
                               Meinhold, Wilhelm

                               Die Bernsteinhexe

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                                Wilhelm Meinhold

                               Die Bernsteinhexe

 Der interessanteste aller bisher bekannten Hexenprozesse, nach einer defecten
Handschrift ihres Vaters, des Pfarrers Abraham Schweidler in Coserow auf Usedom

                                    Vorrede.

Indem ich dem Publicum hiemit diesen tiefrhrenden und fast romanartigen
Hexenproce bergebe, den ich wohl nicht mit Unrecht auf dem vorstehenden
Titelblatte den interessantesten Aller, bis jetzt bekannten, genannt habe,
ertheile ich zuvrderst ber die Geschichte des Manuscriptes die folgende
Auskunft:
    In Coserow auf der Insel Usedom auf meiner vorigen Pfarre, und derselben,
welcher unser ehrwrdiger Verfasser vor lnger als 200 Jahren vorstand, befand
sich unter einem Chorgesthl der dortigen Kirche und fast zu ebener Erde eine
Art Nische, in welcher ich zwar schon fter einige Scripturen liegen gesehen,
die ich jedoch wegen meiner Kurzsichtigkeit und der Dunkelheit des Ortes fr
verlesene Gesangbcher hielt, wie denn in der That auch deren eine Menge hier
umherlag. Eines Tages jedoch, als ich mit Unterricht in der Kirche beschftigt
ein Papierzeichen ... (in) den Katechismus eines Knaben suchte, und es nicht
sogleich finden konnte, trat mein alter, mehr als achtzigjhriger Kster (der
auch Appelmann hie, aber seinem Namensverwandten in unserer Lebensgeschichte
durchaus unhnlich und ein zwar beschrnkter, aber sehr braver Mann wr) unter
jenes Chorgesthl, und kehrte mit einem Folianten zurck, der mir nie zu Gesicht
gekommen war, und aus dem er ohne Weiteres einen geeigneten Papierstreifen ri
und ihn mir berreichte. Ich griff sogleich nach dem Buche und wei nicht, ob
ich schon nach wenigen Minuten erstaunter oder entrsteter ber meinen
kstlichen Fund war. Das in Schweinsleder gebundene Manuscript war nicht blos
vorne und hinten defect, sondern leider waren auch aus der Mitte hin und wieder
mehrere Bltter gerissen. Ich fuhr den Alten an, wie nie in meinem Leben; er
entschuldigte sich aber dahin: da einer meiner Vorgnger ihm das Manuscript zum
Zerreien gegeben, da es hier seit Menschen Gedenken umhergelegen, und er fter
in Papier-Verlegenheit gewesen sei, beim Umwickeln der Altarlichte usw. Der
greise, halb blinde Pastor htte es fr alte Kirchenrechnungen gehalten, die
doch nicht mehr zu gebrauchen seien1.
    Kaum zu Hause angekommen machte ich mich ber meinen Fund her, und nachdem
ich mit vieler Mhe mich ein und durchgelesen, regten mich die darin
mitgetheilten Sachen mchtig an.
    Ich fhlte bald das Bedrfni mich ber die Art und Weise dieser
Hexenprocesse, ber das Verfahren ja ber die ganze Periode, in welche diese
Erscheinungen fallen, nher aufzuklren. Doch je mehr dieser bewundernswrdigen
Geschichten ich las, je mehr wurde ich verwirrt, und weder der triviale Beeker
(die bezauberte Welt) noch der vorsichtigere Horst (Zauberbibliothek) und andere
Werke der Art, zu welchen ich gegriffen hatte, konnten meine Verwirrung heben,
sondern dienten nur dazu, sie zu vermehren.
    Es geht nicht blo ein so tiefer dmonischer Zug durch die meisten dieser
Schaudergeschichten, da den aufmerksamen Leser Grausen und Entsetzen anwandelt;
sondern die ewigen und unvernderlichen Gesetze der menschlichen Empfindungs-
und Handlungsweise werden auch oft auf eine so gewaltsame Weise unterbrochen,
da der Verstand im eigentlichen Sinne des Wortes stille steht; wie denn z.B. in
einem der Originalprocesse, die ein juristischer Freund in unserer Provinz
aufgestbert, sich die Relation findet, da eine Mutter, nachdem sie bereits die
Folter berstanden, das heilige Abendmahl genossen und im Begriff ist, den
Scheiterhaufen zu besteigen, so sehr alles mtterliche Gefhl bei Seite setzt,
da sie ihre einzige, zrtlich geliebte Tochter, ein Mdchen von fnfzehn
Jahren, gegen welche Niemand einen Verdacht hegt, sich in ihrem Gewissen
gedrungen fhlt, gleichfalls als Hexe anzuklagen, um, wie sie sagt, ihre arme
Seele zu retten. Das Gericht mit Recht erstaunt ber diesen, vielleicht nie
wieder vorgekommenen Fall, lie ihren Gesundheitszustand von Predigern und
Aerzten untersuchen, deren Original-Zeugnisse den Akten noch beiliegen und
durchaus gnstig lauten. Die unglckliche Tochter, welche merkwrdiger Weise
Elisabeth Hegel hie, wurde in Folge dieser mtterlichen Aussage denn auch
wirklich hingerichtet2.
    Die gewhnliche Auffassung der neuesten Zeit, diese Erscheinungen aus dem
Wesen des thierischen Magnetismus zu begreifen reichen durchaus nicht hin. Wie
will man z.B. die tiefe, dmonische Natur der alten Lise Kolken in dem
vorliegenden Werke daraus ableiten, die unbegreiflich ist, und es ganz
erklrlich macht, da der alte Pfarrer, trotz des, ihm mit seiner Tochter
gespielten, entsetzlichen Betruges so fest in seinem Glauben an das Hexenwesen,
wie in dem, an das Evangelium bleibt.
    Die frheren Jahrhunderte des Mittelalters wuten wenig oder nichts von
Hexen. Das Verbrechen der Zauberei, wo es einmal vorkam, wurde milde bestraft.
So z.B. setzte das Concilium zu Ancyra (314) die ganze Strafe dieser Weiber in
ein bloes Verbannen aus der christlichen Gemeinschaft; die Westgothen
bestraften sie mit Prgeln, und Carl der Groe lie sie auf den Rath seiner
Bischfe so lange in gefnglicher Haft, bis sie aufrichtige Bue thaten3. Erst
kurz vor der Reformation klagt Innocentius VIII., da die Beschwerden der ganzen
Christenheit ber das Unwesen dieser Weiber, so allgemein und in einem solchen
Grade laut wrden, da dagegen auf das Entschiedenste eingegriffen werden msse,
und lie zu dem Ende 1489 den berchtigsten Hexenhammer (malleus malleficarum)
anfertigen, nach welchem nicht blos in der ganzen katholischen, sondern
merkwrdiger Weise auch in der protestantischen Christenheit, die doch sonst
alles Katholische verabscheuete und zwar mit solchem fanatischen Eifer inquirirt
wurde, da die Protestanten es weit den Katholiken an Grausamkeit zuvor taten,
bis katholischer Seits der edle Jesuit J. Spee und protestantischer obgleich
erst siebzig Jahre spter, der treffliche Thomasius dem Unwesen allmhlich
Einhalt thaten.
    Nachdem ich mich auf das Eifrigste mit dem Hexenwesen beschftigt hatte, sah
ich bald ein, da unter allen diesen, zum Theil so abenteuerlichen Geschichten,
keine einzige an lebendigem Interesse meine Bernsteinhexe bertreffen wrde,
und ich nahm mir vor, ihr Schicksal in die Gestalt einer Novelle zu bringen.
Doch glcklicher Weise sagte ich mir bald: aber wie? ist ihre Geschichte denn
nicht schon an und fr sich die interessanteste Novelle? La sie ganz in ihrer
alten ursprnglichen Gestalt; la fort daraus, was fr den gegenwrtigen Leser,
von keinem Interesse mehr, oder sonst allgemein bekannt ist, und wenn du auch
den fehlenden Anfang und das fehlende Ende nicht wiederherstellen kannst, so
siehe zu, ob der Zusammenhang es dir nicht mglich macht, die fehlenden Bltter
aus der Mitte zu ergnzen, und fahre dann ganz in dem Ton und der Sprache deines
alten Biographen fort, so da wenigstens der Unterschied der Darstellung und die
gemachten Einschiebsel nicht gerade ins Auge fallen.
    Dies habe ich denn mit vieler Mhe und nach mancherlei vergeblichen
Versuchen gethan, verschweige aber, an welchen Orten es geschehen ist, um das
historische Interesse der grten Anzahl meiner Leser nicht zu trben. Fr die
Kritik jedoch, welche nie eine bewundernswrdigere Hhe als in unserer Zeit
erreicht hat, wre ein solches Gestndni hier vollends berflssig, da sie auch
ohne dasselbe gar leichtlich unterscheiden wird, wo der Pastor Schweidler, oder
wo der Pastor Meinhold spricht4.
    Von dem jedoch, was ich fortgelassen, bin ich dem Publikum noch eine nhere
Nachricht schuldig. Dahin gehren:

   1) lange Gebete, insofern sie nicht durch christliche Salbung ausgezeichnet
  waren.
   2) allgemein bekannte Geschichten aus dem dreiigjhrigen Kriege.
   3) Wunderzeichen in den Wolken, die hie und da sollten geschehen sein, und
  die auch anderepommersehe Schriftsteller dieser Schreckenszeit berichten, wie
  z.B. Micrlius5; Standen jedoch solche Angaben in Verbindung mit dem Ganzen,
  z.B. das Kreuz auf dem Streckelberge, so habe ich sie natrlich stehen lassen.
   4) die Specifikation der ganzen Einnahme der Coserower Kirche vor und whrend
  der Schreckenszeit des dreiigjhrigen Krieges.
   5) die Aufzhlung der Wohnungen, die nach den Verheerungen des Feindes in
  jedem Dorf der Parochie stehen geblieben.
   6) die Angabe der Oerter, wohin dieses oder jenes Mitglied der Gemeinde
  ausgewandert sei.
   7) Ein Grundri und eine Beschreibung des alten Pfarrhauses usw.
Auch mit der Sprache habe ich mir hin und wieder einige Vernderungen erlaubt,
wie denn auch mein Autor in Sprache und Orthographie nicht recht constant ist.
Letztere habe ich mit geringen Ausnahmen beibehalten.
    Und somit bergebe ich denn dies vom Feuer des Himmels wie der Hlle
glhende Werk dem geneigten Leser.
                                                                       Meinhold.

                                    Funoten


1 Und in der That kommen im Original einige Rechnungen vor, die wohl beim ersten
Anblick zu diesem Irrthum verleiten konnten, und auerdem ist die Handschrift
schwer zu lesen, und an einigen Stellen vergilbt und verrottet.

2 Auch diesen Proze gedenke ich noch herauszugeben, da er ein ungemeines
psychologisches Interesse hat.

3 Horst, Zauberbibliothek, VI, 231.

4 Vorlufige Proben des Ganzen befanden sich bereits in der Christoterpe von
1841 und 42.

5 vom alten Pommernlande, Buch V.


                                  Einleitung.

Die Abkunft unsers Biographen kann bei dem verloren gegangenen Anfange seiner
Schrift nicht mehr mit Genauigkeit bestimmt werden. Er scheint jedoch jedenfalls
kein Pommeraner gewesen zu sein, denn einmal spricht er von Schlesien, wo er in
seiner Jugend sich befunden; nennt sodann weit zerstreute Verwandte, nicht blos
in Hamburg und Cln sondern sogar in Antwerpen und verrth vor allen Dingen
durch seine sddeutsche Sprache seine auswrtige Abkunft. Hieher rechne ich
besonders Ausdrcke als: eim fr einem, und die eigne Derivation mancher
Adjective z.B. tnein von Tanne, seidin von Seide, eine Sprechweise, die, so
viel ich wei, niemals in Pommern, wohl aber in Schwaben vorgekommen ist. Doch
mute er bei Abfassung seiner Schrift schon lange Zeit in Pommern gelebt haben,
weil er fast noch hufiger plattdeutsche Ausdrcke einmischt, ganz wie dies
eingeborne Pommersche Schriftsteller der damaligen Zeit auch wohl zu thun
pflegen.
    Da er von altadlicher Herkunft ist, wie er bei verschiedenen Gelegenheiten
sagt; so mchte man vielleicht in den Adelsregistern des siebzehnten
Jahrhunderts etwas Nheres ber das Geschlecht der Schweidler finden, und mithin
auch ber sein wahrscheinliches Vaterland; allein ich habe mich vergebens in den
mir zugnglichen Quellen nach jenem Namen umgesehen, und mchte daher vermuthen,
da unser Autor, wie dies so hufig geschah, bei seinem Uebergange zur
Theologie, seinen Adel mit Abnderung seines Namens ablegte.
    Genug ich will hier nicht weitere Hypothesen wagen. Unser Manuscript, in
welchem die ansehnliche Zahl von sechs Kapiteln fehlt, und welches auf den
nchst vorhergegangenen Blttern unstreitig sich ber den Ausbruch des
dreiigjhrigen Krieges auf der Insel Usedom verbreitet hat, beginnt mit den
Worten: Kaiserliche gehauset und fhrt dann fort wie folgt:
    - - Koffer, Truhen, Schrnke waren allesammt erbrochen und zuschlagen, auch
mein Priesterhemd zurissen, so da in groen Aengsten und Nthen stnde. Doch
hatten sie mein armes Tchterlein nit gefunden, maen ich sie in einem Stall, wo
es dunkel war, verborgen, denn sonst sorge ich, htten sie mir noch mehr
Herzeleid bereitet. Wollten die rudigen Hunde doch schon meine alte Ilse ein
Mensch bei schier 50 Jahren angehen, htte es ihnen ein alter Kornett nicht
gewegert. Dankete dahero meinem Schpfer, als die wilden Gste wegkwaren, da
ich allermeist mein armes Kind vor ihren Klauen geborgen, wiewohl kein Stublein
Mehl, kein Krnlein Getreide noch ein Stcklein Fleisch bei eines Fingers Lnge
mehr frhanden, und ich nit wute wie ich mein und meines armen Kindes Leben
weiter fristen sllte. Item dankete Gott, da ich noch die vasa sacra geborgen,
welche ich gleich mit den beiden Trstehern als, Hinrich Seden und Claus Bulken
von Uekeritze in der Kirchen vor dem Altar vergrbe, Gott die Obhut empfehlend.
Weil nun aber, wie bemeldet, ich bittern Hunger litte, so schrieb an Se.
Gestrengen den Herrn Amtshauptmann Wittich von Appelmann auf Pudgla1 da er umb
Gotts und seines heiligen Evangeliums willen in sollich schwerer Noth und
Trbsal mir zukommen liee, was Se. Frstliche Gnaden, Philippus Julius mir an
Praestandis vom Kloster zu Pudgla beigeleget, als nmlich 30 Schffl. Gerste und
25 Mark Silbers, welche Sr. Gestrengen mir aber bis nunmehro gewegert. (Denn er
war ein fast hart und unmenschlicher Mann sintemalen er das heilige Evangelium
und die Predigt verachtete, auch ffentlich und sonder Scheue seinen Spott ber
die Diener Gottes hatte, nmblich, da sie unntze Brodtfresser wren, und
Lutherus den Schweinestall der Kirchen nur halb gesubert. Gott bessers! -) Aber
er antwortete mir nit, und ich wre schier verschmachtet, wenn Hinrich Seden
nicht fr mich im Kapsel2 gebetet. Gott lohn's dem ehrlichen Kerl in der
Ewigkeit! Er wurde dazumalen auch schon alt und hatte viel Plage von seinem
bsen Weibe, Lise Kollken. Dachte gleich, da es nit sonderlich gehen wrd, als
ich sie traute; angesehen sie im gemeinen Geschrei war, da sie lange mit
Wittich Appelmann in Unzucht gelebet, welcher von jeher ein rechter Erzschalk
und auch absonderlich ein hitziger - - - Jger gewest, denn so etwas gesegnet
der Herre nicht. Selbiger Seden nun brachte mir 5 Brodte, 2 Wrste und eine
Gans, so die alte Paalsche in Loddin ihm verehret, item eine Seite Speck von
Hans Tewert dem Bauern. Mchte ihn aber vor seiner Frauen schtzen, welche die
Hlfte htte vor ihr behalten wollen, und da er sich gewegert, htte sie ihn
vermaledeiet und die Kopfgicht angewnscht, so da er gleich ein Ziehen in der
rechten Wangen verspret, welches jetzunder fast hart und schwer geworden. Fr
solcher erschrcklichen Nachricht entsetzte ich mich, wie einem guten
Seelenhirten geziemet, fragende: ob er vielleicht glubete, da sie in bsem
Verkehr mit dem leidigen Satan stnde, und hexen knnte? Aber er schwiege und
zuckete mit den Achseln. Lie mir also die alte Lise rufen welche ein lang, drr
Mensch, bei 60 Jahren war, mit Gluderaugen, so da sie Niemand nit gerade ins
Antlitz schauete, item mit eitel rothen Haaren wie sie ihr Kerl auch hatte. Aber
obwol ich sie fleiig auf Gotts Wort vermahnete gab sie doch keine Stimme, und
als ich endlich sagete: Willtu deinen Kerl wieder umbten3 (denn ich sahe ihn
auf der Straen vor das Fenster, allbereits als einen Unsinnigen rasen) oder
willtu, da ich's der Obrigkeit anzeige, gab sie endlich nach und versprche,
da es bald slle besser mit ihm werden; (was auch geschach) item bat sie, da
ich ihr wlle etwas Speck und Brod verehren, dieweil sie auch seit dreien Tagen
kein ander Fleisch und Nahrung mehr zwischen den Zhnen gehabt, denn ihre Zunge.
Gab ihr mein Tchterlein also ein halb Brod, und ein Stck Speck bei zweer
Hnden Lnge, was ihr aber nicht genugsam bednkete, sondern mummelte zwischen
den Zhnen, worauf mein Tchterlein sagte: bistu nicht zufrieden, alter
Hexensack, so packe dich und hilf erst deinem Kerl, schaue wie er das Haubt auf
Zabels Zaun geleget und mit den Fen vor Wehetage trampelt, worauf sie ginge,
doch abermals zwischen den Zhnen mummelnde: Ja, ich will ihm helfen und dir
auch!

                                    Funoten


1 Schlo auf Usedom, frher ein berhmtes Kloster

2 Allmosen in der Gemeinde eingesammelt.

3 umzaubern.


                                   Capitel 7.

Wie die Kaiserlichen mir alles Uebrige geraubet, auch die Kirchen erbrochen und
            die vasa Sacra entwendet; item was sonsten frgefallen.

Nach etzlichen Tagen, als unsere Nothdurft fast verzehret, fiel mir auch meine
letzte Kuh umb (die andern hatten die Wlfe, wie oben bemeldet, allbereits
zurissen) nicht ohne sonderlichen Verdacht, da die Lise ihr etwas angethan,
angesehen sie den Tag vorhero noch wacker gefressen. Doch lasse ich das in
seinen Wrden, dieweil ich Niemand nit verleumbden mag; kann auch geschehen sein
durch die Schikkung des gerechten Gottes, deen Zorn ich wohl verdienet hab' -
Summa:
    ich war wiederumb in groen Nthen und mein Tchterlein Maria zuri mir noch
mehr das Herze durch ihr Seufzen, als das Geschreie anhub: da abermals ein
Trupp Kaiserlicher nach Uekeritze gekommen, und noch grulicher denn die ersten
gemarodiret, auch das halbe Dorf in Brand gestecket. Derohalben hielt ich mich
nicht mehr sicher in meiner Htten, sondern nachdem in einem brnstigen Gebet
Alles dem Herrn empfohlen, machte mich mit meinem Tchterlein und der alten
Ilsen auf, in den Streckelberg 1 wo ich allbereits ein Loch, einer Hhlen
gleich, und trefflich von Brommelbeeren verrancket uns ausersehen, wenn die Noth
uns verscheuchen sllte. Nahmen daher mit, was uns an Nothdurft des Leibes
geblieben, und rannten mit Seufzen und Weinen in den Wald, wohin uns aber bald
die alten Greisen und das Weibsvolk mit den Kindern folgten, welche ein gro
Hungergeschrei erhoben. Denn sie sahen, da sich mein Tchterlein auf einen
Stubben satzte, um ein Stck Fleisch und Brod verzehrete, kamen also die kleinen
Wrmer mit ausgereckten Hndeleins angelaufen und schrieen: uck hebben, uck
hebben2. Wannenhero da mich solch gro Leid billig jammerte, meinem Tchterlein
nit wehrete, da sie alles Brod und Fleisch so vorrthig unter die hungrigen
Kindlein vertheilete. Erst muten sie aber dafr Aller Augen3 beten, ber
welche Wort ich dann eine trstliche Ansprach an das Volk hielte, da der Herr,
welcher jetzunder ihre Kindlein gespeiset auch Rath wissen wrde ihren eigenen
Bauch zu fllen, mchten nur nit mde werden ihm zu vertrauen.
    Aber sollich Trost whrete nicht lange. Denn nachdeme wir wohl an die zween
Stunden in und um der Hhlen uns gelagert, huben die Glocken im Dorfe so
klglich an zu gehen, da es einem Jeglichen schier das Herze brach, angesehen
auch dazwischen ein laut Schieen, item das Geschrei der Menschen und das Bellen
der Hunde erschallete, so da mnniglich gieen kunnte, der Feind sei mitten im
Dorfe. Hatte dannenhero genug mit den Weibern zu tschen4 da sie nicht durch
ihr unverstndig Lamentiren dem grimmigen Feind unsern Schlupfwinkel verrathen
mchten, zumalen als es anfing schmockig zu riechen, und alsobald auch die helle
Flamme durch die Bume glitzerte. Schickete derohalben den alten Paassch oben
auf den Berg da er umbherlugen sollt, wie es stnde, htte sich aber wohl zu
wahren, da man ihn nicht vom Dorfe erschaue, anerwogen, es erst zu schummern
begunte. Solliches versprach er und kam alsbald auch mit der Bothschaft zurcke,
da gegen 20 Reuter aus dem Dorfe gen die Damerow gejagt wren aber das halbe
Dorf in rothen Flammen stnd. Item erzhlete er, da durch seltsame Schickung
Gottes sich sehr viel Gevgel in den Knirkbschen5 und anderswo sehen lie, und
meinete, wenn man sie nur fangen knnte, da sie eine treffliche Spei vor uns
abgeben wrden. Stieg also selbsten auf den Berg, und nachdem ich alles so
befunden, auch gewahr worden da durch des barmherzigen Gottes Hlf das Feuer im
Dorfe nachgelassen, item da auch mein Httlein wider mein Verdienst und
Wrdigkeit annoch stnde, stieg ich alsbald herunter, trstete das Volk und
sprach: der Herr hat uns ein Zeichen gegeben und will uns speisen, wie einst das
Volk Israel in der Wsten, denn er hat uns eine treffliche Schaar von
Krammetsvgeln ber die wste Sehe gesendet, welche aus jedem Bschlein burren,
so man ihm nahet. Wer will nun in das Dorf laufen und schneiden die Mhnhaare
und den Schwanz von meiner gefallenen Kuh wegk, so hinten auf der Wrthe liegt.
(Denn Rohaare hatte es im ganzen Dorf nicht, dieweil alle Ro vom Feinde lngst
genommen oder erstochen waren.) Aber es wollte sich Niemand nit finden angesehen
die Angst noch grer war, denn der Hunger, als meine alte Ilse anhub: so will
ich schon gehen, denn ich frchte mich nit, dieweil ich auf Gottes Wegen bin,
gebet mir nur einen guten Stock. Als ihr nun der alte Paassch seinen Stecken
hingereichet, begunte sie vor sich zu singen. Gott der Vater wohn uns bei, und
verlief sich bald in das Gebsche. Hierzwischen vermahnete ich nun das Volk,
alsbald Hand anzulegen, kleine Rthlein zu den Dohnen zu schneiteln und Beeren
zu suchen, dieweil es Mondschein ware, und allwrts viel Gnseflieder auch
Ebereschen auf dem Berge stunden. Die kleinen Kindlein aber htete ich mit
meiner Marien, dieweil die Gegend nicht sicher fr Wlfen war. Hatten derohalben
ein lustig Feuer angemacht, umb welches wir uns setzten und dem kleinen Volk die
Gebot verhreten, als es hinter uns knisterte und knasterte, und mein
Tchterlein mit den Worten: proh dolor, hostis!6 auf und im die Hhlen sprang.
Aber es waren nur die rstigen Kerls, so im Dorfe verblieben, und nun kamen, uns
Bothschaft zu bringen, wie es alldorten stnde. Dahero rief ihr gleich zu:
emergas, amici7 wo sie denn auch mit groen Freuden wieder herfrsprang und bei
uns zum Feuer niedersa. Allsobald verzhlete nun mein Frsteher Hinrich Seden
was derweilen frgefallen, und wie er nur durch sein Weib Lise Kolken sein Leben
geborgen. Jrgen Flatow, Chim Burse, Clas Peer und Chim Seideritz aber wren
erschlagen, und lge letzterer recht auf dem Kirchsteig. Zwlf Katen htten die
grimmigen Mordbrenner in Asche geleget und wr es nit ihre Schuld, da nicht das
ganze Dorf draufgegangen angesehen der Wind ihnen nicht gepasset. Htten zum
Hohn und Gesptte die Glocken dazu gelutet, ob Niemand kommen wllt und
lschen, und als er und die andern jungen Kerle herfrgesprungen htten sie die
Musqueten auf sie abgedruckt, aber mit des groen Gotts Hlfe Niemand nit
getroffen. Darauf wren seine Gesellen ber die Zune gesprungen, ihn aber
htten sie erwischet, und schon das Gewehr ber ihm ausgerecket, als sein Weib
Lise Kollken mit eim andern Trupp aus der Kirchen herfrgetreten, und ihnen
gewinket da er Ruhe gehabt. Lene Hebers aber htten sie in ihrem Wochenbett
erstochen, das Kindlein gespieet und ber Claas Peers Zaum in den Nessel
geworfen, wo es annoch gelegen, als sie abgelaufen. Wre jetzunder im ganzen
Dorf derohalben keine lebendige Seele mehr, und noch schwerer ein Bissel Brods,
so da, wenn den Herrn nit ihre Noth jammerte, sie alle des elendiglichen
Hungertodes wrden sterben mssen.
    (Da sage nun Einer: das wllen Christenmenschen sein!)
    Fragte nunmehro, als er schwiege (mit wie viel Seufzen jedoch, kann man
leichtlich gieen) nach meiner Htten, wovon sie aber nichts wuten, als da sie
annoch stnde. Ich dankete dannenhero dem Herrn mit einem stillen Seufzerlein
und alsobald den alten Seden fragend was sein Weib in der Kirchen gemachet,
htte ich schier vergehen mgen fr groem Schmerz, als ich hrete, da die
Lotterbuben, als sie herauer getreten die beiden Kelche nebst den Patenen in
Hnden getragen. Fuhr dahero die alte Lise fast heftig an, welche nun auch
angeschlichen kam durch das Buschwerk, worauf sie aber trotziglich zur Antwort
gab: da das fremde Volk sie gezwungen die Kirche aufzuschlieen, da ihr Kerl ja
sich in den Zaum verkrochen, und Niemand Anders nit da gewesen. Selbige wren
sogleich fr den Altar getreten, und da ein Stein nicht wohl gefuget (was aber
eine Erzlge war) htten sie alsobald angefangen mit ihren Schwertern zu graben,
bis sie auch die Kelche und Patenen gefunden. Knnte auch sein da ein Anderer
ihnen den Fleck verrathen. Mchte dahero ihr nicht immer die Schuld beilegen,
und sie also heftig anschnautzen.
    Hierzwischen kamen nun auch die alten Greisen und Weiber mit trefflich
vielen Beeren an, item meine alte Magd mit dem Kuhschwanz und den Mhnhaaren,
welche verzhlete, da das ganze Haus umbgewhlet, die Fenster zuschlagen, die
Bcher und Scripturen auf der Straen in den Koth getreten und die Thren aus
den Hespen gehoben wren. Solliches aber war mir ein geringer Leid, denn die
Kelche, dahero nur das Volk vermahnete Biegel und Schneere zu machen, umb am
nchsten Morgen mit des barmherzigen Gotts Hilfe unser Jagdwerk zu vollenfhren.
    Klbete dahero selber die Rthlein bis um Mitternacht und da wir eine
ansehnliche Zahl gefertiget, lie ich den alten Hinrich Seden den Abendseegen
beten, den wir alle knieende anhreten, worauf ich endiglichen noch ein Gebet
that, und das Volk sodann vermahnete, die Mnner apart und die Weiber auch apart
sich fr die Klte (Dieweil es schon im Monat Septembri war und fast frisch von
der Seekante herwehete) in dem Buschwerk zu verkriechen. Ich selbsten stieg aber
mit meinem Tchterlein und der Magd in die Hhlen, hatte aber noch nicht lange
geschlummert, als ich den alten Seden fast heftig wimmern hrete, weilen ihn die
Kolik berfallen, wie er klagte. Stand dahero wieder auf und gab ihm mein Lager,
und setzte mich wieder zum Feuer, und schneitelte Dohnen, bis ich ein halb
Stndchen entschlief und der Morgen anbrach, worauf es besser mit ihm worden
war, und ich nun auch alsobald mich aufmachte und das Volk zum Morgenseegen
weckte. Diesesmal tht ihn der alte Paassch kunnte aber nit recht hineinkommen,
weshalb ich ihm aushelfen mute. Hatt' er ihn vergessen oder thats die Angst,
das lasse ich ungesagt. Summa. Nachdem wir All recht inniglichen gebetet,
schritten wir alsofort zum Werk, keilten die Dohnen in die Bume und umbhingen
sie mit Beeren, unterdessen mein Tchterlein der Kinder hthete, und
Brummelbeeren vor sie zum Frhstck suchete. - Nun soll man aber wissen, da wir
quer durch den Busch gen den Weg nach Uekeritze hin keileten, und da merke nun
mnniglich wieder die sonderbare Gnadenschickung des barmherzigen Gotts. Denn
als ich mit dem Beil in der Hand (es war Seden sein Beil, so er in der Frhe aus
dem Dorfe gehohlet) in bemeldeten Weg trate, nehm ich auf der Erden ein Brod
wahr, bei eines Armes Lnge, worauf ein Rabe pickete, und welches sonder Zweifel
ein kaiserlicher Reuter Tags vorhero aus seinem Schnappsack verloren, dieweil
noch frische Rotrappen im Sande dabei stunden. Knpfe mir es also heimlich ber
den Wanst, so da Niemand nichtes merkete, obschon bemeldeter Paassch dicht
hinter mir schritt, item alle Andern in nicht gar guter Ferne ihm folgeten. Als
wir nun so die Dohnen bestellet in groer Frhe, hatte es schon gegen die liebe
Mittagszeit eine so groe Menge Vgel darinnen, da Kthe Berow welche mir zur
Seiten schritt, als ich sie abbande, dieselben in ihrem Schurzfleck fast nit zu
lassen mute, und auf dem andern Ende der alte Pagels auch nit viel weniger aus
seinem Brustlatz und Rocktaschen herfrlangte. Mein Tchterlein satzte sich also
mit den andern Frauensvolk hin, das Gevgel zu rupfen, und da es an Salz
gebrach, (denn dessen hatten die Meisten von uns lange nicht mehr gekostet,)
vermahnete sie ein Paar Mnner, zur Sehe zu steigen, und in einem Grapen, so
noch von Staffer Zuter geborgen war, ein wenig gesalzen Wasser zu hohlen, was
sie auch thten. In solchem Wasser tunketen wir nunmehro die Vglein und brieten
sie darauf bei einem groen Feuer, wobei uns allen schon vom dem sen Geruch
das Maul zu wssern begunnte, da wir so lange keiner Speisen nicht gekostet.
    Sage dahero als alles fertig, und das Volk sich auf der Erden gelagert hat:
nun schauet wie der Herr sein Volk Israel in der Wsten noch immerdar mit
frischen Wachteln speiset, sollt er nun ein Uebriges thun, und uns auch ein
Stcklein Mannabrod vom Himmel senden, was meinet ihr, wrdet ihr dann jemalen
mde werden zu gluben, und nit vielmehr alle Noth, Trbsal, Durst und Hunger
williglich tragen, so er euch frder nach seinem gndigen Willen auferlegen
sllte? worauf sie alle antworteten und sprachen: ja sicherlich! Ego: Wllt ihr
mir das wahrhaftiglichen versprechen, worauf sie wiederumb sageten: ja das
wollen wir! Da zog ich mit Thrnen das Brod von meinem Wanst herfr, hub es hoch
in die Hhe und rufete: nun schau du armes, glubiges Huflein, welch ein ses
Mannabrod dein treuer Erlser Dir durch mich gesendet, worauf alles schriee,
chzete, weinete, auch die kleinen Kinder abermals herbeisprangen, und die
Hndlein ausrecketen, indeme sie schrien: kiekt Brod, kiekt Brod! Da ich aber
vor Wehemuth selbsten nit beten kunte, lie ich Paassch sein klein Mgdlein das
Gratias beten, in whrender Zeit meine Maria das Brodt zuschnitt und einem
Jeglichen sein Theil reichete. Und nun langeten wir allesammt freudig zu dem
lieben Gottesmaal in der Wsten.
    Hierzwischen mute nun aber erzhlen, wie ich das liebe Mannabrod gefunden,
wobei nit versumete sie abermals zu vermahnen, da sie wllten das groe
Wunderzeichen sich zu Herzen gehen lassen, so der barmherzige Gott, wie weiland
an dem Propheten Elisa, an ihnen auch gethan, angesehen wie ein Raab in der
groen Hungersnoth demselbigen das Brod in der Wsten zugefuhret, der Herr auch
mir dieses Brod durch einen Raben zugefhret, da ich es finden gemt, da ich
ihm sonst wohl in meiner Trbsal vorbeigeschritten, und es nimmer gesehen htte.
    Als wir endiglichen unsern Bauch mit Nothdurft gefllet, hielte die
Danksagung ber Lucas 12, v. 24, wo der Herre spricht: nehmet wahr den Raben,
sie sen nicht, sie erndten auch nit, sie haben auch keine Keller noch Scheuen,
und Gott nhret sie doch, Wieviel aber seid ihr besser denn die Vgel? - Aber
unsere Snden stunken vor dem Herrn. Denn da die alte Lise, wie ich bald in
Erfahrung gebracht ihre Vgel nit verzehret, weilen sie ihr zu nchtern
frkamen, sondern selbige in den Knirkbusch8 geworfen, ergrimmete sein Zorn ber
uns, wie weiland ber das Volk Israel, und wir hatten zur Nacht nur sieben Vgel
auf den Schneeren, am andern Morgen aber nur zween. Auch kam kein Raab wieder,
der uns Brod wiese. Darumb schalt ich die alte Lise und vermahnete das Volk,
sollich gerechte Strafe des hchsten Gottes williglich auf sich zu nehmen,
fleiig zu beten, in seine verlassenen Htten zurckzuwallen, und zu sehen, ob
der grundgtige Gott vielleicht auf der Sehe mehr bescheeren mcht. Wrde ihn
auch in mein Gebet Tag und Nacht anrufen; doch noch eine Zeit lang mit meinem
Tchterlein und der Magd in der Hhlen verblieben und der Dohnen hten, ob sich
sein Zorn wenden mcht. Sollten mir inzwischen mein Pfarrhaus nach besten
Krften wieder zurichten, damit ich es bald wieder beziehen knnt, sintemalen
die Klte mir fast schwer fiele. Solliches gelobten sie auch zu thun, und
schieden mit Seufzen von dannen. Welch ein klein Huflein! - fande nur noch bei
25 Kpfen, da deren doch sonsten ber 80 gewest; alle andern hatte der Hunger,
das Schwert und die Pestilenz9 gewrget. Blieb dahero noch mit meinem Gebet fr
Gott eine Zeitlang einsam und traurig in den Hhlen und sendete nur mein
Tchterlein nebst der Magd mit zum Dorfe, da sie sich umbsehen sollten, wie es
in der Widemen10 stnde, item die Schriften und Bcher wieder zusammenlesen,
auch mir Kundschaft bringen, ob Hinze der Zimmermann, den ich alsobald in's Dorf
zurckgesendet, die Srge vor die elenden Leichnahme zusammengehmmert, da ich
sie des nchsten Tages begraben mchte. Darauf schritt ich zu den Dohnen, aber
nur ein einig Vgelein war darinnen zu verspren, woraus ich denn merkete, da
der Zorn Gottes noch nit vorber.
    Traf jedoch einen schnen Brummelbeerenbusch, woran ich bei einer Metze
Beeren pflckete, mit dem Vogel selbige in Staffer Zuter seinen Grapen tht, den
der gute Kerl uns noch eine Frist gelassen und zur Nachtkost auf ein Feuer
setzete, wann mein Kind mit der Magd zurckkehren wrd. Whrete auch nicht
lange, als sie durch den Busch brachen und von dem Gruel der Verwstung
erzhleten, so der leidige Satan unter Zulassung des gerechten Gottes im Dorf
und in der Widemen angerichtet. Mein Tchterlein hatte noch ein paar Bcher
zusammengelesen, die sie mit sich trug, vor andern einen Virgilium und eine
griechische Bibel. Und als sie darauf verzhlet, da der Zimmermann erst morgen
fertig wrd, wie auch alsbald unsem Bauch zur Nothdurft gestillet, mute sie mir
zur Strkung meines Glaubens noch einmal den locum von den lieben Raaben Lucas
am 12ten aus dem Griechischen frlesen, item den schnen locum parallelum Matth.
am 6ten, worauf die Magd den Abendseegen betete, und wir uns nach den Hhlen zur
Nachtruh begaben. Als ich nun am andern Morgen erwachte, als eben die liebe
Sonne aus der Sehe herfrbrach und ber den Berg schauete, hrete, ich, da mein
arm hungrig Tchterlein schon vor der Hhlen stand und das schne Liedlein von
den Freuden des Paradieses recitirte, so der heilige Augustinus gefertiget, und
ich ihr gelernet.11 Sie schluchzete fr Jammer als sie die Worte sprach:

uno pane vivunt dives utriusque patriae
avidi et semper pleni, quod habent, desiderant
non sacietas fastidit, neque fames cruciat
inhiantes semper edunt, et edentes inhiant
flos perpetuus rosarum ver agit perpetuum,
Candent lilia rubescit crocus, sudat balsamum,
virent prata, vernant sata, rivi mellis influunt
pigmentorum spirat odor liquor et aromatum,
pendent poma floridorum non lapsura nemorum
non alternat luna vices, sol vel cursus syderum
agnus est foelicis urbis lumen inocciduum12

Bei diesen Worten wurde ich selbsten weich, und als sie schwiege, fragte ich:
was machst du da mein Tchterlein? worauf sie mir zur Antwort gabe: ich esse
Vater. was mir erst recht die Thrnen herfrtrieb, so da ich anfing sie zu
loben, da sie die arme Seele speien wllt, da sie es nicht ihren armen Leib
knnte. Hatte aber noch nit viel gesprochen, als sie aufschriee, da ich das
groe Wunderwerk doch betrachten sllte, so sich aus der Sehe herfrtht, und
allbereits ber der Hhlen hereinbrach. Denn siehe, eine Wolke, ganz wie ein
Kreuz geformiret, kam ber uns und lie dicke schwere Tropfen bei einer guten
Erbsen gro und drber auf uns niederfallen, worauf sie alsbald hinter das
Gehge sank. Richtete mich dannenhero sogleich in die Hhe, und rannte mit
meinem Tchterlein flugs auf das Gebirge, ihr nachzuschauen. Sie zog gen das
Achterwasser13, wo sie sich weit auseinander tht, und hinterwrts alsbald einen
groen blauen Streifen formirete, welchen wunderlich die Sonne beschien, so da
er schier wie eine gldne Brcken anzuschauen war, wie mein Tchterlein sagte,
auf welcher die lieben Engel tanzten. Fiel daher mit ihr sogleich auf die Kniee
und dankete dem Herrn, da unser Kreuz fr ber gezogen, aber ach unser Kreuz
sollte erst anheben, wie man weiter lesen wird.

                                    Funoten


1 Ein ansehnlicher Berg am Meere nahe bei Coserow.

2 auch haben, auch haben.

3 Ps. 145, 15, 16.

4 beschwichtigen.

5 Wachholderbsche.

6 o Jammer der Feind ist da! - Ueber die wunderbare Bildungsweise des Mdchens
erklrt sich unser Verfasser spter.

7 komm nur wieder hervor, es sind Freunde!

8 Wachholdergebsch.

9 fand im Jahre 1628 statt und hufte das Elend des 30jhrigen Krieges auf der
hiesigen Insel auf das Unertrglichste. Schade, da die Schilderung des alten
Pfarrers, welche er ohne Zweifel in dem Vorhergehenden gegeben, verloren ist.

10 Pfarrhaus.

11 Dies ist ein Irrthum. Das nachfolgende Lied ist von dem Cardinal-Bischof von
Ostia Peter Damianus ( 23sten Febr. 1072) nach Augustins Prosa berdichtet.

12
Wir versuchen hier eine Uebersetzung dieser schnen Stelle:
    Alle Brger dieses Landes leben nur von einem Brod. -
    Hungrig stets und stets gesttigt, trbt ihr Sehnen keine Noth,
    Fhlen nie der Sattheit Ekel, auch die Qual des Hungers nie,
    Athmend essen sie bestndig, ha und essend athmen sie!
    Ewig blht die Rosenknospe hier im ew'gen Frhling auch
    Wei die Lilie, roth der Krokus, duftend truft der Balsamstrauch,
    Grn die Wiesen, grn die Saaten, und von Honig rinnt der Bach.
    Das Aroma ser Blumen haucht und duftet tausendfach.
    Blhnde Wlder tragen Aepfel, deren Stengel nimmer bricht.
    Und nicht Sonne, Mond noch Sterne wechseln dorten mehr ihr Licht.
    Denn ihr Licht, das nimmer schwindet, ist des Lammes Angesicht.

13 Ein Busen, den der Peeneflu in der Nhe bildet.


                                   Capitel 8.

Wie unsere Noth immer grer wird, ich die alte Ilse mit einem andern Schreiben
    gen Pudgla sande, und was mir daraus noch fr ein grer Leid erfolget.

Als ich des andern Tags mit gemeinem Geschrei, des ganzen Dorfs die elenden
Leichname beerdiget (merke, da wo die Linde1 ber die Mauer schattet, seind sie
alle begraben) hrete ich mit vielen Seufzern, da auch weder die Sehe noch das
Achterwasser etwas hergeben gewllt. Dies dauerte bei zehn Tagen, da das arme
Volk fast kein Fisches Auge nit kunnte fangen. Ging dahero auf das Feld, und
sanne, wie der Zorn des gerechten Gottes ber uns zu wenden wr, dieweil der
harte Winter vor der Thr und kein Korn, kein Fisch, kein Apfel, kein Fleisch
nicht sowohl im Dorfe als im ganzen Kapsel mehr zu finden. Denn Gewilde hatte es
zwar genugsam in der Coserowschen und Uekeritzer Heiden, aber der alte
Heidenreuter Zabel Nehring war im verschienen Jahr an der Pestilenz gestorben,
und noch kein neuer daselbsten. Auch war im ganzen Kapsel keine einige Mousquete
oder Kraut dazu aufzufinden, sintemalen der Feind alles geraubet und zubrochen.
Wir muten dahero alle Tage ansehen, wie Hirsche, Rehe, Haasen, Schweine et cet.
uns frbei sprangen, da wir sie doch lieber in unserm Magen gehabt, aber in
unserer Unmacht sie nicht gewinnen kunnten. Und in Gruben wollten sie sich nicht
fahen lassen. Doch hatte Claus Peer ein Rehe darin gefangen, und mir auch ein
Stck davon verehret, was ihm Gott lohnen wlle. Item an zahmen Vieh war fast
gar nichtes mehr in Kapsel frhanden, auch kein Hund, weder eine Katze, welche
das Volk in der groen Hungersnoth zum Theile gegessen, zum Theile aber
vorlngst geschlagen oder versufet. Doch hatte der alte Bauer Paassch noch zwei
Khe item soll in Uekeritze noch ein alter Mann ein Ferkelken gehabt haben, das
war Alles. Darumb lebete fast alles Volk von Brummel- und andern Waldbeeren,
welche aber auch schon begunnten seltsam zu werden, wie man leichtlich gieen
mag. Auch hatte sich dabei allbereits ein Knabe bei 14 Jahren verloffen, (den
alten Labahn sein Junge) und nie nichtes wieder von sich hren lassen, so da
ich schier befahre, da ihn die Wlfe gefressen.
    Hieraus mge nun ein christlich Herze vor sich selbsten abnehmen, in was
Gram und Trbsal ich meinen Stecken zur Hand genommen, angesehen mein
Tchterlein fr den leidigen Hunger wie ein Schatten verging, obschon ich
selbsten als ein alter Krper, durch die Gnade des barmherzigen Gottes noch
keinen sonderbaren Abgang meiner Krft versprete. Indeme ich nun so ginge im
fortwhren zu dem Herrn wimmernd, gewahrete ich auf dem Wege gen Uekeritze so
ich eingeschlagen, einen Bettlersmann, der sa mit seinem Rnzel auf einem Stein
und verzehrete ein Stcklein seltene Gottesgabe, verstehe ein Stcklein Brod.
Ach, da liefen mir armen Mann die Backen so voll Wassers, da ich mich erst
bcken und es zur Erde mute laufen lassen, ehe ich fragen kunte: wer bistu,
und wo kommstu her, da du Brod hast? Worauf er antwortete: da er ein armer
Mann aus Bannemin sei, deme der Feind Allens genommen, und da er erfahren, da
der Lieper Winkel2 fast lange Frieden gehabt, htt' er sich aufgemacht
daselbsten zu schnurren. Nunsage ich darauf: du armer Bettlersmann, so theile
einem betrbten Diener Christi der rmer ist denn du, nur eine kleine Schnede3
Brodt fr sein armes Tchterlein ab, denn du sollt wissen, ich bin ein Pfarrherr
hier im Dorf und mein Kind will sterben fr Hunger. Ich beschwere dich bei dem
lebendigen Gott, da du mich nit gehen lssest, ohne dich mein zu erbarmen, wie
man sich dein erbarmet hat. Aber der Bettlersmann wollte mir nichts abtheilen,
sprechende: da er selbsten ein Weib und vier Kinder htte, die auch dem bittern
Hungerstode zuwanketen, massen die Noth in Bannemin noch viel grer sei, denn
hier, wo wir doch Beere htten. Ob ich nit erfahren, da vor wenig Tagen dort
ein Weibsbild (die er auch nennete, hab es aber fr Schrecken nicht gleich
beachtet) ihr eigen Kind geschlachtet, und fr Hunger aufgezehret4? Knne mir
dahero nicht helfen und mchte ich selbsten nach dem Lieper Winkel gehen.
    Fr solche Rede entsatzte ich mich, wie leicht zu erachten, da in unserer
Noth noch nichts daran vernommen, auch wenig oder gar kein Wanken ist, von einem
Dorf in das andere, und an Jerusalem gedenkend5 und schier verzweifelnde, da
uns der Herr heimsuchete, wie weiland diese gottlose Stadt, wiewohl wir ihn
nicht verrathen noch gekreuziget, verga ich fast meiner Noth, und setzte meinen
Stecken an, umb frbast zu gehen. Doch war ich kaum ein paar Ehlen geschritten,
als mir der Bettlersmann nachrief, da ich stehen sllte. Wanndte mich dahero
wieder als er mir mit einer guten Schnede Brod, so er aus seinem Queersack
gehohlet entgegentrat und sprach: Da! wer bedet uck fr mi, datt ick to Huuse
kame, denn wenn se unnerweges rcken, datt uk Brod hebbe, schleht mi min egen
Broder dod, khnt gi glwen.6 Solliches versprach mit Freuden, und kehrete flugs
um, meinem Tchterlein den heiligen Christ zu bringen, so ich in meiner
Rocktaschen verborgen. Doch siehe, als ich gegen die Straen komme, so vom Wege
nach Loddin fhret (vorhero hatt' ich es in meiner Betrbni bersehen) trauete
kaum meinen Augen, als ich alldorten mein Ackerstck bei sieben Scheffeln gro,
begatet7 beset und bestaudet antraff, so da die liebe Roggensaat, schon bei
eines Fingers Lnge lustig aus der Erden geschossen war. Konnte nicht anders
gluben, als da der leidige Satan mir ein Blendwerk frgespielet; doch wie ich
mir auch die Augen riebe, es war Roggen und bliebe Roggen. Und weilen den alten
Paassch sein Stck so daneben stie imgleichen beset und die Hlmlein zu
gleicher Hhe mit den meinigen geschossen waren, kunnte gar leicht bei mir
abnehmen, da der gute Kerl solliches gethan, anerwogen die andern Stcken
allesammt wste lagen. Verziehe ihm dahero gerne, da er den Morgenseegen nit
gewut und dem Herrn dankend vor so viel Liebe bei meinen Kapselkindern und ihn
brnstiglich anflehend: er wlle mir Kraft und Glauben gewehren, bei ihnen
nunmehro auch unverdrossen auszuhalten, und alle Kmmern und Trbsal so er
nach seinem grundgtigen Willen uns ferner auferlegen sllte, williglich zu
tragen, lief ich mehr denn ich ginge in das Dorf zurcke und auf den alten
Paassch seinen Hof, wo ich ihn antraf, da er eben seine Kuh zuhauete, so er fr
grimmigem Hunger nunmehro auch geschlachtet. Gott hilf dir! sage ich du
frommer Kerl, da du mir meinen Acker begatet hast, wie soll ich dir's lohnen?
Aber der alte Mann gab zur Antwort: Lat he dat man wesen und bede he man fr uns
8 und als ich solliches gerne zusagete und ihn fragete: wie er sein Korn fr dem
grimmigen Feind geborgen, verzhlete er mir, da er es in der Hhlen im
Streckelberge heimlichen versteckt gehabt, nunmehro aber auch all sein Frrath
aufgezehret sei. Inzwischen schnitt er ein gro schn Stck Fleisch dem Haubt
aus der Lenden und sprach: da hett he uck wat, und wenn et All i, kann he noch
ei kamen.9 Als ich nun mit vieler Danksagung gehen wlk, griff mich seine
kleine Marie bei der Hand, ein Kindlein bei sieben Jahren, so im Streckelberge
das Gratias gebetet und wollt mit zu meiner Tochter nach der Schulen. Da, wie
vorbemeldet, mein custos in der Pestzeit auch dieses Zeitliche gesegnet, mu sie
die Paar kleinen Kinder im Dorf informiren, welches aber seit lange
unterblieben. Wollt es ihr dahero nicht wegern, obwohl ich gleich besorgete, da
mein Tchterlein das Brod mit ihr theilen wrd, angesehen sie das Mgdlein sehr
lieb hatte, da es ihre Pthe war. Und so geschahe denn auch. Denn als das Kind
sahe, da ich das Brod herfrlangete, schriee es gleich fr Freuden auf und
begunnte auf die Bank zu klettern. Daher bekam sie einen Theil von der Schnede,
einen Theil unsere Magd und den dritten Theil steckte mein Tchterlein in den
Mund, da ich Nichtes haben wollte, sondern sprach: ich verspre keinen Hunger
und wlle warten bis sie das Fleisch gesotten, welches ich nunmehro auf die Bank
wurf. Da htte man sehen sollen, welche Freude mein armes Kind empfund, zumalen
ich ihr nun auch von dem Roggen verzhlete. Sie fiel mir umb meinen Hals,
weinete, schluchzete, hob alsdann das kleine Mgdlein auf ihre Arme, tanzete mit
selbiger in der Stuben und recitirete nach ihrer Wei dazu allerhand lateinische
versus so sie auswendig wute. Nun wollte sie uns auch ein recht schn Abendbrod
zurichten, da in einer Fleischtonnen, so die Kaiserlichen zuschlagen, noch ein
wenig Salz auf dem Boden geblieben. Lie sie also ihr Wesen treiben, und
kratzete etwas Ru aus dem Schornstein, so ich mit Wasser vermengete, ri
alsdann ein fast weies Blatt aus dem Virgilio und schriebe an den pastorem
Liepensem, Ehre Abrahm Tiburtius: Da er umb Gottes willen sich wlle unsere
Noth zu Herzen gehen lassen, und seine Kapselleute vermahnen, da sie uns fr
dem grimmigen Hungertod schtzen und mildthtiglich an Speise und Trank
abtheilen wllten, was der grundgtige Gott ihnen gelassen, angesehen ein
Bettlersmann mir verzhlet, da sie seit langer Zeit Friede fr dem
erschrcklichen Feind gehabt. - Wute aber nit, womit ich den Brief verschlieen
sllte, als ich in der Kirchen noch ein wenig Wachs an einem hlzernen
Altarleuchter funde, so die Kaiserlichen nicht werth geachtet, da sie ihn
aufhben, und nur die messingschen mit sich gefhret hatten. Mit solchem Brief
muten sich drei Kerls und der Frsteher Hinrich Seden in ein Boot setzen und
nach der Liepe aufmachen.
    Eher noch stellte aber meiner alten Ilsen fr so aus der Liepe brtig war,
ob sie nit lieber wllte mit in ihre Heimath ziehen, maen sie she, wie es
stnd, ich ihr auch vors Erste keinen Witten an Lohn geben knnte. (Merke: sie
hatte sich ein schn Smmlein ersparet, angesehen sie lnger denn 20 Jahre bei
mir in Dienst gewest, aber das Kriegsvolk hatte ihr Allens abgenommen.) Aber ich
kunnte sie nicht dazu bringen, sondern sie weinete bitterlich und bate, da ich
sie nur bei der guten Jungfer lassen sllte, so sie schon in der Wiegen
gekennet. Wllte gerne mit uns hungern, wenn es sein mt, mchte sie nur nit
verstoen. Dahero lie ich sie und fuhren die Andern allein ab.
    Unterde war auch die Suppen gar worden. Doch als wir kaum das Gratias
gebetet, und zulangen wollten, kamen alle Kindlein aus dem ganzen Dorfe bei
sieben an der Zahl zur Thre herein, und wollten Brod haben, welches sie von
meiner Tochter ihrer kleinen Pthe gehret. Da brach selbiger nun wieder das
Herze, und obgleich ich sie bate, sich hart zu machen, vertrstete sie mich doch
mit der Lieper Bothschaft, und kellete einem jeden Kindlein sein Theil Suppen
auf einen hlzernen Teller (denn diese hatte der Feind nicht geachtet) und stach
ihm auch ein wenig Fleisch in die Hndeken, soda unser Frrath mit einmal
aufgezehret ward. Blieben dahero des andern Morgens wieder nchtern bis gegen
Mittag, wo das ganze Dorfsich auf der Wiesen am Ufer versammblet hatte, als das
Boot zurcke kam. Aber Gott erbarm's, wir hatten fast umbsonst gehoffet! - Nur
sechs Brode und ein Hammel item ein Viert Backpfel war allens was sie hatten.
Denn Ehre Abraham Tiburtius schriebe mir, da, nachdem das Geschrei von ihrem
Reichthumb ber die ganze Insel erschollen, soviel Bettlersleute bei ihnen
umbgingen, da sie ihnen unmglich gerecht werden knnten, angesehen sie
selbsten nicht wten, wie es noch mit ihnen in dieser schweren betrbten Zeit
ablaufen wrd. Indessen wllte er sehen, ob er noch mehr auftreiben knnte. Lie
also den kleinen Frrath mit vielem Seufzen in die Widemen tragen, und obgleich
zwei Brode wie pastor lipensis schriebe, vor mich allein sollten, gabe ich sie
doch mit in die Theilung, womit auch Alle sich zufrieden stellten, ausgenommen
den alten Seden sein gluderugigt Weib nit, so noch apart fr ihren Mann seine
Reise etwas haben wollte, was aber, wie leicht zu erachten, nit geschah,
weshalben sie wieder, da sie abzoge, etzliche Worte zwschen die Zhne mummelte,
die aber Niemand nit verstand. Es war ein schier verrucht Weib, so sich durch
Gottes Wort nicht beikommen lie.
    Nun kann aber mnniglich von sich selbsten abnehmen da solcher Frrath nit
lange aushielt. Da nun zugleich auch bei allen Kapselleuten ein brnstig
Verlangen nach der geistlichen Speise sich verspren lie; ich selbsten und die
Frsteher aber nur 8 Witten10 im ganzen Kapsel auftreiben kunnten, so nit
auslangeten, umb Brod und Wein anzuschaffen, kam ich auf die Gedanken, abermals
dem Herrn Ambthaubtmann unsere Noth zu vermelden. Mit wie schwerem Herzen ich
solliches that, kann man leicht erachten. Aber Noth kennt kein Gebot. Rie
dahero auch das Hinterblttlein aus dem Virgilio und bate, mb der heiligen
Dreieinigkeit willen, da Seine Gestrengen sich meiner und des ganzen Kapsels
gemeine Noth wllte zu Herzen gehen lassen, und ein wenig Geld hergeben, zum
Trost der betrbten Seelen das heilige Sacrament zu halten, auch wo mglich
einen Kelch zu kaufen, so er auch nur von Zinne sein sllte, sintemalen der
Feind die frhandenen geraubet, und ich sonsten gezwungen wr das heilige
Nachtmal in einem Topf zu consacriren. Item mcht er sich auch unserer
leiblichen Noth erbarmen, und mir endiglichen mein, seit so viel Jahren
hinterstelliges Mistkorn verabreichen. Wlke es nicht allein vor mich selbsten
haben sondern es gern mit dem ganzen Kapsel theilen, bis der grundgtige Gott
mehr bescheeren wrd.
    Hierzwischen fiel mir aber ein stattlicher Klcks auf das Papier. Denn da
die Fenster mit Brettern verspundet waren, ware das Zimmer tunkel und nur ein
wenig Licht kam durch zwei kleine Scheiblein Glas, so ich aus der Kirchen
gebrochen, und hineingesetzet. Solliches mochte wohl die Ursache sein, da ich
mich nit besser frsah. Da ich aber kein neues Stcklein Papier mehr auftreiben
kunnte, lie ich es passiren, und befahle der Magd, so ich mit dem Brieflein gen
Pudgla sandte, solliches bei Sr. Gestrengen, dem Herrn Ambtshaubtmann zu
entschuldigen, welches sie auch zu thun versprach; angesehen ich selbsten kein
Wrtlein mehr auf dem Papier beisetzen kunnte, dieweil alles beschrieben war.
Siegeln tht ich es, wie vorbemeldet.
    Allein die arme Person kehrete zitternd fr Angst und weinend zurcke, und
sprach: Seine Gestrengen htte sie mit dem Fu aus der Schlopforten gestoen
und gedruet, sie in den Ganten11 setzen zu lassen, so sie wiederumb vor ihn
kme. Ob der Pfaffe glube, da ihm das Geld so loose s, wie mir die Tinte,
htte ja Wasser genug das Abendmahl zu halten. Denn htte Gottes Sohn einmal das
Wasser in Wein gewandelt, knnt er's auch ftermalen. Htt' ich keinen Kelch
sollt ich meine Schaaf aus einem Eimer trnken, wie er's auch tht, und was
solcher Gotteslsterungen mehr waren, so er mir nachgehends auch selbsten
schriebe, und wovor ich mich, wie leicht abzunehmen, auf das erschrcklichste
entsatzte. Von dem Mistkorn verzhlete sie, htte er gar Nichtes gesagt. In
solcher meiner groen Seelen- und Leibesnoth kam der liebe Sonntag heran, wo
fast die ganze Gemeind zu Gottes Tisch gehen wollt, aber nicht kunnte. Ich
sprach dannenhero ber die Worte St. Augustins: crede et manducasti12 wobei ich
frstellete, da die Schuld nit mein und treulichen erzhlete, wie es meiner
armen Magd in Pudgla ergangen, doch dabei noch Vieles verschwiege, und nur Gott
bate, er wlle das Herz der Obrigkeit zu unserm Frommen erwecken. Kann auch in
Wahrheit sein, da ich hrter gesprochen, denn ich geglubet, was ich nit mehr
wei, sintemalen ich sprach: wie mir umb's Herze war. Zum Schlu mute die ganze
Gemeine auf ihre Knie fallen bei einer Stunde lang und den Herrn umb sein heilig
Sacrament anrufen, item umb Linderung ihrer Leibesnoth, wie solliches zeithero
auch alle Sonntage und sonsten in den tglichen Betstunden geschahe, so ich seit
der schweren Festzeit zu halten gewohnt gewest. Endelichen stimmte ich noch das
feine Liedlein an: wenn wir in hchsten Nthen sein, worauf nicht sobald
geschlossen als mein neuer Frsteher Claus Bulk von Uekeritze, so frher ein
Reutersmann bei Sr. Gestrengen gewesen, und den er nunmehro zu einem Bauern
eingesetzet, gen Pudgla rannte, und avertirte, was in der Kirchen frgefallen.
Solliches verdro Sr. Gestrengen heftiglichen, so da er den ganzen Kapsel, noch
bei 150 Kpfen stark, die Kinder ungerechnet, zusammenrief, und ad protocollum
diktirte, was sie von der Predigt behalten, maen er Seiner frstlichen Gnaden
dem Herzogen von Pommern zu vermelden gesonnen, welch gotteslsterliche Lgen
ich gegen ihn ausgespieen, wovor ja ein christlich Herz erschrecken mt; item
welch ein Geizhals ich wr, da ich nur immer von ihm haben wllt, und ihn in
dieser harten und schweren Zeit, sozusagen tagtglich mit meinen Sudelbrieffen
anrennete, wo er selbsten vor sich nichts zu essen htte. Das sllte dem Pfaffen
den Hals brechen, da Se. frstliche Gnaden alles tht, was er frzustellen kme,
und brauchte Niemand im Kapsel mir Nichtes mehr zu verabreichen sondern sie
sllten mich nur lauffen lassen. Er wlle schon sorgen, da sie einen ganz
andern Priester wieder erlangeten, denn ich wr.
    (Mchte den aber wohl sehen, der sich in sollich Unglck hineinzubegeben
entschlossen gewesen wr.) Diese Botschaft wurde mir aber noch in selbiger Nacht
hinterbracht, wovor ich fast heftig erschrack, angesehen ich wohl einsahe, da
ich nun nit einen gndigen Herrn an Sr. Gestrengen bekommen, sondern Zeit meines
erbrmlichen Lebens, wenn ich es anderst sllte fristen knnen, eine ungndige
Herrschaft haben wrd. Doch trstete mich bald ein Etwas, als Chim Krger aus
Ueckeritze, so mir solches hinterbrachte, ein Stcklein von seinem Ferkel aus
der Taschen zog, das er mir verehrete. Darber kam auch der alte Paassch hinzu,
welcher dasselbe sagte, und noch ein Stcklein von seiner alten Kuh
herfrlangte, item mein anderer Frsteher Hinrich Seden mit einer Schnete Brod,
und einem Braxen13, so er in den Reusen gehabt, alle sagende: da sie keinen
bessern Priester wllten, als ich, und mchte ich nur bitten, da der
barmherzige Gott mehr bescheeren wlle, wo es mir dann auch an Nichtes fehlen
sllt, inzwischen aber sllte ich stille sein, und sie nit verrathen. Solliches
gelobte ich Alles zu thun, und mein Tchterlein Maria hob alsobald die liebe
Gottesgab von dem Tische und trug sie in die Kammer. Aber o Jammer, des andern
Morgens als sie das Fleisch in den Grapen thun wollte, war Allens fort! Wei
nichtwer mir dieses neue Herzeleid bereitet doch meine fast, da es Hinrich
Seden sein bses Weib gethan, sintemalen er nicht schweigen kann, und ihr wie
glublich, wohl alles wiedererzhlet. Auch hat Paasschen sein klein Tchterlein
gesehen, da sie zum andern Mittag Fleisch in dem Topf gehabt, item da sie mit
ihrem Mann gehaddert, und nach ihme mit dem Fischbrett geschmissen, auf welchem
noch frische Fischschuppen gesessen; htte aber sich gleich begriffen, als sie
ihrer gewahr worden. (Pfui dich alte Hexe, es wird genug wahr sein!) Dahero
blieb uns nichts brig, als unsere arme Seele mit Gottes Wort zu speisen. Aber
auch diese war so verzaget, da sie nichts mehr annehmen wllte, so wenig als
der Magen. Denn mein arm Tchterlein insonderheit, ward von Tag zu Tag blasser,
grauer und gelber, und spiee immer wieder die Spei aus, da sie Allens ohne Salz
und Brod geno. Wunderte mich schon lange, da das Brod aus der Liepe nit wollte
all werden, sondern ich alle Mittag bisher ein Stcklein gehabt. Hatte auch
ftermalen gefraget, wo hastu denn immerfort das liebe Brod her, am Ende hebest
du Alles vor mich allein auf, und nimmst weder vor dich ein Stcklcin, noch vor
die Magd. Aber beide hoben dann immer ein Stcklein tannen Bork14 in die Hhe,
so sie zurecht geschnitten und vor ihren Teller gelegt, und da es dunkel war in
der Stuben, merkete ich die Schalkheit nit, sondern glubete sie en auch Brod.
Aber endiglichen zeigt es mir die Magd an, da ich es nit lnger leiden sllte,
dieweil mein Tchterlein ihr selbsten nit hren wlle. Da kann nun mnniglich
abnehmen, wie mir um das Herze war, als ich mein arm Kind auf ihr Moosbett
liegen und ringen sah mit dem grimmigen Hunger. Aber es sollte noch hrter
kommen, denn der Herr wollte mich ganz zerschlagen in seinem Zorn wie einen
Topf. Siehe auf den Abend desselbigen Tages kommt der alte Paassch angelaufen
klagende, da all sein und mein Korn im Felde umbgehaket und elendiglich
zerstret sei, und msse dies schier der leidige Satan gethan haben, angesehen
nicht die Spur eines Ochsen weder eines Rosses zu sehen wr. Fr solche Rede
schriee mein arm Kind laut auf und fiel in Unmacht. Wollte ihr dahero zu Hlfe
springen, aber ich erharrete nit ihr Lager, sondern fiel fr grulichen Jammer
selbsten zur Erden. Als nun die Magd wie der alte Paassch ein laut Geschrei
herfurstieen, kamen wir zwar wieder bei uns, aber ich konnte mich nit allein
mehr von der Erden erheben, so hatte der Herr meine Gebein zermalmet. Bate
daher, als sie mir beisprangen, so wllten mich nur liegen lassen, und als sie
solches zu thun sich wegerten, schriee ich, da ich doch gleich wieder zur Erden
mt' mb zu beten und mchten sie nur Alle bis auf mein Tchterlein aus der
Stube gehn. Solliches thten sie, aber das Beten wollte nit gehen. Ich geriethe
in schweren Unglauben und Verzweiflung, und mrrete wieder den Herrn, da er
mich hrter plagete denn Lazarum und Hiob. Denn dem Lazaro schriee ich Elender,
hattest du doch die Brosamen und die barmherzigen Hndlein gelassen, aber mir
hast du nichts gelassen, und bin ich selber schlechter vor dir, denn ein Hund
geachtet, und den Hiob hast du nicht gestrafet, ehe du gndiglich ihm seine
Kinder genommen, mir aber lssest du mein arm Tchterlein, da ihre Qual meine
eingene noch tausendfltiglich hufen mu. Siehe darumb kann ich dich nichts
mehr bitten, denn da du sie bald von dieser Erden nimmst, damit mein graues
Haubt ihr freudig nachfahren knne in die Grube! Wehe ich ruchloser Vater, was
hab' ich gethan? Ich hab Brod gessen und mein Kindlein hungern lassen! O Herr
Jesu, der du sprichst: welcher ist unter euch Menschen, so ihn sein Sohn bittet
um Brod, der ihm einen Stein biete? Siehe ich bin dieser Mensch, siehe ich bin
dieser ruchlose Vater, ich habe Brod gessen und meinem Tchterlein Holz geboten,
strafe mich, ich will dir gerne stille halten! O mein gerechter Jesu, ich habe
Brod gessen und meinem Tchterlein Holz geboten! - Als ich solliches nicht
redete sondern laut herfrschrie, indem ich meine Hnde range, fiel mir mein
Tchterlein schluchzend umb den Hals, und strafete mich, da ich gegen den Herrn
murrete, da doch sie selbsten als ein schwach und gebrechlich Weib gleichwohl
nicht an seiner Gnade verzweifelt sei; so da ich bald mit Schaam und Reue
wieder zu mir selbsten kam, und mich vor dem Herrn demthigte fr solche Snden.
    Hierzwischen war aber die Magd mit groem Geschrei in das Dorf gerannt, ob
sie ein wenig fr ihre arme Jungfer gewinnen mcht. Aber die Leute hatten ihr
Mittag schon verzehret und die Meisten waren auf der Sehe, sich die liebe
Nachtkost zu suchen; dahero sie nichts gewann, angesehen die alte Sedensche so
allein noch einen Frrath gehabt, ihr nichts htte verabreichen wllen, obschon
sie selbige um die Wunden Jesu gebeten.
    Solliches verzhlete sie noch, als wir es in der Kammer poltern hreten, und
alsobald ihr guter alter Ehekerl, der dorten heimlich in das Fenster gestiegen
war, einen Topf mit einer krftigen Suppen uns brachte, so er seinem Weibe von
dem Feuer gehoben, die nur einen Gang in den Garten gethan. Er wisse wohl, da
sein Weib ihm dieses ba vergelten wrde, aber das sllt ihn nicht verdrieen,
und mchte die Jungfer nur trinken, es wre gesalzen und Allens. Er wlle nur
gleich wieder durchs Fenster eilen und sehen, da er vor seinem Weibe ins Haus
kme, damit sie es nicht merken tht, wo er gewesen. Aber mein Tchterlein
wollte den Topf nit nehmen, was ihn sehr verdro, so da er ihn fluchend zur
Erden setzte und wieder in die Kammer lief. Nicht lange, so trat auch sein
gluderugigt Weib zur Vorderthren herein, und als sie den Topf auf der Erden
noch dampfen sahe, schriee sie: du Deef15 du verfluchtes deefsches Aas und
wollte meiner Magd in die Mtze fahren. Ich bedruete sie also, und verzhlete,
was frgefallen; wllte sie es nit gluben so mcht sie in die Kammer gehen und
durchs Fenster schauen, wo sie ihren Kerl vielleicht noch laufen sh. Sollichtes
that sie, und hreten wir sie auch alsogleich ihrem Kerl nachschreien: Teuf di
sall de Dwel de Arm utrieten, kumm mie man wedder int Huus16 worauf sie wieder
hereintrat, und mummelnd den Topf von der Erden hob. Ich bat sie umb Gottes
willen, sie wlle meinem Tchterlein ein wenig abtheilen, aber sie hhnete mich
und sprach: ji koehet ehr jo wat vr prdigen, a ji mie dahn hebt17 und schritt
mit dem Topf zur Thren. Zwar bat mich mein Tchterlein ich sllte sie lassen,
aber ich konnt nicht umbhin, da ich ihr nachschrie: um Gottes willen nur einen
guten Trunk, sonst giebt mein armes Kind den Geist auf; willtu, da Gott sich
dein am jngsten Tage erbarme, so erbarme dich heute mein! Aber sie hhnete uns
abermals und rief: he kann sich jo Speck kaken18, und schritt aus der Thren.
Sandte ihr also die Magd nach mit der Sanduhr, so vor mir auf dem Tische stund,
da sie ihr selbige bieten mcht' vor einem guten Trunk aus ihrem Topf. Aber die
Magd kam mit der Sanduhren wieder und sagte: sie htt es nicht gewollt. Ach wie
schriee und seufzete ich nun abermals, als mein arm sterbend Kind den Kopf mit
einem lauten Seufzer wieder in das Moos steckete! - Doch der barmherzige Gott
war gndiger, als ich es mit meinem Unglauben verdient. Denn, da das hartherzige
Weibsbilde dem alten Paassch ihrem Nachbarn ein wenig Suppen mitgetheilt,
bracht' er sie sogleich vor mein Tchterlein, da er von der Magd wute, wie es
umb sie stnde, und achte ich, da diese Suppen, nebst Gott, ihr allein das
Leben erhalten, dieweil sie gleich wieder das Haupt aufreckte, als sie selbige
genossen, und nach einer Stunden schon wieder im Hause umbhergehen konnte. Gott
lohn's dem ehrlichen Kerl! Hatte dahero noch heute groe Freud in meiner Noth;
doch als ich am Abend beim Kaminfeuer niedersa, und an meine Verhngn
gedachte, brach wieder der Schmerz herfr, und beschlo nun mehro mein Haus und
meine Pfarre selbst zu verlaufen, und als ein Bettlersmann mit meiner Tochter
durch die weite Welt zu ziehen. Ursache kann man genugsam denken. Denn da
nunmehro alle Hoffnung mir weggestochen war, massen mein ganzes Feld geruiniret,
und der Amtshaubtmann mein ergrimmter Feind worden war, ich auch binnen fnf
Jahren keine Hochzeit, item binnen einem Jahr nur zwo Taufen gehabt, sahe meinen
und meines Kindes Tod fr Augen, dieweil gar nit abzusehen, da es vors Erste
besser sllte werden. Hiezu trat die groe Furcht in der Gemein. Denn obwohl sie
durch Gottes wunderliche Gnade schon anfingen manchen guten Zug beides in der
Sehe wie im Achterwasser zu thun, auch mancher in den andern Drfern sich schon
Salz, Brod, Grtze etc. von den Anklammschen und Lassanschen Pltern und
Quatznern19 vor seine Fische hatten geben lassen, brachten sie mir doch Nichtes,
weil sie sich scheueten, da es mcht gen Pudgla verlauten, und sie einen
ungndigen Herrn haben. Winkete dannenhero mein Tchterlein neben mich, und
stellte ihr fr, was mir im Gedanken lage. Der grundgtige Gott knne mir ja
immer eine andere Gemeinde wieder bescheeren, so ich sollte solcher Gnade wrdig
vor ihm befunden werden, angesehen die grimmige Pest- und Kriegeszeit manchen
Diener seines Worts abgerufen, ich auch nicht, wie ein Miethling von seiner
Heerde flhe, besondern bis dato Noth und Tod mit ihr getheilet. Ob sie aber
wohl des Tages ein oder zwo Meilen wrde gehen knnen? dann wllten wir uns gen
Hamburg durchbitten zu meiner seligen Frauen ihrem Stiefbruder, Martin Behring
so dorten ein frnehmer Kaufmann ist.
    Solliches kam ihr anfnglich seltsam fr, inmassen sie wenig aus unserm
Kapsel gekommen auch ihre selige Mutter und Brderlein auf unserm Kirchhof
lagen. Wer dann ihr Grab aufmachen und mit Blumen bepflanzen sllte? item, da
der Herre ihr ein glatt Gesicht gegeben, was ich thun wllte, wenn sie in dieser
wilden grimmigen Zeit auf der Landstraen von dem umbherstreichenden Kriegsvolk
und andern Lotterbuben angefallen wrd, da ich ein alter schwacher Mann sei und
sie nit schtzen knnte, item womit wir uns fr dem Froste schtzen wllten, da
der Winter hereinbrch, und der Feind unsere Kleider geraubet, so da wir ja
kaum unsere Ble decken knnten? - Dieses Alles hatte ich mir noch nicht
frgestellet, mute ihr also recht geben, und wurde nach vielem Disputiren
beschlossen, da wir zur Nacht die Sache wllten dem Herrn berlassen, und was
er am andern Morgen uns wrde in das Herze geben, wllten wir thun. Doch sahen
wir wohl, da wir auf keinerlei Wei wrden die alte Magd lnger behalten
knnen. Rief sie also aus der Kchen herbei, und stellete ihr fr: da sie
morgen frhe zu guter Zeit sich nach der Liepen aufmachen mchte, dieweil es
dorten noch zu essen htte, und sie hier verhungern wrd, angesehen wir selber
vielleicht schon morgen den Kapsel und das Land verlaufen wrden. Dankete ihr
auch fr ihre bewiesene Liebe und Treue, und bate sie endlich unter lautem
Schluchzen meiner armen Tochter, sie wlle lieber nur sogleich heimblich
hinweggehen, und uns beiden nicht das Herze durch ihren Abschied noch schwerer
machen, angesehen der alte Paassch die Nacht auf dem Achterwasser wllte fischen
ziehen, wie er mir gesaget, und sie gewis gerne in Grow an das Land setzete,
wo sie ja auch ihre Freundschaft htte, und sich noch heute satt essen knnte.
Aber sie kunnte vor vielem Weinen kein Wrtlein herfrbringen; doch da sie sahe,
da es mein Ernst war, ging sie aus der Stuben. Nit lange darauf hrten wir auch
die Hausthre zuklinken, worauf mein Tchterlein wimmerte: sie geht schon und
flugs an das Fenster rannte, ihr nachzuschauen Ja, schrie sie, als sie durch
die Scheiblein geblicket, sie geht schon! und rang die Hnde und wollte sich
nit trsten lassen. Endiglichen gab sie sich doch, als ich auf die Magd Hagar
kam so Abraham auch verstoen, und deren gleichwohl der Herr sich in der Wsten
erbarmet und darauf befahlen wir uns dem Herrn, und streckten uns auf unser
Mooslager.

