
                                 Lewald, Fanny

                                     Jenny

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                                  Fanny Lewald

                                     Jenny

                       Von der Verfasserin von Clementine

Bei Gerhard, dem ersten Restaurant einer groen deutschen Handelsstadt, hatte
sich im Sptherbst des Jahres achtzehnhundertzweiunddreiig nach dem Theater
eine Gesellschaft von jungen Leuten in einem besondern Zimmer zusammengefunden,
die anfnglich whrend des Abendessens heiter die Begegnisse des Tages besprach,
allmlig zu dem Theater und den Schauspielern zurckkehrte und nun in
schumendem Champagner das Wohl einer gefeierten Knstlerin, der Giovanolla,
trank, welche an jenem Abende die Bhne betreten hatte.
    Sie soll leben und blhen in ewiger Schnheit! sagte entzckt der Maler
Erlau, und mge es mir vergnnt sein, die Feueraugen und den Gtternacken dieses
Mdchens immer vor meinen Augen zu haben, wie sie sich mir bei der gestrigen
Sitzung zeigten. Ihr seht sie Alle in der falschen, tuschenden Beleuchtung der
Bhne, und knnt nicht ahnen, wie schn ihre Farben, wie regelmig und
vollendet ihre Zge und wie ppig ihre Formen sind. Ich sage Euch, sie ist der
Typus einer italienischen Schnheit.
    Wenn sie nur nicht so verdammt jdisch ausshe, sagte wegwerfend der junge
Horn, der Sohn und Erbe eines reichen Kaufmanns. Ich sagte es gleich zu meinem
Vetter Hughes, den ich Ihnen, lieber Erlau! als einen Mitenthusiasten empfehlen
kann, und der fr nichts Augen hatte, als fr diese Person, die mir wirklich mit
all ihrer gepriesenen italienischen, oder sagten Sie orientalischen Schnheit?
im hchsten Grade mifallen hat. Wir lieben in unserer Familie diese Art von
Schnheit nicht, es ist eine uns angeborne Antipathie, und mir wurde erst wieder
in England bei den schlanken, blonden Insulanerinnen recht wohl, nachdem ich
mich in Havre ein Jahr lang unter jenen kleinen, brunetten Franzsinnen in der
Frankfurter Judengasse geglaubt hatte.
    A propos, von Judengasse, lieber Ferdinand! fiel der Vetter, ein geborner
Englnder, und erst seit wenig Tagen in dieser Stadt, dem Sprechenden ins Wort,
wer war wohl das ganz junge Mdchen in der zweiten Loge rechts von der Bhne?
Sie ist offenbar eine Jdin, aber es ist ein sehr interessantes Gesicht.
    Ich kenne die Leute nicht, antwortete der Gefragte.
    Schmen Sie sich, rief im komischen Zorn der Maler, und verleugnen Sie
nicht, wie unser heiliger Apostel Petrus, seligen Andenkens, Ihren Meister und
Herrn. Sie sollten den reichen Banquier Meier nicht kennen, bei dessen Vater Ihr
Herr Vater die Handlung erlernte, und von dem er die Mittel zu seinem
Etablissement erhielt, als er sich in Ihre Mutter verliebte? Freilich kam Ihr
Herr Papa durch diese Heirath in die schnste Mitte der Kaufmannsaristokratie,
und mag in der Gesellschaft wohl seine alttestamentarischen Verbindungen
vergessen haben.
    Horn war halb beleidigt, halb verlegen. Ach so! sagte er, die Meiers hatten
die Loge? Es waren die Meiers? Die Tochter soll ein hbsches Mdchen werden,
eine sehr reiche Erbin, sie steht noch zu Diensten, lieber Vetter! - Das ist
aber auch Alles, was ich von ihnen wei.
    So erlauben Sie mir, nahm der Candidat Reinhard, ein schner, junger Mann,
der bis dahin schweigend der Unterhaltung zugehrt hatte, die ihm nicht zu
gefallen schien, das Wort, so erlauben Sie mir, Ihnen, falls es Sie interessirt,
nhere Auskunft ber die Familie zu geben. Das Meiersche Haus ist eines der
gastlichsten in unserer Stadt, die Mutter eine freundliche, wohlwollende Frau,
der Vater ein sehr gescheidter und braver Mann, der ein offenes Herz fr die
Menschen und die Menschheit hat, und sich lebhaft fr Alles interessirt, was es
Groes und Schnes gibt. Die Leute haben nur zwei Kinder: einen Sohn, der mein
genauer Freund ist, den Doctor Meier, und eben diese Tochter, Jenny Meier, die
ich bis vor Kurzem unterrichtet habe.
    Und ist Niemand da, der die Handlung fortsetzt, wenn der alte Meier, dessen
Firma ja sehr bekannt ist, einmal stirbt? fragte der Vetter.
    Ja wohl, ein Neffe, seines Bruders Sohn, der auch Meier heit, und schon
lange in der Handlung ist. Man sagt, er werde die Tochter heirathen und das
Geschft einst bernehmen, antwortete Reinhard zgernd.
    Der Glckliche, ich knnte ihn beneiden, denn das Mdchen ist wahrhaft
reizend, rief der Englnder aus.
    Das denkt Freund Reinhard auch, lachte Erlau, und gewisse Leute wollen
behaupten, da er die junge Dame, nachdem er ihre geistige Ausbildung
meisterhaft geleitet, jetzt praktisch in der Conjugation mancher Zeitwrter
unterrichte, als da ist: ich liebe, du liebst u.s.w. u.s.w. Werde nicht roth,
lieber Reinhard, es ist eine Bemerkung, wie jede andere, und ich theile Deine
Neigung und Anhnglichkeit fr das ganze Meiersche Haus. Es sind gute und
gebildete Leute, und wenn auch die sogenannte Elite der Gesellschaft dort im
Hause nicht zu sehen ist, so findet man den grten Theil unserer Gelehrten und
Knstler, eine Menge von Fremden, und vortreffliche Unterhaltung bei Meiers. Ich
wte kein Haus, das ich lieber besuchte, als das ihre.
    Sie schildern die Familie so anziehend, da Sie mir fast den Wunsch
einflen, mich in dem Hause einfhren zu lassen, sagte Hughes.
    Nicht doch, William! fiel Horn ein, meine Mutter wrde das sehr ungern
sehen, wie kommst Du nur darauf? Ich bitte Dich, diese Juden hngen wie die
Kletten zusammen, und bist Du erst in einem ihrer Zirkel, so steckst Du auch
gleich so fest in der ganzen Clique, da man sich scheuen mu, mit Dir an
ffentlichen Orten zu erscheinen, aus Furcht, von Deiner mosaischen
Bekanntschaft berfallen zu werden. Die Visite bei Meiers -
    Wrde Ihnen beweisen, da Ihr Herr Vetter mit seinen Gesinnungen in mancher
Beziehung noch tief im Mittelalter steckt, unterbrach Reinhard die Rede, und ich
bekenne Ihnen, Herr Horn, da mir Ihre Aeuerungen nicht nur in unserer Zeit
hchst befremdlich scheinen, sondern da ich sie geradezu fr unschicklich
halte, nachdem ich Ihnen gesagt habe, da ich der Familie befreundet bin und sie
hochachte.
    Entschuldigen Sie, ich verga, da Sie Lehrer in dem Hause sind und die
Sache also anders ansehen mssen. Ich aber, der ich unabhngig bin, gestehe
Ihnen - - - -
    Gestehen Sie Nichts mehr, Sie haben ja schon so Vieles heute gestanden, rief
Erlau dazwischen, was Sie lieber htten verschweigen sollen. Sie sind ein
reicher, junger Kaufmann, sehr elegant, sehr fashionable, was kmmern Sie
Gestndnisse und Juden? Mein Gott! Sie haben nun einmal die Antipathie, und Sie
brauchen ja auch nicht zu Meiers zu gehen, Es hat Sie Niemand gebeten - selbst
nicht, fgte er halblaut, gegen Reinhard gewendet, hinzu, als vor drei Jahren
die Sonntag dort war und der junge Herr alle Segel aufsetzte, um eingeladen zu
werden. Ich bitte Dich, Reinhard, rgere Dich ber den Laffen nicht und la ihn
laufen.
    Die Unterhaltung war zu einem Punkte gekommen, auf dem sie leicht eine
verdrieliche Wendung nehmen konnte, da ffnete sich pltzlich die Thre und ein
junger, hbscher Mann, kaum dreiig Jahre alt, trat in das Zimmer. Er war nur
mittler Gre, aber krftig und wohl gebaut, hatte krauses, schwarzes Haar, eine
gebogene Nase, ein Paar durchdringend kluge, schwarze Augen, und vor Allem eine
hohe, gewlbte Stirn, die beim ersten Anblick den Mann von Geist und Charakter
verrieth. Seine Bewegungen waren rasch, wie sein Blick. Er hatte eine gelbliche
aber gesunde Farbe, und war modern, doch ganz einfach gekleidet. Kaum war er in
das Zimmer getreten, als Erlau und Reinhard ihm mit dem Ausruf: Guten Abend,
Meier, gut da Du kommst! entgegen gingen. Er wandte sich aber, die Begrung
nur flchtig erwidernd, an Horn, und sagte: Ich komme eben aus dem Hause Ihrer
Eltern. Ihr Frulein Schwester hat sich den Fu beschdigt, als sie nach der
Rckkehr aus dem Theater aus dem Wagen stieg. Man hat mich holen lassen, es ist
jetzt Alles in Ordnung, durchaus nichts zu befrchten, und ich freue mich, da
ich Sie hier treffe, denn ich glaube, man erwartet Sie zu Hause. - Guten Abend,
und schn, da ich Euch noch finde, fuhr er, gegen die Freunde gewendet, fort,
und setzte sich zu ihnen nieder.
    Horn machte ein paar besorgte Fragen, die von Doctor Meier beruhigend
beantwortet wurden, dann brach jener auf, und William wollte ihn begleiten.
Erlau indessen, der niemals genug Leute beisammen haben konnte, und dem der
Englnder gefiel, redete ihm zu, bei ihnen zu bleiben, um noch ein paar Stunden
zu plaudern. Im Hause Ihres Onkels knnen Sie Nichts ntzen und hier, sagte er,
haben wir Gelegenheit, Sie unserm Freunde, dem Doctor Meier, von dem wir vorhin
sprachen, vorzustellen, also bleiben Sie immer hier.
    William war das zufrieden, und Horn empfahl sich dem kleinen Kreise, indem
er William versicherte, er beneide ihn um den Genu, in so vortrefflicher
Gesellschaft noch lnger zu bleiben, dabei warf er einen spttischen Blick auf
Meier, den dieser nicht sah, da er Horn den Rcken zugewendet hatte, und den
Reinhard mit verchtlichem Achselzucken erwiderte.
    Ein Kellner rumte die leeren Bouteillen, die gebrauchten Glser fort, und
setzte eine volle Flasche vor die Zurckbleibenden hin.
    Erlau, Reinhard und William, die schon seit einer Stunde beim Weine saen,
geriethen allmlig in eine immer munterere Laune, gegen welche Meier's Ruhe
eigenthmlich abstach. Vor Allen konnte Erlau's ausgelassene Frhlichkeit sich
nicht genug thun; ein Witz folgte dem andern, ein Toast dem andern. Alt-England
soll leben! rief er aus, mit seinen freien Institutionen, mit seinem edlen Lord
auf dem Wollsack, seiner magna Charta und seinen Constables und Beefsteaks, und
Sie sollen leben und leben immer mit uns, wie heute, Mr. Hughes.
    Der Toast wurde erwidert. Hughes trank auf die Einheit Deutschlands;
Reinhard lie die deutschen Frauen leben, Erlau vor Allen die Schauspielerin,
von der schon frher die Rede gewesen war, und Meier gab sich dem Treiben hin,
wie ein Erwachsener, der mit Kindern spielt. Er nahm uerlich Theil daran,
whrend ihn im Innern offenbar ein anderer Gegenstand beschftigte, und er in
ein Hintrumen versank, aus dem Erlau's Ruf: Meier, die Deinen sollen leben! ihn
aufstrte. Schweigend und nur mit dem Kopfe nickend dankte dieser, und trank
sein Glas aus. Damit war aber Erlau noch nicht zufrieden.
    Mein Gott! Du unertrglich ernsthafter Doctor und Misanthrop, gibt es denn
nichts mehr auf der Welt, was Dich aus Deiner philosophischen Philisterlaune
herausreien kann? - Ich erschpfe mich in hinreiender Geistreichheit, ich
verschwende die beste Laune, den allerbesten Wein an Dir, und Du nimmst meine
Liebenswrdigkeit, die doch heute ganz auerordentlich ist, hin, wie ein Bettler
das tgliche Brot, ohne Freude und Genu, und giet den edlen Wein hinunter,
gedankenlos, als glte es, das harte tgliche Brot mit langweiligem Wasser
hinabzusplen. Ich werde irre an Dir, Doctor! Was fehlt Dir, was denkst Du, was
meinst Du? Soll ein Gott vom Himmel steigen, um Dir zu beweisen, da die Welt
die beste ist, in der auf dem Kalkfelsen dieser Gttertrank zu wachsen vermag?
in der auf allen Wegen die schnsten Blumen erblhen, und in manchen alten
Husern die hellsten Mdchenaugen blitzen? Snder, gehe in Dich, und thue Bue,
und rufe mit mir: Die Weiber sollen leben! - und - ha! nun hab' ich's, was ihn
wecken wird; steht auf, ihr Weisen, und trinket mit mir! Meier, Deine Schwester
soll leben! -
    Reinhard und Hughes standen auf, und der Letztere rief lebhaft: Ja! das
schne Mdchen mit dem dunkeln Flammenblick soll leben und immer leben! -
    Auch Reinhard, in dem noch mancher Widerhall seiner Studentenjahre
nachtnte, erhob sein Glas, und bereitete sich, es gegen die andern Glser
klingen zu lassen, nur Meier blieb ruhig sitzen und sagte: Seit wann ist es
Sitte, da man bei Zechgelagen auf das Wohl unbescholtener Mdchen trinkt? Ich
werde es wenigstens nicht leiden, da der Name meiner Schwester in meiner
Gegenwart im Weinhause entweiht werde. Setzen Sie sich, meine Herren! den Toast
nehme ich nicht an. -
    Dieser ruhige, ernste Ton schien Erlau pltzlich abzukhlen, whrend er den
Englnder in lebhafte Bewegung versetzte. Er ging rasch auf Meier zu, und rief:
Verzeihen Sie mir, mein Herr! aber Sie mssen mein Freund werden! Wir Englnder
haben sonst nicht das Herz auf der Zunge - aber Ihr Deutschen seid unsere
Stammverwandten. Ihr wit es, was sweet home und a blushing maid dem Herzen sein
knnen - Sie wissen es vor Vielen gut, darum schlagen Sie ein, Doctor! ich bin
dessen nicht unwerth!
    Meier that, wie Jener es verlangte, und that es gern, denn es lag so viel
Ehrenhaftes in dem Gesicht des Fremden, da es augenblicklich fr ihn einnahm.
Auch Reinhard schttelte ihm die Hand und man trank auf die Dauer und das
Gedeihen des neuen Bundes. Dadurch blieb Erlau allein stehen; er go zwei Glser
voll, nahm in jede Hand eins derselben und sprach in affectirter Traurigkeit:
Auf das U folgt gleich das Weh, das ist die Ordnung im A B C - auf jeden
Augenblick voll Wonne eine Ewigkeit von langer Weile, denn ich schwre Euch! die
rechte, wahrhafte Ewigkeit wird erst recht langweilig sein. Auf jede
liebenswrdige Snde folgt bei Euch eine unausstehliche Bufertigkeit. Anathema!
ber das ausgeartete Geschlecht, das nicht begreift, wie man sndigt aus ser,
inniger Ueberzeugung; dem nur en passant ein kleines, bornirtes Sndchen in den
Weg kommt, und das nie jenes groartige Gebet des edlen Russen begriff und
glubig zu beten vermochte: Herr! fhre mich in Versuchung, damit ich
unterliege! - Hier stehe ich allein, ich fhle es, in einer verderbten Zeit, in
der mich Niemand versteht, und so mu ich fr mich allein den Toast ausbringen:
Gott erhalte mich in meiner geliebten Sndhaftigkeit, worauf ich dies Glas
ausleere - und hole der Teufel Eure verdammte Tugend, bei der man nicht an ein
hbsches Mdchen denken und ihm Glck wnschen darf, ohne eine Ladung Moral und
ein Fuder Gefhl in den Kauf zu bekommen. - Dabei leerte er das zweite Glas, und
sagte verdrielich, whrend die Andern herzlich lachten: und nun knnt Ihr Alle
ruhig nach Hause gehen, nachdem Ihr mich mit Eurer abgeschmackten
Sentimentalitt um meine beste Laune gebracht habt. Geht nach Hause und schlaft
wie die Ratten und trumt tugendhaft - ich werde noch nach dem Fenster der
gttlichen Giovanolla wandeln, und sehen, ob dieser se Strahl der Liebe, der,
Gott sei Dank! keine Heilige ist, noch ber der Erde leuchtet, oder ob er sich
schon hinter den Wolken des Schlummers verborgen hat, und mir erst morgen wieder
als Stern und Sonne aufgehen will. - Beilufig knnte ich dann diesen unsern
Insulaner in das Haus seines Onkels geleiten, in sein sweet home, damit er uns
nicht auf den Querstraen des Lebens verloren gehe, und seine warme Seele nicht
erstarre in kalter Winternacht. - Gute Nacht, liebe Shne! Gute Nacht, Meier -
kommen Sie, Herr Hughes! - Mit diesen Worten brach er auf und die Gesellschaft
ging aus einander.

Wo warst Du gestern, Eduard? fragte Jenny Meier am nchsten Morgen ihren Bruder,
als dieser in das Wohnzimmer seiner Eltern trat, in welchem die Familie
frhstckend beisammen sa. Wir hatten Dich zum Thee erwartet, und Du kamst
nicht! Auch im Theater bist Du nicht gewesen!
    Steinheim war bei mir, und unser Joseph, und wir plauderten eine Weile; dann
wollte ich mit ihnen hinauf kommen, und Eure Rckkehr aus dem Theater erwarten,
wurde aber pltzlich in das Haus des Commerzienraths Horn gerufen, wo sich die
Tochter den Fu gebrochen hatte, als sie aus dem Theater kam. So gingen meine
Gste fort, und ich sprach nachher, als ich den Verband angelegt hatte und nach
Hause gehen wollte, bei Gerhard ein, fand dort Bekannte, und blieb noch eine
Stunde sitzen!
    Mein Gott! rief die Mutter, hat sich das schne Mdchen schwer beschdigt?
    Du hrst es ja, antwortete der Vater, sie hat den Fu gebrochen, und ein
schwerer Fall, ein ganz verzweifelter mu es wohl sein, wenn der alte Horn sich
entschlo, gerade Eduard rufen zu lassen.
    Das kannst Du nicht behaupten, lieber Mann! Eduard ist doch, obgleich einer
der jngern Mediciner, in den ersten Husern der Stadt Hausarzt, sowohl bei
Christen, als bei Juden; und Du weit selbst, wie ungemein zuvorkommend ihm
berall begegnet wird, und wie sehr man fr ihn eingenommen ist!
    Ich wei es wohl, und es freut mich, da er sich diese Stellung errungen
hat, aber eben so wohl wei ich, da es jener ganzen Clique gewi die hchste
Ueberwindung gekostet hat, den jdischen Arzt in ihre engern Kreise zu ziehen.
Sie entschuldigen sich vor sich selbst mit dem Nutzen, den er ihnen gewhrt, und
doch! wer wei, ob Eduard berall den gleichen Empfang fnde, wenn er sich mit
einer Jdin verheirathete, und fr seine Frau dieselben Rcksichten verlangte,
als fr sich? Den einzelnen jungen Mann nehmen sie allenfalls gern auf. Eine
Familie? da wrden sie vielleicht Bedenken haben.
    Das glaube ich nicht, sagte die Mutter, im Gegentheil, ich bin berzeugt,
da Eduard nur zu werben braucht, um eine Frau, aus welchem christlichen Hause
er wollte, zu bekommen, und ich kann es nicht leugnen, da ich nichts sehnlicher
wnsche, als ihn recht bald eine solche Verbindung schlieen zu sehen!
    Der Vater lchelte, und Eduard erwiderte: Eine Verbindung der Art, liebe
Mutter, werde ich nie eingehen, das weit Du wohl. Ich werde mich niemals taufen
lassen, und Deine ehrgeizigen Hoffnungen fr mich, mit denen Du in der Zukunft
eine groe Laufbahn voll Ehrenstellen, Orden und Wrden fr mich erblickst,
werden sich schwerlich jemals verwirklichen. Es sei denn, da eine neue Zeit fr
uns heraufkme.
    Die zu schaffen Du Dich berufen fhlst, mit Steinheim, Joseph und Andern,
fiel Jenny ein. Ich bitte Dich Eduard, nur beim Frhstck verschone mich mit
Politik, nur die eine Tasse Kaffee lasse mich ohne politische Zuthaten genieen.
Vater! verbiete ihm berhaupt, schon beim Frhstck vernnftig zu sein. Er hat
ja dazu seine groe Praxis, und den ganzen, langen Tag, der Morgen mu fr uns
sein.
    Der Vater gab scherzend den gewnschten Befehl und fragte, ob Eduard nicht
wisse, wie man bei Horn's darauf gekommen sei, gerade ihn rufen zu lassen.
    Ihr Hausarzt, der alte Geheimrath, fand den Fall sehr bedenklich, berichtete
der Sohn, that sehr ngstlich, und daher bestand das Frulein selbst darauf,
sich von ihm nicht den Verband anlegen zu lassen, und verlangte, man solle nach
mir schicken. Wenigstens erzhlte mir der Commerzienrath es so, ich wei nicht,
ob, um mir begreiflich zu machen, da er selbst es nicht gethan htte, oder um
mir mitzutheilen, welch schmeichelhaftes Vertrauen die Tochter in mich setze.
    Ist sie so schn, als sie zu werden versprach? Ich habe sie in der Schule
gekannt, sagte Jenny; aber spiele nicht den kalten, gefhllosen Arzt, der nichts
sieht, als die Krankheit, fgte sie hinzu.
    Sie ist so schn, da selbst der Klteste sich an ihrem Anblick freuen mu,
antwortete er; dabei war sie so geduldig bei dem groen Schmerz, so
liebenswrdig gegen die Umgebung, so dankbar gegen mich, da ich ganz fr sie
eingenommen bin. Ich wrde es sehr bedauern, wenn sie nicht vllig herzustellen
wre.
    Jenny war ganz glcklich, den Bruder so erwrmt zu sehen, und meinte, die
Kranke knne sich glcklich schtzen, die werde gewi sorgsamer und besser als
manche Knigin behandelt werden, aber Eduard mge sich bei der Kur nicht zu sehr
anstrengen, damit er sich nicht etwa selbst eine Herzkrankheit zuziehe, die
leicht unheilbar sein knnte.
    Nun kam auch Joseph Meier, der Neffe, welcher ebenfalls im Hause wohnte,
dazu. Er war fast in gleichem Alter mit Eduard, doch lie sein dsteres Wesen
ihn lter erscheinen als er war. Er hatte ein kluges Aeuere, ohne hbsch zu
sein, weil er sehr unregelmige Zge hatte, und gewhnlich etwas mrrisch
aussah. Nur selten flog ein Lcheln ber das markirte Gesicht und verbreitete
ein mildes Licht ber die Augen, die eigentlich hchst gutmthig waren, aber
fast immer brtend zur Erde blickten. Joseph und Eduard waren von Kindheit an
die besten Freunde gewesen, und hatten, einander gegenseitig ergnzend, sich zu
dem gebildet, was sie geworden waren, zu tchtigen Menschen, Jeder in seiner
Art. Nur fehlte Joseph das liebenswrdige Wesen, der schne ungezwungene
Anstand, die Eduards Erscheinung so angenehm machten; und vor Allem hatte dieser
eine angeborene Beredsamkeit, whrend Joseph in den meisten Fllen nur kurz und
abgebrochen sprach.
    Natrlich wurde bei Josephs Ankunft das eben Mitgetheilte wiederholt und
nochmals besprochen. Er lie sich das Ganze ruhig erzhlen, und sagte dann mit
seinem gewhnlichen sonderbaren Lcheln: O ja, so sind sie, wenn sie Dich
brauchen, knnen sie recht liebenswrdig sein. - Aber hre doch einmal, wie sie
von Dir reden, wenn sie unter sich sind. - Frage einmal, ob sie Dich fr
ebenbrtig halten?
    Diese Aeuerung, eben jetzt ausgesprochen, wo man in so guter Laune war,
verstimmte die Uebrigen sichtlich. Jenny, die das dstere Wesen des Vetters
nicht liebte, war die Erste, die ihren Verdru uerte, indem sie ihm den Caffee
mit den Worten reichte: Da! Du Strenfried! trinke nur, damit Du nicht brummen
kannst. - Auch Madame Meier schien unzufrieden. Der Vater fing an, die Zeitungen
zu lesen, die Joseph mitgebracht hatte, und nur der Doctor plauderte noch eine
Weile mit ihm fort; dann entfernten sich die drei Mnner, um an ihre Geschfte
zu gehen, und nur Mutter und Tochter blieben zurck.
    Joseph wird doch von Tag zu Tag unertrglicher, sagte die Letztere, er wird
immer finsterer, immer abstoender, und ich freue mich auf kein Fest, auf nichts
mehr, sobald er dabei ist, weil ich wei, da er mir jede Freude strt.
    Und doch glaube ich, wandte die Mutter ein, da es kaum ein reicheres,
edleres Herz gibt, als das seine. Ich wte Niemand, der so freudig Alles fr
seine Geliebten zu opfern bereit wre, Niemand, der es mit mehr
Anspruchslosigkeit thte als er. Auch achten wir Alle ihn von Herzen, haben ihn
sehr lieb, und es thut mir leid, da Du Dich nicht in seine Eigenheiten schicken
kannst.
    Knnen? mein Gott! knnen wrde ich es schon, aber ich will es gar nicht.
    Das ist es eben, was mich betrbt, mein Kind! - Dies ewige ich will und ich
will nicht, dies unfgsame in Deinem Wesen, das ist es, was mich ber Dich
besorgt macht. Als Du geboren wurdest, und ich Dich auf meinem Schooe
heranwachsen sah, habe ich oft zu Gott gebetet, er mge alles Unheil von Dir
abwenden. Bisher ist mein Gebet auf fast wunderbare Weise erhrt worden, und
doch sehe ich es mit Schmerz, da wir Menschen Gott eigentlich um nichts bitten
drfen, weil wir nicht wissen, was uns frommt.
    So httest Du mir also lieber Unglck wnschen sollen? fragte die Tochter
lchelnd.
    Zu Deinem wahren Heile wre es vielleicht besser gewesen. Ich schlo von
meinem Herzen auf das Deine, und darin irrte ich. In Dir ist der Charakter
Deines Vaters, der feste, starke Sinn, und Eduards Einflu hat diese
Charakter-Richtung in Dir noch mehr ausgebildet. Vom Glck verzogen, von uns
Allen mit der nachgiebigsten Liebe behandelt, hast Du es nie gelernt, Dich in
den Willen eines Andern zu fgen; was man an Dir als Eigensinn htte tadeln
sollen, das haben Vater und Bruder als Charakterfestigkeit gelobt, und ich
begreife, da Dir Joseph zuwider ist, weil er allein Dir entschieden und mit
Nachdruck entgegentritt. Trotzdem wei ich, da er Dich mehr liebt, als Viele,
die Dir schmeicheln. Bei den Worten reichte die milde Frau der Tochter die Hand.
Diese nahm sie, drckte einen Ku darauf, und sa eine Weile schweigend bei
ihrer Arbeit.
    Man sah es ihrem lieblichen Gesichte an, da irgend ein Entschlu, ein
Gedanke sie beschftigte; auch legte sie pltzlich die Arbeit bei Seite, sah
ganz ruhig die Mutter an und sagte mit einer Stimme, der man nicht das Geringste
von der Bewegung anmerkte, die ihre Zge verriethen: Mutter! den Joseph heirathe
ich niemals. Niemals, Mutter! - Sage ihm das, und auch dem Vater. Ich wei, da
Ihr es wnschet, da Joseph es erwartet und mich nur erzieht, um eine gute Frau
an mir zu haben; die Mhe aber kann er sparen. Sieh, fuhr sie fort, und ihre
Fassung verlor sich mehr und mehr, so da sie zuletzt bitterlich weinte, sieh,
gute Mutter! was Dein Beispiel, Deine Geduld, und Vater und Eduard, die ich so
lieb habe, nicht ber mich vermochten, das kann Joseph, den ich gar nicht liebe,
gewi nicht von mir erlangen. Ihr sagt oft, ich sei noch ein Kind, ich werde
erst in einigen Wochen siebzehn Jahre, aber solch ein Kind bin ich nicht mehr,
da des Cousins rauhe, befehlende Art mich nicht verletzte. Andere haben mich
auch getadelt, aber sie verlangen nicht das Unmgliche von mir. Dort die groe,
hohe Pappel im Garten biegt der Wind hin und her, und meinen kleinen,
stacheligen Cactus hat er gestern mitten durchgebrochen, weil er sich nicht
beugen konnte. So ist mein Herz! Es mag Euch starr, rauh und hlich erscheinen,
aber es kann, so hoffe ich, Blthen tragen, die Euch freuen. Man kann mein Herz
brechen, aber es niemals zu schwchlichem Nachgeben, zu schwankender Gesinnung
berreden - und das schwre ich Dir, lieber will ich sterben, als Joseph's Frau
werden.
    Laut schluchzend warf sie sich vor die Mutter nieder und barg das Gesicht in
ihren Schoo. Erschreckt ber so viel unerwartete Leidenschaftlichkeit schlang
die besorgte Mutter die Arme um das geliebte Kind und versuchte auf alle Weise
es zu beruhigen. Sie versicherte Jenny, da sie allerdings glaube, der Vater
wrde ihre Verbindung mit Joseph gern sehen, doch sei es ihm nie in den Sinn
gekommen, jemals ihrer Neigung Zwang anzuthun. Sie solle selbst ber ihre
Zukunft entscheiden; sie wisse ja, da die Eltern keinen andern Wunsch htten,
als das Glck ihrer Kinder - aber Alles war vergeblich. Jenny konnte nicht zur
Ruhe kommen, und die Mutter sah an der Leidenschaftlichkeit, die so pltzlich,
so anscheinend grundlos hervorgebrochen war, da wohl schon lange ein andres
stilles Feuer in Jenny's Seele geglht haben mochte. Wer dieses Feuer aber
angefacht, das wute sie nicht zu errathen. Sie konnte sich nicht erinnern, da
irgend einer der jungen Mnner, die in ihr Haus eingefhrt waren und Jenny auf
jede Weise huldigten, einen besonderen Eindruck auf diese gemacht htte. Sie
sann und sann, whrend die Tochter noch ganz erhitzt und aufgeregt wieder an den
Nhtisch zurckgekehrt war, und sich emsiger als sonst mit einer Arbeit
beschftigte, die gar nicht so groer Eile bedurfte. Sie wurde aber allmlig
ruhiger dadurch, und hatte sich uerlich bereits gesammelt, als man den Doctor
Steinheim meldete.
    Einen Augenblick schwankte die Mutter, der in dieser Stimmung jeder Besuch
unwillkommen war, ob sie ihn annehmen solle, oder nicht, dann entschied sie sich
dafr, weil sie hoffte, Steinheim's Lebhaftigkeit werde Jenny auf angenehme
Weise zerstreuen. Als er darauf nach wenig Minuten in das Zimmer trat, wurde er
von beiden Damen wie ein alter Bekannter behandelt. Er mochte siebenundzwanzig
bis achtundzwanzig Jahre alt sein, hatte eine groe, krftige Figur und einen
vollbltigen, rothbraunen Teint. Sein krauses schwarzes Haar, die dunkeln Augen
und der starke bluliche Bart konnten ebenso gut dem Sdlnder als dem Juden
gehren, und machten, da er von vielen Leuten fr einen schnen Mann gehalten
wurde, whrend Andere die Kohlschwarzen Augen starr und unheimlich, die
Schultern hoch, den starken Hals zu kurz und Hnde und Fe so gro fanden, da
dieses Alles ihm jeden Anspruch auf wirkliche Schnheit unmglich mache. Er
selbst schien indessen gar nicht dieser Meinung zu sein, das bewies die sehr
studirte Toilette, die aber trotz ihrer gesuchten Eleganz des Geschmacks
ermangelte. Er trug an jenem Morgen einen kurzen dunkelgrnen Ueberrock, zu dem
eine ebenfalls grne Atlasweste und mehr noch ein dunkelrother trkischer Shawl
sonderbar abstachen, den er unter der Weste kreuzweise ber die Brust gelegt und
mit einer groen Brillantnadel zusammengesteckt hatte. Handschuhe, Stiefel und
Frisur waren nach der modernsten Weise gewhlt, aber all das stand ihm, als ob
er es eben wie eine Verkleidung angelegt htte. Es war fr den feinen Beobachter
etwas Unharmonisches in der ganzen Erscheinung, das strend auffiel.
    Ich bitte tausendmal um Vergebung, sagte er, da ich in diesem Morgenanzug
vor Ihnen erscheine, aber ich bin so durchweg erkltet, meine Nerven sind so
abgespannt, mein Wunsch, Sie zu sehen, war so gro, da ich dachte, die Damen
entschuldigen Dich wohl. Es ist allerdings eine Verwegenheit - aber: ich kann
nicht lange prfen oder whlen, bedrft Ihr meiner zu bestimmter That, dann ruft
den Tell! Es soll an mir nicht fehlen.
    Mein Gott! Herr Doctor! geht es so bergab mit Ihnen, da Sie von dem
gttlichen Shakespeare, dem erhabenen Calderon und dem heiligen Schmerzenssohne
unserer Zeit, dem unvergleichlichen Byron, schon zu unserm armen Schiller
zurckkehren mssen? Sie haben also in den letzten Tagen wohl gar zu viele
Citate verbraucht? fragte Jenny spottend, und -
    Jenny! 'rief die Mutter mit mibilligendem Tone. - Aber Steinheim lie sich
nicht stren, er ging zu Jenny und sprach: Mit Ihnen, Herzogin, hab' ich des
Streits auf immer mich begeben, und Sie werden auch nicht mehr streiten wollen,
meine schne kleine Feindin! wenn ich Ihnen sage, da ich als der Verknder sehr
interessanter Nachrichten komme. Erstens ist Erlau entzckt ber den Vorschlag
Ihrer Frau Mutter, hier am Sylvesterabend Tableaux darzustellen, zweitens - -
nun rathen Sie - hat man heute Herrn Salomon, einen jdischen Kaufmann, zu einem
stdtischen Amte erwhlt.
    Das Letztere ist mir ungemein gleichgltig, rief Jenny, aber fr die erste
Nachricht bin ich Ihnen sehr dankbar, und sie macht mir groes Vergngen. Wei
es Eduard schon?
    Was denn?
    Da der Kaufmann Salomon gewhlt ist? - fragte Jenny.
    Also sehen Sie, sehen Sie, es ist Ihnen doch nicht so gleichgltig, als Sie
behaupten, und wie knnte es auch. Wen sollte es nicht freuen, wenn alte
barbarische Vorurtheile allmlig vor der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit
weichen mssen; wenn ein Volk, das Jahrhunderte hindurch mit Fen getreten
wurde, endlich allmlig die Rechte erlangt, an die es dieselben Ansprche hat,
als die andern Brger des Staates, wenn .... A propos! was ist gestern bei
Horn's vorgefallen, man lie ja Eduard noch so spt holen? sagte Steinheim, der
oft von dem Hundertsten, wie man sagt, auf das Tausendste kam. - Ich hre, die
Clara Horn hat den Fu gebrochen; Erlau sagte es mir, der mich, das fllt mir
eben ein, bei der Giovanolla erwartet! Wie hat sie Ihnen gestern gefallen, die
Giovanolla? Sie gehen doch morgen wieder hin? - Das Alles fragte er so
durcheinander, da es nicht mglich war, irgend eine der Fragen zu beantworten;
dann wandte er sich, Abschied nehmend an Madame Meier, rieth Jenny nochmals, das
Theater nicht zu versumen, und empfahl sich mit den Worten: So s ist
Trennungswehe, ich sagte wohl Adieu, bis ich den Morgen she.
    Mutter und Tochter sahen ihm lchelnd nach.
    Ehe wir in der Erzhlung fortfahren, mssen wir aber einen Rckblick auf den
Lebensweg der Personen werfen, von denen diese Bltter handeln sollen.

Die Familie Meier galt bei Allen, die sie kannten, fr eine der glcklichsten.
Der Vater hatte ein hbsches Vermgen, das er von seinen Eltern ererbt, durch
Thtigkeit und kluge Berechnung in einen groen Reichthum verwandelt, dessen er
bei seiner Bildung auf wrdige Weise zu genieen wute, und von dem er dem
Drftigen gern und reichlich mittheilte. Aus Neigung hatte er sich frh mit
seiner Frau, einem schnen und guten Mdchen, verheirathet, die ihm mit immer
gleicher Liebe zur Seite gestanden, und ihm zwei Kinder, Eduard und Jenny,
geboren hatte. In seiner Frau, und mit ihr in diesen beiden Kindern, hatte Meier
Trost und Ersatz gefunden, wenn Welt und Menschen ihren Ha und ihre
Unduldsamkeit gegen den Juden bewiesen, wenn man ihn ausgeschlossen hatte von
Gemeinschaften, ihm Rechte verweigert, deren Gewhrung jeder Mann von Ehre zu
fordern hat. Die Thtigkeit, Wirksamkeit und Liebe, denen einer groen
Gesammtheit zu nutzen nicht vergnnt war, waren lange Zeit hindurch Eduard's
alleiniger Segen geworden, da er mehr als zehn Jahre lter war als seine
Schwester.
    Man wundert sich oft, da die Juden noch immer die Geburt eines Messias
erwarten und die gttliche Sendung Jesu weder anerkennen noch begreifen. Aber
von ihrem Standpunkte aus mu das ganz natrlich scheinen. Wie sollten sie an
eine Lehre glauben, deren miverstandene Grundstze ihnen bis auf den heutigen
Tag die blutigsten, widersinnigsten Verfolgungen zugezogen haben? wie an einen
Erlser, der sie bis jetzt nicht von Schmach und Unterdrckung erlset hat? Von
der Liebe, die Jesus der Menschheit gepredigt, haben die Juden bei den Christen
seit jener Zeit wenig zu bemerken Gelegenheit gehabt. Sir haben in der That noch
keinen Messias gefunden. Welch ein Wunder also, wenn sie ihn um so sehnlicher
erwarten, je mehr sie der Befreiung und Erlsung sich werth fhlen; wenn jeder
Vater bei der Geburt eines Sohnes freudig hofft, dies knne der Erlser seines
Volkes werden, und wenn er den Knaben so erziehen mchte, da der Mann reif
werde fr den groen Zweck.
    So war auch Eduard's Erziehung in jeder Beziehung sorgfltig geleitet
worden. Sie sollte ihn zu einem Menschen heranbilden, der in sich Ersatz fr die
Entbehrungen finden knnte, welche das Leben ihm auferlegen wrde, und sollte
ihn anderseits fhig machen, die Verhltnisse zu besiegen, und sich wo mglich
eine Stellung zu verschaffen, die ihn der Entbehrungen berheben und alle
Vorurtheile besiegen knne. Glcklicherweise kamen Eduard's Fhigkeiten dem
Wunsche seiner Eltern entgegen. Eine starke Fassungsgabe und eine groe
Regsamkeit des Geistes machten, da er die meisten seiner Mitschler
berflgelte, und erwarben ihm ebenso sehr die Gunst der Lehrer, als eine
gewisse Herrschaft ber seine Gefhrten. Von Liebe und Wohlwollen berall
umgeben, schien sein Charakter eine groe Offenheit zu gewinnen, und er galt fr
einen frhlichen, sorglosen Knaben, bis einst in der Schule der Sohn einer
grflichen Familie, mit dem er sich knabenhaft in Riesenplanen fr die Zukunft
verlor, bedauernd gegen ihn uerte: Armer Meier, Dir hilft ja all Dein Lernen
Nichts, Du kannst ja doch nichts werden, weil Du nur ein Jude bist.
    Von dieser Stunde ab war der Knabe wie verwandelt. Er erkundigte sich eifrig
nach den Verhltnissen der Juden, er fhlte sich gedrckt und gekrnkt durch
sie, und nur sein angeborner Stolz verhinderte ihn, sich gedemthigt zu fhlen;
doch entwickelte sich durch das Nachdenken ber diesen Gegenstand bei ihm sehr
frh der Begriff von jenen Rechten des Menschen, die Alle in gleichem Grade
geltend zu machen vermgen, das Bewutsein innern Werthes, und ein Zorn gegen
jede Art von Unterdrckung. Je lter er wurde, und je mehr er erkennen lernte,
welche Vorzge ihm schon bei seiner Geburt, durch die Aussicht auf eine
glnzende Unabhngigkeit zu Theil geworden waren, je bestimmter er einsah, zu
welchen Ansprchen ihn seine Fhigkeiten einst berechtigen drften, um so mehr
emprte sich sein Herz gegen ein Vorurtheil, das alle seine Hoffnungen
unerbittlich vernichtete.
    Grade in der Zeit von Eduard's Kindheit war wieder eine neue Judenverfolgung
durch ganz Deutschland gegangen und die allgemeine Stimmung hatte sich natrlich
auch in der Schule sichtbar gemacht, die Eduard besuchte. Spott und Krnkungen
mancher Art waren nicht ausgeblieben; man hatte wohl gehofft, der feige
Judenjunge werde Alles ruhig dulden. Darin hatte man sich aber geirrt. Eduard's
Charakter war furchtlos, und er erlangte durch Uebung bald eine Gewandtheit und
Entschlossenheit, die Jeder sich anzueignen vermag. Er lernte fechten, reiten,
schwimmen, und nachdem er sich ein paar Mal mit starker Hand selbst sein Recht
verschafft hatte, fand er Ruhe, und endlich auch wieder seine frhere berlegene
Stellung zu seinen Gefhrten wieder. Hatte der Jngling frher in einzelnen
Momenten dem Gedanken Raum gegeben, sich von dem Judenthume loszusagen und
christ zu werden, so verschwand der Plan pltzlich bei dem Anblick der
Rohheiten, die er als Knabe selbst von sogenannten gebildeten Christen gegen
seine Glaubensgenossen ausben sehen. Er konnte sich nicht denken, da das Recht
und die Wahrheit sich auf einer Seite befnden, die so zu handeln im Stande war,
und Verfolgung machte auch ihn, wie tausend Andere zu allen Zeiten, nur fester
seinem Volke angehrig.
    Er hatte sich aber in jener Zeit gewhnt, sich in der Opposition zu
empfinden und das Gefhl verlie ihn nie wieder, weil er bestndig in
Verhltnissen lebte, die dazu gemacht waren, seine Opposition hervorzurufen.
    Da Eduard keine Neigung fr den Kaufmannsstand hegte, beschlossen seine
Eltern, ihn studiren zu lassen, wobei ihm freilich nur die Wahl blieb, Mediziner
zu werden, oder nach beendigten Studien in irgend einem andern Fache als
Privatgelehrter zu arbeiten, da ihm der Eintritt in eine Staatsstelle ebenso wie
die Erlangung eines Lehrstuhles als Jude unmglich waren. Er entschied sich fr
das Erstere und verlie das Vaterhaus, um die Universitt zu beziehen.
    Glcklicherweise herrschte damals auf den Hochschulen ein freier
akademischer Geist, und die neuen Verhltnisse bten auf Eduard einen guten
Einflu aus. Hier galt er selbst, sein eigenstes Wesen, ohne da ihn Jemand
fragte, wer bist Du? und was glaubst Du? Sein Geist, seine krperliche
Gewandtheit erwarben ihm die Achtung seiner Genossen, sein Flei, das Wohlwollen
der Lehrer, und die Bereitwilligkeit, mit der sein reichlich gefllter Beutel
Allen offen stand, die Sorglosigkeit und Genufhigkeit, die er zu jedem Feste
brachte, machten ihn bald zum Lieblinge der ganzen Burschenschaft, der er sich
mit jugendlicher Begeisterung angeschlossen hatte. Die Idee der Freiheit und
Sittlichkeit, die jenem Bunde ursprnglich zum Grunde lag, berhrte die
zartesten Seiten seiner Seele, und kam seiner ganzen Richtung entgegen. Er
fhlte sich gehoben als Glied eines schnen Ganzen, das harmonisch aus den
verschiedensten Elementen zusammengesetzt war, frei in einem Verbande, in dem
Alle gleiche Rechte genossen.
    Unter den Jnglingen, die sich an ihn angeschlossen hatten, und deren
Freundschaft ihn beglckte, war Reinhard ihm der liebste geworden. Er war der
Sohn einer armen Predigerwittwe, die einer reichen Familie angehrte. Von seinen
Verwandten untersttzt, hatte er die Schule besucht und kaum die Universitt
bezogen, als er erklrte, nun weiter keines Beistandes zu bedrfen, da er in
sich die Kraft fhle, fr seine Existenz selbst zu sorgen und hoffentlich auch
seine Mutter ernhren zu knnen. Es hatte ihn seit Jahren schmerzlich gedrckt,
von Andern abhngig zu sein, es hatte ihn gedemthigt, seine Mutter von den
Wohlthaten einer hochmthigen Familie leben zu sehen, welche ihr niemals die
Heirath mit einem armen brgerlichen Candidaten vergeben wollen. Abhngigkeit
irgend einer Art schien ihm die grte Schmach, weil sie ihm Krnkungen
zugezogen, die er nie vergessen konnte, und nur zu leicht muten er und Eduard
sich verstndigen, da Beide, wenn auch aus ganz verschiedenen Grnden, sich in
ihrem Ehrgefhle verletzt, in mancher Rcksicht von der Allgemeinheit
ausgeschlossen empfunden hatten.
    Wenn Reinhard den halben Tag mit mhevollem Unterrichten zugebracht hatte,
und mit unerschtterlichem Eifer seinen theologischen Studien nachgekommen war,
erquickte ihn Abends der Frohsinn, der Geist und der Reichthum an Hoffnungen,
mit denen Meier in die Zukunft sah. Im Anfang ihrer Bekanntschaft waren ihre
religisen Ueberzeugungen freilich oftmals zwischen ihnen zur Sprache gekommen,
und ein Gegenstand lebhafter Errterungen geworden. Meier konnte es nicht
begreifen, wie man an einen Sohn Gottes, an seine Menschwerdung, an die
Dreieinigkeit, an die wirkliche Anwesenheit Christi im Abendmahl zu glauben
vermge - ein Glaube, den Reinhard mit tiefer Ueberzeugung heilig hielt, und den
zu lehren und zu predigen sein sehnlichster Wunsch war; denn er gehrte zu jenen
poetischen Naturen, die sich Alles, was sie ergreifen, zu einer Religion
gestalten, und bei denen der Glaube an die Wunder ein wahrhaftes Bedrfni ist.
Spter aber war davon niemals mehr die Rede zwischen ihnen gewesen, weil sie
fhlten, da der verschiedene Glaube sie Beide doch zu demselben Ziele leite,
und ein ueres Ereigni war dazu gekommen, sie noch fester zu verbinden.
    Es war gegen die Zeit ihres Abgangs von der Universitt gewesen, als die
Regierung es fr nthig gefunden hatte, eine Untersuchung gegen die
Burschenschaft einzuleiten. Meier und Reinhard waren nebst vielen Andern
verhaftet, lngere Zeit mit Verhren und Untersuchungen geplagt und erst nach
einem halben Jahre freigesprochen worden. Meier hatte diese Zeit gezwungener
Zurckgezogenheit benutzt, sich fr sein Doctorexamen vorzubereiten, das er in
den ersten Tagen der wiedererlangten Freiheit gemacht, und war dann in seine
Vaterstadt zurckgekehrt, um dort seine Carriere zu beginnen. Zwar war er, wie
es zu geschehen pflegte, noch eine geraume Zeit unter der sorgsamen Aufsicht der
hhern Polizei geblieben, aber das hatte ihn in der Ausbung seiner
medicinischen Praxis nicht gehindert, die er gleich mit dem glcklichsten
Erfolge begann. Anfnglich waren es, wie gewhnlich, nur die Armen gewesen, die
seiner Hlfe begehrt und sie bei ihm gefunden hatten, doch das Gercht von
einigen glcklichen Kuren, von seiner Uneigenntzigkeit und Menschenliebe, hatte
sich schnell verbreitet, seine Praxis hatte angefangen, sich auch in den hhern
Stnden auszudehnen, und sein Loos wrde ein beneidenswerthes gewesen sein, wenn
nicht aufs Neue die alten Vorurtheile gegen ihn geltend gemacht worden wren.
    Meier's sehnlichster Wunsch war nmlich dahin gegangen, Vorsteher irgend
einer bedeutenden klinischen Anstalt zu werden, um lehrend zu lernen und zu
ntzen. Auf eine solche Stelle an irgend einer Universitt Deutschlands hatte er
aber nicht rechnen knnen, und es war ihm also wnschenswerth geworden,
wenigstens die Leitung einer Krankenanstalt zu erhalten. Als dann durch den Tod
eines alten Arztes die Directorstelle eines Stadtlazareths freigeworden, hatte
er nicht gezgert, sich darum zu bewerben, besonders da er einer gnstigen
Meinung im Publicum gewi gewesen war. Die Vorstellungen der Armenvorsteher und
mancher andern Leute hatten die betreffende Behrde auch wirklich dazu vermocht,
den jungen geachteten Arzt, dessen Kenntnisse ihn ebenso sehr zu dieser Stelle
empfahlen, als seine strenge Rechtlichkeit und seine reinen Sitten, zum Director
zu whlen und bei der Regierung um seine Besttigung einzukommen. Meier war auf
dem Gipfel des Glckes gewesen, und in der Freude seines Herzens hatte er sich,
nachdem er gewhlt worden war, anheischig gemacht, auf das immerhin bedeutende
Gehalt zu Gunsten der Lazarethkasse zu verzichten. Einige Wochen waren in frohen
Erwartungen hingeschwunden, er hatte die Glckwnsche seiner Freunde empfangen
und bereits daran gedacht, seine Wohnung im elterlichen Hause mit der neuen
Amtswohnung zu vertauschen, als der Bescheid der Regierung angelangt war,
welcher statt der erwarteten Besttigung die Aufforderung enthalten, Meier mge
zum Christenthume bertreten, da es ganz gegen die Ansichten der Regierung sei,
einem Juden irgend eine Stelle anzuvertrauen. Vergebens waren seine
Vorstellungen, wie der Glaube bei einer solchen Anstellung gar kein Hinderni
sein knne, wie diese Zurckweisung in den Gesetzen des Staates nirgends
begrndet sei - die Regierung war bei ihrem Entschlusse geblieben. Man hatte
Meier einen unruhigen Kopf genannt; seine Neider, an denen es dem Talentvollen,
Glcklichen nie fehlt, hatten ber die jdische Anmaung gelacht, die sich zu
Wrden drnge, fr die sie nicht berufen sei, und dabei vergessen, da die
Behrden selbst den verspotteten Gegner durch ihre Wahl fr den Wrdigsten
erklrt hatten.
    Auf das Empfindlichste gekrnkt, hatte Meier schon damals sein Vaterland
verlassen wollen; doch die angeborene Liebe zu demselben und der Gedanke an
seine Eltern hatten ihn davon zurckgehalten. Er war in der Heimath geblieben,
und obgleich er das Unrecht, das ihm geschehen, niemals vergessen, oder es
verschmerzen knnen, das schne Feld fr seine Thtigkeit verloren zu haben,
hatten ihn die Anerkennung, die er fand, der ausgezeichnete Ruf, den er erwarb,
endlich schadlos gehalten fr die erfahrene Zurcksetzung.
    Bei seiner Rckkehr von der Universitt hatte er Jenny als ein liebliches
Kind von eilf Jahren wiedergefunden, das sich mit leidenschaftlicher Innigkeit
an ihn hing, und fr das er eine Zrtlichkeit fhlte, die ebenso viel von der
Liebe eines Vaters, als eines Bruders besa. Die Eltern hatten die Kleine
niemals aus den Augen verloren, und jeden Wunsch des nachgebornen Lieblings mit
zrtlicher Zuvorkommenheit erfllt. Eduard war berrascht durch den Verstand und
den schlagenden Witz des Kindes, er sah, da ein lebhaftes, leidenschaftliches
Mdchen aus demselben werden msse, konnte sich es aber nicht verbergen, da die
bergroe Liebe seiner Eltern in Jenny eine Herrschsucht, einen Eigensinn
entstehen gemacht hatten, dem bis jetzt nur durch seinen Vetter Joseph eine
Schranke gesetzt worden war, der, im Meierschen Hause lebend, die Kleine mit
seiner ernsten, rauhen Art tadelte und zurechtwies. Dafr hatte Jenny den Cousin
schon damals nicht leiden mgen, und es dem Bruder unter vielen Thrnen geklagt,
wie garstig der Joseph sei, wie er ihr Alles zum Trotze thte, und wie sie
hoffe, in Eduard einen Beschtzer gegen den unliebenswrdigen Cousin zu finden.
    Der junge Mann begriff bald, da bei Jenny mit Strenge nichts auszurichten
sei, und machte sich in der ersten Zeit seiner Anwesenheit selbst zu ihrem
Lehrer und Erzieher. Sie lernte fast spielend, ja es schien oft, als lge das
Verstndni aller Dinge in ihr, und man drfe sie nur daran erinnern, um klar
und deutlich in ihr Kenntnisse hervorzurufen, die man ihr erst mitzutheilen
wnschte. Ebenso wahr und offen als Eduard, wuchs sie diesem von Tag zu Tag mehr
ans Herz, und obgleich er gegen die Eltern oft beklagte, da sich in Jenny zu
viel Selbstgefhl und eine fast unweibliche Energie zeigten, obgleich er es
Joseph zugestehen mute, da sich bei ihr die Eigenschaften des Geistes nur zu
frh, die des Herzens aber scheinbar gar nicht entwickelten, so fiel es ihm doch
schwer, als er nach zwei Jahren den Unterricht derselben aufgeben mute, weil
seine zunehmende Praxis ihm keine Zeit mehr dazu brig lie.
    Eduard drang deshalb darauf, man mge seine Schwester einer Privatschule
anvertrauen, die von den Tchtern der angesehensten Familien besucht wurde. Er
hoffte, der Umgang und das Zusammenleben mit Mdchen ihres Alters werde bei
Jenny die Hrten und Ecken, die ihr Charakter zu bekommen schien, am leichtesten
vertilgen. Die Eltern folgten seinem Rathe und die neuen Verhltnisse machten in
vielen Beziehungen einen gnstigen Eindruck auf Jenny. Sie gewhnte sich, ihrem
Witze nicht so zgellos den Lauf zu lassen wie in dem elterlichen Hause, wo man
ihre beiendsten Einflle nur lachend getadelt hatte; sie lernte es, sich in den
Willen ihrer Mitschlerinnen zu fgen, dem Lehrer zu gehorchen, aber sie fing
auch an, sich ihrer Fhigkeiten bewut zu werden, welche sie in eine Klasse
gebracht, in der alle Mdchen ihr im Alter um mehrere Jahre voraus waren. Von
einem Umgange, wie Eduard ihn fr sie gehofft hatte, war indessen nicht die
Rede. Die halberwachsenen Mdchen dieser ersten Klasse mochten sich
grtentheils mit dem bedeutend jngern Kinde weder unterhalten, noch
befreunden, das ihnen obenein von den Lehrern mitunter vorgezogen wurde. Andere,
denen Jenny's lebhaftes, freimthiges Wesen behagte, und die gern mit ihr
zusammen waren, konnten von ihren Eltern nicht die Erlaubni erhalten, die
Tochter einer jdischen Familie einzuladen oder zu besuchen, und zu diesen
Letztern gehrte auch Clara Horn. Zwei Jahre lter als Jenny, hatte sie dieselbe
unter ihre Vormundschaft genommen, ihr gerathen und geholfen, wenn das verzogene
Mdchen sich in den strengen Schulzwang nicht zu finden gewut, und dadurch ihr
volles Vertrauen erworben. Ihr hatte Jenny in den Zwischenstunden von ihren
Eltern, von ihrem Bruder, von allen ihren Freuden erzhlt, und damit ihrer
Beschtzerin eine Vorliebe fr die ganze Meiersche Familie eingeflt. Wenn nun
Clara nach solcher Mittheilung ihre kleine Freundin glcklich pries, und sie um
die Eintracht ihrer Eltern und die Liebe ihres Bruders beneidete, da sie Beides
entbehrte, wenn Jenny sie dringend bat, zu ihr zu kommen und das Alles mit ihr
zu genieen, hatte Clara immer verlegen geantwortet, sie drfe das nicht.
Endlich hatte Jenny sie einmal beschworen, ihr den Grund zu sagen, warum sie
nicht zu ihr kommen knne, da hatte Clara ihr mit Thrnen erklrt, sie drfe
nicht, weil Jenny's Eltern Juden wren und ihre Eltern diesen Umgang niemals
gestatten wrden. Jenny wurde glhend roth, sprach aber kein Wort, und gab nur
schweigend der weinenden Clara die Hand. Die nchsten Stunden sa sie so
zerstreut da, da weder Lehrer noch Mitschler sie erkannten. Sie dachte ber
Clara's Worte nach, und es wurde ihr klar, wie sie allein und einsam in der
Schule sei, wie keines von den ihr befreundeten Mdchen sie besuche, oder ihre
Einladungen annhme, auer bei solchen Gelegenheiten, wo man die ganze Klasse
einlud, und sie, ohne es zu auffallend zu machen, nicht zurcklassen konnte. Sie
erinnerte sich der ewigen Frage, bei wem sie eingesegnet werden wrde, und des
Lchelns, wenn sie den Namen des jdischen Predigers nannte. Es schien ihr
unertrglich, knftig in diesem Kreise zu leben, und als sie nach Hause kam,
warf sie sich weinend den Eltern in die Arme, flehentlich bittend, man mge sie
aus der Schule fortnehmen. Alle Thrnen, die sie in der Schule standhaft
unterdrckt hatte, brachen nun gewaltsam hervor. Eduard kam dazu, und bei der
Schilderung, die sie von ihrer Zurcksetzung und Ausgeschlossenheit machte,
deren sie sich jetzt pltzlich bewut geworden war, fhlten ihre Eltern und ihr
Bruder nur zu lebhaft, da sie auch dies geliebte Kind nicht gegen die
Vorurtheile der Welt zu schtzen, ihm nicht die Leiden zu ersparen vermochten,
die sie selbst empfunden hatten und nun wieder mit ihm erdulden muten.
    Jenny lnger in der Anstalt zu lassen, fiel Niemand ein, weil man das bei
ihrem Charakter fast fr unthunlich hielt und mit Recht frchtete, da ihre
Fehler, die man zu bekmpfen wnschte, dort unter diesen Verhltnissen nur
wachsen knnten. Man gab also den Besuch der Schule wieder auf, und Jenny sollte
wieder zu Hause unterrichtet werden, wobei man aber die Aenderung machte, da
man ihr Therese Walter, die Tochter einer armen Beamtenwittwe, zur Gefhrtin
gab, die in der Nachbarschaft wohnte und mit der sie von frh auf bekannt
gewesen war.
    Jenny hatte bis dahin fr Therese keine besondere Zuneigung gefhlt. Jetzt,
getrennt von der Schule, in welcher Umgang mit Mdchen ihr zum Bedrfni
geworden war, wurde Therese ihr Ersatz fr diese Entbehrung, ja, ihr einziger
Trost. Es bildete sich dadurch allmlig eine Freundschaft zwischen den beiden
Mdchen, die sich sonst wohl niemals besonders nahe getreten wren, da Theresens
mittelmige Anlagen, ihr ruhiges und stilles Wesen zu Jenny's Art und Weise
nicht recht paten, und sie derselben unterordneten, was aber freilich dazu
beitrug, das Verhltni zu befestigen.
    Als es nun nthig wurde, einen Lehrer fr die beiden, jetzt fast
fnfzehnjhrigen Mdchen zu whlen, schlug Eduard seinen Freund Reinhard dazu
vor, der in sehr beschrnkten Verhltnissen noch immer in der Universittsstadt
lebte, in welcher die Freunde einander begegnet waren. Reinhards Bemhungen,
nach gemachtem Examen eine Pfarre zu bekommen, waren an dem Einwande
gescheitert, den man gegen ihn wegen seiner burschenschaftlichen Verbindungen
machte. Ein paar Jahre war er Hauslehrer gewesen, hatte die Stelle aber
aufgegeben, weil sein Gehalt zwar fr seine Bedrfnisse hinreichte, jedoch nicht
gro genug war, seiner Mutter die Untersttzung zu gewhren, deren sie bedurfte.
Seitdem hatte er durch Unterrichten und durch literarische Thtigkeit fr sich
und seine Mutter zu sorgen gesucht. Von Eduard Beistand anzunehmen, hatte er
verweigert, und nur mit Vorsicht konnte derselbe ihm den Vorschlag machen, nach
dessen Vaterstadt zu kommen, um den Unterricht der beiden Mdchen unter den
vortheilhaften Bedingungen, die man ihm stellte, zu bernehmen.
    Eduard's Plan gelang. Er sah seinen Freund nach mehrjhriger Abwesenheit
wieder, und fand in ihm mit groer Freude den alten treuen Gefhrten, den er
verlassen hatte; doch war er im Denken und Fhlen mannigfach verndert. Ein
dsterer Ernst hatte sich seiner bemchtigt. Die Armuth hatte ihn stolz,
mitrauisch und reizbar gemacht, und dadurch die Schnheit seines Charakters
beeintrchtigt. Im hchsten Grade streng gegen sich selbst, wahr gegen seine
Freunde, glhte er fr Recht und Freiheit, hing er mit dem alten schwrmerischen
Glauben dem Christenthume an, das ihm der Urquell der Wahrheit und der Liebe
war. Der gnstige Erfolg, den sein Unterricht im Meierschen Hause hatte,
verschaffte ihm bald so viele Schler, da er den Aufforderungen, die in dieser
Beziehung an ihn gemacht wurden, kaum gengen konnte, whrend sie ihm eine
sorgenfreie Existenz bereiteten, da der Unterricht in der reichen Handelsstadt
ganz anders als in dem kleinen Universittsstdtchen bezahlt wurde. Er konnte
seine Mutter zu sich nehmen, mit der er seine kleine freundliche Wohnung
theilte, und die treffliche Frau wurde bald in vielen Familien, besonders aber
im Meierschen Hause ebenso geachtet und geliebt, als Reinhard selbst. -
    Auf Jenny hatte der neue Lehrer einen eigenthmlichen Eindruck gemacht. Weil
Eduard ihn so hoch hielt, hatte sie im Voraus die gnstigste Meinung fr ihn
gehegt, und als nun Reinhard in ihrem elterlichen Hause vorgestellt worden,
hatten ihr sein Aeueres und sein ganzes Wesen auf ungewohnte Weise Beachtung
geboten. Weit ber die gewhnliche Gre, schlank und doch sehr krftig gebaut,
hatte er eine jener Gestalten, unter denen man sich die Ritter der deutschen
Vorzeit zu denken pflegte. Hellbraunes, weiches Haar, und groe blaue Augen, bei
graden regelmigen Zgen, machten das Bild des Deutschen vollkommen, und ein
Ausdruck von melancholischem Nachdenken gab ihm in Jenny's Augen noch hhere
Schnheit. Er bewegte sich ungezwungen, sprach mit einer ruhigen Wrde, fr die
er fast zu jung schien, doch lieen sich seine groe Abgeschlossenheit, seine
sichtbare Zurckhaltung nicht verkennen, die er selbst der Freundlichkeit
entgegensetzte, mit der man ihn im Meierschen Hause empfing. Therese und Jenny,
welche man ihm als seine knftigen Schlerinnen vorstellte, behandelte er mit
einer Art Herablassung, die Therese nicht bemerkte, von der aber Jenny, durch
die Huldigungen Steinheim's und Erlau's bereits verwhnt, sich so betroffen
fhlte, da sie ganz gegen ihre sonstige Weise sich scheu zurckzog und weder
durch Reinhard's Fragen, noch durch Eduard's und der Eltern Zureden in das
Gesprch und aus ihrer Befangenheit gebracht werden konnte.
    Nach einigen Tagen hatte der Unterricht begonnen, und beide Theile waren
sehr mit einander zufrieden gewesen. Reinhard fhlte sich durch die
ursprngliche Frische in Jenny's Geist angenehm berrascht, und die ruhige,
stille Aufmerksamkeit Theresens machte ihm Freude. Was Jene pltzlich und
schnell erfate, mute diese sich erst sorgsam zurechtlegen und klar machen,
dann aber blieb es ihr ein liebes, mhsam erworbenes Gut, dessen sie sich innig
freute, whrend Jenny des neuen Besitzes nicht mehr achtete, wenn er ihr
Eigenthum geworden war, und immer eifriger nach neuen Kenntnissen strebte. Diese
unruhige Eile machte, da sie sich ihres geistigen Reichthums kaum bewut ward
und sich und Andere damit in Verwunderung setzte, wenn sie gelegentlich
veranlat wurde, ihn geltend zu machen.
    Fr Reinhard war der Unterricht doppelt anziehend. Er hatte wenig in
Gesellschaften gelebt, wenig mit Frauen verkehrt, und ihr eigenthmliches
Gemthsleben, die ganze innere Welt desselben, war ihm fremd. Mit erhhter
Begeisterung las er die deutschen Klassiker mit den Mdchen, wenn er Jenny,
hingerissen durch die Schnheit der Dichtung, roth werden und ihr Auge in
Thrnen schwimmen sah. So hatte er ihnen einst das erhabene Gesprch zwischen
Faust und Gretchen vorgetragen, das mit den Worten beginnt: Versprich mir,
Heinrich! und das schnste Glaubensbekenntni eines hohen Geistes enthlt.
Reinhard selbst fhlte sich wie immer lebhaft davon ergriffen, und als Jenny bei
den Versen: Ich habe keinen Namen dafr! Gefhl ist Alles. Name ist Schall und
Rauch, umnebelnd Himmelsglut! weinend vor Wonne dem Lehrer beide Hnde reichte,
ihm zu danken, hatte er dieselben schnell und warm in die seinen geschlossen,
obgleich er es einen Augenblick spter schon bereute.
    In Folge dieser Stunde und eines dadurch entspringenden Gesprchs war
Reinhard zu der Erkenntni gekommen, da Jenny, obgleich tief durchdrungen von
dem Gefhl fr Schnheit und Recht und von dem zartesten Gewissen, dennoch in
seinem Sinne aller religisen Begriffe entbehrte. Ihre Familie hatte sich von
den jdischen Ritualgesetzen losgesagt; Jenny hatte daher von frhester Kindheit
an sich gewhnt, ebenso die Dogmen des Judenthums als die des Christenthums
bezweifeln und verwerfen zu hren, und es war ihr nie eingefallen, da es
Naturen geben knne, denen der Glaube an eine positive geoffenbarte Religion
Sttze und Bedrfni sei. Ja, sie hatte ihn, wo ihr derselbe erschienen war,
mitleidig wie eine geistige Schwche betrachtet. Um so mehr mute es sie
befremden, da Reinhard, vor dessen Geist und Charakter ihr Bruder so viel
Verehrung hatte, da ihr Lehrer, der ihr so werth geworden war, einen Glauben
fr den Mittelpunkt der Bildung hielt, den sie wie ein leeres Mrchen, wie eine
den wahren Kern verhllende Allegorie zu betrachten gelernt hatte. Reinhard
behauptete geradezu, da ein weibliches Gemth ohne festes Halten an Religion
weder glcklich zu sein, noch glcklich zu machen vermge. Absichtlich fhrte er
deshalb die Unterhaltung mit seinen Schlerinnen hufig auf christlich-religise
Gegenstnde, so da in seinem Unterricht Religion und Poesie Hand in Hand
gingen, wodurch den Lehren des Christenthums ein leichter und gewinnender Einzug
in Jenny's Seele bereitet wurde.
    Ihr und Reinhard unbewut war aber mit dem neuen Glauben nur zu bald eine
leidenschaftliche Liebe fr den Lehrer desselben in des Mdchens Herzen
entstanden, fr den begeisterten jungen Mann, der ihr wie ein Apostel des Wahren
und des Schnen gegenberstand. Aus Liebe zu ihm zwang sie sich, die Zweifel zu
unterdrcken, die immer wieder in ihrem Geiste gegen positive Religionen
aufstiegen, und sich nur an die Morallehren zu halten, die dem Glubigen in dem
Christenthume geboten werden. Reinhard seinerseits hatte nicht eigentlich daran
gedacht, seinem Glauben eine Proselytin zu gewinnen, diese Schwche lag ihm
fern, denn er lie jeden Glauben gelten, weil er Geltung fr den seinen
forderte; nur einem dringenden Mangel in dem Herzen seiner Schlerin hatte er
abhelfen wollen. Er war berzeugt, da der Glaube in Jenny den geistigen
Hochmuth zerstren, ihr Wesen milder machen msse, und war sehr erfreut,
wirklich diese Resultate zu erblicken, ohne zu ahnen, da ihre weichere
Stimmung, die er fr das Werk der Religion gehalten, nur eine Folge ihrer Liebe
zu ihm war. Jenny fhlte das Bedrfni, an einen Gott zu glauben, der das Gute
jenseits lohne, weil ihr kein Erdenglck fr Reinhard ausreichend schien; sie
wurde demthiger, aber nicht im Hinblick auf Gott, sondern vor dem Geliebten;
und der Gedanke, ihre Liebe knne jemals ein Ende finden, oder durch den Tod
aufhren, machte sie so unglcklich, da ihr die Hoffnung auf Unsterblichkeit
und ein ewiges Leben wie der einzige Trost dagegen erscheinen mute.
    Den Eltern und Eduard blieb die vortheilhafte Vernderung in Jenny's Wesen
nicht verborgen, und wenn Eduard, was hufig geschah, mit Reinhard ber die
Schwester sprach, so verfehlte er nicht, es dankend anzuerkennen, wie wohlthuend
des Freundes Unterricht auf Jenny wirke. Nur Joseph schien die Meinung nicht zu
theilen.
    Er wird eine schlechte Christin aus ihr machen, uerte er gelegentlich,
verweigerte es aber, sich nher darber zu erklren, weil er ein Geheimni nicht
verrathen wollte, das ihn nur seine eiferschtig wachende Liebe so frh hatte
erkennen lassen.
    So war Jenny in das sechszehnte Jahr getreten. Ihr Aeueres hatte sich schn
entwickelt, ihre Liebe zu Reinhard war von Tag zu Tag gewachsen, und es konnte
nicht fehlen, da sie mit der Hingebung, die sie dem jungen Lehrer in den
Stunden bewies, einen Eindruck auf ihn machen mute, den er vergebens mit allen
Waffen der Vernunft bekmpfte. Denn welche Hoffnungen konnte er fr die Neigung
hegen, die er fr Jenny zu fhlen begann? Selbst wenn die Eltern darin
willigten, sie Christin werden zu lassen und sie ihm zur Frau zu geben, konnte
er es wagen, das reiche, verwhnte Mdchen in sein armes Haus zu fhren? - So
eigenschtig durfte er nicht sein; und von den Untersttzungen ihres Vaters zu
leben, zu wissen, da seine Frau ihre behaglichen Verhltnisse nicht ihm allein
verdanke, der Gedanke schien ihm, nach den Erfahrungen seiner Jugend, fast
unertrglich. - Nach jeder Stunde nahm er sich vor, den Unterricht unter irgend
einem Vorwande zu beendigen, um eine Liebe nicht tiefer in sich Wurzel fassen zu
lassen, die kein Erfolg krnen konnte, die einmal aufgegangen, blitzesschnell
und mchtig aufscho, obwohl er sie mit festem Willen still in sich verschlo.
Auch Jenny hielt sich scheu zurck. Aus Furcht, sich zu verrathen, ging sie,
sobald der Unterricht vorber, und ihre Familie oder Fremde zugegen waren,
pltzlich aus ihrer Hingebung in eine fremdthuende Klte ber. Sie zeigte
anscheinend fr jeden Andern mehr Theilnahme als fr Reinhard, und dieser blieb
dann meistens an Theresens Seite, um im Gesprch mit ihr seine qualvolle
Aufregung so gut als mglich zu verbergen.
    Besonders war es Erlau, welcher Reinhard's Eifersucht erregte. Mit chtem
Knstlerenthusiasmus bewunderte er Jenny's erblhende Schnheit, und seine
frohe, kecke Laune half dem jungen Mdchen oft ber ihre Befangenheit und ber
all ihre Verwirrung fort. Es that ihr wohl, wenn Erlau sie ganz begeistert
lobte; sie freute sich, wenn Reinhard es hrte, dessen scheinbare
Gleichgltigkeit sie schmerzte, und whrend sie eiferschtig auf Therese sich
von dieser und von Reinhard fern hielt, suchte sie Erlau geflissentlich auf, der
sich ohnehin gern in ihrer Nhe befand.
    In solchen Stimmungen lie sie sich von Steinheim bisweilen zu lebhaften
Unterhaltungen hinreien, in denen der Witz die Hauptrolle spielte, und die oft
in eine Art von Neckereien und Scherzen bergingen, an denen Reinhard, seiner
ganzen Natur nach, keinen Antheil zu nehmen vermochte. Jenny wute das wohl,
aber sie vermochte nicht, dem Geliebten die unangenehme Empfindung zu ersparen.
Je theilnahmsloser und ferner er sich davon hielt, jemehr berzeugte sich Jenny,
da sie ihm ganz gleichgltig sei, und um so weniger sollte er eine Ahnung von
ihrer Liebe erhalten. Nur vor Reinhard's Mutter lste sich die Stimmung des
jungen Mdchens zu seltener Weichheit auf.
    So oft die Pfarrerin das Meiersche Haus besuchte, verlie Jenny
augenblicklich die ganze brige Gesellschaft, um sich ausschlielich der
Pfarrerin zu weihen. Jedes Wort, das diese sprach, war ihr werth; stundenlang
konnte sie ihr zuhren, wenn sie von der Kindheit ihres Sohnes erzhlte, von den
unzhligen Opfern, denen der Jngling sich fr sie unterzogen, von der immer
gleichen Liebe, die der Mann ihr darbringe, und wie sie nichts sehnlicher
wnsche, als den geliebten Sohn bald in Verhltnissen zu sehen, die es ihm
mglich machten, an der Seite einer guten Frau das Glck zu finden, das Gott ihm
gewi gewhren msse.
    Jede solche Erzhlung diente nur dazu, Jenny's Liebe lebhafter anzufachen;
und je deutlicher das Bewutsein derselben in ihr wurde, je bestimmter der
Wunsch in ihr hervortrat, Reinhard anzugehren, um so unertrglicher muten ihr
die Bewerbungen Joseph's scheinen, die von den Wnschen ihrer Eltern untersttzt
wurden.

