit einem nie wieder
weichenden Schatten der Sorge berdeckten. Umsonst versuchte es Leontine jetzt
und spter, die Aussicht auf eine wahrscheinliche und baldige Lossprechung Jean
Carlo's als trstendes Licht in das pltzliche Dunkel fallen zu lassen, das sie
selbst in der Mutter Seele geworfen, umsonst nannte sie ihr den Rang, erwhnte
sie die bedeutenden Vermgensumstnde ihres Gemahls. So viel Mhe sich die arme
Mutter gab, der Tochter Loos nicht durch unntze Vorwrfe noch trber zu machen,
so wenig vermochte sie, die gewohnte Fassung zu erringen - ihr Muth schien
pltzlich gebrochen. Theils war es das noch immer ber Jean Carlo schwebende
Beil des Henkers, das sie so entsetzte, theils mochten Erinnerungen an ihre
frheste Jugend, an die Revolution und Waldau's Geschick ihr Gewicht an den
ohnehin so schweren Augenblick hngen und die Elasticitt ihres Wesens
zerdrcken.
    Als Leontine geendet und sie nicht mehr im Zimmer sprechen hrte, schlich
Anna herein und mischte ihre Thrnen mit denen, die langsam und schwer den
starren Augen ihrer mtterlichen Freundin entrollten. Aber auch ihre
zrtlichsten Worte vermochten es nicht, die Eisrinde zu schmelzen, die sich
ertdtend ber deren Zge und Herz gezogen. - Lange saen alle Drei stumm und
sinnend neben einander; ach, es ist etwas Furchtbares um dies endlose
Herumwlzen eines rthselhaften Gedankens, dem Gott keine Lsung verliehen!

Roderich war sogleich zu Gotthard hinbergegangen, den er mit den Knaben
beschftigt fand.
    Vergebung, Herr Graf! rief dieser, rasch aufspringend und Kronberg
ehrerbietig entgegentretend, es wre meine Schuldigkeit gewesen, Ihnen
aufzuwarten; ich glaubte Sie aber noch bei den Damen.
    Ein Wink des Grafen entfernte die Kinder. Sie wuten im Voraus um meine
Ankunft? fragte er streng und kalt.
    Ja, aber ich vermuthete sie minder bald.
    Und konnten dennoch sie nicht erwarten, ohne vorher auf eine Art und Weise
in die inneren Angelegenheiten meiner Familie, oder meines Hauses, einzugreifen,
die, gestehe ich's Ihnen, so ungewhnlich ist, da man sie unbesonnen nennen
mu.
    Der Graf hatte sich in einen Lehnsessel geworfen, Gotthard stand ruhig vor
ihm.
    Es ist mir lieb, Herr Graf, da man Ihnen sogleich meinen Antheil an einer
Sache ausgesprochen, die zu berhren, ich kein Recht htte; es erspart mir eine
Art Geheimni, die mir drckend wre. Doch gestehe ich, nicht geglaubt zu haben,
da dies Wagni mir Ihren Tadel zuziehen knne; wenigstens nicht, insofern Sie
selbst dabei betheiligt sind.
    Ich bitte, fahren Sie fort, sagte Kronberg sehr vornehm.
    Ich hatte am Morgen die Nachricht bekommen, da ich die Ehre haben wrde,
der Gesandtschaft nach Wien vom Ministerium als Commissarius beigegeben zu
werden, und da Sie, Herr Graf, Ihr Diplom bereits erhalten; ich hatte bis dahin
nur unter der Hand diese Nachricht und noch keine bernommene Verpflichtung;
Sie, Herr Graf, waren schon Gesandter. - Mich dnkt, setzte er mit einer
leichten Verbeugung hinzu, da Sie selbst fhlen mssen, da mir ein innerer
Zwang bereits gebot, die Interessen der Gesandtschaft, die ich begleiten soll,
ber die meinen zu stellen. Hier im Hause konnte nach Ihrer Ankunft der junge
Mann weder verborgen bleiben, noch gefnglich eingezogen werden, so mute er vor
derselben Bern verlassen. Mir scheint, ich habe sehr einfach gehandelt;
inwiefern Ew. Gnaden Familie dabei in's Spiel kommt, kann ich freilich nicht
begreifen.
    Erstaunt blickte der Graf den Hofmeister an. Woher kommt dem Menschen diese
Sicherheit, dieser diplomatische Aplomb? Er bi sich in die Lippen, er war
offenbar zu weit gegangen und Gotthard im Vortheil. Im Gefhl dieses von ihm
verfehlten Schrittes ward er rgerlich - im Aerger unbedacht, denn er setzte
hinzu: Wenn, wie Sie sagen, das Interesse des Staates, dem wir nun beide
angehren - er legte einen verbindlichen Ton auf die letzten Worte - Ihre
Handlungen bedang, wenn Sie eine allerdings mich compromittirende Verhaftung des
jungen Mannes mir ersparen wollten, wozu, fuhr er sehr ernst und gebieterisch
fort, muten denn die Damen in's Spiel gezogen werden?
    Sie hat ihm alles gestanden! sagte sich Gotthard, aber er blieb
unerschtterlich, obschon das Herz ihm in den Halsadern schlug und ein heftiger
innerer Zorn sein sonst so blasses Gesicht rthete.
    Sophie, die Kammerfrau Ihrer Frau Gemahlin, wute um das Geheimni,
erwiderte er kalt, so schien mir es der Anstand zu erfordern.
    Wei er, wen er uns gerettet oder nicht? fragte sich der Graf. Hat Jean
Carlo geschwiegen? -
    Uebrigens, fuhr Gotthard fort, konnte die ganze Sache mislingen und ich
selbst gefnglich eingezogen werden, auf diesen Fall wnschte ich meine Ehre
gesichert und meine Papiere, die ich versiegelt der Frau Grfin bergab, in
besserem Gewahrsam, als sie in meinem Zimmer es sein konnten.
    Diesen Umstand hat sie mir verschwiegen! dachte Roderich. Und bei meiner
Frau, bei einer Dame, glaubten Sie dieselben gesichert?
    Sie waren nicht der Art, der Frau Grfin irgend einen Nachtheil bringen zu
knnen -
    Aber, unterbrach ihn der Graf, mit immer steigendem Aerger, ich werde
dennoch nie begreifen, wie Sie hierin irgend ein Verhltni zu meiner Nichte
ahnen konnten?
    Ahnungen begreift man wol berhaupt nicht, erwiderte Gotthard fast lchelnd,
aber in durchaus hflichem Tone.
    Der Graf stand auf, ging erst eine Weile im Zimmer auf und ab und stellte
sich dann an's Fenster. Er bemerkte drben seine Frau, die noch auf Leontinen
wartete und in unbeschreiblicher Traurigkeit still vor sich hinblickte. Das
verstimmte ihn noch mehr. Ich bitte Sie, Herr Gotthard, mir aufrichtig zu sagen,
was Sie von dieser unglcklich-unklaren Geschichte wissen; die ganze Sache
greift so traurig in unser Aller Dasein ein.
    In Ihr Dasein? rief Gotthard erbleichend. Mein Gott, da liegt vielleicht ein
zweites Geheimni vor, dessen Fden ich unbewut erfat! - Ich halte den jungen
Mann fr geborgen. Durch besondern Zufall hatte ich den Pa eines verstorbenen
Landsmannes, eines Architekten, der am Tage vor seiner Abreise von hier
pltzlich erkrankte und verschied, er war mit mir vom Rhein hergezogen. Das
Signalement pate ungefhr, es mute auch dem Glcke etwas zu thun brig
bleiben. Geld hatte der Graf. Ich war ber des Nachbars Dach zu ihm geklettert,
weil er auf mein wiederholtes Pochen an seine Kammerthr nicht ffnete und ich
nicht Madame Sophiens Losungswort wute. - Als ich an's Fenster klopfte,
entschlo er sich endlich, mich zu hren, lie mich aber nicht sogleich ein,
sondern begann unsere nhere Bekanntschaft damit, mir ein Pistol auf die Brust
zu setzen.
    Den Teufelskerl amusirt die Gefahr! dachte Kronberg und seine Jugend flog
ihm wie eine Lichtwolke vorber.
    Gotthard erzhlte fort: Allmlig berzeugte ich ihn; wir verstndigten uns,
ich stieg durch's Fenster zu ihm ein; er gab meinen Grnden nach. Einen
Hausschlssel hatte ich, und wir verlieen vor Tagesanbruch zusammen das Haus
und er - die Stadt.
    Und, fragte Roderich, und - er sagte Ihnen, wer er sei?
    Gotthard zgerte einen Augenblick, dann erst antwortete er: Allerdings; es
war der Jngere der beiden Grafen Viatti.
    Und wie erfuhr meine Nichte -?
    Er schrieb ihr; ich machte die Aufschrift und legte das Blatt in die
Stadtpost.
    Und Sie wuten, da ein Preis auf seinem und seines Oheims Kopf steht?
    Wenn ich das nicht gewut, was htte mich dann vermgen sollen, meine eigne
Existenz zu gefhrden?
    Herr Gotthard, sagte der Graf kurz, das Alles htten Sie fr mich als
Gesandten gethan?
    Gotthard ward todtenbla, die directe Frage berwand ihn, er war nicht
darauf gefat.
    Kronberg ma ihn von Kopf zu Fu; in den Triumph des mhsam errungenen
Sieges mischte sich das Gefhl einer undeutlichen Qual und eines sich
steigernden stolzen Widerwillens, er sprach nun sehr besonnen: Und wenn die
Sache mislang, junger Mann? Und wenn Ihr unbedachtsam rascher Schritt den Grafen
Viatti, dessen Verhltnisse nicht zu kennen Sie vorgeben, auf's Schaffot
gebracht htte, was dann? - Mit ihm sterben? Davon konnte keine Rede sein, ich
mute Sie retten, und htte ich Sie fr wahnsinnig ausgeben mssen, und htte
Sie gerettet; aber - brachte Sie das Ihrem phantastischen Ziel auch nur um eine
Linie nher? Welche fabelhafte Brcke hofften Sie aus diesem Wagstck sich zu
erbauen? Von der Sonderbarkeit des Mittels, sich bemerklich, ausgezeichnet oder
gar vorgezogen zu machen, wollen wir gar nicht reden!
    Jetzt verstand Gotthard wirklich nicht. Langsam wiederholte er: Bemerkt?
vorgezogen? - Hatte denn der Graf eine Ahnung, einen Verdacht? Ihn berschlich
eine schneidende Eisesklte, die sein Blut erstarren machte. Er schwieg.
    Es sollte mir unsglich lieb sein, nahm Kronberg das Wort, wenn Sie mich
wirklich nicht verstnden!
    Und doch, erwiderte der junge Mann, mu ich nun um eine Erklrung Sie
ersuchen. Vor etwa vier Wochen begegnete Professor Schulz zuerst auf der Treppe
Ihrer Etage dem Grafen; dasselbe geschah mir wenige Tage darauf bei einem
Auflauf in der Gasse, den die Arrestation einiger Carbonaris veranlate; es ward
mir nun die Gewiheit, da mehre Mitglieder Ihres Hauses um seinen Aufenthalt in
Bern wuten und vielleicht auf unvorsichtige Art denselben zu verbergen suchten.
Eine Woche spter, im Augenblicke der wiederholten Bekanntmachung einer sehr
geschrften Fremdenordnung, die ihm die Flucht abschnitt, entdeckte ich sein
Versteck. Gestern erfuhr ich Ihre Rckkehr und Ernennung zum Gesandten in Wien;
es war leicht, die Unannehmlichkeiten zu errathen, welche Ihnen aus dieser
Angelegenheit entstehen muten. Die Verhltnisse, in denen Graf Viatti hier im
Hause stand - oder mir zu stehen schien.
    Also wuten Sie es doch?
    Ich erwhnte ja wol schon, da ich Sophiens Worte: ce n'est pas lui!
zufllig gehrt. Mir schien die einzige Lsung aus einem Gesprch mit ihm
erwachsen zu knnen; ich bat ihn um Offenheit und gestand ihm, da ich selbst -
    Wie? Sie wagten? - Doch freilich, Sie wollten ihn retten! Aber um welchen
Preis? (Also wei er's nicht! setzte er innerlich hinzu.)
    Um welchen Preis, Herr Graf? Jetzt verstehe ich in der That gar nicht - was
wollen Sie sagen? Darf ich bitten -
    Mein Gott, Sie sagen ja selbst, da Sie ihm Ihre unsinnige Schwche bekannt,
und ich sehe, da er diesen Wahnsinn benutzt hat. Es begreift sich allenfalls,
was konnte ihm am Ende eine solche Rivalitt schaden!
    In diesem Augenblick verwirrten sich Gotthards Ideen wie vorhin die des
Grafen, er hielt den Uebergang fr eine Falle; da Kronberg whrend des ganzen
Gesprchs vorausgesetzt, Gotthard habe eine Neigung zu Leontinen gefat und
deshalb ihn mit allem Stolze seines Ranges und seiner bisherigen Stellung
behandelt, fiel ihm nicht entfernt ein. Er wurde verlegen und fand nicht
sogleich eine Antwort.
    Da es jetzt auf die Mglichkeit unseres Beisammenseins ankommt, da ich nur
hchst ungern die Carrire eines talentvollen jungen Mannes strend unterbrechen
mchte, so erlauben Sie mir schlielich noch eine Frage. Haben Sie je gewagt,
sich auszusprechen? - irgend Jemanden eine Thorheit einzugestehen - die - wei
Leontine?
    Das Frulein? Wie kann ich das wissen, Herr Graf!
    Nun, jedermann wei doch, ob er sein Gefhl verrth. Haben Sie irgend Grnde
zu glauben, da das Frulein Ihre Leidenschaft errathen hat?
    Ich? eine Leidenschaft fr das Frulein? - Gotthards Augen wurden starr, er
sah blaue und rothe Funken und keinen ueren Gegenstand mehr.
    Und fr wen denn sonst? fragte der Graf.
    Beide Mnner schwiegen; sie standen pltzlich als Todfeinde einander
gegenber. Hier konnte kein Wort mehr ausgesprochen werden.
    Wie bei vielen Mnnern, deren Eitelkeit an die Stelle einer Herzensforderung
tritt, war in Kronbergs Seele ein wunder Fleck: das instinctmig errathende
Gefhl, von seiner Frau nicht eigentlich geliebt zu sein. Der Quell dieser
schmerzenden Empfindung war zugleich der eines stolzen Verbergens seiner
geheimen, nagenden Eifersucht; lieber wrde er Annen einem Abgrund von Schuld
und Reue zugeschleudert haben, als da er jemals diese Schwche einer
Leidenschaft eingestanden htte, deren Aeuerung er auf's Tiefste verachtete.
    Nach diesen Andeutungen wird man begreifen, wie er nach kaum minutenlangem
Schweigen, ohne weiteren Uebergang, sogleich mit Gotthard von den Kindern zu
reden begann, deren so hchst vortheilhafte Entwicklung er dankbar pries und
zugleich sein hchstes Bedauern darber aussprach, da die neue Lebenswendung
Gotthard natrlich nicht mehr erlauben werde, sich ferner mit der Erziehung
derselben zu befassen, da ernstere und hhere Pflichten es ihm von jetzt an
unmglich machen mten. Glauben Sie mir, schlo er im wohlwollendsten Tone, da
ich die Gre dieses Verlustes fr meine Knaben schmerzlichst zu schtzen wei.
Indessen wre es Thorheit, daran auch nur zu denken.
    Gotthard stiegen die Thrnen in die Augen. Er fhlte sich mit einem Male aus
jedem Zusammenhange mit der Geliebten losgerissen, er empfand den trennenden
Schnitt, der die Bande des heiligsten Vertrauens zwischen ihnen lste, er sah
sich auf eine ganz einfach herbeigefhrte Weise gewaltsam aus dem Hause in's
Weite hinausgestoen, verbannt; und doch geschah das Alles so natrlich; die
Kinder, die seinem Herzen so nahe standen, mit deren Interesse jede Faser ihres
Lebens ihm verwachsen schien, sah er durch ein einziges Wort sich geraubt - er
vermochte keine Erwiderung zu finden.
    Mchten Sie, junger Freund! fuhr Kronberg mit fast vterlicher Gte fort,
seine schne Gestalt hoch aufrichtend, indem er jetzt mit jeder Sylbe eine
grere Herrschaft ber sich errang, mchten Sie jede neue Lebensstellung so zu
Ihrem Vortheil einnehmen, jede Forderung so vllig gengend erfllen, als dies
bei uns geschehen ist. Ich dringe nicht in Ihr Geheimni in Bezug auf den
Grafen, ich bitte Sie Ihrerseits, nicht erforschen zu wollen, welche
Verpflichtung die Meinen hatten, ihn zu retten. Nehmen Sie meinen Dank fr das,
was Sie, wie ich jetzt einsehe, im Einklang mit unsern Empfindungen, ohne
Kenntni der nheren Umstnde gethan. Sie haben, obschon unvorsichtig, dennoch
edel gehandelt, und ich freue mich, Ihnen dies als Ergebni unseres langen
Gesprchs sagen zu knnen. Er wandte sich, freundlich mit der Hand grend, der
Thre zu.
    Gotthard eilte ihm nach und versuchte dem fast an der Schwelle Stehenden
auseinanderzusetzen, da er wenigstens die Oberaufsicht ber der Kinder
Unterricht und den ferneren Gang ihrer Bildung fr's Erste sich zu erhalten
wnsche, und da eine Stellung, wei die ihn erwartende, unmglich seinen ganzen
Tag in Anspruch nehmen knne. Er sprach beklommen.
    O, bester Herr Gotthard, sagte lachend Kronberg, Sie kennen Wien nicht und
mchten sich einen Atlas von Unbequemlichkeiten und Unthunlichkeiten aufbrden.
Nein, nein; seien Sie berzeugt, da ich und die Grfin, die natrlich ganz
einverstanden mit mir ist - Gotthard wurde wieder todtenbleich, der Graf sah es,
aber kein Zug des triumphirenden Gesichts verrieth ihn - Niemanden lieber die
Leitung der Erziehung unserer Kinder berlassen mchten; aber Sie werden bald
sehen, da es unmglich ist.
    Apropos, fuhr er fort, indem er die Hand auf den Drcker legte, Sie werden
wohl thun, nach Berlin zu eilen, um sich den Herren dort zu prsentiren.
Eigentlich wollte ich Ihnen das gleich sagen und verga es; ich wnschte aber,
Sie reisten sptestens morgen frh, damit Sie mit uns zugleich in Wien
eintreffen, am achten werde ich dort sein.
    Als sich die Thre hinter ihm schlo, strzte Gotthard mit einem lauten
Schmerzensschrei auf das Sopha und barg sein Gesicht tief in die Kissen - ihm
war wie nach einer furchtbaren Operation, oder als sei ihm das Herz aus dem
Leibe gerissen, als dehne sich das lange leere Leben unabsehbar weit aus vor ihm
zu einer Ewigkeit der Pein und des Hasses. In diesem Augenblick htte er kalten
Blutes den Grafen zu ermorden vermocht.
    Sie sehen! sie sehen, noch einmal sie sprechen! Keine Erdengewalt, kein
Gottesfluch, kein Himmel und keine Hlle htten ihn in dem Vorsatze wanken
gemacht.
    Er ging entschlossen und fast ruhig hinber, denn wenn Leidenschaft und ein
unerschtterliches Wollen zusammenstoen, entsteht eine wunderbare, dmonisch
ber dem Leben schwebende Ruhe; er ging geradezu zu Sophien und lie sich bei
der Grfin melden.
    Und er sah sie. Welche hhere Natur htte nicht im Leben eine solche
Gipfelstunde hchster Qual und hchster Seligkeit gehabt, die ihr den Mastab zu
leihen vermchte fr die Minuten dieses wieder einander Gegenberstehens.
    Anna hatte frchterlich mit sich gerungen, um sich den Vorsatz abzuzwingen,
ihm Leontinens Vermhlung zu verschweigen. Als sie ihn sah, drang ein solcher
Strom der klarsten Lebenswahrheit in ihr Herz, da sie nicht entfernt daran
dachte, ihm irgend etwas zu verbergen. Als er von ihr ging, hatte er ihr
ausgesprochen, da er sein Leben ihrer wrdig machen werde. Was Beide einander
eigentlich gesagt, wute keines von ihnen, es tnte kein einzelnes Wort ihnen
nach von dieser Unterredung; was sie von einander wuten, war wie ein
ursprnglich Angeborenes in die tiefste Tiefe ihrer Seele gesunken.
    Als Gotthard aufstand, um zu gehen, fiel ein unermelicher Schreck, wie eine
erdrckende Gewalt auf Annens Geist; sie starrte ihn sprachlos an und streckte
unbewut die Hand aus, als wolle sie ihn halten. Er fate diese weiche Hand und
kte sie sanft. Grfin, sagte er, die Augen fest in ihr Herz schlagend, als
sollten sie auf ewig darin wurzeln, Sie haben einmal gefragt, ob ich ein
lebenslanges Verstehen und Festhalten des Herzens zu begreifen, zu glauben
vermchte? Was der Mensch in das erwidernde Wort zu legen vermag, ist wenig - er
ist ein Bettler, wenn er spricht, ein Bettler, der sich mit geborgten Lumpen
kleidet, die seiner Seele nicht passen - dennoch habe ich geantwortet, weil Sie
fragten. In dieser Stunde, die mich von Ihnen bannt, und doch zum ersten Mal,
das fhle ich jetzt mit berraschender Gewalt, mich Ihnen frei gegenberstellt,
lassen Sie mich Sie auf die Antwort verweisen, die Ihnen mein Leben geben wird.
Er schwieg einige Secunden, um das Beben seiner Stimme zu bemeistern, und wie
eine pltzliche Jugend berflog die himmlische Schchternheit der Liebe seine
Zge, eine weiche, schmerzliche Zaghaftigkeit verwandelte den festen Mann wie
durch Zauber zum Jngling. Der Laut haftete fest auf den zgernden Lippen;
endlich entrang sich ihnen ein leises, kaum hrbares: Leben Sie wohl! vergessen
Sie nicht, da ich meines Daseins Blte und Frucht auf Ihren Weg gelegt, nicht
als ein Opfer, o nein, - er schlug die Augen aufwrts, aber ohne den Muth, sie
anzusehen, blickte er nur vor sich hin, in die Weite des blauen Himmels - nur
als Ihr Eigenthum!
    Was wollte denn Herr Gotthard? fragte eintretend der Graf.
    Seine Papiere holen und mir Lebewohl sagen.
    Kronberg bemerkte das convulsivische Zittern ihrer Stimme sehr genau. Er
schwieg, setzte sich aber zu ihr auf's Sopha und blieb den ganzen Abend bei ihr.
Sie sprachen von gleichgltigen Dingen; selbst Leontinens schwer bedrohtes
Geschick wagte keines zu berhren. Josephine und ihre Tochter schrieben an
Geiersperg.
    Kronberg war entsetzlich aufgeregt, er litt tausendfache Qualen; mit
angespannter Kraft beherrschte er jeden Blick, jedes Wort. Seine frhere Liebe
fr Anna war momentan erwacht in all ihrer Strke; das Recht auf ihren Besitz,
die Willenlosigkeit, mit welcher sie jeden Ausdruck desselben ertrug, und der
ihm ganz fremde Anblick der Leidenschaft in diesen Augen, die fr ihn stets nur
Wohlwollen, Gte, einen freundlichen Blick gehabt, in jahrelangem Beisammensein,
in jahrelanger Hingebung, drangen wie ein zweischneidiges Schwert in sein Herz.
Roderich war eine heftig sinnliche Natur, aber poetisch dabei, poetisch und
verfeinert bis zur Selbsttuschung, umkrnzte er den Becher des Genusses mit den
Rosen der Phantasie. Wo keine Liebe ihm entgegenlachte, nahm er den Schein
derselben in willkrlicher Uebertreibung dafr hin, aber er war dennoch viel zu
klug, um die gewaltige, durchleuchtende Wahrheit des Daseins einer solchen
Liebe, wie er sie empfunden zu haben whnte und vergeblich in seiner Frau
gesucht, in ihrer strahlenden Gegenwrtigkeit, in der ihn marternden Realitt,
die seine Eifersucht so peinlich stachelte, zu bersehen.
    Es wird vorbergehen! sagte sich seine Eitelkeit. Aber was ist's? Sein
Aeueres? - er hatte das Gefhl, schner zu sein, als Gotthard - also seine
Jugend! - In dieses Analysiren ihres Gefhls mischten sich ihm die heterogensten
Empfindungen des Stolzes, einer misachtenden Erinnerung an Annens frhere, denen
Gotthards hnliche Verhltnisse und ihrer Anhnglichkeit an dieselben mit der
ihn vernichtenden Angst vor einem mglichen Ridicule.
    Gegen Abend strzte Egon, in Thrnen gebadet, in's Zimmer und an Anna's
Brust. Mutter! Mutter! la mich mit Herrn Gotthard gehen, bei ihm bleiben!
    Herr Gotthard kommt wieder, sagte Anna weich.
    Ja, aber er wird in einem andern Hause wohnen, fuhr der Knabe fort, und uns
keine Stunden mehr geben. Ich mag keinen andern Lehrer, wir wollen Beide mit zu
Herrn Gotthard gehen.
    Und Vater und Mutter verlassen? fragte Kronberg streng, indem er den Arm des
Knaben ziemlich hart ergriff.
    Du thust mir weh, Papa! schluchzte das Kind, ich will dich und Mama alle
Tage besuchen; aber ich kann nichts lernen ohne Herrn. Gotthard; und wer soll
mit uns gehen und uns alles zeigen? La mich mit ihm, Vater!
    Kronberg schleuderte zornig den weinenden Knaben von sich, der wieder
hinberlief.
    Herr Gotthard scheint eine Art Hexenmeister, sagte er scharf und kalt; ich
hasse dergleichen Uebertreibungen. Hast du dich denn gar nicht um die Kinder
bekmmert, da diese Albernheit so tiefe Wurzeln schlagen konnte?
    Herr Gotthard ist dieser Liebe vllig werth, erwiderte Anna stolz; er hat
unsglich viel fr die Kinder gethan.
    Roderich lchelte verchtlich. Diese Magnetiseurs-Eindrcke sind de mauvais
got. Ich bin ganz froh, den Menschen los zu sein, obwol er ein vortrefflicher
Arbeiter scheint und mir in Wien von bedeutendem Nutzen sein wird.
    Mit groer Anstrengung hatte er dem Anfang seiner Phrase das Ende
angeknpft. Er verlie das Zimmer.

Ich vermag es kaum mehr, an die Wirklichkeit meines Glckes zu glauben, lieber
Otto! schrieb Vrenely. Seit Anna und Leontine und Alle fort sind, ist mir, als
habe mir nur wunderschn von dir getrumt, wie in den ersten Wochen unserer
Bekanntschaft, wo ich kein Auge schlo, ohne dein liebes Gesicht sogleich vor
mir zu sehen. Es kam Alles so entsetzlich schnell. Die Generalin und meine
Leontine schien ein mir unverstndlicher, tiefer Gram zu beugen; auch Anna hat
grausam gelitten. Ich ahne wol einen Theil, doch nicht den ganzen Umfang ihrer
Schmerzen; aber wenn ich die edle Frau und ihre Verhltnisse betrachte, mu ich
die Augen niederschlagen, sie steht so einsam mitten unter den Ihren; - wie ist
mir doch das Glck, einem vollen Bltenkranz gleich vom Himmel auf die Stirn
gefallen!
    Du knntest Annen noch in einem der Nachtquartiere sehen, da sie der Pferde
wegen so gar kurze Tagereisen machen; jedoch das Alles schreibt sie dir selbst -
ich mchte dich nur leise bitten, dir die Freude nicht zu versagen, meint' ich
nicht, dein liebes Herz sei der beste Berather. Ach, mein Otto! ich mchte um
die Welt nicht, da du Annen jemals vergest, kann ich gleich nicht recht
ausdrcken, warum.
    La uns vereint unsre Kraft anwenden, ihr den dornenreichen Weg zu
erleichtern - diese Wege ber die sogenannten Hhen des Lebens sind so de, so
traurig! Man verarmt im Steigen und verliert alle Kleinode und Bltenschtze,
die man in den stillen Thlern errungen; sie haben den Glanz und das Eis unserer
Alpenpfade, aber sie scheinen mir gefhrlicher und grausamer, als unsere
Gletscher mit all ihren drohenden Schrecken.
    Es war ein trber, kalter Samstagsmorgen, als Otto dies und Annens
Abschiedszeilen erhielt. Er htte hin gekonnt; er lie sich ein Pferd satteln
und ritt es auf halb ungebahnten Wegen todtmde, bernachtete in einer
Dorfschenke im Gebirg und kehrte erst am Sonntag, Abends, spt nach Basel
zurck, als ihn die Montags-Collegien zwangen, jeden Gedanken an ein nochmaliges
Wiedersehen - wieder Scheiden Anna's aufzugeben.
    Nach vierundzwanzig Stunden lag er an einem nervs-rheumatischen Fieber
darnieder; doch seine krftige Natur berwand es bald. Er stand auf, ermannte
sich gewaltsam, las seine Collegien, arbeitete im Laboratorium und lebte so von
einem zum andern Tage.
    Vrenely hatte entsetzlich gelitten durch sein Schweigen, aber nicht zum
zweiten Male geschrieben. Endlich schrieb er ihr auch, da er krank gewesen,
Annen aber erwhnte er mit keinem Worte.
    Ich danke dir, schlo sein Brief, damit begann mein Verhltni zu dir,
damit la mich fortfahren bis zum Ende. Ich danke dir, da du bist, wie du bist,
da du mich kennst und mich verstehst. Vertraue mir ferner und la mich
gewhren, reden, schweigen, wie es das Herz in mir verlangt; auch ohne Laut,
Theuerste, wird es dem deinen immer antworten.