                                    Funoten


1 Ist jetzt nicht mehr vorhanden.

2 Ein abgelegener Theil der Insel Usedom.

3 Plattdeutsch, fr Schnitte.

4 Dieses entsetzliche Ereigni fhrt auch Micraelius in seiner pommerschen
Geschichte an.

5 wo nach Josephus dasselbe geschah.

6 Da! aber betet auch fr mich, da ich zu Hause komme, denn wenn man unterweges
riechet, da ich Brod habe, schlgt mich mein eigener Bruder todt, knnt Ihr
glauben.

7 zur Saat vorbereitet, d.i. gepflgt und geeggt.

8 La Er da nur ruhen und bete er nur fr uns.

9 Da hat Er auch was, und wenn es verzehret ist, kann er noch einmal kommen.

10 etwa 16 Pfennige.

11 Schandpfahl.

12 glaube und du hast gegessen.

13 Braxen, Blei, ein zum Karpfengeschlecht gehriger Fisch.

14 Rinde.

15 Dieb.

16 Warte, dir soll der Teufel die Arme ausreien, komm mir nur wieder ins Haus.

17 ihr knnt ihr ja etwas vorpredigen, als ihr mir gethan habt.

18 kochen.

19 befahren bis zu dieser Stunde in kleinen Fahrzeugen (Polten und Quatzen)
alltglich das Achterwasser und kaufen dem Bauern die gefangenen Fische ab.


                                   Capitel 9.

Wie mich die alte Magd mit ihrem Glauben demthigt und der Herr mich unwrdigen
                            Knecht dennoch gesegnet.

Lobe den Herrn meine Seele und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den
Herrn und vergi nicht, was er dir Guts gethan hat. Der dir alle deine Snde
vergiebt, und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlset,
der dich krnet mit Gnade und Barmherzigkeit. Ps. 103.
    Ach ich armer elender Mensch, wie soll ich alle Wohlthat und Barmherzigkeit
fassen, so mir der Herre schon des andern Tages widerfahren liee. Ich heulte
fr Freuden, wie sonst fr Jammr, und mein Tchterlein tanzete in der Stuben wie
eine junge Rehe, und wollte nit zu Bette gehen, wollte nur weinen und tanzen,
wie sie sagete, und dazwischen den 103ten Psalm beten, und dann wieder weinen
und tanzen, bis der Morgen anbrechen wrd. Da sie aber noch merklich schwach
war, untersagte ich ihr solchen Frwitz angesehen dies auch hiee den Herrn
versuchen, und nun merke man, was frgefallen:
    Nachdem wir beide mit groem Seufzen am Morgen erwacht waren und den Herrn
angerufen, er wlle uns in unsern Herzen offenbaren, was wir thun sllten,
konnten wir gleichwohl noch immer nicht an einen Beschlu kommen, dahero mein
Kind vermahnete, so sie anders so viel Krfte in sich verspre, ihr Lager zu
verlassen, und Feuer in den Ofen zu werfen, dieweilen unsere Magd weg sei.
Wllten nachhero die Sache ferner in Ueberlegung ziehen. Sie stand dahero auch
auf, kehrete aber alsobald mit einem Freudengeschrei zurcke, da die Magd sich
wieder heimlich in das Haus geschlichen, und allbereits Feuer in den Ofen
gestochen. Lie sie mir also vors Lager kommen, und verwunderte mich ber ihren
Ungehorsam, was sie hier ferner wlle, als mich und mein Tchterlein noch mehr
qulen, und warumb sie nicht gestern mit den alten Paassch gezogen? Aber sie
lamentirte und jnsete1, da sie kaum sprechen konnte, und verstand ich nur so
viel: sie htte mit uns gessen darumb wlle sie auch mit uns hungern und mcht
ich sie nur nit verstoen, sie knne nun einmal nit von der lieben Jungfer
lassen, so sie schon in der Wiegen gekennet. Solche Lieb' und Treue erbarmete
mich so, da ich fast mit Thrnen sprach: aber hastu nit gehret da, mein
Tchterlein und ich entschlossen seind, als Bettlersleute ins Land zu gehen, wo
wiltu denn bleiben? Hierauf gab sie zur Antwort, da sie nit wlle, angesehen es
gebhrlicher2 vor sie, als vor uns wre, schnurren3 zu gehen. Da sie aber noch
nit einsh, warumb ich schon wllte in die weite Welt ziehen. Ob ich schon
vergessen, da ich in meiner Antrittspredigt gesaget: da ich bei meiner Gemein
in Noth und Tod wlle verharren. Mchte dannenhero noch ein wenig verziehen, und
sie selbsten einmal nach der Liepen senden dieweilen sie hoffe, bei ihrer
Freundschaft und anderswo was rechtes fr uns aufzutreiben. Solche Rede,
insonderheit von meiner Antrittspredigt fiel mir fast schwer aufs Gewissen, und
ich schmete mich fr meinen Unglauben, sintemalen nicht allein mein
Tchterlein, besondern auch meine Magd einen strkern Glauben htten denn ich,
der ich doch wllte ein Diener beim Worte sein. Erachtete also, da der Herr um
mich armen, furchtsamen Miethling zurcke zu halten, und gleicher Wei mich zu
demthigen diese arme Magd erwecket, so mich versuchen gewut wie wailand die
Magd im Pallast des Hohenpriesters den furchtsamen St. Petrum. Wandte dahero wie
Hiskias mein Angesicht gen die Wand und demthigte mich vor dem Herrn, was kaum
geschehen als mein Tchterlein abermals mit einem Freudengeschrei zur Thren
hereinfuhr. Siehe ein christliches Herze war zur Nacht heimlich ins Haus
gestiegen und hatte uns zwo Brode, ein gut Stck Fleisch, einen Beutel mit
Grtze item einen Beutel mit Salz, bei einer Metzen wohl, in die Kammer
gesetzet. Da kann nun mnniglich gieen, welch gro Freudengeschrei wir
allesammt erhoben. Auch schmete mich nit, fr meiner Magd meine Snden zu
bekennen, und in unserm gemeinen Morgengebet, so wir auf den Knieen hielten, dem
Herrn aufs Neu Gehorsam und Treu zu geloben. Hielten dannenhero diesen Morgen
ein stattlich Frhstck und schickten noch Etwas an den alten Paassch aus; item
lie mein Tchterlein nun wieder alle Kinderlein kommen, und speisete sie,
bevorab sie aufsagen muten, erst mildiglich mit unserm Frrath. Und als mein
kleinglubig Herz darber seufzete, wiewohl ich nichts sagete, lchelte sie, und
sprach: darumb sorget nicht fr den andern Morgen, denn der morgende Tag wird
fr das Seine sorgen.4
    Solche Weissagung tht der heilige Geist aus ihr, wie ich nit anders gluben
kann, und Du auch nitmein Lieber, denn merke, was geschah: Zu Nachmittag war
sie, verstehe mein Tchterlein, in den Streckelberg gegangen, um Brommelbeeren
zu suchen, weilen der alte Paassch ihr hatte durch die Magd sagen lassen, da es
dorten noch einige Bsche htte. Die Magd hackete Holz auf dem Hofe, wozu sie
sich den alten Paassch sein Beil geliehen, denn meines hatten die kaiserlichen
Schnapphhne verworfen, da es nirgend nit zu finden; ich selbsten aber wandelte
in der Stuben auf und ab und sanne meine Predigt aus: als mein Tchterlein mit
hoher Schrzen bald wieder in die Thre fuhr, ganz roth und mit funkelnden
Augen, konnte aber fr Freuden nichts mehr sprechen denn: Vater, Vater, was hab
ich? Nun, geb ich zur Antwort, was hastu denn mein Kind? worauf sie die
Schrze von einander tht, und trauete kaum meinen Augen, als ich vor die
Brommelbeeren, so sie zu hohlen gangen war, darinnen zween Stcke Bernstein
glitzern sah ein jegliches fast so gro, denn ein Mannskopf, die kleinen
Stcklein nit gerechnt, so doch auch mit unter die Lnge meiner Hand hatten, und
habe ich wei Gott keine kleine Hand. Schriee also: Herzenskind, wie kmmstu zu
diesen Gottesseegen? Worauf sie, als sie gemach wieder zu Athem kame,
verzhlete wie folgt:
    Da sienach den Beeren suchende in einer Schlucht nahe dem Strande zu, etwas
in der Sonnen htte glizzern gesehen, und als sie hinzugetreten, htte sie
diesen wunderlichen Fund gethan, angesehen der Wind den Sand von einer schwarzen
Birnsteinader fortgespielet.5 Htte sofort mit einem Stcklein diese Stcken
herausgebrochen, und wre noch ein groer Frrath vorhanden, massen es unter dem
Stocke rings umbher gebullert, als sie ihn in den Sand gestoen, auch htte
selbiger nit tiefer, als zum hchsten einen Schuh sich in den Boden schieben
lassen. Item verzhlete sie: da sie die Sttte wieder mit Sand berschttet,
und darnach mit ihrer Schrzen berwedelt, damit keine Spur nit brig bliebe.
    Im Uebrigen wrde dorthin auch kein Fremder so leichtlich kommen, angesehen
keine Brommelbeeren in der Nhe ranketen, und sie mehr aus Frwitz und um nach
der Sehe berzuschauen, den Gang gethan, denn aus Nothdurft. Sie selbsten wolle
aber schon die Sttte wiederfinden, alldieweilen sie sich dieselbige durch drei
Steinlein gemerket. Was nun unser Erstes gewesen, nachdeme der grundgtige Gott
uns aus sollicher Noth gerissen, ja uns, wie es der Anschein war, mit groem
Reichthumb begabet hatte, kann sich ein Jeglicher selbsten frstellen. Als wir
endlich wieder von unsern Knieen aufstunden, wollte mein Tchterlein zuerst zur
Magd laufen und ihr unsere frhliche Zeitung hinterbringen. Aber ich untersagete
es ihr, massen wir nit wissen knnten, ob die Magd es ihren Freundinnen nicht
wieder verzhlete, obwohl sie sonsten ein treu und gottesfrchtig Mensch sei.
Tht sie aber soliches, so wrde es sonder Zweifel der Amtshaubtmann erfahren,
und unsern Schatz vor Se. frstliche Gnaden den Herzog, will sagen vor sich
selbstenaufheben, und uns nichts nit, denn das Zusehen verbleiben, und darumb
unsere Noth bald wieder von vornen beginnen. Wllten dannenhero sagen, wenn man
uns nach unserm Seegen fragen wrde, da mein seliger Bruder so ein Rathsherr in
Rotterdamm gewesen uns ein gut Stck Geldes hinterlassen, wie es denn auch wahr
ist, da ich fr einem Jahre bei 200 Fl. von ihme geerbet, welche mir aber das
Kriegsvolk, wie oben bemeldet, jmmerlich entwendet. Item ich wlle morgen
selbsten nach Wolgast gehen und die kleinen Stcklein verkaufen, so gut es
mglich wre, sagende, du httest sie an der Sehe gefunden; solches kannstu auch
meinethalben der Magd sagen, und sie ihr zeigen, aber die groen Stcke zeigestu
Niemand nit, die will ich an deinen Ohm gen Hamburg senden, uns solche zu
versilbern. Vielleicht, da ich auch eins davon in Wolgast verkaufe, so ich
Gelegenheit hab, umb Dir und mir die Winternothdurft auf den Leib zu schaffen,
dahero du mitgehen kannst. Die Witten, so die Gemein zusammengebracht, nehmen
wir vors Erste fr Fhrgeld, und kannstu die Magd uns auf den Abend
nachbestellen, da sie auf der Fhren auf uns harre, umb die Alimenten zu
tragen. Dieses Allens versprach sie zu thun, meinete aber, wir knnten erst mehr
Birnstein brechen, damit wir was Rechtes in Hamburg kriegeten, was ich auch
thate, und dannenhero des andern Tages noch zu Hause verblieb, maen es uns noch
nit an Kost gebrach, mein Tchterlein auch sowohl als ich, uns erst wieder
gnzlich recreiren wollten, bevorab wir die Reis' antrten, item wir auch
bedachten, da der alte Meister Rothoog in Loddin, so ein Tischler ist, uns bald
ein Kistlein zusammenschlagen wrd, um den Birnstein hineinzuthun, dannenhero
ich zu Nachmittag die Magd zu ihm schickete, unterdessen wir selbsten in den
Strekelberg schritten, allwo ich mir mit meinem Taschenmesser, so ich fr dem
Feinde geborgen, ein Tnnlein abschnitte, und es wie einen Spaten formirete,
damit ich knnte besser damit zur Tiefen fahren. Sahen uns aber vorher auf dem
Berge wohl umb, und da wir Niemand nit gewahreten, schritt mein Tchterlein
voran, zu der Sttte, welche sie auch alsofort wiederfunde. Groer Gott, was
hatts hier fr Birnstein! - Die Ader ging bei 20 Fu Lnge, wie ich ungefhrlich
abfhlen mochte, die Tiefe aber kunnte ich nicht ergrnden. Doch brachen wir
heute auer vier ansehnlichen Stcken, doch fast nit so gro, als die von
gestern seind, nur klein Gruuswerk, nicht viel grer als was die Apotheker zu
Stnkerpulver6 zustoen. Nachdeme wir nun den Ort wieder mit uerstem Flei
bedecket und bewedelt, wr uns bald ein groer Unfall zugestoen. Denn uns
begegnete Witthansch ihr Mdken, so Brummelbeeren suchte, und da sie fragete,
was mein Tchterlein in der Schrzen trug und diese roth wrde und stockete,
wre alsobald unser Geheimni verrathen, htte ich mich nicht begriffen und
gesaget: was gehts dich an, sie trget Tannenzapfen umb damit einzuheitzen, was
sie auch glubte. Wir satzten uns dahero fr, in Zukunft nur des Nachts und bei
Mondenschein auf den Berg zu steigen, und kamen noch vor der Magd zu Hause
woselbst wir unsern Schatz in der Bettsttt verburgen, damit sie es nicht merken
sollte.

                                    Funoten


1 sthnte.

2 schicklicher.

3 betteln.

4 Matth. 6, 34.

5 Kommt auch jetzt noch fter vor, und ist dem Herausgeber selbst begegnet. Doch
enthielt die kleine schwarze Ader nur wenige Stcken Bernstein mit Holzkohle
vermischt, letzteres ein sicheres Zeichen seines vegetabilischen Ursprungs,
worber beilufig gesagt, jetzt auch kaum ein Zweifel obwaltet, seitdem man in
Preuen sogar ganze Bernsteinbume aufgefunden hat, und auf dem Museum zu
Knigsberg bewahrt.

6 Wahrscheinlich Rucherpulver.


                                  Capitel 10.

     Wie wir nach Wolgast reisen und daselbsten gute Kaufmannschaft halten.

Zwei Tage darauf, sagt mein Tchterlein, die alte Ilse aber meint drei Tage (und
wei ich nit was wahr ist) seind wir endiglichen zur Stadt gewest, angesehen
Meister Rothoog die Kiste nit eher fertig hatte. Mein Tchterlein deckete ein
Stck von meiner seeligen Frau ihrem Brautkleid darber so die Kaiserlichen zwar
zerfetzet, doch als sie es darauf wohl drauen liegen lassen, von dem Winde in
den Pfarrzaum war getrieben, wo wir es wiederfunden. War auch schon vorher
ziemlich unlieblich, sonst achte ich, htten sie es wohl mit sich gefhret. -
Umb der Kisten willen aber nahmen wir die alte Ilse gleich mit, so selbige
tragen mute, und da Birnstein eine fast leichte Waare ist, glubete sie es
leichtlich, da nur etwas Ewaar in selbiger vorhanden sei. Setzeten also bei
Tages Anbruch mit Gott unsern Stecken vor uns. Bei dem Zitze1 lief ein Haase vor
uns ber den Weg, was nichts Gutes bedeuten soll; ach ja! - Als wir darauf gen
Bannemin kamen, fragte ich einen Kerl, ob es wahr sei, da hier eine Mutter ihr
eigen Kind fr Hunger geschlachtet, wie ich vernommen. Er sagte ja, und nannte
das alte Weib Zissesche. Der liebe Gott aber htte sich fr solchem Gruel
entsetzet, und es htte ihr doch nicht geholfen, massen sie sich so sehr bei dem
Essen gespeiet, da sie davon den Geist aufgegeben. Sonsten meinte er, stnd' es
im Kapsel schon etwas besser, dieweil der liebe Gott sie reichlich mit Fischen
sowohl in der Sehe als im Achterwasser gesegnet. Doch wren auch hier viel Leute
fr Hunger gestorben. Von seinem Pfarrherrn Ehre Johannes Lampius2 verzhlete
er, da sein Haus von den Kaiserlichen gebrennet sei, und er in einer
Kirchenbude3 lge. Ich lie ihne gren, und mcht er doch bald einmal sich zu
mir aufmachen (welches der Kerl auch zu besorgen versprach), denn Ehre Johannes
ist ein frommer gelehrter Mann, und hat auch etzliche lateinische Chronosticha
auf diese elendig Zeit in metro heroico gestellet, so mir sehr gefallen, mu ich
sagen4.
    Doch auf der Hlfte des Weges zwischen Coserow und Wolgast, jetzt Zinnowitz
geheien.
    Als wir nun ber die Fhr kamen, sprachen wir auf den Schloplatz bei Sehms
ein, so ein Krger ist, welcher uns verzhlete, da die Pest noch immer nit ganz
in der Stadt aufgehret, worber ich fast erschrake, zumalen er auch noch viele
andere Gruel und Leiden dieser betrbten Zeit, so hier und an andern Orten
beschehen, uns fr Augen stellete, e.g. von der groen Hungersnoth im Land zu
Rgen, wo viele Menschen fr Hunger so schwarz wie die Mohren geworden, ein
wunderlich Ding, so es wahr ist, und mchte man daraus fast gieen, wie die
ersten Mohren entstanden seind5. Aber das lassen wir jetzt in seinen Wrden.
Summa als Meister Sehms uns verzhlet, was er Neues wute, und wir daraus zu
unserm Troste sahen, da der Herr uns nicht allein heimbgesuchet in dieser
schweren Zeit, rieffe ich ihn in eine Kammer, und fragete ihn, ob es hier nicht
wo Gelegenheit htte, ein Stck Birnstein zu versilbern, so mein Tchterlein an
der Sehe gefunden. Aber er sagte erstlich nein, darauf aber sich besinnende hub
er an: halt la Er sehen. Denn es seind hier beim Schlowirth Niclas Grecken
zwo hollndische frnehme Kaufleute in Herberge, als: Dieterich von Pehnen und
Jakob Kiekebusch, welcher Theer und Bretter kaufen, item Schiffholz und Balken,
vielleicht da diese auch auf Seinen Birnstein feilschen, doch geh Er selbsten
auf das Schlo, dennich wei nit mehr vor gewis, ob sie heute noch hier seind.
Solliches thate ich auch, obwohl ich bei dem Manne noch nichts verzehret,
angesehen ich erst absehen wllte, wie's mit dem Handel abliefe, und die Witten
so der Kirchen gehrten, bis so lange verspaaren. Kame also auf den Schlohof. -
Aberdu lieber Gott, wie war auch Sr. frstlichen Gnaden Haus seit kurzer Zeit
fast zur Wstenei worden. Den Marstall und das Jagdhaus hatten anno 1628 die
Dnen gebrochen; item viele Zimmr im Schlosse geruiniret, und in Sr. frstlichen
Gnaden des Herzogen Philippi Locament, wo er mich ao. 22 mit meinem Tchterlein,
wie man weiter unten lesen wird, so mildiglich getractiret, hausete jetzt der
Schlowirth Niclas Graeke, und waren all die schnen Tapecereyen, worauf die
Wallfahrt Sr. frstlichen Gnaden weiland Bagislai x. gen Jerusalem frgestellet
wr, herauergerissen und die Wnde grau und garstig6. Solliches sahe mit
betrbtem Herzen, fragte darum alsobald nach den Kaufleuten, welche hinter dem
Tische saen, und schon Abschiedszeche hielten, dieweil ihr Reisegerthe
allbereits umb sie lag, umb damit nacher Stettin aufzubrechen. Als nun der eine
von der Zeche aufsprange, ein kleiner Kerl, mit einem gar stattlichen Wanst, und
einem schwarzen Pflaster ber der Nasen, und mich fragete: was ich wlle? nahme
ich ihn abseiten in ein Fenster, und sagte: da ich schnen Birnstein htte, und
ob er gesonnen, mir solchen zu versilbern, was er gleich zu thun versprach. Und
nachdem er seinem Gesellen etwas ins Ohr gemurmelt, wurd er fast lieblich
aussehen, und reichte mir auch erst den Krug, bevorab wir in meine Herberge
gingen. That ihm also recht wacker Bescheid, da ich, wie obbemeldet noch
nchtern war, so da mir gleich ba umbs Herze wurde. (Du lieber Gott, was gehet
doch ber einen guten Trunk so es mit Maen geschieht!) Darauf schritten wir in
meine Herberge, und mute die Magd die Kiste abseiten in ein Kmmerlein tragen.
Doch hatte ich selbige kaum aufgethan, und das Kleid davon gezogen, als der Mann
(so Dieterich von Pehnen war, wie er mir unterwegs gesaget) fr Freuden die
Hnde in die Hhe hub, und sagete: da er solchen Segen in Birnstein noch
niemals nit gesehen, und wie ich dazu gekommen? Antwortete also, da ihn mein
Tchterlein an der Sehe gefunden, worber er sich sehr verwunderte, da es hier
so viel Birnstein htte, und mir gleich vor die ganze Kiste 300 Fl. bte. War
fr Freuden ber solchen Bot auer mir, doch lie mir nichtes merken, besondern
feilschte mit ihme bis auf 500 Fl. und sllte ich nur mit ins Schlo kommen und
dorten gleich mein Geld haben. Bestellete dahero gleich bei dem Wirth einen Krug
Bier, und vor mein Tchterlein ein gutes Mittagbrod, und machte mich mit dem
Mann und der Magd, so die Kiste truge wieder ins Schlo auf, bittende: er wlle
aber, umb gemeiner Verwundrung willen, nichtes nicht von meinem groen Seegen zu
dem Wirth oder sonst zu mnniglich hier in der Stadt sagen, und mir mein Geld
sonderlich7 aufzhlen, massen man auch nit wissen knnte ob mir die
Schnapphanichen8 nicht unterweges aufpaten, wenn sie solches erfhren, welches
der Mann auch tht. Denn er mrmelte gleich seinem Gesellen wieder ins Ohr,
worauf dieser seinen ledernen Rock auftht, item sein Wams und seine Hosen, und
sich ein Ktzlein von seinem Wanst schnallete, so trefflich gespicket war, und
er ihme reichete. Summa: es whrete nit lange, so hatte ich meinen Reichthumb in
der Taschen, und bate der Mann noch berdies, wenn ich wieder Birnstein htte,
slle ich ja gen Amsterdamm an ihn schreiben, was ich auch zu thun versprach.
Aber der gute Kerl ist, wie ich hernachmals erfahren in Stettin an der Pest mit
seinem Gesellen verstorben, welches ich ihm nicht gewnschet.9 Darauf wre bald
in groe Ungelegenheit kommen. Denn da ich mich sehnete auf meine Kniee zu
fallen, und die Zeit nit abwarten konnte, wo ich meine Herberge erreichet, lief
ich die Schlotreppe bei vier Stufen hinauf, und trat in ein klein Gemach, wo
ich mich fr dem Herrn demthigte. Aber der Wirth Niclas Grke folgte mir
alsbald, und vermeinete, da ich ein Dieb sei und wollte mich fest halten, wute
dahero nicht anders los zu kommen als, da ich frgabe, ich wre trunken worden
von dem Wein, so mir die fremden Kaufleute gespendet (denn er hatte gesehen,
welchen trefflichen Zug ich gethan) angesehen ich heute Morgen noch nchtern
gewesen, und htte mir ein Kmmerlein aufgesucht umb ein wenig zu schlummern,
welche Lge er auch glubete (so es anders eine Lge war; denn ich war ja auch
in Wahrheit trunken, obgleich nit vom Wein, sondern von Dank und Andacht zu
meinem Schpfer) und mich derohalben lauffen lie. -
    Doch nun mu ich erstlich meine Historie mit Sr. frstlichen Gnaden
verzhlen, wie mir oben frgenommen. Als ich Anno 22 von ungefhrlich mit mein
Tchterlein, so damals ein Kind bei 12 Jahren war, hier in Wolgast in dem
Schlogarten lustwandelte, und ihr die schnen Blumen zeigete, so darinnen
herfrgewachsen waren, begab es sich, als wir umb ein Buschwerk lenketen, da
wir meinen gndigen Herrn Herzog Philippum Julium mit Sr: frstlichen Gnaden dem
Herzogen Bogislaff so hier zum Besuche lag, auf einem Hgel stehen und
disputiren sahen, wannenhero wir schon umbkehren wollten. Da aber meine gndige
Herren alsbald frba schritten, der Schlobrcken zu, besahen wir uns den
Hgel, wo dieselben gestanden, und erhobe mein klein Mdken alsbald ein laut
Freudengeschrei, angesehen, sie einen kostbaren Siegelring an der Erden liegen
sahe, so Ihro frstliche Gnaden ohn Zweifel verloren. Ich sagete dannenhero:
komme, wir wollen unsere gndigen Herren ganz eilend nachgehen, und sagstu auf
lateinisch: Serenissimi principes quis vestrum hunc annulum deperdidit10? (Denn
wie oben bemeldet hatte ich mit ihr die lateinische Sprach schon seit ihrem
siebenten Jahr traktiret) und sagt nun einer: ego; so giebstu ihm den Ring. Item
frget er dich auf lateinisch, wem du gehrest, so sei nit blde und sprich: ego
sum filia pastoris Coserowiensis11 siehe so werden Ihre frstlichen Gnaden ein
Wohlgefallen an dir haben, denn es seind beide freundliche Leute, insonderheit
aber der groe, welches unser gndiger Landesherr Philippus Julius selbsten ist.
    Solliches versprach sie zu thun; doch da sie im Weiterschreiten merklich
zitterte, redete ich ihr noch mehr zu und versprach ihr ein neu Kleid so sie es
thte, angesehen sie schon als ein klein Kind viel umb schne Kleider gegeben.
Als wir dahero auf dem Schlohof kommen, blieb ich bei der Statue Sr:
frstlichen Gnaden des Herzogen Ernst Ludewig12 stehen, und blies ihr ein,
nunmehro dreust nachzulaufen, da Ihre f.G. nur wenige Schritte fr uns gingen,
und sich schon gegen die groe Hauptthre wendeten. Solliches tht sie auch,
blieb aber pltzlich stehen und wollte wieder umbkehren, weil sie sich vor den
Sporen Ihrer f.G. gefrchtet, wie sie nachgehends sagete, maen dieselben fast
heftig geknarret und gerastert.
    Dieses sahe aber meine gndige Frau, die Herzoginne Agnes aus dem offenen
Fenster, in welchem sie lage und rief, S.f.G. zu: mein Herre, es ist ein klein
Mdchen hinter Euch, so Euch sprechen will, wie es mir scheinet, worauf Sr.f.G.
sich gleich niedlich lchelnd umwendete, so da meinem kleinen Mdken der Muth
alsobald wiederkehrete und sieden Ring in die Hhe haltende auf lateinisch
sagete, wie ihr geboten. Darber verwunderten sich beide Frsten ber die Maen,
und nachdeme Se. frstliche Gnaden, mein gndiger Herzog Philippus sich an den
Finger gefhlet, antwortete er: Dulcissima puella, ego perdidi13 worauf sie ihm
solchen reichete. Davor klopfete er ihr die Wangen und fragte abermals: Sed
quaenam es et unde venis?14 worauf sie dreust ihre Antwort tht, und zugleich
nach mir an der Statuen mit dem Finger wiese, worauf Se. frstliche Gnaden mir
winketen, nher zu kommen. Dieses Alles hatte auch meine gndige Frau aus dem
Fenster mitgesehen, war aber mit einem Male wegk. Doch kam sie schon zurcke,
ehe ich noch zu meinen gndigen Herren demthig herangetreten, winkete alsbald
meinem Tchterlein, und hielt ihr eine Blinsche15 aus dem Fenster welche sie
haben sollte. Da ich ihr zuredete lief sich auch hinan, aber Ihre frstliche
Gnaden kunnte nit so tief niederlangen, und sie nit so hoch ber sich umb
selbige zu greifen, wannenhero meine gndige Frau ihr gebot, sie slle in das
Schlo kommen und da sie sich ngstlich nach mir umbschauete mich auch
heranwinkete, wie mein gndiger Herr selbsten, der alsobald die kleine scheue
Magd bei der Hand fassete und mit Sr: frstlichen Gnaden dem Herzogen Bogislaff
vorauf ging. Meine gndige Frau kam uns aber allbereits bei der Thren entgegen,
liebkosete und umbfing mein klein Tchterlein, so da sie bald dreust wurde, und
die Blinsche a. Nachdem nun mein g. Herr mich gefraget, wie ich hiee, item
warumb ich seltsamer Wei meinem Tchterlein die lateinische Sprache gelernet,
antwortete ich: da ich gar viel durch einen Vetter in Cln von der Schurmannin
16 gehret und da ich ein fast trefflich ingenium bei meinem Kinde verspret,
auch in meiner einsamen Pfarren genugsam Zeit dazu gehabt, htte ich nit
angestanden, sie von Jugend auf frzunehmen und zu unterweisen, maen ich keine
Knblein beim Leben htte. Darber verwunderten sich I.I.f.f.G.G. und thaten
annoch einige lateinische Fragen an selbige, welche sie auch beantwortete, ohne
da ich ihr etwas einbliese, worauf mein gndiger Herr, Herzog Philippus auf
deutsch sagete: wenn du gro geworden bist und einmal heirathen wilt, so sags
mir, dann solltu von mir wieder einen Ring haben und was sonsten noch vor eine
Braut gehret, denn du hast mir heute einen guten Dienst gethan, angesehen mir
dieser Ring ein gro Kleinod ist, da ich ihn von meiner Frauen empfangen. Ich
blies ihr darauf ein, Sr: frstlichen Gnaden vor solches Versprechen die Hand zu
kssen, was sie auch tht.
    (Aber, ach, du allerliebster Gott, versprechen und halten, seind zweierlei
Ding! Wo ist jetzt Se: frstlichen Gnaden? Darumb la mich immer bedenken: nur
Du bist allein wahrhaftig und was Du zusagst hlltstu gewis. Ps. 33, 4. Amen.)
    Item als Se. frstliche Gnaden nunmehro auch nach mir und meiner Pfarren
gekundschaftet und gehret, da ich alt adlichen Geschlechtes und mein Salarium
fast zu schwach sei, rief sie dero Canzler D. Rungium, der drauen an dem
Sonnenzeiger stund und schauete, aus dem Fenster und befahle ihme, da ich vom
Kloster zu Pudgla, item von dem Kammergut Ernsthoff eine Beilage haben sollte,
wie oben bemeldet. Aber Gott seis geklagt, habe selbige niemalen erhalten,
obwohl das Instrumentum donationis17 mir bald hernach auch durch Sr: frstlichen
Gnaden Canzler gesendet ward. -
    Daraufgab es vor mich auch Blinschen, item ein Glas wlschen Wein aus einem
gemalten Wappenglas, worauf ich demthig mit meinem Tchterlein meinen Abtritt
nahm.
    Umb nun aber wieder auf meine Kaufmannschaft zu kommen, so kann mnniglich
vor sich selbsten abnehmen, welche Freude mein Kind empfand, als ich ihr die
schne Dukaten und Gulden wiese, so ich vor den Birnstein erhalten. Der Magd
aber sagten wir, da wir solchen Segen ererbet durch meinen Bruder in Holland,
und nachdem wir abermals dem Herrn auf unsern Knieen gedanket, und unser
Mittagsbrod verzehret, hielten wir gute Kaufmannschaft an Fleisch, Brode, Salz,
Stockfisch, item an Kleidern, angesehen ich vor uns drei von dem Wandschneider
die Winternothdurft besorgete. Vor mein Tchterlein aber kaufte noch
absonderlich eine gestrickte Haarhaube und ein roth seidin Leibichen mit
schwarzen Schurzfleck und weiem Rock, item ein fein Ohrgehnge, da sie fast
heftig darumb bat, und nachdem ich auch bei dem Schuster die Nothdurft
bestellet, machten wir uns endiglichen, da es fast schon tunkel ward, auf den
Heimbweg, kunnten aber fast nit alles tragen, so wir eingekaufet. Derohalben
mute uns ein Bauer von Bannemin helfen, so auch zur Stadt gewesen war, und als
ich von ihm erforschet, da der Kerl, so mir die Schnede Brod gegeben, ein
Katenmann, Namens Pantermehl gewest, und an der Dorfstraen wohne, schobe ich
ihm zwo Brode in seine Hausthre, als wir davor gekommen, ohne da er es
gemerket, und zogen darauf unserer Straen bei gutem Mondschein weiter, so da
wir auch mit Gotts Hlfe umb 10 Uhren Abends zu Hause anlangeten. Dem andern
Kerl hatte ich auch vor seine Mhe ein Brod geben, obwohl er es nit verdient,
angesehen er nit weiter als bis zum Zitze mit uns gehen wollte. Doch la ihn
laufen, habs ja auch nit verdienet, da mich der Herr so gesegnet! -

                                    Funoten


1 Dorf auf der Hlfte des Weges zwischen Coserow und Wolgast, jetzt Zinnowitz
geheien.

2 In dem hiesigen Pfarrarchiv sind auch noch einige, obgleich sehr kurze und
unvollstndige Andeutungen von seinen Leidenstagen whrend jenes
Schreckenskrieges vorhanden.

3 Bude, davon Bdner, eine Htte.

4 Der alte Herr hat sie sogar unter die noch vorhandenen Kirchenrechnungen
gesetzt, und mgen ein Paar davon zur Probe hier stehen:
auf 1620/VsqVe qVo DoMIncCerIs, sIs nobIs pater!
auf 1628/InqVe tVa DeXtra fer operaM tV ChrIste benIgne!

5 Auch Micraelius im alten Pommernlande, v. 171, 12. gedenket dieses Umstandes,
sagt aber blos: Die nach Stralsund berliefen waren ganz schwarz vom erlittenen
Hunger anzusehen. Daher wohl die seltsame Uebertreibung des Wirths und der noch
seltsamere Schlu unsers Autors.

6 vergl. Hellers Chronik der Stadt Wolgast, S. 42 ff. die Unordnung rhrte wohl
daher, weil der Nachfolger von Philippus Julius ( 6ten Febr. 1625) und zugleich
der letzte Pommersche Herzog, Bogislaus XIV. in Stettin residirte. Zur Zeit ist
das Schlo eine gnzliche Ruine, und nur noch mehrere groe mit Kreuzgewlben
versehene Keller sind vorhanden, in welchen die dortigen Kaufleute zum Theil
ihre Waaren-Niederlagen haben.

7 besonders, privatim.

8 Ruber.

9 Auch Micraelius gedenket dieser hollndischen Handelsleute, a.a.O.V., S. 171,
behauptet aber, die Ursache ihres Todes sei zweifelhaft gewesen, und habe der
Stadtphysikus Dr. Laurentius Eichstadius in Stettin, einen eigenen
medizinalischen Discurs darber geschrieben. Doch nennt er einen derselben
Kiekepost anstatt Kiekebusch.

10 Gestrenge Frsten, wer von Euch hat diesen Ring verloren?

11 ich bin die Tochter des Pfarrers zu Coserow.

12 Der Vater von Philippus Julius zu Wolgast den 17ten Junius 1592.

13 mein ses Mdchen, ich habe ihn verloren.

14 Aber wer bist du und woher kmmst du?

15 Vielleicht Plinze, eine Art Kuchen.

16 Anna Maria Schurmann geb. zu Cln am 5ten Novbr. 1607, gestorben zu Wiewardin
d. 5ten May 1678 wr nach dem bereinstimmenden Zeugni ihrer Zeitgenossen ein
Wunder der Gelehrsamkeit und vielleicht das gelehrteste Weib, das je auf Erden
lebte. Der Franzose Nande urtheilt von ihr; was die Hand bilden und der Geist
fassen kann, trifft man bei ihr allein. Keine malt besser, keine bildet besser
in Erz, Wachs und Holz. In der Stickerei bertrifft sie alle alten und neuen
Weiber. Man wei nicht in welcher Art der Gelehrsamkeit sie sich am mehrsten
ausgezeichnet. Nicht mit den europischen Sprachen zufrieden, versteht sie
hebrisch, arabisch, syrisch und schreibt ein Latein, da kein Mann, der sein
Leben darauf verwendet, es besser kann. Der berhmte Niederlnder Spanheim nennt
sie eine Lehrerin der Gratien und Musen, der noch berhmtere Salmasius
gesteht: er wisse nicht in welcher Art der Gelehrsamkeit er ihr den Vorzug geben
slle, und der Pole Rotyer nennt sie gar das einzige Exemplar aller Wunderwerke
an einem gelehrten Menschen, und ein gnzliches Monstrum ihres Geschlechts doch
ohne Fehler und Tadel. Denn in der That behielt sie bei ihrem auerordentlichen
Wissen eine bewunderswrdige Demuth, wiewohl sie selbst gesteht, da die
unmigen Lobsprche der Gelehrten sie jezuweilen zu eigener Selbstverblendung
verleitet htten. In spteren Jahren trat sie zu der Gemeine der Labadisten
ber, welche manche Aehnlichkeit mit den neuem Muckem gehabt zu haben scheint,
starb aber unvermhlt, da eine frhe Liebe (schon in ihrem 15ten Jahre) mit dem
Hollnder Caets sich zerschlagen hatte. Als Seltsamkeit von ihr wird angefhrt,
da sie gerne Spinnen gegessen. Ihre gesammelten Werke gab der berhmte Spanheim
unter dem Titel: Annae Mariae a Schurmann opuscula, Leyden 1648, zuerst heraus.

17 Schenkungsurkunde.


                                  Capitel 11.

   Wie ich die ganze Gemein gespeiset, item wie ich nach Gtzkow zum Romarkt
                   gereiset und was mir alldort gearriviret.