An einem der Abende, welche Jenny's Unterredung mit ihrer Mutter folgten, saen
Madame Meier, die Pfarrerin und Jenny in der Loge, welche ihr Vater fr immer
gemiethet hatte, um die berhmte Giovanolla zum ersten Male als Susanne im
Figaro auftreten zu sehen. Der erste Act war vorber, als Eduard mit Joseph und
Hughes in der Loge erschien, den Letztern seiner Familie vorzustellen. Nach den
ersten Worten flchtiger Begrung fing man von der Oper, von der heutigen
Auffhrung, von der Sngerin, von dem Texte des Figaro, und endlich von Musik im
Allgemeinen zu sprechen an. Eduard tadelte das abwechselnde Sprechen, und Singen
in den Opern. Es mu Alles gesungen werden, sagte er, wenn es nicht einen
sonderbaren Effect machen soll, da Jemand im Momente hchster Aufregung sich
pltzlich in der Rede unterbricht, ruhig ein paar Minuten wartet, bis die
Einleitungstacte vorber sind, und dann in demselben Affecte zu singen anfngt.
    Du hast Recht, fiel Joseph ein, erst lehre aber unsere Snger so deutlich
singen, da man sie verstehen kann! denn in hundert Fllen sind es die
eingeschalteten Reden allein, aus denen man einigermaen entnimmt, wehalb die
Leute auf der Bhne sich eigentlich ereifern.
    Dabei werden diese Zwischengesprche auch so unverzeihlich leicht behandelt,
da man sie nur mit Widerwillen hrt, fgte Hughes hinzu. Ich mu dabei an einen
der ersten Tenoristen Deutschlands denken, den ich einst in einer Residenz Ihres
Vaterlandes hrte, und der, als er den Fra Diavolo in ganz ertrglichem Deutsch
gesungen hatte, beim Sprechen in ein so reines Schwbisch verfiel, da es den
possenhaftesten Eindruck machte.
    Mich dnkt, wandte die Pfarrerin ein, als sei in der That bei der Musik das
Wort die Nebensache, da Instrumentalmusik und namentlich die Tne der Orgel
denselben Eindruck auf das Gefhl zu machen vermgen, als der Gesang.
    Das mchte ich nicht behaupten, meinte Joseph, mich langweilt jedes
Instrumentalconcert, und zu einer Kirchenmusik zu gehen, wrde mich keine Macht
der Welt bewegen.
    Weil Du ein Verstandesmensch bist, rief Jenny aus, immer bereit, die Ansicht
der Pfarrerin zu theilen und Joseph zu widersprechen, weil Du die Empfindung
Anderer nicht kennst.
    Oh! Deine Empfindungen und Gefhle z.B. kenne ich am Ende doch, warf Joseph
neckend hin, aber mit einem Blick und einem Tone, der ihr das Blut zu Kopfe
trieb.
    Einen Augenblick schwieg sie bestrzt, dann nahm sie sich zusammen, und
sagte zu Hughes: Glauben Sie nicht auch, da die Musik der Worte entbehren
knne?
    Insofern bestimmt, als man gewi sang, ehe man daran dachte, den Gesang mit
der Sprache zu verbinden. Mir scheint es aber, als ob Musik und Dichtung so nahe
zu einander gehren, da man kaum sagen darf, die Dichtung knne der Musik, oder
diese der Dichtung entbehren. So vollkommen jede Kunst fr sich allein zu
bestehen und zu entzcken vermag, so gibt es doch gar viele Flle, in denen erst
beide zusammen, sich ergnzend, zu dem vollendeten Ganzen werden, das uns
begeistert.
    Ich will doch lieber den Tasso ohne Musik hren, als den Figaro ohne Worte,
lachte Joseph.
    Was das nur wieder fr ein Streit ist, sagte Eduard, der bis dahin mit
seiner Mutter gesprochen und an der Unterhaltung nicht Theil genommen hatte. Wie
oft hast Du, Joseph, mit groem Vergngen der Auffhrung der Ouverture gerade
des Figaro zweimal hintereinander zugehrt. Merken Sie es sich aber, lieber
Hughes, da meine Schwester und mein Vetter es sich zur Aufgabe gemacht zu haben
scheinen, einander zu widersprechen, wenn es irgend angeht.
    Jenny frchtet, wir knnten sonst Mangel an Unterhaltung haben, und der
Stoff wrde ihr fehlen, unterbrach ihn Joseph, brigens bin ich in der That
nicht sehr empfnglich fr Musik, obgleich ich sie recht gern habe.
    Du brauchst Dich dessen nicht zu rhmen, flsterte Jenny dem Cousin ins Ohr,
als in dem Augenblick die Introduction zum zweiten Acte begann: Who is not moved
with rapture on sweet sounds, is fit for treason, stratagem and spoil, let him
not be trusted. -
    Joseph war verletzt. Er verlie die Loge, die Uebrigen rckten leise die
Sthle zurecht, um von dem Gesange der Sngerin nichts zu verlieren, und mit
reinem, schnem Tone stimmte sie das heilige Quelle meiner Triebe an. Jenny
bog sich einen Moment ber die Brstung der Loge hinaus, um sich nach ihren
Bekannten umzusehen, und ihr erster Blick fiel auf Reinhard, dessen Augen
sehnschtig an ihr hingen.
    Seit der letzten Stunde, seit einigen Tagen hatte sie ihn nicht gesehen, der
es schwer genug ber sich gewonnen hatte, sie zu meiden. Sie mute wenigstens
von ihm hren, von ihm sprechen, darum hatte seine Mutter die Einladung zum
Theater erhalten. Als Madame Meier und Jenny vor der Thre der Pfarrerin
vorfuhren, hatte Jenny das Herz vor Freude bei dem Gedanken gebebt, nun werde
Reinhard, wie er pflegte, die Mutter hinunter geleiten - aber er kam nicht. -
Nur das Dienstmdchen leuchtete vor, und der Meiersche Diener half der Matrone
in den Wagen. Auf die Frage von Madame Meier, ob Herr Reinhard heute das Theater
nicht auch besuche, hatte seine Mutter erwidert, ihr Sohn sei von dringenden
Arbeiten so sehr in Anspruch genommen, da er durchaus zu Hause bleiben msse,
und ihre Bitte, sich heute einmal Ruhe zu gnnen und den Figaro zu hren, habe
er entschieden abgelehnt.
    Damit war Jenny jede Hoffnung fr den heutigen Abend genommen worden; sie
hatte sich aber schwer genug in den Gedanken gefunden, und konnte nun kaum einen
Schrei freudiger Ueberraschung zurckhalten, als sie den Geliebten pltzlich vor
sich sah, als das Bewutsein in ihr auftauchte, er, der so unverwandt zu ihr
emporblickte, knne nur ihretwegen gekommen sein.
    Und so war es in der That. Er hatte zu arbeiten versucht, aber das Bild der
Geliebten war zwischen ihn und die Arbeit getreten. Er sah sie in glnzender
Toilette, die sie liebte und in der sie so schn war. Er sah, wie das bleiche,
feine Kpfchen, von langen dunkeln Locken beschattet, alle Blicke auf sich zog.
- Es litt ihn nicht am Schreibtische. Unruhig schritt er im Zimmer umher; er
berlegte, da Erlau, der Bewunderer der Giovanolla, da Steinheim gewi im
Theater sein, da Erlau vermuthlich jetzt in der Loge neben Jenny sitzen wrde.
Was die Liebe allein nicht vermocht hatte, das errang die Eifersucht: er griff
rasch nach Hut und Mantel, und war eine Viertelstunde spter im Theater.
    Erleichtert athmete er auf, als er die Mnner nicht in ihrer Nhe bemerkte.
Heute, nachdem er sie zwei Tage nicht gesehen, in denen er unaufhrlich an sie
gedacht und die heieste Sehnsucht empfunden hatte, heute schien sie ihm schner
und begehrenswerther, als je! Aber Alles lag trennend zwischen ihm und ihr:
Religion und Verhltnisse, und vor Allem ihre Klte. Ja! wenn er ihr mehr als
nur ein Lehrer wre, den sie hochhielt, wenn sie ein anderes Interesse fr ihn
htte, wenn sie ihn liebte! Mit diesen Gedanken hingen seine Augen an ihr, als
ihr Blick ihn traf, und das selige Entzcken in ihren Zgen, die glhende Rthe,
die ihr Gesicht urpltzlich berflogen, gaben ihm eine Antwort, die ihm das Herz
aufwallen machte. Hunderte von Menschen waren jetzt zwischen ihm und der
Geliebten, und das Gestndni, das er im Alleinsein ihr nie zu machen gewagt
hatte, jetzt war es seinem Herzen entschlpft; die Zuversicht zu Jenny's Liebe,
auf die er bisher nie gehofft, jetzt vor hundert Zeugen war sie ihm geworden.
    Das ist das Geheimni der Liebe, da sie zwei Herzen verbindet zu Einem, und
diese absondert unter Tausenden; da das Gefhl der erwiderten Liebe nicht der
Worte, kaum des Blickes bedarf, um sich deutlich zu machen. Es ist, als ob die
Liebe wie ein flchtiger Aether dem einen Herzen entstrme, um das andere zu
erfllen und zu beleben. Aber nur das geliebte, geffnete Herz empfindet das
Lebenswehen, das fr es ausgestrmt wird. Die Uebrigen berhrt der Strom von
Jenseits nicht, und sie athmen ruhig die kalte Erdenluft, ohne zu ahnen, wie
schnell und leicht und freudig zwei Herzen in ihrer Nhe klopfen.
    Reinhard und Jenny waren allein mit einander, mitten in dem menschenvollen
Raume. Nur fr sie allein sang die Grfin, nur um ihren stillen Gefhlen Worte
zu geben, und wie zum Schwure blickten sie sich ernst und heilig in die Augen,
und wiederholten innerlich: La mich sterben, Gott der Liebe, oder lindre
meinen Schmerz.
    Jenny, dem Kindesalter noch sehr nahe, wurde froh wie ein Kind, nachdem die
Gewalt des ersten Eindruckes sich etwas vermindert hatte. Sie war glcklich in
dem Bewutsein, geliebt zu werden; sie htte es dem ganzen Publicum zurufen
mgen: meinetwegen ist er in das Theater gekommen, und er liebt mich! und doch
hatte sie nicht den Muth, seiner Mutter zu sagen, da er da sei, und da sie ihn
she. Ihr ganzes Gesicht lchelte schelmisch, als Cherubin klglich fragte:
Sprecht, ist das Liebe, was hier so brennt? Reinhardt wandte kein Auge von der
Geliebten, und ein ganzer Frhling von Glck und Wonne blhte in seinem Herzen
auf, als Jenny bei der wiederholten Frage: Sprecht, ist das Liebe, was hier so
brennt? ihn muthwillig ansah, und ganz unmerklich fr jeden Andern, ihm ein
freundliches Ja mit den schnen Augen zunickte.
    Bald war das Finale des zweiten Actes mit seinem rauschenden Prestissimo
vorber. Reinhard verlie seinen Platz, und eilte, in die Nhe der Geliebten zu
kommen. Es war ihm, als msse er nun in Einem Worte alles Leiden und Hoffen der
letzten Monate vor ihr enthllen, als msse er sie an seine Brust schlieen und
ihr danken fr das Glck, das sie ihm in dieser Stunde gegeben. Er htte das
zarte Mdchen auf seinem Arm forttragen mgen, sich durchkmpfend durch eine
Welt von Hindernissen, um das se Kleinod ganz allein zu besitzen, um es an
einen Ort zu bringen, wo kein begehrender Blick Diejenige trfe, die sein Ein
und Alles war.
    Und als er die Thr der Loge geffnet hatte, als Jenny sich umwendete, und
er das Rauschen ihres seidenen Kleides hrte, da wute er kein Wort zu sagen. Er
sprach einige gleichgltige Dinge mit ihrer Mutter, hrte, wie seine Mutter sich
freute, da er noch so spt gekommen sei, und setzte sich schweigend neben Jenny
nieder.
    Sie fhlte das Peinliche seiner Lage und auch sie war befangener, als
jemals. Endlich brachte sie stockend die Worte hervor: Ich habe Herrn Reinhard
schon beim Beginn des zweiten Actes gesehen.
    Und warum sagtest Du das nicht gleich? fragte ihre Mutter.
    Ich dachte, ich wute nicht, stotterte Jenny ganz verwirrt, bog sich zur
Pfarrerin nieder, kte ihr die Hand und bat, als ob sie ein Unrecht gut zu
machen htte: ach, sein Sie nicht bse!
    Beide Frauen nahmen das lchelnd fr eine von Jenny's Launen, und gaben
nicht weiter auf sie Acht, als abermals der Vorhang emporrollte und das Duett
zwischen Susanna und dem Grafen ertnte.
    Fr Reinhard sang der Graf nicht vergebens: So lang' hab' ich geschmachtet,
ohn' Hoffnung Dich geliebt; er fhlte dabei die Trostlosigkeit der verflossenen
Tage auf's Neue, und Jenny konnte sie in dem beredten Ausdruck seines Auges
lesen, ohne da sie ein Wort mit einander zu sprechen brauchten. Sie fhlte mit
Reinhard, als die Musik aufjubelte, bei der Stelle: So athm' ich denn in vollen
Zgen der Liebe, der Liebe ses Glck, und Beide versanken mit dem Gefhle
seliger Gewiheit in jene Trumereien, die wohl Jeder von uns gefhlt hat, wenn
ein groes, heiersehntes Glck endlich von uns erreicht worden ist.
    Die Oper war zu Ende, ehe das junge Paar es vermuthete. Reinhard bot Madame
Meier den Arm, whrend Jenny mit seiner Mutter ging. In der Vorhalle traf man
Eduard mit Hughes und Erlau, und verabredete, da er die beiden Herren zum Thee
mitbringen solle, zu dem Madame Meier auch die Pfarrerin und Reinhard einlud.
Der Letztere geleitete die Damen zu ihrem Wagen, stieg mit ihnen hinein, und als
sie wenige Augenblicke darauf in das Portal des Meierschen Hauses einfuhren, als
er Jenny die Hand zum Aussteigen bot, und diese kleine Hand in der seinen bebte,
konnte er es sich nicht versagen, sie leise zu drcken und zu halten, whrend
sie die ersten Stufen der Treppe hinaufstiegen. So hlt man ein Vgelchen fest,
das man eben gefangen hat, weil man sich des Besitzes bewut werden will, weil
man frchtet, es knne uns entfliehen; aber scheu und leicht, wie ein kleiner
Vogel, machte Jenny ihre Hand frei, ging eilig die Treppe hinauf und in das
Theezimmer, wohin Reinhard ihr folgte.
    Der Vater brachte den Abend auer dem Hause zu; die Damen setzten sich also
gleich an den Theetisch, und wenig Augenblicke spter erschienen die erwarteten
Herren.
    Nun, was sagen Sie heute zur Giovanolla? fragte Erlau, sobald er Platz
genommen hatte. Sie mssen gestehen, reizender, anmuthiger kann man nicht sein.
Ich htte nie geglaubt, da es mglich sei, bei so groartiger Schnheit diesen
Eindruck soubrettenhafter Koketterie zu machen, und sie hat sich heute in der
Susanna als eine groe Knstlerin gezeigt.
    Ich denke, erwiderte Madame Meier, so gar viel Kunst bedarf sie nicht, um
sich so darzustellen, als sie ist.
    Im Gegentheil! das ist ja die schwerste Aufgabe, sich selbst zu spielen;
aber diese hat sie nicht zu lsen gehabt, denn kokett ist die Giovanolla nicht.
Wahrhaftig nicht! rief er, als die Andern zu lachen anfingen. Sie wei, da sie
ein Ideal von Schnheit ist, und besitzt Gromuth genug, sich den Augen der
staunenden Mitwelt in all der Vollendung zeigen zu wollen, deren sie fhig ist.
Ich mute heute bei jeder ihrer Bewegungen meine Freude zurckhalten, um nicht
fortwhrend den Leuten zuzurufen, da sie ein klassisches Modell vor Augen
htten. O! ich habe im Geiste die wundervollsten Studien gemacht, und die
Nachwelt soll sich noch am Bilde dieses Weibes erfreuen, wenn mein Talent mit
meinem Willen gleichen Schritt hlt.
    Whrend Du an die Nachwelt dachtest, sagte Eduard, berlegte ich, da es
wohl keine grere Thorheit gibt, als die Jugend an solchen Darstellungen Theil
nehmen zu lassen, in denen die Sitten einer sittenlosen, verderbten Vorzeit so
anmuthig und so einschmeichelnd dargestellt werden.
    Der Meinung bin ich auch, bekrftigte Reinhard. Ich will nicht leugnen, da
dieser Abend zu den schnsten meines Lebens gehrt, so viel Freude hat er mir
gebracht, und doch peinigte es mich, die Logen voll von jungen Damen zu sehen.
    Damit tadeln Sie mich, lieber Reinhard! unterbrach ihn Jenny's Mutter. Sie
wollen mir sagen, was Eduard schon mitunter uerte, da wir Mtter mit der
Erziehung unserer Tchter nicht sorgfltig genug zu Werke gehen. Ich glaube
aber, da es dem reinen Sinn eines unverdorbenen Mdchens eigen ist, an einem
schnen Bilde nur die Schnheit, und nicht gleich die Flecken und Fehler zu
sehen, die es entstellen. Darum haben mein Mann und ich nie Bedenken getragen,
unserer Tochter manches Buch in die Hnde zu geben, sie an manchen Dingen Theil
nehmen zu lassen, die man ihrem Alter sonst vorenthlt.
    Gewi ist das husliche Beispiel und die innere Seelenbildung die Hauptsache
bei weiblicher Erziehung, sagte Hughes. Sonst mten ja in Frankreich, wo man
die Mdchen bis zu ihrer Verheirathung in klsterlicher Einsamkeit hlt, die
Sitten besser sein, als bei uns in England und hier in Deutschland, wo man der
Jugend viel grere Freiheit verstattet; und gerade hier beweist doch die
Erfahrung, da die franzsische Zurckgezogenheit keine lobenswerthen Erfolge
aufweist.
    Weil in Frankreich der ganze Zustand der Gesellschaft ein verderbter, ein
aufgelster ist; weil die Bande der Ehe dort locker geworden sind, und das Haus,
die Familie aufgehrt haben, der Mittelpunkt zu sein, von dem Alles ausgeht. Was
kann es ntzen, ein Mdchen in den strengsten Grundstzen zu erziehen, wenn der
erste Schritt ins Leben ihr zeigt, da weder ihre Eltern, noch ihr Gatte an
diese Grundstze glauben; wenn sich das junge, liebebedrftige Herz verrathen
sieht, vielleicht um einer Tnzerin willen, die nicht werth ist, der Schuldlosen
die Schuhriemen zu lsen. Wenn dann das bse Beispiel dazu kommt, das die
sogenannten modernen Romane und das Theater bieten, da braucht man sich freilich
ber die Erfolge in Frankreich nicht zu wundern, eiferte Eduard.
    Aber bei uns, mein Sohn! wandte seine Mutter ein, ist doch der Zustand der
Frauen und der Gesellschaft berhaupt ein ganz anderer. Deshalb scheint mir, Du
bertreibest den Nachtheil, den Theater und dergleichen auf junge Gemther
ausbt, und wir Deutschen knnen unseren Tchtern ruhig diese Gensse gewhren.
    Im Gegentheil, liebe Mutter! weil bei uns der Mann sein Haus noch fr den
Tempel seines Glckes, die geliebte Frau fr die Hohepriesterin desselben hlt,
weil er Ruhm, Ehre und Alles, was er ist und erwirbt, diesem Tempel und seiner
Priesterin darbringt, weil sein Hoffen und Frchten in diesen Kreis gebannt ist
und er immer wieder dahin zurckkehrt, sobald das Leben mit seinen
gebieterischen Forderungen ihn frei lt; darum haben wir deutschen Mnner ein
Recht, zu verlangen, da auch kein unreiner Hauch die Seele eines Mdchens
berhre, dem so viel geopfert wird.
    Und wie hoch, wie heilig ist uns das Mdchen, das wir lieben! rief pltzlich
Reinhard, der bis dahin schweigend zugehrt hatte, als ob er aus tiefen Gedanken
zu sich kme. Wenn ein Mdchen wte, wie schwer und heftig der Kampf ist, den
der Mann zu kmpfen hat, ehe er willig und fr immer auf seine Ungebundenheit
verzichtet, ehe er seine Freiheit opfert! Nur einem Wesen, das man mehr liebt
als sich selbst, das man gleich einer Gottheit heilig hlt, kann man so
unterthan werden, als die Liebe es uns dem Weibe macht. Wer aber ertrge den
Gedanken, da die Gottheit unsres Herzens unwrdigen Festen beiwohnt? Wer wollte
es ruhig ansehen, da ihr Auge von unreinem Anblick berhrt wrde? Ich knnte
mein Leben daran setzen, der Geliebten eine solche Entweihung zu ersparen; und
ein Mdchen, das wahrhaft liebt, das die Liebe, die hingebende, die anbetende
Liebe eines Mannes zu begreifen vermag, das in sich auch den Geliebten achtet,
mu nothwendig und freiwillig Allem entsagen, was diesen und sie zugleich
verletzt. Wer es gefhlt hat, wie wahre Liebe das Mnnerherz reinigt und
veredelt, dem mu es wehe thun, wenn die Mdchen selber sich um den Nimbus
bringen, den Sittenreinheit um sie hervorzaubert, und der sie unserm Herzen
gerade so theuer macht.
    Er hatte noch nicht geendet, als sein Auge auf die neben ihm sitzende Jenny
fiel, die sich hinter der dampfenden Samovare verbarg und vor Bewegung kaum den
Thee zu bereiten vermochte. Er fhlte den bittern Tadel, den er unwillkrlich
auch gegen die Geliebte ausgesprochen hatte; er wollte einlenken, aber er
vermochte es nicht, denn es war seine innerste Ueberzeugung gewesen, die er
ausgesprochen hatte. So viel Glck ihm der heutige Abend im Theater gewhrt, so
weh that es ihm doch, da ein so schlpferiges, sittenloses Stck, so
leichtfertige Gesnge, zum Boten seiner Liebe bei Jenny geworden waren. Das war
der Unterschied zwischen ihm und ihr, da sie, aufgezogen in den Begriffen der
sogenannten groen Welt, trotz ihrer sittlichen Seele, das Gefhl fr die
Sittenlosigkeit mancher Verhltnisse verloren hatte, oder da es nicht zum
Bewutsein in ihr gekommen war. Der Figaro, Don Juan und vieles Andere, waren
ihr Dinge, an denen sie sich von Kindheit auf erfreut hatte, ohne an das Gute
und Bse daran zu denken, und das war ein Zustand, in den weder Eduard noch
Reinhard sich zu versetzen vermochten.
    Reinhard war bis zu seiner Universittszeit in einem Landstdtchen in
vollkommener Zurckgezogenheit erwachsen, und seinem Geiste muten die
Eindrcke, die er dann pltzlich in der Gesellschaft und durch das Theater
empfing, ganz anders erscheinen, weil er sich der Empfindungen bewut war, die
dadurch in ihm hervorgerufen worden. Eduard hingegen war allmlig durch
Nachdenken zu der Ansicht gekommen, die er vertheidigte, und die er, durch
Verhltnisse, welche wir spter darthun werden, angeregt, heute ungewhnlich
warm ausgesprochen hatte.
    Beide Mnner ahnten nicht, mit welcher Verwunderung Madame Meier und die
Pfarrerin den Ansichten ihrer Shne zuhrten, und da Beide tiefer in den Herzen
derselben lasen, als es ihnen lieb sein mochte. Ebenso hatte Reinhard nicht
bedacht, wie weh der armen Jenny sein Urtheil thun mute, die sich in aller
Unbefangenheit dem Genusse der Musik hingegeben hatte, und die eben heute diese
Oper doppelt liebte, weil ihr whrend derselben die Ueberzeugung geworden war,
da Reinhard's Herz ihr angehre.
    Der Pfarrerin war Jenny's Bewegung nicht entgangen; sie sah den langen,
flehenden Blick, den Reinhard auf sie richtete, nachdem er gesprochen; sie sah,
da Jenny sich zu ihm neigte und ein paar Worte sprach, die ihren Sohn in das
hchste Entzcken zu setzen schienen, denn sein Gesicht leuchtete vor Wonne,
aber verstehen konnte sie diese leise gesprochenen Worte nicht. Ich werde nie
wieder in den Figaro gehen, hatte Jenny zu Reinhard gesagt, und die Pfarrerin
berlegte vergebens, weshalb der Ausdruck von Betrbni auf dem schnen Gesichte
des Mdchens trotz Reinhard's Freude nicht verschwinden wollte.
    Um der Unterhaltung, die fr einige Augenblicke ins Stocken gekommen war,
wieder fortzuhelfen, bemerkte die Pfarrerin: Mag man nun ber die Moral des
Figaro, die allerdings locker genug ist, noch so streng urtheilen, es ist nicht
zu leugnen, da die Dichtung Anmuth hat, der bezaubernden Composition gar nicht
erst zu denken.
    Das macht sie um so gefhrlicher, schaltete Hughes ein, wenn wir die
Gefhrlichkeitstheorie der beiden Herren berhaupt annehmen.
    Ich bitte Sie, mein Herr, lachte Erlau dazwischen, lassen Sie sich doch von
den abgeschmackten Lehren nicht hinreien. Was so ein Doctor, der lngst ein
begehrter Heirathscandidat ist, und so ein Candidat der Theologie, der lngst
Prediger sein mchte, unser Einem vorpredigen und aufdociren mchten, das ist ja
deshalb Alles noch nicht wahr. Lassen Sie die Beiden doch lehren, was sie
wollen; ich behaupte dennoch, da im Figaro, im Barbier, im Don Juan, in der
ganz vergessenen, lieblichen Fanchon, etwas von der flchtigen, zierlichen
Leichtigkeit des vorigen Jahrhunderts liegt, die uns leider verloren gegangen
ist.
    Von einer Leichtigkeit, sagte Eduard, die, in totale Verderbtheit
ausgeartet, sinnlos forttnzelte zum Schaffot, trotz der warnenden Stimmen, an
denen es nicht fehlte.
    Ja! zum Schaffot, fuhr Erlau fort, auf dem die leichtfertigen Tnzerinnen
mit einer Ruhe starben, mit einer Seelengre, die einer Rmerin wrdig gewesen
wre. Die Prinze Elisabeth starb eben so ruhig als Arria, oder irgend eine
andere Heldin Eurer gepriesenen, langweiligen Rmerzeit; und der ganze
Unterschied ist der, da die Franzsinnen liebenswrdig und glcklich waren, und
Glckliche machten, whrend so eine antike Rmerin, oder rmische Antike in
ihrem Frauengemache sa und tugendhaft war, und wollene Toga's webte. Da lobe
ich mir die Franzsinnen!
    Die alten Damen lachten, und Erlau fuhr dadurch ermuthigt fort:
    Sagt mir nur ehrlich, ist Einer von Euch halb so liebenswrdig, als der Graf
Almaviva, oder Don Juan, oder Cherubin, oder der Abb in Fanchon?
    Du vielleicht, lieber Erlau! sprach Eduard.
    Wollte Gott, ich wre es. Ich strebe tglich, diese heitern Vorbilder einer
frhlichen Vorzeit zu erreichen, aber kommt man dazu? Kaum hat man sich verliebt
und schwelgt in Wonne, so erzhlen sie von Actien zu einer Eisenbahn, oder von
Entwrfen zu Kleinkinderschulen, in denen lauter Prden und Pedanten erzogen
werden sollen. Denkt man daran, sein Herz frei zu machen, um es bald wieder
gefangen zu geben, so soll man einer Corporation zur Befreiung der Negersklaven
oder zur Erleichterung der Hunde beitreten; und kein Mensch denkt dabei, da
mich z.B. dies viel mehr ennuyirt, als es irgend einen Neger langweilt,
Zuckerrohr zu tragen, oder einen Hund, seinen Karren zu ziehen.
    Es ist freilich nicht allen Menschen mglich, das Leben wie eine Lustpartie
zu nehmen, und jedes hhere Interesse als lstiges Hinderni zu verleugnen,
erwiderte Reinhard, dem diese Scherze Erlau's besonders darum mifielen, weil
Jenny ein Wohlgefallen daran fand, das er nicht billigen konnte.
    Und wie soll man das Leben denn wohl anders nehmen? fuhr der unerschpfliche
Erlau fort. Gott hat uns fraglos fr die Freude geschaffen; Gott will, da wir
uns freuen sollen, und da Ihr mich neulich und heute wieder in meinem besten
Vergngen strt, ist eine wahre Todsnde. Was habt Ihr denn von dem ewigen
Moralisiren? Madame Meier und die Frau Pfarrerin hren so andchtig zu, da
ihnen der Thee eiskalt werden wird, und Frulein Jenny sieht seit der
abgeschmackten Unterhaltung so traurig aus, und ist so zerstreut, da ich noch
gar keinen Thee bekommen habe, den schweren Aerger zu ertrnken, den Ihr mir
verursacht. - Liebes Frulein, sprach er gegen Jenny gewandt, nur eine doppelte
Portion Zucker als Ausgleich fr den bittern Verdru, den Ihr Bruder mir gemacht
hat!
    Die kleine Gesellschaft war in ein herzliches Lachen ausgebrochen, das
Erlau's frhliche Laune hervorgerufen hatte. Auch Jenny ri sich gewaltsam aus
den Gedanken heraus, die heute zum ersten Male in ganz neuer Gestalt in ihr
erwacht waren. Nur Reinhard blieb in tiefes Sinnen verloren, und sah, aufgelst
in Liebe, zu Jenny hin, die sich eben anschickte, Erlau eine scherzhafte Antwort
zu geben, als Joseph und Steinheim in das Zimmer traten. Sie waren zu Fu aus
dem Theater gekommen, und Steinheim entschuldigte ihr sptes Erscheinen mit den
parodirten Worten: Spt komm' ich, doch ich komme; der weite Weg entschuldige
mein Sumen.
    Aber warum fuhren Sie nicht auch nach Hause? fragte Jenny.
    Weil leider Freitag Abend ist, antwortete Steinheim, und ich meiner Mutter
den Kummer nicht machen wollte, zu fahren. Aus Kindesliebe, aus Frmmigkeit hole
ich mir in dem nassen Wetter den Tod, nach dem Echauffement im Theater, und bei
meinem reizbaren Nervensystem! Was soll man aber thun?
    Ich habe geglaubt, das Fahren sei nur am Sonnabend verboten, sagte die
Pfarrerin.
    O nein! erwiderte Steinheim, der Sonnabend fngt bei uns schon des Freitags
an, und alle Ruhe- und Sabbathfeiergesetze mssen von Freitag Abend ab gehalten
werden, bis Sonnabends die ersten Sterne blinken.
    Die Pfarrerin erwhnte es lobend, da Steinheim sich an diese Formen halte.
- Mir sind sie ganz gleichgltig, antwortete er, ich halte sie fr ein Gesetz,
das miverstanden ist, und befolge es nur meiner Mutter zu Liebe, der ich viele
Opfer der Art bringe, obgleich sie meine Gesundheit ruiniren.
    Fr solch einen Mustersohn habe ich Sie nicht gehalten, sagte Jenny, die nie
der Lust widerstehen konnte, Steinheim zu necken. Ich wute nicht, da
Selbstverleugnung auch zu Ihren Tugenden gehre.
    Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwrzen, und das Erhabne in den
Staub zu ziehn, declamirte Steinheim. Da Sie, holdes Frulein, aber an mir
zweifeln, verdiene ich nicht, und ich knnte wie Csar sagen: Brutus, auch Du!
- Uebrigens wissen Sie ja, da Sonnabends unsere Pferde geschont und ich
strapazirt werde.
    Das ist das erste Gesetz gegen Thierqulerei, rief Erlau dazwischen, und ich
wundere mich, lieber Meier, da Du, in doppelter Hinsicht triumphirend, nicht
lngst darauf aufmerksam gemacht hast.
    Wirklich, meinte Madame Meier, gehrt aber die stille Sabbathfeier zu den
Gesetzen der jdischen Religion, die mir sehr gefallen und zusagen - obgleich
wir sie nicht mehr halten.
    Ich finde es auch sehr schn, sagte Jenny, aber es ist doch nicht fr alle
Menschen, eigentlich nur fr Juden gemeint; denn ich habe bei Madame Steinheim
selbst gesehen, da ihr christliches Dienstmdchen die Lichter putzte, was sie
selbst nicht that.
    Also meinen Sie, fragte Steinheim, der sich neben Jenny's Stuhl hingesetzt
hatte, da das Dienstmdchen Licht putzen darf, so kann das Pferd auch ziehen?
    Ja! sagte Jenny leise, whrend sich bereits eine andere Unterhaltung in der
Gesellschaft entsponnen hatte. Ja! die Pferde knnten wohl arbeiten, da sie
nicht Juden sind.
    Und was sind sie denn? fragte Steinheim ebenfalls leise, um die Andern nicht
zu stren.
    Wei ich's? war die Antwort, vermuthlich Christen! - oder Heiden! fgte sie
schleunig hinzu, bemerkend, da Reinhard, der an ihrer andern Seite sa, jedes
Wort dieser kindischen Unterhaltung gehrt hatte, und sich unwillig abwendete,
als Steinheim in ein laut schallendes Gelchter verfiel, dessen Grund er aber,
auf Jenny's eifriges Bitten, nicht sagen wollte, so sehr man auch in ihn drang.
    Durch Reinhard's Brust waren die letzten Worte wie ein fliegendes Weh
gezogen, wie ein eisiger Frost ber die ersten schnen Blthen des Frhlings.
Diese Leichtfertigkeit, dies Scherzen mit Allem, was Andern heilig ist, das war
es eben, was oft so trennend zwischen Jenny und seiner Liebe gestanden hatte. Er
liebte ihre reiche, schne Natur, ihr lebhaftes Gefhl, und wurde es doch nur zu
hufig mit Betrbni gewahr, da Jenny, in Folge ihrer Erziehung und der
Verhltnisse, in denen sie aufgewachsen war, eine Richtung genommen hatte, die
seiner ganzen Seele widerstrebte, die auch Eduard mibilligte, die aber zu
ndern ihren beiderseitigen Bemhungen bis jetzt nicht gelungen war. Reinhard
glaubte an ihr Herz, er liebte sie, wie ein krftiges Gemth nur zu lieben
vermag - und doch fhlte er eine Scheidewand zwischen sich und der Geliebten;
doch konnte er die bange Ahnung nicht unterdrcken, es stehe ein Etwas trennend
zwischen ihm und ihr. Jetzt bei Jenny's letzten Worten erwachte das Gefhl aufs
Neue und heute um so schmerzlicher in ihm. Trb und verstimmt nahm er, als sich
die Gesellschaft trennte, von der Geliebten Abschied, trb und verstimmt schritt
er an seiner Mutter Seite heim, whrend Jenny in ihrem Zimmer Thrnen der
bittersten Reue vergo. Sie wute, was sie ihm angethan hatte, aber so hatte sie
heute doch nicht von ihm zu scheiden geglaubt. - Er hatte keinen Blick fr sie
gehabt, und jetzt wute er es doch, da sie ihn liebte.

Die schne Clara lag, whrend sich dies Alles begab, von Schmerzen gepeinigt auf
ihrem Krankenlager. Jung, schn und gut, umgeben von Reichthum und Luxus, hatte
sie doch niemals das Glck gekannt, fr das allein sie geschaffen schien. In
ihrem vterlichen Hause war die unglckliche Ehe ihrer Eltern eine Quelle des
Leidens fr sie geworden. Nur der Wunsch, sich in der Welt vorwrts zu bringen,
hatte ihren Vater einst dazu vermocht, um seine Gattin zu werben, die, wie schon
frher erwhnt, einer der angesehensten Familien der Kaufmannsaristokratie
angehrte. Die Commerzienrthin war einige Jahre lter als ihr Gatte, hatte
aber, als sie sich mit ihm verband, noch vollen Anspruch auf die Bewunderung
ihrer regelmigen kalten Schnheit zu machen, und glaubte, ein Recht auf die
Verehrung ihres Mannes, auf seinen Dank zu besitzen, weil sie sich entschlossen,
zu einer Verbindung zu schreiten, die damals noch keine glnzende Aussicht
geboten hatte. Liebe brachten beide Theile nicht in das neugegrndete Hauswesen;
und als bald darauf der herrschschtige Charakter der Frau dem jungen Manne sein
Haus zur Plage machte, und er sich immer mehr von ihr zurckzog, artete ihre
Stimmung in eine Bitterkeit, in eine starre Klte aus, die vollends dazu
beitrug, die Gatten von einander zu entfernen. Die Geburt ihres Sohnes schien
eine Zeitlang das Herz der Mutter mildern Gefhlen gegen den Vater des Kindes zu
ffnen. Es war aber zu spt, um den Frieden herzustellen. Horn hatte sich,
fortgerissen von andern Mnnern und einem sinnlichen Temperamente, einer
Lebensart berlassen, welche seiner Frau gerechten Grund zur Klage bot, und als
einige Jahre spter Clara geboren wurde, fehlte schon an ihrer Wiege das Lcheln
beglckter Elternliebe.
    Ihr Sohn war das einzige Wesen, an dem die Mutter hing. Ihm wurde, sobald er
nur im Stande war, seinen Willen zu uern, jeder Wunsch erfllt; und eben so
schwach und nachsichtig gegen den Sohn, als streng gegen alle Andere hatte die
Commerzienrthin den jungen Mann zu dem weichlichen, kalten und hochmthigen
Stutzer erzogen, als welchen wir ihn am Anfang dieser Erzhlung zuerst
erblickten. - Um die liebliche Clara hatte die Mutter sich wenig nur gekmmert.
Die Kleine war frh einer Gouvernante bergeben worden, die glcklicher Weise
ganz dazu geschaffen war, die Seele des jungen Mdchens zu bewahren und
auszubilden. Von den Eltern nicht mehr als nothdrftig beachtet, geneckt und
geplagt von den eigensinnigen Launen des Bruders, gewhnte sich Clara schon in
erster Kindheit an eine Fgsamkeit und Anspruchslosigkeit, die spter der
edelste Schmuck der schnen Jungfrau wurden. Nicht ohne Stolz sah der Vater auf
die Bewunderung, die das erste Auftreten Clara's in der Gesellschaft erregte.
Die wilden Leidenschaften der Jugend hatten sich bei ihm gelegt, sein Sohn, der
Mutter Liebling, war ihm fremd geblieben; er vermite eine freundliche Heimath,
die Anhnglichkeit einer Familie, und so konnte es nicht fehlen, da der Tochter
demthige Ergebenheit, ihr kindliches Anschmiegen ihn fesselten. Er liebte sie,
wie er zu lieben im Stande war. Sie war sein Stolz, die Krone seines Besitzes,
und alle seine Wnsche gingen darauf hinaus, diese Tochter so glnzend, als
mglich, versorgt zu sehen. Wie angenehm mute es ihn also berraschen, als die
Commerzienrthin, die das freundliche Verhltni ihres Mannes zu der Tochter
stets mit gewohnter Gleichgltigkeit betrachtet hatte, ihm einst ganz
unvermuthet die Frage vorlegte, ob es jetzt, da Clara bereits im zwanzigsten
Jahre sei, nicht Zeit werde, an die Verheirathung derselben zu denken. Sie
theilte ihm mit, da sie schon seit lngerer Zeit mit ihrer in England
verheiratheten Schwester den Plan entworfen habe, den einzigen Sohn derselben
mit Clara zu verbinden. Sie bewies, da ihr Schwager Hughes, nach englischer
Sitte an die Bevorzugung des ltesten Erben gewhnt, gern bereit sein werde,
Ferdinand im Besitze des vterlichen Vermgens zu lassen, und da auch ohne
dieses Clara reicher und glnzender versorgt sein wrde, als es in Deutschland
jemals der Fall sein knnte. Der Plan, den die Commerzienrthin dabei hatte,
war, einst die gleiche Theilung des Vermgens zwischen ihren beiden Kindern zu
vermeiden; und er fand, wenn auch aus andern Grnden, bei ihrem Gatten volle
Billigung. William Hughes galt nach Allem, was man ber ihn wute, fr einen
gescheidten und wackern Jngling. Die Millionen seines Vaters kannte der
Commerzienrath aus Erfahrung, und da der alte Hughes Mitglied des Unterhauses
war, da auch William dies einst werden und sich eine glnzende Laufbahn fr ihn
erffnen knne, entschied nicht wenig zu Gunsten dieser Angelegenheit, so da
die Commerzienrthin volle Freiheit erhielt, dieselbe nach ihrer Ansicht
einzuleiten.
    Nichts war leichter, als den jungen reiselustigen Englnder zu einem Ausflug
nach dem Continent und zu dem gelegentlichen Besuche seiner Familie zu
berreden, die er nur als Knabe gesehen hatte; und der schmeichelhafte Empfang,
der ihm von Onkel und Tante wurde, die groe Freude, welche Ferdinand, dem die
Plane seiner Mutter nicht unbekannt waren, ber des Vetters Anwesenheit an den
Tag legte, bewogen diesen bald zu einem lngeren Verweilen in dem verwandten
Hause.
    Fr Clara begann mit des Vetters Anwesenheit ein neues Leben. Mutter und
Bruder berboten sich in tausend Freundlichkeiten gegen sie, man bemhte sich,
sie in dem vortheilhaftesten Lichte erscheinen zu lassen, und war jetzt
pltzlich bereit, ihren Ansichten und Wnschen zu schmeicheln, weil man sie zu
hnlicher Fgsamkeit zu berreden wnschte. Von Natur weich und hingebend,
fhlte Clara sich zum ersten Mal in ihrem Leben wahrhaft glcklich, durch das
Wohlwollen, von dem sie sich umgeben sah; und da auch auf sie das Glck seinen
verschnenden, belebenden Einflu zu machen nicht verfehlte, war es nur
natrlich, da William seine Cousine sehr liebenswrdig fand. Er beschftigte
sich angelegentlich mit ihr, und bald begann sich ein zutraulich heiteres
Verhltni zwischen ihnen zu bilden, dessen Entstehen von der ganzen Familie mit
Freuden bemerkt wurde.
    Da kam an dem Abende, an dem diese Erzhlung beginnt, der unglckliche
Zufall dazwischen, der Clara fr lange Zeit von der Gesellschaft trennte, die
Heirathsentwrfe ihrer Mutter fr sie zunchst hinausschob, und Eduard in ihre
Nhe brachte. Nach dem ersten Aufruhr, den dieses Ereigni verursacht hatte,
fing man im Hornschen Hause bald wieder an, sich den gewhnlichen
Beschftigungen und Zerstreuungen hinzugeben, und Clara wurde von ihrer Mutter
vernachlssigt wie frher, was ihr nach dem kurzen Traume von Glck um so
schmerzlicher sein mute. Fast immer, wenn ihr junger Arzt sie besuchte, fand er
sie mit einer Wrterin allein, und seinem gebten Auge konnte es nicht entgehen,
da bei seiner Kranken die Seele empfindlicher noch als der Krper leide. Die
Geduld, mit der sie ihre Schmerzen ertrug, die Sanftmuth und Ruhe ihres ganzen
Wesens, und ein Zug von stiller Resignation machten ihm die Kranke werth. Er
bemhte sich, durch Unterhaltungen mancher Art ihre Aufmerksamkeit zu beleben;
er kam, so oft er es konnte, dehnte seine Besuche lange aus, und fand den
schnsten Lohn dafr in der dankbaren Freude, mit der das junge Mdchen ihn
begrte; in dem Genu, den er selbst bald dabei zu empfinden begann.
    Oft, wenn er sie am Morgen in mglichst gutem Wohlsein verlassen hatte, war
sie Abends in einem aufgeregten, beunruhigenden Zustande, fr den in ihrem
krperlichen Befinden kein Grund vorhanden war, und den er mit Recht
unangenehmen Gemthsbewegungen zuschreiben mute. So fand er sie denn auch eines
Abends, weinend und so bewegt, da sie kaum seine Fragen zu beantworten
vermochte. Ein heftiger Streit der Eltern, veranlat durch Ferdinand's
Verschwendung und seine ungeregelte Lebensart, war unglcklicherweise in dem
Krankenzimmer ausgebrochen. Der Vater hatte sich mibilligend darber geuert,
da Ferdinand jetzt fast niemals mehr bei Tisch erscheine, da er seine Zeit in
leichtsinniger Gesellschaft verbringe, da er durch die unverzeihliche Schwche
der Mutter in all diesen Fehlern bestrkt werde, die er als Vater nicht lnger
dulden wolle. Gereizt durch den doppelten Tadel, der sie und ihren Liebling
traf, hatte die Commerzienrthin heftig erwiedert, sie knne eine Lebensweise an
ihrem Sohne nicht so strafbar finden, zu der des Vaters frheres Betragen ihm
das Beispiel gegeben und die sie Jahre lang an ihrem Manne habe erdulden mssen.
Trotz Clara's dringenden Bitten, trotz ihrer flehentlichen Worte, sie nicht zum
Zeugen dieser entsetzlichen Scene zu machen, war sie dennoch fortgesetzt worden,
bis die Mutter in hchster Entrstung das Zimmer verlie, und der Vater allein
bei ihr zurckblieb, sich vor der Tochter bitter ber das Loos beklagend, das
ihm an der Seite ihrer Mutter geworden sei.
    Bald darauf war Eduard eingetreten. Clara war allein. Die Krankenwrterin
sa in der geffneten Nebenstube schlfrig strickend bei der Lampe, deren Schein
durch einen grnen Ueberwurf gemildert war. Alles war still in dem Zimmer, und
Eduard hrte um so deutlicher an den unruhigen Athemzgen der Leidenden, da sie
eben erst zu weinen aufgehrt hatte. Freundlich fragte er sie nach ihrem
Befinden, er wollte ihre Hand ergreifen, um sich durch den Pulsschlag selbst
davon zu berzeugen, aber sie zog die Hand rasch fort, und sagte: Ach! das
beweist heute nichts; ich leide freilich, aber Sie knnen mir nicht helfen,
lieber Doctor! und dabei brach sie auf's Neue in heie Thrnen aus.
    Der Doctor beschied sich und versuchte sie um ihr krperliches Uebel zu
befragen, sie war aber so aufgeregt, da sie, ihre sonstige Zurckhaltung
gnzlich vergessend, ihn mit den Worten unterbrach: Tuschen Sie sich nicht,
Herr Doctor! ich will Sie auch nicht lnger damit hintergehen - die uere Wunde
kann nicht heilen, ich kann nicht genesen, so lange meine Seele auf das
Grausamste zerrissen wird. Ich wollte oft, ich brauchte nicht zu leben!
    Und denken Sie nicht an Ihre Eltern? Wissen Sie nicht, da auch fr das
Leiden der Seele oft wunderkrftiger Balsam in der Zukunft liegt? fragte Eduard.
Gerade ein Gemth, wie das Ihre, mu im Leben Freuden finden, weil es geschaffen
ist, Freude zu bereiten durch sein bloes Sein.
    Ich habe Niemandem Freude gemacht, ich habe immer allein gestanden unter den
Meinen, von Kindheit an; und ohne meines Vaters Liebe wte ich kaum, da ich
eine Heimath habe, entgegnete sie ihm schnell. Meinen Tod wrde man bald
vergessen, und er wrde vielleicht ein Glck, er wrde zu einem
Vershnungsmittel werden. Sie sagen, ich htte ein weiches Gemth; beklagen Sie
dann mein Schicksal, das mich in die klteste Atmosphre versetzte, in der ich
tglich tausendfachen Tod erleide!
    Erschpft lehnte sie sich bei diesen Worten in die Kissen zurck. Der
hchste Punkt der Aufregung war vorber, sie weinte schweigend eine Weile fort,
der Doctor lie sie gewhren, weil er diese Thrnen als das beste
Beruhigungsmittel kannte; aber er betrachtete das schne Mdchen mit Bedauern.
Clara war eine jener Frauennaturen, die, wie er es eben gegen sie selbst
ausgesprochen, durch ihr bloes Erscheinen wohlthuend wirken. Eine gleichmige
Ausbildung aller Seelenkrfte, bei glcklicher Anlage, machte, da Leute von dem
verschiedensten Charakter sich von ihr angezogen fhlten. Der Kluge nannte sie
klug, der Leidende theilnehmend, der Frohe frhlich, und Alle fhlten sich
erquickt durch ihre Gte und das Wohlwollen, mit dem sie Jedem begegnete. Man
fand sie liebenswerth, man war fr sie eingenommen, ehe sie irgend etwas gethan
hatte, dies Urtheil zu rechtfertigen. Solch ein Mdchen knnte und mte der
Schutzgeist eines Hauses sein, sagte sich Eduard, und es that ihm leid, da
dieses milde Wesen einer Familie angehre, in der es weder glcklich zu sein,
noch glcklich zu machen vermochte.
    Als Clara sich beruhigt hatte und das medicinische Examen vorbei war,
ermahnte der Doctor sie, sich so viel als mglich zu schonen, sich ruhig zu
verhalten. Bedenken Sie, sagte er, da der Krper durch Ihre Gemthsbewegung
leidet und nicht die frhere Kraft gewinnen kann, und da Sie, andererseits, bei
diesem gereizten Nervenzustande, jedes geistige Leid doppelt schwer empfinden.
Mit diesen Worten wollte er von ihr scheiden, aber sie war wieder Herr ber sich
selbst geworden, und hielt ihn noch zurck. -
    Vergessen Sie, was ich heute sagte, bat sie ihn, ich bin krank, und dabei
bertreibt man sein Empfinden. Und denken Sie nicht ungleich von mir, weil ich
die Meinen im Unmuth angeschuldigt habe. Glauben Sie, Herr Doctor! fgte sie
hinzu, indem sie zu lcheln versuchte, ich bin nicht so undankbar, als ich Ihnen
heute erscheinen mute, und ich mchte nicht, da Sie mich dafr hielten.
    Liebes, gutes Frulein, wie mgen Sie glauben, da ich an Ihnen irre werden
knnte? rief Eduard aus. Gengt es denn nicht, da ich Sie kenne, da ich seit
Wochen Ihre Geduld, Ihre Fgsamkeit bewundere, um ein schnes, ein reines Bild
Ihres Wesens in mir festzustellen? Glauben Sie mir, dem Arzte offenbart sich die
Schnheit der Menschennatur ebenso oft, als er von der erbrmlichen menschlichen
Schwachheit unangenehm berrascht wird. Ihnen danke ich das Erste, und wenn ich
als ein kalter Zweifler zu Ihnen gekommen wre, Ihnen htte ich die Ueberzeugung
zu verdanken, da im Menschen ein sanfter Strahl der Gottheit lebt.
    O! ein so schlechter Christ sind Sie gewi nicht, da Sie jemals an Gott
gezweifelt und erst meiner Belehrung zum Glauben bedurft htten! rief Clara, um
ihre Bewegung zu verbergen.
    Indem fiel ihr aber das Thrichte dieser Aeuerung ein, und ihre
Verlegenheit nahm zu, als Eduard lchelnd antwortete: Ein Gottesleugner bin ich
in der That nicht; aber sicher ein herzlich schlechter Christ, da ich ein Jude
bin. Gnnen Sie mir also immerhin die Belehrung durch Ihr Beispiel. Wenn es mich
auch nicht bekehrt, so bessert und erfreut es mich, und fr Beides bin ich Ihnen
nur zu gern verpflichtet.
    Damit empfahl er sich und lie Clara in eigenthmlicher Bewegung zurck. Sie
hatte ihren Arzt liebgewonnen und ein unbedingtes Zutrauen zu seiner Behandlung
gefat, sie achtete ihn als Mann, heute hatte sie ihn tief in ihrer Seele lesen
lassen. Das Unglck ihres ganzen Lebens, das Niemand kannte, hatte sie ihm
enthllt, er hatte sich dabei gegen sie wie ein Bruder mild und gut gezeigt, sie
war ihm nher getreten, als jemals einem andern Manne, und - er war ein Jude.
Sie erschrak, und mute doch lcheln, denn sie hatte es gewut, und die Ihrigen
hatten sie damit geneckt, da sie darauf bestanden, sich nur von einem Arzte des
auserwhlten Volkes behandeln zu lassen. Man hatte sie oft genug um den
eigentlichen Grund dieser Wahl gefragt, und doch konnte sie die Thatsache so
ganz vergessen, da sie sie in diesem Augenblicke berraschte. Noch vor einigen
Tagen hatte William, der fter in ihrem Krankenzimmer erschien, mit groer
Theilnahme von der Meierschen Familie gesprochen, und dafr eine Strafpredigt
der Commerzienrthin aushalten mssen, die er mit verstndigen Grnden
zurckgewiesen hatte. Jetzt war Clara vllig seiner Ansicht. Sie nannte William
in ihrem Herzen einen guten aufgeklrten Menschen - aber Eduard war mehr als
das. Sie mute an sein klares, kluges Auge denken, an seine freie Stirne, und
sein jdisches Gesicht kam ihr fast schn vor.
    Ob Christus wohl auch hnliche Zge gehabt haben mag? fragte sie sich, und
immer und immer wieder an ihn denkend, sank sie endlich in einen festen Schlaf,
in dessen Trumen William und Eduard und der Heiland, wie die alten Bilder ihn
uns zeigen, in einander flossen, und aus dem sie erst am frhen Morgen neu
gestrkt erwachte.
    Weniger ruhig sollte dem armen Eduard die Nacht vergehen. Whrend ihn Jenny
lngst mit seiner schnen Kranken aufzog und seine Mutter an jenem Abend das
Geheimni seines Herzens entdeckt zu haben glaubte, ja mit mtterlicher Sorge
bereits dem Vater davon Mittheilung gemacht hatte, merkte der Doctor es noch
nicht, da Clara ihn mehr, als irgend eine seiner andern Kranken beschftigte.
    Spter als gewhnlich war er an dem Abende zu den Seinen heimgekehrt. Er
fand sie ganz allein. Seine Eltern und Jenny saen traulich beisammen, er sah,
da man ihn erwartet und vermit hatte.
    Komm her, mein Sohn, rief ihm der Vater entgegen, setze Dich zu uns und
erzhle, wo Du so lange geblieben bist.
    Eduard gab den Bescheid, er htte Frulein Horn noch besucht. Jenny
erkundigte sich nach ihrem Ergehen, er sagte, da die Genesung nur langsam
vorwrts schreite, und da die Kranke viel Schmerzen ertragen msse. Da knntest
Du Geduld und Ruhe lernen, Jenny, schlo er seine Rede.
    Es scheint, als ob Clara berhaupt eine gute Lehrerin ist, antwortete jene
schnippisch, denn es ist nicht zu leugnen, da sie Dir auch manche Begriffe
beigebracht hat, die Dir frher nicht gelufig waren. Ich sagte es noch gestern
zur Mutter, das ewige Politisiren hast Du Dir ziemlich abgewhnt, dafr bist Du
aber so zerstreut und trumerisch geworden, da Du gar nicht hrst, wenn man mit
Dir spricht. Entweder macht Dir Deine Patientin solche Sorgen oder Du langweilst
Dich bei uns zu Hause.
    Eduard hrte das gelassen an, und seine Mutter meinte: Etwas selten bist Du
wirklich in der letzten Zeit zu Hause geworden, und verndert finde ich Dich
auch, mein Sohn! Kannst Du uns sagen, woher das kommt, so wirst Du mich
beruhigen.
    Was Ihr fr nrrische Frauen seid! rief der Vater lchelnd. Ist denn das
Leben nicht tglich neu, die Natur nicht tglich verndert, und Eduard sollte
unwandelbar die gleiche Stimmung haben? Knnt Ihr wissen, was in seinem Berufe
sich fr neue Verhltnisse seinem Geiste aufdrngen, und wie klein und
beschrnkt ihm Eure Interessen gegen die seinigen oft erscheinen mgen? Da kommt
Ihr mit Euren Haus-und Familiengeschichten und wundert Euch, wenn man nicht mit
Antheil danach hrt, und nennt das kalt, nennt es zerstreut. Eduard hat, wenn er
einst selber Hausherr sein wird, die Kunst zu lernen, mit dem Ohr zuzuhren,
ohne da das Gehrte bis in den Kopf dringt, das lernt sich aber mit den Jahren.
    Wollte Gott! sagte die Mutter, augenblicklich zugreifend, wo ihr eine
Handhabe fr ihr Lieblingsthema dargeboten ward; wollte Gott, Eduard wre erst
so weit. Ungebunden, wie er jetzt ist, lt er sich in Dinge ein, die ihn nicht
kmmern; er nimmt, wie man so sagt, kein Blatt vor den Mund, er uert
politische Ansichten und Hoffnungen, die unnthig die Augen der Regierung auf
ihn gerichtet erhalten, und wenn man ihn warnt, heit es ein fr allemal: Was
thut's! ich bin ja unabhngig, ich bin ungebunden!
    Das heit, erluterte der Vater, Du mchtest unserm Sohne mit dem sen
Rosenband der Ehe zugleich eine tchtige Kette anlegen, eine mglichst kurze,
damit er nicht zu groe Sprnge machen knne. Die Mutter macht's wie Julia in
Shakespeare, so liebevoll mignnt sie ihm die Freiheit.
    Freundlich nahm der Sohn die Hand der Mutter und sagte: Und doch waren heute
meine Gedanken mehr mit huslichen Verhltnissen, als mit allgemeinen Interessen
beschftigt. Ich hatte Gelegenheit, einen Blick in das innere Leben einer
Familie zu werfen, in der ein vortreffliches Herz unter dem Druck der
widerwrtigsten Verhltnisse blutet, und ich konnte mich des Gedankens nicht
erwehren, als ich hier eintrat, und mir so wohl und behaglich wurde in unserm
Hause, wie glcklich jene Arme in einem Kreise, wie der unsere, sein wrde!
    Und wer ist die Arme mit dem schnen Herzen? fragte Jenny schnell.
    Ein Mdchen, das solche indiscrete Fragen niemals machen wrde, antwortete
Eduard sehr bestimmt. Dann meinte er: In den Jahren, die ich hier prakticire,
ist es mir aufgefallen, wie die glcklichen Ehen, die Sorgfalt der Eltern fr
ihre Kinder bei den Juden gewhnlicher sind, als in den Christenfamilien. Auch
steht die Zahl der Scheidungen, wie mir ein Jurist sagte, bei den beiden
Confessionen in gar keinem Verhltni, da eine Scheidung der Ehe unter Juden zu
den groen Seltenheiten zhlt.
    Das ist allerdings merkwrdig, meinte Jenny, denn bei den Juden ist die
Heirath doch oft nur eine Familienverabredung, von der Braut und Brutigam
zuletzt erfahren.
    Das ist nicht nur bei den Juden, sondern berhaupt sehr oft der Fall,
entgegnete der Vater, und die Welt sieht in der Wirklichkeit nicht ganz so
romantisch aus, wie in Deinem siebzehnjhrigen Kpfchen. Was aber das Glck der
Ehen bei den Juden betrifft, so verdanken sie das, sowie manches andere Gute,
dem Drucke, unter dem sie Jahrhunderte gelebt haben. Der Mann, dem die freie
Bewegung in's Leben hinein berall verwehrt war, der nichts sein eigen nennen
durfte, nicht Haus, nicht Hof, dem man das mhsam erworbene Gut unter immer
neuen Vorwnden gewaltsam zu entreien wute - dem blieb nichts, als sein Weib
und seine Kinder. Sie waren das Einzige, das ihm nicht leicht zu rauben war, sie
blieben sein, auch getrennt von ihm, sein durch den Glauben, und nur, indem sie
sich von diesem trennten, konnten sie aufhren, sein zu bleiben. Wie natrlich
also, wenn dem Juden Weib und Kind seine Welt wurden, und wenn bis heute das
Beispiel glcklicher Huslichkeit segensreich fortwirkt unter ihnen, obgleich
die uern Verhltnisse sich jetzt gendert haben.
    Ach! armer Vater, was hast Du denn fr eine kleine Welt! sagte Jenny
pathetisch, die gerade in der muthwilligsten Laune war. Hast Niemand, als die
Mutter und die liebe kleine Jenny! Eine Welt von zwei Welttheilen, whrend der
rmste Christ fnf Welten hat!
    Und Eduard? fragte der Vater.
    O! richtig, der Welttheil Eduard sieht jetzt leider so klglich aus, als ob
bald eine neue Sndfluth hereinbrechen sollte. Oder vielmehr, er sieht aus, als
ob er statt des Herzens einen Vulkan htte, der nchstens losbricht und bald den
Untergang des Welttheiles voraussehen lt. O Vater! Vater! rief sie, und warf
sich an dessen Brust, als Eduard sie verwundert und nicht eben freundlich ansah,
schtze mich, der Vulkan Eduard fngt an Feuer und Flammen zu sprhen.
    Der Vater nahm das anmuthige Kind in seine Arme, und beide Eltern gaben sich
dem Behagen dieses engen Beisammenseins mit vollem Herzen hin. Nur Eduard blieb
zerstreut und einsilbig, und entfernte sich, unter einem flchtigen Vorwande,
frher, als er's sonst zu thun pflegte.
    Joseph's Brummen wird ansteckend, bemerkte Jenny scherzend, als er fort war;
die Mutter aber schttelte ngstlich den Kopf und sagte seufzend: Vater! was
geht mit Eduard vor? Mich macht es unruhig um seinetwillen.
    Mich nicht, antwortete der alte Meier. Eduard ist ein Mann; was es auch sei,
lat ihn gewhren, er wird den rechten Weg zu finden wissen.

Als Eduard die Eltern verlassen hatte, und in seine besondere Wohnung kam, fand
er keine Ruhe in seinem Zimmer. Die engen Rume drckten ihn, er ffnete ein
Fenster, und obgleich der Schnee in groen Flocken hineindrang, wurde ihm wohler
und freier, als die Luft seine heie Stirne wieder khlte.
    Das Haus seiner Eltern lag nahe am Hafen, ein Garten fhrte terrassenartig
zum Flusse hinunter, der gerade hier in das Meer mndete. Eine Unruhe, wie er
sie nie empfunden, trieb ihn hinaus und, in den Mantel gehllt, eilte er durch
die beschneiten Gnge des Gartens. Hin und wieder fielen noch einzelne, brig
gebliebene Bltter mit den Schneeflocken zur Erde: der Sturm jagte die Wolken
vor sich hin und hemmte Eduard im Vorwrtsschreiten. Er war ganz allein auf dem
Wege, und nun erst merkte er, da er das Zimmer verlassen hatte, nicht achtend
des Sturmes, der ihn umbrauste, nicht der tiefen Dunkelheit um ihn her, denn
strmischer noch und dunkler sah es in seiner Seele aus.
    Wie hatte er sich absichtlich so ber seine Gefhle tuschen, wie diese
Liebe verkennen mgen? Jetzt, da er mit klarem Blicke zurckdachte, fhlte er
fast mit einer Art Beschmung, da er in Clara von den ersten Augenblicken, da
er zu ihr gerufen wurde, nicht nur die Leidende, die Kranke, sondern immer das
schne Weib gesehen hatte. Ihre Liebenswrdigkeit, ihr ruhiger Verstand waren
ihm von Tag zu Tag anziehender geworden, und er konnte es sich nicht verbergen,
da Clara fr ihn das Ideal eines Mdchens sei.
    So hatte er sich seine Geliebte gedacht, so seine knftige Frau gewnscht,
und sollte er sich nicht auf dem Gipfel des Glckes whnen, da Clara ihn liebte?
Er konnte nicht daran zweifeln. Jeder Blick, jedes Wort des schnen Mdchens
verriethen ihm, ihr selbst unbewut, eine Neigung, die bei diesem tiefen Gemthe
stark und dauernd werden mute. Alle seine Pulse schlugen warm bei der
Ueberzeugung, Gegenliebe gefunden zu haben, wo sein Herz sie so sehnlich
begehrte. Er hatte einen Augenblick hindurch ein Gefhl jenes Glckes, das den
Menschen fr jahrelanges Entbehren schadlos hlt; dann aber zuckte sein Herz
kalt und krampfhaft zusammen unter der rauhen Berhrung der Wirklichkeit. Er
hatte sich es ausgemalt, wie Clara, seine Liebe erwidernd, mit ihm vor seinen
Eltern erscheinen wrde, um diesen Bund segnen zu lassen - aber war das mglich?
    Thor! rief er aus, kindischer Thor! wohin hast Du Dich verirrt! Und er stand
still und sah hinab in die schumenden Wellen, die so unruhig wogten, wie sein
gequltes Herz. Da brach der Mond durch die dunkeln Wolken, und glnzte einen
Augenblick in dem Wellengekrusel wieder, das sich vor den milden Strahlen zu
beruhigen und zu ordnen schien; und der Mond dnkte ihm ein klares, lichtes,
unerforschliches Auge zu sein, das auf das wilde Meer seines Lebens besnftigend
herniederschaute. Das Herz that ihm unbeschreiblich weh, die Thrnen traten ihm
in die Augen. Gott! Gott! rief es in ihm, warum mute ich in Verhltnissen
geboren werden, die mir bei jedem Schritte hemmend entgegentreten? Warum mu ich
von Allem, was meine Seele am glhendsten begehrt, geschieden sein? Warum mir
dies Leben des Kmpfens und Entbehrens?
    Vor ihm lagen die Schiffe in lautloser Stille, die Wachen gingen, um sich zu
erwrmen, mit groen Schritten auf dem Deck umher; hier und dort schimmerte ein
Licht aus den kleinen Fenstern der Kajten. Er fhlte die Nhe von Menschen, er
sah, da auch sie ein schweres, saures Tagewerk zu erfllen bestimmt waren, und
doch beneidete er ihr Geschick und ihren ruhigen Schlummer. Mochte der Schiffer
noch so lange von der Heimath getrennt sein, einst kehrt er doch zurck in ein
Land, dessen Brger, dessen eingeborner Sohn er ist, das ihn schtzt in allen
seinen Rechten; und die Gattin, die er unter allen Mdchen frei erwhlte, sinkt
an seine Brust, ohne da der Glaube, wie ein drohendes Gespenst, zwischen sie
tritt und mit kalter Hand die warmen Herzen trennt. Was bot das Leben ihm?
Krnkungen waren ihm geworden, seit er zum ersten Bewutsein erwacht war; weder
Mhe noch Flei war ihm vergolten worden, wie er es gewnscht hatte und zu
hoffen berechtigt war. Nun hatte sein herz sich dem hemmenden Einflusse allmlig
entzogen, es war neu belebt und erblht in dem erwrmenden Hauch einer edlen
Liebe, er hatte die Gefhrtin gefunden, an deren Seite er den Lebensgang zu
gehen begehrte - und wieder trat das alte Schreckbild zwischen ihn und sein
Glck. - Aber war dies Schreckbild nicht zu bannen? Warum sollte er nicht, wie
tausend Andere, einem Glauben entsagen, dessen Form allein ihn von der brigen
Menschheit trennte? Was band ihn an Moses und seine Gesetze? Es strubte sich
bei diesen ebenso viel gegen seine Vernunft, als bei den Lehren Jesu. Warum
nicht einen Aberglauben gegen den andern vertauschen, und mit der Geliebten
vereint zu dem allmchtigen Wesen beten und rein vor seinen Augen wandeln? -
Aber war es denn allein der Glaube, den er zu verleugnen hatte? War es nicht
auch das Volk, in dem er geboren war, von dem er sich losreien mute? Das
uralte Volk, das in tausendjhrigen Kmpfen seine Selbststndigkeit zu wahren
und damit seine innere Mchtigkeit zu bekunden gewut hat? - Kann man sich
losreien von seinem Volke? fragte er sich, darf ich um meiner
Selbstbefriedigung willen mich von meinem Volke trennen, weil es ungerecht
miachtet, weil es unterdrckt wird? - Nimmermehr! - Unzhlige meiner
Stammesgenossen haben ausgeharrt in Treue, haben Verbannung und Tod erlitten um
ihres Glaubens und ihres Volkes willen, und ich wre feig genug, auf meines
Herzens Wnsche nicht verzichten zu knnen, whrend die Meinen leben und mich
lieben, whrend es mir gegeben und geboten ist, so viel ich vermag, fr die
unterdrckte Nation zu wirken, der ich angehre; sie frei zu machen aus
Sklavenfesseln, die Jahrhunderte auf ihr lasten. Wie mag ich mein Glck, das
Glck des Einzelnen, so hoch schtzen, whrend mein ganzes Volk nicht glcklich
ist! Ehe ich meineidig werde an den Meinen und an meiner Ehre, mag dies Herz
brechen in Sehnsucht nach der Geliebten, nach meiner sen, schnen Clara! Und
wieder und immer wieder wollte der mnnliche Entschlu wankend werden, bei dem
Gedanken an die Geliebte. Eduard malte es sich aus, wie auch Clara's Seele
leiden werde unter der Trennung, die er ber sie und sich verhngen msse - wie
sie ihm zrnen werde, weil er so groes Weh ber sie bringe - und doch vermochte
er noch weniger den Gedanken zu ertragen, sich und ihr durch die Taufe alle
diese Schmerzen zu ersparen und sich mit ihr zu verbinden. Er war entschlossen
und resignirt, aber tief traurig, als er langsam den Rckweg nach seiner Wohnung
antrat. Reiflich berlegte er, wie er sein knftiges Betragen gegen Clara
einrichten werde, wie kein Blick, kein Wort das Gefhl seiner Brust enthllen
solle, und das bleiche Licht eines Wintertages sah bereits durch seine Fenster,
ohne da Eduard daran gedacht htte, sich zur Ruhe zu legen. Der Morgen fand ihn
todtmde in einem Lehnstuhl sitzen, erfreut ber die krperliche Abspannung, die
ihn das geistige Leid weniger zerreiend empfinden lie.

Ein Jeder hat es gewi erfahren, wie in einem Kreise befreundeter Menschen sich
allmlig eine Epoche vorbereitet, in der unvorhergesehene Ereignisse eine
gnzliche Umgestaltung der Verhltnisse hervorrufen. Es ist, als ob ein Jeder
sich mit einem Male bewut geworden sei, was er wolle und msse; und wo noch vor
kurzer Zeit nur Keime vorhanden waren, steht schnell emporgewachsen eine reife
Ernte da. Aber dem Erscheinen solcher Zeitpunkte gehen in den Familien, wie in
der Natur bei der Ernte, heie, schwere Tage voraus, in denen die Luft drckend
und unheilschwer ber uns liegt und sich in gewaltsamen Gewitterstrmen abkhlt.
Wir fhlen den herannahenden Orkan, eine Unruhe berfllt uns, wir zagen vor dem
entscheidenden Momente, und sehnen ihn doch ungeduldig herbei, um in der
erfrischten Atmosphre frisch und frei aufathmen zu knnen.
    Ein solcher Zeitpunkt war fr den Kreis von Menschen herangerckt, in dessen
Mitte diese Erzhlung uns fhrt. Jeder der Betheiligten fhlte, da ein
entscheidender Schritt geschehen msse, und Keiner hatte den Muth, ihn zu thun.
Eduard hielt es sich als eine Nothwendigkeit vor, Clara zu verlassen, ehe das
Scheiden ihm und ihr noch schwerer werde, und konnte es doch nicht ber sich
gewinnen, ihre Behandlung fremden Hnden zu bergeben, die leicht weniger
geschickt und sorgsam sein konnten, als die seinen. Wenigstens tuschte er sich
ber seine Unentschlossenheit mit dieser scheinbaren Pflichterfllung. - Jenny
begriff es nicht in liebender Ungeduld, warum Reinhard zgere, ihr ein
Gestndni zu machen, dessen es kaum noch bedurfte, whrend dieser selbst ernst
mit sich zu Rathe ging und, je mehr er sich und Jenny prfte, um so ngstlicher
ber den Erfolg einer Verbindung mit der Geliebten wurde.
    In dieser peinlichen Unruhe vergingen einige Wochen. Clara's Genesung war so
weit vorgeschritten, da Eduard nur noch bisweilen ihr vterliches Haus
besuchte, um sich nach dem Zustande seiner Kranken zu erkundigen, und vor Allem,
um sie zu sehen, um mit ihr ber Alles zu sprechen, was seine Seele in Anspruch
nahm. Vor ihr hatte er sich gewhnt, alle Regungen seines Herzens, alle Gedanken
seines Geistes zu enthllen. Er hatte sie eingeweiht in das Glck und in das
Leid, das er um seiner Abstammung willen erduldet, und whrend er sich die
Genugthuung gnnte, der Geliebten von sich und seinem frheren Leben zu
erzhlen, hatte er gehofft, es Clara dadurch zugleich deutlich zu machen, wie
sie getrennt wren durch das Vorurtheil der Menschen, und wie er niemals daran
denken knne, sie sein Weib zu nennen. Anders aber, als er es berechnet hatte,
wirkten diese Schilderungen auf das liebende Herz des Mdchens. Sie wnschte und
fhlte in sich die Macht, ihn zu entschdigen fr Alles, was fremde
Unduldsamkeit an ihm verbrochen hatte; sie wollte ihm zeigen, da sie wenigstens
die Vorurtheile der Menge nicht theile. Darum sprach sie offen von ihrer Achtung
und Verehrung fr ihn, darum hatte sie tausend jener kleinen Aufmerksamkeiten
ihm gegenber, in denen weibliche Liebe so erfinderisch ist, und die, allen
Andern unbemerkbar, sicher den Weg in das Herz Dessen finden, dem sie gelten.
Sie war tief ergriffen von seiner ihr bisher fremden und doch so freien
Weltanschauung; die Wahrheit seiner Worte prgte sich ihr so deutlich und
unbestreitbar ein, da auch in dieser Beziehung der Geliebte ihr zum Ideal
wurde. Ein Tag, an dem sie ihn nicht gesehen, nicht gehrt hatte, was er treibe,
was ihn beschftige, schien ihr ein verlorner zu sein; und als nun Eduard
endlich seine letzte, rztliche Visite machte, als Clara mit Thrnen in den
Augen vor ihm stand, mit Thrnen, die, wie ihre Mutter meinte, einer
bertriebenen Dankbarkeit flossen, fand sie endlich so viel Muth in sich, leise
die Hoffnung auszusprechen, der hilfreiche Arzt, dem sie zu Dank verpflichtet
sei, werde auch knftig sich dem Hause ihrer Eltern nicht ganz entziehen. Die
Commerzienrthin konnte es also fglich auch nicht wohl vermeiden, eine hnliche
Einladung an ihn ergehen zu lassen, und trotz aller gefaten Entschlsse, trotz
seiner Grundstze, freute sich Eduard dieses mit Widerstreben gethanen
Vorschlags. Aber wer will ihn der Schwche zeihen, der selbst geliebt hat?
Erinnert euch, wie eure Vorstze zu Grunde gingen, wenn in der Trennungsstunde
die Geliebte bittend vor euch stand! Fragt euch, ob die Sehnsucht nach der
Gegenwart der Geliebten nicht strker war, als jeder Entschlu, den die Vernunft
euch vorgezeichnet hatte!
    Nachdem Eduard eine frmliche Einladung zu einem Mittagbrod im Hause der
Commerzienrthin erhalten hatte, bei dem er mit vielen der angesehensten Mnner
der Stadt zusammengekommen war, die ihn kannten und hochschtzten, nachdem die
stolze Wirthin es einmal ber sich gewonnen hatte, einen Juden als Gast an ihrer
Tafel zu dulden, fand es Clara nicht schwer, eine zweite Einladung fr ihn zu
erwirken, besonders da Ferdinand, nach heftigen Zerwrfnissen mit seinem Vater,
seine sogenannte groe Tour angetreten hatte, und so lange in London in dem
Hause seines Onkels bleiben sollte, als William auf dem Continent verweilen
wrde. Statt also in ihren Absichten durch Ferdinand gehindert zu werden, fand
sie dieselben durch das Zureden ihres Vetters wesentlich gefrdert; und ihre
Eltern lieen sich bereit finden, den Wnschen ihrer Tochter und William's
nachzugeben, da nach Clara's Herstellung das Heirathsprojekt fr diese wieder
aufgenommen wurde, und die Commerzienrthin auf's Neue die zrtlich nachgebende
Mutter spielte, um desto leichter das vorgesteckte Ziel zu erreichen. Dazu kam,
da der bisherige alte Hausarzt der Horn'schen Familie gerade jetzt, nachdem er
sein Jubilum feierlich begangen hatte, seine Praxis niederlegte, und der
Commerzienrthin selbst den Vorschlag machte, Eduard zu ihrem Arzte zu erwhlen,
wodurch er gewissermaen von Rechtswegen in die Zahl der Hausfreunde mit
aufgenommen wurde. Seine fleiigen Besuche schrieb Madame Horn der Ehre zu, die
ihm durch seine Wahl widerfahren sei und die er zu schtzen wisse; und da
Clara's Interesse fr den Doctor andere Motive, als Erkenntlichkeit haben knne,
war ein Gedanke, der ihr niemals einfiel, weil sie die Liebe ihrer Tochter zu
einem Juden fr eine Naturverirrung angesehen haben wrde, die sie einem Mdchen
aus ihrer Familie unmglich zutrauen konnte.
    Das Jahr nherte sich seinem Ende, als Eduard fast ein tglicher, und selbst
von den Eltern gern gesehener Gast des Horn'schen Hauses geworden war. Der
Commerzienrath, der durch seine Geschfte fortwhrend mit den jdischen Bankiers
in Berhrung kam, und den alten Meier persnlich achtete, war natrlich weniger
hartnckig in seinem Widerwillen gegen die Juden; und Eduard hatte, schon
whrend er Clara behandelte, sich das volle Zutrauen ihres Vaters gewonnen.
Hughes schlo sich immer mehr an Eduard an, und diesem war das um so lieber, als
er durch ihn in fortwhrender Berhrung mit Clara blieb, deren unzertrennlicher
Begleiter der Cousin seit Ferdinands Abwesenheit geworden war.
    Fr Clara begann nun eine Zeit der reinsten Freude. Eduard berlie sich mit
jugendlicher Lebendigkeit der Wonne, die ihm das Beisammensein mit der Geliebten
gewhrte, ohne an die Zukunft zu denken, weil die Gegenwart ihn hinnahm. Hughes,
dem Clara mit der schwesterlichsten Traulichkeit begegnete, gerade weil ihr Herz
mit Eduard allein beschftigt war, Hughes fhlte eine wachsende Neigung fr sie,
der er sich sorglos hingab, da er wute, da sie die Wnsche beider Familien fr
sich habe. Er gehrte zu jenen ruhigen, trefflichen Menschen, die bei wahrem
Gefhle doch keiner Leidenschaft fhig sind. Er gewann Clara lieb, er liebte sie
sogar innig, aber das strte ihn weder in den Beschftigungen und Zerstreuungen
des Tages, noch raubte es ihm eine Stunde des Schlummers whrend der Nacht.
Unermdlich aufmerksam auf Alles, was Clara erfreuen konnte, stets besorgt, ihr
Unangenehmes zu ersparen, war er ganz zufrieden mit dem Wohlwollen, das sie ihm
bewies, und des Doctors Einflu auf seine Cousine beunruhigte ihn nicht, da er
mit offenem Vertrauen an Beiden hing. Eduard hinwiederum entgingen die Gefhle
nicht, die William fr Clara hegte, aber so fest glaubte er an ihres Herzens
Wahrhaftigkeit, da nie ein Gedanke von Eifersucht in ihm rege wurde. Wenn dann
aber pltzlich die Frage in ihm hervortrat, was die Zukunft ihm bringen werde,
was das Ende von allen diesen Verhltnissen sein knne? dann zog sich eine
dstre Wolke auf seiner Stirn zusammen. Er sagte sich, da er schlecht, da er
unredlich handle, er rief es sich zurck, wie fest der Entschlu, Clara zu
meiden, einst in ihm gewesen sei, und fand nicht Frieden, nicht Ruhe, bis er in
Clara's Nhe Alles wieder verga, auer seiner Liebe fr sie.
    Da er den ganzen Tag beschftigt und Abends hufig im Hornschen Hause war,
anderer Einladungen nicht zu gedenken, an denen es dem beliebten Arzte nicht
fehlte, mute er natrlich in seinem elterlichen Hause seltener werden, obgleich
er das Mittagsmahl regelmig mit den Seinen einnahm, und oft ngstlich nach
Mue strebte, um sie den Eltern zu widmen. Die nchste Folge davon war, da
Jenny aus Mimuth, wie sie sagte, sich an Joseph zu gewhnen begann, und
Zutrauen zu ihm fate. Denn Reinhard hielt sich in scheuer Entfernung, er
mitraute sich und der Geliebten. Eduard war, um Jenny's Worte zu brauchen, der
Fahne untreu geworden, und auf dem Punkte, zu desertiren. Erlau malte die
Giovanolla und folgte ihr von frh bis spt. Steinheim endlich hatte zum zehnten
Male eine jener literarischen Arbeiten vorgenommen, deren er immer ein halb
Dutzend unter den Hnden hatte, die ihn ein paar Wochen lang beschftigten und
ihm unsterblichen Ruhm verschaffen sollten, die aber niemals fertig wurden, weil
er weder Ruhe noch Flei genug dazu besa, und somit war die Meiersche Familie
jetzt mehr allein, als es sonst der Fall zu sein pflegte.
    Dieser Zustand wurde der lebhaften Jenny unertrglich. Gepeinigt durch
Reinhard's Benehmen, das sie sich nicht zu deuten vermochte, gelangweilt durch
die ungewohnte Einsamkeit und Stille des Hauses, tauchte einst pltzlich in ihr
der Entschlu auf, Reinhard's Zweifeln, die ihrer Meinung nach nur aus dem
verschiedenen Glauben entspringen konnten, ein Ende zu machen, und zugleich dem
Geliebten einen berzeugenden Beweis ihrer Liebe zu geben, indem sie sich von
der Religion ihrer Vter, ihrer Eltern trennte und zum Christenthum bertrte,
dessen Lehren ihr durch Reinhard lieb geworden waren.
    Dieser Vorsatz, einmal gefat, kam ihr nicht mehr aus dem Sinn. Therese, der
sie ihn zuerst als das tiefste Geheimni mittheilte, ohne jedoch die wahren
Motive anzugeben, zerflo in Thrnen der Freude bei dem Gedanken, da ihr Jenny
knftig auch durch den gleichen Glauben angehren wolle. Sie malte mit rhrender
Inbrunst den Segen, der Jenny in dem Besuch der Kirche, in dem Genusse des
heiligen Abendmahls zu Theil werden msse; sie schilderte ihr die Ruhe, den
Himmelsfrieden, den sie nach demselben empfunden, und Jenny, deren ganze Seele
gerade jetzt in der furchtbarsten Unruhe befangen war, fhlte sich dadurch in
ihrer Ansicht bestrkt, und fing an, auch die Eltern allmlig auf ihre Wnsche
vorzubereiten. Diese nahmen es anfnglich leicht. Sie hielten es fr eine jener
enthusiastischen Aufwallungen, die sie an ihrer Tochter gewohnt waren, und mit
denen sie sich ebenso gut fr das Christenthum und einen allgemeinen Kreuzzug,
als fr das Judenthum und die Begrndung eines neuen jdischen Reiches
begeistern konnte. Nur Joseph fate es anders auf. Er kannte die geheimen
Triebfedern, die hier im Spiele waren, und ein doppeltes Interesse flte ihm
den Wunsch ein, die Ausfhrung oder das Ausbilden dieses Gedankens bei Jenny zu
verhindern.
    Eines Tages, als man vom Mittagstische aufgestanden war, Eduard sich
entfernt, und die Eltern eine kleine Spazierfahrt unternommen hatten, die Jenny
mitzumachen abgelehnt, blieb sie mit Joseph allein in dem Ezimmer zurck und
das Gesprch wandte sich bald auf das Christenthum und Jenny's beabsichtigten
Uebertritt, da Joseph sowohl als Jenny gleich lebhaft bei dem Thema betheiligt
waren.
    Was ist es denn eigentlich, fragte Joseph, was Dich so urpltzlich zu dem
Entschlusse gebracht hat?
    Urpltzlich kannst Du ihn nicht nennen, antwortete sie. Ich habe bis jetzt
berhaupt nicht ber mich selbst nachgedacht; ich habe wie ein Kind in den Tag
hineingelebt. Nun ich lter werde und ernster ber mich nachdenke, fhle ich,
da die Halbheit, in der ich erzogen bin, mich nicht befriedigt, da ich nicht
glcklich bin, und ich will das ndern.
    Joseph lchelte unwillkrlich. Und Du hoffst, das Christenthum werde Dich
glcklicher machen? Tusche Dich doch nicht! Der Glaube, der Friede, der nicht
in uns ist, den bringt kein Wechsel der Religion in unser Herz, den kann Dir
weder Christus noch Moses geben.
    Das kannst Du nicht wissen, weil Du selbst nicht Christ bist! erwiderte sie.
    Und woher weit Du es denn?
    Durch Therese, durch Reinhard. O! wenn Du wtest, wie selig Therese nach
dem Genusse des Abendmahls war, wie fest Reinhard daran glaubt, da selbst
Leiden, die Gott uns auferlegt, zu unserm Heile dienen, wie sicher er darauf
rechnet, nach dem Tode mit seinen geliebten Verstorbenen wieder vereinigt zu
werden! Joseph, glaube mir, mit der Ueberzeugung mu man glcklich sein!
    Joseph schwieg eine Weile, denn Jenny's Worte, aus denen ihre angeborne
Lebhaftigkeit mit der Liebe fr Reinhard zugleich hervortnte, machten einen
schmerzlichen Eindruck auf ihn. Er beneidete Reinhard, da er Jenny's Liebe
gewonnen, und war einen Augenblick nahe daran, ganz von dieser Unterhaltung
abzubrechen und mit keinem Zweifel ein Herz zu beunruhigen, das fr ihn, wie er
fhlte, hoffnungslos verloren sei. Inde war Jenny ihm zu theuer, als da er sie
ohne Besorgni auf einem Pfade sehen konnte, dessen Ziel ihm fr ihre Ruhe
durchaus gefhrlich schien, und er hielt es fr recht und nthig, bei einem so
wichtigen Schritte, an dessen Ausfhrung er, wie er die Verhltnisse kannte,
nicht mehr zweifelte, die Stimme der Warnung ernstlich geltend zu machen.
    Verkenne mich nicht, sagte er, wenn ich an die Mglichkeit Deiner
ernstlichen Bekehrung zweifle. Du sagst mir, mit Theresens und Reinhard's
Ueberzeugung msse man glcklich sein. Hast Du diese Ueberzeugung?
    Nein, antwortete Jenny.
    Aber Du glaubst auch, da Gott ber uns lebt, da er unser Schicksal lenkt,
da uns nichts begegnen knne, ohne seinen Willen, da er allweise und allgtig
ist, da er uns liebt?
    Gewi, das glaube ich.
    Du glaubst, da wir eine unsterbliche Seele haben? denn das scheint eine von
den Ueberzeugungen zu sein, die Du am trstlichsten findest.
    Joseph, fiel Jenny rasch ein, sieh! wenn ich an die Unsterblichkeit der
Seele zu glauben vermchte, wenn mir das bewiesen werden knnte, so da ich es
einsehen, es begreifen knnte, dann wre ich schon glcklich. Es ist so
furchtbar, Dasjenige auf das bloe Wort eines Andern glauben zu mssen, was uns
zur unwandelbaren, felsenfesten Ueberzeugung werden mu, wenn wir nicht
bestndig in Todesangst erzittern sollen bei dem Gedanken, da einer unserer
Lieben uns entrissen werden knne. Aber bewiesen mu es mir werden, da ich es
erfassen kann mit der Vernunft. Da Ihr mir sagt: Glaube, wir sind unsterblich,
das gengt mir nicht, das vermag ich nicht.
    Du vermagst nicht zu glauben, und willst Christin werden? zu einer Religion
bertreten, die, ganz auf Offenbarungen fuend, voll von Mysterien, nur durch
den Glauben besteht, in Allem, was nicht Moral oder Philosophie ist? Was ist Dir
der Sohn Gottes, der Mensch gewordene Gott ohne den Glauben? Wie kann Dich die
Anwesenheit Christi im Abendmahle erheben, wenn Du nicht zu glauben vermagst?
Oder meinst Du, man knne Dir die Gegenwart Christi im Sakramente beweisen? es
gbe eine Erklrung fr die Kindschaft Jesu? Kannst Du den heiligen Geist, die
Dreieinigkeit begreifen? Man wird Dir ein Bild dafr geben, aber wer gibt Dir
die Fhigkeit zu glauben, dieses Bild sei Wahrheit?
    O Gott! nicht weiter, rief Jenny weinend aus, nicht weiter, Joseph! mache
mich nicht haltlos.
    Doch! mein Kind! denn wie mein Kind, oder wie eine Schwester liebe ich Dich,
sagte Joseph mit bebender Stimme, sich selber berwindend, doch! - Du mut mit
Dir selbst einig werden. Du weit, das viele Sprechen ist nicht meine Sache; um
Dich aber aufzuklren ber Dich selbst, mssen wir aufrichtig mit einander sein.
Den Glauben an Gott, die Lehren, recht zu thun und dem Nchsten zu dienen,
enthlt das alte Testament, und Du findest sie veredelt und einer hhern
geistigen Entwickelung entsprechend im neuen Testamente wieder; und Mahomet und
Zoroaster lehrten sie - denn sie sind begrndet in der Seele, die uns Gott
gegeben. Darber hinaus ist alles Menschensatzung. Und Du, grogezogen in den
Vorstellungen des jetzigen Judenthums, wirst nie aufhren, an Alles den Mastab
der Vernunft anzulegen. Du hast gesehen, da Deine Familie, gut und brav, den
Gesetzen der Moral gefolgt ist, und doch die Gesetze, die das Judenthum
charakterisiren, als bloes Ceremonialgesetz verwirft. Du bist erzogen in der
Schule des Gedankens, wenn ich so sagen darf, und Dir ist die Mglichkeit des
Glaubens ohne Prfung dadurch genommen. Du wirst hoffentlich ein Mensch werden
nach dem Herzen Gottes, aber Du wirst niemals Christin sein noch Jdin. Wie wir
Juden jetzt in religiser Beziehung denken, gibt es keine positive Religion
mehr, die fr uns mglich ist, und wir theilen mit Tausenden von Christen die
Hoffnung, da eine neue Religion sich aus den Wirren hervorarbeiten werde, deren
Lehren nur Nchstenliebe und Wahrheit, deren Mittelpunkt Gott sein mu, ohne da
sie einer mystischen Einhllung bedrfen wird.
    Joseph hielt inne, und auch Jenny schwieg. Endlich fragte sie leise: Und was
soll aus mir werden? Was soll ich denn beginnen, wenn ich nicht glauben kann?
    Joseph, der neben ihr auf dem Divan sa, zog sie sanft an sich und sagte mit
dem mildesten Tone, dessen seine Stimme fhig war: Du sollst Dich prfen, ob Du
ohne Reinhard nicht glcklich zu sein vermagst, denn nur ihn suchst Du im
Christenthume. Du sollst prfen, ob Reinhard Dir eine so feste Sttze im Leben
werden kann, als die Deinen? Reinhard ist gut und brav, aber ich frchte, Ihr
Beide werdet einander nie verstehen - und am Ende wirst Du Deinem Herzen folgen.
Das allein entscheidet zuletzt das Schicksal der Frauen. Gott gebe, da Dein
Herz Dich niemals irre leitet.
    Er kte mit den Worten Jenny's Stirn, sie lehnte ergriffen und verschmt
den Kopf an seine Schulter, da klopfte es an die Thre und Reinhard trat in's
Zimmer. Er blieb erschreckend stehen, Jenny erhob sich nicht weniger erschrocken
und eilte schnell hinaus, nur Joseph war ruhig und hie den Gast willkommen.
Dadurch gewann Reinhard Zeit, sich zu fassen; einen kurzen Moment schien er zu
berlegen, dann ging er schnell und leidenschaftlich bewegt auf Joseph zu und
sagte: Ich kenne Sie nicht genau genug, um eigentlich eine solche Frage an Sie
richten zu drfen. Sie knnten mich der Zudringlichkeit beschuldigen, aber mein
Lebensglck hngt von der Frage ab: Wie stehen Sie mit Jenny?
    Ihre Forderung ist allerdings sonderbar, antwortete Jener, da ich wirklich
nicht einsehe, was Sie zu der Frage berechtigt? Doch will ich Ihnen antworten,
weil ich Ihrer Ehre vertraue.
    Meine Cousine ist mir eine theure Verwandte, die, unter meinen Augen
aufgewachsen, mir wie eine Schwester werth ist.
    Und Sie ist nicht Ihre Braut? fragte Reinhard weiter.
    Nein! war die entschiedene Erwiderung.
    Aber Sie lieben Jenny? Was bedeutet sonst die Scene, die ich eben hier mit
angesehen habe?
    Darber brauche ich Ihnen keine Auskunft zu geben, und es ist mehr als Sie
fragen drfen, wenn Sie Frulein Meier die Achtung zollen, die sie zu fordern
berechtigt ist, sagte Joseph tadelnd.
    Reinhard wollte eben eine heftige Entgegnung machen, denn seine Eifersucht
raubte ihm die Besinnung; doch bezwang er sich gewaltsam, und mit erknstelter
Ruhe sagte er: Ich mu es darauf ankommen lassen, wie Sie ber mich in diesem
Augenblicke urtheilen mgen. Vielleicht gelingt es mir bald, Ihnen in
gnstigerem Lichte zu erscheinen, und mein Betragen vor Ihnen zu rechtfertigen.
- Mit den Worten verlie er Joseph, der gedankenschwer im Zimmer auf und ab
ging, bis sein Oheim mit seiner Frau nach Hause kam, denen bald darauf Eduard in
der besten Laune folgte.

