
                               Gotthelf, Jeremias

                                 Geld und Geist

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                               Jeremias Gotthelf

                                 Geld und Geist

                                      oder

                                 Die Vershnung

Das wahre Glck des Menschen ist eine zarte Blume, tausenderlei Ungeziefer
umschwirret sie, ein unreiner Hauch ttet sie. Zum Grtner ist ihr der Mensch
gesetzt, sein Lohn ist Seligkeit, aber wie Wenige verstehen ihre Kunst, wie
Viele setzen mit eigener Hand in der Blume innersten Kranz der Blume giftigsten
Feind; wie Viele sehen sorglos zu, wie das Ungeziefer sich ansetzt, haben ihre
Lust daran, wie dasselbe nagt und frit, die Blume erblat! Wohl dem, welchem zu
rechter Zeit das Auge aufgeht, welcher mit rascher Hand die Blume wahret, den
Feind ttet; er wahret seines Herzens Frieden, er gewinnt seiner Seele Heil, und
beide hngen zusammen wie Leib und Seele, wie Diesseits und Jenseits.
    Im Bernbiet liegt mancher schne Hof, mancher reiche Bauernort, und auf den
Hfen wohnt manch wrdiges Ehepaar, in chter Gottesfurcht und tchtiger
Kinderzucht weithin berhmt, und ein Reichtum liegt da aufgespeichert in Spycher
und Kammer, in Kasten und in Kisten, von welchem die luftige neumodische Welt,
welche alles zu Geld macht, weil sie viel Geld braucht, keinen Begriff hat. Bei
allem diesem Vorrat liegt eine Summe Geld im Hause fr eigene und fremde
Notflle, die in manchem Herrenhause jahraus, jahrein nicht zu finden wre.
Diese Summe hat sehr oft keine bleibende Sttte. Wie eine Art von Hausgeist,
aber keine bse, wandert es im Hause herum, ist bald hier, bald dort, bald
allenthalben: bald im Keller, bald im Spycher, bald im Stbchen, bald im
Schnitztrog und manchmal an allen vier Orten zu gleicher Zeit und noch an ein
halb Dutzend andern. Wenn ein Stck Land feil wird, das zum Hofe sich schickt,
so wird es gekauft und bar bezahlt. Vater und Grovater sind auch nie einem
Menschen etwas schuldig geblieben, und was sie kauften, zahlten sie bar und zwar
mit eigenem Gelde. Und wenn Verwandschaft oder in der Freundschaft und in der
Gemeinde ein braver Mann in Geldverlegenheit war oder einen Schick zu machen
wute, so wanderte dieses Geld hierhin und dorthin, und zwar nicht als eine
Anwendung, sondern als augenblickliche Aushlfe, auf unbestimmte Zeit, und zwar
ohne Schrift und Zins, auf Treu und Glauben hin und auf die himmlische Rechnung,
und zwar eben deswegen so, weil sie noch an ein jenseits glaubten, wie recht
ist.
    In die Kirche und auf den Markt geht in ehrbarem Halblein der Mann, und die
Erste des Morgens und die Letzte des Abends schaltet die Frau im Hause, und
keine Speise kmmt auf den Tisch, welche sie nicht selbst gekocht, und keine
Melchter in den Schweinstrog, in die sie nicht mit blankem Arme gefahren wre
bis auf den Grund.
    Wer solche adeliche Ehrbarkeit sehen mchte, der gehe nach Liebiwyl ( wir
meinen nicht das in der Gemeinde Kniz, wissen auch nicht, ob sie dort gefunden
wrde). Dort steht ein schner Bauerhof hell an der Sonne, weithin glitzern die
Fenster, und alle Jahre wird mit der Feuerspritze das Haus gewaschen. Wie neu
sieht es daher aus und ist doch schon vierzig Jahre alt, und wie gut das Waschen
selbst den Husern tut, davon ist es ein tglich Exempel.
    Eine bequeme Laube, schn ausgeschnitzt, sieht unterm Dach hervor; rings ums
Haus luft eine Terasse, ums Stallwerk aus kleinen, eng gefgten Steinen, ums
Stubenwerk aus mchtig groen Platten. Schne Birn- und andere Bume stehen ums
Haus, ppig grnt es ringsum; ein Hgel schirmt gegen den Bysluft, aber aus den
Fenstern sieht man die Berge, die so khn und ehrenfest Trotz bieten dem Wandel
der Zeiten, dem Wandel der Menschen.
    Wenn Abend ist, so sieht der Besucher neben der Tre auf einer Bank einen
Mann sitzen, der ein Pfeifchen raucht und dem man es ansieht, da er tief in den
sechziger Jahren steht. Unter der Tre sieht er zuweilen eine lange Gestalt mit
freundlichem Gesichte und reinlichem Wesen, welche dem Mann etwas zu sagen oder
etwas zu fragen hat, das ist des Mannes Frau. Hinten im Schopf trnkt ein
hbscher Junge, schlank und keck, die schnen Braunen, whrend ein lterer
Bruder Stroh in den Stall trgt, und aus dem Garten hebt sich aus Kraut und
Blumen herauf zuweilen ein lustiges Meitschigsicht und frgt die Mutter, ob es
etwa kommen solle und helfen, oder schimpft ber Wren im Kabis, ber Katzen im
Salat, ber Mehltau an den Rosen und frgt den Vater, was gut sei dagegen.
Diensten und Tauner kommen allgemach vom Feld heim, ein Huhn nach dem andern
geht zSdel, whrend der Tauber seinem Tubchen noch gar emsig den Hof macht.
    Ein solches Bild htte man fast alle Abende vor Augen gehabt, wenn einer vor
fnf oder sechs Jahren vor jenem Hause zu Liebiwyl stillegestanden wre, und
wenn er dann die Nachbaren oder eine alte Frau, welche etwas unterm Frtuch
gehabt, gefragt htte, was das fr Leute wren, so htte er in Krze ungefhr
Folgendes vernommen.
    Das seien bsunderbar gute und grausam reiche Leute. Als sie vor ungefhr
dreiig Jahren Hochzeit gehabt htten, da seien sie das schnste Paar gewesen,
welches seit langem in einer Kirche gestanden. Mehr als hundert Wgelein htten
sie zum Hochzeit begleitet, und noch Viele seien auf den Rossen gekommen, was
dazumal viel mehr der Brauch gewesen als jetzt, ja sogar das Weibervolk htte
man zuweilen auf Rossen gesehen und bsonderbar an Hochzeiten. Das Hochzeit habe
drei Tage gedauert, und an Essen und Trinken sei nichts gespart worden, man
htte landauf, landab davon geredet. Aber dann htte es auch Hochzeitgeschenke
gegeben, da es ihnen selbst darob bel gegruset htte. Zwei Tage lang htten
sie mit Abnehmen nicht fertig werden knnen und noch Leute zur Hlfe anstellen
mssen; aber ein berhmterer Bauernort sei auch noch nie gewesen das Land auf,
das Land ab.
    Einen solchen Hof, von den schnsten einen und ganz bezahlt und manchtausend
Pfund Glten dazu, das finde man nicht allenthalben. Sie htten es aber nicht
fr sich alleine, die wten noch, da die Reichen Verwalter Gottes seien und
von dem erhaltenen Pfund Rechnung stellen muten. Wenn jemand sie zu Gevatter
bitte, so sei es nie Nein, und die meinten nicht, seit das Holz so teuer sei,
htten arme Leute keines mehr ntig. Die Diensten htten ihre Sache wie nicht
bald an einem andern Ort; da meinte man noch nicht, es msse alles an einem Tage
gearbeitet sein und dazu sei es schade um ein jegliches Trpflein gute Milch,
welches ihnen vor die Augen komme.
    Kurzum das seien rechte Leute, und einen Frieden htten sie unter sich, wie
man sonst selten antreffe; da sei das Jahr aus, das Jahr ein lauter Liebe und
Gte, es htte noch niemand gehrt, da eins dem Andern ein bses Wort gegeben.
Wenn es unter der Sonne Leute gebe, welche es htten, wie sie wollten, und
nichts zu wnschen, so seien es die; ppe glcklichere Leute werde man nicht
antreffen.
    So urteilten die Leute und hatten dem Anschein nach vollkommen recht, und
doch war auch hier wahr, da jedermann seine Brde schwer finde und da den
meisten Lebensbrden die Eigenschaft anwohne, da sie immer schwerer werden, je
lnger man als Brde und ununterbrochen sie trage, da ihre Last zu einer
Unertrglichkeit sich zu steigern vermge, in welcher jedes andere Gefhl, jedes
Glck und jede Freude untergeht. Allerdings hatten sie sehr lange, was man so
sagt, recht glcklich mit einander gelebt; doch war es auch wahr geblieben, da
an allen Orten etwas sei, aber dieses Etwas blieb nur vorbergehend, ward nicht
zur andauernden Empfindung und kam nie vor die Leute.
    Es ist kurios, wie das, was die Menschen im Allgemeinen so oft gegen
einander aufregt, so gerne trennend ebenfalls zwischen Eheleute kmmt; ich meine
das zeitliche Gut. Nur wo ein Instrument rein gestimmt ist, klingt es bei
kundiger Berhrung rein wider, wo aber das Instrument unrein geworden, antwortet
es mitnend auch der kundigsten Hand, auch bei der leisesten Berhrung. Es
scheint, das Verhltnis zweier Eheleute, wo Beide ein Interesse haben, Beiden
das Gut gemeinsam gehrt, Beide jeglichen Schaden gemeinsam fhlen, sollte dem
Zwiespalt vorbeugen, aber eben das ist, was ich meine: Friede und Zwiespalt
liegen nicht in den Verhltnissen, sondern in den Herzen. Man wird mir etwas
zugeben, man wird sagen: ja, wo alles Vermgen vom Manne kommt, wo er alleine
alles verdient und das Weib nichts mitgebracht hat, da geschieht so etwas gerne,
oder wo vom Weib alles kmmt und von dessen Sache der Mann lebt, ebenfalls; da
wird das rechte Ma selten gefunden, und das Eine meint, es mge alles erleiden,
und das Andere, man sollte es bei jedem Kreuzer zeigen, wem es gehre und wem
man es verdanke. Oder, wird man sagen, wo ein Mann haushlterisch ist und das
Weib vertunlich, wo der Mann alles zu Ehren ziehen mchte und das Weib von
nichts den Wert kennt und alles an die Kleider hngen mchte, oder wo der Mann
gutmeinend ist, das Weib aber den Geizteufel im Leibe hat, wo der Mann will, was
Recht und Brauch ist, das Weib aber Kaffeebohnen zhlt und niemand was gnnt, da
mu es Streit geben, da kann es nicht anders sein.
    Allerdings, so ists. Aber es gibt nicht blo Streit, sondern noch
Schlimmeres als Streit, andauernden Zwiespalt, und zwar nicht blo wegen
Lastern, sondern noch weit mehr wegen Eigentmlichkeiten, und zwar auch da, wo
man in der Hauptsache durchaus einig ist.
    Unsere Eheleute waren Beide von Haus aus reich, Keines hatte dem Andern
etwas vorzuhalten. Er hatte den Hof geerbt mit wenig Schulden, sie ungefhr
vierzig, oder fnfzigtausend Pfund eingebracht. Beide waren haushlterisch,
gaben wenig Geld fr Unntzes aus, zogen alles bestmglichst zu Ehren, gingen
wenig von Haus, waren dabei guten Herzens, dienstbar, hlfreich und wohlttig.
Nach altlndlicher Sitte hatten sie auch das Geld gemein, die Frau ging ber das
Schubldli so gut wie der Mann, und vom Auf, schreiben der tglichen Ausgaben
und Einnahmen war keine Rede. Zu diesem Schubldli hatten sie nur einen
Schlssel, und wenn eins denselben von dem Andern forderte, so fragte nie eins
das Andere, fr was es Geld nehmen wolle.
    Christen, der Mann, hatte eine behagliche Natur; wenn er an der Arbeit war,
so tat es ihm selten einer zuvor an Flei und Geschick, aber Mhe kostete es
ihn, an die Arbeit zu gehen.
    Er schob nicht ungern von einem Tag zum andern auf, und was sich ihm heute
nicht schicken wollte, schickte sich ihm selten schon morgen. Es mochte Wetter
sein, wie es wollte, so fing er nie eine der groen Sommerarbeiten im Lauf einer
Woche an. Wenn alles um ihn her zappelte, so sagte er ganz kaltbltig, wenn das
Wetter gut bleibe, so wolle er am nchsten Montag auch anfangen, aber so in der
Mitte der Woche mge er nicht; der Vater htte es auch nie getan, und das sei
ein Mann gewesen, es wre gut, es wrde noch viele solche geben. Wenn es aber am
nchsten Montag nicht schn Wetter war, so wartete er ruhig noch eine Woche ab.
Er htte noch nie gesehen, da man im schlechten Wetter gutes Heu mache, und
wenn es genug geregnet htte, so werde es auch wieder gut Wetter werden. So kam
es dann allerdings, da er gewhnlich zuletzt fertig ward mit einer Arbeit und
zu vielem keine Zeit fand. Er meinte aber, wenn man schon seine Leute nicht eis
Tags tte, so zrnten sie einem deswegen nicht, und wenn das Vieh auch nicht sei
was Menschen, so solle man doch auch Verstand gegen dasselbe haben, wofr htte
man ihn sonst. Es sei Mancher, er gnne keine Ruhe weder Menschen noch Vieh,
aber er sehe nicht, da die gar weit kmen; was sie erzappelten, knnten sie dem
Doktor geben oder dem Schinder. Die Tiere, welche er hatte, waren ihm alle lieb,
und wenn er eins fortgeben sollte, so wars, als wollte man einen Pltz von
seinem Herzen damit. Er lste daher aus seinem Stall nicht viel, und mit den
hchsten Preisen machte man ihm nichts feil, wenn es ihm eben ins Herz gewachsen
war.
    Daneben, wenn er jemand etwas fahren, mit einem Pferd einen Dienst leisten
sollte, so sagte er niemand ab, war dienstfertig in alle Wege, nur Geld schenkte
er nicht gerne. Es hielt ihn berhaupt hart, es auszugeben. Man wte nicht, wie
hart es ginge, bis man es htte, sagte er, und wenn man es einmal fort htte, so
htte es eine Nase, bis man wieder dazu kme.
    Anders war darin nneli, seine Frau. Die war ein rasches Mdchen gewesen und
hatte sich dreimal umgedreht, whrend eine Andere einmal. Kuraschiert ging sie
an alles hin, und an den Fingern blieb ihr nichts kleben. Sie war in ihrer
Jugend viel gerhmt worden von wegen ihrer Gleitigkeit; so ging es ihr bis ins
Alter nach, da sie gerne voran war in allem. Es gehe in einem zu, sagte sie,
und wie viel Zeit man gewinne das Jahr hindurch, wenn man alles rasch angriffe,
wte man nicht, man knnte es mit fast ds Halb weniger Leuten machen. Z'gyzen
begehre sie nicht, Gott solle sie davor behten; aber wenn man Kinder htte, so
msse man immer daran denken, da sich einst das Gut verteile, und wenn man es
mit dem ganzen Gut bsdings machen knnte, wie sollten es dann die Kinder machen
mit dem halben oder einem Viertel? Dann kmen ihr auch immer die vielen armen
Leute in den Sinn, denen man helfen sollte, fr die hatte man nie zu viel. Und
allerdings war nneli bsunderbar gut und konnte niemandem etwas absagen; die
Kleider gab sie fast vom Leibe, siges Zeug, was man wollte, ja selbst Geld
schlpfte ihr durch die Finger, wenn sie gerade im Sack hatte. Zu allen
Tageszeiten sah man arme Leute, besonders Weiber mit Scklein, kommen und gehen.
Bse Leute redeten ihr nach, einesteils sei sie gerne eine berhmte Frau und
besser als andere Weiber, andernteils hre sie gerne, was in andern Husern sich
zutrage, und das arme Weib kriege am meisten, welches am meisten Bses von den
Nachbarsweibern zu berichten wte. So redeten die andern Weiber. Es war aber
vielleicht nur Neid, weil sie nicht so gerne und aus gutem Herzen gaben wie
nneli, da sie ihr so etwas andichteten.
    So waren also Christen und nneli in der Hauptsache einig und gleich
gesinnt. Beide wollten ihr Gut verwalten, da sie es einst vor Gott verantworten
knnten, wollten gut sein und doch an die Kinder denken, aber jedes hatte dabei
seine eigentmliche Weise; Christen wollte zusammenhalten, was er einmal hatte,
nneli wollte sich um so rascher rhren und aus allem den rechten Nutzen ziehen,
damit sie dem Drftigen um so treuer helfen knnte in seiner Not.
    So war die Art eines jeden, aber das Eine strte das Andere in seiner Art
viel weniger, als man htte glauben sollen. Es schien allerdings manchmal dem
Christen, als ob seine Frau zu gut wre und jedem Klapperweib Glauben gebe, und
als wrde das, was sie auf diese Weise unntz ausgebe, ein artig Smmchen
ausmachen. Allein da er nicht meinte, er msse alles gleich sagen, was ihm in
Sinn kam, so hatte er Zeit zu vergleichenden Betrachtungen. So dachte er, ein
jeder Mensch htte etwas an sich, und er wolle doch lieber, Seine sei zu gut als
zu bs, und daneben sei sie doch sparsam, fr die Hoffart brauche sie nichts;
mit dem Haushalten mge sie nicht bald eine, und wenn es Ernst gelte, schaffe
sie fr Zwei und brauche nicht eine Jungfrau hinten und vornen. So mge es schon
etwas erleiden, und er knnte leicht eine haben, welche viel mehr brauchte und
dazu nicht verrichtete, was sein nneli.
    nneli kam es allerdings manchmal bis in die Fingerspitzen, wenn ein Metzger
fr eine Kuh bot, da es ihr schien, sie drfte das Geld kaum nehmen, und die
Kuh gab wenig Milch, nicht einmal gute und nur kurze Zeit. Die Kuh war nichts
als schn, und Christen konnte doch nicht von ihr lassen, nahm das Geld nicht,
behielt sie im Stalle, wo sie nichts nutzte, als einer bessern den Platz zu
verschlagen und da hie und da jemand sagte: Das sei die schnste Kuh in manchem
Dorfe weit herum, man knne weit laufen, ehe man eine solche antreffe. Und
manchmal kam es ihr vor, als sollte sie aus der Haut fahren, wenn die Sonne so
warm am Himmel stand, das Korn so reif auf dem Felde, der Montag war aber noch
nicht da, und Christen sa behaglich ums Haus herum oder ging erst ans
Bndermachen, welche in andern Husern lngst fertig waren. Und wenn dann
endlich der Montag kam und mit ihm alle die vielen Leute, welche Christen ntig
glaubte, fr welche alle nneli kochen mute, und eine Wolke stand in einer Ecke
am Himmel, und von wegen der Wolke stand Christen mit allen seinen Leuten vom
Morgenessen bis zum Mittagessen ums Haus herum, werweisend, ob sie einhauen
wollten oder nicht, und sie kamen am Mittag alle wieder zum Essen, und kein Halm
war noch abgehauen, so wollte es nneli fast ber den Magen kommen, und es legte
sich wie ein Stein ber ihr Herz.
    Und dann dachte sie, es msse jeder Mensch seine Fehler haben und jeder
seine Brde, und wenn Christen nicht so wre, so htte sie auch gar nichts und
mte frchten, da etwas viel rgeres kme. Darum wollte sie sich auch nicht
beklagen; andere Weiber htten es ja viel schlimmer, und whrend der Mann alles
vertte, sollten sie nichts brauchen. Und was htte sie davon, wenn ihr Christen
in alle Spitzen gestochen wre und in allem der Erste, und er wre dann wst
gegen sie und gegen Andere, gnnte niemand etwas und dchte nur ans Raxen und
htte kein Herz als nur frs Geld und das Frschlagen? Sie wollte doch mit
hundert Andern nicht tauschen, und wenn Christen auch nicht der Erste hinterm
Korn sei, so sei er auch nicht der Erste hinterm Wirtshaustische, und wenn er
auch oft der Letzte im Heuet sei, so sei er doch nie der Letzte, der von einem
Markt heimkomme oder sonst von einer Lustbarkeit, und wenn man so eins ins
Andere rechne, so wte sie nur zu rhmen, und Snde wre es, zu klagen, und
Keinen wte sie, an welchen sie ihren Christen tauschen mchte.
    Wo das Gemt der Menschen noch auf diese Weise rechnet, da weist es sich
nicht nur zurecht, sondern es ist auf dem Wege zur Zufriedenheit mit seinem
Schicksale, ist rechter Dankbarkeit gegen Gott fhig, nimmt dem Migeschick
seinen Stachel, den Fehlern der Mitmenschen ihre Sure. Nur da, wo der
Gesichtskreis sich verengert, so da man das Gute nicht mehr sieht, sondern nur
das Bse, wo das Gefhl sich schrft fr das Unbeliebige und in gleichem Mae
der Sinn abnimmt fr das Dankenswerte, nur da ist das Unglck fertig und der
Abgrund ffnet sich, aus welchem als grauenvolles Gespenst die Zwietracht
steigt. Wie der streichische Soldat auf die Haselbank, ist der arme Mensch mit
seinen eigenen Gedanken fast wie mit seinen Haaren gefesselt an das, was ihn
drckt, beschwert, kann nicht mehr loskommen, sthnt, klhnt, zappelt, zanket,
webert, wimmert, aber alles umsonst, er ist angeschmiedet mit Fesseln, gegen
welche keine Feile hilft. Menschen knnen ihm nicht helfen, und Gott will es
nicht, denn wer sich hinstreckt auf diese Bank, der hat auch von Gott gelassen.
    Christen und nneli waren also allerdings glcklich und auf dem Wege zu noch
grerem Glck, weil sie sich und ihr Geschick wogen mit der Wage der
Dankbarkeit, welche der Mensch Gott schuldig ist.
    Nun geschah es freilich auch, da dem Einen oder dem Andern ein empfindlich
Wort entfuhr, aber so verblmt, da es unter vielredenden Stadtleuten nicht
einmal beachtet worden wre. Da Christen zum Beispiel sagte, wenn nneli es
anbot, ein Schnfeli Fleisch ihm ins Hinterstbli zu stellen: He, es ist mer
gleich, wenn du noch hast. Das fhlte nneli schon als Trumpf, weil sie das
Bewutsein hatte, da sie allerdings aus Erbarmen manches weggegeben, was
Christen auch genommen und vielleicht vermit hatte. Wenn aber Christen so
drehte und an nichts hin wollte und seine vielen Leute im Taglohn, aber nicht an
der Arbeit hatte, so gramselte es nneli wohl in den Gliedern und es entfuhr ihm
die Frage: Wenn sie nichts zu tun wten, so wollte es sie an den Kabis
z'bschtten reisen. Christen empfand das bel, weil er wohl wute, da sie viel
genug zu tun htten, wenn er nur daran hin knnte, und da seiner Frau so viele
Leute, welche nichts tten und doch Lohn und Essen wollten, katzenangst machen
mten.
    Solche Worte kamen freilich selten, aber hier und da entrannen sie doch. Es
wurde darber nicht geeifert und gezankt, wie es zuweilen unter hochgebildeten
Leuten der Fall ist, da vor aller Welt um einen halben Birnenstiel Mann und
Frau sich zanken, bis die Frau in Krmpfe fllt oder gar in Ohnmacht. Das,
welches den Trumpf erhalten, schwieg, wenn es ihn schon tief fhlte und er ihm
weh tat. Doch wie tief er auch ging, lang haftete er nicht, er eiterte nicht.
Hauptschlich waren es zwei Grnde, welche es verhteten, da solche
eingegangene Trmpfe nicht bses Blut machten.
    nnelis Mutter wohnte bei ihnen. Das war eine gar verstndige Frau und hatte
den Tochtermann sehr lieb. Sie war frher bei einem andern Tochtermann gewesen,
welcher sie roh und wst behandelt hatte. Sie htte alles dargeben sollen und
nichts brauchen, alles annehmen und zu nichts was sagen. Hier hatte sie es, wie
sie es wollte. Christen zog sie zu Rat, als wenn sie seine eigene Mutter wre,
hielt sie um ein Geringes, und wenn im Haus etwas Gutes zu essen oder zu trinken
war, so ruhte er nicht, bis die Mutter auch davon hatte, wenn sie es auch nicht
begehrte. Und wenn es ihr irgendwo fehlte, so ging er ihr selbst zum Doktor und
hielt diesem an, er solle recht anwenden, es mge kosten was es wolle; wenn ihm
das Mutterli abgehen sollte, er wte nicht, wie es ferner machen. So sah die
Mutter deutlich, sie sei ihm nicht im Weg und er mge ihr Leben und alles Gute
so lange gnnen als Gott, und das ist wahrhaftig nicht an allen Orten der Fall.
Wenn nun das Mutterli sah, da ein Wort eingeschlagen hatte, nneli bs war,
vielleicht gar weinte und ihr klagte, so was htte sie nicht verdient und sie
halte es nicht mehr aus und sie wolle lieber sterben als lnger so dabei sein,
so go Mutterli nicht l ins Feuer, sondern sagte: Du gutes Kind, du weit gar
nicht, was Leiden ist, und weil du groes Leiden nicht kennst, darum nimmst du
ein klein Wrtchen so schwer auf. Aber nneli, nneli, versndige dich nicht; es
macht mir immer Angst, wenn ich junge Weiber wegen so kleinen Dingen so ntlich
tun sehe, der liebe Gott suche sie mit schwerem Unglck heim, damit man es
erfahre, warum er einem das Weinen gegeben und wann er das Klagen erlaubt. Wenn
du gehabt hattest was ich, dann wrdest du fr solche Kleinigkeit Gott danken
und darin ein Zeichen sehen, da er dich recht lieb hat. Denk doch, wie ich es
gehabt habe! Und sie erzhlte nneli eine Geschichte aus ihrem Leben, von ihrem
Manne oder ihrem Tochtermanne und wie sie sich da habe fassen mssen, wenn
Unglck und Elend nicht noch grer htten werden sollen. Freilich tnte das
anfangs manchmal nicht gut bei nneli, und sie sagte: Ich bin darum nicht Euch,
und was habe ich davon, wenn Ihr noch bser gehabt habt als ich, darum habe ich
noch lange nicht gut. So sprach nneli wohl, aber der Mutter Rede wirkte doch,
es setzte sich ihr Zorn, und ihre Liebe richtete sich wieder auf. Wenn sie dann
ganz wieder zufrieden war, so warf sie ihrer Mutter scherzweise wohl vor, man
sollte eigentlich meinen, Christen wre ihr Kind, denn sie htte diesen lieber
als sie, und er mge machen und sagen, was er wolle, so sei alles recht. Sie
glaube einmal, wenn Christen ihr die Nase abbeien wollte, sie zndete ihm dazu.
    Aber die Mutter redete auch nneli z'best. Wenn sie dem Christen einmal ein
Wort ins Herz gejagt hatte und die Mutter sah, da es drin sa wie ein Splitter
im Fleische, trappete sie Christen nach, bis sie ihn in einer heimlichen Ecke
hatte, und bat ihn, er solle es nicht bel nehmen; er wisse wohl, nneli sei
ngstlicher Natur, und sie htte ihr das nie abgewhnen knnen, gb was sie
probiert htte. Aber es bs meinen, das tue sie nie, und wenn er nur zufrieden
wre, sie wisse, sie wre es sicher auch gerne. Christen war nicht so, da wenn
jemand sich unterzog, er dann um so wster tat, er wurde auch nicht um so
aufbegehrischer, je demtiger einer sich darstellte; die Art hatte er nicht, zu
einem Ratsherrn htte er nicht getaugt. Er sei nicht bse, sagte er dann der
Schwiegermutter, aber es daure ihn, da nneli meine, sie msse fr ihn sinnen.
Alles auf einmal machen knne man nicht, und so unbesinnt dreinfahren wie ein
Muni in einen Krieshaufen, das mge er nicht. Er htte nie gesehen, da viel
dabei herauskomme. Aber er wisse wohl, ein jeder htte seine Art und da nneli
es gut meine. Darum wenn ihm schon zuweilen etwas eingehe, so trage er es ihr
nicht nach, man msse mit einander Geduld haben, es htte ein jeder seine
Fehler, und wofr sei man sonst in der Welt?
    So mittelte, als guter Hausgeist, die Schwiegermutter die meisten
Streitigkeiten, oder, um es besser zu sagen, ebnete die kleinen Spalten, welche
sie zwischen den Herzen sah. Hier und da war wohl eine Spalte, welche sie nicht
sah oder welche sie nicht ebnen konnte, ehe die Sonne unterging; die ebnete und
schlo dann ein anderer Geist.
    Es war eine alte schne Haussitte, welche durch Jahrhunderte eine unendliche
Kraft bte und alles, was Streitbares in den Herzen sich ansetzte, alsobald
zerstrte und tilgte, welche wie ein guter Geist den Frieden erhielt, bei
welchem Gottes Segen ist und welcher den Kindern Huser baut: wer zuletzt zu
Bette kam, Mann oder Weib, betete dem Andern hrbar das Vaterunser, und schwer
mute der Schlaf sein, wenn das Erste nicht erwachte und nachbetete mit Andacht
und aus Herzensgrund. Wenn dann die Bitte kam: Vergib mir meine Schulden, wie
ich vergebe meinen Schuldnern, und es war Streit oder vielmehr Spaltung
zwischen Mann und Weib, so klang sie wie eine Stimme Gottes in den Herzen, und
die Worte zitterten im Munde. Und wenn dann die andere noch kam: Und fhre mich
nicht in Versuchung, sondern erlse mich von allem Bsen, so versenkte und
tilgte schamrot vor Gott Jegliches, was es dem Andern nachgetragen, und es
schlossen sich die Herzen auf, und jedes nahm seine Schuld auf sich, und jedes
bat dem Andern ab, und jedes bekannte sein Glck und seine Liebe und wie nur im
Frieden ihm wohl sei, aber wie der bse Geist an ihns komme, er wisse nicht wie,
ihm schwarz mache vor den Augen des Geistes und ihns treibe in die Trbnis des
Zornes und der Unzufriedenheit. Wie dann, wenn das Gebet komme, es ihm wre, als
komme eine hhere Macht hinter den bsen Geist im Herzen, setze mit scharfer
Geiel ihm zu, da er, wie er sich auch winde, dahinfahren msse, und dann sei
ihm, als erwache es aus einer Betubung, als gehe eine Tr ihm auf, als sehe es
aus wilder Nacht in einen schnen sonnigen Garten, so da ihm sei, als mte es
den ersten Eltern so gewesen sein, als sie aus der Wildnis noch den letzten
Blick ins verlassene Paradies getan. Dann treibe es ihns mit aller Gewalt diesem
Garten zu, in aller Angst, es mchte ihm gehen wie den ersten Eltern, die immer
weiter davon wegkamen, und Ruhe habe es nicht, bis es wieder drinnen sei, und
dieser sonnige Garten sei der Friede und das trauliche Verhltnis, und wenn es
die ganze Welt gewinnen knnte, an diesen Garten des Friedens tauschte es sie
nicht. So blhte ihnen neu ihr Gluck wieder auf, und in freudiger Demut bekannte
jedes seine Fehler, bat ab seine Schuld, versprach, recht rittermig zu kriegen
gegen diesen bsen Feind, der unabtreiblich immer wieder komme. In sem Frieden
schliefen sie ein, und wenn dann ein junger Tag auf blhte am Himmel, so
erwachten sie mit neugestrkten Herzen Es war ihnen, als htten sie sich neu
gefunden wie in den ersten Tagen ihrer Ehe; sie sehnten sich nach einander, in
geheimem Verstndnis suchten sich ihre Augen, und Christen trappete unvermerkt
dem nneli nach und nneli trat alle Augenblicke unter die Tre, zu sehen, wo
doch Christen sei.
    So verstrichen Jahre, und die gute Mutter starb. Es war ein harter Schlag
fr die Leute im Hause, ein guter Geist schied mit ihr, sie miten sie alle und
lang. Christen sagte oft, eine solche Schwiegermutter gebe es nicht mehr auf der
Welt, er glaube es nicht, und kein Tag verging, da er nicht sagte: D'Muetter
het allbets gseit - -
    Der andere gute Hausgeist aber, der starb nicht, sondern blieb bei ihnen und
einigte ihre Herzen immerfort und half ihnen auch tragen, was das Leben sonst
noch Schweres ihnen brachte. Denn es gibt in jeglichem Leben harte Schlge, wie
es in jeglichem Sommer Gewitter gibt, und je schner der Sommer ist, um so
mchtiger donnern die einzelnen Gewitter ber die Erde.
    Gott hatte sie mit Kindern gesegnet, ihre innigste Freude hatten sie an
ihren. Da kam die Hand des Herrn ber sie, und hinter einander nahm er ihnen die
schnsten und liebsten, und es war ihnen, als sollte keines mehr brig bleiben,
als sollten sie alleine bleiben in der Welt. Es kam ihnen schwer an, sich zu
fassen, und lange, lange ging es, bis sie recht aufrichtig sagen konnten: Der
Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt!
Sie versuchten es oft, aber sie schmten sich und schwiegen, denn sie fhlten,
da das Herz ganz anders redete, und sie wuten wohl, was Gott von solcher
Zwietracht zwischen Mund und Herzen halte. Aber sie trugen mit einander, und
wenn sie des Abends mit einander beteten und eins fing an: Unser Vater, so
stockte wohl die Stimme, und das Weinen kam, und das Andere weinte mit, und
lange konnte Keines wieder beten. Und doch lieen sie nicht nach, bis es eins
vermochte, und wenn auch jede Bitte neues Weinen brachte und hinter jeglicher
die verlornen Kinder standen und das Reich und der Wille und das Brot, kurz
alles, alles an sie mahnte und bei den Schulden die Angst kam, ob sie nicht
etwas an ihnen versumt, an ihnen sich versndigt htten. Konnten sie aber alles
begwltigen, konnten sie sich durchringen, wie Wanderer durch Klippen und
Schlnde, bis zu dem Ende, konnten sie mit einander beten: Denn dein ist das
Reich, dein die Kraft, dein die Herrlichkeit - dann kam Ruhe ber sie, die
Wellen der Schmerzen snftigten sich. Sie konnten sich denken die Kinder in der
Herrlichkeit des Vaters, bei der Gromutter, konnten sich denken die Zeit, wo
auch sie durch die Kraft des Vaters auferweckt bei ihnen sein wrden in des
Vaters Reich in alle Ewigkeit. Dann konnten sie mit einander reden von den
gestorbenen Kindern und wie sie so gut und lieb gewesen und was sie alles gesagt
und wie es gewesen wre, als htten sie ihren Tod geahnt. Von den toten kamen
sie auf die lebendigen, redeten von ihren Freuden und Hoffnungen und wie sie den
gestorbenen glichen und jeden Tag ihnen hnlicher wrden und wie es ihnen wre,
als htten die Kinder sie viel lieber und mhten sich nach Krften, die Lcke
auszufllen. Allmhlig wuchsen die lebendigen an die Stelle der toten, wurden
gleichsam die Blumen, welche der Toten Grber deckten, den Augen der Eltern
verbargen.
    Drei Kinder, wie gesagt, waren ihnen brig geblieben, zwei Buben und ein
Mdchen. Der Jngste war der Mutter Liebling, das Mdchen des Vaters Herzkfer,
der lteste allen lieb. Die Kinder hatten berhaupt der Eltern Art und wuchsen
in der Sitte des Hauses auf in adelicher Ehrbarkeit. Mit gar vielem Lernen
brauchten sie den Kopf sich nicht zu zerbrechen, aber fest in der Bibel wurden
sie; das sei die Hauptsache, meinen Vater und Mutter, die htte sie ohne groe
Knste im Rechnen und Schreiben hieher gebracht.
    Allerdings waren auch Beide in beiden Dingen keine Hexenmeister, und wenn
Christen seinen Namen schreiben sollte, so nahm er einen Anlauf, als wenn er
ber einen zwlf Schuh breiten Graben springen sollte, und wenn nneli mit dem
Ankentrger uneins war in ihren Rechnungen, so wurde sie pltzlich einig mit
ihm, sobald er die Kreide nahm, und was er aufmachte, war ihr recht, sie wute
wohl warum.
    Etwas anders war es mit dem Arbeiten. nneli musterte sie dazu und meinte,
sie lernten es nie zu frh und etwas Ntzliches machen sei besser als etwas
Ungattliches, und etwas msse gehen bei Kindern. Christen aber meinte, so frh
trage Arbeiten nichts ab, es erleide nur den Kindern, und wenn sie spter
sollten, so mchten sie nicht; wenn ihnen einmal der Verstand komme, so griffen
sie von selbst an. Einmal er habe es so gehabt, und es werde niemand sagen, da
er nicht arbeiten knne und mge. Diese Verschiedenheit gab auch hie und da
einen Anla, da sie einander vergeben und vergessen konnten. Denn wenn nneli
musterte, so entrann Christen wohl zuweilen ein: He, ich wollte sie nicht
zwngen; wenn sie mchten, sie tten es schon. Und wenn Christen mit
Wohlgefallen dem Nichtstun der Kinder zusah, so sagte wohl zuweilen nneli: Es
dnke ihr, es sollte doch dem Einen oder dem Andern in Sinn kommen, etwas
Wichtigeres zu machen. Aber alles dieses tilgte der gute Hausgeist wieder aus,
tilgte alle Abende die Sure, die sich zuweilen in den alternden Herzen ansetzen
mochte.
    Etwas ging auf die Kinder ber, denn Kinder sind eine weie Wand; so wei
die Hnde sind, welche ber sie fahren, zuletzt werden doch die Spuren derselben
sichtbar. Christen, der lteste, der sich niemand besonders anschlo, war ein
stilles Gemt, ihn lie man am meisten gewhren; er sagte wenig, aber empfand
viel, lebte mehr in einem innern Leben als im uern und schien daher unttig
und gleichgltig. Annelise war ein liebliches Mdchen, aber es konnte tagelang
von einer Arbeit sprechen, ehe es daran ging; war es einmal daran, dann konnte
es die beste Jungfrau beschmen, es geschah aber selten. Die armen Leute hatten
es nicht gerne, sie hielten es fr hochmtig und wst, wenn es aber darum zu tun
war, einer armen Frau etwas zu bringen oder ihr zu wachen, so war Annelise immer
parat; auch die jungen Bursche hielten es fr hochmtig, weil es nicht anlssig
war wie Andere, hielten es fr hoffrtig, weil ihm alles wohl stand und es immer
zweg war, als kme es aus einem Druckli. Resli, der Jngste, war ein schner
Bursche, rasch, ttig, gwirbig wie die Mutter; wie sie, wurde auch er etwas
ngstlich in der Arbeit, und whrend sein Vater einmal handelte in seinem Stall,
hatte er mit Tubchen, Kaninchen, Schafen siebenmal schon gewechselt. In allen
war etwas Schweigsames, Keines redete viel, aber wenn sie redeten, so wollten
sie in jedes Wort viel legen. Und allerdings war jedes Wort, das eins zum Andern
fallen lie, gerade wie ein Lichtstrahl, der hundertfltig splittern kann. Nur
der lteste konnte viel reden, wenn irgend ein Schlssel, zum Beispiel ein gutes
Glas Wein, ihm den Mund auftat; dann zeigte er, da vieles in ihm war, an das
man nicht dachte.
    Je mehr Eigentmlichkeiten in einen Haushalt treten, desto bewegter wird das
Leben, wenn auch nicht von auen sichtbar, so doch im Innern fhlbar. Wie lieb
man einander auch hat, etwas stt doch auseinander, etwas hat jedes an sich,
das am Andern mehr oder weniger empfindlich sich reibt. Ein jedes hat sein
eigentmliches Gebiet, welches es wahren zu mssen glaubt vor jeglichem
Eingriff, ein jedes macht seine bestimmten Ansprche, welche sich scheinbar
zufllig und bewutlos ausbilden und deren Nichtbeachtung, auch wenn es mit
keinem Wort, keinem Blick verraten wird, tief krnkt. Bei solchen Ansprchen, je
bewut, loser sie entstanden sind, um so mehr meint man, ihre Gewhrung verstehe
sich von selbst.
    So hatte jedes dieser Kinder wie sein eigentmliches Wesen, so auch seine
eigenen Ansprche, sowohl an die Eltern als an die Geschwister, und ihre
Nichtbeachtung trieb einen Splitter in sein Herz, und je schweigsamer man nach
der Haussitte ber solche Dinge war, um so leichter hatten solche Splitter
geeitert.
    So zum Beispiel war Christen krnklicher Art, zu entzndlichen Krankheiten
geneigt, die zuweilen Folgen hinterlieen, welche einer Auszehrung glichen.
Christen forderte nun Rcksichten fr diese Schwche, in der Arbeit, in der
Speise, in der Pflege, in der Benutzung des Arztes usw. Man tat alles Mgliche,
aber da sein Aussehen die Krankheiten nicht immer verriet, da er meinte, was er
innerlich empfand, sollte man ihm auch uerlich ansehen, so konnte es nicht
fehlen, da er sich zuweilen vernachlssigt glaubte, meinte, man achte sich
seiner nicht und wre froh, wenn er weg wre.
    Annelisi machte Ansprche an die Welt, war ein lustig Ding, und wer wei, ob
nicht im Hintergrund ihrer Seele der Wunsch schlummerte, nicht schn Annelisi zu
bleiben, sondern auch eine Buerin, wie die Mutter eine war, zu werden. Sie war
daher gerne in aller Ehrbarkeit bei dieser, bei jener Lustbarkeit, und natrlich
nicht gerne wie ein Aschenbrdel, sondern so aufgestrbelt und aufgedonnert wie
jede Andere. Nun aber waren die Brder nicht immer bereit zu ihrem Begleit, und
alleine mochte sie nicht gehen, und der Vater wollte nicht immer Geld zu allem
geben, was Annelisi ntig glaubte, und die Mutter war gewhnlich auf des Vaters
Seite und sagte, sie sei auch nicht Hudilump gewesen und htte nirgends hintenab
nehmen mssen, aber solches htte sie nie gehabt, ja nicht einmal davon gehrt.
Sie htte ihrer Mutter mit so was kommen sollen, jawolle! So was tat dann
Annelisi weh, und sie meinte manchmal, sie sollte nur der Brder wegen da sein
und an ihr sei niemand etwas gelegen. Nur z'arbeiten sei sie gut genug, wenn sie
aber auch etwas wolle, da sei niemand daheim.
    Resli, der natrlich wohl wute, da er einmal den Hof erben werde, der
htte gerne mehr gehandelt mit der Arbeit, mehr gehandelt, mehr benutzt, und es
schien ihm oft, als wenn niemand an ihn dchte, ja als ob alle so viel brauchten
und so wenig tten als mglich, nur damit ihm nichts berbleibe. Er war gar
nicht geizig, aber er war ngstlich, und in dieser stillen ngstlichkeit, welche
er nicht einmal zeigen durfte, kam er Vielen hochmtig vor, und Andere hielten
ihn fr geizig, weil er sehr oft zu Hause war, um zu der Sache zu sehen, whrend
Andere herumhrscheten unntzerweise und Geld brauchten.
    Weder Vater noch Mutter kannten dieses innere Wesen; man lauscht es sich
selten ab, darum denkt man auch nicht daran, da es in Andern sei; aber die
Mutter hatte von frher Jugend an die Kinder mit ihrem vershnenden Hausgeist
bekannt gemacht, hatte sie das Unser Vater so recht gelehrt, da sie es nicht
gedankenlos beteten, da es ihnen auch war erst wie ein tiefer See, in den sie
allen Groll versenkten, und dann wie eine hohe Leiter, auf welcher sie ins Land
des Friedens, in den Himmel stiegen. Besonders bei den Brdern, welche bei
einander schliefen und meist zusammen beteten, hatte dieses die Frucht, da sehr
selten die Sonne des Morgens den Schatten noch sah, der bei ihrem Untergang das
Herz des Einen oder des Andern verdunkelt hatte. Bei Annelisi hielt es etwas
hrter, weil keine bestimmte Gelegenheit ihr gegeben war, ihr Herz des Grolles
zu entleeren; wenn das Gebet sie allerdings vershnlich gestimmt hatte, so
konnte sie ihre Gesinnung nicht ausdrcken, nicht Frieden schlieen, nicht durch
ein Bekenntnis sich entlasten. Gewhnlich kam dann die Gutmtigkeit der Brder
zu Hlfe, die, wenn sie einmal etwas abgeschlagen hatten, hintendrein reuig
wurden und eine Zeitlang um so geflliger waren, oder die Schwche des Vaters,
der gar gerne seinem lieben Meitschi hintendrein etwas kramete, welches noch
mehr kostete, als was Annelisi gern gehabt, aber nicht bekommen hatte.
    So lebte die Familie berhmt und im Wohlsein, bis ein Schlag, uerlich
nicht von groer Bedeutung, ihr ganzes Glck zu zertrmmern drohte.
    Christen mute nicht nur schlich die Gemeindelasten tragen helfen, sondern
auch persnlich, das heit er mute Vogt werden, ffentliche Verwaltungen
bernehmen, sich auch in Behrden whlen lassen. Dieses ist an sich selbst eine
Last, es ist aber auch bedeutende persnliche Verantwortlichkeit dabei, und
seltsamerweise ist an manchem Orte diese persnliche Verantwortlichkeit
unbezahlter Gemeindsbeamteten sehr gro, whrend den wohlbezahlten
Regierungsbeamteten gar keine auferlegt ist. Wo das System herrscht, jeder
Korporation dem Individuum gegenber unrecht zu geben, aus dem bel verstandenen
Grundsatz persnlicher Freiheit, und jeden Halunken zu begnstigen gegenber dem
rechtlichen Manne, aus bel verstandener Humanitt, da wird diese
Verantwortlichkeit zu einer frmlichen Gefahr zu einem Schwerte, das an einem
Pferdehaar ber des Gemeindebeamteten Haupte hngt.
    Christen, bei seiner Unkenntnis aller Gesetze, bei seiner Unfhigkeit,
selbst zu schreiben, wurde dies sehr beschwerlich und kostbar. Aus eigenem Sacke
mute er nicht nur fremde Hlfe bezahlen, sondern hing auch ganz von fremdem
Rate ab und mute diesem folgen, wie ein Blinder dem Hndchen, welches ihn
leitet. Die eigentliche Gefahr jedoch fhlte er weniger als nneli, wie dann
Weiber immer mehr ngstlichkeit besitzen vor dem Kommenden aus der dunkeln
Zukunft als Mnner. Alle diese Geschfte, welche Christen von seinem Geschfte
und von seiner Arbeit weg, zogen, waren nneli berhaupt zuwider, jedoch lie
sie dieses den Mann nicht entgelten, wie Weiber oft tun, die dem Manne noch mehr
verbittern, wessen er sich nur gezwungen unterziehen mu. Insbesondere aber war
ihr der verdchtig, welcher dem Mann am meisten mit seinem Rat beistand, sie
warnte ihn oft vor demselbigen. Es komme ihr immer vor, sagte sie, als sei er
falsch an ihnen; er sei viel zu schmeichlerisch und rhmerisch und dazu immer
ntig; so einer mache oft fr zehn Batzen, was ein Anderer nicht fr tausend
Pfund. Aber Christen konnte ihn nicht entbehren, guter Rat ist immer teuer und
in mancher Gemeinde auch um Geld fast nicht zu haben; nneli wute selbst
niemand, der bessern geben konnte, und damit er nicht etwa aus Not sie verrate,
spendierte sie demselben, so viel sie konnte, und wenn er kam, so mute er
allemal im Hinterstbli, wo ihm etwas zwegstand, welches er daheim nicht hatte.
Es gibt aber Leute, welche, je mehr man ihnen gibt, nicht nur um so ungengsamer
werden, sondern auch in den Wahn geraten, als sei man vllig in ihrer Gewalt und
als knnten sie einen ungemerkt und ungestraft mibrauchen, wie sie nur wollten.
Sind sie einmal auf diesen Punkt geraten, so treiben sie gerne ein doppelt
Spiel, lassen sich von uns bezahlen und von Andern bestechen, um uns zu foppen
und zu betrugen. Sie rechnen, wenn man aus zwei Hnden zu nehmen wisse, so gebe
es akkurat doppelt so viel als nur aus einer. Es gibt mehr Leute, welche von
solchem Schmaus leben, als man glaubt.
    Christen war Vormund, hatte fremdes Vermgen hinter sich, ob Geld oder
Schriften, wei ich nicht, kann beides gewesen sein, denn da die Titel immer da
seien, wo sie dem Gesetz nach liegen sollten, ist nicht gesagt; wo ein
Regierungsbeamteter und ein Gemeindsbeamteter, ein Gemeindschreiber zum
Beispiel, unter einer Decke liegen und unter einem Htlein spielen, da knnen
noch heutzutage ganze Vermgen verschwinden, und wo ist das
Verantwortlichkeitsgesetz gegen den Regierungsbeamteten? ber die unschuldigen
Gemeindrte oder die noch unschuldigern Gemeinden geht es aus. Spter mu es die
Gemeinde ersetzen; kleine Diebe hngt man vielleicht, groe aber lt man
laufen.
    Christen dachte nun von ferne nicht ans Betrugen, aber er sollte beschummelt
werden.
    Es waren Leute, welche Geld ntig hatten. Christens Ratgeber wurde ins
Interesse gezogen, und dieser bewog den guten Mann, das Geld aus den Hnden zu
geben oder anzuwenden, die Titel zu versilbern oder abzutreten. Er sagte
Christen, der Gemeinde sei es ganz recht, er habe mit ihr geredet, und sie habe
ihn autorisiert, er solle es also nur unbesorgt machen, ihm knne es auf keinen
Fall etwas tun. Wenn ihm die Sache einmal aus den Hnden sei, so sei er aus
aller Verantwortlichkeit, brauche sie nicht zu hten, und er wolle alles schon
so schreiben, da er zu allen Zeiten, es mge gehen, was da wolle, drus und
dnne sei. Dem Christen leuchtete das ein, und er hatte durchaus kein Arg.
nneli aber traute nicht und sagte: Sie knne nicht helfen, aber sie traue der
Sache nur halb, es treffe fnftausend Pfund an, und mit dem sei nicht zu spaen;
sie hlfe noch zu einem rechten Mann zu Rat zu gehen, man sei nie z'vorsichtig.
    Aber Christen redete ohnehin nicht mehr, als er mute, und von Geschften so
ungern als mglich, weil er nicht gerne verriet, da er gar nichts kannte, denn
er schmte sich seiner Unwissenheit doch, wenn er schon seine Kinder nicht
begehrte geschickter zu machen. Zudem wute er nicht, wem er trauen sollte, wenn
er sich auf seinen Ratgeber nicht verlassen konnte. Wenn der ein Schelm an ihm
sei, so glaube er denn gewi, es sei kein braver Mensch mehr in der Welt, und
was es ihm dann ntze, Mhe zu haben und herumzulaufen, wo man ohnehin alle
Hnde voll zu tun hatte; so redete et. Christen war allerdings auch mitrauisch,
aber eben deswegen suchte er nicht neue Vertraute, sondern hielt am Glauben
fest, wenn der alte Ratgeber treulos sei, so sei keine Treue mehr auf Erden; den
habe er doch probiert auf alle Wege, es dnke ihn, er sollte es mgen halten. Da
nneli das Wstest alles nicht machen wollte, so ging richtig die Sache vor
sich, und alles schien gut, denn lange Zeit sagte kein Mensch, da es nicht gut
sei.
    Nach mehreren Jahren erst fing die Sache an sich zu rhren; allerlei unter
der Hand wurde geredet, und aus der Gemeindratstube heraus schlich, man wute
nicht wie, das Gercht, Christen htte sich grblich verfehlt mit Vogtsgeld, es
werde ihm an die Beine gehen um viel tausend Pfund. nneli, die zwar selten von
Haus kam, aber doch alles vernahm, nicht nur was ging, nicht nur was geredet
wurde, sondern noch ds Halbe mehr, vernahm also bald: Es heie, es ginge
Christen grusam an die Beine, und wenn er nicht so reich wre, so mchte es ihn
lpfen. nneli erschrak gewaltig, obgleich sie wute, da es so bel nicht gehen
konnte, und Christen mute auf der Stelle zu seinem Faktotum und ernstlich
fragen, was an der Sache und ob da etwas zu frchten sei, von wegen, er mchte
lieber zu der Sache tun, ehe es zu spt sei. Der nun lachte ihn aus, da er doch
auf solches Weiberdamp hren mge, es wre gut, wenn alles so sicher wre wie
das. Da sei er ihm gut dafr, da es ihm keinen Liar kosten werde, und wenn noch
jemand etwas sage, so solle er sie zu ihm schicken, er wolle sie dann brichten.
Nein, da mchte er doch dann nicht so jemand hineinsprengen, dafr sei er noch
lange zu gut. Er htte schon manchmal knnen, wann er gewollt, aber o Jere, wenn
er schon ein arm Mannli sei, so htte er doch noch ein Gewissen und wohl noch
ein besseres als mancher Reiche. Da solle er nur nicht mehr Kummer haben und
ruhig schlafen; was er gemacht habe, sei gut gemacht, und wie gesagt, er wolle
ihm gut sein fr jeglichen Kreuzer, den er deretwegen sollte zu Schaden kommen.
    Christen ging getrstet heim, trstete sein nneli, und einige Zeit lang
blieb alles wieder still. Aber die Sache tauchte wieder auf und zwar ernster als
frher, und neue Angst kam ber die Eheleute. Nun ruhte nneli nicht, bis
Christen zu einem rechten Manne ging. Der wollte lange mit der Sprache nicht
heraus, sagte, er verstehe sich nicht darauf, htte Die Schriften nicht gesehen,
und fragte endlich Christen, er werde eine schriftliche Bevollmchtigung von der
Gemeinde erhalten haben zu seinem Verfahren? He nein, sagte Christen, man hat
mir gesagt, das sei nicht ntig, es werde alles eingeschrieben in den
Gemeindbchern, da knne man alles finden, und die Sache doppelt zu machen,
trage nichts ab. He nun sagte der Mann, wenn die Sache im Gemeindsbuch
eingeschrieben ist, so kann es dir allweg nichts tun. Nun war Christen wieder
getrstet, denn da es eingeschrieben sei, zweifelte er gar nicht. Aber nneli
traute nicht so recht; er solle doch gehen und nachsehen, ob es denn wirklich
drin sei, sagte sie. Brummend ging Christen und brachte Die Antwort heim, der
Gemeindschreiber htte gesagt, er htte jetzt nicht Zeit nachzuschlagen, das
gebe mehr zu tun, als so eine Frau glaube; aber er knne darauf zhlen, da
alles, was erkannt worden sei, darin geschrieben stehe, er wisse wohl, was er
schreiben solle oder nicht. Nun schien Die Sache wieder abgetan, und Christen
sagte: Die Leute knnten seinethalben strmen, was sie wollten, wenn einer das
Gemeindebuch im Rcken habe, so knne einem niemand etwas tun, und sollte es der
Teufel selber sein.
    Da schlich sich einer, welcher gerne insgeheim den Leuten die Haare
zusammenband, aber dabei nie genannt sein wollte, an nneli und vertraute ihm:
Das sei gewi nicht im Gemeindbuch, und es sei eine abgekartete Sache gewesen,
Christen hineinzusprengen, und der Gemeindschreiber suche die Sache geheim zu
halten und zu verdrehen so lange als mglich. Aber einmal msse Christen doch
zahlen, das sei fertig. Und es wre besser, er wte das so bald als mglich,
vielleicht da er noch etwas aus dem Feuer ziehen knnte, wenn er zu rechter
Zeit daran hingehe. Das waren alles lauter Donnerschlge fr das arme nneli,
und um so hrter trafen sie, weil sie nicht begriff, wie man da helfen knnte,
als da Christen vor den Gemeindrat gehe und ihm alle Schand sage und vor allem
aus dem Gemeindschreiber, da er ein Schelm sei und ein verlogener Kerli, und
da er von allem nichts wolle; sie knnten seinethalben sehen, was sie machen.
Das wrde wenig helfen, sagte da neue Ratgeber, aber Christen solle einen Auszug
aus dem Gemeindbuch fordern, und wenn man ihn nicht freiwillig geben wolle, so
solle er ihn richterlich fordern lassen, da werde sichs schon finden, was im
Gemeindbuch stehe und nicht stehe.
    So ging es auch, und nach vielen Umtrieben kam endlich Christen zu da
Erklrung, da vom ganzen Handel im Gemeindbuch kein einzig Wort stehe; von der
Sache sei wohl geredet worden, aber Erkanntnis sei keine gegangen, man werde
gedacht haben, es sei am besten, wenn man das dem Vogt berlasse, was er mache,
sei ihnen recht. Somit war es entschieden, da Christen fnftausend Pfund zahlen
mute; erholen konnte er sich nirgends, und der, welcher ihn hineingesprengt,
hatte die schnsten Ausreden und schob die Schuld auf Andere.
    Ich wei nicht, soll ich sagen: dieser Verlust traf die Familie wie ein
Donnerschlag, der ihr Glck zerschmetterte, oder: dieser Verlust ward zum
giftigen Wurme, der ihren Frieden nach und nach zerstrte. Es wre nicht das
Eine, nicht das Andere ganz richtig, denn es traf sie wohl der Schlag heftig,
gewaltig, aber nach dem Schlage war der Wurm da und lebte giftig fort.
    Fnftausend Pfund sind nichts fr einen Kaufmann, er sieht derhalben nicht
nebeume, wie der Bernerbauer sagt. Fnftausend Pfund lieen sich bei ihrem
Vermgen leicht verschmerzen, setzten sie nicht einmal in augenblickliche
Verlegenheit, wenn sie einige Zinsschriften wagten; ja wenn sie nur das
vorrtige Geld zusammenmachten, den Spycher zur Hlfte leerten, so war alles
abgemacht. Aber beim Landmann geht es nicht zu wie beim Kaufmann. Bei dem
Letztern ist lauter Spiel: heute wird er getrmpft, morgen trmpft er wieder;
eines Tages kann er Zehntausend verlieren, morgen Zwanzigtausend gewinnen, und
bei jedem Verlust ist eben dieser Wechsel der Trost. Ganz anders ist es bei dem
Landmann; da geht die Sache langsam aber stetig, kleine Verluste gleichen sich
durch kleine Gewinnste aus, Fehljahre durch gute Jahre, und bei Flei und
Sorgsamkeit und ohne groes Unglck geht es langsam vorwrts. Und kommen groe
Unglcksflle, geht ihm all sein Vieh in Boden, brennt sein Haus ab mit all
seinen Vorrten, schlgt es ihn auf Jahre zurck: er schickt sich darein mit
bewunderungswrdiger Ergebung; was sollte er dagegen machen, das kam aus des
Herrn Hand, ber diese Verluste spotten die Menschen nicht, und Kinder und
Kindeskinder tragen sie ihm nicht nach.
    Verliert er aber Summen auf auerordentlichem Wege, durch Ungeschick oder
der Menschen Bosheit, dann weicht der Friede so gerne von ihm und es kmmt, was
man hierzulande Hintersinnen nennt. Der kommende Tag ersetzt sie nicht,
vielleicht ersetzt er sie in seinem ganzen Leben nicht, und was werden Kinder
und Kindeskinder von ihm sagen!
    Christen und nneli hatten wohl etwas vorgespart, allein es ging genug zu,
es harzete. Er wute seine Sachen nicht recht geltend zu machen und brauchte zu
allem viel Zeit und viele Leute, und nneli war eine gute Frau, und gar vieles
schwand ihr unter den Hnden fort, sie wute nicht wie. Fnftausend Pfund muten
ihnen, wenn es auf das Ersetzen ankam, eine unermeliche Summe scheinen, Die
Frucht ihrer ganzen Lebenszeit.
    Zu diesem kam noch ein Anderes: die Kinder waren erwachsen, vor ihnen lie
der Verlust sich nicht verheimlichen; was sagten die dazu, wie muten die ihn
aufnehmen? Kinder auf dem Lande teilen die Arbeit der Eltern, sehen die Frchte
davon, kennen die Schulden und Glten, sind weit enger ins Verstndnis gezogen,
geben daher um so eher ihre Willensmeinung. Alle waren heiratsfhig. Schadet
ihnen dieser Verlust nicht am Heiraten, der Lrm davon noch mehr als die Sache
selbst? Denn alles wird vergrert, auch entsteht gar gern der Glaube, wo solche
Verluste hervorbrechen, da seien noch viele zu gewrtigen; eine Sache,
namentlich ein Unglck, kommt nie alleine. Und wenn sie wirklich heiraten
wollten, woher die Ehesteuer nehmen? Wenn man jetzt noch Ehesteuren geben
sollte, so mute man sich ganz entblen, mute vielleicht gar Geld leihen, weil
man nicht alles abknden konnte, oder mute alle Titel versilbern, mute in
seinen alten Tagen schmalbarten oder die Jungen mit leeren Hnden gehen heien.