Des andern morgens zutheilete mein Tchterlein die lieben Brod, und schickte
einem Jeglichen im Dorf eine Schnede. Doch da wir sahen, da unser Frrath bald
wrde auf die Neige laufen, schickete abermals die Magd mit einer Karren, so ich
von Adam Lempkem gekauft, nach Wolgast mehr Brod zu hohlen, welches sie auch
thate. Item lie ich im ganzen Kapsel herumbsagen, da ich am Sonntag wlle das
heilige Abendmahl halten, und kaufete unterde im Dorf alle groen Fische, so
sie fingen. Als nun endlich der liebe Sonntag kam, hielt ich erstlich Beicht mit
der ganzen Gemein, und darauf die Predigt ber Matth. 15, 32. Mich jammert des
Volks, denn sie haben nichts zu essen. Solliches deutete aber frs erste nur auf
die geistliche Spei, und erhobe sich ein gro Seufzen unter Mnnern und
Weibern, als ich zum Schlu auf das Altar wiese, worauf die liebe Seelenspeise
stund, und die Worte wiederholte: mich jammert des Volks, denn sie haben nichts
zu essen. (NB. den bleiernen Kelch hatte mir in Wolgast geliehen, und vor die
Patene ein klein Tellerlein gekaufet, bis Meister Bloom den silbernen Kelch und
die Patene, so ich bestellet wrde fertig halten.) Als ich nun darauf das
heilige Nachtmahl consacriret und ausgetheilet, item den Schluvers angestimmet,
und ein Jeglicher still sein Vater unser gebet, umb aus der Kirchen zu gehen,
trat ich abermals aus dem Beichtstuhl herfr, und winkete dem Volk annoch zu
verharren, da der liebe Heiland nit blos ihre Seelen sondern auch ihren Leib
speisen wlle, angesehen er mit seinem Volk noch immer eben dasselbige Erbarmen
htte, wie weiland mit dem Volk am galilischen Meer. Solliches sollten sie
sehen. Trat also in den Thurm und langete zween Krbe herfr so die Magd in
Wolgast gekaufet, und ich zu guter Zeit hier hatte verhehlen lassen, satzete sie
fr das Altar und zog die Tchlein womit sie bedecket waren, davon, worauf sich
fast ein laut Geschrei erhob, massen sie den einen voller Bratfisch, den andern
aber voller Brod funden, so wir heimlich hineingethan. Machte es darauf wie der
Heiland, dankete und brach es und gab es meinem Frsteher Hinrich Seden, da er
es den Mnnern und meinem Tchterlein, da sie es den Weibern frlegen mute,
worauf den Text: mich jammert des Volks denn sie haben nichts zu essenauch
leiblich anwandte, undauf und nieder in der Kirchen schreitend, unter groem
gemeinen Geschrei sie vermahnete, immer Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen,
fleiig zu beten fleiig zu arbeiten und in keine Snde zu willigen. Was brig
blieb muten sie vor ihre Kinder und alten Greise aufheben, so zu Hause
geblieben waren.
    Nach der Kirchen, und als ich kaum meinen Chorrock abgethan, kam Hinrich
Seden sein gluderugigt Weib wieder und verlangete trotziglich noch ein Mehres
vor die Reise ihres Mannes nach der Liepe; auch htte sie vor sich selbsten noch
Nichtes erhalten, angesehen sie heute nit in der Kirchen gewesen. Solliches
verdro mich fast, und sagete ich zu ihr: warum bistu nit in der Kirchen
gewesen? Doch wrestu demthig kommen, httestu auch jetzt noch etwas erhalten,
da du aber trotziglich kmmst, geb' ich dir Nichts. Gedenke doch wie du es mit
mir und meinem Kinde gemacht. Aber sie blieb bei der Thren stehen und gluderte
trotzig in der Stuben rings umbher, bis sie mein Tchterlein beim Arm nahm, und
heraus fhrete, indeme sie sprach: hrstu? du sollst erst demthig wieder
kommen, ehe du etwas empfhest; kmmstu aber also, so solltu auch deinen Theil
haben und wir wollen nit weiter mit dir Auge um Auge, Zahn um Zahn rechnen, das
mge der Herr thun so ihm beliebt, wir aber wllen dir gerne vergeben! Hierauf
schritt sie endlich nach ihrer Wei, heimlich mummelnd aus der Thren, doch
spiee sie verschiedentlich auf der Straen aus, wie wir durch das Fensterlein
sahen.
    Bald darauf beschlo ich einen Jungen bei 20 Jahren und Claus Neels geheien
bei mir in Dienst zu nehmen, und vor einen Knecht zu gebrauchen, angesehen der
alte Neels in Loddin sein Vater mich fast harte darumb anlag, auch der Bursche
an Manieren und sonsten mir wohl gefiel. Denn da es heuer einen guten Herbst
hatte, beschlo annoch mir vor's erste zwei Pferde zu kaufen und mein Ackerland
abermals zu besen; denn wiewohl es schon spt im Jahre war, meinete ich
dennoch, da der grundgtige Gott es wohl gesegnen knnte, wenn er wollte.
    Auch war ich nit sonderlich umb das Futter fr selbige besorgt, maen es in
der Gemein einen groen Ueberflu an Heu hatte, da alles Vieh wie bemeldet
geschlagen oder fortgetrieben war. Gedachte also im Namen Gottes mit meinem
neuen Ackersknecht gen Gtzkow zu ziehen, wo auf dem Jahrmarkt viel
meklenburgische Pferde gezogen wurden, angesehen dort noch eine bessere Zeit
war.1 Hierzwischen aber tht ich mit meinem Tchterlein noch mehr Gnge auf den
Streckelberg zur Nachtzeit und im Mondschein, funden aber nichts rechtes, so da
wir schon glubeten unser Segen sei zu Ende, als wir in der dritten Nacht groe
Stcke Birnstein brachen fast grer als die, so die beiden Hollnder gekaufet.
Solche beschlo nunmehro an meinen Schwager Martin Behring gen Hamburg zu
schicken, massen Schiffer Wulff aus Wolgast, wie mir gesaget ward, noch in
diesem Herbest hinaufseegeln wllen, um Theer und Schiffesholz berzufhren.
Packete also alles in eine wohlverwahrete Kiste, und nahm selbige mit gen
Wolgast, als ich mit meinem Ackersknecht gen Gtzkow aufbrach. Von dieser Reise
will nur soviel vermelden: da es alldorten fast viele Pferde aber wenig Kufer
hatte. Dannenhero kaufete zwo schne Rappen das Stck zu 20 Fl. item einen Wagen
umb 5 Fl. item 25 Scheffel Roggen, so auch vom Meklenburg dahin gefhret warumb
1 Fl. den Scheffel, da er in Wolgast fast gar nit mehr aufzugabeln ist, und
alsdann wohl an die drei Fl. und drber gilt. Htte darumb hier in Gtzkow
schne Kaufmannschaft in Roggen halten knnen, so es meines Amts gewest, und ich
auch nit befrchtet, da die Schnapphanichen, woran es in dieser schweren Zeit
fast berhand nimmt, mir mein Korn wieder abgenommen, und noch wohl dazu
gemaltraitiret, und erwrget htten, wie Etzlichen geschehen. Denn insonderheit
wurde solche Ruberei zu Gtzkow zu dieser Zeit in der Strelliner Heiden mit
groem Spk2 getrieben, kam aber mit des gerechten Gottes Hlfe gerade an das
liebe Tageslicht, als ich mit meinem Ackersknecht alldorten in den Jahrmarkt
verreiset war, und will ich solliches hier noch bemelden. Vor etzlichen Monden
war ein Kerl zu Gtzkow aufs Rad gestoen, weil er durch Verfhrung des leidigen
Satans einen reisenden Handwerksmann erschlagen. Derselbige aber fing alsobald
an so erschrcklich zu spken, da er zur Abend- und Nachtzeit mit seinem armen
Snderkittel von dem Rade herniedersprang, sobald ein Wagen vor dem Galgen
vorbeifuhr, der an der Landstraen nacher Wolgast zustehet, und hinter den
Leuten hersetzte, wo sie denn mit vielen Abscheu und Grauen die Rosse
anklappten, so da es einen groen Rumor auf dem Knppeldamm schlug welcher
benebenst dem Galgen in ein klein Hlzlein fhrete, der Kraulin geheien. Und
war ein wunderlich Ding, da in selbiger Nacht die Reisenden fast immer in der
Strelliner Heiden geplndert oder erwrget wurden. Dannenhero lie die Obrigkeit
den Kerl von dem Rade heben und begrube ihn unter dem Galgen in Hoffnung, da
der Spk sich legen slle. Aber es sa nach wie vorab bei Nachtzeiten schlowei
auf dem Rade, so da Niemand nicht mehr die Strae gen Wolgast fahren wollte. Da
begab es sich denn, da in benanntem Jahrmarkt gegen die Nachtzeit der junge
Rdiger von Nienkerken von Mellenthin auf Usedom belegen, so in Wittenberge und
anderswo studiret, und nun wieder heimkehren wollte mit seinem Fuhrwerk, dieser
Straen zog. Hatte ihm kurz vorhero noch selbsten im Wirthhause gepersuadiret,
da er von wegen den Spk zur Nachtzeit in Gtzkow verbleiben, und des nchsten
Morgens mit mir fahren wlle, was er aber verwegerte. Als selbiger Junker nun
die Strae gefahren kmmt, sieht er auch wieder alsobald den Spk auf dem Rade
sitzen, und ist er kaum an dem Galgen frber, als das Gespenste
herniederspringt, und ihm nachsetzet. Der Fuhrmann entsetzet sich mchtiglich,
und macht es wie alle anderen, klappet die Pferde an, so fast scheu geworden,
und fr Angst den Mist gelassen und beginnet mit groem Rumor ber den
Knppeldamm zu jagen. Hierzwischen bemerket aber der Junker beim Mondenschein,
da der Spk einen Pferdeapfel ber welchen er rennet, breit tritt, und nimmt
sogleich bei sich ab, da solches kein Gespenst sei. Rufet dannenhero den
Fuhrmann, er slle halten, und da dieser nit auf ihn hret, springet er von dem
Wagen, zeucht seinen Stodegen, und eilt dem Spk auf den Leib. Als der Spk
solches gewahr wird, will er umbkehren, aber der Junker schlgt ihne mit der
Faust in das Genicke, da er gleich zur Erden strzet und ein laut Gejnse3
erhebt. Summa: nachdem der Junker seinen Fuhrknecht gerufen, bringt er den Spk
bald darauf wieder in die Stadt geschleppt und ergab es sich, da selbiger ein
Schuster war, Namens Schwelm. (Diesem Schelm hat der Teufel recht das W.
eingeflicket! -) So bin ich auch bei dem groen Auflauf mit Mehren
hinzugetreten, und habe den Kerl gesehen. Er zitterte, wie das Blatt einer
Espen, und als man ihm hart zuredete: er slle freiwillig bekennen, maen er
dann vielleicht sein Leben retten knne, so es sich anders fnde, da er Niemand
nit erwrget, bekannte er auch: da er sich habe durch sein Weib ein arm
Snderkleid nhen lassen, solches angethan und sich zur Nacht und insonderheit,
wann er in Erfahrung gebracht, da ein Wagen in der Stadt sei so nacher Wolgast
wlle, vor dem Kerl auf das Rad gesetzet, wo es dann in der Tunkelheit und der
Ferne nit zu sehen gewest, da sie selbander dorten gesessen. Wre nun ein Wagen
angekommen, und er herabgesprungen und hinten nach geloffen, htte sich alles
sogleich entsetzet und sein Augenmerk nit mehr auf den Galgen sondern blos auf
ihm gehabt, forts die Pferde angeschlagen und mit groem Rumor und Gepolter ber
den Knppeldamm gekutschiret. Solches htten aber seine Gesellen in Strellin und
Dammbecke gehret, (zwo Drfer, so fast drei Viertel Wegs entfernt seind) und
sich fertig erhalten den Reisenden wenn sie nachgehends bis dahin gelanget, die
Pferde abzuspannen und selbige zu plndern. Als man nachgehends den Kerl
begraben, htte er seinen Spk noch leichter gehabt etc. Dieses Alles wre die
reine Wahrheit, und htte er selbsten in seinem Leben Niemand etwas abgenommen,
noch ihn erwrget, dahero man ihm verzeihen wlle, dieweil er ganz unschuldig
sei, und alleswas an Raub und Mord frgefallen, seine Gesellen allein verbet
htten: Ei du feiner Schelm, aber der Teufel hat dir das W nit umbsonst
eingeflicket. Denn wie ich nachmals erfahren, ist er sammt seinen Gesellen, wie
billig, wieder aufs Rad gestoen.
    Umb nun wieder auf meine Reise zu kommen, so ist der Junker nunmehro zur
Nacht mit mir in der Herbergen verblieben, und am andern Morgen frhe seind wir
beide aufgebrochen, und da wir gute Kundschaft4 mit einander gemacht bin ich auf
seinen Wagen gestiegen, wie er geboten, um mit einander unterweges zu
conversiren, und mein Claas hat hintennach gefahren. Habe auch bald gemerket,
da er ein feiner, ehrbarer, und wohlgelahrter Herre sei, angesehen er nit nur
das wste Studentenleben verlobete5, und sich freuete, da er nunmehro, den
argen Sauftonnen entronnen, sondern auch sein lateinisch ohne Ansto redete.
Hatte dannenhero viel Krzweil mit ihm auf dem Wagen. Doch zuri uns in Wolgast
auf dem Fhrboot das Seil, soda uns der Strom bis nach Zeuzin6 niederfhrete,
und wir endlichnit ohne groe Mhsal ans Land gelangeten. Hierzwischen war es
fast spt worden, und kamen wir erst umb 9 Uhren in Coserow an, wo ich dann den
Junker bate, bei mir die Nachtherberge zu nehmen, was er sich auch gefallen
lie. Mein Tchterlein sa am Kamin und nhete vor ihre kleine Pate ein Rcklein
aus ihren alten Kleiden zusammen. Erschrak dahero heftig und verfrbete sich,
als sie den Junker mit mir eintreten sahe und hrete er wlle hier zur
Nachtherberge verbleiben, angesehen wir bishero nit mehr Betten als zur hchsten
Nothdurft von der alten Zabel Neringsche, der Heidereuter - Wittwen zu
Ueckeritze gekaufet hatten. Dannenhero nahm sie mich gleich absonderlich: wie es
werden slle? Mein Bette htte heute ihre kleine Pate, so sie darauf geleget,
nit wohl zugerichtet, und in ihrs knne sie doch den Junker unmglich legen,
wenn sie selbsten auch gerne bei der Magd niederkrhe. Und als ich sie fragete:
warumb denn nit? verfrbete sie sich abermals wie ein roth Laken und hub an zu
weinen, lie sich auch den ganzen Abend nit wieder sehen, so da die Magd alles
besorgen, und ihr, verstehe meiner Tchterlein Bette endlich nur mit weien
Leylachen vor den Junker berziehen mute, da sie selbsten es nit thun wollte.
Fhre hier solches an, damit man sehen mge, wie die Jungfern seind. Denn am
andern Morgen trat sie in die Stuben mit ihrem roth seidin Leibichen, mit der
Haarhauben und dem Schurzfleck, summa mit Allem angethan, so ich ihr in Wolgast
gekaufet, so da der Junker sich verwunderte und viel mit ihr unter der
Morgensuppen conversirete, worauf er alsdann seinen Abschied nahm, und mich
bate, wieder einmal in seine Burg vorzusprechen.

                                    Funoten


1 Wallenstein wr nmlich vom Kaiser mit Meklenburg belehnt und schonete daher
des Landes so viel er konnte.

2 Spukerei.

3 Gewimmer.

4 Bekanntschaft.

5 verachtete.

6 jetzt Sauzin.


                                  Capitel 12.

 Was ferner Freudiges und Betrbtes frgefallen item wie Wittich Appelmann gen
  Damerow auf die Wulfsjagd reutet, und was er meinem Tchterlein angesonnen.

Der Herr segnete meine Gemeind wunderlich in diesem Winter, maen sie nicht nur
in allen Drfern eine gute Menge Fische fungen und versilberten, besondern auch
die Coserowschen 4 Saalhunde1 schlugen, item der groe Stormwind von 12ten
Decembris eine ziemliche Menge Birnstein an den Strand trieb, so da nunmehro
auch viele Menschen Birnstein funden, doch nit sonderlich von Gre, und wieder
anfingen sich Viehe, als Kh und Schaafe von der Liepen und andern Orten zu
kaufen, wie ich mir selbsten denn auch wieder zwo Khe zulegete. Item lief mein
Brodkorn, so ich zur Hlfte auf meinen Acker, und zur anderen Hlfte auf den
alten Paasschen seinen ausgestreuet noch ganz lieblich und holdselig auf, da uns
der Herr bis dato einen offenen Winter geschenket; aber wie es bei eines Fingers
Lnge aufgeschossen, lag es an eim Morgen wieder umbgestrzet und geruiniret und
abermals durch Teufels-Spck, massen auch jetzo wie zuvorab nit die Spur eines
Ochsen oder Pferdes im Acker zu sehen war. Der gerechte Gott aber wlle es
richten, wie es denn jetzo auch schon geschehen ist. Amen.
    Hierzwischen aber trug sich etwas Absonderliches zu. Denn als Herr Wittich
meines Vernehmens eines Morgens aus dem Fenster schauet, da das Tchterlein
seines Fischers, ein Kind bei 16 Jahren, deme er fleiig nachgestellet, in den
Busch gehet, sich trocken Holz zu brechen, macht er sich auch alsobald auf,
warumb? will ich nit sagen und mag sich ein Jeglicher selbsten abnehmen. Als er
jedoch den Klosterdamm eine Weile aufgeschritten und bei der ersten Brcken
kmmt, da wo der Ebreschenbaum stehet, siehet er zwo Wlfe, so auf ihn zulaufen,
und da er kein Gewehr nit bei sich fhret, als einen Stecken, klettert er sofort
in einen Baum, worauf die Wlfe umb selbigen herumtraben, ihn anblinzen mit den
Augen, das Maul lcken, und endlich sich mit den Vordertatzen gegen den Baum in
die Hhe auffheben, und hineinbeien, wobei er gewahr worden, da der eine Wulf,
so ein He und ein langer feister Feger gewesennur ein Auge gehabt. Hebet also an
in seiner Angst zu schreien, und die groe Langmuth des barmherzigen Gottes
wollte ihn auch noch einmal erretten, doch ohne, da er dadurch klug worden
wre. Denn das Dirnlein, so sich auf der Wiesen hinter einen Knirkbusch
verkrochen, als sie den Junker kommen sieht, rennet forts auf das Schlo
zurcke, worauf denn auch viel Volks alsobald herbeifhret, die Wlfe verjaget,
und den Junker erlset. Selbiger lie dahero eine groe Wulfsjagd des andern
Tages in der Klosterheiden ansagen, und wer den einugigen Feger ihm todt oder
lebendig brchte, slle eine Tonne Bier zum Besten haben. Doch haben sie ihn nit
gefangen, obgleich sie in den Netzen sonsten bei vier Wlfen diesen Tag gehabt
und geschlagen. Also lie er auch weiters in meinem Kapsel die Wulfsjagd
ansagen. Doch wie der Kerl kmmt, die Glocke auf dem Thorm zu rhren, hlt er
nit ein wenig inne, wie es bei Wulfsjagden der Brauch ist, sondern schlget sine
mora2 immer tapfer zu an die Glocke, so da mnniglich glaubt es sei ein Feuer
aufgegangen, und schreiend aus den Husern herfrspringt. So luft auch mein
Tchterlein herbei (denn ich selbsten war zu einem Kranken nach Zempin gefahren,
angesehen mir das Gehen schon etwas schwer fiele, und ichs nunmehro ja auch
besser haben mochte,) hat aber noch nit lange gestanden, und nach der Ursachen
geforscht als der Amtshaubtmann selber auf seinem Schimmel mit drei Fuder Zeug
hinter ihm herbei galoppiret und dem Volk befiehlet, sogleich zur Heiden
aufzubrechen und auf den Wulf zu klappern. Hierauf will er schon mit seinem
Jgersvolk, und etzlichen Mnnern, so er sich aus den Hufen gegriffen, weiter
reuten, umb hinter der Damerow den Zeug zu stellen maen die Insel dorten
wunderlich schmal ist3 und der Wulf das Wasser scheuet; als er meines
Tchterleins gewahr wird, sein Pferd wieder umbdrehet, sie unter das Kinn
greifet, und freundlich examiniret, wer und woher sie sei? Als er solches
erforschet, sagt er, da sie schier so hbsch sei, als eine Engelin, und da er
gar nit gewut, da der Priester hieselbsten eine so schne Dirne hab. Reutet
darauf weiter, sich noch wohl an die zwei oder drei Malen nach ihr umbschauend,
und gelangt auch im ersten Treiben schon zu dem einugigten Wulf, so im Rohr an
der Sehe gelegen, wie sie gleich an der Loosung verspret. Denn der Wulf looset
immer auf einen Stein, die Wlfin aber tht ihre Loosung mitten in den Weg und
es ist platschicht, wogegen seins immer fast dicke ist. Das hat den Junker sehr
ergetzet und haben die Zeugknechte ihn mit groen eisernen Zangen aus dem Garn
herfrhohlen und halten mssen, worauf er ihn bei einer Stunden lang unter
groem Gelchter langsam und jmmerlich zu Tode gemartert, was ein prognosticon
ist, wie ers nachhero mit meinem armen Kinde gemacht, denn Wulf oder Lamm ist
diesem Schalksknecht gleich. Ach du gerechter Gott! - Doch ich will nichts
bereilen noch zuvorkommen.
    Des andern Tages kmmt den alten Seden sein gluderugigt Weib, so wie ein
lahmer Hund mit dem Hindern drohete, und stellet meinem Tchterlein fr: ob sie
nit wlle bei dem Amtshaubtmann in Dienst treten, lobet ihn als einen frommen
und tugendsamen Mann, und wre alles was die Welt von ihm afterrede, erstunken
und erlogen, wie sie selbsten deren Zeugni ablegen knne, angesehen sie lnger
denn zehn Jahre bei ihme in dem Dienst gestanden. Item lobet sie das Essen, so
sie dorten htte, und das schne Biergeld, so groe Herren, welche hier gar oft
zur Herberge lgen, vor die Aufwartung spendeten, wie sie denn selbsten von
Sr.f.G. dem Herzogen Ernst Ludwig mehr denn ein Mal einen Rosenobel berkommen.
Auch htt es hier sonsten oft viel junge hbsche Leut, so da es ihr Glck sein
knnte, massen sie ein schn Frauensbild wre, und nur das Aussuchen htte, wen
sie heirathen wlle; da sie aber in Coserow, wo Niemand nit kme, sich krumm
und dumm sitzen knne, bevorab sie unter die Hauben geriethe etc. Darob
erzrnete sie mein Tchterlein ber die Macht und antwortete: ei du alte Hexe,
wer hat dir gesaget, da ich wlle in Dienst treten, umb unter die Hauben zu
kommen. Packe dich, und komm mir nit ferner in das Haus, denn ich habe mit dir
Nichtes zu schaffen, worauf sie denn auch alsobald wieder mummelnd ihrer Straen
zog.
    Kaum aber waren etzliche Tage verschienen, und stehe ich mit dem Glaser in
der Stuben so mir neue Fenster eingesetzet, als ich mein Tchterlein in der
Kammer bei der Kchen schreien hre. Laufe also gleich hinein, und perhorrescire
heftiglich, als ich den Ambtshaubtmann selbsten in der Eckeh sahe, wie er mein
Kind umbhalset hlt. Lt sie aber alsogleich fahren und spricht: ei Ehre
Abraham, was habt Ihr fr eine kleine sprde Nrrin zur Tochter. Will ihr nach
meiner Wei einen Ku zum Willkommen geben, da wehret sie sich, und thut einen
Schrei, als wre ich ein junger Fant, der sie berschlichen, so ich doch wohl
doppelt ihr Vater sein knnte. Als ich hierauf schwiege, hb er an fortzufahren,
da er sie habe zuversichtlich machen wollen, massen er sie, wie ich wte in
seinen Dienst begehrete und was er sonst frbrachte und ich vergessen hab.
Nthigte ihn darauf in die Stube, dieweil er immer meine von Gott gesetzte
Obrigkeit ware, und fragte demthiglich: was Se, Gestrengen von mir wllen?
worauf er freundlich zur Antwort gab: da er wohl billig mir zrnen mchte,
angesehen ich ihn vor der ganzen Gemeine abgekanzelt, solches aber nit thun,
sondern die Klageschrift contra me (gegen mich) so er schon gen Stettin an Se.
frstliche Gnaden geschicket und mir leicht den Dienst kosten knnte,
wiederkommen lassen wlle, so ich seinen Willen tht. Und als ich fragete: was
Sr. Gestrengen Willen wr, auch mich von wegen der Predigt soviel entschuldiget,
als ich konnte, gab er zur Antwort: da er sehr benthiget sei um eine treue
Ausgebersche, so er dem andern Frauensvolk frsetzen knnte, und da er in
Erfahrung gezogen, da mein Tchterlein eine treue und wackere Person sei, mcht
ich sie ihme in den Dienst geben. Siehe, sprach er zu ihr und zwackete sie in
die Backen, so will ich dich zu Ehren bringen obwohl du ein so junges Blut bist,
und doch schreistu, als wllt ich dir zu Unehren verhelfen. Fu schme dich!
(Mein Tchterlein wei dieses noch alles verbotenus4, ich htte es ber allen
Jammer, so ich nachgehends gehabt, wohl hundertmal vergessen). Aber sie lie
sich solches verdrieen, indem sie von der Bank aufsprange und kurz zur Antwort
gab: ich danke Ihme fr die Ehre, will aber nur meinem Papa wirthschaften
helfen, das wird besser Ehre vor mich sein, worauf der Junker sich zu mir
hinwendete, und was ich dazu sagte? Ich mu aber bekennen, da ich in nit
geringer Angst ware, inmassen ich an die Zukunft gedachte, und an das Ansehn, in
welchem der Junker bei Sr. frstl. Gnaden stande. Gab also demthig zur Antwort:
da ich mein Tchtcrlein nit zwingen knne, sie auch gerne umb mich behielte,
angesehen meine liebe Hausfrau in der schweren Pestzeit bereits dieses Zeitliche
gesegnet, und ich nicht mehr Kinder htte, denn sie alleine. Se. Gestrengen
mchten dannenhero nicht ungndig werden, wenn ich sie nicht bei Sr. Gestrengen
in den Dienst schicken knnte. Dieses verdro ihn heftiglich, und nachdeme er
noch eine Zeitlang umbsonst disputiret, valedicirte er endlich, doch nicht, ohne
mir zu druen, da er es mir schon gedenken wlle. Item hat mein Knecht
gehretso in dem Pferdestall gestanden, da er umb die Ecken gehend fr sich
gesaget: ich will sie doch wohl kriegen!
    Solches machte mich schier wieder ganz verzaget, als den Sonntag darauf sein
Jger kam, Namens Johannes Kurt, ein hbscher, groer Kerl und wohlgeputzet.
Hatte einen Rehbock vor sich auf das Pferd gebunden, und sagte: da Se.
Gestrengen mir solchen verehret, in Hoffnung ich wrd mich besinnen ber unsern
Handel, anerwogen er seit der Zeit umbsonst nach einer Ausgebersche berall
herumbgegabelt. Se. Gestrengen wlle auch, so ich mich anders schickete, bei Sr.
frstlichen Gnaden ein Frwort thun, da mir aus dem frstlichen aerario die
Dotation des Herzogen Pilippi Julii verabreichet wrde, etc. Dieser junge Kerl
erhielt aber dieselbige Antwort, denn sein Herr selbsten und bate ihn er wlle
den Rehbock nur wieder mitnehmen. Aber solliches wegerte er sich, und da ich ihm
von ungefhrlich vorhero gesaget, da Wildprett vor mich das liebste Essen sei,
versprach er: mich auch in Zukunft reichlich zu versorgen, weilen es gar viel
Wild in der Heiden htte, er ftermalen hier im Streckelberge prschen ginge,
und ich (wollte sagen mein Tchterlein) ihm absonderlich gefiele, zumalen ich
nit seines Herren Willen tht, welcherim Vertrauen geoffenbaret, kein Mdchen
nit im Friede liee, es also auch meine Jungfer nit lassen wrde. Wiewohlen ich
nun sein Wildprett recusirete, bracht er es doch und kam inner 3 Wochen wohl an
die vier oder fnf Malen, und wurde immer freundlicher gegen mein Tchterlein.
Schwtzete endlich auch viel von seinen guten Dienst, und da er sich eine gute
Hausfrau suche, wo wir denn alsobald merketen, aus welcher Ecken der Wind
bliese. Ergo5 gab ihm mein Tchterlein zur Antwort, wenn er sich doch eine
Hausfrauen suche, so wundere es ihr, da er die Zeit verliere, umbsonst nach
Coserow zu reuten, denn hier wisse sie keine Hausfrau vor ihn, welches ihn fast
schwer verdro, und er nit wieder kam.
    Nun htte mnniglich gluben sollen, der Braten wre doch auch vor den
Amtshaubtmann zu riechen gewest; nichts destoweniger aber kam er bald darauf
wieder herbeigeritten, und freiete nun gerade raus vor seinen Jger um mein
Tchterlein. Versprach auch, er wlle ihm ein eigen Haus in der Heiden bauen,
item ihm Kessel, Schsseln, Betten etc. verabreichen, angesehen er den Kerl aus
der heiligen Taufe gehoben, und er sich auch inner sieben Jahren wacker und gut
in seinem Dienst gestellet. Hierauf gab ihm mein Tchterlein zur Antwort, da
Se. Gestrengen ja bereits gehret, da sie ihrem Papa nur wirthschaften wlle,
sie auch noch viel zu jung wre, umb schon vor eine Hausfrau zu gelten.
    Solches verdro ihn aber nit, wie es den Anschein hatte, sondern nachdem er
noch eine Zeitlang viel umbsonst discuriret, ging er freundlich abe, wie ein
Ktzlein, so sich auch stellet, als liee sie von der Maus, und hinter die Ecken
kreucht, so es doch nicht ihr Ernst ist, und sie alsbald wieder herfrspringt.
Denn er sahe sonder Zweifel, da er seine Sache sehr tumm angefangen, darumb
ging er, sie besser anzuheben, und Satanas ging mit ihm, wie weiland mit Judas
Ischarioth.

                                    Funoten


1 Seehunde.

2 ohne zu pausieren.

3 Die Breite, welche immer mehr ab nimmt, betrgt jetzt kaum noch einen
Bchsenschu.

4 wrtlich.

5 Daher.


                                  Capitel 13.

 Was sonsten in diesem Winter frgefallen, item wie im Frhjahr die Zauberei im
                                 Dorfe anhebt.

Sonsten ist in diesem Winter nichts Sonderliches frgefallen, als da der
barmherzige Gott groen Seegen gab, im Achterwasser wie in der Sehe, und wieder
gute Nahrung in der Gemeine kam, so da auch von uns konnte gesaget werden, wie
geschrieben stehet: ich hab dich ein klein Augenblick verlassen, aber mit groer
Barmherzigkeit will ich dich sammlen1. Dannenhero wurden wir auch nit mde dem
Herrn zu danken, und tht die Gemeine der Kirchen viel Gutes, kaufete auch
wieder neue Kantzel- und Altartcher, da der Feind die alten geraubet, item
wollte mir das Geld vor die neuen Kelche wieder erstatten, so ich aber nit
genommen hab.
    Doch hatte es noch bei zehen Bauern im Kapsel die ihr Saatkorn zum Frhjahr
nit schaffen kunnten angesehen sie ihren Verdienst vor Vieh und das liebe
Brodkorn ausgegeben. Machte also mit ihnen einen Vertrag, da ich ihnen wlle
das Geld dazu frstrecken, und knnten sie es mir in diesem Jahr nicht wieder
aufbringen, mchten sie es im nchsten mir wiedererstatten, welches sie auch
dankbarkich annahmen, und schickten wir bei sieben Wagens nacher Fredland in
Meklenburg, vor uns Alle Saatkorn zu hohlen. Denn mein lieber Schwager Martin
Behring in Hamburg hatte mir allbereits durch den Schiffer Wulf, der zu
Weihnachten schon wieder binnen gelaufen war, vor den Birnstein 700 Fl.
bermachet, die ihme der Herr gesegnen wlle.
    Sonsten starb diesen Winter die alte Thiemksche in Loddin, so vor eine
Gromutter im Kapsel ware, und auch mein Tchterlein gegriffen hat. Aber sie hat
in letzter Zeit wenig Arbeit gehabt, inmassen ich in diesem Jahre nur zwei
Kinder getaufet, als Jung seinen Sohn in Ueckeritze, und Lene Hebers ihr
Tchterlein, so die Kaiserlichen gespieet. Item sind es fast fnf Jahr, da ich
die letzten Brautleute vertrauet. Dannenhero mnniglich gieen mag, da ich
htte mgen zu Tode hungern, wenn der gerechte Gott mich nit auf andere Wei so
grundgtig bedacht und gesegnet htte. Darumb sei ihm allein die Ehr. Amen.
    Hierzwischen aber begab es sich nit lange darauf, als der Ambtshaubtmann das
letzte Mal da gewesen, da die Zauberei im Dorfe begunnte.
    Sa eben und traktirte mit meinem Tchterlein den Virgilium im zweiten Buch,
von der grulichen Verwstung der Stadt Troja, so doch noch erschrcklicher
gewesen denn unsere, als das Geschreie kam, da unsern Nachbauern Zabel seine
rothe Kuh, so er sich vor wenigen Tagen gekaufet, im Stalle alle Viere von sich
gestoen und verrecken wlle, und solches ein seltsam Ding wre, angesehen sie
noch vor einer halben Stunden wacker gefressen. Mein Tchterlein mchte doch
hinkommen, und ihr drei Haare aus dem Schweif ziehen und selbige unter der
Stallschwellen verscharren. Denn sie htten in Erfahrung gebracht, wenn solches
eine reine Jungfer tht, wrde es besser mit der Kuh. Tht ihnen mein
Tchterlein also den Willen, dieweil sie die einige Jungfer im ganzen Dorf war
(denn die andern seind noch alle Kinder) und schlug es auch von Stund an, so da
sich mnniglich verwunderte. Aber es whrete nit lange so kam Witthahnsche ihrem
Schwein beim gesunden Fressen auch was an. Selbige kam also angelaufen: da mein
Tchterlein sich umb Gotts Willen erbarmen und ihrem Schwein auch etwas
gebrauchen wlle, da bse Menschen ihme was angethan. Dannenhero erbarmte sie
sich auch, uhd es half alsogleich wie das erste Mal. Doch hatte das Weib, so
gravida war, von dem Schrcken die Kindesnoth berkommen, und wie mein
Tchterlein kaum aus dem Stalle ist, geht sie jnsend, und sich an allen Wnden
sttzend und begreifend in ihre Bude, rufet auch ringsumbher die Weiber
zusammen, da die rechte Gromutter wie bemeldet verstorben war und whret es nit
lange, so scheut auch etwas unter ihr zur Erden. Doch als sich die Weiber
darnach niederbcken, hebt sich der Teufelsspk, so Flgel gehabt, wie eine
Fledermaus, von der Erden, schnurret und burret in der Stuben umbher, und
scheut dann mit groem Rumor durch das Fenster, da das Glas auf die Straen
klinget. Wie sie aber nachsehen, ist allens fort. Nun kann man genugsam bei sich
selbsten abnehmen, welch ein gro, gemein Geschrei hieraus entstande. Und
judicirte fast das ganze Dorf, da Niemand nit, denn den alten Seden sein
gluderugigt Weib solchen Teufelsspk angerichtet.
    Aber die Gemein wurde bald in solchem Glauben irrig. Denn desselbigen Weibes
ihre Kuh kriegt es bald auch so, wie alle Andern ihre Khe. Kam dahero auch
wehklagend herbeigelaufen, da mein Tchterlein sich ihrer erbarmen wll, wie
sie sich der Andern erbarmet, und umb Gotts willen ihrer armen Kuh helfen. Htte
sie ihr verarget, da sie von dem Dienst beim Ambtshaubtmann ihr etwas gesaget,
so wr es ja aus gutem Herzen geschehn etc. Summa, sie beredete mein unglcklich
Kind, da sie auch hinginge, und ihrer Kuh half.
    Unterdessen lag ich an jeglichem Sonntag mit der ganzen Gemein auf meinen
Knieen dem Herrn an, da er dem leidigen Satan nit wlle gestatten uns dasjenige
wiederumb zu nehmen, was seine Gnad uns nach so vielerlei Noth aufs Neu
zugewendet, item, da er den autorem von solchem Teufelsspk an das Tageslicht
bringen wlle, umb ihm die verdiente Straf zu geben.
    Aber es half Allens nit. Denn allererst waren wenig Tage verstrichen, so kam
Stoffer Zuter seiner bunten Kuh auch was an, und kam er wieder, wie all die
Andern zu meinem Tchterlein geloffen. Ging sie also auch hin, aber es wollte
nit anschlagen sondern das Viehe verreckete fast unter ihren Hnden.
    Item hatte Kte Berow von das Spinngeld, so sie diesen Winter von meim
Tchter lein erhalten, sich ein Ferkelken angeschaffet, so das arme Weibstck
wie ein Kind hielte und bei sich in der Stuben lauffen hatte. Selbiges Ferkelken
kriegt es auch wie die andern im Umbsehen; doch als mein Tchterlein hiezu
gerufen wird, will es auch nit anschlagen, sondern es verrecket ihr abermals
unter den Hnden, und erhebt das arme Weibsbild ein gro Geschrei, und reit
sich fr Schmerz die Haare aus, so da es mein Kind erbarmet und sie ihr ein
ander Ferkelken verspricht, wenn meine Sau werfen wrd. Hierzwischen mochte wohl
wieder eine Woche verstreichen, in whrender Zeit ich mit der ganzen Gemein
fortfuhre, den Herrn umb seinen gndigen Beistand, wiewohl umbsonst, anzurufen,
als Sedensche ihr Ferkel auch was ankmmt. Luft dahero wieder mit groem
Geschrei zu meiner Tochter, und wiewohl diese ihr sagt, da sie ja she, es
wlle nit mehr helfen, was sie vor das Vieh gebrauchte, hrte sie doch nit auf,
selbiger mit groem Lamentiren so lange anzuliegen, bis sie sich abermals
aufmachte, ihr mit Gotts Hlfe beizustehn. Aber es war auch umsonst, angesehen
das Ferkelken schon verreckete, bevorab sie den Stall verlassen. Was tht aber
nunmehro diese Teufelshure? Nachdeme sie mit groem Geschrei im Dorf
umbhergeloffen, saget sie: nun she doch mnniglich, da mein Tchterlein keine
Jungfer mehr wre, denn warumb es sonst jetzt nit mehr helfen sollte, wenn sie
dem Viehe was gebrauchte, so es doch vorhero geholfen? Htte wohl ihre
Jungferschaft in dem Streckelberg gelassen, wohin sie diesen Frhjahr so fleiig
trottire, und wte Gott, wer selbige bekommen! Doch weiter sagt sie noch
nichtes, und erfuhren wir dies Allens nur hernachmals. Und ist wahr, da mein
Tchterlein diesen Frhjahr ist mit und ohne mich in den Streckelberg
gespaziret, umb sich Blumen zu suchen, und in die liebe Sehe berzuschauen,
wobei sie nach ihrer Wei diejenigen Versus aus dem Virgilio so ihr am Besten
gefallen, laut gerecitiret, (denn was sie ein paar Mal lase, das behielte sie
auch.)
    Und solche Gnge wegerte ich ihr auch nicht, denn Wlfe hatte es nicht mehr
im Streckelberge, und wenn es auch noch einen hatte, so fleucht er vor dem
Menschen zur Sommerszeit. Doch nach dem Birnstein verbot ich ihr zu graben. Denn
da er nunmehro schon zu tief fiele, und wir nicht wuten, wo wir mit dem Aufwurf
bleiben sllten, da es nit verrathen wrd, nahm ich mir fr, den Herrn nicht zu
versuchen, besondern zu warten, bis mein Frrath an Gelde fast klein wrde,
bevorab wir wieder grben.
    Solliches tht sie aber nicht, wiewohl sie es versprochen, und ist aus
diesem Ungehorsamb all unser Elend herfrgegangen. (Ach du lieber Gott, welch
ein ernst Ding ist es doch umb dein heilig viertes Gebot!) Denn da Ehre Johannes
Lampius von Crummin, so mich im Frhjahr heimbgesuchet, mir verzhlet, da der
Cantor in Wolgast die opp. St. Augustini2 verkaufen wlle, und ich in ihrer
Gegenwrtigkeit gesaget, da ich solche wohl vor mein Leben gerne kaufen mchte,
aber das Geld davor nit brig htte, stunde sie ohne mein Wissen des Nachts auf,
umb nach Birnstein zu graben, solchen auch so gut sie knnte in Wolgast zu
versilbern und zu meinem Geburtstag welcher den 28sten mensis Augusti einfllt,
mir heimlich die opp. St. Augustini zu verehren. Den Aufwurf hat sie aber immer
mit tnnin Zweigen bedecket, so es genugsam in der Heiden hat, damit Niemand
nichtes verspren mchte.
    Hierzwischen aber begab sich, da der junge nobilis Rdiger von Nienkerken
eines Tages angeritten kam, um Kundschaft von dem groen Zauber zu berkommen,
so hier im Dorfe sein slle. Als ich ihme nun solchen verzhlet, schttelte er
unglubig das Haupt und vermeinete da es mit aller Zauberei fast Lg und Trug
wre wovor ich mich heftiglich perhorrescirete angesehen ich diesen jungen Herrn
fr einen klgeren Mann gehalten, und nun sehen mute, da er ein Atheiste war.
Solches aber merkete er und gab lchelnd zur Antwort, ob ich jemals den Johannem
Wierum3 gelesen, so nichts wissen wlle von der Zauberei, und argumentire da
alle Hexen melancholische Personen wren, die sich selbsten nur einbildeten, da
sie einen pactum mit dem Teufel htten und ihm mehr erbarmens - denn strafwrdig
furkmen? Hierauf gabe ich zur Antwort, da ich solchen zwar nit gelesen, (denn
sage, wer kann Allens lesen, was die Narren schreiben?) aber der Augenschein
zeige ja hier und aller Orten, da es ein ungeheurer Irrthumb sei, die Zauberei
zu leugnen, inmassen man alsdann auch leugnen knnte, da es Mord, Ehebruch und
Diebstahl gb.
    Aber dieses Argumentum nannte er ein Dilemma4 und nachdeme er viel von dem
Teufel gedisputiret, so ich vergessen, da es arg nach Ketzereien roche, sagete
er: er wlle mir von einem Zauber in Wittenberg erzhlen, so er selbsten
gesehen.
    Als dorten nmblich ein kaiserlicher Haubtmann vor dem Elsterthore eines
Morgens sein gutes Ro bestiegen, um sein Fhnlein zu inspiciren, hebet solches
alsobald an, so grimmig zu toben bumet, schttelt mit dem Kopfe, prustet,
rennet und brllet, nit wie Pferde sonst thun, da sie wiehern, sondern es ist
anzuhren gewest als wenn die Stimm aus einem Menschenhalse kme, so da
mnniglich sich verwundert, und Allens das Rlein fr bezaubert gehalten. Es
htte auch alsobald den Haubtmann abgeworfen, ihm mit seinem Huf den Schdel
eingeschlagen, da er da gelegen und gezappelt, und htte nunmehro ins Weite
wllen. Da htte ein Reutersmann sein Handrhr auf das verzauberte Ro
abgedrucket, da es gleich auf den Weg zusammengeschossen und verrecket sei. So
wre er auch mit vielen hinzugetreten dieweil der Obrist alsofort Befehlig an
den Feldscheerer gegeben, das Ro aufzuschneiden, umb zu sehen, wie es innerlich
mit ihm stnde. Wre aber alles gut gewest, und beide der Feldscherer und
Feldmedicus htten testificiret da es ein kern gesund Ro sei, wannenhero denn
Allens noch weit heftiger ber Zauberei geschrieen. Hierzwischen aber htte er
selbsten (verstehe den jungen Nobilis) gesehen da dem Rlein ein feiner Rauch
aus der Nasen gezogen, und als er sich niedergebucket, htte er alsobald einen
Lunten herfrgezogen, fast bei eines Fingers Lnge, so noch geschwelet, und ihme
ein Bube mit einer Nadel heimlich zur Nasen hineingestoen. Da wre denn die
Zauberei auf einmal vergeschwunden, und man htte den Thter nachgespret, so
auch alsobald gefunden wr, nmblich der Reutknecht von dem Haubtmann selbsten.
Denn da sein Herr ihm das Wammes ausgeklopfet, htte er einen Eid gethan, es ihm
zu gedenken, so aber der Profost selbsten gehret, der von ungefhrlich am Stall
gestanden und geharnet. Item htte ein anderer Kriegsknecht bezeuget, da er
gesehn wie der Kerl ein Stck von der Lunten geschnitten, kurz zuvor ehe denn er
seinem Herren das Ro vorgefhret. - Also meinte nun der junge Edelmann wr es
mit jeglicher Zauberei, so man damit auf den Grund ginge, wie ich ja auch
selbsten in Gtzkow gesehen, wo der Teufelsspk ein Schuster gewest, und wrd es
auch hier im Dorf wohl auf gleiche Wei zugestehn. Vor solche Rede wurde ich
aber dem Junker von Stund an, als einem Atheisten abhold, wiewohlen ich in
Zukunft leider Gottes gesehen hab, da er fast recht gehabt, denn wre der
Junker nit gewest, wo wre dann mein Kind?
    Doch will ich Nichtes bereilen! - Summa: ich ging fast verdrlich ber
diese Wort in der Stuben umbher, und fing der Junker nunmehro an mit meinem
Tchterlein ber die Zauberei zu disputiren, bald deutsch und bald lateinisch,
wie es ihm ins Maul kam, und sollte sie auch ihre Meinung sagen. Aber sie gab
ihm zur Antwort, da sie ein dumm Ding sei und keine Meinung haben knnte, da
sie aber dennoch glube, der Spk hier im Dorfe ginge nit mit rechten Dingen zu.
Hierber rief mich die Magd abseiten (wei nit mehr was sie wollte) doch als ich
wieder in die Stuben kam, war mein Tchterlein so roth, wie ein Schaarlachen und
der Junker stunde dicht vor ihr. Fragete sie dannenhero gleich als er
abgeritten, ob etwas frgefallen, so sie aber leugnete und erst nachgehends
bekannte: da er in meinem Abwesen gesaget, da er nur einen Menschen kenne, so
zu zaubern verstnde, und als sie ihn gefraget, wer derselbige Mensch denn wre,
htte er sie bei der Hand gegriffen und gesaget: Sie ist es selbsten liebe
Jungfer, denn sie hat meinem Herzen etwas angethan, wie ich verspre! Weiteres
aber htte er nichtes gesaget, als da er sie dabei mit brennenden Augen ins
Angesicht geschauet und darber wre sie so roth worden.
    Aber so seind die Mdchens, sie haben immer ihre Heimblichkeiten, wenn man
den Rcken drehet, und ist das Sprchwort wahr:

Mtens to hden
Un Kcken to mten
Sall den Dwel slfst vertreten!5

wie man leider nachgehends noch weiter finden wird.

                                    Funoten


1 Jesaias 54, 7.

2 Die Werke des heiligen Augustin.

3 Ein niederlndischer Arzt, der lange vor Spee und Thomasius das Unwesen des
Zauberglaubens seiner Zeit in der Schrift confutatio opinionum de magorum
Daemonomia Frankfurth 1590 angriff, dafr aber von Bodinus und andern, selbst
fr den rgsten Hexenmeister verschrieen wurde. Und allerdings ist es auffallend
da derselbe freidenkende Mann frher in einer andern Schrift de praestigiis
Daemonum, die Beschwrung der Geister gelehrt, und darin die ganze Hlle mit dem
Namen und Zunamen ihrer 572 Teufelsfrsten beschrieben hatte.

4 verfnglicher Schlu.

5 d.i. etwa Mdchen und Kchlein zu hthen; soll (wohl) den Teufel selbst
verdrieen wobei jedoch zu bemerken, da die hochdeutsche Sprache das malerische
Wort mten nicht ausdrcken kann, welches eigentlich bedeutet, mit
vorgestreckten Armen das Korn oder irgend einen andern lockenden Gegenstand vor
dem Andrange der Thiere zu schtzen.


                                  Capitel 14.

  Wie der alte Seden pltzlich verschwindet, item der groe Gustavus Adolphus
         nachher Pommern kmmt, und die Schanze zu Peenemnde einnimmt.

Mit der Zauberei war es nunmehro eine Zeitlang geruhlig1 so man die Raupen nicht
in Anrechnung zeucht, welche mir meinen Obstgarten gar jmmerlich geruiniret,
und welches sicherlich ein seltsam Ding war. Denn die Bumleins blheten alle so
lieblich und holdseelig, da mein Tchterlein eines Tages sagte, als wir
darunter umbher gingen, und die Allmacht des barmherzigen Gottes preiseten, so
uns der Herr weiter gesegnet, ist es diesen Winter bei uns alle Abend heiliger
Christ! Aber es sollte bald anders kommen. Denn es befanden sich im Umbsehen so
viele Raupen (groe und kleine, auch von allerhand Farb und Colr) auf den
Bumen, da man sie fast mit Scheffeln messen mochte, und whrete nit lange, als
meine arme Bumekens, allesammt wie die Besenreiser aussahen, und das liebe
Obst, so angesetzet, abfiel, und kaumb vor meinem Schwein zu gebrauchen war.
Will hierbei auf Niemand rathen, doch hatte gleich dabei meine eigenen Gedanken,
und habe sie noch. Sonsten stand mein Gerstenkorn, so ich bei 3 Scheffeln in die
Worth gestreuet sehr lieblich. Auf dem Felde aber hatte ich nichtes ausgeworfen,
angesehen ich die Bosheit des leidigen Satans scheuete. Auch hatte die Gemeine
heuer nit viel Seegen an Korn, inmassen sie zumb Theil aus groer Noth keine
Wintersaat gestreuet, und die Sommersaat auch nit fort wollte. Sonsten an
Fischen fungen sie in allen Drfern durch die Gnade Gottes viel, insonderheit an
Hring, welcher aber schlecht im Preise steht. Auch schlugen sie manchen
Saalhund2 und habe ich selbsten um Pfingsten aus einen geschlagen, als ich mit
meinem Tchterlein an der Sehe ging. Selbiger lag auf eim Stein dicht am Wasser
und schnarchete wie ein Mensch. Zog mir also die Schuhe aus und ging heimblich
hinzu, da er nichts merkete, worauf ich ihme mit einem Stecken so ber die
Nasen schlug (denn an der Nasen kann er wenig vertragen) da er gleich ins
Wasser purzelte. Doch war ihm die Besinnung schon wegk, und mochte ich ihn
nunmehro leichtlich ganz zu Tode schlagen. Es war ein feistes Beest, obwohl nit
gar gro, und brieten wir doch aus seinem Spek an die 40 Pott Thran, so wir
beschlossen zur Winternothdurft aufzuheben.
    Hierzwischen aber begab es sich, da dem alten Seden flugs etwas ankam, also
da er das heilige Sacrament begehrete. Ursache konnte er nit angeben, als ich
zu ihm kam, hat es aber vielmehr wohl nit thun wllen, aus Furcht fr seiner
alten Lisen, so mit ihren Gluderaugen sein immer hthete, und nicht aus der
Stuben ging. Sonsten wollte Zutern sein klein Mdchen, ein Kind bei 12 Jahren am
Gartenzaum auf der Straen, wo sie Kraut vor das Vieh gepflcket, gehrt haben,
da Mann und Frau sich etzliche Tage zuvorab, wieder heftig gescholten, und der
Kerl ihr frgeschmissen, da er nunmehro gewilich in Erfahrung gebracht, da
sie einen Geist habe, und wlle er alsobald hingehen und es dem Priester
verzhlen. - Wiewohlen das nur Kinderreden seind, will es doch wohl wahr sein,
anerwogen Kinder und Narren, wie man saget, die Wahrheit sprechen.
    Doch la ich das in seinen Wrden. Summa: es wurde immer schlimmer mit
meinem alten Frsteher, und wenn ich ihne, wie ich den Brauch bei Kranken hab,
alle Morgen und Abend heimbsuchte, umb mit ihm zu beten, und oftmalen wohl
merkete, da er etwas annoch auf seim Herzen hatte, kunnte er doch nichtes
herfrbringen, angesehen die alte Lise immer auf ihrem Posten stunde.
    So verblieb es eine Zeitlang, als er eines Tags umb Mittag aus zur mir
schickete: ich wlle ihme doch ein klein wenig Silbers von dem neuen
Abendmahlkelch abschrapen3, weilen er den Rath gekriegt da es besser mit ihm
werden wrd, wenn er es mit Hhnermist einnhm. Wollte lange Zeit nit daran
gehen, maen ich gleich vermuthete, da darbei wieder Teufelsspk verborgen,
aber er tribulirete so lange, bis ich ihme den Willen that.
    Und siehe, es half fast von Stund an, so da er am Abend, als ich kommen war
mit ihme zu beten, schon wieder auf der Bank sa, ein Topf zwischen den Beinen,
aus welchem er seine Suppen kellete. Wollte aber nit beten (ein seltsam Ding, da
er doch sonsten so gerne gebetet, und oftmals kaum die Zeit ausharren kunnte,
ehe ich kam, so da er wohl an die zween oder dreien Malen geschicket, wenn ich
nit gleich zur Hand ware, oder sonst wo mein Wesen hatte), sondern sagete, er
htte schon gebetet, und wlle er mir vor meine Mhe den Hahnen zu einer
Sonntagssuppen geben, wovon er den Mist eingenommen, maen es ein groer schner
Hahnen sei, und er nichts Besseres htte. Und, weilen das Hhnerwerk schon
aufgeflogen, trat er auch zu dem Wiem4 so er in der Stuben hinter dem Ofen
hatte, und langete den Hahnen herab, so er meiner Magd unter den Arm tht, so
gekommen war mich wegkzurufen.
    Htte aber den Hahnen umb alles in der Welt nit essen wollen, besondern lie
ihn zur Zucht laufen. Wie ich nun ginge, fragte ihn noch, ob ich am Sonntage dem
Herrn vor seine Besserung danken solle, worauf er aber zur Antwort gab, da ich
solches halten knne, wie mir geliebte. Verlie also kopfschttelnd sein Haus
und nahm mir fr, ihn alsogleich rufen zu lassen, wenn ich in Erfahrung gezogen,
da seine alte Lise nit heimisch sei (denn sie hohlete sich oft von dem
Amtshaubtmann Flachs, umb solchen aufzuspinnen). Aber siehe, was geschah schon
nach etzlichen Tagen? Es kam das Geschreie, der alte Seden wre wegkgekommen,
und Niemand wte nit, wo er geblieben. Sein Weib vermeinete, er wre in den
Streckelberg gangen, und kam dahero diese vermaledeyete Hexe auch mit groem
Geheul bei mir vorgelaufen, und forschete von meinem Tchterlein, ob sie ihren
Kerl nit wo htte daselbsten laufen gesehen, dieweil sie ja alle Tage in den
Berg ginge. Mein Tchterlein sagte nein; sollte aber, seis Gott geklagt, bald
genugsamb von ihme erfahren. Denn als sie eines Morgens, ehe denn die Sonne
aufgegangen gewest, von ihrer verbotenen Grberei zurckkmmt, und in den Wald
niedersteiget, hret sie flugs sich zur Seiten einen Grnspecht (so sicherlich
die alte Lise selbsten gewest) so erbrmlich schreien, da sie in das Gebsche
tritt, zu sehen, was er htte. So sitzt nun dieser Specht auf der Erden vor
einem Flusch Haaren, so roth und ganz so gewest seind, wie den alten Seden
seine, burret aber mit einem Schnabel voll auf, wie er ihrer gewahr wird und
verkreucht sich damit in ein Astloch. Wie mein Tchterlein noch stehet und
diesen Teufelsspk betrachtet, kmmt der alte Paassch, so das Geschrei auch
gehret, und mit seinem Jungen sich Daukelschchte5 in den Berg gehauen, auch
herbei und entsetzet sich gleicher Wei, wie er die Haare an der Erden sieht.
Und vermeinen sie erstlich, da ihn ein Wulf gefressen, sehen dannenhero sich
auch berall umb, aber finden kein einig Knchelken. Wie sie aber in die Hhe
schauen, kommt es ihnen fr, als ob oben im Wipfel auch was Rothes glitzerte,
und mu der Junge in den Baum steigen, wo er denn alsogleich ein gro Geschrei
anhebt, da es hier auch auf eim Paar Bltter einen guten Flusch rother Haare
htte, so mit den Blttern zusammengeklebet wren, wie mit Pech. Aber es wre
kein Pech nit, sondern she roth und weisprenglich aus, wie Fischkt6. Item
wren die Bltter ringsumbher, wo auch keine Haare sen, bunt und fleckicht,
und voll unsauberen Stankes. Wirft also der Junge auf Gehei seines Herren den
Kletten herab, und judiciren sie beide gleich unten, da dies den alten Seden
sein Haar und Hirn sei, und ihn der Teufel bei lebendigen Leibe gehohlet, weil
er nit hat beten wllen und dem Herrn danken vor seine Besserung. Solches
glubete ich auch selbsten, und stellte es auch am Sonntag so der Gemeine fr.
Aber man wird weiters unten sehen, da der Herr noch andere Ursachen gehabt ihn
in die Hand des leidigen Satans zu geben, angesehen er sich auf Zureden seines
bsen Weibes von seinem Schpfer losgesagt, umb nur wieder besser zu werden. Vor
jetzo aber tht auch diese Teufelshure, als wre ihr das grete Herzeleid
zugefget, inmassen sie sich die rothen Haare bei ganzen Fluschen ausrie, wie
sie von dem Grnspecht durch mein Tchterlein und den alten Paassch hrete und
lamentirte, da sie nunmehro auch eine arme Wittib sei, und wer sie in Zukunft
verpflegen wrd etc.
    Hierzwischen feierten wir auch an dieser den Ksten, so gut wir kunnten und
mochten mit der ganzen protestantischen Kirchen den 25sten Tag mensis Junii, wo
fr nunmehro 100 Jahren die Stnde des heil. Rmischen Reichs dem
gromchtigsten Kaiser Carolo V ihre Confession zu Augsburg frgeleget, und
hielte ich die Predigt ber Matth. 10, 32. von der rechten Bekenntn unsers
Herrn und Heilandes Jesu Christi, worauf die ganze Gemeine zum Nachtmahl ging.
Doch gegen den Abend desselbigen Tages, als ich mit meinem Tchterlein zur Sehe
gespatziret war, sahen wir umb den Ruden viele hundert Masten von groen und
kleinen Schiffen, hreten auch ein merklich Schieen und judicirten alsbald da
es der gromchtigste Knig Gustavus Adolphus sein mchte, so nunmehro, wie er
versprochen, der armen bedrngeten Christenheit zur Hlf kme. Im whrenden
Judiciren aber segelte ein Boot von der Oie7 heran, worinnen Kthe Berowsche ihr
Sohn sa, so dorten ein Bauer ist und seine alte Mutter heimbsuchen wollte.
Selbiger verzhlete, da es wrklich der Knig wr, so diesen Morgen von Rgen
mit seiner Flotten den Ruden angelaufen, allwo ein Paar Oier Leut gefischet und
gesehen, da er alsofort mit seinen Officirers an das Land gestiegen, und
alldort mit geblssetem Haupt auf seine Knie gefallen sei.8
    Ach du gerechter Gott, da hatte ich unwrdiger Knecht am lieben Abend noch
eine grere Jubelfreude, denn am lieben Morgen, und kann man leichtlich bei
sich selbsten abnehmen da ich nicht angestanden, mit meim Tchterlein alsofort
auch auf meine Kniee zu fallen, und es dem Knig nachzuthun. Und wei Gott, ich
hab in meinem Leben nicht so brnstig gebetet denn diesen Abend wo der Herr uns
ein sollich Wunderzeichen frstellete, da der Retter seiner armen Christenheit
gerade anlagen mute an dem Tag, wo sie ihn aller Orten umb seine Gnad und Hlfe
fr des Pabstes und Teufels Mord und List auf ihren Knien angeschrieen hatte.
Konnte auch die Nacht darauf fr Freuden nicht schlafen, besondern ging schon
zur frhen Morgenzeit nach der Damerow, wo Vithen seinem Jungen etwas angekommen
war. Glubete schon es wrd auch Zauberei sein, aber es war dieses Mal keine
Zauberei, angesehen der Junge in der Heiden etwas Schlimmes gefressen hatte. Was
es fr Beeren gewest, kunnte er nit mehr sagen, doch zog das Malum so ihm das
Fell ganz roth wie Scharlach gemachet, alsbald frber. Als ich darumb bald
hernacher den Heimweg antrate, begegnete ich einem Boten von Peenemnde so Ihro
Majestt der gromchtigste Knig Gustavus Adolphus an den Amtshaubtmann
gesendet, da er ihme am 29 Juny um 10 Uhren Morgens slle drei Wegweiser bei
Coserow gestellen, um Sr. Majestt durch die Wlder nach der Swine zu geleiten,
allwo die Kaiserlichen sich verschanzet hatten. Item verzhlete er, da Ihro
Majestt schon gestern die Schanze zu Peenemnde eingenommen (was wohl das
Schieen bedeutet, so wir den Abend zuvor gehret) und htten die Kaiserlichen
gleich Allens verlaufen, und die rechten Buschreuter gespielet. Denn nachdeme
sie ihr Lager in Brand gestecket, wren sie zu Busch gesprungen umb zum Theil
nacher Wolgast, zum Theil nach der Swine zu entkommen.
    Alsobald beschlo nun in meiner Freud Sr. Majestt so ich mit des
Allmchtigen Gotts Hlf sehen sollte ein Carmen gratulatorium9 zu fabriciren,
welches mein Tchterlein ihme berreichen knnte.
    Tht ihr alsogleich nach meiner Heimbkunft den Frschlag, und fiele sie fr
Freuden mir davor umb den Hals, und fing alsdann an in der Stuben
umbherzutanzen. Doch als sie sich ein wenig besunnen, meinete sie, da ihr Kleid
nicht gut genug wre, umb Sr. Majestt darinnen aufzuwarten und mchte ich ihr
noch ein blau seidin Kleid mit gelbem Schurzfleck kaufen, da dieses die
schwedische Colr sei, und Sr. Majestt ohne Zweifel ba gefallen wrd. Wollte
aber lange nicht daran, anerwogen ich solch hoffrtig Wesen haete, aber sie
tribulirete so lange mit ihren guten Worten und Kleins, da ich alter Narre ja
sagete und meinem Ackersknecht befahl, noch heute mit ihr nach Wolgast zu fahren
umb sich den Zeug zu kauffen. Achte darumb, da der gerechte Gott, so den
Hoffrtigen widerstehet, und den Demthigen Gnade giebt, mich von wegen solcher
Hoffart mit Recht gestrafet. Denn ich hatte selbsten eine sndliche Freude, als
sie mit zwo Weibern, so ihr sollten nhen helfen, zurcke kam, und mir den Zeug
frlegete. Des andern Tages hub auch alsogleich das Nhen mit der Sonnen an, in
Whrendem ich mein Carmen fabricirete. War aber noch nit weit gelanget, als der
junge Edelmann Rdiger von Nienkerken vorgeritten kam, umb sich zu erkundigen,
wie er sagte, ob Se. Majestt in Wahrheit ber Coserow marschiren wrd. Und als
ich ihm hievon gesaget, was ich wute, item unser Frhaben mitgetheilet, lobete
er solches gar sehr, und instruirete mein Tchterlein (die ihn heute
freundlicher ansah, als mir recht war.) wie die Schweden das lateinisch sprchen
als ratscho pro ratio, t pro ut, schis, pro scis, etc. damit sie Sr. Majestt
nit die Antwort schuldig blieb. Und htte er sowohl in Wittenberge als in
Griepswalde viel mit Schweden conversiret, wllten dahero, so es ihr geliebte
ein klein colloquium anstellen, und wlle er den Knig machen.
    Hierauf setzte er sich vor sie auf die Bank, und hatten sie beide alsogleich
ihr Geschwtze, was mich fast heftig verdro, insonderheit als ich sahe, da sie
die Nadel wenig rhrete, aber sage, Lieber, was kunnte ich dabei thun? - Ging
also meiner Straen und lie sie schwtzen bis gegen den Mittag, wo der Junker
endlich sich wieder aufmachete. Doch versprach eram Dienstag, wenn der Knig
km, sich auch einzustellen, glube auch, da die ganze Insel alsdann wohl bei
Coserow zusammen laufen wrde. Als er fort war, und mir die vena poetica10 wie
leicht zu erachten, noch verstopfet war, lie ich meinen Wagen anspannen und
fuhre im ganzen Kapsel umbher, in allen Drfern das Volk vermahnende, da sie am
Dienstag umb 9 Uhren an dem Hhnenstein vor Coserow wren, und sollten sie alle
niederfallen auf ihre Kniee, wenn sie shen, da der Knig km, und ich auf
meine Knie fallen wrd, item gleich einstimmen, wenn die Glocken anhben zu
luten und ich den ambrosianischen Lobgesang intonirete. Solches versprachen sie
auch alle zu thun, und nachdeme ich am Sonntag in der Kirchen sie noch einmahl
hiezu vermahnt und vor Se. Majestt von ganzem Herzen, zu dem Herrn gebetet,
kunten wir kaum den lieben Dienstag vor groen Freuden erharren.

                                    Funoten


1 ruhig.

2 Seehund.

3 plattdeutsch: fr abschaben.

4 plattdeutsch: Gerst, auf welchem die Hhner sitzen.

5 Dachschchte.

6 Eingeweide der Fische.

7 Rden und Oie, zwei kleine Inseln zwischen Usedom und Rgen.

8 Man sehe auch das Theatrum Europaeum J. 226 fl.

9 Glckwnschungs-Gedicht.

10 poetische Ader.


                                  Capitel 15.

  Von der Ankunft des gromchtigsten Knigs Gustavi Adolphi, und was sonsten
                               dabei frgefallen.