Balsamisch weich legte sich das Frhjahr auf die ermdete, aus manchen Wunden
noch blutende Erdenwelt; im greren Theile Europa's war eine momentane
politische Ruhe eingetreten; in Wien bereitete sich Knig Johanns Uebergabe des
brasilianischen Throns unter den Diplomaten vor; in der Gesellschaft wogte das
gewohnte Kunst-, Liebes- und Intriguenwesen wie immer. Es war noch frh im Jahr,
im Salon war es noch Winter, drauen jubelten die Lerchen auf, die goldnen
Sonnenstrahlen kten die Bltenknospen der Veilchen, Marien- und Sternblmchen
wach. Seit den auf den vorigen Seiten erzhlten Ereignissen war ber Jahr und
Tag vergangen. Die Einzelnen des frher in Bern versammelten Kreises waren
auseinandergerissen, andere neue Glieder an deren Stelle in der Kette jener
scheinbar so eng verbundenen Existenzen eingefgt, das Wechselspiel des Lebens
hatte in mancher Beziehung sein Recht geltend gemacht.
    Anna's Herz war nicht heiterer geworden; gleichgltigen Auges sah sie auf
die belebten Straen und glnzenden Equipagen, auf das anmuthig-laute wohlhbige
wiener Volksleben nieder, das durch dieselben hinwogte und an welchem ihr
leichter Wagen sie vorbertrug. Sie hatte nach beendeten Ferien ihren Egon in
sein Institut zurckgebracht - nun war es wieder leer um sie, wohin sie auch
blickte.
    Jetzt fuhr eine glnzende Stadtequipage heran. Anna schreckte zusammen und
entfrbte sich, ihr Blick ruhte eine Secunde lang fast ngstlich auf den
spiegelhellen Scheiben des Wagenfensters, es ward rasch niedergelassen. Kronberg
grte sie freundlich - verbindlich, fast wie ein Fremder - und sie flogen
einander vorber.
    Als sie in ihr Cabinet trat, um vor der Soire noch ein Stndchen zu ruhen,
sa ihr alter invalider Freund St. Luce bereits in demselben. Sie schon hier,
lieber General? Das ist freundlich von Ihnen, da Sie mich erwarteten, sagte sie
leichthin.
    Sie wissen, verehrte Freundin, da ich mich gar nicht gern so rottenweise
mit dem ganzen Trosse Ihrer Anbeter zugleich begren lasse, erwiderte er, indem
er ihr seine einzige Hand bot - ihm fehlte ein Arm - auch habe ich auf ein
Plauderstndchen in Ihrem Boudoir gerechnet, wenn Sie nicht noch Toilette
machen.
    Nur eine fertige Coiffure drcke ich mir auf den Kopf; ich bin sogleich
wieder bei Ihnen. Sie verschwand durch eine Seitenthr und kehrte nach wenigen
Minuten im schwarzen eleganten Gesellschaftskleide und dem zierlichen, ebenfalls
schwarzen, Aufsatz zurck. Nun, General! was haben Sie mir Neues mitgebracht?
    Une pense, erwiderte lachend der Gefragte, und zwar in Stiefeln und Sporn.
(Das Gesprch wurde franzsisch gefhrt.) Ich sagte besser noch auf deutsch:
ein Vergimeinnicht! ich habe den ehemaligen Besitzer Ihres Posthrnchens,
Ihren Monsieur August, aufgefunden.
    Ach! Sie sind wahrhaftig eine Art Hexen-Schatzgrber und hchst glcklich im
Finden.
    Dies Mal nicht ganz. Rathen Sie einmal, wer es ist?
    Wie kann ich, lieber General!
    Mein alter Bediente und ehemaliger Reitknecht August, der mich seit zwlf
Jahren nicht verlassen hat, und dem unzhlige Mal die Gnade geworden, Ihnen in
oder aus dem Wagen zu helfen!
    Ist's mglich? das freut mich ungemein. Aber da mir das nie geahnt!
    Zwlf Jahre ist der alte Kerl in meinem Dienst, ihm fehlt glcklicherweise
nur der Gebrauch des linken Armes; aber das Ding bammelt ihm noch zur Seite, er
hat nicht, wie ich, blos einen armen Stummel aufzuweisen - kurz, wir helfen
einander eben aus; das Schicksal hat uns ja Beide auf einem Felde in einer
Stunde getroffen. Zwlf Jahre schweigt der Narr, und heute, erst heute, erzhlt
er mir, da er die Frau Grfin, wie er Sie par excellence nennt -
    Das ist eine Artigkeit fr Sie, General! weil Sie mir die Cour machen!
    Es war eine bis heute, wo er mir sein lteres Recht, Sie zu verehren,
bewiesen.
    O, schicken Sie mir ihn, lieber Freund! sagte Anna innig und weich, ich bin
ihm noch ein Gegengeschenk schuldig. Sie zeigte auf eine kleine Uhr ber ihrem
Schreibtische, an welcher die ihr von August geschenkte Berlocke hing. Leider
ist Monsieur August ein Prophet gewesen, und das Posthorn blst die obligate
Begleitung zu allen Hauptmelodien meines Lebens.
    Wissen Sie auch warum?
    Vermuthlich, weil ich nicht mehr gern reise und allzugern gereist habe. Was
man in der Jugend wnscht, hat man im Alter die Flle.
    Geht noch, das Alter zu ertragen, wenn man sechsundzwanzig Jahre zhlt.
    Sie mssen nun nicht mehr so bestimmt von meinem Alter sprechen, General!
nicht eher, als bis mein ltester Sohn erwachsen ist, dann bin ich nach Ihren
franzsischen Grundstzen der Galanterie stets ein Jahr lter als er, also
positiv jnger, als jetzt. Aber was meinen Sie wegen der Prophezeiung?
    Da Sie uns schwankenden, unsicheren Naturen das Bild der Stabilitt in der
ewig wechselnden Umgebung zu geben bestimmt sind - Sie bleiben berall Sie
selbst. Er sah sie mit tiefem Wohlwollen an, es berflorte eine Art Wehmuth
seine heitere, mit Narben verzierte Stirn.
    Sophie brachte auf einem silbernen Prsentirteller ein Paar weie
Handschuhe, ein Batisttaschentuch und Trauer-Armbnder von Lava. Anna reichte
ihr den wunderschn geformten Arm, um dieselben zu befestigen; St. Luce sah mit
heimlich vergngter Bewunderung zu, aber er wagte kein Wort. Noch immer in
Trauer? fragte er endlich.
    Kronberg frchtet die Todten nicht, erwiderte Anna schwermthig, nur die
Lebenden sind ihm - unbequem.
    Ist Ihr Bruder noch in Wien?
    Leider!
    Kann ich etwas fr Sie thun?
    Sie schttelte traurig das Haupt. Morgen, lieber Freund! jetzt mu ich mir
die Augen hell erhalten. Sophie hat das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Ihren Arm,
General!
    Sie traten in den Gesellschaftssaal und fanden dort bereits einige Herren
versammelt, die der Grfin Ankunft erwarteten. Bald vergrerte sich der Kreis;
Duguet machte den Matre d'htel und fhrte die Aufsicht ber eine glnzende
zahlreiche Dienerschaft. Es war eine Reihe Zimmer geffnet, in der eine sehr
verschiedenartige Menge sich hin und her bewegte, denn die Gesellschaft war
keine besonders fr diesen Abend eingeladene, sondern einer der gewhnlichen
Empfangstage der Kronbergs hatte den bunten Kreis gebildet. Anna machte
unvergleichlich die Honneurs, sie verga Keinen, hatte fr Alle Blicke, Worte,
Aufmerksamkeit; sie strte keine einzige Coterie, keine partie carre, keine
Unterhaltung Zweier, die unter funfzig Menschen allein zu sein glaubten; sie
bersah keinen von Langeweile Bedrohten, kein erstes Auftreten, keine
schchterne Unsicherheit, und that das Alles so leicht, so ganz ungezwungen
natrlich, da jedem Einzelnen war, als bescheine gerade ihn die Sonne ihres
Wohlwollens. Die jungen Mnner umdrngten sie mit ungeheuchelter Bewunderung,
die hbschesten Frauen vergaben es ihr; nur konnte Niemand von ihnen begreifen,
da sie, die so allgemein Ausgezeichnete, kein einziges der ihr von allen Seiten
gebotenen Herzen annahm, da man nirgends die Anknpffden eines werdenden
Verhltnisses gewahrte, obschon ihr aus manchem Auge mehr als gewhnliche
Theilnahme entgegenleuchtete, obschon unter dieser Mnnerschar mehre einer
mhsam gezgelten Glut der Leidenschaft fr sie beschuldigt wurden; die
anmuthige Frau nahm das Alles hin, als msse es so sein, es berraschte sie
nicht, - vielleicht war ihr darum auch gar nichts gefhrlich.
    St. Luce schien in ihre Nhe gebannt, er hing an ihrem Auge, am flchtigsten
Ausdruck ihrer Zge; er bewachte sie wie ein geliebtes Kind und suchte den
kleinsten ihrer Wnsche zu errathen. Es hatte etwas seltsam Rhrendes dies
stille um sie Hergehen ohne allen Anspruch. Er stand noch im krftigen
Mannesalter, aber die schweren, schlecht geheilten Wunden, der bei Montmartre
zurckgelassene Arm, das steif gewordene, gelhmte Bein hatten ihn fast zum
Greise gemacht, sie lieen ihn um zehn bis zwlf Jahre lter erscheinen, als er
war. Da ihn ein sehr warmes Freundschaftsgefhl zur schnen Deutschen hinzog
und ihn an ihre Schritte fesselte, lie sich leicht bemerken, doch lag in der
sonderbar verlassenen Stellung der jungen Grfin eine wunderliche
Entschuldigung; da sie eines fhrenden Arms, eines freundlichen Beachtens
bedrfe, sah Jedermann, und somit schien die Wahl des ltesten ihrer Verehrer
zum steten Begleiter ihr nur den allgemeinen Beifall sichern zu knnen.
    Seit vielen Monaten schon stand Anna wirklich allein in der Gesellschaft,
wie im Leben. Ohne das Gefhl einer ihn peinlich nagenden Eifersucht verloren zu
haben, hatte Roderich damit begonnen, ihr eine volle, ja vielleicht bertriebene
uere Freiheit aller Handlungen gewaltsam aufzudringen. Nach und nach hatten
sich dem heimlichen Ingrimm dieser sorgfltig verhehlten Leidenschaft noch
andere Grnde zugesellt, seine Frau auf eine Weise zu vernachlssigen, die weder
mit seiner ffentlichen Stellung, noch mit den damaligen wiener Gewohnheiten und
Sitten der groen Welt im Einklange stand, so leicht dieselben auch waren.
    Daran thut er indessen nicht besonders Unrecht, sagte Baron Luthbert; man
kann doch wahrhaftig nicht Zeitlebens in seine eigene Frau verliebt bleiben! Und
brigens ist ihr alter Verehrer St. Luce auch nur - eine Uebergangsperiode.
    Die kleine Capacelli ist allerliebst! Man sagt, Kronberg wird sie gar nicht
wieder auftreten lassen.
    Ganz gut, erwiderte Herr von Feldenau, aber man mu die Dehors beobachten!
Da er die Sngerin in seiner eigenen Equipage fhrt, ist unverantwortlich, er
kann ihr ja ihren besondern Wagen halten!
    Sie meinen, weil sie keine Frau von Stande ist?
    Ja, schauen's, mein bester Baron, Verhltnisse der Art wird es geben, so
lange die Welt steht. Aber jede Dame aus unserem Kreise kann uns die Gnade
erzeigen, unserer Equipage sich zu bedienen, das fllt nicht auf, da ist nichts
dagegen zu sagen; aber so ein hbsches Weibchen sie ist, die Capacelli - Das
Gesprch ging in leises Flstern ber. Ach, was, sagte endlich Luthbert, wir
haben es Alle nicht besser gemacht!
    Es schlug zehn Uhr; Kronberg trat eben mit einigen Herren vom
Diplomatencorps in den Saal. Die Theater waren zu Ende, die Gesellschaft
vergrerte sich und wurde lebendig. Es ward Musik gemacht und in einem
Nebensaal tanzten die jungen Leute.
    Nein, sagte eine schne blasse Frau mit tief blauumringelten Augen, ich mag
dies kalte Feuer nicht; man hat keinen solchen Blick ohne innere
Empfnglichkeit! Die Grfin Kronberg spielt Komdie und tuscht uns Alle; ich
mag dies Andersscheinen, als man ist, nicht.
    Mein Gott! erwiderte ihre Nachbarin, sieht denn Niemand, da diese arme Frau
nur kalt scheint, weil sie an innerer Glut zusammenbricht?
    Die Meisten sehen es wirklich nicht; ich mchte aber das Zauberwort kennen,
das ihr inneres Leben lst, ich lese es auf keiner dieser Stirnen.
    Geben Sie Acht, da ist er! bemerkte hinter ihnen eine Stimme.
    Aus der Thre des Nebensaals trat Gotthard! sein fragender Blick suchte
Annen.
    Ein interessanter Kopf! sagte die blasse Frau. Wer mag das sein?
    Gotthard war eine halbe Stunde frher von Berlin zurckgekommen, wo er mehre
Monate zugebracht. Kronberg hatte Annen noch gar nicht wieder gesprochen und ihr
folglich kein Wort von dessen Ankunft gesagt. Mitten in der ernstesten
Unterhaltung mit einigen Koryphen jener Tage hatte er den Kopf so gewendet, da
er Beide beobachten konnte.
    Gotthard sah es im Spiegel; aber er hatte sie drei volle Monate nicht
gesehen, seine Zge drckten das Aufjubeln seines Herzens aus. Anna's Gesicht
berflog ein brennendes Roth. Beide grten sich zugleich und begannen schon
nach den ersten Bewillkommnungsformeln ein langes Gesprch, in dem sie
eigentlich nichts sagten und dennoch Jedes von ihnen unendlich viel zu verstehen
meinte.
    Den liebt sie? fragte die blasse Frau. Aber wer ist es? wiederholte sie.
    Ein junger Envoy des preuischen Hofs, nicht eigentlich der Gesandtschaft
attachirt, aber doch mit ihr in Beziehung; er soll bereits im Ministerium als
Geheimer- und Cabinetsrath Sitz und Stimme haben, erzhlte Grfin Schlichten.
Man sagt, er sei ein - sie flsterte ihrer Freundin einen Namen in's Ohr - und
werde eine enorme Carrire machen.
    Jetzt sieht er sie - jetzt redet er sie an! Die blasse Frau seufzte und
versank in wahrscheinlich dstere Trume und Erinnerungen, denn sie wurde noch
starrer und bleicher, und sagte kein Wort mehr.
    Da ist der junge Gotthard wieder, bemerkte ein ungarischer Offizier seinem
Nachbar. Sehen Sie doch, welche pltzliche Vernderung in der Kronberg! Ein
solcher Blick und ich wrfe ihm mein Leben nach, wie eine ausgeprete Orange.
    Bah! bah! Seien Sie nicht so excentrisch, mein guter Fritz! Befehlen Sie
Ananas-Eis? Die Frau ist bildschn! Nach ihm wird sie accessible werden; warten
wir's ab!
    Sie vergessen, da Sie von der Grfin Kronberg sprechen, sagte fest und
scharf St. Luce, der hinter den beiden Herren gestanden.
    Der Offizier ma ihn von Kopf zu Fu und drehte ihm, wie zufllig, den
Rcken, um dem Tanz im Nebenzimmer zuzusehen. Der alte Narr ist auch in sie
verliebt, murmelte er vor sich hin.
    Was thut denn hier ein franzsischer Ehrenlegionist? fragte ein Anderer.
    Er sitzt als Niobe neben dem Herzog von Reichstadt. Frher war er eine
Creatur Napoleons, aber eine der unschdlichen; als man den Herzog von
Reichstadt herbrachte -
    Das arme Kind! Ihm sieht der Tod aus den Augen! Schon jetzt fhlt er das
Entsetzliche seines Geschicks!
    Ich bitt' Ihnen, er ist ganz vergngt! sagte ein dicker, behaglicher Major.
    St. Luce ist dem franzsischen Kaiser sehr attachirt gewesen, fuhr der Erste
fort; nachdem er ihm in den Schlachten von Leipzig und Montmartre seine
Gliedmaen geopfert, ist ihm nur das Herz geblieben, das ihn dem Knaben nach,
hierher gezogen hat. Man hat ihn anfangs beobachtet, aber - Das Gesprch
verschwamm wieder im allgemeinen Stimmengebrause.
    Unterdessen standen Anna und Gotthard noch mitten im Saale; sie hatten die
Auenwelt vergessen.
    Wie anders hatten die anderthalb Jahre Gotthard zur Welt und zu Annen
gestellt! Sein ungewhnliches Talent hatte ihn dem Ministerium nach so kurzer
Zeit schon unentbehrlich erscheinen lassen. Noch hatte freilich seine Lage durch
die Vielseitigkeit seiner Arbeiten, welche wiederholte Reisen zwischen Wien,
Berlin und den lteren Provinzen veranlaten, keine uerlich bestimmte Form
erhalten knnen. Er hatte den Titel als Geheimerrath nur bekommen, weil man ihm
einen Rang geben mute; er schien zu jung, um ihn zum wirklichen Cabinetsrath zu
machen; was jedoch irgend mit dem gewohnten Hergang vertrglich, war fr ihn
geschehen, und die eiserne Consequenz, die er in den schwierigsten
Angelegenheiten der Verwaltung und Gesetzreformen mit der klarsten Auffassung
einte, hatten ihn lngst mit Kronberg in gleiche Linie gestellt, dem diese
Superioritt allmlig immer lstiger zu werden begann.
    In der ersten Zeit ihres wiener Aufenthalts hatte Anna Gotthard fters im
Hause gesehen; er hatte es versucht, wenigstens durch Gesprche mit ihr der
geliebten Kinder Unterricht noch eine Weile fortzuleiten, aber mit der ihm
eigenen gewandten Hartnckigkeit war es Kronberg dennoch gelungen, ohne irgend
ein Dehors zu verletzen, ihn nach und nach immer ferner zu stellen. Anna hatte
die nicht zu bergende Abneigung ihres Gemahls gegen ihn fr gekrnkten Ehrgeiz
gehalten und schwer, aber geduldig getragen.
    In dem Kreise eleganter, aber ihr nicht gefhrlicher junger Mnner, mit
denen Kronberg seine Gemahlin umgab und aus welchem er Gotthard mglichst
auszuschlieen suchte, begann deren Schnheit ein immer greres Aufsehen zu
erregen. Unter den eigentlichen Diplomaten hatten Gotthards meisterhaft in die
seinen eingreifenden Arbeiten dem Grafen lngst den Ruf eines ausgezeichneten
Staatsmannes erworben, die ausgesuchte, elegante Bewirthung seiner zahlreichen
Gste hatte ihm den Namen eines Millionrs verschafft, und seiner stets
unruhigen Eitelkeit war demnach fr den Augenblick eine uerst seltene, volle
Befriedigung geboten.
    Nur im tiefsten Innern seines Herzens nagte unausgesetzt der Wurm der sich
stets erneuenden qualvollen Ueberzeugung: da diese schne, geistreiche, von der
ganzen sie umflatternden Mnnerwelt ihm beneidete Frau ihn nicht liebe, nie ihn
geliebt habe, und da ein Mensch ohne Rang und Namen den kostbaren Schatz
erhoben, zu dessen Hter ihn das Geschick, wie zum Hohne, eingesetzt.
    In diese Periode fiel des Generals Bekanntschaft. St. Luce gehrte zu den
alten Anhngern Napoleons, die ohne Eingriffe in den von ihnen als unvermeidlich
erkannten Gang der Ereignisse, in stiller Trauer berall am Grabe ihres Kaisers
zu stehen scheinen: ein wandelndes Mausoleum seiner einstigen Gre, das noch
lange ihn berdauern wird.
    St. Luce war ein Arm abgenommen, ein Fu gelhmt; an unbefugte Einmischung
in die durch Bonaparte's Tod ihm gleichgltig gewordene Politik des Tages war
nicht zu denken. So lie man ihn, da er ohnehin mehren frstlichen Familien
Oesterreichs als unverdchtig bekannt war, ruhig sein kleines Erbtheil in Wien
verzehren, wo seine Seele aus dem Anblick des geliebten Kaiserkindes eine Art
innerer Lebenskraft einzusaugen schien.
    Anfangs hoffte er viel fr dessen Zukunft; Blte um Blte streiften die
Jahre diesen geheimen Hoffnungen ab! St. Luce mute den Keim des Todes langsam
das junge Leben berwachsen sehen, doch hoffte er immer, selbst noch frher als
der geliebte Knabe zu sterben, und konnte sich nicht entschlieen, die Sttte
des sich langsam ffnenden Grabes vor dem gefrchteten Augenblick zu verlassen.
Da kamen Kronbergs nach Wien. Die Episode in Frau von Waldau's Hause, die dem
jungen Manne eine so freundliche Erinnerung hinterlassen, tauchte mit erneuter
Lebendigkeit vor seinem halb erstarrten mden Geiste auf - er sah Annen wieder
und das ganze Herz ward ihm wach.
    Der alte Krieger liebte die schne Frau mit aller Kraft, die ihm geblieben,
aber er htte selbst den Saum ihres Gewandes vor jedem Flecken hten mgen; er
ward ihr treuester Freund, folgte ihr wie ihr Schatten, war ihr Cavalier sans
consequence - helas! wie er selbst zu sagen pflegte, und Kronberg that alles
Mgliche, diese ihm sehr bequeme Anhngligkeit des alten Verehrers zu beschtzen
und zu proniren.
    Als Gotthard sich mit der feinsten Berechnung aus dem Hause, ja so viel wie
mglich sogar aus dem Gesellschaftskreise verwiesen fhlte, der Annen umgab,
erwachte ein furchtbarer Zorn in seiner Seele. Anfangs kochte und tobte nur der
wilde Wunsch nach Rache in ihm; er war entschlossen, den ihm an Talent weit
untergeordneten Kronberg sinken zu lassen, ihn zu Grunde zu richten, ihn fhlen
zu machen, welche Gewalt er ber Anna's Herz habe, was er thun knne; ihn
brannte das Bewutsein des so ganz unverdienten Mistrauens, das ihn getroffen,
wie eine glhende Kohle fortglimmend in immer wachsender Glut. Bald aber siegte
seine edlere Natur. Mit erneuten Krften begann er auch in der ihm
aufgedrungenen Ferne Anna's Geschick in Kronbergs Hnden zu bewachen und, wo
irgend die Umstnde es gestatteten, zu erleichtern. Und leider bot gar bald von
zwei Seiten zugleich sich hierzu die Gelegenheit.
    Kronberg hatte sich, durch die immerwhrende Anstrengung, seine Eifersucht
zu verbergen und sich anders zu geben, als er in diesem Augenblicke wirklich
war, in eine so grimmig Alles negirende Stimmung versetzt, da ihm jedes lngere
Zusammensein mit Annen unertrglich ward. Sah sie ernst oder traurig aus, so
schien sie ihm in Liebesgram sich zu verzehren; war sie heiter, so glaubte er
sich betrogen und sein klarer Geist ertappte sich selbst auf den
abenteuerlich-lcherlichsten Vermuthungen. - Als ihm gelungen war, Gotthard fast
ganz aus ihrer Nhe zu verdrngen, ward jedes unnthige Gesprch mit ihr ihm
doppelt peinlich, denn zu seinen brigen Qualen gesellten sich die eines
unreinen Gewissens und der Erkenntni eines durchaus verfehlten Schrittes. Sehr
bald bemerkte er den innern Kampf seiner Frau und die aus einer unnthigen
Beschrnkung erwachsende gesteigerte leidenschaftliche Stimmung derselben; er
fhlte, da er das Feuer nur heller angeschrt, und in einer pltzlich ihn
befallenden Art Muthlosigkeit versuchte er sich gewaltsam zu zerstreuen.
    Unglcklicherweise reizten ihn gerade in diesem Augenblicke einige
Neckereien seiner Bekannten; Baron Ruthberg klagte ihn der Eifersucht an, die
ihn zu Hause festhalte. Kronberg begann, Annen zu vernachlssigen, sie seltener
zu begleiten und an Ruthbergs Seite eine Menge etwas zweifelhafter
Vergngungsorte und Arten aufzusuchen.
    Er spielte, obgleich nur in guter Gesellschaft, hatte abwechselnd Glck und
Unglck und schadete sich nicht bedeutend; er unternahm eine Art Touristenronde
durch alle Theater und Volksgesellschaften, blieb aber insgeheim gelangweilt.
Endlich machte er bei Ruthbergs Geliebter die Bekanntschaft einer spanischen
Sngerin, die ihn anzog und amusirte. Dies Verhltni, dessen lockere Fden der
innere Ueberdru geknpft, ward bald ein ihn fesselndes, was trotz momentanem
Selbstvergessen bisher seit seiner Heirath nie der Fall gewesen. Und dennoch
blieb er - eiferschtig.
    Anfangs erfuhr Anna nichts von dem Allen; erst als sie Kronberg im Theater
einer Dame in eine grillirte Loge folgen sah, als sie derselben Dame in seinem
mit dem Wappen seiner Familie gezierten Wagen begegnete, erschrak sie, weit mehr
vor dem Unpassenden seines Betragens und dem mglichen Aufsehen, als vor dem
Gedanken seiner Untreue, vor dem Vergessensein da, wo sie so sehr geliebt
gewesen. Ein unsglich betrbtes Gefhl des Irrens im menschlichen Gemth, eine
bange Scheu vor der Vergnglichkeit seiner Empfindungen paarte sich der
mildesten Anerkennung, da sie ihn ja nicht durch Liebe an sich gefesselt. Und
wiederum mischte sich dieser edleren Empfindung ein erleichterndes Aufathmen;
sie fhlte sich im Innern minder schuldig, wohl aber sich und ihn tief
beklagenswerth! - Denn ein ernsteres Nachdenken rief das Bild ihrer Knaben ihr
in die Seele, eine solche Liaison mute die Kinder ihr und Kronberg entfremden
und sie zwischen die Eltern stellen. Sie beschlo, sich von Egon loszureien und
ihn in eine Pensionsanstalt zu thun, und trug Gotthard auf, ihr eine passende zu
finden.
    Aus diesem Hinzuziehen des Freundes entwickelte sich die Nothwendigkeit,
ihrem Gemahl zu verbergen, da jener ihr noch in Rath und That beistehe, und
somit hatte Kronberg abermals selbst den ersten ihm verheimlichten Schritt des
erneueten Einverstndnisses herbeigefhrt.
    Gotthards Klugheit verstand ihn zu decken. Kronberg ahnte nicht, wer ihm das
Erziehungshaus empfohlen, in dem er seinen Knaben untergebracht. Gotthard aber
sah nun das Kind tglich. Josephs Nhe glaubte Anna sich noch eine Weile gnnen
zu drfen, der Kleine war jnger und schwcher als Egon.
    St. Luce hatte den jungen Geheimrath kaum zwei-oder dreimal in Kronbergs
Hause getroffen, so war er im Geheimni, obschon keines von ihnen eine Sylbe ihm
anvertraute. Er sah sehr bald ein, da Anna zum ersten Male liebe, und trotz des
unleugbaren neidischen Verdrusses darber berflog ihn eine stille wehmthige
Rhrung und ein fernes Erinnern der eigenen Jugend.
    St. Luce war von guten brgerlichen Eltern in der Normandie geboren. Die
blutigere Revolutionsepoche fiel noch in seine Kindheit, sie hatte ihn nicht
verhrtet; ihm war etwas von dem geblieben, was die Franzosen in der Provinz
enfant de famille nennen, das ihn, trotz manchem leichtsinnigen Streich seiner
eigenen frheren Jahre, an ein einfaches rechtliches Gefhl, auch in Mnnern
Frauen gegenber glauben lie.
    Es ist traurig, da in einer Menge an Erfahrung reichen Mnnern der hheren
Stnde ein Unglaube entsteht, der sie ihr eigenes Geschlecht in Bezug auf das
unsere fast unbedingt des Egoismus und der Unwahrheit anklagen macht, noch
trauriger aber, da unzhlige Beispiele dies Urtheil rechtfertigen, und zwar
gerade da rechtfertigen, wo eine Menge hchst ehrenwerther Eigenschaften die
Beschuldigung fast unbegreiflich erscheinen lt.
    St. Luce traute also Gotthard zu, da ihn keine unlautere Absicht zu Annen
zog, aber ihr Ruf, ihr Glck, ja selbst ihre Frauenehre schienen ihm deshalb
nicht um ein Haar breit weniger gefhrdet.
    Kronbergs Verhltni zur hbschen Spanierin war eben bekannt geworden, es
war dem alten Freund hchst widerwrtig. In einem andern Augenblicke wrde er es
leichter genommen haben, jetzt aber erklrte er es fr eine franche btise,
welche Annen einem Abgrund zustoe. Und dann il n'y avait pas regard de prs!
denn die Spanierin war dem Grafen untreu, das schien nun St. Luce nicht des
Spektakels werth, den die alberne Geschichte machte, und gar unwerth der
kleinsten Thrne seines Lieblings.
    Kronberg fhlte sein Unrecht auch, aber um so mehr trieb ihn die innere
dmonische Gewalt, darin zu beharren. Was htte er dagegen nicht um eine einzige
Thrne Annens gegeben, wie theuer wre ihm der Ausdruck der erwachenden
Eifersucht, des Schmerzes in ihren Zgen gewesen! Ihre sanfte, wrdige Haltung
emprte ihn - gerade weil er sie billigen mute. Ihm fiel ein Stein vom Herzen,
als whrend Gotthards Abwesenheit ein unangenehmer Vorfall ihn Annen gegenber
in Vortheil setzte und ihm eine ganz neue, mit jenen Empfindungen durchaus nicht
in Verbindung stehende Ursache zur Misbilligung und Unzufriedenheit mit ihr gab.
    Anna trug die Trauer um ihren Vater, der sanft und ohne alle Leiden seiner
Frau in's Grab gefolgt war.
    Ihre beiden Brder, von denen der eine vier Jahre, der andere um eines lter
war, als sie, hatten, nachdem sie mit der Generalin Geiersperg ihre Heimat
verlassen, die schon frher gewhlten Lebenseinrichtungen festgehalten: der
ltere war Militr, der jngere Kaufmann geblieben. Unglcklicherweise aber war
der erste, durch Verwendung und Rath eines jungen Verwandten verleitet, in ein
preuisches Regiment eingetreten, und als es spter zum Offiziersexamen kam,
fand man ihn unfhig, dasselbe zu machen. Das Nachstudiren, zu welchem ihn Vater
und Freunde mit wohlmeinendem Rath anhielten, wollte dem bereits ber die
eigentliche Lernzeit hinaus Gewachsenen nicht schmecken, im Ueberdrusse des
Mislingens wandte er sich dem praktischeren Artilleriedienst zu und ward endlich
Unteroffizier und Feuerwerker.
    In einer kleinen schlesischen Grenzstadt vergingen ihm nun mehrere Jahre,
ohne irgend eine Spur in Herz oder Gemth zu hinterlassen
    Bei Gelegenheit einer ernstlichen Krankheit, die ihm eine Unvorsichtigkeit
beim Manoeuvre zugezogen, lernte er die Tochter seines Hauswirths, eines
ehrsamen Bckermeisters, nher kennen. Er gewann das frische, hbsche Mdchen
lieb und sie erwiderte seine Liebe. Die im jetzigen Brgerstande leider etwas
leichter gewordenen Sitten begnstigten ein Verhltni, dessen allzugroe
Vertraulichkeit den jungen, durchaus nicht unredlichen Mann zu einer Verlobung
zwang. Das Mdchen war nicht ganz arm, auch Louis hatte etwas Vermgen zu
hoffen, die Einwilligung der Militrbehrde fand mithin keine Schwierigkeit; der
alte Brgermeister dagegen verweigerte die seine aufs Bestimmteste und
Hartnckigste. Er erklrte sehr ruhig seinem Sohne, da seiner Ueberzeugung nach
kein Mann eher heirathen solle und drfe, als bis er eine Frau unabhngig zu
ernhren im Stande sei, knne mithin Louis nicht ohne den Theil seines Vermgens
auskommen, den er, der Alte, noch selbst zum Weiterleben bedrfe, so knne von
dieser Verbindung vorlufig keine Rede sein; wenn jedoch der Soldatensold und
die Mitgabe der Braut ausreiche, werde er ihm sein Jawort nicht versagen;
freiwillig dazu beitragen, da ein Paar unvorsichtige Menschen sich in's Elend
strzten, wolle er nicht. Im Hintergrunde der Weigerung lag freilich noch der
Umstand, da der Katholicismus der in Schlesien wohnenden Braut dem alten
Lutheraner zuwider war.
    In dieser peinlichen Verlegenheit - denn er hatte das Mdchen wirklich lieb
- wandte sich Louis an seine Schwester. Als auch ihre Frbitten beim Vater
nichts fruchteten und Brief auf Brief ihr die traurige Lage des Mdchens
schilderten, bei deren Eltern der junge Mann bereits angehalten, versprach sie
ihm ohne Kronbergs Vorwissen bis zum Tode des Vaters einen bestimmten Beitrag zu
seiner Wirthschaft, den sie ihrem sehr reichen Nadelgelde entnahm.
    So weit war Alles gut. Die jungen Leute heiratheten und der Vater gab,
obschon widerstrebend, seine Einwilligung, weil kein gerichtsgltiger Grund
vorlag, sie zu versagen; auch wrde die ihm eigene Art Aengstlichkeit den
ffentlichen Widerspruch immer gemieden haben.
    Einige Jahre gingen ungetrbt, ohne besondere Ereignisse den Eheleuten
vorber; Annen fhrten sie nach Wien. - Louis' Erstgeborenem hatte sich ein
Schwesterchen zugesellt; er lebte zufrieden mit seiner jungen Frau, ihre
Verhltnisse blieben kleinbrgerlich, was bei seiner Stellung und der
Unbedeutendheit des Stdtchens nichts auf sich hatte.
    Da ward pltzlich das Regiment nach Glatz verlegt und nun reichte das
Einkommen nicht mehr. Die Schwiegereltern thaten das Mglichste, denn die
Tochter wollte ihren Mann nicht verlassen, sie kehrten jeden Pfennig um, sparten
sich's am Munde ab, vergebens! In der greren Stadt, ohne den Beistand der
Mutter, unter den ihr wildfremden Leuten, verstand das arme junge Weib die
kleine Wirthschaft nicht so vortheilhaft zu fhren, als daheim. Louis rgerte
sich, schalt sie, wenn sie weinte und lamentirte, wurde heftig, grob; auch in
ihr traten die Mngel der Erziehung ihres niedern Standes vor: es ward ganz
ernstlich schlimm und mute doch getragen werden, denn die rmeren Classen
denken nicht so leicht an Scheidung, Katholiken nun gar nicht.
    Da starb der Brgermeister. Louis erhielt Urlaub, seine Angelegenheiten zu
ordnen, und eilte nach Thringen, die ihm zugefallene Erbschaft in Empfang zu
nehmen. Aber, ach! des Alten kleines Vermgen, in drei Theile getheilt, zeigte
sich an Ort und Stelle weit geringer, als er vermuthet. Der zweite Bruder, der
unterdessen in der kleinen Stadt, in welcher er in Condition gestanden, auch
geheirathet hatte, bedurfte der ihm hinterlassenen Summe, um sein Geschft zu
vergrern und Compagnon seines Schwiegervaters zu werden, mithin konnte ihm gar
nicht einfallen, an Untersttzung seiner Verwandten zu denken.
    Louis beschlo, seinen noch nicht abgelaufenen Urlaub zu einer Reise nach
Wien anzuwenden, um Annen nicht nur zur Fortdauer seiner Pension und zur
Entsagung ihres Antheils von der Erbschaft zu seinen Gunsten zu vermgen,
sondern auch, um, wie er sich ausdrckte, seinen vornehmen Schwager zur Anleihe
einer namhaften Summe breitzuschlagen. Er hielt sich zu all diesen
Anforderungen vollkommen berechtigt: je enger die Gemther, je grer die
Ansprche, das fehlt nie!
    Anna sa nach einem ganz kleinen Diner mit Kronberg, St. Luce und noch ein
Paar Herren am Kaffeetische, den sich ersterer en petit comit nicht gern nehmen
lie. Geheimnivoll neigte sich Duguet, indem er die silbernen Kannen auf den
Tisch stellte, wie zufllig etwas tiefer als nthig, und flsterte ihr zu, wo
mglich auf einige Minuten in das Nebenzimmer zu treten. Das war noch nie
geschehen; sie erschrak und eilte unter einem Vorwande hinber. Hier fand sie
den soeben den Hnden der Mauth entronnenen, mit dickem Staub bedeckten
Reisenden, dem sie in ihrer Herzensfreude laut aufjauchzend in die Arme flog.
    Ach! nach wenigen Minuten schon ward diese reine Freude der Schwester
getrbt! Louis war zu sehr mit dem Drange seiner eigenen Angelegenheiten
beschftigt, um andern Gedanken Raum geben zu knnen. Die durchaus eigenntzige
Absicht seines Besuchs trat sogleich in das grellste Licht. Des Vaters Tod
schien als Verlust gar keinen Eindruck ihm hinterlassen zu haben, die
Enttuschung in Hinsicht auf das geerbte Vermgen sprach sich scharf aus; Klagen
ber sein Geschick und die sehr bestimmte Bitte, ihm nicht nur die Pension zu
lassen, sondern zu seinem Vortheil der Erbschaft ganz und gar zu entsagen,
folgten einander so schnell, da Annen kaum Zeit blieb, eine Frage oder ein
erwiderndes Wort einzuschalten. Die kleine Summe, meinte Louis, sei ihr ganz
gewi entbehrlich, er she jetzt recht ein, wie sie mitten im Golde sitze, und
auf der Post habe ihm auch schon Jemand mitgetheilt, da sein Schwager, den er
brigens noch nie gesehen, Millionr sei.
    Anna fhlte sich wie betubt von dem Allen, sie war durchaus noch zu keiner
klaren Auffassung der Umstnde gekommen, als unglcklicherweise Kronberg, dessen
unsinniger Argwohn durch ihr ungewohntes Verlassen der Gesellschaft geweckt
worden, in's Zimmer trat.
    Es folgte eine fr Anna sehr schwere halbe Stunde. Der junge Unteroffizier,
seit Jahren an ganz untergeordnete Kreise gewhnt, verletzte mit jedem Worte des
Grafen Eitelkeit.
    Abwechselnd verlegen durch die vornehme Haltung und sichtliche
Ueberlegenheit desselben, und familir mit dem Manne seiner Schwester, trug er
seine Geschichte augenblicklich, ohne weitere Einleitung, auch ihm vor.
    Kronberg wandte sich, ihn unterbrechend, zu Annen, die ihm leid that, und
bat sie an seiner Statt auf ein Paar Minuten zu den Herren hinberzugehen, um
ihre lngere Abwesenheit zu entschuldigen, zugleich aber Erfrischungen fr ihren
Bruder zu senden, der gewi nach der Reise derselben bedrfe. Er winkte ihr
freundlich mit den Augen und versprach, da er sie gleich wieder ablsen werde.
    Anna htte natrlich lieber gesehen, da Kronberg drben den Wirth gemacht
htte; es lag aber nach langer Zeit wieder einmal die edle, milde Gte in seinen
Zgen, die ihn immer ihr gegenber den Sieg davontragen lie; und da dem
vollstrmenden Redeflu des jungen Kriegers ohnehin kein Einhalt zu thun mglich
schien, ergab sie sich in das Unvermeidliche und ging. Sehr anmuthig sagte sie
den noch um den Kaffeetisch versammelten Freunden, da ein lieber unerwarteter
Besuch aus der Heimat sie heute um die Freude ihrer Gesellschaft bringe und sie
Kronberg allein das Vergngen, sie zu unterhalten, berlassen msse. Sie hatte
kaum den Glckwnschen und Bedauern ihrer Gste Genge gethan, indem sie auf
einen der nchsten Tage sie wieder einlud, um sich zu entschdigen, als Kronberg
wirklich schon kam, um sie zu befreien. Aber, ach! der schne Strahl des
Wohlwollens in seinen Zgen war erloschen, und sein convulsivisch
zusammengekniffener Mund, sein ganz verndertes Aussehen erschreckten sie bis in
das tiefste Herz.
    Drben fand sie ihren Bruder in der Aufregung des heftigsten Verdrusses. Er
war im Sprechen mit Roderich immer vertraulicher geworden, hatte nicht nur die
von Annen ihm zugestandene Summe jhrlicher Rente erwhnt, sondern auch
geuert, er habe ihr das eigentlich viel zu hoch angeschlagen; wenn er gewut
htte, wie reich sie sei, wie kostbar sie wohne und wie alles um sie her von
Gold strotze, so wrde ihm doch sehr schwer geworden sein, sich nicht mit
greren Ansprchen an seine Schwester zu wenden. Es sei freilich einmal die
schlimme Einrichtung in dieser Welt, da der Eine in Sammt und Seide einhergehe,
whrend der Andere barfu laufe; aber Geschwister sollten doch immer an einander
halten, und was ihn betrfe, er sei nur ein armer Schlucker, wrde aber, wenn
Noth an den Mann gekommen, nie einen Augenblick angestanden haben, mit Schwester
und Schwager sein bischen Salz und Brod zu theilen.
    Statt Salz und Brod verzehrte er im Eifer eine kalte Rebhhnerpastete und
trank starken Ungarwein und Burgunder durcheinander, die ihm Duguet zur Auswahl
hingesetzt. Der ungewohnte Wein stieg ihm zu Kopfe und raubte ihm die Besinnung.
    So, fuhr er fort zu peroriren, sollte Anna auch denken, und wenn sie ein
rechtschaffenes Herz im Leibe habe, knne sie ihre Geschwister nicht in Schulden
und Mangel versinken lassen; und dasselbe Vertrauen habe er auch zu seinem Herrn
Schwager, darum rede er so offen, frischweg von der Leber. Er und seine Frau
wren freilich nur arme, geringe Leute und ihre Freundschaft keine grfliche,
sie gehre aber zu einem ehrsamen, achtbaren Handwerk, das seinen Mann redlich
und nothdrftig nhre. Da ihn und seine Marie das Unglck betroffen, sei nicht
ihre Schuld, sein Weib sei brav; aber der Herr Schwager knnten sich's ja leicht
selber denken, denn er habe solchen Wohnortswechsel ja auch durchgemacht. Seine
Frau verstehe in Glatz die Wirthschaft nicht so knapp und vortheilhaft zu
fhren; Annen werde es anfangs wol auch sauer geworden sein an fremden Orten.
    Kronberg lchelte; in seinem ganzen Leben hatte er noch nicht mit Annen von
der Wirthschaft gesprochen.
    Louis trank ein Glas nach dem andern, wurde immer verworrener und steigerte
sich in's Absurde. Allmlig siegte, trotz der feinen und gewandten Weise, auch
in Kronberg die rohere Natur, er ward rgerlich; ihn verdro Annens
Heimlichkeit, ihn verdrossen die auf nichts basirten Ansprche des Schwagers,
der nichts gelernt hatte, und nichts gethan, als heirathen und Kinder in die
Welt setzen, die er nicht ernhren konnte, und der nun herkam, um sein,
Kronbergs, von seinen Ahnen und ihm selbst wohlerworbenes Gut mit ihm zu
theilen, und zwar blos, weil er der Bruder einer Frau war - wieder hob die
innere Schlange ihr Haupt - einer Frau, die ihren Mann nicht einmal liebte!
    Der eine Gedanke war in Kronberg zur fixen Idee geworden, vielleicht gerade,
weil er ihn nicht eingestand.
    Sehr gemessen und ernst erklrte er Louis, da er von dem ihm von Annen
gewhrten Zuschu nichts gewut, da Niemand seinen Geldbeutel zu taxiren habe
und er auf keinen Fall zugeben werde, da Anna zu seinen Gunsten ihres Erbrechts
sich begebe, weil es gegen sie selbst, dann aber auch gegen ihren jngeren
Bruder Franz unrecht sein wrde. Ob er ihr ferner berhaupt noch gestatten werde
- er erschrak ber das Wort, was ging denn ihn ihr Nadelgeld an? - oder rathen
knne, fgte er sanfter hinzu, die mit so wenig Dank anerkannte Zahlung der
Pension fortzusetzen, knne er fr den Augenblick nicht bestimmen.
    Nun brach der Ingrimm des vom ungewohnten Wein Erhitzten mit doppelter
Gewalt los; er sprach von einem goldenen Bauer, in den freilich nicht immer
Glck zu finden sei, uerte, da, wenn seine Schwester, die recht wohl wisse,
welchem ihrer Brder ihre Hlfe nthig, nicht einmal den freien Gebrauch ihres
Reichthums haben sollte, dann freilich sei die reiche vornehme Dame nicht besser
daran, als seine eigne Frau; sie wren Beide arm, das sei wahr, er aber lege das
Geld in eine Schieblade, ber welche sie und er gingen. Er she freilich nun wol
ein, bei den Adeligen sei Alles das anders; er habe oft seinen seligen Vater
innerlich angeklagt, da er die Mutter zu knapp gehalten, und sie habe ihn oft
gejammert, aber nun, wenn er's recht berlege, ginge es ja bei den Vornehmen
nicht um ein Haar besser zu, die es obendrein nicht einmal brauchten, die das
Geld haufenweise zum Fenster hinauswrfen, es verspielten oder zu allerlei
liederlichen Streichen anwendeten, und das oft auf noch schlimmere Art, als der
Soldat, der doch immer in den Augen der fein Gebildeten fr den Aergsten gelten
msse, whrend jene mit Comdiantinnen und Tnzerinnen Alles vergeudeten.
    Das traf einen wunden Fleck in Kronbergs Brust. Der ganz absichtslose
Ausdruck - denn Louis hatte ja keine Ahnung vom Dasein der Capacelli - fachte
eine furchtbare Flamme des Zorns in ihm an. Nach wenigen schonungslosen, durch
Eisesklte und Schrfe des Tons gleich vernichtenden Worten verlie der Graf das
Zimmer und begab sich wieder zur Gesellschaft.
    Dies Alles erfuhr oder vielmehr errieth Anna aus den rhapsodischen
Ausbrchen der Emprung, in welcher sie ihren Bruder fand. Ohne auf ihre Bitten
oder mildernden Errterungen zu hren, ergriff Louis seinen Tschako und rannte
hinaus, sie hatte eben noch Besinnung, Duguet ihm nachzuschicken. Duguet, der
immer wortlos die Stimmung und den Zustand seiner Gebieterin zu errathen
verstand, folgte dem jungen Manne, fhrte ihn hflich in ein anstndiges
Gasthaus, besorgte sein Rnzel hin, bediente ihn und stand am frhesten Morgen
mit einem Magazinschneider vor ihm, der einen uerst anstndigen Civilanzug ihm
prsentirte.
    Wer irgend Wien kennt, mu begreifen, da Anna ihrem Gatten die mglichste
Rcksicht auf Louis, des Unteroffiziers, uere Erscheinung schuldig war. Sie
durfte Kronberg nicht den spottenden Fragen und Blicken der Ein- und Ausgehenden
preisgeben, und gestern hatte doch auch ihr ein wenig vor der staubbedeckten
Montur ihres Bruders, vor dessen sonneverbranntem Angesicht und harten Hnden
gegraut. Ohnehin muten die in der kleinen Grenzstadt nicht feiner gewordenen
Manieren desselben Kronberg strend sein, das war nicht zu ndern. Sie
bewilligte alles, was Duguet fr ihn verlangte; als sich aber die Thr hinter
ihm schlo, schossen ihr ein Paar sehr bittere Thrnen in die Augen.
    Man gibt der menschlichen Charakterbildung allgemein klimatische und
nationale Frbung zu; Niemand wundert sich, einen Italiener heftig, einen
Spanier rachschtig, einen Hollnder ruhig oder gar phlegmatisch zu finden, das
alles ist als traditionell lngst in die allgemeine Volksansicht bergegangen;
aber an den nicht kleineren Unterschied, den die uere Stellung, die frheste
Umgebung, der Umgang unserer ganzen menschlichen Entwicklung aufdringt, an die
Modificirung der Ansichten und Begriffe, die sie erzeugen, denken Wenige, und
doch steht diese Einwirkung der klimatischen noch immer wenigstens gleich.
    Im Grunde hatten Beide, der Graf und der Unteroffizier, jeder von seinem
Standpunkte aus, Recht, Beide mischten nur ihrer Selbstbeurtheilung einen Theil
Selbsttuschung zu. Der Cavalier htte nicht vermocht, einem so hoch ber ihm
stehenden Verwandten mit solchen Anforderungen sich an den Hals zu werfen, aber
Untersttzung, Avancement, Avantagen htte er ohne Scheu von ihm erwartet und
angenommen; seine edlere Natur wrde vielleicht dabei mehr gelitten haben, aber
die Noth htte ihn wie jenen gezwungen.
    Der kleine Brger dagegen ging directer zu Werke, ihm war die reiche
Verwandtschaft eine bloe Fundgrube, die Delicatesse drckte ihn durchaus nicht.
Als reicher Fabrikant wrde er hnliche zudringliche Ansprche, wie er selbst
sie an Kronberg machte, auf's Grbste abgewiesen haben, dagegen aber, auch ohne
Aufforderung, seiner armen Freundschaft beigesprungen sein in kurzer drngender
Verlegenheit; einem reichen Verwandten htte er vielleicht noch lieber
beigestanden und htte dann die Selbstbefriedigung geschmeichelter Eitelkeit mit
in den Kauf genommen. Von welchem Standpunkte aus sollten oder konnten sich nun
wol diese Beiden verstehen? Wem sa das brennende Nessuskleid frhjhriger
Gewhnung fester um Sinn und Seele?
    Und auch im zarteren Charakter Anna's hafteten die ersten Erfahrungen des
noch kaum in die Auenwelt blickenden Kinderauges. Sie fhlte sich in ihren
Erinnerungen verletzt, zerspalten und weinte - um ihren Bruder. Sie gedachte der
bersehenden nichtachtenden Gleichgltigkeit, mit welcher Kronberg stets ihre
Familie betrachtet; sie schaute weit zurck in ihrer Mutter Herz, die fr jeden
noch so entfernten Vetter Trost und Theilnahme in sich trug; sie gedachte Otto's
und ihres Oheims Ankunft am Neujahrstage, und es kam ihr vor, als ertrage doch
Kronberg ihre brgerliche Abkunft sehr schwer.
    Sonderbar, da ihr nicht einen Augenblick beifiel, da auch Gotthard ein
Brgerlicher sei! Es ist aber unleugbar, da in unseren Tagen dem wirklich
eminenten Talent berall Bahn bereitet ist und die Aristokratie des Geistes jede
andere weit berflgelt, bei Mnnern und Frauen. Da bei den letztern an den
Fhlfden des Gemths, wie an den Wurzeln einer schnen Blume, der Heimatsboden
fester haftet beim Verpflanzen, liegt an der innern Poesie, mit welcher sie der
Gegenwart berhaupt selten gestatten, der schnen Vergangenheit es gleich zu
thun.
    Vermchten wir daher nur in dem jetzigen Ringen befugter und unbefugter
Weltverbesserungen, Jeder in sich selbst die groe Revolution zu
bewerkstelligen, die das individuelle Urtheil von den Banden aller Gewhnung und
des eigenen Standpunktes erlste, dann wre wirklich dem intellectuellen Sein
ein schner Tag erschienen, es feierte dann seine goldne Zeit!
    Aber als Louis nun nach vollendeter Umwandlung zu Annen sollte, erklrte er
ihr schriftlich, sie msse irgendwo mit ihm zusammenkommen, zu seinem vornehmen
impertinenten Schwager setze er keinen Fu mehr. Anna traf ihn auf der
Promenade, fuhr mit ihm um ganz Wien herum, stieg am Glacis aus und ging mit ihm
spazieren. Die gestrige Scene erneute sich. Anna versprach, die Pension ferner
zu zahlen, zu Abtretung des Erbtheils verstand sie sich aber nicht - ein dunkles
Gefhl warnte sie. Als sie ihn verlassen mute, um sich zum Diner zu kleiden,
bat sie ihn, mit ihr den Abend in's Burgtheater zu gehen, sie wolle ihn abholen.
    Mochte ihn ihre abschlgige Antwort verdrossen oder er vergessen haben, da
er selbst am Morgen sich geweigert, Kronbergs Wohnung zu betreten, er ward
abermals heftig und meinte, vermuthlich drfe sie ihn nicht in's Haus bringen,
ihr Mann wolle den geringen Soldaten gar nicht einmal sehen, er werde ihn wol
durch seine Lakaien zur Thr hinauswerfen lassen? Anna litt unsglich. Im
nmlichen Augenblicke rollte Kronbergs Equipage heran. Die Spanierin kannte
Annen, sah sie mit einem stattlichen, sogar schnen jungen Manne gehen und
lorgnettirte das Paar aufmerksam und dreist. Auch Kronberg sah schrfer hin,
trotz seiner Verwandlung erkannte er Louis; natrlich grte keines von Beiden.
    Wer war das? Wer ist die? fragte Louis?
    Ich wei nicht, stotterte Anna verlegen und wurde abwechselnd bleich und
roth.
    Aber ich wei es! Kreuz, Bomben und Granaten! Armes, armes Weib! - Er drohte
ihnen mit der Faust nach. Ohne ein Wort weiter zu reden, fhrte er Annen an
ihren Wagen, hob sie hinein, warf den Schlag zu und war verschwunden. Anna
zitterte heftig, sie konnte kein Auge aufschlagen.
    Wild wogte das Blut in Louis' kochender Brust, er glaubte, den Wagen
einholen zu knnen, um zu erfahren, wohin der Graf mit seiner Geliebten fahre,
aber die Pferde entschwanden ihm nach wenig Secunden. Betubt, nach Entschlu
ringend, trat er in ein Weinhaus. Er trank hastig, er wute nicht wie viel, noch
was. Am Morgen hatte er in seinem Hotel allerlei Erkundigungen eingezogen und
die widersinnigsten Uebertreibungen hatten ihn gegen den Grafen aufgehetzt; in
seinem halben Rausch hielt er Kronberg fr einen Schlemmer und niedrig
schlechten Menschen, seine Schwester fr eine arme verlassene Frau. Seine eignen
Nodomantaden befeuerten ihn mehr und mehr, und ehe er selbst sich dessen klar
bewut worden, hatte der Portier, der ihn erkannte, ihm geffnet und er war
ungesehen in's Haus bis zu Kronbergs Zimmer vorgedrungen, woselbst er Posto
fate und ihn zu erwarten beschlo.
    Unterdessen war Anna im Nachhausefahren St. Luce begegnet, den sie sogleich
in ihren Wagen zu steigen und mit ihr nach Hause zu fahren bat. Der alte Freund
erschrak, als er ihre heftige Erregung gewahrte. Halb verwirrt vor Angst,
erzhlte sie ihm den gestrigen Vorfall und da Louis mit Kronberg hart an
einander gerathen; sie bat ihn, einen von Beiden zu bewachen, um ein noch
schlimmeres Zusammentreffen zu verhindern. Wir haben Kronberg eben auf der
Promenade begegnet, schlo sie verlegen, er fuhr an uns vorber.
    Das eine Wort war dem gewandten Franzosen genug, er wute sogleich mit wem,
und errieth das Uebrige. Nach wenigen Minuten verlie er seine schne Freundin,
um Louis zu besuchen, ging aber statt dessen zu Kronberg, drckte dem Bedienten,
der ihn melden wollte, einen Gulden in die Hand und trat in dem Augenblicke in's
Zimmer, als Kronberg eben seinen Schwager bei der Schulter ergriff und heftig
auf ihn eindringend, wiederholend ausrief: Wer ist der Elende? Wer hat es
gesagt?
    Pardon, cher Comte! sagte der alte General und lie im Eintreten seinen
Stock fallen, den er, mit dem Rcken jenen zugewendet, uerst mhsam aufhob.
Auf diese Art gehindert, irgend etwas von dem zu sehen, was vorging, fuhr er
fort: Ich kam, Sie zu bitten, mich meinem jungen Freunde Mller vorzustellen,
der freilich den brillanten Offizier von Anno 8 schwerlich in mir erkennen wird.
    Kronberg hatte im Augenblick seines Eintritts die Hand von Louis' Schulter
zurckgezogen, ihm standen die Schweitropfen glhender Beschmung auf der
Stirn, er hatte ja seinen Schwager beinahe wie einen Bedienten behandelt!
    Louis fate sich schneller, weil das Erkennen des Generals seine
Aufmerksamkeit gewaltsamer in Anspruch nahm. St. Luce lie sich innerlich von
Beiden zu allen tausend Teufeln wnschen, hielt aber Stich und ruhte nicht eher,
bis er Louis' Stimmung beschwichtigt hatte. Die auerordentliche Freundlichkeit
des alten Mannes, der ihn wie einen Sohn an's Herz drckte, berwltigte ihn.
Mit Bitten bestrmt, den General zu begleiten, der ihm durchaus Wien zeigen
wollte, wandte sich der junge Krieger etwas verlegen, doch jetzt in durchaus
wrdiger Weise, zu Kronberg: Ich stehe Ihnen morgen zu Dienst, sagte er kalt.
    Auf Kronberg, der augenblicklich des schlauen Invaliden Spiel durchschaute,
machte die Sache einen allmlig fast komischen Eindruck. Der alte Fuchs, dachte
er innerlich, er hat ganz Recht! Mit einem Unteroffizier kann ich mich doch
nicht schlagen! Und wegen der Capacelli! ich! Er reichte, pltzlich
entschlossen, seinem Schwager die Hand. Vergeben Sie mir, ich bin zu rasch
gewesen! sagte er mit anmuthiger Hflichkeit; Sie sind im Recht! Ist's aber
irgend mglich, so nennen Sie mir nun endlich den Namen des Verleumders, ich
bitte Sie dringend darum! Der Graf sah vollkommen beruhigt aus, und doch wogte
das Blut noch in ihm, als wolle es seine Adern sprengen. Ich habe vor meinem
Freunde St. Luce kein Geheimni! fuhr er bittend fort.
    Louis schwieg immer noch. Er schmte sich, die Namen des Wirthes und einiger
untergeordneten Personen zu nennen, ein inneres Zartgefhl hielt ihn zurck; er
wute, der reiche Graf wrde solche Stimmen nicht gelten lassen. Morgen!
wiederholte er entschlossen.
    Nach secundenlangem Nachsinnen lie ihn Roderich ruhig mit St. Luce sich
entfernen.
    Ein ungeheurer Schmerz hatte ihn ergriffen, es war ihm klar, Anna, Anna
hatte ber ihn geklagt! Anna hatte Geheimnisse vor ihm. Ein fressendes Mistrauen
drngte sich in seine Seele und zwischen ihn und sie. Er ward rauh,
unfreundlich, hhnisch gegen seine Frau, die diese neue Wendung seiner Laune
nicht begriff und in der die Sehnsucht nach Gotthard mit jedem Tage
frchterlicher arbeitete und bohrte, wie das tdtende Eisen, das man langsam in
die verwundete Brust senkt.
    Louis aber war wenige Stunden, nachdem er den Grafen verlassen, pltzlich
heftig erkrankt; der klimatische Wechsel oder die ungeheure innere Aufregung,
die das Gesprch mit demselben erzeugen mute und die der nur an krperliche
Strapazen Gewhnte nicht in sich zu verarbeiten vermochte, zogen ihm ein
Wechselfieber zu. Anna und St. Luce besuchten ihn tglich; Letzterem gelang es,
ihm allmlig etwas ruhigere Ansichten einzuflen und sein Betragen gegen den
Grafen zu regeln. Kronberg lie sich alle Morgen nach ihm erkundigen, ging aber
nicht hin. Schweigend verdoppelte er Annens Nadelgeld. Sie mu doch anstndig
erscheinen knnen, sagte er bitter; aber sein Benehmen blieb folternd ungleich,
hart und voller Mistrauen. Jedes Gefhl seines eigenen Unrechts gegen sie war
pltzlich aus seiner Seele geschwunden.
    So standen die Dinge, als unerwartet, wie ein Trost des Himmels, Gotthard
von Berlin zurckkehrte.
    Am nchsten Morgen erwachte sie mit dem Gefhl: Er ist da, du wirst ihn
sehen! Und in den Vormittagsstunden kam er. Sie durchsprachen in
hieroglyphenartigen Worten Alles, was whrend jener tdtenden Trennungszeit an
Beiden vorbergezogen; sie berhrten es kaum und nur andeutend, denn bei solchem
Ineinanderwachsen der Seelen bedarf es keiner langen Rede; jeder Blick, jeder
Hauch, jedes Schweigen wird verstanden. Das eben ist ja das eigentliche Glck
der hheren Liebe, da sie zwei Menschen frei macht von all den kleinen Qualen
und Fesseln des Nichtverstehens und der Seeleneinsamkeit.
    Sie erzhlte ihm auch von Louis, von seinem Betragen und seiner Krankheit
und da er nun heimzureisen gedenke, doch seltsam mit dem Entschlusse dazu
zgere von Tag zu Tag, ohne eigentlichen Grund. Als er sie verlie, begegnete
ihm im Hinausgehen St. Luce.
    Sonderbar, sagte dieser, ich bringe den jungen Mller durchaus nicht fort.
Der Arzt findet ihn genesen; sein auf unser Schreiben verlngerter Urlaub ist
fast abgelaufen; seine Rechnungen sind in unsern Hnden, der Wirth, der Arzt,
der Schneider - -
    Und alles das mu die Grfin zahlen? fragte Gotthard.
    Leider! Sie besucht ihn alle Vormittage, er nimmt jedesmal halb und halb von
ihr Abschied, versichert, ein frmliches Lebewohl sei ihm unertrglich, und am
nchsten Morgen findet sie ihn wieder. Was kann das sein, er kann uns doch nicht
immer so in Wien auf dem Halse bleiben wollen! Sollte er verliebt sein oder
heimliche Schulden gemacht haben?
    Er hat gespielt, erwiderte Gotthard, wie durch pltzliche Eingebung. Ich
will sogleich zu ihm.
    Gotthard hatte die Fessel richtig erkannt, welche den Unglcklichen von
seinem Krankenlager nicht sich lsen lie. Louis war einem Stube an Stube mit
ihm wohnenden Glcksjger in die Hnde gefallen und alles Geld, das er von Anna
erhalten, jenem bereits zur Beute geworden.
    Die Art und Weise, durch welche es Gotthard gelang, den Unbesonnenen zum
Gestndni zu bringen, kann fr uns kein sonderliches Interesse haben. Als die
Summen berechnet waren, reichte Alles, was Louis an baarem Gelde besa, nicht
hin, die Hlfte der Schuld zu decken. Des ganz Unbemittelten Aufenthalt in einem
Hotel, seine Krankheit, seine verschiedenen Bedrfnisse hatten Annens
Hilfsquellen erschpft; sie hatte es nicht geradezu gesagt, Gotthard hatte es im
Gesprch mit ihr durchfhlt, er bernahm sogleich einen Theil der Zahlung, fr
den andern sagte er gut und verlie Louis erst, nachdem er eine lange
Unterredung mit dem Spieler gehabt und jenen zum Posthofe begleitet hatte.
    In den letzten Momenten seines Aufenthalts, whrend Gotthard zu seinem
Nachbar hinberging, nahm Louis in einigen Zeilen Abschied von seiner Schwester
und bergab den Brief dem Lohnbedienten des Hotels.
    Nachdem auf diese Weise alles geordnet und Louis abgereist war, glaubte
Gotthard Annen beruhigen zu mssen, ohne ihr jedoch von der sich auf einige und
fnfhundert Gulden belaufenden Summe etwas zu sagen, die zu zahlen er
bernommen, und von welcher er hoffte, sie solle ganz unerwhnt bleiben, um der
theuern Frau nicht auf's Neue eine Ursache zu geben, ber ihren Bruder zu
klagen.
    Als er Annens Zimmer betrat, fand er sie in Thrnen, sie hatte ihn
angenommen, weil sie sich's nicht zu versagen vermochte. Es war die erste
Unbesonnenheit ihrer Liebe, der erste Fehltritt. Louis hatte ihr alles
geschrieben.
    Zu redlich, einen ihm ganz Fremden um eine ihm bedeutend erscheinende Summe
zu bringen, zu leichtsinnig, um die mglichen Folgen der Uebertragung seiner
Anleihe zu bedenken, schien ihm der natrlichste Ausweg der, seine Schwester zu
Gotthard's Schuldnerin zu machen. Kahl und nackt, ohne alle
Selbstentschuldigung, hatte er ihr die Sache hingestellt, wie sie eben war; ja,
er hatte sogar den aufgeregten fieberhaften Zustand, whrend welchem er dem
Hazardspieler in die Hnde gefallen, dem unverantwortlichen Betragen Kronbergs
gegen sich und Annen zugeschrieben.
    Es lag wenig Liebe und gar keine Hingebung in diesen herben Abschiedsworten
an seine Schwester, und dennoch schlossen sie mit der Voraussetzung, da sie um
seinetwillen den Verlust der paar Thaler leichter verschmerzen werde, als er,
der freilich nur zerstrte oder halberfllte Hoffnungen seinem armen Weibe
heimzubringen habe.
    Anna weinte bittere Thrnen, Louis' Egoismus schnitt ihr in's Herz, sie
fhlte sich zwischen Gatten und Bruder so frchterlich allein, so fremd, wie in
einer endlosen Wste. Louis' Anklage ihres Mannes war schonungslos scharf, das
Aussprechen seiner Treulosigkeit gegen sie that ihr aus ihres Bruders Munde
weher, als in all den Bemerkungen der frivolen Gesellschaft, welche am Ende nur
lachte, spttelte und - verga.
    Auch Gotthard, dem ganz unbegterten Freunde, eine neue Last aufgebrdet zu
sehen, schmerzte sie - da hrte sie den ihn meldenden Bedienten. Als er aber nun
eintrat mit dem milden freudigen Ausdruck in den geisteshellen Zgen, ward ihr,
als senke sich pltzlich die Heimat um sie nieder, aus dem Himmel in ihr Herz.
    Gotthard setzte sich diesmal neben sie, statt wie sonst ihr gegenber. Ihm
war so unsglich wohl und leicht; war doch nun diese Sorge der theuern Frau
entnommen.
    Er sprach sogleich von Louis, ging freimthig in dessen Lage und Ansicht
ein, erst ihn beklagend, dann heiter ihn vertheidigend. Er schilderte ihr
Schlesien, Glatz, das er kannte, das gemthliche, etwas beschrnkte Brgerleben
des Stdtchens; sprach ber manche kleine Vortheile und Annehmlichkeiten, die
ein lngerer Aufenthalt Louis und den Seinen dort gewhren msse. Mit jedem
neuen Abschnitt lichtete er die Farbe seiner Darstellung.
    Zuletzt erzhlte er von sich, da er selbst frher gern sein Glck auf einen
raschen Wurf gesetzt und schwer dem Spiel entsagt. Er lobte Louis' sanftes
Hinnehmen seines Eingriffs in eine ihm ganz fremde Angelegenheit; er breitete
eine lange bunte Scenenreihe vor dem geliebten Blicke aus, wie man einem kranken
Kinde ein Bilderbuch aufschlgt und mit ihm es durchblttert, und lockte so aus
allen Tiefen ihrer Seele die Schmerzen und dunkeln Gedanken hervor, um sie wie
mit einem balsamischen Zauber zu umweben. In diesem Augenblicke lag nicht die
mindeste Leidenschaft in seinem Thun zu Tage; es war die Wundermacht des tief
sein ganzes Sein durchdringenden Gefhls eines schonenden tiefen Wohlwollens,
das er bewut und sanft anwendete, wie ein Arzt die ihm inwohnende heilende
Kraft.
    Anna war, als habe sie noch nie Jemanden zugehrt, oder als tauche ihre
Kindheit wieder auf, als se sie noch auf Sophiens Schoos und lauschte emsig
deren Erzhlungen. Wie eine Bltendecke legten sich seine Worte auf die unruhige
Qual ihres Innern. Mit einem unaussprechlichen Dankgefhl blickte sie zu ihm
auf, der Widerschein ihrer Stimmung in seinem Antlitz rhrte sie fast noch
inniger, als sein Handeln. Wie selten war ihr wohlgethan worden in ihrem so
beneideten und brillanten Leben! Und Er war ihr noch dankbar dafr, da sie es
annahm.
    Die kleine irlndische Ballade, welche Leontine am ersten Abende des
Zusammenseins mit ihm gesungen, war Beiden eine Art inneren Palladiums geworden.
An jenem Abend hatte Gotthard zuerst sich ihr ausgesprochen. Seitdem hatte er
die Verse in Musik gesetzt und oft gesungen. Wenn Kronberg Annen ganz
unverstndlich wurde, spielte sie die Melodie; seltsam genug liegt diese Art
Doppelempfindung in der weiblichen Natur: sie wollte Roderichs frheres edles
Bild sich hervorrufen, es festhalten, trotz den entsetzlichen Verzerrungen des
Lebens, und dennoch blickten Gotthards ernste stetige Augen so trstlich
zwischen den Notenreihen sie an.
    Anna sa in der Nhe des Fortepiano, auf demselben lag die Ballade
aufgeschlagen; unwillkrlich fiel ihr Blick darauf, er umflorte sich, sie ward
sehr dster.
    Gotthard war ihr im Sprechen nher gerckt, sein Stuhl berhrte die
Sophaecke, in welcher sie ruhte. Sein Auge folgte dem ihren, aber er verstand
den Zug ihrer Gedanken nicht sogleich; es trat eine jener gefhrlichen
Gesprchspausen ein, in denen die Gewalt des sich insgeheim entwickelnden
Gefhls verrtherisch der Erwiderung im Augenaufschlag des Geliebten begegnet -
Beide errtheten. Gotthard ergriff ihre Hand und kte sie unbewut leise; sie
lie sie ihm eben so unwillkrlich.
    Zum ersten Mal versagten sich ihnen Wort und Gedanken, die innere Flut der
Empfindung und einer pltzlich sie berkommenden namenlosen schmerzlichen Ahnung
berwltigte Beide. So saen sie schweigend neben einander, dicht zu einander
gebeugt, lautlos das Glck der Geliebten Nhe fhlend, scheu vor jeder noch
nheren Berhrung zurckbebend.
    Da sprang die kleine Tapetenthre auf, die aus dem Cabinet zu einer obern
Zimmerreihe fhrte, Kronberg trat in dieselbe, er schleuderte den kleinen Joseph
vor sich her, den er an der Hand herabgefhrt.
    Kannst du mir erklren, Anna! - begann er und blieb verstummend, staunend an
der Schwelle stehen - er gewahrte Gotthard, der aufgesprungen war, der Knabe
aber strzte in des geliebten Freundes Arme, der ihn zrtlich an sich zog und
liebkoste. - Joseph, fuhr Kronberg nach einem hflich kalten Grue fort, hat
mich soeben gebeten, ihn zu seinem Bruder in's Institut zu thun, weil er dort
Herrn Gotthard wieder alle Tage sehen wrde. Er klagt ber seinen Lehrer, da er
ihn geschlagen; wolltest du die Gnade haben, mir diesen Gallimathias zu
erklren? In der That kann ich auch nicht begreifen, wie es zugehen mag, da
Sie, Herr Gotthard, meine Kinder tglich sehen?
    Gotthard fhlte lebhaft, es glte, die Geliebte vor einer neuen Form der
Eifersucht zu schirmen, die Kronberg verzehrte. Beide Mnner verstanden
vollkommen einer den andern: Anna's Name durfte nie unter ihnen genannt werden.
Sie sa beklommen, schwer athmend, still in ihrer Sophaecke.
    Gotthard erwiderte stolz aber besonnen, da der Director des Instituts sein
Jugendfreund sei, den er allerdings whrend seines kurzen Aufenthalts in Wien
tglich besuche und bei welchem er den Knaben fters treffe, zu dem ja immer
noch die herzlichste Neigung ihn hinziehe.
    Herr Gotthard, unterbrach ihn der Graf, als die Kinder noch das Glck
hatten, Ihrer Obhut anvertraut zu sein, habe ich, der Vater, mir nie die
kleinste Einmischung in Ihre Ansicht und Erziehungsart erlaubt. Sie wrden mich
verbinden, obgleich ich Ihre Theilnahme dankbar anerkenne, dasselbe jetzt fr
mich zu thun. Doch habe ich ohnehin mit Beiden andere Plne und kam, sie mit der
Grfin zu besprechen. Vergeben Sie, da ich Ihre Gegenwart in meinem Eifer nicht
augenblicklich bemerkte; die Sache hat Zeit.
    Mit gewohnter Leichtigkeit begann er ein Gesprch ber ein von Gotthard
verfates Memoire, blieb eine halbe Stunde und verlie dann das Zimmer mit der
Bitte an Gotthard, mit Annen noch ein wenig Musik zu machen, indem er die auf
dem Flgel liegenden Musikalien bemerkte; das Kind lie er in dessen Armen
zurck. Ernst blieben die Liebenden vor einander stehen: die dunkle Ahnung war
schon Wirklichkeit geworden.
    Anna, sagte endlich Gotthard, indem er den Knaben, der in seinen Armen
eingeschlafen war - es war Abend geworden - auf's Sopha legte, Anna! wir mssen
scheiden. Auf welche Weise ist mir selbst noch nicht deutlich, aber es gilt,
Ihnen die Knaben zu erhalten, deren Verlust Sie zerstren wrde. Gott wei, ob
ich Sie je wieder allein spreche, darum heute eine Bitte, fr welche ich Ihre
Verzeihung innigst erflehe.
    Er blickte auf Joseph, das Kind schlief fest und sanft. Anna war in einer
furchtbaren Stimmung, Gotthards volle bewegte Stimme vibrirte in jedem Nerv
ihrer bebenden Gestalt; sie konnte nicht reden, es erstickte sie.
    Der Graf wird meine Einmischung in seine Verhltnisse unter keiner Form
jemals vergeben, Sie wrden immer dafr ben. Sie wissen, Anna, da mein Leben
hier, wie in der Ferne Ihnen angehrt. Ich werde Wien gleich nach der
geschlossenen Uebereinkunft mit Metternich verlassen, mich ganz den Geschften
in den lteren Provinzen widmen. Der volle, tragende Strom der Zeit - Anna, er
wird auch uns wieder zusammenfhren und - es bermannte ihn, er schwieg einige
Secunden - durch alle Verwandlungen der Tage hindurch werden wir einander
erkennen. Nicht wahr, immer, berall?
    Ich hoffe es, sagte sie, zusammenbrechend.
    Nein, o nein, Anna! Sie mssen es wissen, unumstlich gewi, wie Sie
wissen, was Ihnen das Hchste ist, wie Sie von Gott wissen, von der Fortdauer,
tief aus dem Innern der Seele heraus - sonst wre mein Dasein eine Hlle! schlo
er dumpf.
    Ich wei es! sagte sie fest. Er lie sie los und ging nach seiner alten Art
einige Male hin und wieder, um sich zu sammeln.
    Es bleibt keine Zeit mehr, Wort und Ausdruck zu messen, wir haben kaum noch
nach Minuten zu zhlen; also meine Bitte.
    Anna weinte, Gotthard trocknete leise ihre Thrnen; aber er berhrte ihre
Augen nur mit dem Tuche. Hren Sie mich, fuhr er immer trauriger fort, jede
kleinliche Rcksicht einer engherzigen Delicatesse mu in diesem Augenblicke
schwinden! Ihr Gemahl darf nie, unter keiner Bedingung, auf keine Weise
erfahren, was zwischen mir und Louis vorgefallen; die Verpflichtungen, die er
und ich als Mnner gegeneinander bernommen, mssen unberhrt zwischen ihm und
mir allein bleiben - das, Grfin, versprechen Sie mir! Es ist wichtiger, als Sie
ahnen.
    Louis hat mir alles geschrieben -
    Unmglich!
    Ich wei, welche Summe Sie fr ihn bernommen. Er hat mir das Geld zu zahlen
-
    O Anna! rief Gotthard, schmerzlich ergriffen, indem er ihre Hnde einen
Augenblick an seine Brust zog, muten Sie es aussprechen? Muten Sie das
elendeste Wort in dieser Stunde sich eindrngen lassen, die wahrscheinlich fr
uns keine Schwestern auf Erden hat? - Doch wie Sie wollen! Gleichviel; meine
Bitte bleibt fest: kein Vorwurf, keine Scene, kein Misverstehen darf Ihnen das
Geheimni entlocken; Kronberg darf nie erfahren, was zwischen mir und Louis
abgehandelt! O Freundin! versprechen Sie mir, was Sie nicht begreifen, ich
bitte, ich beschwre Sie darum!
    Ich verspreche es! sagte Anna; und glauben Sie mir, es ist kein Kleines, was
ich thue, da ich verspreche, was ich nicht bersehen kann!
    Mutter! Gotthard! schrie das Kind im Schlaf. Beide eilten zu ihm. Gotthard
kte seine blonden Locken, die ber die Sophalehne herabhingen - er sah traurig
aus, wie van Eyks richtende Engel. Gott erhalte Ihnen den Knaben! rief er
gepret, dann wandte er sich, um zu scheiden. In Beiden wogte der Kampf einer
mit jedem Moment sich steigernden verzweifelnden Leidenschaft und seine
schmerzliche Gewalt ri Herz an Herz. Gotthard drckte die zitternden Hnde auf
seine Augen. Nein! nein! rief er mit wachsender Heftigkeit, auch nicht den
Schatten eines Fleckens auf diese Stunde! Er bog sich leicht zu Annen nieder und
kte ihr Gewand. Bleibe meine Heilige! flsterte er und strmte fort.
    Anna sank weinend neben ihrem schlafenden Knaben in die Knie und betrachtete
ihn lange; sie dachte nicht deutlich, sie fhlte nur dumpf eine unsgliche Pein;
und wie ganz von fern in Nebel eingehllt, zog ihrer Erinnerung die erste Stunde
ihres Kampfes vorber, als ihr klar geworden, da sie Gotthard liebe. Wenn ich
nur nicht wahnsinnig werde! seufzte sie. Endlich kte sie ihren Joseph wach, um
ihn zu Bett bringen zu lassen.
    Nach fnf Minuten hrte sie Kronbergs Schritt im Vorzimmer. Er sah erhitzt
und unglcklich gestimmt aus; er kam von der Capacelli, die ihm irgend eine
Scene gemacht haben mochte. Dem Aerger ber sie gesellte sich die Entrstung
ber Gotthards unverschmte Eingriffe in alle Rechte, die ihm die Natur und die
brgerliche Gesellschaft verliehen.
    Anna, sagte er, ich hatte gehofft, die unglckselige Geheimnikrmerei, die
so traurige und ernste Folgen in Bezug auf Leontinen gehabt, wrde in unserer
Familie wenigstens nicht Wurzel schlagen; ich habe mich geirrt! Je ne suis pas
le dupe des phrases de Monsieur Gotthard! Wie er bei unserm Fortzuge von Bern
mit Gewalt sich in die unselige Geschichte Viatti's eindrngte -
    Mich dnkt, sagte Anna, wir verdanken ihm die Freiheit unseres Schwagers.
Hast du vergessen, da am Tage nach dessen gelungener Flucht Haussuchung die
ganze Strae entlang gehalten wurde? Sie trat zu ihm und legte sanft die Hand
auf seinen Arm. Beflecke dich nicht durch Undankbarkeit, Roderich!
    Eben so, fuhr Kronberg fort, ohne auf sie zu hren, mchte er nur ohne Recht
und Befugni die Leitung des ganzen Bildungsganges unserer Shne sich erhalten!
Ich glaube nicht an Infallibilitt, nicht einmal an die des heiligen Vaters.
    Was soll das Alles? fragte Anna.
    Du hast mir schmerzlich-klare Grnde gegeben, vorauszusetzen, da dieser
Gotthard die Hand bei allen bedeutenderen Ereignissen unseres Lebens im Spiele
hat; ich htte aber wenigstens erwarten knnen, persnlich von seinen
Einflsterungen und Zwischentrgereien verschont zu bleiben!
    Anna schwieg; wie eine Knigin stand sie ruhig und ernst vor ihm. Ich
verstehe dich nicht, sagte sie endlich.
    Leider sind mir seine Beweggrnde keine Rthsel mehr! Aber bedenke, fuhr er,
immer heftiger aufbrausend, fort, bedenke genau, was du thust! Ein unedles
Ersphen meiner Tritte und Schritte ertrage ich nicht! - Ich habe dir volle,
unbegrenzte Freiheit in allen Handlungen gelassen - la sie nicht in
Beherrschung der meinen ausarten! Armes Kind! was hoffst du zu erreichen? setzte
er, immer mehr sich steigernd, hhnisch hinzu. Meinst du, der Satan lasse mit
sich handeln und sich einen Rest des einmal von ihm ergriffenen Menschenglckes
abdingen? Er hlt fester, als Liebe und Glck.
    Er warf sich auf das Sopha und blieb schweigend, als erwarte er ihre
Antwort, mit verhlltem Gesicht vor ihr sitzen. Seine Brust arbeitete
frchterlich, er schien fassungslos. Hand und Schnupftuch verbargen ihr seine
Zge.
    Ich verstehe dich durchaus nicht, Roderich! wiederholte sie mit trauriger,
aber fester Stimme. Meinst du jedoch eine Einmischung des Geheimraths, so ist
deine Besorgni grundlos, denn er steht auf dem Punkte, Wien auf lange zu
verlassen.
    Das ist nicht wahr! fuhr Kronberg auf, das wre in seiner Lage Wahnsinn,
Raserei! - Was will er damit? Hlt er mich - er zitterte vor Wuth, seine Zhne
schlugen aneinander - hlt er mich etwa gar fr eiferschtig?
    In diesem Augenblicke brachte der Jger des Grafen ein Billet. Roderich
erbleichte; er las es mehre Male und verlie mit dem Jger das Zimmer.
    Nach wenigen Secunden kam er zurck und nahm seinen Platz wieder ein. In
dumpfes Sinnen verloren, saen die Gatten einander lange gegenber. Endlich
sprach Kronberg weiter: Unser Egon ist der ausgezeichnetste Knabe, den ich je
gesehen -
    Dank sei Gotthard, der seine Anlagen erweckte! dachte Anna.
    Ich hoffe, er wird einst unter den Bedeutendsten seines Vaterlands zhlen,
darum will ich ihm keine berechnenden Erziehungsfesseln angelegt wissen, wie sie
mich whrend meiner Jugend gedrckt -
    Anna seufzte und schwieg.
    Herr Gotthard und Consorten vermgen kaum, den Standpunkt zu erfassen, von
welchem aus der junge Aar seinen Flug beginnen soll. Ja! fuhr er pltzlich, wie
in's Weite blickend, aber sehr trbe fort, er mag die Flgel ungebunden
entfalten und des Vaters Beispiel soll ihn wenigstens vor einer sentimentalen
Strung seiner Carrire bewahren, zu welcher auch ihn die Umstnde stoen
knnten, und der in unsern Tagen berall nur die krasseste Lebensironie
entgegentritt.
    Um Gottes willen, Roderich! fuhr Anna bebend auf, was hast du ber die
Kinder beschlossen?
    Die Knaben kommen sogleich nach Berlin unter Geierspergs Aufsicht, der sie
in ein bedeutendes adeliges Institut thun mag.
    Anna starrte unbeweglich vor sich hin, der Gedanke an diese Trennung lhmte
ihre Sinne.
    Kronberg sah nach der Uhr, dann sprach er fort: Geiersperg hat mit
bewundernswerther Consequenz Viatti's Sache gefhrt; zweimal ist er in Mailand
und Neapel gewesen. Graf Gonfalonieri bt mit lebenslnglichem Gefngni, was
hier, in schonender Milde, mit Verbannung und einem gegebenen Ehrenwort
abgemacht wurde. Noch in diesem Monat hoffe ich meiner Nichte Ehre gesichert und
die Folgen dieses tollen Schrittes ausgelscht zu sehen, noch vor Ablauf des
Sommers sie dem Kaiser als Grfin Viatti vorstellen zu drfen. Nun so viel
gelungen, steht mehr zu hoffen! Und merke wohl, das danken wir Geiersperg!
Geiersperg, dem Realisten. Mitten im Sprechen hatte Kronberg wieder nach der Uhr
gesehen. Der zweite Act der Medea, sagte er pltzlich in ganz anderem Ton. Darf
ich dich hinfahren? Mein Wagen wird bereits halten. - Eben meldete man St. Luce.
Kronberg lie ihn nicht zum Worte kommen, er mute mit.
    Und die Unglckselige, von tausend rthselhaften Empfindungen und Sorgen
Bengstigte mute in die Oper und das Ballet sehen, von welchem seit drei Wochen
die Rede war, und die Cavatine der Capacelli hren, die alle Welt entzckte.
Kronberg brachte sie in ihre Loge, in welche auch St. Luce ihr folgte, dann
verlie er sie. Sie wute ihn auf der Bhne oder in der Capacelli Garderobe,
aber sie machte eine glnzende Conversation mit einer Menge sie in der Loge
umgebenden Herren, und war eine brillante, schne, bewunderte Frau, deren
trkischer Shawl und Schmuck unzhlige neidische Blicke auf sich zogen. Das ist
das Leben!
    St. Luce wute um Louis' Abreise, er flsterte es ihr zu und sah bewegt aus
dabei. Woher konnte er es schon wissen? In Anna's Seele flackerten die Gedanken,
wie Irrlichter auftauchend und schwindend, sie vermochte keinen einzigen
festzuhalten. Gotthard war nicht auf seinem Platze ihr gegenber. Erst in der
vorletzten Scene gewahrte sie ihn, sie sah, da er nur kam, um zu erfahren, ob
sie im Theater sei. Nach wenigen Minuten, noch ehe der Vorhang fiel, war er
verschwunden.
    Kronberg lie am folgenden Morgen Annen wissen, er komme nicht zu Mittag
nach Haus. Den ganzen Tag ber hie es: er sei aus. Der heutige Abend war einer
ihrer Empfangsabende, es kamen eine Menge Leute; aber weder Gotthard noch
Kronberg erschienen. Anna war in tdtlicher Verlegenheit, sie ersann eine
Entschuldigung um die andere. St. Luce, der ihre Angst sah, verlie die
Gesellschaft, wie er sagte, um Gotthard zu sprechen. Einen Moment athmete sie
leichter auf, als sie seinen Wagen aus dem Thor rollen hrte; vergebens, er
kehrte zurck, Gotthard war nicht zu Hause.
    Gegen halb elf Uhr kam endlich Kronberg; er entschuldigte sich leichthin mit
der Abreise des hessischen Gesandten, den er in seinem Hotel habe aufsuchen
mssen; er schien aufgeregt, mit Annen sprach er kein Wort.
    In einem Seitencabinet sa ein kleiner Mnnerkreis, einer unter ihnen
erzhlte etwas, worber alle andern laut auflachten.
    Ruthberg gesellte sich ihnen zu; sie begrten ihn immer noch lachend als
Mephisto und fragten, ob er seinen Mantel zur Luftreise bereit halte? Ruthberg
lachte auch; er schien den Scherz zu verstehen.
    Ob die eigentliche Herzensknigin ein Gretchen oder eine Helene sei, fragte
man weiter. Ob der tugendhafte Bruder sich zufrieden gegeben habe?
    Gar nicht! fuhr eine Stimme aus der entferntesten Ecke dazwischen, der eine
Bruder hat den andern Bruder auf Ruthbergs Anstiften rein ausgeplndert!
    Auf mein Anstiften? fragte Ruthberg halb erzrnt, halb belustigt.
    Nun, das heit auf des Mephisto Anstiften.
    Hat denn Gretel-Helene zwei Brder?
    Ach nein! der eine andere Bruder - ist der Bruder einer Heiligen, die wir
Alle verehren.
    Der Name wird hier nicht genannt, meine Herren! rief ein blonder Offizier.
    Nicht einmal gedacht, bei solch einer Gelegenheit! setzte ein zweiter hinzu.
    Zum Teufel, so erzhlt mir's doch auch!
    Nun also, Helene hat aus frheren Zeiten einen - Bruder.
    Ah so!
    Der Bruder ist natrlich ein Heide und seine Schutzgttin die Fortuna. Da
aber in der Mythologie immer eine gewisse Identitts-Confusion vorherrscht, so
hatte Venus frher als Fortuna -
    Anastasius! wenn du uns die Sache ohne Mythologie vortragen mchtest?
    Meinetwegen! Wir haben gestern, wie wir hier sitzen, zusammen im goldenen
Lwen dinirt, den Nachmittag wollten wir ganz unter uns ein Spielchen machen.
Hubert suchte also den Bruder der Capacelli auf, damit er eine kleine Bank
erffne. Gondi kam; als aber hinter ihm die Thre abgeschlossen werden sollte,
erschien Ruthberg mit seinem Pylades.
    Ohne Mythologie! schrie Ruthberg.
    Nun, der Graf that erst etwas scheu und sah uns blos zu. Ruthberg pointirte.
Die Bank verlor; als sie zahlte, legte sie markirte englische Banknoten auf, die
der Graf erkannte.
    Wie denn das?
    Er hatte sie markirt aus England empfangen und die Nummern notirt, wie das
oft geschieht, und gerade diese nmlichen Banknoten am selben Morgen dem weisen
Solon ausgezahlt.
    Der bittere Kelch dieser Erkenntni verjngte den Faust, den du Pylades
nennst, er wurde zornig, als wre er zwanzig Jahre alt.
    Aber Solon rhrt ja keine Karte an, er spielt nie!
    Eben darin lag die Affaire! Dem Solon hatte er sie gezahlt, wie kamen sie
denn nach Verlauf so weniger Stunden alle in die Hnde des - Bruders?
    Das sieht einer abgekarteten Zuflligkeit so hnlich, wie ein Ei dem andern,
sagte der Blondin. Glaubte er denn an den Bruder?
    Den Zusammenhang habe ich nicht weg, versicherte ein Anderer.
    Die Frage war: ob der Bruder von seiner Schwester die beiden Noten, die sich
auf etwa vierhundert Florins beliefen, erhalten habe, und fr was man sie ihr
gegeben.
    Alle lachten. Ruthberg, nun erzhle uns die Geschichte weiter! Du gingst ja,
nachdem Ihr verloren, mit ihm und Gondi fort.
    Was ist da viel zu erzhlen! Es fand sich eben, da noch eine Sorte Bruder
im Spiele sei und sich heimlich aus dem Staube gemacht habe.
    Und nun breitete sogleich Mephisto seinen Mantel aus und ihr flogt nach? -
    Bah! rief Ruthberg, wir haben Wien nicht einen Augenblick verlassen!
    Darber schweigt die Geschichte; die Capacelli aber war unschuldig diesmal,
nicht wahr?
    Eben traten mehre Herren und Damen in das Cabinet, die Offiziere standen
hflich von ihren Sitzen auf, das Gesprch hatte ein Ende.
    Begreifst du, sagte der blonde Offizier im Hinausgehen zu seinem Freunde,
was dieser Satan von Ruthberg mit Kronberg vorhat? Die ganze Ueberraschung
scheint verabredet, weshalb htte sonst Gondi in englischen Papieren gezahlt,
die konnte er ja in fnf Minuten umsetzen? Es steckt irgend eine Teufelei
dahinter.
    Es ist ein groer Irrthum, zu glauben, da nur in kleinen Stdten geklatscht
wird; beinahe alle Mnner in Annens Salon wuten einen Theil dessen, was ihr so
rthselhaft blieb.
    Paola Capacelli war in einem Punkte nicht um ein Haar anders, als die
meisten ihrer Kunstgenossinnen; sie nahm die Auszeichnung, die ihr in vollem
Mae ward, dankbar hin, sie freute sich der berauschenden Huldigungen, die ihr
das Publicum zu Theil werden lie, aber sie wrde sie dennoch gern mit den
minder geruschvollen vertauscht haben, welche die Gesellschaft der schnen Frau
aus hheren Stnden beut.
    Kronbergs Betragen gegen sie, obschon er die reizende Spanierin nicht
liebte, hatte durch die entsetzliche Qual, die ihm seine in einer Andern so tief
gekrnkte Eitelkeit verursachte, fast immer etwas Leidenschaftliches; sein
Mistrauen, die tglichen Ungleichheiten seines ganzen Wesens, seine Heftigkeit,
seine Unruh konnten von einer Frau wie die Capacelli sehr leicht als glhende
Liebe gedeutet werden.
    Die unselige Spazierfahrt, auf welcher sie Louis neben Annen gesehen,
erweckte zuerst in Paola's Brust den Gedanken, da auch die Grfin einen
Liebhaber begnstige, da Kronberg um seiner Ehre willen eiferschtig sei und
die Trennung einer Ketzerehe nicht zu den Unmglichkeiten gehre.
    Die schne Paola war nicht immer in einer so glnzenden Lebenssphre
gewesen, als die, zu welcher jetzt ihr Talent sie erhoben. Sie hatte traurige
Tage der Armuth und Verlassenheit durchlebt. Das natrliche Kind des elenden
Wirthes einer Posada im Gebirge, ward sie dem armen Flecken, in welchem sie
geboren, schon als Kind von einem durchreisenden Italiener entfhrt, dem ihre
schne Stimme aufgefallen. Capacelli war sein Name; er hatte sie unterrichtet,
erzogen, benutzt, verfhrt - am Ende geheirathet, als sie kaum den Kinderschuhen
entwachsen, um den Gewinn ihres Talents um so gewisser sich zu sichern.
    Sehr natrlich war der alternde Maestro di Capella nicht der Einzige
geblieben, den ihr Gesang und ihre Schnheit anlockten; noch ehe sie die Bhne
betreten, hatte sich ein bisher durch ihr ganzes Lebensgewebe fortlaufendes
Verhltni zu einem bildschnen italienischen Vagabonden geschrzt, der in allen
Hauptstdten Europas, in denen sie verweilte, bald als vornehmer Reisender, bald
als Glcksritter und Spieler auftrat und wie ihr Planet, obschon minder oft
sichtbar, um seine schne Sonne sich drehte.
    Seit einem Jahre hatte der Tod die Fessel ihres Ehestandes gelst und die
Zeit die der Liebe gelockert. Paola und ihr Geliebter waren darber einig
geworden, da an eine engere, dauernde Verbindung unter ihnen Beiden zu denken,
eine Thorheit sei. Der Bequemlichkeit wegen hatte er sich in Wien fr ihren
Bruder ausgegeben. Seine ganz erschpften Geldkrfte hinderten ihn fr den
Augenblick, in der hheren Gesellschaft aufzutreten; er hielt insgeheim in
kleinen freundschaftlichen Cirkeln Bank und erntete im Whist und Ecart die
nthigen Hlfsmittel dazu.
    Gleich nach ihrer Heimkehr hatte ihm Paola das Begegnen der Grfin Kronberg
mitgetheilt und ihm befohlen, Nachricht ber den Namen und Stand des jungen
Mannes einzuziehen, den sie bei ihr gesehen, was, da Louis und Gondi dasselbe
Hotel bewohnten, keine Schwierigkeiten fand.
    Mehre Tage vergingen indessen doch, ehe er erfuhr, da Louis Annens Bruder
sei. Paola benutzte whrend derselben blindlings ihre Macht, Kronbergs
Eifersucht auf die Grfin zu steigern; das Misverstehen lag nur darin, da sie
dabei den Fremden im Auge hatte, whrend jener alle ihre andeutenden Worte auf
Gotthard bezog und sich bereits die Zielscheibe der ffentlichen Aufmerksamkeit
whnte.
    In der heftigen Scene zwischen Kronberg und Louis, welche den Ausbruch
seiner Krankheit veranlate, war Gondi ein unbewuter Hauptagent gewesen; seine
sanguinischen Hoffnungen, eine Scheidung des Grafen von dessen Gemahlin
herbeizufhren und Paola einst deren Stelle einnehmen zu sehen, hatten ihn zu
sehr gewagten Uebertreibungen verleitet. Er hatte des Grafen Leidenschaft zur
Capacelli mit glhenden Farben geschildert und Louis dadurch noch mehr erzrnt
und verwirrt. Gotthards Dazwischenkunft lste endlich alle die Misverstndnisse,
indem sie zugleich Louis' augenblickliches Verlassen Wiens erzwang.
    Seit dem letzten Ereignisse waren erst wenige Stunden vergangen, als
Gotthard Annen von der Abreise ihres Bruders benachrichtigte und Kronberg an
Gondi's Spielbank sa. Er verlie mit diesem und Ruthberg den Saal. Ohne
Umstnde hatte ihm der Spieler gestanden, da, obschon er die Noten aus Louis'
Hnden empfangen, dieselben von Gotthard stammten, und ihm eine
Schuldverschreibung auf zweihundert Florins gezeigt, welche den Rest der
verspielten Summe ausmachte.
    Sehr natrlich nahm Kronbergs Gefhl sogleich eine andere Richtung; abermals
trat ihm ja des Verhaten Einflu in Bezug auf Anna entgegen! Er eilte mit
seinem Freunde in das Hotel, von da zur Post; Louis war wirklich abgereist. Fast
wre er auf den Gedanken gekommen, mit Courierpferden der Post nachzujagen.
Ruthberg begleitete ihn berall hin, war aber hinterdrein indiscret und erzhlte
die Geschichte einigen guten Freunden, die sie weiter befrderten - und
commentirten.
    Ruthbergs Benehmen hatte gar keinen besondern Grund, die Sache amusirte ihn;
vielleicht regte sich die geheime Hoffnung in ihm, durch einen ohnehin
unvermeidlichen, etwas schneller erweiterten Bruch des Grafen und Anna's irgend
einen Vortheil zu ziehen - vielleicht trieb ihn der instinctartige Ha gegen
Gotthard; er dachte nicht darber nach.
    Indessen fhrte er selbst die Kltschereien herbei, denen wir im Salon
vierundzwanzig Stunden spter zugehrt; aber alle Anwesenden, die sie
belustigten, bezogen Kronbergs unruhigen Zorn auf die Capacelli, Annens gedachte
Niemand dabei; und geschah es ja, war es nur, um die schne, liebe Frau zu
beklagen.
    Nachdem ihm am Abend alle Versuche mislungen, seinen Schwager zu erreichen
und ihn noch um eine Erklrung zu bitten, hatte Kronberg, wie wir wissen, zu
Hause in dem Anliegen seines Knaben einen neuen Grund der Erbitterung gegen
Gotthard gefunden; im Cabinet seiner Frau war sein erster Blick abermals auf den
Verhaten gefallen. Ein Billet Paola's hatte ihn whrend des Gesprchs mit Annen
dringend auf die Bhne und nach der Oper zu sich beschieden, wo sie ihm einige
sonderbare Mittheilungen versprach.
    Gotthards so entschiedenes Verfahren gegen den ihm als Abenteurer bekannten
Spieler und Louis' fast gewaltsam erscheinende Entfernung hatte Paola und ihrem
Freunde Gondi viel zu denken gegeben. Der weibliche Instinct lie sie vollkommen
richtig rathen und sogleich wandten sich ihre Machinationen gegen Gotthard. Die
Art und Weise, in welcher sie Kronberg die Sache vorstellte, die hchst
gewandten Fragen, welche sie einer Wiederholung der Erzhlung ihres Bruders
verwebte, reiften in ihm einen Entschlu, dessen ganze Thorheit er fhlte, ohne
die Kraft zu haben, ihn in sich zu ersticken.
    Als er am frhesten Morgen vor Gotthard stand, fiel ihm ein, da er ihn im
Grunde gar nichts zu fragen habe - was gingen ihn die Zahlungen des Geheimraths
an? -
    Gotthard sa, von einer Menge Acten und anderen Schriften umgeben, in seinem
Arbeitscabinet. Ein tiefer Ernst umwlkte seine hohe Stirn; er sah den. Lenz
nicht, der aus dem Grtchen mit Rosenaugen in seine stille Zelle schaute, er
hrte die Mahnung all der kleinen zwitschernden Vgel nicht, die' so dringend
bittend den Frhlingston der Menschenbrust, das leise sehnende Flehen um Liebe
in seinem Herzen wach zu rufen schienen; er sah das Schattenspiel der
Bltenranken nicht, das auf seinen Papieren phantastisch auf und niedergaukelte
- jeder Sinn war der Auenwelt verschlossen und nur im tiefsten Innern wuchs ein
einziger schmerzlicher entsetzlicher Gedanke riesenhaft, wie eine unermeliche
Nacht, und berdeckte wachsend mit seinem Dunkel das reiche vollquellende Leben
in und um ihn her, bis es zum Nichts zusammenschrumpfte.
    Es ist grauenhaft, wenn die hchsten Steigerungen des Gefhls und des
sichtenden Gedankens mit einem Male in einer unausweichbaren Ueberzeugung
zusammenfallen, die wie durch einen Brennspiegel mit den Strahlen des Erhabenen,
Ewigen ber uns das kleine Hoffnungsleben des armen Menschenherzens verzehrt!
Wenn seine ganze reiche Vergangenheit, all die bunten Elemente des Glcks seiner
Zukunft, pltzlich wie ausgebrannt, schwarz verkohlt vor ihm da liegen, wenn in
Minutenenge lange Jahre einer ganz leer gewordenen und doch noch zu
durchlebenden Zeit drohend aneinander sich drngen! - solche innere Erlebnisse,
solche Vernichtung des Erdenmaes, mit dem wir sonst unsere Tage messen, hat
manch braunes Haar in unbegreiflicher Geschwindigkeit gebleicht, manch
glanzlichtes Auge ausgelscht, da es fortan ganz farblos die Gegenstnde
zurckstrahlte, manch junges Blut haben sie stocken gemacht, als habe es der
Eisfinger des Alters berhrt, - aber, ach! getdtet haben solche Augenblicke
nie.
    Gotthard hatte die ganze Nacht hindurch ber seine Stellung zu Kronberg
nachgesonnen; es war ihm klar geworden, da diesem sein sich stets
wiederholendes Entgegentreten in allen engeren Lebensbeziehungen unleidlich
qualvoll sein msse, da eine fast bermenschliche Kraft dazu gehre, es zu
dulden, nachdem Roderich seine und Anna's Neigung zu einander erkannt - und
konnte Gotthard zweifeln, da dem so sei?
    Unbarmherzig ri er den Schleier selbst mitleidiger Tuschung entzwei; er
war entschlossen, seiner Carrire eine andere, neue Richtung zu geben, von Annen
sich zu trennen.
    Seit gestern schauderte ihm vor der Tiefe seiner eigenen Leidenschaft; er
hatte die Unmglichkeit empfunden, sie in jedem Augenblicke zu zgeln. Anna's
Kummer hatte ihn der Kraft beraubt, sich selbst zu widerstehen. Er wute, da
Kronbergs Charakter kein unedler, da dessen Eitelkeit und Wankelmuth die Folge
eines gewaltsam aus seinen Fugen herausgerissenen frhen Gefhls sei; er fhlte
alle diese Gedanken, diese ernsten stillen Mahner mit tdtendem Entsetzen, denn
sie verurtheilten ihn. Er konnte sich's nicht leugnen, dem Grafen das
Unertrgliche aufgebrdet zu haben: die Superioritt eines Nebenbuhlers.
    Und pltzlich, wie eine Verkrperung des eigenen Innern stand Kronberg
selbst vor ihm, ruhig, edel in Anstand und Ausdruck.
    Gotthard war einen Augenblick zu Muthe, als komme jener, ihn zu fordern auf
Leben und Tod. Der Graf hatte sich gefat; er fragte ihn ganz einfach nach dem
ihm vielleicht bekannten Zusammenhang der Zahlung einer Spielschuld seines
Schwagers, die dessen Mittel zu berwiegen scheine und dennoch abgetragen sei.
Sie fhlen, setzte er hinzu, da ich der Grfin einen groen Schreck verursachen
wrde, wenn ich sie direct darum befragte.
    Ich zweifle, da sie um die Sache wei, erwiderte Gotthard. Er erzhlte eben
so einfach, wie St. Luce erwhnt, da Louis, obschon genesen, von Tag zu Tag
seine Abreise verschoben htte, wie er selbst darauf ihn besucht, des jungen
Mannes Vertrauen gewonnen und mit ihm zu Abtragung der Schuld eine Uebereinkunft
getroffen.
    Ich brauche Ihnen, Herr Graf, setzte er verbindlich hinzu, nicht erst zu
sagen, da eine solche von Mnnern gegeneinander bernommene Verpflichtung kein
Gegenstand des Gesprchs mit einem Dritten sein darf.
    Kronberg schwieg; an der Marmorgltte dieses reinen festen Willens brach
abermals seine Kraft.
    Aber, fuhr Gotthard fort, frchten Sie keinen Flecken auf Ihres Herrn
Schwagers Ehre; alles Nthige ist von ihm selbst im Voraus besorgt und die am
Total fehlende Summe wird noch heute in Gondi's Hnden sein.
    Kronberg stutzte. Gotthard sah vllig gleichgltig aus. Hier war nur eine
Wahl zwischen zwei Mglichkeiten: Gotthard war mit seiner Gemahlin im tiefsten,
innigsten Einverstndnisse, oder Louis hatte in rasendem Stolz sein Erbtheil
verpfndet; es konnten aber Monate, Jahre vergehen, ehe das aufzuklren war. Sie
haben Sicherheit? fragte er kurz.
    Vollkommne, erwiderte Gotthard. Aber nun, Herr Graf, gestatten Sie mir die
Gunst Ihres frhen Besuchs zu benutzen. Mich hat ein Vorschlag, eine Bitte nach
Wien zurckgefhrt, deren Erfllung ich Ihnen sehr ernstlich danken wrde. Seine
Unterlippe bebte convulsivisch, seine Stirn blieb klar. Die Hauptfragen beim
hiesigen Gouvernement sind erledigt, dem eigentlichen Juristen bleibt fr den
Moment wenig Bedeutendes mehr zu thun. Man hat uns hier den grern Theil der
gewnschten Aenderungen zugestanden, in den alten Provinzen fordern dagegen die
Gesetzentwrfe zu Einfhrung stndischer Verfassungen meine Gegenwart und der
Vorschlag des Vertrags mit Ruland bedarf einer strengen Revision - ich kam
hierher, Sie zu bitten, Baron Stein vorlufig an meiner Statt die hiesigen
Arbeiten zu bertragen, die etwaigen Memoires aber nach Berlin oder dahin mir
nachzusenden, wohin das Ministerium mich beordert, wenn wir meine hiesige
Aufgabe als vollendet ihm melden.
    Mit unnachahmlicher Klarheit und unsglich wehmthiger Ruhe legte nun
Gotthard dem Grafen seine zum Beschlu gereiften Geschftsplne fr sich und
seinen Stellvertreter vor. Es lag ein fast heiliger Ernst in seinen Worten und
eine so tiefe Besonnenheit, da Roderich, zur unwillkrlichsten Bewunderung
hingerissen, zauderte, ihm zu antworten. Dies Anerbieten des edeln jungen Mannes
berraschte ihn mit zermalmender Gewalt; er fhlte, da, was auch Gotthard sagen
mge, die Willkrlichkeit seiner Entfernung von Wien ihm knftig
unbersteigliche Schwierigkeiten bereiten und hemmend in seine Thtigkeit
eingreifen knne.
    Noch schwieg er, da ffnete sich die Thr, St. Luce trat aus einem
Nebenzimmer herein. Ohne aufzusehen, reichte ihm Gotthard die Hand. General,
sagte er, ich habe bereits dem Grafen meine Wnsche erffnet. Eine ungeheure
Erschpfung breitete ihr fahles Grau ber seine Zge, es war eine Leichenfarbe,
als habe der Tod ihn berhrt.
    Als endlich Roderich ihn verlie, strzte er an des alten Freundes Brust;
die innere Erschtterung hatte ihn jedes Ausdrucks seines Schmerzes beraubt. Der
General blieb den ganzen Tag bei ihm, pflegte ihn und sprach ihm zu, wie ein
Vater seinem Sohne; aber all seine Beredsamkeit scheiterte an diesem stillen,
stummen Weh.
    Wahrlich, Eins des Andern werth! seufzte St. Luce.
    In Kronberg strmten indessen Schmerz und Gedanken nicht minder heftig; es
war ihm unmglich, jetzt seine Frau zu sehen. Tappend, unsicher, wie geblendet,
durchirrte er die Straen, sah die Menschen nicht, die ihm begegneten, vernahm
nicht, was sie zu ihm sagten, es war, als habe ein unruhiger Wahnwitz ihn
ergriffen. Nach stundenlangem Umhertreiben in Wiens Straen ging er zur
Capacelli, dort hatte man ihn bereits gesucht. Geschftliche und gesellige
Anforderungen bemchtigten sich seiner, umdrngten ihn, rissen ihn mit Gewalt in
das Gewirr platter Alltglichkeit.
    Mit unbeschreiblicher Sorge folgte Paola's Auge jeder seiner Bewegungen;
bebend gewahrte sie die Macht einer Andern auf sein Herz, und ein glhender Ha,
ein unvertilgbarer Wunsch nach Rache an der Grfin begann sein geheimes Leben in
ihrer Brust zu regen.
    Sie sa zu Roderichs Fen, kte seine Hnde, umwickelte ihn mit ihrer
Zrtlichkeit, wie mit einem Zauberschleier, all seine Gedanken umrankte, umwob
sie; mit all seinen Sinnen im Bunde, stritt ihre Leidenschaft gegen seinen
Schmerz; abwechselnd launisch, weich, gewaltsam, lie sie nicht ab von ihm, bis
ihr endlich gelungen, ihn mit in den wirbelnden Strudel ihrer eigenen
Empfindungen zu ziehen, und er ermattet, wehrlos an ihrem Busen lag.
    Dann ward sie amusant, tndelnd, fast drollig, was ihrer hohen Gestalt,
ihren markirten Zgen durch den Gegensatz einen Reiz wunderlichster Art verlieh;
leise, leise weckte sie das Leben wieder, das sie erst, wie vernichtend, in sich
gesogen, sang ihm ihre Sirenenlieder vor und wendete in diesem seltsamen Spiel,
das man eine Gefhlsorgie nennen knnte, das Herz ihm in der eigenen Brust, bis
er willen- und bewutlos die ganze brige Welt in ihren Armen verga.
    Gotthard hatte sich daheim still in sich beruhigt, der Abend war
herangekommen, er rang mit dem Entschlu, zu Kronbergs Soire zu gehen - sie zu
sehen.
    Gebe Gott, sagte er ernst, da der Graf nicht allzulange zgert; die
Hauptschritte zu meiner Versetzung mssen wir Beide zugleich thun. Ohne
Bewilligung des Cabinets kann ich nicht abreisen, diese nicht erhalten, ohne
seine officiell ausgesprochene Zustimmung.
    Wenn er ihr wenigstens die Knaben liee, murmelte der alte St. Luce
trbsinnig vor sich hin; er will sie nach Berlin schicken.
    Das wird er nicht, erwiderte Gotthard sehr bitter, wenn ich hingehe.
    St. Luce verlie ihn, um nach Annen zu sehen. Gotthard hatte versprochen,
ihm zu folgen; aber als er gehen wollte, vermochte er es nicht, es war ihm mit
einem Male unmglich geworden, gerade heute, unter so vielen fremden Gesichtern
sie zu sehen; als St. Luce zurckkehrte, um ihn zu holen, fand er ihn nicht mehr
zu Hause.
    Anna verging der Abend in tdtlich beklemmender Sorge. Als die letzten
Anwesenden sich entfernten, war Kronberg schon wieder verschwunden, ohne auch
nur ein Wort an sie gerichtet zu haben.
    Ihm war zu Muthe, als habe er eine Art Hinterlist gegen sie gebraucht, er
schmte sich, ohne deutlich zu wissen, weshalb. Das ritterlich Loyale seines
Wesens emprte sich gegen den Wunsch, Gotthards Anerbieten anzunehmen, und
machte ihn verwirrt und befangen.
    Am nchsten Morgen lag Anna an einem nervs-hitzigen Fieber gefhrlich krank
darnieder. In ihren Phantasien rief sie stundenlang Gotthards Namen, dann wieder
die ihrer Knaben; waren diese bei ihr, so ward sie stiller, lie aber keinen
derselben los, wenn ihn ihre Hand erfate. Eine unsgliche Angst schien sie zu
verzehren.
    Jetzt war Kronberg wahrhaft beklagenswerth. Sophie wandte die hchste
Sorgfalt an, das Verletzende zu bergen, ihn whrend der wilden Ausbrche ihres
Deliriums von Annens Lager entfernt zu halten, vergebens! In wthend
wahnsinnigem Schmerz klagte er nicht sie, sondern sich selber an, als suche er
mit bertreibender Heftigkeit an der eigenen Qual sich zu weiden, und verlie
kaum ihr Zimmer. Zur Capacelli ging er gar nicht in diesen Tagen.
    Als er aber einmal whrend eines etwas beruhigteren Schlummers der Kranken
in seine Stube trat, fand er drben Paola, in Thrnen aufgelst, am Boden
kniend, vor einem seiner Fauteuils; sie betete und mischte unwillkrlich in die
Worte ihres Rosenkranzes wilde Drohungen und Verwnschungen gegen ihn. Der
spanische, etwas fanatische Charakter der Schnen sprach sich herb und bitter
aus, fast war's Verachtung, die sie Roderich zeigte; als sie ihn aber genauer
ansah, strzte sie mit lautem Aufschrei in seine Arme. Unwillig drngte er sie
zurck und begegnete ihr hart; weder ihr Mitleid mit seinen eingefallenen Zgen,
noch ihr Zorn vermochten es, ihn zu rhren.
    Duguet sa Tag und Nacht im Vorzimmer, dicht an der Thr des Cabinets seiner
Gebieterin und harrte irgend eines Befehls; waren sie nicht bei ihr, hielt er
die beiden Knaben auf dem Schoose, die mit ihm weinten.
    Gotthard kam wol zwanzig Mal des Tages zu Sophien, um Nachrichten
einzuziehen. Mehre Mal fand ihn Kronberg in deren Zimmer; er sa gebeugt, in
starrem Schmerz still vor sich hinblickend, so versteinert da, da er den vor
ihm stehenden Grafen nicht einmal gewahrte.
    Als aber nach zehn, zwlf Tagen die Lebensgefahr vorber war, reichte
Gotthard sein Gesuch um vorlufige Entlassung an das Ministerium beim Grafen ein
und forderte ihn auf, demselben seine schriftliche Zustimmung beizulegen.
    Whrend man einer Antwort von Berlin aus harrte, bernahm St. Luce, welchem
man den Zutritt nicht lnger zu weigern vermochte, die Kranke, die nun auer
Bett in ihrer Chaise longue lag, auf Gotthards mgliche Entfernung
vorzubereiten. Wehmthig reichte sie dem alten Freunde die Hand. Ich wute es!
war Alles, was sie sagte.
    Kronbergs Stimmung hielt nicht Stich, sie verwandelte sich, wie Annens
Genesung vorschritt, mit jedem Tage mehr und mehr. Der Bruch mit der Capacelli
war zu grell zur Dauer, er sah sie wieder und vershnte sich mit ihr. Schon
jetzt nahm er Gotthards Entfernung von Wien als etwas hin, das sich gebhre, da
seiner und Anna's Ehre wegen unvermeidlich, folglich kein Opfer sei; er war
wieder der vornehme, vom Glck verwhnte Aristokrat, der des Untergeordneten
Dasein kaltbltig verbraucht.
    Noch einmal sah Gotthard sie wieder, aber nicht allein; St. Luce begleitete
ihn hin. Anna sa zwischen ihren Kindern; sie und Gotthard waren Beide
berzeugt, da vor der Hand von keiner Trennung der Knaben von ihr die Rede sei.
Sie kannten Kronbergs Charakter und verrechneten sich nicht; ihm war zu Muthe,
als sei das Bleiben Egons der Kaufpreis fr Gotthards Entfernung; obgleich er
sich berredete, er wrde dieselbe mit Gewalt erzwungen haben, wenn der junge
Mann nicht von selbst den Forderungen der Umstnde nachzugeben sich
entschlossen, so fiel ihm doch nicht im Traum ein, an diesem Preise zu mkeln.
Alles Markten und Feilschen war ihm von Grund der Seele aus zuwider. Es mag so
bleiben, sagte er sich, bis ber's Jahr; der Kinder Anwesenheit wird sie fr
jetzt beruhigen und ich bringe dann spter die beiden Knaben zugleich zu
Geiersperg.
    Gotthard schrieb Annen einige Abschiedszeilen; es waren wenige Worte, aber
wie mit seinem Herzblut geschrieben. Sie weinte so heimlich, da nicht einmal
St. Luce ihre Thrnen gewahrte. Ueberhaupt war Anna seit der Krankheit sehr
verndert, die Trennung zerdrckte ihre noch nicht wieder erstarkte Krperkraft.
    Trennung! ein Wort, das man tausendmal hrt und ausspricht, das man in
tausend verschiedenen Gestaltungen in's Leben treten sieht und doch niemals in
seinen Folgen im Voraus richtig begreift! dem Einen ein Ballast, der sein
Lebensschiff im Gleichgewicht erhlt, dem Andern der Stein, der ihn in die
Todestiefe des Stromes hinabzieht; Jenem ein Hauch, ein Nichts, das er vergit,
indem er kaum es ausgesprochen, Diesem ein schweres Dunkel, das ihn lebenslang
umgibt, in welchem er sich selbst verliert; - Ihr war's Erstarrung,
Winterseelenschlaf. Sie verga der Trennung nie, in keiner Zerstreuung, in
keinem Interesse, keiner Arbeit, ja sogar in keinem andern Schmerz. In jeder
Secunde fhlte sie Gotthards Entfernung, wie man ein abgetrenntes Glied des
eignen Krpers fhlt, immerfort es entbehrend, immerfort im Entbehren die
Gegenwart seines Schattenbildes dunkel empfindend. - Sie schrieb ihm nicht, sie
fragte selten nach ihm; wenn ihr St. Luce zufllig eine Nachricht brachte,
kostete das kleinste Wort derselben ihr einen ganzen Tag, sie konnte sich dann
auf nichts mehr besinnen und ging umher wie ein Automat.
    In der Gesellschaft sagte man: das Nervenfieber habe sie sehr stark
angegriffen, und der diesjhrige Sommer sei zu hei.
    Aber der Sommer und sein Siroccohauch verflogen - ihr Zustand war der
nmliche geblieben: da brachte der October mit seinen bunten Blumen, die alle
Rosens spielten und den Frhling nachfften, die eine wahrste duftigste
Frhlingsblte, Leontinen.
    Leontinens Lebenssonne stand im Zenith. Jean Carlo war begnadigt, das heit,
er war verbannt - verbannt auf zwanzig lange Lebensjahre, mit dem Vollgenu
seiner Einknfte.
    Der Marchese Viatti trat in Wien mit solchem Glanze auf, da Kronberg
erschrak; er frchtete, man werde einen Theil der schon gewhrten Concessionen
zurcknehmen. Er irrte; Oesterreich liebt die Pracht und den Reichthum, wie es
die Wohlthtigkeit liebt und dem Hochstehenden wie dem Gemeinen gern den Genu
gewhrt und bereitet, den materielles Wohl verleiht.
    Das junge Paar miethete sich ein schnes Hotel, sah viele Leute bei sich;
und da eine so nahe Verwandtschaft jede Rivalitt aufhob, erhhte sein
brillanter Haushalt den Nimbus, der Kronbergs Gastlichkeit umgab. Die beiden
Familien erhielten ein ungeheures Uebergewicht in der hhern Gesellschaft.
    Sophie war fast immer auf dem Wege zwischen beiden Husern. Bei Annen
hielten sie die Kinder, und dann bedurfte ja die Kleine, wie sie insgeheim immer
noch die Marchesin nannte, ihrer nicht - die war so glcklich! - Duguet war
nicht recht zufrieden mit dem Allen. Leontine hatte dem Dringen Jean Carlo's und
der innern Unruhe ihres Gemths nachgegeben - sie war zum Katholicismus
bergetreten! Ob sie den so oft und schwer vermiten Frieden dadurch errungen,
war in diesem Augenblick der vollen Bltenzeit ihrer ueren Verhltnisse schwer
zu entscheiden; kam sie doch kaum zur Ruhe des Nachdenkens ber das
Allernchste.
    Duguet also war sehr unzufrieden mit diesem Schritt. A quoi bon ces btises?
sagte er in seiner Revolutionsweisheit; er war nicht mit dem neuentstandenen
Kaiserthum Bonaparte's zur alten Religionsform zurckgekehrt, die Desse de la
raison, die zu seiner Zeit ein sehr schnes Mdchen und spter ein altes
garstiges Aepfelweib in Bonn war, steckte ihm noch im Kopfe.
    Sophie gehrte dem Realismus an: sie fand den Schritt nthig, der knftigen
Kinder der Marchesin wegen. Kronberg kmmerte sich gar nicht darum; Anna blieb,
wie immer, mild in ihrem Urtheil, sie begriff das Abschwren nicht, sie
vermochte nicht an dessen absolute Aufrichtigkeit und Wahrheit zu glauben.
Geiersperg, der das Ehepaar nach Wien begleitet hatte und so viel fr dessen
Vereinigung gethan, war, als er es erfuhr, mit Leontinen gleich zerfallen; er
war ein eben so echter Protestant als loyaler Legitimist, der Religionswechsel
schien ihm sndlich.
    Selbst Annen gelang es nicht, ihn milder zu stimmen.
    Wenn sie nur Jean Carlo genug liebt, um nie zu bereuen, sagte sie ihm, so
ist's ja gut! Gott ist zu gro, um in der Wandlung der bloen Form eine Snde zu
sehen; seit Ewigkeiten schaut er dem Wechsel alles Menschenwesens zu, er wird
auch hierin das Unabwendbare seiner gegebenen Naturgesetze gelten lassen. Sind
denn die Vernderungen, welche Alter, Krankheit, Schmerz oder Glck oft
pltzlich in unserer ganzen Sinnesart hervorbringen, kleiner? Schwrt nicht der
Greis die edeln Trume seiner Jugend ab? Und ist der Tod nicht vielleicht ein
weit grerer, auf eignes Wollen erbaueter Uebertritt zu einer neuen Form der
Anschauung des Hchsten?
    Aber der Alte kte sie und erwiderte: Wenn ich Gott meinem Herrn zwanzig
Jahre als Cuirassier gedient, warum soll ich denn im einundzwanzigsten mein
Regiment verlassen, die Uniform changiren, um ihm als Infanterist das Gewehr zu
prsentiren? Du meinst es gut, Kindchen, aber du glaubst selbst nicht daran.
    In einzelnen Minuten flog eine Wolke durch Leontinens reines Blau der
Gegenwart; der eine Schritt hatte sie all den Ihren, vielleicht sogar ihrem
Vaterlande entfremdet.