Der Doctor kam aus dem Horn'schen Hause. Man hatte dort von einem Treibhause
gesprochen, in dem eine Menge der schnsten Blumen gerade jetzt in voller Blthe
stnden, und Hughes hatte dabei die Bemerkung gemacht, er halte das Treibhaus
von Eduard's Vater fr eines der reichsten und schnsten, die er jemals gesehen
habe. Er erzhlte von alle den verschiedenen Camelien, Azalien und Hyazinthen.
Clara schien sich dafr lebhaft zu interessiren, und Eduard wagte endlich den
Vorschlag, sie mge seinen Eltern die Freude machen, sich selbst durch den
Augenschein davon zu berzeugen. Hughes fand die Idee vortrefflich; er war
gleich bereit, seine Cousine zu begleiten, und erhielt dazu nach einigen
Einwendungen die Erlaubni seiner Tante.
    Die Commerzienrthin nmlich, die ihren Plan niemals aus dem Gesichte
verlor, fingen William's hufige Besuche im Meierschen Hause zu beunruhigen an.
Es bangte ihr vor der Mglichkeit, Jenny knne der Magnet sein, der ihn dort
hinziehe, und sie wnschte lebhaft, die Verlobung Clara's mit William, die ihr
sehr am Herzen lag, so schnell als mglich geschlossen zu sehen. Darum war ihr
jede Veranlassung willkommen, die Clara und Hughes zusammenfhrte, besonders
diese, bei welcher der junge Mann als Beschtzer des Mdchens auftrat; und es
war ihr lieb, wenn sich die Leute gewhnten, das Paar als verlobt zu betrachten,
weil nur zu hufig das Urtheil der Welt uns erst zu Entschlssen bestimmt, die
wir sonst vielleicht gar nicht oder doch viel spter fassen wrden.
    Eine grere Freude htte die Commerzienrthin aber weder ihrer Tochter noch
Eduard bereiten knnen. Beide erglhten vor Lust, als ihre Blicke sich
begegneten. Die Verabredung wurde fr den nchsten Morgen getroffen, und Eduard
eilte nach Hause, um seine Eltern davon in Kenntni zu setzen.
    Auch Reinhard war, als er sich von Joseph trennte, nach seiner Wohnung
gegangen, und so strmisch in das friedliche Zimmer der Pfarrerin getreten, da
diese, Brille und Strickzeug bei Seite legend, verwundert zu dem Sohne empor
sah, denn sie war dergleichen Ausbrche in ihrer Nhe, die er wie geheiligten
Boden ehrte, nicht gewhnt.
    Was ist geschehen, Gustav? sprich mein Sohn! fragte sie endlich, als
Reinhard, der offenbar keinen Anfang zu dieser Unterhaltung zu machen vermochte,
sich schweigend neben sie auf das Sopha warf, und tief aufathmend sein Gesicht
in den Hnden barg. Was ist geschehen? Um Gotteswillen! fragte die Mutter noch
einmal, so rede doch.
    Und des starken Mannes Lippen bebten, und aus beklommener Brust stie er die
Worte heraus: Ich liebe Jenny, und ich sah sie an ihres Vetters Brust!
    Auch die Pfarrerin fuhr zusammen. Armer Sohn, sprach sie, also ist sie
Joseph's Braut? Und ich glaubte, sie theile Deine Liebe, die ich lang schon
kannte.
    Sieh Mutter, das ist es! Auch ich habe an ihre Liebe geglaubt. Ich bete sie
an, sie ist der Gedanke meiner Tage, der ewige Traum meiner Nchte gewesen, und
nun!
    Die Mutter drang in ihn, ihr genau zu berichten, was vorgefallen sei.
Reinhard's Erzhlung, von den leidenschaftlichsten Klagen unterbrochen, lie sie
einsehen, da ihres Sohnes Eifersucht der Geliebten Unrecht gethan haben mchte.
Sie fragte ihn, ob er Jenny seine Liebe bekannt habe?
    Niemals! antwortete er. Ein mir sonst unbekanntes Bangen hielt mich davon
zurck. Wenn ich es zu sagen vermchte, wie ich Jenny liebe, das schne, schne
Geschpf, dessen Lehrer ich gewesen bin, dessen Geist ich gebildet habe, dessen
Herz so warm, an dessen Seite zu leben das heieste Verlangen meines Lebens ist!
Aber in Jenny ist noch ein zweites, fremdes Wesen, das mich kalt zurckstt,
wenn mein Herz ihr offen und warm entgegenwallt. - Hast Du Jenny gesehen, wenn
sie den schalen Witzen des albernen Steinheim Beifall lchelt? wenn sie mit
Wonne die Huldigungen von Alt und Jung duldet, und kein hheres Glck zu kennen
scheint, als die Pracht und den Luxus, die sie umgeben, keine andere Freude, als
Allem Hohn zu sprechen, was es Groes und Heiliges gibt? Ich habe sie am Morgen
Thrnen der Rhrung vergieen sehen ber Empfindungen, die sie am Abend spottend
verlachte; und oft, wenn Ihr schnes Auge mich zu den schnsten Hoffnungen
berechtigte, verletzte mich im nchsten Augenblick ihr kaltes Wort so schwer,
da ich schon tausendmal entschlossen war, sie fr immerdar zu fliehen. Und sie
zu fliehen, sie nicht zu sehen, Mutter! von Jenny zu scheiden, vermag ich doch
nicht mehr. - Beide schwiegen, und die Pfarrerin weinte still.
    Neulich, fuhr er nach einer Weile fort, hrte sie von dem Unglck einer
armen Familie sprechen; sie war sehr bewegt und doch so klug und ruhig in den
Hlfsleistungen, die sie anbot. Sie war gerhrt wie ein Weib, und klar und
verstndig wie ein Mann. Hoch erfreut betrachtete ich sie, wie sie geschftig
alles Nthige ordnete und aus Kisten und Schrnken zusammentrug, was irgend der
augenblicklichen Noth zu steuern vermochte. Und nach einer Stunde, als
vielleicht auf ihr junges Haupt der beste Segen des Himmels von den Armen
erfleht wurde, hrte ich selbst aus ihrem Munde die Worte: Die Drftigkeit ist
nicht poetisch, ich habe nie an die glckliche Armuth geglaubt, sie ist nur
niederziehend, ist nur klglich. - Und ich sollte daran denken, sie in ein
kleines Pfarrhaus einzufhren, das ihr niederziehend und klglich scheinen
knnte? - Nein! niemals, niemals!
    Und wieder entstand eine lange und traurige Pause, bis die Pfarrerin endlich
sagte, indem sie ihren Arm um ihren Sohn schlang: Mein armer Sohn! leider ist
manches wahr in Deinen Klagen. Aber bist Du sicher, da Du Jenny nicht Unrecht
thust mit Deinem Urtheil? Ihr Herz ist gut, sie liebt Dich, und viele ihrer
Fehler, die ich nicht verkenne, wrden sich verlieren, wenn sie in der Ehe
hhere und reinere Freuden kennen lernte, als den Luxus ihres Vaterhauses.
    O! das ist es auch nicht, rief Reinhard, innerlichst erfreut, sich
widersprochen und die Geliebte gelobt zu sehen. Das ist es nicht! Gnne ich ihr
nicht die Perlenschnur in ihren schnen Locken? Freue ich mich nicht selbst,
wenn der weiche Caschmirshawl sich um die kleine, feine Gestalt legt, und die
Schultern blendend wei daraus hervorschimmern? Sie ist geboren fr diesen
Schmuck! aber, sie kann ihn nicht entbehren; ich vermag ihn ihr nicht zu geben
und wrde doch errthen, mein Weib in einer Pracht zu sehen, die sie nicht mir
allein verdankte, die ich nicht mit ihr theilen knnte, ohne von den Wohlthaten
eines Dritten zu leben. Und wenn Jenny in einem jener Anflle rcksichtslosen
Witzes jemals ein Wort sagte, das mich daran erinnerte, sie sei die Reiche mir
gegenber - gerade, weil ich sie liebe - bei Gott! ich glaube, ich knnte sie
hassen!
    Das wird Jenny nie, begtigte die Pfarrerin, und in der Beziehung wrde ich
sie ruhig an Deiner Seite sehen. Was mir an ihr mifllt, ist das jdische
Element in ihr. Der Witz dieses Volkes ist eigenthmlich und frchterlich, er
hat mich oft erschreckt, gepeinigt, wenn es mir in ihrem Vaterhause wohl war,
wie es Einem bei so braven, gebildeten Menschen wol werden mu. Der Witz der
Juden hat etwas von dem Stilet des Banditen, der aus dem Verborgenen
hervorstrzt, den Wehrlosen um so sicherer damit zu treffen. Er ist die letzte
Waffe des Sklaven, dem man jede andere Waffe gegen seinen Unterdrcker genommen
hat, die feige Rache fr erduldete tiefempfundene Schmach.
    Mutter! Jenny's Witz ist nicht so schlimm; er ist kindisch, schnell und
treffend. Aber wenn ich, in thrichter Eifersucht aufgeregt, hart ber Jenny
urtheilte - vergi es, liebe Mutter! bat der Sohn, denn ich habe Jenny Unrecht,
sehr Unrecht gethan. Ich selbst glaube nicht, was ich sagte; es war
Leidenschaft, Zorn, was aus mir sprach, nicht meine Ueberzeugung, nicht mein
Herz, das Jenny liebt - und nicht wahr? auch Du hast Jenny lieb? fragte
Reinhard, und die Pfarrerin schwankte, was sie beginnen sollte. Sie sah, da ihr
Sohn zu sehr an der Geliebten hing, um selbst aus dem Munde seiner Mutter ein
Wort des Tadels gegen sie ertragen zu knnen. Lieber wollte er seine
Ueberzeugung, seine eigene Erfahrung in der Beziehung Lgen strafen, als Jenny
tadeln hren, die er gerade jetzt, wo die Eifersucht ihm die Gefahr, sie zu
verlieren, vorspiegelte, um so leidenschaftlicher liebte. Doch siegte die
Pflicht, ihren Sohn an Jenny's Eigenthmlichkeit zu mahnen, in ihr ber die
Scheu, ihm augenblicklich wehe zu thun.
    Ich habe Jenny sehr lieb, sagte sie, und die kindliche Freundlichkeit, die
Hingebung, die sie mir immer zeigt, verdienen meinen wrmsten Dank. Klug, schn
und gut wie sie ist, darf jede Mutter stolz auf solche Tochter sein. -
Reinhard's Gesicht leuchtete vor Freude und ein feuriger Hndedruck lohnte
seiner Mutter diese Anerkennung. Doch, fuhr die Pfarrerin fort, tusche Dich
nicht, mein Sohn! Jenny hat Fehler, fr die sie nicht verantwortlich ist, weil
sie gewissermaen nationell sind, und weil die Mehrzahl der Jdinnen sie mehr
oder weniger mit ihr theilen. Die Lebhaftigkeit, die Rhrigkeit der Juden wird
bei der groen Masse zur unertrglichen Manier. Ihr Sprechen, ihre Geberden sind
carrikirt. Davon ist der Gebildete bis zu einem gewissen Grade frei, die
unruhige Lebhaftigkeit indessen bleibt ein hervorstechender Zug der Juden. Sie
mag vortreffliche Geschftsmnner hervorbringen, der Weiblichkeit aber tritt sie
zu nahe. Jenny belebt eine ganze Gesellschaft; sie ist tglich neu; man hat
Freude an der Unterhaltung mit ihr, nur Ruhe findet man nicht bei ihr. Sie hat
Muth und Geist; sie bewegt sich frei und keck; und doch mu ich, wie zur
Erholung, auf Therese sehen, die in ihrer Bescheidenheit neben Jenny einen gar
wohlthuenden Eindruck auf mich macht.
    Therese ist klter; hat nicht so viel Geist, wandte Reinhard ein, und was Du
von den Jdinnen sagst, trifft auch nicht immer zu. Ist Jenny's Mutter nicht die
liebenswrdigste, vortrefflichste Frau? Auch Jenny wird so werden, wenn sie
lter sein wird. Und diese bestndige Lebhaftigkeit, die Du tadelst, wie viel
Freude mu sie dem Manne gewhren! Jenny's Geist ....
    Das ist es, was ich frchte! sagte die Pfarrerin. Jenny's Geist ist
unerbittlich klar; er lt sich nie von ihrem Herzen tuschen. Das ist es, was
mich besorgt macht. Diesen geistreichen Mdchen aus den jdischen Familien, die
gleich Jenny erzogen werden, fehlt es fast immer an gutem weiblichen Umgange:
mehr unterrichtet, als die Frauen ihrer nchsten Umgebung, berschtzen sie sich
zu leicht; das Beisammensein mit Mdchen, die Sorge fr die tglichen
Bedrfnisse des Hauses hrt auf ihnen Freude zu machen; sie ziehen die
Unterhaltung der Mnner vor, welche mit Vergngen solche einen kleinen
Ueberlufer empfangen. Im Kreise der Mnner machen ihr Geist und ihre Aufklrung
rasche Fortschritte; die neuen Begriffe, der groe Mastab der Mnner werden an
Alles gelegt; das Mdchen schmt sich der engen Verhltnisse, die ihm bis dahin
gengten; eilig werden die alten Vorurtheile niedergerissen, die beschrnkten
Ansichten verworfen; das Haus, in dessen friedlichen alten Mauern das junge
Mdchen heimisch ist und am liebenswrdigsten erscheint, wird zerstrt, und ein
neuer spiegelblanker Palast errichtet. Durch die groen Scheiben dringt
strahlend hell das Sonnenlicht, und glnzt von den glatten Marmorwnden wieder.
Alles ist Licht! kein Halbdunkel, kein dsterer Schatten; aber auch kein stiller
Raum, um dem Schpfer einen Altar zu bauen, kein traulich Pltzchen fr
schchterne Liebe. - Sie hielt inne, ergriff des Sohnes Hand, und sagte mit
Bewegung: Ich habe Dir, als Du noch auf meinen Knieen spieltest, oft in Mrchen
und Bildern die Wahrheit mitzutheilen versucht, die ich Deinem Herzen einprgen
wollte; die alte Gewohnheit ist mir geblieben, wie Du siehst. Jenny, von den
Ihrigen im Zweifel erzogen, ist ein weiblicher Freigeist geworden. Wird sie, die
Glaubenslose, Dich dauernd glcklich machen knnen?
    Reinhard sah brtend vor sich nieder, ohne zu antworten; auch seine Mutter
verlor sich in Gedanken. So saen sie eine Weile still beisammen. Bei den
Mnnern, hub die Mutter dann aufs Neue an, ihrer Gedankenreihe Ausdruck gebend,
bei den Mnnern, bei Jenny's Vater, bei Eduard, fllt der Unglaube nicht so
strend auf, weil philosophische Erkenntni ihnen eine feste Ueberzeugung
gegeben hat. Aber Madame Meier selbst bedauert die Richtung, welche ihre Tochter
genommen hat, denn die Mutter ist ein frommes, echt weibliches Gemth; und sage
mir ehrlich, mein Sohn! glaubst Du, Jenny werde jemals von Herzen Christin sein?
Wenn Du nun dastehst und mit inniger Erhebung Deiner Gemeinde das Abendmahl
ertheilst im Namen unsers Heilandes, der fr uns gestorben ist, wird Dein Herz
nicht bluten bei dem Gedanken, da Deine Frau, Dein anderes Ich, der heiligen
Handlung kalt und zweifelnd zusieht und innerlich Dich und die Gemeinde
bemitleidet, die Erbauung findet, wo sie ein leeres Formenwesen sieht? Hast Du
Dir Jenny als die Mutter Deiner Tchter gedacht? - Sie knnte einem Manne unter
anderen Verhltnissen gewi viel, sehr viel sein, aber keinem Christen, keinem
Geistlichen, der aus innerer Ueberzeugung seinen Beruf heilig hlt.
    Nein! rief Reinhard pltzlich aus, nein! Du irrst Dich Mutter! Es wird
anders werden, anders sein! Das Licht gttlicher Wahrheit wird auch in Jenny's
Geist leuchten, sie wird einsehen und fhlen, da im Christenthum der Quell
ewiger Seligkeit rein und lauter strmt. Ein starker Glaube, wie meiner, mu sie
davon berzeugen, und ist sie nicht schon dem Herzen nach Christin? Alles, was
Du an ihr tadelst, liebe Mutter, wird schwinden; Du hast es selbst vorhin
gesagt, wenn ihr Gemth die ewig wahre Lehre in sich aufgenommen haben wird,
wenn eine edlere Freude, eine selige Ruhe sie beleben werden. Denke Dir, welch
ein Glck, die Seele seiner Frau gebildet zu haben, sie gewonnen zu haben fr
die Wahrheit! - Und werde ich ihr nicht Schtze bieten, edler und unschtzbarer,
als ihre Reichthmer, die mich ngstigten? Morgen noch sage ich ihr, da ich sie
liebe, und ich hoffe, Dir morgen eine Tochter zuzufhren, die wrdig ist, einen
Platz an Deinem Herzen zu finden! O theure Mutter! glaube mir! wir werden sehr
glcklich sein. Ich allein wei, welch eine Welt von Liebe, von Gromuth in
Jenny lebt, ihre Seele entspricht dem holden, sen Antlitz - und Beides mein!
Jenny ganz mein, mein Eigen! Es ist fast zu viel Glck! - sagte er lchelnd, und
fing an, der Pfarrerin ein Bild ihres knftigen Lebens in lndlicher Stille zu
entwerfen, das der armen Frau Thrnen entlockte, eben weil sie ihrem Sohne ein
solches Loos wnschte, und doch zweifelte, ob es jemals Jenny zusagen wrde. Nur
mit Ueberwindung wagte sie, ihrem Sohne den Vorschlag zu machen, noch ein paar
Tage mit seiner Werbung zu zgern, nochmals reiflich zu berlegen - denn zu
harren, bis er eine Anstellung gefunden, dazu war er nicht zu berreden.
    Die Warnungen seiner Mutter, ihre Mibilligung hatten nur dazu gedient, ihn
an Jenny's Vorzge zu erinnern, und widerstrebend versprach er, das Meiersche
Haus ein paar Tage zu meiden, und Jenny nicht zu sehen.

Der nchste Morgen, ein Sonntag, brachte nach trben Tagen mit Wind und
Schneegestber, wie der Dezember sie bietet, einen klaren, frischen Frost. Die
Straen waren trocken, und sahen in der Sonntagsstille, die in groen
geruschvollen Handelsstdten um so friedlicher erscheint, gar reinlich und
festlich aus.
    Mit der eitlen Sorgsamkeit einer Hausfrau musterte Madame Meier die Zimmer,
lie nochmals jedes Stubchen fortkehren, und wollte es doch nicht wahr haben,
da sie heute noch mehr darauf halte, als sonst, weil sie Clara zum Frhstck
erwartete. Eduard hatte die erste Morgenstunde dazu benutzt, mit dem Grtner das
Treibhaus zu durchwandern. Er selbst hatte die seltensten Exemplare in das
rechte Licht gestellt, den Frhstckstisch unter die Orangen setzen lassen,
deren Blthen am ppigsten dufteten, und dem Grtner aufgetragen, ein Bouquet zu
arrangiren, das fr diese Jahreszeit als ein wahres Wunder erscheinen mute.
Dann hatte er in fast knabenhafter Frhlichkeit mit Jenny gescherzt, mit ihr
herumgewalzt, als eine Truppe Musikanten auf der Strae spielte, und sie zuletzt
gebeten, doch zuzusehen, da es Clara in seinem elterlichen Hause recht gefallen
mge.
    Joseph sah theilnahmlos dem frhlichen Treiben der Geschwister zu. Er wurde
wehmthig gestimmt, als Jenny nach Eduard's Entfernung zu ihm kam, ihm die Hand
reichte und mit ungewohnter Feierlichkeit zu ihm sagte: Joseph! ich habe Dich
bis jetzt verkannt, Dich nicht genug geliebt. Was mir die Zukunft auch bringen
wird, Du sollst mein geliebter Bruder, mein zweiter Eduard sein. Willst Du das?
und Du kannst mir vertrauen, wie einem Manne, wie ich Dir! - Er antwortete ihr
nicht gleich, sie hatte sein Urtheil ausgesprochen, ber sich und ihn
entschieden. So sei es, war Alles, was er ihr endlich zu erwidern vermochte,
weil er alle Art von Aufregungen eben so ngstlich mied, als Jenny sie suchte;
und sie besa nicht Beobachtung genug, in Joseph's stillem, ruhigem Gesicht den
wahren Schmerz zu lesen, den ihre Entscheidung ihm verursachte. Sie war
unzufrieden mit ihm, als sie ihn verlie.
    Eduard kehrte schon gegen Mittag von seiner Praxis zurck und versuchte
umsonst, die Ungeduld zu verbergen, mit der er nach dem Zeiger der Uhr und auf
die Strae hinaussah, von welcher die Ersehnte in Begleitung ihres Vetters
kommen sollte. Da rollte endlich ein leichtes Fuhrwerk ber das Pflaster, hielt
vor dem Meierschen hause still, die Thorflgel ffneten sich, der Portier zog
die Glocke, und Eduard flog die Treppe hinunter, um die Geliebte selbst zu
seiner Familie zu geleiten.
    Jenny ging ihr bis in das Vorzimmer entgegen, die Mdchen umarmten sich auf
Mdchenart mit zrtlichen Kssen, das alte, trauliche Du der lngst
verflossenen Schulzeit wurde hervorgesucht, und es vergingen mehrere Minuten,
ehe Clara in das Wohnzimmer zu Madame Meier kam. Sie sah schn aus an dem Tage.
Das enganliegende Kleid von heller Seide zeigte ihre stattliche Gestalt; ein
kleiner schwarzer Sammethut hob die frische Farbe des Gesichtes schn hervor,
das die langen, blonden Locken reich umgaben. Die Freude, welche ihr dieser
Besuch einflte, der Wunsch, den Eltern des Geliebten zu gefallen, verursachten
ihr eine lebhafte Bewegung, die sehr anmuthig an ihr erschien. Jenny konnte
nicht aufhren, sie zu betrachten, und Eduard's Mutter empfing sie mit der
Freude, mit welcher eine zrtliche Mutter die Auserwhlte ihres Sohnes begrt.
Sie fand Clara noch schner und liebenswrdiger, als sie sich dieselbe gedacht
hatte. Der Ton von Demuth in ihrer Stimme, das Weiche, Milde in ihrer
Erscheinung, welches sich Eduard gegenber zu verdoppeln schien, nahmen
augenblicklich fr sie ein. Die ungeheuchelte Freude, mit der sie die Schtze
des Treibhauses bewunderte, das an den Tanzsaal grenzte, die Kindlichkeit, mit
der sie Eduard und Jenny glcklich pries, in diesem Hause zu wohnen, machte die
Andern mit ihr froh, und selbst Joseph's Stimmung wurde freundlicher vor so viel
Liebenswrdigkeit.
    Clara fhlte sich bereits ganz heimisch in dem Kreise, als der Vater
hinzukam und man sich zu dem reich versehenen Frhstck niedersetzte, whrend
dessen die Unterhaltung in zwei Theile zerfiel. Hughes hatte Briefe aus London
erhalten, theilte manches Neue daraus mit, und es ergab sich in Folge dessen
unter den Herren eine Unterhaltung, die zwischen geschftlichen und politischen
Interessen sich hin und her bewegte, und an der auch Eduard Antheil zu nehmen
gezwungen war, obgleich er neben Clara sa und mehr auf ihr Gesprch mit den
Damen achtete, als er zugestehen wollte. Sie mute erzhlen, wie sich der Unfall
zugetragen, der sie so lange an ihr Zimmer gefesselt hatte; sie konnte nicht
genug ausdrcken, wie dankbar sie dem Doctor fr seine groe Sorgfalt sei, wie
seine Freundlichkeit, sein Trost ihr die Stunden des Schmerzes verkrzt htten.
Die Mutter und Jenny waren hoch erfreut ber diese Aeuerungen. Aber den Vater
machte die Wrme nachdenklich, mit welcher Clara von seinem Sohne sprach.
    Pltzlich klopfte es an die Thre. Man rief herein, mute aber den Ruf zum
zweiten und dritten Male wiederholen, ehe Steinheim mit Mephisto's Worten: So
recht! Du mut es dreimal sagen, seine Mutter am Arme, in das Zimmer trat. Man
stand auf, die alte Frau Steinheim zu bewillkommnen. Sie wollte aber durchaus
nicht leiden, da man sich ihretwegen derangire, und bat mit schnarrender Stimme
und jdischem Jargon, gar keine Notiz von ihr zu nehmen, da sie nur auf wenig
Augenblicke gekommen sei.
    Ich war bei der Bentheim, deren Mann krank ist und die auerdem Aerger mit
den Dienstboten hat, sagte sie zur Hausfrau. Denken Sie sich, die Hanne, die
Person, welche frher bei der Rosenstiel diente, hat der Bentheim aus der
Chiffonire zwei Ringe gestohlen. Da hat sie mich gebeten, bei der Rosenstiel
nachzuhren, ob dort Aehnliches passirt sei, und ich will mit meinem Sohne
gleich von hier dorthin fahren. Man hat meinen Sohn so gern bei der Rosenstiel;
er amsirt sich so mit den Mdchen, da ich ihn leicht dazu bekam, mich zu
begleiten. Haben Sie gehrt, Jenny, sagte sie zu dieser, wie die lteste
Rosenstiel das Una voce singt? gttlich, sage ich Ihnen! - und ehe noch Jemand
Zeit gewann, ihr Frulein Horn vorzustellen, oder ein Wort zu sprechen; ehe
Jenny ihre letzte Frage beantworten konnte, fuhr sie gegen Clara gewendet fort:
Sie kennen doch die Rosenstiels?
    Ich habe das Vergngen nicht, antwortete Clara ganz verwundert ber das
sonderbare Betragen der alten Frau.
    Was? Sie kennen die Rosenstiels nicht? - Denke Dir, mein Sohn, Frulein Horn
kennt die Rosenstiels nicht! Haben Sie denn nie von der Malerei der zweiten
Tochter gehrt? Ein enormes Talent! sage ich Ihnen; eben so viel Genie frs
Malen, wie die lteste fr den Gesang. Rein merkwrdig! Die Mutter ist eine
geborne Strahl, von den Strahl's aus Frankfurt, abgerechnet, da die Frau sich
zu jugendlich kleidet, eine ganz charmante Frau. Wissen Sie noch, liebste Meier,
wie der Doctor Herzheim ihr die Cour machte? Das kann sie noch nicht vergessen.
Mein Sohn wrde sagen: Ewig jung bleibt nur die Phantasie; aber wissen Sie,
der junge Herzheim wird die lteste Tochter nehmen, sagt man. Ich glaube es
nicht, die kann andere Partien machen, sage ich Ihnen!
    Es war gut, da der kleinen starken Frau der Athem zu versagen anfing, denn
Clara hatte mit kaum verhehltem Erstaunen die Neuhinzugekommene betrachtet,
deren Kleidung, aus Allem zusammengesetzt, was es Neues und Kostbares gab, auf
ihrem runden, festgeschnrten Krper und zu dem sehr scharf geschnittenen,
alternden Gesichte ebenso sonderbar erschien, als ihre Sprechlust und ihr
unaufhrliches Gesticuliren. Um einem neuen Redestrome Schranken zu setzen,
fragte Jenny Herrn Steinheim, ob er in den letzten Tagen Erlau nicht gesehen
habe, auf den sie vergebens gewartet, um mit ihm das Nhere wegen der Proben zu
den lebenden Bildern zu verabreden.
    Erlau, der nie Anlage zu einem Fixsterne hatte, antwortete der Gefragte, ist
jetzt vollkommen zum Planeten der Giovanolla geworden; er, der ein Stern erster
Gre am Kunsthimmel sein knnte. Ich kenne ihn nicht mehr, ich begreife ihn
nicht.
    Was ist da zu begreifen? sagte der Vater. Er ist ein liebenswrdiger
Wildfang, wie er es immer war, und wir wissen, wie ihm Schnheit den Kopf
verdreht; junger Wein will ghren!
    Ich bin so sehr nicht aus der Art geschlagen, da ich der Liebe Herrschaft
sollte schmhen, recitirte Steinheim, aber dies gnzliche Sichverlieren in
solch eine Passion von acht Tagen ist zu komisch. Man sieht ihn gar nicht. Zudem
ist er hinausgezogen an den Leuchtthurm, wo ein ewiger Orkan wthet, und wo man
ihn nicht besuchen kann, ohne sich vor Erkltung den Tod zu holen!
    Haben Sie ihn in seinem neuen Atelier noch nicht aufgesucht? fragte Eduard.
Das wird ihn gekrnkt haben!
    Hat er mich gefragt, wie er hinausgezogen ist, ob ich hinaus kommen werde?
Morgen wird's ihm einfallen, auf den Domthurm zu ziehen, und er wird es bel
nehmen, wenn ich nicht hinauf klettere, um ihn da oben zu besuchen! Dabei fllt
mir ein, liebe Mutter! da wir jetzt unsern Besuch bei Madame Rosenstiel nicht
lnger verschieben drfen, und ich mchte - obgleich dem Glcklichen keine Uhr
schlgt, Dich daran erinnern, uns auf den Weg zu machen, weil es bereits ein Uhr
ist.
    Dieser Vorschlag brachte die alte Dame in die grte Rhrigkeit. Sie stand
auf, suchte eifrig nach Boa, Mantille und Handschuhen, die sie im Eifer des
Gesprches allmlig abgelegt hatte, und empfahl sich mit vielen Complimenten den
Anwesenden, nachdem Jenny noch mit Steinheim verabredet hatte, da fr den
nchsten Abend die Probe zu den Bildern vor sich gehen sollte.
    Der ganze kleine Kreis fhlte sich offenbar erleichtert, als die Beiden
fortgegangen waren. Jenny schmte sich des unschnen Betragens, das Gste ihres
Hauses vor Clara an den Tag gelegt hatten. Steinheim's Citate, seine gesuchten
Witze kamen ihr unertrglich vor, und nur ihr angeborner Takt hielt sie zurck,
Entschuldigungen deshalb zu machen. Wirklich schien es, als ob etwas Strendes
in die vorhin so unbefangene Unterhaltung gekommen sei; man scherzte und
plauderte noch ein Weilchen fort, dann aber brach auch Hughes auf, und mahnte
Clara an die Rckkehr. Beim Abschiede hndigte Jenny ihrem Gaste das schne
Bouquet ein, indem sie bat, es als einen Willkomm mitzunehmen. Clara dankte
herzlich, und als nun die Mutter sie aufforderte, sie und ihr Treibhaus bald
wieder zu besuchen, nahm Clara ein paar Immortellenzweige aus dem Bouquet und
reichte sie Jenny und Eduard mit der Bemerkung: Die lasse ich zum Pfande hier,
da ich bald wiederkomme, wenn Ihre Mutter es erlaubt. Freundlich reichte sie
dem alten Meier die Hand und ging mit Hughes und Eduard davon, um den Rckweg zu
Fu anzutreten und dadurch das kstliche Winterwetter ein wenig lnger zu
genieen.
    Ich kenne fast nichts Reizenderes, bemerkte Clara gegen Eduard auf dem Wege,
als ein Treibhaus, wie das Ihrer Eltern, in der Mitte des Winters. Diese
Farbenpracht, der se Duft erquicken doppelt zu einer Zeit, in der man Beides
nicht erwartet; abgesehen davon, da ich schon darum Treibhuser liebe, weil in
der Sorge des Menschen fr die Pflanzen etwas Zutraueneinflendes liegt.
    Das Letztere, liebe Clara, sagte Hughes, kann doch nur da der Fall sein, wo
nicht Prunksucht oder Speculation an der Pflege der Blumen Theil haben.
    Gewi nur da, antwortete sie. Aber ich kann es nicht genug sagen, wie ich
mich freue, wenn ich finde, da auch Andere die Blumen so lieb haben, als ich.
Blumen sind eine von den Freuden, die Gott uns Allen bestimmt hat, und jene
Blumenkasten, welche wir oft an den Fenstern der bescheidenen Armuth sehen, thun
mir jedesmal sehr wohl.
    Wohl? fragte Eduard verwundert. Mich machen sie fast immer traurig, und das
ist ein Eindruck, der seit meiner ersten Kindheit sich gleich geblieben ist. Ich
sehe darin immer den Wunsch nach versagten Genssen, das Streben, sich ein
kmmerliches Dasein zu verschnen, oder eine Entsagung, die mir wehe thut. Wo
ich solche kleine Blumenkasten sehe, mchte ich von unserm Ueberflusse spenden -
und gelegentlich hab' ich's gethan! fgte er halblaut hinzu.
    Aber die Leute haben an ihrem kleinen Besitz, wandte Clara ein, vielleicht
oftmals ebensoviel Freude, als mancher Reiche an dem grten Treibhaus, und
mehr!
    Glauben Sie denn, da ich diese Treibhuser und Treibhauspflanzen liebe?
fragte Eduard lebhaft. Es liegt etwas Unnatrliches in der Farbenpracht und dem
Duft dieser erknstelten Vegetation, das mich ebenso unangenehm berhrt, als die
Bewegung der freien Thiere des Waldes in den engen Kfigen einer Menagerie. Fr
mich ist alles Geschaffene nur schn an dem Ort, fr den es geschaffen ward. Ich
vermag es zu bewundern, wo ich es finde, aber es freut mich nicht, sobald man es
von seinem Platze entfernt. Auf die Gefahr hin, Ihnen zu widersprechen, bekenne
ich, mir erscheint die Zusammenstellung einer Masse von Pflanzen aus den
verschiedensten Welttheilen, die alle nur ein krppelhaftes Dasein fhren, oft
wie eine Verirrung des Geschmackes; und wenn es nicht wissenschaftlichen Zwecken
glte, mchte ich lieber auf alle tropischen Gewchse verzichten, als sie so
kmmerlich gedeihen sehen. Ich sehe ihnen immer an, was sie sein knnten, wenn
sie in ihrer Heimat und frei wren, und die armen, kranken Verbannten thun mir
dann leid.
    Clara hrte ihm berrascht zu und blickte mit stillem Entzcken auf ihr
schnes Bouquet. Ich habe die sdlichen, schnen Gewchse dennoch lieb, sagte
sie, und vielleicht ist es das Mitleid mit den Gefangenen, das mich so
unwiderstehlich zu ihnen zieht, fgte sie lchelnd hinzu.
    Wenigstens wre das echt weiblich, schaltete William ein, als sie das
Hornsche Haus erreicht hatten und gemeinschaftlich das Zimmer der
Commerzienrthin betraten.
    Clara war sehr heiter. Sie konnte der Mutter nicht genug von der
Herrlichkeit der Treibhuser erzhlen, und sie war noch in der lebhaftesten
Beschreibung, als die Commerzienrthin abgerufen wurde.
    Mir that es leid, sagte Eduard, als Clara's Mutter sich entfernt hatte, mir
that es leid, da Frau Steinheim unser Beisammensein strte. Sie meint es gut,
aber man fhlt sich doch erleichtert, wenn man sie scheiden sieht.
    Da Sie selbst das Thema berhren, erwiderte Hughes, so bekenne ich Ihnen,
da mir Herr Steinheim auch nicht eben zusagt, und da ich es nicht begreife,
wie Sie diese ewigen Citate ertragen knnen. Sein Witzeln, sein Spielen mit den
Worten machen mich oft ungeduldig.
    Ich theile ihre Empfindung, gab Eduard ihm zur Antwort, aber Steinheim's
ble Angewohnheit ist halbwegs nationell. Es walten in den Juden noch die alten
orientalischen Elemente vor; und noch heute hat z.B. der ungebildete Jude seine
Lust an kleinen Erzhlungen, wie der Orientale. Er liebt es, sich in Bildern und
Gleichnissen auszudrcken, und mag gern Das, was er zu sagen hat, mit einer
jener Anekdoten begleiten, die oft schlagend genug sind und deren seine alten
Bcher zu Tausenden enthalten. Solche alte Gleichnisse wird nun Steinheim nicht
leicht zu benutzen wagen, aber von der Gewohnheit derselben kann auch er nicht
loskommen, und die Citate aus neuen und alten Werken mssen ihm als Aushlfe
dienen.
    Mir kam Herr Steinheim originell und geistreich vor, sagte Clara, und etwas
Rasches, Bezeichnendes kann man dieser Art nicht absprechen. Dazu sieht er
eigentlich sehr gut aus, und dennoch, wenn ich es offen sagen darf, verletzte
mich Etwas in seiner Erscheinung. Ich wei nicht, soll ich es Selbstgengsamkeit
nennen, oder ein gewisses zutrauliches Wesen, das mir von einem Fremden auffiel.
    Vermuthlich Beides, meinte Eduard. Ich komme leider Ihnen gegenber immer
wieder in die Lage, den Vertheidiger der Juden zu machen.
    Das haben Sie nicht nthig! betheuerte ihm Clara. Ich habe gewi kein
Vorurtheil der Art gehabt; und wre das selbst der Fall gewesen, so verdanke ich
es Ihnen und William, dasselbe durchaus besiegt zu haben. Wie knnte ich daran
noch denken, nachdem Sie mir die Freude gemacht, Ihre verehrten Eltern kennen zu
lernen, nachdem ich in Ihrer Familie eben solch glckliche Stunden verlebt habe.
    Clara schwieg, aus Besorgni, zu viel gesagt zu haben, und auch Eduard sa
sinnend eine Weile neben ihr und las in ihren Augen, was ihr Herz sprach und ihr
Mund verschwieg; dann fuhr er fort: Und doch wrden Ihnen viele von den Freunden
meiner Familie gar sehr mifallen, obschon es gute, brave Leute sind. Die
Gewohnheit, sich immer nur in demselben Kreise zu bewegen, in welchem Alle sich
seit ihrer frhesten Kindheit mindestens dem Namen und den Verhltnissen nach
kennen, gibt den Juden eine Art sich gehen zu lassen, die dem Fremden
zudringlich und beleidigend erscheinen mu. Ich erfahre das selbst bisweilen.
Meine Verhltnisse haben mich zum Theil diesem Kreise entfernt; ich sehe manche
Personen oft kaum einmal im Jahre; und doch, treffen wir zusammen, so bin ich
gezwungen, mir die kleinlichsten Familienereignisse mit unertrglicher
Weitschweifigkeit berichten zu lassen. Ihnen bin und bleibe ich der Eduard
Meier, der mit ihnen eingesegnet wurde, mit ihnen einmal dies und jenes
gemeinsam hatte, und sie knnen nicht begreifen, da mich das Thun und Treiben
ihrer Onkel und Groonkel nicht ebenso interessire als sie selbst.
    Das ist aber der Fehler aller engen Kreise, meinte Clara, die mit feinem
Gefhl dem Geliebten jede unbequeme Errterung ersparen wollte. In unsern
kleineren und greren Zirkeln wiederholt sich, was Sie eben rgten. Das darf
man nicht so strenge tadeln, denke ich.
    Und doch thut das alle Welt bei den Juden! rief Eduard; bei ihnen, denen man
nicht einmal die Mglichkeit lt, aus ihrem engen Kreise herauszutreten, so
gern sie es mchten. Ein Theil der gebildeten Juden kann sich dreist mit jedem
andern Gebildeten messen, er wrde, wie in Frankreich, sich lngst der Masse der
Nation angeschlossen haben, er wrde auch in Deutschland lngst nationalisirt
sein, wenn ihn sein Aeueres, seine dunklere Farbe und das schwarze Haar nicht
auf den ersten Blick von den Deutschen unterschieden zeigten. Dies fremde
Aeuere erinnert unaufhrlich an eine verschiedene Abkunft und gibt, vom Pbel
ausgehend, dem Judenhasse immer neue Nahrung, von dem wol die Wenigsten so frei
sind, da sie den Juden nicht den Mangel an gesellschaftlicher Bildung zum
chtenden Vorwurf machten. Und man brauchte sie doch nur zu emancipiren, um die
Unebenheiten von ihrer Auenseite abzuschleifen. Freilich ist es gar bequem zu
sagen: Die Juden haben einen hlichen Dialekt, hliche Manieren. - Woher das
aber kommt, fragt Niemand! - Da es so ist, reicht ja hin, den Juden
auszuschlieen von der Gesellschaft, und mehr braucht es nicht, mehr will man
nicht.
    Eduard war erregter, als er selbst glaubte, Clara betrbt, und selbst Hughes
nicht frei von Befangenheit. Doch bezwang er sich, und sagte: Allerdings trifft
die Deutschen der Vorwurf, nur in den Juden die Nationalitt nicht anzuerkennen,
whrend sie sonst jeder fremden Eigenthmlichkeit mehr als nthig nachsehen.
Erwarten wir das Beste von der Zukunft, und wenigstens lassen Sie uns die
Gegenwart meines Mhmchens mit frhlicherer Unterhaltung feiern. Das arme
Mdchen sieht schon so betrbt aus, als ob es das Unheil verschuldet htte, und
ist so gut, da es gewi gern Hlfe und Aenderung brchte.
    Wenn ich das knnte, rief Clara lebhaft, und Hughes glaubte eine Thrne in
ihrem Auge zu sehen, als Eduard sich bald darauf empfahl, nochmals fr die Ehre
dankend, die Clara ihm erzeigt, indem sie seine Einladung angenommen hatte.
    Ehre? seufzte Clara, obgleich Eduard das Wort nur zufllig und achtlos
gewhlt, Ehre? - Ach mein Gott! -
    Auch William war der Schlu der Unterhaltung peinlich geworden. Es ist
Schade, sagte er, als Jener sich entfernt hatte, da man mit Eduard so gar
vorsichtig sein mu, weil man nur zu leicht die Saite seines Gemthes berhrt,
die ewig in Klagetnen erklingt, in Dissonanzen, fr die es nun einmal noch
keine Auflsung gibt. Oft thut es mir leid; aber man ist nicht immer dazu
geneigt, ber unabnderliche Verhltnisse zu sprechen und Theil an ihnen zu
nehmen; man will nicht immer Mitleid haben.
    Mitleid, fiel Clara ein, stolz aus der Seele des Geliebten antwortend,
verlangt denn Eduard Mitleid? Er will sein Recht, das Recht, welches man seinem
Volke und damit auch ihm selber vorenthlt. Wer darf mehr verlangen, frei und
den Besten gleichgestellt zu sein, als er? Und kannst Du ihn tadeln, da er in
jedem Augenblicke das Unrecht fhlt, welches ihm geschieht? da er den Gedanken
ausspricht, der zum Grundton seines Wesens geworden ist? Athmen und frei sein
mit seinem Volke, das ist ihm gleichbedeutend; er kann und will nicht schweigen
von Dem, was allein ihm Werth hat. Jeder Mann von Ehre mte so handeln; ich
begreife das vollkommen.
    So scheint es, sagte William etwas spttisch. Es ist nur zu bedauern, da
die Juden nicht viele solch eifrige Vertheidiger finden, als meine schne
Cousine, die ich von ihren Betrachtungen ber die Gleichstellung der Juden nicht
lnger abhalten will.
    Und verstimmt trennten sich die drei Menschen, die eben erst in schner
Freundschaft glckliche Stunden mit einander genossen hatten.

Lnger als bis zum folgenden Abende konnte Reinhard es nicht ertragen, von Jenny
entfernt zu sein. Mit seiner Mutter hatte er seit ihrer letzten Unterhaltung
keine Silbe ber seine Liebe gesprochen; und ein ngstliches, vorsichtiges
Schweigen hatte zwischen Mutter und Sohn geherrscht, die sonst in innigster
Mittheilung zu leben gewohnt waren. Da schlug am Abend des zweiten Tages die
alte Uhr des Wohnzimmers sieben heisere Schlge, und die Pfarrerin hrte, wie
Reinhard den Stuhl vom Schreibtisch schob und schnell in seinem Zimmer
umherging. Wenige Augenblicke darauf sah sie ihn, zum Ausgehen gerstet, bei
sich eintreten.
    Gehst Du aus, mein Sohn? fragte sie.
    Reinhard bejahte es. Die Pfarrerin schwieg. Da bog er sich hernieder, und
sagte schmeichelnd: Gib Deinem Sohne nur einen Abschiedsku. Wer wei, ob die
Tochter, die ich Dir bringe, mich nicht aus Deinem Herzen verdrngt! Dann kte
er die Mutter und eilte von dannen, ehe sie ihm Etwas entgegnen konnte. Was
htte sie ihm auch sagen sollen?
    Sie faltete die Hnde, und suchte, sein Schicksal dem Himmel anvertrauend,
Ruhe im Gebet.
    Je schneller Reinhard dem Meierschen Hause zugeeilt war, je auffallender
mute ihn der Gegensatz berraschen, der sich ihm eben heute zwischen der
stillen Wohnung seiner Mutter und dem Treiben in den reichgeschmckten Slen
darbot. Er hatte, wie es Jedem wol begegnet, sich lebhaft vorgestellt, wie er
Jenny, mit weiblicher Arbeit beschftigt, allein finden, wie sie ihn willkommen
heien, ihn um sein Ausbleiben fragen, und wie er ihr es dann endlich sagen
werde, da er sie liebe. Bis in die kleinsten Zge hinein hatte er sich das Bild
ausgemalt; es war ihm lieb geworden, und die Mglichkeit, da es sich anders
machen knne, hatte er sich nicht beikommen lassen. Um so unangenehmer war es
ihm, als der Diener ihn nicht in das gewhnliche Wohnzimmer, sondern in einen
der Sle fhrte, aus dem ihm schon von fern Erlau's frhliches Lachen
entgegentnte.
    Eine Menge Personen bewegten sich bei Reinhard's Ankunft unruhig
durcheinander. Erlau stand bei einer Theaterdecoration, die ein Gemuer
darstellte, und versuchte, einem jungen Offiziere die Arme in eine bestimmte
Stellung zu bringen. Nicht weit davon sa Therese mit einer Dame, Beide in weite
Tcher gehllt, die Kopf und Gestalt umgaben. Madame Meier spielte mit einem
Kinde, das ebenfalls bei den Bildern, die man probirte, beschftigt werden
sollte; kurz jeder der Anwesenden hatte nur Sinn fr die Probe, und Reinhard's
Eintritt wurde kaum beachtet. Wie anders hatte er es sich gedacht!
    Jenny war gar nicht in dem Zimmer. Er nherte sich Theresen und fragte nach
ihr; aber Therese hatte sie seit einer Weile nicht gesehen. Es wurde ihm
unheimlich in dem Getreibe, er wollte in ein Seitenzimmer und von da, wo
mglich, nach Hause gehen, als er, die Nebenstube betretend, Steinheim peroriren
hrte.
    Und warum soll denn nun urpltzlich aus dem Bilde nichts werden, von dem wir
uns so viel Effekt versprachen?
    Weil ich nicht will! war Jenny's kalte Antwort, die vor dem Spiegel stand
und ihre Locken ordnete.
    Aber das ist es eben, was ich frage, warum wollen Sie nicht? Sie selbst
hatten den Templer und die Jdin gewhlt; Sie sehen reizend in dem Turban aus;
der Hauptmann ist der stattlichste Templer. Gestern, noch heute frh, war Ihnen
Alles genehm, und nun? - Lset mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur!
    Jenny gab keine Antwort und beschftigte sich ruhig mit ihrer Frisur, bis
Erlau hineinstrmte. Holdes, angebetetes Frulein! rief er, keine Capricen; mein
schner Hauptmann steht mit ausgebreiteten Armen und sieht so sehnschtig und so
gttlich einfltig in die Ferne, da sich eine der Himmlischen erbarmen und in
seine Arme hinuntersteigen mte. Seien Sie nicht unerbittlicher! Sie sind immer
ein Engel, eine Gttin; warum wollen Sie nun absolut mit einem Male eine
wasserblaue schmachtende Madonna vorstellen? Sie, die der Himmel gleichsam fr
diese glhende Rebecca prdestinirte? Kommen Sie Frulein! oder der Hauptmann
kommt aus der Position!
    Ich habe Ihnen ja vorhin gesagt, lieber Erlau, mir gefllt das Bild nicht.
Zu dem Bendemann'schen bin ich bereit und will auch gern in irgend einem
biblischen Tableau stehen, sonst aber .......
    Whrend Jenny die ersten Worte sagte, gab Erlau Steinheim ein Zeichen, sich
zu entfernen, warf sich, ehe sie ausgesprochen, ihr zu Fen und rief mit
komischem Pathos: Aber kann denn ein Candidat der Theologie sich nur in einen
Heiligen verwandeln? Wie, wenn es mir gelnge, ihn zum Orden der Templer zu
bekehren?
    Jenny war erzrnt und wollte das Zimmer verlassen. Aber Erlau, dessen
Muthwillen man Vieles nachsah, hielt sie, darauf bauend, an der Hand zurck.
Sind Sie bse, Frulein! weil mein kleiner Finger mir einmal die Wahrheit gesagt
hat? fragte er. Sie sind nicht eigensinnig, ich kenne Sie; dahinter steckt die
Meinung Ihres Lehrers und Meisters, dem ich sehr gram sein wrde, wenn er nicht
das hohe Glck htte, Ihr und mein Freund zu sein. Wenn nun aber Reinhard selbst
.......
    Ich wte nicht, sagte Jenny mit einer erheuchelten Klte, die um so
schneidender erschien, je bewegter sie war, was Ihnen das Recht gibt, derlei zu
vermuthen? Herrn Reinhard's Meinung hat mit meinem Entschlusse Nichts zu
schaffen, gar Nichts! glauben Sie mir das.
    Erlau fhlte, da er leichtsinnig zu weit gegangen sei, er wute auch, da
sie nicht dachte, was sie sprach. Aber whrend er noch schwankte, was er thun
solle, sie zu begtigen, sah Jenny Reinhard pltzlich vor sich stehen. Das nahm
ihr alles Maa und alle Fassung. Sie versuchte zu lachen, setzte schnell den
rothen Turban auf, den sie zu der Rolle der Rebecca brauchte, gab dem
verwunderten Erlau den Arm und sagte: Kommen Sie! Sie sollen sehen, da ich
nachzugeben wei, und da ich meinen eigenen Willen habe.
    Damit ging sie mit dem Maler mit flchtigem Gru an Reinhard schnell vorber
in den groen Saal.
    Reinhard war wie versteinert. So vollkommen abstoend war ihm Jenny nie
zuvor erschienen. Schon der Ton, in welchem sie mit den Mnnern verkehrte, hatte
ihn verletzt; er konnte sich ihr Verhalten nicht erklren und ihre Aeuerung
ber ihn emprte sein ganzes Herz. Das also war der Lohn fr seine Liebe!
    Er hatte sich in einen Sessel geworfen, dann hatte er gehen wollen und war
doch geblieben. So ging die Zeit hin und er bemerkte es kaum. Er wute nicht,
was er wollte, kaum was er dachte. Es war ihm dumpf und trb zu Sinn. Mit einem
Male trat Therese an ihn heran. Sie hatte ihn gesucht und nahte ihm schchtern
mit der Frage: warum er die Gesellschaft verlassen habe? Reinhard antwortete
ausweichend. Es ist Schade, da Sie fortgingen, sagte Therese, Jenny sah so
schn aus als Rebecca. Es ist eine allgemeine Bewunderung und ich eilte nur
hinaus, um Sie zu suchen.
    Reinhard hrte dster brtend zu. Kommen Sie! bat Therese freundlich
dringend und bengstigt durch des jungen Mannes Schweigen, kommen Sie doch! und
sein Sie nicht so traurig, es thut mir gar zu leid! - Gutes Kind! seufzte
Reinhard aus tiefster Brust und ergriff Theresens Hand. So standen sie
beisammen, als Jenny mit einigen Andern in das Cabinet kam, und, sowie sie
Reinhard mit Theresen in dieser traulichen Vereinigung entdeckte, mit einem
leise unterdrckten Ausruf hinaus und auf ihr Zimmer eilte. Die Mutter, welcher
dieser Vorfall nicht entgangen war, folgte ihr sofort, aber kein Zureden
vermochte Jenny, den Grund ihrer pltzlichen Entfernung anzugeben oder wieder
zur Gesellschaft zurckzukehren; und die Mutter sah sich also genthigt, zu
erklren, ihre Tochter sei unwohl geworden, die groe Wrme des Zimmers habe es
vermuthlich dem sonst gesunden Mdchen angethan.
    Jenny lag indessen bitterlich weinend auf ihrem Ruhebette. Sie hatte
geglaubt, da Reinhard die Tableauxaufstellung nicht erwnscht sei, und
vielleicht nicht mit Unrecht gedacht, es sei ihm besonders unlieb, weil er als
knftiger Geistlicher an solchen Dingen keinen persnlichen Antheil nehmen
mochte und konnte. Sie hatte also allerlei Schwierigkeiten erhoben, um entweder
sich selbst davon frei zu machen oder Reinhard durch die Wahl irgend eines
Bildes, das er liebte, damit auszushnen. Es war ihr unangenehm gewesen, es
hatte sie gekrnkt, da er nicht zur Probe gekommen war, weil sie irrigerweise
geglaubt, ihn dazu eingeladen zu haben; und als Erlau's unbedachte Neckerei ihr
den Gedanken eingab, Reinhard knne sich gegen ihn der Herrschaft gerhmt haben,
die er ber sie htte, fhlte sie sich davon so verletzt, da sie theils aus
einer Art von Rache, theils aus hchster Verlegenheit die Worte sprach, die
unglcklicherweise Reinhard zum Zuhrer gehabt hatten. In heftigster Bewegung,
halb auer sich vor Schmerz und Zorn und Scham, war sie Erlau in den Saal
gefolgt. Sie probirte, scherzte und lachte, whrend das Herz ihr bitter wehe
that. Endlich war die Probe beendet; es trieb sie, Reinhard aufzusuchen, sich um
jeden Preis mit ihm zu verstndigen, die Qualen zu beenden, denen sie Beide
unterlagen. Sie wollte den Saal verlassen; ohne allen Rckhalt wollte sie zu dem
Geliebten sprechen; die demthigste Abbitte schien ihr nicht zu schwer - aber
die Fremden wichen nicht von ihrer Seite. Trotz dem eilte sie, in Reinhard's
Nhe zu kommen, um ihn wenigstens zu sehen. Da fand sie, wie sie glaubte,
Reinhard und Therese in zrtlich heimlichem Gesprche. Ihre beste Freundin, der
Mann, der ihr Alles war, hatten sie, wie sie glaubte, verrathen. Das war zu viel
fr ein so junges, heies Herz; sie eilte hinaus, sie war ihrer selbst nicht
mchtig.
    Jetzt in der Einsamkeit malte ihr die Phantasie geschftig tausend falsche
Bilder vor. Sie konnte nicht begreifen, wie dies Verhltni ihr so lange
verborgen geblieben sei; sie war emprt von so viel Falschheit und schauderte
entsetzt zusammen, als Therese zu ihr kam, um freundlich nach ihrem Ergehen zu
fragen.
    Um Alles in der Welt, sagte sie heftig, la mich allein, ich leide zu sehr.
    Darum komme ich ja eben! bat Therese theilnehmend.
    Nein, nur Du nicht, nur Du nicht! schluchzte Jenny. Dich kann ich nicht
sehen, Dich am wenigsten von Allen!
    Therese stand rathlos vor ihr. Sie verstand die Freundin nicht, sie
besorgte, da Jenny irre rede, und noch leiser sagte sie: Aber Jenny! kennst Du
mich denn nicht? Ich bin's ja, Deine Therese!
    Meine Therese? rief Jenny und lachte bitter auf - Du bist Reinhard's und
nicht mein! Fort! - Gehe zu ihm, aber gleich! - und sage ihm, wie elend Ihr mich
macht!
    Nun fiel pltzlich die Binde von den Augen der ahnunglosen Therese. Sie
fate Jenny in ihre Arme und fragte: Liebst Du denn Reinhard?
    O, unaussprechlich! so unaussprechlich, als ich elend bin, so wie Du ihn
liebst, so wie er Dich!
    Kaum hatte Jenny unter heien Thrnen diese Worte hervorgebracht, da flog
Therese zur Thre hinaus, die Treppe hinunter, suchte Reinhard und zog den
Ueberraschten mit sich fort. In derselben Eile fhrte sie ihn zu Jenny und trat
mit ihm vor sie hin, ohne da Reinhard den Vorgang begriff.
    Jenny weint um Sie, Reinhard! rief Therese ebenfalls weinend, sie ist
eiferschtig auf mich! und ehe sie noch vollendet, sank Reinhard vor dem
Ruhebette nieder und Jenny lag an seiner Brust.
    So vergingen selige Minuten. Dann war es Jenny zuerst, die ngstlich nach
den Eltern, nach Eduard verlangte, und Reinhard bat, mit Theresen hinunter zu
gehen und die Ihrigen wegen ihres Unwohlseins zu beruhigen, durch welches die
Fremden veranlat worden waren, sich frher als gewhnlich zu entfernen. Auch
Therese zog es vor, mit dem sie erwartenden Mdchen gleich nach Hause zu gehen,
und Reinhard blieb mit Jenny's Eltern in dem leeren Saal allein.
    Die Diener eilten mit gebrauchten Glsern hin und her, die Thren der
entferntern Zimmer wurden geschlossen, die Lampen ausgelscht. Die Mutter sa
ein wenig ermdet auf dem Sopha, ihr Mann ging, seine Cigarre rauchend, im
Zimmer umher. Die ganze Scene hatte etwas Unbehagliches, das sich auch dem
eintretenden Reinhard mittheilte.
    Er hatte, als er Jenny verlie, nur an ihre Liebe gedacht, die ihn
berechtigte, um sie zu werben. Nun er die Bitte bei den Eltern beginnen wollte,
berkam ihn wieder ein Gefhl von Demthigung bei dem Gedanken, da er ihnen fr
ihre Tochter nichts bieten knne, als seine Liebe, die denselben vielleicht
weniger ausreichend zum Glck des Lebens scheinen drfte, als ihm und Jenny.
Doch zgerte er keinen Augenblick, sich offen und frei auszusprechen, und seine
Befangenheit, jedes Gefhl von Ungleichheit verschwand, als er mit schner Wrme
von seiner Liebe und von dem Glcke sprach, das in derselben lge. Die Eltern
hrten bewegt und mit Wohlgefallen die feurigen Worte des jungen Mannes, der
ihnen werth geworden war und dem sie ihre volle Achtung nicht versagen konnten.
Reinhard war ein Mann, wie zrtliche Eltern ihn ihrem Kinde wnschen muten:
offenen Herzens, klaren Geistes und von den reinsten Sitten. Aber die Zerstrung
der Hoffnung, Jenny mit Joseph verbunden und das Bestehen seiner Handlung auf
diese Weise gesichert zu sehen, schmerzte den alten Herrn, dem freilich das
Glck der einzigen Tochter hher stand, als die Erfllung seiner
Lieblingswnsche.
    In diesem Sinne war seine Antwort anerkennend und ehrenvoll fr Reinhard. Er
bat ihn, ihm bis zum nchsten Tage Zeit zu gnnen, ehe er sein bindendes Wort zu
dieser Heirath aussprche; er msse erst mit sich, mit Jenny und den Seinen
einig werden, da ihm persnlich der Antrag ganz unerwartet gekommen sei. Mehr
konnte Reinhard eigentlich nicht verlangen. Er hatte es so voraussehen knnen,
und doch war er unzufrieden mit sich, mit Allem. Er wnschte Jenny noch einmal
zu sehen; aber das verweigerte die Mutter, besorgt, die neue Aufregung knne der
Tochter schdlich sein; doch versprach sie ihm, gleich zu Jenny zu gehen, ihr
das Ergebni der Unterredung mitzutheilen, und entlie Reinhard mit den Worten:
Gehen Sie, Lieber, und gren Sie Ihre Mutter; ich hoffe, wir sehen uns morgen
Alle, und zwar recht glcklich wieder.
    Je gespannter die Pfarrerin der Rckkehr ihres Sohnes geharrt hatte, um so
mehr erschreckte sie der Ernst in seinen Zgen. Er erzhlte ihr, wie Alles
gekommen war, wie er glaube, am Ziele seiner Hoffnungen zu stehen; er pries sich
glcklich, Jenny nun die Seine zu nennen, und doch fhlte seine Mutter, die ihn
kannte wie sich selbst, da irgend Etwas sein Glck stre. Und so war es
wirklich. Reinhard war durch Jenny's Betragen bei seiner Ankunft auf eine Weise
verletzt worden, die er so leicht nicht verschmerzen konnte. Zu einer
vershnenden Erklrung hatte der flchtige Augenblick nicht hingereicht, den
Jenny an seiner Brust gelegen: ein Glck, das er sich und der ruhigen Neigung
der Geliebten allein verdanken wollte, war ihm vom Zufall unerwartet zugeworfen,
in einem Augenblick, in dem er kaum in der Stimmung gewesen war, es zu empfangen
oder zu begehren. Nach der leidenschaftlichen kurzen Minute in Jenny's Armen
schien ihm das Betragen ihrer Aeltern kalt, und obgleich er sich fortwhrend
wiederholte, da er Jenny's Liebe besitze, da er seinen heiesten Wunsch
erfllt she, kam keine rechte Freude in seine Seele. - Tadeln wir ihn deshalb
nicht! Es gengt nicht immer, da wir an unser Ziel gelangen; es kommt
wesentlich darauf an, wie wir es erreichen.

Der morgende Tag wird fr das Seinige sorgen! mit den Worten verlie der alte
Meier am Abend seine Frau und Jenny, die noch lange beisammenblieben und, der
Vergangenheit gedenkend, tausend Entwrfe machten, wie es mglich zu machen sei,
da Mutter und Tochter nicht getrennt wrden, was bei Reinhard's Beruf leicht
der Fall sein konnte. Denn da der Vater seine Einwilligung geben wrde, da
Jenny ihm versichert, sie knne nicht glcklich sein, nicht leben, ohne
Reinhard, daran glaubten die Frauen nicht zweifeln zu drfen.
    Und doch war der alte Herr der Heirath lange nicht so geneigt, als die
Beiden glaubten; und die Morgenstunde fand ihn mit Eduard und Joseph, die er zu
sich beschieden hatte, in ernster Berathung. Er theilte ihnen die Vorgnge des
letzten Abends mit und fand zu seiner Verwunderung, da man sie gewissermaen
erwartet hatte. Eduard bekannte, er habe seit lngerer Zeit eine Neigung Jenny's
und Reinhard's zu einander vermuthet, habe aber absichtlich geschwiegen, weil
dergleichen Verhltnisse wie eine Aeols-Harfe wren, die man bei der leisesten
Berhrung hell erklingen mache; und er habe andrerseits die Ueberzeugung gehegt,
da die Aeltern keinen Grund irgend einer Art haben knnten, dieser Neigung
entgegen zu sein, da ihnen Allen Reinhard als einer der tchtigsten Menschen
bekannt sei.
    Was Du da sagst, mein Sohn, sprach der Vater, ist grtentheils wahr. Ich
finde es auch begreiflich, wie gerade Dir - Eduard wurde verwirrt, - eine
Heirath aus Neigung so unerllich scheint, da alle andern Rcksichten davor
schweigen. Anders aber urtheilt man in meinen Jahren, als in den Euren.
    Und doch, wandte Eduard ein, hast Du, lieber Vater! bei der Wahl Deiner
Gattin nur Dein Herz gefragt.
    Das, glcklicherweise, ergnzte der Vater, nirgend gegen Bestehendes zu
kmpfen hatte. Doch das gehrt nicht hierher. In einer Stunde, wie diese, mssen
falsche Rcksichten nicht beachtet werden: ich sage es daher offen, wir Alle
wissen, da Joseph Jenny liebt. Mir war das sehr erwnscht, denn es war mein
fester Wille, sie ihm zur Frau zu geben, und Dich, Joseph, den ich wie einen
Sohn liebe, wirklich zu meinem Sohne zu machen.
    Ich wei das, lieber Onkel! aber Jenny hat keine Neigung fr mich, und sie
wrde vielleicht mit mir, wie ich nun einmal bin, auch ohne Reinhard's
Dazwischentreten nicht glcklich geworden sein! sagte Joseph, seine innere
Bewegung mit Gelassenheit bekmpfend.
    Wollte Gott, ich knnte sie Reinhard mit solcher Zuversicht anvertrauen, als
Dir, entgegnete der Vater und drckte ihm die Hand.
    Es entstand eine peinliche Pause. Eduard, der hier zwischen seinen besten
Freunden entscheiden sollte, fhlte fr Beide lebhafte Theilnahme. Er gnnte
Reinhard und Jenny ein Glck, das ihn seine Liebe in voller Gre erkennen lie,
und er empfand in Joseph's Seele, was Entsagung zu bedeuten habe. Das Mitrauen
seines Vaters gegen Reinhard aber bewog ihn endlich, das Schweigen mit der
Bemerkung zu unterbrechen, wie ihm, der Reinhard seit Jahren kenne, dessen
Charakter ein sicherer Brge fr Jenny's Zukunft sei.
    Da irrst Du! entgegnete der Vater. Ich achte Reinhard und erkenne seine
Vorzge an, aber er lebt in einer Ideenwelt. Solche Menschen sind mir bedenklich
und taugen nicht fr die Ehe. Weil er mit der hchsten Anstrengung und allem
Ernste daran arbeitet, die Vollkommenheit, die er im Auge hat, sein Ideal eines
Menschen, zu erreichen, darum glaubt er sich berechtigt, auch an Andere die
gleichen Ansprche zu machen. So wie er das Leben, die Liebe auffat, sind sie
nicht, und die Ehe, die sittliche Feststellung der Verbindung der beiden
Geschlechter, bleibt trotz der hchsten Liebe, die zwei treffliche Menschen
verbindet, immerdar hinter Dem zurck, was einem jungen Manne oder Weibe als
Ideal vorschweben mag! Der Ruhige, der Besonnene findet sich darin und trstet
sich mit dem Guten, das sich ihm in der Ehe offenbart, ber Das, was nicht zu
erreichen ist - das aber, frchte ich, will und kann Reinhard nicht. Weil er
Jenny liebt, erscheint sie ihm geeignet, das Ideal einer Hausfrau, einer Gattin
zu werden, wie er sie sich trumt; er wird es deshalb auch verlangen, da sie
sein Ideal verwirklicht, und, wie ich ihn beurtheile, nur zu geneigt sein, ihr
aus den Unvollkommenheiten des Menschen berhaupt, einen persnlichen Fehler zu
machen. Mit einem Worte, Reinhard hat eine Art Ueberspannung in seinen Gefhlen,
die mich fr Jenny's Glck besorgt macht.
    Eduard konnte nicht leugnen, da die Bemerkung seines Vaters Wahrheit
enthalte, vertheidigte den Freund aber lebhaft und meinte, sein Vater verfalle
selber in den Fehler, den er an Reinhard rge; er verlange, da Reinhard
vollkommen sein solle.
    Nein! sagte der Vater, aber da ich es Euch gerade herausgestehe, mir ist
eigentlich nichts genehm bei diesem Antrage. Jenny soll Christin werden, auch
das steht mir nicht an.
    Und doch wnscht sie eben das! bemerkte Joseph.
    Nicht doch, mein Sohn! Sie wnscht Nichts als Reinhard's Frau zu werden; das
Christenthum ist ihr ein Mittel fr den Zweck, das glaube mir. Und gerade auch
das macht mich besorgt. Reinhard ist zu strengglubig, um duldsam sein zu
knnen, und Jenny hat zum Glauben viel zu viel Verstand.
    Eduard schttelte den Kopf. Wen das Weib liebt, dem glaubt sie! sagte er.
Jeder Mann ist seiner Geliebten der Verknder eines neuen Glaubens; Liebe ist
die Offenbarung, in der das Weib den Geliebten als den gottgesandten Messias
erblickt. Wenn Jenny wahrhaft liebt, wie ich gewi bin, wird sie glauben, woran
sie will! Sie wird glcklich machen und das ist genug, um auch glcklich zu
sein.
    Meinst Du? fragte der Vater - Die Mutter ist nur zu sehr fr den Plan
eingenommen, ihr ist es lieb, da Jenny Christin wird, sie schtzt die Pfarrerin
und Reinhard hoch - und gewi! das thue ich auch. Nur will mich's trotz alle dem
bednken, als ob Jenny und Reinhard nicht zusammengehren. Da nun Reinhard
glcklicherweise noch keine Stelle hat, so will ich meine Einwilligung, wenn ich
sie denn geben mu, nur unter der Bedingung gewhren, da man die Verlobung
geheim hlt, bis Reinhard ein Amt erhalten haben wird.
    Dagegen machte Eduard Einwendungen. Auch Joseph meinte, da eben dies
Brautpaar nicht dazu geeignet wre, in solch geheimgehaltenem Verhltni Ruhe
und Glck zu finden.
    Ich wei aus Erfahrung, sagte Joseph, Reinhard ist eiferschtig und Jenny's
Lebhaftigkeit allein kann dabei schon Anla zu tausend Mihelligkeiten geben.
Auch sehe ich nicht ab, lieber Onkel! was Du eigentlich gegen die Bekanntmachung
der Verlobung hast?
    Was ich dagegen habe? rief der alte Herr nun heftig aus. Jenny ist eins der
reichsten Mdchen der Stadt, sie ist schn, klug und kaum erwachsen. Mein Name,
mein Haus ist der geachtetsten eines - solch Mdchen mute mir Dich oder einen
andern Schwiegersohn bringen, der meinem Hause Ehre machte, dem ich die Firma
bergeben, den ich den Leuten zeigen konnte. Ihr wit, da meiner Kinder Glck
in erster Linie bei mir steht, aber ich bin nicht allein Vater, ich bin auch
Kaufmann. Auch mein Haus ist ein Theil meines Ich's und es will mir nicht in den
Sinn, da meine einzige Tochter sich mit einem Studenten oder Candidaten
verlobe, von dem man gar nichts wei, als da er wegen Demagogie in Untersuchung
gewesen ist. Und, fgte er pltzlich weicher hinzu, der vielleicht in seinem
Stolze noch glaubt, ein Opfer zu bringen, mir eine Ehre zu erzeigen, indem er
ein Judenmdchen, diese Perle von einem Mdchen, zum Weibe nimmt.
    Und wieder entstand eine Pause. Der Vater ging rasch im Zimmer umher, bis
Eduard und Joseph das Thema nochmals aufnahmen, als er ruhiger zu werden schien.
Sie erinnerten ihn an die vortheilhafte Meinung, die er selbst stets von
Reinhard gehegt, sie warfen ihm vor, einer Art von Hochmuth mehr Gehr zu geben
als seinem Herzen. Joseph schilderte die Scene, die er einst mit Jenny erlebt,
als er ihr abgerathen hatte, zum Christenthume berzutreten; er versicherte,
Jenny's Hand nie annehmen zu wollen, wenn sie nicht zugleich ihr ungetheiltes
Herz ihm geben knnte, und Beide schlossen in der Ueberzeugung, da Jenny nicht
von Reinhard lassen, da man eine so innige Neigung nicht ohne entschiedene
Grnde trennen drfe, und da dem Vater daher nichts brig bleibe, als seine
Zustimmung zu geben.
    Das ist es eben, was mich so verdriet! sagte er, schon wieder freier
geworden. Ich habe keinen recht vernnftigen Grund, meine Einwilligung zu
verweigern, und doch mcht' ich es gerne, wenn ich Jenny's Zukunft recht
bedenke. Zur Pfarrersfrau ist sie einmal nicht gemacht, und wir mssen darauf
denken, fr Reinhard eine andere Stellung zu gewinnen! -
    Als die Unterhandlungen so weit gediehen waren, nahmen sie eine leichtere,
fast geschftliche Richtung an. Man sprach davon, ob und wie man Reinhard
bewegen knne, eine andere Carriere, etwa die academische, zu erwhlen. Eduard
bezweifelte, da sein Freund darein willigen werde. Joseph meinte, wenn Jenny
ihn ernstlich darum bte, msse er es thun, da es im Grunde gleichviel sei, ob
er selbst Pfarrer werde oder die jungen Leute zu Geistlichen nach seinem Sinne
bilde; und der Vater sagte ziemlich dictatorisch: Fr das Opfer, das ich bringe,
fr das Mdchen, das er bekommt, habe ich das Recht, auch von seiner Seite auf
Fgsamkeit zu rechnen; und - so sei es denn! Jenny wird Reinhard's Frau! schlo
er lchelnd, aber mit einem tiefen Seufzer, der ein Echo in Joseph's Herzen
fand. -
    Und nun, mein Freund, sprach der alte Herr zu Joseph, la auch uns in's
Reine mit einander kommen. Ich hielt Dich bisher in meinem Hause fest, weil ich
hoffte, es Dir als Jenny's Mitgift einst zu bergeben. Der Plan zerfllt, und
ich mu es Deiner Neigung berlassen, ob und unter welchen Verhltnissen Du
knftig bei mir bleiben willst. Ich she Dich ungern von uns scheiden, indessen
......
    Ich bleibe, Onkel! rief Joseph mit einem Handschlag, den der Onkel und
Eduard fest erwiderten, und die drei Mnner wuten, wie sie auf einander zhlen
konnten.
    Dann berieth man noch, da Joseph als Compagnon in das Geschft seines
Onkels eintreten solle. Und wenn Du, sagte dieser, Dir einst eine Frau whlst
und mir dadurch eine zweite Tochter bringst, so mag sich Herr Eduard seine
eigene Wohnung suchen. Der Compagnon des alten Meier wohnt auch in dessen Hause.
    Man wollte scherzen, es kam ihnen aber nicht aus der Seele, und man ging
nach dem Wohnzimmer, in der Hoffnung, die kleine Braut zu begren.

Es wrde vergebens sein, das Glck der Verlobten zu schildern. Frhlicher,
hingebender konnte kein Wesen gedacht werden als Jenny, und selbst der Vater
shnte sich mit dem Gedanken an diese Verbindung aus, als er die Tochter so voll
Freude sah. Die engsten Bande umschlangen den kleinen Kreis. Die Pfarrerin und
Jenny's Mutter waren erfreut, nun fr immer durch ihre Kinder zusammenzugehren,
und sahen wohlgefllig auf das schne Paar, das seines Glckes tglich bewuter
zu werden schien. Joseph's edler Sinn htte es fr ein Unrecht gehalten, durch
das leiseste Zeichen von Bedauern, von Verstimmung, die allgemeine Freude zu
trben, und als an dem Verlobungsmorgen Reinhard ihn allein fand und ber ihr
frheres Zusammentreffen an jenem Abend vershnend zu sprechen begann, gab ihm
Joseph die Hand und sagte: Machen Sie Jenny so glcklich, da ich nie den Vorzug
bedauere, den sie Ihnen gegeben; dann ist weiter nichts darber zu sagen.
    Eduard allein war wehmthig gestimmt. Das Glck, dessen Zeuge er war, rief
die Sehnsucht nach gleicher Befriedigung in ihm hervor und aufs Neue begann der
Kampf in ihm, den seit Monden seine Liebe und sein Gewissen fhrten. Am
sonderbarsten aber erschien Therese in der allgemeinen Freude. Es kam ihr vor,
als ob Jenny's Glck allein ihr Werk sei; sie gab sich das Ansehen einer
Beschtzerin und that so verstndig und altklug, da die Andern nicht aufhren
konnten darber zu lachen.
    Lacht nur immerfort, sagte sie mit Stolz, wre ich Euch an jenem
unglcklichen Probeabend nicht zu Hlfe gekommen, Ihr wret noch, Gott wei, wie
weit vom Lachen!
    Und ganz unrecht hatte sie nicht; nur da sie sich und ihrer Ueberlegung
zuschrieb, was Eingebung des drngenden Momentes gewesen war, und da sie es
ganz in der Ordnung fand, wenn Reinhard und seine Braut sie scherzend den
Schutzgeist ihrer Liebe nannten.
    Man war bereingekommen, da nur noch einige Tage bis zum Sylvester fehlten,
an dem gewhnlich ein Ball im Meierschen Hause zu sein pflegte, an diesem Abende
das junge Paar als Verlobte vorzustellen. Niemand, so wnschte die Mutter,
sollte vorher davon benachrichtigt werden. Man wollte die Bilder gleich am
Anfange des Abends aufstellen, um nachher beim Beginn des neuen Jahres das
Brautpaar als den Mittelpunkt des Festes zu feiern. Nach Reinhard's Geschmack
war das nun freilich nicht und er sprach sich gegen Eduard darber aus.
    Was kannst Du denn dagegen haben? fragte ihn dieser.
    Ich mag solch lautes Glck nicht. Liebe bedarf nicht des Trompetentusches;
wahrhaft beglckt sie nur in der Stille, und solch ein Geprnge ist mir
berhaupt zuwider.
    Sei nicht wunderlich, bedeutete ihn Eduard. Bis zum Sylvesterabend hast Du
Dein Glck fast eine Woche lang still genossen, und Du mut dann auch damit
zufrieden sein, es auf die Weise bekannt machen zu lassen, die meinem Vater
zusagt.
    Was gibt es da bekannt zu machen? sagte Reinhard verdrielich. Was kmmert
es die Fremden? Und die Bekannten ahnen es wohl Alle, seit sie mich tglich und
zu allen Stunden in Eurem Hause sehen. Du glaubst es nicht, wie solche prunkende
Schaustellungen mir zuwider sind.
    Prunkende Schaustellungen? fragte Eduard; die hat man meinen Eltern niemals
vorgeworfen, und ich wte nicht, wie sie jetzt mit einem Male dazu kommen
sollten?
    Du meinst, sagte Reinhard rasch, die Verlobung mit einem Candidaten der
Theologie sei eben kein Ereigni, auf das man besonders stolz zu sein brauchte!
Da hast Du recht, und vielleicht bin ich so sehr gegen diese Ballparade, weil
ich das selbst empfinde. Vielleicht wre ich weniger dagegen, wenn ich mit Rang
und Wrden auftrte, so aber ......
    In Eduard's Seele war wirklich kein Gedanke der Art gekommen. Er empfand
seines Schwagers Aeuerung fast wie eine Beleidigung; doch hatte er sich von je
gewhnt, in diesem Punkte, in dem Reinhard von kranker Empfindlichkeit war,
Nachsicht und Schonung gegen ihn zu ben. Er lie ihn also nicht zu Ende
sprechen. Gnne uns doch die Freude, zu zeigen, da Jenny eine Wahl getroffen,
sagte er, die uns lieber ist, als alle Leute von Rang und Wrden, die sie
ausgeschlagen! -
    Damit war die Sache abgethan; aber Eduard fhlte, da seines Vaters Ansicht
von Reinhard nicht ungegrndet sei, und auch ihm wurde bange, ob der, den er mit
vollstem Vertrauen seinen Freund nannte, sich zu Jenny's Gatten eigne. Doch war
das nur eine vorbergehende Idee, die bald verschwand, wenn er sah, wie
Reinhard's ganzes Wesen, seine stolze Klte, seine schroffe Abgeschlossenheit
vor einem Blicke Jenny's sich in Liebe auflsten; wie er in einer andern Luft zu
athmen, Alles in anderm Lichte zu sehen schien, wenn er sich in der Nhe seiner
Braut befand.
    Unter Vorbereitungen mancher Art kam der Sylvesterabend heran. Man hatte die
Sle des Hauses mehr als gewhnlich ausgeschmckt, und selbst die Freunde des
Hauses ahnten heute irgend etwas Besonderes, obgleich Herr Meier immer
Wohlgefallen daran hatte, sein Haus in einer gewissen Eleganz zu zeigen. Nach
den ersten Tnzen wurde die Gesellschaft in das Treibhaus gefhrt, das fr die
Aufstellung der Tableaux eingerichtet war.
    Man hatte als erstes Bild Bendemann's Trauernde Juden gewhlt, die in der
letzten Ausstellung mit groem Beifall aufgenommen worden waren. Die breiten
Thrflgel, welche das Treibhaus von dem Saale trennten, waren zurckgeschlagen.
Sie bildeten einen Rahmen, der die Bilder einschlo, und ein allgemeiner Ruf der
Bewunderung wurde laut, als das Aufziehen des Vorhanges das Bild enthllte, fr
das die herrlichen Tropengewchse des Treibhauses den Hintergrund gaben.
    Steinheim, der den Greis darstellte, war durch seine krftige Gestalt und
sein ausdrucksvolles Gesicht, das durch den knstlichen Bart und die
orientalische Kopfbedeckung an Bedeutung gewann, vortrefflich fr seine Rolle
geeignet. Eine junge Verwandte des Hauses, die seit einigen Jahren verheirathet
und Mutter des Knaben war, dessen wir schon bei der Probe gedachten, stellte die
junge Frau mit dem Kinde vor. Zu Steinheim's Fen ruhte, verhllten Angesichts,
Therese, und, die rechte Hand auf die Laute gelehnt, das schne Haupt auf den
andern Arm gesttzt, sa Jenny an Steinheim's Seite. Man konnte nichts Edleres,
nichts Ergreifenderes sehen, als den Ausdruck hoffnungsloser Trauer in ihren
jugendlichen Zgen.
    Darber war nur Eine Stimme, da diese Darstellung einen lebhafteren
Eindruck mache, als Bendemann's Bild selbst, whrend sonst fast immer
dergleichen weit hinter dem Originale zurck bleibt. Man konnte nicht genug
sehen und bewundern, und Erlau mute endlich, trotz aller Bitten, den Vorhang
herunter lassen, um die Mitwirkenden nicht zu sehr zu ermden.
    Kaum sah Reinhard seine Braut das Treibhaus verlassen, um ihr Costm auf
ihrer Stube zu wechseln, als er ihr nacheilte. Er wnschte sie einen Augenblick
allein zu sehen, was ihm bis dahin nicht gelungen war, da er versprochen hatte,
durch keine auffallende Annherung den Aeltern die Freude der Ueberraschung zu
verderben. Voll Liebe flog Jenny ihm entgegen; ihre Arme schlangen sich um
seinen Hals, und als er sie umfate, hob er die kleine anmuthige Gestalt in die
Hhe und lie sie nur ungern zur Erde hinunter, als sie lachend ausrief: Du
weit wohl, mein Himmel ist in Deinen Armen, aber da heute auf Erden Sylvester
und Ball bei uns ist, so werde ich doch nun zu den Erdenshnen hinuntereilen
mssen, also la mich fort! bat sie und wollte sich ihm entziehen.
    Reinhard aber hinderte sie daran. La mich noch einmal in Deine Augen sehen,
bat er. O! rief er dann und kte trunken Jenny's lange Wimpern, die sen Augen
sind ja licht und frhlich - nun bin ich ruhig, nun geh' mein Lieb!
    Jenny fragte scherzend, was er denn in ihren Augen heute besonders zu finden
geglaubt?
    Den Schmerz, den sie ausgedrckt, als Du in dem Bilde gesessen, sagte er.
Wenn ich Dich jemals so traurig sehen mte, wenn ich es sehen mte und knnte
den Schmerz aus Deinen Zgen nicht verscheuchen, wie unglcklich wrde ich dann
sein!
    Welch ein Gedanke! Wie kommst Du nur darauf? fragte sie ihn ngstlich.
    Wei ich's? antwortete er. Dort im Saale, als sie in Deiner Bewunderung kein
Ende finden konnten, verdro es mich, da Du auch fr Andere schn bist, da ich
den Genu, Dich anzustaunen, mit gleichgltigen Menschen theilen soll. Ich
wnschte Dich fort von hier, wo kein Auge Dich she als meines; wie ich es
damals wnschte, als Du mich im Figaro errathen lassen, was ich kaum zu hoffen
gewagt hatte. Dann berfiel mich wieder der Gedanke, ob ich allein Dir gengen,
Dir Ersatz fr die ganze brige Welt sein knnte, wie Du mir! - Wenn ich Dich
einst weniger glcklich sehen mte, als in dieser Stunde, wenn Du es je bereuen
knntest, die Meine geworden zu sein! rief er, und prete sie so heftig an sich,
da sie davor erschrack und abwehrend bat, er mge sie lassen; er aber drckte
sie nur fester an sich und sagte: Sieh, da ich Dich so halten kann mit starkem
Arm, da Du nun mein bist, meinem Willen angehrend - o! schilt mich nicht roh,
nicht ungromthig - da Du von mir, von meinem Wollen abhngst, das macht mich
glcklich, ja das macht mich glcklich! - Bei den Worten lie er sie pltzlich
los, kte sanft und still ihre Stirne, streichelte ihr Haar und schickte sich
an, sie zu verlassen. Da war es Jenny, die ihn zurckhielt und, indem sie ihre
Hnde in den seinen ruhen lie, sank sie langsam vor ihm nieder und flsterte in
Liebe aufgelst: So bin ich Dein, Du Starker, so ganz Dein! mein Schicksal ist
fortan in Deiner Hand. -
    Die Mutter, welche Jenny vermite, kam sie holen, damit ihre Abwesenheit
nicht bemerkt werde. Hughes, dem sie den nchsten Tanz versprochen, hatte sie
bereits gesucht und sich, seine Tnzerin erwartend, zu Erlau gesellt, der im
Treibhause die Decorationen fr das nchste Bild anordnete.
    Wenn ich nur wte, sagte er, worin es lag, da dieses Bild heute einen so
mchtigen Eindruck auf mich machte, whrend das Original, trotz seiner Vorzge,
mich doch ziemlich kalt lie?
    Das will ich Ihnen wohl sagen, theurer Sir! antwortete Erlau, und ich bilde
mir nicht wenig darauf ein, mit dieser Aufstellung die Wirkung gemacht zu haben,
die es heute auf Jeden hervorgebracht hat. Sie haben heute zum ersten Mal
trauernde Juden gesehen, whrend Bendemann trauernde Dsseldorfer in
fremdartiger Kleidung gemalt hat!
    Hughes gab zu, da Erlau recht haben knne. -
    Gewi habe ich recht. Ich hatte, als ich in dem Katalog der Ausstellung
Trauernde Juden von Bendemann las, eine rechte Herzensfreude. Ich liebe die
Juden; sie sind nicht mehr Das, was sie vor tausend Jahren gewesen sein mgen,
aber es ist noch Originalitt, Race in ihnen, und darum sind sie fr den Maler
interessant. Nun dachte ich, wenn ein Jude den Muth hat, Juden zu malen, wenn
dieser Maler Bendemann ist, da mu es ein Stck Arbeit werden, das Hand und Fu
hat. Ich dachte, er wrde sich kstliche Gestalten, ppige Weiber mit
Flammenaugen gewhlt haben - nicht doch! so weit reicht sein Muth nicht. Er
nimmt ein Sujet aus dem Judenthume, aber er tauft seine Juden sammt und sonders,
er bersetzt sie fein suberlich ins Dsseldorf'sche, und nun sitzen die
deutschen Mnner und Weibsen, und sehen, so hbsch sie sind, doch nur aus, wie
Dsseldorfer Grtner, denen die Raupen den Kohl aufgefressen haben.
    Hughes lachte -
    Was ist da zu lachen? fragte Erlau, der ganz ernsthaft wurde, sobald es die
Kunst galt, die er heilig hielt. Gestehen Sie, es ist, wie ich sage. Ist schon
irgend ein Mensch so thricht gewesen, sich blonde, deutsche Modelle zu nehmen,
wenn er neapolitanische Fischer malen wollte? Das thut Niemand. Wrde nicht alle
Welt lachen, es abgeschmackt finden, wenn man Zigeuner mit der Physiognomie
eines phlegmatischen Hollnders malte? - oder Paria's mit goldblonden Locken und
einer Lilienhaut? Auch dem Paria mu sein Recht werden, sonst lat ihn lieber
ungemalt und ungeschoren; und dasselbe verlange ich fr die Juden. Sehen Sie
einmal den Steinheim, die Jenny an; denken Sie an das junge Weib, das sie heute
im Tableau gesehen; sind das nicht Kpfe, die sich mit allen italienischen
Modellen messen knnen? -
    Hughes gab es zu, da auch ihm, trotz der widerwrtigen Carricaturen, die
man unter den Juden she, eine Menge wahrer Schnheiten sowohl unter Mnnern als
Frauen aufgefallen wren.
    Das sage ich ja, eiferte der Maler. Es ist mit den Juden wie mit den
Frstenhusern und dem hohen Adel, die sich auch so untereinander rekrutiren.
Die Race artet aus ins Krppelhafte oder sie veredelt sich. Sehen Sie die feinen
Glieder, die schnen dunklen Augen, die Ueppigkeit des Orients, die finden Sie
heute noch oft bei den Juden und die Beweglichkeit ihrer Zge empfiehlt sie dem
Maler. Darum whlte ich heute das Bild und diese Personen zu dem Bilde; und ich
wollte, Bendemann selbst htte es gesehen. Da er sich hoffentlich nicht schmt,
ein Jude zu sein, htte er an dieser Darstellung vielleicht den Muth gewonnen,
auch Juden zu malen; denn, unter uns gesagt, feig sind die Juden doch! -
    Mowbray Du lgst! rief Steinheim's Stimme dazwischen, der, mit Eduard
eintretend, die letzten Worte hrte.
    Leider lgt er nicht, sagte Eduard ernsthaft, wenn er von moralischem Muthe
spricht. Denn jene sogenannte Courage, die jeder Raufbold in sich erzwingt, um
whrend eines Duells oder sonst einer Viertelstunde Parade zu machen, die
schlage ich sehr gering an. Der Feigste, wenn er nur eitel genug ist, sich zu
schmen, bringt das zu Stande. Aber der moralische Muth, der fehlt uns.
Jahrhunderte lang hat die Sklaverei auf uns gelegen und das Volk so gedrckt,
da es sich glcklich fhlt, Ruhe zu genieen, anstatt mit aller Kraft die
Rechte zu fordern, die man uns vorenthlt!
    Wahr ist's, bekrftigte Hughes, und um so auffallender, als man nicht
leugnen kann, da es verhltnimig eine Menge von Fhigkeiten und Talenten
unter Ihrem Volke gibt. Mich wundert, da diese sich nicht durch die ganze Erde
vereinen, da sie nicht alle ihre Mittel aufbieten, um zum Ziele, zur
Gleichstellung zu gelangen.
    Weil sie das nicht thun, nannte ich sie feig, sagte begtigend Erlau, dem es
unangenehm war, jene Aeuerung gethan zu haben.
    Und mit Recht, war Eduard's Antwort. Was Du mir ber Bendemann's Trauernde
Juden neulich sagtest, war vollkommen wahr; inde so machen sie es alle.
Michael Beer, der die Schmach der Unterdrckung auch sehr lebhaft fhlte, den es
drngte, die Ungerechtigkeit darzustellen, machte ein Trauerspiel daraus. Aber
er schilderte nicht das Elend seines Volkes; damit htte er ja daran erinnert,
da er selbst ein Jude sei: er malte lieber die Unterdrckung sub rosa, er
schrieb den Paria und dachte, vielleicht versteht man meine Meinung, und ich
habe doch nichts gesagt, wenn man sie nicht verstehen will. Das ist Feigheit.
    Und Thorheit obenein, sagte Steinheim. Die Geschichte hat bis jetzt kein
Beispiel, da irgend eine Unterdrckung aufgehoben worden wre, weil der
Unterdrcker in gromthiger Laune sagte: Car tel est mon plaisir, auer der
Bertha im Tell, die abgehend ihr und frei erklr' ich alle meine Knechte,
ausruft. Es heit im Christenthume: Bittet, so wird euch gegeben, klopfet an,
so wird euch aufgethan, und es wre Zeit, da die Juden tchtig anklopften,
wenn das Bitten nicht hilft, und die Christen zeigen mten, ob sie den Spruch
ihres Heilandes zu erfllen bereit sind.
    Erlau hatte whrend der Unterhaltung nicht nach den Vorbereitungen zu dem
nchsten Bilde gesehen. Ein Diener kam ihn daran zu erinnern, meldend, da die
Herren und Damen bereits angekleidet wren. Das machte dem Gesprch ein Ende,
weil Erlau die Herren bat, ihn zu verlassen. Aber wir kommen nchstens auf dies
Thema zurck, das gerade auch fr den Unparteiischen eine psychologisch
interessante Seite unsers Jahrhunderts zeigt, sagte er, als die Andern davon
gingen. Da blieb Steinheim stehen und sprach: Greift nur hinein ins volle
Menschenleben! Ein Jeder lebt's, nicht Vielen ist's bekannt, und wo Ihr's packt,
da ist's interessant!
    Zehn Minuten spter ffnete sich das Treibhaus der Schaulust auf's Neue und
einige glcklich gewhlte Bilder folgten rasch auf einander. Den Beschlu
machten Jenny und der Hauptmann mit der Scene aus dem Ivanhoe; und als eben der
Vorhang vor dem letzten Bilde gefallen war, schlug die letzte Stunde des alten
Jahres.
    Einen Augenblick schwieg Alles in ahnender Ungewiheit, in Rckerinnerung
und Erwartung; dann ging ein frhliches Leben an. Glckwnsche und Scherze
flogen von Mund zu Mund; Freunde suchten sich gegenseitig; Eltern und Kinder
hatten sich, wenn auch nur fr einen Augenblick, vereint, und ganz natrlich
hatten auch Reinhard und Jenny sich gefunden, um den Anfang des neuen Jahres,
mit dem fr sie ein neues gemeinsames Leben beginnen sollte, gemeinsam zu
begren.
    Nchsten Sylvester sind wir allein in unserm Hause, flsterte Reinhard in
Jenny's Ohr, ihre Hand in der seinigen drckend, als der Vater sie zu holen kam.
Er trat mit Jenny und Reinhard in die Mitte des Zimmers und sprach zur
Gesellschaft gewendet:
    Erlauben Sie mir, meine Freunde, Ihnen beim Beginn des neuen Jahres ein
neues Mitglied meiner Familie vorzustellen. Herr Reinhard und meine Tochter sind
seit acht Tagen verlobt und ich empfehle dies junge Paar Ihrer Freundschaft.
    Greres Erstaunen htte die unerwartete Ankunft des Grosultans nicht
erregen knnen, als diese einfachen Worte. Des Fragens, Wunderns, Glckwnschens
war kein Ende; und mancher junge Mann sah mit Neid auf Reinhard, an dessen Arm
Jenny, noch im Costme der Rebecca, durch die Zimmer ging. Sie sah schn aus in
der prachtvollen Kleidung, das Haar mit Brillanten durchflochten, den weien
Turban auf die schwarzen Locken gedrckt; und Reinhard konnte nicht unterlassen,
sie nochmals zu seiner Mutter zu fhren, um auch von ihr zu hren, wie schn
seine Jenny sei. Niemand wollte erlauben, da sie sich entferne, um ihre
Kleidung zu wechseln. Einige ltere Damen, die neben der Pfarrerin standen,
hielten die holde Braut mit freundlichen Worten zurck; da trat auch Erlau
glckwnschend hinzu und sagte leise: So ganz unrecht hatte ich also neulich
doch nicht, als ich von dem Einflu und der Erlaubni eines gewissen Theologen
sprach? -
    Sie sind ein arger Sptter und haben mir damals eine traurige Stunde
bereitet! entgegnete ihm Jenny und mute dann der Pfarrerin erzhlen, was
Erlau's Worte zu bedeuten htten.
    Den Zeitraum benutzte der Maler, Reinhard in seiner gewohnten Art zu
gratuliren. Dir, Du Mann Gottes, hat es der Herr wahrhaftig im Schlafe gegeben,
sagte er. Da setzt sich der Mensch hin und langweilt das arme Kind zwei Jahre
lang mit alten, unntzen Geschichten, nach denen kein Hahn mehr krht, und hat
gewi wacker auf den gottlosen Paris geschimpft, der die Helena entfhrte und
den braven Menelaus mit langer Nase stehen lie. Nun aber, ehe man sich's
versieht, hat er selbst die Schnste am Arme, geht mit ihr davon und lt uns 
la Menelaus zurck. Ich glaube, auch meine Nase mu sich in diesem kritischen
Moment ein wenig verlngern, und Steinheim's und des armen Joseph's
Riechwerkzeuge wachsen gigantisch. - Halt, glckseliger Brutigam, fuhr er fort,
als Reinhard davon gehen wollte, so kommst Du mir nicht los! Da Du mich neulich
veranlat hast, dem schnen Mdchen eine trbe Stunde zu machen, das mag Dir
Gott vergeben! Und knftig machst Du den Templer, wenn Jenny es will, Du
seltener Tugendritter! - Mit der Keuschheit und der Armuth wird's nun bald ein
Ende haben, wie der feurige Brillant an Deiner Brust, den ich jetzt erst
bemerke, und Deine noch feurigern Blicke mir deutlich beweisen; aber das dritte
Gelbde - Gehorsam, dazu kann Rath werden. Ich wnsche Dir nur so viel Geduld,
als Du Glck hast! Denn das Commandiren und Wollen verstehen Frulein Jenny und
Papa Meier aus dem Fundament. Htten sie mir nur befohlen, Dich zu allen Teufeln
zu jagen und statt Deiner die holde Rose von Saron zu freien, Du httest sehen
sollen, ob ich's nicht gethan htte!
    Ohne auf Reinhard's Ungeduld zu achten, drehte sich der Wildfang dann
pltzlich zu Jenny und sagte: Auf mein Wort, Frulein! wenn Reinhard nicht der
beste Gatte wird, ist's seine Schuld. Ich habe ihm seine Pflichten strenge
vorgehalten und verlange zum Lohn nur die Gunst, die knftige Frau Pfarrerin in
diesem Costme malen zu drfen, um den Pastor stets zu erinnern, da er, so
gescheut er ist, doch noch mehr Glck als Verstand hat.
    Mit diesen Worten eilte er lachend davon. Aber seine Rede lie ein
unangenehmes Gefhl in Reinhard's Brust zurck, der es sich nicht verbergen
konnte, wie man ihm den Besitz Jenny's fr ein nicht zu erwartendes Glck
anrechne und sich allgemein darber wundere.

