
                               Arnim, Bettina von

                        Clemens Brentanos Frhlingskranz

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                               Bettina von Arnim

                               Clemens Brentanos

                                 Frhlingskranz

     Aus Jugendbriefen ihm geflochten, wie er selbst schriftlich verlangte

Und liebes Kind, bewahre meine Briefe, lasse sie nicht verlorengehen, sie sind
das Frmmste, Liebevollste, was ich in meinem Leben geschrieben, ich will sie
einstens wieder lesen, und in ihnen in ein verschlones Paradies zurckkehren.
Die Deinigen sind

                                  mir heilig!
                                Heidelberg 1805

Verliere keinen meiner Briefe, halte sie heilig, sie sollen mich einst an mein
besseres Selbst erinnern, wenn mich Gespenster verfolgen, und wenn ich tot bin,
so flechte sie mir in einen Kranz.

                                  Holland 1808

                             Sr. Kniglichen Hoheit
                        dem Prinzen Waldemar von Preuen

                             Lieber Prinz Waldemar


So weit ist's gekommen zwischen uns beiden, da ich diese letzte Anrede wage und
lieber und naturgemer sie finde als die auf der ersten Seite. Ich stehe auf
einmal da vor Ihnen, und alle Leute auf dem Markt vernehmen, was ich Ihnen zu
sagen habe. Vor so viel Leuten ist man aber nicht aufrichtig, man ist da nur
schicklich; folglich ist's wohl nicht schicklich, aufrichtig zu sein. Da man
aber einem Prinzen gegenber durchaus schicklich sein mu, Aufrichtigkeit aber
Unschicklichkeit ist, so machen sich Euer Hoheit gefat, entweder was
Unschickliches zu hren oder was Unaufrichtiges.
    Wenn ich nun meine Zueignung so begnne:
    Es ist das aufrichtigste Gefhl der Verehrung und Liebe, was mich bewogen
hat, Euer Hoheit dies Buch zu widmen. So wrden Sie denken: die Freifrau von
Arnim redet dies um der Schicklichkeit willen, denn aus welchen Grnden knnte
sie mich so stark verehren? - Daraus mte ich auf die Bescheidenheit schlieen
und auf die Einfachheit Ihrer edlen Natur, die grere Forderungen an sich
macht. Fahre ich nun fort und sage: In diesem Buch werden Euer Hoheit viel
Analoges mit sich finden! so knnten die Schicklichkeitsmenschen behaupten, dies
sei sehr unschicklich einem Prinzen zu sagen, er habe hnlichkeit mit einer
Volksseele. Ich darf Ihnen daher gar nichts sagen, denn meine Aufrichtigkeit
wrde entweder von Ihrer Bescheidenheit verneint oder von dem
Schicklichkeitsgefhl der Aristokraten mir verwiesen.
    Dem Publikum, in welchem ich mich heimisch fhle, das mich angeregt durch
seinen Beifall und durch sein Einverstndnis mich inspiriert, zu dem kann ich
doch wohl reden ohne Einwendung, da Aufrichtigkeit bei diesem auch
Schicklichkeit ist. Nun also: ihr Leute auf dem Markt! - Ich hab dies
frhlingsduftende Buch nur dem darbieten knnen, gegen den ich keinen Zweifel
hege, der Feldblumenkranz knne ihm zu gering sein.
    Ich sage euch aber, ihr Leute auf dem Markt, ihr, deren Gewissen Zeugnis
gibt von jenen gefrsteten Frsten, denen der Lorbeer und die Eiche und die
Raute Ehrenkrnze tragen, da gleich in der Brust jener groen Mnner auch ihm,
der die Huldigung im Feldblumenkranz willkommen heit, das vaterlndisch Edle,
der Eifer fr Wahrheit, der Glaube an gttliche Dinge, die Wrdigung der
Volkseigentmlichkeit innewohnen, die sein eigenes Streben mit den Krften des
Gemeingeistes zu allen erhabnen Opfern zusammenschmelzen.
                                                                         Bettine


                                 Liebe Bettine!

Noch einmal leb wohl. Ich habe wie immer auf meinem Rckweg noch recht mit Liebe
an Dich gedacht und bitte Dich innig, indem Du stets Dich selbst veredelst,
diese Liebe zu veredlen und zu erhhen, von der der grte Teil meines Glckes
abhngt, ich habe jetzt auer Dir fr keinen Menschen ein ganz lebendiges
Interesse, das mir selbst Mut geben kann, mich in die Hhe zu arbeiten. Du gibst
mir Kraft und Mut und Aussicht, wenn Du in allem Guten gedeihest, denn Du
gedeihest meinem wrmeren Anteil an Dir. Suche Dich ber das, was man Dir als
Pflicht zumutet, zu erheben, mache, da alles um Dich zufrieden ist. Was Du mehr
in Dir fhlst als das gewhnliche Bravsein, dafr hat die arme Welt ja doch
keine Ordnung, das mut Du still in Dir bilden und Gott selbst dafr Rechnung
stehen und mit der ganzen Harmonie der Gefhle dafr dankbar sein. Es ist dem
vorzglichen Menschen gewi sehr leicht, alle gewhnlichen Forderungen
zufriedenzustellen, bequeme Dich ein wenig nach der Alltglichkeit, und sie wird
mit ihren Klagen Dir nicht mehr zur Last fallen. Sei fleiig in der Musik und
Zeichnung, es sind die unschuldigsten Organe der Gte und Schnheit. Sei Deinen
Geschwistern duldsam und verschliee, was Du mir bist, still in Deinem Herzen,
denn die meisten Menschen verstehen das nicht und ehren es daher nicht. Du
kannst so nur Dir und auch mir groen Schmerz ersparen, weil es weh tut, wenn
das Bessre in uns mihandelt wird durch den Unverstand. Lebe wohl! Sei recht
fleiig am Ofenschirm, damit er bald fertig wird, ich freue mich drauf, da die
Flamme durch sein Gewebe schimmert, und ich klimpere dann auf der Gitarre dazu
Lieder und Melodien, die Dein sind.
                                                                    Dein Clemens


                                Lieber Clemens!

Dein freundlich Abschiedsblttchen hat mir die Gromama nicht gegeben, ich htte
es vielleicht nie erhalten, wr ich nicht durch Zufall an den Ort gekommen, wo
es lag und schon erffnet war.
    Sieh, ich hab Dich so lieb - Du bist so gut - ich mchte Dir alles sagen, um
da Du mir lehrtest, was mich gut und Dir lieb machen kann.
    Der Anfang Deines Briefchens sagt mir zum letztenmal noch einmal Lebewohl! -
Werde ich Dich denn lange, lange nicht wiedersehen? und stehe weit zurck von
allem, was ich liebe? - Und andre gehen dazwischen hin und her, die gleichgltig
sind fr Dich und mich! - Die Frankfurter Allee hat allen Glanz verloren, sie
ist ganz de in der Nebelluft, denn weil Du jetzt nicht mit dem Abend dort mir
entgegenkommst! - So war doch der Morgen immer auch noch schn, wenn Du am Abend
dagewesen warst. Weil Du willst, ich soll frh aufstehen wegen dem Gold der
Morgenstunde, so wollt ich es ihr aus dem Mund nehmen und lief frh mit der
Dmmerung schon durch die Allee, wo all Deine Tritte in den Kies geprgt und
schn bereift waren, wr ich spter gegangen, so htten die Marktleute drauf
herumgetrampelt. Ach, die langen Winterwege, die Du gemacht hast, mir zulieb
alle! - Aus dem lustigen Haus, wo die Geschwister und Hausfreunde zusammen Witze
machten, heraus ber die Schneefelder, auf der kalten, einsamen Hoftreppe, wo
wir die Winde zusammen flstern hrten. Und im Schneegestber bist Du wieder
allein in der Nacht den langen Weg nach Haus gewandert! - Ja, Du willst, da ich
Dich immer so liebe, wie Du mich liebst. Und wrst Du doch ganz nah bei mir und
knnt Dich ans Herz drcken dafr, da ich in Dir finde, was ich vergebens in
andern suchte, ein Gesprch, wo die Seele in der Pforte steht, in ruhender
Stellung zwar, aber so hingebeugt zum Nachbar, so sanft lockend, da der auch
sich ausspreche. - Ich war in Sorgen um Deinen langen, einsamen Weg in der
Nacht, die Sterne haben wohl noch mit Dir fortgeplaudert! - Adieu, mein Clemens,
leide immer, da ich ein wenig an Dich schreibe, und wenn meine Briefe auch
unbedeutend sind, es macht mich doch so froh! - Kann ich Dir auch abgebrochene
Gedanken schreiben, wie wenn ich mit Dir schwtzte, wo Du mir immer Antwort
gabst, eh ich's ausgesagt hatte? - Ach, wie willst Du mir Deine Briefe schicken,
die Gromama gibt sie mir vielleicht gar nicht!
                                                                   Deine Bettine


                                 Liebe Bettine!

Da die Gromutter Dir den kleinen Brief nicht gab, ist mir sehr leid, es wre
schn von ihr gewesen, htte sie Dich gebeten, da Du ihr ihn lesen lassest, das
httest Du denn auch mit Freuden getan, brigens verzeih es ihr in Deinem
Herzen, denn sie hat es gewi gut gemeint. Diesen Brief schicke ich Dir nun frei
mit der Post, es tut mir zwar leid, da ich Deinen lieben Namen mu so offen auf
die Post geben, allein es ist besser als ein andrer Weg, er wrde ein Winkelweg
sein, da doch sich an Dir zu freuen und Dich zu hten und verstehen zu lernen
dem Bruder ganz naturgem ist! -
    Schreibe mir auch nicht zu heftig, es ist nicht gut, wenn man sich dran
gewhnt, und man tut's so leicht, weil es einem wohltut, aber ein solcher Brief
ist zu sehr Stimmung, und ein Wort gibt zu sehr das andre, da eigentlich die
Seele allein jedes Wort geben soll. Schreibe mir von Euern Scherzen und
kindischen Einfllen und kleinen Naseweisheiten. Liebe Deine Geschwister und
besonders die um Dich sind, mach Dich ihnen unentbehrlich, mache Dich allen
geliebt und geehrt, dann ist Dein Inneres ungestrt und Deine ueren
Verhltnisse recht angenehm in der Welt. Spiele brav Klavier, singe, zeichne und
lerne, wo Du kannst, nur damit kannst Du Dir Deinen Lebenskreis erweitern. Ich
sehe Dich bald wieder, zu Ostern komme ich gewi, ich bin gar sehr vergngt
hier, und nchstens schreibe ich Dir alles, wie ich hier lebe. Freude, das ist
das Hchste, es ist Gesundheit an Leib und Seele, die man gibt und empfngt.
                                                                    Dein Clemens

Ob Du mir abgebrochene Gedanken schreiben kannst, wie wenn wir zusammen
sprechen? - Liebes Kind, so gut ich von hier aus Dir nicht ins Wort fallen kann,
noch ehe Du's gefunden hast, wrde ich Dich wohl auch nicht so gut verstehen von
so weit. Und dann ist's ja auch ein Kunstinteresse, sich voll und bndig
ausdrcken zu lernen. Der Schreiber mu zugleich an sich selber schreiben, denn
er selbst mu durch den Brief mit sich bekannt werden, Du sagtest mir ja, da
Dir die Welt so unendlich weit vorkomme und Du Dir selber wie verloren darin
seist. Und dann sei Dir Dein Lebenskreis wieder so enge, da Du nur ganz kleine
Schritte vorwrts tun knnest. Dies alles kommt daher, da Du mit Deinem inneren
Menschen noch nicht bekannt bist, Du begreifst Dich noch nicht, aber in den
Briefen schaust Du in den Spiegel Deiner Seele, darum tut die tiefste Wahrheit
Dir selber gegenber so not, um auf keinen Irrtum zu geraten ber Dich selbst.
Denn die edle Seele hat eine hchste Bestimmung! Dieser nachzukommen ist ihre
ganze Aufgabe, die Welt ist so voller Ereignisse, ist ein Gewebe, in dem jedes
Menschen harmonische Bildung ein notwendiger und haltbarer Faden sein mu. Nicht
jeder Faden braucht als sichtbare Figur eingewebt zu sein, aber zur Tchtigkeit
und Festigkeit des Gespinstes trgt jeder bei, der die Wahrheit in sich
begrndet, ja es ist nicht anders mglich so, als da er eine Hauptvermittelung
aller wesentlichen Entwickelung werde. Doch was ich Dir hier sage, was Deinem
Alter und Deinem Gedchtnis nicht angemessen ist, vergi es wieder, Liebe, und
lasse Dir ins Herz geschrieben sein, da selbst Jugendspiele und Scherze - kurz
alles, was Dir hier dem Gesagten gegenber vielleicht unbedeutend erscheint, nie
unbedeutend sein kann, solange es die in berquellender Lebenslust unverwirrten
unverwickelten Gedanken hervorsprudeln.

                                   An Clemens


Clemente! Zu Ostern willst Du kommen? Heute haben wir den 22. Mrz! - Nein, es
sind beinah noch vier Wochen. Aber es wird dann schon sehr schn im Garten sein.
Ich habe unsre Rasenbank erhht, das mu frh geschehen, das kurze Gras mu
recht dicht wachsen. Unsre Katze hat Junge, sie sind so allerliebst, Clemens,
der Frhling ist nicht mehr zu leugnen, die Reben weinen. Es ist ja auch in
wenig Zeit schon Mai, aber doch in vier Wochen erst, denn dann ist gewi das
schnste Wetter.
    Ich soll von meinem Tagewerk Dir schreiben und was wir Geschwister zusammen
treiben. Heut war ich den ganzen Tag im Garten, ich hab ja am Tag, wo Du fort
bist, am Abend noch ein Beet umgegraben und hab Salat hineingeset, er ist schon
heraus, ich mute eine Strohdecke drauflegen gegen unzeitigen Frost. Ich will
mir doch nichts mehr von den Menschen weismachen lassen! Und statt am Abend mir
Vorwrfe zu machen, da ich alles besser wissen will, bin ich am frhsten Morgen
schon auf, wo die ganze Welt noch schlft, und beobachte sie, erst kommen die
Tauben, sie baden sich und trinken am Brunnen zwischen den Steinen das Wasser,
ich hab sie gelockt auf der Haustreppe mit gestohlenem Futter! Morgenstund hat
Gold im Mund, darum soll ich frh aufstehen, meinst Du. - Es war noch ganz
nebelig und verschlafen, doch bald fiel das Gold der Morgenstunde schrg in die
Strae, in den Hausgiebeln gingen die Fenster auf, da wohnen die jungen Mdchen,
die wollen auch Morgenluft schlucken, ich ging um die Ecke am Kanal lngs den
Grten, da sind so viel Veilchen, man steckt sie in den Busen, sie duften Dir
ein Weilchen, es ist ihre Sprache. Als ich vom frhen Spaziergang heimging, sah
ich den Bckerjungen laufen, er schellte am Haus, wo die Emigranten wohnen, der
Duc de Choiseul guckte aus dem Fenster und kaufte Milchbrot, ich wollte ihn
nicht beschmen und kehrte wieder um; als ich zum zweitenmal zurckkam, trat die
Milchfrau ans Fenster, die ihm die Milch abma. Da kamen noch viele
Milchtpfchen zu allen Fenstern heraus; einer, der sich von Spitzbuben umringt
sieht, kann sich nicht ngstlicher durchschleichen als ich zwischen dem
Milchhandel dieser vornehmen Emigranten, ehemals waren sie von einer groen
Valetaille umringt, die sich wieder bedienen lie von allerlei Gesindel, und nun
sind sie eingerichtet in eigner Person wie kompendise englische
Reisenecessaire, wo man alles beisammen hat, selbst das berflssige. Ist's
mglich, da man ein Heer von Miggngern beschftige mit Angelegenheiten, die
nur der Miggang notwendig macht? Sie malen, sie schleifen in Glas, sie sticken
Blumen auf Bandschleifen, sie drechseln, sie berschwemmen das Land mit
nrrischen Knsten, und die Gromama wundert sich, da unter allen keine
Gelehrten sich finden.
                                                                   Deine Bettine


                                 Liebe Bettine!

Ich komme in ein paar Wochen wenigstens auf einige Tage nach Frankfurt, und Du
bist eigentlich die Ursache, freue Dich darauf und habe mir recht viel zu sagen.
- Was Du einmal in Offenbach schriebst, lese ich noch oft mit vielem Genu, es
ist mir wie ein ewiger Brief von Dir. Ich bitte Dich, bring alle jene Gedanken,
die Dir selbst auffallen, zu Papier, es ist eine schne Gewohnheit, und wenn man
einstens in ganz andern Verhltnissen ist, so sind solche Bltter liebliche
Andenken verfloner Frhlinge. Ich kannte ein recht liebes Mdchen, die arm und
von geringen Eltern war, sie konnte nicht schreiben und bezeichnete alles, was
ihr am meisten auffiel, mit Blumenblttern, die sie zu solchen Zeiten gebrochen
hatte, diese Bltter htte sie nachher um vieles nicht gegeben, als sie
schreiben konnte und fr eine gescheite Frau galt, ja, diese Blumenbltter sind
mir lieber als das, was sie nachher schrieb; denn an denen kann sie ihre
Fortschritte sehen, an dem Folgenden nur, wie sie stehenblieb. Dies letztere
wird nun nie bei Dir der Fall sein, Du wirst nie stehenbleiben, Du wirst ewig
fortfahren, Deine Seele zu bilden. Diese Bildung besteht nicht sowohl in
Kenntnissen, die man uns lehrt, als in der eigentlichen Erkenntnis. Eine
gebildete Seele ist die, die alle Kenntnisse, die sie hat, wie der bloe Mensch
seine Sinne anwendet, alles um sich herum zu vernehmen und zu beurteilen. Der
bloe gesunde Mensch hrt, sieht, fhlt, spricht; dem Gebildeten aber wird das
Gehr zur Musik, das Gesicht zur Malerei, das Gefhl zur Gestalt und die Sprache
zur schnen gebildeten Sprache, alle seine Bildung und seine Liebe zu
verkndigen. Drum sei hbsch fleiig und frhlich, treibe alles recht so von
selbst, ohne irgend gleich darauf zu denken, wie das und jenes, was das
eigentliche Ende davon ist, dabei herauskomme; das Ende einer jeden Kenntnis
sind wir selbst, die Menschen und unser erhhtes Talent, sie zu lieben, zu
begreifen und uns ihnen verstndlich zu machen. Lebe wohl.
                                                                    Dein Clemens




                                Lieber Clemens!


Clemens, Du hast mich mit Deinem Brief bereilt; ich wollte Dir ja noch mehr
schreiben, letzt am Donnerstag gab ich den Brief so schnell auf die Post, weil
ich's nicht erwarten kann, da Du meinen Brief hast, er ist ja blo eine
Liebkosung meiner Seele, von der Du willst, da sie durch ihre harmonische
Bildung in das Gewebe der Weltereignisse sich mit als ein notwendiger Faden
einwirke, und Du meinst, es ist zu schwer fr mich, das zu verstehen? - Lieber
Clemens, dies alles spricht ja laut genug und tglich und stndlich zu mir! -
Aber! - Freilich, ein groes Aber fhrt aus blauer Luft ein Blitz auf mich ein!
Und ich schme mich, meine Gedanken vor Dir auszusprechen. Wie soll ich denn
anfangen? - Ja, ich mte Dir von meiner Verwundrung sprechen ber alles, was
ich sehe und hre in der Welt! ber die Lehren, die jene Leute mir geben, die
mich zu einem angenehmen und liebenswrdigen Mdchen erziehen wollen. Das kommt
mir aber gar nicht angenehm, sondern sehr horribel vor, was andre Leute
wohlerzogen oder gebildet nennen. Ach, und Du meinst, ich knnte diesen
Anstandsforderungen genug tun? - Ach, Clemens, weit Du, da mich dies alles
ganz dumm macht? - Ich verstehe entweder Deine Briefe nicht, oder alles, was Du
willst, luft stracks dem zuwider, was jene heischen! - Und ist das nicht eine
sklavische Art des Seins, vor andern Menschen sich zu benehmen, und wird die
Seele sich nicht an das Knechtische gewhnen, die den Konvenienzen auf Kosten
ihrer reineren Gefhle nachgibt! - Ich bin so rgerlich, es hat mich was
gekrnkt. Das junge Mdchen, was uns sticken lehrt, ist eine Jdin, sie heit
Veilchen, es ist ein recht liebkosender Name, und ich fand letzt das erste
Struchen ihrer Namensvettern zusammen, da ging ich ganz frh zu ihr, um sie
damit zu berraschen, ich fand sie auf der Treppe mit dem Besen in der Hand, sie
war beschmt, ich aber gleich nahm ihr den aus der Hand und sagte: Ach, lassen
Sie mich auch ein bichen kehren. Da kam so frh schon, denn es war noch nicht
sieben Uhr, der Hofmeister vom Eduard Bethmann vorbei, der mute es der Tante
gesagt haben, da er mich vor der Haustr eines Juden auf offner Strae kehrend
fand - ich mu jetzt lachen; denn es ist auch recht lcherlich - ich will Dir
die derbsten Ausdrcke von der Tante ihrer Merkuriale ersparen, sie meinte nur,
ich sei verloren, fr ein besseres Dasein verloren, ich habe mich gnzlich
weggeworfen! Vous n'avez point de pudeur, point de respect humain, on vous
trouve balayer la rue main en main avec une juive! Ich mute lachen! Nein, ich
konnte nicht anders. Du weit, ich frchte die Tante und mag sie nicht gerne
beleidigen oder reizen! Cachez vous devant le monde, qu'on ne lise point sur
votre front les deshonorants signes de votre effronterie. Ach, ich mute noch
einmal lachen, die Tante ging hinaus! Ich htte sie gern wieder gutgemacht,
keine Mglichkeit, ich fhlte, da ich mich nicht ernsthaft stimmen konnte. Die
Bahn war pltzlich gebrochen, ich glaube, ich werde nie wieder dazu kommen, ihre
Anstandsregeln zu respektieren. - Ach, und wenn Du wtest, wie hbsch es bei
dem lieben Veilchen war! - Da war alles schon so sauber im Stbchen, ein kleiner
Kaminherd, auf dem brannte ein Feuerchen, dabei kochte das Frhstck fr den
Grovater, der sa dabei und strich seinen langen weien Bart durch die Finger,
Veilchen stickt ein Goldmuster sehr schn in einen rosinfarbenen Sammet, so
nennt sie ein sanftes Braunrot in ihrer Judensprache. Die Arbeit ist bestellt,
und sie bekommt dann viel Geld, wenn es fertig sein wird. Sie ernhrt ihren
Grovater und zwei seiner Urenkel, die Waisen von dem gestorbnen Bruder, denen
ist die Veilchen ganz wie eine Mutter, ich half ihr sticken, es ward recht gut,
denn ich hab Augenma und mache die Stiche sehr egal. Alles, was mit dem Geld
angefangen werden soll! - 20 Louisdor! - Da ist so viel zu bestreiten in der
Haushaltung, vom Hemd bis auf die Schuhe und Schsselchen und Tpfchen, und der
Herd, der eingefallen ist, und die Ofenplatte geplatzt; das mu geflickt werden
und das Wohnzimmerchen frisch geweit, wo die Leute eintreten, um die Arbeit zu
bestellen. Veilchen ist von der Gattung Mdchen, die einen Nelkentopf vor ihrem
Fenster pflegen und Absenker machen und endlich einen ganzen Flor daraus ziehen,
die auch wohl ein Myrtenbumchen zur Blte bringen, aber kein Krnzchen daraus
winden. Es wr auch schade, meinte sie heut morgen und lchelte. - Wir waren so
vergngt zusammen beim Sticken, ich fdelte die Flittern und Goldbouillon auf
einen langen Faden, da ging die Arbeit viel geschwinder; wenn sie solche Hilfe
htte, meinte sie, dann wrden die Sorgen ihr nicht so leicht ber den Kopf
wachsen; ich bat sie, da sie mich alle Frhmorgen mit soll sticken lassen, dann
wird's gewi acht Tage frher fertig. Frh um vier Uhr geht schon die Sonne auf,
da kann ich sticken bis acht Uhr, dann mu ich zur Gromama zum Frhstck -
jetzt wird's aber die Tante nicht erlauben, denn weil ich die Gass' gekehrt hab
- und sollt ich's heimlich tun, das wirst Du mir nicht erlauben, und sollt ich's
gar unterlassen? das will ich nicht. Mein Wort brechen, einem Mdchen, was
seinen Grovater ernhrt und seine Geschwisterkinder? - Sie wei nichts davon,
zum Tanze zu gehen oder schn geputzt in Kleidern auf den Freier zu warten. Und
ich wollte da ein kleines unschuldiges Fdchen anspinnen ins Gewebe der Welt,
ein einzig klein Fdchen, und - nein, ich soll's abreien, weil sich's nicht
schickt. Ach! wo soll ich in der ereignisvollen Welt meinen Faden anknpfen,
wenn das Einfachste gegen den Anstand ist! - Wer hat diese Lgen gemacht? - Denn
das sind wirkliche Lgen, nach denen ich mich niemals richten werde! Ach, wenn
Du hier wrst, Clemens, Du wrdest vielleicht es der Tante so vernnftig
darstellen, da sie nichts dagegen haben knnte. Ich hab noch viel zu erzhlen,
aber nicht heut, jetzt lauf ich in den Garten mit dem Spitz, es ist schon Nacht,
ich frcht mich nicht, wenn der Hund bei mir ist. -
    Am 25. Mrz. Jeden Nachmittag kommt der Herzog, der blinde Herzog von
Aremberg, mit einem groen Pack Revolutionsbltter, Sieys, Mercier, Ption,
noch andre, die mit groem Ernst am Weltgeschick weben. Das klingt ein in meine
verneinende Seele gegen alles, was ich in der Welt gewahr werde, sie beweisen
und heben den Schleier von aller Verkehrtheit. Abends, wenn alles fort ist,
spricht die Gromama mit mir, Mirabeau sei ein Komet, der alles entzndet, was
sich ihm nhert. Das Groe in ihm verstehen lernen, adle die Seele, sie macht
Auszge aus seinen Briefen, sie gibt mir eine Nadel, damit soll ich ins Heft
stechen, welchen Satz ich treffe, den soll ich als Gedenkspruch bewahren, sie
hatte diese Stze selbst alle gesammelt und war berzeugt, ich werde mit der
Nadel nicht unrecht stechen, aber ich stach in: Die Macht der Gewohnheit ist
eine Kette, die selbst das grte Genie nur mit vieler Mhe bricht, und die
Gromama stutzt, ob ich den Satz nicht gar selbst erfunden hab. Nein, liebe
Gromama, hier steht er, ich bin nicht Mirabeau, aber sein Geist ist mir ins
Blut gegangen, er wird mich ewig mahnen, nicht von der Gewohnheit abzuhngen.
Die liebe Gromama! Adieu, mein Clemens, und schreib, da du kommst.
                                                                   Deine Bettine


                                 Liebe Bettine!

Ich kann fr Deinen lieben Brief Dir nicht besser danken, als wenn ich Dir sage,
da ich die Woche nach Ostern bei Dir in Offenbach bin, Du kannst Dich insgeheim
fr Dich drauf freuen, denn Du weit nur mit mir allein, da ich komme. Ich habe
heute einen Brief von der Gromama erhalten, sie hlt viel von Dir und mchte
alles auf Dich bertragen, was ihr wnschenswert scheint, sie hat mir wieder
ihren Wunsch geuert, Du mchtest Latein lernen. Du kannst es ja ihr zur Liebe
eine Zeitlang lernen. Obschon die Sprache nichts enthlt fr Menschen und Vieh,
sie ist hlzern und eingebildet, mit einer Wohlbeleibtheit, die in ihrer langen
Toga sich auf den Bauch schlgt, um auf ihre Wrde anzuspielen, und der Klang,
der dabei herauskommt, ist ihre ganze Wohlredenheit; die Gromutter lt von dem
Gedanken nicht los, Deine Sprachfhigkeit durch Latein auszubilden, ich hab ihr
vorgeschlagen, sie soll Dich lieber die Derwisch-, Fakiren-, Bonzen- und
Brahminensprache lassen lernen, wo so viel grillenhafte Superfeinheit drin ist,
die an die mehrere hundertundzweiundneunzigsilbige Wrter grenzt und eine
Rangordnung eingefhrt hat der Konsonanten als Aristokraten, die den
brgerlichen Vokalen gar den Eintritt nicht gestatten nd lssn ns s ws hnn gfllt
xpngrn ns brll, s d mnchml n Wrrwrr ntstht, d kn Tfl drs klg wrdn knn. Gib Dir
Mhe, der Gromama das Leben so viel als mglich zu versen, und lieber als ein
bichen Latein gelernt, ihre Begeisterung dafr kann unmglich lang dauern, doch
ist's schn, da ihre Seele immer nur im Gewand des Erhabnen sich wohl fhlt,
und wir knnen beide uns drber freuen. Denn in welcher Luft knntest Du besser
atmen als da, wo der Gemeinheit Dorn und die Nessel bser verleumderischer
Zungen nicht wachsen kann. Die Gromutter schreibt mir auch von Mirabeau,
gegenber stellt sie den Grandison als Ideal eines sittlich moralischen
Charakters, das grenzt ans Komische. Sie lt sich von Dir die Abhandlung
Mirabeaus ber Staatsgefngnisse bersetzen und schreibt, da es Dich sehr
interessiere. Das hab ich nicht von Dir geahnt. Aber Kind, ist es nicht etwas
Einbildung oder Eitelkeit von Dir? - So oft haben wir in vertrauten Gesprchen
alles vom Herzen weggeplaudert, was uns lieb und leid war; - und meine Seligkeit
war abends auf dem Heimweg, da ich mich besann ber Dich! - - Wie auf dem Grund
eines Sees die Fische mutwillig durcheinanderspielen, so konnt ich Deine
Gedanken spielen sehen auf dem klaren Grund Deiner Seele! Und war mein einzig
Glck, und nun klingt's anders. Und ich lausche in die Nacht hinein, und ich
hre Mirabeau, Ption, Mercier; das lautet ja wie die dumpfe Sturmglocke, nein,
das ist ja nicht das sanfte Luten meiner Abendglocke, wo Du die Gedanken
ausfliegen lieest wie Bienen nach den Feldblumen? - Bedenke, liebstes Kind, da
Denken die Heimat der Seele ist, und suche nicht nach fremden Regionen, wo Dein
Schutzengel Dich nicht zu finden ausging. Ein Sichdaheimfhlen im innersten
Dasein ist die Region, in der wir in schuldlosem Bewutsein am Quell des
Vertrauens und der Weisheit schpfen, das heit: Denken.
    Es ist Nacht geworden whrend dem Schreiben, da ging ich noch weit ins Feld,
da liegen noch einzelne Schneedecken ber der Saat, das Hessenland ist ein
rauhes Land. Bei Dir ist alles wohl schon viel frhlingsmiger, ich freu mich
doch auf Dich recht herzlich und hab auch keine Angst, da Du nicht dieselbe
sein knntest, die Du immer warst. Es ist ein so heller Morgen heute, da sitz
ich am Schreibtisch, und der Hahn krht schon zum drittenmal, das flt mir ein
recht Vertrauen ein in die Zukunft. Ich werde recht oft nach Offenbach kommen
und alles tun, um die Zeit recht innig mit Dir zu verbringen. Es wird doch wohl
eine Zeit kommen, wo ich selten von Dir entfernt bin und wo wir alles zusammen
denken. Denken, was heit das, es ist die einzige Vermittlung mit dem
Gttlichen. Es stellt sich gleich eine Sulenreihe um Dich auf, und ein Tempel
wlbt sich ber Dir, und Dein Gedanke durchduftet ihn. Das ist Denkseligkeit -
Gedankenlosigkeit ist Unseligkeit. Aber Du wirst gewi noch recht glcklich
werden und ich auch, aber das wird nur dann sein, wenn wir dem Bedrfnis gengen
unserer Seele, das knnen wir alleine durch Bildung. Wenn ich was wei und so in
mir gerstet bin, da ich auch von jedem Punkte aus, ich mag sein wo ich will,
und vom Schicksal eine Aufgabe habe, sie zu lsen verstehe und darin mir selber
genge und der Kunst. Das ist Bildung! - Der Mensch ist auf Erden, sich zu
bilden und dann wieder die Welt.
    Jetzt kommt der Frhling, da sitze ich abends oft am Fenster, ich wohne in
einem Garten, klimpere ein wenig auf der Gitarre und singe auch wohl das Lied
vien qua Bettina bella etc.; in den Garten kommen oft einige Kinder, mit denen
ich spiele, die zwar ein bichen dumm sind, aber doch gesund und treu. - Ehe ich
weggehe, werde ich den Kindern ein Fest geben, auch eine Schwgerin von Rossi
hat drei artige kleine Mdchen, die gegen die schwarzen Rossibuben wie Engelchen
gegen Teufelchen aussehen, so schwarz sind diese kleinen Italiener, besonders
ist das lteste Mdchen, etwas jnger als Loulou, sehr sanft und hold; sie hat
den seltsamen Namen Anonciata, Verkndigung. Namen sind oft recht einladend, der
Deinige zum Beispiel. Diese Kinder nun, die in einem traurigen schmutzigen Hause
wohnen und mit ebensolchen Menschen, haben doch ein kleines Fleckchen rein und
schn zu machen gewut. In dem kleinen Hof steht ein Baum, um den herum haben
sie sich ein uerst niedliches Grtchen gebaut, so gro wie ein groer Tisch,
in diesem Garten nun stehen Butterblumen, Veilchen, Buchs und dergleichen,
gleich daneben haben sie sich Tisch und Bank errichtet und sitzen beisammen,
wenn die Sonne scheint, unter einer Art Laube, die sie durch in die Mauer
gesteckte Tannenzweige zusammengeflochten haben. Ich habe gestern lang mit ihnen
gesessen, ihnen erzhlt und, whrend sie allerlei bunte Perlen und Schmelz in
Schnre fdelten, womit sie ein kleines Handelspiel treiben, ihnen Klostereier
gemalt. - Das ist so mein Zeitvertreib, und sie wird mir jetzt lange, bis ich
bei Dir bin. Nimm dies als eine kleine Gegenerzhlung fr Deinen Bericht von dem
Veilchen, der ist aber schner, und ich finde es auch ganz natrlich, da Du
gern mit dem Veilchen das Kleid fertigsticken willst, aber ich meine doch, es
wird besser sein, wenn Du nicht am Morgen so frh Dich vom Haus entfernst. Hast
Du nicht zufllig den Herrn Hofmeister begegnet, der Dir den Verdru machte bei
der Tante, bse ber Dich zu reden? - Nun knnten doch noch andre Leute Dir
begegnen, die auch darber reden knnten.
                                                                    Dein Clemens

Weil ich die Ostern nicht komme, sondern erst acht Tage spter, so erwarte ich
noch einen Brief von Dir, Du wirst ja doch wohl die zwei Sonntage recht still
zubringen. Die Leute werden alle spazieren gehen, und Du wirst aus dem Fenster
sehen, und sie in ihrem Putz die Strae hinab, dem Tor hinaus wandern und dann
auch wieder heimkommen sehen. Aber in der Zwischenzeit kannst Du schreiben bei
Deinem Strau, den Du doch gewi im Glas stehen hast.



                                Lieber Clemens!


Wenn man aber auf den Barbara-Tag Reiser von den Obstbumen abschneidet und die
ins Wasser stellt, dann blhen sie im Mrz, und das hab ich getan, und sie
blhen auch alleweil. Apfelblten sind zu schn! - Wr ich als Mdchen, was die
Apfelblte ist, ich wr doch wohl alles Liebe und herzlich Schne. Was Du von
mir denkst, dann knnt ich Dir verzeihen, was Du mir und Dir weismachen willst.
Ja, es ist recht schn; denn ich hab das Plaisir davon, und Dir schadet's
nichts. Aber sei nur nicht ngstlich, da ich keine Apfelblte bin, wei und rot
und goldner Same drin, sondern da ich vielleicht gar so eine Nessel bin oder
Distel oder Dorn, wie Du meinst, vor denen ich mich soll hten.
    Ich hab am Feiertag nicht knnen schreiben, die drei kleine Katzen auf dem
Scho so kommod ineinandergelegt, alle drei eingeschlafen unter der
gromchtigen Pappel im Eckelchen auf der Bank. So viel Blten tanzten herunter,
so viel braune klebrigte Schalen platzten los von den Knospen, ich dachte, was
knistert doch im Baum; und spter, wie die Katzen so sanft schliefen, da hatte
ich auch ein bichen geschlafen. - Ach, Clemens wir wollen recht vertrauend
einander schreiben, und nichts weismachen einander! - - Und wenn Du aber frgst,
ob das Einbildung sei oder Eitelkeit mit dem Mirabeau, so kann das ja mglich
sein und doch auch wahr, ich wehr mich dagegen nicht! Aber der Mirabeau! - Ich
wollt, ich stnd vor ihm; weit Du? - Denk ich an ihn, ich fhl mein Gesicht
brennen. Liebster Clemens, mit aller Sehnsucht meiner Arme, meiner Augen, ja mit
allem, was umfassend ist in mir, mcht ich seine Knie umschlingen! Des groen
Helden, der auf seine Lippe nimmt das Geschick des Volkes und entzndet es, mit
seines Mundes Hauch facht er es an.
    Auf meiner Seele klarem Grund die Fischchen herumspielen sehen, das freut
Dich? - Nun, so guck! Wie sie da fahren wie der Blitz hin und her, sie prallen
ans Ufer der allbekannten todbringenden Langenweile, sie stoen sich den Kopf
ein; und soll ich keine Leuchte anznden, zwischen diesem klippigten Grund einen
Ausweg zu finden aus der Pftze - ins Weltenmeer? - Wohin sonst? - Glaub nicht,
da ich im angenehmen huslichen Kreis mich gefangen gebe, und auch nicht der
Bildungsanstalt schner edler Ideen. Auch nicht Latein kann ich ein Jahr oder
ein halb Jahr der Gromama zu Gefallen lernen; denn mir kann ich's nicht zuleid
tun. Ich habe ja nicht eine Vernunft, der ich folge, ich bin ja ein elektrischer
Funke, und ins Latein kann ich nicht hineinfahren, es stt ab, sagst Du selbst.
    Es ist nichts, du Welt, wonach ich die Hand strecke. Wr's etwas! - Auf dem
Dach vom Taubenschlag die Sonne sinken sehen, das ist meines ganzen Lebens
Aussicht. Sie geht dort unter so blutrot, und mein Blut - wallt mit im roten
Meer der Sonne, und dort wird's rter, und mein Gesicht wird blsser. Ja, ich
glaub, da der Geist des Blutes mit fortgezogen wird, wenn dort die Sonne ihre
letzten Strahlen hineintaucht. Denn denk ich feurig, da mir's Herz klopft, dann
werd ich bla, lange war's nicht so schn hier in Offenbach als heute abend, und
lange hat mich ein schner Abend nicht so froh gemacht und so traurig zugleich.
Es war da gar niemand, der auch nur den geringsten Anspruch htte gemacht an
meine Seligkeit. Ich wundre mich, da andre nicht sind wie ich! Und Du? -
Vielleicht in demselben Augenblick dachtest Du ganz was anders, das geht mir zu
Herzen. Die Sonne sank eben in den Main. Ist es Dir nicht auch so, wenn die
Sonne sich im Wasser spiegelt, man mchte sich gar zu gerne hineinstrzen und so
in dem Glanz untergehen. Aber es wiegte sich noch eine schne Harmonie von
blasenden Instrumenten auf den Wellen; ein leichtes Schiffchen trug alle die
Seligkeit auf seinem Verdeck, still bedachtsam zog's den Strom hinauf.

Das Abendrot am Strand hinzieht,
Ergibt den Wellen sich mit Lust,
Da schwellet die beklemmte Brust
Der unbewuten Sehnsucht Lied,
So khn gewaltig zwingt das Lied
Die Trauer der beklemmten Brust,
In Lebensmut erstrebt sie Lust,
In Liebesflut sie Wolken zieht,
Und weckt in der beklemmten Brust
Der hohen Freiheit khnes Lied.
Sein voller Klang
Das Herz durchdrang,
Das Lied sich schwang
In Liebesdrang.
Zu ihm, zu dem ich hin verlang,
Dort ber die Berge mit der Lerche,
Ihm nach der Hymne zu singen dem Volk,
Dem von seinen Lippen sie sollte erklingen.

O, Clemens, was ist mir doch heute geschehen Sonderbares, da bringt die Gromama
heute einen alten Brief vor vom Lavater, der schon drei Jahre alt ist, kurz vor
seinem Tod geschrieben, der malt den Mirabeau und recht unglimpflich, und die
Gromama holt die Silhouette aus dem Brief hervor, die er mitgeschickt hatte.
Beschauen Sie die Nase, schreibt er, diese Nase ist eine Bauern-Nase, die
bezeichnet nicht den Helden, der die khnsten Entwrfe beharrlich ausfhrt.
Seine Freunde glauben, da er die Tugend liebte, dies kann aber unmglich mit so
schwlstigen Lippen, deren Winkel so matt herabhngen, bereinstimmen, sein Auge
ist zwar feurig, aber von finsterer Vermessenheit und hat einen verachtenden
Blick, eine schamvergessene Gewaltsamkeit thront auf seiner Stirne, aber kein
Heldenmut, ein Zug geht durch die ganze Physiognomie, der zwar die Karikatur des
Genies markant ausspricht, nmlich Exaltation, die an Narrheit grenzt. Und
siehst Du, so hat mich die Gromama geqult, ich soll's herausfinden, worin es
liege, vergeblich wollt ich sie erinnern, da sie ja so verleumderische
Ansichten ber den erhabnen Charakter nicht knne gelten lassen, aber sie wollte
ihres Lavaters Schwanengesang (so nannte sie diesen letzten Brief Lavaters an
sie) nicht als verleumderisch gelten lassen. - Und Du predigst mir immer Piett
gegen die Gromutter! - Wo und wie soll sich das alles zusammenfinden, ohne da
heuchlerische und kleinliche Furcht sich drein mische! Ach, Clemens! vertrauend
- und das heit ganz wahr und offen sein, das verlangt, da ich stets auch aus
der Tiefe meines Herzens mich an den Tag gebe, nicht umsonst will ich alles
verstanden haben, nicht umsonst hab ich meine franzsischen Aufstze fr Herrn
L'endroit als geheime Antworten, Fragen und Begeisterungen fr diesen Mirabeau
geschrieben, habe er meinetwegen Pockengruben, die ihn bis zur Hlichkeit
entstellen, mich geht's nichts an; nicht tief genug kann ich mich in die Gruben
seines tiefen Denkens alles Reinen und Hohen hineinbetten, ja in diesen Gruben
mcht ich begraben sein. Du wirst antworten, da ich ihn ja nicht verstehe, -
ich versteh ihn freilich nicht, wie knnt ich all die groen Beziehungen
auffassen, die er durch diese grausame Revolution hindurch mit der greren
Zukunft des Volkes anknpfte. - Aller Jammer, der seitdem hereingebrochen ist,
den wrde er mit starker Faust zurckgewiesen haben, so viel versteh ich doch,
da er liebte nmlich: und daher keine gehssige Gewaltsamkeit geduldet htte.
Und ich will lieber schweigen, ich bin noch so jung - und mit jedem Schritt
meines Daseins sto ich auf lauter widerwrtige Ungereimtheiten, ganz in der
Stille schlag ich die Hnde zusammen ber alle Narrheit, - ganz in der Stille
bete ich zu dem, der in seinem schmerzvollen Tod noch mit allen Krften seiner
Sinne sich dem Volk zuwendete, fr es zu sorgen, ja, ich bete zu ihm, da er bei
mir, mit mir sein mge und mich lehren sprechen zu seiner Zeit. Denn auch ich
mchte die Welt umfassen. O, ich wei, was Du sagst, Du tadelst mich. - Du
sagst, ich sei berspannt, ich wolle affektieren. - Ich beweise schon darin
meinen Heldenmut, auf einmal so aufrichtig meine Seele vor Dir auszusprechen? -
Ja, wenn Du von offnem Vertrauen sprichst - damals auf der Hoftreppe war ich ja
gar nicht aufrichtig! - ich schwieg mit meiner tieferen Seele. - Denn Du httest
sie getadelt. - Aber doppelt kann ich nicht die Wahrheit verleugnen. Wenn Du
sagst, ich soll recht vertrauend gegen Dich sein, da mu der tiefste Quell
meines Herzens hervorsprudeln. -
    Gestern hab ich bei Arenswald eine ganze Stunde Lektion gehabt ber
Elektrizitt, mir flimmert's vor den Augen wie tausend elektrische Funken. Wenn
Du ein Stck Papier verbrennst, dann laufen diese Funken alle durcheinander wie
bei einer Revolution, als wenn sie allesamt die wichtigsten Geschfte htten, so
geht's in meinem Kopf; wenn's nur nicht so traurig ausging, zuletzt bleibt einer
nur brig, oder zwei, das ist noch melancholischer - der luft ganz allein durch
die schwarzen verlanen Finsternissen; - flipps ist er weg! - Der andre dort,
weg ist er. Gestern Abend hab ich immer wieder ein Papier angezndet, um diesen
beiden Fnkchen auf ihrem Aschenweg nachzusehen. Die alte Cordel war auf ihrem
ledernen Sessel eingeschlafen, sie mute husten vom Qualm und erwachte mit sehr
schlimmem Humor, sie sperrte Laden und Fenster auf, da schien der Mond herein,
mir was ganz Neues, ich hatte nicht gedacht, da der scheinen sollte; ich lief
in den Garten, der Spitz, der ist mein Geisterbanner, oder vielmehr bewacht er
meine Zusammenknfte mit den Geistern; denn weil ich die Geister nicht frchte,
wenn er bei mir ist, so ruf ich mir sie herbei und rede mit ihnen, ich wrde das
allein nicht wagen ohne den Spitz.
    Lieber Clemens, ich hab Dir alles geschrieben, ich wei, Du wrdest zanken,
wenn Du schriebst - aber Du schreibst ja nicht, Du kommst ja selbst, da kannst
Du nicht, mit meinem Mund geb ich Dir einen Ku auf Deinen, in welcher Sprache
kann ich gebieterischer ausrufen: Halt's Maul, geliebter Bruder! O, mein
lieber Clemens, wie freu ich mich darauf. - Die Sonne scheint mir eben ins Bett
und lt mich nicht lnger trumen von Dir. Ich kann mich mit dem Kritzlen nicht
aufhalten, sieh, wie das schne Wetter mich schnde macht.
    Lieber Clemens, die Sonne ist eben wieder weg, da wollt ich gern weiter
schreiben. Aber adieu, Clemens, sie ist schon wieder da, es geht gleich in den
Wald, da wollen wir frhstcken, ich will sehen, ob ich ein Veilchen fr Dich
finde, komm bald, da es noch blht, ich bewahr Dir's am Herzen, und wenn ich
dann so redselig mit Dir bin, dann duftet Dir's aus meiner Brust.
                                                                   Deine Bettine


                                   An Bettine

                                                                       Frankfurt

Sei nicht traurig, liebe Bettine, da ich nicht mehr hinaus komme, es ist besser
so, mir selber tut's leid, und es ist wahrlich keine Trgheit von mir; denn
laufe ich doch gern viele Meilen um Deinetwegen, da mich nichts herzieht als Du,
ja alles andre mich vertreibt. Es wrde uns beide traurig gemacht haben, wenn
ich noch zu Dir gekommen wr, und htte nichts gentzt. Du bist mir immer nah,
und allen meinen frohen und guten Stunden wohnst Du bei, so soll Dir auch sein,
drum freue Dich und sei gut. Die Freundschaft heit nicht zusammenhngen und
zusammensitzen, Freundschaft ist gro und frei und liegt im Gedanken, fr den
jeder Raum gleich nah ist. Jemehr Du mir hnlich fhlst, wo ich gut fhle,
jemehr Du mir hnlich denkst, wo ich gro und edel denke, je mehr bist Du mein
Freund, je nher bist Du mir, auch liebe ich nicht Dich hier in Frankfurt noch
in Offenbach zu sehen; denn wir sind dann beide durch unsre Umgebung gedrckt,
und wir mten, wenn wir nebeneinanderstehen, immer so stolz, so glcklich und
so edel sein, als wir es knnen. Wenn ich nicht hier bin, bin ich viel besser
und kann viel reiner und freudiger mit Dir umgehen.
    Ich kann Dir nichts zurcklassen und Dir nichts mehr sagen, Du weit, was
schn und gut ist, ich hab es oft in Dir gefunden, wolle es eifrig und mit
Ernst; und wo Dich die Menschen drcken, so hasse sie nicht, sehe sie an wie
Pflanzen, die vielleicht auch in einem Boden stehen, der ihnen nicht gerecht
ist. Menschen, die sich selbst nicht kennen und nicht wissen, wo hinaus sie
sollen, sind wie Pflanzen, die nicht zum Blhen kommen. Das Blhen des Menschen
ist das innere Bewutsein; dieses aber ist zugleich auch der Begriff der ganzen
Menschheit, wie sie in ihrer Irrungen umherschwankt, wie sie in ihrer Blindheit
und krppelhaften Verbildung oft das Bessre zurckweist oder zerstrt, aber der
bewute Mensch, das heit der Liebende, mu diese Strungen umgehen knnen, er
mu das Zurckweisen berwinden und mu grade diese Menschen pflegen, denen so
vieles mangelt, deren innerem, geistigem Lebenskeim so unendlich vieles im Wege
steht; er mu ihnen sein wie Dein Grtner aus dem Boskett, den Du so lieb hast,
weil er ein so gesellschaftliches Leben fhrt mit den Blumen; vom frhen Tag an
ist er in fortwhrendem Verkehr mit ihnen, und noch spt in die Nacht hinein
macht er sich mit ihnen zu schaffen und bringt sie alle zum Blhen, die einen
durch Khle und Schatten, die andren durch Licht und Wrme. Immer geht er um sie
her und lt sie doch in ihrer Freiheit gedeihen, sie empfinden keinen
Zuchtmeister in ihm, sie schmiegen sich willig am Stab, an dem er sie in die
Hhe richtet. Nun aber ist jenen Menschen, die uns oft miverstanden haben und
haben geglaubt, sie mten unsern Umgang stren, eine solche Pflege nie
geworden, wie der Grtner Deinem Nelkenstock schenkt, der ihn begiet, wenn er
Durst hat, und lt ihn von der heien Sonne nicht versengen, nur am Abend darf
sie mit ihm spielen. - Die Tante wei zum Beispiel von solcher Pflege nichts.
Ihr hartes Schicksal bei einem ganz verwilderten Mann hat ihr das Heimliche im
Lebensumgang ganz versagt, sie ist dadurch selbst weniger gefhlig geworden fr
das, was die Seele angeht, sie hat eine lange Zeit in ihren Jugendjahren zwar
sich mssen sthlen gegen diesen Mann, der wie ein grobes Ungeheuer vor der
Pforte aller Lebensgensse lag, und htte sie auch nur selbst im besten Willen
gewagt, ihm nah zu treten, so war das Ungeheuer gleich wach; das heit: mit
Bosheit beschlich und mit Wut berwltigte er sie, ich hab in meinen
Kinderjahren oft ihn sehen halbtrunken hinter der Tr lauern mit einem Messer in
der Hand. Die Tante hat damals sich so ernst zusammengenommen, da jeder in
Koblenz die grte Ehrfurcht vor ihr hegte, obschon man von der Grausamkeit des
Herrn von Mhn sich leicht eine Idee machen konnte, der mit lauter Postillionen
von morgens bis abends im Wirtshaus lag, ohne der Frau je zu gedenken, ein
Vermgen verzettelte und verschleuderte von mehreren Millionen. Das Herz durfte
dieser Tante nie aufgehen - sie mute mit der Form alles bekmpfen, und so ist
ihr auch nur die Form im Umgang mit Menschen geblieben. Htte sie je mit sich
selber Mitleid gefhlt, so wr die Festung der Konvenienz, in der sie sich
verschanzt hielt, wie Schnee geschmolzen, dann war sie dem Mitleid ausgesetzt
oder auch der Verachtung, beides ist gleich in gewissem Sinn und soll in allen
Lagen des Lebens gemieden werden. Man soll Mitleid mit niemand haben, man soll
sich vielmehr schmen, da es so werden konnte. Der Unglckliche steht immer
gro dem gegenber, der sich im Hafen des Glckes whnt und wohl befindet, da
doch wahrscheinlich ihm die bessere Tendenz ganz ermangelt, also den
Unglcklichen bemitleiden heit dumm sein, nein, vielmehr soll man vor dem
Unglcklichen sich schmen glcklich sein zu knnen auf eigne Faust; sich
irgendeinen Lebensgenu aneignen zu knnen oder zu wollen, der nur Beraubung
dessen ist, der nicht mitgeniet. Hat der Mensch irgendein Weh, so fhlt er sich
krank, ist aber ein Teil der Menschheit gedrckt und bedrftig, so tanzt der
brige Teil mit einer Art Wollust ihm auf dem Kopf herum, so lang er's zu tragen
vermag, hat er ihn gnzlich zusammengetreten, dann fllt's ihm wohl ein, durch
Mitleid die arme Seele zu kitzeln, die aber gar nicht mehr wirklich, sondern
schon lange zum Gespenst geworden ist. Gespenster fhlen ein Behagen an solchem
Tugendgekitzel, sie schmeicheln sich selbst, sie tragen sich auf Hnden, sie
haben einen faktizen Verkehr mit Gott, der aber nur Gtzendienerei ist, sie
belmmern alle Menschen mit ihren Anstalten der Menschenliebe; es fllt ihnen
gar nicht ein, da sie selber die bsen Schicksalsdmonen sind, deren
Grausamkeit sie gerhrt beweinen, und der sie steuern wollen mit einem Stck
Englisch-Pflaster von dem sie mit der feinen englischen Schere der Mildttigkeit
Schnippelchen abschneiden, um damit den aufgesperrten Rachen der entsetzlichen
Wunden zu verkleben, aus denen das warme Blut an die Erde quillt. - Ich mchte
wohl aufhren, noch weiter darber zu sagen, denn Du fhlst alles, und besser.
Mitleid ist aus Verachtung geboren und ist auch eigentlich Verachtung, und
edelgeborne Menschen werden durch Mitleid sich entwrdigt fhlen, sie wollen
lieber die eignen Krfte dran setzen, als vom Mitleid sich betauen lassen, und
so kommt es oft, da diese groe Helden werden, die dem Mitleid ausweichen; denn
natrlich liegt der Keim des Helden in ihnen. Jene andern aber, die dem Mitleid
erlauben, mit Schmarotzerliebe sich an ihnen zu msten, die werden verkmmern
und menschlicher Wrde untauglich sein. Gewi ist dies eine, da Mitleid,
welches aus Verachtung entspringt, auch wieder die Quelle der Verachtung wird.
Der Mildttige hlt sich hoch ber dem Bedrftigen. Der Habende dnkt sich in
Bildung und Streben weit ber dem Nehmenden, und doch sollte er vielmehr ihn
ber sich stellen. Wie die Indianer, die einen Menschen, der nichts Irdisches
sein nennt, fr gttlich halten, dem sie ihre Gaben als Opfer darbringen und ihn
bitten, ihnen nicht zu zrnen, da sie nicht so heilig sind wie er. Was machst
Du mit Deinem Gelde? - Die Geschwister sagen, Du habest nie welches, und doch
wissen sie nicht, wohin es kommt.
    Sei fleiig und mache, da Dir das brgerliche Mechanische im Leben nicht
verchtlich wird, es ist die Quelle von viel Geistigem, und bestrebe Dich einer
schnen Sparsamkeit. Du glaubst nicht, wie glcklich es Dich machen wird, wenn
Du fortfhrst, den Luxus und die augenblickliche Mode zu verachten, und bloe
Reinlichkeit und das Gefllige Dich reizt, Du kannst mit allem, was Du ersparst,
einstens vieles Schne und Vortreffliche erschaffen. So sollte Dir auch die Zeit
sein, - geteilt in unschuldigem Genu und in ernstem seelenvollen Geschft!
    Um was ich Dich aber noch bitte, so sehr ich Dich liebe, lerne schweigen,
fr Dich selbst bestehen, und sei in der Wrdigung eines jeden gerecht. Nur, was
ewig gefallen oder mifallen kann, dem ergib Dich, von dem wende Dich. Sei
fleiig in Deinen Gedanken, da heit, sei lebendig im Geist, sehne Dich nach
keiner andern Welt als nach jener andern, die in dieser schon lebt fr den, der
sie findet, und Du wirst sie finden, denn allen Wesen, die mit einem edlen Durst
nach dem Ewigen um sich blicken, denen gestaltet sich das Unsichtbare; der Geist
aller Dinge erblhet in schner Form um sie, und das ist jene bessere Welt, nach
der man sich sehnt, sie ist um uns. - Die Kunst und ihr stiller einziger Tempel:
ein reines unschuldiges und stolzes Herz.
    Ich schicke Dir hier Moritzens Gtterlehre und wnsche, da Du sie mit Ruhe,
ohne Mhe und mit Genu durchlesest. Du mut nicht drin herumhpfen und ein
Anekdotenbuch draus machen; denn diese Gtterlehre ist eine solche andre Welt,
die sich das gebildetste Volk, die Griechen, erschaffen hatten, und kann Dir
selbst und Deinem Geiste nur wohlttig werden, wenn sie in Dir, in ihrer groen
edlen Folge gleichsam whrend dem Lesen entsteht. Du sollst besonders suchen den
Gesichtspunkt fr die mythologischen Dichtungen zu begreifen, das wird Dich aus
Deinem Emigrantenverhngnis hoffentlich ein bichen ablsen. Ich will Dich in
Deinen Begeisterungen ja nicht tadeln fr alles, was Dein Verstand zu fassen und
in Dir selber zu verdauen versucht. Weltgeschicke liegen jedem gleich nah und
wirken in ihm, sowie er dadurch auch berufen ist, in ihnen zu wirken. Also
studiere in Gottesnamen mit der Gromama alle fliegenden Bltter und Reden der
Nationalversammlung durch, whle Dir Deinen Helden unter ihnen, bete zu ihm und
fr ihn und vergi Deinen Clemens, er wird doch Dich nicht aus den Augen lassen.
Aber bedenke, da Reife, Sachkenntnis und Neuheit ein Berg sind, der oft nur
eine Maus gebrt; Du aber bist diese kleine Maus und wirst nicht ein Fdenchen
an den Weltgeschicken zernagen, obschon es Dein Auge schrft zu berblicken, zu
durchschauen und vielleicht auch manches zu durchdringen; und vergi die Muse
nicht ber der Tonleiter der Revolutionshelden.
    Schreibe mir fter und schicke mir Deine Aufstze dabei, auch die ber die
Revolution. Der letzte Sur la volont de la France war schn, und ich finde mich
hinein, weil er das Allgemeine in sich enthlt. Lebe wohl, und nochmals herzlich
bitte ich Deine besondre Aufmerksamkeit auf Schweigen - auf fr Dich selbst
bestehen und innere Kraft zu wenden und recht froh und gesund zu bleiben.
                                                                    Dein Clemens


                                   An Clemens

Clemente! Die Sonne hat Kruter und Strucher in sich verliebt gemacht, sie
schwellen vor Verlangen und werden ehestens in Blte ausbrechen, eine Knospe
strebt der andern vor, doch sind sie nicht eiferschtig, so viel ihrer sind.
Clemens, wenn's die Blumen tun, so will ich auch meine Liebeserklrung machen,
aber wem? - Ich lege sie in Dein Herz nieder, bewahre mir sie, und wenn Du
einmal auf einen hohen Berg kommst, wo man eine weite Aussicht hat, geliebter
Clemens, so kannst Du sie als Denkmal unsrer Eintracht stiften, aber eine weite
Aussicht mu meine Liebe haben, dann bersehen wir beide alles zugleich und
fhlen bereinstimmung in allem, wenn wir auch in manchem verschieden denken,
und Deine griechischen Gtter und meine franzsischen Helden bilden eine Welt.
    Du frgst mich so viel in Deinem Abschiedsschreiben, Du belehrst mich, Du
zankst mich verborgen unter heimlicher Decke, und noch so viel Fragen weckst Du
mir im Gewissen; - und voll ist die Brust von der Flle, die Du mir all in
Deinem Brief spendest, da ich auch wie die Rosenknospen angeschwellt bin und
mchte aufbrechen dem Licht und gar keine andre Rechenschaft mehr geben als den
Duft, den gleich der Rose meine Seele aushaucht, weil Du sie wie die Sonne
wrmst und reizest. - Aber doch wend ich zur einfachsten Frage mich, was ich
mit meinem Geld anfange, und gebe Dir die dummste Antwort, wo Du gleich meinen
wirst, ich wr nrrisch. Ich habe das Geld verschatzgrbert! - Ja, Clemente, ich
hab's in ein klein leinenes Beutelchen gesteckt, worauf ich mit Goldfaden und
roter Seide meinen Namen gestickt hab und noch allerlei kabbalistische Zeichen;
ich hab's zugesiegelt mit einem schwarzen Siegel, einem grnen und einem roten,
dann hab ich ein Loch gegraben zwischen den zwei starken Wurzeln der Pappel an
der Rosenwand, da hab ich's in einen ledernen Schuh hineingeschoben und einen
Topf mit einem Basilikumstrauch drauf gestellt, und allemal, wenn ich Geld
kriegte, wechselte ich davon in Gold um und allemal, wenn der Mond schien, ging
ich mit dem Spitz hin und legte es dazu, und dabei hab ich das Gelbde getan,
ich wolle es verschweigen, und weil Du mir das Schweigen so sehr anempfiehlst,
so erzhle ich Dir das einzige Geheimnis, was ich htte verschweigen knnen, und
nun ist alles leer an Geheimnis, und ich kann also nichts mehr verschweigen! -
Denn sonst, - mit dem Mund blo nicht reden, das ist's doch nicht, was Du
meinst, da die Tante sich alle Mhe gibt, mir abzugewhnen, da ich nicht wie
ein stummer lgtze den Leuten in den Mund gucke, die mich etwas fragen. - Ja,
mit meiner Schatzvergrabung, davon will ich Dir noch forterzhlen, weil ich's
nun doch schon gesagt hab. Ich habe dies Geld der Selene gewidmet, der
Himmelsschwester des Hesperus, diese beiden sind unsre Schutzpatrone, der Stern
ist der meinige als Bruder, der mich abends immer besuchte, der Mond ist der
Deine, der Dein Andenken oft mit seinem Schein in mir erhellt. Nun hab ich aber
dieses Opfer doch der Selene wieder geraubt, mit Zagen zwar - ich habe das Geld
eilig am Abend ausgegraben und hab's ber die Gartenmauer geworfen, in den
Garten vom Magnetiseur nebenan, ich hrte es klingeln, wie's hinabfiel, und ich
rief dazu so laut als ich konnte, ohne da man's im Haus htte hren knnen: Da
ist Reisegeld! Und dann war mir auch, als hrte ich das Geld rappeln beim
Aufheben, aber ich lief fort. - Denn die Tante hatte am Tag vorher bei Tisch
erzhlt, der Magnetiseur mchte gern abreisen, aber es fehle ihm am Reisegeld.
Aber er ist doch noch da, denn ich seh ihn alle Abend noch im Garten gehen und
beobacht ihn vom Hoffenster, ich schme mich so sehr und traue mich gar nicht
mehr in den Garten, wo wir sonst als ber die Wand allerlei Merkwrdiges
verhandelten. Aber nun kommt was Schreckliches, was da passiert ist, mir ist's
passiert. - Denk Dir, der alte Schuh, in den ich mein Geld hineingesteckt hatte,
um den schnen Beutel zu schtzen, war eigentlich ein neuer Schuh, sein
Kompagnon stand ganz vergngt in dem kleinen Kasten bei den andern Schuhen; ich
soll abgeholt werden nach Frankfurt morgen frh, die Tante frgt: Wo ist denn
der andre neue Schuh? Das ist groe Schlamperei von Dir, einen Schuh zu
verlieren, ich mu Dich sehr bitten, strenge Dich an, ihn zu finden, ich lief
in den Garten, ich holte meinen Schuh unter der Pappel hervor, ich wollt ihn ein
bichen reinigen an der Pumpe und versuchte ihm ein Ansehen zu geben, da fllt
was heraus, das glnzt in der Dmmerung, ein Ring, ich lass den Schuh stehen,
ein dunkler Stein, der funkelt so nchtlich schwarz wie der Blitz des Rubers
oder wie Mirabeaus Auge vielleicht, und inwendig im Schild steht ein schwarzes
M.
    Wir gehen morgen auf die grne Burg zu den Geschwistern, acht Tage bleiben
wir dort, die Gtterlehre nehm ich mit und den Ring, wo soll ich ihn lassen, ich
glaub, er ist ein Talisman, ich hab schon allerlei Fragen und Befehle um
Mitternacht an ihn ergehen lassen, aber der Geist ist nicht erschienen, der mir
vielleicht beistehen wollte, dumme Streiche zu machen. Adieu, Clemens, ich hab
Melodie gemacht auf ein Lied aus dem Snger.
                                                                   Deine Bettine
                                                                       Gttingen


                                Liebe Schwester!

Ich ffne wie eine Pflanze mein Herz und rolle alle Bltter auseinander, wenn Du
herberscheinst. Dein Brief ist mir von Marburg aus zuvorgeeilt und hat mich
hier empfangen.
    Ich will, da Du so vernnftig werdest, da alle Welt einst ihre Zuflucht zu
Dir nehme und Dich hochstelle, und dann will ich Dir's wieder ablernen. Hast Du
Lust, dumme Streiche zu machen, so warte, bis ich komme, und mache sie ganz
heimlich mir alleine, ich kann mich an Deinem ganzen Leben ergtzen, lese brav,
schreibe viel, alles, was Du empfindest, schreibe nieder, denn das
Ausgesprochene ist lebendig wie meine Liebe zu Dir.
    Weil Du nun einmal mein guter Engel bist, so mut Du auch Dein Amt mit Treue
verwalten, mein guter Engel mu immer heiter sein und meiner mit Hoffnung und
Segen gedenken und auch mich strafen mit Worten und mich anmahnen in Deinen
Briefen, da ich mein Ziel nicht aus den Augen lasse, Du mut mit Deiner
Lebensfreude die meine anfachen, Du mut meinem Enthusiasmus die Flgel lsen,
mit Deinem Ernst, mit Deiner Gte und Wahrheit. Willst Du das? - Sei recht
fleiig und frhlich, und ehre und achte, was Du tust. - Den Herbst besuch ich
Dich, am End werd ich Dich kaum noch kennen, so wirst Du gewachsen sein, an
Geist und Leib; und frhlich, und so schn wirst Du zeichnen. - Ach, Du weit
nicht, was Du mir bist? Was ich liebe, das bist Du, Du hast es also in Hnden,
kannst es mir hegen und pflegen. Wirst Du das? - O fasse ein recht lebendiges
Interesse an allem und dringe tief ein in das, was Du lernst, nicht
oberflchlich, lieb Kind, Du glaubst nicht, wie unendlich wohl es Dir tun wird,
wenn Du in ein paar Jahren etwas besitzest, dem Du Dich ganz hingeben kannst,
lasse Dir's daher recht angelegen sein, zeichne recht mutig, mach Dir nichts
daraus, ein Bildchen fertig zu haben, sondern eine Gewalt zu haben im Geist, die
Du mit Deinem Talent auszusprechen vermagst, wenn Du ber das Gewhnliche
hinauskmst, ich wrde glcklicher werden als Du, schicke mir Deine Melodie,
schreibe mir und halte Wort und - fasle nicht mit Ring und Talisman und Mirabeau
usw.
                                                                    Dein Clemens


                                   An Clemens

Clemente! Httest Du das letzte nicht geschrieben, so htte ich Dir das erste
nachgesehen, da Du mich vernnftig machen willst fr die Welt - und denn am
Rand, da ich nicht faslen soll mit dem Mirabeau; in der Mitte die groe
Philisterglosse, wie ich mich und Dich soll bessern. Und der Sommer steht
inmitten seiner Glut, wo jeder faul sein mag, und ich soll fleiig sein und
gewachsen, wenn Du kommst, auf den Grasplatz hab ich mich gelegt unter die
Leinwand, vielleicht vom Begieen, da ich wachse; aber ich kann in der
Sonnenhitze nur herumschlendern. Ach, Clemente! Wenn ich mich hinsetze zum
Zeichnen - weit Du, wie mir's da geht? Es whlt mir im Kopf, ich mu mir Luft
machen mit einem Lied, ich mu ein neues Harpegge erfinden. Nein, das auch
nicht, es schwrmen mir Gedanken im Kopf, wie soll ich Dir sagen? -
Schmetterlinge sind's, ich mu ihnen nachjagen, aber dazwischen jagt's mich
selbst wie einen Schmetterling davon, und die Bohnen in meinem Gartenbeet mu
ich erst am Bindfaden hinaufschlngeln. Und will ich mir nicht davonlaufen, dann
kribbelt's mir im Kopf und in den Fen, ich kann nicht sitzen bleiben, es fllt
mir das dummste Zeug ein. Meine alte Puppe vor zwei Jahren! Heut hat's mich
geplagt, ich mute sie wieder einmal betrachten, mit der ich mich zum letztenmal
unterhalten hatte, als Du zum erstenmal hierherkamst, Clemente! Du weit noch,
wie ich sie geschwind unter den Tisch warf, als Du hereintratst, und ich sah
Dich an und kannte Dich nicht und hielt Dich fr einen fremden Mann, der mir
aber so wohlgefiel mit seiner blendenden Stirne und Dein schwarz Haar so dicht
und so weich, und Du setztest Dich auf den Stuhl und nahmst mich auf einmal in
Deine zwei Arme und sagtest: Weit Du, wer ich bin? Ich bin der Clemens! Und
da klammerte ich mich an Dich, aber gleich darauf hattest Du die Puppe unter dem
Tisch hervorgeholt und mir in den Arm gelegt, ich wollte aber die nicht mehr,
ich wollte nur Dich. Ach, das war eine groe Wendung in meinem Schicksal, gleich
denselben Augenblick, wie ich statt der Puppe Dich umhalste. - - Ich habe meinen
angefangnen Brief mitgenommen, hierher auf die grne Burg. Die Schwestern sind
auf einem weiten Spaziergang, ich war auf einem Nebenweg so ins hohe Gras
gekommen, da ich nicht mehr drber hinaussehen konnte, wo die geblieben sind,
da bin ich ein wenig liegengeblieben zwischen Gras und Krutern und hab ins
Abendrot geguckt, wie das den blauen Himmel bewltigte, und die Lerchen fielen
nieder, gar nicht weit von mir, und die Frsche im Burggraben untereinander
halten ein Gered von der Moral, durch die ganze Froschtonleiter hr ich
vernehmlich krchzen: Moral, Moral, Moral. -
    Die Linden blhen, Clemente, und der Abendwind schttelt sich in ihren
Zweigen. Wer bin ich, da ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach! sagen
die Linden, Du gehst so einsam zwischen unsern Stmmen herum und umfat unsre
Stmme als wenn wir Menschen wren, da sprechen wir Dich an mit unserm Duft.
    Adieu, Clemens! Es ist schon spt! - Ich konnte noch sehen, wie ich Dir von
den Linden schrieb, sie haben mir ihren Atem zum Fenster hereingehaucht, ich
mute sie wieder anduften mit meinen Gedanken, da kamen die Vgel zur
Nachtherberg in ihr Gezweig, und ich htt auch da schlafen mgen, sanft bebend
umschmeichelt vom flsternden Laub, wie angenehm da schlafen.
    Schreib nach Offenbach, bermorgen gehen wir drei Schwestern schon wieder
zurck.
    Da schick ich Dir das Blatt, worauf ich eben mit den Linden mich unterhalten
hab.
    Ich will in die Wolken schauen und in den Mond, von dem eben der Tag
Abschied nimmt, und ich will solang hineinsehen, bis ich eine andre Welt
entdecke, und wenn ich sie gefunden hab, dann soll keine Trne mehr neidisch mir
den Glanz verdunklen, in dem meine Seele ihre Farben spiegelt! -
    Und was flsterst du, Linde, mir ins Ohr? - Grn, grn ist die zarte Farbe
der Seelenruh, grn im Abendschein ist die Wiege der Trume! Und jeder Halm
wiegt einen Traum, und mein Gebltter raschelt im Netz der Trume, und es winkt
dir! -
    Ach, schweig du, Linde, es ist Nachtzeit, die Sterne glitzern durch dein
Laub und reden anderes; und das rieselt mir durchs Gebein! - Ahnung soll knftig
meine Seherin sein, und wenn ich ihr die Tne meiner liebenden Trauer geliehen
hab, um das Schwellen zu malen und das Sinken ihrer sehnenden Gewalt, so soll
sie mich wieder trsten, die, ein ewiges Meer, alle Wehmutstrnen in ihren Wogen
fortwlzt, bis sie vom Trbsinn gereinigt aufsteigen als elektrisch Feuer aus
ihrem Wellenscho. -
    Ach du! - flstert die Linde - sei nicht hoffrtig, das lst nicht den
Zauber.
    Ich horche auf dich nicht, Linde, ich lausche den Sternen da oben! - ich hr
Musik, sie schmelzen ihr Licht ins dunkle Nachtblau, ihre Strahlen klirren im
Tanz aneinander.
    Was du nur willst mit deinen hochstrebenden Gefhlen, sagt wieder die
Linde; sie langen ja nicht hinauf, komm unter meine Krone, sie schttelt ihren
Tau auf dich, damit fhl ich dich gesegnet.
    Ach nein, immer lauter und klarer klingen die Sterne, ich hr, wie sie
freudig ihre harmonische Verwandtschaft in die freien Lfte tnen.
    O wehre meinem Flstern nicht, sagt wieder die Linde und schmeichelt - und
meint, was ist denn Musik der Sterne dagegen? - Wolle mich denken, du schaffest
meinen Geist durch dein Begreifen meiner Natur, da der wieder sich um dich
winde, wie jetzt der deinige sich um mich windet, er soll dich berhren und
immer, bis deine Seele leicht und khn sich aufschwingen lernt zu eigner Freude,
in einem Zug lieblich sprechender Tne!
    Was sagst du, Linde? - Ist mein Begreifen deines Geistes spielende Seele? -
Linde sagt: Meine Seele rieselt mit Schauern zu dir hinber, weil du sie denken
magst. Denken beseelt, alle Wesen frben sich im Gedankenlicht. Was ist der
Abendschein deinen Gedanken, da sie weit ber Feld mit ihm fliegen, und weil du
ihn fhlst. Und wre Denken nicht, so wrde kein Wesen mehr beseelt sein, und
die Schpfung wrde stumm in sich versinken. Denken beseelt, und alles Wesen
erklingt in eigner spielender Farbe in seinem Licht, wodurch alles lebt und sich
unsterblich glaubt, und doch hngen sie nur vom Geiste ab, der das Denken ist.
    Wir glauben uns selbst zu erkennen als lebend, und die geheime Freude des
Werdens in uns ist doch, weil wir erklingen im Geist, der uns denkt! -
    Sag ich wieder: So denke mich, Linde, denn schner mcht ich nicht im
Gedanken reifen als in dem grnen Schimmer deiner Bltter, den der Abendschein
kt, und mcht nicht edler meinen Geist hinaufgetragen wissen als im Duft
deiner Blten.
    Die Linde rauscht im Wind und schttelt sich, es kitzelt sie, da ich so
artige Worte mit ihr geredet hab, es passiert ihr nicht alle Tag.
                                                                   Deine Bettine


                                   An Bettine

                                                             Am Rhein, Rdesheim

Dein Gesprch mit der Linde und der herrliche Abendschein ber dem Rhein und das
schne Mdchen Walpurgis hier im Wirtshause, haben vor wenig Minuten rings um
mein Herz gebuhlt. Ich bin in das Mdchen verliebt wie ein guter Junge, und wenn
sie das Papier geschrieben htte oder den Abendschein und die Linde verstnde
wie Du, so wre kein Treiben und kein Sehnen mehr auf Erden fr mich. Aber so
ist's nicht, ich werde nicht von ihr verstanden, denn ich verstehe den
Abendschein; und sie, die sich und ihn nicht versteht, ist wunderschn, und der
liebe Gott hat Schtze in ihre Augen gelegt und einen Liebreiz in ihren Mund,
da man einen Tempel mit diesen Schtzen knnte errichten und Gebet von diesen
Lippen wie Honig von sen Blumen sammeln knnte, aber sie ist in einer sehr
unschnen Umgebung von Eltern und Geschwistern, und Gott segne Dich, da Du so
bist, wie Du bist. Es ist ein alt Sprichwort, wo Schtze liegen, stellt der
Regenbogen seinen Fu auf, aber es ist bse, es ist ein Aberglaube. Und wenn ich
dies Mdchen ansehe, bin ich so aberglubisch; der alte Bettler, der hier in der
alten Ruine vom Schlo der Gisela Brmserin wohnt, das dicht am Rhein steht, hat
seinen Herd auf dem Altar der Kapelle und schlft in steinernen Gewlben, durch
die das Himmelsgewlk herabsieht, und seine Begeisterung, die er trefflich auf
seiner Pfeife auszudrcken versteht, wenn er viele Heller beisammen hat, hallt
zwischen den vielen Pfeilern durch recht lustig, ich gehe da abends in dem lauen
Wind auf und ab und hre, wie er aus einem raschen Walzer in den andern sich
hineinpfeift, und dabei schlgt er so munter den Takt, als ob er im Tanze mit
einer schnen Walpurgis sich drehe. Ich rede oft mit ihm, und er hat mir's gar
nicht geleugnet, da er auch noch oft sich verliebt. Am End kam's heraus, da
wir Nebenbuhler sind, und da die Walpurgis der eigentliche Reiz seiner
musikalischen Belustigungen ist, denn sie hat nicht weit davon einen Weingarten,
wo sie den Gsten abends ihren Weinschoppen reicht, in Krgen mit Deckeln von
blankem Zinn, und da tun ihr die Gste schn mit Reden und verlangen auch wohl
einen Ku, sie lt sich's gefallen, das rgert mich. Ich hab den Bettler damit
eiferschtig machen wollen, und der hat mich ausgelacht, wir hrten das
Gelchter aus der Weinlaube herberschallen, er trllerte auf seiner Pfeife
dazu, und darauf ging er eine Wette mit mir ein, da wenn ich ihm eine Kanne
Wein dort bezahle, so wolle er von der Walpurgis einen Ku erwischen, in
Gegenwart aller Gste. Anstatt drber zu lachen, machte mich's verdrielich, er
zog aber ungeheuer fix die herunterhngenden Strmpfe und Beinkleider auf, die
Jacke hing er an den Pfeiler und klopfte eine Staubwolke heraus, dazu bellte der
Hund, den er im Zwinger eingesperrt hat, der merkte, es solle auf Abenteuer
ausgehen, und wollte mit. - Wie er sich aber seinen staubigen Bart wusch und
dann mit der Schuhbrste wichste und dann vor die Haustre trat und bemerkte,
wie der Mond sich drin spiegle? Ich dachte, der bse Feind lache mich aus. Der
Mann sah seltsam heimlich anziehend und stolz auf mich herab, und was tat der
Mann, er legte seine Hand auf meine Schulter und ging mit einem Schritt, als ob
er ein spanischer Grande sei, in die offne Weinlaube. Ich forderte Wein fr uns;
vom besten, sagte er, im Vorbergehen gab ihm das Mdchen einen Handschlag. -
Und denk Dir, er hat die Wette gewonnen! - Und mir hat sie nie einen Ku
gegeben, so sehr ich auch drum bat, ich vergesse diesen Mann nie, wie er beide
Ellenbogen aufgesttzt, die Hnde ber die offne Weinkanne gefaltet hielt, dann
und wann einen Zug draus schlrfte, ohne sich aus der Position zu rcken, mit
seltsamen Trinksprchen jeden Trunk wrzte; das gefiel ihr, er sah ihr tief
unter die Augen, go die Kanne in einem Glucks hinunter, und das gefiel ihr
auch. Und kurz, sie gab ihm unaufgefordert den Ku. In ihren Zgen spiegelte
sich eine wunderbare Schnheit, ihre Lippen zuckten und ihre Augen glnzten ihn
so freundlich an, als fliee ihre Seele ber in Gromut, einen unschtzbaren
Schatz geben zu knnen. Der Mann, der nicht einmal aufgestanden war, sondern
sitzend den hinabgereichten Ku von der schlanken Walpurgis ihren Lippen nahm,
hielt sie noch eine Weile so im Arm. Kein Frst konnte freudig khner sein
Anlitz ber die Menge erheben.
    Alle Gste waren still geworden; denn alle sind in das Mdchen verliebt; er
geno noch einen Augenblick seinen Triumph, dann stand er auf und bot gute
Nacht. Die Walpurgis stand an der Gartenhecke und grte, indem wir
vorbergingen; und das ist's, was mir am meisten ins Herz schnitt. Ach, es ist
wahrlich alleins, ob man bettelt oder gut lebt, wem das Herz freundlich ist zu
geben und seine Liebe widerwillig zu empfangen, der allein ist reich. Wo ist
Reichtum? - Auf Erden nicht! Gold ist Sonnenschein, und Rubin ist Abendrot, aber
Liebe ist alles. Aber die Erde ist nicht alles, denn es ist wenig Liebe in ihr;
sie ist in der Liebe! - Es tut mir leid, da Du das alles nicht auch sahst, Du
wrdest schner davon sprechen, und schn sprechen soll man, damit das Schne
immer lebendiger wird und mehr. Denn die Liebe hat nimmer des Schnen genug.
Savigny hat alles auch mit mir gesehen, ich dachte, hier, wo seine
Studiermaschine nicht fortwhrend im Gange ist, werde endlich einmal sein
Inneres zu Wort kommen; doch stumm wie immer marschiert er neben mir die Natur
auf und ab, und das verdirbt mir alles Genieen. Morgens kommt der Barbier aus
dem Dorf, der sein Antlitz ziemlich barsch behandelt, um ihm den Bart
abzunehmen, er lt's geschehen; wenn Walpurgis zufllig hereinkommt, stelle ich
mich vor ihn, weil ich mich schme, da dies schne Mdchen sieht, wie er den
Barbier damit umgehen lt, und dann! - Wie geht er mit mir um? - Viel rger wie
der Barbier. Er belchelt meine Reden, er belchelt meine Gedichte, er belchelt
auch meine Verliebtheiten, und kurz sein Wesen wird mir eben nicht klar, und
wenn ich darber klage, so meint er, alles sei ja unendlich klar. Etwas ist's,
was mir ihn unverdaulich macht; vielleicht ist die Schuld mein, trotz meinem
besten Willen.
    Walpurgis hat einige Zge von Dir, und die ziehen mich vielleicht am meisten
an, die brigen, die Du nicht hast, hast Du in der Seele und sie im Gesicht. Ich
denke immer an Deine Seele bei diesen Zgen und sage dem Mdchen schne Sachen,
wenn ich an Dich schreibe, und rede Dich an, wenn ich ihr Schnes vorsage.
    Werde nicht bs, ich will ein bichen hinuntergehen, vielleicht sehe ich
sie, aber sie weicht mir aus, sie wei nicht mit mir zu sprechen, so Du nicht.
    Ach, weit Du, was sie eben mir sagte, als ich fragte, warum sie den
Bettelmann gekt habe? - er gefalle ihr - und ob ich ihr denn gar nicht
gefalle? - sie sagte nichts darauf. - Aber wenn sie mir auch einen Ku gbe, so
wrde ich auf alle andre eiferschtig werden, und dann wrde das ein gro Geznk
geben im Wirtshaus, und das wolle sie aber nicht haben. Mit wem sollte ich in
Zank geraten, es ist ja niemand im Wirtshaus wie Savigny und ich, und der ist ja
gar kein Kenner von deiner Schnheit; ich plaudre dir auf der Gitarre so schne
Abendlieder vor, ich erzhle dir so hbsche Geschichten, ich bin frher auf als
du und guck dir zu, wenn du in den Hof herunterkommst, das rhrt dich nicht? -
Sie sagt selbst: Gar nicht! Du bist nicht so, mein einzig Kind, mein
Schutzengel, was ich Dir zulieb tue, das tust Du gern und verdienst Dir einen
Dank ab, wenn es auch noch so gering ist. Wenn ich nun auch herumschweife und
mich in Liebeshndel einlasse, wenn ich's tue, so ist's doch immer, weil ich
wei, da ich meine Heimat habe in Dir.
    Ich hab dem Savigny gesagt, er soll ein bichen hier dran schreiben, aber
der arme Mensch ist froh, da er lesen kann.
    Es ist wieder Abend, er hllt die Welt in wild zerstreute Farben, der Umri
meiner Tage spricht mich dagegen so farbenlos an, wie wenn ein Geist mich
anredete. Die Natur kommt uns armen unnatrlichen Menschen so oft bernatrlich
vor. Walpurgis hing heut an meinem Arme, ihr Anblick, die ganze Reihe von Bergen
umher, deren Hupter unsre Nachbarn waren, erfllte mich wie ein Traum. Die
Tler waren versunken im Nebel, und ein so lebhafter Spiegel aller Dinge in
meiner Brust, fr die ich keine Stelle mehr sah, um sie mir zu bewahren. Alles
dies, was ich Dir hier deutlich hinschreibe, war Verwirrung in mir, und ich sah
trumend in den Wald hinein, whrend ich mit vollem Bewutsein eine der reinsten
und entsprechendsten Umgebungen meines Lebens htte genieen sollen, htte sie
Herz oder Sinn fr mich gehabt. Dort sah ich ein Licht, was im Grunde des Holzes
wankte, und erinnerte mich der behaglichen Gefhle, die uns beiden so oft die
erleuchteten Htten gaben, wenn Du mit mir am Abend durch die Drfer gingst. Die
Ruhe nach der Ermdung; und wir sahen da die Kinder rund um den Ofen, die
Spinnrder und die Lampe nach der Reihe einschlafen.
    Ach, es ist sehr traurig, wie ungeschickt einen das macht, was man im Leben
die Konvenienz nennt, vielleicht htte sie meine Empfindungen ganz auf die
verkehrte Seite verstanden. Eine auswendig gelernte Mannigfaltigkeit und
geschraubte Konsequenz, die, sobald wir in die Natur treten, zu hchst
verderblicher Ungeschmeidigkeit und Einseitigkeit fhren. Mit meiner Rckkehr zu
mir selber versammelten sich nach und nach allerlei heterogene Empfindungen, und
ich fand mich endlich in einer so wunderlichen Gemtslage, wie wenn ein Weltmann
einen franzsischen Pas und einen munteren natrlichen Sprung in der Mitte
vereinigen mte.