Daheim in Berlin sa Josephine in stillem, sorgendem Kummer versenkt, tglich
Briefe aus Wien erharrend oder schreibend. Ihre alte, schne Heiterkeit, ihr
Vertrauen auf das Glck ihrer Leontine kehrten nicht wieder. Der Glanz, der ihre
Kinder in der Kaiserstadt umgab, freute sie wenig, sie war noch aus der Zeit, wo
Comfort, Huslichkeit und eine gemthliche Gastfreundschaft hher galten, als
eigentlicher Luxus; war nur immer Alles um sie so elegant, sauber und gengend
fr die sie Umgebenden, so vermite Josephine nichts.
    Leontinens Uebertritt hatte sie tief verletzt, auch sie vermochte nicht an
die Dauer einer so im Fluge gewonnenen Ueberzeugung zu glauben, eben so wenig
traute sie Jean Carlo's Trennung vom Carbonarismus und den mit seiner ganzen
Individualitt so eng verwachsenen italienischen Verbindungen.
    Fiel ihr Blick in die Zukunft, so bangte ihr noch mehr; sie frchtete,
Leontinen knne viel Trauriges bevorstehen; woran sollte ihr Gemahl in Preuen
seine Interessen knpfen? Deutschland war ihm fremd, keine Art fester
Beschftigung verband ihn mit demselben. Niemand nahm an seinem Streben Antheil,
sogar die Gegenstnde seiner Bewunderung in Kunst und Wissenschaft hatten eine
der deutschen Ansicht fremdartige Frbung. Die neuere, meist didaktische
italienische Poesie kann bei uns kein Element der allgemeinen Bildung werden;
der Ausdruck seiner Vaterlandsliebe konnte leicht eben so wenig Anklang finden,
denn seine excentrisch-grandiosen, auf Traditionen versunkener Gren erbaueten
Lebensanforderungen muten diesen durch lange herbe Erfahrungen gereiften
Mnnern, all den Professoren, Beamten und Offizieren, welche den Kern unserer
Gesellschaft bilden, im Vergleich zu dem, was in Neapel wirklich geleistet
worden, ein Lcheln ablocken, whrend sie den Staatsmnnern strafbar erschienen.
Und doch lag eine so tiefe Wahrheit in der Glut dieser Jnglingsseele, ein
solcher Muth der Selbstaufopferung in diesem festen Glauben an eine mgliche
bessere Zukunft. Josephinen traten die Thrnen in's Herz. Wie lau erschien das
allgemeine Mitleid, wie arm das Wort der Theilnahme an all den Qualen, die Jean
Carlo durch Wiens brillantes Gesellschaftsleben hindurchtrug, unter dessen Glanz
er schweigend das einmal Uebernommene mit verbissenem Ingrimm, einem Gefangenen
gleich, der die Kette nachzieht, mhsam und schwer durch seine Tage schleppte.
    Und nun sollte und wollte der Verbannte knftig in Berlin leben und Ruhe
halten und in den einmal angenommenen Formen und Grenzen der
staatsgesellschaftlichen Zustnde ausharren, ein langes Menschenalter hindurch!
    Josephine seufzte recht schwer; fast scheute sie diesmal Geierspergs
Rckkehr, der gewissermaen durch seines Schtzlings Aufenthalt in Wien die
frher fr diesen gethanen Schritte rechtfertigen mute, und pltzlich durch den
erst hier ihm bekannt gewordenen Religionswechsel Leontinens beleidigt und
schmerzlich erregt, Wien selbst verlie, weil er durchaus mit seiner Frau fort
und auf seine Gter ziehen wollte, um den Scandal nicht mehr zu sehen, da ein
Freifrulein des alten protestantischen Geschlechts der Waldau katholisch
geworden!

