
                                 Lewald, Fanny

                                   Clementine

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                                  Fanny Lewald

                                   Clementine

                                 Erstes Capitel

Also weil der Herr Geheimrath mich gestern geistreich gefunden hat, soll und mu
ich ihn heirathen? fragte Clementine und sah dabei lachend ihre jngere
Schwester, die Frau des Professors Reich, an, die ganz erhitzt auf dem Sopha
ihres Wohnzimmers sa.
    Darum allein nicht, entgegnete diese, aber Du darfst diese Verbindung nicht
ausschlagen, wie alle andern, die sich Dir boten. Der Geheimrath von Meining ist
ein sehr geachteter, gebildeter und reicher Mann; er ist freilich fnfzig Jahre
alt, Du bist aber schon siebenundzwanzig, was kann denn passender sein? Du hast
mir selbst gesagt, da Du an Dein frheres Verhltni zu Robert Thalberg mit
vollkommener Ruhe dchtest; warum also wieder ein Glck, ein wahrhaftes Glck
von Dir weisen, das sich Dir vielleicht nie wieder bietet? Mein Mann wnscht
diese Verbindung, die Tante, Deine letzte Instanz, dringt darauf, Meining
erwartet das Glck seines Lebens davon und Du selbst hltst Meining nicht nur
fr einen liebenswrdigen, sondern auch fr einen ehrenwerthen Mann; was willst
Du denn eigentlich, Clementine?
    Ich will nicht lgen, Marie! Ich will, ich kann es nicht, und je
achtungswerther mir der Geheimrath erscheint, um so weniger mchte ich ihn
tuschen; ich kann nicht heirathen, qule mich nicht.
    Beide Damen gingen fast erzrnt von einander; die kleine, rosige Professorin
in die Arbeitsstube ihres Mannes, um ihm das vermuthliche Mislingen ihres Planes
mitzutheilen; die ernste, schlanke Clementine auf ihr Zimmer, um den Sturm, den
diese Unterhaltung in ihr erregt hatte, ruhig austoben zu lassen.
    Clementine und Marie Frei waren die Tchter eines hochgestellten preuischen
Beamten. Sie hatten frh ihre Mutter verloren und eine Tante, Frau von Alven,
eine kluge, feinfhlende Frau, die Witwe, und deren einziges Kind frh gestorben
war, hatte die Erziehung der beiden Mdchen im Frei'schen Hause bernommen.
Nichts konnte aber verschiedener sein, als der Charakter dieser beiden
Schwestern: Clementine, heftig, geistreich und zu tiefem Fhlen geneigt, wurde
schnell von pltzlichen Eindrcken gefesselt, die sich dauernd ihrer Seele
einprgten; was sie einmal ergriffen hatte, was ihr lieb geworden war, das
konnte keine Macht ihr entreien, das hielt sie fest fr's Leben. Aus diesem
Gefhl entsprangen die treue Anhnglichkeit fr Frau von Alven, die innige Liebe
fr ihren Vater und die fast mtterliche Zrtlichkeit fr die um sechs Jahre
jngere Marie; aber zugleich auch eine leidenschaftliche, unwandelbare Liebe fr
Robert Thalberg, einen jungen Mann, mit dem sie in ihrer ersten Jugend in allen
befreundeten Familien zusammengetroffen war.
    Thalberg hatte in tausend Dingen die auffallendste Charakterhnlichkeit mit
Clementinen. Auch auf ihn wirkten in seiner Jugend die Eindrcke des Moments,
und obgleich mit dem schrfsten Verstande und ungewhnlichem Geiste begabt,
hatte sein leidenschaftliches Herz ihn hufig fortgerissen und er sich oft
dadurch in eigenthmlich verwickelte Verhltnisse gebracht, die bald strend,
bald frdernd auf ihn gewirkt. Ein ungebndigter Freiheitssinn, ein an
Tollkhnheit grenzender Muth, eigensinniges Beharren auf seinem Willen und doch
eine fast kindliche Weichheit gegen die Personen, die er liebte, machten ihn fr
die Frauen unwiderstehlich; besonders da ein gebietendes, mnnlich schnes
Aeuere gleich anfangs fr ihn einnahm. Thalberg hatte Clementinen, wie alle
jungen Leute ihres Kreises, seine Huldigungen dargebracht, weil sie hbsch und
in der Mode war; bei nherer Bekanntschaft entdeckten Beide aber eine solche
Aehnlichkeit in ihren Neigungen und Gesinnungen, sie begegneten sich so oft in
ihrem Enthusiasmus fr das Schne, da das gewhnliche Wohlgefallen sich in eine
wirkliche, ernste Neigung verwandelte und sie sich gegenseitig, ohne durch
bestimmtes Versprechen an einander gebunden zu sein, als zu einander gehrend
betrachteten. Clementinens Verwandte sahen ein Verhltni, das fr die Zukunft
so viel Glck zu versprechen schien, ruhig wachsen, und als Thalberg den Ort
verlie, nahm man allgemein an, da das junge Paar lngst einig und verlobt sei.
    Clementine selbst lebte von da ab nur in der Erinnerung an Robert; Alles,
was ihr begegnete, was sie that, wurde im Geiste Robert's Urtheil unterworfen,
der, um mehrere Jahre lter als sie, einen wesentlichen Einflu auch auf ihre
geistige Richtung ausgebt hatte. Sie liebte Alles, was seinem Willen angemessen
schien, verwarf Alles, was gegen seine Ansichten sein konnte, und lebte getrennt
von ihm, mitten in der Gesellschaft, doch ganz allein mit dem fernen Geliebten;
wie jene Nonnen, die, sich bestndig unter den Augen ihres himmlischen
Brutigams whnend, nur seinem Willen leben und kein anderes Gesetz kennen als
das seine. Die Liebe zu dem Abwesenden war ein religiser Cultus in ihrer Brust,
und selbst der Gedanke, es knne ihr jemals mglich sein, den dringenden
Bewerbungen anderer Mnner die geringste Aufmerksamkeit zu gnnen, fiel ihr nie
ein. Sie war den Ihrigen ergeben, half der Tante treulich die schne Marie
erziehen und bildete rastlos an sich fort, damit Robert, wenn er einst
wiederkme, sie nicht unter seinen Erwartungen fnde.
    So waren ein paar Jahre vergangen, die kleine Marie war zu einem reizenden
Mdchen herangewachsen und das harmloseste, unbefangenste Kind geblieben. Ihre
Familie, ihre Toilette, die Blle, ihre kleinen Abenteuer von gestern, das war
die Welt, die sie kannte; man liebte sie allgemein und was konnte sie noch
wnschen? Sie war das verzogene Kind des Hauses. Bald nach ihrem sechszehnten
Geburtstage hatte Professor Reich um ihre Hand geworben, hatte die Zustimmung
des Vaters erhalten und die kleine Braut war mit der Myrthenkrone und dem weien
Schleier zum Altare mit demselben Gefhle gegangen, mit dem sie ein Jahr vorher,
am Tage ihrer Confirmation, die Kirche betreten hatte. Sie hatte das Bewutsein
eines wichtigen Schrittes, ohne sich die Folgen desselben klar zu machen; und
nachdem der schwere Abschied von Vater, Schwester und Tante vorber war, folgte
sie ihrem Manne, froh und sorglos wie ein Kind, nach Heidelberg, wo er
angestellt war.
    Clementine blieb nun allein zurck. Sie war stiller und ernster geworden,
von Robert hatte sie nur selten gehrt, die Zeit seiner Rckkehr wurde von den
Seinen immer weiter hinausgeschoben und sie konnte es sich nicht verhehlen, da
Robert's Wunsch, sie wiederzusehen, lange nicht mehr so lebhaft sein msse, als
in jener Stunde, wo sie unter den heiesten Thrnen mit dem ersten Kusse von
einander Abschied genommen hatten.
    In dieser Zeit erkrankte Clementinens Vater und nach wenig Wochen standen
sie und die Tante an seinem Sarge. Ihr ganzes Leben war nur ein Schrei des
Schmerzes, der Robert herbeirief, um alles Leid an seinem Herzen auszuweinen, um
alle Liebe, die der theure Vater besessen hatte, auf den geliebten Freund zu
vererben - aber Robert, obgleich ihm der Todesfall angezeigt worden, kam nicht
zurck; und seine Mutter uerte gegen Frau von Alven, da ihr Sohn wol so bald
nicht heimkehren wrde, da Berufsverhltnisse und, wie sie glaube, auch eine
Herzens-Neigung ihn an seinen jetzigen Aufenthalt fesselten. Frau von Alven
erschrak, hielt es aber fr ihre Pflicht, endlich einmal mit Clementinen offen
ber deren Zukunft zu sprechen. Sie war durch den Tod ihres Vaters unumschrnkte
Herrin ihrer Handlungen geworden; die Tante sehnte sich in ihre Vaterstadt
zurck, und so trat sie eines Tages ganz pltzlich mit der Frage vor die Nichte
hin, welche Plane sie nun fr die nchste Zeit gemacht habe? Sie verhehlte ihr
dabei nicht, da sie Berlin zu verlassen wnsche, verschwieg ihr nicht, was
Roberts Mutter ihr gesagt hatte, und war nicht wenig berrascht, Clementine bei
der Nachricht, die fr sie ein Todessto sein mute, anscheinend ruhig zu
finden.
    Ich wei es lngst, gute Tante! sagte sie, da Robert mich nicht liebt,
sehr lange schon; und da er jetzt fr mich kein Wort des Trostes, der
Theilnahme hat, keinen Gru durch die Seinen, das nimmt mir mit dem letzten
Zweifel die letzte Hoffnung; aber es ndert in meinen Gefhlen fr ihn Nichts.
Wir waren Beide durch keinen Eid an einander gebunden, Robert liebt mich nicht
mehr, hat mich vielleicht nie geliebt, und ich habe sein Wohlwollen fr Liebe
gehalten - so glaubt er sich frei und ist es auch; denn nicht der Eid, sondern
die Liebe bindet. Ich aber liebe ihn mehr als je, er ist Alles, Alles, was ich
liebe, und darum bin ich sein, auch wenn wir uns nie wieder sehen sollten.
Entgegne mir darauf Nichts, fuhr sie fort, als ihre Tante eine Einwendung
machen wollte, ich wei, wie gut Du es mit mir meinst; darum la mich mir
selbst. Dich aber lnger von den Freunden und der Heimat zu trennen, wohin es
Dich zieht, dazu habe ich kein Recht. Marie verlangt nach mir, ich werde nach
Heidelberg gehen, werde ihr ntzlich sein und in dem Kreise ihres Hauses meine
Zukunft finden. Versprich mir aber, da Du mir nie fehlen wirst, wenn ich Dein
bedarf.
    Frau von Alven weinte still; Clementine kniete vor ihr nieder, kte ihre
Hnde und bat: und nun noch Eins! Ich habe seit Jahren mehr gelitten, als ich
zu leiden fr mglich hielt; ich frchte jede Berhrung meiner tiefen Wunde mehr
als den Tod; versprich mir, da Robert's Name nicht mehr zwischen uns genannt
wird und da wir uns trennen ohne Abschied; wir bleiben ja doch im Innern stets
beisammen.
    Die Tante gelobte Alles und wenig Wochen darauf rollte der Postwagen,
welcher Frau von Alven in ihre Heimat fhrte, an Clementinens Wohnung vorber,
in der sie mit ihrem Schwager am Fenster stand, der gekommen war, sie nach
Heidelberg abzuholen.
    Nach den schmerzlichen Aufregungen der letzten Zeit, dem wehmthigen Gefhl,
von den Rumen zu scheiden, die so lange die stillen Zeugen ihres Lebens waren,
that die Ruhe im Hause ihrer Schwester Clementinen anfnglich sehr wohl. Sie
hatte die junge Frau fast unverndert gefunden. Marie liebte ihren Reich von
Herzen, betete ihre beiden Kinder an, sorgte treulich fr ihr Haus und war eine
Frau, wie die Mehrzahl der Mnner sie wnscht. Der Professor hielt regelmig
seine Vorlesungen, arbeitete den Rest der Zeit emsig in seiner Studirstube und
lie sich whrend der Mahlzeiten mit der grten Theilnahme Alles erzhlen, was
in der Zwischenzeit von der Frau, den Kindern und den Dienstboten irgend zu
erzhlen war. Beide Eheleute waren durchaus zufrieden mit einander und wnschten
nichts Besseres, als da es immer so bliebe. Ohne bestimmten Blick in die
Zukunft, ohne lebhaftes Gedenken einer Vergangenheit, ging ein Tag nach dem
andern hin, und alle Abwechselung in Marien's Leben machte der Besuch
gleichgestimmter Frauen und ein Spaziergang in der nchsten Umgebung. - Es
dauerte auch nicht lange, bis Clementine sich uerlich in diese Lebensart
gefunden hatte, und bald war sie Allen unentbehrlich geworden. Ihr beweglicher
Geist hatte tausend neue Spiele fr die Kinder, manche Erleichterung fr Marie,
manche Bequemlichkeit fr den Professor hervorgerufen; es machte ihr Vergngen,
die Ihrigen zu erfreuen - aber sie selbst fhlte sich einsamer als vorher.
Getrennt von ihren gewohnten Umgebungen, von der Tante, der ihr ganzes Herz
offen lag, in der gleichfrmigen Lebensart im Reichschen Hause, fhlte sie eine
solche geistige Leere, da nur die schne Natur Heidelbergs sie aus ihrer
Apathie zu reien vermochte. Um sich zu zerstreuen, suchte sie eifrig lngst
vernachlssigte Studien wieder hervor, sie schmckte ihr kleines Stbchen, das
nach dem Neckar sah, auf das freundlichste; aber vergebens. Stundenlang sa sie
mit dem Buche in der Hand, sah den schnen Strom vorberflieen, blickte
ernsthaft die kleinen Huser von Weinheim an und sah doch Nichts, als Robert's
Bild, wie er zuletzt vor ihr gestanden, dachte Nichts, als die tiefe
Demthigung, verschmht zu sein.
    In einem kleinen Orte wie Heidelberg konnte eine Erscheinung wie Clementine,
nicht unbemerkt bleiben; ihre ganze Persnlichkeit flte lebhaftes Interesse
ein, whrend ihr nach Auen abgeschlossenes Wesen fr Klte und Stolz galt. Man
hatte sie bei ihrer Ankunft in alle Zirkel eingefhrt, und berall hatte sie
einen neuen Reiz in die Gesellschaft gebracht; besonders waren es die jngeren
Mdchen und die lteren Mnner, die sich ihr anschlossen. Die Mdchen, weil sie
von ihr keine Beeintrchtigung zu frchten hatten, da sie jede Annherung und
Bewerbung eben so fein als bestimmt zurckwies; die lteren Mnner, weil in
ihrer Unterhaltung so viel Belebendes und Anregendes lag, da sie sich die
glcklichen Bemerkungen, die Clementine sie machen lie, unbedingt als ihr
eigenstes Eigenthum zuschrieben.
    Unter diesen Mnnern war unstreitig der Geheimrath von Meining der
bedeutendste. Er galt fr einen der ersten Aerzte Deutschlands, war ein
stattlicher Mann von fnfzig Jahren und so wohl erhalten, da er den Ansprchen,
auch durch sein Aeueres zu gefallen, nicht ganz entsagt hatte. Man sah, da er
in der Jugend ein schner Mann gewesen sein mute, und mit einer bei lteren
Mnnern nicht seltenen Eitelkeit lie er bisweilen errathen, da ihm das Glck
bei den Frauen hold gewesen sei. Auch stand er noch jetzt in groer Gunst bei
den Damen und wurde gern gesehen in jeder Gesellschaft. Manche Mutter htte ihn,
der ihr selbst frher den Hof gemacht, recht gern zum Schwiegersohne angenommen,
und allerdings war er, vermge seiner Stellung, Das, was man gewhnlich eine
gute Partie zu nennen pflegt. In seiner Jugend hatte er die Frauen zu sehr
geliebt, um sich an Eine dauernd binden zu mgen; dann hatte diese Leidenschaft
ernsten Studien Platz gemacht. Er hatte Reichthum, Ehre und einen groen Ruf
erworben, und der Gedanke, sich zu verheirathen, war allmlig ganz in den
Hintergrund getreten, je mehr Reiz die materiellen Gensse des Daseins fr ihn
gewannen und je mehr sich die eigenthmliche Selbstsucht aller Hagestolzen in
ihm ausgebildet hatte. Doch war sein Gefhl fr das Schne und Gute niemals
erloschen; er war in einzelnen Momenten einer Lebhaftigkeit und Hingebung fhig,
die einem jngeren Manne anzugehren schienen, und in dieser Stimmung konnte er
die bedeutendsten Opfer bringen; dann fhlte er die Mglichkeit und den Wunsch,
Andere an seinem Glcke Theil nehmen zu lassen, und htte vielleicht daran
gedacht, eine Frau zu nehmen, wenn es ihm nicht unbequem gewesen wre, danach zu
suchen. Doch lie er sich die Neckereien ber diesen Punkt recht gern gefallen
und lchelte wohlgefllig, wenn man behauptete, an einem schnen Morgen werde er
einst ganz pltzlich mit einer Braut angefahren kommen, die ein Phnix an
Schnheit und Liebenswrdigkeit sein und ihm wie ein Ideal erscheinen werde;
sowie sein Haus ihm das schnste, sein Rock der beste und berhaupt Alles, was
sein eigen, ihm als das Vollkommenste vorkomme.
    Als Freund des Professors Reich und als Arzt der Familie hatte er Clementine
in deren Huslichkeit kennen und schtzen gelernt. Er hatte durch Marien, noch
vor Clementinens Ankunft, erfahren, da diese dem Grame ber eine unglckliche
Liebe fast erlegen sei, und nun sah er sie selbst: noch schn, obgleich lange
ber die erste Jugend hinaus, und liebenswrdiger und geistreicher als irgend
eine Frau, die er kannte. Er sah das Mdchen, das der Mittelpunkt der
Gesellschaft geworden, eben so liebenswrdig im Hause; sie hatte Rath fr den
Bedrngten und die zrtlichste Sorgfalt fr den Leidenden; unermdlich besorgt
fr Andere, schien sie zufrieden, ohne gerade froh zu sein, und ihre Ruhe wurde
durch jene kleinen Veranlassungen, welche die meisten Frauen auer Fassung
bringen, niemals erschttert. Ihre ueren Vorzge zogen ihn an, und wenn er
manchmal auf ihrem ausdrucksvollen Gesicht die Spuren eines tiefen Leidens, oder
gar ihre Augen noch trbe von vergossenen Thrnen sah, flte sie ihm eine
lebhafte Theilnahme ein. Er hatte einmal mit Reich ber Clementine gesprochen,
und diese hatte geuert, seine Schwgerin sei allerdings ein vortreffliches
Mdchen, nur leider zu berspannt, und er wnsche nichts sehnlicher, als da sie
bald einen vernnftigen Mann bekme, den sie liebe; denn sonst wrde sie zu
Grunde gehen durch ihren selbstgenhrten Gram.
    Ob Reich diese Bemerkung absichtlich gemacht, ob eine Absicht in des
Geheimraths Frage gelegen, lassen wir dahingestellt sein; nur das steht fest,
da von jenem Tage an in Meining der Gedanke an eine Verbindung mit Clementinen
erwachte. Dieses Mdchen in seinem Hause walten zu sehen, von ihrem Geiste seine
Muestunden verschnen zu lassen, ihrer milden Pflege in kranken Tagen zu
genieen und sie, der er von Herzen zugethan war, ihren Kummer vergessen zu
machen, war bald sein Lieblingswunsch geworden. Er hielt sich fr den Mann, der
sie ber den verlorenen Geliebten zu trsten vermchte, und je mehr und je
lnger er seine Bewerbungen um sie fortsetzte, je werther wurde sie ihm, je
gewisser, da er ihr nicht gleichgltig bleiben knne. So trat er denn, nachdem
sie einen Abend vorher sich freundlich in Gesellschaft begegnet waren, am
nchsten Morgen mit seiner Werbung um Clementinens Hand vor den Professor hin.
    Reich war sehr erfreut, Marie entzckt ber das Glck, das sich ihrer
Schwester bot; Clementine allein sagte, wie so oft schon: ich kann und werde
nicht heirathen.
    Man schrieb der Tante, Frau von Alven bestrmte die Arme mit den
dringendsten Vorstellungen, Meining wollte ihr Zeit lassen, sich zu
entschlieen, und unterdessen nahmen die Ermahnungen und das Zureden des
Professors und Mariens kein Ende; die Unterhaltungen, mochten sie mit dem
Fernliegendsten beginnen, endeten zu Clementinens Qual doch immer wieder mit dem
Geheimrath von Meining.
    Bei einer solchen Scene fanden wir die Schwestern, am Anfang unserer
Erzhlung, und es war nthig so weit zurckzugehen, um den Leser mit den
handelnden Personen bekannt zu machen, wobei wir uns zugleich das Recht
vorbehalten, den Faden der Ereignisse, so oft es uns geeignet scheint, in den
eigenhndigen Papieren und Briefen derselben zu verfolgen.

                                Zweites Capitel


Sinnend stand Clementine am Fenster, als sie in ihr Zimmer getreten war; die
Gedanken zogen, wie Bilder eines Schattenspieles, schnell an ihrer Seele
vorber; sie wollte dem Zureden ein Ende machen und mit der Tante dabei
beginnen. So setzte sie sich denn nieder und schrieb:

Dein Brief hat mir wehe gethan, liebe Tante! Traust Du mir bei meinen Handlungen
keine anderen Beweggrnde, als Ueberspannung oder Eigensinn zu? Hltst Du mich
denn fr ein Kind, das die Verhltnisse des Lebens verkennt? So gut als Ihr Alle
wei ich, da nach den Begriffen der Welt die Stellung einer verheiratheten Frau
der eines Mdchens vorzuziehen ist. Glaubt mir aber, da es eine tiefe
Nothwendigkeit ist, die mich abhlt, den Schritt zu thun, zu dem Ihr Alle mich
berreden mchtet.
    Ich hasse die Ehe nicht; im Gegentheil, ich halte sie so hoch, da ich sie
und zugleich mich zu erniedrigen frchte, wenn ich dies heilige Band knpfte,
ohne da mein Gefhl Theil daran htte. Was kann es Beglckenderes geben, als
mit einem geliebten Manne sein Leben hinzubringen? Fr ihn zu sorgen, seine
Freuden und Leiden zu theilen; zu wissen: Alles, was mein Herz bewegt, Alles,
was mich berhrt, theilt und fhlt mein bester Freund mit mir? Beide leben dann
ein doppeltes Leben. O! ich habe mir das oft sehr schn gedacht, ich habe es
hei gewnscht, und ich halte heute noch die Ehe fr den einzigen Weg, der den
Menschen zu der grten Vollkommenheit fhrt, die seiner Individualitt mglich
ist. Darum aber kann ich den Gedanken an eine gleichgltige Ehe nicht ertragen,
weil sie fr mich eine unglckliche wre; und ich habe es nie begreifen knnen,
wie in der Ehe irgend Etwas die Menschen an einander kettet, als ihr Herz. Die
Ehe ist in ihrer Reinheit die keuscheste, heiligste Verbindung, die gedacht
werden kann; rein, wie ein Engel des Lichts, geht das Weib aus den Armen ihres
geliebten Gatten hervor, und wenn man mir, nach dem katholischen Ritus, die
Madonna, die reine Mutter Gottes nannte, hat fr mich ein rhrend tiefer Sinn
darin gelegen, ein ganz anderer Gedanke, als die Kirche ihn will. Ja! die Ehe
ist rein! und aus der Umarmung liebender Gatten kann ein gttlicher Mensch, ein
Retter der Welt entstehen.
    Aber was hat man aus der Ehe gemacht? Ein Ding, bei dessen Nennung
wohlerzogene Mdchen die Augen niederschlagen, ber das Mnner witzeln und
Frauen sich heimlich lchelnd ansehen. Die Ehen, die ich tglich vor meinen
Augen schlieen sehe, sind schlimmer als Prostitution. Erschrick nicht vor dem
Worte, da Du mich zu der That berreden mchtest. Ist es nicht gleich, ob ein
leichtfertiges, sittlich verwahrlostes Mdchen sich fr eitlen Putz dem Manne
hingibt, oder ob Eltern ihr Kind fr Millionen opfern? Der Kaufpreis ndert die
Sache nicht; und ich gestehe Dir, ich wrde das Weib, das augenblickliche
Leidenschaft und heier Sinnentaumel hinreit, gro finden, gegen Diejenige, die
das Bild eines geliebten Mannes im Herzen sich dem Ungeliebten ergibt, fr den
Preis seines Ranges und Namens. - Knnte ich glauben, der priesterliche Segen
htte Kraft zu binden und zu lsen, knnte das Ja, das ich sprche, eine ganze
Vergangenheit aus meiner Seele tilgen, wer wei, was ich thte. So aber! - Ich
liebe nun einmal einen Mann, der mich verschmht, dem meine ganze, ungetheilte,
anbetende Liebe kein Glck zu bieten vermochte, als ich jung und schn war; und
ich sollte einen Ehrenmann, der von mir die Freude seines Lebens erwartet, mit
einem heiligen Eide betrgen? Ich sollte ihm ein Weib werden, das die Achtung
vor sich selbst verloren hat? Das knnt Ihr nicht meinen, das kannst Du nicht
wollen. Ich denke mit Ruhe an Robert, so lange ich mir selbst lebe; tritt aber
der Gedanke, einem Anderen gehren zu sollen, vor mein Auge, dann sehe ich, da
ich nur in Robert lebe und da mir der Traum der Vergangenheit mehr ist, als
irgend eine Zukunft mir bieten knnte. La mir die Ruhe meines Bewutseins.
    
                                                                     Clementine.

                 Der Geheimrath v. Meining an Clementine Frei.

Mein theures Frulein! Seit lngerer Zeit erwarte ich Ihre Antwort auf eine
Frage, die ber meine Zukunft entscheiden soll. Sie wissen, wie werth Sie mir
sind, lassen Sie mich offen sagen, wie warm und innig ich Sie liebe, wenn gleich
es einem Manne reiferen Alters nicht anstehen mag, eine Leidenschaft zu
bekennen, die der Jugend angehrt. Ich habe in meinem Berufe Frauen in allen
Verhltnissen kennen lernen, und ich achte das Weib; ich achte und liebe in
Ihnen das Weib, das klar ber sich selbst und das Leben, zu dem Gefhl seiner
Wrde gekommen ist. Ich bin nicht jung genug, Theuerste! Ihnen schwrmerische
Schwre zu leisten, aber ich biete Ihnen meine Hand mit offenem Herzen. Was ein
besorgter Gatte, ein zrtlicher Freund Ihnen sein knnte, das schwre ich, das
sollen Sie in mir finden, und dadurch allein will ich Sie gewinnen; nur aus
freier Neigung sollen Sie die Meine werden.
    Ich verlasse Heidelberg auf kurze Zeit: Sie sollen Ruhe haben, einen
Entschlu zu fassen. Mge er zu meinen Gunsten sein! Der Ihrige.
                                                                     v. Meining.

                          Frau v. Alven an Clementine.

Ich ehre Dein Gefhl, mein Kind! wenn gleich ich es nicht unbedingt richtig
heien kann, und es liegt mehr Selbstsucht darin, als Du zu glauben scheinst. Du
gefllst Dir darin, Dich als die Leidende, die Reine zu betrachten, und Du bist
Beides. Ich wei, was Du geduldet hast, kenne ganz Dein reines Herz; Du bist
unglcklich geworden durch Deine Liebe und durch Robert's Wankelmuth, bist gegen
Deinen Willen sein Opfer geworden: das entbindet Dich nicht von der Pflicht,
Dich mit Bewutsein, aus freier Wahl fr das Wohl Anderer zu opfern. Das Weib
ist geschaffen, sich liebend hinzugeben und zu beglcken; thust Du das? Du
glaubst Dich mit Deiner Pflicht abgefunden, wenn Du Marien Dein Leben widmest,
ihr den Haushalt erleichterst, obgleich sie dessen nicht bedarf. Du nimmst Dich
der Kinder an, wenn Du Neigung dazu hast, glaubst sie zu erziehen, und der
Menschheit, die an jeden von uns Rechte hat, damit Deine Schuld zu zahlen.
    Belge Dich nicht selbst, mein Kind! Du, vor Vielen dazu berufen, einem
Manne das Leben zu verschnen, mit dem unerschpflichen Reichthum an Liebe und
Nachsicht, Du willst das nicht, weil es Dir zu schwer scheint, ernst gegen eine
Neigung anzukmpfen, deren Gegenstand diese Liebe gewi nicht einmal wnscht und
Deiner nicht mehr denkt. Und wenn Mariens Kinder, die Du so sehr liebst,
heranwachsen, wenn Marie und die Kinder Deiner nicht mehr bedrfen werden, was
wird dann die unvermeidliche Leere Deines Herzens ausfllen? -
    Ich habe das Glck, Mutter zu sein, nur wenige Tage gekannt, und doch wirft
das Andenken daran ein verschnendes Licht ber mein ganzes Leben; magst Du noch
so scharf und richtig denken, noch so lebhaft fhlen, das Glck kannst Du nicht
begreifen, nicht ermessen, bis Du es gekannt hast. Ich selbst habe Alven ohne
alle Neigung geheirathet, komme ich Dir deshalb wie eine Verworfene vor? Das
aber schwre ich Dir, so lieb mir Dein Glck ist, ich habe den Vater meines
Kindes von Grund der Seele geliebt; wir haben uns in guten und bsen Stunden
treu zur Seite gestanden, und ich habe nach seinem Tode mich nie entschlieen
knnen, zu einer zweiten Ehe zu schreiten, obgleich ich sehr jung war und es
mir, wie Du weit, an Bewerbern nicht fehlte.
    Ich mag Dir hart scheinen, aber ich bekenne es, ich werde irre an Dir. Du
hltst so viel darauf, die Achtung vor Dir selbst nicht zu verlieren, weil Dir
das leichter wird, als die unsere zu verdienen. Du achtest Dich, wenn Du Deiner
Liebe treu bleibst, das ist bequem und leicht - wir aber wrden Dich achten,
wenn Du dem Glcke eines Anderen, eines braven Mannes, Deine Neigungen zu opfern
im Stande wrest. Zwingen kann man Dich nicht, Du bist reich und unabhngig in
jeder Beziehung; aber ich wende mich an Dein richtiges Urtheil, an Deine
Wahrheitsliebe und an Dein Herz. Tusche Dich nicht selbst; tusche nicht die
Erwartungen Deiner mtterlichen Freundin.

                    Clementine an den Geheimrath v. Meining.