Die Wolken drngten sich wie wilde Heere,
Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite,
Der Sonne Strahlen schienen blut'ge Speere,
Es rollet leiser Donner in der Weite,
Noch unentschieden schwankt des Kampfes Ehre;
Von Tag zur Nacht neigt sich's zu jeder Seite.
Bald sinkt die Glut, es brechen sich die Glieder,
Es drckt die Nacht den schwarzen Schild hernieder,
Doch, teilst du froh mit mir, was du gegeben,
Durch die allein von Schmerzen ich genas,
Dann wirst du auch mich ber alles heben,
Was ich, in deine Seele blickend, gern verga;
Und kannst du mir auf diesen Hhen trauen,
So werd ich bald das Hchste berschauen.

Bald werd ich die Grten der Armide fliehen, bald bin ich bei Dir.
                                                                         Clemens


                                   An Clemens

Liebster Clemens, ich hab was von meinen Klosterarbeiten hervorgesucht, ein
Struchen von Seide gewickelt, die alte Laienschwester Monika, wie die das
Struchen mir wickeln lehrte, kam es mir so allerliebst vor, und nun seh ich,
da es doch nur ein allerliebstes Nichtschen ist, aber vielleicht macht's der
Walpurgis Spa. Die Monika hatte einen Bierkrug auf ihrem Tisch stehen, von dem
erzhlte sie mir damals, als wir die seidnen Blumen wickelten, der Geist ihres
verstorbenen Vetters sei gekommen und habe den Deckel vom Krug aufgemacht und
aus dem Krug getrunken, um ihr anzuzeigen, da er tot sei. Ist es denn nur bei
solchen Gelegenheiten, da sich ein Geist auf die Beine macht? Ich frage, weil,
ach weil ich in Gedanken so sehr, so ganz wahr und wirklich bei Dir bin, weil
ich Deine Gitarre hre im Geist und Deine Stimme ihre feurigen Lieder dazu
dichten. Clemens, Du bist so gut und so schn, wenn Du singst, bist Du so
besonders liebend noch dazu, und mir der Liebste, der Trefflichste, nicht aller
Menschen, denn Menschen kenne ich, glaub ich, gar nicht, mir sind sie nicht
aufgestoen, das lieblichste Du selbst bist Du mir, die andern sind mir kein
Selbst, sie sind zusammengeliehene, durch Umstnde und Eigenheiten, die ich
besser noch Verkehrtheiten nenne, entstandne Unselbstheiten. Eine grne Wiese
mit tausend goldnen Blumen, die all auf ihren feinen Stielen im Abendschein
wanken, und ein Clemens, der ber die grne Wiese so stolz am Ufer vom stolzen
Rhein hingeht und fhrt so rasch ber die Saiten und singt so feurig und weich
seine Liebe. Ich mchte ihr Hohn sprechen, da sie Dich nicht kt, lieber als
hben den Bettelmann, der ber Dich lacht, und drben den Savigny, der ber Dich
lchelt, und der sich so offenherzig rasieren lt. Clemente, die ungeheuren
Stricke, mit denen Du gebunden Dich whnst, sind nur Spinnweb. Und Du frchtest,
da wenn Du einen Ruck tust, so reit das ganze liebesgewebte Netz, Du willst's
aber gar nicht zerreien. Gb sie Dir einen solchen Rheingauer Schmatz, so fiel
die Lieb Dir nicht mit der Tr ins Haus. Was solltest Du damit, Du fhlst es
selbst. Der Savigny mag sie meinetwegen schon gekt haben, im Weingarten oder
am Brunnen oder sonstwo, er kommt herbei, man sieht's ihm nicht an, er macht
einen ganz trocknen Mund. Du aber, Clemente, wrdest mit allen Sternen Dich
darber besprechen und Echo wrde es Dir abluchsen, um es durchs ganze
Donnergebirg zu widerhallen, und Du selbst wrdest schwanken wie ein Trunkner,
des sesten Weines voll. - Und Walpurgis hat recht, da es wrde Streit setzen
im Wirtshaus. Denn das Wirtshaus wrde alles entgelten mssen, und wenn das
Dachfenster nachts im Winde klapperte, so wr's ein Eingriff in Deine Trume,
grade da, wo Du vielleicht gewnscht httest, das Dachfenster htte Dich um
alles nicht geweckt, und wr die Walpurgis zutunlich mit dem Pommer oder mit dem
Spitz, so wrdest Du ihr vorwerfen, da sie freundlicher mit den Hofhunden sei
wie mit Dir, und wrdest dabei ungerecht sein, denn ein Hndchen, das man hat
aufgefttert, und das einem so absichtslos treu ist, das kann einem wohl nher
am Herzen liegen als ein durchreisender Liebhaber. Und sei doch ein kaltbltiger
Dichter, der gern eine Rolle bernimmt in dem eignen Lustspiel, was er dichtet.
Du und der gelehrte Jurist, der so ernsthaft jung ist, und der Bettelmann, der
so lustig alt ist, und das Mdchen, das nach den pfeln und Birnen sieht, ob sie
heuer reifen, und dabei den Liebhabern zublinzelt, nun wrde ich, wenn ich der
Dichter wr, das Stck oder auch den Akt so enden, da ich den krftigen
Bettelmann und den schmchtigen Gelehrten dem zurckgesetzten Studenten recht
bermtig gegenberstellte, der sich eben auf seinen Philistergaul schwingt,
weil die Ferien aus sind und die beiden Nebenbuhler spottend von ihm Abschied
nehmen; allein wie er eben auf dem trgen Klepper den kotigen Dorfweg nehmen
will, siehe da, gleichwie im Homer die alte Bettlerin am Wege sitzend ihre
Kleider von sich abwirft, um pltzlich als blendende Gttin Minerva in die
Wolken zu steigen, wirft dieser Schimmel auch pltzlich die alte Stalldecke ab
und schttelt seine blendende Flgelmhne und steigt in die Wolken so hoch mit
meinem Clemens, und der wirft Krnze herab von seiner himmelansteigenden Bahn
und schenkt den beiden Nebenbuhlern, was sie ohne ihn nicht fassen konnten,
nmlich, da es lebende schwebende Natur ist, ihr himmlischer Sinnenreiz - der
zu Fen der schnen Rheingauerin sich entfaltet und mit reinem Lebensodem sie
anhaucht im jungen Grn in der tausendfltigen Blumenflur, im klaren Rhein sich
spiegelt und wie Tau von der Sonne wird gekt, und dann, lieber Clemens, lebst
Du ja nicht Deine eigenschtige kleine Liebschaft, nein, den ganzen liebenden
Frhling von 1804, und trufelst ihn herab von den fnf Saiten Deiner Leier und
betubst Deine Nebenbuhler, da sie schlummern und Wunder trumen von Seligkeit,
die Du ihnen zumessest.
    Das wr nun das Ende von dem Melodrama, das hab ich mir erdacht am
Pfingsttag in der Liebfraukirch, wo vom Heiligen Geist gepredigt wurde, wie es
mich frchterlich langweilte, und ich konnte meine Fe nicht ruhig halten vor
Ungeduld, ich mute immer einen ber den andern stellen, und in Gedanken war ich
am Rhein bei Dir und bei dem Bettelmann, der gar nicht unfreundlich gegen mich
war, denn wenn Du meinst, da ich manche Zge hnlich mit der Walpurgis ihrem
Gesicht habe, so fhl ich, da ich wieder sehr viel hnlichkeit hab mit ihrem
Naturell, und ich glaube, der Bettelmann htte auch bei mir den Sieg
davongetragen, wenn nicht! - Ja, wie soll ich Dir's beschreiben? - nmlich, als
ich eben von meiner Vision im Rheingau zurck in meiner Kirchenbank ankam, da
war der Kaplan noch immer dran, als Pfingsttaube aus seinem Krpfchen die
Gemeine mit dem Heiligen Geist zu fttern. Der Bettelmann also htte auch bei
mir den Sieg davongetragen, wenn meine Vision nicht pltzlich mir den lieben
Bruder Clemens daherzauberte, wie der pltzlich statt der Taube im feurigen
Galopp aus dem Schalloch herabgeflogen kam mitten in die Kirche! Der Prediger
auf der Kanzel erstarrt, die Gemeine in ihrem Gesang verstummt, der herrliche
Clemens aber auf seinem Pegasus karakoliert gleich einem englischen Reiter und
macht wunderschne Knste auf seinem Wolkenstampfer; und auf dem Gewlk, was
seinem herrlich melodischen Ritt zum Tanzboden dient, schweben wunderschne
Rosenkrnze von einer Wolkenstufe zur andern und blhen und duften immer
schner, und die Menschen haben das Beten vergessen, alle fangen sie die Rosen
auf, und das war Dir ein Getmmel in der Kirche und ein Jauchzen ber die
aufgefangnen Krnze! Ach, ich knnte Dir noch mehr erzhlen, wenn's nicht zu
lang dauerte fr ein Rosenfest, dessen hchster Reiz ist, da er bald verblht.
Die Kirche war aus, eh ich's dachte, die Leute tummelten sich zur Kirchtr
hinaus. Die Bcker liefen mit weigepuderten Kuchen, es war so heier
Sonnenschein. Den zweiten Pfingsttag ganz frh war ich mit dem Dominicus und
Anton auf der Pfingstweide, da wurde unter den groen Linden ein groer Kranz
gemacht fr den Pfingstochsen, die Kinder gingen bei den Grtnern herum und
bettelten Blumen dazu, sie hatten die Blumen alle zusammengebndelt und so
mancher den Stiel abgeschnrt, da ihr der Kopf abfiel, wie ich aber am Kranz
flechten half, da ward er viel schner, um acht Uhr war der Kranz fertig und der
Brummelochs ward mit angetan, am Nachmittag waren wir vor Bethmanns Garten auf
einem Flo, das schwamm mit uns ein Stckchen den Main hinunter, es war auch
schn auf dem Main, und wie wird's doch den Tag Dir gewesen sein, Du bist wohl
einsam da herumgewandert, ich wei, am Feiertag ist's oft gar zu wehmtig, je
schner die Natur ist, je schauriger belagern einen die langen Schatten des
vergehenden Tages, und die Menschen sind auch alle wie Schemen; sie flirren
umher, man sieht kaum sie an, und kein Nachgedanke ber sie kommt uns in den
Kopf, ach und dann, wenn man vom Spaziergang nach Haus ber die Schwelle tritt,
da legt man den Blumenstrau hin, den man gepflckt hatte, er sollte so schn im
Glase blhen, er mu welken auf dem Tisch, denn die Seele ist gar zu mde. - So
wird Dir's gewesen sein, Clemens. Aber wenn nun die Sterne aufgehen und winken,
sie htten was mit Dir zu flstern, dann vergit Du der stummen Schatten, die
neben Dir hergingen, das helle Sternenlicht ist allein Dir geltend, so war's
gewi vorgestern abend; denn ich hab Dich sehen heimgehen ber die Wiesen und
hab als in mir verborgen mit Dir geredet und Dich bei der Hand genommen, und es
war gewi eine Stunde, da ich blo mit Dir geredet habe in mir, und als ich
schlafen ging, da war's, als habe ich recht was Angenehmes erlebt mit Dir.
    Das ist meine Pfingsttagsgeschichte in Frankfurt, ich bin jetzt wieder hier
in Offenbach, wo ich tausend Federnelkchen aufgeplatzt fand, und der Abendwind
jagt sich mit ihrem Duft.
    Adieu, Clemens, die Federnelkchen werden auch bald alle geplatzt sein. Dann
kommst Du zurck.
                                                                         Bettine


                                   An Bettine

Ich sollte schon bei Dir sein, liebe Bettine, ich hatte mir gelobt, da ich
nicht wolle nach den Pfingsttagen hier verweilen, und war auch schon in Mainz,
und jetzt bin ich doch wieder auf dem alten Fleck, Savigny ist allein zurck,
ich will ja nur noch ein Weilchen mich sammlen und so manches Lied, was ich der
Gegend und der geschftigen Natur in ihr abgelauscht habe, noch einmal
durchgehen, damit es Dir rechte Freude machen soll.

O khler Wald,
Wo rauschest du,
In dem mein Liebchen geht,
O Widerhall,
Wo lauschest du,
Der gern mein Lied versteht.

O Widerhall
O sngst du ihr
Die sen Trume vor,
Die Lieder all,
O bring sie ihr,
Die ich so frh verlor. -

Im Herzen tief,
Da rauscht der Wald,
In dem mein Liebchen geht,
In Schmerzen schlief
Der Widerhall,
Die Lieder sind verweht.

Im Walde bin
Ich so allein,
O Liebchen wandre hier,
Verschallet auch
Manch Lied so rein,
Ich singe andre dir.

Ja, liebe Bettine, da hast Du wieder einmal durch die Ferne herbergesehen recht
scharf, grad wie Du mir schreibst, so war mein zweiter Pfingstabend. - Sie war
fortgefahren, sehr schn geputzt, ber Land mit der ganzen Familie, ich und der
Hausknecht waren allein zurckgeblieben; ich sagte dem Hausknecht, er solle nur
auch ein wenig zu seinen Bekannten gehen, wenn Gste kommen, so wolle ich ihn
rufen, so war ich den ganzen Vormittag allein, so still wie es im Weingarten
war, man konnte hren das Gras wachsen. Da kam mancher Wagen vorbeigefahren mit
lustigen Leuten, und wenn ihr Rderlauf in der Ferne sich verlor, da fingen die
Glocken aus den Ortschaften rundum an zu luten, so ist mir der Morgen vergangen
von frh vier Uhr, wo die Walpurgis abgefahren war, bis um elf Uhr, wo sie
wieder heimkehrte. - Da kamen so viel Gste von Bingen herber, und so viele
schifften hinber nach Bingen, da der Rhein ein gro Spektakelstck gab von
Jauchzen und Musik auf den Schiffen, die sich bombardierten mit Trompetensten
und allerlei verschiedner Tanzmusik und Lieder, die sich einer ber den andern
hinaus wollten vernehmen lassen, ich habe auch mit Link, der von Frankfurt
gekommen war, den Savigny bis Mainz begleitet. Link ist dort zu einer Frau
gegangen, von der er mir Wunderdinge erzhlt, sie ist eine Franzsin aus der
Vende, war in Jena bis jetzt, hat dort mit den grten Gelehrten eine Zeitlang
zugebracht, allerlei wissenschaftliche Experimente gemacht. - Sie sei, sagt
Link, eine Heldin, eine ganz unerschrockne Seele, die in der Terroristenzeit
durch ihre Khnheit Unendliches gewirkt hat, - und namentlich in der Vende, sie
soll so schn sein, so vollkommen wohlgebildet wie ein Weib aus den Nibelungen,
sie reitet das wildeste Pferd. - Ich stand vor ihrer Tr mit Link, er ging zu
ihr mit einem Empfehlungsbrief aus Weimar, ich kehrte um mit dem Marktschiff, in
Rdesheim bin ich erst mit Sonnenuntergang zurckgekommen, alle Wirtshuser
tobten ganz ausgelassen; da hab ich in meinem Giebelstbchen ber das Gelrm
hinaus mich recht einsamlich in alles, was das Leben mir bietet, hineingedacht,
nur Deiner hoffe ich gewi zu sein, da auf allen meinen Irrwegen, wo vielleicht
keiner mir begegnen mag, Du aber mir nachgehen wirst, und wenn ich mich
verlassen whne, ich dennoch die edelste Wohnung besitze, in Deinem Herzen
nmlich. - So war mein Abend beschlossen; getanzt und gejubelt unter mir, ich
hrte das Lachen und dann leise klopfen an meiner Tr, als ich aufmachte, fand
ich einen Krug mit Maitrank - rheinischer Hippokras - auf der Schwelle und ein
Stck Festkuchen; wrst Du hier, so wrde ich geglaubt haben, Du httest es mir
vor die Tr gestellt. Aber wer soll's nun gewesen sein? - Es war ja die Walpurg,
ich hrte sie am End vom Gang laufen.
    Du schreibst mir in Deinem Brief, da Du selbst eine gewisse Hinneigung zum
Bettelmann empfindest. -

Wenn ich ein Bettelmann wr,
Km ich zu dir,
Sh dich gar bittend an,
Was gbst du mir? -

Der Pfennig hilft mir nicht,
Nimm ihn zurck,
Goldner als golden glnzt
Allen dein Blick;

Und was du allen gibst,
Gebe nicht mir,
Nur was mein Aug begehrt,
Will ich von dir.

Bettler, wie helf ich dir? -
Sprchst du nur so,
Dann wr im Herzen ich
Glcklich und froh.

Laufst auf dein Kmmerlein,
Holst ein Paar Schuh,
Die sind mir viel zu klein,
Sieh einmal zu. -

Sieh nur, wie klein sie sind,
Drcken mich sehr,
Jungfrau, s lchelst du,
O gib mir mehr.


                                   An Bettine

                                                                           Mainz

Liebe Schwester, Du wirst mir's verzeihen, da ich nicht Abschied von Dir nehme,
aber ich gebe Dir nicht etwas, ich bin Dir gegeben. Du weit nicht, wie
glcklich ich bin, da ich Dir dies durch die liebenswrdigste Frau sagen kann,
die durch ihr Geschick schon ber den gewhnlichen Kreis der Menschen
hinausragt, noch mehr aber durch ihre Selbstndigkeit, durch den festen ernsten
Willen, mit dem sie dies Geschick bekmpfte und heldenmig ertrug, indem sie
ruhig und allein zwischen den Schrecken der Blutgerichte hindurchwandelte. Mit
solchen Naturen sich berhren zu drfen, ist eine Auszeichnung fr den, dessen
Seele und Geist vielleicht darauf angewiesen ist, durch solche Naturen sich
selbst zu bilden und durch sie zum Erhabenen gelenkt zu werden. Wie sehr ich fr
Dich immer Sorge trage, das Edle und Schne, was ich auffinde, was mir seine
Macht fhlen lsset, mit Dir zu teilen, davon mag Dir hierin der Beweis gegeben
sein, da ich ihr, die ein so groes Herz hat, die mit diesem Herzen ausreichte,
wo so viele verzagt sein wrden, auch Dich und meine Liebe zu Dir empfohlen
habe. Ja, ich hab ihr alles mitgeteilt, da ich nmlich die besten Krfte meines
Lebens dran wenden mchte, um Dir eine wrdige Zukunft zu bereiten. - Sie hat
mir in diesen Stunden, so einfach, als sei es nur ganz gewhnlich, von sich
erzhlt. Durch die Vende ist sie oft auf wilden Pferden, die kaum den gebten
Reiter trugen, auf Kreuz- und Querwegen geritten, um mit den groen Helden dort
sich zu treffen, denen sie oft auf nchtlichen gefahrvollen Wegen voraneilte,
manchen jener armen Landleute (Chouans) hat sie gerettet mit Gefahr ihres
Lebens, ihre ganze Familie aber hat die Guillotine gefressen. Nur sie, geleitet
durch ihren guten Stern, der ja auch von ihrer Stirne glnzt, ist glcklich nach
Deutschland gekommen. In Jena hat sie eine geraume Zeit geweilt und war in einer
wissenschaftlichen Verbindung mit meinem Freund, dem groen Physiker Ritter, von
dem Goethe sagt: Wir alle sind nur Knappen gegen ihn. - Durch einen Brief von
ihm hab ich sie hier in Mainz getroffen, wo ich seit gestern bin und von hier
nach Jena zurckgehe. Was kann ich Dir je sagen, was an dieses Weib heranreicht,
da ich nie einen bessern Gedanken hatte, als sie zu begreifen. Du sollst sie
lieben wie mich und mehr wie mich. Du sollst ihr vertrauen und sie mit allen
Deinen Armen umschlingen, mit Wurzeln und Gezweig, denn sie ist Himmel und Erde,
sie ist ein Weib, an dem die Vortrefflichkeit und Barbarei du jour (das heit,
wie es heutzutage hergeht) gescheitert ist, sie allein kann Deine Ideen ber
Revolution und Volksglck aufklren, oh sie kann Unendliches fr Dich, sie ist
ein Geschpf aus Gotteshand, ein gewhnliches Weib wie Eva und wie sie aus dem
Herzen jedes Mannes heraussteigen soll. Wundre Dich nicht, da ich so ber sie
disponiere, da ich sie nur eine Stunde gesprochen habe, aber das organisch
Vortreffliche spricht sich in der Sekunde aus, und verhllst Du die Venus in die
dichtesten Schleier, und der unschuldige Mensch merkt nur die Bewegung ihres
Atems, so wird er mit seiner Seele dafr haften, da dieser Mantel die Schnheit
und die Liebe verberge. Schenk ihr die Geheimnisse Deiner Seele, alle Deine
Phantasien ergiee ihr, sie mu sie aufnehmen und wrdigen und mu Dich
beglcken, denn es ist in ihrem Wesen wie das Empfangen des Weines im Kelch.
Sprich von allem dem gegen niemand. Es ist ein glckversprechender Lebensmoment
fr Dich, denn der groen Seelen sind nur wenige, sich aber mit ihnen in so
voller Unschuld geistig zu berhren, ist auch nur wenigen geworden.
    Schreibe mir bei Friedrich Schlegel in Jena.
                                                                    Dein Clemens




                                 Liebe Bettine!


Madame de Gachet bringt Dir einen offnen Brief von mir, ich habe aber manches
whrenddem gedacht. - Herzlich offenbaren kannst Du Dich ihr, denn sie versteht
Dich, und der gute Mensch hat keine Geheimnisse, auch sollst Du sie lieben wie
den geistreichen Menschen, doch nur ihren Geist und Herz, die Narben aber, die
ihr Erfahrung und Geschick geschlagen, das mnnliche Wilde ihres Seins und
Verstandes sollst Du bersehen, berhaupt Dich ihr nicht hingeben; mein bleiben
und Gott. - Unschuldig sein neben ihr, von ihr lernen ohne Absicht, denn die
Absicht berhaupt ist's, die solche Narben zurcklt. Ich traue Dir unendlich
viel zu, wenn ich Dich denke mit ihr umgehend, ohne von ihr hingerissen zu
werden; Dich immer selbst besitzend und doch ganz aufrichtig, denke immer an
mich dabei, hte Dich, wenn Du sie verehrst, da nicht Dein eigener Genius den
obersten Platz verliere.
    Schreibe mir nach Jena bei Friedrich Schlegel, aber bald, in einigen Wochen
bin ich in Marburg.



                                 Liebe Bettine!


Und immer noch von dieser de Gachet, aber Gott wei, es jagt mich wieder aus dem
Bette heraus, ich mu Dir noch einmal von ihr sprechen, denn es kann bei ihr
viel zu gewinnen und zu verlieren sein, und ich knnte keine Minute ruhen, wenn
ich nicht wte, da Du sicher wrst. Ich wei von dieser Frau nichts, als da
sie mit einem der geistreichsten Menschen, einem Freunde von mir, genau
verbunden ist, da sie jetzt die einzige Franzsin ist, die auf der Hhe der
deutschen Wissenschaft steht, das ist ungeheuer viel, aber um dies zu erringen,
was hat sie vielleicht erfahren mssen, und wieviel zarten Sinn haben ihr diese
widerspenstigen Wissenschaften wie kostbaren Hausrat erst zerschlagen, eh sie
sich besiegt gaben. Sie ist voll Enthusiasmus, und es ist ihr in allem Ernst auf
Leben und Tod, auch hat sie die Mittel dazu, Du wirst Dir leicht denken knnen,
der Mensch sei ein Turm, der in der Erde wurzle und in den Himmel rage, und in
dessen Mitte eigentlich das schne liebe Menschenleben zwischen Himmel und Erde
ist, viele Menschen steigen in die Tiefe und kehren nicht zurck und vergessen
der Mitte, die allein lebendig ist, viele steigen in den Himmel und vergessen
diese Mitte, in der doch Himmel und Erde sich umarmen, und diese sind zwar groe
Menschen, aber nach meiner Ansicht werden sie doch nur als Mittel von Gott
gebraucht, er belohnt sie mit berauschendem Stolze fr ihre Mhe mit den
Wissenschaften und lehrt sie die schne Mitte verachten, um sie zu verfhren
nicht zurckzukehren. Ich bitte Dich, bleibe in dieser Mitte und steige nur in
die Hhe, um zu beten, sonst wird das Gebet ein Handwerk. Da ich der de Gachet
von Dir erzhlte, war es ihr sogleich so ernst mit Dir, da sie vielleicht gar
nach Offenbach ziehen wollte, wenn Du ihr gefielst, um mit Dir umzugehen, es
wre schn, wenn Du etwas Chemie von ihr lernen knntest und durch ihre
herrlichen Gedanken Deinen Geist erweitern, berhaupt durch sie einen Begriff
von vielem erhalten, doch bitte ich Dich recht herzlich, es nur zu tun, wenn es
der Zufall erlauben sollte. Ich bereue es sehr, und es ist eine bereilung, da
ich ihr den Brief an Dich gab, ich kenne sie doch zu wenig dazu, doch hoffte
ich, Du wirst beide morgen schon haben und eher als ihren und darum durch jenen
heftigen nicht verwundert werden, den sie Dir bringt, Du kannst alles, was
drinne steht, solltest Du sie nher kennenlernen, an ihr erproben, ob es so ist,
das meiste ist vermutlich so, aber ich will nur nicht, da Du sie gar fr unsern
Herrgott hltst, ich habe es unstreitig zu arg gemacht, daher meine liebe
Schwester, werfe Dich ihr weder zu Fen, noch um den Hals, sondern estimiere
sie und profitiere von ihr, ich will, Du sollst mir sogleich umstndlich
schreiben, wenn Du sie zum erstenmal sahst, wie's dabei herging, alles, was an
ihr wissenschaftlich ist, mag vortrefflich sein, aber ihre Grundstze, da glaube
ich, brauchen wir zwei keine andre als unsre. Lieb gut Kind, ich habe Dir da
eine rechte Seelenschererei mit meinem hitzigen guten Willen gemacht, so geht
es, wenn der Bruder ein Poet ist. Du sollst Deine Singstunde immer in Gegenwart
eines dritten oder der Tante nehmen, denn Koch ist doch etwas gemein, setze alle
Deine Arbeiten fleiig fort, und behalte mich lieb. Du kannst die de Gachet etwa
fragen, was Du wohl lesen sollest, aber schreibe mir alles, was sie zu Dir sagt
und Du zu ihr, soviel als mglich. - Adies - Adies - die groen dummen breiten
Ausdrcke in meinem Briefe, den die de Gachet bringt, kommen mir jetzt so
komisch vor, ich glaube und schme mich drber, ich wollte ihr damit
schmeicheln, sehe selbst zu, wie sie Dir gefllt.
                                                                         Clemens

Adresse Jena bei Friedr. Schlegel, schreibe bald.

                                   An Clemens


Geliebter Clemens! Was ist doch alles widerfahren in diesen wenigen Tagen, die
Du der Bettine nennst! - Ein Sdwind auf brennenden Sohlen, in einer Wirbelwolke
von Staub, wehte mir ins Gesicht. Von einem Tag zum andern hat die Welt hier in
Offenbach einen Purzelbaum geschlagen. Denn erstens las ich im grnen Zimmer auf
der Fensterbank vor dem Herzog von Aremberg ber die Volksmajestt ein
franzsisches Aktenstck, worber ich Unendliches htte den Herzog zu fragen
gehabt, der schlief aber, ich wollte nur allmhlich aufhren zu lesen, damit er
nicht wach werde, ich fing schon an ganz stille zu werden, ich hatte
ausprobiert, da er fest schlief. Siehe, da kam im Sturm dahergebraust ein
Kabriolet wie ein abgeschoner Pfeil vor die Haustr, herabspringt der
Wagenlenker, ein jugendlich voller schner Mannjngling mit klirrenden Sporen,
zwei Reiter, die ihn begleiten, treten mit ihm ein, ich war, ich wei nicht wie,
nicht warum, von Schrecken durchgriffen, da ich verga zu reden, und besann
mich nicht, die Gromama zu rufen, die im Garten war. Der Herzog fragte, wer da
sei, ich deutete den Fremden an, er sei blind, und sagte: C'est un jeune
cavalier, Monseigneur, avec deux messieurs. Au contraire c'est une femme,
sagte der Jngling und nherte sich. Der Herzog wute gleich, wer sie war, denn
er ergriff ihre Hand und uerte ein sehr warmes Interesse. Ich lief in den
Garten, die Gromama zu holen. Die sagte gleich von Madame de Gachet einer
Prinze aus der Vende, und bis wir ins Haus eintraten, schwindelte ihr der Kopf
vor Begeistrung. Ich besann mich unterdessen und wollte gern unbefangner
Zuschauer sein. Hinter der Tr vor der Gromama ihrem Schreibzimmer blieb ich
stehen, wo ich einstens schon Herder, Boonstedten, Friderike Brunn, die Krdner
und andere nrrische Erscheinungen berhmter Leute angestaunt hatte. Es war ein
Verbeugen und Neigen der beiden Frauen und ein Beteuern, und ich htte gern
alles behalten, um Dir's zu erzhlen, es war ein zu gro Geschwirr von lauten
Stimmen; ich konnte nur den Herzog verstehen, der zu ihr sagte: Vous tes la
plus respectable des ennemies de la France, sie nannte die assemble nationale,
le dpt de la confience de tout un peuple, und redete, als ob sie die Welt
erneuere. Le peuple n'est plus livr aux intrigues de cour ni aux incertitudes
ministerielles, und meinte, damit sei ihr ganzes tragisches Schicksal
ausgewetzt, und dann sprachen sie ber Krieg zu Wasser und zu Land, von
Vaisseaux de guerre und Kavallerie und Infanterie, und sie redete davon, als wr
sie bei allen Schlachten mitgewesen.
    Liebster Clemens, wenn Du mir freundlich bist, dann bin ich, wo nicht ruhig,
doch zufrieden. Ruhig sein heit bei mir die Hnd in den Scho legen und sich
auf den Kindchesbrei freuen, den wir heut abend essen. Ruhig sein kann ich
nicht, ich freu mich auf alles, was grade das Ruhigsein ausschliet, ich mu
jauchzen vor Vergngen ber ein unbestimmtes Etwas. Was mag es sein? Das macht
mich auch wieder unruhig, ich nehme drei Treppen unter die Fe bis zum
Dachgiebel hinauf, ich guck zum Gaubloch hinaus, was doch herkommen mag, worauf
ich so sehr mich freue, und wei doch nicht was, und ich sah doch auch gar
nichts, soweit der Blick trgt; aber nichts! - Aber meine Seele ist eine
leidenschaftliche Tnzerin, sie springt herum nach einer innern Tanzmusik, die
nur ich hre und die andern nicht. Alle schreien, ich soll ruhig werden, und Du
auch, aber vor Tanzlust hrt meine Seele nicht auf Euch, und wenn der Tanz aus
wr, dann wr's aus mit mir. Und was hab ich denn von allen, die sich witzig
genug meinen, mich zu lenken und zu zgeln? Sie reden von Dingen, die meine
Seele nicht achtet, sie reden in den Wind. Das gelob ich vor Dir, da ich nicht
mich will zglen lassen, ich will auf das Etwas vertrauen, was so jubelt in mir,
denn am End ist's nichts anders als das Gefhl der Eigenmacht, man nennt das
eine schlechte Seite, die Eigenmacht. Es ist ja aber auch Eigenmacht, da man
lebt! - Wir haben in dem Kloster ein Gebet gehabt, da uns Gott hat das Leben
neu geschenkt jeden Morgen. Ich hab's nicht geachtet, jetzt mache ich eine andre
Betrachtung darber, da wir fr unser tglich erneutes Leben dem Gott danken,
das macht uns feige, dem Leben zu entsagen! - Aber auch noch Schlimmeres
entsteht daraus, wir schlieen die Grenze des Lebens so sehr eng ab. Wir steigen
so allmhlich den Berg hinab und sagen: mein Leben geht schon abwrts, wir
setzen die Nachtmtze auf, wir rumen auf und halten an eine kleinliche Ordnung,
kurz wir haben in einemfort mit der Kreide zu tun, mit der wir alle zufllige
Flecke unserer Seelenmontur zudecken, weil wir uns auf die himmlische Parade
vorbereiten. Wenn alles so ziemlich instand ist, setzen wir uns hin und seufzen
und schwitzen als noch die paar Lebenstgelchen fort, die uns der Herrgott
zugemessen hat, in lauter Angst, da die Kreide auch hafte auf den Flecken, und
da kein neuer Schmutz dazu komme, und da wird denn das Leben so ledern, da man
dem Gott den rgsten Schimpf antun wrde, es als Geschenk von ihm zu achten. Es
ist aber noch mehr und ein viel grerer Irrtum dabei. - Nmlich die nrrische
Idee, da Leben enden knne, Leben kann wohl verlassen, was nicht vermag, Leben
zu fassen, aber es kann nie enden. - Und kurz, ich finde diese Anstalten frs
ewige Leben so, da es Reiaus nehmen mu vor dem Tod in uns. Aber nicht wie ihr
flschlich meint, da der Tod ber einen komme wie der Dieb in der Nacht. Und
wenn er kme, wer wird denn Anstalten machen fr diesen Esel, der so schlecht
das Lautenspiel versteht, da er damit schon einer schwachen Seele den Garaus
macht! Nein! Wie ich Dir hier noch einmal sage, das Leben flieht die Wste des
Todes, aber dem Tod eine Macht zuschreiben ber das Leben, das ist Unsinn. Es
ist aber noch ebenso dumm, irgendeine Macht anzuerkennen ber uns als nur das
Leben selbst, und leg Dir's zurecht wie Du willst, ich kann's nicht weiter
ausdrcken, ich kann nur sagen, was auch in der Welt fr Polizei der Seele
herrscht, ich folg ihr nicht, ich strze mich als brausender Lebensstrom in die
Tiefe, wohin mich's lockt. - Ich! Ich! Ich! - Ich greife um mich mit meinen
Fluten, ich eile in stolzen Wogen durch die Triften. Ich durchziehe euch, ihr
Haiden, - dort kommen die Berge, die Welt ist rund, mir ist jedes Tal die Hhe,
die mir zu durchbrausen beliebt, denn eben weil die Welt rund ist. -
    Clemens! Ich wei, da Du diese Wellen des Vertrauens gerne aufnimmst, und
ich wei, da bei Dir gut weilen ist, drum wird der Lebensstrom auch nur ganz
langsam flieen, solang er durch Deine Lebensgegenden zieht, aber ber meine
Neigungen kannst Du nicht disponieren. Wei ich doch nicht, was mich Dich lieben
heit, ich gehe Dir nach, ohne zu wissen, warum, wenn's nicht der Lebensstrom
wre, der eigenmchtig durch Deine Fluren wallet und sich wohl befindet so, ja,
es ist sein selbstherrschender Wille, der sich durch Deine Lebensgebiete drngt,
ach und er strmt so voll, so selbstgefhlig in diesem reinen edlen Bett, ber
Perlen und Goldsand, und die Ufer so bltenreich gratulieren meinem stolzen
Wogengang. - Heut bin ich nrrisch, Clemente! - Der Frau Gachet kann ich auch
nur im Vorberstrmen gnstig sein, aber sie lieben wie Dich selber, liebes
Flubett, was fllt Dir ein. - Der Flu strmt nur Dir freundlich und gutwillig,
gegen andre ist er rebellisch und rauh, ich will wohl mit der Gachet umgehen und
ein bichen an ihr nagen mit meinen Wellen, aber mich ihr hingeben, von ihr mich
leiten lassen, was fllt Dir ein? - Ich brause vor Zorn, da einer etwas ber
mich vermgen soll, was nicht ich selber bin? - Nein, Clemens! Welches
Menschenschicksal auch ber mich komme, das ist mir so jetzt ganz nicht von
Gewicht, aber mich durchreien, Ich selber zu bleiben, das sei meines Lebens
Gewinn, und sonst gar nichts will ich von allen irdischen Glcksgtern. Gute
Nacht fr heute.
    Eben jetzt bekomme ich Deinen letzten Brief und bin froh, da Du selbst
bekennst, ein wenig bereilt geschrieben zu haben. - Sie hat gar nichts mit mir
gesprochen und Deinen Brief mir sehr freundlich in die Hand gedrckt, sie sah
mich oft ganz starr an, als wolle sie mir etwas sagen, Du kannst berzeugt sein,
da ich mich ihr nicht zu Fen und auch nicht um den Hals werfen werde, ich
werde alles, was ich von ihrem Geist begreife und erlerne, Deinem Urteil
unterwerfen, mein Leben und mein Glaube und die Lust, zu bekennen, was ich will
und suche, sind ja Dein, und was meine Sprache nicht auszudrcken vermag, Du
mut's finden in mir, die Dir nicht fremd ist. - Unter allen frohen Stunden
bleibt die mir am lebendigsten, wo Du mich zur Lust am Leben angemahnt. Ich
begreif doppelt rasch, ich wei, wo mir's herkommt, da ich in den nchsten
Lebensmoment schaue als in einen reichen Schatz, der mir wie ein Demant
entgegenblitzt und mich begierig macht auf ihn. Der ungehemmte Lebensatem, von
dem das volle Herz getragen wird.
    Vernhme der Mensch besser, was ihm die Sterne zuwinken, so wrde er sich im
Flug entfalten, und knnt ich's besser sagen, so shest Du deutlich und klar,
der Sinn kann sich nicht ndern, er dient Dir so willig, um treu bleiben zu
drfen, so kann er keinem andern sich zuwenden wollen, um's besser zu haben.
    Adieu, lieber Clemens, Du bist mir den Abschiedsku noch schuldig.
                                                                   Deine Bettine

Wo bleibt denn nun jetzt die Walpurgis und die schnen Lieder der Liebe? - Nicht
wahr, jetzt bist Du nicht mehr eiferschtig auf den Bettelmann!


                                 Liebe Bettine!

Ich danke von ganzer Seele fr den beruhigenden Klang Deines Briefes, in dem
sich Selbstgefhl und Liebe so schn durchdringen. Ich wei nun mehr ber die de
Gachet, Du kannst mit ihr sein und kannst sie auch vermeiden, wenn sie Dir nicht
zusagt, denn ein Herz, was so herrlich grnt und blht wie Deines, bedarf keiner
Seele als nur der Liebe; die hast Du von mir. Bleibe ber alles Zufllige
erhaben, folge Deinem inneren Ruf, er ist zu stark in Dir, wer wollte Dich ihm
entziehen? - Es wre Frevel, es zu wollen, da wir alle noch nicht da sind, wo
wir mit uns selbst rechten knnen, ob wir irgend etwas wollen sollen oder nicht,
so wrde der rein als Natur hervortretende Instinkt ja nur in sich selbst
erkranken, sollte er bezwungen werden durch Reflexion, und sein Genie, die
Rettungskraft aus dem Irrtum heraus, wr ihm dadurch gebrochen.
    Da die Welt den groen Kreislauf macht durch Irrtum und leidenschaftliche
Verkehrtheit, hat Dir selbst ja bei Deinem ersten Blick in die Welt
eingeleuchtet, da sie aber zu ihrer Ursprnglichkeit zurckkehren solle in
vollem Bewutsein und mit aller Gewalt, die dieses Bewutsein gibt, das soll in
jedem einzelnen wahr werden, oder er wr dieser Welt verloren. Und auer ihr
sein wollen ist Vernichtung. Nein! Jede individuelle Kraft kann nur durch und in
der Allgemeinheit Wurzel fassen, kann nur in ihr sich selbst verstehen lernen;
und kann nur an ihr sich erproben. Drum ist die Geschichte der Dinge das wahre
Element der Geister, und darum hat diese de Gachet eine elektrische Wirkung auf
die Menschen, weil ihre Eigentmlichkeit sogleich an der Geschichte sich
entzndet und drin aufleuchtet, ja wenn der Mensch erst da steht (das heit oben
ansteht), dann ist sein Leben ein fortwhrendes Weltwirken. Alle khnen Taten
groer Menschen sind ein unwillkrliches, aber ganz naturgemes Mitwirken der
Gesamtheit, oder der Geschichte der Dinge, deren Erzeugnis ja auch der Geist
ist; und Mirabeau wrde nicht so Schlag auf Schlag getan haben mit jedem Worte,
wre seine Eigentmlichkeit nicht fortwhrend elektrisch eben von dieser
Geschichte seiner Zeit entzndet worden. Man beurteilt zwar oft die Menschen
nach einem sittlichen Wert oder Unwert, dieser ist aber im allgemeinen
Weltgeschick nicht mehr zu rechnen.
    Wer wird dem Mirabeau seine moralische Vergehen anrechnen? - Sie sind
geschleuderte Blitze seiner Sinne und seines Geistes, je nachdem sie in
fortwhrender elektrischer Reibung mit der Geschichte der Dinge sich entladen.
Die Revolution hat unendliche derartige Charaktere hervorgebracht, sie haben
alle geleuchtet, sind scheinbar wieder verschwunden, ob sie noch wirken? - Da
sie noch wirken, das weit Du wohl am besten, da Du oft Deine hchste
Begeisterung fr sie ausgesprochen hast und hierdurch die erste und tiefste
Grundlage Deines Begriffes in Dir geworden ist. Ganze Generationen sind
vorbergegangen, wo gar kein Weltbegriff in den Nationen hervorgetreten war, und
das ganze Menschengeschlecht im Willen und im Geist am Boden verkeimte, darum
war aber auch keine Geschichte, erst indem sie sich zum wirklichen Leben
entzndete, regte sich diese Saat selbstwirkender Eigentmlichkeiten; und diese
Gachet - was auch von der Philisterzunft ihr Nachteiliges mchte nachgesagt
werden, war doch von ihrem Zeitalter tief bewegt; sie zhlte mit, sie hatte ein
Geschick, und dies webte sie khn und lebenskrftig in die grausamen
berwltigenden Weltgeschicke mit ein. - So manches Wagnis fhrte sie oft nur
aus um eines einzigen armen Bauern willen, dem sie nachts vielleicht ein Brot
brachte in seinen Versteck, oder dessen Kinder und Weib sie nhrte, whrend der
Mann nicht fr sie sorgen konnte. Authentische Papiere, meinem Freund Ritter von
ihr mitgeteilt, legen es dar. In einer wilden, nicht geheuren Zeit - was wir
unendlich menschliches Elend nennen wrden, das wurde dort nicht geachtet, nicht
empfunden, es war angemenes Tagwerk, diesem Elend der Lebensbedrfnisse zu
steuern; - waren sie in etwas befriedigt, so sprhte auch gleich wieder jener
elektrische Funke, der die Weltgeschicke durch groe Charaktere herausbildet und
aufbaut, oder sie reinigt oder erzeugt. - Wem hat diese Frau gedient in jedem
Bauern, dem sie Hilfe leistete? - Einem vertriebenen Knig, sie konnte das nicht
anders wollen, obschon auch ihr die Not und die Berechtigung und die Wrde der
Nation heilig waren. Und nachdem nun dies schauerhafte Gewitter, was den ganzen
Erdenhimmel entzndete, wo kein Blitz aus den Wolken fuhr, der nicht traf,
allmhlich ausgerollt und sich entladen hat, - da sind alle die Ihren vom Blitz
getroffen, sie bleibt allein stehen und ergreift die Wissenschaft zu ihrem
Freundesstab und sucht die edelsten Geister auf in Deutschland, weil ihr der
Vaterlandsboden durch unendlich schwere Jammerszenen unertrglich und auch
verpnt ist. Dies alles ist schn und edel, und es ist beglckend, mit solchen
Menschen sich berhren drfen! Das mute ich Dir sagen, auf Deine Verteidigung
Deiner Lebenseigenmacht; sie sei Dir ganz individuell, unverletzt, so kann sie
doch nur als gesamtmitwirkend Dir selber wieder zugute kommen. Das ganze Du der
Menschheit mu ein Ich werden, groe Menschen denken und fhlen nicht anders.
Und so sollst Du auch sein mit ihr, die ein Du fr Dich ist, in der schnen und
edlen Seite aber dein eignes Ich sein mu. Es wird Dir vielleicht seltsam
deuchten, als ob ich Dich von der einen Seite warne, auf der andern aber sie Dir
im verklrten Lichte zeige, und so ist es auch. Ich will nmlich nicht, da Dein
eigner Charakter, der so fest und so entschieden sich schon ausspricht, sich
allenfalls einem andern, der so mchtig einzuwirken vermag, sich unterwerfe, ich
will aber auch nicht, da den Handlungen, die nur der wirklich groe Mensch
begehen kann, ein schlechtes Urteil gesprochen werde. Was ich Dir brigens ber
die de Gachet hier schrieb, ist teilweise aus dem Brief meines Freundes Ritter
an mich, dieser groe Mensch, der in seinem innern Wissen und Wirken die Zeiten
berragt, hat eigentlich hierin den Begriff von sich selber niedergelegt. Ihn
mut Du auch noch kennen lernen, es kann sich Dir nichts Schneres enthllen von
Menschensinn als dies kindliche, bis ins Antike hinaufragende Gemt.
    Wenn ich von der gewohnten Weise, mich mit Dir zu verstndigen, hier
abgewichen bin, so ist's, weil ich die reine Menschlichkeit in Ritters Begriff
in keine andre Sprache bertragen konnte. Ich mchte Dir alles zuwenden, was
mich je gerhrt und bewegt hat. Lerne, wenn Du auch nur dabei begreifst, wie man
Dich nicht lehren sollte. Dein Bestreben sei, Dich so mit Deiner Vorzglichkeit
zu durchdringen, da kein Mensch merke, wo Du es bist. Antworte mir und bleibe
bei dem, was Deine Seele nhren kann. Ich werde Dir bald allerlei Bcher
schicken. Vor allem bewaffne Dich gegen jeden Mibrauch, den man von Deiner
Zukunft machen knnte, gebe niemand auch nur das geringste davon in die Hnde.
Lasse nur Dir selber die Herrschaft in Deinem Gemt, und lasse mich einen
geringen Anteil dran haben, wir sind ja keine zwei! -
    Adieu, Du edles geliebtes Kind.
                                                                    Dein Clemens


                                Lieber Clemens!

Jetzt schreib ich gleich weiter von allem, was ich ber Deine Warnungssorgen
vergessen hatte. Diese Frau hat mich in einem fortwhrenden Schauerriesel
erhalten, und denke Dir, whrend ich in die Tre gelehnt sie ansah, verstummte
sie oft mitten in ihrer Rede und sah sich nach mir um, keine Goldfrucht winkt
lockender aus dem dunklen Grn als ihr lchelnder Blick nach mir, ich fhlte
mich beschmt. Bei der Heimfahrt nahm der eine ihrer Begleiter den Platz im
Whiski ein, sie schwang sich mit selbstgeflliger Anmut aufs Pferd, sie grte
mich, als wolle sie mir sagen: schwing dich auch aufs Ro, aus allem heraus, was
dich beengt, komm, vertrau mir, ich will dir die Hand reichen. - Und fort war
sie; und ich lief in den Garten und stieg auf die Pappel, wo htt ich
hingesollt, so sehnschtig in die Weite? - Auf dem Gaul die Abendlfte
durchsausen im Galopp! - Und htt ich das gekonnt, mein ganz Glck wrd ich
darin finden und mu Dir alles sagen, was ich hierbei denke.
    Man mu doch wohl wissen, was das Gegenteil ist von aller Verkehrtheit, denn
nur in dieses hinber kann man sich vor ihr flchten, und doch wenn sie mich wie
Lge und Gespensterwesen anschauderte und ich glaubte ihr Gegenteil, die
Wahrheit, zu empfinden, so war keine Gewalt in mir dazu. Die erste Melancholie,
die erste Trne, die wie eine Frage mir ins Gewissen fiel, war der Art. Ich ging
einmal in so unklarer Stimmung ber den Hhnermarkt in Frankfurt, auf einmal
befand ich mich wie im Traum, aus einem Weltenraum in den andern hineingerissen,
aus der kalten mit spazierengehenden Philistern besetzten Strae unter die
befiederten, also zur Freiheit geschaffnen Tiere. Die Tauben, die man im
Abendschein in Herden die sonnevergoldeten Wetterfahnen der Kirchtrme
umschwingen sieht, waren hier in schmutzige Krbe eingesperrt, wo sie ihr reines
Gefieder besudelten bei kargem Futter. Und morgen sollten sie von der Hand und
fr den Magen eben dieser Philister geschlachtet werden, in denen nie ein
Naturgefhl den Lebensreiz erhht hatte. - Es machte mich traurig, ich fhlte
mich hier besser und weniger beschmt als unter den Menschen. Diese Tiere sind
ein Liebreiz der Natur, sie haben Mut, sie schwingen den wolkenbringenden Winden
sich nach in die Lfte, und alle Lebensgeister in ihnen sind angefacht. So wie
ich mich sehnte damals, mit den Tauben unter Gewittern die Trme zu umkreisen,
so htte ich gestern auf dem Gaul im Galopp dem gewohnten Schlendrian mich
entreien mgen. Ich hab es sehr deutlich gefhlt, was diese Frau voraus hat,
dadurch da sie so einem Reiz kann gengen. Freiheit fhlt sie in allen Gliedern
auf dem Pferd, das sie zu lenken versteht, und wenn es sich bumt und steigt und
sie lt so ruhig es gewhren, denn sie wei, es wird sich gleich fgen, und
jetzt ist sie aufgeregt durch einen Gedanken, so setzt sie dem Gaul die Sporen
in die Seite, und er fliegt wie ihr Geist mit ihr zugleich dem entgegen, was sie
erringen mchte. Ach, wie mu das die Kraft frdern Leibes und der Seele, wie
mu das den Gedanken treiben, da er gepanzert hervorspringt gleich und drein
schlgt in den Begriff, und wie mu es das Herz heben, das Reiten? - Nur edlen
Naturen gehrt das Pferd, kein Vorsatz konnte mich bewegen, auch keine
Vorstellung, keine Belehrung, keine christliche Moral irgend mich selber im Zaum
zu halten, das Gute zu tun, das Bse zu lassen. Aber auf einem Pferd, da wrde
ich zu jeder khnen Tat, auch noch im letzten Augenblick herangesprengt kommen,
denn das wrde genievolle Begeisterung in mir anregen. Was ist der Unterschied
zwischen Gott und Menschen? - Da in ihm alle Lebensreize wach sind, und aber im
Menschen schlafen sie. - Er hebt das Haupt, der Mensch, weil ihm irgend etwas
deucht, - er sucht seine Meinung, er glaubt sie gefunden zu haben; er pat sie
den unbegriffnen Dingen an, die mssen sich danach zurechtsetzen lassen, und den
nennt man einen Weisen, der das Ursprngliche so lange verkehrt und das
Gttliche durch Schein und Trug ersetzt, damit er sagen knne, von mir geht der
Begriff aus. Und seinen verrckten Plnen fgt man sich denn, er sitzt tief im
Philisterstuhl, aber von dem Feuer eines khnen Pferdes trumt ihm nichts.
Ebensowenig von der Wahrheit, die ein so lustiger und rascher Gaul ist, der ber
Stock und Stein hinaussetzt und ums Ziel siegend herum sich tummelt. Und da
schreien die Leute ber den Tollkhnen, der wie wahnsinnig ber die Barriere
sprengt, verbotne Wege reitet durch die gefahrvollen brausenden Wellen hinauf
zum steilsten Ufer, gleich wird er verunglcken! Die Feigen wissen nicht, da
diese tollkhnen Stze abgemessen sind nach ewigen Gesetzen der Begeisterung,
sie sind gewagt, aber in ihrem Wagen liegt ihr Gelingen. Wr ich Knig, ich
wrde die Welt untertauchen und sie gereinigt aus den Zeitenwogen hervorgehen
lassen. - Was ich sage, sei es Frevel, o so ist mir dieser Frevel lieb. Wo war
je ein Gebet stolz genug, da ich gern es nachgesprochen htte? -
                Hier liegen wir im Staube vor dir, Gott Zebaoth.
So muten wir im Kloster singen und nachdem ich's jedesmal mitgesungen hatte,
besann ich mich eines Tags, was es denn wohl heien mge, es schwante mir, als
ob dem Gott der Menschheit ein Gtze gegenber stehe, der Zebaoth heie, denn
Gott und Mensch konnte ich nicht trennen und kann es noch nicht, und Staub
lecken vor dem Zebaoth, das heit mich eine innere Stimme bleiben lassen, wenn
ich Frieden haben wolle mit dem rechten Gott, der in den mondverklrten Wolken
abends sich ins Gesprch mit mir einlie ber allerlei und mir recht gab, wo
aberwitzige Menschen es besser wissen wollten. Und wie wunderliche Reden fhrte
mit mir oft dies oder jenes auch in der Natur.
    Was hab ich alles erfahren in jenen Kinderjahren; - Wurzeln und Kruter,
eine Blumendolde, aus der bei leisem Druck der Same aufsprang - die waren mir
Unterpfand und Beteurung vom Gegenteil alles Aberglaubens, sie sagen mir immer
dasselbe: Frei sein, und jeder Glaubensbefehl leugnet mir das, und endlich, da
die berschwemmung der ganzen Erdenkultur auf mich losgeschwemmt kommt, da
strecke ich die Hand allem Unschuldigen entgegen, um es zu retten in meinen
Busen. Und jeder Begriff des Groen, Khnen, der Lge zum Trotz Reinen, - das
ist mir ein Lebendiges, das mich anwirbt mit schmeichelnder Verheiung. Und was
war dagegen, was man mich lehrte? - Ach so unfalich, da man eine Maschine sein
mute, um es nachzusprechen.
    Du hast mir oft gesagt, ich solle meine Erinnerungen aufschreiben aus der
Klosterzeit, ber die ich nun schon mehr als drei Jahre hinaus bin. Es ist alles
noch lebendig in mir, ich kann aber nicht die Bltenste vom Baum abbrechen, der
ich selbst bin. Dies Klosterleben hat Knospen in mir angesetzt, Ahnungen, die
zur Wahrheit mssen reifen. Denn der Baum kann nicht selber sich berauben seiner
Dfte, die noch verschlossen sind. - Denn alles ist mir ja nicht ein Gegenstand,
ich bin es selber. Weil es aber heute in so nchtlicher Zeit ganz toll in mir
hergeht, da ich nicht schlafen kann vor dem Gaul, der Schimmel, der mir im Kopf
herumtrabt, - so weckt er mir ja ganz leidige Erinnerungen, ber die ich gleich
damals als junges Kind schon den Bann ausgesprochen habe. Ach ich bin doppelt
froh des Lichtes, das ich in Dir sehe, denn alles, was ich Dir schreibe und
sage, kommt mir vor, als gehe es von Dir aus, und ich bin so stolz in Dir, weil
Du oft mich anredest, als ob es die Stimme der Weisheit sei, auf die ich lange
gehorcht habe in die Ferne, und jetzt ist sie mir so nah in Dir, da ich sie von
mir selber nicht unterscheide. Aber ach! hege keine zu groen Erwartungen von
mir, bedenk, da ja Deine Liebe mir keinen Wert mehr lt, ich hab ihn alle fr
sie hingegeben. Und heut schreib ich nun nichts mehr, aber morgen.
    Nun ist's Morgen, Clemente, aber welch ein Morgen? - Die Gachet hat sich
ansagen lassen mit noch merkwrdigen Begleitern, ein Chemiker Buch, ein
Gottesgelahrter Maijer, ein Pferdemaler Dalton. Dies Pferdegenie soll sehr
interessant sein, der blinde Dux wird auch da sein. Ich freu mich schon auf
alles, und mir klopft das Herz, aber ich werde mich doch auch selbst fhlen
gegenber der Frau, die ein Pferd regiert wie ein Mann! - Denn kann ich nicht
vielleicht auch etwas regieren, was dem Gaul gleich ist, oder mehr noch? -
    Eben ruft die Gromama, wir sollen ihr Blumen holen im Garten und die Urnen
frisch mit Struen versehen. Ich werde alle Blumenbeete rasieren, ich mu fort.
    Clemente, sie ist da gewesen, wie ist doch alles durcheinandergegangen. -
Nach dem ganzen Abenteuer haben die Franzosen im Garten einen frchterlichen
pfelkrieg gefhrt, ich kann Dir's heute nicht mehr schreiben, ich mu erst noch
eine Nacht drauf schlafen. Aber morgen kommt sie wieder, sie hat mir's im
Vorbergehen ins Ohr geflstert, sie ist des Teufels, aber ich bin auch des
Teufels, ich will keine Freundschaft mit ihr, ich bin zu jung. Wr ich schon so,
wie es in mir werden will, dann ritt ich stehend auf zwei Gulen und sprnge
dazu durch den Reif. Mit Kunststreichen und bermut wollt ich ihren khnen Ritt
ausparieren.
    Lieber Clemens, heut am Montag erzhl ich fort vom Samstag und Sonntag,
diesmal gingen hexenmige, die Gromama in hchster Spannung haltende Dinge
vor, eine galvanische Batterie! - Der kleine rotwangige Apotheker Buch trug
Blumenkrbe und Urnen hinaus auf den Hausflur.
    Mit Salzwasser in einer groen erdnen Schssel wurde ein gro Gepltscher
gemacht, runde Filzlappen und Taler und Kupferplatten aufeinander gelegt, viele
Stimmen und Hnde gingen durcheinander bei dem Aufbau der Sule. Der Herzog im
Hintergrund hielt mich bei der Hand, ich mute ihm erzhlen, was vorgehe.
Nachdem die Sule unter den Hnden der Gelehrten mehr wie einmal umgestrzt war,
baute die Venderin sie selbst auf, und sie blieb stehen; es wurden negative und
positive Versuche gemacht, davon kann ich nichts sagen, als da es nicht ganz so
ausfiel, wie man wollte. Die de Gachet verlangte feingesponnene Glasfden, die
Frau Wrede uns gegenber hat eine Sultansfeder von gesponnen Glas, sie sagte
mir, da sie der Sultan dem Magnetiseur geschenkt habe, der ihn auch zu seinen
Versuchen braucht, ich klingelte an seiner Haustr, wie ich den Schall der
Glocke hrte, mute ich mich frchten, aber ich war schon im Haus die Treppe
hinauf und stand schon vor ihm und wute nicht, wie ich's ihm sagen solle, er
kam mir aber zuvor, wie ich von gesponnen Glas anfing und gab mir den Sultan in
die Hand, da sah er an meinem Finger den Ring aus dem ledernen Schuh, den Stein
nach inwendig mit roter Seide umwickelt und mit Harz verklebt, ich schmte mich,
ich wickelte den Faden los und reichte ihm den Ring, er besah ihn und sagte: Ein
Talisman! - und steckt ihn mir wieder an den Finger. Das war alles, was er mit
mir sprach, mit dem ich doch manches schon gesprochen hatte ber die Gartenwand;
ich nahm mir auch vor, gleich den Abend noch auf die Gartenbank zu steigen und
mit ihm zu sprechen, ich werde Dir gleich erzhlen, wie das aber nicht gegangen
ist. Erst wurden mit den Glasfden Schmelzversuche gemacht, die nicht gelungen
sind, drum sollte die Sule ein paar Tage unberhrt stehen und sich verstrken,
die Gromama war in groer Angst, es knne daran gestoen werden, und lie,
nachdem die de Gachet fort war, niemand ins Zimmer, die franzsischen Herren
hatten sich im Garten versammelt, es war schon dmmerig, ich kam dazu, sie
sprangen wie toll herum, machten groe Stze ber die Blumenbeete, rissen die
Stbe von den Pflanzen los und schlugen aufeinander und rissen vom Spalier die
gezhlten noch unreifen pfel zum Bombardieren. - Ich war ja wie versteinert.
Denk, sie hatten ihre Rcke ausgezogen und auf die Strucher gehngt, die waren
krumm gebogen von der Last, der ganze Garten war verwandelt, ich konnte keinen
erwischen, so war er gleich hinter einem andern drein, und wollt ich den wieder
um Gotteswillen bitten, so hatte er eins zwei drei pfel abgerissen und setzte
ber die Rabatten hinaus, um einen zu treffen, sie waren wie toll gewordne
Geister, sie flsterten und kicherten und gaben keinen Laut von sich, in der
Verzweiflung rief ich: Grand-Mama vient! da warfen sie ihre Munition auf gut
Glck dem nchsten an den Kopf, und mit ihren Rcken wie der Wind zur Gartentr
hinaus. Verwundert, da diese alten Herren mit ihrem Podagra und Asthma so
ungeheure Bocksprnge machen konnten, nahm ich den Rechen und harkte die Wege,
ich steckte die weggeworfenen Blumenstbe wieder in die Strucher, es war schon
dunkel, da suchte ich noch die abgerissenen pfel zusammen und legte sie an die
Erde, als wren sie von selbst abgefallen, vielleicht vom Wind. Im Hof des
Magnetiseurs sah ich die Leute bei einem Packwagen beschftigt, und denk Dir, er
ist fort, heute morgen, noch ehe die Sonne aufging. Das ganze Haus de! - Es
sieht so traurig aus, der Wind spielt mit den Dachluken. - Ich hab ihn also zum
letztenmal gesehen, wie er mir die Glasfden gab. - Wie leid tut mir das! -
    Die de Gachet war auch noch am Sonntag nachmittag hier, kein Mensch hatte
sie erwartet und ich auch nicht, obschon sie mir es zugeflstert hatte, so war
ich ein Weilchen allein mit ihr. Wie ngstlich war mir das! - Ach Clemens, la
uns lieber allein alles vertrauen, alles miteinander erleben und nicht mit
andern. Dieser groe Planet, die Gachet, erschttert mich zu sehr, wenn er mir
so nah rckt. - Sie redete von den Himmelskrpern, ihrem subtilen Ausstrmen und
von wechselseitiger Anziehung der Planeten in ihre Kreise, und vom innerlichen
Sinn im Ozean der Gefhle, und ich war ganz betubt. Wie komme ich ihr vor, da
sie mir so was sagt! - Sie hielt mich fest in ihren Armen, ich htte des Teufels
werden mgen; ich schmte mich, da ich ihr zuhren mute, gefangen in ihren
Armen, und nichts verstand; sie lie mich los, wie die Gromama hereinkam; ich
wie ein entwischter Vogel sprang in den Garten auf die Bank und sah recht
sehnschtig in den verlassenen Garten vom Magnetiseur. Da war er aber doch nicht
fort, er wandelte noch ganz allein und kam gleich an die Gartenwand; er sagte
mir, seine Leute seien schon seit gestern fort, er reise in der Nacht ihnen
nach. Ich habe ihm rechte Vorwrfe gemacht, da er so fortgehe, ohne mir davon
zu sagen, da fing er an zu lachen und sagte, ich htte ihm ja Reisegeld
geschickt, ich lachte auch, weil ich mich schmte zu weinen. Ach, dieser Mann
war mein bester Freund. Er hat mir nie gute Lehren gegeben, aber er hat mich
belehrt. Ach Clemens, leb wohl, jetzt ist's aus mit der Gachet, denn sie sagte
der Gromama, da sie an den Rhein wieder geht.
                                                                         Bettine


                                   An Clemens

Es ist aus mit den Blumen, die letzten Asternstrue waren die, womit wir in
voriger Woche die Blumenurnen schmckten, und die wegen der Batterie vor die Tr
gesetzt wurden. Gestern haben wir den letzten Herbst gemacht, nur noch die
Winterbirnen hngen, von denen meint die Gromama, wir wollten sie hngen
lassen, bis erst Reif kommt, der war heut nacht, und nun frag ich: Wollen wir
heut die Birnen abmachen, es war heut nacht Reif. Groer Schrecken der
Gromama, sie hatte so in den Tag hineingelebt und gemeint, es sei noch lang
nicht Winter. Und wie sehen die Blumen aus? Wir mssen heute noch Krnze haben,
es ist eine Hochzeit hier im Haus, um drei Uhr wird der Pfarrer hier sein und
ein edles Paar zusammengeben.
    Lieber Clemente, was doch alles hier im nrrischen einsamen Haus passiert!
Aber wir drei Geschwister ahneten gleich die Geschichte, ich sprang mit Flgeln
die Treppe hinauf, wir kriegten uns alle drei um den Hals und tanzten eine
Ronde, da die Wnde zitterten. Auf einmal erscheint die Tante im Neglig, halb
frisiert, was das fr ein unanstndiger Spektakel sei? - Und was die Hofdame
denken solle, die seit acht Tagen im Saal unter uns wohnt, da wir so ihr auf
dem Kopf herumtanzen. Und der Tanzmeister wartet schon eine Viertelstunde. Wir
lernen nmlich schon seit vierzehn Tagen bei einem franzsischen Ballettmeister
einen figurierten Tanz, an dem sollen wir fortexerzieren bis zum Neujahrstag, da
sollen alle Nationen kommen, dem Frst Ysenburg gratulieren, die Franzosen haben
dazu Madrigale gemacht avec la pointe cache, sagt Chateaubour, der
Hauptdichter. Ich stelle eine Spanierin vor, blau und silbern, und ebenso mein
Tnzer, der Prinz Neunzehner, der gar nicht vom Platz zu bringen ist, allemal
rechts umdreht, es sei links oder rechts; so hat der Tanzmeister deswegen die
Figur umgendert, damit er nun rechts auch auf den rechten Platz komme, und nun
luft er wieder allemal links, wir lachten so toll in der Probe, wir waren so
ausgelassen, wir wuten, da die Tante nicht kommen konnte, weil sie Toilette
machte, wir sprangen auf Tisch und Sthle, Herr Baleri mit seiner Pochette in
einer Staubwolke, die alte Cousine, die hereinkam mit einem Befehl der
Gromutter, setzten wir auf ihren ledernen Sessel und trugen sie auf den Kpfen,
sie schrie, die andern sangen, und Baleri spielte einen Marsch. - Die Gromama
lie uns in den Garten beordern. Alle Blumen vom Reif verdorben! - Wir muten
uns an die Hambutten und die herbstlich rote Jungfrauenrebe halten, dazu Tannen
und Efeu. Wir waren sehr lustig bei diesem Dekorationsfest, wir machten's wie
die Braut und gaben den halb verblhten Astern mit farbigem Papier ein Ansehen.
Diese Heirat ist ein Werk der Gromama, vor kurzer Zeit lernte diese Hofdame von
Meiningen bei ihr den Herrn von Drais kennen, wie er gerade vor unserm Hause
eine Draisine probierte, eine Bank mit Rdern, die Herr von Drais drauf sitzend
mit Hnden und Fen fortbewegt. Die Hofdame sah ihn dahergerollt kommen, hinter
ihm drein alles, was Beine hatte. - Nachdem sie getraut waren, hielt die
Gromama eine bewegliche Rede. Wir spielten abends ein Sprichwort, worin die
Draisine eine Hauptrolle hatte. - Heute werden nun die Birnen abgemacht. Da freu
ich mich drauf. Das Hochzeitpaar ist nmlich gestern spt noch fortgereist und
alles wieder im stillen Geleise. Morgen wird Kartoffelernte gehalten von einem
kleinen Feld, worauf die Gromama Musterkartoffeln ziehen lt, die ihr von
allen Enden der Welt, ich glaub sogar von Amerika her, geschickt werden. Da
mssen wir ein Register machen, wieviel jede Staude getragen hat, der Gromama
ihre hchste Wonne, diese Register zu vergleichen. Nun wei ich nichts mehr, als
da Du meinen letzten Brief nicht beantwortet hast. Buch sagte der Gromama, Du
seist nicht in Marburg und wrdest erst am 19. wieder da sein. Das ist mein
Namenstag, der nie mit andern Blumen kann gefeiert werden, als die im
Eiskristall am Fenster anschieen. Heut ist der 4. Also 14 Tage soll ich nicht
wissen, wo Du bist, da kann der Brief ein Weilchen frieren in Deinem unbewohnten
Zimmer.
                                                                         Bettine


                                 Liebe Bettine!

Deine Briefe erquicken meine Seele und nhren sie, der Winter ist hier so
traurig, und Savigny tief in den Studien, berwintert die Saat seiner groen
Zukunft unter einer Schneedecke von Verschlossenheit, die mich verzweiflen
macht. Was ich mir auch die liebende Mhe gebe ihm mitzuteilen, er ist stumm
dazu, oft denk ich mit Behutsamkeit etwas aus ihm herauszulocken, allein die
Erfahrung ist nun in sich vollendet, da ich nie den geringsten Beweis von ihm
erhalten werde, da, was ich ihm sage, ihn interessiert. Oft in meiner kalten
Stube (was mir nun auch noch den Winter unertrglich macht, da der Ofen nicht
heizt, sondern raucht) komme ich darber in Schwei, ins klare zu kommen ber
seine Klarheit, mit der bald die Tonie, bald die Gundel oder Du mich plagen. Bin
ich denn ganz auf den Kopf gefallen, da mir diese gepriesne Klarheit und Ruhe
den peinlichsten Eindruck macht? - Also qul Du mich nicht mit Deinen erhabenen
Ansichten, da ich ihn in der Nhe habe und er vielleicht besonders gut fernt.
    Ich hab dem Buchhndler Guilhomman den Auftrag gegeben, Dir den Homer zu
schicken. Hast Du ihn bekommen? Weiter sollst Du nchstens die Reise des jungen
Anarchasis lesen und recht aufmerksam, das wird Dich unterrichten und ergtzen.
Doch mut Du Dir keinen Zwang bei solcher Lektre antun, Du mut sie wrdigen,
indem Du sie liebst. - Die sthetischen Briefe von Schiller - hast Du sie
gelesen? -, so bedaure ich Dich fr die Pein; sie sind fr eine kindliche Seele
etwas hlzern. Hiervon schweige gegen die Gromutter, sie tut Wunder der Gte in
ihrer Art - und Du sollst sie ehren. Schreibe, wenn es mglich ist, Deine
Empfindungen whrend oder nach der Lektre nieder und schicke mir so etwas,
berhaupt sprich in Deinen Briefen oft mehr ber den ganzen Kreis Deiner
Empfindungen, wie sie nmlich in die Welt hinausstrahlen, als ber ihre
Konzentration.
    Was Du tust, erhalte Deine Seele in reiner jugendlicher Liebe zum Groen und
Schnen. Auch die Sinne wollen die Befriedigung in der Schnheit, sie suchen es
in sich und in dem, was Einflu auf sie bt. Du fhlst Dein Ohr beleidigt durch
eine klanglose rauhe Stimme, die keinen Geist widerhallt, so Dein Auge lenkt ab
von dem, was seinem Schnheitsreiz widerspricht. Oder es forscht nach der
tieferen Schnheit des Geistesadels und der Gte, wenn es mit hlichen Zgen
sich bekannt macht. So ist das unschuldige Auge der strengste, aber auch der
edelste Richter, ja der Knig unter den Sinnen, denn es begnadigt den, der
unverschuldet gegen die Schnheit sndigt, es erhebt und rcht ihn an den
stumpfen Sinnen, die das Tiefe nicht von der Oberflche unterscheiden.
Seelenreinheit im Verkehr mit andern, ohne Vorbedacht, ohne Berechnung, die
allein ist der helle Kristall, durch den das Leben in seiner Ursprnglichkeit
begriffen wird, und die aus sich selbst die ewigen Motive immer wieder erzeugt,
welche eine verwirrte Welt umwlzen und ihre primitive Kraft ihr wieder
verleihen. Verstehst Du mich? - Nur solchen Naturen schlieen sich alle
Lebenstiefen auf, nur sie werden gesund zwischen Lastern, ansteckenden
Krankheiten der verwirrten Zeit hindurchgehen, nur sie werden Heilung
ausstrmen, nur sie werden taube Ohren hrend und blinde Augen sehend machen.
Sei unbekmmert um die Zukunft, es gibt keine; wenn Du in jeder Minute rein und
voll und ohne Langeweile lebst, so gibt es nur eine gegenwrtige Ewigkeit.
    Es wrde mich freuen, wenn Du wolltest Dich mit dem Englischen beschftigen.
Sprachen sind ein groer Gewinn, sie enthalten auer der Verschiedenheit des
Ausdrucks auch noch ein melodisches Genie, und dies erzeugt wieder auch ein
tanzendes Genie im Geist. Und willst Du hinter alle Geheimnisse des Geistes
kommen, so nehme nur Rcksicht auf das Leben, was die Sinne fhren, es spricht
Dir Befhigung und Kraft und Neigung aus. In unserer uern Welt konstruieren
sie eine erhabne Geisteswelt, die reifen mu in ihr und endlich sich selbstndig
zur Welt gebren mu. Das ist unsre Erlsung aus dem Irdischen ins Himmlische. -
So wie der Tanz Dich lebendiger und rascher macht. - Als ob von frischem
Frhlingswind angehaucht die Lebensglut aufflackert und spielend ihre Flamme
hier- und dorthin wirft; so ist's mit dem Geist. Sprachen lernen, ist mit dem
Geist der aufregendsten Tanzmusik folgend, sich behagen in harmonischen
Beugungen und zierlichen kecken labyrinthischen Tnzen, und dies elektrisiert
den Geist, wie die Tanzmusik Deine Sinne elektrisiert. In der Sprache aber
vermhlen sich die Sinne wirklich mit dem Geist, und aus dieser Verbindung
erzeugt sich denn, was die Vlker mit Erstaunen als ihr hchstes Kleinod lieben
und erheben, und wodurch sie sich erhaben fhlen ber andre Vlker, was den
Charakter ausspricht ihrer Nationalitt, nmlich der Dichter. Drum, liebes Kind,
ist's nicht so gemeint, wie die andern es meinen, wenn sie Dich zum Flei
anmahnen, - wenn ich Dich drum bitte; es ist wahrhaftig aus einem tieferen
Grund; aus dem heiligen Grund der Vernunft. Diese Vernunft, die immer ber uns
schwebt, selten den Fu auf die Erde setzt, nach der schaue ich bestndig und
flehe sie an, da sie Deine Muse soll sein. Dir kmmt vielleicht das trocken
vor. Ich hab schon oft Dich zrnen hren ber Vernunft und vernnftig, Du hast
dies Wort bei mir verklagt, da es so wenig Klang als innerlichen Nachklang
habe, und wenn ich Dir auch nachgebe, da der Klang dieses Wortes nichts
Anziehendes habe, was daher rhren mag, weil die Vernunftphilister es in
falschem Gold nachmachen, so erinnere Dich nur, was Du mir noch vor einem halben
Jahr geschrieben, die Pockengruben, die Lavater dem Mirabeau so bs auslegt,
knnen Dich nicht hindern, in die Gruben seines Geistes und Herzens Dich
einzubetten? - Nun so glaube mir, da, wer im Begriff der Vernunft, ein edles
Lager findet, das mit Rosen und Lorbeern und auch mit Myrten Dir bestreut ist.
    Das Miverstndnis der Welt ist der wahre Verleumder, sein Lgennetz
verwickelt alle Hin- und Widerreden, alle sich aus gegenseitiger Opposition
bildenden Meinungen, und wer sich oder seinen Grundstzen unrecht getan fhlt,
tut wieder dem unrecht, den er selbst durch Irritation so weit gebracht hat, da
ihm die Ahnung in der Seele gelscht ist vom Groen und Schnen, und betubt
nicht mehr das Rechte erkennt. -
    Aus Emprung gegen diese Miverstndnisse gegenseitiger Opposition ist die
Revolution entsprungen, und aus Eigensucht derer, die fr die hchste
Liberalitt zu streiten behaupten, wird sie mit ihren schrecklichen Nachwehen,
eine schauerliche Ruine fr die Nachwelt, dastehen. Aber gebessert kann nur das
ganze Weltverhltnis werden durch die heilige Vernunft, la sie Dein Mirabeau
sein, wenn dieser Name Dir besser klingt. Widme ihm Deine Begeistrungen, da er
Dir doch nur aus den Wolken herabpredigen kann, so wird dies leicht mit der
Vernunft bereinstimmen, die auch immer ber allen Projekten der Menschheit
schwebt.
    Verzeih mir, wenn ich Dinge Dir mitzuteilen versuche, die viel reiner in
Deiner Seele wohnen, die ich eigentlich in Dir selber wahrnehme, um sie Dir
auszusprechen. Die Hoffnung auf eine kstliche Ernte macht mich so ungeduldig,
ich sehe alles hervorsprieen und zur Blte sich drngen in Dir, und kann es
kaum erwarten, da es der Wahrheit und Schnheit zugunsten reife.
    Noch einmal fhr ich Dich auf Deine Studien zurck. Ach, wenn Du erst den
Shakespeare englisch lesen kannst, das ist ein halbes Leben wert. Auch zeichne
fort, recht fleiig und mit der Begierde, es zum Selbsterfinden zu bringen. -
Die Zeit, die Du nicht arbeitest, liebe Bettine, mut Du ja doch verlieren.
Keine Minute lohnt Dir in Deiner Umgebung. Ja wohntest Du in der freien Natur
und knntest in Feld und Tal und Wald und Berg herumlaufen, oder knntest Du mit
Menschen sein wie mit Sternen, die ihren Einflu auf groe Charaktere ausbten
und sie zu erhabnen Handlungen reizten. Aber leider haben die Sterne ihren
Einflu verloren, ich wrde Dir dann nicht sagen: Arbeite! denn dann wrde die
Ursprnglichkeit aller hheren Anlagen in Dir wie das Wort im Geist Fleisch
geworden sein. Aber so kann es nicht sein noch werden, weil der Genius nicht
mehr als erste Kraft in uns wirkt und wir uns an die Spekulation verkaufen. Du
mut daher in Deinem Innern Dir einen Schatz sammeln, worin Du Deiner Welt
reines Sonnengold einschmelzest, auf da die lebendige Sonne in Dir selber
aufgehe.
    Ich wollte, mir wre so in meiner Jugend geworden! - Doch keine Klagen! -
Nein, so ist mir's nicht geworden! - Gott hat mich vieles nur im Bedrfnis
kennen gelehrt, damit ich es von Dir fordern knne; und gern vertrauend, da Du
mir sicher folgst und unbefangen trauest, will ich Dir folgende Zeilen aus einem
greren Gedicht nicht vorenthalten, die ich in einer Stunde geschrieben habe,
wo ich recht fest an Dich glaubte und das Leben um Deinetwillen liebte.