Hierzwischen wurde nun auch mein carmen in metro elegiaco1 fertig, so mein
Tchterlein abschriebe, (inmassen ihre Handschrift trefflicher ist, denn die
meine) und wacker memorirete, umb solches Sr. Majestt aufzusagen. Item wurden
die Kleider fertig, so ihr fast lieblich stunden, und ginge sie den Montag zuvor
in den Streckelberg unangesehen es eine so groe Hitze war, da die Krhe auf
den Zaum jappte2. Denn sie wollte sich Blumen suchen zu einem Kranz, welchen sie
aufzusetzen gedachte, und so auch blau und gelb sein sllten. Kam auch gegen
Abend wieder mit einem Schurzfleck voll Blumen aller Art, doch waren ihre Haare
ganz na, und hingen ihr kladdrig3 um die Schultern. (Ach Gott, ach Gott, so
mute mir armen Mann Alles zu meinen Verderben gereichen!) Fragete also wo sie
gewest, da ihre Haare so kladdrig aus shen, worauf sie zur Antwort gab, da
sie von dem Klpin4 umb den sie sich Blumen gepflcket zum Strande gangen und
sich dorten in der Sehe gebadet, dieweil es eine groe Hitze gewest und sie
Niemand nit gesehen. Knnte doch Sr. Majestt nun morgen, wie sie kurzweilig
fortfuhre, duppelt als eine reine Jungfer unter die Augen treten. Mir gefiel
solches gleich nit, und sahe ich ehrbar aus, doch sagete ich Nichtes.
    Am andern Morgen ware das Volk schon umb 6 Uhren umb den Hhnenstein,
Mnner, Weiber, Kinder, Summa: was nur gehen kunnte, das hatte sich eingefunden.
Auch war mein Tchterlein schon umb 8 Uhren ganz in ihrem Schmuck, nmblich eim
blau seidin Kleid, gelbem Schurzfleck, gelbem Tchlein und einer gelben
Haarhauben, so genetzet ware, und worauf sie das Krnzlein von blau und gelben
Blmeken setzte. Whrete nit lange so war mein Junker auch wieder da,
gleichfalls sauber und ausstaffiret, wie eim Edelmann zustehet. Htte doch
Kundschaft einziehen wllen, wannenher ich mit meinem Tchterlein nach dem Stein
ginge, angesehen sein Herr Vater, Hans von Nienkerken item Wittich Appelmann wie
die Lepels vom Gnitze auch noch kmen, auch viel Volks berall auf der
Landstraen lief, als wenn es heute allhie Jahrmarkt htte. Aber ich sahe
sogleich, da es ihme nur umb die Jungfer zu thun war, anerwogen er gleich
wieder sein Wesen mit ihr hatte, und alsofort auch das lateinische Geschwtze,
anhub. Sie mute ihm ihr Carmen an Se. Majestt aufsagen, worauf erden Knig
frstellend, ihr antwortete: dulcissima et venustissima puella, quae mihi in
coloribus coeli, ut angelus domini appares, utinam semper mecum esses, nunquam
mihi male cederet5, worauf sie roth wurd, und mir es nicht viel anders erging,
doch aus Aerger, wie man leichtlich gieen mag. Bate dahero, Se. Gestrengen,
wlle nur zum Stein sich aufmachen, angesehen mein Tchterlein mir noch meinen
Chorrock umbhelfen mte, worauf er aber zur Antwort gab: da er so lange in der
Stuben warten wlle und knnten wir ja zusammen gehen. Summa: ich gesegnete mich
abermals fr diesem Junker, aber was half es? da er nit weichen wollte, mute
ich schon ein Auge zuthun und wir gingen bald hernacher zusammen nach dem Stein,
wo ich mir allerersten 3 tchtige Kerls aus dem Haufen griff, da sie auf den
Thum gehen sllten, und anheben mit den Glocken zu luten, wenn sie shen, da
ich auf den Stein stiege und mein Schweitchlein schwenkete. Solliches
versprachen sie auch zu thun, und gingen gleich abe, worauf ich mich mit mein
Tchterlein auf den Stein setzte, und sicherlich glubete, der Junker wrd ein
Ansehn gebrauchen, aber er tht es nicht, sondern satzte sich mit auf den Stein.
Und saen wir drei ganz allein daselbsten, und alles Volk sahe uns an, doch kam
Niemand nit nher, umb meines Tchterleins Putz zu betrachten, auch die jungen
Dirnens nicht, wie sie doch sonsten pflegeten, was mir nur nachhero beigefallen
ist, als ich erfuhre, wie es schon darzumalen umb uns stund. Gegen 9 Uhren kam
auch Hans von Nienkerken und Wittich Appelmann angegaloppiret und rief der alte
Nienkerken sogleich seinen Sohn mit fast heftigem Ton ab, und da er nit gleich
hrete, sprengete er zu uns an den Stein und schrie, da alle Welt es hrete:
Kanstu Bub nit hren, wenn dein Vatter dir rufet! worauf er ihm verdrlich
folgete, und sahen wir aus der Fernen, da er seinen Sohn bedreuete, und vor ihm
ausspiee. Wuten noch nit, was solches bedeutete; sollten es aber leider Gotts
bald erfahren. Bald daraufkamen auch von der Damerow her die beiden Lepele vom
Gnitze6 und salutirten sich die Edelleut auf einem grnen Brink dicht bei uns,
doch ohne uns anzusehen. Und hrte ich, da die Lepele sagten, so dieser Straen
gezogen waren, da von Sr. Majestt noch nichtes zu sehen wr, aber die
Scheerenflotte umb den Ruden wrde schon unruhig und kme bei vielen hundert
Schiffen angesegelt. Da solches nun Mehrere gehret, lief alles Volk sogleich
zur Sehe (so nur ein klein Endiken von dem Stein ist) und die Edelleute ritten
selbsten hinan, ausgenommen Wittich, so von dem Pferde gestiegen war, und da er
sahe, da ich den alten Paassch seinen Jungen in eine hohe Eiche schicketeumb
nach dem Knig berzuschauen, sich alsofort wieder an mein Tchterlein gemacht
hatte, die nunmehro ganz allein auf dem Stein sa. Warumb sie seinen Jgersmann
nicht genommen und ob sie sich nit besinnen wlle, und ihn noch nehmen, oder
sonsten bei ihme (dem Amtshaubtmann) selbsten in Dienst treten, denn thte sie
dieses nicht, so achte er, da es ihr leid werden mge. Worauf sie ihm, wie sie
sagete, zur Antwort gegeben: da ihr nur eines leid tht, nmblich da Se.
Gestrengen sich so viel vergebliche Mhe umb sie gbe. Somit wr sie eiligst
aufgestanden, und zu mir an den Baum getreten, wo ich dem Jungen nachsahe, wie
er droben kletterte. Unsere alte Ilse aber sagete, da er einen groen Fluch
gethan als ihm mein Tchterlein den Rcken gewendet, und alsobald in das
Ellerholz getreten wre, so dicht an der Landstraen hinluft, und wo die alte
Hexe Lise Kolken auch gestanden.
    Hierzwischen ging ich aber mit meinem Tchterlein auch zur Sehe, und war es
wahr, da die ganze Flotte von dem Ruden und der Oie herber kam, und gen Wollin
zu steuerte, auch gingen manche Schiffe so nah an uns frber, da man kunnte
die Soldaten darauf stehen, und die Waffen blitzen sehen. Item hreten wir die
Pferde wiehern, und das Kriegsvolk lachen. Auf eim ging auch die Trummel und auf
einem andern blketen Schaafe und Rinder. In whrendem Schauen aber wurden wir
flugs einen Rauch von einem Schiff gewahr, und es folgete ein groer Knall, also
da wir bald auch die Kugel sahen auf dem Wasserspiegel rennen, so da es
ringsumbher schumete und sprtzete, und gerade auf uns zukam. Lief also das
Volk mit groem Geschrei auseinander, und hreten wir deutlich darber das
Kriegsvolk auf den Schiffen lachen. Aber die Kugel hob sich alsbald in die Hhe,
und schlug dicht bei Paassch seinem Jungen in eine Eiche, so da gegen 2 Fuder
Struch mit groem Rumor von dem Schlag zur Erden strzeten und den Weg
berschtteten, wo Sr. Majestt kommen mute. Dannenhero wollte der Junge nit
mehr oben im Baum bleiben, wie sehr ich ihn dazu vermahnete, schrie aber in
whrendem Niederklettern da ein gro Haufen Kriegsvolk nunmehro bei Damerow aus
der Heiden km, und solches wohl der Knig sein mchte. Darum befahl der
Amtshaubtmann geschwind den Weg aufzurumen, und da solliches eine Zeitlang
whrete, inmassen sich die dicken Aest und Gezweige rechtes und linkes in den
Bumen umbher geklemmet hatten, wollten die Edelleut, als Allens fertig war, Sr.
Majestt entgegenreuten, blieben aber auf dem kleinen Brink halten, dieweil man
dicht vor uns in der Heiden es schon fahren, klappen und sprechen hrte.
    Whrete auch nit lange, als die Kanonen herfrbrachen, und saen die drei
Wegweiser oben darauf. Da ich nun den einen kannte, so Stoffer Krauthahn von
Peenemnde war, ginge ich nher, und bat ihne, mir zu sagen, wann der Knig km.
Aber er antwortete: da er weiter ginge mit den Kanonen, bis Coserow, und mcht
ich nur Acht haben auf den langen schwarzen Mann, so einen Hut mit einer Feder
trg, und eine gldene Kettin umb seinen Hals, solliches wre der Knig und
ritte er alsbald hinter der Haubtfahnen, worauf ein gelber Lwe stnd.
Observirete also genau den Zug, wie er aus der Heiden herfrbrach. Und kamen
nach der Artollerie, zuvorauf die finnischen und lappischen Bogenmnner, so
mitten im Sommer, was mich verwunderte, noch in Pelzen einhertrottireten. Darauf
kam viel Volks, so ich nit erfahren, was es gewesen. Alsbald sah ich ber den
Haselbusch so mir im Wege stund, da ich nit Allens gleich observiren kunnte,
wenn es aus dem Busch kam, die groe Haubtfahn mit dem Lwen und hintennach auch
den Kopf von einem ganz schwarzen Mann mit gldiner Kettin umb seinen Hals, so
da ich gleich judicirete, dies mte der Knig sein. Schwenkete dahero mein
Schweitchlein gen den Thurm zu, worauf auch alsofort die Glocken anschlugen,
und in Whrendem uns der schwarze Mann nher ritte, zog ich mein Kpplein ab,
fiel auf meine Kniee, und intonirete den ambrosianischen Lobgesang, und alles
Volk folgete mir nach, ri sich auch die Hte vom Haubt, und sank auf allen
Seiten singend zur Erden; Mnner, Weiber, Kinder, ausgenommen die Edelleut, so
ruhig auf dem Brink halten blieben, und erst, als sie sahen, da Se. Majestt
dero Ro anhielt (war ein pechschwarzer Rapp und blieb gerade mit den
Vorderfen auf mein Ackerstck stehenwas ich fr ein gut Zeichen nahm) zogen
sie auch die Ht und gebehrdeten sich aufmerksam. Nachdeme wir geendet, stiege
der Amtshaubtmann rasch vom Ro, und wollte mit seinen drei Wegweisern, so
hinter ihm gingen, zum Knig, item hatte ich mein Tchterlein bei der Hand
gefat und wollte auch zum Knig. Winkete also Se. Majestt den Amtshaubtmann ab
und uns hinzu, worauf ich Se. Majestt auf lateinisch beglckwnschte, und Ihr
hochmthiges Herze rhmete, da sie der armenbedrngten Christenheit zu Schutz
und Hilfe, htte den deutschen Boden heimbsuchen wllen, es auch vor ein
gttlich Anzeichen priese, da solliches gerade an diesem erschienen Jubelfest
unserer armen Kirchen beschehen sei, und mchte Sr. Majestt es gndiglich
aufnehmen, wenn mein Tchterlein ihme was zu bescheeren gedcht, worauf Sr. M.
sie lieblich lchelnde ansahe. Sollich freundlich Wesen machte sie wieder
zuversichtlich, da sie vorhero schon merklich gezittert, und antwortete sie, ihm
ein blau und gelbes Krnzlein berreichend, auf welchem das Carmen lag: accipe
hanc vilem coronam et haec7 worauf sie anfinge das Carmen herzubeten.
Hierzwischen wurde Se. Majestt immer lieblicher, sahe bald sie an, und bald in
das Carmen und nickete besondern freundlich mit dem Haubt als der Schlu kamb,
und lautete selbiger also, wie ich annoch hersetzen will:

tempus erit, quo tu reversus hostibus ultor
intrabis patriae libera regna meae;
tunc meliora student nostrae tibi carmina musae
tunc tua, maxime rex, Martia faeta canam.
tu modo versiculis ne spernas vilibus ausum
auguror et res est ista futura brevi!
sis foelix, fortisque diu, vive optime princeps,
omnia, et ut possis vincere, dura. Vale!8

Als sie nun schwiege, sprach Se. Majestt: proprius accedas patria virgo, ut te
osculer9, worauf sie, sich verfrbende ihm an das Ro trat. Und glubete ich, er
wrde sie nur auf die Stirne kssen, wie sonsten die Potentaten zu thun pflegen,
aber nein! er kete sie also gerade auf den Mund da es schmatzete und seine
langen Hutfedern ihr umb den Nacken hingen, so da mir abermal ganz bange vor
sie wurd. Doch richtete er sich bald wieder in die Hhe, nahm die gldene Kette
sich ab, an welcher unten sein Conterfett bummelte, und hing sie meinem
Tchterlein mit diesen Worten umb ihren Hals: hocce tuae pulchritudini! et si
favente deo redux fuero victor, prommissum carmen et praeterea duo oscula
exspecto.10
    Hierauf kam der Amtshaubtmann abermals mit seinen drei Kerls an, und
verneigete sich vor Sr. Majestt zur Erden. Da er aber kein Lateinisch nit
kunnte, item auch kein Italinisch oder Franzsisch verstande, spielte ich
alsobald den Dolmetscher. Denn es fragete I.M. wie weit es bis zur Swine wr,
und ob es dorten noch viel fremd Kriegsvolk htte? Und meinete der Amtshaubtmann
da annoch an die 200 Krabaten im Lger lgen, worauf Se. Majestt dem Ro die
Spornen gab und freundlich nickende ausrief: valete11. Nun kam aber erst das
andere Kriegsvolk, bei 3000 Mann gewaltig, aus dem Busch, so gleichfalls ein
wacker Ansehn hatte, auch keine Narrentheidinge frnahm, wie es sonsten wohl
pfleget, als es bei unserm Huflein und den Weibern vorbeizog, sondern fein
ehrbar einhertrat, und begleiteten wir den Zug noch bis hinter Coserow an die
Heiden wo wir ihn dem Schutz des Allmchtigen empfohlen, und ein Jeglicher
wieder seiner Straen heimbzog.

                                    Funoten


1 im elegischen Versmaa.

2 plattdeutsch: nach Luft schnappen.

3 plattdeutsch: zottig, mit dem Nebenbegriff des feuchten.

4 Ein kleiner Landsee in der Nachbarschaft des Meeres.

5 Du seste und anmuchigste Dirne, die du mir wie ein Engel des Herrn in den
Farben des Himmels erscheinst, wrst du doch immer um mich, dann wrde es mir
niemals unglcklich ergehen!

6 Eine Halbinsel auf Usedom.

7 Nimm diesen schlechten Kranz und dieses.

8 d.i.

    Einst wird kommen die Zeit, wo du, siegfreudiger Rcher
    Wirst heimkehren zur Flur meines befreieten Volks;
    Dann, ein besseres Lied bringt dir die Muse des Sngers,
    Denn sie preiset o Herr deine heroische That!
    Drum verachte ihr heut nicht dies verwegene Stammeln:
    Sie weissaget ja nur dein nachwaltendes Glck.
    Geh, leb wohl, sei tapfer und stark, o bester der Frsten,
Da du alles besiegst, selber das harte Geschick!

9 Komm nher, vaterlndische Jungfrau, damit ich dich ksse.

10 Dies deiner Schnheit und, wenn ich mit Gottes Hlfe siegreich zurckkehre,
erwarte ich das versprochene Gedicht und auerdem zwei Ksse.

11 Lebt wohl!


                                  Capitel 16.

Wie die kleine Maria Paasschin vom Teufel bel geplaget wird, und mir die ganze
                                Gemein abfllt.

Ehe ich weiters gehe, will ich zuvorab vermelden da der durchluchtigste Knig
Gustavus Adolphus, wie wir alsbald die Zeitung bekommen auf der Swine an die 300
Krabaten niedergehauen, und darauf zu Schiff nacher Stettin gefahren ist. Gott
wlle ihm ferner gndig sein. Amen.
    Nunmehro aber nahm meine Noth von Tage zu Tage zu, angesehen der Teufel bald
so lustig wurde, wie er nie nicht gewesen. Glubete schon, da Gottes Ohren auf
unser brnstig Gebet gemerket htten, aber es gefiele ihm, uns noch hrter
heimbzusuchen. Denn etzliche Tage nach der Ankunft des durchluchtigsten Knigs
G.A. kam das Geschreie, da meiner Tochter ihre kleine Pate von dem leidigen
Satan besessen sei und gar erbrmlich auf ihrem Lager haushalte, so da sie
niemand nit halten knne. Machte sich mein Tchterlein alsogleich auf nach ihrer
kleinen Pate, kam aber alsobald weinend zurcke: da der alte Paassch sie gar
nit zu ihr gelassen, sondern sie fast hart angeschnauzet und gesaget, sie slle
ihm nie wieder in sein Haus kommen, immassen sein Kind es von dem Stuten1
gekriegt so sie ihm am Morgen verehret. Und es ist wahr, da mein Tchterlein
ihr einen Stuten geschenket, indeme die Magd den Tag vorher nacher Wolgast
gewesen war, und ein Tchlein voll Stutens mitgebracht. -
    Solche Botschaft verdro mich fast heftig und nachdeme ich meinen
Priesterrock angezogen, machte ich mich auf den Wegk zum alten Paasschen umb den
leidigen Satan zu beschweren, und solchen Schimpf von meinem Kinde abzuwenden.
Fand also den alten Mann auf der Dielen2, wie er an der Bodenleiter stand und
weinete, und nachdem ich den Frieden Gottes gesprochen, fragete ihn allererst,
ob er in Wahrheit glube, da seine kleine Marie es von dem Stuten gekriegt, so
ihr mein Tchterlein verehret? Er sagete: ja und als ich darauf zur Antwort
gab: da denn ich selbsten es auch htte kriegen mssen item Pagels sein klein
Mdchen, angesehen wir auch von dem Stuten gessen, schwieg er stille, und sprach
mit einem Seufzer: ob ich nit wlle in die Stube gehen und sehen, wie es stnd.
Als ich dannenhero mit dem Frieden Gottes hereintrat, stunden an die sechs
Menschen umb der kleinen Marie ihr Bette, und hatte sie die Augen zu und war so
steif wie ein Brett, weshalben Stoffer Wels (als er dann ein junger und whliger
Kerl ist) das Kindlein bei eim Bein ergriff und es von sich reckete, wie einen
Zaunpfahl, damit ich she, wie der Teufel es plagete. Als ich nun ein Gebet
anhob und Satanas merkete, da ein Diener Christi angekommen, fing er an so
schrcklich in den Kindlein zu rumoren, da es ein Jammer anzusehen war. Denn
sie schlug also mit Hnden und Fen umb sich, da sie kaum vier Kerls halten
kunnten, item ging ihr das Bucheken so auf und nieder, als wenn ein lebendiges
Geschpf darinnen se, so da letztlich die alte Hexe Lise Kolken sich oben auf
das Bucheken setzete. Als es nun ein wenig besser wurd, und ich das Kindlein
aufforderte den Glauben zu beten, umb zu sehen ob es wirklich der Teufel sei so
sie besessen3 wrd es noch rger, denn zuvor, angesehen sie anhub mit den Zhnen
zu knirschen, die Augen zu verkehren, und also grulichen mit den Hnden und
Fen zu schlagen, da sie ihren Vater so auch einen Bein hielt, fast mitten in
die Stuben wurf, und darauf sich den Fu gegen das Bettholz zerquetschete, da
das Blut ihr herfrsprang, auch die alte Lise Kolken mit ihrem Bucheken auf
niederflog, als ein Mensch, so in einem Schockreep4 sitzet. Und als ich hierauf
nit mde wurdsondern den Satan beschwore, aus ihr zu fahren, finge sie allererst
an zu heulen, und darauf wie ein Hund zu bellen, item zu lachen und sprach
endlich mit grober Bastimmen, als sie ein alter Kerl fhret: ik wieke nich5.
Aber er htte schon weichen sollen, wenn nicht Vater und Mutter mich bei Gotts
Sacrament beschworen, ihr arm Kind in Frieden zu lassen, dieweil es ja nichts
hlfe, sondern immer rger mit ihr wrd. Stunde also nothgedrungen von meinem
Frhaben ab, und vermahnete nur die Aeltern, da sie wie das cananische Weib
sollten Hlfe suchen in wahrer Bufertigkeit und unablssigem Gebet, auch mit
ihr im bestndigem Glauben seufzen: ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich mein,
meine Tochter wird vom Teufel bel geplaget, Matth. am 15ten dem Heiland wrde
dann alsbald das Herze brechen, da er sich ihres Tchterleins erbarmete und dem
Satan zu weichen befhle. Item versprach ich am Sonntag mit der ganzen Gemein
fr ihr armes Tchterlein zu beten, und mchten sie selbige, wo irgend mglich
selbst zur Kirchen tragen, anerwogen ein brnstig Kirchengebet durch die Wolken
drnge. Solliches versprachen sie auch zu thun, und ging ich nunmehro betrbt zu
Hause, wo ich aber bald erfuhr, da es etwas besser mit ihr worden wr, und war
also wieder wahr, da der Satan auer dem Herrn Jesu nichts mehr hasset, denn
die Diener des Evangeliums. Aber harre, er bringet dich doch unter die Fe
(Genes. am dritten) es wird dir Nichtes helfen!
    Bevorab aber noch der liebe Sonntag kam, merkete ich, da mir mnniglich aus
dem Wege ging, sowohl im Dorfe als im Kapsel, wo ich etzliche Kranken
heimsuchete. Insonderheit als ich in Ueckeritze zu dem jungen Tittelwitz wollte,
arrivirete es mir, wie folget: Clas Pieper, der Bauer, stund in seinem Hofe und
klbete Holz, wurf aber alsobald, als er mein ansichtig wurde, die Axt aus der
Faust, da sie in die Erde fuhr, und wollte in seinen Schweinestall laufen,
indem er ein Kreuze schlug. Winkete ihm also, da er bleiben slle und warumb er
fr mir, als seinem Beichtvater liefe? Ob er vielleicht auch glube, da mein
Tchterlein ihre kleine Pate behext? Ille6: ja so glube er, dieweil es der
ganze Kapsel glube. Ego: warumb sie ihr denn vorhero so viel Guts gethan und in
der schrcklichsten Hungersnoth sie wie ein Schwesterlein gehalten? Ille: sie
htte wohl schon mehr verwirket denn dieses. Ego: was sie denn verwirket htte?
Ille: das bliebe sich gleich. Ego: er slle es mir sagen, oder ich mte es dem
Richter klagen. Ille: das slle ich nur thun, worauf er trotziglich seiner
Straen ging. - Und kann man nunmehro leichtlich gieen, da ich Nichtes
versumete berall Kundschaft einzuziehen, was man meinete, da mein Tchterlein
verwirket, aber es wollte mir Niemand Nichtes sagen, und htte ich mich zu Tode
grmen mgen ber solchen bsen Leumund. Auch kam in dieser ganzen Wochen kein
Kind zu meinem Tchterlein in die Schule, und als ich Ursachs halber die Magd
ausschickete, brachte sie Botschaft, da die Kinderken krank wren, oder auch
die Aeltern sie zu ihrem Handwerk gebrauchten. Judicirete also und judicirete,
doch half es mir Allens nicht, bis der liebe Sonntag in das Land kam, wo ich
glubte, ein gro Nachtmahl zu haben, angesehen sich schon viele zu Gottes Tisch
im vorab gemeldet. Doch kam es mir gleich seltsam fr, da ich Niemand, wie sie
doch sonsten zu thun pflegeten, auf dem Kirchhof stehen sahe: meinete aber, sie
wren in die Huser getreten. Aber als ich endlich mit meim Tchterlein in die
Kirche kam, waren nur bei sechs Menschen versammlet, unter welchen die alte Lise
Kolken und sahe die vermaledeyete Hexe nit alsobald mein Tchterlein mir folgen,
als sie ein Creuze schlug und wieder zur Thurmthren hinaus rannte, worauf die
brigen fnf, benebst meinem einigen Frsteher Claus Bulken (denn fr den alten
Seden hatte ich annoch keinen wieder angenommen) ihr folgeten. Ich entsatzte
mich, da mir das Blut geranne, und ich also zu zittern begunnte, da ich mit
der Achsel an den Beichtstuhl fiel. Fragete mein Tchterlein also, welcher ich
noch Nichtes gesaget hatte, umb sie zu verschonen: Vater was fehlet den Leuten,
sind sie vielleicht auch besessen? worauf ich wieder bei mir kam und auf den
Kirchhof ging, umb nachzusehen. Aber sie waren alle wegk, bis auf meinem
Frsteher Claus Bulken, welcher an der Linden stand, und fr sich ein Liedlein
pfiff. Trat also hinzu und fragete, was den Leuten angekommen, worauf er zur
Antwort gab: das wisse er nicht. Und als ich abermals fragete, warumb er
selbsten denn auch gelaufen wr, sagte er: was er htte allein in der Kirchen
thun sollen, dieweil der Bedelt7 doch nit htte gehen knnen. Beschwure ihn also
mir die Wahrheit zu sagen: welch grulicher Verdacht gegen mich in die Gemein
gekommen? aber er antwortete: ich wrd es bald schon selbsten erfahren, und
sprang ber die Mauer, und ging in der alten Lisen ihr Haus, so dicht am
Kirchehofe steht.
    Mein Tchterlein hatte eine Klbersuppen zum Mittag, vor die ich sonst
Allens stehen lasse, aber ich kunnte keinen Lffel voll in den Hals bringen
sondern sa und hatte mein Haupt gesttzet und sanne, ob ich es ihr sagen wllte
oder nicht. Hierzwischen kam die alte Magd herein, ganz reisig und mit einem
Tuch voll Zeug in der Hand und bat weinende, da ich ihr den Abschied geben
wlle. Mein arm Kind wurde bla, wie ein Leich und fragete verwundert, was ihr
angekommen? Aber sie antwortete blos: nicks!8 und wischete sich mit der
Schrzen die Augen. Als ich die Sprache wieder gewunnen, so mir schier vergangen
war, dieweil ich sahe, da dies alte, treue Mensch mir auch abtrunnig worden,
hub ich an, sie zu examiniren, warumb sie fort wlle, da sie doch so lange bei
mir verharret, auch in der groen Hungersnoth uns nicht verlassen wllen,
besondern getreulich ausgehalten, ja mich selbsten mit ihrem Glauben
gedemthiget und ritterlich auszuhalten vermahnet, was ich ihr nie vergessen
wrd, so lange ich lebte. Hierauf finge sie annur noch heftiger zu weinen und zu
schluchzen und brachte endlich herfr: da sie annoch eine alte Mutter bei 80
Jahren in der Liepen wohnende htte, und wlle sie hin, selbige bis an ihr Ende
zu pflegen. Worauf mein Tchterlein aufsprunge und weinend zur Antwort gab: ach
alte Ilse darumb willtu wegk, denn dein Mtterlein ist ja bei deinen Bruder;
sage mir doch, warumb du mich verlassen wilt, und was ich gegen dich verwirket,
damit ich es wieder gut machen kann? Aber sie verbarg ihr Gesicht in der
Schrzen und schluchzete nur ohne ein Wrtlein herfrzubringen, wannenhero mein
Tchterlein ihr die Schrzen wegkziehen, und ihr die Wangen streicheln wollte,
umb sie zum Reden zu bringen. Aber als sie solliches merkete, schlug sie mein
arm Kind auf die Finger und rief: pfui! spiee auch vor ihr aus und ging alsobald
aus der Thren. Solliches hatte sie nie nit gethan, da mein Tchterlein ein
klein Mdken war, und entsatzten wir beide uns also, da wir kein Wrtlein
sprechen kunnten.
    Whrete aber nit lange; so erhob mein arm Kind ein gro Geschrei, und worf
sich ber die Bank und lamentirete immerdar rufend: Was ist geschehn, was ist
geschehn? Glubete also da ich ihr sagen mte, was ich in Kundschaft gezogen,
nmlich, da man sie vor eine Hexe ansh, worauf sie anfinge zu lcheln, anstatt
noch mehr zu weinen, und aus der Thren lief, umb die Magd einzuhohlen, so
bereits aus dem Hause gangen war, wie wir gesehen hatten. Kehrete aber nach
einer Glockenstunden mit groem Geschrei zurcke: da alle Leute im Dorfe vor
ihr gelaufen, als sie sich htte von der Magd Kundschaft einziehen wllen, wo
sie geblieben. Item htten die kleinen Kinder geschrieen, so sie in der Schulen
gehabt, und sich vor ihr verkrochen, auch htte ihr Niemand nit ein Wrtlein
geantwortet, sondern wie die Magd vor ihr ausgespieen. Wre jedoch auf dem
Heimbwege gewahr worden, da schon ein Boot auf dem Wasser sei, darauf eilends
an das Ufer gelaufen, und der alten Ilsen aus vollen Krften nachgeschrieen, so
allbereits in dem Boot gesessen. Aber sie htte sich an Nichtes gekehrt, sich
auch gar nit einmal nach ihr umbgesehen, sondern sie mit der Hand fortgewinket.
- Und nunmehro fuhr sie fort zu weinen und zu schluchzen den ganzen Tag und die
ganze Nacht hindurch, da ich elender war, denn zuvor in der groen Hungersnoth.
Doch sollt es noch rger kommen, wie man im folgenden Capite sehen wird.

                                    Funoten


1 plattdeutsch: fr Semmel.

2 plattdeutsch: fr Flur.

3 Man nahm nmlich in jener schrecklichen Zeit an, da wenn der Kranke die drei
Artikel, und auerdem einige auf das Erlsungswerk bezgliche Bibelsprche
nachsprechen konnte, er nicht besessen sei, weil Niemand Jesum einen Herrn
heien knne ohne durch den heiligen Geist! 1 Cor. 12, 3.

4 plattdeutsch: fr Schaukel.

5 ich weine nicht.

6 jener.

7 Klingbeutel.

8 Nichts.


                                  Capitel 17.

     Wie mein arm Kind als Hexe eingezogen und gen Pudgla abgefhret wird.

Tags darauf, Montag den 12ten July, morgens umb 8 Uhren, als wir in unserer
Kmmerni saen und judicireten, wer uns wohl sollich Herzeleid bereitet, auch
bald bereinkamen, da Niemand anders nit, denn die vermaledeyete Hexe Lise
Kolken es gewest, kame ein Wagen mit vier Pferden vor mein Haus gejaget, worauf
sechs Kerls saen, so alsogleich heruntersprungen. Und gingen zwo an der
Vorder-, andere zwo an der Achterthren stehen, und aber zwo worunter der Bttel
Jacob Knake, kamen in die Stuben und geben mir ein offen Schreiben von dem
Amtshaubtmann, da mein Tchterlein, so als eine gottlose Hexe im gemeinen
Geschrei stnde, vom peinlichen Rechts wegen slle eingehohlet und inquiriret
werden. Nun kann mnniglich vor sich selbsten abnehmen, wie mir umb das Herze
wurd, da ich solches lase. Strzete zu Boden, wie ein umbgehauener Baum, umd kam
erst wieder bei mir, als mein Tchterlein sich mit groem Geschrei auf mich wurf
und ihre Thrnen mir warm ber das Angesicht liefen. Als sie aber sahe, da ich
wieder bei mir kam, finge sie an mit lauter Stimmen Gott davor zu preisen,
suchte mich auch zu trsten, da sie ja unschuldig wr und ein gut Gewissen vor
ihren Richter trge, item recitirete sie mir das schne Sprchlein Matth. am
5ten Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmhen und
verfolgen, und reden allerlei Uebels wider euch, so sie daran lgen.
    Und mchte ich nur aufstehen und meinen Rock ber das Wammes berziehen und
mit ihr kommen, denn ohne mich liee sie sich nicht vor den Amtshaubtmann
fhren.
    Hierzwischen nun aber war das ganze Dorf vor meiner Thren
zusammengestrzet, Weiber, Mnner, Kinder; hielten sich aber geruhlich und sahen
nur Alle nach den Fenstern, als wllten sie uns durch das Haus schauen. Als wir
uns beide fertig gemacht, und der Bttel, so mich anfnglich nicht mitnehmen
gewollt, nunmehro aber ein Einsehen gebrauchte, vor ein gut Trinkgeld, so ihm
mein Tchterlein verehrete, traten wir an den Wagen, aber ich ware so machtlos,
da ich nit hinaufkummen kunnte.
    Kam also der alte Paassch, so es sahe, und half mir auf den Wagen, wobei er
sagte: Gott trst Em, wat mt he an Sien Kind erlewen1 und mir die Hand zum
Abschied kete.
    Auch kamen noch mehr an den Wagen, so ihm folgen wollten, aber ich bate: sie
sllten mir das Herze nicht noch schwerer machen und nur ein christlich Aufsehen
auf mein Haus und meine Wirthschaft haben, bis ich wiederkm. Mchten auch
fleiig vor mich und mein Tchterlein beten, da der leidige Satan, so lange
Zeit wie ein brllender Lwe in unserm Dorf umbhergangen, und nun mich selbsten
zu verschlingen drohe, seinen Willen nicht vollenfhrete, sondern mich und mein
Kind verlassen mte, wie den unschuldigen Heiland in der Wsten. Aber hiezu
sagete Niemand nichts, besondern als wir wegk fuhren, hrete ich gar wohl, da
Viele hinter uns ausspieen und Einer sagte: (mein Tchterlein meinete, es wre
Berowsche ihre Stimme gewest) wi willen di lewer Fhr unter dem Rock bten, as
vr di beden2. Seufzeten noch ber solche Reden, als wir gen den Kirchhof kamen,
wo die vermaledeyete Hexe Lise Kolken in ihrer Hausthren sa, ihr Gesangbuch
fr Augen und laut das Lied: Gott der Vater wohn' uns bei quckete, als wir
frberfuhren, welches mein arm Tchterlein also verdro, da sie unmchtig
wurd, und mir wie todt auf den Leib fiel. Bat also den Gutscher zu halten, und
schriee der alten Lisen zu, da sie uns slle einen Topf mit Wasser bringen;
aber sie tht, als knne sie nit hren, und fuhr fort zu singen, da es
schallte. Dannenhero sprang der Bttel ab, und lief auf mein Begehr in mein Haus
zurck, umb einen Topf mit Wasser zu hohlen, kam auch alsobald wieder mit dem
Topf, und alles Volk hinter ihm, so nunmehro anhub, laut zu judiciren, da es
das bse Gewissen sei, so mein Kind geschlagen, und sie jetzunder sich schon
selbsten verrathen. Dankete dahero Gott, als sie wieder ins Leben kam, und es
aus dem Dorf ging. Aber in Ueckeritze war es nicht anders, inmassen dort auch
alles Volk zusammengelaufen war, und vor Labahnen seinem Hof auf dem Brink
stund, als wir ankamen.
    Selbiges hielte sich aber ziemlich geruhsam, als wir frber fuhren,
unangesehen Etzliche riefen: wo ist 't mglich, wo ist 't mglich! sonsten
hrte ich nichtes. Aber in der Heiden an der Wassermhlen brach der Mller mit
allen seinen Knappen herfr, und schriee lachend: kiekt de Hex, kiekt de Hex!
worauf auch ein Knappe, mit dem Staubbeutel, so er in den Hnden hatte, also
nach meim arm Kind schlug, da sie ganz wei wurd, und das Mehl wie eine Wolke
umb den Wagen zoge. Auf mein Schelten lachete der arge Schalk und vermeinete:
wenn sie nie keinen andern Rauch, denn diesen, in der Nasen kriegte, knnte es
ihr nicht schaden. Item wurd es in Pudgla noch fast rger, denn in der Mhlen.
Das Volk stand also dicke auf dem Berg, vor dem Schlo, da wir kaum durch
kunnten, und lie der Amtshaubtmann, wie zu einem Aviso, annoch das arme
Snderglcklein auf dem Schlothurm luten, worauf auch aus dem Kruge und den
Husern noch immer mehr Volks herbeirannte. Etzliche schrieen: i dat de Hex!
Etzliche: kiekt de Presterhex, de Presterhex! und sonsten mehr, was ich aus
Schaam nicht hieher setzen mag, rafften auch den Koth aus der Rnne, so aus der
Schlokchen luft, und bewurfen uns damit, item mit einem groen Stein, der
aber auf ein Pferd fiel, also, da es scheu wurde, und vielleicht den Wagen
umbgeworfen htte, wenn nicht ein Kerl hinzugesprungen und es gehalten. Solches
geschahe allens vor der Schlopforten, in welcher der Amtshaubtmann lchelnd
stund, eine Reiherfeder auf seim grauen Hut, und uns zusahe. Als das Pferd aber
zur Ruhe gebracht, kam er an den Wagen, und sprach spttisch zu meinem
Tchterlein: sieh! Jungfer, du wolltest nit zu mir kommen, und nun kommst du ja
doch! worauf sie zur Antwort gab: ja ich kommeund mchtet Ihr einst zu Eurem
Richter kommen, als ich zu Euch, worauf ich Amen sprach und ihn fragete, wie Se.
Gestrengen es fr Gott und Menschen verantworten wlle, was er an mir armen Mann
und meim Kind thte? Aber er antwortete: warumb ich mitgekommen? und als ich ihm
von dem unartigen Volk hieselbst, item von dem argen Mhlenknappen sagte,
vermeinete er: dieses wre nicht seine Schuld, bedruete auch das Volk umbher
mit der Faust, so einen groen Rumor machte. Darauf befahl er meim Tchterlein
abzusteigen, und ihme zu folgen, trat voran in das Schlo, winkete dem Bttel,
so mitlaufen wollte, unten an der Treppe zu verharren, und hob an mit meim Kind
allein den Windelstein in die obern Gemcher aufzusteigen.
    Aber sie bliese mir heimlich zu: Vater verlat mich nicht! und folgete ich
bald darauf ihnen sachte nach, hrete auch an der Sprach in welchem Zimmer sie
waren, und legete das Ohr daran umb zu horchen. Und stellte der Bsewicht ihr
fr, da, wenn sie ihn liebhaben wolle, sollt es ihr Allens Nichtes schaden, und
htt' er schon Macht in Hnden, sie fr dem Volk zu erretten, wlle sie aber
nit; so kme morgen das Gericht, und mchte sie vor sich selbsten abnehmen, wie
es ihr erginge, dieweilen sie, wie viel Zeugen gesehen, mit dem leidigen Satan
selbsten Unzucht getrieben und sich von ihm kssen lassen. Hierauf schwieg sie
stille, und schluchzete nur, was der Erzschalk vor ein gut Zeichen nahm und
fortfuhr: hastu den Satan selbsten geliebt, kannstu mich auch schon lieben, und
nher trat, umb sie zu umbhalsen, wie ich merkete. Denn sie stie einen lauten
Schrei aus, und wollte zur Thren heraus, aber er hielt sie feste, und bate und
druete, wie der Teufel es ihm eingab. Und wollte ich schon hineintreten, als
ich hrete, da sie ihm mit den Worten: weiche von mir Satan! also in das
Gesichte schlug, da er sie fahren lie. Worauf sie unversehens aus der Thren
sprang, so da sie mich zur Erden stie, und mit einem lauten Schrei selbsten
ber mir hinfiel. Hievor erstarrete der Amthaubtmann, so ihr gefolget war, hub
aber alsobald wieder an zu schreien: wachte Pfaffe, ich werde dir horchen
lehren! und lief hinzu und winkete, dem Bttel, so unten an der Treppen stund.
Selbigen hie er, mich die Nacht in ein Loch stecken, weilen ich ihn behorchet,
worauf er wiederkommen slle, umb mein Tchterlein in ein ander Loch zu stecken.
Aber er besunne sich wieder, als wir den Windelstein halb hernieder gestiegen
waren, und sprach, er wlle es mir noch einmal schenken, der Bttel slle mich
nur laufen lassen und mein Tchterlein in ein fest Verwahrsam bringen, ihme
nachhero auch die Schlssel bergeben, angesehen sie eine verstockte Person
seie, wie er aus dem ersten Verhr gemerket, so er mit ihr angestellet.
    Hierauf wurde denn mein arm Kind von mir gerissen, und ward ich unmchtig
auf der Treppen, wei auch nit, wie ich herniederkommen, sondern, wie ich wieder
bei mir kam war ich in des Bttels seiner Stuben, und sein Weib sprtzete mir
Wasser unter der Nasen. Alldorten blieb ich auch die Nacht auf eim Stuhl sitzen,
und sorgete mehr, denn ich betete, angesehen, mein Glaube fast schwach worden
war, und der Herr kam nit, ihn mir zu strken.

                                    Funoten


1 Gott trst Ihn, was mu Er an Seinem Kinde erleben.

2 Wir wllen dir lieber Feuer unter dem Rock anlegen, als fr dich beten.


                                  Capitel 18.

                   Vom ersten Verhr und was daraus erfolget.

Am andern Morgen, als ich auf dem Vorhof auf- und niederginge, dieweil ich den
Bttel vielmahls umbsonst gebeten mich zu meinem Tchterlein zu geleiten (er
wollte mir aber nit einmal sagen, wo sie s) und letzlich fr Unruhe dorten
umbher lief, kam gegen sechs Uhren auch schon ein Wagen von Uzdom1 auf welchem
Se. Edlen, Herr Samuel Pieper Consul dirigens2 item der Camerarius Gebhard
Wenzel und ein Scriba3 saen, so ich zwar erfahren wie er geheien es aber
wieder vergessen hab. Auch mein Tchterlein hat es wieder vergessen, angesehen
sie sonst ein fast trefflich Gedchtn hat, mir auch das Meiste von dem, was
nunmehro folget, vorgesagt, alldieweil mein alter Kopf fast bersten wollte, so
da ich selbsten wenig mehr davon behalten. Trat also gleich an den Wagen und
bate, da Ein ehrsam Gericht mir erlauben wlle, bei dem Verhr zugegen zu sein,
inmassen mein Tchterlein noch unmndig wr, welches mir aber der Amtshaubtmann
nicht zugestehen wollte, so inzwschen auch an den Wagen getreten war von dem
Aerker, wo er bergeschauet. Doch Seine Edlen, Herr Samuel Pieper, so ein klein,
kurz Mnneken war mit einem feisten Buchlein und eim Bart, grau mengeliret und
ihme bis auf den Grtel herabhngende, reichte mir gleich die Hand und
condolirete mich als ein Christ, in meiner Trbsale: slle nur in Gottes Namen
in das Gerichtszimmer kommen und wnschte er von Herzen, das Allens erstunken
und erlogen wr, so man gegen mein Tchterlein frgebracht. Aber ich mute noch
wohl bei zween Glockenstunden ausharren, ehe denn die Herren wieder den
Windelstein herabkamen. Endlich gegen neun Uhren hrete ich, da der Bttel die
Sthl und Bnken im Gerichtszimmer rckete, und da ich vermeinete, da nunmehro
die Zeit gekommen, trat ich hinein und setzte mich auf eine Bank. Es war aber
noch Niemand nicht da, auer dem Bttel und sein Tchterken, so den Tisch
abwischte und ein Rslein zwischen den Lippen hielt. Selbige lie ich mir
verehren, umb daran zu riechen, und meine ich auch, da man mich heute todt aus
der Stuben getragen, wenn ich sie nicht gehabt. So wei der Herr uns selbst
durch ein schlecht Blmlein das Leben aufzuhalten, wenn es ihm geliebt! -
    Endlich kamen die Herren und satzten sich umb den Tisch, worauf Dn. Consul4
auch allererst dem Bttel winkete, mein Tchterlein zu hohlen. Hierzwischen aber
fragete er den Amtshaubtmann, ob er Ream5 habe schlieen lassen, und als er
nein! sagete, gab er ihm einen Verweis, so da es mir durch das Mark zog. Aber
der Amtshaubtmann entschuldigte sich, da er, angesehen ihres Standes solches
nit gethan, sie aber in ein fest Gewahrsam habe bringen lassen, aus dem es
unmglich sei zu entkommen, worauf Dn. Consul zur Antwort gab, da dem Teufel
viels mglich sei, und sie nachhero wrden die Verantwortung haben, wenn Rea
fortkme. Das verdro den Amtshaubtmann und er vermeinete, wenn der Teufel sie
knne durch das Gemure fhren, so bei sieben Fu Dicke, und drei Thren vor
htte, knne er ihr auch gar leichte die Ketten abreien, worauf Dn. Consul
antwortete: da er sich nachhero selbsten die Gefngn besehen wlle. - Und
meine ich, da der Amtshaubtmann blos darum so gtig gewest, weil er noch immer
in Hoffnung gestanden (wie man solches auch nachmals erfahren wird) mein
Tchterlein zu seinem Willen zu beschwatzen.
    Nunmehro aber ging die Thre auf, und mein arm Kind trat herein mit dem
Bttel aber rcklings6 und ohne Schuhe so sie drauen mute stehen lassen. Es
hatte sie der Kerl bei ihren langen Haaren gegriffen, und leitete sie also vor
den Tisch, worauf sie sich erst umbkehren und die Richter ansehen mute. Dabei
hatte er ein gro Wort und war in alle Wege ein dreuster und muthwilliger
Schalk, wie man bald weiters hren wird. Nachdeme nun Dn. Consul einen groen
Seufzer gelassen und sie von Kopf bis zu den Fen sich angesehen, fragete er
erstlich, wie sie heie, und wie alt sie wr, item ob sie wte, warumb sie
hieher gefordert? Auf letzten Punkt gab sie zur Antwort: da der Amtshaubtmann
solches ja bereits ihrem Vater vermeldet, und wlle sie Niemand Unrecht thun,
glube aber, da der Amtshaubtmann selbsten ihr zu dem Geschrei einer Hexen
verholfen umb sie zu seinem unkeuschen Willen zu bringen. Hierauf verzhlete
sie, wie er es vom Anfang an mit ihr getrieben, und sie durchaus zu einer
Ausgeberschen verlanget. Da sie aber solches nicht htte thun wllen, obgleich
er selbsten unterschiedliche Malen zu ihrem Vater ins Haus gekommen, htte er
einsmals als er aus der Thren gegangenfr sich in den Bart gemummelt: ich will
sie doch wohl kriegen! wie solches ihr Ackersknecht Claus Nels im Pferdestall,
wo er gestanden, mit angehret. Und solches habe er alsobald zu vollenfhren
gesucht indeme er viel mit einem gottlosen Weibe, so Lise Kolken hiee, und
frher bei ihme im Dienst gestanden, conversiret. Selbige mchte wohl die
Zauberstckchen gespielet haben, so man ihr andichte, sie wisse von keinem
Zauber. Item verzhlete sie: wie der Amtshaubtmann es gestern Abend mit ihr
gemacht, als sie kaum angekommen, und wre er nunmehro auch zum erstenmale
frisch mit der Sprache herfurgerckt, weil er glube, sie in seiner Gewalt zu
haben. Ja er wre selbsten dieser Nacht wieder ins Gfngn zu ihr kommen und
htte ihr abermals die Unzucht angetragen, und wlle er sie schon frei machen,
wenn sie seinen Willen thte. Da sie ihn aber abgestoen, habe er mit ihr
gerungen, wobei sie ein laut Geschrei erhoben, und ihne an der Nasen gekratzet,
wie annoch zu sehen wre, worauf er sie verlassen. Darumb knne sie den
Amtshaubtmann nicht vor ihren Richter anerkennen, und hoffe zu Gott, da er sie
retten wrd aus der Hand ihrer Feinde wie weiland er die keusche Susanna
gerettet. -
    Als sie hierauf mit lautem Schluchzen schwiege, sprang Dn. Consul auf
nachdem er den Amtshaubtmann, wie wir alle, nach der Nasen gesehen, und
alldorten auch die Schramme befunden und rief wie verstrzet: Sprech Er, umb
Gotteswillen, sprech Er, was mu ich von Sr. Gestrengen hren? worauf der
Amtshaubtmann, ohne sich zu verfrben, also zur Antwort gab: da er zwar nicht
nthig habe vor Sr. Edlen zu sprechen, angesehen er das Oberhaupt vom Gericht
wre, und aus zahllosen indiciis herfrgehe, da Rea eine boshafte Hexe sei, und
darumb kein Zeugn gegen ihn oder mnniglich ablegen knne, da er aber dennoch
sprechen wlle umb dem Gericht keine Aergern zu geben. Alle Anschuldigungen so
diese Person gegen ihn herfrgebracht wren erstunken und erlogen. Doch htte er
sie in alleweg vor eine Ausgebersche miethen wllen, inmassen er umb eine solche
sehr benthigt gewest, da seine alte Dorte schon schwach wrde. Auch htte er
sie zwar gestern gleich insgeheimb frgenommen, umb sie im Guten zum Gestndn,
und dadurch zur Milderung ihrer Strafe zu persuadiren, angesehen ihn ihre groe
Jugend gejammert, htte aber kein unartiges Wort zu ihr gesaget, noch wre er in
der Nacht zu ihr kommen, besondern die Schramme htte ihm sein klein
Schoohndlein, Below geheien, gekratzet, mit dem er heute Morgen gespielet.
Solliches knne seine Dorte bezeugen, und htte die schlaue Hexe dieses gleich
benutzet, umb das Gericht uneinig zu machen und dadurch mit des Teufels Hlfe
ihren Vortheil zu gebrauchen, alldieweil sie fast eine verschmitzte Creatur
wre, wie das Gericht auch bald weiters ersehen wrde.
    Nunmehro aber faete ich mir auch ein Herze und stellte fr, da Alles so
wahr sei, wie es mein Tchterlein ausgesaget, und ich gestern Abend selbsten vor
der Thren mitangehret, da Se. Gestrengen ihr einen Antrag gethan und
Narrentheidinge mit ihr zu treiben versucht, item da er sie schon in Coserow
einmal htte kssen wllen, item, was Se. Gestrengen mir sonsten fr Herzeleid
von wegen dem Mistkorn zugefget.
    Aber der Amthaubtmann berschriee mich alsobald und sprach: wenn ich ihne,
als einen unschuldigen Mann in der Kirchen von der Kanzel verlumbdet, wie die
ganze Gemeinde sein Zeuge wr, wrd es mir ein Leichtes sein, solches auch hier
fr Gericht zu thun, unangesehen ferner, da kein Vater fr sein Kind ein
Zeugn ablegen knne.
    Aber Dn. Consul wurde ganz wie verstret und schwiege und sttzete
daraufsein Haupt in tiefen Gedanken auf den Tisch. Hiezwischen fing aber der
dreuste Bttel an ihm zwischen den einen Arm durch an seinen Bart zu fingeriren
und glubete Dn. Consul wohl, es wre eine Fliege, und schlug ohne empor zu
schauen, mit der Hand darnach. Als er aber auf den Bttel seine Hand traf, fuhr
er in die Hhe und fragete ihn was er wlle? worauf der Kerl zur Antwort gab: O
Em krp da man ehne Luus de ick griepen wollde7.
    Solche Dreustigkeit verdro Se. Edlen also heftig, da er dem Bttel eine
Maultasche stach und ihm bei harter Strafe befohl aus der Thren zu reisen.
    Hierauf wendete er sich an den Amtshaubtmann und schriee fr Zorn: was, alle
zehn Teufel, wie hlt Se. Gestrengen den Bttel in Respeckt? Und berhaupt ist
das Allens ein seltsam Ding, woraus ich nicht klug werden kann. - Aber es
antwortete der Amtshaubtmann: nicht also? sollte Er nit klug daraus werden,
wenn er an die Aale gedenkt? -
    Hierauf wurde Dn. Consul mit eim Mal ganz bla, also da er zu zittern
begunnte, wie es mir frkam, und er den Amtshaubtmann abseiten in ein ander
Zimmer rief. Habe niemals erfahren knnen, was solches zu bedeuten gehabt, so er
von den Aalen sagte. - -
    Hierzwischen sa aber Dominus Camerarius Gebhard Wenzel und kuete eine
Feder, und schauete dabei mit viel Grimm bald auf mich, bald auf mein
Tchterlein doch ohne ein Wrtlein zu sagen, auch antwortete er dem Scriba
nicht, der ihm oft etwas ins Ohr bliese, denn da er brummete. Endlich kamen die
zwo Herren wieder zur Thren herein, und begunnte Dn. Consul, nachdem er sich
mit dem Amtshaubtmann wieder gesetzet, mein arm Kind fast heftig anzufahren, da
sie Ein lblich Gericht zu turbiren versuchet, inmaen Se. Gestrengen ihme das
Hndlein selbsten gezeiget so ihm die Schramme gekratzet, und dieses auch von
seiner alten Ausgeberschen bezeuget wurde. (Ja, die wollte ihn auch wohl nicht
verrathen, denn die alte Vettel hat es Jahre lang mit ihm gehalten, und auch
einen gadlichen8 Jungen von ihm, wie man noch weiters erfahren wird!)
    Item sagete er, da so viel indicia ihrer Uebelthat frhanden, da es,
unmglich sei ihr Glauben zu stellen, sie slle dannenhero Gott die Ehre geben
und in allen Stcken aufrichtig bekennen, umb ihre Strafe zu mildern. Mchte
alsdann noch, ihrer Jugend halben, mit dem Leben davon kommen etc.
    Hierauf setzte er sich die Brille auf die Nase und hube ansie bei vier
Stunden zu verhren aus eim Papier, so er in Hnden hielte. Und waren solches
etwan die Haubtstcke, so wir Bede davon behalten haben
    Quaestio9. Ob sie zaubern knne?
    Responsio10. Nein, sie wisse von keinem Zauber nicht.
    Q. Ob sie denn bten11 knne?
    R. Wr ihr ingleichen unbekannt.
    Q. Ob sie wohl mal auf den Blocksberg gewest?
    R. Der wre vor sie zu weit, und kenne sie wenig Berge mehr, denn den
Streckelberg, wo sie ftermalen gewest.
    Q. Was sie denn dorten frgenommen?
    R. Sie htte zur Sehe berschauet oder sich Blmleins gepflcket, item sich
auch wohl eine Schrze drres Reiswerk gehohlet.
    Q. Ob sie dorten wohl den Teufel angerufen?
    R. Wre ihr niemalen in den Sinn gekommen.
    Q. Ob der Teufel ihr denn ohne Anrufen dorten erschienen?
    R. Davor solle sie Gott bewahren.
    Q. Also sie knne nit zaubern?
    R. Nein!
    Q. Was denn Stoffer Zuter seiner bunten Kuh angekommen, so pltzlich in
ihrem Beisein verrecket?
    R. Das wisse sie nicht, und wre das eine seltsame Frag.
    Q. Dann wre es auch wohl eine seltsame Frag, warumb Kthe Berowschen ihr
klein Ferkelken verrecket?
    R. Allerdings, sie verwundre sich, was man ihr zur Last lege.
    Q. Also htte sie dieses auch nit behexet?
    R. Nein, da sei Gott vor.
    Q. Warumb sie denn aber der alten Kthen wenn sie unschuldig wr, ein
Ferkelken wieder versprochen, wenn ihre Sau werfen wrd?
    R. Das htte sie aus gutem Herzen gethan. Hiebei aber hube sie an, fast
heftig zu weinen und sagte: sie sehe wohl, da sie dieses Alles der alten Lise
Kolken verdanke, welche ihr oftmalen gedrohet, wenn sie ihr Unbegehren nicht
htte erfllen wllen, denn sie verlange Allens, was ihren Augen frkme zu eim
Geschenk. Selbige wr auch zu den Leuten gangen, als das Vieh im Dorf bezaubert
gewest, und htte ihnen zugeredet, da, wenn nur eine reine Jungfer dem Vieh ein
Paar Haare aus dem Schwanz griffe, es mit selbigem besser werden wrde. So habe
sie sich denn erbarmet und wre hingangen, weilen sie sich eine reine Jungfer
gefhlet, und htt es auch etzliche Male geholfen, letzlich aber nicht mehr.
    Q. Weme es denn geholfen?
    R. Zabels rother Kuh, item Witthanschen ihrem Schwein, auch der alten Lisen
ihrer eignen Kuh.
    Q. Warumb es denn nachmalen nit mehr geholfen?
    R. Das wisse sie nit, vermeine aber, wiewohl sie Niemand nit beschweren
wlle, da die alte Lise Kolkenso lange Jahre im gemeinen Geschrei als Hexe
gewest, dieses alles angerichtet und unter ihrem Namen das Vieh bezaubert und
auch wieder ungebtet, wie ihr geliebet, blos umb sie in das Elend zu strzen.
    Q. Warumb die alte Lise denn auch ihre eigene Kuh bezaubert, item ihr eigen
Ferkelken verrecken lassen, wenn sie den Rumor im Dorf gemacht und wirklich
bten knne
    R. Das wisse sie nicht; es mchte wohl einer sein, (wobei sie den
Amtshaubtmann ansahe) der ihr allens doppelt erstatte.
    Q. Sie suche vergebens die Schuld von sich zu wenden, denn ob sie auch nicht
dem alten Paasschen, ja ihrem eignen Vater die Saat bezaubert, und durch den
Teufel umbstrzen lassen, item die Raupen in ihres Vaters Baumgarten gemacht?
    R. Die Frage wre bald so ungeheuer, denn die That. Da se ihr Vater, Se.
Edlen mge ihne selbsten fragen, ob sie sich jemals als ein ruchlos Kind gegen
ihn gezeiget. Hier wollte ich aufstehen und das Wort nehmen, aber Dn. Consul
lie mich nit zu Worte kommen, sondern fuhr fort zu examiniren, weshalben ich
verstrzet stille schwieg.
    Q. Ob sie denn auch leugne, da sie daran Schuld gewest, da die
Witthahnsche einen Teufelsspk zur Welt gebracht, so gleich sich aufgenommen und
durchs Fenster gefahren, auch nachhero als die Wehemutter nachgesehen,
verschwunden gewesen.
    R. Jawohl, sie htte eher denen Leuten Gutes gethan ihr Lebelang, denn ihnen
geschadet, und sich oft selbsten in der grausamen Hungersnoth den Bissen vom
Munde wegkgezogen, und ihn Andern, insonderheit den kleinen Kindleins
abgetheilet. Solches mge ihr auf Befragen die ganze Gemeind bezeugen. Da nun
aber die Zauberer und Hexen den Menschen Bses und nicht Gutes thten, wie unser
Herr Jesus Matth. am 12ten lehre, allwo die Phariser ihn auch gelstert, da er
durch Beelzebub die Teufel austriebe; so mge Se. Edlen sich abnehmen, ob sie in
Wahrheit eine Hexe sein knne.
    Q. Er werde ihr die Gotteslsterungen alsbald zeigen; er she schonda sie
ein gro Maul htte, und slle sie nur antworten, auf was sie gefraget wrd.
Denn es kme nit darauf an, was sie denen Armen fr Gutes gethan, sondern womit
solches beschehen. Mchte dahero anzeigen, wie sie benebst ihrem Vater pltzlich
zu solchem Reichthumb gelanget, da sie in seidinen Kleidern einherstolzire, da
sie vorhero doch ganz arm gewest?
    Hiebei schauete sie auf mich und sprach: Vater soll ichs sagen? worauf ich
antwurtete: ja mein Tchterlein, jetzunder mut du alles fein aufrichtig sagen,
wenn wir dadurch auch wieder blutarme Leut wrden. Sie bezeugete also wie sie
zuerst in unserer groen Noth den Birnstein gefunden, und was fr ein Gewinn uns
daraus herfrgegangen durch die beiden hollndischen Kaufleut.
    Q. Wie diese Kaufleut geheien?
    R. Dieterich von Pehnen und Jakob Kiekebusch, wren aber, wie wir durch
einen Schiffer in Erfahrung gezogen in Stettin an der Pest verstorben.
    Q. Warumb wir solchen Fund verschwiegen?
    R. Aus Furcht fr unserm Feind, dem Amtshaubtmann, so dem Anschein nach uns
zum Hungerstode verdammet, indeme er der Gemeind verboten, uns nichts mehr bei
harter Pn zu verabreichen, und wlle er ihr schon einen bessern Priester
zuweisen.
    Hierauf sahe Dn. Consul wieder den Amtshaubtmann scharf ins Angesicht,
welcher zur Antwort gab: da er solches in alleweg gesaget, angesehen der
Priester ihn fast abscheulich abgekanzelt, da er aber auch gar wohl gewut, es
sei noch weit mit ihm vom Hungerstod.
    Q. Woher so viel Birnstein in den Streckelberg km? Sie slle nur gestehn,
da ihr der Teufel solchen zugetragen.
    R. Davon wisse sie nichts. Doch htte es alldorten eine groe Ader von
Birnstein, wie sie mnniglich noch heute zeigen knnte, und htte sie ihn daraus
gebrochen, das Loch aber wieder mit tnnin Zweigen wohl verwahret, da man es
nit finden mge.
    Q. Wann sie in den Berg gangen wre, des Tags oder des Nachts?
    Hierauf verfrbete sie sich und hielt einen Augenblick inne, gab aber
alsobald zur Antwort: da solches bald des Tages bald in der Nacht beschehen
sei.
    Q. Warumb sie stttere, sie slle nur frei bekennen, da ihre Straf geringer
wrd. Ob sie nit den alten Seden dorten dem Satan bergeben, da er ihn durch
die Luft gefhret, und nur sein Hirn und Haare noch zum Theil oben in der Eichen
geklebet?
    R. Sie wisse nit, ob es sein Haar und Hirn gewest, auch nit, wie es dorten
hinkommen. Weilen ein Grnspecht eines Morgens so jmmerlich geschrieen, wre
sie an den Baum getreten; item, der alte Paasch, so das Geschrei auch gehret,
wre ihr alsobald gefolget mit seiner Holzaxt.
    Q. Ob der Grnspecht nicht der Teufel gewesen, so den alten Seden selber
gehohlet?
    R. Das wisse sie nicht. Er msse aber schon lange todt gewest sein, dieweil
das Hirn und Blut so der Junge vom Baum gehohlet, schon betrucknet gewesen.
    Q. Wie und wann er denn zu Tode kommen?
    R. Das wisse der allmchtige Gott. Es htte wohl Zutern sein klein Mdchen
ausgesaget, da sie eins Tages als sie Nessel vor das Vieh an Seden seinem Zaun
gepflcket, vernommen, da der Kerl sein gluderugigt Weib bedruet: er wlle es
dem Priester sagen, da sie, wie er nunmehro gewilich in Erfahrung gezogen,
einen Geist habe, worauf der Kerl auch alsbald verschwunden sei. Doch wren
solches Kinderreden, und wlle sie Niemand nit damit beschweren.
    Hierauf sahe abermalen Dn. Consul dem Haubtmann steif ins Angesicht, und
sagte: die alte Lise Kolken msse noch heute eingehohlet werden, worauf aber der
Haubtmann keine Antwort gab, und er fortfuhre:
    Q. Sie verbleibe also dabei, da sie Nichtes vom Teufel wisse?
    R. Dabei verbliebe sie und werde sie verbleiben bis an ihr selig Ende.
    Q. Und doch htte sie sich, wie Zeugen gesehen, von ihm an hellem Tage in
der Sehe umbtaufen lassen. Hier verfrbete sie sich aber eins und hielt ein
wenig inne.
    Q. Warumb sie sich wiederumb verfrbe? sie slle doch umb Gottes willen an
ihre Seligkeit gedenken und die Wahrheit bekennen.
    R. Sie htte sich in der Sehe gebadet, angesehen der Tag sehr hei gewesen,
das sei die reine Wahrheit.
    Q. Welche keusche Jungfer sich wohl in der Sehe bade? du leugst oder wiltu
etwan auch leugnen, da du den alten Paassch sein klein Mgdlein durch einen
Stuten behext?
    R. Ach wohl, ach wohl! Sie liebte das Kindlein wie ihr eigen Schwesterken,
htte sie nit blos mit allen andern umbsonst informiret, besondern auch in der
groen Hungersnoth sich den Bissen oftmalen aus dem Munde gezogen und ihr
denselben eingestecket. Wie sie darumb ihr solch Leid htte zufgen mgen?
    Q. Wiltu noch immer leugnen? Ehre Abraham wie verstockt ist sein Kind! -
Schaue denn her, ist das keine Hexensalbe12 so der Bttel diese Nacht aus deinem
Koffer gehohlet? Ist das keine Hexensalbe, he?
    R. Wre nur eine Salbe vor die Haut, so darnach fein wei und weich werden
slle, wie der Apotheker in Wolgast ihr gesaget, bei dem sie solche gekaufet.
    Q. Hierauf fuhr er kopfschttelnd fort: Was? Wiltu denn auch endlich noch
leugnen, da du diesen verschienen Sonnabend den 10ten July, Nachts umb 12
Uhrenden Teufel deinen Buhlen auf dem Streckelberg mit grulichen Worten
angerufen, er dir darauf als ein groer und haarigter Riese erschienen und dich
umbhalset hab, und geherzet?
    Bei diesen Worten wurd sie blasser denn ein Leich, und fing an also heftig
zu wanken, da sie sich an einen Stuhl halten mute. Als ich elender Mensch, der
ich wohl vor sie mich in den Tod geschworen, solches sah und hrete, vergingen
mir die Sinnen, also da ich von der Bank strzete und Dn. Consul den Bttel
wieder hereinrufen mute, umb mir aufzuhelfen.
    Als ich mich in etwas wieder vermndert13 und der dreuste Kerl unsere
gemeine Verstrzung sahe, schrie er greinende das Gericht an: Ist't rut, ist't
rut, hett se gebichtet14? worauf Dn. Consul ihme abermals die Thre wies mit
vielen Scheltworten, wie man sich selbsten abnehmen kann, und will dieser Bub
genug dem Amtshaubtmann immer die Vetteln zugefhret haben, wie es heit, denn
sonsten achte ich, wr er nicht so dreust gewesen.
    Summa: ich wre fast umbkommen in meim Elend, wenn ich nicht das Rslein
gehabt, so mit des barmherzigen Gotts Hlf mich wacker hielt, als nunmehro das
ganze Gericht aufsprange, und mein hinfllig Kind bei dem lebendigen Gott und
ihrer Seelen Seligkeit beschwore, nit ferner zu leugnen, sondern sich ber sich
selbsten, wie ber ihren Vater zu erbarmen, und die Wahrheit zu bekennen.
    Hierauf tht sie einen groen Seufzer, und so bla sie gewesen, so roth
wurde sie, inmaen selbsten ihre Hand auf dem Stuhl wie ein Scharlaken anzusehen
war, und sie die Augen nit von dem Boden hube.
    R. Sie wlle auch jetzunder die reine Wahrheit bekennen, da sie wohl she,
da bse Leute sie des Nachts beschlichen. Sie htte Birnstein vom Berge
gehohlt, und bei der Arbeit nach ihrer Wei, und umb sich das Grauen zu
vertreiben, das lateinische Carmen gerecitiret, so ihr Vater auf den
durchlauchtigsten Knig Gustavum Adolphum gesetzet, als der junge Rdiger von
Nienkerken der oftermalen in ihres Vaters Haus gekommen und ihr von Liebe
vorgesaget, aus dem Busch getreten wre, und da sie fr Furcht aufgeschrieen,
sie auf lateinisch angeredet und in seinen Arm genommen. Selbiger htte einen
groen Wulfspelz angehabt, damit die Leute ihn nit erkennen mchten, so sie ihme
etwan begegneten und es seinem Herrn Vater wieder verzhlen, da er des Nachts
auf dem Berg gewest.
    Auf solch ihr Bekenntn wollte ich schier verzweiflen und schriee fr Zorn:
o du gottlos ungehorsamb Kind, also hastu doch einen Buhlen? Habe ich dir nicht
verbotten des Nachts auf den Berg zu steigen? was hastu des Nachts auf den Berg
zu thun? und hub an also zu klagen und zu winseln und meine Hnde zu ringen, da
es Dn. Consulem selbsten erbarmete, und er nher trat, umb mir Trost
einzusprechen. Hierzwischen aber trat sie auch selbsten heran und hub an mit
vielen Thrnen sich zu vertheidigen: da sie wider mein Verbot des Nachts auf
den Berg gestiegen, umb so viel Birnstein zu gewinnen, da sie mir heimblich zu
meinem Geburtstag die Opera Sancti Augustini so der Cantor in Wolgast verkaufen
wlle anschaffen mge. Und knne sie nicht davor, da der Junker ihr eines
Nachts aufgelauert, doch schwre sie mir bei dem lebendigen Gott, da dorten
nichts Ungebhrliches frgefallen, und sie annoch eine reine Jungfer sei.
    Und hiemit wurde nunmehro das erste Verhr beschlossen denn nachdem Dn.
Consul denen Schppen etwas ins Ohr gemrmelt, rief er den Bttel wieder herein,
und befahle ihm: auf Ream ein gut Augenmerk zu haben, item sie nunmehro nit mehr
los im Gefngn zu belassen sondern anzuschlieen. Solches Wort stach mir
abermals durch mein Herze, und beschwur ich Se. Edlen angesehen meines Standes
und meiner altadlichen Abkunft, mir nicht solchen Schimpf anzuthun und mein
Tchterlein schlieen zu lassen. Ich wlle mich vor Eim achtbaren Gericht mit
meinem Kopf verbrgen da sie nit entrinnen wrde worauf Dn. Consul, nachdem er
hinausgangen und sich die Gefngn angesehen, mir auch willfhrig war, und dem
Bttel befahl es mit ihr zu lassen, wie zeithero.