Arme Tage schwebten Tag und Nacht vor nnelis Augen.
    Das mute groe Bitterkeit ansetzen in des Ehepaars Gemtern, denn mit dem
Gelde war ihnen ja auch ein groer Teil ihres Lebens verloren. Wir fhlen alle,
das Leben ist eine groe Gabe, und mit dieser Gabe sollen wir vieles, vieles
gewinnen, mit dieser zeitlichen Gabe sollen wir das ewige Leben erwerben. Aber
nun meinen gar Viele, mit dieser zeitlichen Gabe hatten sie nur zeitliches Geld
zu gewinnen, ja gar Viele, die vom ewigen Leben als dem hchsten Ziele sprechen,
scheinen darunter doch nur zeitliches Gut zu verstehen oder hchstens eine
zeitliche Frau mit zeitlichem Gute. Und nach dem zusammengeraxeten Gute schtzen
sie ihres Lebens Wert, wie der Maulwurf nach der Hhe des aufgeworfenen Hgels
seine Kraft. Wenn aber aller Gewinn verloren geht, dann hintersinnet man sich,
das heit, man kann nichts mehr anders denken, als wie es gegangen ist und nicht
htte gehen sollen; denn man hat ja eigentlich alles verloren, nicht blo das
Geld, das verloren geht, sondern das Leben, welches man an das Geld gesetzt.
    Christen und nneli waren kreuzbrave Leute, von den brvsten, die man sehen
will zu Stadt und Land, aber den Wert des Menschen schtzten sie doch nach
seinem Besitztum und den Wert eines Lebens nach dem gemachten Frschlag; so und
so viel hat er geerbt, dann und dann hat er zu husen angefangen, und jetzt,
denket doch, hinterlt er -
    Sie wuten es halt nicht besser, waren, wenn sie auch in der Schule nicht
viel rechnen gelernt, doch in dieser Rechnungsweise von Jugend auf gebt, und
wenn Christen es auch nie sagte, so dachte er es doch vielleicht manchmal, wenn
er im Wirtshaus auf einem Stuhl absa: Hier setzen sich hunderttausend
Bernpfund nieder. Nehmt ihm das nicht bel, denn noch ganz andere Leute wissen
nicht, da wenn man auch die ganze Welt gewnne und litte Schaden an seiner
Seele, man das Leben nicht nur verloren, sondern einen groen Schaden
davongetragen.
    Sie gingen herum manchen Tag, als ob sie vor den Kopf geschlagen wren, und
konnten nichts anderes denken als: Fnftausend Pfund, fnftausend Pfund! Weniger
als Die Eltern waren die Kinder angegriffen, sie hatten ein langes Leben vor
sich, welches ihnen reiche Hoffnung bot zum Ersatze des Verlustes. Am meisten
schien es Annelisi zu fhlen, als ob sie glaubte, zunchst mte sie den Verlust
entgelten an ihrer Aussteuer oder derselbe mchte vielleicht diesen oder jenen,
den sie im Auge hatte, abschrecken. Jedoch geschah nicht, was an so manchem Orte
begegnet wre, die Kinder machten den Eltern keine Vorwrfe, ja gebrauchten
manches aufmunternde Wort. Aber wo die Eltern die Gemter der Kinder
ausschlielich aufs Geld richten und alle andern Rcksichten den Augen der
Kinder fernehalten, da mssen sie es erfahren, wie das Schwert sich gegen seinen
eigenen Herrn kehrt; wenn sie etwas Ungeschicktes machen, haben sie zu tragen
den Zorn und die Vorwrfe der Kinder, und wenn sie alt werden, derselben
Unverstand und Ungeduld, die alle Tage mit Gott hadert ber der Eltern langes
Leben. Hier herrschte noch Liebe und herrschte die alte Sitte, da die Kinder
die Eltern ehrten, auf da sie lange leben mchten in dem Lande, welches ihnen
Gott gegeben.
    Wie es dem ergeht, dessen Haus verbrannt ist mit an dem, was es barg, so
ging es auch Christen und nneli. Zuerst fllt der Verlust die Seele, eine Art
Betubung herrscht, dann dmmern Gedanken durch die Betubung, wie Lichtstrahlen
durch den Nebel, es leuchtet die Notwendigkeit ein, etwas vorzukehren, den
Schaden zu ersetzen, es flackert das Sinnen auf, wer den Verlust verschuldet.
    Christen hatte kein Haus aufzubauen, aber er begann nachzudenken, wie die
fnftausend Pfund zu ersetzen wren. Und allemal, wenn eine Frau zum Hause
schlich, loderte ihm der Gedanke auf: Die trgt wieder etwas fort, welches Geld
gelten wrde, und was will ich hausen und sparen, whrend auf der andern Seite
fortgegeben wird alles, was nicht angenagelt ist? Der gute Christen hatte es
auch wie viele andere Leute; was er ntig glaubte, das wollte er bei Andern
anfangen, und htte doch wissen sollen, da wenn der Bauer mir seinen Leuten
mhen will er vorausmht und nicht hintendrein.
    nneli kam es wieder in den Sinn, da sie gewarnet habe, das Geld
herauszugeben, da sie Christen angeraten, noch jemand anderes zu Rate zu
ziehen, da sie den trgerischen Freund nie htte leiden mgen, sondern vielfach
ihren Verdacht geuert. Sie begann daran zu sinnen, ob wohl die Zeit gekommen
wre, da mit wenigern Leuten mehr gearbeitet wrde. Und wenn sie durch den
Stall ging und zwei oder drei Khe sah wie Flhe, aber fast ohne Milch, so
konnte sie sich nicht enthalten, zu rechnen, wie manche Dublone da zu machen
wre, wenn man sich zu rangieren wte. Das alles ging im Inwendigen vor, fast
wie des Blitzes Schein fuhr es vorber; bse Worte gab man sich nicht, treulich
beteten sie mit einander, und friedlich, wenn auch oft mit schweren Seufzern,
schliefen sie ein.
    Aber ein alt Sprchwort sagt: Der Teufel ist ein Schelm, und wenn er auch
umhergeht wie ein brllender Lwe, so schleicht er noch viel mehr herum in
Gestalt von flchtigen Gedanken, luftigen Nebeln gleich, und diese Gedanken
streifen zuerst nur ber eine Seele, dann schlagen sie sich allmhlig nieder
darin, haften, setzen sich fest. Dann steigen sie herauf in unsere Blicke, in
unsere Gebrden, brechen endlich als Worte zum Munde heraus, und whrend wir
glauben, wir reden aus dem gttlichsten Recht, ists der Teufel, der grimmig und
lustig uns zum Munde aus flattert und dem Nchsten mit Klauen und Hrnern zu
Leibe geht, bis auch aus dessen Munde ein Teufel fhrt und eine Schlacht
zwischen Beiden sich erhebt auf Kosten der Armen, in deren Seelen der Teufel
sich hinabgelassen und aus deren Mund er wieder herausgefahren ist.
    Eines Tages wars, als ob einer wre, der ersinnete, was sie bse machen
knnte, und alles dieses herbeifhrte und ihnen antte. Es gibt solche Tage, wo
eins hinter dem Andern kmmt wie eine Schneegans hinter der andern, wo das
rgerliche nicht aufhren kann, bis die Galle berluft und es Wetter gibt
zwischen den Menschen.
    Als man in den Stall kam, war ein Pferd ber die Halfter getreten und hatte
sich bel verletzt, so da man dasselbe des Morgens nicht brauchen konnte; im
Kuhstall fehlte auch etwas, und als man Flachssamen brauchen wollte, hatte die
Mutter den letzten einer armen Frau gegeben, welcher Umschlge verordnet waren.
In den Stllen vertrappeten die Leute ihre Zeit, so da auf dem Felde nichts
geschah, und whrend Andere schnes Emd einmachten, blieb das Ihre schn dem
Regen zweg. Abends kam ein Berner Metzger, der Khe suchte und von ihrem Stalle
gar nicht fort wollte. Er meinte, es mte erzwungen sein, zwei oder wenigstens
eine feil zu machen, und bot Geld, da man es fast nicht htte nehmen drfen. Es
war eine Zeit, wo fette Khe fast nicht zu erhalten waren, und die Metzger die
grte Not hatten, denn obs Khe gebe oder keine, darnach fragen die Stadtleute
gar nicht, aber Fleisch wollen sie haben, und zwar je besser, desto lieber,
ihretwegen kanns der Metzger von Zaunstecken schneiden oder aus Kabisstorzen.
    Aber Christen tubakete ganz gelassen an seiner Pfeife und sagte dem Metzger:
Du hasts schon manchmal gehrt, ich gebe sie nicht. Um was so ein Berner
Metzgerli sie vermag zu kaufen, um das vermag ich sie auch zu behalten. Alle
Einreden des Metzgers, da andere Khe fr ihn weit ntzlicher wren, da er an
drei Khen wenigstens sechzig Kronen zwischenaus machen wrde, gingen in den
Wind. nneli hrte dem Mrten mit ungeduldigem Herzen zu, ging oft aus und ein
und konnte sich nicht enthalten, zu dem Metzger zu sagen: Es dnke sie, er wre
nicht der Uwatligist, und wenn sie mit einem handeln wollte, so wre er nicht
der Letzte.
    Das war ein Stich, der bei Christen Fleisch fate, aber er sagte nichts
darauf, sondern nur zum Metzger: Du hast gehrt, was ich will, und jetzt wollte
ich mich nicht lnger sumen, wenn ich dich wre. Wenn du heute noch etwas
anderes finden willst, so hast du deine Zeit zu brauchen.
    Bald darauf kam eine arme alte Frau, welche einen kranken Sohn hatte;
derselbe erhielt sie sonst, jetzt war die Not gro. Derselbe fing an sich zu
erholen, und der Doktor hatte Wein verordnet. Aber wo nehmen und nicht stehlen?
In solchen Fllen war nneli die Zuflucht, und umsonst nahm man sie selten zu
ihr. Als die arme Mutter kam und mit dem Frtuch die Augen wischte, noch ehe sie
anfing, und dann vieles vom Sohn erzhlte, wie er so gut gegen sie sei und wie
er krank geworden und wie sie in der Not seien und sie wger heute noch nichts
Warmes gegessen, und jetzt sollte sie Wein kaufen und htte keinen Kreuzer im
Hause und wte keinen aufzubringen. Wenn doch nneli ihr dr tusig Gottswille
nur einige Batzen leihen wollte oder, wenn es mglich wre, nur eine halbe
Krone, so wre ihr geholfen, und sie wollte dafr spinnen, bis sie selber sagen
mte, es sei genug. Aber wenn ihr der Sohn sterben sollte, sie wte nicht, was
sie anfinge, unter Tausenden gebe es keinen Solchen.
    nneli war in groer Verlegenheit. Wein hatten sie diesen Augenblick keinen
Tropfen im Hause, wie sonst manchmal der Fall war, und Geld hatte sie auch nicht
mehr im Sack als sechs Kreuzer. Sie lie sich sonst nie so auskommen, da sie
nicht einige Batzen oder Franken in irgend einem Sacke hatte. Aber sie hatte
letzthin zu Gevatter stehen mssen, hatte seit der Sichelten, wo es den
Ankenhfen bel ergangen war, keinen Anken mehr verkauft, sparte ebenfalls
Augsteneier auf, hatte kein Geld gemacht, und das Schlsseli hatte eben Christen
im Sack. So konnte sie die Frau doch nicht gehen lassen; wenn der Sohn sterben
sollte, so htte sie ja keine ruhige Stunde mehr im Leben und das letzte
Stndlein wre ihr auch nicht ruhig, und doch war es ihr grausam zuwider, dem
Christen das Schlsseli zu fordern. Sie stellte der Frau vorlufig etwas Warmes
zweg und suchte dann den Resli, sie wute, da der Geld genug hatte, allein der
war zum Viehdoktor gegangen und hatte den Schlssel zum Schaft im Sack; der
andere Sohn war im Stall, hatte aber kein Geld im Sack, sondern alles in Reslis
Schaft. Annelise aber hatte den Schlssel verloren zu seinem Gassettli, worin es
sein Geld hatte; es war, wie wenn alles verhexet wre. Da nahm endlich nneli
das Herz in beide Hnde, ging hinaus und sagte: Gib mir doch geschwind das
Schlsseli! Christen ward ganz rot im Gesicht, suchte es langsam, gab es
endlich mit den Worten: He, ich wollte doch machen, da morgen auch noch wre.
    So etwas hatte nneli noch nicht gehrt, es stellte ihr das Blut, einen
Blick tat sie auf Christen, den der auch noch nie gesehen, aber sagen konnte sie
kein Wort, sie ging mit ihrem Schlsseli wie stumm ins Haus, und als sie der
alten Frau die halbe Krone herzhlte, zitterten ihr die Hnde so, da die in den
hchsten Ausdrcken dankende Frau pltzlich fragte: Aber mein Gott, was fehlt
dir, wird es dir gschmuecht? O nein, sagte nneli, es ist nichts anders, das
gibt es mir, wenn ich lange kein Blut ausgelassen. Es ist allbets bald vorbei.
Und nneli fate sich zusammen, denn kein fremdes Ohr hatte je eine Klage gehrt
und kein Auge Trnen gesehen in ihrem Auge, auer bei natrlichen Anlssen; was
unter ihnen vorging, sollte keine Posaune auf den Straen verknden. Aber es
kostete dieses Zusammenfassen schwere Mhe, und krzer als sonst fertigte sie
die Frau ab; sie konnte es fast nicht aushaken, bis sie ihr den Rcken sah. Die
gute Frau konnte fast nicht aufhren zu danken, aber nicht nur aus Dankbarkeit,
sondern es stach sie auch der Gwunder, was nneli wohl in diese Bewegung
versetzt hatte, und solange sie im Hause war, hatte sie Hoffnung, es zu
erfahren. Als sie es endlich verlassen mute, stellte sie sich drauen bei
Christen und htte noch gerne ein neues Gesprch angefangen, aber der gab ihr
keine Antwort. Gewi haben die mit einander etwas gehabt, dachte sie, und ob dem
Sinnen, was es gewesen sein mchte, verga sie fast die halbe Krone, mit welcher
sie nun ihren Sohn laben konnte.
    Wie die Frau zur vordern Tre aus ging, scho nneli zur hintern hinaus,
machte sich etwas bei den Schweinstllen zu schaffen, und da sie dort noch nicht
ruhig war vor Knechten und Mgden, so schlich sie nach dem Bohnenpltz, der
schon gar manchmal als schner grner Umhang gedient hat fr Dinge, die nicht
fr jedermanns Augen sind.
    Dort lie sie endlich ihren Trnen freien Lauf, und es dnkte sie, wenn nur
das Herz auch gleich kme den Trnen nach, so wre doch dann ihr Leid zu End.
Sie konnte nicht mehr stehen, sie mute niedersitzen in den Bohnen, der Boden
wankte unter ihr, schwarz ward es um Augen und Seele, als ob man ein groes
Leichentuch um beide geschlagen htte.
    Also so ging es ihr jetzt, jetzt sollte sie das Unglck alleine entgelten,
sollte den armen Leuten abbrechen, sollte es sie entgelten lassen, wessen sie
sich doch so gar nichts vermochten! Das dnkte sie eine groe Sunde, da man ob
der Armut wieder ersparen wolle, was menschliche Bosheit und eigene Schwachheit
gefehlt; hatten sie doch selbst oft darber sich aufgehalten, da es zunchst
immer die Armen entgelten mssen, wenn ein Reicher einen Verlust erleidet, indem
man zuerst immer den Armen abschrnzt, ehe man sich selbst etwas Entbehrliches
abbricht, und jetzt sollte es bei ihnen auch gerade so zugehen? Und was trug das
ab?
    Eine Kleinigkeit, whrend man da, wo man das Zehnfache erbrigen konnte,
alles im gleichen Trappe gehen lie und sich keinen Zollbreit ndern konnte.
Dublonen lie man fahren, und wegen einer halben Krone mute sie Worte hren,
da sie meinte, man haue ihr Leib und Seele abeinander. Sie sehe jetzt, da
keine Liebe zu ihr mehr da sei, da sie der Sndenbock sei, der alles ausessen
sollte, was Andere eingebrochet. Hatte sie nicht gewarnt, gemahnt? Aber man
achtete sich ihrer nicht, glaubte ihr nichts, und jetzt sollte sie es alleine
entgelten. Wenn noch ein Funke von Liebe zu ihr da wre, so wre man nicht so
gegen sie. Und ging dann etwa die Sache alleine aus Christens Gut, hatte sie
nicht auch eingekehrt, da es wohl ein Almosen ertragen mchte! Ja, wenn sie
eine bruchige Frau wre oder eine hoffrtige oder eine, die gerne im Sessel
se, so wre es noch eins, aber ringsum sei Keine, die mehr eingebracht und
mehr schaffete, und da mchte sie doch wissen, ob es ihr nicht auch etwas fr
ihre Freude ziehen mchte, und armen Leuten zu helfen sei einmal ihre Freude,
und sie mchte wissen, ob das nicht besser wre als Hoffart und Mritlaufen; Und
je mehr sie weinte, um so vller ward dem armen nneli das Herz, da es sie
dnkte, es msse zerspringen und es wolle die Seele oben zum Kopfe hinaus.
Schwere, zornige Wolken wlzten sich ber ihr Gemt: Fortlaufen, Scheiden,
Klagen, Aufbegehren, Auspacken, Wsttun, eins nach dem Andern kam, und eins nach
dem Andern ging, vor dem Einen schmte sie sich der Leute wegen, das Andere
wollte sie nicht um der Kinder willen; aber wie das Feuer das Wasser verzehrt
und das Nasse trocknet, so verzehrte der Zorn das Leid und trocknete die Trnen,
und als sie merkte, da man sie suche ums Haus herum, da war es in ihrem Gemte,
wie es oft nach einem Gewitter am Himmel ist; es regnet nicht, es donnert nicht,
aber es scheint auch die Sonne nicht, trb und trotzig sieht es am Himmel aus,
und was werden will, wei kein Mensch. Wie sie merkte, da die Suchenden sich
entfernt und niemand mehr hinter dem Hause sei, verlie sie ihren Kupwinkel und
erschien im Hause, wie ein kluges Weib es so wohl versteht, da es mitten unter
den Leuten ist und Keiner sagen kann, wann und woher es gekommen.
    Die Kinder fhlten wohl, da etwas nicht gut sei, aber keines frug nach der
Ursache und jedes ging so bald wie mglich der Ruhe zu.
    Christen rauchte wie blich seine Pfeife vor dem Hause, und wo er einmal
sa, da stand er nicht gerne auf, und wie gerne er auch im Bette gewesen wre,
so war es ihm doch so zuwider, daran hinzugehen, da er bis nach Mitternacht
sitzen konnte, ehe er zum Entschlusse kam. So sa er auch diesmal lange und
alleine drauen, und vielleicht nicht blo aus Gewohnheit, sondern
wahrscheinlich war es ihm auch, wie es jedem Menschen ist, wenn er sich einem
Menschen nhern soll, von dem er wei, da er beleidigt ist, aber nicht wei,
ist er streitbereit oder friedfertig, whrend man selbst den Mut noch nicht
gefat hat, offen und ehrlich den Frieden zu begehren.
    Endlich suchte er doch das Beet. Er war der Letzte, er betete sein Unser
Vater, aber alleine, nneli betete nicht mit. Als er fertig war, wartete er eine
Weile; nneli blieb stumm, er wute nicht, schlief sie oder wachte sie; das
erste Wort konnte er nicht reden, die Frage Schlfst? harte er zehnmal im
Halse, aber dort blieb sie, er legte sich schweigend nieder. Es war das
erstemal, da sie sich nicht gegenseitig bsegneten mit dem frommen Wunsche:
Gute Nacht gebe dir Gott.
    nneli harte nicht geschlafen, aber auch sie wollte nicht zuerst reden.
Christen wars, der gegen sie so grblich gefehlt, an ihm war das erste Wort, und
auf dieses erste Wort wartete sie; aber ob sie mit ihm Friede machen wollte oder
nicht, das wute sie nicht, aber sagen wollte sie ihm, was ihr fast das Herz
zerreien und was sie nicht ertragen konnte, wenn es so gehen sollte.
    Als Christen betete: Vergib mir meine Schulden, wie ich auch vergebe meinen
Schuldnern, da dachte sie, ob er wohl an die Schuld denke, welche er heute
gegen sie gemacht. Als er gebetet, erwartete sie seine Rede; als er aber
schwieg, als er sich zum Schlafen legte, ohne Wunsch und ohne Segen, da sagte
sie zu sich selbst: So, ist das so gemeint; jetzt ists fertig! Kann der seine
Snden nicht mehr bekennen, so bin ich ein armer Tropf; aber so ganz unterntun
lasse ich mich nicht. nneli dachte wunderbarerweise gar nicht daran, da es
heie von Snden vergeben, sondern hatte nur Bekennen im Kopf und da dieses
Bekennen Christen zukme, und weil er es nicht tat, so sah sie darin eine neue
Schuld, eine Schuld, die sie gar nicht verzeihen konnte, und als Wunsch und
Segen noch ausblieben, da war es ihr, als sei zwischen ihr und Christen ein
weiter und tiefer Graben, ber den keines Menschen Fu kommen knne, zu keinen
Zeiten mehr. Manchmal war es ihr, als mte sie reden, als sei alles gefehlt,
wenn sie einmal in Groll und rgernis niedergegangen und die Sonne darber
aufsteigen lieen; aber solche Regungen wurden immer wieder unterdrckt durch
den trotzigen Mut, da sie einmal zeigen msse, sie nehme nicht alles an, wolle
nicht alles ausbaden, was Andere angerichtet, lasse nicht mit sich umgehen, als
ob sie ein Waschlumpen wre oder als wre sie mit leeren Hnden gekommen.
    Selbe Nacht kam kein Schlaf in ihre Augen, aber auch keine Reue in ihr Herz.
Als kaum der Morgen graute, stund sie auf, nur um Christen nicht etwa Guten Tag
gebe dir Gott wnschen oder ihm auf seinen Wunsch danken zu mssen. Und das war
wiederum der erste Tag, den sie ohne Wunsch und Segen begannen. Trbselig und
wortlos verstrich er, und als der Abend kam, da legte zuerst Christen sich
nieder. Ihn verlangte nach der Stimme seiner Frau, die er den ganzen Tag ber
nicht gehrt, und es war ihm unwohl dabei geworden, denn sie war ihm lieb und er
hatte die Rechnung gemacht, da wenn sie schon gegen die Armen viel zu gut sei
und mit ihnen viel unntz verbrauche und das Lumpengesindel ziehe wie Zucker die
Fliegen, so sei sie doch sonst sparsam und arbeitsam und er knnte leicht eine
haben, mit welcher er viel bser zweg wre, und es htte jeder Mensch etwas an
sich, das zu scheuen wre, aber der eine minder, der andere mehr. Er wollte
diesmal reden; ds Tublen trage nichts ab, und bald dreiig Jahre seien sie im
Frieden bei einander gewesen, fr den Rest wollten sie keinen neuen Brauch
anfangen. nneli kam, betete, aber betete leise fr sich alleine. Wenn Christen
ihr nicht Gute Nacht wnschen mchte, so wte sie nicht, warum sie fr ihn
beten solle, so dachte sie. Und Christen wartete sehnlich auf das Beten, wollte
nachbeten; als aber kein lautes Wort kam, als nneli ohne Wunsch sich zum
Schlafen legte, da wute er fast nicht, wie ihm war. Da er gestern ohne Segen
sich gelegt, dachte er nicht, nur an das, was nneli jetzt tat. So, ist das so
gemeint, sagte er zu sich selbst, so kann ich auch anders sein, warte du nur! So
von einem Fraueli lasse ich mich noch nicht kujonieren, dafr bin ich nicht auf
der Welt, und fr was wre ich der Mann, als fr zu sagen, wie es gehen solle,
und wenn du tublen willst, so tuble meinethalb so lange du willst, einmal ich
frage dich nicht, was du habest.
    So stieg das Feuer auch in Christen auf, und wie es bei langsamen Naturen
der Fall ist, um lange zu bleiben. nneli aber hatte erwartet, Christen werde
fragen, warum sie nicht bete, dann wolle sie ihm so recht auspacken. Als nun
Christen nicht fragte, nichts sagte, da dachte sie bei sich selbst: He nun so
dann, wenn du es so haben willst, so habe es, aber da du so ein Wster wrest
und da du mich so wenig lieb httest, das htte ich nicht geglaubt, und nicht
viel fehlte, es wre ein heftiges Weinen ber sie gekommen, so voll ward ihr auf
einmal das Herz. Aber Zorn ward Meister und trieb, was im Herzen war, als heie
Dmpfe in den Kopf hinauf.
    So begannen Beide erbittert die Nacht, standen am folgenden Morgen wortlos
auf, und eine traurige Zeit begann fr das Haus.
    Sobald ein Groll im Herzen bleibt und sich setzet, wird dieses Herz
selbstschtig. Sein Gesichts- oder vielmehr Gefhlskreis verengert sich. Wie die
Spinne nur die Fliegen zu erfassen vermag, welche in den Bereich ihres Netzes
kamen, so vermag der Groll nur die Dinge zu empfinden, welche ihn berhren;
alles andere ist fr ihn gar nicht in der Welt, er sieht es nicht, er riecht es
nicht, und naht es sich fhlbar, so stt er es zornig zurck. Wo in einem
Herzen die Harmonie zerstrt wird und ein Gefhl die Oberhand gewinnt, da
trittet Beschrnktheit ein, und wie Archimedes, in seine Berechnungen vertieft,
die Einnahme seiner Vaterstadt nicht gewahrte, so fasset ein so recht innig
Grollender es kaum, wenn sein eigen Haus brennt, und ein hart Leidender es kaum,
wenn tausend Andere in seiner Nhe wimmern und webern wrden.
    Redet mit einem Liebenden von Brand und Wassernot, die Tausende unglcklich
gemacht, um so mehr freut er sich seines Glckes, wenn euch nmlich hrt. Redet
einem Mivergngten von einer glcklichen Ernte, welche der Not von Tausenden
ein Ende gemacht, er verflucht den Segen Gottes, weil er Andere zufrieden
gemacht. Redet einem Zornigen von der Sanftmut unseres Herrn, so gibt er euch
eine Ohrfeige, wenn er nmlich fasset, was ihr redet. Lat einen Regenten eitel
sein, so benutzt er den Staat ungefhr wie eine Dame ihr Schmuckkstchen; die
Folgen sieht er nicht, wie nahe sie auch liegen, und zwischen monarchischen und
republikanischen Regenten ist hierin kein anderer Unterschied als zwischen einem
Tropf und dem andern Tropf.
    Lat eine Leidenschaft berhaupt im Herzen eines Menschen sich ansetzen, so
wird sie euch gleich einem losgebundenen Element, das alles verzehrt, was in
sein Bereich kmmt, und erst in sich zusammensinkt, wenn alles verzehrt ist,
wenn es keine Nahrung mehr findet. Lat Eheleute dauernd grollen, so nimmt nicht
nur das ganze Haus diese Frbung an, wird unheimlich, sondern alle Interessen
gehen in diesem Grolle auf, alle Gefhle verlieren mehr und mehr ihre Kraft, und
wie die Gedanken an diesem Grolle unausgesetzt nagen, so verlieren sie ihre
Schrfe fr alles andere, ja es ist fast, als ob sie auch die Augen schwchte,
da sie das Notwendigste nicht mehr sehen, fr das Liebste keinen Sinn mehr
haben. Diese Zustande wachsen so allmhlich, man wei nicht wie, denn wie
gesagt, der Teufel geht nicht immer umher wie ein brllender Lwe, sondern sehr
oft auch als ein schleichender, und die Hlle hat viel hnlichkeit mit einem
Ofen, sie wird nicht auf einmal glhend, sondern zuerst nur lieblich warm.
    So ging es auch dem armen Ehepaar. Wohlverwahrt trugen sie ihren Groll in
ihren Herzen, lieen ihn anfangs nicht unter die Leute, blieben bei ihren
angeerbten Sitten, und anstndig ging es zu wie vorhin. Aber expre verkaufte
nun Christen seine Khe nicht, expre hielt er nicht weniger Leute, frderte die
Arbeit nicht rascher, sondern alles eher das Gegenteil, und nneli, weil sie
dieses sah, so ward sie nur um so freigebiger und hie manche Frau vor Christens
Ohren bald wieder kommen. So trotzte eins dem Andern, whrend Keines die
fnftausend Pfund verga und jedes meinte, sie sollten wieder erhuset werden;
aber jedes meinte, auf anderem Wege, und je weniger das Husen vorwrts wollte
auf diese Weise, um so mehr wuchs die innere Mistimmung.
    Diese wurde zuerst fhlbar den Kindern. An allen ihren Angelegenheiten
nahmen die Eltern immer weniger teil, achteten sich derselben kaum, die Kinder
konnten gehen und kommen, weder Vater noch Mutter fragten: woher, wohin?
Schlechten Kindern ist das recht, guten Kindern aber hat es etwas
unbeschreiblich Unheimliches.
    Wenn Annelisi sonst heimkam von irgend einer Lustbarkeit, so hrte die
Mutter gerne erzhlen, wie es zugegangen, wer zugegen gewesen, und lockte wohl
durch Fragen hervor, was Annelisi gerne sagte. Dann lie sie Worte fallen ber
diesen Burschen und jenen Burschen, da die Tochter wohl merken konnte, wer als
Schwiegersohn willkommen wre und wer nicht. Solche Gesprche waren auch die
beste Gelegenheit, ber Nebenbuhlerinnen sich zu beschweren und der Mutter zu
sagen: Nein aber, Mutter, einen neuen Kittel mu ich notwendig haben. Es sind
Meitschi dagewesen, wo sie daheim mit den Zinsen noch genug zu tun haben, aber
einen so schlechten Kittel, wie ich einen habe, hat keins angehabt. Und
Gllerketteli habe ich nur die, welche ich erhalten, als mir der Herr erlaubt
hat, und die sind so leicht und altmodisch, es trge leicht eine hoffrtige Magd
sie nicht. In solchem Zusammenhang hatte die Mutter wider neue Anschaffungen am
wenigsten, und wenn die Mutter einmal Ja gesagt hatte, so sagte der Vater seinem
Annelisi nie Nein. Das ward auf einmal anders.
    Es gab allemal saure Augen, wenn es irgendwohin wollte. Kam es heim und
wollte mit einem Bericht des Erlebten wieder gut Wetter machen, so schwieg die
Mutter oder sagte, sie mge des Gstrms nicht, und ehemals seien die Mdchen
daheim geblieben und htten den Eltern etwas abgenommen, statt in der Welt jeder
Lustbarkeit nachzufahren wie die Vgel dem Hirs. Und wenn es etwas vom
Anschaffen sagte, eine Kappe gerne gehabt htte oder ein Gloschli, so seufzte
die Mutter und schwieg oder sagte: Wenn es einmal fehle, so komme gerne alles
zusammen und helfe einander, um einen zu Boden zu machen, und sie htte
geglaubt, es htte mehr Verstand als so. Wenn es dann weinte, weil es der Mutter
nichts mehr treffen knnte, und der Vater fragte ihns zufllig: Was plrest
aber? und es antwortete, es mache es niemand mehr recht und Freude sollte es
keine mehr haben, es erleide ihm, so dabei zu sein, und zuletzt nehme es den
Ersten den Besten, nur um fortzukommen, so antwortete ihm der Vater: He nun so
denn, so nimm, und komme dann, mir brav Ehesteuer zu fordern, es geht in einem
zu. Es ist besser, man mache gleich hintereinander fertig, so wei man doch
auch, woran man ist.
    Das tat dann Annelisi grusam weh. Es war ein gutes Kind und liebte seine
Eltern, aber da es das Unglck allein entgelten und nur fr andere Menschen auf
der Welt sein sollte, das meinte es doch auch nicht. Wie der Bauernsohn gerne
ein Bauer wird, warum sollte die Bauerntochter nicht auch gerne eine Buerin
werden? Es ist nicht nur wegen dem Manne selbst, der doch auch allerdings nicht
zu verachten ist, sondern wegen dem unabhngigen Regiment, das eine rechte
Buerin fhrt, und der Achtung, in der sie steht; denn eine rechte Buerin,
deren es im Kanton Bern viele gibt und welche die Sonnseite des Bauernlebens
sind, ist die Mittlerin des Hauses zwischen Gott und Menschen, ist die sichtbare
Vorsehung in allen leiblichen Dingen. Und jetzt sollte Annelisi keine werden,
weil der Vater fnftausend Pfund verloren und eine Ehesteuer ihm zu hart ankam!
Das tat ihr weh.
    Der lteste Sohn war empfindlicher Natur, und hatte er schon vorhin hie und
da geglaubt, man htte nicht genug Rcksichten fr ihn, so geschah das jetzt
noch viel fters und nicht immer mit Unrecht. Frher sah der Mutter Auge jede
Vernderung in jedem Gesichte, und wo sie eine bemerkte, da traf sie Vorsorge.
Christeli, ich habe dir heute Trank angerichtet, du gehst nicht aufs Feld, so
sagte sie, und im halben Tag rief sie ihn ins Stbli, wo sie ihm etwas
Meisterlosiges zweg hatte, damit er nicht an der harten Speise der Arbeitenden
sich noch mehr verderben mte. Und wollte es nicht bald bessern, so sagte sie:
Man wird zum Doktor mssen, und manchmal sagte sie sogar: Es wre gut, er
kme selbst, er knnte dann selbst sehen, wo es dir fehlt; so mit dem Brichten
breicht man es nicht allemale recht. Nun ging diese Aufmerksamkeit verloren;
die Mutter frug ihn viel seltener, ob ihm etwas fehle, und wenn er es manchmal
zu merken gab mit Nichtessen oder Berzen, so war sie imstande zu sagen: Du mut
nicht so ntlich tun, es wird schon bessern; je mehr man sich achtet, um so mehr
tut einem weh. Und wenn er liegen mute und meinte, er sei recht bel zweg, und
vom Doktor redete, so war der Vater imstande zu sagen: Man knne nicht das ganze
Jahr durch einen fr ihn auf der Strae haben; des Dokterns htte er doch bald
satt, er htte jetzt sein Geld fr andere Sachen zu brauchen, aber je ntiger er
es htte, um so mehr begehrten die Andern zu brauchen.
    Solche Reden gingen Christen tief ins Herz. Es dnkte ihn, nicht lnger als
er noch leben werde, sollten sie es ihm gnnen; aber es gehe ihnen noch zu lange
und sie mchten nicht warten, bis er weg wre. Es kam ihn manchmal an, wenn er
nur heute sterben knnte, damit sie sich so recht ein Gewissen machen mten. Es
wrde sie doch wohl z'plren tun, wenn sie mit ihm zChilchen mten und denken,
sie htten besser zu ihm sehen knnen, er lebte noch, wenn sie das Geld fr den
Doktor nicht gereut htte. Und wiederum kam ihn das Weiben an, damit er jemand
htte, der zu ihm sehen wrde und fr ihn tun, was er mangelte. Dann strich er
umher, besuchte Orte, deren er sich eigentlich htte schmen sollen, lie Geld
aufgehen in den Wirtshusern, da mnniglich meinte, er werde bald verknden
lassen; aber pltzlich verleidete es ihm wieder, er sah kein Mdchen mehr an,
rhrte keinen Wein mehr an, wollte wiederum sterben.
    Weitaus am meisten litt darunter der jngste Sohn, Resli. Die Mutter hatte
ihm frher oft gesagt: Resli, je frher du mir ein Shnisweib bringst, um so
lieber ist es mit, aber drei Sachen achte dich wohl: nimm eins, das sich wscht,
aber nicht nur oberhalb des Gllers, sondern auch unterhalb, eins, das alles
anrhren darf und die Saumelchtern nicht scheut, und eins, dem man nicht zweimal
die Zeit wnschen mu, ehe es einmal danket. Ich bin froh, an die Ruhe zu
stellen, und wenn du mir so eine bringst, so soll sie nicht ber mich zu klagen
haben.
    Freilich sagte Resli: Mutter, es pressiert mir nicht. Aber er redete doch
gerne mit der Mutter ber die Meitscheni und hrte, was sie fr einen Trumpf
hatte fr dieses oder jenes und was sie von dessen Familie wute bis zur
Gromutter hinauf. Denn Resli hielt gar viel auf dem guten Namen und wollte nur
eine Frau von braver Familie nache. Er wollte nicht, da man den Kindern die
Eltern vorhalten knne und hielt ebenso viel auf ehrlichem Gut, und eine mit
ungerechtem Gut htte er nicht mgen, und wenn sie einen ganzen Ksspycher voll
Dublonen gehabt htte und dazu es Myneli, wie wenn man es aparti tangglet htte.
    So ein junger Kerli wei aber, wenn die Mutter es ihm nicht sagt, nicht, was
in einer Familie vorgegangen und was ihr anhanget; er sieht blo, wie das
Meitschi tut, und sehr oft sieht er auch dieses Tun durch eine Brille. Und wenn
er auch einsieht, wie dumm es tut, so meint er noch sehr oft, aus einem
Meitschi, das dumm tut, gehe es eine Frau, die gescheit tue - aber oh! Es ist
daher einer glcklich, wenn er eine Mutter hat, mit welcher er vernnftig ber
die Meitscheni reden kann und die nicht meint, das Himmelreich bestehe in einem
Geldsack und wenn ihr Sohn schon eine dumme Frau kriege, so mache es nichts,
weil er gescheit fr Zwei sei.
    Mehrere Jahre hatte Resli bereits in der Welt gelebt und hatte schon an
viele Mdchen gedacht, hatte schon manchmal gwerweiset: Will ich dies oder will
ich jenes, das wre reicher, das wre schner, das wre lustiger und jenes e
Werchadere vom Tfel, aber noch keines hatte er angetroffen, bei dem er in sich
selber dachte: Das will ich und kein anderes, und wenn ich das nicht haben kann,
so will ich gar keins, und wer wei, vielleicht hnge ich mich noch.
    Da war einmal ein schner Sonntag, und es dnkte Resli, er mchte auch
einmal baden. Er machte sich zweg, steckte eine schne Rose auf den Hut, legte
das schnste Halstuch um und sagte, man solle abends zum Essen und Fttern nicht
auf ihn warten, man wisse nie, was es gebe, und sume sich manchmal ungsinnet.
    Gleich nach dem Mittagessen ging er alleine, denn sein Bruder hatte gerade
seine kranke Laune, und einen Knecht so gleichsam als Sicherheitswache mit sich
nehmen, wie es oft geschieht, der dann mit des Meisters Sohn it und trinkt,
sich aber auch fr ihn schlgt und prgeln lt, das mochte er nicht.
    Es war ein heier Tag, der Staub lag handhoch auf der Strae, und als Resli
aus dem Bade kam, dnkte es ihn, er sei ein ganz neuer Mensch, er htte Flgel
und knnte fliegen ber Berg und Tal. Zwei lustige Geiger riefen zum Tanze, und
rasch hrte er die genagelten Schuhe den gygampfenden Boden stampfen. In
langsamer Ruhe stieg er die Treppe auf, trat unter die Tre, sah im den Saal
ein halbes Dutzend Paare dampfen und stampfen und ein Dutzend Mdchen an den
Wnden stehen, welche auch gerne gezeigt htten, wie sie ihre Kittel schwingen
knnten und wie sie das Stampfen erleiden mchten, auch wenn es auf ihren
eigenen Fuen (Fchen kann man nicht wohl sagen) stattfinden sollte.
    Resli gehrte nicht zu den weichen Herzen, die sich aller verlassenen
Mdchen erbarmen, die meinen, wenn ein Mdchen tanzen mchte oder sonst etwas,
so htte sie der Herrgott apart dazu geschaffen, des Mdchens Wunsch zu
erfllen. Zudem ist es bei uns zulande nicht so mit einem Tanze abgetan, so da
wenn der Geiger den letzen Strich tut, man das Mdchen fldern lassen kann,
unbekmmert, in welche Ecke oder an welche Wand es gert, wie es unter den
heutigen Zierbengeln Mode wird. Reicht ein Bursche einem Mdchen zum Tanz die
Hand, so steigen in demselben gleich ein Fuder Hoffnungen auf. Zuvorderst steht
eine Halbe Wein, welche der Tnzer kommen lt, hintendrein kommt Essen, ein
schnes Schnfeli Bratis, dann eine schne Heimfahrt und endlich ein lustiger
Hochzeittag. Das steigt alles auf, sobald ein Mdchen eine Hand zum Tanzen
kriegt, und so eine Hand ist gleichsam der Schlssel zu einem Schranke, der voll
Herrlichkeit ist und der einem aufgeht, sobald man mit dem Schlssel recht
umgeht. Wenn aber nach ein oder zwei Tnzen sonder Komplimente ein Bursche seine
Tnzerin fahren lt, so versinken auf einmal alle diese Hoffnungen, und
aschgrau wird es dem Mdchen im Herzen, wie es uns allen wrde, wenn wir das
Morgenrot gesehen htten und nach dem Morgenrot kme keine Sonne, sondern
wiederum die Nacht.
    So tuschte nun Resli nicht gerne, und fr etwas mehr als hchstens einen
Tanz war ihm keines der Mdchen anstndig. Er forderte daher einen Schoppen fr
sich alleine und setzte sich an den Schenktisch, unbekmmert um die rgerlichen
Augen, die wie Fliegen und Wespen seine Ruhe gern gestrt htten. Aber Resli
trank kaltbltig seinen. Schoppen und dachte: Wenn nichts Besseres kmmt, so
trink ich aus und gehe.
    Und wie der Bse kommen soll, wenn man an ihn denkt, so kmmt in guten
Stunden uns auch der Engel vor die Augen, an den gerade unsere Seele dachte.
    Wie Resli aufsah, sah er ein Mdchen am Eingange stehen von ganz anderem
Schlage als die Mdchen drinnen an der Wand. Es war nicht reich gekleidet, nicht
so handgreiflich schn, wie man es auf dem Lande liebt, aber auf den ersten
Blick sah man, da da etwas Rechtes sei und aus einem berhmten Hause; der Glanz
der Zchtigkeit und Reinlichkeit, in welchem das Mdchen so gleichsam gebadet
war, gab ihm fast etwas Stolzes, da keiner der Bursche, die da waren, sich an
ihns wagte. Resli fhlte sich auch etwas und glaubte nicht, da fr ihn leicht
eine zu vornehm sei, und wenn ihm auch das Mdchen fremd war, so dachte er doch,
Fragen werde nicht z'tten gehen. Darum stand er auf und frug das Mdchen, ob
sie einen mit einander haben wollten? Und das Mdchen sagte, es sei ihm recht.
    Mehrere Tnze tanzten sie im weiten Saale, so gleichsam der Knig und die
Knigin unterm gemeinen Volk, und sie hatten je lnger je grern Gefallen an
einander; das ging zusammen so rund und sittig, so rasch und richtig, da es
jedes von ihnen dnkte, so wohl htte das Tanzen ihm noch nie gefallen und noch
mit Keinem htte es so fortkommen knnen wie pfiffen. Nach einigen Tnzen sagte
er, er mchte eine Halbe zahlen, wenn es kommen wollte. Das Meitschi sagte
zuerst, es sei nicht ntig, es sei nicht durstig; indessen wehrte es sich doch
nicht halb so wie manches Stdi, das, wenn es von weitem Wein riecht, schon die
Finger zu schlecken anfngt bis an den Ellbogen, sich aber doch, wenn jemand es
zum Wein fuhren will, erst reien lt, bis ihm irgend ein Bein im Leibe kracht.
    Man sah dem Mdchen an, da Resli ihm wohl gefiel, und eben weil es hier
fremd war und es wohl sah, da Resli es auch nicht kannte, so lie es sich um so
unbeachteter gehen und verschanzte sich nicht hinter die bliche zhe,
einsilbige Sprdigkeit. Als sie am Wein saen und die Stubenmagd fragte, ob sie
noch etwas zu essen bringen solle, da befahl Resli gleich vom Besten, was sie
htten. Aber da redete das Mdchen auf und sagte, ein Glas Wein zu trinken sei
ihm recht gewesen, aber essen mge es nicht, sein Vater werde bald kommen und es
abholen, sie htten weit heim.
    Resli gebrdete sich aber auch als einer, der wute, wer er war, und sagte
der Stubenmagd, sie htte gehrt, was er befohlen, und dem Meitschi sagte er, es
soll sich doch nicht eigelich machen, auf ein paar Batzen mehr oder weniger
komme es ihm nicht an, und wenn der Vater kme, so sei immer jemand, der esse,
was gekochet sei. Wenn es ihm aber recht sei, so wollten sie noch ein paar mit
einander haben, bis das Essen komme; er htte noch kein Meitschi angetroffen,
mit dem sich ihm das Tanzen besser geschickt. Das Meitschi sagte nicht ab, und
nun tanzten sie wieder, da man ihnen die Herzenslust von weitem ansah und Die
Kunde bis in die Kche drang, es tanzten Zwei oben ganz bsunderbar, man htte
noch nie so was gesehen, und ein Kuchimutz nach dem andern streckte mit
zurckgehaltenem Kuchischurz seine schwarz angeloffene Nase neben dem Trpfosten
durch in den Saal.
    Noch zwei Tnze tanzten sie, nachdem das Stubenmeitli das Essen auf den
Tisch gestellt und ihnen immer gewunken, von wegen weil es kalte. Aber es war
Resli, als knne er das Meitschi nicht aus dem Arm lassen, und wenn er es lasse
so entschwinde es ihm und er sehe es nie wieder. Endlich fhrte er es doch zum
Tische, und das Meitschi lie sich fhren; freilich sagte es, es sei unverschmt
und es wolle seinen Teil bezahlen, es tte es nicht anders. Es sei nicht da
hinaufgekommen, um zu schmarotzen, aber der Vater htte eine Verrichtung gehabt
und es unten Langeweile, darum habe es dem Tanz zusehen wollen, damit die Zeit
frgehe. Da es selbst htte tanzen knnen, sei ihm viel zu gut gegangen, und
darum wolle es ihn jetzt nicht noch in Ksten bringen. Vom Geiger wolle es
nichts sagen, aber an der rti zahle es seinen Teil; wenn er das Geld nicht zu
scheuen brauche, so sei es denn nicht, da andere Leute nicht auch welches
htten und es brauchen drften.
    Es nahm Resli wunder, wer das Meitschi sei, und das Meitschi, wer Resli sei,
und sie schlugen Beide auf den Stauden herum; aber ein jedes wollte erst hren,
wer das Andere sei und ob die Bekanntschaft zulssig sei, ehe es herausrcke aus
seinem Inkognito. So gelang Keinem sein Vorhaben. Es dnkte Resli wunderlich,
da das Meitschi nicht war wie andere Meitschi. Er hatte nach der Verrichtung
des Vaters gefragt und hatte vernommen, er suche Holz um etwas zu bauen. Er
hatte gefragt, ob das Haus ihnen zu klein sei. Jetzt htte das Mdchen
Gelegenheit gehabt, aufzuzhlen, wieviel Jucharten Land sie htten und wieviel
Garben sie machten und wieviel Klafter Heu sie alle Jahre dem Kher gben. Aber
von diesem allem vernahm er nichts, sondern blo, da das Haus ihnen gar
unkommod sei und der Stall sehr bs. Es wollte ihm nichts rhmen, wie er es auch
darauf anlegte, nicht einmal wieviel Schweine sie htten, vernahm er. Darum
vernahm das Mdchen auch nichts. Er rhmte sonst gerne ihre schnen Rosse, wie
manches sie htten und wieviel sie fr jedes htten lsen knnen, aber jetzt
htte er es bei Leib und Leben nicht sagen knnen, wie oft das Meitschi ihm auch
Gelegenheit dazu gab. Es kam ihm vor, als ob das Rhmen ihn in den Augen des
Meitschis heruntersetzen wrde und da der am meisten sich rhme, der den Ruhm
am meisten ntig htte.
    Whrend sie so mit einander worteten und Keines sich verraten wollte, kam
das Stubenmeitli mit der Nachricht, der Vater sei unten und lasse befehlen, da
es alsobald hinunterkomme. Sage ihm, ich komme gleich, sagte das Meitschi,
stund aber nicht auf, machte mit Resli Gesundheit, wortete wieder, und bald
wars, als ob des Vaters Bescheid vergessen wre.
    Da kam das Stubenmeitli noch einmal und sagte: Der Vater lasse befehlen, da
seine Tochter auf der Stelle kommen solle, sonst fahre er alleine, man knne die
Rosse nicht einen ganzen halben Tag an den Bumen stehen lassen. La du ihn
fahren, sagte Resli, ich begleite dich dann heim, wenn du nichts darwider
hast. Da ward das Mdchen rot und sagte: Nein, das will ich jetzt nicht, aber
dankeigist, und behte dich Gott, und somit gab es Resli die Hand. Resli nahm
sie und wollte noch etwas sagen, und das Meitschi wartete darauf. Aber das
rechte Wort kam Resli nicht. Da strzte die Magd hinein und rief: Gschwind,
gschwind, dr Alt ist scho ufghocket! Adie wohl, rief das Mdchen und ri sich
los. Wart doch, los doch, rief Resli, aber das Mdchen war schon auf der
Treppe und frug auf derselben im Fluge das Stubenmeitli: Was ist das fr e
Bursch? Ich wei es nicht, sagte dasselbe, ich kenne ihn nicht, er ist noch
nie dagewesen. Da ging stille das Mdchen aufs Wgeli, stille hrte es die
Vorwrfe des Vaters, stille fuhr es mit ihm dahin; es war ihm, als fahre
derselbe mit ihm ins weite, de Meer, wo keine Freude, keine Lust mehr sei,
nichts als Herzeleid und lange, lange Zeit, bis man sterben knne.
    Resli war ganz verdutzt gestanden, und als er zum Fenster trat, um nach
Wgeli und Vater zu sehen, ob er sie vielleicht kenne, sah er nur noch die
hinter ihnen aufwirbelnde Staubwolke. Da tat es ihm im Herzen weh, und er konnte
nicht aufhren, in den Staub zu sehen, hoffend, der Wind mchte kommen und den
Staub verjagen, noch einmal knne er das Meitschi sehen; und lange war Staub und
Wgeli verschwunden, und immer noch sah Resli ins Weite, und immer wirser tat es
ihm im Herzen. Es dnkte ihn da, wie wenn ein Mhlstein darauf lge, und der
Staub bi ihn in den Augen wie noch nie. Tausend Pfund reuten mich nicht, dachte
er, wenn ich wte, wer die wren.
    Als er dieses dachte, merkte er hinter sich das Stubenmeitli. Mach mir die
rti, sagte er rasch, als ob er frchtete, dasselbe lese an seinem Rcken die
Gedanken in seinem Herzen. He, es ist fnfundzwanzig Batzen, sagte dasselbe.
Whrend es das dargelegte Geld nachzhlte, dnkte es Resli, er mchte doch noch
etwas wagen, und sagte: Was sind das fr Leute gewesen?  Das ist der
Dorngrtbauer, er wohnt da in den Drfern unten, exakt in welcher Gemeinde, wei
ich nicht, aber es soll ein gar grusam Reicher sein. Du hast dich aber
berzhlt, es sind zwei Batzen zu viel, fnfundzwanzig Batzen habe ich gesagt
und nicht siebenundzwanzig. So behalte sie, sagte Resli, ich begehre sie
nicht wieder. Du bist ein seltsamer Bursch, sagte das Stubenmeitli, die
Meisten wollen mir zu wenig gehen, und du gibst mir zu viel. Aber ich will es
nehmen, ich mangle es bler als du, und du sollest Dank haben z'tausend Malen.
Aber weit du, was ich noch lieber mchte als die zwei Batzen? Nein, sagte
Resli. Einen mit dir haben mchte ich, du kannst es bsunderbar wohl. Willst?
He, meinetwegen, ppe einen, sagte Resli. He nu so de, Gyger, so mach denn
fry e lustige, aber gschwind! Sonst, wenn die Wirtin merkt, da ich tanze, so
kommt sie und nimmt mich bei den Zpfen; sie ist heute aber gar eine bse, und
ich will lieber, sie komme nicht dazu. Nun ging sTanzen los, und das Meitschi
ward selig, tat Sprnge wie ein junges Bcklein, verga aber doch nicht, trotz
seines Glckes in einer Pause zu fragen: Woher kmmst du?
    Da dnkte es Resli erst, wenn seine erste Tnzerin nicht wisse, woher er
komme, so brauche es die gegenwrtige auch nicht zu wissen, aber bald besann er
sich eines Bessern und gab seinen Stammsitz an; denn wre es nicht mglich, da
man hier ebenfalls nach ihm fragen wrde?
    So, bist du der, sagte das Stubenmeitli; ich habe viel von Liebiwyl
gehrt, bin aber noch nie dort gewesen. Des Dorngrter Bauern Tochter hat
gefragt, woher du kmest, aber was man nicht wei, kann man nicht sagen. (Man
frgt im Emmental meist Woher bist statt Wer bist, da nach alt-adelicher
Sitte die Menschen bekannter sind unter den Namen ihrer Hfe als denen ihres
Geschlechts). Soll ich dir noch eine Halbe holen, Du wirst doch nicht schon
fort wollen, du kmest ja Tags heim! Nein, ich mag nicht mehr trinken, sagte
Resli. So mut du noch einen mit mir haben, sagte das Stubenmeitschi, und nach
dem einen wollte es noch einen und noch einen, gb was Resli sagen mochte, und
wer wei, wie manchen Resli noch htte haben mssen, wenn nicht die Wirtin unter
der Tre erschienen wre, um das arme, in seine Privatgeschfte vertiefte
Meitschi zu suchen. So, bist du da, du Donnstigs Bubennarr, was du bist, wohl,
dir will ich! rief sie mit klebriger Stimme in den weiten Saal durch Geigen und
Stampfen mitten hindurch, da das arme Mdchen zusammenfuhr wie von einem groen
Dorn gestochen, sich umsah und mit einem Satz zur Stube aus fuhr, als wenn es
schrittlings auf dem Bysluft fhre.
    Bist du noch da, du Donnstigs Tanzghl? fuhr die Wirtin fort und richtete
ihre Kanone auf den armen Resli. Es dnkt mich, du solltest genug haben, und
das andere Mal lasse mir meine Meitli in Ruhe oder bring eine mit, wenn du
tanzen willst, fr solche Schmckeni habe ich meine Meitleni nicht. Oder wenn du
es zwingen willst, zu tanzen, so frag mich, ob ich Zeit habe. Ists denn wahr,
da du es so wohl knnest? Seh, la mal probieren; Gyger, mach fry e styfe! Und
sonder weitere Umstnde mute Resli mit der dicken Wirtin, welche dampfte wie
eine siedende Fleischsuppe, die ber einem anderthalbzentnerigen Mocken
strudelt, an den Tanz. Er begann zu glauben, er sei verhexet, und ihm war, wenn
er nur da weg wre; wenn nach der Wirtin noch die Kchin kme, dann das
Badmeitli, nach dem Badmeitli die Hhnermutter, nach der Hhnermutter das
Kindermeitschi und nach dem Kindermeitschi die Wirtstchtern noch alle, so ginge
es bis am Morgen, und was wurden die Leute sagen, wenn er erst mitten im Morgen
heimkme!
    Da erschien zum Glck unter der Tre der Wirt und fluchte: Es nehme ihn doch
wunder, warum heute alles da oben sein wolle; aber wenn das nicht aufhre, so
wolle er ihm schon ein Ende machen und jage die Geiger fort. Es dnke ihn, fr
so eine Alte sollte sie witziger sein, und wenn eine drei Mnner gehabt und
vierzehn Kinder, so sollte ihr das Tanzen erleidet sein. Aber er habe schon
manchmal gehrt, fr die Narrochtige sei kein Kraut gut als einmal der Tod. Sie
solle sich abemachen, es seien Leute unten, die wollten etwas essen, und zwar
auf der Stelle. He, die werden wohl warten, sagte die Wirtin, wir haben auch
warten mssen, bis sie gekommen sind. Hast dus gehrt, sagte der Wirt, oder
soll ich dir znden? Du bist ein Grobian, sagte Die Wirtin, hast du es
gehrt, ich lasse mir nicht von dir befehlen und tanze, mit wem ich will und so
lang ich will. Komm, Brschli, wir wollen noch einen haben, und somit drehte
sie sich und wollte Resli wieder fassen, aber es war kein Resli mehr da; sie
streckte die Arme in die Luft und stand da, ungefhr wie Loths Weib gestanden
sein mag. Es erscholl ein donnernd Gelchter, der Wirt sagte: Gll, der hat es
dir gereiset! Wo ist der junge Lhl? fragte die Wirtin, sah rund in der Stube
hemm, aber Resli war nirgends zu sehen. Hat ihn der Schwarze genommen? Und
abermal lachten alle, und der Wirt sagte: Such nur! Die Wirtin wurde endlich
verblfft und sagte: He nu so de! Wenn es hat sein mssen, so ist es mir allweg
lieber, er habe ihn alleine genommen als mich damit. Es nimmt mich nur wunder,
sagte sie zu ihrem Manne, warum er dich nicht mitgenommen hat, es wre ihm in
einem zu gegangen, und er hat schon Manchen genommen, der am kleinen Finger
besser gewesen ist als du am ganzen Leib mit Haut und Haar.
    Whrend unter solchen zrtlichen Gesprchen das Ehepaar an seine Arbeit
ging, hatte Resli, der zum offenen Fenster aus auf die Laube und von da ins
Freie gekommen war, schon einen Pltz Weg gemacht. Bald schiens ihm, er gehe auf
Rdern, bald wieder kniestief in der Erde, bald tanzte er mit dem Mdchen, bald
dachte er, er htte es zum letzten Male gesehen.
    Er machte Plan um Plan, wie er zu ihm gelangen wolle, bald nachts als
Kiltbub, bald unter dem Vorwand, Khe oder Rosse zu kaufen oder Heu oder Stroh;
so ein Baurensohn hat gar manchen Schlssel zu andern Baurenhusern, wenn es ihm
ernst ist, hineinzukommen. Aber nichts gefiel Resli recht; er ersann immer etwas
Neues, und das gefiel ihm dann wieder nicht, und er war daheim, er wute nicht
wie.
    Die Andern hatten schon gegessen, aber die Mutter hatte ihm sein Essen an
die Wrme gestellt. Sonst war sie neben ihn gesessen und hatte ihn gefragt, wo
er aus gewesen, und dann hatte ein Wort das andere gegeben, bis Beide wuten,
was sie wollten. Jetzt aber stellte sie ihm sein Essen dar, fragte nicht: Ist
es noch warm?, sagte nicht: Du bist frh heim, sagte ihm kein Wort, ging aus
und ein, als wre er nicht da. So konnte er keine Frage anbringen, und das tat
ihm weh. Manchen Tag strich er um die Mutter herum, aber wenn er etwas vom
Sonntag anfangen wollte, so verschlo ein mrrisch-grollend Wort ihm den Mund.
    Endlich glaubte er einen gnstigen Augenblick erhascht zu haben, er war mit
der Mutter alleine im Spycher und fate ihr Korn fr die Schweine. Mutter,
kennst du den Dorngrter Bauer? Warum fragst du nach dem? He, ich habe ihn
letzten Sonntag gesehen. Wie hast du gewut, da es der Dorngrter Bauer war?
Oh, ich habe gefragt. Was hat dich das wunder genommen? Ho, nienerum. Aber
ich habe mit der Tochter einen Tanz getanzt oder zwei. J so, sagte die
Mutter, whrend man daheim fr euch sorget und huset und kummert, fahrt ihr
herum und lauft jedem Schlrpli nach. Es dnkt mich doch, Mutter, du solltest
nicht ber mich zu klagen haben, ich mache ja, was ich kann. Ja sagte die
Mutter, und lufst an den Orten herum, wo es lustig geht. Es dnkt mich, das
sollte dir vergehen, wenn du sinnetest, wie wir dran sind, und der Mut zum
Tanzen und Karisieren sollte dir vergehen. Aber so hat man es mit den Kindern,
wenn man sie am ntigsten htte, so sieht ein jedes fr sich und frgt Vater und
Mutter nicht mehr nach. Darauf konnte Resli keine Antwort mehr geben, das Herz
tat ihm zu weh. Die Mutter sollte doch wissen, dachte er, wie lieb er sie htte
und da er diese Vorwrfe nicht verdiene. Wenn es einem Bauernsohn nicht mehr
ziehe, einmal im Jahr zu baden und einige Tnze zu tanzen, so wre es doch bs,
und darneben sei er doch der Erste und Letzte bei der Arbeit, und wenn es
gerechnet sein mte, so gehrte ihm ein schner Lohn heraus. Und ppe fr wst
zu tun oder Schlgereien sei ja noch kein Kreuzer fr ihn bezahlt worden.