Kehret Gedanken doch heimwrts, eilet den Tempel zu ordnen,
Schafft mir im Herzen Gebet, eh es in Sehnsucht mir bricht,
Drei sind ihrer, der Teuern, die weit in der Fremde mir weilen;
Zwei, dem Tode geweiht, gre noch einmal mein Blick,
Da ich friedlich entsage dem, was die Fremde begehrt.
Dann umfasse mich Leben, - denn eine noch weilet, - ich fhle,
Da sie das einzige ist: Leben und Liebe und Zukunft. -
Wie mir's im Herzen, - das hat ihr der Gott in den Busen geschrieben,
Wie in der Seele es mir, schrieb ihr der Gott in das Aug. -
Schweigend spricht sie das Wort, was meine Lippe nicht redet;
Flieh ich, so ist sie die Flucht; ruh ich, so ruht sie in mir.
Suchst du sie? - Dort in den Schatten des Waldes, wo sich das Dunkel
Tiefer Begeisterung lst, stiller der Himmel sich senkt,
Wo an der liebenden Brust, dem Gestade des brausenden Lebens,
Des unendlichen Meeres Woge melodisch sich bricht.
Dort weilt sie, dichtet fromm, was ihr Geister sie lehret,
Begierig, Geheimes zu fassen,
Und euch, ihr Gtter, in mir, schuf nur des Kindes Gebet.
Trsterin! - Freundliche! - Dein Seherauge entsiegelt dem Tode,
Der dich als Leben umgibt, selbst den geschlossenen Blick. -
Alles Bettine! dem liebend dein schaffender Geist sich genhrt,
Was deine segnende Hand, was dein Gedanke berhrt,
Blhet schner ein Freiheit verklrendes Leben.
Bilde in mir deine Welt, du, die den Zweifel nicht kennt,
Die aus dem Busen mir zog den vergifteten Pfeil.
Alles, was der Genius zu bilden mich drngt,
Bilde ich Schwacher es nicht, weilt schon gestaltet in dir.
Schtzend will ich dir folgen, du Leben, das, wo ich zage, mich schtzt;
Das, wo ich welke erblht, gern mir die Jugend ersetzt.
Verwechselt im Herzen, schreitest du khn auf tobender Woge,
Die aufbraust in mir und snftigst sie, da sie heller, melodischer klingt.
In dir weile ich flammend, du gibst die lindernden le,
Und so shnt sich in dir, opfernd den Gttern, der Sturm.

Ach, liebes Kind, wie einzig mcht ich Deine Begriffe und Ahnungen so stark
machen, da sie wirklich endlich zum Kern wrden, zum reinen Gesetz, an dem alle
Verkehrtheit zu scheitern komme. Ach lerne, arbeite, Dich zu bereichern, was es
auch sei, nichts ist unbedeutend, alles nhrt und weckt und erleuchtet. Aus
allem kannst Du weben und flechten einen schattigen Hut, wo die Sonne im Zenit
steht, eine Freiheitsmtze, die Deine hheren Anlagen schtzt. Ach die Welt ist
gro. Es gibt mildere Sonnenhimmel! - Spanien, wo die Orangen Dir in den Scho
rollen, ich mu Dich hinfhren, wo die ganze Natur Dir besttigt, was Du ahnest,
was Du suchst und glaubst, drum lasse Deinen Geist khn jede Stufe erklimmen,
frchte nicht, da er ermde, nein, er kann durch sich selbst nur erstarken, wer
von den Banden der Sklaverei sich will befreien, der mu den Geist im Innern
befreien. Verberge, was ich Dir hier sage. Es gibt Gedanken, die dem Gott im
Menschen allein geweiht sind, und der Geist wird nicht Schpfer werden, der
nicht diese als Geheimnis bewahren kann. Der Geist ist Zauberer, dies ist die
Schpfung, die in sich selbst geheim und heilig ist, eine ewige Tiefe der Freude
und des unergrndlichen Glckes, fern und unantastbar fr die lrmende
vernichtende Oberflche des Lebens.
    Wieder ein Posttag und nichts von Dir! - Wie ist das? - Hindert man Dich? -
Der Buchhndler schreibt mir, er habe Dir den Homer geschickt, hast Du ihn? -
Schreibe und liebe Deinen
                                                                         Clemens

Ach manchmal mcht ich verzweiflen, manchmal ist mir's, als msse dennoch alles
im Rauch aufgehen, was mir so gut und so schn in Dir deucht, als knntest Du
nicht zu Dir selber kommen, um was hab ich Dich alles gebeten? - Du hast mir
versprochen, was mich so glcklich machen knnte. Versprochen hast Du's, aber
wirst Du's auch halten, wo eine lederne Zeit sich Deiner anmaet? - Du knntest
- und doch kannst Du nicht. - Warum nicht? - Frag Dich das! -
    Warum hast Du nicht von Deinen Kinderjahren die Erinnerungen aufgeschrieben?
Du hattest mir's versprochen, Du hattest mir's gelobt. Werd ich nicht auf Dich
zhlen drfen?
                                                                         Clemens


                                   An Clemens

Clemente, Du warst bei der de Gachet und nicht zu Hause im Stbchen, und jetzt
klagst Du ber Deine Einsamkeit, wo Du kaum den Fu auf die Schwelle gesetzt
hast. Und fragst ngstlich, warum ich nicht schreibe. Ei, weil Du nicht da
warst. Weil bis zum 19. November keiner wute, wo Du gewesen bist. Du schreibst
mir endlich den schnen langen Brief, den ich nun schon acht Tage mit mir
herumtrage, jetzt wirst Du denken, warum ich immer noch nicht antworte! was da
dran schuld sein mag? - gar nichts ist schuld, als da Dein Brief mich ganz
betubt hat, und ich hab ihn sehr vielmal gelesen und kann ihn nicht behalten,
der Inhalt ist mir immer noch fremd. Ja, Du warst bei der de Gachet, dort hast
Du an der galvanischen Batterie Dich elektrisch geladen, und nun fhrst Du mit
feurigen Zungen auf mich los. Soll ich denn wirklich schreiben heute? - Oder
soll ich wieder den Posttag versumen? Denk, es liegt meinem Geist, dem Du die
Schpfung einer neuen Welt zumutest, wie Blei in den Gliedern. Ich mocht lieber
nicht schpfen. Die sthetischen Briefe von Schiller? - Freilich hab ich die
nicht gelesen, denn ich kann nicht auf Komma und Punkt Achtung geben. Der
Gromama hab ich wohl draus vorgelesen, aber in Gedanken war ich wo anders, aber
wo, wei ich nicht; aber von der Lektre hab ich nicht profitiert, denn ich wei
nichts davon. Ist es Krankheit, da ich so zerstreut bin? Es ist wohl Schwche
in dem geistreichen Kopf, lieber Clemens, dem Du so hohe Wrden und Krfte
zuschreibst in Deinem Gedicht. Du schreibst aber von mir nicht, nein, gewi
nicht, ich bin kein solcher Einsamkeitskobold, kein solch Wolkengespenst, noch
Schattenri der Erhabenheiten.
    Jetzt wirst Du bse, ich merk's. - Macht es Dich bse, Clemens, da ich so
Dir antworte auf Deinen treusten ernstesten Willen fr mich? Von Spanien! - Ach,
erst hat mir die de Gachet davon gesprochen, wie wir allein waren an jenem
Sonntag, da hab ich ihr recht glcklich widersprochen, worber sie sehr erstaunt
war; und hab gesagt, was denken Sie, da ich hier sollte den Garten verlassen,
der mir so lieb ist, und mein Bruder Franz, der mich so lieb hat, wenn ich so
weit von dem fort wollte, und mein anderer Bruder Dominikus, der mir
Schmetterlinge bringt, wenn sie bald aus der Puppe sich losmachen, die fliegen
dann zu Dutzenden im Garten herum auf den Blumen, und mein Bruder George, der
vornehmste aller Menschen, und mein Bruder Christian, der eine mathematische
Korrespondenz mit mir fhrt, und mein Bruder Anton, der ist ein Phantast, mit
dem dichte ich Fabeln, und mein Bruder Peter liegt in der Familiengruft in der
Karmeliterkirche bei Vater und Mutter und noch drei Schwestern, die gewohnt
sind, da ich sie gre, wenn ich in Frankfurt durch die Mainzer Gasse gehe, wo
die Karmeliterkirche steht. - Sie war verwundert ber dies groe Register
unzerreibarer Vaterlandsbande, sie sprach von einem groen Weltteil, von Oliven
und Orangenwldern, von blauen Fernen, von heiem Mittag und khlen Abendlften,
und da Du mitgehen werdest, und dann knne ich ja immer mit Dir sein, und es
seien so interessante Menschen dort, viel edler von Geist und Gestalt wie
hierzulande. Ich sagte: Ich will aber nicht immer mit dem Clemens sein, sonst
knnten wir einander lstig werden, und mir ist das liebste beim Willkommen, ihm
an den Hals springen und beim Abschied ihn vors Tor begleiten. Vous tes un
enfant, hat sie gesagt, sentez donc combien en voyageant votre me et votre
fantaisie se developeront et puis vous serez avec moi, je vous aimerais, et vous
comprendrez, la vie, le monde, la nature tout autrement. Glaubst Du, das habe
mir keinen Eindruck gemacht? - Gewi hat es mich berwindung gekostet. Ich sah
ihr unter die Augen, pltzlich kam sie mir vor wie ein Seeruber oder sonst eine
edle Spitzbubengattung; sie glaubte schon, sie habe mich gefangen, da kam die
Gromama, ich ri mich los, - und jetzt verfolgt mich's, da sie vielleicht
nicht eine Frau, sondern ein Kriegsheld sein knnte, sie sieht so edel aus zu
Pferd, so frei, sie bekmmert sich gar um nichts, sie lt den Gaul dahin
sausen, nur der Reitknecht war diesmal mit, das Pferd bumte, als sie aufstieg,
sein bermut wiegte sie in den Lften, und fort! - Ich sah ihr durch die alte
kalte Domstrae nach. - Und also, ich bleib hier, und sie reitet nach Spanien,
am rauschenden Strom hin zwischen Felsen durch, der Schwei rinnt ihr vom
Gesicht. Was schadet's? - Immer hoch, immer frei, immer stolz; und ich hier in
der Mansarde zhle die Dachziegel da drben und betrachte dem Sperling sein Nest
unterm Dach, die dort sieht die Adler ber sich wegschweben und kmpft mit dem
Lmmergeier, der die einsame Herde beraubt, und ich laufe mit der Giekanne und
begiee die Bohnen.
    Ach, was kann ich Groes tun? Auf die Pappel klettern beim Gewitter, da es
auf mich losdonnert und blitzt? - Oder im Winter auf den Schneeflchen mich
tummeln; dem Treibeis nachhelfen im Main? -
    Clemente, schreib mir solche Briefe nicht von unmglichen Anlagen in meinem
Geist. Ich mein dann, ob ein Kobold Dich neckt, der Dir das alles weismacht. - O
schreib keine Gedichte, worin Du meinen Namen nennst, es ist, als ob Du in die
einsame Wste hineinrufst, ich lausche selber, ob aus der Tiefe meiner Sinne Dir
etwas antworte. - Nein, - die Sinne werden mde davon, Du rufst sie an zum
Arbeiten, das wollen sie nicht; sie sind eigensinnig. Du willst meine Trgheit
berwinden, mich aufreizen, und vor ungeduldigem Eifer spring ich von einem Buch
zum andern. Ich will nicht mit den Katzen spielen, nein heute nicht, ich will
gewi schreiben - lernen, - nein, es will nicht in mir, es lacht mich inwendig
aus und sagt, du lernst ja doch nichts. Ach, wenn Du wtest, wie ich mich oft
bezwingen mchte, Du wrdest sehen, es ist nicht Mangel an Treue. - Ich kann
mich keiner Beschftigung hingeben. Inwendig ruft es: dorthin, und dort ruft's
wieder hierher, und hier lockt's, da flstert's, und hinter mir und vor mir, und
in den Lften gehen Stimmen durcheinander, die mich reizen.
    Heut hab ich mir vorgenommen, meine Lebensgeschichte zu schreiben. Gleich
hier auf dem Blatt will ich anfangen.
    Es war einmal ein Kind, das hatte viele Geschwister. - Eine Lulu und eine
Meline, die waren jnger, die andern waren alle viel lter. Das Kind hat alle
Geschwister zusammengezhlt, da waren's dreizehn, und der Peter vierzehn und die
Therese und die Marie fnfzehn, sechzehn und dann noch mehr, die hat es aber
nicht gekannt, denn sie waren schon tot; es waren gewi zwanzig Geschwister,
vielleicht waren es gar noch mehr. Der Bruder Peter ist gestorben, wie das Kind
drei Jahr alt war, von dem wei es aber noch sehr viel. Er hatte schwarze Augen,
die ein blendend Feuer von sich strahlten, in die hat das Kind oft sich ganz
verloren vor tiefem Hineinschauen.
    Der Bruder Peter trug das Kind oft auf einen kleinen Turm auf dem Haus, da
ftterte der Peter allerlei Gefieder, Tauben und eine Glucke mit jungen Hhnern,
da sa das Kind mit ihm, da dichtete er ihm Mrchen vor. Das waren Stunden, die
glitzern wunderschn aus der frhsten Kindheit herber. Was fing denn der Peter
noch fr nrrische Dinge mit dem Kind an? - Er war miwachsen und daher sehr
klein, er nahm es am Weihnachtstag mit in die Kirche, das sollte keiner sehen,
er nahm einen groen Brenmuff und hielt ihn vor sich und das Kind, da man
nicht Kopf, nicht Hand sah, nur die vier Beine trappelten immer vorwrts, die
Leute wunderten sich ber das kuriose Rauchwerk, das allein ber die Strae
lief.
    Einmal hatte der liebe Bruder heimlich im Garten etwas gebaut, dann fhrt er
das Kind hinein. Da ist ein kleiner Hgel aufgeworfen, da hebt er einen Stein
auf, da springt auf einmal ein Wasserstrahl empor, ein kleines Weilchen, dann
hrt's wieder auf. Das hast du alles deinem Schwesterchen zu Gefallen getan, o
Bruder Peter! Es liebte dich aber auch sehr. Morgens, wenn es aufwachte,
standest du vor seinem Bettchen, und es lachte mit dir, noch ehe es die Augen
ffnete. Es lernte an deiner Hand die Stiegen erklettern, immer fhrte es sich
an dir. - Da war's einmal schon spt, eben wollte die Sonne untergehen, er stand
an der Wendeltreppe mit dem Kind; die letzten Sonnenstrahlen leuchteten ihm ins
Gesicht, er ward so totenbla, das Kind klammerte sich fest ihm an, la los,
sagte er kaum hrbar und fiel die Treppe hinunter, das Kind hatte aber sein
Kleid festgehalten und war mit heruntergefallen. Da trug man den Peter ins Bett,
das Kind sah den liebenden Bruder nicht wieder. Auf seine Fragen war die
Antwort, der Peter sei begraben; er verstand nicht, was das sei. Noch manchmal
sehnte es sich nach dem Bruder und noch manchmal in einem Eckchen sa es Abends,
wo das Licht nicht bis hin leuchtete, da sah es in der Dmmerung seine dunkeln
Augen es anleuchten, oder war das Einbildung? -
    Der Vater hatte das Kind sehr lieb, vielleicht lieber als die andern
Geschwister, seinem Schmeicheln konnte er nicht widerstehen. Wollte die Mutter
etwas vom Vater verlangen, da schickte sie das Kind, und es solle bitten, da
der Vater Ja sage, dann hat er nie es abgeschlagen. Nachmittags, wenn der Vater
schlief, wo keiner Lrm wagte oder Strung zu machen, das Kind aber lief ins
Zimmer, warf sich auf den schlummernden Vater und wlzte sich bermtig hin und
her, wickelte sich zu ihm in den weiten Schlafrock und schlief ermdet auf
seiner Brust ein. Er lehnte es sanft beiseite und berlie ihm den Platz; er
ward nicht mde der Geduld. Viel Lieblichkeiten erwies er ihm, beim
Spazierenfahren lie er halten auf der Blumenwiese, bis der Strau gro genug
war, das Kind wollte gern alle Blumen brechen, das nahm kein Ende, die Nacht
brach ein, und den Strau, viel zu gro fr seine Hndchen, bewahrte ihm der
Vater.
    Was ging denn noch Schnes vor und webte allerlei Lustiges ihm in den
Lebensteppich. Das belebte Leben auf der Strae! Gegenber im Haus die offne
Halle, in der vom Mai bis in den Herbst die Nachbarn kampierten den ganzen Tag,
da spielten die Kinder mit dem Mops, und der Papagei auf der Stange plauderte
Spitzbub, das wollten wir gern den ganzen Tag hren. Wie glcklich war das Kind
mit dem Schlsselblumenstrau, den die Milchfrau mitbrachte morgens frh. Ach
das Land! - Die Wege hinaus ins Freie! - Die Kinder schiebelten sich lustig den
Wall hinunter ins tiefe Gras. Und das Klapperfeld, wo das Gespenst rumorte im
bsen Haus, und der Herr Brgermeister hatte Wache hinpostiert, zehn Mann von
innen, und von auen auch zehn an die Tre gelehnt, hat das Gespenst in der
Nacht umgeworfen, in der Nacht mit dem Glockenschlag zwlf. Der Doktor Faust
habe da gewohnt ganz im Verborgnen und sei erst jetzt gestorben, seitdem rumort
es. Da erzhlten sich die Leute abends spt noch Wunder vom Doktor Faust, wie er
die Bume konnte blhen machen mitten im Winter und so schnell, da man zusehen
konnte, wie die Blte herauskam. Das Kind schlief nicht, es erlauschte alles in
seinem Bettchen und freute sich der Unmglichkeiten.
    Einmal starb eine vornehme fremde Frau, die in der Stadt krank gelegen hatte
an unheilbarem bel. Sie hatte das Kind oft kommen lassen an ihr Bett und ihm
viele Spielsachen gegeben. Ein langgedehnter Grabgesang hallte durch die
Straen, schwarze Mnner trugen den Sarg. Da wird die vornehme Frau begraben,
hie es, und man erzhlte viel von ihrem schmerzlichen Tod! - Was ist das, Tod?
Begraben! Nicht mehr da! - Das Kind kann's nicht begreifen, da man nicht mehr
da sein knne. Und heute noch kann es nicht glauben ans Nicht mehr sein. - Nein!
Nur wie der Schmetterling aus seinem Sarg hervorbricht, ins Blumenelement, und
nicht sich besinnt, nur taumelt lichttrunken, nur freudig schwrmt, so lsen die
Kranken, die Mden sich ab vom Leib, so steigen sie auf ins reinere
Freiheitsleben, das ist alles, was den Sinnen nicht sichtbar war. Wie die Raupe
sich veredelnd umwandelt, so kann's der Mensch auch. - Htte es doch wieder
vergessen knnen, was das heit, von der Erde scheiden! - Der nchste Frhling,
vom Tod an der Hand gefhrt, kommt und geleitet ihm die schnste Mutter ins
Grab. Da ist Zerstrung im Haus, die Freunde! - Und viele dankbare Trnen
flieen. Der Vater kann's nicht ertragen, wohin er sich wendet, mu er die Hnde
ringen, alles scheuet seinen Schmerz. - Die Geschwister fliehen vor ihm, wo er
eintritt, das Kind bleibt, es hlt ihn bei der Hand fest, und er lt sich von
ihm fhren. Im dunklen Zimmer, von den Straenlaternen ein wenig erhellt, wo er
laut jammert vor dem Bilde der Mutter, da hngt es sich an seinen Hals und hlt
ihm die Hnde vor den Mund, er soll nicht so laut, so jammervoll klagen! -
Gesegnetes Haupt, das an seiner seufzenden Brust lag und von seinen Trnen
berstrmt ihm Linderung gab. - Werde doch auch so gut wie Deine Mutter, sagte
in gebrochnem Deutsch der italienische Vater. -
    Ach, lieber Clemens, heute kann ich nicht mehr von der Kindheitsgeschichte
schreiben. Und es ist ja auch gar nichts, was ich da aufgeschrieben hab, und
doch bin ich erschttert und mu um die Toten weinen. Mein Licht geht gleich
aus, es ist so kalt im Zimmer, jetzt spr ich erst, da ich mit bloen Fen die
ganze Zeit am Schreibtisch sitze. Wenn ich wieder schreibe, will ich fortfahren
vom Kloster zu erzhlen, wo wir bald nach dem Tod der Mutter hingebracht wurden.
Adieu Clemens, wenn wir nach Frankfurt kommen, geh ich gleich in die
Karmeliterkirche und sehe, wie es da ist, ich hab Eltern und Geschwister so
lange nicht besucht, wenn sie's fhlten, wenn sie sich wunderten, da ihr Kind
sie versumt.
                                                                   Deine Bettine


                                 Liebe Bettine!

Ich habe Deinen Brief mit vieler Rhrung gelesen, sei versichert, da ich bald
umstndlich schreibe, heute ist keine Zeit, ich fge Dir einen Brief bei, den
ich von Franz erhielt. Glaube, da ich mich in gewisser Hinsicht unendlich ber
seine Treue gefreut habe. Was er von Dir schreibt, ist ganz meine Meinung, nur
da alles, was wir beide allein unter uns und voneinander wissen, dadurch so
berwiegend bleibe, als es wahr ist. Was Franz schreibt, ist so ehrlich gemeint
und so wahr, als Du wohl weit, da es sich von selbst versteht, den Brief
erhltst Du als Beweis meines unbegrenzten Zutrauens, und da ich Dir nichts
verhehle, die hintere Seite des Briefs schneide ab fr die Meline nebst den
Abbildungen der Zirkassierinnen aus Oberhessen. -
    Was Franz von unbekannten Lndern schreibt, heit nichts, als da er selbst
keine Lust zu reisen hat, fhlte er sich in Dich hinein, seine Gte und Liebe,
die immer nur fr andre sorgt, wrde gewi sich selber Aufopferungen zumuten, um
Dich zu befriedigen, und fhl ich Dich recht heraus, so glhst Du eigentlich vor
Sehnsucht, mit der de Gachet in das fremde Land zu ziehen, und das verdient dies
gttliche Weib. - Ja, ich war bei ihr, wenig Tage war ich mit ihr zusammen bei
meinem Freund Ritter, der doch gar zu gut ist, mir himmlische Briefe schreibt
ber Dich, die er liebt durch mich. Ich kann Dir nicht aussprechen, wie
notwendig mir es ist, manchmal ber Dich zu sprechen, ich tu es aber mit solchen
Menschen nur, die viel grer sind und besser als ich. Und Ritter, der
liebenswrdigste, der, wie Moses mit seinem Stab an den harten Fels der
Wissenschaft schlgt, aus dem die reine kristallhelle Quelle der Weisheit
hervorsprudelt, und wer es wagt, seinen Becher dran zu fllen, der wird von der
Gre dieses unsterblichen Menschen durchdrungen. Mit Schlegel war ich auch,
aber mit ihm hab ich nie von Dir gesprochen; er ist gro und sehr bedeutend in
der Literatur, und Du mut ihn auch einmal sehen, aber ihm kann man nicht sagen,
was das Innere beschftigt, mit ihm kann man nur Witz und bermut treiben, und
doch kommt man dabei meist zu kurz, weil er Scharfsinn der Kritik und Satire nie
versteht, sobald es auf ihn geht. -
    Ach, was brauchst Du zu lernen, wenn Du so lieb bist beim Nichtlernen. Mag
es gehen, wie es will, das Bessre und Hhere wird doch Dich all durchstrmen und
wird sich lutern in Deinem unberhrten Wahrheitssinn. So bin ich auch unendlich
erquickt von der Beschreibung Deiner Kinderjahre, liebes Kind, wollt ich auch
Dir beteuern, sie seien unendlich schn und der tiefste Dichtersinn blicke da
heraus, Du wrdest es nicht glauben. Du glaubst in solchen Dingen mir nie. Aber
wenn Du nur Dir die einzige Frage tun wolltest, warum Du grade so schreibst und
nicht mit andern Wendungen und Reflexionen; so wirst Du Dir anworten mssen, da
es so in Deiner Seele geschrieben steht, und weil Du dem nicht untreu sein
magst, nicht ihm untreu sein kannst, so sprichst und denkst Du so, wie Du
denkst. - Also leugnest Du schon nicht, da Dein Denken und Sprechen der reinste
Abdruck Deiner Seele ist, wenn aber ein Maler ein Bild machte, in dem er den
reinsten Abdruck der Natur wiedergbe, wrde das nicht ein unvergleichliches
Bild sein? - Eine Mutter verloren im Anschauen des Kindes und die von allem, was
sonst noch um sie hervorgeht, nichts wei, wrde das nicht ein ewiges Bild sein?
- Ein Mdchen wie Du so alt, in der Dmmerung sitzend unter einem Bltenbaum,
und ein Knabe wie ich, so wie wir beide beieinander saen am Weg, das grne Feld
hinter uns und der ferne Flu und die Schafherde, die an uns vorberzog, die
eine Staubwolke machte, was die Abendrte ein wenig verdeckte, weit Du's noch?
    Du sagtest, es sei malerisch, warum denn aber? - Es waren ja doch nur lauter
einfache Gegenstnde, keiner wrde darauf gemerkt haben, der vorberging, noch
weniger wrden Leute expre hingegangen sein, um sich dran zu erbauen; aber doch
ist viel Lrm um nichts in der Welt, aber deswegen wird dies Nichts doch nicht
etwas. Deine Erzhlung aber ist etwas und doch nicht mehr als jene Abendszene,
die Du malerisch fandst. Drum schreibe ruhig fort und mit Piett, das heit
verwirf nicht, was Du schreibst, beglcke mich damit. Wenn es das ewige Leben
und Weben der Natur ist, so einfache Szenen zu bilden, so wolle es nicht besser
machen knnen. Die Natur ist die grere, die edlere Bildnerin, und weil Du ihr
nachgesprochen hast, so hat Deine Erzhlung Stil, sie deckt nmlich den Ausdruck
des Begriffs und der Empfindung vollkommen. Leb wohl und schreib weiter, ich
warte mit Sehnsucht darauf. -
                                                                    Dein Clemens


                                   An Clemens

Lieber Clemens! Am Neujahrstag haben wir unser Ballett aufgefhrt, es ist holter
die polter durcheinander gangen, es ist alles verkehrt gangen. Mein Neunzehner
war ein Ritter, dem nichts haften wollte, wir muten mehrere Proben halten im
Kostme, bald fiel ihm der Panzer, bald die Schienen ab; und endlich am Tag der
Auffhrung war eine groe Not, alles rennte durcheinander, einer rief nach
Schminke, der andre nach Strumpfbndern, der dritte hatte den Zwickelbart
verloren, wir Mdchen zogen uns aus dem Gedrng zurck auf die Tische und
Kanapees - und da warteten wir ruhig, bis die Flut sich gelegt hatte und die
Ebbe eintrat, wo wir alle an Blumengirlanden geschnrt von unserm Ballettmeister
hinbergeleitet wurden, dem der Schwei von der Stirne rann, bis er uns in
Ordnung hatte. Der Vorhang wurde hinweggezogen, und wir tanzten vor alten
Hofmasken und Percken einen trefflichen mimischen Tanz, der allerlei bedeuten
sollte, es ging passabel, bis wo wir einen Ringeltanz um das Ysenburgische
Wappen tanzten, an das wir unsre Krnze aufhngen sollten; mein Neunzehner fiel
und ri mit seinem Kranz das Wappen herunter, das fiel auf ihn, und alle Krnze
flogen im Saal herum. Ich richtete geschwind das Wappen wieder auf, damit es
nicht sollte fr ein bs Omen ausgelegt werden. Dann tanzten wir nach den
Krnzen, als htt es nur so sein mssen, und teilten diese den Herrschaften aus;
dies Impromptu ging besser als das eingebte. Die Damen traten vor den Spiegel
und probierten sie auf, und mancher stand der Kranz recht schn. - Unterdessen
verwandelten wir uns in Bauern, das ging auch sehr geschwind, wir Mdchen
schrzten die Rcke hoch, zogen die Hemdrmel hervor und einen Brustlatz vor,
ebenso schnell hatten die Ritter sich verwandelt, die als Bauern schon im
Pappendeckelpanzer staken. Blumen, Bnder, Frchte, Obst in Krbchen standen
schon bereit. Eh man drei zhlen konnte, waren wir in Ordnung aufmarschiert, ein
Erntezug, vorauf die Musikanten und Fahnen der Landleute, alles mit Silber und
Goldpapier dekoriert, ein junger Mensch Bkes fhrte die Dorfmusikanten, er
spielte auf dem Haberrohr, er hatte schon so viel Witze gemacht, er schnitt so
nrrische Gesichter, da ich kaum konnte meine Verse deklamieren, da stolperte
der Neunzehner hinter mir, und lt seinen Korb mit pfeln ber mich hinaus
rollen, es erschallte ein gro Lachen, kein Mensch denkt mehr an die Verse von
Chateaubour. Der Dichter, der sich so viel Hoffnung gemacht hatte, quel effet
que cela fera. - Die schnen zirkelrunden Borsdorfer waren bestimmt gewesen, in
einem Akt in unserm Bauerntanz, nach der Rede, in der ich unterbrochen ward, zu
figurieren. Wir sollten im Tanz einander gegenberzustehen kommen und nach der
Musik mit diesen pfeln ein Ballspiel auffhren. Und dies hatten wir nun
wochenlang eingebt, so sicher wie die besten Bombardiere. - Sollte nun dies
beste Kunststck durchfallen? - Wir rafften schnell die pfel auf und stellten
uns in Ordnung auf. Die Rohrpfeife wollte nun die Zwischenmusik berspringen und
die Musik zum Ballspiel einleiten oder aufpfeifen. Aber die Geigen verstanden
das nicht und kamen ihm nicht nach, sie blieben auf dem alten Satz; es gab ein
Charivari. Die jungen prinzlichen und grflichen Herrschaften, die dies Spiel
nicht zum Ballett gehrig glaubten, hatten sich drein gemischt und warfen mit
pfeln um sich her, mancher mag da getroffen worden sein, der nicht gemeint war.
Doch es fing an menschlich zu werden unter ihnen, sie probierten ihre Krnze
auf, wie sie nach ihrer Meinung ihnen recht gut standen, so ging man bekrnzt
herum und, als ob dadurch die Klausur der Etikette aufgehoben sei, lief alles
untereinander, stie sich mit den Ellenbogen und stolperte ohne weitere
Entschuldigungen. Bkes mit seiner Pansflte fhrte einen Satirtanz auf aus
eignem Ingenium und spielte selbst dazu auf, er endigte dies Impromptu mit einer
Ode von Ovid, die er langsam und deutlich mit allen mglichen Modulationen, bald
mit Donnerstimme, bald mit sanftem Flstern deklamierte und dazwischen mit der
Pansflte Intermezzos spielte. - Er wurde bewundert. Mehrere, die sich als
Lateiner wollten zeigen, gaben ihm das beste Lob, was er mit groem Plsier
anhrte, weil er allerlei lateinisches sinnloses Zeug zusammengewrfelt hatte,
was ganz ohne allen Zusammenhang war gewesen.
    Gestern, lieber Clemens, hab ich bis hierher geschrieben, vielleicht
langweilt Dich's, es ist aber gleich aus, die bekrnzten Herrschaften setzten
sich zur Tafel, sogar die alte Prinze Rothenburg hatte einen Kranz von
Wacholder mit Perlen durchflochten auf ihre altmodische Blondencoiffre gesetzt,
die dadurch sehr verschnert ward. Tannen, Myrte, Orangen, Oleander und Lorbeer
krnzten manchen alten Kopf, dessen groe Hakennase unter dem Kranzschatten sich
sehr vorteilhaft ausnahm. Die Musik dauerte whrend dem Essen fort, das Ballett
auffhrende Personal tanzte dazu auf eigne Faust allerlei groteske Sprnge. Alle
Augenblicke wurde Tusch geblasen; wozu wir im Hintergrund das Vivat verstrkten.
Um Mitternacht war gegenseitiges Umarmen, dazu tanzten wir die Ronde, alle an
einem blauseidenen Band uns haltend, auf dem Verse gedruckt waren auf alle hohe
Personen. Im Tanz machten wir Halt und schrzten das Band mit dem Vers ber den,
an den es gerichtet war, so bekam jeder seinen Vers zu lesen. Nun kam eine groe
Pastete, der Deckel wurde abgehoben, da sprang ein kleines Hndchen heraus, aber
ganz klein, der Herzog hatte es, ich wei nicht woher, aus dem sdlichen
Frankreich verschreiben lassen, zum Neujahrsgeschenk fr die Frstin von
Ysenburg. Dies Plsier war ganz apart, kaum besann es sich ein wenig, so bellte
es die ganze Gesellschaft an, noch zwei andre kleine Hunde wurden herbeigeholt,
um Bekanntschaft zu machen, die waren aber nicht so klein. Das Gebell der drei
kleinen Hndchen bertnte alles und vermittelte die gegenseitigen Redensarten
und Glckwnschungen. Das Lob dieses Festes lutet wie ein wohltnend
Glockenspiel hier in der ganzen Umgegend unsern Ruhm aus, man will es noch
einmal wiederholt haben. Einmal ist keinmal, aber noch einmal, das ist zuviel.
    Liebster Clemens, noch Lebensgeschichte kann ich gar heut nicht mehr
schreiben. Du lobst mir alles, aber um so mehr drckt das mich nieder, diesem
Lob zu entsprechen, Du willst mir Lust machen, den gewhnlichen Acker meines
Lebens umzupflgen, jede harte Scholle zu zereggen; nein Clemens, wenn Du die
weien Wnde meines Studierkabinetts, das heit meines Kopfes anshest und
nichts drin fndest als Spinnweb, wie wolltest Du Zins von dieser Armut fordern!
- Ich kann doch nicht auf jede Seite schreiben, da die Leute mir ganz nrrisch
vorkommen, und sonst begegnet mir nichts jeden Tag, und ist mir von Jugend auf
nichts begegnet als der groe Gedanke wiederhallend von Stufe zu Stufe meines
Ingeniums: Alles, was begonnen wird in der Welt, sei nrrisch. Dabei komme ich
mir eben auch nicht anders vor, eben weil kein Bestand in mir ist, weil ich von
so manchem ein profundes Gefhl habe und dennoch ein Spielball der Zerstreuung
bin, die ganz gehaltlos ist, das fhl ich, das qult mich, davon mcht ich
gesunden und wei nicht wie. Wenn Du aber nun wieder kommst und sagst, es stecke
alles in mir und ich knne Wunder verrichten, und ich fhle mich aber behaftet
mit allen Verrichtungsfehlern, und nur da sie keinen Schaden machen, weil
nichts an mir verloren ist. Du wirst Dich kreuzigen! - Ich kann aber nicht
anders, als da ich bekenne, worber ich lange mit Zweiflen gerungen habe, da
nmlich - alles nichts aus mir werden blo Snde Deiner nrrischen Einbildung
ist, da etwas Groes in mir stecke. - Eine Zeitlang hab ich Dir geglaubt, wenn
Du mir als manchmal mit so vieler Liebe davon sprachst, ich solle meine bessre
Natur, meine Vorzge vor den Augen der Welt verbergen, ich war des besten
Willens; aber, da ich nun diese Vorzge wirklich gut zu verpacken gedachte,
siehe da fand ich gar nicht, was ich allenfalls zu verschweigen oder zu
verbergen habe. In Talenten komm ich nicht vorwrts, ich kann unmglich meine
elenden Versuche in der Kunst hochschtzen, eine Flora hab ich in Rtel
gezeichnet, ich hab sie auch gleich darauf in Papierstreifen zerschnitten, um
die Wachslichte mit fest zu machen. Meine musikalischen Versuche? - Ich hatte
ziemliche Freude am Generalba, da hat sich mein Lehrer, der Herr Preiing, zum
Fenster hinausgestrzt. Ich mag ja an Musik nicht mehr denken. - Und nun kommst
Du mit meiner Lebensbeschreibung auf rechter Heide, man knnte die Grashlmchen
zhlen, die da wachsen. - Das einzige, was mich intressiert, sind die
franzsischen Miszellen ber Revolutionsbewegungen, so menschlich, so
verstndlich, ein Kind mu ihre Naturgemheit empfinden. Ich hab mir die
Aufgabe gemacht, in meinen franzsischen Arbeiten sie zum Thema zu nehmen, ich
bin zufrieden, da ich vorwrts komme auf einem Feld, wo alles auf festen tiefen
Begriff ankommt, wo das Echte, das Gttliche blo ein vernnftiger Schlu ist,
wo ich glaube, weil die Glaubensartikel seelenerziehende Argumente sind.
    Wo aber die Sndenregister wie eine elende Hhnerleiter an die Himmelspforte
angelehnt sind, da mag ich keinen Versuch machen, mich zu bilden, mich zu
bessern, soll ich da von Stufe zu Stufe hpfen wie ein Hhnchen, damit es auf
die Stange zu sitzen komme neben den Hahn? - Nein! Auf mein Seel in einem Flug.
ber die Sndenregister hinaus wie die Verheiungen der Himmlischen. Sind die
Seligen selig geworden, so lasse sie mit ihresgleichen, schmeichle nicht wie ein
Schmarotzer um sie herum, da Du auch gern wllest vom Himmelsbrot essen. Ich
aber sag mir, kannst Du nicht lernen entbehren? Grad das, wonach alle verlangen?
- Kannst Du nicht lieber wollen, da die andern selig werden, die so sehnlich
darum bitten und seufzen, da Du doch gar nicht danach seufzen kannst? - Dies
Seufzen, Flehen und Ringen nach Seligwerden macht mich mitleidsvoll, htt ich,
was sie fordern, ich gb's ohne Bedingung! Aber wer kann's haben? - Wer kann den
Anstrich des Himmels dem Unsinn geben, in den hinein allen so sehr verlangt. -
Wer kann das machen, da Unsinn immerdar ein Quell erneuerter Freuden sei? -
Gott nicht, denn sonst wrde er gewi nicht anstehen, den Seligkeitverlangenden
die Himmelstore weit aufzusperren und wie die alten Nnnchen in Fritzlar uns
immer die himmlischen Freuden gleich einem Tanzboden beschrieben, nur viel
schner als sie es beschreiben knnten, so wrde er die Musikanten drauf
losschmettern lassen und erquickende Himmelsspeise in Flle lassen herabregnen.
Ach, er knnte froh sein, wenn noch Menschen wren, die solchen Genssen mchten
sich hingeben. - Eine unschuldvolle Energie der Unersttlichkeit, ist die
mglich? - Ich war immer schon satt von der Beschreibung des Himmels. Ein
unaufhrlich Preisen und Lobsingen - damit fing's an. Ich sang auch gern, aber
nicht Kirchenlieder; ich sang, um mein jubelnd Herz auszustrmen, das zum Tanz
geneigt war, von einem innern Lebenstakt frisch bewegt, meine Entschlsse waren
rasch und sind es noch, da heit, ich entschliee mich. - Zu was? - Ei davon
ist gar nicht die Rede! Der Entschlu! Ein freudiges Durchrauschen aller
Lebensadern! - Ein freies Auftreten auf den gottgeschaffnen Boden der Erde,
berallhin blitzen meine klugen Augen und jagen die Nachtvgel aus ihrem
Versteck. Was sind Dinge, zu denen wir uns einen Entschlu erkmmern, im
heimlichen Rat unsicherer Begriffe, feiger Moral, verschrobner Lebensansichten
und noch gar heimlicher Schwchen und eigenschtiger Begierden hin-und
hergeworfen. Ein solcher Entschlu? Wo blieb die Energie, ihn zu tragen? - Nein!
Entschlu - tief in mich hinein fhl ich: - er ist der Mut, frei zu schweben
ber aller Gemeinheit. - Dinge, zu denen wir uns entschlieen mssen, die sind
nicht. Wir schauen den einzigen Gott an in uns; er durchfhrt elektrisch uns die
Glieder; das ist Entschlu. Verstehen wir uns, lieber Clemens? - Mein alter
Magnetiseur wrde das verstanden haben, es sind seine Antworten auf meine
Fragen, es sind aber freilich keine Antworten auf Deine Forderungen an mich, -
ich wei, was Du mit Recht mir vorwirfst! - Und doch knne ich keinen Willen
mir erkmpfen, ruhig und einfach die Entwickelung meiner Talente zu betreiben.
Ach ich wei ja, da ich mich schmen mu, jeder blaue Berg wirft mir das vor,
er sagt: Ich stehe reiner und edler da als Du! - Mich befllt auch oft eine
tiefe Melancholie ber mein Nichts. - Was kann ich dafr? - Die Snden der Welt
haben auch mir den Boden abgegraben. Was ist das, wenn die frische kraftvolle
Erde, die den Baum nhrt, ihm geraubt wird, und er soll zwischen kalten Steinen
Nahrung hinaufsaugen in den Gipfel! - Ach, der Bach selbst mu traurig
hinsickern ber seine entblten Wurzeln. - So viel Lebensansicht hab ich mir
erworben in diesen Verhandlungen ber Freiheit und Lebensrechte, da ich wei,
da dies die Snde ist der Welt, fr die ist der Gott gestorben, das glaub ich,
das wei ich, aber soll er auferstehen, so mu diese Snde getilgt sein durch
seine Auferstehung.
    Ich frchte mich vor Dir das auszusprechen, doch ist's die Mitte meines
Denkens. Die unverstndlichen Aufstze von mir, die Du mit soviel Neugierde
studiertest, sie sind Funken und glhende Asche von diesem Herd, dessen Flamme
manchmal hell aufleuchtet; ein ewiges Menschwerden des Geistes durchbricht alles
sinnliche Bedrfnis und wirft es nieder und steht aufrecht ber ihm, und ja, das
ist's, was ich Entschlu nenne, zu sein und zu werden, ob ich's verstehe oder
nicht. Rechenschaft geben? - Warum? Die Geistesauferstehung selbst ist
Rechenschaft allem Unsinn, der aber sie verwirft. La den Geist werden und seine
groen Zauberkrfte werden ber dieses Fordern nach Rechenschaft ber
Hllenbrodem und Fegefeuer sanft hinberwallen, und Satzung und Glaubensartikel,
sie reichen nicht an seine Region, und wenn sie auch noch so groe Staubwolken
aufregen unter den Menschen.
    Ich wollte Dir ja vom Kloster schreiben, ich wollte Dich berraschen mit der
Erzhlung dieser einfrmigen Tage, wo viel trumerische Knspchen auf feinen
Stielchen rankten! - Aber da lass' ich mich berraschen vom Schauder ber das
Gewhnliche, was die ganze Welt zum Narrenhaus umwandelt. O, Ihr Bienen alle,
die Ihr mich umsummt habt im Klostergarten. Ihr Nelken- und Lavendelbeete, die
Ihr mich gedeckt habt mit Euern Dften.
    Ach, es ist Winter in mir, und der Schnee der Weisheit deckt die Erde. O
Erde, la den Frhling wieder treiben, halte den Atem nicht lnger an, hauch
deinen sen Duft aus, er gengt mir statt Paradiesesfreuden. Willst Du deine
Grser herauslassen und deinen Bchen freien Lauf, Erde, dann kss' ich dich und
schenke dir meine Seele.
    Das heit, das Unterhandlen mit dem Himmel bin ich ganz mde. Das heit
wieder: alles ist zwar in Richtigkeit und an der Tafel angekreidet. Ach km nur
einer und lschte mit dem Schwamm das ganze Fazit aus, dann wr noch Hoffnung,
da die Natur im Menschen wieder aufwachte.
                                                         Deine Schwester Bettine


                                  Liebes Kind!

Ich fhle mich in eine ganz wunderliche Lage hineingeschoben durch Deine
ausgreifenden und wieder tief im Lebensschacht herumwhlenden Mitteilungen. Oft
ist mir, als stehe ich auf einem vulkanischen Boden, wo die verwitterte Lava von
der schaffenden Natur ppig begrnt hervorbricht in Flammen und verzehrt es
wieder. Und hier und da liegen Brandsttten unter dem ewig blauen Himmel. Was
ntzt mein guter Wille, meine Stimme, mein Wort. Wie knnte das diesen Boden
erschttern, in dem ein innerliches Wirken verborgne Wege schleicht und dann
jeder Gewalt unerreichbar pltzlich das begonnene Gepflegte zerstrend
aufflammt. - Weit Du, was Du sprichst? - Nein! Denn ich kann Dir den Mut nicht
zutrauen, Dich Nationen und Jahrtausenden gegenberzustellen und denen Hohn zu
sprechen. Das tust Du aber, blind wie Du bist, springst Du ber Abgrnde, und
immer glcklich fhlst Du den Boden unter Deinen Fen. Man sagt, der Blitz
erschlage keinen Schlafenden, drum soll man whrend dem Gewitter keinen
Schlafenden stren. Ich frage mich, ob Du schlfst, ob Du trumst, und dann mein
ich, das Gewitter bist Du selber; es rollen Ideen donnernd in Deinem Geist, die
aneinander zerschmettern; und vor meinen Augen sinkt in die tiefste Spalte, die
pltzlich ghnt, was eben noch meine Hoffnung war, was ich mit demselben sen
Willen htete, wie Du Deine Blumen und Kruter. Deine unverstndlichen Aufstze,
wie Du sagst, seien die glhende sinkende Asche und ausfahrenden Funken von dem
Herd, auf dem der erwachende Geist sich seiner Unverstndlichkeit entbindet.
Einmal will ich mich vor Dir aussprechen darber, sollte ich mich irren, so sage
mir es. Ich war bis jetzt noch immer so sehr der einzige Gesichtspunkt, nach dem
Du mit inniger Begierde hinsahst, in dem das meiste um Dich her nicht das war,
was den Geist auf eine wrdige Art fesseln kann. Deine Aufstze, teilweise auch
Deine Briefe, stellen daher oft mehr Selbstgesprche vor, oder eine Art Gebete,
in denen der Gedanke sich selbst lieben und wrdigen lehrt und in einer
sehnsuchtsvollen Andacht verweilt. Diese Andacht ist von allen Gesichtspunkten
heilig und unverletzlich, da sie allein das Erwachen eines trefflichen Menschen
verkndigen kann; sie liegt ber der Bildung wie alle Gottesverehrung als die
erste Poesie des Menschen; sie ist die Morgenrte vor dem geschftigen Tag, der
Frhling und das Kindliche in dem Fortschreiten jeder Art von Leben berhaupt;
so schienen Deine Briefe und Ergieungen bisher mir auch nur die erste schne
reflektierende Bewegung Deines Erwachens in der lieben Welt, und Dein Gefhl,
Deine Rhrung und Dein Gott sind eins und dasselbe darin; ein Morgengebet eines
an sich frommen Menschen, den man nicht grade dazu angehalten hat. Wolltest Du
meinen, in Deinen Briefen sprche blo Deine Liebe, Dein antwortender Geist zu
mir, so tuschest Du Dich, sie sind Deine Liebe zu allem, so wie es Dein
reflektierender Geist ber alles und in allem ist, den Du mir anvertraust; Du
kannst nicht zweiflen, da sie mir daher das hchste lebendige Interesse
umfassen, und da Deine Geistesanlagen mir ebenso heilig sind, als es mir
rhrend ist, da Du sie mir anvertraust; warum ich also wnschte, da Du die
Kette dieser reizenden Lebensaufregungen nicht unterbrechen mgest, das erweist
sich von selbst, da es aber ebenso unmglich als unnatrlich sein wrde, ewig
oder sehr oft in dieser Rhrung zu verweilen, ja am End komisch und dann gar
schndlich werden knnte. Es gibt solche Epochen in der Geschichte, wo dasselbe
im groen geschah. Diese Epochen bildeten ihre Krankheitsstoffe aus, als die
Andacht nicht mehr im einzelnen Menschen vor dem Verstand sicher war und daher
allgemeine Religionen hervorkamen, dann als gar keine Andacht mehr da war und
eine Menge Religionszeremonien ihre Stelle vertraten, das war komisch, und da
die Religion als Mittel zu schlechteren Zwecken gebraucht ward, das war
schndlich, denn sie ist die Krone alles Lebens und die einzige Ruhe in uns, die
jede einzelne Bildung krnt, und indem sie ber alles Ungebildete blo Zufllige
erhebt, dieselbe dem ganzen Dasein, Gott und uns zugesellt. Diese Andacht also,
die Liebe, die Du in Deinen frheren Aufstzen aussprichst, oder auch Deine
Sehnsucht berhaupt, zu bilden und gebildet zu werden, kann nur wie der Morgen
jeden Tag einmal und wie der Frhling jedes Jahr einmal und wie die erste
kindische Poesie jeder Vlkerbildung in dem Volke nur einmal erscheinen und so
ins Unendliche in diesem Zirkel rckwrts und vorwrts in engeren und weiteren
Kreisen, und es wre daher komisch oder schndlich, Dich dazu zu zwingen oder zu
verstellen, das erste wr komisch und das zweite schndlich. Du schreibst also
blo, wenn ich Dich durch einen Brief, der Dich an das Bessere erinnert, in
Deinem Geist aufrhre. - Aber kennte ich Dich nicht besser, mte ich dann nicht
glauben, Du lieest es bei dieser bloen Andacht bewenden, und auf das gerhrte
Gefhl des Erweckten in Dir folge keine Arbeit, kein Streben? Beinah willst Du
mir's weismachen! - Darum hab ich Dich aufgefordert, Gedanken, Geschichten,
Begebenheiten, Fragen, Meinungen usw. niederzuschreiben, damit Du mir ohne
Anstrengung schreiben knnest und Dich nicht dazu erst zu stimmen brauchst, es
war mein Wunsch, denn ich selbst lerne durch Dich mich aussprechen. Wie schn
sind Deine letzten Briefe davon erfllt, wie wahr und warm Deine Reminiszenzen
aus den Kinderjahren, wie tief Dein Gedchtnis noch aus Deinem ersten und
zweiten Lebensjahr. Liebste Bettine, bedenk Dich doch, da solche Eigenschaften
von der Natur als kstlichstes Lebensgeschenk in die Seele geprgt sind, da es
feinste Organisation des Geisteslebens ist, so schreiben zu knnen. Vielleicht
sag ich manches in meinen Briefen, was Dich strt, la es ungesagt sein.
berhaupt nhre das Vertrauen, denk, Du sprichst auf der Hhe auf freien Bergen
oder im tiefen Wald, wo nur die Natur Dich auffordert zum Sprechen, nicht der
verblendete Mensch, der vielleicht eigensinnig. Oft erschreckt es mich, und es
kommt mir vor, als wr Dein Gefhl und Dein durch dies Gefhl gebildeter khner
Wille lange wie eingesperrt gewesen und brche nun so stolz und unbndig hervor,
so berhrte mich eben ein groer Teil Deines letzten Briefes; ich habe mich
gefragt, ob ich durch uerungen Deinen eigentmlichen Wendungen in den Weg
getreten sei, und beinah glaube ich's, denn auch in diesem Augenblick fhle ich,
wir stimmen nicht ineinander.
    Ich wollte Dir noch mehr schreiben, aber eben erhalte ich einen Brief von
Leonhardi, er habe Dich zweimal gesehen, und wenn die Zeit schner werde, wolle
er fter nach Offenbach kommen; ich finde das nicht weiter sehr wnschenswert,
weil unbedeutende Menschen oft einen Einflu haben, eben weil sie das Bedeutende
aufheben, ich habe jedoch nichts weiter zu erinnern als dem Leonhardi doch nur
hchstens scherzend zu begegnen, auf andern Wegen wrdest Du ins Philistertum
geraten, denn er ist ein hypochondrischer Mensch, der sich leicht einbilden
kann, er sei dies oder jenes und msse Dich wrmen oder schtzen oder Dir
Weltansichten erffnen, ein solches Pfuscherwesen lasse Dir nicht in den Weg
treten. Er hat Bcher und kann Dir die geben, die ich will. Sei stolz und lasse
Deine Einsamkeit Dich nicht verfhren, Deine Zeit an Menschen zu verlieren, von
denen Du nichts gewinnst.
                                                                    Dein Clemens

Du sollst einem meiner Freunde, der dich bittet, den ich und viele fr den
einfachsten, genialischsten Menschen seiner Zeit halten, ein kleines Geschenk
machen, sticke, nhe irgend etwas; es ist Ritter, der Naturphilosoph, der Freund
der Gachet, denke was Hbsches aus, sage niemand, fr wen.



                                 Liebe Bettine!


Du schreibst mir nicht, dies martervolle Schweigen ertrage ich nun sechs Wochen.
Dein letzter Brief erregte mir Zweifel, die mich ungeduldig auf den folgenden
machten, ich schrieb Dir in einer ganz entgegengesetzten Empfindung, wollte Dir
sagen, da die Basis alles sittlichen Gefhls nicht Stimmung, sondern Wahrheit
sei, da die Wahrheit wieder nur echte Religion sein knne, da aus dieser kein
lgenhafter, sondern ein ganz echter Bildungstrieb nur hervorgehe, der in jeder
Handlung, in jeder uerung den ganz reinen Menschen darstelle; da eben nur
dieser Mensch allein wirkungsfhig sei, das wollte ich Dir sagen, ich wollte Dir
aber nichts sagen, was Mitrauen gegen Dich beweise; was ist das nun, da Du
schweigst? Ach wolltest Du mir doch nur einige Hilfe leisten, so wrde mir das
eine Erholung sein, woran ich jetzt verzweifle, nmlich den Wegen nachzuspren,
die sich Deinem hheren Interesse anfgen. Deine Briefe sind ja doch keine
Kunstarbeit? - Oder kannst Du sie nur in gewissen Stimmungen hervorbringen? Da
doch so vieles darin sich noch ganz unenthllt zeigt, vieles nur ahnungsweise
anregt. Wie kommt's, da dies alles Dich auch nicht reizt, es noch ferner in Dir
zu beschauen und mir mitzuteilen? Es ist etwas sehr Vortreffliches und Seltnes,
Briefe zu schreiben, die blo die Geschichte des Herzens zum Gegenstand haben,
ohne zu lgen. Ich will hier dies nher auseinandersetzen. Der gebildete Mensch
oder der empfindendere lebt ein doppeltes Leben, er lebt das gesellige
praktische Leben seines Standes, seiner Familie, und lebt das Leben seines
Geistes, seiner Begriffe, seiner Empfindungen. Jenes Leben ist gebunden und
bestimmt durch seine Umgebung und den Punkt, auf den er in der brgerlichen Welt
gestellt ist; dieses aber hat das Universum, die Natur, und das eigne Gemt zum
Gegenstand, insofern es frei in sich selbst fortbildet, ohne da das praktische
Leben des Menschen darauf einwirke. Beides zusammen bildet seine Geschichte, die
(wie sich diese beiden Leben in ihm mehr oder weniger bestimmen, aufheben oder
durchdringen, oder gegenseitig erhhen), die Geschichte eines schwankenden,
einseitigen, geschlossenen oder ewig fortstrebenden Gemtes ist. - Die Berhrung
des hheren Lebens in uns, mit dem Leben, welches durch die Umstnde
hervorgebracht wird, bildet die Bequemlichkeit oder Unbequemlichkeit unserer
Lage, unsre Zufriedenheit, unser Gedeihen, was jedem Geschpf das Klima und der
Boden ist. Aber alles kann ein Umstand dieses Lebens werden, auch was sonst kein
Umstand ist; die Geschichte eines andern Menschen. Insofern nun diese mit unserm
hheren oder brgerlichen Leben in Berhrung kommt, bildet sich uns der
Mitbrger, der Genosse, der Nachbar, und bei totaler Berhrung, der Freund.
Dieser kann, ewig fortschreitend, in hherer Annhrung endlich sich beinah mit
uns durchdringen; dies nenne ich das Anziehen, Erfassen, es wird endlich zum
Bedrfen. Denn es geht von der einen Seite die nmliche Ttigkeit aus wie von
der andern und wird endlich geistige Lebensforderung. Und hier, wo vier Arme
offen sind, entsteht die Umarmung, der Bund, und dann die Trennung mit
Einverstndnis in einem dritten, das Ziel. Endlich aber das Wiederfinden, wenn
jeder seinen halben Zirkel durchlaufen hat. Das Leben ist zwischen zweien
vollendet; jeder hat das Seine im Sinne des andern errungen; sie haben sich im
Mute verwechselt, im Streben getrennt und durchdringen sich nun im Errungnen, in
der Ruhe des Bewutseins, das Ziel. Von hier aus geht ein neuer Abschnitt der
geistigen Lebensgeschichte an, diese Ruhe, dies errungne Ziel ist der stille
Punkt eines erhhten Werdens, denn die Verzweigungen geistiger Verhltnisse
gehen ins Unendliche, sie sind der wahre Sakontalabaum, der Blte und Frchte
zugleich trgt. Und das beglckt ja so unendlich in der Freundschaft, da der
junge Bltenbaum, noch ganz innerlich beschftigt mit dem Treiben seiner Blte,
bewutlos die Nahrung reift fr den Geist, der auf ihn angewiesen ist. Bei
dieser Gelegenheit sage ich Dir, da ich dies schne Buch, die Sakontala, fr
Dich bestellt habe; Du mut sie in wenig Tagen erhalten. Ich wollte sie Dir erst
mitbringen, um sie vielleicht mit Dir zusammen zu lesen; aber wenn wir
beieinander sind, da ist ja immer Blumenzeit, und da findet sich so manche Blume
am Weg, die wir spielend betrachten, da wir zu keiner Beschftigung und zu
keinem ernsten Resultat kommen. Die Sakontala soll ein solches Resultat in Dir
bilden. Was an andern Menschen als vorberstreifender Genu auch nur eine uere
Bildung bewirkt, das fat in diesem Freundschaftklima Wurzel und wird
selbststrebender Geist.
    Ich habe Dir hier in der Berhrung mit dem Freunde die Geschichte jeder
Berhrung mit dem Lebendigen erzhlt, deren Bedingung die Wahrheit ist, wenn sie
nicht das elendeste Verderben in uns hervorbringen soll, denn alle Trauer, alle
Unzufriedenheit ist eine Folge der Lge; nicht grade der Lge in uns, sondern
der Lge an sich. Eine Ansicht, die wir von jeher, durch uns und andre, durch
Unerfahrenheit, durch das, was noch nicht ergrndet ist, haben, ist Lge an
sich; - und fhig sein, heit daher nichts als Anlage zur Wahrheit haben; sich
bilden, heit diese Fhigkeit verstrken; gebildet sein aber heit, in uns die
Mglichkeit zur Annahme aller Wahrheit hervorgebracht zu haben. Dann tritt das
Wissen ein oder die wirkliche Besitznehmung von der Wahrheit; diese ist
unendlich wie die Wahrheit. Es sind daher alle Menschen fhig. - Viele bilden
sich, wenige sind gebildet, und zhlbar sind die, welche wissen. Das eigentliche
Verderben aber ist die Wiedervernichtung des Erbauten, des Gewuten, dessen, was
einmal in unserm Besitz ist, ist die Zerstrung unsrer geistigen Gesundheit
durch alle Art von Mibrauch, und endlich die schndlichste aller Arten der
Schndung, die Lge in uns, die wir um so leichter herrschen lassen, als wir
meistens in der Trgheit die Selbstbetrachtung verabsumen und keinen Begriff
von der Wahrheit haben, in diesem Falle nun sind die meisten Menschen, auch
viele, die sich zu bilden scheinen, denen aber die Bildung nicht eine
Verstrkung ihrer Anlage zur Wahrheit, sondern ein Amsement wird, ihre
Unfhigkeit zur Wahrheit zu entlangweilen, oder die Vorwrfe der Lge in sich zu
ersticken. Solche gebildete Lgner sind die miserabelsten, denn ihre Lge hat
eine Art von Arm und Bein und scheint lebendig, um sie noch dichter zu
umschlingen, sie frchten sich auch meistens vor jedem Zuwachs ihrer Bildung wie
vor einem neuen Schlangenkopf und wissen sie sehr viel, so platzen sie vor
Dnkel und Anerkanntheit, die letzte Gattung ist der Keim aller Hoffart. - Wir
knnen auch gewissermaen unschuldig, aber doch nicht ohne die verdiente
Beschdigung der Affektation, in die Lge fallen, und zwar auf folgende Art. Da
Konsequenz oder ein vernnftiges Auseinanderflieen der Handlung, das wir selbst
beherrschen, eine einzelne Tugend scheint, so will man sie gern im einzelnen
ausben und lgt, wenn man zugleich zwei oder dreierlei verschiedene Arten von
Konsequenzen auszuben glaubt, grade auf ebensoviel verschiedene Arten. In
dieser Lge ist Schmeichelei, Heuchelei, ja sogar eine gewisse Gattung von
Hflichkeit zu Haus, der man sich oft mit Flei nicht enthalten darf. Es ist
aber sehr lcherlich, indem man seine Wahrheit aufopfert, konsequent sein zu
wollen, da diese beide eins sind. - Man hrt oft: Dieser und jener Mensch hat
keinen Charakter, er bleibt sich nicht gleich. - Und in dieser Rede ist doch
nichts gesagt, als da dieser Mensch uns nicht in chronologischer Ordnung eine
gewisse Anzahl hnlicher Empfindungen zusammengelogen hat. - Oder hat er nicht
gelogen, sondern ist wirklich ein solcher Rosenkranz, der aus denselben Gebeten
besteht, und den man schlafend beten kann: Dieser Mensch ist nicht kommod, um
ihn gelegenheitlich zu beurteilen, um von ihm zu sagen, er ist ein hbscher,
grader, krummer, kleiner oder magrer Mann. Der wahre Mensch, der sich hingibt
in der Freundschaft, klaubt nicht eine gewisse Partie seiner Erscheinung heraus,
er gibt sich immer mit der ganzen Lebenssumme grade so ausgedehnt hin, da er
den Augenblick der Hingabe erfllt. Das, was man Charakter nennt, kann daher nur
durch die grte Menge hnlicher Zge im Menschen begriffen werden und ist nur
merkwrdig im Begeisterten als die Gestalt des Schattens, die seine Bewegung
nach irgendeinem Licht auf sein Gemt zurckwirft, und im blo erwerbenden
Menschen als die Gestalt seiner Beschrnkung, aus denen man, wie aus den
Schatten, welche die Weltkrper aufeinander werfen, astronomische Schlsse auf
die Gestalt, Lage und Durchkreuzung der Sphren, ihre Bildung, ihren Stillstand
oder ihre Bewegung machen kann. Es gibt aber noch einen andern Gesichtspunkt fr
das Interesse, das man an einem Charakter haben kann, und obschon er nicht
hierher gehrt, wo ich nun vom Umgange (Verkehr untereinander) rede, so will
ich, um einem schiefen Einwurfe vorzubeugen, doch etwas davon sagen.
    Der Charakter kann allgemein merkwrdig sein, wenn man ihn als Kritiker
betrachtet, dies ist die Betrachtung, deren jeder Charakter als Kunstwerk wrdig
ist; es sei nun, da ich wirklich den Charakter einer gedichteten Person oder
wirklich eines lebenden Menschen wie ein Produkt seines Lebens, als Kunstprodukt
der dichtenden Natur anschaue. Sich zu dieser Ansicht erheben zu knnen,
erfordert einen sehr hohen Standpunkt, denn man mu sich dann zur ganzen Poesie
- Schpfungskraft der Natur - wie der Kritiker zum Dichter verhalten; und hier
wird mehr erfordert, als nach den geschriebenen Geetzen einer gewissen
Kunstschule dem freien lebendigen Gedicht die Brust aufzuschneiden, um noch
minutenlang zeigen zu knnen, wie ihm das Herz schlgt. -
    Die Konsequenz aber, welche etwas wert ist, ja allein den Wert des Menschen
bestimmt, ist eine musikalische, sie ist Harmonie im weitesten Sinne und wird,
insofern er mehr oder weniger das ganze Leben berhrt, mehr oder weniger
Tonarten und Modulationen umfasset, doch immer nur in harmonischen bergngen
wechseln. Insofern er nun blo das Thema der ganzen Musik ist, ist sein Gang aus
sich selbst und kann er einen Charakter haben, aber insofern er die Harmonie des
Ganzen mitbegrndet, hat er nur den Charakter seines Instruments; sein Leben
aber ist ohne Charakter, blo ein Teil der ganzen Harmonie. Von dieser
Konsequenz der Harmonie kann aber nur die Rede sein bei umfassendern Menschen,
denn, um harmonisch zu werden, mu man schon eine gewisse Anzahl von Tnen
umfassen, und ist hier die Rede nicht von jener Gattung, die nur insofern leben
als ihrer etliche Tausend wohl, wenn sie zusammentreten, ebenso leicht alle zu
einem tchtigen Menschen gehrigen Eigenschaften als eine vollstndige
Kriegskontribution zusammenbringen knnten. Hieher gehren alle Menschen, welche
ihrem Stande Mittel sind und sich nicht ber ihn erheben, welche nur halb leben,
wie ich oben anfhrte, nur das praktische Leben haben und daher nie
biographische Personen werden knnen, man mte dann als Kunstprodukt einen
einzelnen betrachten, nicht um ihn, sondern blo um die Umstnde seiner Zeit an
ihm zu erlernen, denn diese Leute sind unglcklich genug, nichts als ihre
Umstnde zu sein, deswegen sind sie doch ebensowenig verchtlich als die
Irokesen, obschon weniger merkwrdig. Sie sind die Besitzer des zeitlichen
Lebens und werden auch bei der grten Frmmigkeit nie selig werden, da der
Himmel nicht zuknftig, sondern von jeher und ewig ist und in nichts anderm
besteht als in dem Verstehen und Besitzen der Harmonie. Wir erwerben durch
Tugend den Himmel, wir erringen durch Flei die Kunst, wir lernen durch Harmonie
die Musik, wir gebren sie endlich selbst in leichter, ewig voller und ergossner
und empfangener Lust des ewigen Lebens, das ist gleichbedeutend. Jene aber sind
weit entfernt hievon und verhalten sich, wie das gebogne Holz, das noch am
Stamme grnt oder dorrt, zur schn geschwungenen Mutter der Tne und der Lieder
- der Lyra im Arme des Sonnengottes. Aber auch der wilde Wald rauscht und grnt
und ist lieblich oder mchtig, wenn ihn ein empfindend Gemt begreift, aber er
ist nichts ohne dieses. Hier trennt sich der Weg, und ich sage Dir, wo es recht
ist, jene Menschen zu vergessen, und wo es recht ist, sie nicht zu verachten: wo
Du mit dem Hchsten an sich, mit dem Geiste das Wesen des Geistes betrachtest,
wo Du betest oder dichtest oder liebst, sollst Du jener vergessen und stndest
Du unter ihnen; denn man soll auch im Haine Gott anbeten und die Bume
vergessen. Betrachtest Du aber die Welt historisch, so darfst Du sie ebensowenig
verachten, um nicht in lcherliche Sentimentalitt zu fallen, als der ins
Lcherliche hineinfallen wird, der einen Acker verachtet, auf dem die Muse ihre
Kornspeicher haben. Nur auf einem Punkte ihrer Erscheinung knnen sie mehr
lcherlich als verchtlich - doch, wenn es etwas lange dauert, etwas fatal
werden. Es ist dies der Fall, wenn sie sich auf Augenblicke emporheben, wenn sie
von Bildung reden und Geschmack haben wollen, besonders erscheint dies in den
Menschengattungen, in denen das praktische Leben am kondensiertesten ist, die
nur eine Berhrung mit dem uern kennen, die nichts wollen als brauchen, die
den Geschmack, um ihn zu brauchen, zur Mode herabschnden und sogar auch
manchmal jenes zweite Leben, das sie nicht haben, brauchen und es zur
lcherlichsten Grimasse herabwrdigen, bis ein solcher das schimpft, was er
nicht kennt, und verliebter, drstender zu seinem praktischen Leben zurckkehrt.
Auffallend ist es zu bemerken, wie er immer zu triumphieren scheint, und wie
dieser scheinbare Sieg manchen an dem Kampf nach dem Vortrefflichen erlahmen
macht, der sich dann in den Sold begibt, der fr kein Vaterland und keinen
Himmel streitet, der nur kmmerlich das Leben erwirbt und keinen Himmel. Doch
scheint er dies nur, und so sehr uns oft der unwillige Ausruf gerecht scheint,
die Kunst gehe betteln und die Dummheit grase, so halte ich ihn doch fr die
Erfindung einer sehr gemeinen Ansicht, und er hat sich auch schon als solche
charakterisiert, da er nun schon ein Gemeinplatz geworden ist. Die Kunst geht
nie betteln, wohl aber der Knstler, wrde Kotzebue sagen, um aus seinem
Reichtum zu beweisen, da er kein Knstler ist. Wenn die Kunst betteln geht, ist
es meistens nur ein Beweis, da sie arm ist, denn die wahre Kunst beherrscht
alles und ffnet alle Schtze, der selbstische Knstler aber, der aus Kaprize
oder Unkenntnis nur fr sich selbst dichtet, er mag darben und mu gern darben,
um nicht erbrmlich zu sein.
    Nun aber haben wir jetzt keine allgemeine Kunst und ist blo eine Zeit des
Krieges in der Bildung, drum gehn viele Knstler arm herum mit ihrem Reichtum,
und mit Recht mgen jene keine Leute machen, die nur aus Bosheit, Unsitte und
fr kein Vaterland mitstreiten. Es ist eine wahre und sehr wrdige Reflexion,
da die Welt keine moralische Anstalt ist, wo ein Geschpf das andre aufmuntern
soll, so da gleichsam der Elefant dem Esel nichts als ein gut Beispiel sei, ein
Elefant zu werden, und so fort; denn die Progression geht nicht auf Erden, im
Leibe - sie geht im Geiste vor. Auch geht die Bildung nicht feldeinwrts oder
der Quere, sie geht in die Hhe anbetend und in die Tiefe forschend. Jedes
Geschpf ist als Kompositum beschrnkt und als vollkommen mehr oder weniger
frei; in es selbst aber ist sein Geist gesetzt, der, insofern er nur empfindet,
als er nur in sich selbst ist, sich selbst als den Mittelpunkt des Ganzen
betrachtet. So ist der Dnkel jedes Standes zu entschuldigen; aber dem ganz
freien, gebildeten Menschen ist die stille Betrachtung erlaubt, den blo
praktischen Menschen zu verachten; wenn er spricht: Ich triumphiere - denn
triumphiert ein geboren Tauber, der geigen will, aus Mode, und die Geige in den
Ofen steckt, mit den Worten: Ist es nicht viel edler, Tabak zu spinnen und zu
rappieren, da habe ich doch was fr meine Nase, ich wei nicht, was die Leute an
dem Kolophonium riechen.
    In eben diesen Fehler verfallen alle Menschen, die sich krankhaft oder aus
Trgheit zum Bessern zu erheben ausgeben und ebenso nur die Empfindung, Bildung
oder Kunst brauchen, ihre Lumpen mit zu flicken; sie geben die schndlichsten
Blen und werden meistens sehr verchtlich; dies ist sehr hufig bei den
Weibern der Fall, die nach der brgerlichen Ordnung, die jetzt sehr in Verfall
ist, nichts als die Reprsentanten der erbrmlichen Bildung, die eigentlich das
knstlerische Personale des praktischen Standes geworden sind. Ich wollte, htte
ich Zeit, leicht beweisen, da alles bel, husliches und krperliches und
geistiges, blo durch das dumme Bestreben nach Geschmack, der Tochter der
Verachtung der Knste, entstanden ist. Ich verstehe hier blo das Verderben der
Tchter, worber von Familienvtern und ltern Brdern, ja oft von den
Verderbern selbst geklagt wird, und ich will gerne als Mrtyrer fr die Aussage
sterben: kein treuer und unschuldiger Greis und Vater kann wrdigere Trnen
weinen, als um den Untergang der Religion; - so ganz, was der krftige
unschuldige gemeine Mann Religion nennt, nicht das neue Wort. Die Weiber oder
Mdchen, sagte ich, sind die krnksten an dieser Afterbildung, ihre krankhafte
unbefriedigte Laune ist Empfindung, ihr Fieber Begeisterung, ihre
Sittenlosigkeit wird Philosophie. Ich sagte, sie bedeckten ihre Lumpen mit
Bildung, und setze hinzu, da sie dadurch meist sehr lcherlich werden, indem
sie nur entblen, was sie bedecken wollen. Die Bildung ist nichts als der
hhere Glanz der Nacktheit, die die freie Keuschheit der Schnheit ist. Nun aber
heit, sich mit Bildung ausflicken, nichts als die Lcher im Gewand mit einer
Laterne beleuchten, denn die Bildung ist durchsichtig, und um so mehr erscheinen
daher heutzutag die meisten gebildeten Mdchen uerst miserabel, als sie grad
darin die Ausbesserung ntig haben, was das Heiligste des Menschen ist, im
Verstande, der Liebe, im Herzen und der Zucht; und ich mchte sie die Laterne
nennen, die die schlechten Straen unsrer Stdte nicht so erleuchten, da man
sie sicher durchwandle, um nicht den Hals zu brechen, nein sie leuchten nur,
damit man diesen Dreck bewundere, denn dies ist die Prtension dieser
kleinstdtischen Dummheit (ich sage kleinstdtisch auch von Paris in Hinsicht
des Universums). La uns ihnen zum Trotz, meine liebe gesunde Bettine, ihre
unsaubere Illumination nicht betrachten und kommen wir darauf zurck, da alle
die Abscheulichkeiten, die ich Dir hier zeigte, nur Folgen der Lge sind, von
der ich zu sprechen ausging, und da wir deswegen Freunde sind, weil wir das
bessere Leben unsrer Sitten, unsrer Gefhle, unsres Fleies in Geselligkeit
hinbringen und mit zu dem groen geheimen Staat der vortrefflichen Menschen
gehren wollen; willst Du aber hier in diesem Lande mein Nachbar sein, so darfst
Du mir nicht eine einzelne Art von Reflexion blo hinstellen, darfst nicht
allein mir danken, wenn ich Dich gre, Du mut ordentlich hbsch mit mir
schwtzen, denn was so mit Deiner Person vorgeht, ist mir meist unbekannter und
oft wissensntiger, als was mit Deinem Gemte vorgeht, drum schreibe mir jeden
Schritt und Tritt von den Menschen, die mit Dir sprechen, was Du ber diesen und
jenen empfindest, was Du plauderst; denn ich habe mich nicht wenig gergert, da
Du mir nicht erzhltest, da Du bei Leonhardi getanzt, und wie Du dort warst,
da die vortreffliche Duchaget mit Dir sprach, die mir sagt, es sei Deine
Pflicht, mir darber zu schreiben, da Du lange in Frankfurt warst, von allem
dem nichts? In Deinen Briefen ist oft ein Ausbruch von Rhrung ber meine, aber
ich will nicht Dich rhren, ich will durchaus, da Du Dich selber rhrst, das
heit, da Du vor meinen Augen herumspringst wie ein junges lustiges Mdchen;
Deine allzugroe Ernsthaftigkeit gegen mich mut Du Dir nicht so ernst werden
lassen, sonst kmmst Du in Gefahr mich hoch zu schtzen, und dann bist Du auf
dem graden Weg des Kindes, das aus besonderer Achtung gegen den beinernen Lffel
nie Selbstessen lernt, und am Ende kannst Du doch nicht immer Brei essen, der
Mensch ist ein fleischfressendes Tier, und da hilft kein Lffel, und das
Vorkauen wird ekelhaft. Lebe wohl, schreibe, sonst schreibe ich nicht mehr, oder
bist Du krank, hast Du alle meine Briefe nicht erhalten, ich verstehe es nicht.
Noch eins, hte Dich sehr aufzufallen, sei oder scheine stets in der
Gesellschaft lieber dumm als vorlaut und mit dem Hndeklatschen der Toren
belohnt, es verfhrt zu einer miserablen Selbstgeflligkeit, die alle
Fortschritte auch bei dem besten Willen ttet, und kannst Du es nicht in Dir
dahin bringen, so vermeide lieber die Menschen, denn es ist entsetzlicher, von
gemeinen Menschen fr genialisch als fr einen Narren gehalten zu werden, am
besten aber fr einen guten ruhigen Menschen.
                                                                    Dein Clemens

Soeben schreibt mir die Toni, wie sie Dich besucht habe, sie habe Dich munter
und fleiig beschftigt gefunden, aber Du sehest bel aus; wie ist Dir, liebes
Kind, hast Du Kummer, qult Dich etwas, Du weit nicht, wie mir der Gedanke
meine Ruhe nimmt, Du seist bang und ngstlich im Innern; ich bitte Dich um alle
Liebe, um alles, alles, giee mir Dein Herz aus.
                                                                    Dein Clemens

Drei Briefe hast Du, diesen lasse der Toni lesen, wir mssen Freunde haben, sie
liebt uns.

                                   An Clemens


Der verminderte Septakkord hat seinen Satz auf dem Leitton des Grundtons.
    Kleine 3.
    Falsche 5.
    Verm. 7. Die erste Versetzung auf der Sekunde des Grundtons:
Quintsextakkord,
    die zweite auf der Quart: Terzquartakkord, die dritte auf der Sext ist der
Sekundenakkord.
    Ich htte dies sollen in mein Studienbuch schreiben, ich will Dir nur
zeigen, da ich studiere. Ich kann leichter eine Melodie erfinden als sie in
ihre Ursprnglichkeit auflsen. Innerlich ist alles tiefer zu fassen in der
Musik als sich ans Gesetz zu halten; dies Gesetz ist so eng, da der
musikalische Geist jeden Augenblick es berschwemmt.
    Was mich selber bilden soll, das mu aus mir auch hervorgehen, drum mchte
ich aller Teilnahme ausweichen und allein mit mir fertig werden. Es kommt mir
wie Frevel vor, da ich mich einer Leitung hingebe, die vielleicht das
Ursprngliche in mir verleitet. So war's mit der Gachet, und was Du ber
Freundschaft sagst in Deinem Brief, das macht mich flchten vor ihr. Gb es
Hhlen und Verberge, in die man sich knnte zurckziehen vor gewissen
Gefhlsanrechten, ich wrde dahin flchten. Ich schaudre vor solchen Allgewalten
des Daseins, sie erregen die Eifersucht der Eigentmlichkeit; Freundschaft ist
aber gewi eine die hchsten Seelenkrfte verzehrende Schmarotzerpflanze. Ich
soll doch mein eigen werden, dies ist doch der Wille meines Ichs, denn sonst wr
ich umsonst; dies eine, was mich eigentmlich aus dem Gesamtsein heraus bildet,
das ist der Adel des freien Willens in mir; anders kann ich's nicht ausdrcken.
- Sich dem Begriff und Willen eines andern unterwerfen, der auch kein Selbstsein
hat - denn sonst wrde dieser Wille nicht die Geistesnatur des Freundes zu
seinem Herd whlen, sondern in sich selber aufflammen, - das ist Verzichten auf
diesen Adel des freien Willens. So steht das in mir fest, da ich den nicht
aufgebe. Die Freundschaft behauptet zwar, die edlere Natur im Freund
hervorzurufen; wie aber kann dieser Adel des Willens sich bilden, wenn nicht in
sich und durch sich selber? Raubt da die Freundschaft nicht die Kraft der
hchsten Ttigkeit dem Freund, der dann nicht mehr den Willen in sich trgt des
besonderen Seins? - Die Freundschaft hat ihn ausgelscht. Held sein ist nicht
befreundet sein, Selbstsein ist Held sein; das will ich sein. Wer selbst ist,
der mu die Welt bewegen, das will ich. - Dies helle Selbstsein soll nicht
verdunkelt werden durch den Schatten der Freundschaft; ich brauch das nicht, ich
kann den Sonnenbrand vertragen, und Freundschaft ist Brudermord. -
    Ich hab zu fechten mit meinen Gedanken, sie fahren gleich auf und wollen
immer recht haben.
    Am Generalba hab ich auch meinen rger. Ich mchte diese Gevatterschaft von
Tonarten in die Luft sprengen, die ihren Vorrang untereinander behaupten, und
jeden, der den Flu der Harmonien beschifft, um den Zoll anhalten. Aber so wahr
diese unumstlichen Ohrengesetze nur verschimmelte Vorurteile sind, die der
Genius mit der Ferse von sich stt, so wahr werden diese Gefhlsanrechte, denen
ich drohe, da sie mir nicht auf den Hals kommen sollen: als Freundschaft,
Gromut, Milde, Mitleid (das ist das allerekeligste), Gerechtigkeit, Nachsicht,
Ehrgefhl und alle sittlichen und Moraltugenden ein elend Ende nehmen - es sind
Vampire, die dies Selbstsein des freien Willens heimlich lstern aufsaugen.
    Alle Tugend komme von Gott, steht im Katechismus. Schachert der Gott so mit
dem Pfennig des Verdienstes? - Verdienst ist Schimre, ist Lge. Das fhlt der
freie Geist, und bei ihm wird die reine Kraft nimmer zum Verdienst sich
ausmnzen, die man abwgen knne; nein, sie ist das Selbstsein. Wer ist der
verdienstlose freie Geist? - Der soll Knig sein! Von ihm fllt der Verdienst
ab, er mu frei sein. Verdienst macht ihn unfrei, denn er mu sich ihm
verpfnden. Dies ist aus meinem Tagebuch, worin ich meine Revolutionsgedanken
aufschreibe: Der ist nicht Knig, der aus Hilfsmitteln der Not das
augenblickliche Mgliche bentzt, um seine Verdienste daraus zu bilden. Nur der
ist Knig, der ganz frei, ganz mchtig diesen Adel des Willens an seiner Zeit
ausbildet. - Willkr kann nicht hervorgehen aus dem Adel des freien Willens, sie
ist zusammengesetzt aus unfreier Bildung, die der Egoismus der Klugheit
ausgedacht hat. - Und Freundschaft ist ein vorbereitender Egoismus jener
Bildung, die den Platz des freien Willens sich angemat. - Ich knnte Dir noch
mehr aus diesem Buch absonderlicher und verwirrlicher Gedanken aufzeichnen, die
wie mutwillige junge Herden untereinander sich stoen, die aber ein gewaltiger
Hebel sind dieser freien Natur in mir. Ich hab der Gromutter draus vorgelesen,
und sie meint, ihr sei bange, ich knne vom Fels strzen. Auch im Geist kann
man sich versteigen, mein Kind, sagte sie und erzhlte mir die Geschichte des
Kaisers Max auf der Martinswand, sie sagte, die Engel sollen ihn da wieder
heruntergetragen haben, aber nicht immer sind diese bereit, wenn man sich so
mutwillig versteigt. - Was brauch ich denn wieder herunter, liebe Gromama,
wenn ich mich oben erhalten kann? - Knnte ich denn nicht auch ein
Wolkenschwimmer werden? - Kind meiner Max, sagte sie, was hast du vor
wunderliche Gedanken. Auch darber kann ich mich trsten, wenn meine Gedanken
nicht mit der Klugheit der Menschen bereinstimmen; diese Klugheit vertrgt sich
nicht mit meiner hpfenden und springenden Natur, die in allem sich selber
verstehen will und wie ein Speer sich der Klugheit entgegenwirft. Das wei
Gott, sagte die Gromama. Aber Kind, wie sieht es aus in dir?
    Wie es aussieht in mir, liebe Gromama? Nicht wie hier in Offenbach die
Wiesen weit hinaus sich ziehen und der Waldrand hinter dem beschifften Flu
bescheiden und lieber, das rasche Bchlein mit seinen groen Eichen berwlbt,
und die groe Bleiche, wo alles so frh schon ttig ist, und die engen
Schleichwege zwischen blhenden Hecken, die ums Dorf fhren - und denn ganz in
der Ferne die Gebirgslinie, die an den Himmel ihre Weisheitsschrift ankreidet,
an die der freie Wille ohne Auslegung der Schriftgelehrten, ohne Glaubenszwang
sich hingibt; dazu die blaue Heerstrae der Wolkenzge. Nein, dies
Vaterlandsbild gleicht nicht meiner Seele, es ist mir doch, ich komme anders
woher! - Hoch und niedrig waldumwachsenes Felswerk, an dem der Rasen schchtern
hinaufklettert, und das seine eigensinnigen Klippen so trotzig hinausstreckt, an
dem die Nebel sich zerreien. - Wege des Geheimnisses zwischen brausenden
Wassern immer tiefer in unverstndlichen Windungen, wo der Sonnenstrahl
herabblitzt ins enge Tal und nhrt zrtlich die blauen Blten, und das
Sinnenfeuer der Natur dampft aus dem kalten Stein, der in der Sonne erschwitzt.
Der Wacholderstrauch duftet mir da Weihrauch und stachelt meine Wange, und ich
wei nicht, was Glck ist, als nur - da die Natur dies heimliche Vertrauen zu
ihr so mchtig beantwortet.
    Dort wohnt der Knabe, von dem will ich erzhlen, wie er in der Nacht sich
eilig rstet, soweit die Sterne leuchten, zu wandern, wo neue Berge
heraufsteigen und Wlder, und Quellen eng zwischen Klippen herab in freie Lnder
wallen. Die Sonne steigt, er kommt herab zum Feigenbaum, im feuchten Sand zu
ruhen, die Wolke khl, vom Wind heraufgetragen, regnet auf ihn nieder, er
schpft den Trunk aus der Quelle, er ersteigt den Baum nach den Feigen, die sind
noch herb, und er harrt unter dem belaubten Dach, da die Sonne sie soll reifen.
    Dies Lebensbild schrieb ich auf und sagte der Gromama, so sehe es aus in
mir; die weite Welt wollte ich durchlaufen und bleib liegen unterm Feigenbaum
und warte, da die Feige mir in den Scho falle, und vergesse aller
Zukunftsgedanken. Der Gromama gefiel dies alles, sie sprach von poetischen
Gesichten und Geistergegenden und die Seele knne oft in ganz andern Klimaten
gedeihen als der Leib. - Und, sagte sie, wenn man reiset, kommt man in
Gegenden, in denen die Seele zu Haus ist, da kommt man mit ihr zusammen; und
lernt erst ihre Persnlichkeit verstehen.
    Es ist wahr, Clemens, in mir ist ein Tummelplatz von Gesichten, alle Natur
weit ausgebreitet, die berschwenglich blht in vollen Pulsschlgen, und das
Morgenrot scheint mir in die Seele und beleuchtet alles. Wenn ich die Augen
zudrcke mit beiden Daumen und sttze den Kopf auf, recht fest, dann zieht diese
groe Naturwelt an mir vorber, was mich ganz trunken macht. Der Himmel dreht
sich langsam, mit Sternbildern bedeckt, die vorberziehen; und Blumenbume, die
den Teppich der Luft mit Farbenstrahlen durchschieen. Gibt es wohl ein Land, wo
dies alles wirklich ist? Und seh ich da hinber in andre Weltgegenden? - Besinn
Dich doch darauf. Ich kann Dir doch heut nicht mehr schreiben, ich bin zu
schlfrig, die Gromama hat mir den ganzen Abend indische Pflanzen gezeigt; und
Kolibris, so klein und fein; wie Schnheitspfeile gucken sie mit ihren spitzen
Schnbelchen aus den Blten.
    Deinem Freund Ritter hab ich eine Sammetmtze gemacht, wie ich selbst eine
aus bermut trage, aber ohne den Lorbeerkranz, den ich darum gewunden, den er
aber immer aus bermut tragen kann, weil dieser mir scheint der Flugott zu
sein, der die Urne seines Geistesstromes ergiet.
                                                                   Deine Bettine

                                 Liebe Bettine!