                                    Funoten


1 oder Usedom, ein Stdtchen, von dem die ganze Insel den Namen fhrt.

2 d.i. erster Brgermeister.

3 Protokollfhrer.

4 d.i. dominus Consul oder der Herr Brgermeister.

5 Die Verklagte.

6 Dies lcherliche Verfahren schlug man in der Regel bei dem ersten Verhr einer
Hexe ein, weil man in dem Wahne stand, sie bezaubere sonst von vorne herein die
Richter mit ihren Blicken. Hier wre der Fall nun allerdings gedenkbar gewesen.

7 O ihm kroch da nur eine Laus, die ich greifen wollte.

8 Plattdeutsch fr: halberwachsen.

9 Frage

10 Antwort

11 entzaubern.

12 Man glaubte, der Teufel gbe den Hexen eine Salbe, um sich durch deren
Gebrauch unsichtbar zu machen, in Thiere zu verwandeln, durch die Luft zu fahren
u.s.w.

13 plattdeutsch: d.i. ermuntert.

14 Ists heraus, ists heraus, hat sie gebeichtet?


                                  Capitel 19.

     Wie der leidige Satan unter des gerechten Gottes Zulassung uns ganz zu
          unterdrcken beflissen, und wir alle Hoffnung fahren lassen.

Selbigen Tages, wohl umb 3 Uhren Nachmittags, als ich zu dem Krger Conrad Seep
gangen war, umb doch etwas zu genen, anerwogen ich nunmehro in 2 Tagen Nichtes
nicht in meinen Mund bekommen, denn meine Thrnen, er mir auch etwas Brod und
Wurst benebst einer Kannen Bier frgesetzet, tritt der Bttel ins Zimmer, und
grete von dem Amtshaubtmann doch ohne da er seine Kffe1 anrhrete: Ob ich
nicht wlle bei Sr. Gestrengen das Mittagsmahl speisen, S.G. htt es nicht
gleich beachtet, da ich wohl noch nchtern wr, dieweil das Verhr so lange
gezgert. Ich gab hierauf dem Bttel zur Antwort: da ich mir allbereits, wie er
wohl einsh, mein Mittagsbrod htte verabreichen lassen und mich bei Sr.
Gestrengen bedanket. Darber verwunderte sich der Kerl und gab zur Antwort: ob
ich nicht sh, wie gut es Se. Gestrengen mit mir vermeinete, wiewohl ich ihn,
wie einen Juden abgekanzelt. Sllte doch an mein Tchterken denken, und
nachlssig2 gegen Sr. Gnaden sein, so knnte vielleicht noch allens gut
ablaufen. Denn Sr. G. wre nicht ein so grober Esel als Dn. Consul, und htt es
gut mit mir und meim Kind im Sinn, als einer rechtschaffenen Obrigkeit
geziemete.
    Als ich nun mit Mhe den dreusten Fuchs loos worden, versuchete ich ein
wenig zu genen, aber es wollte nicht herunter, bis auf das Bier. Sa dahero
bald wieder und sanne, ob ich mich bei Conrad Seep einmiethen wllte, umb immer
umb mein Kind zu sein, item, ob ich M. Vigelio dem Pfarrherrn zu Benz, nicht
wllte meine arme und verfhrte Gemeind bergeben, so lange mich der Herr noch
in Versuchung hielte. Da wurd ich wohl nach einer Stunden durchs Fenster gewahr,
da ein lediger Wagen fr das Schlo gefahren kam, auf welchen alsobald der
Amtshaubtmann und Dn. Consul mit meinem Tchterlein stiegen, item der Bttel, so
hinten aufhackte. Lie dannenhero Allens stehn und liegen und lief zu dem Wagen,
demthig fragende: wohin man mein arm Kind zu fhren gesonnen? Und als ich
hrete, da sie in den Streckelberg wllten, umb nach dem Birnstein zu sehen,
bat ich, da man mich mge mitnehmen, und bei mein Kind sitzen lassen, wer
wte, wie lange ich noch bei ihr s. Solches wurde mir auch verstattet, und
bote mir der Amtshaubtmann unterweges an, da ich knnte im Schlo meine Wohnung
aufschlagen, und an seinem Tisch speisen, so lange mir geliebte, wie er auch
meim Tchterlein alle Tage von seinem Tisch schicken wrd. Denn er htte ein
christlich Herze und wte ganz wohl, da wir sollten unserm Feinde verzeihen.
Vor solche Freundschaft bedankete mich aber unterthnigst, wie mein Tchterlein
auch that, anerwogen, es uns jetzunder noch nit so arm erginge, umb uns nicht
selbsten unterhalten zu knnen. Als wir vor der Wassermhlen vorbeikamen, hatte
der gottlose Knappe wieder den Kopf durch ein Loch gestecket, und schnitt meinem
Tchterlein ein schiefes Maul. Aber Lieber, es sollt ihm aufgedruckt werden!
Denn der Amtshaubtmann, winkete dem Bttel, da er den Buben heraushohlen mute,
und nachdeme er ihm seinen duppelten Schabernack, so er gegen mein Kind bewiesen
frgehalten, mute der Bttel den Kutscher seine neue Peitsche nehmen, und ihme
50 Prgel aufzhlen, die wei Gott nicht aus Salz und Wasser waren. Er brllete
letzlich wie ein Ochse, welches aber Niemand vor dem Rumor der Rder in der
Mhlen hrete, und da er sich stellete, als knnte er nicht mehr gehen, lieen
wir ihn auf der Erden liegen und fuhren unsrer Straen. -
    In Ueckeritze lief auch viel Volks zusammen, als wir durchkamen, so sich
aber ziemlich geruhsam hielte ohn allein einen Kerl, so salva venia in den Weg
hoffirete, als er uns kommen sah3. Der Bttel mute auch wieder abspringen,
kunnte ihn aber nicht einhohlen, und die Andern wollten ihn nicht verrathen,
sondern gaben fr: sie htten nur auf unsern Wagen gesehen und es nicht
beachtet. Kann auch immer wahr sein! und will es mir dahero frkommen, da es
der leidige Satan selbsten gewest, umb ber uns zu spotten, denn merke, umb
Gottes willen, was uns im Streckelberg gearriviret! Ach, wir kunnten durch
Verblendung des bsen Feindes die Stelle nit wiederfinden, wo wir den Birnstein
gegraben. Denn wo wir vermeineten, da sie sein mute, war ein groer Berg Sand
wie von eim Sturmwind zusammengeblasen, und auch die tnnin Zweige, so mein
Tchterlein hingedecket, waren wegk. Sie ward fast unmchtig, als sie solches
sahe, und range die Hnde und schriee mit ihrem Erlser: mein Gott, mein Gott,
warumb hastu mich verlassen!
    Hierzwischen jedoch muten der Bttel und der Kutscher graben. Aber es
befand sich kein Stcklein Birnstein bei eines Krnleins Gre, worauf Dn.
Consul das Haubt schttelte und mein arm Kind fast hart anschnauzete. Und als
ich zur Antwort gab, da der leidige Satan wie es den Anschein htte, uns wohl
die Kuhle verschttet, umb uns ganz in seine Gewalt zu berkommen, mute der
Bttel aus dem Busch einen hohen Staken hohlen, umb damit noch tiefer zu stoen.
Aber es war nirgends ein hart Objectum zu fhlen, obgleich der Amtshaubtmann wie
Dn. Consul und ich selbsten in meiner Angst berall mit der Stangen probireten.
    Dannenhero bat mein Tchterlein das Gericht mit gen Coserow zu kommen, wo
sie annoch vielen Birnstein in ihrem Koffer htte, so sie allhier gefunden. Denn
wr es damit Teufelswerk, so wrde selbiger auch wohl verwandelt sein, dieweil
sie in Erfahrung gezogen, da alle Geschenke so der Teufel denen Hexen zu
verehren pflege, sich alsobald in Koth oder Kohlen umbwandelten.
    Aber Gott erbarm's, Gott erbarm's, als wir in Coserow zu gemeiner
Verwunderung wieder ankamen, und mein Tchterlein an ihren Kasten trat, war
alles Zeug darinnen umbgerissen und der Birnstein fort. Sie schriee hierauf so
laut, da es htte einen Stein erbarmen mgen und rief: das hat der bse Bttel
gethan! Als er die Salbe aus meinem Koffer gehohlet, hat er mir elenden Magd
auch den Birnstein gestohlen. Aber der Bttel, so dabei stund, wollte ihr in die
Haare fahren und schriee: du Hexe, du vermaledeiete Hexe ist es nit genug, da
du meinen Herrn verleumbdet, willtu mich nun auch noch verleumbden? aber Dn.
Consul wehrete ihm, da er sie nicht anfassen durfte. Item war all ihr Geld
fort, so sie sich fr heimblich verkauften Birnstein gespaaret, und wie sie
vermeinete, schon an die 10 Fl. betragen.
    Aber ihr Kleid, welches sie bei der Ankunft des durchluchtigsten Knigs
Gustavi Adolphi getragen, wie die gldene Kettin mit dem Conterfett, so er ihr
verehret, hatte ich wie ein Heiligthumb in meinem Kirchenkasten bei denen Altar-
und Kanzeltchern verschlossen, und fanden wirs auch noch fr. Doch als ich
solches entschuldigte, und sagete: da ich es ihr hier bis auf ihren
Hochzeitstag aufhegen wllen, sahe sie mit starren Augen in den Kasten und rief:
ja wenn ich gebrennet werd, o Jesu, Jesu, Jesu! - Hier schudderte sich Dn.
Consul, und sprach: sieh, wie du immerdar dich mit deinen eigenen Worten
schlgest. Umb Gottes und deiner Seligkeit willen bekenne, denn wenn du dich
unschuldig befindest, wie kannstu daran denken, da du brennen sollt. Aber sie
schauete ihm noch immer starr in die Augen, und hube anauf lateinisch
auszurufen: innocentia, quid est innocentia? ubi libido dominatur innocentiae
leve praesidium est4.
    Hier schudderte sich Dn. Consul abereins also, da ihm der Bart wackelte und
sprach: was, kannstu in Wahrheit lateinisch? Wo hastu das Lateinische gelernet?
und als ich solche Frage ihm beantwurtet, soviel ich fr Schluchzen dazu im
Stande war, schttelte er sein Haubt und sprach: habe im Leben nicht vernommen,
da ein Weibsbild lateinisch kann. Hierauf fiel er vor ihrem Kasten auf die
Kniee, und suchete alles darinnen durch, rckete ihn darauf von der Wand, und
als er Nichtes gefunden, lie er sich ihr Bette zeigen und machte es damit auch
so. Solches verdro letzlich den Amtshaubtmann und fragete ihn: ob sie nicht
wieder fahren wllten, inmaen es sonsten Nacht wrde? Aber er gab zur Antwort:
nein, ich mu erst den Packzeddul5 haben, so ihr der Satan gegeben, und fuhr
fort berall umbherzusuchen, bis es fast tunkel war. Aber sie fanden Nichtes
nicht, wiewohl Dn. Consul sammt dem Bttel in der Kchen wie im Keller kein
Pltzlein verschoneten. Darauf stiege er brummend wieder auf den Wagen, und
befahl, da mein Tchterlein sich so setzen mute, da sie ihne nicht ansh.
    Und hatten wir jetzunder mit der vermaledeieten Hexen der alten Lise Kolken
wieder dasselbige spectaculum, angesehen sie wieder in ihrer Thren sa, als wir
vorbeifuhren und aus voller Kehlen: Herr Gott dich loben wir! anstimmte.
Qukete aber wie ein angestochen Kalb, so da es Dn. Consul verwunderte, und
nachdem er vernommen, wer sie wre, fragete er den Amtshaubtmann, ob er sie
nicht gleich wlle durch den Bttel aufgreifen und hinten an den Wagen binden
lassen, umb nachzulaufen da wir keinen Platz mehr vor sie hatten. Denn er htte
nun schon oftmalen in Erfahrung gezogen da alle alte Weiber, so rothe
Gluderaugen und eine sinnige Kehle htten, auch Hexen wren, unangesehen, was
Rea Verdchtiges gegen sie aussaget. Aber er gab zur Antwort: da er solches nit
thun knne, dieweil die alte Lise ein unbescholten und gottesfrchtig Weibsbild
wre, wie Dn. Consul anjetzo auch selbsten hren kunnte. Doch htte er sie auf
morgen mit den andern Zeugen fordern lassen. -
    Ja, wahrlich, ein schn, gottesfrchtig Weibsbild! - denn wir waren kaum aus
dem Dorf, als ein also schwer Wetter einbrach mit Donner, Blitze, Sturm und
Hagel, da rund umb uns das Korn zu Boden geschlagen wurde, wie von eim
Drescher, und die Pferde fast wild fr dem Wagen wurden; whrete aber nit lange.
Doch mute mein arm Tchterlein auch wieder die Schuld tragen6 inmaen Dn.
Consul vermeinete, da nicht die alte Lise, wie es doch so klar, wie die Sonne
ist, sondern mein arm Kind dies Wetter gemacht. Denn, Lieber sage, was htt es
ihr nutzen knnen, wenn sie auch die Kunst verstanden? Aber solches sahe Dn.
Consul nicht ein, und der leidige Satan sollte unter des gerechten Gottes
Zulassung es alsobald noch rger mit uns machen. Denn wir waren allererst an den
Herrendamm7 kommen, als er wie ein Aderbar8 ber uns angefahren kam und eine
Pogge also exact von oben nieder warf, da sie mein Tchterlein in den Schoo
fiel. Selbige schriee hell empor, aber ich bliese ihr ein, stille zu sitzen und
wollte die Pogge heimblich bei eim Fu vom Wege werfen.
    Aber der Bttel hatte es gesehen und rief: Herr Je, Herr Je, kiekt de
verfluchte Hex, wat schmitt ehr de Dwel in den Schoot? worauf sich der
Amtshaubtmann und Dn. Consul umbsahen, und befunden, wie ihr eine Pogge in den
Schoo kroch, so der Bttel aber zuvor erst dreimal anbliese, ehe er sie aufhub
und den Herren zeigete. Davor bekam Dn. Consul das Speien und befahl, nachdem es
frber, dem Gutscher stille zu halten, stieg vom Wagen und sagete: wir sllten
nur nach Hause fahren, ihm wre bel und wlle er zu Fu nachlaufen, ob es
besser werden mchte. Zuvor aber bliese er noch dem Bttel heimblich ein (wie
wir aber deutlich verstanden) er slle alsogleich wenn er zu Haus km, mein arm
Kind, jedoch menschlich anschlieen, worauf weder sie noch ich fr Thrnen und
Schluchzen antwurten konnten. Aber der Amtshaubtmann hatte es auch gehret, was
er sagte, und als wir ihn nit mehr sehen konnten, hub er an meim Tchterlein von
hinten zu die Wangen zu streicheln: sie slle nur zufrieden sein, er htte auch
ein Wrtlein dazwischen zu reden und der Bttel solle sie noch nicht schlieen.
Sie mge aber doch aufhren, gegen ihn sich alsohart zu gebhrden, wie bishero,
und bersteigen bei ihm aufsein Bund sitzen gehen damit er ihr heimblich einen
guten Rath geben knne, was zu thun wre. Hierauf gab sie mit vielen Thrnen zur
Antwort: sie wlle nur bei ihrem Vater sitzen bleiben inmaen sie nit wte, wie
lange sie noch bei ihm s, und bte sie um Nichtes mehr, denn da Seine
Gestrengen sie mge in Frieden lassen. Aber solches that er nichtsondern
druckete sie mit seinen Knieen in den Rcken und in die Seiten und da sie
solches litte, weilen es nicht zu ndern stund, wurd er dreuster und nahm es fr
ein gut Zeichen.
    Hierzwischen schriee aber Dn. Consul dicht hinter uns: (denn dieweilen ihn
grauete, trottirete er dicht hinter dem Wagen) Bttel, Bttel, kommt geschwinde
her: allhier liegt ein Schweinsigel mitten im Weg! worauf der Bttel auch vom
Wagen sprang.
    Solches aber machte den Amtshaubtmann noch dreuster, und stund letztlich
mein Tchterlein auf und sprach: Vater, wir wollen auch zu Fu gehen ich kann
mich vor ihme hier hinten nit mehr bergen! Aber er ri sie beim Kleid wieder
nieder und rief zornig: wachte du boshafte Hex, ich werde dir helfen zu Fu
gehen, wiltu also, so solltu in Wahrheit noch diese Nacht an den Block, worauf
sie zur Antwort gab: thu Er was Er nicht lassen kann; der gerechte Gott wird
hoffentlich auch einst mit Ihm thun, was er nicht lassen kann.
    Hierzwischen aber waren wir beim Schlo ankommen und kaum vom Wagen
niedergestiegen, als Dn. Consulso sich einen guten Schwitz gelauffen, auch mit
dem Bttel anlangete, und diesem sogleich mein Kind bergab, so da ich ihr kaum
noch valediciren konnte. Blieb also hnderingend im Tunklen auf der Dielen stehn
und horchete wohin sie gingen, alldieweil ich nicht das Herz hatte nachzufolgen,
als Dn. Consul so mit dem Amtshaubtmann in ein Zimmer getreten war, wieder aus
der Thren schauete und dem Bttel nachrief Ream noch einmal wieder
anherzubringen. Und als er solches tht, und ich mit in das Zimmer trate, hielt
Dn. Consul einen Brief in der Hand, und nachdem er dreimal ausgespucket, hube er
an: willstu noch leugnen du verstockte Hex? horch mal zu, was der alte Ritter
Hans von Nienkerken an das Gerichte schreibt! Und hierauf las er uns fr: da
sein Sohn also verstrzt sei, ber die Sage so die vermaledeiete Hexe auf ihn
gethan, da er von Stund an krank worden wre, und ihme, dem Vater ginge es auch
nicht besser. Sein Sohn Rdiger, wre wohl einige Mal, wenn es der Weg so
gefget, beim Pastore Schweidler eingekehret mit dem er auf einer Reise
Kundschaft gemachet, schwre aber, da er schwarz werden wlle, wenn er jemalen
mit der verfluchten Teufelshuren, seiner Tochter, irgend eine Kurzweil oder
Narrentheiding betrieben, geschweige Nachts auf dem Berg gewest wre, und sie
dort umbhalset htte.
    Auf solche erschrckliche Botschaft fielen wir Beide (verstehe mein
Tchterlein und ich) zu gleicher Zeit in Unmacht, angesehen wir auf den Junker
annoch unsere letzte Hoffnung gesetzet, und wei ich nicht, was man weiters mit
mir frgenommen. Denn als ich wieder bei mir kam, stund der Krger Conrad Seep
ber mir, und hielt mir einen Trichter zwschen den Zhnen in welchen er mir
eine Biersuppen einkellete, und hatte ich mich niemalen elender in meinem Leben
befunden, wannenhero Meister Seep mich auch wie ein klein Kindlein ausziehen und
zu Bette bringen mute.

                                    Funoten


1 wahrscheinlich Mtze.

2 nachgebend.

3 Entweder wohl um seine Verachtung auszudrcken, oder aus einem aberglubischen
Bewegungsgrund.

4 Unschuld, was ist Unschuld? Wo die Begierde gebietet, da hat die Unschuld eine
schwache Schutzwehr. - Worte des Cicero, wenn ich nicht irre.

5 Man stand nmlich in dem Wahn, da, wie der Mensch dem Teufel, so der Teufel
dem Menschen sich handschriftlich verpflichte.

6 Denn die Entstehung von dergleichen pltzlichen Ungewittern schrieb man auch
den Hexen zu.

7 fhrt bis auf den heutigen Tag diesen Namen und ist eine Viertelmeile von
Coserow entfernt.

8 Storch; Pogge, plattdeutsch: Frosch.


                                  Capitel 20.

 Von der Bosheit des Amtshaubtmanns und der alten Lisen, item vom Zeugenverhr.

Am andern Morgen waren meine Haare so bis dato grau mengliret gewest, ganz wei
wie ein Schnee, wiewohlen mich der Herre sonsten wunderlich gesegnet. Denn umb
Tagesanbruch kam eine Nachtigall in den Fliederbusch vor mein Fenster und sange
also lieblich, da ich gleich glubte sie sei ein guter Engel gewest. Denn
nachdeme ich sie eine Zeitlang angehret, kunnte ich mit einem Mal wieder beten,
was ich seit dem Sonntag nit mehr knnen. Und da nun der Geist unsers Herrn Jesu
Christi anhub in meinen Herzen zu schreien: Abba lieber Vater!1 nahm ich
daraus eine gute Zuversicht: Gott wlle mich sein elendig Kind wieder zu Gnaden
annehmen, und nachdem ich ihm fr so viel Barmherzigkeit gedanket, gewann ich
nach langer Zeit wieder eine so erquickliche Ruhe, da die liebe Sonne schon
hoch am Himmel stund, als ich aufwachte.
    Und dieweil mir noch also zuversichtlich umbs Herze war, richtete ich mich
im Bette empor und sang mit heller Stimmen: Verzage nicht du Huflein klein!
worauf Meister Seep in die Kammer trat, vermeinende ich htte ihn gerufen. Blieb
aber andchtig stehen, bis ich fertig war, und nachdem er sich anfnglich ber
meine schloweien Haare verwundert, verzhlete er, da es schon bei sieben Uhren
wr, item wre meine halbe Gemein schon allhier bei ihme versammlet, um heute
Zeugni abzulegen, worunter auch mein Ackersknecht Claus Neels. Als ich solches
vernommen, mute der Krger selbigen alsofort aufs Schlo schicken, umb zu
fragen, wann das Verhr anhbe, worauf er die Botschaft brachte: da man es nit
wisse, inmassen Dn. Consul schon heute gen Mellenthin zu dem alten Nienkerken
gefahren, aber noch nicht wieder zurcke wr. Diese Botschaft gab mir wieder
einen guten Muth und fragete ich den Burschen: ob er auch kommen wr, umb gegen
mein arm Kind zu zeugen? Darauf sagete er: nein, ich wei Nichtes von ihr denn
Gutes, und wollte ich den Kerls wohl was brauchen, aber -
    Solche Rede verwunderte mich und drang ich fast heftig in ihn mir sein Herze
zu offenbaren. Aber er hub an zu weinen und sagte letzlich: er wisse nichtes.
Ach er wute nur zu viel und htte jetzunder mein arm. Kind retten knnen, so er
gewollt. Aber aus Furcht vor der Marter schwieg er stille, wie er nachgehends
bekannte. Und will ich hier gleich einrcken, was ihm diesen Morgen geariviret:
    Er gehet, umb allein mit seiner Braut zu sein, welche ihm das Geleit geben
(sie ist Steffen seine Tochter von Zempin, verstehe aber nicht den Bauern,
sondern den lahmen Gicht-Steffen seine) heute in guter Frhzeit von Haus, und
gelanget schon gegen 5 Uhren in Pudgla an, wo er aber noch Niemand im Kruge
frfindet, denn die alte Lise Kolken, welche aber auch alsobald auf das Schlo
wackelt. Und dieweil seine Braut wieder heimgekehret, wird ihm die Zeit lang und
er steiget ber den Krgerzaun in den Schlogarten, allwo er hinter eim
Buschwerk sich auf den Bauch wirft umb zu schlafen. Whret aber nit lange, so
kmmt der Amtshaubtmann mit der alten Lisen an und nachdem sie sich berall
umbgeschauet und Niemand befunden, gehen sie in eine Laube dicht vor ihm, worauf
sie ein solch Gesprch gefhret:
    Ille. Jetzunder wren sie beide allein, was sie nun von ihm wlle?
    Illa. Sie kme, umb sich das Geld zu hohlen vor die Zauberei, so sie im Dorf
angerichtet.
    Ille. Was ihm alle diese Zauberei gentzet? Mein Tchterlein liee sich
nicht schrcken, sondern wrde immer trutziger, und glube er nicht, da er sie
jemalen zu seinem Willen bekm.
    Illa. Slle sich nur Zeit lassen, wenn es erst zur Angstbank ginge, wrde
ihr schon das Brusen2 ankommen.
    Ille. Das wre mglich aber ehe bekme sie auch kein Geld?
    Illa. Was? Ob sie ihm vor sein Vieh auch was brauchen slle?
    Ille. Ja, wenn ihr der podex frre, mge sies thun. Im Uebrigen glube er,
da sie ihm selbsten schon was gebrauchet, angesehen er eine Brunst zu der
Pfaffentochter htte, wie er vormals nie verspret
    Illa. (lachende) Dasselbige htt er vor 30 Jahren gesagt, als er sich
allererst an sie gemacht.
    Ille. Pfui du alte Vettel, hilf mir nicht darauf, sondern siehe nur zu, da
du drei Zeugen bekmmst wie ich dir letzlich gesaget, denn sonsten, sorge ich,
recken sie dir doch noch die alten lahmen Lenden.
    Illa. Sie htte die drei Zeugen und verliesse sich im Uebrigen auf ihn. Denn
wenn sie gerecket wrde, wrde sie Allens offenbaren, was sie wte.
    Ille. Sie slle ihr groes Maul halten und zum Teufel gehen.
    Illa. Ja, aber zuerst mte sie ihr Geld haben.
    Ille. Sie kriegte kein Geld nicht ehbevor er mein Tchterlein zu seinem
Willen bracht.
    Illa. So mge er ihr doch allererst ihr Ferkelken bezahlen, so sie sich
selbsten umb nicht in Migunst zu kommen zu Tode gehext.
    Ille. Sie knne sich wieder eines aussuchen, wenn seine Schweine trieben und
slle nur sagensie htt es ihm bezahlt. Hiemit, sagte mein Ackersknecht, wren
auch schon die Schweine getrieben und eines in den Garten gelaufen, da die
Pforte aufgestanden, und weil der Suhirt ihm gefolget, wren sie beide
auseinander gangen, doch htte die Hexe noch fr sich gemurmelt: Nu help Dwel
help, datt ick - aber ein Mehreres htte er nicht verstanden.
    Solches Alles verschwieg mir aber der furchtsame Knabe wie oben bemeldet und
sagete nur mit Thrnen: er wisse Nichts. Glubete ihm also und satzte mich vor
das Fenster umb auszuschauen, wenn Dn. Consul wieder heimkehren wrde. Und als
ich solches gesehen, hub ich mich alsogleich empor und ging auf das Schlo, wo
mir der Bttel auch schon mit meim Tchterlein, so er bringen sollte, vor dem
Gerichtszimmer begegnete. Ach, sie sahe so froh aus, wie ich sie lange nit
gesehen und lchelte mich an mit ihrem lieblichen Mndlein; da sie aber mein
schlowei Haar erblickte, tht sie einen Schrei, also da Dn. Consul das
Gerichtszimmer offen schlug und heraus rief: ha, ha, du merkest wohl schon,
welche Zeitung ich dir bringe, komm nur hereindu verstockt Teufelskind! worauf
wir zu ihm in das Zimmer traten und er anhube seine Worte an mich zu richten,
nachdem er sich mit dem Amtshaubtmann, so bei ihm war, niedergesetzet.
    Als er mich gestern Abend vor einen Todten htte zu Meister Seep tragen
lassen, (sagte er) und dies mein verstockt Kind, wieder wr ins Leben bracht,
htt er sie abereins aus allen Krften beschworen nicht lnger dem lebendigen
Gott zu lgen sondern die Wahrheit zu bekennen, worauf sie sich aber fast
ungeberdig gestellet, die Hnde gerungen, geweint und geschluchzet und letzlich
zur Antwort geben: da der junge Nobilis solches unmglich knne gesaget haben,
besondern sein Vater htte dieses geschrieben, welcher ihr abhold wre, wie sie
wohl gemerket, als der schwedische Knig in Coserow gewest wre. Diese ihre Sag
htte er, Dn. Consul, zwar gleich in Zweifel gezogen, wre aber als ein
gerechter Richter heute Morgen zu guter Zeit mit dem scriba nacher Mellenthin
gefahren, umb den Junker zu verhren.
    Und knne ich nun selbsten abnehmen, welch erschrckliche Bosheit in meim
Kind stecke. Denn der alte Ritter htte ihn an das Bett seines Sohnes gefhret,
so noch fr Aerger krank lge, und selbiger htte Allens, was der Vater
geschrieben, bestttiget, und die schndliche Unholdin (wie er mein Kind
genennet) verfluchet, da sie ihm wlle seine adliche Ehre rauben. Was sagstu
nun fuhr er fort, wiltu noch deine groe Uebelthat leugnen. Sieh hier das
Protokollum so der Junker manu propria unterschrieben? Aber die elendige Magd
war hierzwischen schon wieder umbgefallen, und der Bttel hatte solches nicht
alsobald gesehen, als er nach der Kchen lief, und mit einem brennenden
Schwefelfaden zurcke kam, den er ihr unter der Nasen halten wollte.
    Aber ich wehrete es ihm und sprtzete ihr einen Topf mit Wasser ber das
Gesicht, so da sie auch wieder die Augen aufschlug und sich an einen Tisch in
die Hhe richtete. Stand aber jetzo eine ganze Zeit, ohne ein Wrtlein zu sagen,
noch meines Jammers zu achten, bis sie anhub freundlich zu lcheln und also zu
sprechen: Sie she wohl, wie wahr der heilige Geist gesaget, verflucht ist, der
sich auf Menschen verlt3 und htte die Untreue, so der Junker an ihr bewiesen,
gewilich ihr armes Herze gebrochen, wenn der barmherzige Gott ihme nicht gndig
zuvorgekommen und ihr in dieser Nacht einen Traum eingegeben, so. sie erzhlen
wlle, nicht umb den Richter zu persuadiren, sondern umb das weie Haubt ihres
armen Vaters wieder aufzurichten.
    Nachdeme ich die ganze Nacht gesessen und gewachet (sagete sie) hrte ich
gegen den Morgen eine Nachtigall gar lieblich in dem Schlogarten singen, worauf
mir die Augen zufielen und ich entschlief. Alsbald kam es mir fr, als wre ich
ein Lmmlein, und weidete in Coserow ruhig auf meiner Bleichen. Da sprang der
Amtshaubtmann ber den Zaun, wandelte sich aber in einen Wulf umb, der mich in
sein Maul nahm, und mit mir auf den Streckelberg zulief, allwo er sein Nest
hatte. Ich armes Lmmlein zitterte und blkete vergeblich und sahe meinen Tod
fr Augen, als er mich vor sein Nest niedersetzete, allwo die Wlfin mit ihren
Jungen lag. Aber siehe, alsobald reckete sich eine Hand, wie eines Mannes Hand
durch das Gebsche, und ergriff die Wlfe, einen jeglichen unter ihnen mit eim
Finger und zerscheiterte sie also, da Nichtes von ihnen brig blieb, denn ein
grau Pulver. Daraufnahm die Hand mich selbsten auf und trug mich wieder zu
meiner Bleichen. -
    Lieber, wie ward mir anjetzo zu Muthe, als ich dies Allens und auch von der
lieben Nachtigallen hrete, woran du nunmehro auch nicht mehr zweifeln wirst,
da sie Gottes Dienerin gewest. Ich umbhalsete mein Tchterlein sogleich mit
tausend Thrnen und verzhlete ihr, wies mir gangen, und gewunnen wir Beide
einen solchen Muth und Zuversicht, als wir noch nie gehabt, so da sich Dn.
Consul verwunderte, wie es den Anschein hatte, der Amtshaubtmann aber bla wurde
wie ein Laken, als sie anjetzo auf die beiden Herrschaften hinzutrat und sprach:
jetzo machet mit mir, als euch geliebet, das Lmmlein erschrcket nicht, denn
es stehet in der Hand des guten Hirten! Hierzwischen trat nun auch Dn.
Camerarius mit dem Scriba ein, entsatzte sich aber, als er ungefhrlich mit dem
Rockzipf meim Tchterlein an die Schrzen stie und stund und schrapete, an seim
Rock, als ein Weib, so Fische schrapet. Endiglich, nachdem er zuvor zu dreien
Malen ausgespieen, redete er das Gerichte an: ob sie nicht anheben wllten, den
Zeugeneid abzunehmen, angesehen alles Volk schon lngstens im Schlo und Kruge
versammblet wre. Solches ward angenehm aufgenommen, und erhielt der Bttel
Befehl, mein Kind so lange in seinem Zimmer aufzubewahren, bis das Gericht sie
wieder rufen wrd. Ging also mit ihr; hatten aber viel Plage von dem dreusten
Schalk, inmaen er nicht blde war, den Arm meinem Tchterlein umb die Schulter
zu legen, und in mea praesentia4 von ihr ein Keken zu verlangen. Aber ehbevor
ich noch kunnte zu Worte kommen, ri sie sich lo und rief: ei du bser Schalk,
soll ichs dem Gerichte klagen, hastu vergessen, was du schon aufgeladen? worauf
er aber lachend zur Antwort gab: kiek, kiek, wo oet5 und nunmehro fortfuhr,
sie zu persuadiren, da sie sich slle williger finden lassen, und ihren eignen
Vortheil nicht vergessen. Denn er hab es eben so gut mit ihr im Sinn, als sein
Herr, sie mge es gluben oder nicht, und was er weiters skandalisirte und ich
berhret hab. Denn ich nahm mein Tchterlein auf meinen Schoo und legte mein
Haubt in ihren Nacken und so saen wir stille und weineten.

                                    Funoten


1 Galat. 4, 6.

2 Niedriger, plattdeutscher Ausdruck.

3 Jeremias 17, 5.

4 In meiner Gegenwart.

5 Sieh, sieh, wie sprde!


                                  Capitel 21.

                          De confrontatione testium.1

Als wir wieder vorgefordert wurden, war die ganze Stuben voll Menschen, und
schudderten sich etzliche, als sie uns sahen, etzliche aber greineten. Und war
meines Tchterleins Sage ganz so, wie hiebevor vermeldet worden. Als aber unsre
alte Ilse frgerufen ward, so hinten auf einer Bank gesessen, also da wir sie
nit sehen kunnten, war die Kraft, womit sie der Herr angethan wieder zu Ende,
und wiederhohlete sie des Heilands Worte: der mein Brod isset, tritt mich mit
Fssen, und hielt sich an meim Stuhl fest. Auch die alte Ilse kunnte vor Jammer
nit gerade gehn, weder vor Thrnen zu Worte kommen, sondern sie rang und wand
sich wie eine Gebrerin fr dem Gerichte. Als sie aber Dn. Consul bedruete, da
der Bttel ihr gleich slle zu Wort helfen, bezeugete sie, da mein Kind gar oft
zu nachtschlafender Zeit heimblich aufgestanden, und den bsen Feind laut
angerufen htte.
    Q. Ob sie gehret, da Satanas ihr Antwort geben?
    R. Htte sie niemalen nit gehret.
    Q. Ob sie gewahr worden, da Rea einen Geist gehabt und in welcher Gestalt?
Sie slle an ihren Eid gedenken und die Wahrheit reden.
    R. Htte sie niemalen nit verspret.
    Q. Ob sie wohl gehret, da sie zum Schornstein heraus gefahren?
    R. Nein, sie wre immer heimblich aus der Thren gangen.
    Q. Ob sie nie am Morgen einen Besenstiel oder Ofengabel vermisset?
    R. Einmal wre ihr Besen fortgewest, sie htte ihn aber hinter dem Backofen
wiederfunden, und mchte sie selbsten ihn wohl in Gedanken dort hingesetzet
haben.
    Q. Ob sie nie gehret, da Rea einen Zauber vorgehabt, oder diesen und jenen
verwnschet.
    R. Nein, niemalen, sondern sie htte ihrem Nchsten nur Gutes angewnschet,
auch in der bittern Hungersnoth sich selbsten den Bissen aus dem Mund gezogen
und ihn Andern abgetheilet.
    Q. Ob sie denn auch nicht diese Salbe kenne, so man in Rea Koffer
frgefunden?
    R. O ja, die Jungfer htte sie sich vor die Haut aus Wolgast mitgebracht,
auch ihr abgetheilet, als sie einmal sprde Hnde gehabt, und htte solches
wacker angeschlagen.
    Q. Ob sie sonsten noch was zu sagen wisse?
    R. Nein, nichtes, den alles Gute.
    Hierauf wurde mein Ackersknecht Claus Neels aufgerufen. Selbiger trat auch
weinend hinzu, antwortete aber auf alle Fragen mit Nein, und bezeugete endlich
da er nie Unrechtes von meinem Tchterlein gesehn noch gehret, auch von ihrem
nchtlichen Wandel nichts vernommen, angesehen er im Stall bei den Pferden
schliefe, und auch sicher glube, da bse Leute, wobei er auf die alte Lise
sah, ihr dies Herzeleid bereitet, und sie ganz unschuldig sei.
    Als nunmehro auch an dies alte Satanskind die Reihe kam, so ein Hauptzeugni
ablegen sollte erklrete mein Tchterlein abermalen, da sie das Gezeugni der
alten Lisen nit annehmen mge und das Gericht umb Gerechtigkeit anriefe, denn
sie wre ihr von Jugend auf gramm und lnger in dem Geschrei der Zauberei
gewest, denn sie selbsten.
    Aber die alte Vettel rief: Gott vergebe dir deine Snden. Das ganze Dorf
wei, da ich ein fromm Weib bin, und meinem Gott diene, wie sich gebhret,
worauf sie den alten Zuter Witthahn und meinen Frsteher Claus Bulk aufrief,
welche auch fr sie Zeugni ablegeten. Aber der alte Paassch stund und
schttelte das Haubt, doch als mein Tchterlein sagte: Paassch warumb schttelt
Ihr mit dem Kopf? verzufzete2 er sich und gab zur Antwort: i, nicks3!
    Dieses wurde aber auch Dn. Consul gewahr und fragete ihn: ob er etwas
Unartiges wider die alte Lise frzubringen habe, so mge er Gott die Ehre geben
und solches bekennen; item stnde es einem Jeglichen erlaubt, solches zu thun,
ja das Gericht befhl es ihme an, zu sprechen, so er etwas wte.
    Aber aus Furcht vor dem alten Drachen, schwiegen sie Alle so museken
stille, da man die Fliegen kunnte brummen hren umb das Dintenfa. Da stund ich
Elender auf, und streckete meine Arme ber mein verzagt und verstrztes Volk aus
und sprach: knnet ihr mich also kreuzigen mit mein arm Kinde, hab' ich das umb
euch verdienet? Sprecht doch, ach will Niemand sprechen? - Aber ich hrete wohl
Etzliche heulen, doch Niemanden sprechen, und jetzunder mute sich mein arm
Tchterlein wohl zufrieden geben.
    Und war die Bosheit der alten Vettel so gro, da sie meinem Kinde nicht nur
die erschrcklichste Zaubereien frhielt, besondern auch die Zeit ausrechnen
wollte, wann sie sich dem leidigen Satan ergeben, umb ihr zugleich ihre
jungfruliche Ehr zu rauben, inmaen sie behauptete, da dazumalen Satanas ihr
sonder Zweifel wohl die Jungfrauschaft genommen, als sie nit mehr htte das
Viehe heilen mgen, sondern es gestorben wr. Hiezu sagte mein Tchterlein aber
Nichtes, denn da sie die Augen niederschlug und verschamrothete ber solche
Unflterei und auf die andere Lsterung, so die Vettel mit vielen Thrnen
ausstie, da sie nmblich ihren Mann lebendig dem Satanas bergeben antwortete
sie, wie oben gedacht worden. Doch als die Vettel auf ihre Umtaufe in der Sehe
kam, und frgab, da sie im Busch nach Erdbeeren gesuchet, worauf sie alsbald
meines Tchterleins Stimm erkannt, und herangeschlichen wre, und so das
Teufelswerk gewahret, fiel selbige ihr lchelnd in die Rede, und gab zur
Antwort: ei du bses Weib, wie kannstu meine Stimm, wenn ich an der Sehe
spreche, oben auf dem Berg in der Heiden hren. Du leugst ja, denn das Mrmeln
der Wellen macht es dir unmglich! Solches verdro den alten Drachen, und
wollt' ers besser machen, macht es aber noch rger, indem er sprach: du
rhrtest ja das Maul, wie ich sehen kunnte, und daraus habe ich abgenommen, da
du den Teufel deinen Buhlen angerufen! Denn mein Tchterlein versetzte
alsobald: O du gottlos Weib du sagst ja, du wrst in der Heiden gewest, als du
meine Stimm gehret; wie magstu denn in der Heiden sehen, ob ich unten am Wasser
das Maul rhre, oder nit? -
    Solche Widersprechung verwunderte auch Dn. Consulem und hub er andie alte
Vettel zu bedruen, da sie doch noch am Ende wrde gerecket werden, wenn sie
solche Lgen frbrchte, worauf selbige aber zur Antwort gab: so sehet denn ob
ich lge! Als sie nacket ins Wasser ginge, hatte sie noch kein Zeichen an ihrem
Leib, als sie aber wieder daraus herfrstieg, sahe ich, da sie zwischen den
beiden Brsten ein Zeichen bei eines Wittens Gre hatte, woraus ich abnahm, da
der Teufel ihr solches geben, obwohl ich ihn nicht umb sie gesehen, noch sonst
einen Geist oder Menschenkind, sondern es den Anschein hatte, da sie ganz
allein war.
    Hierauf sprang der Amtshaubtmann von seinem Sessel und rief: da solchem
gleich mte nachgeforschet werden, worauf Dn. Consul zur Antwort gab: ja, aber
nit durch uns, sondern durch ein Paar ehrsame Weiber. Denn er achtete nit, da
mein Tchterlein sagte: solches wre ein Muttermaal, und htte sie es von ihrer
Jugend aufgehabt. Dannenhero mute den Bttel seine Frau kommen, welcher Dn.
Consul etwas ins Ohr mrmelte, und als kein Bitten und Weinen helfen wollte,
mute mein Tchterlein mitgehen. Doch erhielt sie es, da die alte Lise Kolken
ihr nicht folgen durfte, wie sie es zwar gewollt, sondern unsre Magd, die alte
Ilse. So ging ich auch mit in meinem Gram, weilen ich nicht wissen kunnte, was
die Weibsbilder mit ihr frnehmen wrden. Sie weinete heftig, als selbige sie
auszogen, und hielt sich fr Schaam die Hand fr die Augen.
    Ach Gott, sie war gerade so wei auf ihrem Leibe, wie meine Seelige, da sie
doch in ihrer Jugend wie ich mich erinnere, fast gelb gewest, und sah ich mit
Verwundrung den Fleck zwischen ihren Brsten, von dem ich vorhero auch nie was
in Erfahrung gezogen. Aber alsobald schriee sie heftig auf und sprang zurcke,
angesehen den Bttel sein Weib, wie Niemand gewahr worden, ihr eine Nhenadel in
den Fleck gestoen, also da das rothe Blut ihr ber die Brste lief. Darob
erzrnete ich heftig, aber das Weib gab fr, da sie solches auf Gehei des
Richters gethan4, wie es auch nicht anders war. Denn als wir wieder in das
Gerichtszimmer kamen und der Amtshaubtmann fragete wie es stnd, bezeugete sie,
da alldorten zwar ein Maal bei eines Guldens Gre und gelblich anzusehen
frhanden, da aber Gefhl in selbigem wre, angesehen Rea laut aufgeschrieen
als sie unvermerkt mit einer Nadel hineingestochen. Hierzwischen Sprung aber Dn.
Camerarius pltzlich auf und trat fr mein Tchterlein ihr die Augenlieder
auseinanderschiebend, worauf er zu zittern begunnte, und ausrief: sehet hier,
das Zeichen welches nimmer treugt5 worauf das ganze Gericht aufsprung, und ihr
das kleine Maalein beschauete so sich unter dem rechten Liede wies, was von eim
Gerstenkorn gekommen, aber Niemand nit gluben wollte. Besondern Dn. Consul
sprach: Sieh, der Satan hat dich gezeichnet an Leib und Seelen? und du fhrest
dennoch fort, dem heiligen Geist zu lgen, aber es wird dir nichtes helfen, und
machstu dein Urtel nur schwerer. O du schaamlos Weibsbild, willtu der alten
Lisen ihr Gezeugni nit annehmen, willtu es dann auch nicht dieser Leute
Zeugni, so dich smmtlich haben auf dem Berge mit ihr deinen Buhlen, den
Teufel, anrufen hren, worauf er dir als ein haarigter Riese erschienen und dich
geherzet und geksset?
    Hierauf traten der alte Paassch, Witthahnsche und Zuter hierfr und
bezeugeten, da solches umb Mitternacht geschehen und sie auf solch Bekenntn
leben und sterben wollten. Die alte Lise htte sie in der Sambstagsnacht bei 11
Uhren gewecket, ihnen einen Krug Bier frgesetzet, und sie persuadirt der
Priestertochter heimblich nachzugehen umb zu sehen, was sie in dem Berg thte.
Und htten sie zu Anfang nit gewollt, aber umb der Zauberei im Dorf auf den
Grund zu kommen, htten sie sich endlich nach einem andchtigen Gebet willig
finden lassen und wren ihr in Gottes Namen gefolget.
    Htten die Hexe auch bald durch das Buschwerk im Mondschein gesehen, wo sie
gethan, als wenn sie gegraben und laut in einer absonderlichen Sprachen geredet,
worauf der grimmige Erzfeind pltzlich erschienen, und ihr umb den Hals
gefallen. Nunmehro wren sie verstrzet fortgerannt und mit des allmchtigen
Gottes Hlfe, auf den sie von Anbeginn ihr Vertrauen gesetzet, auch erhalten und
beschtzet worden vor der Macht des bsen Feindes. Denn wiewohlen er sich nach
ihnen umbgesehen, als es im Busch gerustert, htte er ihnen doch nit schaden
mgen.
    Endlich wurde es meim armen Tchterlein auch noch als ein Crimen ausgelegt,
da sie unmchtig worden, als man sie von Coserow nacher Pudgla abgefhret und
wollte es abereins ihr Niemand gluben, da solches vor Verdru ber der alten
Lisen ihren Gesang geschehen sei und nicht aus eim bsen Gewissen, wie der
Richter frgab.
    Als nunmehro smmtliche Zeugen verhret waren befragete Dn. Consul sie noch,
ob sie letzlich das bse Wetter gemacht, item was die Pogge zu bedeuten gehabt,
so ihr in den Schoo gefallen item der Schweinsigel, so vor ihm mitten im Wege
gelegen, worauf sie zur Antwort gab: da sie so wenig das Eine gethan, als sie
umb das Andre wisse, worauf aber Dn. Consul abermals mit dem Kopf schttelte und
sie dann letzlich fragete, ob sie wlle einen Advocaten haben, oder Allens der
besten Einsicht des Gerichtes anheimstellen, worauf sie zur Antwort gab: da
sie; in alle Wege einen Advocaten wlle, und schickete ich dannenhero des
nchsten Tages meinen Ackersknecht Claus Neels nach Wolgast umb den Syndicus
Michelsen zu hohlen, der ein frommer Mann ist und bei dem ich etzliche Male
eingekehret bin, wenn ich zur Stadt gefahren, dieweil er mich hflichst
invitiret.
    Auch mu ich noch notiren, da meine alte Ilse nunmehro wieder bei mir zog,
denn nachdeme die Zeugen fortgangen waren blieb sie annoch allein im Zimmer und
trat muthiglich fr michbittend, da ihr mge vergnnt werden, ihren alten Herrn
und ihr liebe Jungfer wieder zu pflegen. Denn nunmehro htte sie ihre arme Seel
gerettet und Allens geoffenbaret was sie wte. Darum knnte sie es nit lnger
mit ansehen, da es ihrer alten Herrschaft so traurig ginge, und sie nicht
einmal einen Mund voll Essen htten, angesehen sie in Erfahrung gezogen, da die
alte Seepsche, so die Kost vor mich und mein Kind bis dato bereitet, oftermalen
die Grtze htte anbrennen lassen, item die Fische und andere Kost versalzen.
Auch wre ich vor Alter und Gram ja also schwach, da ich Beistand haben mte,
und wlle sie mir solchen getreulich leisten auch gerne im Stall schlafen, wo es
sein mte. Lohn verlange sie nicht dafr, und slle ich sie nur nicht
verstoen. Solche Gutheit erbarmete mein Tchterlein zu Thrnen, und sprach sie
zu mir: siehe Vater die guten Menschen kommen schon wieder zu uns, sollten uns
die guten Engel denn auf immer verlassen? Ich danke dir alte Lise, ja du sollt
mir die Kost bereiten, und sie mir immer bis an die Gefngnithr tragen, wenn
du nit weiter gehen darfst, und letzlich darauf achten, was der Bttel damit
frnimmt, hrstu?
    Solches versprach die Magd zu thun, und nahm sie von jetzo an in einem Stall
ihre Herberge. Gott lohn es ihr am jngsten Gerichte, was sie fr mich und mein
arm Kind gethan!

                                    Funoten


1 Von der Confrontation der Zeugen.

2 plattdeutsch: fr zusammenfahren.

3 ei nichts.

4 Man nahm nmlich an, da dergleichen Maale bei den Hexen alsdann
unzubezweifelnde Zeichen des Teufels wren, wenn sie kein Gefhl hatten, und
wurde diese Procedur mit jedem, der Zauberei Verdchtigen, vorgenommen.

5 Man sehe u.a. Delrio disquisit. magicae lib. v. Tit XIV. No. 28.


                                  Capitel 22.

  Wie der Syndicus Dn. Michelsen gearriviret und seine Defension fr mein arm
                           Tchterlein eingerichtet.