    Solches dachte Resli, aber es erbitterte ihn nicht. Es war ihm immer, als
mte er der Mutter und noch einer Andern zeigen, da er besser sei, als man von
ihm denke, als werde man hier oder dort nach ihm fragen, und dann solle jeder
sagen mssen, einen brvern Burschen und einen, der alles besser angreife, gebe
es nicht, so weit der Himmel blau sei. Und wenn ihm die Galle aufsteigen wollte
und ihn antreiben zum Wsttun, so wars ihm, als hebe das Meitschi hinter einem
Hag den Finger auf und sage: Bhet mih Gott vor einem Selligen. Dann nahm er
sich zusammen und tat wieder, wie er dachte, da ein Meitschi, welches gerne
einen guten Mann htte, es am liebsten sehen wrde.
    Aber wie viele Plne er auch machte, auf das Dorngrt zu gehen, er fhrte
keinen aus. Es munterte ihn niemand auf, und so wie es bei ihnen immer mehr
ging, hatte er nicht das Herz, eine junge Frau in das Wesen hineinzufhren.
    Als knftiger Besitzer des Hofes, um der Mutter zu gefallen und ein gutes
Lob zu erhalten ringsum, hatte er geglaubt, er drfte wohl dem Vater sich nher
zur Hand stellen, drfte ihn fragen: Wollen wir nicht an dieses oder jenes hin?
Vater, bleib du daheim, wir wollen die Sache schon machen, da es dir recht
ist. Auch fragte er: Vater, darf ich nicht mit dir zMrit, soll ich den Kleb
mitnehmen oder den Tschgg, sie sind fett und geben wenig Milch, es wre Geld zu
verdienen, und ich sollte das Handeln auch lernen? Dann sah und hrte der Vater
einige Zeit zu, und es dnkte ihn, er sollte selbst Freude haben am Eifer seines
Sohnes, und er sagte wohl einige Male zu sich selbst: Das gibt einmal ein
rechter Bauer.
    Htte die Erfahrung des Vaters den Eifer des Sohnes untersttzt, die
fnftausend Pfund wren nicht nur bald ersetzt, sondern ihr Verlust wre durch
die erzeugte Aufregung ein eigentlicher Vorteil geworden. Aber bald kamen
Eifersucht und Mitrauen ber den Vater. Er meinte, Resli sei von der Mutter
aufgestiftet und sollte jetzt den Hof fhren nach ihrem Sinn, mit Hasten und
Jagen und Grmpeln, wie es Vater und Grovater nie getan. Er wollte den Sohn
nicht ber den Kopf sich wachsen lassen, die Leute sollten ihm nicht sagen, sein
Sohn sei ein ganzer Kerli, und seit er regiere, gehe alles besser. Es sei eins
ein schlechter Sohn, wenn er den Pflug nicht im gleichen Loche fahre wo der
Vater. Einmal er htte sich geschmt, regieren zu wollen, solange der Vater
gelebt, und als derselbe gestorben, habe er gebauert, wie er es vom Vater
gelernt, und es wre auch gegangen. Aber die Welt werde immer schlechter, und
die Kinder verachteten ihre Eltern, und ein jeder Bube wolle gescheiter sein als
Vater und Grovater. Aber solange er lebe, gebe er den Lffel nicht aus der Hand
und auch das Hefti nicht, und man solle erfahren, wer Meister sei.
    Von dieser Zeit an ging es dem armen Resli bs, und er brauchte nur ein Wort
zu einer Sache zu sagen, so ging es bel, und von allem, was er sagte, tat der
Vater gerade das Gegenteil, und wenn er ihm eine Unerfahrenheit oder
Unbesonnenheit aufrupfen konnte, so sparte er es nicht und nahm sich damit nicht
einmal vor den Diensten in acht. Wo er nur konnte, gab er ihm zu verstehen, da
er eigentlich nur noch ein Bub sei und nichts verstnde und noch manchen Bissen
Brot essen mte, bis er nur wte, was eigentlich ein Bauer sei.
    Resli verlor allen Mut, als sein Eifer ihm so bel genommen ward. War er
dann la und mutlos, so hie es, da sehe man, was mit ihm sei; wenn er die Sache
mit dem Maul machen knnte, so wre es wohl gut, aber wo es msse ausgehalten
sein, da sei er nicht daheim.
    Doch dies htte er auch noch ertragen, er wute gar wohl, da man mit der
Eltern Gebrechen Geduld haben solle, wenn nur diese Vorwrfe im Stillen unter
vier Augen geschehen wren. Aber die Art im Hause hatte sich ganz gendert, und
das war es, was ihn am belsten plagte und manchmal fast z'weinen tat. Frher
war man so besonnen mit der Rede, htete sich, da kein bses Wort fiel oder
wenigstens nie vor fremden Ohren; denn wenn Mann und Weib sich bse Worte geben,
was sollen Kinder und Diensten daran fr ein Exempel nehmen? Und mu man sich
darber wundern, wenn sie ebenfalls bse Muler kriegen? Darum auch war das Haus
so berhmt weit und breit; denn wo Keiner dem Andern ein bses Wort sagt, da
geht es im Frieden, und wo es im Frieden geht, da knnen bse Leute ihr Maul
nicht hineinhngen, und das ist eine rare Sache.
    Nun war es anders geworden.
    Christen und seine Frau gaben sich manches bse Wort und hielten sich
unverblmt ihre Fehler vor. Christen hielt seiner Frau ihre Wohlttigkeit vor
und wie diese und jene Frau eine ganz andere sei, so und so viel Eier- und
Milchgeld htte sie in einem Jahr ihrem Mann gegeben. Aber da stnden nicht
immer Zwei vor der Tr und warteten, bis drei Andere, die drinnen wren,
herauskmen, um dann auch hineinzugehen. Mit einer solchen Frau sei es auch eine
Freude zu hausen, da htte man ungsinnet immer mehr; er aber mge einnehmen, so
viel er wolle, so sei in Gottes Namen immer kein Geld da, es sei, wie wenn der
Luft darhinter wre. Die Frau blieb nichts schuldig und sagte, fnftausend Pfund
htte sie doch nicht verliederlichet, und sie knnte manchem armen Menschen
wohltun, ehe sie nur den Zins davon gebraucht htte, und zwischen Spitzbuben und
armen Leuten sei doch noch ein Unterschied, und es heie in der heiligen Schrift
nirgends, da die einen Gottslohn davon htten, welche Spitzbuben msteten. Sie
knne nichts dafr, da es nicht mehr Milchgeld gebe, sie kaufe und verkaufe die
Khe nicht und msse die Milch nehmen, welche man ihr bringe. Und wenn man zu
rechter Zeit jede Arbeit verrichten wrde, man erhielte auch mehr und besseres
Futter. Sie wte Mnner, welche ds Halb mehr auf dem Hofe machen wrden.
    Wenn sie dann auf hnliche Weise mit einander gewortet hatten, so konnte
sich vielleicht Christen nicht enthalten, vor Knechten und Taunern zu sagen: Es
erleide ihm, dabei zu sein, und wenn seine Frau nicht bald aufhre, ihm die
fnftausend Pfund vorzuhalten, so msse etwas anders gehen. nneli aber weinte
in der Kche vor den Mgden und sagte: Es sei gut, da ihre Mutter das nicht
erlebt htte; sie htte es nicht ausgestanden, und wenn sie es jetzt schon
knnte, wie es ihr gehe, sie kehrte sich noch im Grabe um. Da man so mit ihr
umgehe, htte sie nicht verdient, und was sie gebe, gebe sie eigentlich aus
ihrer Sache, und es dnke sie, das sollte niemand viel angehen. Aber sie wollte,
sie wre tot, Christen knnte dann eine von denen nehmen, welche so viel Eier-
und Milchgeld machten. Vielleicht machten die es wieder gut, und Christen wrde
noch manchmal an sein nni sinnen, welches jetzt in keinen Schuh mehr gut und
nichts recht sei, es mge in Gottes Namen machen, was es wolle.
    Die Worte, welche in die Ohren der Diensten fallen, Die finden nicht
unfruchtbares Erdreich, die gehen auf, manchmal tausendfltig, und wenn sie
aufgegangen sind, so stehen sie nicht still wie Korn oder Weizen, sondern
wandern von Haus zu Haus und samen sich wiederum ab in die Ohren neugieriger
Weiber, die, wie gegenwrtig die Stadttore, Tag und Nacht offen stehen. Es ist
aber mit Dienstenohren noch eine wunderliche Sache. In gewisser Beziehung wrde
man ihnen das grte Unrecht antun, wenn man sagte, das wren auch Ohren, die
nicht hrten. Denn diese Ohren hren zuweilen auf hundert Schritte, sogar durch
verschlossene Tren und solide Wnde, und von dem, was sie so hren, vergessen
sie nichts; dann gibts wiederum andere Sachen, welche nicht zu diesen Ohren ein
wollen. Es gibt Dinge, man kann sie ihnen hundertmal des Tages sagen, am
folgenden Morgen wissen sie nichts mehr davon und sagen sie auch nie wieder.
Kuriose Ohren sind Dienstenohren!
    Aber nicht nur Diensten redeten, auch Annelisi klagte zuweilen einer
Freundin ihr Leid, wie es nicht mehr auszuhalten seie daheim, und es wre ihr
zuletzt recht, den ersten Besten zu heiraten, wenn sie nur daheim wegkme. Aber
sie solle es bei Leib und Sterben niemand sagen. Die Freundin sagte: Was denkst
du doch, und wenn man vier Rosse ansetzte, kein Sterbenswrtchen brchte man aus
meinem Munde. Und kaum war sie heim, so sagte sie: Mutter, dort drben gehts
strub zu, ds Annelisi hat es mir selbst geklagt, fr viel Geld mchte ich nicht
im Hause sein. Ja, auf my armi, wenn mich jetzt einer von den Buben schon
wollte, sie knnten mir kderlen. Der Versuch wre jedoch nicht ratsam gewesen.
    Christeli konnte sich ebenfalls nicht enthalten, wenn er getrunken hatte,
anzgliche Worte fallen zu lassen, und wenn er seine melancholische Laune hatte
und sich vernachlssigt glaubte, dann war sein Herz noch offener. Ja auch die
Bettler, welche Guttaten empfingen aus nnelis Hnden, schnappten Worte auf und
vergaen fast zu danken fr die erhaltene Gabe, aus Eifer und Hast, das
aufgeschnappte Wort weiterzutragen.
    Man findet oft auf wsten Inseln Gewchse blhen aus fernen Zonen, und es
knnen die Menschen es nicht fassen, wie die Gewchse auf die einsame Insel
gekommen, bis irgend ein Gelehrter sich ihrer erbarmet und mit gelehrtem
Gesichte ihnen erzhlt, wie Blumenstaub fliege in der Luft herum und dieser
Blumenstaub sich hnge an eines Vogels Flgel oder Beine. Nun geschehe es oft,
da diese Vgel durch mchtige Winde verschlagen wrden weithin ber den
unermelichen Ozean. Dann wrden sie mde, und wo sie festen Boden erblickten,
ruhten sie. Nun falle der Blumenstaub ihnen von den Fen, keime, sprosse, und
nach wenig Jahren sei auf der wsten Insel ein blhend Leben. Dem fliegenden
Blumenstaube gleichen alle Worte; sie sind Geister der Lfte, fliegen im Winde,
hngen in Menschenohren sich, lassen sich tragen, wohin ihre Fue gehen, lassen
sich absetzen, wo sie stehen und sitzen, keimen und wuchern, und wer sie
hergetragen, vergit man. Wer spter ihren Wuchs sieht, wundert sich, errt das
Geheimnis nicht, wei nicht, wie lange solche Geschichten wachsen und fort und
fort wachsen weit, weit von dem Leben weg, in welchem sie sich zugetragen haben
sollen; er wei nicht, wie leicht lange Geschichten sprossen knnen aus einem
geflgelten Wort, das in eines Bettlers Ohr sich hngt.
    So wurde jetzt viel geredet allenthalben von der unglcklichen Familie, denn
gar zu oft flogen solche gefhrliche Luftgeister, die so gerne hngen bleiben,
ums Haus herum. Und je weniger man vorher Ursache gehabt hatte, ber sie zu
reden, um so mehr redete man jetzt und entschdigte sich gleichsam fr das
frhere Schweigen, so wie die, welche zu fasten belieben, sich auch durch desto
mchtigeres Essen entschdigen, wenn die Fasten zu Ende gegangen.
    Mehr oder weniger mochten es ihnen alle gnnen. Da sehe man jetzt, sagten
die Leute, die htten immer besser sein wollen als Andere, und wegen fnftausend
Pfund tten sie so ntlich. Wenn sie ein solches Vermgen htten wie jene, sie
wollten nicht nebenume luegen, aber da sehe man jetzt, da sie das Geld noch
lieber htten als andere Leute und da sie nur die guten Leute machten, wo sie
es mit ein paar Birenschnitzen und ppe einer Handvoll Mehl zwegbringen knnten.
Nein, die htte man so weit und breit gerhmt und bsunderbar viel auf ihnen
gehalten, aber wegen fnftausend Pfund schmten sie sich doch, so wst zu tun.
    Die Weiber absonderlich konnten ihre Freude nicht verbergen. Wegen Christen
sei es ihnen leid, sagten sie; mit dem knnte jede vernnftige Frau nachkommen,
und Manche wre froh, der Ihrige wre nur halb so gut wie Christen. Wenn man mit
ihm zu reden komme, so sei es nicht, da er die Sache nicht verstehe, so
ausbndisch knne nicht Mancher ber alles Bescheid gehen wie er. Aber nni, der
Grnne, mchten sie es gnnen, der geschehe es vom Tfel recht. Die habe
gemeint, sie habe die Weisheit mit Kaffeechachelene trunke, habe alle Weiber
verachtet, mit keinem Gemeinschaft haben, weit und breit die Beste sein wollen,
habe die armen Leute auf begehrisch gemacht, da man ihnen nicht genug habe
geben knnen. Ja sie seien imstande gewesen, ihnen das Brot wieder zu Fen zu
werden und zu sagen: Sie sollen es dem Hund geben, wenn er es mge, sie wten
einen Ort, wo man fr arme Leute Brot htte, das sie essen knnten. Die htte
gemeint, sie htte kein Fleckli nirgends und es solle kein Mensch etwas ber sie
sagen und der liebe Gott knnte seine Beine nicht stille halten im Himmel vor
Freude, da einmal so eine in den Himmel kme, und jetzt knne man sehen, wie
die eigentlich seien, wo besser sein wollen wie alle Andern. Sie htten schon
lange gesagt, wenn der nicht etwas auf die Nase werde, so wsse man nicht, ob
man noch an eine Gerechtigkeit glauben solle oder nicht. Aber wohl, jetzt sei es
gekommen; an der Hlfte htten sie mehr als ds Halbe zviel, und es knnte sie
jetzt bald noch dauern. Aber wunder nhme sie es, ob nni jetzt Die Milch
hinuntergelassen und ob es jetzt mit Leuten wie sie sich abgeben mchte. Aber
jetzt mchten sie auch nicht. Seien sie ehemals nicht gut genug gewesen, so
wuten sie jetzt auch nicht, warum so eine jetzt ihnen gut genug sein sollte.
    So rsonierten die Weiber; die Mnner machten es etwas krzer, und nneli
fand vor ihnen mehr Gnade als Christen. Da mte man doch blind sein, wenn man
nicht wte, wer den Wagen in den Hag gefahren und jetzt nichts mit ihm
anzufangen wte. Es sei bei einem so groen Hofe nichts verderblicher, als wenn
man immer um eine Arbeit hintendrein sei. Das sei gerade, wie wenn man an einem
Morgen nicht auf mge und am Abend nie nieder knne. Drben aber gehe es so, und
daran sei Christen schuld. In der Haushaltung, welche nneli regiere, da habe
alles seine Zeit, und man habe nie gehrt, da die Diensten nicht zu rechter
Zeit essen knnten. Und was nneli unter seinen Hnden habe, das suche es zu
guter Losung zu bringen, whrend Christen nichts aus den Hnden lassen knne und
im Handel ein rechter Fsel sei, jeder Schulbub mge ihn. Sie wollten mit nneli
wohl nachkommen, es sei eine manierliche Frau, und wenn eine einen solchen Mann
htte, so nehme es sie nicht wunder, wenn sie zuweilen auch ein Wort dazu sagen
wolle. Es wre wohl gut und kme Manchem wohl, es wrde keine schlimmeren Weiber
geben als nneli.
    Dann sagten wohl die Weiber: Es gebe keine wstern Hng als das Mannenvolk;
es brauche eine nur wst zu tun, so gefiele sie allen wohl. Es gelstete sie,
den Mnnern es zu zeigen, wie einem sei bei so einem nni; es nehme sie wunder,
ob sie nicht bald aus einem andern Loche pfiffen. Aber es sei ein wst Volk, und
alles sei ihnen recht, auer was ihre eigene Frau tte; die knnte es ihnen in
Gottes Namen nicht breichen, sie mge es anfangen wie sie wolle.
    Dieses Gerede tat aber niemand mehr weh als Resli. Alles andere htte er im
Stillen ertragen wollen, wenn nur das nicht gewesen wre. Ihm war es immer im
Gemte, als wrde des Dorngrter Bauern Tochter noch nach ihm fragen, als mte
sie vernehmen, wo er daheim sei. Und wenn sie jetzt fragte, was vernahm sie? War
nicht der alte, berhmte Name dahin? Mute es nicht heien: Da gehe es nicht
mehr gut. Lauter Streit und Zank sei im Hause, und wenn nicht Reichtum dagewesen
wre, so ginge es nicht mehr lange. Jetzt mchte es noch ein Weilchen halten,
aber immer knne das nicht so gehen. Es mte eine da zweimal luegen, ehe sie
hineintrappe, sonst nehme sie einen Schuh voll heraus. Aber ppe ein rechtes
Meitschi, das noch nicht zu uerst am Hag sei, werde sich wohl hten. Er wute
wohl, da ein Name, welcher durch mehrere Geschlechter whrend einem ganzen
Jahrhundert erworben worden war, in wenig Jahren ganz dahin gehe, und wer mute
es ben als gerade er, der auf dem Hofe blieb! Es kam ihm immer mehr vor, wenn
schon zehntausend, ja zwanzigtausend Pfund verloren gegangen und nur der Friede
geblieben wre, so wre er glcklich und wollte kein Wrtlein klagen. Es schien
ihm, als wrde ein Verlust alleine das Meitschi nicht abschrecken; in ein Haus
aber, wo nur Streit und Zank sei, da hinein wurde es um alles in der Welt nicht
gehen; das, meinte er, habe er ihm wohl angesehen. Je lnger je weniger durfte
er daran denken, sich im Dorngrt zu zeigen. Jena Sonntag war ihm ein schner
Traum, der ihm aber oft das Wasser aus dem Herzen herauf in die Augen trieb. Er
trug lange sein Leid alleine und meinte immer, die Mutter msse in einer guten
Stunde ihm dasselbe ansehen und darum fragen; dann wolle er es ihr in der Liebe
sagen, alles, was er auf dem Herzen htte. Vielleicht knne sie es einsehen, wie
es ihren Kindern auf diese Weise viel zu bel gehe. Aber die Mutter fhlte nur
ihr Leid, hatte keine Augen mehr fr Anderer Leid, und die gute Stunde kam ihr
nicht.
    Endlich vermochte Resli sein ganzes Leid nicht mehr in sein Herz zu fassen,
er klagte dasselbe seinem Bruder. Dieser hatte ihn als einen Gnstling
betrachtet, und da er ihn im gleichen Spital krank fand, wallte auch das gleiche
Mitleid, welches er mit sich selbsten hatte, fr den Bruder in ihm auf, und
Beide wurden rtig, da es je lnger je schlimmer gehe und da man da zu helfen
suchen msse, wie man knne und mge. Man msse den Eltern, wenn sie zu kifeln
anfingen, abbrechen, meinten sie, und ihnen sagen, das trage nichts ab, als da
sie verbrllet wrden. Wenn man es ihnen in der Manier sage, so wrden sie es
wohl annehmen und merken, da sie unrecht htten, bsunderbar wenn man dem,
welches eigentlich die Urhab sei, zeige, da es unrecht htte und sich doch um
Gottes und der Kinder willen besnftigen solle. Das fanden sie fr das Beste,
und als Christen noch an Reslis Liebe teilnahm und sagte, es msse nicht zu
machen sein oder Resli msse des Dorngrtbauern Tochter haben, er wolle in den
nchsten Tagen um das Dorngrt herumstreichen, und wenn er das Ntige vernommen,
ins Haus selbst zu kommen suchen, um zu sehen und zu hren, wie es um das
Meitschi stehe: da war Resli wieder voll guten Muts und meinte, svli bs seien
doch die Eltern nicht, und wenn sie sehen, wie es ihnen daran gelegen sei, so
wrden sie sicher schon sich Gewalt antun, sie htten allweg noch ein Herz fr
ihre Kinder.
    Dem Annelisi sagten sie nichts davon. Sie betrachteten es halb wie ein Kind
und halb wie einen Hinters, welcher vor Zeiten in Gemeindssachen auch nichts
zu reden harre. Bauernshne haben es fast wie die Katzen, welchen man es
nachredet, da sie sich mehr an die Huser als an die Leute schlossen und
hingen, whrend die Mdchen es haben wie die Tubchen, welche alle Tage ins
Weite fliegen und ob fremden Tauben ihr Huschen vergessend ihnen gerne folgen.
Die Shne sind die Aristokraten, die Mdchen die Radikalen; die Erstern meinen,
es gehre ihnen alles von Rechts wegen, die Letztern flchten sich je eher je
lieber in fremdes Land, um unter fremdem Schutz desto sicherer und mchtiger
gegen die brderlichen Aristokraten aufzubegehren und aus ihren Klauen zu reien
so viel wie mglich.
    Die Brder hatten Annelisi recht lieb, aber weil es zuweilen etwas
guggelhaft tat, so trieben sie oft ihr Gesptt mit ihm und sahen es so
gleichsam ber die Achseln an. Annelisi, welches sich wohl bewut war, da es
nicht auf den Kopf gefallen sei und so gute Gedanken htte als irgend ein
Meitschi, nahm das bel und vergalt den Brdern ihr vornehm Wesen durch manche
Spottrede, manche Neckerei und verrtschte sie wohl zuweilen bei Vater und
Mutter; kurzweg gesprochen, es tat recht radikal gegen sie, wessen sie sich aber
wenig achteten, sondern nur noch vornehmer gegen Annelisi wurden.
    Wie gut Christen und Resli es auch meinten, gut kam es ihnen nicht. Die
Eltern verstunden sie nicht; es ging ihnen, wie wenn Unkundige in einer Wunde
herumfahren oder in eine Beule stechen, welche noch nicht zeitig ist. Sobald sie
in das Gekifel der Eltern reden wollten, so wurden sie an die alte Haussitte
gemahnt, seit wann es der Brauch sei, da Kinder hineinwelscheten, wenn Eltern
mit einander redeten. Die guten Eltern dachten nicht daran, da wenn man Die
Sttzen wegnehme, das ganze Haus umfalle, und da wenn sie selbst das erste
Bedingnis, vor den Kindern nicht zu worten, verletzten, die Kinder auch um den
alten Respekt kmen, und da wenn Eltern vor den Kindern sndigen, die Liebe die
Kinder treibe, die Eltern zurckzuweisen, so gut als sie auch die Eltern treibt.
Der Witzigere wehrt ab, wenn nun die Kinder die Witzigern werden, sollen sie
nicht auch abwehren?
    So verstunden es aber die Eltern nicht, sahen nicht, da sie nicht mehr die
Alten waren, sondern krank geworden, die Kinder aber die alte Lebenskraft seien,
welche sie wieder zur alten Gesundheit bringen mochte. Wenn nun die Kinder zum
Schweigen gewiesen wurden, so wollten sie sich entschuldigen und sagten: Aber
Vater, es dnkt mich doch, es sei nicht der wert, so bs zu werden, oder: Die
Mutter habe recht; wenn man es so machen wrde, wie die Mutter sagte, es kme
besser, oder: Der Vater hat doch auch etwas recht; man kann in Gottes Namen
nicht immer machen, was man will, man mu sich zuweilen auch nach den Umstnden
richten Das ging dann noch tiefer; was Entschuldigung sein sollte, nahm das
Eine als Billigung, das Andere als Mibilligung. So etwas whrend dem Streit ist
l ins Feuer, und zugleich kam dasjenige, welches mibilligt sich glaubte, in
den Wahn, die Kinder hielten es mit dem Andern, glaubte sich unterdrckt, wurde
nur hssiger und bser, der Streit ward hufiger, giftiger, lauter. Resli, in
seinem Ttigkeitstrieb vom Vater zurckgewiesen, der Mutter Wohlttigkeitssinn,
des Hauses Ehre, notwendig achtend und auch innerlich ihn teilend, entschuldigte
sich fters damit: Es dnke ihn doch, man sollte zuweilen auch darauf achten,
was die Mutter sagte. Das machte den Vater immer bser ber Resli, und laut
klagte er ber ihn, da er nicht warten mge, bis er den Lffel aus der Hand
gegeben; er stecke hinter der Mutter und weise sie auf, und wenn er nicht wre
es ginge alles besser. Er merke wohl, was abgekartet sei und da er den Hof
abtreten sollte, aber das tue er nicht, solange er ein Glied rhren knne.
Annelisi, Reslis natrlicher Gegenpart und nicht in die Absicht der Brder
eingeweiht, nahm des Vaters Partei und sobald Resli den Mund auftat, mischte
sich auch Annelisi ein, oft noch ehe es wute, wovon die Rede war. Wenn die
Mutter es schweigen hie, so begehrte der Vater um so lauter mit Resli auf, und
wenn spter Resli mit Annelisi alleine war, so drohte er ihm, wenn es noch
einmal den Mund auftue, so nehme er es bei den Zpfen und fhre es zur Stube
aus. Er wolle ihm zeigen, was es sich in alles zu mischen htte, und es sollte
sich schmen ins blutige Herz hinein, ein Wort gegen die Mutter zu sagen. Tue
es nur, antwortete ihm dann Annelisi, wenn du darfst und du meinst, du httest
alleine das Recht zu reden! Aber das Haus ist noch nicht deins, und solange ich
in der Krze sein mu, will ich das Recht haben, zu reden, was ich will, hrst
du, so gut als du. Und es nimmt mich wunder, ob du dich nicht noch mehr schmen
solltest, so auf dem Vater zu sein, du solltest doch wohl sehen, was er zu
leiden hat von der Wunderlichkeit da Mutter. Was, Wunderlichkeit der Mutter,
schrie Resli, es nimmt mich wunder, wer wunderlicher sei, der Vater oder die
Mutter! So gings, und oft war es nahe dabei, da Die Beiden sich in die Haare
gefahren wren, wenn der ltere Bruder nicht gemittelt htte.
    So ward, was zum Frieden dienen sollte, ein neues Reizmittel zum Streit, wie
es ja auch bei groen Brnden geschieht, da Feuerspritzen, welche man zur
Rettung eines Hauses in eine Gasse gestellt, das Feuer leiten vom brennen, den
Hause ins Nachbarhaus, weil, durch die Hitze angesteckt, sie selbst in Brand
geraten. Statt da da Eltern Streit aufgehrt htte, ri Streit unter den
Geschwistern ein, und ein Streit nahm Nahrung aus dem andern Streit. So ward das
Leben immer trbseliger, und es erleidete nneli oft so dabei, da es zu Gott
betete, er mchte es doch sterben lassen, und Christen ging es nicht besser.
    Einmal, es war am Sonntag vor Pfingsten, am ersten heiligen Sonntag, dnkte
es Christen, er mchte noch Kuchen zum zMorgenessen. Sie hatten am Samstag
gebacken und nach blicher Sitte Kuchen gemacht fr das ganze Hausgesinde ber
den Tisch weg. Dies geschah gewhnlich in so reichlichem Mae, da immer brig
blieb und manchmal spter den Rest niemand essen mochte. Diesmal kam Christen
die Lust an, es war, als ob der Teufel ihn stpfe, wie man zu sagen pflegt, oder
ob er zwei Bettlerweiber vom Hause weggehen sah, ich wei es nicht. Denn die
sind auch frh auf, und je lnger je weniger soll man den Bettlern Faulheit
vorwerfen, hoschen und doppeln sie einem ja manchmal schon vor fnf Uhr an der
Tre.
    Genug, Christen wollte zu seinem Kaffee Kuchen haben, und nneli sagte:
Kuchen ist keiner mehr, aber ich will dir lings Brot holen. He, das wre
kurios, wenn kein Kuchen mehr da wre, sagte Christen, es ist ja gestern noch
so viel brig geblieben. Gehe du, Annelisi, du wirst wohl noch finden. Du hast
gehrt, sagte nneli, es ist keiner mehr, und du brauchst das Meitschi nicht
zu schicken, wenn ich es dir sage. Aber wo ist denn der Kuchen hingekommen?
fragte Christen. Er ist einmal nicht mehr da, sagte nneli. So, geht das nun
so, brach Christen los, fressen einem Die Bettler den Kuchen vor dem Maul weg?
Brot ist nicht mehr gut genug fr sie. Es wird bald dahin kommen, da wir nicht
einmal Brot mehr haben, wenn die Bettler uns den Hof gefressen. Aber so geht es,
wo die Frau den Bettlern die Sache besser gnnt als dem Mann und den Kindern.
Ich wei gar nicht, warum du heute Kuchen willst, sagte die Frau, das ist nur
um zu zanken, es ist manchmal brig geblieben und du hast keinen begehrt, so da
er zuschanden gegangen wre, wenn ich ihn nicht weggegeben htte. Wenn ich dir
anbot, hast du gesagt, du liebest alten Kuchen nicht. Selb ist nicht, sagte
Christen, aber du begehrst mich auf Die Gasse zu bringen oder ins Grab, du - .
Vater, Vater sagte Resli, denket, es ist heute heiliger Sonntag, und was
werden die Leute sagen, wenn sie hren, da wir wieder Streit haben. Aber was
braucht die Mutter den Kuchen fortzugeben, sagte Annelisi, sie htte doch wohl
denken knnen, der Vater nehme noch. Und was hast du dareinzureden, sagte
Resli, die Mutter hat gewut, was sie zu machen hat, ehe du dagewesen bist.
Ich habe so gut das Recht, dareinzureden, als du, sagte Annelisi, und lasse
mir von einem Solchen, wie du einer bist, nicht befehlen. Wie bin ich denn
einer? fragte Resli. He, einer, da wenn man mit den Schuhen an ihn gekommen
wre, man sie wegwrfe aus Grusen, man sei vergiftet. Wart, du Tsche! rief
Resli und wollte hinter das Meitschi her. Das floh hinter den Vater und brllte
jmmerlich, der Vater donnerte auch. Da tat die Mutter, welche hinausgegangen
war, als Resli vom heiligen Sonntag redete, die Tre auf, welche aus der Kche
in die Stube fhrte, und sagte: Eh Resli, denkst du jetzt auch nicht an den
Sonntag und schmst dich nicht vor den Chilerleuten, sprichst Andern zu und
kannst dich selbst nicht halten? Das schlug Resli wie mit einem Zaunstecken. Er
sagte: Vater, zrne nicht, mit dir wollte ich nicht streiten, und wenn ds
Meitschi sagen darf, was es will, so ists mir auch recht, wenn du es erleiden
magst, und ging zur Tr hinaus.
    Es war eine gestrte Haushaltung an selbem Morgen. Sobald der Streit anging,
hatten die Diensten sich fortgemacht, und als Resli hinausging, machten sich
auch die Andern fort, eines hier aus, das Andere dort aus, fast wie eine Bande,
die ob bser Tat gestrt worden, und Keines kehrte in die Stube zurck, das
zMorgen blieb auf dem Tische fast bis zMittag. Niemand lie sich herbei, es
wegzurumen.
    nneli wollten Reslis Worte, was die Leute sagen wrden, nicht aus dem Kopf.
Was werden sie erst sagen, wenn heute an einem heiligen Sonntag niemand in die
Predigt geht? Da erst werden sie uns verhandeln und allerlei lgen, warum wir
nicht gegangen. Jemand mu doch gehen. Aber nneli fand niemand, den es senden
konnte; es mute, wenn ihr Haus reprsentiert sein sollte in der Kirche, Hand an
sich selbsten legen, das heit sich des Hauses, in welches es wollte, wrdig
kleiden. In ungestrter Einsamkeit vollbrachte es sein Werk, und es kam ihm
wohl, da es zu demselben nicht fremde Hnde brauchte; aber die Mutter hatte es
von Jugend auf gelehrt, da der Mensch sich selbst msse helfen knnen in allem,
was tglich ihm zur Hand kme. Dafr htte Gott einem die Hnde wachsen lassen,
ber die man einsten auch Rechnung ablegen msse wie fr jedes andere erhaltene
Pfund.
    nneli pressierte nicht, es begehrte nicht der Menge sich anzuschlieen,
welcher oft das, was vor und nach der Predige auf dem Kilchweg geredet wird,
wichtiger ist als die Predigt selbst; sein Gemt drngte es nicht zur
Mitteilung, und fr Anderer Angelegenheiten hatte es keinen Platz, es war voll
eigenen Leids.
    Eine halbe Stunde weit hatte nneli zur Kirche, und niemand war auf ihrem
Wege, denn heute eilte alles, um noch Platz zu finden. Gar seltsam war ihr
zumute, so einsam und schauerlich, als ob sie pilgern sollte weit, weit weg und
wte kein Ziel, wte keine Heimat mehr, und alle seien vorausgezogen und
niemand wartete ihr, alleine mte sie pilgern, weit und immer weiter. Noch
tnten die Glocken, die ihr sagten, wo die Andern seien, aber sie verhallten
bald, und stille wards. Sie hrte nichts als ihre eigenen Tritte, nicht einmal
ein Hund bellte im Tale; so stille mute es im Grabe sein. Und wenn sie nun
alleine wre in der Welt, fnde keinen Menschen mehr im Dorfe, keinen in der
Kirche, keinen mehr in der ganzen Welt, und alle wren fortgezogen durch das
unsichtbare Tor, zu welchem der Herr einzig den Schlssel hat! Da schwollen von
der Kirche her feierliche Klnge und mchtige Tne rauschten auf, und nneli
faltete die Hnde, es war ihr, als wre ihr wieder Mut ins Herz gekommen, und
doch bebte sie in ihrer Seele, es war ihr, als hre sie aus den Tnen heraus
eine Stimme als wie eines Richters Stimme, die sie riefe vor Gericht.
    Angefllt war die Kirche, kein Platz schien mehr fr nneli da, sie stund im
Trwinkel. Sieh, wenn es dir so ginge, wenn du sterben wrdest, dachte sie, und
kmest unter des Himmels Tre, und kein Platz wre mehr da fr dich, und du
mtest stehen, mtest wieder gehen, weil kein Platz fr dich da wre, weil du
zu spt gekommen, alle vorangelassen im Wahne, du kmest noch frh genug. Und
wieder nun wuchs ihr Angst ums Herz, denn es gibt Augenblicke, wo unser Herz
angstvoll ist und alles auf sich bezieht, wo die Angst um die Seele zuvorderst
ist und alle Augenblicke die Augen voll Wasser sind. Da winkte ihr eine
Taunersfrau, welcher sie auch manche Guttat unters Frtuch gegeben; aber nneli
merkte es nicht, bis im nchsten Stuhl eine ihr einen Mupf gab und deutete. Da
sah sie, wie die arme Frau ihr ngstlich winkte, den Andern deutete, da sie
noch nher zusammenrcken sollten, und ihr dann ein Pltzchen frei machte im
Stuhle. So machte die arme Frau der reichen Platz in der Kirche, und diese trat
demtig nher und nahm jetzt auch eine Wohltat an. Wer wei, dachte nneli, wenn
ich so spt komme und voll Sndenschuld in den Himmel, wer wei, ob mir dann
nicht vielleicht auch eine arme Frau weichet, um ein Pltzchen fr mich bittet,
das ihre mit mir teilt, fr Weniges, das ich getan, mir so Vieles gibt. Dann
erfahre ichs, wie reich vergolten wird das Wenige, was man auf Erden an
Nebenmenschen getan. Und als sie neben die arme Frau niedersa, war es ihr fast,
als sitze sie neben ihren Engel und htte jetzt einen sichern Platz gewonnen,
und niemand werde sie aus demselben stoen, und ihr sei jetzt wohlgegangen in
alle Ewigkeit.
    Als der Gesang verklungen war, begann der Pfarrer zu beten, und die Gemeinde
stand auf. Es schmerzte nneli, vom erhaltenen Platze aufzustehen, wo ihr so
wohl geworden, als sei sie zur himmlischen Ruhe gekommen. Sie dachte, wie es
wohl einem sein mte, der den Himmel erlangt und wieder daraus weg mte, in
die Hlle vielleicht, wo Heulen und Zhneklappen ist ewiglich. Da zuckte es in
ihrem Herzen, als ob feurige Pfeile durch dasselbe fuhren, und vor ihr standen
die vergangenen Tage, und nach ihnen kamen die gegenwrtigen, und ber den
ersten stand Freude und Glck, und die letztern waren in Weh und Schmerz
gehllt, und sie fhlte in ihrem Herzen, wie es einem sein mu, der aus dem
Himmel in die Hlle mu. War sie ja auch in schaurigem Jammertale und sah ihrem
Elende kein Ende, und von hier weg, wo ihr so wohl geworden, mute sie in kurzer
Stunde wieder heim in Qual und Zank, in des Unfriedens graulicht Gebude. Mute
alleine dort wieder einziehen, von all den Hunderten kam niemand mit, keine arme
Frau, welche ihr ein still, friedsam Pltzchen bereitete; dort warteten ihrer
wieder die alte Not, das Elend, das nicht aus miratenen Ernten kommt und mit
den schlechten Jahren zu Ende geht, sondern das andere, das aus belberatenen
Seelen stammt und dauert so lange als der ble Rat in den Seelen, oft so lange
als die Seele selbst, ewiglich. Ach, mte sie doch nimmer heim, knnte sie ihr
mdes Herz doch legen an ein ruhig Pltzchen, wo es schlafen konnte, bis ihr
Pltzchen im Himmel bereitet sei.
    Da tnte in diese Gedanken hinein des Pfarrers Stimme, welcher den Text
verlas, der also lautete: Aber ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr
vom Gewchs dieses Weinstockes trinken, bis an den Tag, da ich es neu trinken
werde mit euch in meines Vaters Reich.
    Es war ihr, als htte der Pfarrer in ihr Herz gesehen und die Worte gerade
auf sie gerichtet, als eine schne Verheiung, da ihr Wunsch bald sollte
erfllet und sie befreit werden aus ihrem Elend und an ein ruhig Pltzchen
kommen. Sie freute sich des Sterbens, und doch kam eine unbeschreibliche Wehmut
ber sie. Sie dachte anfangs wohl: Mir ginge es so wohl und niemand bel, wenn
ich darausstellen knnte. Vielleicht, wenn ich einmal fort wre, merkten sie,
was ich gewesen und da ich nicht mehr da bin, und sie sinneten vielleicht noch
manchmal an mich, wenn an das nicht gesinnet wird und fr jenes nicht gesorget.
Sie wrden vielleicht denken: Es ist notti bel gegangen, da uns die Mutter
gestorben ist. Wrde aber wohl auch jemand weinen, wenn ich strbe, wenn sie
mich zu Grabe trgen und wenn die Erde polterte auf meinen Totenbaum? Mte wohl
Christen das Nastuch nehmen vor das Gesicht? Und Resli, was wrde der sagen,
wrde er fhlen, wie bel es ihm ginge, Ach, htte ich vor drei Jahren sterben
knnen, da wei ich, was sie getan htten; da wre es Christen gewesen, als
htte man ihm das Herz aus dem Leibe genommen, als mte er diesem Herzen nach
ins Grab. Und wenn ich jetzt sterbe, steht vielleicht niemand an meinem Bette,
und wenn sie mich tot finden, so ists ihnen, als sei ihnen ein Berg vom Herzen
gefallen und der Stein des Anstoes verschwunden. Ach Gott, wenn meine Mutter
wte, wie es mir ergeht und da ich ein solches Ende nehmen wrde; das htte
ich keinem Menschen geglaubt, und habe ich gemeint, wenn ich einmal sterbe, so
msse es heien: Wir haben noch nie eine Leiche gesehen, wo es so bel gegangen
ist, alli sufer hei plret, man hat es fry wyt ghrt, das mue afe e Frau gsi
sy!
    Heie, heie Trnen siedeten in nnelis Herzen und sprudelten in reichen
Strmen ber ihre Wangen. Sterben als ein Stein des Anstoes, als ein Berg auf
aller Herzen, als eine Tre vor dem Glck, das war schrecklich, und hatte sie ja
immer das Gegenteil gewollt. Von wehmtigem Schmerz berwltigt, konnte sie fast
des lauten Weinens sich nicht enthalten, und der Schmerz verzehrte ihr alle ihre
Gedanken, und in die Finsternis ihrer Seele hinein tnte wieder des Pfarrers
Stimme.
    Sein letztes Mahl htte Jesus mit seinen Jngern gehalten; er htte gewut,
wann es das letzte wre, htte einen unvergnglichen Segen gestiftet an
selbigem, htte dieses Mahl uns hinterlassen als ein unverwelkliches Erbe. Wann
sein letztes Mahl jeder hielte mit den Seinigen, wisse Keiner, Keiner wisse
seinen letzten Tag. Es wre wohl gut, wenn jeder jedes Mahl als sein letztes
betrachtete, das er mit den Seinigen hielte, und so weit aus den Augen sollte
dieser Gedanke nicht liegen, denn wie mancher Hausvater sei am Abend als Leiche
auf seinem Bette gelegen, der des Mittags mit den Seinen am Tische gesessen, wie
manche Hausmutter htte mit dem Tode gerungen, whrend das Mahl, das sie
eigenhndig kochte, noch ber dem Feuer stund ungegessen, und wie mancher
Jngling sei nicht ber Nacht tut heimgebracht worden, der des Abends ppiglich
gelebt an seiner Eltern Tisch! Da wre wohl gut, wenn jedes jedesmal gedchte,
da es sein letztes sein knnte, da wurde es anders sich gebrden, wrde gerne
ein schnes Wort, eine freundliche Rede hinterlassen zu seinem Andenken, da es
nach langen Jahren noch heie: Ich kann es nicht vergessen, als es das
letztemal mit uns gegessen, wo kein Mensch ans Sterben dachte, da hat es noch
gesagt -. Ich habe seither manchmal gedacht, ob er etwas vom Sterben gefhlt.
Aber es ist seither oft mein Trost gewesen, da wenn er schon ungesinnet
gestorben ist, er doch so gute Gedanken gehabt hat.
    Aber wenn einer ber Tisch schlechte Reden gefhrt, den Geber alles Guten
gergert, whrend er seine Gabe geno, denket, wie mu es den Hinterlassenen
sein, wenn diese Reden ihnen einfallen, wie mu es dem Sterbenden sein im
Augenblicke des Todes, wo die Gedanken mit unbeschreiblicher Schnelle vor der
Seele wechseln, als ob sie das ganze Leben aufrollen wollten vor selbiger, wenn
er an seine Worte gedenket am letzten Mahle und was fr ein Andenken er den
Seinen hinterlt und was fr ein Zeugnis ber den Zustand seiner Seele!
    Oder wenn man gar in Streit und Zank die Gaben Gottes genossen, in Streit
und Zank auseinandergegangen ist, mit Groll im Herzen, mit bsen Gedanken in der
Seele vielleicht, mit bsen Wnschen auf der Zunge, und Gott rufet einen ab, er
kann nicht Friede machen, nicht abbitten, nicht zurcknehmen, er stirbt
unvershnt, was meint ihr, mu der Tod nicht wie ein zweischneidend Schwert in
seine Seele fahren, und wie mu es den Seinen sein, und mu es ihnen nicht
allemal, wenn sie zu Tische sitzen, in Sinn kommen, wie einer aus ihrer Mitte im
Unfrieden dahingefahren! Wohin?
    So sollte wohl jegliches Mahl in jedem Hause genossen werden als das
letzte, genossen werden, wie Die Kinder Israel das letzte Mahl genossen im
Diensthause des gypterlandes, zur Reise in die Wste bereit, so der Christ
bereit zur Reise ins wste Tal des Todes, welches zwischen unserem jetzigen
Lande und unserem gelobten Land gelegen ist. Aber der Geschfte des Tages, des
gemeinen Lebens Aufregung hindere dies, halte meist den Geist nieder, da er
nicht aufzuschauen vermge in die Gebiete des hheren Lebens. Aber eben darum
sollte man ja nicht versumen, wenigstens das Mahl, welches die Erneuerung ist
des Mahles, welches der Herr als sein letztes genossen, auch als ein
Abschiedsmahl von dieser Welt zu betrachten. Nicht nur als einen Abschied von
der Snde, sondern auch als einen Ab, schied von allen, welche uns angehren,
sollte man es betrachten, denken, man msse nach genommenem Mahle scheiden von
all den Seinen. Hat man fr sie gesorget? Seine Schuldigkeit an ihnen getan?
Welchen Namen, welches Andenken lt man ihnen? Scheidet man im Frieden? Folgen
ihre Trnen uns nach? Bleiben ihre Herzen bei uns? Das sind Fragen, die sich
stellen sollen vor unsere Seelen. Denket euch, zum letzten Male trnket ihr
hienieden mit den Eurigen vom Gewchse des Weinstockes, diesen Abend, wenn die
Sonne scheidet, schlage auch eure Abschiedsstunde, und stellet nun jene Fragen
vor eure Seele! Was waret ihr den Euren? Was hinterlasset ihr ihnen? Wie trennen
die Herzen sich, wenn heute abend der Abschied kmmt? Ich wei es, dieses fhrt
wie eine feurige Flamme in manches Herz, und manche Quelle innern Leids bricht
auf, und manchen dunklen Schatten werfen die Gewissen ber die Seelen. Denn den
Unfrieden kann man nicht leugnen, der Groll liegt auf den Gesichtern, der
gestrige, der heutige Tag knnen noch nicht vergessen sein, und was wir sind,
steht vor unserem Angesichte. Darum eilet und machet Friede, machet gut, holt
das Versumte nach! Den heutigen Abend werden wahrscheinlich die Meisten
erleben, wenn nicht das Gewlbe dieser Kirche einbricht, die Brcke dort nicht
unter euch zusammenbricht, aber das nchste Abendmahl, wer wird dieses erleben?
Drei Monate liegen zwischen diesem Mahle und dem nchsten Mahle; drei Monate
sind eine lange Zeit, vergesset nicht, wie Mancher vor einem Jahre im Laufe
dieser Monate ins Grab sank! Zhlet drauen die Grber; wenn ihr sie gezhlet,
so vergesset die Zahl nicht, traget sie heim und gedenket, da Der, welcher vor
einem Jahre so Viele ins Grab legte, der Gleiche geblieben und in diesem Jahre
ebenso Viele oder viermal so Viele zu diesen legen kann, sobald Er will! Warum
sollte euch diesmal die Reihe nicht treffen? Hat einer unter euch einen
Sicherheitsschein? Junge sinds und Alte, Starke und Schwache, welche des Herrn
Arm geschlagen, welche die Ihrigen dorthin gelegt. Fhlt ihr nicht, wie die
Vergnglichkeit durch eure Glieder schleicht, wie das Pochen eurer Herzen mir
recht gibt? Sumet nicht, holt nach, macht gut! Warum zgert eure Seele, den
heiligen Entschlu zu fassen? Ja, ich bin nicht schuld, sagen die Einen, der
Andere hat zuerst gefehlt. Ja, sagt ein Anderer, ich wei nicht, ob er Friede
machen will. Die Dritten: und wenn ich heute Friede machte, so wre es morgen im
Alten; und noch Hunderte solcher Sprche schleichen aus dem Hintergrunde der
Seele hervor; es sind die alten Leichentcher, welche ihr schon hundertmal
gebraucht, in welchen ihr jeden guten Entschlu zu begraben pflegt. Hat Jesus
auch Entschuldigungen gemacht im Garten Gethsemane? Machte er Vorbehalte, als er
sprach: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun? Machte er Ausnahmen,
als er sein Opfer am Kreuz vollbrachte? Er hatte keine Ausreden, machte aber
auch keine Vorbehalte, als er befahl, da man siebenmal siebenzigmal in einem
Tage vergeben, den Balken aus dem eigenen Auge ziehen solle. Darum gehorcht,
vershnt euch mit den Menschen, dann erst knnt ihr euch vershnen mit Gott;
vergebt euren Schuldnern, dann erst werden eure Schulden euch vergeben, rechnet
nicht mit den Brdern, wenn ihr nicht wollt, da der Herr rechne mit euch!
Zgert nicht, zaudert nicht; wie ein Dieb in der Nacht kommt der Herr. Glaubt es
doch! Der Bruder hat euch auch eine Rechnung zu stellen, sieht ebenso viel
Fehler an euch als ihr an ihm. Diese Rechnungen aber gleicht man mit Rechnen
nicht aus, da hilft nur Vergeben und Vergessen. Darum du, der du zum Altar
treten willst und weit, da dein Bruder zrnet, so la den Altar und vershne
deinen Bruder, dann erst komme wieder! Im Himmel ist ewiger Friede; wer im
Himmel ein Pltzchen will, darf nicht Streit auf Erden lassen, nicht Streit im
Herzen tragen. Darum reiniget euch, damit wenn der Herr kommt, ihr frhlichen
Abschied nehmen, auf Erden ein freundlich Andenken hinterlassen, im Himmel den
ewigen Frieden finden knnet!
    So sprach der Pfarrer, und die Worte tnten in nnelis Seele wider fast wie
Gottes Worte. Sie trafen Punkt fr Punkt ihre eigenen Zustnde und Gedanken, als
wenn ein allwissendes Auge sie in ihrer Seele gelesen htte, sie begegneten
jedem Stocken, jeder Ausflucht; Schlag auf Schlag erschtterte ihre Seele, sie
ward wie betubt, und als der Pfarrer schwieg, da schien es ihr, sie stnde an
eines tiefen, frchterlichen Abgrundes Rand, und eine Stimme hoch ber ihr sage:
Frau, Frau, deine Zeit ist um, rette deine Seele!
    Sie ging nicht zum heiligen Mahle, mit Andern verlie sie nach der Predigt
die Kirche unwillkrlich, von einer inneren Gewalt getrieben, obgleich sie
eigentlich angezogen war, um zum Tische des Herrn zu gehen. Aber eben es war nur
der Leib, welcher die rechte Kleidung trug, und da weigerte sich die Seele und
forderte auch das Kleid der Reinigung. Betubt, fast wie jemand, der aus groer
Todesnot gerettet worden, aber noch nicht wei, wie es gegangen und wo er ist,
ging sie nach Hause.
    Wie lange sie heimgegangen und was in ihrer Seele auf- und niedergegangen,
das wute sie ebenfalls nicht. Aber sie harten ihrer geharret, Resli stand auf
der Bsetzi, und seiner Stimme, als er frug: Mutter, kmmst du endlich und wo
bleibst so lange? hrte man es an, da er Angst um sie gehabt. Das Essen war
lngst zweg, Annelisi hatte gekocht und scho puckt in der Kche herum. Es war
die Verlegenheit des bsen Gewissens, das gerne sich entlastet htte, aber nicht
recht wei wie. Denn als die Mutter fragte, ob alles zweg sei zum Essen,
antwortete Annelisi ganz freundlich und mit viel mehr Worten, als ntig gewesen
wre. Noch fehlte der Vater; er sei zum Waldacker hinaufgegangen, hie es.
    Dort oben am Waldessaum sa Christen, und whrend der Himmel so heiter ber
ihm war, die ganze Erde lachte, war es ihm so trb im Gemte. So kann es nicht
mehr lnger bleiben, sagte er zu sich selbst; kein Essen ist mehr gut, Die
Kinder reden in alles, die Diensten stimieren einen nicht mehr; eins zieht hier
aus, das Andere dort aus, und zuletzt geht alles ber mich aus, und mit dem
Rcken kann ich ansehen, was ich vom Vater geerbt. Nein, so kann es beim Schie
nicht mehr gehen. Aber was machen? ZBoden stellen, da man einmal wei, wer
Meister ist, und wenn es sein mu, sie zuweilen in die Finger nehmen, das wr ds
Best, wenn die Kinder nicht wren. Aber man mu sich vor den Kindern schmen,
und dann liefen sie fort und der Lrm wrde nur grer. Die verfluchten
Bettelweiber mit der Geisel wegjagen, und wenn eine ins Haus schleichen wrde,
sie an den Zpfen hinausfhren, so gutete doch wenigstens das verfluchte
Verschleipfen. Aber was htte ich davon, als verbrllet zu werden im ganzen
Land, und wenn eine Frau verschleipfe will, so ist ihr der Ttschel nicht listig
genug. Scheide wre ds Krzest, und dann knnte ein jedes mit seinem Gelde
machen und husen, wie es wollte. Aber wie ginge es dann mit dem Weibergut? Wenn
ich das herausgeben mte, es tte mir notti weh. Und dazu htte ich eigentlich
gar nichts wider nni; wenn es nur weniger narrochtig tt mit dem Bettelvolk und
nicht meinte, es mute jeder Tsche aufwarten mit dem Hemd ab dem Leibe, und
weniger regieren wollte und mir die fnftausend Pfund nicht immer vorhielte, so
htte ich gar nichts wider ihns, im Gegenteil, es wre mir fast noch so lieb wie
ehemals. Denn daneben wre es ein Gutes in alle Spiel, htte Sorg zu allem, und
es sei kein Zeichen im Kalender, ber welches es nicht Bericht geben knnte.
ppe so Laster, wie die meisten Weiber damit behaftet seien, wte er notti an
nneli keines. Aber die fnftausend Pfund lasse er sich nicht vorhalten; er sei
nicht fr seine Freude Vogt gewesen, vermge sich dessen nichts, und wenn sie
einem Menschen weh tten, so tten sie ihm weh, und bsunderbar weil er sehe, da
auf diesem Wege man nicht mehr dazu kme, sondern noch um das, was man htte.
Aber zuletzt wre ihm an den fnftausend Pfund nicht mehr alles gelegen. Wenn
sie nur den vorigen Zustand wieder htten und nneli wrde wie ehemals, so
knnten seinethalb die fnftausend Pfund sein, wo sie wollten. Er knnte dem Bub
den Hof abtreten und in die Hinterstube gehen, aber er schme sich auch, schon
abzugeben und mit minderem Vermgen, als er ererbt; das wrde die Leute lchern,
und zudem daure ihn der Bub. Wenn sie mit dem ganzen Vermgen nicht fahren
mchten, wie sollte es denn der Bub machen knnen, wenn er den Geschwistern
herausgeben und dazu ihnen noch einen groen Schlei ausrichten mte? Und er
wte auch nicht, wie nneli das ausstnde. Man habe schon manches Beispiel, da
eine Mutter, wenn man ihr die Haushaltung abgenommen und sie zu nichts mehr
etwas htte sagen sollen, verhrschet worden seie im Kopf, und bsunderbar sei es
denen begegnet, die gewohnt gewesen seien, viel auszuteilen, und die nun auf
einmal nichts mehr zu geben htten. Er glaube nicht, da nneli das ausstnde,
wenn man ihm auf einmal alles abnehmen wrde, und daran mchte er doch nicht
schuld sein, es sei daneben doch noch ein Gutes gewesen. Nun habe man Beispiele,
da man mit ihnen umginge gerade wie mit Vieh. Nit, solange er lebte, wollte er
schon dafr sorgen, da es nicht geschehen wrde, aber man wisse nicht, wer
zuerst davon msse. Er wte eine Frau, die auch verhrschet worden sei, weil
man ihr alles eingeschlossen und sie zu keiner Sache mehr etwas htte sagen
sollen und nichts mehr geben, und die man jetzt, seit ihr Mann gestorben,
behandle wie ein Unvernnftiges, sie einsam und abgesondert einschliee und
niemand zu ihr lasse. Und doch sei es nicht, da die Leute es nicht vermchten.
Er mchte an solchem nicht schuld sein, solches msse einst abgebt werden an
beiden Orten, hienache und dortnache, und was die Kinder nicht alles ausessen,
das warte noch den Kindeskindern. Und selb mge er nicht. Resli tte es jetzt
freilich nicht, aber man wisse nicht, was er fr eine Frau erhalte, und was eine
Frau aus einem Menschen zu machen vermge, das wisse man auch nicht. Man habe
Beispiele, da aus den freinsten Burschen halbe Tfle worden seien vor Gyt und
Unverstand, wenn sie Weiber darnach erhalten htten. Ja, wenn es Wyb z'ungutem
geratet, so hat es siebe Manne use und dr Tfel knnt byn ihm ga Lehrbueb sy.
Aber was er anfangen wolle, das wte er wahrhaftig nicht, aber so stehe er es
nicht mehr aus.
    Bis hieher dachte Christen, nun versank er in tiefes, bewutloses Sinnen;
einzelne Glockenklnge, mit denen leise Winde ber den Wald her spielten,
weckten ihn. Es war das Zeichen, da der Gottesdienst zu Ende sei, und eine
Mahnung, wieder zu kommen am Nachmittage, damit der Same, welcher mit fleiiger
Hand ausgestreut worden sei, mit Ernst und Nachdruck eingeeggt werden knne in
den seltsamen Boden des Gemtes, wo der bessere Same so gerne sich verflchtigt
oder sonst nicht zum Leben kmmt. Ich sollte heim, dachte Christen, wenn ich zur
rechten Zeit beim Essen sein will, aber ich wei nicht, ich mag nicht, es ist
mir allemal, wenn ich dem Haus zu komme, wie wenn jemand vor dem Hause wre und
mit einem Stecken mir wehrte oder als ob etwas Bses, Grslichs gehen sollte,
da ich fast nicht dranhin drfte. Ehemals ist das doch nicht so gewesen, es ist
mir gegangen fast wie einem Schiff, wo der Flu immer strker unter ihm
dahinschiet. So habe ich immer strker laufen mssen und manchmal fast
springen, je nher ich meinem Hause kam. Da war es schn. Und wiederum sann
Christen, bis ihm laut der Wunsch entrann: Ach, wenn es nur wieder so wre!
Aber es wieder so zu machen, wute er nicht, kein Rat kam.
    Trbselig machte er sich nach Hause, und sein Trbsal war bald mehr bitter
und bald mehr wehmtig und bald mehr trotzig und bald mehr melancholisch, je
nachdem die Wolke gefrbt war, welche ber seine Seele strich. Aber die
Frbungen dieser verschiedenen Wolken sah man auf seinem Gesichte nicht, das war
ungefhr wie ein Holzstich, der die nmliche Frbung behlt, man mag ihn
betrachten, von welcher Seite man will, und wenn die Sonne scheinet oder wenn es
regnet. Es ist kommod und unkommod, ein solch Gesicht, aber Staatsmnner und
Spitzbuben wrden oft viel Geld darum geben. Freilich gibt es auch Staatsmnner,
welche es bereits haben, das sind dann aber sogenannte. Spitzbuben gibt es aber
sehr selten sogenannte, die unterscheiden sich von den Staatsmnnern eben
dadurch, da sie meist wirkliche sind.
    Dieses Gesicht brachte er heim, und mit diesem Gesicht setzte er sich oben
an den Tisch, und es war erbrmlich anzusehen, wie schnell und schweigend
gegessen ward, fast als ob jedes in einem Wespenneste se; aber es meinte
jedes, aus Christens Gesicht wrde Blitz und Donner brechen bei dem geringsten
Anla, wenn etwa ein Bettler hoschete oder ein Handwerksmann Geld wollte. Jedes
merkte, da es hinter dem Gesichte grollte und grte; aber da es naher dem
Weinen als dem Donner war, eben das sah man nicht. Freilich donnert man zuweilen
auch aus lauter Verlegenheit, weil man nicht mehr recht wei, wie man weint. Es
machte also ein jedes, da es wegkam so bald mglich, auch nneli nahm nur eine
Gablete oder zwei und suchte die Kche wieder. Das beelendete Christen aber
immer mehr, er wute auch nicht, da nneli nicht seinetwegen so schnell
abseitsging, sondern weil ihr immer das Weinen zuvorderst war und ihr Herz
berhaupt so voll, da sie meinte, es mte zerspringen. Er glaubte, sie sei
noch bse und kupe, und eben das sei das Unglck, da sie nie vergessen knne
und wochenlang die Sache wiederkaue, so da wenn er zufrieden sein mchte und
lngst alles vergessen, nneli das Alte immer wieder aufwrme, und das sei doch
ehedem ganz anders gewesen, und das sei noch rger, als wenn man am Sonntag
Schnitz und ein Mus koche und beides die ganze Woche durch wrme; so sei nicht
dabei zu sein, und das Leben erleide ihm.