Ein paar Tage lang war diese Verlobung ein Gegenstand der Unterhaltung bei
Allen, die, wenn auch nur entfernt, mit einem der beiden Theile bekannt waren.
Manche lobten es, da der Vater bei der Wahl eines Gatten fr seine Tochter nur
auf ihre Neigung gesehen; Andere und gerade die Freunde und Verwandten des
Hauses machten ihm einen Vorwurf daraus, da er, der angesehenste Jude der
Stadt, seine Tochter zum Christenthum bertreten lasse. Dergleichen hatte aber
auf den klaren Sinn des wrdigen Mannes keinen Einflu. Nachdem der Entschlu
reiflich berdacht und ausgefhrt war, stand er als Thatsache unwandelbar vor
ihm und kein fremdes Urtheil vermochte seine Ansicht darber zu erschttern.
    Anders war es mit der Mutter. Auf sie blieben die wiederholten Bemerkungen
der Leute, da Jenny zu ganz andern Verbindungen berechtigt gewesen wre, wenn
sie nun einmal Christin werden sollte, nicht ohne Einflu; und whrend ihr Mann
mit der Wahl seiner Tochter vollkommen zufrieden geworden war, fing die Mutter
sie zu bereuen an.
    Sie berlegte, wie diese und jene Tochter eines reichen Kaufmanns einen
berhmten Knstler, einen Baron, einen Grafen geheirathet hatte. Reinhard war
ihr sehr lieb; sie vor Allen hatte das Verhltni gebilligt und geschtzt gegen
die frhere Ansicht ihres Mannes, und diese Verbindung war ihr vollkommen
ausreichend zu Jenny's Glck erschienen, bis das unntze Geschwtz von Dritten,
die ihr damit zu schmeicheln whnten, die Saat der Unzufriedenheit in ihre Brust
streuten. Vergebens wiederholte sie sich, da ihre Tochter glcklich sei; es
fiel ihr unaufhrlich ein, es htte doch noch beglckender fr Jenny sein
mssen, wenn Reinhard nicht ein junger Theologe, sondern ein Mann von Stande
gewesen wre. Da er es nicht war, konnte sie ihm zwar nicht zur Last legen; es
mute ihn aber ihrer Meinung nach veranlassen, durch besondere Zuvorkommenheit,
durch gnzliche Selbstverlugnung Jenny dafr zu entschdigen.
    Mit ihrem Manne oder mit Eduard davon zu sprechen, wagte sie nicht, weil sie
berzeugt war, auf Tadel zu stoen. Sie fhlte das Thrichte dieser Ansicht,
denn sie war eine verstndige Frau; aber immer wieder trug die Verblendung und
Eitelkeit der Mutterliebe den Sieg davon. Es war und blieb ihr unangenehm, da
man ihre Jenny nicht auch in dieser Beziehung beneidenswerth fnde, und sie
beschlo, obgleich ihr das sonst niemals in den Sinn gekommen, durch einen
verdoppelten Luxus in Allem, was Jenny umgab, der Welt zu zeigen, da ihre
Tochter in der Lage sei, eine glnzende Heirath entbehren zu knnen.
    Dadurch aber kam die arme Jenny von dem ersten Tage an in eine peinliche
Lage. Whrend die Mutter unaufhrlich auf ein gewisses Schaustellen drang,
verweigerte Reinhard dies entschieden, und die junge Braut mute oft
beschwichtigend und vershnend auftreten, worin sie von der Pfarrerin
glcklicherweise untersttzt wurde.
    Schon an dem Tage, an dem das Brautpaar die blichen Besuche machen sollte,
gab es kleine Mihelligkeiten. Die Mutter hatte ein langes Register derjenigen
Personen entworfen, denen die Verlobten sich vorstellen sollten, und ihrem
Diener die grte Sorgfalt fr die Equipage anbefohlen, als Reinhard erklrte,
er begreife nicht, weshalb sie zu einer Menge gleichgltiger Leute fahren
mten, mit denen sie schwerlich in Berhrung bleiben wrden. Er hoffe, recht
bald eine Stelle zu bekommen und die Stadt zu verlassen; seiner Meinung nach
genge es daher vollkommen, wenn sie die nchsten Verwandten und Freunde der
Familie besuchten. Zu diesen knne er mit Jenny hingehen, wolle gleich heute
damit anfangen und hoffe, seine Braut ebenso wohlbehalten heimzubringen, als ob
sie gefahren wre. Davon wollte jedoch die Mutter nichts wissen. Sie
versicherte, kein Mensch habe jemals Verlobungsbesuche zu Fu gemacht, und fgte
hinzu: Glauben Sie mir, lieber Reinhard, Jenny ist gar nicht im Stande, so weite
Wege zu gehen.
    Ja, das ist freilich bel, erwiderte Reinhard lchelnd; aber wie soll das
werden, wenn wir spter keine Equipage haben werden? Da wird sie sich doch daran
gewhnen mssen!
    Jenny, die Reinhard's Widerstreben sofort begriff, legte sich ausgleichend
in das Mittel. Sie schlug vor, ein Paar der Anstands-Besuche in dem Wagen ihrer
Eltern, die andern aber zu Fu zu machen, und alle Parteien waren fr den
Augenblick damit zufriedengestellt. Inde es sollte nicht das letzte Mal sein,
da Jenny's Vermittelung nthig wurde.
    Zu des Vaters Freude, der das Brautpaar in der Stille mit sorglicher Liebe
beobachtete, entwickelte Jenny bei diesen Versuchen, Reinhard's und der Ihrigen
Wnsche zu vereinen, eine ganz neue Seite ihres Charakters. Sich selbst
vergessend, war sie unaufhrlich bemht, sich den Ansichten der Andern zu fgen,
den leisesten Wnschen ihres Verlobten zuvorzukommen. Hatte ein geruschvoll
verlebter Abend ihn unbefriedigt gelassen, so erlangte sie am nchsten Morgen
gewi die Erlaubni, den ganzen Tag bei der Pfarrerin zuzubringen, um ihm zu
zeigen, da ihr im traulichen Beisammensein mit ihm die reinste Freude erblhe.
Dann war Reinhard glcklich; dann konnte er nicht aufhren sich ihrer zu
erfreuen, und es entzckte ihn, wenn sie sich seiner Mutter bereitwillig zu
kleinen huslichen Hlfsleistungen anbot, zu denen sich in ihrem elterlichen
Hause, wo eine groe Dienerschaft jedes Winkes harrte, die Gelegenheit nicht
bot.
    So sehr sie frher darauf gehalten hatte, auch in Kleinigkeiten ihren Willen
zu haben, so fgsam wurde sie jetzt. Einzelne unbedachte Aeuerungen ihrer
Mutter lieen sie vermuthen, da ihre Eltern die Verlobung mit Reinhard als ein
groes Opfer betrachteten, welches sie dem Glcke ihres Kindes gebracht hatten.
Das bewog Jenny, den Ihrigen nachzugeben so weit es irgend mglich, und machte
andrerseits sie noch zrtlicher gegen Reinhard; denn es that ihr leid um
seinetwillen, da er den Eltern nicht der erwnschteste Sohn unter allen Mnnern
auf der Welt, wie ihr der Geliebteste war. Mit jedem Tage, den sie bei seiner
Mutter verlebte, wurde er ihr theurer und verehrungswrdiger. Sein reicher
Geist, seine unbestechliche Gradheit zeigten sich in all ihrem Glanze, wenn er
sich ohne Rckhalt gab. Oft, wenn er sich dann in se Schwrmereien verlor,
hrte sie mit einer Andacht, mit einer Erhebung zu, von der die Pfarrerin innig
gerhrt war. So, sagte sie einst zu ihrem Sohne, mag Maria zu den Fen des
Herrn gesessen haben, und Jenny bemerkte lchelnd: Mehr als ich ihn liebe,
liebte auch gewi Maria den Herrn nicht. Das vollkommenste Einverstndni
herrschte unter den Liebenden, und selbst der Vater gewann Vertrauen fr die
Zukunft seiner Tochter.
    Man war seit Jenny's Verlobung daran gewhnt, sie mehrere Tage der Woche der
Pfarrerin zu berlassen. Damit nun den Eltern dieses Entbehren ihrer Tochter
nicht zu empfindlich werde, hatte man Therese eingeladen, an jenen Tagen Jenny's
Stelle bei der Mutter zu ersetzen, und man kam schlielich berein, Therese fr
den Sommer, den die Familie auf ihrem Gute zuzubringen gewohnt war, als
Hausgenossin mit hinaus zu nehmen. Auch die Pfarrerin wollte dann die Stadt
verlassen, um einige Zeit bei einer Freundin zu verleben. Deshalb strebte man
jetzt, jemehr der Winter sich zu Ende neigte, die letzte Zeit vor dieser kleinen
allgemeinen Auswanderung noch recht mit Bewutsein zu genieen. Durch Hughes und
Clara war der engere Kreis der Hausfreunde im Laufe des Winters vergrert
worden, nachdem Clara, wenn auch nur schwer, die Erlaubni erlangt hatte,
Eduard's Familie in Begleitung ihres Vetters fters wiederzusehen.
    Erfreut durch diese Erlaubni, die ebenso sehr William's Liebe fr Clara
entsprach, als seiner Freundschaft fr die Familie Meier, warf William sich zum
Protector dieses neuen Verhltnisses auf. Er stellte der Commerzienrthin vor,
wie es gerade ihr, einer der vornehmsten Damen der Stadt, wohl anstnde, ein
Beispiel zeitgemer Bildung zu geben, indem sie allem Gerede zum Trotz, Jenny
und Clara, die einander sehr zusagten, auch ungestrt mit einander umgehen
lasse.
    Sie haben frher den Doktor Meier zu Ihrem Arzte gewhlt, liebste Tante,
sagte er schmeichelnd, und es sind viele Familien unserer schnen Welt Ihrem
Beispiele nachgefolgt. Vor Ihrem klaren Verstande knnen jene Vorurtheile,
welche einst die schroffe Trennung zwischen verschiedenen Confessionen
verursachten, nicht mehr Stich halten. Wenn ich Ihnen nun sage, da Sie mir den
grten Gefallen thun, so oft sie die Cousine meiner Begleitung anvertrauen, und
da Clara sich vortrefflich in der Meierschen Familie unterhlt, so darf ich
hoffen, Sie heben fr Clara und Jenny den Grenzcordon auf und geben ihnen
vllige Freiheit fr ihren Verkehr.
    Die Commerzienrthin that darauf, als ob William's Grnde sie berredet
htten, und wenige Tage, nachdem Reinhard mit Jenny versprochen worden war,
erhielten Eduard und seine Schwester Einladungen zu einer Gesellschaft im Hause
der Commerzienrthin, die aber nur Eduard annahm, weil Jenny sich nicht
entschlieen konnte, ohne den Brutigam hinzugehen. Dem Vater war dies ganz
gelegen, da er im Ernste meinte, was er nur scherzend aussprach, er she es
gern, wenn Leute, die ihm eine Ehre mit ihrer Einladung zu erzeigen glaubten,
lieber ber zu viel Zurckhaltung als zu bereitwilliges Entgegenkommen klagten.
    In jenen Tagen wurde nun Jenny's Verlobung bekannt gemacht und Clara gehrte
zu Denjenigen, welche am meisten davon berrascht wurden, sich am meisten
darber freuten. Sie sa im Zimmer ihrer Mutter, als am Neujahrsmorgen ein
Diener das Meldungsbillet hereinbrachte. Die Commerzienrthin gerieth in die
beste Laune, nun sie mit Zuversicht wute, da sie die einst gefrchtete
Nebenbuhlerin fr ihre Clara nicht mehr zu scheuen habe, und reichte das Billet,
nachdem sie es gelesen, ihrer Tochter mit der Bemerkung hin: Da sieht man
deutlich, wie solchen Leuten selbst der Reichthum zu nichts hilft: ein Candidat
der Theologie! Fr Dich soll einmal eine andere Wahl getroffen werden!
    Clara antwortete keine Silbe, denn sie hatte in ihrer freudigen
Ueberraschung gar nichts von der Rede ihrer Mutter gehrt. Sie hielt das Blatt
in den Hnden und las mit klopfendem Herzen immer wieder die Worte, welche ihr
Jenny's Verlobung mit Reinhard verkndeten. Das war ein Lichtstrahl von oben,
der urpltzlich die Nacht ihres Kummers erhellte. Jetzt war Alles gut, all ihr
hoffnungsloses Leiden beendet, jeder Zweifel gehoben. Wenn Jenny sich mit
Reinhard verlobte, konnte auch der Liebe Eduard's zu ihr kein Hinderni von
seiner Seite im Wege stehen; und sie wnschte nur zu erfahren, durch welche
Verhltnisse dieser glckliche Wechsel der Ansichten in der Meierschen Familie
hervorgebracht worden war. Sie bestrmte Hughes mit Fragen, sie wollte wissen,
ob der Doctor mit dieser Heirath einverstanden sei, ob die Eltern sie gern
shen; und die Versicherung ihres Cousins, da Alle sehr glcklich und erfreut
darber wren, reifte ihre Hoffnung zu beseligender Ueberzeugung, so da sie
freudestrahlend Eduard entgegenging, der im Laufe des Tages hinkam, ihnen zum
neuen Jahre zu gratuliren.
    Der Umgang zwischen den beiden jungen Mdchen gewann bald eine groe
Innigkeit, nachdem die ersten Schritte gethan waren. Clara hrte nur zu gern von
Eduard erzhlen; was er gesagt, gewollt, gethan, Alles war fr sie von
Wichtigkeit. Was nur in irgend einer Beziehung zu ihm stand, erregte ihre
Theilnahme, und sie fhlte sich zu Jenny doppelt hingezogen, weil sie mit ihr
stundenlang von dem Geliebten sprechen konnte, ohne, wie sie whnte, irgend
einen Verdacht zu erregen. Darin aber tuschte sie sich freilich. Jenny, der die
leidenschaftliche Liebe Eduard's zu Clara lngst auer allem Zweifel war, hatte
auch bald in Clara's Seele gelesen. Ein gleicher Bildungsgrad machte ihr das
Beisammensein mit Clara hchst angenehm, sie fand an ihr, was sie an Therese
stets vermit hatte, ein Gemth, das mit ihr in rascher Empfnglichkeit
sympathisirte, und eine Tiefe des Gefhls, welche Therese nicht in dem Grade
besa, oder mindestens nicht zu uern vermochte. Solch eine Schwgerin hatte
sie sich gewnscht; auch ihr schien es nur zu natrlich, da Eduard kein Opfer
scheuen werde, um Clara zu besitzen, und Beiden wurde es zu einer sen
Gewohnheit, zu einem Bedrfni, hufig bei einander zu sein.
    In ungetrbter Freude waren so einige Wochen verflossen, als Hughes eines
Abends verstrt in die Stube seiner Tante trat, und indem er ihr einen Brief
reichte, die Worte ausrief: Ich mu fort, Tante! mein Vater liegt zum Sterben!
    Die Commerzienrthin erschrak so sehr als die kaltbltige Frau es berhaupt
vermochte. Denn so unangenehm ihr auch die pltzliche Entfernung William's
erschien, so leuchtete ihr doch der materielle Vortheil ein, der fr den Sohn
entstnde, wenn er schon jetzt in den Besitz der vterlichen Schtze kme. Sie
versumte also nicht, in wohlgewhlten Worten ihr tiefes Bedauern ber das
Unglck auszudrcken, das ihrer Schwester durch den Tod des Gatten drohe; sie
brachte es selbst bis zu Thrnen bei dem Gedanken an William's Abreise; und
dieser, aufgeregt durch die entsetzliche Nachricht, die ihn bis in das Herz
getroffen, lie sich von der knstlichen Theilnahme der schlauen Frau tuschen.
Er mute Jemanden finden, dem er seine Gefhle enthllte, und Clara, vor der er
es am liebsten gethan htte, war seit einigen Stunden bei der Freundin. Er
fragte nach ihr, er wolle und msse Abschied von ihr nehmen.
    Beruhige Dich, sagte die Commerzienrthin, ich will sie rufen lassen, und
sie soll den Rest des Abends mit Dir verbringen. Sie wird wie ich untrstlich
sein ber den Verlust, der uns Allen zu drohen scheint. Sie schellte darauf, und
befahl dem eintretenden Diener, anspannen zu lassen und das Frulein zu holen,
weil Herr Hughes morgen frh verreisen wolle.
    Morgen? Tante! ehe ich kam, waren die Pferde bestellt, mein Diener bereitet
mein Gepck, und ich harre auf den Ton des Posthorns. Ich reise gleich; jeder
Augenblick, den ich zgere, kann mich um den Trost bringen, meinen Vater noch zu
sehen, noch ein Wort von seinem Munde zu hren - nur in der hchsten Eile ist
noch Hoffnung!
    Das lag auer der Erwartung der Tante: sie klingelte nochmals und der Diener
erhielt geschrfte Befehle. Er sollte dem Frulein sagen, Herr Hughes reise
gleich, weil sein Vater zum Tode erkrankt sei.
    Um Gottes willen, das nicht! rief Hughes in gromthiger Vorsorge, lieber
reise ich, ohne sie zu sehen, ehe so furchtbarer Schreck sie unvorbereitet
treffe.
    Ein Wink entfernte den Diener, und die Commerzienrthin ging unruhig im
Zimmer umher, jeden Augenblick am Fenster sphend, ob der Wagen das Portal nicht
schon verlasse? Auch Hughes war in qualvoller Spannung. Dann, als das Rollen der
Rder auf den Steinen hrbar wurde, schien es ihm Hoffnung zu bringen. Ein
ngstliches Schweigen herrschte im Zimmer, Tante und Neffe hingen mit gespanntem
Auge an dem Zeiger der Uhr, der sich ruhig und langsam von Sekunde zu Sekunde
fortbewegte, whrend ihr Ohr ebenso ngstlich auf jeden Ton lauschte, der von
der Strae heraufschallte.
    Ich begreife nicht, wo Clara bleibt, sagte nach einer Weile peinlicher
Erwartung die Commerzienrthin.
    Die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, und mein Vater stirbt! fiel William, der
nur den Einen Gedanken hatte, ihr tonlos ins Wort. Denken Sie, Tante, jede
Minute Aufschub kann mir die Mglichkeit rauben, den Vater zu sehen, den ich
mehr als Alles liebe, und trennt mich zugleich von Clara, ohne da ich sie
gesprochen habe, ohne da sie wei, wie ich sie liebe! -
    Da athmete die Commerzienrthin tief auf, ein siegreiches Lcheln glitt
einen Augenblick ber ihre Zge - sie war am Ziele! Aber schnell besonnen, trat
sie mit dem Ausdruck inniger Theilnahme zu William, legte ihre Hand auf die
seine und sagte beruhigend: Mchte Dir so sicher das Leben Deines Vaters
erhalten werden, als Clara's Liebe und ihre Hand, die ich Dir von je bestimmte.
-
    Wer sagt Ihnen, Tante! rief der Jngling - da schmetterte frhlich und laut
das Posthorn, und sich gewaltsam zusammennehmend, fgte er hinzu: Leben Sie
wohl, Tante, gren Sie mir Clara!
    Gehe mein Sohn, erwiderte mit Feierlichkeit die Tante, und kehre uns bald
und glcklich wieder. Fr Clara's Herz brgt Dir ihre Liebe, fr ihre Hand bin
ich Dir Brge, und sollte es Gott gefallen, Dir den Vater zu rauben, so findest
Du hier einen Vater wieder, der den Gatten seiner Tochter mit offenen Armen
empfangen wird.
    Hughes umarmte sie zrtlich und eilte hinaus; dann kehrte er zurck, zog
einen Ring von seinem Finger und reichte ihn der Tante. Fr Clara! sagte er und
sie soll mein gedenken! Dann eilte er davon.
    Und wieder erklang das Schmettern des Posthorns; die Commerzienrthin trat
an das Fenster und sah dem Wagen nach, bis einige Minuten spter ihre Equipage
sichtbar wurde und Clara bei ihr eintrat. Sie hatte trotz William's Verbot durch
den Diener die traurige Nachricht bereits erfahren.
    Wo ist William? fragte sie mit einer Lebhaftigkeit, welche die Mutter nur zu
leicht fr ein Zeichen der Liebe nehmen konnte. Auch hielt sie es fr
angemessen, die Rolle, welche sie bei Hughes mit so viel Glck gespielt, bei
Clara fortzusetzen. Sie umarmte ihre Tochter mehrmals, kte sie zrtlich und
sagte: Beruhige Dich, mein Kind! Du siehst ihn wieder. Wenn Du wtest, wie ihm
das Scheiden schwer war! Sein Schmerz war so gro, da er mich, ohne es zu
wollen, zur Vertrauten seiner Liebe machte. Er sendet Dir diesen Ring und ich
habe ihm statt Deiner versprochen, da er bei Dir Trost finden wrde, falls es
Gott gefallen sollte, ihm seinen Vater zu nehmen.
    Clara fuhr erschreckt zusammen; das hatte sie am wenigsten erwartet. Nach
ihrer Meinung mute gerade Hughes um ihre Liebe fr Eduard wissen, denn gegen
ihren Vetter allein hatte sie sich stets offen ber denselben ausgesprochen. Sie
hatte in der Bereitwilligkeit ihres Cousins, ihre Bekanntschaft mit Jenny
einzuleiten und ihren nhern Umgang zu befrdern, eine Billigung ihrer Gefhle
gesehen und sich dankbar dafr mit einer Zrtlichkeit an William angeschlossen,
die ihr Bruder ihr einzuflen niemals weder gestrebt, noch vermocht. Sie
begriff es nicht, wie der Vetter dies Wohlwollen fr Liebe nehmen knne, da sie
wute, wie himmelweit es von dem Gefhle verschieden sei, das sie fr Eduard
empfand; und doch qulte sie der Gedanke, William, der vertrauende, gromthige
Mann, knne sie eines leichtsinnigen Spiels mit seinem Herzen beschuldigen. Es
that ihr wehe, da sie ihn, wenn auch ganz absichtslos, getuscht, und sie
bedauerte von Herzen, ihn nicht mehr gesprochen zu haben, um es zu verhindern,
da er Hoffnungen nhre, die sie nicht zu erfllen dachte, Aber nicht Das allein
war es, was sie beunruhigte. Sie wute, da ihre Mutter, nun sie endlich das
Gelingen ihres Planes sicher vor sich sah, nicht so leicht davon abgehen wrde,
am wenigsten zu Eduard's Gunsten. Mitleid mit William, mit Eduard und mit sich
selber, Furcht vor den Leiden, denen sie nothwendig durch ihre Liebe ausgesetzt
war, und auch aufrichtige Betrbni, dem Wunsche ihrer Eltern nicht folgen zu
knnen, drngten zusammen auf sie ein, und weinend legte sie William's Ring von
sich, den die Commerzienrthin ihr aufgezogen hatte.
    Recht so, liebe Tochter! sagte die Mutter, als sie es bemerkte, auch ich
finde es schicklicher, da die Braut sich mit dem Ring ihres Verlobten erst dann
schmcke, wenn er selbst ihn an ihre Hand steckt. Doch weine deshalb nicht. In
wenigen Wochen kehrt William hoffentlich zurck, und die ganze Stadt soll es
dann wissen, wie glcklich Du bist und wie glcklich Du mich durch die Erfllung
meiner langgehegten Wnsche machst! Ich hatte nicht Unrecht, mein Tchterchen,
zu behaupten, da Dir einmal ein anderes Loos bereitet werden solle, als der
kleinen Jenny! fgte sie triumphirend hinzu, indem sie Clara nochmals umarmte
und sie dann verlie.
    Was soll ich thun? rief Clara, als sie sich allein sah. Die verschiedensten
Plane und Mglichkeiten fielen ihr auf einmal ein. Sie wollte ihrer Mutter
nacheilen und ihr Alles bekennen; aber wozu sollte das fhren, da ihre Mutter
gerade die Heirath mit William wnschte und sich ihrer Liebe zu Eduard
entschieden widersetzen wrde? Sich dem Vater anvertrauen? Das wrde die Mutter
fr eine Krnkung ihrer Rechte halten und doppelt erzrnt sein! Dann wollte sie
William schreiben und sich seiner Gromuth berlassen; als sie inde bedachte,
wie ihr Brief den Sohn trauernd an der Leiche seines Vaters finden knne, fehlte
ihr der Muth, seinen Schmerz noch zu erhhen durch das Gestndni, sie knne ihn
nicht lieben. Rathlos sann sie lange hin und her, bis die glckliche
Schnellkraft der Jugend sie pltzlich das Ereigni in besserem Lichte erblicken
lie. Sie fing an zu hoffen, die Krankheit ihres Onkels werde so gefhrlich
nicht sein; William msse ihn gewi auf dem Wege der Genesung finden; und es
machte sie glcklich zu denken, Eduard werde ohne Zweifel William's Abwesenheit
benutzen, sich gegen sie zu erklren. Dann, wenn es unwiderruflich sei, werde
ihr Cousin es auch viel leichter tragen, besonders wenn Entfernung und die
Freude, seinen Vater wiederzusehen, ihm zu Hlfe kmen. Als aber ihre
Vorstellungen erst diese Richtung genommen hatten, waren bald alle Sorgen
vergessen, so sehr, da sie es sich vorwarf, nicht trauriger ber ein Ereigni
zu sein, von dem ihr Vetter so tief ergriffen sein mute.
    Ein Bote von Jenny, der abgesandt war, zu fragen, was Clara's pltzliche
Nachhauseberufung veranlat habe, erhielt ein ruhiges Billet mit den nthigen
Erklrungen zur Antwort, der die Bitte hinzugefgt war, Jenny mge sie morgen
recht zeitig besuchen.

Zwei Dinge waren es besonders, die seit einigen Wochen Reinhard beschftigten:
die baldige Erlangung einer Stelle fr sich, und Jenny's Uebertritt zum
Christenthume, zu dem ein aufgeklrter Geistlicher sie vorbereitete.
    Mit freudiger Aufregung batte Jenny dem ersten Besuche des Pastors
entgegengesehen; es drngte sie, sich mit ihm ber manches Bedenken
auszusprechen, das sich in ihr gegen die neue Lehre erhob und dessen sie gegen
Reinhard nicht zu erwhnen vermochte, aus Furcht, ihn zu beunruhigen und zu
betrben. Auch schwiegen thatschlich vor dem Einflu, den ihres Brutigams
Gegenwart und sein feuriges Wort auf sie ausbten, ihre Zweifel; aber sie
erwachten um so strker, wenn sie allein blieb und der Zauber geschwunden war.
Sie whnte, wenn das Bekehrungswerk gelingen solle, msse ihr Lehrer genau den
Zustand ihrer Seele kennen, und stand nicht an, sich mit voller Offenheit
darber zu erklren.
    Ich habe, sagte sie, mein Leben lang an Gott gedacht; ich habe seit meiner
frhesten Kindheit, wenn mir etwas besonders Gutes oder Bses begegnete,
geglaubt, das komme mir aus seiner Hand; und da mir meine Eltern als seine
sichtbaren Stellvertreter auf Erden erschienen, mich vollkommen ruhig und
glcklich gefhlt, ohne nach einer besonderen religisen Erkenntni zu streben.
    Und Sie fhlen diese innere Zufriedenheit auch jetzt noch? fragte der
Geistliche.
    Nein! erwiderte sie. Schon vor vielen Jahren hatte mich eine Freundin darauf
hingewiesen, wie mir der rechte Glaube fehle. Ich dachte darber nach. Ich
stellte mir vor, welche Schicksals-Schlge das Leben mir bringen knne; ich
dachte an den Tod der Meinen und fhlte, da ich solchen Leiden nicht gewachsen
wre, da ich keine Kraft dagegen in mir fnde. Therese, eben jene Freundin,
sprach mir von der Unsterblichkeit der Seele. Ich verlangte Erklrung, und sie
sagte mir: Glaube! Das konnte ich nicht. Ich wandte mich an meinen Vater um
Aufschlu, und mehr als alle Grnde dafr beruhigte mich die Ueberzeugung, da
mein Vater, der klardenkende Mann, an die Fortdauer der Seele glaubte. Ein
leerer Schein konnte ihn nicht tuschen. Er sagte mir, Alles was Du siehst,
empfindest, bist, ist Gott! Ein Unendliches belebt durch sich selbst, durch sein
Dasein, die Welt. Die Sonne und das Sonnenstubchen sind er selbst. In mir, in
Dir, in jenem Moose ist er, belebend, wirkend, immer derselbe Eine Gott,
gleichviel in welcher Gestalt er sich offenbart. Die Form kann vergehen; unser
Auge schliet sich ermdet fr immer; der menschliche Krper zerfllt in Staub,
wie jenes Moos, wenn seine Zeit vorber, wenn sein Organismus abgenutzt ist,
oder pltzlich zerstrt wird; aber der Strahl von dem Geiste Gottes, der uns
belebt, durch den wir uns selbst bewut werden, der das Moos die Nahrung aus der
feuchten Erde ziehen lehrt, damit es wachse und blhe, der Geist bleibt, denn er
ist ein Theil Gottes! - Gott! -
    Da der Pastor schwieg, fuhr Jenny fort:
    Als nun meine Gedanken einmal auf diesen Weg gelenkt worden, forschte ich
weiter, bald bei meinem Bruder, bald bei meinem Vetter, vor deren Meinung ich
groe Achtung hatte. Ich fragte nach den Gesetzen Moses, der unsere Religion
gestiftet. Man nannte mir die Gebote und sagte, Moses verlange nur die Erfllung
jener Pflichten, die jedem guten Menschen sein Herz von selbst gebiete, so lange
er durch das Bse nicht verdorben sei. Dasselbe lehre auch Christus und alle
Stifter von Religionen. - Und worin besteht, fragte ich, der Unterschied
zwischen den Religionen, da er stark genug gewesen ist, Jahrhunderte hindurch
Krieg und Unterdrckung hervorzurufen? In Formen, antwortete man mir, welche die
Leute in ihrer Blindheit hher schtzten als den Geist. Strebe darnach, dem
Beispiel des Guten zu folgen, das man Dir gibt, und Dich so rein zu erhalten vom
Bsen als mglich. Denke Dir, hatte einst mein Vater gesagt, ein kleines zartes
Gef, in das eine unsichtbare Hand den kostbarsten Samen gestreut: wie wrde
man es ngstlich hten, damit es keinen Schaden nhme, es vor jedem Flecken
bewahren, jedes Stubchen davon entfernen, wenn man wte, da nur in vollkommen
reiner Schale die heilige Saat gedeihen knne! Solch ein Gef bist Du und nur,
wenn Du rein bist von bsen Gedanken, kann sich die Gottheit in Dir entfalten.
    Jenny mochte es den Mienen ihres Zuhrers ansehen, da er diese Auffassung
nicht billige, doch lie sie sich dadurch nicht irre machen, sondern fuhr ruhig
fort: Dieses Gleichni erfreute mich, und - ich war damals noch ein Kind, Herr
Pastor! - ich fragte, ob nicht endlich, wenn die Saat zu einem mchtigen Baume
geworden, dieser das kleine Gef zersprenge und sich frei mache, um frei die
Wipfel zu dem blauen Himmel zu erheben, von dem das Samenkorn einst
herabgekommen sei? Ja! sagte mein Vater, und dies Freiwerden nennt man Sterben!
    Eine artige Allegorie, unterbrach sie der Pfarrer jetzt, aber das will
Christus nicht. Wir sollen nicht spielen mit Dem, was das Heiligste ist; wir
sollen es mit Ernst erfassen, mit jenem Ernste, der Christus am Kreuze sterben
machte fr uns.
    Das sagt auch Reinhard, stimmte Jenny bei. Ich soll das Leben mit Ernst
betrachten, und ich selbst fhle das Bedrfni, seit ich Reinhard kenne und
empfunden habe, da es auch dunkle Stunden in unserm Dasein gibt. Glauben Sie
mir, wenn ich an die Mglichkeit dachte, von Reinhard, dem ich so unauflslich
gehre, fr das ganze Leben getrennt zu sein, dann reichte der frhliche Glaube
meiner Jugend nicht aus. Ich verlangte danach, einen Ersatz zu finden, der mich
schadlos halte fr das Leiden auf dieser Welt; und ich wnschte besonders, da
es mir mglich wre, die heiligsten Interessen des Menschen auf dieselbe Art
aufzufassen, wie mein Brutigam. Mit Einem Worte, ich mchte Gott erkennen und
das Leben begreifen, wie Christus es lehrt, ich mchte Christin werden dem
Herzen nach. - Lehren Sie mich das, sagte sie, und ich werde es Ihnen ewig
danken!
    Der alte Mann gab ihr die Hand und sah sie lange an, ohne zu sprechen. Er
erkannte in Jenny einen gut gebildeten Verstand, der dabei seine ursprngliche
Kindlichkeit behalten hatte und in dem sich das Streben nach Klarheit auf
eigenthmliche Weise mit einem poetischen Gemthe vereinte. Eben deshalb liebte
Jenny es, Gedanken, die sie sich nicht ganz deutlich zu machen wute, in einen
poetischen Schleier zu hllen, als ob sie sie dadurch vor der entweihenden
Berhrung des Zweifels behten knne. Dem Pastor wurde ihre Richtung gleich in
dieser ersten Unterredung klar. Er errieth, da kein inneres Bedrfni, sondern
nur Liebe zu Reinhard der Beweggrund sei, welcher sie dem Christenthume
entgegenfhre, und er tadelte sie deshalb nicht. Ein langes Leben hatte ihn zu
der Ueberzeugung gebracht, die er in frher Jugend mit orthodoxer Strenge
bekmpft, da man Christ sein knne ohne den Glauben an die christlichen Dogmen,
und er war, einmal zu dieser Erkenntni gelangt, ernstlich mit sich zu Rathe
gegangen, ob diese Ansicht ihn nicht zwinge, sein Amt niederzulegen. Mit dem
gewissenhaftesten Eifer hatte er die Lehre Jesu und sich selbst geprft und sich
dadurch in der Ueberzeugung befestigt, da Liebe und Duldung bei
fortschreitender geistiger Entwickelung die Grundzge des Christenthums und
besonders des Protestantismus ausmachten. In diesem Sinne hatte er sein Amt
behalten und verwaltet. Er hatte von ganzem Herzen darnach getrachtet, unter
seiner Gemeinde die Lehre Jesu in ihrer moralischen Reinheit zu verbreiten, und
auch die Form heilig geehrt, in der diese Lehre uns bergeben worden ist, ohne
jedoch Diejenigen fanatisch zu verdammen, die sich ausschlielich an den Geist
hielten. Diese bekannte Gesinnung hatte den Vater bewogen, ihn zu Jenny's Lehrer
zu whlen, womit Reinhard, nur auf Zureden seiner Mutter, sich einverstanden
erklrt.
    Der Unterricht begann, und der Pastor mute natrlich sein erstes Augenmerk
gegen die pantheistische Weltanschauung richten, in der Jenny, ohne es zu ahnen,
erwachsen, und in welcher die dichterische, gewissermaen heidnische Vorstellung
der Gottheit ihr lieb geworden war. Es freute sie, Gott zu sehen in Allem, was
sie umgab, und obgleich sie sich zu der reinen Anschauung Gottes im Geiste zu
erheben vermochte, hatte sie oft die heitere Zeit des griechischen Alterthums
zurckgewnscht, in der es den Menschen mglich war, sich die Gottheit als unter
ihnen wandelnd zu denken. Viel leichter als mit Reinhard konnte sie sich mit
ihrem jetzigen Lehrer verstndigen; und es gewhrte ihr in der ersten Zeit eine
wahre Befriedigung, zu sehen, da sich ihr Verstand mit Ueberzeugung den Lehren
anschlieen knne, die man ihr bot; doch das sollte nicht allzulange whren.
Hatte sie sich geistig spielend an den Gttern der Vorzeit erfreut, so
widerstrebte der Gedanke an die Menschwerdung Gottes, nun sie ihn als Bekenntni
annehmen sollte, ihrem Verstande. Die Erlsung, Genugthuung und Vershnung durch
Christus kamen ihr wie grobe, sinnliche Begriffe vor, die weder auf einen Geist,
noch auf das Verhltni eines Vaters zu seinen Kindern Anwendung finden konnten,
und die Dreieinigkeit erschien ihr unerfabar.
    Mit aller Kraft ihrer Seele hrte sie den Vortrgen ihres Lehrers zu; sie
wollte sich aus Liebe um jeden Preis berzeugen; glauben, was Millionen
Menschen, die es kaum so eifrig gesucht hatten, wie sie, zur beseligenden
Gewiheit, zur Strkung in Noth und Tod geworden war. Warum sollte gerade ihr
das unerreichbar bleiben? Warum gerade ihr, die ihn so eifrig erstrebte, der
Glaube versagt sein? Eine qulende Unruhe bemchtigte sich ihrer. Geistig
unaufhrlich mit der Lsung ihrer Zweifel beschftigt, auf der ihr ganzes Glck
beruhte, erschien sie dem Geliebten zerstreut und theilnahmlos, und er drang in
sie, ihm den Grund ihrer Verstimmung zu entdecken. Das aber vermochte Jenny eben
nicht. Sie schtzte krperliches Unwohlsein, Sorge um Eduard, den offenbar ein
tiefer Schmerz bedrckte, und tausend andere Veranlassungen vor, und versuchte
durch eine erzwungene Heiterkeit Reinhard zu beruhigen, dem diese pltzlichen
Wechsel ihrer Stimmung als Launen erschienen und der sich mibilligend ber
dieselben uerte. Dazu kam, da er, so oft sie allein beisammen waren, sich bei
Jenny nach dem Fortgange des Religionsunterrichts erkundigte; da er zu wissen
begehrte, was sie gehrt und wie sie es aufgenommen habe. Und doch war es gerade
Dieses, was sie zu vermeiden wnschte. Sie suchte es also einzurichten, da
Reinhard in den Stunden, die er gewhnlich bei ihr zubrachte, bald Therese, bald
Clara als Dritte fand; und mit Scherzen mancher Art machte sie jeder ernsteren
Unterhaltung ein Ende, aus Besorgni, diese knne eine Richtung nehmen, die sie
zu scheuen Ursache hatte. Wie natrlich setzte ein solches Betragen Reinhard in
Verwunderung. Er konnte sich diese Leichtfertigkeit nicht erklren. Jenny hatte
frher mit besonderer Vorliebe ernsthafte Unterhaltungen mit ihm gefhrt, und,
um dieselben ungestrt zu genieen, jede Gelegenheit benutzt, die Anwesenheit
dritter Personen zu verhindern. Jetzt kam sie selbst zu seiner Mutter seltener
und oft zu Zeiten, in denen sie ihren Brutigam auer dem Hause beschftigt
wute. Reinhard begriff das nicht. Er tadelte es als Achtlosigkeiten, er war
verstimmt, die guten traulichen Stunden bei seiner Mutter wollten nicht mehr
wiederkehren.
    Jenny schmerzte diese Unzufriedenheit ihres Verlobten; aber sie trstete
sich ber den Kummer, den sie ihm und dadurch sich selbst bereitete, mit der
Hoffnung, da es ihr endlich doch gelingen msse, das Christenthum zu erfassen,
und da Reinhard erst dann erfahren solle, wie schwere Zweifel sie durchkmpft,
wie wacker sie gerungen habe.
    In dieser Zeit begab sie sich eines Tages zur gewohnten Stunde in die
Wohnung des Pastors, der jetzt mit ihr das Kapitel von der Dreieinigkeit
verhandeln sollte. Nach einer einfachen Einleitung sagte er ihr, die ersten
christlichen Philosophen, welche ber die Dreifaltigkeit gedacht, htten von ihr
gesagt: Gott war! aber auer ihm Nichts. Gott dachte sein Bild; und da das
Denken und Entstehen bei Gott eins ist, so war dies Bild Gottes vorhanden, ohne
selbststndiges Wesen zu sein, denn es besteht nur in Gott. Dieses Wesen, fr
das die deutsche Sprache kein Wort hat, heie in dem Urtext der Bibel Logos und
sei in dem Menschen Jesus Mensch geworden, als die geistigen Geschpfe der Erde,
die Menschen, einer gttlichen Offenbarung gewrdigt werden sollten. Darum nenne
sich Christus den Erstgeborenen. Das Band nun zwischen diesem Gedanken Gottes
und Gott sei der heilige Geist. Man knne also Gott allein, ohne Jesus und den
heiligen Geist denken, nicht aber die letzteren ohne Gott - denn nur in ihm sind
sie. -
    Als Jenny diese Erklrung vernommen hatte, rief sie freudig: O! Sie geben
mir das Leben wieder, indem Sie mir sagen, ich drfe Gott denken, ohne Christus
und den heiligen Geist! Das ist der Gott, den man mich von Kindheit an gelehrt
hat, der uns Alle beschtzt. So vermag ich ihn zu glauben.
    Nein, meine Tochter! wendete der Greis ihr ein, erstaunt ber die
willkrliche Auslegung, welche Jenny seinen Worten gegeben. Nein, Sie tuschen
sich selbst! Ich habe Ihnen gesagt, da wir Gott allein zu denken vermgen, aber
es konnte unmglich meine Absicht sein, Ihnen den Glauben an die Dreifaltigkeit
Gottes preiszugeben, den unsere Religion lehrt.
    Das begehre ich auch nicht, sagte Jenny, noch immer in freudiger Erregung.
Ich wei, Gott ist - und er sandte Christus, der mehr als wir, mehr als Mensch,
aber doch nicht dem Schpfer gleich war, zu uns, um uns zu belehren; und wenn
ich an Gott glaube, und zu ihm und Christus bete, und ihnen vertraue, dann wird
mir der Beistand des heiligen Geistes nicht entgehen. - Der Pfarrer schttelte
bedenklich das Haupt und sprach sehr ernst: Es mag Ihnen leichter werden, sich
in diese Vorstellung hineinzudenken, als an die Verkrperung, das Menschwerden
eines rein geistigen Wesens zu glauben. Und doch ist Ihre Ansicht verwerflich;
denn sie ist das erste Hinneigen zur Vielgtterei. Christus ist nach ihr ein
Halbgott, und es werden zwei Wesen der Verehrung hingestellt, whrend die
christliche Religion nur Ein Urbild kennt, den Schpfer, von dem Christus und
der heilige Geist nicht zu trennen sind, denn er ist der dreieinige Gott!
    Das konnte Jenny zwar denken, aber sie vermochte nicht, es als eine Wahrheit
einzusehen, die eben als Wahrheit Glauben gebiete. Sie begriff die
Nothwendigkeit dieses Glaubens nicht.
    Es ist hier nicht der Ort, noch kann es unsere Absicht sein, eine Abhandlung
ber die christliche Religion zu geben, sondern es kommt nur darauf an, die
Wirkung derselben in dem Gemthe eines jungen Mdchens darzuthun, das nicht von
Jugend an in dem Glauben an diese heiligen Symbole erzogen war; und den Einflu
zu erzhlen, den der Unterricht im Christenthum auf Jenny und auf ihr Schicksal
bte. Wir drfen deshalb die mehrstndige Unterredung des Pfarrers mit Jenny
bergehen und nur bemerken, da nach manchem vergeblichen Versuche, ihr ein Bild
von der Dreieinigkeit zu geben, welches sie befriedigte, der Pfarrer sie endlich
anwies, die Dreieinigkeit als ein Symbol aufzufassen, an das zu glauben Gott uns
durch Christus geboten habe.
    Das strzte aber Jenny auf's Neue in den alten Kampf hinein.
    Sie hatte versprochen, nach dem Unterricht zu Reinhard's Mutter zu kommen,
und ging, da Reinhard sie damit neckte, wenn sie sich stets der Equipage
bediente, langsam und sinnend der fernen Gegend zu, in der die Pfarrerin wohnte.
    Immer und immer wieder dachte sie an das Gehrte. Wenn sie sich die Gottheit
unverndert und ungetheilt stark, in Gott, in Christus und dem heiligen Geiste
dachte, so waren entweder Christus und der heilige Geist Eigenschaften Gottes,
was der Pastor so nicht gedeutet haben wollte, oder sie waren Ausstrmungen,
Strahlen Gottes: und diese Deutung nherte sich in gewisser Art dem Pantheismus,
vor dem der Pfarrer und Reinhard sie oft und ernst gewarnt hatten, der zu
Hochmuth und Selbstanbetung fhren sollte, da man nur zu geneigt wre, den Gott
in sich anzubeten und darber den einzig wahren Gott zu vergessen. Vergebens
rang sie darnach, zu einer klaren Vorstellung zu kommen, es gelang ihr nicht,
und immer wieder tnte ihr das furchtbare glaube ins Ohr, auf das man sie
verwies und das sie nicht in sich erzwingen konnte.

Der Abend fing schon an hereinzubrechen und die Atmosphre hatte jenen warmen,
schwlen Duft, der in unserm Klima den ersten Tagen des beginnenden Frhlings
hufig eigen ist und der Seele eine weiche melancholische Stimmung gibt. Jenny,
der man frher niemals erlaubt hatte, ohne Begleitung eines Dieners die Strae
zu betreten, wollte sich, um Reinhard zu gefallen, gern von Allem entwhnen, was
der Luxus den Reichen zum Bedrfni macht, und hatte zu Hause erklrt, sie werde
allein von dem Hause des Pastors zu ihrer knftigen Schwiegermutter gehen.
    Es war das erste Mal, da sie den Versuch machen wollte; und als sie nun bei
einbrechender Dunkelheit - - denn der Unterricht hatte lnger als gewhnlich
gedauert - allein durch die Straen ging, berkam sie ein Unbehagen, wie sie es
nie zuvor empfunden hatte. Sie frchtete, da irgend einer ihrer Bekannten sie
so allein umhergehen sehen knnte, und wnschte doch sehnlich, Jemandem zu
begegnen, der sie beschtze, da ihr bange war unter dem Gewhl der Mnner und
Frauen, die jetzt um die sechste Stunde von der Arbeit heimkehrten. Wenn die
Mutter wte, da der Unterricht so lange gedauert hat; wenn sie wte, da ich
nun im Dmmerlichte, in der fernen Vorstadt ganz allein auf der Strae bin, in
der mich Niemand kennt, fern von Reinhard und so weit von Hause, wie besorgt
wrde sie sein! so sagte sie sich; und - rief es in ihr - was will dies
Verlassensein bedeuten, gegen die geistige Vereinsamung, in der ich mich
befinde? Durch einen Eid will ich mich in wenigen Wochen lossagen von dem
Glauben meiner Vter, den ich begreife und heilig halte, und zu einer Religion
bertreten, gegen welche meine Ueberzeugung sich noch immer strubt. Das kann
Gott nicht wollen, das wre Snde.
    Aber was konnte sie denn thun, sich zu befreien aus dieser Noth? Sich
Reinhard entdecken oder irgend Jemandem, hiee Reinhard verlieren; denn nur als
Christin konnte sie die Seine werden, konnte er ihr gehren. Sie erschien sich
unglcklicher als jene Arbeiter, die in Drftigkeit, aber gewi ruhigen Geistes
neben ihr herschritten. Was hatte sie verbrochen, um so schwer geprft zu
werden? Die sorglose Freudigkeit, mit der sie an Gott gedacht und das Rechte
gethan, hatte ihr Reinhard geraubt und sie auf Lehren hingewiesen, die ihr bis
jetzt nicht die geringste Beruhigung boten und sie den qualvollsten innern
Kmpfen preisgaben. Vater und Mutter sollte sie verlassen, sich von dem Bruder,
von allen Freunden trennen. Sie sollte Reinhard folgen nach einem Orte, den sie
nicht kannte, und der, vielleicht fern von der Heimat, de und traurig sein
konnte. Sie dachte an ihr helles, sonniges Zimmer, an das Treibhaus, an all jene
Behaglichkeiten des Lebens, die sie nie hochgeschtzt hatte, weil sie nicht
gefrchtet, sie jemals entbehren zu mssen. Auch wre das gar nicht nthig, wenn
Reinhard nicht so wunderlich wre, dachte sie weiter. Warum sollte sie nicht
alle diese kleinen Bequemlichkeiten auch in ihrem Hause haben knnen, da ihr
Vater nur zu glcklich sein wrde, ihr Alles zu gewhren, was sie wnschte? Aber
Das gerade wnschte Reinhard nicht. Das erlaubte sein Stolz ihm nicht, den er
ihr nicht zum Opfer bringen wollte, whrend sie Alles opfern sollte: Heimat,
Eltern, Freunde und ihre Ueberzeugung, und es so gern, so bereitwillig that, um
des Geliebten willen. Ertrug sie doch jetzt eben Zweifel und Furcht und
Bangigkeit, und das Alles nur aus Liebe zu ihm! Wie ernst strebte sie, den
Gedanken der Dreieinigkeit zu fassen um seinetwillen! Denn sie selbst, sie
konnte wie bisher sehr glcklich sein auch ohne diese Erkenntni - aber ohne
Reinhard nicht.
    Je dunkler es wurde, um so mehr beschleunigte sie ihren Anfangs gemessenen
Schritt, und langte endlich in der verzagtesten Stimmung von der Welt fast
athemlos bei ihrer knftigen Schwiegermutter an. Die Pfarrerin kam ihr wie immer
liebevoll entgegen, aber sie erschrak, als sie Jenny den Hut abnahm und in ihr
verstrtes, bleiches Gesicht blickte. Die feuchte Abendluft hatte ihr Haar
durchnt, es fiel ungelockt ber ihre Stirn und machte sie noch bleicher
erscheinen, als sie ohnehin war. Groe Thrnen fielen aus ihren Augen.
    Um Gottes willen, Kind! rief die Matrone, und zog sie ngstlich zum Sopha,
vor dem auf einem Tische die kleine Lampe brannte, was ist geschehen? wo kommst
Du her? So rede doch, bat sie dringend, da Jenny noch immer kein Wort zu
sprechen vermochte, was ist Dir zugestoen?
    Jetzt, da sie sich in Sicherheit fhlte, wollte Jenny sich selbst
verspotten, aber es gelang ihr nicht. Aufgeregter, als sie es wute, erzhlte
sie, wie sie Reinhard zu Liebe habe ohne Diener gehen wollen, wie der Abend sie
berrascht und eine kindische Angst sie berfallen habe. Die Pfarrerin suchte
sie freundlich zu beruhigen und redete ihr zu, knftig Versuche der Art zu
unterlassen. Sie selbst wollte ihrem Sohne sagen, da er auch im Scherze nicht
solche Anforderungen machen und Dinge verlangen drfe, an die seine Braut weder
gewhnt sei, noch sich zu gewhnen nthig habe. Dann schob sie die Lampe in die
Hhe, nthigte Jenny, sich zu ihr auf das Sopha zu setzen, stellte das
Theegerth zurecht und fing, um sie zu zerstreuen, an, ihr scherzend
vorzuhalten, wie es gar nicht lange dauern werde, bis Jenny im eigenen Hause
schalten knne.
    Dann brauchst Du, armes Kind, sagte sie trstend, nicht mehr so spt allein
in Religionsstunden zu gehen, und kannst dem Bsewicht, der Dich zu dieser
unzeitigen Promenade veranlat, und der eben nach Hause kommt, als wackere
Hausfrau die Furcht gelegentlich vergelten, die Du heute unnthig ausgestanden
hast.
    Wirklich trat, noch whrend die Mutter also sprach, der Sohn herein und
fragte ngstlich, als er, von dem pltzlichen Lichtwechsel geblendet, Jenny
hinter der Lampe nicht gleich sah: Ist Jenny noch nicht hier? Ich bin ihr bis
zum Hause des Pastors entgegengegangen, als es dunkelte und ich sie noch nicht
hier sah, weil sie heute zu Fu und allein zu kommen versprach. Dort aber ist
sie lange fort, und - -
    Hier ist sie! rief Jenny, und die Pfarrerin sah mit Wohlgefallen, wie die
Beiden sich entgegenflogen und des Glckes und der Freude gar kein Ende werden
wollte. Dann aber schilderte sie dem Sohne, in welcher Bewegung seine Braut bei
ihr angelangt war, und er versprach, knftig viel vernnftiger zu werden, und
keine Kunststcke, wie die Mutter sie nannte, von dem geliebten Mdchen zu
verlangen.
    Es will mir nur immer nicht in den Kopf, sagte er dann neckend, da Ihr
jungen Mdchen so gar verwhnt seid. Haben doch selbst die Engel auf Erden
gewandelt, warum sollte mein kleiner Engel es nicht knnen, so wie sie?
    Vergi nicht, scherzte die Pfarrerin, da solch ein Engel sich aufschwingen
konnte, wenn ihn das Irdische zu rauh berhrte, damit ist es aber jetzt vorbei;
denn es geschehen leider keine Wunder mehr.
    Ach! sage Gott sei Dank! mein Mtterchen! rief Jenny, mich qulen die alten
Wunder schon so sehr, da ich genug an ihnen habe und nach neuen nicht begehre.
Kaum aber hatte sie es gesagt, als sie das Wort bereute, denn Reinhard fragte,
ob der Pastor etwa von den Wundern zu ihr gesprochen habe, und wovon berhaupt
die Rede gewesen sei?
    Nun war das Gesprch, das sie gefrchtet hatte, kaum noch zu vermeiden, und
sie erzhlte ruhig alles, was der Pastor ihr ber den Gegenstand gesagt hatte,
ohne den Eindruck zu berhren, den es ihr gemacht. Dann, als Reinhard zu wissen
verlangte, ob ihr denn nun die Idee der Dreieinigkeit einleuchtend geworden, ob
sie nun erfat htte, was ihr frher unbegreiflich gewesen sei? sagte sie: Nun,
Eine Dreieinigkeit habe ich immer erkannt, die vielleicht wieder Andern
unverstndlich oder wenigstens nicht so in sich und durch sich bedingt
erscheint, als mir. Es ist die Dreieinigkeit der Kunst! Diese ist mir von jeher
einleuchtend gewesen, so sehr, da ich Poesie, Musik und bildende Kunst gar
nicht von einander im Innersten der Seele zu trennen vermag; da ich sie wie
Eines immer zusammen empfinden und die Anschauung oder der Genu Einer dieser
Knste mir gleich, wie zur Ergnzung, das Bedrfni nach der andern hervorruft.
Mir wird jede Musik Gedicht und jedes Gedicht zum Bilde. Hier ist mir, obgleich
ich jede Kunst als selbststndig in sich erkenne, doch eine unauflsliche
Einheit denkbar: und so kann man nicht sagen, da ich bis jetzt den Begriff der
Dreieinigkeit nicht hatte.
    Reinhard wandte ein, da der Vergleich nicht richtig sei, und wollte zu
seiner eigentlichen Frage zurckkommen. Jenny unterbrach ihn aber ngstlich und
sagte mit herzgewinnender Freundlichkeit: Und noch eine Dreieinigkeit begreife
ich: Du, mein Mtterchen, und Reinhard und ich, wir sind drei und sind doch
Eines und so einig, da der geliebte Reinhard auch mit keiner Sylbe
widersprechen darf, wenn seine Jenny es behauptet. Habe ich das recht
verstanden? fragte sie den Glcklichen, der so vielem Liebreiz nicht zu
widerstehen vermochte und sich willig den Plaudereien seiner Braut hingab, ohne
ihrer religisen Erkenntni weiter zu gedenken.
    Wenn er Jenny so vor sich sah in einfachster Kleidung, die sie ihm zu Liebe
jetzt fast immer trug, wie sie in dem kleinen Stbchen an seiner Seite sa, ihm
den Thee bereitend und mit den sanften klugen Augen freundlich nach jedem seiner
Wnsche sphend, so ruhig und so begngt; dann konnte er es nicht fassen, wie
ihm jemals davor bangen mgen, sie aus dem reichen Hause ihres Vaters in
beschrnktere Verhltnisse zu fhren. Er warf es sich dann vor, ihr Unrecht zu
thun mit seinen Zweifeln; er nahm sich dann vor, ihr bei nchster Gelegenheit
den Mangel an Zutrauen zu bekennen, den er in dieser Beziehung zu ihr gehabt
habe; und heute vollends empfand er sich auf dem Gipfel des Glckes, denn heute
waren sein Herz und sein Verstand gleich befriedigt durch die Geliebte. Er hatte
keinen Wunsch, als da es stets so bliebe; und da es also bleiben werde, davon
war er berzeugt.
    Als sie nun so in friedlicher Stille beisammen waren, klopfte es an die
Thre. Reinhard ging um zu ffnen, und trat bald darauf mit einem Briefe in der
Hand wieder bei ihnen ein, den er, nachdem er ihn schnell durchlesen, seiner
Braut mit den Worten reichte: Nun endlich, meine Jenny! lies, o, lies!
    Doch hinderte er selbst sie daran, denn er erzhlte, wie dieser Brief ihm
die Nachricht von dem Entschlusse eines entfernten alten Verwandten bringe, zu
seinen Gunsten eine Pfarrerstelle niederzulegen, die er bis jetzt bekleidet
hatte. Frhlich, wie ihn die Aussicht machte, berhrte er die Bemerkung der
Mutter, da die Pfarre zu Schnfelde, von der eben die Rede war, in einer gar
traurigen Gegend liege, und glcklicherweise entging ihm ebenso Jenny's
Erbleichen bei der Mittheilung.
    Heute gerade, wo Reinhard sich zufrieden und mit sich einig fhlte, war
Jenny in einer vllig entgegengesetzten Stimmung. Nachdem sie auf dem Wege zur
Pfarrerin zum ersten Male an die Entbehrungen gedacht, die sie sich knftig
werde auferlegen mssen, erschien ihr Alles, was sie bisher in der Wohnung ihrer
Schwiegermutter idyllisch und behaglich gefunden, wie entzaubert. Die kleine
Lampe fand sie dster, die Zimmer eng und beklommen; und in so kleinen Rumen,
in solch beschrnkten Verhltnissen fr immer zu leben, hielt sie fr ein
Unglck, das selbst durch Reinhard's Liebe nur gemildert, nicht aufgehoben
werden konnte. Mit gewohnter Freundlichkeit half sie der Pfarrerin bei den
Zurstungen zu dem einfachen Mahle und deckte den kleinen Tisch, wie sie
pflegte; aber es machte ihr heute kein Vergngen, und sie htte es gern der
jungen Magd berlassen, wenn sie nicht gewut htte, wie sehr sie ihren
Brutigam damit erfreute, der sie whrend der kleinen Arbeit nicht aus den Augen
verlor und mit Blicken der innigsten Liebe jede ihrer Bewegungen betrachtete.
Trotzdem konnte sie ihre Niedergeschlagenheit nicht besiegen und sie war sehr
zufrieden, da weder ihr Brutigam, noch dessen Mutter etwas von Dem erriethen,
was in ihr vorging. Sie fhlte sich gradezu erleichtert, als sie gegen die
zehnte Stunde das bekannte Rollen ihres Wagens hrte und von der Pfarrerin
Abschied nahm, die sie mit ngstlicher Sorgfalt in den Mantel hllte und noch
ein Tuch hinzufgen wollte, damit sich Jenny nicht erklte.
    Nein, nein, Mtterchen! Ich bedarf ja all' dessen nicht; ich gehe ja nicht,
ich fahre nach Hause! sagte sie mit solchem Vergngen, da es ihr selber komisch
vorkam, als sie an Reinhard's Arm die Treppe hinunterging, der sie im Wagen nach
Hause begleiten wollte, wo sie die Ihrigen noch beim Thee zu finden und ein
Stndchen mit ihnen zusammen zu bleiben hoffte. Als dann der Diener den Futritt
herunterschlug, sie gewandt beim Einsteigen untersttzte und die Thre des
Wagens schlo; als Reinhard das Fenster in die Hhe zog und sie an seiner Seite,
bequem und warm, dahinflog, drckte sie sich mit einer nie gekannten Wollust in
die seidenen Kissen. Ihre ganze Heiterkeit war wiedergekommen; und heiter und
frhlich trat sie auch mit Reinhard bei ihren Eltern ein, als ob sie dieselben
wer wei wie lange nicht gesehen htte. Es gefiel ihr unbeschreiblich, viel
besser noch als sonst zu Hause; es machte ihr besonderes Vergngen, da sie
Eduard und Joseph noch bei den Eltern fand, so da sie, als man sie fragte, wie
es ihr ergangen, in Selbstverspottung ihre Angst und ihre Abenteuer schilderte.
    Und fr all die Heldenthaten, die ich heute so herrlich vollbracht habe,
lieber Vater! bitte ich nur um Eine Belohnung. Du sollst mir zur Hochzeit nicht
Perlen, nicht Brillanten schenken; daraus mache ich mir nichts und die mchten
auch fr eine Frau Pfarrerin nicht passen, welche Andern mit tugendhaftem
Beispiele vorangehen soll, sagte sie, indem sie sich scherzend ein sehr
ernsthaftes Ansehen gab, aber einen guten, ordentlichen Landauer, liebes
Vterchen, den kannst Du mir nur immer kaufen!
    Der mchte leicht ebenso unpassend, als die Brillanten sein! wendete
Reinhard ein, und ich zweifle, da ein Paar gewhnliche Landpferde solche
Carosse ziehen oder zieren wrden.
    Nun, da mu Vater ein Uebriges thun und zwei Pferde zulegen! rief Jenny
lachend.
    Und dann soll der Pfarrer wol in einer Equipage, die den reichsten Edelmann
beschmt, durch das Dorf nach der Kirche fahren, um die Verachtung des Irdischen
zu predigen? fragte Reinhard nicht ohne Spott. Solch eine Equipage mchte leicht
mehr kosten, als meine knftige Pfarre in zwei Jahren eintrgt, und wrde uns
deshalb bel anstehen. Du solltest nur sehen, liebste Jenny, wie meine
Amtsbrder ruhig auf einem Leiterwagen ber Land fahren: da wrdest Du
begreifen, wie eine Staats-Equipage uns nicht kleiden kann.
    Aber Sie knnen doch Jenny nicht zumuthen, auf einem Leiterwagen oder irgend
einer andern elenden Karrette herumzufahren? meinte die Mutter verdrielich.
    Warum nicht? sagte Reinhard, gereizt durch den Ton dieser Frage. Meine
Mutter ist Jahrelang so gefahren und es ist ihr vortrefflich bekommen, obgleich
sie es ebenso wenig gewhnt war, als Jenny! Aus Liebe kann man Viel!
    Streitet doch nicht um des Kaisers Bart! rief Eduard dazwischen, als er sah,
wie unangenehm seiner Schwester diese Wendung des Gesprchs sein mute. Wenn
Reinhard eine Pfarre haben wird, mgt Ihr nach dieser Stelle Euren Wagen
einrichten, und das ist noch weit im Felde!
    Glcklicherweise! murmelte die Mutter fr sich, whrend Reinhard eben zu
erzhlen anfing, da er im Gegentheil auf dem Punkte stehe, eine Stelle zu
erhalten, die ihm, Alles zusammengerechnet, doch sechs bis siebenhundert Thaler
bringen knne, und die nur den Einen Fehler habe, nahe der Grenze, in einer
nicht eben angenehmen Gegend, zu liegen; doch hoffe er, nicht allzulange dort zu
bleiben, und wolle sie bestimmt annehmen, weil man sie ihm biete.
    Und was sagt Jenny dazu? fragte der Vater, nun ebenfalls gekrnkt durch die
rcksichtslose Art, mit welcher Reinhard ber seine Zukunft entschied, ohne an
die Wnsche Jenny's oder ihrer Eltern irgend wie zu denken.
    Nun ich mu ja meinem Manne folgen, wie es in der Bibel steht, sagte Jenny
mit einer Stimme, die das Weinen verrieth, obgleich der Mund lchelte, aber
vielleicht warten wir auch noch, bis sich eine Pfarre hier in der Nhe findet.
    Ich bestimmt nicht! fuhr Reinhard auf. Es gilt die Erreichung meiner beiden
Hoffnungen. Ich stehe an der Schwelle, einen Wirkungskreis und Dich zu gewinnen:
willst Du Dich mir lnger entziehen - gut! ich mu es tragen; aber selbst meine
Liebe soll mich nicht verleiten, meinen Beruf zu versumen, der mir hher gilt
als Alles. Doch werde ich Dich keines Weges zwingen. Kannst Du und willst Du
noch in Deinem Vaterhause bleiben, so mu ich es mir gefallen lassen, und meine
Mutter allein wird mir dann folgen, bis mein Loos sich gnstiger gestaltet.
    Mit den Worten stand er rasch auf und wollte sich entfernen, aber Jenny
hielt ihn in sprachloser Bewegung zurck. Es war der erste wirkliche Streit mit
dem Geliebten, auch Eduard suchte Reinhard zu besnftigen, whrend die Mutter
verdrielich schmollte. Joseph sah bald dster vor sich nieder, bald blickte er
verstohlen auf Jenny und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte, wie es
seine Art war, wenn ihn etwas unangenehm berhrte. Nur der Vater blieb
anscheinend ruhig, und sagte: Zu warten, bis Sie eine bessere Stelle in unserer
Gegend haben, Reinhard, dazu wrde ich meiner Tochter und Ihnen eigentlich auch
rathen; wenn Sie nicht berhaupt besser thten, in der Stadt zu bleiben. Ich
wollte schon lange darber einmal mit Ihnen sprechen, und rechne darauf, da Sie
morgen in der Frhe zu mir kommen, damit wir es ohne die Frauen berlegen.
    Reinhard schickte sich an, zu antworten, der alte Herr lie es aber nicht
zu.
    Das hat Zeit bis morgen, lieber Freund! sprach er, bis morgen knnen wir
Beide das Fr und Wider berdenken und verstndigen uns dann leicht. Machen Sie
jetzt nur Ihren Frieden mit Jenny und der Mutter und - ehe Sie ber christliche
Geduld predigen drfen, mein junger Freund, fgte er lchelnd hinzu, werden Sie
noch ein gutes Theil Ihrer Lebhaftigkeit abzulegen haben.
    Reinhard war ebenso verstimmt als verlegen: verstimmt ber die
Anforderungen, die man an ihn machte, und verlegen ber die Herbigkeit, zu
welcher er sich hatte hinreien lassen. Er nherte sich seiner Braut, die ihm
ihre Hand entgegenreichte, und fragte, sich zu ihr neigend: Bist Du bse? sei es
nicht! Dann sie festhaltend ging er zu der Mutter, kte ihr, mit ein paar
freundlichen Worten sich entschuldigend, die Hand, und empfahl sich den Mnnern.
Jenny begleitete ihn, und auch Eduard wollte mitgehen; der Vater aber, der es
bemerkte, sagte leise: Bleibe hier, la sie allein.

Tage vergingen und wurden zu Wochen. Das Frhjahr entfaltete sich immer
heiterer; man nherte sich der warmen Zeit und konnte mit neuer Hoffnung auf die
schnen Tage des Maimonats blicken. Die Pfarrerin war abgereist, nicht ohne die
Besorgni, da es vielleicht rathsamer gewesen wre, in der Stadt zu bleiben, da
ihr Sohn seit einiger Zeit manche kleine Reibungen mit seinen knftigen
Schwiegereltern gehabt hatte, die nur durch ihre und Jenny's Vermittelung
ausgeglichen worden waren. Der Vater hatte nmlich Reinhard bestimmt erklrt,
da er erst dann seine Erlaubni zur Hochzeit geben werde, wenn Reinhard eine
Stelle gefunden habe, die ihn vollkommen sorgenfrei ernhre, oder wenn er sich
dazu verstnde, von den Eltern seiner Braut eine Mitgift anzunehmen,
hinreichend, Jenny ein bequemes, husliches Leben zu gewhren, was er bis jetzt
abgelehnt hatte. Ich will nicht, hatte er ihm den Morgen, an dem er ihn zu sich
beschieden, gesagt, da Jenny ohne allen Grund sich Entbehrungen auferlege; und
ebenso wenig, als ich von Ihnen verlangen kann, ihr jene Stellung von Ihrem
Gehalte zu verschaffen, ebenso wenig knnen Sie von mir fordern, da ich meine
einzige Tochter in einer Htte wohnen und sich mit ungewohnter Arbeit qulen
lasse, whrend ich und wir Alle uns hier im Schooe des Wohllebens befinden.
    Wenn nun aber dies Wohlleben mit meinem Stande nicht vertrglich ist!
entgegnete Reinhard. Wenn Sie wten, lieber Vater! fgte er hinzu, wie sehr ich
die Opfer fhle, die Jenny mir bringen mu; wie sie mich oft drcken, Sie wrden
anders ber mich urtheilen. Lassen Sie mich offen sein, wie ich es gegen den
Vater meiner Braut zu sein verpflichtet bin. Ich habe mit aller Kraft meines
Willens gegen die Liebe gekmpft, die ich fr Jenny fhle, weil ich wute, da
unsere Wege weit von einander lgen; da es Thorheit sei, zu whnen, ich wrde
ihr jemals eine Sorgenfreiheit bereiten knnen, welche dem Leben gleich kme, an
das sie gewhnt ist. Meine Liebe zu Jenny, und mein Vertrauen zu ihr, waren
strker, als alle Einwendungen der Vernunft. Ich tuschte mich selbst mit dem
Glauben, da Liebe jede Entbehrung nicht nur leicht, sondern unfhlbar mache.
Tadeln Sie mich deshalb nicht zu strenge.
    Der Vater drckte ihm die Hand und fragte: Und jetzt?
    Jetzt, antwortete er, sehe ich, da die Wirklichkeit auch gegen die
tiefsten, zrtlichsten Gefhle ihre Rechte geltend macht. Ich sehe ein, da
Jenny nicht in der Lage leben kann, die meine Einnahme allein ermglicht, und
bin sehr unglcklich darber, mich mit einem Luxus umgeben zu sollen, der fr
mich nicht palich ist.
    Davon ist nicht die Rede, sagte der Vater begtigend. Es kann meine Absicht
nicht sein, Sie in Verhltnisse zu bringen, die unpassend fr Ihren Beruf sind.
Nur das sollen Sie annehmen, da ich Jenny eine Mitgift gebe, die Ihrer Einnahme
so viel hinzufgt, als nthig ist, um sie dem besten Pfarrergehalte im Lande
gleich zu machen. Dagegen knnen Sie nichts einwenden. Ich achte den Stolz, den
Sie in sich zu bekmpfen haben; aber zu sehr ins Ideale mssen Sie sich nicht
verlieren. Sie haben mich zu Ihrem Vater angenommen, lassen Sie mich auch Ihren
Knig sein, der Ihnen ein Gehalt gibt, wie Ihre Kenntnisse es verdienen.
    Reinhard erkannte mit Achtung das Ehrenwerthe in dem Betragen des
vortrefflichen Mannes und dankte ihm fr die Zartheit, mit welcher er ihn
behandelte. Er fhlte, da er das Anerbieten annehmen msse, so schwer es ihm
auch sei, und erklrte sich dazu bereit.
    Sie haben recht, mein theurer Vater, sagte er, aber es kostet mich das Opfer
eines Glckes, des erhebenden Gefhles, meinem Weibe nicht nur ihr Gatte und
Beschtzer, sondern auch ihr Ernhrer zu sein - und es wird mir schwer fallen,
auf dieses Anrecht zu verzichten.
    Da klopfte der Vater ihm auf die Schulter und schalt ihn einen Schwrmer,
der sich wohl noch bessern werde; er hatte aber die Besorgni, da Dem nicht so
sein mchte.