Des andern Tages umb drei Uhren Nachmittags kam Dn. Syndicus angekarret und
stieg bei mir im Kruge ab. Er hatte einen groen Sack mit Bchern bei sich, war
aber nicht so freundlich, als ich sonsten an ihme gewohnt gewest, besondern
ehrbar und geschweigsam. Und als er mich in mein Zimmer salutiret und gefraget,
wie es mglich wre, da mein Kind zu solchem Unglck kommen, verzhlete ich ihm
den ganzen Frgang, wobei er aber nur mit dem Kopf schttelte. Auf meine Frag ob
er heute noch wlle zu meinem Tchterlein gehen, antwortete er Nein! sondern da
er zuvor erst die Akta studiren wlle. Nachdem er also ein wenig von einer
wilden Enten gessen, so meine alte Ilse, vor ihm gebraten, hielt er sich auch
nit auf, sondern ging alsofort aufs Schlo, von wannen er erst des andern
Nachmittags heimkehrete. Er war aber nicht freundlicher, denn er bei seiner
Ankunft gewest, und folgte ich ihm mit Seufzen, als er mich invitirete, nunmehro
ihn zu meinem Tchterlein zu geleiten. Als wir mit dem Bttel eintraten, und ich
mein arm Kind, so in ihrem Leben niemalen ein Wrmlein gekrnket zum erstenmal
in Ketten vor mir sahe, htte ich aufs Neu fr Jammer vergehen mgen. Doch sie
lchelte und rief Dn. Syndico entgegen: Ist Er der Engel der mich, wie St.
Petrum von meinen Ketten befreien will1? worauf er mit einem Seufzer zur
Antwort gab: das gebe der allmchtige Gott! Und da weiter kein Stuhl im
Gefngn frhanden (so ein garstig und stinkend Loch war, und worinnen es so
viele Kellerwrmer hatte, als ich in meinem Leben nicht gesehn) als der Stuhl
worauf sie an der Wand sa, setzeten Dn. Syndicus und ich uns auf ihr Bette,
welches man ihr auf mein Bitten gelassen, und befahl selbiger dem Bttel
nunmehro wieder seiner Straen zu gehen, bis er ihn rufen wrd. Hierauf fragete
er mein Tchterlein, was sie zu ihrer Entschuldigung herfrbringen wlle, und
war sie noch nit weit in ihrer Defension gekommen, als ich an dem Schatten, so
sich an der Thren rhrete, abnahm da Jemand vor selbiger stehen mute. Trat
also eiligst in die Thre welche halb offen stund, und betraf den dreusten
Bttel, welcher hiervor stehen geblieben umb zu horchen. Solches verdro Dn.
Syndicum dermaen, da er seinen Stock ergriff umb ihm das Kehraus zu geben;
aber der Erzschalk lief alsobald von dannen, als er solches merkete. Dieses
bentzete mein Tchterlein umb ihrem Herrn Defensori zu erzhlen, was sie von
diesem dreusten Kerl ausgehalten, und da ihr mge ein anderer Bttel geben
werden inmaen er in vergangener Nacht noch wieder in bser Absicht bei ihr
gewest, so da sie letzlich laut geschrieen und ihn mit den Ketten aufs Haubt
geschlagen, worauf er endlich von ihr gewichen. Solches versprach Dn. Syndicus
zu besorgen, aber ihre Defension anlangend, die sie nunmehro fortsetzte, so
vermeinete er, da es besser geschhe, wenn des impetus2 nicht weiter gedacht
wrde, so der Amtshaubtmann auf ihre Keuschheit versuchet. Denn, sprach er,
dieweil das frstliche Hofgericht in Wolgast dein Urtel spricht, wrde dir
solches Frgehen mehr schaden denn ntzen, angesehen der Praeses desselbigen ein
Vetter von dem Amtshaubtmann ist, und hufig mit ihme auf der Jagd conversiret.
Dazu kmmt da du, als einer so groen Uebelthat gerchtiget, nicht fidem hast,
zumalen du keine Zeugen wider ihn stellen kannst. Es wrde dannenhero nimmer zu
Recht wider dich erkannt werden, da du solche Sag in der Urgicht3 solltest
bekrftigen, als von welcher ich dich durch meine Defension zu lsen, doch
anhero kommen bin. Solche Grnde schienen letzlich uns beiden vernnftig und
beschlossen wir, die Rache dem allmchtigen Gott zu berlassen, der in das
Verborgene siehet, und dem wir alleine unsere Unbill klagen wollten, da wir sie
denen Menschen nicht klagen durften. Was mein Tchterlein aber sonst frbrachte,
von der alten Lisen, item in dem guten Leumuth, in welchem sie ehedem bei
mnniglich gestanden, wllte er Allens zu Papier bringen, und von dem Seinen
hinzufgen so viel und so gut es ihm mglich, umb sie von der Marter mit des
allmchtigen Gottes Hlfe zu erlsen. Sie sllte sich nur geruhsam halten, und
sich demselbigen empfehlen. Binnen zweener Tagefrist hoffe er mit seiner
Defension fertig zu sein, umb ihr solche frlesen zu knnen. - Als er nunmehro
den Bttel wieder rief, kam selbiger aber nit, sondern schickete sein Weib, umb
die Gefngn zuzuschlieen, und nahm ich mit vielen Thrnen von meim Kind
Abschied, unterde Dn. Syndicus auf ihren dreusten Kerl schalt und ihr
verzhlete, was frgefallen, umb es ihm wieder zu sagen. Doch schickete er das
Weib noch einmal wegk, und kehrete alsdann wieder umb, sagende, er htte
vergessen gewisse Kundschaft einzuziehen, ob sie wirklich die lateinische Sprach
verstnde. Sie mge also ihre Defension einmal auf lateinisch sagen, so es ihr
mglich. Und hob sie nunmehro an, eine Viertelstunde lang und darber, selbige
also zu fhren, da nit blo Dn. Syndicus, sondern ich selbsten mich ber sie
verwundern mute, angesehen ihr kein einzig Wrtlein fehlte, denn das Wrtlein
Schweinsigel so wir beide in der Eile aber auch nit wuten, als sie uns darumb
befragete. Summa: Dn. Syndicus wurde ein gro Theil freundlicher als sie ihre
Oration beendiget, und valedicirete 4 ihr mit dem Versprechen, sich alsofort an
die Arbeit zu machen.
    Und sahe ich ihn nunmehro nit wieder bis auf den dritten Tag morgens umb 10
Uhren, angesehen er im Schlo auf einem Zimmer arbeitete, so ihm der
Amtshaubtmann gegeben, allwo er auch gessen, wie er mir durch die alte Ilse
sagen lie, als sie ihm des andern Tages die Frhkost bringen wollte.
    Um vorbemeldete Zeit aber lie er mich durch den neuen Bttel rufen, so
allbereits aufsein Frwort aus Uzdom angekommen. Denn der Amtshaubtmann htte
sich fast sehr erzrnet, als er vernommen, da der dreuste Kerl mein Kind im
Gefngn wre angangen und im Zorn gerufen: potz Element, ich werde dich
caressiren helfen! ihm darauf auch mit einer Hundepeitschen, den Buckel wacker
abgebluet, so da sie jetzunder wohl Friede vor ihm haben slle.
    Aber der neue Bttel war fast rger denn der alte, wie man leider bald
weiters hren wird. Er hie Meister Kppner und war ein langer Kerl mit eim
grausamen Antlitz, und einem also groen Maul, da ihm bei jeglichem Wort der
Speichel zur Seiten herausfuhr, und an seim langen Bart, wie ein Seifenschaum
bekleiben blieb, also da mein Tchterlein fr ihn eine absonderliche Angst
hatte. Auch that er bei jeglicher Gelegenheit, als wenn er hohnlachete, welches
auch beschah als er uns die Gefngnthre aufgeschlossen, und mein arm Kind in
ihrem Jammer sitzen sah. Ging aber alsbald ungefordert seiner Straen, worauf
Dn. Syndicus seine Defension aus der Taschen zog, umb uns solche frzulesen. Und
haben wir nur die frnehmsten Stcke davon behalten, so ich hier anfhren will,
die Autores aber grtentheils vergessen:

1) hub er an da mein Tchterlein bishero immer in eim guten Geschrei gewesen,
wie nicht nur das ganze Dorf, sondern auch meine Dienstleute bezeugeten, ergo
knne sie keine Hexe sein, inmaen der Heiland gesaget: ein guter Baum kann
nicht arge Frchte bringen Matth am siebenten.

2) was die Zauberei im Dorf anbelangte, so mchte solche wohl die alte Lise
angerichtet haben, angesehen sie einen Ha gegen Ream trge, und schon lange in
eim bsen Geschrei gewest und htte nur die Gemein aus Furcht fr dieser alten
Hexen nit sprechen wllen. Darumb msse noch Zutern ihr klein Mdchen verhret
werden, als welche es gehrt, da ihr Ehekerl zu der alten Lisen gesaget: sie
htte einen Geist, und wlle ers dem Priester sagen. Denn wiewohl selbige annoch
ein Kind wre, stnde doch geschrieben Ps. 8: Aus dem Munde der jungen Kinder
und Suglinge hastu dir eine Macht zugerichtet, und htte der Heiland selbsten
Matth. 21 auf das Gezeugni derer Kinder sich berufen.

3) Dannenhero mchte die alte Lise auch wohl die Ackerstcke item die Obstbume
bezaubert haben, anerwogen nicht anzunehmen stnde, da Rea so sich bishero als
eine artige Tochter bezeuget, ihrem eigenen Vater slle das Korn behexet, oder
ihm Raupen gemacht haben. Denn Niemand sage die Schriftknne zween Herrn dienen.

4) item mchte sie auch wohl der Grnspecht gewesen sein, so Reae wie dem alten
Paasschen im Streckelberg begegnet wre, und selbsten ihren Ehekerl aus Furcht
vor dem Priester dem bsen Feind bergeben haben, anerwogen wie Spitzel de
expugnatione Orci beibrchte, item der malleus maleficarum5 auer Zweifel
setzete, die leidigen Kinder des Satans sich oftermalen in allerlei Thiere
verkehreten, nicht minder als es der garstige Unhold selbsten schon im Paradiese
gethan, da er unsere ersten Aeltern unter der Gestalt einer Schlangen verfhret.
Genes am 3ten.

5) Htte die alte Lise auch wohl das bse Wetter gemacht, als Dn. Consul mit Rea
vom Streckelberg gekommen, alldieweil es unmglich wre, da dieses Rea gewest,
indem sie auf dem Wagen gesessen und die Hexen, wenn sie Wetter macheten, immer
im Wasser stnden, und sich solches rcklings ber den Kopf wrfen, item die
Steine mit eim Stock weidlich abklopfeten, wie Haunold frbringe. Selbige mge
denn auch wohl am besten um die Pogge und den Schweinsigel wissen.

6) Wrde Reae irrthmlich als ein crimen ausgeleget, was doch zu ihrer
Rechtfertigung deihen mte, nmlich ihr pltzlicher Reichthumb. Denn der
malleus maleficarum besage ausdrcklich, da nie eine Hexe nicht reich wrde,
besondern Satanas zur Unehre Gottes sie immer umb ein Spottgeld kaufe, damit sie
nit durch solchen Reichthumb sich verriethen6, dieweil nun aber Rea reich worden
wre, knne sie ihr Gut nicht durch den leidigen Erzfeind gewonnen haben,
besondern es wre wahr, da sie Birnstein im Berg gefunden. Da solche Ader aber
nachmalen nit zu finden gewest, mge auch wohl durch den Zauber der alten Lisen
beschehen sein, oder die Sehe htte auch den Berg unten abgesphlet, wie
oftermalen geschhe, also da er oben nachgeschossen, und die Sttte verschttet
wre; so da hierbei nur ein miraculum naturale7 sich ereugnet. Den Beweis so er
aus der Schrift beibrachte haben wir vergessen, da er auch nur gadlich8 war.

7) Ihre Umtaufe anlangend; so htte die alte Vettel selbsten gesaget, da sie
weder den Teufel noch irgend einen Geist oder Menschen umb Ream gesehen, und
mge sie sich dannenhero immer natrlich gebadet haben, umb des andern Tages den
schwedischen Knig zu begren, angesehen es heies Wetter gewesen und solches
nicht geradezu die Schaamhaftigkeit einer Jungfer turbire.
    Denn da sie Einer sehen wrd, htte sie wohl so wenig vermuthet, als die
Bathseba die Tochter Eliams das Weib Uriae des Hethiters, so sich auch gebadet,
wie 2 Sam. 11,2 geschrieben stnd, ohne zu wissen, da David ihrer ansichtig
worden. Auch knne ihr Maal kein Satansmaal sein, dieweil ein Gefhl darinnen
vorhanden gewest; ergo wre es ein natrlich Maal, und erlogen, da sie es vor
ihrem Bade noch nicht gehabt. Ueberdie wr in diesem Punkt der alten Vettel gar
nit zu trauen, da sie dabei von einer Wiedersprechung in die andere gerathen,
wie Acta besagten.

8) Auch die Zauberei mit Paasschen seim klein Tchterlein mge Reae nit mit
Recht zugemuthet werden. Denn da die alte Lise auch in der Stuben aus und
eingegangen, ja sich auf das Bucheken des kleinen Mgdleins gesetzet, als
Pastor sie besuchet, mge dieses bse Weib, so einmalen einen groen Groll auf
Ream trgesolches Zauberwerk mit der Macht des bsen Feindes und unter Zulassung
des gerechten Gottes auch wohl frgenommen haben. Denn der Satanas sei ein
Lgner und ein Vater der Lgen wie unser Herr Christus sage, Johannes am achten.

9) Anlangend nun den Spk des leidigen Bsewichts, so in Gestalt eines haarigten
Riesen auf den Berg erschienen; so wre dieses freilich das schwerste Gravamen,
anerwogen nit blos die alte Lisesondern auch drei achtbare Zeugen sein ansichtig
worden. Allein wer wte, ob die alte Lise auch nit diesen Teufelsspk
herfrgebracht umb ihren Feind ganz zu verderben. Denn wiewohlen solcher Spk
der Junker nit gewest, wie Rea frgegeben, wre es gar leichtlich mglich, da
sie dennoch nit gelogen, besondern den Satanas, der die Gestalt des Junkers
angenommen, fr selbigen angesehen. Exemplum gbe die Schrift selbsten. Denn
alle Theologi der gesammten protestantischen Kirchen stimmeten darinnen berein,
da der Spk, so die Hexe von Endor dem Knige Saul gewiesen, nicht Samuel
selbsten, besondern der leidige Satanas gewest. Nichts destoweniger htte Saulus
ihn fr den Samuel gehalten. Also mge die alte Vettel Reae auch wohl den
leidigen Teufel herfrgezaubert haben, ohne da sie es gemerket, da es nicht
der Junker, sondern Satanas gewest, der nur des Junkers Gestalt angenommen, umb
sie zu verfhren. Denn da Rea ein schn Weib sei, wre es nicht zu verwundern,
da der Teufel sich mehr Mh umb sie gbe, denn umb eine alte trockene Vettel,
angesehen er von jehero nach schnen Weibern getrachtet umb sie zu beschlafen.
Genes. 6, 2.

Endelich brachte er fr: da Rea auch nicht als eine Hexe gezeichnet und weder
eine krumme Nase noch rothe Gluderaugen htte. Wohl aber htte die alte Lise
beides, so Theophrastus Paracelsus als ein sicher Merkzeichen der Zauberei
angbe, sprechende: die Natur zeichnet Niemands also, es sei denn ein
Migerth, und seind dies die Hauptzeichen so die Hexen an ihnen haben, wenn sie
der Geist Asiendens berwunden hat. -
    Als Dn. Syndicus nunmehro mit seiner Defension fertig war, war mein
Tchterlein so erfreut darber, da sie ihm wollte die Hand kssen; allein er
ri seine Hand zurcke, und pustete dreimal darber, so da wir leichtlich
vermuthen kunnten, es wre ihme mit solcher Defension annoch selbsten kein
Ernst. Brach auch alsobald mrrisch auf, nachdem er sie dem Schutz des Hchsten
empfohlen, und bat mich, meinen Abschied kurz zu machen, da er heute noch wieder
nach Hause wlle, was ich denn auch leider thun mute.

                                    Funoten


1 Apostelgeschichte 12, 7.

2 Angriff.

3 Auf der Folter.

4 Nahm Abschied.

5 Der berhmte Hexenhammer Innocentius VIII. welcher 1489 erschien und das bei
den Hexenprozessen zu beobachtende Verfahren vorschrieb.

6 Die Originalworte des Hexenhammers Tom. I. quaest. 18. lauten auf die Frage
cur maleficae non ditentur: ut juxta complacentiam daemonis in contumeliam
creatoris, quantum possibile est, pro vilissimo pretio emantur, et secundo, ne
in divitiis notentur.

7 natrliches Wunder.

8 plattdeutsch: fr mittelmig.


                                  Capitel 23.

     Wie mein arm Tchterlein soll mit der peinlichen Frag beleget werden.

Als nunmehro Akta an Ein lobsam Hofgericht verschicket worden, whrete es wohl
an die 14 Tagebevorab Antwort kam. Und war Se. Gestrengen der Amtshaubtmann
sonderlich freundlich gegen mich, erlaubte auch, da das Gericht wieder
heimbgekehret, da ich mein Tchterlein so oft sehen kunnte, als ich begehrete,
wannenhero ich den grten Theil des Tages umb sie war. Und, wenn dem Bttel die
Zeit zu lange whrete, da er auf mich passen mute gab ich ihm ein Trinkgeld,
und lie mich von ihm mit meim Kind einschlieen. Auch war der barmherzige Gott
uns gndig, da wir oft und gerne beten mugten. Denn wir hatten wieder eine
steife Hoffnung und vermeineten, da das Creuz, so wir gesehen, nun bald wre
frbergezogen und der grimmige Wulf schon seinen Lohn bekommen wrde, wenn ein
lobsam Gericht Acta einshe, und an die frtreffliche Defension gelangete, so
Dn. Syndicus vor mein Kind gefabriciret. Darumb fing ich auch wieder an
aufzuheitern, zumalen als ich sahe, da meinem Tchterlein die Wangen sich gar
lieblich rtheten. Doch am Donnerstag den 25sten mensis Augusti umb Mittag fuhr
Ein ehrsam Gericht abereins auf den Schlohof, als ich mit meim Kind nach meiner
Weis' wieder im Gefngn sa und die alte Ilse uns die Kost brachte, so aber
fr Thrnen uns die Nachricht nicht geben kunnte. Aber der lange Bttel schauete
lachend zur Thren herein und rief: ho ho, nu sind se da, nu wadd dat Ketteln
wohl los gahn1 worber mein arm Kind sich schudderte2 doch mehr ber den Kerl
denn ber die Botschaft. Selbiger war auch kaum fortgangen, als er schon wieder
kam, umb ihr die Ketten abzunehmen und sie abzuhohlen. Folgete ihr also in das
Gerichtszimmer, wo Dn. Consul die Sentenz Eines lobsamen Gerichtes frlas, da
sie ber die gefaten Artikul noch einmal in Gte slle gefraget werden, und
bliebe sie verstockt, wre sie der peinlichen scharfen Frag zu unterwerfen, denn
die beigebrachte Defension haue nicht aus, besondern es wren, indicia legitima
praegnantia et sufficientia ad torturam ipsam3 frhanden als:

1) mala fama4
2) maleficium, publice commissum5
3) apparitio Daemonis in monte6

wobei Ein Hochlobsam Hofgericht an die 20 Autores citiret, wovon wir aber wenig
behalten. Als Dn. Consul solches meinem Tchterlein frgelesen, hub er wiederumb
an, sie mit vielen Worten zu vermahnen, da sie mge in Gte bekennen, denn die
Wahrheit kme jetzunder doch an den Tag.
    Hierauf gab sie standhaft zur Antwort: da sie nach der Defension Dn.
Syndici zwar ein besser Urtel gehoffet; allein, da es Gott gefiele, sie annoch
hrter zu prfen, befhle sie sich ganz in seine gndige Hand und knne sie
nicht anders bekennen, denn sie vorhero gethan, da sie nmblich unschuldig sei
und bse Menschen sie in dies Elend gefhret. Hierauf winkete Dn. Consul dem
Bttel, welcher aus der andern Stuben Pastorem Benzensem7 in seinem Chorrock
hereinlie, so von dem Gericht bestellet war, umb sie noch besser aus Gottes
Wort zu vermahnen. Selbiger tht einen groen Seufzer und sprach: Maria, Maria,
wie mu ich dich wiedersehen! worauf sie anhub gar heftig zu weinen, und ihre
Unschuld abermals zu betheuern. Aber er kehrete sich nicht an ihren Jammer,
besondern nachdem er sie hatte das Vaterunser, Aller Augen und Gott der
Vaterwohn uns bei beten lassen, hub er an ihr den Gruel frzustellen, den der
lebendige Gott an allen Zauberern htte, angesehen ihnen nicht nur im alten
Testamente die Strafe des Feuers wre zuerkannt worden, sondern auch der heilige
Geist im N. Testament ausdrcklich sage, Gall. am fnften: da die Zauberer
nimmer wrden das Reich Gottes erben, sondern ihr Theil wrde sein in dem Pfuhl,
der mit Feuer und Schwefel brennet, welches ist der andere Tod Apocal. 21. Sie
mge also nicht trotziglich sein, noch dem Gericht die Schuld geben, wenn sie
also geplaget wrde, denn das Alles geschhe aus christlicher Liebe und umb ihre
arme Seele zu retten. So mge sie denn umb Gottes und ihrer Seeligkeit willen
nicht lnger ihre Bue verschieben, ihren Leib martern lassen, und ihre arme
Seele dem leidigen Satan bergeben, welcher ihr doch nicht in der Hllen halten
wrde, was er ihr hier auf Erden versprochen, denn er wre ein Mrder von Anfang
und ein Vater der Lgen Joh. am 8ten. O, Maria rief er aus mein Kindlein, die du
so oft auf meinem Schoo gesessen und fr die ich jetzunder alle Morgen und
Abend zu meinem Gotte schreie, wiltu mit dir und mir kein Erbarmen tragen, so
trage Erbarmen mit deinem rechtschaffenen Vater, den ich fr Thrnen nicht
ansehen kann, da sein Haar in wenig Tagen schloowei geworden, und rette deine
Seele mein Kind, und bekenne! Siehe dein himmlischer Vater betrbet sich anjetzo
nicht minder ber dich, denn dein leiblicher Vater, die heiligen Engel verhllen
fr dir ihre Augen da du, die du einst ihr lieblich Schwesterlein warest,
nunmehro eine Schwester und Braut des leidigen Teufels worden bist. Darumb kehre
umb und thue Bue! Dein Heiland rufet dich verirrtes Lmmelein heute wieder
zurck zu seiner Heerden. Sollte nicht gelset werden diese, die doch Abrahams
Tochter ist, von den Banden, welche Satanas gebunden hat, lautet sein barmherzig
Wort Lukas am dreizehnten; item: kehre wieder zuabtrnnige Seele, so will ich
mein Antlitz nicht gegen dich verstellen, denn ich bin barmherzig, Jeremias am
dritten. So kehre denn wieder du abtrnnige Seele zu dem Herrn deinem Gotte! -
Der eines abgttischen Manasses sein bufertiges Gebet erhret 2. Chronika 33.
der die Zuberer zu Ephese durch Paulum zu Gnaden aufgenommen Act. 19,
Derselbige dein barmherziger Gott rufet dir anjetzo zu, wie dorten dem Engel der
Gemein zu Epheso gedenke wovon du gefallen bist und thue Bue Apocal. 2. O,
Maria, Maria, gedenke wovon du gefallen bist mein Tchterlein und thue Bue! -
    Als er hierauf stille schwieg, whrete es eine fast groe Zeit, ehebevor sie
fr Thrnen und Schluchzen ein Wrtlein herfrbringen konnte, bis sie endlich
zur Antwort gab: wenn Lgen Gott nicht minder verhat seind, als die Zauberein;
so darf ich auch nicht lgen, sondern mu umb Gottes willen bekennen, wie ich
immer bekennet, da ich unschuldig bin.
    Hierauf ergrimmete Dn. Consul in seinen Mienen und fragete den langen
Bttel, ob Alles in Bereitschaft sei item die Weiber bei der Hand wren, umb
Ream auszukleiden, worauf er nach seiner Weise lachend zur Antwort gab: hoho an
mir hat's noch niemalen gefehlt und soll's auch heute nicht fehlen, ich will sie
schon kitzeln, da sie bekennen soll.
    Als er solches gesaget, redete Dn. Consul wieder mein Tchterlein an und
sprach: du bist ein dumm Ding, und kennest die Pein nit, so dir bevorstehet,
darumb bist und bleibst du verstockt. Aber folge mir anjetzo in die
Marterkammer, da der Angstmann die Instrumenta zeige, ob du vielleicht noch
einen andern Sinn bekmmst, wenn du erst gesehen, was die peinliche Frag
bedeutet.
    Hierauf ging er voran in ein ander Zimmer und folgete ihm der Bttel mit
meim Kind. Doch als ich nachgehen wollte, hielt mich Pastor Benzensis fest und
beschwor mich mit vielen Thrnen solches nicht zu thun, besondern hier zu
verbleiben. Aber ich hrete nicht auf ihn sondern ri mich los und schwur
dagegen, so lange sich noch eine Ader und Sehne in meinem armen Leib rhrete,
wollte ich mein Kind nicht verlassen. Kam also auch in das andere Zimmer, und
von dannen in einen Keller nieder, wo die Marterkammer war, in der es aber keine
Fenstern hatte, damit Niemand das Geschrei derer Gengsteten von drauen hren
mge. Darumb brenneten hier bereits zween Fackeln, als ich eintrat, und
wiewohlen Dn. Consul mich gleich zurckweisen wollte, lie er sich letzlich doch
erbarmen, da ich bleiben durfte.
    Und trat nun dieser hllische Hund der Bttel herfr und zeigte meinem armen
Kind mit Frohlocken, zuerst die Leiter sprechende:
    sieh! darauf wirst du zuerst gesetzet und die Hnde und Fe dir angebunden.
Darauf bekommst du hier die Daumschrauben an, wovon dir gleich das Blut aus den
Fingerspitzen herfrsprtzet, wie du sehen kannst, da sie annoch roth sind vom
Blut der alten Gust Biehlkschen, welche vor einem Jahr gebrennet wurde, und
anfnglich auch nit bekennen wollte. Wiltu dann noch nit bekennen, so ziehe ich
dir hier die spanischen Stiefeln an, und seind sie dir zu gro, so klopfe ich
dir einen Keil dazwischen, da die Wade so hinten istsich nach vorne zeucht urtd
das Blut dir aus den Fen herausscheut, als wenn du Brummelbeeren durch einen
Beutel preest.
    Wiltu dann noch nit bekenne - holla! brllete er anjetzo und stie mit dem
Fu an eine Thr hinter ihme, da das ganze Gewelbe erbebete, und mein arm Kind
fr Schreck in die Kniee fiel. Whrete auch nit lange, so brachten zween Weiber
einen Kessel in welchem glhend Pech und Schwefel proddelte8 lie also der
Hllenhund den Kessel zur Erden setzen, hohlete unter seim rothen Mantel, so er
umbhatte, eine Fledderwisch hierfr, woraus er an die sechs Posen zog und
selbige alsdann in den glhenden Schwefel tunkete. Als solches geschehen, und er
sie eine Zeitlang im Kessel gehalten, wurf er sie auf die Erden, worauf sie hin
und herfuhren, und den Schwefel wieder von sich sprtzeten. Nunmehro rief er
wieder meim armen Kind zu: sieh! diese Posen werf ich dir alsdann auf die weien
Lenden, und frit der glhende Schwefel dir sogleich das Fleisch bis auf die
Knochen durch, damit du einen Vorschmack gewinnest von der Lust der Hllen, die
dein harret.
    Als er soviel mit Hohnlachen gesprochen, berkam mich ein so groer
Jachzorn, da ich aus der Ecken herfrsprang, wo ich mein zitternd Gebein an
einer alten Tonnen gesttzet, und schriee: o du hllischer Hund sprichstu das
aus dir selbsten, oder haben es dich Andere geheien, wofr der Kerl aber mir
einen Sto auf die Brust gab, da ich an die Wand zurcke fiel, und Dn. Consul
im groen Zorn rief: Alter Narre, da Er ja durchaus allhier verbleiben will; so
lasse Er mir den Bttel in Frieden, wo nicht, so lasse ich Ihn alsogleich aus
der Kammer bringen. Was der Bttel gesaget, ist seine Schuldigkeit, und wird es
Seiner Tochter also ergehen, wenn sie nicht bekennet, und zu vermuthen steht,
da der hllische Feind ihr was gegen die Pein gebrauchet9. Hierauf fuhr der
hllische Hund wieder zu meim armen Tchterlein fort, ohne mein weiters zu
achten, als da er mir in das Angesicht lachete sieh! wenn dir nunmehro deine
Wolle genommen ist, ho ho ho, ziehe ich dich durch diese zwo Ringe unten an der
Erden und oben am Boden in die Hhe, recke dir die Arme aus und binde sie oben
an die Decken, worauf ich diese beiden Fackeln nehme und solche dir unter den
Achseln halte, da deine Haut gleich wird als die Schwarte von einem Schinken,
so im Rauch gehnget. Alsdann soll dir dein hllischer Buhler nit mehr beistehen
und du sollt die Wahrheit schon bekennen. Nunmehro hast du Allens gesehen und
gehret, was ich mit dir im Namen Gottes und der Oberkeit frnehme.
    Jetzunder trat wiederumb Dn. Consul fr und vermahnete sie nochmals die
Wahrheit zu bekennen. Als sie aber bei ihrer Sag verharrete, bergab er sie
denen beiden Weibern so den Kessel gebracht, da sie sie nackend ausziehen
sollten, wie sie von Mutterleib kommen, und ihr darauf das schwarze Marterhemd
anziehen, nachgehends aber noch einmalund zwar baarfu, die Treppe hinaufleiten
vor Ein ehrsam Gericht. Aber da die eine von diesen Weibsbildern des
Amtshaubtmanns seine Ausgebersche war (die andere war den dreusten Bttel seine
Frau) sagte mein Tchterlein, da sie sich nur wlle von ehrsamen Weibern
angreifen lassen, nicht aber von der Ausgeberschen und mge Dn. Consul ihre Magd
rufen lassen, so wohl annoch in ihrem Gefngn se und in der Bibel lse, wenn
er sonsten kein ehrsam Weibsbild in der Nhe wte. Hierauf erhub die
Ausgebersche ein gro Maul und ein gewaltig Schimpfen, was ihr aber Dn. Consul
verbott, und meinem Tchterlein zur Antwort gab: da er auch dieses ihr
nachsehen wlle und mge nur den dreusten Bttel seine Frau die Magd aus dem
Gefngn anhero rufen. Nachdem er solches gesaget griff er mich unter meinen
Arm und flehete mich also lange mit ihm gen Oben zu kommen, dieweil meinem
Tchterlein annoch kein Leides geschehen wrde, bis ich seinen Willen thate.
    Whrete aber nit lange, so kam sie selbsten baarfu und in dem schwarzen
Marterhemde mit den beiden Weisbildern heraufgestiegen, doch also bla, da ich
sie kaum selbsten kennen kunnte. Der abscheuliche Bttel aber so dicht hinter
ihr ging, griff sie an die Hand, und stellete sie vor Ein ehrsam Gericht.
    Nachdem solches geschehen, ging das Vermahnen wieder los und sagte Dn.
Consul: sie slle einmal niedersehen auf die braunen Flecken, so in dem Hemde
wren. Dieses wre auch noch das Blut der alten Biehlkschen, und mge sie
bedenken, da umb wenig Minuten ihr eigen Blut auch daraus herfrsprtzen wrde.
Hierauf gab sie aber zur Antwort: dieses bedenke ich gar wohl, doch hoffe ich,
da mein treuer Heiland, der mir unschuldig diese Pein hat auferleget, selbige
mir auch wird tragen helfen, wie den heiligen Mrtyrern. Denn haben diese mit
Gottes Hlfe die Pein im rechten Glauben berwunden, so ihnen die blinden Heiden
anthaten, kann ich auch die Pein berwinden, welche mir blinde Heiden anthun, so
zwar Christen sein wllen, aber grausamer seind, denn die alten. Denn die alten
Heiden haben die heiligen Jungfrauen doch nur von denen grimmigen Bestien
zureien lassen, ihr aber, welche ihr das neue Gebot habet: da ihr euch
untereinander lieben sollt, wie Euer Heiland euch geliebet hat, damit Jedermann
daran erkenne, da ihr seine Jnger seid, Johannes am dreizehnten, ihr wollet
selbsten diese grimmigen Bestien spielen und den Leib einer unschuldigen
Jungfrauen, so eure Schwester ist, und euch nie was Leides gethan lebendig
zureien. So thut denn, was euch geliebet, doch sorget, wie ihr es fr eurem
hchsten Richter verantworten wllet. Ich sage nochmals: das Lmmlein
erschrcket nicht, denn es stehet in der Hand des guten Hirten.
    Als mein unvergleichlich Kind also geredet, stund Dn. Consul auf, und nahm
seine schwarze Kappen ab, so er immer trug, dieweile ihm die Haare auf dem
Scheitel schon ausgefallen, verneigte sich auch vor dem Gericht und sprach: Eim
ehrsamen Gericht wird angezeiget, da nunmehro die Urgicht und peinliche Frag
der verstockten und gotteslsterlichen Hexen Maria Schweidler anheben soll, im
Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.
    Hierauf stund das ganze Gericht auf bis auf den Amtshaubtmann, so schon
vorhero aufgestanden, und unruhig in der Stuben auf- und abgegangen war. Doch
wei ich von Allem, was nunmehro erfolget und ich selbsten gethan hab, kein
Wrtlein mehr, will es aber getreulich berichten, wie es mir mein Tchterlein
und andere testes vermeldet. Und zwar verzhlen sie also:
    Als Dn. Consul nach solchen Worten die Sanduhr genommen, so auf dem Tische
stund und vorauf getreten, habe ich durchaus nit wllen, worauf erstlich Pastor
Benzensis mit vielen Worten und Thrnen mich gebeten von meinem Frhaben
abzulassen, darauf aber, wie es nichtes verfangen, mein Tchterlein selbsten mir
die Wangen gestreichelt, und gesprochen: Vaterhabt Ihr auch gelesen, da die
heilige Jungfrau dabei gewest als man ihren unschuldigen Sohn gegeielt? Darumb
gehet nunmehro auch zur Seiten. An meinem Scheiterhaufen aber sollet Ihr stehen,
das verspreche ich Euch, wie die heilige Jungfrau unter dem Creuze gestanden
hat, doch anjetzo gehet, gehet, denn Ihr werdet es nicht ertragen, und ich auch
nicht! -
    Als solches aber auch nit verschlagen, hat Dn. Consul dem Bttel Befehl
geben mich mit Gewalt zu greifen und in ein Zimmer einzusperren, worauf ich mich
aber losgerissen, ihme zu Fssen gefallen und ihn beschworen bei den Wunden Jesu
Christi, er wlle mich nit von meinem Tchterlein reien. Solche Gnade und
Gutthat wrde ich ihm nimmermehr vergessen, besondern Tag und Nacht fr ihn
beten, auch am jngsten Gericht vor Gott und den heiligen Engeln sein Frbitter
sein, wenn er mich mitgehen liee. Ich wlle mich auch ganz geruhsam verhalten,
und kein einzig Wrtlein sagen, nur mitgehen mte ich, etc.
    Solches hat den guten Mann also erbarmet, da er in Thrnen ausgebrochen und
also gezittert hat fr Mitleid mit mir, da die Sanduhr ihm aus der Hand
gefallen, und dem Amtshaubtmann fr die Fe getrndelt10 ist, als htt ihm
unser Herr Gott selbsten ein Zeichen gegeben, da seine Uhr bald abgelaufen wr.
Hat es auch gar wohl verstanden; denn er ist bla worden, wie ein Kalk, als er
sie aufgenommen, und Dn. Consuli wiederumb zugestellet. Selbiger hat endlich
nachgegeben, indeme er gesaget, da dieser Tag ihm an die zehn Jahre lter
machen wrd, doch dem dreusten Bttel befohlen, welcher auch mit gangen ist,
mich alsogleich wegkzufhren, so ich in whrender Marter rumor machen sllte.
Und ist nun das ganze Gericht niedergestiegen doch, ohne den Amtshaubtmann, der
gesaget, da ihm der Kopf wehe tht, und er glube, da sein alt malum, die
Gicht, wiederkme weshalben er in ein ander Zimmer gangen ist. Item ist Pastor
Benzensis auch von dannen gegangen.
    Drunten im Keller htten allererst die Bttel Tische und Sthle gebracht,
worauf sich das Gericht gesetzet, und Dn. Consul mir auch einen Stuhl
hingeschoben; doch wre ich nit darauf niedergesessen, besondern htte mich in
einer Ecken auf meine Kniee geworfen. Als solches beschehen, wre das leidige
Vermahnen wieder losgangen, doch da mein Tchterlein wie ihr unschuldiger
Heiland fr seinen ungerechten Richtern kein einzig Wrtlein Antwort geben, wre
Dn. Consul aufgestanden und htte dem langen Bttel Befehl gegeben sie nunmehro
auf die Marterbank zu setzen.
    Sie htte gezittert wie ein Espenlaub, als er ihr die Fe und Hnde
festgebunden, und als er nunmehro ein alt garstig und kthigt Tuch, worin er den
Tag Fische getragen, wie meine Magd gesehen, und worauf noch die hellen Schuppen
bei Haufen gesessen, ihr umb ihre lieblichen Aeugeleins binden wllen, wre ichs
gewahr worden und htte mein seidin Halstuch abgelset, bittende, er wlle
dieses nehmen, welches er auch gethan. Hierauf wren ihr die Daumschrauben
angeleget und sie nochmals im Guten befraget; doch sie htte nur ihr blindes
Haupt geschttelt und mit ihrem sterbenden Heiland geseufzet: Eli, Eli, lama
sabachthani, und hierauf griechisch: dee me, dee me, ina ti me egkatelipez.11
Darauf wre Dn. Consul zurckgeprallet, und htt ein Creuz geschlagen (denn
dieweil er kein Griechisch verstunde, htte er geglubet, wie er nachgehends
selbsten sagte, sie htte den Teufel angerufen ihr zu helfen) und nunmehro mit
lauter Stimmen dem Bttel zugeschriien: schraubet!
    Als ich aber solches gehret, htte ich einen erschrcklichen Schrei
herfrgestoen, da das ganze Gewelbe gezittert, worauf mein, fr Angst und
Verzweiflung sterbendes Kind da sie meine Stimme erkennet, ernstlich mit ihren
gebundenen Hnden und Fen gerucket, wie ein Lmmlein auf der Schlachtbank, so
verscheiden will, und darauf gerufen: lasset mich los, ich will Allens
bekennen, was ihr wollet. Dieses htte Dn. Consulem also erfreuet, da er in
whrender Zeit der Bttel sie losgebunden, auf seine Kniee gefallen und Gott
gedanket htte, da er ihme von dieser Qual geholfen. Doch wre mein verzweifelt
Kind nicht alsobald abgebunden und htte ihre Dornenkron (verstehe mein seidin
Halstuch) abgelegt, als sie von der Leiter gesprungen und sich auf mich
gestrzet, der ich wie ein Todter in tiefer Unmacht in der Ecken gelegen.
    Solches htte Ein ehrsam Gericht verdroen, und nachdem die beiden Bttel
mich wegkgetragen, wre Rea vermahnet nunmehro, wie sie versprochen, ihre
Urgicht zu thun. Wre aber zu schwach gewest, um auf ihren Fssen zu stehen, und
wiewohlen Dn. Camerarius gebrummet, htte Dn. Consul ihr dennoch einen Stuhl
geben, auf welchem sie sich gesetzet. Und seind dieses die hauptschlichsten
Fragen gewest, so ihr auf Befehlich Eines Hochlobsamen Hofgerichtes wie Dn.
Consul gesaget, frgeleget worden, und ad protocollum genommen sind:
    Q. Ob sie zaubern knne?
    R. Ja sie knne zaubern.
    Q. Wer ihr solches gelehret?
    R. Der leidige Satan selbsten.
    Q. Wieviel Teufel sie habe?
    R. Sie htte an einem genug.
    Q. Wie dieser Teufel hiee?
    Illa. (sich besinnende) hiee Disidaemonia12.
    Hierauf htte sich Dn. Consul geschuddert und gesaget: das mte ein recht
erschrcklicher Teufel sein, dieweil er niemalen solchen Namen gehret. Sie
slle selbigen buchstabiren, damit der Scriba keinen error mache, welches sie
auch gethan, und ist hierauf fortgefahren wie folget:
    Q. In welcher Gestalt ihr selbiger erschienen?
    R. In der Gestalt des Amtshaubtmanns, oftmalen auch wie ein Bock mit
grimmigen Hrnern.
    Q. Ob und wo sie Satan umgetaufet?
    R. In der Sehe.
    Q. Welchen Namen er ihr geben?
    R. 13
    Q. Ob auch Etzliche aus der Nachbarschaft bei ihrer Umtaufe gewest und
welche?
    Hier hat mein unvergleichlich Kind ihre Aeugelein gen Himmel geschlagen,
eine Zeitlang stille geschwiegen, als besnne sie sich, ob sie die alte Lise
angeben slle, oder nicht und dann endlich gesaget: nein!
    Q. Mte doch Paten gehabt haben! Welches diese gewesen und was sie ihr
eingebunden zum Pathengeld?
    R. Wren nur Geister dabei gewest, weshalben die alte Lise auch nichtes
gesehen, als sie ber die Umtaufe hinzugekommen.
    Q. Ob der Teufel ihr beigewohnet?
    R. Sie htte nirgend anders denn bei ihrem Vater ihre Wohnung gehabt.
    Q. Sie wlle wohl nit verstehen. Ob sie mit dem leidigen Satan Unzucht
getrieben, und sich fleischlich mit ihm vermischet?
    Hier ist sie also verschaamrothet, da sie sich mit beiden Hnden die Augen
zugehalten, und darauf angehoben zu weinen und zu schluchzen, und da sie nach
vielen Fragen keine Stimme von sich geben, ist sie vermahnet worden, die
Wahrheit zu reden, widrigenfalls sie der Angstmann wieder auf die Leiter heben
wrd. Hat jedoch endlich nein! gesaget, welches aber Ein ehrsam Gericht nicht
geglubet, sondern sie dem Angstmann abermals befohlen, worauf sie mit ja
geantwortet.
    Q. 14 -
    Q. Ob sie von dem Satan in Wochen gekommen, oder einen Wechselbalg erzeuget
und in welcher Gestalt?
    
    R. Nein wre nie geschehen.
    Q. Ob ihr der bse Geist kein Zeichen oder Maal an ihrem Leib geben und wo?
    R. Die Maale htte Ein ehrsam Gericht ja allbereits gesehen.
    Nunmehro seind wieder die Zaubereien im Dorf frgekommen, so sie alle
eingestanden. Doch hat sie Nichtes wissen wllen umb den alten Seden seinen Tod,
item umb der kleinen Paaschen ihre Krankheit, wie letzlich, da sie mit der
Macht des bsen Feindes mein Ackerstck umgehaket, und mir Raupen in meinem
Kohlgarten gemacht. Und wiewohlen sie abermals mit der Folter bedruet worden,
der Angstmann sie auch zum Schein hat wieder auf die Bank setzen mssen und ihr
die Daumschrauben anlegen, ist sie doch standhaft verblieben, und hat
gesprochen: was wllet Ihr mich martern, da ich doch weit schwerere Dinge
bekennet, denn diese sind, so mir nicht das Leben aufhalten werden wenn ich sie
leugne.
    Dieses hat auch Ein ehrsam Gericht letzlich eingesehen und sie wieder von
der Marterbank heben lassen, zumalen da sie den articulum principalem15
eingestanden, da ihr Satan wahrhaftiglichen als ein Riese wre auf dem Berg
erschienen. Von dem Wetter und der Poggen, item dem Schweinsigel ist aber nichts
mehr frgekommen, alldieweilen Ein ehrsam Gericht nunmehro wohl selbsten die
Unsinnigkeit eingesehen, da sie htte Wetter machen sllen, da sie ruhig auf
dem Wagen gesessen. Schlielich hat sie noch gebeten, da ihr mge vergnnt
werden, in demselbigen Kleid dereinst ihren Tod zu erleiden, welches sie
angehabt, als sie den schwedischen Knig salutiret, item ihrem elenden Vater zu
vergnnen, da er mit zum Scheiterhaufen fhre, und dabei stnde, wenn sie
gebrennet wrde, wie sie ihm solches in Gegenwrtigkeit Eines ehrsamen Gerichtes
versprochen.
    Darauf ist sie dem langen Bttel wieder berliefert und selbigem anbefohlen
worden, sie in ein ander und schwerer Gefngn zu setzen. Doch ehe er mit ihr
aus der Kammer gangen, ist den Amtshaubtmann sein Hurenbalg, so er mit der
Ausgeberschen gezeuget, mit einer Trummel in den Keller kommen, hat immerzu
getrummelt und geschrieen: kamt tom Gosebraden, kamt tom Gosebraden16 so da Dn.
Consul in einen schweren Zorn gerathen, und hinter ihm her geloffen. Aber er hat
ihne nicht kriegen mgen, dieweil er in dem Keller guten Bescheid gewut. Und
hat mir der Herr sonder Zweifel meine Unmacht geschicket, da ich dieses neue
Herzeleid nicht mehr haben sllte. Darumb sei ihm allein die Ehre. Amen.

                                    Funoten


1 ho, ho, nun sind sie da, nun wird das Kitzeln wohl anfangen.

2 plattdeutsch: fr schauderte.

3 rechtmige berwiegende und hinreichende Grnde zur Tortur.

4 bses Gercht.

5 ffentlich begangene Zauberei.

6 die Erscheinung des Teufels auf dem Berge.

7 Den Prediger zu Benz, einem unsern von Pudgla belegenen Kirchdorfe.

8 brodelte

9 Denn man whnte, wenn die Hexe die Marter mit ungewhnlicher Geduld ertrug,
oder gar dabei einschlief, wie unbegreiflicher Weise fter vorkam, der Teufel
htte diese Gefhllosigkeit ihnen durch ein Amulet verliehen, das sie an
geheimen Theilen des Krpers verborgen hielten. Zedlers Universallexicon Bd. 44
unter dem Artikel Tortur.

10 plattdeutsch: fr gerollet.

11 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Matth. 27, 46.

12 griechisch und nach der Erasmusschen Aussprache: Deisidaimonia, d.i. der
Aberglaube. Welch bewundernswrdiges Weib! -

13 Dieser Name ist durchaus nicht im Manuscript zu entrthseln.

14 Diese abscheuliche Frage kann ich nur lateinisch hersetzen: num semen
Daemonis calidum fuerit aut frigidum - ob denn der Same des Teufels warm oder
kalt gewesen sei?, worauf sie geantwortet, da sie sich darauf nicht mehr
besinnen knne. Uebrigens kommt diese Frage in allen Hexenprocessen vor, und
wird unbegreiflicher Weise immer mit frigidum beantwortet.

15 Hauptartikel.

16 Kommt zum Gnsebraten!


                                  Capitel 24.

     Wie der Teufel in meiner Gegenwrtigkeit die alte Lise Kolken hohlet.

Als ich mich nach meiner obgedachten Unmacht wiederumb verhohlet, stand den
Krger sein Weib ber mir mit meiner alten Magd und kelleten mir eine Biersuppen
ein. Die alte getreue Person schriee laut auf fr Freuden, als ich meine Augen
wieder aufschlug, und erzhlete mir darauf auf meine Erkundigunge, da mein
Tchterlein sich nit htte recken lassen, besondern freiwillig ihre Uebelthat
bekennet, und sich fr eine Hexe ausgegeben. Solche Kundschaft war mir in meinem
Jammer fast erquicklich, angesehen ich das Feuer fr eine geringere Strafe
erachtete, denn die Marter. Aber als ich anheben wollte zu beten, wollt' es
nicht gehen, worber ich abereins in groen Mimuth und Verzweiflung kam, und
glubete, da der heilige Geist gnzlich sein Angesicht von mir elenden Menschen
abgewendet htte. Und wiewohlen die alte Magd, als sie solches merkete, sich fr
mein Bette stellete, und anhub mir vorzubeten, war es doch umbsonst, und war und
blieb ich ein verstockter Snder. Doch erbarmete der Herr sich mein ohne mein
Verdienst und Wrdigkeit, maen ich bald in einen tiefen Schlaf verfiele, und am
andern Morgenumb Betglockenzeit erstlich wieder aufwachete, wo ich auch wieder
beten kunnte, und ber solche Gnade Gottes annoch in meinem Herzen jubilirete,
als mein Ackersknecht Claus Neels zur Thren hereintrat, und verzhlete, da er
schon gestern gekommen wre umb mir Kundschaft zu geben von wegen meinem Hafer,
dieweil er nunmehro Allens eingeaustet1, Und wre auch der Bttel mit ihm
kommen, so die alte Lise Kolken eingehohlet, inmaen Ein lobsam Hofgericht, wie
der Bttel frgegeben, solches befohlen. Und wre das ganze Dorf darber in
Freuden gewest, aber auch Rea htte gesungen und jubiliret und unterwegs zu
ihnen und dem Bttel gesaget, (denn der Bttel htte sie ein wenig hinten
aufhacken lassen) das slle dem Amtshaubtmann was Schnes bedeuten. Sie slle
nur fr Gericht kommen, dann werde sie wahrhaftig kein Blatt vor ihren Mund
nehmen, und mnniglich sich verwundern was sie herfrbringen wrde. Solch ein
Gericht wre ihr ja was Lcherlichs, und hofirete sie salva venia in die ganze
Brderschaft, et caet.
    Als ich solches gehret, fate ich wieder eine steife Hoffnung und stund
auf, umb zu der alten Lisen zu gehen. Hatte mich aber noch nicht ganz verkleidet
2, als sie selbsten schon den dreusten Bttel schickete, da ich doch ganz
eilends zu ihr kommen und ihr das Nachtmahl geben mge, dieweil sie diese Nacht
fast schwach worden. Dachte dabei mein gut Theil und folgete dem Bttel in Hast,
wiewohl nicht, umb ihr das Nachtmahl zu geben wie mnniglich vor sich selbsten
abnehmen kann. Dabei verga ich alter schwacher Mann aber, mir Zeugen
mitzunehmen. Denn aller Jammer, so ich zeithero gelitten, hatte mir meine Sinne
also umbschattet, da mir solches gar nicht in die Gedanken kam. Nur der dreuste
Bttel folgete mir und wird man weiters hren, wie dieser Bube dem Satan Leib
und Seele bergeben, umb mein Kind zu opfern, da er sie doch htte retten mgen.
Denn als er die Gefngn aufgeschlossen (es war dasselbe Loch wo mein
Tchterlein zeithero gesessen) sahen wir die alte Lise auf der Erden liegen in
eim Bund Stroh und einen Besen zum Kopfkssen (als wllte sie jetzunder damit
zur Hllen fahren, da sie nit mehr darauf zum Blocksberg fahren kunnte) so da
ich mich schudderte als ich ihr ansichtig wurde.
    Und war ich kaum eingetreten als sie ngstlich schriee: ick bin ene Hex,
ick bin ene Hex, erbarm he sich un geb he mi fix3 dat Nachtmal, ick will Em uck
Allens bekennen! Und als ich ihr zurief: so bekenne! sprach sie: da sie
selbsten allen Zauber mit dem Amtshaubtmann im Dorf angerichtet, und mein
Kindlein so unschuldig daran wre, als die Sonne am Himmel. Doch htte der
Amtshaubtmann mehr schuld, angesehen er ein Hexenpriester wre, und einen weit
strkeren Geist denn sie htte, welcher Dudaim4 hiee, und sie die Nacht in das
Genicke gestoen, also da sie es nimmer hohlen wrd. Selbiger Geist htte das
Ackerstck umgepflget, den Birnstein verschttet, das Wetter gemachet, meinem
Tchterlein die Pogge auf ihren Schoo geworfen item ihren alten Ehekerl durch
die Luft von dannen gefhrt.
    Und als ich fragete, wie solches mglich gewesen, da ihr Kerl doch bis fast
nahe an sein Ende ein Kind Gottes gewest, und gerne htte beten mgen, wiewohl
ich mich gewundert, da er pltzlichen in seiner letzten Krankheit andere
Gedanken gekriegt, gab sie zur Antwort, da derselbige eines Tages ihren Geist
gesehen, so sie in Gestalt einer schwarzen Katzen in ihrem Koffer gehabt und
Stoffer hiee und dieweil er gedrohet, solches mir zu verzhlen, wre ihr bange
worden, und htte sie ihn durch ihren Geist also krank machen lassen, da er an
seiner Aufkunft verzaget wre. Nunmehro htte sie ihn vertrstet, da sie ihn
alsobald wieder heilen wlle, wenn er Gotte absagete, der ihn doch nit helfen
knnte wie er wohl einsh. Solches htte er zu thun versprochen, und da sie ihn
alsobald wieder wacker gemacht, wren sie mit dem Silber, so ich vor ihn von dem
neuen Abendmahlskelch abgeschrapet htte, zur Nachtzeit an den Strand gangen wo
er selbiges mit den Worten in die Sehe htte schtten mssen: so wenig dieses
Silber wieder an seinen Kelch kmmt, komme meine Seele wieder zu Gott, worauf
ihn der Amtshaubtmann so auch da gewest umgetaufet im Namen des Satans und ihne
Hans genannt. Pthen htte er nit mehr gehabt, denn sie, (verstehe die alte
Lise) allein. Da er aber in der Johannesnacht zum ersten Male mit ihnen auf dem
Blocksberg gewest (es wre aber der Herrenberg5 ihr Blocksberg) wre auch von
meim Tchterlein die Rede gewest. Und htte Satanas dem Amtshaubtmann es
selbsten zugeschworen, da er sie haben slle. Er wlle dem Alten (womit der
Bsewicht Gott gemeinet) wohl zeigen was er knne, und solle der
Zimmermannsjunge vor Aerger was Schnes in seinen Hosen finden (pfui du
Erzbsewicht, da du solches von meinem Erlser geredet!) Hierber htte ihr
alter Kerl gemurmelt, und da sie ihme niemalen recht getrauet, htte der Geist
Dudaim ihn eines Tages auf des Amthaubtmanns Befohl durch die Luft gefhret,
dieweil ihr Geist Stoffer geheien, zu schwach gewest, umb ihn zu tragen.
Selbiger Dudaim wre auch der Grnspecht gewesen, so mein Tchterlein und
nachgehends den alten Paasschen mit seinem Geschrei herbeigelocket, umb sie zu
verderben. Doch wre der Riese so auf dem Streckelberge erschienen kein Teufel
gewest, sondern wie ihr Geist Stoffer gesagt, der Junker von Mellenthin
selbsten.
    Und wre dies Allens die reine Wahrheit, worauf sie leben und sterben wlle.
Bte dahero umb Gottes Willen, ich wlle mich ihrer erbarmen und ihr auf solch
ihr bufertig Bekenntn die Vergebung ihrer Snden sprechen und das Nachtmahl
reichen, denn ihr Geist stnde dort am Ofen und lachete wie ein Spitzbube, da
es nunmehro mit ihr aus wre. Aber ich gab zur Antwort: ich wollte ja lieber
einer alten Sau das Nachtmahl geben, denn dir vermaledeyeten Hexen, die du nicht
blos deinen eigenen Ehekerl dem Satanas bergeben, besondern auch mich und mein
arm Kind mit Hllenpein zu Tode marterst. Doch ehe sie noch antworten kunnten
begab es sich, da ein Wurm bei eines Fingers Lnge, und gelb an seinem Stei,
in die Gefngnthre gekrochen kam. Als sie solchen sahe, tht sie ein
Geschrei, wie ich es nimmermehr gehret, noch zu hren begehre. Denn als ich in
meiner Jugend in der Schlesien sahe, wie ein feindlicher Soldat einer Mutter in
ihrer Gegenwrtigkeit ein Kindlein spieete, meinete ich, das sei ein Geschrei
gewest, so die Mutter tht; aber dieses Geschrei war ein Kinderspiel gegen das
Geschrei der alten Lisen. Alle meine Haare recketen sich gen Himmel, und auch
ihre rothen Haare wurden also steif, und wie die Reiser von dem Besen anzusehen,
worauf sie lag. Brllete auch ebenmig: das ist der Geist Dudaim, den mir der
verfluchte Amtshaubtmann schicket, das Nachtmahl umb Gottes willen das Nachtmahl
- ich will auch noch viel mehr bekennen -, ich bin schon an die 30 Jahre eine
Hexe! - das Nachtmahl, das Nachtmahl! Also brllende schlug sie mit Hnden und
Fen umb sich, dieweil das garstige Gewrm sich gehoben, und allbereits umb ihr
Lager schnurrete und burrete, da es ein Gruel anzusehen und hren war. Und
rief die Unholdin umwechselnd bald Gott bald ihren Geist Stoffer bald mich an,
ihr beizuspringen, bis das Gewrm ihr mit einem Male in den offenen Rachen fuhr,
worauf sie alsogleich verreckete und schwarz und blau, wie eine Brummelbeer
wurde.
    Hrete darauf weiter nichtes, als da das Fenster klirrete, doch nicht gar
harte, besondern als wenn eine Erbse dagegen geworfen wrd, woraus ich
leichtlich abnehmen kunnte, da Satanas mit ihrer Seelen hindurch gefahren. Der
barmherzige Gott bewahre doch jedes Mutterkind fr solches Ende umb Jesu Christi
unsers lieben Herrn und Heilandes willen, Amen.
    Als ich mich in etwas wieder verhohlet, was aber, lange dauerte, inmaen
mein Blut zu Eis geronnen, und meine Fe so steif wie ein Stock waren, hub ich
an nach dem dreusten Bttel zu schreien, welcher aber nicht mehr im Gefngni
war. Solches nahm mich ein Wunder, da ich ihn doch kurz zuvorab noch gesehen,
ehe denn der Wurmb kam und ahnete mir gleich nichts Gutes. Und also geschah es
auch. Denn als er endlich auf mein Rufen hereinkam, und ich sagete: er mge das
Aas auskarren lassen, so hier eben im Namen des Teufels verrecket wre, that er
ganz verwundert und als ich ihme zuhielt, er wrde doch ein Zeugn ablegen fr
mein Tchterlein von wegen ihrer Unschuld, so die Vettel auf ihrem Todeslager
bekennet, stellete er sich noch mehr verwundert und sprach: da er Nichtes
gehrt htte. Dieses stie mir wie ein Schwert durch mein Herze und fiel ich
drauen an einen Piler6 wo ich wohl eine ganze Zeit gestanden. Ging aber als ich
wieder zu mir selbsten kam zu Dn. Consuli, welcher nach Usedom abfahren wollte
und schon auf dem Wagen sa. Auf mein demthig Bitten aber kam er wieder in das
Gerichtszimmer mit dem Camerario und Scriba herab, und verzhlete ich anjetzo
ihnen Allens was frgefallen, und wie der gottlose Bttel leugne, solches auch
gehrt zu haben. Hierunter habe ich aber viel Wirrisches gesprochen, und unter
andern gesaget, da die Fischlein alle zu meim Tchterlein in den Keller
geschwummen kmen, umb sie zu erlsen. Nichts destoweniger lie Dn. Consul,
welcher oftmalen sein Haupt schttelte, den dreusten Bttel rufen, und befragete
ihn nach seinem Gezeugn. Aber der Kerl gab fr, da er gleich wre fortgangen
da er gemerket da die alte Lise beichten wlle, um nicht abereins angeschnauzet
zu werden. Er habe darum auch Nichtes gehrt. Hierauf htte ich, wie Dn. Consul
nachgehends dem Benzer Pastoren gesaget meine Fuste geballet und geantwurtet:
was du Erzschalk krochst du nicht wie ein Wurmb in der Stuben umbher? Darumb
htte er mich auch, wie einen wirrischen Menschen, nicht weiter angehret, noch
dem Bttel einen Eid abgenommen, sondern htte mich im Zimmer stehen lassen, und
wre wieder auf seinen Wagen gestiegen.
    Wei auch nicht, wie ich herauskommen bin, und war mir am andern Morgen als
die Sonne aufginge und ich bei Meister Seep, dem Krger, in meim Bette lag der
ganze casus, wie ein Traumb. Kunnte auch nit aufstehen, besondern mute den
lieben Sonnabend und Sonntag stille liegen, wo ich viel Allotria geschwzzet.
Erst den Sonntag gegen Abend als ich angehoben mich zu speien und die grne
Galle ausgebrochen, (ist kein Wunder nicht!) ist es besser mit mir worden. Umb
diese Zeit kamb auch Pastor Benzensis vor mein Bette und verzhlete mir, wie ich
es wirrisch gemachet, richtete mich aber durch Gottes Wort also auf da ich
wieder recht aus dem Herzen beten kunnte, was der barmherzige Gott meinem lieben
Gevatter noch am jngsten Gericht vergelten wlle. Denn das Gebet ist fast ein
so wackerer Trster, wie der heilige Geist selbsten, von dem es kommt und
verbleibe ich dabei so lange ein Mensch noch beten kann, da er nicht im
uersten Unglck sei, wenn ihm sunsten auch Leib und Seele verschmachtet wre.
(Ps. 73.)

                                    Funoten


1 eingerndtet, plattdeutsch.

2 angekleidet.

3 schnell.

4 Dieses merkwrdige Wort kommt schon 1 Mos. 30, 15. ff. als der Name einer
Pflanze vor, welche die weibliche Fruchtbarkeit erregt; doch sind die Ausleger
von jeher ber das Wesen und die Natur derselben uneins gewesen. Die LXX geben
es durch mandragoras und ist von den zuverligsten altern und neuern Theologen
angenommen, da es die in der Geschichte der Zauberei so berchtigte
Alraunwurzel gewesen sei. Sonst fhren seltsamer Weise die Teufel immer
christliche Namen, wie auch bald darauf der Geist der alten Lise Stoffer d.i.
Christoph genannt wird.

5 Berg in der Nhe von Coserow. In fast allen Hexenprozessen kommen berge dieser
Art in der Nhe des Wohnorts der betheiligten Personen vor, wo der Teufel in der
Walpurgis- und Johannesnacht mit ihnen schmauset, tanzet und Unzucht treibt,
auch von den Hexenpriestern die satanischen Sacramente ausgebt werden, welche
eine Nachfferei der gttlichen sind.

6 Pfeiler, plattdeutsch.


                                  Capitel 25.

  Wie Satanas mich wie den Waizen sichtet, mein Tchterlein aber ihm wackeren
                                Widerstand thut.