Am Lager einer schnen blhend jungen Frau stand reisefertig ein krftiger, auch
noch junger Mann und suchte sie sehr sanft durch einen leisen Ku zu wecken. Die
schne Schlferin hatte eine ungemein zierliche Hand auf das seidne Deckbettchen
einer dicht neben ihr stehenden Wiege gelegt, deren leisestes Schwanken sie wach
rufen mute. Sie mochte spt eingeschlafen sein, denn die ganze Einrichtung des
Gemachs deutete auf brgerlich frhe Stunden; die Sonne aber stand schon hoch
und sie schlief noch so sanft und fest, als wre das ihr erster Schlaf vor
Mitternacht. Das kleine Mdchen in der Wiege sah dem Vater hnlich, nur war es
lichtblond, und auf dem weien Kopfkissen lagen die klaren Lckchen wie
Goldfdchen einer Stickerei und duldeten in ihrer Flle das Mtzchen nicht, das
sie nach hinten zurckgeschoben.
    Im Zimmer sah es ungemein friedlich und wohnlich aus; von Luxus war nicht
viel zu bemerken, die Mbel waren derb und doch zugleich geschmackvoll, von
Eichen- und Nubaumholz; in den Ecken und wo eben ein freier Platz sich
gefunden, hatten sich recht gelehrt aussehende Bcherschrnke eingenistet, auf
welchen Prachtexemplare von Mineralien, Glasretorten und allerlei physikalische
Instrumente so zierlich aufgestellt waren, da sie beinahe einen Schmuck
bildeten. Das Wohnzimmer, das sich an diese gerumige Schlafstube schlo, war
ganz morgensonnenhell, die weit zurckgelegten grnen Jalousien lieen das Auge
zum Fenster hinaus ber den Garten in eine Schweizergegend zu weit entlegenen
Bergen hinschweifen; seitwrts lag eine graue Stadt, es war Basel.
    Endlich schlug die junge Frau ein Paar wunderschne, dunkle Augen auf und
ein lichtes Freudenroth rthete ihre Wangen; sie begrte mit dem frohen Blick
zugleich den Tag, ihr Kind und ihren Mann, pfeilschnell von dem einen zum andern
fliegend, so da sie nicht einmal sogleich seine Reisetracht gewahrte. Vrenely,
sagte Otto, indem er sich neben das Bett und die Wiege setzte und seiner Frau
herzlich die Hand zum Gutenmorgen bot, whrend du die Angst der strmischen
Nacht ausschliefst, hat sich mein innerer Horizont stark umwlkt. Ich habe einen
Brief von Duguet bekommen und werde in einer Stunde zu Annen reisen. Sie hat
Kronberg verlassen. Ich mchte dir das Alles gern unter Gottes freiem Himmel
erzhlen. Steh' auf, mein Kind, und komm' mir nach in den Garten!
    Noch einen Augenblick stand er an der Wiege, wie innerlich Abschied nehmend
von dem sen Kinde, und sah, still gerhrt, dessen rosiges Gesichtchen sich an;
zu kssen wagte er es nicht, aus Sorge, es zu wecken.
    Vrenely nickte ihm ihre Beistimmung zu, sie sprach fast weniger noch als
sonst, aber nach zehn Minuten schon sa sie neben Gotthard auf der Rasenbank und
las, ber seine Schulter hingelehnt, den traurigen Brief mit ihm zugleich.
    Lieber Herr! schrieb Duguet, ich mu Ihre Hoffnungen leider alle auf einmal
zerstren. Es ist gar nichts besser geworden, seit uns die Familie des Grafen
Viatti verlassen. Schlimm, ganz schlimm ist es geworden. Schon im vorigen Jahre,
nachdem dieselbe im Februar nach Berlin gereist war, lebte unsre Frau Grfin
sehr still; sie blieb des Tages ber fast immer allein, ging selten in
Gesellschaft, sah deren aber zu Haus an den vier Empfangsabenden, weil es der
Herr so wollte. Monsieur de St. Luce kam alle Tage zu ihr - ach! was hat er oft
im Stillen gelitten um sie! - aber sie klagte nie; man sah ihr nur den
heimlichen Kummer an.
    Im vorigen Herbst hatte der Herr Graf der Mad. Capacelli ein schnes
Landhaus gekauft und es sehr kostbar einrichten lassen, da brachte er meistens
seine Abende, oft auch die Mittagsstunden zu. Es war etwas wie eine glserne
Wand zwischen unserm Herrn und der gndigen Grfin. Seit Herrn Gotthards Abreise
von Wien hatte sie keinen Muth mehr; und nachdem einmal ein Brief des Herrn
Louis Mller an den Grafen gekommen, schien dieser innere Zwiespalt noch um
Vieles zugenommen zu haben. Der Herr Graf machten der gndigen Grfin eine
furchtbare Scene, in welcher sie, wie es mir vorkam, mit groer Festigkeit
antwortete, sie wisse um diese Sache nicht.
    Von da an ging es immer schlimmer; so lange aber der kleine Joseph im Hause
blieb, sorgte sie fr das Kind, das leider sehr krnklich ist, das zog sie von
sich ab. Als jedoch Joseph in Pension zu seinem Bruder kam, lebte sie eigentlich
nur an Sonn- und Festtagen, wo sie die beiden Knaben sah.
    Unser Egon ist so wunderbar entwickelt, da er mit zwlf Jahren einem
Jngling von sechszehn gleicht; er hat in allen Classen die ersten Preise
davongetragen, ist fest und entschlossen wie ein Mann. Vor etwa acht Tagen hie
es pltzlich, nun sollten Beide nach Preuen, Joseph in ein Cadettenhaus nach
Berlin, Graf Egon nach Brandenburg in die Ritterakademie, um zu einem
vollkommenen Cavalier erzogen zu werden. Nun, das mu man unserm gndigen Herrn
lassen, er ist selbst tapfer und ritterlich und voll feiner Sitte, wie ein
Marquis aus der alten guten Zeit.
    Unglcklicherweise soll jedoch unser Egon schon so viel gelernt haben und
ein so groes Genie sein, da er ber ganz Brandenburg und die Ritterschule weg
ist; ich glaube auch selbst, da er mit zwanzig Jahren Minister werden knnte.
Es sei rathsam, ihn in Berlin zu lassen, meinte die Familie. Das gab viel
Streit, es wurden sehr viele Briefe geschrieben und ich wei nicht, wovon
eigentlich die Rede war; der Herr Graf wurden aber mit einem Mal sehr heftig,
was sie sonst selten in so hohem Grade sind, und befahlen, der Knabe solle
gleich am folgenden Tage mit Mad. Capacelli, die zum Gastrolliren nach Berlin
ging, dahin abreisen. Ich glaube immer noch, da dem Herrn das Gastrolliren
fatal war, denn er hat gewnscht, die Spanierin mge die Bhne ganz verlassen;
sie aber soll geuert haben: nur eine Heirath knne ihr diese Pflicht
auferlegen.
    Stellen Sie sich vor, bester Herr Professor! da nun pltzlich unser Egon
erklrte, er wolle lieber zu Fu nach Berlin gehen, als mit Mad. Capacelli
fahren, unter dem Schutze einer fremden Comdiantin reise ein Graf Kronberg
nicht! Unser Herr schumte vor Wuth - die Capacelli mute es wol verlangt haben,
um ihr Ansehen an den Tag zu legen! - nun sollte die Grfin Schuld sein an des
Knaben Weigerung. - O lieber Herr! was fr ein Auftritt! Als endlich die
Saalklingel fnf bis sechs Mal heftig angezogen ward, strzten wir, der Jger,
meine Frau und ich, Alle hinein - da lag unsere liebe, schne Grfin,
todtenbleich und ohnmchtig auf der Erde in ihres Sohnes Armen. Er kniete neben
ihr und sah aus wie der richtende Erzengel Michael. Der Graf befahl uns, seine
Gemahlin, die unwohl geworden, sogleich zu Bette zu bringen, und verlie das
Zimmer, ohne Egon eines Blickes zu wrdigen.
    Diesen Abend ward Niemand vorgelassen, nicht einmal Herr von St. Luce. Gegen
Mitternacht rief die Grfin meine Frau und befahl, Alles zu einer Reise Nthige
fr sich und Graf Egon zu packen; sie wolle nach ihres Gemahls Wunsch und Befehl
ihren Sohn selbst nach Berlin und Brandenburg geleiten; Niemand anders solle ihn
hinbringen.
    Sie schrieb noch einige Zeilen an den Herrn, die ich, so spt es war, selbst
hinbertrug zur Madame Capacelli. Drben hatte es auch Verdru gegeben; die
Erzherzge und andere hochgestellte Personen hatten sich bei dem Herrn Grafen
nach dessen Gemahlin dringend erkundigt und eine so groe Verehrung und Liebe
fr sie ausgesprochen, da der unvermeidliche clat dem Grafen steinschwer auf's
Herz gefallen, was nun freilich die Sngerin entgelten mute, obschon sie
unschuldig daran war. O, lieber Herr Professor, wie sehr hat sich unser Herr
verndert! Wer htte das fr mglich gehalten! Er war sehr hart gegen Beide; mir
aber befahl er sogleich, am frhesten Morgen solle Egon bei ihm sich einfinden,
dann werde er das Uebrige bestimmen.
    Wir fuhren in unsern Reisevorbereitungen fort. Graf Egon war immer noch am
Bett seiner Mutter. Als sie unsere Antwort vernahm, verlangte sie aufzustehen,
um noch Einiges selbst zu ordnen; Sie wissen, sie hat immer spte Stunden
geliebt.
    Als wir aber nach einer Weile den Grafen Egon wieder im Zimmer seiner Mutter
hrten, liefen Sophie und ich an die Thre desselben. Ach Gott! in meiner Angst
beging ich etwas - qui est indigne! - ich sah durch's Schlsselloch - da lag die
Grfin mit gefalteten Hnden und strahlendem Gesicht, es leuchtete wie das einer
Heiligen; mit gebogenen Knien lag sie vor dem zrnenden Kinde, das, wie wir gar
wohl aus seinen Worten vernommen hatten, den Vater anklagte, da er die Mutter
zu Tode krnke. Alle ihre Vorstellungen hatten ja nichts gefruchtet. Egon fing
die angebetete Mutter in seinen Armen auf, drckte sie mit tausend Liebkosungen
an's Herz und schwur ihr, fromm und sanft wie ein Lamm den Vater anzuhren und
ihm zu gehorchen. Wie Diamanten standen die Thrnen in seinen blitzenden,
zornigen Augen, aber er zwang sich zum Gehorsam und hielt auch am nchsten
Morgen Wort.
    Noch einmal kam der Herr Graf zu seiner Gemahlin, was aber unter ihnen
verhandelt worden, erfuhren wir nicht. Nach dieser Unterredung beschied sie
Sophien und mich zu sich und befahl mir - nein, der Engel bat mich sogar - beim
Grafen zu bleiben, damit der Herr einen treuen Diener um sich habe, die Reise
sei ja von nicht langer Dauer; da wute ich aus ihrer Verlegenheit, woran ich
war. II faut respecter toujours les dehors! Ich blieb. Monsieur de St. Luce gab
ihr seinen alten Diener August mit, der gewi meine Stelle ganz ausfllen wird.
Der General ist auch ein Stck mitgereist; lge der Herzog von Reichstadt nicht
darnieder, htte er sie bis hin begleitet. Ganz spt Abends sind sie Alle
abgefahren. Der Graf war ausgeritten, um ihr auf der ersten Station wieder zu
begegnen, hie es. Ja, sie hat ihn nicht wieder gesehen; aber die Sache ging
still und ohne Aufsehen ab.
    In meinem Herzen aber ist eine unsgliche Angst; in Berlin wird sie nicht
bleiben. Herr Gotthard ist in Paris, ich wage nicht, ihm zu schreiben. - Was
General Geiersperg zu der Geschichte sagen wird!
    An Sie, mein Herr Professor, glaubte ich, schreiben zu mssen; vielleicht
gibt Ihnen das Herz etwas ein, das traurige Geschick unserer lieben Grfin zu
erleichtern. etc. -
    Ja wohl, lieber Otto, mut du hin! sagte Vrenely. Wie ich gesehen, lt du
das Lisely auch schon einpacken; ich will ihm helfen. Und - fuhr sie, auf halbem
Wege umkehrend, fort, indem sie dicht an ihn trat und ihre kleinen Hnde auf
seine hochschlagende Brust legte, so lege du ihr unser Glck an's Herz, wie ich
mich an das deine, als einen stillen Trost! Es hat mir lange geahnt, da sie es
nicht aushalten werde; da aber Egon die Trennung herbeifhren mute, ist hart.
Denke ich mir die Mglichkeit, da je unsere kleine Anna zwischen dich und mich
treten knne, mchte ich lieber die Welt verlassen, in der ich doch so himmlisch
glcklich bin.
    Otto zog sie schweigend in seine Arme. Aber er war schon halb auf der Reise.
Hltst du, fuhr er mit einem Male auf, die Trennung fr eine dauernde?
    Ja, Otto, erwiderte sie fest. Anna thut nichts halb. Nun la mich einpacken
gehen.
    Und abermals blieb sie stehen. Otto, du wirst reiche Stunden haben, schne
und schwere. Versprich mir - sie stockte. - Was, mein Engel? - Sie von Grund aus
rein zu genieen, wie Gott sie gibt, ohne Vor- und Rckblick, ohne gemachte
Gewissenssorge, die unntz ist, denn ich traue dir! Und Gott traut dir auch,
sonst wrde er dir nicht die wunderliche Aufgabe senden. - Sieh', mein Liebster,
fuhr sie fort, und schlang wieder den Arm um seinen Hals, ich bin so ruhig, weil
ich wei, - blhte dir dort ein eignes Glck, so liebe ich dich genug, - um
deinetwillen den herbsten Schmerz zu ertragen und dir meines hinzugeben; aber
dem ist nicht so; du bist der Grtner nur, der einem Andern die schne Blume
pflegt. Ob der sie jemals blhen sehen wird - ja das ist eine andere Frage.
    Otto errthete. Du aber, sprach sie freundlich weiter, pflege die Blume;
weit du gleich nicht, wem Gott sie schenken wird, dem Tode - dem Leben - dem
Glck? - Alles gleichviel! Pflege die Blume, wie die Parsen, von denen du mir
erzhlst, die Quellen in Kanle fassen zu seiner Ehre.
    Als sie fort war, fuhr Otto ein paar Mal krampfhaft nach seinem Herzen; eine
dunkle, trbe Stimmung, eine schaudernde Erinnerung vergangener Schmerzen
ergriff ihn. Gewaltsam strich er die dunkeln Locken aus der Stirn und bi die
Lippen fest zusammen, dann aber ermannte er sich rasch und ging zu Vrenely.
Heiter ordnete das schne Paar Alles zur Abreise und nach einer Stunde flog sein
Char-abanc durch's Thal.
    Nachmittags kamen die Nachbarinnen, sie hatten ihn fahren gesehen. Was ich
froh bin, sagte Vrenely, ich hab' den Otto zu seinen Verwandten persuadirt, ich
wollte seine Stube whrend den Ferien malen lassen. Bei so was taugt der Mann
nicht im Haus; kehrt er zurck, ist Alles schmuck und sauber.
    Die Thrnen, die Vrenely die halbe Nacht hindurch vergo, sahen weder Otto,
noch die Nachbarinnen.