Von dieser Stunde an war Reinhard mit sich selbst zerfallen. Er warf es sich
vor, sich aus Liebe fr seine Braut in die Lage gebracht zu haben,
Untersttzungen anzunehmen, er, der es gebilligt hatte, da seine Mutter lange
Zeit sich auf das Kmmerlichste beholfen hatte, um dieser verhaten Abhngigkeit
zu entgehen. Nur gegen seine Mutter hatte er sich ber seine Unterredung mit
Jenny's Vater ausgesprochen. Sie hatte dem verstndigen Manne vollkommen
beigestimmt und ihrem Sohne versichert, da keinem Andern als ihm ein Kummer
daraus erwachse, mit der Hand eines geliebten, reichen Mdchens ein angemessenes
Jahrgeld anzunehmen, oder wie es hier der Fall wre, eine Mitgift, die im
Verhltni zu Jenny's einstigem Reichthum unbedeutend blieb. Sie machte ihn
darauf aufmerksam, wie Jenny trotzdem noch Vieles entbehren wrde, woran sie in
ihrem vterlichen Hause gewhnt worden, und wie sie durch die Freudigkeit, mit
welcher sie der Zukunft gedchte, einen sicheren Beweis dafr gebe, da ihr
Reinhard's Liebe hher gelte als jener Reichthum, den nur Reinhard selbst so
hoch anschlage, um sich damit zu qulen. Fr einige Tage hielten diese
Vorstellungen vor, dann aber bedurfte es nur eines Wortes, das irgend Jemand
arglos aussprach, und das eine andere Deutung zulie, um ihn aufs Neue mit dem
finstersten Unmuth zu erfllen. Es bewhrte sich auch an ihm, da Niemand uns so
tdtlich zu verletzen, so unablssig zu peinigen vermag, als wir selbst, weil
Niemand so genau die wunde Stelle unserer Seele kennt und sie in jedem
Augenblick so tief und sicher zu treffen wei als eben wir. Darum sollte man
sich vor keinem Feinde so sehr hten, als vor seinen eigenen Schwchen und
Phantasien, mgen sie noch so nahe mit der Tugend verwandt sein! Jedem Feinde
tritt man mit Hrte, mit aller Macht des Geistes entgegen, und eine Art von
Schadenfreude nebst der Lust am Siege sind uns vortreffliche Hlfstruppen gegen
den Feind auer uns. Wer hat aber Selbstbeherrschung genug, mit offenen
ehrlichen Waffen gegen sich selbst zu kmpfen? Wen freut es, ber ein
verhtscheltes Kind des eigenen Wesens zu siegen, das wir doch immer lieben,
eben wie ein Vater sein Kind, wenngleich er nicht blind fr dessen Fehler ist?
    Dennoch hatte sich uerlich nach jener Unterredung des Vaters mit Reinhard
das gute Vernehmen zwischen allen Theilen wieder hergestellt, und Herr Meier
konnte seiner Frau die Versicherung geben, da fr Jenny's Zukunft in Bezug auf
die gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens nichts zu befrchten sei.
    Eine andere Angelegenheit aber verursachte ihm immer lebhaftere Besorgni:
Eduard's tiefer Kummer nmlich, den dieser vergebens unter der Maske ruhigen
Ernstes zu verbergen strebte und dessen Grund der Vater nicht erst zu errathen
brauchte. Nachdem er also mit Reinhard geordnet hatte, was ihm fr Jenny's
Zukunft unerllich schien, lie er Eduard eines Tages zu sich rufen.
    Der Verkehr zwischen Vater und Sohn war immer einfach gewesen, und auch
jetzt machte der Vater keine besondere Einleitung. Ich habe ein ernstes Wort mit
Dir zu reden, sagte er, als sie allein beisammen waren, und ich habe nicht erst
nthig, Dir den Gegenstand zu nennen. Ich glaubte mit Recht erwarten zu drfen,
da Du mir aus einem Verhltni kein Geheimni machen wrdest, welches Dich seit
lange schon beschftigt. Du kannst nicht leugnen, da Du eine Liebe fr Frulein
Horn empfindest.
    Auch mchte ich das nimmer, fiel Eduard lebhaft ein.
    So beantworte mir ehrlich die Eine Frage, wohin soll das fhren? - Bist Du
entschlossen, Christ zu werden? fragte er, da Eduard schwieg.
    Um keinen Preis, erwiderte Eduard fest, selbst um den Besitz des Mdchens
nicht! Er war bewegt und kmpfte die Bewegung nieder. Dann sagte er nach einer
Weile: Es ist wahr, ich liebe sie, und um sie zu erlangen, sie mein zu nennen,
soll kein Mittel unversucht bleiben. Ihres Herzens bin ich gewi, obgleich nie
ein Wort von Liebe unsere Lippen berhrt hat; und nicht aus Mitrauen schwieg
ich gegen Dich, sondern weil an dem Tage, an dem ich Dir Clara als meine Braut
vorzustellen hoffte, ich Dir einen doppelten Sieg zu verknden wnschte.
    Der wre? fragte der Vater.
    In keinem Gesetz des Landes ist die Ehe zwischen Christen und Juden
verboten, obgleich sie nicht gebruchlich bei uns ist. Ich habe um die Erlaubni
zu solcher Ehe nachgesucht, mich darauf sttzend, da in Dnemark und Holland,
die ebenfalls streng protestantische Lnder sind, solche Verbindung statthaft
ist. Wenn es mir nun gelingt, diese Erlaubni zu erlangen, wenn ich, indem ich
mir die Geliebte gewinne, zugleich einen Schritt vorwrts gegen das Ziel mache,
das wir erstreben, dann wollte ich vor Dich hintreten und Dir die erkmpfte
Braut als Tochter zufhren.
    Und wenn Du diese Erlaubni nicht erhltst? fragte der Vater; und da der
Sohn darauf nicht antwortete, fgte Jener mit gerechtem Bedenken hinzu: Dann
hast Du, auf eine hchst zweifelhafte Aussicht hin, die Ruhe, vielleicht das
Glck eines Mdchens zerstrt, das zu edel von Dir dachte, um zu glauben, Du
wrdest unvorsichtig Hoffnungen in ihr erregen, die zu erfllen Dir unmglich
ist. Sage mir nicht, Du httest Clara Deine Liebe nicht gestanden. Das sind
Entschuldigungen, die kein ehrlicher Mann sich machen darf. Sie kennt Deine
Liebe; sie erwiedert sie; das wissen wir Alle, Clara's Eltern vielleicht
ausgenommen. Da Du um Clara's Liebe geworben, und das hast Du; verzeih mir,
mein Sohn, das war keine gute That, das war ein schweres Unrecht, sobald Du
entschlossen warst, nicht Christ zu werden.
    Eduard fuhr auf, nahm sich aber zusammen und sagte ruhig: Unrecht wre es
vielleicht gewesen, wenn ich nicht mit aller Kraft gegen diese Neigung gerungen
htte; wenn ich sie nicht auf jede Weise vor Clara zu verbergen gesucht und
nicht ihr selbst immer die Hindernisse, die uns trennen, vorgehalten htte.
Clara wei, da wir nicht viel zu hoffen haben.
    Wozu ntzt ihr dieses Wissen? fragte der Vater. Rechnet sie darum weniger
auf die Erfllung Eurer gemeinschaftlichen Wnsche? Und geschah es auch, um ihr
jede Hoffnung zu rauben, da Du sie in unser Haus gefhrt hast? Glaubst Du,
Jenny's bevorstehende Taufe werde ihr nicht den Muth geben, auch von Dir das
Nmliche zu erwarten? Was soll Clara's Vater von mir denken, da ich seine
Tochter in mein Haus aufgenommen und mich dadurch zum Frderer und Schtzer
einer Liebe hergegeben habe, durch die das Mdchen unglcklich wird?
    Vater, Du gehst zu weit! sagte Eduard in heftiger Bewegung. Der Vater aber,
der bis dahin mit kalter Ruhe, fast streng mit dem Sohne gesprochen hatte, nahm
pltzlich seine Hand, die er herzlich drckte, und sagte mild: So, Eduard,
urtheilt der Mann, und Du verdienst den Tadel. Der Vater bedauert Dich, und
wollte Gott! ich knnte Dir helfen. Mein Herz ist nicht so kalt geworden, da
ich Dein Leiden nicht verstehen knnte; aber weil ich Dich, mein Sohn, vor Reue,
und das Mdchen, das ich schtze, vor Kummer wahren mchte, darum ist es meine
Pflicht, Dir zu sagen: halte inne. Thue keinen Schritt vorwrts; vermeide Alles,
was Euch einander nher bringen, Clara's Erwartungen erhhen knnte, bis Du
weit, ob Du auf sie hoffen darfst. Denn wenn selbst, was ich bezweifle, der
Staat eine solche Verbindung zugbe, stnde Dir mit Clara's Eltern noch ein
schwerer Kampf bevor. Und doch wollte ich, sie allein wren es, die Du gegen
Dich hast! schlo er, und sah bekmmert auf das verdsterte Antlitz des Sohnes.
    Dieser schwieg lange, dann sagte er: Ich bin mir bewut, da der Gedanke an
Clara's Ruhe ebenso wenig aus meiner Seele gekommen ist, als das Gefhl meiner
Liebe! Der Schwche bin ich freilich schuldig, da ich mein Herz nicht fest
zusammen nahm, da ich mich dem beglckenden Reiz des Augenblicks mehr als ich
sollte, berlie, da ich hoffte, weil ich wnschte; aber falle mein Loos, wie
es wolle, Du sollst mich Deiner wrdig finden.
    Das gengt, mein Sohn! sprach der Vater. Ich traue Dir, und wollte nichts,
als Dich warnen vor Dir selber.
    Damit trennten sie sich, Beide tief ergriffen und besorgt, aber ruhig im
Aeuern, wie sie es immer waren, obgleich Eduard nun mit doppelter Ungeduld die
Entscheidung seines Schicksals ersehnte.
    Je lnger er diese Liebe zu Clara in stiller Brust genhrt, um so tiefer war
sie in sein Herz gedrungen. Er konnte zwar sein Leben ohne Clara's Besitz
denken, aber kein Glck ohne sie. Sie zu erkmpfen und seinem Volke zugleich
damit zu ntzen, das war der belebende Gedanke in seiner Seele geworden; und mit
der Energie, die ihm eigen war, hatte er rasch die nthigen Schritte dazu
gethan, ohne mit irgend Jemandem darber zu sprechen. Anfangs hatte er mit
Zuversicht auf einen gnstigen Bescheid gerechnet und sich mit einer Art von
stolzer Sorglosigkeit der Leidenschaft hingegeben, die ihn beherrschte; nun
aber, als die Antwort, die er erwartete, von Tag zu Tag ausblieb, als die
Erkundigungen, welche er einzog, auf eine abschlgige Bescheidung hinzudeuten
schienen, muten die Ermahnungen seines Vaters einen um so tiefern Eindruck auf
ihn machen. Zerstreut war er zu seinen Kranken gekommen und hatte kaum die
nthige Aufmerksamkeit fr ihre Klagen in sich erzwingen knnen. Das machte ihn
noch trber und unzufriedener mit sich. Er zog sich in den Stunden, welche ihm
seine Praxis frei lie, ganz in seine Wohnung zurck und kam auch nur des
Mittags zu den Seinen, weil in dieser Stimmung ihm selbst der Umgang mit seiner
Familie keine Freude machte.
    So mochten etwa acht Tage vergangen sein. Er sa Abends an den geffneten
Fenstern seines Zimmers und sah, in tiefe Gedanken versunken, nichts von der
Pracht des Frhlings, dessen lieblichste Blumen in dem Garten, der das Haus nach
dem Hafen hin begrenzte, sich zu entfalten anfingen. Lebhaft erinnerte er sich
jener Winternacht, in der dieselbe hoffnungslose Liebe ihn in Sturm und Wetter
hinausgetrieben hatte, und der leidenschaftlich erregte Zustand jener Stunde
schien ihm beneidenswerth gegen die Muthlosigkeit, welche er jetzt empfand, und
aus der ihn, wie er whnte, nichts empor zu rtteln vermochte. Da pochte es an
seine Thre, und es trat der Postbote herein, der ihm einen groen, mit
amtlichem Siegel geschlossenen Brief aushndigte. Eduard wute, was er ihm
bringen konnte. Mit hastiger Hand erbrach er ihn. Er nherte sich dem Fenster,
um bei den letzten Strahlen des Tages die feste, deutliche Schrift zu lesen -
dann legte er das Blatt zur Seite, und blieb gedankenvoll, den Kopf gegen die
Scheiben gelehnt, am Fenster stehen.
    Es war entschieden. Der Jude durfte nicht auf das Glck hoffen, die Geliebte
zu besitzen. Was war nun zu beginnen?
    Er hrte ber seinem Haupte, in den obern Zimmern, Sthle hin und wieder
rcken; er sah empor, es war Nacht geworden. Man stand vermuthlich bei seinen
Eltern von der Abendmahlzeit auf. Er hatte also mehrere Stunden in dumpfem
Brten verbracht und kein krftigender Gedanke war erleuchtend in die Nacht
seines Schmerzes gedrungen. Flsternd berhrten Jenny's und Gustav's Stimmen
sein Ohr. Der milde Abend hatte sie ins Freie gelockt und Eduard erblickte sie
bald darauf in den breiten Gngen des Gartens. Aber! trog ihn sein Auge? noch
eine dritte Gestalt ging mit ihnen. Therese konnte das nicht sein; sie war wenig
grer, als Jenny, whrend diese schlanke, hohe Figur Jenny bedeutend berragte.
Sie war es! Noch ahnte sie nichts von dem Schmerz, den er bekmpfte, den der
nchste Tag auch ihr bringen mute. Nur noch dies Eine Mal wollte er sie
glcklich sehen. Es schien ihm, als htte sie im Vorbergehen, trotz der
Dunkelheit, nach seinen Fenstern geblickt - im nchsten Moment war er an ihrer
Seite.
    Wo kommst Du her, Nachtwandler? fragte Jenny scherzend. Du hast mich
frmlich erschreckt, als Du so pltzlich hervortratest; und auch die arme Clara
fuhr zusammen. Wo warst Du denn bis jetzt?
    In meinem Zimmer, antwortete er.
    Da war es dunkel, als wir vorbergingen, bemerkte Reinhard verwundert, und
Deine Eltern whnten Dich auer dem Hause.
    Das war ein Irrthum! erwiderte er, ebenso zerstreut und tonlos, als er die
erste Antwort gegeben.
    Hre, Eduard! rief Jenny, um nur irgend etwas zu sagen, weil sie nicht
wute, was die Stimmung ihres Bruders, die sie beunruhigte, bedeute, wenn Du nur
gekommen bist, uns zu erschrecken, so httest Du fortbleiben sollen. Gustav war
so gut, so lieb; Du hast uns um die schnste Erzhlung aus seinen frhern Jahren
gebracht, die ich nicht aufgeben will, und ich gehe mit Gustav fort, wenn Du
nicht heiterer sein kannst.
    So geht, ihr Lieben! sagte er, und lehnte sich tiefaufathmend an den dicken
Stamm einer mchtigen Kastanie, deren junge Bltter leise unter der Berhrung
der Nachtluft zitterten.
    Unentschlossen standen Alle einen Augenblick einander gegenber; dann fhrte
Reinhard Jenny einen Augenblick mit sich fort und bot Clara den andern Arm. War
es nur Tuschung, oder hatte Eduard wirklich seine Hand bittend gegen Clara
bewegt? - aber das Brautpaar war bereits einige Schritte fort, und Clara stand
noch in scheuer Entfernung allein vor Eduard. Sie hatte die Hnde ngstlich ber
die Brust gefaltet, trat ihm nher und fragte mit sanfter Bitte: Sie kommen
nicht mit uns?
    Der Ton dieser sen Stimme, das war mehr, als Eduard ertragen konnte.
Clara! Clara! rief er mit einer Leidenschaftlichkeit, in der das ganze Leiden
der letzten Stunden sich zusammendrngte, und ri das junge Mdchen gewaltsam an
seine Brust, das sich an ihn lehnte, als ob sie an seinem Herzen Schutz gegen
ihn selbst erwartete. Wie nach langer drckender Hitze die schwarzen Wolken sich
in groen einzelnen Tropfen entladen, so fielen aus Eduard's Augen heie schwere
Thrnen auf die Stirn Clara's und auch sie weinte still.
    Warum weinen wir denn, fragte sie endlich, wenn ich mit Ihnen bin?
    Weil ich Dich verloren habe, antwortete er gepret, weil ich ber Dein
geliebtes Haupt den Fluch heraufbeschworen, der mich verfolgt. Auf dies geliebte
Haupt, sagte er, es in seinen Hnden haltend und mit der Zrtlichkeit eines
Vaters kssend, auf das ich alles hchste Glck herab zu rufen dachte.
    Sie hing sich fester an seine Brust, und er fhlte, wie sie zitterte; aber
kein selbstschtiger Gedanke kam in ihre reine Seele, nur der Kummer des
Geliebten war es, den sie zuerst empfand. Armer Eduard! seufzte sie, und ich
wagte, frhlich zu hoffen, whrend Sie litten, ich hoffte ......
    Liebste! Dein Wagen ist da! rief Jenny's Stimme und schreckte Clara empor
von Eduard's Brust, der ihr seinen Arm reichte; und sie hatte dieses Beistandes
nthig, um sich aufrecht zu erhalten. Ohne ein Wort der Entschuldigung oder des
Abschiedes, geleitete Eduard sie an Reinhard und an der Schwester vorber zu
ihrem Wagen, drckte einen langen Ku auf ihre Hand, und ging dann schnell in
sein Zimmer zurck, dessen Fenster er verschlo.
    Die Verlobten sahen ihnen erschrocken und verstehend nach. Auch sie
schritten dem Hause zu. Die Armen, klagte Jenny, und Reinhard zog sie nher an
sich, wie wenn er sich vor hnlichem Scheiden bewahren wollte. Arm in Arm
langten sie bei Jenny's Eltern an. Sie entschuldigten mit einem Vorgeben Clara's
Fortfahren ohne Abschied; Eduard's wurde gar nicht erwhnt. Bald darauf trennten
sich auch die Uebrigen, Reinhard und Jenny mit schwerem Herzen, und erst,
nachdem sie sich durch einen nochmaligen Gang nach dem Garten berzeugt hatten,
da Eduard zu Hause sei. Sie sahen ihn durch die Vorhnge an seinem Schreibtisch
sitzen.
    Er schrieb an Clara. Sein Brief an die Geliebte lautete also:
    Jene Stunde, die ich mit aller Wonne der Liebe erwartet hatte, ist
herangekommen und zur Trennungsstunde fr uns geworden - das hchste Glck, das
Bewutsein, Ihre Liebe zu besitzen, wird zum Schmerz, denn auch auf Sie fllt
die Pein des Scheidens. - Zrnen Sie mir um deshalb nicht. Mehr, als mein
eigener Schmerz, peinigt mich der Gedanke, da Sie mit mir leiden, da meine
Liebe Sie nicht zu schtzen, nicht zu beglcken vermag. Ich knnte eine Welt
hassen, in der Herzen, die zusammen gehren, getrennt werden, weil das Eine so,
das Andere anders zu seinem Schpfer betet, der Beide fr einander erschuf, der
sie, wie uns, zusammenfhrte. Jahrtausende hat der Fluch ber meinem Volke
geschwebt, nun hat er auch mich getroffen. Ich whnte, es sei an der Zeit frei
zu werden von jenen Fesseln, die blinder Pfaffenglaube der ganzen Menschheit
angelegt. Ich hatte Dich gesehen, ich liebte Dich, und ich hoffte, Du solltest
die Aurora werden, welche ein neues Morgenroth der Aufklrung fr unser ganzes
Land verkndete. Denn nicht allein den Juden trifft der Wahnwitz dieses Hasses,
er schlgt in gerechtem Undank selbst die Mutter, die ihn erzeugt. Auch Du! die
Christin! leidest unter ihm. Aber wer hie Dich, einen Juden lieben? Warum
wolltest Du lieben, was die Deinen hassen? Die Deinen, welche sich zu einer
Religion der Liebe bekennen! - O! Christus wute, wie der Ha zerfleischt,
entmenscht, darum predigte er Liebe, und die Unwrdigen begriffen nur den Ha,
vor dem er sie gewarnt.
    Aber ich wollte ruhig sein und nicht auch in Deine Seele den Widerschein des
Zornes leuchten lassen, der in mir lodert! Ruhig denn! - Seit ich Dich kenne,
seit ich Dich liebe, habe ich keine Stunde ruhigen Glckes gekannt als in Deiner
Nhe. Nur der Zauber Deiner Gegenwart konnte mich trsten, mich vergessen
machen, da ich Dich nicht besitzen wrde. Ich fhlte es, wie Dein Herz sich zu
mir neigte, und wollte Dich und mich vor jeder Hoffnung bewahren, indem ich Dir
sagte, mit wie unauflslichen Banden ich an mein Volk gekettet sei. Es ist nicht
der Glaube, der mich an das Judenthum bindet: ich bin weder Jude noch Christ in
dem Sinne der Menge - ich bin ein Mensch, den Gott geschaffen, der seinem
Schpfer dafr dankt und der seine Mitgeschpfe liebt. Aber meine Ehre fesselt
mich an mein Volk, das gleich mir in Unterdrckung seufzt. Was dem verbannten
Polen sein Vaterland, das ist dem Juden die Gemeinde; nur der Verrther sagt
sich von ihr los. Denkst Du jener Polenhelden, die wir jngst gesehen, und der
Wunden auf ihren gramdurchfurchten Stirnen? Diese Wunden knnen heilen; aber der
Schmerz ihrer gebrochenen Herzen nimmer! Geschieden von Bruten, Weibern und
Kindern, kamen sie in unser Land, Alles war ihnen geraubt, und sie hatten nichts
als die Ehre und den heiligen Gram um ihr gesunkenes Vaterland. Nach langem
Elend war das Volk der Polen erstanden, um mit Mnnerkraft seine Ketten zu
zerreien. Es milang und die Unterdrcker trugen wieder den Sieg davon.
    So ist es mir ergangen. Ich wollte versuchen, auf Deinen Besitz zu
verzichten, zu entsagen; aber Entsagen ist Feigheit, so lange noch eine
Mglichkeit da ist, das Glck zu erreichen. Ich verlangte vom Staate die
Erlaubni, Dich mein zu nennen, ohne Christ werden zu mssen. An Deiner
Zustimmung, an Dir zweifelte ich nicht, und mit Dir hoffte ich die Einwendungen
der Deinen leicht zu besiegen. Ich hoffte, glcklich zu sein mit Dir, und
Tausenden, die gleich uns gelitten, ein Befreier von bejammernswerthem
Vorurtheil zu werden. Es ist anders gekommen.
    Der Staat, der es erlaubt, da Menschen, ohne alle innere
Zusammengehrigkeit, einander den Eid der Treue vor dem Altare schwren, der es
duldet, da die Jungfrau mit gebrochenem Herzen in die Arme eines Mannes gefhrt
wird, welcher vielleicht noch gestern an der Brust einer Buhlerin des Bundes
lachte, den er heute beschwrt, der Gesetze gibt, diese fluchenswerthen Ehen zu
schtzen - derselbe Staat will es nicht dulden, da zwei Herzen, die in reinstem
Einklang schlagen, sich verbinden, weil sie auf verschiedene Weise Gott fr das
Glck danken wrden, das er ihnen durch ihre Liebe gewhrt. - Das sind die
Gesetze, vor denen man Achtung verlangt!
    Nur Eine Zuflucht bietet sich uns dar, wenn Du es vermchtest, Dich von
allen Vorurtheilen zu befreien, wenn Du Dich entschlieen knntest, mir unter
dem Schutze der Meinen in ein Land zu folgen, das unsere Ehe zult, und dort
die Meine zu werden; wenn ich Dich im Triumphe zurckfhren drfte und den
Verblendeten zeigen knnte, wie die Liebe frei ist vor dem Urtheil eines weisern
Staates; wenn Du durch Ein Wort uns den versagten Himmel zu ffnen bereit wrest
- ein Leben voll der wrmsten, ergebensten Liebe sollte es Dir lohnen; Dir, aus
deren Hand mir Liebe und Freiheit zugleich gegeben wrden.
    Mitten im Fluge solchen Hoffens fhle ich aber bereits das Unrecht, das ich
an Dir begehe, indem ich Dich zum Richter ber unsere Zukunft mache. Das htte
ich Dir ersparen sollen, und doch kann ich es nicht. So nimm denn wenigstens das
heilige Versprechen, Du Geliebte, da ich mit keinem Worte versuchen werde, das
Urtheil, wie Du's auch fllst, zu ndern. Was Dein liebendes Herz vermag oder
nicht vermag, was Dein gerader Sinn Dir zu thun gebietet, das soll auch meine
Richtschnur sein. Nur versage mir die Gunst nicht, Dich noch einmal zu sehen.
Und somit Lebewohl!
    Vergebens wrde es sein, ein Bild des Schmerzes zu geben, mit welchem Eduard
diesen Brief geschrieben, oder der Gefhle, die er in Clara hervorrief. Wer es
je erfahren hat, pltzlich eines Glckes beraubt zu werden, auf das er eben ein
volles Anrecht erworben zu haben glaubte, der mag ahnen, was Eduard und Clara
bei dem Gedanken an ihre Trennung litten, nachdem sie durch das gegenseitige
Gestndni ihrer Liebe sich an einander gebunden. Von Minute zu Minute zgerte
Clara, eine Antwort zu geben, die, so innig sie Eduard liebte, niemals eine
gnstige sein konnte. Immer hoffte sie, es werde sich ihr ein Ausweg aus dem
Labyrinthe zeigen; sie frchtete Eduard's Leiden zu vergrern durch die
Schilderung ihres Schmerzes; sie wollte ruhig werden, um ihn zu beruhigen; und
das war der Brief, den sie endlich an ihn schrieb:
    Gott hat es mir auferlegt, da ich mit den ersten Worten, die ich Ihnen
schreibe, Ihnen und mir den tiefsten Schmerz bereite, den eine Menschenbrust
empfinden kann. Er wird uns Kraft geben, ihn zu ertragen. Liebte ich Sie
weniger, oder wre ich nicht vollkommen gewi, es knne kein Zweifel an meiner
Liebe Raum in Ihrer Seele finden, ich wrde nicht den Muth haben, Ihnen zu
sagen, da ich nicht die Ihre werden, da die schnste Hoffnung meines Lebens
nicht erfllt werden drfe. Ach, lieber Eduard! als ich Jenny und Reinhard
verbunden sah, da wagte ich mir zu gestehen, da ich ein hnliches Glck
begehrte und erhoffte, obgleich ich wute, was Sie von Jenny's Uebertritt zum
Christenthume dachten; wie Sie bei Jenny billigten, was Sie selbst niemals zu
thun vermchten. Ich tuschte mich gern, weil ich Sie liebte und kein hheres
Glck kannte, als Ihnen in jeder Stunde meines Daseins, mit jedem Gedanken, mit
jedem Gefhl meiner Seele zu eigen zu sein. Ein Familienleben hatte ich erst in
dem Hause Ihrer Eltern in seiner heiligen Schnheit kennen gelernt, und ich
wnschte sehnlichst, mit Ihnen zu den Kindern dieses glcklichen Hauses zu
gehren, das mich mit so viel Gte empfing, in dem ich die schnsten Stunden
meines Lebens genossen habe.
    Glauben Sie mir, ich verlange nichts als Ihre Liebe, nichts als Sie, Eduard!
und jedes Band, das uns vereinigte, wre mir heilig. Ich mchte Ihr treues Weib
sein, gleichviel, welch ein Priester den Segen ber uns gesprochen; jedes Land,
jedes Verhltni wre mir gleich. Ich knnte ruhig den Tadel der Menge ertragen
- aber den Segen meiner Eltern kann ich nicht entbehren. Ohne diesen Segen, den
ich nie zu erhalten hoffen darf, so lange Sie nicht Christ geworden sind, gbe
es, selbst mit Ihnen, kein Glck fr mich.
    Meine Mutter hat mich William verlobt, ohne mich darum zu befragen, und ich
habe mich dadurch keinen Augenblick fr gebunden gehalten. William selbst wrde
meine Hand nicht begehrt haben, htte er meine Liebe zu Ihnen gekannt. Ich
vermag, so leid es mir thut, den Wunsch meiner Mutter nicht zu erfllen, ich
kann William's Frau nicht werden. Aber auch die Ihre nicht, Eduard! Sie bindet
die Ehre an Ihr Volk, mich die Pflicht an meine Eltern, und ich darf an eine
Verbindung nicht denken, die auch einer minder stolzen Frau als meiner Mutter
verwerflich scheinen mte durch die befremdlichen Schritte, welche eine Trauung
im Auslande erfordert. Ich whnte, Liebe sei allmchtig, nun sehe ich, da sie
vor Pflicht und Ehre sich beugen mu. Ich bin bereit, das Opfer zu bringen -
aber es ist ein schweres, furchtbares Opfer, ich bringe es mit blutendem Herzen,
und wei kaum, wie ich das Unvermeidliche ertragen werde.
    Sie nehmen Abschied von mir, Eduard! Sie sagen mir Lebewohl! das begreife
ich nicht! Ist es nicht hart genug, da wir einander nicht gehren sollen?
Wollen wir uns selbst um das Glck bringen, uns zu sehen, uns zu sprechen und
Trost fr unser Leid in dem Beisammensein zu suchen, das uns vergnnt ist? Ich
kann den Gedanken nicht fassen, Sie nicht mehr zu sehen; ich mchte den Trost
nicht entbehren, Ihrer treuen Brust anzuvertrauen, was mich bewegt, und zu
erstarken an den groen Gedanken Ihres Geistes. Waren wir nicht glcklich bis
jetzt, auch ehe das Wort Liebe ausgesprochen wurde? Hatten wir uns nicht
verstanden? So kann und soll es wieder werden! Man sagt, der Strom, der die
Dmme durchbrach, knne niemals wieder von selbst in jene Schranken
zurckkehren; das mag sein. Wo aber die Schranke allein Zuflucht vor gnzlichem
Verarmen zu geben vermag, da mu man sie aufs Neue erbauen, sich hinter sie
flchten, um das einzige Gut zu behalten, das uns geblieben ist.
    Schreiben Sie mir nicht mehr, das kann nicht sein. Lassen Sie uns versuchen,
die Ereignisse des gestrigen Tages im tiefsten Grunde des Herzens zu bergen. So
allein - und ich rechne auf Sie, als ob Sie es mir mit dem heiligsten Eide
gelobt htten - drfen wir uns wiedersehen. Sie, Eduard, sollen mich schtzen
vor der Gewalt unserer Liebe; Ihrem starken Willen vertraue ich mich an. Nur ein
paar Tage der Einsamkeit gnnen Sie mir, mich zu gewhnen an das schwere Loos,
das uns geworden ist. Doch was klage ich? Ich begehrte Glck und Leid mit Ihnen
zu tragen, und sollte muthlos werden, nun die Prfung naht? Nein, Eduard! Sie
sollen sehen, da Sie sich nicht in mir geirrt haben, da ich wrdig gewesen
wre, die Ihre zu sein, weil jedes Schicksal, das ich mit Ihnen theile, mir
ertrglich scheint. Um mich sorgen Sie nicht, ich wei, da Sie mich lieben! Mit
dem Bewutsein kann ich Alles tragen; denn Liebe, selbst hoffnungslose Liebe ist
Glck! Daran halten Sie fest, Eduard! wenn wir uns wiedersehen.
    Dieser Brief brachte auf Eduard die doppelte Wirkung hervor, ihm Clara im
vollsten Lichte ihres ruhig milden Wesens zu zeigen, und ihn zu ermannen,
obgleich er ihn die ganze Gre seines Verlustes fhlen lie. Er durfte nicht
kleiner sein als sie, die ein unabwendbares Geschick mit Ergebung trug und mit
ngstlicher Sorgfalt das geringe Glck, auf das sie Anspruch hatte, sich und dem
Geliebten zu erhalten strebte. Doch nur schwer und allmlig gelangte er zu der
Fassung, welche Clara gleich in sich gefunden hatte, um ihn damit zu beruhigen.
Auch ihm drngte sich dadurch unwillkrlich die Frage auf, ob in der
Frauen-Natur wirklich eine hhere Leidensfhigkeit liege, als in der des Mannes.
Er bewunderte Clara, aber er konnte ihre Entsagung kaum begreifen. Ja, einen
Augenblick lang wagte er zu glauben, Clara's Gefhl knne an Strke dem seinigen
nicht gleich sein; sie msse ihn weniger lieben, als er sie. Das ist eine
Ungerechtigkeit, deren man sich nur zu oft schuldig macht. Weil das Weib besser
liebt, weil es nur an den Schmerz des Geliebten, nicht an sich selbst denkt und
sich in dem Glck des Andern vollkommen vergessen kann, schilt man es kalt und
trstet sich ber den Gram, den man verursacht, mit dem alten Gemeinplatz, das
Weib sei leidensfhiger als der Mann. Die Schmach fhlt man gar nicht mehr, den
Frauen, dem sogenannten schwachen Geschlecht, eine Stellung im Leben angewiesen
zu haben, die sie von Jugend auf an Leiden und Entsagungen gewhnt; man denkt
nicht an jene schweren Stunden, in denen sie genthigt sind, sich zu
beherrschen, wenn ihr Herz gepeinigt wird. Wer sieht die Thrnen, die oft aus
der innersten Seele hervorbrechen mchten, whrend ein Mnnerarm die schne
Gestalt umschlingt und mit ihr durch die frhlichen Reihen des Walzers
dahinfliegt? Ihr seht nur die schimmernden Thautropfen auf dem Rosenkranz in
ihren Locken, nur die Perlen, die den schnen Nacken zieren, und ahnet nicht,
da hinter dem feuchten Blau des Auges, das Euch entzckt, Perlen und
Thautropfen glnzen, viel kostbarer und reiner, als der Tand, den Ihr bewundert.
Ihr preiset das se Lcheln des holden Mundes, der nur zu oft traurig lchelt
ber ein Dasein, das so grelle Gegenstze in sich schliet. Kommt dann Einer
einmal zu der Erkenntni des Schmerzes, den solch ein heiteres Frauenantlitz
birgt, dann schreit er ber die Verstellung, die Unwahrheit des Geschlechts, und
vergit, da Jeder, der ein Mdchen traurig sieht, ohne sich zu bedenken, auf
eine unglckliche Liebe schliet und mit roher Hand das stille Geheimni an das
Licht ziehen mchte. Ein Frauenherz, in dem einmal der Strahl wahrer Liebe
gezndet, erkennt seinen Besieger in dem Manne, fhlt sich ihm unterthan, als
Sklavin seines Willens, und mchte doch aus angebornem Schamgefhl nicht dem
Auge jedes Ungeweihten die Fessel zeigen, durch die es gebunden wird, die oft
blutig drckt, und selbst zerbrochen, unvertilgbare Narben zurcklt. Geliebt
werden ist das Ziel der Frauen. Ihr Ehrgeiz ist Liebe erwerben; ihr Glck
Lieben, und die Liebe, nach der sie gestrebt, nicht erlangen zu knnen,
unglcklich lieben, eine Krnkung, welche nur die edelsten Frauennaturen ohne
Schdigung zu tragen vermgen. So beruht die ganze Entwickelung der weiblichen
Seele auf dem Verhltni zum Manne; und man darf das Weib nicht der Falschheit
anklagen, wenn es den geheimnivollen Proce seines geistigen Werdens schamhaft
der Welt verbergen mchte. In der ganzen Natur schreitet die Entwickelung so
mystisch verhllt vor, da wir fast berall nur das Fertige erblicken, ohne uns
ber das Werden Rechenschaft geben zu knnen. Warum verlangt man es denn anders
von den Frauen? Es mag den Mann stolz machen, die sichtbare Vorsehung des Weibes
zu sein; zu fhlen, da Glck und Unglck ihm aus seiner Hand kommt; aber es
sollte ihn auch Mitleid und Schonung fr die Armen lehren, die echt biblisch die
Hand kssen, welche sie schlgt. Man hat sich nicht zu wundern, wenn einst die
Stunde kommt, in der das Weib gleichen Schmerz mit dem Manne zu tragen berufen
ist, es ruhig in liebender Ergebung zu finden, wo der Mann gegen das Schicksal
tobt, so lange er die Mglichkeit begreift, ein besseres Loos zu ertrotzen.
    Das Letztere war denn auch Eduard's Fall, der nicht allein die Geliebte
verlor, sondern der aufs Neue glaubte eine Unbill rchen zu mssen, die man an
ihm, an seinem Volk begangen. Er hate in der ersten Leidenschaft des Schmerzes
die Welt, die noch immer in stumpfer Gefhllosigkeit Recht und Wahrheit
verhhnte. Seine Phantasie erschrak vor keiner noch so gewaltsamen Maregel,
welche ihn zum Besitz der Geliebten, zur Erlangung seines guten Rechtes fhren
konnte. Dann, als der erste Sturm vorber war, las er Clara's Brief aufs Neue
und verstand die Schnheit einer Seele, die so zu entsagen vermochte. Er konnte
die Zeit nicht erwarten, in der es ihm vergnnt sein wrde, sie wiederzusehen,
und durfte doch nicht wagen, den ersehnten Augenblick herbeizufhren, ehe sie
ihn dazu berechtigte. Sein Herz war noch tief erschttert, als sein Geist schon
wieder zu seiner Klarheit gelangte und sich an einem Gedanken mchtig
emporrankte. Um sein Glck war es geschehen, sein Leben hatte man der reinsten
Freuden beraubt; darum fhlte er den Muth, Alles von sich zu werfen, sein
Vaterland, seine Aussichten fr die Zukunft, selbst seine Freiheit, wenn es sein
mute, um damit das Einzige zu erkaufen, das noch Werth fr ihn hatte: die
brgerliche Gleichstellung seines Volkes. Diese Idee gab ihm die nthige Kraft,
noch an demselben Tage vor seinem Vater zu erscheinen und ihm zu verknden, er
habe das Spiel verloren, auf das er alle seine Hoffnungen gesetzt.
    Der Vater war bewegt. Auch ihn traf der Schlag doppelt, in seinem Sohne und
in seinem Volke, obgleich ihm das Gelingen dieser Angelegenheit hchst
zweifelhaft gewesen war, aber er war kein Mann des Wortes, wo es etwas zu thun
galt. Und was soll jetzt werden? fragte er den Sohn.
    Clara wei es bereits, antwortete Eduard. Ich hatte ihr geschrieben, um
Abschied von ihr zu nehmen. Ich war entschlossen fortzugehen, um ihr und mir die
Trennung zu erleichtern. Ich wollte mich in der freien Gre der Natur
verlieren, weil ich mir einen Augenblick vorspiegelte, ich wrde irgendwo die
Bande nicht fhlen, die mich an Clara binden; die Ketten vergessen, unter denen
die Juden seufzen. Der erste Schmerz ist trgerisch in jedem Sinne. - Dann kam
Clara's Antwort! - Er seufzte, und blieb eine Weile schweigend in seine Gedanken
vertieft, darauf fuhr er fort: Sie will nicht, da wir scheiden; ihr sanftes
Herz vermag es zu entsagen, sie hofft, in die Schranken ruhiger Neigung
zurckzukehren, glcklich dabei sein zu knnen. Ich soll sie wiedersehen, bald,
in wenig Tagen - und soll schweigen - wie ist das mglich?
    Mglich, mein Sohn! sagte der Vater, mu es sein, weil Clara es so will; und
das Einzige, was Du thun kannst, ist, Dich unbedingt in jeden Vorschlag zu
fgen, den sie Dir macht, und von dem sie sich Beruhigung verspricht.
    Du fragtest mich neulich, Vater! als wir ber diesen Gegenstand sprachen:
wohin soll das fhren? Ich gebe Dir heute die Frage zurck. Wohin soll die Pein
fhren, uns zu sehen und zu schweigen von Dem, was jeder Blick, jeder Gedanke
uns dennoch verrth?
    Zu einer nothwendigen Trennung, wenn Ihr nach Monden eingesehen haben
werdet, da der Instinkt der Jugend sich gegen jeden hoffnungslosen Zustand
strubt. Denn lsen, Eduard, mut Du jetzt ein Band, das Clara an Dich bindet,
ohne ihr die mindeste Aussicht auf Glck zu geben.
    Und mit diesem Bewutsein soll ich sie sehen? rief Eduard. Ich soll sie
sehen und daran denken, sie zu lassen?
    Sprich nicht von Dir, sagte der Vater ruhig, Du bist ein Mann!
    Aber Clara! was soll aus Clara werden? fragte Eduard im Tone des tiefsten
Schmerzes.
    William's Frau, wenn es irgend mit ihrer Neigung zu vermitteln ist,
antwortete mit festem Ernst der Vater, und fuhr, ohne auf Eduard's Widerstreben
bei dem Ausspruch zu achten, in seiner gewohnten Weise also fort: Der herbe
Kelch, den uns das Leben bisweilen zu kredenzen liebt, mu ganz und schnell
geleert werden, wenn wir uns das Leben nicht schwerer machen wollen, als es
leider oftmals ist. Darum stehe ich keinen Augenblick an, Dir zu sagen, Clara
ist fr Dich verloren, sie fhlt sich in diesem Augenblick so unglcklich wie Du
- vielleicht noch mehr - aber damit ist Euer Leben nicht beendet. Denn gerade
dieses Mdchen vermag es, ihr Glck in Andern zu finden. Wenn sie William's Hand
ausschlgt, zerfllt sie mehr und mehr mit ihrer Mutter. Die Deine kann sie
niemals werden; soll sie unaufhrlich den Vorwrfen einer herrschschtigen
Mutter ausgesetzt bleiben, damit Dir der Schmerz erspart werde, sie mit einem
andern Mann glcklich zu sehen?
    Kann sie so schnell vergessen? sprach Eduard im Tone des Zweifels, und schon
bei dem bloen Gedanken an die Mglichkeit erbangend: Kann sie das auch nur
wollen?
    Das hoffe ich, mein Sohn! Nur Thoren verlangen Etwas, dessen Unmglichkeit
sie eingesehen haben. William ist brav und liebt seine Cousine, Clara htte ohne
Dein Dazwischentreten diese Liebe gewi erwidert, und ich wnsche um ihretwillen
lebhaft, da sie noch jetzt, wenn auch mit Ueberwindung, sich zu dieser Ehe
entschliet, in der ich allein Glck und Ruhe fr sie erblicke, wenn Du sie und
William, die Dir Beide als einem Freunde vertrauen, auf den rechten Standpunkt
leitest.
    Nimmermehr! rief Eduard. Es ist genug, da ich sie verliere. Kannst Du
glauben, da ich, ich selbst sie in die Arme eines Andern fhren werde?
    Ich erwarte das von Dir, wie ich Dich kenne! antwortete Herr Meier.
    Eduard konnte sich gegen die Wahrheit in den Worten seines Vaters nicht
verblenden, so gern er es auch wollte. Er erkannte die edle strenge
Gerechtigkeit des Greises, aber sein Gefhl emprte sich noch dagegen, als gegen
eine Snde an Clara selbst. Inde der Vater lie sich nicht erweichen. Er wollte
gleich in dieser Stunde in seinem Sohne jeden mglichen Selbstbetrug ertdten.
Er glaubte am sichersten jenem langwierigen, unbestimmten Hinsiechen der Seele
vorzubeugen, wenn er die Wunde rasch nach allen Seiten hin untersuchte, sie
tchtig ausbluten lie, und dann die Heilung der Zeit, und besonders dem
Bedrfni nach Glck berlie, das uns unbewut antreibt, zu genesen, wenn ein
geistiges Leid uns niedergeworfen hat. Denn wir sind zum Glck geschaffen, wir
streben darnach, und erlangen es am sichersten, wenn wir uns durch keine
falschen Hoffnungen tuschen lassen.
    Eine Weile saen Vater und Sohn noch bei einander, dann schieden sie mit
einem Hndedruck und Eduard ging davon, um am Bette der Kranken Trost zu
bringen, er, der dessen selbst noch so nthig bedurfte.

Also Adieu princesse? Adieu plaisir? sagte Steinheim zu Jenny, die auf dem
Balkon unter Erlau's Anleitung spielend die Gegend aufnahm, welche vor ihren
Augen lag. Sie wollte das Bildchen Reinhard schenken, ehe sie morgen auf das Gut
hinausfuhren.
    Adieu gewi, fr ein paar Tage, antwortete sie, doch hoffe ich, an Vergngen
soll es uns nicht fehlen; es sei denn, da Ihnen, die Stunde Wegs nach Berghoff
zu weit und zu anstrengend wre.
    Sagen Sie dem Hypochondristen das noch einmal, Frulein, meinte Erlau, so
glaubt er es und bleibt zu Hause; natrlich unter jmmerlichen Klagen ber seine
schwache Gesundheit und ber den Undank seiner Freunde, die sich Landgter
kaufen, ohne auf die Entfernung von seinem Hause und auf seine Rheumatismen
Rcksicht zu nehmen.
    Der Wunden lacht, wer Narben nie gefhlt, rief Steinheim. Wenn solch ein
Springinsfeld, wie Erlau, der mit jedem Hasen um die Wette laufen knnte, doch
nicht ber die Empfindungen vernnftiger Leute spotten wollte, welche, ohne
deshalb schwerfllig und alt zu sein, sich dennoch bei warmem Wetter ihres
Krpers als einer Zugabe bewut werden, die sie am Laufen und Fliegen
verhindert.
    Jenny und Erlau lachten, und man rief Therese herbei, um sie an der
Unterhaltung Theil nehmen zu lassen. Sie trat hinter Jenny's Stuhl und
bewunderte die raschen Fortschritte, welche deren Arbeit seit einer Stunde
gemacht hatte. Du solltest Dir, sagte sie, so lange Du noch zu Hause bist,
allmlig alle Deine Lieblingspunkte zeichnen, um sie Dir zum Andenken
mitzunehmen, wenn Ihr einst fortgehen werdet.
    Der Gedanke ist des Monarchen werth, Frulein Therese! fiel Steinheim ein.
    Und schne Gegenden werden Ihrem Auge erquickend sein, sprach Erlau, wenn
Reinhard darauf besteht, Sie in jene Einde zu fhren, in der die Heerde weidet,
die er hten soll. Ich sehe Sie schon, Frulein, mit einem Schfer- oder
Krummstabe - ich wei nicht, was Pfarrerinnen in Arkadien fhren, - durch die
sandigen Fluren wallen. Ich hre Sie, Reinhard zu Liebe, ber jedes Haidekraut,
das der Boden hervorbringt, in Ach! und Oh! zerflieen und Gott danken dafr,
da er diesen Sand aus seiner groen Barmherzigkeit erschaffen, damit er uns in
die Augen fliege, wenn ein warmer Lufthauch sich je einmal in solch eine Gegend
verirrt.
    Lassen Sie das Reinhard ja nicht hren, warnte Jenny, er wrde es bel
deuten!
    Du solltest es auch nicht leiden, liebe Jenny, meinte Therese, da Du weit,
wie unangenehm diese Scherze Deinem Brutigam sind, der mit so viel Liebe an
seinen knftigen Aufenthaltsort denkt.
    Ich wollte, sie ginge nach dem entzckenden Orte und liee uns Jenny hier!
sagte Erlau leise zu Steinheim, und: Wer wei, wie gern sie das thte!
antwortete dieser ebenfalls leise, whrend Therese versicherte, fr sie wrde
ein ganz eigner Reiz darin liegen, einem Manne sein einziges Glck zu sein. Je
schlechter die Gegend, je weniger lockend die uern Verhltnisse, um so theurer
mten ihm ja Frau und Heimath werden.
    Gott bewahre mich vor solchem Glck! rief Jenny und legte den Pinsel fort;
das ist ja, um mich bei Zeiten an biblische Wendungen zu gewhnen, der Weib
gewordene Egoismus. Mein Mann sollte entbehren, damit ich geliebt wrde? Wie
kann man so Etwas denken? Weit Du, was ich mir wnschen wrde? Reinhard mte
Herr sein ber die ganze Welt und alle ihre Schtze. Alle Menschen mten ihn
anbeten, weil er eine neue schne Zeit heraufgefhrt, und dann mte er den
schnsten Lohn fr seine Thaten darin finden, wenn ich Diejenige wre, die ihn
am meisten bewunderte und liebte. Die Hand, mit der ich Abends die Falten auf
seiner Stirn glttete, mte ihm noch lieber sein, als die Kronen, die er auf
sein Haupt drckt - denn nebenher mte er ein Herrscher aus eigener
Machtvollkommenheit sein und nicht von Gottes Gnaden Da das aber nicht sein
kann, schlo sie, und nahm den Pinsel wieder vor, ist nchst solchem Herrscher
mein Reinhard mir der Liebste.
    Das sieht Dir hnlich, sagte Therese, Du suchst nun einmal das Glck immer
und berall in uern Dingen und weichst darin von Reinhard ab, der nichts
begehrt, als ein bescheidenes Loos und einen segensreichen Wirkungskreis.
    Jenny stand verdrielich von der Arbeit auf und ging mit Erlau nach der
andern Seite des Balkons, whrend Steinheim Therese mit ihren soliden Ansichten
neckte und zuletzt die Worte hinwarf: Uebrigens glaube ich auch, da Frulein
Jenny mit einer Htte und einem Herzen nicht ganz so zufrieden wre, als manche
Andere.
    Diese Worte, die halb scherzend, halb absichtlich gesprochen waren,
erreichten Jenny's Ohr. Sie wendete sich um, sah Therese pltzlich roth werden
und sich unter einem gleichgltigen Vorwande entfernen. Auch sie erglhte einen
Augenblick, warf einen langen forschenden Blick auf Therese und fuhr mit der
Hand ber die Stirne, als wenn sie einen Gedanken verbannen wollte, der ihr
unvermuthet aufgestiegen war.
    Steinheim gesellte sich gleich nach Theresens Entfernung zu den beiden
Andern, und machte die Bemerkung, Therese gewhne sich schon seit einiger Zeit
einen gewissen pedantischen Ton an, der sonst nur Gouvernanten eigen zu sein
pflege. Sie will immer Alles besser wissen, sagte er, immer belehren, man merkt
die Absicht und man wird verstimmt.
    Es ist so bse nicht gemeint, entschuldigte Jenny, sie glaubt nur, mich
erziehen zu mssen, weil meine Eltern und Reinhard selbst sie mir frher oft als
Beispiel aufgestellt haben. Zudem hlt sie sich meinem Brutigam fr den
Unterricht verpflichtet, den er uns gegeben hat, und mchte aus Dankbarkeit
gegen ihn mich zu einer recht vollkommenen Frau nach seinem Sinne machen, und
dazu fehlt noch viel.
    Sie mu also aus Liebe qulen, sagte Steinheim und nahm bald darauf
Abschied von Jenny, die wieder zu malen angefangen hatte.
    Nun war sie mit Erlau ganz allein. Eine Weile arbeitete sie eifrig fort,
vielleicht um ungestrt ber etwas nachzudenken, bis der Maler sie fragte, ob
sie Neigung htte, Theresens Rath zu befolgen und die schnsten Ansichten der
Gegend zu skizziren?
    Nein, antwortete sie, ich bedarf dieser sinnlichen Anhaltspunkte nicht, um
mich deutlich und mit Vergngen an Orte zu versetzen, die mir durch irgend etwas
theuer sind. Es ist mir im Gegentheil oft lstig, wenn solch ein Bildchen mir
eine Landschaft, die mir im schnsten Lichte frhlicher Erinnerung vorschwebt,
so drftig und verkleinert zeigt, da sie mir fremd und schattenhaft erscheint.
    Da werden Sie mich vielleicht fr einen Menschen halten, der ganz und gar
der Sinnenwelt gehrt, wenn ich Ihnen sage, da ich erst vor einiger Zeit das
Bild einer Dame beendete, um es mir als Andenken an sie zu bewahren.
    Geht die Giovanolla denn schon fort von hier? Ich hatte gehrt, es sei
gelungen, sie fr die hiesige Bhne zu gewinnen, sagte Jenny mit Beziehung auf
die Huldigung, welche der junge Maler seit Monaten der schnen Sngerin
unverhohlen dargebracht.
    Die Giovanolla wrde ich mir ebenso wenig zum Andenken malen als die
mediceische Venus. Sie ist mir Studie, und vielleicht die schnste, die man
findet. Solche Kpfe bewahrt unser Album, und sie gehren der Nachwelt, der wir
sie berliefern. Anders ist es mit den Gestalten, die dauernd in unserer Seele
leben und deren Abbild, nur von uns gesehen, auf unserm Herzen ruht, erwiderte
Erlau und zog eine kleine Kapsel hervor, die er mit einem Federdruck ffnete,
und in welcher Jenny ihr eigenes Bild im Costme der Rebekka sprechend hnlich
vor sich sah.
    Erlau! rief Jenny erschreckt, um Gottes willen, was soll das heien?
    Das heit, da ich nicht das Irrlicht, der Leichtfertige, der Unbestndige
bin, fr den Sie mich halten; es beweist, da auch ich das geistig Schne
erkennen und leidenschaftlich - er hielt inne und sagte dann mit leiserem Tone:
verehren kann.
    Verwirrt und berrascht schwieg Jenny still und sah scheu zur Erde nieder.
Dies Schweigen benutzte Erlau. Frchten Sie nichts, Jenny! sagte er, ich gehre
nicht zu den Thoren, die jeden schnen Stern, der in ihre Seele leuchtet,
hinabziehen mchten in den Staub, um ihn sich anzueignen. Ich freue mich, da er
ist, da er seine leuchtenden Strahlen auch in mein Auge fallen lt, denn er
ist es, der meinen Farben ihren Glanz, meinen Gebilden ihren tiefen Sinn
verleiht; und ich verlange nichts, als da er sich nicht verdunkeln lasse durch
irdische Verhltnisse, da er nicht untergehe in der Prosa eines gewhnlichen
Lebens. Versprechen Sie mir das? rief er mit Wrme und reichte ihr seine Hand
entgegen.
    Mit vollster Zuversicht! antwortete Jenny und schlug in die dargebotene
Rechte. Ich verspreche Ihnen immer das Bild des Schnen in der Seele, und das
Streben danach in mir rege zu erhalten. Ihrem Schaffen und Wirken, Ihnen selbst
wird mein Geist willig folgen; und in der Liebe zur Kunst bleiben wir vereint,
wenn wir einst uns trennen.
    Und das geschieht noch heute, sagte Erlau. Dieser ganze Winter hat schwer
auf mir gelegen, mein Herz hat unter seinem eisigen Scepter viel gelitten. Es
hat mir weh gethan mein Herz - recht weh! und Ha und Neid, und wie diese
Dmonen sonst noch heien mgen, die alle sind in meine sonst so frhliche Seele
gezogen. Seit ich dies theure Bild gemalt, hat kein anderes mehr gelingen
wollen; es wird immer nur das Eine, und darum, Jenny! mu ich gehen. Wenn erst
Italiens heiterer Himmel und seine schnen Menschen mich wieder umgeben, dann
wird es besser werden. Und wenn ich zurckkehre, soll Niemand ahnen, wie ich
geweint, als ich zum letzten Male vor Dir stand, Niemand als nur Du!
    Mit diesen Worten schied er pltzlich und lie Jenny betubt und erschttert
zurck.
    Nie war es ihr eingefallen, da Erlau einer solchen Liebe fhig, da sie der
Gegenstand derselben sein knne. Sie hatte ihn geistreich gefunden; seine
frhliche Laune, sein unerschpflicher Humor und besonders sein bedeutendes
Talent hatten sie angezogen, und sie konnte sich nicht verhehlen, da er ihr vor
ihrer Verlobung in einer Weise begegnet sei, die ihr seine Neigung htte
verrathen knnen, wenn sie damals auf irgend Jemand, auer auf Reinhard geachtet
htte. Erlau's Liebe zu ihr betrbte sie, und doch machte es ihr Freude, von ihm
um jener Eigenschaften willen geliebt zu werden, welche sie selbst in sich als
eine Quelle poetischen Genusses schtzte, und die Reinhard fast unbeachtet lie.
Sie hatte mit Erlau die sprudelnde Leichtigkeit des Geistes gemein, die Scherz
und Ernst auf wundersame Weise zu mischen und das Leben wie ein frhliches Spiel
zu nehmen begehrt, dessen ernste Bedeutung sie trotzdem wohl verstand. Aus
dieser gewohnten Denkart hatte ihr Verhltni zu Reinhard sie gerissen, und so
sehr sie Reinhard's Charakter ehrte, so erschreckte sie doch oft der strenge
Ernst, den er selbst auf die unbedeutendsten Verhltnisse angewendet wissen
wollte. Jetzt besonders, als sie angstvoll mit den Zweifeln gerungen, die der
Uebertritt zum Christenthum in ihr hervorgerufen, hatte Erlau, ihre trbe
Stimmung bemerkend, mit unermdlicher Geflligkeit tglich auf irgend eine
kleine Zerstreuung fr sie gedacht. Er sah sie leiden, er bemerkte, da seine
Gesellschaft ihr willkommen sei, und ohne die Quelle ihres Kummers entdecken zu
wollen, war er glcklich, ihr Alles zu gewhren, was sie zu bedrfen schien. Je
ernster er sie sah, um so mehr strebte er, sie mit sich auf die heitere Hhe des
Daseins zu fhren, auf die ihn seine poetische Seele und die Freiheit des wahren
Knstlerlebens stellten. Seine Bemhungen waren nicht ohne Wirkung auf sie
geblieben, nun sollte auch dieser Trost ihr genommen werden. Es war ihr, als ob
mit Erlau der Genius ihrer frhlichen Jugend von ihr scheide. Sie hatte ihn lieb
gehabt, mehr, als sie es gewut hatte, das fhlte sie in dieser Stunde. Ihm
hatte sie sich gleich gefhlt und sich nie gescheut, sich ihm in aller
Excentricitt zu zeigen, zu welcher der Augenblick sie gerade hingerissen hatte.
Er war dem erwachsenen Mdchen ein lieber treuer Spielgefhrte gewesen, und
wehmthig schlug sie die Hnde zusammen und sagte: Wie wird es still sein, ohne
seine Frhlichkeit! wie still und ernst!
    Sie sah ihm lange nach, als er von dannen ging, ohne nach ihr
zurckzuschauen, und sie sagte sich dann, als er ihrem Blick entschwunden war,
von diesem Scheiden drfe Niemand, auch Reinhard nichts erfahren. Es war Erlau's
Geheimni, nicht das ihre. Erlau besa ihr Bild, das fr Reinhard zu malen er
unter immer neuen Vorwnden sich geweigert hatte. Sie htte es ihm vielleicht
nicht lassen drfen; aber es zu fordern, hatte sie nicht den Muth, nicht die
Besonnenheit gehabt. Daneben gnnte sie es ihm, und doch kam es ihr wie eine
Untreue an Reinhard vor, da sie schwieg, besonders, weil trotz aller
Einwendungen ihres Gewissens, Erlau's stille Liebe ihr im Herzen heimlich
wohlthat. Wie schroff stach gegen dieses Mannes selbstlos verschwiegene Liebe
das Betragen ihrer nchsten Freundin ab!
    Schon vor langer Zeit war Jenny der Eifer unangenehm gewesen, mit dem
Therese immer gegen sie Partei genommen hatte, wenn sie in den gleichgltigsten
Sachen von Reinhard's Meinung abwich. Es fiel ihr ein, da sie sich einmal
scherzend gegen Joseph darber beschwert und dieser erwidert hatte, er halte
Therese fr neidisch, und rathe berhaupt davon ab, sie ganz in die Familie
aufzunehmen. Das hatte Jenny mit tausend Grnden bestritten. Sie hatte damals
den Vetter darauf hingewiesen, wie gutmthig Therese stets gewesen sei, wie
anhnglich und anspruchslos; sie hatte versichert, da sie nie etwas Uebles von
ihr glauben wrde, und hatte dann lchelnd hinzugefgt: Sie ist doch
gewissermaen Reinhard und mir zu Hlfe gekommen, und hat mindestens dazu
beigetragen, uns schneller in den Hafen des Brautstandes zu bringen; dafr
ertrage ich ihre kleinen Schwchen, denn lieb hat sie uns Beide, Reinhard sowohl
als mich.
    An ihrer Liebe fr Reinhard habe ich nie gezweifelt, hatte Joseph
geantwortet, und so gleichgltig diese Bemerkung ihr damals erschienen war, so
deutlich erinnerte sie sich jetzt der Absichtlichkeit, mit welcher er sie
ausgesprochen. Tausend kleine Zge, welche sie frher nicht beachtet, fielen ihr
jetzt ein, und erhoben die Vermuthung, die sich ihr heute aufgedrungen hatte,
zur Gewiheit. Sie konnte sich es nicht verbergen: Therese hatte eine Neigung
fr Reinhard gefat, und mignnte ihr das Glck, von ihm geliebt zu werden. Sie
mu fort, Therese darf nicht mit uns bleiben, das war Jenny's erster Gedanke.
Dann dachte sie an die Reihe von Jahren, in denen sie Therese gekannt, an
unzhlige kleine Liebesdienste, welche sie sich gegenseitig erzeigt hatten; sie
erinnerte sich, wie Therese lange Zeit ihr einziger Umgang gewesen, und da
erst, seit sie Reinhard und Clara kannte, jene so in den Hintergrund ihres
Herzens getreten sei. Theresens Gesundheit war schwankend; Eduard, der ihr Arzt
war, hatte gehofft, der Sommer auf dem Lande werde ihr gut thun, da sie im Hause
seiner Eltern es nicht nthig hatte, sich so angestrengt zu beschftigen, als
bei ihrer Mutter. Madame Meier hatte Theresens Gesellschaft gern; sie war ihr in
mancher Hinsicht bequem, und es schien nicht unwahrscheinlich, da Therese sich
gern entschlieen wrde, als Gesellschafterin in dem reichen Hause zu bleiben,
wenn Jenny nach ihrer Hochzeit aus demselben schied. Alle diese Rcksichten
stimmten Jenny milder. Sie durfte hoffen, noch im Laufe des Jahres mit Reinhard
verbunden zu werden, und einige Monate, meinte sie, gingen ja leicht vorber.
Mochte Therese immerhin sie auf das Land begleiten, wenn sie ihrem Brutigam
offen die Wahrheit bekannte, konnte fr Niemand Gefahr daraus entstehen. Durfte
sie, ohnehin die Glcklichere, der armen Therese aus kleinlicher Eifersucht eine
Zuflucht in ihrem vterlichen Hause mignnen, in das sie auf Jenny's Bitten
eingetreten war? Reinhard's Liebe konnte ihr ja nie geraubt werden und ihr
festes Vertrauen zu derselben mute ihm Freude machen.
    Trotz dieser Gedanken, welche sich nach einander in Jenny entwickelten,
konnte sie einer gewissen Beklommenheit nicht Herr werden. Erlau's und Theresens
Bilder traten strend zwischen sie und Reinhard; und so sehr sie es sich zu
verbergen strebte, sie fhlte ungeachtet ihrer guten Vorstze einen Groll gegen
Therese, wie sie ihn selbst an jenem Abend nicht empfunden hatte, an dem ihre
Eifersucht Veranlassung zu ihrer Verlobung geworden war. Damals wute Therese
nicht, was Jenny fr Reinhard fhlte; jetzt war es anders! Sie war erbittert
gegen ihre Freundin. Nur die Furcht, zu zeigen, da ihr Therese gefhrlich
scheine, hielt sie von Schritten gegen dieselbe zurck. Aber ihr Verlobter
sollte und mute Alles wissen, mute heute noch erfahren, was Therese sei.
    Reinhard kam eben die Strae herauf. Die kleine Skizze, welche fr ihn
bestimmt war, hatte Jenny bei Seite gelegt, weil in dem Augenblick Erlau's
Andenken mit dieser Arbeit so innig verwebt war, da sie eine Scheu empfand, sie
ihrem Brutigam mit diesen Empfindungen zu schenken. Des armen Erlau's
thrnenschweres Auge hatte auf dem Blatt geruht: nun sollte ihr Verlobter sich
daran erfreuen? Unmglich! Als Reinhard die Thr des Treibhauses ffnete, das
den Saal von dem Balkon trennte, machte Jenny schnell die Mappe auf, zerri das
Blttchen und warf die Stcke in die lebhaft bewegte Luft, die sich derselben
bemchtigte und in tndelnder Eile dem Strome zufhrte, welcher am Garten
vorberrauschte.
    Reinhard freute sich, seine Braut allein zu finden. Er theilte ihr einen
Brief seiner Mutter mit, welche mit vieler Zrtlichkeit von Jenny sprach und die
Zusicherung gab, bei der Taufe Jenny's nicht zu fehlen, die, um jedes Aufsehen
zu vermeiden, auf dem Landsitz vollzogen werden sollte, sobald man sich dort
wieder heimisch gemacht haben wrde. Nach dieser Ceremonie mute Reinhard
verreisen, um mit seinem alten Onkel persnlich die Bedingungen wegen der
Uebergabe seiner Stelle an ihn zu verabreden; und das ist, sagte Reinhard, dann
endlich die letzte Schwierigkeit, die wir zu beseitigen haben, um an das Ziel zu
gelangen. Nun steht uns voraussichtlich kein Hinderni mehr entgegen.
    Wer wei? meinte Jenny. Wie? wenn ich nun pltzlich eiferschtig wrde und
Dich nicht reisen liee?
    Jenny! knntest Du so ser Thorheit fhig sein? antwortete Reinhard, ich
fnde Dich mit einer solchen nur noch liebenswrdiger, als je zuvor! Dann
wrdest Du es fhlen, wie sehnschtig ich danach verlange, Dich bald mein
Eigenthum zu wissen, wie unglcklich mich die Galanterien, die Aufmerksamkeiten
all der Mnner machen, die Dich hier umschwrmen, und die, das fhle ich, mehr
oder weniger ein wirkliches Interesse daran haben, Dir zu gefallen, Deine Gunst
zu erwerben.
    Das qult Dich, lieber Gustav? fragte Jenny. Was wrdest Du denn beginnen,
wenn nun Jemand, auer Dir, auf den nrrischen Einfall kme, sich in mich alles
Ernstes zu verlieben?
    Wer wagt das? rief Reinhard, denn ich kenne Dich, Du scherzest nicht mit
solchen Dingen; Du verbirgst mir etwas. Sage mir, was ist es? Treibe kein Spiel
mit mir, fr das ich keinen Sinn habe und das mich peinigt.
    Jenny machte sich von Gustav's Arm, der sie umschlungen hatte, los und
sagte, Steinheim's Manier nachffend: Und erst gespiet und dann gehangen! So
wrdest Du doch ber jeden Mann urtheilen, Du Grausamer, der so unglcklich
wre, Deine Neigung fr mich begreiflich zu finden, whrend ich in nchster Nhe
ein Wesen dulde, das - nun das vielleicht auch recht gern Frau Pfarrerin
Reinhard wrde; und ich bin so gromthig, Dir das zu erzhlen und ihr zu
vergeben.
    Wovon sprichst Du denn eigentlich? fragte Reinhard dringender; Du weit, da
ich nicht geschickt zu solchen Scherzen bin, und es ist etwas in Deinem Auge, in
Deiner ganzen Art, was mich Ernst in diesen Neckereien vermuthen lt, darum
sage mir, was hat sich denn ereignet?
    Ereignet? wiederholte Jenny, und setzte sich wieder zu ihm nieder, ereignet
hat sich eigentlich nichts; ich habe aber eine Entdeckung gemacht, die ich Dir
vielleicht verhehlen wrde, wrest Du nicht eben von Eitelkeit so fern, als ich
von Eifersucht. Therese liebt Dich, des bin ich gewi.
    Unmglich! rief der junge Mann.
    Das finde ich nicht, antwortete Jenny, ich finde es im Gegentheil gar sehr
natrlich und, wie ich aus Erfahrung wei, sehr zu entschuldigen. Aber denke
nicht daran, la es uns Beide vergessen, und - ich glaube, nun ich es Dir gesagt
habe, ich htte es vielleicht nicht thun sollen, denn .....
    Liebstes Herz, unterbrach Reinhard sie frhlich, also doch! Du kannst auch
eiferschtig sein? So lieb hast Du mich? Wie soll ich nur Therese danken, da
sie mir zum zweiten Male solch unverhoffte Freude bereitet! Ich wollte wirklich,
ich knnte ihr vergelten, denn das habe ich oft gemerkt, sie ist in ihrer
verstndigen berlegten Art mein bester Anwalt bei Dir. Sie hat Dich manchmal in
so freundlicher Weise auf das Gute aufmerksam gemacht, das unsere knftige
Stellung mit sich bringen wird, da ich ihr von Herzen ein hnliches Glck
wnsche. Und sie hat ja in der That allen Anspruch, den Mnnern zu gefallen!
    Findest Du? ich finde das durchaus nicht, wendete Jenny ein. Therese ist
freilich auch noch jung, aber sie hat fr mich ein gewisses Etwas, nenne es
Pedanterie oder wie Du sonst willst, das mir mifllt. Sie ist so
altjngferlich, so berlegt. Alles ist Absicht bei ihr und ich begreife im
Gegentheil gar wohl, weshalb sie den Mnnern selten nur gefllt.
    Reinhard zog Jenny an seine Brust und sagte lachend: Siehst Du, und ich
begreife wieder, weshalb Mnner, wie Steinheim, Erlau und die Andern, den Frauen
gar nicht gefallen sollten. Aber Du httest mir heute beim Abschied von der
Stadt nichts Besseres geben knnen, als die Versicherung, da Dir die arme
Therese wirklich gar so sehr mifllt. La es inde nur gut sein - wenn meine
kleine Braut nicht mehr neben ihr sein wird, um sie zu verdunkeln, findet wol
irgend ein braver Mann die gute Therese nicht so unliebenswrdig, als sie Dir
heute erscheint.
    Er verlangte darauf zu wissen, wie Jenny zu der Vermuthung hinsichtlich
Theresens gekommen sei, und obgleich seine Braut ihn wegen dieser Neugier
neckte, konnte sie nicht umhin, ihm mehr zu erzhlen, als eigentlich in ihrer
Absicht gelegen hatte, nachdem sie gesehen, welch ein Interesse er daran nahm.

In Berghoff, dem prchtigen, am Meere gelegenen Landhause ihres Vaters, finden
wir Jenny wieder. Clara war hinausgefahren, sie zu besuchen, und harrte mit
bangem Herzklopfen der Ankunft Eduard's.
    Sie hatte ihn noch nicht wiedergesehen, und war lange mit sich zu Rathe
gegangen, wie und wann dies erste Begegnen vor sich gehen knne. Eduard war
allerdings als Arzt bei ihrer Mutter gewesen, und hatte lange dort verweilt, in
der Hoffnung, Clara werde endlich wieder fr ihn sichtbar werden; aber sie war
nicht erschienen. So resignirt sie sich fhlte, war sie doch ihrer Fassung nicht
gewi genug, um im Beisein ihrer Mutter Eduard zum ersten Male sprechen zu
wollen, und endlich, als die Sehnsucht nach ihm immer reger wurde, benutzte sie
ihr Versprechen, Jenny in Berghoff zu besuchen, in der Voraussetzung, da Eduard
den Abend dort zubringen und die Anwesenheit der ganzen Familie ihr eine ruhige
Haltung mglich machen werde.
    Clara's Eintritt erregte groe Freude bei ihren Freunden, aber zugleich ein
allgemeines Fragen nach ihrem Ergehen, denn man fand sie bel aussehend. Sie
versicherte indessen, sich vollkommen wohl zu fhlen, und ging gleich zu einer
allgemeinen Unterhaltung ber. Der Vater, der anwesend war und sie mit mehr als
gewhnlicher Aufmerksamkeit behandelte, bot ihr dabei hilfreich seinen Beistand.
Jenny aber tuschte das nicht, und sie benutzte die erste Gelegenheit, sich mit
Clara zu entfernen, um wo mglich von ihr selbst zu erfahren, was seit jenem
Abend im Garten, zwischen Eduard und ihrer Freundin vorgegangen sei, und ob sie
den beiden, ihr so theuern Personen irgend Beistand oder Trost gewhren knne.
Sie kannte William's Neigung fr ihre Freundin, seine Werbung und die Scheu, mit
der Clara an die Zeit seiner Rckkehr dachte, ohne da eines der beiden Mdchen
aus leicht begreiflicher Rcksicht jemals den Grund berhrt hatte, der Clara
dieser Verbindung abgeneigt machte. So lange Jenny ihre Freundin heiter und
Eduard unverndert ruhig gesehen, hatte sie es fr zudringlich gehalten, um
dasjenige zu fragen, was man ihr verschwieg; nun sie aber Clara's bleiches
Antlitz, ihres Bruders dstere Stimmung sah, konnte sie sich nicht lnger
berwinden. Mit aller ihr eigenthmlichen Lebhaftigkeit kniete sie vor Clara
nieder und bat, indem sie sie mit beiden Armen umschlang: Sage mir, was ist
geschehen? Warum hast Du so viel gelitten, da Du bleich und traurig aussiehst?
Was fehlt Eduard? Sage es mir, wenn Du mich genug liebst, mich mit Dir leiden zu
lassen.
    Du weit es, antwortete Clara, aber gerade darum la mich davon schweigen.
Helfen kannst Du mir nicht, Niemand kann es, und das Einzige, was Du fr mich
thun sollst, ist, mich mit Eduard ein paar Minuten allein zu lassen, wenn er
heute herauskommt. Willst Du mir das gewhren?
    Jenny versprach es, und traurig saen sie lange beisammen, bis der Hufschlag
eines Pferdes die Ankunft eines Reiters verkndete und nach einer Pause banger
Erwartung der Vater mit Eduard zu ihnen kam. Man sah es dem Doktor an, wie
schwer er sich beherrschte, als er, Clara begrend, ihre Hand ergriff und
kte. In Clara's Augen schwammen groe Thrnen, nur die Anwesenheit des Vaters
hielt sie zurck, aber dieser schien von dem Allen Nichts zu sehen. Er hielt
einen Brief in der Hand und gleichmig, wie immer, fragte er die Tochter, ob
sie etwas von Erlau's Abreise gewut htte? Er melde sie Eduard in diesem
Schreiben und nehme zugleich von allen seinen Freunden Abschied. Jenny verneinte
es; der Vater aber sagte scherzend: der Brief ist wieder Erlau's treuestes
Abbild; hrt nur, wie er lautet: An Eduard Meier, mit dem Befehl, es als
Currende an das brige Volk zu senden, das sich nach vierundzwanzig Stunden
Abwesenheit eines Entfernten etwa noch erinnern sollte.
    Lieber Doktor! ziehe Dein Taschentuch hervor und trockne Deine verwunderten
und hoffentlich weinenden Augen, da Du erfhrst, da ich lngst zum Thore hinaus
bin, wenn ich Dir dies Lebewohl sage. Du kannst nicht behaupten, da ich treulos
desertire - die lange und langweilige Campagne eines norddeutschen, nebelgrauen
Winters habe ich voll rhrender Geduld und lobenswerther Theilnahme mit Euch
durchgemacht; ich habe Eure steifgeschnrten, gebildeten Schnen tanzen gesehen,
mich in hundert Gesellschaften gelangweilt und ruhig Eurem sogenannten
vernnftigen Treiben und Wirken, Eurer Aesthetik und Politik, Euren Diners und
Zweckessen, Euren Vereinen und all den tausend Narrheiten zugeschaut und, was
noch mehr ist, ich habe meine rechte Hand im Zaume gehalten, die tglich sich in
hundert Karrikaturen zu zeigen verlangte. Die Karrikatur aber ist ein Bastard
der Kunst, ein unwrdiger Sohn, den die Mutter verleugnen mu, und zu dessen
Vater ich mich und meinen ehrlichen Namen nicht hergeben mag. Wehe Euch! wenn
Eure unverbesserliche Geschmacklosigkeit mich endlich dazu verleitet htte, und
Ihr waret nahe daran, mich auf diesen Irrweg zu fhren. Darum fliehe ich Euch
und wende meine Schritte nach jenen Gegenden, ber denen ein blauer Himmel
lacht, in denen man das Regieren den Frsten und das Denken den Pfaffen
berlt, die dafr bezahlt werden und es doch nicht thun, und wo man keinen
Gewerbschein zu lsen braucht, wenn man nichts verlangt, als ruhig in der Sonne
zu liegen und sich der paradiesischen Wonne des dolce far niente zu befleiigen.
- Von Euch und Eurem gepriesenen civilisirten Leben verlange ich gar nicht zu
hren. Ihr sollt und knnt mir nicht schreiben, weil ich nicht wei, wo ich sein
werde, und, wenn ich es irgend vermeiden kann, meine schreibkundige Hand zu
nichts brauchen will, als die Blthen und Freuden zu pflcken, die mir am Wege
winken. Erst wenn dieser Winter lange hinter mir liegen wird, soll der Pinsel
die einzelnen Lichtstrahlen wiedergeben, die durch Eis und Schnee unvergelich
in meine Seele drangen. Denn jede Nacht hat ihre Sterne; auch im nordischen Eise
blitzen sonnenhelle Brillanten funkelnd hervor, das Auge zu erfreuen - aber zu
beleben, zu erwrmen, das verschmhten sie leider. Und somit lebet wohl! Du
lieber Eduard, die Deinen alle und Ihr brigen Freunde; genieet des sprlichen
Sonnenlichtes, das Euch geworden, wachset und gedeihet, Jeder auf seine Art, und
wenn Ihr in Berghoff die Sonne untergehen und den Mond am Horizonte emporsteigen
sehet, so betet mit mir, da der Gtter reichster Segen dies Fleckchen Erde,
diese Oase in der Wste, dies Thal beglcken mge, wo unter dem Schutze
sorglicher Liebe die schne Rose von Saron erblhte. Mge Apoll ihr und ihren
Pflegern den sen Duft lohnen, den sie in die Seele eines seiner Shne
gehaucht, sie, die allein ihn vor dem gnzlichen Erstarren in der traurigen
Farblosigkeit Eures Landes beschtzte. Nochmals lebet wohl!
    Da hast Du noch ein Abschiedscompliment, mein Kind! sagte der Vater, und zum
Danke fr dasselbe magst Du sorgen, da der Brief nach Erlau's Wunsch den
nheren Freunden des Hauses mitgetheilt werde. Uebrigens freut es mich um des
jungen Mannes willen, da er noch solch rascher Entschlsse fhig ist; denn
Italien wird ohne Frage ihm die Vollendung geben, fr die er berufen ist. Gib
mir jetzt den Brief, ich will ihn der Mutter und Theresen zeigen und ihnen die
Abreise des liebenswrdigen Wildfangs anzeigen.
    Ich komme mit Dir, rief Jenny, als ihr Vater, nachdem er, seinem Wunsche
gem, Eduard ber die Pein des ersten Wiedersehens fortgeholfen, sich entfernen
wollte. Clara selbst hielt sie aber zurck, und sprach: Nein, liebe Jenny!
bleibe nur, es ist besser so. Was Dein Bruder und ich uns zu sagen haben,
braucht fr Niemanden, am wenigsten fr Dich ein Geheimni zu sein.
    Clara! rief Eduard, was soll diese erheuchelte Ruhe, die Sie peinigt und von
der in diesem Augenblick meine Seele weit entfernt ist! O! das Glck, Sie
endlich, endlich wiederzusehen, ist doch nicht im Stande, mich das Leid
vergessen zu machen, das uns trifft!
    Auch ich leide, erwiderte Clara mit bebender Stimme, aber wir mssen als
Freunde mit einander zu tragen versuchen, was wir nicht zu ndern vermgen. Sie
bleiben mir ja, sagte sie, und fate Eduard's und Jenny's Hnde, die sie vereint
an ihr Herz drckte, und auch unsere Jenny wird uns bleiben, und so vieles Gute,
und die Achtung vor uns selbst, und - die Liebe, setzte sie kaum hrbar noch
hinzu. Sie mu uns gengen und erheben, schlo sie, und verbarg weinend ihr
Gesicht an Jenny's Brust, die sich zrtlich und mit ihr weinend an sie
schmiegte.
    Eduard bog sich zu dem Mdchen nieder, machte seine Hand von Clara los und
drckte einen langen Ku auf ihre Stirn. Mge uns Friede werden! seufzte er, und
stumm saen sie lange beisammen. Endlich versuchte Eduard mit der Frage, ob
Clara noch am Abende nach der Stadt zurckzukehren denke, das Gesprch
anzuknpfen.
    Ja! antwortete sie, und ich zweifle, da wir uns in den ersten Tagen
sprechen werden, wenigstens hier in Berghoff nicht, da meine Mutter die Ankunft
meines Vetters erwartet und - sie stockte, aber Eduard und Jenny erriethen das
Fehlende.
    Da stehen Dir schwere Tage bevor, sagte Jenny und blickte ngstlich Eduard
an, der bla geworden war und unwillkrlich ausrief: Auch das noch und schon
jetzt!
    Mein Onkel ist hergestellt, fuhr Clara fort, und ich wute schon, als wir
uns zuletzt sahen, da mein Vetter wiederkehren werde. Ich wollte es Ihnen
sagen, als ich herkam, aber ich versumte es.
    Und wieder entstand eine lange, drckende Pause, in der Niemand sprach, weil
Jeder sich scheute von dem Gegenstande zu reden, der ihn allein beschftigte.
Eduard wollte irgend einen bestimmten Entschlu fassen; er wollte Clara
beschwren, diese stumme Resignation aufzugeben, oder lieber ein Beisammensein
zu vermeiden, das fr ihn bitterer als jede Trennung sein mute. Dazustehen vor
der Geliebten, der er entsagen sollte, und sein Herz zu bezwingen, das fand
Eduard unertrglich. So s es seiner entstehenden Neigung geschienen, ohne
Worte jede zarte Regung in dem geliebten Herzen zu verstehen, ehe das
entscheidende Gestndni den Lippen entflohen war, so qualvoll dnkte ihn jetzt
ein Zwang, der ihn zu leidender Unthtigkeit, zu peinlichem Erwarten des
Kommenden verurtheilte; ihn, der bis jetzt allen Begegnissen seines Lebens rasch
handelnd entgegengetreten war. Deshalb erschien ihm Reinhard, der, eben in
Berghoff angelangt, seine Braut suchte, wie ein Erlser aus drckenden Banden.
Erst nachdem die ganze Familie beisammen und eine Stunde in Mittheilungen
mancher Art vergangen war, konnten sich Eduard und Clara allmlig von den
schmerzlichen Empfindungen befreien, die sie erduldet hatten, und zu des Vaters
groer Genugthuung sich, wenn auch ohne wahre Theilnahme, in die Unterhaltung
der Uebrigen mischen, bis endlich, von Eduard hei ersehnt, die Trennungsstunde
schlug. Und wieder geleitete er Clara zu ihrem Wagen, wie an dem letzten Abende,
den sie in der Stadt zusammen verlebt; aber gegen den dumpfen Gram, den Beide
jetzt empfanden, mute ihnen der Schmerz jener Stunde wie ein Glck erscheinen.
Denn in jenem Schmerze lag noch Bewegung und Leben; heute aber fhlten sie die
Entsagung wie ein Leichentuch ber ihre Zukunft gebreitet und schieden wortlos,
hoffnungslos.

Wie man verabredet hatte, sollte Jenny's Taufe nun in wenig Tagen vollzogen
werden, und die Abfassung des nthigen Glaubensbekenntnisses fhrte sie zu
ernstlichem, erneuertem Nachdenken ber diesen Punkt. Menschen von besonders
lebhafter Phantasie ist es mglich und eigen, sich allmlig in einen bestimmten
Ideenkreis hineinzudenken, ihn nach allen Richtungen hin mit Grnden
auszustatten, und sich so ein Gebude zu errichten, das den Schein der
Festigkeit und Vollendung an sich trgt, ohne irgend eine wirkliche Basis in der
Ueberzeugung Desjenigen zu haben, der es aufgefhrt. Wie der Dichter, namentlich
in seiner Jugend, die Geschpfe seines Geistes kaum von den um ihn her lebenden
Menschen zu unterscheiden vermag; wie Kinder sich spielend so fest in die
erfundenen Verhltnisse ihrer Puppen hineindenken, da sie unwillkrlich
Erfundenes und Wirkliches vermischen und nicht mehr trennen knnen, so ging es
in gewisser Art Jenny mit ihrer religisen Erkenntni. Nachdem sie vergebens
versucht, die Symbole des Christenthums mit dem Verstande zu erfassen,
bemchtigte sich einst pltzlich ihre Einbildungskraft derselben, und sie wurde
mit Ueberraschung gewahr, da sie Vieles sich denken und in seinen Folgen und in
seiner Veranlassung ausmalen, ja es bis zu einer deutlichen Vorstellung in sich
ausbilden knne, woran ihr der Glaube fehlte. Christus, der eingeborne,
gekreuzigte und wieder auferstandene Sohn Gottes, wurde fr sie zu einer so
festen Gestalt in seinen Wundern, wie es ihr frher irgend ein Gott des Olymps
gewesen, wie es ihr noch jetzt Goethe's gttlicher Mahad war, der die sich
opfernde Geliebte mit sich verklrt aus den Flammen emporhebt. Sowie sie, trotz
der historischen Kenntni des mittelaltrigen Johann Faust, diesen gnzlich in
der unsterblichen Gestalt des Goetheschen Faust verloren hatte, weil der
Letztere allein ihr durch die poetische Schnheit des Gedankens als wirklich
erschien, so bildete sie aus dem Menschen Jesus, den die Apostel beschrieben,
jenen mystischen Christus in sich aus, wie ihn die sptern christlichen
Philosophen als Theil der Dreieinigkeit dachten. Sie whnte, als diese
Erscheinung in einer bestimmten Form in ihr lebte, endlich an Christus und seine
Wunder zu glauben, in dem Sinne, den Reinhard verlangte, so da sie mit vollem
Vertrauen von sich zu behaupten wagte, jetzt sei ihr nicht blos die christliche
Moral, sondern die Menschwerdung Christi zu einer vollkommenen Wahrheit
geworden. Wie bei allen Trugschlssen stimmte pltzlich Alles zu ihren Ideen,
nachdem sie willkrlich einen Anfangspunkt fr ihr System gefunden hatte, den
sie als richtig annahm, obgleich er es in der That nicht war. Die sichere Ruhe,
mit der sie sich hinterging, tuschte auch Reinhard und den sie unterrichtenden
Pastor, obgleich der Letztere ber eine so unerwartete Vernderung der ansichten
bei seiner Schlerin sehr berrascht zu sein schien.
    Dazu kam, da seit einigen Wochen Clara und Eduard ihre Theilnahme in
Anspruch nahmen, whrend zugleich die Entdeckung von Theresens Liebe fr
Reinhard und Erlau's unerwartetes Gestndni sie vielfach beschftigt und ihre
Gedanken von den Forschungen ber das Christenthum abgezogen hatten, bis der fr
die Taufe festgesetzte Termin herannahte und sie wieder darauf hinlenkte. Als
sie nun jenes Glaubensbekenntni niederschreiben wollte, das sich eigentlich
streng an die im Glauben enthaltenen Dogmen binden mute; als sie ihr
Nachdenken fest auf den Punkt richtete, fing das Luftgebude ihrer knstlichen
Ueberzeugung zu schwanken an, und die Schpfung einer regen Phantasie zerflo
vor dem festen Blick ihres Verstandes in ein Nichts. Sie bemerkte das mit
Schrecken. Sie hatte Ruhe und Heiterkeit gewonnen durch die Tuschung, der sie
sich unbewut hingegeben; was frommte ihr eine Einsicht, die ihr Beides
schonungslos raubte, die sie in das alte Chaos des Zweifels strzte und, wenn
sie wahr sein wollte, sie von Reinhard trennte, weil ihr Uebertritt zum
Christenthum bei diesen Zweifeln zu einer Lge wurde? Vergebens wollte sie die
Vorstellungen in sich zurckrufen, die ihr vor wenig Stunden gelufig und klar
gewesen waren; es gelang ihr nicht. Ebenso wie es dem Erwachsenen nicht gelingt,
jene Empfindung in sich hervorzuzaubern, die wir als Kinder alle haben, wenn wir
im Wagen dahinfahrend whnen, Bume und Huser an uns vorberfliegen zu sehen,
whrend wir stille stehn. Wenn uns erst einmal das Gegentheil unumstlich
bewiesen worden, kann selbst unser fester Wille das Trugbild nicht mehr
erzeugen. Einen Moment lang mag man hoffen, sich gegen die Wahrheit verblenden,
eine liebgewordene Tuschung in sich festhalten zu knnen - die Wahrheit siegt
doch immer. Es ist ihr Prfstein, da sie siegen mu, und auch Jenny strubte
sich jetzt vergebens gegen die Gewalt der Wahrheit.
    Die Ueberzeugung, da der Geist des Christenthums die Hauptsache in
demselben sei, war es allein, die ihr einen Ausweg fr ihre Besorgnisse zeigte,
einen Ausweg, vor dem ihre Redlichkeit sich scheute. Was aber sollte sie thun?
Jetzt, nachdem sie unaufhrlich ihren Glauben an die christlichen Dogmen
behauptet hatte, pltzlich erklren, sie habe sich getuscht und sie knne
nichts davon glauben? Das htte sie eigentlich am liebsten gethan, aber wrde
man nicht an der Unfreiwilligkeit dieser Tuschung zweifeln, und annehmen, sie
habe bis jetzt gegen ihre Ansicht etwas behauptet, um ihren Zweck zu erreichen,
was zu beschwren ihr der Muth fehle? Vor Reinhard und ihrem Vater, vor Eduard
in diesem Lichte zu erscheinen, brachte sie zur Verzweiflung, abgesehen selbst
von der Trennung von dem Geliebten, die unvermeidlich wurde, wenn sie sich
weigerte, Christin zu werden. Sie schauderte vor der Wahl zwischen der Wahrheit
und der Liebe; sie fhlte, da Alle sie bedauern, Alle mit ihr leiden wrden,
falls sie sich wirklich entschlieen mte, den Geliebten ihrer Ueberzeugung zu
opfern. Alle wrden es beklagen, selbst Joseph, der sie ungern Christin werden
sah, und Erlau, der sie liebte - Alle - nur Therese nicht. Therese allein konnte
sich darber freuen, und wie sie dieselbe jetzt zu kennen glaubte, wrde Therese
eigenschtig genug sein, auf den Trmmern von Jenny's Liebesglck sich eifrig
ihr brgerliches Wohnhaus zu begrnden. Das sollte und durfte aber nicht
geschehen; Therese sollte nicht ernten, wo Jenny mit ihrem Herzblute geset
hatte, und wieder und immer wieder ging sie daran, Alles durchzudenken, was ihr
je von religisen Ansichten bekannt geworden war, bis sie entschieden zu der
Ueberzeugung gelangte, die Dogmen als eine Nebensache zu betrachten und, um
Reinhard's Meinung zu schonen, endlich ein Glaubensbekenntni zu Stande brachte,
das in Spitzfindigkeit dem ltesten Jesuiten Ehre gemacht htte. Mit groem
Geschick hatte sie vermieden, jener Lehren von der Kindschaft Christi, der
Erlsung durch seinen Tod und der damit gegebenen Genugthuung zu erwhnen, ohne
irgend Zweifel an ihrem Glauben bei Reinhard dadurch zu veranlassen, der sich
ganz einverstanden mit dem Glaubensbekenntnisse erklrte, als Jenny es mit
innerster Beschmung vorlegte. Des Geliebten Beifall, seine Freude ber ihre
Erkenntni demthigten sie und machten sie vor sich selbst errthen. Er liebte
sie, er freute sich ber sie, whrend sie ihn in Dem betrog, was ihm das
Heiligste war. Sie sagte sich, da sie Reinhard's Vertrauen unwrdig hintergehe;
sie htte ihm gern die Wahrheit gestanden, wenn er nur gleich ihr dem Gedanken
Raum gegeben htte, da man an Christus auf verschiedene Weise glauben, und doch
einander lieben und glcklich mit einander sein knne. Sie begriff es nicht, wie
der sonst so freisinnige Mann nur in diesem Einen Punkte von so unerbittlicher
Strenge sein konnte. Was that es ihrer Liebe oder ihrem huslichen Glcke, wenn
Jenny den Gekreuzigten fr den ersten unter den Menschen, statt fr Gott hielt,
so lange sie nur seine Lehren befolgte? Indessen fhrten alle diese Gedanken sie
doch nur immer auf den einen Punkt zurck, da Reinhard es nimmer zugeben wrde,
sie Christin werden zu lassen, wenn sie ihm die Wahrheit bekenne: da sie ihn
verliere, wenn sie es nicht werde. Das machte sie verzagt, und diese Kmpfe
ermdeten sie so sehr, da sie aus Schwche Muth zu einer Trennung von dem
Geliebten fhlte, wie Feiglinge zu Selbstmrdern werden wrden, wenn im Moment
der Entscheidung nicht eben ihre Feigheit sie von der That zurckhielte.