Im Montag fuhr ich bei guter Zeit von meinem Lager und alldieweil ich mich
ziemlich wacker fhlete, ging ich aufs Schlo, ob ich nicht mchte zu meim
Tchterlein gelangen. Konnte aber keinen einzigen Bttel nit finden, vor die ich
ein Paar Schreckensberger1 als ein Biergeld mit genommen. Das Volk so ich antraf
wollte mir's auch nit sagen, wo sie wren, item den dreusten Bttel sein Weib
auch nit, so in der Kchen stand und Schwefelfaden machete. Und als ich fragete:
wann ihr Mann denn wiederkme? vermeinete sie, es wrde wohl nit viel vor morgen
frhe werden, item km auch der andere Bttel nit ehender. So bat ich sie denn,
mich selbsten zu meinem Tchterlein zu geleiten ihr die zwo Schreckensberger
zeigende, aber sie gab zur Antwort, da sie die Schlssel nit htte, und auch
nicht zu berkommen wte. Ebenmig wollte sie auch nit in Erfahrung gezogen
haben, wo mein Tchterlein jetzunder se, damit ich durch die Thr mit ihr
sprechen knnte. Item sageten der Koch, der Jger und weme ich sonsten in meinem
Gram begegnete, sie wten nicht in welchem Loch die Hexe sitzen mge.
    Ging dannenhero rund umb das Schlo, und legete an jedes Fensterken, so mir
wohl den Anschein hatte, da es ihr Fensterken wr, meine Ohren und rufete:
Maria mein Tchterlein wo bistu? item, wo ich ein Gegitter fand, fiel ich auf
meine Kniee, neigete mein Haupt und rufete eben also in den Keller. Doch es war
Allens umbsonst, ich bekam nirgends nicht eine Antwort. Solches hatte
endiglichen der Amtshaubtmann gesehen, und kam mit gar freundlicher Mienen zu
mir aus dem Schlo gangen, griff mich bei meiner Hand, und fragete, was ich
wlle? Und als ich ihm zur Antwort gab: da ich mein einzig Kind seit
verschienenen Donnerstag nit gesehen und er sich erbarmen mge, und mich zu ihr
fhren lassen, sprach er, da solches nit anginge, doch slle ich mit ihm
aufsein Zimmer kommen, umb ber die Sache ein Mehres zu reden. Unterweges sagete
er: die alte Hexe hat Euch wohl was Schnes von mir verzhlet, aber Ihr sehet,
wie der allmchtige Gott sie in sein gerecht Gericht genommen. Sie ist schon
lange reif gewest vor das Feuer, aber meine groe Langmuth, worin eine gute
Obrigkeit immer dem Herren nacheifern mu, hat es bis dato bersehen und nun
machet sie mir zum Dank solches Geschreie. Und als ich ihm versetzete: wie wei
Ew. G. da die Hexe Ihme ein solch Geschrei gemachet? hub er anfnglich an zu
stttern und sprach alsdann: Ei Ihr habet es ja selbsten dem Richter geklaget.
Aber derowegen habe ich dennoch keinen Zorn auf Euch, sondern wei Gott im
Himmel, da Ihr alter schwacher Mann mich erbarmet und ich Euch gerne hlfe so
ich knnte. Hierzwischen fhrete er mich an die vier bis fnf Treppen hinauf, so
da ich alter Mann ihme letzlich nit mehr folgen kunnte, und still stund und
nach Luft jappete. Aber er faete mich bei meiner Hand und sprach: kummet nur,
ich mu Euch allhier erst sehen lassen, wie es steht, denn sonst nehmet Ihr doch
nit meine Hlf an, wie ich sorge, und strzet Euch selbsten ins Verderben! Und
traten wir anjetzo auf eim Altan oben am Schlo wo man nach dem Wasser
berschauet, worauf der Bsewicht fortfuhr, also zu sprechen: Ehre Abraham mget
Ihr gut in der Ferne sehen? und als ich sagete: da ich solches ehender wohl
gekunnt, mir aber die vielen Thrnen anjetzo wohl mchten meine Augen betrbt
haben, zeigete er auf den Streckelberg und sprach: sehet Ihr dorten Nichtes?
Ego: Nichtes denn ein schwarzes Flecklein so ich aber nicht erkennen mag. Ille:
so wisset dieses ist der Scheiterhaufen auf dem Euer Kind Morgen frhe umb 10
Uhren soll gebrennet werden, und den die Bttel bauen! Als der Hllenhund
solches sagte, tht ich einen lauten Schrei und wurde unmchtig. Achdu lieber
Gott, ich wei nicht, wie ich diesen Schmerz mit meinem Leben berwunden, aber
du hast mich selbsten unnatrlich gestrket, umb mich nach so vielem Heulen und
Weinen wieder mit Freude zu berschtten, denn sonst achte ich, wr es unmglich
gewesen, solche Trbsal zu berwinden, darumb sei deinem Namen auch ewiglich
Preis und Ehr o du Gott Israels.2
    Als ich wieder zu mir selbsten kam, lag ich in eim schnen Zimmer auf einem
Bett und empfande einen Geschmack in meinem Munde wie Wein. Aber dieweil ich den
Amtshaubtmann allein umb mich sahe mit einem Krug in der Handschudderte ich mich
und tht meine Augen wieder zu, umb mich zu besinnen, was ich thun und sagen
wllte. Solches wurde er aber alsobald gewahr und sprach: schuddert Euch nicht
also, ich meine es gut mit Euch und will euch darumb eine Frage frlegen, welche
Ihr mir auf Euer priesterlich Gewissen beantworten sollet. Saget Ehre Abraham
welches ist eine grere Snde: Hurerei treiben, oder zween Menschen ihr Leben
nehmen? Und als ich ihm zur Antwort gab: zween Menschen ihr Leben nehmen! fuhre
er fort: ei nun sehet, das will Euer verstockt Kind thun! Ehender sie sich mir
ergiebet, der ich sie immer retten gewllt, und noch heute retten kann, wiewohl
ihr Scheiterhaufen schon aufgebauet wird, will sie sich selbsten das Leben
nehmen und Euch elendem Menschen ihrem Vaterdazu, denn ich achte, da Ihr diese
Trbsal schwerlich berwinden werdet. Darumb beredet sie doch umb Gottes willen,
da sie sich auf ein Besseres besinnet, so lange es mir noch mglich ist, sie zu
erlsen. Sehetich habe ein Huslein zwo Meilen von hier, mitten in der Heiden
belegen, wo kein Mensch hingelanget, dahin lasse ich sie in dieser Nacht annoch
bringen, und mget Ihr bei ihr wohnen Euer Lebelang, so es Euch gefllt. Ihr
sollet es so gut haben, als Ihr nur wnschen mget, und lasse ich morgen frhe
ein Geschrei machen, die Hexe wre zur Nacht mit ihrem Vater fortgelaufen und
Niemand wisse, wohin sie kommen sei. Also sprach die Schlange zu mir, wie
weiland zu unsrer Aeltermutter der Eva, und mir elenden Snder kam es auch fr,
als ob der Baum des Todes, den sie mir zeigete, ein Baum des Lebens wre, also
lieblich war er anzuschauen. Doch gab ich zur Antwort: dieses wird mein
Tchterlein nimmermehr thun, und ihrer Seelen Seeligkeit aufgeben umb ihr arm
Leben sich zu erhalten. Aber auch jetzo war die Schlange wieder listiger, denn
alle Thiere des Feldes (verstehe insonderheit mich alten Thoren) und sprach: ei
wer saget denn, da sie ihrer Seelen Seeligkeit aufgeben soll? Ehre Abraham mu
ich Euch die Schrift lehren? Hat nicht unser Herr Christus die Mariam Magdalenam
zu Gnaden aufgenommen, so doch, in offenbarer Hurerei gelebet, und hat er nicht
der armen Ehebrecherin die Vergebung angekndiget, so doch noch ein weit grer
crimen 3 begangen; jasagt St. Paulus nit geradezu, da die Hure Rahab selig
worden, Hebrer am 11ten, item St. Jacobus am zweiten, das Nmbliche? Wo aber
leset ihr, da ein Mensche selig worden, so sich selbsten und seinen Vater
muthwillig das Leben genommen? Darumb beredet doch umb Gottes willen Euer Kind,
da sie in ihrem verstockten Sinn nicht muthwillig Leib und Seele dem Teufel
bergebe, sondern sich retten lasse, dieweil es noch Zeit ist. Ihr mget ja bei
ihr bleiben und Allens wieder wegbeten, so sie gesndiget, auch mir mit Eurem
Beistand gegenwrtig sein, der ich gar gerne bekenne, da ich ein armer Snder
bin, und Euch viel Leides zugefget, doch noch lange nicht so viel Leides, Ehre
Abraham, denn David dem Uriae welcher aber gleichwohl seelig worden, unangesehen
er den Mann schndlich um sein Leben brachte, und nachgehends sein Weib
beschlief. Darumb hoffe ich armer Mensch auch seelig zu werden, der ich
mglichst noch eine grere Brunst zu eurem Tchterlein habe, denn dieser David
zur Bathseba, und will ich Euch Allens gar gerne doppelt wieder vergelten, wenn
wir nur erstlich in der Htten seind.
    Als der Versucher solches geredet, bednketen mich seine Worte ser denn
Honig und gab ich zur Antwort: ach, gestrenger Herr, ich schme mich, ihr mit
solchem Antrag unter die Augen zu treten, worauf er aber alsobald sprach: so
schreibet es ihr, kommt, hier ist Black, Feder und Papier.
    Da nahm ich, wie Eva, die Frucht und a, und gab sie meinem Tchterlein, da
sie auch essen sllte, will sagen ich recapitulirete. Allens, so mir Satanas
eingegeben auf dem Papier, jedoch in lateinischer Sprachen, dieweil ich mich
schmete es deutsch zu schreiben, und beschwure sie letzlich nicht sich und mich
umb das Leben zu bringen, besondern sich in Gottes wunderliche Schickung zu
fgen. Auch wurden mir meine Augen gar nicht aufgethan, als ich gessen (verstehe
geschrieben) noch merkete ich, da nicht Honig, besondern Galle unter der Tinten
war, sondern ich bersetzete dem Amtshaubtmann denselbigen mit Lcheln, wie ein
besoffener Mensche (dieweil er kein lateinisch verstunde) worauf er mich auf die
Schulter klopfete, und nachdem ich den Brief mit seinem Signet verschlossen,
rief er den Jger, und gab ihm selbigen, umb ihn meinem Tchterlein zu bringen,
item fgete er Black, Feder und Papier benebst dem Signet hinzu, da sie mir
alsogleich antwurten mge.
    Hierzwischen nun war er gar lieblich zu reden, lobete mich und mein Kind,
und mute ich ihm unterschiedlichen Malen Bescheid thun aus seinem groen Kruge,
in welchem er einen fast schnen Wein hatte, trat auch an einen Schrank und
hohlete mir Pretzeln zum Zubeien, sagende, so sllte ich es nunmehro alle Tage
haben. Als aber nach einer halben Stunden wohl der Jger mit ihrer Antwort
zurcke kehrete und ich selbige angesehen, begab es sich allererst da meine
Augen aufgethan wurden und ich erkannte, was gut und bse war. Htte ich ein
Feigenblatt gehabt, so wrde ich selbiges auch aus Schaam dafr gehalten haben,
so aber hielt ich meine Hand dafr und weinete also heftiglich, da der
Amtshaubtmann in einem schweren Zorn gerith, und fluchend mir befahl ihm zu
sagen, was sie geschrieben. Verdollmetschete ihm also den Brief, welchen ich
anhero setze, damit man meine Thorheit und meines Tchterleins Weisheit daraus
erlerne. Es lautete aber derselbe wie folget4:

                                     IESVS!
        Pater infelix!
Ego cras non magis pallebo rogum aspectura, et rogus non magis erubescet, me
suscipiens, quam pallui et iterum erubescui, literas tuas legens. Quid? et te
pium patrem, pium servum Domini, ita Satanas sollicitavit, ut communionem facias
cum inimicis meis et non intelligas: in tali vita esse mortem, et in tali morte
vitam? Scilicet si clementissimus Deus Mariae Magdalenae aliisque ignovit,
ignovit, quia resipiscerent ob carnis debilitatem, et non iterum peccarent. Et
ego peccarem cum quavis detestatione carnis et non semel, sed iterum atque
iterum sine reversione usque ad mortem? Quomodo clementissimus deus hoc
sceleratissima ignoscerc posset? infelix pater! recordare, quid mihi dixisti de
sanetis Martyribus et virginibus domini, quae omnes mallent vitam quam
pudicitiam perdere. His et ego sequar, et sponsus meus, Jesus Christus, et mihi
miserae, ut spero, coronam aeternam dabit, quamvis eum non minus offendi ob
debilitatem carnis ut Maria, et me sontem declaravi, cum insons sum. Fac igitur,
ut valeas et ora pro me apud Deum et non apud Satanam, ut et ego mox coram Deo
pro te orare possim.
                                                                        Maria S.
                                                                        captiva.

                                 Uebersetzung.
                                     JESUS!

        Unglcklicher Vater!
Ich werde morgen nicht mehr erblassen, wenn ich den Scheiterhaufen erblicke, und
der Scheiterhaufen wird nicht mehr errthen, wenn er mich aufnimmt, als ich
erblassete und wiederum errthete, als ich deinen Brief las. Wie? auch dich
frommen Vater und frommen Knecht hat Satan so verfhrt, da du Gemeinschaft
machst mit meinen Feinden, und nicht einsiehst, da der Tod in solchem Leben,
und in solchem Tode das Leben sei? Denn wenn der gndige Gott der Maria
Magdalena und andern verziehen hat, so verziehe er ihnen, weil sie Bue thaten
wegen der Schwche ihres Fleisches und nicht abermals sndigten. Und ich sollte
sndigen bei einem gnzlichen Abscheu meines Fleisches, und nicht einmal,
sondern wiederhohlt, ohne Umkehr, bis an meinen Tod? Wie wrde der gndige Gott
dies dem verworfensten aller Weiber verzeihen knnen? Unglcklicher Vater,
erinnere dich, was du mir gesagt hast von den heiligen Mrtyrern und den
Jungfrauen des Herrn, welche alle lieber das Leben als ihre Keuschheit verlieren
wollten. Diesen will auch ich folgen, und mein Heiland Jesus Christus wird auch
mir Elenden, wie ich hoffe, die ewige Krone geben, obgleich ich ihn nicht minder
beleidigt habe, wegen Schwche meines Fleisches wie Maria, und mich fr schuldig
erklrt, da ich doch unschuldig bin. Suche also stark zu werden und bitte fr
mich bei Gott, und nicht beim Teufel, damit auch ich bald im Angesicht Gottes
fr dich beten kann.
                                                          Die gefangene Maria S.

Als der Amtshaubtmann solches gehret, wurf er den Krug, so er annoch in Hnden
hielt, also zur Erden nieder, da er zerborste, und schriee: die verfluchte
Teufelshure, so soll der Bttel sie dafr auch eine ganze Stunde piepen lassen
und was er ein Mehres herfrstie in seiner Bosheit, und ich vergessen hab. Doch
bald wurde er wieder als gtlich und sprach: sie ist unklug, gehet einmal
selbsten zu ihr, ob Ihr sie zu Eurem und ihrem eigenen Vortheil bereden mget,
der Jger soll Euch einlassen, und horchet der Kerl, so gebet ihm nur gleich in
meinem Namen ein Paar Ohrfeigen, hret Ihr Ehre Abraham! Geht geschwinde und
bringet mir sobald als mglich eine Antwort! Ging also dem Jger nach, welcher
mich in einen Keller geleite, wohin kaum so viel Licht durch ein Loch fiel, als
ein Gulden gro, und wo mein Tchterlein auf ihrem Bette sa und weinete. Und
kann man vor sich selbsten abnehmen, da ich auch alsogleich angefangen hab und
nichts Besseres kunnte, denn sie. Lagen uns also eine lange Zeit stumm in den
Armen, bis ich sie letzlich um Vergebung bat, von wegen meinem Brief, aber von
dem Amtshaubtmann seinen Auftrag sagete ich ihr Nichtes, wie es gleich mein
Frsatz war. Es whrete aber nit lange, so hrten wir ihn selbsten schon in den
Keller von oben niederschreien: was - (hier tht er einen schweren Fluch)
machet ihr dort so lange? im Augenblick Ehre Johannes herauf! so da ich kaum
noch Zeit hatte, ihr ein Keken zu geben, als der Jger auch schon wieder mit
den Schlsseln da war, und wir uns trennen muten, obgleich wir annoch von
Nichtes gesprochen, als da ich ihr mit Wenigem verzhlet, wies mit der alten
Lisen gearriviret sei. Und kann man schwerlich gluben, in welche Bosheit der
Amtshaubtmann geriethe, als ich ihm sagete: mein Tchterlein verbliebe stark,
und wolle ihm nicht Gehr geben. Er stie mich vor meine Brust, und rief: so
geh zum Teufel infamer Pfaff! und als ich mich umbwendete umb wegzugehen ri er
mich wieder zurck und sprach: aber sagstu von Allem, so wir frgehabt, ein
Wrtlein, siehe so la ich dich auch brennen, du alter, grauer Hexenvater,
worauf ich mir ein Herze fate und zur Antwort gab: da mir solches eine groe
Freude sein wrde, insonderheit wenn es schon morgen mit meim Tchterlein
zusammen beschehen knnte. Antwortete aber nichtes sondern schlug die Thre
hinter mir zu. Aber schlag du nur, ich sorge der gerechte Gott wird dir die
Thre des Himmelreichs auch dermaleinst wieder vor deiner Nasen zuschlagen! -

                                    Funoten


1 Eine alte Silbermnze mit dem Bilde eines Engels, welche 3 bis 4 Ggr. galt.

2 Tobias 3, 22, 23.

3 Verbrechen.

4 Er ist sichtbar von einer weiblichen Hand geschrieben und wahrscheinlich die
Originalhandschrift. Siegellack oder Wachs ist aber daran nicht zu bemerken,
weshalb ich annehmen mchte, da er offen berbracht wurde, was bei seinem
fremden Inhalt ja auch keine Gefahr hatte. Uebrigens lasse ich absichtlich die
wenigen Sprachfehler stehen, welche er enthlt, da mir jede Correktur dieses
Kleinodes als ein Verrath an dem Character dieses unvergleichlichen Weibes
erscheinen wrde.


                                  Capitel 26.

Wie ich mit meinem Tchterlein und der alten Magd das heilige Abendmahl geniee
und sie darauf mit dem blanken Schwert und dem Zetergeschrei zum letzten Mal vor
               Gericht gefhret wird, umb ihr Urtel zu vernehmen.

Nun sollte wohl mnniglich judiciret haben, da ich in der schweren
Dienstagsnacht kein Auge zugethan, aber Lieber, hier siehstu, da der Herr mehr
thun kann denn wir bitten und verstehen, und seine Barmherzigkeit alle Morgen
neu ist. Denn ich schlief wieder umb die Morgenzeit ganz geruhlich ein, als
htte ich keine Sorge mehr auf meim Herzen. Und als ich aufwachete kunnte ich
auch wiederumb so wacker beten, als ich lange nicht gekonnt, so da ich in aller
meiner Trbsal fr Freuden weinete ber solche Gnade des Herrn. Doch betete ich
nun Nichtes, als da er meinem Tchterlein wlle Kraft und Strke verleihen, ihr
Marterthum, so er ihr auferlegt, in christlicher Geduld zu ertragen, mir Elenden
aber einen solchen Schmerzensstich durch seinen Engel in mein Herze zu geben,
wenn ich mein Tchterlein brennen sh, da es alsofort stille stnd, und ich ihr
folgen knnte. Also betete noch, als die Magd in ihrem schwarzen Putz
hereintrat, mit meines Lmmeleins seidinen Zeug auf ihren Aermel und mit vielen
Thrnen vermeldete: da das arme Snderglcklein vom Schlothurm schon zum
ersten Male gelutet, auch mein Tchterlein nach ihr geschicket, umb sie
anzuputzen, dieweil das Gerichte aus Usedom allbereits angelanget, und sie umb
zween Stunden schon ihren letzten Gang thun wrde. Auch liee sie ihr sagen, da
sie ihr Blmekens blau und gelb von Farb zu einem Kranz mitbringen mge, fragete
dannenhero, was fr Blmekens sie nehmen slle. Und dieweil fr dem Fenster ein
Topf mit Feuerlilien und blau Aeugeleins1 stunde, so sie mir gestern
hereingesetzet, sprach ich: du kannst keine besseren Blmekens vor sie pflcken
denn diese seind, darumb bringe ihr solche, und sage ihr: da ich um eine halbe
Glockenstunden dir nachkommen wrde, umb mit ihr das Nachtmahl zu genen.
Hierauf bat die alte treue Person, da sie mit zum Nachtmahl gehen mge, was ich
ihr auch versprach. Und hatte ich mich kaum verkleidet und meinen Chorrock
angezogen, als Pastor Benzensis auch schon in die Thre trat und mir stumm wie
ein Fisch umb meinen Hals fiel und weinete. Als er die Sprache wieder gewunn,
verzhlete er von einem groen miraculum (verstehe Daemonis) so beim Begrbn
der alten Lisen sich erugnet. Denn als die Trger den Sark htten in die Grube
hinunter lassen wllen, htt' es also laut in selbigem rumort, als wenn ein
Tischler ein tnnin Brett bohrt. Htten also geglubet, die alte Vettel wre
wieder aufgelebet, und den Sark wiederumb aufgemachet. Aber sie wre noch
gelegen wie sonst, braun und blau von Farb und kalt wie ein Eis; doch wren ihr
ihre Augen offen gangen gewest, so da mnniglich sich entsetzet, und einen
Teufelsspk vermuthet, als denn auch gleich darauf eine lebendige Ratze aus dem
Sark gesprungen und in einen Todtenkopf gefahren wre, der am Grabe gelegen.
Nunmehro wre Allens fortgelaufen, dieweil die alte Lise von jeher in eim bsen
Geschrei gewest, bis er selbsten letzlich wieder an das Grab getreten, worauf
die Ratze verschwunden gewesen, und nunmehro die Andern auch wieder einen Muth
bekommen htten. Also verzhlete der Mann, und wird man nun leichtlich gieen,
da dies in Wahrheit Satanas gewest, so der Vettel als ein Wurmb in den Rachen
gefahren, und eigentlich die Gestalt einer Ratzen gehabt, wiewohl es mich
wiederumb wundert, was er so lange in dem Aas gemachet; es mchte denn sein, da
die bsen Geister, Allens was garstig, ebenso lieb haben, als die Engellein
Gottes Allens was schn und lieblich ist. Aber dieses lasse ich in seinen
Wrden, summa: ich entsatzte mich nicht wenig fr seiner Rede, und fragete ihn,
was er nunmehro von dem Amtshaubtmann glube: Hierauf zuckete er mit seinen
Achseln und sprach: selbiger wre, so lange er denken knne ein bser Bube
gewesen, htte ihm inner 10 Jahren auch sein Mistkorn nicht mehr geliefert, doch
da er ein Hexer wre, wie die alte Lise gesagt, glube er nicht. Denn wiewohlen
er bei ihme noch gar nicht zu Gottes Tisch gewest, htt er doch vernommen, da
er in Stettin oftermalen mit S. fr. G. dem Herzogen hinzugegangen und ihme der
Pastor an der Schlokirchen solches selbsten durch sein Communionbuch
documentiret. Dannenhero knne er auch unmglich gluben, da er mein
Tchterlein slle unschuldig in ihr Elend strzen, wie die Vettel gesaget. Auch
htte mein Tchterlein sich ja gutwillig fr eine Hexe ausgeben. Hierauf gab ich
zur Antwort: da sie es aus Furcht vor der Marter gethan; sonst, ihren Tod
anlangend, so scheue sie selbigen nicht, worauf ich ihm mit vielen Seufzern
berichtete, wie der Amtshaubtmann gestern mich elenden und unglubigen Knecht
zum Bsen gereizet, da ich schier willens gewest, mein einzig Kind ihme und dem
Satan zu verkaufen, und nicht wrdig wre, heute das Sacrament zu empfahen. Wie
mein Tchterlein aber einen viel steiferen Glauben, denn ich gehabt, was er aus
ihrem Schreiben sehen knnte, so ich annoch in der Taschen htte. Gab es ihm
also in seine Hand, und nachdeme er es gelesen, seufzete er nicht anders denn
ein Vater und sprach: wre es mglich, so knnte ich fr Schmerz in die Erde
sinken, aber kummet, kummet mein Bruder, auf da ich ihren Glauben selbsten
sehe.
    Und gingen wir nunmehro auf das Schlo; doch stand unterweges auf dem Brink
vor dem Frster item umb das Schlo schon Allens voller Menschen so aber sich
annoch geruhsam verhielten, als wir frber gingen. Meldeten uns also wieder bei
dem Jger (seinen Namen habe ich niemals behalten mgen, dieweil er ein Polacke
war, doch war er ein anderer, als der Kerl, welcher mein Tchterlein freien
sollte, und den der Amtshaubtmann wegkgejaget) welcher uns auch alsofort in ein
schn, gro Zimmer brachte, wohin mein Tchterlein schon aus dem Gefngn
abgehohlet war. Auch hatte die Magd sie allbereits geputzet, und war sie so
schn als ein Engel anzusehen. Hatte die gldene Kettin mit dem Conterfett
wieder umb ihren Hals item den Kranz in ihren Haaren, und lchelte als wir
hineintraten sagende: ich bin bereit! - Hiefr entsatzte sich aber Ehre
Martinus und sprach: ei du gottlos Weibsbild, nun sage mir Niemand mehr von
deiner Unschuld! du willt zum Nachtmahl und nachgehends zum Tode gehen, und
stolzierest einher, als ein Weltkind, so auf den Tanzboden trottiret? Hierauf
gab sie zur Antwort: verdenk Ers mir nicht Herr Pate, da ich in demselbigen
Putz, in welchem ich letzlich fr den guten schwedischen Knig getreten, auch
will fr meinen guten himmlischen Knig treten. Solches strket mein schwaches
und verzagtes Fleisch, angesehen ich hoffe, da der treue Heiland mich auch so
an sein Herz nehmen und mir sein Conterfett umbhngen wird, wenn ich demthig
die Hnde zu ihm ausstrecke und ihm mein Carmen aufsage, welches lautet: o Lamm
Gottes unschuldig, am Stamm des Kreuzes geschlachtet, gieb mir deinen Frieden o
Jesu. Solches erbarmete meinen lieben Gevatter und er sprach: ach Pte, Pte,
ich wollte dir zrnen, und du zwingest mich mit dir zu weinen, bistu denn
unschuldig? Ja sprach sie: Ihme Herr Pte kann ichs wohl sagen, ich bin
unschuldig, so wahr mir Gott helfe in meiner letzten Noth durch Jesum Christum
Amen.
    Als dieses die Magd hrete, erhube sie ein so groes Geschreie da es mir
leid wurde, da ich sie mitgenommen und hatten wir alle sie genug aus Gotts Wort
zu trsten, bis sie wieder in etwas geruhlich wurde. Und als solches beschehen,
sprach mein lieber Gevatter: wenn du so hoch deine Unschuld betheurest, mu ich
solches zuvor dem Gericht auf mein priesterlich Gewissen vermelden, und wollte
aus der Thren. Aber sie hielt ihn feste und fiel zur Erden und umklammerte
seine Fe und sprach: ich bitte Ihne umb die Wunden Jesu, da Er schweiget. Sie
werden mich auf die Folter strecken und meine Schaam blen, und ich elendes
schwaches Weib werde Allens in solcher Marter bekennen, was sie wllen, zumalen
wenn mein Vater wieder dabei ist, und mir also Leib und Seele zusammen gemartert
wird. Darumb bleib Er, bleib Er, ist es denn ein Unglck unschuldig zu sterben,
und nicht besser unschuldig, denn schuldig?
    Solches versprach mein guter Gevatter letzlich und nachdeme er eine Zeit
gestanden und vor sich gebetet, wischte er sich seine Thrnen ab, und hielt
nunmehro die Vermahnung zur Beichte, ber Esaias 43 V. 1 und 2: frchte dich
nicht denn ich habe dich erlset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du
bist mein! So du ins Feuer gehest sollst du nicht brennen und die Flamme soll
dich nicht anznden, denn ich bin der Herr dein Gottder Heilige in Israel, dein
Heiland.
    Und als er seine trstende Ansprach geendiget, und sie nunmehro fragete, ob
sie auch williglich, bis zur letzten Stunde das Creuz tragen wlle, so der
barmherzige Gott ihr nach seinem unerforschlichen Willen auferleget, sprach sie
die schnen Worte, von welchen mein Gevatter nachgehends sagte, da er sie in
seinem Leben nicht vergessen wrde, dieweil er niemalen eine also glubige,
freudige, und dennoch hochbetrbte Gebhrde gesehen. Sie sprach aber: o heiliges
Creuz, welches mein Jesus mit seinem unschuldigen Leiden geheiliget, o liebes
Creuz, welches von der Hand eines gndigen Vaters mir auferleget wird, o
seeliges Creuz, durch welches ich meinem Jesu gleich gemacht und zur ewigen
Herrlichkeit und Seligkeit gefrdert werde, was sollt ich dich nicht willig
tragen du ses Creuz meines Brutigams und Bruders! Kaum hatte Ehre Johannes
uns darauf die Absolution und nachgehends das heilige Sacrament mit vielen
Thrnen gereichet, als wir auch schon einen groen Tumult auf der Dielen
vernahmen und gleich darauf der dreuste Bttel zur Thren hereinschauete, und
fragende: ob wir fertig wren, alldieweil Ein ehrsam Gericht schon auf uns
warte. Und als er solches vernommen, wollte mein Tchterlein erstlich von mir
ihren Abschied nehmen, was ich ihr aber wehrete und sprach: nicht also, du weit
was du mir versprochen, wo du hingehest, da will ich auch hingehen, wo du
bleibest, da bleibe ich auch, wo du stirbst, da sterbe ich auch2, so anders der
Herr, wie ich hoffe, die brnstigen Seufzer meiner armen Seelen erhret. Darumb
lie sie mich fahren und umbhalsete nur die alte Magd und dankete ihr fr alles
Gute, so sie ihr von Jugend auf gethan, und bate, da sie nicht mitgehen und ihr
ihren Tod durch ihr Geschreie noch mehr verbittern wlle. Die alte treue Person
kunnte lange nicht fr ihren Thrnen zu Worte kommen. Letzlich aber bat sie mein
arm Tchterlein um Vergebung da sie selbige auch unwissend angeklaget und
sagte, da sie ihr fr ihr Lohn an die 5 Liepfund Flachs gekaufet, damit sie
bald von ihrem Leben km.
    Solches htte heute Morgen schon der Schfer von Pudgla mit gen Coserow
genommen und slle sie es sich recht dicht umb ihren Leib legen, dieweil sie
gesehen, da die alte Schurnsche so in der Liepen gebrennet wre, viele Qual
ausgestanden von wegen dem naen Holz ehebevor sie zu Tode kommen.
    Doch ehender ihr mein Tchterlein noch danken kunnte, begunnte das
erschrckliche Blutgeschrei im Gerichtszimmer: denn eine Stimme schriee so laut
sie konnte: Zeter ber die vermaledeyete Hexe Maria Schweidlerin, da sie von
dem lebendigen Gotte abgefallen! und alles Volk drauen schriee nach: Zeter
ber die vermaledeyete Hexen! - Als ich solches hretefiel ich gegen die Wand
aber mein ses Kind strakete mir mit ihren sen Hndeleins meine Wangen und
sprach: Vater, Vatergedenket doch, da das Volk ber den unschuldigen Jesum auch
kreuzige, kreuzige! geschrieen, sollten wir den Kelch nicht trinken, den uns
unser himmlischer Vater gegeben hat? -
    Nunmehro ging auch schon die Thre auf, und trat der Bttel unter eim groen
Tumult des Volks herein ein blankes scharfes Schwerdt in seinen Hnden tragende,
neigete es dreimal vor meinem Tchterlein und schriee: Zeter ber die
vermaledeyete Hexe Maria Schweidlerin, da sie von dem lebendigen Gotte
abgefallen! und alles Volk auf der Dielen und drauen schriee ihm nach so laut
es kunnte: Zeter ber die vermaledeiete Hexe!
    Hierauf sprach er Maria Schweidlerin komm fr Ein hochnoth-peinliches
Halsgericht, worauf sie ihme mit uns beiden elenden Mnnern folgete (denn Pastor
Benzensis war nicht weniger geschlagen als ich selbsten) die alte Magd aber
blieb fr todt auf der Erden liegen.
    Und als wir uns mit Noth durch das viele Volk durchgedrnget, blieb der
Bttel vor dem offenen Gerichtszimmer stehen senkete abermahlen sein Schwert vor
meim Tchterlein und schriee zum dritten Mal: Zeter ber die vermaledeyete Hexe
Maria Schweidlerin da sie von dem lebendigen Gotte abgefallen! und alles Volk
wie die grausamen Richter selbsten schrieen nach, so laut sie kunnten: Zeter
ber die vermaledeyete Hexe!
    Als wir nunmehro ins Zimmer traten, fragete Dn. Consul erstlich meinen Herrn
Gevatter: ob die Hexe bei ihrem freiwilligen Beknntn in der Beichte
verblieben, worauf er nach kurzem Besinnen zur Antwort gab: man mge sie
selbsten fragen, da stnde sie ja. Selbiger sprach also ein Papier in seiner
Hand nehmend, so vor ihm auf dem Tische lag: Maria Schweidlerin, nachdem du
deine Beichte gethan und das heilige hochwrdige Sakrament des Abendmahls
empfangen, so gieb mir noch einmal Antwort auf jetzt folgende Fragen:

   1) wahr, da du von dem lebendigen Gott abgefallen und dich dem leidigen
  Satan ergeben.
   2) wahr, da du einen Geist gehabt, Disidaemonia genannt, der dich umgetaufet
  und mit welchem du dich unnatrlich vermischet.
   3) wahr, da du dem Vieh allerhand Uebles zugefget.
   4) wahr, da dir Satanas auf dem Streckelberg als ein haarigter Riese
  erschienen? -
Als sie dieses Alles mit vielen Seufzern bejahete, stund er auf, nahm seinen
Stab in eine Hand und ein zwotes Papier in die andere, setzte auch seine Brill
auf die Nasen und sprach: so hre jetzunder dein Urtel:
    (Dieses Urtel hab ich mir nachgehends abgeschrieben; die anderen Acta wollte
er mir aber nicht berlassen, sondern gab fr, da sie in Wolgast lgen und
lautete selbiges wrtlich also:)
    Wir zu Einem hoch-noth-peinlichen Halsgericht verordnete Amtshaubtmann und
Schppen:

nachdem Maria Schweidlerin des Pastoren zu Coserow Abraham Schweidleri Tochter
nach angestellter Inquisition wiederhohlentlich das gtliche Beknntn
abgeleget: da sie einen Teufel habe Disidaemonia genennet, der sie in der Sehe
umbgetaufet und mit dem sie sich fleischlich und unnatrlich vermischet, item
da sie durch selbigen dem Vieh Schaden zugefget, er ihr auch auf dem
Streckelberg als ein haarigter Riese erschienen: erkennen und sprechen fr
Recht: da Rea ihr zur wohlverdienten Strafe und Andern zum Exempel billig mit
vier glhnden Zangenrissen an ihren Brsten zu belegen und nachmals mit dem
Feuer vom Leben zum Tode zu bringen sei. Dieweil wir aber, in Betrachtung ihres
Alters sie mit den Zangenrissen aus Gnaden zu verschonen gewilliget, als soll
sie nur durch die einfache Feuerstraf vom Leben zum Tode gebracht werden.
Inmaen sie denn dazu hiemit condemniret und verurtheilt wird. Von peinlichen
Rechts wegen.
    Publicatum Pudgla zu Schlo den 30sten mensis Augusti anno salutis 16303.
    Als er das letzte Wort ausgesprochen, zerbrach er seinen Stab und warf
meinem unschuldigen Lmmelein die Stcken vor ihre Fe, indem er zu dem Bttel
sprach: jetzt thut Eure Schuldigkeit! Aber es strzeten so viel Menschen beides
Mnner und Weiber auf die Erde, um die Stcken des Stabs zu greifen (dieweil es
gut sein soll vor die reiende Gicht item vor das Vieh wenn es Luse hat) da
der Bttel ber ein Weibsbild zu Boden fiel, so vor ihm auf den Knieen lag, und
ihm also auch von dem gerechten Gott sein naher Tod vorgebildet wurde. Solches
beschahe auch dem Amtshaubtmann jetzunder zum andern Mal; denn da das Gerichte
nunmehro aufstand und Tische, Sthle und Bnke umbwarf, fiel ihm ein Tisch,
dieweil ein Paar Jungen darunter saen, so sich um den Stab schlugen, also auf
seinen Fu, da er in groen Zorn gerieth, und dem Volk mit der Faust druete,
da Jeder slle 50 Arschprgel haben, beides Mnner und Weiber, so sie nicht
augenblicklich geruhsam wren und aus der Stuben gingen. Solches setzte eine
Furcht, und nachdem sich das Volk auf die Strae verlaufen, zog der Bttel ein
Seil aus seiner Taschen, womit er meim Lmmelein also ihre Hnde auf den Rcken
zusammenbande, da sie laut zu schreien begunnte; aber dieweil sie sahe, wie es
mich wieder an mein Herze stie, sich alsofort begriff und sprach: ach Vater
bedenket, da es dem lieben Heiland auch nicht besser ergangen! Dieweil aber
mein lieber Gevatter, so hinter ihr stund, sahe, da ihre Hndelein und
absonderlich die Ngel braun und blau worden waren, tht er eine Frsprache bei
Eim ehrsamen Gericht, worauf aber der abscheuliche Amtshaubtmann zur Antwort
gab: ei lasset sie nur, sie mu fhlen was es bedeutet von dem lebendigen Gotte
abzufallen. Aber Dn. Consul war glimpflicher, inmaen er dem Bttel Befehl gab,
nachdem er die Stricke befhlet, sie menschlich zu binden und ein wenig
nachzulassen, was selbiger nunmehro auch thun mute. Hiemit war mein lieber
Gevatter aber noch nicht zufrieden, sondern bat, da man sie mge ohne Bande auf
den Wagen setzen, damit sie ihr Gesangbuch gebrauchen knne. Denn er htte die
Schule bestellet, um unterwegs ein geistlich Lied zu ihrer Trstunge zu singen,
und wollte sich verbrgen, da er selbsten mitzufahren gesonnen, da sie nicht
von dem Wagen kommen slle. Im Uebrigen pflegeten ja auch Kerls mit Forken4 umb
den Wagen der armen Snder und absonderlich derer Hexen zu gehen. Aber solches
wollte der grausame Amtshaubtmann nit zugeben, dahero es verblieb, wie es war,
indeme der dreuste Bttel sie alsbald auch bei ihrem Arm ergriff und aus dem
Gerichtszimmer fhrete. Auf der Dielen aber hatte es einen groen Scandalum, so
mir wiederumb mein Herze durchschnitt. Denn die Ausgebersche und den dreusten
Bttel sein Weib schlugen sich dort umb meines Tchterleins ihre Betten, wie umb
ihr alltagsch Zeug, so die Ausgebersche vor sich gehohlet, das andere Weib aber
auch haben wollte.
    Selbige rief nunmehro gleich ihren Mann zur Hlfe welcher auch furts mein
Tchterlein fahren liee, und der Ausgeberschen mit seiner Faust also in ihr
Maul schlug, da ihr das Blut daraus herfrging und sie ein grausam Geschrei
gegen den Amtshaubtmann erhube, welcher mit dem Gericht uns folgete. Selbiger
bedruete sie beide vergeblich, und sagte, da er nachgehends, wenn er
wiederkm, die Sache untersuchen und einem Jeglichen seinen Theil geben wlle. -
Hierauf wollten sie aber nicht hren, bis mein Tchterlein Dn. Consulem fragte:
ob ein Jeder so da strbe, und also auch ein armer Snder die Macht habe sein
Haabe und Gut zu vermachen, weme er wlle? Und als er zur Antwort gab: ja, bis
auf die Kleider so dem Scharfrichter gehren! sprach sie: gut, so kann der
Bttel meine Kleider nehmen, mein Bette aber soll Niemand haben, denn meine alte
getreue Magd Ilse geheien! Hierauf erhub die Ausgebersche ein lautes Fluchen
und Schimpfen gegen mein Kind, welche aber nicht darauf achtete, sondern
nunmehro aus den Thren vor den Wagen trat, wo also viel Volks stunde, da man
Nichtes sahe, denn Kopf an Kopf. Und drngete sich solches alsbald mit solchem
Rumor umb uns zusammen, da der Amtshaubtmann, so inzwischen auf seinen Schimmel
gestiegen war, dem Volkes immer rechtes und linkes mit seiner Reitpeitschen in
die Augen hauete, und sie doch kaum weichen wollten. Und als es letzlich doch
half und sich an die zehn Kerls mit langen Forken umb unsern Wagen gestellet, so
meistentheils auch noch Stodegen an ihrer Seiten hatten, hub der Bttel mein
Tchterlein hinauf und band sie an den Leiterbaum feste. Mich selbsten hub der
alte Paassch hinauf, so dabei stunde, und auch mein lieber Gevatter mute sich
hinaufheben lassen, also schwach war er von allem Jammer worden. Selbiger
winkete nunmehro seinem Kster, Meister Krekow, da er mit der Schulen vor dem
Wagen vorauf gehen, und von Zeit zu Zeit einen Vers aus dem feinen Liedlein:
Ich hab' mein Sach Gott heimgestellt anheben slle, was er auch zu thun
versprach: Und will ich annoch notiren, da ich selbsten mich bei meim
Tchterlein auf das Stroh setzte, und unser lieber Beichtvater Ehre
Martinusrckwrts sa. Der Bttel jedoch hackete mit dem bloen Schwerte hinten
auf. Als solches Allens beschehen, item das Gericht auf einen andern Wagen
gestiegen, gab der Amtshaubtmann Befehlig zum Abfahren.

                                    Funoten


1 vielleicht Vergimeinnicht.

2 Buch Ruth 1, V. 16.

3 Leser, welche mit der abscheulichen Gerechtigkeitspflege der Zeit nicht
bekannt sind, werden sich wundem, ber dies schnelle und eigenmchtige
Verfahren. Allein es liegen mir Original-Hexenprocesse vor, worin ein simpler
Notar auf die Folter wie auf den Tod ohne Weiteres erkannt hat, und ist es schon
als ein Zeichen der Humanitt zu betrachten, wenn man die Acten zur Feststellung
der peinlichen Frage an eine Universitt oder einen fremden Schppenstuhl
versandte. Das Todesurtel scheint dagegen fast immer von den Untergerichten
gesprochen zu sein, wobei an Appellation nicht zu denken war. Dabei spudeten und
hasteten sich die Herren, so unglaublich, wie es hier auch wieder geschieht, da
dies beilufig gesagt, die einzige gute Eigenschaft sein mchte, die der neueren
Gerechtigkeitspflege von der alten anzuwnschen wre.

4 Heugabeln.


                                  Capitel 27.

     Wie es uns unterwegen ergangen; item von dem erschrcklichen Tode des
                         Amtshaubtmanns bei der Mhlen.

Wir hatten aber viel Wunder unterwegen und gro Herzeleid. Denn gleich an der
Brcken so ber die Bach fhret, die in den Schmollen1 luft, stund der
Ausgeberschen ihr abscheulicher Junge wieder, trummelte und schriee, so laut er
kunnte: tom Gosebraden, tom Gosebraden! worber das Volk alsobald ein gro
Gelchter erhub und ihm nachrief: ja, tom Gosebraden, tom Gosebraden! Doch als
Meister Krekow den zwoten Versch anstimmete, waren sie wieder in etwas
geruhlich, denn die meisten halfen ihm singen aus ihren Bchern, so sie sich
mitgebracht hatten. Als er aber darauf in etwas inne hielte, ging der Lrm
wiederumb von vorne an. Etzliche schrien, der Teufel htte ihr dieses Kleid
geben und sie also herausgeputzet, kamen dahero auch, und weil der Amtshaubtmann
vorauf geritten, umb den Wagen und befhleten ihr Kleid, insonderheit die Weiber
und jungen Mdkens; etzliche aber schrieen wiederumb dem Jungen nach: tom
Gosebraden, tom Gosebraden! worauf ein Kerl zur Antwort gab: se wadd sich noch
nich braden laten, gewt man Pa2 se p..t dat Fr ut! Dieses und annoch ein
Mehreres an Unfltereien, so ich aber aus Schaam nit notieren mag, muten wir
mit an hren und schnitt es mir insonderheit durch mein Herze als ein Kerl
schwur da er von ihrer Aschen etwas haben wlle, da er von dem Stab nichts
gekriegt, denn es gbe fast nichts Besseres vor das Fieber und die Gicht, denn
Hexenasche. Winkete also dem Custodi wiederumb anzuheben, worauf sie sich eine
Zeitlang d.i. so lange der Versch whrete, auch wieder geruhsam hielten,
nachgehends aber es fast noch rger macheten, denn zuvor. Doch dieweil wir
jetzunder zwischen denen Wiesen waren, und mein Tchterlein die schnen
Blmeleins sahe, so rings umb den Graben stunden, verfiel sie in tiefe Gedanken
und hub wieder an aus dem feinen Liedlein St. Augustini zu recitiren wie folget:

flos perpetuus rosarum ver agit perpetuum,
candent lilia, rubescit crocus, sudat balsmum,
virent prata, vernant sata, rivi mellis influunt,
pigmentorum spirat odor liquor et aromatum,
pendent poma floridorum non lapsura nemorum
non alternat luna vices, sol vel cursus syderum
agnus est foelicis urbis lumen inocciduum.3

Durch diesen Casus gewunnen wir, da alles Volk sich fluchend von dem Wagen
verlief und bei einem guten Musketenschu hinter uns her trottirete, dieweil sie
glubeten, da mein Tchterlein den leidigen Satan umb Hlfe anriefe. Nur ein
Bursche bei 25 Jahrenso ich aber nicht kunnte, blieb wenig Schritte hinter dem
Wagen, bis sein Vater kam und da er nit mit Gutem weichen wollte, ihn also in
den Graben stie, da er bis an die Hften ins Wasser versank. Hierber mute
selbsten mein arm Tchterlein lcheln und fragete mich, ob ich nicht mehr
lateinische Lieder wte, umb uns das dumme und unfltige Volk noch ferner vom
Leibe zu halten. Aber, sage Lieber, wie htte ich jetzunder lateinische Lieder
recitiren mgen, so ich sie auch gewut! Doch mein Confrater Ehre Martinus wute
annoch ein solches, so zwar ein ketzerisches Lied ist; doch weil es meinem
Tchterlein ber die Maen gefiel, und er ihr manchen Versch an die drei und
vier mal vorbeten mute, bis sie ihn nachbeten kunnte, sagete ich Nichtes. Sonst
bin ich immer sehr streng gegen Ketzereien gewest. Aber ich trstete mich, da
unser Herr Gott es ihr in ihrer Einfalt wohl verzeihen wrde. Und lautete die
erste Zeil also: dies irae, dies ille.4 Insonderheit aber gefielen ihr diese
beiden Verse, so sie oftmals mit groer Erbauung betete, und ich darumb hieher
setzen will:

judex ergo, cum sedebit,
quidquid latet, apparebit
nil inultum remanebit;

item:

rex tremendae majestatis
qui salvandos salvas gratis,
salva me, fons pietatis! -5

Als aber die Kerls mit den Forken, so umb den Wagen gingen, solches hreten, und
zugleich ein schwer Wetter vom Achterwater6 aufkam, vermeinten sie nit anders,
denn da mein Tchterlein es gemachet, und da das Volk so hinten nachsetzete,
auch schrie: dat het de Hex dahn, dat hett de verfluchte Hex dahn! sprungen
sie alle zehn bis auf einen, so verblieb, ber den Graben und liefen ihrer
Straen. Solches sahe aber Dn. Consul nit alsobald, welcher mit Eim ehrsamen
Gericht hinter uns fuhr, als er dem Bttel zurief: was solches bedeute? und der
Bttel rief ber den Amtshaubtmann, so ein wenig vorauf war, aber alsobald
umbkehrete, und nachdem er die Ursache erfahren, denen Kerls nachschriee, da er
sie alle wlle an den ersten besten Baum anhenken lassen, und mit ihrem Fleisch
seine Falken fttern, wenn sie nit alsobald umkehreten. Solches half abereins
und als sie wieder kamen, gab er einem Jeglichen an die sechs Schmisse mit
seiner Reitpeitschen, worauf sie verblieben, doch so weit von dem Wagen sich
hielten, als sie fr den Graben kunnten.
    Hierzwischen aber kam das Unwetter von Sden nher mit Donner, Blitze, Hagel
und Sturmwind, als wenn der gerechte Gott seinen Zorn offenbaren wllte ber die
ruchlosen Mrder und schlug die Wipfel derer hohen Buchen umb uns zusammen, wie
Besen, also da unser Wagen ganz mit Blttern wie mit Hagel bedecket war und
Niemand vor dem Rumor sein eigen Wort hren kunnte. Solches geschahe gerade, als
wir von dem Klosterdamm in die Heiden hinabfuhren. Und ritt der Amtshaubtmann
jetzunder hinter uns bei dem Wagen auf welchem Dn. Consul sa. Doch als wir
alsbald ber die Brcke wollten vor der Wassermhlen, fate uns der Sturmwind,
so vom Achterwater aus einer Lucken herberblies also, da wir vermeineten, er
wrde unsern Wagen in den Abgrund stoen, so wohl an die 30 Fu tief war und
drber. Und da gleicherweise die Pferde thten als gingen sie auf Glatteis und
nicht, stehen kunnten, hielt der Gutscher stille, umb erst das Wetter frber
gehen zu lassen, welches aber der Amtshaubtmann nit alsobald gewahr wurde, als
er herbeigesprenget kam und dem Gutscher befahl alsogleich weiter zu fahren.
Selbiger hauete also die Pferde an, aber sie spartelten7, da es absonderlich
anzusehen war, wannenhero auch unsere Wchter mit den Forken zurckblieben, und
mein Tchterlein fr Angst einen lauten Schrei that. Und waren wir gerade so
weit kommen, wo das groe Rad unter uns lief, als der Gutscher mit dem Pferde
strzete, und selbiges sich einen Fu zubrach. Jetzo sprang der Bttel vom
Wagen, strzete aber auch alsobald auf den glatten Boden, item der Gutscher,
nachdem er sich aufgerichtet, fiel er alsbald wieder nieder. Dannenhero gab der
Amtshaubtmann seinem Schimmel fluchend die Sporen, welcher aber auch anhub zu
sparteln wie unsere Pferde gethan. Doch kam er damit gegen uns gespartelt, ohne
da er gestrzet wre, und dieweil er sahe, da das Pferd mit dem zubrochenen
Fu sich immer wieder aufrichten wollte, aber alsobald wieder auf dem glatten
Boden zusammenscho, brllete und winkete er, da die Kerls mit den Forken
kommen mchten, und die Mhre ausspannen, item den Wagen hinberschieben, damit
er nicht in den Abgrund gerissen wrde. Hierzwischen aber kam ein langer
Blitzstrahl fr uns in das Wasser niedergefahren, welchem ein Donner also
pltzlich und greulich folgete da die ganze Brcke erbebete, und den
Amtshaubtmann sein Pferd (unsere Pferde wurden aber stille) einige Schritte
zurckprallete, worauf es den Boden verlohr, und mit dem Amtshaubtmann kopfber
auf das groe Mhlenrad hinunter scho, da sich ein ungeheuer Geschrei von
allen Menschen erhub, so hinter uns an der Brcken stunden. Und war eine
Zeitlang vor dem weien Schaum Nichtes zu sehen, bis den Amtshaubtmann seine
Beine mit dem Rad in die Hhe kamen, und hierauf auch der Rumpf, aber der Kopf
steckete zwischen den Schaufeln des Rades, und also lief er, erschrcklich
anzusehen mit selbigem immer rundum. Seinem Schimmel aber fehlete nichts,
sondern schwamm selbiger hinten im Mhlenteich. Als ich solches sahe, ergriff
ich die Hand meines Lmmeleins und rief: siehstu Maria unser Herr Gott lebet
noch, und fhret annoch heute auf dem Cherub, und fliegt daher und schwebt auf
den Fittigen des Windes und will unsere Feinde zustoen wie Staub vor dem Winde,
und will sie wegrumen wie den Roth auf den Gassen8. Da schaue nieder was der
allmchtige Gott gethan. Als sie hierauf ihre Augen seufzend gen Himmel erhub,
hrten wir Dn. Consulem so laut hinter uns schreien, als er kunnte; da aber
Niemand nicht fr den grausamen Wetter und Tumult des Gewssers ihn verstunde,
sprung er von dem Wagen und wollte zu Fu ber die Brcke gehen fiel aber
gleichfalls auf seine Nase, also da sie blutete, und er nunmehro auf Hnden und
Fen wieder zurcke kroch, und alsbald ein gro Wort mit Dn. Camerario hatte,
welcher sich aber nicht auf dem Wagen rhrete. Hierzwischen hatten schon der
Bttel und der Gutscher das verwundete Pferd ausgespannet, gebunden und von der
Brcken geschleift, kamen dahero wieder zum Wagen, und befohlen uns von selbigem
zu steigen, und zu Fu ber die Brcke zu gehen, welches auch geschahe, inmaen
der Bttel mit vielem Fluchen und Schimpfen mein Tchterlein ablsete, auch
druete sie nachgehends fr ihre Bosheit bis auf den spten Abend zu braten.
(Konnte es ihme nicht so sehr verdenken, denn es war frwahr ein seltsam Ding!)
Aber obwohl sie selbsten gut hinberkam, fielen wir beide, Ehre Martinus und
ich, wie alle Anderen doch auch an die drei Malen zu Boden, bis wir endlich
durch Gottes Gnade vor dem Mllerhause wohlbehalten angelangeten, allwo der
Bttel dem Mller bei Leibes Leben mein Tchterlein bergab und an den
Mhlenteich niederrannte, umb den Amtshaubtmann seinen Schimmel zu retten. Der
Gutscher slle aber unterde sehen, da er den Wagen und die anderen Pferde von
der behexten Brcken brchte. Wir hatten aber noch nicht lange bei dem Mller
vor der Thren unter einem groen Eichbaum gestanden, als Dn. Consul mit Eim
ehrbaren Gericht und allem Volk schon ber die kleine Brcke gefahren kam, so
nur ein Paar Mousquetenschsse von der ersten entfernet ist, und selbiger kaum
das Volk abhalten kunnte, da sie nicht mein Kind angriffen und lebendig
zerrissen, angesehen Alle, wie auch Dn. Consul selbsten vermeineten, da kein
Anderer, denn sie, benebst dem Wetter, auch die Brcke behext (zumalen sie
selbsten nicht darauf gefallen) und den Amtshaubtmann um sein Leben gebracht,
was doch Allens erstunken und erlogen war, wie man Weiters hren wird. Er schalt
sie dannenhero fr eine vermaledeyete Unholdin, die nach abgelegter Beicht und
dem Genu des heiligen Abendmahls noch nicht von dem leidigen Satan abgefallen
wre. Aber es slle ihr Allens nicht helfen, sie werde dennoch ihren Lohn
alsbald empfangen. Und dieweil sie stille schwieg, gab ich hierauf zwar zur
Antwort: ob er nicht she, da der gerechte Gott dies also gefget, da der
Amtshaubtmann, so meim unschuldigen Kind Ehre Leib und Leben zu nehmen gedacht,
allhier als ein erschrcklich Exempel sein eigen Leben lassen mssen, aber es
wollte nit verfangen, sonden er vermeinete: da dieses Wetter unser Herr Gott
nicht gemacht, knne ein Kind einsehen, oder ob ich vielleicht auch vermeinete,
da unser Herr Gott die Brcke behext? Ich mge doch endlich aufhren mein
boshaft Kind zu rechtfertigen und sie lieber zur Bue vermahnen, da dies schon
das zweite Mal sei, da sie Wetter gemacht, und mir doch kein vernnftiger
Mensch glauben wrde, was ich sage, etc.
    Hierzwischen aber hatte der Mller allbereits die Mhle angehalten, item
sein Wasser gestauet, und waren an die vier bis fnf Kerls mit dem Bttel auf
das groe Rad niedergestiegen, umb den Amtshaubtmann, so bis dato noch immer auf
und niedergangen war, aus denen Schaufeln zu ziehen. Solches kunnten sie aber
nicht ehender, als sie eine Schaufel zersaget, und wie sie ihn letzlich ans Land
brachten, befand es sich, da er sich das Genick abgefallen und bereits so blau
als eine Trembse9 anzusehen war. Auch war ihme der Hals abgeschunden und das
Blut lief ihm annoch aus Maul und Nasen. Doch hatte das Volk mein Tchterlein
nicht schimpfiret, so schimpfirete es sie jetztunder, und wollte sie mit Koth
und Steinen werfen, wenn es Ein ehrsam Gericht nicht mit aller Macht gewehret,
sagende sie wrde ja alsbald ihre wohlverdiente Straf empfangen.
    Auch stieg mein lieber Gevatter Ehre Martinuswieder auf den Wagen und
vermahnete das Volk, der Oberkeit nit vorzugreifen, angesehen das Wetter
wiederumb ein wenig nachgelassen, da man ihn hren konnte. Und als es sich in
etwas zufrieden gestellet, bergab Dn. Consul dem Mller das Leich von dem
Amtshaubtmann, bis er mit Gottes Hlf wiederkme, item den Schimmel lie er so
lange an die Eiche binden, dieweil der Mller schwur, er htte keinen Raum in
der Mhlen, inmaen sein Pferdestall annoch voll Stroh lge, er wlle dem
Schimmel aber etwas Heu frgeben, und ein gut Augenmerk auf ihn haben. Und jetzo
muten wir elendigen Menschen, nachdem der unerforschliche Gott unsere Hoffnung
aufs Neue zu Wasser gemacht, wieder auf den Wagen steigen, und der Bttel
fltschete die Zhne fr Grimm, als er die Stricke aus der Taschen hohlete, umb
mein armes Tchterlein abereins an die Leiter zu binden. Hohlete dannenhero, da
ich leichtlich es ihm ansehen kunnte, was er im Sinne htte, zween
Schreckensberger aus meiner Taschen und bliese ihm in das Ohr: macht es gndig,
sie kann Euch ja nimmermehr fortlaufen, und helfet Ihr ihr nachgehends recht
bald zu Tode, so sllet Ihr annoch zehn Schreckensberger von mir haben! Solches
half, und wiewohl er fr dem Volk sich gestellete, als hohlete er tchtig an,
dieweil es aus allen Kehlen schriee: hahl dchtig, hahl dchtig! bund er ihre
Hndekens in Wahrheit doch gelinder, denn frher und zwar, ohne sie an der
Leiter feste zu machen, hackete aber wiederumb hinter uns mit dem blanken
Schwert auf, und nachdeme Dn. Consul nunmehro ein lautes: Gott der Vater wohn'
bei uns gebetet, auch der Custos wiederumb ein neu Lied angefangen, (wei nicht
mehr, was er gesungen, mein Tchterlein wei es auch nit mehr) ging es nach dem
Willen des unerforschlichen Gottes weiter, und zwar also, da Ein ehrsam Gericht
nunmehro vorauf fuhr, alles Volk aber zu unserer Freude nachblieb, so wie auch
die Kerls mit den Forken ein gut Ende hinter uns trottireten, dieweil der
Amtshaubtmann todt war.

                                    Funoten


1 See, nahe bei Pudgla.

2 Achtung.

3
Ewig blht die Rosenknospe hier im ew'gen Frhling auch
    Wei die Lilie, roth der Krokus, duftend truft der Balsamstrauch,
    Grn die Wiesen, grn die Saaten, und von Honig rinnt der Bach,
    Das Aroma ser Blumen haucht und duftet tausendfach.
    Blhnde Wlder tragen Aepfel deren Stengel nimmer bricht.
    Und nicht Sonne, Mond noch Sterne wechseln dorten mehr ihr Licht.
    Denn ihr Licht, das nimmer schwindet, ist des Lammes Angesicht.

4 Jener Tag, der Tag des Zornes ec. eines der schnsten katholischen
Kirchenlieder.

5 D.i.:

Wenn der ernste Richter schlichtet
Und der Herzen Dunkel lichtet,
Bleibt nichts Bses ungerichtet;

ingleichen:

Knig majesttischer Gre,
Der umsonst deckt unsre Ble
Quell der Liebe, komm, erlse! -

6 Ein Meerbusen, den die Peene in dieser Gegend bildet.

7 plattdeutsch: straucheln.

8 Psalm 18, 11. 43.

9 Kornblume.


                                  Capitel 28.

Wie mein Tchterlein endlich durch des allbarmherzigen, ach des allbarmherzigen
                           Gottes Hlf gerettet wird.