Es ist eine sonderbare Erfahrung, da fast jedes irgend bedeutende Menschenleben
seinen tragischen Zeitpunkt hat; alltgliche Verhltnisse, deren Druck man Jahre
lang ertragen, berwachsen mit einem Male, exotischen Gewchsen gleich, unser
Streben, unsern Charakter, unsere Umgebung. Die bittere Aloeblte einer solchen
Erhhung unseres Zustandes ist leider darin von ihren Schwestern verschieden,
da sie hufiger ihren Kelch entfaltet; indessen hat dennoch meistens das
Menschenleben nur eine einzige solche Periode, deren Steigerungen alle zum
nmlichen Ziele fhren und dem Rest der Tage die Grundfarbe geben. -
    Leontinens Wagen hielt in Brandenburg vor dem bescheidenen Hause, das Anna
bewohnte. Sie sprang aus demselben und eilte hinauf. Ich konnte es nicht mehr
aushalten, ohne dich! rief sie der Freundin entgegen. Es ist seelentdtend, Papa
und Mama Domino und Piquet spielen zu sehen, in der Gesellschaft leere Floskeln
ber Navarin zu hren und dabei Jean Carlo's tiefe Herzensglut auf unserem Herde
Kartoffeln sieden zu lassen! O, wre der Unglckselige unerweckt auf dem Felde
der Ehre gebettet geblieben, nachdem er den kurzen, schnen Freiheitstraum
getrumt!
    Vergebens versuchte Anna ein Paar trstende, mildernde Worte; Leontine
schttelte wehmthig das Haupt und fuhr fort: das ist es eben, er verschweigt
mir, wie den Andern, aus Schonung seinen Gram, aber ich sehe ihn - und doch,
Anna, langweilt er mich auf's Entsetzlichste. Ich mchte ihn lieber Gift und
Dolch handhaben sehen, als dieses Nichtsthun und sich so durch die Tage
Hinschleppen an ihm erleben! Dieses Verdmmern der tiefsten Seelenkrfte in
dumpfem Hinbrten, und dann das Spielen mit Kleinigkeiten, groer Gott! wie kann
ein Mann - ich bin ganz matt und mde davon, darum komme ich zu dir.
    Und glaubst du denn, fragte Anna, da ihn die so gesunkene Carbonaria noch
interessirt, da er sein Wort gebrochen und neue Verbindungen mit ihr angeknpft
hat?
    Ja und nein! Er ist nicht aus einem Gu; das ist ja eben das Elend! Da er
heilig gelobt hat, sich nicht mehr in diesen Wust schwchlicher
Freiheitsversuche hineinziehen zu lassen, wird er Wort halten, das heit, auf
seine Art: er wird zu jenen Zwecken nur sein Vermgen den Einzelnen zuwenden,
Geld auf Geld verschleudern, aber keine Details anhren. Drngen sie jedoch
jemals gewaltsam an sein Ohr, so ist wol kein Zweifel, da er mich verlassen
wrde im ersten als wichtig sich ankndenden Moment, um vielleicht nutzlos sein
Haupt dem Beile preiszugeben. Die ganze Sache ist allmlig fixe Idee in ihm
geworden.
    Mir scheint, du vergit seine Nationalitt. Hat er dies unermdete
Wiederauffangen abgerissener und verlorener Fden seines Gewebes, dieses
taumelnde Entzcken beim Klang des Wortes Freiheit! nicht mit den Edelsten
seines unglckseligen Volkes gemein?
    Mag sein. Aber lebe nur erst den ganzen langen Tag mit einer personificirten
Idee, die nirgends ihren Anknpfungspunkt in der Wirklichkeit findet; sieh diese
tausendfach zerstckelten Fden in der klaren Luft der Alltglichkeit
zerflattern wie den alten Weibersommer, der uns auch den schnen Frhling
niemals wiederbringt, Anna! - Um einer begeisterten Ansicht Alles zu opfern und
um sie, allen Umgebungen und Gegenwirkungen zum Trotz, zum Wirklichwerden zu
zwingen, zum fruchttragenden Baum sie zu machen, um, mit einem Wort, die Basis
einer Volksfreiheit aus seiner Persnlichkeit herauszubilden, gehrt ein
eiserner Wille und Charakter, dann beugt sich ihm, dem Wollenden, die Welt,
gleichviel, ob in starrer Demuth, oder lebendigem Gehorsam, gleichviel, ob zum
Bau einer Republik oder eines Kaiserthums. Ein Napoleon oder ein Washington
wrden es vollbringen und hchstens hinterher in sich zu Grunde gehen, nachdem
das ungeheure Ich mit dem uern Stoff fertig geworden und seinen Hhepunkt
erreicht htte. So ein besonnen verharrender, fester Sinn, wie etwa Gotthards,
vermchte das vielleicht. - Sonderbar, da ich ihn nie vergesse!
    Anna schwieg verlegen. Leontine bemerkte es nicht und fuhr fort: Gut, da
ich Muth habe! Gib Acht, Jean Carlo endet auf dem Schaffot, ohne irgend etwas
geleistet zu haben. Erschrick doch nicht so! Das habe ich bedacht, ehe ich meine
Hand ihm gab. Ja, ihm fehlt Charakter, wiederholte sie flsternd halblaut vor
sich hin, und doch will er ihn einer Nation verleihen und meint die Zustnde des
Volks wie aus einem Gef in's andere auszugieen zu einer neuen Gestalt. Gbe
es eine Allgemeinheit der Gesinnung, dann mchte dem Einzelnen das Groe
gelingen, es knnte den Tropfen bilden, der den Becher berflieen macht. Aber
so! - Unsre Zeit fordert ja umgekehrt vom Einzelnen, was sie in solchem Falle
von der Allgemeinheit verlangen sollte, eine Thatkraft, die in's Unermeliche
reicht: ein Regeneriren all der schlaff gewordenen Gemther. Und der das knnte,
ist, glaube mir, jetzt gar nicht auf der Welt. - Nach der Oekonomie der Natur,
setzte sie heiterer hinzu, die eine gute Hausfrau ist, wird er auch wol kaum in
unserm Sculum mehr geboren.
    Einem Manne, wie Otto zum Beispiel, traust du also eine solche Gewalt nicht
zu?
    Nein, o nein! rief fast heftig Leontine; er hat zwar Kraft, auch das
Bewutsein alles Einzelnen, aber nicht das Genie. Er hat ein friedliches Gemth
und neigt sich weit mehr dem Universum, als dem kleinen Vaterlande zu. Doch was
fragst du mich? Gotthard ist vielleicht der Einzige, den wir kennen, der - Aber
wo ist er jetzt?
    Noch immer in Paris. In den paar Jahren unserer Trennung hat er seine Bahn
zu einer Hhe gehoben -
    Kind, ich sagte dir ja immer, da er Minister werden wrde!
    Das sagt Duguet auch von mir, liebe Tante! rief lustig auflachend Egon, der
aus dem Nebenzimmer eingetreten war, aber ich frchte, du hast es sicherer
getroffen. Herzlich willkommen! Er umarmte und kte sie. Aber, sprach er fort,
indem er sich nach allen Seiten umsah, wo ist denn Otto?
    Leontine wurde bla - leichenbla.
    Anna hatte die ganze Zeit hindurch versucht, das Gesprch auf ihn zu
bringen, sie hatte den wilden Ausbruch des Gefhls ihrer Freundin vorberlassen,
dann mit des Freundes Anwesenheit sie berraschen wollen, nun nahm ihr der
Zufall das Wort von den Lippen.
    Unaussprechlich trstlich war Annen die pltzliche Erscheinung ihres
Jugendfreundes gewesen; ihre Lage in Brandenburg war nicht angenehm. Die bei der
Geburt von hoher Hand einem der Knaben verliehene Prbende konnte, wie sich bei
Regulirung des Eintritts in die Militrschule fand, nicht angenommen werden, sie
war gegen die Statuten, Anna's Brgerlichkeit machte sie unmglich. Egon, in dem
sich bereits die Stimmung unserer jetzigen Jugend im Keime zu zeigen begann, war
hchst aufgebracht, da man nicht seiner Mutter wegen eine Ausnahme machte; er
war vorlufig noch ein legitimer Demagoge, der einer ganzen Welt die Freiheit
und sich den Grafentitel gnnte.
    In Berlin war Anna nur einen Tag geblieben; sie suchte Kronbergs Wnschen
hinsichtlich der Kinder mglichst nachzukommen. Dem jngern, trotz seiner
Schwchlichkeit, zum Offizier bestimmten Joseph war diese Militrschule
nothwendig, fr Egon pate sie nicht. Sie hatte an Kronberg geschrieben und
harrte seiner Entscheidung, als unerwartet Otto, wie der Strahl eines milden
schnen Sterns, die Nacht des Zweifels und Trbsinns in ihr brach und
zertheilte. Er stand pltzlich im Zimmer und fragte mit den sanftesten Tnen
seiner tiefen Stimme: Komme ich dir recht, liebe Anna? Du bedarfst vielleicht
nicht den Arm, aber das Herz - vielleicht sogar den Kopf deines Jugendfreundes.
    Mit unsglicher Liebe hatte er sie seit mehren Tagen gepflegt, getrstet,
zerstreut; frisch und jugendlich, erschien er neben Egon fast wie ein lterer
Bruder. Er zeigte sich ruhig und doch klopfte sein Herz, wie sonst, Annen
entgegen, und doch war sie nicht minder schn, als damals! Und jetzt mit Einem
Male war auch Leontine da und die unvergeliche Zeit seiner Liebe drang wie eine
Gegenwart auf ihn ein. Aber Otto verbarg seine tiefe Erschtterung, er hatte das
in seiner Ehe still gelernt.
    Leontinen traf sein Anblick wie ein Blitzstrahl.
    Und ich bin katholisch geworden! dachte sie, was wird er dazu sagen? An
ihrem namenlosen Schreck bei dieser Frage fhlte sie, wie sehr sie noch ihn
liebe. Auch sie war vorsichtiger, sie schlug das Auge erst auf, als sie es
ruhiger werden fhlte.
    Immer noch war ihm Anna die seine Seele weckende, erwrmende Sonne, prchtig
entfaltete sein Geist die Flgel ihr gegenber, alle seine Ideen wuchsen und
erweiterten sich. Nachts, nachdem er von ihr gegangen, arbeitete er die
khnsten, schwierigsten Probleme seiner Wissenschaft aus, er lebte tausendfach,
nach allen Richtungen hin, ohne zu ermden; der Morgen fand ihn immer frisch und
klar.
    Aber keinen Augenblick verga er seiner Vrenely daheim. Tglich schrieb er
ihr, und sein liebevoller, herziger Brief enthielt kein lgenhaftes Wort. Er
freute sich mit tiefer, dankbarer Rhrung seiner Huslichkeit, ihrer und des
Kindes; Stunden lang sprach er von ihrer Anmuth, Wahrheit und Gte. Da sie und
Anna zu der nmlichen Gattung Wesen gehrten, fiel ihm kaum ein; Meilen weit
lagen diese Gefhle auseinander.
    Eine Frau wird diese Doppelempfindung nie verstehen.
    Bei Anna's Trennung von Kronberg war der Name der Capacelli nicht ber ihre
Lippen gekommen, nur von den Knaben war die Rede gewesen. Anna hatte ihrem
Gemahl blos angedeutet, da sie, allen den Mislauten der Gegenwart ein Ende zu
machen, ihre Entfernung fr gut, fr nthig halte, und ihm des Sohnes
unbedingten Gehorsam gelobt, wenn sie selbst ihn begleite. Ihre Freunde dagegen
hatten die Annen durch das Verhltni zur Capacelli erschwerte Stellung in Haus
und Gesellschaft auf den Zustand ihres Gemths bertragen; Niemand begriff, da
sie die ihr aufgedrungene Rolle der mishandelten unglcklichen Gattin so ruhig
hinnahm, weil sie ihr Einsamkeit und ein leichteres Aufathmen gnnte. Erst als
Kronberg einen Schritt thun wollte, der sie zu einer ffentlichen Erniedrigung
gezwungen htte, stieg der Gedanke einer Trennung in ihr auf.
    St. Luce schrieb oft. Er war Kronbergs Freund geblieben und bis zu Otto's
Ankunft, die Annen abermals zum Schreiben veranlate, das einzige
Verbindungsglied zwischen den getrennten Gatten unter sich und Gotthard, der
noch immer in Paris sich aufhielt. Kronberg hatte noch nicht geantwortet.
    Als Franzose hatte St. Luce den Vorfall mit der Capacelli leichter genommen,
als Geierspergs und die Andern. Er warf Kronberg immer noch die Dummheit eines
unntzen clat vor. Allerdings war er jetzt auf einen momentanen gnzlichen Sieg
der Spanierin gerstet; auch er hielt die Trennung Anna's von Roderich fr eine
vielleicht dauernde, an gerichtliche Scheidung zu denken, fiel ihm nicht ein.
    Wie es nur dahin gekommen? bersann er auf einem langen, einsamen
Spaziergange; war doch eigentlich seit Anna's Krankheit nichts Bedeutendes
geschehen! Kronberg war ja so reich, es konnte Annen wahrhaftig einerlei sein,
mit welcher hbschen Frau er einen Theil seines vielen Geldes durchbrachte;
eiferschtig war sie ja nicht. Uebrigens wenn er nun Pferde, Spiel und andere
Zerstreuungen geliebt htte, wre es besser gewesen? - Eine deutsche Frau
freilich kann sogar auf Jagdhunde eiferschtig sein, man hat das erlebt, brummte
er vor sich hin. C'est  peu prs gal! - Wenn sie am Ende doch so eine Art
kleinstdtischer Eiferschtelei - quelque ide de petite ville - gehabt htte? -
Nun sa sie ganz unntz in Brandenburg, allein, ohne Zweifel gedrckt von der
neuen Schwierigkeit, die ihre brgerliche Geburt dort dem Fortkommen der Kinder
in den Weg legte! Fameuse btise allemande! murmelte er immer rgerlicher. Sein
Verdru hatte den alten Herrn bereits um halb Wien herumgetrieben, als eine
rufende, athemlose, vom Laufen halb erstickte Stimme: Monsieur! Monsieur de St.
Luce! ihn Halt machen hie.
    Es war Duguet, der, in einer Art Gefhlsstrangulation heftig gesticulirend,
auf ihn zustrzte, eine Neuigkeit der wichtigsten Art schien ihm fast die
Besinnung zu rauben, doch hatte er uerlich alle Flaggen des innern Jubels
aufgesteckt, sein Hut sa fast verkehrt, sein rothes Schnupftuch flog in der
Luft ber die Bsche weg, wie sonst die Serviette ber die Mbeln.
Unglcklicherweise war er vor lauter Bewegung fast sprachlos.
    Endlich brachte er die Worte heraus: Der Herr Graf haben mit Madame
Capacelli gebrochen, jeder Verbindung mit ihr entsagt, ihr das Haus geschenkt,
brieflich von ihr Abschied genommen; vier Billets, die sie ihm geschrieben,
unerbrochen zurckgeschickt; abgeschlagen, sie wiederzusehen. Baron Ruthberg ist
gekommen, er hat ihn sehr freundlich empfangen, die Herrn sind in der besten
Laune auseinandergegangen.
    Bist du betrunken oder im Traume, mon cher? rief St. Luce, ergriff Duguet
beim Kragen und schttelte ihn aus Leibeskrften, als wollte er ihn wach
rtteln.
    Das hlzerne Bein trug den General nicht mehr, er wankte. Zum Glck stand
eine Bank in der Nhe. Duguet lie sich respectuell schelten, schtteln, fragen,
hatte jedoch fr das Alles nur die eine Antwort: Mais c'est vrai, ma foi, c'est
bien vrai!
    Wie ein paar Inspirirte gingen der alte Herr und der alte Diener nach Hause.
Die ganze Welt schien ihnen anders geworden. Nun mu sie ja wiederkommen!
    Am nchsten Tage beklagte die ganze Crme der guten Gesellschaft in Wien
diesen armen, guten, kleinen Narren! die Capacelli, die wegen eines
Theatercontracts so halbtodt, elend und krank nach Berlin gemut.
    Paola war wirklich krank, sie liebte Roderich, weil er es ihr so entsetzlich
schwer gemacht, ihre Zwecke bei ihm zu erreichen; sie war ihm mitunter untreu,
weil das einmal in ihrer Natur lag, weil ihr lange dauernde Treue ganz unmglich
war. Sie hatte bis zu diesem Augenblicke, der alle ihre Hoffnungen vernichtete,
keineswegs aufgegeben, doch noch Grfin Kronberg zu werden, und wirklich die
Knaben mitzunehmen sich erboten, um sie zu gewinnen und ihr Ansehen in Berlin
geltend zu machen; - und nun ohne alle Ursache, ohne irgend eine denkbare
Veranlassung trennte er sich von ihr, und obendrein im Moment ihrer
unvermeidlichen Abreise. Es war zum Wahnsinnigwerden!
    Sie sann sich das Haupt mde, den Grund seines vernderten Benehmens
aufzufinden; ihre Phantasie arbeitete sie in einen Fieberzustand hinein, in
welchem sie wirklich endlich Wien verlie.
    Mag sein, da Roderich ihrer berdrig geworden, mag sein, da sie die
Saiten bei dem nicht mehr jugendlich fhlenden Manne zu hoch gespannt; wer
konnte dem reifen Diplomaten so ganz genau ansehen, was ihn bewegte? Er reichte
seinem Freunde St. Luce die Hand und bat ihn, nicht davon zu sprechen.
    Seine Freigebigkeit gegen Paola kannte keine Grenzen; er schickte noch eine
Menge Geschenke in ihr Haus, die er ihr frher versprochen, es waren wirkliche
Kostbarkeiten darunter.
    Ruthberg und der ganze kleine Mnnerkreis, der ihn umgab, war theils in
starre Bewunderung dieser Gromuth versunken, theils wthend. Wer kann mit einer
solchen Verschwendung Schritt halten? fragte Einer den Andern. Die Damen, deren
Gunst diese jungen Herren sich rhmten machten ihre Bemerkungen ebenfalls; Jedes
sah die Sache mit andern Augen an, sie erregte ein fr Kronberg gnstiges
Aufsehen. Einige fromme Seelen freuten sich seiner Rckkehr zum Rechten; im
diplomatischen Kreise sprach man diesen Abend bald da, bald dort leise. Kronberg
sah es. Er erklrte sich gegen Niemanden; war er vielleicht sich selbst nicht
klar?
    Duguet suchte den ganzen Tag hindurch in jedem kleinen Dienst eine an
Anbetung grenzende Dankbarkeit, eine Art stummer Verehrung an den Tag zu legen;
nie war er respectvoller gegen seinen Herrn gewesen. Der Kerl bedient mich, als
ob ich der Kaiser wre! sagte, immer noch lachend, Kronberg vor sich hin; aber
es that ihm doch wohl.
    Einmal fand ihn Duguet dem Bilde seines Sohnes gegenber, er glaubte, die
Worte zu vernehmen: Toller Bube! er hatte Unrecht in der Manier, in der Sache
wahrhaftig nicht so ganz!
    Es wre Kronberg selbst sehr schwer geworden, sich von dieser pltzlichen
Umwandlung seines Innern, vielleicht auch blos seiner Handlungsweise
Rechenschaft zu geben. Der Hauptgrund war wol: da der Stachel der Eitelkeit ihn
nicht mehr wund ritzte, mit ihm schwand seine scheinbare Leidenschaft zur
Capacelli, die aus so vielen, so verschiedenen Elementen zusammengesetzt, so
wenig wirklich war. Anna's Klte erregte in der Entfernung nicht mehr seine
Eifersucht, er fhlte es nicht mehr so nothwendig, ihr und der Welt eine
scheinbare Gleichgltigkeit zu zeigen. Der Spanierin Hochmuth hatte sie zu einer
unpassenden Forderung, ihn selbst zu einem noch viel unstatthaftern Schritt
verleitet, dessen er sich nun hinterdrein schmte.
    Anstatt Annens Briefe zu beantworten, beschlo er, selbst mit Courierpferden
nach Brandenburg zu reisen und sie abzuholen. Da sie irgend sich weigern knne,
ihm zu folgen, fiel ihm nicht ein; die Sache war ja nun abgethan! Die Kinder
konnten am Ende doch unmglich bei ihr bleiben. Besser war es allerdings, Egon
in Berlin zu lassen, und eben dort konnte Anna ihn am ruhigsten von sich
entfernt im Hause ihres Schwagers wissen.
    Kronfeld hatte ein fast weibliches Talent, sich im Geist die Umstnde so
zurecht zu legen, wie sie seiner Neigung nach am gnstigsten ihm erschienen.
    Whrend er zu einer kurzen Abwesenheit in seinem Cabinet die gehrigen
Verfgungen traf, lie sich durch einen der Laquaien ein junger Mann melden, der
um die Gnade bat, ihm aufzuwarten. Der Graf, in seine Arbeiten vertieft,
erwartete einen neuen Secretr; ohne aufzusehen, nickte er gewhrend. Gondi trat
ein.
    Mit einem Schwall bombastischer Worte und aller Uebertreibung seiner Jugend
und seines Metiers gestand er dem Grafen, da er nicht wirklich Paola's Bruder
sei, schwur ihm jedoch, dem Gefhl und Verhltni nach seit Ewigkeiten nicht
anders zu ihr gestanden zu haben, und hielt seinen eigenen Verdiensten eine
lange Lobrede.
    Zu seiner Verwunderung hrte ihn der Graf schweigend, ohne sonderliche
Zeichen des Erstaunens, ruhig an. Gondi sprach sich nun gegen Paola's Charakter
aus, klagte sie der grten Unzuverlssigkeit und Unwahrheit an und erbot sich,
dem Grafen alle Beweise seiner Aussagen in die Hnde zu geben.
    Und was soll ich damit? fragte Roderich.
    Von dieser mit tausend Ringeln Seele, Geist und Krper umwindenden Schlange
sich lsen, sagte trotzig der Italiener, dem Zorn und Eifersucht das Gefhl
erduldeter Mishandlung vergegenwrtigten bis zur Qual. Er ballte die Hnde und
bi vor Wuth in die eigenen Finger, dazwischen fuhr er mit seinen Ausrufungen
und Schmhungen fort, bis ein fast convulsivisches Schluchzen ihn hemmte.
    Armer Narr! murmelte Kronberg. Gott sei Dank, da ich nicht verliebt bin,
wie er!
    Immer trotziger und heftiger sprach Gondi sich aus; er war gekommen, weil er
es ihr versprochen, freilich in ganz anderer Absicht; aber das Gefhl, da sie
in der inneren Emprung ber Kronbergs Hrte nun in Berlin ohne ihn neue
Verhltnisse schlieen werde, hatte momentan die alte Leidenschaft in ihm
erweckt, und anstatt dem Grafen in der bernommenen Rolle Gutes von ihr zu sagen
und durch ihren Jammer auf dessen Herz zu wirken, ri ihn das innere Empfinden
ihrer Nichtswrdigkeit und seiner trostlosen Schwche in ganz entgegengesetzter
Richtung fort. Und dennoch, klagte er, bin ich selbst an sie gefesselt, dennoch
wrde mich mein Weg mit ihr zusammenfhren, ginge auch der eine nach Sden, der
andere nach Norden. Das ist's ja, da man ihre fluchwrdige Sirocconhe nicht
los wird!
    Wir wollen nicht behaupten, da Kronberg immer so klar gesehen, wie in
dieser halben Stunde, obschon er in einem Winkel seiner Seele nie an den Bruder
geglaubt; der junge Mann schien sich lngst zurckgezogen zu haben und war ihm
bei ihr nie in den Weg gekommen. Roderich hrte ihn fortwhrend ruhig an bis zu
Ende, dann sagte er ihm mit wohlwollender Freundlichkeit: er habe sein frheres
Verhltni zur Capacelli gekannt; brigens sei es unwrdig von einem Mann, sich
an einer Frau zu rchen; das weibliche Geschlecht sei bel genug gestellt in der
Welt, dem mnnlichen gegenber. Da aber sich zu rchen, wo man einst geliebt und
Gunst gefunden, glte in Deutschland fr erbrmlich.
    Mit groer Gte erkundigte er sich nach Gondi's persnlicher Lage, stellte
ihm die Gefahr des Hazardspiels in Oesterreich vor, und bot ihm an, ihm
beizustehen, wenn er eine andere wrdigere Lebensweise versuchen wolle. Endlich
entlie er ihn mit einem Geschenk, bat ihn jedoch, nur im Fall, da er sein
bedrfe, ihn wieder aufzusuchen, da die Vergangenheit entschieden fr immer
abgethan bleiben msse.
    Seit langer Zeit athmete Roderich frhlich auf, ein heiteres Gefhl der
Selbstzufriedenheit flo durch seine Lebenspulse und drang ihm tief an's Herz.
Und nun zu Annen! sagte er lchelnd.
    Er hatte St. Luce vorgeschlagen, ihn zu begleiten; der junge Herzog von
Reichstadt hatte sich wieder erholt, mit Freuden nahm der General das Anerbieten
an. Duguet sang triumphirend seinen Marlborough und lie unter seiner Aufsicht
den Wagen packen.
    So standen also die Dinge in Wien; unglcklicherweise hatte in Brandenburg,
Berlin und Paris Niemand von dieser gnstigen Umgestaltung der Verhltnisse die
leiseste Ahnung.
    Gleich nach Anna's Abreise hatte der General an Gotthard geschrieben, der
Brief kam an, als dieser eben seine Geschfte in Paris beendet und zur Abreise
bereit war.
    Gotthard zhlte noch nicht Dreiig; in diesen Jahren rollt das Blut noch
rasch und glhend, einem Lavastrom gleich, in den Adern. Die Mglichkeit einer
nicht entfernt durch ihn veranlaten Scheidung ihrer Ehe, das Bewutsein, Annen
ein in jedem Bezug passendes Loos bereiten zu knnen, die Aussicht, ihr seine
Hand zu bieten, mit der einzigen Frau, die er je geliebt, die er nie eine Stunde
aufgehrt zu lieben, vereint leben zu knnen, berwltigte ihn. Mit
unwiderstehlicher Gewalt von der Macht des Augenblickes ergriffen, zauderte er
keine Stunde, er flog nach Berlin. Sie war nicht mehr da; auch Leontine
abwesend, bei ihr. Er erfuhr dies zufllig und konnte sich nun nicht
entschlieen, Geierspergs aufzusuchen, er kannte Beide nicht. Wie ein Trumender
ging er volle vierundzwanzig Stunden in Berlin umher. Er hielt es nicht lnger
aus; er nahm Postpferde und eilte nach Brandenburg.
    Die kleine Stadt gewhrte ihm nhere Details. Im Gasthof, wo er
Erkundigungen einzog, erfuhr er, wo sie wohne; auch Otto's Anwesenheit ward ihm
mitgetheilt. Er freute sich derselben, dann aber beneidete er ihn
unbeschreiblich, da er ihm zuvorgekommen und die ersten traurigen Tage mit
Annen durchlebt hatte.
    Mit einem Male hatte den sonst gefaten, besonnenen Mann der Wirbel
grenzenlos leidenschaftlicher Gefhle und Hoffnungen erfat, jede Secunde
steigerte ihn; als habe ihn die Wnschelruthe einer zauberischen Gewalt berhrt
und tausend Quellen seines Herzens wach geschlagen, strmte die Fluth
unsglichen, fast tdtenden Glcks durch sein ganzes Wesen. Er mute sie sehen!
jetzt - gleich! - -
    Auch Anna war seit einer halben Stunde beraus glcklich. Sie hielt einen
Brief ihres Bruders aus Schlesien in der Hand, den sie wiederholt durchlas.
Louis war nicht mehr beim Militr, eine ihm unerklrliche, ganz unbekannte
Frsprache hatte ihm die Stelle eines Postmeisters mit einem kleinen Gehalt
verschafft. Nachdem ihm durch seinen Hauptmann unter den Fu gegeben worden, um
seinen Abschied zu bitten, welchen er, da er die gehrige Anzahl Jahre gedient,
seiner geschwchten Gesundheit wegen mit allen Ehren und Anerkennung guter
praktischer Kenntnisse erhielt, hatte ihn der Antrag wie ein ihm vom Himmel
zugefallenes Geschenk berrascht. Nun konnte er froh und ruhig mit seiner
Familie leben, seine Kinder erziehen. Dem kleinen Amt war er vllig gewachsen.
Er hatte ein Huschen als Wohnung angewiesen bekommen, und Feld und ein
Grtchen. Er schwamm in Wonne, und rhrend schn war die wirklich tief gefhlte
Dankbarkeit, mit welcher er der Schwester abbat, da er je an ihr gezweifelt,
whrend sie so redlich fr ihn gesorgt. Es mute ja ihr und Kronbergs Werk sein,
da er nun pltzlich so glcklich geworden. Louis erschien durch seine Reue und
den Jubel seines Herzens so hingebend liebenswerth, da Annen jeder frhere
Miston aus dem Gedchtnisse schwand. Auch seine Frau hatte mit einer hbschen
klaren Handschrift einige Zeilen voller Dank und Herzensfreundlichkeit dem Brief
zugefgt; das Glck verleiht gut gearteten Menschen fast immer eine gewinnende
Anmuth.
    Anna war glcklicher, als Beide. Konnte sie wol einen Augenblick daran
zweifeln, da es Gotthard sei, der dies Alles mglich gemacht, der es fr sie
gethan zu ihrem Trost?
    Das Gefhl seiner Liebe berkam sie wie eine stille Seligkeit; Thrnen
berthauten das Blatt, das sie noch in den Hnden hielt. Unwillkrlich war ihr,
als empfinde sie wieder die Wohlthat seiner Nhe, ihre Lippen flsterten
bewutlos seinen Namen. Ja, das bist Du, mein Gotthard! sagte sie leise und hob
das noch umflorte Auge - groer Gott! es traf das seine! - Er lag zu ihren
Fen, fate ihre Hnde, drckte sie an seine Stirn, an seine Lippen.
Besinnungslos sah sie ihn an, wiederholte aufschreiend seinen Namen und sank
kraftlos, vom Augenblick berwltigt, mit dem Gesicht auf seine Schulter, an
seine Brust.
    Wer zhlte je in einer solchen Lage die Minuten? Wie lange das Gefhl der
namenlosen Wonne, dieses Anschauens des Geliebten, ohne Vor- noch Rckblick auf
Vergangenheit oder Zukunft, gedauert, wute Anna nicht. Jetzt sa er neben ihr
auf dem Sopha; wie von einem unerhrten seltsamen Traum befangen, lauschte sie
seinen Worten. Lange verstand sie ihn nicht; pltzlich ward ihr sein Irrthum -
ach! sein wahnsinniges Hoffen klar, wie ein Skorpion tdtete diese Stunde sich
selbst, vernichtete das volle Leben, das sie genhrt. - Was Gotthard whnte,
sagte, wnschte, pate ja nirgends in die Wirklichkeit. Sie ihre Kinder
verlassen! sie von Egon sich trennen! Nein, das war ja nicht zu denken, nicht zu
thun, weit eher konnte sie sterben.
    Mit Lwenmuth fiel die arme Frau ber, das hoffnungschlagende Herz des
Geliebten her und entbltterte alle seine Blthen. -
    Vergebens wiederholte er ihr, da die Trennung von ihrem Gemahl bereits
hinter ihr liege, da es Raserei sei, einem bloen Begriff ein ganzes Leben zu
opfern.
    Sie schttelte stumm und traurig den Kopf, aber seine Worte schmerzten sie,
ohne sie irre zu leiten.
    Anna! rief Gotthard endlich verzweifelnd, seit sechs Jahren habe ich eine
freudenlose Existenz von Tag zu Tage hingeschleppt; im Edelsten,
Erfolgreichsten, das ich zu leisten versuchte, klang immer die Todtenstimme
meines Herzens vernichtend durch; ich fhle, da mir der Boden unter den Fen
fehlt. Anna, lassen Sie mich meine Aufgabe vollenden! Gewhren Sie mir Frieden!
Enden Sie diese rastlose Pein, dieses stachelnde Glckverlangen, dieses
verzehrende ber einer Unmglichkeit Sinnen und Brten, an welche zu glauben,
der mnnlichen Natur eine schlimmere Vernichtung ist, als Krankheit oder Tod.
Der Zwiespalt zerfrit mit seinem Rost mein Herz, meine Sinne. Was zu thun
Menschen mglich war, ist von beiden Seiten geschehen, und jetzt, da eine
unbegreifliche Barmherzigkeit des Zufalls die Mglichkeit einer innern
Vollstndigkeit, einer geistigen Genesung uns gewhrt, jetzt wollen Sie in
krnkelndem Pflichtgefhl einer unwahren Ueberzeugung, einer gemachten
Nothwendigkeit sich und mich opfern?
    Bis in's Tiefste erschttert, hrte sie ihn an, dann begann sie zu erzhlen.
Je lnger sie sprach, desto trber wurde Gotthard. Sie sprach ber Egon, ber
dessen richtenden Blick, der schon jetzt mit schneidender Schrfe den Vater
getroffen, ber die beiden Briefe, die sie selbst von Brandenburg aus an
Kronberg geschrieben. Im Reden ward sie muthiger. O, mein Freund! sagte sie
fest, wir knnen uns einander opfern, denn wir sind eins; aber kann ich den
Knaben beider Eltern berauben? Hat meine Liebe zu Ihnen, Gotthard, des Vaters
Herz ihm entfremdet, darf ich die Mutter auch von ihm trennen? Verlangen Sie
nicht, was wir Beide nicht ertrgen.
    Leben Sie wohl, Anna! sagte Gotthard, bebend vor Schmerz, aber rasch
entschlossen. Es war das letzte trumerische Aufflammen meiner Jugend, es war
ein wunderser, schner Traum, der, wie alle Morgentrume, in blasses Tagesgrau
verweht! O Anna, Anna! nun darf ich dich niemals wieder sehen!
    Er zog sie einen Augenblick an seine Brust, ihr war, als breche ihr Leben. O
Gotthard! hauchte sie leise, sein Sie nicht allzu hart gegen uns Beide! Knnen
wir denn wissen, was Gott ber uns verhngt? Lassen Sie uns treu sein und still
halten!
    Es lag eine so tiefe, demthige Gottergebenheit in Anna's Worten, wie in
ihrem ganzen Wesen, da pltzlich Gotthards milde Natur, wie wach gerufen, aus
dem Dunkel des eigenen Innern sich erhob. Still hielt er sie in seinen Armen,
sah sie weich und innig an und strich ihre seidenen Locken zurck, die ihr in's
Gesicht gefallen.
    Nun denn, mein Engel, lebe wohl! Lebe tausendmal wohl! Nicht auf immer. Aber
weine nicht, o weine nicht, Anna! Leise bog er sich nieder - Beide saen noch
auf dem Sopha - seine Lippen berhrten kaum, sie streiften nur ihren goldnen
Scheitel.
    Monsieur de St. Luce, Madame! rief Auguste's Stimme. Die Thre ward
aufgerissen, Leontine, Viatti, Otto, St. Luce und - Kronberg standen vor den
Unglckseligen.
    Ein dumpfer chzender Laut, kein Schrei, kein Seufzer - ein schneidendes
Wimmern durchdrang das Zimmer. Kronberg lehnte sich wie bewutlos an die Thr,
Viatti untersttzte ihn. Leontine war auf Anna zugesprungen, die in
todtenhnlicher Ohnmacht am Boden lag; St. Luce und Otto hatten sich hastig
zwischen Gotthard und Kronberg gestellt.
    Wortlos, zitternd vor Grimm und wahnsinniger Verzweiflung starrten beide
Mnner einander an. Kronberg fate sich zuerst, an Viatti's Arm verlie er das
Zimmer.
    Leontine trat entschlossen auf St. Luce zu. Sind Sie Auguste's gewi? fragte
sie, convulsivisch zitternd.
    Wie meines Lebens, Frau Marquise!
    So ist nichts verloren, denn unschuldig ist sie, so wahr Gott lebt! Aber
jetzt schaffen Sie mir Sophie, lieber General, dann verlassen Sie uns. Bereden
Sie mit Otto, was gethan werden mu.
    Vor Allem, sagte der graue Invalide, ist die uere Ehre, der Ruf der
Unglckseligen vor einem unauslschlichen Flecken zu wahren.
    Still legte er sie mit Leontinens Hlfe auf's Sopha. Otto stand wie
versteinert; etwas Furchtbares war geschehen. Er verstand diese Mglichkeit
nicht; eine Secunde lang war er an Annen irre geworden.
    Kronberg war mit Viatti sogleich in den noch unten haltenden Wagen
eingestiegen und fortgefahren; Niemand wute wohin.
    Gotthard stand im Vorhause und starrte mit gekreuzten Armen dster vor sich
hin, als suche sein Geist die Mglichkeit einer Ausgleichung des Geschehenen, an
die er selbst nicht glaubte. So fand ihn Otto. In zwei Worten hatten sich Beide
verstndigt, St. Luce's Brief hatte ja ihn hergelockt, wie Duguets Schreiben
frher Otto.
    Er wird mich fordern! sagte kalt und ingrimmig Gotthard.
    Er wird mich hren! erwiderte Otto.
    Unterdessen war St. Luce die Treppe herabgekommen; als Offizier sah auch er
einen blutigen Ausgang der Sache als unvermeidlich voraus.
    Alle Drei gingen in den Gasthof, den Gotthard und Otto bewohnten. Sie
erwarteten dort Nachricht von Kronberg. Gotthard war trbe, aber gelassen.
Keiner von ihnen sah Anna wieder. Otto lie Auguste rufen, um ihn zu befragen.
Sie hatte sich erholt; in Leontinens sorgender Obhut wuten die Freunde die
theure Frau geborgen. Persnlich ihr zu nahen, vermieden sie ohne alle
Erklrung, um keinen Schein des Einverstndnisses ihr aufzubrden.
    Mehre Stunden vergingen in dieser Spannung. Gotthard benutzte sie, um auf
den Fall eines Duells im Voraus alles Nthige zu ordnen; er schrieb fortwhrend,
doch wie es beiden Freunden vorkam, nur in Staats- und geschftlichen
Angelegenheiten. Annen schrieb er nicht.
    Gegen Abend kam endlich die erwartete Ausforderung. Kronberg war mit dem
Grafen Viatti in ein nicht allzuweit entlegenes Stdtchen gefahren, von wo aus
er den Kutscher mit dem Briefe zurckgesandt hatte. Die Ausforderung lautete auf
den nchsten Morgen, als Ort der Zusammenkunft war ein Wldchen zwischen
Brandenburg und dem besagten Stdtchen angegeben; das Billet selbst war in sehr
gemessenen Ausdrcken an Gotthard gerichtet.
    Ich wnsche, sagte dieser, da es uns gelingen mchte, dem unvermeidlichen
Duell eine scheinbare, dem wahren Anla fremde, Ursache zu geben, auf keinen
Fall knnen wir auf eine gnzliche Verheimlichung desselben rechnen. Im Uebrigen
stehe ich dem Herrn Grafen ganz unbedingt zu Befehl.
    Er antwortete in wenigen Zeilen.
    St. Luce und Gotthard beabsichtigten, in einer Stunde zu fahren; Otto war im
Augenblicke, da er des Grafen Aufenthaltsort vom Kutscher erfragt,
vorausgeritten, er wollte ihnen zuvorkommen.
    Er lie sich bei Kronberg melden und ward sogleich angenommen. Zu seinem
Erstaunen fand er Roderich in einer ganz unerklrlichen, selbst durch das
Vorgefallene in dieser Weise nicht zu motivirenden Stimmung; seine Aufregung,
die krampfhafte, fast fieberartige Rastlosigkeit, die ihm nicht einen Augenblick
auf einer Stelle zu bleiben gestattete, das mit gnzlicher Erschpfung
wechselnde, hrbar heftige Schlagen seines Herzens, die fliegende Rthe seines
Gesichts waren nicht natrlich; er kam Otto krank vor, was er aber, zornig
auffahrend, leugnete.
    Nach Otto's Ueberzeugung konnte der Graf in seinem Innern Anna's uere
sinnliche Treue unmglich bezweifeln, ber ihre Neigung zu Gotthard aber mute
er seit Jahren im Klaren sein. Hierauf grndete er seine Hoffnung, die Sache
beizulegen, er und St. Luce betrachteten das Duell als durch Viatti's
Anwesenheit herbeigefhrt, den der Zufall zum unwillkrlichen Zeugen des ganzen
Auftritts gemacht.
    Sehr anders erschien der Fall den Hauptinteressenten. Kronberg war fest
entschlossen, Gotthard zum Krppel zu schieen, oder ihm seine Kugel durch's
Herz zu jagen. Gotthard hatte mit sich selbst abgeschlossen und war fertig mit
Allem; er hatte eben so fest sich vorgenommen, unter keiner Bedingung auf den
Grafen zu feuern. Beiden war auf diese Weise, wie bisher, noch ferner
fortzuleben, unmglich geworden.
    Otto bat Kronberg, noch einmal ohne Zeugen ihn sprechen zu drfen, ehe
Gotthards Antwort durch den rckreitenden Diener anlange, die ohnehin durch
seine Anwesenheit als gegeben zu betrachten sei. Kronberg versprach, ihn ruhig
zu hren, blieb aber in einem unstten Auf- und Niedergehen im Saale. Otto
erzhlte nun von Duguets Brief, von dem Eindrucke, den derselbe auf ihn gemacht,
und von seiner augenblicklichen Abreise von Basel, um Annen beizustehen in
dieser Trennung ihrer Ehe, die auch ihm einer gerichtlichen Scheidung gleich
geschienen.
    Sie wissen, sagte er weich, da Anna meine Schwester ist, nur glichen wir
von jeher den Dioskuren, sie gehrt den himmlischen an, ich der Mutter Erde. Und
weiter malte er mit naturtreuen Farben ihr stilles Leben in Brandenburg aus, der
Marquise Ankunft, Egons und Josephs Liebe zu Beiden und die sich an der
freundlichen Gegenwart mildernde Stimmung Aller. Annens Unkenntni jeder
spteren Wendung in Gotthards Geschick trat in all' diesen Einzelnheiten
deutlich hervor; in Otto's ganz einfacher Rede lag eine durchgreifend wirkende
Wahrheit. Das ganz Unvermuthete der Ankunft Gotthards schien den Grafen stutzig
zu machen; er blickte Otto mit durchbohrender Gewalt in's Gesicht.
    Knnen Sie, schlo dieser fest und scharf, auf den Fall eines unglcklichen
Ausganges dieses Zweikampfs eine mgliche Form des Lebens der beklagenswerthen
Grfin sich denken? Welche Stellung bleibt der mit einem Mal durch diese
Oeffentlichkeit Preisgegebenen vor der Welt? - Uns Protestanten beut kein
Kloster eine schirmende Zuflucht; die harte, schwere, ihre Krfte weit
berwiegende Last wird erbarmungslos auf die zarten Schultern geladen und sie
mu sie vor Aller Augen mit sich bis zum Grabe tragen. Und was gewinnen Sie
selbst?
    Wild auflachend, unterbrach ihn Roderich. Junger Freund, haben Sie nie Ihr
Herz an einen Irrthum gehngt? Was ich gewinne? Im Fall meines Todes die
Gewiheit, da, die mich getuscht, betrogen, verrathen hat, ber meinem Sarge
kein Asyl des Glckes sich erbaut; im Gegenfall, da ich nicht mehr dieselbe
Luft mit dem Verhaten athme? - Erschreckt hielt er ein: er hatte den Abgrund
seiner langen Seelenqual verrathen!
    Erstarrt blickte ihn Otto an. Entsetzlich! rief er aus. Ein kalter Schwei
trat ihm auf die Stirn, auf jeden Fall war Anna's Ruhe verloren - und auf immer!
Wen auch der Schu des Gegners treffe, jedenfalls traf er ihre ganze
Erdenzukunft.
    Eben hielt der Wagen, die beiden Herren langten an. Gotthard sah ruhig aus.
Er nherte sich hflich dem Grafen und bat ihn um eine Gunst.
    Kronberg verbeugte sich.
    In gewhlten, sehr sorgfltig berlegten Worten erklrte Gotthard: er sei
berzeugt, da in Beider Brust der Wunsch, der Grfin Ruf ihren Kindern makellos
zu erhalten, berwiegend sei, deshalb sei er jetzt schon gekommen. Er erlaube
sich, dem Grafen den Vorschlag zu thun, den Rest des Abends diesem Zwecke zu
widmen, ein Souper und Karten bringen zu lassen und ihrem morgenden
Zusammentreffen das Ansehen einer beim Spiel entstandenen Mishelligkeit zu
geben.
    Der Graf nahm das Anerbieten an, behielt sich jedoch das Recht vor, die
Gattung der Waffen und die Einrichtung des Zweikampfes zu bestimmen, und whlte
Pistolen.
    Gotthard berlie ihm diese und jede andere nhere Bestimmung.
    Es ward Wein gebracht, Essen, ein Spieltisch und Karten; dem Kellner deutete
man an, da man seiner vorlufig nicht bedrfe.
    Ungefhr eine Stunde lang blieben die vier Herren beisammen; es herrschte
eine eisige Hflichkeit. Endlich erhoben sich Gotthard und Otto, einen Wundarzt
aufzusuchen, der zugleich des Erstern Zeuge sein mute, da Kronberg St. Luce
dazu aufgefordert.
    Sehr geschickt verbreiteten sie das flchtige Gercht eines Streites beim
Ecart. Jede Maregel ward so getroffen, da im Augenblick die Sache als ganz
folgelos erschien, whrend ihr Ausgang zu einem bestimmten Schlu fhren mute.
    Als sie zurckkehrten, stand Kronberg auf und trat Gotthard entgegen. Herr
Geheimrath! sagte er, was auch morgen das Schicksal ber uns entscheide, die
Zartheit und Entschlossenheit, mit welcher Sie von der uern Ehre der Mutter
meiner Kinder eine Schmach, von dem Leben der Knaben einen tiefen Schmerz
abwenden, verdient meinen achtungsvollen Dank. Obgleich es ein sehr schmerzendes
Gefhl ist, das mir denselben auferlegt, gebieten mir Pflicht und Ehre, Ihrer
Loyalitt vor diesen Herren die vollkommenste Anerkennung auszusprechen.
Gotthard dankte schweigend.
    Die beiden Freunde wollten einen nochmaligen Versuch der Vershnung wagen,
Kronberg wies sie stolz zurck, ergriff Viatti's Arm und verlie den Saal.
    Es war ausgemacht worden, sich am nchsten Morgen um sechs Uhr am dazu
bestimmten Orte zu treffen; die beiden Duellanten sollten von einer gegebenen
Entfernung aus auf einander zu gehen und Jeder schieen, wann er wollte.
    Als Kronberg und der Marchese sich wandten, das Zimmer zu verlassen, strzte
St. Luce auf Gotthard zu und drckte ihn an seine Brust wie einen Sohn, dann
folgte auch er den Andern; als Secundant Kronbergs glaubte er nicht allein bei
jenem verweilen zu drfen.
    Und nun eine Bitte, sagte Gotthard zu Otto; haben Sie die Gte, mich morgen
whrend des Duells nicht einen Augenblick aus den Augen zu lassen, das Uebrige
mag der Doctor Hollau besorgen, der Ihr Mitsecundant ist. Ich wnsche, da Sie
Annen sagten, da ich gehandelt, wie Der mute, der ihr Herz gekannt. -
    Ehe noch Otto ihm etwas zu erwidern vermochte, hatte er sein Schlafzimmer
betreten und hinter sich abgeschlossen.