Der Mann, der mir mit so ehrendem Vertrauen entgegenkommt, der mir seine Zukunft
weihen will, mu wissen, an wen er sich gewandt hat; und wahr, wie gegen mich
selbst, will ich gegen Sie sein.
    Eine tiefe, leidenschaftliche Liebe hat seit meiner frhesten Jugend mein
Herz erfllt; diese Liebe ist nur flchtig erwidert worden, sie hat mein Herz
gebrochen. Einsam, mit meinem Schmerz nach innen gewiesen, sind mir Jahre des
Leidens vergangen; ich habe mich gewhnt allein zu stehen, ich habe es versucht,
die Erinnerung an meine Liebe zu bekmpfen - es ist mir nicht gelungen; und so
konnte es mir nie einfallen, den Bewerbungen, mit denen man mich ehrte, Folge zu
leisten, besonders da die Mehrzahl jener Bewerber mir vollkommen gleichgltig,
und ich ihnen fast ganz fremd war.
    Sie kennen mich lange und gut, und ich gestehe Ihnen gern, da Ihre
Freundschaft mir werth, da mir an Ihrer Achtung gelegen ist; aber niemals die
Ihre zu werden, war noch vor wenig Tagen mein fester Entschlu. Ich wollte mich
nicht verheirathen. Nicht das Zureden meiner Schwester macht mich in meiner
Gesinnung schwanken, sondern die ernsten Vorstellungen meiner Tante, die mich
sehr ergriffen haben. Ich habe schwer mit mir gekmpft, und ich will die Ihre
werden, wenn ich Ihnen nach diesen Gestndnissen genge. Ich erkenne vollkommen
und freudig Ihren Werth an, darum aber zweifle ich, da ein gebrochenes Herz
Ihrer wrdig sei.
    Glauben Sie dennoch, da ich zu Ihrem Glcke beitragen knne, so thue ich es
von Herzen, und will streng ber mich wachen, das Glck zu verdienen, das einer
Frau an Ihrer Seite werden kann. Mit innigster Achtung.
                                                                     Clementine.

                    Der Geheimrath v. Meining an Clementine.

Haben Sie Dank! wir werden glcklich sein. Theure, holde Geliebte! Ist es denn
nicht die Pflicht des Arztes, zu heilen und zu lindern? Wie gern will ich Dich
schonen, meine Clementine! wie sorgsam werde ich die wunde Seele meines kranken
Weibes hten und heilen! Wirf die Vergangenheit von Dir, insofern sie Dich
schmerzt, bewahre jedes Andenken, das Dir werth ist; nur Eines versprich mir und
nimm es als Beweis meines vollen Vertrauens - nenne mir nie den Namen des
Mannes, der Dich leiden machte, niemals, Geliebte! Ich kenne Dich und traue Dir
unbedingt. In drei Tagen kehre ich zurck; mge die Hoffnung auf dies
Wiedersehen, meine holde, meine theure Braut! Dich so beglcken, als mich. Auf
Wiedersehen denn, Geliebte! Der Deine.
                                                                        Meining.

                                Drittes Capitel


Die Tage bis zur Rckkehr des Geheimraths vergingen Clementinen in der
heftigsten Aufregung. Der Brief ihrer Tante, die Bitten und Vorstellungen
Reich's und ihrer Schwester, hatten sie zu einem Entschlusse gebracht, dessen
sie sich nie fhig gehalten htte. Meining war ihr mit so edlem Vertrauen
entgegengekommen; es hob sie in ihren eigenen Augen, da sie, deren Herz seine
Jugend eingebt hatte, noch einen so bedeutenden Mann, als Meining, fesseln und
beglcken knne; sie wollte ein neues Leben beginnen, weil sie es nun einmal
gelobt, ihre Vergangenheit zu opfern; und bei all' diesen Entwrfen zitterte sie
vor dem Gedanken an Meining's Ankunft.
    Whrend der letzten Nacht, die sie schlaflos verbrachte, fiel ihr pltzlich
ein, sie msse eigentlich noch einmal an Robert schreiben, ihm ihre Verlobung
anzeigen und ihm befehlen, sie ganz wie eine Fremde zu betrachten, wenn sie
jemals sich begegnen sollten. Aber Robert schreiben? durfte das Meining's Braut!
- ihm befehlen, sie zu meiden, hiee ja, ihm bekennen, da er ihr theuer und
gefhrlich sei, und befehlen? - ihm befehlen, dessen Auge ihr Leitstern, dessen
leisester Wunsch ihr unumstlichstes Gesetz gewesen war? - Alle ihre alten
Qualen, alle ihre Gewissensbisse bestrmten sie aufs Neue, sie wollte fr
Meining leben und dachte nur an Robert. In wirren Fiebertrumen verging der
letzte Theil der Nacht, der Morgen sah hell und klar in ihr Fenster, als sie die
schweren, mden Augenlider aufschlug. Sie war vollkommen ermattet, lie sich
theilnahmlos ankleiden und sah kalt wie eine Fremde den Anstalten zu, die Marie
mit unruhiger Freude fr die Ankunft des Geheimraths traf.
    Endlich erschien er. Clementine, die in entscheidenden Momenten eine groe
Gewalt ber sich besa, ging ihm bis zur Thre entgegen und bot ihm ihre Hand
zum Willkomm; er schlo sie herzlich in seine Arme, kte ihre Stirne und der
Bund war geschlossen.

Es liegt im Charakter der Frauen, sich in unabwendbare Verhltnisse leichter zu
fgen, als man es nach der Unruhe, die sie vor der Entscheidung peinigt, fr
mglich halten sollte. So war denn auch die neue Braut pltzlich zu einer Ruhe
und Klarheit gekommen, die Meining entzckte, und ihrer Familie die Ueberzeugung
gab, da sie Recht gethan htte, auf diese Verbindung zu dringen. Es war im
Beginne des Frhjahres, und schon im Juni sollte die Hochzeit gefeiert werden.
Clementine traf selbst die nthigen Anstalten fr den neuen Haushalt, hatte eine
Menge Meldungsbriefe an entfernte Freunde zu schreiben, Glckwnsche zu
beantworten und blieb dadurch in einer fortwhrenden Thtigkeit, die ihr wenig
Zeit zum Nachdenken brig lie. Ihr Brutigam brachte jeden Abend und jede
Stunde, die sein Beruf ihm frei lie, in ihrer Gesellschaft zu und hatte,
aufgeregt durch die neuen Verhltnisse, eine Jugendlichkeit wieder gewonnen, die
er lngst verloren, und deren er sich nicht mehr fhig geglaubt hatte. So war
sie ihm von Herzen gut geworden, da sie mit jedem Tage seinen gebildeten, klaren
Geist und seinen liebenswrdigen Charakter mehr kennen lernte, der sich freilich
grade jetzt in seinem gnstigsten Lichte zeigte, und darum Clementine die
Hoffnung auf eine beglckende Zukunft gab.
    Indessen rckte endlich der Hochzeitstag heran, dessen Vorabend in einer
befreundeten Familie, nach alter, deutscher Art, mit Poltern zugebracht werden
sollte. Dem Brautpaare selbst war das nichts weniger als angenehm; man konnte
sich aber dem wohlgemeinten Anerbieten der Freunde nicht fglich entziehen, und
Meining uerte lachend, am Ende sei auch eine ganze glckliche Zukunft mit ein
paar lstigen Stunden nicht zu schwer erkauft. Sie fuhren zum Polterabende hin
und Clementine fhlte sich auf das Unangenehmste berhrt von dem widrigen
Wechsel possenhafter Scherze und ganz ernsthafter Gedanken, weil sie selbst so
ernst, so feierlich gestimmt war, da jeder Scherz sie verletzen mute. Meining
hingegen nannte das Ganze nur eine langweilige Einrichtung, die man aber leicht
aushalten knne, und mute ber manchen Einfall von Herzen lachen, obgleich er
eben so froh war als seine Braut, als die Gesellschaft sich endlich trennte, da
die Mitternacht lange vorber war. Nachdem er Clementine vor ihrem Hause aus dem
Wagen gehoben hatte, und sie, einen Augenblick vor der Thr weilend, sich nach
dem Schlosse wendete, fielen die letzten matten Strahlen des Mondes zitternd
darber hin, und es schien ihr unmglich, sich jetzt, mit dem bervollen Herzen,
in die engen Rume eines Zimmers zu sperren.
    Lieber Freund! bat sie, wenn Sie nicht zu mde sind, geben Sie heute noch
einem, vielleicht berspannten Einfalle nach; ich will dafr auch von morgen ab
eine grundvernnftige Frau werden. Lassen Sie uns hinauf gehen auf's Schlo, es
ist kaum eine Stunde bis Sonnenaufgang; wir wollen heute, an dem Tage, an dem
uns Beiden ein neues Leben beginnt, auch den Tag beginnen sehen.
    Der Geheimrath war es gern zufrieden; die Nacht war schn und mild.
Schweigend stiegen sie den Weg hinan, der von der Hirschgasse aufwrts fhrt.
Eine Reihe wechselnder Gedanken zogen durch Clementinens Brust, sie sah Meining
an, und auch vor seinem geistigen Auge schien sein frheres Leben, schien ihre
Zukunft vorberzugehen. Es war ein feierlicher Gottesdienst in ihrem Herzen.
Oben auf der Hhe angelangt, sah man nichts, als einen dichten, weien Nebel,
der die ganze Gegend verdeckte; die Luft wehte khl und Meining zog besorgt die
wrmende Hlle um die schlanke Gestalt seiner Braut. Gedankenvoll lieen sie
sich auf der Bank vor dem Weingrtchen nieder. Da pltzlich schmettert ein
tausendstimmiger Lerchenchor gen Himmel, der Nebel zerreit vor dem ersten
Lichtblick der Sonne, und wie von unsichtbaren Geisterhnden fortgezogen,
schwindet der dichte, weie Schleier und das Neckarthal liegt vor den trunkenen
Augen der Entzckten. Drben das kleine Weinheim mit seinen in Laub versteckten,
weien Husern; vor ihnen der lachende, jugendmuthige Strom mit Khnen, die von
Neckargemnd daherzogen, um sie her die Wipfel der Bume, die am Fue des Berges
wurzeln, mit dem berauschenden Dufte der ganzen reichen Vegetation, und zu ihren
Fen das kleine schlummernde Heidelberg. Clementine war sehr ergriffen von der
Herrlichkeit des Augenblicks. Das reinste, heiligste Gefhl zog ihr Herz zu den
Menschen, die Gott einer solchen Welt werth gehalten, und mit Thrnen der
Begeisterung warf sie sich an Meining's Brust und sprach: Ach, la uns schn
sein, wie diese Welt, wahr und rein, wie dies Licht. Jetzt, jetzt bin ich Dein
und mehr als irgend ein Eid morgen am Altare, bindet mich diese Stunde an Dich.
Ja, wir wollen glcklich, wir wollen dieser Welt werth sein! Sieh, Guter! ich
habe jetzt nichts, nichts mehr auf der Welt als Dich. Sei Du meine Welt, stehe
mir bei, wenn ich wanke, und verlasse mich nie!
    Sie war whrend des Sonnenaufgangs pltzlich aufgestanden, in heftiger
Bewegung vor Meining auf die Kniee hingesunken und badete seine Hnde in
Thrnen. Er zog sie, gerhrt und erschreckt durch ihre Leidenschaftlichkeit,
empor, prete sie fest an seine Brust, und der innige Druck seiner Hand, der Ton
seiner Stimme hatten noch mehr Beruhigendes, als die Worte: Mein theures,
theures Weib! ich werde Dir nie fehlen, Du bist mein und nichts soll uns jemals
trennen. - Eine Weile hielt er sie noch schweigend in den Armen, dann trieb er
zum Aufbruch, denn Clementine schauerte in der leichten Kleidung; und um sie
allmlig zu beruhigen, sagte er scherzend: komm, komm, mein Herz! da uns die
guten Heidelberger nicht zurckkehren sehen; was wrden die von ihrem Arzte
denken, wenn sie wten, da er seine Braut dem ungesunden Morgennebel preis
gibt. - So, unter freundlichen Gesprchen, fhrte er die leidenschaftlich
Bewegte den Berg hinab zu ihrem Hause.

                                Viertes Capitel


Der Hochzeitstag, die Feste nach demselben waren schon eine geraume Zeit
vorber, das Beisammensein war fr die beiden Eheleute zu einer ruhigen
Gewohnheit geworden. Meining war ungemein beschftigt, seine Kranken, seine
Collegia, ein greres Werk, das er zu schreiben begonnen, und das whrend des
Brautstandes liegen geblieben war, nahmen seine ganze Zeit in Anspruch; whrend
Clementine eigentlich ohne alle wirkliche Beschftigung war und es ihr selbst an
jenen wohlthtigen Zerstreuungen fehlte, die der Umgang mit Freunden sonst zu
bieten pflegte. Ihre Haushaltsangelegenheiten lieen sich in einer Stunde
abthun; Meining war den ganzen Morgen auer dem Hause in Anspruch genommen;
kehrte er Mittags zurck, so hatte ihn die groe, angreifende Praxis mde
gemacht, er mute nothwendig eine Stunde der Ruhe haben, um sich fr die
Geschfte des Nachmittages zu strken, und waren auch diese endlich beendet,
dann ging es an ein so eifriges Arbeiten und Studiren, da sogar Clementinens
Vorschlge zu kleinen Ausflgen, zu denen die reizende Lage Heidelbergs so sehr
verlockt, fast immer abgewiesen werden muten. Fhrte das Abendessen sie endlich
doch zusammen, so war Meining so zerstreut, innerlich so sehr beschftigt und so
abgespannt, da er oft um Entschuldigung bat und seinen Beruf verwnschte, der
ihn ganz und gar verlange, und ihm den ruhigen Genu seiner Huslichkeit
unmglich mache. Vor seiner Verheirathung hatte der Geheimrath oft mit
Clementinen den Plan besprochen, sich von den greren Gesellschaften fern zu
halten, in denen er bisher fast jeden Abend zugebracht und deren er berdrssig
geworden war, und sie war das gern zufrieden gewesen. Statt dessen wollten sie
einen kleinen Kreis gewhlter Freunde, wenigstens einmal in der Woche, bei sich
versammeln, von deren traulichem Umgange sich beide Eheleute viel Genu
versprachen, und den sie am Anfange des Winters wirklich mehrmals eingeladen
hatten. Grade an solchen Abenden war dann Meining aber zufllig abgerufen
worden, nach einer Stunde zerstreut von dem Bette eines schwer Erkrankten
wiedergekehrt, und eine nicht zu beschreibende Mistimmung hatte sich dadurch
der kleinen Gesellschaft bemchtigt, die der Wirthin freundlichste
Aufmerksamkeit kaum zu bannen vermochte. Es wurde also auch dieser Versuch bald
aufgegeben, denn Meining selbst schien keine Lust daran zu finden. Er erklrte
offen, diese Art von Geselligkeit dnke ihn noch viel unbequemer, als die groen
Zirkel, in denen man ungestrt plaudern und unbeachtet schweigen knne; ja er
fhle entschieden, da er jetzt, wo er seine Clementine bei sich habe, erst die
Sphre gefunden, in der ihm nach der Arbeit wohl und behaglich werde. Glaube
mir, pflegte er zu seiner Frau zu sagen, fr mich beginnt in Dir ein neues
Leben; ich arbeite zehnmal mehr und besser als frher, denn ich arbeite nicht
fr mich allein; und ich finde nach der Arbeit hier bei Dir mehr Freude und
Genu, als mir jemals die Gesellschaften geboten haben, in denen ich stundenlang
im Frack, den Hut in der Hand, Conversation machen und wahre Thorheiten anhren
mute. Wenn Du mir beistimmst, leben wir Beide nur fr uns allein.
    Clementine willigte ein. Ihre geselligen Verbindungen lsten sich fast ganz
auf, sie sah es ziemlich gleichgltig an, weil Meining's Zufriedenheit ihr
letztes Ziel war, und sie selbst in der Ehe mehr und Anderes gesucht hatte, als
ein glnzendes Leben in der Gesellschaft. Ihre ungewhnliche geistige
Regsamkeit, die Meining an dem Mdchen so interessant gefunden, war in der
Zurckgezogenheit, in der sie lebten, doppelt gro geworden; der Kreis ihrer
Gedanken hatte sich in den neuen Verhltnissen erweitert; sie fhlte sich
berechtigt und werth, auch das geistige Leben ihres Mannes zu theilen und zu
verschnen, und sehnte oft den Abend herbei, um mit Meining ein paar Stunden
plaudern zu knnen, weil sie hoffte, er wrde, wie als Brutigam, Lust daran
finden, er wrde ihr die Ereignisse des Tages mit jener sicheren Klarheit, die
ihm so eigenthmlich war, erzhlen, ihr seine Gedanken darber mittheilen, ihre
Ansichten hren und berichtigen - mit einem Worte, er wrde sie wie einen Freund
betrachten, wie den vertrautesten Freund, dem jeder Gedanke enthllt werden mu,
weil er ihn versteht, weil er ihn liebt, um des Freundes willen, der ihn gedacht
hat. Dazu kam es aber nur sehr selten. Clementine schmerzte das. Sie konnte sich
des Gedankens nicht entschlagen, da Meining ihre geistigen Eigenschaften jetzt
weit weniger als frher schtze, da er diese an seiner Gattin leicht entbehren,
vielleicht gar nicht einmal vermissen wrde. Er bedurfte nur einer sorglichen
Frau, einer freundlichen Gesellschafterin, mit der er sich, wenn er nicht zu
mde war, ber unbedeutende Dinge heiter unterhielt, die er wirklich sehr lieb
hatte und der er gern viel Freude bereitet haben wrde, htte er vor bergroer
Beschftigung nur die Zeit gefunden, an Das zu denken, was sie freuen knnte.
Vor Allem aber fhlte er sich sehr froh, ein so behagliches Haus und eine Frau
zu besitzen, die jedem seiner Wnsche mit der grten Bereitwilligkeit zuvorkam.
Er pries sich glcklich, grade diese Frau gewhlt zu haben, er zweifelte nicht,
da sie sich zufrieden fhlte, weil er es war und es noch immer mehr wurde, je
lnger sie mit einander lebten.
    Ganz anders sah es aber nach Jahresfrist in der Seele seiner Frau aus. Sie
konnte nie jenen Sonnenaufgang an ihrem Hochzeitstage vergessen; und es
schmerzte sie tief, da trotz der Treue, mit welcher sie das Versprechen jener
Stunde gehalten, ihr das Glck nicht zu Theil geworden war, das sie sich damals
erhofft. Es schmerzte sie, da das Leben, ohne unsre Schuld, so weit
zurckbleibt hinter Dem, was es sein knnte, da es uns nicht vergnnt ist, Das
zu werden, wozu die Fhigkeit in uns liegt. Sie konnte den Wunsch nicht
aufgeben, mehr von der Seele und dem Herzen ihres Mannes zu besitzen, als jene
ruhige Neigung, die er fr sie hegte. Es war zuerst ihr Aeueres gewesen, das
ihn angezogen; er hatte dann ihren guten Willen, ihr wohlwollendes Herz und
einen sittlichen, zuverlssigen Charakter in ihr erkannt, und diese
Eigenschaften schtzte er an ihr. Aber jener Schtze von Liebe und Hingebung,
deren sie sich bewut war, bedurfte der ruhige, ltere Mann nicht. Er war kein
leidenschaftlicher Liebhaber, wie Robert, der heute die Geliebte krnkte und
ihre Nachsicht erforderte, whrend seine Liebe morgen ihre Thrnen trocknete und
eine Vershnung herbeifhrte, die durch den gehabten Schmerz nicht zu theuer
erkauft wird. Es verstimmte sie, da Meining ihre Theilnahme an seinem geistigen
Leben kaum zu begehren schien, und obgleich sie sich ihm aus Ueberzeugung
freudig unterordnete, htte sie es doch gern gesehen, da er, der sich sonst an
ihrem Geiste stets erfreut, sie auch in der Beziehung neben sich mehr htte
gelten lassen. Sie vermite es oft auch schmerzlich, da er sie in ihrem
Enthusiasmus fr das Schne und Groe zwar gewhren lie, da er ihn aber nicht
mit ihr zu theilen schien; und sie bedachte nicht, da sie von dem bejahrten
Manne nicht die Leidenschaftlichkeit fordern knne, die ihr angeboren und durch
ihre Liebe zu dem enthusiastischen Robert nur gesteigert worden war.
    Mag immerhin Selbstsucht in dem Gefhle liegen, Andere auf die Art und Weise
beglcken zu wollen, die uns die beglckendste scheint, ohne zu fragen, ob es
eben auch die Weise ist, die man von uns begehrt, es ist eine Selbstsucht, von
welcher nur wenige Menschen ganz frei sein mchten, und sie qulte Clementine um
so mehr, weil sie sich nicht zufriedengestellt fhlte und weil sie nicht so
glcklich zu machen glaubte, als sie es gewnscht hatte. Sie wollte ihrem Manne
einen wahren Himmel bereiten, und er begehrte nur ein ganz gewhnliches
Erdenglck, und in besonders traurigen Stunden war ihr eben deshalb hufig der
demthigende Gedanke gekommen, da jede tchtige, gutmthige Haushlterin sie
ihrem Manne ersetzen, ihm das Glck gewhren knne, das er in ihr finde. Sie
that ihm und sich damit zu nahe, und dennoch lag etwas Wahres auch darin. Sie
hatte an sich die Erfahrung zu machen, die sich tglich im Leben wiederholt, da
Altersverschiedenheit fr das Glck der Ehe gefhrlicher wird, als man
gewhnlich glaubt; auch selbst in dem Falle, wenn der Mann der bedeutend Aeltere
ist. Das Mdchen, wenngleich nicht mehr jung, bekommt durch die Ehe eine zweite
Jugend, whrend der ltere Mann, den man bis dahin noch immer einen Mann in den
besten Jahren, einen Heirathscandidaten nannte, pltzlich vom geselligen
Schauplatz abgetreten, durch die Ehe zu einem alten Manne wird, sobald die
ruhige Huslichkeit ihn von der Mhe, jung und glnzend zu scheinen, befreit.
Der ltere Mann, der sich verheirathet, will gewhnlich ausruhen vom Leben; das
ltere Mdchen, deren Gefhl nicht so durch das Leben verbraucht ist, wie das
der Mnner, will nun erst zu leben beginnen, und es kann dabei an Tuschungen
und Enttuschungen nicht fehlen.
    So gewhnte sich auch Clementine in einer Art stummer Entsagung allmhlich
neben ihrem Manne wieder an das stille Innenleben, zu dem sie sehr geneigt war
und das sie Jahre hindurch als Mdchen gefhrt hatte. Sie erfllte auf's
Strengste ihre Pflichten, suchte nach Beschftigung umher, ergriff, der
Billigung Meining's gewi, bald dies bald jenes und fhlte sich immer
unglcklicher, je lnger dieses Suchen whrte. Gar oft sehnte sie sich in jene
Zeit zurck, in der sie einsam da gestanden und ungestrt das Recht besessen
hatte zu leiden, weil Niemand da war, der mit ihr und durch sie litt. Jetzt war
das vorber. Was sollte Meining denken, wenn er sie traurig, oder gar wenn er
sie weinend fnde? Hiee es nicht mit Undank seine ruhige, immer gleiche Gte
lohnen, wenn er sie nicht zufrieden she? Sie zwang sich zufrieden und glcklich
zu scheinen, weil die Vernunft es forderte, aber ihr Herz wute nichts davon,
und ihr Krper litt unter dem Zwang, den sie sich auferlegte. Eine krankhafte
Abspannung bemchtigte sich ihrer, und wurde dem Auge ihres Gatten endlich
sichtbar. Auf sein ngstliches Befragen erklrte sie aber, sie sei durchaus
gesund, er she ja selbst, da sie keine Schmerzen habe; es msse ein zuflliges
Unbehagen sein, das sich gewi bald geben wrde. Seinen Vorschlag, mit ihrer
Schwester und mit deren Kindern das nahe Baden zu besuchen, schlug sie ab, weil
sie sich weder Heilung noch eine Zerstreuung davon versprach, und vor Allem weil
sie Meining, der sich schnell an sie gewhnt hatte und sie nur ungern vermite,
nicht verlassen wollte. Er wenigstens sollte Nichts entbehren. Sie nahm sich
vor, mehr als je ber sich zu wachen, sie schien auch wieder heiterer zu werden
und neue Kraft zu gewinnen, Meining beruhigte sich ber ihren Zustand, und es
blieb Alles so, wie es gewesen war.
    Wie konnte es auch anders sein! Clementine, aufgewachsen unter der warmen
Sonne der Liebe, hatte sich pltzlich in die gemigte, wenn auch noch milde
Zone ruhiger Vernunft verpflanzt gefunden, in welcher ihr Herz nicht die Nahrung
fand, wie sie dieselbe bedurfte, und nicht freudig leben und treiben, sondern
nur krnkelnd fortvegetiren konnte, ohne Farbe, ohne Blthe, durch die eigene
angeborne Kraft.