    So bald mglich machte er sich auch vom Tische fort und stund lange drauen
auf der Bsetzi und wute nicht was machen. Er wre lieber daheim geblieben, aber
daheim frchtete er Streit, mochte mit nneli heute nicht alleine sein, er
wollte heute nicht mehr streiten, und doch war es ihm zuwider, wegzugehen.
Endlich ging er und war schon ein langes Stck gegangen, ehe es ihm einfiel, wie
und wo er seinen Nachmittag zubringen knnte. nneli hatte ihm aus dem
Kchenfenster zugesehen und gedacht: Bleibt er wohl oder geht er wieder? Wenn er
doch daheimbleiben wrde, wir wren alleine diesen Nachmittag, da wollte ich das
Herz in beide Hnde nehmen und es ihm leeren und mich unterziehen und um
Verzeihung bitten und ihm anhalten, da er nicht mehr so sei; es sei mir nicht
nur wegen mir und von wegen den Leuten, sondern bsunderbar wegen den Kindern.
Aber ums Bleiben durfte sie ihn nicht bitten, was wrde er denken, dachte sie.
Aber als er ging, als er nicht umkehrte, sie ihn nicht mehr sah, da scho ihr
das Wasser in die Augen wie vom Berge der Bach, wenn eine Wolke gebrochen ist.
Sie mute abseits.
    An schnen Sonntagen und besonders wo keine kleinen Kinder sind, ist es oft
einsam des Nachmittags um einen Bauernhof. Man kann zweimal ums Haus herumgehen,
man merkt nichts Lebendiges als vielleicht ein Schwein, das sich kndet, wenn
man dem Trog zu nahe kmmt, oder ein Pferd, welches durch den leeren Bahren
wiehert. Zuweilen sieht man beim dritten Mal einen Hans oder einen Peter, der im
Schatten eines Baumes wohl schlft, das Gesicht nach unten gekehrt, die Beine
aber vom Knie weg gen Himmel gestreckt. Sehr oft aber sucht man umsonst unter
den Bumen nach solchen Himmelszeigern, man mu am Hause hoschen, mu drei-,
viermal hoschen, stark, aber geduldig; dann kmmt endlich beim siebenten oder
achten Mal eine ingrimmige Stimme aus der hintern Stblistre: Doppelt neuer?
Es ist die Stimme der Buerin, welche sich vor dem Fliegenheer ins Hinterstbli
geflchtet hat, erst lesen wollte in einem geistlichen Buche, aber
unwiderstehlich gelockt worden war hinter den dicken Umhang ums breite Bett, wo
in der ungewohnten Stille bald ein seliges Schlfchen sie umfing, bis der
unwillkommene Doppler sie weckte. Nachdem sie denselben abgefertigt, sieht sie
ihm ein Weilchen nach, geht zum Brunnen, weckt sich durch einige Zge des
schnen, Blschen werfenden Wassers und macht dann die Runde ums Haus und in der
Hofstatt, bis es Zeit wird, das Nachtessen zu rsten, oder es sie gelstet,
privatim ein Kaffee zu machen.
    Fast ebenso htte es der Besucher auf jenem Hofe selben Sonntag getroffen,
alle waren ausgeflogen bis an nneli, das gaumete. Anfangs war sie, nachdem sie
hinter der letzten Jungfrau, welche ausflog, die Tre geschlossen hatte, auch
ins Hinterstbli gegangen, hatte den Kopf aufs Bett gelegt, aber nicht Schlafens
wegen, sondern weil er so schwer von Trbsal und Jammer war. Es war ihr, als
htte sie eine innere Gewiheit, da sie bald sterben mte, und im Streit
scheiden wollte sie nicht, kein Pltzchen im Himmel finden wollte sie nicht, wo
keine arme Frau ihr eines machen konnte, auch beim besten Willen nicht, wenn sie
nicht vershnt zur Himmelstre gekommen. Wie sollte sie es anfangen, Frieden zu
machen? Christen schien alle Tage verstockter und unvershnlicher, und nicht das
mindeste Wrtlein nahm er von ihr an. So sann und weinte sie trostlos lange, bis
ein Doppeln an der Haustre sie strte. nneli zgerte; eine Buerin erscheint
nicht gerne mit verweinten Augen unter der Haustre, es wre ihr recht gewesen,
wenn der Klopfende weitergegangen wre. Als derselbe aber nicht absetzte, so
erlaubte es dem nneli ihr gutes Herz nicht, zu tun, als wre gar niemand
daheim, wie es wohl oft geschieht. Ich mu doch gehen, wenn es etwa ein Unglck
wre oder jemand fr einen Kranken etwas wollte, ich mte mir noch auf meine
Letze ein Gewissen machen, und selb will ich doch nicht, dachte sie bei sich
selbst. Sie setzte die Kappe wieder auf, strich Die Haare zurecht, wischte mit
der feuchten Hand die roten Augen aus und ffnete. Da stund drauen der
Polizeier und begehrte eine Unterschrift.
    Eigentlich war es eine flotte Dampete, welche er im Sinne trug, in deren
Hintergrunde ihm ein tchtiges Glas Schnaps glnzte nebst dem dazugehrigen
Stck Brot wie ein Licht in dunkler Nacht. Denn so ein Polizeier ist oft neben
seinem Amte auch zugleich eine alte Frau, die sich mit Neuigkeiten Herumtragen
abgibt, mit dem Unterschiede jedoch, da er fr seine Mhe lieber Schnaps nimmt
als Kaffee, whrend eine eigentliche alte Frau den Kaffee mehr liebt. nneli
hrte ihn sonst nicht ungerne, und es geschah selten, da der Polizeier den Mund
nicht noch lange bald schleckete, bald abwischte, wenn er vom Hause wegging.
Diesmal war nneli nicht aufgelegt zum Dampen, ffnete nur den obern Teil der
Tre und diesen nur halb, sagte: Christen ist nicht daheim, du mut ein
andermal kommen. Die blichen Fragen: Wo ist er hin? Kommt er bald heim? Wenn
ich wte, da er bald kme, ich wollte warten, fertigte nneli kurz ab, und
als der Polizeier vom Wetter anfing und sagte, es sei schn und er traue, es
wolle einen Rung so bleiben, es wre gut, da sagte nneli: Es wr gut, aber ds
Beste ist, wenn man es nimmt, wie es kmmt. Du hast recht, sagte der
Polizeier, aber wenn mans knnte, du gute Frau du. He, man sollte es lernen,
sagte nneli und machte die ffnung in der Tre immer kleiner, so da der
Polizeier es endlich merkte, da er unwert sei und gehen knne. He, so will ich
ein Haus weiter, sagte er endlich traurig und sann, ehe er Adie sagte, noch
lange nach, wo er wohl Zeit zu einer Dampeten und ein Glas Schnaps dazu finden
knnte. Kaum war er dort abgesessen, so sagte er, was es wohl bei ds Bure in
Liebewyl wieder gegeben habe; wenn es denen dort gut gehe, so verstehe er sich
nicht mehr darauf. Die Buerin htte ganz verplrete Augen gehabt, und als er
nach dem Manne gefragt, da htte es ihn gednkt, sie mge es kaum hervor,
bringen, sie wte nicht, wo er sei und wann er heimkomme. Und er wolle doch
gefragt haben, wo eine rechte Frau sei, die nicht wte, wo der Mann sei!
    nneli aber hatte die Tre zugemacht, das Bett im Hinterstbli
zurechtgerttelt, ging zur hintern Tre aus, zog sie hinter sich zu, machte die
Runde ums Haus, besichtigte die Stlle, in welchen sie lange nicht gewesen war,
machte ihren Schweinen einen Besuch, und sie begrten sie freundlich mit
Grunzen und Schnrfeln und erhielten zum Dank dafr einen Armvoll grnes Gras in
den Trog. Von dort trappete nneli in die Hofstatt hinaus, trappete von Baum zu
Baum, freute sich des Segens, der so reichlich die Bume schmckte, dachte bei
jeder Sorte, fr was sie wohl gut wre, und wie ein Feldherr die Truppen zur
Schlacht, so ordnete nneli die smtliche Masse nach ihrem Wert und Dienst, zum
Behalten, zum Verkauf, zu Schnitzen und zu Btzi, zu Most und zu Branntwein, kam
unvermerkt zum Flachs, der dicht und schlank emporwuchs, dem Hanf nachstrebte,
der hochmtig auf ihn herabsah. So kam nneli immer weiter, von einem zum
Andern, und alles war ppig und schn, und als sie am Rain hinterm Hause das
Ganze bersah, da hpfte ihr das Herz fast vor Freude, denn so schn hatte sie
noch nie alles gesehen, und einen schnern Hof gebe es doch nicht, dachte sie.
Aber da kam schon wieder der Jammer, gerade wie in nassen Jahren nach jedem
Sonnenblick ein nur um so rgeres Regenwetter kmmt. Das alles ist unser, und
wie gut Hndel knnten wir nicht haben, und jetzt, wie haben wirs! bler zweg
sind wir als die rmsten Kacheler und Hftlimacher, und nicht wegen der Armut,
wir htten Sachen genug fr uns und ppe auch fr unsere Kinder, aber da
inwendig ists nicht gut, da hat bs Wetter alles verherget.
    nneli setzte sich nieder, sah ber das reiche Land hinweg, sah, wie alles
im reichsten Segen prangte, vom Tale weg bis hinauf zu den Gipfeln der Vorberge,
sah, so weit das Auge reichte, den Himmel rundum sich senken den Spitzen der
Berge zu, sah ihn umranden den Kreis, welchen ihr Auge erma, sah, wie da eins
ward der Himmel und die Erde, und von dieser Einigung kam der reiche Segen, kam
der Sonne Licht, kam der Regen, kam der geheimnisreiche Tau, kam die wunderbare
Kraft, welche Leben schafft im Schoe der Erde. Es ward dem nneli ganz eigen
ums Herz, als sie diese Einigung zwischen Himmel und Erde erkannte und wie eben
deswegen alles so schn und herrlich sei und so wunderbar anzuschauen, weil
Friede sei zwischen Himmel und Erde, der Himmel seine Flle spende, die Erde den
Himmel preise. Und sie dachte, ob denn eigentlich der Himmel nicht alles
umranden sollte, nicht blo die Erde, sondern auch der Menschen Leben, so da
wenn die Jahre ihn drngen an der Erde uersten Rand, vor ihm der Himmel offen
liege. Darum auch alle seine Verhltnisse ein jegliches zum Berge wird, auf den
der Himmel sich senket und aus dem er in den Himmel steigen kann. Ja, jeder Tag
des Lebens, ein kleines Leben fr sich, sollte der nicht im Himmel beginnen, und
wenn wir einen heien Tag lang gewandert sind, der Abend kmmt und der Schlaf
ber die mden Augen, sollten wir da nicht Herberge halten, wo der Himmel die
Erde berhrt und die Engelein auf- und niedersteigen und Wache halten ber den
schlafenden Pilgrim, der im Herrn entschlafen ist, damit wenn die Sonne wieder
kmmt, er wohlbewahret im Herrn erwache, gekrftigt in himmlischer Ruhe zu
irdischer Geschftigkeit? Und hatten wir es nicht ehedem so? frug nneli sich.
Wenn die Nacht kam, am Ende des Tages die Ruhe winkte, hoben wir da unsere
Seelen nicht hinauf und suchten in Gott und mit Gott Friede und Ruhe und lieen
dahinten der Erde Elend und versenkten ins Meer des Vergessens bse Gedanken und
jegliches Nachtragen? Da ward uns wohl, und jeden Morgen nahmen wir den Segen
Gottes mit in den Tag hinein, und jeden Abend legten wir ab, was die Erde
Unreines an uns gebracht. Jetzt aber legen wir nichts mehr ab, legen uns
schlafen mitten in Not und Elend, in Groll und Gram hinein, und bse Geister
kommen in der Nacht und nhren in wilden Trumen Gram und Groll. Und am Morgen
scheint keine helle Sonne einem ins Gemt hinein, keinen Segen Gottes nehmen wir
in den jungen Tag hinein, sondern das alte Elend, die alte Not, welche ber
Nacht noch gewachsen sind und wachsen von Tag zu Tag, so da sie jeden Tag unser
ganzes Leben umranden, unser Auge keinen Himmel mehr sieht, wie in trben
Regen-, in schwarzen Gewittertagen auch nur dunkle Wolken auf den Bergen liegen
und kein Himmel zu sehen ist.
    Da ging nneli so recht klar zum erstenmal ihre Schuld auf, wie sie zu beten
aufgehrt hatte und wie von diesem Augenblicke an Groll und Gram gewurzelt seien
in ihren Gemtern, und was sonst jeden Abend vorberging, ein Bleibendes
geworden. Wohl hatte sie auch fr sich gebetet, aber das Gebet war nicht
hinbergeklungen in Christens Seele, hatte nicht mehr geebnet alle Anste, ja
es hatte sich immer weniger erhoben zu Gott, hatte die Seele im Dunkel ihres
Jammers gelassen, und immer mehr waren es nur Worte gewesen, die, wie Steine im
Flubette rollen, ihr ber die Zunge gerollt waren. Das Licht von oben luterte
ihre Seele nicht mehr, aber die Erde trbte sie jeden Tag mehr.
    So ging ihr auf ihre Schuld, und ihres Elendes Anfang suchte sie nicht mehr
im Verlust der fnftausend Pfund, welche mehr dem Manne als ihr zur Last fielen,
sondern im Zerreien des geistigen Bandes, welches so lange ihre Seelen in Treue
und Liebe zusammengehalten hatte, und dieses Zerreien war ihre Schuld. Diese
Erkenntnis, die fast wie ein Blitz durch ihre Seele fuhr, erschtterte nneli
tief. Das hatte sie nicht gesehen, nicht begriffen, und lag es ihr doch so vor
den Fen! Und diese Schuld htte sie beinahe mit sich ins andere Leben
genommen, mit sich genommen die Seufzer ihrer Kinder, denen sie ihr Leben
vergiftet und vielleicht auch ihre Herzen. Jetzt erkannte sie, wie man den
Splitter sieht in des Nchsten Auge, den Balken im eigenen Auge aber nicht. Ach,
wenn sie Gott mit dem Gerichte gerichtet htte, mit welchem sie oft ihren Mann
gerichtet!
    Eine unendliche Demut kam ber sie, sie sah, wie tief unten sie war, keine
Strafe schien ihr gro genug, und sie bat die Strafe nicht ab, sondern sie
fhlte einen innigen Wunsch, gestraft zu werden, eine Freudigkeit, jede Strafe
zu ertragen; es dnkte ihr, erst dann wrde es ihr wieder wohlen, wenn Gott sie
so recht zchtigte, dann erst wte sie, da Gottes Augen, von denen sie so
lange nichts gemerkt, wieder auf ihr ruhten, seine Hand wieder offen wre ber
ihr. Sie fhlte aber auch, da sie gut machen msse, was sie gefehlt, bekennen
msse ihre Schuld, es ward ihr so recht von ganzer Seele klar, da nur dem, der
seine Snden von Herzen bekenne, knne vergeben werden, und nicht nur so obenhin
einmal und in Bausch und Bogen bekennen, in der Hoffnung pltzlicher Vergebung
und Auswischens, sondern sie bekennen in der Liebe, die sich nicht verbittern
lt, die alle Tage die Schuld bekennet, ohne Vershnung zu erhalten, die im
Bekenntnisse verharret, auch wenn der Bruder das Bekenntnis mibraucht, sein
eigen Unrecht nicht erkennt, sondern alle Tage huft. Sie wute, da an ihr nun
alles lag, da sie der Angel war, um den des Hauses Schicksal sich drehte, da
sie die Hand ans Werk legen msse sonder Zagen und Zaudern, denn kmmt nicht der
Herr wie ein Dieb in der Nacht und fordert von seinem Knechte Rechnung ber
seinen Haushalt? Sie wute, sie mute vor allem aus das zerrissene Band wieder
anknpfen; das war ihr groes, ihr heiliges Werk.
    Man liest so oft von Helden, die bermenschliches vollbrachten, von
Mrtyrern, welche bermenschliches ertrugen; die Schwchern beben, die Khnern
glhen, wnschen die Tage wieder herauf, wo solchen Ruhm die Kraft erwarb,
verwnschen unsere Tage, die so geschliffen einherrollen, einer dem andern
gleich, dem Menschen nichts zu bieten scheinen als den Kampf mit der Langenweile
in diesen geschliffenen Zeiten und bei den durch sie geschliffenen Menschen. Es
ist eine Eigenheit des Menschen, da er die Gre und das Mchtige nur nach
Pfunden, Zahlen, Lngen und Breiten zu messen wei, da er frs Geistige keinen
andern Mastab hat als der Zeitungsschreiber fr seine Schlachten, deren Gre
er nach der Zahl der Toten berechnet und nach der Menge der getanen
Kanonenschsse.
    Nun aber gibt es Helden und Martyrer immerfort, und die Gelegenheiten dazu
kommen jeden Tag. Wo gttliche Kraft im Menschen ist, da sprudelt sie hervor,
und wo ist auf Erden die Quelle, welche nicht ihr Bett gefunden? Die chte Kraft
wei im Kleinen gro zu sein, der de Hochmut nur harret immer auf die
Gelegenheit, gro zu werden, und harret immer umsonst, und wenn eine Gelegenheit
zu Groem kme, so wrde er nicht gro werden, sondern gar jmmerlich klein, so
wie ein eitler Mensch, der in allen ngsten nach einem Titel ringt, sei es ein
geistlicher oder ein weltlicher, erst recht erbrmlich wird, wenn er denselben
erhaschet hat. chte Heldenherrlichkeit, groen Mrtyrersinn findet und sieht
man heute wie immer, man mu ihn nur zu erkennen wissen im Leben und nicht blo,
wenn er geschrieben angepriesen wird, man mu ihn nur zu suchen wissen in jedem
Lebensverhltnis und nicht meinen, er blhe nur auf Schlachtfeldern oder
Blutgersten.
    Diese Demut aber, die aus der Liebe stammet, Die alles ertrgt, alles
erduldet, sich nicht verbittern lt, die da, wo Gott sie stellet, ausharret bis
ans Ende, sei es zum Leben, sei es zum Tode, ausharret in dem Bewutsein, da
ber dem Menschen des Herrn Wille walte und dieser Wille ertragen werden msse
zur eigenen Shnung und Anderer Heil, im Grten wie im Kleinsten: diese Demut
ist der Sinn, der die Helden zeugte, aus dem die Martyrer hervortraten, der noch
jetzt Helden und Martyrer zeuget.
    Diese Demut kam ber nneli und dazu eine rechte Freudigkeit, alles
auszustehen, was Gott nur fr gut finde, und nicht nachzulassen, bis alles
wieder sei wie ehedem, wo die Mutter noch lebte. Und jetzt erst war es ihr, als
durfte sie so recht wieder an die Mutter denken, und es fiel ihr auf, wie sie
sie von Tag zu Tag mehr vergessen und in der letzten Zeit gar nicht an sie
gedacht habe. Jetzt hob sie ihre Augen zu ihr auf, und ein Friede kam ihr ins
Gemte und eine frhliche Zuversicht, wie sie sie lange nicht gefhlt. Das kmmt
von der Mutter, dachte sie, sie freut sich auch deiner und will dich aussteuern
zu deinem heiligen Werke, wie sie dich whrend ihres Lebens auch so manchmal
aussteuerte mit gutem Rat und lebendiger Vermahnung.
    Als nneli so auf dem Berge gerungen und gesieget hatte und sie die Augen
aufhob, da schien ihr alles noch viel schner als sonst, und der Himmel schien
ihr nicht nur Die Erde zu umranden, sondern sich auf dieselbe gesenket, mit ihr
verwoben zu haben, Himmel und Erde eins zu sein. nneli wute es nicht bis
jetzt, da wenn der Himmel sich hinuntergelassen hat ber unser Gemt, wenn er
inwendig in uns ist, unser Fu jeden Ort, den er betritt, zum Himmel heiliget.
    Gekrftigt, wie neu geboren, stieg sie zum Hause hinab. Freundlich
bewillkommen sie Tauben und Hhner, folgen ihren Schritten bis zur Kchentre,
harren dort, bis sie ihnen Futter bringt und frhlich zusieht, wie sie lustig
und friedlich darum sich zanken. Da kmmt auch der Hund hervor, wedelt durch
Tauben und Hhner, ohne sie zu stren, und legt sein Haupt in nnelis Scho und
lt sich nicht stren wenn die Katze, welche bereits auf demselben Platz
genommen, ihn mit der Tatze trifft, denn sie hatte die Krallen eingezogen und
neckte sich gerne mit dem alten Kameraden. An dieser Einigkeit und Traulichkeit
hatte nneli groe Freude, und sie streichelte abwechselnd bald Hund und Katze,
aber sie ging ihr auch zu Herzen und trieb ihr das Wasser wiederum in die Augen.
Wenn Hund und Katze sogar wegen alter Bekanntschaft einig und im Frieden mit
einander leben, wie knnen dann Mann und Frau, die Gott fr einander geschaffen
hat, sich plagen und qulen und immer grere Feinde werden, je langer sie bei
einander sind!
    So sah sie dem Spiele zu, bis, wie abends zum Walde Die Vgel wiederkehren
und zum Schlage die Tauben, ein Bewohner ihres Hauses nach dem andern heimkam,
ein jeglicher auf seine Weise. Die, welche noch ein Tagwerk hatten, eilig und
schlitzend, andere, welche nur noch essen und dann schlafen wollten, behaglich
und langsam. Die Jungfrauen kamen eilig dahergeschossen, rupften aber doch aus
dem Zaun allerlei Blmchen und Blttchen ab und ergriffen diese Gelegenheit, um
verstohlen zurckzusehen, ob Keiner ihnen folge von weitem, in welchem Falle sie
wohl noch gezgert htten, ein Strumpfband gebunden oder sonst etwas, bis sie
vernommen, ob derselbe ihnen vielleicht noch etwas zu sagen htte. Resli kam
wehmtig vom Walde her, Christen lustiger von Seite des Dorfes, Annelisi zur
hinteren Tre herein, man wute nicht woher.
    Noch war Christen nicht da, mit Angst schaute nneli nach ihm aus. Endlich
kam er langsam, zgernd und fast wie ein Schiff dem Hafen zu, dem vom Lande her
der Wind entgegenweht. Es klopfte doch nneli das Herz, als sie ihn so kommen
sah mit dem sauren Gesicht und dem zgernden Schritt, denn was ihm im Herzen
sich regte, das wute sie nicht. Es wollte ihr der Mut und die Zuversicht
fliehen, und sie mute ins Haus hinein und konnte kein freundlich Wort zum
Willkommen ihm sagen, wie sie gewillet war. Das tat Christen weh, als er nneli
bei seinem Kommen ins Haus gehen sah. Kann sie mir dann nicht einmal mehr
freundlich guten Abend sagen und selbst an einem heiligen Sonntag das Dubeln
nicht lassen, dachte er, und fast wre er umgekehrt. Nun machte er aber ein
desto saurer Gesicht und mochte fast nicht einmal dem Annelisi guten Abend
sagen, das an ihn heranschlich wie in heimlichem Verstndnis oder als wenn es
ihm etwas anzuvertrauen htte. Da aber der Vater tat, als merkte er sie nicht,
gab sie dem Hund, der an ihr sich streichen wollte, einen Sto und ging in den
Garten zu ihren Blumen. Unterdessen hatte nneli den Kaffee gemacht, die
Erdpfelrste dazu, alles stand auf dem Tische bis an die Kaffeekanne, die stand
auf dem Tritte des Kunstofens, und langsam drehten die Leute zum Essen sich
herbei.
    nneli nahm sich zusammen, festigte ihre glubige Demut wieder, tat
freundlicher als sonst und hatte fr jeden ein gutes Wort. Was sie lange nicht
getan, tat sie wieder, sie schenkte selbst den Kaffee ein und Christen zuerst;
dann kam sie mit der Milch, und weil sie wute, wie Christen die Milchhaut
liebe, nahm sie ihr Messer und schob die meiste ihm in sein Kacheli. Und als
Christen sagte: Hr ume, ih ha gnueg, sagte sie: He nimm ume, es ist fr die
Angere o no da. Das verwunderte Christen sehr, er dachte, so wre es wieder
dabei zu sein, und er wurde gesprchig und berichtete recht kurzweilige Sachen,
wie man es lange nicht gehrt hatte, da sich die Meisten verwunderten und
meinten, Christen sei im Wirtshaus gewesen und htte einen Schoppen mehr als
sonst getrunken. Aber Christen hatte den ganzen Tag keinen Wein gesehen, aber
als nneli ihm wieder die Milchhaut in sein Kacheli schob, da heimelete es ihn,
es ward ihm wieder, als wre er daheim, und das wirkte mehr, als drei oder vier
Schoppen vermocht htten.
    So bse ber sie, dachte nneli, mute Christen doch nicht sein, und ihr
Vertrauen ward fest, und als die Haushaltung gemacht war, setzte sie sich zu den
Andern drauen vor die Kchentre, nahm freundlich teil an allen Gesprchen; ein
freundlich Wort gab das andere freundliche Wort, man wute nicht wie, und hoch
am Himmel stand der Mond, als eins nach dem Andern seine stille Kammer suchte.
    nneli ging zuletzt ins Haus, schlo die Tre, sah wie blich nach, ob das
Feuer ausgelscht sei und alles am rechten Orte. Zweimal machte sie die Runde,
denn es klopfte ihr wieder das Herz, und ihrem Stbchen nahte sie sich, wie der
Laie sich naht dem Heiligtume im Tempel, welches sonst nur des Priesters Fu
betritt. Schweigend rstete sie sich zur Ruhe, schweigend suchte sie ihr
Pltzlein. Da sa sie lange und wollte wieder beten wie ehedem, aber enger und
enger ward es ihr um die Brust. Die Worte wollten den Durchgang nicht finden,
und wenn auch die Lippen sich bewegten, zur Bewegung wollte der Laut nicht
kommen; es war, als wenn eine unsichtbare Macht unwiderstehlich ihr im Wege
stnde, sie zurckdrngen wollte ins Geleise der letzten Gewohnheit. Sie fhlte
sich niedergezogen in Die Kissen, und alles in ihr rief ihr zu: Heute geht es ja
nicht, fasse dich, strke dich, warte bis morgen, morgen gelingt es dir besser,
morgen ist bessere Zeit! Aber dann tnten ihr wieder Die Worte des Pfarrers zu,
da die Hausmutter sterben knne, whrend das Essen, das sie aufs Feuer getan,
noch koche, da im Himmel ein ewiger Friede sei, und wer im Himmel ein Pltzchen
finden wolle, nicht Streit auf Erden lassen, nicht Streit im Herzen tragen
drfe. Und von neuem rang sie nach einem lauten Wort, und in hellen Tropfen
stand der Schwei auf ihrer Stirne. Da wandte ihre Seele sich mit einem
unaussprechlichen Seufzer zu Gott empor: Vater, hast du mich verlassen? Da wars,
als versinke ein finsteres Unwesen, das drohend vor ihrer Seele gestanden, als
sprngen Ketten, die um ihre Brust geschlungen; frei ward das Wort in ihrem
Munde, und langsam und bebend, aber inbrnstig und deutlich begann sie zu beten:
Unser Vater usw.
    Beim ersten Ton aus nnelis Munde fuhr Christen zweg, als htte der Klang
der Feuerglocke sein Ohr getroffen, dann sa er auf, dann rangen sich auch Tne
aus seiner Brust, er betete mit, und als nneli die Bitte betete: Vater, vergib
mir meine Schulden, wie auch ich meinen Schuldnern vergebe, und nun das Weinen
ber sie kam und sie erschtterte ber und ber und ihre Stimme nur ein
Schluchzen wird, da weinte er mit, und weinend betete er das Gebet zu Ende. Und
es ward ihnen, als wenn das Gebet die Sonne wre, und schwarzer Nebel htte sie
umlagert, da eins das Gesicht des Andern nicht mehr htte sehen knnen. Nun
aber kam die Sonne ber den Nebel, und ihre Strahlen brachen, spalteten ihn, er
zerri, und als ob Gottes eigene Hand vom Himmel herunterreiche, hob er sich
hher und hher, hob sich in immer lichtern Wlkchen zum Himmel auf, verlor sich
ganz und gar im Himmel, und licht und klar war es um sie, kein Schatten war mehr
da und die Herzen lagen offen vor einander. Das heilige Schweigen brach zuerst
nneli, sich anklagend und um Verzeihung bittend, aber Christen antwortete: Du
hast nichts zu bitten, ich bin an allem schuld, htte ich dir gehorcht, so wre
alles nicht begegnet. Wunderbar war es jedem, wie das Herz des Andern so weich
war und so voll Liebe und so ganz anders gesinnet, als man es gedacht, und da
es nur ein Wrtlein gebraucht zur Einigung. Und Keines hatte daran gedacht und
jedes das Herz des Andern ganz anders geglaubt, darum an jeder Verstndigung
verzweifelt; nur die Demut nnelis, welche sich allem unterziehen wollte um
ihrer erkannten Schuld willen, konnte durch die bergende Hlle brechen. Eben
deswegen hat uns Gott der Zukunft Scho verdunkelt, den Vorhang gezogen vor die
Herzen der Menschen, da wir lernen in chtem Heldensinn und hingebendem
Vertrauen das Rechte tun, ohne nach dem Gelingen zu fragen, ohne die Anstrengung
mit dem Kampf zu messen. Da wird dann oft, was den Kleinglubigen
zurckgeschreckt htte als unerhrtes Wagnis, dem Glubigen pltzlich so leicht,
da er fast erschrecken, es ansehen mchte als eine Tuschung, aus welcher er
bald um so elender erwachen werde, da er es erkennen mu als eine Gnade Gottes,
die ber dem Glubigen so mchtig geworden. So war es auch ihnen; lange trauten
sie ihren Ohren kaum, konnten ihr wiedergefundenes Glck nicht fassen,
frchteten bei jedem Wort, es mchte in eine wunde Spalte des Herzens fallen und
aus dem Abgrunde der Streit wieder sein struppicht Haupt erheben. Sie whlten
mit der rhrenden Sorgfalt, mit welcher eine zrtliche Mutter ihres Lieblings
eiternde Wunde verbindet, die Worte aus, und in neuer Redweise erkannten sie die
Macht ihrer Liebe. Und als sie endlich sicher waren, da keine Tuschung da sei,
da Keines dem Andern nachrechne, sondern vergeben habe von Herzensgrund, da
jedes in Demut seine Schwche erkannt und lechze und drste nach dem alten
Glck, dem alten Frieden, da jedes ihn nicht nur vom Andern erwarte, sondern
mit ganzer Seele und allen Krften dazu beitragen wolle, da kam ein Gluck ber
sie, das sie nicht gekannt; es war fast dem zu vergleichen, welches der
empfindet, dem getrumt hat, er sei in der Hlle, der den Teufel gesehen, das
Feuer empfunden hat und der nun im Himmel erwachet und Gott schauet von
Angesicht zu Angesicht. Es war die Freude der Engel ber den Verlorengegangenen
und Wiedergefundenen, es war die Freude des Vaters, als der verlorne Sohn wieder
in seinen Armen war. Ihr ganzes inneres Leben, was sie gedacht, was sie
empfunden, seit ihre Herzen sich verschlossen, strmte auf ihre Lippen, und
eines staunte ber das Andere, und manchmal noch weinte nneli und sagte: Oh,
wenn ich das gewut htte, es wre nicht so lange gegangen, aber warum verlor
ich den Glauben, warum das Vertrauen! Ach, jetzt wei ich es, da wenn man
Glauben und Vertrauen zu Gott verliert, man gottlos wird, und wenn man Glauben
und Vertrauen zu den Menschen verliert, so wird man lieblos, und wer gottlos und
lieblos ist, um den ist es finstere Nacht, und wenn er schon noch nicht in der
Hlle ist, so ist doch die Hlle in ihm. Aber nnelis Klagen stillte Christen
mit seinen Klagen, da es ihm gerade so gegangen, und sie konnten sich nicht
sattsam wundern, wie sie einander so miverstanden, wie sie als Ha auslegten,
wo die Liebe sich regte, als Bosheit, was innerer Schmerz war. Es war, als ob
eines spanisch gewesen wre und das Andere bhmisch, und htten doch Beide
gemeint, sie redeten die gleiche Sprache, und htten darum jeden Laut und jedes
Zeichen falsch und verkehrt gedeutet. Sie wurden nicht satt, solche
Miverstndnisse aufzusuchen, und bei jeder Lsung wuchs das Vertrauen des Einen
zum Andern und das Staunen ber ihre eigene Verblendung. Dann wuchs nneli ihre
Schuld immer wieder ins Gemt, da sie es eigentlich gewesen sei, welche die
Schlssel ihrer Herzen umgedreht und abgezogen, so da sie verschlossen
geblieben von selbiger Zeit an. Htte sie das nicht getan, so wre die ganze
unglckliche Zeit nicht gewesen, sie wren in Gott immer einig geworden; denn
eben was die Erde trenne den Tag ber, das solle des Abends in Gott sich wieder
suchen und finden, so habe die selige Mutter immer gesagt.
    Dann trstete Christen, da er auch nicht gewesen, wie er gesollt; was er
gefehlt, htten Andere entgelten sollen, er fhle das wohl, und wenn er die
Herzen verschlossen, so htte sie sie wiederum aufgetan und mehr als gut
gemacht. Und wenn das nicht alles so gekommen, so htte er nie gewut, um wie
viel mehr der Friede wert sei als fnftausend Pfund und wie das Geld nicht alles
sei, ja wie es nichts sei; denn wo der Friede fehle, da sei der Reichste ja viel
unglcklicher als der rmste, der den Frieden htte. Er htte es manchmal recht
mit Zorn gesehen, wie seinen Taunern und Knechten viel whler gewesen sei als
ihm und wie sie viel frhlicher htten essen mgen als er. Jetzt htte er es so
lebendig an sich selbst erfahren, was Jesus damit sagen wolle: Und was hlfe es
euch, so ihr die ganze Welt gewnnet, und ihr littet Schaden an eurer Seele?
Oder was kann der Mensch geben zum Werte seiner Seele? Das htte er alles
niemand geglaubt, wenn er es nicht selbst erfahren. Geld, Geld, reich, reich,
htte ihm frher immer in den Ohren geklungen, und wem er von einem unbekannten
Menschen reden gehrt, so htte er gefragt: Het er ppis? Jetzt solle frder
Friede, Friede, fromm, fromm in seinen Ohren sein, und wenn er nach dem Werte
eines Menschen frage, so wolle er auch anders seine Frage stellen.
    Aber auf ihr Glck senkte sich erst die Krone, als sie ihrer Kinder
gedachten. Sie wuten es, wie ihr Unglck auch auf die Andern bergegangen, denn
wenn alle Glieder eines Leibes es empfinden, wenn ein Glied krank wird, so
empfinden es noch viel mehr alle Glieder eines Hauses, wenn eine Krankheit in
einer Seele ausbricht, und in dem Grade mehr, je bedeutungsvoller die kranke
Seele im Getriebe des Hauses ist. Sie sahen wohl, wie Die kindliche
Harmlosigkeit und der jugendliche Frohsinn verwelkten, als ob der elterliche
Streit zum Mehltau an ihren kindlichen Seelen wrde. Sie sahen erst jetzt recht
ein, wie der Streit ihre Herzen zusammengezogen, da sie keinen Platz mehr darin
fr ihre Kinder hatten, sondern nur noch fr ihre Angst ums Geld und ihren
Streit darum. Sie hatten sich nicht nur um ihr Schicksal nicht bekmmert, an dem
sonst so gerne die Eltern bauen mit emsigen Hnden, sondern es war ihnen wohl
selbst manchmal ein Gefhl aufgestiegen, als ob die, welche sonst ihre grte
Freude gewesen, ihnen im Wege wren, fast eine Last.
    Jetzt waren ihre Herzen wieder weit geworden, der Kinder Glck war wieder
ihr eigenes, und freudig schlug ihr Herz, wenn sie dachten, wie dieselben sich
freuen wrden, wenn sie den Streit verschwunden, die alte Einigkeit und die alte
elterliche Liebe auf einmal wieder sehen wrden, als ob sie fr einen Augenblick
freiwillig sich versteckt htten, nur um freudig zu berraschen, wie oft Eltern
pflegen, wenn sie mit Kindern sich necken in frhlichem Spiele. Ihren Kindern
bauten sie Huser in ernster elterlicher Liebe, bis endlich Christen fragte:
Aber sage mir, nneli, wie brachtest du es dahin, da dir das Herz wieder
aufging und du das Beten wieder anfangen konntest? Ich habe auch daran gedacht,
mit dir mit Manier zu reden, aber erstlich wre ich bse geworden und du
wahrscheinlich auch, denn ich war gesinnet, nur du httest die Fehler; aber ich
konnte nicht, wenn ich auch wollte, man htte mir das Maul nicht mit einem
Knebel aufgebrochen.
    Nun erzhlte nneli, wie es ihr ergangen, wie der Geist es ihr gesagt, da
sie bald sterben werde, wie ihr geworden sei, sie sei der letzte Mensch auf
Erden und msse eiligst den Andern nach, und dann wieder, man trage sie zu
Grabe, es weine niemand hinter ihr und sie finde keinen Platz im Himmel wie
keinen in der Kirche, wo ihr endlich eine arme Frau Platz gemacht. Wie daraufhin
der Pfarrer gesagt, man solle immer meinen, was man geniee, sei das letzte
Mahl, und absonderlich vom Abendmahl solle man es glauben. Und darum solle man
Friede halten und Friede machen, denn mit Streit komme man nicht in den Himmel,
und Keiner solle glauben, da die Schuld nicht an ihm sei und der Andere
aneknien msse, sondern das Gegenteil. Da sei es ihr geworden, sie wisse nicht
wie, aber da wieder Friede werden msse, sei fest in ihr gestanden; um ihr
Pltzchen im Himmel wolle sie nicht kommen, und das Sterben komme ihr bald. Aber
lange htte sie nicht gewut, wie sie anfangen solle, bis ihr spt am Nachmittag
es aufgegangen sei, da sie da anfangen msse, wo der Zwiespalt so recht
angefangen, und da sie eigentlich schuld an allem sei. Nun htte sie gewut,
was sie zu tun htte, aber angst sei ihr doch dabei geworden, denn sie htte
nicht gedacht, da Christens Herz zum Frieden so zweg wre, sie htte geglaubt,
lange, lange alleine beten zu mssen, bis sie sein Herz wieder aufgesprengt;
darum htte sie vor Angst und Bangen fast nicht anfangen knnen, allein einmal
angefangen, htte sie auch nicht mehr abgesetzt, denn sterben ohne Friede, das
will ich nicht. Als du aber alsobald aufgesessen und mitgebetet hast, da war es
mir, als wrest du mir viele, viele Tage lang verschttet unter der Erde
gelegen, umsonst htte ich dich gesucht, nach dir gegraben. Da sest du auf
einmal gesund und wohlbewahrt, von Engeln emporgetragen, an meiner Seite und ich
htte dich wieder und verlre dich nimmer bis ich sterbe. Jetzt wei ich es, da
wenn ihr mich zu Grabe traget, ihr wieder weinen werdet, und wenn dumpf auf
meinen Totenbaum die Erde tnt, so wirst du den Lumpen vors Gesicht nehmen und
denken: nneli war doch gut, und wenn ich noch einmal weiben knnte, ich nhmte
keine Andere, und es ist mir und Andern bel gegangen.
    Da sagte Christen: Red nicht so, von Sterben mag ich nichts hren. Aber das
will ich dir sagen, du httest sterben mgen, wenn es gewesen wre, geweint
htte ich immer denn eine brave Frau warst du allweg, und lieb warst du mir auch
immer, und wenn du httest sterben sollen, so htte ich alles, alles vergessen
und nur daran gesinnet, wie lieb du mich hattest und wie du immer fr alles
gesinnet hast zu rechter Zeit und alles verstanden wie keine Andere. Aber von
Sterben red nur nicht, erst jetzt wollen wir wieder recht zu leben anfangen mit
neuem Mut und in rechter Eintracht, und was dich freut, das soll auch meine
Freude sein.
    Hre, Christen, sagte nneli, du bist immer ein Guter gewesen und jetzt
z'vollem gut, aber eins mochte ich noch. Du redests mir nicht aus, da ich bald
sterben werde; es ist mir so wohl und so wunderlich, da ich wohl wei, da dies
den Tod bedeutet. Aber wir wollen darber nicht streiten, sondern es Gott
berlassen, der wird alles wohl machen. Aber eines mchte ich noch, das mt ihr
mir versprechen. Am nchsten Sonntag, an der heiligen Pfingsten, da wollen wir
noch alle das heilige Abendmahl zusammen nehmen, so zum Zeichen, da alles recht
grndlich vergeben und vergessen sei, so wie als wenn es das letzte Mahl in
diesem Leben wre und der Abschied gleich darnach kme, so wie die Israeliten,
zur Reise bereit und alles abgetan, was man nicht mitnehmen soll, so an Leib und
Seele bereit, auf den Ruf des Herrn vor seinem Angesichte zu erscheinen. So
mchte ich mit euch allen noch einmal an des Herrn Tisch; dann erst, dnkt mich,
werde ich den zeitlichen und den ewigen Frieden gewi haben; dann erst, wenn wir
ein solches inniges Vershnungsfest werden gefeiert haben, wei ich, da nichts
mehr zwischen unsere Seelen kmmt. Noch kmmt immer wieder ein Bangen ber mich,
als ob der Feind noch da sei, der so lange zwischen unsern Seelen stand; aber
wenn das geschieht, dann ist alles gut, dann werd ich erst mit recht frohem
Herzen sagen: Jetzt, Herr, jetzt la deine Magd im Frieden fahren.
    Los, lieb nneli, sagte Christen, vom Sterben rede mir nichts mehr, davon
mag und will ich nichts hren; ich wute nicht, warum du gerade jetzt sterben
solltest, wo wir mit einander im Frieden leben knnten. Das dechte mich, ich
mu es sagen, vom lieben Gott nicht recht. Aber mit allen Freuden will ich am
Sonntag mit dir das Nachtmahl nehmen, und die Kinder werden es auch gerne tun
und eine bsunderbare Freude daran haben, wenn der alte Tschup aus ist. Und es
ist mir auch noch wegen den Leuten. Es ist so manches von uns unter sie
gekommen, wie ich wohl gemerkt habe; sie knnen dann auch von uns reden, wenn
sie wollen, wenigstens sehen knnen sie, da es nicht so bel mit uns steht,
wenn wir zusammen vor des Herrn Tisch gehen drfen. Es ist kurios, auf die
Religion verstehe ich mich freilich nicht recht und zur Kirche gegangen bin ich
nicht viel, es wollte sich mir so oft nicht schicken, und unserein hat gar so
viel zu sinnen, ds Geistliche kann man nicht immer im Kopf haben, aber ich mu
bekennen: allemal, wenn ich in die Kirche kam oder zum Nachtmahl, nahm ich mir
vor, mehr zu gehen. Es wohlete mir allemal, es war mir fast der Seele nach, wie
es mir ist, wenn ich zur Selteni einmal badete. Es dechte mich allemal, ich
htte mehr Mut und es habe mir wieder gluteret vor den Augen und ich knnte
alles ruhiger nehmen. Es het mih mengist decht, so wie wir ehemals alles, was
wir ppe mit einander gehabt haben, im Beten haben liegen lassen, so sollte man
im Sonntag alles liegen lassen, was die Welt einem die Woche ber angehngt hat,
und wie man am Sonntag ein sauberes Hemd anzieht, so sollte man auch die Seele
subern und reinigen, es wrde manchen Unflat weniger geben auf der Welt. Aber
wenn sereim schon zuweilen etwas zSinn chunt, so ist man dann z'hilssig,
darnach z'lebe, wenn es schon gut wre. Aber es mu anders kommen, und am
Sonntag komme ich gerne; Gott und Menschen knnen dann sehen, ob wir einander
lieb haben oder nicht.
    Die Freude des wiedergewonnenen Glckes hielt den Schlaf ferne von ihrem
Lager; es dmmerte drauen, die Sonne stieg herauf, ihre freundlichen Strahlen
kamen als liebliche Boten und dppeleten an die Augen der Menschen, da sie
schauen sollten des Herrn Herrlichkeit und schaffen ihre Werke, whrend der Herr
dazu ihnen leuchte.
    Wonnereich und glcklich ging das alte Ehepaar in den jungen Tag hinein.
Alles bel war versenkte, und ein neues Leben blhte im Herzen, oder es war
vielmehr das alte Leben, das neu aufgetaucht war unter dem bel hervor, mit dem
es bedecket und das jetzt abgeschttelt war, und ber das jetzt
neunundneunzigmal mehr Freude war als ehedem, weil es verloren gewesen und
wieder gefunden worden. Sie verkndeten ihre Freude nicht laut, gaben ihr keine
besondern Worte, das Hauswesen ging seinen gewohnten Gang, aber ein seliger
Friede leuchtete auf ihren Gesichtern, und es war recht rhrend zu sehen, wie
die alternden Leute sich nachtrppeleten wie zwei junge narrochtige Eheleute am
Tage nach der Hochzeit, wo jedes immer zu meinen scheint, das Andere knnte ihm
noch darauslaufen. Alle Augenblicke hatte Christen in der Kche seine Pfeife
anzuznden und kaum war er daraus, so trappelete nneli ihm schon nach und hatte
ihn etwas zu fragen oder ihm etwas zu berichten. Schon das fiel den Kindern auf,
aber sie frugen nicht. Als Resli mittags den Rossen kurzes Futter gab, kam der
Vater zu ihm in den Stall, redete mit ihm ber den Viehstand, frug, was er
meine, ob nicht etwas zu ndern wre, es wre da vielleicht ein ordentliches
Zwischenaus zu machen, und wenn er meine, so konnte er an den ersten
Monatdienstag nach Bern; dort mache man es immer am besten, und er msse sich
auch nach und nach ans Handeln gewhnen, er msse das doch einmal machen, und je
frher man anfange, um so eher lerne man es und um so weniger msse man Lehrgeld
zahlen. Resli stund fast auf den Kopf und folgte dem Vater freundlich durch die
Stlle, und was er meinte, fand der Vater gut.
    Fast ebenso ging es Annelisi mit der Mutter, die mit einander Kabis setzten.
Die Mutter begann von Annelisis Garderobe, musterte sie mit ihr durch, sagte von
Hemden, welche sie ihr wolle machen lassen, sobald man die Nherin herbeibringen
knne, fand, ihr Sonntagstschpli sei abgetragen und es mangle ein neues. Sie
knne es machen, wie sie wolle, entweder schon am Abend zum Krmer und sehen, ob
er etwas Anstndiges htte, oder warten, bis an einem Ort ein Mrit sei, wo man
bessere Auswahl htte.
    Diese Reden der Mutter machten Annelisi fast wunderlich; sie wute nicht,
war es ihr recht im Kopf oder nicht, und ihr Gewissen begann sich zu regen und
zu fragen, ob das der Lohn sei fr ihre gestrige Auffhrung. Sie traute der
Sache nur halb, wute nicht, war es Ernst oder war das nur ein Anfang und hngte
die Mutter noch etwas anderes dran; sie gab daher nur halbeinllichen Bescheid
und wartete immer, was noch kme. Da aber nichts nachkam als ein freundlich Wort
dem andern und keine Vorwrfe und keine anderweitigen Vorschlage, da verwunderte
sich auch Annelisi und dachte: Wenn es doch immer so wre, aber es werde sich
bald ndern.
    Aber es nderte nicht, nichts als freundliche Worte hrte man, neuer Trieb
schien ins ganze Hauswesen zu kommen, lustig und munter schnurrte sein ganzes
Rderwerk. Es war wie an warmen Mrztagen, wenn warm die Sonnenstrahlen ber die
Erde strmen, das schlafende Leben wecken, es lustig zu surren anfngt ber den
Boden weg. Die Erde hat ihren Scho geffnet, Leben ohne Ma entstrmet ihr, es
beginnt sich zu frben die fahle Pflanzenwelt, und erkrftigt hebt hier und da
ein welkes Pflnzchen sein grn gewordenes Haupt; dem Menschen aber wird die
Brust weit, munterer regen sich seine Krfte, drngen ihn zu ttigerem Leben,
das Herz ffnet sich zu Lob und Preis seines Schpfers.
    Es ist Friede und Liebe eines elterlichen Paares die Haussonne; verbirgt sie
sich, so steht das Haus im Winter, von Frost umgrtet, von Sturm, Schnee, Regen
gehudelt, und trbsinnig, nutzlos, stckisch sind alle seine Bewohner; scheint
sie, so taut alles unwillkrlich auf, der Sturm schweigt, der Regen hrt auf,
ein frhliches Treiben beginnt, und wie die Lerchen am liebsten in den blauen
Himmel hinein ihre Lieder schmettern, ertnen heitere Lieder ums Haus, und
jeglicher bewegt sich, als ob ihm Flgel zu wachsen begnnen. Annelisi tanzte
ihrem Tschplituch nach und ngstigte den Schneider, Resli suchte Gesprche mit
dem Vater und strich in stiller Freude um die Mutter herum, und mit frhlichem
Herzen, aber mit dem Kopfe in der Hand, als ob grausames Weh ihn plagte, sa
Christen, der junge, hinter einer Teekanne, welche ihm die Mutter ungeheien
schon zweimal gefllt, und ungefragt hatte der Vater ihm schon den Doktor
anerboten. So verging die Woche ohne ein einziges Wlkchen, denn alle Abend ward
der Friede inniger und gefestigter, und als der Samstag kam, hatte nneli kein
Bangen mehr, sie wute, da er bleibend sei und nicht wie eine Morgenwolke, die
bald vergeht.
    So kam der Samstag und mit ihm sein frher Feierabend, der hier, wie in
vielen andern Husern, pnktlich gehalten ward. Es ist nmlich noch Sitte, da
am Samstag nach sechs Uhr oder nach dem Feierabendgelute nicht mehr gearbeitet
wird; man macht lieber am Sonntag morgens fertig, was Samstags vor sechs Uhr
nicht beseitigt werden konnte. Obs ein berrest des jdischen Sabbats ist oder
eine freie Zeit sein soll zur stillen Vorbereitung auf den kommenden Sonntag,
wissen die Leute selbst nicht recht, und die Einen legen es so aus, die Andern
anders. Besonders willkommen ist sie dem jungen Volk, besonders den Dienstboten.
Diese benutzen sie selten genug zur stillen Einkehr in sich selbst, sondern
fahren ihren Verrichtungen nach, zu denen sie in der Woche keine Zeit hatten, zu
Schneider und Schuhmacher, zum Krmer, suchen nebenbei gut Schick. Die Bursche
rotten sich zusammen, die Mdchen flattern hin und her wie Mcken ums Licht oder
wie Kinder, die neckisch vor jemand laufen und in einem fort schreien: Nimm
mich, wenn du kannst, nimm mich doch!
    Es war abgegessen worden, das Vieh besorgt, die Mgde waren ausgeflattert,
die Knechte weggestopfet, auf dem Banklein vor dem Hause sa der Vater mit
Resli. Christen stund auf der Bsetzi, wute nicht was machen, und Annelisi trug
Meyenstcke hin und her. Da kam die Mutter heraus und frug: Hast du es ihnen
gesagt? Nein, sagte der Vater, aber du kannst es ihnen ja selbst am besten
sagen. He, sagte die Mutter, das kann ich wohl. Es wre mein Wunsch, da wir
morgen alle zum Nachtmahl gingen mit einander. Ihr wit wohl, es war lange etwas
Ungutes unter uns. Wir meinten es Beide gut, ich und der Vater, aber wir haben
uns nicht mehr recht verstanden. Es war uns nicht von wegen uns, sondern von
wegen euch, denn fr wen husen die Eltern als fr die Kinder? Daran war ich den
Mehrteil schuld, und grusam habe ich da gefehlt. Das habe ich nun eingesehen und
dem Vater es gesagt, und er hat mir verzogen. Aber Mutter, sagte der Vater,
ich habe gefehlt so gut als du, ich habe so gut als du nicht gewut, was das
Glck ausmacht, und whrend wir meinten, wir seien unglcklich geworden, hatten
wir sGlck noch ganz unversehrt gehabt und trieben es dann selbst vor lauter
ngstlichkeit von uns weg, und ich noch mehr als du. Wenn ich mich etwas besser
nachegla htte, so wren die fnftausend Pfund bald verschmerzt gewesen. O
tti, wir wollen jetzt nicht worten, ich wei es im Herzen wohl, wie ich gefehlt
und wie ich mich vor lauter ngstlichkeit nicht nur am Vater, sondern auch an
euch versndiget habe, denn ihr mutet auch darunter leiden, und whrend ich,
wie ich meinte, um euer Glck jammerte, machte ich euch unglcklich. Aber jetzt
wei ich, da Glck und Geld ganz verschiedene Dinge sind, und ihr habt es auch,
so Gott will, fr euer Lebenlang erfahren. Gott hat uns das zeigen wollen, darum
wollen wir nicht klagen; aber eines mchte ich noch, da ihr mir nmlich alle so
von Herzensgrund verzeihen mchtet vor Gott selbsten, damit wir so recht den
Frieden besiegelt htten, damit wenn ich von euch mu, ich wei, ihr seid mit
mir zufrieden und traget mir nichts nach, vor den Menschen nicht und vor Gott
nicht. Aber Mutter, sagte Resli, was sinnest auch, dir tragen wir ja nichts
nach und auch dem Vater nicht. Es hat uns schon lange gedrckt, da ihr so
ntlich tut wegen dem Geld, und wir haben es wohl gewut, da es unsertwegen
ist; das hat uns bsunderbar plaget, aber wir konnten nichts daran machen. Wir
haben es schon die ganze Woche gemerkt, da etwas gegangen ist, und es dnkte
uns, es gehe ein Schatten ab der Sonne, und es war ein ganz anderes Dabeisein,
es hat uns allen geschienen, wir seien auf Federn. Ja, von Herzen gern wollen
wir morgen zum Nachtmahl kommen, aber nicht von wegen dem Verziehen, sondern um
dem lieben Gott zu danken, da alles so gegangen, und nicht von wegen dem
Sterben, du sollst erst jetzt sehen, Mutter, wie lieb wir dich haben. Es ist
gut, wenn es alle Leute wieder sehen, da wir nichts wider einander haben,
sondern uns Gott und Menschen zusammen zeigen drfen.
    Ja, sagte Annelisi, ich habe gegen dich gefehlt, Mutter, und es ist mir
leid; aber wenn wir morgen zum Nachtmahl gehen wollen, so mu ich geschwind noch
ins Dorf hinter den Schneider her, der hat wieder versprochen und wird nicht
halten, und wenn ich mein neues Tschpli nicht bekomme, so kann ich nicht
mitkommen, denn im alten darf ich mich nicht mehr zeigen. Du bist immer das
gleiche Annelisi, sagte der Vater, und hast nur deine Narretei im Kopf, sonst
wurdest du jetzt nicht an dein Tschpli sinne, sondern daran, was es heit, wenn
Vater und Mutter und Brder und Schwester mit einander zum Nachtmahl gehen
wollen, zu einem Vershnungsbunde, damit sie auch mit Gott vershnet bleiben.
Denk daran, wenn du deinen Sinn immer an der Hoffart hast, so wirst du
unglcklich und machst unglcklich, wer um dich ist. Jetzt wei ich, was es
heit: Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz, und wenn der Schatz verloren
wird, so geht das Herz im Jammer unter. Darum mssen wir nach einem Schatze
trachten, der nicht verloren geht, um deswillen wir nicht Gott und Menschen
hassen mssen. Nein, Annelisi, heute gehst du nicht deinem Tschpli nach,
sondern lssest Tschpli Tschpli sein und bleibest bei uns, und wenn du scholl
einmal ein Kapitel lesen wurdest, so wurde es dir nichts schaden. Auf mich mut
du nicht sehen, ich habe mehr zu tun und zu denken als du, und dann brauche ich
nicht immer zu lesen, wenn ich an etwas Gutes sinnen will, ich kann noch gar
manchen Spruch, den du nicht kannst; ppis Guets z'lehre ist man zu vornehm, und
es soll manchen neumodischen Lehrer geben, der sich der Bibel schmt und der
bers Fragebuch nume zpflet. Ich habe scholl manchmal gedacht, wie es endlich
kommen msse und da man sich nicht verwundern drfe, wenn die Kinder nur an
Tschpleni denken wenn man vom Nachtmahl redet. O tti, zrnt nicht, ich habe
das so gesagt und nichts weiters gesinnet, aber ich bleibe ja gern daheim, und
es ist nicht, da ich nur an Tschpleni sinnen mu. Wenn morgen der liebe Gott
in mein Herz sieht, so wird er auch sehen, da ich an Vater und Mutter sinnen
kann und daran, wie ich sein msse, da sie mich doch lieb haben knnten auch so
recht. Gell, Metterli, du glaubst es? sagte Annelisi, legte ihren Ellbogen auf
deren Achsel und streichelte ihr die Backen, wie kleine Kinder es so gerne zu
tun pflegen. Es sei notti ein Gutes, sagte die Mutter, wenn man schon zuweilen
nicht wisse, woran man mit ihr sei, und meinen sollte, sie htte lauter Flausen
im Kopf; aber wenn sie sterben sollte, so werde Annelisi nicht die Letzte sein
in der Haushaltung und zeigen, da sie noch etwas anderes wisse als Flausen
machen und hoffrtig sein.
    So sa die Familie in ernsten und lieben Gesprchen ungestrt zusammen bis
in den tiefen Abend hinein. Vieles wurde verhandelt, aber die Hauptsache drehte
sich immer um nnelis Glaube, da sie bald sterben werde und da sie morgen das
letzte Mahl mit ihren Kindern hielte. Weichmtig, aber heiter hielt sie diesen
Gedanken fest, wie sehr die Andern ihn ihr auch ausredeten. Sie redete viel von
Ahnungen und von Exempeln aus ihrer Familie, da den Kindern die Herzen immer
weicher wurden, bis endlich der Vater sagte: Er hlfe, sie wollten hinein und
ein Kapitel lesen, da wisse man doch, da es wahr sei, und knne sich trsten
damit; bei solchen Sachen aber wisse man nicht, was daran sei, und sie machten
einem nur traurig und unntig z'frchten Er wolle hoffen, der liebe Gott werde
sie noch lange im Frieden bei einander lassen; htte er ihrem Streit zugesehen,
so werde er jetzt auch seine Freude an ihrer Liebe haben wollen. Sie erbauten
sich an Gottes Wort, und in feierlicher Stimmung, fast wie am Abend vor dem
ersten Abendmahl, suchten sie die Ruhe.
    Feierlich steigt ein heiliger Sonntag bers Land herauf; da hrt man keine
Kutschen, Chaisen rollen. Niemand kommt es in Sinn, Gott und seinem Gewissen
entrinnen zu wollen; da wei man noch, was der stdtische Pbel, zusammengesetzt
aus Herrn V. und Herrn X., nicht mehr wei, da wenn man auch Flgel der
Morgenrte nhme und flge ans Ende des Meeres, der auch da sei, der den Wurm im
Staube sieht und jeglichen Schlingel, sei er zu Fu oder zu Wagen; da wei man
noch, da man nicht rgernis geben soll, und schmt sich des stdtischen Pbels,
der gerade an den heiligen Tagen rings auf dem Lande Zeugnis ablegt, wie nahe er
trotz seiner guttuchenen Kutte dem Vieh verwandt sei und wie er, ohne seiner
Ehre Abbruch zu tun, jedem Schweine Gtti sagen kann.