Anna's fieberheie Hand ruhte noch zwischen den beiden Leontinens, ihr feuchter,
glhender Blick hing noch an den bereits geschlossenen Lippen der Erzhlerin.
Leontine hatte ihr Alles mitgetheilt, was sie durch Duguet ber Kronbergs Bruch
mit der Capacelli und dessen rasche Abreise erfahren. - Anna war tief
erschttert. Roderichs Rckkehr zu der eignen ursprnglich edeln Natur seines
Wesens glich dem Morgentraume seiner ersten Neigung fr sie; und gerade in
diesem sein Bild verklrenden Lichte, gerade in dieser Milderung der stets
unterdrckten harten Anklage ihres Innern gegen ihn mute die Verzweifelnde sich
ihn mit fast unumstlicher Gewiheit als den Mrder des Geliebten denken. Das
Duell, von dem sie berzeugt war, es finde statt, glich in ihren Augen keinem
Zweikampf, denn sie blieb dessen Ausgangs gewi. - Das zwiefach Dmonische der
Empfindung bermannte sie. Laut aufschluchzend barg sie ihr Haupt tiefer in die
verhllenden Kissen; o wie gern htte sie in khler Erde es gebettet!
    Auch Leontinens Elasticitt schien gebrochen. Sie kniete am Bette der
Freundin, die sie fortwhrend mit angststierem Auge bewachte. Sie wute selbst
nicht, was sie so Entsetzliches frchtete. Zwischen den Fingern knitterte sie
ein kleines Zettelchen von Viatti's Hand, das man ihr heimlich aus dem Gasthof
zugeschickt; es sollte sie beruhigen und athmete doch nur die tiefste Emprung
gegen Annen aus, die erst vor Kurzem ihrem Gatten das Mitwissen um einen
inhaltschweren Brief mit frecher Groartigkeit abgeleugnet und jetzt vor dem
Unglckseligen auf eine Weise entlarvt sei, die nur seinen Tod zu wnschen
lasse. - Kronberg mute ihm also unbedingtes Vertrauen geschenkt haben.
    O htte Leontine aus dieser engen Schlucht der Pein nur einen einzigen
Moment in Viatti's Herz schauen knnen! Sie frchtete mit verwirrender Sorge die
Feuerbrnde des Mistrauens, der wthenden Eifersucht seiner ewig in sich
arbeitenden und stets von auen unbeschftigten Natur, deren Einflu in diesem
Augenblick Kronbergs Seele allein beherrschte! Doch wo ihn auffinden? - Das ganz
Hlflose der Lage beider Frauen war schaudererregend.
    Und, seufzte sie - fortredend aus den sich innerlich jagenden Gedanken
heraus - wenn es nun anders kme? O, es ist ja nur ein anderes Entsetzliche,
dich daran erinnern zu mssen, da auch Gotthards Kugel treffen kann! Aber das
Grausenhafte bleibt sich immer gleich. - Nun, vielleicht, vielleicht trifft sie
ihn nicht zum Tode; er ist besonnen. - Anna, jetzt, erst in diesem Augenblick,
verstehe ich Jean Carlo's sich an den Glauben klammernden Trost ganz. In solchem
Abgrund Wahnwitz erweckender Pein, die eine Menschennatur aus allen ihren Fugen
reit und sie zum Spielball der innern Hllengeister macht, beut nur allein die
Kirche den schwachen Hoffnungsstrahl, der, ach! so klein, dennoch, unserer
ewigen Lampe gleich, das nchste Dunkel hellt. O Anna! was hilft mir all mein
Geist - trgerisch oder nicht - la mir den einen kleinen Dmmerschein, an den
ich mich mit aller Kraft des Gemthes anklammern mchte, den Gedanken an die
Frbitte! Ja bitten, bitten fr den Beklagenswerthen, der den Tod gibt und sein
eignes ganzes Leben hindurch an der furchtbaren Erinnerung stirbt. O knnte
ich's mit ihm abben! Der Mensch hat ja in solchem Jammer nichts, das er
ergreifen kann, als den Kelch des Glaubens und das Kreuz der Bue!
    Leontinens Haupt sank auf Annens Decke, sie weinte laut.
    Anna richtete sich fast geisterhaft auf. Du zweifelst, um wessen Tod wir zu
klagen haben? rief sie mit einer grauenerregenden Mischung von Qual und innig
zrtlichklagender Lust. O, irre dich nicht! Gotthard ist vor Allem Mensch. Fr
Kronberg bete, da ihm Gott vergebe, gegen seine innere Ueberzeugung zu handeln,
weil es ihm die Scheinehre gebeut; bete fr ihn, so lange du lebst, ich frchte,
ich vermag es nicht. - Groer Gott, ist es denn mglich! Du glaubst, ich htte
schon verlernt, Gotthards Herz zu durchschauen? Du glaubst, er - werde je auf
den Vater meiner Kinder zielen? Hast du denn nie ihn verstanden, nie dieses
Mannes Charakter erkannt? Er stirbt fr mich, wie er fr mich gelebt. Er ist der
Beneidenswerthe, der Freie, der das einfach Rechte darf!
    Sie sank zurck in ihre Kissen und eine tiefe Erschpfung hielt sie lange
von jeder Aeuerung zurck, bis sie wieder irgend ein Gedankenbild, ein
Glockenschlag aufschreckte.
    Sophie schlich still hinaus zu August und Duguet, die im Vorgemach trostlos
bekmmert und gebeugt nebeneinander am Kamin saen.
    Und das sehen! sagte Duguet. Das Haus, das uns genhrt, dem wir gedient
dreiundzwanzig Jahre hindurch - das Haus zusammenbrechen sehen ber der lieben
Kinder Haupt, die in ihrer Sicherheit und Unschuld nichts ahnen! Jeden Moment
knnen Graf Egon oder Joseph kommen und der Leiche ihres Vaters begegnen!
    Wenn ich nur wte, wohin sie gefahren! seufzte August. Sophie trat zwischen
die Beiden. Meine armen Freunde, sagte sie, mir ist nicht gut, ich bin von all
dem Elend bersttigt, das ich auf der Welt gesehen; das Warten auf neues
Unglck halte ich nicht mehr aus.
    Mein Gott! fuhr sie fort und sank wie zerbrochen auf einen Stuhl, mit auf
den Knien gefalteten Hnden, ich habe zu viel davon mit durchlebt, erst die
Revolution und die Marquise d'Alvigni, und die jungen Grafen, die ersten Kinder,
die ich auferzogen - und deren Vater, dessen Kopf unter der Guillotine fiel.
Dann meinen armen Marc, die lange bange Sorge um meine kleine Leontine. Nun das
Herz meiner liebsten Herrschaft, meines Herzblatts! Siehst du, Duguet, es ist
zuviel fr so ein Paar alte Schultern.
    Er fate erschrocken ihre Hand. Du bist krank, Sophie! Nimm deine Tropfen,
thue mir's zur Liebe!
    Auch August drang auf sie ein.
    Nenni, nenni! sagte sie mit ihrem Ltticher, scharfen Dialekt, es hat nichts
auf sich. Ein armer treuer Hund stirbt auch zu seines Herrn Fen. Mais, j'en ai
assez! Ich kann nur Euch Beiden gute Nacht sagen. Sie reichte jedem eine Hand.
    Und mit pltzlich concentrirter Sorge berflog ihr Auge nochmals das Zimmer,
ob auch nichts Nthiges zu thun; da erreichte Leontinens Ruf ihr Ohr. J'y vais,
j'y vais, Madame! sagte sie, indem sie von der Thr aus noch einmal, zum letzten
Mal, auf ihre beiden Freunde zurckschaute.
    Ich wei, meiner Treu, nicht, wie mir ist, murmelte August, es ist mir so
bitterwunderlich um's Herz. Zum Teufel! ich habe doch so allerlei mitgemacht,
Schlachten, Plnderung, Brand, und diese dumme Geschichte -
    Duguet weinte still vor sich hin.
    Allons, allons, vous pleurez? rief der alte Soldat. Mais fi donc! qu'est ce
bte de pleurer pour a!
    Ihm selbst liefen zwei helle Thrnen die Backen herunter.