                                Fnftes Capitel


Es war im Sommer am zweiten Jahrestage ihrer Hochzeit, als Clementine arbeitend
in ihrem Zimmer sa, in einer jener Stimmungen, in denen alles Leid der Welt auf
uns zu drcken scheint. Sie hatte am Morgen ihren Mann aufgesucht, ihn
beschftigt gefunden und ihn nicht sprechen knnen; dann hatte sie, weil ihr das
Herz so voll war, ihrer Tante schreiben wollen; aber was konnte sie ihr sagen?
    Der Briefwechsel zwischen ihnen war sehr selten geworden. Unwahr gegen diese
treue, mtterliche Freundin zu sein, htte sie nicht vermocht, und ein Wort der
Klage, des Mimuthes laut werden zu lassen, wre ihr wie ein Unrecht gegen
Meining vorgekommen, das dieser nicht um sie verdient hatte. So war es kein
bestimmter Schmerz, der sie drckte, aber eine Traurigkeit, eine Mdigkeit, die
schlimmer waren als Schmerz. Trbe Ahnungen einer freudlosen Zukunft wechselten
mit wehmthigen Erinnerungen an eine lngst entschwundene Zeit. Sie dachte der
Zuversicht, mit welcher sie vor zwei Jahren in dies Haus getreten war, und wie
wenig sie das Glck gefunden, das sie gehofft; freilich war es nur ihre Schuld,
denn ihr Mann war sich gleich geblieben, immer gut und freundlich gegen sie. Es
sei eine Schwrmerei, sagte sie sich, da sie nicht glcklich zu sein vermochte
mit einem Loose, das hundert Frauen ihr beneidet htten. Wie durfte sie auch von
dem bejahrten Manne eine Leidenschaft fordern, die sie selbst nicht fr ihn
fhlte? Ihre auf Achtung gegrndete Neigung erwiderte er herzlich, aber Liebe,
wie sie derselben bedurfte, konnte er nicht mehr empfinden, seine Frau konnte
nicht sein ausschlielicher Gedanke sein, da er durch seinen Ruf und seine
Berhmtheit der Welt gehrte. Er hatte eine Frau genommen, um an ihrer Seite
Ruhe zu finden nach der Arbeit des Tages. Dafr hatte sie Theil an seiner Ehre,
trug seinen berhmten Namen und hatte ja selbst nur ein ruhiges Glck erwarten
knnen, als sie die Seine geworden war. Wie durfte sie mehr verlangen? Wie sich
zurcksehnen nach den lebhaften, strmischen Eindrcken ihrer Jugend? Sie klagte
sich an, ungerecht gegen Meining zu sein; sie war unzufrieden mit sich selbst
und versank zuletzt in ein dumpfes Hinbrten, aus dem ihres Gatten Tritte, die
sie auf der Treppe hrte, sie aufschreckten.
    In der besten Laune trat er in das Zimmer. Er hielt einen groen Brief in
seiner Hand. Rathe, liebe Frau! sagte er, was ich Dir hier bringe? Aber rathe
etwas Groes, Gutes, denn es bertrifft meine Erwartungen und wird auch Dich
sicher sehr erfreuen!
    Clementine rieth mehrmals vergebens, bis der Geheimrath ihr den Brief zu
lesen gab, der die Anfrage des preuischen Ministeriums enthielt, ob er sich
entschlieen knne, seine Heidelberger Verhltnisse mit einer Anstellung in
Berlin zu vertauschen, die ihm unter den glnzendsten Bedingungen angetragen
wurde.
    Diesen Brief habe ich vor vierzehn Tagen erhalten, fgte er hinzu, habe mir
nun Alles reiflich berlegt und denke, heute an die preuischen Behrden zu
schreiben, da ich ihre Bedingungen annehme. Ich werde dort eine freiere und
bedeutendere Stellung haben als hier, und Du wirst in Deiner Vaterstadt Dich
gewi viel behaglicher fhlen, als in dem kleinen Heidelberg.
    Und das bescheerst Du, Lieber, mir heute zu unserm Hochzeitstage? fragte
Clementine, sehr erfreut durch diese Aufmerksamkeit ihres Mannes und durch die
Hoffnung einer Vernderung, die ihr augenblicklich erwnscht schien, weil es
eben eine Vernderung war.
    Unser Hochzeitstag ist heute? Sieh, Clementine! das hatte ich bis in den Tod
vergessen. Deshalb kamst Du wol auch heute so frh in mein Arbeitszimmer? Aber
ich konnte Dich nicht sprechen, weil ich einen Kranken bei mir hatte. Nachher
kamen gleich meine Studenten; dann wartete schon mein Wagen, ich mute zu einem
Consilium und konnte nicht mehr zu Dir kommen. Ach, armes Kind! und ich glaube
gar, heute Morgen bin ich heftig gegen Dich gewesen! Sage mir selbst, war es
nicht so?
    Clementine hatte es allerdings wehe gethan, da ihr Mann sie mit einem recht
unfreundlichen: stre mich nicht, ich habe keine Zeit! fortgeschickt hatte,
als sie zu ihm ging, um ihn einen Augenblick zu sprechen, da er auch den ganzen
Vormittag nicht zu ihr gekommen war, was freilich fter geschah; aber sie
dachte, am Hochzeitstage htte er kommen mssen, den htte er nicht vergessen
drfen. Immer geneigt, die Schuld sich beizumessen und das Beste zu glauben,
hatte sie Meining, als er ihr den Brief brachte, beschmt bekennen wollen, wie
sie geglaubt, er htte ihres Hochzeitstages nicht gedacht, ein Unrecht, das
keine Frau so leicht vergiebt; aber nun hrte sie es, es war ihm wirklich ganz
und gar entfallen, und nur zufllig hatte er ihr heute den Brief gegeben. Seine
Freundlichkeit vertrieb inde sofort den innern Verdru, und sie setzten sich
Beide so frhlich an die kleine Tafel, wie Clementine es lange nicht gewesen
war. Meining war lebhaft wie in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft; er machte
die prchtigsten Plane fr die Zukunft; er klagte sich an, da er seine arme
Clementine ber die Gebhr vernachlssigt, da er und sie ihr Leben gar nicht
recht genossen htten.
    Nun soll es anders werden, sagte er; mein Werk liegt gedruckt vor uns, und
hat schon seine erste Frucht, meine Berufung nach Berlin, getragen; aber nicht
mir allein, der leidenden Menschheit mu und wird es ntzen. Ich darf mir nun
schon etwas mehr Ruhe gnnen. Die Praxis gebe ich auf und beschftige mich in
Berlin nur mit theoretischen Arbeiten und mit der Klinik. Mgen meine Schler
den Weg verfolgen, den ich ihnen gebahnt; ich will anfangen auszuruhen. Nur eine
praktische Erfahrung will ich machen, da Du, meine Beste! eben so vortrefflich
die Honneurs eines groen Hauses, als das Glck der engsten Huslichkeit zu
machen verstehst, da Du berall gleich liebenswrdig, berall dieselbe bist.
    Bist Du der Einsamkeit denn mde, lieber Meining? Und wird Dir in Berlin das
Leben in der Gesellschaft behagen, da es Dir hier kein Vergngen machte? fragte
sie.
    Ganz gewi! Denn ich bedarf von Zeit zu Zeit gnzlicher Vernderung der
Lebensweise; und wie ich vor zwei Jahren mich nach vollkommener
Zurckgezogenheit sehnte und groes Glck darin fand, so freue ich mich jetzt
der Abwechselung und verspreche mir viel davon, auch fr Dich. Ich habe mir das
Alles berdacht. Schon meine Verhltnisse zum Hofe werden mich nthigen, ein
Haus zu machen, und was sollte uns daran hindern? Denn mir ist es Ernst damit,
und damit Du Dich gleich jetzt davon berzeugst, lasse ich meine Collegia fr
den heutigen Abend absagen und wir bleiben zusammen.
    Clementine nahm den Vorschlag mit Dank an. Sie glaubte nur zu gern an eine
frohe Zukunft, nicht erwgend, da unsere Entwrfe und Hoffnungen dem Balle
gleichen, den frohe Kinder in die Luft werfen. Mag er noch so prchtig, noch so
hoch steigen, das Gesetz der Schwere zieht ihn unwiderstehlich nieder, und man
ist froh, wenn man ihn wieder in den Hnden hlt, mit denen man ihn emporwarf.
Es ist eben dem Menschen nicht gegeben, sich lange in jener Stimmung zu
erhalten, in die ein Moment der Aufregung uns versetzt; glcklich diejenigen
Gemther, denen das Andenken an solche Augenblicke nicht ganz entschwindet,
denen es ein Hhenpunkt, ein Ziel bleibt, nach dem das Auge sich gern wendet, zu
dem der Wunsch hinstrebt.
    Nach der ersten, freudigen Spannung, in welche diese Unterhaltung sie
versetzt hatte, fiel es Clementine schwer auf's Herz, sie msse das neue Glck
mit der Trennung von ihrer Schwester und von deren Kindern erkaufen, die ihr
fast unentbehrlich waren, was ihr Mann wohl wute. Aber daran hatte er gar nicht
gedacht. Er hatte sie nicht mit einer Sylbe gefragt, ob sie eben so gern nach
Berlin gehe als er selbst, sondern es bestimmt vorausgesetzt, weil es ihm
erwnscht war. Eigen war es doch auch, ihr eine Ueberraschung zu bereiten durch
einen Entschlu, der auf ihr ganzes Leben von so wesentlichem Einflusse war, der
ihre ganze Zukunft in sich schlo. Meining konnte gewi sein, da sie sich
keinem Plane entgegen zeigen wrde, den er werth hielt, aber schon die
gewhnlichste Rcksicht htte es verlangt, da er seiner Frau die Berufung
gleich mitgetheilt und wenigstens scheinbar um ihre Meinung gefragt htte. Das
war es eben, was sie auch oft drckte! Ihr Mann behandelte sie wie ein Kind, das
man sehr liebt, dem man jedem Kummer ersparen mchte - aber sie war kein Kind,
sie war seine Frau, die mit ihm seine Sorgen theilen wollte, und die sich seine
Zurckhaltung fr Geringschtzung auslegte. Er hatte ihr nur selten und sehr
oberflchlich von seiner Vergangenheit gesprochen, nie um die ihrige gefragt;
sie hatten Beide ihre sorglich verschwiegenen Geheimnisse und eigentlich Nichts
gemeinsam, als die Gegenwart. Sie empfand das strend, es schien ihr eine Art
von Gleichgltigkeit zu sein, und darum versuchte sie es auch an jenem Abende,
nachdem sie von einer Fahrt in's Freie zurckgekehrt waren und ihr Mann wieder
von Berlin, von seinen Entwrfen fr die Zukunft sprach, einmal offen mit ihm
ber ihre frhere Neigung fr Robert zu reden, was ihr jetzt, da sie in ihre
Vaterstadt zurckkehren sollte, fast wie eine unerlliche Pflicht erschien.
    Kaum aber merkte Meining ihre Absicht, als er sie mit den Worten unterbrach:
Ja! Du hast Recht, wir mssen uns einmal darber verstndigen. Ich wei, mein
Kind! da Dir vielleicht Manches ber mein frheres Leben erzhlt worden ist,
das Deine Besorgni und, warum soll ich nicht die Wahrheit sagen? auch Deine
Neugier und Eifersucht erregt haben mag; aber ....
    Lieber Meining! entgegnete Clementine, Neugier und Eifersucht, das ist es
nicht. Ich habe aber oft gedacht, wenn ich Dich bisweilen besonders ernsthaft
oder nachdenkend werden sah, es mchten vielleicht Erinnerungen aus vergangenen
Zeiten sein, die Dich beschftigten; und es hat mir dann leid gethan, nicht
einmal ahnen zu knnen, was Dich bewegte. Eheleute sollen ja keine Geheimnisse
vor einander haben, und ich gestehe Dir offen, es liegt auch etwas Verletzendes,
Trauriges darin, vor dem Leben seines Mannes, wie vor einem Rthsel zu stehen.
Man hat mir von einer Leidenschaft -
    Nun, ein fr allemal, liebste Clementine! la das Rthsel unerrathen! fiel
der Geheimrath ihr in das Wort. Es liegt in meiner Vergangenheit Nichts, dessen
ich mich anzuklagen htte; Nichts, was ich bereue, und Nichts, was Deine oder
meine Zukunft beunruhigen knnte, das mu Dir gengen. Ich habe Dir selbst
gesagt, da meine frheren Jahre von manchen lebhaften Gefhlen bewegt worden
sind, aber was das sogenannte Vertrauen zwischen Eheleuten betrifft, so halte
ich das, ehrlich gesagt, wie Du es ansiehst, fr eine unnthige, kaum delikate
Neugier. Frage Dich selber, ob ich nicht Recht damit habe?
    Aber, wandte sie ein, man beurtheilt den Menschen doch ganz anders, wenn man
die Elemente kennt, die auf seine Bildung wirkten?
    Das sind Redensarten, Kind! Da ich jung war, Leidenschaften hatte, wie
jeder Andere, das kannst Du Dir denken und das habe ich Dir gesagt; da ich
dabei eben so oft glcklich als unglcklich war, das versteht sich von selbst;
und ob die Gegenstnde dieser Liebe Amalie oder Rosamunde hieen, ob sie blond
oder braun waren, das ist wol ziemlich gleichgltig, da sie jetzt jedenfalls alt
und grau sind und Deine Eifersucht nicht mehr erregen knnen. Uebrigens, schlo
er scherzend, brigens kennst Du meine letzte, unwandelbare Neigung und Liebe
fr eine Frau, welche, ihre kleinen berspannten Ideen abgerechnet, ein ganz
vollkommenes Geschpf ist. Von dieser Frau hngt das Glck meiner Zukunft ab,
und ich glaube an sie so unbedingt, da mir ihr liebes, offenes Auge mehr Gewhr
giebt, als alles Erzhlen aus der Vergangenheit, bei dem doch immer ein fremdes
Geheimni gratis in den Kauf gegeben wird.
    Clementine mute lachen, schien aber doch nicht ganz zufrieden, so da
Meining wohl fhlte, heute msse er sich ganz darber aussprechen. Dehalb fuhr
er pltzlich ernsthaft fort: La uns einmal darber ganz in's Klare kommen. Wenn
ein verstndiger Mann eine Frau nimmt, deren Vater er sein knnte, so mu es mit
vollem Vertrauen auf den sittlichen Werth dieser Frau geschehen. Nicht um Dir
aus meinen frheren Verhltnissen ein Geheimni zu machen, vermeide ich die
Berhrung der Vergangenheit, sondern aus Schonung fr uns Beide. Du hast mir,
als ich um Dich warb, gesagt, da Dein Herz nicht frei sei; ich habe dennoch
gewnscht, Dich die Meine zu nennen, und es ist, in Wahrheit! nie ein Zweifel an
Dir in meinen Sinn gekommen. Aber ich wiederhole Dir es heute, was ich Dir
damals schrieb: ich will von Dir den Namen Deines frhern Geliebten niemals
wissen. Vielleicht begegnen wir ihm im Leben. Glaubst Du, ich sei so ganz frei
von Eifersucht, da ich Dich nicht ngstlich beobachten wrde, da ich nicht
ganz gleichgltige Dinge mideuten knnte?
    Meining, bester Meining! Darum verlangtest Du, ich sollte gegen Dich
schweigen? Kannst Du denn glauben, da ich jemals .... rief sie ganz betroffen
aus.
    Der Geheimrath legte seine Hand auf die ihre und sagte mit sanfter Abwehr:
Ich glaube, da ein Funke nie besser geborgen ist, als da, wo kein Luftzug ihn
trifft. Die Liebe, der man entsagt hat, ruht am sichersten in tiefster Brust,
ohne da ein Wort ihr neues Leben giebt. Ich habe stets die Frauen belchelt,
die gegen eine Leidenschaft zu kmpfen behaupteten und, indem sie dies immerfort
sagten, aller Welt von dieser Leidenschaft erzhlten, von der sonst vielleicht
Niemand etwas erfahren haben wrde. Darum also, um Dir den Sieg ber eine
Neigung, die Du selbst unterdrcken wolltest und mutest, zu erleichtern, um mir
die Geschmacklosigkeit eines Eiferschtigen mit grauem Haare zu ersparen, darum
wollte ich, da nie von Deiner Jugendliebe zwischen uns die Rede sein sollte;
darum wnsche ich es noch jetzt so. Ich wei Dir Dank fr das Glck, das ich in
Dir gefunden; ich bin durchaus zufrieden, ich segne den heutigen Tag, meine Wahl
und Dich - aber, ich bekenne Dir's offen, die Art von Vertrauen, die Du meinst,
liebe ich nicht. Es liegt oft viel mehr Vertrauen zwischen Eheleuten in
rcksichtsvollem Schweigen, als in plauderhaften Mittheilungen. Ich denke, meine
kluge Clementine, Du wirst mich darin verstehen; wo nicht - nun so mte ich
einmal, gegen meine Gewohnheit, Gehorsam und Fgsamkeit gegen meine Ansichten
von Dir verlangen, auch wenn sie nicht die Deinen wren.
    Die Errterungen hatten den Geheimrath aufgeregt; er erhob sich und ging
langsam im Zimmer auf und ab, bis er zuletzt gedankenvoll am Fenster stehen
blieb. Clementine war keines Wortes mchtig. Tief durchdrungen von ihres Mannes
gtiger und kluger Liebe, bedauerte sie es, ein Gesprch herbeigefhrt zu haben,
das ihm unangenehm war und ihm den Abend eines Tages verdarb, der so freundlich
begonnen hatte; und doch that ihr Meining's augenblickliches Leiden im Grunde
wohl. Sie sah wie sehr er sie liebte und da er um sie litt, aber sie vermochte
nicht den Anfang zu einer Unterhaltung zu finden, die ihren Mann zerstreuen, ihn
von den peinlichen Gedanken abziehen konnte, die ihn bedrckten. Sie war selbst
so erschttert, da sie ihren Gefhlen Raum lassen mute, und sie vermochte es
nicht, nach Art mancher Frauen, ber Dinge, die sie beschmen, mit verstellter
Ruhe fortzugehen. Sie stand also auf, schlang ihren Arm durch den seinen und
sprach: Sei nicht bse, Lieber, wenn ich Unrecht hatte, und bleibe mir gut! Sage
nur, Du gestrenger Herr, wie Du es willst, ich werde schon gehorchen, und nun
komme und stecke als Zeichen der Vershnung die Friedenspfeife an. Inde bereite
ich den Thee und - das ist mein Friedens- und Vershnungspfand.
    Ein Ku, den ihr Mann herzlich erwiederte, war das Ende dieser Scene, und
nachdem Meining den beabsichtigten Brief an das preuische Ministerium
geschrieben, verging der Abend den Beiden, wie er begonnen, in traulichem
Plaudern ber die knftigen Verhltnisse, und langem Ueberlegen, wie es mglich
sein wrde, spter auch dem Professor Reich in Berlin eine Anstellung zu
verschaffen, um die Trennung der beiden Schwestern nicht zu einer dauernden
werden zu lassen.

                                Sechstes Capitel


Indessen rckte die Zeit dieser Trennung, die fr den Oktober festgesetzt war,
schneller heran, als man es wnschte, und der Abschied von Heidelberg fiel dem
Geheimrath und seiner Frau viel schwerer, als sie es geglaubt hatten. Sie waren
an das mildere Klima, an den krzeren Winter gewhnt. Meining hatte eine lange
Reihe von Jahren dort gelebt und in manchem seiner Collegen einen Freund
gefunden; Clementine konnte sich von der Schwester und namentlich von den
Kindern nicht losreien, und die Reise zu dem sehr ersehnten Ziele begann mit
Thrnen und mit schwerem Herzen, wie es gar so oft geschieht.
    Meining und Clementine hatten sich eigentlich auf das Reisen selbst gefreut.
Der Geheimrath hatte es sich zum Feste gemacht, seine junge liebenswrdige Frau
all seinen alten Freunden, die sie auf dem Wege besuchen wollten, zu prsentiren
und ihrer Bewunderung zu genieen; whrend Clementine, die noch reiselustig war,
sich doppelten Genu davon in der Gesellschaft ihres Mannes versprach. Es lag
ein eigner Zauber fr sie in dem Gedanken, mitten in der fremden Umgebung mit
ihrem Manne allein zu sein, nur auf einander angewiesen, ganz auf sich selbst
beschrnkt. Sie wute, da ihr Herz weit und froh werde, so oft es ihr vergnnt
war, wie ein leichter Zugvogel die Welt zu durchfliegen; sie hoffte dasselbe von
Meining und war im Voraus entzckt ber das Glck, das sie Beide in dieser
Stimmung empfinden muten. Leider aber verbitterte der Himmel selbst die
erwartete Freude. Das Wetter war schon am Tage ihrer Abreise ungewhnlich khl
und regnig geworden und blieb fast bestndig schlecht. Man konnte kaum daran
denken, den Wagen zu verlassen, fand es auf den Landstraen neblig, trotz der
noch frhen Jahreszeit; in den Stdten still, weil der Regen die Leute zu Hause
hielt. Meining, der sonst immer gesund war, hatte, darauf trotzend, sich eine
Erkltung zugezogen, die, wenn auch unbedeutend, ihn doch mislaunig machte, und
das Wiedersehen seiner frhern Bekannten trug noch dazu bei, ihn vollends zu
verstimmen. Die Meisten hatten so gewaltig gealtert, da ihr Anblick ihm
peinlich war, weil es ihn selbst auf unangenehme Weise an seine vorgerckten
Jahre mahnte. Er fand einige mitten in einer groen Familie, gedrckt von Sorgen
und nicht belohnt fr ihr Leben, wie sie es verdienten, Andere untergegangen in
Egoismus und Pedanterie, Wenige in zusagenden Verhltnissen, verheirathet mit
Frauen ihres Alters und zufrieden mit ihrem Geschicke. Diese konnten es nicht
unterlassen, ihn halb im Ernste, halb scherzend darauf aufmerksam zu machen, da
er doch eine gar junge Frau gewhlt htte, was, trotz ihrer Liebenswrdigkeit,
immer bedenklich sei; Jene rhrten ihn durch eine Masse von Klagen, durch
Leiden, denen er nicht abhelfen konnte, und je mehr er Grund hatte glcklich zu
sein, um so drckender wurde ihm die Lage seiner frhern Bekannten. Unwohl und
niedergeschlagen, wie er es war, drang er auf die grte Beschleunigung der
Reise und beschlo Tag und Nacht zu fahren, um schneller an das Ziel und zur
Ruhe zu gelangen, womit seine Frau, unter diesen Verhltnissen, nur
einverstanden sein konnte.
    Bei der Eile, mit welcher die Reise zurckgelegt wurde, sah sich Clementine
wie mit einem Zauberstabe in ihre geliebte Vaterstadt versetzt. Als sie zuerst
die bekannten Pltze erblickte, berfiel sie eine solche Wehmuth, da ihr die
Thrnen aus den Augen strzten und sie sich, wie ein banges Kind, an Meining
schmiegte, nicht wissend, ob es Freude oder Schmerz, Hoffnung oder Furcht sei,
was sie bewegte. Da ging die erste bekannte Person vorber, und ein Gefhl von
unbeschreiblichem Vergngen trocknete die Thrnen. Nun war es bald ein
Dienstmdchen, das in ihrem elterlichen Hause gedient, ein Offizier, mit dem sie
auf den Bllen getanzt, ein Fenster, an dem sie oft mit einer Freundin
gestanden, ein Laden, in dem sie als kleines Kind ihr Spielzeug gekauft - kurz
auf jedem Schritte neue Gegenstnde der freudigsten Erinnerung. Sie war wieder
zum frohen Kinde geworden, und Meining konnte gar nicht Alles sehen und
bewundern, was ihm Clementine, als des Sehens und Bewunderns wrdig, zeigte. Er
wurde selbst heiter, als er den Ort, an dem er zu wirken berufen war, so
glnzend und bewegt vor sich sah, und die Freude seiner Frau erhhte diese gute
Stimmung. Jetzt bog der Wagen in die Jgerstrae ein; sie hielten vor dem Hause
von Clementinens Eltern, in dem Hause, in welchem sie jetzt wieder wohnen
sollte.
    Sie war immer im Besitze dieses Grundstckes geblieben, das ein Verwandter
fr sie verwaltet hatte, als sie Berlin verlie, und hatte sich das Quartier,
welches ihre Eltern einst inne gehabt, frei machen lassen, sobald sie die
Nachricht von Meining's Berufung in ihre Vaterstadt erhalten. Jetzt trat sie
wieder in die wohlbekannten Rume ein. Es war ihr, als htte sie sie eben
verlassen, als kehre sie von einem Spaziergange zurck; aber wie war Alles so
fremd, so de! Die Zimmer, kaum nothdrftig mblirt, schallten wieder von der
Stimme der Sprechenden; nur die Stimme des theuern Vaters, der herzliche
Willkomm der Tante tnten nicht an ihr Ohr - sie waren todt, entfernt! Und doch
sa da drben am Fenster noch die schne, stattliche Frau mit dem
Wachtelhndchen, vor der Thre die alte Blumenverkuferin mit dem ewigen
Strickstrumpf; noch gingen die Offiziere und Referendare lorgnirend und grend
an den Fenstern der gefeierten Sngerin vorber; die Schauspieler eilten zur
Probe in das nahe Theater; die Feinschmecker zogen zu Thiermann. Es war Alles
das Alte geblieben, nur Clementine war eine Andere, eine Fremde in der Heimat
geworden.
    Mit diesen Gefhlen betrat sie ihr ehemaliges Stbchen und versank in tiefe
Gedanken, aus denen das Fragen ihrer Jungfer und des Dieners sie rissen, die
auspacken und einrichten und herstellen wollten. Dann kam Meining hinzu, die
Wohnung wurde durchwandert, Rcksprache ber die nthigsten Erfordernisse
genommen und das Treiben des Augenblickes machte sein Recht geltend fr diesen
Tag und die ganze nchste Zeit.
    Auch fanden sich jetzt wirklich eine Menge Geschfte fr die Hausfrau. Der
Geheimrath wnschte sich glnzend einzurichten, seine Sle zu dem Sammelplatz
der geistigen Gren zu machen, und in diesem Sinne muten die Einrichtungen
getroffen werden. Clementinen's geluterter Geschmack, ihr angeborner
Schnheitssinn kamen ihm dabei vortrefflich zu Statten. In wenigen Wochen waren
die den Zimmer in eine Wohnung verwandelt, die trotz der modernen Pracht
einfach und behaglich erschien, weil ihre Besitzerin heimisch darin und fr
diese Umgebung geschaffen war, und Meining fand eine Freude daran, Clementine in
diesen neuen Verhltnissen zu betrachten. Fast tglich wurden ihr Fremde
vorgestellt. Ein groer Kreis fing an, sich um sie zu versammeln, und, obgleich
das Alles sie augenblicklich zerstreute, vermite sie doch gar sehr ihre
frheren Bekannten, deren sie nur noch uerst wenige in Berlin vorfand. Von
ihren Jugendfreundinnen waren die meisten verheirathet und mit ihren Mnnern
nach fernen Orten gezogen. Die alten Freunde ihres Vaters waren theils
gestorben, theils, da sie dem Beamtenstande angehrten, ebenfalls versetzt; so,
da ihr eigentlich nur die Frau eines reichen Kaufmannes von dem frheren Kreise
brig geblieben war. Clementine hatte dieselbe erst ein Jahr vor ihrer Abreise
von Berlin kennen lernen, und Beide hatten sich, vielleicht grade wegen ihrer
vollkommen unhnlichen Charaktere, angezogen. Clementine war eben damals sehr
niedergedrckt gewesen, und es hatte sie gefreut zu sehen, da Jemand so
lebensfroh, so vollkommen glcklich sein knne, als Marianne, deren gutmthiges,
offenes Wesen sie fr dieselbe eingenommen hatte. Sie hatte Freude daran
gefunden, Marianne, die arm war und bei entfernten Verwandten lebte, Theil
nehmen zu lassen an den Zerstreuungen und Genssen, die ihr elterliches Haus
fast tglich bot. Dort hatte jener reiche Bankherr die Mittellose kennen
gelernt, sich in sie verliebt und sie bald nach Clementinen's Abreise
geheirathet. Bezaubert von dem Liebreiz seiner Frau, hatte er ihr in der ersten
Zeit ihrer Ehe in Allem den Willen gelassen, und Marianne hatte sich dann in ein
Meer von Zerstreuungen gestrzt, die nicht ganz ohne nachtheiligen Einflu auf
sie geblieben waren. Eine Anlage zu Ziererei und Gefallsucht, die Clementine oft
an ihr getadelt, hatte sich mehr ausgebildet; da sie ihrem Manne aber auf's
Innigste ergeben, und sehr glcklich mit ihrem kleinen Tchterchen war, lie
Clementine die Hoffnung nicht schwinden, die Lebenslustige werde von den
Thorheiten, welche sie in dem Weltleben angenommen, zurckkommen, je mehr
dasselbe ihr zur gleichgltigen Gewohnheit und das Kind ihr Freude und
Beschftigung werden wrde. Sie gab sich also ohne Rckhalt dem Vergngen hin,
welches das Beisammensein mit der frheren Bekannten ihr gewhrte; Marianne
behauptete, auer sich vor Entzcken ber die Rckkehr ihrer Clementine zu sein,
und da ihre Mnner durch Geschfte sehr beansprucht, die Frauen also sich selber
berlassen waren, kamen sie hufiger zusammen, als es eigentlich in
Clementinen's Absicht gelegen hatte.
    Der Geheimrath hatte zwar anfangs seinen Vorsatz, keine Praxis zu
bernehmen, durchaus festhalten wollen; er konnte es aber nicht durchfhren, da
er bald von den angesehensten Familien der Residenz in bedenklichen Fllen zu
Rath gezogen wurde, und die Hlfe, die der Vornehme und Reiche forderte, dem
Armen nicht versagen durfte. Dadurch machte es sich ganz anders, als er es
beschlossen hatte. Eine ausgedehnte Praxis nahm ihn bald so sehr in Anspruch,
da er kaum Zeit behielt, seinen Vorlesungen an der Universitt gerecht zu
werden, und Clementine sah ihn also fast noch weniger, als in Heidelberg, da er
sich in Berlin der Gesellschaft nicht entziehen konnte und wollte, und somit
auch die wenigen freien Abendstunden besetzt waren, die sie in Heidelberg doch
immer mitsammen verlebt hatten. Oft traf es sich, da die Eheleute, die sich
Morgens nur flchtig gesprochen hatten, erst bei dem spten Mittagessen wieder
zusammentrafen, welches sie bald als Gste auer dem Hause oder mit Gsten in
ihrem Hause einnahmen, und da dann Meining, wenn er anderweit in Anspruch
genommen war, seiner Frau dringend zuredete, den Abend nicht allein zu verleben,
sondern das Theater oder eine Gesellschaft zu besuchen, in welcher sie sich zu
unterhalten hoffen konnte.
    So geschah es auch, als sie eines Mittags in kleinerm Kreise im Hause des
Bankiers gegessen hatten. Die Gesellschaft war zeitig aus einander gegangen, und
Marianne bat ihre Freundin, den Rest des Abends bei ihr zuzubringen, um, wie in
alten guten Tagen, ein wenig von alten guten Tagen zu plaudern. Spter, zum
Thee, sollten die Mnner zurckkehren.
    Marianne hatte der Geheimrthin nie so nahe gestanden, da diese zu einer
besonders vertrauten Unterhaltung mit ihr geneigt sein konnte. Sie versprach
sich deshalb von dem Abende keine wesentliche Befriedigung, willigte aber doch
ein, ihn mit Marianne zu verleben, weil dieser viel daran gelegen zu sein
schien. Nachdem die Mnner sich entfernt hatten, zogen sich die beiden Frauen
dann in ein kleineres Zimmer zurck, setzten sich behaglich nieder, und, wie
immer, begann die Unterhaltung von ganz uerlichen Dingen. Man sprach von Moden
- und von Kleidung, und Marianne meinte: Mit Dir ist im Grunde nicht davon zu
reden, denn Du, meine Beste! kleidest Dich wirklich wie eine Nonne! Schon als
Mdchen haben Deine ewigen, dunkeln Kleider, Deine einfachen Hte mich tdtlich
gelangweilt; nun aber, wenn man Deine neue Equipage und die Diener in Eurer
Livree sieht, mte man wirklich meinen, nun werde eine Dame in strahlender
Toilette daraus hervorsehen - aber nein! eine Herrenhuterin, eine barmherzige
Schwester sieht heraus, mit edlen Zgen, dunkeln Augen, mit freundlicher Miene;
und man erfhrt verwundert, die Dame im schwarzen schlichten Kleide, die in
sanfter Nachlssigkeit in den Wagenkissen lehnt, sei die junge, reiche
Geheimrthin von Meining, die Frau eines unserer berhmtesten Mnner, der sie
unaufhrlich mit Schmuck und Putz berhuft. Weit Du, lieber Schatz! da Du
damit Deinem Manne zu nahe trittst? Man mu ja glauben, da Du nicht glcklich
bist, wenn Du Dich so aufgiebst. Die junge, schne Frau eines alten Mannes, die
so schmachtend aussieht und jeden Schmuck verschmht, mu man durchaus fr
unglcklich halten. Aber Scherz bei Seite! bist Du denn glcklich verheirathet?
Ich konnte mir gar nicht denken, da Du Dich jemals einem so alten Manne
verbinden knntest. Wie lebst Du denn eigentlich mit Deinem Manne?
    Siehst Du das nicht, Marianne? sehr zufrieden. Meining ist nicht mehr jung,
aber er ist so gut, so geistreich, so brav und hat mich so lieb, da mir gar
Nichts zu wnschen bleiben kann. Und in der That! jung bin ich ja auch nicht
mehr; Meining ist dreiundfnfzig Jahre, aber ich bin auch schon dreiig Jahre
alt, und damit ist man eben keine junge Frau.
    Marianne lachte laut auf. Als ob ich jnger wre! und doch behandelt mich
mein vierunddreiigjhriger Mann ebenso wie er unsere kleine Nanny behandelt;
nur da er gern mchte, die Kleine lernte sprechen und ich schweigen. Mutter und
Tochter verrathen aber wenig Anlage zu den Eigenschaften, die man ihnen wnscht.
Schade berhaupt, da Du nicht meinen Mann geheirathet hast. Er ist bezaubert
von Deinem ruhigen Anstande, von Deinem verstndigen, geistreichen Wesen, und
als der Geheimrath neulich erzhlte, da Ihr in Heidelberg ganz wie die
Einsiedler gelebt httet, und wie huslich Du eigentlich wrest, schien das
meinem Manne der Gipfel des Glcks zu sein; whrend ich mir fest vornahm, Dich
fr die fabelhafte Langeweile zu entschdigen. Was hast Du denn eigentlich dort
angefangen?
    Oh! ich habe dort sehr angenehm gelebt! Besonders scheint es mir in der
Erinnerung so. Freilich war ich viel allein - aber hier sehe ich Meining fast
gar nicht; und wenn mich auch augenblicklich das Leben in der Gesellschaft noch
unterhlt, so werde ich seiner doch bald wieder mde werden und Meining
vielleicht noch frher als ich. Dann beginnen wir wahrscheinlich unser stilles
Leben wieder, und Du kannst dann selber sehen kommen, wie wir's eben treiben.
    Um Alles nicht! lieber Engel, damit bleibe mir fern. Sage mir nur in aller
Welt, was Du solch einen langen Tag hindurch beginnst? Ich strbe bei dem bloen
Gedanken an solche einsame Glckseligkeit.
    Ich habe gelesen, liebste Marianne! Habe selbst den Haushalt besorgt,
Mariens Kinder unterrichtet, und damit ist mir die Zeit vergangen. Ich bin ja
immer gern zu Hause gewesen.
    Marianne lchelte, sah der Freundin fest in's Auge und sagte mit
schmeichelnder Stimme: Erlauben Sie, gndige Frau! da ich an allen Ihren Worten
zweifle. Mir ist es vorgekommen, als htten Dero Gestrengen, was man so nennt,
eine unglckliche Liebe gehabt, und als htten Sie sich nachher aus - nun aus
dpit amoureux verheirathet.
    Sie hielt pltzlich inne, da sie sah, da die Geheimrthin die Farbe
wechselte und ihr die Antwort schuldig blieb, wie man sie einem zudringlichen
Kinde weigert; und als knne sie eine Ungeschicktheit durch die zweite vergessen
machen, rief sie: Ich schwre Dir, ich habe es in der That geglaubt, als ich
Dich kennen lernte, aber ich habe nie gewagt, Dich damals darum zu befragen. Nur
Frau Thalberg bin ich, ehe sie Berlin verlie, einmal deshalb angegangen, weil
Du mit ihr frher so bekannt warst, und sie sagte mir, sie htte nie davon
gehrt. So wollte ich Dich's heute einmal selber fragen, und da wirst Du bse!
Wie ist das nur mglich, bei einer lange abgethanen Sache. Ich hab' es ja nicht
bs' gemeint! Es war im Grunde nur ein Scherz - ein Zeitvertreib! -
    Ich wei, ich wei das! entgegnete Clementine, die ihrer Aufwallung schnell
wieder Meister geworden und bemht war, der peinlichen Unterhaltung ein Ende zu
machen. Sie bat darauf, man mge ihr die kleine Nanny holen lassen, und in dem
Tndeln mit dem Kinde verging die Zeit bis zu der Mnner Rckkehr. Der
Geheimrath aber fand seine Frau verstimmt; sie klagte ber Ermdung und man
brach frher als gewhnlich auf.