    Feierlich steigt der Tag herauf und stille ists, das Suseln des Herrn hrt
man in den Zweigen der Bume, die Seufzer der Gewissen rauschen in den Seelen,
das Beten der Herzen tritt flsternd auf die Lippen. So war es auch in unserm
Hause, und in jedem Herzen war noch das Weh ber den unwrdigen, unheiligen
Streit vom letzten Sonntag, der die eiternde Beule zur Reife gebracht und
aufgebrochen. Um so weicher war eines jeden Stimmung, um so inniger war ihr
Sinnen an den heiligen Tag, um so inbrnstiger eines jeden bliche Gebete, um so
freundlicher und weicher ihr Begegnen. Ihre Gefhle taten sich nicht durch
besondere Gebrden kund, sie traten kaum ins Auge; aber im Tone der Stimme gaben
sie sich zu erkennen, im Zuvortun bei allen Geschften, in der Teilnahme, mit
welcher jedes Wort aufgenommen wurde, im Zueinanderstehen, ohne da man sich
eben etwas zu sagen hatte. Selbst Annelisi war innig bewegt und dachte nicht ans
neue Tschpli, als es das alte anzog, war frh fertig, sorgte der Mutter fr
einen schnen Rosmarinstengel und wollte den Brdern auch welche geben, aber
diese sagten, sie begehrten heute keine. Alle warteten der Mutter vor der Tre,
die noch die Jungfrauen zu brichten hatte ber ihre Pflichten und wie sie zu
allem zu sehen htten, damit das Essen nicht verdorben, das Haus nicht
verwahrloset wrde. Sie lie zwar hinaussagen, man solle ihr doch recht nicht
warten, aber ohne Mutter wre Keines vom Hause gegangen, und Keines ward
ungeduldig, und Keines rief ins Haus hinein: Mutter, kmmst nicht bald! Als
sie kam, sich entschuldigend, sagte Christen: Wir htten dir noch lange
gewartet, sumtest du dich ja um unseretwillen; es hatte jedes von uns nur fr
sich selbst zu sorgen, du aber fr alle. So war keine Ungeduld in keinem
Herzen, und eines Sinnes, ohne viele Worte, in stiller Andacht zogen sie dem
Hause des Herrn zu.
    Es ist doch schn, wenn so eine ganze Familie eines Glaubens, eines Sinnes
zum Hause des Herrn zieht, Keines vornehmer im Geiste als das Andere, jedes
glubig wie das Andere, vom gleichen Gott sein Heil erwartend, den gleichen Weg
vor Augen, nach dem gleichen Himmel trachtend. Es ist doch schn, wenn Eltern
mit ihren erwachsenen Kindern zur Kirche ziehen knnen, wo sie dieselben taufen
lieen, und nicht nur sagen knnen: Siehe, Herr, hier sind die, die du mir
gegeben hast, und Keines ist verloren gegangen, sondern noch danken knnen, da
der Herr durch die Kinder die Eltern geheiliget und die Kinder Sttzen geworden
seien, nicht nur fr den Leib in den alten Tagen, sondern auch fr den Geist auf
dem Wege der Heiligung. Wenn so eine ganze Familie zum Mahle des Herrn geht als
wie zum letzten Mahle und doch im glubigen Vertrauen, da der Herr nicht
scheiden werde, was sich hier gefunden, da wenn schon der Tod als wie ein
Schatten vor das Eine oder das Andere sich stellt, dieser Schatten ber Kurzem
wieder schwinden werde im Lichte des ewigen Lebens, es ist doch schn. Es wehet
in einer solchen Familie eine Kraft des Vertrauens, des Glaubens, der Liebe,
welche die Welt nicht gibt, welche die Welt nicht kennt.
    Bald waren sie nicht mehr alleine; hieher kamen Leute und dorther,
freundliche Gre wechselten, die Einen hemmten ihren Schritt, die Andern
beschleunigten ihn, ein jedes richtete seinen Schritt nach der Andern Schritt,
weil es nicht alleine wallen wollte auf dem Wege zur Kirche, sondern in
Gemeinschaft mit den Andern. Warum aber nur auf dem Kirchwege seinen Schritt
modeln nach der Andern Schritt, warum nicht auch auf dem Lebenswege? Nur eine
kleine Anstrengung, nur ein klein weniger Eigensinn, nur einiger Tage leichte
bung, und einmtig und gleichen Schrittes, eine Gemeinschaft der Heiligen,
wrde durchs Leben wallen, was auf ewig auseinandergeht, weil das Eine seinen
Schritt noch krzt, whrend das Andere den seinigen verlngert.
    Die Leute sahen mit Verwundern die Fnfe so eintrchtig zusammen gehen,
drckten aber die Verwunderung nicht einmal mit den Augen aus, geschweige da
jemand nach der Veranlassung des nach der bekannten Spaltung um so
auffallenderen gemeinsamen Kirchganges gefragt htte. Jeder machte seine
Mutmaungen und behielt sich vor, dieselben daheim beim Mittagessen
vorzubringen, und fast in allen Husern war dies das Tischgesprch. Vermutungen
aller Art wurden laut, und allerdings war die Bewegung nnelis am vorigen
Sonntag in der Kirche nicht unbemerkt geblieben, aber das Rechte erriet doch so
recht niemand, von wegen wenn man etwas begreifen will, so mu man den Sinn, aus
welchem es hervorgegangen, selbst in seiner Brust tragen. Das wissen aber die
wenigsten Leute, darum so viele Miverstndnisse, darum werweisen die Meisten so
dummes Zeug, wenn sie von einer guten, uneigenntzigen Tat hren; sie tragen
halt den Sinn dazu nicht in ihrer Brust. Hingegen wei so Mancher, da er selbst
fr die schlechtesten, eigenntzigsten Absichten die schnsten Grnde hat.
Mancher vermag zum Beispiel Amt, Stellung, Staat auf die schndlichste Weise zu
mibrauchen zur Sttigung seiner Lust oder seines Geldsckels, whrend er von
lauter System, Gemeinwohl und Volksinteresse berfliet.
    Die Leute strmten immer zahlreicher, je nher man der Kirche kam, denn an
Pfingsten, wenn die Sonne schn warm scheinet, wagt so manches alte Mtterli,
das durch Kalte und Kot nicht mehr kam, noch so gerne einen Kirchgang und labet
seine Seele, die auch gerne da oben wre an des Herrn Mahl; es wei nicht, was
der Herr im nchsten Winter mir ihm vorhat, es sucht, wo es kann, den Herrn,
damit wenn der Tod kommt, der Herr es finde.
    Wenn sie schon frh waren, so fanden sie doch mit Mhe Platz in der Kirche.
Wer es vermag, sollte immer frhe gehen, wer hintendrein hastet, kmmt sehr
selten mehr in die rechte Stimmung, so wenig als der Pfarrer, der weltliche
Geschfte abmachen mu, ehe er ans heilige Werk gehen kann. Es ist gar eigen,
unser Gemt, und stille und feierlich mu es um dasselbe sein, wenn es stille
und feierlich in ihm werden soll, so wie auch die Winde aufhren mssen zu
wehen, wenn die Wellen sich legen, das Meer sich ebnen soll.
    Wenn man da so sitzt im stillen, weiten Raume, vielleicht ein schnes Lied
von der Orgel tnt oder ein schnes Wort aus der Bibel kmmt, und Die Glocken
rufen die drauen herein, da, wie die Augen im Dunkel des Kellers allmhlig
aufgehen und zu schauen vermgen, so geht es unsrer Seele: sie ffnet sich
Eindrcken, fr welche sie sonst verschlossen war, und wenn der Prediger kommt
und als geistiger Semann frommen Samen streut, so fllt dieser Same in offene
Seelen, wo er sonst nur Ohren gefunden htte, und Ohren, die nicht hrten.
    So wurden ihre Seelen noch weiter, empfnglicher ihr Herz, gespannt harrten
sie auf die Textesworte des Pfarrers, welche an bewegte Seelen kommen wie eigene
Losworte oder vielmehr wie Worte aus des Herrn eigenem Munde und vom Geiste, der
alles wei, auch die Bewegung jeglicher Seele, dem Pfarrer in den Mund gelegt
fr diese oder jene Seele. Und darum haben solche Textesworte fr bewegte Seelen
eine ganz eigene Kraft, und nach Jahren, wenn die Predigt lngst vergessen ist,
hrt man noch solche Worte anfhren, durch welche die Seele niedergeschlagen
worden oder aufgerichtet.
    Da schlug der Pfarrer das heilige Buch auf und las die Worte: Was fehlt mir
noch? Diese Worte fielen nicht zndend in ihre Seelen, sondern fast kamen sie
ihnen allerdings vor wie eine Frucht vom heiligen Baume, aber eine fremdartige,
mit welcher sie nichts zu machen wuten; betroffen wiederholten und betrachteten
sie dieselben, aber die Beziehung auf sich fanden sie nicht.
    Da begann der Pfarrer zu reden von seiner letzten Predigt und wie er
ermahnt, da man jedes Abendmahl genieen mchte als ein Abschiedsmahl, vershnt
mit allen Menschen. Aber nicht blo an die, welche man lasse, htte man zu
denken, sondern auch an das, was vor einem liege, an die, zu denen man wolle;
nicht nur Abschied habe man zu nehmen, sondern auch zur Reise sich zu rsten,
und da msse jedem die Frage von selbst kommen: Bin ich fertig, oder was fehlt
mir noch? Habe ich, was zum Himmelreiche hilft, oder was mangelt mir? Da sei es,
wo man so leicht sich tusche, und man tusche sich allemal, wenn man das Ziel
ergriffen zu haben meine. Es seien aber deren so Viele, die mit aller Zuversicht
den Himmel erwarteten und vollkommen mit sich zufrieden seien, sich innerlich
gerne zum Beispiel Anderer aufstellten, mit aller Behaglichkeit auf Andere
herabshen und selbst ihre Fehler zu beschnigen wten, als wren es Tugenden,
und sie selbst Gott als solche anrechneten, fast wie zuweilen ein Mensch den
andern zu betrgen suche mit einem gemeinen Steine, den er fr einen kostbaren
Edelstein ausgebe.
    Wenn man so im Allgemeinen und von weitem an den Tod dchte, so meine man
nur zu gerne, man wre fertig und es sei leicht zu sterben; aber wenn er
pltzlich vor einem stnde, so kme es einem anders, und was man leicht
geglaubt, das kme einem schwer vor, und was man nicht gesehen, fr das gingen
einem die Augen auf. Sie sollten nur an den reichen Jngling denken, wie der
guten Muts zu Jesus gekommen, willens, das ewige Leben zu gewinnen, und das
Gewinnen leicht glaubend, weil er schon so vieles getan und die Gebote gehalten
von Jugend auf Was fehlt mir noch? habe auch der gefragt. Geh, verkaufe, was du
hast, und gib es den Armen, sagte Jesus. Darauf war der Jngling nicht
vorbereitet, er ging betrbt hinweg; er, der gemeint, er htte alles getan, was
er schuldig gewesen, dem fehlte noch alles zum Himmelreich. Dem fehlte der
christliche Sinn, der gehorsam ist bis zum Tode am Kreuz, ihm fehlte die Liebe,
die Gott ber alles hlt, den Nchsten als sich selbst; der war zu allem bereit,
aber nur zu dem, woran er gewhnt war, und nicht zu dem, was der Herr von ihm
forderte; er war getreu, bis der Herr seine Treue erproben wollte; ihm fehlte
der Geist, der in alle Wahrheit leitet und den Menschen bewahret in jedem
Verhltnis, in jeder Anforderung ein Kind Gottes bleiben lt, wie er die
Apostel das Rechte reden lie vor jeglichem Richter.
    Nun leben Tausende dem reichen Jnglinge gleich, wissen nicht, da die
Hauptsache ihnen fehlt. Sie leben in stiller Rechtlichkeit, im Geleise, in
welchem Vater und Mutter gegangen, geben keinen Ansto und finden keinen Ansto
im Leben, aber ihnen unbemerkt leben sie doch fr etwas, und dieses Etwas ist
ein Zeitliches, es ist ihr Gut, und ihnen unbemerkt leben sie fr dieses Gut, in
einer immer festeren Angewhnung, auf besondere Weise, und dies Gewohnheit wird
ihr Meister und regiert sie, sie merken es nicht. Tritt nun etwas Besonders in
ihr Leben, fordert Gott ein Opfer von ihnen, streckt er seine Hand nach ihrem
Gelde aus, rttelt er an ihren Gewohnheiten, machen sie Verluste oder tun ihre
Ausbungen, welche gegen kein Gebot stoen, Andern weh, verbittern sie ihnen das
Leben, dann, dann zeigt es sich, was ihnen fehlt und an was sie ihr Leben
gesetzet und wie ihr Leben ihr Meister geworden und nicht sie ihres Lebens
Meister, denn der Geist ists, der ihnen fehlt. Ob der Angst ums Geld vergessen
sie Gott, haben weder Vertrauen auf ihn noch ein Ergeben in seinen Willen; sie
werden betrbet, gehen hinweg vom Heile, dem reichen Jngling gleich, werden
erbittert im Gemte ber die Menschen, vermgen ihrer Gewohnheit keinen Zwang
anzutun; Friede und Eintracht werden gebrochen, weil sie nur gebaut gewesen auf
die ueren Verhltnisse, auf des Lebens gewohnten Gang und nicht auf den
lebendigen Geist, der zu jeder Stunde zu jedem Opfer bereit ist, bereit ist, das
Auge auszureien, die Hand abzuhauen, von denen rgernis kommen. Sie sollten
doch nur nachdenken, wie oft ihr Friede auf diese Weise gestrt wrde, wie oft
ihr eigenes Gemt Zeugnis rede, da Gott ihnen nicht ber alles sei, wie sie zu
schwach seien fr das kleinste Opfer, der geringsten Anforderung erliegen und
betrbet werden. Ja, sie sollten nachdenken, wie viele Menschen und
Haushaltungen auf diese Weise uerlich und innerlich zugrunde gegangen seien,
eben weil sie nie erkannt, was ihnen fehle. Heute sei der Pfingsttag, und
solange er wiederkehre, sei gltig die Verheiung, da Gott seinen Geist geben
wolle denen, die darum bitten. So sollten sie erkennen, da dieser Geist die
hchste Gabe sei, welche Gott uns Menschen werden lasse, sollten an sein
Gewinnen das Leben setzen.
    Dies ist der Geist, der in Christo die Welt berwunden hat, in jedem sie
berwindet, der in Christo ist; er ist kstlicher als Silber und Gold; die Welt
nimmt ihn nicht, der Tod raubt ihn nicht, er bewahrte das Glck in jedem
Verhltnis, den Frieden in jedem Hause, das Gengen in jedem Herzen; es ist der,
der uns den Vorgeschmack der Seligkeit gibt und der Schlssel zum Himmelreich
ist.
    Dieser Geist wars, der dem reichen Jngling fehlte, der noch so Vielen
fehlt, und ohne diesen ists dem Menschen schwerer, ins Himmelreich zu kommen,
als es einem Kamel wird, durch ein Nadelhr zu gehen, und schwer besonders ists
dem Reichen, weil er sein Gengen in seinen Besitztum setzet und es vergit, da
weit ber dem Gelde etwas anderes ist, in dem einzig das Gengen wohnet, das
fest bleibet im Leben und im Sterben, in gesunden und kranken Tagen, in
jeglichem Wechsel dieser Welt; und wenn ihm dann sein Geld Jammer bringt oder
kein Gengen mehr gibt, dann geht es ihm wie dem Menschen, der ins Wasser fllt
und nicht schwimmen kann, in zappelnder Angst beschleunigt er seinen Untergang.
Die Besonnenheit hat er nicht, die Hand zu sehen, die rettend sich ihm bietet;
er fasset sie nicht, er stt sie von sich, er gehet unter.
    So redete der Pfarrer im Allgemeinen, fhrte aber das Allgemeine im
Besondern nher durch und belegte alles mit dem Leben. Da ward den Gliedern der
Familie der Text lebendig; der Stein ward zum Diamant, der die hellsten Strahlen
durch ihre Seele warf, alle Falten erleuchtete. Es war ihnen, als sehe der
Pfarrer in ihrem Herzen eine eigene Schrift und lese ihnen die ab, und diese
Schrift erzhle alles, was sie erlebt und wie es in ihren Seelen gewesen, wie
ein Irrtum sie an den Rand des Abgrundes gefhrt, und lese nun auch ab, was in
solchem Zustande helfen knne und was ihnen wirklich geholfen.
    Wunderbar wurden sie gerhrt und erhoben, als sie im Wechsel ihrer Seelen,
in den Regungen, die sie fllten, das Wehen des Geistes erkannten, der ihnen so
lange gefehlt, als sie deutlich dessen sich bewut wurden, da Pfingsten
geworden sei in ihrem Herzen, da sie ein Gut erlangt, welches ber alle Gter
ist, dessen Mangel die ganze Welt nicht ersetzt, da der Herr sie in die
Finsternis gefhret, damit in der Angst der Nacht ihre Seelen den Morgen
suchten, ihre Augen nach dem Aufgang sich richteten, bis die Sonne kam. In
Staunen, in frommer Bewegung versunken horten sie, wie von der Kanzel herab
abgelesen ward vor der ganzen Gemeinde ihrer Herzen Geschichte und Zustnde; es
war, als stnde dort oben ein wunderbarer Zauberspiegel, in welchem zu sehen
wre das Innere der Herzen, welches sonst den Augen der Menschen verborgen ist.
    Und da der Pfarrer so deutlich auf sie rede, ihr Geheimstes vor der ganzen
Gemeinde erzhle und erlutere, sie zum Gegenstand der allgemeinen Betrachtung
mache, das zrnten sie nicht; es war ihnen, als msse es so sein, als seien
gerade solche Erlebnisse Gemeingut und sollten nicht unter den Scheffel gestellt
werden, sondern auf einen Leuchter, damit die Herzen der Nchsten auch gewonnen
wrden. Es kam manchmal sie an, da sie fast des Wortes sich nicht enthalten
konnten zur Besttigung oder Erluterung dessen, was der Pfarrer sagte. Wenn er
ihre Namen genannt htte, sie htten es nicht gezrnt, denn, meinten sie, msse
doch jedes Kind, welches in der Kirche sei, wissen, wen es angehe; nur sonderbar
dnkte es sie, da nicht aller Augen auf sie gerichtet seien, die Entferntern
nicht aufstnden, nach ihnen zu sehen, da alle machten, als merkten sie nicht,
wen der Pfarrer meine.
    Als der Pfarrer schlo, fhlten sie, da, was in ihnen war, gefestigt
worden; sie hatten in ihrem Acker einen Schatz gefunden, aber erst jetzt kannten
sie ihn recht und wuten, wie er zu bewahren sei, mehr denn alles auf Erden. Und
als der Pfarrer einlud, zum Tische des Herrn zu kommen, wer von Herzen sein
Jnger zu sein begehre, da klang dieser Ruf ihnen ganz anders als sonst, nicht
mehr so wie eine allgemeine Einladung, sondern es ging sie besonders an, und es
dnkte sie, sie mten Bescheid darauf geben. Und als sie zum Mahle gingen,
gingen sie nicht wie sonst als Solche, welche das Recht htten dazu und es nicht
veralten lassen wollten, sondern als ob sie hingezogen wrden wie durch einen
Magnet, durch eine unsichtbare Macht, wie der Drstende zur Wasserquelle, das
verloren gewesene Kind zum Vater, der wieder auftaucht in seinem Gesichtskreise.
Das Einzelne, Besondere war vergessen, untergegangen in dem groen Gefhle,
Gemeinschaft zu haben mit dem Vater und dem Sohne durch den Geist, der lebendig
in ihnen wohne, und als Siegel dieser Gemeinschaft empfingen sie des Mahles
uere Zeichen, und sie empfanden es in unaussprechlicher Innigkeit, da weder
Welt noch Tod, weder Teufel noch Hlle sie mehr von Gott zu scheiden vermchten.
    Ernst, aber in getroster Freudigkeit verlieen sie das Haus des Herrn; sie
waren erbauet worden.
    Der Strom der Leute umwogte sie, und seltsam kam es ihnen vor, da sie mit
ihnen unbefangen heimgingen, wie sie mit ihnen gekommen waren. Niemand gedachte
mit einem Worte, da sie der Gegenstand der Predigt gewesen. Erstaunt hrten
sie, wie der Eine sagte: Der Pfarrer predige alle andere Sonntage ber den Geiz,
man merke wohl, da er selbst nicht viel habe. Aber er msse sagen, es mache ihm
Langeweile, alle andere Sonntage das Gleiche zu hren. Ein Anderer sagte: Er
htte es wohl gemerkt, der Pfarrer htte auf ihn gestichelt, das htte er wohl
knnen bleiben lassen; es dnke ihn, an einem heiligen Sonntag schicke sich das
nicht, er knnte die Leute wohl ruhig lassen. Da sei der Pfarrer letzthin
gekommen und habe da Steuer gebettelt, er wisse nicht mehr fr was, und er habe
ihm nichts gegeben; man habe sein Geld nicht nur fr andere Leute, und er habe
es dem Pfarrer gesagt, er wolle erst fr sich sorgen und sehen, da er genug
habe. Und jetzt gehe der und halte eine ganze Predigt auf ihn, fr einen Pfarrer
dnke es ihn nicht schn. Aber dem wolle er es eintreiben, die ersten sechs
Wochen sehe ihn der nicht mehr in der Kirche. Noch hatte der Eine dieses zu
rgen, ein Anderer etwas anderes; jeder hatte eine andere Predigt gehrt als der
Andere, nur darin waren die Meisten einig, da die, welche sie gehrt, ihnen
nicht gefallen. Er knnte es, wenn er wollte, sagten sie; vor acht Tagen habe er
eine Predigt gehabt, Leib und Seele htte noch lange geschlottert, aber er mge
es ihnen gar selten gnnen; das sei aber nicht dest brver, wenn einer es knnte
und nicht wollte.
    Nur wenige Leute nahmen keinen Teil an diesen Urteilen, gingen in stillem
Ernst ihre Wege; denen hatte der Pfarrer auch etwas Inwendiges getroffen, und
dem dachten sie nach und redeten nicht in das Allgemeine; zum Disputieren war
das Herz ihnen zu voll, und mit ihrem eigenen Innern beweisen, wie recht der
Pfarrer gehabt, das mochten sie nicht. Es ist mit dem Inwendigen eine eigene
Sache, man verhllet es rger als seinen Leib, und die Hlle wird oft so dick,
da kein Auge mehr hindurchdringt, nicht einmal das eigene, und die Zuversicht
auf diese Hlle wird so gro, da man nicht einmal denkt, ein Auge knnte
durchdringen, und Gottes Auge nimmt man in dieser Meinung nicht aus.
    Dieses Verhllen hat aber auch seinen Grund in der Angst, nicht verstanden
zu werden, in der Angst, da die, denen man das inwendige Leben erschliet,
Spott und Mutwillen mit demselben treiben mchten, weil sie es nicht wrdigten,
nicht begriffen, wie Kinder mit den kostbarsten Edelsteinen nicht anders umgehen
als mit gemeinen Steinen und gemeine Leute desto lauter und hhnischer ber das
Edle spotten, je hher es ber ihrer Gesinnung steht.
    Darum auch fiel es weder dem Christen noch dem nneli noch ihren Kindern
ein, den Leuten die Predigt auszulegen, wie sie dieselbe verstanden, und sie mit
ihrem uerlich und innerlich Erlebten zu belegen. Sie wurden fast froh, da den
Andern ihre Augen oder Ohren gehalten gewesen und das, was sie so klar glaubten,
ihnen dunkel und verborgen geblieben, und sagten nur hie und da, wenn sie nicht
anders konnten, ein Wort ins Reden der Leute: Ihnen htte die Predigt gefallen,
es dnkte sie, es knne ein jeder seinen Teil davon nehmen, und wenn man dem
Pfarrer nach tte, so kme es nicht bs.
    Aber als der stille Nachmittag heraufkam, die Diensten ihre Wege gegangen
waren, schn sonntglich feierlich es ums Haus ward, der Baumgarten, fast einem
heiligen Haine vergleichbar, mit leisem Suseln die Bewohner des Hauses in
seinen khlen Schatten lockte; als sie ohne Abrede, aber von gleichem Zuge
getrieben eins nach dem Andern kamen, das Eine noch vor diesem Baume stund, das
Andere Raupen abstreifte im Vorbergehen, endlich alle sich zusammenfanden unter
einem mchtigen Apfelbaume und sich lagerten ins khle Gras, da redeten sie von
dem, was in ihrem Inwendigen vorgegangen. Allen war es mit der Predigt gleich
gegangen, allen war sie ein Spiegel gewesen, in welchem sie mehr oder weniger
klar ihre innern Zustnde gesehen, und eben deswegen sahen sie so klar und
deutlich, da der Pfarrer durchaus recht hatte und das Eine, das not tue, eben
der Geist des Herrn sei, und da sie eben deswegen so unglcklich gewesen, weil
statt des Geistes das Geld Hebel, Mittelpunkt, Ziel ihres Lebens gewesen, und
da es nur der Geist des Herrn gewesen sei, der die wilden Wellen in ihren
Herzen und in ihrem Hauswesen gestillet.
    Wunderbar aber schien es allen, wie der Pfarrer gepredigt, als rede er aus
ihren Herzen heraus und kleide es nur in Worte, was er in denselben gesehen, und
mache ihnen nur deutlich und hell, was sie selbst gefhlt, geahnet, aber ohne
ihm recht Worte geben zu knnen. Sie wuten, er kannte sie wenig, von ihnen
hatte in Jahresfrist niemand mit ihm geredet, von ihrem Inwendigen konnte
niemand anders ihm Bericht gegeben haben, kannten sie es selbsten doch kaum. Die
Vorgnge der letzten Woche kannte ebenfalls niemand. Sie wuten es nicht anders
zu erklren als eine Fgung Gottes, der auch noch heutzutage durch den Mund
seiner Knechte redet, die Geister lenket, die Herzen zu treffen wei. Denn wer
ists, der dem Prediger den Text zur Hand gibt, der dem Text Leben gibt in des
Pfarrers Geiste, da er aufblht und zur Predigt wird und gerade zu dieser und
zu keiner andern? Der, ohne dessen Willen kein Haar aus unserem Haupte fllt und
kein Sperling vom Dache, sollte der nicht auch Macht in den Geistern haben? Und
der, der sich verkndigen lt durch die Nacht mit ihrer Sprache, durch den Tag
mit seiner Rede, durch jede Blume, die auf dem Felde blht, sollte der sich
nicht auch durch eine Predigt verknden lassen knnen, und zwar gerade so, wie
er es will? So meinten es die Leute und fanden groen Trost darin, da Gott sie
angesehen und den Geist des Pfarrers also gelenket.
    Es war aber nicht nur der Text zur Predigt aufgegangen in des Pfarrers
Geiste, sondern seine Predigt war auch auf, gegangen in ihrem Geiste, war Leben
geworden, das heit hatte mit ihrem Leben sich verwoben, und dieses Leben trat
in bald schrofferen, bald mildern bergngen, gerade wie es der Zufall oder das
wunderbare Gedankenspiel in ihrer Seele mitbrachte, in scheinbar rein weltlichen
Gesprchen zutage, welche dem Fremden vielleicht gemtlich geschienen, denen er
aber keine Spur eines hhern Lebens, eines heiligen Geistes, eines hhern
Aufschwunges geahnet htte. Aber es strmte der Geist des Herrn durch Feld und
Wald, durch Nessel und Nelke, er strmt durch alle unsere Lebensverhltnisse,
durch alle Worte, womit wir sie bezeichnen, wenn der Geist des Herrn in uns ist.
Nur unsere Jungens meinen, er sei an bestimmte Worte gebunden, wie die Seele
eines Frosches in den Leib des Frosches.
    Die Freude, da die Finsternis vergangen, der Morgen wieder angebrochen,
brachte sie auf den vor ihnen liegenden Tag und seine Gestaltung, und diese
Gestaltung war nicht blo ein Nebel hoch oben im Gebiete der Lfte, den man mit
des Mundes Hauch von einem Munde zum andern Munde treibt, wie man auch oft
Bysluft und Wetterluft ihr Spiel treiben sieht mit den Nebeln, sondern diese
Gestaltung stellte mitten im Leben ab, und sie drckten sich aus darber mit
ganz natrlichen, allgemein verstndlichen Worten; was aber fr ein Geist in
denselben lag, das fhlten die, welche gleichen Geistes waren, sehr wohl.
    Er werde alt, sagte der Vater, er fhle wohl, er mge nicht mehr allem nach,
und so knnte ppe vieles besser gehen, als es gehe, aber ndern knne er es
nicht wohl mehr. Die Jungen mchte er nicht versumen, darum sei besser, er
stelle daraus und lasse die Kinder machen. Wenn sie ppe einander verstehen
wollten, so wte er nicht, warum es nicht gehen sollte.
    
    Es sei ihr auch recht, sagte die Mutter, sie wolle sich wohl gerne darein
schicken. Sie und der Vater wollten in die Hinterstube oder knnten eine Wohnung
machen lassen auf das Ofenhaus , die wrde so viel nicht kosten, und wenn man
etwas raten knne oder helfen, so sei man immer noch da, und die Jungen seien
noch manchmal froh ber einen. Aber anstndig wre es, wenn Resli heiraten
wrde, Sollst sehe sie nicht ein, wie das zu machen wre. Annelisi werde nicht
immer dableiben wollen, und wenn Christen heiratete und seine Frau die
Haushaltung machen mte, und Resli nhmte einst den Hof zur Hand, so tte es
Christens Frau weh und es ginge nicht gut.
    Resli unterbrach die Mutter und sagte: Von dem wolle er nichts hren, und er
wolle sie nicht vertreiben. Dem Vater helfen, wie er knne und mge, das wolle
er gerne, und es sei seine Schuldigkeit; aber das Heft solle er nicht aus der
Hand geben. Vom Heiraten mge er auch nichts hren, er werde kaum heiraten, und
heiraten, nur um die Mutter aus der Kche zu vertreiben, das mge er gar nicht,
sie sei ihm zu lieb dazu, und sie habe die Sache dreiig Jahre gut gemacht, es
sei die Frage, ob je eine ihr die Schuhriemen auftte.
    He, sagte Christen, jemand wird heiraten mssen, ich meine, ich oder du,
vom Anneliese will ich nicht reden, das ist keine Frag. Ich aber will nicht
heiraten, so ein krnklicher Mensch, wie ich bin, soll nicht ein Haus
aufrichten, und ich knnte leicht eine erhalten, sie brchte mich das erste halb
Jahr unter den Boden. Nein, ich will bei dir bleiben, wir sind ppe immer Brder
gewesen und werden es auch bleiben. Du mut heiraten, und da du etwas im Spiel
habest, das hast du mir ja einmal selbst gesagt, und lngst htte ich es aufs
Tapet gebracht, wenn ich es nicht ab unserm Elend vergessen htte. Du aber hast
es nicht, denn seither hast du ja keinen Fu zum Tanz gehoben und keinen Tritt
des Nachts zum Haus aus getan.
    Resli wurde rot und wollte sich verteidigen, da fragte die Mutter: Hr, was
ist das mit ds Dorngrter Bauren Tochter? Du hast mich einmal nach ihr gefragt
und so wunderlich dabei getan. Ich habe dich damals abgeschnauzt, es ist mir
seither manchmal leid gewesen, und ich htte wieder davon angefangen, aber bald
schickte es mir sich nicht, bald dachte ich, du sagst mir jetzt doch nichts
mehr, und so schwieg ich. Ist dir die ppe im Sinn?
    Oh, aparti nicht, sagte Resli.
    Hr, sage es fry recht geradeheraus. Wenn es etwas ist, so kann man dir
helfen. Es hat schon Mancher so geschwiegen und hat die Sache so in sich selbst
verdrckt und ist hintendrein reuig gewesen, antwortete die Mutter.
    He nun, sagte Resli, so will ich es geradeheraus sagen: das Meitschi hat
mir gefallen wie noch keines, ich glaube nicht, da es eins gbe, das ihm die
Schuhriemen auftte, und ich habe gleich gedacht, das oder keins. Und es ist mir
noch so, aber ich sehe wohl, da es nichts daraus gibt.
    Warum? fragte Christen, hast gefragt?
    He nein, sagte Resli, aber ich wei es sonst.
    Wie kannst du so etwas wissen, wenn du nicht gefragt hast; das geht oft
ganz anders, als man denkt. Oder ist das Meitschi verheiratet? fragte der
Vater.
    Selb wei ich nicht, sagte Resli, und vom Meitschi wollte ich nicht
reden, es schien mir, als wre ich ihm nicht ganz unanstndig, freilich irrt man
sich leicht. Aber es ist noch etwas anders.
    So sage doch, was ists? sagte der Vater. Ists ppis z'schchen a de
Lte?
    He, wie man will, sagte Resli. Der Vater ist sehr reich und grusam
geizig, und wie ich gehrt, ist ihm fr seine Kinder nicht gleich einer reich
genug, und wenn es auch einer ist, so will er dann noch ehetagen auf alle Fli,
da es keine Art hat. Er htte schon zwei Tchtern so gebraucht und ehetagen
lassen, da seine Tochtermnner daheim alleine erben und ihre andern Geschwister
mit leeren Hnden gehen knnen. Das will ich nun nicht, ich will mich an meinen
Geschwistern nicht versndigen, da ich denken mu, Kinder und Kindeskinder
mten es entgelten, und wo man unter solchen Gedingen zusammenkommt, da sieht
man wohl, was Trumpf ist, und was e sellige Trumpf kann, das haben wir erfahren.
Ich begehre nicht mehr als meine Sache, dem Christen und dem Annelisi gehren
ihre Teile so gut als mir, wenn es einmal zum Erben kmmt, was, so Gott will,
noch lange nicht geschehen wird.
    Los Bruder, sagte Annelisi, wenn es nur das ist, so achte dich meiner
nicht. Christen hat nur Spe gehabt, und es ist dann noch lange nichts
Richtiges, und wenn ich dich damit kann glcklich machen, so bleibe ich ledig.
Es wre ja so Mancher ihr Glck gewesen, wenn sie nicht geheiratet. Wie wohl es
mir ist bei Vater und Mutter, das wei ich, wie es mir aber so mit einem Manne
gehen wrde, das ist ein Ungewisses.
    Wie wir es zusammen haben, sagte Christen, weit du, und wenn dir das
Meitschi anstndig ist, so mach, was du kannst, und was wir dir dazu helfen
knnen, darauf zhle, und wenn dir der Vater den Hof abtreten will kaufsweise um
ein Billiges, ich fr mich htte nichts darwider.
    Von dem will ich nichts hren, sagte Resli, Vater und Mutter sollen ihre
Sache behalten. Da sie wegen einem Kinde sich die Hnde binden sollten, das tue
ich nicht. Wegen einem Meitschi lasse ich Vater und Mutter noch lange nicht auf
die Seite stellen, wir sind jetzt so schn bei einander, wir wollen nicht
alsobald Unguts hineinmachen.
     Mir ttest du einen groen Gefallen, wenn es sich machen liee, sagte die
Mutter; wenn ich sterben sollte, und das werde ich bald, es wre mir ein groer
Trost, wenn ich deine Frau gesehen htte.
    Mutter, schweig vom Sterben, du darfst uns nicht sterben, und von einer
Frau schweiget mir.
    Und ich schweige nicht, sagte Christen. Es ist doch dann noch nicht
gesagt, da es immer gleich gehen msse, und probieren schadet nichts. Es kmmt
nur darauf an, ob dich das Meitschi will oder nicht; wenn man das vernehmen
knnte, so mte die Sache bald richtig sein. Hast du seither nichts von ihm
vernommen?
    Nein, sagte Resli, er htte nicht gewut, was das Nachfragen abtrage, wo es
besser wre, er vergesse die ganze Sache, je eher je lieber.
    Da hast du unrecht getan, sagte Christen, und ich will fr dich
vernehmen, was ntig ist; es ist mir auch daran gelegen, da du eine rechte Frau
erhaltest, und wenn die Mutter so Freude hat an einer Sohnsfrau, so mu sie noch
vor Ostern eine haben, oder ich will nicht Christen heien. Vater, gib mir
einige Neutaler in Sack, die meinigen sind neue use, und ich will um etwas aus,
um Rosse, Khe Schafe, sei es was es wolle, und somit habe ich Gelegenheit, auf
das Dorngrt zu kommen, unbekannt, vielleicht mit dem Meitschi z'reden, und
vernehme allweg, was fr Werch an der Kunkel ist und wie die Sache ppe
anzukehren wre.
    Mache, was du willst, sagte Resli, und ich danke dir fr dein Anerbieten,
aber ich will dich nicht geheien haben und an nichts schuld sein. Ihr seid alle
nur viel zu gut gegen mich, aber ich will es auch Keinem vergessen.
    Das htte ich vor acht Tagen noch nicht hoffen drfen, da es so kommen
knnte, sagte die Mutter, und wenn es mir jemand gesagt htte, so htte ich es
ihm nicht geglaubt. Aber bei Gott sind alle Dinge mglich, und wie er das
Unglck einbrechen lt wie einen Dieb in der Nacht, warum sollte er nicht auch
das Glck herauffhren wie die Sonne aus ihrer Kammer, wenn die Herzen dafr
reif geworden sind?
    Horch, was ists? rief Resli und sprang vom Boden auf. Langsame
Glockenschlge hallten einzeln durch die Luft, alle sprangen auf. Es strmt, wo
brennts? frugen alle. Rauch war nirgends zu sehen, aber nur im Halbkreise lag
frei der Horizont vor ihnen. Sie eilten dem Hause zu; in zwei Minuten sah man
Resli, den Feuerhaken auf der Achsel, den Eimer darangehngt, in raschem Laufe
dem Kirchturme zueilen, wo immer ngstlicher die Glocke um Hlfe wimmerte, und
verschwunden war das schne Bild der innigen Familie, verschlungen vom Wirbel
der Welt.
    Aber sei auch das Bild verschwunden, ist nur der Geist geblieben; der
lebendige Geist sprht neue Bilder immer wieder auf, schne Kinder, Zeugen
seines Lebens.

                            Vorwort zum zweiten Teil


Dem geneigten Leser wird anmit eine Fortsetzung der Erzhlung Geld und Geist,
welche im zweiten Bndchen der Bilder und Sagen enthalten ist, dargeboten; der
rger vieler Leser ber den scheinbar zu raschen Schlu bestimmte den Verfasser
dazu, und Bedingungen zu fernerem Leben fanden sich in der ersten Erzhlung
hinreichend vor. Auf neuem Boden birgt sich das innere Leben mehr hinter uere
Verhltnisse, und unfreundlich wlbet sich der Himmel ber ihm; wer aber in
Geduld dieses berwindet, findet im Schlusse vielleicht den Geist wieder,
welcher das Geld besiegt und den Segen der Vershnung ber die Herzen bringt.
Wer hat nicht schon den Unterschied bemerkt, der im Klange der Glocken liegt, es
gefhlt, wie verschiedene Empfindungen sie erregen im menschlichen Gemte?
    Ernst und hoch, wie vom Himmel her, ertnen sie, wenn sie den Menschen rufen
in Gottes Haus, sich zu demtigen vor dem Allmchtigen, sich aufzurichten am
Allerbarmenden; dumpf tnt die Totenglocke, von weitem her wird es einem, als
hre man auf den Sarg die Erde prasseln, als versinke man in ein dunkles Gewlbe
und hre immer ferner und ferner des Lebens Klang. Freundlich und mild tnt die
Vesperglocke. Wer des Abends ber Berg und Tal das freundliche Gelute hrt, dem
wird, als empfange er freundliche Gre, ein gastfreundlich Laden zu ser Ruhe,
als vernehme er des Vaters Ruf, sich zu stellen unter dessen treue Hut, zu legen
all sein Sorgen und Sinnen in dessen weise Hand. Aber wenn die Feuerglocke
erschallt, da zuckt Schreck durch die Seelen, Weiber werden bla, Kinder weinen,
Mnner horchen hastig auf und strker klopfen ihre Herzen. Es tnt vom Turme her
wie Weiberjammer, wie Kindergewimmer, wie des Feuers Knistern, und je langer die
Glocke geht, um so inniger scheinen ihre Tne zu werden, um so ngstlicher
wimmert sie, um so lauter jammert sie. Es zieht das Herz sich zusammen, bange
sucht der Mensch den Menschen, alle Augen suchen des Brandes Zeichen, den
dunklen Rauch, der weithin des Brandes Sttte weiset, den Helfenden der dstere
Stern ber der Sttte, wo Hlfe nottut. Und jeder rt, wohin die dunkle Wolke
weiset, und jeder schreit auf, wenn neue Wellen wallen ber Berg und Tal, das
Aufflammen neuer Huser, das Zusammenstrzen der ausgebrannten verkndend.
    Ums Spritzenhaus, welches wie blich in der Mitte des Dorfes stand, von
welcher gewhnlich das Wirtshaus auch nicht ferne liegt, whrend die Kirche
gerne zur Seite steht, wie billig auch, das Erstere als Anker der Welt, die
Letztere ein Wegweiser aus der Welt - ums Spritzenhaus fand Resli, des Bauern
Sohn von Liebiwyl, das halbe Dorf geschart. Die Einen sahen in den wirbelnden
Rauch, der in der Ferne, aber immer dicker, immer schwrzer gen Himmel stieg;
die Andern liefen ngstlich herum, hantierten mit der Spritze, banden Schlauche
auf, schleppten Eimer herbei, schrieen nach Pferden, welche aber niemand werde
geben wollen, was ein recht Elend sei und immer so gehe, schrieen nach einem
Stck Kerze in die Laterne, da es auf den Abend gehe, und niemand wollte Kerzen
haben daheim, aber der Krmer htte frs Geld, sagte man. Sobald Resli kam, frug
er: Wo ists? Bestimmt wisse man es nicht, sagte man, aber allem an zu
Ufbegehrige, und die Brunst sei gro und alle Augenblicke scheine ein neues Haus
aufzugehen. ngstlich rief Resli nach dem Rundellentrger, dem Fhrer der
Feuerlufer; der war nirgends zu sehen. Er sei weder vormittag noch nachmittag
in der Kirche gewesen, hie es, er werde um etwas aus sein, um eine Frau oder um
eine Kuh, wahrscheinlich um das Letztere, da er in vergangener Woche den
Bernmetzgern zwei verkauft htte. Resli, rasch entschlossen, frug: Wer nimmt
meinen Haken?, nahm die Rundelle, sagte: Wenn sie hier keine Rosse mehr
vermchten, so solle jemand rasch heim zu ihnen, sie htten noch deren, aber
machen sollten sie, da sie bald nachkmen, sonst sei es eine Schande fr die
ganze Gemeinde. Gerade an solchen Dingen nehme man ab, was fr Leute in einer
Gemeinde seien ob etwas wert oder nichts. Seine Stichworte gingen in manches
Herz, um so mehr, da sie von einem jungen Burschen kamen, der noch zu gar nichts
etwas zu sagen hatte, und graue Hupter trafen, die Hupter der Gemeinde zu sein
meinten.
    Wenn ein jeder Subub sein Maul in die Sache hngen wolle, so htte er
nichts da zu tun, sagte der Ammann, aber wohlweislich erst, als Resli in kurzem
Trabe bereits ein Stck Wegs weit war. So ein Lmmel wisse nicht, da man
allweg, ehe man fahre, die Rosse fttern msse, einem jeden ein Immi Haber oder
zwei, von wege man wisse nicht, wann sie wieder zum Fressen kmen. Und wenn sie
gefressen htten, so sei es dann manchmal nicht einmal ntig, da man fahre, und
schon alles zBode.
    In gemessenem Trabe steuerten die Feuerlufer und mit ihnen Mancher, der
nicht daheim bleiben kann, wenn Not irgendwo ist, dem Brande zu. Je weiter sie
trabten, desto gewaltiger stieg vor ihnen die Rauchsule auf und verschwamm
unterm Himmel in eine groe schwarze Wolke, ein zweites Gewlbe, aus Rauch und
Ru gebildet, desto klglicher wimmerten die Glocken, desto grer ward der
Menschenstrom, der dem Brande zueilte. Sie hatten nicht not, wie es oft
geschieht, bei jedem Hause stille zu stehen, zu fragen, ob man da auch gestrmt
und wo man meine, da es brenne, vor jedem Dorfe stille zu stehen und sorgsam
nach dem dnnen grauen Fdchen zu sehen, das kaum sichtbar irgendwo von der Erde
zum Himmel sich wand. Nein, da lag offen, schwarz und schaurig der glhende Ort
vor ihnen, wo das entfesselte Element in wilder Schlacht rang mit Menschenkraft,
wo weither die Winde dem Feuer zu Hlfe flogen, dem Menschen aber der Mensch.
Und wie Regimenter, vom Donner der Schlacht herbeigerufen, nicht ngstlich oder
bedchtig das Feld umkreisen, Verweisen, wo Stand und Zugang am bequemsten sei,
sondern in die Schlacht sich strzen, wo sie ihren Bereich erreichen, wohl
wissend, da die schnelle Hlfe die beste ist, so strzten die Menschen sich in
Rauch und Feuer, zu kmpfen mit Rauch und Feuer; nur den rasselnden Spritzen
eilten Kundige voraus und sphten, wo Platz und Wasser sei fr sie, wie auch den
Batterien die Adjutanten vorauseilten, zu erkunden, wo die Kanonen am bequemsten
abzuprotzen, am verderblichsten zu richten seien in des Feindes Reihen.
    Khn drang Resli mit seiner Schar in den Mittelpunkt der Schlacht, suchte
die gefhrlichste Stelle, suchte die Fhrer; die Letztern fand er nicht. Wirre
durcheinander wogten Feuer und Menschen, geordnet war der Widerstand nirgends.
Hier befahlen Viele, dort niemand; wo jeder tat, was ihm der Instinkt gebot, da
ging es am besten. Als kluger Kommandant hatte Resli seiner Schar geboten,
bestmglichst beisammen zu bleiben; aber allen wards nicht mglich, auch hier
war das Schicksal mchtig, das seine Lust zu haben scheint am Scheiden und
Trennen. Die Feuerlufer mit den Haken strzten zum Brande, rissen seine Beute,
brennende Balken, ihm aus den Zhnen, rissen Angebranntes nieder, alle
Augenblicke in Gefahr, selbst zu feurigen Branden zu werden. Die mit den Eimern
stellten sich zu den Spritzen, lsten mde Mannschaft ab, reihten sich in die
Wasserzge, traten ein, wo Lcken waren, whrend Resli, als Rundellentrger,
durch die Reihen flog, ordnend und mahnend Mige in die Zge stellte,
Unschlssigen die rechte Stelle wies, den Verband erhielt zwischen der Spritze
und denen, die das Wasser dahin schafften. Resli erfuhr es, was es heit, in
wild wogendem, gewaltigem, andaurendem Brande einen Wasserzug zusammenzuhalten;
leichter ists, ein Regiment festzuhalten im tdlichen Karttschenregen, im
sausenden Reitersturm, ja wer wei, ob es schwerer wre, ein Hundert
zusammengefangene Flhe zusammenzuhalten auf der engen Flche einer Hand, als
einen langen Wasserzug, bestehend aus Menschen von hundert Orten her. Bald
erleidet es einem, er drckt sich hinten ab; bald sieht ein Anderer, da er
seinen Gefhrten verloren, er schleicht sich weg; dann ndert die Spritze ihren
Stand, und wenn sie wieder Wasser will, so sind nicht die halben Leute mehr da,
der Zug ist halb zu kurz; dann kmmt eine andere Spritze angefahren, durchbricht
die Reihe, auseinander stauben die Leute; sollen die Reihen sich wieder
schlieen, siehe, so ist niemand mehr da, nach allen vier Winden ist alles
auseinander. Nun soll alles wieder geordnet werden, die Menschen halb mit Gewalt
zusammengetrieben. Wasser! Wasser! schreit es von allen Seiten her, und
whrend man am besten dran ist, kmmt einer und befiehlt, man solle fort hier,
an einem andern Orte sei Hlfe dringlich, und kaum hat man das angesagt, so
laufen zwei Andere daher mit Fluchen und Toben und wollen, da man da stehen
bleibe, weil sonst alles brige noch zugrunde gehe. Da mu man von neuem dran,
mu die auseinandergelaufene Herde wieder zusammentreiben, mu sich wst sagen
lassen, mu von Dutzenden hren, man sei ein Sturm, ein Lhl, ein Lappi und
wisse nicht, was man befehle.
    Resli erfuhr das zum erstenmal, denn wenn er schon bei mehreren Brnden
gewesen, so hatte er doch nie diesen Dienst versehen. Leicht wie ein Vogel und
khn wie ein Lwe war er zum Brande gekommen, hatte er sich in denselben
gestrzt. Es war ihm gar wunderbar zumute gewesen, fast als ob er Flgel htte
und Kraft in sich, die Welt zu bezwingen; er htte whrend dem Laufe jauchzen
und singen mgen, wenn es schicklich gewesen wre, und weil ers nicht durfte,
rissen seine Beine um so schneller aus, da die hinter ihm alle Augenblicke
rufen muten, er solle doch nicht so laufen, es mge ihm ja niemand nach.
    In fast freudiger Erregung hatte er sich ins wilde Wirrwarr gestrzt; aber
wer wei nicht, wie jede Erregung so leicht in verschiedene Tne bergeht, die
freudige in eine wilde, die wilde in eine zornige? Einen Wasserzug hatte er
rasch zusammengebracht, und je lauter das Feuer prasselte, desto rascher eilte
er auf und ab. Die Glut ergriff ihn immer mchtiger, dem jungen Helden gleich,
dem die brausende Schlacht zum schumenden Gttertranke wird, welcher
menschliches Frchten versenkt und einen Mut entbrennt, welchem zu hoch der
Himmel nicht ist. Ans Lcherliche streift es aber, wenn dieser Gtterbrand an
kleinlichten Dingen verlodert, am Ordnen eines Wasserzuges zum Beispiel. Dieses
Lcherliche fhlt aber niemand als der, in welchem der Brand lodert; aber dieses
Gefhl lscht die Glut nicht, sie schlgt nur wilder auf, verkehrt endlich in
Zorn sich. Resli mahnte und stellte die Leute erst in fliegender Hast, aber
freundlich, fragte, ob man so gut sein wolle, bat, man mchte ihm den Gefallen
tun, sobald mehr Leute da wren, so knnte man sich ablsen. Als aber immer
Lcken zu fllen waren, oder wenn alles geordnet war, alles wieder zerrissen
ward, da lie er erst alle unntigen Worte weg, dann alles Bitten, dann alles
Reden, jagte nur kurzweg die Leute, welche er habhaft werden konnte, in den Zug.
Endlich begann er gegen seine Gewohnheit zu fluchen und recht ungebrdig sich zu
stellen, die Leute bei den Armen in die Reihen zu mustern und nicht immer sanft.
Eben hatte er die Sache wieder einmal in Ordnung, da fuhr die Spritze auf die
andere Seite des Hauses, und husch! war die Spitze des Zuges zerstrt. Wild und
fluchend jagte er die Leute zusammen. Zwei Mdchen, die unter einem Baum mit
einander redeten, ri er auseinander und schmi das eine dem Zuge zu. Dampit
daheim, ihr -, sagte er. Ume hbschli, mach nit dr Lmmel, sagte das Mdchen
und wandte das Gesicht ihm zu. Da sah Resli in des Dorngrtbauern Tochter
Gesicht, und die Tochter sah in Reslis Gesicht, und Beide sahen einander an,
starrten einander an, und Keines konnte zum Andern etwas sagen, und Beide waren
die Einzigen in der weiten Runde, die dastunden stille und wie vom Blitz
geschlagen. Sorg! Sorg! Platz! Platz! erscholl es pltzlich von allen Seiten.
Durch die Bume, einem Weiher zu, brach pltzlich der wohlbekannte Solothurner
Eimerwagen, hinter ihm drein ein Menschenstrom, einige Spritzen; alles stob in
jhem Schreck auseinander, und als Resli sich umsah, sah er weder Wasserzge
noch Mdchen mehr. Der Erstere kmmerte ihn wenig, er sah rundum nach seinem
Mdchen, er ging um die Bume, er begann auf und ab zu rennen, sah nach allen
Mdchen, aber nicht nach dem Wasserzug; da packte ihn der Spritzenmeister:
Donner, Rundelltrger, was macht Ihr? Schon lange haben wir kein Wasser mehr,
und der Spycher raucht zum Brennen; jagt die Leute zusammen, ich will Euch
helfen! Steht, Leute, stellet Euch, nur noch eine halbe Stunde, so ists
gewonnen!
    Resli mute an seine Pflicht, und wie gerne wre er jetzt davongelaufen wie
Andere frher, die er hart an ihren Ort gewiesen! Hitze und Eifer war
verschwunden, und wenn er schon noch wie wild auf und ab lief, so sah er doch
nicht nach den Lcken, sondern nur jedem Mdchen ins Gesicht, und wie oft er
ber weggeworfene rinnende Eimer stolperte, zhlte er nicht, aber weithin
verkndete es jedesmal ein schallendes Gelchter. Er machte wohl noch die Runde
rund um die Reihe, Miggnger herbeizutreiben, sah aber wiederum nur nach
Dorngrtbauren Tochter, rannte dabei an Bume und brachte mehr als einmal die
lngst angezndete Rundelle in Lebensgefahr. Aber nirgends sah er sein Mdchen
wieder, wie manches er auch umdrehte, um wie manches er auch lief, und je lnger
er es nicht fand, um so mehr rgerte ihn sein Betragen, aber auch das Mdchen,
das gar wohl in der Nhe htte bleiben knnen, wo es sicher gewesen wre, ihn
wieder zu treffen. Resli dachte nicht daran, da bei einem Brande an einem
fremden Orte und noch dazu nachts, wo alles in Rauch und Glut, in ungewissen
Umrissen schwimmt, man nie wei, wo man ist, und noch dazu ein Wasserzug akkurat
dem andern gleicht. Auf einmal ri sein Wasserzug von oben an bis unten
auseinander, alles stob davon und auf leerem Platz einsam stund Resli, ehe er
zehn zhlen konnte; stille ward es um ihn, nur von oben her, von den
Spritzenfhrern, hrte er fluchen, er wute nicht warum. Er hatte berhrt, da
das Geschrei gekommen war, der Pfarrer halte die Abdankung. Diese will jeder
hren, Keiner sie versumen; wo das Geschrei erschallt, sie beginne, stockt die
Arbeit, die Ordnung lst sich auf, von allen Seiten strmt die Menge dem einen
Punkte zu, wo der Pfarrer steht, manchmal auf einem Stuhle, manchmal auf den
Trmmern eines ausgebrannten Hauses, manchmal auf einer umgekehrten Btte, in
welcher sonst gewaschen wird oder Schweine gebrht werden. Da kam es Resli in
Sinn, was diesmal die Leute auseinandergestubt, ein Stein fiel ihm vom Herzen.
Eile kam in seine Beine, er flog dem Haufen nach, denn wo konnte er wohl sein
Meitschi besser finden als da, wo alle sich zusammenfanden? Der Brand war
gedmmt worden, das Element der menschlichen Anstrengung unterlegen, es war nun
billig, Dem zu danken, von dem alle Kraft kommt und der jegliche Anstrengung
segnen mu, wenn sie ein Gedeihen haben soll. Auf einer Laube stand diesmal der
Pfarrer. Rundellen vor! ward befohlen; zunchst unter die Laube muten ihre
Trger sich stellen, und droben begann der Herr zu danken Gott und Menschen.
Aber Resli hrte nichts, er war nur Auge und suchte sein Meitschi. Mit List und
Kraft hatte er sich auf einen Haufen Holz gedrngt, schaute ber die Kpfe hin,
drehte seine Rundelle nach allen Seiten, streckte sich dazu noch, so lange er
konnte, aber nirgends sah er sein Mdchen. Gesichter sah er zu Hunderten, aber
nirgends das rechte, und wenn er auch meinte, das ist es, so war es es doch
wieder nicht, bald ein Affengesicht und bald ein Schafsgesicht, die bekanntlich
weit hufiger sich finden als hbsche Mdchengesichter.
    Die Abdankung ging zu Ende, die Menge verlief; die Fhrer bliesen ihre
Hrner, riefen laut die Namen ihrer Heimat und, wie zu ihren Fahnen, die
Zerstreuten zu ihren Rundellen. Resli htte es vergessen, wenn nicht einer, der
sich zufllig zu ihm gefunden, ihn daran gemahnt htte; er wre lieber allein
herumgestrichen und htte gesucht, was er verloren, aber Ehre bringt Brde. Als
der grte Teil der Schar beisammen war und die Heimkehr fast angetreten, fiel
Resli ein, da er noch ein Zeugnis heimbringen sollte. Einer wandte ein, da sei
ja nicht ntig, die Eimer, welche sie hier lieen und welche durch die Gemeinde
wieder zurckgebracht werden, sollten doch wohl die besten Zeugnisse sein, da
sie beim Brande anwesend gewesen. Er wolle aber ein Zeugnis, sagte Resli, man
knne nicht wissen, wer die Eimer wieder bringe, und er wisse wohl, wie oft man
die Feuerlufer verdchtige, nicht beim Feuer gewesen zu sein. Die Meisten waren
auf der Seite dessen, welcher ohne Zeugnis gehen wollte, denn alle waren
frchterlich hungerig und durstig, hatten seit dem Mittage nichts gehabt, und
das wenige Brot, welches zu Aufbegehrige, wo man mehr Worte im Vorrat hatte als
Brot, unter die Helfenden ausgeteilt wurde, war bei der groen Menge nicht bis
zu ihnen gekommen; hier ins Wirtshaus sich drngen mochten sie nicht, sie
pressierten daher, nach einer der umliegenden Ortschaften zu kommen, wo sie
etwas zu erhalten hofften. Das fate Resli rasch auf und sagte, sie sollten nur
vorangehen und in dem und dem Wirtshause ihm warten; sobald er das Zeugnis
htte, kme er nach. Das war allen recht, sie gingen voraus bis an einen, den
Resli bleiben hie; es war ihm, als knnte es vielleicht eine Gelegenheit geben,
wo er froh wre, seine Rundelle ohne sich nach Hause zu senden. Langsam strich
er dem Schulhause zu, wo die Vorgesetzten zu finden sein sollten, stand oft
stille, drngte sich durch die dichtesten Haufen, machte Umwege, um mit Menschen
zusammenzugeraten, so da sein Kamerad ihm sagte: Du! du wirst noch Schlge
wollen; nach einer Brunst ists nicht richtig, die Nase allenthalben zu haben.
Aber wie er auch zndete und guckte, das Meitschi fand er nirgends, fand es
nicht im Schulhause, wo er endlich zu einem Zeugnisse kam, fand es nicht im
Wirtshause, wo er trotz allem Protestieren seines Gefhrten endlich einen
Schoppen erzwngte; er mute zum Dorfe hinaus, er mochte wollen oder nicht, ohne
eine Spur vom Meitschi gefunden zu haben.
    Es war eine schne Nacht, die Sterne flimmerten am Himmel; die groe
Brandsttte hllte sie in dnnen, durchsichtigen Schleier, glhte im friedlichen
Gelnde einer Hlle gleich, und die Schatten der Verdammten sah in derselben
wimmeln, wer den Ort verlassen hatte und sich zurckwandte, auf den Graus der
Verwstung noch einen Blick zu werfen. Die arbeitende Mannschaft kam ihm vor wie
eine wilde Hllenschar, welche das Feuer schrte, die Verdammten hin- und
herschleppte, von einem Feuer ins andere Feuer, whrend die Haufen, die ringsum
aus Feuer und Rauch tauchten, die Scharen schienen, welche, durch die Gebete der
Ihren erlst, die Hlle verlieen, den Himmel suchten.
    Vor dem Dorfe liefen viele Wege auseinander und durch einen schnen
Eichwald, wo die majesttischen Bume weit auseinander stunden, das Unterholz
sprlich wuchs, der Menschen Auge in tiefen Hintergrund sich verlor. Ein
eigentmlich Leben waltete in demselben. Zahllos wogten durch denselben die
Helfenden ihrer Heimat zu, lachend und schkernd, singend und brllend;
dumpfrasselten die Spritzen, ngstlich schwirrten die aufgeschreckten Vgel,
seltsam leuchteten die schwankenden Rundellen auf den Spritzen und den Achseln
ihrer Trger. Immer wilder und lauter gestaltete sich dieses Leben. Der schwer
aufzuregende Berner wird, einmal aufgeregt, schwer wieder ruhig. Nichts aber
lt wohl das Blut rascher kreisen als die Aufregung bei einem Brande. Der jhe
Schreck bei den ersten Tnen der Feuerglocke setzt es in Bewegung, der rasche
Lauf zur Sttte jagt es immer rascher, Werchen und Wagen beim Brande selbst
macht es immer heier, und kmmt zu allem noch ein Schluck Brnz, ein Schoppen
Wein in den leeren Magen, dann kocht das Blut, ein Funke bringt es zum Brande.
Daher Lrm, Geschrei, Toben und Streit allenthalben durch den weiten Wald. Jede
Spritze, welche durch die Menge fuhr, drohte oder erzeugte eine Balgerei; um
schkernde Mdchen, welche in Massen zum Brande gelaufen waren, von guten Herzen
getrieben oder gute Herzen suchend, schlugen Bursche sich blutig; alte
Dorffeindschaften setzten die Feuerhaken in Aufruhr, und manche Hake fuhr in
Menschenfleisch, als ob es ein brennender Balken wre. Und wenn das Ding an
einem Orte angeht, so geht es allenthalben los, wie eine ansteckende Krankheit,
wie das Feuer auf einem Brechplatz, das, hier gelscht, dort erstickt, immer neu
ausbricht, bis es rundum gewesen ist.