Morgens um fnf Uhr trat Gotthard, vllig angekleidet, in Otto's Zimmer, den er
auch fertig fand. Die gewhnlichen Vorkehrungen wurden getroffen, auf den Fall
der Flucht, der schweren Verwundung u.s.f.
    Gotthard blieb ruhig am Tisch sitzen und lie den Freund gewhren. Seit
ihrer frhesten Studentenzeit hatten Beide, mit gar andern Interessen und
Arbeiten berhuft, sich nie um ein Duell gekmmert, fast neugierig sah er ihm
zu.
    Halb sechs erinnerte er Otto, es sei Zeit. Sie gingen gelassen, wie zu einem
ernsten Geschft. Man hatte Kronbergs Pistolen mit Doppellufen gewhlt. Fr den
Nothfall steckte Otto ein zweites Paar ein. Den Arzt und Wagen sollten sie wie
zufllig am Thore treffen.
    Nach wenigen Minuten erschienen auch Kronberg, Viatti und St. Luce; die
beiden Letzten ruhig, wie eines solchen Auftritts lange gewohnt; Kronberg,
aufgeregter, als zu vermuthen bei so einem trefflichen Schtzen und so gewandten
Mann. Er sah glhend roth aus und in einer Weise bewegt, die weder zu seiner
Ritterlichkeit, noch zu seiner Selbstbeherrschung paten. Es flog Otto durch den
Kopf, er sei doch krank.
    Gotthard wurde bleich. Beide Herren grten einander; das Feld ward
gemessen.
    Whrend der Zeit schaute Gotthard noch einmal ber die weite Flche der
Gegend hin; die ersten, noch goldenen Strahlen der Sonne lagen auf den nchsten
Baumgipfeln, der zum Duell gewhlte Platz noch im Schatten, von ihnen unberhrt,
aber hell.
    Die Secundanten gaben das Zeichen, die Herren traten an ihre Pltze.
    Otto wandte, wie er's versprochen, kein Auge von Gotthard; der junge Arzt
sah zum Rechten.
    Beide spannten den Hahn ihrer Pistolen und schritten langsam aufeinander zu.
Gotthard hob den Arm, hielt sein Pistol gespannt, vllig ruhig; keine Muskel des
Arms, kein Zug des Gesichts zuckte.
    Jetzt pfiff Kronbergs Kugel, sie streifte Gotthards linke Schulter, dieser
hielt ruhig sein Pistol in unvernderter Lage und schritt weiter. Kronberg
schrie auf und sank zusammen. Halt! Halt! riefen die Secundanten. Athemlos, aber
fest wie eine Mauer, stand Gotthard.
    Er ist todt! rief der Arzt.
    St. Luce und Viatti suchten ihn vom Boden aufzuheben.
    Unmglich, unmglich, meine Herren! rief mit Donnerstimme Otto; Geheimerath
Gotthard hat nicht geschossen! Die Kugeln sind beide in den Lufen! Mit voller
Besonnenheit ri er ihm das Pistol aus der Hand und setzte den Hahn in Ruhe.
    Endlich begriff Gotthard, der den Tod von Kronbergs zweitem Schu erwartete,
was geschehen; auch er strzte auf Kronberg los. Sie rissen seinen Rock, seine
Weste auf, der Arzt holte seine Instrumente. Entsetzlich! schrie Gotthard und
fiel mit gerungenen Hnden auf den Leichnam nieder. Dem Grafen war eine Ader am
Herzen zersprungen; er war todt.

Langsam und feierlich zogen zwei Leichenzge durch die sonst so stillen, heute
von einer gaffenden Volksmasse gedrngt erfllten Gassen Brandenburgs. Seltsam!
auf den schmucklosen Sarg der armen Sophie, die sich am Vorabende des Duells
krank gelegt und nicht wieder aufgestanden war, flossen die meisten, vielleicht
die zrtlichsten Thrnen. August und Duguet waren Beide trostlos. Welcher von
Beiden ist denn der Mann? fragte ein altes Hkerweib.
    Aber auch Kronberg ward tief und aufrichtig beweint. Das seltsame Geschick,
das ihn betroffen, hatte die allgemeine Aufmerksamkeit auf den fremden Grafen
gezogen, der eigens von Wien gekommen schien, um in Brandenburg zu sterben. Das
Geheimni des Zweikampfs war im ersten Schrecken vergessen, die Sache selbst
verstellt, umgewandelt, widerrufen worden. Manche erzhlten, der Graf sei auf
einer Spazierfahrt pltzlich todt in die Arme seiner Gemahlin gesunken, Andere,
er habe wegen ihr sich mit einem ihm ganz Fremden geschossen. Viele Versionen
des beklagenswerthen - und doch fr Einen glcklichen Ereignisses durchzogen die
Stadt.
    Otto und Viatti hatten Annen die Trauerpost berbracht. In einem ernsten
Gesprch unterwegs war es dem Ersten gelungen, Viatti die unselige Verflechtung
der Umstnde mitzutheilen und sein Urtheil ber Annen zu berichtigen; doch blieb
ein seltsamer Stachel in des jungen Mannes Brust. Es war Gotthard, der ihn
gerettet in Bern, Gotthard, der, schuldig oder nicht, seines Oheims Tod
herbeigegefhrt, Gotthard, dessen frhere Dazwischenkunft seine Vereinigung mit
seiner Gemahlin und durch dieselbe sein Lossagen von jeder Theilnahme der nie
ganz endenden Freiheitsversuche Neapels veranlat hatte. Gotthard blieb der
Dmon seines Lebens, wie er der seines dahingeschiedenen Oheims gewesen.
    Die Freunde geleiteten Annen und ihre Shne der Leiche ihres Gatten und
Vaters zu, die St. Luce mit unerschtterlicher Treue bewachte, und die Kinder
wuten nur, da er in einem Streite sich erhitzt, dann in der Morgenkhle vom
Schlag getroffen sei; sie begegneten dem Trauerwagen und schlossen sich ihm an.
Anna hatte den Muth, die Leiche gleich zu sehen.
    Es war ein furchtbarer Augenblick! zu dunkel in seinen geistigen Tiefen, zu
unergrndlich an wechselnder Pein, zu niederschmetternd im Gefhl der Ohnmacht
menschlicher Natur, als da man ihn beschreiben knnte. Gotthard floh nicht,
aber er zeigte sich nicht; ernst und trbe blieb er in dem kleinen Orte zurck,
um abzuwarten, ob eine Klage gegen ihn sich erhbe. Der junge Arzt nahm ihn in
seine Wohnung auf.
    Geierspergs kamen Beide zur Bestattung, Viatti hatte ihnen einen Courier
gesandt. Alles glitt zurck in die alte hergebrachte Form, in die Trauerflre,
in den Pomp einer fast frstlichen Bestattung.
    Als die letzten Tne des Trauermarsches verklungen und all dieser
entsetzliche Schmuck des Todes verschwunden war, mit welchem wir zuletzt die
Kleinheit und Erbrmlichkeit alles uern Erlebens so schroff und grell durch
den Gegensatz des der Leiche Bleibenden bezeichnen, wollten Geierspergs Annen
nach Berlin mitnehmen.
    Sie schlug es ab, bergab ihnen aber, nach des Vaters Willen, Egon, der
seine Vorstudien in Berlin beginnen sollte. Sie selbst blieb mit Joseph, der in
der Ritterakademie aufgenommen war, zurck. Nach Wien zog sie nichts. St. Luce
versprach noch, einige Monate bei ihr zu verweilen. Otto gedachte heim.
    Anna! sagte er, als er am Vorabend seiner Abreise vor die in tiefe
Witwentrauer gehllte Freundin trat, die ernst und still seiner harrte, ich
bringe dir Gotthards Abschiedsgru. Er ist nach Berlin zurck. - Obschon es mir
gelungen ist, im ersten Augenblick der Gefahr deines Freundes Hand als rein vom
Blute deines Gatten zu zeigen, werden doch deine Knaben spterhin gewi, wie so
manche Andere, erfahren, da eine Ausforderung, ein Zweikampf stattgefunden, und
- die Welt wird ihnen das Warum nicht schenken. Deshalb meint Gotthard, er drfe
dich jetzt noch nicht aufsuchen; aber er wnscht dir zu schreiben. - Was mich
selbst betrifft, Anna! - er sprach mit sichtlicher Selbstberwindung - so rufen
mich Pflicht und Dankbarkeit zurck in meine erworbene Heimat, zu meinen
Studien, zu meinem Weib und Kind. Und du bedarfst deines Freundes nicht mehr;
ein Anderer darf dir nher treten; der Freund deiner ersten Jugend weicht
zurck.
    Lieber Otto! erwiderte Anna, ich danke dir viel, am meisten aber, da dein
mit meiner ganzen Kinderzeit so eng und fest verwachsenes Bild in so ganz klaren
lichten Zgen mir bleibt - zu meinem Trost! - Kehre denn zu Vrenely zurck, sie
wird sich um dich bangen.
    Ja, das wird sie, sagte er, trbe vor sich hinblickend; denn ich habe ihr
seit dem Unglck nicht wieder geschrieben, ich verga sie, mich, Alles, um dich!
und um ihn, setzte er hinzu, den du liebst.
    Den ich liebe! - Anna errthete hei, dann kehrte sie den Kopf mit einer
edeln, fast kniglich stolzen Wendung ihm zu. Ja, Otto! ich liebe ihn! Ich werde
ihn lieben, so lange ich lebe, aber -
    Sei recht glcklich, Anna! sagte er gepret. Er wandte sich, um zu gehen.
    Sie ergriff leise seine Hand und zog ihn neben sich nieder auf das Sopha,
dann sah sie ihn still mit ihren groen veilchenblauen Augen an und hielt ihn so
einen kurzen Augenblick. Erinnerst du dich noch deutlich unserer ersten Jugend?
des dunkeln Hauses und der engen in stumpfen Winkeln ausbiegenden schiefen
Gasse, in der gar nichts eine helle Farbe hatte? -
    Als unser Herz, Anna! als unser frhlich schlagendes Herz! -
    Weit du noch, fuhr sie fort, wie wir oft Sonntag Nachmittags Stunden lang
hinbersahen in des so nahen Nachbars blindgebrannte Fensterscheiben, ganz
berzeugt, es msse irgend etwas da geschehen, und du erzhltest mir lauter
Mrchenanfnge -
    Otto hatte sich zurckgelehnt in die Ecke, er hielt ihre Hand noch, aber
sein Auge sah nur das damalige Kind, nicht sie. Drben, sagte er langsam, wohnte
der Mann, der die Electrisirmaschine hatte. Wir fingen der Tante alten schwarzen
Kater ein und electrisirten erst ihn, dann die Thrklinke, die den Hausknecht
die Treppe herabwarf, als er den Kater suchte. - Wie hie doch nur Euer Hund,
dessen Gebell ich nachmachte, damit du herunterkommen solltest, um ihm die
Hausthr zu ffnen?
    Maus, sagte Anna und lachte. Ein gar nrrischer Name fr einen Hund. Der
Vater hatte ihn lieb, es war ein alter steifer Spitz.
    Ich seh' ihn noch! Und wie die Mutter bse wurde, wenn ich ihn Sonntags
herauslie -
    Ja, er lief mit bis zur Kirche. Ach, Otto! es ist, glaube ich, in der Welt
nirgend mehr solch ein Sonntag!
    Und Beide entwarfen sich das Bild eines Sonntags der kleinen Stadt, wie ihn
nur die Jugend kennt, mit all seiner Poesie und all seinen Einschrnkungen,
seinen Freuden und seinem Sonnenglanz, den die enge Brgerhaushaltung
widerstrahlt - nichts hatten sie vergessen.
    Siehst du, Otto! fuhr sie fort, wre ich in der engen, grauen Strae
geblieben, vielleicht wre ich glcklich und frei, aber so! -
    Freilich, nun bist du eine Grfin. Aber was schadet das?
    Ich bin eine arme, in einen andern Boden versetzte Pflanze, sagte sie
trumerisch-wach, die im Heimatsgrunde nicht zur Blte kam. Ich habe nicht fest
anwurzeln knnen in der fremden Erde, so kunstvoll sie des Grtners Hand um mich
her gelockert und gehuft. Ich habe mich immer gefrchtet vor meinen eigenen
Verhltnissen, ich habe mich fremd gewut, nicht gefhlt unter allen diesen
Frsten und Grafen, deren Wesen mir nie imponirte, deren Interessen mir oft eben
so flach und erbrmlich vorkamen, wie die meiner ersten Umgebung. In meinem
Vaterhause hatte mich die oft rohe Hand der Armuth, der Kleinlichkeit, der
beklemmenden Sorgen kleinbrgerlicher Verhltnisse eingengstet bis zum
Hinberflchten in die mir neue, fernliegende groe Welt; aber die in stille
Winkel verkrochene, unter grauer Alterthmlichkeit fortblhende Poesie jener
Lebensmorgendmmerung lie meine Seele nicht los. Unablssig zog sie mir nach,
rief mir das Herz zurck zu sich, da es mir htte zerspringen mgen in der
Brust. Mein ganzes Leben hindurch hat mir eine goldene, helle Mittelstrae des
Geistes geahnt, eine freie Entwicklung hchster, ungekrnkter Menschlichkeit.
Als junges Mdchen, als Frau sogar, habe ich sie bald hier, bald dort getrumt;
jetzt trumen sie Millionen mit mir, die sie, leider! eben so wenig finden
werden wie ich, obschon Alle sie suchen.
    Otto drckte die liebe Hand, die er noch in der seinen hielt. So viel, so
offen hatte Anna nie ber sich gesprochen.
    Das waren meine Trume, Otto! fuhr sie fort, das war meine Vergangenheit.
Nun hat mich das Leben pltzlich von beiden abgeschnitten und mich in eine
grelle, helle Gegenwart geschleudert; Kronberg ist todt, die Grfin Kronberg
steht nun an seiner Stelle. Sie ist ihren beiden Shnen einen makellosen Ruf und
die Mglichkeit, sie unbegrenzt zu lieben, schuldig. Der Vater schlft den
langen Todesschlaf, die Mutter mu fr ihre Kinder wachen. - O, glaube mir,
Otto! sie sollen sich menschlichschn und frei entwickeln, jeden Vorzug ihres
Geschicks und jede Gunst des Zufalls genieen, aber keine einzige der meistens
diese Gunst, diese Vorzge begleitenden, oft sie bedingenden Fesseln soll mir
die frischen, schnen Knabenseelen drcken oder beengen. Sie sollen keine
Schwchlinge, keine Charakter- oder Geisteskrppel werden. Weder Viatti, noch
Geiersperg sollen jemals einen entschiedenen Einflu auf deren Lebensrichtung
erhalten. - Es ist hart, denn jetzt kann und darf ich mein Geschick nicht an das
meines Freundes schlieen.
    Anna! schrie Otto auf, ist das dein Ernst, wagst du schon jetzt dich zu
entscheiden?
    Und warum nicht jetzt? Heute, morgen, ber's Jahr, ist das ein Anderes? Er
wird auch jetzt mich verstehen. Otto, wer im Augenblicke des Zweikampfs den Muth
hatte, mit dem Mrder des Geliebten fortleben zu wollen, um der Kinder willen,
hat auch den, eine Trennung zu tragen, die nur eine uere ist, nie eine innere
werden kann!
    Otto seufzte schwer. Du bist so jung und das Leben ist so entsetzlich lang!
    Sie aber schttelte den schnen Kopf und legte die Hand auf ihr bang
schlagendes Herz. Und doch, traue mir!
    Vom Nebenzimmer herber tnte Leontinens leise Stimme, sie sang ein Lied,
das Otto liebte. Einen Augenblick horchte er wehmthig ihren Tnen, dann ging er
hinein, auf lange Abschied von ihr zu nehmen.


                                     Lied.

O nur kein Wort, kaum ein Gedanke!
Es spielt im Rosenkelch die Luft,
Es trumt der Schmetterling im Duft,
Der Abendhauch im matten Glanze;
Es winkt verschwiegen dir die Ranke,
Lockt in den Zauber dich hinein -
O nur kein Wort, kaum ein Gedanke! -

Da bricht ein Strahl die Wunderstille!
Wie all-lebendig Wald und Welt!
Nun spricht dein Herz, nun ruft das Feld;
Es schwirrt und summt um jede Pflanze;
Der Glutmoment warf ab die Hlle,
Aufblitzt der grelle Sonnenschein! -
Wo blieben Zauber, Traum und Stille?

In Basel waren die Ferien zu Ende. Vrenely hatte zehn Mal die Nachbarn getuscht
mit der Versicherung: es gehe ihrem Manne gar wohl, er sei auf dem Rckwege.
Aber nun ward ihr das Herz allzuschwer, so schwer, als zge es sie unter die
Erde.
    Hatte sie den lauten Tag zur Ruhe gebracht, so kam die Nacht mit ihren noch
lautern Trumen, das Elend schrie sie gewaltsam wach - und dann war er nicht da.
Sie lief an's Fenster, ri es auf, gewi, er mute unten sein, sie hatte wol im
Schlaf das Rollen des Wagens berhrt, aber - da war nichts als Dunkel, und
Herbstwinde sausten ber die Baumwipfel und krachten, und schttelten an Thr
und Laden. Die Nacht schaute mit tausend schwarzen Augen durch die geffneten
Fenster in das schwach erhellte Zimmer, in dem sie schlafend und wachend
immerfort wartete auf ihn.
    Es hatten schon viele Studenten angefragt, ob der Professor nichts habe
hren lassen; die Collegia waren angeschlagen, die andern Vorlesungen begonnen.
Manchmal war ihr, als rckten all die fernen Berge ganz eng zusammen, als wrfen
sie alle ihre rollenden, strzenden Bergwasser, all ihre Lavinen und ihre Strme
ihr auf's Herz, als wanke der Fels unter ihrem Fu, ja als knne ihr armer Kopf
wol ganz irre werden, wenn ihr der eine Gedanke einfalle, den sie noch nicht
dachte, nur ahnte, und den sie immer fortschob mit Gewalt, wenn er ihr nher
treten wollte. Und nah lag er ihr, das fhlte sie wohl, entsetzlich nahe!
    Nicht einmal beten konnte sie mehr, die Angst verwirrte sie und zerstreute
sie; sie faltete dem kleinen Mdchen die noch willen- und bewutlos
herumgreifenden Hndchen und blickte gen Himmel. Es war eben so gut wie ein
Gebet.
    Endlich hatte sie beschlossen, ihm nachzureisen; denn sonst sterbe ich,
sagte sie traurig vor sich hin, wenn ich nicht wei von ihm, und das ist doch
das Allerschlimmste. Sie rstete sich, packte ein; es war nun Abend; der
Herbstsonnenschein lag roth und brennend auf der altergrauen Stadt, sie sah ganz
jung und rosig davon aus, das machte Vrenely Muth. Sie setzte sich mit dem Kinde
auf das schon fertig gepackte Kfferchen und blickte ber die Wiege weg in den
wieder Tag und Leben verheienden Strahl - da umfaten sie pltzlich von hinten
zwei krftige Arme und drckten sie an ein warmes, treues Herz. Gott im Himmel!
er war's und hatte sie berschlichen. Bleich, verkmmert, mager war er. Sie
fragte nichts, schalt nicht, warf ihm nichts vor; sie zog ihn an den Tisch auf's
Sopha, da er bequem ausruhe, dann lief sie, Alles herbeizuholen, was den
Ermdeten erquicken konnte. Die letzten Stunden hatte er zu Fu gemacht, um auf
Richtwegen frher anzukommen. Bei jedem, was sie brachte, fiel sie ihm um den
Hals, drckte ihn an's Herz und eilte, noch mehr zu bringen. Zuletzt rckte sie
ihm die Wiege noch bequem zurecht, da er die Kleine immer sehen knne, und
setzte sich still zu seinen Fen auf einen Schemel. Er nahm das schlafende Kind
und kte es wach. Du siehst aus, wie der heilige Joseph! sagte sie lachend;
all' ihre Munterkeit war erwacht.
    Erst als er lange geruht, gegessen, getrunken hatte, legte sie ihr Kpfchen
auf seine Schulter, sah ihn mit den glnzenden schwarzen Augen innig zrtlich an
und sagte: Du hast wol viel gelitten? Ueber sich sagte sie gar nichts.
    Otto spielte mit ihren langen Flechten und erzhlte. Sie schreckte zurck
auf dem Schemel, faltete entsetzt die Hnde; so halb zurckgelehnt, starrte sie
ihn an und lauschte ihm jedes Wort von den Lippen. Gott, das war's! chzte sie
und ihre Thrnen lieen ihr kein Wort weiter.
    Als er geendet, weinte sie noch laut. Und ich, ich, die dich anklagte,
deines Schweigens wegen, o vergib mir! vergib mir! Zrtlich kte sie seine
Hand, er aber zog sie an's Herz.
    Diese Anna ist ein groartiges Weib, sagte Vrenely, ihre Augen trocknend;
viel besser, als ich. Wie sehr begreife ich, da du sie so liebst! Gott wei,
ich habe mein Kind lieb da in seiner Wiege; aber dir um des Kindes willen
entsagen, das knnte ich nicht. Leontine hat sie oft dem Pelikan verglichen, der
mit dem Herzblut seine Jungen letzt; nun gibt sie den Shnen unendlich mehr, als
so ein bischen Blut, denn das arme Herz schlgt fort in ihrer Brust ohne alles
Glck. Und Er! o es ist ungeheuer!
    Sie versank in ernstes Sinnen. Aber sage mir, fragte sie wieder, ist's
unvermeidlich? Gotthard hat ja den Anfang der Erziehung der Knaben -
    Unter diesen Umstnden, in dieser Stellung, mit diesen von allen Seiten
drohenden Anklagen -
    Ach! sagte Vrenely, es mag sein, da sie mu; aber all diese hellen, klaren
Lebenshhen sind doch entsetzlich!
    Nicht fr Anna, liebe Vrenely! Sie barg ihr Haupt an seine Brust.