                               Siebentes Capitel


Das gesellige Leben bewegte sich rasch und bunt; Gesellschaften, Theater, Blle
und Concerte wechselten fast tglich mit einander ab, Meining fand, wie er es
selbst vorausgesehen, eine groe Freude an der Gesellschaft, die ehrenvolle und
hchst schmeichelhafte Art, mit der ihm von allen Seiten begegnet ward, freute
ihn und regte ihn an; dazu kam, da er sich von seinen nhern Bekannten hatte
berreden lassen, Karte spielen zu lernen, und er fand darin eine so angenehme
Zerstreuung, ein so geistreiches Ausruhen nach der Arbeit, da ihm schon darum
die Gesellschaft lieb wurde, weil er sicher war, dort seine Partie Whist oder
L'hombre nicht zu entbehren. Dadurch sah sich auch Clementine aus der
abgeschlossensten Einfrmigkeit schnell in eine ganz entgegengesetzte Sphre
versetzt. Der Name ihres Mannes, sein Rang und Reichthum und ihre eigne
Liebenswrdigkeit zogen die Blicke auf sie. Man bemhte sich, sie in den Zirkeln
zu haben, und der Nachsatz: kommen Sie, Frau von Meining ist bei uns, wurde
mancher Einladung hinzugefgt. Clementine lchelte oft selbst, wenn sie
bedachte, wie sie gar Nichts dazu thue, den Ruf der Liebenswrdigkeit und des
anmuthigsten Geistes zu verdienen. Sie gefiel, weil sie einen Jeden gewhren
lie, sie sprach im Ganzen wenig und ruhig, hrte mit Verstand zu, konnte aber
doch bisweilen, wenn ihr Gefhl angeregt wurde, zu lebhaftem Gesprche
hingerissen werden oder einen Streit durch eine geschickte Wendung beenden. Das
nahm die Mnner fr sie ein. Und obgleich sie nach jener Unterhaltung mit
Marianne mehr Sorgfalt als bisher auf ihre Kleidung wendete, um nicht wieder zu
hnlichen Bemerkungen Anla zu geben, machte ihr gnzliches Verzichten auf jene
Bewunderung, die durch eigene Schnheit und durch Pracht der Kleidung
hervorgerufen wird, den Neid und die Eifersucht der Frauen schweigen. Meining's
zrtliche Eitelkeit auf seine Frau fand hier in dem grern Kreise die
reichlichste Nahrung, und er gefiel sich darin, sie mit Schmuck und Luxus zu
umgeben, um den Edelstein, den er in ihr besa, auch in der glnzendsten Fassung
zu zeigen. Hatte er sie frher geachtet und werth gehalten, so war er nun recht
eigentlich verliebt in sie. Sie war ihm die treue Gefhrtin von frher und doch
eine ganz neue Erscheinung, und er hatte Nichts lieber, als wenn man ihn um des
Besitzes dieser Frau willen glcklich pries. Dann unterlie er nie, ihre
huslichen Tugenden, von deren Ausbung jetzt gar nicht mehr die Rede war, auf
das Eifrigste zu rhmen und hinzuzufgen, wie thricht es sei, zu einer
glcklichen Ehe Gleichheit des Alters als wesentliche Bedingung zu betrachten,
er sei fast noch einmal so alt, als seine Frau, und doch vollkommen glcklich.
    Und in der That, die Ehe des Geheimraths konnte man fr ein Muster von
Zufriedenheit betrachten. Denn da Clementine unter den Spitzen und Perlen ihr
Herz leer und sich mitten in der grten Gesellschaft hufig verlassen fhlte,
das konnte die Welt nicht wissen. Sie sehnte sich, da ihre Ehe kinderlos zu
bleiben schien, nach Mariens Kindern, sie htte viel darum gegeben, wenn Marie
ihr eines derselben anvertraut htte, aber weder Marie noch der Geheimrath, der
das unruhige, kindliche Treiben nicht mehr liebte, zeigten dazu Neigung, so da
sie auch diesen Wunsch bald aufgeben mute, und das Liebebedrfni in ihrer
Seele blieb unbefriedigt. Sie fhlte sich alt werden und arm in all' dem
Reichthum, der sie umgab, und die Ueberzeugung, in ihrem Leben knne keine
Freude mehr erblhen, wurzelte immer tiefer in ihrem Herzen. Dazu kam, da die
neue Lebensweise sie aufregte und angriff, und, was sie sich selbst kaum zu
gestehen wagte, das Bild des einst Geliebten trat hier, wo sie die schnste Zeit
ihres Lebens mit ihm verlebt hatte, unaufhrlich vor ihr inneres Auge.
    Wenn sie bisweilen einsam und abgespannt in ihrem Mdchenstbchen sa, das
sie sich jetzt zum Arbeitszimmer eingerichtet hatte, gedachte sie mit inniger
Wehmuth an die Stunden, die sie hier in Robert's Andenken vertrumt, und ein
Gefhl von Trostlosigkeit bemchtigte sich ihrer, ohne da sie selbst sich
dessen deutlich bewut war.
    In dieser Stimmung traf sie in den ersten Tagen des Decembers folgendes
Billet von einer Frau, die fr einige Zeit ihren Wohnsitz in Berlin
aufgeschlagen hatte, um sich von dem Geheimrath berathen zu lassen, wodurch auch
Clementine mit ihr bekannt geworden war.
    Werthe Frau! hie es in demselben, der Geheimrath verlt mich eben, mit dem
Versprechen, heute Mittag bei mir auf gut Glck ein Mittagbrod einzunehmen, wenn
Sie ihn begleiten wollen. Und wollen mssen Sie diesmal; wre es nur, um einen
meiner geistreichsten Bekannten kennen zu lernen, der mich heute besuchte, und
den ich eingeladen habe. Ich, die Fremde, habe ihm, der nur fr wenige Tage hier
ist, alles Schne seiner Vaterstadt versprochen und ihm zugesagt, da er die
liebenswrdigste der hiesigen Frauen bei mir finden solle.
    Machen Sie, da ich mein Versprechen halten kann. Der Geheimrath lt Ihnen
durch mich sagen, er werde Sie abholen kommen. Auf Wiedersehen also!
    Clementine war um vier Uhr bereits fertig, als der Geheimrath nach Hause
kam, um mit ihr zu dem Diner zu fahren. Sie fanden die aus wenig Personen
bestehende Gesellschaft schon beisammen: Frau von Stein mit einer Dame im ersten
Zimmer, die Mnner in der Nebenstube, die eben angekommenen Zeitungen
durchbltternd. Auch Meining ging in das Kabinet und kehrte nach einiger Zeit
mit einem Manne zurck, den Clementine, da sie mit dem Rcken gegen die Thr
gesessen hatte, erst erblickte, als der Geheimrath ihn zu ihr fhrte. Herr
Thalberg, sagte er, der, wie ich eben hre, ein Freund Deines vterlichen Hauses
war.
    Clementine war keines Wortes mchtig. Ein furchtbarer Schmerz durchzuckte
ihre Brust, ihr Herz schlug so heftig, da es sie betubte, und ihre Aufregung
wre sicher Niemandem entgangen, wenn nicht Frau von Stein in komischem
Verdrusse ausgerufen htte: Also Sie kennen einander? O! das ist ein
himmelschreiendes Unrecht! Das ist ja der interessante Fremde, den ich Ihnen
angekndigt hatte, und nun ist es ein ganz alter Bekannter Ihrer Familie, den
Sie besser kennen, als ich selbst!
    Clementine erwiederte den Scherz mit einem erzwungenen Lcheln und Robert
entgegnete: Fr mich, gndige Frau! ist die Ueberraschung, die Sie mir
zugedacht, um so grer, da ich Frau von Meining noch in Heidelberg vermuthete.
In Wahrheit, wir Landleute werden so fremd in der groen Welt, da wir auch von
den glnzendsten Gestirnen an ihrem Horizonte wenig mehr erfahren.
    Diese knstliche, kalte Galanterie brachte Clementine wieder zu sich. Es
gelang ihr, eine gleichgltige hfliche Antwort zu geben. Sie fragte, ob
Thalberg viel auf dem Lande lebe, und erfuhr, da er, nach dem Tode eines
Verwandten, dessen groe Gter an der Mecklenburger Grenze geerbt und dort
seinen Wohnort gewhlt habe, da ihm das Landleben und die damit verbundene
Thtigkeit sehr zusage. Nur dann und wann, schlo er, verlasse ich meine
Einsamkeit, um etwa wie im vorigen Jahre das Marienbad, oder wie jetzt, um meine
Vaterstadt einmal wieder zu besuchen. Doch denke ich hchstens ein paar Wochen
hier zu verweilen.
    Ein Diener meldete, da angerichtet sei, und die Gesellschaft begab sich zur
Tafel. Man setzte sich nieder, man plauderte. Clementine war es, als erlebte sie
das Alles nur im Traume, aber in einem Traume, aus dem sie zu erwachen
frchtete. Sie sah Robert wieder! Das war die stolze, hohe Gestalt, das
befehlende Auge, die siegesgewisse Stirne; das war der Mund, der so kalt und
eisig spotten und so unwiderstehlich sein konnte, wenn er sich zur Bitte
ffnete; das war das schne, dunkle Haar mit der Flle seiner reichen Locken,
das bei ihrem Abschiede sich auf ihre Stirn gedrckt hatte. Jeder Laut seiner
Stimme war ihr bekannt, aus jedem Worte sprach sie eine beseligende Erinnerung
an. Neues Leben schien fr sie zu beginnen, ihr Gesicht glhte, ihr Herz schlug
frei, es war ihr, als wrde sie nach langem Leiden und hoffnungsloser Krankheit
aus winterlicher Nacht pltzlich gesund in den belebenden Strahl der Sonne
gefhrt, und she rings umher den Frhling blhen. Nicht der Vergangenheit,
nicht der Zukunft gedachte sie, sie war glcklich im Moment.
    Whrend Clementine diesem sie bewltigenden Zauber nachgab, war die
Unterhaltung bei Tisch lebhaft geworden. Der Geheimrath sprach sich anerkennend
ber die ganze Richtung aus, die er in der preuischen Verwaltung gefunden, und
die es ihm doppelt lieb mache, seine jetzige Stellung angenommen zu haben. Er
wunderte sich, da Robert, der von seiner Familie fr den Staatsdienst bestimmt
worden war, und die ersten Schritte dazu mit Neigung gethan hatte, sich
pltzlich aus der Carrire zurckgezogen habe, und fragte ihn, was ihn dazu
bewogen htte.
    Vor allen Dingen, entgegnete dieser, der Wunsch nach Unabhngigkeit. Man
kann im Grunde den Staatsdienst doch nur von zwei Gesichtspunkten aus
betrachten; einmal, als ein Mittel zu ehrenvoller, segensreicher Wirksamkeit,
oder als ein Mittel zum Erwerb. Von beiden Seiten aber bot er mir keine
Befriedigung.
    Und ich htte grade geglaubt, da der Wunsch nach Wirksamkeit in der
Verwaltung, der Sie sich gewidmet hatten, volle Genge finden msse, sagte
Meining.
    Nicht im Geringsten! versetzte Robert. Der Dienst bei der Verwaltung ist ein
reines Maschinenwesen, und die niedern Beamten gleichen einer Uhr, die gehen
mu, wenn sie aufgezogen wird. Glcklich genug, wenn der Uhrmacher sein Fach
versteht und die Rder nicht zum Gehen zwingen will, nachdem er die Feder
zerbrochen hat.
    Mich dnkt aber, da es in Preuen an einsichtsvollen Dirigenten nicht
fehle; dafr brgt das allgemeine Fortschreiten des Staates. Wenigstens knnen
Sie nicht leugnen, da berall der beste Wille vorhanden ist! fuhr der
Geheimrath fort.
    Das leugne ich auch nicht! entgegnete Robert. Die Frage fr den
Staatsdiener, der sich nicht zur Maschine hergeben will, ist aber die, ob seine
Ansichten von Menschenglck, von Fortschritt mit denen bereinstimmen, die ihm
zu verbreiten befohlen werden. Das war nun leider nicht mein Fall. Ich sah und
erkannte manches Gute, das gefrdert wurde; aber mir blieb berall das drckende
Gefhl eines geflissentlich gehemmten Fortschritts, und diese Halbheit machte
mir meinen Beruf zur Last. Ich mochte nicht fr Halbheiten mein ganzes Wirken
opfern.
    Das Gesprch nahm mehr und mehr eine politische Wendung, die ganze kleine
Gesellschaft nahm allmlig Theil daran; selbst die Damen mischten hin und her
eine Bemerkung ein, und es fiel deshalb der Hausfrau auf, da Clementine stiller
als gewhnlich war. Auf ihr Befragen entgegnete diese, da ihr mit dem
Wiedersehen des frheren Lebensgenossen das Andenken an ihre Jugend, an
Entfernte und Gestorbene erwacht sei und sie bewege. Frau von Stein fand das
natrlich, aber auch der Geheimrath, der bisher sich fast ausschlielich mit
Thalberg unterhalten, bemerkte, als man sich vom Tische erhob, gegen seine Frau,
da ihn ihr Schweigen berrasche. Hast Du das Sprechen heut verschworen?
scherzte er - oder wrest Du unwohl, Liebe? Deine Hand ist in der That sehr
kalt! fgte er schnell besorgt hinzu.
    Keines von Beidem! antwortete sie, Du weit, ich habe manchmal meine stillen
Tage, an denen das Hren mir ein doppelter Genu ist.
    Nun, der soll Dir wieder werden, meine Liebe! Ich habe Herrn Thalberg eben
aufgefordert, morgen den Abend mit uns Beiden zuzubringen, und ich denke, er
schlgt es uns nicht ab, sagte Meining.
    Im Gegentheil! ich nehme es mit Freuden an, wenn ich nicht frchten mu zu
stren! meinte Robert.
    Sie werden uns sehr willkommen sein, brachte Clementine scheu hervor, und
nach einer kurzen und ganz oberflchlichen Unterhaltung trennte man sich fr den
Abend.
    Meining fuhr gegen seine Gewohnheit gleich mit seiner Frau nach Hause und
drang mit einem gewissen Eifer in sie, ihm den Grund ihrer auffallenden
Zerstreutheit und Theilnahmlosigkeit zu sagen. Sie entschuldigte sich wie gegen
Frau von Stein und er lie es gelten. Einen Augenblick aber hatte sie
geschwankt, ob sie ihrem Manne nicht sagen solle: nimm die Einladung zurck, ich
kann diesen Mann nicht wiedersehen! Dann aber fiel ihr die Unterredung ein, die
sie einst mit Meining ber unzweckmiges Vertrauen gehabt hatte, sie bedachte,
da Thalberg nur wenige Tage in Berlin bleiben, da sie ihn, auer an dem
nchsten Abende, wahrscheinlich nicht mehr sehen werde, und das beschwichtigte
ihre Zweifel. Sie beschftigte sich, um sich zu zerstreuen, den Rest des Abends
mit all den kleinen Dingen, die ihrem Manne angenehm sein konnten, und erhielt
sich dadurch in einer Art Heiterkeit, die auch ihn erheiterte und ihn vllig
sorglos machte.
    Und doch schlief sie mit dem traurigen Bewutsein ein, ihren Mann zum
erstenmale absichtlich getuscht zu haben, und des Geliebten Bild begleitete sie
auch noch in dem Traum der Nacht.

                                 Achtes Capitel


                                Robert Thalberg
                           an den Hauptmann v. Feld.

                                                   Berlin, den 5. December 1839.

Seit vier Tagen bin ich hier, habe meine kleine Angelegenheit mit den Behrden
abgemacht und die wenigen alten Bekannten, die ich noch gefunden, wieder einmal
begrt. Es ist ein Unrecht von Dir, da Du Deine langweilige Garnison nicht
verlt und die zwanzig Meilen nicht herberfhrst, damit wir in Berlin, dem
Schauplatz unsrer raschen Jugend, endlich noch einmal ein paar Tage
zusammenleben. Mir ist hier Vieles fremd geworden in den drei Jahren meiner
Abwesenheit, und ich knnte ganz ernsthafte Betrachtungen machen ber das Leben
und die Vergnglichkeit und Eile desselben, wenn ich sehe, wie eine ganze
Generation, die ich frher gekannt, bereits gestorben, und eine neue, junge Welt
herangewachsen, die mir fremd ist. Schade nur, da diese Bemerkung, in der sich
so viel Schmerzliches verbirgt, fr Alle eben so alt, als fr den Einzelnen
immer neu ist. Fr mich liegt darin jedesmal die dringende Aufforderung, das
Leben intensiv so schnell und viel zu genieen, als ich es vermag, und Andern zu
ntzen, so gut es geht.
    Augenblicklich unterhlt mich das Stadtleben wieder vortrefflich, und doch
wei ich, da ich mich nach wenig Tagen zurcksehnen werde nach meinem lieben
Hochberg, da mir die schne Welt fade, die Stadt eng vorkommen wird, und da
ich mit doppelter Lust zu meinen wintergrnen Wldern, zu meinen gefrornen Seen
zurckeilen werde. Auch habe ich, fr den Fall, da diese Lust mich pltzlich
anwandelt, meine Einrichtungen getroffen. Meine Einkufe sind besorgt, und ich
glaube fast, lnger als acht Tage halte ich es nicht aus, mich so geflissentlich
zu amsiren, es sei denn, Du trfest whrenddessen hier ein.
    Denke Dir, welch eine Begegnung ich hier gehabt habe! Du erinnerst Dich wohl
der schnen Clementine Frei, der ich Dich zuerst auf einem Brhl'schen Balle
vorstellte, und der Du bald, wie wir Alle, huldigtest, bis Du zufllig
bemerktest, da mich ein lebhafteres Interesse an sie fesselte. Damals war ich
fest entschlossen, sie zu meiner Frau zu machen, denn ich liebte sie oder
glaubte es wenigstens, und unsre Verbindung war eine zwischen uns und den beiden
Familien stillschweigend abgemachte Sache. Wie das aber manchmal geht, Zeit,
Entfernung und neue Eindrcke verdrngten ihr Bild aus meiner Seele und - doch
Du kennst jene Vergangenheit mit ihren strmischen Erinnerungen. Genug also! ich
habe Clementine in diesen Tagen hier ganz unerwartet als Geheimrthin von
Meining wiedergesehen und sie sehr verndert gefunden. Es ist, so scheint mir,
nur noch die Spur von ihrer Schnheit vorhanden. Sie sieht leidend aus und
lter, als sie ist; eine wehmthige Ruhe, ein melancholischer Ausdruck der
Augen, der durch die lieblichen Zge um den Mund nicht gemildert wird, lassen
mich vermuthen, da sie viel gelitten hat. Ihr Mann ist bedeutend lter, fast
ein Greis. Er ist offenbar sehr eingenommen von dem Wesen seiner Frau, die hier
wieder sehr gefeiert wird; brigens ein angenehmer, geistreicher Mann, der mich
fr den heutigen Abend eingeladen hat. Mein Name und ich waren ihm fremd. Wie
ich Clementine kannte, wundert mich das eigentlich.
    Ich schreibe Dir nur so flchtig, weil ich bestimmt voraussetze, Dich hier
wiederzusehen. La mich bald von Dir hren, damit ich meinen Aufenthalt danach
einrichte.

                             Derselbe an Denselben.

                                                                Den 8. December.

Also bleibst Du wirklich Deinem Vorsatze treu, alter Freund! und wir sehen uns
erst wieder, wenn die Entenjagd Dich, Du Nimrod, zu mir fhrt? Es ist eine
Thorheit, da Du jetzt nicht kommst; aber lange nicht so thricht, als Dein
Vorschlag, da ich lnger in Berlin bleiben und mir unter den Tchtern des
Landes eine Burgfrau fr Schlo Hochberg suchen solle. Ich denke, ber den Punkt
kennst Du meine Gesinnungen. Nach der Tuschung, die ich erfahren, nach jener
tollen Leidenschaft, mit der ich an Brigitte hing, bin ich mit der Liebe fertig,
und eine bloe Haushlterin - dazu bedarf ich keiner Frau, die ich behalten mu,
wenn sich der geliebte, schnselige Engel in eine anspruchsvolle, launenhafte
Frau verwandelt hat. Mit aller Weisheit lernt man seine Braut erst kennen, wenn
sie zur Frau geworden ist; und mgen dann die Charaktere noch so elend
zusammenpassen, man ist an einander gefesselt und schleppt die hemmende Last mit
sich, wie der Gefangene die Kette. Ich kenne das! - Ueberlege es Dir selbst, wie
viele von unsern frheren Bekannten glcklich oder innerlich gefrdert worden
sind durch die Ehe, die ich brigens nicht angreifen will. Sie pat nur nicht
fr Jeden, und ich glaube, ich wrde mich jetzt darin ausnehmen, als wenn ich
mir die Kleider anzge, die ich zu meinem Confirmationstage trug. Htte ich zu
sechsundzwanzig Jahren geheirathet, ich wre nun vielleicht ein solider
Hausvater, der seinen Kohl baut, die Frau Gemahlin Sonntags in die Kirche fhrt
und die Jungen buchstabiren lehrt. Jetzt mchte das mir nicht mehr anstehn. Nimm
selbst den Fall, ich fnde ein Weib, wie ich es wnschen mte, das Wort und
Probe hielte - wo wre die Gewiheit, da ich fr sie pate? In der Ehe wird gar
zu oft nur Einer von den Gatten glcklich, und das scheint mir auch zwischen dem
Geheimrath von Meining und seiner Frau der Fall zu sein, bei denen ich neulich
einen Abend zugebracht habe. Er ist, das sieht man, mit seinem Loos durchaus
zufrieden; ob sie es ist? Ich zweifle. Auch ist sie in Wahrheit zu jung fr
ihren Mann, den Jeder fr ihren Vater halten mu. Sie kann wirklich noch recht
schn sein, gradezu noch schn. Obgleich sie mir, als ich sie zuerst wiedersah,
gewaltig verndert schien, finde ich mich jetzt in den bekannten Zgen zurck,
erfreue mich an dem feinen Ausdruck ihres Gesichts und namentlich an ihrer
schnen Farbe, wenn sie lebhaft spricht. Es ist nicht jenes plumpe Roth, das
heies Blut und die Sinne in die Wangen treiben, sondern der lichte, zarte
Wiederschein einer warm empfindenden Natur und ganz etwas Eigenthmliches an
ihr. Sie ist noch immer eine interessante Frau.
    Heute Abend will ich noch einen Ball mitmachen, morgen noch ein paar
Besuche, und dann geht's in den Wald zurck.

                   Der Hauptmann v. Feld an Robert Thalberg.

                                                               Den 11. December.

Ich kenne Dich zu lange, um nicht zu wissen, da ich diesen Brief in Gottes
Namen nach Berlin richten kann, und da er Dich dort finden wird. Fhrst Du
nicht wirklich sehr bald ab, liebster Freund, so bleibst Du lange dort; und
willst Du wissen, was Dich festhalten wird? die Geheimrthin von Meining. Ich
habe immer die Ueberzeugung gehabt, da Dir Clementine weit mehr war, als Du
nachher in Deiner Sturm- und Drangperiode selbst geglaubt hast; wo Du von
Freundschaft, herzlicher Anerkennung und allem Teufelszeuge fabeltest, whrend
eine ganz gesunde, innige Liebe Dir im Herzen sa, bis jene unglckselige, aber
freilich reizende Brigitte, wie ein Komet an Deinem Horizonte erschien, und Dich
in ihren Weltfahrten und Wirbeln mit sich fortri. Es war eine tolle Zeit. Du
bist brigens mit den Frauen lange nicht so fertig, als Du glaubst, und wenn Du
Dir nicht bald eine vernnftige Frau nimmst, stehe ich fr Nichts. Sei gescheut
und mache aus Gromuth und Reue, aus herzlicher Anerkennung und Freundschaft,
keine dummen Streiche.
    Das ist ein ehrlich Soldatenwort - kurz und bndig, wie ich es liebe.

                           Aus Clementinens Papieren.

Den 6. December. Gott sei Dank! Der Abend ist vorber. Der Mensch kann doch
gewaltig viel ber sich gewinnen. Nach dem Eindruck, nach dem Entzcken und der
bangen Scheu, mit der ich Robert gestern wiedersah, htte ich es nicht fr
mglich gehalten, den heutigen Abend so ruhig mit ihm verleben zu knnen. Wie
schlug mir das Herz, als er in unser Wohnzimmer trat, als ich ihn hier
erblickte, wo ich einst an seinem Herzen die bittersten Thrnen des Abschiedes
weinte, und doch einen Himmel von Hoffnungen in der Brust trug. Auch ihn schien
es zu bewegen, als er in die alte, ihm einst so bekannte Wohnung trat, die ihm
doch fremd geworden sein mu, in den neuen Anordnungen, wie ich selbst es ihm
geworden bin. Seine Stimme klang mir gestern so weich, so mild, es lag die
Vershnung einer langen Vergangenheit darin - oder trog mich nur mein Wunsch? Er
ist noch ganz der Alte, mir noch derselbe, der er mir immer war; auch Meining
schien ihn sehr anziehend zu finden. Er hat ihn dringend zur Wiederkehr geladen,
die ich aber nicht wnschen kann und darf. Es ist so schwer, gegen Jemand den
gleichgltigen Ton der Gesellschaft zu finden, der uns einst so nahe stand,
dessen Stimme das Echo in unsrer Seele erweckt. Aber was man ernstlich will, das
soll man ja erreichen knnen; und Robert fhrt bald wieder fort, und Alles
bleibt wie es bis jetzt gewesen. Er mu viel gedacht, viel erlebt haben, seit
ich ihn nicht gesehen. Es klingt so Vieles aus seinen Reden hervor, was er nicht
ausspricht und was ich dennoch hre und verstehe. Wenn ich nur Herr wre ber
mich; aber mein Herz klopft und meine Nerven beben, wenn er kommt. Ich wollte,
er wre nicht mehr hier.
    Den 8. December. Es ist fast zwei Uhr in der Nacht; ich komme von Mariannens
Ball zurck, und ich bin munter und frisch wie in der Jugendzeit. Es ist mir
noch nicht mglich, mich zur Ruhe zu legen. Das erste klare Winterwetter hat
immer einen so belebenden Einflu auf mich ausgebt. Sogar schreibelustig bin
ich; habe ich doch vorgestern und heute meinen alten Vertrauten, das Tagebuch,
vorgenommen, das mir seit Jahren fremd geworden ist. Mariannens Fest war aber
auch ganz reizend, Meining wnscht, ich mchte es mir zum Mastab nehmen fr das
unsere. Das Leben in diesen Kreisen ist eigentlich doch interessanter, als es
mir seit lange schien; und heute, wo ich alle jungen Frauen meiner Bekanntschaft
tanzen sah, hat es mir fast leid gethan, da ich seit meiner Verheirathung
darauf verzichtet habe. Thalberg bat mich dringend, nur einmal zu walzen; er
tanze sonst auch nicht mehr, wir mten zusammen eine Ausnahme machen; ich
mochte aber nicht. Als ich mich entschlo, Meining's Frau zu werden, habe ich
durch die Verbindung mit einem so viel lteren Manne dergleichen Genssen
entsagt, inde habe ich das nie bereut. Marianne fragte mich heute, als ich,
whrend die Andern tanzten, hinter Meining's Stuhl stehend, dem Whist zusah und
Thalberg neben mir war, ob wir nicht sehr glcklich wren, einander wieder zu
sehen? Wir mten doch alte Bekannte und Jugendfreunde sein. Robert antwortete:
Ich bin es gewi und wnsche nur, da Frau von Meining mich nicht ungern wieder
sieht. Ach! rief Marianne, welche Frau sieht einen alten Anbeter nicht gerne
wieder, so lange sie noch jung und schn ist; und von der Seite ist Frau von
Meining sicher ohne Sorgen. Mir war die ganze Unterhaltung hchst zuwider, ich
schmte mich und frchtete, mein Mann knnte sie hren; der war aber so in sein
Spiel vertieft, da er des Geschwtzes gar nicht inne ward. Endlich ging ich zu
den alten Damen in das Nebenzimmer, aber auch dahin kam mir Marianne neckend
nach, lachte, that geheimnivoll und sagte: Also den Hof hast Du Dir doch machen
lassen, so gut wie wir, und der schne Thalberg hat das nicht vergessen. Denn
als ich ihn heute etwas ins Gebet nahm, war er Deines Lobes voll und in
Bewunderung Deiner Schnheit. Und darin hat er so unrecht nicht: denn heute, wo
Du einmal trotz Deiner Einfachheit Dich stylvoll angekleidet hast, siehst Du
wirklich so eigenartig aus, da es jeder Einzelne bemerkt. Du hast immer etwas
Besonderes, das man fhlt und sieht, aber nicht nachmachen kann - heute inde
bist Du ganz reizend! - Ah! da kommt er wieder! Nun ich will nicht stren, car
l'on revient toujours  ses premiers amours! und damit ging sie, die Melodie des
Liedes trllernd, leichtsinnig wie ein Kind davon. Ich war in der peinlichsten
Verlegenheit, Thalberg aber gleichmig und freundlich. Wir sprachen von
Mariannens wunderlichen Eigenheiten. Thalberg meinte, sie gliche auffallend
einem Kupferstiche, den er in diesen Tagen angekauft, und den er mir zur Ansicht
schicken wolle. Dann hatte Meining grade seine Partie beendet, und wir fuhren
fort, als man zu Tische ging.