    Resli ging mit seinem Begleiter ruhig und stolz durch das Getmmel hin; kam
ihm das Gedrnge zu nahe auf den Leib, so wehrte er es mit starkem Arme, aber
sachte, zur Seite und schritt frbas. So kam er tief in den Wald hinein. Vor ihm
hrte er Fluchen, harte Schlge, pltzlich Weibergeschrei; dunkel war es im
Schatten der Eichen und seine Rundelle die einzige in diesem Augenblick im
langen, durch Eichenste gewlbten Wege. Akkurat tnte ihm eine weibliche Stimme
wie die, die gesagt hatte: Mach nit dr Lmmel, und rasch zog er aus, dem
Streite zu. Vergeblich mahnte sein Freund, aus dem Wege zu beugen oder die
Rundelle zu lschen; wie er damit unter die Streitenden komme, so knne er auf
Schlge zhlen. Aus dem Wege gehe er nicht, der sei fr alle Leute, sagte Resli,
und die Rundelle lsche er nicht, die htte man dafr, um heiter zu machen, wo
es dunkel sei. Je lauter der Streit vornen ward, desto rascher zog Resli aus,
hinter ihm sein Kamerad, der, als er sah, da Resli nicht abzuhalten sei,
meinte, wenns denn fr ds Tfels Gwalt sein mte, so sei es ihm zuletzt gleich,
z'tde werde es nicht gehen, und um eine Handvoll Schlge mehr oder weniger
kehre er nicht die Hand um.
    Wie Trojaner und Griechen um die Helena, zankten sich allerdings die
Burschen um ein Mdchen oder zwei, und zwar handgreiflich nach der Vter Sitte.
Und als Resli ber den Trupp leuchtete, sah er manch blutend Gesicht, aber, wie
er meinte, auch sein Mdchen in der Mitte. Da fuhr er gewaltig in den Ring
hinein wie ein stolzes Linienschiff in des Meeres wilde Brandung, hinter ihm der
gute Kamerad, eine Handvoll Schlge gewrtig. Da sauste es ber ihren Kpfen,
und wie vom Blitz getroffen sank Resli zusammen. Bei jedem Streit, wo Viele
sind, gibt es deren Brschchen, die ihre Haut gerne ganz behalten und doch etwas
an der Sache machen mchten; die stehen dann seitwrts im Hintergrunde und
passen die Gelegenheit ab zu einem guten Streich von hinten. Ein solcher hatte
auch Resli getroffen mit dem Feuerhaken; eigentlich galt es der Rundelle, deren
verrterisches Licht ungelegen kam.
    Wart, du verfluchter Mrder, dich will ich! schrie Reslis Kamerad. Das
Wort Mrder schreckte die Streitenden, in den Handel wollte Keiner kommen, und
ehe er sich versah, war der Begleiter mit Resli allein. Da lag er nun betubt im
Blute, und jener sagte: Gll, es ist dir gegangen, wie ich gesagt, wenn du nur
wieder lebendig wrest. Er zog ihn neben den Weg, wollte ihn aufwecken,
aufstellen, aber nichts gelang ihm; in der grten Verlegenheit stund er da.
Endlich kam wieder ein Mensch durch den Wald, lie sich in die Lnge erzhlen,
was es gegeben, und sagte: Weit du was, da rechts, nicht einen Bchsenschu
weit, ist ein kleines Huschen, ich will es dir zeigen, da geben sie dir einen
Karren und du kannst mit ihm fahren; wenn du einmal bei den Andern bist, so
gehts dann schon. Er zgerte, dem Rate zu folgen, den Freund wollte er nicht
allein lassen. Du Lhl, sagte der Andere, fortlaufen wird dir der nicht, und
stehlen wird ihn auch niemand, und die ganze Nacht da neben ihm stehen wirst du
doch nicht wollen, er knnte sich ja verbluten. Es knnten vielleicht Leute
kommen, sagte Reslis Freund, und ihm helfen. Er zweifle, sagte der Andere, es
sei ihm, sie seien die Letzten, aber zwingen wolle er ihn nicht. Mach, was du
willst, anhalten will dr nicht, adie! Wart, wart! rief der Kamerad, suchte
Resli bequem an einer Eiche zu betten; jetzt komm, sagte er, aber geschwind,
geschwind, er ist mir doch nicht ganz am Ort. Ume hbschli, sagte der Andere,
sonst lauf meinethalb alleine, wenn du den Weg weit, und folgte langsam dem
Eilenden nach, und Beide verschwanden im Walde.
    Lange war es gegangen, da rauschte es durch den Wald, mit einem Karren kamen
zwei Mnner gefahren. Sieh, sagte der eine, dort, wo die drei Eichen
zusammenstehen, dort liegt er an der mittlern. Vor der Eiche hielten sie, aber
da lag niemand mehr, lag weit herum niemand; still und de war es im Walde,
alles Leben war verrauscht, die aufgescheuchten Vgel ruhten wieder.
    Da stand der arme Kamerad, nirgends war der Freund nirgends eine Spur von
ihm. Die drei Eichen waren es, ringsum standen keine so, und vor denselben lag
Blut, und unter der mittlern sah man deutlich, da jemand da gelegen. Einige
Angst ergriff ihn, rundum zndete er mit der Run, delle, in jedes Museloch
hinein, auf jeden Baum empor; dann fluchte er ber sich, denken htte er doch
sollen, es gehe so; dann ber den, der es ihm angegeben und ihn noch dazu in der
Irre gefhrt. Pltzlich kam ein schwarzer Gedanke ber ihn: Oder hat der - mich
nur weggelockt, sagte er, um zu machen, was ihn gelstete? Und immer
schwrzer ward sein Gedanke, immer grer seine Angst; er teilte sie dem mit,
welcher ihn begleitete, und frug ihn, ob er den nicht gekannt, der mit ihm zum
Huschen gekommen? Hb nit Kummer, sagte dieser, sieh, man sieht ja kein
Gestampf oder etwas Ungerades bei der Eiche, und wenn der etwas Bses im Sinne
gehabt htte, so wrde er dir das Huschen nur von weitem gezeigt haben und
nicht bis zu demselben gekommen sein, wo er doch htte denken mssen, man
erwische ihn noch ob der Tat. Aber der Mann wird zu ihm selbst gekommen sein;
was gilts, du triffst ihn im nchsten Wirtshause. Wer glaubt nicht gerne, was
ihm angenehm, dazu noch so natrlich ist, denn dort sollten ja die Gefhrten
warten, wie es Resli selbst angeordnet. Er schaffte mit dem Karrenmannli ab und
eilte dem Sammelplatze zu.
    Dort war ein gro Gedrnge noch, aber beinahe wre es ihm bei seinem Suchen
gegangen wie Resli im Walde. Da in der Gaststube seine Gefhrten nicht waren, so
strmte er durch alle andern Stuben, aber nirgends waren sie mehr. Dagewesen
seien sie, vernahm er endlich, aber ob einer zu ihnen gekommen, der blutig
gewesen sei, das wute niemand mit Bestimmtheit; die Einen meinten Ja, die
Andern Nein, die Dritten sagten, er solle sich streichen und sie in Ruhe lassen,
er sehe doch wohl, da sie nicht Zeit htten, sich lassen z'kinderlehren und
jeder Gwundernase Bericht zu geben; sie htten wohl viel zu tun gehabt, wenn sie
sich eines jeden htten achten wollen, der blutig gewesen, deren sehe man ppe
viel nach einer solchen Brunst. So ohne bestimmten Bericht mute er weiters; er
trstete sich, so gut er konnte, und doch war ihm nicht wohl bei der Sache. War
ich doch nur bei ihm geblieben, was hat der verfluchte Karren abgetragen - oder
ists vielleicht gar der Teufel gewesen, der mich da weggelockt ? Es het ein fast
decht, es sei nicht ein Mensch wie ein anderer. So mute er immer denken, bis
er heim war, und als er heimkam, durfte er fast nicht fragen, wo Resli sei,
sondern hatte gute Lust, ein Kind mit der Rundelle zum Spritzenhaus zu senden,
in aller Stille sich heimzudrcken, zu tun, als ob nichts geschehen und er gar
nicht dabeigewesen wre. Indessen brachte er das doch nicht bers Herz, wie denn
gottlob der Mensch nicht den hundertsten Teil tut von dem, was im Herzen ihm
aufsteigt; er vernahm aber bald, da kein Mensch Resli gesehen und da alle von
ihm wissen wollten, was aus Resli geworden.
    Er erzhlte nun und erzhlte immer wunderlicher, weil er die Schuld
verdecken wollte, welche sein Gewissen ihm vorwarf und die doch eigentlich gar
keine Schuld war, sondern hchstens ein Mangel an Besonnenheit, nach einem
solchen Brande und noch dazu bei dem Magen leicht verzeihlich. Er erzhlte
immer wunderlicher, verworrener, wie es gekommen, da er von Resli weggegangen,
je mehr man ihn fragte, je lnger er erzhlen mute, und aus dem Ding, das jeder
hrte, das je lnger je mystischer ward, machte nun jeder eine eigene
Geschichte, und eine Geschichte glich der andern so wenig, als Wei und Schwarz,
als eine Schlange und ein Elefant sich gleichen. Nach den Einen war er als tot
verscharret worden im Walde, nach den Andern zu Kilt gegangen, die Dritten
dderleten vom Teufel, die Vierten von seinem Kameraden, der lngst kein Geld
gehabt und gewut, da Reslis Sack meist wohlgespickt war.
    Unterdessen wartete man daheim mit Bangen auf Resli; der Vater lief
ungeduldig die Bsetzi vor dem Hause auf und ab, die Mutter stund in den Weg
hinaus, und bald sagte das Eine: Er kmmt noch immer nicht, bald sagte das
Andere: Siehst du ihn noch immer nicht? Bange Stunden verflossen, und eben
schickte sich der Vater an, ins Dorf zu gehen, als eine Frau kam und sagte: Ihr
guten Leute, ihr wartet vergeblich, der kmmt euch nicht mehr heim. Herr
Jemer! Herr Jemer! Was sagst, was hats gegeben? sagte nneli, und Christen
scho ab der Bsetzi wie ein Hbch, dem jemand zum Neste will. Ich darf es euch
nicht sagen, sagte die Frau, ich mchte euch nicht erschrecken, solche Sachen
vernimmt man immer zu frh. Adie wohl! nneli war bla geworden, konnte kaum
noch sagen: Mein Gott, mein Gott, was ists? Wenn ich gewut htte, da ihr so
erschrecktet, ich htte wger nichts gesagt, antwortete die Frau, aber mehr
darf ich wger nicht sagen. Es ist schrecklich, wie es heutzutage geht. Adie.
Da verlor Christen die Geduld und sagte: Willst du reden oder nicht und mit der
Sache hervor? So zum Narren lassen wir uns doch dann nicht halten. Nur nicht
so bse, du mein Gott! antwortete die Frau, wenn ihr nicht erschrecken wollt
und es mir nachtragen, so will ich es wohl sagen, was ich im Dorfe gehrt. Die
Leute sagen, Resli sei futsch; die Einen reden vom Teufel, der ihn genommen, die
Andern sagen, das sei nicht wahr, er sei tot und im Wald hieher Ufbegehrige
verlochet. Adie wohl. Diesmal horte das Adie niemand, denn nneli hatte das
Haupt auf die Ladenwand vor dem Garten gelegt und schluchzte so jmmerlich, da
es ihns ber und ber schttelte. Christen aber sagte: Tu nicht so, das wird
nicht sein. Komm ins Haus, da die Leute es nicht hren, sie knnten sonst
wieder meinen, was es gegeben htte. Ich will ins Dorf, dort wird wohl besserer
Bericht sein; aber kurios ist es allweg, da er noch nicht da ist. Er wollte
nneli hineinfhren, aber es sank zusammen; er mute es tragen und mit Wasser
und mit Tropfen lange fechten, ehe er es zurechtbrachte. Dann mute er erst noch
jemand zu seinen Kindern senden, die auf dem Acker Erdpfel hacketen, da sie
heimkmen, und erst als sie da waren und um Mutter und Resli jammerten und
wimmerten, konnte er gehen.
    So rasch hatte seit Jahren niemand Christen gehen sehen. So wie man ihn von
weitem zum Dorfe kommen sah, hie es: Er kmmt, er kmmt, und alles verbarg
sich vor ihm; die Weiber schossen in die Kche, die Mnner drckten sich um die
Ecken herum in die Stlle, nur hie und da blieb ein gwunderiger Junge an der
Strae stehen, um zu sehen, wie der bedchtige Bauer dahergeschossen kam. Hinter
ihm her streckten die Weiber ihre Kpfe ber die Kchentren und sagten: Er
plret nicht einmal, aber ds nni, seine Frau, die wird tun! He nun so dann, so
gehts, heute rot, morgen tot. Aber man htte es denken knnen, da es so gehen
mte. Wo nichts als Streit ist, da tut der liebe Gott gern ein Zeichen, wie er
den Streit hasse und das Wsttun.
    Doch Christen hrte dies liebliche Geflster nicht, er segelte, da er auf
der Strae und vor den Husern niemand fand, der ihm Bericht geben konnte, rasch
dem Wirtshause zu. Hier hielt die Wirtin stand und gab vernnftige Kunde, aus
welcher Christen entnahm, da noch nicht alles verloren sei und das ganze
Unglck darin bestehe, da Resli abhanden gekommen, aber Weiteres niemand wisse,
und da Samis Hans zuletzt bei ihm gewesen sei, der knne Bericht geben, wenn er
wolle, aber er rede gar wunderlich, bald so, bald anders, da niemand recht
daraus komme. Wohl, sagte Christen, dem wollen wir die Wahrheit fremache,
und steuerte dem Hause zu, wo 's Samis Hans wohnte. Dort aber hatte er handliche
Arbeit, ehe er jemand fregemacht hatte; er hoschete rings ums Haus und hoschete
niemand hervor. Endlich sah er durchs Kellerloch die Buerin im Milchkeller, und
rasch war er bei ihr und ruhte nicht, bis Hansli entdeckt war, den er scharf ins
Gebet nahm. Hansli gab Bericht und ziemlich der Wahrheit gem, nur da er den,
welcher ihn von Resli weggelockt, sehr ins Schwarze malte und zu verstehen gab,
da es mit dem nicht richtig gewesen sein knnte. Aber da Resli tot sei, glaube
er nicht, doch wo er hingekommen, begreife er nicht. He nun so dann, so mu man
ga luege, du kmmst doch mit und zeigst, wo er zuletzt gewesen? Er sei wohl
mde, sagte Hans, die ganze Nacht htte er nicht geschlafen. He nun, so nimmt
man Ro und Wgeli, mach da du in einer Stund z'lngst unten am Weg bist. Hans
war bereit dazu, sobald er sah, da Christen nicht mit ihm aufbegehrte; er
sagte, es sei niemand mehr daran gelegen, zu wissen, was mit Resli gegangen, es
sei ihm nicht nur wegen Resli selbst, sondern auch, damit man wisse, da er ihn
nicht liederlich im Stich gelassen.
    Christen ward es auf dem Heimwege ganz wunderlich, die Beine schlotterten
ihm, und mehr als einmal war es ihm als ob es ihm schwarz werden wollte vor den
Augen, da er sich an einen Zaun stellen mute und sich halten. Er hatte gute
Hoffnung, da die Sache nicht halb so bse sei als die Leute ausstreuten, und
das Wasser stund ihm fort und fort hoch in den Augen aus Dank und Freude, da
die Nachrichten besser seien, als er anfangs gedacht; aber eben deswegen lie
die Spannung des Schreckens nach, und blde ward es ihm an Leib und Seele, und
lose nur schienen seine Glieder zusammenzuhngen. So kam er langsamer, als er
gedacht, und mit Mhe heim, wo weit im Gchen vornen alle seiner warteten.
    Herr Jemer! Herr Jemer! sagte nneli, wie siehst du aus, er ist tot,
gll? O Resli, my Resli, seh ich dich nie mehr! und aufs neue schlugen die
Wellen des Jammers ber das Gestade. Tu nicht so, sagte Christen, wger
nicht, allem an ist Resli nicht tot. Er wird, als er alleine war, zu sich selbst
gekommen und nun hingegangen sein, wo er jetzt noch ist. Aber suchen mu man
ihn. Christeli, gib dem Braun z'fresse und mach das Wgeli zweg, ich will mich
anders anlegen, so sprach Christen in nnelis lauten Jammer, gegen das Haus
gehend, und vor der Tre setzte er sich aufs Bnklein hin und sagte, man solle
ihm Wasser bringen, es werde ihm so kurios. Nun neuer Jammer, da er doch sagen
solle, was er vernommen, einist msse man es vernehmen, und je lnger man
hingehalten werde, desto grslicher schlage es dann nieder. Sie sollten nur
ruhig sein, antwortete Christen, die Sach sei nicht bs, aber es sei ihm so in
die Glieder geschossen, er wisse nicht wie, es werde wohl vom starken Laufen
sein und bald bessern. nneli solle ihm ein frisches Hemd frelege, er wolle
gehen und sich zweg machen. O nein! Vater, du gehst nicht, sagte nneli,
Christeli kann fahren, es ist dir ja bel und der Braun wild; es wei kein
Mensch, welche Angst ich htte, wenn du gingest. Samis Hans kommt mit, sagte
Christen. So komme er, sagte nneli; er kann dich nicht gesund machen, und
wenn man so zweg ist wie du, so tuts ds Liegen am besten. Es wei kein Mensch,
ob es nicht einen Schlagflu, Gott beht uns davor, oder sonst etwas Bses geben
knnte, wenn du in der Welt herumsprengtest. Nein wger, du mut dich stille
halten, und wenn es dr nicht bald bessert, so mu Annelisi zum Doktor. Bluet
usela wr vielleicht gut.
    Wie der Vater sich auch wehrte, er mute nachgeben und ds Christeli fahren
lassen, und die Sorge um den Anwesenden zerstreute etwas Kummer und Jammer um
den Abwesenden in nnelis Herzen. Den rechten Weibern ist und bleibt immer der
der Nchste, der ihnen zunchst im Bereich ihrer Hlfe liegt; sie lassen nie
einen Anwesenden schmachten und sthnen, um zu jammern um einen in der Ferne.
Christen mute zu Bette, er mochte sich wehren wie er wollte, mute sich
Suppenbrhe geben lassen, und nneli setzte sich neben das Bett und wehrte ihm
die Fliegen, whrend Annelisi drauen ums Haus herumfuhr und bald in dieser,
bald in jener Ecke auf der Lauer stand, ob niemand mit Botschaft komme oder
vielleicht Resli selbst. Und zu ihm gesellte sich bald die Mutter, die vom
schlafenden Christen sich weggestohlen, und bald wiederum Christen, den die
Sorge nicht lange schlafen lie; aber gb wie sie ausschauten, es kam niemand,
einsam blieb es ums Haus, einsam, so weit die Sinne reichten. Da sagte nneli:
Ja so gehts, aber wer glaubt es, ehe man es erfhrt! Gestern wars so schn, und
wie waren wir alle beisammen, so glcklich und froh, und jetzt, wie ists? Jetzt
sind wir einsam; unser Bub ist hin, und das Herz aus dem Leibe mchten wir
weinen, jetzt, wo wir uns so lieb haben mchten. Oh, wenn es der Mensch sinnen
knnte, da man sich lieb haben sollte, wenn man bei einander ist, wei ja doch
kein Mensch, wenn man von einander mu!
    In einem waldumsumten Boden stund in Mitte reicher Matten ein groes graues
Haus, dessen Hinterseite im Reiz der Neuheit glnzte; nebenbei lagen ein
Holzschopf, ein Spycher und ein sogenannter Stock mit kleinen Fenstern und einem
auf die Fenster gedrckten Dache, das akkurat aussah wie ein Hut, den ein Ruber
sich in die Augen gedrckt, damit niemand sehe, was die Augen im Schilde fhren.
Allerlei lag um das Haus herum, Bauspne und sonstiges Gerbel; die Mistglle
lebte in ser Freiheit, Enten und Hhner ebenfalls, und im offenen Tenn stand
ein kurzer drrer Mann mit breiter Nase und schmalen Augen, der Strohbnder
machte fr die kommende Ernte. Neben dem Tenn lag die Haustre, die durch einen
schwarzen, rauchigten Gang zunchst in die Kche fhrte. Aus derselben kam rasch
ein Mdchen, dem man aber den Rauch nicht anmerkte, denn es war nett, schmuck,
sorgfltig gestrhlt, und sagte: Vater, es wird doch noch der Doktor geholt
werden mssen, er will nicht erwachen, oder was meinst? Was anfangs, hsselte
der Mann, da ihr ihn httet liegen lassen sollen; was ist er euch angegangen
und was hat es braucht, uns die Unmue zu machen? Aber Vater, antwortete das
Mdchen, so htte er ja sterben mssen. So htt' er, es mu einmal sein, und
jetzt wre es ihm vielleicht leichter gegangen als einist. Aber Vater, was
htten wir uns fr ein Gewissen machen mssen, wenn wir ihn htten liegen lassen
und es dann geheien htte, er sei gestorben! Unkraut verdirbt nicht so
leicht, und du weit nicht, ob seine Kameraden ihn nicht gesucht, und das ist
dann eine schne Geschichte, wenn die ihn nicht finden und wei da Schinder was
fr einen Lrm machen.
    Es ist einmal jetzt so, Vater, antwortete das Mdchen, und Balgen macht
die Sache nicht anderst. Aber wolltest du nicht hineinkommen und sagen, was du
meinst? Wir haben Weinberschlge gemacht, und jetzt sagt die Mutter, sie wolle
noch mit kaltem Wasser probieren, und wenn das nicht helfe, so wisse sie nichts
mehr anzufangen. Das Band zusammendrehend und dasselbe zu den gemachten legend,
sagte da Alte: So gehts, mit unserer Sache mgen wir nicht fertig werden und
haben bse und geben uns noch dazu mit andern Leuten ab und versumen uns darob.
Aber da du das weit, einmal fr allemal, wer liegt, den lasse liegen!
    Was vermgen wir uns dessen, wenn einer nicht zu sich selbsten sieht! So
keifend ging er hinter dem Mdchen drein ber die hohe Schwelle durch den
dunkeln Gang, in welchem Werkzeug stand aller Art und manche schwere Kette an
hlzernen Ngeln hing. Das Mdchen ffnete eine Stubentre, und hinter ihm drein
brummte der Vater: Man htte ihn nicht brauchen in die Stube zu tun und ins
beste Bett; Solche, die man im Wald auflese, tue man in den Stall, und im Stroh
wre er noch whler gewesen als in einem Federbett. Vater, der ist von einem
Hause her, sagte das Mdchen, wo sie nicht gewohnt sind, im Stroh zu liegen.
So wre er daheim geblieben, da htte er dann meinethalb liegen knnen, wo es
sich ihm am besten geschickt.
    St! St! flsterte drinnen in der Stube eine lange, hagere Frau und hielt
den blauen Umhang vor dem Bett etwas zurck. St! er rhrt sich. Leise trat die
Tochter hinter die Mutter, an der Fueten blieb der Bauer stehn und sah nach
einem blassen Jngling hin, der im Bette lag, dessen Kopf verbunden war, dessen
Augen geschlossen und in dessen Hand ein Zucken sichtbar wurde, ein Heben und
Wiederfallenlassen; es war, als fhlte er irgendwo etwas, wolle hin mit der Hand
und vermge es nicht.
    Da mangle es des Doktors nicht, sagte der Bauer, der werde bald von sich
selbst erwachen. Allbets sei es einem nicht der wert gewesen, wegen einem jedere
Mpfli desauszufahren wie ein Kegel und so i dAllmacht z'liege.
    Da schlug der Wunde langsam die Augen auf, sah matt um sich, langsam sanken
die Augenlider wieder zu; pltzlich, als ob etwas Besonderes zu seinem
Bewutsein gekommen, fuhr er auf, sah mit Staunen in der Stube herum und frug
endlich: Aber um Gottes willen, wo bin ich und was ist mit mir? He, wo
wolltest du sein, als hier, sagte die Frau. Aber wie bin ich hieher gekommen?
frug Resli.
    Seh, Meitschi, bricht, sagte die Mutter, drehte sich, und vor Resli stund
unverdeckt Anne Mareili, des Dorngrtbauren Tochter, sittig und verlegen die
Augen gesenkt. Dem Resli ward es gar wunderlich im Herzen, er mute sich legen,
aber wie sie ihm auch zufallen wollten, die Augen schlo er nicht wieder. Seh,
bricht, Meitschi, sagte die Mutter, drwylen kann ich haushasten. Es ist
einmal gut, sagte der Bauer, da du wieder bei dir selbst bist, so braucht man
den Doktor nicht und dSach wird scho bessere. Wenn ich meine Burde Bnder
ausgemacht, so will ich wieder kommen und sehen, ob du aufmgest. Es gingen
Beide, Vater und Mutter, hinaus, und Keines von Beiden hatte eine Ahnung von
dem, was in den jungen Herzen sich regte.
    Anne Mareili hatte seinen schlanken Tnzer nicht vergessen knnen, hatte an
manchem Markt, oder wo viele Leute zusammenliefen, seine dunkeln Blicke umsonst
nach ihm ausgesandt, war manchmal in dunkler Nacht, wenn der Wind ber seine
Fenster strich, aufgefahren und hatte gedacht: Ists ihn wohl?, hatte dann
traurig sein Haupt in die Kissen verborgen und gesinnet und gedacht: Ob er wohl
vernommen, wer es sei, und ob es sein Lebtag nie vernehmen werde, wer er
gewesen, und ob sie nie zusammenkmen. Vergessen knne es ihn nicht, und wenn es
ihn erst in der Ewigkeit wieder sehen sollte, so kennte es ihn wieder auf den
ersten Blick. Um so tiefer und inniger prgte das schne Bild sich ein, je
dsterer das Los war, welches ihm zu warten schien; um so weniger durfte es aber
auch die Eltern merken lassen, was tief im Herzen ihm lebte. Wenn es gesagt
htte, es liebe einen Burschen, von dem es nicht wte, woher er sei und wie er
heie, so htten sie gesagt: Bist e Narr, e Sturm, unser Lebtag hat man nie
davon gehrt, da ein Mdchen es Mannevolch gliebet het, wo es ihm keinen Namen
hat geben knnen und nicht einmal gewut, hat er nt oder ppis und ob er auch
an einem rechten Ort daheim ist oder nicht. Wie ppe die zusammenkommen, welche
nichts haben, das wei man ppe.
    Heimlich trug es das Bild in sich, wo es niemand sehen konnte, und kein Tag
verging, da es nicht dachte: Sinnet er wohl auch noch an mich und kennte er
mich wieder, wenn wir wieder zusammenkmen? Dann stellte es neben dieses Bild
ein anderes Bild, einen siebenzigjhrigen Gritti mit dnnen grauen Haaren, roten
Augen und einer Schnupfnase, und wer dann nahe bei ihm gewesen wre, htte wohl
gehrt: Und ich tue es nicht, und wenn sie es zwngen, so sterbe ich.
    Das Dorngrt lag keine Stunde weit von Aufbegehrigen, seitwrts von der
Strae. Als Wolke um Wolke in schwarzen Wirbeln gen Himmel stieg, das Aufflammen
neuer Huser verkndend, die Glocken immer ngstlicher um Hlfe wimmerten, da
blieb nach blich schner Sitte in weiter Umgegend niemand, der Arme und Beine
rstig rhren konnte, daheim. Die Bauerntchter liefen mit den Mgden, die Shne
mit den Knechten, und mancher Grotti humpelte hinterdrein, mit einem Eimer in
jeder Hand, welche von dem leichtsinnigen jungen Volke vergessen worden waren
und welche doch bei jedem Brande so ntig sind. Auch aus dem Dorngrt war alles
fort bis an Vater und Mutter, und rstig hatte Anne Mareili gearbeitet, war aber
von den Seinen abgekommen und suchte sie wieder. Da erschien ihm pltzlich, als
es am wenigsten daran dachte, sein lieb heimlich Bild, es schalt es Lmmel, und
wie ein nchtlicher Spuk verschwand es. In einen andern Wasserzug, der durch
dunkle Baumgrten ging, gestoen, konnte es sein Bild lange nicht suchen, mute
Eimer um Eimer laufen lassen durch die rstigen Hnde, und der Boden brannte
unter seinen Fen und es mute bleiben. Zweimal wollte es entrinnen, zweimal
wies man es hart wieder an seine Stelle. Die Abdankung machte es frei, aber nur
zu hinterst an den Ring gelangte es, sah nichts, mute seine Leute suchen, mute
ihre Spritze suchen, denn die Mdchen wollten nicht alleine durch den Wald,
wollten mit ihrer Mannschaft gehen; sie verlieen unter den Letzten den
Brandplatz, zahlreich und im Geleite der Spritze. Langsam und Jeder seine
Helden, taten berichtend, da wenn er nicht gewesen, der Pfarrer verbrannt wre
oder eine Frau oder ein Hals, und wenn ihre Spritze nicht gewesen wre, nicht
nur kein Haus, sondern kein lebendig Bein brig geblieben wre, zogen sie durch
den Wald. Pltzlich schrie ein Mdchen, welches etwas seitwrts gegangen war,
auf: Herr Jemer, Herr Jemer, e Totne, e Totne! Der Zug hielt, die Mdchen
schrieen auf, die Bursche liefen hin; man rief nach der Laterne, hinter
derselben drngten schchtern die Mdchen sich nach. Unter einer Eiche lag ein
schlanker Bursche, das blasse Gesicht im grnen Grase; blutige Streifen liefen
ber seine Wangen, mit Blut war das Gras betaut, und ein blutiger Streif lief
vom Wege zur Eiche hin.
    Auch Anne Mareili drngte sich in den Rund, den zwei Laternen hell machten.
Da lag der, den es heimlich im Herzen getragen, gefunden, verloren; da lag er,
tot. Es schrie nicht auf, es fiel nicht in Ohnmacht, aber es war ihm, als fasse
eine eiserne Hand sein Leben und drcke es zum Tode. Da rief einer: Nein, der
ist nicht tot, er ist noch ganz warm, und ds Herz rhrt sich auch, wie mich
decht. So kommt, rief der Spritzenmeister, ehe er zu sich selbst kmmt,
sonst wer wei, ob wir nicht noch ins Schlo mten oder gar dSach selber
sollten gemacht haben. Der Ring lief auseinander, die Bursche wollten wieder zu
Rosse, der Spritzenmeister sagte schon: H, i Gottes Name, da sagte Anne
Mareili: Das geht nicht diesen Weg, den knnen wir da nicht liegen lassen, vor
Gott und Menschen knnten wir es nicht verantworten. Kommt, sagte ein
Bursche, dem fragen wir nichts nach; wie er dahin gekommen ist ohne uns, so
wird er auch so wegkommen. Es wei ja niemand, wem er ist. Nein, so kommt er
nicht weg, sagte Anne Mareili, das ist ein vornehmer Bauernsohn, da obe aben,
ich habe ihn einmal angetroffen. Wenn wir den so da lieen ungratsamet und er
umkommen mute, so wurd ja unsere ganze Gegend verbrllet, kein Kreuzer Steuer
kme da oben herab, und es mchte brennen wie es wollte, so kme niemand mehr
zur Hlfe. Es mu doch nadisch nicht heien, unser Wald sei eine Mrderhhle.
Anne Mareili war im Ansehen, und es war nicht das erstemal, da es etwas
befohlen hatte, und so stellte sein Wort die Leute; sie ratschlagten, wie der
fortzubringen sei. Anne Mareili befahl einem ihrer Knechte, auf dem krzesten
Wege heimzulaufen und ein Wgeli mit Stroh zu bringen, bis dahin knnte man ihn
mit Zweien, die ihn hielten, vornen auf das Bnklein der Spritze setzen. Auf die
Einwendung, wo man dann mit ihm hin wolle, wenn ers doch selbst nicht sagen
knnte, wie er heie, sagte es, da sie darber keinen Kummer haben sollten, das
sei nicht der Erste und werde nicht der Letzte sein, den sie beherberget htten.
Anne Mareilis zwei Brder, die da waren, redeten zwar dagegen, aber brachten
nichts ab.
    So war Resli in dies Haus gekommen. Der Vater hatte darber gemuckelt, die
Mutter aber gesagt: Sie htten noch keinen kranken Bettler fortgejagt, und da
wrs doch grslich, wenn man Bauernshne im Walde wollte verrebeln lassen und
da das ein Bauernsohn sei, und zwar von den vornehmern einer, sehe man schon am
Hemde, sie htte noch nicht bald ein so feines und weies gesehen.
    So war es gekommen, da Resli in Anne Mareilis Stbli war, denn da er
dorthin gebracht wurde, hatte es angeordnet, und es hatte ihns gednkt, es
nhmte nicht alle Schtze der Welt dafr, da er nicht da wre, und jetzt, als
Vater und Mutter drauen waren, reichte er ihm die Hand und sagte: Du bist doch
nicht mehr hhns, aber ich habe wger nicht gewut, da du es bist.
    Wer wollte hhn werden in einem solchen Wirrwarr, sagte Anne Mareili, wer
hohn werden will, mu nicht an eine Brunst.
    Es war nur ltz, da der Wagen daherkam wie vom Himmel, ich htte dir doch
sonst gesagt, es sei mir leid, und gab wie ich dich gesucht, fand ich dich nicht
mehr, sagte Resli. Aber wie bin ich hierher gekommen?
    Nun erzhlte Anne Mareili, wie es zugegangen, aber die Hauptrolle teilte es
sich selbst nicht zu, sondern es bediente sich der Redeform: Me het denkt,
gglaubt, gseit, gmacht. Dann mute Resli erzhlen, wie er unter die Eiche
gekommen und da alleine geblieben. Der redete nun schon etwas deutlicher und
sagte, da es ihn immer gedecht, er mchte ihns finden, um ihm zu sagen, da er
ihns nicht gekannt, denn sonst wre er doch sicher nicht so grob und unerchannt
gewesen, das sei doch sonst seine Art nicht; aber alles htte ihn bse gemacht,
und gb wie er die Leute zusammengestellt, sei doch gleich wieder alles
auseinander gewesen. Er htte gemeint, er hre ihre Stimme, und nachsehen
wollen, da sei es ihm gewesen, als schlage man ihn auf den Boden hinab und
schwrzer und schwrzer werde es um ihn, je tiefer er falle; pltzlich sei alles
erloschen. Da sei es ihm in den Ohren gewesen, als rede es wieder, und mhsam
htte er die Augen aufgetan, aber hinter der Mutter sie nicht recht gesehen;
pltzlich sei ihm eingefallen, das Meitschi hinter der alten Frau sei doch das,
welches er gesucht, allem an; das habe ihm die Augen wieder aufgetan und ihn zu
sich selbst gebracht. Aber hast du mich denn noch gekannt? fragte Anne
Mareili. Warum nicht, sagte Resli, unter Tusige htts mer nit gfehlt, aber
hast du mich noch gekannt? Es hat mir geschienen, es sei dich, sagte Anne
Mareili, doch habe ich es so bestimmt nicht gewut, bis da ich dich recht
gesehen habe. Aber weit du, wo du bist? fragte Anne Mareili. Es wird im
Dorngrt sein, sagte Resli. Warum meinst fragte Anne Mareili. Bist du nicht
ds Dorngrtbauern Tochter? Wer hat dir das gesagt? Ds Stubemeitli, wo uns
aufgewartet hat. So, damals schon hast du es vernommen, und wunder hat es dich
nicht genommen, wie ich heimgekommen, das ist schn von dir, und willst an mich
gesinnet haben? Hb es nit fr ungut, hundertmal htte ich daran gesinnet, zu
kommen, aber du hast mir nichts gesagt, und zu fragen hatte ich nicht Zeit. Es
ist einer ein schlechter Schtze, wenn er keine Ausrede wei߫, sagte Anne
Mareili; du wirst vielleicht nicht abkommen knnen, wenn du willst, dein
Meister wird dich nicht gehen lassen. Da hob Resli sich auf; als er aber einen
schalkhaften Zug um Mareilis Mund sah, antwortete er: Vexier nur, du wirst wohl
wissen, wer ich bin. Wie wollte ich das wissen sagte Anne Mareili, gefragt
habe ich niemals und an der Stirne steht es dir nicht geschrieben, so wenig als
einem Andern. Hat es dich denn gar nicht wunder genommen? fragte Resli. He,
ungefhr wie du Langeweile nach mir gehabt hast, und wen htt ich fragen wollen,
den tti oder unsern Kohli? antwortete das Meitschi. Aber Spa apart, wem
bist? Da erzhlte Resli, wer er sei, und hatte nicht ntig, viel zu rhmen,
denn wer ds Bure zLiebiwyl seien, das wute man im Dorngrt ungefhr so gut, als
man in adelichen Lndern die adelichen Huser kennt. Er rhmte nicht Land nicht
Viehstand, nicht Reichtum, er rhmte blo seine Geschwister, seinen Vater, seine
Mutter, wie gut alle gegen ihn, wie einig sie berhaupt seien. Der gestrige
Abend trat immer deutlicher vor seine Seele, das Wasser kam ihm in die Augen,
das Herz auf die Zunge, und andchtiger als vor keinem Pfarrer, hei im Herzen
und na in den Augen, sa Anne Mareili vor ihm. Da trat die Mutter herein mit
Kaffeekanne und Eierttsch und sagte, sie htte neuis gemacht und wolle sehen,
ob er mge.
    Man hat viele Erzhlungen, wie man Geister vertreiben, Erscheinungen
verscheuchen knne und wie man dafr manchmal Kapuziner weither beschicken
msse; aber wie man das Herz von der Zunge treiben, die Seele aus den Augen,
beide hinunter in ihren tiefen, dunkeln Versteck und vor beide eine Tre machen
und vor die Tre einen Riegel schieben knne, das berichtet man uns nicht, und
doch knnen es so viele Leute und wissen es nicht, tun es so viele Mtter, so
viele Vter und schimpfen dann darber, da die Herzen sich so verstecken und
verschlieen tten. Aber es ist kurios, wie die Menschen so oft nicht wissen,
was sie machen, und noch kurioser ist es, wie die Herzen so kurios sind, fast
wie die Murmeltiere, die auch nur aus ihren Hhlen kommen ins Freie, wenn kein
Lftchen geht, aber recht warm und lieb die Sonne scheinet.
    Stumm waren Beide, whrend die Herzen sich verkrochen; dann sagte Resli, sie
sollten doch nicht Mhe haben seinetwegen, er mge nicht und sollte fort, und
Anne Mareili sagte: Weit, wem er ist? Er ist ds Liebiwyle Bure Sohn, du weit,
wir haben schon oft von ihnen gehrt, ppe von Bettlerleuten und Andern. So?
He nun so de, sagte die Mutter, aber mit dem Fort pressier nicht, nimm zerst
und i. Meitschi, schenk ein und gib ihm, ich habe noch den Schweinen ob, habe
gedacht, es gehe in einem Feuern zu. Aber es war ihr nicht sowohl um die
Schweine, als um dem Vater es zu sagen, der immerfort brummte, da man Leute
heimbringe und nicht wisse, was fr Ftzeln es seien, gerade auf dem Wege komme
man ins Brll und mache sich einen schlechten Namen. Als er hrte, fr wen Resli
sich ausgab, sagte er: Wenn es wahr ist, so kmmt er von einem rechten Orte
her, aber es hat sich schon manchmal einer fr den Andern ausgegeben, und je
eher er fortkmmt, dest lieber ist es mir. Wenns dr Kellerjoggi vernimmt, es
wei kein Mensch, was er sagt. Sorg ha mu man, Frau, du weit doch, wie mitreu
er ist.
    Drinnen machte Anne Mareili die Hausfrau mit Servieren und Pressieren, und
was das Trauliche dieses Amtes erhhte, war, da Anne Mareili alles zum Bette
bringen mute, das Kacheli hielt, whrend Resli aus dem Blttli trank. Man
glaubt gar nicht, wie lieb man sich whrend solchem Trinken und Halten werden
kann. Resli wehrte sich zwar gegen alles Essen und Trinken, aber das Halten und
Zutragen war so schn, so appetitlich, da er a und trank, er wute nicht wie.
Freilich machte er lange daran, lie noch lnger sich ntigen, brachte alles mit
der grten Mhe hinunter, aber es dnkte ihn doch, so gut htte ihn noch nie
etwas gednkt und er mchte Tag und Nacht so essen und trinken, wenn so ein Anne
Mareili es ihm immer zutrge und Handreichung tte. Das war so ein traulich,
herzlich Abwarten und Hinnehmen, wie es wohl selten und darum um so ser ist.
    Da kam die Mutter wieder und die hie auch den Vater kommen, ein Kacheli
Kaffee zu nehmen, und da war die se Traulichkeit wieder davongeflogen. Der
Vater war einsilbig, frug nicht einmal, wieviel Khe sie htten, ob auch eine
Kserei, und wieviel sie melchten; aber immer mehr blangte es Resli nach Heimat
und Mutter, immer mehr qulte ihn die Angst ber die Angst, welche sie um
seinetwillen ausstehen mten, da kein Mensch wisse, wo er geblieben, und man ja
wohl wisse, wie in solchen Stcken gelogen werde. Anne Mareili wollte ihn
trsten und sagte, bei einem so jungen Burschen sei die Angst nicht gro, die
blieben ppe manchmal aus, kein Mensch wte, wo sie wren, und er werde ppe
nicht besser sein als die Andern. Er sei noch keine Stunde fortgewesen, da die
Mutter nicht gewut htte wo, sagte er, und beim zMorgenessen htte er noch nie
gefehlt. Da sei er ein Exakte, sagte die Mutter, so von einem htte sie nicht
bald gehrt, ihr wre es auch anstndig, wenn ihre Buben so wren. Sie htte
noch mehr gesagt, denn die Mtter balgen gerne ber ihre Buben, wenigstens halb
so gerne, als sie dieselben rhmen und rhmen hren, und gar oft ist das Balgen
nichts anders als eine Brcke zum Rhmen, aber der Vater fiel ihr ins Wort und
sagte, wenn er wte, da er es erleiden mchte, so wollte er ihn schon einen
Platz fhren, da er heute noch heimkme. Was er doch denke, sagte Anne Mareili,
erst sei er zu ihm selber gekommen, und der Kopf sei noch wie Feuer, er solle
kommen und greifen; dazu legte es seine Hand auf Reslis Stirne, da der gar
nicht wute, hatte er khl oder hei, aber einen Umschlag, der ihm so wohl
machte, hatte er noch nie aufgehabt. Es dechte ihn, mir dem auf der Stirne
liefe er bers Meer bis nach Amerika, ohne umezluege. Jemand schicken knnte
man, sagte es, es dech ihns selber, das wr schickig. Es wolle gehn und sehen,
wen man schicken knne, es seien deren genug, die um sechs Kreuzer es wisse kein
Mensch wie weit liefen. Aber wenn er es zwngen will, zu gehen, sagte der
Vater, der nicht Lust hatte, zu greifen, wie hei die Stirne sei, was willst du
ihm dawider sein? Er soll am besten wissen, was er erleiden mag und was sie
daheim sagen.
    Das gschweigete Anne Mareili, es ward rot ber und ber und ging hinaus.
Resli begriff des Alten Rede wohl, da er da nicht wert, sondern lstig sei. Das
vertrug sein Stolz nicht.
    Er sagte daher, er htte ihnen bereits zu danken genug und wolle nicht
lnger ihnen in den Ksten sein; bis zum nchsten Dorfe mge er allweg gehen,
und mge er dort nicht weiter, so werde fr Geld und gute Worte wohl ein Ro zu
finden sein. Er wolle ihn nicht zwngen, sagte der Alte, aber wenn er ein
Zeugnis wolle, wie man ihn gebracht, so sage er es ihm nicht ab; er werde die,
welche ihn geschlagen, doch kennen und angreifen wollen. Resli antwortete, er
sei der Sache nicht gewi, und wenn er es schon wre, so griffe er sie doch
nicht an. Einen Streich mehr oder weniger mache nicht viel aus, und das Geld,
welches er allfllig erhalten knnte, wrde ihm nicht so viel Freude machen als
das Prozedieren Verdru, und aparte htte er es eben auch nicht ntig. Es hat
ein jeder seine Art, sagte der Bauer, aber wo ich recht habe, da habe ich
recht, gebe nicht nach, und sollte es mir den Gring kosten, geschweige denn den
letzten Kreuzer.
    Resli schwieg dazu und sagte nicht, was sie daheim auf dem Prozedieren
hielten, verlie das Bett und machte sich wenn auch schwankend und sturm, zur
Abreise bereit. Da kam rasch Anne Mareili und sagte, es seien Zwei auf einem
Wgelein gekommen und frgen ihm nach, er werde aber doch nicht fort wollen, er
htte ja jetzt Gelegenheit, heim Bescheid zu machen. Er kann ja jetzt reiten,
sagte der Bauer, und wenn ers ja will ghebt haben, so sind wir nicht schuld,
wenn ers ppe nicht erleiden mag. Unterdessen hatte die Mutter Christeli
hereingebracht, der eine gar herzliche Freude an den Tag legte, Resli so wohl
aufgefunden zu haben und dazu just noch im Dorngrt, das sei das Kuriosest.
Warum ist denn das das Kuriosest, ists hier nicht wie an einem andern Orte?
frug der Bauer. Ho wohl, antwortete Christeli verlegen und blieb dann stecken
auf einen Wink von Resli. Anne Mareili machte gwunderige Augen, es ahndete
etwas, das es gerne gehrt htte; aber Resli, der in des Vaters Gesicht Unrat
merkte und sein Spiel nicht gerne verdorben htte durch ein unbesonnen mit der
Tre ins Haus Fahren, was bei Mdchen fters vortrefflich ist, bei Vtern aber
selten, antwortete rasch: Wir haben voriges Jahr Holz verkauft, wir reuteten
ein Waldlein aus, das mitten im Land gestanden und viel geschadet hat an der
Sonne; da ist uns gesagt worden, viel von dem Holz sei an dieses Haus gekommen.
Christen machte seltsame Augen, als er den Bruder so reden hrte, war aber klug
genug, zu schweigen. Den Bauer nahm es wunder, wie sie das Holz verkauft htten;
er berschlug, was der Hndler zwischenausgenommen, und meinte endlich, man sei
nur ein Narr, wenn man sich mit ihnen einlasse, wer Zug htte, tte immer am
besten, dSach selber z'kaufen an Ort und Stelle. Er meine es auch, sagte Resli,
und wenn er etwas ntig htte, so solle er nur zu ihnen kommen, es mte nicht
zu machen sein, oder er solle haben, was er begehre, und ppe nit z'tr, ihr
Wald mge es erleiden, und ppe es Fueder oder zweu zu fhren, kme ihnen auch
nicht darauf an und sollte allweg nichts kosten, es wr nur Schuldigkeit. Man
sieht, Resli war nicht dumm; aber der Bauer war es auch nicht, trappete nicht in
die gelegte Schlinge, sondern sagte, einmal jetzt htte er, was er ntig htte,
und fr spter knne man de geng no luege.
    Unterdessen hatte die Mutter Schnaps gebracht in einer weien Flasche, Kse
und Brot. Christeli und sein Begleiter muten neuis nehmen, ehe sie wieder
abfuhren, und ergnzten unterdessen ihre Erzhlungen. Samis Hans setzte
auseinander, wie es in der Nacht gegangen und wie Resli in alle Kuppelen die
Nase gesteckt htte, er wte nicht warum, er htte es sonst nicht so, und
Christeli setzte bei, wo sie vernommen, da so einer im Dorngrt sei, und wie es
heie, bkym er sich wieder, und wie ihm selbst bei der Nachricht geworden, es
htte ihn gedecht, er mchte einen Brll auslassen, da es fry ein Loch in den
Himmel gebe.
    Resli hrte nur mit halbem Ohre, er htte gerne noch ein vertraut Wort mit
Anne Mareili gesprochen, aber es war unmglich. Anne Mareilis Brder waren auch
gekommen; viele Augen, viele Ohren waren in der Stube, die, wie er wohl sah,
aufpaten, darum ward ihm unwohl, darum trieb er zum Aufbruch. Als alle dazu
zweg waren, sagte Anne Mareili: Aber frische Umschlge sollte er doch noch
haben, sie seien pltzlich zweg, sie sollten nur afange gehen, es solle nichts
sumen, gb drauen alles fertig sei, sei es geschehen. Aber niemand ging,
selbst Christeli nicht; er meinte, drauen sume nichts, und wenns einmal zweg
sei, so steh der Braun nicht gerne. Die Umschlge wurden also vor den Andern
gemacht, aber langsam.
    Endlich ward ausmarschiert. Resli zgerte mit Danken und Fragen nach seiner
Schuldigkeit und Bitten, sie mchten kommen und es einmal einziehen, sonst knne
er es nicht vergelten, was sie an ihm getan, ohne sie htte er nicht mehr bis am
Morgen gelebt. Dem Bauer ward das langweilig, er pressierte zur Tre hinaus, und
Regel war bei ihm nicht, da der Gast voranging. Kaum war man drauen vor dem
Hause, so schlug Resli an seine Scke, sagte, er glaub, er htte den Lumpen
drinnen vergessen, und kehrte um, ihn zu holen. Die Mutter rief, er solle nicht
Mhe haben, ds Meitschi werde ihn schon holen. Ds Meitschi, das noch im Hausgang
war, kehrte richtig um, der Stube zu, aber deswegen blieb Resli nicht zurck.
Hb nit Mh meinetwegen, sagte er, du weit nicht, wo er ist. So
verschwanden Beide, derweilen tat der Braun wst, stieg bolzgrad in die Hhe,
da Bauer und Burin luegen muten. Da kam Resli schon wieder mit dem Lumpen in
der Hand und hinter ihm Anne Mareili aber nur bis zur Schwelle, und sobald er
noch einmal Adie gemacht und ehe er recht auf dem Wgelein war, verschwand es;
aber ob es ihm nicht desto lnger nachgesehen aus irgend einem Heiterloch,
wollen wir nicht verbrgen.
    Resli htte das Haus nicht verlassen sollen; aber da er sah, wie unwert er
da war, so wre er um kein Geld geblieben. Er wute nicht, war das berhaupt
ihre Art oder hatten sie etwas Besonderes gegen ihn, wo er doch nicht htte
begreifen knnen was. Er mochte das Fahren nicht ertragen, gar frchterlich weh
tat ihm der Kopf; darum blieb er in einem der nchsten Wirtshuser, deren jetzt
zur Genge sind, da man nicht lange zu fahren braucht, um zu einem zu gelangen,
und hie Christeli zufahren, was der Braun laufen mge, damit Vater und Mutter
aus der Angst kmen.
    Welche Freude Christeli heimbrachte, als er endlich zum Reden kam, kann man
sich denken, besonders da, als sie Christen alleine dahersprengen sahen, aufs
neue Todesangst in ihren Herzen aufgewacht war. Als die Mutter hrte, wo er den
Resli gefunden und wie es ihm ergangen, schlug sie die Hnde ber dem Kopf
zusammen und sagte, sie mten unserem Herrgott doch noch lieb sein, denn das
sei alles so, als wenn er es ihretwegen so gereiset; es dauerten sie dabei nur
die armen Leute, denen die Huser htten verbrennen mssen, so gleichsam
ihretwegen, aber denen msse auch gesteuert werden, da es fry kei Gattig htte.
Da sie dort den Resli nicht behalten, sondern so gerne hatten fortgehen sehen,
das konnte sie freilich nicht verwinden. Sie htten sich doch ppe seiner nicht
zu schmen gehabt, und gesetzt, es htte Kosten gegeben, so wre doch wohl
ppere dagewesen, der abgeschaffet htte. Sie wollte von Christeli vernehmen, ob
etwa Resli etwas angebracht und von der Sache angefangen htte. Aber Christeli
wute nichts. Blo htte er gehrt, da des Bauern Tochter absolut htte haben
wollen, da man Resli auflade und mitnehme, und das htte alle Leute grusam
verwundert, denn die seien ppe nicht schnitzig, Leute aufzunehmen, und fr
nichts und aber nichts werde das die Tochter wohl nicht getan haben. Weiteres
htte er nichts vernommen, aber taubs htte es ihn auch gemacht, und bsungerbar,
wo er gesehen, wie das Reiten ihm so weh getan, da es ihnen so darum gewesen,
seiner los zu werden.
    nneli ward nicht mde mit Fragen, ob sie etwa nicht gewut, wer sie waren,
und wie das Meitschi gewesen, was die Mutter fr ein Gesicht gemacht, was Haus
und Hof fr eine Gattig gemacht und ob Resli mit dem Meitschi nichts abgeredet,
sondern alles im Alten gelassen. Und je mehr nneli hrte, desto unwilliger war
es nicht alleine ber ds Bure, sondern auch ber seine Buben, die wie jungi
Gahline die beste Gelegenheit aus den Hnden lieen, denen nichts zSinn kme,
nicht einmal das Einfltigste, ppe es Bstellts z'mache. Gerade Solche msse man
an einen Ort schicken, wenn alles verkegelt werden solle. Wenn es nur von weitem
gewut htte, wo Resli sei, kein Mensch htte es abgehalten, selbst hinzugehen,
und es wett die schnste Kuh im Stall, so z'leerem wre es nicht dort weg; es
htte wissen wollen, woran es sei, und Resli wr noch dort und lge in der
Stube, wo so hoffrtig sein solle mit Ruhbett und berzogenen Sesseln, wo man,
wenn es niemand sehe, brauchen werde als Stelzen, damit einem die Mistglle
nicht ber die Schuhe hineinlaufe. Darauf aber htte es nichts, so hoffrtig
innefert und so usufer ussefert; sufer usse u demetig innenache, das sei seine
Sache, und es sei ihm immer wohl dabei gewesen und den Andern auch. Wenn man
sich gewohnt, so hocke man auf ihren Stabellen so wohl als auf Ruhbettleni, wo
manch, mal rger verhudelt seien als eine Bettlerkappe, wo dHaar aus hundert
Lchern gwunderten, oder verdrohlet und zsmettscht wie die Strohscke in einem
Spital, wo man nur alle sieben Jahre frisches Stroh gibt und Sieben in einem
Bette liegen.
    Kurz, nneli war unwirsch, ungeduldig, und wenn man ihns htte machen
lassen, es wre auf der Stelle fortgefahren der Sache nach und um Resli zu
sehen, den man doch nicht so alleine knne sein lassen. Annelisi sagte, es wolle
noch heute fort, wenn die Mutter begehre; zu Resli knne es auch sehen, und wenn
mit dem Dorngrt etwas zu machen sei, so kme ein junges Meitschi, dessen man
sich nichts achte, vielleicht besser zueche als so eine Frau, wo man gleich
vorauswisse, warum sie kme, und an ihrem Gesichte abnehmen knne auf hundert
Schritte, da sie was Wichtiges im Sinne htte.
    Ja wolle, sagte die Mutter, du wrest mir gerade das Rechte! Bist ja fr
dich nicht klug genug, geschweige denn fr Andere. Nein, da mu ich selbsten hin
und sehen, was zu machen ist. Das gute nneli kam in ein rechtes Fieber hinein,
bis der Vater kam und sagte: Bis ume ruhig; wenns gut kommen soll, so fehlts
nit, und wenns fehle soll, so hilft alles Zappeln nichts. Heute ists zu spt,
aber morgen kann man fahren und sehen, was zu machen ist allfllig. Da wollte
eine Rte aufsteigen in nnelis Gesicht. Als es aber in Christes gutmtige Augen
blickte, lie es sich wieder nieder; es gab Christen die Hand und sagte: Du
hast recht; chmit, Ching, mr wey es Kapitel lese.
    Aber den Schlaf las nneli doch nicht herbei, und gar strmisch, wie von
zwei Winden hin und her getrieben, bewegten sich die Wellen ihres Gemtes. Denn
ausgestritten hat niemand, solang das Herz nicht steht; solang das Herz noch
geht, erhebt sich neuer Streit, wenn ein alter endet; darum hat nur der
ausgestritten auf Erden, der auch ausgelitten hat und durch den Tod ins ewige
Leben gegangen ist. nneli hatte noch kein Kind verheiratet und glaubte das
Wehen des Todes zu fhlen, und wo ist die Mutter, die nicht gerne von ihren
Kindern wenigstens eins, wenn nicht alle, im stillen friedlichen Schatten der
Ehe she, ehe sie die Augen schliet!
    Resli war ihr Herzkfer, und sein Glck schien zu schwanken auf Vorurteilen
wunderlicher Eltern; wie die zu beseitigen, zu zerbrechen, das ging nneli wild
durch den Kopf, und es dechte ihns je lnger je mehr, wenn es denen die Sache
nur recht sagen knnte, so wr dSach richtig.
    Daher weckte diesmal die Sonne nneli nicht. nneli war frher auf, suchte
Bettstcke zusammen, um wenn mglich Resli das Heimkommen zu erleichtern, machte
dabei so manche Tre auf und zu, da alle im Hause erwachten und in der Angst,
sie htten sich verschlafen, da die Mutter bereits im Hause herumfahre, eiligst
sich auf Beine machten, aber bald merkten, was Trumpf war.
    Christeli machte sich in den Stall, Annelisi in die Kche; nur der Vater sa
noch im Bette schlfrig und rieb sich die Augen, als nneli mit einem Armvoll
Kleider, die es im Spycher geholt hatte, wiederkam. Seh, tti, sagte nneli,
da hast du Kleider; ich wollte jetzt auf, wenn ich dich wre, so brauchst du
nicht zu pressieren und bist doch fertig, wenn wir fort wollen. Soll ich mit?
fragte Christen. Das versteht sich, sagte nneli, wer sollte sonst kommen
Ich glaubte, du und Annelisi wollten fahren, sagte Christen; was ists fr
Zeit? Denk halb vier ists. Was wollte ich mit Annelisi anfangen, wenn es etwas
geben sollte, und mit dem Draguner darf ich nicht alleine fahren. Nimm den
Alten, sagte Christen, der ist wie ein Lamm. Aber nneli sagte, der sei
gestern auf den Beinen gewesen, und gegen die Tiere htte es gerne Verstand,
wenn es mglich sei. In Wahrheit wollte es den Dragoner, weil der ein prchtiges
Ro war, da die Leute stille stunden, wenn es daherkam wie in den Lften. Es
hie auch die Magd Ziegelmehl stampfen und es in den Stall bringen mit dem
Befehl, ds Msch am Geschirr abzureiben und das Ro exakt und sauber zu
striegeln, da man ja keinen Staub mehr im Kammhaar oder sonstwo sehe, Resli
htte es ungern. Die Wgelikissen muten apart ausgeklopft und gebrstet werden,
und als nneli endlich zum zMorgenessen erschien, mute Annelisi laut auflachen
und fragen, ob die Mutter zHochzeit wolle, sie sei ja in einem Staat, da man
sie fast nicht ansehen drfe. Und als der Vater hintendrein kam, eben so
stattlich, ward es ernsthaft und frug, was es dann eigentlich geben solle, da
sie die Hochzeitkleider, glaube es, angezogen und daherkmen als wie zwei
Brautleute.
    Und wirklich waren die beiden Alten ein recht schnes Anschauen in ihrer
ehrbaren Kleidung, an welcher nichts Geziertes war, aber alles so ehrbar und
whrschaft und bei nneli doch kostbar. Das ist ein Eigentmliches, da der Mann
so einfach und meist in eigenem Zeuge von den Fen bis an den Hut dahergeht,
whrend das Weib so manchen Neutaler am Leibe trgt, dunkel daherkmmt in
Guttuch, Oberlndertuch, Kamelot, der Mann in hellem Halblein prangt oder
hchstens in hellem Mitteltuche. Es ist, als ob das Weib der dunkle Grund wre,
auf dem im Vordergrunde der helle Mann hin und her geht, aber vom dunkeln Grunde
gehoben und getragen. Alles war anders an Beiden, nur die Schuhe hatten sie
schn schwarz vom gleichen Leder und das Hemd in blendender Weie von gleichem
Flachse, und wer die Fden daran zhlen wollte, mute gute Augen haben. Es ist
kurios, bei den Stdtern ist es meist umgekehrt; da ist, wenn der Staat recht
angeht, das Weib hell und der Mann dunkel, und auf dem Lande beginnen
leichtsinnige Weibsbilder die gleiche Mode, sie tnzerlen auch wie Pfyfolter
geblmt und glarig im Vordergrunde; ob sie aber dadurch im Werte steigen, sind
die Gelehrten verschiedener Meinung. Mgen sie, aber allweg ists doch schon, so
eines Hauses Grund und Fundament zu sein. Mit Glaren wird nichts er, baut, mit
Tnzerlen nichts ersprungen, nichts errungen.
    nneli antwortete Annelisi: Wirst du dann nie witzig und meinst, putzen und
hoffrtig sein sei nur fr euch und mit Kleidern zwngt ihr allein etwas? Glaub
nur, beim Heiraten sieht man auch auf Vater und Mutter, und manchmal machen die
mehr an der Sache als so ein Gxnsi, wie du bist. Sie mssen da unten doch
wissen, da wir auch ppe daheim und nicht so von der Gasse sind. Und wenn Resli
lange sagte, woher er sei und woher wir seien, wenn so zwei Kuderbtzi
daherkmen und er dem einen tti sagen mte und dem andern Metti, wer glaubte
ihm? Sie mssen da unten doch wissen, da hier oben auch neuer ist, da man sich
unserein nicht zu schmen habe und da wir zu zahlen vermchten, wenn sie einen
Kranken nicht umsonst ber Nacht zu haben vermchten. Wollt ihr dann ins
Dorngrt selbst? fragte Annelisi; wenns selb ist, so sinnet nur daran, was ich
am Sonntag gesagt, es ist mir noch heute so. nneli sagte, es komme darauf an,
wie sie Resli fnden und was er meine, aber wenn es zu den Leuten komme, es mge
sein was es wolle, neuis schmcke mten sie. tti, hast du Geld im Sack?