Jenny wute sich keinen Rath in der Verwirrung ihres Sinnes. Von Natur offen und
mittheilend, sah sie sich theils durch die Verhltnisse, theils durch ihre
eigene Schuld in ein Gewebe von Heimlichkeiten und Tuschungen verstrickt, das
sie in ihren eigenen Augen erniedrigte. Clara's ruhige, ergebene Entsagung
leuchtete ihr als Beispiel vor; sie wollte nicht kleiner sein als ihre Freundin,
denn auch sie war sich bewut, das Unvermeidliche wrdig tragen und eher das
Glck, als die Achtung vor sich selbst entbehren zu knnen. Wie wrde es sein,
fragte sie sich also immer wieder, wenn ich vor Reinhard hintrte und ihm
erklrte: Ich liebe Dich mehr, als Du es weit, ich hatte meine ganze Zukunft an
Dich geknpft; aber Christin nach Deinem Sinne kann ich nie werden, darum mu
ich auf das Glck verzichten, auf das ich mit Dir hoffte. Therese liebt Dich,
sie glaubt wie Du an Christus, mge sie Dir ein Glck gewhren, das Du aus den
Hnden einer Jdin nicht annehmen darfst. Aber schon bei dieser innerlich
gehaltenen Rede zerflo die Aermste in Thrnen, trotz der Gromuth, welche sie
gegen ihre Nebenbuhlerin auszuben dachte. Sie stellte sich den Kummer vor, in
dem sie die schnsten Jahre ihres Lebens fern von Reinhard vertrauern wrde, sie
sah ihn an Theresens Seite glcklich, sah sich von ihm vergessen, und noch
heier und bitterer flossen ihre Thrnen. Was wrden ihre Eltern sagen? Was
wrde man in den Kreisen ihrer Bekannten von ihr denken? Welch' widersprechende,
tadelnde und nachtheilige Gerchte knnten sich ber sie verbreiten! Whrend sie
ihr hchstes Glck einer religisen Ueberzeugung mit blutendem Herzen opferte,
wrden Neid und bser Wille sich in die innersten Verhltnisse ihres Lebens
drngen, und Grnde zu dieser Handlung suchen, von denen keine Spur in ihrer
Seele war. Knnte nicht selbst Therese bereit sein, Reinhard zu beweisen, da
Mangel an Liebe zu ihm, oder die Furcht vor seinen beschrnkten Verhltnissen
und dem Leben in lndlicher Zurckgezogenheit, sie zur Lsung dieses Bndnisses
veranlasse, und da sie die Religion nur zum Deckmantel gebrauche? Jenny sah
Reinhard vor sich, sie sah, wie er mit Verachtung auf sie blickte, wie er sie
von sich stie, er, der sie einst geliebt, an dem sie stets mit warmer Neigung
gehangen, und trotz aller innern Kmpfe, trotz der warnenden Stimme ihres
Gewissens lie sie die Taufe fr eine bestimmte Stunde ansetzen, und beschlo,
durch jenes erknstelte Glaubensbekenntni, das sie beschwren konnte, ohne
gerade einen Meineid zu begehen, sich unauflslich mit Reinhard zu verbinden,
weil sie sich vor den Leiden frchtete, die eine Trennung von ihrem Geliebten
nothwendig fr sie zur Folge haben mute.
    Reinhard, seine Mutter und Clara sollten die Zeugen bei Jenny's Taufe sein,
und die Pfarrerin war zu diesem Zwecke nach Berghoff gekommen, wo sie ein paar
Wochen zu bleiben versprochen hatte. Auch Reinhard machte sich frei von seinen
Geschften in der Stadt, um diese Zeit ganz mit seiner Braut zu verleben, da er,
wie schon gesagt, gleich nach der Taufe mit seiner Mutter zu seinem alten Onkel
fahren und dort verweilen wollte, bis die Entscheidung ber seine Anstellung
definitiv erfolgt sein wrde. Obgleich nur ein paar Monate seit der Abreise der
Pfarrerin verflossen waren, fand sie das Verhltni ihres Sohnes zu Jenny
wesentlich verndert und fast umgekehrt. Reinhard's Eifersucht hatte sich
gelegt, da Erlau dieselbe nicht mehr erregte; mit den uern Verhltnissen
seiner Zukunft, mit dem Reichthum seiner Braut hatte er sich ausgeshnt, je mehr
er sich berzeugte, da die ganze Familie denselben zwar in seinem Werthe
begriff, aber doch nicht berschtzte oder damit absichtlich prunkte; und da nun
auch Jenny's religise Erkenntnisse sich seinen Ansichten angeschlossen hatten,
war er vollkommen glcklich, und zu jener innern Zufriedenheit gelangt, die ihn
seit seiner Verlobung geflohen hatte. Diese innere Ruhe machte ihn heiter,
nachgebender und mittheilender, als er es jemals gewesen war. Er hatte tausend
Aufmerksamkeiten fr Jenny's Eltern, behandelte Eduard mit der zartesten
Sorgfalt, da er ihn ber einen Verlust trsten wollte, dessen Gre er mit ihm
empfand, ohne da Jener irgend ber seine Liebe oder seinen Gram mit ihm
gesprochen hatte. Mit Jenny unabllich beschftigt, war er es jetzt, der sich
an jeder Kleinigkeit erfreuen und bei jedem Begebni eine frhliche, scherzhafte
Seite hervorheben konnte. Selbst Theresens Neigung fr ihn diente, so sehr er es
auch verheimlichen wollte, nur dazu, sein Glck zu erhhen, indem sie seiner
Eitelkeit, deren er sich kaum bewut war, schmeichelte und ihm in Jenny's
Eifersucht einen ihm wohlthuenden Beweis ihrer Liebe gab. Er fhlte sich in
gewisser Weise Theresen dafr verpflichtet, behandelte sie mit freundlicher
Zuvorkommenheit, und in dem tglichen Beisammensein mit ihr stellte sich ein
zutraulich bequemes Verhltni zwischen ihnen her, das aber von Theresens Seite
an Unbefangenheit verlor, je ruhiger Reinhard sich demselben berlie.
    Mit Freuden hatte die Pfarrerin die Verwandlung bemerkt, welche die Stimmung
ihres Sohnes erlitten hatte, aber um so rthselhafter erschien ihr Jenny. Ein
dstrer Ernst, eine krankhafte Reizbarkeit hatten sich ihrer bemchtigt, und
besonders hatte Therese von der Letztern in einem Grade zu leiden, der der
Pfarrerin mifiel. Jenny's Liebe zu ihrem Brutigam schien uerst lebhaft, sie
konnte sich keinen Augenblick von ihm trennen; sie war unruhig, wenn sie ihn
nicht sah, und doch vermite das scharfe Auge der Pfarrerin in Jenny's Liebe
jene innige Hingebung, welche sie frher fr Reinhard gezeigt hatte. Es lag ein
Etwas in ihrem Betragen, in ihrer ganzen Art, das ihr unheimlich, ja fast
dmonisch vorkam, und wovon sie sich doch keine bestimmte Rechenschaft geben
konnte, um so weniger, als Jenny von einem unersttlichen Hang zu immer neuen
Zerstreuungen erfllt schien, der Niemanden in ihrer Umgebung zur Ruhe kommen
lie.
    Fahrten zu Wasser und zu Lande, Besuche in der Nachbarschaft und
stundenlange Spazierritte wechselten schnell mit einander ab, ohne da Jenny,
die eifrig darnach verlangte, Genu darin zu finden schien. Reinhard liebte die
Natur und jede Art von Bewegung im Freien, deshalb lie er sich gern
bereitwillig finden zu jedem Vorschlag der Art, welchen Jenny machte, bis auch
ihm endlich ihre fieberhafte Unruhe auffiel, die nicht eher nachlie, bis sie
krperlich ganz erschpft zusammenbrach und dann stundenlang in vollkommener
Abspannung und weichster Stimmung verharrte. Bat er sie, von dieser
anstrengenden Lebensweise abzustehen, sich Ruhe und Erholung zu gnnen, so ri
sie sich gewaltsam aus der Apathie empor, versicherte, weder krank noch ermdet
zu sein, und bestand darauf, diesen letzten Sommer in Berghoff mit Reinhard, wie
sie es nannte, noch recht in Eile zu genieen.
    Gegen dies wilde Treiben, das zuletzt Jenny's Mutter ebenso beunruhigte, als
die Pfarrerin, erschien Theresens stille, husliche Thtigkeit um so
wohlthuender. Sie hatte allmlig sich fast des ganzen huslichen Regimentes
bemchtigt und wute fr Jeden mit Sicherheit das Bequeme und Angenehme zu
verschaffen, ohne da man es von ihr verlangt hatte. Dadurch machte sie sich
namentlich den lteren Personen unentbehrlich, und auch Reinhard konnte nicht
umhin, ihr lobend zu gestehen, da sie ein seltenes Talent besitze, die Wnsche
ihrer Umgebung zu errathen und zu befriedigen. Je mehr durch Gewhnung auch fr
ihn die Bequemlichkeit des Lebens an Reiz gewann, um so angenehmer erschien ihm
die Weise, mit der Therese vorzusorgen wute. Jenny's Aeuerung, da Therese
sich Liebe erkoche und erwirthschafte, begegnete daher allgemeinem Tadel, wie
berhaupt ihr Verhltni zu ihrer Freundin der Pfarrerin immer mehr mifiel und
Allen ein Rthsel dnkte, Reinhard ausgenommen, der diese ungewohnte Hrte in
Jenny's Charakter nur zu leicht und gern entschuldigte.
    Nach Jenny's frher geuertem Wunsche sollte auch Therese unter ihren
Taufzeugen sein, doch schien sie diesen oft besprochenen Vorsatz jetzt ganz
pltzlich aufgegeben zu haben. Sie erklrte, als die Pfarrerin sie deshalb zur
Rede stellte und ihr bemerklich machte, wie diese Zurcksetzung fr Therese
empfindlich sein msse: Es thte ihr leid, aber sie knne sich nicht
entschlieen, es wre ihr unmglich, sie dazu aufzufordern. Diese entschiedene
Aeuerung veranlate die Pfarrerin, weiter in Jenny zu dringen, sie konnte
jedoch keine nhere Erklrung von ihr erlangen. Jenny behauptete, ohne Grnde
anzugeben, sie habe sich in Therese geirrt, sie fhle eine wachsende Abneigung
gegen sie, und knne dieselbe nicht berwinden. Als zufllig eben whrend dieser
Unterredung Therese mit einer Anfrage von Jenny's Mutter hinzukam und mit einer
heftigen, kurzen Antwort von Jenny abgefertigt wurde, die gleich darauf das
Zimmer verlie, benutzte die Pfarrerin die Gelegenheit, mit Theresen einmal
darber zu sprechen, ob sie vielleicht den Grund zu Jenny's gereizter,
launenhafter Stimmung kenne?
    Therese verneinte es. Ich wei nur das Eine, sagte sie, da ich ihr Betragen
gegen mich nicht verdient habe, und ich wrde es nicht ertragen, wenn mich das
Andenken an unser frheres Verhltni nicht nachsichtig gegen sie machte.
    Und wissen Sie denn nicht, liebes Kind, seit wann diese Verstimmung sich
Jenny's bemchtigt hat? Man knnte vielleicht irgend Etwas zu ihrer Beruhigung
thun, wenn man die Veranlassung dazu kennte.
    So wie Sie Jenny jetzt sehen, liebe Frau Pfarrerin, ist sie seit wir in
Berghoff sind, antwortete Therese, und allerdings habe ich eine Vermuthung
darber, die ich Ihnen mittheilen mchte, wenn Sie mir heilig versprechen
wollen, gegen Jeden, besonders aber gegen Ihren Sohn darber zu schweigen.
    Die Pfarrerin zauderte einen Augenblick, dann bat sie Therese, diese
Mittheilung lieber zu unterlassen, wenn sie nicht wirklich nthig zu Jenny's
Glck, zu ihrer Herstellung sei.
    Ich bin in einer sonderbaren Lage, antwortete Therese, und wei selbst
nicht, ob es nicht meine Pflicht ist, ein Geheimni zu verrathen, zu dessen
Kenntni ich nur zufllig gelangte; denn noch drfte es Zeit sein, ein Unheil zu
vermeiden, das meinen theuersten Freunden droht.
    Die Pfarrerin wurde unruhig, und Therese fuhr fort: Den Abend, ehe wir nach
Berghoff zogen, zeichnete Jenny mit Erlau auf dem Balkon vor dem Treibhause eine
Ansicht der Gegend, welche sie fr ihren Brutigam bestimmte. Sie war Anfangs
ganz heiter; Steinheim war auch mit ihnen, und Jenny rief mich ebenfalls herbei,
um mir ihre Arbeit zu zeigen und mich an der Unterhaltung Theil nehmen zu
lassen. Diese nahm, wie gewhnlich, wenn jene Drei ohne Reinhard beisammen
waren, eine ziemlich fade Wendung. Das Gesprch langweilte mich, so da ich
Jenny aufmerksam machte, wie wenig dieses Geplauder und Geschwtz ihrem
Brutigam behagen wrde. Darber wurde sie verdrielich und heftig, und so ist
es seit jenem Tage geblieben.
    Aber mein Kind, sagte die Pfarrerin im Tone des Vorwurfs, Sie knnen doch
kaum annehmen, da ein so geringer Tadel Jenny's ganzes Wesen, ihr ganzes
Verhltni zu Ihnen so vollkommen verndern knne, besonders da sie sonst Tadel
von Jedermann mit groer Freundlichkeit zu ertragen pflegte, was mir an ihr
stets angenehm aufgefallen ist.
    O, Gott bewahre! das glaube ich auch nicht, erwiderte Therese, ich halte es
nur fr begreiflich, da ihre ble Laune sich gerade gegen mich richtet, weil
wir zufllig jenen kleinen Streit in einer Stunde hatten, die auerdem von
entschieden traurigen Folgen fr Jenny war.
    Therese, unterbrach die Pfarrerin sie sehr ernsthaft, Ihre halben Reden
scheinen mir ein Geheimni mittheilen zu wollen, das Sie vielleicht verschweigen
sollten. Sie sind aber bereits zu weit gegangen, und ich mu Sie bitten, mir nun
die volle Wahrheit zu enthllen, damit ich selbst entscheide, was wir fr Jenny,
die ich als meine Tochter liebe, thun knnen und mssen.
    Therese schien zu schwanken, dann aber sagte sie rasch und mit groer
Bestimmtheit: Nun denn, Frau Pfarrerin! Ich glaube, Erlau's Abreise ist die
Veranlassung zu der vollkommenen Vernderung, welche mit Jenny vorgegangen ist.
    Das wre ein groes Unglck, rief die alte Dame erschreckt. Aber was bringt
Sie auf diese Vermuthung?
    Eine bloe Vermuthung htte ich Ihnen nicht mitgetheilt, antwortete Therese,
ich habe die feste Ueberzeugung, da es so ist. Nachdem Steinheim den Balkon
verlassen hatte, hrte ich, denn ich war im Treibhause beschftigt, Erlau
lebhaft mit Jenny sprechen, und obgleich ich weder Alles verstehen konnte noch
wollte, vernahm ich, da Erlau ihr seine Liebe gestand und ihr zugleich Lebewohl
sagte, weil er ohne Hoffnung in ihrer Nhe nicht leben knne. Den nchsten Tag
war er abgereist, und als sein Abschiedsbrief uns gebracht wurde, behauptete
Jenny, die man darum fragte, von seiner Reise ebenso wenig gewut zu haben, als
wir. Trotzdem hat sie ihm wahrscheinlich das fr Reinhard bestimmte Bildchen zum
Andenken geschenkt, denn ich habe es seit dem Abend nicht mehr gesehen, und es
ist auch nie wieder die Rede davon gewesen. Am nchsten Tage zogen wir hieher
und seitdem ist Jenny's traurige Stimmung, wie Sie selbst wissen, im Zunehmen
begriffen.
    Die Pfarrerin schwieg lange Zeit und schien mit sich selbst zu Rathe zu
gehen, dann sprach sie: Gott verhte, da Ihre Behauptung wahr sei! Ich kann
nicht glauben, da Jenny sich so vollkommen ber ihre Gefhle getuscht haben
knne, und bin ebenso fest von ihrer Liebe zu Reinhard berzeugt, als von der
seinen fr sie. Inde ist leider unser Herz tausend befremdlichen Eindrcken
zugnglich, und es ist nicht unmglich, da sich irgend ein Widerstreit von
Gefhlen in der Seele der armen Jenny erhoben hat, den sie mit ihrer
leidenschaftlichen Weise gewaltsam bekmpfen will und hoffentlich bekmpfen
wird. Es ist denkbar, da ihre Unruhe dadurch entstanden ist, und ich danke
Ihnen fr das Gestndni, das Sie mir gemacht haben, wie fr die Geduld, mit der
Sie die Unfreundlichkeit des armen Mdchens ertragen. Nur Eins mu ich Ihnen wie
die heiligste Pflicht an's Herz legen: Lassen Sie weder Jenny, noch meinen Sohn
es ahnen, da Sie irgend eine Vermuthung der Art hegen.
    Wie knnen Sie das nur glauben? fragte Therese. Rechnen Sie fest auf meine
Verschwiegenheit, um so mehr, als auch Ihres Sohnes Glck davon abhngt, dem ich
lebenslang fr so Groes verpflichtet bin und fr den kein Opfer mir zu schwer
fallen sollte.
    Die Pfarrerin umarmte sie gerhrt. Sie versicherte sie, wie sie ihre Achtung
in hohem Grade gewonnen habe, und wie sehr sie ihr die Schonung Dank wisse, mit
der sie Jenny behandle. Lassen Sie uns vereint, sprach sie, dahin wirken, Jenny
mit sich selbst wieder auszushnen und ihr das Glck zu erhalten, das sie und
mein Sohn von der Zukunft erwarten. Unsere innigste Anerkennung wird es Ihnen
danken, und wenn Sie sich wirklich meinem Sohne verpflichtet fhlen, tragen Sie
ihm Ihren Dank jetzt in einer Weise ab, welche ihn fr immer zu Ihrem Schuldner
macht.
    Therese versprach Alles und sie schieden mit den herzlichsten gegenseitigen
Versicherungen.
    Wie weit Therese bei dieser Unterredung sich selbst ber die Beweggrnde
ihrer Handlungen getuscht hatte, wie weit sie absichtlich dabei zu Werke
gegangen, mchte schwer zu entscheiden sein. Ob sie wirklich an Jenny's Liebe
fr Reinhard zweifelte, an eine Neigung fr Erlau glaubte, ob nur der Wunsch,
Reinhard und Jenny vor Reue zu bewahren, allein sie antrieb, der Pfarrerin jenen
Bericht zu erstatten, das lassen wir dahingestellt sein. Jedenfalls aber war sie
sich der eigenschtigen Motive, die zweifelsohne in ihrer Seele sich regten,
nicht deutlich bewut, so da sie die Lobsprche der Pfarrerin mit ruhigem
Gewissen annahm und sich Jenny gegenber in einer stillen Gre erschien, welche
es ihr leichter machte, sich fgsam und nachgebend gegen sie zu betragen.
    Ihrem Vorsatz getreu, schwieg die Pfarrerin gnzlich ber die Entdeckung,
welche Therese ihr gemacht hatte. Jenny that ihr leid, und doch zrnte sie ihr,
weil sie nicht daran zweifelte, da Erlau wirklich einen Eindruck auf Jenny's
bewegliche Phantasie gemacht und sie verleitet haben knnte, Reinhard untreu zu
werden, wre Erlau selbst ihr nicht zur rechten Zeit zu Hlfe gekommen. So lieb
sie ihre knftige Schwiegertochter hatte, konnte sie sich doch nicht verbergen,
was sie stets gedacht und frher auch gegen ihren Sohn geuert hatte, da eine
Frau mit so unruhigem Geiste, mit solch beweglichen Leidenschaften viel weniger
zu Hoffnungen auf ein ruhiges eheliches Glck berechtigte, als z.B. ein Mdchen
von Theresens soliden, wenn auch weniger glnzenden Eigenschaften. Sie zitterte
bei dem Gedanken, ihr Sohn knne durch irgend einen Zufall von der Neigung
seiner Braut fr Erlau unterrichtet werden, und fhlte sich sehr beruhigt, als
endlich der fr die Taufe bestimmte Tag gekommen war und sie die Aussicht hatte,
nun mit ihrem Sohne Berghoff auf einige Monate zu verlassen. In dieser Zeit, so
hoffte sie, wrde Jenny zur Ruhe kommen, ohne da Reinhard etwas von dem Kampfe
in ihrem Herzen zu erfahren brauchte.

Die Eltern beide, Eduard, Joseph, die Pfarrerin, Therese und Clara waren in
ernster Haltung in einem Zimmer beisammen, in das freundlich die Strahlen der
untergehenden Sonne hineinfielen. Ein runder, mit schwerem Teppich behangener
Tisch, auf dem ein silbernes Becken in silberner Schale stand, nahm die Mitte
desselben ein. Neben diesem einfach hergerichteten Hausaltar stand Jenny's
Lehrer, der wrdige Pastor, und erwartete, gleich den Uebrigen, den Eintritt
seiner Schlerin. Sie hatte gewnscht, die letzten Stunden vor ihrer Taufe ganz
allein zu bleiben, und ihren Brutigam ersucht, sie erst rufen zu kommen, wenn
Alles zu der feierlichen Handlung bereit sein wrde.
    Nun trat sie an Reinhard's Arm in das Zimmer und Allen fiel die Blsse ihrer
schnen Zge auf, als sie sich in die Nhe des Pastors stellte und Reinhard
zurcktrat. Nach einer kurzen Anrede des Geistlichen sprach Jenny ihr
Glaubensbekenntni und empfing die Taufe. Sie schien sehr ergriffen zu sein, als
das Taufwasser ihre bleiche Stirn berhrte. Aber keine Thrne war in ihr Auge
gekommen, keine Muskel ihres Gesichtes hatte gezuckt, und nur der bebende Ton
der Stimme hatte, whrend sie das Glaubensbekenntni ablegte, der Herrschaft
ihres festen Willens Trotz geboten.
    Jetzt war die kurze Ceremonie vorber; Jenny war Christin geworden. Mit
wahrer Innigkeit zog Reinhard die Geliebte an sein Herz und Thrnen der reinsten
Freude glnzten in seinen Augen. Doch nur einen kurzen Moment ruhte sie, wie um
sich zu erholen und Kraft zu gewinnen, an seiner Brust; dann flog sie, von einem
innern Impuls getrieben, zu ihrer Mutter und sank, bitterlich weinend, ihr in
die Arme.
    Es wre vielleicht fr einen ruhigen Beobachter anziehend gewesen, htte er
whrend der Taufe in den Seelen der anwesenden Personen die verschiedenen
Gefhle zu lesen vermocht, von denen sie bewegt wurden. Jenny's Mutter weinte,
weil es ihr vorkam, als trete durch die Taufe ein fremdes Element zwischen sie
und ihre Tochter. Eduard und Clara, welche einander gegenber standen, waren in
schmerzliche Gedanken vertieft, und wenn ihre Blicke sich zufllig trafen,
wandten sie dieselben schnell von einander ab, als frchteten sie, die ernste
Feier durch die beredte Sprache ihrer Augen zu entweihen. Die Pfarrerin dankte
Gott, da es endlich so weit gediehen sei, und betete inbrnstig, der Herr mge
nun auch ferner dies Paar beschtzen und alles Strende, das ihnen noch in der
nchsten Zukunft drohen knne, gndig an ihnen vorberfhren. Dieses innere
Gebet verhinderte sie, Theresens Unruhe zu bemerken, die keinen Blick von
Reinhard und seiner Braut abwendete und, fast ebenso bleich als diese, mit
Gewalt in Jenny's Seele lesen zu wollen schien. Joseph aber entging dies
ngstliche Sphen Theresens nicht, das ihn ebenso wenig, als Jenny's qualvolle
Aufregung befremdete. Er sah finster auf die Scene vor seinen Augen, als auf
etwas, das er lange erwartet hatte; nur als Reinhard nach der Taufe die Braut in
seine Arme schlo, fuhr er mit der Hand nach dem Herzen, als ob er dort einen
flchtigen Schmerz empfinde.
    Der Vater allein war vollkommen ruhig und heiter geblieben. Er hatte
Wohlgefallen an Reinhard und dessen stolzer, voller Freude; er lie alle den
erregten Empfindungen Raum, sich zu beruhigen, dann war er es, der die Thren
des Zimmers ffnete, in den Garten hinaustrat und die Uebrigen aufforderte, ihn
zu begleiten.
    Es war drckend warm im Zimmer geworden, denn die Sonne brannte auf die
Scheiben der geschlossenen Fenster. Um so erquickender erschien Jedem die
frische Abendluft, welche, von dem Duft der prchtigen Orangenblthen balsamisch
durchzogen, ihnen entgegenstrmte. Reinhard war einer der Ersten, die der
Aufforderung des Vaters folgten. Er verlangte sehnlichst, mit seiner Braut
allein zu sein, und wandte sich mit ihr, sobald es thunlich war, einem
entlegenern Theile des Parkes zu. Dort angekommen, setzten sie sich nieder unter
den Schatten einer mchtigen, von Epheu grn umrankten Kastanie und schweigend
sah Reinhard lange mit der innigsten Liebe auf Jenny, die, noch sehr bleich und
ermattet, sich mit geschlossenen Augen an ihn lehnte und dringend Ruhe zu
bedrfen schien. Die Spannung der letzten Zeit hatte, nun die That vollbracht
war, nachgelassen und einer weichen Mdigkeit Platz gemacht. Als Reinhard das
zarte Mdchen so in seinen Armen hielt, das mit den geschlossenen Augen, den
ruhigen, regungslosen Zgen und der weien Kleidung wirklich einer schnen
Leiche glich, fuhr ihm schmerzlich der Gedanke durch die Seele, sie knne
sterben, whrend er sich von ihr trenne, und er werde sie niemals wiedersehen.
Er schrak zusammen. Wre es eine Ahnung? fragte er sich, und eine fast kindische
Furcht lie ihn die Mglichkeit whnen, die Geliebte knne gerade jetzt in
seinen Armen gestorben sein. Behutsam kte er pltzlich Jenny's lange Wimpern,
indem er sie mit den zrtlichsten Worten bat, nur einen Laut zu sprechen, ihm
nur zu sagen, da sie lebe, da sie sein Glck mit ihm fhle.
    Ja, ich lebe, Geliebter! antwortete sie auf seine Frage und schlug lchelnd
die Augen zu ihm empor. Ich lebe! Und ob ich Dich liebe? O! Gott wei es, wie
ich davon in dieser Stunde Zeugni gegeben habe. Ich liebe Dich wie mein Leben,
wie meine Seele - nein, mehr als meine Seele. Ist es so recht? fragte sie und
lehnte sich wieder an ihn, nachdem sie sich whrend des Sprechens aufgerichtet
und die Hnde fest ineinander gefaltet hatte. Aber warum fragst Du mich erst, ob
ich Dich liebe? fuhr sie nach einer kleinen Pause fort.
    Weil ich den Ton Deiner Stimme hren wollte, mein ses Leben. Du sahst so
bleich und so verklrt aus, da ich frchtete, Du knntest die Erde verlassen
und aus meinen Armen in den Himmel zurckkehren, von dem Dein Antlitz ein so
treues Bild war.
    Ach! htte ich so hinberschlummern knnen, seufzte Jenny, so im vollen
Besitz Deiner Liebe.
    Als ob diese Liebe Dir jemals fehlen knnte, rief Reinhard fast entrstet
aus. Siehe, Jenny, einst gab es eine Zeit, in der ich an Dir, an Deiner Liebe
zweifelte, Dich fliehen und vergessen wollte. Das ist Alles nicht mehr mglich,
und seit Du durch Deine Liebe mich zum Herrn ber Dein Geschick gemacht, bin ich
Dir zu eigen geworden, mehr als irgend einem Menschen. Du weit es, sagte er,
immer wrmer werdend, ich wrde vor keinem Knige knien, kein Weib hat mich
jemals zu seinen Fen gesehen, ich glaubte, nur vor Gott mich beugen zu knnen
- und nun knie ich vor Dir, und bekenne Dir, da ich Dich fufllig bitten
knnte, mich zu lieben, mir treu zu bleiben, wenn ich daran zweifeln knnte,
weil in Dir allein das ganze Glck meines Lebens beruht.
    Er war wirklich vor ihr niedergesunken und hielt sie mit seinen Armen
umfat, whrend seine Augen an den ihren hingen. Schner, hingebender hatte sie
ihn nie gesehen, glcklicher hatte sie sich nie gefhlt, und doch stieg eben in
diesem Augenblicke der Zweifel in ihr auf, ob Reinhard sie mit dieser Innigkeit
lieben, ob seine Neigung nicht wanken wrde, wenn er einst erfahren sollte, wie
sie ihn getuscht, um sich seine Liebe zu bewahren, um die Seine zu werden.
    Sie drckte ihn voll Leidenschaft an ihre Brust, und ihm zrtlich und fest
ins Auge blickend, sagte sie: Versprich mir, dieser Stunde immer zu gedenken,
wie ich ihrer nie vergessen werde, und wenn einst ein Tag kme, an dem Du irre
an mir wrdest, an dem ich Dir Deiner Liebe weniger wrdig schiene - dann, aus
Barmherzigkeit, dann denke an diese Stunde, dann la mich Dich daran erinnern
und eine Sttze in dieser Erinnerung bei Dir finden!
    Was bedeutet das? fragte Reinhard verwundert, wie kannst Du glauben, jemals
eines andern Frsprechers bei mir zu bedrfen, als meiner Liebe zu Dir?
    Das gebe Gott! rief Jenny. Aber wenn Du mich einst schwach und tadelnswerth
finden, wenn Du mich deshalb weniger lieben, mich von Dir weisen solltest, dann
mge Deine Neigung mein treuer Schutz sein; sie mge Dir deutlich machen, da
ich aus Liebe kein Opfer scheute, da ich Alles erdulden wollte, Alles! Nur Dir
entsagen - das konnte ich nicht, das werde ich niemals knnen, dazu fehlt mir
die Kraft.
    Ich verstehe Dich nicht, sagte Reinhard, vergebens einen Sinn in diesen
Reden suchend, der in irgend einem Zusammenhang mit ihren Verhltnissen stehen
konnte, aber das schwre ich Dir, ich werde nie an der Lauterkeit Deiner Seele,
an der Reinheit Deines Herzens zweifeln; Du sollst in mir alle Liebe finden, die
Dir gebhrt, und auch Nachsicht, wenn es mglich wre, da Du sie jemals
brauchtest; denn wie sollte ich Dir nicht Alles verzeihen, so lange Deine Liebe
mir bleibt!
    Schwre mir das, Geliebter, flehte sie mit einer Angst, als ob sie
frchtete, er knne seine Meinung ndern.
    Ich schwre es Dir! antwortete Reinhard und reichte ihr seine Hand, welche
sie lange festhielt, dann leidenschaftlich an ihre Lippen drckte und mit den
Worten: Nun bin ich ruhig, nun ist es gut! endlich wieder loslie.

Wenige Tage nach Clara's erstem Besuch in Berghoff war William zurckgekehrt. Da
er den Tag seiner Ankunft nicht bestimmt angegeben, fand er zufllig weder seine
Tante noch Clara zu Hause, und wurde von dem Diener zu Herrn Horn in das
Comptoir gewiesen, mit dem Bemerken, Frau Commerzienrthin wrde sehr berrascht
sein, ihn schon zu finden, da man seine Ankunft heute noch nicht erwartet htte.
    Nicht erwartet zu werden von Personen, nach denen man sich gesehnt hat,
gehrt zu den peinlichsten Gefhlen, die uns nach lngerer Trennung von
denselben berhren knnen. Tausendmal hatte er es sich vorgestellt, whrend er
in seinem Wagen einsam und rasch dahinflog, wie die Tante und Clara ihm
entgegeneilen und er mit dem Willkomm zugleich den Brautku von den Lippen
seiner Cousine kssen werde. Statt dessen empfing ihn sein Onkel zwar
freundlich, aber durch Geschfte zerstreut, in denen er ihn unterbrochen hatte,
und mit so eiligen Fragen nach dem Befinden seines Vaters, nach seiner Reise und
den Aussichten fr das nchste Handelsjahr in London, da der junge Mann wohl
merken konnte, wie gern sein Onkel ihn abzufertigen wnsche. Er zog sich also
bald zurck und begab sich in die Zimmer der Damen, um dort die Heimkehr
derselben zu erwarten.
    Eine eigenthmliche Empfindung beschlich ihn, als er sich wieder in den
Rumen befand, aus denen er, von Furcht und Hoffnung bewegt, geschieden war.
Gleich nach seiner Ankunft in London hatte er der Commerzienrthin geschrieben
und einen kurzen, herzlichen Brief fr Clara beigelegt, den sie ihm beantwortet,
ohne eigentlich seiner Werbung zu gedenken, indem sie ihm hauptschlich ihre
Theilnahme an der Krankheit seines Vaters, ihr Bedauern ber seine pltzliche
Abreise unter so traurigen Umstnden ausdrckte, und die Hoffnung uerte, da
dennoch Alles sich zum Besten und nach ihren Wnschen fgen werde. William
selbst gehrte nicht zu den Menschen, welche es lieben, sich mndlich oder gar
schriftlich ber ihre Gefhle auszusprechen; die Zurckhaltung seiner Cousine
berraschte ihn deshalb nicht. Sie wute, da er sie liebe; die Tante hatte ihm
die Hand ihrer Tochter zugesagt, hatte ihm die Versicherung gegeben, da Clara
seine Neigung erwidere, und da diese sich nicht dagegen erklrt hatte, las er
mit frhlichem Vertrauen aus den wenigen und flchtigen Briefen, welche er von
ihr erhielt, Alles das heraus, was sein Herz begehrte. Jetzt, wo er jeden
Augenblick den leichten Tritt der Geliebten zu hren hoffte, wo er ihrer mit
lebhafter Ungeduld harrte, fiel es ihm auf, wie wenig Clara bis jetzt dazu
gethan hatte, ihn ihrer Liebe oder nur der Zustimmung zu seinen Ansprchen zu
versichern. Er setzte sich sinnend auf den Platz nieder, den er so hufig Clara
gegenber an ihrem Arbeitstische eingenommen hatte. Ein Nhkstchen, welches
Eduard in einer Verloosung gewonnen und in William's Beisein Clara geschenkt
hatte, erkannte er wieder. Es war schon ein wenig abgenutzt und mute eben
gebraucht sein, denn es enthielt auer verschiedenen Gerthschaften fr
weibliche Arbeit eine Visitenkarte des Doctor Meier, auf welche mit Bleistift
das Datum eines der letzten Tage und die Worte geschrieben standen: Bedauert,
die Einladung der Frau Commerzienrthin Horn fr heute nicht annehmen zu knnen.
Eine politische Broschre lag aufgeschlagen neben dem Kstchen; sie gehrte
ebenfalls dem Doctor Meier, wie die von seiner Hand geschriebenen Anmerkungen in
derselben verriethen. Von all jenen eleganten Kleinigkeiten, die William seiner
Cousine geschenkt, schien sie keinen Gebrauch zu machen, denn sie standen in
kalter Ordnung neben einander auf einer der Etagren aufgerichtet, wo sie nur
die Hand des Hausmdchens gesubert und Clara's Auge vielleicht niemals
getroffen haben mochte. Das that William wehe und machte ihn unmuthig und
nachdenkend, so da er fast erschrack, als er endlich die Stimme seiner Tante
hrte.
    Eilig stand er auf und ging den Damen entgegen. Mit einem: Willkommen, mein
Sohn! umarmte ihn die Commerzienrthin und, gegen Clara gewendet, fgte sie
hinzu: Nun, da ist er! Ich will wie eine chte Romanmutter, die ich Euch immer
war, den zrtlichen Ergu Eurer Herzen nicht stren und erwarte Euch erst in
einer halben Stunde in meinem Zimmer.
    Es ging aber der sonst so klugen Frau, wie allen sehr frmlichen, gemessenen
Leuten, die, wenn sie einmal unbefangen und herzlich scheinen wollen, meist
vllig aus der Rolle fallen und die ungeschicktesten Verste begehen. Clara und
William standen sich verlegen gegenber, beide gepeinigt durch die
unvortheilhafte Lage, in der sie sich befanden. William hatte statt einer
zrtlichen Braut, die ihn liebend begrte, sehnschtig nach ihm verlangte, ein
Mdchen vor sich, das ihn mit scheuer Zurckhaltung behandelte und offenbar eher
erschreckt, als erfreut durch seine Anwesenheit war. Er fand Clara verndert,
und um nur aus dem peinlichen Schweigen herauszukommen, fragte er: Warst Du
krank, mein Clrchen? Du bist so bleich, so still. Und freut es Dich denn gar
nicht, da wir beisammen sind?
    O gewi, lieber Cousin! antwortete sie, es freut mich von Herzen, da Dein
Vater hergestellt ist und da Du zu uns zurckkehren konntest.
    Lieber Cousin? und weiter Nichts? rief William scherzend, Mein Clrchen, das
klingt doch wirklich zu cousinenmig, und selbst eine Cousine htte mir lngst
ihren Mund statt der Hand zum Willkomm reichen mssen. Er schlo sie in seine
Arme und kte sie, trotz ihres Widerstrebens, herzlich. Ah, rief er, das ist
ein ander Ding, nun lebe ich erst wieder! nun wei ich, da ich hier bin und
wozu ich wieder hier bin. Wenn Du wtest, Clrchen, wie meine Eltern sich
freuen, Dich bald als Tochter zu begren! Mein Vater will, wenn seine Krfte es
erlauben, selbst bei unserer Hochzeit gegenwrtig sein, und ich habe ihm
versprochen, da wir auf ihn warten, wenn er sich ein wenig mit seiner Erholung
beeilt.
    Und wie weit ist diese vorgeschritten? fragte Clara, froh, das Gesprch von
der bisherigen Richtung ablenken zu knnen. William aber deutete diese Frage
nach seinem Sinne und antwortete tndelnd: So weit, mein Frulein, da Sie ihr
Hochzeitskleid bestellen und Ihr Reisekostm anordnen mssen; denn so lieb mir
Deutschland und seine Sitten geworden sind, nach der Trauung geht es fort, und
unsern Honigmonat verleben wir in England, bei uns auf dem Lande.
    In der Freude seines Herzens bemerkte William nicht, wie er ganz
ausschlielich die Kosten dieser Unterhaltung trug, whrend Clara mit schlecht
verhehltem Bangen seinen Worten zuhrte und nur dann und wann eine gleichgltige
Frage dazwischen warf, bis das Eintreten ihrer Mutter sie befreite.
    Natrlich war eine der ersten Fragen, welche die Commerzienrthin an ihren
Neffen richtete, nach dem Ergehen ihres Sohnes, weil dieser die Zeit seiner
Heimkehr von Monat zu Monat gegen seines Vaters Wnsche hinausgeschoben hatte.
    Ferdinand ist gesund, berichtete William; fgte aber mit einer gewissen
Zurckhaltung hinzu: ich zweifle jedoch, ob er freiwillig sobald zurckkehrt,
als Sie es wnschen, liebe Tante.
    Und was ist es, was ihn davon abhlt? Was fesselt ihn so sehr?
    Eine Schwche, falls man eine Leidenschaft so nennen darf, mit der man
Nachsicht haben mte, wenn sie einem wrdigeren Gegenstande zugewendet wre.
    Die Commerzienrthin gab ihrer Tochter ein Zeichen sich zu entfernen, dann
nthigte sie William, sich zu ihr zu setzen, und verlangte, da er ihr rasch und
unumwunden sage, was sie wissen msse. Die Angst der Mutter machte William
vorsichtig. So schonend als mglich theilte er ihr mit, wie Ferdinand gleich bei
seiner Ankunft in England die Bekanntschaft einer schnen aber bel berufenen
Frau gemacht habe, welche seine Geliebte geworden sei und ihn in seinem Hange
zur Verschwendung bestrke, nachdem sie ihren frhern Geliebten, einen jungen
Mann vom Stande, ruinirt und verlassen habe.
    Sie hat Ferdinand vorgespiegelt, erzhlte William, um seinetwillen und nur
aus Liebe fr ihn mit ihrem ersten Verehrer gebrochen zu haben, der, wie sie
behauptet, ihr die Ehe versprochen hatte, und Ferdinand ist in einer
unglcklichen Stunde so thricht gewesen, ihr schriftlich eine eben solche
Zusicherung zu geben, die er spter in Gegenwart ihrer und seiner Bekannten
wiederholt hat, und auf deren Erfllung sie jetzt dringt, ohne von irgend einem
Vergleich oder einer Abfindung hren zu wollen.
    William hielt inne, weil er sah, wie schwer die Nachricht seine Tante traf.
    Nur weiter, weiter! bat sie, als sie das Zaudern ihres Neffen bemerkte.
Hltst Du es fr mglich, da mein Sohn ehrlos genug sein knnte, wirklich an
eine Heirath mit einer solchen Frau zu denken? da er mir, seiner Mutter, eine
solche Frau zur Tochter aufzudringen denkt?
    Ich hoffe, antwortete William, da es Ihren Ermahnungen gelingt, ihn davon
zurckzubringen, was bis jetzt freilich weder meinem Vater, noch mir gelungen
ist.
    Er mu zurck, noch heute schreibe ich ihm, rief die Commerzienrthin wie
auer sich, er soll und mu gehorchen.
    Das wird er nicht, liebste Tante, bemerkte William, und Sie wrden sich,
falls er Ihnen sogar gehorchte, nur der Unannehmlichkeit aussetzen, diese
lstigen Verhltnisse in Ihre Nhe zu ziehen; denn ich zweifle keinen
Augenblick, da jene Frau ihm auch gegen seine Erlaubni hieher folgen und hier
auf die Erfllung seines Wortes dringen wrde. Darum haben Sie Geduld, schreiben
Sie ihm, da Sie um das Verhltni wissen, da Sie es mibilligen; aber
vermeiden Sie eine Strenge, welche ihn leicht zu offenem Widerstand, zu
unberlegten Schritten treiben knnte, da er sie von Ihnen nicht gewohnt ist.
Vielleicht wre es sogar besser, Sie berlieen es dem Onkel einzuschreiten,
obgleich mein Vater mir rieth, Ihnen zuerst die Mittheilung zu machen.
    Das war gut, war klug, sagte die Commerzienrthin, denn Dir darf ich es
bekennen und Du weit es vielleicht selbst, da niemals ein gutes Vernehmen
zwischen Ferdinand und seinem Vater herrschte. Mnner vergessen es leicht, da
sie einst selbst jung und der Nachsicht bedrftig gewesen sind, und - fuhr sie
fort, pltzlich umgestimmt durch den Gedanken, ihr Liebling Ferdinand knne
irgendwie den Tadel seines Vaters auf sich ziehen - vielleicht ist es mit
Ferdinand so schlimm nicht, als wir glauben. Deshalb versprich mir, seinem Vater
nichts zu sagen, bis ich selbst eine Antwort von meinem Sohne erhalten haben
werde.
    William versprach das, aber die Krnkung, die ihr Stolz erlitten hatte, der
Schreck und die Unruhe, die sie empfunden, waren so lebhaft gewesen, da ihre
gewohnte Selbstbeherrschung sie verlie und sie von nervsen Zufllen ergriffen
wurde, welche sie nthigten, ein paar Tage ihr Zimmer zu hten und ihr Clara's
Pflege und Wartung unentbehrlich machten.
    Dadurch bekam William seine Braut, denn als solche betrachtete er die
Cousine, wenig nur zu sehen. Trotzdem mute ihm ihr Betragen auffallen, das
offenbar zurckhaltender und befangener war, als sie sich ihm jemals gezeigt
hatte. Er konnte nicht begreifen, weshalb sein Onkel mit keinem Worte seiner
Verlobung gedachte, er sah, da man sie wie ein Geheimni behandelt haben msse,
und obgleich dieses gewissermaen durch die Umstnde entschuldigt werden oder
selbst geboten sein konnte, fand er die strenge Beobachtung der Etiquette unter
so nahen Verwandten, die alle einig und glcklich ber diese Verbindung waren,
bertrieben. Er nahm sich vor, sobald die Commerzienrthin wieder wohl und
sichtbar sein wrde, auf die Bekanntmachung seiner Verlobung mit Clara zu
dringen, weil ihm seine jetzige Stellung lstig war, und er hoffte, die
ungewhnliche Schchternheit seiner Braut werde sich von selbst geben, wenn ihr
beiderseitiges Verhltni zu einander kein Geheimni mehr sei.
    Am zweiten Abende hatte sich denn auch der Zustand der Mutter so weit
gebessert, da Clara sie auf ihren ausdrcklichen Befehl verlassen mute, um
sich ihrem Brutigam nicht unnthig zu entziehen, der, innig erfreut, sie wieder
zu haben, ihr den Vorschlag machte, mit ihm nach Berghoff zu fahren. Er
wnschte, Clara mge sich nach den in der Krankenstube ihrer Mutter verlebten
Tagen in freier Luft erholen und zugleich mit ihm die befreundete Familie
besuchen, von der er noch Niemand gesehen hatte. Clara lehnte aber Beides ab und
bat William, ihr in ihr Zimmer zu folgen, da sie ihn allein und gleich zu
sprechen habe.
    Als sie sich in demselben allein mit ihm befand, sagte sie: Ich wei
wirklich nicht, lieber William, wie ich es machen soll, Dir zu sagen, was Du
doch erfahren mut. Du bist mir mit so herzlichem Vertrauen entgegen gekommen,
so gut, so freundlich gegen mich gewesen, da ich Dir nie genug danken kann. Sie
stockte; William sah sie verwundert an und sagte: Ist denn das Versprechen, die
Meine zu werden, nicht der schnste Dank, den meine Liebe von Dir begehrt?
    Das ist es eben, fiel Clara ein, was mich beunruhigt. Glaube mir, ich
erkenne Deine treue Anhnglichkeit mit tiefer Beschmung, ich achte Dich von
Herzen -
    Aber Du liebst mich nicht, rief William, sage es kurz, Clara! Du schlgst
meine Hand aus, weil ich Dir gleichgltig, oder wohl gar zuwider bin.
    Nein, das nicht; gewi, das nicht. Ich habe Dich lieb, William, von Herzen
lieb, ich bin berzeugt, da einer Frau ein schnes Loos an Deiner Seite werden
mu - aber ich kann Deine Frau nicht werden.
    So liebst Du einen Andern? fragte William heftig und stand auf.
    Ein leises, kaum hrbares Ja von Clara's Lippen gab ihm darauf Antwort. Er
trat erschreckt zurck. Dann blieb er lange schweigend vor Clara stehen und
fragte endlich, mhsam seinen Schmerz bekmpfend: Und wei der Glckliche, da
Du ihn liebst? Verdient er das Glck, das er mir raubte?
    Er wei es, antwortete Clara, aber glcklich ist er nicht und bin ich nicht,
und knnen wir nie werden.
    Jetzt verstand er sie; und im Tone des Vorwurfs fragte er: Und das erfahre
ich erst jetzt, nachdem ich seit lange an Deine Liebe geglaubt, auf Deine Hand
gerechnet hatte? Wie durftest Du so an mir handeln? Wie konnte Deine Mutter mir
so zuversichtlich ihr Wort fr Dich geben?
    Vergib mir, William, bat Clara, wenn ich Dir verschwieg, was wir einander
nur gestanden, um es fr ewig zu vergessen. Niemand wei davon, und von Dir, von
Deiner Gromuth erflehe ich es als die hchste Gunst, da Du selbst dem
Anspruche an meine Hand entsagst und mir beistehst, die Verzeihung meiner Mutter
zu erlangen. Sie wird unerbittlich darauf dringen, da ich ihr Wort lse und Dir
meine Hand gebe, die Du nicht begehren wirst, da Du jetzt Alles weit.
    William hatte sich niedergesetzt und sah dster sinnend vor sich nieder. Die
widersprechendsten Gefhle wogten in seiner Brust. Ein paarmal war es, als ob er
seinen Gedanken Worte geben wolle, dann aber unterdrckte er sie wieder, wie
wenn er das rechte Wort noch nicht gefunden htte, bis er endlich aufstand,
Clara die Hand reichte und sagte: Du siehst wohl, da ich darauf nicht
vorbereitet war, mich nicht darein finden kann; denn es fllt schwer, so
pltzlich von seinen liebsten Hoffnungen zu scheiden. Darum fordere heute keinen
Entschlu, kein Versprechen von mir; nur darauf nimm mein Wort, Niemand, auch
Deine Mutter nicht, soll Dich zu einem Schritte zwingen, der mich nicht
glcklich machen kann, wenn Du ihn nicht freiwillig thust.
    Guter, edler Mann! rief Clara dem Enteilenden nach, der sie nach seinen
letzten Worten verlassen hatte, um Eduard aufzusuchen und sich mit diesem zu
erklren.
    Er traf den Doctor glcklicherweise in der Stadt und zu Hause, wo er in den
jetzt einsamen Gngen des Gartens umherging und schnell William entgegeneilte.
Sie reichten sich die Hnde zum gewohnten Gru, aber pltzlich zog Hughes seine
Hand zurck und Eduard, die Absichtlichkeit dieser Handlung bemerkend, sagte:
Sie kommen von Ihrer Cousine!
    Ich komme von ihr und wei Alles, antwortete der Andere. Was haben Sie mir
darauf zu sagen?
    Einen Augenblick bedurfte Eduard, um sich zu sammeln, dann sprach er mit
sicherer Stimme: Wir Beide, denke ich, knnen auch in dieser Angelegenheit, die
uns gleich nahe berhrt, offen zu Werke gehen, weil sie dem Einen so heilig ist,
wie dem Andern. Es wre unwahr, wenn ich mich einer Gromuth rhmen wollte, die
ich nicht in mir fhlte. Ich liebe Clara, das wissen Sie, und wrde Alles daran
gesetzt haben, sie zu besitzen, wre es mglich fr mich gewesen, ohne meine
Ehre zu opfern. Nur nachdem ich alles Mgliche versucht, vergeblich versucht
habe, fgte ich mich widerstrebend in den Gedanken, Clara zu entsagen.
    Und das erzhlen Sie mir? mir, dessen Ansprche an Clara Sie kannten, mir,
der Sie fr seinen Freund hielt?
    Sie irren! entgegnete der Doctor. Ich kannte Ihre Ansprche nicht, aber ich
ahnte, da Clara Ihnen bestimmt und theuer sei, ich wute fast gewi, da meine
Hoffnung sich nur von meinen Wnschen tuschen lie, und dennoch kmpfte ich
vergebens gegen eine Neigung an, die Clara errieth und theilte, so sehr ich sie
ihr zu verbergen strebte. Der Kampf um Liebe, um ein Weib ist ein unerbittlicher
Kampf, ein Kampf auf Leben und Tod. Es gibt kein Drittes. Und wenn zwei
Unglckliche auf dem Meere schiffbrchig umhergetrieben werden, wenn ein letztes
Brett Beide von sicherm Verderben trennt, wenn Einer untergehen mu; werden Sie
Den verdammen, der, um sich zu retten, den Andern im unwillkrlichen Trieb der
Selbsterhaltung hinunterstt, auf die Gefahr hin, ihn sinken zu sehen?
    Ihr Gleichni mag richtig sein, versetzte William bitter; ich bin nur leider
nicht in der Stimmung, mich mit Gleichnissen abzufinden, und mu Sie deshalb
bitten, mir unumwunden zu erklren, wie Sie in Betreff meiner Cousine jetzt zu
handeln denken. Eduard wollte heftig werden, aber er bezwang sich und antwortete
mit mglichster Ruhe: Ich handle, wie Clara es von mir gefordert, wie ich es vor
mir selbst verantworten kann, und ich bitte Sie, zu bemerken, da nur die
Rcksicht auf Ihr gekrnktes Gefhl und auf die Ansprche, welche Sie an Clara
zu haben glauben, mich zu irgend einer Erklrung veranlat, die Sie in diesem
Tone von mir zu fordern nicht berechtigt sind. Nachdem ich jede Hoffnung
verloren hatte, mir Clara zu gewinnen, und ihr im ersten Schmerz darber meine
Liebe gestand, wollte ich fr immer von ihr scheiden; und ich sagte ihr das
schriftlich. Sie selbst befahl mir zu bleiben, obgleich auch sie von der
Hoffnungslosigkeit unserer Liebe vollkommen berzeugt war. Ich blieb, weil sie
es wnschte, weil sie die Entsagung, zu der wir verdammt sind, leichter zu
tragen hoffte, wenn wir uns nicht pltzlich und gewaltsam trennten. Seitdem habe
ich sie nur selten und niemals allein gesprochen; ich habe mir keine Annherung
erlaubt, ich wage auch nicht, den kleinsten Anspruch an Clara zu machen, weil
ich leider ihr nichts bieten, nichts sein darf, was mich dazu ermchtigte. Ich
wei, man wird darauf dringen, da Clara sich verheirathet. Schwer wird mir der
Gedanke, sagte er, und seine Festigkeit wankte so sehr, da seine Stimme
zitterte, es wird mir schwer werden, die Geliebte als das Weib eines Andern mir
vorzustellen, sehr schwer! Dann sammelte er sich wieder, reichte William die
Hand und sagte: Aber meine Hand darauf, ich werde sie ruhiger und lieber in
Ihren Armen, als in denen jedes andern Mannes sehen, denn auch Sie sind mir
werth und Sie verdienen ein Mdchen wie Clara, weil Sie es zu wrdigen wissen.
    William war von des Doctors sichtbarem Schmerz und seiner Offenheit
berwunden. Er schlug in die dargebotene Rechte und sagte: Sie wissen es nicht,
wie sehr ich Clara liebe, aber gerade darum mchte ich nicht, da sie mir mit
Widerstreben folgt, ich will nicht, da der Gedanke, sie htte doch vielleicht
die Ihre und mit Ihnen glcklicher werden knnen, wenn ich nicht dazwischen
getreten wre, jemals von meiner Frau gedacht werden soll. Darum berlegen Sie
selbst: Gibt es eine Mglichkeit, ein Mittel, durch das Sie Clara's Hand
erlangen knnen, so trete ich zurck.
    Ich habe keine Aussicht, keine, antwortete Eduard schmerzlich, aber
bestimmt, als die Emancipation unsers Volkes, die noch in weiter Ferne liegt,
und auch dann stehen mir die Ansichten von Clara's Eltern entgegen. Clara selbst
hat mir jede Hoffnung genommen und glaubt an keine.
    Das gengt mir! rief William mit einer Freude, welche deutlich hervorbrach,
obgleich er sie aus Zartgefhl vor dem Freunde zu verbergen trachtete.
    Eduard sa in sich gekehrt und wortlos, und sein Freund ehrte, ebenfalls
schweigend, diese Todtenfeier seines Herzens. So verging eine lange Zeit, bis
William sich erhob und, indem er sich zum Fortgehen anschickte, Eduard Lebewohl
sagte.
    Sie gehen schon? fragte dieser, wie aus schwerem Traum erwachend, und sah,
nachdem sie sich mit einem Hndedruck getrennt, dem rasch Dahineilenden lange
nach. Dann, als er ihn aus dem Gesichte verloren hatte, rief er: Er geht zu
seiner Braut! und wie ein Dolchsto zuckte die Gewiheit durch sein Herz.
Schwere Tropfen fielen aus seinen Augen nieder. Sie galten der verlornen
Geliebten.

Die Commerzienrthin war von der Sorge um ihren Sohn vllig hingenommen. Sie
schrieb ihm, da sie durch ihren Schwager und durch William von dem Grunde
unterrichtet sei, der ihn abhalte, nach Deutschland zurckzukehren. Sie beschwor
ihn, sich loszureien, kein Opfer an Geld zu achten, um sich von einer Frau zu
befreien, deren wahre Absicht ihm nicht verborgen sein knne, und war
unvorsichtig genug, ihm zu diesem Zweck eine immerhin betrchtliche Summe aus
ihrem Privatvermgen anzuweisen, damit sein Vater gar nichts von diesem
Verhltni zu erfahren brauche. Was die aufrichtige Besorgni einer Mutter, die
Furcht vor blem Aufsehen, einer so stolzen Frau nur einzugeben vermochten, das
stellte sie ihm in den beredtesten Worten vor, und harrte angstvoll und
ungeduldig seiner Antwort. Doch der erste Termin, der sie bringen konnte,
verging und kein Brief von Ferdinand erschien. In dieser peinlichen Ungewiheit
traten alle brigen Angelegenheiten in ihren Augen zurck und selbst von Clara's
Verlobung war die Rede nicht. Die Commerzienrthin nahm dies Verhltni als
lngst entschieden an; sie sah William und Clara oft und freundlich beisammen,
das gengte ihr, und jetzt an irgend eine gesellschaftliche Rcksicht wie die
Bekanntmachung dieser Verbindung zu denken, war sie nicht gestimmt.
    Fr William und Clara war das eine Erleichterung. Er htte Clara dem Freunde
abzutreten vermocht, wenn sie dadurch glcklich geworden wre. Da dies nicht
mglich war, dachte er nur daran, sie fr sich zu gewinnen, denn er war sicher,
da ihr Herz endlich seiner warmen Liebe und seinem festen Willen, sie zu
beglcken, nicht widerstehen werde. Er wollte sie durch keinen raschen Schritt
drngen; er sprach ihr nicht von seiner Liebe, aber sein schonendes Betragen,
seine zarten Rcksichten thaten das um so deutlicher. Unbefangen brauchte er das
Recht, welches sein doppeltes Verhltni zu ihr ihm gab, fast unausgesetzt in
ihrer Nhe zu sein. Er las mit ihr, er begleitete sie auf ihren Spaziergngen,
und sie konnte es sich nicht verhehlen, da William's Unterhaltung in ihrer
jetzigen Verfassung eine Zerstreuung fr sie sei und sie abhalte, gnzlich in
den Gram ber Eduard's Verlust zu versinken. Eduard hatte sie fast tglich, aber
nur flchtig in dem Zimmer ihrer Mutter gesehen, deren Zustand seine Behandlung
nthig machte. Auerdem hatte er es vermieden, sie zu besuchen. Er brachte die
Abende, wenn er konnte, auf dem Landsitz seiner Eltern zu; das Unwohlsein der
Commerzienrthin hielt Clara viel zu Hause und beschrnkte sie auf die kleinen
Ausfahrten und Spaziergnge in Begleitung ihres Vetters.
    So waren einige Wochen vergangen, als William, der Clara in ziemlich
heiterer Stimmung sah, sich endlich das Herz fate, mit ihr von seiner
Unterredung mit Eduard zu sprechen. Ich bin Dir noch Aufklrung ber mein
Verhltni zu Dir und zu Eduard schuldig, sagte er. Da man sich nicht ohne
Kampf entschliet, ein Glck, wie Deine Liebe, hinzugeben, oder auf Deinen
Besitz zu verzichten, das glaubst Du mir, denn jetzt am wenigsten wrde ich Dir
schmeicheln drfen. Doch htte ich zu entsagen vermocht, um Dich glcklich mit
Eduard zu wissen, den Du liebst, und ich habe das Eduard gesagt.
    Clara reichte ihm bewegt die Hand und klagte: Du kannst mir doch nicht
helfen, so edel Du auch bist.
    Aber lindern kann ich, trsten, fiel er ihr ins Wort, und das vergnne mir.
Eduard fhlt wie ich, da Deine Mutter nicht darein willigen wrde, Dich
unvermhlt zu lassen, auch wenn ich ganz auf Deine Hand verzichtet htte. Und
glaube mir, kein Mann, den man fr Dich whlen knnte, wird Dich mehr lieben,
als ich, Niemand mit grerm Vertrauen die Zeit abwarten, bis Dein gerechter
Schmerz sich gemildert haben und Du im Stande sein wirst, wieder an ein Glck zu
glauben, das Dir jetzt unmglich scheint.
    Clara schttelte schweigend den Kopf, er that, als ob er es nicht bemerke,
und fuhr nur noch freundlicher fort: Ich komme Dir vielleicht kalt vor und Du
frchtest Dich vor dieser Ruhe; aber sie kommt aus der Zuversicht, da Du Dich
in die unabwendbare Trennung von Eduard fgen und da es meiner treuen Liebe
gelingen msse, Dich wieder zu erheitern, Dich froh zu sehen in dem Bewutsein,
einem redlichen Manne das hchste Gut zu sein. Er schilderte ihr, wie
sehnschtig seine Mutter in ihr die Tochter erwarte, die der Himmel ihr selbst
verweigert habe; wie man sie lieben und mit offenen Armen im Hause seiner Eltern
empfangen werde, und seine tiefe Rhrung zu verbergen, schlo er mit der
scherzenden Bemerkung: Du kannst doch vielleicht nicht verlangen, Clrchen! da
ich jetzt, nachdem ich den Eltern die Versicherung gegeben habe, in Dir den
grten Schatz des Continents mit nach Hause zu bringen, allein zu ihnen
wiederkehren und ihnen sagen soll: Ich war ein eitler Thor, als ich von ihrer
Liebe sprach, sie hat mich nicht gemocht.
    Unwillkrlich lchelte Clara; da konnte William sich nicht lnger halten
und, mit aller Frhlichkeit eines Liebenden aufspringend, nahm er sie in seine
Arme, kte sie und rief: Mag nun daraus entstehen, was da will, das ertrage ein
Anderer, wenn man sich Monate lang fr den glcklichsten Brutigam gehalten hat,
mit einemmal wieder zum Cousin zu werden. Einen Ku habe ich glcklich
gestohlen, gleichviel, ob als Verlobter oder als Cousin; nun will ich wieder
geduldig warten und ruhig Deinen Zorn ertragen.
    Und zornig war Clara wirklich ber einen Ausbruch, der in so grellem
Widerspruch zu seinen Worten stand, da sie ihn schnell und offenbar gekrnkt
verlie. Indessen, diese Unterredung blieb doch nicht ohne Wirkung. Gewohnt an
verstndige Ueberlegung, konnte Clara es sich nicht verbergen, da William Recht
hatte, als er behauptete, ihre Mutter werde auf eine andere Heirath bestehen,
wenn es ihr selbst gelnge, sich jetzt von der Verbindung mit ihrem Cousin zu
befreien, dessen Betragen ihren aufrichtigen Dank verdiente. Sie sah ein, da
sie und Eduard keine Hoffnung htten; aber da Eduard ihrem Vetter das
zugestanden hatte, verletzte sie, ohne da sie ihn anzuklagen vermochte. Sie
konnte an Eduard's Liebe, an seinem Schmerz ber ihre Trennung nicht zweifeln;
sie nannte es recht, da er sie jetzt vermeide, und doch war sie unzufrieden mit
ihm, mit William und mit sich, obgleich sie fhlte, da Keiner von Allen anders
handeln konnte, als er's that. Der Gedanke, von Eduard getrennt zu sein, fate
auf die Weise in ihr Wurzel, ohne da dadurch William ihr nher rckte, der sich
in seiner herzlichen Bewerbung immer gleich blieb und sein Ziel keinen
Augenblick aus dem Gesichte verlor, die Neigung der Geliebten zu gewinnen. Er
hatte daneben die schwere Pflicht, seine Tante ber sein eigenthmliches
Verhltni zu Clara zu tuschen, was um so nthiger war, als die
Commerzienrthin noch immer vergebens auf Antwort von Ferdinand harrte und
deshalb gereizt und leicht verletzlich war.
    Sie hatte ihrem Sohne zu wiederholten Malen geschrieben, sich endlich an
ihren Schwager gewendet und von ihm erfahren, wie Ferdinand gleich nach Empfang
ihres Briefes mit seiner Geliebten verreist sei, ohne irgend eine Nachricht zu
hinterlassen, wohin er gehe oder wohin man ihm die Briefe von Hause nachsenden
solle. Es scheint, bemerkte ihr Schwager schlielich, als ob er aufs Neue in den
Besitz einer grern Summe gekommen sei, welche ihm diese Reise mglich macht.
Es blieb jetzt der Commerzienrthin keine Wahl, sie mute sich entschlieen,
ihrem Manne das Geheimni zu enthllen, und die unangenehme Scene, welche die
Heftigkeit beider Theile hervorrief, warf die Mutter aufs Neue nieder. Da langte
endlich ein Brief von Ferdinand an, aber er war nicht an die Eltern, sondern an
William gerichtet und lautete wie folgt:
    Du hast Dich der Mhe unterzogen, ohne da ich darum bat, meiner Mutter
eine Mittheilung zu machen, die ich noch geheim zu halten wnschte. Es scheint,
da dergleichen Vermittlungen Dir Vergngen machen, und Du wirst es deshalb in
der Ordnung finden, wenn ich Dich jetzt ersuche, meine Eltern geflligst davon
zu unterrichten, da ich mich in der vorigen Woche verheirathet habe und mit
meiner Frau nach Paris gegangen bin. Ich werde dort bleiben, so lange die Summe,
welche meine Mutter mir geschickt hat, ausreicht, in Paris in der Weise zu
leben, an welche meine Frau gewhnt ist. Danke meiner Mutter, da sie, wie immer
meine Wnsche errathend, auch jetzt meiner Bitte zuvorkam und mir die Mittel
gab, schneller zur Ausfhrung eines Entschlusses zu schreiten, der
unwiderruflich war, weil er mein Glck sichert und zugleich die Erfllung einer
Pflicht ist gegen eine Frau, die aus Liebe fr mich eine glnzende Zukunft
aufgegeben hat. Jeder Versuch, diese Verbindung zu lsen, wrde vergebens sein,
da sie durchaus nach allen Gesetzen gltig vollzogen ist, und wrde nur die
Folge haben, da ich mit meiner Frau frher nach Hause kme, um die nthigen
Schritte dagegen zu thun, obgleich, wie meine Mutter zu schreiben beliebt, die
Anwesenheit meiner Frau, welche doch ein Lord D. zu seiner Gemahlin erkoren
hatte, ein Schimpf fr unsere Familie sein wrde. Darber will ich nicht
streiten, da Vorurtheile nicht auf mich wirken, ich ersuche Dich also nur,
meinen Auftrag auszurichten. Meinen nhern Freunden habe ich meine Heirath
selbst gemeldet. Meine Frau und ich wnschen Dir und Clara bald ein Glck, wie
wir es genieen.
    William war erschrocken, obgleich der thrichte Entschlu ihm nicht
unerwartet kam. Er wute, welchen Eindruck diese Neuigkeit auf seine Tante
hervorbringen mute, aber es war nicht mglich, sie ihr zu verheimlichen, da
Ferdinand zugleich an seine Freunde geschrieben und damit dies Verhltni zum
Stadtgesprch gemacht hatte.
    Die Familie war in der hchsten Aufregung. Der Commerzienrath eiferte und
zrnte gegen seine Frau, deren unglckliche Verblendung den Sohn verzogen und,
wie diese jetzt selbst gestand, ihm die Mittel zur Ausfhrung dieser thrichten
Heirath gegeben hatte. Clara weinte ber das Loos, das ihr Bruder sich bereitet,
und mute doch ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihre Mutter wenden, die dieser
Brief vollkommen vernichtet hatte. Die Commerzienrthin versicherte, diesen
Schimpf nicht berleben zu knnen; sie gab sich einer so fassungslosen
Entmuthigung hin, da Eduard selbst unruhig ber ihren Zustand wurde. Er bat
deshalb William und Clara, die Mutter auf irgend eine Weise zu besnftigen, da
bei einer Frau ihres Alters und ihrer Constitution die Nervenzuflle, welche
sich seit einiger Zeit immer wiederholten und jetzt bedeutend zugenommen hatten,
leicht einen traurigen Ausgang nehmen knnten. Anfnglich war jede Vorstellung,
jeder Einwand verloren, und erst nach einigen Tagen gelang es William, der
leidenschaftlichen Frau einen Trost zu geben, mit der Hindeutung, wie Clara's
Liebe und Sorgfalt, die sich jetzt im schnsten Lichte zeige, wohl ein Glck
sei, das die Mutter nicht verkennen drfe. Dadurch bekamen die Ideen der
Commerzienrthin pltzlich eine andere Wendung.
    Ja, Du hast Recht, mein Sohn, sagte sie, an Clara habe ich mich schwer
versndigt, sie habe ich lange nicht genug geliebt. Aber jetzt werde ich
vergelten; sie soll jetzt mein Stolz, mein Alles sein, und jetzt gleich soll
Eure Verlobung gefeiert werden, damit die Leute nicht glauben, die Schande, die
mein Sohn ber mich bringt, habe mich ganz niedergebeugt. Sie sollen sehen, da
mir in Clara und in Dir noch groe Freude geblieben ist, und da ich weder so
schwach, noch so alt bin, mich von einem Unglck niederwerfen zu lassen. Hole
mir Clara herbei, wir wollen die nthigen Schritte noch heute thun.
    Das hatte William nicht beabsichtigt und es setzte ihn in Verlegenheit, um
so mehr, als Clara es leicht fr ein planmiges Werk von seiner Seite halten
konnte. Er versuchte also der Tante zu beweisen, wie ein zu gleichgltiges
Verhalten bei der Nachricht von Ferdinand's unerwarteter Vermhlung mideutet
werden knne, und beredete sie, nicht jetzt, whrend sie noch leidend und Clara
so betrbt ber ihren Bruder sei, ein Fest zu feiern, das mit voller Freudigkeit
begangen werden msse. Dadurch erlangte er einen kurzen Aufschub. Offenbar hatte
aber die Aussicht, welche ihr William in Clara's Glck erffnete, eine gnstige
Wirkung auf seine Tante gehabt. Sie erklrte, sich wohler zu fhlen, erstand von
ihrem Lager und shnte sich mit ihrem Manne aus, um sich mit ihm ber Clara's
Mitgift zu verstndigen, die sie jetzt ebenso sehr zu erhhen wnschte, als sie
frher auf Beschrnkung derselben zu Ferdinand's Gunsten gedrungen hatte. Dies
Alles entging Clara nicht. In ngstlicher Erwartung sah sie der Stunde entgegen,
in welcher dieser Gegenstand endlich zwischen ihr und ihrer Mutter zur Sprache
kommen mute, und diese Stunde lie nicht auf sich warten.
    Eines Morgens lie die Commerzienrthin Clara frher als gewhnlich rufen.
Sie hatte ihre Krankenstube verlassen und sa mit einer gewissen Feierlichkeit
in ihrem Lehnsessel. Als die Tochter bei ihr eintrat, reichte sie derselben
freundlich die Hand, nthigte sie, sich zu ihr zu setzen, und sagte, nachdem sie
einen Augenblick ber den Anfang der Unterhaltung nachgedacht hatte: Mein Kind,
es ist zwischen uns nicht immer so gewesen, wie es htte sein sollen; und ich
will Dir es gestehen, ich habe Dich verkannt. Ich habe Deine Sanftmuth fr
Schwche gehalten, habe Dir auch sonst in meinem Herzen Unrecht gethan, weil ich
alle Plane fr das Ansehen unsers Hauses nur auf Ferdinand basirte. Er hat meine
Hoffnungen betrogen - ich habe keinen Sohn mehr.
    Ein nervses Zittern fuhr trotz der Mhe, mit der sie es verbergen wollte,
sichtbar durch ihre Glieder. Clara bat sie, sich zu schonen; sie versuchte ein
Wort zu Gunsten ihres Bruders einzulegen und der Mutter vorzustellen, wie seine
unbesonnene Handlung vielleicht weniger traurig in ihren Folgen sein wrde, als
man glaube.
    Die Commerzienrthin lie sie nicht vollenden. Das verstehst Du nicht, sagte
sie heftig. Kann denn irgend Etwas die Schmach vertilgen, da ein Weib wie jenes
den Namen unserer Familie, meinen Namen trgt? Frchte nicht, da Ferdinand
Mangel leiden, da Dein Vater ihn enterben knne, wie er neulich gedroht. Er
soll mehr haben, als er bedarf, mehr, als Lord D. der Person geboten htte,
unter der einzigen Bedingung, da er unsern Namen ablegt, da er nie nach
Deutschland kommt, da ich nie wieder von ihm und von dem Frauenzimmer Etwas
hre. Fr mich ist Ferdinand todt, ich habe keinen Sohn mehr, wiederholte sie
noch einmal.
    Whrend dieser Rede war sie immer heftiger geworden und brach zuletzt in
krampfhaftes Weinen aus, das sie zu erleichtern schien. Auf Dich allein ist nun
meine Zukunft angewiesen, sagte sie. Deine Shne sollen die Erben dieses Hauses
werden und William hat mir versprechen mssen, da sie unsern Namen neben dem
Euren fhren sollen. Morgen mu der Ehecontract aufgenommen werden und sehr bald
soll Eure Hochzeit sein. Ich wrde nicht Ruhe haben, ehe ich nicht die einzige
Angelegenheit beendet habe, die mir auf Erden noch Freude machen kann, und da
Du mir diese letzte Freude machst, das wird Dir Segen bringen. Gott gebe, Du
wrdest eine glcklichere Mutter, als ich.
    Sie fiel ganz erschpft in die Kissen des Sophas zurck, Clara stand
sprachlos an ihrer Seite, bemht, sie durch den Geruch strkender Essenzen zu
beleben. Sie hatte sich vorgenommen, ihrer Mutter zu sagen, da sie William
nicht liebe und ihn nicht heirathen knne, und hatte sich gefat gemacht, den
heftigen Zorn derselben mit Ergebung zu tragen. Jetzt aber, als die Mutter vor
ihr lag, die stolzen Zge ganz gebrochen von der Macht des Leidens, fehlte ihr
der Muth, sie durch eine entschiedene Weigerung noch mehr zu betrben. Nur um
Aufschub wollte sie frs Erste bitten und that es, indem sie der
Commerzienrthin vorstellte, wie ihr leidender Zustand keine Aufregung gestatte
und wie William gern bereit sein wrde, zu warten, bis die Mutter wieder ganz
wohl und krftig sei. Aber auch davon wollte diese nichts hren, und als in
diesem Moment Eduard in das Zimmer trat, um seinen tglichen Morgenbesuch zu
machen, richtete die Commerzienrthin sich lebhaft mit der Frage empor: Sagen
Sie, lieber Doctor, glauben Sie, da Freude meinen Nerven schaden knne?
    Im Geringsten nicht, antwortete er unbefangen; ich glaube vielmehr, da
Erheiterung Ihres Gemths mehr zu Ihrer Genesung beitragen wrde, als irgend
eine Arzenei.
    Also haben Sie nichts dagegen, wenn wir morgen die Verlobung meiner Tochter
feiern?
    Eduard schwieg betroffen; Clara sah ihn mit flehenden Blicken an, ihr Athem
stockte; denn von dieser Antwort hing ihre Zukunft ab. Die Commerzienrthin
schien aber zu glauben, ihr Arzt berlege, ob ihre Anwesenheit in grerer
Gesellschaft zulssig sei, und sagte: Ich spreche ja von keinem groen Feste,
nur im engsten Kreise wollen wir die Verlobung vor sich gehen lassen. An solche
Feste, wie Ihre Eltern bei Jenny's Verlobung veranstalteten, darf ich jetzt
freilich nicht denken, auch wird Clara zur Entschdigung in dem Hause ihrer
Schwiegereltern Glanz und Feste in Ueberflu finden - deshalb soll Alles morgen
in Stille vor sich gehen und dagegen drfen Sie keine Einwendungen machen.
    Nein, gewi nicht! Ich darf keine Einwendungen dagegen machen! antwortete er
mit einem Seufzer und blickte auf Clara, die sich, unfhig seinem Blicke zu
begegnen, an einen Stuhl lehnte, um nicht ihrer Bewegung zu unterliegen.
    Kaum aber hatte die Commerzienrthin Eduard's Erlaubni erhalten, als sie
die Klingel zog und dem Diener befahl, William zu ihr zu bitten. Eduard hielt
die Hand der alten Dame noch in der seinen, und richtete eine Frage ber ihren
Zustand an sie, als William schon dem Ruf der Tante Folge leistete.
    Gleich, gleich, Doctor! unterbrach sie ihn, seien Sie nicht bse. Aber Sie
selbst gestanden mir, Freude sei meine beste Arznei, darum mu ich William
sagen, da Sie mir die Erlaubni gegeben haben, morgen die Verlobung der beiden
Lieben feiern zu drfen.
    Eduard! rief William. Doch ehe er noch ein Wort hinzufgen konnte, sprang
Eduard auf und wollte Clara zu Hlfe eilen, die, unfhig sich lnger zu
beherrschen, bleich und matt der Thr zuwankte. Pltzlich blieb er stehen und
sagte rasch, aber mit einer Selbstbeherrschung, die Jeden tuschen mute, der
die Verhltnisse nicht kannte: Ihre Braut ist unwohl, William, begleiten Sie
sie.
    In demselben Augenblick war William auch an Clara's Seite, ihre letzte Kraft
verlie sie, er umfing sie sttzend mit seinen Armen, und in Eduard's und in
ihrer Mutter Gegenwart weinte sie heie Thrnen ber ihr verlorenes Liebesglck
an ihres knftigen Gatten Brust.
    Noch am Abende fuhr Eduard nach Berghoff hinaus. Clara ist mit William
verlobt, sagte er, nachdem er sich mit den Seinen begrt hatte.
    Das freut mich sehr, antwortete sein Vater und drckte Eduard die Hand,
whrend die Frauen ihn um nhere Mittheilungen baten. Mehr wurde zwischen Vater
und Sohn nie wieder ber eine Angelegenheit gesprochen, welche frher zwischen
ihnen der Gegenstand lebhafter Errterungen, banger Besorgni und schweren
Kampfes gewesen war.
    Eduard fuhr nach wie vor an jedem Morgen in das Haus der Commerzienrthin,
so lange ihre Gesundheit seine Pflege erforderte; nur Zeuge von Clara's
Verlobung zu sein, hatte er unter einem Vorwande verweigert, und William und
Clara wuten ihm dies Dank. Die ersten Tage, an denen er das neue Brautpaar sah,
bedurfte es seiner ganzen Kraft, um uerlich eine Fassung zu erzwingen, die ihm
in seinem Geiste noch fehlte. Aber William stand ihm wie seiner Braut in edler
Weise bei. Er selbst begleitete bald darauf Clara nach Berghoff und mit einer
Gewandtheit, die aus dem feinsten Schicklichkeitsgefhl und einem wohlwollenden
Herzen entsprang, wute er Eduard und Clara vor jeder zu schmerzlichen Berhrung
zu bewahren.
    
    Whrend die Damen sich mit einer Unterhaltung ber die in beiden Husern
nthig gewordenen Ausstattungen fr die Brute beschftigten, zog William seinen
Freund mit sich und sagte: Lieber Eduard! Clara hat gegen mich das Verlangen
geuert, Sie noch einmal allein zu sprechen, und ich hatte ihr zugesagt, ihr
dazu Gelegenheit zu geben. Spter bin ich anderer Meinung geworden, ich habe
Clara gebeten, der Erfllung dieses Wunsches zu entsagen. Sie werden mir zugeben
mssen, da es fr uns Alle besser ist, wenn wir uns so schnell als mglich ber
eine Zeit fortzuhelfen versuchen, die an schmerzlichen Eindrcken nur zu reich
ist. Deshalb habe ich meine Tante berredet, unsere Hochzeit zu beschleunigen.
In vierzehn Tagen sptestens soll sie vollzogen werden.
    Ich billige Ihre Ansicht vollkommen und danke Ihnen fr Alles, was Sie thun,
Clara's Gefhle zu schonen, antwortete der Doctor.
    Und nun Eduard! sagte William, noch eine Bitte. Ich habe Sie seit unserm
ersten Begegnen fr einen seltenen Mann gehalten; weil Sie der sind, lassen Sie
es mich nicht entgelten, da ich glcklicher bin als Sie. Ich werde bald eine
Frau haben, die ich liebe - soll ich deshalb den Freund verlieren, den ich
gewonnen zu haben glaubte?
    Nein, bei Gott! das sollst Du nicht! rief Eduard, hingerissen von William's
Worten. Glaube mir, William! da ich Dich aus Grund der Seele achte; aber wundre
Dich nicht, wenn mir jetzt, wo ich von den Hoffnungen meiner Vergangenheit so
pltzlich scheide, Gegenwart und Zukunft noch umwlkt erscheinen; wenn ich
keinen andern Gedanken habe, als wie gro das Glck war, auf das ich verzichten
mute. Dir vertraue ich dies Glck an, und knnte mich Etwas trsten, so wre es
das Bewutsein, Clara an Dich, an den Wrdigsten verloren zu haben.
    Arm in Arm kehrten sie zu den Uebrigen zurck, sie fanden Steinheim in der
Familie, der eben dazu gekommen war. Ich schwre Ihnen, sagte er, ich wre
lngst einmal hieher gekommen, wenn die fatale Hitze mir nicht eine vollkommene
Nervenabspannung zu Wege brchte; besonders da die Stadt so still und einsam
ist, wie Pompeji vor der Ausgrabung.
    So bringen Sie uns keine Neuigkeiten mit, und wir Landleute wissen mehr als
Sie. Denken Sie nur, der ruberische Englnder entfhrt uns Clara schon in der
nchsten Woche! bemerkte Jenny.
    Ja! dann hat er ein Recht, stolz zu sein, weil wir dann das Einzige an ihn
verlieren, um das England uns beneiden mute, rief Steinheim, Posa's Worte
parodirend, indem er sich gegen Clara tief verneigte.
    Die Hitze macht Sie nicht galanter, sagte Jenny lchelnd, denn Sie
vergessen, da William mich nicht ebenfalls mitnimmt, sondern da ich hier
bleibe, um mich an Ihnen fr Ihren Mangel an Galanterie zu rchen.
    Gehrt die Rache auch zu den christlichen Tugenden einer Frau Pfarrerin?
fragte Steinheim, und da Jenny, gegen sein Erwarten, nichts darauf erwiderte,
sondern die Frage fallen lie, wendete er sich zu den Herren, die, seitwrts
stehend, mit einander sprachen. Bald aber kehrte er wieder zu den Damen zurck,
weil, wie er behauptete, da, wo die Mnner sen, ein furchtbarer Zugwind wehe,
von dem man in dieser Witterung den Tod haben knnte. Man lachte ihn aus, und
doch war er heute Clara willkommen. Seine Anwesenheit, seine Unterhaltung, auch
wenn sie, wie fast immer, nur sein Ich betraf, zogen die Aufmerksamkeit von
ihr ab; und je grer der Zirkel wurde, um so ungestrter konnte sie sich in die
Erinnerung alles Dessen versenken, was sie in diesem Kreise erlebt hatte, und
was sich heute unwillkrlich ihrem Geiste aufdrngte.
    Sehen wir Sie vor Ihrer Hochzeit noch? fragte die Hausfrau sie, als sie
spter schieden.
    O, gewi! antwortete Clara, ich komme noch Abschied von Ihnen Allen zu
nehmen, da wir gleich nach der Trauung abreisen. Denken Sie unser, wenn wir
nicht mehr hier sein werden! bat sie mit kaum unterdrcktem Weinen, und ihr
Blick traf Eduard, der ihn nur zu wohl verstand. William aber machte der stummen
Scene schnell ein Ende und fhrte seine Braut davon.

Die Trauung des neuen Ehepaares war vorber; die junge Frau in Reisekleidern war
des Augenblickes gewrtig, in dem die Diener melden wrden, da Alles zur
Abreise bereit sei. Die Gste hatten sich entfernt, nur Jenny und Eduard waren
noch geblieben. In sich gekehrt sah dieser kaum, was um ihn vorging; er
wnschte, der schwere Kampf des Scheidens wre an Clara und ihm bereits vorber.
Die Commerzienrthin sprach mit ihrem Schwiegersohne und empfahl ihm die
dringendste Vorsicht fr die junge Frau, welche Hand in Hand mit ihrem Vater da
sa, der in ihr seine einzige Freude verlor.
    Da trat ein Diener herein und wie ein elektrischer Schlag durchzuckten Jeden
die einfachen Worte: Der Postillon hat angeschirrt!
    Weinend schieden die Eltern von der einzigen, schnen Tochter; weinend sank
sie Jenny in die Arme und wollte, sich gewaltsam losreiend, an Eduard vorber,
ihrem Manne folgen. Dieser aber hielt sie zurck. Und Eduard? sagte er leise
mahnend, und fhrte sie selber zu dem Freunde hin. Das war mehr als sie ertragen
konnten, aber William hatte vorausgesehen, was er ihnen damit that, was er ihnen
damit leistete und gewhrte.
    Jetzt in der Stunde der Trennung bedurfte es keines Geheimnisses, gab es
keine Entweihung fr diese reine Liebe mehr. Eduard zog die Geliebte, William's
Frau, tief erschttert, an sein Herz, und drckte einen langen Ku auf ihre
Stirne. Gott segne Sie! rief er, und schlo dann auch William noch einmal in
seine Arme. Gott segne Euch! Er konnte nicht weiter sprechen. Ueberrascht, aber
mit ehrendem Schweigen, sahen es der Vater, sah die Mutter es.
    Leben Sie wohl, Eduard! Ihnen vermache ich meine Eltern, sagte Clara kaum
hrbar, stehen Sie ihnen bei! - Und nun erst nahm William ihren Arm und fhrte
sie zu dem Wagen, der sie bald den Augen der nachsehenden Freunde entzog.

Nach Clara's Abreise schien Eduard sich pltzlich zu ermannen. Ein Leben, das
ihm keine Freude bot, wollte er fr Andere ntzen; nicht umsonst hatte er seine
Hoffnung geopfert und der Geliebten entsagt. Er fing an wieder vorwrts zu
blicken, mit neuem Eifer seine medizinischen Studien und die Bestrebungen
aufzunehmen, die er im Verein mit gleichgesinnten Mnnern schon frher fr die
Befreiung seiner Glaubensgenossen gemacht hatte. So hatte der Vater ihn zu
finden erwartet, und das erhabenste Verhltni bildete sich immer schner
zwischen ihnen aus, denn auf die rasche Thtigkeit des Sohnes bten die Ruhe und
Weisheit des Vaters den segensreichsten Einflu. Seit Eduard ganz von der
Leidenschaft fr Clara beherrscht, nur dieser und dadurch sich selbst gelebt,
war er auch mit Joseph und Steinheim weniger zusammengekommen; sie nahmen den
Rckkehrenden nun mit Freuden wieder auf. Jetzt erst erfuhren sie auch, welche
Forderung Eduard an die Regierung gestellt, und die abschlgige Antwort, die ihm
geworden, und Beide erriethen leicht, was ihn bewogen hatte, jene Angelegenheit
so heimlich zu betreiben.
    Wir mssen mit unermdlicher Beharrlichkeit den Weg verfolgen, sagte Eduard,
den wir fr den rechten halten. Es kommt nur darauf an, da wir ausharren, nicht
verzagen und immer wieder kommen, so oft man uns auch abweist.
    Das werden sie jdische Unverschmtheit nennen! bemerkte Joseph.
    Mgen sie es immerhin. Nur in der Beharrlichkeit liegt Hoffnung, nur wenn
wir unablssig dagegen strmen, knnen die Verschanzungen fallen, hinter denen
sie uns unsere Rechte vorenthalten; und fallen mssen sie. Unser Recht mu uns
werden.
    Und wr' es mit Ketten an den Himmel geschlossen! unterbrach ihn
Steinheim, der selbst bei einer so ernsten Unterredung, die ihm sehr am Herzen
lag, seine ble Angewohnheit nicht berwinden konnte. Glcklicherweise war man
so sehr daran gewhnt, da Niemand es weiter beachtete. Auch Joseph und Eduard
hrten nicht darauf, sondern berlegten lange, ob man jetzt, nachdem Eduard's
persnlicher Wunsch abschlgig beschieden worden, dieselbe Bitte fr die Juden
im Allgemeinen bei der Regierung wagen solle. Sie stritten hin und her und kamen
endlich berein, da Eduard sich nach Jenny's Hochzeit, die nicht allzu fern
mehr war, selbst nach der Residenz begeben und versuchen mchte, was dort zu
erreichen sein wrde. Nach diesem Beschlusse verlie Steinheim die Andern, und
Eduard, der erst jetzt wieder auf seine Umgebung aufmerksam zu werden anfing,
sagte zu Joseph: Da wir Jenny's Hochzeit erwhnen, sage mir, Du, der Du meine
Schwester nie aus den Augen verloren hast, was qult Jenny? liebt sie Reinhard
nicht? scheut sie sich vor dem Leben auf dem Lande? oder was geht sonst mit ihr
vor? Ich finde sie geistig in einer Weise verndert, die mich um so mehr
berrascht, als sie mir bis jetzt gnzlich entgangen war.
    Du hast Recht! sagte Joseph, aber wir knnen ihr nicht helfen, sie qult
sich selbst, und ich wei nicht, wie das enden wird.
    Wie meinst Du das? fragte Eduard bestrzt.
    Ich bin berzeugt, Jenny ist ohne allen Glauben an die christlichen Dogmen
Christin geworden, und der Gedanke, einen Meineid geschworen zu haben, peinigt
und verfolgt sie mit einer Gewissensangst, vor der sie sich nicht zu schtzen
wei.
    Wr's mglich? - Sollte es Das sein? Was bringt Dich auf die Vermuthung?
    Jenny's ganzes Wesen und vor Allem eine Unterhaltung, die ich vor einigen
Tagen mit ihr hatte. Sie brachte absichtlich das Gesprch auf
Religionsverschiedenheit und gestand mir, jetzt, da sie Christin geworden wre,
kme sie sich manchmal wie ausgeschlossen oder verstoen von den Ihren vor. Es
sei ihr, als wenn sie nicht mehr wie sonst zu den Eltern gehre, obgleich sie
sich doch Reinhard durch die Taufe nicht nher gebracht fhle. Sie fragte mich,
was ich von dem Eide denke? ob ich berhaupt glaube, da alle sogenannten Snden
auch Snden vor Gott seien? und sie uerte sich berhaupt in einer Art, die mir
bei ihrem Geiste lcherlich und kindisch erschienen wre, wenn ich nicht darin
eine vollkommene, innere Verwirrung, einen Zwiespalt gefunden htte, der mir
herzlich leid that. Zuletzt sagte sie mir, sie knne den Gedanken nicht fassen,
nicht mit ihren Eltern auf demselben Kirchhofe zu ruhen. Ich stellte ihr vor,
das sei eine Thorheit; auch wir, obgleich noch Juden, knnten leicht fern von
allen Freunden eine Ruhestatt finden, und es sei gewi hchst gleichgltig, wo
man uns begraben wrde. Sie aber blieb dabei, es wre ihr schrecklich, und war
berhaupt in einer Stimmung, in der jeder Vernunftgrund fruchtlos bleiben mute.
    Das arme Kind! rief Eduard, was kann man fr sie thun?
    Wir mssen sie sich selbst berlassen. Ich bin berzeugt, da sie den Ausweg
finden wird. Das mu man abwarten und ich hoffe, sie findet ihn bald, besonders,
wenn irgend ein uerer Anla ihrer Unentschlossenheit zu Hlfe kme und sie
veranlate, sich offen darber zu erklren, wo eigentlich die Quelle ihres
Leidens liegt.
    So la uns gemeinschaftlich ber sie wachen, bat Eduard, damit wir den
rechten Augenblick nicht verfehlen, wenigstens Jenny glcklich zu machen, da wir
es nicht geworden sind.
    Leidensgefhrte! - sagte Joseph mit einer Miene und einem Tone, die ein
eigenthmliches Gemisch von Spott und Schmerz ausdrckten. Wir wollen sie
behten, so gut es geht, aber ich frchte, auch ihr ist nicht zu helfen!
    Und leider war Joseph's Vermuthung nur zu richtig. Je glcklicher sich Jenny
in Reinhard's Liebe fhlte, um so mehr demthigte sie der Gedanke, unwahr gegen
ihn zu sein. Von frhster Kindheit an hatte man ihr die Lge als etwas so
Unedles, so Verchtliches dargestellt, da sie sich nur mit Entsetzen zu
gestehen vermochte, wie tief sie sich in dieselbe verwickelt habe. Der Zustand
ihrer Seele mchte fr Denjenigen, der ihn nicht von selbst versteht, schwer zu
beschreiben sein. Sie fhlte sich dem Elemente, in dem sie geboren, der
Atmosphre, in der allein sie athmen konnte, entrissen. Man hatte sie gelehrt,
wahr gegen sich selbst, gegen jeden Andern zu sein, und Recht und Wahrheit waren
die Sterne gewesen, auf die man von jeher ihr Auge gelenkt. Gott ist die
Wahrheit, das Recht, das Gute und das Schne, hatte ihr Vater ihr stets gesagt,
und so lange Du das Recht thust, so lange Du wahr bleibst, bist Du Gottes Kind
und mein liebes Kind! - Stundenlang konnte die Erinnerung an diese freundlichen
Worte, bei denen sie sich sonst so glcklich gefhlt, sie jetzt qulen. Nachdem
sie damit angefangen hatte, unwahr gegen sich selbst zu sein, hatte sie durch
eine damals unfreiwillige Selbsttuschung von ihrem Vater die Erlaubni erlangt,
zum Christenthume berzutreten, an das sie zu glauben whnte. Als aber der
Zweifel in ihr erwachte; als sie mit aller Anstrengung und dem Aufwande von
tausend Scheingrnden in sich die Lehren Reinhard's und des Pastors zu begrnden
strebte; da, sagte sie sich jetzt, da habe sie gewut, da sie niemals werde
glauben knnen, was sich gegen ihre Vernunft strube; und da sie dennoch, trotz
dieser innern Gewiheit, Christin geworden sei, da sie ihren Vater, Reinhard
und sich selbst habe hintergehen wollen, das war ein Verbrechen, um
dessentwillen sie sich verchtlich vorkam, eine Snde, die sie sich nicht
vergeben konnte. Aber was ist Snde? fragte sie sich dann wieder. Wenn ich
Reinhard nicht anders glcklich machen konnte als durch eine Unwahrheit; wenn
ich selbst ohne sie elend werden mute, kann Gott ein Unrecht strafen, das aus
groer Liebe begangen wurde? Einen Augenblick fhlte sie sich dann frei und
gerechtfertigt durch die Liebe; durch den Kampf, den es sie gekostet, aus Liebe
gegen ihre Ueberzeugung zu handeln. Sie hatte aus Liebe ein Opfer gebracht, das
ihr schwer geworden war, sie hatte sich selbst berwunden - das war es ja
gerade, was Gott von uns verlangt - und diese Idee gab ihr Ruhe, bis sie sich
gestand, da auch dies wieder eine Unwahrheit sei. Nicht nur um glcklich zu
machen, sondern um es zu werden, war sie Christin geworden; es lag Selbstsucht
auch in dieser Handlung, und die Bemerkung, da es ihr fast zur Gewohnheit
geworden, sich nach ihrem Bedrfni selbst zu tuschen, vermehrte ihre
Seelenpein in einem Grade, der ihr jedes ruhige Urtheil raubte. Eine Furcht vor
der Strafe Gottes bemchtigte sich ihrer Seele, und sie, die nicht an die
mystischen Lehren des Christenthums zu glauben vermochte, berlie sich fast
willenlos dem Aberglauben des alten Testaments, das Gott einen Rcher nennt, das
Bse strafend bis in das fernste Glied. Auch Reinhard, sagte sie sich, ziehe ich
mit in mein Verderben; auch ihn wird der Strudel erfassen, wenn ich ihm nicht
mehr verbergen kann, da ich nicht glaube. Was soll er dann beginnen? Er wird
mich lieben und mir doch nicht verzeihen knnen! Auch er wird in den heillosen
Kampf zwischen seiner Liebe und seinem Glauben gerathen; auch auf sein theures
Haupt werde ich das Elend herabbeschwren, das mich nicht ruhen lt, und das
wird die erste Strafe sein, mit der Gott meine Snden rcht.
    In dieser Verfassung ihrer Seele vermehrten die Briefe des Geliebten ihr
Leiden. Sie sprachen ihr warme Liebe und ein volles unbedingtes Vertrauen aus.
Er schilderte ihr das Glck einer Ehe, wie er sie an ihrer Seite erwarte, die,
auf gleichen Ansichten, gleicher Ueberzeugung gegrndet, in gemeinsamem Streben
nach Vollkommenheit, den Himmel auf Erden bieten msse; und meldete ihr endlich
voller Freude, da der Tag zu seiner Ordination bestimmt sei und er, sobald ihm
diese Weihe geworden, zurckkehren werde, um sie heimzufhren. Seine Mutter, die
seiner Ordination beizuwohnen wnsche, sei bereits bei ihm und werde mit ihm zur
Hochzeit nach Berghoff kommen. Dann wnsche er vor derselben mit Mutter und
Braut das Abendmahl zu nehmen, was Jenny bisher noch nicht empfangen hatte, und
bald nach der Hochzeit abzureisen, whrend seine Mutter in der Stadt bleiben
wrde, um sie die Tage des ersten Beisammenseins ganz ungestrt und allein
genieen zu lassen.
    