Ich habe Deinen lieben lieblichen Brief vor zwei Minuten erhalten; ich hab ihn
noch nicht in mich selbst verwandelt, das Herz bebt noch. Ritter wird sich
freuen, Ritter, dieser groe Ritter, zu dem Goethe sagte: Gegen ihn sind wir
alle Knappen! - Lieb Mdchen, er wird Dir danken, da Du ihn nie wieder
vergit. In seinem letzten Brief schrieb er, er lasse schon ein weiseiden
Felleisen machen, die Dankbriefe an Dich zu schicken. Leb wohl, Engel, bald bin
ich bei Dir im Himmel.
                                                                    Dein Clemens


                                   An Clemens

Ich habe geglaubt, Du wrdest kommen, so sind nun schon vierzehn Tage herum, wo
ich jeden Tag Dir entgegensehe und deswegen auch nicht schrieb, und noch wegen
etwas anderem. Weil ich manchmal zu sehr ergriffen bin, wenn ich an Dich denke,
und versume oder vergesse vielmehr darber, an Dich zu schreiben, was ich
denke. Ich will Dir nun erzhlen, wie mir ist, und wie ich bin, damit Du keine
Sorge um mich haben sollst. Ein Tag wie der andere: frohsinnig, lustig, ja
manchmal fast ausgelassen, und dennoch find ich innerlich recht viel ernste
Fragen. Die erste Frage bist Du. Der Clemens, sagt mir eine innere Stimme, hat
viele Fden ins Weltgewebe eingesponnen, alle sind sie Geist und Feingefhl, aus
Schnheit und Gte hergeleitet, und man kann die edle und erhabne Natur von ihm
daran beweisen, aber doch fhren sie alle wieder zu Mikenntnis und Undank und
auch nicht dahin, wo der Clemens meint, und dem er doch so viele Glckseligkeit
der Gegenwart opfert. - Und dann denk ich gar, Du wirst durch Aufopferung Dich
wohl um allen Vorteil dessen bringen, was die Menschen als Glck erringen
mchten. Wie komme ich dazu? - Ach verzeih mir's, ich habe ein Buch von Dir
gelesen. - Bei der Gromama lag es - und ich hrte, da sie darber sprach - sie
wollte aber gar nicht, da ich es wissen sollte, sie legte es auch sorgfltig
unter andre Bcher. Wie ich aber allein in ihrem Arbeitszimmer war, denn ich
schlafe da, damit eins von uns in der Nhe von der Gromama nachts ist. - Es
lie mich nicht schlafen, ich dachte immer, es sei wohl besser, nicht nach dem
Buch zu suchen, aber ich hab's doch gelesen. Du hattest mir nie davon gesagt,
und ist's denn wahr, da es von Dir ist? - und so vieles, was mich ganz
verwirrt! - Groe und kleine, trichte und vernnftige Begebenheiten scheinen
mir darin verflochten, und dann scheint es mir so sonderbar geschwrmt, und
Hhen und Tiefen, die meinem Geist wie ein Rtsel daliegen. Marias Satire heit
dies Buch - ist das vielleicht, wie die Schuld und die Unschuld eine verkehrte
Rolle spielen in der Welt, oder ist es scharfes und schonungsloses Beobachten
und Behandeln der Verhltnisse und Menschen? - Was frag ich doch, es geht mich
ja gar nichts an, und wir zwei sind ja bis jetzt immer in - der Liebe und dem
Geist - sehr begreiflichen Lagen miteinander gewesen, wo Du recht wie Maitau,
von dem man wchst und gedeiht, auf mich gewirkt hast. - Nun aber ist mir's, als
wrst Du verzaubert und legtest die Haut der klugen Schlange dann ab, wenn Du
bei mir bist. - Und da kommen mir Gedanken ber Dein Glck, die mich verwirren.
Ach, ich hoffe, da Du es nicht der Mhe wert halten wirst, auf meine mir selbst
unverstndige Gedanken und Gefhle zu achten. Ich will lieber von mir sagen: ich
hab jetzt viel zu tun, noch auer den Bchern von Dir lese ich auch noch viel
vor, franzsisch-politische Sachen. Ich bin aber jetzt sehr zerstreut und kann
gar solchen Anteil nicht mehr dran nehmen; obschon es mich immer dahin bringt,
da ich an die Zukunft denken mu wie an einen groen freien Plan, auf dem die
Welt ganz unabhngig von Meinungen und Willensstreit sollte neu geboren werden
und sollte sich abwaschen von den Zeitumstnden und von Leidenschaften und
Begierden und alten Satzungen und sollte die besten, ntzlichsten Krfte und die
erhabensten Empfindungen entwickeln. Denn bis jetzt scheint mir, als sei das
noch nicht so gekommen! - Und soll ich denn fortfahren, Dir alles zu sagen? Wenn
es auch nur kindisch herauskommt und ganz unerfahren? - Ach, was ntzt
Erfahrung? sie verfhrt nur dazu, da die Leute mit Eigensinn an dem einmal
Festgestellten hngen und durchaus sich nicht zugestehen, da die Vernunft das
Bessere oder das Wahre erfinde. Zu was ntzt es denn, einen forschenden Geist zu
haben, wenn es nicht wre um die Mittel zu einer neuen Schpfung zu finden,
worin dieser Geist als in einer Ordnung, die von ihm ausgeht, die zugleich ihn
trgt und ernhrt, das Gttliche schafft. - So gro und einfach wie ich mir das
alles denke! Wie knnte ich je glauben, da ich selbstgedachte Ideen ber Welt
und Menschenwesen wrde knnen geltend machen? - Und doch mu ich mich dem
hingeben, als sei es der Fupfad, der durch unbewanderte Gegenden mich leitet,
vielleicht ber gefahrvolle Klippen, die aber in mir Krfte bilden, mit welchen
ich vielleicht manches erwerben knnte, wovor andre zurckschrecken und
erbleichen, ich aber nicht. - Wenn ich manchmal still stehe und mich nach andren
Menschen umsehe, so fhle ich, wie ich mit ihnen nicht zusammenstimme, wenn ihre
Herzen von auen her erschttert und berhrt werden, dann zeigen sich Tugenden;
das ist ja aber der Zufall, der hier wirkt, was ist das aber, eine Tugend des
Zufalls? -
    Ich mchte Dir alles vertrauen, was mir im Herzen liegt, aber es liegt so
viel drin, was ich selbst nicht erkenne. Ich mchte beinah sagen, alle Tugend
sei mir zuwider! - Ja! - Ich glaube dies, da der Mensch ganz das Echte sein
soll und nicht das Unechte. Tugend ist ja aber, was von dem Unechten sich
gestaltet als eine Seeleneigenschaft, die wir in ihrer bung Tugend nennen. Wenn
aber die Echtheit der groe Ozean wr, der zwar alle Strmungen in sich
aufnimmt, nie aber berwallet, sondern alles umfasset? - Knnen wir dann sagen,
der Ozean ist tugendreich? - (flssereich) oder nur: der Ozean ist er selber! -
Sein und Werden ist zweierlei, das sag ich mir auch, und Werden ist fr das
wirkliche Leben Kraft fhlen und diese anwenden, und nicht blo sich zum Helden
trumen. Und dies ist, was mich oft vor mir erschreckt, da ich im Lande der
Phantasie mir eine groe Rolle auserwhlt habe, die ich zwar ohne Gefahr spiele,
die aber nicht die Wirklichkeit berhrt. - Wie mache ich's, da ich aus dieser
Verbannung des Wirklichen erlst werde? Dann wr ich nicht mehr traurig, wenn es
mir deutlich wrde, was ich will, kann und soll! Dann wrde ich mich mit den
Plnen meiner eignen Gedanken beschftigen; die Welt wre mein, ich brauchte
nichts von andern und meine Liebe wrde gar nicht ein sehnendes Verlangen,
sondern eine wirkende Macht sein. Clemens, ich bin dumm, da ich solche
Gewaltsgedanken habe, und sage mir oft: Das ist Dichtung, Du willst aber nicht
blo aus feuriger Einbildungskraft Dich selbst erdenken wie Du sein mchtest,
sondern Du willst selbst sein. - Prfungen und Gefahren bestehen, die aus der
Ttigkeit hervorgehen, das ist Tugend ben, daraus geht das wirkliche Sein erst
hervor. Tugend ist also das Werden, das Sein aber ist Allmacht. - Clemens!
Welche Sehnsucht habe ich zu diesem Sein! - Aus sich selbst handeln, fhlen, da
man das Schicksal beherrsche, weil alle Keime zu allem, was mir widerfahren
kann, durch mein Tun lebendig werden und zum Blhen kommen und zu Frchten
werden mu. - Mit andern Worten vermge meines Charakters und meiner Kraft
handeln und, was ich berschaue, auch bemeistern in meinem Innern; das scheint
mir der Herd des Lebens oder der Altar, auf dem die Opferflamme alles Irdische
verzehrt dem innern Gott zu Ehren, und ich will dies immerhin Religion nennen,
obschon dies ganz und gar das innerste tiefste Wurzellager ist des Geistes,
whrend Religion doch eine ber uns selbst erhabne Einwirkung auf uns bt.
    O Sonne schein hernieder und helle mir den Sinn auf, und da ich nicht
schchtern vor dem Schatten fliehe, und da die Zukunft nicht einst wie ein
schwerer Hammerschlag auf meine Vergangenheit falle und sie als nichtig
zusammenschmettere! - Clemens, da siehst Du, wie das in mir ist, was andre
Menschen mit Gebet ersetzen, ich auch rufe an ein himmlisches, aber kein mit
Tugenden (die ich in mir nicht umfasse) ausgeschmcktes Phantom! - Ich rufe an,
alles was meine Ttigkeit reizt, ich sage mir, du willst alles, was aus der
Natur des Menschen entspringt, mutig ertragen, du willst mit rechter Erkenntnis
dich von der Erknstlung und der Verstimmung des menschlichen Geistes ablsen
und diese berwinden. Und dann sag ich mir: Wer ist Gott? - Gott ist die
Zukunft! Wen diese nicht gttlich an sich reit, da er sich von den Ketten
befreie aller Vergangenheit und in der Zukunft ganz aufgehe, den fhrt's nicht
zu Gott. Ich wei und fhle, da ich recht habe! - Denn dies allein lst alle
Ungleichheiten des Glckes auf. Weltbegebenheiten, die gefhrlich aussehen fr
die Ruhe und die Gegenwart, die wallen da als reiner geistiger Strom zwischen
politischen Ufern, die von schwarzen stupiden Geistern bevlkert sind, dem
Gttlichen zu; das heit: dem die Freiheit zeugenden Gott. Politik aber ist ein
aus sehr beschrnktem Interesse hervorgehendes sehr stupides Handeln und fhrt
nicht zu Gott, nicht in die Zukunft, sondern es fesselt die Sinne an eine schon
im Werden vergehende Gewalt.
    So trume ich, so denke ich, wenn ich manchmal in der Nacht aufwache und der
Mond scheint ins Zimmer, wenn das immerwhrende Treiben in den Wolken die Frage
an mein Geheimnis richtet, was wird wohl aus meinem Leben werden? - Viel soll
daraus werden, geb ich den Wolken zur Antwort, aller Kampf und Widerwrtigkeit
in der dunkeln Flut der Seele rinnt in der Schpfungskraft der Zukunft entgegen.
Vieles bt das Mondlicht in mir, wie ein dichterisches Genie sieht es und denkt
fr mich und bt Talente in meiner Phantasie und erhebt mich so hoch ber mein
Sein, da ich gleichsam das Bewutsein davon verliere und in dem Spiel mich
selbst gar nicht mehr herausfinden kann. Ach, welche schne Trume, - ach, wenn
ich denen nachkommen knnte! Aber wenn der Mond untergegangen ist und der Schlaf
hat mich berfallen, dann beim Erwachen ist keine Spur mehr von diesem Zauber in
meinem Geist. Die Veilchen, die kleine Goldstickerin, von der ich Dir im vorigen
Jahr schon manchmal sprach, die hat mir von manchen jdischen
Religionsgebruchen erzhlt; wenn der Jude den Neumond erblickt, dann sammlet er
seinen Geist, als wolle er seiner Zauberkraft sich unterwerfen. - Und der Jude
klagt ihm und betet, da ihn der Ha gegen die Feinde nicht verblende, und da
die Verachtung dieser ihn nicht niederdrcke; und er stellt sich vor dem
Richterstuhl des Mondes, und auf seinen Heimwegen aus Fremde, da ffnet er sein
Gewand dem Neulicht, da es seine Brust bescheine. Mchte es auch nichts als
blo Gebrauch sein, so deutet es doch darauf, da er will zu einer hheren
Sphre emporgehoben sein durch den Neumond, er verlangt von der Gewalt der
Natur, da sie ihn erhebe. Wie schn ist dies und wie viel wahrer, als wenn ich
ein Register mache meiner Snden und mir diese schlimme Rechnung auszulschen
erbitte von Gott! - Clemens, ich habe mir dies aus der jdischen Religion
angenommen, oder es ist vielmehr in mich wie ein Blitz hereingefahren, da ich
zu dem Mond eine Ehrfurcht hege und ein Vertrauen und ich knnte Dir noch viel
mehr sagen, aber auch von den Trken habe ich gelernt das Abwaschen; wenn ich
abends meine Hnde wasche, so dient mir das statt Abendgebet; es macht mich
unendlich heiter beim Schlafengehen; - als liege ich in der Wiege einer
schneren Welt und als werde ich aus dieser Wiege herausfliegen und - jetzt
schweig ich, Clemente, denn Du sollst Dich nicht verwundern ber den Trieb
solcher Eigenheiten, es ist ja auch nichts Tiefes, es ist nur ein leises
Berhren mit der Natur. Und was mgen wohl andere fr Gesichte und innerliche
Seltsamkeiten haben! - Da fallt mir die de Gachet ein, sie war am Rhein, wo sie
sich ein kleines Gut gekauft hat, manchmal mchte ich bei ihr sein, und ich
glaube auch und fhle, da sie vortrefflich ist wie Du und Deine Freunde, aber
oft zweifle ich noch an ihr, wenn ich hre, wie sie bei jeder Gelegenheit von
dem spricht - was ihr heilig sei, sagt sie; und ich hab darber eine
Unterhaltung mit ihr gehabt, sie wohnt auf vierzehn Tage in Oberath, wo sie
jetzt unwohl ist, aber sie wird bald wieder an den Rhein gehen, sie frug mich,
ob ich nicht mit Dir auch blo von dem spreche, was mir heilig sei? - Ich lachte
sie aus. - Das machte sie bse, sie suchte mich zu berfhren, da ich ganz
kindisch sei und noch nichts vom Leben begriffen habe, denn ich habe noch nicht
vom Baum der Erkenntnis gegessen. - Ich sagte, der trage pfel und ich mache mir
nichts aus pfeln; wenn ich nun noch dazu gewarnt sei, da die pfel von diesem
Baum eine so wunderliche, unangenehme Erkenntnis des Bsen einem beibringen, das
dann berall einem in den Weg trete, um einem das Vergngen am Leben zu
verderben, so wolle ich lieber nie pfel essen und lauter Kartoffeln, die nicht
schdlich sind. - Sie sah mich so gemischt an - sie sagte lieber gar nichts
mehr. - Ich guckte zum Fenster hinaus nach den kleinen Pflnzchen, die eben
begossen wurden, und nach dem Feld, wo der Landmann den Acker furchte, sie wohnt
bei diesem Mann, um das Pflgen zu lernen, denn sie will im Rheingau ihr Feld
selbst bestellen, und sie ging hinaus, um eine Lektion von Hot und Haar zu
nehmen, den Pflug ordentlich wenden zu lernen, sie begleitete mich noch, nachdem
der Pflug ausgespannt war, durch die Hecken hinter der Gerbermhle weg; sie
fragte, ob das nicht was Heiliges sei, die Erde zu bestellen. - Das kann wohl
sein, aber da man gegenseitig sich ergiee ber seine Heiligkeit, da kommt mir
fremd vor. - Ja, sagte sie, fremd kommt einem das Heilige vor, aber das
Unheilige befremdet nicht, das wie ein unheimlicher Strom aller Unterhaltung das
ganze Leben mit sich reit und berall seinen Schlamm zurcklt. Wer kann noch
darauf rechnen, da der Boden des Geistes wieder gereinigt werde von bsen
Dnsten? Die Welt, die so schn knnte sein, wird untergehen, weil das Heilige
vertauscht wird mit dem Scheinheiligen. Es wird eine groe Verwirrung werden im
Geist der Menschen, und die das Groe zu tun berufen sind, die werden das Kleine
tun, so geht es mit der Revolution; der Strom des Unheiligen darin ist zu stark,
und die ihm widerstehen, die werden darin untergehen. Das Groe zu bewirken kann
man immer nur die heiligsten Mittel ergreifen, wo aber zum edelsten Zweck ein
unheilig Mittel dient, da ist er verloren und erzeugt nur bel, sagte sie. Sie
war so schn vom Feuer ihrer Rede und von der Morgenluft. Du httest sie lieben
mssen, ich auch liebte sie, und sie sprach weiter: Wer das Groe tut aus
reinem Genie, nmlich ohne sndhafte Vermittlung der eignen Schwche, die ja
doch das Groe nicht zu fassen vermag, der kann nicht untergehen. Umstnde,
Zuflle, Geschicke reichen diesem aus. - Seine Gre mu alles decken, erzeugen,
zaubern. War unser Knig wirklicher Knig, der nur seine Kraft sammelte durch
das Genie, das immer heilig ist. - Wer konnte ihm widerstehen! Nicht die Nation!
- Geist ist alles, er ist die Macht des Heiligen - er fhlt sich, und dies
Gefhl eben macht ihn zum Herrscher. Die Zuflucht aber zu fremden Mitteln ist
unheilig, und sei der Zweck auch noch so edel und gro, er wird nie verehrt, er
wird unter den eignen Trmmern begraben. - Und die Welt sieht das alles mit
Staunen an und gewhnt sich zuletzt an die umgestrzten Trmmer, und baut ihr
herabgewrdigtes Leben darauf fort. - Wie die Frau das alles sagte, so fhlte
ich mich so sehr beklommen vor ihr, und wie ich sah, da sie keine Trnen wollte
flieen lassen, ging ich zurck hinter einen Baum und sah mich nicht mehr um
nach ihr; sie stand bald auf von dem Stein, wo sie gesessen hatte, sie sagte
noch zum Abschied, ich solle immer bedenken, da jeder Mensch das Recht habe,
der grte zu werden, und da darin die ganze Erziehung der Seele begrndet sei,
- und da dazu nicht die uere Gre und Anerkenntnis gehren, aber die
Geschicke, die seien der Tempel aller Gre und ihr eignes Geschick beweise es,
da sie diesen Gedanken immer vor Augen gehabt, sie wolle gro werden in ihrem
Schicksal. Cette pense est mon pilote, sagte sie, et il me menera par tous
les mondes et cieux! - Ich verga Abschied zu nehmen, ich sprang zwischen den
Hecken fort. Wie ich mich nach ihr umsah, stand sie noch da, ich winkte ihr mit
dem Sacktuch, sie nickte mir und ging weg, und jetzt legte ich mich an die Erde
und lie mein Herz ausklopfen.
    Ich war gestern in Frankfurt, es war ein Herr Burckhard da, der uns viele
schne Bilder und Handzeichnungen zeigte, es waren meistens italienische
Gegenden. Ich mchte nach Italien, ich mchte so gern reisen, die Sehnsucht ist
gar zu gro; ich beschwichtige sie damit, da ich mir einbilde, Dich bald zu
sehen, diese Freude ist doch noch grer; ich will mittlerweile recht fleiig
lernen. O Generalba! - Werden wir uns je einander bezwingen? - O Zeichenkunst,
werde ich je weiter kommen? Die Toni bekmmert sich recht viel um mich. -
    Ich habe mir ein kleines Kabinettchen eingerichtet, in dem ich studiere,
links steht das Klavier, was die eine Wand des Kabinettchens ausmacht, rechts
ist das Fenster, aus dem hr ich abends noch den Klavier-Hoffman gegenber oft
bis Mitternacht phantasieren und vor mir ist der Tisch und dazwischen noch ein
kleiner Ausgang. Auf dem Tisch liegt Homer und viele andere Bcher, und denn
mein Schreibkstchen mit allen Deinen lieben Briefen. Im Homer lese ich oft;
knnte ich Dir nur darstellen, was ich da fr Erfahrungen mache - welche
Rckerinnerungen einer frheren Welt in mir aufgehen. Diese Gtter kenne ich,
mein Clemens, die auf goldnen Sandalen die Wolken beschreiten. Sie machen
ungeheuere Schritte und gleiten weit dahin wie auf Schlittschuhen, ehe sie ein
Bein vors andre setzen, und wenn sie sich wenden, so prallen die Wolken vor
ihnen zurck und versenken sich zwischen Geklft, und wenn sie denn
vorbergeschossen sind in ihrer Ruhe wie der Blitz, dann bricht ihr Zorn in
Gewittern los. - Sieh da im Fenster steht noch eine Hyazinthe, die ich selbst
frh aufzog, sie neigt sich zu mir, als wollte sie sehen, was ich schreibe. Ich
bin heute so vergngt und freue mich so auf alles. Jetzt werde ich ein wenig in
den Garten springen und einen Grasplatz in meinem Grtchen zurechtmachen, wenn
Du wieder kommst, da wir uns zusammen daraufsetzen. Ich will ihn so gro
machen, da man sich recht bequem drauf legen kann und trumen.
                                                            Lieb mich. - Bettine

Eben lese ich diesen langen Brief durch. - Ach, wie verwirrt sind doch meine
Gedanken auf dem ersten Blatt! Versteh ich denn, was ich hab gesagt? - Wenn Du
es vermagst, einen Sinn herauszudenken, das knnte mich noch bei mir
rechtfertigen, denn gestern glaubte ich sehr deutlich, mich selbst zu verstehen.
Ich hab auch so albern ber dein Satirenbuch geschrieben wie ein altes
Mtterchen. Und dann von der Revolution zu reden, haben meine Gedanken auch so
ungebrdig sich angestellt. Wie klar und hell ist dagegen, was ich Dir von der
de Gachet wieder gesagt habe, und doch hat sie's selbst noch einfacher und ganz
mchtig ausgesprochen. - Und doch hab ich manchmal mich unterfangen, sie zu
tadeln, oder Argwohn zu hegen gegen sie - die doch so viel grer und wahrer ist
als alle andre Menschen. Gelt, Clemens, solche Naturen wie die Gachet sind
keiner Kritik unterworfen, denn sie sind weit erhaben ber die Gedanken, die wie
ein ungeweihter Rauch aufsteigen aus Vorurteilen, die Gott nicht wohlgefllig
sind.
    Hat mir denn der Ritter nicht danken lassen fr meine Samtmtze? - Und hat
er sich nicht ber den antiken Lorbeerkranz gefreut? - Das hr ich so gern, wenn
die Leute sich bedanken. -
    Wunderschne Musik ist das meinen Ohren.
    Noch eine vergngliche Stunde mu ich vor Abgang des Briefes Dir melden.
Heute morgen, als ich den Brief schon zugemacht hatte und wollte ihn eben dem
Juden Hirsch in seinen Schnappsack werfen, in der Meinung, er sei es, der an der
Tre klingelt, so war es der freundliche Pfarrer Sch ...z, der die Gromutter
und auch mich besuchen wollte, so sagte er mir wenigstens; ich hab's geglaubt,
obschon es mir was Neues war, da mich jemand besuchen wollte, und nun noch dazu
aus der Ferne will ein so gelehrter Mann bis nach Offenbach gekommen sein, um
mir weiszumachen, da er vorzglich gekommen sei, mich zu sehen! So ein Pfarrer
kann lgen! - Er hat mich gekt auf die linke Wange und hat mich versichert, es
sei wahr. - Und Du habest ihm schon lange meine Bekanntschaft machen lassen
durch Deine Gesprche ber mich! - Ich wute nicht, was ich dazu sagen sollte. -
Clemente; der Pfarrer ist ein guter Kerl, aber er ist, glaub ich gewi, ein
Aufschneider. - Er kann wohl nichts davor, er mu ja Sonntags immer himmeln. -
Und er hielt mir auch eine allerliebste Zauberrede, die etwas Nachwehen von
Kirchenduft hatte. Nein, Clemente, die Rede war wirklich schn; - ach er war ja
gar zu gut der Mann, wie kann ich doch dumm von ihm reden; er hat mich spter
auch auf die rechte Wange gekt und hat mir gesagt, wie schn und edel - ich
wei es gar nicht mehr, was er gesagt hat, denn ich war zerstreut, denn ich
mute an einen alten Tpfer denken, der gleicht ihm; von dem Tpfer will ich Dir
was erzhlen, was sehr Hbsches, ich hab seine Bekanntschaft auf dem letzten
Weihnachtsmarkt gemacht, er hatte einen ganzen Korb voll Tiere gebacken und bunt
glaciert, die bot er zum Verkauf frs Kindervolk, das seinen Korb umringte und
mehr danach verlangte, als nach allen andern Spielsachen. - Es war auch nicht
von ohne. Zum Beispiel einen Schlitten hat er gemacht, der einen Schwan
vorstellt, wei glaciert mit schwarzem Schnabel, ein Mohr steht hinten drauf,
schwarzbraun glaciert mit einem grnen Kittel. Dieses Kunstwerk besitze ich
selbst, es steht in meiner Kunstkammer, das heit unter meinem Bett. - Dem
Tpfer hatte ich damals seinen ganzen Tonkunstvorrat abgekauft fr die Kinder,
jedes ging mit einem Lamm oder Fuchs oder Wolf, Br, Lwe usw. ab, ich behielt
das Hauptstck, den Schlitten; er wollte nun eiligst wieder Neues anfertigen,
und ich wollte gern mit ansehen, wie er damit fertig werde. Und, liebster
Clemente, ich hab drei Abende bei dem Mann zugebracht, Frau und Kinder saen bei
der Lampe und machten Tiere, die Gott nachtrglich noch schaffen mu, wenn er
gerecht sein will, oder seine Unendlichkeit bleibt unerwiesen, denn was die
Phantasie der Tpferskinder erfunden hat, ist noch nicht im Naturreich
geschaffen, dem Vater war aber alles recht, er gab diesen Geschpfen einen
Schneller und einen Drucker und setzte sie auf Postamente, sie wurden angemalt
von einem Kittel mit einem breiten Schlapphut als Kopf, er sa in der Ecke beim
Feuer am Herd und warf einen mchtigen Schatten. Wie ich nun sah, da alles so
fix ging, da keiner zagte, seine Kunstwerke zu frdern, wie keiner eine Kritik
bte, wie alles recht war, was da entstand, da schmte ich mich meiner
Schchternheit. Ich sa nun auch am Tisch und machte Tonknste, ins Tierreich
wollte ich mich nicht wagen, ich machte einen Baum, auf seinen Zweigen sitzen
Vgel, so recht antik mit wenig Blttern, kannst Du denken. - Kaum fing er an zu
werden, so hatte der Schlapphut eine Schlange drum geringelt, und der Tpfer
Adam und Eva drunter gestellt. - -

                                   An Bettine


Wer kann auf Deine Briefe antworten, mein Kind, da es so kalt ist hier und so
einsam, wenn Dein liebes Bild nicht neben mir stnde und alle Deine Liebe ruhig
empfing, ich armer Bewutloser, von mir selber und von Menschen Verlassner, wre
erschrocken ber die vielen Herrlichkeiten, die Du um mich hervorzauberst; eine
Welt ist mit Deinen Blttern eingedrungen, und doch, ich bin's nicht wrdig,
denn was kann ich Dir wiedergeben? - Etwas hat mich gergert, aber es tut
nichts, auch habe ich mit dem Fu gestampft, das ist, weil Dich Sch...z gekt
hat, der ein guter, freundlicher Mann, aber etwas sentimental und stark wie die
Gromutter ist, leid das nicht wieder; - und was mich angeht, macht er mir
schreckliche Langeweile, er liebugelt mit dem Universum, das noch nie an ihn
gedacht hat, und meint immer, es meine ihn, wenn es ihn gar nicht meint. - So
viel ber diesen Freund, der ber mich mit Dir spricht und mit mir sehr gern
ber dich sprechen wrde, daran zweifle ich keineswegs, allein da hat er seine
Mhe verloren, wenn er einen ganzen Milchkbel von Sentimenten aus mir melken
will - und bin ich nicht ungerecht, wenn ich des Teufels ber ihn werde: da ich
doch grade so mit Savigny stehe, von dem ich wieder nichts losbringen kann,
darber nur folgende Worte: ich gehe nun schon lange mit Savigny um und ringe
vergebens gegen seine Verschlossenheit, die mir zwar nichts verbirgt, weil ich
durch lange bung eine Sprache an ihm erfunden habe, die er nicht spricht,
sondern die sich selbst spricht. Ich empfinde diese Verschlossenheit jetzt mehr
als sonst, weil ich fauler geworden bin zu buchstabieren. Seine uerung ber
meine Bitte hierum war die, da ich alles um mich herum eher verschlieen als
erffnen knne; dies befremdete mich nicht, weil mir es schon mehrmals geuert
wurde. Da ich nun keinen einzigen Menschen sehe als ihn und unser gegenseitiges
Verstummen etwas Peinliches hat, solang es mit dem Lusten zum Sprechen kmpft,
so will ich diesen Lusten, der von ihm in gleichem Mae erwidert werden drfte,
nach und nach aufheben. - Ich habe nun nichts mehr in der Welt, wovon ich gern
rede als von Dir, und habe weiter auch niemand, mit dem ich's knnte. Savigny
verstummt dann ganz, wenn ich von Dir rede, ist es eingeborne Antipathie gegen
Dich oder gegen meine Art zu sprechen. - Wenn Dich's interessiert, so lege Dir's
selber aus.
    Ach, ich sehe immer nach Deinem Bilde hin und bin unendlich einsam, da hab
ich gestern zwei Lieder geschrieben fr Dich.

Wie sich auch die Zeit will wenden, enden
Will sich nimmer doch die Ferne,
Freude mag der Mai mir spenden, senden
Mcht dir alles gerne, weil ich Freude nur erlerne,
Wenn du mit gefaltnen Hnden
Freudig hebst der Augen Sterne.

Alle Blumen mich nicht gren, sen
Gru nehm ich von deinem Munde.
Was nicht blhet dir zu Fen, ben
Mu es bald zur Stunde, eher ich auch nicht gesunde,
Bis du mir mit frohen Kssen
Bringest meines Frhlings Kunde.

Wenn die Abendlfte wehen, sehen
Mich die lieben Vglein kleine
Traurig an der Linde stehen, sphen,
Wen ich wohl so ernstlich meine, da ich helle Trnen weine,
Wollen auch nicht schlafen gehen,
Denn sonst wr ich ganz alleine.

Vglein, euch mag's nicht gelingen, klingen
Darf es nur von ihrem Sange,
Wie des Maies Wonneschlingen, fingen
Alles ein in neuem Zwange; aber da ich dein verlange
Und du mein, mut du auch singen,
Ach, das ist schon ewig lange.

Am Berge hoch in Lften,
Da baute er sein Haus;
Am Tore liegt Gewitter,
Nun kann er nicht hinaus.
Die Wolken, sie wollen nicht ziehen,
Der Pfad ist steil und schwer,
O Lieber, Herzlieber in Lften,
O wenn ich bei dir wr!

Wohl bei dir ber Wolken,
Wohl bei dir ber Wind,
Wo fromme Vglein schweben
In Himmelsluft so lind.
Meine Flglein, die sind mir gebrochen
Und heilen auch nicht eh,
Bis ich zu der Herzliebsten
Durch Tr und Tor eingeh!

Da ich so stolz in Lften
Mein Haus gebauet hab,
Das mu mich gar betrben,
Ich kann nicht mehr hinab;
Die Riegel sind alle verrostet,
Die Tore, sie gehen so schwer
O Liebchen, Herzliebchen im Tale,
O wenn ich bei dir wr!

Wohl bei dir in dem Garten,
Wohl bei dir in dem Wald,
Wo dichte Bume stehen
Und Vogelsang erschallt.
Ich kann kein'n Kranz mehr flechten
Und singen auch nicht eh,
Bis ich zu dir, Herzliebste,
Durch Flur und Wald eingeh.

Sie dringt wohl durch die Wolken,
Geht ein durch Tr und Tor,
Die Flglein schnell ihr heilen
Und heben sie empor,
Wohl ber die Wolken und hher
Zu Gott wohl in die Hh,
Trgt sie das treue Herze,
Ade, Herzlieber, Ade! -

Er dringt wohl durch die Wolke,
Geht ein durch Flur und Wald,
Ein Kranz wird ihm geflochten,
Ein Lied ihm auch erschallt,
Wohl unter dem Baum und wohl tiefer,
Wohl unter grnem Klee
Ruht nun sein stolzes Herze,
Ade, Herzliebste, Ade! -

Mach doch eine Melodie darauf. Dein Clemens

Und nun schliee ich den Brief, als ob ich das geringste Dir geantwortet htte
auf alle Liebkosungen Deines Geistes, die in Deinem Brief in so schner
Konsequenz einander folgen. Deucht mir doch, als habe Gott Berg und Tale und
alle Schnheiten der Natur in so lieblicher Verwirrung untereinandergeworfen,
als Deine Weisheit ihr gleicht, und die Gachet hast Du so warm in Deine
Begeistrung eingebettet, als sei sie Dein Gast, dem Du den Ehrenplatz einrumst.
    Du machst mich dennoch reich, obschon Du mich auch marterst, denn ich
verbringe viele Stunden einsamer Zeit mit Nachdenken ber einzelnes. Deine
letzte Erzhlung vom Tpfer hat mich wieder auf alte Sprnge gefhrt, ob Dein
Platz nicht auf eine Knstlerwerkstatt sich beschrnken mge! - Und doch knnte
mich Deine Zukunft anklagen, Dich beschrnkt zu haben mit diesem Begriff. Das
Wort ist das allumfassendste Element, das den reinsten Genu gewhrt, aber auch
ist es das gewagteste, aber wer khn ist, der mu ein Feld dazu haben; - Du bist
zu allem zu lebendig, schreitest ber alles hinaus; Lernjahre kann ich Dir gar
nicht zudenken, reflektieren. - Ach Kind, es ist was Trauriges, lies dies Blatt,
was ich hier beilege, und was ich an meinem mondhellen Schreibtisch schrieb,
gestern, als ich Deinen Brief in der Dmmerung zum zweitenmal berlesen hatte
und ber Kunst und Deine Verwandschaft zu ihr viel gedacht hatte.
    Sobald wir Geschichte der Kunst sagen wollen, setzen wir eine einzige Kunst
voraus, die aber nur Idee ist und als Kunst nie existiert hat, denn es liegt
eine historische Unmglichkeit in der Totalbildung aller Menschen, und sobald
diese eine Kunst soll dagewesen sein, mte diese Totalbildung dagewesen sein,
und nach meiner Meinung ist nur nach dem Ende der Welt eine solche einzige Kunst
dagewesen. Es gibt keine einzige Kunst, denn die Kunst kann nie gewut werden,
und nur die Knste waren da. - Diese einzige Kunst kann nie gedacht werden, denn
solange noch gedacht wird, ist die Kunst noch nicht bewiesen einzig, da das
Denken in der Kunst aufgehoben sein und als Gedachtes erscheinen mu. Es gibt
ein einziges Leben, denn alles Leben ist ein Gelebtes, die Kunst aber ist ein
ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmglich. Das einzige Wissen ist das,
dem eine einzige Kunst entgegengesetzt werden knnte; da aber diese totale Kunst
das ganze Wissen aufheben wrde, indem diese sogenannte einzige Kunst das
ungewute Wissen ist, so kann diese einzige Kunst nur im allgemeinen Tode liegen
oder im allgemeinen Nichtwissen, wir wissen von keinem Wissen als durch unser
Dasein, unser Dasein ist unsere Trennung von dem ueren durch die Sinne. Unsere
Sinne sind der Gegensatz der Kunst oder der Knste, und je hher unsre Sinne
gebildet sind, je mehr Knste sind da, denn jedem Grade des Wissens ist eine
neue Kunst entgegengesetzt. Die Kunst ist also nimmer da als lebendig, sondern
als Tod. Denn bloes vollendetes Dasein ist Tod, - Schnheit ist Tod - jede
angenommene Kunst als einzige Kunst kann also nur ein verlornes sein und daher
alle Erhebung, alle Rhrung bei echten Kunstwerken nur religis und nicht
knstlerisch. Kunst ist daher Bedingung der Religion, wie Religion Unbedingung
der Kunst; und Kunstwerk ist Bedingung dieser Bedingung in der Erscheinung. Wie
Erscheinung Bedingung einer gewissen Konstruktion des Wissens ist; aber nie des
totalen Wissens, denn dieses ist Nichtwissen, weil zum Wissen keine Gleichheit,
sondern Sieg gehrt. Es gibt also nur Knste, und Sterben ist nur der Sieg des
greren zu wissenden Tod oder der allgemeinen Unsterblichkeit.
    Freundschaft hat allein keine Gottheit, weil sie bersinnlich ist! -
    Hier fielen mir die Augen zu; grade im Augenblick, als ich Deinem Genius
widersprechen wollte, der in einem Deiner frheren Briefe Dir diktierte,
Freundschaft sei Brudermord.
    Ach, ich bin matt und mde und hchst traurig. - Der Geist Deines Briefes
ist stark kompromittiert durch den meinen, da er Dir nicht besser zu entgegnen
wei. Adieu, lieb mich und verzeih mir alle Schwchen, die ich heute so stark in
mir fhle. Ich habe heute Morgen den Savigny persuadieren wollen, Dein Bild
anzusehen und es schn zu finden, ich machte einen Versuch, ihn zum Sprechen zu
bewegen, allein er sagt partout nichts. -


                                Lieber Clemens!

Der Savigny kann wohl ruhig Dir zusehen, wie Du schwrmst fr ein Bildchen, das
zwar nur gemalt auf ein kleines Brettchen doch Deine Schwester Dir lieblicher
ins Gedchtnis ruft, als sie wirklich ist. - Der Savigny sieht still dem zu, wie
Du und andre ausgreifen nach Glck, und tausend Miverstndnissen dadurch
begegnen; seine Glckseligkeitslehre geht ungestrt ber dem Gewirr Eurer
phantastischen Neigungen weg, er sieht Eure Freuden und Leiden wie Tag und Nacht
wechseln, denn wie knnte er Anteil nehmen an dem neugefundnen Glck, da Ihr
jeden Augenblick aus dem groen Ozean der Zuflligkeiten herausfischet und
gleichgltig wieder in diesen Ozean hineinfallen lasset, was Euch im ersten
Augenblick geblendet hat. Ihm aber wchst im heimlichen Grund eine Blume, die
nicht verblht, Du nennst sie seine Studiermaschine, ich nenne sie seine Muse.
Was er hrt und sieht, das entgleitet seinen Sinnen wieder, sobald es nicht
Bezug auf sie hat. Und das ist natrlich, was Dir unnatrlich deucht. Und wo er
fhlt, mag er nur sich selber in diesem Wirken fhlen, seine Muse fhrt ihn mit
freundlichem Anstand die Berge hinan, die andre unersteiglich finden, und
bereitet ihm die Ordnung, die er notwendig fordert, wenn er sich einheimisch bei
ihr fhlen soll, es mu ihr doch was an ihm liegen, sonst pflegte sie ihn nicht
mit dieser Sorgfalt. Drum soll Dich auch sein Stillschweigen nicht verdrieen,
denn Du und ich sind auer aller Ordnung. - Das nennt er nun Verschlieen, - da
seine Ordnung mit Deiner Auerordnung die Grenzscheide zieht. - Du bist
ungerecht, ihm das zu verargen, aber Dir ist's zu verargen, da es Dich
ungeduldig macht; ich bitte Dich, was fragst Du danach, oder wie ist's mglich,
da Du nachtrglich noch melancholisch darum sein kannst. - Welche Freude hab
ich, wenn er mir schreibt, auch nur wenig Worte, seine Briefe sind mir
Heiligtmer, aber welche Freude hab ich, auch wenn er nicht schreibt, an dem
reinen Himmelsblau, das die schwarzen Schwalben durchjauchzen heute zum
erstenmal, die alte Kordel freut sich und liest aus ihrer frhen Ankunft einen
warmen Sommer, ihre neunzig Jahre sonnen sich gern. Wie schn ist's an ihr, da
sie an allem sich freut. Ja, es gibt viele Lesearten von dem, was die Seele
begehrt. - Und alles tnt in die Wahrheit, die in Dir selber erklingt, und dazu
kann Savigny immer schweigen. Was er Dir wrtlich sagen knnte, das ist nur
Nebensache gegen diesen Hauptinhalt des Schweigens oder Nichtssagens, worber Du
klagst, dessen doch sein inneres Leben bedarf.
    Ich bin nicht neugierig, was innerhalb seiner Geistesburg vorgeht; so wenig
als auf das, was innerhalb von Klostermauern vorgeht. Wer einmal wei, alles
geht innerhalb der vier Wnde der Ordnung, wie kann der noch Kunde davon haben
wollen und sich krnken, wenn keine erschallt.
    Weit Du, es ist heute der 7. Mai, geh in den Wald, lausch der Nachtigall,
die drauf losschmettert, trotz dem schweigenden Haine, sie durchschallet das
Revier allein, und allein hrt sie begeistert sich zu. Schweigt, Ihr Nachbarn,
denn sie antwortet eben ihr volles Leben dem Frhling, der hat sie darum
gefragt. Mit Savigny und Dir ist solch Frag- und Anwortspiel nicht, wie der
Frhling und die Nachtigall haben. - Was willst Du nun noch? - Du bist im
Unrecht, und er ist im Recht in seiner Stummheit. - Du aber, Clemens, darfst
nicht verstummen, Du lockst wie ein Vogelsteller die zrtlichen Waldsnger; o
wer hat nicht Lust, ein Vgelchen in der Nhe zu sehen, zu haschen und zu
liebkosen und dann wieder fliegen zu lassen. Du lockst mir sie herbei, die das
Naturleben so glcklich, so ganz ergtzlich bevlkern. -
    Die Briefe Deines Ritter! - Er singt ja zu mir! - Und Du hast mir's ganz
verschwiegen? - Und jetzt bitte ich, schick ihm die beiliegenden Zeilen. -
    Clemens! - Ich wei, da eine ganz eigne Polizei existiert, womit man die
jungen Mdchen verfolgt. - Und das nennt man in der Ordnung. Und aber Ordnung
umfat nicht das Auerordentliche, das sich reimt mit dem Gttlichen. Ordnung
ist hlzern, sie kann sich nicht reimen! - Aber Gttlich und auerordentlich
reimt sich. Die Purpurrten! Sie wogen, sie durchleuchten und frben reizend die
strmenden Lfte, lasse sie das freie Blaue in sich trinken! -
    Lieber Ritter! Dem Clemens zum Trotz zaubere Du doch ein wenig Rot mir in
die blaue Ferne, ich schlrfe es wie das rote Blut der Traube, und wenn ich auch
ein wenig trunken trume! -
    Clemente, ich mu Deiner lachen! - Wie sie so sanft ruhn, alle die
Seligen. - Dies Lied fllt mir eben ein. - Ja, es ist in der Ordnung, da sie
ruhen, und es reimt sich nicht auf mich, die singt: Du, o Dionysos, umschlingst
die Seele und trgst aus purpurtrunknen Gluten sie hinber ins ewig frische
Blau! - Das ist nicht in der Ordnung (denn wer Teufel versteht es), aber es ist
doch unendlich schn und reimt sich mit meiner lebendigen Seele.
    Mir sind Ritters Briefe ein Zauberspiegel seiner Geistesnatur! Nichts von
Ordnung darin. Aber jeden Nachklang fhlt mein Herz reimt sich auf diese
Auerordnung. Jeder Halm auf der Abendwiese wiegt sich in diesem Nachklang, und
darauf reimt sich: Es steht von goldnen Blumen die ganze Wiese so voll, und es
ist schn, wie sie aus seinen Briefen mir zunicken, und das ganze
Seelengeheimnis ist nur ein ewig Blhen und Fruchtbringen der Natur, an dem der
Vergleich des Herkmmlichen stumm vorbergeht; - es hat keinen Teil an ihm. - Im
Geheimnis ist der Mensch frei, er hat keinen Richter, sein Gewissen hlt Wache
fr ihn auf der hchsten Hhe. Und bersieht und erkennt und erreicht alles, was
dem Gewissen der Vorurteilsmenschheit ein furchtbarer Kampf ist.
    Wer Ewigkeit glaubt, hat die Unsterblichkeit. Wer dem Geheimnis nicht
einverleibt ist, hat keine Existenz. - Ich hab das antworten wollen auf Deine
kunstvertiefte Schauung; und ich hab sie gar nicht verstanden und wieder gelesen
und noch nicht verstanden. Und endlich hab ich aber gemerkt, da ich mich immer
zerstreuen lie durch einen schmalen Lichtstreif, der durch ein Astloch des
zugemachten Ladens fiel, quer ber meinen Schreibtisch, in dem tanzte der
Demantstaub des Lichtes, und ich sah ihren Kontertnzen zu, anstatt nachzudenken
ber das, was ich nicht gleich verstand. - Jetzt hab ich aber dem Astloch den
Rcken gewendet. Und da hab ich mich besonnen, so scharf ich vermochte. Da sagst
Du: Es gibt nur ein einziges Leben, denn das Leben all ist ein gelebtes. - Ja,
Clemens! - Ein gelebtes, wo jeder Atemzug ewig drin fortlebt. - Die Kunst aber
ist ein ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmglich. - Ach, darauf hab
ich mich stark besonnen; und immer schwankt's. - - Und jetzt wei ich's! - Oder
wei ich's dennoch nicht? - Ein ungelebtes Leben! Mein Gott! Meine Gtter, zu
denen der Geist alle Sinne alle Augenblicke die Tempelstufen hinantrgt. - Wie
die Lichtstubchen dort den Sonnenstrahl hinantanzen, - in denen aller Geist
sich einwebt oder auflst. Ist das die ungelebte Kunst, die nicht mglich ist im
Leben, - so lebt doch der Geist einzig in ihr und steigt bis zur obersten
Sprosse der Himmelsleiter mit starkem Willen; - mir ist bang, sie mu ihm
nachgeben. - Still! Hier verwirrt sich's! - Das einzige Wissen ist das, dem
eine einzige Kunst entgegengesetzt werden knnte. Ich schm mich, eine Antwort
zu suchen. - Und doch hab ich sie: Das einzige Wissen ist der liebende Geist,
die einzige Kunst ist das des zu liebenden Gttlichen, was des Geistes Streben
an sich reit durch seine magnetische Kraft. Die Kunst also ist ungelebte
Magnetkraft, die alles Leben an sich reit. - Ach! - In der fernsten Ferne
meines Lebens sehe ich, fhle ich diese Magnetkraft mich beherrschen, - sie ist
Kunst in sich. Feuerkraft ist sie, dem Geisteswillen sich zu unterwerfen. Das
Ungelebte zwingt das Lebende! - Bist Du's zufrieden, Clemens? - - Adieu.
                                                                         Bettine


                                   An Bettine

Liebes Mdchen! Hier ohne Dich zu wohnen, wenn ich das aushalte, so darf ich
mich meiner Strke rhmen. - Ach, wo ist's in der Welt wieder so schn als hier
in diesem Frhling hoch in den Lften zu schweben, dem Himmel so nah, da jedes
der sechs Fenster meiner Stube eine prchtige Landschaft unter Rahm und Glas
bringt. Nur das Groe der Stadt berhrt mich; die Trme sehen mir in die
Fenster, und die Stadtuhren sind meine Wanduhren, ich kann nichts tun als an
Dich denken, Dein Bild hinhalten. Der Frhling flieht von meilenweiten Bergen
ber die blhenden Felder und den sanften Strom und die klingenden, singenden,
schwingenden Wlder her zu mir; und bringt Blumendfte, Farben und Klnge mit,
all herein zu den sechs Fenstern, und da halte ich Dein Bild in die Mitte, da
es der Reichtum der Jugend umwalle. Ach, warum bist Du nicht da? - Ich bin
entsetzlich ungeduldig um Dich! - berall entbehre ich Dich, und selbst an Dich
zu schreiben macht mir Schmerz, weil Du mir auch dazu fehlst! Ja, zu den
Gedanken an Dich, zu Dir selbst fehlst Du mir. Und wenn Du da wrst, so wrst Du
berall in der Herrlichkeit. - Und alles Sprechen ist nicht wert, ein Wort
darber zu verlieren, so wie alles Schieen keinen Schu Pulver wert ist. - Wenn
ich Dir sagen soll, wie es hier ist, wie es mir ist, wahrhaftig ganz anders als
beim de Gabrielli, der Sonn und Mond, Wald und Tal und Ferne und Sturm auf
lgetrnktem Papier uns so deutlich vormalte, und wir uns beide freuten so
herzlich darber. Nein, es ist auf dem Papier nicht zu erschwingen, was ich
brauchte, Dir zu sagen, was man hier in einer Minute empfinden kann, ich mte
in einer Minute wahnsinnig und gescheut, dichtend und liebend und spottend und
lebend und sterbend sein, um Dir dies Leben recht wieder zuzustrmen. Das Haus
mitten in den Berg gebaut, aus allen Stockwerken in den Garten, selbst aus dem
Keller. Wenige Schritte oben das prchtige Schlo und Eichen und alles. O ich
mchte noch einmal nrrisch werden, da ich's einmal schon bin. Daneben steht am
Garten ein hoher, alter Turm, da lassen wir nun eine Treppe hinauffhren, ich
bin schon mit einer Leiter hinaufgestiegen; oben wird ein Zelt aufgeschlagen,
und da hngt man wie ein Luftschiffer ber Berg und Tal. - Ach ich langweile
mich tot, da Du nicht da bist, Bettine, da Du nicht da bist all du Frhling,
den ich soeben erzhlt hab, da Du alles nicht da bist, was da ist, weil Du mir
fehlst, lieb Mdchen. Gott wei, ich sehe nur alles im Auge, im Genu derer, die
ich liebe, und ohne sie ist die Welt mir eine ausgebrannte Kohle. Aber ich liebe
auch Gott und sein Werk und am meisten Dich, Du bist mir sein Absteigquartier.
Die Vgel philosophieren in den Lften, die Frsche weissagen in den Teichen,
und ich versuche ihnen nachzusingen und zu quaken, derweile sie ihre Studia
absolvieren. - Ach helf mit - wirke auf Deinem Fleckchen, der Welt den Frhling
in seiner Flle in den Scho zu ergieen, damit das Leben berall sich regt;
sonst kommen Vgel und Frsche bei Euch zu kurz vor lauter Amtsgeschften. - -
    Sieh aber nur, so sind die Menschen, so bin ich auch. Gestern und vorgestern
hab ich das Vorhergehende geschrieben, da war alles das noch neu und
wnschenswert, ich konnte noch nach Dir und nach der Natur begehren. Heute ist
es schon ganz anders, ich begehre nur nach Dir, es ist mir, als htt ich Dich in
ewiger Zeit nicht gesehen, und ich empfinde recht deutlich, wie Erinnerung und
Sehnsucht einander so hnlich sind, da sie sich sogar ergnzen. Und was die
Erinnerung nie gewut hat, das kann die Sehnsucht in Erfahrung bringen und es
der Erinnerung berliefern. Da ich Dich so lebhaft vor mir sehe und in jeder
Minute Deiner gedenke, ist doch nur eine Folge davon, da Dein Bild erst so
kurze Zeit deutlich in mir aufgeregt ist durch Deinen Brief, und htte ich nun
seit lngerer Zeit nichts von Dir erfahren, so wrde mein Sehnen danach der
Erinnerung die Rolle abnehmen. Die Nhe hinter und vor uns regt uns gleich stark
an. Was wir vergessen, tten wir, wessen wir gedenken, das beleben wir. Was uns
vergit, das ttet uns. Jede Sehnsucht ist Begierde, zu bilden, zu gebren, jede
Erinnerung ist eine Wiedergeburt. Wahrhaftig, liebes Kind, ich liebe den
Frhling nur, weil ich mit innigerer Rhrung Deiner drinnen gedenken mag, weil
er das einzige ist, das mir in Momenten Dich wrdig ersetzen kann, und er
versteht und reflektiert mich doch noch nicht wie Du und kann mich nicht so
belehren und erquicken. Aus einer recht herzlichen offenherzigen Liebe kann doch
nur allein in der Welt etwas werden, und wenn der Menschen Geist sich nicht
recht gewaltig durchdringt und nicht recht mu, so bleibt es eine ewige
Lumpenkrmerei und gibt immer Plattheiten. So wie die Elemente sich durchdringen
und die Welt bilden und der Geist und die Welt sich durchdringen und den
Menschen bilden und der Mensch diese Liebe mit einem freien Blick ansieht, und
indem er ihre Notwendigkeit und seine Freiheit in dieser Notwendigkeit
betrachtet, den Gott erkennt und anbetet - alles das ist nur eine herzliche
Liebe, wo diese Liebe nicht ist, da ist die Dummheit und all das Bse, das uns
emprt. - Ich kann mich oft recht an dem Gedanken entzcken, da mir in Dir die
Welt, die mir gegenbersteht, die Welt, die ich gern ansehen und lieben mag, ja
alles, was des Meinigen auf Erden werden sollte, zum Menschen erschaffen worden
ist, der mich wieder aufnimmt in seine Gedanken und sich an meinen Freuden
ergtzt; seitdem kommen alle freundlichen Ideen, die ich denke, zu mir zurck
und denken mich wieder; und was ich anschaue mit Liebe, das schaut mich wieder
so an; seitdem bin ich zur Welt geworden und lebe das Leben, das man mein Leben
nennt, das aber des Lebens Leben selber ist. - Ich habe mich oft unterfangen,
meine Liebe zu Dir zu meinem eignen Werk zu machen, aber es war ein verkehrter
Streich, ich bin das Werk meiner Liebe zu Dir, und nicht diese Liebe mein Werk.
- Meine unglckliche frhere Neigung preise ich jetzt hoch, denn ich habe mich
dadurch erkennen gelernt, und so kann ich Dich in jeder Minute recht verstehen,
und Du brauchst keinen Blick unerwidert in die Welt zu tun; und alles, was von
Dir laut wird, findet einen freundlichen Richter in mir. - Gott will's so haben,
da wir uns lieben und einander belehren sollen, ich sehe es in allen Dingen und
gebe mich dem offen hin, denn ich will nicht mit der Wahrheit streiten, denn es
ist nicht mglich, sich zu trennen von dem, in dem man sich begriffen fhlt; es
ist undenkbar wie alles Resignieren, was immer nur auf sich selbst verzichten
heit. - Es resigniert niemand, so wenig als das Wasser resignieren kann Wasser
zu sein, solange es noch Wasser ist. - Und Resignation ist nach meinem Begriff
nichts als eine lcherliche Selbstgeflligkeit in einer notwendigen Vernderung
unseres Selbst, welche Vernderung durch diese lcherliche Selbstgeflligkeit
allein entsteht. - Resignation und Kaprize sind an und fr sich dieselben
ttenden Feinde des eigentlichen freien und vollen Lebens, das nichts von sich
wei, und das mit einer von beiden zu sterben beginnt. Wenn wir mit Kaprize das
Leben festhalten wollen, so resignierte das Leben schon auf uns und ist im
Abmarsch. - Wenn wir resignieren, so sind wir im Abmarsch, und das Leben hat die
Kaprize, uns nachzulaufen oder nicht, und beides ist eine gegenseitige schlechte
Koketterie, bei der man die Zeit verliert. Denn da wir so oder so leben, ist
grade der Beweis, da wir so leben wollen und sollen, solange wir wollen; da das
Leben die Durchdringung des Geistes und Stoffes ist, in der sich nach ewigen
Gesetzen grade die Lebenserscheinung konstalisiert, so ist's in allem. Das ganze
Leben kehrt in sich selbst zurck, und wo wir schon so in uns selbst
zurckgegangen sind, da wir von uns selbst und also von keinem Ding uns mehr
getrennt denken knnen, heit es, sei der Tod; der Tod aber ist in jedem Momente
des Lebens, da das Leben nichts ist als das ewige Zurckkehren und Hervorgehen
des Lebens aus und in sich in demselben Momente. - Ebenso ist das Leben in jedem
Momente des Todes, denn Leben und Tod sind eins; um leben zu knnen, mu man
ewig sterben, und um sterben zu knnen, ewig leben. Die Ansicht vom Leben im
Gegensatze vom Tod ist eine sehr beschrnkte Ansicht, und etwa so, als klage ein
Handwerksbursch ber die Flchtigkeit der Zeit, weil der viele Spa am blauen
Montag ihm den seinen so kurzweilig macht. Alle Menschen, die ihre eigne
Biographie fr ihr Leben halten und so lange einen Menschen fr lebendig halten,
als seine Stelle nicht vakant ist, sind solche Handwerksburschen, und ihr Leben
sind blaue Montage. -
    Wir leben nur durch das Bewutsein unseres Lebens, aber ohne alles Leben
berhaupt haben wir kein Bewutsein, und wir leben daher nur durch die Ewigkeit
des Lebens, die alles Leben ist und jedes Leben.
    So gibt es denn nur ein Leben. Damit brigens etwas lebe, mu es im Momente
erscheinen und also von der Zeit gefesselt sein; insofern also unser
eigentmlich Leben im Momente liegt, ist es in diesem von der Zeit gefesselt,
und hinter jedem Momente liegt dessen Tod; der Tod also befestigt das Leben in
der Zeit, die Zeit aber selbst ist ein Produkt von uns, denn wir knnen eine
Ewigkeit denken, also liegt der Tod in der Ewigkeit, und Leben ist nichts als
die Ewigkeit, die wir uns zueignen dadurch, da wir uns ein Stckchen von ihr
mit einem hinten vorgehaltnen Tod auffangen. - Doch ich kehr zu Dir zurck,
liebes geliebtes Kind, ist doch diese Reflexion schon eine Snde gegen Dich, ich
habe in Dir meine Ewigkeit so schn gefangen, da ich nicht lnger
grammatisieren darf; da das Leben der Sprache ein Gedicht mit mir lebt, das Du
bist, Du Lied vom Weibe, von Liebe und von Gott. - Da ich Dich so liebe, dafr
danke Gott, wenn es Dich glcklich machen kann, ich danke ihm auch um Deiner
Liebe willen. Es ist ein groes Erbarmen von ihm, da er uns alles in einander
gegeben hat, und wir drfen nicht stolz darauf sein, denn es ist nur Gott, den
man liebt, den Gott im Menschen, und je schrfer und tiefer wir blicken, je mehr
erkennen wir ihn, und je ruhiger und einfacher wird die Liebe. - Etwas Rhrendes
liegt in unserer Liebe; wenn ich Dir ernst ber lebendige Stellen meines Lebens
spreche, die nun gestorben sind, und wenn ich Deiner gedenke! - Aller Lrm wird
dann stumm, alle Menschen werden mir steinern neben Dir, und dies Stille erwacht
in eine Musik, ich mchte sie eine innere Musik nennen, die sich selbst hrt.
Wenn ich aufrichtig sein soll, spreche ich mich gegen niemand gern aus als gegen
Dich, denn Du verstehst mich und freust Dich meiner. Mit den andern Menschen
verbindet mich nichts als ihre Seltenheit. - Gute Nacht bis morgen! -
                                                                         Clemens

Sollte die Gnderode Dir einen sehr wunderbaren Brief von mir zeigen, so
verwundre Dich nicht, ich bin begierig, was sie darauf spricht.

                                   An Clemens


Es geht schlecht mit meinem Witz, Dein Brief ist wie der Blitz in mich
eingeschlagen, und ich kann Dir Neues davon sagen, wie das einem tut! - Gar
nicht - tut es einem. Geist samt Eindruck verschwunden! Erst hab ich mich
besonnen, ob ich nicht Dir diese Lhmung verschweigen solle, da ich nmlich mit
Deinem Brief nichts anzufangen wei und lieber Dir etwas vorzaubere vom
Frhling, der hier gar nicht schlecht ist. Gibt's der Tage viele wie der
gestrige Sonntag? - Himmelsblue - unendliche! krftige! vom Sonnenfeuer
durchglht, die Bume vermhlten ihre Schatten einander, alles im schnsten
Frieden lautloser Stille, - die Orangen warfen als ihre Blten herunter, - da
hab ich gelegen im Boskett und alle Blten aufgefressen, konnt nichts mehr zu
Mittag essen, die Gromama frgt, ob ich krank sei, in der Nachbarschaft sind
die Rthlen. -
    Dein Brief kam um zwei Uhr, ich wollt ihn studieren unter jenen duftenden
Bumen, ein narkotischer Balsam strmte aus seinen weisheitsvollen Blttern, der
Sonnenschein ging, ich hatte den Brief nicht bedacht, aber beschlafen, aber doch
blieb mein Begriff gelhmt. Der Mond kam, und der Tag war noch nicht vergangen,
ich ging zum Gitter im Boskett, wo die Blumen alle stehen auf hohen
Paradegestellen, man kann dran hinaufsteigen. Der Grtner stand oben mit der
Giekanne, ich ward ganz durstig, wie sie so gierig das khle Wasser schluckten,
ich trank aus der Giekanne. Der Grtner wollt es nicht leiden, ich sollte
warten, da er ein Glas hole. Ich bin dem Grtner gut, er ist mein bester
Geselle. Alles, was er sagt, verbindet sich so nah mit der Gegenwart. Die
Blumenglocken bewegten sich vom Abendwind, der zieht mit sanftem Brausen durch
die erfrischten Strucher und nimmt den Staub der Blumen mit sich fort; jeden
Abend sieht der Grtner diesem Spiel des Windes mit den Blumen zu. Grade in
diesem Monat versumt der Wind es keinen Abend, sagt der Grtner.
    Was ich gesehen hab noch? - Eine Biene, die sich ein Bad zurecht machte in
dem Schsselblatt von einer Geiblattblte, sie patschte drin herum, tauchte den
Kopf unter und wusch sich von allen Seiten mit ihrem Rsselchen, grad wie eine
Katze. - Nun denk ich, ob man eine Biene nicht knne zahm machen auch wie eine
Katze. Da sie hereingeflogen km abends und schlief da auf einem Nelkenstock
oder Wicken oder sonst einem Blumenstock, den die Bienen lieben. Der Grtner
meint, eine oder die andere, die einen aparten Sinn habe, knne das wohl - und
sagte noch allerlei von den Bienen, was die Leute nicht glauben, weil es zu
gescheut wr fr so kleine Tiere, aber es sei dennoch wahr; ich glaub's, warum
soll er es nicht besser wissen, da er diese mit so groer Liebe beobachtet, das
heit mit Geist. Die Leute sind wohl auch so dumm zu glauben, ein Grtner habe
keinen Geist; - aber, der hat Geist - und kann also mit Geist beobachten, das
heit mit Liebe. -
    Ja, Clemens, ich hab gestern abend noch an Dich schreiben wollen, aber ich
mute nachdenken ber die Bienen. Ob sie wohl einen an der Stimme erkennen
wrden? - Die Bienen haben ein fein Gehr, sie richten sich bei weiten Ausflgen
nach dem Abendgelut, sie unterscheiden genau die Glocke ihres Dorfs, das hat
der Grtner in seinem Dorf hundertmal beobachtet. Wir berlegten's noch mit dem
Heimlichmachen der Bienen; - einen Blumenstrau im Mund, sich ins Gras legen und
schlafend stellen. Kommen die Bienen, so mu man sie nicht verjagen, sagt der
Grtner, wenn sie auch an den Blumen vorbei aufs Gesicht fliegen, sie stechen
nicht. - Wenn eine erst zahm ist, dann kommen mehrere. - Das wr mir eine
Freude, Clemente, ber alle Freuden, wenn ich so an einem heien Sommertag in
der Lindenallee spazieren ging und die Bienen kmen alle von den Bumen
herabgeflogen und umschwrmten mich. Er wrde gleich mit schwrmen, meint der
Grtner! - Ich wei es - und er flg wohl auch daneben; und ich wei - liebster
Clemente! Der ist aber kein sentimentaler Pfarrer, der mit dem Universum
liebugelt!
    Bis die Bienen wirklich kommen und mich umsummen, da ich mein eigen Wort
nicht hr, hat's Zeit, Deinen liebenden Brief zu besprechen. Schon in Deinem
frheren Brief ber Kunst steht - - ich fhl, da solche tief durchdachte
Gedanken, die Du an mich zwar richtest, doch vielmehr der Welt angehren, das
erstemal wollte ich sie wie einen musikalischen Satz durch einen Gegensatz
beantworten, wodurch erst seine Basis begrndet wird, sagt der Musiker, und eine
Symphonie aus sich hervorzubilden vermag. Aber, Clemens, ich fhlte mich so
beklommen bei Deinem neuen Brief! - Er pat nicht zu meiner feurigen
Frhlingsstimmung. Durch Feld und Wald zu schweifen, mein Liedchen
wegzupfeifen! - - - er pat nicht zu meinem himmlischen leichtsinnigen
Stubenkamerad, meinem Dmon, - nicht Damon - der mir's unter die Fe gibt, ich
soll mich nicht auf Stelzen begeben. - Und was kann ich, was kann ich dafr? -
Da es mir gar um Freundschaft und Liebe nicht zu tun ist.
    Gestern, Dienstag, waren wir im Forstwldchen auf einem Ball, bei Moritz
Bethmann. - Der Brief kommt nicht weiter heute, es steht ein Blumenstrau auf
meinem Tisch von lauter Vergimeinnicht, wunderlich gebunden wie ein Kelchglas.
In der Mitte auf dem Grund des Kelches sind Moosrosen. Wie schn! - Ja, ihr
Rosen seid schn, und euer Gewand ist die Schnheit selbst, und euer Reiz
umwallt gleich die Brust, an der ihr vergeht! Und ihr seid so schnell fort, und
doch hat man so zrtlich euch geliebt - und doch seufzt man euch nicht nach! -
Warum nicht? - Hat's Gott gewollt, da man euch liebe, wie der Clemens mir sagt:
ich sei berufen mit ihm zusammen, da wir einander lieben, wenn das so wr, da
Gott wolle, wo er gar nicht zu wollen hat, ich wrde ihm widerspenstig sein und
den grad nicht wollen lieben, den er dazu geschaffen. - Denn das bndigt mich
eben grade nicht, wenn er vielleicht sagte, wie die Kindererzieher, wenn sie
pfel austeilen, magst du den nicht, so kriegst du gar keinen! - Fhl ich mich
hingezogen zu manchem, so ist's nicht aus vorbedachtem Gefhl, nicht weil ich
glaub, Gott hab es so gewollt, - es wrde mir allen Farbenschmelz und
Heiligenschein konsumieren, dies Soll oder Mu. Die Rosen - sie glnzen im
Abendschein, sie locken mich, sie zu umfassen, sie zu kssen. Ich bin ganz bei
ihnen, wenn wir abends im Mondenschein allein zusammen plaudern, und fhle mich
nicht allein mit den Blumen wie oft mit Menschen. Und wenn es Deine eignen Ideen
sind, Clemens, die Dich wieder lieben, wie Du mir schreibst, so sind die Blumen
wohl die Liebesgedanken der Natur, von denen sie auch wieder geliebt wird.
Liebesgedanken sind sie. - Die Rosenknospe ist's, sie wirft in ihrer
Verschrnktheit glhende Blicke in das Auge, das sich in ihrem Anschauen
verliert. Wenn sie nachher dem Tag sich erschliet, dann ist sie nicht mehr so,
sie lacht dann jedem Vorbergehenden und wird die Blume des Tages, an der alle
gleichen Anteil zu haben meinen. Drum als ich gestern von meinem knospenreichen
Rosenstock ein Paar davon abbrach zum Ballstruchen, das tat ich ungern, so
jung von ihrem nhrenden Stamm sie zu trennen, die so an der Grenze ihrer
Jungfrauenzeit aus ihrem grnen Kinderjoppelchen recht neugierig herausguckten,
aber ich dachte: ach, morgen habt ihr ja doch das grne Jckchen abgeworfen und
seht die Tage euerer Kindheit fr nichts an. - Und Du! - Fr was siehst Du sie
an, Deine Kinderzeit, da Du so reden darfst? - sagen die Rosen wieder. - Ach
Rosen! - Vorwrfe von euch! - Da ich doch meine Zeit mit euch vertndle. Aus der
Natur sestem Gefhlsschmelz ihr selber hervorgegangen! - Seid ihr Blumen nicht
der Liebesdrang, der Venusgrtel der Natur? - Ihrer Lippen wrzigen Atem hauchen
die Blumen in reizenden neckenden Antworten allen Liebesantrgen aller Wesen in
ihr. Und die Rosen, sie sind die Antwort, die im Necken schon sich in einen Ku
verwandelt und ohne Widerstand durch ihre eig'ne Schnheit Zeugnis gibt: Die
Liebe hat die Natur besiegt. -
    Es war mir so wehmtig, gestern Abend mit meinen Rosen allein, und bin
ungern von ihnen geschieden, um schlafen zu gehen, und hab mich noch recht in
ihr weiches junges Grn hineingeschmiegt zum Abschied! - Und hab so wunderliche
Trume gehabt in der Nacht. - Sonnenstrahlen, die scharf und rein durch dichtes
Gewlk auf mich trafen, und da war alles in ppiger Blte um mich her und atmete
kaum vor Schwle, und ich stand da allein unter diesen Blten allen, mit offner
Lippe nach einem Tropfen Labung. - Ach, heier Tag, du drckst die Blumen! - so
dacht ich dort. Es tat mir so leid, da ich nicht den Regen ihnen aus dem Gewlk
niederschtteln konnte, und als ich aufwachte, war mir's noch schwermtig, und
heute den ganzen Tag so fort. - Wenn nicht eins mir Freude gemacht htte. - In
der heien Mittagsstunde kamen wirklich ein paar Bienen hereingeflogen,
umsummten meine Rosen, meinen Maiblumenstrau, meinen Basilikum, meine Ranunkel
sind noch nicht offen, schmecken den Bienen auch nicht. Nelken sind auch noch
nicht aufgeblht, die sind aber wahre Lockspeise fr sie, und die stehen doch
schon alle da, da sie von ihnen gesehen werden, was in der Zukunft auf sie
wartet, sie werden wiederkommen und werden sich in meinem Wirtshaus betrinken,
dazu mache ich ihnen Musik. Gleich als sie ankamen heut, so nahm ich die Gitarre
und klirrte ihnen was drauf vor, sie summten, es war ein delizises
Doppelkonzert und hat mir meine Munterkeit wiedergegeben, die mit einem Fu
schon ausgeglitten war und schier in den rauschenden Bach der Empfindsamkeit
wre gestrzt. - Adieu! - Ich und meine Bienen, was kann ich mehr verlangen.
                                                                         Bettine


                              Meine liebe Bettine!

Da ich vermute, da Dich ein kleiner rger weiter nicht ins Grab strzen wird,
so hab ich einigen Lusten, mit Dir zu schmlen. Stelle Dir vor, einiges in
Deinem Brief hat mir einen unangenehmen Eindruck gemacht, zum Beispiel das mit
dem Rosenstckelchen. Es kam mir immer vor, als sei es recht artig, eine gewisse
Rhrung bei unschuldigen Dingen zu empfinden, ja zur Not knne man auch sagen,
es war mir, als msse ich es umarmen, aber es wirklich zu umarmen und noch gar
dabei in wehmtigste Gedanken zu versinken, das geht etwas in die Wildnis und
ist stark empfindsam, hlt auch nicht Stich, stelle Dir vor, an welchem knappen
Fdenchen die Geschichte hngt; fllt sie, so fllt sie mit der schnsten
Empfindung ins Lcherliche, denn eine gelbe Rbe, eine Kartoffel sind doch
ebenso unschuldig als ein Rosenstrauch, und dennoch wre Deine ganze Umarmung
verunglckt, wenn das Rosenstckelchen sich in eine solche Rbe verwandelt
htte. Auch hast Du bei nherer Beleuchtung wohl nur einen erd'nen Topf umarmt.
Wenn ich der Rosenstock gewesen wr, so htt ich gesagt: Oho, schnstes Kind!
und dann httest Du wahrscheinlich gelacht. Ich hoffe, Du gewhnst Dir tglich
mehr solche Explosionen ab. Du weit, wie oft ich Dir ber hnliche Anflle
gepredigt habe. Auch das lange Herumtragen und Betrachten der Trume ist
kindisch, und whrend man auf eine Menge schner Empfindungen, die man bei
Gelegenheit solcher Trume hat, bei hellem Tag auf eine getrumte Weise stolz
wird, vergit man eine Menge zu tun, was wirklich, wahr und Pflicht ist. -
Wieviel gescheuter wr's gewesen, wrst Du auf dem Ball recht vergngt gewesen
und httest mir das meiste, ja alles erzhlt, das htte mir weit mehr, ja
unendlich viel Spa und Freude gemacht. - Sehr artig wr's, wenn Du doch einmal
Deine Trume gern nher berlegst, die Nacht drauf in einem neuen Traum den
vorigen zu bedenken, bei Tag aber recht lustig und vergngt und fleiig zu sein,
denn sonst lufst Du Gefahr, einem gewissen Mann hnlich zu werden, der sehr
bewandert in der Sternkunde war und alle Augenblicke in einen Graben fiel; ja
endlich elendiglich in einem Brunnen ersoffen ist, weil er immer gen Himmel
guckte; Du lufst Gefahr, da die Leute sagen, sie ist sehr klug im Traum, aber
nicht recht gescheut im Wachen. Ich bitte Dich um des Kaisers seinen Bart
willen, werde nicht empfindsam, und lasse Dich nicht von dem Lied der Katzen
sogar rhren, gehe spazieren, gebe Dich mit der Toni, mit der Lotte ab und freue
Dich ihrer vernnftigen Klte. Ich bitte Dich um alles in der Welt, werde nur
keine Seraphine Hohenacker, die Geisterseherin! - Wahrhaftig, dann mut Du am
End verzweiflen, denn ich werd alle Tag gescheuter und unempfindsamer, es ist
was Miserables um einen empfindsamen Menschen in der Welt; und zwar gerade, weil
die Welt nichts weniger als empfindsam ist und einem kein Baum aus dem Wege geht
oder beweint, wenn man sich ein Loch an ihm in den Kopf stt. Wenn Du berdem
wtest, wie man durch Krnklichkeit zu all diesen zrtlichen Empfindungen
kommen kann, und da die Besessenen und Hexen in den vorigen Jahrhunderten nicht
anders als solche hypochondrische Personen waren, so wrdest Du Dich noch mehr
hten, in eine solche Empfindsamkeit zu fallen. Dagegen hilft oft viel Bewegung,
Springen, Singen und Tanzen, Beschftigung, der Agnes helfen in der Kche, wenn
sie allenfalls einen guten Kuchen backt, den auswschern, kneten und in die
Backschssel hineinrunden, oder auch einen ordentlichen Aufsatz machen, selbst
ber die franzsische Revolution, wr mir lieber, und ich bin jetzt sehr
bestraft dafr, da ich dies Interesse bei Dir untergraben hab. Ich bitte Dich,
wenn es noch Zeit ist, ergreif es wieder, hol Deine alten Tagebcher hervor, in
denen wirst Du Anknpfungspunkte genug finden, es war manches so Schne, so
wahrhaft Groe darin; ja ich kann Dir sagen, da ich manches draus erfat habe
als ganz neu gedacht und als gut gedacht, es hilft einem auch zur Vermeidung
aller Liebesgedanken, das Groe, das Wesentliche der Welt zu seinem Hauptthema
zu machen. Dort bist Du ja auch auf dem Boden, der Deinem Geist die wahre
Elastizitt gibt. - Der Empfindsame bringt auch nie etwas hervor, weil er sich
keines Dinges bemchtigen kann, sondern nur von allem berwltigt wird. Ich habe
berhaupt einen entsetzlichen Widerwillen gegen die Empfindsamkeit, denn sie
wird ber nichts empfindlicher, als wenn man sie fr eine Krnklichkeit erklrt,
da sie eine Feinheit der Seele sein will. Was ich aber unter Empfindsamkeit
verstehe, wirst Du wohl wissen. -
    Nichts vor ungut, Du weit, da ich Dich vernnftig liebe und es gut meine.
    Es wrde mich freuen, wenn Du etwas Geschichte lsest, und auerdem meistens
Goethe, und immer Goethe, und vor allem den siebenten Band der neuen Schriften,
seine Gedichte sind ein Antitodum der Empfindsamkeit. Aber als Geschichte rat
ich Dir Mllers Schweizergeschichte, es ist etwas Himmlisches, ich glaube,
Leonhardi hat sie. Es sind zwar einige dicke Bnde, aber desto lnger dauert die
Freude, setze Dir tglich ein paar bestimmte Stunden, wo Du drinnen liesest. -
Wenn Du Dich meines heftigen Unwillens erinnerst, den ich in Offenbach hatte, so
oft ich alberne Bcher bei Dir fand, so wirst Du mir das Recht zugestehen, mich
sehr zu beklagen, da Du jetzt vermutlich alles lesen magst, was Dir vorkommt.
berhaupt ist es mir sehr verdrielich, da Du mir nichts von Deiner innern
Bildung schreibst, mich nicht fragst, was Du lesen sollst und dergleichen. Was
soll alles Phantasieren ber dies und jenes, was nun einmal so ist, wie es ist.
Besser wre es, wenn Du Dein Vertrauen zu mir so bentztest, da Du mir Einflu
in Deine Bildung gnntest. - Da Du mich ber alle Lektre um Rat fragtest - und
dergleichen. -
    Um eins bitte ich Dich noch in Deinen Briefen, nmlich gebe mir immer
Nachricht, sobald irgend etwas Bedeutendes bei Euch vorfllt, von jeder Reise,
sobald Du davon erfhrst. - Meine Briefe an Dich zeige niemand, mit solchen, die
betrbt sind, wie immer ohne Ursache, habe Mitleid mit ihnen, suche aber nicht
etwa sie zu trsten, indem Du, beim Lichte besehen, in dieselbe erbrmliche
Stimmung Dich herabsinken lt und auch betrbt wirst. Der Umgang mit solchen
Leuten ist deprimierend und zerstrt alle Kraft in uns. Da Du brigens dieses
nicht so wrtlich nimmst wie Eulenspiegel, hoffe ich. - Du knntest mir einen
groen Gefallen tun, wenn Du, doch ohne bereilung oder Faulheit, mir ein halb
Dutzend leinene Stiefelstrmpfe stricktest, aber nichts weniger als fein,
sondern nur stark und derb. Toni wird so gtig sein, Dir das Garn nach Offenbach
zu besorgen. Auch hre ich gar nichts mehr von Lulu und Meline, es tut mir leid,
da Du von diesen Deinen treuen Gespielinnen gar nichts zu schreiben weit.
Schicke mir doch mit umgehender Post einige Lot der besten schwarzen Kreide,
auch etwas weie, auch englische ist mir lieb; es ist fr einen armen Jungen
hier, der ganz vortrefflich zeichnet, schicke sie aber ja gleich. Von Savigny
hab ich keine Gre an Dich, wenn Du etwa danach fragen solltest, ob er sich
Deiner noch erinnert. - Er hat seine Studien und seine Freunde, und denkt an
sie, wenn sie ihm ins Gedchtnis kommen, er schreibt fter an Gundel,
vermutlich, weil er ihr manchen Rat gibt. Savigny, der immer helfend und
wohlttig ist, ntzt ihr unstreitig viel. Dir kann er in dieser Weise nicht
ntzlich sein, deswegen schreibt er an Dich nicht, ich finde das ganz natrlich,
da er in Sachen des Ungangs ganz anders denkt als ich, so wrden wir uns oft
stren. Du verlangst ja wohl auch nichts weiter, als da ich alles, was ich wei
und fr Dich gut finde, Dir von Herzen mitteile, und ich verlange, da Du mir
traust. - Sei kein Allmein, schicke die Kreide, stelle Dich nicht so heilig,
nehme das Leben leicht und Deine Pflichten ernst, lerne mit vernnftigen Leuten
lustig und frhlich umgehen und habe mich in vernnftigem Andenken.
                                                   Dein ehrlicher Bruder Clemens

Noch etwas! - Verphantasiere Dich nicht mit dem Grtner! - Er ist ein guter
vernnftiger Bursche an seinem Platz, nmlich unter Kraut und Rben. Es ist sein
romantisch Leben ganz gut mit den Blumen, das aber doch gewi halb aus Deinem
Magen kommt. - Aber einen tchtigen Kohl mu er mir doch auch ziehen und mu
seinen ordentlichen Respekt davor haben. -


                                Lieber Clemens!