Einmal genug fr heute, sagte Christen und zog aus dem Sack eine Handvoll
Mnze, unter welcher noch einige Fnffrankenstcke hervorguckten. Was sinnest
auch, sagte nneli, mit dem willst von Hause? Sieh, da hast du das Schlsseli,
und nimm ein Blterli voll; du kannst es in den Busen stoen, wenn es dich zerrt
im Hosensack, man sieht es dort noch besser, wenn du es auch nicht hervorziehst,
und mir bring auch ein Hmpfeli. Man wei nie, was es gibt, und alle Kreuzer dm
Ma messe z'heusche, schickt sich nicht, bsonderbar an einem fremden Orte. Ja
wolle, mit so einem Hmpfeli von Hause gehen wollen, und noch so weit! Ehedem
ist das anders gewesen. Da, wo ich daheim war, hat nie ein Bauer den Pflug ins
Feld gefhrt, er htte dann wenigstens hundert Taler in der Busentasche gehabt.
Selb Zeit, da ist noch Geld gewesen; jetzt wei man nichts mehr davon.
    Endlich war alles zweg. Christen hatte seine Pfeife angezndet, zwei Knechte
hielten den Draguner, der so wst tat, da es nneli zu grusen begann. Annelisi
forderte von der Mutter noch Instruktion, wieviel Butter es verkaufen solle,
wenn der Trger komme, und Christeli sagte, was vorgestern geredet worden sei,
das solle geredet bleiben, und wenn sie einen richtigen Handel machen knnten,
so sollten sie sich seiner nicht achten. H i Gotts Name, sagte Christen, und
einen Satz tat der Draguner, da ein Knecht hieraus flog, der andere dortaus,
Annelisi einen Schrei tat, wie wenn man ihns am Messer htte, und noch einen,
als es knapp um den Trlistock ging, da man meinte, sie mten berschlagen,
und alles ins Gli sprang, um zu sehen, wie es weiterging. Es ging gut; wenn
Christen einmal festsa, so mute ein Ro warten und auch der Draguner, wenn
auch zhneknirschend und tubelend, traben, wie Christen wollte und nicht, wie
es ihm im Leibe stak.
    Wer kmmt dort gefahren wie aus einem Stuck, Sind vornehme Leute allem an
und bsunderbar am Ro߫, sagte ein dicker Mann mit einer weien Kappe auf dem
Kopf, der neben einem schlanken Burschen vor einem Wirtshause stand, die Hnde
ruhend in den weiten Rocktaschen. Der junge Mann antwortete nicht, sondern trat
zum heranfahrenden Bernerwgelein; lautauf wieherte das braune Ro, schwenkte
gegen ihn zu, und vom Wgeli her rief eine stattliche Frau: E lue, da ist er
ja, da hey mr ne; bis Gottwilche! Wie gehts? Seh nimm das Leitseil, Resli,
sagte der Mann, das ist mr e Tusig das, mit dem fahr ich nicht so bald wieder,
der Arm ist mir ganz lahm vom Halten.
    Warum nehmt ihr den? sagte Resli, er ist lang gestanden und sonst wild
genug, mit der Mhre wre ein viel ruhiger Fahren gewesen. Die Mutter wollte
den Draguner ghebt haben, sagte Christen und stieg mit Mhe vom Wgelein, bei
welchem die Tritte nicht eben am passendsten angebracht waren, hob dann die
Mutter, welcher das Hinuntersteigen noch saurer geworden wre, mit krftigem
Schwunge hinunter. Als alle festen Boden unter den Fuen hatten, erst dann ging
es recht an mit Fragen und Verwundern ber Reslis Zwegsein und ber der Eltern
stattlichen Aufzug. Auch die Wirtin kam herbei, und nach gehrigen
Entschuldigungen, da sie so strub daherkomme, sich fast nicht zeigen drfe,
ntete sie das Ehepaar in die Stube, und ehe Resli, der den Draguner in den
Stall begleitet hatte unter bestndigem Wiehern und Kopfanschmiegen, zu ihnen in
die Stube kam, hatten sie die beste Bekanntschaft gemacht und die Wirtin bereits
erzhlt, wie sie den Resli gepflegt, wie das aber auch ein Bursche sei, son e
hbsche und manierliche, wie ds Land auf, ds Land ab nicht mancher sein werde.
nneli konnte nicht lange hinter dem Berge halten mit seinem rger, da des
Dorngrtbauern seinen Sohn so schnde entlassen und wie es willens sei,
hinzugehen und zu danken und abzuschaffen, damit die doch inne wrden, wie man
nicht ab der Gasse sei und nichts dr Gottswille begehre.
    Die Wirtin fand das gar schn und wollte es des Grtlers von Herzen gnnen,
wenn sie recht beschmt wrden. Das seien die wstesten und stolzesten Leute
weit und breit und meinten, es sei alles schn, was sie machten. Einzig die
Tochter, wo noch daheim sei, sei nicht wie die Andern, die gnne armen Leuten
noch es Brsmeli und mg auch noch reden mit ihrer Gattig Leuten. Es nehme sie
nur wunder, wo die Buerin die aufgelesen htte, oder ob es dann mglich sei,
da eins so aus der Art schlagen knne; wo Holzpfel wchsen, finde man sonst
nicht Zuckerbiren. Sei es wie es wolle, das Meitli sei bravs, und wenn sie etwas
dazu machen konnte, da es einen recht braven Mann kriegte, so wrs ihr die
grte Freud, nur damit sie es nicht zwngen knnten mit dem Uflat. Nit, das
Mdchen daure sie auch, aber da sie den einmetzgen und noch reicher werden
knnten, so ring und ohne Mhe, das absonderlich mge sie denen nicht gnnen.
    Natrlich fragte nneli rasch, was das sei mit dem Heiraten, und sagte zu
Resli: Hasts gehrt? Der blieb kaltbltig und sagte blo, es werd ppe nit sy;
dLt redete gar viel, whrend der Tag lang ist. Wohl freilich, du Lecker,
sagte die Wirtin, ist etwas an der Sache, ich wrde es sonst nicht sagen. Und
dir ist das auch nicht ein Tun, du httest sonst gestern abend nicht so die
Faust gemacht und geflucht, als ich es dir erzhlt habe. Was ists dann?
fragte nneli ungeduldig. He was ists, sagte die Wirtin, 's ist eine alte
Geschichte, die immer wieder frechunt und neu wird; ds Meitschi soll ihnen nur
Rf oder Kratten sein, um neues Gut auf den alten Haufen zu krzen. Da ist da
drben zu Schliwyl ein alter Uflat, aber ein reicher, er hat schon drei Weiber
gehabt und alle mgen. Ihm gnnt er, aber Andern nichts, und vor Hssigi kann
niemand bei ihm sein. Er hat einen Haufen arme Verwandte, denen das Erben so
wohl tte und die deretwegen das Unmgliche verwinden, ihm um keinen Lohn und ds
halb Esse werche wie dHng, aber zuletzt doch alle fortlaufen. Er lockt sie,
macht ihnen das Maul s und spricht, statt ihnen Lohn und Essen zu geben, von
Einist und vom Verschreiben und plagt sie dabei so mit Werchen und Hunger und
allem Wsten, da zuletzt doch Keins aushlt und fortluft, und nicht genug, da
er dann jedem nachruft: Wart du Hung, wasd bist, keinen Kreuzer mut du von mir
haben!, er vermalestiert und verbrllet ein jedes noch obendrein, da es ein
Graus ist, und Keines kmmt von ihm, da es nicht ein Schelm sein soll und Gott
wei was noch. Der Teufel htte den lngst nehmen sollen, aber es heit, er
wolle warten, bis er einen Gspahnen fnde, seine Gromutter mangle zwei neue
Kutschenrosse, aber bis jetzt hatte er noch keinen gefunden. Unterdessen gibt er
ihm ein, zu heiraten, wahrscheinlich in der Hoffnung, dann gleich zwei Fliegen
mit einem Schlage treffen zu knnen, denn wenn eine nicht schon ds Teufels ist,
so mu sie es werden bei einem solchen Meerkalb. Und jetzt, was macht er? Sieht
nicht etwa auf ein arm Meitli, das er glcklich machen knnte mit seinem Gelde,
nein, gerade das reichste und schnste zentume will er, der alte Unflat, der er
ist. Im Anfang hat das Meitschi dazu nur gelacht und hat nicht glauben knnen,
da es Ernst sei, und hat das Narrenwerk mit ihm getrieben. Aber wohl, dem ists
anders gekommen, als es gesehen, wie seine Leute Ernst daraus machten und es
nteten, sich mit ihm anzulassen, und von der Stunde an hat es dem Alten kein
gut Wort gegeben; aber das wird ihm wenig helfen, es entrinnt ihm doch nicht,
und wenn er es einmal hat, so wird er es ihm eintreiben. Sie machen es so, die
alte Schnrflene.
    Aber warum wollen die Alten das so zwngen? Wre ihnen ein reicher Bursch,
der doch auch ppe eine Gattig htte, nicht eben so anstndig ? Aber Frau,
merkst dr Gspa nit? Sie denke, von dem bekomme es keine Kinder, und wenn er
noch zehn oder zwanzig Jahre lebe, so sei es mit dem Meitschi auch vorber, es
gebe eine reiche Wittfrau, und zuletzt falle alles wieder auf einen Haufen. Das
ist so spekeliert. Bei einem jungen Burschen htten sie dSach nit so gw, da
met es groes Gfell drby sy. Die Sache wre schon lange vor sich gegangen, das
Meitschi htte sagen mgen, was es wollte, wenn sie einig wren mit dem
Verschreiben, aber da soll es stecken. Der alte Unflat sagt, Gschriftlichs sei
nicht ntig; sterbe er, so knne seine Frau alles nehmen, sie sei ja mehr als
dreiig Jahre jnger als er. Der Dornbauer will es aber gschriftlich, er sagt,
man knne nicht wissen. Und wenn sein Meitschi vor dem Manne sterbe, so nehme
der auch, was das Meitschi eingebracht, und sie htten nicht nur nichts davon,
ds Kuntrri, und so sei es nicht gemeint. So ein Alter msse nicht meinen, da
er gytauf eine junge, reiche Frau kriege, er msse den Vortel geben. Nun aber
mchte der Alte sich die Hnde nicht binden lassen, und wer wei, ob der Uflat
nicht schon an die Fnfte denkt und meint, weil er schon mit Dreien fertig
geworden, so werde auch die Vierte ppe nicht lange machen.
    Und je mehr die Wirtin erzhlte, desto feuriger brannte es in nnelis Kopf;
es wollte wissen, wie weit es in den Dornacker sei und wo der Weg sei, der dazu
fhre. Zu diesen mchte es doch einmal und sehen, was das fr Leute seien und ob
sie Hrner htten oder seien wie andere Menschen. Aber Resli wollte das nicht.
Er kannte die Mutter, die, wenn ihr etwas hei im Herzen machte, damit nicht
hinter dem Berge halten konnte; er wute, da sie ihren rger nicht wrde
verbergen knnen, und was daraus fr Stiche und Trmpfe entstehen konnten,
konnte er sich denken, und war einmal offene Feindschaft da, dann gute Nacht.
Alles so auf einen Wurf zu setzen, dazu war Resli nicht vermessen genug, verlie
sich auf Geduld und Klugheit und begann der Mutter ihr Vorhaben auszureden, weil
sie weit heim htten, weil ihn heim verlange, weil er auf dem Dornacker bereits
sattsam gedankt, weil sie die Leute nur versumten, die heute Lewat schneiden
wrden. Natrlich war, durch Instinkt getrieben, der Vater auf des Sohnes Seite,
aber nneli hartnckiger als gewhnlich, und die Wirtin meinte, schaden wrde es
doch allweg nichts, wenn sie sehen wrden, da es auch noch Leute gebe, die an
einem Orte daheim seien. Wenn sie jetzt gingen, so wollte sie ihnen unterdessen
etwas zMittag machen, so was sie ppe hatten, und bis gekochet sei, wren sie
wieder da. Aber Resli ward sehr ernst, ging hinaus und rief der Mutter nach, sie
solle doch neuis lose.
    Die Wirtin sagte zu Christen: Wer einen solchen Sohn hat, der kann Freude
haben, sie ist ihm zu gnnen; jetzt noch eine rechte Frau, so ist dSach
richtig. Ja, wenn man sie nur schon htte, sagte Christen, aber wenn man
meint, man habe eine, so ist dSach nt. Es ist heutzutage bs. Nicht wahr,
sagte die Wirtin, ich darf wohl fragen, Habt ihr nicht ein Aug auf Dornbauern
Tochter gehabt? Die, wo bei der Spritze gewesen sind, haben so wunderlich
geredet, wie das Meitschi getan, als sie ihn im Walde fanden, und sie lieen
sich nicht ausreden, da die einander nicht zum ersten Male gesehen. Es war
neuis, aber es wird nichts mehr sein, antwortete Christen. Neue einmal haben
sie mit einander getanzt, und da hat ds Meitschi dem Bub wohl gefallen und er
hat von ihm gesagt; aber er wird wohl selber sehen, da da nichts ist als Mhe
und Umtrieb, und selbem fragt er nichts nach, so wenig als ich. He, sagte die
Wirtin, ich wollte ds Herz nicht gleich fallen lassen, ein schn und reich
Meitschi ist doch wohl ppis Mh wert; auf denen, wo einem so in den Mund
fliegen, wie im Sommer die Muggen, werdet Ihr doch auch nicht viel haben. Und
wenn ich etwas dabei helfen kann, so unter der Hand, da es niemand merkt, so
will ichs gerne tun, von wegen dem Meitschi mcht ichs gnne, und wenn ich den
Alten etwas zwidertun kann, da sie es nicht merken, so spar ichs auch nicht.
    Endlich kamen Resli und die Mutter wieder hinein und die Letztere darein
ergeben, nicht ins Dorngrt zu fahren, aber man sah, es ging ihr nahe. Alle
Umstnde, die man gemacht, die schnen Kleider, das viele Geld, die halbe
Todesangst mit dem Draguner umsonst! Blo der Trost hielt sie aufrecht, da doch
andere Leute sie gesehen, und was diese gesehen, werde im Dorngrt nicht
unbekannt bleiben.
    Das gute, fromme nneli war ganz Mutter, und fr seines Sohnes Glck htte
es seine Seligkeit gegeben, wenigstens die halbe, und weil es glaubte, man htte
seinen Sohn verachtet, so konnte es Prunk und Hoffart treiben, welche beide ihm
sonst in der Seele zuwider waren. Es ist jede rechte Mutter einer Henne gleich,
die mit Schnabel und Flgeln schlgt und pickt, wenn man ihr nur von weitem nach
einem Kchlein reckt; aber whrend die Sorge der Henne nur einige Wochen dauert,
erlischt die Sorge der Mutter erst, wenn das Auge im Tode bricht, und wer wei,
ob auch dann? Und wenn ums Bett der sterbenden Mutter die Kinder stehen und ihr
brechend Auge gleitet in flchtigem Blicke ber die weinende Schar, so knnte,
wer die Schrift verstnde, im flchtigen Blicke zusammengedrngt lesen all den
Kummer und die Sorgen, die Leiden und die Freuden, die das mtterliche Herz um
jedes ihrer Kinder getragen und die sie jetzt als ihre Lebensbeute mit ins Grab
nimmt und sie auch hinauftragen wird zu ihrem Vater und ihrer Kinder Vater.
    nneli machte sich, um das Ding recht unter die Leute zu bringen, auf nach
dem Krmerladen. Es gehe so selten fort, sagte es, da es anstndig sei, etwas
zu kramen denen, die daheim geblieben, und es nehme ihns wunder, wie man hier
den Kaffee gebe. Das Krmerhaus ist noch mehr als das Wirtshaus der Ort, wo den
Weibern nicht nur der Mund aufgeht, sondern auch das Herz, und wo es alle Tage
Verhandlige gibt, die noch viel kurzweiliger wren als die Verhandlungen von
Grorten und Tagsatzungen, welche doch in die Zeitungen kommen. Aber eben vor
lauter Wichtigkeit und weil man mit Leib und Seele dabei ist, hat niemand Zeit,
sie aufzuschreiben. Und doch kommen sie im Lande herum, laufen von Haus zu Haus,
richten Krieg an und Frieden, Hochzeiten und Kindstaufen, whrend in den
gedruckten oft weder Kraft noch Leben ist, nichts als tote Buchstaben, mit denen
man keinen Hund vom Ofen lockt, hchstens den Narren treiben kann mit einer
jungen Katze.
    nneli traf es bei der Krmerin wie gewnscht; niemand war da, und so konnte
es reden, sehen, sich vorlegen lassen und kaufen ganz nach Belieben. Es nahm
sich Zeit, die Krmerin nahm sich Zeit, und so geschah es, da am Ende nneli
einen Haufen zusammengekauft hatte, welcher ihm schwer geworden wre, ins
Wirtshaus zu tragen. Dabei benahm es sich ohne Ruhmrederei, aber so recht apart,
verstndig und einfach, da es die Krmerin fast zTod wunder nahm, wer das sein
mge, und doch durfte sie nicht fragen. Denn eben dieses Betragen war so recht
vornehm, da es ihr groen Respekt einflte. Wer sich selbst rhmt und vornehm
scheinen will mit Gebrden und Redensarten, der verrt seine Gemeinheit, und
jeder macht sich mit ihm gemein, und niemand scheut sich, ihn zu fragen, was ihm
in den Mund kmmt. Die Krmerin tat es durchaus nicht, da nneli auch nur ein
Stcklein trug, versprach, sie wolle auf der Stelle es nachbringen, sie msse
nur noch die Erdpfel ber, tun. Sie hielt ihr Versprechen, wute es aber zu
machen, da sie von der Wirtin vernahm, was das fr Leute seien, samt einigen
Deutnissen auf den Dornacker.
    Und wie es kam, wei man nicht, aber die stattliche Mahlzeit neigte sich
eben dem Ende zu, der Wirt sa bei Christen und sie redeten von Knochenmehl und
lkuchen. Die Wirtin trug ab und zu, und nneli sagte, es wre bald Zeit fort,
und Resli sollte doch sehen, ob auch das Ro seine Sache htte; es mge nichts
minder leiden, als wenn die Leute sich wohlsein lieen, whrend die Tiere Mangel
litten und Hunger. Resli sagte, zwar ppe viel werde der nicht mangeln, ging
aber doch nach der Mutter Willen, und wie es kam, wei man nicht, aber wie er
aus dem Hause trat, kam gerade die Dornackerbuerin die Strae herauf, und Resli
konnte nicht anders, als sich bei ihr stellen, ihr die Hand lngen und sagen, er
sei noch da. Sie aber tat erschrocken, da er noch da sei, und fragte, was es
ihm gegeben und warum er nicht wieder zu ihnen zurckgekommen, wenn er das
Fahren nicht htte mgen erleiden. Da er dageblieben, htte sie fry recht
ungern, die Leute knnten meinen, sie vermchten niemand mehr ein paar Tage zu
haben; wenn sie gewut htte, wie es gehen sollte, kein Hung htte sie dazu
bringen knnen, ihn gehen zu lassen, gb wie er ntlich getan und es erzwngt
htte. Es sei gut, da sie ungefhr ins Dorf gekommen sei, er knne gleich
wieder mit ihr heimgehen, wenn es ihm nicht zu weit sei, zu laufen. Wenn sie es
gewut htte, so htte sie knnen das Wgelein nehmen. Resli trat nicht ein in
gewut oder nicht gewut, aber das schlaue Gesicht der Krmerin hinter ihrem
Fenster fiel ihm auf, und ob sie gekommen aus Gwunder, um seine Eltern zu sehen,
oder wirklich, weil sie es ungerne hatte, da er da im Wirtshause war, und
Gelegenheit zur Entschuldigung finden wollte, erfuhr er ebenfalls nicht und frug
auch nicht darnach, aber er tat sonst manierlich, wie junge Bursche wohl daran
tun, denn einen Stein im Brette der Mutter zu haben, ist kein dumm Ding.
    Potz Tfel! fuhr auf einmal die Wirtin drinnen zweg, redet dort nicht die
Dorngrtbuerin mit Eurem Sohne? 's ist nit mglich, sagte nneli, oder wr
es se? Jo wger, sagte die Wirtin, es ist se. Was will jetzt die im Dorfe?
Die kmmt sonst das ganze Jahr nicht dreimal ins Dorf, nicht einmal zChilche.
    Unterdessen war nneli aufgestanden, hatte das Frtuch glatt gestrichen, und
mit groer Freude im Gesicht ging es hinaus, stellte sich der Dorngrtbuerin
vor und ntete diese hinein, gb wie die sich wehrte und doch gerne kam, aus
Gwunder und auch der Leute wegen, damit die nicht meinten, es wre da etwas
Ungerades, und sie verbrlleten als wste Leute.
    Sie mute anesitzen, mute sich vorlegen, einschenken lassen, und whrenddem
redete sie immer, wie man ihn tot gebracht und wie er ausgesehen, wie sie ihn
gereinigt und wieder lebendig gemacht und wie ungerne sie ihn htten gehen
lassen, wie aber nichts zu machen gewesen; wenn man ihn mit Ketten gebunden
htte, sie glaube, er htte sie zerschrissen. Diese ungeforderten
Entschuldigungen entwaffneten das gutmtige nneli; sie lobte und rhmte der
Buerin Gutttigkeit, lobte und rhmte aber auch Resli und wie sie nicht mehr
begehrt htte, zu leben, wenn man ihn tot heimgebracht, und groe Tropfen
rollten ihr unterm Kinn zusammen. Es ging ihr auch so, sagte die Burin, obwohl
es sie manchmal deche, man wre ohne King viel ruhiger. Seien sie klein, so
seien sie einem den ganzen Tag unter den Fen und man sei nur mit ihnen plaget;
seien sie gro, so liefen sie wo sie wollten, und ztot msse man sich werchen
und sinnen fr z'mache, da ein jedes auch bekme, da es sein knnte. Denn ppe
da ein King weniger zwegkme als sie, das mchten sie nicht; wie man gewohnt
sei, so sei man gewohnt, und anders kme es nicht gut. Das bildete den bergang
zur Erzhlung, was sie htten und wie sie King htten die bsungerbar gfellig
gewesen mit dem Heiraten, da die jetzt noch reicher seien als sie. nneli
redete verstndige Worte dazwischen, lie sich aber nicht zu gleicher
Ruhmredigkeit verleiten. berhaupt bildeten die beiden Weiber einen groen
Gegensatz, so etwa wie eine schne gelbe Ankenballe mit einer angelaufenen
Kaffeekanne; hinter beiden steckt was, und zwar was Gutes, aber die eine hat ein
appetitlich freundlich Ansehen und man sieht von weitem, was sie ist, bei der
andern mu man zusehen, da man sich nicht brmt, und kein Mensch, ders nicht
erfahren, wrde meinen, da aus ihr was Gutes kommen knnte.
    nneli war so schmuck und durchsichtig, fr eine alte Frau noch so
appetitlich, seine Rede langsam, aber bedeutsam, alle seine Bewegungen rund und
gefllig, da, wer ihns sah, Respekt vor ihm bekam und es begriff, wie man so
einer rechten Frau Rcke anziehen kann, welche man will, und hinter allerlei
Tische sie setzen kann, hinter Teetische und hinter Specktische, hinter
Kuchitische und hinter Spieltische, und sie sitzt hinter jedem recht, zu
jedermanns Respekt.
    Die Andere hatte auch allerlei an, aber es war nur so angewuschet, und
nichts hatte den rechten, saubern Glanz; sie machte alle Kleider zu
Werktagskleidern, whrend an nneli alle Kleider zu Sonntagskleidern wurden.
Ihre Hnde waren nicht ungewaschen, aber beim Waschen ging immer nur noch das
Halbe ab. Die Ngel waren teils kurz, teils lang, und an allen war bald hier,
bald dort was berflssiges. Das Gesicht war eben nicht hlich, aber hochmtig,
schien dazu auch klebrig; sie sprach gelufig, aber ungern hrte man ihr zu und
wute nie, sollte man etwas glauben von dem, was sie sprach, oder nichts. Wo sie
absa, meinte sie, sie msse zeigen, da sie Dienste sei, und eben deswegen
hielt man sie nie fr das, was sie war, und wo sie absa, sa sie ab, als wenn
sie dahin nicht gehrte. Je mehr sie vor nneli Respekt kriegte innerlich, desto
mehr lie sie sich uerlich auf, um ber ihns emporzuwachsen, und je mehr sie
anwendete, um so einfacher ward nneli, und je einfacher nneli ward, desto mehr
fhlte die Buerin dessen berlegenheit, desto mehr wendete sie an und ward
immer kleiner und kleiner dabei. Kurios ists, da in vielen Dingen das Anwenden
so gar nichts hilft, sondern ds Contrri ist.
    Das Spiel lcherte die Wirtin; sie mochte es der Dorngrtbuerin gnnen und
htte ihm den ganzen Tag zusehen mgen, aber Christen mahnte zum Aufbruch.
nneli wiederholte seinen Dank und erwhnte absonderlich der Tochter, die
geheien Resli aufs Grt bringen, meinte, es mchte die einmal gerne sehen und
ihr selbst danken; es wrde sie freuen, wenn sie einmal kmen und einzgen, was
sie an Resli getan. Selb sei nicht dr wert, davon zu reden, sagte die Buerin,
indessen knnte es es wohl geben, drneben aber wisse man nie, was es geben
knne, es gebe manchmal mit jungen Mdchen etwas ungsinnet. Darauf trat nneli
nicht ein, sondern fragte Christen, ob es nicht anstndig wre, der jungen
Burscht, welche sich des Reslis angenommen, ein Trinkgeld zukommen zu lassen?
Christen sagte, er htte schon daran gesinnet und es sei gut, da es daran
mahne, zog die groe Blatere aus dem Busen, nahm ein Hmpfeli Brabnter und gab
sie dem Wirt mit dem Auftrage, er solle, wenn es ihm sich schicke, der
Mannschaft einen Trunk geben, was es erleiden mge, und ihr danken in seinem
Namen. Der Wirt tat gar erschrocken und sagte, selb wr doch nicht ntig, das
htt afe kei Gattig, unter Hunderten tte das nicht einer, sie htten das nicht
deswegen getan, und kein Einziger sinnete an so etwas, und allweg gebe er viel
zu viel, ds Halbe wre mehr als genug. Indessen nahm er es doch, und da es die
Burin wunder nahm, wieviel es sei, und sie wahrscheinlich meinte, es knnte gut
sein, wenn noch jemand anders es wte, wieviel der Wirt erhalten, so wartete
sie es ab, bis der Besuch auf dem Wgeli zweggsdelt war, vielfach Abschied
genommen und der Draguner in kurzem Galopp zum Dorfe aus setzte.
    Wie es so geht, wenn Leute fortgehen oder fortreiten, die Bleibenden stehen
zusammen und senden den Enteilenden nicht Kugeln, aber Worte nach, liebe und
treue, bse und falsche, je nachdem die Bchse ist, aus der die Worte geschossen
werden, denn auf die kommt alles an und nicht auf die Enteilenden. Es gibt
solche Bchsen, die unserm Herrgott Spott und Schande nachsenden wrden, wenn er
einmal leiblich erschienen wre, ihnen den grten Segen ins Haus gebracht hatte
und wieder davonginge.
    So standen sie auch, die Buerin und die Wirtin, und die Letztere lud und
scho ganze Kanonen voll Preis und Ehre ab, wie das doch Leute seien, so
manierlich und gemein mit allen Leuten, von Hochmut nicht einen Flhdrecks gro
an ihnen und doch so adelich, man wisse nicht wie. Was aber die fr Geld haben
mten, fr eine einzige Nacht htte der Junge fnf Batzen Trinkgeld gegeben und
dem Stallknecht ebenso viel, und was der Mann erhalten, sei allweg zehn Kronen;
das wre hier herum keinem Menschen in Sinn gekommen, ja es wre die Frage, ob
einer darnach sie nicht angegriffen als die, welche ihn geschlagen. Sie htte
ihn gefragt, ob er die kenne, welche ihm den Streich gegeben, und ob er nicht
hinter sie wolle. Da htte er gesagt, was dahinten sei, sei gemht, und wegen
eines Streiches willen fange er keinen Streit an; er htte Gott zu danken, da
er davongekommen, und ein schlechter Dank wrs, wenn er seine Erhaltung mit
einem Proze, wo all ehrlich Leute scheuen und Gott hasse, vergelten wollte. Das
htte ihr bsunderbar wohl gefallen, aber sie mchte wissen, ob zentum einer die
Gedanken htte. Wenn sie Meitscheni htte und eins den bekme, es knnte sie
nicht mehr freuen, wenn es einen Knig erhalten knnte. So rhmte die Wirtin,
und wie sie so zwei Weiber beisammenstehen sah, trappete auch die Krmerin
herbei, blies in die Posaune und rhmte, wie die Frau eine bsunderbare
Erkenntnis von allen Dingen gehabt und doch um keine Sache gemrtet htte. Sie
htte nie im Brauch, eine Sache zu berschtzen, wie es Manche htte, die sie
nennen knnte, aber wenn sie ihn htte, sie htte um kein Geld eine Sache teurer
schtzen mgen, als sie wert sei, sie htte gefrchtet, vor der Frau zuschanden
zu werden, und das htte sie um kein Lieb mgen. Man wisse nie, aber solche
Leute kmen weit umher, und wenn so eine einmal sage, dort und dort htte sie es
gut gemacht, dSach recht gekauft und um den rechten Preis, so ntze einem das
hundertmal mehr, als wenn man einmal die Sache ds Halb z'tr htte verkaufen
knnen. Das sei mit den Wirten gleich, sagte die Wirtin; es meine Mancher, er
knne einen Schnitt machen, und berteure bei einem Anla die Leute oder gebe
dSach schlecht, und von selbem an htte er keinen Stern mehr, und wenn er die
Sache halb umsonst gebe, so brlleten die Leute die Welt voll, sie seien
bschissen, weil sie den Glauben zu ihm nicht htten. Der Glaube mache dSach. Und
bsunderbar junge Wirte htten das z'schchen, sie wte einen, der sich mit
einem solchen Streich sein Lebtag geschadet htte, von wegen wenn dSach einmal
brnnte, so knne man ihr mit keinem Lieb mehr eine andere Kust geben, man mge
machen, was man wolle.
    So schwer hatte die Dorngrtburin nie heimgetragen, auch wenn sie einen
Korb voll Birnen auf dem Kopfe getragen und einen Kratten voll in der Hand. Sie
mute immer strenger daran denken, wie ihr Anne Mareili mit dem glcklich sein
wrde und wie das doch ein ganz Anderer wre als der alte Unflat, vor dem es ihr
selbst gruset htte in der Jugend, obgleich sie nicht halb so eigelich gewesen
sei als ihre Tochter. Freilich hatte sie dieselbe, wenn sie weinte und jammerte,
oft damit getrstet, da der tti noch lter sei als ihr Freier, und wenn es ihr
der tti tue, so knnte es ihr der Andere auch tun, sie wte nicht, warum es
die Tochter besser haben sollte als die Mutter. Indessen war doch etwas in ihr,
welches ihr sagte, da dieser Trost nicht gengend sei, daher setzte sie
gewhnlich hinzu: Es sei sich doch dr wert, fr eine Sache, welche ppe nicht
lange dauern werde, so wst zu tun, eine, der so kurzen Atem htte wie der
Kellerjoggi, werd ppe nit hundertjhrig werde. Ja, wenn es so lange dauern
sollte, so wollte sie nicht viel sagen, sie glaube selbst, ppe dr Chumligist
werde er nicht sein, und gnug tun in der Haushaltung werde eini mssen. Die
Dritte mchte sie nicht sein, was sich zweue, das dritte sich auch, aber die
Vierte, die werde ihm nadisch wohl den Marsch machen und dann htte es sein
Lebtag gut, knne im Sessel hocke und brauche nur zu befehlen, was man ihm
darstellen solle fr z'essen und z'trinken, und wenn es siebenmal im Tag Kaffee
mache, so gehe das niemand was an.
    So hatte die Mutter oft getrstet und gescholten, aber sie war doch von den
Mttern eine, welche Gefhl haben fr das persnliche Wohl und nicht blo fr
Geld und Gut und ihres Hauses Glanz. Es dechte sie, wenn Anne Mareili eine
vornehme Frau werden knnte, so wte sie doch nicht, warum es absolut um der
Brder willen den Alten nehmen und blo zum Sparhafen geraten sollte. Es htte
sie doch auch strengs decht, dachte sie, wenn man mit ihr so verfahren wre,
und wenn man es recht mache, so knnte man den Buben doch zueha, da sie es
machen knnten. Wenn der Alte immer wst tue und nicht verschreiben wolle, was
billig sei, so mge sie ihm nicht mehr z'best rede und dem Meitschi nicht
z'bst, wenn es lieber diesen wolle; sie htte wohl gemerkt, da er ihm im Kopf
sei, es htte nicht vergebens so oft brichtet, wie es da einist mit einem htte
tanzen knnen, und da es ihn gleich wieder erkannt zmitts in der Nacht und
zmitts im Wald, das sei ein Zeichen, da es ihn gut ins Aug gno heyg. Vielleicht
knne man dem Einen mit dem Andern F machen, probieren knne man immer. Aber
das msse sie sagen, in das Haus wrde Anne Mareili sich schicken, es htte auch
etwas so Stadlichs, und man wisse manchmal nicht, drfe man mit ihm rede oder
nicht, und es sei so ein eigeligs, es schtt sich ab Sache, wo eblig und
brchlig syge u ke sterblichi Seel sich brauche ein Gewissen darber zu machen.
    So gings der Burin im Kopf herum, und als sie heimkam, machte sie ein
Staatsgesicht und teilte jedem mit, was die Staatsweisheit erlaubte. Dem Manne
sagte sie, das seien Leute, wie man sie nicht dick finde, wenn man blo aufs
Meitschi luegti, so wte sie nicht, wo es eines besser machen knnte allem
Ansehen nach. Besser luegen mte man freilich allweg noch, aber sie glaubte, es
wre nicht einmal ntig. Wenn der Andere sich nicht bald nachely, so hlf sie
anbinden. Geradeheraus htten sie freilich nichts gesagt, die Wirtin, die
Tsche, werde ihnen wohl gerunet haben, da etwas anders obhanden sei; aber da
die Jungen einander gefielen, htte sie wohl gemerkt, und wenn man mit ihnen
etwas wollte, so htte man die beste Gelegenheit, man brauchte nur einmal zu
ihnen zDorf, sie htten sie gar grusam heie cho.
    Ihrer Tochter aber, die um sie her ging wie eine Katze um den heien Brei,
sagte sie, das seien wunderliche Leute gewesen, zu denen schickten sie sich
nicht, Leute, von denen man nicht wisse, seien sie vornehm oder gemein; zu
rhmen htten sie nicht viel gehabt, aber mit dem Geld seien sie umgegangen, als
ob sie einen Geldscheier daheim htten; sie htten sie wohl daran gemahnt, wie
man sage, da die Tufer seien, deren so viele sein sollen im Emmental. Es
werden zuletzt wohl deren sein.
    Aber Mutter, die Tufer tanzen nicht, wie ich immer gehrt habe,
antwortete Anne Mareili. Ach was, du hast immer nur dein schieiges Tanzen im
Kopf, als wenn ds Tanzen die Hauptsache wre in der Welt. Zhle darauf, es kmmt
dir nicht gut, wenn du nur solche Flausen im Kopfe hast; kannst du dein Lebtag
nicht auch zu guten Gedanken kommen: was der Flachs gelten werde dieses Jahr, in
welchem Zeichen man Bohnen setzen msse und wie machen, da es einem mit dem
Heiraten gerate, wie es Vater und Mutter gerne shen?
    Die Weggehenden, welche den Ort verndern, kommen aus dem Flu der Rede; es
geht eine Weile, bis sie an die Strae sich gewhnen, die Worte wieder flssig
werden, und manchmal geschieht es gar nicht, bald sind die Beine zu mde dazu,
bald ist das Ro zu wild, oder die Gedanken ber das, was man gesehen und
erfahren, sind zu schwer und wollen erst verwerchet sein, ehe sie zu Worten
werden knnen, wie es auch oft aus den schwrzesten Wolken weder regnen noch
hageln kann, wie gerne es auch mchte.
    So redeten sie auf dem Wgeli nicht viel und am allerwenigsten von der
Hauptsache. Die Mutter kmmerte sich um Reslis Kopf, dieser hatte mit dem
Draguner zu tun, der jedoch unter seiner Leitung besser gehorchte als unter der
des Vaters, welcher sehr schlfrig war und mit seiner Pfeife sich abgeben mute,
wenn er nicht einschlafen wollte, was er jedoch nicht verwehren konnte.
    Daheim aber warten ngstlich und neugierig die Zurckgebliebenen, langsam
verluft ihnen die Zeit, und immer zu frh gucken ihre Augen aus nach den
Heimkehrenden, und gar manchmal wird verhandelt, warum sie noch nicht da seien
und wie sie kmen und was sie brchten an Kram und Neuigkeiten, und kommen sie
endlich, so ist Geschrei ums ganze Haus, aus allen Lchern schiet es hervor,
jedes bietet seinen Willkomm, sogar die Tiere stimmen ein, es blkt das Schaf,
es wiehern die Pferde, der Hund wedelet um Ro und Menschen, und auf der Bsetzi
steht mit aufgehobenem Schwanze die zurckhaltendere Katze und harrt, um ihre
sittsamen Liebkosungen merkbar anzubringen, eines gnstigen Augenblickes.
Vorlaute Fragen werden nicht vernommen, aber ungeduldig harrt man des
Augenblickes, wo die Geschfte abgetan, Hunger und Durst gestillt, berflssige
Ohren sich entfernt, um zu fragen und auszupacken, was an Fragen und Antworten
in den Herzen aufgespeichert liegt.
    Obgleich Resli sehr mde war und der Kopf ihm schwer, so wartete er doch die
Auspacketen ab, denn auch ihn nahm wunder, ob Vater und Mutter nichts zu sagen
htten.
    Annelisi war sehr unzufrieden, da der ganze Bericht eigentlich auf nichts
hinauslief, als da sie die Dorngrtburin gesehen, und auch dieser Bericht fiel
sparsam aus, denn Vater und Mutter waren vorsichtig in ihren uerungen ber
sie, und da mit ihr gar nichts ber die Sache geredet worden, das konnte es
ihnen nicht verzeihen. Es sei ume ltz, da es nicht dabei gewesen, dSach wre
anders gegangen und ab Ort gekommen, meinte es. Endlich vernahm es, da das Ding
sich nicht so machen liee, indem etwas anderes im Spiel sei, und wo viel Dornen
seien, msse man erst zusehen, ehe man Hand anlege, wenn man nicht die Hand voll
Dornen wolle. Da meinte Annelisi, das mten aber doch wste Leute sein, einem
Meitschi so etwas (Schligs, wrden die Zrcher sagen) zuzumuten. Es wolle
aufrichtig sagen, keinen Augenblick knnte es Vater und Mutter mehr lieb haben,
wenn sie ihm so etwas zumuten wrden, so ein Einmetzgen bei lebendigem Leibe; es
dechs, ein rechtes Meitschi sollte fortlaufen, so weit es seine Beine tragen
tten, einmal es wrde es so machen.
    Da seufzte nneli, und Christen tubakete stark. Resli aber bekam die Augen
voll Wasser. Er sehe wohl, sagte er, da sie etwas auf dem Herzen htten, und er
merke wohl was. Die Leute gefielen ihnen nicht, und wenn sie schon wegen Namen
und Reichtum sich wohl schicketen, so htten sie Kummer, inwendig sei es nicht
gut. Er sehe das wohl ein, aber auf der Welt sei leider Gottes nie alles
beisammen; bald fehle es auswendig, bald inwendig, bald am Meitschi und bald an
den Eltern. Auch ihm gefielen sie nicht, und wenn das Meitschi ihm nicht so lieb
wre, und bsunderbar seit er es vor seinem Bette gesehen, als er die Augen
aufgeschlagen und er gemeint, er sehe einen Geist, knne er nicht von ihm
lassen. Es sei aber auch ganz anders als die Alten und htte einen andern Sinn,
nicht nur er meine es, alle Leute sagten es. Es sei ja auch ganz anders
anzusehen, tte anders, und man sehe wohl, wie oft es sich fr die Andern
schmen msse. Zudem kme es weit von ihnen weg, des Jahrs werde man sich nicht
manchmal sehen, und sie sollten nur sehen, wie wohl es sein werde, wenn es bei
rechten Leuten sei und ungehindert tun knne, wie es ihm sei. Dann erst werde so
recht frecho, was ihm Guets im Herze syg.
    Man kann nicht wissen, sagte Christen, Blut ist Blut und Art ist Art,
aber ich will deswegen nicht wehren; du bist alt genug, um selber z'luege, du
mut sie haben. Vater, sagte Resli, glaubt mir, die Sache macht mir auch
schwer, ich wei, es ist fr mein Lebtag, ja vielleicht noch fr die Ewigkeit,
und es ist mir manchmal, es wre mir viel ntzer, ledig zu bleiben, da wte ich
doch, was ich htte und woran ich wre. Aber so will es ja Gott nicht, und darum
mssen Vater und Mutter es so wnschen und den Kindern ans Herz es legen. Glaubt
mir nur, blindlings will ich nicht hineintrappen, nicht meinen, es msse
erzwngt sein, weil ich einmal daran gesetzt. Die Sach wird ja nicht eys Gurts
gehen, und da wrs seltsam, wenn nicht an Tag kme, was innefert ist. Und wenn
ich im Geringsten merke, da es da nicht gut ist und ds Bse eingeurbet, so
zhlet darauf, es wird aus der Sache nichts, und sollte es mir das Herz
zerreien afangs. Nachher besserete es schon, ich wei es; aber wo lange
verstocktes Bses ist, da bessert es nie, da bset es alle Tag. Aber, sagte
Annelisi, wie willst du mit dem Meitschi zusammenkommen, da ihr ja kein Wort
mit der Mutter geredet, was dumm genug ist; und wenn sie am Sonntag schon
verknden lieen? Oder hast du ppis Abgredts?
    Resli kam in Verlegenheit und sagte endlich: Hb nit Kummer, etwas mu
gehen, aber lieber behalte ich die Sache fr mich, bis sie zueche an gewerchet
ist, da man wei, wo sie hinaus will. Das sollte ich zrnen, sagte Annelisi,
sonst ists der Brauch, da die Schwester so um eine Sache wei, und schon gar
manche Schwester hat dem Bruder gute Dienste geleistet, ist Lockvogel gewesen
oder Deckmantel, und ohne Schwester wre er nie zur Frau gekommen. Und warum ich
das nicht so gut verstnde als eine Andere, das wte ich nicht, bin ich doch
nicht von den Dmmsten eine. Aber wenn dus willst ghebt ha, so probiere alleine,
und wenn du mich doch ntig haben solltest, so sags, ich will dir deswegen nicht
ab sein, wenn du jetzt mich schon nichts schtzest.
    Resli schlief selbe Nacht nicht viel; so recht schwer lag es ihm auf dem
Herzen, da er selbst den Kopf nicht mehr fhlte. Ihm selbst gefiel das ganze
Dorngrtwesen nicht, die Leute nicht, ihre Leb- und Redeweise nicht, ihr Bauern
nicht; es ging ihm fast mit ihnen, wie es einem wohlerzogenen, sittsamen Mdchen
geht, wenn es unter ausgelassene, rohe Dirnen gert; er fhlte rger, Ekel und
konnte sich fast nicht enthalten, zu sagen: Ich danke dir Gott, da ich nicht
bin wie diese da. Mit einer Frau von dem Schlage, wie sie im Dorngrt der
Brauch war, mute er unglcklich sein, das fhlte er, und sie pate so wenig in
ihr Haus als eine Mistglle vor das Haus, und Vater und Mutter wrden weder bei
einer solchen Schwiegertochter noch bei einer Glle vor dem Hause es aushalten
knnen, das wute er.
    Wo ein Haus seit einer Reihe von Geschlechtern ein bestimmtes Geprge hat
und die Familie eine wohl hergebrachte Lebensweise, da ist das Heiraten ganz was
anderes, wenns nmlich glcklich sein soll, als wenn Zwei auf der Strae sich
finden und im ersten, wohlfeilsten Stbchen sich ansetzen. Und in einem
adelichen Bauernhaus ist dies noch viel schwerer als in einem adelichen
Herrenhaus; im Herrenhaus ist der Haushalt zumeist in den Hnden einer
angestammten Dienerschaft, im Bauernhaus ist es die Burin, welche ihn fhrt und
die Regel macht.
    Nun schien Anne Mareili dem uern nach vollkommen zu ihnen zu passen;
gemessen, freundlich, stattlich, suberlich erschien es ihm, flink zur Arbeit
und im Befehlen nicht ungebt. Vater und Mutter hatte es nicht widerredet, Hund
und Katze liebten es, Hhner und Tauben liefen ihm drauen nach. Das alles waren
ihm gute Zeichen, aber doch nur uere, und was inwendig in ihm war, hatte in
der kurzen Zeit, in welcher er es sah, nicht zum Vorschein kommen knnen. Und er
wute es wohl, da ein Mdchen Sinn fr ein anstndiges uere haben kann, vor
seiner ganzen Familie sich auszeichnet, aber inwendig, wo man mit keiner Brille,
keinem Feldspiegel hinsieht, da lt es es ruhig beim Alten und gleicht den
brigen auf ein Haar; das kmmt dann aber erst zum Vorschein nach der Heirat,
wenn man hat, was man will, und sich nun nach innerm Behagen kann gehen lassen.
    Resli hatte schon manchmal es gesehen, wie aus einer jungen schnen Frau ein
Ding, fast ein Ungetm sich herauspuppte, welches man gar nicht im feinen und
lieblichen Meitschi gesucht htte. Wenns ihm auch so gehen sollte, wenn seine
Eltern ihre grauen Haare mit Jammer in die Grube tragen mten, und er mte dem
zusehen - es trieb ihm aufs neue das Wasser in die Augen. Wie das auch mglich
sei, dachte tief Resli nach, aber er ergrndete es nicht; aber genau zu forschen
mit Furcht und Zittern, das beschlo er. Da Resli dies Geheimnis nicht
ergrndet, soll niemand verwundern, ergrndet es doch Mancher nicht, der
Professor ist oder Ratsherr sogar oder gar ein halber Moses mit glnzendem
Gesichte, mit dem Unterschiede nur, da dessen Glanz nur rckwrts und innerlich
wirkt, daher ein Schleier nicht ntig ist.
    Hat aber niemand je ein herrlich Kleid gesehen, funkelnagelneu, glitzernd
und aller Menschen Wohlgefallen, hat er das Kleid spter nicht gesehen,
abgeschossen, ohne Glanz, mit bertnchten Flecken, einem Kammermeitli am Leibe,
hat er es nicht bald darauf gesehen im matten Schimmer, aber voll Staub, bei
einem Grmpler, dann alle Tage schmieriger am Leibe einer welschen Kchin, und
endlich als Hudel irgendwo, den niemand in die Hand nehmen mochte?
    Hat niemand ein zierlich Reitro tnzerlen sehen unter einem mageren
Kavalier oder ein herrlich Tier hochauf sich bumen sehen an einem kstlichen
Tilbury, spter das gleiche Tier mhsam traben an einem Lohnfuhrwerk, dann es
Zgelten ziehen und Mistkarren, endlich aber in den Hnden eines Kachelers, mit
berganstehendem Haar, einem von Musen zerfressenen Schwanz und gen Himmel
schreienden Rippen.
    Ja, hat noch niemand eine Mdchenhaut gesehen, glatt und weich wie Sammet,
glnzend der Seide gleich, fest und drall wie ein Trommelfell, und die Haut
spannte sich allmhlig ab wie das Trommelfell, wenn viel darauf gepaukt wird,
verlor die Weiche wie Sammet, der viel getragen wird, wie Seide an Wind und
Wetter? Sie ward anfnglich zur whrschaften Weiberhaut mit etwelchen Klecksen
und Splten, dann welk wie eine Zwetschge nach etwelchen Reifen und endlich
gleich einem alten Judenkrs, wo man den Spiegel braucht, um die gelben Falten
und Fltchen zu zhlen.
    So geht es mit allen irdischen Dingen, der Glanz verschwimmt, Flecken gibts,
die Hlichkeit kmmt, und bald darauf tritt Verwesung ein, und manchmal schon
bei lebendigem Leibe. Ja, wenn nun auch das Herz irdisch ist, nur irdischer
Stoff es schwellt zu Glanz und Schnheit, zu Prunk und Lieblichkeit, was sollte
anders sein Los sein, als das Los alles Irdischen ist, zu verblhen, zu
verwelken! Flecken und Schmerz, steigende Hlichkeit, zahllose Falten,
Jmmerlichkeit bis in alle Ewigkeit! Man balsamiert wohl ein, aber damit wehrt
man der Hlichkeit, wehrt man den Falten nicht; man setzt Herzen in Weingeist,
aber damit werden sie um nichts appetitlicher.
    Aber einen Balsam gibt's, ein Geist hat ihn getrnket, und wo ein Tropfen
dieses Balsams auf ein Herz gefallen ist, da sprht er Leben aus und das Leben
tzt Schmutz und Flecken aus; in immer reinerem Glanze strahlet es, es blht die
Schnheit auf, die in ewiger Jugend strahlet, von der man viel gefaselt, zu der
man lange das Elixier gesucht, das doch lngst schon gegeben war vom Himmel
herab, aber die Menschen erkannten es nicht, es suchten es immer noch die Toren,
wie noch immer die Juden des Messias warten. Wo aus kleinem Senfkorne das Leben
erblhet, dessen Funke Christus auf die Erde gebracht, da bleibt dem Herzen die
Hlichkeit ferne, es gltten sich die Falten, es tritt nicht die grliche
Tuschung ein, die den schlgt, der mit einer Schlange am Herzen aus der Liebe
Traum erwacht. Es strahlet immer klarer das wunderbare Ebenbild auf, dessen
Urbild auf des Himmels Throne sitzet. Wer ein solches Ebenbild gebunden, der hat
einen ewigen Fund getan wenn er auch nur eine sterbliche Hand gefat; denn wenn
auch die Hand welkt, modert, das neugeborne Herz blht als ewig jung, ewig schn
in immer gttlicherer Klarheit fort.
    Wie schwer ists aber, durch glatte, seidensammete Haut hindurch zu sehen auf
des Herzens Grund, zu entdecken dort tief unten, ob die Flamme des ewigen Lebens
glhe, ob die Lfte der Verwesung wehen, ob Moder oder ses Leben unser Teil
sein werde. Zu solchem Schauen hilft Wissenschaft nicht, taugen Brillen nicht,
das Alter schtzt vor Torheit nicht, kindliche Augen sehen am klarsten, das
Beste aber tut Gott und denen besonders, die kindliche Augen haben, ungeblendet
noch vom Glanz oder Staub der Welt.
    Wenn Liebende unbemerkt sich finden wollen, so mssen sie entweder die
grte Einsamkeit whlen oder das grte Menschengewhl; die Gegenstze berhren
sich. Der Instinkt der Jugend fhlt das so sicher heraus, was die Erfahrung des
Alters besttige. Will ein Mdchen so recht sicher und unbemerkt einen Werber zu
Gesichte fassen oder ein Werber unbehorcht einem Mdchen das Glck
auseinandersetzen, welches er ihm zugedacht, so wird ebenso lieb als das dunkle
Obergaden ein heller, lichter Markttag gewhlt, und in irgend einem Winkel oder
Stbchen unterhandelt das Prchen ungestrt und unbeachtet einen lieben langen
halben Tag lang, denn wenn Geigen gehn und lauter gut Schick vom Himmel fallen,
am Morgen auf dem Khmrit, am Abend auf dem Meitschimrit, da hat jeder mit
sich selbst zu tun, rennt dem eigenen Glcke nach, hat nicht Zeit, einem Andern
nachzulauern oder horchend an einer Wand zu stehen. Man denkt sich gar nicht,
wenn man mitten im Gewhle des Ro- oder Garnmrit ist, wie manches Prchen
einsam zusammensitzt, denn die Narren sind selten, gewhnlich halbsturme Witwer,
welche frmlich Stuben empfangen, wie allfllig fremde Rohndler tun, um sich
Witwen und Mdchen vorfhren zu lassen, zur Auswahl und zum Heiraten. Wenn man
die Scharen Mdchen mit ihren Gesichtern voll Hoffnung zMrit ziehen sieht, so
denke man sich nur, da die meisten was im Schilde fhren, da man in Burgdorf
oder Langnau oder Signau oder Hchstetten was zum Gschauen zu finden hofft und
an wichtige Verhandlungen denkt. Aber o je, was fr ganz andere Gesichter sieht
man so oft schon durch den Nachmittag nach Hause kehren; die Nase um einen
halben Schuh gewachsen und die untere Lippe hangend bis auf den Boden, da sie
alle Augenblicke Gefahr laufen, darauf zu trappen, oder da man sie fr Ltschen
an den Schuhen ansieht.
    Als Resli sein vergessenes Nastuch holte, hatte er rasch ein Bestelltes
gemacht, aber nicht das Gewhl hatte er auserlesen, sondern die Einsamkeit,
teils weil er sowohl mit den Marktgelegenheiten als mit der Familie Luf und
Gngen zu wenig bekannt war. Denn Anne Mareili auf einen Markt zu bestellen, den
die halbe oder ganze Familie besuchte, wre gefhrlich gewesen, und auf einen
Markt, welchen gewhnlich niemand besuchte, wre verdchtig gewesen, und
wahrscheinlich htte man aufpassen oder Anne Mareili nicht gehen lassen.
    Aber an einem Orte, von Natur einsam, lag ein Bad, das wegem Wasser
bsunderbar berhmt war, wegen den Wirtsleuten aber destweniger, denn entweder
hatten sie nichts, das Fleisch gestern aufgegessen und das Brot am Morgen, oder
aber wenn sie etwas hatten, so lieen sie sich bezahlen, da einem das Liegen
weh tat. Sie wollten halt so und so viel aus dem Bade ziehen, und jeder Gast
sollte seinen Anteil daran bezahlen. Nun meinten sie, wenn nur hundert Gste
kmen, so htten sie das Recht, aus diesen hundert Gsten den gleichen Profit zu
ziehen, als sie gezogen htten, wenn tausend Gste gekommen wren. Das Publikum
versteht bei solchen Rechnungen aber nicht Spa, und da ihm meist an
    der Wirtschaft mehr gelegen ist als am Bade, so ward der Ort nicht nur von
Natur einsam, sondern auch von Menschen leer, und wer was Ruhiges wollte, der
fand es dort Sonntag und Werktag.
    Tag und Namen dieses Ortes hatte Resli dem Meitschi ins Ohr geflstert, und
es hatte genickt dazu; das wars, was ihn so getrost machte und warum er nicht
begehrte, da einstweilen jemand anders hinein sich mische.
    Dort sa nun Resli schon lange am bestimmten Tage, und kein Anne Mareili kam
dem waldigen Abhange nach oder ber den gebrechlichen Steg von der Ebene her.
Dstere Wolken jagten sich am Himmel, ein saurer Wind strich durch die Lfte,
Badewetter war es nicht, und dster und sauer sah es aus in Reslis Gemte, und
Liebesfreuden sonneten es nicht. Angst und Bangen war darin, und wie es dann
geht, wenn man warten mu und immer banger wird ob dem Warten: hunderterlei
Dinge kommen einem in Sinn, warum man warten msse, und ein Ding ist immer rger
als das andere Ding, und eines macht einen immer bser als das andere, und wenn
man endlich recht bse ist, so schlgt der Zorn in Angst ber, und tausenderlei
fllt einem ein und steigert von Minute zu Minute des Wartens Pein. Oh, Warten
ist hart, so recht Warten ist frchterlich, ist eine Folterbank, die kein Gesetz
abschaffen kann, ber die keine Zeit hinauswchst. Aber wir sollen eben nie
vergessen, was das Warten ist an der Himmelstre, wenn kein Pfrtner kommen kein
Schlssel im Schlosse sich drehen, kein Willkommen uns entgegenschallen will,
kein Liebesblick durch das Schlsselloch dringt, kein Suseln uns Gnade
verheit, wenn es immer dsterer um uns wird, immer klter, schauerliche
Finsternis wie eine Wolke uns umfngt, die Wolke allmhlig zur Nacht wird und
die Nacht zur Hlle erglht, und keine Stimme will ertnen, keine will Erbarmen
rufen, wie wir auch warten unter Heulen und Zhneklappern in des Wartens
entsetzlichstem Entsetzen. Aber wenn man so in banger Spannung auf etwas
Geliebtes auf Erden wartet, denkt man an jenes entsetzliche Warten nicht,
sondern man sitzt auf glhendem Stuhle und wiegt die Wenn und Aber ab, die Ob
und Noch, die Was und Wie.
    Hat es mich nicht verstanden? Kmmt es noch? Wars schon da ? Hat es sich
verirrt? Haben sie es nicht gehen lassen? Hat es nicht kommen wollen? So
werweisete Resli in sich in einer glhenden Pein, denn wochenlang hatte er es
sich ausgedacht, wie, wenn er gegen das Bad komme, er Anne Mareili von der
andern Seite her kommen sehe, und wie sie akkurat bei dem Bade zusammentreffen
wrden. Jetzt war er schon stundenlang da, man hatte ihn gefragt, ob er baden,
ob er essen wolle; er solle es nur zu rechter Zeit sagen, von wegen an einem
solchen Orte knne man nicht hexen, wie etwa die Leute meinen mchten, da wenn
sie daran dchten, die Sache schon zweg sei. Resli hatte ausweichenden Bescheid
gegeben, endlich Essen bestellt; die Stubenmagd brachte Teller und sagte, ds
Angere werde sie bringen, sobald der Bub mit dem Brot komme; der schieig Bub
mache immer so lange, er werde wahrscheinlich auch pperem warten. So leitete
sie ein Gesprch ein, von dem man nicht recht wute, sollte es eine Einleitung
sein zu einer Schimpfeten ber ihre Meistersfrau und des Hauses Unordnung oder
aber zu einem Privatvergngen mit dem hbschen Burschen.
    Da ging langsam die Tre auf. Gott gr euch miteinander, sagte eine
Stimme, und ein Mdchen stand in der Stube, dessen Backen rot anliefen, whrend
die Stubenmagd aufstund vom Vorstuhle und antwortete: Gott gr dich wohl.
Womit kann ich aufwarten? Resli war auch rot geworden, ob aus berraschung oder
weil er es ungern hatte, da die Stubenmagd so nahe bei ihm gesessen, wissen wir
nicht; rasch stund er aber auf und sprach: Gottwilche, Base! Bist du auch da?
Was bringt dich Guts dahin? Anne Mareili merkte Resli und sagte: Bis mir auch
Gottwilche! Ich bin auf dem Wege gewesen zu euch, und jetzt kann ich dir die
Sache verrichten; es ist mir noch anstndig, so kann ich zu rechter Zeit wieder
heim sein Es ist bei solchem Wetter nicht lustig auf der Strae sein, aber dSach
hat pressiert. Resli sagte: Komm hock und tue Bescheid; er htts bald nicht
gekannt. Das war wirklich auch fast kein Wunder, denn Anne Mareili war nicht
geputzt, sondern mehr verkleidet, hatte ein dnn, kurz Kitteli, einen
halbleinernen Tschopen, ein halbreistenes Hemde an, eine Rohaarkappe auf dem
Kopf, war mehr angezogen wie eine mittelmige Jumpfere und nicht wie eine
reiche Bauerntochter, und doch war es auch so recht hbsch und stattlich, da
man da auch wieder sah, da nicht immer die Kleider es sind, welche die Leute
machen. Die Stubenjumpfere sagte, sie werden dSach wohl zusammen wollen, und
wenn sie es begehrten, so wolle sie dieselbe ihnen in ein oberes Stbli tragen,
es seien weniger Fliegen dort, und wenn man mit einander zu reden habe, so sei
man bas alleine. Nit da sie jemand hier stren wrde, so an einem Orte sei sie
nie gewesen, wo weniger Leute kmen, lngs Stuck niemand als der Mhlekarrer und
der Kmifeger, nicht einmal Bettler. Von wegen je bser eine Stubenmagd ber die
Frau Wirtin ist, desto zrtlicher wird sie in der Regel gegen die Gste, und
warum sollte sie nicht? Zieht es doch zum Herzen das Herz, und wenn die Frau
Wirtin das Herz der Stubenmagd nicht will, warum sollte diese dasselbe nicht den
Gsten austeilen drfen?