    Jenny's Herz schlug freudig der langersehnten Nachricht entgegen, sie
drckte das Blatt an ihre Lippen. Vor der sichern Hoffnung auf die nahe
Vereinigung mit dem Geliebten war fr einen Augenblick jeder andere Gedanke aus
ihrer Seele geschwunden; und sie begann den Brief nochmals zu lesen, um nur
keines der Worte zu verlieren, welche sie so glcklich machten. Da fiel ihr
Blick auf die Stelle: Ich wnsche noch vor unserer Hochzeit mit Dir das
Abendmahl zu nehmen, und auch auf diese Weise in die heiligste, innigste
Gemeinschaft mit Dir zu treten, die Du bald als mein geliebtes Weib,
unauflslich, untrennbar mit mir verbunden, mein sein wirst.
    Ihrer Hand entsank das Blatt, jetzt war der Augenblick gekommen! Zum zweiten
Mal, wie bei der Taufe, ein Spiel zu treiben mit Dem, was Reinhard das Heiligste
auf der Welt war, das vermochte sie nicht. Dies, das fhlte sie, dies war der
entscheidende Moment, in welchem sie entweder sich durch einen gewaltsamen
Entschlu in ihrer eigenen Achtung wieder herstellen und ihr Gewissen in Bezug
auf Reinhard beruhigen, oder sich mit geschlossenen Augen in ein Labyrinth
strzen mute, in dem sie und der Geliebte untergehen konnten.
    Der Kampf war ernst und schwer, aber die Wahrheit siegte, und aufgelst in
Schmerz schrieb sie nach durchwachter Nacht, als schon das helle Tageslicht in
ihre Fenster schien, folgenden Brief an Reinhard:
    Geliebtester! Wie viel glcklicher wren wir Beide, wenn statt dieses
Briefes die Nachricht in Deine Hnde kme, Deine Jenny sei gestorben. Du wrdest
weinen, mein Reinhard! Du wrdest um mich trauern, mein Andenken lieben, wie Du
mich liebst, und ich wre, erhoben von diesem Gedanken, geschieden und htte
Ruhe. Warum konnte ich nicht sterben, als Du mich das letzte Mal in Deine Arme
schlossest, als Deine Liebe mich so beglckte? Denkst Du daran, wie ich es
wnschte, wie ich es Dir sagte, weil ich schon damals ahnte, da ein Augenblick,
wie der jetzige, mir bevorstehen knnte?
    Bei der Erinnerung an jene Stunde beschwre ich Dich, bei der Liebe und
Nachsicht, die Du mir damals gelobt hast, stoe mich jetzt nicht von Dir, mein
Geliebter! Du, der mich fast seit meiner Kindheit kennt, den ich liebte, seit
ich ihn zuerst sah. Du bist mein Lehrer gewesen und kennst meine Seele; Du
weit, da mein Geist ebenso hei nach Wahrheit drstet, als mein Herz Liebe
verlangt. Darum kannst Du mich verstehen, darum mut Du Mitleid mit mir haben,
wenn ich Dir sage, da ich Dich mehr als die Wahrheit liebe, da ich meine
Ueberzeugung zwingen wollte, sich meiner Liebe zu fgen. Ich vermag es nicht
lnger.
    Von Augenblick zu Augenblick zgere ich, Dir ein Bekenntni zu machen, von
dem ich frchte, da es Dich tief betrben, mich in Deinen Augen heruntersetzen
knne. Ich mchte Dich an all die Liebe erinnern, die uns vereint, an das Glck,
das wir gemeinsam erhoffen, damit sie Dir vorschweben, wenn ich Dir Alles gesagt
haben werde.
    Ich glaube nicht, da Christus der Sohn Gottes ist; da er auferstanden ist,
nachdem er gestorben. Ich glaube nicht, da es seines Todes bedurfte, um uns
Gottes Vergebung und Nachsicht zu erwerben. Die Dreieinigkeit, die er lehrte,
ist mir ein ewig unverstndlicher Gedanke, der keinen Boden in meiner Seele
findet. Ich glaube nicht, da es ein Wunder gibt, da Eines geschehen kann,
auer den Wundern, die Gott, der Eine, einzig wahre, tglich vor unsern Augen
thut. Und selbst zu Christus, des erhabenen, gttlichen Menschen Erinnerung kann
ich das Abendmahl nicht nehmen, mich nicht zu einer Ceremonie entschlieen, die
mir wie eine unheimliche Form erscheint, whrend Du die innigste Verbindung mit
Gott darin feierst.
    Ich kann nicht anders! Diese Ueberzeugung ist strker als meine Liebe, als
ich! Nach furchtbarem Kampfe wurde ich Christin; denn schon vor der Taufe war
die Wahrheit in mir Herr geworden ber eine Tuschung, die ich mit der Angst der
Verzweiflung in mir zu erhalten strebte, um Deinetwillen! Lgen kann ich nicht
lnger, aber auch glauben kann ich nicht - kein Ausweg ist mglich; und mit dem
Gefhl der tiefen Liebe, die ewig wahr und unverndert in mir ist, werfe ich
mich an Deine Brust. Du sollst mir sagen, wie ich Frieden mache zwischen Liebe
und Glauben, wie ich mich wiederfinde in dem Gewhl des Kampfes.
    Wenn Du mich liebst, habe Mitleid mit mir, komme bald, komme gleich und la
mich aus Deinem Munde die Worte hren, die meiner Seele allein Ruhe geben
knnen. Sage mir, da Du mich lieben kannst, wenn ich auch nicht an Christus
glaube, wie Ihr es verlangt. Ihr sagt, er sei die Liebe - nun, dann ist er mit
mir, denn ich liebe Dich, wie je ein Mensch zu lieben vermochte; ich kenne kein
Glck als Deine Liebe. Schreibe mir nicht! Das dauert zu lange, komme selbst,
damit ich Dich sehe und in Deinen Augen die Antwort finde, die langsam aus
todten Lettern zu lesen, eine Qual wre, die Du mir ersparen wirst, weil Du mich
liebst. Ja! ich wei, da Du mich liebst. Mit dem Glauben, sage ich Dir, auf
Wiedersehen! Geliebter, Lehrer, Freund, mein Alles auf der Welt! La mich nicht
lange auf Deine Ankunft warten, jetzt, wo jede Minute mir zu Jahren wird, bis
ich Dich sehe!
    Nachdem sie diesen Brief gefaltet und der Diener ihn besorgt hatte, schien
es ihr, als htte sie nichts von Dem gesagt, was sie eigentlich gedacht. Sie
wollte ihn zurck haben, es anders sagen, nochmals berlegen. Sie warf sich vor,
zu rasch gehandelt zu haben, sie befahl dem Diener, sich zu beeilen und Alles
aufzubieten, um ihr diesen Brief zurckzubringen. Aber vergebens. Die Post war
abgegangen, kein Widerruf war mglich. Nun, so mag Gott sich meiner erbarmen!
rief Jenny und strzte weinend zu ihren Eltern, die jetzt durch sie das
Geschehene erfuhren und, mit ihr leidend, Alles aufboten, ihr Ruhe und Trost zu
geben. Zrtlich, nur fr den Augenblick besorgt, versicherte ihre Mutter, Jenny
knne doch unmglich daran zweifeln, da Reinhard sie liebe, und sie hege das
Vertrauen, ein so aufgeklrter Mann werde an seiner Braut wegen einer
Meinungsverschiedenheit nicht irre werden. Sie erinnerte sie, wie duldsam sich
Reinhard und die Pfarrerin gezeigt, noch ehe von irgend einem Verhltni zu
Jenny die Rede gewesen, und sprach die feste Ueberzeugung aus, Reinhard in
wenigen Tagen hier und Jenny glcklich zu sehen. Und doch weinte sie mit der
Tochter, denn ihr Herz war fern von den Hoffnungen, mit denen sie diese zu
beruhigen strebte.
    Tusche Jenny nicht mit Erwartungen, die sich nicht erfllen werden, oder
ich mte Reinhard nicht kennen, sagte der Vater. Ich frchte, er kommt nicht.
    Gott im Himmel, was habe ich gethan! rief Jenny.
    Was ich Dir zu thun gerathen htte, antwortete ihr Vater, htte ich Deinen
Zustand frher schon gekannt. Du durftest nicht daran denken, in eine Ehe zu
treten, der nach Reinhard's Ansicht das innere Bindungsmittel fehlte. Du
durftest namentlich ihn nicht tuschen ber Deine Gesinnung. Jetzt hast Du Deine
Pflicht erfllt und Du wirst in dem Bewutsein, das Rechte gethan zu haben,
Kraft finden, auch das Schwerste zu ertragen.
    Jenny war trostlos. Sie wollte einen zweiten Brief schreiben. Kannst Du
etwas von Dem widerrufen, was Du in dem ersten gesagt? fragte der Vater. Sie
mute zugeben, das sei ihr nicht mglich. So schreibe auch nicht, bedeutete er
sie.
    Dann verlangte sie, gleich jetzt zu Reinhard zu reisen. Sie wollte ihn
sprechen, alle seine Einwendungen besiegen, aber auch Das erklrte ihr Vater fr
unthunlich. Sieh, mein geliebtes Kind, sagte er, Du bist nun leider einmal in
einen Kreis von Widersprchen gerathen, aus denen nur ein gewaltsamer Ausweg
mglich sein wird. Reinhard ist duldsam gegen den Andersglubigen, aber seine
Frau will er nicht nur dulden, er will sie lieben, sie soll ein Theil seines
Ich's werden. Das kannst Du nicht, wenn Du in Dem, was einmal der Mittelpunkt
seines Wesens ist, so vollkommen von ihm abweichst. Selbst wenn er sich
berwinden und schweigen wollte, wrde schon die Nothwendigkeit, gegen seine
Frau auf seiner Hut zu sein, mit ihr nicht ber seine heiligsten Interessen
sprechen zu knnen, eine Strung Eures Glckes werden, abgesehen davon, da
Deine Gesinnung gerade zu seinem Beruf in einem noch schrofferen Widerspruche
steht.
    Innig zog er sein leidendes Kind in seine Arme, aber er versuchte nicht, es
zu trsten. Blicke fest in Dein Inneres, sagte er, dort wirst Du Quellen des
Trostes finden, die uns nie fehlen, wenn ein Schmerz uns trifft, ein Unglck uns
droht, das wir nicht selbst verschuldet haben. Wir Alle leiden mit Dir und Gott
wird Dir beistehen.
    Eine tiefe Trauer schien ber dem Hause zu liegen. Jeder frchtete, Jenny
auf irgend eine Weise zu verletzen, ihr wehe zu thun. Man wollte sie schonen,
sie die ganze Gre der Liebe fhlen lassen, die man fr sie empfand, und selbst
Therese, der die obwaltenden Verhltnisse kein Geheimni bleiben konnten, hatte
wahres Mitleid mit Jenny, die sich in stiller Ergebung zu fassen versuchte, was
bei ihrem lebhaften Charakter um so rhrender erschien.
    Ebenso traurig sah es bei Reinhard und seiner Mutter aus. Ihn hatte Jenny's
Brief wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel getroffen, und er war Anfangs
keiner Empfindung, keines Gedankens mchtig gewesen. Nur das Bewutsein, da ihm
ein groes entsetzliches Unglck widerfahren sei, stand klar vor seiner Seele.
Wie war das mglich, wie hatte das geschehen knnen? fragte er sich und sa in
starrer Betubung da, bis die Pfarrerin hinzukam und mit Schrecken den Ausdruck
schweren Kummers in den Zgen ihres Sohnes erblickte. Sie fragte, was ihm
geschehen sei? Statt aller Antwort reichte er ihr Jenny's Brief. Brauchen wir zu
sagen, wie er auf sie wirkte? - Sie setzte sich neben ihrem Sohne nieder und
ergriff seine Hand. Sie konnten Beide keine Worte finden.
    Das also ist das Ende alles meines Hoffens! rief Reinhard endlich und
versank wieder in sein frheres Brten. Und Jenny, fgte er dann hinzu, was wird
aus ihr mit ihrem heien Herzen?
    Das ist meine kleinste Sorge! Fr Jenny wird der Trost sich finden! meinte
die Pfarrerin bitter. Denn kaum hatte sie sich von dem ersten Schrecken erholt,
als ihr mit erneuerter Deutlichkeit Theresens Behauptung einfiel, Jenny liebe
Erlau und habe sich schon lange nicht glcklich in Reinhard's Liebe gefhlt. Die
Pfarrerin war eine verstndige, welterfahrne Frau, sie war aber auch Christin
und Mutter, und tief verletzt in ihrem Glauben und in ihrem Sohne. Unzhlige
verschiedene Verhltnisse hatte sie im Leben kennen gelernt. Selbst in dem
Kreise ihrer Bekannten gab es viele Juden, die zum Christenthum bergetreten
waren und glcklich und ruhig in demselben lebten. Warum sollte Jenny allein,
die ihr selbst so oft mit wahrer Erbauung von Jesu und seinen Lehren gesprochen,
kein Heil zu finden im Stande sein an der Quelle, aus der Segen fr die ganze
Menschheit gestrmt war? Jenny, die obenein Reinhard zum Lehrer gehabt, dessen
innige, fromme Ueberzeugung Jeden gewinnen mute? An diesen Grund von Jenny's
Zerrissenheit konnte sie nicht glauben; und that sie es dennoch, dann schauderte
sie vor dem Leichtsinne, mit dem das Mdchen einen Meineid begangen hatte. Wer
mit den heiligsten Dingen spielen konnte, bot auch dem Gatten keine Sicherheit.
Ebenso wie gegen Gott konnte sie sich einst gegen ihren Ehemann versndigen,
denn im Grunde war es vielleicht nur Erlau's wrdiges Betragen gewesen, das sie
abgehalten hatte, schon ihrem Brutigam untreu zu werden. Der Schmerz ber die
Leiden ihres Sohnes machte sie ungerecht, und ihre gekrnkte Muttereitelkeit
gewann so sehr ber ihre Vernunft den Sieg, da sie dem Sohne ihre Zweifel an
Jenny's Aufrichtigkeit und ihre ganze Unterredung mit Therese mittheilte.
    Kaum aber hatte sie es gethan, als sie das Unheil zu bereuen anfing, das sie
angerichtet hatte. Ein Funke, der in eine Pulvermine fllt, kann keine
zerstrendere Wirkung hervorbringen, als die Worte seiner Mutter auf Reinhard.
Mit tiefer Wehmuth hatte er Jenny's bis jetzt gedacht. Sein Leiden und das ihre
hatte er gleichmig und vereint empfunden; er hatte sich alle Beredsamkeit der
Welt gewnscht, um Jenny eine Ueberzeugung zu geben, welche es mglich machte,
ihre Trennung zu verhindern, die fr sie in den jetzigen Verhltnissen
unvermeidlich wurde. Nun, bei der Erzhlung der Mutter, erwachte seine
Eifersucht aufs Neue. Sein altes Mitrauen fing sich zu regen an, und wie eine
Furie verfolgte ihn unablssig der Gedanke, das Spielzeug in den Hnden eines
Mdchens gewesen zu sein, das ihn verwarf, sobald ein neuer Wunsch es
gleichgltig gegen den frhern werden lie. Er hatte Jenny so sehr geliebt, er
war bereit gewesen, ihr Alles, selbst seinen Stolz, sein Ehrgefhl zu opfern; zu
Almosen von der Hand ihres Vaters hatte er sich um ihretwillen erniedrigen
gewollt, und nun er sich am Ziele whnte, in ihre Hand seine Hoffnungen, seine
hchsten Wnsche legte - nun besa ein Anderer ihr Herz, und sie entzog ihm ihre
Hand unter einem Vorwande, der sie in seinen Augen verchtlich machte. Jenny zu
verlieren schien ihm ein Glck gegen die Pein, sie nicht mehr achten zu knnen;
sie, in deren junge Seele er selbst den Keim alles Groen und Schnen gepflanzt,
die er als eines der schnsten Werke des Schpfers heilig gehalten hatte.
    Wrde nur Jemand ihm warnend, beruhigend zur Seite gestanden haben, er htte
sich aus der Verwirrung der Leidenschaften leicht und schnell zurecht gefunden;
denn nur zu deutlich hatte ihm, so lange er selbststndig geurtheilt, Jenny's
Brief den Zustand ihres Herzens verrathen, und kein Zweifel an der Wahrheit
ihrer Worte war in ihm aufgekommen, bis die Mutter seinen Argwohn rege gemacht.
In ihrer Entrstung achtete die Pfarrerin nicht auf die heien, flehenden Bitten
Jenny's, die nichts sehnlicher verlangte, als Reinhard's Eigenthum zu bleiben;
der Gedanke allein, Jenny weigere sich, Reinhard's Frau zu werden, sie schlage
die Hand ihres Sohnes aus, ihr Sohn sei von seiner Braut abgewiesen, war ihr
gegenwrtig und er erbitterte sie um so mehr, als sie Grund hatte, auf den Sohn
stolz zu sein, der diese Verbindung wie sein hchstes Glck erstrebt hatte.
Geschftig, ihn zu trsten, hielt sie ihm das Unrecht vor, das man an ihm
begehe, und steigerte dadurch sein eignes Leiden so sehr, da er, von Eifersucht
und gekrnktem Stolz getrieben, in der ersten Aufregung seines
leidenschaftlichen Schmerzes diese Antwort schrieb:
    Ein Mdchen, das Seelenstrke genug besitzt, den vertrauenden Mann, der mit
glaubensvoller Liebe jeden Zweifel an sie fr eine Todsnde gehalten, mit dem
heiligsten Eide zu tuschen, wird die Kraft finden, eine Trennung zu ertragen,
der mein Mnnermuth zu unterliegen droht. Wohl ihr, wenn diese Kraft sie auch
vor Reue zu bewahren vermag.
    Anfnglich sollte das Alles sein, was er ihr sagen wollte, und seine Mutter,
welche dies Blatt gelesen, war eilig, es abgesendet zu wissen, weil es gerade so
ihrer Gesinnung entsprach. Aber ein anderer Geist, eine unsgliche Traurigkeit
kam ber Reinhard. Er nahm das Blatt aus den Hnden seiner Mutter, ffnete es
nochmals und fuhr fort:
    Jenny, warum hast Du mir das gethan? Gab es kein anderes Spiel, als das mit
meinem Herzen? Ich wei jetzt Alles, wei, da mich mein Argwohn nicht betrog.
Du kannst mich nicht mehr tuschen. Alle Bande zwischen uns sind gelst, mein
Gewissen verlangt, da ich sie zerreie, aber mein Herz blutet. Ich fhle, da
ich kein Weib die Meine nennen darf, dem der heilige Glaube, welchen zu
verknden ich berufen bin, verschlossen ist. Und doch knnte ich Dich lieben,
knnte Dich segnen, wenn Du mir nur die Mglichkeit gelassen httest, Dich zu
achten. Warum sagtest Du mir nicht, da Du Erlau liebtest, da nur er Dich
beglcken knne? Fr Dich wre mir das Opfer nicht zu schwer gewesen. Aber Du
liebtest ihn und gelobtest mir Treue; Du theilst meinen Glauben nicht und
schwrst, da auch Dich Christus durch seinen alleinseligmachenden Tod mit dem
Vater im Himmel vereint. Jenny, wie durftest Du so grausam das Ideal zerstren,
das ich in Dir anbetete? Wie konntest Du Deine Seele, dies heilige, Dir von Gott
vertraute Pfand, bis zu dieser That versinken lassen? Sage mir nicht, da Du
Dich getuscht hast, das ist unmglich, wenn Du es nicht wolltest. Selbst Liebe
entschuldigt die Lge nicht, und diese Lge ist es, die uns fr ewig trennt,
denn ich habe unwiederbringlich den Glauben an Dich verloren, in der ich alles
Heilige und Wahre liebte. Lebe denn wohl, Du, die ich nimmer vergessen kann, die
mir das grte Glck und das tiefste Leid meines Lebens gegeben. Lebe wohl. Ich
klage Dich nicht an, denn Du bist unglcklicher als ich, der im Glauben eine
Sttze finden wird. O, wollte Gott, da ich Dir den Glauben geben knnte zum
Dank fr das Glck, das ich, wenn auch nur durch eine Tuschung, bisher in
Deiner Liebe genossen!
    So kam der Brief in Jenny's Hnde. Sie selbst vermochte ihn nicht zu lesen,
ihre Hnde zitterten, die Buchstaben schwammen vor ihren Augen. Sie reichte
ihrem Vater, der gerade bei ihr war, das Blatt hin und fragte bebend: Kommt er?
Sage mir, ob er kommt, ich kann nicht lesen. - Verneinend schttelte der Vater
das Haupt, nachdem er den Brief beendet, und gab ihn der Tochter wieder, die
sich gewaltsam zusammennahm, um ihn hastig zu durchfliegen. Eine tiefe Ohnmacht,
das einzige Glck, das ihr in dieser Stunde werden konnte, senkte sich auf sie
nieder.
    Als sie erwachte, las sie wieder und immer wieder den Brief, ohne zu
begreifen, wie Reinhard an ihrer Liebe zweifeln knne, oder was der Gedanke
bedeute, da sie Reinhard um Erlau's willen aufopfere. Sie hatte sich gesagt,
da eine Trennung bei Reinhard's Gesinnung denkbar sei, aber fr mglich hatte
sie sie nicht gehalten, trotz der Andeutungen ihres Vaters. Von dem Geliebten
verachtet, ohne Glauben, ohne Hoffnung, mir selbst eine Last, was bleibt mir im
Leben? rief sie aus.
    Jenny! sagte der Vater verweisend und doch mit unaussprechlicher Liebe, zog
seine Tochter in seine Arme und rief auch die Mutter herbei, da sie Beide mit
ihrer Liebe das Kind beschatten mchten vor dem versengenden Strahl des
Schmerzes, der sie getroffen.
    In tiefem Kummer schwanden Stunden und Tage fr Jenny hin; immer erwartete
sie, Reinhard werde zur Erkenntni kommen, er werde bereuen, und wenn auch eine
Wiedervereinigung unmglich sei, werde er dennoch kommen, um sie noch einmal zu
sehen, um in Frieden von ihr zu scheiden. Aber vergebens. Und wieder verlangte
es sie, dem Geliebten zu schreiben. Sie wollte ihm nur sagen, wie sie Niemanden
liebe, als ihn, wie ihr der Argwohn in Bezug auf Erlau unbegreiflich und
schmerzlich sei. Sie bat, man mge ihr die Beruhigung gnnen. Aber auch ihr
Vater und die Ihren fhlten sich schwer gekrnkt durch Reinhard's Betragen gegen
Jenny, und der Vater fragte: Erlaubt es Dein Stolz, Dich einem Manne zu nhern,
der Dich so verkennt?
    Ich fhle keinen Stolz, antwortete Jenny, nur das Bedrfni nach seiner
Liebe, die mein hchster Stolz gewesen ist. Nur seine Achtung will ich mir
erhalten. Er soll nicht wie einer Unwrdigen meiner gedenken, er soll mir
glauben, da ich ihn allein geliebt habe, das ist Alles, was ich noch verlange.
    Nein, sagte der Vater, wenn Reinhard nur das leiseste Verlangen nach einer
Erklrung aussprche, wrde ich jedem Deiner Wnsche in dieser Rcksicht meine
Billigung geben. Vor einem Manne aber, der seiner Braut die unwrdigste
Wortbrchigkeit zutraut, und weder an ihre Liebe, noch an ihre Schwre glaubt,
vor dem soll meine Tochter sich mit keiner Bitte um Vertrauen erniedrigen. Mit
Reinhard's krankhaftem Ehrgefhl, mit all seinen Forderungen hatte ich
Nachsicht, denn er selbst verdiente Achtung und Du liebtest ihn, jetzt indessen
scheint es mir fast eine Wohlthat, wenn ein Verhltni sich lst, in dem Du
nimmer glcklich werden konntest, sei es, da Reinhard so gering von Dir dachte,
als er es augenblicklich thut, oder auch, da Heftigkeit sein Urtheil so ganz
verblenden, ihn so ungerecht selbst gegen seine Braut zu machen vermag. Ich
fordere es als einen Beweis Deiner Liebe zu mir, da Du keinen Versuch machst,
Dich mit Reinhard zu verstndigen, eine friedliche Lsung Eurer Bande
herbeizufhren, wenn er es nicht ausdrcklich von Dir verlangt. Du warst
Reinhard's Braut, aber Du bist auch meine Tochter; auch die Ehre Deines Vaters
mu Dir heilig sein, auch ihr mut Du ein Opfer bringen knnen, ja, ich fordere,
da Du es mir bringst.
    Und so geschah es. Reinhard und Jenny sahen sich nicht wieder, niemals fand
irgend eine Erklrung zwischen ihnen statt, und ein Brautpaar, das mit
leidenschaftlicher Sehnsucht nach seiner Vereinigung gestrebt hatte, war
pltzlich und auf die schmerzhafteste Weise fr immer getrennt.
    Still und einsam verlebte man den Sommer in Berghoff, da auch Therese einige
Zeit nach diesen Ereignissen zu ihrer Mutter zurckkehrte. Sie behauptete, zu
Hause nthig zu sein, und man sah es nicht ungern, als sie selbst den Wunsch
aussprach, die Freunde zu verlassen, weil ihre Anwesenheit Jenny nicht angenehm
zu sein schien.
    Erst spt im Jahre kehrte man in die Stadt zurck. Jenny hatte sich allmlig
wieder in die Verhltnisse einzuleben, die ihr fremd geworden, da ihnen die
Beziehung auf Reinhard genommen war.
    Und als diesmal der Sylvesterabend erschien, der im vorigen Jahre so
glckliche Menschen in ihrem Vaterhause vereinte, war die Familie allein und
nahm selbst Steinheim's Besuch nicht an, um Jenny's schmerzliche Erinnerungen zu
schonen, wennschon man mit Dank sein Bestreben erkannte, den Freunden, mit denen
er die guten Stunden verlebt, auch am bsen Tage ein treuer Gefhrte zu sein.

Nahezu acht Jahre waren seit diesen von uns erzhlten Vorgngen entschwunden,
als im Schatten der Bume, welche sich auf der Klosterwiese in Baden-Baden
erheben, an einem Junimorgen eine Dame ruhig vor ihrem Zeichenbrette sa. Es war
eine kleine schlanke Figur. Lange schwarze Locken fielen auf das Papier nieder
und verbargen das Gesicht der Arbeitenden; aber man war berechtigt, feine Zge
zu erwarten, wenn man von ihrer schmalen Hand und dem zierlichen Fu auf ihr
Gesicht schlieen sollte. Ein sechsjhriger, hellblonder Knabe spielte in
einiger Entfernung und versuchte vergebens, die Aufmerksamkeit der Dame auf sich
zu ziehen. Er kam endlich nher und rief: Sieh hin Tante! dort kommt der Vater
mit Graf Walter. - Dann, als die Dame sich erhob, um die Kommenden zu begren,
sprang er frhlich fort und bot den Herren in seinem fremdklingenden Deutsch
seinen Willkomm und guten Morgen.
    Ist Deine Mutter noch in ihrem Zimmer, Richard? fragte der Vater des Knaben.
    Nein! antwortete fr ihn die Zeichnerin, die unsere Leser wohl wieder
erkannten, nein, lieber Hughes; Clara ist Ihnen mit der Wrterin und Lucy
entgegen gegangen, um Ihnen von den neuesten Fortschritten zu erzhlen, welche
die Kleine gemacht hat. Ich wundre mich, da Sie ihr nicht begegnet sind. Sie
wollte am Goldbrnnlein auf Sie warten.
    O, Schade! rief Hughes, da wir durch die Stadt gingen und sie verfehlten.
Ich will sogleich zurckkehren, sie zu holen. Sie bleiben wohl hier bei unserer
Freundin, lieber Walter, und erwarten unsere Rckkehr.
    Mit dem grten Vergngen! antwortete der Angeredete, wenn ich das Frulein
nicht in der Arbeit stre!
    Ach! die kann ich spter beenden, sagte Jenny freundlich. Kommen Sie, Herr
Graf, und beichten Sie, warum man Sie in den letzten Tagen gar nicht mehr
gesehen hat?
    Er that, wie sie von ihm begehrte, und Hughes ging mit seinem Knaben davon,
die Mutter und das kleine Schwesterchen zu holen.
    Whrend nun der Graf von seinen Ausflgen und Streifereien in der Umgegend
erzhlt, sei es uns vergnnt, mit flchtigen Umrissen den Zeitraum von acht
Jahren auszufllen, der zwischen der ersten und zweiten Hlfte unserer Erzhlung
liegt.

Der Schmerz ber die Trennung von Reinhard hatte Jenny's Seele in ihren
innersten Tiefen erschttert und sie prfend in ihr eigenes Herz blicken lassen,
um dort einen Grund fr Reinhard's ihr unerklrliches Betragen zu finden. Es
schien ihr leichter, Unrecht zu haben, sich selbst eines Fehlers zu zeihen, als
Reinhard eine Schuld beizumessen: denn wahre Frauenliebe klagt lieber sich, als
den Geliebten an. Nun ist das menschliche Herz recht eigentlich der Acker, den
man nur zu durchwhlen braucht, um die kstlichsten Schtze zu entdecken. Auch
Jenny fand deshalb in sich, statt des Unrechts, das sie in ihrem Herzen suchte,
die Kraft, das Leben zu ertragen, es trotz seiner Schmerzen zu lieben. Sie
gewann es ber sich, fremdes Glck und Leid zu dem ihren zu machen und in der
Hingebung an Andere, an ihre Freunde, Trost fr einen Verlust zu finden, der ihr
unersetzlich schien.
    Als Herr Meier sie so weit beruhigt und fhig sah, sich durch den Wechsel
uerer Gegenstnde zerstreuen zu lassen, machte er den Vorschlag zu einer
Reise, die im Beginn des Frhjahrs angetreten wurde. Man ging nach dem sdlichen
Frankreich, verlebte einen Winter in Paris und besuchte Italien im folgenden
Jahre. Hier war es, wo Jenny den Maler Erlau wiederfand, dessen Name aus der
Ferne ruhmvoll erklungen war, und dessen treffliche Arbeiten sie in Paris zu
bewundern Gelegenheit gehabt hatten.
    Das Wiedersehen war ein Augenblick tiefer Bewegung fr Beide. Erlau, seinem
Vorsatz getreu, hatte auer aller Verbindung mit seinen Freunden gelebt; er
whnte Jenny lngst mit Reinhard verheirathet und die Entdeckung des Gegentheils
erfllte ihn mit Hoffnung. Von der Stunde an wurde er Jenny's unermdlicher
Fhrer in der Wunderwelt, die sich in Italien vor ihren Augen erschlo und die
ihren vollen Zauber auf zwei so lebhaft fhlende Menschen auszuben nicht
verfehlte. Aber nicht lange sollte Jenny diese Freude ungetrbt genieen. Sie
gewahrte mit Sorge, da Erlau's Leidenschaft fr sie nicht erloschen sei, da
sie jetzt in dem tglichen Beisammensein wieder heftig entbrannte und sich von
Hoffnungen nhrte, die Jenny nicht zu erfllen vermochte. Dies veranlate die
Ihren, auf Jenny's Wunsch Italien zu verlassen, und rief Erlau's Erklrung
hervor, da auch er entschlossen sei, der befreundeten Familie zu folgen und
bald in seine Heimath zurckzukehren. Je weniger Jenny dieses erwartet hatte, um
so mehr hielt sie es fr Pflicht, sich offen und frei gegen Erlau ber ihr
gegenwrtiges Verhltni zu erklren. Sie gestand ihm, wie jetzt, kaum genesen
von ihrer Herzenswunde, ihr der Gedanke an eine neue Liebe unmglich sei. Sie
beschwor ihn, um seiner und ihrer Ruhe willen, ihr nicht zu folgen. Sie sagte
ihm, wie werth er ihr sei, wie sie hoffe, statt seiner Liebe einst seine
Freundschaft zu erwerben, und erlangte endlich von ihm das Versprechen, da er
nach England gehen und dort in William's und Clara's Nhe leben wolle, da er
versicherte, ohne Jenny jetzt in Italien nicht ausdauern zu knnen.
    So trennten sie sich zum zweiten Male und Jenny kehrte nach einer
Abwesenheit von anderthalb Jahren in ihre Heimath zurck. Hier fand sie in den
uern Verhltnissen nur wenig verndert. Ihr Bruder ging ruhig und ernst die
Bahn, welche er sich vorgezeichnet hatte. Geschtzt und unermdlich in seinem
rztlichen Beruf, hatte er zugleich unverwandt das Wohl und den Fortschritt
seines Volkes im Auge, dessen freie Entwicklung aber nur dann mglich war, wenn
berhaupt eine freie, zeitgeme Verfassung in seinem Vaterlande Raum fand. Sein
eifriges Bestreben, zur Erreichung dieses Zieles beizutragen und, der
Gesammtheit ntzend, zugleich sein Volk zu erlsen, verband ihn mit vielen
Gleichgesinnten aus allen Stnden. Die Besten des Landes erkannten seine
Fhigkeit und die groe Uneigenntzigkeit seines Charakters an; denn die
Hoffnung, nach erlangter Emancipation der Juden, fr sich selbst Wrden und
Ehrenstellen zu erwerben, hatte ebenso wenig Einflu auf ihn, als die Furcht vor
jenen Verantwortungen, denen sein khnes Wort und seine freisinnigen Schriften
ihn bereits hufig unterworfen hatten. Ihm gengte sein Bewutsein und die
achtende Anerkennung seiner Mitstrebenden. - Noch immer lebte er in seinem
vterlichen Hause. Sei es, da seine Thtigkeit ihn so ganz hinnahm und ihn sein
Alleinstehen nicht fhlen lie, oder da er kein Mdchen gefunden hatte, das
seine Neigung erregte, er war unverheirathet geblieben.
    Den Eltern Clara's, welche sie scheidend seiner Sorgfalt empfohlen, war er
ein treuer und geschtzter Freund geworden. Ihm, das wuten sie jetzt,
verdankten sie das Glck ihrer Tochter, das in einer vollkommen
bereinstimmenden Ehe mit William immer schner erblhte. In Eduard's Brust
schttete die Commerzienrthin ihren Kummer ber das Schicksal ihres Sohnes aus,
der unstt Deutschland und Frankreich durchstreifte und, von seiner Frau
beherrscht, ein unwrdiges Leben fhrte. Ferdinand fhlte bereits das Elend und
die Schande, in die er sich gestrzt hatte, aber er war zu schwach, die
Sklavenketten zu brechen, die ihn entehrten. Auf den ausdrcklichen Wunsch der
Horn'schen Familie war Eduard mit ihm in Verbindung getreten, und da es ihm
gelungen, Ferdinand's Vertrauen zu gewinnen, gab er die Hoffnung nicht auf, es
werde ihm einst mglich sein, den Verlornen seiner Familie wiederzugeben.
    Mit herzlicher Freude empfingen Eduard und der treue Joseph die
heimkehrenden Lieben. Der Anblick jener Rume, in denen sie so glcklich gewesen
und so viel gelitten hatte, erweckte in Jenny's Brust die wehmthigsten
Erinnerungen, und sobald sie sich mit Eduard allein sah, wagte sie, nach
Reinhard zu fragen, was sie in ihren Briefen nie gethan hatte. Sie wute, da er
sein Amt angetreten hatte und die verdiente Liebe und Achtung seiner Gemeinde
besa. Das hatte ihr Therese mitgetheilt, deren Mutter bald nach der Abreise der
Meier'schen Familie gestorben war. Seit aber Therese eine Gouvernantenstelle auf
dem Lande angenommen, hatte Jenny auf einige Briefe, die sie ihr schrieb und in
denen sie ihr die freundschaftlichsten Anerbietungen machte, keine Antwort
erhalten. Um so unerwarteter traf sie die Nachricht, Therese habe durch
Vermittlung der Pfarrerin jene Stelle, ganz in der Nhe von Reinhard's Wohnort,
erhalten, und sich vor wenigen Wochen mit ihm verlobt.
    Als Jenny dies erfuhr, zog ein trbes Lcheln um ihren Mund, und Eduard
drckte ihr schweigend die Hand. Er und Joseph schienen sich jetzt Jenny's
Zufriedenheit gleichsam zum Zweck ihres Lebens gemacht zu haben; und in
beglckender Eintracht, in friedlicher Ruhe schwanden der Familie einige Jahre
nach ihrer Rckkehr still dahin. Treffliche Mnner hatten sich um Jenny werbend
ihr genaht, die Wnsche von Jenny's Eltern hatten sie untersttzt, aber kein
Erfolg ihre Bemhungen gekrnt. Wagte die besorgte Liebe ihrer Mutter, ihr ja
zuweilen Vorstellungen deshalb zu machen, so bat Jenny, man mge Nachsicht mit
ihr haben, denn es sei ihr unmglich, die Wnsche zu erfllen, die man fr sie
hege. Ich bin ja zufrieden und glcklich, liebe Mutter! sagte sie dann; ich habe
Dich, Vater, Eduard, Joseph und Alles, was nur irgend mein Herz begehrt an Liebe
und Schonung. Wrde ich das in dem Hause eines Mannes finden, den ich nicht
liebte? Und da alle Zumuthungen und Gesprche dieser Art Jenny sichtlich fr
lngere Zeit verstimmten, war es endlich der Vater selbst, der seiner Frau
anrieth, nicht in Jenny zu dringen, sondern ruhig eine Zukunft zu erwarten, in
der die Erinnerung an Reinhard ihren Einflu auf Jenny verloren haben und die
Vorschlge ihrer Freunde leichter Gehr bei ihr finden wrden.
    Aber diesen Zeitpunkt sollte die Mutter nicht erleben; ein pltzlicher,
schmerzloser Tod entri sie ihrer Familie. Wie tief der Verlust empfunden wurde,
wie er die Engverbundenen nur noch fester aneinander schlo, wie Jeder die Lcke
auszufllen strebte, die dadurch in den Herzen der Andern entstanden war, bedarf
kaum einer Erwhnung. Nun stand Jenny allein an der Spitze ihres Hauses, auf sie
war ihr Vater gewiesen. Dies Bewutsein erhob sie in ihren eigenen Augen und
tilgte jeden andern Wunsch aus ihrem Herzen, als den, fr ihren Vater zu leben
und sein Alter zu verschnen. Jene religisen Zweifel, welche einst das Glck
ihrer ersten Jugend untergraben hatten, waren lngst und glcklich besiegt.
Eigenes Nachdenken und der Beistand der Ihren hatten sie zu dem Standpunkt einer
Gottesverehrung gefhrt, zu dem ihre ganze Erziehung sie hingeleitet hatte.
Geistig frei und mit klarstem Bewutsein, die zrtlichste Tochter, der Trost
aller Leidenden und doch wieder die heitere, geistreiche Wirthin ihres
gastfreien, vterlichen Hauses, so erschien Jenny, nachdem der Schmerz ber den
Tod ihrer Mutter sich gemildert hatte. So finden wir sie auch einige Wochen nach
ihrer Vereinigung mit Clara in Baden wieder.
    Der Wunsch, sich zu sehen, war bei beiden Freundinnen gleich mchtig
geworden, doch hatten Umstnde mancher Art die Erfllung desselben bis jetzt
unmglich gemacht und mit wahrer Freude trafen sie nach achtjhriger Trennung in
Baden-Baden zusammen. Dort hatte man sich rendez-vous gegeben und wollte spter
gemeinschaftlich in die Heimath der Damen zurckkehren, um Clara's beide Kinder
den Groeltern vorzustellen. Anfnglich sollte auch Erlau, der sich ganz in
England angesiedelt und dort eine ehrenvolle Stellung erworben hatte, William
nach Deutschland begleiten. Die unruhige, rasche Lebhaftigkeit des Jnglings war
aber in dem Manne nicht erloschen und er hatte den Wunsch, sein Vaterland und
seine Freunde zu sehen, aufgegeben, um sich einer englischen Gesandtschaft nach
dem Orient anzuschlieen, bei der sein Hang fr das Ungewhnliche volle
Befriedigung zu finden hoffen durfte.
    Die beiden befreundeten Familien hatten nun, sobald sie in Baden angelangt
waren, absichtlich ihre Wohnung auerhalb der eigentlichen Stadt genommen, um
allein in dem Besitz des gemietheten Hauses und in der freien, lndlichen Natur
zu sein. Man wollte sich selbst leben und Jenny war gar nicht damit zufrieden,
als William ihr gleich nach ihrer Ankunft erzhlte, wie er in einigen Tagen
einen Freund, den Grafen Walter, erwarte, den er ihr als einen Genossen fr die
Zeit ihres Aufenthalts in Baden ankndigte.
    Graf Walter gehrte einer der ltesten Familien Deutschlands an. Wie die
meisten Jnglinge seines Standes frh in das Militair getreten, war er mit
seinem Regiment in die Vaterstadt Clara's gekommen und in ihrem elterlichen
Hause fast mit allen Personen unserer Erzhlung bekannt, mit Hughes befreundet
geworden. Spter hatte er den Dienst verlassen, bedeutende Reisen gemacht und
war, um sich zur Uebernahme seiner Gter in landwirthschaftlicher Beziehung
vorzubereiten, auch nach England gegangen, wo er aufs Neue mit William und Clara
zusammen getroffen war. Auf ihre Bitten war er ihr Gast geworden, so lange er in
England verweilte, und noch jetzt rechnete er die Zeit, welche er mit ihnen,
theils in London, theils in ihrem Landhause verlebt hatte, zu den anmuthigsten
Erinnerungen seines genureichen Lebens. Nichts konnte ihm also willkommener
sein, als die zufllige Begegnung mit jenen Freunden an den Ufern des Rheines;
und unabhngig, wie er es in jeder Beziehung war, lie er sich bereitwillig
finden, den Sommer mit ihnen in Baden zuzubringen.
    Jenny hatte er frher nur flchtig gesehen, aber obgleich er sie nicht nher
kannte, erinnerte er sich dunkel, von ihrer Liebe zu einem jungen Theologen
sprechen gehrt zu haben. Jetzt hatte er von Clara, auf sein Anfragen, nhere
Auskunft ber Jenny und die Lsung jenes Verhltnisses erhalten und war, durch
Clara's und William's Erzhlungen, gespannt auf die Bekanntschaft eines Mdchens
geworden, an dem beide Gatten mit solcher Liebe hingen. Trotz der gnstigen
Vorurtheile aber fand er doch in Jenny bald noch mehr, als er erwartet hatte;
und sie sowohl als ihr Vater wuten es William sehr bald Dank, den Grafen fr
ihren kleinen Kreis gewonnen zu haben, da auch ihnen der Umgang des
hochgebildeten Mannes groe Freude gewhrte.

Nachdem Walter an jenem Morgen Jenny den verlangten Bericht abgelegt, bat er um
die Erlaubni, die Arbeit zu besehen, mit der sie sich beschftigt hatte, als er
ankam. Bereitwillig nahm sie ihr Skizzenbuch wieder vor und zeigte ihm eine
Gruppe von Bumen, die sie am Tage vorher in der Nhe des kleinen Wasserfalls
entworfen hatte.
    Ich kann es nicht ausdrcken, sagte Jenny, wie ich diese schnen, groen
Bume liebe. Sie geben mir immer ein Bild unsers Lebens, das fest in der Erde
gewurzelt, doch sehnschtig himmelan strebt; und in dem Spiel der
sonnenbeschienenen Bltter liegt auerdem fr mich ein hoher Genu. Die
schnsten Trume meiner Kindheit, die rosigsten Mrchen gaukeln an mir vorber,
und alle Wunder der Feenwelt scheinen mir mglich, wenn ich das flsternde Kosen
der Bltter hre.
    Das ist eine cht deutsche Empfindung, bemerkte Walter, die ich vollkommen
begreife und mit Ihnen theile. Ich bin so glcklich, in meinem Park die
herrlichsten Eichen zu besitzen, und wei meinen Voreltern Dank, die mir jene
Bume gepflanzt. Auch fr mich sind sie eine Quelle immer neuen Genusses, wie
die ganze Natur, die uns umgibt. Sie schreitet mit uns fort, sie lebt mit uns,
sie hat Antwort fr unsere Fragen, und es ist fr mich das Zeichen eines wahren
Dichters, wenn er die Sprache versteht, welche die Natur in seinen Tagen zu den
Menschen spricht.
    Glauben Sie denn, fragte Jenny, da die Einwirkung der Natur auf das Gemth
des Menschen nicht zu allen Zeiten dieselbe blieb?
    In so fern gewi, antwortete der Graf, als sie immer die hchsten,
heiligsten Empfindungen seiner Seele anregt. Aber je nachdem diese Gefhle sich
im Laufe der Zeiten ndern, wechselt auch der Eindruck, den sie auf uns macht.
Der heitre Grieche sah in den schnsten Bumen seines Waldes liebliche Dryaden,
die ihn mit Liebe umfingen. Dem deutschen Mittelalter predigten sie den Ernst,
der auch in den dstern Domen gelehrt wurde, sie sprachen ihm von dem Kreuz, das
aus ihrem Holze gezimmert worden ...
    Und uns? fragte Jenny lebhaft.
    Uns weisen sie hinauf in die Region der Klarheit, uns predigen sie Freiheit
und Licht mit ihren himmelan strebenden Zweigen, sagte Walter mit schner
Erhebung, und eben deshalb hoffe ich, wir werden nun endlich auch eine Menge
veralteter, stereotyp gewordener Bilder los werden, von denen viele mir geradezu
verkehrt erscheinen und schdlich wirken.
    Verkehrt? wiederholte Jenny, wie meinen Sie das? und welche Bilder rechnen
Sie dazu?
    Walter sann einen Augenblick nach, dann sagte er: Um gleich eines der
gewhnlichsten zu nennen: Das Bild des Baumes und des Schlingkrautes fr die
Ehe. Sie glauben nicht, wie mde ich dieser starken Eichen bin, an die sich
zrtlich der Epheu anschmiegt; der Ulmen, an denen die Rebe sich vertrauend
emporrankt. Leider ist es in vielen Ehen so wie in dieser Naturerscheinung. Es
gibt Bume und Mnner genug, die in angebornem Naturtrieb hoch und khn
emporstreben und sich von einer kmmerlichen Pflanze umrankt finden, die weder
sie zurckzuhalten noch sich aufzuschwingen und zu gedeihen vermag in einer
Hhe, fr die sie nicht geschaffen ist! Aber schlimm genug, da es so ist, und
kein Dichter drfte dies Bild brauchen, wenn er das Ideal schildern will, das
von dieser innigsten Vereinigung in uns lebt. Das Gleichni ist falsch! schlo
er und sah verwundert auf Jenny, die, whrend er gesprochen, den Stift
aufgenommen hatte und mit dem grten Eifer zeichnete. Nach einigen Minuten
reichte sie dem Grafen, der ber ihre scheinbare Zerstreutheit ein wenig
verletzt und schweigend neben ihr sa, ihre Zeichnung hin und fragte: Und so,
Herr Graf! befriedigt dieses Gleichni Sie?
    Sie hatte mit kunstgebter Hand eine vortreffliche Skizze entworfen. Zwei
krftige, ppige Bume standen dicht nebeneinander, frisch und frhlich
emporstrebend, mit eng verschlungenen Aesten. Darunter las man die Worte: Aus
gleicher Tiefe, frei und vereint zum Aether empor!
    Walter betrachtete das kleine Bild mit Freude; sah dann mit einem Ausdruck
hoher Bewunderung in Jenny's glhendes Gesicht und sagte: So vermag man nur das
wiederzugeben, was tief empfunden in uns selbst lebt. Schenken Sie mir dies
Blatt, als Zeichen, wie unsere Gesinnung in dieser Beziehung bereinstimmt. Ich
bitte, lassen Sie es mir!
    Nein! antwortete Jenny, wenn Ihnen die kleine Zeichnung gefllt, wenn sie
Ihnen richtig scheint, werden Sie es natrlich finden, da ich sie meinen
schnen Vorbildern zueigne; da ich sie Clara gebe, welche eben mit ihrem Manne
und den Kindern ber die Brcke kommt. Auch mein Vater ist mit ihnen! Lassen Sie
uns ihnen entgegengehen.
    Es war ein gar erfreulicher Anblick, die Familie zu sehen, als sie ber die
Wiese dahinschritt. William nun gegen das Ende der dreiiger Jahre, war ein Bild
selbstbewuter, krftiger Mnnlichkeit geworden. Er und die blhend schne
Mutter fhrten die kleine Lucy in ihrer Mitte, die seit einigen Tagen die ersten
Versuche machte, auf den eigenen Fchen fortzukommen, und mit aller Gewalt dem
Bruder nachlaufen wollte, der frhlich jubelnd voransprang. Man konnte kein
anmuthigeres Bild ehelichen Glckes finden und Walter's Augen suchten Jenny, die
plaudernd am Arme ihres Vaters hing und nur allein mit ihm beschftigt war.
    Nachdem man sich niedergelassen und eine lange Zeit mit den lieblichen
Kindern vertndelt hatte, sagte William zu Walter: Ich habe gewnscht, da wir
alle beisammen wren, ehe ich Ihnen einen Plan enthlle, den ich schon seit
einigen Tagen in mir ausgebildet habe. Ich wollte Ihnen vorschlagen, jetzt, wie
einst in England, unser Hausgenosse zu werden, um die flchtige Zeit unsers
Beisammenseins recht zu genieen. Sie finden Raum genug bei uns und sollen
durchaus nicht genirt sein. Auch fr Ihre Dienerschaft, Ihre Equipage ist
hinreichend Platz, und wie sehr es mich erfreuen wrde, Sie wieder einmal als
meinen Gast zu sehen, bedarf keiner Versicherung.
    Der Vater vereinte seine Bitte mit William's, und ohne lange zu berlegen,
nahm Walter den Vorschlag unbedingt und mit sichtlichem Vergngen an. Man machte
Entwrfe, wie man sich einrichten wolle, um so viel als mglich mit einander zu
sein und doch Jedem die nthige Ruhe und Freiheit zu gnnen, ohne welche auf die
Lnge kein behagliches Dasein denkbar ist; und man trennte sich erst, nachdem
man bereingekommen war, Walter solle noch im Laufe des Tages sein Hotel
verlassen, um sich gleich heute bei seinen Freunden einzurichten.
    Als er fortgegangen war, bemerkte Jenny: Mir hat die Art sehr gefallen, mit
der Walter William's Erbieten annahm. Ein Anderer htte vielleicht Einwendungen
gemacht, das Bedenken geuert, er knne beschwerlich sein, und zuletzt sich in
Danksagungen erschpft, wenn er die Einladung angenommen htte. Von dem Allen
that er nichts. Er dachte offenbar im ersten Augenblick nur daran, ob es ihm
selbst zusagend sei; dann, als er sich davon berzeugt hatte, sagte er, ohne
weitere Umstnde: Ich komme mit groer Freude, wenn Sie mich haben wollen! und
doch lag gerade in dieser Einfachheit fr mich etwas besonders Angenehmes.
    Das ist es auch! besttigte der Vater. Es spricht sich darin ein festes
Zutrauen zu dem Freunde und zu sich selbst aus; die Ueberzeugung, er wisse, wie
willkommen er seinen knftigen Wirthen sei, und die Versicherung, er sei ihnen
gern verpflichtet. Ueberhaupt charakterisirt sich ein edles Gemth, ein freier,
durchgebildeter Sinn am meisten in der Art, mit welcher man Dienste empfngt und
Geflligkeiten annimmt. Sie auf eine schickliche Weise zu leisten, erlernt
Mancher.
    Ach! auch das ist nicht jedes Menschen Sache! wandte William ein. Wie oft
erdrckt man uns mit der Art, in der man sich uns dienstwillig und gefllig
zeigt!
    Eben weil man es nicht ist! erwiderte der Vater. Weil man sich das fr eine
Tugend, fr eine Pflichterfllung, oder gar fr ein Opfer auslegt, was dem
wohlwollenden Sinne ganz einfach und natrlich erscheint. Wer bereit ist, Andern
zu dienen und gefllig zu sein, wer empfunden hat, wie viel Freude darin liegt,
der gnnt diesen Genu auch den Uebrigen und nimmt Hlfsleistungen und
Geflligkeiten so gern und unbefangen an, als er sie erzeigt. Er wei, da Geben
seliger sei als Nehmen, und da die Befriedigung des Gewhrenden gewi ebenso
gro ist, als die des Empfangens. Darum habe ich Vertrauen zu Personen, die mit
guter Art anzunehmen verstehen, ohne den innerlichen Vorbehalt, durch einen
Gegendienst bald mglichst quitt zu werden oder zu vergelten. Dies Vertrauen hat
mich fast niemals betrogen und findet in Walter auf's Neue seine Bewhrung.
Damit aber auch er sich nicht getuscht finde, lassen Sie uns selber danach
sehen, da Alles fr ihn bereit sei, wenn er kommt.

So sehr Jenny und Clara sich ihres Wiedersehens erfreuten, so lieb sie einander
waren, so konnte es Beiden doch nicht verborgen bleiben, da es ihnen eigentlich
an jenen gemeinsamen Berhrungspunkten fehle, welche die Basis der Freundschaft
machen. Sie hatten im Ganzen nur wenig Monate zusammen verlebt, eine Reihe von
Jahren war seitdem verflossen, und trotz eines fleiigen Briefwechsels waren sie
einander in ihrer gegenwrtigen Entwicklung fremd, und wuten sich nicht recht
ineinander zu finden. Wie Clara's ganze Erscheinung Glck und Zufriedenheit
ausdrckte, wie jeder Zug die Wonne aussprach, welche sie als Gattin und Mutter
empfand, so zeigte sich auch in ihrer geistigen Richtung eine gewisse Ruhe, ein
abgeschlossenes Begngen. Sie hatte die hchsten Schtze des Lebens erreicht
und, obgleich sie fr die Auenwelt nicht abgestorben war, interessirte sie
dieselbe doch eigentlich nur in so weit, als sie William berhrte und mit seinen
Wnschen und Ansichten zusammenhing; denn sie lebte eigentlich nur in ihrem
Manne und in ihren Kindern. Jenny hingegen wollte, durch Eduard daran gewhnt,
Theil nehmen an allem Groen und Wichtigen. Mit weiblicher Schwrmerei hing sie
an den Planen und Hoffnungen Eduard's, nicht um seinetwillen allein, sondern
weil sie auch die ihren geworden waren. Geistige und knstlerische
Beschftigungen fllten die grte Zeit ihres Tages aus, und mit ihrer gewohnten
Lebhaftigkeit strebte sie nach neuen Kenntnissen, nach hherer, vielseitiger
Ausbildung der Anlagen, die sie ungentzt in sich fhlte.
    Mit schmerzlichem Lcheln sah Clara auf diese Richtung ihrer Freundin hin.
Sie glaubte in sich die Erfahrung gemacht zu haben, da bei Frauen die lebhafte
Theilnahme an den Erscheinungen der Auenwelt ein Zeichen innerer Unbefriedigung
sei, ein Ersatz, mit dem sie sich fr ein Glck entschdigen, das ihnen nicht
geworden ist. Jenny hingegen erschien Clara's Wesen als eine Entsagung, die sie
bewunderte, ohne zu glauben, da sie selbst im Stande wre, sich zu solcher
freiwilligen Selbstbeschrnkung zu entschlieen.
    Bei so verschiedenen Ansichten ward eine gegenseitige Schonung derselben zur
Pflicht, und da die ersten Versuche sich zu verstndigen, ohne Erfolg geblieben
waren, vermied man es darauf zurckzukommen, und Jenny war nahe daran, ihr
Beisammensein mit Clara etwas einfrmig zu finden, als durch Walter's tgliche
Anwesenheit eine erwnschte Abwechselung in ihr Leben kam.
    Er war schon nach wenig Tagen ihr steter Begleiter bei den Spaziergngen, zu
denen die Umgegend Baden's so unwiderstehlich lockt. Vor ihm durfte sie sich
sorglos in ihrer eigenthmlichen Denkweise gehen lassen, und Walter, der dadurch
Jenny's hohen Werth tglich mehr erkennen und schtzen lernte, uerte nach
einiger Zeit gegen William und Clara, wie anziehend und bedeutend Jenny ihm
erscheine.
    Und nicht auch schn? fragte Clara.
    Sehr schn! antwortete der Graf, und um so fesselnder, als man ihren Augen
anzusehen glaubt, da sie schon geweint, ihrem Munde, da er schon vor Schmerz
gezuckt hat. Solch feucht verklrten Augen gegenber fhlt man den Beruf zu
trsten, zu vergten, und so heiter Jenny auch erscheint, ist mir doch immer,
als htte die Zukunft bei ihr noch Vieles gut zu machen, als msse sie durch
Glck fr frheres Leid entschdigt und belohnt werden.
    Das klingt sehr warm, lieber Graf! sagte William scherzend, und fast, als ob
Sie nicht abgeneigt wren, die Entschdigung zu bernehmen. Hten Sie sich vor
den feucht verklrten Augen.
    Sie thun mir Unrecht, entgegnete Walter, wenn Sie meinen Worten irgend einen
andern Sinn unterlegen. Da ich unsere Freundin so lebhaft schtze, ohne sie zu
lieben, das gerade macht mir ihren Umgang werth und erhht den Reiz, den ihr
scharf ausgeprgter Charakter, ihr selbstndiges Wesen fr mich haben.
    In dem Augenblick kam der kleine Richard herbei und rief: O kommt doch die
Tante sehen, kommt doch Alle an das Fenster!
    Man folgte ihm, wohin er zeigte, und erblickte Jenny, die eine junge blasse
Frau der niedern Stnde untersttzte, whrend sie das Kind derselben auf dem
Arme trug. Walter flog die Treppe hinab, um ihr beizustehen; denn es war Mittag,
die Sonne brannte hei und Jenny schien erschpft von der ungewohnten
Anstrengung.
    Fhren Sie die Frau in's Haus, sagte Jenny, als Walter dazu kam, aber
behutsam. Das Kind behalte ich.
    Der Graf erfllte ihren Wunsch, und nachdem man fr die arme Kranke gesorgt
hatte, erzhlte Jenny, wie sie dieselbe ohnmchtig am Wege gefunden, sie durch
ihre Bemhungen in's Leben gerufen und mit unsglicher Anstrengung bis hieher
gebracht habe, da jetzt in der Mittagsstunde Niemand die Strae gekommen sei,
den sie um Hlfe htte bitten knnen.
    Nicht Ein Mensch war zu sehen, sagte sie. Ich blickte nach allen Seiten, ich
rief so laut ich konnte und der unertrglichste Stutzer wre mir ein hlfreicher
Gtterbote gewesen, wenn er in dem Augenblicke erschienen wre.
    Es ist besser so! meinte Clara. Du hast die arme Frau glcklich hieher
gebracht und bist allen Bemerkungen entgangen, die man darber leicht gemacht
htte.
    Zu diesen bot wohl eine so einfache Handlung keinen Anla, sagte Jenny
unbefangen. Ich konnte doch unmglich die Frau allein und hlflos liegen lassen,
bis ich von hier oder aus der Stadt Beistand geholt hatte. Zudem htte ich das
schreiende Kind doch mit mir nehmen mssen und endlich weit Du, liebes
Clrchen, da mir die Urtheile der Menge sehr gleichgltig sind, wenn ich Das,
was ich thue, vor mir und meinem Vater verantworten kann.
    In Jenny's Worten, in ihrem ganzen Wesen lag in diesem Moment so viel
Natrlichkeit und doch ein so edler Stolz, da Walter sie mit Entzcken
betrachtete, obgleich auch ihm der Gedanke unangenehm gewesen, man htte Jenny
bei jenem Samariterdienste beobachten und sie falsch beurtheilen knnen. Aber er
selber machte sich diese Scheu zum Vorwurf.
    Wie wir doch nach allen Seiten hin auf Widersprche in den Sitten unserer
sogenannten civilisirten Welt stoen! sagte er zu dem Vater, der inde dazu
gekommen war. Wre eine der Dienerinnen des Hauses der Unglcklichen begegnet,
und htte sich ihrer angenommen, so wrden wir das schn und lobenswerth
gefunden haben; und nun tadeln wir die Gtige, da sie nicht unbarmherziger zu
sein vermochte, als ihrer Dienerinnen Eine, obgleich der Dienst, den sie
leistete, grer war, denn er mute ihr beschwerlicher scheinen.
    Sie billigen also die Handlung meiner Tochter unbedingt? fragte der Vater.
    Walter stockte einen Augenblick und meinte dann: Wenigstens htte ich selbst
nicht anders zu handeln vermocht.
    Aber Sie wrden wnschen, sagte der alte Herr, da Jenny auf keine zweite
Probe der Art gestellt wrde, denn wir wollen einmal kein Mdchen von der
gewohnten Sitte ihres Standes abweichen sehen. Dennoch ehre ich ein Gefhl, das
in solchen Augenblicken rcksichtslos zu handeln vermag, ohne an das, was man
davon sagen wird, zu denken; und ich bin vielleicht selbst Schuld daran, wenn
Jenny das Urtheil der Leute nicht eben sehr hoch anschlgt. In meinen
Verhltnissen war es mir Pflicht, meine Kinder bis zu einem gewissen Grade
gleichgltig gegen die ffentliche Meinung zu machen, die wir ein fr allemal
gegen uns hatten und deren Einflu auf uns und auf Jeden doch viel grer ist,
als wir es glauben wollen.
    Clara, die gleich Anfangs ihre Aeuerung bereut hatte und es nun doppelt
that, da sie Herrn Meier zu einer Erklrung bewogen, welche er ebenso gern
vermied, als Eduard sie suchte, Clara sagte: Versteht mich nur nicht falsch! Ich
tadle Jenny nicht. Nur vor der Verderbtheit Derjenigen war mir bange, welche ihr
irgend eine unlautere Absicht, ein Schaustellen dabei zur Last legen konnten.
Wir Frauen sind so sehr gewhnt, uns nur innerhalb unseres schtzenden Hauses zu
denken, da wir erschrecken, wenn wir uns auerhalb desselben handelnd
erblicken.
    Entschuldige Dich nicht und mich nicht, Clrchen! sagte Jenny, die bis dahin
schweigend einer Unterhaltung zugehrt hatte, bei der sie so nahe betheiligt
war. Du kennst meinen alten Wahlspruch: Thue was Du sollst, komme was mag.
Kann ich dafr, wenn ich den Muth dazu von frher Jugend an fhlte? Mit diesen
Worten entfernte sie sich schnell, um nach ihrem Schtzling zu sehen, und lie
Walter in groer Bewegung zurck. Es war das erste Mal, da er mit einer
jdischen Familie in nhere Berhrung kam und Jenny's Geist und Schnheit, des
Vaters maavolle Wrde zogen ihn um so mehr an, als sie etwas ihm Fremdes und
Eigenthmliches besaen. Er hatte von jeher gewut, da Jenny eine Jdin sei;
aber so fern hatte er diesen Verhltnissen gestanden, da er fast nie daran
gedacht, es knne ein edles Unglck darin liegen, Jude zu sein. Jetzt aus des
Vaters schlichter Aeuerung tnte ihm, dem Glcklichen, der Schmerzensschrei
eines ganzen Volkes entgegen und sein Mitleid mit demselben knpfte, ihm
unbewut, ein neues Band, das ihn an Jenny fesselte.
    Er wenigstens wollte durch sein Verhltni zu Jenny und ihrem Vater zeigen,
da er frei von den Vorurtheilen sei, durch die, wie er allmlig von Jenny
erfuhr, auch sie und die Ihrigen so empfindlich gelitten hatten. Er machte sich
es zu einer Ehre, berall ihr Begleiter zu sein, und erklrte frei und offen,
wie er ihre und ihres Vaters Gesellschaft dem Umgang mit vielen seiner
Standesgenossen vorziehe.
    Dabei ging Walter's Selbsttuschung so weit, da er jenes Gefhl, welches
ihn zu handeln antrieb, nur fr eine Gerechtigkeit, fr eine Genugthuung des
freien Glcklichen gegen den Unterdrckten hielt. Er glaubte nur seiner
politischen Ueberzeugung, seiner Achtung vor den Menschenrechten zu folgen, die
ritterliche Pflicht eines Edelmannes zu erfllen, indem er durch sein Beispiel
gegen ungerechte Vorurtheile kmpfte.
    Einem Onkel, der durch Bekannte von Walter's Verhltni zur Meierschen
Familie unterrichtet war und mit einiger Unruhe desselben gegen ihn erwhnte,
schrieb er in dieser Zeit:
    Sie haben mich gewhnt, mein theurer Onkel! die Besorgnisse und Vorwrfe zu
verstehen, die Ihre schonende Liebe fr mich zwischen die Linien schreibt, um
mir jede unangenehme Empfindung zu ersparen. So lese ich hinter dem
wohlwollenden Rath, in die Heimath zurckzukehren und nicht wieder so gar lange
von meinen Besitzungen fern zu bleiben, die Besorgni, ich knnte nicht allein
in diese Heimath einziehen, sondern eine Gattin mit mir bringen, die Ihnen, dem
ehemaligen Vormund, dem vterlichen Freunde, nicht willkommen wre, so gern Sie
mich brigens verheirathet und unser altes Geschlecht fortgepflanzt wten.
    Frchten Sie nichts! Meine Freundschaft fr den Kaufmann Meier und fr seine
Tochter ist allerdings eine lebhafte und, wie ich denke, dauernde; inde ist mir
der Gedanke, dieses treffliche Mdchen zu heirathen, vollkommen fremd. Sie
wissen, und ich glaube das frchten Sie gerade, da kein Vorurtheil mich
abhalten knnte, ein brgerliches Mdchen, das ich liebte, zur Grfin Walter zu
machen: doch ich liebe Jenny Meier nicht, so sehr ich mich ihrer Freundschaft,
ihres Umganges erfreue. Es ist wahr, sie ist schn und liebenswrdig in hohem
Grade, aber eine gewisse Jugendlichkeit, das weiblich Weiche fehlt ihr, das man
an Mdchen ungern vermit. Sie wei mit Sicherheit, da sie gefllt, es ist ihr
lieb, ohne da sie Anspruch darauf macht; und sie wrde, wie mich dnkt, nicht
das Geringste dazu thun, die Meinung oder Gunst eines Mannes zu erwerben.
Gefllt sie, ist's ihr recht, wenn nicht, so gilt's ihr gleich. Gestehen Sie,
das ist eigentlich nicht die Art, welche wir an einem Mdchen lieben. Es liegt
etwas Mnnliches darin, das interessant ist, das den Umgang sehr erleichtert,
unser Vertrauen, unsere Freundschaft erweckt, aber Liebe erzeugt es nicht.
    Ich traf mit dieser Familie ganz zufllig durch die Vermittlung eines
gemeinsamen Freundes zusammen und nahm mit Dank das Erbieten desselben an, seine
und ihre Wohnung zu theilen. Dies veranlate vermuthlich jenes Gercht meiner
Verlobung mit einer Jdin, das Sie erschreckt hat. Fr diesmal, das sehen Sie,
sind Sie der Sorge ledig, mich eine Heirath schlieen zu sehen, die so stark
gegen Ihre aristokratischen Ansichten verstoen wrde. Was die Zukunft bringt,
dafr kann ich nicht einstehen. Doch ohne Scherz! Sie wissen, wie ich darber
urtheile, und habe ich je den Beruf gefhlt, mit allen Waffen kmpfend gegen
Vorurtheile aufzutreten, so war es nach manchen Mittheilungen, die mir Frulein
Meier ber ihre Jugend und die Verhltnisse ihres Bruders machte, der auch Ihnen
dem Namen nach bekannt sein mu. Jene Vorurtheile, das sind die Drachen unserer
Tage, die zu vertilgen, Ritterpflicht wre; und so viel an mir ist, will ich
beweisen, da ich noch ein Ritter bin, wie jener St. Georg, der den Lindwurm
tdtete. Es wrde Sie selbst ergreifen, wenn Sie Jenny mit Stolz von dem Unglck
sprechen hrten, das sie mit Tausenden theilt und fr Alle empfindet; denn
obgleich sie lange zum Christenthum bergetreten, ist sie von Grund der Seele
Jdin geblieben. Sie gesteht das frei und es macht sie mir um so interessanter,
wie denn ihr ganzes Wesen mir eine neue Erscheinung, ein Rthsel ist, das mich
anmuthig beschftigt. In ihr vereinen sich der Geist und der Muth eines Mannes
mit einem Frauenherzen, und es berrascht mich oft, da doch zuletzt, trotz
aller mnnlichen Klarheit, irgend eine liebenswrdige weibliche Schwche oder
ein lebhaftes Gefhl den Sieg ber all ihren Verstand erringen.
    Sie sehen aus der Weise, in der ich ruhig ihren Charakter zu zergliedern
vermag, da mein Herz ganz frei ist. Selbst der gebteste Anatom vermchte das
nicht, wenn das Klopfen des Herzens ihm die Hand unsicher macht, wie viel
weniger ich. Also unbesorgt, mein vterlicher Freund! Finden Sie mir in unsern
Kreisen eine liebenswrdige Gattin und ich will mich nicht lnger struben, mir
Ketten anlegen zu lassen, die sehr beglckend sein knnen, wie ich hier an
meinem Freunde und seiner schnen Frau bemerke.

Tage und Wochen schwanden auf die anmuthigste Weise dahin. Walter berlie sich
immer mehr dem steigenden Interesse, das ihn an Jenny fesselte und ihm ihren
Umgang zu einem Bedrfni machte, auf das er nicht mehr wohl verzichten konnte,
und auch ihr war Walter bereits seit lange ein werther Freund geworden. Da
entzog die Ankunft einer Freundin, der Geheimrthin von Meining, Jenny auf
einige Tage der Gesellschaft ihrer Hausgenossen.
    Frau von Meining, nur wenige Jahre lter als Jenny, war an einen bejahrten
Mann verheirathet, der in Berlin als Arzt eine bedeutende Stellung einnahm. Dort
hatte Jenny sie kennen gelernt und ein unbedingtes Vertrauen zu ihr gefat, das
durch den hohen sittlichen Werth jener Frau vollkommen gerechtfertigt wurde.
Fast jeden Sommer pflegte die Geheimrthin in Baden zu leben, wo sie eine
Besitzung hatte, whrend ihr Mann seinem frstlichen Herrn auf dessen Reisen
folgte, und die Aussicht, Jenny zu treffen, hatte sie um so mehr bestimmt, auch
in diesem Jahre ihren Lieblingsort wieder zu besuchen. Leider aber war sie
diesmal unpa in Baden angelangt, und eine groe Reizbarkeit der Nerven nthigte
sie, sich fr's Erste der Gesellschaft fern zu halten und sich allein auf Jenny
zu beschrnken, die mit Freude ihre Zeit zwischen der Geheimrthin und den
Ihrigen theilte.
    Willig lie man sie darin gewhren; nur Graf Walter konnte sein Mivergngen
ber Jenny's hufige Abwesenheit nicht verbergen und uerte eines Abends gegen
den Vater, wie er sich die Abwesenheit einer so liebenswrdigen Tochter nicht
gefallen lassen wrde. Clara lachte darber und der Vater bemerkte: Sie werden
auch uneigenntzig werden, mein Freund, wenn Sie das Glck empfunden haben
werden, das man in der Zufriedenheit seiner Kinder geniet. Uebrigens mu man
auch der armen Leidenden die kleine Zerstreuung gnnen, die meiner Tochter
Gesellschaft ihr gewhrt.
    Aber heute bleibt Frulein Jenny doch ungewhnlich lange dort, sagte Walter,
als man Anstalten machte, sich fr den Abend zu trennen, ohne Jenny's Rckkehr
zu erwarten.
    Meine Tochter hat den Wagen erst nach elf Uhr bestellt. Die Geheimrthin
leidet an Schlaflosigkeit und Jenny wollte versuchen, ob es ihr nicht gelnge,
sie durch leises, gleichmiges Vorlesen oder auf irgend eine andere Weise in
Schlaf zu wiegen. Ich wnsche der liebenswrdigen Frau und Euch eine gute Nacht.
    Mit den Worten entfernte sich der Vater; auch Clara und William zogen sich
zurck und lieen Walter allein. Es war ihm zu frh, sich zur Ruhe zu begeben.
Er ging hinab ins Freie, um noch eine Stunde der Khlung zu genieen, denn er
fhlte sich mismthig, unruhig und in groer Spannung. Ihm war, als stehe er am
Vorabende einer neuen Epoche seines Lebens, als erwarte er etwas, oder als msse
ihm heute irgend ein besonderes Ereigni begegnen. Und wenn er sich fragte, was
ihn so bewege, worauf er so sehnschtig harre: dann mute er sich bekennen, da
er es selbst nicht wisse. Vergebens versuchte er diesen Zustand zu bekmpfen,
und um endlich, wie er glaubte, eine krperliche Erregtheit durch Ermdung
abzustumpfen, ging er rastlos und schnell vorwrts. So befand er sich nach
kurzer Zeit am Ausgange der Lichtenthaler Allee, in der Nhe des Hauses, in
welchem Frau von Meining wohnte. Die Meiersche Equipage hielt vor ihrer Thre.
Die Fenster der Geheimrthin waren matt beleuchtet. Zerstreut blieb Walter eine
Weile stehen, sah zu den Fenstern empor und schickte sich dann pltzlich zur
Rckkehr an. Kaum aber hatte er ein paar hundert Schritte gemacht, als er sich
auf eine der Bnke warf, die sich in der Allee befinden, und in ein tiefes
Hintrumen versank, aus dem ihn dennoch der Futritt jedes Vorbergehenden
emporschreckte. Allmlig wurde die Allee einsamer. Die Uhr des Nonnenklosters in
der Stadt schlug zwlf. Bald darauf hrte er das Rollen von Rdern, er fuhr auf
und blickte nach der Gegend, woher der Ton zu kommen schien. Aber tuschte er
sich nicht? Ein weies Kleid schimmerte glnzend aus der Dunkelheit empor. er
eilte der Gestalt entgegen, sein Herz schlug hrbar - Jenny stand vor ihm.
    Sie hier, Graf Walter? sagte sie berrascht, doch freundlich, und legte
ihren Arm in den des Grafen, der ihn ihr schweigend bot.
    Wer es nicht empfunden hat, wie viel Vertrauen in der Art liegen kann, mit
dem eine Frau sich auf den Arm eines Mannes lehnt, der wird nicht begreifen, wie
Walter sich so glcklich fhlte, als Jenny's Arm jetzt in dem seinen ruhte. Denn
es gibt gewi nichts Gleichgltigeres, als die Sitte, einer fremden Dame den Arm
zu bieten, und doch fast nichts Seres, als wenn diese gleichgltige Sitte
unter Personen zur traulichen Gewohnheit wird, die es noch selbst nicht wissen,
wie nahe sie schon zu einander gehren.
    Was unverstanden wie eine dunkle Ahnung in Walter geschlummert hatte, das
fhlte er pltzlich als unwiderstehliche Wahrheit. Er hatte Jenny immer schon
geliebt und jetzt, da sie freundlich und doch sorglos, als msse es so sein,
seinen Schutz und seine Sttze annahm, jetzt ging die Sonne der Liebe siegreich
in seinem Bewutsein auf und er fragte sich: Warum erst jetzt?
    Schweigend legten sie eine Strecke des Weges zurck, denn Walter vermochte
nicht zu sprechen vor freudiger Bewegung, und Jenny fhlte sich so geborgen
unter dem Schutze dieses Mannes, so zufrieden in dem Gedanken an die
Erleichterung, die sie ihrer Freundin verschafft hatte, da sie sich willig
jener weichen Ruhe berlie, zu der die schne Sommernacht verfhrerisch einlud.
Allmlig aber wurde ihr Walter's Schweigen peinlich. Es war als ob seine
Stimmung sich ihr mittheilte, sie fhlte sich beklommen, gengstigt, und um nur
eine Vernderung in diese Lage zu bringen, sagte sie: Es war so schwl in den
Zimmern der Frau von Meining, da ich dringend die Nothwendigkeit fhlte, mich
abzukhlen, und deshalb mit unserm alten Diener den Fuweg einschlug. Die Nacht
ist heut' so schn.
    O, unaussprechlich schn! wiederholte Walter und die frhere Stille trat
wieder ein. Jenny's Unruhe stieg dadurch von Minute zu Minute. Sie bildete sich
endlich ein, um sich Walter's Schweigen und ihre Unruhe zu erklren, ihrem Vater
sei irgend ein Unglck begegnet und man habe ihr Walter entgegengeschickt, sie
davon in Kenntni zu setzen. Wie ging es meinem Vater, als Sie ihn verlieen?
fragte sie besorgt.
    Er war wohl und munter, und hatte sich zur Ruhe begeben, ehe ich fortging,
antwortete der Graf, und Jenny, als sie in diesem Augenblick ihre Wohnung
erreichten, machte ihren Arm aus dem des Grafen los und sank aufathmend auf den
Sitz vor ihrer Thre nieder. Sie htte weinen mgen, so gepret war ihr das
Herz. Sie wollte aufstehen und noch in das Zimmer ihres Vaters gehen, um sich zu
berzeugen, da er wohl sei, und war doch so beklommen und so bang bewegt, da
sie kein Glied zu rhren vermochte. Dem Grafen mute es eben so ergehen, er
setzte sich schweigend zu ihr nieder.
    Es war still um sie her; nur das Rauschen der Bltter, das leise Rieseln des
Oelbaches tnten an ihr Ohr. Balsamisch drang der Duft des frisch gemhten
Grases von den Wiesen empor und Jenny's Seele fand Ruhe und Frieden in dieser
feierlichen Stille, der sie sich mit Wonne hingab. Da tauchte pltzlich ein
lichter Schein am nrdlichen Horizonte auf, hell und immer heller, so da der
ganze Himmel davon durchleuchtet und verklrt schien, whrend ein Lichtmeer den
Ursprung der herrlichen Erscheinung bezeichnete. Einzelne Strahlen schossen
blitzschnell gegen den Zenith empor, im wechselnden Farbenspiel und mit ganz
berirdischer Pracht; dann verschwammen sie wieder in dem Lichtmeere und neue,
ebenso glnzende Flammenstreifen tauchten daraus hervor. Es war das schnste
Nordlicht, das man seit lange gesehen hatte und bewundernd hingen Jenny's Blicke
an dem erhabenen Anblick. Ihre Hnde falteten sich unwillkrlich und mit
bebender Stimme sagte sie: Und sie sprechen von Offenbarung! Als ob es eine
gttlichere, unwiderstehlichere geben knnte, als diese. Wer sollte nicht
glauben an Den, der in solchen Zeichen zu uns spricht? Das ist Gott! Das ist der
Gott, den ich anbete, und der keines Mittlers, keiner sinnverwirrenden Lehren
von Kreuz und Blut und Tod bedarf, um uns fhlen zu lassen, da sein die Macht
und Er die Liebe ist.
    Thrnen der Begeisterung flossen aus ihren Augen. Kein Gedanke, als die
anbetende Verehrung, die tiefste Demuth vor Gott war in ihrer Seele, als Walter
mit einem Ausruf von Entzcken sich vor Jenny niederwarf und ihre gefalteten
Hnde an seine glhenden Lippen prete. Erschreckt und unangenehm durch diese
leidenschaftliche Berhrung in ihrer Andacht gestrt, stand Jenny auf und sagte
mit einem Tone des Vorwurfs: Entweihen Sie die Stunde nicht. Knien Sie nicht vor
dem Geschpf, wenn der Schpfer selbst Sie einer solchen Offenbarung wrdigt!
Und sie schritt rasch in das Haus, an dessen Thre ihr Diener ihres Eintritts
wartete.
    Bestrzt sah Walter ihr nach. Sein Herz hatte voll grenzenloser Liebe
verlangt, sich in dieser feierlichen Stunde der Geliebten fr immer zu eigen zu
geben, und im Ueberma des Gefhls war er vor sie niedergesunken. Wie sie in dem
Phnomen, so betete er in ihr die Macht des Schpfers an, und kalt und tadelnd
hatte sie ihn von sich gestoen. Er warf es sich vor, wie ein blder Trumer vor
Jenny gestanden zu haben, statt von ihr wie ein Mann ihre Hand und ihr Wort zu
fordern. Jetzt, sagte er sich, jetzt knnte sie mein sein. Ich knnte meine
Lippen auf die ihren drcken, den Schlag ihres Herzens an dem meinen fhlen,
wissen, da sie mein ist fr immer - da sie mich liebt ....
    Walter hielt inne. Da sie ihn liebte, dafr hatte er keinen, gar keinen
Beweis, und doch glaubte er an ihre Liebe. Eine Liebe wie die seine konnte nicht
unerwidert bleiben, sie mute Gegenliebe finden. Diese Hoffnung gab ihm Muth;
und voll Vertrauen auf einen glcklichen Ausgang wollte er am nchsten Morgen
Jenny seine Liebe gestehen und von ihrem Vater die Hand seiner Tochter fordern.