Liebe Gnderode! Denn, lieber Clemens, ich mu doch gewi einen haben, bei dem
ich Dich verklage, Dir ins Gesicht kann ich's nicht alles sagen, was ich
Schlimmes von Dir wei und aus Deinem Brief heraus sogleich entdeckt habe. Ach,
ich mchte gar zu gerne nicht pfiffig sein und lieber gar nichts merken, aber
wenn ich's nun einmal gemerkt hab, wie soll ich's machen, es bergehen wrde
doppelt listig sein. - Also schreib ich's hier ans Gnderdchen, da kannst Du
gleich erfahren, wie zwei Mdchen sich ber einen listigen Jngling lustig
machen. Also denk nur, Gnderdchen, der Clemens ist eiferschtig ber den
Grtner. - Lies nur diesen Brief von ihm, wo er gleich von vorne herein mir
meine Sentimentalitt mit den Blumen vorwirft und wirklich die Vergleiche bei
den Haaren herbeizieht. Kartoffel, Gelerb, Rose! - Und dann, ich wr
sentimental, und dann mir Heilmittel eingibt, ein halb Dutzend Paar leinerne
Stiefelstrmpf, an denen ich ein halb Dutzend Jahre knottlen soll, um mich zu
kurieren, und denk doch, Gnderode, so geht das drei, vier Seiten fort, aber von
dem, was ihn eigentlich rgert, davon wei er nichts zu sagen, da ist er ganz
unschuldig. Mit der gesunden Lotte soll ich umgehen, um von meiner
Empfindsamkeit mich zu heilen, schwarze Kreide soll ich ihm schicken und weie
Kreide und von meinen Geschwistern soll ich ihm schreiben, von denen wisse ich
nichts zu sagen, wirft er mir vor, - und ich hatte mir doch vorgenommen ihm zu
schreiben, da Lulu ein kaffee- und milchfarbnes seidnes Kleid an hatte, war ihr
so sehr schn stand. Vom Ball soll ich ihm erzhlen, schreibt er, wie kann ich
das? - Wollt ich mein Liebesabenteuer von jener schnen Ballnacht ihm mitteilen,
das wr ihm wohl gar nicht angenehm. Gnderode, davon lasse Dir ja nichts
herauslocken, von meiner triumphierenden Heimfahrt erzhle ihm nichts, und wen
ich beim Aufgehen der Alba am Wege stehen sah, der mich grte, und dem ich
meinen Kranz aus dem Wagen zuwarf, das schreib ihm nicht, das bleibt unter uns
Mderchen! - Und die Revolutionsgeschichte mit allen ihren Rebellern hier in
Offenbach und mit meinen tausendfach facettierten Reflexionen darber, die meint
er, soll ich wieder hervorholen. - Ja, wenn er wte, was wir zwei beide, ich
und Du, alles schon drber miteinander gedacht und verhandelt hatten und was wir
niedergeschrieben und auch so manches Blatt schon zerrissen haben. O Gnderode,
damals hatte er auch keine Ruh und predigte Dir so lange, Du solltest mich davon
abbringen, so hatten wir denn beschlossen, im stillen darber uns allein
Rechenschaft zu geben, weil doch diese Weltangelegenheit eine ganz andre
lebendige, ins tiefste Denken eingreifende Gewalt ist, weil sie doch ein
Richteramt fhrt ber alle heiligen Rechte der Menschheit, weil sie doch in sich
selber eine ganz von allen Urgrnden der Lebens- und Bildungsstufen aufstrebende
Geistesbahn ist. Geschichte studieren! Mllers Schweizer Geschichte! Bon! Aber
sie ist vorbei, gedrrte Quetschen, schmackhaft zwar, aber was soll ich mit
Backobst! - Was soll ich mit euch - ihr krppeliges Winterausdauerungsprodukt,
bin ich ein Hamster, der beide Backentaschen voll in seine Vorratskammer
aufspeichert? - Nein, ich bin eine frank und freie lustige, helle Bergquelle,
vom Zufall oft durch Wsten und Paradiese hinrauschend mit gleicher
Lebendigkeit; geht's ber Klippen, dann ist er gleich noch einmal so aufgeregt,
da stampft er, da gischt er, da dampft und braust gleich seine Lebenskraft
heller aus dem lichten Schaum hervor. Nein, ich bin nichts. Aber, wenn einer das
sagt, dann bin ich gleich etwas. - Auch frchtet der Clemens, ich lese alles
durcheinander - und macht mir Vorwrfe, er denkt, Romane knnen mir die
seltsamen Gedanken einprgen, und wenn er wte, da keine Romane mir je
gefallen knnen als nur meine eignen! - Gibt es etwas rgerlicheres als
Liebschaften sich vorerzhlen lassen, wo man sich gleich wundert, wie die
Schafe, welche auf diesem Romanen-Teppich weiden, nur zu diesem Schwindel kamen,
und der meint, dazu kme ich. - Noch eine ganz nrrische Seite tritt oft wie ein
mir unverstndliches hebrisches Wort auf den Lehrstuhl, und zwar mit den
feierlichsten Gebrden, so da ich im Anfang ganz ngstlich wurde und mir
vergeblich den Kopf zerbrach, was das sein mge. - Von nun an beseitige ich
meine Skrupel, weil ich erst jetzt deutlich sehe, da der liebe, liebste Clemens
auch von allerlei ihm selbst nicht recht deutlichen Beweggrnden angespornt
wird, manches zu wollen, zu fordern, zu beteuern. Das Wort ist Pflicht. Tue
Deine Pflicht mit Ernst - das Leben nehme leicht. - Seh ich mich um nach meiner
Pflicht, so freut mich's recht sehr, da sie sich aus dem Staub macht vor mir,
denn erwischte ich sie, ich wrde ihr den Hals herumdrehen! So erpicht bin ich
gegen sie. - Nun, ich hoffe, da ich und meine Pflicht nie zusammen kommen,
falls eine sollte auch auf mein Los gekommen sein - ich wrde sie mit meinem
ernsten Blick schon in Schranken halten, da sie mir nicht ber den Hals kme,
ich verstehe keinen Spa hierber, meine ganze Natur kommt in Aufregung, und
Krfte machen sich in mir auf die Beine, die alles in Grund und Boden trampeln,
was sich mir aufstzig machen will. Also Pflicht, halte dich im Hintergrund,
wenn du nicht abgedroschen sein willst. - Meinetwegen geh zum Herrgott und klag,
da du nichts bei mir ausrichten kannst, wenn ich ihm's vorstell, wird er schon
Raison annehmen. Heilige Harmonie der Natur, dich wollen sie aus dem Geleis
bringen der einzig gttlichen Sphre, der Freiheit nmlich, und wollen zur
zinspflichtigen Pflicht machen alles, bis auf den Adel der Seele sogar, aus dem
alles Groe entspringt. - Entspringen heit ja aber schon dem Strang der Pflicht
ausweichen, ich aber entspringe ihr nicht, ich wende mich grade um gegen sie,
seh ihr scharf ins feige Angesicht und sage ihr: Weiche zurck vor meinem reinen
Instinkt des reinen groen Mchtigen, von dem du dir nichts trumen lssest. -
Und denk, Gnderode, auch meine Trume greift mir der liebe Clemens an mit
seiner Satire, und wenn er doch in unserm Traumbuch lse, wo wir so seltsame
wunderliche Sachen und Gedanken schon aufgeschrieben, aus denen Du schon Stoff
zu manchem schnen Gedicht gefunden hast. - Wenn er Deinen Franken in gypten
lse, ein getrumtes Abenteuer gab dazu den Stoff - aber jetzt werd ich gleich
einmal meine Pflicht berschreiten und werde ein bichen zum Grtner gehen, da
es die Abendstunde ist, wo er begiet, da hab ich ihm versprochen zu kommen und
zwar nicht aus Pflichtgefhl, sondern aus Lust am lieblichen Geschft, aus Lust
an alle dem frischen Leben, was sich in dem schnen Schmelz der Farben regt, am
Wachstum der Knospen und an allem in allem! Und auch zum Kohlbeet werd ich
gehen, was der Clemens fr des Grtners Pflichtniederlassung hlt. - Ich werde
mich da mit meinem Pflichtstrickstrumpf hinsetzen und etliche Pflichtmaschen
stricken, ich werde aus Pflicht gegen meine Bildung in der alten
Schweizergeschichte lesen, da der Teutone keine Stiefelstrmpfe trug, als er
noch ein freier Mann war, ich werde also aus Pflichtgefhl am Altar der Freia
mein Strickzeug niederlegen und das Gelbnis ihr tun, nie wieder Stiefelstrmpfe
zu stricken, die dem freien deutschen Charakter Fesseln anlegen! -
    Soweit meine Mitteilungen an die Gnderode, lieber Clemens, ber Deinen
Brief; ich hab ihr zwar nicht wrtlich so geschrieben; denn es braucht zwischen
uns der Worte nicht so umstndlich, und diesmal war sie selbst hier, und wir
gingen zusammen spazieren im Boskett, und wir lachten am allervergnglichsten
ber deine Besorgnis um meine Melancholie, hinter der sich doch nur immer die
Langeweile verbirgt, da ich die aber gar nicht herberge, da ich wie ein kleiner
Spritzteufel oder sogenannter Laubfrosch (Rakete) feurig herumhpfe, morgens aus
dem Bett in den Garten barfu; denn ich hatte ja wahrhaftig gestern meine
Studienbcher liegen lassen. - Dann wieder hinauf, angezogen, dann zur Gromama
frhstcken, dann Klavier exerzieren, Generalba - Hoffmann kommt, entwickelt
kabalistische Mysterien der Musik, die ungeheure Kabale und Schikane ihrer
Torsperre; der geniale Hoffmann, der Mann des Ruhmes und der Begeistrung, hebt
diese Gesetze mir zulieb auf, namentlich die der Metrik, die so engherzig sind,
da jedem Volksredner in dieser engen Taille der Atem ausgeht. - Jetzt macht
mir's Freude zu komponieren. - Hymnen der Diane, Pane an Dionysos, von Stolberg
bersetzt. - Ja, das macht mir Freude, ich klettere als abends aufs Dach von der
Waschkche, dort erfind ich die wunderlichsten Wendungen. Der Himmel rtet sich
davon vor tiefem Mitgefhl, und die Sterne drngen sich herbei und lauschen, und
Hoffmann lauscht auch, er ist unser nchster Nachbar. Meine Stimme ist
durchdringend, wr mein Geist es auch! - Hoffmann kommt am Morgen in die Stunde,
kann meine Melodie halb auswendig, was ich mit Bleistift notiert habe, kann er
meist besser als ich - bers Metrum streiten wir zwar nicht; denn er will
durchaus, es soll sein, wie ich's ursprnglich singe, Takt und Auftakt kommen in
Subordination und drfen nicht ihre herkmmliche Observanz mehr geltend machen,
er sagt, wenn ich mich hineinstudiere, so wird's der Musik eine neue Bahn
brechen. Nrrischer Kerl! Willst mir schmeicheln, mir Mut machen zum Lernen;
wei ich doch, da er's mir weismacht, so trgt's doch meine Begeistrung
unendlich hoch! Zu Unerhrtem, noch Ungehrtem. Hoffmann machte als ein kraus
Gesicht. - Aber denk doch - bald gewhnte er sich - nein, er verliebte sich
hinein - und letzt, als er in einem Konzert phantasierte auf dem Klavier, hat er
alles ineinander geflochten; es war schn, ja so begeisternd schn, ich wute
nicht, was ich hrte, ich konnte meinen Ohren nicht trauen! Es kam mir so
deutlich vor, als habe ich das gesungen. Als er am andern Tag in die Stunde kam
und fragte, wie sein Spiel mir gefallen habe, sagte ich ihm mein Entzcken, aber
doch sei es mir so bekannt vorgekommen, ich htte beinah jede Wendung
vorausgeahnt, so fremdartig sie auch geklungen habe. Ja freilich, es sind Ihre
eignen Wendungen. - Gott, ich war ganz beschmt, da ich so schn gefunden, was
ich selber erfunden hatte, er trstete mich aber! - Er sagte, er habe die Mauer
zu bersteigen oft Lust gehabt, allein ber einen gelehrten Musiker fallen die
andern alten Generalbatyrannen wie die Krhen her, rupfen und hacken ihn, aber
eine unschuldige Liebhaberkomposition bercksichtigten nicht diese alten
Hintersassen des Hochmuts und der Pedanterie. Andre mit gesundem Gefhl Begabte
werden diese Lieder schon ihrer Eigentmlichkeit halber gern hren und gern
nachsingen. Denn aus fremden Landen komme manches in der gestatteten
Harmonienfolge Unerhrtes, und doch errege es selbst das verbildete Ohr zum
Genu, glaubt, es wird am End dergleichen keinen Widerspruch mehr erleiden, die
unschuldige Weisheit mu sich einschwrzen.
    Genug vom Generalba! Du siehst, lieber Clemens, da er seinen Platz in
meinen verschiednen Interessen behauptet. - In meinen Heften, die ich vor
vierzehn Tagen, also zum 1. Mai geheftet habe, und die den ganzen Monat
ausdauern sollten, hab ich schon jetzt kaum Platz, Randglossen zu machen, so
hat's Ideen geregnet mit dem Mairegen. - Ich hatte nmlich aus Pedanterie mir
meine Hefte numeriert und eingeteilt, auf jeden Tag so viel Seiten, heute in der
Geschichte, morgen Musik, bermorgen Ph., ich sag's nicht was, aber Philosophie
ist's nicht, die mich bel anriecht auf Hochdeutsch. - Aber es ist das schnste
weisheitsvollste Wissen fr mich, in dem ich unendliche Aufschlsse finde von
Sonne und Mond und allem, was war und noch sein wird, und hab ich wollen eine
Einrichtung der Ordnung machen und einmal Pflichtgefhl spielen, und alles war
in schnster Ordnung und Gelbnisse, sie nicht zu berschreiten. Aber Mirabeau
hat Recht behalten, mein Genie hat diese Ketten gesprengt wie ein Pulverturm,
der in die Luft flog und alles untereinander warf, es ist kurios mit anzusehen.
Aus den vier Heften ist keins zu unterscheiden, was es behandlen soll, schon auf
der dritten, vierten Seite ist's wie unterirdisch Feuer, das sich aus dem Scho
des Wissenschaftlichen hervorwhlt und wie eine Lava alles verschttet. Das
Erdreich, ber das solche Lava sich ergiet, soll am fruchtbarsten werden.
    Ich hab schon sehr genug geschrieben! - Doch kann ich's nicht unterlassen,
noch alles, was den ganzen Tag mich wie ein Bratapfel auf dem huslichen Herde
dem Feuer aussetzt und gar macht, hier zu notieren. - Auf die Darre bei der
Gromama komme ich auch jeden Tag ein paar Stunden, des Unendlichen unendlich
viel, was da vorkmmt. - Vorzglich eine Reise zweier Erdwrmer ihr vorzulesen,
welche die Erdschichten untersuchen. Die Gromama schluckt Kohlen, Kalk, Kreide,
Kies, Kranitlager hintereinander (fnf K von ungefhr), ich bin immer froh, wenn
die guten Herren ins Wirtshaus einkehren, wenn sie die Schnapsflasche
herausholen und die Wurst, wenn sie die Nachtmtze berziehen und aufs Ohr sich
legen, aber ich kann ja nicht mit ausruhen, ich mu gleich weiter - das ist
meine peinlichste Zeit, ich seh auch die Gromama oft so stupid an, da sich die
Verwunderung darber auf ihrem Gesicht malt. - Jetzt denk Dir die
Emigrantenangelegenheiten noch alle unter meiner Obhut, alle Wege, wozu einer zu
faul ist die Beine aufzuheben, fliege ich im gewaltigen Sturmflug hinab, hinan.
Die frhen Morgentauwege, wo ich allemal mit nassem Schuhwerk heimkehre und
bringe einen Strau mit. - Und das ist doch noch nicht alles: Hhner und Hunde
der ganzen Nachbarschaft wollen auch sich mit mir abgeben, und Deine
Stiefelstrmpfe stellen sich nun gleich einer Heiduckenwache vor die Tr des
Gartens des Lebens, wo die wirbelnden Blten im Winde sich drehen. - Lied
komponiert von Sterkel. Adieu! -


                                 Liebe Bettine!

Ich gebe Dir in wenig Worten eine recht erfreuliche Antwort auf Deinen lieben,
tollen, wunderlichen Brief, der wie alle Deine Briefe nicht zu beantworten ist.
Denke Dir - in vierzehn Tagen seh ich Dich wieder! - Den 1. Juni bin ich in
Frankfurt, und den 1. Juni ist mein lieber Freund Achim von Arnim in Frankfurt!
Ritters groer Nebenmann in der Physik. - Die eigentliche groe Freude, die mich
hinzieht, ist, da Du meinen lieben gttlichen Arnim kennen lernen wirst und ein
freundliches Bild mehr in Dein Leben tritt. Es wre schn, wenn Du um die Zeit
in Frankfurt sein knntest, wo nicht! - Wo nicht, so bringe ich ihn nach
Offenbach! Gott gebe dann besser Wetter als nun, damit Dein Kabinett, der Garten
brauchbar ist, uns drei miteinander zu erfreuen. Versteht sich, da Du niemand
vom Inhalt dieses Briefes erzhlst.
    Ich schreibe Dir hier einige Lieder der Minnesnger aus dem Altschwbischen
her, die ich, soviel es der Reim erlaubt, bersetzt habe. Es gibt wohl kein
Gedicht mit soviel Klang als das erste, es ist vom Herrn Ulrich von
Liechtenstein an seine Geliebte, und nun an Dich von mir, an die alles von mir
ist.

Wohl mir der Sinne,
Die je mir gegeben die Lehre,
Da ich sie minne,
Von Herzen je lnger je mehre,
Da ich ihr Ehre
Recht als ein Wunder so sunder so sehre
Minne und meine sie reine, sie selig, sie hehre.

Selig ich wre,
Ja ganz in Freuden erglhte,
Wollte mein Schwere
Bedenken ihr hohes Gemte.
Nimmer doch mde
Werd ich zu ringen mit singen im Liede,
Wie ich mir hte ihr Gte, sie Blume, sie Blte.

Mit Hnden umfalte
Ich flehentlich auch ihre Fe,
Da wie Isalde
Tristanten sie mich trsten msse.
Und mich so gre,
Da ihr Gebre mein Schwere verse,
Da sie mich scheide von Leide, sie Liebe, sie Se.

All mein Gedanken
Dabei meine Sinn allgemeine,
Gar ohne Wanken,
Besorgen besonders das Eine,
Wie ich ihr bescheine,
Da ich nun lange mit Sange sie meine
In stetem Mute sie Gute, sie Reine.

Sehnlich ich ringe,
Da einstens bei grauendem Haare
Freudig ich singe,
Wie ich ihr Herz noch bewahre.
Traurige Jahre
Wird sie mit Blicken erquicken fr wahre,
Dann wird mein Singen verjngen die Holde, die Klare.

Es hat mich einige Mhe gekostet, es Dir zu bersetzen, und ich habe es daher,
doch fast zu seinem Gewinst, etwas verndern mssen.

Es stund eine Frau alleine
Und harrte ber die Heide
Und harrte wohl ihres Lieben,
Ein' Falken sah sie da fliegen.

O wohl dir Falke, frei du bist,
Fliegst hin, wo dir's am liebsten ist,
Erwhlest dir im Walde
Einen Baum, der dir gefalle.

Und also hab auch ich getan,
Ich whlt mir selber einen Mann,
Den suchten mir meine Augen,
Den halten mir schne Frauen.

O weh, wann lassen sie mein Lieb,
Hielt ich doch ihre Trauten nie!

Dies und das folgende ist von Herrn Dietmar von Ast, dem Minnesnger.

Auf der Linden obene
Da sang ein kleines Vgelein,
Vor dem Walde ward es laut,
Da hob sich neu das Herze mein,
An einem Ort, da es eh schon war,
Da sah ich Rosenblumen blhn,
Die mahnten mich der Gedanken viel,
Die mich zu einer Frauen ziehn.
Es dnket mich wohl tausend Jahr,
Da ich in Liebesarmen lag,
Und ohne mein Verschulden gar
Mi ich das nun schon manchen Tag,
Ach, seit ich keine Blumen sah,
Und hrte kleiner Vglein Sang,
Seit war all meine Freude kurz
Und auch der Jammer allzu lang.

Was Du noch ber mein Buch sagst, ist ihm zu viel Ehre angetan, wenn ich Dir
nichts davon gesagt habe, wenn ich Dir es nicht in Hnden gab, so ist's, weil
ich fhle, da was Besseres in Dir ist, als alle meine Bcher und Gedanken Dir
geben knnen. -
    Den Brief, den Ritter mir ber Dein Geschenk geschrieben, lege ich Dir hier
bei, finde Du den Dank selbst heraus, aber bewahre ja mir den Brief mit den
brigen, die ich Dir letzt schickte; denn seine Handschrift ist mir heilig. Wenn
Du doch auch ein Kppchen fr den Arnim machen knntest, damit wir ihm gleich
etwas schenken knnen, da er wohl schnell abreist, so wr das wohl hbsch. Du
weit nicht, wie ich mich freue, da Du ihn und er Dich sehen soll, er ist gar
zu lieb und lustig wie wenige Menschen auf Erden. Adieu, lieb Kind, schreib doch
dem Savigny ein oder zwei Worte, wie Du sonst auch immer von Zeit zu Zeit ein
Blttchen ihm oft schicktest. -

Briefe auf seiner Rheinreise mit Arnim, die sie zusammen machten, nachdem sie
acht Tage in Frankfurt und Offenbach zugebracht hatten.


                                 Liebe Bettine!

Der Frhling war so schn, der Rhein trug mich so gastfrei. Arnim hat mich so
lieb. Da trat ich hierher in meine Jugend, die mich rings umfing. - Ach, und ich
bin so unglcklich geworden, ich liebe so heftig, so heftig die Geliebte meines
einzigen Freundes hier, Gott gebe mir Kraft, da ich entsagen kann, das Mdchen
ist Benediktchen K. - -, schreibe mir gleich, schreibe auch an sie ein paar
Zeilen dazu, wenn sie Dich kennte, sie liebte mich vielleicht.

Koblenz!
                                                                        Brentano
                                             Bei Brger Scheidel, Firmungstrae.

Schreibe dem Savigny, was ich Dir schrieb, ich kann nicht mehr. -

                                   An Clemens


Schreib mir gleich, das kann geschehen, da bin ich mit der Feder in der Hand!
- Schreibe auch an sie ein paar Zeilen dazu! - Ei, Clemens, Du bist nicht
recht gescheit! - Wenn sie Dich kennte, sie liebte mich vielleicht. Gewi
nicht. Wenn sie mich kennte, so wrd ich ihr sagen, sei ganz ruhig,
Benediktchen, der Clemens wird allemal ein Narr, wenn er an den Rhein kommt, im
vorigen Jahr war's so mit der Walpurgis, da brausten Reime wie Schume! -
Clemens, versuch's doch, zu dichten, das erleichtert vielleicht Dir die Brust. -
Dort, wo Deiner Kindheit goldne Tage in frhlichem Spiel dahinflogen, auf
nimmermehr wiederkehren, wo Du mit Nachbarskindern im Sand spieltest, wo
Benediktchen schon seinen blonden Lockenkopf an Deine Schulter versteckte, wenn
die Sonne zu hei brannte, wo Du ihm das Stumpfnschen putztest und schon damals
ihm drohtest, da wenn es nicht Deine Braut sein wolle, so werdest Du Dich
erschieen. Gb das nicht eine Idylle, einen zrtlichen Roman? Woher wei ich
das alles? - Eben kam der Kanonikus Linz zur Gromama direkt von Koblenz,
erzhlt, da Du dort im Korbachischen Hause Schiffbruch gelitten, da Dein
Freund ein schner munterer, vollblhender preuischer Jngling, weitergereist
sei, wahrscheinlich um Deiner Liebe keinen Eintrag zu tun, da er dem
Benediktchen, das auch rote Wangen habe und blond sei und voll wie eine Rose und
ein Ringelhaar habe bis auf die Erde, diesem habe Dein preuischer Freund besser
gefallen; so sei er fort nach Dsseldorf, wo er Dich erwarte, wenn Du wrdest
Deine Liebeskapriolen fertiggeschnitten haben (Ausdruck des Kanonikus Linz, Du
kannst's ihm nicht belnehmen, er ist geistlicher Herr und mu aus Soliditt
schon dergleichen Liebeshndel verachten). Clemente, Du bist nrrisch! - Ich
kann es deutlich erkennen an der Nachschrift Deines Briefes: Schreibe dem
Savigny alles, was ich Dir schrieb. Was ist denn das alles, was ich schreiben
soll? - Ich habe das Blttchen auf die andere Seite gedreht, es befand sich ganz
wei, und ich bin in hchster Unwissenheit! - Was soll ich dem Savigny
schreiben? Da Du glcklich in Wochen gekommen bist mit einer neuen Liebschaft?
- Am Rhein, wo's allemal so geht? - Ja in Wochen! - Denn so lang wird's kaum
dauern, denn Du wirst Dich gewi schon frher wieder herausmachen und wirst
gelaufen kommen und Deinen Kirchgang tun bei mir und von mir Dich aussegnen
lassen wieder, denn das mu ich allemal. Das erstemal Walpurgis, das zweitemal
die Gachet, und nun Benediktchen, hinter all dem steckt nun noch Mienchen, da
steckt die Gnderode, da steck ich auch, dahinter steckt auch die Eitelkeit. -
Die Braut Deines einzigen Freundes. Der Freund ist vielleicht ein dicker,
ungeschliffner, gar nicht reizender Brutigam. Du siehst im Spiegel ein edles
Antlitz mit sanftem Reiz der Unterlippe, mit unendlich anmutig witz'gem Feuer
der Oberlippe widersprechen. Du siehst eine blendende Stirn, auf der das Genie
nicht zu verschleiern ist, und ein Paar schwarze Augen und einen ganzen Kerl,
der gewohnt ist zu siegen! - Du kommst, und die Braut ist schon mit Kuchenbacken
beschftigt; sie hat keine Zeit mehr zum Scherzen, die Wirklichkeit geht an, das
Spiel der Lieblichkeit kann nicht auf dessen Kosten getrieben werden. O
Clemente, Deine blaue Halsbinde, Deine wunderschn lederne Beinkleider! Deine
rote Freiheitsmtze! - Die ganze Armatur wurde von mir bestellt und dem
Schneider mit einer witzigen Bemerkung nach der andern das Bequeme, aber
notwendig Elegante eingeschrft. - Ich war bei der Gnderode, als ich von Eurer
Begleitung nach dem Mainzer Schiff zurckkam, ich lachte, und sie lchelte (sie
lchelt immer nur ber Dich, sie lacht nie), wie ich ihr aber die Beschreibung
machte von Euch zwei, wie Arnim so schlampig in seinem weiten berrock, die Naht
im rmel aufgetrennt, mit dem Ziegenhainer, die Mtze mit halb abgerinem
Futter, das neben heraussah, Du so fein und elegant, mit rotem Mtzchen ber
Deinen tausend schwarzen Locken, mit dem dnnsten Rhrchen, einen lockenden
Tabaksbeutel aus der Tasche, und wie Arnim unterwegs die Bemerkung machte, die
Mdchen am Brunnen shen Dir mit Wohlgefallen nach, da Du da unterwegs getan
hast, als verstndest Du das nicht, und nachher es dem Arnim zuschobst, aber
doch gleich sehr viel schrfer auftratst, als wenn Dir wer wei welcher
originelle Geist so ganz durch den Leib gefahren wr, und wie Du mit Deinem
zierlichen Sprung ins Mainzer Schiff mit einem so selbstbewuten Genu
hineinsprangst. - Es sei prophetisch, meinte gleich die Gnderode! - Und wir
verbrachten noch den letzten Nachmittag in ihrem Stiftskmmerchen mit Glossen
ber Dich. - Kaum bin ich hier, so kommt Dein Briefchen mit allem Schaden, den
Deine Vorbereitung Dir angerichtet hat; denn sie hat leider wie der Blitz in
Dich selber eingeschlagen. Verzweifle nicht! - Aber dem Savigny schreib ich's
nicht, genug, da es die Gnderode wei. - Da hast Du nun meinen Brief.
    Und noch eins hab ich mit der Gnderode ausgemacht, Dich zu fragen - ob Du's
noch so unpassend findest, da der Grtner an den Blumen hngt, seiner Passion,
und nicht so am Kohl, seiner Pflicht.
                                                    Deine barbarische Schwester.


                                   An Clemens

Lieber Clemens! Es wird mir bange, da Du nicht schreibst, und eine Zeile kannst
Du schreiben! Bist Du wieder ruhig? Mein unartiger Brief wird doch kein
Miverstndnis zwischen uns gemacht haben. Ich hab Nachricht von der Gachet
bekommen, sie ist auf ihrem Gut in Laubenheim und freut sich ber ihre
gedeihenden Felder. Bei untergehender Sonne geht sie ihrem Pflug entgehen und
reitet dann auf dem Ackerpferd nach Haus, ich hab sie recht lieb jetzt so mitten
in ihrer Haus- und Feldwirtschaft, sie hat so weit mehr Anzgliches fr mich,
als wenn sie geistreiche Sachen erzhlt, sie hat mich gren lassen, auch lie
sie sich erkundigen, ob ich Dich immer noch so liebhabe, wie das nrrisch
gefragt ist? - Du gehst doch wohl zu ihr auf Deiner Heimreise. Ach, ich mchte
Dich zerstreuen, ich hab an allerlei gedacht, was Dir Freud machen kann! -
Diesen Herbst wirst Du gewi am End doch am Rhein zubringen, der Kanonikus Linz
meinte, es sei die Rede davon gewesen, nach Dsseldorf zu gehen, hast Du keine
Nachricht von Deinem Freund Arnim? - Bei dem wrde es gewi am besten sein fr
Dich, der heitere Jugendmutige wird Dich vom Schwindel befreien. Vielleicht, da
Du recht verzweifelte Stunden haben magst. Was wei ich von der Liebe! - Ich
htte Dir nicht so leichtsinnig, so unbarmherzig schreiben sollen. - Verzeih
mir's! - Ich werde diese Messe ruhig hier in Offenbach bleiben! - damit es mir
nicht zu leid tut, wenn ich Dich nicht sehe. Ach, ich wollte, ich knnt Dir eine
Freude machen! - Die Lebensgeschichte, die Lebensgeschichte, die fliegt da oben
am Himmel wie eine Schwalbe, sie hat sich eben so hoch geschwungen, da ich sie
mit bloen Augen gar nicht mehr sehe; wenn Du nicht willst, da ich sie ganz aus
dem Gesicht verliere, so schicke mir ein Fernglas. Schreib, ich soll Dir zulieb
es tun, gib mir ein Lebenszeichen! -

                                   An Bettine


Wer diesen Brief von mir erhlt, wei ich nicht! Welchem von meinen Freunden
schreibe ich, und wer ist mein Freund? Ich bin schon acht Tage in der
franzsischen Republik, bin auch verliebt, habe Ruinen gesehen, Spitzbuben und
Weiber, die blo der Einfachheit der Forderungen an sie wegen immer die besten
sein mgen, die wir haben, in der schlechtesten Welt, die wir haben. Wenn Du ein
Mensch bist, der sich gerne mit der Idee abgibt, wie dies oder jenes besser sein
knne, der sich in der Zeitlichkeit damit beschftigt, die Stube zu mblieren,
so wre hier unendlicher Stoff fr Deine Ideen, fr Schlosser und Schreiner.
Alles Gegenwrtige ist mir nur der Stiel, an dem ich Vorzeit und Zukunft
anfasse. Die unendlich tiefen vollen und unsichtbaren Gefe. Die meisten haben
nur den Stiel in Hnden und sind mit dem Stiel zufrieden, weil sie nicht wissen
drfen, was sie tun, um etwas zu tun. Wie mir's gegangen ist, willst Du wissen,
mir ist's nie gegangen. Ich bin, drum liebe ich und lebe ohne Liebe und Leben;
ich bin ein geborner Idealist. Ich bin ein Schler der ewigen Erkenntnis! -
Alles begreifen, ist mein Handeln! - Alles lieben, meine Sorgen. Und da ich
alles Deinem Herzen hinbiete, das zu reich an Gerechtigkeit und ewiger Milde
ist, um zu besitzen, das ist mein kleiner Fluch, glcklich bin ich nicht, das
ist Menschenwerk, unglcklich bin ich nicht, das ist auch Menschenwerk; ich bin
alles, das ist Gotteswerk, und mag es niemand beweisen, das ist arme
Bescheidenheit, die Kunst aber ist die Kanaille, die mich mit diesem
sorgenvollen Ehrgeize behngt hat, und die Trgheit ist es, der ich es verdanke,
da ich so edel bin.

Lieb und Leid im leichten Leben,
Sich erheben, abwrts schweben,
Alles will das Herz umfangen,
Nur verlangen, nie erlangen.

In dem Spiegel all ihr Bilder
Blicket milder, blicket wilder,
Kann doch Jugend nichts versumen,
Fortzutrumen, fortzuschumen.

Frhling soll mit sen Blicken
Mich entzcken und bercken,
Sommer mich mit Frucht und Myrten
Reich bewirten, froh umgrten.

Herbst, du sollst mich Haushalt lehren,
Zu entbehren, zu begehren,
Und du, Winter, lehr mich sterben,
Mich verderben, Frhling erben.

Wasser fallen, um zu springen,
Um zu klingen, um zu singen,
Schweig ich stille, wie und wo? -
Trb und froh, nur so, so!

Arnim, Arnim, Dir ruf ich ewig nach, nur neben Dir mag ich leben und sterben,
beides mu ich, seit ich Dich kenne, mag ich es auch. Du freue Dich meinen Teil,
Du weine meinen Teil, ich gnne Dir beides und wre zufrieden mit Dir, und so
wenig als einer sich selber gewhrt, der kein Verlangen nach mehr hat. Neben Dir
ist mir's traurig ergangen, und doch konnt ich in Dich als in den
Frhlingshimmel schauen! - Dich hab ich als einen solchen gefunden und mein
selbst vergessen. So bist Du mir entgegengekommen und hast mich solchermaen
geliebt! - O Jugend, o Leben, o Liebe, o Tod, ob Webstuhl der Zeit! - O Teppich,
o Gastmahl, o Rausch, o Kopfweh, o Nchternheit der Gegenwart. O notwendige
Ewigkeit der Gemeinheit und Ungemeinheit, o Allerheiligstes, o
Allerunheiligstes.
    Im Sandrat steht ein Kupfer, es stellt eine trinkende Psyche vor, auf der
Stirn der Psyche fngt die einzige kreisende Linie an, die das ganze Bild
herausbringt; an diesem Pnktchen sucht mich, wenn Ihr Euch nach mir sehnt, da
sitze ich und hab ein Htchen auf.
    Du bist es, Du liebes Mdchen, die diesen Brief erhlt. Du bist mein
einziger Freund; auch bin ich bald wieder bei Dir. Meine Liebe hier ist
geendigt, nein, Dir geopfert, hier hast Du noch ein Lied, schreib mir nicht
hierher, ich bin frher wieder bei Dir. Mein Herz sehnt sich wieder nach Deiner
reinen, tiefen Seele, o Du Engel, Du bleibst mir ewig. Hier hast Du ein Lied,
das ich niederschrieb, als ich Benediktchen gesehen hatte, ich hatte es
eigentlich geschrieben, als ich an Dich dachte. Doch zuerst einige Worte ber
einliegende Zeilen von Ritter, die er mir ohne eine Zeile an mich so schickte.
Ich wei nicht, was er damit sagen will, finde sie auch sehr unver- stndlich,
und Du sollst ihm also nichts drauf antworten und sie so lange fr einen Wisch
halten, bis etwas Gescheiteres oder nichts erscheint, und damit gut.

Am Rheine schweb ich her und hin
Und such den Frhling auf,
So schwer mein Herz, so leicht mein Sinn,
Wer wiegt sie beide auf.

Die Berge drngen sich heran
Und lauschen meinem Sang,
Sirenen schwimmen um den Kahn,
Mir folget Echoklang.

O halle nicht, du Widerhall,
O Berge, kehrt zurck,
Gefangen liegt so eng und bang
Im Herzen Liebesglck.

Sirenen, tauchet in die Flut,
Mich fngt nicht Lust, nicht Spiel,
Aus Wassers Khle trink ich Glut
Und ringe hei zum Ziel.

O whnend Lieben, Liebeswahn,
Allmchtiger Magnet,
Verstoe nicht des Sngers Kahn,
Der stets nach Sden geht.

O Liebesziel, so nah, so fern,
Ich hole dich noch ein,
Die Frommen fhrt der Morgenstern
All zu der Liebe ein.

O Kind der Lieb, erlse mich,
Gib meine Freude los,
S Blmlein, ich erkenne dich,
Du blhest mir mein Los.

In Frhlingsauen sah mein Traum
Dich Glockenblmlein stehn,
Vom blauen Kelch zum goldnen Saum
Hab ich zu viel gesehn.

Du blauer Liebeskelch, in dich
Sank all mein Frhling hin,
Vergifte mich, umdfte mich,
Weil ich dein eigen bin.

Und schlieest du den Kelch mir zu,
Wie Blumen abends tun,
So lasse mich die letzte Ruh
Zu deinen Fen ruhn.

Adieu, lieb Kind, auf Wiedersehn.
                                                                         Clemens


                                 Liebe Bettine!

Ich habe zu viel die ganze Zeit an Dich gedacht, und mein Gemt sa zu gleicher
Zeit zu sehr wie auf einer Schaukel, als da ich Dir htte schreiben knnen,
auch hab ich tglich abreisen wollen, aber es hat sich mir Abenteuer an
Abenteuer gereiht, und ich bin mit allerlei knstlichen Spinnweben umflochten
worden, die ich im Anfang leicht htte zerreien knnen, aber ich sah mit
knstlerischer Lust den Geweben zu und habe aus kindischer Tollkhnheit mir
selbst Stricke daraus geflochten. Ich habe den Geliebten Benediktchens so
liebgewonnen, da ich den beiden Glcklichen emsig in ihrer Intrigue helfe.
Beide haben sich wie Engel gegen mich betragen, Benediktchen ist eins der
holdesten und genialsten Mdchen, die man wahrscheinlich nur einmal begegnet.
Auerdem habe ich noch eine wunderliche Liebschaft, aus der ich gar nicht klug
werde. Zwei Freundinnen hab ich auf einer einsamen Insel in einem engen Flutal
hier kennengelernt, der Vater des einen Mdchens hat auf der Insel einen
Eisenhammer, das andre Mdchen ist von hier, eine Freundin Benediktchens, sie
ging die Einsiedlerin besuchen, und ich begleitete sie. Hannchen heit die
Einsiedlerin und Gretchen die Freundin, sie ist klein, uerst niedlich und
fein, eines Seraphs Gestalt, aber einen ernsten Kopf mit schwarzen, tiefsinnigen
Augen, an ihrem Gesichte ist nichts schner als die ewig rege Freundlichkeit,
die in einem bestndigen wunderlichen Kampfe mit dem Tiefsinn von Stirn und Auge
begriffen ist. Wenn man sie ansieht, ist es, wie wenn schnelle Wolkenschatten
unter dem Sonnenschein her ber die Felder fliehen. Sie ist streng und
freundlich und gleich einem Granatbumlein, das in unserm Klima keine Frucht
trgt. Sie ist nicht glcklich, denn kaum mag man sie zu umarmen wnschen, so
wnscht man auch, sie zur Freundin zu haben, weil sie zu bescheiden ist, ihr
volles Herz in sehnschtigen Blicken zu verraten. Sie sieht einen nur mit
vertraulichen Augen an, an denen die Begierde zu einem schwermtigen Ergtzen
des Zweifels wird.


                                Lieber Clemens!

Dein fliegend Blatt ist mit dem Morgenwind nicht zum Fenster herein-, sondern
hinausgeflogen. Eben hatte ich meinen Sitz zum Schreiben zurechtgerckt, so
macht der Wind die Tr auf, packt mein Blatt und ab mit zum Fenster hinaus,
dahin, von wannen er gekommen war, was kein Mensch wei, wo das ist, ich seh ihm
nach und entdecke, da er mit dem Blatt in den Schornstein unseres Nachbars
Johann Andree sich retiriert, er konnte in den Suppennapf fallen und dem Herrn
Andree aufgetischt werden; um dem zuvorzukommen, sprang ich hinunter, fand das
Blatt schon unterwegs nach dem Kanal, es schwebte ber dem Wasser, nur ein
Wunder konnte es retten, das war eine graue Mtze, die es auffing, die dem Arnim
gehrte, der vor mir stand mit einem zweiten Brief in der Hand, den er mir von
Dir mitbrachte. Aber warum hast Du auch auf so dnn Papier geschrieben,
therischer wie die Luft selber, vielleicht weil er das Gewand Deiner Seele ist,
der Widerschein Deiner selbst! -
    Die beiden Freundinnen sind ein Paar Nebenfacetten Deiner verklrten
Einbildung, die hundertfltig facettiert ist, sie strahlt im eignen Glanz, was
schn ist zu empfinden, zu genieen, und wer sich in Dir gespiegelt sieht, der
mu Dich lieben, weil er eben nicht frei ist von Eigenliebe. Man kann vor
anmutigster Schelmerei, die vom Witz zur Rhrung sich durchneckt, aus der
hinberspringt zur Seiltanzkunst und da solche Sprnge macht, da einem Hren
und Sehen vergeht, gar nicht dazu kommen, da man so weit sich mit Dir einliee,
Dir ein Gnadengeschenk zu machen mit irgendeinem Pfand der Zrtlichkeit. Einen
Ku zum Beispiel, wie kann man ihn Dir geben, Du hattest Dir ihn schon genommen
wie einen Apfel, den man gedankenlos vom Zaun bricht, Du spielst Ball mit zum
Zeitvertreib, Du haschst ihn wieder, Du wendest und drehest Dich damit vor dem
geblendeten Auge der Gekten, die nicht begreifen kann, wie dies Pfand der
Zrtlichkeit bestimmt war, solche Luftstze zu machen. Die andern, die zusehen,
lassen sich hinreien von diesem Spiel, sie sind auer sich vor Vergngen ber
den gttlichen Clemens, eh sie sich's versehen, hast Du einen neuen Apfel
abgerissen von den Zweigen des Wohlwollens, der Hinneigung und Begeistrung, der
alte Apfel rollt in die Ecke und beschmt die, der Du ihn durch Deine Neckerei
geraubt hattest. - Clemente, sei nicht bse ber diese Charakteristik, sie ist
ja nur die spanische Wand Deiner andern Torheiten, sagte die Gnderode. Tiefe
Weisheit sagte ich, wahre, tiefe Liebe sagte ich, Heiligtum der reinsten,
edelsten Freundschaft. Und der Clemens kann in seiner Treue nicht verglichen
werden; er fat die Seele, er legt sich warm wie ein brtender Vogel ber sie
und schtzt sie und streitet fr sie und harret geduldig ber ihr mit groer
Sorge und Vorsicht, aber dann kriecht fter auch ein Gnschen aus dem Ei, aus
dem er einen Schwan auszubrten hoffte, und das rgert ihn dann sehr.
    Soweit ich und die Gnderode ber Dich; nur noch eins wollte ich behaupten,
da sie nmlich gewi auch einen Apfel misse an den herabsenkenden Zweigen ihrer
adeligen Seelengte! - Clemens, wenn Du den geraubt httest auch zum Spiel nur
und httest ihn nicht bewahrt als ein Geschenk der Gttin Fortuna, so prophezei
ich Dir Schlimmes. - Du weit, wer ein solches Pfand vernachlssigt, an das
diese eigensinnige Gttin oft das Heil ganzer Geschlechter knpfte, der mu dann
einen bsen Dornenpfad wandern, von dessen stacheligen Zweigen er keine sen
Feigen sammeln kann. - Ich fragte die Gnderode ber dies Pfand und ob sie
glaube, da es in Deiner Seele Gedchtnis gut und edel verwahrt sei - sie ward
ein bichen nachsinnend darber - dann lchelte sie und zog mich auf ihren Scho
und kte mich zrtlich! - Ich wei, da die Gnderode Dir gtig gesinnt ist,
sie ist die beste und edelste von uns dreien. Aber natrlich, wenn Du auf dem
Tanzplatz herumgaukelst all Deiner seltsamlich verphantasierten Scheingttinnen,
da kann die echte sich nicht herablassen, eine von Dir gewhlte Rolle zu
bernehmen. - Ach, ich vergesse ganz, Dir noch viel zu erzhlen.
    Der Arnim kam zu uns ins Stift und fragte, ob man bei dem herrlichen Abend
nicht wolle hinaus nach der grnen Burg, so wanderten wir bei Abendschein die
stillen Feldwege, ich lief immer voraus, wendete um und sah die beiden vom
untergehenden Tag mit einem Nimbus umfangen, schreiten, mehr schweben - optische
Wirkung des Lichtes, das seinen Sonnenharnisch abgelegt hatte! - Das Licht, wenn
es nicht thront, ist mild, einfach, bescheiden, kindlich und wohl gar wie ein
Kind zum Spielen geneigt. - So auch der Weltherrscher, im Sonnenfeuer seiner
Macht durchglht er alles mit Geistesfeuer, ihm mu werden, was seines Willens
ist; aber wenn er sich entkleidet dieser Gewalt, ist er wie ein Kind! - Der
Arnim sieht doch kniglich aus! - die Gnderode auch; der Arnim ist nicht in der
Welt zum zweitenmal, die Gnderode auch nicht. Die beiden gehen da nebeneinander
an diesem schnen, heitern Abend! Aber dort kommt ein Gewitter! Die Winde kehren
vor uns den Weg, wir mssen eilen! Wir fangen an zu traben, wir wollen eben in
Galopp uns setzen, ergiet das schwarze Gewlk sich ber uns, unten blitzt es,
die Donner schlagen ihre Wirbel. Wir erreichen einen dichtlaubigen
Kastanienbaum, die Regenflut luft an seinen breiten hngenden sten hinab,
dicht am Stamm ist's trocken. Der Arnim breitet seinen grnen Mantel um uns, die
Gnderode hat mit dem Kragen den Kopf geschtzt, ich konnte es aber nicht
drunter aushalten, ich mute sehen, was am Himmel passiert. Da zogen die
Regenschichten nacheinander vorber, es war ein Gewhl. Ganz so stell ich mir
das Wetter vor unter der Erde, wenn da ein Postament von Wolken wr, auf dem sie
thronte. - Kurz, es war entweder das unterste Naturgestell, was mit dem Gewand
ihrer Farben und Schnheitsschmelz verdeckt ist, und sie hatte dies ein bichen
zu hoch geschrzt, oder es war die Kehrseite der Kulissen, hinter die man wirft,
was nicht soll an Tag kommen. Aber Nacht und Dunkel kommt ja auch an den Tag; um
so heller der leuchtet, um so dunkler sie uns droht. - Ein Weilchen gefiel mir
dies bse Abenteuer. Arnims wunderschne Jugendnhe elektrisierte mich, ich
opponierte dem Gewitter mit allerlei vom Zaun gebrochner Philosophie, die nicht
Hand und Fe hatte und nasse Flgel, die lie sie hngen. - Wir gingen weiter,
jetzt, wo der Wind die Wolken ins Gebet nahm, rissen sie aus. Die Gnderode
wurde ins Bett gesteckt, wir sollten die Nacht dableiben. Wer war froher wie
ich. Eine schne Sommernacht unter einem Dach mit dem Arnim, mit Gnderdchen
durchplaudert, - doch haben wir uns gezankt. Wir stiegen die Leiter der
Begeistrung hinan in unserm Nachtgesprch, eins berhpfte das andere, oben
zankten wir einander, da wir nicht in ihn verliebt seien, dann zankten wir
einander, da wir kein Vertrauen htten, und wollten's nicht gestehen, da wir
ihn doch liebten, dann rechtfertigten wir uns, da wir es nicht tten, weil jede
geglaubt hatte, da die andre ihn liebe, dann vershnten wir uns, dann wollten
wir gromtig einander ihn abtreten, dann zankten wir wieder, da jede aus
Gromut so eigensinnig war, ihn nicht haben zu wollen. Es schien ernst zu
werden, denn ich sprang auf und wollte mein Bett von dem ihrigen wegrcken aus
lauter Zorn, da sie den Arnim nicht wollte. Auf einmal hren wir husten und
sich tief ruspern. Ach, der Arnim war durch eine dnne Wand nur von uns
geschieden, er konnte deutlich alles vernehmen, er mute es gehrt haben, ich
sprang ins Bett und deckte mich bis ber die Ohren zu. Uns klopfte das Herz wohl
eine halbe Stunde, keins muckste mehr die ganze Nacht. - Am andern Morgen frh
um sechs Uhr sah ich zum Fenster hinaus den Arnim schon unter den Linden
spazierengehen. Jetzt wollten wir doch probieren, ob er uns gehrt knne haben.
Ich ging ins Nebenzimmer, die Gnderode sprach ungefhr dasselbe und ebenso laut
wie am Abend. Ich legte mein Ohr an die Wand und hrte teilweis', aber nicht
alles; als ich aber sah, da sein Bett gerade an der Tr stand und da das
Schlsselloch mit dem Kopfkissen auf gleicher Hhe stand, und da man da alles
deutlich hren konnte - wie zwei marode Schiffer, die eben gescheitert sind an
der Sandbank, die sie solange ngstlich umschifft hatten, guckten wir uns an.
Wir muten zum Frhstck! - Wir setzten uns mit dem Rcken gegen die Tr, um ihn
nicht gleich sehen zu mssen, was half der eine Augenblick, wir muten ihm ja
doch die Struchen abnehmen, die er eben aus dem Feld mitbrachte,
Vergimeinnicht! - Ach, nun war's gewi, da er's gehrt hatte. Ach, Clemente,
es war recht wunderlich! - Das war gewi so ein Gefhl, was man Verlegenheit
nennt! - Ich nahm die Gitarre von Gunda und sang Das schmerzt mich sehr, das
krnket mich, da ich nicht genug kann lieben Dich. - Der Arnim gab mir seinen
Handschuh und bat, den zerrinen Daumen zu flicken. - Ich hab's getan, Clemente.
Ach, aller Anfang ist schwer, der Handschuh duftete so fein, so vornehm. - Ein
grauer Handschuh von Gemsleder, ich habe ihn mit Hexenstichen benht, er zog ihn
gleich an, den linken Handschuh aber lie er liegen und promenierte mit seinem
Stock neben uns. Ich warf seinen vergenen Handschuh unter den Tisch, ich
dachte, da mag er liegen, wenn er ihn zurcklt, dann heb ich ihn zum Andenken
auf; denn er geht ja morgen fort. Wird nicht wiederkommen, wird nicht
wiederkommen, das tut mir weh - ich hab ihm dieses alte Volkslied vorgesungen,
es hat ihm sehr gefallen. -
    Der Arnim ist fort! - er hat den Handschuh zurckgelassen. Gestern nahm er
Abschied, und gestern leuchteten noch die Sterne uns beim Heimgehen, er suchte
einen Stern aus, den wir alle drei wollten sehen, wenn wir aus der Ferne
aneinander dchten. Ach Gott, ich hab den Stern vergessen, er hat's so deutlich
expliziert, und nun kaum war er fort, wut ich's nicht mehr, ich fragte die
Gnderode, denn die ist sternkundig, aber die neckt mich und nimmt dies als
einen Beweis, da ich gewi in ihn verliebt sei! Es ist aber doch nur, weil
mir's so leid tut, da er vielleicht treu und redlich seinen mit uns
ausgemachten Stern ansieht, in der Meinung, wir guckten auch, und nun gucken wir
beide wie die Hahlgnse daneben. -
    Lieber Clemens, gestern nahm Arnim Abschied, und gestern schrieb ich dies
nieder, und heut bin ich wieder ruhig ber die Sternengeschichte, denn mein
Gewissen wrde mich dann ewig geplagt haben, ob ich auch zu rechter Zeit nach
dem Stern sehe. Ich wrde am End jeden Tag eine ganze Stunde meinen Kopf haben
in die Hhe halten mssen, es wr eine Pein gewesen, um gleich des Kuckucks zu
werden. Ich wollt, Du wrst bei mir, ich hab Dich doch ganz allein lieb, und so
lieb wie mich hast Du niemand anders. - Wenn Du auch noch so sehr meinst, Du
mssest ber Deine Liebschaften verzweifeln, weil immer keine Gegenliebe dabei
herauskommt. Es ist einmal so, die Menschen machen sich nichts aus uns beiden,
und wenn wir ihnen ebenso vorkommen, wie sie mir alle zusammen vorkommen, dann
ist's ihnen nicht zu verdenken; denn so albern sind sie wohl, da sie uns ebenso
absurd finden, als wir gescheit sind, sie nrrisch zu finden. Aber vom Arnim tut
mir nichts leid, als da ich so kalt Abschied von ihm genommen hab, ich fragte
ihn lachend, ob es ihn dann gar nicht rhre, da er nun weggehe, und es war mir
doch gar nicht so ums Herz. Ich htte viel lieber Abschied von ihm genommen wie
von Dir, nicht wie von einem Fremden, der mich gar nichts angeht.
    Jetzt freut mich's, da ich so aufrichtig gegen Dich sein kann, und wenn Du
an Arnim schreibst, so sage ihm, da ich ihn noch recht liebhabe, aber nicht so
deutlich sage es ihm wie hier in diesem Brief. Ich wrde Dir eher geschrieben
haben, aber ich bekam erst viel spter Deinen Brief von Christian, der auf der
grnen Burg den ganzen Tag im Gras liegt und Flte blst, und die Leute sagen,
die ganze Gegend wr wie verzaubert von diesen Flten-Variationen Mich fliehen
alle Freuden, und wenn er aufhrt zu blasen, so spitzen sie die Ohren, als ob
sie was hrten, das ist die schweigende Stille, die sie hren, das ist ihnen ein
so lngst entwhnter Ton, eben weil die Flte weder bei Tag noch Nacht von
seinen Lippen kommt.
    Clemens, komm bald, komm ja recht bald, an Benediktchen einen Gru, und sie
soll Dich gehen lassen. - Komm, ich hab Dir viel zu sagen.
                                                                         Bettine


                                 Liebe Bettine!

Whrend ich Deinen Brief las, donnerte und blitzte es rings im Tale, nun ist es
ruhig, aber ich kann Dir nicht heute ruhig antworten, es ist keine Zeit,
wahrlich, Dein Brief selbst lt mir keine Zeit, ich gehe jetzt in den Garten,
da will ich an Dich denken und Deinen Brief dem Sonnenschein, der durch die
Gewitterwolken bricht, vorlesen, der wird Dich in Offenbach freundlich dafr
ansehen und Dir danken, da Du an ihn geschrieben hast. Drum, er konnte auch
nicht umhin, er mu Dir gleich recht warm glhende Antwort geben. Ein
freundlicher Kerkermeister, dem es jammert, da er den Gefangnen im Kerker mu
schmachten lassen, wie vergngt bringt er die Botschaft der Befreiung, und wie
eilig und wie sanft lst er die Fesseln; so war's mit Deinem Brief, er kam mit
dem Schlssel in Hnden, ich fhlte vom erleichterten Herzen die Fesseln
niederfallen eine nach der andern, und die Sonne schien mir ins Herz, da war's
auf einmal anders; ich dachte, wie bin ich doch betrunknen Sinnen hingegeben
gewesen. - Ja, es ist alles schn, was ich erlebte, und die Liebe und Gte
dieser Menschen gegen mich ist wirklich lieb und edel, aber schner ist doch
nichts als frei sein und ungefesselt lieben, wie ich meine Schwester liebe, und
dann fhlte ich, da nichts mich so beglcken kann als die spielende Heiterkeit
in Dir, die doch aus innigster, warmer Lebensquelle strmt, lieb Kind! - Tanz
ist doch edel! - ja gewi mit die reinste, die erhabenste der Knste! - Denn
jede Kunst hat im Geist ihre Apotheose, und Deine heitere Lebensansicht, Deine
Gefhle sind tanzende Wendungen nach der lieblichsten Melodie. - Diesmal im
Brief spielen Deine Gefhle auf der Schalmei und begleitet der Witz mit dem
Triangel dazu. -
    Meine Gitarre wnsche ich mehr als je hierher, ich mchte sie mit nach
Dsseldorf nehmen; wenn Du sie knntest lassen in eine Decke einpacken, wre
gut. Hast Du dem Ritter geschrieben? - Schreib ihm doch, er ist einer, der
besser ist wie die Albernen, die uns fr absurd halten, schreib ihm, lieb Kind!
- wie Du ans Weltall schreiben wrdest, wenn Du auf einem vertrauten Fu mit ihm
wrst. Denn er ist im Begriff, die Schpfung auszusprechen. So wie der Urgeist
sie im Moment der Erfindung aussprach, was ein und dasselbe ist dem Erfinden, so
geht sie in geluterten gehheten, geistigen Begriffen durch ihn durch, als ob
sie blo geschaffen, um auch einem so erhabnen Streben des Geistes durch ihren
Begriff zu lohnen. - Lies doch wieder in den guten Bchern, die Du hast, lieber
Engel - und werde immer ruhiger und bemhe Dich, einzelne Dir merkwrdige
Lebenspunkte aufzusetzen, und schenke mir dann und wann so was! - Dem Arnim will
ich schreiben, da Du ihn liebhast, er erwartet sich's aber auch nicht anders,
denn er hat Dich gewi ebenso lieb; - und vom Gnderdchen war's ebenso recht,
da es ihm nicht den Vorzug gab. Denn es will gewi gleich teilen zwischen mir
und ihm, und wir vier gehren ja alle einander an.

                                   An Bettine


                                                                      Dsseldorf

Warum schreiben wir uns nicht? - Ich gehe in jeder Stunde mit Dir um, Dein Bild
steht immer hinter meinem Tintenfa, und ich sehe Dich immer an. Wenn ich Dein
Bild aufgestellt habe, so bin ich honett, gut, einfach und stolz. - Ich gehe
hier mit vielen Leuten um, die schlechter sind als ich und Du, man mu auch das
lernen. Was mich hier fesselt, ist die Galerie und das artige Theater, dann der
geschickte Musikdirektor, dem ich eine Oper dichten will, und der mir dafr
Unterricht in der Komposition geben wird. Eine kleine Oper habe ich schon fertig
fr Neujahr, wo sie aufgefhrt werden soll in Mannheim, er arbeitet noch daran.
Hast Du Savigny in Frankfurt gesehen? Wie war er? - Wie lebst Du, was machst Du?
- Ich hab heut an Christian geschrieben, ich bitte, schreib ihm auch. Bald ist
mein Namenstag, schick mir dann einen recht langen Brief, er ist mir das
Liebste, aber ungezwungen, ungeniert, so wenn Dir's einfllt und was Dir
einfllt, ich werd mir's schon zurechtlegen. Kommt Minchen Gnderode nicht auch
zuweilen mit ihrer Schwester zur Dir? - Ich bin ihr einen Brief schuldig. Ksse
sie von mir, sage ihr, da ich sie liebe, wie ich jetzt kein anderes Wesen
lieben kann! - Denn in meine Oper denk ich die Hauptrolle mir gerade wie sie!
und den ersten Liebhaber wie mich. - Ich mu ihr zu Fen fallen, ich mu sie
kssen, sie mag wollen oder nicht. - Und sie mu auch am End einer langen Arie
mir in die Arme fallen und mich beglcken, stelle ihr das doch recht beweglich
vor; und da es ja nicht anders sein knne, weil sie einmal meine Opernheldin
ist, sie soll sich bewegen lassen darauf einzugehen. Das wird recht schn sein,
wenn ich mir denke, es sei alles wahr, dann werde ich mir die lieblichsten
hinreiendsten Szenen zum Kssen malen!
    Hast Du was gedichtet, geschrieben, schicke mir es in meine Einsamkeit. -
Wenn Du ein Kinderkleidchen fr ein liebes rundes Mdchen von drei Jahren
httest, aber recht hbsch und bald, so wrdest Du mir groe Freude machen. Wo
nur Arnim stecken mag, ich hrte seit meinem Brief nichts mehr von dem Jungen.
Du bist wohl recht ruhig. - Ich bin es auch. Ich schicke Dir vielleicht bald
mein Portrt. Schreibe mir einen langen historischen Brief. Deine Empfindung,
meine Empfindung kennen wir ja! - -
    Ich werde noch eine Weile hier bleiben, denn zu sehen, zu hren, ja
mitzufhlen, wie alles Denken und Erdenken pltzlich flieend wird in
musikalischen Gesetzen, die der Poesie den Kopf zurechtrcken, das macht mich
ganz hingerissen. - Leb wohl! Schreib!
                                                                         Clemens


                                Lieber Clemens!

Ich will gleich anfangen mit dem, was mich zuletzt frappiert in Deinem Brief! -
Ich hab Angst, die Musik wird schlecht zu Deiner Oper. - Warum? - Weil Du eine
so enorme Freude daran hast! - Ich kenne Dich ja! - Du lt Dich gar zu leicht
begeistern. Einem Kapellmeister gegenber, wenn er seine Musik vortrgt, ist
nicht zu spaen mit fnf Sinnen, sie gehen in die Brche! Er betrachtet Dich als
einen guten Kerl, den er mit Herablassung Straen fhrt, welche Dir unbekannt
sind, Du kannst da gar keine Autoritt haben, Du mut Dich fhren lassen! Die
Effekte, die Du nur in Gedanken hrst und Dir natrlich ganz bernatrlich
vorstellst bei vollem Orchester, machen Dich in Dankbarkeit hinschmelzen vor dem
Kapellmeister, der berrascht von dem Eindruck, den er Dir macht, eine ganz neue
Bekanntschaft mit seinem Talent zu machen glaubt, er komponiert drauflos, weil
er eine Quelle der Erfindung in sich entdeckt, auf die er frher nicht sich
verlassen konnte! - Nun findet er, da Du trotz Deinen Dichterlaunen ein sehr
verstndiger, urteilsfhiger junger Mensch bist, Du wirst gelobt als hchst
liebenswrdig, die Sngerinnen werden begeistert, sie strengen sich an,
wetteifern! Frulein Petersilie soll die Hauptrolle haben, sie verleugnet den
Peter zu Haus und kommt blo als Silie. Der Name Silie bewegt Dein Dichtergenie
zu Explosionen von Begeistrung. - Kurz, es wird ein Wonnemonat, wie noch kein
schnerer war, wo Dichtkunst und Tonkunst sich vermhlen! -
    Hoffmann hat hier ein Duett gemacht, wozu Du mir den Text schon frher
gabst: Hr, es klagt die Flte wieder, und die khlen Brunnen rauschen. - Ja,
wenn Dein Komponist so arbeitete wie er! - Dazu mu man aber, in eine
Einsiedelei verborgen, Blumen und Gras umher, im Schlaf versunken, nach der
Ferne lauschen, wo die rauschende Welt endlich auch betubt ruht. - So ist aber
der gute Hoffmann, sein krnklicher, gebrechlicher Krper sondert ihn ab von den
Schwelgereien der Musiker, von ihren Weltverhltnissen und Liebeleien! - Durch
den Hoffmann hab ich manches begreifen lernen. Erst war ich als immer
verwundert, wie doch ein Mensch so ein traurig Los tragen msse, der seinen Leib
doch nicht verlassen knne, der ihm Schmerzen macht; jetzt wei ich's aber
anders. Der Geist berwindet alles. Und wenn der Geist kmpft, so mu er doch
stark dadurch werden. Der Geist kann nicht Wunden erliegen. Invulnerable, sagt
Mirabeau. Es kann nur vielleicht ihm versagt sein, sich geltend zu machen! -
Aber vielleicht ist der Leib die verschlossne Werksttte, in der der Geist zur
hchsten Stufe der Bildung gelangt; und wenn er erst durchgelutert und geglht
als vollendetes Kunstwerk seiner selbst, zugleich mit dem Lebenskeim zu einer
hheren gewaltigeren Bildung versehen, neue Welten durchdringt - was ist's da,
da in dieser Welt die Krankheit wie ein bser Traum ihn anflog. - Guter
Hoffmann! - Ich hre sein Klavier bei offnen Fenstern in die Mondnacht rauschen!
Er denkt gewi, ich lieg im Bett und hr ihm zu! -
    Gute Nacht, morgen schreib ich weiter, weil Du einen so langen historischen
Brief verlangst. -
    Den wollt ich Dir wohl schreiben, den schnen langen historischen Brief,
wenn nur was vorgehen wollte! - Ich hab zwar gar keine Neigung, da etwas
vorgehen soll, aber doch wie letzt in der Blaufrberei am Kanal Feuer ausbrach,
machte mir das ein unendliches Vergngen; damit stimmte das Volk mit seinem
Schauspielertalent berein. - Eine Verzweiflungs-und Jammergeschreikomdie,
gewrzt mit den ausgelassensten Scherzen; das Ganze war unwiderstehlich, ich
bedauerte, da es nicht schicklich war mitzuspielen, sondern nur zuzuhren. -
Gegenber vom Feuerbrunsttheater, im freien Feld steht das groe Haus, worin
Bernards blasende Instrumentisten alle wohnen, die manchmal sich das Plsier
machen, aus allen Fenstern heraus nach den vier Weltgegenden hin ihre Passagen
zu exerzieren, diese waren durch die ausschlagenden Flammen in Begeistrung
versetzt, - sie bliesen Tusch, wenn ein Stck Dach einfiel oder Mauer! - Was
einen doch gleich Lebensbermut durchstrmt, wenn die Menschheit nicht so
ngstlich am Besitztum klebt! - Wenn man hrt Mitleidsquellen rieslen, ber das
einzige bichen Habe, was den Armen nun verloren ist - das macht so malade, es
steht einem der Verstand still, da doch gewi jeder genug htte, wenn jeder
wte, was er mit dem seinen anfangen soll. - Der Blaufrber hatte die
gromtigste Gleichgltigkeit bei diesem Veraschen seiner Einbluung, und es
kamen die nrrischsten Witze vor bei der Judenspritze, bei welcher der
Blaufrber selber stand und sie fortwhrend dirigierte gegen die zwei uralten
Linden in seinem Hof, die sein Ururgrovater, der auch Blaufrber war, gepflanzt
hatte, unter denen der Frber seine Hochzeit gehalten. - Wenn ihr mir die
erhaltet, sagte er zu den Juden, so schenk ich euch zwanzig Taler. - Nun wurden
die Juden so feurig, lauter arme Lumpen! - Es gab ein Geznk mit der Polizei,
sie wollte auf die unntzen Linden kein Wasser verwendet haben, die Juden
schrieen mrderlich, als man ihnen den Schlauch entri, nach dem Blaufrber; der
kam herbei und mute ihn wieder erobern. Was solle die alte Bm, sagt der
Herr Bolezei! - Wie, Herr Polizei! - Sie schmhen die alten Linden, das
Wahrzeichen von Offenbach? - Ei, do knnt ganz Offebach abbrenne, und die
Wahrzeiche bliebe alleen stehe. Die knnte doch das Maul nicht uftun und
erzhle, da Offebach da gestane hat. -
    Die Linden wurden brigens gerettet; denn die Juden lieen sich nicht zu nah
kommen! - Die Hornisten, Hautboisten, Klarinettisten und Fagottisten
schmetterten ihre Passagen dazwischen wie freie Gttershne in des Mondes blauem
Licht, der ber ihrer Wohnung thronte und nichts von seinem Glanz verlor durch
die gegenber aufqualmende Feuersule, die sich oft vom Rauch nieder mute
drcken lassen! - Der Mond hat Charakter, die Gestirne haben Charakter, der
Himmel, der sie trgt wie ein Baum die pfel, der ist der Charakterbaum. - Die
Menschenseele ist ein kleiner fliegender Samenstaub, der einen guten Boden
sucht, um auch Charakter zu werden. - Das Werden! - Das groe Werden - ist und
soll sein der einzige Genu, sagt die Gnderode, der wird aber nicht, der nicht
gttlich wird, sagt die Gnderode auch noch. - Fr heut hab ich genug
geschrieben; nun wnsch ich, da morgen wieder was vorfallen mge, einzig, um
meinen historischen Brief fortsetzen zu knnen. -
    Heut ist aber doch nichts vorgefallen, so sehr ich auch getrieben habe und
dem Fenster hinausgeguckt, ob nichts kommen wollte. - Vom Feuer war viel die
Rede, man besuchte die Gromama, um ihr zu gratulieren, da ihr der Schreck
nichts geschadet habe; sie wurde am End rgerlich, wie einer nach dem andern
kam, die Frstin von Ysenburg war zuerst bei ihr gewesen, da war es gleich Mode
geworden. - Es ist schlimm, da die Gromama sich nicht gut verleugnen kann,
weil sie nie aus Garten und Haus kommt! - Diese Huslichkeit hat einen eignen
poetischen Schimmer, alles in der hchsten Reinlichkeit und Heimlichkeit
erhalten, - zu jeder Stunde, zu jeder Jahreszeit ist nichts vernachlssigt,
selbst das aufgeschichtete Brennholz am Gartenspalier ist unter ihrer Aufsicht
der Schnheitslehre. - Wenn es im Winter mu verbraucht werden, so lt sie es
immer so abnehmen, da die Schneedecke soweit wie mglich unverletzt bleibt, bis
Tauwetter einfllt, wo sie's abkehren lt. Im Herbst hat sie ihre Freude dran,
wie die roten Bltter der wilden Rebe es mit Purpur zudecken. - Im Frhling
regnen die hohen Akazien ihre Bltenblttchen drauf herab, und die Gromutter
freut sich sehr daran! - Ach, was willst Du? - Es gibt doch keine edlere Frau
wie die Gromutter! - Wer den wunderschnen Blitz ihres Auges verkennt, wenn sie
manchmal sinnend mitten im Garten steht und spht nach allen Seiten und geht
dann pltzlich hin, um einem Zweig mehr Freiheit zu geben, um eine Ranke zu
sttzen - und dann so befriedigt in der Dmmerung den Garten verlt, als habe
sie mit der berzeugung alles gesegnet, da es fruchten werde. -
    Nein, heute ist nichts weiter vorgefallen, was ich historisch nennen knnte,
der Tag ist total vorbei! - Und nichts, was nur den Hund htte zum Bellen
gebracht. - Nur eine kleine elegische Szene. Die Gromama hat manchmal einen
Verdru an so einem Federvieh, wenn es in ihre Hausordnung sich nicht fgt, so
mu es geschlachtet werden, diesmal traf das traurige Los der Hinrichtung ein
impertinentes Huhn, was immer mit groer Geschwindigkeit die Weizenkrner,
welche sie fr alle streut als Dessert zum Haber, fr sich allein erschnappte.
Dies Huhn war von Meline in Affektion genommen, gleich als es auskroch, heit
Mnnewei, von Mannweibchen, weil es lang unentschieden blieb, ob das Tier ein
Hahn oder Huhn sei, da es einen so roten, stolzen, doppelten Kamm und einen
schnen roten Bart hat, kurz, ich komme grade an der Kche vorbei, wie die taube
Agnes auf dem Schemel sitzt, das Huhn zwischen den Knien, das Messer wetzt. -
Ich springe hinzu, zieh den Schemel unter ihr weg, sie fllt auf die Nase, das
Huhn unter dem Messer weg flattert mit groem Geschrei durchs Kchenfenster; es
war die Zeit, wo die andern Hhner schon alle im Hhnerstall mit ihrem Hahn der
goldnen Ruhe genieen, kaum hrten sie aber das Notgeschrei der Henne, als alle
loslegten mit Gackern! Ich war voll Schreck ber meine Khnheit, die Hinrichtung
zu verhindern. Ich jagte das Huhn durch den Garten, ganz am End der Pappelwand
fing ich's erst ein, wo sollte ich mit hin, bracht' ich's zurck, so wurde es
dennoch abgetan, aber mir schauderte, eine Suppe von diesem Huhn zu essen. - Ich
marschierte zum Grtner im Boskett. - Der nimmt es unter seine Obhut, bis
bessere Zeiten kommen. - Wie kann man auch Tiere, die tglich unter uns
herumlaufen, uns trauen, einem nicht aus dem Weg gehen, pltzlich, was sie gar
nicht gewrtig sind, ber sie herfallen und fressen. Die taube Agnes ist sehr
erschrocken, da der Poltergeist die Schawell unter ihr weggezogen hat, sie
erzhlt noch mehrere Flle von diesem Spukeding; - einmal war es mit ihrer Haube
ausgerissen - sie war aber am Fensterspiegel hngen geblieben. - Diesmal mit der
Henne, keiner glaubt ihr das, aber jeder wundert sich, da es verschwunden ist
und nicht wieder erscheint. - Und endlich, meint die Agnes, werden wir's doch
einsehen, da es spukt. Die alte Kordel setzte sich mit dem Rdchen herbei, die
Agnes erzhlte lauter Geschichten vom Kchenteufel, eine ganz aparte Klasse;
wollt ich auch jetzt sagen, da ich das Huhn weggeschleppt habe, keiner wrde es
glauben. - Abends beim Sternenschimmer, wo ich den Kopf weit aus unserm
Mansardfenster streckte, um recht viele Sterne zu Zeugen meines feierlichen
Schwures aufzurufen, tat ich das Gelbde, alles dran zu wagen, wenn ich einen
Menschen in Gefahr sehe und wenn auch selbst das Messer schon ber seinem Haupte
schwebt. - Ein rascher Entschlu vermag viel, aber Zagen ist das Verderben aller
Grotaten! Htt ich nur einen Augenblick mich besonnen, so lebte jetzt kein
Mnnewei mehr! - Und mit so einem Tier ist's eine besondere Sache, man wei
nicht, ob es ein Jenseits hat, doch lebt es gern, doch hat es mehr mit der Natur
zu schaffen wie wir, doch gehrt ihm die Welt, jeden Augenblick es drauf
verweilt, ja es ist der Mhe wert, ein Leben zu retten, sei es welches es wolle.
Ach, die Schwne fallen mir hier ein, die ihr schneewei Gefieder im eignen
Blute muten baden, die Helden der Gironde! -
    Schon wieder ist der Abend angerckt, lieber Clemens! - Heute sind keine
Ereignisse vorgefallen, nur Nachrichten eingelaufen, die aber vielversprechend
sind. - Savigny ist auf dem Trages und erwartet uns zum Diner den Sonntag, wir
werden also morgen in die Stadt gehen, diese Nachricht brachte Doktor Ebel als
Auftrag von Leonhardi, der uns einen Platz in seinem Wagen anbot. - Ebel ist ein
naturforschender Mistfinke, aber die Gromama geht ganz darber hinweg, da er
immer ein schmutziges Hemd an hat und schwarze Ngel, und tat folgenden,
merkwrdigen Ausspruch: Mein Kind! - Die Reinlichkeit ist zwar die edelste
Tugend und ist verschwistert mit der sittlichen Reinheit. Selbst ein
lasterhafter Mensch erhebt sich aus seinem Sndenpfuhl, wenn er sich wscht und
ein reines Hemd anlegt, die Wrde des Menschen fhlt sich dadurch neu belebt. -
Aber - -, sagte sie und hielt ein, denn der Mistfinke, der einen Augenblick
abwesend gewesen war, trat herein und brachte der Gromama allerlei Abfall von
der Natur, den sie sollte in ihr Naturalienkabinett aufnehmen. Unter andern ein
Stck Leinwand von Asbest, was unverbrennlich sei. - Moose, welche auf der
hchsten Spitze der Spitzberge wachsen - purpurrot! St. Pierre und Buffon wurde
geholt, um ber Schnecken und Muschelsamen, wovon Ebel eine ganze Bonbontte
voll mitgebracht hatte, zu befragen, sie blieben die Antwort schuldig! - Ebel
erzhlte also, da dieser, aus dem Grund des Schwarzen Meeres, ihm von einem
Freund zur Untersuchung mit vielen Mhen und Unkosten gesendeter Muschelsame die
wunderbarsten Erscheinungen enthalte, mit einem Vergrerungsglas betrachtet,
werde man die ausgebildetsten Formen drinnen finden, die so klein seien, da man
sie fr Sandkrnchen halte. - Die Gromama war begeistert fr diese
Merkwrdigkeitstreckelchen, aus denen die Welt zusammengebacken ist, und die
Ebel mit Lebensgefahr unter einer Taucherglocke von einem khnen Taucher wollte
erhalten haben, ein Paketchen draus gemacht und mit Noten versehen in ein
Kstchen gepackt, worin noch andre Seltenheiten der Art liegen. - Das war nun,
was er in der rechten Rocktasche mitgebracht hatte. Nun griff er in die linke
Rocktasche. Das erste Pckchen enthielt ein Stck Spinnweb von der Riesenspinne,
- er konnte es ordentlich auseinanderfalten, ohne es zu zerreien, es fiel dabei
sehr viel Staub heraus, die Gromama htte dies Chemisett der Arachne gewi gern
unter ihren tausend Wundern der Welt besessen, allein Ebel wickelte es
sorgfltig wieder ein und steckte es in die Westentasche! - Ich glaub, er hat's
irgend im Winkel auf dem Boden entdeckt und hat ihm die Reise aus Indien
erspart! - Dafr entschdigte er sie mit einem Stck Brot von der Brotbaumfrucht
in Otaiti. - Dies war eine groe Galanterie, denn bekanntlich ist ihr Liebling
unter allen ihren Werken dieser Roman, der auf Otaiti vorgeht; sie war also
durch dies Brot so entzckt, da ihr die Trnen herabrannen! - O Kinder, sagte
sie, wieviel Schnes harret noch eurer, wenn ihr euer Interesse an der Natur
ausbildet, glaubt mir, nicht allein das, wozu die Natur etwas geschaffen zu
haben scheint, hngt mit diesem Etwas zusammen und ist darauf angewiesen; nein,
es fhrt alles eine Sprache mit dem Geist. Dieser aber ist wie ein Kind, die
groe Rednerin Natur spricht nur liebkosende Worte zu ihm, ja sie ahmt sein
Lallen nach, nur um ihm sich verstndlich zu machen; aber es mu einstens dahin
kommen, da sie die hchste Begeistrung zu ihm ausspreche, und da er ihr
Antwort darauf geben knne. Ja, sagt ich, liebe Gromama. Wenn die Natur
erst mit dem Menschen spricht, wie Mirabeau zu der Nation, dann werden lauter
Freiheitshelden geboren werden! - Ebel - kreuzigt sich immer vor mir, er ist
mehr noch als Hase! - Jede Idee, die ich ausspreche, deucht ihm ein
Pistolenschu, das Geringste, was ich sage, hlt er fr eine Erbse, die ich ihm
mit einem Blaserohr in die Perrcke ziele; - es kommt ihm immer vor, als
erschttre ich das Weltall mit meinen Behauptungen. - Er lauscht manchmal, ob
er's nicht krachen hrt. - Er guckt nach dem Wetter und behauptet, die Wolken,
die da herankommen, seien gewitterhaft von meiner elektrischen Natur
zusammengezogen, und er mag durchaus nicht in meiner Nhe verweilen bei schwler
Luft, er frchtet fr sein geschtztes Dasein, das Gewitter knne in ihn
einschlagen und seine Seele ungewaschen und ungekmmt vor den Richterstuhl
Gottes bringen! - Der Herzog von Gotha war dabei, als er dies einmal sagte, und
hatte seine Verwundrung ber den gelehrten Naturforscher, er fragte ihn, ob er
denn an ein letztes Gericht glaube, ob er an die Hlle glaube? - Da kam es
heraus, da er an noch mehr glaubt; nmlich an einen groen Aktenschrank, worin
alle Lebensprozesse aller Menschen drinnen in hchster Ordnung aufgestapelt
sind. Dieser Aktenschrank ist sehr leicht beweglich, auf einen Wink fliegt er
auf und prsentiert gerade die Akten, die zum Proze des Lebensverflonen die
ntigen berweisenden sind, denn kein Mensch wird verurteilt, er werde denn von
der Gerechtigkeit des Richterspruchs berzeugt, - damit er sich die Hllenpein
nicht durch den Trost erleichtere, er sei ungerecht verdammt, - denn Gott kann
nicht ungerecht sein, setzt Ebel hinzu! O Hirngespinst, o Scheusal, o
Gespenst, o Empusa, sagte der Herzog, und seitdem trgt Ebel den Namen Empusa!
Er wird auch nicht mehr maskuliniert, sondern mu weiblich passieren, was ihn
rgert, mich aber auch.
    Genug von der Empusa; als sie geflohen war, so wollte die Gromama das Wort
fr ihn nehmen und meinte, es sei doch gut von ihm, diese Freude ihr zu machen.
Ich holte Licht und bat die Gromama so sehr, sie mge doch die Asbestleinwand
ins Licht halten. Aber ach, sie brannte ab. - Adieu Leinwand! - Adieu, Ebel, Du
bist kein charmanter Ebel mehr! -




                      Fortsetzung des historischen Briefes


Am Samstag sind wir um neun Uhr nach Frankfurt gefahren! Der erste, der am
Kornfeld von Sachsenhausen uns begegnet, war die Empusa; sie hatte sich nicht
mehr am Abend in die Stadt getraut, es war Meltau gefallen, und so blieb sie auf
der Gerbermhle, damit nicht auf ihm der Meltau sich hafte, der sehr oft die
Auszehrung veranlasse. Ich rief dem Kutscher halt, sprang aus dem Wagen, brach
mehrere hren ab, nahm sie in den Mund und lie sie blhen; - dann persuadierte
ich die Empusa, doch diese Roggenblte durch den Mund zu streifen und zu essen,
als ein ganz sicheres Mittel gegen die Auszehrung. Dies hab ich im Kloster
gelernt. Empusa fra die Roggenblte, fhlte sich nun, gesichert gegen den
Meltau, ganz munter. - In unserm Haus war alles voll Sonnenschein und erinnerte
mich sehr an unsere Kindheit, wo wir uns als in die Galerie versteckten, um dort
das kleine Seeschiff zu betrachten und die unzhligen kleinen Wachspppchen von
allen Ordensgeistlichen, vom Papst an bis zu den Bettelmnchen und Nnnchen. -
Die Galerie stand offen, ich verweilte dort bei manchem aufgehobenen Kinderspiel
aus unserer frhsten Zeit; auch fand ich dort in einem Schrank den schnen
Kastorhut der Mutter mit einem blitzenden Band von Stahl und Goldperlen, auf den
der Papa als die Johanniswrmchen setzte, wenn er mit uns am Abend im hohen
Sommer spazieren fuhr. - Der Kastorhut war mir gar zu lockend; ich setzte ihn
auf, er stand mir schn, ich glich der Mama; denn ihr Bild wurde mir wieder ganz
deutlich - und der Papa hatte mich auch lieb vor allen Kindern, ich glaub wohl,
da ich ohne Snde den Hut kann behalten. - Ich frage bei Dir an, ob's ein
Diebstahl ist, - unterdessen hab ich ihn zum Gnderdchen gebracht, da sie mir
ihn versteckt, bis Du mir schreibst, ob Du erlaubst, da ich den Hut behalte! -
Ich behalt ihn aber doch! - Abends war bei der Gunda der Tee; da waren allerlei
Menschen, die ich noch nicht gesehen hatte, aber auch Link war da, Dein Freund!
- Sie erwarteten Heinse, aber der kam nicht, den ich doch so gern gesehen htte.
Ich sa auf einer Schawell an der Tre des Kabinettes, das ganz voll war, - an
Gnderdchens Seite, so lehnte ich mich an sie, und whrend ein Doktor Kstner
sang: nic bella nic amata, schlief ich ein; kein Mensch hat's gemerkt. -
    Gestern am Sonntag fuhren wir nach dem Trages; - schon um sieben Uhr waren
die Wagen vorgefahren, alles, was mitfuhr, hatte sich im Saal versammelt, alles
war eingestiegen, und als alles eingestiegen war, da war kein Platz mehr fr
mich! - Da hie es, der Leonhardi kommt gleich vorgefahren mit Fr. von
Barkhausen, mit denen fhrt die Bettine. - Der Leonhardi kam erst gegen zehn
Uhr! - Keine Frau von Barkhausen mit; man war unsicher, ob ich allein mit ihm
ber Feld fahren knne, unterdessen stieg ich ein und sagte: Fahr zu Kutscher!
Und bald war ich mit meinem Leonhardi in die sommerlichen Felder entflohen. -
Jetzt la Dir erzhlen und glaub es nicht, das kann mich nur berzeugen, da es
Dir zu toll vorkommt; er klappte einen Tisch auf, darauf legte er einen
Folianten, den er mitgenommen hatte, einen Krug Geilsheimer Wasser, den er mit
einer Schlinge ans Fenster befestigte, plazierte er auch darauf - und nun legte
er sich mit beiden Ellbogen auf seinen Tisch und fing an, in der Chronik zu
studieren und Exzerpte zu machen. - Nachdem ich eine Weile eine groe Warze und
eine kleinere Warze auf seinem Backen betrachtet hatte, so fing ich an zu
pfeifen. - Das war ihm verdrielich; er bat mich, stille zu sein; denn er habe
da was sehr Ernstes vor und sich es zum Gesetz gemacht, nie Zeit zu verlieren! -
Ich schwieg recht gern, aber ich sang in Gedanken und verga das Schweigen und
sang wieder laut. - Das strte ihn sehr; er machte mir Vorwrfe, da ich keinen
Augenblick Ruhe haben knne! - Als wir an einer Schenke hielten, um die Pferde
zu fttern, setzte ich mich auf den Bock und lie den Leonhardi mit seiner alten
Chronik im Wagen! - nur einmal lie ich halten, weil eine wunderschne Blume am
Wege stand, die wollt ich pflcken; da machte der Leonhardi einen frchterlichen
Lrm, ich hatte aber meine Blume. O blhte sie doch ewig! - Es ist mir lieb, da
bis jetzt mir noch niemand gesagt hat, wer sie ist, denn dann setzt man
gewhnlich auch hinzu, sie ist ganz gewhnlich und wchst da und da sehr hufig!
- Nun la Dir nur erzhlen, wie schrecklich bs ich den Leonhardi gemacht hab;
ich wollte nmlich ein bichen fahren, und ich kann es auch recht gut. Da hat
mir der Kutscher die Zgel gegeben; der Leonhardi, der alle Augenblick aus
seiner Chronik herausguckt, sieht das, ruft, ich soll's sein lassen, die Pferde
scheuen leicht. Der Kutscher sagt, ich knnte getrost fahren; - ich schnalze mit
der Zunge und werfe den Pferden die Zgel ein bichen auf den Hals, sie werden
charmant mutig, und es geht noch einmal so rasch! - Der Leonhardi kriegt Angst
schrecklich, die Pferde seien ausgerissen, steckt eilig den Kopf durchs offne
Fenster, wirft den Krug, der Pfropfen geht heraus und das Geilsheimer Wasser
fliet ber die Chronik.
    Es mute gewischt und geduppt werden den ganzen Weg! - Aber jetzt kommt was
sehr Lcherliches; er holte einen ganzen Pack alter Zeitungen aus der Tasche,
ohne die er nie reist, sagte er, - und nun wurden die nassen Stellen
bepflastert; das ging so fort, bis wir in den Wald kamen, wo der Weg zu schlecht
ist, um zu lesen oder zu pflastern. - Wir kamen an, wie eben die Krebse auf den
Tisch getragen wurden, - ungeheuer groe Kerle aus dem Goldweiher. Der Leonhardi
zankte noch nachtrglich auf mich, da ich allein am spten Kommen schuld sei -
ich htte alle Augenblick eine Blume abbrechen wollen, ich htte das Geschirr an
den Pferden in Unordnung gebracht, ich htte die Pferde wildgemacht. - Es waren
mehrere Hakennasen aus Savignys Familie da - es war ein ziemlich heier
Nachmittag, mit verbrannten Nasen kamen wir vom Hahnenkamm zurck; Savigny war
ber die Maen freundlich und schlo alle Schleusen seines Paradieses auf und
schien dennoch so einsam unter uns allen, als wren wir wie eine Horde Ruber
bei ihm eingefallen. Die Zeit kam zum Aufbruch; auf der Heimfahrt war ich nicht
in Leonhardis Kutschenverlies eingesperrt, er hatte dagegen appelliert. - Ich
schlief im Wagen bis in Hanau, wo die Pferde futterten; da sahen wir Minchen,
und da teilte ich ihr Deinen Brief mit, sie freut sich recht, die Heldin Deiner
Oper zu sein. Dort kam der Georg gefahren und nahm mich in sein Gig, wo ich
durch die khle Nachtluft sehr erquickt ward. - Heute Nachmittag sind wir wieder
in Offenbach angekommen; ich wollt, ich wr gar nicht fortgewesen, so mde bin
ich von dieser Reise. - Ich endige meinen historischen Brief, weil es mir grade
so ist, als werde nichts heut vorgehen, woraus ich geschichtlichen Honig saugen
knnte. - Gnderode, Minchen und Marianne gren. - Du kommst wohl diese Messe
nicht nach Frankfurt? -
                                                                         Bettine


                                 Liebe Bettine!