                                Neuntes Capitel


Am nchsten Morgen hatte Clementine eben ihren Wagen zu einer Fahrt in den
Thiergarten vorfahren lassen, als man ihr Thalberg anmeldete. Sie empfing ihn,
und er entschuldigte sich, da er den Kupferstich selbst bringe; er habe sich
aber das Vergngen, sie zu sehen, nicht versagen knnen. Doch wolle er sie von
ihrer Promenade nicht abhalten und bte um die Erlaubni, sie zu ihrem Wagen
fhren zu drfen. So geschah es. Whrend sie die Treppe hinunterstiegen,
berlegte Clementine, was sie nun eigentlich thun solle. Jeden Andern htte sie
augenblicklich aufgefordert, den Abend in ihrem Hause zuzubringen, und Thalberg
darum zu bitten, konnte sie sich nicht berwinden. Was wrde aber Meining dazu
sagen, wenn sie ihm erzhlte, wie flchtig sie Thalberg abgefertigt htte, und
was wrde dieser selbst von ihr denken? So entschlo sie sich, ihn fr den Abend
einzuladen, und er sagte freudig zu.
    Am Mittage erzhlte sie dem Geheimrath von dem Besuch und von ihrer
Einladung, der sich derselben freute und hinzufgte, er habe den Obrist B. und
den Maler R., die er zufllig gesprochen, zu einer Partie bei sich geladen. Wir
machen dann ruhig unser Spiel, sagte er, und Du mut Deinen Gast, da er nicht
spielt, selbst unterhalten, bis zum Abendessen.
    So waren denn, als die drei Herren sich zum Spiele gesetzt hatten, Robert
und Clementine allein an ihrem Theetische, und sie fhlte eine fast mdchenhafte
Scheu, als sie nun nach langjhriger Trennung, zum ersten Mal mit dem geliebten
Manne, der ihr ein Fremder sein mute, sich allein befand, allein in jenen
Zimmern, in denen sie so oft in glcklicher Unbefangenheit und im Gefhl der
wrmsten Liebe beisammen gewesen waren. Nun war das Alles anders. - Ihre
Befangenheit entging dem scharfen Auge Thalberg's nicht, dessen Blicke an ihr
hingen, denn auch er war von lebhaften Erinnerungen bewegt. Dadurch wollte
anfangs kein rechtes Gesprch in den Gang kommen, und Thalberg bltterte in
halber Zerstreutheit in einem Buche, das zufllig auf dem Sopha lag. Es war das
Buch der Lieder von Heine, auf dessen Schriften sich nun die Unterhaltung
wandte.
    Lieben Sie Heine noch so als frher? fragte Robert, ich wei, da Sie von
den ersten Heine'schen Gedichten, die Sie kennen lernten, sehr entzckt waren;
und wie mir dies Buch beweist, dauert diese Vorliebe fort.
    Nicht so unbedingt als Sie glauben, entgegnete sie. Ich bekenne, da mich
Vieles in den Liedern, die ich damals einzeln kennen lernte, lebhaft ergriff und
anzog. Da der Schmerz ber eine verschmhte Liebe, dessen er sich schmt, sich
in wilder Ironie verbirgt, das fand ich bei einem Manne eben so wahr als
ergreifend, da er aber spter Nichts mehr schont, selbst nicht diese Liebe,
nicht die Sitte, nicht sich selbst, das hat ihn mir verleidet.
    Ja freilich, fr den Gebrauch der Jugend hat er nicht geschrieben! bemerkte
Robert, und ein spottender Zug wurde um seinen Mund sichtbar. Aber wten Sie,
meine gndige Frau, wie gewaltsam uns Mnner das Leben enttuscht, wie es oft
grausam und unerbittlich die letzten Bande, die uns an unsere Kindheits- und
Jugendwelt fesselten, zerreit; wie es uns Alles raubt, Glck, Poesie und
Glauben - Sie wrden Heine vielleicht anders beurtheilen.
    Vielleicht! antwortete sie, aber ich mte den Dichter beklagen, der so sehr
an sich und der Menschheit irre werden konnte, da er die Leidenschaft nur in
ihren Tiefen aufsucht, wo sie der Unschnheit lngst zum Raube geworden ist und
dem reinen Gefhl einen Schauder des Entsetzens einflt. Wenn ich von mir auf
andere Frauen schlieen kann, mu Heine's Zerrissenheit ....
    Also auch Sie, auch Sie sprechen es nach, Heine ist zerrissen! O! das klingt
sehr gro, sehr vornehm. Aber wer ist denn ganz? - etwa die Leute, die in enger,
dumpfer Beschrnkung zwischen denselben vier Pfhlen Wiege und Sarg haben? die
aus Mangel an Temperament, aus Mangel an Leben keinen Reiz des Lebens, keine
Verlockung der Snde empfinden? Die Leute, die den heiesten Wunsch des Herzens,
das einzige Glck ihres Daseins feige aufgeben, weil es gegen ein gemachtes,
brgerliches Gesetz anstt? Die Leute also sind ganz, die sollen Heine
beurtheilen? Glauben Sie mir, gndige Frau! wer ein ganzer Mensch ist, ganz an
Krper und Seele, von dieser in den Himmel gehoben, von jenem an die Erde
gekettet, doppelt in seinen Wnschen und Bedrfnissen, auf der Erde ohne das
ersehnte Glck, fr den Himmel nichts als eine unbestimmte Hoffnung - wer sich
da von dem zwiefachen Getriebe nicht zerreien lt, wer sich nicht blutig stt
an den Barrieren und Hecken brgerlicher und gttlicher Gesetze - der ist kein
Mensch, der mte ein Gott sein.
    Robert war, whrend er sprach, immer lebhafter geworden, und Clementine sah
ihn in einer von jenen leidenschaftlichen Aufregungen, die sie so wohl kannte,
und denen bei ihm nur zu leicht ein Anfall tiefer Schwermuth folgte, wenn sie
nicht durch Unterhaltung verbannt wurde. In solchen Augenblicken hatte sich
frher oft ihr Einflu auf sein Gemth geltend gemacht, deshalb begann sie auch
jetzt nach einer Pause, in der Robert in tiefes Denken versunken war: Nun wohl
denn mir, da ich kein Mann bin, da mich das Leben nicht so hart enttuscht
hat, und da mir mein bestimmter Weg vorgezeichnet ist.
    Und haben Sie diesen Weg nie schwer, nie rauh gefunden? haben Sie nie die
Neigung gehabt, von diesem vorgeschriebenen Wege abzuweichen? Ist er Ihnen nie
unbequem geworden?
    Niemals! - als Kind htte ich es aus Furcht vor Vater und Tante nicht
gethan; spter htte ich mich vor meinen Gefhrten geschmt, und dann ist mir
das eigne Gefhl ein guter Compa geworden, dessen Nadel mir immer wieder den
rechten Weg zeigte und nach Norden wies.
    Ja! nach Norden, sagte Thalberg, nach dem Norden der kalten Vernunft, in dem
das heie Blut erstarrt. Aber Sie erwhnten Ihrer Tante, sagte er pltzlich
abbrechend, wie geht es Frau von Alven und wo lebt sie jetzt?
    Damit war die Unterhaltung ber Heine beendet und ging zu gleichgltigen
Dingen ber, obgleich auch bei diesen ein Wiederhall der Erregung bemerkbar
blieb, die Robert's Seele bewegte. Endlich hrten die Herren zu spielen auf, man
ging zu Tisch und sprach whrend der Mahlzeit unter Anderm auch bald wieder ber
die politischen Ereignisse des Tages. Robert sprach seine freisinnigen Meinungen
unumwunden aus, und schien dabei verwundert, da Clementine, die in frher
Jugend wie eine gelehrige Schlerin all' seine Ansichten getheilt, sich jetzt
mehr dem Bestehenden und Hergebrachten zugewendet hatte. Mich dnkt, sagte er,
Sie htten einst mit viel grerer Theilnahme den bewegenden Ideen unsrer Zeit
gehuldigt, und ich htte Sie begeistert gesehen, als die Julitage uns eine neue
Aera zu verknden schienen. Was hat Sie denn unsrer Fahne abwendig gemacht?
    Und wer sagt Ihnen, da mich die groe Idee der Freiheit nicht noch eben so
erwrmt, da ich den Enthusiasmus der Mnner dafr nicht begreife? antwortete
sie. Damals glaubte ich aber, auch fr uns Frauen sei die Freiheit, nach der die
Mnner streben, ebenfalls ein unerlliches Gut, und nur von diesem Glauben bin
ich zurckgekommen.
    Sehr mit Unrecht, gndige Frau! sagte der Maler. Warum sollen die Frauen, in
denen wir ein Ideal verehren, nicht mit uns fhlen und mit uns Theil haben an
den hchsten Schtzen, nach denen wir streben? Warum sollte ein Geschlecht, dem
Eleonore Prohaska und das Mdchen von Saragossa angehrten, nicht eben so
lebhaft den Sinn fr Freiheit und Vaterland haben als wir?
    Fr ein Vaterland, wandte Thalberg leichthin ein, haben die Frauen
allerdings oftmals keinen Sinn, und sie knnen ihn im Grunde auch nicht haben.
Ihre Heimath wird ihnen durch die Ehe zugewiesen, ihr Vaterland giebt ihnen ihr
Mann. Wrden Sie es Ihrer Frau, falls sie eine Franzsin oder Englnderin wre,
nicht sehr verargen, wenn sie nicht mit Ihnen von Herz und Seele eine Deutsche
wrde? Und so sind die Frauen eigentlich geborne Kosmopoliten, die nur fr eine
allgemeine Freiheit, fr eine Freiheit in abstracto Interesse haben knnen,
fgte er lchelnd hinzu.
    Wie sieht es denn nun mit Ihren Weltfreiheitsideen aus, gndige Frau? fragte
sie der Obrist.
    Ich sage Ihnen ja, antwortete die Geheimrthin, da ich die liberalen
Gesinnungen der Mnner vollkommen begreife und achte, da ich selbst aber eine
gewaltige Aristokratin bin, und ich glaube, im Herzen sind wir Frauen es alle.
Wir sind nicht gewhnt, uns in die Menge zu verlieren; wir stehen abgesondert
fr uns und lassen uns von den Mnnern, denen wir, sobald wir sie lieben, ein
ganz apartes Adelsdiplom zuerkennen, gern als treue Vasallen huldigen. Oder noch
lieber beten wir den Knig unsres Herzens mit tiefster Demuth an, der uns viel
mehr untheilbar ist, als es den Franzosen jemals ihre Republik gewesen.
    Alle lachten, und Meining sagte: Das sind auch die besten Grundstze fr
Euch, denn Politik und Liberalismus kleiden die Frauen nicht. Ich kannte selbst
eine geistreiche Frau, die treue Freundin eines Mannes, der Deutschland die
Freiheit predigte, bis sie ihn auf dem Montmartre begruben; und so angenehm ich
sie sonst immer fand, so unerquicklich schien sie mir, wenn sie jene Ideen von
Freiheit aussprach, die im Munde ihres Freundes gro und wrdig klangen.
    Darin stimme ich Ihnen bei, Herr Geheimrath! fuhr Thalberg fort, ja ich
glaube sogar, da die wahre Stellung des Weibes eine abhngige sein mu. Ich
wnsche nur, da sie von dem freien Manne abhnge, der in ihr den Menschen
achtet. Unsre Liebe ist ihre Freiheit, die ihnen allen Schutz und alle Rechte
zuerkennt, deren sie bedrfen. Sie mssen mit uns den Gedanken der Freiheit
theilen, ohne sie selbst zu begehren, weil fr sie dieselbe ein Unding ist.
    Im Ganzen, bemerkte der Maler, als Clementine ihre volle Zustimmung zu
Thalberg's Aeuerung gab, werden nicht alle Frauen dieser Meinung sein; denn,
wenn sie auch die freie Frau der St. Simonisten emprend finden, so lieen sie
sich doch nur zu gern ein bischen emancipiren, und ich fr meinen Theil wollte
Nichts dagegen haben, wenn man mir einige recht schne junge Mdchen als Schler
und Collegen zuertheilen wollte.
    Wenn es so weit ist, meinte der Geheimrath, lasse ich mir meine Frau zum
Assistenten ernennen!
    Und glaubst Du, Lieber, da ich dazu nicht vortrefflich wre? Glaubst Du,
wenn man mich von Jugend auf in all' den Wissenschaften unterrichtet htte, mit
denen man die jungen Leute so frh bekannt macht, ich htte das nicht auch
erlernen knnen? fragte Clementine.
    Im Gegentheil; ich bin berzeugt, Du wrest der niedlichste Professor im
Mousselinkleide geworden und wrdest die interessantesten Vortrge gehalten
haben. In Fllen, in denen psychische Leiden der Krankheit zu Grunde liegen,
wrde so ein feiner, weiblicher Medikus mit seiner liebenswrdigen Neugier
vielleicht schneller die Quelle des Uebels errathen, als wir Mnner; denn eine
gewisse Art von Scharfsicht besitzen die Frauen gewi in hherm Grade als wir:
ich meine die Scharfsicht des Herzens, die wirklich sehr gro bei ihnen ist.
    Nun denn in Gottes Namen losmarschirt auf die Emancipation der Frauen, sagte
der alte Obrist, denn in mein Fach pfuschen die schnen Hnde nicht hinein; aber
ich mchte grade von Ihnen, meine Gndige! die Sie eine sanfte und kluge Frau
sind, es einmal erfahren, was Sie sich von der Emancipation der Frauen denken,
und wie Sie sich dieselbe in der Ausfhrung wohl vorstellen.
    O! versetzte Clementine, ich habe berhaupt nicht viel daran gedacht, weil
ich sie, meinem ganzen Wesen nach, fr mich nie begehrenswerth fand. Emancipirt
wird das Weib, wie Herr Thalberg sehr wahr bemerkte, durch die Liebe und in der
Ehe. Da soll sie gleiche, oft schwerere Pflichten haben, als ihr Mann; aber auch
gleiches oder wenigstens hnliches Recht. Man soll sie nicht gewaltsam
niederhalten und ihr nicht unnthig Leid aufbrden, das sie nicht tragen kann,
ohne zu unterliegen. Unsre Freiheit liegt in uns; wir mssen Herr sein ber uns
selbst, sonst ber Niemand - und so denke ich, Alles, was die sogenannte
Emancipation bezwecken knnte, wre, eine Erziehung zu befrdern, die uns fr
unsern Beruf tchtiger machte.
    Also gleiches Recht vor Gericht und dergleichen schne Dinge begehren Sie
nicht? fragte der Obrist.
    Das mag vielleicht in manchen Fllen von Nutzen sein, die ich augenblicklich
nicht durchdenken kann. Es aber als Schutz gegen die Seinen zu benutzen, gegen
Brder, Vter oder gegen den eigenen Mann, das scheint mir ein so trauriges
Recht, wie die Trennung einer Ehe, die, obgleich ich eine gute Protestantin bin,
in meinen Augen ein Sakrament und unauflslich ist.
    Und so verdammen Sie Jeden, wandte der Maler ein, der sich scheiden lt,
weil er vielleicht das Leben mit dem Gatten oder der Frau nicht mehr ertragen
konnte? weil Laster und Verderbtheit des einen Theils, oder auch nur ganz
verschiedene Gesinnungen das Zusammenbleiben zu einem Unheil machen und ein
Glck untergruben, das in einer neuen Ehe auf das Schnste fr zwei Menschen
erblhen knnte?
    Verdammen kann ich Niemand, sagte Clementine bewegt, nur das wei ich
bestimmt, da ich lieber sterben mchte, als mein Wort brechen, und da ich die
Mglichkeit, wie eine Frau zur zweiten Ehe schreiten knne, nicht begreife.
    Mit den Worten hob sie die Tafel auf. Meining kte sie, trotz der
Anwesenheit der Fremden, auf die Stirne; sie machte sich aber eilig von seinem
Arme los, ging mit Thalberg, der zuletzt gar keinen Antheil mehr an der
Unterhaltung genommen hatte, voran in den Salon, und man trennte sich dann bald
darauf.

                                Zehntes Capitel


                       Thalberg an den Hauptmann v. Feld.

                                                               Den 18. December.

Du hast wahr prophezeit, mein Freund, ich bin noch immer in Berlin und bleibe
wol auch noch einige Zeit hier. Was soll ich auch am Ende jetzt in Hochberg
beginnen? Ich sitze dort an den langen Winterabenden allein, grble ber Gott
und Menschen und reformire die Welt in Gedanken, ohne da damit in der
Wirklichkeit das Geringste gebessert wird. Augenblicklich bin ich auf meinen
Gtern gar nicht beschftigt; meine Anordnungen fr die Ausfhrung meiner Zwecke
sind getroffen und mssen nun ruhig fortwachsen, ungestrt, um zu gedeihen.
Meine Geschfte besorgt mein Verwalter, auf den ich mich verlassen kann, und ich
habe ihm heute die nthigen Befehle zukommen lassen, mit der Weisung, da ich
die Weihnachtszeit, ja vielleicht den ganzen Winter hier zubringen wrde, und
da er mir mein Reitpferd und ein Paar Schlittenpferde herschicken solle. Ich
behalte mein Coupee, das ich zur Reise benutzte, hier und habe gestern einen
Schlitten gekauft, der Dir sehr gefallen wrde.
    Ich habe mir nun hier ein Quartier genommen, mich huslich eingerichtet, die
alten Verbindungen erneut und finde mich wieder einmal ganz heimisch in Berlin.
Die Abende, welche nicht durch bestimmte Einladungen besetzt sind, bringe ich
hufig bei Geheimrath von Meining zu, wo in kleinem Zirkel die Zeit auf das
Angenehmste vergeht. Sehr viel trgt dazu die Geheimrthin bei. Sie ist voller
Geist und Gefhl; anregend, wie keine Andere; dabei die angenehmste Haltung und
eine Hflichkeit, die bei ihr aus dem Herzen kommt. Alles um sie her ist Grazie
und weibliche Eleganz! Mich dnkt oft, wenn ich ihren Hut oder ihren Handschuh
liegen sehe, ich mte ihn aus hundert andern als den ihren erkennen. Es ist ein
Zauber von Weiblichkeit und Reinheit in Allem, was zu ihr gehrt; und obgleich
ihr Haus ganz nach dem jetzigen Geschmack eingerichtet ist, sieht es doch
vollkommen anders aus, als bei den Uebrigen. Mir wenigstens wird schon behaglich
und heimisch, wenn ich im Vorzimmer den Duft von Reseda bemerke, den sie sehr
liebt und der ihre Zimmer erfllt. Wenn ich mir denke, da diese schne junge
Frau dem alten Manne gehrt, den sie doch nur wie ihren Vater lieben kann, thut
sie mir immer leid; und ich gestehe Dir, mir ist oft der Gedanke gekommen, ich
htte ein Unrecht gegen sie gut zu machen, und sie wre glcklicher gewesen,
wenn sie mein geworden wre. Fnde ich eine Frau, die ihr gliche, in deren Seele
ich so klar lesen knnte und die mich so vollkommen verstnde, als sie, ich
glaube, dann entschlsse ich mich doch zur Ehe. Da mein einsames Leben auf
Hochberg im Grunde traurig ist, das fange ich erst hier wieder zu fhlen an.
    Du siehst, Dein guter Rath von neulich trgt vielleicht noch seine Frchte;
willst Du ihn aber wirksam untersttzen, so benutze die treffliche
Schlittenbahn, mich hier zu besuchen. Ich habe hinlnglich Platz fr uns Beide.

                             Derselbe an Denselben.

                                                      Am zweiten Weihnachtstage.

Ich kam gestern Abend zu Clementinen, um sie zu bitten, morgen bei einer
Schlittenpartie, die wir am Vormittage bei Frau von Stein verabredet hatten,
meine Dame zu sein. Es war etwa sechs Uhr. Der Diener, der mich melden ging,
sagte mir gleich, Herr Geheimrath htte auer dem Hause gespeist, die gndige
Frau sei zu Hause, aber er zweifle, da sie mich annehmen wrde. Dabei that er
so geheimnivoll, lchelte so pfiffig, da ich neugierig wurde und ihm bis in
den kleinen Esaal folgte, der nur noch durch Clementinen's Wohnzimmer von ihrem
Arbeitskabinet getrennt ist, das ich noch nicht kannte. Im Wohnzimmer brannte
nur eine matte Lampe, und da der Diener nicht ahnte, da ich ihm durch die
dunkle Zimmerreihe gefolgt war, lie er die Thre offen, so da ich den
reizendsten Anblick von der Welt hatte. Ich sah in ein hchst zierliches,
kleines Gemach, mit grner Seide tapeziert. Gegen das Fenster hin brannte ein
Weihnachtsbaum mit seinen bunten Lichtern, eine Menge Spielzeug lag schon
zerstreut umher, und ich hrte das jubelnde Lachen von Kinderstimmen, ehe ich
die Kleinen sah. Eine der kleinen Stimmen rief grade: Aber Tante Clementine! Du
hltst ja gar nicht still!
    Endlich sah ich Clementine. Sie lag in einer grnen Couchette, die vor dem
Kamin stand, und hielt ein schnes, zweijhriges Mdchen in den Armen. Zwei
ltere Mdchen, etwa fnf- und siebenjhrig, waren um sie beschftigt, das eine
ihr das Haar aufzuflechten, das andere ihr eine Masse von Corallen, die auf
einem Tische vor ihnen lagen, umzubinden. Es war ein wundervolles Bild!
Clementine war schner, als ich sie je zuvor gesehen. Das schwarze Haar hing in
aufgelsten Wellen herab, gemischt mit dicken Corallenschnren, von denen ihr
einige wie eine Binde ber der Stirne lagen. Die Kinder hatten ihr die Aermel
zurckgeschlagen, das Tuch abgebunden und sie mit mancherlei Schmuck behngt,
den sie ihnen zum Spiele gegeben hatte. Hnde, Hals und Arme waren marmorklar in
der Beleuchtung und das fein gerthete Gesicht bezaubernd in dem Ausdruck von
Glck, der aus ihren Augen strahlte.
    Sie erhob sich, als ich gemeldet wurde, rasch von ihrem Divan, und gab dem
Diener den Befehl, mich in ihr Wohnzimmer zu fhren; sie wrde gleich bereit
sein, mich zu sehen. Die Thren wurden zugemacht, ich ging schnell von meinem
Lauscherposten zurck und wurde nach einigen Augenblicken in das Cabinet
gefhrt, das einen ganz vernderten Anblick gewonnen hatte.
    Die zerstreuten Spielsachen waren einigermaen geordnet, die beiden grern
Mdchen spielten seitwrts an dem Weihnachtsbaume, und nur das kleinste sa bei
Clementine auf dem Divan. Sie selbst hatte in der Eile eine Haube aufgesetzt,
sich in eine groe, schwarze Mantille gewickelt und kam mir mit den Worten
entgegen: Entschuldigen Sie es, da ich Sie hier in der Unordnung empfange; ich
habe mir aber fr den heutigen Abend diese kleinen Gste geladen und mu nun
zusehen, da sie keinen Schaden bei den Lichtern nehmen. Sie hielt das Kind, das
sich ngstlich an sie schmiegte, auf dem Arme, whrend sie stand; nthigte mich
dann zum Sitzen und fragte nach meinem Begehr. Ich war so entzckt ber die
Scene, da ich eigentlich Nichts begehrte, als sie anzusehen; die Schlittenfahrt
hatte ich fast vergessen. Ich fragte, wer die Kinder wren, und erfuhr, es wren
die Tchter einer Familie, die in dem Hause wohne und ihr die Kinder bisweilen
berlasse. Es sind meine Gste, fgte sie hinzu, wenn Meining nicht zu Hause
ist, dem sie zu viel Gerusch machen, und ich habe sie mir heute geladen, um
ihnen mit einem Weihnachtsbaume die Freude zu vergelten, die ich ihnen oft
verdanke. Jetzt im Winter, wo die Natur uns keine Blume bietet, sind das meine
lieben Pflnzchen, deren Wachsen und Gedeihen mich unsglich freut. Sie glauben
nicht, wie gut und wie gescheut solch ein unverdorbenes Kind ist. Halb mit mir,
halb mit den Kindern beschftigt, sprach sie abwechselnd scherzend mit ihnen und
mit mir.
    Ich htte stundenlang so sitzen mgen. Pltzlich merkten wir ein helleres
Aufflammen der Weihnachtslichter. Clementine, die sehr ngstlich besorgt fr die
Kinder schien, bat mich, die untern Lichter, an welche die Kinder reichen
knnten, auszulschen. Ich that es und nahm nun auch die beiden grern Mdchen
zu uns hin. Nun ging es an ein Plaudern: Tante! wer ist der Herr? Ist das auch
ein Onkel? Clementine bejahte die Frage und nannte meinen Namen. Warum bist Du
nicht immer hier, Onkel? - Weil ich nicht immer hier sein darf. - Hast Du denn
die Tante Clementine nicht lieb? - O! sehr, sehr lieb! rief ich hingerissen aus.
- Kannst Du uns denn leiden? fragte die kleine Emma, unsre Wrterin sagt, der
Onkel Geheimrath knne uns nicht leiden, weil er schon so alt ist. - Tante,
unterbrach Rschen, behalte lieber diesen Onkel hier und schicke den alten Onkel
Meining fort. Ja! Tante! thue das, dieser Onkel, der ist so schn und freundlich
wie Du bist, schick' den alten Onkel fort! - Das Alles schwatzten die kleinen
Dinger so schnell durch einander, da man gar nicht Einhalt thun konnte.
    Clementine wurde roth, und Thrnen, die sie mir verbergen wollte, traten ihr
in die Augen, als sie sich rasch zu Emma bckte. Schme Dich, sagte sie, da Du
so von dem guten Onkel Meining sprichst. Wenn Du ihn nicht lieb hast, dann kann
ich Dir auch nicht gut sein, und Du darfst nicht wiederkommen, Du bses Kind!
Ihre Stimme bebte, ich fhlte, was sich in ihr regte, und ich htte ihr dies
Leiden mit meinem ganzen Sein vergelten mgen; denn, was soll ich es Dir
verbergen - ich liebe Clementine.
    Wie spielt das Leben mit uns, mein Freund! und wie wenig verstehen wir unser
Glck. Diese Frau war einst von Herzen mein, und ich konnte sie verschmhen; sie
liebt mich noch, und ich kann sie nicht besitzen. Ich habe ihr Leben zerstrt,
das fhle ich, und die Rache bleibt nicht aus; denn jetzt erst wei ich, da ich
Nichts mehr vom Leben zu erwarten habe. Wie war es mglich, da ich diese Liebe
verkannte? Sie ist das einzige, wahre Gefhl meines Herzens gewesen, und ich
selbst habe mich um mein Glck gebracht. Ihr und mein Unglck habe ich selbst
bereitet.
    Um ihr nicht zu sagen: ich bete Dich an! um ihr nicht zu Fen zu fallen,
stand ich auf und brachte meine Schlittenfahrt in Vorschlag. Clementine lehnte
sie entschieden ab, da ihr Mann an dergleichen keinen Theil nhme und sie, ohne
ihn, solche Partien nicht mitmache. Ich bekam einen Dank und empfahl mich - ein
unvergeliches Bild in der Seele.
    Aber es ist mir lieb, sehr lieb, da sie nicht mit mir fhrt; sie hat Recht,
sie soll Alles vermeiden, was sie dem Schatten eines Vorwurfs aussetzen knnte.
Grade weil ich sie liebe, will ich selbst ber sie wachen; ja fast knnte ich
wnschen, sie liebte mich nicht mehr, damit der reine Friede ihres Herzens nicht
getrbt werde - und doch scheint mir das Leben sehr arm ohne das Bewutsein
ihrer Liebe.
    Da ich bleibe, bedarf nun keiner weiteren Besttigung mehr.

                            Der Hauptmann an Robert.

                                                               Den 27. December.

Sage mir, was fngst Du an? Wirst Du denn niemals Ruhe finden? Denkst Du nicht
mehr, da Du Brigitte eben so hei geliebt, da sie Dir auch das vollkommenste
der Weiber dnkte? Rede mir nicht mehr davon, da Du noch bleiben willst; wenn
Dir Clementinen's Ruhe und Ehre werth sind, eile sie zu verlassen, ehe es fr
Euch Beide zu spt wird. Grade weil ich berzeugt bin, da Clementine nie einen
Andern liebte, als Dich, weil auch ich glaube, da nur Vernunft und Pflicht sie
an ihren Mann fesseln, weil ich ihre und Deine Leidenschaftlichkeit kenne und
frchte, grade darum mut Du fort.
    Und was willst Du? Sie zwingen, noch unglcklicher zu werden, als sie es
vielleicht schon ist? Vielleicht war es nur ihr reines Bewutsein, das sie
bisher aufrecht erhielt, willst Du ihr das rauben? Willst Du die Ehre ihres
Mannes, der Dich gastlich aufgenommen, ihren huslichen Frieden, Deinen Wnschen
opfern? Du wirst es thun, aber sage mir nie mehr, da Du Clementine geliebt
hast.

                            Robert an den Hauptmann.

                                                               Den 29. December.

Deinen Brief habe ich erhalten, lieber Feld! Deine Vorwrfe vergebe ich Dir,
weil ich sie nicht verdiene. Clementine ist mir heilig wie meine Ehre. Wie
kannst Du aber Brigitten's nur erwhnen, im Vergleich zu Clementinen? Jetzt
fhle ich es mehr als je, da nur Sinnlichkeit und Verblendung mich an Brigitte
fesselten. Als ich sie zuerst sah, als der entzckte, strmische Beifall des
Publikums sie ber sich selbst erhob und sie alle Leidenschaften, die das Herz
der Orsina durchtobten, selbst zu fhlen schien, und nun dastand, ruhend in
sich, abgeschlossen, fest und gro, mitten in einer untergehenden Welt, erschien
sie mir so gewaltig, da es mich trieb, dies Weib kennen zu lernen. Ich fand in
ihr, was ich erwartet hatte, einen groen Charakter, ein glhendes Herz,
versunken im Strudel des Lebens. Stunden des leidenschaftlichsten Entzckens hat
sie mir gegeben. Liebe bedurfte sie nicht, flte sie nicht ein. Ich war eitel
darauf, sie zu besitzen, die Alle mir beneideten; ich freute mich ihrer und
schwelgte wie sie in ihren Triumphen. Wenn die Blicke der staunenden Menge
trunken an ihr hingen und ihr khnes Auge nur mich suchte, dann habe ich ein
eigenthmliches Glck empfunden. Es liegt ein groer Reiz in der Hingebung einer
Frau, die der Bhne, der Welt angehrt. Sie regte meine Phantasie mchtig an,
meine Sinne waren in dem hchsten Aufruhr, ich war auer mir. Ich htte sie und
den Grafen ermorden knnen, als sie mit ihm entfloh - ich htte mit ihr die Welt
durchziehen, mich mit ihr vernichten mgen; aber nie ist es mir eingefallen,
niemals, sie mir als meine Hausfrau zu denken, wie Clementine mir ewig vor Augen
steht. Wre Brigitte mir treu gewesen, ich htte vielleicht nie an Haus und Weib
gedacht, sie htte mich fortgerissen. An ihr unsttes Leben gekettet, htte ich
mich ber mich selbst, ber sie, ber Alles noch lange, wer wei, ob nicht fast
fr immer getuscht; denn sie war eine Titanennatur, der man schwer widerstand.
Nun aber! Httest Du Clementine, die schne Geliebte meiner ersten Jugend,
gesehen wie ich, in der zchtigen Haube, die Kinder um sie her und sie selbst
ein frohes Kind mit ihnen: Du wrdest wie ich keinen andern Gedanken haben, als
sie. Wenn ich sie mir denke, als mein Weib, mit meinem Kinde, in den Zimmern
meines Schlosses - ich wre der seligste Mensch geworden. Ach! ich wollte
unendlich glcklich sein oder unendlich elend - und jetzo bin ich elend.
    Sie verlassen kann ich nicht; genug, da sie sich mir entzieht, so viel sie
kann, da ich sie fast nur in Gesellschaft sehe. Ich wei es ihr Dank, da sie
mich flieht; denn grade ihre Sittenreinheit ist es, die ich an ihr liebe. Und
doch bleibe ich in Ihrer sanften Nhe. Ich wei, sie und ich, wir haben Beide
keine Hoffnung auf Glck, als das, uns in flchtigen Momenten zu begegnen, die
abzukrzen ich nicht den Muth habe. Denke von mir, was Du willst; ich bleibe.