Hierzwischen war ich aber, von wegen meinem Unglauben, womit mich Satanas
wiederumb versuchte, also schwach worden, da ich meinen Rcken an den Bttel
seine Kniee sttzen mute, und nicht vermeinete, ich wrde das Ende bis an den
Berg mehr ableben. Denn nunmehro war auch die letzte Hoffnung, so ich mir
gemachet, verschwunden, und ich sahe, da meim unschuldigen Lmmelein auch also
umb ihr Herze war. Hierzu kam, da Ehre Martinus sie schalt, wie Dn. Consul
gethan, und sagte: er she anjetzo selbsten, da alle ihre Schwre, Lgen gewest
und sie in Wahrheit Wetter machen knne. Hierauf gab sie zur Antwort und zwar
lchelnde, obwohl sie so wei, wie ein Laken anzusehen war: Ei Herr Pte,
glubet Er denn in Wahrheit, da unser Herr Gott nicht mehr das Wetter macht?
Seind denn Gewitter umb diese Jahreszeit also selten, da sie der bse Feind nur
machen kann? Nein, ich habe den Taufbund, so Er einstmals fr mich geschlossen
nicht gebrochen und will ihn nimmer brechen, so wahr mir Gott gndig sei in
meinem letzten Stndlein so nunmehro schon geschlagen! Aber Ehre Martinus
schttelte unglubig mit seinem Kopf und sagte: Der Teufel mu dir viel
versprochen haben, da du bis an dein Ende also verstockt bleibest, und den
Herren deinen Gott lsterst, aber harre! du wirst bald mit Schrecken gewahr
werden, da er ein Vater der Lgen ist, Joh. am achten. Als er solches und ein
Mehres gesaget kamen wir in Uekeritze an, wo alles Volk Gro und Klein wieder
aus den Thren strzete, auch Jakob Schwarten sein Weib, so in der letzten
Nacht, wie wir vernahmen, nur ihre Niederkunft gehalten. Und kam ihr Kerl ihr
vergeblich nachgerannt umb sie aufzuhalten. Sie sagte: er wre ein Narr, das
wre schon so lange her, und slle sie den Berg auf ihren Knieen hinaufkriechen,
so wlle sie die Priesterhexe doch auch brennen sehen. Htte sich lange darauf
gefreuet, und wenn er sie nicht fahren liee, wlle sie ihme Eins auf sein Maul
geben, etc.
    Also gebehrdete sich das grobe und unfltige Volk umb unsern Wagen und da
sie nicht wuten, was unterwegen geariviret, liefen sie so nahe gegen uns, da
das Wagenrad einem Jungen ber seinen Fu ging, kamen auch, und insondereit die
Mdkens wiederumb an, und befhleten meinem Tchterlein ihre Kleider, wollten
ihre Schuhe und Strmpfe aber auch sehen und frageten wie ihr zu Muthe wr, item
ein Kerl: ob sie eins trinken wlle, und was sie sonsten mehr fr
Narrentheidinge trieben, so da sie letzlich, und als Etzliche kamen und sie um
ihren Kranz, und die gldene Kette baten, ihr Haupt lchelnd zu mir wendete und
sprach: Vater ich mu nur wieder auf lateinisch anfangen, denn sonst lt mir
das Volk keine Ruhe! Aber es war dieses Mal nit vonnthen. Denn da unsere
Wchter mit ihren Forken nunmehro die hintersten auch erreichet, und ohne
Zweifel verzhlet hatten, was frgefallen, hreten wir alsbald, ein gro Gerste
hinter uns: da sie umb Gottes willen zurcke kommen sllten, ehebevor ihnen die
Hexe etwas anthte, und da Jacob Schwarten sein Weib sich nicht daran kehrete,
sondern mein Tchterlein immerfort qulete, da sie ihr ihren Schurzfleck zu eim
Taufkleid vor ihr Kindlein geben mge, dieweil er ja doch nur verbrenne, schmi
ihr letzlich ihr Kerl mit einem Knppel so er von eim Zaun brach, also in den
Nacken, da sie mit groem Geschrei niederstrzete, und wie er kam, umb sie
aufzurichten, ihn bei seinen Haaren niederzog und, wie Ehre Martinus sagte,
nunmehro doch in Ausfhrung brachte, was sie ihm gelobet, angesehen sie ihn mit
einer Faust immer aus aller Macht auf die Nase geschlagen, bis die anderen Leute
hinzugeloffen und sie abgehalten htten. Hierzwischen aber hatte das Wetter sich
fast verzogen und suckete1 nach der Sehe zu.
    Und als wir nunmehro auch durch die kleine Heide gelanget, sahen wir
pltzlich den Streckelberg fr uns mit vielem Volk und den Scheiterhaufen auf
seiner Spitzen, auf welchem der lange Bttel sprang, als er uns ankommen sahe
und mit der Mtzen winkete, so viel er kunnte. Hierber vergingen mir aber meine
Sinnen, und ist es meinem Lmmelein auch nit viel anders ergangen. Denn sie hat
hin und her geschwanket wie ein Rohr, und abereins ausgerufen, ihre gebundenen
Hndeleins gen Himmel streckende:

Rex tremendae majestatis! -
qui salvandos salvas gratis,
Salva me fons pietatis. -2

Und siehe, wie sie es kaum ausgesprochen, ist die liebe Sonne wieder
herfrgetreten und hat einen Regenbogen auf dem Gewlk geformiret, recht ber
den Berg, also, da es lustig anzusehen gewest. Und war dieses offenbarlich ein
Zeichen des barmherzigen Gottes, wie er uns oftermalen solche Zeichen giebt;
aber wir blinden und unglubigen Menschen achten es nit sonderlich. So hat sie
es auch nit geachtet, denn obwohl sie an den ersten Regenbogen gedacht, so uns
unsere Trbsal frgebildet, hat es ihr doch unmglich geschienen, da sie annoch
knnte errettet werden, und ist also matt worden, da sie auf das liebe
Gnadenzeichen weiter gar nicht geachtet, und ihr Kopf, (dieweil sie ihne nicht
mehr an mich lehnen konnte, angesehen ich so lang ich gewachsen in dem Wagen
gelegen) ihr also war vorne bergesacket, da ihr Krnzlein meinem Herrn
Gevatter fast seine Knie berhret. Und hat selbiger nunmehro dem Gutscher
anbefohlen, einen Augenblick stille zu halten, und zu einer kleinen Flaschen mit
Wein gegriffen, so er immer in seiner Taschen fhret, wenn Hexen gebrennet
werden3 umb ihnen in solcher Angst beizuspringen, (will es hinfro auch so
halten, dieweil mir diese Mode von meim lieben Gevatter wohl gefllt). Von
solchem Wein hat er erstlich mir in meinen Hals gegossen, und nachgehends auch
meinem Tchterlein, und seind wir kaum wieder zu uns kommen, als ein grausamer
Rumor und Tumult sich unter dem Volke hinter uns erhoben, und selbiges nicht nur
in Todesangst gerufen: der Amtshaubtmann kommt wieder! besondern auch, da es
weder vorwrts noch rckwrts entweichen mgen (denn hinter sich scheueten sie
das Gespenst und vor sich mein Tchterlein) zur Seiten gelaufen, und zum Theil
in den Busch gesprungen, zum Theil aber bis an den Hals in das Achterwasser
gewatet. Item ist Dom. Camerarius, so bald er gesehen, da das Gespenst auf den
Schimmel aus dem Busch gekommen, so auch einen grauen Hut mit einer grauen Feder
aufgehabt, wie der Amtshaubtmann htte, unter ein Bund Stroh in den Wagen
niedergekrochen, Dn. Consul aber hat abereins mein Kind verwnschet, und schon
denen Gutschern Befehlig gegeben, so toll zu fahren als sie knnten, wenn auch
alle Pferde daraufgingen, als der dreuste Bttel hinter uns ihme zugeschrieen:
es ist nicht der Amtshaubtmann, besondern der Junker von Nienkerken, der die
Hexe sicherlich wird retten wllen, soll ich ihr darum mit dem Schwert das
Genicke abstoen? Bei diesen erschrcklichen Worten kamen mein Tchterlein und
ich erst wieder gnzlich zur Besinnung, und hohlete der Kerl schon hinter ihr
mit seinem blanken Schwert aus, dieweil ihm Dn. Consul ein Zeichen mit der Hand
gab, als mein lieber Gevatter, so es gewahr worden (Gott mge es ihm an jenem
Tage lohnen, ich kann es ihm nicht lohnen) mein Tchterlein mit aller Gewalt
rckwrts auf seinen Schoo ri. Und wollte der Bube sie nunmehro auf seinen
Schoo erstechen. Aber der Junker war auch schon da, und als er solches sahe,
juge er ihm seinen Jgerspie, so er in Hnden hatte, zwischen die Schultern,
da er gleich kopfber zur Erden fiel, und sein eigen Schwert ihme mit Schickung
des gerechten Gottes also in seine Seite fuhr, da es aus der andern wieder
herausbrach. Lag also und brllete, was aber der Junker nicht achtete, sondern
zu meinem Tchterlein sprach: Jungfer, meine liebe Jungfer, Gott sei Dank, da
Sie gerettet ist! Dieweil er aber ihre gebundenen Hndekens sahe, knirschete er
mit seinen Zhnen sprang alsofort, ihre Richter verwnschend, vom Rosse, und
schnitt ihr mit dem Schwerte, so er in der Rechten hielt, den Strang durch, nahm
darauf ihre Hand und sprach: ach liebe Jungfer, wie viel habe ich mich umb sie
gegrmet, aber ich kunnte sie nicht retten, dieweil ich, wie sie selbsten in
Ketten gelegen hab, was sie mir auch wohl ansehen wird.
    Aber mein Tchterlein kunnte ihm kein Wrtlein Antwort geben, besondern fiel
fr Freuden abereins in Unmacht, kam aber alsbald, da mein lieber Gevatter noch
etwas Frrath an Wein hatte, wieder bei sich. Unterdessen aber that mir der
liebe Junker Unrecht, was ich ihm aber gerne verzeihen will. Denn er schnarchete
mich an und nannte mich ein altes Weib, das Nichtes knnte als heulen und
wehklagen. Warumb ich nit alsogleich dem schwedischen Knig nachgereiset wre,
oder warumb ich nicht selbsten nacher Mellenthin gekommen und sein Gezeugn mir
gehohlet, da ich ja wte, was er von denen Hexen dchte? (Ja, du lieber Gott,
wie konnte ich anders, als dem Richter gluben, so dort gewesen war. Das htten
wohl mehr Leute gethan, denn alte Weiber; aber an den schwedischen Knig htte
ich keine Gedanken, und, Lieber sage, wie htte ich auch zu ihm reisen und mein
eigen Kind verlassen mgen! Aber solches bedenken junge Leute nicht, dieweil sie
nit wissen, wie einem Vater zu Muthe.)
    Nunmehro war aber Dn. Camerarius, da er gehret, da es der Junker sei,
wieder unter dem Stroh herfrgekrochen, item Dn. Consul vom Wagen gesprungen und
herbeigeloffen laut den Junker scheltende und fragende: aus was Macht und
Zuversicht er solches thte, da er zuvor doch diese gottlose Hexe selbsten
verdammet? Aber der Junker zeigte mit dem Schwert auf seine Leute, welche an die
18 Kerls mchtig jetzunder auch mit Sbeln, Pieken und Mousqueten aus dem Busch
geritten kamen, und sprach: da seh Er meine Macht, und wrd' ich Ihme hier
gleich etwas vor seinen podex geben lassen, wenn ich nit wte, da Er ein
dummer Esel wre. Wann hat Er mir ein Gezeugn ber diese rechtschaffene
Jungfer abgenommen? - Er lgt in seinen Hals, wenn er solches behauptet. Und als
Dn. Consul nun stund und sich verschwure, verzhlete der Junker zu Aller
Verwunderung wie folget:
    Nachdem er von dem Unglck gehret, so mich und mein Kind getroffen, htte
er alsogleich sein Pferd satteln lassen, umb gen Pudgla zu reuten und ein
Zeugni von unserer Unschuld abzulegen: Solches htte aber sein alter Vater
nicht gestatten wlllen, alldieweil er vermeinet, dadurch seine adeliche Ehre
einzuben, wenn es an den Tag kme, da sein Sohn mit einer verrufenen Hexen
die Nacht auf dem Streckelberge conversiret habe. Htte ihm dahero, da er mit
Bitten und Drohen nichts ausgerichtet, Hnde und Fsse binden, und in das
Burgverli setzen lassen, wo bis dato ein alter Diener sein gepfleget, der ihm
nicht htte los geben wllen, so viel Geld er ihm auch geboten; wannenhero er in
groe Angst und Verzweiflung gerathen, da unschuldig Blut umb seinet willen
flieen slle. Aber der gerechte Gott htte es annoch gndig abgewendet. Denn da
sein Vater von dem Aerger fast heftig krank worden, und die ganze Zeit ber auf
dem Bette gelegen, htte es sich heute Morgen umb Betglockenzeit begeben, da
der Jger nach eim Ruderpel im Schloteich geschossen, unversehens aber seines
Vaters seinen Lieblingshund, Pakan geheien schwer verwundet. Solcher wre
schreiend zu seines Vaters Bett gekrochen, und alldorten verrecket, worber der
Alte in seiner Schwachheit sich also gergert, da ihn alsofort der Schlag
gerhret, und er auch seinen Geist aufgegeben.
    Nunmehro htten ihn aber seine Leute herfrgezogen und nachdem er seines
Vaters Augen zugedrcket, und ein Vaterunser ber ihm gebetet, htte er sich
alsogleich mit allem Volk aufgemachet, so er in der Burg auftreiben knnen, umb
die unschuldige Jungfer zu retten. Denn er bezeuge hieselbsten vor mnniglich
und auf Ritter Wort und Ehre, ja bei seiner Seelen Seeligkeit, da er der Teufel
gewest, so der Jungfer auf dem Berg als ein haarigter Riese erschienen. Denn
dieweil er durch das Gercht es vernommen, da selbige oftermalen dorthin gehe,
htte er gerne wissen wllen was sie dorten thte, und sich in einen Wulfspelz
verkleidet, da Niemand ihn kennen mge von wegen seinem harten Vater. Und htte
er schon zwei Nchte dorten zugebracht, bis die Jungfer in der dritten gekommen
und er gesehen htte, da sie nach Birnstein in den Berg gegraben, auch nicht
den Satanas angerufen, sondern vor sich ein lateinisch Carmen gerecitiret.
Solches htte er dahero in Pudgla zeugen wllen, aber aus gedachter Ursache
nicht geknnet, besondern sein Vater htte seinen Vetter Glas von Nienkerken, so
bei ihm zum Besuch gewest, sich fr ihn in das Bette legen, und ein falsch
Gezeugn ablegen lassen. Denn, alldieweilen Dn. Consul ihme (verstehe den
Junker) in langen Jahren nicht gesehen, anerwogen er in der Fremde gestudieret;
so htte sein Vater wohl geglubet, da er leichtlich getuschet werden mge,
wie denn auch besehenen.
    Als solches der rechtschaffene Junker vor Dn. Consule und allem Volk
bezeugte, welches nunmehro wieder in haufen herbeigelaufen kam, da es hrete,
da der Junker kein Gespenst gewesen, fiel es mir wie ein Mhlenstein von meinem
Herzen, und dieweil mich das Volk rief (so bereits den Bttel unter dem Wagen
herfrgezogen, und also dicke um ihn wimmelte, wie ein Bienenschwarm) da er
sterben wlle, mir aber zuvorab noch etwas offenbaren, sprang ich so leicht wie
ein Junggeselle von dem Wagen, und rief Dn. Consulem und den Junker gleich mit
mir, gestalt ich wohl mir abnehmen kunnte, was er auf seinem Herzen htte. Und
sa er auf eim Stein, und das Blut stund ihm wie ein Pferdeschwanz aus seiner
Seiten, (angesehen man ihm das Schwert herausgezogen) wimmerte, als er mich sahe
und sprach: da er in Wahrheit Allens hinter der Thren gehret, was die alte
Lise mir gebeichet, als nmlich, da sie alle Zaubereien selbsten mit dem
Amtshaubtmann an Menschen und Viehe angerichtet, umb mein arm Kind zu
erschrcken und also zu einer Huren zu machen. Solches htte er aber
verschwiegen, dieweil der Amtshaubtmann ihm dafr ein Groes versprochen, mte
es aber jetzunder, wo der gerechte Gott die Unschuld meines Tchterleins an den
Tag brchte, freiwillig bekennen. Bte dahero mich und mein Kind ihme zu
vergeben, und als Dn. Consul ihn hierauf kopfschttlend fragete, ob er auf solch
sein Bekenntn leben und sterben wlle, sprach er noch ja! fiel sodann aber
alsogleich auf die Seite zur Erden nieder und gab seinen Geist auf.
    Hierzwischen aber war dem Volk auf dem Berge, so von Coserow, vom Zitze vom
Gnitze etc. alldorten zusammengelaufen war, umb mein Tchterlein brennen zu
sehen, die Zeit lang worden und kamen sie nunmehro wie die Gnse, einer nach dem
andern, in langer Reihe den Berg niedergelaufen, umb zu sehen, was geariviret.
Und war auch mein Ackersknecht Claus Neels darunter. Als selbiger aber sahe und
hrete, was geschehen, hube der gute Kerl vor Freuden an, laut zu weinen und
verzhlete nun auch, was er in dem Garten den Amtshaubtmann zu der alten Lisen
sprechende gehret, und wie er ihr ein Schwein versprochen, dafr da sie ihr
eigen Ferkelken todt gehexet umb mein Tchterlein in ein bses Geschrei zu
bringen, summa: Allens, was ich schon oben notirt habe und er bis dato aus
Furcht vor der Marter verschwiegen. Hierber verwunderte sich alles Volk, und
entstunde ein gro Lamentiren, so da Etzliche kamen, worunter auch der alte
Paassch befindlich, und mir wie meinem Tchterlein Hnde und Fsse kssen
wollten und uns nunmehro ebenso lobeten als sie uns vorhero verachtet hatten.
Aber so ist das Volk; dannenhero auch mein Vater seliger zu sagen pflegte:

Volkes Ha:
Ein schneidend Glas;
Volkes Gunst:
Ein blauer Dunst!

Auch caressirete mein lieber Gevatter mein Tchterlein in einem zu, sie auf
seinen Schoo haltend, und wie ein Vater weinend (denn ich kunnte nicht mehr
weinen als er weinete). Sie selbsten aber weinte nicht, besondern bat den
Junker, welcher wieder an den Wagen getreten war, einen Reuter an ihre alte,
treue Magd nacher Pudgla zu schicken, umb ihr zu sagen, was gearriviret, welches
er auch alsogleich ihr zu Willen that. Aber Ein ehrsam Gericht, (denn nunmehro
hatten Dn. Camerarius und der Scriba sich auch ein Herz gefasset und waren von
dem Wagen gestiegen) war annoch nicht zufrieden gestellet, angesehen Dn. Consul
anhub dem Junker von der behexten Brcken zu erzhlen, welche kein anderer knne
bezaubert haben, denn mein Tchterlein. Hierauf gab der Junker zur Antwort: da
solches in Wahrheit ein seltsam Ding sei, inmaen sein eigen Ro sich darauf ein
Bein zubrochen, und er darumb den Amtshaubtmann sein Pferd genommen, so er unter
der Mhlen angebunden gesehen. Er glube aber nicht, da dieses der Jungfer
zuzuhalten wre, sondern da es ganz natrlich zuginge, wie er schon halb und
halb verspret, aber nit die Zeit gehabt, es zu untersuchen. Darumb wlle er
bitten, da Ein ehrsam Gericht und alles Volk, wie mein Tchterlein selbsten,
wieder umbkehre, umb selbige mit Gottes Hlfe auch von solchem Verdacht rein zu
waschen, und mnniglich ihre gnzliche Unschuld zu bezeugen.
    In solches Frhaben willigte Ein ehrsam Gericht und dieweil der Junker den
Amtshaubtmann seinen Schimmel meinem Ackersknecht bergeben, umb den Leichnam,
so man dem Ro vorne ber den Hals geleget, nacher Coserow abzufhren, stieg der
Junker bei uns auf den Wagen, aber setzete sich nicht bei meim Tchterlein,
besondern rckwrts bei meim lieben Gevatter nieder, gab auch Befehlig, da nit
der alte Gutscher, sondern einer von seinen Unterthanen unsern Wagen fahren
slle, und also kehreten wir in Gottes Namen wieder umb. Custos Benzensis,
welcher auch mit den Kindern in die Wicken gelaufen war, so annoch am Wege
stunden (mein seliger Custos sollt es nicht gewest sein, der hatte mehr Courage)
ging wieder mit der lieben Jugend frauf und mute nunmehro, auf Befehlig seines
Herrn Pastoren, den ambrosianischen Lobgesang anstimmen, welches uns alle
mchtiglich erbarmete, insonderheit mein Tchterlein, so da ihr Buch na wurde
von ihren Thrnen, und sie es letzlich wegklegete und sprach, indem sie dem
Junker ihre Hand reichete: wie soll ich es Gott und Ihme danken, was Er an mir
gethan? worauf der Junker zur Antwort gab: ich habe mehr Ursache Gotte zu
danken, als Sie liebe Jungfer, angesehen Sie unschuldig in ihrem Kerker
gelitten, ich aber habe schuldig gelitten, dieweil ich durch meine
Leichtfertigkeit Ihr Ungelcke angerichtet. Glube Sie mir, als ich heute Morgen
das arme Snderglcklein zum ersten Male in meim Verlie klingen hrete,
vermeinete ich schon zu vergehen, und als es sich zum dritten Male vernehmen
liee, wre ich wohl unsinnig worden in meinem Schmerz, wenn der allmchtige
Gott es nicht so gefget, da er fast in selbigem Augenblick meinem wunderlichen
Vater sein Leben genommen, umb Ihr unschuldig Leben durch mich retten zu lassen.
Darumb habe ich auch dem lieben Gotteshause einen neuen Thurm angelobet, und was
sich sonsten befinden wird, denn nichts Bitteres htte mir auf Erden geschehen
mgen, denn Ihr Todliebe Jungfer, und nichts Seres, denn ihr Leben!
    Aber mein Tchterlein weinete und seufzete nur bei diesen Worten, und wenn
er sie ansahe, sahe sie zitternde auf ihren Schoo nieder, so da ich gleich
argumentirete, mein Jammer sei annoch nicht zu Ende, sondern solle nur ein ander
Thrnenfa angestochen werden, wie denn auch geschahe. Hiezu kam, da der Esel
von custos, nachdem er den Lobgesang beendet und wir annoch nicht zur Stelle
waren, gleich den nachfolgenden Gesang anhube, welcher aber ein Sterbenslied
war, nmlich dieses: Nun lasset uns den Leib begraben. (Gott sei Dank, hat
solches aber bis dato noch nichts Bses bedeutet). Mein lieber Herr Gevatter
schnarchete ihn davor nicht wenig an und slle er aus Strafe vor seine Dummheit
auch das Geld vor die Schuhe nit kriegen, so er ihm allbereits aus dem
Kirchenblock versprochen. Aber mein Tchterlein getrstete ihn und versprach
ihme vor eigene Unkosten ein Paar Schuhe, angesehen es vielleicht besser fr sie
wre, er stimmete umb sie einen Leichen- dann einen Freudengesang an.
    Und als den Junker solches verdro und er sprach: ei liebe Jungfer, Sie
wei nit wie Sie Gott und mir vor Ihre Rettung danken soll, und Sie spricht
also? gab sie wehmthig lchelnde zur Antwort: sie hab es nur gesagetumb den
armen custodem zu beruhigen. Aber ich sahe es ihr gleich an, da es ihr Ernst
war, dieweil sie schon jetzt bei sich befunde, da sie zwar aus einer Brunst
gerettet, doch in die andere kommen sei.
    Hierzwischen gelangeten wir wieder bei der Brcken an und stunde alles Volk
und sperreten die Muler auf, als der Junker vom Wagen sprang, undnachdem er
zuvor sein Ro erstochen, so noch auf der Brcken lag und spartelte, auf seine
Kniee fiel, mit der Hand auf den Boden hin und her wischete und letzlich Ein
ehrsam Gericht herbeirief, dieweil er nunmehro den Zauber aufgefunden. Aber es
wollte Niemand nicht ihm folgen denn Dn. Consul und ein Paar Kerls aus dem
Haufen, worunter auch der alte Paassch befindlich, item ich und mein lieber
Gevatter, und zeigete uns der Junker nunmehro ein Stcklein Talg bei der Gre
einer guten Nu, so auf dem Boden lag, und womit die ganze Brcke
bergeschmieret war, so da sie fast ein weilich Ansehn hatte, was aber
mnniglich in der Angst fr Mehlstaub aus der Mhlen gehalten, item mit einer
andern materia, so als Marderdreck stunk, wir aber nicht erkannten. Bald darauf
funde ein Kerl auch noch ein ander Stcklein Talg, und zeigete es dem Volk,
worauf ich ausrief: ho ho das hat Niemand, denn der gottlose Mhlenknappe gethan
vor die Prgel, die ihm der Amtshaubtmann hat geben lassen, weil er mein
Tchterlein gelstert und erzhlete nunmehro den Frfall, von welchem Dn. Consul
auch gehret, und dannenhero alsogleich den Mller rufen lie.
    Selbiger that aber als wte er von Nichtes, und berichtete nur, da sein
Mhlenknappe seit einer Stunden abgewandert sei. Doch sagete ein Mdken, so bei
dem Mller im Dienst stunde, da sie heute Morgen fr Tagesanbruch, als sie
aufgestanden, umb das Vieh auszulassen, den Knappen habe auf der Brcken liegen
und scheuren sehen. Htte sich weiters nicht daran gekehret, sondern wre
alsbald noch wieder eine Stunde schlafen gangen. Wohin der bse Bube aber
gewandert, wollte sie so wenig in Erfahrung gezogen haben, denn der Mller. Als
der Junker diese Kundschaft erlanget stieg er auf den Wagen und hub an das Volk
zu vermahnende, wobei er letzlich es auch persuadiren wollte, nicht mehr an
Zauberei zu gluben, dieweil sie shen, wie es mit der Hexerei befindlich wre.
Als ich solches hrete, entsatzte ich mich, wie billig in mein priesterlichen
Gewissen, und stieg auf das Wagenrad und bliese ihm ein, da er umb Gottes
willen von dieser Materia aufhren slle, dieweil das Volk, wenn es den Teufel
nicht mehr frchte, auch unsern Herrgott nicht mehr frchten wrde4.
    Solches tht der liebe Junker mir auch alsogleich zu Gefallen, und fragete
nur das Volk noch, ob sie jetzunder mein Tchterlein ganz fr unschuldig
hielten. Und nachdem sie ja! gesaget, bate er sie, nunmehro geruhsam nach
Hause zu gehen und Gott zu danken, da er unschuldig Blut gerettet. Er wlle
jetzo auch wieder umbkehren und hoffe er, da Niemand mich und mein Tchterlein
beschweren wrde, wenn er uns allein nacher Coserow zurckfahren liee. Hierauf
wandte er sich eilends an selbige, gab ihr die Hand und sprach: Lebe Sie wohl
liebe Jungfer, ich hoffe Ihre Ehre auch bald vor der Welt zu retten, und danke
Sie nicht mir, sondern Gott! Also machte ers auch mit mir und meinem lieben
Gevatter, worauf er von dem Wagen sprang und bei Dn. Consuli auf seinen Wagen
sitzen ging. Selbiger hatte auch bereits etzliche Worte zum Volk gesprochen,
auch mich und mein Kind umb Vergebung angerufen (und mu es ihme zur Ehre
nachrhmen, da seine Thrnen dabei auf die Backen niederflossen) wurde aber von
dem Junker also sehr gedrnget, da er krzlich abbrechen mute, und sie ohne
sich umbzusehen ber die kleine Brcke von dannen fuhren. Nur Dn. Consul sahe
sich noch einmal umb und rief mir zu: da er in der Eil vergessen habe, dem
Scharfrichter zu avertiren, da heute nicht gebrennet wrde; ich mge also in
seinem Namen meinen Frsteher von Uekeritze auf den Berg schicken und ihm
solches sagen lassen, was ich auch that. Und ist der Bluthund auch noch in
Wahrheit auf dem Berg gewest, doch obwohl er lngst gehret was frgefallen, hat
er doch so erschrcklich zu fluchen angefangen wie der Schulze ihm den Befehl
Eines ehrsamen Gerichtes berbracht, da es einen Stein htte erwecken mgen,
hat auch seine Mtze sich abgerissen, und selbige mit Fssen getreten, woraus
man gieen mag, was an ihme ist. Doch umb wieder auf uns zu kommen, so sa mein
Tchterlein, also still und bla wie eine Salzsule nachdem der Junker sie so
pltziglich und unvermuthet verlassen, wurde aber alsbald in Etwas wieder
getrstet, als die alte Magd angelaufen kam, ihre Rcke bis an die Knie
aufgeschrzet, und ihre Strmpfe und Schuhe in den Hnden tragend. Wir hreten
sie schon aus der Ferne fr Freuden heulen, dieweil die Mhle stille stund, und
fiel sie wohl an die dreien Malen auf der Brcken, kam aber letzlich auch
glcklich hinber und kete bald mir, bald meinem Tchterlein Hnde und Fe,
nur bittende: wir wllten sie nicht verstoen, besondern sie bis an ihr selig
Ende bei uns behalten, was wir auch zu thun versprachen. Und mute sie hinten
aufhacken, da wo der dreuste Bttel aufgehacket war, angesehen mein lieber Herr
Gevatter mich nicht verlassen wollte, bis ich wieder in meine Widemen gekommen.
Und da den Junker sein Kerl bei dem andern Wagen aufgehacket war, fuhr uns der
alte Paassch zurck, und alles Volkso bis dato gewartet, trottirete jetzt wieder
umb den Wagen her, und lobete und beklagete uns, wie es uns vorhero verachtet
und geschmhet hatte. Wir waren aber kaum durch Uekeritze gelanget, als ein
abermalig Geschrei erging: de Junker kmmt, de Junker kmmt! so da mein
Tchterlein hoch auffuhr fr Freuden und so roth wie eine Erdbeer wurde, von dem
Volk aber Etzliche schon wieder begunnten in den Buchweizen zu laufen, so am
Wege stunde, dieweil sie abermals vermeineten, es wre ein Spkels5. Es war aber
in Wahrheit der Junker wieder, so auf einem schwarzen Rappen angesprenget kam,
undals er gegen uns war ausrief: so eilig ich es auch habe liebe Jungfer, so
mu ich dennoch umbkehren und sie bis in Ihr Haus geleiten, angesehen ich eben
gehret, da das unfltige Volk sie unterweges schimpfiret, und ich nicht wei,
ob sie jetzunder sicher genug ist. Hierauf trieb er den alten Paassch zur Eile
an, und da das Ampeln6 mit seinen Beinen, so er frnahm nicht sonderlich die
Pferde in den Trab bringen wollte, schlug er von Zeit zu Zeit das Sattelpferd
mit der flachen Klingen ber den Rcken, so da wir in Kurzem in das Dorf und
vor die Widemen gelangeten. Doch als ich ihn bate, ein wenig abzusteigen, wollte
er nicht, besondern entschuldigte sich, da er heute noch ber Usedom nacher
Anclam reisen mte, empfohle aber dem alten Paassch so ein Schulze bei uns war,
mein Tchterlein auf seinen Kopf an, und mge er alsogleich, wenn etwas
Sonderbares sich erugnen sollte, selbiges dem Rentmeister in Pudgla, oder Dn.
Consuli in Usedom vermelden, worauf er, als der Mann solches zu thun versprach,
mit der Hand uns winkete, und wieder von dannen jagte, so sehr er kunnte.
    Aber er war noch nit bei Pagels umb die Ecke kommen kehrete er zum dritten
Male zurck, und als wir uns verwunderten sprach er: wir mchten ihme vergeben,
da er heute kurz von Gedanken sei.
    Ich htte ihme doch vormals gesaget, da ich annoch meinen Adelsbrief htte,
und bte er mich, ihn selbigen einige Zeit zu lehnen. Hierauf gab ich zur
Antwort: da ich selbigen erst herfrsuchen mte, und mge er dannenhero ein
wenig niedersteigen. Aber er wollte nit, besondern entschuldigte sich abereins,
da er keine Zeit nit htte. Blieb darumb vor der Thren halten, bis ich ihme
den Brief brachte, worauf er sich bedankete und sprach: la Er sich dieses
nicht verwundern; Er wird bald sehen was ich im Sinne habe! Und hiemit stie er
seinem Rappen die Sporen in die Seite und kam nicht wieder.

                                    Funoten


1 plattdeutsch: sich senken.

2 Knig majestt'scher Gre!
 Der umsonst deckt unsre Ble,
 Quell der Liebe, komm, erlse!

3 Dies geschah in damaliger Zeit so hufig, da in manchen Parochien Pommerns
wohl sechs bis sieben solcher elenden Weiber jhrlich den Scheiterhaufen
besteigen muten.

4 Vielleicht eine tiefe Wahrheit!

5 Gespenst.

6 Plattdeutsch: Zappeln.


                                  Capitel 29.

          Von unsrer groen, abermaligen Trbsal und letzlicher Freud.

Und htten wir jetzunder wohl zufrieden sein und Gotte Tag und Nacht auf unsern
Knieen danken mgen. Denn unangesehen, da er uns so gndiglich aus so groer
Trbsal erlset, hatte er auch das Herze meiner lieben Beichtkinder also
umbgekehret, da sie nicht wuten was sie uns Gutes thun sllten. Brachten alle
Tage Fische, Fleisch, Eier, Wrste und was sie mir sonsten bescheeren thten,
und ich wieder vergessen hab. Kamen auch den nchsten Sonntag alle zur Kirchen,
Gro und Klein (auer der Klienschen in Zempin so unterdessen einen kleinen
Jungen gekriegt und annoch ihre Wochen hielt) allwo ich ber Hiob 5, Verse 17,
18, 19 meine Dankpredigt hielte: siehe, selig ist der Mensche den Gott strafet,
darum wegere dich der Zchtigung des Allmchtigen nicht. Denn er verletzet und
verbindet, er zuschmeiet und seine Hand heilet. Aus sechs Trbsalen wird er
dich erretten, und in der siebenten wird dich kein Uebel rhren, wobei ich
oftermalen von wegen dem Heulen ein wenig inne halten mute, da sie sich
verpusten knnten. Und htt ich mich in Wahrheit anjetzo mit dem Hiob, nachdeme
ihn der Herr wiederumb gndig aus seinen Trbsalen erlset, wohl mgen in
Vergleichung stellen, wenn nicht mein Tchterlein gewesen wre, so mir abereins
viel Herzeleid bereitete.
    Sie weinete schon, als der Junker nicht absteigen wollte, und wurde letzlich
da er nicht wiederkam immer unruhiger von einem Tag in den andern. Sa bald und
las in der Bibel, bald in dem Gesangbuch, item in der Historie von der Dido bei
dem Virgilio, oder lief auch auf den Berg und hohlete sich Blmekens (hat
alldorten auch der Birnsteinader wieder nachgespret, aber nichtes befunden,
daraus mnniglich die List und Bosheit des leidigen Satans abnehmen mag).
Solches sahe ich etzliche Zeit mit Seufzen an, doch, ohne ein Wrtlein zu sagen
(denn Lieber, was kunnte ich sagen?) bis es immer rger wurd, und da sie
jetzunder mehr denn jemalen zu Hause und im Felde ihre carmina recitirete,
besorgete ich da das Volk sie wiederumb in ein Geschrei bringen wrde, und
ginge ihr eines Tages nach, als sie wieder auf den Berg lief. Gott erbarms, sie
sa auf ihren Scheiterhaufen, so annoch da stunde, doch also, da sie ihr
Antlitz zur Sehe gekehret hatte und recitirete die Versus, wie Dido den
Scheiterhaufen besteiget, umb sich aus Brunst zum Aeneae zu erstechen nmlich:

At trepida et coeptis immanibus effera Dido
Sanguineam volvens aciem, maculisque trementes
Interfusa genas, et pallida morte futura
Interiora domus irrumpit limina, et altos
Conscendit furibunda rogos. - - -1

Als ich solches sahe und hrete, wie weit es mit ihr kommen, entsatzte ich mich
auf das Hchste und rief: Maria, mein Tchterlein was machstu? Sie erschrak,
als sie meine Stimme hrete, blieb aber auf ihrem Scheiterhaufen sitzen, und gab
zur Antwort, indem sie das Gesicht mit ihrem Schurzfleck bedeckete. Vaterich
brenne mein Herze! Trat also nher zog ihr den Schurzfleck fort und sprach:
Wiltu mich denn noch einmal zu Tode grmen? worauf sie ihre Augen mit den
Hnden bedeckete und lamentirete: ach Vater, warumb bin ich hier nicht
gebrennet? so htte meine Pein doch nur eine kurze Zeit gewhret, nun aber
whret sie so lange ich lebe! That noch immer als merkete ich nichtes und
sprach: Warumb leidest du denn so viel Pein mein liebes Kind? worauf sie zur
Antwort gab: ich habe mich so lange geschmet es Ihme zu sagen, umb den Junker,
umb den Junker, mein Vater, leide ich so viele Pein! Er gedenket mein nit mehr
und verachtet mich, obwohl er mich gerettet, denn sonst wre er wohl ein wenig
vom Ro gestiegen und hineinkommen, aber wir seind ihm viel zu schlecht!
    Und hube ich nun zwar an, sie zu trsten und ihr die Gedanken auf den Junker
auszureden, aber je mehr ich trstete, je rger wurd es. Doch sahe ich, da sie
noch heimblich eine steife Hoffnung hatte von wegen dem Adelsbrief, den ich ihme
hatte thun mssen. Solche Hoffnung wollte ich ihr auch nicht benehmen, dieweil
ich sie selbsten hatte, besondern, umb sie nur zufrieden zu stellen, flattirete
ich letzlich ihrer Hoffnung, worauf sie auch etzliche Tage geruhsamer wurde, und
nicht wieder auf den Berg lief, wie ich ihr verboten. Nahm auch ihre kleine
Pate, die Paasschin wieder im Katechismus fr, angesehen der leidige Satan sie
mit des gerechten Gottes Hlfe nunmehro wieder gnzlich verlassen. Doch quinete2
sie noch und sahe also bla aus wie ein Laken. Als aber bald hiernach das
Geschreie kam: Niemand in der Burg zu Mellenthin wisse, wo der Junker
verblieben, und vermeine man, da er todt geschlagen wre, nahm ihr Jammer
wieder berhand, also da ich meinen Ackersknecht zu reuten nacher Mellenthin
schicken mute, umb Kundschaft von wegen ihme einzuhohlen. Und hat sie wohl an
die zwanzig Malen nach seiner Wiederkunft aus der Thren und ber das Hackelwerk
geschauet, ist ihm auch bis an die Ecke gegen Pageis entgegengelaufen, als sie
letzlich sahe da er wiederkam. Aber, du lieber Gott, er brachte uns bsere
Nachricht, denn das Geschreie uns gebracht, sagende: die Burgleute htten ihm
verzhlet, da ihr junger Herre gleich noch selbigen Tages abgeritten, als er
die Jungfer gerettet. Und wr er zwar nach dreien Tagen zur Begrbn seines
Vaters retourniret, aber auch gleich hierauf wieder abgeritten, und htten sie
nunmehro an die fnf Wochen weiter Nichtes von ihme gehret, wuten auch nicht
wohin er gefahren und vermeineten, da ihn bse Lotterbuben wohl geschlagen
htten.
    Und nunmehro hube mein Jammer grer an, denn er jemalen gewesen; denn so
geduldig und gottergeben sie sich vorhero erwiesen, da keine Mrtyrin hat mgen
strker in Gott und Christo ihrem letzten Stndlein entgegen gehen, so
ungeduldig und verzweifelt war sie anjetzo. Hatte alle Hoffnung aufgeben, und
sich steif in den Kopf gesetzt, da in dieser schweren Kriegszeit die
Schnapphanichen den Junker geschlagen. Nichtes wollte davor helfen auch das
Beten nit, denn wenn ich mit ihr auf meinen Knieen den Herren anrief, fing sie
letzlich immer an so erschrcklich zu lamentiren, da sie der Herre verstoen,
und sie nur zum Unglck auf Erden erwhlet sei, da es mir wie ein Messer mein
Herze durchschnitt, und mir die Gedanken mit denen Worten vergingen. Lag auch
des Nachts und winselte wie eine Schwalbe und ein Kranich und girrete wie eine
Taube, und ihre Augen wollten ihr brechen3, dieweil sie keinen Schlaf darinnen
bekam. Rief ich ihr dann aus meinem Bette zu: mein liebes Tchterlein, willtu
denn noch nit aufhren, so schlafe doch! so gab sie zur Antwort: schlaf Er nur
mein Herzensvater, ich kann nit schlafen, ehe denn ich den ewigen Schlaf
schlafe; ach mein Vater, warumb bin ich nicht gebrennet? Aber wie htte ich
schlafen mgen, da sie nicht schlafen kunnte; sagte zwar alle Morgen, da ich
etwas geschlafen, umb sie zufrieden zu stellen; aber es war nicht also,
besondern wie David schwemmete ich auch mein Bette die ganze Nacht und netzete
mit meinen Thrnen mein Lager4. Verfiel auch wieder in groen Unglauben, also
da ich nicht beten kunnte und mochte. Doch der Herre handelte nicht mit mir
nach meinen Snden und vergalt mir nicht nach meiner Missethat, besondern seine
Gnade sollte auch ber mir elenden Knecht bald hher werden, denn der Himmel
ber der Erden5.
    Denn was geschah am nchsten Samtstag? Siehe unsere alte Magd kam auer
Athem in die Thre gefahren: da ein Reuter ber den Herrenberg kme, htte
einen groen Federbusch an seinem Hut wehende, und glaube sie, es wre der
Junker. Als mein Tchterlein so auf der Bank sa umb sich ihre Haare
auszukmmen, solches hrete, tht sie einen Freudenschrei, da es einen Stein in
der Erden htte erbarmen mgen, und rannte alsogleich aus der Stuben, umb ber
das Hackelwerk zu schauen. Whrete auch nit lange, so kam sie wieder zurcke
gelaufen, fiel mir umb meinen Hals und schriee in einem wegk: der Junker, der
Junker! wollte darauf abereins herausihme entgegen, was ich ihr aber wehrete,
und slle sie sich lieber ihre Haare wegkstecken, was sie auch einsah und
lachende weinende und betende zugleich sich ihre langen Haare wieder aufbund.
Nunmehro kam aber auch der Junker schon umb die Ecken gegaloppiret, hatte ein
grn sammet Wammes an, mit rothen seidinen Aermeln, und einen grauen Hut mit
einer Reiherfeder, summa war stattlich angethan, wie eim Brutigam gebhret. Und
als wir nunmehro aus der Thren liefen, rief er meinem Tchterlein auf
lateinisch schon von ferne entgegen: quomodo stat dulcissima virgo6? worauf sie
zur Antwort gabe: bene, te aspecto7. Sprung also lchelnd vom Ro, und gab
solches meinem Ackersknecht, so mit der Magd auch herbeikommen war, umb sein zu
pflegen, verschrak sich aber als er mein Tchterlein also bla sahe, und sprach,
sie bei ihrer Hand fassend, auf teutsch: mein Gott, was fehlet Ihr liebe
Jungfer, Sie sieht ja blasser aus, denn da Sie auf den Scheiterhaufen sollte?
worauf sie zur Antwort gab: ich bin auch alle Tage zum Scheiterhaufen gefahren,
seitdem Er uns verlassen, lieber Herre, ohne bei uns einzusprechen, oder uns
kund zu thun, wo Er geblieben.
    Solches gefiel ihme und sprach, wir wllten nur allererst in die Stube
gehen, sie slle Allens erfahren. Und nachdeme er sich alldorten den Schwei
abgewischet und auf die Bank bei meim Tchterlein niedergesetzet hatte,
verzhlete er, wie folget. Er htte ihr ja alsogleich versprochen, er wlle ihre
Ehre erstlich vor aller Welt restituiren und htte ihm dannenhero noch am
selbigen Tage, als er uns verlassen, Ein ehrsam Gericht ein kurz Gezeugn
ausstellen mssen von Allem was frgefallen, insonderheit aber von dem
Bekenntn des dreusten Bttels, item meines Ackerknechtes Claus Neels, womit er
annoch in der Nacht, wie er versprochen, gen Anclam geritten und des nchsten
Tages nacher Stettin zu unserm gndigen Herrn dem Herzogen Bogislav. Selbiger
htte sich fast heftig verwundert, als er von der Bosheit seines Haubtmanns
vernommen und wie ers mit meinem Tchterlein gemachet, auch gefraget, ob sie des
Pastoren Tochter sei, so einstmalen in Wolgast im Schlogarten den Siegelring
Sr. frstl. Gnaden, Philippi Julii, christmilden Gedchtnisses, gefunden, und da
er solches nicht gewut, ihn abereins gefraget: ob sie auch lateinisch
verstnde? Und als er, der Junker, letztes bejahet und gesaget, sie knne besser
lateinisch denn er, htte S.f.G. geantwortet: so will sie es genugsam sein, und
sich alsogleich die Brille aufgesetzet und selbsten acta fr sich genommen.
Hierauf, und nachdeme S.f.G. das Gezeugn Eines ehrsamen Gerichtes
kopfschttelnd gelesen, htte er demthig umb eine Ehrenerklrung vor mein
Tchterlein gebeten, auch S.f.G. imploriret ihm literas commendatitas8 an unsern
allergndigsten Kaiser, nacher Wien mitzugeben, umb meinen Adelsbrief zu
renoviren, angesehen er gesonnen sei, kein ander Mdken in seinem Leben zu
heurathen denn mein Tchterlein.
    Als sie solches hrete, that sie einen Freudenschrei und fiel in Unmacht mit
dem Kopf an die Wand. Aber der Junker begriff sie in seine Arme, gab ihr an die
drei Kekens (so ich nunmehro auch ihme nicht wegern wollte, da ich mit Freuden
sahe, wo es hinauslief) und als sie wieder bei sich kommen fragete er: ob sie
ihn nicht wlle, da sie bei seinen Worten einen solchen Schrei gethan? worauf
sie sprach: ob ich Ihn nicht will mein Herre? Ach fast so lieb als meinen Gott
und Erlser will ich Ihne! Nunmehro hat Er mir erstlich mein Leben gerettet, und
mein Herze vom Scheiterhaufen gerissen, auf dem es ohne Ihn gebrennet htte sein
Lebenlang! Weinete hierauf fr Freuden, als er sie auf seinen Schoo niederzog,
und umbfing mit ihren Hndekens seinen Nacken.
    Saen auch also und caressireten eine ganze Zeit, bis der Junker wieder mein
ansichtig wurde und sprach: was sagt Er dazu, es ist doch auch Sein Wille Ehre
Abraham? Ei Lieber, was htte ich wohl dazu sagen knnen denn Alles Guts?
Weinete ja selbsten fr Freuden, wie mein Kind, und gab darumb zur Antwort:
warumb es nicht mein Wille sein sollte, da es Gottes Willen wr? Aber ob der
gute und rechtschaffene Junker auch bedacht htte, da er seinem adlichen Namen
einen Abbruch thun wrde, wenn er mein Tchterlein, so als eine Hexe im
Geschrei, und nahe vor dem Scheiterhaufen gewest, sich zu seiner Frauen nhme?
    Hierauf sprach er: mit nichten, diesem htte er lngstens prcaviret und
fuhr nunmehro fort uns zu erzhlen, wie er es angefangen, nmblich S. frstl. G.
htten ihme versprochen, alle Scripta, so er begehret, inner vier Tagen fertig
zu halten, wo er von der Begrbn seines Vaters heimbzukehren hoffe. Wre
derohalben auch gleich wieder nach Mellenthin abgeritten, und nachdem er seinem
Herrn Vater die letzte Ehr erwiesen, htte er sich auch alsogleich wieder
aufgemacht, und befunden, da S.f.G. unterde ihr Wort gehalten. Mit solchen
Scriptis wre er nacher Wien abgeritten und wiewohl er viel Leid, Mhe und
Gefahr unterwegens ausgestanden (so er uns ein ander Mal erzhlen wlle) wre er
doch glcklich in diese Stadt gelanget. Alldorten htte er aber von ungefhrlich
einen Jesuiten getroffen mit welchem er einstmalen als Studiosus etzliche Tage
sein Locament in Prag gehabt, und selbiger ihme auf sein Anliegen geantwortet:
er solle guten Muths sein, angesehen Seine Majestt in diesen schweren
Kriegsluften Geld gebrauche, und wlle er, der Jesuit, Allens machen. Solches
wre auch beschehen, und htte die Kaiserliche Majestt nicht blos meinen
Adelsbrief renoviret, besondern auch die Ehrenerklrung S.f.G. des Herzogen
confirmiret, so da er nunmehro mnniglich Red und Antwort von wegen seiner
Braut stehen knne, wie nachgehends von wegen seiner Frauen. Und als er nunmehro
die Acta aus seinem Busen herfrzog und mir selbige in die Hand gab sprach er:
aber jetzunder mu Er mir auch einen Gefallen thun Ehre Abraham, nmblich mich
morgen, wo ich mit meiner Braut zu Gottes Tisch zu gehen verhoffe, mit seinem
Tchterlein einmal fr allemahlen abzukndigen, und nachgehends schon bermorgen
zu trauen. Sage Er nit Nein hiezu, denn mein Pfarrer, Ehre Philippus spricht,
da solches bei Adlichen in Pommern nicht ungebruchlich, wannenhero ich auch
zum Montage die Hochzeit in meiner Burg allbereits angesaget, als wohin wir
fahren wollen und wo ich auch mein Beilager zu halten gedenke. Gegen solches
Ansuchen htte nun mancherlei zu moniren gehabt, insonderheit, da er zu Ehren
der heiligen Dreieinigkeit sich wllte dreimal kndigen lassen, wie es der
Brauch ist, und mit seiner Hochzeit annoch warten, aber da ich meim Tchterlein
ansah, da sie auch gern recht bald Hochzeit htt, inmaen sie seufzeln und so
roth wie ein Scharlaken wurde, kunnt ich es ihnen nicht abschlagen, sondern
versprach Allens, was sie wollten. Hierauf vermahnete sie Beide zum Gebet, und
nachdem ich meine Hnde auf ihr Haupt geleget, dankete ich dem Herrn so
brnstiglich, wie ich ihm noch nimmer gedanket, also da ich letzlich fr meinen
Thrnen nicht weiter kommen kunnte, sondern sie mir meine Stimme ersufeten.
    Hierzwischen war aber des Junkers sein Wagen mit vielen Truhen und Koffers
vor der Thren angelanget, und sprach er: jetzo soll Sie auch sehen liebe
Jungfer, was ich Ihr mitgebracht, und gab Befehlig Allens in das Zimmer zu
tragen. Ei Lieber, welche schne Sachen hatte es darinnen, so ich mein Lebtage
nit gesehen! Allens was Weiber gebrauchen, war hier frhanden, insonderheit an
Kleidern, als Leibichen, gefaltete Hcke9, lange Mantel, zum Theil mit
Futterfell verbremmet, Schleier, Schrzen, item das Brauthemd so mit gldenen
Borten besetzet war und worauf der kurzweilige Junker an die sechs oder sieben
Mirthenbscher vor sie geleget hatte, umb sich daraus selbsten einen Kranz zu
machen. Item nahm es kein Ende an Ringen, Halskettlein, Ohrenperlein etc. so ich
zum Theil vergessen hab. Auch wollte der gute Junker mich nit unbescheert
hinterlassen, inmaen er mir ein neu Megewand (dieweil das alte die Feinde
geraubet) auch Futterhemde, Hosen und Schuhe, summa Allens was zur Mannskleidung
gehrt, mitgebracht hatte, weshalben ich nur im Stillen den Herrn anrief, da er
uns fr solchen Staat und Hoffarth nit abermals in seinem Zorn strafen wlle.
Als mein Tchterlein dieses Allens sahe, wurde sie betrbt, da sie ihme nichts
mehr geben knne denn ihr Herze allein, und die Kettin von dem schwedischen
Knig so sie ihme umb den Hals hing, und ihn weinende bate, sie vor ein
Brautgeschenke zu behalten. Solches versprach er auch letzlich und da er sie
mit in seinen Sarg nehmen wlle, doch zuvorab msse mein Tchterlein noch damit
vertraut werden, wie mit dem blauen seidinen Kleid, denn dieses und kein anderes
slle ihr Brautkleid sein, welches sie ihme auch angeloben mute.
    Doch mit der Magd begab sich noch ein seltsamer Frfall, so ich allhier noch
notiren will. Denn nachdeme das alte treue Mensch gehret, was hieselbsten
geariviret, war sie fr Freuden auer sich, sprang und klatschete in ihre Hnde,
und sagete letzlich zu meim Tchterlein: nunmehro wrde sie sicherlich nicht
mehr weinen, wenn der Junker in ihr Bette liegen wlle, worber selbige also
erschaamrothete, da sie aus der Thren lief. Und als der Junker nunmehro wissen
wollte, was sie damit sagen wlle, verzhlete sie ihme, da er schon einmal als
wir von Gtzkow kommen, in meines Tchterleins Bette geschlafen, worber er den
ganzen Abend seinen Kurzweil mit ihr hatte, als sie wiederkam. Der Magd
versprach er aber, da sie schon einmal meines Tchterleins Bette vor ihn
gemacht, slle sie es auch zum andern Mal machen, und bermorgen wie auch mein
Ackersknecht, mit nacher Mellenthin fahren, damit Herrschaft und Gesinde sich
nach so viel Trbsal zusammen freuen knnten.
    Und da der liebe Junker bei uns die Nachtherberge nehmen wollte, mute er
bei mir in der kleinen Achterstuben schlafen (denn ich kunnte doch nit wissen
was frfallen wrde). Schlief auch bald wie ein Dachs, aber in meine Augen kam
kein Schlaf, fr Freuden, sondern betete die ganze liebe Nacht oder gedachte an
meine Predigt. Erst umb die Morgenzeit drusete ich ein wenig ein, und als ich
aufstund sa der Junker schon in der Vorderstuben bei meim Tchterlein, welche
allbereits das schwarze seidine Kleid anhatte, so er ihr mitgebracht, und wie
durch ein Wunderwerk frischer aussahe, denn da der schwedische Knig kam, so da
ich sie mein Lebtage nit frischer und hbscher gesehen. Item hatte der Junker
schon sein schwarz Wammes an und suchte ihr die besten Zweigleine zum
Myrthenkranz aus, den sie sich wunde. Legte aber ihren Kranz sogleich auf die
Bank, fallete ihre Hndleins und betete nach ihrer Gewohnheit den Morgenseegen,
als sie mich ankommen sahe, welche Demuth den Junker sehr erfreuete, und er bat
es in Zukunft bei ihme auch also zu halten, was sie auch zu thun versprach.
    Bald hierauf gingen wir auch zur lieben Kirchen in die Beichte und, dieweil
der Junker mein Tchterlein unter ihrem Arm gefasset, blieb alles Volk fr
Verwunderung stehen und rien den Hals auf, so weit sie kunnten. Sollten sich
aber annoch mehr verwundern, als ich nach der Predigt erstlich die
Ehrenerklrung Sr.f.G. mit der Confirmation der Kaiserlichen Majestt und
nachgehends meinen Adelsbrief auf teutsch ihnen frlas, und letzlich mein
Tchterlein mit dem Junker zu kndigen begunnte. Lieber, da mrmelte es in der
Kirchen nit anders als wenn die Bienen summen. (NN. Diese Scripta seind jedoch
bei dem Feuer, so vor einem Jahr in der Burg auskam, wie ich nachgehends
vermelden werde, verbrennet, wannenhero ich sie allhier nicht in origine
allegiren kann.)
    Darauf gingen meine lieben Kinder mit vielen Volk zu Gottes Tisch, und nach
der Kirchen kamen sie fast alle umb sie und wnscheten ihnen Glck. Item kam der
alte Paassch noch auf den Nachmittag zu mir ins Haus, und bat mein Tchterlein
abereins umb Vergebung, da er sie unwissend beleidiget; wllte ihr gerne ein
Hochzeitsgeschenke verehren, aber er htte jetzunder Nichtes, doch slle seine
Frau ihr zum Frhjahr ein Huhn setzen und wlle er dann selbsten die Kken
nacher Mellenthin bringen. Hierber muten wir allzumalen lachen, insonderheit
der Junker, welcher letzlich sprach: so du mir ein Hochzeitsgeschenke machest,
mutu auch zur Hochzeit geladen werden, darumb machstu wohl morgen mitkommen.
    Worauf mein Tchterlein sprach: und Eure kleine Marie, meine Pten soll auch
mitkommen und soll meine Brautjungfer sein, wenn es mein Herre erlaubet. Hierauf
hub sie an, dem Junker Allens zu erzhlen was mit selbiger durch die List des
leidigen Satans frgefallen und mnniglich ihr zur Last geleget, bis der
gerechte Gott ihre Unschuld gerettet, und bate, da der liebe Junker befhle, da
sie dasselbige Kleid zu eim Traukleid haben slle, worinnen sie den schwedischen
Knig salutiret und nachgehends zum Scheiterhaufen gefahren sei, er ihr auch
verstatten mge, ihre kleine Ptin, als indicium secundum10 ihrer Trbsal mit
sich vor eine Brautjungfer nehmen.
    Und als er solches versprach, hie sie den alten Paassch sein Mdken ihr
anhero zu schicken, umb ihr ein neu Kleid anzupassen, so sie schon fr 8 Tagen
vor selbiges zugeschnitten, und die Magd heute noch fertig nhen slle, welches
Allens den alten guten Kerl so erbarmete, da er laut zu weinen begunnte und
letzlich sagte: sie slle es nicht umbsonst gethan haben, denn vor das eine Huhn
slle seine Frau ihr nunmehro zum Frhjahr auch drei Hhner setzen.
    Als er wegk war und der Junker nichts anderes thte, denn mit seiner Braut
schwtzen, beides deutsch, wie lateinisch, macht ich es besser und ging auf den
Berg zu beten, wobei ich ihr nachfolgete, und auf den Scheiterhaufen stieg, umb
hier einsamlich dem Herrn mein ganzes Herze zu einem Dankopfer zu bringen,
dieweil dieses sein liebstes Opfer ist. Ps. 51, v. 19.
    Die Nacht nahm ich den Junker wieder bei mir, aber als am andern Morgen kaum
die Sonne auf -

Hiemit enden diese interessanten Mittheilungen, die ich nicht die Absicht habe,
mit eigenen Zuthaten zu verwssern. Meine Leser, und insonderheit meine schnen
Leserinnen mgen sich nun nach Gefallen das Glck dieses vortrefflichen Paares
weiter ausmalen.
    Alle weiteren historischen Spuren seines Daseins wie des Daseins des
Pfarrers sind verschwunden, und nur ein in die Wand der Kirche zu Mellenthin
gefgter Denkstein ist brig geblieben, auf welchem der unvergleichliche Junker
mit seinem noch unvergleichlicheren Weibe abgebildet ist, noch die gldene
Kettin mit dem Konterfett des schwedischen Knigs auf seiner treuen Brust.
Beide scheinen kurz hinter einander gestorben und in einem Sarge begraben zu
sein. Denn im Kirchgewlbe sieht man einen groen Doppelsarg in welchem, der
Tradition zufolge, sich auch eine goldene Kette von unschtzbarem Werth befinden
soll. Vor einigen 20 Jahren wollte der Gutsbesitzer v.M. welcher durch seine
unerhrte Verschwendung nahe an den Bettelstab gekommen war, diesen Sarg ffnen
lassen um daraus das kostbare Kleinod zu entwenden, aber er vermochte es nicht.
Wie durch einen mchtigen Zauber wurde er in seinen Fugen festgehalten und ist
bis auf den heutigen Tag noch unerffnet geblieben. Mge ers auch bis auf jenen
groen Tag und nie die frevelnde Hand der Habsucht oder der Neugier diese
heilige Asche heiliger Menschen entweihen! - Zum Schlu noch das Denkmal des
guten Paares in getreuer Zeichnung.

                                    Funoten


1 Nach Schillers bersetzung:

Sie selbst zur Furie entstellt
Vom grlichen Entschlu, der ihren Busen schwellt,
Mit bluterhitztem Aug', gestachelt von Verlangen,
Der Farben wechselnd Spiel auf krampfhaft zuckenden Wangen,
Jetzt flammenroth und jetzt vom nahenden Geschick
Durchschauert, bleich, wie eine Bste,
Strzt in den innern Hof, und Wahnsinn in dem Blick
Besteigt sie das entsetzliche Gerste.

2 plattdeutsch: fr krnkeln, mit dem Nebenbegriff des Sthnens.

3 Jesaias 38, 14.

4 Psalm 6, 7.

5 Ps. 103, 10.

6 Wie steht es se Jungfrau?

7 gut, da ich dich erblickt habe.

8 Empfehlungsschreiben.

9 Die Bedeutung dieses Kleidungsstckes ist mir unbekannt, wenn es nicht etwa
ein Schreibfehler ist und Rcke heien soll.

10 zweites Wahrzeichen.