Doch nur zu oft vernichtet der Morgen die Hoffnungen des vorigen Tages. Als
Walter das Zimmer betrat, in dem man sich zu versammeln pflegte, sah er an den
verstrten Zgen der beiden Damen, da ihre Ruhe erschttert, ein unangenehmes
Ereigni hereingebrochen sein msse. Clara schien geweint zu haben und
schttelte traurig das Haupt, als Herr Meier trstend sagte: Sie sollten froh
sein, mein Kind, da dies Verhltni nun endlich zu einer Entscheidung gekommen
ist. An den augenblicklichen Schmerz darf man nicht denken, wo eine lange und
hoffentlich bessere Zukunft gewonnen werden soll.
    Um nicht zu stren, verlie der Graf das Zimmer und ging zu William, den er
schreibend fand. Von ihm erfuhr er, wie vor einer Stunde ein Brief Eduard's an
ihn angekommen sei, der diese allgemeine Aufregung verursacht hatte. Er schrieb
ihm:
    Mein Freund, mache Dich gefat, eine Mittheilung zu hren, die, obgleich
erwnscht in ihren Folgen, doch fr den Augenblick ihr Betrbendes hat.
Ferdinand ist bei mir, aber er ist krank und sehr zu beklagen.
    Vorgestern in der Nacht schellte man an meiner Thre. Man ffnete und kam,
mich zu wecken, weil ein Kranker nach mir begehre. Gleich darauf trat der Fremde
bei mir ein und ich fragte, wohin man mich verlange, wer erkrankt sei? Ich
selbst bin krank zum Sterben und ich wollte, ich wre todt, antwortete der
Unbekannte. Ich sah ihn prfend an. Eine verfallene Gestalt, verfallene Zge und
wenig, fast ergrautes Haar - obgleich der Mann so alt nicht schein, um diesen
gnzlichen Verfall zu rechtfertigen. Sie kennen mich nicht mehr, oder wollen Sie
mich nicht kennen? fragte er hhnisch. Aber ich hatte ihn bereits erkannt, trotz
der fast unglaublichen Vernderung in seinem Aeuern. Es war Ferdinand.
    Ich nthigte ihn, sich niederzusetzen. Ich fragte nach seiner Frau. Nennen
Sie das Weib nicht! rief er und sein Gesicht zuckte krampfhaft. Mit dem Wenigen,
das man mir als Almosen hinwarf, vermochte sie sich nicht zu begngen. Ihre
Vorwrfe, ihre Ansprche brachten mich zur Verzweiflung. Ich war krank, ein
Fieber nahm mir die Besinnung und diesen Zeitpunkt benutzte sie, mir Alles zu
rauben, was ich noch besa, und mich zu verlassen. Ich hatte ja nichts mehr zu
verschenken, zu verschwenden! sagte er, und wieder flog das krankhafte Zittern
durch seine Zge.
    Ich sah, da seine krperliche Erschpfung aufs Hchste gestiegen war, und
redete ihm zu, die Nacht bei mir zu bleiben, zu ruhen; wir knnten das Nthige
dann am Morgen berlegen. Er betrachtete mich mit einem Mitrauen, das mich
befremdete, da er mich doch aufgesucht hatte, und sagte: Wollen Sie erst von der
Familie Horn Verhaltungsbefehle holen? Nun wute ich, wie ihm beizukommen war.
Es gelang mir, ihn zu beruhigen. Ich lie eine Mahlzeit auftragen, denn er
bedurfte dringend einer Erquickung. Mit gieriger Hast griff er nach den Speisen
und brach dann, als er sich gesttigt hatte, in ein lautes Weinen aus. So komme
ich in meine Heimath zurck! rief er und fing darauf an, mir zu erzhlen, wie er
seit gestern fast keine Nahrung zu sich genommen, den Postwagen nicht verlassen
htte, aus Scheu, hier in der Nhe seiner Vaterstadt Bekannten zu begegnen. Auch
hatte ich kaum, wovon eine Mahlzeit zu bezahlen, sagte er. Sie hat mir Alles
genommen, ehe sie mich verlie. Als ich zum Bewutsein erwachte, war ich allein,
ein Bettler. Seit Monden war unser Credit erschpft, Niemand wollte uns mehr
borgen. Ich erfuhr, da sie einem Russen gefolgt war, der ihr lange nachgestellt
hatte und ihr glnzendere Aussichten versprach, als sie bei mir erwarten konnte.
Ein Ring, den ich nie abgelegt und den ich jetzt verkaufte, bot mir die Mittel,
sie zu verfolgen - doch bald sah ich die Thorheit dieses Unternehmens ein. Ich
mag sie nicht wiedersehen. Eine unbezwingliche Sehnsucht trieb mich hieher. Ich
will hier sterben, wo ich geboren und jung gewesen bin.
    Erschpft fiel er in den Sopha zurck, und da ich absichtlich schwieg,
schlief er bald ein, obgleich er heftig fieberte. Seitdem hat sich unverkennbar
ein nervses Fieber heraus gebildet und die Krankheit ist im Steigen. Er hat nur
wenige klare Augenblicke, in seinen Phantasien aber spricht er mit dem tiefsten
Ha von seiner Mutter, der er sein Unglck zuzuschreiben scheint. Wenn nicht
besondere Zuflle dazwischen treten, hoffe ich auf seine Herstellung. Indessen
halte ich es fr rathsam, den Eltern die Anwesenheit Ferdinand's zu verbergen,
bis er krperlich und geistig im Stande ist, ein Wiedersehen mit ihnen zu
ertragen. Jetzt, da die Trennung von seiner Frau erfolgt ist, wird es uns ein
Leichtes sein, ihn allmlig seinen Eltern und seinen frheren brgerlichen
Verhltnissen wieder zu geben.
    Beruhige Deine Frau deshalb und sage ihr, da es ihm an der Pflege und
Sorgfalt, die sein Zustand erfordert, nicht fehlen soll. Ich brge dafr und
hoffe, Dir bald trstlichere Nachrichten geben zu knnen.
    Mit der Entschlossenheit, die William's ganzes Wesen charakterisirte,
erklrte er gleich nach Lesung dieses Briefes sich bereit, nach Clara's
Vaterstadt zu reisen, um nicht Eduard allein die Sorge fr den Unglcklichen
aufzubrden, und unter strmenden Thrnen beschwor ihn seine Frau, sie mit zu
nehmen, es ihr zu vergnnen, da sie selbst die Pflege des Bruders bernehmen
und seine Rckkehr in das vterliche Haus einleiten knne. Auch dazu war William
geneigt, nur die Unmglichkeit, mit den Kindern eine so schleunige Reise zu
machen, wie sie hier erforderlich war, schien ihren Wnschen ein Hinderni in
den Weg zu legen, bis Jenny mit ihres Vaters Zustimmung sich erbot, die Kinder
unter ihre Obhut zu nehmen und mit sich nach Hause zu bringen. So ward es
beschlossen, noch an demselben Nachmittage abzureisen, und in trauriger Stimmung
sah Clara der Stunde entgegen, in der sie zum ersten Mal sich von den Lieblingen
ihres Herzens trennen sollte, whrend William und Jenny ihr Muth zusprachen und
das Nthige besorgten.
    Natrlich muten Walter's persnliche Wnsche vor diesen Ereignissen in den
Hintergrund treten. Jenny schien des vorigen Abends vergessen zu haben. Sie war
eifrig um Clara bemht und gnnte sich nicht eher Ruhe, bis sie die Freundin
wohlversorgt auf dem Wege in die Heimath wute. Dann lie sie die Kinder in ihre
Zimmer bringen, richtete sie dort gehrig ein und traf endlich zur Theestunde
mit dem Grafen und ihrem Vater zusammen.
    Jetzt erst fhlte sie, wie sich seit gestern ihr Verhltni zu Walter
gendert hatte. Sie wute nun, da er sie liebte, und obgleich er ihr sehr werth
war, war ihr seine Liebe nicht willkommen. Sie konnte den rechten Ton fr die
Unterhaltung nicht finden, wurde zerstreut, dann verdrielich, da sie sich so
wenig zu beherrschen wisse, und entfernte sich unter dem Vorwande, Frau von
Meining ihren Besuch zugesagt zu haben.
    Walter, dem Jenny's befangenes Wesen, ihre Zurckhaltung nicht entgangen
war, glaubte sie durch sein leidenschaftliches Betragen verletzt und benutzte
ihre Abwesenheit dazu, ihrem Vater seine Bitte um Jenny's Hand auszusprechen, um
sich dann auch gegen sie zu erklren und in seiner Liebe eine Entschuldigung fr
den Ungestm zu finden, mit dem er sie gestern erschreckt hatte.
    So oft der Vater auch in gleicher Lage gewesen war, so sehr berraschte ihn
Walters Antrag. Er fragte, ob der Graf die Liebe seiner Tochter besitze?
    Ich glaube mit Zuversicht, da mir ihre Freundschaft und Achtung gewi ist,
ich hoffe, ihre Liebe zu erwerben, antwortete Walter.
    Und ist Ihre Familie von dem Schritte unterrichtet, den Sie thun wollen,
lieber Walter?
    Nein, aber Sie wissen, da ich unabhngig und Herr meiner Handlungen bin.
    Indem Sie mir diese Erklrung geben, sagte Herr Meier, gestehen Sie mir zu,
da Sie die Meinung der Ihrigen gegen sich haben wrden. Das frchte ich selbst,
und ich wnschte, ich knnte Ihre Werbung ungeschehen machen. Ich wei nicht, ob
Jenny Sie liebt, noch wenigstens ist sie, wie ich hoffe, frei genug, eine
Trennung von Ihnen zu ertragen; darum folgen Sie meinem Rathe, Herr Graf,
benutzen Sie William's Abreise, uns gleichfalls zu verlassen, und geben Sie
einen Wunsch auf, dessen Erfllung Ihnen und uns leicht Kummer machen knnte.
    So verweigern Sie mir Jenny's Hand? fragte Walter erbleichend und setzte mit
einem Ton, dem man den gekrnkten Stolz anhrte, hinzu: Darauf war ich nicht
vorbereitet.
    Ruhig nahm der Vater des Grafen Hand und zog ihn zu dem Sitze nieder, von
dem er aufgestanden war.
    Verstehen Sie mich nicht falsch, sagte er. Ich glaube Ihnen durch mein
Betragen gegen Sie, gezeigt zu haben, da ich Sie achte, Sie fr einen edlen
Menschen halte. Sie selbst wissen, da Ihre Stellung in der Welt den Ansprchen
des ehrgeizigsten Vaters gengen mte. Aber die grflich Walter'sche Familie
knnte vielleicht die Tochter eines Juden nicht der Ehre wrdig erachten, welche
Sie ihr mit Ihrer Wahl erzeigen. Davor mchte ich mein Kind bewahren und Sie vor
der schweren Pflicht, Ihre Frau gegen die Vorurtheile Ihrer Familie und Ihrer
Standesgenossen zu schtzen.
    Und glauben Sie, da mir dazu der Wille oder die Kraft fehlt? fragte Walter.
Glauben Sie, da Jenny's persnlicher Werth nicht die Einwendungen besiegen
wrde, die mein Onkel gegen diese Verbindung machen knnte? Er ist der Einzige,
dessen Meinung mir Etwas bedeutet, dessen Ansichten ich schonen mchte, und er
wird den Schritt billigen, wenn er Jenny kennt und meine Liebe fr sie. Ich war
glcklich, seit ich denken kann, ich habe Alles, was das Leben schn macht, nur
eine Gattin fehlt mir, mein Glck zu theilen. Da fhrt ein gnstiges Geschick
mir Jenny zu. Ich liebe sie, ich mchte Ihrer Hand mein hchstes Gut verdanken,
und Sie verweigern es mir, weil Sie mich von Vorurtheilen nicht frei glauben,
die man in unsrer Zeit kaum noch der Unbildung verzeiht.
    Wollte Gott, es wre so! sagte der Vater ernst, dann sollte mir kein Gatte
willkommener fr Jenny sein, als Sie; Keinem wrde ich meine Tochter mit
grerer Zuversicht vertrauen als Ihnen. Diese Erklrung mu Ihnen fr meine
volle Achtung brgen. Bei den Worten reichte er dem Grafen seine Hand, der sie
herzlich drckte. Was aber nun Ihren Antrag und Ihr Verhltni zu Jenny
betrifft, darin folgen Sie mir. Es gilt das Gick meiner Tochter und das Ihre.
Trauen Sie mir, der ich die Welt und die Menschen lnger kenne, als Sie. Ich
betrachte Sie fr frei von jeder Verpflichtung gegen uns. Uebereilen Sie nichts.
Lassen Sie sich Zeit, die Ansicht Ihres Onkels zu hren, prfen Sie selbst die
Meinung des Kreises, dem Sie angehren, und wenn Sie dann Ihren Wunsch noch
hegen, wenn Jenny damit einverstanden ist, will ich von Herzen einen Bund
segnen, der in Bezug auf Sie schon jetzt meine vollkommenste Zustimmung hat.
Sind Sie damit zufrieden? fragte er.
    Mu ich nicht? antwortete der Graf, der sich nur ungern in den Gedanken
fand, sein Ziel so weit hinausgeschoben zu sehen, obgleich er fhlte, da der
Vater seiner Denkart nach nicht anders handeln konnte, und ihn deshalb nur um so
hher schtzte. Aber nur mit Widerstreben verstand er sich dazu, sich gegen
Jenny nicht zu erklren, bis er seinen Onkel von seiner Absicht in Kenntni
gesetzt und dessen Antwort erhalten haben wrde, und er verlie den Greis, um
seinem Onkel schreiben zu gehen. Auch Herr Meier zog sich zurck, um Eduard
seinerseits von dem Geschehenen zu benachrichtigen. Er machte ihn auf die
glnzenden Verhltnisse, auf den trefflichen Charakter Walter's aufmerksam und
sagte: Dennoch widerstrebt meine innere Ueberzeugung dieser Verbindung fast eben
so sehr, als einst der mit Reinhard, mit dem Unterschiede, da jetzt meine
Besorgni den Verhltnissen gilt, whrend sie bei Reinhard den Charakter des
Mannes betraf. Niemand ist so gleichgltig gegen das Urtheil der Menschen, da
Lob oder Tadel seiner Umgebung ihn kalt liee, und es knnte fr Jenny's Glck
eine harte Probe werden, wenn sie es erleben mte, Walter's Entschlu von
seinen Standesgenossen getadelt und ihn dadurch verletzt zu sehen. Ihre erste
Verlobung brachte sie in geistiger Beziehung in einen traurigen Conflikt, diese
knnte sie in ein schwer zu berwindendes Miverhltni zu den uern Umstnden
versetzen, und sie leicht ebenso unglcklich machen, als jene. Wie ich Jenny
beurtheile, fhlt sie das selbst und hat Scheu vor Walter's unverkennbarer
Neigung, weil sie sich nicht den Muth zutraut, seiner Liebe und seiner Werbung
zu widerstehen. Bei Walter's persnlichen Eigenschaften und seiner Stellung in
der Welt wrde das vielleicht jedem Mdchen schwer, da keines von Eitelkeit frei
und Walter ganz der Mann ist, Liebe und Zutrauen zu erwecken. Doch bin ich
berzeugt, da diese Heirath frher oder spter zu Stande kommt, und theile Dir
diese Nachricht mit als Etwas, das ich nicht gern sehe, aber nicht zu hindern
vermag. Deinen Ansichten drfte das Verhltni willkommen sein. Gott gebe, da
meine Besorgni mich trge und Jenny so glcklich werde, als sie es verdient.
    In seiner Ansicht von Jenny's Scheu vor der Bewerbung Walter's und ihrem
Mitrauen gegen sich selbst hatte ihr Vater sich wirklich nicht getuscht. Jenny
war zu sehr an Huldigungen gewhnt und nicht mehr jung genug, um in jeder
Annherung eines Mannes Liebe zu erblicken. Gerade deshalb hatte sie sich in
ihrem Verhltni zu Walter, in seiner Gesellschaft um so behaglicher und freier
gefhlt, als sie mit Sicherheit glaubte, hier keinen andern Ansprchen zu
begegnen, als denen, welche man einem geachteten Freunde willig zugesteht. Jetzt
war ihr pltzlich die Ueberzeugung des Gegentheils geworden und mit ihr das
Bewutsein, da sie durch Walter's Liebe manchem neuen Kampfe ausgesetzt werden
knnte: sei es, da er ihre Hand verlange, oder aus Rcksicht auf seine
weltliche Stellung darauf verzichte. Verstimmt gemacht durch diese Gedanken,
langte sie, whrend Walter die Unterredung mit ihrem Vater hatte, bei Frau von
Meining an, die in Jenny's beweglichem Gesicht die Spuren einer innern Unruhe
leicht bemerkte. Sie fragte um die Ursache derselben, obgleich Jenny anfangs die
Thatsache leugnete, und erst nach freundlichem Bitten und Dringen von Seiten der
Geheimrthin sagte Jene:
    Ich habe die Entdeckung gemacht, die Liebe eines Mannes zu besitzen, an die
ich nie gedacht habe, und das ist mir unangenehm.
    Die Geheimrthin sah sie verwundert an, lchelte dann und meinte: Das heit,
Du bemitleidest ihn, weil Du diese Liebe nicht erwiderst und er Dir nicht
gefllt. Das kommt wohl vor im Leben und sollte Dir nicht so neu sein, Dich so
sehr zu verstimmen.
    Im Gegentheil, antwortete Jenny, er ist mir lieb und werth, und gerade darum
thut es mir so wehe.
    Jenny, sagte die Geheimrthin pltzlich ernsthaft geworden, ich will kein
Vertrauen erzwingen, wenn Du nicht geneigt bist, es mir zu gewhren. Nur das
Eine sage mir, mich zu beruhigen: Ist der Mann, der Dich liebt, verheirathet,
oder sonst in einer Weise gebunden, die Deine Unruhe erregt? Nur die Eine Frage
beantworte mir.
    Nein, nein! rief Jenny, ber den feierlichen Ernst ihrer Freundin lchelnd,
Er ist frei und unumschrnkter Herr seines Willens; ich zweifle nicht, da er
mir seine Hand antrgt, aber das ist es, was ich frchte und was mein Vater
ungern sehen wird.
    So ist er arm und seine Stellung der Deinen all zu ungleich? fragte Frau von
Meining.
    Kennst Du meinen Vater und mich so wenig, entgegnete Jenny im Tone des
Vorwurfs, zu glauben, da dergleichen uns irren knnte? Nein, im Gegentheil, es
ist Graf Walter, der mich liebt, und dessen Liebe ich befrchte.
    Walter! rief die Geheimrthin erfreut und setzte dann hinzu: Du bist unwahr
gegen Dich oder mich. Walter's Liebe kann Dir nicht unwillkommen sein, denn
gleichgltig ist er Dir nicht.
    Das habe ich auch nicht behauptet, antwortete Jenny. Aber ich habe durch
meine Verlobung mit Reinhard so viel gelitten, mich so an das ruhige Glck
gewhnt, welches ich jetzt geniee, da ich vor dem Gedanken zittere, neuen
Strmen ausgesetzt zu sein. Ich habe in der Liebe meines Vaters und meiner
Brder - denn auch Joseph ist mir ein Bruder - in der Kunst mir eine Welt
geschaffen, in der ich Freude finde und sie den Andern bereite. Nenne es
Feigheit oder Selbstsucht, wie Du willst, ich mag aus diesem sichern Hafen mich
nicht aufs Neue in das Meer des Lebens wagen. Ich will nicht heirathen.
    Und wenn Dein Vater stirbt?
    Dann leben mir die Brder ...,
    Die wahrscheinlich Deinen Entschlu nicht theilen, fiel ihr die Geheimrthin
ins Wort, die sich verheirathen wrden, wenn Du Dich Ihnen durch einen
vernnftigen Entschlu entzgest und so ihr und Dein Bestes frdertest. Wie viel
hundert Mal hast Du mir ber die hohe Ansicht gesprochen, die Du von der Ehe
hegst! Wie erhaben hast Du mir Walter's Idee davon geschildert, als Du mir
neulich von der Unterhaltung erzhltest, die Du ber diesen Gegenstand mit ihm
gehabt hast. Also Gleichnisse zeichnen kannst Du, aber im Leben sie durch Dich
zu verwirklichen, stehst Du an!
    Sie war ganz erhitzt durch den Eifer, mit dem sie gesprochen hatte, lehnte
sich in ihren Sessel zurck und sagte lchelnd, da Jenny nachdenkend schwieg:
Wie sich doch Alles im Leben wiederholt. Meine Tante wrde eine Freude haben,
knnte sie sehen, wie ich jetzt an Dir die Ermahnungen probire, die sie mir
gemacht hat, ehe ich mich verheirathete. Ich denke aber, sie finden bei Dir ein
so williges Ohr, als bei mir, und nehmen auch ein so glckliches Ende.
    Das sagst Du, Clementine, rief Jenny, Du, die mir selbst erzhlt, welchen
Kampf Du noch nach Deiner Hochzeit zwischen Pflicht und Liebe bestanden hast.
    Clementine strich mit der Hand ber die hohe, zarte Stirn und sagte mit
unbeschreiblicher Weichheit und Demuth: Ich halte Dich nicht fr schwcher als
mich. Was ich vermochte, mut Du auch vermgen. Du sollst es auch kennen lernen,
das Glck, seine Neigung dem Glcke eines Andern zu opfern, und darin ein neues,
besseres Glck zu finden. Dann nach einer Pause fuhr sie fort: Uebrigens, was
will ich denn? Von dem Opfer einer Neigung ist ja hier die Rede nicht! Du liebst
keinen Andern; Du bist frei und Walter ist Dir werth. Was drckt und ngstigt
Dich also?
    Der Gedanke, man knne mir ehrgeizige Motive unterlegen, sagte Jenny
lebhaft, wenn ich Walter's Hand annehme; und - da ich es Dir gestehe - die
Mglichkeit, er knne es einst bereuen, eine Brgerliche, eine Jdin,
geheirathet zu haben, wenn irgend ein Ereigni ihn unangenehm daran erinnert.
Ich mag nicht, wie Walter es in jenem Gleichni nannte, die kmmerliche Pflanze
sein, die sich zu einer Hhe emporrankt, fr die sie nicht geboren ist. Liebte
ich Walter, vielleicht wre ich dann schwach genug, meine Vernunft zu
verleugnen; jetzt nimmermehr! Mag Walter sich eine Gefhrtin whlen, die ihm
gleich ist an Vorzgen des Ranges und der Geburt, die mit ihm auf gleicher Hhe
erwuchs. Ich will keinem Menschen Etwas verdanken, das er jemals bereuen knnte,
mir gegeben zu haben.
    Aus der Hand eines geachteten Gatten entehrt keine Gabe und er bereuet sie
nicht, wenn er sie, wie Walter Dir, mit ruhiger Ueberzeugung darbringt, sagte
Clementine, die es fhlte, da hier der Punkt lge, von dem Jenny's Weigerung
gegen Walter's Wnsche ausging. Auch sie kannte Walter und, erfreut durch den
Gedanken, ihn und Jenny verbunden zu sehen, wnschte sie wo mglich dazu
beizutragen. Darum vermied sie es fr diesmal, Jenny auf dieser fr sie
empfindlichsten Seite anzugreifen und bemerkte ablenkend: Und das ist doch der
einzige Grund, der Dich besorgt machen kann!
    Nein! antwortete Jenny, auch in mir sind Grnde dagegen. Mir fehlt die
Fhigkeit, mich in dem Leben eines Andern aufgehen zu lassen. Meine Existenz ist
eine fest bestimmte, in sich abgeschlossene. Ich habe mich an eine gewisse
Freiheit gewhnt, die ich nicht mehr entbehren kann und die ich in der Ehe doch
aufgeben mte. Vor Allem aber, wie ich Reinhard liebte, kann ich nicht wieder
lieben. Mir fehlt die Jugendlichkeit, die Frische des Herzens, das fhle ich
tief. Ich kann so nie wieder lieben!
    So liebe Walter anders! wandte Frau von Meining ein. Auch Du bist sicher
nicht das erste Mdchen, das ihn die Liebe kennen lehrt. Er ist ein Mann, der in
der Schule des Lebens und des Hofes seine Prfungen bestand. Den ruhigen Mann
reit keine Leidenschaft blindlings hin; was er thut, hat er berlegt, was er
verspricht, will und wird er halten. Und was die Frische des Herzens betrifft,
so ist es mit der Liebe, wie mit dem Menschen berhaupt. Die Geschlechter gehen
und kommen, jedes hat die Erfahrungen des vorigen fr sich, sie gleichen sich
fast alle und doch - hat jedes neue Geschlecht seine Thorheit und seine
Weisheit, seine Jugend, seine Blthe, nach seiner Individualitt; eine Blthe,
die rein und schn ist, obgleich sie erst auf der Asche der geschiedenen
Generation erwuchs. Darum Muth, mein Herz! Den falschen Stolz besiege und im
Uebrigen vertraue der Liebesfhigkeit und der Liebebedrftigkeit des
Frauenherzens.
    Eine innige Umarmung beendete diese Unterhaltung, die in Frau von Meining
den Entschlu hervorrief, sich so bald als es ihr mglich sein wrde, der
Gesellschaft anzuschlieen, um Jenny und Walter schnell an ein Ziel zu bringen,
das ihr fr Beide so glckversprechend schien. Diese freudige Hoffnung that fr
die Anregung ihrer Nerven mehr, als irgend eine Arzenei vermochte, und schon am
nchsten Tage nahm sie zum ersten Male Walter's Besuch an, der fast tglich in
ihrer Wohnung gewesen war, um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen.

Zwei Gefhle waren es besonders, die Jenny beunruhigten und sie bewogen, sich
von Walter zu entfernen: Die Furcht, welche sie Frau von Meining gestand, vor
einer Verbindung, die man gerade in den Kreisen eine Miheirath nennen wrde, in
denen sie als Walter's Frau zu leben bestimmt war, und, was sie nur sich selbst
bekannte, Scham vor sich selbst, da sie einer zweiten Neigung fhig sei, die
sich entschieden zu Walter's Gunsten in ihr geltend machte. Trotz ihres klaren
Verstandes besa Jenny die Schwrmerei eines tieffhlenden Herzens und hatte mit
Treue das Andenken des Geliebten ihrer Jugend in sich gepflegt, bis sich nach
Reinhard's Verheirathung der Gedanke in ihr ausgebildet, sie habe jetzt keinen
Anspruch mehr an Liebesglck zu machen, ihr Leben sei in der Beziehung beendet.
    So hatte sie sich seit Jahren mit der Idee: entsagt zu haben wie mit einem
Wittwenschleier geschmckt, den sie jetzt abzulegen sich nicht entschlieen
konnte. Sie fhlte ihre wachsende Neigung fr den Grafen, aber sie kmpfte
dagegen, wie gegen ein Unrecht, weil sie sich scheute, den Ihrigen zu sagen: Ich
liebe wieder! und weil sie doch zu wahrhaft war, um eine Verbindung mit Walter,
die sie trotz aller Bedenken wnschte, fr eine bloe Verstandsheirath
auszugeben, was auerdem krnkend fr ihn gewesen wre.
    Nach Jahren innern Friedens mit sich selbst machte dieser Zwiespalt ihrer
Seele ihr doppelte Unruhe und gab ihr einen Anstrich von Klte, die Walter irre
an ihr zu machen drohte; da ohnehin die Sorge fr Clara's ihr anvertraute Kinder
ihr einen Grund gab, den Grafen weniger zu sehen, als es frher der Fall gewesen
war. Dadurch trat eine Art von Spannung zwischen Walter und Jenny ein, von der
Beide gleich viel zu leiden schienen, bis es Frau von Meining gelang, des Grafen
Vertrauen zu gewinnen. Sie bat ihn Geduld zu haben, Jenny Zeit zu lassen, bis
sie sich selbst klar geworden sei: Glauben Sie, lieber Graf! sagte sie, je
deutlicher in uns Frauen das Bewutsein von der Heiligkeit der Ehe wird, je
langsamer entschliet man sich, den Schritt zu thun. Jenny steht jetzt bang und
zgernd auf der Schwelle des Tempels, die sie vor zehn Jahren leichtherzig und
sorglos berschritten haben wrde. Lassen Sie sich dadurch nicht irren! Ich
wrde es fr unrecht halten, Jemand zu einem Entschlusse hin zu drngen, zu dem
er keine Neigung hat, oder dem seine Eigenthmlichkeit widerstrebt. Jenny wird
aber nur durch ein von ihr miverstandenes Gefhl gehindert, ihr Glck und das
Glck eines Mannes zu grnden, den sie hoch und werth hlt. Da mu man aus
Freundschaft ein Uebriges thun und die Gute gelinde dazu zwingen, glcklich zu
sein und zu beglcken.
    Das ist ein hartes Wort! bemerkte Walter, und selbst Jenny's Hand mchte ich
weder der Ueberredung noch dem Zwang verdanken.
    Aber Sie sind damit zufrieden, wenn Jenny sich und Ihnen gestehen lernt, da
ihre eigene Neigung sie zwingt, die Ihre zu werden? fragte Frau von Meining
freundlich.
    Wenn Sie Jenny davon berzeugen knnten, erwiderte Walter, wie wrde ich es
Ihnen danken!
    Lassen Sie das, mein Freund! wandte die Geheimrthin ein. Ich bleibe Ihnen
verpflichtet und mein Mann wird es Ihnen Dank wissen, da Sie mich aus meiner
Abspannung befreiten, indem Sie mir Gelegenheit gaben, an Ihnen und meiner
Freundin ein gutes Werk zu ben. In wenig Tagen denke ich Jenny in ihrer Wohnung
selbst aufzusuchen und rechne dann auf Ihre Begleitung.

Heute ist ein wahrer Glckstag, sagte Jenny zu Frau von Meining, als dieselbe an
einem heitern Morgen in Walter's Begleitung zum ersten Male Jenny besuchte und
mit ihr unter dem Schatten der Bume sa. Du scheinst den letzten Rest von
Schwche von Dir geworfen zu haben und auch meine arme Kranke ist heute so wohl,
da ich es wagen konnte, sie gehrig um ihre Verhltnisse zu fragen.
    Und was haben Sie erfahren? fragte Walter, den die Frau interessirte, weil
Jenny Theil an ihr nahm.
    Eigentlich nicht viel mehr, als mein Vater schon durch die Behrde wute. Es
ist eine von den traurigen Geschichten, die sich leider tglich wiederholen. Sie
ist die Tochter eines Handwerkers aus Gernsbach und kam gewhnlich whrend des
Sommers nach Baden, um in einem Hause auszuhelfen, in dem man Wohnungen
vermiethet. Hier hat sie einen armen Jgerburschen kennen gelernt und ihn gegen
den Willen ihres Vaters geheirathet, der sie einem wohlhabenden, aber sehr alten
Brger in Gernsbach bestimmt hatte. Ein unglcklicher Fall auf der Jagd, in
Folge dessen das Gewehr losging, raubte ihrem Mann im Herbst das Leben, lange
ehe ihr Kind geboren wurde. Im Winter gab es kein Verdienst fr sie und in die
bitterste Armuth versunken, aus Mangel erkrankt, ist sie nun schwach und elend
nach Gernsbach gegangen, um dort das Mitleid ihres Vaters anzuflehen. Der aber
hat sie und ihr Kind mit Verwnschungen von sich gestoen, sie hat hierher
zurckkommen und Arbeit suchen wollen, als sie auf dem Wege zusammenbrach, wo
ich sie fand. Sie sagte mir, da ihr Vater kein anderes Kind htte, als sie, und
wohl die Mittel, fr sie zu sorgen. Aber er htte gehofft, mit dem Gelde des
reichen Schwiegersohnes sein Gewerbe zu vergrern und selbst ein reicher Mann
zu werden, und da sie ihn um diese Hoffnung betrogen, werde er ihr nicht
vergessen und verzeihen.
    So mu man hier fr sie sorgen! meinte Frau von Meining.
    Sie selbst verlangt nichts mehr, als die Mittel, sich durch einige Pflege
Krfte zu erwerben, um wieder arbeiten zu knnen, sagte Jenny. Wie sie mir
erzhlt, htte ihr Vater sie, ohne das Kind, wohl zu sich genommen, weil er
hoffte, jener Brger wrde sie auch jetzt noch heirathen, wenn sie sich von
ihrem Kinde trenne. Das aber will und soll sie natrlich nicht und so meint mein
Vater, man msse einen der nchsten Tage dazu benutzen, nach Gernsbach zu fahren
und versuchen, ob man nicht durch ein Jahrgeld, das man an das Leben des Kindes
knpft, den Vater vermgen knne, Tochter und Enkel bei sich aufzunehmen, wo sie
am Ende doch am besten untergebracht sein wrden.
    Walter stimmte dieser Ansicht bei und man verabredete eben einen Tag fr
diese Fahrt, als ein Mann von etwa vierzig Jahren mit einer jungen Frau am Arm
sich dem Platze nherte, auf dem die Gesellschaft vor dem Hause sa. Ein Diener
trug ihnen, trotz des schnen Wetters, einen Mnnerberrock und einen kleinen
Teppich nach.
    Steinheim! rief Jenny, als sie ihn erkannte, und stand auf, ihn und seine
Begleiterin zu begren: Vielmals willkommen!
    Erneute Huldigung gestatte mir! sagte Steinheim, ihr mit steifer
Galanterie die Hand kssend, und vergnnen Sie mir zugleich, Ihnen meine Frau
vorzustellen und sie Ihrer Freundschaft zu empfehlen.
    Madame Steinheim war ein sehr hbsches, siebzehnjhriges, hchst
schchternes Wesen, das zu ihrem Manne wie zu einer Gottheit emporsah und sich
nicht der Ehre werth zu fhlen schien, ihm anzugehren. Steinheim war sehr stark
geworden und pflegte sein Aeueres und seine Gesundheit noch mit der alten
bertriebenen Vorsicht. Die junge Frau, welche diese seine alte Schwche noch
nicht zu kennen schien, stand ihm darin mit ngstlicher Sorgfalt bei.
    Nachdem Jenny die Angekommenen mit ihren Freunden bekannt gemacht hatte,
fragte sie Steinheim, was ihn, den abgesagten Feind alles Reisens, zu dem
Entschlu gebracht habe, sich dennoch auf den Weg zu machen und eine
Huslichkeit zu verlassen, die jetzt erst wahren Reiz fr ihn haben msse.
    Ich bin mir selbst ein Rthsel! antwortete er, und mir scheint, da mit dem
Liebesfrhling, der so urpltzlich in meiner Brust erwachte, ein ganz neues,
junges Leben fr mich begonnen hat. Ein unbegreiflich holdes Sehnen trieb mich
durch Wald und Wiesen hinzugehn. Ich wnschte meiner Frau zu zeigen, wie schn
die Welt sei und konnte mich der Gefahr, die das Reisen fr meine Gesundheit
hat, jetzt leichter aussetzen, da Hannchen - er wies dabei auf seine Frau - mit
dankenswerther Sorgfalt ber mir wacht. Aber findest Du nicht, sagte er, sich
unterbrechend, da der Fuboden hier feucht ist, mein lieb' Schtzchen?
    Das liebe Schtzchen bejahte es, und nach einer leichten Entschuldigung
gegen die Damen, lie Steinheim den Teppich unter seine Fe breiten und zog den
Ueberrock an, wobei der Diener und seine Frau ihm behlflich waren. Dann fragte
er nach William und Clara, von deren Anwesenheit in Baden er durch Eduard gehrt
hatte, whrend ihre Abreise ihm fremd war, denn auch er war schon lngere Zeit
auf der Reise und vom Hause entfernt. Er erkundigte sich, wem die Kinder
gehrten, die seitwrts unter Obhut der Wrterinnen sichtbar waren. Man rief
Richard herbei, lie Lucy bringen und auch das hbsche, nun sauber gehaltene
Kind der armen Frau, wobei die Verhltnisse derselben nochmals flchtig
besprochen wurden.
    Da sieht man, sagte Steinheim, wie tief das Gefhl fr Standesunterschiede
im Menschen begrndet ist, das man einen leeren Wahn schilt. Doch dieser Wahn
ist uns ins Herz gelegt, wer mag sich gern davon befreien, besonders, wenn es
darauf ankommt, eine Ehe zu schlieen, in der vollkommene Gleichheit der
Verhltnisse die erste Bedingung zum Glcke ist?
    Htte Steinheim absichtlich eine Aeuerung machen wollen, die fr alle
Anwesende gleich verletzend wre, er htte keine bessere finden knnen. Seine
Frau und Frau von Meining waren Beide wohl um zwanzig Jahre jnger, als ihre
Mnner, und welch unangenehmen Eindruck Jenny und Walter durch die Behauptung
empfingen, bedarf keiner Erwhnung. Steinheim fhlte aber davon nichts, da er
die Verhltnisse der einzelnen Personen nicht kannte und fuhr, immer nur mit
sich beschftigt, fort: Es hat eine Zeit gegeben, in der ich auch an ein
Verschmelzen der Stnde, wo mglich gar an eine gleichmige Vertheilung der
Gter dachte und, von Eduard's Ueberspanntheit angesteckt, nur von Reformen und
von Weltverbesserungen trumte. Der Traum war kindisch, aber gttlich schn;
ich gestehe es, obgleich ich mich freue, daraus erwacht zu sein.
    Und was hat denn Ihre pltzliche Sinnesnderung bewirkt? fragte Walter.
    Herr Graf! die Zeit kommt auch heran, wo wir was Gut's in Ruhe schmausen
mgen, antwortete der Gefragte, sich selbst Beifall lchelnd. Dies Reformiren,
Politisiren und dergleichen schickt sich nur fr die Jugend, die Nichts zu
verlieren und Alles zu gewinnen hat. Zudem trieb der ewige Aerger, in dem solch
ein Parteikampf uns hlt, mir die Galle in's Blut, raubte mir den Schlaf und
htte mich zuletzt noch um Gesundheit und Leben gebracht, wenn mir nicht endlich
die Erkenntni gekommen wre, da es fr mich Zeit sei, den Liberalismus Andern
zu berlassen und fortan nur mir, der Literatur, die Ansprche an mich hat, und
meiner kleinen Frau zu leben, die mit meinem Entschlusse sehr zufrieden ist.
Gestehen Sie, Herr Graf! das ist das Vernnftigste, was man thun kann. Sie, ein
Edelmann aus altem Hause, werden es begreiflich finden, da ich, ein nicht
unbemittelter Brger, das Haupt einer Familie, mich aus Grundsatz zur uersten
Rechten halte und entschieden gegen Alles eifre, was gegen das Bestehende luft.
Der Unterschied der Stnde ist ein heiliger und mu aufrecht erhalten werden,
wie der des Besitzes und des Glaubens; und nur wenn das geschieht, kehrt sie
wieder: die goldne Zeit, womit der Dichter uns zu schmeicheln pflegt.
    Steinheim glaubte, als er das Schweigen der Gesellschaft, das entzckt
aufhorchende Gesichtchen seiner Frau bemerkte, des allgemeinen Beifalls sicher
zu sein und warf sich mit der Bravour einer Sngerin, die eine groe Arie
glcklich beendet hat und nun des Bravo harrt, in seinen Stuhl zurck. Umsonst!
Niemand rief ihm Beifall zu, die Frauen warfen einzelne Worte hin und nur Walter
sagte kurz: Ich bekenne Ihnen, da ich nicht Ihrer Meinung bin! als ob er es
nicht der Mhe werth hielt, sich in irgend eine nhere Errterung einzulassen.
Dann ging er schnell zu andern Dingen ber, fragte Steinheim nach seinen Reisen,
und bald war dieser auf ein neues Steckenpferd gebracht. Er sprach von den
Theatern, die er besucht, von der Art, in welcher der berhmte Seidelmann, den
Alle kannten, den Nathan dargestellt hatte, und erklrte dieselbe fr die
vollendetste Schpfung der Schauspielkunst.
    Der Kunst, bemerkte Walter, insofern sie der Natur entgegensteht, denn diese
fehlt den Schpfungen von Seidelmann, mehr oder weniger, fast immer.
    Wo fehlts nicht irgendwo auf dieser Welt? dem dies, dem das, recitirte
Steinheim, und Sie mssen doch eingestehen, da Lessing's Nathan ein Meisterwerk
ist, und da jener Schauspieler die Absicht des Dichters immer vollkommen
begreift und versinnlicht.
    In diesem Falle bestimmt nicht! sagte der Graf. Mir scheint, was die
Dichtung anbetrifft, Nathan der Weise berhaupt mehr eine groartige Allegorie,
ein didaktisches Gedicht, als ein darstellbares Schauspiel zu sein. In dem
Bestreben, die positiven Religionsunterschiede als unwesentlich darzustellen,
sobald die innere, wahre Religion vorhanden, hat Lessing den einzelnen
Reprsentanten der verschiedenen Confessionen ihren nationalen und durch den
Glauben bedingten Typus genommen, so da Saladin, der Templer und Nathan, drei
so ganz abweichende Charaktere, eine Art von protestantischer
Familienhnlichkeit bekommen. Das thut dem Interesse Abbruch, welches man an
ihnen nhme, wenn die Gegenstze schrfer gezeichnet wren. Dazu kommt noch, da
die Ruhe, mit der der Templer, der strengglubige Christ, sich als den
Abkmmling eines Muselmannes, den Bruder einer Jdin erblickt, etwas Unwahres
hat, wie der ganze Schlu, der nicht befriedigt - wenigstens auf der Bhne
nicht. Das Schauspiel unterhlt den Zuschauer nicht, so herrlich das Gedicht
ist, und wird durch den Darsteller noch langweiliger1.
    Madame Steinheim, die bis dahin fast kein Wort gesprochen, sondern sich mit
den Kindern beschftigt hatte, stimmte dem Grafen schchtern bei.
    Brutus! auch Du? rief ihr Mann, und drohte ihr mit dem Finger, in einer
Weise, die er fr schalkhaft zu halten schien.
    Madame Steinheim hat Recht! bekrftigte Walter. Gerade da liegt jenes
Schauspielers Fehler in dieser Rolle. Er ist nicht der schlichte, klare Mann,
der aus eigener Anschauung Gott, die Welt und den Menschen begriffen hat; nicht
der anspruchslose Weise, der sich seiner hohen Weisheit kaum bewut ist und sie
fr die natrlichste Erkenntni hlt - sondern ein selbstbewuter Gelehrter, der
seine Sentenzen im Kathedertone vortrgt, weil er ihre wichtige Bedeutung fhlt.
Deshalb stellt er sich jedesmal in Position, ehe er eine seiner moralischen
Behauptungen spricht und der Schein von Demuth, von Schlichtheit, mit dem er
sich umgibt, tuscht uns keinen Augenblick. Lessing dachte sich einen Erzvater
in heiliger, erhabener Einfalt und jener stellt uns einen Professor des
neunzehnten Jahrhunderts vor, der wohl fhlt, da er tausend Mal gescheuter sei,
als sein Auditorium, sich aber htet, es zu zeigen, weil er weltklug genug ist,
Niemand beleidigen zu wollen. Er erscheint feig und arrogant zugleich.
    Frau von Meining lchelte und stimmte dem Grafen bei, auch Jenny schien
seine Ansicht zu theilen.
    Dergleichen Reden hren sich gut an, doch hat es allerlei Bedenkliches
damit! sagte Steinheim. Vor Allem vergessen Sie nicht, da Nathan, der
Unterdrckte, der verachtete Jude, zu seinem Herrn und Unterdrcker spricht. Das
mag die bescheidene, fast furchtsame Weise seines Auftretens bei aller seiner
Selbstschtzung entschuldigen.
    Im Gegentheil! rief Jenny. Wenn er es fhlt, da er ein freier Mensch ist
vor den Augen des Schpfers, wenn er die Qual empfindet, unterdrckt, verachtet
zu sein, so mu ihn das nur stolzer gegen seinen Unterdrcker machen. Was kann
ein Mann wie Nathan frchten? - Ketten und Gefngni? Darber erhebt ihn sein
Selbstgefhl; - den Tod? Er hat sein Weib und seine Shne sterben sehen und Gott
getraut, er kann den Tod fr sich nicht frchten. Feigheit ist nur die Schwche
kleiner Seelen; wer sich wie Nathan frei empfindet, frchtet Niemand und fhlt
sich, selbst als verachteter Jude, den Besten gleich!
    Sei es, da Jenny durch Steinheim's frhere Behauptung ber die nothwendige
Gleichheit in der Ehe verstimmt worden war, oder da der Ausdruck verachteter
Jude, den er jetzt gebraucht, ihr in Walter's Anwesenheit unangenehm gewesen,
genug, sie fhlte einen Unmuth in sich, der ihr fast Thrnen erprete. Mit
ungewohnter Heftigkeit hatte sie die letzten Worte gesprochen und stand dann
schnell auf, um ihrem Vater entgegen zu gehen. Sie fiel ihm um den Hals und
kte seine Hnde: Du weiser Mann, Du armer verachteter Jude! sagte sie so
leise, da selbst ihr Vater die Worte nicht vernahm, der sich begrend zu
Steinheim wandte, heiter nach Nachrichten aus der Heimath fragte und Alle in die
Unterhaltung verwickelte. Nur Jenny war in tiefes Nachdenken versunken. Walter
bemerkte es und versuchte vergebens, in ihrer Seele zu lesen, als ein leichter
Windsto durch die Luft fuhr und Madame Steinheim unruhig auf ihren Gatten
blickte. Er schlug den Kragen seines Ueberziehers in die Hhe und rief: Wie
ras't die Windsbraut durch die Luft! Mit welchen Schlgen trifft sie meinen
Nacken! Weit Du, Hannchen! ich fhle ein Schnupfenfieber im Anzuge, und wenn
wir dies Baden-Baden nicht bald verlassen, stehe ich fr Nichts. Inde, wenn es
Dir hier gefllt ....
    Um Gottes willen, nein! sagte die kleine Frau ngstlich, und dann zu den
Damen gewandt: Es ist ganz prchtig in Baden und ich hatte gehofft, hier das
Badeleben kennen zu lernen, von dem man mir immer erzhlt; aber mein Mann hat so
erstaunlich reizbare Nerven und meinte gleich, die Luft in diesem engen Thale
wrde ihm nicht zusagen. Darum wollte ich nur, wir wren schon heraus und in
Ems, wo mein lieber Steinheim eine Cur zu brauchen denkt.
    Whrend dieser Rede war Steinheim aufgebrochen, hatte sich fest in seinen
Rock geknpft, seine kleine Frau an den Arm genommen und empfahl sich, Goethe's
Worte parodirend, also: Wir aber, die wir hier nur Fremde sind und hier nur
wenig Augenblicke weilten, wir kehren freudig und entzckt zurck, wenn wir Euch
in der Vaterstadt begren. Ihr zhlt uns zu den Euren und wir fhlen, welch
einen Vorzug uns dies Loos gewhrt.
    Bald war das ungleiche Paar den Blicken entschwunden. Der Diener mit dem
zusammengerollten Teppich folgte ihm in gemessener Entfernung auf dem Fue nach.

Eine grere Gesellschaft hatte sich am Abend bei Frau von Meining versammelt.
Es war das erste Mal, seit sie in Baden lebte, und sie hatte es Herrn Meier und
Jenny zur Pflicht gemacht, von der Partie zu sein, da sie dieselben mit einigen
Personen bekannt zu machen wnschte, die ihnen fremd waren. Die Gesellschaft war
ziemlich belebt, man hatte geplaudert, musicirt und die Geheimrthin forderte
Jenny auf, nun auch etwas zu singen. Bereitwillig ging diese aus dem Salon in
das Wohnzimmer, in der Hoffnung, unter den dort befindlichen Noten mehrstimmige
Sachen zu finden, weil sie glaubte, da dergleichen unterhaltender sein wrde.
Die Etagre, auf der die Noten lagen, stand hinter einer Thr, deren geffnete
Flgel Jenny verbargen, so da sie von einigen Personen, die in der Thr
standen, nicht gesehen werden konnte, obgleich kein Wort, das jene sprachen, fr
Jenny verloren ging.
    Was wird man jetzt singen? fragte eine alte Dame, deren Brust ein
Stiftskreuz zierte, einen jungen Attach der sterreichischen Gesandtschaft beim
Bundestage.
    Ich glaube, das Frulein Meier proponirte mehrstimmige Piecen! antwortete
der junge Mann.
    Sagen Sie mir, lieber Baron! die Meier's scheinen ja Juden zu sein, wie
kommt Frau von Meining und namentlich Graf Walter zu den Leuten? Man sagt, er
soll der unablssige Begleiter dieser Familie sein und man hlt ihn fr
extravagant genug, die Vermuthungen, von denen ich eben in dieser Rcksicht
hrte, wahr zu machen, sagte die Stiftsdame.
    Wie knnen Sie nur so etwas wiederholen, meine Gndigste! Graf Walter
gefllt sich allerdings darin, der Rotre gegenber den Liberalen zu spielen,
inde von der Thorheit, die Sie ihm zutrauen, eine Jdin zu heirathen, ist er
sicher fern. Die Meier ist hbsch und pikant. Die Galanterie eines Grafen wird
ihrer Eitelkeit schmeicheln und Sie wissen, die Freiheit des sogenannten
Badelebens entschuldigt Manches! schlo lachend der Baron.
    Athemlos und wie gelhmt stand Jenny da, den Kopf gegen eine Sule der
Etagre gelehnt, als Frau von Meining zu ihr trat, der ihr langes Ausbleiben
aufgefallen war. Erschreckt fuhr sie empor, fate sich aber gleich und sagte
anscheinend ruhig: Ich finde die Noten nicht und mchte berhaupt nicht singen,
wenn Du mich davon freisprechen wolltest. Aber davon wollte Frau von Meining
nichts hren. Mit den freundlichsten Bitten nthigte sie Jenny, an dem Flgel
Platz zu nehmen und wenigstens irgend ein Lied zu singen, um damit der
Gesellschaft ihren Tribut zu zahlen. Einen Augenblick schien Jenny nachzudenken,
sie mochte um die Wahl eines Liedes verlegen sein, dann war es, als ob ihr
pltzlich ein Gedanke kme, sie griff mit sicherer Hand ein paar Accorde und
begann Byron's Mdchen von Juda zu singen, das von Kcken so meisterhaft
komponirt ist. Ihre starke, metallreiche Stimme schien von dem Zorn in ihrer
Brust einen neuen Zauber zu gewinnen, die tiefste Trauer klang aus ihren Tnen
und als sie die zweite Strophe mit den Worten endete: O Vaterland s, o
Vaterland mein! wann wird dir Jehovah ein Rachegott sein? wagte Niemand zu
athmen und Alle standen wie festgebannt und beherrscht durch die Gewalt des
Zornes, der in diesen Tnen zu Gott rief und von ihm Rache erflehte. Dann ging
der Gesang wieder zu wehmthiger Klage ber, Jenny's Stimme wurde weicher, bis
sie nochmals mchtig erklang in den Worten: in Knechtschaft des Feindes der
Jude verlacht, und endlich matt in dem Wunsche erstarb: O Vaterland s, o
Vaterland mein! knnt ich nur im Tode vereinet dir sein.
    Die Rthe der Begeisterung, die whrend des Singens Jenny's Wangen gefrbt
hatte, war gegen das Ende des Liedes gewichen. Ruhig, aber angegriffen, stand
sie vom Instrumente auf. Kein lautes Zeichen des Beifalls war zu hren, in
Vieler Augen standen Thrnen; Andre sahen sich befremdet an. Sie schienen dunkel
zu ahnen, da ihnen hier, wo sie flchtige Unterhaltung zu finden gehofft, eine
Wahrheit entgegengetreten war, vor der sie erschraken, wie vor einem Gespenste,
das pltzlich am hellen Tage in die Reihen der Lebenden tritt. Selbst Walter und
Frau von Meining waren berrascht. So hatte der Graf Jenny niemals singen hren;
er, der ihre Seele kannte, htte sie beschwren mgen, ihm die Ursache des
Schmerzes zu vertrauen, der sie eben jetzt erschttert hatte. Er wollte und
mute sie sprechen, aber sie vermied seine Annherung und verlie bald, nachdem
sie gesungen hatte, die Gesellschaft.
    Walter begleitete sie aus dem Saale hinaus und benutzte einen Augenblick, in
dem ihr Vater im Nebenzimmer von einem Bekannten angeredet wurde, zu der Bitte,
Jenny mge ihm heute noch eine kurze Unterredung gestatten, an der sein Glck
und seine Hoffnung hnge.
    Ihr Glck, Herr Graf, antwortete Jenny, liegt auerhalb meiner Sphre und
Sie tuschen sich, wenn Sie es in meiner Nhe suchen! Glauben Sie mir das, und
dringen Sie nicht in mich! Sie reichte ihm bewegt die Hand zum Abschied und ging
am Arme ihres Vaters davon.
    Jenny's Gesang und ihre ganze Erscheinung waren, whrend dies in einem der
Nebenzimmer geschah, im Saale der Gegenstand der Unterhaltung geworden. Einige
priesen ihre Schnheit und Anmuth, andere fanden ihr Auftreten abstoend und
stolz, zu ernsthaft und selbstbewut fr ein Frauenzimmer; und ebenso groe
Meinungsverschiedenheit herrschte ber ihren Gesang.
    Die Stimme ist vortrefflich, bemerkte die Stiftsdame, aber es zeigt immer
von wenig Erziehung, sich und seine Gefhle so preiszugeben. Ich will gestehen,
es mag unangenehm genug sein, dem jdischen Volke anzugehren, inde ist es doch
nicht unsere Schuld, da Frulein Meier eine Jdin ist und sich dessen schmt,
und ich begreife nicht, mit welchem Rechte sie sich in der Gesellschaft in einer
Weise gehen lt, die fr meine Nerven zum Beispiel viel zu stark ist. Ich
versichere Sie, sie hat mich vllig krank gemacht!
    Viele stimmten ihr bei, schwiegen aber, als Frau von Meining sich dem Kreise
nherte, in welchem bald eine leichtere Unterhaltung den Eindruck verwischte,
den Jenny's Lied auf die Gesellschaft hervorgebracht. Nur Frau von Meining
dachte mit ngstlicher Besorgni an sie, und ihr entging es nicht, da auch der
Graf bald nach Jenny's Entfernung das Haus verlassen hatte.

Der Abend war schwl und dunkel, als Walter aus den glnzend erleuchteten
Zimmern der Geheimrthin in die nchtliche Dmmerung hinausschritt. Er hatte im
Laufe des Tages die Antwort seines Onkels erhalten, der es ihm nicht verbarg,
wie diese Verbindung mit Jenny entschieden gegen seine Ansichten und seine
Wnsche sei. Was ich aber nicht hindern kann, schrieb er, mag ich auch nicht
tadeln. Du bist unwiderruflich entschlossen und so wnsche ich von Herzen, da
Du in Deiner knftigen Gattin und in ihrer Liebe Ersatz finden mgest fr die
schweren, groen Opfer, die Du ihr bringen willst. Sobald Deine Verlobung
erklrt ist und Du mit Deiner Braut in unsere Gegend kommst, denke ich Dich zu
treffen, um das Mdchen kennen zu lernen, das Dir wrdig scheint, den Namen
einer Grfin Walter zu tragen, eine Ehre, um die manche hochgeborne Jungfrau sie
beneiden mchte. Frulein Meier wagt viel, indem sie sich auf diese Hhe stellt,
und Du wirst Muth und Energie brauchen, um sie dort zu halten. Aber das gerade
reizt Dich! Nun, so geschehe, was geschehen soll, und wir wollen sehen, wie man
der Angelegenheit die beste Wendung gibt.
    Durch diesen Brief von dem Versprechen gegen Herrn Meier befreit, Jenny
seine Liebe noch zu verschweigen, hatte er mit freudiger Bewegung den ganzen Tag
eine Gelegenheit gesucht, sie allein zu sprechen. Steinheim's Besuch, ihre
darauf folgende Verstimmung hatten es ihm aber unmglich gemacht, sich ihr zu
nhern und ihn genthigt, sie bei Frau von Meining um jene Unterredung zu
bitten, die sie ihm verweigert hatte. Niemand konnte weniger persnliche
Eitelkeit besitzen als Walter; inde war er sich der Vorzge bewut, welche ihm
seine Geburt und seine Verhltnisse vor vielen Mnnern gaben. Von Jugend auf
hatte man ihm wiederholt, wie er jedes Mdchen durch seine Bewerbung ehre und
berall waren die Frauen ihm in einer Weise entgegengekommen, die ihm eine
Besttigung fr jene Behauptung geboten. Jetzt liebte er mit aller Hingebung
seiner Seele. Jenny's frheres Betragen hatte in ihm die Hoffnung erweckt, da
sie seine Gefhle theile; er war bereit, sie gegen die Vorurtheile der vornehmen
Gesellschaft zu schtzen, deren Ansicht er gegen sich hatte, und sie verweigerte
sich ihm, obgleich sie seine Liebe kannte.
    Voll qulender Ungewiheit kehrte er endlich nach seiner Wohnung zurck; in
Jenny's Zimmer brannte Licht und ein Schatten bewegte sich an den Vorhngen hin
und her. Auch sie mute noch wach sein. Das mu anders werden, sagte Walter zu
sich selbst. Ich will, so theuer sie mir ist, weder um ihre Liebe betteln, wenn
sie mich ihrer unwerth hlt, noch ihren Frieden stren. Morgen ist sie mir
verlobt, oder ich sehe sie nie wieder! Trotz des mnnlichen Entschlusses seufzte
er, als er nochmals nach Jenny's Fenstern blickte, und eine Thrne verdunkelte
seinen Blick. War es der Gedanke, Jenny zu verlieren, oder das Gefhl gekrnkten
Stolzes, das sie erprete? Walter zerdrckte sie schnell, als schmte er sich
derselben und ging in das Haus, um auf seinem Lager, das der Schlummer floh, der
Geliebten und des kommenden Tages zu denken.
    Auch Jenny konnte keine Ruhe finden. In der ersten Emprung ihrer Seele
hatte sie, kaum heimgekehrt, sich ihrem Vater in die Arme werfen, ihm das
Erlebte mittheilen und ihn beschwren wollen, am folgenden Tage Baden mit ihr zu
verlassen. Aber der Gedanke, wie tief die Ueberzeugung ihren Vater schmerzen
wrde, da immer wieder der Fluch der Vorurtheile auf seinen Kindern ruhe, da
kein Alter und kein Verhltni sie davor schtze, nthigte sie zum Schweigen und
scheuchte sie in ihr Zimmer zurck, wo sie sich einsam ihrer Emprung und ihrem
Schmerze berlie. Sie konnte sich es nicht verhehlen, sie liebte Walter; nicht
mit der strmischen Glut der Leidenschaft, die sie fr Reinhard einst gefhlt,
sondern mit jener ruhigen Zuversicht, die an der Brust des Geliebten zwar nicht
den Himmel jugendlicher Hoffnung, aber eine sichere Zuflucht in allen Strmen
des Lebens erwartet. Sie wute, wie theuer sie ihm sei, sie konnte sich in den
lieblichsten Farben eine Zukunft an seiner Seite denken und hatte ihre Hoffnung,
ohne es zu wissen, bereits an diese Zukunft geknpft. Das fhlte sie an dem
Schmerz, den der Gedanke, sich von Walter trennen zu mssen, in ihr hervorrief.
Aber diese Trennung stand jetzt als Nothwendigkeit vor ihr. Die Aeuerungen
Steinheim's am Morgen und die Unterhaltung, deren Zuhrerin sie am Abend gewesen
war, hatten ihr gezeigt, was sie ohnehin fhlte, da sie Walter, indem sie seine
Hand annehme, in den Kampf verwickle, den sie als Jdin gegen die Meinung der
Menge zu bestehen hatte.
    Ich war stark genug, sagte sie, noch ein halbes Kind, meiner Liebe zu
entsagen, um Frieden mit mir selbst zu haben, und sollte nicht Kraft besitzen,
fr Walter ein Gleiches zu thun, fr ihn, der mir ein so groes Opfer bringen
will? Nein! Den Leidenskelch, der mir vom Schicksal bestimmt ist, will ich
allein leeren. Ich will Walter wiedersehen, ich will ihm morgen sagen, da ich
nie die Seine werde, weil ich ihn liebe, und mir wenigstens den Trost erhalten,
sein Leben nicht verbittert zu haben.
    Man hatte verabredet, am nchsten Tage die Fahrt nach Gernsbach zu machen,
um mit dem Vater der jungen Frau, deren Beschtzerin Jenny geworden war,
Rcksprache zu nehmen, und man wollte in zwei leichten Kaleschen fahren, da die
Ungleichheit des Weges einem groen Wagen manche Schwierigkeiten bot. Noch am
Abend hatte Jenny's Vater Frau von Meining aufgefordert, einen Platz in seiner
Kalesche anzunehmen, und Jenny wute also, da sie mit Walter fahren wrde.
Diese Gelegenheit wollte sie benutzen, sich gegen ihn zu rechtfertigen, und ihm
begreiflich zu machen, da sie scheiden mten. Auch Walter hatte seine
Hoffnungen auf diese Fahrt gesetzt und war unangenehm berrascht, als am Morgen,
nachdem die Wagen vorgefahren waren, der kleine Richard Jenny beschwor, ihn mit
sich zu nehmen. Anfangs schlug Jenny es ihm ab, aber der kleine Schmeichler
schlang seine Arme um ihren Hals und rief weinend: Jenny! Du hast mir's ja
gestern versprochen und hast Mama versprochen, da Du mich immer mitnimmst, und
Du sagst, man mu Wort halten. Ich bitte Dich, Tante! nimm mich mit, ich werde
ganz artig, ganz artig sein.
    Wollte sie die Absicht, mit Walter allein zu sein, nicht verrathen, so war
es nicht mglich, dem Knaben die Bitte abzuschlagen, da sie ihm dieselbe
wirklich am vorigen Tage zu erfllen versprochen hatte. Ebenso wenig konnte sie
daran denken, ihn in den Wagen ihres Vaters zu weisen, dem die Unruhe des
lebhaften Kindes bei solchen Fahrten lstig war. Sie mute sich also, wenn auch
nicht gern, dazu entschlieen, Richard in Walter's leichtem Wagen mit sich zu
nehmen, der, mit des Grafen muthigen Pferden bespannt, schnell einen so
bedeutenden Vorsprung gewann, da sie den Wagen ihres Vaters bald nicht mehr
erblickten.
    Der Morgen war prchtig, die schnelle Fahrt durch die wunderschne Gegend
erheiterte Jenny's Seele. Zu jener Unterredung, zu der sie sich die Nacht
hindurch mit Kraft und Muth gewaffnet hatte, lie die Anwesenheit des Knaben es
nicht kommen, der bald Deutsch, bald Englisch sein Entzcken aussprach, nach dem
Namen jedes Dorfes fragte, an dem man vorber fuhr und im Wagen aufspringend mit
seiner Schmetterlingsscheere nach den Schmetterlingen haschte, welche frhlich
gaukelnd durch die Lfte flogen. Sagte man ihm, sich ruhig zu halten, so fiel er
Jenny um den Hals, fragte, ob er denn nicht artig sei, versprach, sich gleich
besser zu betragen, und war einen Augenblick darauf zu der ausgelassensten
Frhlichkeit und Unruhe zurckgekehrt.
    Wie dies frhliche Kind mit der heitern Natur zusammenpat, die uns umgibt,
sagte Walter, der mit Vergngen den schnen krftigen Knaben betrachtete. Wir
sind fraglos Alle erschaffen, um so glcklich zu sein; und wird einst jenseits
eine Rechenschaft von uns gefordert, so wird uns sicher jede Stunde, die wir
durch unsere Schuld an Glck verloren, als eine Snde ausgelegt werden.
    Es kommt darauf an, erwiderte Jenny, was Sie unsere Schuld nennen, und ob
...
    Jenny! wie heit der Flu? fragte der Knabe, sie unterbrechend, als man eben
jetzt eine freie Stelle erreicht hatte und die Murg sichtbar ward, an deren
hohem Felsenufer der Weg nach Gernsbach hinfhrt. Je nher man diesem Stdtchen
kommt, je steiler werden die Abhnge des Weges. Die ganze Gegend hat einen
ernstern Anstrich, man kommt in die Hhen des Schwarzwaldes, die tiefer ins Land
hinein bei Vorbach, wo jene bekannten Holzschwellungen statthaben, einen fast
schauerlichen Charakter gewinnen.
    Jetzt fuhr man an dem linken Ufer der Murg dahin und Jenny konnte sich eines
leichten Schwindels nicht erwehren, wenn sie von der Hhe, auf der die Strae
gebahnt ist, hinab sah in das dunkle Wasser des Bergstromes, das hart an dem
Fue der steilen Felswand hinfliet. Das ununterbrochene Steigen und Fallen des
Weges brachte natrlich auch eine groe Abwechslung in der Schnelle des Fahrens
hervor, da die Pferde bald langsam eine Hhe hinaufstiegen, bald sie in Eile
hinunterliefen, woran Richard eine unsgliche Freude zu finden schien. Endlich
hatte man den hchsten Punkt der Strae erreicht, von wo sie sich zu einer Tiefe
senkt, welche die Anlegung von Hemmschuhen, auch fr das leichteste Fuhrwerk und
selbst bei den strksten Pferden nthig macht. Der Kutscher stieg ab, um diese
Vorkehrung zu treffen und Richard erbat sich die Erlaubni, zwischen Jenny und
Walter auf den Sitz zu steigen, um zuzusehen, wie jener die Ketten losmachte,
die Rder in die Hemmschuhe hob und dann zu den Pferden zurckkehrend, dem
Diener die Zgel abnahm und vorwrts fuhr.
    La mich da stehen bleiben, Jenny! sagte der Knabe, und zusehen, wie faul
die Rder nun sind! Ach! rief er dann, indem er sich mit der
Schmetterlingsscheere in der Hand hinberbog, als ob er sie antreiben wollte:
Ich werde euch laufen lehren!
    In dem Augenblick hrte man ein leises Klirren und Richard rief frhlich:
Hei, wie die Dinger nun fortfliegen! Die Kette des einen Hemmschuhes war
gerissen, das andere Rad war durch die pltzliche Bewegung des Wagens aus dem
Gleise gesprungen und mit frchterlicher Schnelle flog die Briczka der Tiefe zu,
ohne da die Anstrengungen des Kutschers etwas gegen die Schnelligkeit
vermochten, mit welcher der Wagen auf die Pferde eindrang, was sie natrlich zu
verdoppeltem Laufe antrieb. Ein Sturz der Pferde, ein Fehltritt nur, und der
Wagen, aus der Richtung gekommen, lag zerschmettert am Fue der Felsen in den
Wellen der Murg! Niemand, auer dem jubelnden Knaben, konnte sich es verbergen,
wie drohend die Gefahr sei.
    Das Kind, das Kind! schrie Jenny, als sie das Unheil bemerkte, und zog mit
Walter's Beistand den Knaben zu sich herunter, den sie in Todesangst an sich
prete.
    Walter sah unverwandt auf die Pferde hin. Er hatte seinen Arm wie schtzend
um Jenny gelegt und sagte: Keinen Laut! keinen Schrei! ich beschwre Sie! Dann
zum Kutscher gewandt: Halte die Zgel kurz, sieh nicht zur Seite! halte die
Pferde fest, halte sie fest! und wir sind gerettet! Aber so ruhig er sich zu
scheinen zwang, seine Stimme bebte, sein Gesicht war todtenbla, als endlich der
Wagen in der Tiefe still stand, als der erschpfte Kutscher die Zgel hngen und
die Pferde stehen und sich verschnaufen lie.
    Walter's erster Gedanke, sein erster Blick galt Jenny. Sie war leblos, aus
einer kleinen Stirnwunde blutend, zurckgesunken und ihre Arme hatten den Knaben
losgelassen, der sie jetzt weinend umfat hielt. Bei der Hast, mit der sie das
Kind an sich gedrckt, hatte der eiserne Griff der Schmetterlingsscheere Jenny's
Stirne mit so heftigem Schlage getroffen, da er die Haut zerri, ohne da Jenny
in der entsetzlichen Aufregung des Momentes die Verwundung oder das
herabtrpfelnde Blut bemerkte. Nur des einen Gedankens, das Kind zu retten, das
man ihr anvertraut hatte, war sie sich bewut gewesen, und als mit dem
Stillestehen der Pferde die furchtbare Angst von ihr gewichen, war sie, von
einer in Seelenleiden durchwachten Nacht schon ohnehin angegriffen, ohnmchtig
zusammengebrochen. An eine augenblickliche Hlfe war hier nicht zu denken; kein
Haus in der Nhe, und wie weit der zurckgebliebene Wagen noch entfernt sei,
lie sich nicht berechnen. Mit zitternder Hand legte Walter ein Tuch um Jenny's
Stirne, nahm die ganz Bewutlose in seine Arme und befahl dem Kutscher, so
schnell als mglich vorwrts zu fahren, um Gernsbach zu erreichen, damit man das
Nthige fr Jenny herbeischaffen knnte.
    Wie hatte er gewnscht, die Geliebte in seine Arme zu schlieen, sie an
seiner Brust zu halten! Jetzt war sein Sehnen erfllt und doch wie anders als er
es gehofft! Mit unaussprechlicher Liebe hingen seine Augen an Jenny's bleichen
Zgen, er versuchte durch Reiben ihre Hnde zu erwrmen, und wer schildert sein
Entzcken, als ein leiser Schimmer von Rthe, ein schwacher Athemzug die
Wiederkehr des Lebens anzeigten, als Jenny endlich langsam die groen dunkeln
Augen aufschlug, den Knaben mit sanftem Lcheln anblickte und dann still weinend
wieder an des Grafen Brust sank. Seiner selbst nicht mchtig, drckte er sie an
sein Herz und erwrmte mit seinen Kssen ihre kalten Lippen.
    Warum weinst Du noch? Warum kt Dich Graf Walter? fragte der Knabe,
ungeduldig das ihm peinliche Schweigen brechend.
    Weil Jenny meine Braut ist, weil wir uns freuen, da wir dem Tode entgangen
sind, antwortete ihm Walter, strahlend vor Liebe und Wonne, weil nun ein
schnes, glckliches Leben vor uns liegt! Komm, Richard, komm! Du mut unsere
Freude theilen, denn auch ber Dir, geliebtes Kind! hat die Hand des Todes
geschwebt; komm, ksse auch Deine Jenny, ksse meine Braut!
    Und Jenny? Bei des Knaben erster Frage hatte sie sich von Walter's Brust
emporgerichtet, beschmt ber das Gestndni, welches sie demselben in ihrer
Schwche gemacht, als sie Ruhe suchend, sich an ihn, wie an ihren anerkannten
Beschtzer lehnte. Jetzt stieg der Gedanke an die Trennung von dem Grafen wie
ein dsterer Schatten vor ihrem Geiste auf, sie wendete sich ab von dem
Geliebten und barg mit einem tiefen Seufzer das Gesicht in ihren Hnden. Aber
Walter's Stimme, die Freude und Liebe, die aus seinen Worten klang, machten ihr
innerstes Herz erbeben, und als er zrtlich sagte: Du wendest Dich fort von mir?
vermochte sie nicht zu widerstehen, reichte ihm beide Hnde hin und sagte: Ich
habe es gewollt, ich wollte Dich meiden, weil mir Dein Glck theurer ist als
meines! Gott will es anders - wir leben noch! so will ich denn auch fr Dich
leben fr und fr!
    Jenny's Hand in der seinen, Richard auf seinen Knien haltend, so langte
Walter vor dem Gasthause in Gernsbach an, wo man ihn schon kannte, da er frher
mehrmals auf seinen Streifereien hier eingesprochen war. Er und der Diener
halfen Jenny aus dem Wagen, der Graf verlangte nach einem Arzt fr sie, aber sie
versicherte, da sie weder eines Arztes, noch irgend eines Beistandes bedrfe.
Nur der Kopf ist mir ein wenig schwer, sagte sie, whrend sie die Binde von der
Stirne nahm, mir ist, als htte ich zu tief und zu lange geschlafen - und
wirklich wei ich kaum, ob ich erwacht bin, oder ob ein schner Traum mich noch
umfngt.
    Frau Grfin sollten doch den Doctor kommen lassen! sagte die geschftige
Wirthin und rief damit eine flchtige Rthe und ein freundliches Lcheln auf
Jenny's Wangen hervor, das Walter unendlich glcklich machte. Arm in Arm harrten
sie der Ankunft ihres Vaters, der mit Ueberraschung sie in dieser Stellung sah,
und, als er den Vorgang erfahren, als Walter ihn an sein Versprechen erinnert
und dessen Erfllung verlangt hatte, tief bewegt sein Kind segnete, das in so
groer Gefahr ihm erhalten war und nun einer glcklichen Zukunft entgegenging.
    Herr Meier und Frau von Meining allein genossen der Reize, welche Gernsbach
und das schne Schlo Eberstein schmcken. Walter und Jenny sahen nur sich, und
whrend jene sich der kstlichen Aussicht erfreuten, die man aus den Fenstern
jenes Schlosses ber das ganze Thal geniet, sa das Brautpaar am Fue des
Berges in dem Schatten einer Laube und Jenny erzhlte dem Geliebten, wie sie
noch gestern ihn habe beschwren wollen, sie zu verlassen, und wie schwer ihr
der Entschlu geworden, weil sie ihn so lieb, so herzlich lieb habe. Alle ihre
Besorgnisse sprach sie ihm offen und frei aus, selbst jenes Gesprch der
Stiftsdame theilte sie ihm mit, das sie so tief verletzt hatte, und fragte: Wird
es Dich nie schmerzen, wenn Du Aehnliches hren mtest?
    Niemals! sagte Walter entschieden. Glaube mir! Habe ich es je als ein Glck
empfunden, auf den Hhen des Lebens geboren zu sein, so war es, weil von dieser
Hhe aus, mir jene Vorurtheile, die den Sinn der Menge verwirren, stets so gar
klein und thricht erschienen sind, weil dieser Standpunkt unser Thun und
Handeln sichtbar und zur Richtschnur fr viele Andere macht. Ich bin stolz
darauf, Dich, Du Geliebte, mit der Grafenkrone zu schmcken, zu zeigen, da mir
Dein Besitz mehr gilt als alle Wrden der Welt; und kein Tadel kann mich
verletzen, da ich wei, da nie ein herrlicheres Weib unsern alten Namen
getragen hat als Du!
    Und Dein Onkel? Deine Angehrigen? Werden sie mich willkommen heien, werden
Sie gleich Dir denken? wandte Jenny ein.
    Mein Onkel ist ein edler Mann und hat wie ich nicht mit dem Leben zu ringen
gehabt; wir fanden unsern Platz bereitet. Darum wrdigt er, gleich mir, die
Stellung, die das Verdienst unserer Voreltern uns erworben; aber er ehrt auch
die Wrde Desjenigen, der sich selbst erst seine Welt erschaffen mu. Je freier
ein edler Mensch sich selbst empfindet, je weiter wird sein Herz, je lebhafter
emprt er sich gegen Fesseln, die man den Andern anlegt, gegen Unterdrckung und
Unrecht. Mein Onkel billigte meine Wahl nicht, ich gestehe Dir das ein, weil sie
die alte Sitte unsers Hauses gegen sich hatte; nun sie unwiderruflich ist und
mein Glck begrndet, wird er Dich lieben, wenn er Dich sieht, und gerade in ihm
wirst Du wie ich ihn kenne, einen Freund und Beistand finden.
    In solchen Gesprchen und in frhlichen Entwrfen fr die Zukunft flogen die
Stunden vorber, und der Vater mute Jenny endlich daran erinnern, welche
Absicht sie hieher gefhrt.
    Wie leicht mit Glcklichen zu unterhandeln sei, das hatte der Vater der
kranken jungen Frau bald rhmend zu erkennen. Was er irgend verlangte, wurde ihm
schnell und gern gewhrt. Man kam berein, ihm eine Summe zur Erweiterung seines
Gewerbes anzuvertrauen, whrend man fr die Tochter und ihr Kind ein Kapital
festsetzte, hinreichend, sie unabhngig von ihrem Vater zu unterhalten, der
unter diesen Verhltnissen nicht anstand, der Tochter und dem Enkel sein Haus
wieder zu ffnen, in das sie nach wenig Tagen einziehen sollten.
    Erst spt am Tage fuhren die Glcklichen nach Baden zurck, wo eine neue
Freude ihrer harrte in den Briefen, die aus der Heimat angekommen waren. Wie der
Vater es vorausgesehen, hatte Eduard sich der Verbindung Jenny's mit Walter
gefreut, von deren Wahrscheinlichkeit Jener ihn benachrichtigt hatte. Er sah
darin unwiderleglich den Triumph der Vernunft ber die Vorurtheile, deren
Bekmpfung sein Lebenszweck geworden, und whrend diese Heirath Jenny's Glck
begrndete, gewann sie fr Eduard einen Bundesgenossen, der aus Rcksicht auf
sein eigenes Interesse und seine eigene Ehre, knftig die Rechte der Juden
vertreten mute, wo sie irgend angefochten wurden. Eduard meldete noch, da
Ferdinand hergestellt und in den Kreis seiner Familie zurckgekehrt sei, was
auch ein Brief von William und Clara wiederholte, die Beide in den wrmsten
Ausdrcken von dem Danke sprachen, zu dem sie Eduard verpflichtet wren. Sie
nannten ihn den Grnder ihres Glckes, eines Glckes, dem jetzt nur die
Anwesenheit ihrer Kinder fehle, um ein ganz vollkommenes zu sein, und Clara bat
Jenny und den Vater, ihre Abreise von Baden wo mglich zu beschleunigen, weil
sie sich nach den Kindern sehnte.
    Da nun ohnehin die Zeit, welche Frau von Meining gewhnlich in Baden
zuzubringen pflegte, sich bereits ihrem Ende nahte, so entschied man sich,
Clara's Bitte nachzukommen und Baden etwas frher zu verlassen, als man es
beabsichtigt hatte.

Ueber der Meier'schen Familie, die wir durch wechselnde Erlebnisse begleitet,
schien nun ein gnstiges Gestirn in ruhiger Klarheit zu leuchten. Vereint mit
Frau von Meining und Walter hatte man Baden verlassen, die Erstere fast bis in
ihre Heimat begleitet, und nachdem man die Kinder wohlbehalten in Clara's Arme
gefhrt, hatte Jenny freudigen Herzens an Walter's Seite ihr vterliches Haus
betreten. Die vollste Eintracht verband ihre Familie mit der Horn'schen. Eduard
schien in dem Glcke seiner Schwester, in der Freundschaft William's und Clara's
den frhlichen Sinn seiner frhesten Jugend wiederzufinden und gab sich von
ganzer Seele dem Vertrauen hin, mit dem Walter ihm brderlich entgegenkam.
Mnner wie Eduard und der Graf muten sich leicht verstndigen, da ihre
Gesinnungen, wenn auch von verschiedenen Punkten ausgehend, sich am Ziele
begegneten, und selbst die Ankunft von Walter's Onkel, deren Jenny bisweilen mit
Scheu gedacht hatte, trug nur dazu bei, ihr Glck zu erhhen. Eine gewisse
vornehme Zurckhaltung, welche der alte Graf bei der ersten Begegnung mit Jenny
und ihrer Familie beobachtete, war vor Jenny's Liebenswrdigkeit und der ruhigen
Wrde ihrer Angehrigen bald gewichen. Schon nach wenigen Tagen, in denen sie
die volle Liebe des alten Grafen gewonnen hatte, sagte er, als er sich Abends
mit Walter allein befand: Da es einmal nicht zu ndern ist, bekenne ich Dir, Du
httest schlechter whlen knnen, als dies Mdchen, die, ihre Geburt
abgerechnet, eine wahre Perle unter den Frauen ist. Aber folge mir! heirathe sie
bald. Es klingt mir doch nicht angenehm, Deinen Namen immerfort mit dem dieser
brigens wackern Familie vereinigt nennen zu hren. Ist Jenny Deine Frau, so
hrt das natrlich auf und die Grfin Walter ist leichter gegen jede Einwendung
zu souteniren als das Frulein Meier. Sage dem lieben Mdchen, da ich es wohl
mit ihm meine und darum die Beschleunigung Eurer Ehe wnsche. Ich denke den
Vater schnell zu berzeugen, da es fr Euch das Beste ist, wenn Ihr bald als
Mann und Frau auf Deine Gter geht und dort verweilet, bis Alles in die Residenz
zurckkehrt, wo ich Euch erwarten will, um bei Eurem ersten Auftreten in unsern
Kreisen mit dabei zu sein.
    Obgleich die Wichtigkeit, welche der alte Graf auf die Ausfhrung dieses
Planes legte, Walter bertrieben schien, stimmte er doch so wohl mit seinen
eigenen Wnschen zusammen, da er bereitwillig darauf einging, und man erlangte
von Herrn Meier das Versprechen, Jenny's Hochzeit mit Walter schon in den ersten
Tagen des Novembers zu feiern. Der Onkel - wie wir den alten Grafen mit Walter
nennen wollen - der Onkel selbst machte fast berall den Begleiter und
Beschtzer der Verlobten, deren Gesellschaft ihm das lebhafteste Vergngen
gewhrte. Bisweilen fiel es ihm wohl auf, wie er jetzt ganz auer seinem
gewohnten Kreise, in der Mitte einer jdischen Familie lebe und sich ganz
behaglich dabei fhle, dann aber beruhigte er sich mit dem Gedanken, da es
vernnftig sei, gute Miene zum bsen Spiel zu machen, und da seine Pflicht ihm
gebiete, den Schritt, den sein Neffe nun doch gethan habe, gleichsam durch die
Anerkennung zu rechtfertigen und zu heiligen, die er der knftigen Grfin Walter
schon jetzt bewies. Er hatte erklrt, bis zur Hochzeit seines Neffen in der
Stadt bleiben zu wollen, und unbeschftigt, wie er es war, betrieb er
angelegentlich die Besorgung der Equipagen, des Silbergerthes und alles Dessen,
was sonst noch zur vollstndigen Einrichtung des knftigen Haushaltes gehrte;
oder er besuchte, da die Jagdzeit begonnen hatte, die Edelleute seiner
Bekanntschaft, die in der Nhe ihre Besitzungen hatten.
    So war man in die letzten Tage des Oktobers gekommen, als der Onkel, whrend
sie im Meier'schen Hause zu Mittag aen, seinen Neffen aufforderte, ihm zum Dank
fr die Mhe, welche ihm die Besorgung der neuen Einrichtung verursachte, auch
seinerseits gefllig zu sein und ihn zu einem Freunde zu begleiten, der am
nchsten Tage eine Jagdpartie veranstalten wollte, zu der er auch die beiden
Grafen eingeladen hatte. Walter antwortete Anfangs ausweichend, aber der alte
Herr wollte keine Entschuldigungen annehmen und sagte zu Jenny: Ich bitte Sie,
Tchterchen! legen Sie ein gutes Wort fr einen alten Onkel ein, der Ihrem
Brutigam einst die erste Flinte in die Hand gab, und sich wieder einmal an den
Knsten seines Schlers erfreuen mchte.
    Was wollte Walter machen? Er mute die Einladung des Greises annehmen,
dessen bittender Ton sonderbar gegen seine befehlende Haltung abstach, und man
stand von der Tafel auf, weil der Graf schon in der Dmmerung auf das Land zu
fahren wnschte, um vor der Nacht bei seinen Freunden einzutreffen.
    In lebhafte Diskussionen ber eine Maregel der Regierung vertieft, saen
nach dem Mittagsessen die beiden alten Herren, ihren Kaffee trinkend, vor der
Flamme eines Kamins, whrend Walter mit seiner Braut in der Brstung eines
Fensters stand und Eduard und Joseph die neuesten Zeitungen durchflogen.
    Ich fahre ungern hinaus! sagte Walter. So sehr ich die Jagd liebe, so wenig
sagt mir gerade diese Gesellschaft zu, die mich auerdem ein paar Tage von Dir
trennt.
    Wie wre es, fragte Jenny, wenn ich den Onkel bte, Dich mir und meinem
Vater zu lassen, da wir ja doch kaum noch eine Woche bei ihm bleiben?
    Nein! la das, Beste! antwortete der Graf, und am Ende mssen wir diese
kleine Trennung, die uns gerade jetzt so unangenehm ist, wie ein Opfer
betrachten, das wir den Gttern bringen, damit sie uns nicht beneiden. Wir sind
zu glcklich gewesen bis jetzt und haben ja die ganze Zukunft vor uns!
    Sage das nicht Walter! bat Jenny; es klingt so sicher und wer ist des
nchsten Tages nur gewi?
    Aberglubisches Kind! schalt der Graf, indem er sie an sich zog. Warum
sollte das Schicksal, das mich von Jugend auf begnstigte, mir jetzt seine Huld
entziehen, da ich sie mit Dir zu theilen denke? Sei nicht bange, Geliebte! und
vertraue mit mir meinem alten, wohlbekannten Glck!
    Indessen hatte Eduard von der Zeitung aufgesehen und blickte mit Freude auf
das Brautpaar hin: Schade, da die Mutter das nicht sieht! sagte er leise zu
Joseph, da sie nicht sieht, welch eine Zukunft Jenny's harrt, und wie froh der
Vater sich in ihrem Glcke fhlt! Wie wrde sie Theil nehmen auch an den
Hoffnungen, die ich jetzt fester als jemals in mir hege; die vielleicht bald zu
schner Wahrheit werden!
    Weit Du, was noch bis dahin geschieht? entgegnete Joseph in seiner
gewohnten Art. Den Todten ist am wohlsten, la sie ruhn.
    Unangenehm durch diese Worte in seiner heitern Stimmung berhrt, stand
Eduard auf und trat zu dem alten Grafen, der sich eben zum Fortgehen anschickte
und Walter aufforderte, ihn zu begleiten. Herzlich nahm dieser Abschied von
seiner Braut; es war die erste Tage lange Trennung seit ihrer Verlobung, Jenny
geleitete ihn bis in das Vorzimmer hinaus.
    Also zwei Tage, Walter! sagte sie, lnger bleibst Du nicht fort. Hren Sie,
lieber Onkel! Keine Stunde lnger borge ich Ihnen Walter und Sie selbst bringen
mir ihn wieder! - rief sie den Scheidenden zu.
    Auf mein Wort! antwortete der alte Graf, als er mit seinem Neffen davonging.
    Es war noch hell am Tage und Walter bat seinen Onkel, da sie noch Zeit
htten, mit ihm in den Laden des Juweliers zu treten, bei dem er den
Brautschmuck fr Jenny bestellt hatte, der noch einiger Abnderungen bedurfte.
Dort fanden sie einen Edelmann, der frher mit Walter in demselben Regimente
gedient hatte, und nun nach Jahre langem Aufenthalt an verschiedenen Hfen
Europa's nach Deutschland zurckgekehrt war.
    Verwundert, die beiden Grafen Walter hier zu sehen, wo sie weder Angehrige
noch Besitzungen hatten, fragte Jener, whrend der alte Graf mit dem Juwelier in
ein Nebenzimmer ging, wo Jenny's knftiges Silbergerth aufgestellt war: Welch
ein Zufall fhrt Sie in diese Stadt, lieber Graf?
    Ich bin meiner Braut von Baden-Baden hieher gefolgt, und bleibe bis nach
unserer Hochzeit hier!
    Sie sind Brutigam? fragte der Baron, und mit wem?
    Meine Braut ist ein Frulein Meier, die Tochter des Bankier Meier.
    Ah, scherzen Sie nicht, ein Judenmdchen? rief der Baron lachend.
    Was fllt Ihnen daran auf? fragte Walter herb und scharf.
    Oh! Ihre Verhltnisse sind zu gut arrangirt, antwortete Jener noch immer
lachend, als da Sie solche Heirath machen knnten.
    Sie hren aber, da ich sie mache! sagte Walter, heftig auffahrend, und
werden gut thun, Ihre Verwunderung auf sich selbst zurckzuwenden, denn ich
finde sie unverschmt.
    Der Baron wollte in demselben Tone antworten, als der alte Graf mit dem
Juwelier in das Zimmer und, ohne die Veranlassung des Streites zu kennen,
zwischen sie trat. Keine Scene, meine Herren! - sagte er gebietend, aber leise.
Sie wissen, wo Sie sich finden, was braucht es weiter? - Und, indem er dem
Goldarbeiter ruhig noch einige Befehle gab, verlie er am Arme seines Neffen den
Laden und den zurckbleibenden Baron.
    Was hat es da gegeben? fragte er. Der Neffe berichtete aufgeregt, was
geschehen sei. Der alte Herr schttelte das Haupt: Das war es, was ich
frchtete! Dergleichen konnte nicht ausbleiben! sagte er, wie zu sich selbst.
Dann zu Walter sich wendend: und was willst Du thun?
    Knnen Sie noch fragen? antwortete dieser. Der Unverschmte soll mir
Genugthuung geben fr die Beleidigung. Ich eile, einen meiner Freunde
aufzusuchen. Ich werde Sie nicht hinausbegleiten, Onkel!
    Ruhig, ruhig, Walter! sagte der alte Graf. Ich werde eben so wenig
hinausfahren. Die Angelegenheit ist sehr fatal! Aber sie mu ernst und rasch
beseitigt werden, darin stimme ich Dir bei. Es ist das Beste, Du weisest jede
Vermittelung ab, zeigst gleich jetzt, da Du in der Beziehung keinen Scherz
verstehst, und damit man erfhrt, wie Deine Familie die Sache ansieht, will ich
selber Deinen Secundanten machen. Das Handwerk ist mir freilich etwas fremd
geworden - inde ich finde mich wohl noch zurecht.
    Walter drckte dem vterlichen Freunde die Hand, der seine Unruhe scherzend
verbergen wollte, und nahm dankbar sein Erbieten an.
    Die Herausforderung lie auch nicht auf sich warten, und Walter bat seinen
Onkel, es so einzurichten, da sie sich am nchsten Morgen schon treffen
knnten. Er selbst wolle seine Angelegenheiten ordnen und den Abend dann bei
Jenny zubringen. Aber sein Onkel rieth ihm davon ab. Er stellte ihm vor, da
Jenny ihn nicht erwarte. Wozu eine unnthige Rhrung, sagte er, die sie
beunruhigt und Dich aufregt. Ihr jungen Herren der jetzigen Zeit nehmt solche
Dinge viel zu schwer. In meiner Jugend war das anders! Doch will ich Dich nicht
hindern, Deine Angelegenheiten, wie Du es nennst, zu ordnen. Nur zu Jenny gehe
nicht! Du siehst sie ja morgen wieder, sei es, da Dir ein kleiner Aderla
zugedacht ist, oder da Du so davon kommst, und Du gehst ruhiger an die Sache,
wenn Du Deine Braut ganz unbesorgt weit.
    Diese Einwendungen berzeugten Walter und er fgte sich ihnen willig.

Jenny schlief am Morgen ruhig, von anmuthigen Trumen gewiegt, als man gegen die
Gewohnheit sie aufzuwecken kam. Verwundert fragte sie, was man verlange, da der
Eintritt ihres Vaters und Eduard's sie ein unerwartetes Ereigni ahnen lieen.
    Jenny! sagte ihr Vater, kleide Dich schnell an, Du sollst heute zeigen, da
Du die Seelenstrke hast, die wir Dir zugetraut. Walter ist erkrankt und
verlangt nach Dir!
    Er ist todt! - rief Jenny, berwltigt von dem jhen Schreck.
    Nein, er lebt! antwortete Eduard, aber er ist schwer verwundet auf der Jagd,
und auf seinen Wunsch hat man ihn hierher gebracht!
    Wenig Augenblicke darauf kniete Jenny an dem Lager des Geliebten. Er kannte
sie noch, dies bewies der Blick voll Liebe und Trauer, mit dem er sie begrte,
die matte Bewegung, mit der er seine Hand auf ihr Haupt legte, als sie neben ihm
niedersank. Aber der Jammer auf den Gesichtern der Anwesenden, die Ruhe und
Unthtigkeit, welche in dem Zimmer herrschten, sagten ihr deutlich, da hier
keine Hoffnung sei, da sie an einem Sterbebette stehe. Des Grafen mdes Haupt
ruhte wieder an ihrer Brust, unverwandt hing ihr Blick an den Zgen des
Geliebten, keine Thrne kam in ihre Augen, keine Klage entschlpfte ihren
Lippen. Ihr stummer Schmerz beunruhigte die Anwesenden, und mit den Worten:
Jenny! so mute ich mein Wort lsen! - versuchte der alte Graf, so tief er
selbst gebeugt war, die Unglckliche aus ihrer furchtbaren Ruhe zu reien. Aber
umsonst! Sie sah den Onkel ihres Brutigams bemitleidend an, reichte ihm die
Hand und versenkte ihre Seele wieder in das regungslose Anschauen des Geliebten.
    Eine Stunde furchtbarer Stille war so entschwunden, nur Eduard's
Bestrebungen, dem Verwundeten einige Erleichterung zu schaffen, unterbrachen die
erdrckende Ruhe. Da hrte man pltzlich einen lauten Athemzug, Walter's Kopf
sank vorwrts - er hatte geendet.
    Und mit einem Schrei des furchtbarsten Schmerzes fuhr Jenny nach ihrem
Herzen und fiel auf die Leiche ihres Brutigams nieder.

Am folgenden Tage verkndete die Zeitung: Gestern fand hier ein Schu-Duell
zwischen dem Grafen W ... und dem Baron W ... statt, dessen Folgen fr den
Grafen tdtlich waren. Er stand auf dem Punkte, sich zu vermhlen und der
Schmerz ber seinen Verlust hat auch der unglcklichen Braut das Leben gekostet.
Familienverhltnisse sollen die Veranlassung zum Streite gegeben haben!
    Weiter unten las man: Den pltzlich erfolgten Tod seiner einzigen Tochter
Jenny meldet tief betrbt unter Verbittung des Beileides seinen Freunden und
Bekannten R. Meier.

Bei Fackelschein hatte Graf Walter die Leiche seines Neffen aus der Stadt fhren
lassen, um sie selbst in die Gruft seiner Ahnen nach ihrem Stammschlosse zu
begleiten. Jetzt am Morgen standen drei Mnner an einem frisch aufgeworfenen
Grabe. Es waren der Vater, Eduard und Joseph. Sie hatten es von ihren Freunden
als eine Gunst verlangt, da man ihnen allein die Bestattung der theuern
Geschiedenen berlasse, und Niemand hatte es gewagt, ihre Trauer zu stren. Hell
ging die Sonne an dem heitern Himmel auf, der freundlichste Herbstmorgen
beleuchtete das Grab. Einsam standen die Ihren auf dem fremden christlichen
Kirchhof, auf dem nun Jenny fern von ihrer Mutter, fern von jedem
Blutsverwandten ruhte. Starr und schweigend sah der unglckliche Vater zur Erde
nieder, die sein Kind bedeckte, als aus Joseph's Brust der Ausruf: Wozu leben
wir noch? herzzerreiend zum Himmel tnte und die ersten Thrnen in die Augen
des Vaters lockte.
    Da richtete Eduard sich mchtig empor: Wir leben, sagte er, mit der
Begeisterung eines Sehers, um eine Zeit zu erblicken, in der keine solche Opfer
auf dem Altare der Vorurtheile bluten! Wir wollen leben, um eine freie Zukunft,
um die Emancipation unsers Volkes zu sehen!

                                    Funoten


1 Ich wrde dies Urtheil nicht wieder haben abdrucken lassen, da ich es jetzt
als ein falsches erachte - wre es nicht in den Gang des Gesprches verwebt und
schwer zu beseitigen gewesen.
                                                               Anmerk. der Verf.