                                 Elftes Capitel


                           Aus Clementinens Tagebuch.

Am zweiten Weihnachtsabend. Gott im Himmel! womit habe ich mein Loos
verschuldet? Wie wage ich es noch, Meining in das Auge zu sehen, mich auf seinen
Arm zu sttzen, whrend mein Herz Nichts mehr kennt, als jene unglckselige
Liebe? Ach, ich htte mich so gern getuscht; ich wollte mich berreden, da ich
ihn jetzt mit Ruhe sehen, da er mir ein Freund werden, da er mein armes,
einsames Leben verschnen knne. Und ein Kind mit seiner Einfalt mu mir die
Falschheit meines Herzens aufdecken. Arme, kleine Emma! was kannst Du dafr?
    Ich wollte ihn nicht mehr sehen; aber wie soll ich das machen, ohne
Meining's Aufmerksamkeit zu erregen? So mu ich ihm tglich begegnen, mich
verstellen, lgen und kalt scheinen, whrend die heieste Liebe mich zu ihm
zieht, whrend ich fhle, wie er mich liebt. Und ich habe keine Wahl! Ich mu
fortschreiten auf dem Wege des Trugs! Meining's Frieden, seine Ruhe mssen
erhalten werden, Robert darf es nie erfahren, wie ich ihn liebe, wie ich meine
Pflicht verletze. Ein Weib, die Frau eines so edlen Mannes, die einen Andern
liebt! Wer mir das je als mglich vorgestellt htte! - Und wie soll es enden!
    Den 28. Dezember. Der Wind tobt durch die Straen und peitscht den Schnee
vor sich her. Es ist so todt und kalt in der Luft; auch mir ist es frstelnd und
bang. Meining ist nicht zu Hause; ich wollte, er kme zurck und bliebe bei mir,
denn ich frchte mich allein vor mir selbst. Ich wollte lesen und vermochte es
nicht; die Kinder, die ich holen lie, sprachen von Onkel Thalberg, von dem mein
Herz ohnehin schon laut genug spricht. Dann wollte ich mich zerstreuen und sah
auf die Strae hinaus; eine arme Frau ging vorber, starr und weinend vor Klte.
Ich lie sie hereinholen, wrmen, speisen und kleiden - wohl ihr, da man ihr
helfen kann. Mir kann Niemand helfen!
    Den 2. Januar. Mir trumte die ganze Nacht von Dir. Ich sa mit Dir und den
Kindern, und wir sahen aus den Fenstern auf das Meer, das auf- und niederwogte,
und Du wickeltest mein Haar zu Locken um Deine Hand, immer neue bildend und die
frhern zerstrend. Darauf erzhltest Du von Deinen Reisen und Deinem Leben und
sagtest: wir sind uns schon frher begegnet, da haben wir uns geliebt, und Du
liebst mich noch, Clementine. Nun fing ich bitterlich an zu weinen. Du aber
ktest mein Haar und fhrtest mich hinab an's Meer. Schweigend und ruhend auf
Deinem Arme, wandelte ich auf und ab mit Dir, und Du zogst lange, weie
Perlenschnre aus den Wellen, und schmcktest mein Haar, da mir die vollen
Perlenreihen bis an das Herz niederreichten. Da wurde mir entsetzlich bange, und
ich sagte: aber Perlen bedeuten ja Angst und Thrnen? und Du lcheltest trbe
und sprachst: erwartest Du es anders?
    Ich wachte auf, in Thrnen gebadet. Gott selbst wollte mich warnen im
Traume. Was soll ich thun?

                          Clementine an Frau v. Alven.

                                                     Berlin, den 3. Januar 1840.

Glck auf zum neuen Jahre, meine gute Tante! und mge es uns nichts Uebles
bringen. Hast Du mich denn ganz vergessen, da auch kein Wort mehr von Dir zu
hren ist? Ich sprach noch gestern mit Meining davon, der Dich leider noch immer
nicht kennt; und wir berlegten, ob es nicht mglich wre, da Du jetzt fr
einige Zeit zu uns kmest. Mir geschhe der grte Gefallen damit, denn ich habe
seit Jahren Nichts so sehnlich gewnscht, als wieder mit Dir, Du treue Freundin,
zusammen zu sein. Auch wei ich eigentlich nicht, was Dich davon abhalten
knnte, recht bald zu kommen, damit Du noch einen Theil der Winterfreuden und
das beginnende Frhjahr mit uns genieen knntest.
    Du hast es mir immer abgeschlagen, uns in Heidelberg zu besuchen, unter dem
doppelten Vorwande, die Reise sei zu weit, und Eheleute mten erst Jahr und Tag
allein mitsammen leben, ehe sie an einen Hausgenossen denken drften. Beide
Rcksichten fallen jetzt weg, und ich fange getrost an, Deine Wohnung bei uns
einzurichten. Du sollst die Zimmer haben, die Du frher bewohntest; Alles soll
an der alten Stelle stehen, und Deine Clementine hat auch die alte Liebe fr
Dich.
    Komm Herzens-Tante! ich bin so viel allein, ich habe Grillen, die ich nicht
bannen kann; ich mu Dir Vieles sagen, ich bedarf dringend Deines Rathes, also
la Dich nicht vergebens bitten und erwarten.
    In acht Tagen knntest Du hier sein, wenn Du noch die gute, flinke Tante
wrest. Meining, der immer sehr gtig gegen mich ist, bittet mit mir um Deinen
Besuch und empfiehlt sich Dir bestens; so auch die Generalin und alle Deine
brigen Freunde, die sich ein Fest daraus machen, Dich wiederzusehen. Schreibe
mir, welchen Tag Du einzutreffen denkst, gute Tante! Wir kommen Dir, wenn es
Meining's Geschfte erlauben, bis zur ersten Station entgegen oder schicken Dir
mindestens unsern Wagen und Diener. Aber komme bald, denn ich bedarf Deiner in
der That.

                 Frau v. Alven an die Geheimrthin v. Meining.

                                                    St...., den 12. Januar 1840.

Mein liebes Kind! ich wnsche gewi ebenso sehr als Du, da es uns vergnnt
wrde, eine Zeit mit einander zu verleben; leider mssen wir aber den Plan noch
fr eine Weile hinausschieben, da ich nicht wohl genug bin, jetzt an eine Reise
zu denken. Inde will ich mich so rsten, da ich bei der nchsten gelinden
Witterung mich auf den Weg mache, und so wollen wir Beide um einen milden Winter
bitten.
    Was Du mir von Grillen und Klagen schreibst, das kann ich nach diesen
unbestimmten Ausdrcken nicht verstehen; will es auch nicht, falls irgend etwas
Deinen huslichen Frieden gestrt htte. Dergleichen kommt wol in jeder Ehe vor,
und man mu sich nur hten, ein Wort davon, auch gegen die beste Freundin, laut
werden zu lassen. Der Frieden stellt sich oft gar leicht wieder her; das
ausgesprochene Wort kann aber nie zurckgenommen werden und ist nur zu oft eine
Saat, die bse Frchte trgt. Meining ist, wie Du mir selbst sagst, gut und brav
und liebt Dich. Mut Du Dich also aussprechen, ist es Dir Bedrfni, so sei es
gegen ihn. Suche mit ihm und Dir selbst in's Reine zu kommen, und - wenn Du
dulden mut, dulde schweigend. Das ist der einzige Rath, den ich fr
verheirathete Frauen habe.
    Im Frhjahr sehen wir uns, wie ich hoffe, wieder; mgen dann mit dem Winter
auch Deine Grillen verschwunden sein. Du warst ein kluges, krftiges Mdchen;
halte Dich, wie eine brave Frau soll, und schweige, mein Kind! damit Du in den
Himmel kommst. Gott erhalte Dich, und gebe uns ein frohes Wiedersehen, wie es
herzlichst wnscht Deine treue Tante.

Dieser Brief verursachte Clementinen die lebhafteste Betrbni. Sie hatte in der
Verwirrung ihrer Seele keinen andern Ausweg gewut, als die Tante zu ihrem
Beistande herbeizurufen. Robert gnzlich zu vermeiden, war in ihren
Verhltnissen unmglich, ohne da Meining es bemerkte; fast tglich traf sie mit
dem Geliebten zusammen und litt unsglich, wenn sie ihren Gatten so freundlich
gegen Thalberg sah. Sie htte Meining Alles bekennen mgen, ihn bitten, mit ihr
fortzugehen, damit sie dieses Elends ledig wrde. Je mehr ihr Herz an Robert
hing, je mehr Liebe sie dadurch ihrem Manne entzog, je mehr fhlte sie das
Bedrfni, demselben dienstbar zu sein, sich vor ihm zu demthigen, und ihn
durch jede mgliche Aufmerksamkeit fr die entzogene Liebe zu entschdigen. Wenn
dann Meining erfreut und dankbar fr so viel Zuvorkommenheit und Gte, sie in
seine Arme schlo oder sie kte, htte sie vor Scham vergehen mgen; besonders
wenn sie bemerkte, wie dann Robert's Auge auf ihr ruhte, wie er die Farbe
wechselte, und dster wurde und nicht Ruhe fand, bis Meining sich entfernte.
    Auf die Tante war ihre letzte Hoffnung gerichtet. Dieser ruhigen Frau ihr
Leiden zu klagen, schien ihr der einzige Trost, und da Frau von Alven nur wenig
ausging, hoffte Clementine darin eine Entschuldigung zu finden, wenn sie selbst
sich in ihre Huslichkeit zurckzge. Aber Frau von Alven verweigerte fr's
erste den Besuch, Clementine blieb mit ihrem Kummer allein, und wute Nichts zu
thun, als die Kreise, in denen sie Robert zu begegnen glaubte, so wenig als
mglich zu besuchen.
    Anfnglich schien Thalberg das zu billigen, und nur die unverkennbare
Freude, mit der er sie jedesmal wiedersah, verrieth ihr, wie schwer er sie
vermit hatte. Grade das Entbehren aber reizte und steigerte seine Leidenschaft
auf das Hchste, und bald versuchte er ebenso eifrig Clementinen zu begegnen,
als sie ihn zu vermeiden strebte. Wo er sie nur irgend vermuthen konnte, fehlte
er niemals, und wenn sie sich nur fr einen Augenblick im Theater oder auf der
Promenade zeigte, war er sicher an ihrer Seite. Gelang es ihm, trotz alle Dem,
ein paar Tage hindurch nicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie seine
hufiger werdenden Besuche nicht angenommen, so wute er sich durch den
Geheimrath selbst eine Einladung zu verschaffen, und Clementine hatte nicht den
Muth, ihm deshalb zu grollen. War er doch so glcklich in ihrer Nhe! Sie htte
ihm mit Freuden ihr Leben geopfert und wagte nicht ihm einen Blick oder ein
freundliches Wort zu gnnen, weil sie, unaufhrlich gegen ihr Herz kmpfend, den
Glauben in sich zu erhalten suchte, sie werde Robert's mit Ruhe gedenken, wenn
sie ihn nicht mehr she, und es werde ihr gelingen, sich ihrem Manne zu
erhalten.

                                Zwlftes Capitel


Fast in jedem Winter sind es nur eine kleine Anzahl von Personen, welche zum
Mittelpunkte der Gesellschaft werden und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich
ziehen, Frauen sowol als Mnner; und sind diese Letzteren jung und
liebenswrdig, so kann es nicht fehlen, da sich die Augen der Mtter liebreich
auf sie richten und die der Tchter sich schmachtend niederschlagen. Die
Stellung eines reichen Heirathskandidaten wird dadurch zu einer sehr
unterhaltenden, wenn sein Herz frei und er in der Laune ist, die kleinen
Intriguen zu beobachten, die gesponnen werden, um ihn zu fesseln. Freundlichere
Augen, seres Lcheln sah aber selbst Rinaldo nicht in Armiden's Grten, als
sie jeden Abend Thalberg erblickte, wohin er trat.
    Seine Erscheinung hatte in dem Kreise ein gewisses Aufsehen gemacht; und
seine Equipage, seine schnen Pferde hatten nicht dazu beigetragen, das
Interesse zu vermindern, welches er eingeflt hatte. Leider schien es aber, als
ob fr seine mchtigen klaren Augen die jungen Mdchen gar nicht vorhanden
wren. Kalt und hflich bewegte er sich in ihrer Mitte, ohne irgend eine der
Schnen auszuzeichnen, so da endlich eine der lteren Damen, welche eine
einzige Tochter hatte, sich entschlo, ihre Wnsche der Geheimrthin unter dem
Siegel der Verschwiegenheit zu enthllen.
    Die Staatsrthin war reich, ihre Johanna, eine hbsche, frische Blondine,
von der klugen Mutter auf das Sorgfltigste erzogen und mit einem Worte eine
vortreffliche Partie. Die Staatsrthin sah, da Thalberg viel im Meining'schen
Hause und anscheinend mit Clementinen befreundet war; sie entdeckte ihr also,
nach einer langen und vorsichtigen Einleitung, da sie lebhaft wnsche, ihre
Johanna, die nun neunzehn Jahre alt sei, zu verheirathen. Sie ist, wenn ich
einmal sterbe, sagte sie, ganz verwaist, und ich brauche Sie nicht zu
versichern, da mich dieser Gedanke oft beunruhigt. Nun gestehe ich Ihnen, da
mich Thalberg in jeder Beziehung anspricht; sein feines, geistreiches Wesen ist
zutrauenerweckend, und grade Das, was manchen Frauen an Thalberg mifllt, das
kalte Betragen gegen junge Mdchen, ist mir ein Beweis mehr, da er ein sehr
guter Ehemann und seiner Frau sehr ergeben sein wrde. Sehen Sie, Liebste! wenn
Sie Thalberg gelegentlich meiner Johanna vorstellten, sie vielleicht einmal
zusammen einladen mchten - damit sie einander doch kennen lernten - das
verpflichtet ja zu Nichts, Thalberg selbst braucht es gar nicht zu wissen; und
gelingt es, so haben wir einem Paar lieber Menschen zu ihrem Glck verholfen,
und ich, liebste Freundin! bin Ihre Schuldnerin fr immer.
    Sie htte noch lange fortsprechen knnen, ohne von Clementinen unterbrochen
zu werden, so erschrocken war diese anfangs vor der Aussicht, Robert
verheirathet zu denken. Bald aber siegte ihre edlere Natur. Es schien ihr, als
zeige ihr der Himmel selber eine Mglichkeit, sich und Robert zu erretten, und
so schwer es ihr auch fiel, ging sie bereitwillig auf den Gedanken dieser
Verbindung ein, und versprach, so weit es in ihrer Macht stnde, die nthigen
Schritte dafr zu thun.
    Als aber die Staatsrthin sich entfernt hatte, warf sich Clementine mit
heien Thrnen auf das Sopha. Sie selbst sollte Robert eine Frau geben, sie
sollte ihn veranlassen, ihrer zu vergessen, eine Andere zu lieben! Sie sollte
ihn dann nicht mehr sehen - denn sicher wrde er mit der jungen Frau gleich nach
der Hochzeit nach Hochberg gehen. Wie konnte sie das auch nur wnschen? Eine
lebhafte Eifersucht zuckte in ihr auf. Sie sah im Geiste Johanna schon in
Hochberg walten, sie sah, wie Robert glcklich war mit der jungen, von ihm
geliebten Frau, und ein Gefhl von Neid und Bitterkeit, wie sie es nie gekannt
hatte, regte sich in ihr bei dem Gedanken, da eine Andere das einzige Glck
besitzen wrde, nach dem sie selber sich ihr Leben hindurch vergeblich gesehnt
hatte, da eine Fremde ihm das Glck bereiten wrde, das er einst in ihr zu
finden gehofft - und wie glcklich mute ein Mann mit seinem Herzen sein knnen!
    An dem Gedanken raffte sie sich empor. Des Geliebten Glck! das war ja
Alles, was sie wollte. Sie selbst konnte ihm fortan nur Schmerz und keine reine
Freude mehr bereiten; so sollte er denn glcklich werden, durch ein Mdchen, das
sie ihm gewhlt. Dann wrde er freilich fortziehen, sie wrde ihn entbehren und
wie schwer entbehren! Aber er wrde glcklich sein, und sie selbst mute es
versuchen, in dem Bewutsein des Unabnderlichen ruhig zu werden, und durch die
grte Hingebung das Unrecht gegen Meining zu shnen trachten, das sie ihm wider
ihren Willen angethan hatte.
    An dem Gelingen ihres Planes zweifelte sie keinen Augenblick. Ihre
Eifersucht lie sie in Johannen pltzlich eine unwiderstehliche Schnheit
erblicken, sie fand sich selbst verblht und alt, sie malte es sich aus, wie
Robert berrascht sein wrde durch Johannen's jugendliche Reize; wie schnell er
sie selber darber wieder vergessen wrde. Das aber sollte ihre gerechte Bue
sein. Sie selbst wollte Johanna an sich ziehen und, so weit sie es vermchte, zu
deren Ausbildung beitragen, damit Thalberg in seiner knftigen Frau all' das
Glck fnde, das Clementine ihm wnschte. So war in wenig Minuten aus einem
jungen, fremden Mdchen, aus einem halben Kinde, das Nichts davon ahnte, ein
Gegenstand der Abneigung fr Clementine geworden, dessen sie einen Augenblick
spter schon wieder mit einer fast mtterlichen Rhrung gedachte und an deren
Zukunft sie mit den edelsten Gefhlen ihrer Seele hing.
    Eine Freude, wie nach guter That, belohnte sie fr den Kampf dieser Stunde;
sie fhlte sich ihrem Manne gegenber durch ihr redliches Streben
gerechtfertigt. Sie hatte Muth, ihm frei in das Auge zu sehen, und dachte mit
weicher Ruhe an Robert, dessen Besuch sie an dem Abende erwartete, an welchem
ihr Mann seine gewohnte Partie in seinem Hause zu machen dachte, und auch
Marianne und Frau von Stein sich bei ihr einstellen sollten.
    Man war schon am Ende des Februar; die Luft war mild, die Tage lnger
geworden. In dem Wohnzimmer der Geheimrthin waren die Fenster geffnet, der
leichte Abendwind bewegte die Blumen vor demselben auf und nieder und beugte die
Blthen einer mchtigen Cala, die in grnem Kbel neben dem Lehnstuhl stand, auf
Clementinens schnes Haar. Ihre Nerven hatten durch die leidenschaftliche,
unterdrckte Aufregung der letzten Zeit gelitten; sie fhlte sich sehr matt und
ruhte in ihrem Sessel, damit ihre Gste spter Nichts von ihrer Schwche gewahr
wrden. Sinnend blickte sie in den Kelch der weien Blume und khlte ihr Gesicht
mit den groen, trumerischen Blttern. So mag wol die Lotosblume blhen, dachte
sie, und sehnte sich hin nach den stillen Thlern einer fernen Welt, fort aus
der Gesellschaft und aus Verhltnissen, die ihr zur Pein geworden waren, in eine
Welt voll Frieden, voll Schnheit und voll Ruhe. Da wurde ihr Robert gemeldet,
der, um sie wenigstens einen Augenblick allein zu sprechen, frher gekommen war,
als sich die Gesellschaft in ihrem Hause zu versammeln pflegte. Sie hatten sich
einige Tage hindurch nicht gesehen, Robert fand sie bleicher als sonst und
fragte nach ihrem Befinden. Sie klagte ber Ermdung, drckte aber die Hoffnung
aus, die gute Jahreszeit werde sie herstellen, wenn sie erst ihre Sommerwohnung
bezogen haben wrde. Nur noch wenig Wochen, sagte sie, und wir wandern Alle aus
und die Stadt wird leer; auch Sie gehen ja nun vermuthlich bald auf's Land
hinaus?
    Ich wei es selbst noch nicht, gndige Frau, erwiderte er, Berlin ist mir
wieder so werth, so sehr zu einer lieben Gewohnheit geworden, da sich meine
bisherige Vorliebe fr das Landleben fr den Augenblick verringert hat. Es ist
also wol mglich, da ich nur fr eine Zeit nach Hochberg gehe, dort eine kleine
Inspektion zu halten, und dann zurckkehre. Hochberg ist mir zu todt, zu still
....
    Das finde ich begreiflich, entgegnete Clementine, der das Herz heftig
schlug, in dem Gedanken an ihren Plan, das finde ich begreiflich, weil Sie dort
so ganz allein sind. Sie sollten es aber deshalb nicht aufgeben und werden es
auch nicht, bei den hohen Begriffen, die sie von dem Beruf des Gutsbesitzers in
unsrer Zeit haben. Ihre Besitzungen haben ein Recht an Sie, Sie haben eine
Pflicht gegen Ihre Leute und drfen, denke ich, eben so wenig dauernd von Ihren
Gtern ferne bleiben, als ein Knig seine Krone zu seinem Vergngen niederlegen
drfte. Aber Sie sollten sich das Leben auf Hochberg angenehmer zu machen
suchen, Sie sollten ....
    Gste einladen? Wer kommt zu mir Einsamen? Freunde, welche die Jagd zu mir
lockt, und dergleichen Gste mehr. Ja, gndige Frau! wenn ich Sie einmal dort
sehen knnte, wenn Sie nur wenige Tage dort verweilen wollten! Sie glauben
nicht, wie schn, wie sehr schn es bei mir in Hochberg ist! Aber Sie werden
nicht kommen.
    Doch! antwortete Clementine leise und mit einer Eile, die ihr fremd war, so
eilig wie Jemand eine schwere Last, die ihn gedrckt hat, von sich wirft, -
doch! Sie mssen nur vorher eine Frau nehmen; das wollte ich Ihnen berhaupt
schon lange rathen.
    Sie! rief Thalberg, als traue er seinen Sinnen nicht, Sie wollten mir das
rathen! Wie konnten Sie auf den Gedanken kommen? Wie knnen Sie glauben -
    Ich meinte, sagte Clementine, die in ihrer tiefen Bewegung mhsam nach
Fassung rang und sie durchaus gewinnen wollte, ich meinte, lieber Freund, da
Sie sich glcklich fhlen und glcklich machen sollen. Sie haben so oft gegen
mich den Werth der Huslichkeit gerhmt; warum wollen Sie also einsam Ihr Leben
verbringen? Und, rief sie, sich zu einem scherzenden Tone zwingend, von dem ihre
Empfindung weit entfernt war, damit Sie wissen, was ich im Sinne trage, ich
selbst habe Ihnen eine Frau ausgesucht. Achten Sie auf das erste Mdchen, dem
ich Sie heute ber acht Tage auf meinem Balle vorstellen werde.
    Robert wollte sie mehrmals unterbrechen, sie lie ihn aber nicht dazu
kommen. Er war aufgestanden und ging heftig im Zimmer auf und ab. Beide
schwiegen, es war eine bange Pause.
    Ja! sagte er endlich und lchelte hhnisch, Sie haben Recht, ich bin ein
leidenschaftlicher Thor, ein unbequemer Gast, den man um jeden Preis von sich
entfernen mu; auch wenn es mein einziges, letztes Glck zerstrte. Sie haben
Recht, und es soll anders werden. Ich bin neugierig auf Ihre Wahl, meine
Gndige! ich sehne mich, die Auserkorene kennen zu lernen, denn ich bin grade in
der rechten Stimmung, einen liebenswrdigen Gatten zu machen. Aber freilich,
eine Frau, die so viel Glck in der Ehe gefunden hat, als die Geheimrthin von
Meining, will es Andern auch bereiten. O! ber die gromthigen Frauen!
    Wie ungerecht sind Sie! das war Alles, was Clementine den strmischen,
unwrdigen Worten entgegnete, aber ein paar groe Thrnen zitterten in ihren
Augen.
    Pltzlich blieb Robert vor ihr stehen, er war bla geworden, und auch sein
Auge war von Thrnen feucht. Er sah sie lange unverwandt an, fate ihre Hnde
und sprach: Sei es so! Sie haben Recht, ich werde gehen und zwar bald, weil Sie
es wnschen. O! Sie sind rein und licht wie der Kelch dieser Blume; tief wie in
ihn, sehe ich in Ihr heiliges Herz. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich habe
keinen Willen als den Ihren. - Damit bog er sich zu ihr nieder, da er fast vor
ihr kniete, kte ihre Hnde und ging eilig hinaus.
    Clementine schlug ihre Hnde, wie im Gebet, zusammen und blieb in
schwermthigem Hinbrten, bis Marianne und die brigen Gste kamen. Dann, weil
sie sich innerlich Gewalt anthat, verfiel sie in eine berreizte Laune, welche
Frau von Stein und Marianne allerliebst und hchst unterhaltend fanden, und bei
welcher ihr selber das Herz brechen wollte und alle Nerven bebten. Auch war sie
in den nchsten Tagen kaum im Stande, die nthigen Einladungen und Besorgungen
fr ihren Ball zu machen. Sie fhlte sich krank und bestand doch, trotz
Meining's Abreden, darauf, den Ball am bestimmten Tage zu geben. Sie lie
Robert, der gekommen war nach ihr zu fragen, wie alle brigen Besuche, abweisen
und bat den Geheimrath, er mge ihr, da das gesellige Treiben sie wirklich
angreife, nur ein paar Tage vollkommener Ruhe gnnen, deren sie bedrfe, um zu
dem Balle frisch und gesund zu sein.
    Der verhngnivolle Abend kam denn auch heran. Die ganze Wohnung war
glnzend geschmckt, alle Zimmer geffnet, Blumen und Kerzen berall. Groe
Spiegel und glnzende Vergoldungen strahlten die Gasflammen und Kerzen frhlich
wieder. Der Geheimrath war in der besten Laune, als er Alles so festlich und
heiter um sich her sah; aber in Clementinens Seele war es nicht so hell. Und
dennoch sah sie schn aus in ihrem schwarzen Kleide mit der weien Perlenschnur
um ihren stolzen Nacken. Ihr Haar, einst Robert's Entzcken, war glatt
gescheitelt, ohne Blumen, ohne Schmuck. Weshalb sollte sie sich auch wohl
schmcken? Sie hatte den ganzen Tag gebangt vor dem Gedanken an den Abend, sie
hatte unaufhrlich mit sich selbst gekmpft. Nun war sie ruhig, aber mde; mde,
wie ein Sieger nach der Schlacht.
    Allmlig versammelte sich die Gesellschaft und die Staatsrthin mit ihrer
Tochter war unter den ersten Gsten, die sich einstellten. Clementine ging ihnen
ein paar Schritte entgegen und ein herbes Weh fuhr durch ihre Brust, als sie das
frische, junge Mdchen erblickte, das in dem rosenfarbenen Kleide mit dem
Straue von Rosen in den blonden Locken wie ein Bild der Jugend und des Lebens
aussah. Wie segnend kte sie das blhende Kind auf die Stirne. Bleiben Sie bei
mir, sagte sie, und helfen Sie mir die Wirthin machen. Ihnen bergebe ich die
junge, tanzlustige Welt, Sie mssen dafr sorgen, da sie sich gut unterhlt.
Die frhliche Johanna verlangte es nicht besser. Sie fiel der Geheimrthin um
den Hals, nannte sie die beste, liebenswrdigste Frau der Erde, einen wahren
Engel und war noch an ihrer Seite, als Thalberg endlich eintrat.
    Seit jenem Abende hatte er Clementine nicht mehr gesehen. Er ging schnell
auf sie zu, um sie womglich gleich zu sprechen, um sie zu vershnen; denn er
wute, da er ihr unrecht, da er ihr wehe gethan, und mehr noch, als sie
selbst, hatte er in dieser Zeit gelitten. Kaum hatte er sie aber begrt, als
sie, um es zu keiner besondern Unterredung kommen zu lassen, ihm ihren kleinen
Schtzling vorstellte. Er sah sie betroffen an, verbeugte sich kalt gegen
Johanna und zog sich, da die Geheimrthin als Wirthin in Anspruch genommen war,
mit einigen Herren plaudernd zurck. Vergebens versuchte er, sie einen Moment
allein zu treffen, immer fand er andere Mnner und Frauen an ihrer Seite, die
nicht weichen wollten und bald ihn, bald sie mit sich von dannen zogen. Das
peinigte ihn mehr und mehr. Die ganze Gesellschaft stimmte in der Bewunderung
ihrer Schnheit berein, und einer der anwesenden Knstler fragte ihn, ob er das
prchtige Tableau bemerkt habe, das die ernste Schnheit der Geheimrthin und
die liebliche Johanna gebildet, als sie am Anfange des Abends einmal neben
einander gestanden htten. Er hatte es wohl bemerkt; aber es hatte ihm eine
traurige Bedeutung gehabt. - Es dnkte ihm, als wolle dieser Ball kein Ende
nehmen. Immer auf das Neue jubelten die Walzer durch den Saal, Frohsinn und
Eleganz herrschten allerwegen, Johanna, die Schnheit des Festes, strahlte vor
kindlicher Lust; nur zwei Herzen in den weiten Slen theilten die Festes-Freude
nicht.
    Um einen Augenblick zu ruhen, lehnte Clementine in der Brstung eines
Fensters und lie theilnahmlos die Huldigungen und Erzhlungen eines lteren
Hausfreundes an ihrem Ohr vorbergleiten, whrend ihr Auge Robert und Johanna
suchte. Da, als der Sprechende sie endlich verlie, trat Robert eilig zu ihr.
Sie sind krank gewesen, sagte er. Sie haben gelitten, ich sehe es, warum haben
Sie mich bis heute verbannt? warum mir nicht gegnnt, Sie zu sehen, Ihnen zu
sagen, wie mich das Unrecht geschmerzt, das ich gegen Sie begangen habe? Wenn
Sie wten, wie ich verlangte, Sie zu sprechen, Sie zu vershnen, Sie wrden mir
lngst vergeben haben.
    Denken Sie nicht mehr daran, antwortete sie, ich hatte Nichts zu vergeben.
Dann, nach kurzer Pause, meinte sie: Sehen Sie das schne frhliche Leben um uns
her. Sehen Sie wie heiter mein hbscher Schtzling ist.
    Robert antwortete ihr nicht darauf, und erst nach einer Weile sagte er sehr
ernsthaft: ja! Frulein Johanna ist ein schnes, und gewi ein harmlos
glckliches Geschpf; soll sie aufhren das zu sein? soll sie unglcklich werden
wie .... so Mancher?
    Clementine wagte nicht ihn anzusehen, und er fuhr fort: Ich habe Sie
verstanden, gndige Frau! aber soll solch ein frhlich schuldloses Kind zum
Opfer gebracht werden um meinetwillen? Ein Opfer mu gebracht werden, das fhle
ich; so will ich es bringen, indem ich Sie verlasse. Morgen schon gehe ich nach
Hochberg; ich habe es bereits meinen hiesigen Bekannten gesagt, auch der
Geheimrath wei es. Morgen schon werde ich gehen und nur, um Sie noch einmal zu
sehen, um Ihnen Lebewohl zu sagen, bin ich heute noch einmal gekommen. Erlauben
Sie denn, da ich schon jetzt von Ihnen scheide; und haben Sie Dank, innigen
Dank fr das Glck, das ich in Ihrer Nhe noch einmal gefunden habe. Leben Sie
wohl, wiederholte er, und noch einmal ruhten Auge in Auge. Dann sah sie
Thalberg's edle, hohe Gestalt sich durch die Menge bewegen und im Nebenzimmer
verschwinden; und wie hell die Tne der Musik auch klangen, wie hell die Kerzen
in dem Saal auch glnzten, es war kalt und Nacht geworden fr ihr Herz.
    Kaum aber hatte Thalberg sich entfernt, als die Staatsrthin herbeikam.
Neugierig fragte sie nach allem Mglichen und erfuhr von Clementine, die den
Zweck dieser Fragen wohl kannte, da Thalberg ihre Johanna sehr hbsch, sehr
anziehend gefunden, da er aber zunchst Geschfte halber auf seine Gter gehe.
Das gengte der erfreuten Mutter fr das Erste. Andre Gste folgten preisend,
scherzend, Abschied nehmend, Clementine vermochte nur mechanisch zu antworten.
Es war ihr, als ob in wstem Traume Larven und Masken in entsetzlichem Gewhl an
ihr vorberschwebten und mit Allgewalt auf sie einstrmten. Sie athmete erst
auf, als die Zimmer leer wurden, als Meining sie ebenfalls verlie, als sie sich
fr einen Augenblick allein fand. Sie sah zerstreut um sich her - auf die matter
brennenden Kerzen, auf die von der Wrme welkenden Blumen, die die Kpfe sinken
lieen - und so wie diese, gebrochen an Krper und Geist, zog sie sich endlich
zurck, und ein tiefer, lethargischer Schlaf sank endlich wohlthtig auf ihre
Augen nieder.