Dein letzter Brief hat mich mehr als je ein vorhergehender erfreut, er ist recht
frhlich, ohne alle Melancholie, und Du hast eine groe Darstellungsgabe; immer
mehr werde ich berzeugt, da Du eigentlich zum poetischen Auffassen aller
Ereignisse, auch der kleinsten, das grte Talent hast, und ich kann Dir nicht
genug empfehlen, daran festzuhalten. Alles, was Du mir erzhlt hast, ist gut und
lieb und wahr. - Wie weh sollte es mir tun, wenn Du aus Deiner natrlichen
Richtung herauskmest. - Wie schn wird unsere Freundschaft werden, wenn nichts
Unklares und Trbes mehr in ihr herrscht und unsre Empfindungen sich klar und
tief aussprechen, und wir uns recht vernnftig aneinander freuen knnen. Da Du
ruhig und heiter bist und dahin strebst, fhle ich mit Freuden, und da ich auch
dahin strebe, darfst Du mit Recht von mir begehren. Du glaubst, ich werde diese
Messe nicht nach Frankfurt kommen, ich komme doch, und vielleicht bleibe ich den
ganzen Winter ber in Frankfurt. Savigny ist dann freilich allein in Marburg,
doch im Sinne des Worts genommen ist er das wohl immer, was Du wohl an ihm
bemerkt hast. Am deutlichsten erscheint seine Einsamkeit darin, da er einen nie
vermit; mich schmerzt das oft. Da ich aber an die Vollendung eines Menschen
kaum strker glauben darf als an die seinige, so wre es tricht von mir, nher
zu untersuchen, ob er ganz recht hat, mich nur grade so zu lieben und nicht
mehr; er hat sicher recht und damit holla! - Eines fehlt uns, liebe Bettine, und
mir mehr als Dir; es ist die Kunst, mit sich selbst genug zu haben, die mssen
wir erlernen. Es ist das einzige Mittel, zum berflusse zu kommen, denn dann
haben wir die Hlle und die Flle, indem unsre Liebe zueinander, die nun Gott
sei Dank das beste und edelste Geschenk des Geschickes ist, ein berma ist ber
das, was als unsere innere Lebensgenge noch obendrein uns geworden ist. - Gott
wird Dir vielleicht und hoffentlich zu einem lieben Manne helfen und mir zu
einem lieben Weibe, mit diesen Verhltnissen und dem gehrigen Glck und Unglck
wird es sich so angenehm leben, als es zum Leben notwendig ist. Das nach der
Meinung vieler Narren und Weisen hchst eitel und nicht sehr zu schtzen sein
soll. - Doch noch eins, mein Kind! - Es ist zwar leicht, sich ber vielen
Verdru, ber viele Kleinlichkeiten hinauszusetzen, noch leichter aber ist's,
sich alles das zu ersparen. Sich ein wenig einzuschrnken, um keinen Verdru zu
haben, lohnt wohl der Mhe; Verdru krnkt uns doch und nimmt uns das Vertrauen
zu den Menschen; hieraus wre wohl zu empfinden, da er dem freien Lebensorgan
unseres Herzens in den Weg tritt, und wenn wir ihn nicht mehr empfinden, so ist
das doch eine Abstufung unserer Seele. Wie schn ist es nun, die Menschen um
sich her so zu berhren, da sie einem keinen Verdru mehr machen knnen, und
doch die Freiheit und das ganze Leben seines Herzens zu behalten. Da Du nun von
so vielen Menschen verkannt wirst, wie zum Beispiel von Ebel, der trotz seiner
schwachen Seiten ein sehr gelehrter Mann ist, und von Leonhardi, der offenbar
einen Widerwillen gegen Dich hat, wundert mich nicht, da mir selbst in einzelnen
Minuten Deine Erscheinung nicht ganz gefllt und mich drckt. Wenn ich das
empfinde, der ich Dich so gut kenne, wie sollen das alle die Leute nicht
empfinden, die keinen Menschen kennen? - Nun zweifle ich aber gar nicht, da es
Dir einleuchten werde, wie es nicht zu verschmhen sei, allgemein liebenswrdig
und geliebt zu werden; denn nur dann kann man behaupten, zur wahren Schnheit
des Gemts gelangt zu sein, wenn kein guter Mensch unbefriedigt von uns geht. -
Ich wei nicht, Bettine, warum es mich so unendlich unmutig macht, wenn ich
Trtschereien ber Dich hre, aber ich glaube, es ist deswegen, weil es eine
wirkliche Nachlssigkeit von Dir ist, sie zu veranlassen. - So habe ich jetzt
zum Beispiel wieder gehrt, da Du dem Mdchen, was Dich sticken lehrt, Briefe
von mir und Dir vorliest, und was hindert dies Mdchen, sie mag ein gutes
Geschpf sein oder nicht, das, was sie gehrt, herumzutragen? - Was Du selbst
nicht verbirgst, wird sie auch nicht verschweigen und hat es wohl nicht
verschwiegen, sonst wte ich's nicht. So wie Du zu ihr mit Deiner
Vertraulichkeit hinabsteigst, steigt sie wieder hinab, und sofort ist der Weg
sehr kurz, da unser ganzer Umgang ein Gassenhauer wird. Das ist nun eine sehr
verdrieliche Sache, das macht Dich und mich den Leuten lcherlich und mit
Recht, und uns beiden macht es die Leute beschwerlich, denen Du es so wenig wie
ich verdenken darfst, ber das zu lachen und zu spotten, was mit solchen
Prtensionen im Kote gefunden wird. Sehr ungeschickt und ebenso tricht aber wr
es, wenn Du dem Mdchen das verweisen wolltest oder nur ein Wort darber
verlrst; denn das Mdchen hat gar nichts verbrochen, sondern blo Dir selber
sollst Du es verweisen und das recht tchtig. Diese ganze Geschichte kann zwar
sehr zufllig und nicht so bedeutend sein, als sie hier auf dem Papier Dir
wiedergegeben ist, auch hast Du vielleicht Dein Vertrauen seitdem beschrnkt,
von dessen Mitteilung zu der niedrigsten Klasse kein groer Schritt ist, sie
selbst mag sein wie sie will, sie darum zu verwerfen, wre unmenschlich, aber
berhaupt in eine vertraute Freundschaft mit ihr zu geraten, ist sehr tricht.
Du siehst nun, ob die Brder und Anverwandten keine Ursache haben, mit Dir und
mir unzufrieden zu sein, wenn sie solche Dinge von uns erfahren sollten; ich
glaube, sie haben keine Ursache, unsern Umgang zu ehren, wenn Offenbacher Juden
sich ber ihn unterhalten. Werde nicht traurig ber diese Geschichte, sondern
nehme Dich in acht mit Deinem Vertrauen. Es kommt am Ende der Verdru auf mich
und mit Recht, warum habe ich Dich nichts Besseres gelehrt. Ich habe unlngst
den Franz gebeten, Dich nach Frankfurt zu nehmen; er tte es gern, nur macht er
mancherlei Einwendungen, er begehrt, da Du der Toni gehorchen, reinlich,
fleiig und huslich sein sollst, das ist nun freilich in etwas gegen Deinen
Freiheitssinn, der in Dir von der Gromutter ordentlich erzogen wurde, aber das
wirst Du ihm doch nicht verdenken, bei der groen Ausbreitung des
Familienzirkels im Hause kann er nur wnschen, da ein so junges Mdchen wie Du
sich an ihn und Toni anschliee, dies ist eine notwendige Folge seines treuen
Gemts. - Du wnschest nicht in Frankfurt zu sein, so wie Du jetzt bist, ist es
Dir viel angenehmer, weil Wald und Flur Dir vor der Tr entgegenlachen, weil
Musik und alles und die Einsamkeit Dir dort teilweise geraubt werden und auch
der Umgang der Gromutter Dir dort fehlen wird. Aber wr es vielleicht nicht
besser und zutrglicher fr Deine ganze Zukunft, wenn Du Dich mit Geist und
Seele in einen ganz andern Zirkel stelltest? - Du wrdest eine schne Mhe
anwenden, Dich dem Franz gefllig zu machen, Du wirst selbst nach und nach Dich
mehr der Gesellschaft anderer Menschen, der das Weib nie entgehen soll und darf,
anpassen, und mit viel grerer Freude und Ruhe wirst Du Dich selbst und die
innere Bildung Deiner Seele fortsetzen, wenn Du siehst, da die Menschen Dich
lieben. Es wre selbst das schnste Unternehmen, mit Mhe daran zu arbeiten
(ohne doch deswegen es merken zu lassen), die Geselligkeit und Freundlichkeit
unseres Hauses unter Deinem heimlichen Schutzrecht gedeihen zu machen, und ich
zweifle nicht daran, da es Dir mglich wre, wenn Du recht wolltest. -
    Sieh, das sind alles fromme Wnsche, und ich wei kaum, ob die Momente, an
die sie sich knpfen, wirklich eintreten werden, und ob es mglich sein wird, je
auf einem solchen Parterre des Witzes und des Extraordinren einen freundlich
huslichen Garten anzulegen, wo jeder gern sein mchte. Ich habe nie Gemter
angetroffen, die so warm lieben und zugleich sich schmen, diese Liebe zu
uern. So trifft der Spott immer die Innigkeit, und ist keiner da, der sie
auslacht, so lacht sie sich selber aus. - brigens wei ich bei allem dem nicht,
ob man damit bereingekommen ist, Dich nach Frankfurt zu nehmen; mein Wunsch
wre es beinah, da Du mehr in den gewhnlichen Frankfurter Schlendrian kmst,
damit Du das Auffallende in Deinem Betragen etwas unterdrcktest, denn durch
dies Auffallende kannst Du leicht einstens noch viel Verdru haben, nicht als
wre es deswegen schlecht an sich, nein, es ist nur hinderlich und steht oft und
bei dem Weibe fast immer im Wege, Gutes zu wirken.
    Die Sitte kann keinem Menschen erlassen werden; sie ist eine Art
Allerweltsprache, ohne die man nie verstanden wird; doch soll der Mensch in sie
ebensowenig von Jugend auf hineingeleimt werden, als er ganz unfhig fr sie
werden darf. Aber schn ist, wenn sie der Mensch mit freiem Willen ergreift, sie
durch die schne Eigentmlichkeit seines Daseins veredelt und so allen andern in
dieser allgemeinen Sprache sich selbst liebenswrdig und verstndlich macht.
Jede gnzliche Verschlieung des Menschen ist verderblich und hat etwas
Frchterliches und Unnatrliches, um so mehr, wenn sie nicht ganz freiwillig,
sondern durch eine uere schmerzliche Berhrung mit der Welt hervorgebracht
ist, die aus Unfhigkeit und Unbildung entstand; denn in dem Zusammenhang
besteht die ganze Gre der Welt, und an ihr knnen wir uns allein strken und
bilden. Wer sich diesem Zusammenhang entzieht, mu ein groes reiches Leben
zurckgelegt haben, das er nun ausbilden und verarbeiten will, oder er mu sich
von seinen Wunden heilen wollen, so kann er zu entschuldigen sein, wenn er
zurcktritt. Aber jener, der durch Ungewohnheit und Ungeschicklichkeit im Umgang
mit Schmerz und Sehnsucht nach eben der Welt, der er sich nicht anpassen kann,
sich zurckzieht und auf sich selbst reduziert, der verdient bei allen brigen
Verdiensten doch von dieser Seite fr einen unvollkommnen ungeschickten Menschen
gehalten zu werden und wird mit Recht ausgelacht, wenn er seiner Unbeholfenheit
den Namen der Zurckgezogenheit oder der Betrachtung geben will. Solange, liebe
Bettine, als die Einsamkeit Dir noch anklebt als Widerwillen gegen die
Gesellschaft, mut Du Dich nach den Menschen umsehen und alle Mittel anwenden,
Dich von allen Menschen geliebt zu machen.
    Das Leben des Weibes ist fester und unbeweglicher als das Leben des Mannes,
das Weib berhrt die Menschen nher und mu Segen ber ihre Umgebung verbreiten.
Was frommt es Dir, wenn dann und wann ein geflgelter Denker an Dir vorbereilt,
der Dich grt und weiter eilt und Dir die Sehnsucht unbefriedigter Liebe
zurcklt! Ich wei nicht, welches Bild schner ist, ein Marienbild von einem
trefflichen Meister, das in einer kleinen Dorfkirche vergessen hngt, aber vor
dem fromme und unschuldige Menschen beten, oder eine herrliche Statue in den
Hnden von Barbaren, die dann und wann von einem durchreisenden Kunstkenner oder
von einem reisenden Englnder bewundert wird. Jenes wird nie verkannt und immer
gewrdigt, dieses wird selten erkannt, und jeder Dnkel brstet sich mit ihm.
Ich wnsche es daher herzlich, liebe Bettine, da Du auch verkehrtere Menschen
und gewhnliche durch deinen Umgang, durch eine einfache, durchaus sittliche
Erscheinung, die, ohne aufzufallen, alle die Rechte der Liebenswrdigkeit und
Gte geltend macht, erfreuen mgest. Du rettest dadurch mich von Vorwrfen und
machst, da Deine Liebe zum Schnen nie als eine Zuflucht erscheint, sondern ein
freies schnes Erheben, das wie die Andacht und Religion neben dem stillen
huslichen Leben steht. -
    Arnim hat mir neulich viel geschrieben, er ist bis Mailand herumgeirrt und
hat viel gedichtet; sein ganzer erster Brief ist ber Dich, doch ohne
Verliebtheit, mit freundlicher Achtung und Annherung erfllt. Wenn ich nach
Frankfurt komme, lese ich ihn Dir vor; er ist jetzt in Genf und grt Dich
herzlich. - Sollte Dir brigens der Vorschlag gemacht werden, nach Frankfurt zu
kommen, so mache keine Einwendung, als hchstens, da Du gern Dein eignes
Kmmerlein haben mchtest; denn die vielen anderweitigen Berhrungen, denen Du
ausgesetzt bist, wenn Du die Wohnung teilst mit Gundel, die ganz andere
Gewohnheiten und Verkehr hat, als ein so junges Mdchen wie Du sie haben kannst,
wrde auf Deine fernere Bildung sehr verderblich wirken. - Adieu, liebstes
Schwesterchen, sei vergngt und fleiig und fein.
                                                                    Dein Clemens


                                   An Bettine

                                                                      Dsseldorf

Bettine, Du schreibst nicht! Das macht mich ngstlich um Dich. Du bist seit
vierzehn Tagen in Frankfurt; ich mu mir das von andern schreiben lassen, es ist
zum erstenmal, da ein Brief so lang ohne Antwort blieb; ich hatte Dir
geschrieben aus ernsten Grnden und Dir ans Herz gelegt, was Dir so notwendig,
mir so wichtig und heilig ist. Was kann Dich abhalten, mir zu antworten? - Ich
bin seit gestern hier aus Jena, wo ich mit meinem Ritter war, der auch Dir so
gut ist, dem Du nichts geantwortet hast auf seine liebevollen Zeilen. Was ist
das, da Du verachtest, wenn ein so groes Gemt Dich freundlich begrt, da Du
diesen Gru verschmhest! Ist es nicht, als wenn Du dem Sonnenschein, der sich
ber die Dcher zu Dir herniederstiehlt, um Deine Wohnung durch seinen Besuch
Dir freundlich zu machen, die Fenster verhngtest? Ich schreib Dir heute nicht
mehr, aber ich bitte Dich, vernachlssige nicht Deinen treuen Bruder! Ich bitte
Dich, schreib, Du glaubst nicht, wie es mich manchmal packt, als knne diese
reine Freude an Dir mir verdorben werden. -



                                Lieber Clemens!


Ich sitze hier schon eine halbe Stunde und besinne mich, - nicht was ich Dir
schreiben soll; denn ich hab genug zu sagen, aber wo ich anfangen soll! Das
geschieht mir nun schon so oft, als ich auf Beantwortung Deines letzten lngeren
Briefs denke. - Und sonst war das nicht so! Nie hab ich mich bedacht, es flo
mir aus der Feder! - Deine Verweise krnkten mich nicht, wenn sie auch manchmal
aus der Luft gegriffen waren, - und jetzt weiche ich dem aus, Dir zu schreiben,
alles dient mir zum Vorwand; ich gehe zur Gnderode ins Stift, ich bleibe lnger
bei ihr mit dem heimlichen Willen, da es zu spt sein mge, Dir heute zu
schreiben, und so vergeht ein Tag nach dem andern; an jedem wache ich auf mit
dem Gefhl einer Tagespflicht, die ich gern hinter mir haben wollte und zu
untchtig bin, sie zu leisten. Also, Du siehst wohl, da es nicht Leichtsinn
war, htte ich den nur dabei gehabt, so wr mein Brief schon lngst bei Dir
angelangt. - Ich hab der Gnderode davon gesagt und hab ihr (es mag Dir
vielleicht nicht recht sein) Deinen Brief ganz vorgelesen. - Sie sagte, der
Clemens spielt in einer fremden Tonart, in der Du nicht bewandert bist, in die
Du auch nie hineinkommen wirst, es ist daher nur zweierlei zu tun, entweder Du
antwortest ihm Punkt fr Punkt, wie wenn Du vor Gericht stndest, wo man ja
auch, aus dem innern Lebenskreis herausgeworfen, wie ein Hund parieren mu. Oder
Du berspringst alles, was er rgt, was er frgt und empfiehlt; denn er wird
doch wohl nicht mehr von der Stimmung dieses Briefs durchdrungen sein. Ich fand
auch diesen letzten Rat vorzuziehen, allein, wo ich hier am Schreibtisch sitze
mit mir allein (denn Dein Brief hat mich isoliert, und ich wei nichts in diesem
Augenblick vom Spielplatz geschwisterlicher Liebe), also mit mir allein hier, in
den Spiegel sehend ber meinem Schreibplatz. - Da regt sich ein ungeheures
Selbstgefhl! - Clemens! Ich glaub wohl, es gibt Menschen, die sich lenken
lassen von dem Geiste anderer, ich auch, sobald dieser Geist in dem meinen
widerhallt, sobald also er den meinen zur bereinstimmung weckt. - Diesmal tut
er das nicht, ich knnte diesem Brief wie der Inquisition gegenberstehen, die
nie den Sinn von einem freisinnigen Menschen erfassen kann, als nur zu seinem
Verderben! - Und - noch eine Frage: Soll ich Dich beschmen durch meine Antwort?
- Das wr schlimm; denn es be- wiese Dir, da es mit der Hingebung in
Freundschaft und Liebe nichts ist, da alles Rufen und Berufen immer dem inneren
Selbst weichen msse, da alles, was diesem inneren Selbst widerspricht, von ihm
mit Fen getreten wird, und ich mu Dir sagen, lieber Clemens, da ich ganz
nach diesem gttlichen Ebenbild des Selbstseins geschaffen bin. -
    Nun lasse uns immer diese bittere Frucht anbeien, denn ich seh, es geht
doch nicht anders, und eher wird mir das Herz nicht leicht Dir gegenber.
    Also erst der Eingang Deines Briefes, der mir ein Streben nach Klarheit und
Ruhe unterlegt! - Nein, Clemens, ich habe kein mir bewutes Streben der Art, das
mu von selbst aus dem Lebensquell hervorspringen. Eines Strebens bin ich mir
bewut, weil sich alle meine Krfte darin bewegen. Das ist innere
Unantastbarkeit. Du nennst das die Kunst mit sich selbst genug zu haben - mir
ist das keine Kunst, warum? - Weil ich alles mein nenne, weil alles mein ist,
was ich anrede, was mich erregt. - Sehnsucht hab ich nie gehabt, von Kindheit an
nicht, ich knnte Dir aus dem Kloster darber erzhlen. Das Schne hab ich
liebgewonnen, ich nahm es an, wenn man mir es schenkte, um gleich es wieder zu
verschenken. Nur in der Freiheit, in dem Frsichbestehen gefllt mir das Leben;
und ich werde nie etwas an mich reien. Ich werde mich hinneigen, aber ich werde
mich nicht gefangen geben.
    Du denkst Dir also unsre Liebe zueinander als den berflu und die Flle
des knftigen Lebens? Die uns zu der Genge desselben noch obendrein gegeben
ist. - Du sprichst aus: Gott werde mir hoffentlich zu einem lieben Manne und
Dir zu einer lieben Frau helfen. Das sind Deine Worte an mich! Und das ist die
Tonart, in die ich durchaus nicht bersetzen kann. Und - ich kann mich dabei
auch gar nicht aufhalten, die liebe Frau, der liebe Mann mgen sich
zusammenfinden, wo es ihnen deucht, ich will sie nicht genieren! Mehr lt sich
von mir nicht herausbringen. - Jetzt gehst Du weiter in Deinen Vermahnungen, als
ob die Philister Dich trunken gemacht htten, und sprichst vom Verdru und von
Abstumpfung gegen die Berhrung mit Menschen. Ach, das mag ich gar nicht noch
einmal lesen, mir ist, als msse ich mit einem Mckenpltscher diese nrrische
Mcken von Dir alle totschlagen. - Nun sagst Du, da Dir, der mich doch so gut
kenne, meine Erscheinung in einzelnen Minuten auch nicht gefalle.
    Ach, wr es mglich, da eine fremde Sprache eine andre fremde Sprache mit
ihren Klngen und Wortarten so ganz decke, da einer einen Roman in der einen
schrieb, der andre in der Meinung, es sei die andre Sprache, in ihr diesen in
der ersten geschriebnen Roman lse? - Und kriegte da eine Geschichte heraus, von
der keine Spur je geahnt oder gemeint war. So ist's mit Dir, und ich mu Deine
Hoffnungen alle niederschmettern, da ich mich bemhen wrde, allgemein
liebenswrdig und geliebt zu werden. Du hast mich nicht in meiner Sprache
gelesen; Du hast eine andre Natur herausgekriegt, die Dir nur dann und wann
nicht gefllt, meistens aber doch. Wenn Du aber in der meinigen Sprache mich
gefat httest, so wrde ich keinen Augenblick Dir gefallen, nein, davon nicht,
von andern Dingen wr die Rede. Ein Gewimmel von Miverstndnissen.
    Nun lasse uns noch durch den Morast der Trtscherei waten, da ich
hochgeschrzt bin und daher nicht frchte, mich zu beschmutzen. - Und doch kommt
es mir sehr hart an, da ich hier Halt machen mu. - Was Deine Briefe anbelangt,
so liegen sie alle mit Nummern bezeichnet in einem kleinen Schrnkchen, das ich
zur Not bei einer Feuersbrunst oder berschwemmung unter den Arm nehmen knnte
und damit das Weite suchen; ich geh an diesen Behlter nie, nur wenn ich einen
neuen Ankmmling hineinsperre wie im Kloster, heraus kommt mit meinem Wissen
keiner! - Ja, ich selbst lese sie nicht leicht wieder, wie ich sonst wohl tat,
denn eine zu groe Masse von Gedanken durchstrmt mich und fhrt mich wie ein
gelichtetes Schiff auf die hohe See, die Heimat hab ich im Herzen, aber ich kehr
zu ihr nicht zurck, ich lande unter fremden Himmelsstrichen. - So geht's mit
Deinen Briefen, sie sind meine Heimat, in ihnen bin ich geboren, aber die Heimat
hab ich verlassen. So wenig ich die Tre meiner Htte ffnen kann hier im fernen
Weltteil, so wenig ffne ich diese Briefe, die mir geliebt, aber fern liegen. -
Versteh mich, das heit, liebe mich darum!
    Nun will ich Dir noch vom Veilchen erzhlen, Du sagst von ihr, sie mag ein
gutes Geschpf sein, zu der ich hinabsteige mit meiner Vertraulichkeit! - Wer
bin ich denn, da ich mich herablasse, wenn ich mich zu einem guten Geschpf
vertraulich wende? - Bin ich ein Engel? Nun, die fliegen ja den guten Menschen
nach und bewachen sie auf Schritt und Tritt, aber ich glaube nicht, da ich ein
Engel bin, ich glaub vielmehr, da ich zu ihr hinansteige, statt herab! - Sie
ist diesen ganzen Sommer in Wiesbaden mit ihrem Grovater, sie wei, der alte
Mann mu sterben mit seiner Krankheit, er ist schon zwischen siebzig und achtzig
Jahre, aber sie hat ihn hingefhrt, seine Enkel hat sie ausgetan bei
befreundeten Juden fr ein Kostgeld, so hoch sie es zu erschwingen vermag. Die
Hoffnung, da die Bder ihm nutzen, macht den alten Mann geduldig in seinen
Schmerzen; so denkt sie ihn leise den Lebenspfad fortzugeleiten, so pflegt sie
ihn! Er ist mein Grovater, sagt sie, mein Vater war sein Liebling, er hat gar
sehr viel an ihm getan! - Und so wischte sie sich den Schlaf aus den Augen am
Abend, denn sie war frh aufgestanden; - also, da las ich ihr als vor aus den
Bchern, die ich von Dir hatte, manches schne Lied von Goethe hat sie auswendig
gelernt whrend dem Sticken, und ich fdelte ihr die Nadeln ein. Es waren die
liebsten Zeiten mir. Als sie wegging, hab ich ihr versprochen, nach den Kindern
zu sehen; und ich bin deswegen mit ihr im Briefwechsel, so lasse ich ihr
Stickmuster bei dem Goldarbeiter Fink machen, wenn sie neue Auftrge hat, - ich
schicke ihr die Seide und das Gold und geb ihr meine Ansicht, es ist mir immer
das grte Plsier, wenn ein Auftrag bei ihr einluft, wobei meine Erfindung von
ihr in Anspruch ge- nommen wird, mein liebstes ist Stahlflitter und Perlen, und
letzt haben wir eine grne Sammetrobe in solchen Stahlgirlanden angeordnet mit
einem Netz von goldnen Raupen darber, und das soll so wunderschn gewesen sein,
schreibt sie, da man nicht glaubt, in Paris knne es besser gemacht sein. -
Meinst Du, so was htte keinen Reiz fr mich? Wohl freue ich mich ber einen
solchen Brief. Und wie manche Stunde in der Nacht habe ich in Erfindungen
geschwelgt. Du siehst, lieber Clemens, die Gegend ist anders, als Du sie gedacht
hast, da ist kein Steg, der hinab in die Gemeinheit fhrt. Wir befinden uns
innerhalb der Grenzen des einfachsten Verkehres, und Deine Furcht, da Dein
Umgang mit mir ein Gassenhauer werde, und da man ihn belache und sich darber
rgere, im Kote zu finden, was mit so hohen Prtensionen auftrete, ist dem
inneren Wesen nach ungegrndet. - Du schreibst, in eine vertraute Freundschaft
mit ihr zu geraten, ist tricht. - Clemens, was wr es, wenn ich auch dadurch
mich abhalten lie, der Veilchen die kleinen Geflligkeiten zu erzeigen, weil
Offenbacher Juden von mir sprechen? -
    Mein Aufenthalt hier in Frankfurt dauert nun schon vierzehn Tage, morgens
frh wecke ich den Franz und laufe mit ihm in die Gemsgrten vor der Stadt. Das
ist meine beste Zeit. Da ich mit der Gundel in einem Zimmer wohne, so ist das
Eckelchen, worin ich mich bewege, sehr klein, dafr hab ich einen greren Raum
bei der Gnderode im Stift, wo ich Landkarten male von Alt-Griechenland. - Doch
dort kommt der alte Domherr von Hohenfeld hin und sieht auf mich herab und gibt
mir Anweisung, das ist mir unangenehm. - Ich hab frher mit dem Sonnenschein
gern verkehrt, jetzt ist mir lieber die Nacht, wo ich auf den langen dunklen
Gngen spazieren gehe und erwarte, da ein Geist kommt mit mir zu reden; mit dem
Dominikus unterhalte ich mich ber die Republik der Herbstspinnen auf der
Altane. Wohin ich gehe, ist der wie von einem allgemeinen Landregen aufgeweichte
Pfad der Langenweile, in dem man leicht mit dem Schuh stecken bleibt und nicht
weiter kann! - Doch sollte ich mich nicht fassen knnen und meinen Geist auf die
Weide treiben (Du nennst es Bildung meiner Seele, ist mir ganz unverstndlich!),
ich soll mein auffallend Betragen unterdrcken, wei nicht, in was es besteht,
- soll die Sitte als eine Allerweltsprache aus freier Anmut fhren lernen, wo
ist das Theater, wo man diese Rolle spielt? -
    Du hast es also gewnscht, ich mchte Offenbach verlassen, um in einen
hheren Kreis und Verkehr mit der Welt zu treten. Lieber Clemente, in dem
Offenbacher Kreis war die Katz zu Haus, in diesem hier tanzen die Muse auf dem
Tisch! - Die Katze konnte ich verstehen und Lehre von ihr annehmen, obschon ich
oft dabei ghnen mute. Das letzte, was ich ihr vorlas, sind die lettres de
Madame de Sevign, es hat ihr sehr leid getan, da sie meiner Seelenbildung
nicht konnte diese letzte Hand anlegen. Hier verstehe ich wohl, was sie meint.
Diese an eine Tochter geschriebne Briefe sind ein eleganter Tanz der Seele auf
dem Tanzplatz der hheren Welt, wo alles ihrer Grazie bei jeder Wendung Beifall
klatscht. - Ich werde nie in die Verlegenheit kommen, solche Briefe schreiben zu
mssen. -
    Adieu, Clemens. Ich werde auch unter den Musen keine Gelegenheit haben,
mich geltend zu machen; es ist ein apart Geschlecht, ich gehre nicht dazu.
    Ich hab einen recht garstigen Singlehrer, einen alten Distelbart! Pfui! Wie
mir der zuwider ist; wenn er fort ist, mach ich Fenster und Tren auf, damit die
Atmosphre seines Dagewesenseins nicht im Zimmer eingeklemmt bleibe. - Wenn Dir
nchstens geschrieben wird, da ich ber Schmerzen auf der Brust klage, so
bedaure mich nicht, ich mu lgen um des Distelbarts willen.
    Adieu, ich gehe jetzt zur Gnderode und lese ihr diesen Brief vor und
konsultiere, ob ich diesen widerbellerischen Brief Dir schicken soll.
    Clemens! - Die Gnderode hat gesagt, der Brief wr sehr gut und ich soll ihn
Dir schicken.
                                                                         Bettine
                                                                      Dsseldorf


                                 Liebe Bettine!

Du wirst Arnims Brief fr Dich und Gundel erhalten haben, heute erhielt ich Dein
liebes Schreiben und danke Dir herzlich. Ich hoffe von Dir einen Brief in
Marburg zu finden, wohin ich in wenig Tagen abreise, und begehre denn auch
sehnlich nach einem ordentlichen schriftlichen Verkehr mit Dir. Dein heutiger
Brief hat mir einen ganz eignen Eindruck gemacht. Ich wei nicht, in wiefern
sich Dein Gemt verndert hat durch Deinen Aufenthalt in Frankfurt, da Du so
ruhig in eine verneinende Position Dein ganzes Wesen bertragen hast. Ich kann
mich nicht ohne Deine Treue im Leben denken, und so habe ich leicht Furcht, ich
knne durch ein unwillkrliches Verletzen Dich verscheuchen wie ein Reh, dem
einer nachging, und es liebt doch mehr den Wald als alle Liebe, die man ihm
bietet. - Und was ist es denn, was ich in meinem letzten Brief Dir aussprach? -
Alles, was ich von Deiner Liebe erwarte; ich erwarte in ihr die Liebe eines
unverschrobenen, reinen, einfachen Gemtes. Wenn Du aller Verschrobenheit
entgegenarbeitest, ich glaube zum andern, was ich Bildung der Seele nenne,
brauchst Du keine Mhe. Um eines bitte ich Dich, lasse Dich nicht in die
Basereien und Flstereien ein, die dort in der Luft wehen, die als ewig
langweiliger Schweif schiefer Liebeleien das Interesse fr unmittelbaren Geist
durchkreuzen! Bleibe um Gotteswillen wie Du warst! Sei jedermann hflich, aber
nie, nie mit einem Menschen vertraulich, den Du nicht achtest. Ich wei, wie
leicht man durch das langweilige unordentliche Leben in der Gesellschaft zu
niedrigen Gattungen der Unterhaltung seine Zuflucht nimmt, da nichts Groes,
nichts Edles in ihr unsre Fhigkeiten anregt, sondern Klatscherei, Kokettieren,
dummes Witzeln und so weiter, worber der Mensch nach und nach schlecht wird.
Und solltest Du mir's verdenken, da ich zrtlich um Dich besorgt bin, und da
ich in dieser Besorgnis jeden Schatten verfolge, der sich in Deine Nhe wagt,
von dem ich nicht wei, ob nicht ein falsches Licht diesen Schatten wirft, da
seit einem langen Monat Du nicht geschrieben hattest. Du mtest mir immer etwas
zu sagen haben, aber Du vergit mich gewi einmal ganz. Andere mgen mir wohl
gut sein, aber herzlich geliebt, scheint mir, war ich nur von Dir, bei der ich
keine Nebenbuhler hatte, deren Lehren Dir mehr galten als die meinen. Menschen,
die nie wnschen knnen, was ich wnsche, die waren nie Deine Freunde, und Du
hast mich bisher nicht in meinem Glauben geschwcht und mich mit meinem
Vertrauen noch nicht entzweit, wie mir schon manche schmerzliche Erfahrung
geworden. Liebe Bettine, tue Dein Mglichstes, mir getreu zu bleiben, hebe das
Dunkle, Schwankende in Deinem Vertrauen zu mir auf, lasse es klar und fest
werden, da nie etwas zwischen uns treten knne, selbst Deine Nachlssigkeit
nicht. Auerdem bitt ich Dich noch um eines: ohne Dich ffentlich allzuhoch zu
halten, so halte Dich doch innerlich ber jeden Preis. Der Edelstein, der seinen
Preis bestimmen kann, ist der Taxe immer noch unterworfen. Sich so betragen, da
man den verdient, den man nicht lieben kann, und den glcklich machen kann, den
man liebt; das ist die Wrde und die Hhe, auf die sich die Bildung der Seele
schwingen soll, und das ist das ganze Geheimnis, was Du vorgibst oder auch
meinst, nicht verstehen zu drfen. - O, weiche mir nicht aus; - die Idee, da
ich Dich jemals weniger schtzen drfte, als ich bis jetzt zu meinem Trost und
meiner Lebensfreude immer noch getan, macht mich sehr betrbt. O ich bitte Dich,
liebe Bettine, bringe es dahin, da die Menschen und Du selbst Dich ehren. Wenn
auch jene Dich nicht verstehen und Du selber Dich nicht begreiflich machen
kannst. - Den zweiten oder dritten Jenner bin ich wieder in Marburg. Wenn es Dir
und Gundel Freude macht, an Arnim zu schreiben, so erwarte ich Euern Brief in
Marburg zum Einschlu. - Hast Du nicht wieder das ungezogne Hannchen oder
Hnschen gesehen, Minchen vergi um alles in der Welt willen nicht zu gren und
zu kssen, ich kann sie manchmal tagelang nicht vor den Augen wegbringen, sie
ist meine Opernheldin, nur noch viel lieber und zarter, sie hat mich einmal dazu
verfhrt, da ich diese Oper schrieb, tglich lt mir der Kapellmeister Ritter
ihre Grazie in den schnsten Melodien erklingen, und oft mu ich's selbst ihr
sagen in Tnen; noch am Abend spt erfind ich mir Melodien zu meinen Versen, die
Ritter mit freundlicher Anerkenntnis in die Oper aufnimmt, fr mich klingt das
alles schn, ja hinreiend. Aber kann mich's nicht auch bestechen, die Lust sie
doppelt zu besingen, mit der Melodie und den Worten. -
    Deine Verhltnisse mit dem Stickermdchen berhr ich nicht ferner. - Es ist
einmal traurig, da oft das Einfachste, wenn es ungewhnlich ist, eine Laufbahn
der Gefahr wird, aber ich kenne auch Deinen Eigensinn oder Heroismus, - um Dich
nicht zu beleidigen, - dem Trotz zu bieten, wenn Du etwas fr Recht hltst,
kenne ich.
    Ich freue mich doch sehr auf den Savigny, da ich nun wieder Proviant auf die
langen Winterabende habe, ihm zu erzhlen. Wenn er auch wenig oder gar nichts
antwortet, so hrt er doch mit einem Interesse zu, das entschdigt fr die
Antwort, die er einem schuldig bleibt. - Du glaubst nicht, wie wenige man findet
in der Welt, die ganz frei sind vom Schlechten und Gemeinen, und wie ein Mann
gleich Savigny ein wahres Wunderwerk ist.
    Ich will Dir noch eine Ballade hierher schreiben, die ich gestern gemacht
habe, nur um dem Arnim ein Gedicht schicken zu knnen, die Geschichte von
Gottschalk Overstoulz und der Maus und Bischof Engelbrecht habe ich in der
Klnischen Chronik gelesen, es geschah im dreizehnten Jahrhundert, das andre ist
hinzugedichtet, viel Gutes mag vielleicht nicht dran sein, aber es reimt sich
doch, hat Anfang und Ende und gefllt Dir vielleicht.

Von Kllen war ein Edelknecht
Um Botschaft ausgegangen,
Den Vater hielt ihm Engelbrecht,
Der Bischof, hart gefangen.

Er ging gen Arle manchen Tag,
Er ging in schweren Sorgen,
Sein Liebchen ihm im Sinne lag,
Der htt er es verborgen.

Gar traurig er am Brunnen lag,
In Busch und grnen Hecken,
Da hrt er schallen Hufesschlag
Und tt sich schnell verstecken.

Zum Brunnen ritt ein froher Mann,
Sein Htlein tt er schwenken,
Ein andrer ging betrbt heran,
Die Lanze tt er senken.

Und sprach zum frohen - Froher Mann,
Was mag Dich so erfreuen -
La ab zu trauren, hub der an,
Gott will uns Trost verleihen.

Denn Gottschalk, der getreue Mann,
Geht frei aus seinen Banden,
Durch Gottes Wunder er entrann
Mit allen den Verbannten.

Er hatte eine kleine Maus
Sich also zahm erzogen,
Die lief da freundlich ein und aus,
Und war dem Herrn gewogen.

Doch einst der kleine Freund entlief
Und wollte nicht mehr kehren,
Und wie Herr Gottschalk pfiff und rief,
Das Muslein wollt nicht hren.

Da sprach betrbt der treue Mann,
Ich mu dich wieder haben,
Und mit den Freunden er begann,
Dem Muslein nachzugraben.

Und in der Erde eingescharrt
Fand Meiel er und Feilen,
Womit er ihre Bande hart
Gar leichtlich konnte teilen.

Der andre sprach, mein Schwesterlein
Das liegt gar hart gefangen,
So hart, da selbst das Muslein klein
Nicht knnt zu ihr gelangen.

Des Schlosses Dach ist himmelblau,
Die Mauern grne Wellen,
Die Graben rings sind Flur und Au,
Die Fenster Flu und Quellen.

Der se Knecht, die Liebe brach
In ihres Herzens Kammer,
Ihm folgten die Gesellen nach,
Der Schmerz und bse Jammer.

Die Hoffnung blies ihr Lmpchen aus
Die Schmerzen sie bezwangen,
Und legte sie ins dunkle Haus
Wohl auf den Tod gefangen.

Am Fels, wo wild der Rhein zerschellt,
Wo bs die Schiffe stranden,
Dort ewig sie gefangen hlt
Der Schlund in khlen Banden.

Ein Freund des Bischofs sie belog,
Herr Hermann sei erschlagen,
Der insgeheim gen Arle zog,
Den Vater zu erfragen.

Dann zumten sie die Rosse auf,
Um von dem Quell zu scheiden,
Und gaben sich die Hand darauf,
Den Bischof zu bestreiten.

Und wie sie aus dem Walde schon,
Trat wieder an die Quelle
Hermann, des treuen Gottschalks Sohn,
Der traurige Geselle.

Er eilte an das Wasserschlo,
Wo bs die Schiffe stranden,
Und schrie, wer macht mich fessellos,
Wer sprenget mir die Banden.

Leb wohl, leb wohl, o Vater mein,
Leb wohl in groen Ehren,
Ich hab verloren das Muslein klein,
Es kann nicht wiederkehren.

Leb wohl, leb wohl, o Kerker mein,
Das Muslein ist verloren,
Das Schwert mu meine Feile sein,
Da tt er sich durchbohren.

Und strzt hinab ins khle Haus,
Wo Liebchen liegt gefangen,
O Liebchen breit die Arme aus,
Ihn herzlich zu empfangen.

Ach lg gefangen im khlen Haus,
Die mich so hart betrogen,
Sie htte, eh dies Lied noch aus
Mich auch hinabgezogen.

Gre die Gundel und alles, wem es Spa macht, dem lese mein Liedlein.
                                                                         Clemens


                                   An Bettine

                                                            Marburg, am Mittwoch

Den Montag bin ich von Mnster wieder zurckgekehrt. Savigny ist mir dort
begegnet und war freundlich; da ich keinen Brief von Dir hier gefunden habe,
macht mich traurig oder lt mich einsam in meiner Trauer. - Deinen Brief, worin
die Reise auf den Trages beschrieben, hab ich ihn lesen lassen; er hat aber
keine Silbe gesprochen und die Zeitung nachher gleich weitergelesen. berhaupt
spricht er nie von Dir und hrt ungern von Dir reden. Das ist vielleicht in
seiner Art und mu Dich nicht verdrieen, Du hast die richtigste Ansicht von
ihm, und wenn Du nichts mehr von ihm begehrst, werde ich nichts mehr an ihm
vermissen, der keinen Menschen vermit.
    Adieu, in hchstens vier Wochen bin ich bei Dir.
                                                                         Clemens




                                Lieber Clemens!


Es ist wohl wahr, da ich Dir lange nicht geschrieben habe; denn mein letzter
Brief, in dem ich wie ein ungebrdig Kind mich allem widerstemme, was Du mir
vorhltst, der gilt nichts. Aber diesmal, noch ehe ich Deinen langen Brief
erffnet hatte, nahm ich mir vor, auf der Stelle zu antworten; so hielt ich denn
an mich, lie mir erst eine Feder schneiden, mit der ich gleich recht kulant
schreiben wollte; und wie ich schreibefertig war, erbrach ich erst Deinen Brief,
in dem ich las und noch einmal las und wieder las, da Du in meinem letzten
Brief Dich nicht zurechtgefunden hast und nicht mehr weit, ob meine Briefe
ruhig und zufrieden oder kalt und erschlafft sind; ob ich Dich noch ebenso liebe
wie sonst oder Dich ziemlich vergessen habe, da stockten meine Gedanken. -
    Ich habe zwar lange stillgeschwiegen gegen Dich, der Grund aber war kein
andrer, als weil die Antwort mir nicht gleich einfallen wollte; ich bin nicht
gebt, mich zusammenzunehmen und zu suchen in meinem Herzen nach Antworten. Auf
Vorwrfe, die Irrtum sind, auf Sorgen, die mich nicht grmen, auf Fragen, von
denen ich nichts wei. Da denk ich und will noch einmal denken, weil ich ja
suchen mu nach Antwort, und weil es ja nicht ist wie in Offenbach, wo ein
frischer Wind durch die Pappeln rauschte, alle Bltter zum Flstern und Plaudern
brachte, auch meine Gedanken auf die Flgel nahm und zu Dir hinflog! - Sieh, das
ist schuld, da ich weniger schrieb; der Offenbacher Luftzug, ach, der erhielt
mich so frisch! - Ach, die Straen waren mein, die so sauber morgens in der
Frhsonne dalagen, und die roten dunkelroten Granithuser mit Spiegelfenstern
und grnen Gittern. Ach, jetzt erst vermiss' ich alles! Wenn die liebe Domstrae
noch in gemchlichen Morgentrumen sich dehnte und ich mit den reinlichen
Tubchen allein drin auf und ab spazierte; sie waren mich so gewohnt, sie flogen
nicht auf, wenn ich kam! - Und dann waren noch mehr kleine Hauptplsiere und
Schelmstreiche, die auf den ganzen Tag mich glcklich machten. Das war zum
Beispiel, wenn ich ging auf Raub nach Rtel fr meine Zeichnungen. In dem roten
Granit, von dem dort die Huser gebaut sind, steckt solcher Rtel von
verschiedenen Nancen bis zum strksten Scharlachrot! Den hab ich in der
frhsten Frhe, wo kein Mensch merkte, da ich die Huser demolierte, mir beim
Herrn Nachbar herausgebohrt und habe dann meiner Flora einen Kranz von Rosen
aufgesetzt mit diesem gestohlnen Gut! - Vier Knaben in Rotstift mit Percken in
schwarzer Kreide spielen mit einem Bock in weier venetianischer Kreide auf
hellblauem Papier. - Die Gassenbuben, denen ich sie manchmal aus dem Fenster
heraushielt, freute es unvergleichlich, und einer holte den andern herbei;
manchmal waren ihrer fnf bis sechs, die baten, ich soll ihnen den Bock zeigen,
sie haben mich bewundert. - Hier hat Frulein Leonhardi einen Homer gezeichnet!
- Er wird sehr geschtzt; ich werd's nie dahinbringen, einen Kopf zu zeichnen,
der so viel Lob verdient und so wenig Neid, da er grade aussieht wie ein alter
Schulmeister, der die Auszehrung hat und deswegen sehr rgerlich gestimmt ist.
Die Gassenbuben wrden vor ihm ausreien, aber nicht ihn bewundern wie meinen
Bock! - Ach, die schmutzigen Straen hier! Wenn in Offenbach ein Platzregen kam,
sahen da die Pflastersteine aus wie frisch gewaschne Gesichter, - hier mu man
ein paar Tage durch die Pftzen patschen! - Aber was schadet das, wenn die
Sonne, die dort sie schnell auftrocknete, nur hier Gelegenheit fnd, irgend zu
einem zu schleichen; solang ich hier bin, hat sie noch nicht einmal mir das
Fenster auf die Dielen gemalt! - Um solche Dinge mu ich Sehnsucht haben, als
msse ich aus der Haut fahren. - Ich gehe in die Karmeliterkirche, setze mich da
in die Bank, wo das Kirchenfenster mit seinem Weinlaub sich auf den Boden malt;
der Schatten des Laubes spielt mir auf dem Kleid, der Wind weht das Blatt
herunter, so fllt Schatten mir vom Scho, das amsiert mich so trumerisch. -
Die Zeit, die ich dort verliere - nicht wahr, ich knnte sie ntzlicher
anwenden? Alles ist hlzern, was ich hier Ernsthaftes beginne! Ich hab nur
Interesse an Dummheiten. - Ein innerer Drang, heraus aus der Frankfurter
Eierschale, die ich durchpicken mchte - in die Kirche gehe ich ins Hochamt
gern. Der Franz sagt: Du bist ja recht fromm, Mdchen! - Was zieht mich in die
Kirche? - Der Weihrauch, es ist doch ein bichen ein stolzer Geruch! - In den
Straen riecht es nach Schacher; Sonntags sind die Lden geschlossen! Was steckt
denn hinter diesen eisernen Stben und Gittern? - Schacher, Geld! - Was machen
die Leute mit dem Geld? - Ach! Sie geben Diners, sie putzen sich und fahren mit
zwei Bedienten hinten auf. - Gestern erzhlt der Dominikus, da in Wien immer
ein Bedienter von Heu ausgestopft ist, das riechen des Fiakers hungrige Pferde;
sie schieben dicht an den Staatswagen heran, der Fiaker schlummert, jeder Gaul
packt ein Bein der Galahosen und rupft das Heu heraus. Die Schenkel werden
dnner, bis nur die Hlfte des Heumannes noch am Wagen hngt; der Herr steigt
ein, der andere Diener springt hinten auf neben den Halbmann, dessen Eingeweide
der Wind plndert. - Aller Reichtum ist ein ausgestopfter Kerl, mit dem man
Parade macht, und die Lungerer sind die Hungerpferde, es ist ihnen einerlei, ob
der seine Eingeweide verliert, an dem sie sich sattfressen. -
    Du merkst, Clemens, da ich wieder mit allerlei der Beantwortung Deines
Briefes ausweiche! - Mich hat zwar dies lange Stillschweigen nicht irre gemacht,
ich glaub noch fest, da ich Dir am nchsten bin. Dein Kfig voll Turteltauben,
die Du am Rhein Dir eingefangen hast, die Dir im Kopf girren und gurren und
(Bemerkung der Gnderode) dazu noch andere herbeilockst. Deiner Bruderliebe
zapfst Du ein Schppchen Moral fr mich ab. Ich lasse es stehen; denn ich kann
keinen Appetit mir dazu anschaffen, aber ich nehme es fr genossen an. - Und da
mu ich Dir doch wohl beweisen, wie ich das Kleinod Deiner Liebe heilig halte
ber alle Moral hinaus.
    Und sage Du nicht, aber Du vergit mich gewi einmal ganz! Dich vergesse ich
nie, aber ich vergesse manches ber Dich. - Deiner Sorgen, die mich ermden
wrden, wollt ich nicht augenblicklich sie vergessen; Deiner Moral vergess' ich,
die meiner Liebe Eintrag tun wrde. -
    Das alltgliche Leben ist hier sehr zudringlich, wo nic bella nic ingrata
mich verfolgt durch die ganze Wste, in welchem die Gemeinde der Gesellschaft
sich versammelt; da war's in Offenbach doch anders, wo ich jeden Tag im
Erbrausen der Symphonien mich konnte verlieren. Die Abendstunden waren lieblich
bei der Gromama, wo wir ber alten Bchern studierten, dort sind mir oft ber
Nacht die tiefsten Gedanken eingefallen. Ich hab die hchsten Rollen
durchgespielt, mich tief ins Leben hineingedacht, nicht blo so obenhin, und hab
mehr in denen gewaltet und geschaffen in meinem innern Sinn als in allem uern.
Ich dachte oft: auf was freust Du Dich denn so sehr? - Es war, den Traum der
Einbildung von voriger Nacht fortzusetzen, wenn ich schlafen gehen werde. Meine
groen Menschheitsprojekte fhrte ich da auf die Hhe des Weltmeeres. - In der
Dunkelheit der Nacht so allein, da wird das Tiefste, was man will, recht
deutlich! - Wenn man durchfhrte, was man in der Nacht bei Mondschein
halbschlummernd sich ausdenkt! - Was wrde dann noch als Traum knnen verworfen
werden? - Ich tue meine groen Taten alle im Traum, das Morgenrot scheint mir
oft noch hinein, so nah drngt sich ihm das Tagsleben, und ich springe auf meine
Fe ganz voll Willenskraft, aber wo soll ich doch das Leben anfassen? - Fr
einen zu sorgen oder zwei, die mir grade in den Weg kommen, deucht Euch allen
Extravaganz! - Ihr verbietet mir mit einem armen Judenmdchen Umgang zu haben;
und ich will Umgang haben mit allem, was zugleich mit mir auf dieser Welt lebt.
Oder sind dies etwa keine gerechten Ansprche: da ich bin und der Hilfe bedarf,
die Du geben kannst. - Aber Sittlichkeit und Anstand, das sind zwei dumme
Wchter, die dem menschlichen Sein und Willen den Weg verwehren. Fordere nun
nicht mehr, ich soll Dir treu bleiben; ich bleibe Dir in allem treu, was meine
Natur nicht verleugnet, aber Deine nrrische Angst, ich soll nie, nie mit einem
Menschen vertraulich werden, den ich nicht achte, whrend ich mit allen Menschen
vertraulich bin und gar keinen Unterschied zu machen wei, als der sich von
selbst macht! - Manchmal bist Du doch gar zu blind ber mich. - Ich kann die
Menschen gar nicht voneinander unterscheiden und soll doch mich nur an die
halten, die ich achte! - Ich knnte zu dieser Achtung sehr leicht die unrechten
herausgreifen, was soll ich sie erst lange hin und her wenden, zu dem bichen
Umgang, das doch nichts mehr gilt als eine Prise, welche die schnupfenden Leute
sich bieten. Die Gnderode und ich gehren einstweilen zusammen, bei ihr ist der
Ablagerungsplatz unserer Bemerkungen und Witzeleien; das macht sich von selber.
- Ich bitte Dich um Gottes willen, gebe doch auch Deine Stoseufzer auf um einen
lieben Mann, den Du mir herbeiwnschest, und an den Du nur denkst, wenn Du
prokkupiert bist von einer andern Liebe als der brderlichen, wo dann, wie
natrlich, keine Zeit zu dieser bleibt. Es ist Vorsorge, geliebter Clemens, aber
glaube, da ich keiner Sttze im Leben bedarf, und da ich nicht das Opfer
werden mag von solchen nrrischen Vorurteilen. Ich wei, was ich bedarf! - Ich
bedarf, da ich meine Freiheit behalte. Zu was? - Dazu, da ich das ausrichte
und vollende, was eine innere Stimme mir aufgibt zu tun. - Die Liebe, mein
Clemente, die werde ich einfangen wie den Duft einer Blume, alles wird dem Geist
zustrmen, der nicht mehr sorgen wird, wie er sich soll zu verstehen geben; denn
im Allerinnersten ist es Tag bei mir, dagegen mir die Welt sehr dunkel vorkommt,
in der ihr glaubt, Licht zu haben, und dies Licht ist aber nur das, welches die
Philister scheinen lassen; ein garstiges schmutziges Talglicht zum Nutzen und
Besten der Brenhuter, zu deren Nutzen immer das ganze Leben berechnet ist. -
So gehre ich denn in einen andern Kreis der Allgemeinheit, wo sich fassen
mchten: Kinder, Helden, Greise, Frhlingsgestalten, Liebende, Geister. - Warum
whl ich mir diesen? Weil die mich fragen nach dem Irdischen, sie gehren zu
mir! - Da glnzen die Wolken schon im Abendrot. - Spte Rosen glhen schon in
der Halbdmmerung! Nacht gibt doch Kraft zur Unsterblichkeit.
                                                                         Bettine

Einen Gru von Gundel.

                                   An Bettine


Ich habe einmal eine Geschichte gelesen von zwei Liebenden, die mutterselig
allein in einem Walde saen, aus dem sie nicht mehr herauskonnten. Diese Leute
wandten alle Mittel auf, um der Langenweile zu entgehen, sie setzten sich
einander gegenber auf Bume und pfiffen und schimpften und machten sich
Vorwrfe, hatten ngste usw.; sollten in unsern letzten Briefen sich nicht
einige hnlichkeiten mit diesen Verliebten finden lassen? - Ich zweifle kaum
daran, und es hat also vermutlich nichts auf sich. - Zu meiner letzten
ngstlichen Ermahnung an Dich hat mir eine gewisse Undeutlichkeit eines Briefes
ber Dich Anla gegeben, die aber nur eine Undeutlichkeit ist. La Dir daher
meine Besorgtheit als einen Beweis meiner Liebe und nicht als einen Argwohn oder
Beschuldigung gelten. Da ich seit einer Zeit nicht mehr im Ton frherer Tage
schreibe, fhl ich selbst deutlich, aber ich bereue es nicht. Alles Wesen hat
auf Erden seinen Frhling, Sommer usw.; wir spielen ganz natrlich mit den
Kindern und werden ernster mit den Erwachsneren, denn wir fhlen, da sie selbst
zu leben beginnen, und wir haben nun kein Recht mehr, sie zu zerstreuen. Wenn
einer ein Erzieher wre, so tt er dies absichtlich, ist er ein bloer
Liebender, so tut er es, ohne davon zu wissen, und so ist es bei mir der Fall;
unser Verhltnis ist nun ernster zueinander und weniger auf die bunte Phantasie
gegrndet, weil unser Verhltnis zum Leben ernster ist. Man wird zur leicht
verfhrt, die andern Menschen zu vergessen, sobald man sich einem einzigen mit
Bequemlichkeit ergeben kann, und man nennt es nur zu leicht ein liebendes Gemt
haben, wenn man ein einseitiges Gemt hat; und wir sollen uns ja durchaus bilden
und alle unsere Flchen der Seele mit der Welt in unschuldige, wohlttige
Berhrung bringen. Je einzelner und ausgezeichneter aber der einzelne Mensch
ist, dem wir uns allein hingeben, je mehr beschrnken wir uns, je mehr bestehlen
wir die andern Menschen um das Wohlttige, was unsere Liebe fr sie haben
knnte, und wenn wir es beim Lichte betrachten, sind die Menschen nicht so
verschieden, als sie aussehen. Wir drfen nur das Wesentliche vom Zuflligen in
ihnen trennen und nur jenes lieben, so wird unsre Selbstliebe zur natrlichen
schnen Liebe fr die ganze Gattung; und richten wir dann ber uns einzelnen,
wie wir ber die ganze Gattung so gern richten, so gehen wir der schnsten
Bildung entgegen; wir erheben uns zu Reprsentanten der reinen Menschheit, wir
werden, was wir fr das Hchste, Schnste in der Produktion des Universums
erkennen, wir werden Bilder der reinen Menschheit, Ebenbilder Gottes. -
    Je begehrender, je wnschevoller aber unser Herz ist, je grere Pflicht
liegt uns ob, uns zu bilden, je rhrender uns die Liebe anderer zu empfinden und
anzuschauen ist, je mehr mssen wir das in uns fr sie ausbilden, was uns mit
ihnen verbinden kann; denn der ist kein guter Mann, der gerne wohltut und nichts
zu erwerben sucht. Wir beide lieben einander herzlich um unserer selbst willen,
das hat die Natur durch die hnlichkeit unserer Gemter so wohlttig in uns
vorbereitet, - es bliebe also blo uns noch brig, uns einander zu lieben, um
aller andern halben! - Das ist schwerer, denn hier setzen wir allgemein
anzuerkennende Vortrefflichkeit in uns voraus; - la uns bescheiden sein, und
wir mssen eingestehen, da wir sehr weit von der Vortrefflichkeit entfernt
sind, und hier trennen sich unsere Wege, nicht unsere Herzen; denn wir mssen
uns auf einige Zeit aus dem Gesichte verlieren, da Du ein Weib bist und ich ein
Mann, und ein vortreffliches Weib etwas ganz anderes ist als ein braver Mann. -
    Doch lasse das alles ungeschrieben sein, es gefllt mir nicht, glaube mir,
Deinem Herzen und Deiner Liebe. Damit Du mein Vertrauen und meine Liebe
erkennst, damit Du die Menschen begreifst, die um Dich sind, damit Du etwas
freudig fhlst, was auch mich innig erfreut hat, so sende ich Dir einen Brief,
der mir ber Dich geschrieben ward, und der fr Dich und mich den Beweis
enthlt, da ein vortreffliches geistvolles Wesen den innigsten Anteil an uns
nimmt, Dich und mich liebt, - so schicke ich Dir die beiden Briefe, wovon der
erste meine Warnung an Dich veranlate. - Auf diesen ersten Brief antwortete ich
und beschwerte mich ber die Undeutlichkeit seines Inhalts in Hinsicht Deiner
und erhielt hierauf die heutige schne Antwort, die ganz Dein Herz und Geist
einnehmen mu. Ich bitte Dich aber, davon, da ich Dir die Briefe mitteile, Dir
nichts merken zu lassen, da diese Leute Dir nicht vertrauen, wie ich es tue. -
Nochmals bitte ich Dich herzlich, ja sogar ernstlich, um Vermeidung aller
mnnlichen Gesellschaft, auer in Gegenwart von Franz und Toni. Auch bitte ich
um Flei, lieb Kind; sei wahr und treu, ich liebe Dich unendlich.
                                                                         Clemens

    Beiliegenden Brief besorge an Minchen.
    Ich finde den ersten der beiden Briefe nicht gleich; ich schicke also nur
den zweiten, aber schweige und schicke ihn zurck.



                                    Clemens!


Sehr viel rger wird Dir alles machen, was ich eben im Begriff bin, Dir zu
schreiben. Ich spr schon, da ich sehr alles das sein werde, was Du im ganzen
ein ungezognes oder ungebrdiges Ding nennen kannst, wenn Du willst; - erstens,
da der zweite mir gesendete Brief, den Du wunderschn edel nennst, nichts als
Lge ber mich und von mir ist, so behalte nur Deinen ersten ganz und gar fr
Dich, - denn es ist mir gar nichts daran gelegen, dergleichen durchzustudieren!
- Und ich wollte doch lieber etwas anderes tun, als dergleichen Geschwtz nur zu
bercksichtigen an Deiner Stelle, ob dies oder jenes ist oder war. Ich sage Dir
feierlichst, warte bis ich irgendeine Explosion gemacht habe; dann schreie:
htte ich mir das gedacht! - Obschon auch dies nach geschehener Tat nichts
helfen kann! - Aber dann hat doch Dein Nachseufzer einen Grundton und kann daher
schon eine Melodie aus sich entwickeln. - Du hast mich nach Frankfurt promoviert
- jetzt, wo ich da bin, lufst Du wie eine Glucke am Ufer, wo das Entchen
schwimmt, und glucksest Dich ganz mde vor Angst. Aber ich schwimme gar auf
keinem gefhrlichen Element, es ist lauter Einbildung von Dir!
    Deine Illusionen hpfen wie die Heuschrecken in Deinem Brief herum; ich wei
nicht, welche ich zuerst erwischen soll. - Die allerledernste Heuschrecke ist
mir die, wo Du mich mit Gewalt willst auf den groen Unterschied hinweisen
zwischen einem vortrefflichen Weib und einem braven Manne. Mgen sich diese zwei
beiden zusammenfinden auf irgendeinem glcklichen Stern, nur das einzige bitte
ich mir aus, da Du es mir nicht zu wissen tust; und ein fr allemal will ich
von diesem Heiligtum gnzlich ausgeschlossen sein! - Und zweitens - Deine
Warnung vor aller mnnlichen Gesellschaft! Die Gnderode sagt zu mir, sie kenne
keine mnnliche Gesellschaft, auer die meine. Ich, lieber Clemens, kenne auch
keinen mnnlichen Umgang als den mit den Hopfenstecken, die mir die Milchfrau
besorgt hat fr den kommenden Frhling, sie sind die derbsten unter meinen
Bekannten, auch gehe ich zwar mit ihnen um, aber nicht zart; ich schneidle dran
zurecht kleine Rinnen, an denen die Bindfden hin und her sich flechten. -
Manchmal hab ich die ganze Stube voll Hobelspne und Schwielen in der Hand. Die
nic ingrata, obschon sie Dein Universittsfreund ist, und nachdem Du ihr den
Doktorschmaus bezahlt hattest, mit Deinen besten Kleidern durchging, hat zwar
einen Bart und mchte vielleicht auch fr einen Mann gehalten sein; aber sie
sieht in den Spiegel und singt nic bella, und wer zweifelt, da sie eine Nic
ist. Gerne fliehe ich sie, soweit der Schall ihrer Stimme trgt. Clemens, vor
rger kann ich das Schne in Deinen Briefen nicht wrdigen, ich will im
ursprnglichen Geist mit Dir eins sein, aber mich fat eine Ungeduld, Deine
Belehrungen zu berspringen; - es ist ein wahrer Schiffbruch mit der Moral, sie
ist wie ein Uhrwerk, an dem die Kette gesprengt ist, sie rasselt sich aus, und
auf einmal steht die Uhr still, und so tot sind mir diese Werke der Belehrung!
    Ich laufe zur Gnderode, sie liest mit mir Deinen Brief; wir sind beide
drber hinaus, wir zanken einander, wir lachen einander aus, wir kommen auf
keinen grnen Zweig! - Gestern gingen wir bei schnem Frost um die Tore,
Gnderdchen und ich - es war schon dmmerig und die Allee ganz leer; ich war
aufs Glacis gesprungen und wollte das Kunststck machen, von einem Tor zum
andern zu kommen, ohne herabzufallen; da trat der Mond hervor, und ein leiser
Wind machte ihm durch die Wolken Bahn, da sprang ich wieder herab und zog es
vor, mit der Gnderode einen sanften philosophischen Schritt zu halten.
    Adieu! - Noch einmal! Dein mitgeteilter Brief ist voll Unkraut der Lge.
                                                                         Bettine

St. Clair ist hier, - erste mnnliche Unterhaltung in der Ecke des Fensters, -
ich knne eine Jeanne d'Arc sein, in mir lge Stoff zur Heldennatur, die
Auriflamme zu ergreifen, fr die Erhaltung der Freiheit und Menschheitsrechte.
Diese Unterhaltung hat mir geschmeichelt, - ich liebe Kriegestaten! - Khn!
Entschieden! - Das sind Eigenschaften, die ich in meiner Seele ausbilden mchte,
- aber der Sklavenmarkt der Gesellschaft ist dazu nicht. - Wohin fliehen! -
berall triffst Du auf einen Boden, der der Saat der Drachenzhne nicht gnstig
ist.