                                      1832


Von einem der stillsten Laubgnge des weimarischen Parkes aus, da wo man die
trumerische Ilm zgernd an den beblmten Wiesen vorberschleichen sieht, wo
ihre sonderbar leisen, schweren Wellen einem flssig gewordenen Plasma oder
Jaspis gleichen und durch geheimnireiche Tiefe unwiderstehlich lockend das Auge
nach sich ziehen, blickten eben so trumerisch, wie das Wasser und die es
umfriedenden Erlen, zwei schne noch junge Frauen in das anmuthige Sommergrn
und in die Winterstille verklungener Freuden. Mit bebenden Lippen hoben sie den
Schleier von all den glcklichen und traurigen Ereignissen der letzten Jahre,
die sie getrennt, in verschiedenen Lndern und Umgebungen zugebracht. Die
Freundinnen hatten sich hier in der Vaterstadt der Eltern ein Rendezvous
gegeben, denn die Jngere und Zartere von Beiden gedachte eine weite Reise
anzutreten. Es waren zwei ungewhnlich edle, anziehende Erscheinungen, sie
schienen Beide kaum das dreiigste Jahr berschritten zu haben; ihr Leben stand
im Zenith, wie die Mittagssonne ber ihren Huptern.
    Der glhende Zauber dieser Stunde, die der Mitternacht gleich die Gespenster
aus ihren Grbern lst und sie ber die schweraufathmende Erde hin wandeln lt,
mochte auch die Frauenzimmer erfat haben, denn auch sie riefen die Geister
ihrer Vergangenheit wach und lieen sie dem zu Boden gesenkten Blicke
vorberziehen.
    Einen Moment lang zwang die drckende Schwle die Jngere, den Hut
abzunehmen; sie zeigte ein wunderliebliches Gesicht im frischesten,
durchsichtigsten Colorit, von hellblonden Locken umwoben, die wie goldene
Staubfden im Luftzuge spielten, einer exotischen Blte gleichend.
    Ich bin davon wie von meinem eigenen Dasein berzeugt, sagte sie.
    Und du hast nie wieder von ihm gehrt, und nie auch in Italien und Sicilien
eine Spur von ihm gefunden!
    Nein, weder da, noch in Malta, noch in Griechenland, wo ich nicht minder
sorgsam ihn gesucht. Und doch bin ich berzeugt, da er lebt! Er wollte
verschwunden sein und blieb es. Glaube mir, er hat das bessere Theil erwhlt.
Seine ewig nach Freiheit und Bewegung, ja nach Kampf drstende Seele konnte den
faden Zuckerwasserzustand unserer Alltglichkeit nicht ertragen. Die Plnkeleien
unserer Ehestandstruppen waren glcklicherweise noch bloe Vorpostengefechte
geblieben, als die Nachrichten aller der Nationalaufstnde uns erreichten. Die
Volksunruhen zogen ihn nach Belgien; er gab vor, einen Bekannten in Aachen
besuchen zu wollen, und reiste ab. - Mir ahnte ein langer Abschied. Als alle
diese friedlichen Volkssiege wie reife Erntegarben sich bereinander legten,
duldete es ihn nicht mehr in unserem legitimen Norden; die Julirevolution hat
er, bei Gott, so wenig verschmerzt, wie ein junges Mdchen den ersten Ball, den
man ihm versagt.
    Du bist bitter, Leontine!
    Ach! wir haben entsetzlich gelitten, ehe es so weit kam, ehe wir uns
gestanden, da die Trennung unvermeidlich und unser Leben ein lang
ausgesponnenes Elend sei. Und doch habe ich ihn unsglich vermit, denn wer kann
das Ungewhnliche, das Erregende entbehren, wenn er es erst gekannt! - O, glaube
mir, das Menschenherz hat etwas Tigerartiges in seiner Natur, wenn es einmal vom
Blut der Leidenschaft getrunken, wird es wild und lechzt darnach, wie jener nach
seiner Beute.
    Anna seufzte. Auch ihr waren die Tage entblttert, sie standen kahl und
frostig vor ihr und der Lebenssturm hatte oft mit ihren Erinnerungen gespielt
und sie bengstigend umhergejagt, wie der Herbstwind die abgefallenen Bltter.
    Leontine schwieg und sah lange vor sich nieder; als sie die Augen aufschlug,
blitzten zwei glhende Thrnen darin auf.
    Und jetzt? sagte endlich Anna.
    Jetzt? - jetzt la mich dann an das falsche Todeszeugni glauben, weil er es
will. - Als ich noch fr ein Mdchen galt unter euch, war ich lngst eine Frau;
jetzt la sie eine Witwe mich nennen und mich wie damals heimlich ihm vermhlt
bleiben. - Ach, das ist das Wenigste, was ich thun kann!
    La mich, fuhr sie noch wehmthiger fort, nun auch Italien vergessen, das
ich um ihn, durch ihn, ach, nie mit ihm gekannt! La den Gttertraum der Jugend
der Poesie, den Fanatismus, den ich in ihm getrumt und der mir in seinem
Vaterlande wahr geworden, nun auch zu Ende sein, und la mich nicht weiter
erzhlen!
    Ein ganzes Jahr habe ich ihn auf meiner Villa erwartet, immer sein harrend,
in Rom, Florenz und Wien gelebt, ja, Anna, gelebt! mit vollem Bewutsein des
Lebens, das ich immer umsonst bei euch gesucht und entbehrt, mich freudig
eingetaucht in den Ocean des Schnen, wie sich die Sonne golden in die goldne
Tiber taucht! - Ein Jahr hindurch habe ich wie ein Kind geschwelgt im Genu,
laut gelacht, wenn ich froh war, geweint und geschrien, wenn mir wehe geschah.
All das knstliche Eis der Sitten, Etiquette und Gewhnung habe ich schmelzen
lassen in mir, an der Glut des Augenblicks, der mich auf seine leichten Flgel
nahm und ber all eure Qulereien hinwegtrug; - und nun ist's vorbei! - Sie
sagen mir Alle, da ich noch jung, noch schn bin und frei und reich dastehe in
der Welt. Nun, es werden ja vielleicht auch andre Sonnenstrahlen mein Herz
erwrmen! Glcklich, wie ich's gewesen, mchte ich gar nicht wieder sein. Kehrte
das wieder einen Augenblick, nur einen, so mte es ewig dauern, oder er wrde
zur Hlle! Sie schwieg.
    Nach einer langen Pause fuhr sie fort: Wer nur innerlich noch recht viel
erwarten knnte!
    Sie lehnte den Kopf zurck und summte mit halber Stimme ein venetianisches
Gondelierlied vor sich hin. Allmlig gerieth sie in das so oft von Jean Carlo
gesungene Nenna sta grazia a toja. Sieh, sagte sie lchelnd, wie die Melodie
sich mir wieder einschleicht! - Ach, Alles in der Welt ist treuer, als das
menschliche Herz!
    Anna fate ihre beiden Hnde und drckte sie an ihre Brust. Leontine,
verliere dich nicht! sagte sie weich; deine eigene bewegte Brust lt dich das
ohnehin stets Wandelnde, Wechselnde bodenlos glauben - das Leben hat auch
bleibende Tiefen, die den ewigen Himmel zurckstrahlen.
    La das, erwiderte Leontine, ich klage ja nicht! Da mir gerade nur das
Flchtige schn erschien, da ich von ihm eine ewige neue Rckkehr hoffte und
deshalb die Fesseln, mit denen ihr Alle es verletzt und verkrppelt euch
bewahrt, nicht ertragen konnte, liegt in meiner Natur. Ich habe ihn - Jean Carlo
meine ich - nicht geliebt in euerm Sinne; aber da ich ihn wie die Anderen
verlor, ist grauenhaft, entsetzlich!
    Was mag seitdem Alles durch ihre Seele gezogen sein, dachte Anna.
    Und doch, erwiderte Leontine, als habe sie ihr den Gedanken von der Stirn
gelesen, und doch habe ich Otto nie vergessen!
    Da sind sie! rief eine krftige jugendliche Stimme. Es glnzte etwas wie
eine Uniform im Gebsch, und zwei sehr schne junge Mnner flogen auf die Frauen
zu. Wie haben wir euch gesucht!
    Egon! Joseph! rief die glckliche Mutter, mit innerem, stolzem Jubel die
Beiden betrachtend. Siehst du, Leontine, sind das noch Knaben?
    Egon kte der Tante die Hnde und sah sie mit so durchdringendem, glhendem
Blick an, da sie lachend den ihren niederschlug. Aber Anna hatte Recht, Egon
war beinahe ein Mann zu nennen, obschon er noch an der Grenze seiner achtzehn
Jahre stand. Das kastanienbraune Haar, das in leichter Kraue unter dem
Studentenmtzchen hervorquoll, das etwas hellere Schnurrbrtchen, der schwarze
Sammtrock bezeichneten den deutschen Jngling; die ungewhnlich frhe Ausbildung
seiner Zge und seiner ganzen Gestalt htten ihn jedoch leicht fr einen
Englnder oder Iren gelten lassen.
    Joseph war Cadet; er hatte alle Schalkheit, allen Muthwillen seiner Tante
Leontine geerbt, er sah aus wie der Page im Figaro, nachdem er eben Offizier
geworden, und suchte, wie dieser, dem ganzen weiblichen Geschlechte, seine
Mutter und Tante mit einbegriffen, den Hof zu machen.
    In der einen Stunde seiner Anwesenheit in Weimar hatte er nicht nur alle
Stellen aufgefunden, an denen Anna's Erinnerungen hafteten, er hatte bereits
auch alle Staats-, Gesellschafts- und insbesondere alle Militrinteressen
erkundet und mit in die seinen aufgenommen. Von Euerm alten Waldau'schen Hause
ist keine Spur mehr, versicherte er die Frauen. Tante Leontinens Grtchen ist
auch verschwunden; Weimar ist eine schne freundliche Mittelstadt Deutschlands
geworden und sieht nicht mehr aus wie eine geniale, nicht gut aufgerumte
Gelehrtenwirthschaft.
    Whrend Anna Egon ber die ihr fast schmerzlichen kleinen Vernderungen
befragte, flsterte Joseph der schnen Tante eine Menge Geheimnisse zu. Leontine
war ganz heiter geworden und sah nun zehn Jahre jnger aus, als vorhin.
    Und seid ihr allein gekommen? fragte sie endlich.
    Bewahre! Wir haben deinen Lord Frederic, den du eine Lady nennst, hchst
eigenhndig aus dem Wagen gehoben, nachdem wir sie und ihren Neger von Dresden
her escortirt. Ihre Lordschaft haben aber drei Nachtfahrten gemacht und studiren
pour se dlasser eben die trkische Grammatik und den Koran; sie wollten uns
also nicht herbegleiten und rechnen auf deine und der Mutter baldige Rckkehr.
    Und du kannst mich hinfhren, sagte Leontine.
    Stolz bot ihr der Cadet den Arm und grte mit der Linken im Abgehen die
Zurckbleibenden.
    Das Paar sah allerliebst aus; obschon sie dem Alter nach seine Mutter sein
konnte, erschien Leontine neben ihm wie eine ltere Schwester.
    Egon sah ihr mit leuchtenden Blicken nach. Ist sie nicht immer noch
wunderbar schn? fragte er. Er seufzte leise; Anna aber lchelte freundlich. Man
nennt in Frankreich das erste graue Haar einer jungen Frau le cheveu historique;
obgleich fast unhrbar leise, schien der Mutter dieser erste Seufzer des Sohnes
eine ganze idyllische Geschichte voll lauter Frhlingsempfindungen zu enthalten
- le soupir historique, dachte sie. Und als msse das hchste Erdenglck vom
Himmel herab auf den ersten Wunsch dem Sohne zu Fen fallen, sah sie dankbar
auf in die wolkenlose Blue.
    Wie weh den Frauen selbst das Leben gethan haben mag, wenn sie fr ihre
Kinder hoffen, liegt immer etwas Primitives in ihrem Gefhl; die Narben der
Erfahrung sind pltzlich alle in ihnen ausgelscht und sie glauben der Zukunft
unbedingt, als wren auch sie - sechszehn Jahr.
    Mutter, sagte Egon, indem er neben ihr sich auf die Bank setzte, ich mchte
mit dir reden; aber nicht wie ein Knabe, nicht wie ein Jngling, wie ein
werdender Mann zu einer Frau, die schon Alles geworden, nur das Eine nicht, was
sie vor Allem htte werden sollen - glcklich!
    Anna erschrak; sie erwartete irgend ein Gestndni.
    Seit vier Jahren, fuhr er fort, hast du, theure Mutter, nur fr uns,
ausschlieend fr Joseph und mich, gelebt, Alles danken wir dir!
    Du vergit Geiersperg, sagte Anna weich.
    O nein! der Onkel hat gethan, was er vermochte, um uns die Leitung des
Vaters zu ersetzen; aber glaubst du wol, sie wrde ihm bei ein paar Trotzkpfen,
wie die unsern, gelungen sein, wenn er die Zgel nicht gar oft in deine liebe
Hand gegeben htte?
    Wo willst du eigentlich hinaus? fragte Anna heiter; immer noch erwartete sie
irgend ein Bekenntni.
    Ich wollte dir sagen, liebe Mama, da wir flgge gewordene, aus dem Nest
gefallene Vgel sind, die nchstens ihren Flug in's Weite versuchen werden. Ich
bin achtzehn Jahr und Student, Joseph in seinem bunten Rocke siebzehn - er
errthete wie ein junges Mdchen. - Mutter! Freundin! nun la deine wilden Buben
ziehen, es ist unmglich, sie lnger festzuhalten. - Uebergib sie nur ganz
sorglos dem blauen Himmelsocean, sie sind der Heimat gewohnt und werden sich
nicht verfliegen.
    Ach, sagte Anna, war es das? O Kinder! ich wei es lngst, da ich euch nun
dem Leben, der Welt und ihrem Wirbel berlassen mu, und werde es. Ihr werdet
nicht einmal die bangen Schlge meines Herzens hren. Nein, nein, mein Egon! nie
soll die Mutterliebe euch eine Fessel werden!
    Er kte ihr die Hand. Es entstand eine kleine Pause. Anna war in's Sinnen
gerathen und in stilles Hinbrten versunken.
    Am meisten nach dir danken wir dem Prsidenten Gotthard, fuhr Egon fort.
Hast du lange nichts von ihm gehrt?
    Seit fast zwei Jahren nicht, antwortete sie gepret; seine Geschfte machen
ihm das Briefschreiben schwer. Du weit, da er jetzt die Interessen der ganzen
Provinz zu vertreten hat -
    Freilich, erwiderte Egon fast obenhin. Er sah den Geisterzug nicht, den er
in der Mutter nachzitternder Seele erweckt. Aber mchtest du ihn nicht einmal
wiedersehen?
    Pltzlich berflutete eine himmlische Jugend die schne Frau. Trotz ihrer
vierundreiig Jahre ward sie schner, als je; es lag eine so edle Verklrung der
Seele in ihrer ganzen Erscheinung. Ich wrde mich unendlich freuen, ihn zu
sehen, sagte sie; aber schwerlich werden uns die auseinanderliegenden Wege
sobald zusammenfhren.
    Und wenn er nun einmal ganz unerwartet kme, Mutter?
    Anna vermochte nicht zu antworten.
    Mut du uns doch nun unsern eigenen Zug nehmen lassen, du Arme! Kannst uns
nicht anders, als mit dem Herzen begleiten, dessen Flgel uns so oft Muth und
Kraft zugefchelt haben - er legte ihre Hand auf seine Augen und den Kopf auf
die Lehne der Gartenbank.
    Aha! sagte der rckkehrende Joseph, hast du Cato den Text gelesen, Mutter?
Will er wieder einmal die Welt verbessern und allweise sein, trotz unserm
Herrgott? Trste dich, liebste Mama! hast du doch noch mich hoffnungsvolles
Schlingelpflnzchen, um dich und ihn vor seiner Moral zu retten und vor seinem
vielen besten Rath! Ich habe nur den einen, und er ist zu gleicher Zeit mein
hchster Wunsch: sei recht glcklich, Mutter! so glcklich, als noch gar kein
Mensch auf Erden geworden; denn auf Ehre! sagen wir Offiziere: noch Niemand hat
es mehr verdient!
    Im Gehen hatte Egon ihren Arm in den seinen gelegt; die jungen Leute fhrten
sie unmerklich aus dem Park ber den daran stoenden Platz, dem Hotel zu, das
Alle auf ein paar Tage bewohnten. Als sie an die Thre ihres gemeinschaftlichen
Salons traten, fanden sie Duguet und August vor derselben.
    Ist dein Herr zu Hause? fragte Anna den letztern.
    Seit dem Tode des Herzogs von Reichstadt hatte sich St. Luce wieder
eingefunden. Er war entschlossen, sie nie wieder zu verlassen, immer in ihrer
Nhe seinen Wohnsitz aufzuschlagen.
    Es fiel Annen auf, da der alte Diener nicht sogleich antwortete; als sie
ihn und Duguet genauer ansah, bemerkte sie in beider Zgen den Ausdruck einer
tiefen, gewaltsam zurckgehaltenen Rhrung. Arme Freunde! sagte sie, ach! ihr
seid nicht die Einzigen, die hier Sophiens schmerzlich gedacht! - Sie reichte
ihnen die Hand, die jene ehrfurchtsvoll an ihre Lippen drckten. Keiner
erwiderte ein Wort.
    An der Thre lie Egon, der sie gefhrt, ihren Arm los. Ich will die Tante
Leontine holen! Pltzlich aber kehrte er um und fiel der Mutter um den Hals:
Mutter! Mutter! Dein Glck ist der innigste Wunsch deiner Kinder! Er war
verschwunden. Auch Joseph hatte unter heftigen Kssen sie losgelassen; sie stand
verwundert und allein auf der Schwelle des Saales.
    Am Fenster, den Rcken ihr zugewandt, gewahrte sie einen stattlichen
Fremden. Bei dem Gerusch ihres Eintritts kehrte er sich um; es war - Gotthard.
    Tief bewegt ihr die Hand entgegenhaltend, schritt er auf sie zu. Verzeihung,
theuerste Anna! rief er mit dem vollen Klange, den nur die Freude dieser
weichen, sonoren Stimme, die sonst gedmpft ertnte, zu verleihen pflegte. Ach!
mit dem ersten Laut rief er das ganze vergangene Leben ihr wach, es umgab sie
wie eine berreiche Gegenwart. Anna! wir Alle sind im Complott gegen Sie
gewesen! Geiersperg, St. Luce und Ihre Shne, Alle haben sich auf meine Seite
geschlagen: denn ich konnte ohne Sie, theuerste Freundin, das Dasein nicht
lnger ertragen, ich mute Sie wiedersehen! Ich mute!
    Trunken von Glck, keines Ausdrucks mchtig, lie sie sich von ihm zum Sopha
geleiten. Erst jetzt sah sie ihn wirklich, bis dahin hatte eine Art Nebel auf
ihrem Auge, ein Schwindel von Seligkeit sie verhindert, ihn deutlich zu sehen.
Aber als er nun fortsprach, gewann sie Zeit und blickte auf. Gotthard war in den
vier, fnf Jahren bedeutend gealtert, die ungeheure Geistesarbeit, die rastlose
Thtigkeit seines Berufs hatten Spuren hinterlassen, aber sie hatten sein
Aeueres gereift, ohne es irgend zu schwchen; er war noch immer schn.
    Es lag ein solcher Ausdruck von Gte in seinen harmonischen Zgen, eine
solche Zusicherung des Schutzes, der Hlfe, des Trostes in dem tiefen Ernste
desselben, in seinem ganzen Auftreten; auch ohne ihn zu lieben, wrde man ihm
eine Welt aufgebrdet und anvertraut haben, so ruhig, sein selbst bewut, so in
sich selbst concentrirt stand er da: ein Bild der hchsten Milde, wie der
ausgearbeitetsten Kraft.
    Demonstrationen des Gefhls, fortgesetzter Briefwechsel, ja sogar jeder
regelmige gesellschaftliche Verkehr waren dem mit den bedeutendsten Arbeiten
Ueberhuften, auf eine der hchsten Stellen des Staates Berufenen lngst
unmglich geworden; dennoch war Annens Bild nie aus seiner Seele, nie aus seiner
Sehnsucht gewichen.
    Nach dem unseligen Duell hatte er, whrend Anna in Brandenburg blieb, eine
Zeit lang in Berlin gelebt, um die Fden einer neuen, immer ausgedehnteren
Thtigkeit anzuknpfen. Whrend dieser Vorbereitung seiner vernderten Laufbahn
hatte Geiersperg ihn kennen und schtzen gelernt. Beide Mnner stimmten in der
Ansicht berein, da nur eine lngere Trennung von Annen in den Seelen der
heranwachsenden Knaben, in der Ansicht und im Urtheil der Gesellschaft die
theure Frau flecken- und makellos im Besitz der ihr nthigen Anerkennung
erhalten knne.
    Das schwere Opfer ward gebracht; schweigend, wie fast immer die schweren
Opfer. Gotthard suchte beim Ministerium um einen Zweig der Verwaltung in
Schlesien nach; sein Wunsch ward ihm gewhrt.
    Sonderbar genug, aber ein Beweis, da ein wahrhaft eminenter Kopf in unsern
Tagen die ueren Verhltnisse beherrscht, hatte der wiederholte Umschwung, den
Gotthards Liebe seiner amtlichen Thtigkeit gab, weder hemmend, noch strend auf
seine Laufbahn eingewirkt, unaufhaltsam hob sie sich; sein Weg ging
ununterbrochen aufwrts, sogar wo sich dessen Richtung nderte.
    Die Verschmelzung groer That- und Geisteskraft ist selten, und dennoch
bedarf unsere industrielle Zeit derselben so sehr. Gotthards Uneigenntzigkeit,
sein brgerlicher Flei und seine aristokratische Nichtachtung des Einzelnen, wo
es die Masse galt, gaben ihm einen immer ausgedehnteren Wirkungskreis, ja eine
in manchem Bezug fast herrschende Gewalt ber seine Mitbrger und Untergebenen.
    Als ihn der Zufall wieder einmal mit Geiersperg zusammenfhrte, fragte er so
angelegentlich nach Annen, da der alte unermdliche Handlanger der
Zeitereignisse, Geiersperg, mit einem Male innerlich beschlo, nun seine Neffen
erwachsen und die Gerchte ber des Vaters Stellung zu Gotthard denselben zur
Prfung vorgelegt werden konnten, die jungen Leute selbst auf den Gedanken an
eine zweite Verbindung ihrer Mutter mit dem nunmehrigen Prsidenten zu bringen.
    Seine Absicht ward vollkommen erreicht. Die Zusammenkunft Leontinens mit
Annen und der Lady Frederic, die erstere nach Konstantinopel zu begleiten
beabsichtigte, ward zum Moment des Wiedersehens erwhlt. Geiersperg war
berselig, ein kunstvolles Manoeuvre ausgefhrt, durch die Grnde seiner
Beredtsamkeit alte Vorurtheile besiegt zu haben, wie Leontine lachend ihm
vorwarf.
    Alle trafen ungefhr zur nmlichen Zeit in Weimar zusammen.
    So ward es mglich, Annen ein Wiedersehen zu bereiten, das die vom Glck so
lange Entwhnte vielleicht in banger Scheu von sich gewiesen haben wrde, htte
sie es vorausgeahnt, das aber nun in seiner berraschenden Erscheinung einem
elektrischen Funken gleich in ihre mde Seele traf und pltzlich alle
schlummernden Krfte derselben weckte, ohne sie zu berreizen. War es doch fast
das erste Mal in den langen, stets in Bezug auf einander hingelebten Jahren
ihrer Bekanntschaft, da die Liebenden und Freunde - sie waren einander Beides
und wuten es von einander - ruhig, nur von der Freude des Augenblicks bewegt,
sich aussprachen.
    In jedem Worte feierte ein zerdrcktes, verborgenes Gefhl oder eine lange
verschwiegen und heimlich getheilte Ansicht eine Auferstehung. Beider berreiche
Natur strahlte so edle Gaben der innern Schnheit aus, da sie in gegenseitiger
Freude, Eines an dem Anderen durch die Gegenwart erfllt und befriedigt, weder
die Schatten der abgeblhten Vergangenheit hervorriefen, noch an der
verschleierten Gestalt der Zukunft rhrten. Diese aus tiefen vollen Quellen
zusammenflieenden Seelen brachten ja unwillkrlich in jedem Worte, in jedem
Blicke einander ihr Allerbestes zu und eben darum blieb der schnen Stunde ihrer
Vereinigung jede Schranke bestimmter Wnsche oder Entschlsse ganz fern, denn
sie gedachten nicht einmal der Zeit.

Lady Frederic hatte sich vorgenommen, nach dem Orient zu reisen, Griechenland
und Konstantinopel zu sehen. Die Russen hatten Frieden geschlossen mit der
Pforte; Griechenland erwartete von der hand der verbndeten Mchte seinen Knig.
Die alte Freiheitsfreundin sehnte sich nach all den geheiligten Sttten, denen
neue bessere Zeiten entblhen sollten; aber auch den Herd der Knechtschaft, wie
sie die Trkei nannte, wollte sie in Augenschein nehmen; nur so, demonstrirte
sie, sei es mglich, sich ein deutliches Bild der Gegenwart zu verschaffen.
    Eigentlich war es der lebhaften Frau zu stille in Deutschland geblieben, die
constitutionellen Reformen spannen sich sachte ab, und dann mute sie sich doch
berzeugen, ob dear King Leopold Recht oder Unrecht gehabt, die angebotene Krone
auszuschlagen.
    Leontinens Rckkehr nach Italien kam ihr hchst erwnscht. Sie ruhte nicht
eher, als bis ihr gelungen, die gewohnheit- und alltglichkeitscheue Freundin zu
berreden, sie nach dem Orient zu begleiten. Leontine wollte einen Harem und
eine Moschee sehen und willigte also trotz Geierspergs unabweislichen Grnden
ein.
    Seit Italien schien eine innere Unruhe, ein Gedrnge vielfach verschlungener
und dort empfangener Eindrcke ihre Launen noch wechselnder, ihre Gefhle noch
unruhiger zu machen. Nur ein einziger Goldfaden zog sich durch das seltsame
bunte Gewebe ihrer Gedanken, Phantasien und Empfindungen hin: der Wunsch, Jean
Carlo aufzufinden und ihm die ungeheuern Geldmittel zur Erleichterung seines
Zweckes zuflieen zu lassen, die er scheidend ihr zugeworfen. Sie wute nicht
recht, was mit dem Gelde anzufangen; eine Art Toilettenluxus abgerechnet, an den
sie von kleinauf gewhnt war, hatte sie wenig Bedrfnisse, wenig Wnsche; es
fehlte ihr gnzlich an eigentlicher Liebe zum Besitz, weil sie ihr ganzes Dasein
aus dem eigenen Innern herausspann.
    Jean Carlo in Griechenland zu finden, schien Leontinen nicht
unwahrscheinlich; dort konnte es ihr gelingen, noch einmal seinem so vielfach
geknickten Leben erneute Hoffnungen und Thtigkeit zu geben, indem sie die ihm
geraubten Hlfsmittel zurckbrachte, die er fr seine Landsleute bedurfte und
deren Entbehren groentheils das Geschick der Griechen entschieden hatte.
    O dear, o dear! unser lieber Herr Gotthard! How are you? rief die gute alte
Lady, als sie unvermuthet, das allgemeine Wiedersehen und Begren
unterbrechend, in den Salon trat. Ei, sagen Sie mir, bitte, haben Sie wol wieder
etwas Genaueres ber die neu zu errichtenden Logen der Carbonaria erfahren, und
glauben Sie, da diese mit den griechischen Angelegenheiten verwickelt sind?
Haben Sie wol gehrt, da unser theurer Graf auch frher einmal sehr gravirt in
dieser Geschichte gewesen, vor seiner Heirat nmlich - Sie wissen doch, da der
Tod ihn uns entrissen? Alles dies fragte sie hrbar leise, Leontine sollte es
nicht bemerken. Aber sie fragte glcklich alle Anwesenden aus der insgeheim
gefrchteten Rhrung heraus, die sie zu berkommen drohte, und brachte mit ihrem
durchaus nicht Gemerkt- und Begriffenhaben der Seelenzustnde aller Anwesenden
eine so glckliche Unterbrechung hervor, da ihr Jeder innerlich Dank dafr
wute.
    Joseph machte ihr entschieden den Hof, lie sich Arabisch, Indisch und
Trkisch von ihr vorlesen und ging sehr ergtzlich auf alle ihre Plne ein.
    Leontine war der geistigen Kreuz- und Quersprnge ihrer alten Freundin zu
sehr gewohnt, um auch nur einen Augenblick sich verletzt zu fhlen; sie war
sogar gefllig genug, nicht zu hren, was jene zu flstern whnte.
    St Luce war am belsten daran, er vermochte sich nicht eher vor ihrem
gutgemeinten aber bel angebrachten Eindringen in seine Gefhle und Ansichten zu
retten, als bis Anna sie auf die frisch blutende Wunde aufmerksam machte, die
dem Freunde der Verlust des angebeteten Kaiserkindes geschlagen.
    Als aber am folgenden Tage die gute alte Lady eine ganze Weile dem
Zusammensein der Freunde und der Waldau'schen Familie zugesehen, ward sie sehr
nachdenkend. In einem unbemerkt geglaubten Augenblick ergriff sie pltzlich St.
Luce's Arm: General, lieber General, ich mu Ihnen etwas sagen! Meinen Sie
nicht, dear Sir, da unser guter Herr Gotthard eine gewisse Vorliebe fr die
Grfin hat? Und nun entwickelte sie ihre Ansicht, da bei seiner hohen amtlichen
Stellung die Partie gar so bel nicht sei, da die Grfin nicht von Adel, wie
man ihr versichert, und die ganze Verbindung durchaus keine unpassende zu nennen
sei.
    Trotz seines Kummers gerieth der Invalide in ein so jugendlich herzliches
Lachen, da selbst seine groe Hflichkeit es nicht zurckzuhalten vermochte und
mehre Mitglieder des kleinen Kreises, dadurch herbeigezogen, mit Bitten und
Fragen auf die Lady eindrangen, die in der felsenfesten Ueberzeugung, St. Luce
von seinem Vorurtheil so am besten zurckzubringen, eine lange Rede hielt, in
welcher sie ihre Wnsche fr die Liebenden aussprach. Liebe kenne kein Gebot,
versicherte sie, und Anna sei so schn, da man ihr kaum so viele Zwanzig geben
wurde, als sie deren Dreiig zhle. Herr Gotthard aber, setzte sie mit drolliger
Verlegenheit hinzu, steht doch wol kaum ihr darin nach, und in Old England wrde
Niemand thricht genug sein, ein so von Himmelshand geschrztes Band nichtiger
Einwendungen wegen zu zerreien.
    Sie hatte das Eis gebrochen. Obschon Alle lachten, war ihr abermals Jeder
dankbar, denn die Angelegenheit kam nun zur Sprache. Gotthard warb um der
Geliebten Hand.
    Egon beschwor die theure Mutter, ihr schnes einfaches Leben nicht durch
eine Uebertreibung zu verderben. Ein unntzes Opfer ist eine Snde! sagte er
ernst.
    Anna war unaussprechlich bewegt. Schon da gerade der Sohn ihres Herzens
fast den Bewerber fr den so lange und hei Geliebten machte, hatte etwas tief
Erschtterndes. Gotthards Freude aber erhob den Augenblick zu einer hchsten
Lebensweihe. Einen groartigen edeln Menschen das Leid des Daseins tragen sehen,
wirkt sogar auf selbstische und gemeine Naturen; der Schmerz verleiht dem so
Hochstehenden einen Glorienschein und macht den Dornenkranz zur Krone; aber
einen ungewhnlich Begabten, dessen Leben ein Segen fr die Andern, fr ihn
selbst unbefriedigt und schmerzlich dahinflo, pltzlich im Sonnenglanz des
hchsten mglichen Erdenglckes zu erblicken, wirkt noch allgewaltiger. Es
ffnet uns einen Blick in den Himmel und gewhrt uns ein tiefes, jauchzendes
Vertrauen auf das Geschick; all der Unmuth, der bange Zweifel, die
Irreligiositt, die uns oft betrbendes Erfahren aufdrngen, fallen ab wie eine
Wolkenhlle und der Glaube tritt uns wieder nahe und strmt seine Seligkeit in
unser wundes Herz.

Wer diese Menschen so zusammen sah in ihrer heiteren Liebe, wem Annens
strahlendes Gesicht, Gotthards so geistig-schnes Dankgefhl, der Kinder und
Freunde Jubel damals die Empfindung des dankbaren Glaubens an mgliches
Menschenglck in die Brust gesenkt, wie ein schtzendes Amulet gegen das
Mistrauen des Ueberdrusses, der wird ein solches Begegnen nicht vergessen haben.
Mge sein Erinnern desselben das Samenkorn eines inneren heiligenden Segens fr
den werden, der am Leben verzweifelt.
    Auch jetzt in unsern Tagen noch mchte ich dem schauensmden blasirten
Reisenden, der so viel Stdte, Bcher, Bilder, Kunstwerke aller Art mit mattem
Blick besieht, den eine innere Rastlosigkeit von Land zu Lande, von Meer zu
Meere treibt, wnschen, da ihn sein Weg an Gotthards Landhause vorberfhre.
    Wenn der Prsident nach langen beschwerlichen Berufsgeschften, die auch ihn
oft zu weiten Reisen veranlassen, heimkehrt zu seinem stillen, friedlichen Asyl,
umfngt ihn eine selbst erbaute Welt des Schnen. Was Wissenschaft, Kunst und
Reichthum dem Dasein als Schmuck gewhren, liegt dort in reichen Garben
aufgehuft. Anna hat einen Zauberkreis der Huslichkeit darum hergezogen. Noch
immer stehen sie und Gotthard, unverndert im Innern, von der Zeit unendlich
mild behandelt, schn und edel, in vollster Kraft, nebeneinander, noch immer ist
ihre Neigung dieselbe, noch immer eint sie das seltenste, innigste Verstehen.
    Egon zhlt bereits unter unsern bedeutendsten Staatsmnnern. Da Gotthard
keine Kinder hat, bertrug sein Herz auch in diesem Bezug die Neigung auf keinen
neuen Gegenstand.
    Die Zeiten haben sich verndert; ihren Anforderungen zu gengen, ist
alljhrig schwerer geworden. Gotthard sieht seinen Nachfolger in Egon, dessen
die seine einst berragende Wirksamkeit er sorglich und besonnen dem Lieblinge
vorbereitet.
    Joseph ist der schnste und beliebteste Offizier seiner Garnison und ist
dabei der unempfnglichste fr Frauenliebe. Obschon er jeder Dame den Hof macht,
erzhlt er ihr zugleich, da nur die ganz besondere glckliche Mischung von
Fehlern und Vorzgen seiner Tante Leontine ihn dauernd zu fesseln vermchte, und
da er trostlos ist, hier bei den nordischen Barbaren weilen zu mssen, whrend
die Unbarmherzige unter griechischer Sonne altert, ohne auf ihn zu warten.
    Und Leontine? Sie ist immer noch ein anmuthiges, vielleicht fr sich und uns
unlsbares Rthsel. Seit einer Reihe von Jahren hat sie Deutschland nicht wieder
betreten. Ob sie in Griechenland den verlorenen Gatten wiedergefunden, ob sie
ihm noch heimlich verbunden ist, ob andre Neigungen und Verhltnisse ihre Seele
erfllen, Niemand wei es, selbst Anna nicht. Sie schreibt unendlich geistvolle,
inhaltreiche Briefe, deren Flammenzge Leuchtkugeln gleich aufblitzen in dem
kleinen Kreise ihrer Freunde, und den Zustand des Bodens, auf dem sie
anzuwurzeln scheint, in seiner Eigenthmlichkeit und in seinen wechselnden
Gestaltungen richtiger schildern, als alle unsere Tagebltter und Reisenden.
    Gar andere, tiefernste Briefe, meist in Bcherform und gedruckt, sendet uns
Otto. Ihn umgibt ein Kreis geliebter Kinder und treuer Freunde. Die unendliche
Thtigkeit seiner Seele erhlt ihn frisch; die seit den letzten Jahren mit
Riesenschritten fortschreitende Wissenschaft trgt ihn ber alle kleinen
Lebenssorgen hinweg. Vrenely ist der Trost seiner Tage geblieben; in ihrem Hause
herrscht noch immer die anmuthige saubere Brgerlichkeit, in der wir sie zuerst
gefunden; in ihrem Herzen blht die Poesie und treibt mit jedem Jahre neue
Frhlingsknospen. Otto kennt nur das Universum und sein Haus; die
Gesellschaftswelt und die Politik der Zeit kmmern ihn jetzt fast eben so wenig,
wie sie in den Tiefen der Erde es thaten, als er mit dem Grubenlicht und dem
Schlgel in der Hand von den Schtzen der Wissenschaft trumte, die jetzt sein
Forschergeist erreicht. Annen hat er nicht wiedergesehen und alle Einladungen
Gotthards mild, aber bestimmt abgelehnt.