                              Dreizehntes Capitel


Mit dem Gefhle der vollkommensten Stumpfheit erwachte sie am nchsten Morgen.
Tag oder Nacht, Leben, Sterben, ihr war Alles gleichgltig. Ein grauer Nebel
schien ihr ber die Welt gebreitet, die warme Frhlingssonne schien ihr kalt,
der blaue Himmel farblos. Was konnte der Tag ihr noch bringen, so unabsehbar
lang er sich auch vor ihr ausbreitete. Was sollte sie denken den ganzen Tag
hindurch, was erwarten? Wie sollte sie das Leben ertragen?
    Frstelnd bog sie sich in die Kissen zurck und wollte nochmals zu schlafen
versuchen. Ach! im Schlafe hatte Robert's Bild vor ihrer Seele gestanden, und im
Wachen an ihn zu denken, war ihr Snde. Da ffnete Meining leise ihre Thre und
fragte: Bist Du schon wach, mein Kind? Ich mu um acht Uhr fort, komme erst spt
zurck und wollte sehen, wie es Dir nach dem Balle geht?
    Clementine richtete sich empor; der rothe Schein der seidenen Vorhnge fiel
auf ihr Gesicht, und sie sah dadurch so frisch, so rosig aus, da Meining nicht
aufhren konnte, ihr zu sagen, wie hbsch sie sei, sie zu kssen und zu preisen,
whrend Nichts in ihrem Herzen seiner Zrtlichkeit entsprach. Jetzt stand sie
nach ihrem Empfinden so tief, als jene Frauen, die ihr immer den entschiedensten
Abscheu eingeflt hatten; sie mute die Liebkosungen eines Mannes dulden, und
ihre ganze Seele gehrte einem Andern. Ein kalter Schauer flog durch ihre
Glieder, das Herz krampfte sich ihr zusammen, ein ohnmchtiger Schwindel erfate
sie. Meining schellte nach der Kammerfrau, holte selbst Essenzen herbei und
befragte, als Clementine sich erholt und er sie verlassen hatte, die alte
Dienerin, ob die Frau sich frher schon beklagt, ob irgend Etwas vorgefallen
wre? Das Mdchen wute nichts zu sagen. Die gndige Frau htte gestern Abend
sehr angestrengt geschienen, meinte sie, und htte ihr befohlen, sie so schnell
als mglich zu entkleiden und gleich das Licht zu lschen, da sie nicht mehr
lesen werde. Aber, fgte sie hinzu, krank mu unsre gndige Frau wol sein, wenn
sie's auch nicht wahr haben will. Sie kann seit vielen Wochen, Tage hindurch,
wenn sie allein ist, aufgesttzt sitzen und weinen, oder mit gefalteten Hnden
starr auf einen Fleck sehen; das war sonst niemals ihre Art, und das dauert, bis
der Herr Geheimrath nach Hause kommen. Dann ist's mit einemmal vorber, sie ist
frisch und munter, aber es hlt eben nur nicht lange vor.
    Dieser Bericht trug nicht dazu bei, Meining's Besorgni zu beruhigen. Eine
krperliche Strung war in der Gesundheit seiner Frau nicht vorhanden;
allerdings hatte sie immer reizbare Nerven gehabt, aber ihre Energie hatte diese
Reizbarkeit sonst glcklich und schnell berwunden. Auf mehrfach wiederholte
Fragen deshalb hatte sie immer eine ausweichende oder ganz verneinende Antwort
gegeben, und es blieb ihm daher nur die Vermuthung, da irgend ein Seelenleiden
seinen nachtheiligen Einflu auf Clementine uere. Vergebens aber sann er, was
es sein knne. Er war es sich bewut, seine Frau mit der herzlichsten Liebe
umgeben zu haben, sie besa Alles, was das Leben angenehm machen, es verschnen
konnte; sie schien frei von Leidenschaften, die das Glck stren. Er wute
keinen Grund fr das pltzliche Schwinden der Gesundheit aufzufinden und
beschlo, unter der Hand bei Marianne nachzuhren, ob er vielleicht durch diese
auf die rechte Spur geleitet werden knne.
    Aber auch bei dieser fand er keinen Aufschlu fr die befremdliche
Erscheinung. Sehen Sie, bester Geheimrath, meinte sie, Ihre Frau war immer
vernnftiger und besser als wir Andern, und nun als Frau ist sie auch wieder
nicht wie wir. Sie hat gewi die richtigsten Grundstze, aber sie bertreibt
sie, sie macht sich alt noch vor der Zeit. Da sie nicht tanzt, weil sie
verheirathet ist, da sie neulich nicht mit uns fuhr, als wir eine
Schlittenpartie machten, und wir Alle, Thalberg an der Spitze, sie darum baten,
nur darum nicht mitfuhr, weil Sie nicht daran Theil nehmen konnten, das sind
Alles Uebertreibungen, mit denen sie uns Andre tadelt; und wir mten es ihr
bel nehmen, wre sie nicht so zuvorkommend und so gut, da es ganz unmglich
ist, nicht fr sie eingenommen zu sein, und das sind wir denn auch Alle, mein
Mann und Thalberg nicht am Wenigsten. Sie ist ja auch das Muster einer Frau,
denn Meining wnscht oder Meining mchte nicht gern das sind ihre
entscheidenden Grnde. Machen Sie nur, da sie sich erholt, denn Sie haben
Recht, man sieht es, da sie leidet.
    O! und heute ist sie leidender, als ich sie je gesehen! bemerkte Meining.
Htte sie nur den verdammten Ball aufgeschoben, wozu ich selbst vor ein paar
Tagen rieth. Aber da war kein Halten, kein Abreden, der Ball mute durchaus
gegeben werden, weil die Vorbereitungen einmal getroffen waren. Nun haben wir
die Folgen.
    Marianne lchelte. Mit dem Ball, sagte sie, hatte es eine eigne Bewandtni,
und da hat Clementine Ihnen einmal nicht die Wahrheit gesagt, wenn sie
behauptete, die Einrichtungen wren nicht mehr zu ndern. Thalberg war nur
lnger nicht zu halten; sonst htte sie den Ball wohl aufgeschoben, da sie sich,
wie sie selbst mir sagte, wirklich unwohl fhlte. Der Ball galt ja Thalberg ganz
allein.
    Er galt Thalberg? Was soll das heien? fragte Meining sehr verwundert.
    Sehen Sie, lieber Geheimrath! das rathe ich so, denn bestimmt wei ich es
nicht - aber ich pflegte mich in solchen Sachen nicht zu irren! Als ich neulich
bei Clementinen vorfuhr, wurde ich abgewiesen; es hie, die Staatsrthin sei bei
ihr. Was konnte sie mit dieser Geheimes zu berathen haben? Nachher des Abends,
als zuletzt die Partie bei Ihnen war, kam Thalberg, der erwartet wurde, nicht.
Clementine sagte uns, er sei vorher bei ihr gewesen, sie htte eine Weile mit
ihm geplaudert und sie gestand mir, es sei die Rede von einer Verheirathung fr
ihn gewesen. Dabei war sie in bester Laune, also mute er eingewilligt haben.
Nun kommt Ihr Ball. Die kleine Johanne mute die Tochter vom Hause machen, ich
sah selbst, wie Thalberg ihr von Clementinen vorgestellt wurde, und - sie lachte
- nun die Sache ist eben abgemacht.
    Ich glaube, Sie tuschen sich trotzdem, denn Thalberg ist abgereist, oder
wird noch heute reisen, sagte Meining.
    Unmglich! rief Marianne mit ihrer ganzen Zuversicht, und es lag Meining
nicht daran, sie eines Andern zu berfhren. Befreiteren Sinnes sagte er ihr
Lebewohl.
    Die Unterhaltung, bei der Marianne auch nicht im Entferntesten den Gedanken
zu hegen geschienen, da Clementine sich unglcklich oder nur unzufrieden fhle,
war fr Meining eine Beruhigung gewesen. Er ging rstig seinen Tagesgeschften
nach und fand, als er zum Mittage nach Hause kam, seine Frau heiter und
freundlich seiner wartend. Sie hatte, weil er ihr die grte Stille empfohlen,
in ihrer Stube das Essen auftragen lassen; sie war bemht, den Schreck, den sie
ihrem Manne am Morgen verursacht, so viel als mglich vergessen zu machen, und
er verlangte es nicht besser, als ihrer Versicherung zu glauben, da er Nichts
fr sie zu frchten habe.

                              Vierzehntes Capitel


                          Aus Clementinen's Tagebuch.

Den 27. Februar. Gott Lob! Der erste Tag ist vorber! und noch ein Tag und noch
einer, so geht das Leben hin. Armer Meining! sollst Du es ben, da Du mich
lieb hast, mir vertraust? Soll das der Lohn Deiner Arbeit, die Freude Deines
Alters sein, da Dich in Deinem Hause ein krnkelndes, mimthiges Geschpf
empfngt? Und wie gut er ist, wie er fr mich sorgt; und wie elend ich's ihm
danke! Nur zur Pein lebe ich noch in der Welt, mir und Allen. Wenn Robert -
fort, fort mit den Gedanken. Ich bin Meining's Frau, sein Glck, sein Wohl
allein drfen mein Ziel sein, und Gott wird mir die Kraft geben, es zu
erreichen, wenn er sieht, wie ernst ich danach ringe.
    Den 3. Mrz. Ich bin wohler, Meining ist ruhig ber mich. Es kann, es wird
Alles noch gut werden, und warum sollte es nicht? Konnte ich dafr, wenn ein
Gefhl, welches ich nicht absichtlich hervorrief, sich nicht gleich unterdrcken
lie und mich beherrschte? Habe ich nicht Alles versucht, was mir Pflicht und
Recht geboten? Nun ist es vorber, er ist fort. Auch er wird seinen Frieden
wiederfinden und wird glcklich werden. Ich? - Ich mu es ja sein, weil ich
nicht mir selbst gehre.
    Im Landhause, den 2. April. So wre ich denn hier eingerichtet! Krank,
traurig und mde! o! so mde! Es gibt Leiden, die den meisten Menschen
glcklicher Weise unbekannt bleiben. Nicht alt zu sein, und hoffnungslos in das
Leben zu blicken, ohne Aussicht, ohne Wunsch fr die Zukunft, nicht einmal den,
da es jemals anders werden mge. Wo ist die erste, frohe Jugendzeit hin, in der
ich reich an Muth, an Lust, und so berreich an Liebe in das Leben sah? Ich
fhlte mich glcklich in der Liebe meines Vaters, kein andres Gefhl in meiner
Seele, als ihm Freude zu machen und gut zu sein, um des Guten willen. Damals, es
war, ehe ich Robert kannte, war ich frei! Frei? wenn ich es endlich wrde, wenn
mein Tod endlich diesem Elend ein Ende machte - das wre das Einzige, was ich
wnschen darf, was ich wnsche. Dann wrden Meining und auch Robert freundlich
mein gedenken, und ich schliefe still, wie mein mdes Herz es fordert.
    Den 10. April. Die Welt ist so schn, Alles scheint glcklich, warum kann
ich es nicht sein? Dadurch kommt oft ein Gefhl von Bitterkeit in mein Herz, das
mich erschreckt. Der Vogel darf glcklich und frhlich von Blatt zu Blatt
fliegen, die Blume findet Sonne und Regen, so viel sie bedarf, um schn zu
erblhen; nur ich entbehre Das, was mein Dasein zum Leben machen knnte. Wenn
ich Abends hinaufsehe zu dem Firmament und die Milliarden Sterne in seliger Ruhe
ihre ewige Bahn durch leuchten, so begreife ich nicht, wie nicht Einer von all
den Sternen Mitleid fhlt mit mir, warum nicht Einer herunterkommt, mich zu
trsten, oder warum er nicht heller hervorleuchtet, um mir ein Zeichen zu geben,
da er mich versteht, da er mein Leiden, mein Sehnen, mein Verzagen kennt.
Htte ich meine Mutter noch, der ich Alles klagen durfte, die wrde mich nicht
so kalt, so streng an meine Pflicht verweisen, als die Tante; sie wrde ihr
mdes Kind ausweinen lassen an ihrer Brust, sie wrde mit mir weinen, wrde mich
bedauern.
    Pflicht! - Hat denn irgend ein Geschpf auer dem Menschen eine andre
Pflicht, als glcklich zu werden? Freilich aber ist nur der Mensch in seinem
wahnsinnigen Dnkel so selbstvermessen, sich Pflichten zu schaffen, die zu
erfllen ihm fast unmglich ist.
    Den 27. April. Nach mehrtgigem Ueberlegen und Zaudern hat Meining sich
entschlossen, mit dem Prinzen zu gehen, und ist heute abgereist. Der Prinz hat
dringend seine Begleitung gefordert, und er hat sie nicht ablehnen drfen. Ich
habe ihm angeboten, nachzufolgen, damit wir am Ziel der Reise zusammentrfen;
ich wre dann mit Marianne und ihrem Manne bis Wien gegangen und htte den
brigen Theil der Reise allein mit meinem Mdchen und dem Diener meines Mannes
fortgesetzt. Vielleicht htte mir die Zerstreuung wohlgethan; hauptschlich
hoffte ich aber Meining damit eine Freude zu machen, wenn er mich bald wieder um
sich htte, wenn er in G .... seine Huslichkeit wieder fnde, wo der Prinz
sechs bis acht Wochen die Cur gebrauchen mu. Meining hat es aber nicht
gewnscht, weil er glaubt, ich wrde die Luft dort nicht ertragen knnen. Nun
ist er abgereist und hat mit rhrender Innigkeit mich mir selbst empfohlen. Ich
solle mich schonen, wie ich sein Leben schonen wrde, mich pflegen, mich
zerstreuen, damit er mich gesund und froh wiederfnde, denn ich sei sein
hchstes Gut! - Wie mich das gedemthigt hat! Ich weinte vor Scham, und Meining
glaubte, da meine Thrnen nur dem Abschiede von ihm galten - ich tusche ihn
mit jedem Athemzuge! Elendes Dasein! Wenn er mein Vater wre, wie knnte ich ihn
lieben, ihn, der so gut, so gut ist; wie zufrieden wrde er mit dem Gefhl von
Verehrung sein, das ich fr ihn hege, wie wrde er sich der Liebe seiner Tochter
fr Thalberg, den er so hoch hlt, erfreuen. Jetzt aber!
    Den 4. Mai. Ich fhle mich freier, besser in Meining's Abwesenheit, weil ich
mich nicht, wie ein harter Aufseher den widerspenstigen Sklaven, in jedem
Augenblick zu bewachen, zu strafen habe, weil ich nicht, wie ein feiger Sklave,
Herz und Geist verstellen mu. Auch die vollkommene Stille um mich her thut mir
sehr wohl. Ich berschreite die Schwelle unsers Gartens kaum, ich ziehe mich
ganz in mich selbst zurck, und es scheint mir, als ob dadurch mehr Klarheit und
Friede in mein Gemth kme. Aber noch einmal, nur noch einmal mchte ich ihn
sehen, nur noch ein einziges Mal ihn sprechen! Und wozu? frage ich mich dann
wieder. Knnte ich unter diesen schnen, suselnden Bumen schlafen, immerfort
schlafen - bis zu Meining's Rckkehr; tief, tief schlafen und dann erwachen, und
die ganze Vergangenheit wre mir entschwunden, wie das Bewutsein eines bsen
Traumes, wenn man frh die Augen aufschlgt und der liebe, helle Tag frhlich
durch die Fenster grt.
    Den 5. Mai. Die Tante kommt noch immer nicht, obgleich ich sie nochmals
darum bat. Erst im Juni darf ich sie erwarten.
    Den 8. Mai. Schon seit Tagen kommt wieder kein Gedanke in mir auf, als der
an Robert. Ich kann sein Bild nicht aus meinem Herzen bannen, in dessen
Pulsschlgen es seit meiner Kindheit lebt. Leben und ihn lieben ist mir Eins -
wie konnte ich jemals whnen, ich wrde aufhren, ihn zu lieben? Wie hat man
versuchen drfen, mich zu einer Heirath zu berreden? Ich habe in der Zeit, die
meiner Verlobung folgte, selbst geglaubt, ich msse ihn einst ruhig wieder sehen
knnen, weil er mein Herz, meinen Stolz so tief gekrnkt hat, ich wrde ihn
deshalb nicht mehr lieben. Thrichter Wahn! Jedes andre Empfinden ist ohnmchtig
gegen die Liebe. Sie ist Alles: Demuth, Hingebung, Selbstverlugnung, Geist,
Wahrheit und Stolz; aber nur Stolz auf den Besitz des Geliebten, Stolz auf das
Glck, von ihm gewhlt zu sein. Das Alles habe ich selbst in mir vernichtet und
keine Mglichkeit, es jemals zu ndern. Nun fhle ich die Folgen dieses
Schrittes an der innern Zerstrtheit meines Daseins. Mit aller Gluth der Seele
zieht es mich zu dem Geliebten, ich mchte ihn nur einmal sehen, nur den Ton
seiner Stimme hren - ach und an seinem Herzen alles Elend vergessen und weinen.
    Den 12. Mai. Er ist wieder hier; hier, in meiner Nhe. Ich habe seine Stimme
im Vorzimmer nach mir fragen hren, ich sah ihn durch den Garten zurckkehren
und hinaufblicken nach meinen Fenstern. Das ist Glck! Das ist Sonne und
Frhling! Er hat mir geschrieben, und ich habe den Brief unerffnet
zurckgesandt; ich htte es nicht thun sollen. Und doch! Wei ich nicht, was er
schreibt, was er begehrt, und kann ich es gewhren? Auch seinen Besuch habe ich
abgelehnt. Wie einen Ueberlstigen habe ich ihn abweisen lassen. Wie wird er
lcheln ber die Feigheit, die sich nur sicher fhlt hinter gewaltsamem Schutz,
wie verchtlich wird sie ihm erscheinen. Ich habe verboten, mir irgend einen
Besuch zu melden, weil ich Robert allein nicht zurckweisen konnte. Mehr vermag
ich nicht. Alle meine Gedanken sind auf ihn gerichtet, mein Herz verlangt ihn,
die Sehnsucht ist zum krperlichen Schmerz geworden; ich fhle mich der
Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe, so verwirren sich meine Gedanken. Ich mchte zu
ihm eilen, ich mchte ihm sagen, wie ich ihn liebe. - Ich! die dreiigjhrige
Frau, das Weib eines Andern!

                        Robert an den Hauptmann v. Feld.

                                                            Berlin, den 16. Mai.

Ich hielt es nicht lnger aus in Hochberg, und bin wieder hier. Man hatte mir
zufllig geschrieben, da Clementine krank sei, da ein Nervenleiden ihr Leben
zu bedrohen scheine. Da litt es mich nicht lnger dort, ich mute sie sehen, ich
eilte hieher. Begreifst Du es, mein Freund? Sie leidet, sie stirbt, und ich, ich
trage daran die Schuld, wenn ich sie und mich nicht rette. Nun bin ich acht Tage
hier, bin tglich bei ihr gewesen, aber niemals angenommen worden. Es hie, sie
sei zu angegriffen, um Besuche anzunehmen. Was ich auch that, sie zu sehen,
Alles war vergeblich, und es gibt Stunden, in denen ich trotz ihres Verbotes in
ihr Zimmer dringen, und von ihr fordern mchte, mir nach Hochberg zu folgen, und
die Meine zu werden. Ich wei es, ich fhle es an meiner Liebe fr sie, da sie
mich liebt, da sie fr Meining nur kindliche Verehrung hat; warum sollen wir es
ben, da sie sich unwrdige Fesseln anlegen lie, die sie und mich erdrcken?
Was kann der alte Mann an ihr lieben? Er, der es nicht wei, was ihr reiches
Herz bedarf, wie es geliebt werden mu, wie es zu lieben vermag. Und grade jetzt
kann und mu ich sie sprechen, mich mit ihr verstndigen, denn Meining ist nicht
hier.
    Heute habe ich ihr geschrieben; sie hat selbstqulerisch meinen Brief
ungelesen zurckgesandt. Ich mchte ihr die Qualen, die sie sich vergrert,
ersparen, und kann es nicht. Sie mu sie durchkmpfen, wie ich es that, um
spter die Ruhe in sich zu finden, deren sie bedarf. Sie mu es fhlen, wie ich,
da unsre Verbindung eine innere Nothwendigkeit ist, der zu widerstehen eine
Thorheit, eine Snde ist. Waren je zwei Wesen fr einander geschaffen, so ist
sie es fr mich; ich knnte sagen, sie sei mein anderes Ich, so finde ich mein
Denken in ihr wieder, so theile ich jedes ihrer Gefhle; und doch drckt es Das
nicht aus, was wir einander sind. Plato hat Recht, die Natur schuf den Menschen
und trennte ihn in Mann und Weib, damit beide Theile nach Vereinigung streben
und ein doppelt glckliches Ganze werden, wenn sie nach schmerzlichem Entbehren
sich zusammenfinden und harmonisch vollendet in Eins verschmelzen. Sie ist mein,
ein Theil meines Selbst, das ich nicht aufgeben kann, feige, wie der
Selbstmrder sein Leben von sich wirft; sie ist die Liebe, der Duft, das Licht
meiner Seele, der zarte Wiederhall alles Groen, das ich gedacht - sie war einst
mein, sie soll es wieder werden.
    Wende mir nicht ein, da ich selbst sie aufgegeben habe; ich hatte sie
vernachlssigt, wir hatten uns vom Wege verirrt, uns verloren; aber frh oder
spt muten wir uns wiederfinden, wie es geschehen ist, weil wir Eins sind.
Nichts, selbst ihr eigner Wille nicht, soll sie mir jetzt entreien. Ich will
mein Glck um jeden Preis! Ich will es nicht selbstschtig wie ein wilder
Jngling; ich will es, mit der ruhigen, ernsten Ueberzeugung des Mannes von
Meining fordern und von ihr selbst, weil mein Glck das ihre ist und ihr Leben
rettet.
    Warum weiset sie mich ab? Kann sie mich frchten? So klein ist Clementine
nicht, so gering kann sie von mir nicht denken. Glaubt sie mich zu berreden,
da es ihr gelingen werde, mich fr Meining zu opfern, der mir mein Eigenthum,
mein Leben geraubt hat? Nimmermehr! Htte ich sie nur gesprochen! Aber ich kenne
ihre Ueberspannung, ihre bertriebene Gewissenhaftigkeit. Freiwillig wird sie
mir die Gunst des Wiedersehens nicht gewhren, und Niemand ist hier, bei dem ich
sie treffen knnte. Marianne und Frau von Stein sind beide bereits verreist; sie
verlt ihr Haus nicht, seit Meining abwesend ist, ich habe also keine Wahl.
Denke an mich. In wenig Stunden wird mein Loos - ich hoffe es - zu meinem Glck
entschieden sein.