                                   An Bettine


Meine liebe Schwester, Dein letzter Brief hat mir einen recht traurigen Tag
gemacht, weil ich so etwas nicht erwartete. Der Brief, den ich Dir anvertraute,
ist einer der liebevollsten Briefe, deren ich mich erfreute, Du erklrst ihn fr
eine offenbare Lge! Wer so lgen kann, liebe Bettine, der ist sehr geistvoll
und sehr liebenswrdig, ich hab diesen Brief nochmals gelesen und mich trotz
Deiner Beschuldigung wieder von ihm hingerissen gefhlt; - und wenn Du seinen
Inhalt ebenso verstehst, wenn ich ihn nicht unrecht erklre, so sind unsre
Meinungen verschieden. brigens will ich Dir nicht Unrecht geben, da Du wissen
mut, was Du schreibst; nur mut Du mir erlauben, mich fr Dein Recht hierin
nicht zu interessieren. Ich sage nur so viel noch von jenem Brief, was ihn mir
durch und durch unschuldig macht: erstens fngt er damit an sich selbst zu
beschuldigen, dann erzhlt er eine Abfahrt zum Ball, die wohl nicht wahr sein
mu, weil Du mir von ihr gar nichts geschrieben hast. Ein Ball, wo Dich die
Leute alle ansahen und Du allen auffllst, ist ja auch nichts Merkwrdiges in
Deinem Leben. - Sonst enthlt er nichts als innige Rhrung ber Deine Liebe zu
Franz und zu den Kindern, ja er tadelt sogar Franzens Neckerei und erkennt, wie
Du Dich schn dabei betrgst. Was von Deinem Gemt darin gesagt ist, das ist
nach meiner Kenntnis Deiner nicht nur wahr, sondern sogar geistvoll dargestellt.
ber den ganzen Brief ist Innigkeit, Begierde nach der Liebe eines wrdigen
Wesens und nach schner Eintracht verbreitet.
    Jetzt will ich aus dem Briefe das ausziehen, was allein gelogen sein kann,
weil es allein Tatsache ist, weil der brige Teil nur die Empfindung des
Schreibers darstellt. - Erstens: Bettine war schn! Das ist nun freilich gelogen
und mu Dich rgern; sie sprach viel auch wohl in den Tag hinein! Das halte ich
nicht ganz fr gelogen, da ich es sehr oft bei hnlichen Gelegenbeiten mit einer
unangenehmen Empfindung an Dir bemerkt habe. Ich wei, wie leicht Du in
unendliche Lebhaftigkeit bergehst, und um so auffallender aus einer traurigen
Stummheit hervor. - Das Unschuldige darin kenne ich auch, aber das kennen nicht
alle Menschen, nicht dieser oder jener, der gegenwrtig ist, und dem Du dadurch
frei oder tricht oder kokett vorkmmst. -
    Ob und wann Ihr vor oder nach der Ankunft von Leuten retiriertet, ein
Umstand, dem Du mit Unrecht einige Widerlegung widmest, ist ganz uninteressant.
Genug, da Ihr Euch zurckzieht, da Ihr wit, da Franz, dem wir nur seine
Vortrefflichkeit danken knnen, Euch gern sieht, er, der mehr wert ist, als wir
alle, hat die paar Freistunden nicht die Freude der Geselligkeit, er liebt uns
so innig, und wir danken's ihm nicht. Ihr, die bei ihm wohnt, solltet ihm noch
treuer anhngen, und er klagt so bescheiden ber das, was er Dir befehlen
knnte, da Du nicht herunterzubringen bist. - Du mut viel von Gundel zu
lernen, mit ihr auszutauschen haben, da Du selbst die paar Minuten dem Franz
nicht gnnen kannst. - Ich habe immer gefunden, da mit mir zusammen Du nicht
viel zu erzhlen hattest, da wir keine groe Abenteuer haben, warum mut Du nun
der Familie die Abendstunden rauben, um sie wieder da zu verbringen, wo man auch
Dich nicht wnscht, und wo Du beschwerlich fllst, was Du aus dem folgenden
Brief ersehen kannst, in dem dargelegt ist, da Gundel ihren ganzen Tag opfert,
Dich anzuregen, da Du Deine Schuldigkeit tust (ich hoffte, Du wrdest sie von
selbst tun). Ich finde es daher sehr indiskret von Dir, ihr diese Stunden, in
denen sie allein sein mchte, auch noch zu stehlen.
    Wenn ich in Frankfurt bin, so lese ich oft abends vor; alle hren mir gern
zu und sind zufrieden mit diesen Stunden, warum kannst Du das nicht auch? - Ich
verlange nicht von Dir, da Du dem einen in der Familie mehr anhngst, wie dem
andern; man soll keinem Menschen anhngen, insofern er Partei macht! In Deinem
Wesen sollte sich vielmehr jede zufllige Trennung vereinigen, jedes
Miverstndnis lsen. Im Wesentlichen hat nach meiner Ansicht einer so wenig mit
Dir gemein als der andre; und Du sollst Dir selbst vertrauen und dem, was Dein
Herz am liebsten beschftigt. - Erinnere Dich, da man Dir sagte, Du wrdest
Dich an mir betrogen finden, und da man Dir Dein Vertrauen zu mir vorwarf. - Du
uerst oft Ausdrcke von Charakterstrke; diese sind zum wenigsten, wenn Du sie
auch noch nicht erprobt hast, doch ein Beweis, da Du auf diese Eigenschaften
den hchsten Wert legst; ich hoffe daher, da Du nichts zwischen unsere Liebe
kommen lt, was sie erklten knnte. Wie der Hunger der beste Koch ist, so ist
auch die Langeweile der beste Kuppler. - Ich bin nicht vortrefflich, es sind
daher nicht meine Verdienste, die mich Dir interessant erhalten knnen, oder das
neue berraschende in mir, es ist Deine Treue, wenn die nicht zur Lge in Dir
soll werden, wodurch alles in Dir zur Lge werden mte, was wir in diesen
Jahren miteinander erlebt haben an guten und bsen Stunden, so kann der nchste
Wind dies Band, das dann nur ein Strohband ist, zerpflcken und es als Spreu in
die Lfte zerstreuen. -
    Wenn Du, wie ich hoffte, jene Erkenntnisse, die ich Dir immer gepriesen,
wirklich liebtest, wenn Du Dich dem eigentlichen Wesen der Kunst und Poesie
hingeben wolltest, so wrdest Du Ruhe, Friede und Glck genieen, ohne Dich den
andern zu entziehen; Du wrdest als wahr empfinden, was ich Dich immer gelehrt
habe, da nur der Mensch kann geliebt werden, insofern er ein wahrer und reiner
Spiegel des Ewigen und Gttlichen wird. - Und Du wrdest selbst Deiner Liebe zu
mir ihren Wert und ihr Gesetz geben knnen, insofern ich jener Voraussetzung
entspreche. Ich habe Dir nie das Einzelne geraten. Ich habe Dir immer das Ganze
zu zeichnen gesucht, wie ich es begriff; - um Deiner Persnlichkeit keine Gewalt
anzutun. Ehre Deine Persnlichkeit und bilde sie zum Schnen fr alle, dann
wirst Du glcklich sein; werde nicht zur Trin, wie die andern, bilde Dir nichts
ein! Arnim lt Euch gren; er schriebt mir von Genua, Nizza und Paris. - Mein
Lustspiel wird jetzt zugleich mit einem Buch von Arnim in Gttingen bei Diedrich
gedruckt.
                                                         Schreibe Deinem Clemens

Gre die Gnderode, sage, da ich schreiben wrde, aber ihre Antworten sind
nicht auffordernd, nicht erschlieend, sondern vielmehr abschlieend. Wei Gott,
warum wir alle aus dem Paradies des Vertrauens herausgeworfen sind, und keiner
findet irgendeinen Schleichweg dahin zurck. -

                                   An Clemens


Die Weck- und Schreckposaune! Ist aber nichtsdestoweniger das Kmpfende. Achtes
Kapitel, sechster Vers: Jakob hatte lange mit dem ihm unbekannten Manne
gerungen; alle seine Krfte angewandt und noch nicht genug, ob ihn gleich das
Gelenk seiner Hfte verrenkt war; daher sagte jener: La mich gehen, denn die
Rte des Morgens bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lass' dich nicht; es
sei denn, Du segnest mich.
    Er will den Segen, der den Segen in Armen hat! - Er hlt den, der ihn und
alles hlt.
    Dein Brief ist so voll sorgender Liebe zu mir und doch so ohne Zutrauen, da
ich eigentlich nicht wei, ob ich mich freuen soll oder nicht. Wie kannst Du
glauben, da dch witzig und kokett werde, um Deine Liebe zu verspielen; ich
werde alles tun, um sie unberhrt zu behalten; ich will einfach bleiben und gut.
- Ich will auch auf den vergangenen Streit nicht zurckkommen und nichts
entscheiden ber Recht oder Unrecht. Nur allgemeine Bemerkungen lasse mich hier
oben ansetzen; nmlich:
    Erstens: Empfindung ist grade gelogen und Tatsache wahr.
    Zweitens: Wer klagt, ist nicht unschuldig!
    Drittens: Einen Ball, wo die Leute mich ansehen, wie die Kuh das neue
Scheuertor, ist mir gar nicht wichtig, von ihm zu erzhlen.
    Viertens: Man kann mich loben, aber auch lgen.
    Fnftens: Die unendliche Lebhaftigkeit, aus der ich oft pltzlich aus einer
traurigen Stummheit bergehe, und die Dir oft unangenehm aufgefallen ist, hat
sich auf jenem Ball nicht ergossen! -
    Soll ich Dir sagen, wie es mir ergangen ist an jenem Abend? - Als wir
eintraten in den Saal, da stand ein ganzer Trupp langer, dnner, kurzer, dicker,
breiter, alle schwarzgekleideter Tanzherrn in der Mitte, die soviel Raum zum
Tanz lieen zwischen sich und den Wnden, an denen die jungen Mdchen zwischen
Mamas aufgereiht waren wie allerlei Marktfrchte, worunter Schoten, Rben und
Zwiebeln nicht die wenigsten waren, hier und da ein angenehmer Blumenkohl, nur
selten ein Borsdorfer Apfel, worunter ich zu zhlen; jetzt holten die Herrn
diese Rbchen, Zwiebelchen und Schotenbukettchen zum Tanz. Alle hatten Uhrketten
mit allerlei Berlocken, manche zwei aus der Tasche hngen; diese Berlocken
machten ein Glockenspiel wie eine Herde. Ich sa da dicht am Musikantenbalkon
und vertrieb mir die Zeit, mit beiden Hnden meine Ohren zuzuhalten, um nichts
von der Musik zu hren; dabei sah ich mir die Menschen an, die da herumhpften,
und hatte die Empfindung, als ob sie alle toll seien, und endlich mute ich
lachen, ich lie die Hnde los, da brauste mir der Walzer seinen vollen Strom
ins Gehr! - Dann machte ich ein zweites Experiment; ich klappte die Ohren auf
und dann wieder zu, so kam ich stckweis zu einer ganz aparten Musik, die ich
mir aneinanderflickte, wie eine Harlekinjacke! - So vertrieb ich mir die Zeit.
Endlich kam Grunelius, der lange, und tanzte einen Walzer mit mir, ich aber
nicht mit ihm, denn er hielt mich schwebend, und ich kam nicht dazu, eine
Fuspitze auf die Erde zu setzen. Zu diesem Kunststck mit mir wie mit einer
Porzellanurne herumzutanzen, brauchte er alle Kneifgewalt seiner langen Finger,
die er wie Krallen in mich einschlug; denn wr ich heruntergefallen, so konnte
ich den Hals brechen; da htte man ihm vielleicht Vorwrfe machen knnen. Wer
war froher als ich, da ich wieder an meinem Platz war; nun schob ich mich ganz
unter den Balkon, hinter einen Haufen Schals und Flre; ich lehnte mich in ein
Eckchen und hatte ein heimatliches Gefhl, noch ein Weilchen konnte ich mit Mhe
mich wach erhalten, aber wie es kam, da ich dem Drang zu schlafen nachgab, wei
ich nicht zu sagen, genug, der Kampf war kurz, der Schlaf siegte, aber als edler
Feind, denn nie hab ich ser geschlafen, die Musik war wie Goldfrchte, die ein
duftender Wind von den Zweigen lste da oben auf dem Berg und mir alle in den
Scho rollte; alle die Lichter waren Sterne am Himmel. Auf einmal erwachte ich,
zu meinem Erstaunen da zu sein, wo ich bin; statt dem Berg mit Orangenbumen
besetzt lauter nrrische Gesichter, die im Schwei ihres Angesichts Bageige und
Fidel streichen oder mit aufgeblasenen Backen trompeten! - Statt dem klaren
Nachthimmel mit Sternen Staubwolken, die sich mit der Erleuchtung um den ersten
Platz streiten. - Eine Pause tritt ein, toute la masse des mchoires en
mouvement, mehrere Erfrischungen zu verkauen. Es machte diese Bewegung, die
immer zwischen den Kinnladen und den Schlfen korrespondierte, einen so fatalen
Eindruck auf mich, da mir schwindelte, und ich fhlte, da ich eine Art mal au
coeur bekam! - Ach Clemens, kann man so physisch unglcklich werden, wie ich in
diesem Augenblick war? - Ach htte ich doch in jenem Augenblick in Offenbach in
unserm Hof knnen meinen Kopf unter die Pumpe halten, wo ich mir schon manchmal
hnliches Weh vertrieb, wenn mich ein Ekel berkam ber irgend etwas, das mir
unertrglich war. - Ach Gott! - Ach lieber Gott, Du hast so viele geflgelte
Boten, schick mir doch einen, der mich hier wegtrgt auf mein Kopfkissen in die
Sandgasse, - das war mein inneres Stogebet; ich wagte nicht den Kopf umzudrehen
und nach dem Engel umzuschauen, aus Furcht vor dem Schwindel. - Da steht
pltzlich der Franz Chameau vor mir, ob ich den Kehraus wolle tanzen? - Da ich
als vierjhriges Kind oft mit ihm gespielt hatte, wo wir uns oft einander den
Wall heruntergestoen hatten, so machte ich diesmal keine Komplimente mit ihm
und sagte: Ach, gehen Sie Esel und machen Sie mir nicht schwindlig mit Ihren
Uhrketten. Diese Worte knnen hchstens das gewesen sein, was ich in den Tag
hineingeredet soll haben; mehr ist mir nicht bewut, den ganzen Ball hindurch
gesprochen zu haben, den ich noch verwnsche! - Ich mu fort, ich mu wieder
nach Offenbach, in die dunkle, reine Nachtluft dort meine Seufzer verhauchen.
Die weien Wnde meines Stbchens mit den gelben Streifen, die Diele von Holz,
der grau angestrichene Tisch und Schrank! - Ach, ich sehne mich dahin! - Ach,
ich kann die Teppiche nicht leiden! Die rotseidenen Vorhnge rauschen mich noch
ganz krank - und ich kann jetzt nicht fortschreiben, weil ich ganz bel bin,
blo von der Erinnerung. -
    Lieber Clemens, seit zwei Tagen liegt der angefangene Brief da, und ich
mochte nicht wieder drangehen aus Furcht vor dem Schwindel, lasse uns ber die
anderen Punkte jenes Briefes schweigen, aus Furcht vor diesem Schwindel! - Ich
wei Dir ja auch was Besseres zu sagen, jetzt kommt der Frhling bald; denn in
Erwartung des Mrz hab ich keinen Respekt mehr vor dem Winter, und meine
Sehnsucht, die grne Saat bald herauskommen zu sehen, stellt ihn mir auch nher,
ach ja gewi, der Frhling ist ein Knabe aus weiter Ferne, in so reiner klarer
Luft kommt er herangezogen, da man ihn schon von sehr weit her sehen kann.
Heute habe ich einen Brief von Dir wieder gelesen, den Du mir im letzten
Frhling schriebst, er ist so schn; wenn ich die Zeit mir ihm so entgegeneilend
denke, wie die Felder und Wiesen dann auch bei Euch grn werden, und dann fangen
die Obstbume an zu blhen, und der Himmel wird ganz blau! Vielleicht schreibst
Du mir dann auch einen blhenden Brief wieder, wenn die Sonne auf Deinen
Schreibtisch scheint. Ich habe dann zwar noch eine Beschftigung mehr, denn die
Altane wird ganz mit Bohnen und Hopfen bepflanzt. - Das wird ein grnendes Zelt,
das ganze Haus wird lustiger aussehen. Die Stangen hab ich mit dem Dominicus
schon geordnet; - Kasten haben wir mit guter Erde gefllt, da sollen die
Sonnenblumen zu einer erstaunlichen Hhe drin wachsen; auf die Mauer kommen
erstens ein Aurikelflor, zweitens Ranunkeln - meine liebsten Blumen! - Wenn
diese sind abgeblht, dann kommen die Grasblumen! Nein, diese sind mir die
liebsten! - In die Mitte mache ich einen Sitz, auf beiden Seiten kommen meine
zwei groen weien Rosenstruche hin, die der Grtner in Offenbach mir
berwintert, und den Granatbaum und den Feigenbaum, unter dessen Schatten man
ganz gedeckt ist! - Adieu, lieber Clemens! Ich bin und bleibe wie ich war, Du
ttest mir das grte Unrecht, wenn Du nur vermuten knntest, da ich anders
werde. - Ach, ich kann ja meine Seele nicht abwerfen wie ein schlechtes Gewand!
-
                                                                         Bettine


                                Lieber Clemens!

Eben ist mein Brief schon fort, und da kommt George mit einem nachtrglichen
Anliegen an Dich. Am 19. Mrz ist dem Clausner sein Geburtstag; George will, da
wir ihm etwas vorzaubern, um sein langes Alleinsein ein bichen mit vergngten
Augenblicken zu unterbrechen, er meint, Du wrdest gewi etwas Schnes erdenken,
- wo wir alle mitwirken knnten. - Was knnten wir machen, Clemens, besinne
Dich, in der bereilung fllt mir gar nichts ein: vielleicht ein Schattenspiel
in der Tr vom Saal angebracht, das gibt ein Familienplsier, wenn wir am Abend
alle beisammen sind und die Dekorationen malen und die Figuren dazu; und mach
fort, schttel's aus dem rmel!

                                   An Bettine


Ich kann Dir nur ein paar Worte schreiben, da die Post spt ankam. Dein Brief
hat mich recht gerhrt, schreib mir doch ausfhrlicher und hte Dich vor aller
berreizung. Du httest eine Ohnmacht gehabt, schreibt mir die Toni, und an die
Wand Dich gestoen und ein tiefes Loch dicht unter dem Aug! -
    Ich fhl es an meinem Aug, so sehr leid tut mir's! So sind wir denn wieder
recht einig; ach Gott, ich bin doch so ngstlich! - Sei doch nur recht vergngt,
so wirst Du gewi nicht mehr solche Anflle haben! Ich habe Dich gekrnkt zwei
Wochen lang mit dummen Briefen, und dann kamst Du auf den Ball und warst im
Herzen nicht freudig dazu, da war Dir die ganze Welt ein Ekel, da mute Dir wohl
wste im Kopfe werden! - Warum mu ich denn allein nur so dumm sein, htte ein
anderer so von Dir gedacht, ich htte ihm den Kopf zurechtgesetzt und htte Dich
geschtzt gegen jeden Vorwurf! - Ach ich bitte Dich, sei glcklich. Ostern komme
ich nach Frankfurt, da wollen wir uns recht ausschwtzen. Gre die Gundel, sage
ihr mein Mitleid mit ihrem Unwohlsein wie auch, da ich einen groen Brief von
der Mereau habe, und da zwischen uns ein artiger Briefwechsel, eine Art
Prliminr-Friedensartikel sich zu erheben scheint. - Gre die Toni, aber Dein
Aug, Dein Aug! Das scharfe Eisen, was so dicht daran Dich verwundete, leidet
doch Dein Aug nicht; ich fhle, wie ich Dich liebe voll Angst! Tut es denn noch
sehr weh? - Und eine Ohnmacht, gut, da ich nicht dabei war. Ich bitte, halte
Dich gut! Ergib Dich keiner Betrbtheit, wenn es vielleicht eine bse Narbe
wird! Wenn's doch erst besser Wetter wr, so knntest Du doch die frische Luft
genieen, sie ist Dir sehr notwendig, sie ist Dein Element. - Du mut alles
Traurige vermeiden! - Es knnte Dir schdlich sein.
    Lebe wohl, lieber Engel.
                                                                         Clemens


                                 Liebe Bettine!

Ich erhalte Deinen kleinen Brief wieder zu spt, um viel zu schreiben, grad noch
fnf Minuten. Kannst Du's mir genauer noch beschreiben, das Geburtsfest
betreffend? Illumination? - lgetrnkt? - Wohin? - Wie gro? So will ich Euch
viele Ideen angeben, wenn Du mir umgehend bestimmter schreibst und Ihr noch
nichts angefangen habt; - so kann ich Euch bis zum 19. noch ein kleines
Lustspiel dichten fr die Schattenpersonagen. Braucht Ihr etwa auch Verse?
Schreibe bestimmt darber.
                                                                         Clemens


                                 Liebe Bettine!

Euer Fest auf Claudinens Geburtstag liegt mir so am Herzen, da ich wnschte,
Ihr mchtet etwas recht Schnes und Edles vorstellen, das Euch Ehre machte, Du
weit, wie oft auch das lgetrnkte, wenn es noch so gut angelegt war,
verunglckt. - Ich habe daher nachgedacht und etwas ziemlich Artiges erfunden,
was sich auch gut ausfhren lt und bis auf ein Hrchen pat. Das Ganze ist ein
kleines Drama in einer Szene, da ich Euch schreiben will, und das Ihr, wenn Ihr
mir augenblicklich schreibt, ob Ihr meinem Vorschlag folgen wollt, schon den
nchsten Mittwoch haben sollt. Ich will es Euch hier nher beschreiben: Einige
Mdchen haben eine Freundin, die sie sehr lieben, und deren Geburtstag sie
feiern wollen; sie wissen aber nicht wie, denn ihre Freundin ist so
vortrefflich, da sie nicht wissen, wie sie ihr recht Ehre erweisen sollen. Da
sie ber ihre Anschlge sinnend in den Wald gehen, finden sie eine Matrone, der
sie ihr Anliegen vorbringen; diese ist eine Zauberin und verspricht den
Jungfrauen zu helfen. Sie sagt: Ich will eurer Freundin die Taten des edlen
Weibes zeigen, das an ihrer Wiege stand, sie unsichtbar wiegte, ihre Trume
bildete und ihr, ohne da sie es wei, Vorbild und Schutzengel geworden ist,
nehmt die Blumen, die hier liegen, und windet Krnze! Da mt Ihr Euch dann
zusammensetzen und Krnze machen und whrend der Arbeit ein zweckmig sanftes
Terzett oder Duett singen, wozu ich Euch, wenn Ihr mir irgendein Muster angebt
aus einer Oper, einige Verse machen will, auch kann es Lied mit Chor- oder
Wechselgesang sein, wie Ihr mir die Anzahl der Jungfrauen oder das Lied
bestimmt. Wenn dann Eure Krnze fertig sind, so spricht die Zauberin: Geht und
holt eure Freundin und bekrnzt sie! Dann geht Ihr auf Clodine zu, die unter
den Zuschauern sitzt, hngt ihr die Krnze von weien Rosen und Lilien um und
fhrt sie zu der Zauberin; diese nun hebt den Vorhang von ihrem Zauberspiegel,
in dem die folgende Geschichte transparent gemalt und illuminiert erscheint.
    Claudia war eine rmische Vestalin; ihr Vater ein Feldherr. Nach einem Sieg
wollte er einen Triumphzug in Rom feiern, aber ein Tribun, der sein Feind war,
verbot es ihm; Claudius triumphierte dennoch. Der Tribun, erzrnt ber seine
Khnheit, nherte sich ihm von hinten und wollte ihn pltzlich vom Wagen reien,
Claudia bemerkte es und vergit aus Liebe zu ihrem Vater die Ruhe und Majestt
ihres geheiligten Standes; sie springt dem Tribun vor, wirft sich in des Vaters
Wagen, umfat ihres Vaters Knie und weist den Tribun zurck. Dieser mu nun von
seinem Vorhaben abstehn, denn was eine Vestalin berhrt, ist heilig, und sie ist
dem Tribun an Macht gleich. Ich habe Euch die Szene mit der Feder skizziert hier
beigelegt, wie sie am wenigsten Mhe zu malen kostet. Man sieht von hinten in
den Wagen, der Triumphierende merkt es noch nicht, alles ist der Moment. Die
Vestalin mu ganz verschleiert sein, in weie Gewnder gehllt; auf dem Rande
des Wagens steht eine Viktoria wie gewhnlich bei dem Triumph, in der Ferne
werden Trophen getragen; das Ganze ist in den kleinsten Raum gedrngt. - Wie
schn pat das auf Clodine, ihre treue Liebe zu ihrem Vater, ihre Zucht, ihr
Name Claudia. Das wre eine Szene. Eine andre aus dem Leben dieser Vestalin ist
folgende: Die Rmer wollten das Bild der Gttin Zybele nach Rom auf einem
Schiffe ber die Tiber fahren, aber das Schiff ging nicht von der Stelle; da
trat die Vestalin in einen Kahn, betete die Gttin an, band dann ihren Grtel an
das Schiff der Gttin und zog das Schiff ohne Mhe herber als einen Beweis
ihrer Tugend. Das wre ein zweites transparentes Bild; dann knnt Ihr um sie
herum tanzen und sie kssen und drcken usw. Ihr mt mir aber bestimmt die
Arien schreiben und die Anzahl der Mdchen, damit ich die Verse schreiben kann,
Ihr mt mir dazu die Worte der Arie schreiben, und wie sie einfallen, damit ich
meine ebenso einrichten kann. Ich meine Lotte die Zauberin, Kundel, Du die
Mdchen, oder auch die Jung dabei, wenn Ihr wollt, wegen dem Tanz, oder wie es
Euch lieb ist. Da httet Ihr Euer ganzes Fest einfach, neu und schn; spreche
doch mit dem Georg gleich darber, und wenn Ihr dann wollt, so habt Ihr am
Mittwoch alles; ich eile mich und bleibe ein paar Nchte auf. Die Bilder knnt
Ihr ja nach der Skizze besser gezeichnet gleich von einem Maler zurechtpinseln
lassen, sie mssen in der Form eines groen Spiegels gemacht werden.
    In diesem Augenblick erhalte ich den uerst geistvollen Plan zu Eurem
Schattenspiel; ich will alles so gut machen, als ich kann, aber ich erschrecke
fast vor dem Plan, wenn ich nur Leichtigkeit genug besitze; das Ende sei mir
berlassen, sagt Ihr. So haben wir denn wirklich wie Brder in der Ferne
gearbeitet. Der Clausner steigt mit Winkelmann ein und fhrt zu Brentano. Nun
fllt der Vorhang Eures Schattenspiels, und nun lat meine Szene angehn, die
geht gleichsam bei Brentano vor, und das Edle, Rhrende in ihr hebt das Komische
wieder auf, so da das Fest ganz den Eindruck einer freudigen Anmut bekmmt.
Euer Schattenspiel ist dann ein himmlisches Vorspiel; was ich entworfen, ist
berhaupt uerst leicht auszufhren, und wie glcklich wird Clodine durch die
Berhrung ihrer kindlichen Zrtlichkeit sein. - Schreibt mir doch gleich den
Samstag, ob Euch mein angehngter Plan gefllt. In Tonis Stube unter der Treppe
kann die Hhle der Zauberin sein, Ihr drft nur um die Ecke herum eine spanische
Wand stellen, so habt Ihr ein Theater, und in der Hhle ist ja noch dazu ein
Eingang auf den Gang; schner knnte es nicht sein. Das Schattenspiel macht Ihr
an der Saaltr und seid in Tonis Stube. Whrend es hinweggenommen wird, kleiden
sich die Schauspielerinnen an, die Gesellschaft tritt in Tonis Stube und ist nun
gleichsam mit dem Postwagen in der Sandgasse angekommen, und da geht das weitere
vor. Den Gesang, den Tanz knnt Ihr ja weglassen, wenn es Euch zu viel wird.
Aber mein Bild der Vestalin, meine kleine Szene mit der Zauberin, sie freut mich
gar sehr, und ich wei, es wird sehr herrlich auf das Komische wirken. Schreibt
gleich umgehend, was Ihr wollt, an dem Schattenspiel fange ich heute schon an.
Die Idee mit dem Postwagen und Winkelmann ist gttlich. Danke der Toni herzlich.
                                                                         Clemens




                                 Liebe Bettine!


Du hast mir einen schnen Ofenschirm geschickt, er entzckt alle Leute, die ihn
betrachten, und ist jetzt der grte Schatz meines Mobiliarvermgens, auer
Deinem Portrt, wie Deine Liebe berhaupt mein grter Besitz ist.
    Ich sende Euch hier das Schattenspiel, ich habe es in einem Tag geschrieben,
das ist alles, was ich zu seiner Entschuldigung sagen kann. Die kleinen
Cochonerien, die es enthlt, habe ich genau nach dem bersendeten Plan verfat
und mir darin keine Freiheit erlaubt! - Soeben erhalte ich Euren Familienbrief,
worin Ihr noch viele Umstnde vorbringt von Theater und dergleichen, was ich von
hier aus nicht begreife, ich habe Euch doch das Lokal bestimmt, knnt Ihr nicht
fertig werden damit, so spielt das Schattenspiel und lacht womglich, ich will
versuchen, allein, ohne Hilfe die Claudine zu erfreuen; die Posse hab ich
geschrieben, das Edle will ich dichten! - Auf den Schirm hat die Gnderode mit
Bleistift von ungefhr ihren Namen gekritzelt, auch dies Zufllige hat mich sehr
gerhrt. Schreibe bis Mittwoch wieder, Deine Briefe sind die einzigen, die ich
jetzt habe! - Adieu!
                                                                         Clemens

                                   An Clemens


Unser Teetisch hat sich in eine Pappfabrik verwandelt, George fhrt den
englischen Phaton aus mit Jockey und Pferden. Franz macht die Dekorationen, ich
wollte die Schauspieler machen, es milang, ich wurde abgesetzt und darf nur
immer noch das zweite Bein machen, den zweiten Arm, und die Zimmer darf ich
mblieren! - Auch soll ich alle Nhnadeln einfdeln. Gnderdchen kommt
zuweilen, weil ich nicht so oft zu ihr komme, und dann verschwinden wir ins
kleine grne Kabinettchen hinter der Treppe. Den Christian hatten wir erwartet,
da er uns wrde helfen, er kam gestern an zu Pferde mit einem scharlachroten
Mantelsack, einer Pelzmtze, einem Dompfaffen und einem zahmen Marder, den er
mir schenkte; dies Tierchen plagt mich sehr! Aber weil es so sehr schn ist; es
will auf meinem Scho schlafen, und wenn ich's herunternehme, dann knurrt es und
fletscht mir die Zhne. Auch hat ihm der Christian tanzen gelehrt, es qult
mich, aber es ist mir doch eine Gesellschaft! - Die Proben vom Schattenspiel
werden gemacht; da ich keine Rolle dabei habe, so konnte ich gestern mit
Marianne in die Oper gehen! - Ich hab mich an Offenbach erinnert bei der Musik.
Palmira! - Diese Oper gibt mir die Empfindung, als lg ich auf duftendem Heu und
schlief und hrte das Ganze nur mit halbem Ohr. Heute Morgen war so schner
Reif, ich bin mit Marianne bis auf die Gerbermhl gefahren, von dort ging ich
zur Gromama! - Sie war recht erfreut; ich hab mit ihr ausgemacht, da ich zum
Frhjahr bei ihr sein will und die ganze Frhlingsarbeit im Garten machen, wie
im vorigen Jahr noch! - Ach, das ist jetzt fr mich ein Erholungsplsier! Beim
Grtner war ich und hab nach meinen Bumen gesehen, alles sieht kernfrisch bei
ihm aus und dem Frhling entgegenstrebend. - Er glaubte nicht, sagt er, da es
diesen Frhling so schn sein werde wie im vorigen Jahr! - Die Witterung lasse
sich nicht so gut an; - ach Frankfurt, du liegst mir wie Blei auf dem Herzen! In
meinem Schreibschrank hab ich in Offenbach gewhlt und hab da den Anfang von
einer Beschreibung meines Klosterlebens herausgefunden und dann auch ein
Mrchen, zu dumm - die Gnderode hat's gesagt. Aber vom Kloster soll ich
weiterschreiben, wenn das Schattenspiel vorbei ist. -
    Es ist hier im Haus kein einsam Winkelchen, wr die Gnderode nicht, dann
wt ich nicht, wo ich mich suchen sollte! - Der Toni ihr Kind hat die Rtlen
gehabt, da hab ich als abends gesessen.
    Heute Abend wird eine Hauptprobe des Zauberfestes vorgenommen. Ich mute
alle Rollen abschreiben, hin und wieder laufen, alles herbeiholen! Am Samstag
werde ich Dir die Einrichtung und Verfassung des Ganzen berichten und den
nchsten Dienstag, wie das Ganze abgelaufen ist. Lieber Clemens, wann wirst Du
denn kommen? Schreib mir genau den Tag, rechne es aus, wenn es mglich sein
kann, da ich mich freue und jeden vorangegangenen Tag einen weniger zhlen
kann, bis pltzlich die Freude hereinbricht, da Du da bist, und dann gibt es
schne Tage! Ich werde die ersten Frhlingsgnge mit Dir machen, wir werden mit
dem Gnderdchen manche Stunde verbringen; ach gestern war's schn bei ihr, da
hatten wir ein klein Feuerchen in ihrem Ofen angemacht und ohne Licht waren wir
da beisammen und sahen die Flammen spielen, die Gnderode machte ein Mrchen
draus, sie legte alles aus, was die Flammen miteinander plauderten. -
    Das schne Wetter duftet schon, wenn man vor's Tor kommt, die Hecken knnen
die Veilchen nicht mehr verbergen, sie hauchen einen an, ganz vergngt, da sie
gebrochen werden! Die Luft, sie kommt gestrmt aus wrmeren Landen, man mchte
mit sich aufschwingen, wenn sie den sen Atem der Pflanzen davontrgt. -
                                                                         Bettine




                                 Liebe Bettine!


Soeben hab ich Deinen Brief erhalten; es freut mich, da meine schlechte Arbeit
Euch gengte; die Krze der Zeit usw. - Beiliegenden Brief gib am Morgen ihres
Geburtstages der Claudine, er enthlt ein Gedicht von mir, gedruckt fr sie, Du
sollst niemand im Hause davon sagen, ehe Du es ihr selbst gegeben hast; dann
aber kannst Du ein Paket mit etlichen fnfzig bis sechszig Exemplaren dieses
Gedichtes, welches ich heut mit dem Postwagen schickte, ffnen, dem George fnf
Exemplare zum Verteilen geben, der Toni ebensoviel, ebensoviel der Gromutter
schicken; der Gundel auch soviel, auch schicke jeder Gnderode eins, die brigen
gibst Du der Clodine fr ihre Freunde. Ich bitte Dich aber, das Paket vom
Postwagen nicht eher zu ffnen, als die Clodine den inliegenden Brief erhielt,
denn es ist unschicklich, da Du es eher gelesen httest, als sie, auch liegt in
jenem Paket keine Zeile von mir an Dich, ermige daher Deine Neugierde und hebe
es auf bis zur rechten Stunde, dann gehst Du auf Dein Zimmer und teilst die
Exemplare ein und gibst jedem das seine. So geschwind habe ich noch nichts
gedichtet.
    Seit meinem letzten Brief bis heut gezeichnet, geschrieben, gedruckt! - Ich
wnsche sehr, da Du mir alles schreibst, wie es gegangen, besonders ob sich
Schwab erfreute.


                       Am Geburtstage einer Freundin von

                         Clemens Brentano, den 19. Mrz

Durch grne Auen wollt ich mit dir schweifen,
Wrst du des sen Maien frohes Kind,
Und wollte sinnreich nach den Blumen greifen,
Zu flechten dir ein zrtliches Gewind,
Wir Blten werden all in Liebe reifen,
So sprch der Kranz, weil wir dir hnlich sind.
Doch keine Blume ist vor dir entsprungen,
Der ungeteilten Kraft bist du gelungen.

In leisem Schlummer trumend sinnt die Erde,
Wie sie die junge Zeit erfreuen soll,
Da sieht sie sich, in zchtiger Gebrde
Stehst du vor ihr so sinnend, liebevoll,
Und jungfrulich begrte dich ihr Werde,
Der keine Blume noch am Busen schwoll.
Doch bald die Einsamkeit dir zu versen,
Lt als Gespielen sie dich Veilchen gren.

So fehlen Blumen, Blume dich zu krnzen,
Die selbst des Jahres frhste Blume blht,
Doch in des Lebens Garten ohne Grenzen,
In dem der Frhling ewig kehrt und flieht,
Seh eine edle Blume fern ich glnzen,
Die bis zum Namen selbst dir hnlich sieht,
Das Herrliche kehrt ewig zu dem Leben,
Und jeder Sommer mu uns Lilien geben.

Dich Rmerin, Vestale seh ich wieder,
Dich Claudia, die treu den Vater ehrt,
Keusch hllt ein reiner Schleier dir die Glieder,
Die aller Liebe reine Flamme nhrt.
Es priesen uns noch keines Sngers Lieder
Den hohen Sinn, den uns dein Leben lehrt,
Bescheidne, zrne nicht, la es gelingen,
Die Rmerin will der Barbare singen.

Da Claudius, der Feldherr, siegreich kehrte,
Will er, als Sieger soll ihn Roma sehn,
Der in der eignen Tat den Rmer ehrte,
Will im Triumphe auch die Tat erhhn,
Doch ein Tribun, der tiefen Ha ihm nhrte,
Will, ungepriesen soll sein Werk vergehn:
Es lt der Mchtige dem Sieger sagen,
Du sollst durch Rom nicht deine Lorbeern tragen.

Doch achtet, trotzend auf des Sieges Flgel,
Der Feldherr nicht des Richters ernsten Stab,
Im Heeresprunk grt er die sieben Hgel
Von seines Wagens goldner Hh herab,
Und tausendfach in heller Waffen Spiegel
Grnt ihm der Lorbeer, den der Sieg ihm gab,
Es lenket durch des Volkes laute Mitte
Der Zug zum Kapitole hin die Schritte.

Da ffnet zweien sich das Volksgedrnge,
Erzrnt tritt der Tribun zum Sieger hin,
Ihn, dem er untersagt des Siegs Geprnge,
Will er gewaltsam von dem Wagen ziehn:
Auch Claudia dringt durch der Brger Menge
Zu ihrem Vater und umfasset ihn.
Besiegt mu der Tribun zum Volke kehren,
Den sie berhrte, mu er zrnend ehren.

Die Jungfrau gab dem Sieger das Geleite,
Der mit dem Adler nun die Taube trug,
So stand sie schchtern an des Vaters Seite,
Und um die Tochter er den Purpur schlug,
In schnerm Sieg trug sie aus schnerm Streite
Zum Kapitole hin der laute Zug:
So Heldenmut und Schnheit sich gesellten,
Es triumphiert die Holde mit dem Helden.

Wer auf der Erde gleich den Gttern handelt,
Dem ffnet sich der hohen Gtter Kreis,
Auf Erden sind sie menschlich einst gewandelt
Und waren edel, sinnbegabt und weis',
Zu Gttern hat der Glaube sie verwandelt,
Denn Gttlichkeit ist aller Schnheit Preis,
So wollte Rhea gern, da du gebeten,
In deiner Heimat Gtter Mitte treten.

Zu Schiffe auf der gelben Tiber Wogen
Fhrt man Cybelens Bild von Pessinunt,
Schon nahet sich des Segels voller Bogen,
Der Gttin Ankunft eilt von Mund zu Mund,
Sie zu empfangen kommt das Volk gezogen,
Doch pltzlich fat den Kiel des Flusses Grund,
Und wie sich auch der Schiffer Arme regen,
Fest ruht das Schiff und lt sich nicht bewegen.

Da flehet kniend Claudia am Strande
Der hohen Gtter gute Mutter an,
Lst dann den keuschen Grtel vom Gewande,
Und zu dem Schiffe fhret sie der Kahn,
Den Grtel knpft sie an des Kieles Rande,
Und gtig folgt Cybele ihrer Bahn.
Stumm sieht das Volk sie durch die Wellen gleiten,
Von Reinen lassen Gtter gern sich leiten.

So in des Vaterlandes groer Sitte
Lebt Claudia, die Rmerin, auch gro,
Nun teilst du, Claudia, in unsrer Mitte,
Ein frommes treues Kind des Vaters Los.
Was gttlich noch auf Erden, folgt dem Schritte
Der Jungfrau gern nach in des Hauses Scho.
Strebt ihr zu gleichen, der wir uns verbanden,
Ich liebe sie, die frher ich verstanden.


                                 Liebe Bettine!

Diesem Brief tue nicht so viel Ehre an als allen meinen vorhergehenden, denn ich
schreibe in einer wunderlichen Stimmung und scheine mir gar nicht vernnftig zu
sein. Seit einigen Tagen ist es so schnes Wetter hier wie im Sommer; ich sitze
nicht mehr meinem schwarzen Ofen gegenber; alle Fenster meiner hellen Stube
stehen auf; ich habe keine Rast und keine Ruhe, ich gehe in dem Haus aus und
ein, kleide mich alle Augenblicke anders an und empfinde eine ganz wunderbare
Angst, so als harre ich am Fenster ein geliebtes, schnes Mdchen vorbergehen
zu sehen; oder als msse mich jemand heimlich lieben, ich wte nicht wer, und
wnschte dieser oder jener, kurz ich kann Dir's nicht sagen, wie mir es ist, und
ich mu mich recht zusammennehmen, nicht weichherzig zu werden. Es ergreift mich
alle Frhling so ein Hinausweh! - Heimweh darf ich es nicht nennen, - und was
mich dann betrbt, das ist, ich wei, da es mir drauen auch nicht wohler wird.
Wenn Du es nicht wrst, die mir das Leben zu erfreuen suchte, so wte ich
nicht, wie mich anstellen. Bin ich nicht recht undankbar gegen Dich, Du opferst
mir Dein ganzes Leben auf, und ich bringe den grten Teil des Jahres fern von
Dir zu; Du zhlst die Minuten bis zu meiner Ankunft, und ich halte mich noch ein
paar Tage in Wetzlar auf. Aber schreiben mut Du mir nach Wetzlar, bei Herrn von
Bostell werde ich wohnen, mit der nmlichen Post, mit der Du sonst hierher
schreibst. Dienstag abend mut Du mir schreiben, damit ich gleich aufbreche und
zu Dir laufe. Den ersten und zweiten Tag wird es nun zwar sehr herrlich sein,
wenn wir zusammen sind, aber die ganze Woche, wie wird es dann sein? - Und den
Monat? - Werden wir uns nicht im Hause langweilen, whrend drauen im Wald jeder
Sperling es besser hat? - Wir wollen recht viel spazierengehen, und morgens
frh, wenn noch alles schlft, schon vor den Toren herumlaufen. Soeben erhalte
ich Deinen Brief, der ebenso abgeschmackt vom schnen Wetter spricht wie der
meinige, ich hoffe doch, dieser soll Dich mehr freuen, als mich der Deinige! Ich
fand einen fremden Ton drin, oder vielmehr ermdet und abgespannt, was ich sonst
gar nicht an Dir gewohnt bin, Deine Unruh treibt Dich auch umher, vielleicht ist
das schne Wetter dran schuld. Bis den Sonntag werde ich gewi bei Dir sein,
lebe wohl. -
                                                                         Clemens

Von Minchen Gnderode hast Du lange nicht geschrieben; wenn die Gnderode Dein
Mrchen nicht gut findet, so ist's doch nicht gesagt, da ich's nicht erst sehen
will, ehe Du es ins Feuer wirfst, wie Du es schon mit manchem gemacht hast. Wenn
sie aber sagt, da Deine Klostergeschichte gut ist, so freue ich mich unendlich
darauf, sie mit Dir zu lesen. Ist sie denn schon so weit, oder hast Du
vielleicht noch Platz in dem Heft, das Du dazu wirst geheftet haben? Wie schn
wr's, wenn Du mir alle Tage ein einziges Blatt wolltest davon vollschreiben,
bis ich komme, noch acht Tage nach Empfang meines Briefes.


                                 Liebe Bettine!

Claudinens Brief war mir die schnste Belohnung, und doch ist mir ein ganz
gewhnlicher von Dir immer viel lieber als ein solcher ungewhnlicher. Da Du
mir heute nicht geschrieben, ist mir ordentlich ganz schmerzlich gewesen; Du
hast mich verwhnt mit Deinen Briefen. Ich werde nun nicht mehr lange
ausbleiben; Bostell ist hier, mit dem werde ich einige Tage nach Wetzlar gehen,
dann komme ich nach Frankfurt, aber eher mut Du nicht aufhren, mir hierher zu
schreiben, bis ich Dir sage, da ich nach Wetzlar fort bin, bis zum Sonntag hab
ich gewi einen Brief noch von Dir. Ach, es ist mir eine so groe Wohltat, wenn
ich Dich zufrieden wei, da ich am Freitag mit Begierde dem Postwagen
entgegeneilte, weil mir Christian geschrieben hatte, er werde kommen; ich hab
zum wenigsten erfahren, da Du heiter und vergngt bist, auch hat er mir die
Relation vom Fest gebracht. Robinson ist mit Christian gekommen; ein guter Kerl,
eine Art von wunderlichem Leonhardi. - Ich kann heute Dir nicht mehr schreiben,
es genge Dir, da ich seit Tagen mehr als je an Dich denke, und besonders seit
ich von Arnim aus Bern einen schrecklich langen Brief erhielt, in dem er von Dir
kein Wort spricht. Nein, das ist nicht wahr; er grt Dich herzlich und denkt
oft an Dich. -
    Wie steht's um Deine Klostergeschichte? - Schreib mir! Es ist keine rechte
Ruh mehr hier im Hause: der Pfarrer Bang liegt oben und schnarcht, Christian
blst immer lamentable Flte und Winkelmann exzerpiert die Lesebibliotheken. Nun
kommt dieser Welthanswurst, der Robinson und will von mir profitieren, und nun
bin ich schon ganz zusammengeworfelt und finde mich zwar zusammen, aber nicht
aus mir heraus.
                                                                         Clemens


                                Lieber Clemens!

Hier ein Brief von Md. Mereau, der an mich adressiert war; Du hast sie
vielleicht jetzt schon gesehen und mit ihr gesprochen, sage mir, ob sie noch
schn ist, oder vielmehr, ob Du sie noch lieb hast. Ich war auf der Gerbermhle
und hab der Marianne von Deinem Lied erzhlt, nun mut Du ihr es auch schicken,
sie ist sehr begierig darauf wie natrlich, ich soll Dich gren von ihr. Ich
hab gefragt, warum sie so wenig mit uns war whrend Deinem Hiersein; ach, sie
wut es nicht warum! - Und ich wei auch nicht, warum ich hiersitze und der
Zukunft den Rcken drehe und in den Spiegel einer weit zurckgezogenen Zeit
schaue und auf einen kleinen Fleck nur schaue. Das ist der Beginn unseres
Briefwechsels! - Weil Du jetzt fort bist, so hab ich mich gar nicht mehr
besinnen knnen, wie ich Dir sonst schrieb, der Mereaubrief will doch zu Dir,
ich mu ihn schicken und schreiben! - Da suche ich nun in Deinen frheren
Briefen, wie es sonst mit uns war, so ganz gedchtnislos bin ich und finde ein
Lauffeuer verbundener Gefhle und Gedanken, ein Morgenrot, ein Morgenlicht, ein
Aufblhen, ein Mittagsglhen, ein unermdliches idealisches Tragen und Heben,
ein Lehren in Liebe verwandelt und endlich eine schne reine Lebenskhle! - Ich
bin ermattet, sie tut mir wohl, diese Frische! - Meine Sinne wollen schlafen ein
wenig, es war ein zu heier Frhling. Knospe an Knospe blhen alle, - Du gehst
voran; ungeduldig, da machst Du die Tr auf vom nchsten Revier, wo die Blten
freudig herumtanzen, und wie es da weitergeht mit Befruchten und Reifen, das
ergreift Dich. Das Leben will keine Zeit verlieren! Ich aber bleib noch hier,
das schmale grne Fleckchen des Unvergelichen! - erster Geschwisterliebe,
erster Erscheinung des Lebens, der ich mich verbunden habe; das braucht ja
keiner Rosenglut, keiner glhenden Frchte, das Hoffnungsgrn ist so rein, so
einladend immer, auch im Nebel lebendig durchschimmernd. - Das ist mein
Pltzchen. -
    Es ist jetzt sehr still bei mir, weil Du nun fort bist, ich werd mich aber
bald wieder dran gewhnen. - Du wirst doch wohl nicht mit Deinem Freund Wrangel
nach Ruland gehen! - Ich rate herum! - Sonst hast Du mir alles gesagt, diesmal
gingst Du mit einem Geheimnis auf dem Herzen! - Ich seh Dich in Gedanken ber's
Meer forteilen; das gebhrt Dir ja auch. - Ich ging in andre Weltteile und
machte da jede Htte auf an Deiner Stelle. - Wie ist das dumm, da man wie ein
eingesperrter Vogel von einem Stngelchen zum andern hpft, von Marburg nach
Frankfurt, wieder nach Marburg, zur Abwechslung nach Jena oder Weimar! - Fr was
lernt man Geographie und kann die Welt auswendig auf den Tisch malen! - Und
bleibt hinterm Tisch sitzen, kommt nie in sie hinein. O, welche schwere
Verdammnis, die angeschaffnen Flgel nicht bewegen zu knnen; Huser bauen sie,
wo kein Gastfreund Platz drin hat! - O Sklavenzeit, in der ich geboren bin! -
Werden die Nachkommen nicht einst mitleidig mich belchlen, da ich mir's mute
gefallen lassen, wenn wir vielleicht als Geister einstens sklavische Natur uns
vorwerfen! - Wie! Ihr habt den Geist eingesperrt und einen Knebel ihm in den
Mund gesteckt und den groen Eigenschaften der Seele habt Ihr die Hnde auf den
Rcken gebunden? - Ach Clemens, gehe Du doch nur immer aufs Meer, wo jede Welle
in die andere fliet! wo nichts noch feste Gestalt hat, wie gewonnen, so
zerronnen! Besser, da alles zerfliee, als da Gestalt gewinne, was nicht ganz
Gromut und Freiheit wre! - Das sind so nachwehende Tne aus meinen
Unterhaltungen mit der Gnderode, die auf drei Wochen nach Hanau ist.
    Gestern waren wir bei Bethmann zu einer Lektre vom Hamlet, die Szene
zwischen ihm und Ophelia unterbrach die Vorlesung, jeder hatte sie allein fr
sich gelesen, aber laut sie zu lesen, das wollte keiner. - Ich will's
vorlesen, rief ich, und glaubte, nur die Schwierigkeit dieser Szene, Charakter
und Doppelklang der Ironie wiederzugeben, verhindere das Weiterlesen. Wie, Sie
wollen's lesen? schrien alle; ich war schon aus meiner Ecke hervor am Tisch und
las mit lauter Stimme die ganze Szene trefflich, ja trefflich, denn die ganze
Zeit hatte ich eine Umwlzung aller Sinnen erlitten, und nun kam die Rache, und
die Lenznacht meiner Empfindungen stieg aus meiner Brust empor wie eine
Feuersule, und ich las fortstehend und freute mich am Widerhall meiner Stimme,
und - siehe da, alle waren fort in die andren Zimmer, ich war allein gelassen
worden. - Was sie dachten, wei ich nicht. Auf mich hatte es eine glckliche
Wirkung; zum erstenmal wieder eine Nacht wie die in Offenbach sonst waren, wo
der Schlaf so leicht mich deckte, als sei es ein Erwachen in eine hhere Sphre.
- Es weissagt etwas in mir, da eine Kraft in dieser Welt sei, die mit
Leidenschaft mich liebt.
                                                                         Bettine


                                   An Bettine

                                                      Weimar bei Friedrich Meier

Ich ging so hastig von Frankfurt; mein eiliges Entlaufen, mein gehemmtes Gehen
und Wiederkehren, das mute Dir, geliebtes Kind, wie das Tun eines Nachtwandlers
vorkommen, und so war's auch; ich war wie ein Schlafender, der sich gern seines
Traumes erledigte, wenn er nur knnte; nun hab ich bei diesem Abschied von Dir
gefhlt, da ich trume, da ich wohl erwachen werde, wenn ich im Traumwahn von
Deiner Seite weiche, da ich dann in nichts Ersatz finden werde fr die Heimat
bei Dir. - Aber der Traum gibt einem andre Hoffnungen, die allergrten vom
Erdenleben! - Und fhrt einem durch die allerunbesonnensten feurigsten
Lebensepochen; ist man erwacht, so sitzt man tief in der leeren Erdenschererei,
und alle prophetischen Klnge der hohlen Bageige Erfahrung begren einem mit
dem fatalen: Hab ich dir's nicht gesagt? Bis jetzt bin ich dahin noch nicht
gekommen, meine Hoffnung im Steigen, meine Erwartung vom Zusammenleben mit viel
bedeutenden wunderlichen, liebenswrdigen Menschen hier, aufs hchste gespannt!
- Der Park steht in seinem edelsten Grn. Du hast solchen ppigen Rasen, so
belaubte Kronen noch nicht gesehen wie hier, wo ein rascher, khler Flu mit
unendlicher Geschftigkeit alles Leben nhrt und in seinem Verband hlt, er gibt
der irdischen Lust allhier einen himmlischen Anstrich von Kraft, von Poesie, von
Lebensflle. Einbrche, Wortbrche und noch speziellere Brche strzen alle die
Verhltnisse ein, die nicht unter des Wonnemonats heiliger Gerichtsbarkeit
stehen. Er teilt Hirtenbriefe aus zu Schferidyllen; Ablabriefe, Beichtzettel,
Schmutztitel von Erbau- und Predigtbchern im Wonnemonat gehalten, findest Du an
den heimlichen Ufern der Ilm hingestreut, alles vom Wonnemonatheiligen
unterschrieben. Du findest aber auch in diesem Park die schnsten Altargelnder
zum Anbeten der Heiligen! - Gerichtsschranken zum Verurteilen, Ketten und
Fublcke zum Fesseln. Und da liegt mancher, der sich nicht kann helfen, da sind
Prfstnde des tentamen und examen rigorosum des Lebens, Krieg, groer Kampf,
kleine Hinrichtungen, Missetter, die ihr Leben lang an einer Kette schleppen,
Gaudiebe und Gaudiebinnen, die leicht von Hand zu Hand gehen lassen, was sie
ewig zu bewahren geschworen hatten. Aber auch mitten unter diesem Gewhl findet
sich der Schlssel zu dem stilleren Garten des Eden, in dem zuerst das stille,
milde Erfreuen ber das Sein einem anwehet, - wo man zuerst es sich sagt, welch
beglckend Gefhl dieses Sein ist, das die Entzckung unterbricht, um aufs neue
wieder den Segnungen der Ruhe sich hinzugeben. Der Morgen geht auf; - unter dem
Baumschatten auf der Haustrbank ruhig hingelagert, sich und die Welt anschauen,
das deucht einem das perennierende Vergimeinnicht des Genusses. -
    Ich knnte so forttrumen, um Dir zu beweisen, da ich trume! - Es ist ein
wahrer Tauschimmer von Lebensblten, und alle meine Empfindungen sind ein
blumiges Spielgrtchen, in dem die erfrischte Welt in der Morgenrte liegt! -
Und die Vergangenheit? -

Ich wohnte unter vielen vielen Leuten
Und sah sie alle tot und stille stehn,
Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden
Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn;
So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden,
Und jeden hab ich einmal nur gesehn,
Denn nimmer hielt mich's, flchtiges Geschicke
Trieb wild mich fort, sehnt ich mich gleich zurcke.

Und manchem habe ich die Hand gedrcket,
Der freundlich meinem Schritt entgegensah,
Hab in mir selbst die Krnze all gepflcket,
Denn keine Blume war, kein Frhling da,
Und hab im Flug die Unschuld mit geschmcket,
War sie verlassen meinem Wege nah;
Doch ewig ewig trieb mich's schnell zu eilen,
Konnt niemals nicht des Werkes Freude teilen.

Rund um mich war die Landschaft wild und de,
Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein,
Kein khler Wind durch dunkle Wipfel wehte,
Es grte mich kein Snger in dem Hain;
Auch aus dem Tal schallt' keines Hirten Flte,
Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein.
Ich hrte in des Stromes wildem Brausen
Des eignen Fluges khne Flgel sausen.

Nur in mir selbst die Tiefe zu ergrnden,
Senkt ich ins Herz mit Allgewalt den Blick;
Doch nimmer konnt es eigne Ruhe finden,
Kehrt trbe in die Auenwelt zurck,
Es sah wie Traum das Leben unten schwinden,
Las in den Sternen ewiges Geschick,
Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen:
Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.

Ich sah sie nicht, die groen Sigkeiten,
Vom berflu der Welt und ihrer Wahl
Mut ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten.
Hinabgedrckt von unerkannter Qual,
Konnt nimmer ich den wahren Punkt erbeuten
Und zhlte stumm der Flgelschlge Zahl,
Von ewigen unfhlbar mcht'gen Wogen
In weite weite Ferne hingezogen.

Eben erhalte ich Briefe von Arnim mit seinen Reiseplnen schon unter Segel; er
geht bers Meer; unsre guten Wnsche, mgen sie ihm gute Engel der Begleitung
sein; lese selbst, die Briefe schicke hierher zurck. - Deine kleine Freundin
Lwenstern wirst Du nun bald wiedersehen, sie ist gestern abgereist, ich hab sie
aus meinem Fenster bei ihrer Freundin Fmelle einen zrtlichen mdchenhaften
Abschied nehmen sehen; wenn Du sie siehst, so empfiehl mich ihr als Deinen
treuen Bruder, den ihre Freundschaft zu ihrer Gespielin sehr gerhrt hat; das
Frulein Fmelle wohnt mir gegenber und wird, wie ich hre, auch bald nach
Offenbach gehen, ich sehe oft mit Vergngen, wie sie ihre kleine zierliche Figur
von Fenster zu Fenster trgt und keine Ruhe in den Fchen hat, und wie ihr Herr
Papa sein Barbierbecken am Fenster stehen hat, und wie das Barbierbecken den
Herrn Papa abwartet, bis er seinen Bart hineinschaben lt von dem kunstreichen
Messer eines Weimarer Barbierheros! - Alles ist nmlich hier von einer Muse des
bermutes genhrt, keiner geht ber die Strae ohne persnliches Gefhl des
Mitwirkens in die tolle Alltglichkeit, selbst bis auf den Friseur, der einer
der wichtigsten Kavaliere ist. Das ganze Windmhlenwerk der Knste ist
fortwhrend im Gang, die Hand des Tonknstlers und der Fu des Tnzers klappen
ineinander, die Kunstreihe krperlich geistiger Fertigkeiten wird durch einen
Aufwand geistiger Regierung aufs hchste gesteigert. Fragen, Suchen und Finden
sind drei verschiedene Ichs, die berall sich beisammenfinden, sie bilden wie
eine lschlagmhle eine Witzschlagmhle. Nun schlagen auch noch die Nachtigallen
dazu. Zwischen den blhenden Bschen wandlen Deutschlands grte Geister,
eingehllt in den Nimbus ihres Namens; - es ist fr einen Anekdotenjger das
beste Revier; wrst Du hier, wir wrden die Zeit aufs beste genieen, und Du
wrdest auf dem Schmetterlingsflgel der Welt wie auf einem Teppich Dich
tummeln, denn so mchte ich Weimar nennen statt deutsches Athen, mit welchem
absurden Namen es sich prahlt. -
    Ich bleibe auf jeden Fall einige Zeit hier, wo Du mich gern wissen sollst,
denn ich bin sehr gern und glcklich hier und streife meinen Mimut ab wie eine
alte Schlangenhaut. Das einzige ist, das Salbadern mit Herders Tod langweilt
mich; aber auch hierber ist ein Scherz nicht unwillkommen:

Herder ist von uns gegangen,
Goethe sieht ihm traurig nach;
Wieland trocknet seine Wangen,
Und Amaliens Herze brach. -

Diese empfindsame Gesellschaft hab ich, wie sie im Vers beschrieben ist, mit
schwarzer Kohle an die weie Gartenwand vor Goethes Garten, der in den Park
fhrt, abgemalt; alles ist hingegangen, es zu betrachten. Der abgehende Herder
und der weinende Wieland sind unwiderstehlich gelungen! -
    Lebe wohl! Schreibe mir, schreibe doch der Mereau ein paar Worte und liebe
sie, wie ich es um Dich verdiene, da Du die liebst, die mich versteht. - Von
allem diesen haben wir unter uns gesprochen, und Du wirst mit andern nicht davon
reden.
    Du kannst mir einen Gefallen tun, wenn Du mir sechs kleine Chemisettchen
gestickt und mit Kragen von feiner Leinwand machen lt; ich wnsche sie aber
sehr bald, deswegen la sie recht artig, aber nicht zeitspielig machen. Ich
konnte diesen kleinen Toilettenbetrug sonst nicht leiden, aber ich will hier ein
bichen unter die Leute gehen und wei ja noch nicht, ob sie verdienen, mich in
meinem wahren Hemde zu sehen; die Dinger mssen nur ein Herzfleckchen und
bichen Hals sein. Herz und Hals wage ich nur in der Liebe.
                                                                   Dein Clemens,
                                                             bei Friedrich Meier

Ich habe nicht Zeit, das Lied an Marianne abzuschreiben, schreibe Du es ab.

Es stehet im Abendglanze
Ein hochgeweihtes Haus,
Da sehen mit schimmernden Augen
Viel Knaben und Jungfraun heraus.

Sie wechslen mit Weinen und Lachen,
Sie wechslen mit Dunkel und Hell,
Mit schimmernden Augen und Wangen
Sie wechslen ihr Rcklein gar schnell! -

Dort hab ich mein Liebchen gesehen,
Ein freundliches zierliches Kind;
Sie konnte wohl schweben und drehen
Wie fallende Blten im Wind.

Und die in dem Hause dort wohnen,
Sind heilig und wissen es nicht,
Sie spielen mit Krnzen und Kronen
Alltglich ein neues Gedicht.

Sie sind gleich den Gttern und handlen
Alltglich in andrer Gestalt,
Mein Liebchen wird auch sich verwandlen,
Das tut meinem Herzen Gewalt.

O Liebchen, wo bist du geblieben?
Ich steh vor dem schimmernden Haus,
Und will dich bescheiden nur lieben,
O Liebchen, o sehe heraus!

Ich will dein pflegen und warten
Im Herzen so treu als ich kann,
Da seh ich sie sitzen im Garten
Wohl bei einem reichen Mann.

So kauf ich mir Harke und Spaten,
Bind mir ein grn Schrzelein vor.
Ich stell mich, als wr ich der Grtner,
Und klopf bei dem Reichen ans Tor.

Tu auf, o Reicher, den Garten,
Ich will dir so gern ohne Sold
Die Blumen all pflegen und warten,
Sie sind ja mein Silber und Gold.

So sei mir, o Grtner, willkommen,
Zieh hher die Rosenwand mir.
Verflecht sie zu Netzen und Schlingen,
Ich habe ein Vgelchen hier.

Zieh hher und dicht mir die Laube,
Zieh mir ein gitternes Haus,
Da keiner das Vgelchen raube,
Da es nicht fliege heraus.

Da klinget so herzlich und se
Im Garten ein inniges Lied,
Die Bume sie senden ihr Gre,
Die Blume lauschend ihr blht.

Da seh ich mein Liebchen so weinen,
Sie sieht zu mir heimlich herauf.
Die Sonne will nicht mehr scheinen,
Die Blumen, sie gehen nicht auf.

So hast du dann es verlassen,
Das schimmernde Gtterhaus,
Deiner Locken Gold wird blassen,
Deiner Augen Licht gehet aus.

O Liebchen, o sei nicht so munter,
Du hast vergeudet dein Los;
Dein Sternlein, es gehet ja unter
Tief in des Meeres Scho.

Ans Meer will ich und stehen
Still in dem Abendschein,
Da mu in den Wellen ich sehen
Versinken dein Sternelein.

Im Niedersehen da rollen
Die Trnen still hinab,
Die sich vereinen wollen
Mit deines Sternes Grab.

Dies Lied hab ich ersonnen
Wohl vor jenem Zauberhaus,
Das glnzt in der Abendsonne,
Wo du nicht mehr siehst heraus.

Als Jugend um Liebe brennte
In irrem Liebeswahn,
Da wolltest du ihn nicht erkennen,
Die hell mich blickte an.


                                Lieber Clemens!

Dein Brief hat einen Eindruck auf mich gemacht, wie ungefhr das Licht wirken
mu auf einen, der lange blind gewesen oder im Dunklen herumtappte. - Du gingst
von hier und warst so unzusammenhngend, da selbst die Trennung von Dir
bersprungen war; Du liefst, Du liefst, htte ich nicht dem Buben vor der
Haustr mein Schnupftuch in die Hand gedrckt und ihm gesagt, er solle Dir
nachlaufen, denn Du habest es vergessen, so wute ich nicht, wie ich Dich im
letzten Augenblick noch an mich erinnern sollte. - Der Knabe kam zurck und
sagte, Du habest es in den Busen gesteckt und aufgetragen, mich tausendmal zu
gren! - Tausendmal! - Einmal wr genug gewesen! - Wenn Du nur vorher Dich
besonnen httest, da Deine Schwester Dir gegenberstand und wartete, da Du sie
ans Herz drcken solltest. - Der Knabe sagte mir auch, der Postwagen war noch
nicht fertig angespannt, Du seiest voran dem Tor zugegangen! - Ach, Deine
Ungeduld fortzukommen, sie war Dir eingeimpft durch jenen letzten Brief, den Du
aus Weimar erhieltst; das Fieber ergriff Dich gleich, Du strmtest fort! - Du
hast mich immer geplagt, da ich nie einen Versuch gemacht habe, Deine Bitte zu
erfllen, irgend etwas niederzuschreiben. Ich hab ein Mrchen geschrieben, seit
Du weg bist.
    Ein schwermtiger Jngling, von Trumen aufgeregt, erwacht in der Nacht, die
hei und glhend die Welt umfngt wie gestern, wo es die ganze Nacht
wetterleuchtete; er strzt hinaus ins Freie mit seinen getreuen Hunden und kommt
in einsame frchterliche Gegenden, wo schreckliche Wasserfluten von den Felsen
niederstrzen und die Bume auf den Hhen ber ihm zusammenkrachen, wo es feucht
ist und giftige Kruter am Gestein sich hinaufranken und betubend duften. Hier
hrt er auf einmal ein helles frhliches Lied singen, mit lustiger Stimme, er
geht dem Tone nach und entdeckt einen mutwilligen Knaben, der ber einem
schrecklichen Abgrund sich schaukelt, ber den brausenden Wassern, die in
strmender Eile dahinrollen. Er sieht's, erschrickt, wird tief bewegt von der
Lebenskeckheit, viele Empfindungen machen sein Herz ganz wild und glhend, er
glaubt das Kind zu kennen, er will es warnen, er will es retten, doch nein, es
ist ihm noch fremd, nun entspringt heie Liebe zu dem heiteren Wesen in
Todesgefahr, die Hunde klettern ihm nach, wie er sich versteigt, dem Kinde
nachzukommen, sie suchen ihm Bahn, doch mit Angst, und mchten ihn abmahnen, er
gelangt endlich hinauf, jetzt ist die Frage, was er mit dem Kinde anfngt. -
    Er stt ihm einen Dolch in die Brust, ohne es zu wissen, sagt die
Gnderode. Ich bin aber nicht so grausam und will das nicht, ich sage nein, es
begegnen ihm mit dem Knaben noch wunderbare Dinge, der sich ganz mit seinem
Schicksal verknpft, das fhrt ihn durch Glaub, Hoffnung und Lieb, und das
Mrchen endet auf eine eigne Art. - Wenn es so enden soll, sagt die Gnderode
wieder, dann ist der Clemens der Jngling, seine neue Geliebte ist der Knabe und
wir zwei sind die zwei getreuen Hunde, die zwar ihn warnen, aber nichts
vermgen, htt es aber nach meiner Art geendet, so warst Du, Bettine, der Knabe.
-
    Ja, wir beiden treuen Hunde von Dir, lieber Clemens, ahnen ein schwer
Gewitter ber Deinem Haupt. - Wir mchten Dich wieder nach Hause persuadieren
und Dich beschwren, den Block zu fliehen, wenn Du auch ein Weilchen die Ketten
mit Dir noch herumschleppen mut. -
    Ach Clemens, ich bin mde und bin wie krank, aber es wird schon besser
werden, knnt ich nur zur Gromama nach Offenbach; die Luft ist mir dort
zugetan, sie brachte mir immer gute Botschaft von Dir, besonders im Frhling, da
war die Luft ganz wrzig von aller herzlichen Begeistrung der Bruderliebe. Die
Gnderode sagt auch zu mir, geh nach Offenbach, aber nun hat mir gestern der
Grtner meinen Orangenbaum geschickt und meinen Feigenbaum und den Granatbaum
voll Knospen, wer wird sie pflegen, bis ich wiederkomme? - Ich hng an diesen
Bumen, die nun schon zum zweitenmal mir blhen, ich bin ihr Spiegel, sie sehen
sich in mir, sonst sagt ihnen keiner, da sie schn sind, - so will ich hier
bleiben. - Aber die Schwalbe dort, die alle Jahr am Dachfenster baut, und der
zulieb ich nachts es offen lie, und die hereinkam morgens, mich zu gren, wenn
ich noch schlief, die wird nach mir suchen, und der Lavendel, der jetzt blht,
wer wird ihn abschneiden? Es wird alles verkehrt gehen dort, ich will hin auf
acht Tage nur. Ich hab mit Bumen und Struchern zu reden, hren sie meine Rede
zu ihnen nicht mehr, so werden all sie meine Sprache wieder vergessen. - Oft am
Fenster frh, wenn der khle Wind von Osten her den Tag ankndigte, sah ich den
Mond noch am Himmel mit dem Morgenstern sich unterhalten. Alles ist Mitteilung
in der Natur, alles hat Flammenzungen, selbst der kalte Quell, in dem Du Dein
Antlitz badest! Denn: ist Klte nicht auch Feuer? - Ob der Schnee nicht die
glhende Asche ist, die vom Himmel herabfllt, Du kannst's nicht wissen! -
Gleich drauf, als er die Asche abgelagert hat, entzndet sich die blhende Erde,
die dftereiche, - alles wird Flamme, der Vogel, der im Busch hpft, ist ein
spielend Flmmchen, und so alles Leben ist Flamme des erschaffenden Geistes! -
Wer ist aber dieser? - Ich bin, die es zu denken vermag und im Gedanken den
Glauben verbirgt wie den Keim im Busen der Erde. Der Glaube ist die Kunst, die
Macht und die Kraft des Schpfungswerkes! - Sie wird stille stehen, die
Welterzeugung, die Schpfung - wenn wir sagen, weiter gibt es nichts, als was
wir durch die bedingende Grenze unsers Wissens erlauben, da es sei. - Ja wohl
auch - weiter gibt's nichts! Ich erlaub aber alles, was ich zu denken vermag,
da es gleich sein darf. Wie soll ich das Schpfungswort: Es werde, mir anders
auslegen? - Ich glaub daran, da wir einander begreifen sollen, wir geschaffne
Wesen - da im Begreifen das Erschaffne liege, da im Erschaffen die
Unsterblichkeit ihren unendlichen Keim herauftrgt zum Licht! - Licht! - Licht!
- Was ist das? - ist's das, was wir mit dem dunklen Blick unseres Auges
auffangen? - Was uns den Vorhang wegzieht, der Nacht und Flur und Wlder zeigt
im Schmuck der Farben? - Ja, das ist's, aber wo ist sein Ende? - Es erleuchtet
die Unendlichkeit in die Ewigkeit hinein. O, was ist in der Ewigkeit mglich? -
Die offne Pforte, aus der die Schpfungskraft niederwallt, ein voller
unversiegbarer Strom! - Das Lichtelement, - der alles umfangende Scho dessen,
was der Geist begreift. - Dies Begreifen ist ein Lichtschpfen; das ist der
Gedanke. Denken ist, einen Leib annehmen, das ist Wirklichwerden! - Wer aber
dies Wirklichwerden erzeugt, der ist eine erschaffende Kraft! Diese Kraft ist
die Unsterblichkeit im Menschen, wer sie bt, der kann nicht vergehen, was aber
nicht in ihr liegt, das ist Asche, die niederfllt, wie der Schnee niederfllt
von der Himmelsfeste. Diese Geistesasche liegt schtzend ber dem nachkommenden
Weltenfrhling, er wird durchdringen mit seinen tausend und aber unzhlbaren
Flammengeschlechtern, die alle zur Unsterblichkeit sich aufschwingen, die alle
Tatkraft werden der Erschaffung! Ja, das ist die Werksttte des Gottes, sie
heit Weltengeist, in ihr wirkt die Menschheit das Unendliche, nur um selbst
unendlich zu sein! - Und ich bedenke dies und frage mich, was fr ein Werk in
der Schpfung soll ich doch vornehmen? - Damit ich meine Unsterblichkeit feste
und sie durch die Ewigkeit strahle, denn alles Tun ist nur Selbsterhaltung, und
was ich nicht belebe mit meinem Geist, in dem bin ich gestorben, aber den Tod
soll ich bezwingen, das ist die Aufgabe der Unsterblichkeit.
    Wie tief fhle ich's, da es so ist und sein mu! - Und ich getraue mir, in
meinem Geiste diese Schpfung fortzufhren in dem, was mir am nchsten liegt,
was mich anspricht um Erlsung! - Es sind die Blumen, die wollen von mir
begriffen sein, allerdings um ihrer selbst willen! - Sie sind verstanden in
allen Winken, die sie uns geben, so sind sie in eine neue Sphre geboren, und
auch sie sind unsterblich durch den Begriff, der sie immer weiter erzeugt! - so
ist's gewi, da sie eine Sprache fhren, die ganz mit unsern Empfindungen
verwandt ist, sie reden also mit uns! - Nun? - Haben wir denn keine Antwort? -
Keine Mitteilung ihnen zu machen? - Ach nein! Eine Blume ist ja nur ein
Fragzeichen der Natur; - die ganze Natur ist Sprache, die Blume ist ein Wort,
ein Ausdruck, ein Seufzer ihrer vollen Brust! - Ja die Blume spricht auch fr
sich zu Dir, aber die ganze Natur bedarf ihrer, um sich selbst auszusprechen,
und alles Sein ist ihre Sprache, so redet die Natur mit dem Geist! Und diese
liebende Unterhaltung ist die Nahrung des Geistes, daraus schpft er seine
Unsterblichkeit, da er sie begreifen lernt und durch den Begriff sie eben
forterzeugt. Also ein Erzeugender kann nicht sterben, denn in ihm wrde die
Unsterblichkeit untergehen! -
    O lache mich nicht aus mit meinen Reden, es ist nichts, es ist Kopfweh,
unendliche Mdigkeit; schlafen verlangt's in mir! An die Mereau soll ich
schreiben? - Was denn? - Ich kenne sie nicht, sage mir, was sie ist, so will ich
einen Stein in den Brunnen werfen, ob sie versteht, was der ankndigt.
    Am Morgen nach einer wohldurchschlafenen Nacht mu ich doch dem Brief von
gestern noch einen menschlichen Schlu geben, Du knntest sonst glauben, ich
habe mich verstiegen (bergeschnappt). Clemens, was hab ich Dir vorgeplaudert? -
Ich will's nicht wieder lesen, sonst wrde ich's vielleicht zerreien, und einen
zweiten schreiben kann ich nicht. Gestern war ein Kopfwehtag, heute bin ich
wohl, aber matt und sehr aufgelegt zum Schlummer, und es ist mir doch so bequem,
da ich mir selber angehre, und nichts will ich von allem behalten, was mir auf
ewig sollte bleiben. bertrage meine Liebe zu Dir auf die gute Sophie! Ich werde
dann kommen und naschen wie ein Ktzchen von dem, was ehmals mein war! - Adieu
doch! ich bin schon ganz froh, da ich nichts mehr zu hten habe mit sauerem
Schwei. Lieber ein Bettelmann sein als ein Hter von etwas, was einem doch
nicht gehrt!
                                                                         Bettine


                                 Liebe Bettine!

Ich bin sehr betrbt, da Du mir gar nicht schreibst, ich bin immer in ngsten,
Du mgest krank oder unwillig auf mich sein, auch Sophie ist betrbt darber,
denn sie liebt Dich gar sehr, ich habe mir alle Deine Briefe von Marburg
schicken lassen und sie ihr vorgelesen, Du glaubst nicht, Liebe, wie sie das
rhrt, und tglich, wenn ich vertraulich mit ihr zusammensitze und uns recht
wohl wird, spricht sie: Ach, wenn doch Bettine bei uns wre! Sie wird durch
Deine Freundschaft recht glcklich werden, bis jetzt hat sie auf Erden noch
keine Seele gehabt, die sie so recht lieben konnte, sie ist ihr ganzes Leben
durch wohl grausamer getuscht und mihandelt worden als irgendein anderes
gtiges und schuldloses Wesen, und allen hat sie vergeben, alles hat sie
vergessen, ist nicht menschenfeindlich gesinnt, ist immer freundlich, mild und
unendlich anmutig, ich habe eine ruhige, herzliche Empfindung fr sie, die ich
vorher nie gehabt, und auch sie liebt mich tglich mehr und inniger, und wir
vertrauen unserm Geschick, das uns voneinander gerissen, um uns einander besser
wieder zu geben. Liebe Bettine, ich habe Dich so unendlich lieb, so lieb, als
ich Dich je liebte, ich fhle immer mehr, da Du mein Herz genhrt und erhalten
hast. Du hast mich zu dem Menschen erzogen, den meine Geliebte achten und lieben
mu, ohne Dich wre ich verzweifelt am Leben und an dem Heil. Ich wollte, Du
knntest mich verstehen, ich wollte, Du knntest recht deutlich fhlen, wie Dir
nichts durch meine Liebe zu Sophien entzogen wird, nein, ich fhle tief im
Herzen, wie ich mich durch sie in Deiner Liebe verherrlichen kann, ich werde,
durch sie zur Ruhe gebracht, alle die Krfte meines Geistes und meines Herzens
im Tchtigen glcklicher entwickeln, ich werde ohne Sehnsucht, ohne Begierde die
Augen auf mein Tagewerk wenden knnen und es zur Ehre meines Lebens vollenden,
Du bleibst ewig meine Richterin, Du bleibst das Ma meiner Empfindung und mein
vertrauter Gott auf Erden. Wie Du liebst, Bettine, solcher Liebe wird auf Erden
nicht genug getan, und wen Du an Dein Herz schlieest, der betet, Deine Arme
aber berreichen ihn, sie reichen in den Himmel und holen den Segen herab fr
den Frommen, den Du liebst. - Liebes Kind, wir werden noch einstens sehr
glcklich sein auf Erden, denke Dir, wenn Du die Gattin eines einfachen
vortrefflichen Mannes wrst, der mich liebt, und ich und Sophie, wir alle viere
leben in inniger Verbindung und teilen alles und ehren uns gegenseitig und
lernen uns einander das Vortreffliche ab. Ich habe das feste Vorgefhl, da es
uns bald so werden wird, und ich bete darum zum Himmel, Du kannst meinem Himmel
nur recht vertrauen, denn er liebt Dich, und gewhrt er Dir meine Bitte nicht um
meinetwillen, so ist es doch um eines gewissen lieben Kindes willen, um die
geliebteste Bettine. Ich bin jetzt tglich bei dem vortrefflichen Bildhauer
Tieck, der mich sehr lieb hat, es ist etwas Entzckendes, ihn arbeiten zu sehen,
wie er Gtter und Menschen mit einem kleinen hlzernen Spatel aus Ton
herauszaubert. Ich wnschte Dich oft zu mir her, da Du das auch sehen knntest.
Ich hoffe Dir bald etwas von seiner Arbeit schenken zu knnen, um es auf Deinen
Tisch zu stellen, er hat mir es versprochen. - Ich bitte Dich nochmals herzlich,
mir ja gleich und viel zu schreiben, und wenn Du Sophien auch schreiben
wolltest, so recht, wie es Dir ums Herz ist, ich glaube, es wrde sie sehr
freuen. - Ich bat Dich in einem Briefe um eine Puppe fr der Mereau ihr Kind,
ich bitte Dich nochmals herzlich darum, die Kleine plagt mich alle Tag, und hier
kann man keine leidliche haben. Schreibe mir doch ja, so glcklich bin ich doch
nicht auf Erden, da einige Worte von Dir mich nicht unendlich glcklicher
machen knnten, sei mir tausendmal gekt; gre Gundel von Herzen.
                                              Dein Clemens, bei Doktor Fr. Mayer


                                  Liebe Seele!

Schon viele Tage war ich sehr betrbt, gar keinen Brief von Dir zu haben, ich
war oft recht ngstlich, Du mgest mich nicht mehr recht lieben, und ich wre
doch so recht unglcklich ohne Dich. Heute wollte ich Dir nun mein Leid ber
Dich recht klglich beschreiben, und da erhielt ich denn Deinen einzig lieben
Brief, der mich wieder ein bichen traurig macht, auf eine andere Weise. Da Du
Sophien nicht recht leiden magst oder vielmehr Dich gegen sie verschliet,
betrbt mich, wie sehr! - Deine Liebe ihr bertragen? - o mein Kind, das ist
auch wunderbar - wem auf Erden knnten wir unsre Liebe zueinander bertragen? -
Ich schwre Dir, liebe Bettine, ich wrde nie ein Weib nehmen knnen, bei dem
ich Dich entbehren knnte. Ich werde glcklich sein mit ihr, wenn Du mit
glcklich sein willst; sie wird mit mir in meine Einsamkeit nach Marburg ziehen,
- den Winter schon wird sie mein Weib sein, st - st - kein Wort davon geredet. -
Wir wagen keine Freiheit, wir sind beide gut und vernnftig, unsre brgerlichen
Verhltnisse werden sich nicht verwickeln und uns strangulieren! - Wir sind
vergngt und leicht. Das ganze Blatt hat sich berhaupt gewendet, sie liebt mich
jetzt leidenschaftlich, wie ich sie sonst liebte, und ich bin ruhig. Ich werde
nicht an ihr handeln, wie sie einst an mir, sie wrde sterben, - sie ist sehr
gut und resigniert auf alles um meinetwillen. Doch lerne sie kennen, und dann
liebe sie, dann hasse sie, Du wirst berhaupt entscheiden ber uns. Schreibe mir
noch immer hierher, aber um Gottes und des Himmels willen schreibe mehr das
Unmittelbare, was mich und Sophie angeht; wenn Du es nicht tust, das krnkt mich
unendlich. Nochmals aber bitte ich Dich, der Mereau selbst zu schreiben!
    O Kind, Du willst mit Blumen und Krutern Dich einlassen und glaubst schon
sie zu verstehen. Warum willst Du den Kreis des Vertrauens nicht auch ihr
aufschlieen? - Sie auch wirst Du erlsen aus einem bezauberten Kreis der
peinlichsten Gefhle! - Mich liebt sie mehr wie ihr eigenes Leben, und Du, die
ich so liebe, Du stehst starr und stumm vor ihr, als gehre sie nicht zu Deiner
Welt. - Du stoest sie aus? - Was hat sie Dir getan? Schreib es ihr, sie wird
sich dann verteidigen, denn sie liebt Dich innig und liest immer in Deinen
Briefen und lernt lieben daraus! - Sonst kenne ich mehrere vortreffliche
Familien, so was ich und Du vortrefflich achten, Leute, die mich leiden mgen! -
Und besonders lege ich mit meiner Gitarre und Deinen Kompositionen viel Ehre
ein.
    Alle Abend sitze ich mit irgendeiner Gesellschaft bis spt in die Nacht und
singe und spiele, da mich alles lieb hat und hinterdrein doch wieder auf mich
schimpft, das gehrt sich aber so auf dem Weimarer Plundermarkt. Ich bleibe wohl
noch ein paar Wochen hier, drum schreibe immer hierher; sehr erfreuen knntest
Du mich, wenn Du mir, was Hoffmann komponierte, wenn auch blo mit
Klavierbegleitung, abschreiben lieest, aber bald, und mir es schicktest.
    Vor einigen Tagen war ich in Lauchstdt, sechs Meilen von hier; ein Badeort,
wo whrend der Kurzeit die hiesigen Schauspieler spielen, dort sah ich das neue
Stcke von Goethe, die Eugenie, es wurde schlecht gegeben, aber es ist, nu, es
ist halt von Goethe. - Als ich in die Promenade dort trat, wer kam mir zuerst
unter die Augen? - Minna R-bach, das Mdchen von Altenburg, das ich einst
liebte, Perigot, der Pariser (lt Dich gren), fhrte sie. Perigot begrte
mich, sie erblate; sie hat einen dummen reichen Mann geheiratet, sie ist sehr
unglcklich. Bei Tisch saen wir fters nebeneinander, sie war sehr verlegen,
ich redete kein Wort mit ihr; am Abend vor ihrer Abreise machte ich durch
Perigot die Bekanntschaft ihres miserablen Mannes, den ich bat, mich seiner Frau
zu prsentieren, er tat es; ich setzte mich neben sie und sagte ihr leise:
Nicht wahr, Minchen, ich hatte recht, es geht dir recht schlecht, wie ich dir
gesagt habe. - Da weinte sie beinah und mute tanzen gehen; ich aber entfernte
mich und setzte mich allein in die Allee, wo ich recht vergngt an Dich
gedachte, wie doch die andern Weiber alle nichts gegen Dich sind! - Du sollst
bald eine groe Freude haben; ein Geschenk erhltst Du in einigen Wochen von
mir, so kstlich, so lieb, so hast Du in Deinem Leben nichts gehabt, ich mchte
es gar zu gern sagen, was es ist, aber ich denke durch mein Stillschweigen Dir
einige Briefe abzujagen. bermorgen wird es angefangen, nun Du wirst ein freudig
Wunder daran erleben, aber hre, sei mir auch gut und halte auch mehr auf
Sophien. Lebe wohl, fr Puppe, Chemisettchen und Rock danke ich.
                                                                    Dein Clemens

Ich schreibe Dir morgen einige Gedichte ab, die ich gemacht.


                                Lieber Clemens!