                              Fnfzehntes Capitel


Es war ein schwler, heier Sonntagabend, ein Gewitter lag in der Luft und
drckte Clementinen's jetzt doppelt reizbare Nerven nieder. Ein Theil der
Dienerschaft hatte die Erlaubni, den Sonntag auswrts zuzubringen, benutzt; die
Uebrigen hielten sich in dem entlegenen Dienerzimmer auf, da die Geheimrthin
erklrt hatte, ihrer nicht zu bedrfen. Alles um sie her war still und einsam,
sie sa lange in Nachdenken versunken allein. Der Himmel wurde trber und
trber, wie ihre Stimmung; ihr Herz war unruhig und furchtsam, wie die
Schwalben, die ngstlich hin und her flatterten. Eine Spinne hatte ihr Netz in
einer Ecke aufgeschlagen und spann und spann den langen, gleichen Faden
unermdlich fort, so oft er abri, ihn auf's Neue knpfend - kein Laut in der
Natur, auer dem heimlichen Flstern der Bume, die nicht aufzuathmen und sich
zu regen wagten, bei der glhenden Luft. Die Wolken sanken immer tiefer zur Erde
nieder. Es war ihr, als mten sie sie erdrcken, wenn es so fortging. Sie hielt
es nicht lnger in den dumpfen Zimmern aus, sie hoffte frei aufzuathmen im
Freien, sich selbst zu entfliehen, und ging eilig hinab in die breiten Alleen
des Gartens. Aber auch hier fand sie weder die Khlung, noch die Beruhigung,
deren sie bedurfte; sie wollte Bewegung, Leben, Menschen um sich sehen. Es trieb
sie mit ungewohnter Hast durch die schattigen Partien des Gartens, nach den
offneren, freien Pltzen; sie nherte sich dabei der Strae und sah den
Brieftrger dem Thore zuschreiten, der ihr einen Brief des Geheimraths brachte.
    Es war fast zu dunkel geworden, ihn im Freien zu lesen und, da sie sich
nicht entschlieen konnte, in das Haus zurckzukehren, ging sie in den Pavillon,
wo sie fr den Abend zu bleiben dachte, zndete selbst die Lichter an und setzte
sich zum Lesen nieder. Je lnger sie las, je bewegter schien sie zu werden;
endlich legte sie den Brief fort und lehnte sich in den Divan zurck, das
Gesicht in den Hnden verbergend. Meining's liebevoll sehnschtiger Brief that
ihr mehr wehe, als die hrtesten Vorwrfe es vermocht htten. Es fiel ihr
schwer, Lob zu ertragen, das sie nicht verdiente, Liebe zu empfangen, die sie
nicht erwiderte, und ein Vertrauen zu genieen, das sie nicht vergelten konnte.
Es wre ihr nicht mglich gewesen, in dieser Stimmung den Brief zu Ende zu
lesen, es schien ihr, als wre er nicht an sie gerichtet. Er galt der
Clementine, die Meining's wrdig war, die Anspruch hatte auf seine Achtung - das
war sie nicht mehr. Hatte sie doch gestern noch Robert auf das Lebhafteste
herbeigewnscht; wozu ntzte der Kampf einzelner Stunden, wenn der Geliebte
immer als Sieger aus demselben hervorging? Sie warf sich vor, unredlich gegen
sich selbst zu sein und - auch diesmal hafteten ihre Gedanken wieder an dem
Namen des Geliebten, bis sie in jenen Zustand versank, der, eben so fern vom
Schlummer, als vom Wachen, nervse Menschen nach starker, geistiger Aufregung
oft befllt. Alle ihre Gedanken flossen und verschwammen in einander, bis die
ganze Welt wie ein nebelgraues, unbestimmtes Etwas, das ihr fremd und vollkommen
gleichgltig dnkte, vor ihrem getrbten Blicke dalag.
    Da ffnet sich pltzlich die Thre des Gartenhauses, die hohe Gestalt eines
Mannes erscheint in der Thre. Er ruft sie an mit ihrem Namen, er breitet ihr
seine Arme entgegen und, widerstandlos zu ihm hingezogen, fliegt sie mit einem
Ausruf des Entzckens ihm entgegen und sinkt ihm an das Herz.
    Unter den Kssen des Geliebten erwacht sie an seiner Brust, und die
zrtlichsten Worte der Liebe, die sesten Thrnen sagen ihm, wie warm das Herz
ihm schlgt, das an dem seinen klopft.
    Er bat sie nicht um ihre Liebe, er gelobte ihr die seine nicht, und doch
flo das Gestndni ihrer Liebe von Clementinen's Munde, doch hrte Robert nicht
auf, der Geliebten zu sagen, wie glcklich er sei. Er ruhte zu ihren Fen, er
kte ihre Hnde, beugte ihr Haupt zu sich hernieder, und sie barg wieder wie in
ihrem Traume ihr Angesicht in seinem dunkeln Haar, das sie spielend durch die
feinen Finger gleiten lie. Worte, die dem Himmel angehrten, wechselten mit
kindischem Spiele, wie nur die wahre Liebe es schuldlos kennt.
    Drauen war es fast Nacht geworden. Ein heftiger Regen fiel in groen,
rauschenden Tropfen hernieder; fern leuchtende Blitze zuckten durch die
buntgemalten Fenster und warfen sonderbares Streiflicht in das kleine Gemach.
Die ngstliche Clementine suchte Robert's Hand, wie Schutz erbittend, und er
fand die zaghafte Frau lieblicher als je in dieser Schwche.
    Sieh, Geliebte! sprach er, so will ich Dich immer behten, immer suche
Zuflucht bei mir. Wie liebe ich Dich in dieser Bangigkeit, wie froh macht mich
das Gefhl meiner Kraft, Dir, Du Zarte, Schwache! gegenber. Glaube mir, alle
Eure Gewalt liegt in Eurer Hlflosigkeit; werde nie muthig, nie stark, meine
Geliebte! Niemals knnte ich, wie Meining, Deiner sen Furchtsamkeit lachen;
und jedes Gewitter, das ber uns aufzieht, soll mir ein liebes Erinnern an diese
Stunde sein. Ich will es segnen, wenn es Dich, mein Leben, knftig in den khlen
Gemchern unsres Hauses, nach Schutz verlangend, in meine Arme fhrt.
    Und abermals wollte er Clementine an sein Herz ziehen, aber pltzlich
aufschreckend machte sie sich aus den Armen des Geliebten los. Meining's Name
hatte Alles um sie her verwandelt, das Paradies ihrer Wonne versank, und die
Wirklichkeit machte ihre Rechte wieder geltend. In dem Rausch der Ueberraschung,
in welche das unverhoffte Wiedersehen des Geliebten sie versetzt, hatte sie
Alles vergessen, hatte Nichts gedacht, als das unaussprechliche Glck, das sie
ihr Leben hindurch ersehnt, von des Geliebten Munde das Gestndni seiner Liebe
zu hren und ihm zu sagen, wie er ihre Welt, ihr Schicksal, ihr Alles gewesen
sei von ihrer Jugend an. Nun kam das niederschmetternde Bewutsein ber sie, da
diese erste Stunde des Glckes auch sicher die einzige und letzte fr sie sein
werde und msse. Aber das Verlangen ihres Herzens war befriedigt, ihre lang
verschwiegene heie Liebe war, wenn auch nur fr einen Augenblick, frei und
schn zur hellen Flamme emporgelodert; der tief verborgene Keim war zum Lichte
durchgedrungen und hatte geblht, zur Freude des Geliebten. Das konnte, das
mute ihr gengen, jetzt und immerdar.
    Verlasse mich, gehe! bat sie pltzlich und schlang doch ihre Arme fesselnd
um seinen Hals. Es ist vorbei, vorbei fr immer! Er verstand sie nicht.
    Ich soll Dich lassen? und in dieser Stunde? fragte er.
    Kann es denn anders sein? klagte sie. Du selbst hast mit dem Namen meines
Gatten mich an ihn erinnert, den ich so treulos verrathe, der es nicht ahnt, in
liebendem Vertrauen, da sein Weib Dich liebt und ihn und sich selbst in Deinen
Armen, an Deinem Herzen beweint. Gehe, gehe, Geliebter, wenn Du mich liebst!
rief sie noch einmal und ihre glhenden Thrnen flossen auf seine Brust.
    Nein! ich gehe nicht! versetzte er. Liebst Du mich denn nicht? Mut Du nicht
mein sein, weil Du mir gestanden, da Du nur mich allein geliebt? Ich will nicht
mehr leben ohne Dich, ich will es nicht, Du sollst nicht hinsterben in
fruchtlosen Kmpfen. Leben sollst Du fr mich, fr mich allein. Denkst Du wohl
jenes Abends, als Dein mdes Haupt in den Blttern der Cala sich barg, wie hart
ich war, wie ungerecht der Zweifel an Dir mich damals machte? Jetzt, da ich
Deiner sicher bin, jetzt, da ich Meining und den Adel seines Sinnes kenne -
    Nicht weiter, ich beschwre Dich, flehte Clementine, Meining liebt mich, ich
wei es und ich kenne seine Gromuth - aber dringe nicht in mich, jetzt nicht.
Verlasse mich nur jetzt, nur heute, morgen hrst Du von mir - gewi, nur jetzt
la mich allein.
    Ich hre von Dir? und werde ich Dich nicht sehen? Kannst Du Dich mir nach so
langem Entbehren, nach so kurzem Glcke so schnell entziehen? Glaubst Du, da
ich einwilligen werde, mir auch nur einen Augenblick die Wonne Deiner Gegenwart
rauben zu lassen, jetzt da Du wieder mein bist? Nein, morgen in aller Frhe bin
ich wieder hier, morgen und alle Tage will ich's in Deinen Augen lesen und an
Deinem Herzen empfinden, da die Welt die Mhe des Lebens vergelten, berreich
vergelten kann, in einem Herzschlag. Nur in der Hoffnung gehe ich. Und so gute
Nacht, mein schnes, holdes Glck. Denke auch im Traume an mich - ist es mir
doch selber wie ein schner Traum, da ich Dich wieder gefunden habe, da Du mir
wieder leuchtest, Du lieber Stern aus meiner Jugendzeit; nun gehe mir niemals,
niemals wieder unter. Und nun lebe wohl und ruhe sanft, Du holdes, ses Weib!
    Noch einmal sanken sie einander in die Arme, noch einmal hob er die Geliebte
zu sich empor, und ruhten Herz an Herz und Mund an Mund. Noch ein langer Ku, in
den sie alle Gluth, alle Liebe ihres Lebens prete, noch ein kurzer Augenblick
voll Wonne, und Clementine war allein - allein mit der Ueberzeugung, auf dem
Gipfel ihres Lebens gestanden zu haben, entschlossen, den Weg, der ihr zu machen
blieb, unerschtterlich fest fortzuwandeln, reich durch das Andenken an diese
Eine nun entschwundene Stunde.
    Schlaflos verging ihr die Nacht, sie rang vergebens nach einem Entschlusse.
Bald hielt sie es fr nthig, ihrem Manne Alles zu bekennen, seine Vergebung zu
erflehen und ihr Schicksal in seine Hnde zu legen, dann wieder schien es ihr
eine heilige Pflicht, ihm Alles zu verschweigen wie bisher. Robert baute seine
Hoffnungen auf ihre Trennung von ihrem Manne, und wider ihren Willen sah sie
sich in Hochberg neben und mit ihm wirken. Sie empfing ihn, wenn er Abends
zurckkehrte, sie theilte seine Leiden, seine Freuden, sie sah ihn glcklich an
ihrer Seite, sich selber glcklich neben ihm - aber konnte sie jemals glcklich
werden? Konnte sie sich losreien von dem Manne, von dessen Leben sie seit
Jahren ein Theil gewesen war? Er war ihr Gatte, hatte ihr in all den Zeiten, die
sie mit einander verlebt, mit sorglicher Liebe angehangen; sie war seine Freude,
sein Glck, er hatte sie geehrt mit vollem Vertrauen! Sollte er sie verachten
mssen? Sollte er einsam und allein in seinem Alter bleiben, weil sie mit kalter
Selbstsucht auf den Trmmern seines Glckes ihr Haus gebaut? Es war eine lange
dunkle Nacht, die sie durchwachte, aber der Tag brach endlich an, und mit ihm
traten die Vernunft und das Gefhl der Pflicht, die Herrschaft ber die
zgellosen Schpfungen der Phantasie und des Herzens wieder an. Als sie sich am
Morgen von dem Lager erhob, war sie mit sich einig.
    Der frhe Morgen brachte ihr von dem Geliebten Kunde.
    Ich kann die Zeit nicht erwarten, Du Theure, schrieb er ihr, in der ich Dich
wiedersehen darf, ich mu Dein denken, mit Dir sprechen, um sie zu verkrzen.
Jene Besorgni, die uns berfllt, jene Unruhe, die uns aufregt, wenn wir nach
langer Abwesenheit in die Heimath kehren und die bekannten Thrme der Vaterstadt
uns sichtbar werden - dieser Unruhe kann ich jetzt nicht Herr werden, da ich
mich endlich dem Ziele meines Lebens, der Erfllung meiner sehnlichsten
Hoffnungen, der geliebten Heimath meines Herzens nhere. Ich mchte bei Dir
sein, Deine Hand in der meinen halten und in dem warmen Lichte Deiner Blicke die
schne Gewiheit Deines Besitzes fhlen. Als ich gestern tief in Deine Augen
blickte und mein Bild so klein und beweglich sich darin wiederspiegeln sah, bin
ich eiferschtig geworden bei dem Gedanken, so klein und flchtig knne mein
Andenken in Deinem Herzen sein; nun aber verstehe ich das besser. So gewi, so
klar und so deutlich mein Bild, in vollkommner Gleichheit mit mir selbst, mich
aus Deinem Auge verschnert anblickt, so wird jeder Gedanke, jedes Gefhl meines
Daseins, mir, vollkommen verstanden, gleich gefhlt und doch unendlich schner
wiedergegeben, wenn es durch die luternde Atmosphre Deines Herzens, Deines
Geistes gegangen ist. Ja! mein theures Herz! unsre beiden Seelen sind nur Eine,
nur zusammen knnen wir das hchste Ziel erreichen, das uns zu erreichen mglich
ist. Und wie froh, wie frei macht mich das Gefhl, da ich in Dir den schnsten
Preis des Lebens, Dich, Dein Herz, Deine Liebe wieder errungen habe, die nun
mein sind fr ewig. Wie kann ich Dir danken, wie Dich die Jahre von Schmerz und
Kummer vergessen machen, die ich in unglcklicher Verblendung ber Dich verhngt
hatte? Nur das beruhigt mich, da eine Liebe, wahr und stark wie meine, Alles
ausgleicht, da es kein Opfer gibt, keines, meine Clementine! das ich Dir nicht
mit Freuden zu bringen im Stande wre, wenn Dein Glck es erheischt.
    Und nicht wahr? Du hast vergeben, Du denkst nur mit Liebe an mich? Glaube
mir, jetzt ist Alles gut. Ich fhlte es gestern, als Du in meinen Armen ruhtest,
als Dein Haupt auf meine Schulter sank: die Nacht des Leidens ist vorber, und
eine schne Zeit wird uns werden. Nun erst werde ich mein Land lieben, ganz
anders lieben, weil es den heimischen Herd enthlt, an dem Du waltest; mit ganz
anderm Sinne werde ich fr die Zukunft sen und wirken fr ein Geschlecht, das
nach uns lebt - o! eine schne Zeit wird uns jetzt werden. Mge sie Dir mit dem
heutigen Tage beginnen. Wirf Alles von Dir, was Dich ngstigt und qult,
Geliebteste! Die Hindernisse irdischer Verhltnisse mssen vor der Gewalt unsrer
Liebe schwinden. Noch wenig Tage vielleicht, und wir sind unzertrennlich
vereint. - Fhlst Du wie ich die Wonne dieses Gedankens? An die Zeit denke, wenn
wir uns heute wieder sehen, meine Clementine! und wnsche sie so sehnlich herbei
als ich, der nach Dir verlangt mit aller Gluth und Liebe, welcher ein
Menschenherz fhig ist. Ich mchte ein Gott sein, wenn Gtter strker zu lieben
vermgen, als wir, um Dich so glcklich zu machen durch meine Liebe, als ich es
wnsche, um Dir das Geschenk Deines Herzens zu danken. Auf baldiges, seliges
Wiedersehen, Geliebte! Noch zwei Stunden, ehe ich Dich sehe - wie lange ist das
noch, und doch wie kurz gegen die lange Zeit, die ich Dich entbehrte. Ganz und
immer Dein.

Ruhig, wie ein abgeschiedener Geist auf die Erde blicken mag, sah Clementine auf
diesen Brief; sie war unwandelbar entschlossen. Sie hatte eine Stunde des
hchsten Glcks empfunden, nun fhlte sie die Kraft zu entsagen.
    Die Worte Deiner Liebe, schrieb sie, haben mir unbeschreiblich wohl gethan
und den reinsten Wiederhall in meiner Brust gefunden. Fest, wie an das Dasein
Gottes glaube ich an Deine Liebe und in diesem Vertrauen fordre ich von Dir das
Opfer, das mich das schwerste dnkt. Wir drfen uns nicht wieder sehen, mein
Freund! weil wir nicht fr einander leben drfen.
    Hre mich ruhig an, Du Geliebter! Mehr als ich es Dir sagen knnte, mu Dich
gestern die Freude, welche mir Dein Wiedersehen bereitet, von meiner heien
Liebe berzeugt haben. Kein trber Gedanke hat mir die Seligkeit gestrt, das
Gestndni Deiner Liebe von Deinem Munde zu hren, mein hchstes Glck in Deiner
Freude zu genieen. Was der sehnlichste, einzige Wunsch des Mdchenherzens war,
Deine Liebe, Du hast sie der Frau gewhrt, die sie Dir nicht lohnen darf. In den
Jahren, die unsrer Trennung folgten, von Zweifeln an Dir geqult, von Dir
entfernt und mich selbst aufgebend, habe ich Tage des herbsten Schmerzes
verbracht, die nun alle ausgetilgt sind aus meinem Leben durch eine Stunde des
Glckes, und diese Stunde werde ich Dir ewig danken; wie in dieser Stunde soll
mir Dein geliebtes Bild gegenwrtig bleiben.
    Die Deine aber werde ich nie. Ich darf mein Glck nicht auf Kosten der Ruhe
und Ehre eines Mannes erkaufen, der mir sein Glck und seine Ehre anvertraut,
mir seinen unbefleckten Namen gegeben hat. Kann ich die Liebe, die er fr mich
hegt, gewaltsam seinem Herzen rauben? Darf ich, die Jahre hindurch seine
Gefhrtin war, ihn verlassen, da das Alter sich ihm naht? Soll ich ihn dem
Gesptte preisgeben, das grausam jeden verrathenen Ehemann verfolgt? Soll die
Welt ihn verlachen, weil er gromthig mir vertraute, obgleich er durch mich
selbst wute, da mein Herz nicht ihm allein gehren knne? Du weit es nicht,
wie zart, wie schonend er mich behandelt, wie vollkommen er meine Achtung,
meinen Dank verdient hat. Ob er mir verzeihen wird? ich wei es nicht - nur das
fhle ich, da ich mit mir gerungen habe, Tag und Nacht, mit festem Willen, um
Dich aus meinem Herzen zu reien, da ich vor Gott mich schuldlos fhlen darf
und selbst die Stunden nicht bereue, die ich gestern mit Dir verlebt, und die
mich ber eine freudlose Vergangenheit trsten, fr eine schwere Zukunft
entschdigen sollen.
    Ich lege mein Loos in Meining's Hnde; er mag mir vergeben, mich von sich
weisen - Dein werde ich nie, auch dann nicht, wenn es mir beschieden wre,
meinen Gatten zu berleben. Sieh darin keine Schwrmerei, keine Ueberspannung:
ich halte die Ehe, Du weit es, fr ein unauflsliches, ewig bindendes Band. Das
Weib ist kein todter Besitz, der heute aus den Hnden des Einen in die des
Andern bergeht; ganz, ungetheilt, frei und frisch an Geist und Leib mu sie dem
Manne gehren. Da ich mit getheiltem Herzen Meining's Frau wurde, das ist das
Unrecht, welches mein Leben zerstrt und alle meine Leiden und auch jetzt die
Deinen hervorgerufen hat. Ich that es, weil man mich berredete, es sei Pflicht;
weil ich glaubte, ich knne Dein vergessen und frei werden.
    Noch einmal einen gleichen Schritt zu thun, die gleiche Snde gegen Dich zu
begehen, bewahre mich Gott. Eben so wenig, als ich es vermocht, Dich zu
vergessen, so wenig wrde das Andenken an Meining je fr mich aufhren. Knntest
Du eine Frau lieben, die ihres Gatten zu vergessen im Stande wre? Willst Du ein
Weib, das selbst in Deinen Armen an den Verrath denken wrde, den es begangen
hat? dem die Ruhe an Deinem Herzen durch Gewissensbisse vergllt wre?
    Tusche Dich nicht, Geliebter! so wrde es sein. Ich, geqult von inneren
Vorwrfen, Meining einsam und verhhnt, sein Name, fr dessen Ruhm er Jahre lang
gearbeitet, den selbst Neid und Bosheit nicht anzutasten wagten, entehrt durch
seine Frau - und Du? Ich fhle, was ich Dir einst htte sein knnen, kann und
wird Dir keine Andre werden - was ich Dir jetzt noch werden knnte? Mein Herz
zieht sich zusammen bei dem Gedanken, da ich selbst mich um das Glck gebracht,
Dich so zu beglcken, als ich es gehofft. Jetzt wre ich zweifach elend, denn
ich wrde Dich unglcklich sehen durch mich, und auch Deine Ehre wre verloren.
Oder ertrgest Du es ruhig, zu hren: das ist Thalberg, wegen dessen sich
Meining von der Frau geschieden, die Thalberg jetzt geheirathet hat. Und die
lchelnden Blicke, welche solche Worte begleiten - o! es wre ein Fluch, der
ber uns schwebte, gegen den wir keinen Schutz, auch nicht in unsern Herzen
fnden.
    Traure um mich, Geliebter! wie ich Dich beweinen werde. Heute sterben wir
fr einander, und nur wie man der theuren Todten gedenkt, la uns an einander
denken. Die Thrnen auf diesem Blatte zeigen Dir, ob ich das Opfer fhle, das
ich bringe, das ich verlange. Es sind die letzten Augenblicke, die ich mit Dir
verlebe. Ich mchte mein ganzes Herz Dir zeigen, wie es Dein ist und Dein war;
Du weit es und fhlst es, wie schwer es mir wird, zu scheiden. Ich habe Dich so
unaussprechlich geliebt.
    Lebe denn wohl Geliebter, mein Leben, mein Glck! - Ich nehme Dich bei dem
Worte, da kein Opfer Dir zu schwer sei fr mich. - Versuche es nicht, mich zu
berreden; es gelingt Dir nicht. Ich rechne darauf, da Du noch heute die Stadt
verlest, da Du es nicht versuchst mich wiederzusehen, weil Du mich liebst.
    Und nun Gottes schnster Segen ber Dich! Mge eine reiche Zukunft Dich fr
den Schmerz dieses Scheidens entschdigen. Denke mein oft, wie einer Schwester,
der Dein Glck tiefstes Bedrfni ist; mgest Du das Glck finden, das Du von
mir erwartet hast! Lebe wohl, und denke ohne Sorge an mich. Jetzt werde ich Ruhe
haben. Ich habe das schnste Glck empfunden, ich konnte es besitzen und opfre
es meiner Ueberzeugung, das wird mir Frieden geben. Gott sei mit Dir auf allen
Deinen Wegen, mein Geliebter, mein Freund! und nun lebe wohl.

Mit bebenden Hnden wurde das Blatt gesiegelt und dem Diener bergeben. Es war
geschehen. Tief athmend ging Clementine auf und nieder, und ein Friede, wie sie
ihn lange nicht gekannt hatte, machte sie das, was sie fr Pflicht erachtet,
leichter tragen. Jetzt wollte sie Alles beenden, sie wollte sich vor ihrem Manne
demthigen, wie es ihr gebhrte, er sollte sie nicht fr fehlerloser halten, als
sie war, und wie sie sich selber kannte, sollte er sie kennen, und entscheiden
ber sie.
    Ich habe gestern Deinen Brief erhalten, schrieb sie ihm, und er hat mich
gerhrt und beschmt, denn ich habe mich vor Dir anzuklagen. Ich habe es nie
vermocht, meine Fehler zu beschnigen, und so will ich auch vor Dir, vor meinem
Manne, nicht besser scheinen, als ich es bin.
    Du weit, als Du mir Deine Hand angetragen, zgerte ich sie anzunehmen,
nicht aus Mitrauen gegen Dich, sondern gegen mich selbst. Ich habe Dir es nicht
verborgen, da ich einen Andern geliebt, da sein Andenken mir noch sehr theuer
war - aber ich hatte Dir versprochen, dagegen zu kmpfen, und das habe ich
redlich gethan. Trotz Deiner Liebe, trotz meines festen Willens, ist diese
Leidenschaft nicht erstorben, sie ist neu erwacht, als ich den Gegenstand
derselben, den ich kaum zu nennen brauche, wieder gesehen habe. Vielmals hat das
bekennende Wort auf meinen Lippen geschwebt, ich habe Dich um Schutz gegen mich
anflehen wollen; aber Dein ausdrckliches Verbot, Dein Widerwillen gegen solches
Vertrauen hat mich zurckgehalten, und mehr noch, da ich Dich, den ich von
Grund der Seele ehre und achte, nicht betrben wollte. Deine Zufriedenheit, Dein
Glck waren der Zweck meines Lebens geworden, und ich mochte Dir nicht Schmerz
bereiten, weil ich hoffte, allein den Sieg zu gewinnen.
    Seit acht Tagen ist Thalberg zurckgekehrt und hat tglich versucht, mich zu
sprechen, was ich ihm nur verweigerte, weil ich es mute. Gestern ist er
unerwartet zu mir gekommen; ich habe das Gestndni seiner Liebe gehrt, ich
habe ihm gesagt, da ich ihn liebe, und ich bekenne Dir das offen, weil ich mich
frei vor Gott und vor Dir fhle. Da ich nicht willig dieser Leidenschaft
gefrhnt, da ich mit aller Gewalt mich zu befreien gestrebt, dafr brgt Dir
Deine Kenntni meines Herzens, meine Achtung vor unsrer Ehe und meine gebrochene
Gesundheit. Du hast ein Recht die Wankelmthige von Dir zu weisen, mir Deine
Liebe zu entziehen, aber Du mut mir Deine Achtung erhalten; denn jetzt habe ich
entsagt und fr immer. Halte das nicht fr leere Worte, welche Dich bestechen
sollen; erst jetzt bin ich ganz frei, erst jetzt bin ich mit reinem Bewutsein
Dein, whrend am Tage unsrer Hochzeit das Andenken an Thalberg strend zwischen
Dir und mir stand. Ich fhle mich unzertrennlich an Dich gebunden und wrde mich
noch als zu Dir gehrig betrachten, wenn Dein gekrnkter Stolz mich verstiee.
Dein Herz kann es nicht. Du kannst mich Das nicht wie ein Verbrechen ben
lassen, was ich gegen meinen Willen empfand; Du kannst mir Dein Vertrauen nicht
entziehen, weil ich mich dessen nicht unwrdig fhle.
    Und nun, mein Freund! mein guter, milder Freund! kennst und weit Du Alles;
gewhre mir Mitleid mit meiner Schwche und erhalte mir, wenn Du es vermagst,
Deine Liebe. Ich sage Dir nicht Alles, was ich fr Dich fhle, nur als Bittende
wende ich mich an Dich, und ich wnsche und hoffe, Du werdest Deinem Weibe kein
strengerer Richter werden, als Du es sonst dem Menschenherzen zu sein pflegtest.
Eine schwere Krankheit hat lange in mir gelegen, die Krisis ist vorber, und ich
werde genesen, ich fhle es. Du, der mit der Kranken so viel Nachsicht gehabt,
Du wirst die Genesende nicht verlassen, die gesund werden will und wird, um fr
Dich zu leben.
    Vergib mir und sage mir bald, da ich Dir noch werth sei, da Du meine
Sttze und mein Freund bleiben willst. Schreibe mir bald, ich verlange sehr nach
diesem Briefe, und vergib mir, was ich, wissentlich oder nicht, Unrecht an Dir
that. Vergib es mir, weil ich mir selbst vergeben mchte, und la mich Deine
Clementine bleiben.
    Auch diesen Brief wollte sie sofort befrdern, doch fand es sich, da die
Post nach J.... erst am folgenden Tage abgehe und da er also noch liegen
bleiben msse. Dadurch gewann sie Zeit, an den Eindruck zu denken, den ihr
Schreiben auf Meining hervorbringen wrde, auf ihn, der vollkommen arglos an sie
und ihre Liebe glaubte. Wie wrde es ihn betrben, wie unglcklich wrde es ihn
machen! Sie hatte ihm ihr Herz enthllt, um sich selbst genug zu thun; jetzt
empfand sie, da in dieser Handlung weit mehr Selbstsucht als Tugend lge. Um
sich zu beruhigen, um ihr Gewissen zu besnftigen, raubte sie Meining, von
dessen Vergebung sie berzeugt sein konnte, die sie mit Recht zu verdienen
glaubte, seine Ruhe. Was konnte die Folge von diesem Briefe sein? Sie nahm ihrem
Gatten seine Zuversicht, sie zwang ihn zu einem Argwohn, der ihn selber
demthigen mute, und stellte sich ihm als ein Opfer, als ein Muster von
Entsagung gegenber, nachdem sie eben nur ihre Pflicht gethan hatte. Und sie war
bereits mit sich darber einig, schweigend, wie sie gegen ihren Mann gefehlt,
auch zu ihm zurckzukehren. In dem Augenblick brachte man ihr noch einen Brief
von dem Geliebten.
    So sei es! weil Du es willst! hie es in demselben. Ich scheide von Dir,
weil Du's gebietest. Du hast Recht, jetzt ist's zu spt. Ich habe unser Glck
einst freventlich vernichtet und vermag nicht mehr, es uns auf's Neue zu
bereiten, obgleich ich Dich mehr liebe, strker, heier als je. Wie sehr liebe
ich Dich! - Und mu ich erst nun, da die schwere Stunde solcher Trennung vor uns
steht, es erkennen, da Du noch viel reiner und grer bist, als ich selbst in
den begeistertsten Augenblicken es fr mglich hielt? Warum, schner Stern,
stiegst Du noch einmal in aller Pracht Deines Glanzes an meinem Lebenshorizont
empor, wenn Du mir untergehen mut fr immer? Doch nein! Du bleibst! Du bleibst
das klare Licht, auf das mein Auge blickt, das seine leuchtenden Strahlen in
meine Seele wirft, wenn ich im Gewhl der Welt den Glauben an die Menschen je
verlieren knnte. Du bist! - und wer darf zweifeln an der Gttlichkeit des
Menschen.
    Ich scheide von Dir! Du fhlst wie ich, was dieses Wort bedeutet; was es
heit: zu entsagen. Darum soll kein Wort der Klage die heilige Stunde unsers
Abschiedes entweihen. Wie jene selige Insel, die nur einmal in Jahrtausenden aus
dem Meere taucht und deren Anblick dem Auserwhlten Paradieses-Wonne bereitet,
dem sie zu schauen vergnnt ward, so taucht das Andenken an die Stunden, die ich
gestern mit Dir verlebt, ewig beseligend aus dem Meere meines Lebens empor. Du
hast mich reich gemacht, Geliebte! reich fr immer, denn wer vermag zu lieben
wie Du! - Weh mir, da ich selbst unsre Welt zerstrt!
    Lebe denn wohl, Geliebte! la mich Dir danken fr die Gunst Deiner Liebe,
fr das kurze und doch so unvergeliche Glck. Unvergelich und doch so
flchtig, gleicht es jener stolzen Blume, die nur eine Stunde blht, weil diese
eine Stunde vollendeter Schnheit herrlicher ist, als das ganze, matte Leben
aller andern Blumen. Lebe wohl, schne, hohe Knigin der Nacht, Geliebte meiner
Jugend, Sehnsucht aller meiner Tage. La uns fortgehen auf der Bahn, die Du fr
uns gewhlt hast und die ich gleich Dir betrete. Wir haben die reinste Freude
des Lebens gekannt - la uns in Anderem das Glck suchen, das wir freiwillig
opfern. O! nur noch einmal la es mich sagen, nur noch dies eine Mal hre es an,
da ich Dich liebe, wie nur je ein Weib geliebt ward, Dich, meine Clementine!
Und damit nun fr immer Lebe wohl!

Stumm drckte Clementine den Brief gegen ihr Herz, aber keine Thrne kam in ihre
Augen. Sie hatte sich selber wiedergefunden, ein Werk der Befreiung gebt an
sich und an den beiden Mnnern, zwischen denen ihr Schicksal sie gestellt.
    Sie war wie zu neuem Leben geboren. Sie konnte an Thalberg denken ohne die
strmische Unruhe der Leidenschaft, ohne die peinigenden Vorwrfe des Gewissens,
ohne die Sehnsucht, die ihn herbeiwnschte und sich deshalb verdammte; und
selbst auf Meining's Rckkehr sah sie mit Zuversicht, weil sie sich seiner
wieder wrdig fhlte. Es war ihr feierlich zu Sinne, als sie Robert's Briefe und
den, welchen sie fr ihren Mann geschrieben, zusammen in die Lade ihres
Schreibtisches verbarg. Dort sollten sie unberhrt liegen, wie jene Dokumente,
die man unter dem Grundstein eines neuen Baues birgt, denn auch sie fing an zu
bauen fr die Zukunft, mit dem frmmsten Sinne, und mit der Hoffnung auf die
Dauer dessen, was sie schaffen wollte.
    Am andern Tage, als sie, nicht ohne Wehmuth, den Gartensaal betrat, fand sie
noch Meining's Brief dort liegen, den sie in der Aufregung jenes Abends nicht zu
Ende gelesen und dort vergessen hatte. Mit welch andern Empfindungen las sie ihn
jetzt! Ja, selbst die Nachricht, da er frher wiederkehren wrde, da sie ihn
in vierzehn Tagen erwarten knne, war ihr lieb, und sie fing an, Alles fr seine
Heimkehr herzurichten, wie die Erlebnisse der letzten Tage auch noch in ihr
nachhallten.
    Der wiedergewonnene Seelenfriede verfehlte nicht, seinen wohlthtigen
Einflu auf Clementine zu uern. Er brachte ihren Nchten Schlaf und ihren
Nerven Ruhe, so da ihr Gatte, als sie ihm bei seiner Heimkehr freundlich, wenn
auch mit klopfendem Herzen, entgegenkam und ihm dann weinend um den Hals fiel,
sie weit wohler fand, als an dem Tage, an dem er sie verlassen hatte. Er war
froh sie wieder zu sehen, und nur das verdro ihn, da sie von Zeit zu Zeit
seine Hand, die in der ihren ruhte, mit Innigkeit an ihre Lippen drckte, statt
seine Umarmung zu erwidern.
    Als dann im Sommer Frau von Alven anlangte und das gute Einverstndni der
Eheleute sah, konnte sie sich nicht enthalten, ihrer Nichte im engsten Vertrauen
zu bemerken, es kme immer und berall nur darauf an, da Mann und Frau sich
wirklich verstndigen wollten, denn eine glckliche Ehe zu fhren, das habe jede
Frau in ihrer Hand. Du wrst mit keinem Manne so glcklich geworden, als mit
Meining, sagte sie, selbst mit Thalberg nicht, der Dir bei Deiner Verheirathung
doch noch sehr am Herzen lag.
    Clementine entgegnete Nichts darauf. Sie hatte ihre eigenen Erfahrungen fr
sich. Ein paar Jahre spter erlangte der Einflu des Geheimraths die Berufung
seines Schwagers nach Berlin, und als Marie die Schwester wiedersah und das
gegenseitige Fragen und Erzhlen erst im Zuge war, rief Marie mit einem Male:
Die neueste Neuigkeit bringe ich aus Wiesbaden mit. Ich habe dort Thalberg
wieder gesehen. Was fr ein schner Mann ist der geworden! Auch seine Braut ist
frisch und lt Dich vielmals gren. Sie sagt mir, Du httest sie mit Thalberg
bekannt gemacht. Sie werden gleich nach der Hochzeit fr Jahr und Tag auf Reisen
gehen, weil Thalberg es so will. Aber Clementine, sagte sie, sich unterbrechend:
wie Du ernsthaft wirst! Wir Frauen sind doch nrrische Geschpfe! Ich glaube,
lieber Meining! meine Schwester wundert sich noch heute, da Thalberg, der in
frhster Jugend eine Neigung fr sie hatte, die sie theilte, sich nach zehn,
zwlf Jahren endlich entschlieen kann, eine Andere zur Frau zu nehmen. Sage
einmal selber, Schwester, ist's nicht so?
    Clementine schwieg, aber Meining drckte ihre Hand und sagte, als sie spter
allein waren, sehr bewegt: Treues Herz! jetzt wei ich, woran Du vor zwei Jahren
erkranktest und woran Du littest. Wohl uns, da Du genesen bist!