Eins hab ich ganz vergessen Dir zu sagen, da Marianne ihr Gedicht von mir
empfangen hat! Ich war so sehr betubt, als ich Dir das letztemal schrieb, wie
es immer geht, wenn ein tiefer Traum durch nichts sich abwlzen lt, wenn
alles, was das uere Leben hinzubringt, von ihm ergriffen wird, um sich tiefer
hineinzutrumen, wenn jedes zufllige Ereignis neue Traumverflechtungen bildet.
- So war mir's, und so ist mir's noch hier in dem alten Stadtleben! Diese
Empfindungen, diese Erinnerungen meines Traumlebens mssen erst ganz abgestorben
sein, ehe ich offen und frei mit Euch sprechen kann ber das Wie und Warum. Denk
Dir eine Schferhtte mit einer Wiese umher mit duftendem Grn, ein Muster
einfachen Glckes, die Lmmer hatten da ihre poetische Trift, - die
niederregnenden Blten versprachen Frchte! - Und nein! Du hast geirrt, es war
da keine Wiese, es war nur ein Traum hinter einem grnen Bettvorhang! - Ich reib
die Augen, ich frag, ist's mglich? - Es war doch alles so wahr in jener Heimat,
da ich mich in dies Erwachen nicht finden kann, und nun wei ich nicht, ob ich
nicht jetzt eben erst in die Traumpforte trete und entschieden ist, ob ich jetzt
trume oder frher getrumt hab, bis dahin werd ich an Deine Sophie nicht
schreiben. - Ach Clemens! Das deucht Dich wunderlich, eigensinnig vielleicht,
und widersprechend Deiner Bitte, Deiner Sehnsucht! - Aber Dein letzter Brief
fhrt ja da schon wieder ein Minchen R-bach auf, die Du einst liebtest, von der
ich nichts wei! - Und war das kein Traum von Dir? - Und nun fhrst Du den Traum
fort, so wie Du sie kommen siehst, gehest Du wieder auf Deinen Traum ein; Du
gehst an ihr vorbei, tust im Traum, als ob Du sie nicht kennst, schleichst Dich
dann an sie heran, um ihr Vorwrfe ins Herz zu schleudern, die sie verdient, wie
Du meinst, und zuletzt wachst Du auf mit der Satisfaktion, Deiner frheren
Geliebten eine Rte und dann eine Totenblsse abgejagt zu haben. Du erzhlst mir
Deinen Traum, wie Du eben im Begriff stehst, mich in einen neuen Traum mit
hineinzureien; - was soll ich mich willkrlich brauchen lassen, da ich wirklich
bin, in Geschichten, die unwirklich sind? - Wollte ich mich da gleich bereit
finden lassen, Du knntest nach geraumer Zeit, aus diesem Traumleben erwachend,
mir Vorwrfe machen, Illusionen in Dir genhrt zu haben, die dann zu nichts
zerfallen! - Du sagst jetzt schon, Du liebtest sie nicht mehr wie sonst! - Du
sagst, da sie selbst Dich einmal verworfen habe. Ach, was kann mich denn
abhalten, Dir zu dienen als die Gefahr, die Du dabei lufst! War ich nicht
manchmal schon die kleine Rettungsinsel, wenn alles rund um Dich her
berschwemmt war? - Soll ich mich nun auch berschwemmen lassen? Da Du nicht
weit, wohin Du den Fu setzen sollst, wenn die Flut ber Dich gestrzt kommt?
Wenn Ihr beide Euch wirklich wach glaubt, so entschuldigt mich, da ich so
traumversunken bin und mich nicht zu Euch hinbertrumen kann! - Und
entschuldigt es, da dies alles eine Sorge ist um Dich, die mich im Traum
gepackt hat.
    Weiter wei ich Dir nichts zu sagen, als da ich mde und schlfrig bin.
Gestern waren wir auf der Gerbermhle, die Gnderode mit mir, welch himmlischer
Aufenthalt; warum kann man's versumen, wenn man die Sonne so untergehen sah,
da man sich wieder auf dem Platz einfindet, um sie am Morgen wieder zu
empfangen! - Adieu doch! -
                                                                         Bettine

                                   An Bettine


Du hast nun wohl meinen letzten Brief, der mit dem Deinigen sich gekreuzt hat,
und ich hoffe, er hat Dir einen ruhigen, ja glcklichen Eindruck gemacht, damit
die Verwirrungen der Sprachen wie in Babylon nicht den Fortbau unseres Glckes
hindern.
    Was hat Dein Brief mir und der armen Sophie fr eine Angst gemacht, ich
begreife Dich nicht! - Hab ich Dir nicht mehrmals gesagt, da von Dir meine
Zukunft abhnge, da es Dein Wille ist, ja Deine Neigung, die mich bewegt zu
allem, die mich lenkt! - Und ich sage Dir nun, da ich Sophien nie heiraten
werde, wenn Du sie nicht liebhaben kannst, das ist auch ihre feste
Entschlieung, und sie opfert mehr dabei auf als ich, denn sie liebt mich mehr
als ich sie liebe, sie hat keine Bettine, ich habe eine, die ich ewig mehr
lieben werde als alle Menschen! Es ist mir ewig leid, da ich darber an andre
geschrieben habe. Man scheint alle Glocken bei einer Sache angezogen zu haben,
die gar nicht der Mhe wert ist; was hat man Dir ber uns gesagt? - Sag es
aufrichtig. Dabei sitzt Du in Frankfurt zwischen trostlosen Wnden und weit Dir
keinen Rat! Hast Du denn gar kein Vertrauen mehr zu mir? - O liebes Herz, sei
ruhig! Glaube an mich und verirre Dich nicht! Auch der Traum hat seine Ansprche
an die unverkmmerte Wahrheit; das zu schne Leben ist ja Traum, und wenn Du
erst mit uns beiden vereint bist, dann ist mein Leben zu schn, und dann trumen
wir alle drei glcklich, und Du wirst's doch nicht scheuen, im Traum Deinen
Bruder glcklich zu fhlen, glcklich zu machen! -
    Jetzt erst merke ich, wie ich von den Leuten verschieden bin, denn meine
Idee, mich mit Sophie zu vereinigen, ist mir eine der einfachsten meines ganzen
Lebens; ich kann Dich versichern, zu Dir aus meiner Stube in die Deine zu gehen
war mir immer wichtiger und mit mehr Sorge verknpft; Deine Angst aber ist nicht
in der Ordnung. Du solltest mich so lieben, da alles, was ich mit Gleichmut und
Ruhe tue, das heit: da alles, was ich eigentlich tue, Dir gar keine Sorge
machen knnte. Schau mir in die Augen, mein Kind, mein treues, gutes Kind, und
stre Dich nicht, was an meiner Seite vor sich geht; es geht uns beide nichts
an, wir mssen unser Sein, unser Denken miteinander, nicht mit der Welt
vermengen, sonst gibt es Schmerzen. So wie Du allerlei bles ahnest, so ahne ich
Gutes, oder doch vielmehr ganz ordentliche ruhige Begebenheiten und erschrecke
nur darber, wie Dich etwas so ganz Gewhnliches in Sorgen setzen kann! - Ich
sage Dir daher nur noch einmal, Sophie wird nicht mein Weib, wenn Du sie nicht
lieben kannst, aber Du wirst sie lieben, das ist gar nicht anders mglich, sie
wird Deinetwegen expre nach Trages kommen, sie hat eine Begierde nach Dir wie
noch nie nach einem Menschen. So oft ich ihr einen solchen Sorgenbrief wie den
letzten Deinigen bringe, wird sie immer sehr gerhrt und betrbt, aber wenige
Minuten drauf wird sie wieder froh und viel mutiger als vorher, sie fhlt sich
so viel, viel besser als man von ihr denkt, und freut sich inniglich darauf,
unsre Liebe zu gewinnen. Ich versichere Dich, ich werde so glcklich mit ihr
sein, als man es dans ces pays bas auf dieser Erde sein kann, und das Schnste
bei dem allen ist, da wir uns gar nicht strend sein werden, da das Schwere,
Plumpe der gewhnlichen Ehe uns nicht berhren soll; wir werden leben, wie es
Schneeflocken zusammenschneit, und wie die zerrinnen, wenn ein neuer Frhling
kommen sollte, so werden auch wir zerrinnen, wenn wir nicht beisammen bleiben
sollten usw.
    Mache mich nicht unglcklich, liebes Kind, sei nicht traurig um mich, ich
schwre Dir, so wahr als Gott und unsere Liebe lebt, es ist da nichts, was Dich
mit Recht betrben kann! Vertraue mir ganz, aber verstelle Dich nicht, als seist
Du ruhig, wenn Du es nicht bist. Ach, aber welcher gttliche Beweis von Deiner
groen Liebe zu mir wre es, wenn Du mit aller Innigkeit so recht aus ganzer
Seele mir vertrautest! Wenn Du wirklich ruhig wrdest und zu Dir sprchst: der
Clemens kann nichts tun, was mich betrbt, er wird mein Glck nur vermehren, nur
befestigen knnen; in diesem Vertrauen will ich auf die Zukunft mich freuen.
Liebes Kind, blicke um Dich auf die Herrlichkeit Gottes in der Natur und in der
Kunst und in unserer Liebe, liebes Kind, lasse Dich keine Sorge einnehmen. Ein
tchtiger Mensch kann nicht unglcklich werden, ich fhle, ich kann es nicht,
denn ich bemerke mich nicht mehr, so klein bin ich gegen Natur, Kunst und die
Liebe, und so auch tue Du.
    Es wre sehr betrbt, wenn Dich dieser Brief gar nicht ein bichen trsten
sollte, er geht mir so recht von Herzen! - Gunda schreibt mir aus Frankfurt, Du
seist sehr krank gewesen aus Liebe und Sorge zu mir, deswegen httest Du mir
nicht geschrieben, Du seist so krank gewesen, da die ganze Familie um Dich
besorgt gewesen sei! Mein Kind, ist das wahr? - Und Du httest es mir
verschwiegen? - Das krnkt mich, das ist gewi ein Schreckenberger von der
Gundel! Liebes Kind, nehme Dich zusammen, sei lustig und vergngt, ich schwre
Dir, es ist auch nicht fr zwei Pfennige Elend auf der Erde, und ich hab gar
nicht ntig, besorgter oder vergngter als sonst zu sein; denn es wird ewig beim
Alten bleiben; die Natur strengt sich nicht an, natrlicher zu sein, Gott hat
bis dato noch keine Ursache gefunden, gttlicher zu werden, der Mensch ist so
menschlich als genug, und der Clemens ist und bleibt halt der Clemens, und wenn
ich sechstausend Weiber nehme, so werde ich immer nach wie vor der Clemens sein.
Ich wrde auf die letzten Nachrichten von Euch gleich zu Dir gekommen sein, wenn
mich nicht folgendes abhielt: erstens kann Sophie nicht eher nach Trages reisen
als in ungefhr vierzehn Tagen, und ich kann sie doch nicht allein hinreisen
lassen; zweitens will ich meine Bste von Tieck fr Dich modellieren lassen und
der konnte noch nicht anfangen, weil ein groer Bacchus, den er macht,
umgefallen und zerbrochen ist, so da er ihn erst von neuem machen mute. Diese
Bste ist das berraschende Geschenk, was ich Dir versprochen habe, es wird Dir
groe Freude machen; er giet einen nicht ab, wie Franz und Toni abgegossen
wurden, er modelliert einen aus freier Hand! - Ich will nun doch nicht eher von
hier gehen, bis ich Dir mein Wort gehalten habe! -
    Savigny schrieb mir heut, er habe einen Brief von Arnim an mich, ich aber
habe den Brief noch nicht, auf den ich unendlich ungeduldig bin; er hat ihn
Christian gegeben, ihn mir zu schicken, und der ist ein kommst du heut nicht, so
kommst du morgen! -
    Eben erhalte ich zu meinem haarzubergerichtenden Erstaunen beiliegenden
verwirrten Brief der Gromutter! Ich wei nicht, was er bedeuten soll. Es mu
ihr von hier aus, wo vom Schuster bis zum Herzog alles von mir und der Mereau
spricht, manches Unwahre erzhlt worden sein; - sie spricht mir auch von Dir! -
O sei um Gotteswillen nicht betrbt ber mich, wolltest Du denn, da ich nie
heiraten sollte? - Liebe Bettine, wenn Du es verlangst, so will ich das einzige
Weib, was mich als Gattin glcklich machen kann, verlassen und will ein
Einsiedler werden! Sei doch ruhig und setze mich nicht in Angst. Ich wei mir
nicht zu raten und zu helfen, wenn Dir es nicht wohl wird. -
    Heut hab ich ein Liedchen an Arnim gemacht und eine schne Melodie dazu, ich
wei noch nicht, wo er jetzt wohnt, drum schicke ich es Dir allein, da er noch
wohl in Deinem Herzen wohnt. Mdchen! Wenn Du meine Freunde so lieben kannst,
warum wehrst Du Dich so gegen meine Freundin? -
    Wunderlich ist's, da alle Leute, welche die Mereau kennen, sich ebenso
wunderlich gegen unsere Verbindung wehren; wie Ihr auf sie zrnt, so zrnen sie
auf mich. Ja, zieht und zerrt nur, wir lieben uns, und Ihr mt Euch einst noch
freuen daran!
    Dies Liedchen ist das beste, was ich gemacht habe, mir ist es recht wie dem
Jger!




                            Der Jger an den Hirten!


Durch den Wald mit raschen Schritten
Trage ich die Laute hin,
Freude singt, was Leid gelitten,
Schweres Herz hat leichten Sinn!

Durch die Bsche mu ich dringen
Nieder zu dem Felsenborn,
Und es schlingen sich mit Klingen
In die Saiten Ros' und Dorn.

In der Wildnis wild Gewsser
Breche ich mir khne Bahn,
Klimm ich aufwrts in die Schlsser,
Schaun sie mich befreundet an.

Weil ich alles Leben ehre,
Scheuen mich die Geister nicht,
Und ich spring durch ihre Chre
Wie ein irrend Zauberlicht.

Haus' ich nchtlich in Kapellen,
Strt sich kein Gespenst an mir,
Weil sich Wandrer gern gesellen,
Denn auch ich bin nicht von hier.

Geister reichen mir den Becher,
Reichen mir die kalte Hand,
Denn ich bin ein guter Zecher,
Scheue nicht den glhen Rand.

Die Sirene in den Wogen
Htt sie mich im Wasserschlo,
Gbe, den sie hingezogen,
Gern den Fischer wieder los.

Aber ich mu fort nach Thule,
Suchen auf des Meeres Grund
Einen Becher, meine Buhle
Trinkt sich nur aus ihm gesund.

Wo die Schtze sind begraben,
Wei ich lngst, Geduld! Geduld!
Alle Schtze werd ich haben,
Zu bezahlen meine Schuld.

Whrend ich dies Lied gesungen,
Nahet sich des Waldes Rand,
Aus des Laubes Dmmerungen
Trete ich ins offne Land.

Aus den Eichen zu den Myrten,
Aus der Laube in das Zelt
Hat der Jger sich dem Hirten,
Flte sich dem Horn gesellt.

Da du leicht die Lmmer htest,
Zhme ich des Wolfes Wut,
Weil du fromm die Hnde bietest,
Werd ich deines Herdes Glut.

Und willst du die Arme schlingen
Um ein Liebchen zwei und zwei,
Will ich dir den Baum bald zwingen,
Da er eine Laube sei.

Du kannst Krnze schlingen, singen,
Schnitzen, spitzen Pfeile s,
Ich kann ringen, klingen, schwingen
Schlank und blank den Jgerspie.

Gib die Pfeile, nimm den Bogen,
Ich bin Ernst, und Du bist Scherz,
Hab die Sehne ich gezogen,
Du gezielt - so trifft's ins Herz.

Schreib, mein Kind, sei ruhig, Heiopopeio, in drei Wochen kssen wir uns.
                                                                         Clemens
                                                           Weimar, 23. Juli 1803


                                 Liebe Bettine!

Gestern abend war ich bei Sophien, sie war ungewhnlich schwermtig, auch ich
war nicht vergngt, der Gedanke an Deine zrtliche Angst um mich versetzt uns
beide oft in solche Trauer; wenn ich ihr dann erzhle, wie ich Dich ber alles
liebe, wie ich Dich so vortrefflich halte, so wchst ihre Sehnsucht nach Dir
unendlich und mit dieser ihr Mut. In dieser Idee Deiner Liebe gewi wrdig zu
sein, Dir nah zu sein, Deine geliebte Freundin zu werden, von Dir vieles zu
erlangen, was sie bis jetzt umsonst auf Erden gesucht hat, ergriff sie eine
innerliche himmlische Heiterkeit, sie ward ruhig, und ihr Anblick gab mir eine
eigne Seligkeit. Heute morgen schickte sie mir beiliegenden Brief an Dich, den
sie noch spt in der Nacht in jener hoffnungsvollen liebenden Begeisterung
geschrieben hat; ich zweifle nicht, Du vortreffliches, geliebtes Herz, da Du
die Seele dieses Briefes ehren wirst, da Du ihr aufrichtig, ohne Delikatesse,
ohne alle Resignation antworten wirst; Wahrheit sage auch ihr, sage alles, was
Du empfindest, sie kann alles ertragen um meinetwillen, und sei recht ruhig und
zufrieden; wenn Du sie kennen wirst und sie keineswegs lieben kannst, so wird
sie nie mein Weib. Ich mu noch an Savigny schreiben; drum lebe wohl; ich bitte
Dich herzlich, schreibe mir fter, aber ums Himmelswillen lauter Wahrheit! -
mein, Dein, Sophiens Glck hngt davon ab. Heute hat Tieck meine Bste fr Dich
angefangen.
                                                                         Clemens


                                   An Clemens

Was uns nah ist, lieben wir innig im Leben, was uns nher ist, knnen wir nicht
genug lieben! Wer liebend auf seinem Weg weiter geht bis ans Ende, der hat die
Wallfahrt nach seiner Heimat recht als ein Kind mit aller Andacht vollendet und
kommt auch als Kind an das End seines Lebens! - Wie weise, wie ernst mssen
diese Kinder nicht sein! Wie gro, wie herrlich, und doch sieht ihnen ihre Gre
niemand an. Sie treten lchelnd in den Kreis, und wenn sie scheiden, treten sie
lchelnd wieder ab, dies ist Sonnenschein im Leben, Ihr aber seid gerhrt ber
die lchelnde Einfalt und schauert ber das geheime Geistige darin; das sind
khle Wolken, erquickender Regenschauer im Leben. - Der lchelnde Mund kmmt
nher, er kt Euch die Trnen von den Wangen, dies ist Regen und Sonnenschein
zugleich, eine Art Aprilwetter, das man Laune nennt und auf welches gemeinlich
der herrliche Regenbogen erfolgt, der Friedensbote von Gott gesandt, der die
Weltanschauung in ein freudiges Licht stellt und Milde nach dem Sturm verkndet.
So geht es auch mir. Oft hngt die Trne auf der lchelnden Lippe, und der
Friede sieht aus den Augen, von denen die Trne eben hinabrollte. Wenn nun aber
der lchelnde Mund nicht gleich bereit ist, die Trne zu empfangen, das heit,
wenn der Regenbogen nicht gleich erscheinen will, so entsteht daraus die Trauer,
die Dich ngstigt, und die Du mir fr diesmal vergeben mut, weil ich Dir mit
Wahrheit den Beweis geben kann von meiner Liebe zu Dir, da mir nichts mehr weh
tun wird, was Du auch unternimmst, da ich alles um Deinetwillen lieben werde,
was Du Dir aus voller warmer Seele aneignest; ich wei ja, da Du meinen Anteil
an Deinem Glck nicht verschmhest, mehr begehre ich nicht. Sieh, ich denke oft,
ehe man eine Hand umwendet, ist es anders mit des Menschen Gedanken und Trumen
und Entschlssen. Also mag auch noch vieles geschehen, wovon jetzt unser Herz
nichts ahnt, und was es traurig machen wrde, wenn es das jetzt schon wte;
denn wenn wir nur bemerken wollen, wie oft kein Pulsschlag, kein Wink mehr von
Dingen da sind, von denen wir uns nie zu trennen glaubten. Es ist eigentlich
entsetzlich! - Man darf nicht viel dran denken, denn sonst erscheint einem das
Leben wie ein alter Mann, der eine kindische Neuigkeit mit wichtiger Miene uns
hinterbringt, um uns etwas weiszumachen, und dem wir auf die Spur gekommen sind
und nun nichts mehr glauben wollen, und wenn wir denn immerfort denken und
grbeln wollen, so werden wir am Ende wie spukende Geister und spazieren ewig
unter unsern alten Ruinen herum, indessen die brigen sich schon neue Gebude
aufgefhrt haben. Freilich, wenn freundliche Jger sich gerne in solche
Schlsser verlieren, sich nicht vor dem geistigen Druck der geistigen Hand
frchten, unerschrocken den glhenden Becher kredenzen, mitwandlen in stiller
Mondnacht ber Flur, Berg und Tal und Strom, leise durch die Flut rauschen. - O
blieb es ihm immer so khl bis ans Herz wie dem Fischer! O knnte er doch immer
aus Thulens Becher trinken, trinken bis zum Hinsinken, wo er begraben liegt.
    Clemens, Dein Lied hat mich erfreut - es gibt eine Zeit im Jahr, wo die
Bume so festlich rauschen, geschmckt mit ihrem Laub, als ob sie den Brutigam
erwarten, und wenn wir wissen wollen, was denn die eigentliche Macht ihrer
Schnheit ist, so ist's immer ihre eigne Gestalt! So ist's mit Deinem Lied,
vielleicht auch mit Deinem Charakter, mit allem, was aus Dir hervorgehen wird
noch! - Es ist, als ob es die Vorbereitung einer festlichen Zeit sei, und wenn
wir uns nher ihm vertrauen, so ist es immer wieder es selbst! Du bist es
selbst, das Glck, auf das Du Dich so festlich vorbereitest, das Glck, dem Du
Dich anvertraust.
    Soeben habe ich Sophiens Brief erhalten, er ist zu freundlich gegen mich.
Wirklich, ich verdiene es nicht. Sie sollte mich schelten, da ich die ganze
Zeit so mrrisch gegen sie war, und nun unterwirft sie sich meinem Urteil! - Was
soll ich darauf sagen? - Clemens, was ist dies Verehren, was sich auf nichts
reimen will in mir? - Ihr kommt mir vor wie einer, der den heiligen Geist
erwartet, und weil da grade eine Taube sich zu Euerm Fenster gewhnt, so
empfangt Ihr sie mit groer Begeistrung! Und doch Deine Begeistrung hat mehr
heiligen Geist in sich als die Taube, die nur ein paar Futterkrnchen sucht. In
wenig Tagen schreib ich an Sophie; da die Post mir auf dem Nacken sitzt, merkst
Du am kurzen Atem meines Briefs. Wir gehen in wenig Tagen nach Schlangenbad;
verzgre Deine Reise, bis wir zurckkommen, denn hier bleiben kann ich nicht,
schon der Gedanke an andre Luft sagt mir, ich soll gehen.
    Apropos von der Gromama, die schon mit Deinem Vorhaben uns benachrichtigte,
noch ehe die Propheten und Vorlufer Deinen neuen Glauben verkndet hatten, die
also aus dem Urborn geschpft haben mu, nmlich aus Handbrieflein von Weimar. -
Da ich krank gewesen, ist auch wahr, ich habe Dir nichts davon gesagt, weil ich
Dir erst schrieb, als ich schon wieder besser war und Dir keinen unntzen
Schrecken einjagen wollte. Ich mchte Dir gern noch viel Liebes sagen und meiner
Treue Dich versichern, sowie auch Sophie, aber wirklich, die Zeit will nicht
warten. Adieu, ich umarme Euch tausendmal.
                                                                         Bettine


                                 Liebe Bettine!

Deinen unendlich liebevollen, seelenvollen Brief habe ich heute morgen im Bette
erhalten, er hat mich aufgeweckt, und ich habe ihn gebetet. Sei zufrieden, mein
Kind, es hat sich alles so gewendet, wie Du es wnschtest, Sophie wird mein Weib
nicht, aber meine liebe, sehr liebe Freundin. Sie selbst hat freiwillig nach
reifer berlegung dieser Verbindung entsagt, aber sie kann nicht leben ohne
mich, und sie ist entschlossen, nach Marburg zu ziehen, um meine und Savignys
Gesellschaft zu genieen. Ich habe ihr heute morgen sogleich Deinen Brief
geschickt, und die beiliegenden Zeilen schickte sie mir mit zurck, Du glaubst
nicht, wie sie Dich und mich liebt, und wie wir auf Erden ihr Alles sein werden.
Liebe kann ich nicht fr sie empfinden, aber ein Vertrauen, eine Neigung, die
nahe an Liebe grenzt. - Der Dichter Tieck war vor kurzem hier, er hat mich so
lieb gewonnen, da wir Tag und Nacht beisammen waren, ach, er ist ein recht
vortrefflicher Mann, er hat mir seinen Dornenstock, den ihm Hardenberg (Novalis)
geschnitten, geschenkt, und ich gab ihm dafr die kleine Vorstecknadel von Dir,
ich habe ihm viel von Dir erzhlt, er liebt Dich herzlich, und ich habe ihm
versprochen, Dich um ein Kleidchen fr sein vierjhriges Kind zu bitten, der
Gedanke machte ihm unsgliche Freude. Sein ganzes Wesen hat eine groe Gewalt
ber alle Menschen, wie auch Arnims Wesen eine solche Macht bt. Die beiden
lieben sich wechselseitig von Herzen. Du glaubst nicht, wie mich die Liebe
dieses Mannes gestrkt und aufrichtig gemacht hat. - Meine Bste wird in wenigen
Tagen fertig, und dann reise ich ohngefhr von heut in zehn Tagen nach Marburg
und von da nach Schlangenbad zu Dir, um Dir vieles zu erzhlen; da ich nach
Schlangenbad komme, ja von allem rede kein Wort. Freust Du Dich dann nicht auf
die Bste? - berlege es recht, welches Opfer Sophie gebracht hat fr Dich, fr
mich, ach ihre Gte ist unbeschreiblich gro, ich schwre Dir, sie wird Dir eine
teuerste Freundin werden. Lebe wohl, sei gesund, pudle Dich hbsch, bald bin ich
bei Dir. Aber um Gotteswillen schreibe noch einmal hierher, gleich von
Schlangenbad. Schicke den Brief an die Mereau.
                                                                         Clemens
Freitag, den 4. August.



                                Lieber Clemens!


Nur ein Wort, ich bin in Schlangenbad und habe soeben Deinen Brief bekommen, ich
kann Dir nur erzhlen, da ich morgen ausfhrlich schreiben will, wenn der
Genu, auf die Hhen zu steigen und in die Ferne zu sphen, mich dazu kommen
lt.
    Sophie ist wunderbar, da sie mich so gern sehen will, ich wei nicht, was
ich von mir denken soll, da ich bis jetzt noch gar nicht daran gedacht hab.
                                                                         Bettine

Gre sie von Herzen und sag ihr, ich hoffe mein Mglichstes von unserer
Zusammenkunft, aber so bald wird's nicht sein knnen, da wir sechs Wochen hier
bleiben!
    Clemens Du bist artig, und Sophie ist fein, Ihr wollt Euren Brautkranz von
mir geflochten haben, darum ist es, da Ihr ihn wieder aufbndelt und mir alle
aufgelsten Blumen in den Scho schttet! - Geschwind Wasser her, da sie mir
frisch bleiben, und dort auf der Wiese breche ich noch viele dazu, und alle Ihr
kleinen Geschlechter, die Ihr die Augen noch nicht dem Licht ffnet, seid zum
Reigen im Hochzeitskranz gebeten. Ihr sollt an Euern feinen Stielen nicken auf
der Braut ihrem Kpfchen und Ja sagen, wenn allenfalls die Braut zagt, denn! -
Es ist wahr - ich wrde ja auch gar sehr zagen - wenn ein wonnetrumender
Trunkener vor mir stnde und wollt mich fragen: Willst du mich glcklich machen?
- Und: Nein! wrde ich da sagen viel eher, aber nicht: Ja, und der Pfarrer
wrde sich wundern; und weiter wrd ich sagen: Seh, wie du fertig wirst, wenn
du durchaus und mit Gewalt dein Glck dir willst bequem einrichten, damit es
sich bei dir niederlasse! - Euch sag ich, meine teuren Freunde, denn die seid
Ihr mir jetzt, was ich nicht verdeutschen kann, was aber tief in meiner Seele
liegt. Grad vor meinem Fenster steht ein Rosenstrauch mit unzhligen
Rosenfamilien, heut morgen vom Tau ganz schwer lagerten die langen schwanken
ste beinah am Boden, ich nahm einen Zweig ins Aug, auf den grad die Sonne
blitzte, und dachte, das soll die Sophie sein, und wie ich hinunterkam, war's
eine freudige Rosenmutter mit drei Knspchen dicht ihr am Busen! - Ich hab sie
nicht abgebrochen, ich will sehen, wie sie emporkommen. Ach! Ein Knspchen ist
grad wie ein Wickelkindchen! - Ach, auch sie verlangen, da man die Lippe
zusammenziehe und ein Schntchen mache und sie ksse! - Sie wollen tndlen, sie
lchlen und wollen angelacht sein, und die Lust, wie ein Vgelchen, hpft in
ihren Zweigen!
    Ich war ja auf der Reise hierher sehr vergngt! - Auf dem Bock sa ich, und
die Neugierde, was es denn alles gb in der Welt, lie mich die ganze Nacht
nicht schlafen! - Was hab ich gesehen? - Ganz stille Landstraen mit Bumen
besetzt, die wie besessen an uns vorbeirennten! - Durch Drfer. Die kleinen
Huser sind ja auch Knospen, sie umhllen in seinen Windeln ein Geschlecht, es
knnte edel blhen; aber ihm fehlt die Luft, die reine, balsamische des Geistes.
Ach, wann wird der herabtrufeln und von welchem Himmel? - Er ist hher als der
Nachthimmel voll unzhliger Sterne, der ber meinem Haupte schwankte! - Die
Sterne strahlen gegen Morgen viel heller und freudiger, und doch sahen sie ihrem
Untergang entgegen! Alles wird schner, wenn es sich bald verndert; und wird
das wohl im Tode auch so sein? Die Wolken errteten endlich ganz freudig - und
die Sterne? - Wo waren die geblieben? - Ist das Fexierspiel im Himmel ein
schnes Spiel, ei dann nehm ich mir's heraus, und meint der liebe Himmel, er hat
mich, eh er sich's versieht, bin ich ihm entwischt. - Und eine Philosophie
schaffe ich mir gegen ihn an, die es ihm wett mache!
    Ich bin krank gewesen blo von der Gottphilosophie, die mir Gnderdchen
wollte eintrichtern, das regte mir die Galle auf und machte mir so frchterlich
Schwindel, dagegen ist nun nichts gut als ein Krutchen am Weg gebrochen! - Oder
am nchsten Bach oder auf der Wiese, wo alle Tag die Herde weidet, pflck ich's
nicht, so frit's der nchste Hammel ab! - Und damit dreh ich dem Gott den
Rcken und fress' mein Futterkraut, ich kann so nicht in die nrrische Art mich
finden vom Gastmahl im Evangelium, wo der eine, der kein hochzeitlich Kleid an
hatte, zur Tr hinauspromoviert wurde! Und doch, weil einmal ein paar gute
Schelmen etwas Besseres zu tun hatten als bei Tische zu sitzen und zu schlemmen,
wird der Herr des Gastmahls aufsssig und ladet die Krppel und Bettler ein, die
kommen zu Scharen herangehinkt und gehockt und getrampelt. Sie hatten die besten
Seiten ihrer Lumpen nach auen gehngt, der Herr des Gastmahls war damit
zufrieden. Sie ruspern sich, sie husten, sie nieen in die Suppe wie solcher
Leute Brauch; der Herr des Gastmahls lt es sich gefallen! - Sie genieen sie,
knpfen sich den Bauch auf, sie schwemmen mit kstlichen Weinen die Bissen
hinab! - Der Herr hat seinen Wohlgefallen daran. Der Weinstrom begrbt unter
seiner Woge den gastlichen Anstand. Der Herr des Gastmahls streicht sich den
Bart und geht so ganz fidel mit diesen Fleetzen um, aus Trotz gegen die, welche
sein Gastmahl nicht wollten annehmen; der eine hatte einen Acker, der andere
einen neuen Backtrog, der dritte eine Frau im Handel.
    In meinen Lernbchern aus dem Kloster, wo wir alle Sonntag muten eine
Betrachtung ber das Evangelium aufschreiben, was vorgelesen worden war, steht
folgende Bemerkung: Ich bin recht froh, da die armen Schlucker sind bei dem
Herrn zu Tisch gewesen, aber warum konnte er doch so bse sein gegen die, welche
lieber ein anderes Geschft taten, als bei ihm zu Gaste essen, vielleicht weil
sie sahen, da er den zur Tr hinauswarf, der ihm nicht gefiel, wollten sie
nichts mehr mit ihm zu schaffen haben! Ich htte mich auch gefrchtet, bei einem
so strengen Gastgeber zu essen. -
    Unsre Reisenacht hat mich ganz glcklich gemacht, obschon sie die Gegend mit
ihrem Mantel zudeckte. Auer ein paar Strohhtten, die vor Weinlaub nicht aus
den Augen sehen konnten, war nichts am Wege, ein plaudernder Bach, dessen
Mundart ich noch nicht verstehe, war unser Begleiter im engen Tal bis ins
Schlangenbad hinein, von wo aus ich Dich gre, in der Hoffnung auf vier bis
sechs himmlische Wochen! - In denen die Muse des Vielschreibens mich umtanzt. -
Du hattest mir Gedichte wollen abschreiben, Deine Liebesliedchen! - Schicke sie
mir, damit ich sie entziffern kann.
                                                                         Bettine




                                 Liebe Bettine!


Du bist ein nrrisches Mdchen, nun bist Du in Deinem letzten Brief wieder
lustig, und wir waren grade sehr traurig wegen Dir. Sophie weint oft tagelang,
sie glaubt, sie werde mich durch Dich verlieren. Nun waren wir schon
entschlossen, in ein paar Tagen nach Trages zu reisen, damit Du sie dort sehen
knnest, und nun gehst Du auf einmal ins Schlangenbad. Sophie ist sehr traurig
darber, sie wei nun gar nicht, wie sie zu Dir gelangen soll, ich bitte Dich,
schreibe bald, ob es vielleicht gar nicht mglich ist, dann gehe ich grade nach
Marburg, doch ohne Sophie, die auch dahin zieht; wann, wissen wir noch nicht.
Ich bitte Dich herzlich, werde nicht wieder ngstlich, beim Lichte besehen war
die Langeweile in Frankfurt viel dran schuld. Arnim ist jetzt in England, wohin
ich ihm nicht schreiben kann. Meine Bste erhltst Du in einigen Wochen; du
wirst sie finden, wenn Du von Schlangenbad zurckkehrst, vielleicht besuche ich
Dich dort von Marburg aus. Um alles in der Welt willen verliebe Dich in niemand,
den ich nicht kenne. Die Mnner sind auer mir, Arnim und Wrangel nichts wert
und Savigny, der aber einen starken Naturfehler hat, da er Dich nicht versteht,
kann auch noch hinzugezhlt werden, der ist aber mehr vortrefflich, als da er
mir's wert wre, folgert sich daraus. Schreibe der lieben Sophie, antworte auf
ihren lieben Brief! -
                                                                 Dein Clemens. -

Du fragst nach meinen Liebesliedern, nrrisch Kind, nicht alle Seufzer lassen
sich in Worten aussprechen, und da Du sie mit seufzen solltest, - ach nein, das
macht mich zu wehmtig, viel lieber lasse Dich mit ihnen anhauchen, an die der
Schmelz der Poesie in reinen Kristallen sich anlegt.

Von den Mauern Widerklang -
Ach! - Im Herzen frgt es bang:
Ist es ihre Stimme?
Und vergebens sucht mein Blick,
Kehret mir ein Ton zurck?
Ist's nur meine Stimme? -

Auf der Mauer hherm Rand
Sind die Blicke hingebannt,
Doch ich seh nur Sterne;
Und in hoher Himmelssee
Ich die Sterne kssen seh,
Wren's unsre Sterne!

Nacht ist voller Lug und Trug,
Nimmer sehen wir genug
In den schwarzen Augen;
Hei ist Liebe, Nacht ist khl,
Ach, ich seh ihr viel zu viel
In die schwarzen Augen.

Sonne wollt nicht untergehn,
Blieb am Berg neugierig stehn;
Kam die Nacht gegangen.
Stille Nacht, in deinem Scho
Liegt der Menschen hchstes Los,
Mtterlich umfangen.

Willst du mir Trost verleihen,
La mich aus deinen Augen
Der Liebe Schwrmereien,
Minutenwahrheit saugen.

La um des Lichtes Quelle
Die trunkne Fliege schwirren,
La, wird es ihr zu helle,
Sie in die Flamme irren.

Du sahst im Nektarkelche
Die heitre Psyche sterben,
Wenn ich noch lnger schwelge,
Lt du mich auch verderben?

Aus deines Herzens Raume
Mcht ich nur einmal trinken
Und dann zum khnsten Traume
Im Gtterrausche sinken.

Du bist die Zaubervase,
Die meinen Geist umhllet,
Und im Champagnerglase
Ist schon mein Los erfllet. -

Dies letzte kleine Gedicht, liebe Bettine, entstand, weil unsre Sophie (denn so
mu ich sie nennen, die auf Deine Gunst meines Glckes Los gesetzt hat) einen
kleinen Schmetterling retten wollte, der, nachdem er seine Flgel am Licht
verbrannt hatte, in ihrem Champagnerglas versank. - Ach Kind! Diese Gedichte
sind wie die kleinen Johanniswrmchen, die leuchtend hin und wider fahren.
    Nun sing ich Dir hier noch ein Liedchen, was aus den Saiten meiner Gitarre
entschlpfte, als ich gestern abend im Mondenschein mit Sophie am Fenster lag,
nachdem ich Deinen lieben Brief ihr vorgelesen hatte und sie recht tief bewegt
war von dem Glck, was Du ihr im Rosenbusch unter Deinem Fenster prophezeist. -

Sieh dort auf dem Wiesengrunde
Tanzen jetzt ein Elfchen munter
Unterm Rosenbusch hinunter,
Der die Bltter niederstreut.

Elfchen spielen Lotto heut,
Schreiben auf die Bltter Nummern,
Ja, du darfst nur khnlich schlummern,
Denn dein Glck kommt dir im Schlummer.

Du gewinnst die beste Nummer:
Eine Braut wirst du im Schlummer,
Drum erwachst du ohne Kummer,
Hochzeit, Hochzeit, hohe Zeit. -

Sieh, wie scheint der Mond so weit,
Und die Frsche und die Unken
Singen bei Johannisfunken
Ihre Metten ganz betrunken.

Brnstig glhn Johannisfunken,
Sternlein khl am Himmel prunken,
Und das Irrlicht hpft betrunken,
Wo du gingst, ein Jungfrulein.

Auf dem Acker glht ein Schein,
Wo beim Drachen eingetruhet
Kaltes Gold, das rot erglutet,
Fiel dein Krnzlein unvermutet

In des Drachen Gruft hinunter,
Und der Drache ist gebunden,
Und der Schatz ist dir gefunden:
Gold und Silber, Edelstein,
Und drei Rosen, die sind dein.

Diese kleinen Gedichte oder poetischen Mcken, die einen umschwirren in heiteren
Stunden, summen einem im Geist, bis man sie mit dem Reim totschlgt und in den
Busen eines Freundes einsargt, damit sie doch da anstndig begraben sein mgen!
- Deiner Treue von jeher hab ich diese Spur heiterer und beglckender Stunden
nun ganz unbefangen hingegeben; keinem andern Menschen knnt ich das. O wie sehr
fhl ich in diesem Augenblick, was Du mir bist! - Ach lasse darum diese Gedichte
einen Wert fr Dich haben, weil Du der Lebensbaum bist, der in seine frische
Rinde sie von der Bruderhand sich eingraben lt; lasse es mit Dir verwachsen
das Gefhl, da glckliche Zeiten auch mich begrten, und wenn bse Zeiten
kommen, so lasse mich in Deines Herzens Schrein die Schtze der Erinnerung
finden. In dieser Empfindung einer stillen Nacht, wo ich die Schtze der
Freundschaft und Treue, die nur in geliebten Menschen aufbewahrt sind,
berzhlte, hab ich auch nachfolgendes Gedicht an Dich gemacht:

La Dich, mein Kind, den Tadel nicht verfhren,
Vertrau, wenn Du ihn hast, dem guten Sinn
Und sprich: Nur weil ich nicht unsterblich bin,
Will die Vershnung liebend mir gebhren.

Denn Gottes Hand, sie kann uns pltzlich rhren,
Und strb der Freund mir unvershnet hin,
So wrde scharfer Tadel den Gewinn,
Da Liebe ich gegeben, mir entfhren.

Bis dahin suche Trost in dem Sprichworte,
Da Rom nicht ist in einem Tag gebauet,
Da alle alles auch zugleich nicht knnen,

Da vor dem Morgen erst der Himmel grauet,
Da trunken bunt Aurora pflegt zu brennen,
Bevor der Gott tritt aus der Sonnenpforte.

Schreib, befriedige uns, beglcke und pflege unser Glck, ersehnt, verlangt von
Deinem treuen Bruder
                                                                         Clemens

Schmerzlich ist's mir immer, wenn Du Deiner Klostertage erwhnst und nie Dich
bemhen magst, sie ein bichen zu ordnen, da Du selbst noch Material dazu hast!
- Wr's denn nicht hchst intressant, einen kleinen Katechismus Deiner
religisen Begriffe zu geben?

                                   An Clemens


Endlich komme ich dazu, laut zu sagen, was ich heimlich oft dachte. Du siehst im
Zauberspiegel die Bettine, wie sie sein knnte, aber nicht ist! -
    Ich staune an, was Du von mir glaubst und erwartest, ich wundre mich und
begreife nicht, vor was und wem Du mich warnst! - Die Gnderode schreibt, Du
habest Dir die Aufgabe gemacht, mich durch eine Wiedergeburt Deines Geistes als
Ideal zu bilden. - Ach, ich bin recht erschrocken davor! - Und mchte mich vor
Dir verbergen, da Du ja nicht dazu kommest! - Du bittest mich, mich nicht zu
verlieben; ach, Clemens, wenn Du mich nicht idealisieren willst, dann will ich
Dir das gern versprechen! Mein Herz ist nicht leicht bestechlich, und verliebe
ich mich einmal wirklich, so werd ich Dich nicht zum Vertrauten machen, aus
Furcht, da es Dir mifallen knnte. Hier im Schlangenbad hab ich mit dem Herzog
von Gotha viel zu kmpfen, der mir alle Tage von Sophie spricht, er nennt sie
seine Erate und gibt mir beiliegenden Streckvers fr sie. Ihr werdet es in der
berflle Eures Glckes nicht achten! - Warum hat er's auch gereimt und geleimt?
Was man in der Prosa zu sagen sich gedrungen fhlt, geht tiefer. -
    Ich schwelge hier, es gefllt mir alles; am liebsten ist mir der Morgen, wo
man nur Bauern begegnet, und der Abend, wo die Lichter in den Httchen brennen,
man sieht da das ganze Familienleben hellerleuchtet. - Da geh ich oft abends
spt noch mit dem Vogt hinab den Talweg, und da durch ein kleines Fensterchen
sehe ich die armen Leute sitzen und emsig spinnen und wirken, so fern von allem
Bedrfnis im Reichtum des Fleies, der Andacht und des Vertrauens! Eine so
kleine Stube deucht mir so voll von dem Gefhl ihres innern Wertes dieser
Menschen, die ihr schwer errungenes Abendbrot gerne teilen mit dem rmeren Gast.
- Wenn ich mir nun denke, da Ihr beide ein solches Haus bewohntet, und da Euch
da die Einsamkeit nicht drcken sollte, und Ihr backtet da Euer Ambrosiabrot, um
es andern mitzuteilen, so habe ich Euer Glck begriffen und schreibe davon der
Gnderode. Die Gnderode mit der sanften Wrde ihres dichterischen Standpunktes
unter den Menschen schreibt wieder wie folgt: Wer liebt den Clemens nicht? So
wie er einem entgegentritt; wer durchschaut alle Menschen, wer geht so tief in
dem Auffinden ihrer Innerlichkeit, und was knnte man ihm sagen, was er nicht
schrfer und wahrer aufgefat htte? Alle Menschen berhrt kaum sein Hauch, und
sie atmen, als wenn sie aufblhen wollten in edlere Begriffe und schnere
Handlungen. - So schreibt die Gnderode; das lautet ganz schn zum Ansatz eines
Posaunenstckes Deines Ruhmes, der aus dem Nebel der Zeit golden aufsteigen und
einen schnen Tag verbreiten werde. Aber, fhrt die Gnderode fort: so scharf
dieser Clemens und so nahe er fremden Menschen in ihrem eignen Bewutsein tritt,
so sehr heben ihn seine Launen aus dem Sattel ber sich selbst, die ihm den
Begriff seines Amtsgeschftes ganz verdstern, und ich kann es gar nicht leiden,
wenn er davon so klein und unbrgerlich denkt. - Wie dieser Dekrete ausfertigt
und jener auf den Rednerstuhl tritt, so ist der Clemens dazu bestimmt durch sein
Leben, das sich in die Begeisterung des Witzes, der Philosophie, des Eifers und
der Experimentenlust verzweigt, die Menschen zu wecken und in der dunklen Kammer
eine Kerze anzuznden, manches Neue alt und manches Alte neu zu machen, und da
er nicht wie die meisten gebildeten Menschen gegen das Leben, gegen Geschfte,
Knste, ja gegen Vergngungen nur mit einer Art von Selbstverteidigung zu Werke
geht und lebt, wie man einen Pack Zeitungen liest, nur damit man sie los werde,
- das macht ihm viel Ehre. Nur bisweilen berfllt ihn eine seltsame
Bldsinnigkeit, da ihm die Tage unntz vorkommen und meint, es wre nichts und
kme zu nichts, weil das, was durch ihn entstanden, nicht wie ein beschriebener
Bogen Papier vor ihm liegt. - Ach, Clemens, es ist gut, da sie ber Dich und
nicht an Dich schreibt, denn Dir selber httest Du das alles nicht sagen lassen
und Dein Verwerfen ihres Mibegriffs von Dir will ich gar nicht hren mssen.
Das fgte sie noch hinzu, da der Lebensbalsam, den Du fr andre hast, einem
feinen geistigen l in einem verschlonen Gef gleich ist. Nur mig
verbreitet, erquickt und belebt es, ganz geffnet betubt, ttet es und verzehrt
sich selbst, oft habe Dein Witz einen in die Ecke geworfen, wo er das Aufstehen
vergessen! - Von Jung Stilling, dessen Bekanntschaft die Gnderode in Heidelberg
machte, schreibt sie: Der Mann hat meine ganze Aufmerksamkeit gefesselt, er hat
etwas Liebes, man sieht, da sein Leben aus einem Gu ist, da sich von seiner
Jugend bis ins Alter eine grade Linie zieht und er mehr die Umstnde bestimmt
hat, als sich von ihnen bestimmen lassen; selbst seine breite Eitelkeit, mit der
er unaufhrlich Frsten und Prinzen bei den Haaren herbeizieht, indem er sich
ihre Namen von seiner Frau soufflieren lt, hat etwas Treuherziges und
beleidigt nicht. -
    Liebster Clemente, ein wahrhafter Zug nur aus meiner Seele gebe Dir Licht
ber mein Zurckhalten gegen Deine Verbindung mit Sophie! - Du schwebst also
immer noch im Irrtum, als knne es mich unglcklich machen? - Hab ich Dir das
gesagt? - Nein! - Meine Krankheit, ein Gallenfieber - hat wahrhaftig keine
Beziehung zu Dir! - Die Gnderode hatte mich geplagt mit Philosophie; ich mute
ihr Schelling vorlesen, - das hat mich krank gemacht. Ach, ich war so brennend
verlangend nach frischer Luft, da die ganze Welt um mich vor Begierde zitterte
wie die Gegenstnde in der Nhe des Feuers; so kam Bewutlosigkeit, und als ich
wieder zu mir kam, da war das erste, da sie ein Gelbde tat, mich nie wieder
Philosophie studieren zu lassen, - ich hatte im Fieber fortwhrend davon
phantasiert. Was willst Du nun? - Wr es Deine Verbindung gewesen, die mir zwar
auch Sorge machte, aber doch nicht so viel wie die verdammte Philosophie, so
wrde ich von der phantasiert haben, das war aber gar nicht. - Und sei jetzt
ruhig ber beides, denn keines kmmert mich mehr! - Und sag nicht, Du willst um
meinetwillen jetzt nicht heiraten und willst lieber mit Deiner Sophie zusammen
unglcklich sein! - Ich wrde Dir gleich hierher schreiben: Du sollst sie
heiraten! wenn ich nicht frchten mte, Du glaubtest am Ende gar, Du habest
sie nur um meinetwillen geheiratet. Nein, so was mu man tun aus sich, fr sich
und wegen sich, aber keinem andern zu Gefallen weder lassen noch tun. - Ich
begreif kein Philistergesetz, aber da ein Baum wurzle im geeigneten Boden
seiner Nahrung, das begreife ich, und mgen seine ste recht schlank in die
Weite sich strecken, da die Sonne ihn frh vergolde und der Wind mit ihm
plaudere, und da kein hlicher Irrtum Dich um die Wahrheit Deines Glckes
betrge.
    Es ist heut so trb, so trb wie nirgend in der Welt, man mchte sich vor
lauter Trbsinn verlieben. Die Nebel nehmen hier die seltsamsten Gestalten an,
und der Regen fllt zuweilen auf kleine Stellen, nicht tropfenweis', sondern aus
einem Gu herab. Diese Trbheit macht mir Deutlichkeit und Klarheit so lieb, so
reizend sonst auch fters Dunkelheit, Verworrenheit und Undeutlichkeit
erscheinen mag; - drum hab ich's auch gewagt, durch meine Deutlichkeit diesmal
die Verworrenheit in Dir aus dem Dunkel ins Klare zu bringen.
    Ich ksse Dich, lieber Clemens, und drcke Dich an mein Herz; sei gut und
gegen mich besonders und traue mir mehr wie Dir, das heit in gewissen Dingen. -
Du mut wissen, da ich schon eine Weile im Mondschein schreibe, weil mein Licht
ausging. Der Mond schwimmt zwischen dem Gewlk, und die grauen Berge drben
sonnen sich in seinem Schein, ich wollte sagen: monden sich, und begleiten sich
gegenseitig mit Schatten, und die kleinen Quellen ruschlen so leise wie
Gespenster. -
    Leonhardi ist hier, er sthlt sich mit Stahlbdern! Was wird dann erst
werden, wenn diese Kur gelingt! -
                                                                         Bettine

                                                                         Marburg


                                 Liebe Bettine!

Ich bin seit wenigen Tagen wieder hier. Meinen Brief, in dem ich Dir sage, da
ich Sophien nicht heirate, hast Du wohl erhalten? Ich hoffe auf Antwort; -
unterdessen mu ich Dich um alles in der Welt bitten, Dich nicht phantastischer
Schwermut zu bergeben, der alles Schne und Wahre endlich in uns erliegt. Ich
habe Dich so oft gebeten, Du solltest Deine Empfindungen und Phantasien mehr von
Dir trennen und sie allein fr sich in irgendeiner Form niederschreiben, sie zur
Poesie erheben, wie die Kirche von dem Dorf, der Wald vom Felde stets getrennt
sein mu, wenn etwas gedeihen soll. Dann fordere ich weiter auch, nie wieder an
meiner Liebe zu zweifeln, noch zu glauben, da ich je ohne Deine Liebe leben
mchte. - Wenn Du Dich nicht zu Sophien neigen kannst, so ist dies nur, weil Du
sie ganz verkennst; es ist nicht jene Sophie mehr, die mich nicht verstand, es
ist ein unschuldiges, liebes, treues, gttliches Weib.
    Liebes Kind, sei glcklich! Es tut mir leid, da Du mir nie schreibst, es
freue Dich, meine Bste zu erhalten, in ungefhr drei Wochen wird sie Dir Tieck
zusenden, es ist die beste Bste, die er gemacht, ein wahres Kunstwerk! - Sie
ist Dir zulieb gearbeitet, halte sie lieb und schone sie! Ich werde wohl in
einiger Zeit zu Dir kommen, wenn Du mir schreibst, wann Du wieder in Frankfurt
sein willst.
    Da ich von Weimar wegging, ist Sophie auf einige Zeit nach Dresden gegangen,
um sich zu zerstreuen. Ein Brief des Herzogs von Gotha an Sophie, worin er ber
Theater schwindelt und nur davon spricht, Sophiens und mein Dichtertalent der
Bhne zu widmen, bewog mich folgendes zu schreiben, wozu mein Aufenthalt in
Lauchstdt mir Gelegenheit gab; ich habe mit dem trefflichen Tieck dort viel
ber Theater verkehrt. - Diese Truppe, von Goethe auf eine Stufe gebracht, wo
sie jedem gefllt und eigentlich imponiert, war der Gegenstand der galanten
Konversation an table d'hte, und da alle Laufgrben der Fadheit, Unwahrheit und
Gemeinheit mit Wetter- und Theatergesprchen erffnet werden, so ist es doch
noch wunderbarer, wenn man in ffentlichen Blttern verkndigt, wie dieser oder
jener mit Beifall aufgetreten und bis auf ein gewisses Schnarren mit
hinreichendem Gebrlle das schwer zu befriedigende, sehr gebildete Publikum zu
Mnchen, Mannheim, Stuttgart usw. ganz entzckt hat; alles dergleichen kommt mir
viel erstaunlicher als Zeitungsartikel vor, als irgend die einsamen
Wetterbeobachtungen eines neben seinem Barometer studierenden Landpredigers im
Reichsanzeiger oder sonst in einem Provinzialblatt.
    Es kann sein, man will dadurch einer Geschichte der Kunst vorarbeiten,
gleich einer Weltgeschichte aus Armeebulletins, doch dergleichen soll mit vieler
Teilnahme und groem Nutzen gelesen werden. - Mir auch scheint es eine uerst
wichtige Sache ums Theater zu sein, mit der man es ber die Maen gern recht
ernsthaft meinen mchte. Ich selbst gedenke meiner frommen Wnsche, die sich bei
meinem schweren Leiden im Parterre, wo ich doch wohl, seit der Vetter von
Lissabon Hering in den Kaffee getaucht, fnfundzwanzigmal gesessen haben mag,
entwickelt haben, ich wrde diese Wnsche verffentlichen, wenn nicht alles
dieses wie Spreu in der Luft verflge vor Ludwig Tieck, der allein beauftragt
ist, der Mimik ein Licht aufzustecken, da er das grte mimische Talent ist, was
jemals die Bhne nicht betreten. Dieser Dichter, der als darstellender Knstler
die Bhne zu einer Ehre gebracht haben wrde, deren sich wenige diesseit oder
jenseit der Lampen trumen, ist kein Schauspieler geworden, worber Thalia und
Melpomene mit inniger Beschmung trauern sollten, denn er hat den innersten
Beruf und ein Talent zur Bhne, wie es sich alle Jahrhunderte einmal
hinaufverirrt. - Seine einzelne uerungen mssen einen zum Nachdenken erwecken,
sie sind im Zusammenhang mit vielen trefflichen andern Kunst- und
Lebensansichten und haben mich so erhoben und begeistert zur Bhne, der ich gern
darum mein Talent widmen werde, wenn ich welches habe; - ich glaube aber auch,
da man so wenig in der Kunst und der Geschichte als in der Natur pltzlich
wirken knne. Der Bedingungen zu einer Vollendetheit auf irgendeinem Punkte des
Daseins sind unendliche; es kann wohl ein Mensch vortrefflich sein, er kann
gelungen sein, da ihm aber alles gelinge, besonders in einer Sache, die, wie
die dramatische Kunst, nur mit allgemeiner Weltkrankheit erkrankt und mit
allgemeiner Weltgenesung genesen kann, wre eine beinah rasende Zumutung. Selbst
einem so auerordentlich von dem Schpfer geliebten Menschen, als Goethe ist,
konnte das nicht gelingen, - denn es wre eine ebenso gesegnete Vereinigung
aller geistigen, physischen und historischen Weltkrfte ntig, um mittelbar
durch einen Menschen der Bhne aufzuhelfen, als sie ntig war, um einen so
groen reinstrebenden Menschen, als Goethe war, aufzustellen! - In keiner
Kunstgattung sind aber die Bedingungen ihrer Vollendung so unendlich als in der
dramatischen. Nur auf dem uersten Gipfel ihrer historischen, moralischen und
knstlerischen Gre kann eine Nation ein vortreffliches Theater haben, dies ist
zu beweisen! - Aber von dem Bedrfnis desselben ist man entfernt in einer Zeit,
wo man mit peinigenden Mngeln berzufrieden stolziert und das Theater ohne alle
Kunstheiligung in den Kreis der menus plaisirs hinabgesunken ist.
    Als in der menschlichen Gesellschaft die Unschuld verloren ging, trat die
Sitte als Vermittlerin auf, als Zucht und Treue entwichen, lieen sie die
Hflichkeit und Savoir faire als Geschftstrger zurck. Als die Wrde sich von
dem Verdienst trennte, lie es sich mit der Etikette ein, da die Vlker nur
groe Haufen eigenntziger Brger wurden, entstanden die stehenden Heere, und
die Ehe als zwingendes Gesetz zeigt, da die Liebe sich nicht immer sehr ehrbar
betragen haben mag! - Alle diese vermittelnden Selbstvertreter aber sind
ehrwrdig, wenngleich nicht unmittelbar gttlich und heilig, denn sie sind
Fustapfen, Trger, Telegraphen, Hieroglyphen entflohener Gtter von der Erde,
und an sie knpft sich die Hoffnung, die Erweckung besserer Zukunft und alles
Strebens. Sie stehen zwar stumm, starr und tot wie Memnonssulen in den Wsten
der Geschichte, aber jede Morgenrte legt ihren Strahl erinnernd an ihre Stirne
und lt sie mahnend tnen. Fr die Kunst aber ist immer nach ihrem Untergang
ein solcher wohlttiger, wenngleich armer, doch allein wrdiger Trger jene ihre
ernste, strenge, rechte, oft pedantische Periode gewesen, die wir Schule nennen.
Wenn die freie genialische Produktion das sterbliche Kind der Unsterblichkeit,
seinen schnen blhenden Leib, dem Scheiterhaufen des ewigen Geschickes
hingegeben, dann sammeln fromme und gerechte Menschen das blo Rechte,
Notwendige und Gesetzliche, ich mchte sagen Mathematische aus ihrem Andenken
und stellen uns das Gerippe des Untergegangenen in seiner gesetzlichen Schnheit
vor Augen, das, mit Verstand drapiert, oft lange noch herrlicher und
bewundrungswrdiger, ja wrdiger ist, als wir es sind, die es nicht verstehen.
Manche Vlker haben nur der Schule zu verdanken, da sie noch eine Ahnung der
Knste besitzen, und ich halte es fr eine Weisheit, Bescheidenheit und Migung
Goethes, auf seiner Stelle fr das Theater die Schule in Deutschland aufgestellt
zu haben, die seinen Bemhungen dauerndern Wert geben wird, als wenn er alle
Genialitt auf dieser Bhne zu einer Zeit losgelassen htte, wo nichts als eine
Tierhetze daraus werden konnte. Es ist nicht Not in der Kunst, das Vortreffliche
anzuschaffen, es ist Not, das Schlechte, Falsche, Verkehrte abzuschaffen, denn
alles Vortreffliche erblhet aus dem Rechten und Wahren. - Die Freiheit ist die
Blte des Gesetzes, der Tod aller darstellenden Kunst aber ist die Eitelkeit und
Selbstgeflligkeit, und ich werde mir es niemals nehmen lassen, da einst die
strenge, grausam scheinende brgerliche Verachtung der Schauspieler ein
Hausmittel der Geschichte war, vortreffliche Knstler zu haben. Um auf die Bhne
berufen zu sein, dazu gehrt ein Schatz von Talent und Unschuld, der die ganze
Welt mit ihrer Ehre gewissermaen wie ein Schiff in den Grund bohrt, um ber den
Lampen auf der Zauberinsel der Fata Morgana zu landen. Jetzt aber gleicht das
Theater einem Strande, dessen Bewohner aus gestrandeten Schiffern bestehn, die
sich ganz wohl befinden; ist hie und da ein Robinson drunter, den wir gern
ansehen, so spielen seine Gehilfen doch die Affen zu schlecht, indem sie aus
Eitelkeit sich ihre Menschlichkeit immer merken lassen, als da man nicht lieber
den Campeschen Robinson lse, als ihm zushe. -
    Die groe Trauer und Angst aber, die mich bisher immer im Parterre,
besonders wenn die Helden und Biedermnner, die ersten Liebhaber mnnlichen und
weiblichen Geschlechts in ihrem durch ganz Deutschland hergebrachten
edelmtigen, ekelhaften, eitlen, heuchlerischen, mit Empfindung eingesalbten Ton
die Trnen und Seufzer des unschuldigen Publikums erwrgen und erjammern, geht
mehr aus einem allgemeinen Entsetzen ber dies Geschick der Kunst als aus
Unwille ber die Schauspieler hervor, die sich unendlich qulen und allen
mglichen Lohn und Dank verdienen; denn wie sollten sie es besser machen, als
man es machen kann? Die Leute wollen es nicht besser und ein Schelm gibt mehr
als er kann7.
    Dies Bruchstck aus meinem Glaubensbekenntnis ber das Theater hab ich Dir
hierhergeschrieben, um da, wenn bei Euren Soirees dort im Schlangenbad
vielleicht die Rede zwischen dem Herzog August und Dir auf mich oder Sophie
kommt, Du ihm allenfalls das Ntige sagen kannst. Es ist mir wichtig, da Mnner
wie dieser, der immer Sophiens warmer Freund war, doch zugleich auch gewahr
werden, da es keine engherzige Natur ist, keine Liebestndelei, die mich und
Sophie zusammenfhrte, sondern mannigfache bereinstimmungen und Ergnzungen der
Gemter, der Ansichten, der Begriffe und der Ausfhrungen unserer Lebensplne. -
    Lebe wohl, la bald von Dir hren und behalte lieb Deinen
                                                                         Clemens

Eben erhalte ich Deinen Brief mit den Mitteilungen der Gnderode, schicke mir
den ganzen Brief und sage ihr, da ich ihr herzlich danke fr alles, was sie
ber mich denkt und beschliet, und ihr werde ich antworten. -

                                   An Clemens


Clemente, gestern erhielt ich Deinen Brief in Schlangenbad! Ich htte sehr gern
ihn dem Herzog von Gotha vorgelesen oder lesen lassen, allein er war schon am
Morgen abgereist, es war schade, er hatte gern etwas mit mir zu verhandeln, da
er so oft auf dem Spaziergang neben mir herlief, zog er seine Schreibtafel
heraus, stellte sich vor mich, da ich nicht weiter gehen solle, es war recht
lcherlich. Von der Gnderode erzhlte ich ihm, von Deiner Sophie hat er mir
viel erzhlt, unendlich Schnes. Sie hat mir eingeleuchtet wie ein Stern, ich
mute darber entzckt sein und verwundere mich, da ich ihn begegnen mute
hier, der die Sophie so verehrt, mir eine ganze Brieftasche voll Gedichte an sie
vorlas, alle Tage unendlich Vortreffliches mir erzhlte. Dafr hab ich ihm auf
meiner Gitarre mehrere Prludien zu seinen Liedern komponiert. Es war eine Not
mit seinen franzsischen Gedichten, zu so was konnte ich keine musikalische
Anwendung machen. Unter mir wohnt die Kurprinzessin von Hessen, der hab ich alle
Nacht aus dem Fenster vorgespielt, das machte ihr viel Freude, sie hat mich in
Affektion genommen und ist oft mit mir allein spazieren gegangen, ich sollte ihr
erzhlen, da war viel von Dir die Rede! Von wem soll ich sonst reden. Aber von
meinem Aufenthalt bei der Gromama und von manchen ernsten Geschichten und
Gesichten der franzsischen Revolution war die Rede; da wunderte sie sich, da
ich so ernste Dinge berhre schon in der Jugend.
    Ich wei, was Jugend ist: inniges unzerstreutes Empfinden des eignen Selbst.
- Die Einsamkeit aber ist eine Quelle, sich selbst zu trinken. Dieser Gedanke
gefiel der Kurprinze, ich mute ihn ihr in ein Denkbchlein schreiben; und ich
setzte noch hinzu: Denken ist, die Wege Gottes beschreiten, - durch Denken
gelangt man zu Gott! Und dies gefiel der Kurprinze so, da sie mich dafr auf
die Stirne kte. - Sie redet nun oft mit mir und nennt das seltsame Gedanken,
was ich so herausplaudere ohne viel Nachdenken; so hatte ich letzt gesagt, der
Gedanke sei ein geflgelt Ro, und wer es regieren knne, der schwinge sich mit
ihm auf in die Unsterblichkeit. - Das alles will sie behalten und aufschreiben;
- immer mchte sie mehr aus mir herauslocken, als ich grade sagen kann oder mag,
denn zu geistiger Offenbarung gehrt der Wille, den Geist zu entfalten. - Der
Geist ist zwar immer wandelnd, nmlich in ihm selber wandelt sich alles, was er
berhrt, und davon wchst und blht er und reift zur Frucht selber. - Unser
hchstes Wirken ist Denken, gibt es vielleicht Geister, die noch ein hheres
Wirken haben als Denken? Und was mag das sein? - Nein! Denken ist das groe
Lebensmeer der Gottheit, aus dem entspringt alles Wirken! - So sag ich, und die
Kurprinze freut sich an diesen Reden und will wissen, wo ich das alles her
habe, ich sage, das sind Hobelspne von Gesprchen mit der Gnderode, und da
ich mich da oft durch die Gedankenflle durchdrnge wie durch eine Volksmenge,
die mich umwimmelt, und da ich den ersten besten beim Ohr kriege, und viele
andre witschen mir durch. - Da freut sich die Kurprinze und will mehr wissen,
und ich mu als in einem fort aus dem rmel schtteln. - Und der Glaube ruft den
Geist herbei, der sagt seine Geheimnisse, die Natur haucht sie aus. - So ist
jeder, der belehrt sein will, ahnungsvoll wie die Knospe, die dem Licht
aufbricht, aus ihrem Kelch duftet die Begeistrung frs Licht. - Und das Licht
kann dieser Begeistrung nicht widerstehen, so wenig der Geist der Liebe
widerstehen kann! -
    Ich bin heute so munter, ich mchte noch mehr schwtzen! Meine Augen sehen
im Dmmerlicht sehr hell, ich schreib gern bei Mondschein, da kann ich so
vergngt im Zimmer auf- und abgehen. Am Himmel tragen die Wolken ihre
Begebenheiten mir vor, sie ballen sich zusammen und trmen sich und schreiten
auseinander und steigen und kreuzen sich und lassen sich nieder, kurz es ist ein
Staatsleben unter ihnen. - Am meisten seh ich die Revolutionsereignisse drin!
Wollt ich prophetisch sein, ich wrde mich an die Wolken halten! - Nicht, da
sie wirklich Geschicke ausmalen knnten. Aber der Geist kann sich selber ahnen,
selber erkennen und sich selber hinber erzeugen in das, was er sich vorstellen
kann. Gewi kommt einst eine Zeit der Erlsung, wo nicht mehr einer die Wahrheit
prophetisch oder ahnungsweise vortrgt, sondern wo die ganze Welt zugleich wei
und empfindet, was ihr Lebensnahrung gibt, und wo sie drin wuchert, wie im
ppigen Boden die Pflanzen und Frchte wuchern! - Gedeihen des Geistes ist eine
ber alle Vorsichtsmaregeln und Begriffe und Bedeutungen hinausstrebende Kraft.
- Alle Philosophie erstickt, umstrickt, und zwar mit groben Stricken, den
ungebundenen Geist. Ach, ich hab da letzt noch mit Sinclair disputiert. - Ich
kann aber nicht disputieren, ich mu mich nur totrgern, bis der Kerl fertig
ist, wo ich gleich bei der ersten hlzernen Redensart als schon auer mir komme,
ich kann auf nichts acht geben, sie sagen, ich wr eingebildet; die andern sind
eingebildet mit ihrer Repulsion und Attraktion und Potenz und Notstall der
Philosophie und Kunstreligion.
    Es gibt Menschen, die sind wie die Raupen, sie zehren nur vom Pflanzenstoff
des Geistes, wenn die sterben, so werden sie zu Schmetterlingen, die gaukeln in
ihrer Seligkeit so ber den Blumen. Das, womit sie ihren Geist nhrten, gab
ihnen keine andere Offenbarung der Seligkeit als nur diese! -
    Was der Geist in sich entwickelt, das wird seine Offenbarung, sein hheres
Leben! - Der Maler hat ein ganz besonders Himmelreich (Verewigung), in das er
sich durch seine Kunst hinberbt und lernt! - Aber! aber! - Die Maler malen ja
alle daneben und nicht das, was ihnen wieder Geist gibt. Der Knstler mu ja
etwas hervorbringen, was ihn wieder erzeugt, sonst ist's aus mit der Ewigkeit.
Der Musiker komponiert ja falsch und wenn er noch so sehr den Generalba reitet,
grade deswegen; er spielt ja Menschensatzung und nicht berirdisches! - Der
Snger singt ja falsch, und wenn er noch so rein trifft, er trifft ja die Seele,
das Gefhl dessen nicht, der Geist hat und auf hhere Berhrung wartet. - Der
nur erzeugt die wahre Kunst, der das hervorbringt, was die Zeit zu dem erhht,
wozu sie reif ist, um sie weiter zu reifen. - Der singt falsch, der durch seinen
Gesang nicht das gttliche Licht der Freiheit in dem Hrer entzndet, denn er
erfllt nicht den Zweck der Kunst und gibt dem Geist rgernis, denn er zieht ihn
herab.
    Mit diesem letzten will ich in Deine Saiten eingreifen, von dem, was Du ber
Schauspielkunst sagst. - Mir hat der Mond diktiert.
    Ich mchte der lieben Sophie auch noch was sagen, aber ich hnge vom Mond
ab, da er mir doch einen Augenblick dazu Licht gebe! - Eben kommt er! - Licht
und Feuer in den zerstreuten Htten funkelt durch das Grn der Bume. - So weit
ich seh, versinkt die Welt in Ruh!
    Clemens, die Sterne funkeln zu Tausenden am Himmel, unter meinem Fenster
steht meine alte Invalidenschildwache und pat auf ein Stndchen meiner Gitarre,
er ist gewohnt, mich abends noch singen zu hren, ich werd ihm ein alt
Klosterlied an die Jungfrau Maria singen, denn es ist morgen Maria Himmelfahrt.
    Deine Freundschaft mit Tieck entzckt mich, - oft, wenn ich in seinen
Schriften las, hatte ich eine groe Begierde, ihn kennen zu lernen. Ich werde
ein Kleidchen machen fr sein Tchterchen, so schn als mglich, das schenk dem
Liebchen von mir. - Du kommst also, Clemente! Ich freue mich. - Wir sind jetzt
ganz allein hier! - Wir machen Promenaden ins Wilde! - Die Toni hat aber als den
Mut verloren, wenn wir den Weg verloren hatten! Ich dachte, es wre recht
nrrisch, wenn wir uns nicht wieder in die Heimat fnden und gingen so fort und
kmen in fremde Lande.
                                                                         Bettine




                                Lieber Clemens!


In wenig Tagen gehn wir von hier ab. Ich wei nicht, ob wir uns in Wiesbaden
aufhalten. Du mut meinen letzten Brief nicht erhalten haben, weil ich nichts
von Dir wei. So sehr ich mich freu, Dich wiederzusehen, tut's mir doch leid,
die Gegend zu verlassen; hier hab ich zum erstenmal die Natur beklettert, mitten
in ihrem Scho konnte der Mutwille nicht Ruhe halten; wohin mein Auge blickte,
dahin wollte ich, oft meint ich mit Hnden die Berge zu greifen, und wenn ich
eine Strecke gelaufen war, dann war's, als sei ich viel weiter entfernt vom
Berg. Erreichen mu man nicht wollen; goldne Wnsche, grnende Hoffnungen,
wartet nicht, da ich euch nachlaufe, wenn ich auch euch nachseufze ein
Weilchen! - Es ist vor ein paar Tagen ein Mann hier durchgekommen mit einer
Flugmaschine, er wollte sich damit sehen lassen, aber Leonhardi, der noch zwei
Stahlbder zu nehmen hat, wovon er ganz stahlblau wird, wollte durchaus nicht,
da der Mann fliegen sollte, der Mann wollte uns auf der Terrasse ein
Flugstckchen machen, fr einen Taler wollt er's tun. Leonhardi sagte, der
Mensch fllt gewi und bricht Hals und Bein, dann haben wir die Heilkosten, den
Doktor, den Apotheker, den Chirurg, den Aufwrter, das Essen, die Nachtwache,
die Wartfrau und zuletzt vielleicht gar die Begrbniskosten samt Pfarrer und
Kster auf dem Hals, zu so wenig Badegsten, als wir noch sind, kann sich das
sehr hoch belaufen. Alles war von Leonhardis Weltweisheit eingenommen, der noch
vorbrachte, er sh es dem Kerl an, der sei expre gekommen, ein Unglck
anzurichten. Vom Manne hatte ich erfahren, da er keine drei Batzen habe, denn
er hatte auch schon gestern keine mehr gehabt und sich durchbetteln mssen.
Leonhardi behauptete, des Mannes Augen seien auf seine Taschen gerichtet
gewesen, er sei ein Dieb. - Ich brachte die Nachricht, der Mann wolle mit Gewalt
fliegen; da seht ihr, sagte Leonhardi, er will uns einen Streich spielen. Ich
wurde also wieder zu dem Mann geschickt, ob er nicht gutwillig gehen werde, wenn
man ihm ein Douceur gebe. Ich brachte die Nachricht: der Mann wolle absolut
fliegen und lade die Gesellschaft bei Mondschein auf die Terrasse. Ach, sagte
Leonhardi, in dem Menschen sitzt die Verzweiflung; das ist eine dumme Geschichte
in der einsamen Gegend, wo keine ordentliche Polizei ist, - dem Mann verbieten
zu fliegen habe er keinen Befehl, meint der Polizeimann, sagt der Badepeter,
erzhlte ich. - Der gute invalide Polizeisoldat mute kommen; der sagte: Lassen
sie ihn, der wird nicht weit fliegen, er ist auch Invalide, es kann nicht jeder
Nachtwchter in Schlangenbad sein, um sein Brot zu verdienen. - Da haben wir's!
- Ein zerschoner Kerl will da noch ungeheure Kunststcke machen! - Alles war
aufgeregt, jeder lachte darber, aber man wollte ihn los sein. - Mit zehn Gulden
geht er ab, rief ich. Die zehn Gulden waren gleich beisammen und noch mehr,
jeder steuerte ungezhlt bei. - Ich lief mit dem Geld zum Mann, der gar nichts
davon wute, auch so viel Geld seit lange nicht gesehen hatte. Ich konnte ihm
schwer begreiflich machen, da es sein gehre, wenn er nicht fliegen wolle; dies
letzte begriff er vollends gar nicht, denn er lie sich durchaus nicht vom
Fliegen abhalten, was er vorher eigentlich nicht im Sinne hatte, es mute jetzt
geschehen! Ich lief auf die Terrasse und rief, der Mann kommt, er will doch mit
aller Gewalt fliegen! - Ein groer Spektakel war da los, der Mann zog aus einem
Pappkasten zwei Schluche, blies Luft hinein, es wurden zwei Pferdchen draus,
ein weies und ein schwarzes, so gro wie Windhunde, angespannt an einen
Luftballon, in dem der Amor sa, das ging in die Hhe an einem langen Bindfaden
und schwebte zehn Fu ber uns, er hielt dabei eine Rede ber das schwarze und
weie Pferd am Liebeswagen. Voigt sagt, diese Rede sei aus dem Plato. Als der
Phaethon vom Abendwind eine Weile herumgetrieben war, wickelte der Mann den
Bindfaden wieder auf, entlie die Luft aus den Gaulen und nahm mit tausend
Danksagungen Abschied. - Wir alle waren sehr lustig ber die Geschichte und
gnnten es dem guten Mann, der durch seine Gutmtigkeit den besten Eindruck
gemacht hatte.
    Wir sind jetzt ganz allein hier, wir machen von morgens bis abends die
herrlichsten Spaziergnge, ich glaube, es wird traurig werden, wieder in mein
finsteres Zimmer eingesperrt zu sein. Aber es wird doch ein angenehmer Winter
sein; die Heiraten der Geschwister werden nicht wenig zur huslichen
Glckseligkeit beitragen. Ich wundre mich, da Du so wenig Anteil dran nimmst.
    Gre Sophie von mir, und wenn Du schon in Marburg bist, so schreib ihr, da
ich alle Tag an sie denke.
                                                                         Bettine


                                Liebe Schwester!

Deinen letzten Brief von Schlangenbad, in dem Du Deine baldige Abreise
angezeigt, nebst der Fluggeschichte erhielt ich eine Minute spter, als mein
Brief an Dich abgegangen war. Ich erwarte von diesem fr Dich so gtig gewesenen
Sommer nun auch gute Wirkung fr Deine Gesundheit, Deinen Mut und Flei. Was
mich betrifft, so bleibe ewig beruhigt und vertraue mir ganz, da ich in unsern
engen Bund nie ein Wesen aufnehmen werde, als nur, wenn es sehr vortrefflich
ist. Ich liebe und ehre Sophien zu sehr, um mehr von ihr zu sprechen; wenn Du
sie kennen wirst, liebe Bettine, so wirst Du fr sie empfinden, was auch ich fr
sie fhle. Sie macht alles gesund und blhend, sie ist die ewige Jugend und
immer ein Kind, sie ist wie ihr letzter Brief sagt, eine sehr arme Frau, aber
ein unendlich reiches Kind. Wenn ich nach Frankfurt komme, will ich Dich ber
alles belehren und Deine Besorgnisse so aufklren, da Du Dich ber das Ganze so
freuen sollst, wie ich es tue. Nur bitte ich Dich nochmals, in allen Dingen, die
mich betreffen, keine Vertraute zu haben.
    Mit Savigny stehe ich auf einem ganz ordentlichen Fu, wir achten uns, ohne
doch da unsere Herzen innige Mitteilungen htten. Seine Verschlossenheit, sein
Verkehr mit Gunda und Winkelmann, ohne da ich wei, was sie miteinander wollen,
und vor allem sein Gestndnis, da er mit Dir platterdings gar nicht existieren
und keine Berhrung mit Dir ertrglich sei. Dieser deutliche Widerwille gegen
das, was ich auf Erden am meisten liebe, gegen Dich, dies alles hat mir mein
Verhltnis mit ihm bestimmt. Ich achte ihn aber mehr als irgendeinen Menschen in
der Welt; da er das Talent nicht hat, vertraulich zu werden, lasse ich ihn
weiter nicht entgelten. brigens teile ich ihm nichts mehr mit, weil er stumm
wie ein lgtze gegen mich ist, und so wre das gut. Manchmal mu ich tief in
Gedanken ber ihn sitzen, denn ich habe manche kontroverse Erfahrungen an ihm
gemacht, die ich zu reimen nicht imstande bin; doch - alles ist gut und
bedeutsam in der Welt, und wer wei, wie sich dies noch einmal zurechtrcken
wird! ber was kann ich denn klagen, als da ich ihn in dieser Abgeschlossenheit
nicht verstehe; das ist am End auch meine Schuld und nicht die seine. Und mir
selber kann ich dies auch nicht verdenken, da ich's bei allem guten Willen noch
nicht weiter gebracht habe, als mich zu verwundern und mir jede Mibilligung zu
verbieten, bis ich eines Bessern belehrt werde, was ohne Zweifel einst sein
wird, da mir noch so viel zu lernen und zu begreifen bevorsteht. Nun siehst Du,
mit meinem guten Weib werde ich gerechter werden, da sie mild ist und doch
unendlich lebensfrisch; da sie die Weltverhltnisse weit besser versteht als ich
und die groe Lebensklugheit besitzt, an die menschliche Gesellschaft keine
Ansprche zu machen, obschon sie allen Beziehungen in ihr gengen kann und mit
ihrem Wohlwollen immer gibt, wo sie verlangen knnte; und ihre Liebe niemals
aufdringt, in der Einsamkeit selbst ihren Reichtum an Geist niedergelegt hat, in
dem sie schwelgen kann und reicher ist als andre, die sich im Besitz der
Wohlhabenheit fhlen. Es wird kommen und mu kommen, da sie das Eis schmelze,
denn sie ist der Frhling und hat den Geist des Belebens! - Und das gewinnt die
Herzen! Drum ist frs erste mein Aufenthalt in Marburg mir wichtig grade um
Savignys willen, wenn das so kommen drfte, da er allem dem entsprche, was in
ihm sein mu, was ich aber nie zu Tag frdern konnte, wenn ich wirklich durch
meine Hast, durch meine Unbefhigung, bessern Menschen gerecht zu sein, allein
die Schuld trge, dieser oft qualvollen ungewrdigten Stunden und Tage unseres
Zusammenseins! - Und Sophie, die ganz menschliche Freundin meiner Seele, baute
zwischen uns die Brcke eines edlen Verkehrs, wo nicht mehr eine grausame Ironie
mich mit ihren Pfeilen trfe. Liebes Kind, dann mssen wir's ihm auch hingehen
lassen, da er Dich nicht mag! - Es wird kommen, es wird kommen die gewnschte
Frhlingszeit! - Nun sei froh und glcklich und gre mir die neu verheiratete
Schwgerin.
    Eben erhalte ich Deinen frheren Brief aus Schlangenbad, der ber Weimar
gegangen war. Ich bitte Dich herzlich, schreibe mir oft so, schreibe mir oft und
viel, Deine Gedanken ziehen so im Flug, als wren sie Vgel aus fremden,
heieren Lndern. - Wie soll man ihrer habhaft werden, wenn nicht ein treuer
Freund sie auffngt! Spreche mir auch von Gnderdchen, von Mariannen, die ich
ewig lieben werde. - Und noch eins. - Alles, was durch andre Leute von Sophie
Dir gesagt wird, glaube nicht, denn Du weit ja, wie andre Leute von mir
sprechen, wie auch die, welche fr die besten, die edelsten gelten, nur Bses
von mir zu sagen wuten oder ahnten, und doch hast Du das nie in mir gefunden! -
Nicht wahr, liebstes Kind, das hast Du nie? - Das ist auch der Segen, der auf
Dir ruht, da keine Ungerechtigkeit noch aus Deiner Seele geflossen ist, da
keine uerlichkeit, kein Egoismus mit Deinem Gefhl wuchert oder prachert. -
Aus der Ambition entspringt manches bel der Seele, und dies hat so bse Folgen
oft, da ich manchmal meine, alle Lhmungen des Geistes entspringen vielmehr aus
dem Ehrgeiz, als da dieser ihn frdert. - Gromut ist die Quelle alles
Reichtums und jeder, der sich abzuschlieen whnt, um sein inneres Eigentum fr
sich allein zu bewahren und es wie einen knstlichen Springbrunnen in die Hhe
zu treiben, der wird auch einen solchen Springstrahl hervorbringen, lustig und
ergtzlich anzuschauen, und die Menschen werden sich wundern, und es wird die
Rede sein von dem famosen springenden Wasser im ganzen Land, wie von der Fontne
auf Wilhelmshhe! - Aber was ist es nun, wenn die Rhren, durch welche das
Wasser luft, einmal aus ihrer Lage kommen und der Strahl versiegt, oder wenn
die unterirdischen Wasser durch Zufall und Naturereignisse eine andere Wendung
nehmen, dann steht die Fontne mit ihren Prtensionen, bewundert zu werden, ganz
verlassen; hchstens geht die Rede durchs Land: die Fontne springt nicht mehr!
Schade um die alte Fontne, sagen dann die Leute, wir haben unsern spiegelklaren
Bergstrom, der sich wohlttig durch unsere Fluren verbreitet! Sehet den
schiffbaren Flu, in dem unsre munteren Bche und Flsse zusammenkommen, dem
gemeinsamen Leben zu Nutz und Frommen! - Da unterscheidet man sie nicht mehr
voneinander, ob dieser oder jener seine Wellen dazu hergibt, den Verkehr des
Menschen untereinander zu frdern. - So mu es sein, liebes Kind! So und nicht
anders kann das Vollkommne, das Gengende im Geist sich erweitern und verteilen
und beleben alle, die von ihm sich zu nhren berufen sind! - Und so will es sich
gestalten, seit ich meine Sophie habe! - Und mgen die Fontnen fr sich
springen, solang es geht zur Bewundrung der gelangweilten Menge; trgt der
schiffbare Flu erst die Weltbegebenheiten und die Entwicklung des Weltgeistes
auf die Hhe des Weltmeeres, in das er einstrmt, dann mag die Fontne in
verdeter Natur springen oder nicht, Schiffe knnte sie doch nimmer tragen.
Schreibe bald Deinem Clemens, der von Dir lebt, sich von Dir getragen fhlt zum
Bessern, zur Lust, das Leben zu genieen und zu beherrschen.
    Soeben kommt die Frankfurter Post. Ich habe keine Zeile von Dir und von
niemand. Savigny erhlt die Briefe bndelweise; meine Einsamkeit erhht sich so
immer mehr, ich bitte Dich herzlich, schreibe, ich bin traurig, wenn ich so
meinen Herrn Baron seine Briefe verschlingen sehe, ohne mir etwas mitzuteilen,
und ich habe gar nichts. Du hast ja auf der Welt nichts zu tun, schreibe mir
doch oder ich glaube, da Du mich nicht mehr liebst.
                                                                         Clemens

                                    Funoten


1 Ihr war eine Schwester gestorben.

2 Anhang I, S. 397

3 Anhang II, S. 401

4 Ein Briefbote, der alle Tage von Offenbach nach Frankfurt ging.

5 Dem die Jungfrauen einen Widder opferten, wenn sie ffentlich einen Wettlauf
hielten.

6 Siehe Anhang.

7 Sollten vielleicht nicht manche wirkliche Schelme sein? - Denn viele knnen
gar nichts. -