    Das Stbchen war klein, das Lischenruhbett eingesessen, der Tisch wackelte;
es hatte nicht die fernste hnlichkeit mit irgend einem Prunkgemach, sei es
einem Salon oder der berhmten blauen Stube; aber doch kam es Resli und Anne
Mareili wunderbar vor, und als sie neben einander auf dem Ruhbett saen, fanden
sie anfnglich keine Worte. Alles, was sie einander zu sagen hatten in der
kurzen ihnen zugemessenen Frist, hatte sich aufgestaucht vor dem engen Durchpa;
eins klemmte das andere ein, bis endlich Resli die Masse zu lsen begann mit der
Bemerkung: Ich habe geglaubt, du wollest nicht kommen, ich msse unverrichteter
Sache wieder heim.
    Es ist ein Wunder, da ich da bin, sagte Anne Mareili; ich habe lange
nicht gewut wie machen, und als ich einmal es gewut, da hat es etwas gegolten,
bis ich los geworden.
    Hast du dann nicht im Sinne gehabt, zu kommen? Hast du Mut gehabt, mich zu
sprengen und umsonst warten zu lassen? sagte Resli. Zrn nicht, sagte Anne
Mareili, aber wenn das nicht so gegangen wre wie der Blitz, so htte ich es
dir gleich damals abgesagt. Begehrst du dann nichts von mir, oder mich nur zum
Narren zu halten? Hab ich mich dann geirrt, wenn es mich dechte, es sei dir
fast wie mir und ich sei dir auch ppe e weneli wert?
    Da tat Anne Mareili einen Blick auf Resli; das Wasser scho ihm in die
Augen, dann sagte es langsam: Du weit darum nicht, wie ich es habe. Mein
Brauch ists nicht, ppe im Lande herumzufahren, bald hierhin, bald dorthin; das
ist das erstemal, da ich einem an ein Ort hingekommen bin. Und wenn ich schon
wollte, man liee mich nicht. Wir haben immer zu werchen mehr als genug, und
dann ists se auch, da es nach ihrem Kopf gehe und nichts dazwischenkomme. Und
da ists mir lang gewesen, was es doch ntze, zu kommen. Nichts, als mir das Herz
noch schwerer zu machen, als es schon ist, und ds Beste war, ich schlge alles
aus dem Kopf und lie es sein, als wte ich nichts von dir.
    Das wre schn von dir gewesen, und darauf htte ich dir nicht viel gehabt;
dann htts mih decht, es sei kein Meitschi mehr einen Kreuzer wert, und was du
von deinen Alten sagst, wird doch nicht eine Sache sein, die nicht zu ndern
wre, sagte Resli.
    's wird wohl. Aber eben deswegen hets mih decht, ich mchte dich noch
einmal sehen und dir sagen, du sollest es doch recht nicht an mir zrnen, da
meine Eltern es dir so wst gemacht haben und dich fortgelassen, wo du ja kaum
bei dir selbst gewesen bist und ds Ryten nicht hast erleiden mgen. Aber es ist
ihnen eben gewesen, da es dr Kellerjoggi, den ich nehmen soll, nicht vernehme
und da wir nicht etwa viel mit einander redeten und es ihnen dann etwa eine
Strung gebe in ihr Eingricht. Von wegen, wo der Vater durch will, da mu es
durch, kosts was es wolle und gehe es bel oder nicht. Da hets mih decht, das
mchte ich dir noch sagen, da du nur nicht zrnest und mit mir dich nicht
plagest, dSach trag doch nichts ab. Aber einist wre ich doch noch gerne bei dir
gewesen, darum bin ich gekommen, vielleicht sehen wir uns dann unser Lebtag
nicht wieder.
    Das wr, sagte Resli; svli bel wird es doch nicht stehen, haben wir
doch nicht z'ernstem probiert; so leicht setz ich von einer Sache nicht ab,
darauf kmmt es nur an, da du willst und mich begehrest. Dann mchte ich doch
sehen, ob man dich zum Alten zwngen kann und dich mir nicht lassen mu. Aber
eben darauf kmmt es jetzt an. Was meinst?
    Das werde ich dir ppe nicht z'lngem sagen mssen, sagte Anne Mareili;
wenn du mir nicht lieb wrest, so wre ich nicht da; keinem Menschen auf der
Erde wre ich hieher gekommen und htte ihm z'lieb so wst getan und gelogen.
Htte ich gesagt, ich kme deinetwegen, so wre keine Rede gewesen, da sie mich
htten kommen lassen; da habe ich zWort gehabt, ich wolle ds Guetjahr trage. Ich
habe ein Gevatterkind nicht weit da weg, und das ist letztes Neujahr nicht
gekommen, wie sie es sonst im Brauch haben. Sie meinten, nachezlaufe mangle es
sich nicht, das Jahr sei bald um, am nchsten Neujahr werde es schon kommen, da
knne man es ihm fr zwei Jahre zusammen geben. Und gb was ich gesagt habe, sie
sind dabei geblieben. Und wenns schn Wetter gewesen wre, da das Werchen
drauen recht gegangen wre, so wre keine Rede davon gewesen, da ich htte
kommen knnen. Der Vater ist gar mitreu, und wenn er dSach nicht auf der Hand
hat, so trauet er nichts. Da habe ich bei der Mutter plret und ihr gesagt, es
sei doch schrecklich; wenn ich den haben mte, so wte ich wohl wie ich es
bekme; keinen Tag knnte ich mehr fort, und jetzt, wo ich noch daheim sei,
gnne man mir nicht einmal einen Tag fr fort; so htts doch keine Jumpfere.
Aber wenn man so wst gegen mich sein wolle, so solle man nur sehen, gut komme
das nicht, ich wolle es ihnen vorher sagen. Das ist der Mutter zHerze gange, von
wege, wenn dr Vater nicht wre, ppe so bs gegen uns wre sie nicht, sie wte
noch, was Erbarmen ist. Sie hat mit dem Vater geredet und mir darauf gesagt:
Sage ppe nicht mehr viel und gehe, aber mache nichts Ungeschicktes, ghrst,
wenn ich etwas vernehmen mte, es wei kein Mensch, wie es ginge! Jetz ists mir
aber doch himmelangst, und es decht mich, wenn ich nur schon wieder daheim
wr.
    Du hast dann nicht Freud bei mir? frug Resli.
    Oh, plag mich nicht und frag nicht so, sagte das Meitschi, allem an weit
du nicht, wie es einem ist wenn man alle Augenblicke frchten mu, es sehe einen
jemand, der einen kenne und verrate. Und wenn man immer denken mu: was machen
sie fr Augen, wenn ich heimkomme, was sagen sie mir, wie wst werden sie mit
mir tun; wenn man das vorstehnds hat und denken mu, das ist der letzte Tag, wo
ich htte Freude haben knnen, und kanns nicht einmal, weil mit dem Tag auch ein
Elend nher kmmt, das rger ist als das Grab. Du weit nicht, wie es einem da
ist.
    Wohl, sagte Resli, das ist z'denke. ppe ganz am besten ist es mir auch
nicht immer gewesen, und auch schon ists mir im Kopf gewesen, da ich mich
dessen, was auer mir gegangen, nichts geachtet und da ich htte plren mgen,
wenn die Sonne am schnsten geschienen. Wohl, das begreife ich. Du httest also
nichts gegen mich und begehrtest mich zu heiraten, wenns nur an dir wre?
    Rede mir nicht davon, sagte Anne Mareili, es macht mir das Herz nur
schwerer; ohnehin wenn ich dich ansehe, so mu ich immer an den Kellerjoggi
denken mit seinen Augen, die immer tropfen wie ein alter Weinhahne, und wenn ich
an ihn denke, so chunt mih ds Briegge a.
    Lybsthalbe gefiel ich dir also besser als der alte Unflat? frug Resli.
    Gang mr, sagte Anne Mareili, selligs z'frage!
    Aber wenn dr Alt my Lyb htt, so wrs dr recht?
    Wenn ich gewut htte, sagte Anne Mareili, da du nur daran Freude
httest, mich zu plagen, so wre ich nicht gekommen, und httest mir noch
zehnmal Bscheid machen lassen. Nein wger, es ist mir nicht nur Lybsthalb, da
mir Kellerjoggi zwider ist. Ich wei nicht, aber es decht mich manchmal, ich
knnte mich in alles schicken, wenn er nicht so wst gegen alle Menschen wre
und alle Laster an sich htte. Oh, es ist ein schreckliches Dabeisein, wenn man
immer das denken mu, es vrfluchen einen alle Leute und kein Mensch bete fr
einen, und einem dabei die Hnde gebunden sind, da man auf keinen Weg ppe gut
machen kann. Davor gruset es mir am meisten, denn ich wei wohl, das kann ich
nicht so in der Geduld annehmen, sondern ich ertaube auch, und was ich dann
anfange, wei Gott! Und deretwege habt ihr ein gutes Lob, wie ich vernommen, und
rechtschaffen geht es bei euch zu; da knnte man Guts lerne, und ich mangelte
das so bel, ich gsprs wohl, wie ntig ich es htte. Und deretwege, ich will es
aufrichtig sagen, habe ich mehr als Lybsthalb an dich gesinnte; 's decht mich
immer, wenn es Gott so gut mit einem meinte, als es heit, er sollte einen nicht
so dem Teufel lassen vor die Fe werfen, wo man doch deutlich wei, da es der
Hlle zu geht.
    He, sagte Resli, der liebe Gott wehrt sich nicht fr dich, du mut dich
wehren. Aber wer wei, wenn es dir mit deinen Reden recht ernst ist, so knntest
du vielleicht auch sinnen, der liebe Gott hatte uns zusammengefhrt so
ungsinnet, da du dich an mir halten und ich fr dich in den Ri stehen, mich
fr dich wehren knnte.
    Was meinst wegem Ernst? fragte Anne Mareili, was soll mir ernst sein?
    Ich meine so wegen der Seele und von wegen dem lieben Gott. Es ist nicht,
da ich meine, es sei dir nicht ernst, aber es ist mir schon manchmal so
gegangen, da ich habe den lieben Gott hineinstoen wollen, wo doch die Sache an
mir lag, und da ich die Seele fregstoe ha, wo es mir doch nur um etwas
Leibliches war. Ich habe nur gemeint, wenn es dir recht um die Seligkeit wre,
so wrdest du das den Eltern vorgestellt haben, und wenn ein guter Blutstropf in
ihnen wre, so knnten sie ja kein Wort mehr sagen. Ich will nicht sagen, da
wir die Besten sind, und es ist manchmal strub genug gegangen bei uns, doch so
Gott will ists vrwerchet. Aber auch wo es am trbsten ausgesehen, so htts wohl
Lrm geben knnen wegem Geld, aber wo eins gesagt htte, dSach wr ihm vor der
Seligkeit und es wollte nicht schuld sein daran, so htte kein Mensch mehr ein
Wort gesagt, nit dMuetter, nit dr Vater.
    So ist es darum nicht bei uns, sagte Anne Mareili, es ist mir leid, da
ich es sagen mu, und jemand Anderem sagte ich es nicht. Da knnte ich lange
sagen, nur auslachen wrde man mich und sagen: Du Lhl, was fragst doch dem
darnach! Wenn er macht, was er will, so mach du, was du kannst; dHauptsach ist,
da du einen reichen Mann kriegst und da er dir die Sache lt verschreiben,
dem andern allem hast du nichts nachzufragen. Ach, sie meinen, mit dem Gelde
htte man alles, an diesem klebe alle Herrlichkeit, wie an einem klebrigen
Stecken der Staub. Darum fragen sie allem nichts nach als dem Gelde alleine, und
mich geben sie dar, wie man arme Wrmer an die Angel steckt, wenn man Fische
fangen will. Ich bin ihnen niemere, sie denken nicht an meinen Leib, nicht an
meine Seele, nicht an meine Lebtig, nicht an meine Ewigkeit, sondern an nichts
als an das Geld, das sie mit mir fangen wollen, und was ich sage und wie ich
bitte, sie achten sich dessen gerade so viel, als der Fischer sich achtet, wie
der Wurm zappelt, den er an die Angel steckt.
    Das ist bs, sagte Resli, aber sie werden doch auch eine Religion haben?
    Ich glaube es, sagte Anne Mareili, sie werden; unterwiesen sind sie
worden, wie blich, aber viel davon habe ich nicht gemerkt, ich sags mit Leid.
Du glaubst nicht, wie es mir manchmal angst wird unter unserem Strohdach, wo man
den ganzen Tag flucht, selten ein Gebet verrichtet wird, wo ber Tisch geredet
wird, da einem decht, es sollte den Wnden bel werden, und selten ein Mensch
zum Nachtmahl geht. Wenns donnert oder wenn ich nachts denken mu, wie leicht
ein Funke nebenausfallen und wir alle verbrennen knnten, ehe nur jemand das
Feuer merkte, und die Hlle so uns anginge schon bei Lebenszeit, dann wirds mir
so angst, da ich kein Aug voll schlafen kann, da ich im Hause herumgehen mu,
zu sehen, ob nicht irgendwo noch Feuer ist; und wenn ich nichts finde und mich
niederlege, so dnkt es mich, ich rieche Rauch, mu von neuem auf, und der
Morgen kmmt, ehe ich mir trauen darf im Bette. Und meine Furcht darf ich nicht
merken lassen, sie lachen mich sonst aus, halten mir vor, ich sehe mich nach
Kiltern um, und wenn ich sonst etwa sage, man solle doch ppe auch denken, da
einer ob uns sei und es wre gut, wenn man auch etwas mehr daran sinnete und
darum tte, so sagt man mir, ich solle nur zu mir sehen, und so dumms werde ich
doch nicht sein, alles zu glauben, was der Pfaff sage, und zu meinen, alles sei
wahr, was geschrieben stehe; da wre ich ja ein Aff, und dere seien heutzutage
nicht mehr viel, sie seien rar. Da gruset es mir manchmal, dabei zu sein, du
glaubst nicht wie, und ich habe den lieben Gott schon manchmal gebeten, er solle
mir da weghelfen, und jetzt will er mir dazu helfen, aber wie! Noch an ein viel
rger Ort.
    Nit, nit, sagte Resli, vrsndige dich nicht; der liebe Gott lt sich
nicht so mustern und dr Marsch machen wie ein anderer Mensch, und wenn man
selbst das Rechte breicht, so ist das, was er einem schickt, immer gut, aber
eben aufs Breichen kmmt es an.
    Ich kann wei Gott nicht helfen, sagte Arme Mareili, aber denk doch nur,
wie es einem sein mu, so in aller Himmelangst, das Elend vor sich, und ein Tag
nach dem andern kmmt nher, und hinten eine Wand und neben Wnde, oben der
Himmel vermacht und nirgends eine Hand, die aufbricht, da man fliehen, dem
Elend entrinnen kann. Denke, wenn man selig sterben mchte, und bei lebendigem
Leibe schon wird man dem Satan zugeworfen; denk, wie wre dir, und wtest du
immer, was du redtest?
    Wenns dir so ist, sagte Resli, und es wird, so kummere nicht, dir mu
geholfen werden; wir sind doch ja nicht mehr Heiden, und es wrde mich doch
wunder nehmen, ob es unter Christen rger zugehen sollte als zur Zeit, wo man
dem Moloch opferte. Lieb sei es ihm vom ersten Augenblick an gewesen, wo er es
gesehen, aber seit er seine Eltern und ihr Haus gesehen, htte er allerdings
Kummer gehabt. Es htte ihn decht, seine Leute seien wohl rauh und frgen nur
nach dem Zeitlichen, und das bringe den Frieden nicht und mache das Glck nicht
aus; sie htten es erfahren. Und nun sei es ihm schwer gewesen, es sei auch so
und htte seiner Leute Art. Wenn man sich aber in diesen Dingen nicht verstnde,
so htte es gefehlt, und wenn man sich dem lieben Gott nicht unterziehen knne,
wie wollte sich dann ein Mensch dem andern unterziehen? Und er wolle es
geradeheraus sagen, er htte sich gescheut, seinen Leuten einen Menschen ins
Haus zu bringen, der das Beten nicht verstnde und kein Begehren htte, ein
Christ zu sein und nach dem Friede z'trachte. Er wte, ein Shnisweib htte es
ppe nicht bs bei ihnen, aber da seine Leute es um des Shnisweibs willen bs
htten, das htte er neue auch nit mgen. Aber jetzt sei er guten Muts, und es
solle auch so sein, dSach werde doch ppe wohl zu machen sein.
    Ach, sagte Anne Mareili, wenn ich einmal in einem solchen Hause leben
knnte, wo ich nicht alle Nchte Furcht haben mu und ppe dr Tag dre Friede,
es dechti mih, ich wre im Himmel, wenn man dann auch schon nicht so reich wre
dazu. Aber setz ab, das gibt es nun einmal nicht. Der Vater wills, und wenn der
einmal etwas gewollt, so hat er noch nie abgesetzt. Wehren kann ich mich noch
ein Stck und wsttun, aber was hilfts, am Ende mu es doch sein.
    Hr, sagte Resli, willst du mir versprechen und treu sein, so nhmte es
mich doch wunder, ob nichts zu machen wre; aber auf dich kmmt alles an, wenn
du nicht standhaft bist, so ist dSach verspielt. Willst du, so gib mir die Hand
und sage: Ja in Gottes Name!
    Anne Mareili ward rot und bla, Trnen strzten ihm ber die Wangen, es hob
langsam die Hand, legte sie in Reslis, dann sagte es langsam: Ja in Gottes
Name! und in heftigem Weinen lehnte es sich an Reslis Schulter.
    Stille drckte Resli die Hand, welche in seiner lag, und stille war es
lange; es war, als beteten Beide leise, als flge in leisem Flgelschlage ein
Engel zu den Verlobten, zu empfangen und emporzutragen, was in ihren Herzen
lebte und bebte. Resli zog seine Uhr hervor und sagte: Nimm sie als Ehepfand.
Ich wei, fr uns ist es nicht ntig, aber es freut mich, wenn ich denken kann,
du habest etwas von mir und wenn du sie schlagen hrst, denkst du an mich, und
glaube nur, so oft es schlgt in der Uhr, so oft schlgt es mir im Herzen fr
dich.
    Anne Mareili betrachtete die stattliche, schwere silberne Uhr mit den
erhhten Zahlen und der schweren silbernen Kette und sagte: Ich behielte sie
gerne, sie freute mich, aber ich darf doch nicht; ich darf sie nicht aufziehen,
ich knnte sie auch nirgends bergen, da ich nicht frchten mte, man knnte
mir darber kommen, Vater oder Mutter knnten sie finden. Nimm sie wieder, und
wenn ich dich recht verstanden habe, so braucht es zwischen uns eigentlich kein
Ehepfand. Aber etwas htte ich gerne von dir, nicht wegen der Sach, sondern weil
es von dir ist und damit ich es, wenn ich alleine bin, hervorziehen kann und
Gschauen und denken: das ist von ihm, was macht er wohl, was denkt er cht?
    Was soll ich dir wohl geben? sagte Resli; htte ich daran gesinnet, so
htte ich einen Ring gebracht oder ein Ketteli, aber jetzt habe ich hell nichts
bei mir.
    Ring oder Kette, sagte Anne Mareili, drfte ich ja auch nicht nehmen, es
wre das Gleiche wie mit der Uhr; aber gib mir ein Geldstck, was fr eins, da
du willst, und ich will dir auch eins geben; das achtet niemand, und wenn wir
die ansehen, so knnen wir dabei an einander sinnen, so gut, als wenn es eine
Uhr oder wei kein Mensch was wre.
    Sie zogen ihr Geld hervor, erlasen dasselbe, und Resli las einen treuen,
ehrenfesten alten Bernzwanziger mit einem wackeren Schweizermann darauf aus,
Anne Mareili aber ein neu Guldenstck. Diese Stcke verwechselten sie nicht,
erachteten sie, mit den Fnffrankenstcken knnte man sich verirren, und doch
kme niemand in Sinn, da sie was zu bedeuten htten, wenn man ihnen das Geld
erlesen wrde.
    Resli steckte sein Guldenstck apart ins Leiblitschli, Anne Mareili behielt
es in der Hand; aber Beiden ward erst jetzt so recht behaglich und traulich im
Stbchen und so recht offen ums Gemt. Es war ihnen, als knnten und mten sie
einander alles sagen, was sie auf dem Herzen htten und was sie in Liebe und
Leid gesinnet. Anne Mareili erzhlte, wie es ihm gewesen, als es mit dem Vater
fortgefahren und nicht htte vernehmen knnen, woher Resli sei. Mit mehr als
hundert Bursche htte es schon getanzt, aber mit keinem sei es ihm so gegangen;
da htte es ihm schon whrend dem Tanzen immer getnt, der oder Keiner, und als
er nun verschwunden, sei es ihm gewesen, als gehe der Himmel zu. Lange htte es
nicht mehr lachen mgen und nichts als stunen und sinnen; die Mutter htte es
manchmal auseinandergenommen und gemeint, es sei etwas Verdchtiges, aber was
htte es ihr sagen sollen? Nirgends htte es ihn mehr antreffen knnen, und alle
Sonntag htte es denken mssen, lt er ppe heut verknden? Und wenn es am
Freitag zusammengelutet, so htte es sich fast nicht des Weinens erwehren
mgen, es htte immer denken mssen, luten sie ihm wohl heute zKilche? Aber
erst als man ihns mit dem Kellerjoggi zu plagen angefangen, htte es recht an
ihn sinnen mssen, und kein Morgen sei ihm aufgegangen, wo ihm nicht vorgekommen
sei, als htte es ihn des Nachts im Traume gesehen.
    Aber du, frug Anne Mareili, hast du gewut, wer ich war? Da ward Resli
rot und sagte, es solle ihm recht nicht zrnen, er wolle ihm Punktum die
Wahrheit sagen. Aber Anne Mareili ward rot, fast bse, und sagte, es mge nichts
hren von einer Liebe, die ein Jahr daure, und man wisse, wo das Meitschi sei,
und tue keinen Wank, um zu ihm zu kommen; es htte ihn aufrichtiger geglaubt und
wisse jetzt, woran es sei. Mit groer Mhe kam Resli zur Rede und bat, es mchte
doch nicht so aufbrennen; wenn es ihn gehrt, so werde es zufrieden sein. Er
erzhlte nun Punktum, wie es zu Hause gestanden, wie die Mutter ihn nicht habe
anhren wollen, wie er allen Mut verloren und bsunderbar, als er nachgefragt und
vernommen, wie reich sie seien und da ihr Vater apart auf reiche Tochtermnner
hielte und da diese von ihren Eltern alles alleine erbten. Aber wie wunderbar
es nun gegangen sei, da am selben Tage, wo sie daheim so recht sich vershnt
fr immerdar und er Eltern und Geschwistern sein Herz erffnet, wie er an einem
Meitschi hange, aber nicht Mut gehabt wegen ihrem Streit und wegen deren
Reichtum, und sie ihm zugeredet, er solle daran hin, und ihm alles Liebs und
Guts versprochen, es gestrmt und das Feuer so seltsam und ungesinnet sie
zusammengebracht htte. Er msse glauben, das sei nicht von ungefhr gewesen,
darum habe er auch Mut zum Glauben, es komme alles gut, denn wenn sie nicht
zusammenkmen, so wte er doch nicht, warum alles so gegangen wre. Anne
Mareili hatte Mhe, sich darein zu finden, da Resli gewut, wer es wre, und
doch so lange bei ihm sich nicht gekndet; wenn es ein Bub gewesen wre, das
htte es nicht bers Herz bringen knnen, sagte es. Jetzt knne es es begreifen,
und es wolle ihm verzogen haben, aber so recht lieb msse er ihns haben, lieber
als alles in der Welt, gerade auch so, wie es ihn lieb haben wolle, sonst htte
es den Mut nicht, so recht sich zu wehren und anezstoh. Aber, da ich doch
frage, wie mu die Sache gehen, und was willst du jetzt vornehmen?
    Guter Rat war da teuer und um so mehr, da Anne Mareili meinte, es sei kein
Zgern, kein Aufschieben, weil Kellerjoggi sich jngst nachgiebiger gezeigt und
dem Vater verheien, wenn er nur verknden lassen wolle, so wolle er mit dem
Verschreiben sich auch nicht eigelig machen, sondern sich ppe nachela, da man
zufrieden sein knne. Ein langes Unterholzen war da nicht tunlich, es mute
rasch zu Werke geschritten werden, und da schien es endlich Resli am
mnnlichsten und am besten, wenn er geradezu selbst kme und dem Dorngrtbauer
die Tochter abforderte; dann aber mte Anne Mareili zu ihm stehen und bekennen,
sie seien einig und es wolle keinen Andern. Anne Mareili htte es besser
gefallen, wenn der Vater gekommen wre, es htte sich besser im Hintergrunde
halten knnen, es wre der Sache nicht so geradezu auf den Leib gegangen
gewesen, htte nicht geheien: Vogel fri oder stirb. Mdchen scheuen dieses
Geradeaus, kommen lieber hintenum zur Sache oder so bei Lngem, sferli, wie
eine Katze zur Maus; so geht es freilich oft leichter, aber es ist doch nicht
jedes Mannes Sache, und auch oft kmmt man vor lauter Umwegen nicht zur Sache.
    Dann kam es natrlich aus, wo es gewesen, und darauf konnte es zhlen, da
es, solange es noch daheim war, kein gut Wort mehr bekam. Wenn es sein msse,
sagte Anne Mareili, so wolle es sich in Gottes Namen darein schicken ihm zulieb,
wenn er ihm schon ein ganzes Jahr nicht nachgefragt htte. Aber es sehe voraus,
es gehe nicht, und dann noch einmal etwas zu versuchen, werde bs sein, es werde
so wohl der Kbel auf einmal ausgeleert werden. Jedenfalls solle er nicht bse
werden, manierlich bleiben, man mge ihm sagen was man wolle, damit man keinen
Grund htte, ihm ein fr allemal das Haus zu verbieten. Es schlottere aber
schon, wenn es daran denke, und er solle ihm doch recht nicht zrnen, wenn es
sich erst zeige, wann es msse.
    Resli hatte immer grere Freude an dem Mdchen, je mehr er es ansah, es war
trotz seiner geringen Kleidung so sauber und nett, redete so gesetzt, manierlich
und doch ohne Zimpferlichkeit, sondern in aller Aufrichtigkeit. Es a und trank
ohne Ziererei, so viel es ntig hatte, aber dabei so suberlich und appetitlich,
da man selbst Appetit bekam darob. Es sagte nicht: Ih mah nit Krut, ih ha
daheim o; es streckte die Finger, namentlich die kleinen, nicht nach allen vier
Winden aus, nahm ebenso wenig das Fleisch in die ganze Hand, fuhr auch nicht so
groe Stcke Kuchen ein, da es das Gesicht ber und ber mit Brosmen
bepflasterte, es machte alles so nett ab, gnagte sogar Beine mit Manier, was
viel heit. Resli htte ihns den ganzen Tag mgen essen sehen, whrend man
Andere nur einmal hinter einen Tisch zu setzen braucht, um sie sich erleiden zu
lassen; es schien ihm immer mehr, es htte etwas von seiner Mutter, und er
konnte doch nicht sagen was, es war nicht hier, es war nicht dort, es war in der
ganzen Art. Es ward ihm immer auffallender, wie das Meitschi in diesem Hause so
werden konnte. Wie die Spanier fast alle dunkel sind, die Englnder aber bla
und blond, in der Jugend wenigstens jeder seine Landesfarbe im Gesichte trgt,
so hat hinwiederum fast jeder Mensch seine Hausfarbe, und alle Glieder des
Hauses sind mehr oder weniger damit angelaufen. Man sieht zum Beispiel Familien,
in welchen alle Kinder und Kindeskinder, ja bis ins siebente Glied hinaus,
Schmutzgggel bleiben, sich nie waschen, als wenn sie mssen, und nie mehr, als
was zunchst vor die Leute kmmt, welche daher ordentlich sprchwrtlich werden.
Nun aber schien es ihm so gar nichts zu haben von seinen Leuten und der
Hausfarbe oder dem Hausgeruch (denn manchmal ists eben ein Geruch), weder
innerlich noch uerlich, da er fragen mute, ob es denn immer daheim gewesen.
Da vernahm er, da es in seiner Jugend lange bei einer Gromutter gewesen, einer
gar lieben, aber seltsamen Frau, aber es htte sie geliebt, da es ihns
gednket, es mchte, als sie starb, mit ihr ins Grab. Lange htte es daheim sich
nicht gewhnen knnen und es sei ihm immer gewesen, man htte es nicht so lieb
wie die Andern und alles sei nicht recht, was es mache. Als seine Schwestern
fortgekommen, habe es gebessert, und die Mutter htte noch manchmal auf ihns
gehrt, aber dem Vater, dem sei es nie recht gewesen, bis jetzt, wo er mit ihm
einen Handel machen knne. Er sei schon bse ber ihns geworden, ehe es auf der
Welt gewesen, und dessen, da es darauf gekommen, vermge es sich doch nichts.
    Wie doch so ein Tag verrinnt und was das fr ein Unterschied ist zwischen so
einem Tage, wo man zum ersten Male mit seinem Lieben ungestrt unter vier Augen
sitzt, und zwischen einer langen Krankennacht, wo man alleine mit seinem Schmerz
auf seinem Lager liegt! Wie langsam die Zeit dahinrinnt, jede Sekunde, wie ein
langsamer Bluts, tropfe vom Krper langsam tropft, von der Uhr weg ins Meer der
abgelaufenen Sekunden, und in endlose Weiten die Stunden sich dehnen, Sandwsten
gleich, wo kein Schatten ist, keine Ruhe, nichts als schwere Pein und unendliche
Weiten! Und wenn es endlich Mitternacht schlgt, eine Ewigkeit vergangen
scheint, aber unsere Pein nicht abnimmt, denn eine neue Ewigkeit reiht sich an
die vergangene Ewigkeit, schwarze trostlose Stunden sind es, die wiederum vor
uns liegen, ohne Schatten, ohne Ruhe, sechzigmal sechzig Sekunden mssen langsam
abtropfen, ehe eine vorber ist, und manche mu vorbergehen, ehe ein junger
Morgen scheinet, und ber was denn eigentlich, ber unsere alte Pein. Aber was
die Sonne bescheinet, das wird ertrglicher, milder, lieblicher, selbst der
Menschen Pein.
    Wie aber die Zeit von dannen rennt, Stunden schwinden, aus dem Morgen Abend
wird, wo in Liebe zwei Herzen offen liegen, die Liebe Liebe in den Augen liest,
die Ohren voll ser Tne sind, und ungehemmt der Liebe Rede ber die Zunge
quillt! Wohl redet die Liebe verschieden, redet in herrlichen Worten, die dem
Hauche der Geister gleichen, nicht eigentliche Worte sind, nicht Leib haben,
sondern fast klingen wie Kinderlispeln oder unaussprechliches Seufzen; aber sie
redet auch recht derbe, zieht ein rauhes Kleid an, wirft Worte aus, die
Feldsteinen gleichen oder gar Felsenstcken, wie aus dem Schoe des
feuerspeienden Berges auch allerlei kmmt, eine glhende Feuersule, schwarzer
Rauch, schwere Steine, flssige Lava, und doch der gleiche Scho es ist, der sie
gebiert, die gleiche Kraft, die sie auswirft.
    So war es Resli und Anne Mareili Abend geworden, sie wuten nicht wie, und
Anne Mareili begann zu pressieren und Resli es zu verweilen, bis es endlich doch
sein mute. Scheiden und Meiden tut weh, heits, das erfuhren sie, und besonders
dann, wenn man voraus wei, da das nchste Treffen ein schweres ist und dessen
Ausgang mglicherweise ein unglcklicher. Gerne htte Resli sein Meitschi
begleitet, aber es sagte es ihm ab. Die Felder htten Augen, die Wlder Ohren,
und wenn etwas Bses anzustellen sei, so fhre der Teufel ungesinnet Leute in
den Weg, die man hundert Stund weit weg glaube. So schieden sie beim Hause,
nachdem das Stubenmeitli ihnen glckliche Reise gewnscht und manchmal geheien
hatte wieder zu kommen, und wenn sie was zu verrichten htten und es bhlflich
sein knne, so solle man es nur sagen. Resli wute es, wie ein Fnfbtzler
fnfzigfltige und ein gut Wort hundertfltige Frchte tragen kann, bei einem
Stubenmeitli nmlich, bei Stallknechten ist es umgekehrt, darum kargte er mit
beiden nie, war aber auch mit keinem von beiden verschwenderisch; darum ward er
allenthalben gerne gesehen und doch nirgends zum Besten gehalten.
    Anne Mareili hatte einen schweren Heimgang, denn wenn der Geliebte von ihrer
Seite weicht, so kmmt den Mdchen gewhnlich das Zagen an, selbst in geebneten
Verhltnissen, geschweige denn, wenn Unholde drohen und Klfte ghnen.
    Wer ist wohl, der nicht schon von der Teufelsbrcke gehrt hat und von dem
finstern Loch jenseits und wie jenseits des Loches ein wunderbar friedlich
Gelnde sei, wo sanft die Wasser flieen, sonnig die Wiesen glnzen, hell der
Khe Glocken luten, fruchtbar die Berge zu Tale laufen, freundliche Menschen
wohnen bei gutem Kse und herrlichen Fischen? Aber wer diesseits der
Teufelsbrcke steht in wildem Felsentale, eingeklemmt zwischen nackter Fluh, die
gen Himmel strebt, zu seinen Fen donnernd die wilde Reu in schumendem Zorne,
hinter ihm kommen stubende Wetter gezogen, und Not und Sehnen treibt ihn nach
dem Tale des Friedens, auf ebner Bahn und weichem Rasen die mden Glieder zu
sonnen, aber vor ihm fehlt die Brcke, ghnt die Kluft, und hher und hher
spritzt der wilde Flu seine gierigen Wellen, und ungestmer drngen die
Gewitter sich nach, und oben geht die Sonne vorber, ihre Strahlen verglimmen an
der Felswand, und Nacht wird ff ber dem Graus: der mag sich denken, wie es in
Anne Mareilis Seele war. Es hatte einen Blick getan in der Ehe selige Gelnde,
wo des Gemtes Wogen friedlich rauschen, des Friedens Sonne scheinet, im
Schwersten des Herrn Segen ist, der Liebe Luten jede Stunde zum Sonntag macht,
das Leben zum Sabbath des Herrn weiht; aber vor seinen Fen ghnt der Abgrund,
und aus dem Abgrund empor streckt ein Unhold nach ihm seine Arme, ber den
Abgrund fehlt die Brcke, hinter ihm drngen die Wetter. Der elterliche Wille
wre die Brcke, dann ein Schritt, es wre drben ber seinen Jordan, stnde im
Lande Kanaan, dem gelobten, dem ersehnten. Aber dieser Wille ist keine Brcke,
hat vielmehr ins harte Wetter sich gewandelt, das ihns tckisch zum Abgrund
drngt, aus dem empor des Kellerjoggis versderete Augen nher und nher
zwitzeren. Kann es aber nun etwas Grlicheres geben, als wenn in tckische
Kobolde die Eltern sich wandeln, welche auf der gefhrlichen Lebensfahrt
neckisch und teuflisch ihre eigenen Kinder locken und drngen in Schlnde und
Grnde, in denen die Hlle ihre Eingnge hat? Ein einzig freundlich Wort, der
Ausgang aus der Gefahr, der Eingang ins sichere Land wre gefunden. Und wie mu
so einem Kinde sein, wenn es klar seine Lage erkannt hat, das heilige Land, den
schwarzen Abgrund, und es geht heim zu den Eltern, die mit einem Worte ihm
erschlieen knnten seine Herrlichkeit, und es wei, sie wollen nicht, und es
wei, es liegt in ihrem Sinne, da es sich opfere dem Moloch, der aus dem
Abgrunde die Arme reckt! Da kann man sich wohl denken, wie es dem armen Kinde
sein mu, und wenn es weinen mu, so recht des Herzens Grundwasser aus den Augen
quellen, wer will es tadeln, wer will ihm sagen: Schwyg ume, schwyg ume, das
macht nt, hb o Vrstang? Aber wie es Eltern geben kann, die mit einem Wrtlein
ihre eigenen Kinder mit Leib und Seele retten knnen und tun es nicht, das kmmt
Vielen unerhrt und unbegreiflich vor, und doch ist dies nicht nur sehr falich,
sondern sogar handgreiflich, alle Tage zu sehen.
    Man hrt noch hie und da vom alten, grauen Heidentume, hrt mit Schaudern,
wie man Kinder geopfert, erwachsene Tchter, halbgroe Shne, Sklaven zu
Hunderten, ja wie von einem indischen Gtterwagen noch dato alljhrlich Hunderte
Gott zu Ehren zermalmt wrden, und wer das hrt, macht, wenn er katholisch ist,
ein Kreuz, und Reformierte frstelet es einfach, und alle sagen: Gottlob sind
diese Zeiten vorbei und rollt der indische Wagen nicht auf unsern Wegen! Und
doch ist das Heidentum mitten unter uns und Menschenopfer sind gng und gb, und
da greuliche zermalmende Wagen des Gottes Unverstand rollt alle Tage ber
Tausende, nicht ber Hunderte blo.
    Schon so oft ist es ausgesprochen worden, da sobald der Mensch einen Gtzen
habe, er demselben alles opfere, was er hat, und je klarer diese Wahrheit ist
und alle Tage zutage tritt tausendfach, um so weniger fat sie da Mensch. Ist
einem Menschen Geld sein Gtze, so opfert er ihm Leben, Ehre, Kinder. Hat einer
die Ehr- oder Familiensucht, so opfert er derselben Leben, Geld, Kinder usw.,
und klagen die Letztern, so schreit er Mordio ber kindlichen Undank, wie er sie
habe glcklich machen wollen, und sie ttens nicht begreifen, wie stockklar es
auch sei. Das ist halt Gtzendienst, und der will Opfer.
    Nun freilich verbergen sich diese Eltern zumeist hinter dem Vorwande, da
Kinder nicht wten, was ihnen gut sei, und da Eltern fr sie den Verstand
haben mssen. Richtig ists, da Kinder es oft haben eben wie Kinder, denen jeder
Doggel den sie hinter den Fenstern eines Ladens sehen mit schnen Backen und
langen Zpfen, zu Herzen geht, da sie meinen ihn haben zu mssen. Da mag Wehren
gut sein, aber einen andern ebenso argen Doggel dagegen ihnen aufzwingen, das
ist unrecht, denn Gtz ist eben Gtz. Aber auch oft meinen es die Kinder recht,
die Eltern unrecht, ihr starrer Wille ist Snde und Unbarmherzigkeit. Der
Unbarmherzigkeit der Eltern, der Torheit der Kinder ist aber durch kein Gesetz
zu wehren, und wre dasselbe aus der allerneuesten Fabrike, da mittelt alleine
der christliche Sinn, der zu werten wei ein jedes nach seinem Werte.
    Man mag sich aber denken, wie schwer das Gehen wird, wenn so schwer das Herz
einem ist, wenn jede rinnende Sekunde nher dem Abgrund uns bringt, fr das
wlbende Wrtlein keine Hoffnung ist.
    Anders aber ging Resli heim, voll Mut und Freude, war doch das Mdchen sein
und nicht nur dem Worte nach, sondern Inneres und ueres war, wie wenn Gott es
apart fr ihr Haus erschaffen, er ihm eine zweite Mutter htte schenken wollen.
Mit dem Laufen wuchs ihm der Mut, und als er heimkam, hatte er keinen Zweifel
mehr, da nicht alles gut gehen werde. Es werde doch wohl noch Gerechtigkeit im
Himmel und auf Erden sein, sagte er.
    Es war ziemlich spt, als er heimkam, aber noch schimmerte Licht durchs
Fenster; auf der Bsetzi traf er den Vater an mit seinem Pfeifchen, in der Stube
las die Mutter in der Bibel, hinter dem Tische nhte Annelisi an einem Gller,
und auf dem Ofen erhob sich schlaftrunken der Bruder. Gb wie er sagte, er mge
nichts, sie sollten nicht Mhe haben, er sei nicht hungerig, war im Hui der
Tisch gedeckt, stand Essen und Trinken vor ihm, und whrend er a und trank,
wurden gleichgltige Reden gewechselt: wie warm es heute gewesen, ob man am
Roggenschneiden sei, ob Obst sei an den Bumen und wie da unten die Kirschen
gerieten. Erst als Annelisi abgerumt, das Tischtuch weggenommen hatte, doch
nicht eher, als bis Vater und Bruder noch anerboten worden war, was brig
geblieben, frug die Mutter: Und jetzt, wie ists gegangen? Bricht, ists cho, und
was hets gseit? Nun gab Resli Bericht, wie er gewartet und wie sie einander
gevettert und was das Mdchen geredet und wie es ihm immer lieber geworden sei
und wie er ein grusam Bedauern mit ihm gehabt und was sie abgeredet und wie den
ganzen Tag kein Mensch sich gezeigt, der sie verraten knnte.
    So hats doch keinen Verdru einstweilen, sagte die Mutter; es hat mir
immer Kummer gemacht, sie lieen es nicht gehen oder schicken ihm jemand nach.
Ja aber denk, Mutter, sagte Resli, wie es ihm sein mu, wenn es gegen ihr
Haus kmmt und es da erst recht verbergen mu, wessen sein Herz voll ist, rger
als ein Schelm gestohlene Habe. Und ists doch nichts Bses, das es im Herzen
trgt, nichts, dessen es sich zu schmen braucht, sondern etwas, das Vater und
Mutter zuerst wissen sollten und das es ihnen nicht sagen darf, weil sie meinen,
ihres Metischs Herz sei ihr Holzschopf, wo nichts drein und draus darf ohne ihr
Vorwissen, und kmmt die Liebe an, man wei nicht wie und kann selbst nicht
wehren, wenn man schon wollte. Ich habe nicht genug denken knnen, wie anders
ich es habe, wenn ich heimkomme. Da werde man mir warten, habe ich gedacht,
akkurat wie ich es getroffen, der Vater auf der Bsezi, die Mutter hinter der
Bibel, und ich habe gar nicht warten mgen, bis ich heim war, um alles sagen zu
knnen, was ich gehrt und gesehen. Es het mih mengist decht, mi ziehy mih fry
am ene Welleseil. Oh, ihr glaubt nicht, was das fr ein lustig Heimkommen ist
und wie ruhig man dann ins Bett geht, wenn man alles hat brichten knnen, fry ds
ganz Herz ablade. Ja, Kinder, so ists lustig, sagte der Vater, und jetzt hey
mrs und jetzt bheyt mrs, sinnet dra, wies angers ist. Wir wollen es haben wie
Leute, denen das Haus hat angehen wollen aus Unachtsamkeit, die es noch haben
lschen knnen, die knnen auch nicht Sorge genug tragen zum Feuer ihr Lebtag
lang.
    Ja, sagte Annelisi, so ists, da ist es lustigers Drbysy.
    Aber warten mag ich nicht, bis ich das Meitschi sehe; das nimmt mich wunder,
was das fr eins ist, welches es dir hat antun knnen als wie ghexet. Ich bin
doch auch nicht das Leidist, aber ich mag tun wie ich will, so zweg bracht, wie
dich dein Meitschi, habe ich Keinen. Die, welchen ich den Ttsch gebe, hngen
sich nicht, und die, welche fragen, was der Vater mir wohl Ehesteuer gebe, und
ich sage, ich traue eine trgene Aue und halbrystige Hemli bis gnue, die gehen
und sehen sich nicht mehr um, gb wie ich ein Bschelimli mache und Auge wie
Frsprtzerdli. Und wegen Keinem habe ich mich gehngt, gb wie Mancher auch
schon gegangen ist, und Keinem wre ich eine Stunde weit nachgelaufen, die
Schuhe htten mich gereut. Da nimmt es mich doch wunder, wie das sei mit der
Liebe, ob sich die Leute das nur so einbilden oder ob der liebe Gott apartige
Herzen gemacht htte, so brnnigi, wo selber gleich im Feuer sind und andere
anstecken knnten, wie Kuderbtzeni auch gleich angehen, wenn man mit
Schwefelhlzern hineinfhrt. So eine brnnige Liebe ist schn, ich mu es sagen,
sie gefiele mir auch, aber eben wissen mchte ich, was man machen msse, damit
sie angehe, oder ob man dafr besonders beschaffen sein msse.
    Du bist ein leichtsinnig Annelisi, sagte die Mutter, meinsts nit bs,
aber ber solche Dinge spottet man nicht; auf jeden losen Spott kommt bser
Lohn, und wie es dir mit der Liebe noch geht, weit du nicht, das ist eine
Sache, die nicht zu ergrnden ist und vor der niemand sicher ist. An
Liebestrnke glaube ich nicht, obgleich einer in Solothurn sein soll, der
verflmeret starchi und gueti Liebestrnke gemacht, aber auch verflmeret teuer,
doch heigs ihm afe bset damit, heits. Aber gwni Stunde sinds, wo sie einen
ankommt, als ob man einem einen Stein anwrfe, ich knnte auch etwas davon
erzhlen, und so eine Stunde wirds auch gewesen sein, als Resli mit seinem
Meitschi zusammentraf.
    Mutter, was knntest du erzhlen, Mutter, was? fragte Annelisi, und die
Andern machten ebenfalls fragende Gesichter. He, King, sagte nneli, nur da
ihrs wit, es wei niemere, wie lang ich noch lebe, und da ihr ein Beispiel
daran nehmen knnt, so will ichs sagen. Wo der Vater um mich buhlet hat, habe
ich anfangs auch nur mit ihm das Gesptt getrieben; ich bin ein lustig Meitschi
gewesen, gerade wie Annelisi, und es het mih decht, ich wollte all lieber als
den, und den nehmte ich nicht um keinen Preis. Da habe ich einmal, an einem
Langnaumrit wars, etwas gesehen, und da wars, als ob man mir einen Stein ans
Herz wrfe, und von Stund an ists mir anders gewesen und es het mih decht, den
oder keinen, und gb wie ich mich geschmt habe und es habe verbergen,
verwerchen wollen, es war alles nichts, und gb es lang gegangen ist, haben wir
verknden lassen. Mutter, was hast du gesehen? fragten alle. He, ich wills
fry sagen, antwortete sie, sellig Sachen sollen nicht verborgen bleiben, wer
wei, zu was es dient, und wenn ich noch etwas sagen will, so darf ich nicht
warten. Es ist Mrit gewesen in Langnau und tanzet habe ich mit so einem
ungschlachten Truber Bauernsohn und getan haben wir, welches ungereimter und
wilder. Da wars mir auf einmal, als rufe mich jemand, ich sah mich um, aber es
kndete sich niemand; ich tanze zu, hre wieder rufen, und mit dem ists mir, als
gehe jemand drauen am Fenster vorbei und winke mir dringelich dreimal. Ich
wute nicht, wers war, aber die Augen sahen mich so bekannt an, als wren es
meine eigenen Augen. Ich verga Truber und Tanz, alles um mich, und mache mich
hinaus. Drauen sehe ich niemand mehr kein Mensch, der dem glich, den ich
gesehen, aber hinten in des Hauses Ecke sehe ich unsern tti, der kehrt mir den
Rcken, aber ich sehe, wie er das Nastuch in der Hand hat. Anfangs glaubte ich,
er blute nur, aber er wischte sich die Augen, und fry gschttet hets ne. Da wars
mir, als wrfe man mir einen Stein ans Herz, und von Stund an mochte ich keinen
Andern mehr ansehen, und wie gesagt, gb wie ich mich wehrte, mein Herz sagte,
der und kein Anderer, und was ich ausgestanden, bis er mir wieder nachgelaufen
und die Sache richtig gewesen ist, das wei niemand; Tag und Nacht habe ich ihn
gesehen, wie er die Augen wischte, und bis wir geheiratet waren, gabs wohl keine
Nacht, da ich nicht darob erwachte. Darum, Annelisi, spotte nicht, du weit
nicht, wie es dir geht. Und denk, wie grslig, wenn man einen ausgespottet hat,
und wie er weitergeht, fhrt uns der Stein ans Herz, aber jener kehrt nicht um,
geht jetzt einer Andern nach.
    Und ich wei nicht, sagte Annelisi, ob ich, und wenn man mir mit
zentnerigen Steinen das Herz zerbenggelt htte, da es ein Grus wre, da es
wurde wie ein ltiger Heitibrei, einem nachliefe. Bstellet hat mich schon
Mancher, aber gekommen bin ich Keinem, wenigstens expre nicht. Resli ward rot,
aber rasch sagte die Mutter: Los, red nicht, wennd dSach nicht verstehst. Du
mahnst mich an einen, der im heien Sommer ber die lachet, die im Winter auf
den Ofen sitzen und wollene Strmpfe tragen. Und was eins nicht mag, da dies
dann auch niemand tun soll, das ist noch lange nicht gesagt. Wie viele
Bestellungen hiehin, dorthin werden nicht gemacht, und Mdchen, welche unbsinnt
gehen, sind sicher eine grere Zahl, als solche sind, welche nicht gehen. Und
warum sollte man in ein ehrbar Wirtshaus nicht gehen drfen, und was ist da
unanstndig, Es ist Landsbrauch, und wer einen ehrbaren Sinn ins Wirtshaus
trgt, bringt sicher einen ehrbaren Leib wieder hinaus. Dann, Meitschi, was
meinst, was ttest, wenn wir dich verkuppeln wollten einem alten Snder, wenn
wir dich verspotteten und verlachten, der Vater dir abputzte, die Mutter des
Vaters Meinig wre und die Brder auf dir wie der Teufel auf einer armen Seele,
und ein rechter Bursche machte dich und du ihn, und im Hause wre keine Ecke zu
einem vertraulichen Wort, und du httest doch das Herz voll und es hie:
Entweder nimm dBestellig an oder ergib dich dem grauen Unflat - Meitschi, was
ttest? Jetzt hast du gut krhen, aber sinn, was ich gesagt, und jetzt, wenn du
Anne Mareili wrist, Meitschi, was ttest, Meitschi, was meinst? Ach Mutter,
nichts meine ich, sagte Annelisi, ich tte, was du mir raten wrdest. Du
bist es Tschli, sagte die Mutter. Aber jetzt, Kinder, geht ins Bett und
danket Gott, da er gemittelt hat, da wir wieder mit einander reden knnen in
Liebe und Friede, und betet, da es immer so bleiben mge.
    Zrn nt, sagte Annelisi zu Resli, aber was witt, ich bin schalus ber
das Meitschi, welches du lieber hast als mich, und das wird so bleiben, bis ich
einen finde, der mir auch lieber wird, als du mir bist. Sehen mchte ich das
Meitschi doch, es nhmte mich wunder, obs denn auch so ein Ausbund ist, da kein
anderes ihm zu vergleichen wre; das wre bs fr alle, wo es nicht bekmen.
Dank dem lieben Gott auch dafr, lieb Annelisi, sagte die Mutter, da er
jedem Menschen apartige Augen gegeben hat, es wre bs, wenn es anders wre. So
ist mir jetzt mein Mann der liebste, brvere Kinder als meine sehe ich nicht,
und es wird sich wohl noch einer finden mit solchen Augen, welchem du als das
schnste und beste Meitschi erscheinst auf Gottes liebem Erdboden.
    Resli wartete nicht lange, die Abrede auszufhren, aber es ging ihm doch
dabei, wie es gewhnlich geht, wenn zwischen dem Entschlu und der Tat eine Zeit
liegt, und auch nur eine kurze. Das Fassen des Entschlusses hat Kraft verzehrt;
als der Entschlu geboren war, hatten die Geburtskrfte sich abgespannt, und
Ruhe ist eingetreten. Nun steht der Mensch da, wie von hoher Hhe herabgefallen
ins tiefe Tal, und vor ihm steht als eine neue Hhe die Tat da; da ist nicht ein
Schreiten, ein Satz von einem zum andern, sondern ein neuer Anlauf tut not, ein
neues Aufraffen, was gewhnlich menschlicher Trgheit so schwer wird. Taten
vollbringen sich schwer und selten, wie die Weiber auch nicht alle Tage gebren,
der Himmel nicht alle Tage donnert; des Menschen Tun ist meist nichts als ein
tgliches Abhaspeln der tglichen Gewohnheiten. Eine Braut abfordern,
absonderlich unter solchen Umstnden, ist eine Tat, und wenn man schon dazu den
Entschlu gefat hat, so ist sie damit nicht vollbracht, sondern mit jedem Tage,
der zwischen der Ausfhrung liegt, wchst die Lust, dieselbe jemand anders in
den Sack zu schieben.
    Mehr als hundertmal ward Resli reuig, da er nicht nach, gegeben, als Anne
Mareili meinte, er solle den Vater senden; er empfand es, wie im bermut eine
Rute sitzt, die unbarmherzig geielt. Ists doch eigentlich bung, da Vter
Brautbitter bei den Eltern der Braut sind, da sie hingehen und sagen: My Bueb
mcht dys Meitschi, du wirst doch ppe nt drwider ha, es wird dr recht sy?
Manchmal macht man es schner, wie zum Beispiel jener tti, der am Lufterli
doppelte des Abends spt, bat, der Alte mchte unters Fenster kommen, und als er
erschien, anhub: Es ist Gottes Wille, da mein Bub und dein Meitschi
zusammenkommen sollen, und da habe ich mich darein ergeben, du wirst wohl auch
mssen. Aber fragen htte ich dich doch mgen, was du Ehesteuer geben willst,
ppe drtusig Pfung, decht mih, nit? D'Sach ist mer recht, antwortete der
Andere, aber mehr als hundert Kronen gebe ich allweg nit. Wird nit Ernst sy,
antwortete der Erste. Wohl ists, sagte der Andere, nit e Chrzer meh chan ih
g, selb ist no zviel. So wirds nicht Gottes Wille sein, sagte der Erste,
da die Zwei zusammenkommen, des Herrn Ratschlge sind unerforschlich und seine
Wege wunderbar. Adie wohl und zrn nt. Ds Kuntrri, antwortete der Andere
und machte satt das Lufterli zu.
    Und warum es bung ist, da Vter gehen, kmmt erstlich noch aus dem alten
schnen Grundsatze, da Eltern fr das Wohl ihrer Kinder sorgen sollen in
jeglicher Beziehung, und aus jener alten schnen Zeit, wo die Kinder nicht mit
der Muttermilch sich emanzipiert glaubten und auf die Eltern stark herabsahen,
sobald sie die Nase selber schneuzen konnten. Zwischen unbarmherzigem Zwang und
frommer Sorge ist ein unendlicher Unterschied, denn es ist ein Unterschied
zwischen Eltern, die Geldsack mit Geldsack kuppeln, ein Pstlein aufs andere
Pstlein pfropfen, einen Namen mit einem andern Namen paaren wollen, und
solchen, die es verhten mchten, da ihre Shne nicht heidnische Weiber nehmen
aus dem Lande der Moabiter und Kananiter, sondern sie whlen aus den frommen
Tchtern des Landes. Nebenbei tun, sobald die Sache ihnen recht ist, die Vter
nicht ungern diesen Gang, ja manchmal streiten die Mtter um den Vorzug, ihn tun
zu drfen. Das ist so ein Anla, wo ohne Ruhmredigkeit Vater und Mutter Zeugnis
ablegen drfen von ihren Kindern, von ihrem ganzen Hauswesen, und wohl dem
Vater, Heil der Mutter, die bei dieser Gelegenheit aufrichtig sagen drfen:
Noch kein Herzenleid hat mir mein Kind gemacht, mit uns und unsern Kindern war
Gott fr und fr! Dabei werden wohl, das heit wo aus aufrichtigem Herzen die
Worte kommen, die Augen trnen, werden zu heiligen Altren werden, auf denen
freudige Dankopfer erglhen.
    Mutter und Vater wren Resli gegangen, aber er hatte es anders gewollt und
hielt sich jetzt nicht dafr, seinen Kleinmut zu bekennen und zu sagen: tti,
gang du, ih darf nit. Er nahm den zweiten Anlauf wirklich und ging. Aber das
war ein Stolpern und Studieren, bis er im Dorngrt war!
    Wer hat nicht schon einen Studenten stolpern sehen mit seiner ersten Predigt
im Kopf, in der Tasche, in beiden Hnden, allenthalben, um und um, da er selbst
zu einer lebendigen Predigt ward ber eines Studenten nebelhaftes Heldentum in
der Einbildung und wie er aber nichts ist als ein kleiner Nebel in der
Wirklichkeit, der stolpern mu ber Steine und Steine, bis er selbst, wenn er
chtes Korn hat, erhrtet zum Felsen, an dem Nebel streichen, Wellen sich
brechen, die Luft sich lutert. Aber noch ganz anders stolpert ein Schulmeister,
Schullehrer will ich sagen (von wegen die Demut kmmt; Meister sich zu nennen,
schmen sich die Herren Lehrer mehr und mehr, besonders die unbrtigen), wenn er
am Pressen der ersten Kinderlehre ist, wo es gerade ist, als wenn man mit dem
Kopfe aus den Steinen eine lebendige Quelle schlagen wollte oder aus Thuner
Trauben in harten Jahren was Nasses. Und doch wei Keiner, was Stolpern ist,
wenn er nicht einen Dito gehrt hat stolpern an einer eidgenssischen Rede an
einem eidgenssischen Schieet, da man mit Kanonen schieen mute, damit er
nicht Leib und Seele verstolpere. Da machen es die Frsprecher besser; die reden
zu, mags nun kommen wie es will, und wenn einer dem Volke ein Kompliment mache
und sagt: O Volk! O edles Volk! Bald wirst du aufstehen, wirst aber nicht
wissen warum, so meint er noch, was er gesagt. Es gibt halt unverschmte Leute!
    Und doch stolperte Resli noch viel rger an allem dem, was er reden sollte
im Dorngrt, und je nher er demselben kam, desto hufiger stolperte er. Wie
richtig er auch alles gesetzt hatte, was er sagen wollte: das, wenn es d Weg
gang, jenes, wenn es dr anger gang: wenn er wieder von vornen anfangen,
repetieren wollte, so hatte er den Anfang vergessen, und wenn er den neu
erdichtet halte, so kam ihm das brige krausimausi durcheinander, da er rger
daran zu erlesen hatte, als wenn er Flachssamen aus einem Heufuder herauslesen
sollte. Meinte er es auseinander zu haben, wollte es berblicken, hutsch, war
alles rger als zuvor, und je nher er dem Hause kam, desto krauser ward alles,
aber desto mehr schwitzte er. Aber Resli war nicht der, welcher sich leicht von
einer Sache begwltigen lie. Stille stand er und sagte zu sich: So geht das
nicht, das mu anders vorgenommen sein, so wie ein Bub willst du doch dort nicht
aufmarschieren. Was ich reden soll, wird mir schon kommen, wenn ich sehe, was
Trumpf ist, und vielleicht ist das zu vernehmen, ehe ich dort bin. Sagt' es, bog
ein, und nicht lange darauf sa er hinter einem Schoppen in dem Wirtshause, wo
seine Eltern ihn abgeholt hatten, und vor ihm auf dem Vorstuhl die Wirtin.
    Die Wirtin wute ihm nicht viel Trstliches zu sagen. Das Mdchen rhmte
sie, es sei sich dr wert, anzusetzen fr dasselbe, seiner Person wegen, aber
ppe wegem Reichtum knne man es leicht anderswo besser machen, denn ppe viel
wrden die Meitleni nicht erhalten, wenn man es nicht mit Prozedieren zwnge.
Aber streng rede man davon, da es nchsten Sonntag verkndet werden werde mit
Kellerjoggi, und Wehre werd dem Meitschi wenig helfen, was der Alte wolle, das
zwng er dre und wrs durch sieben eiserne Tren durch. Aber z'probiere werde
nicht z'tten gehen, fressen werde man ihn nicht, aber wenn sie ihm raten knne,
so solle er etwas kramen, das gehe dort allweg wohl an und mach, da man ppe
manierlicher gegen ihn sei, wenn man schon nichts von ihm wissen wolle. Das
wolle sie ihm sagen, erschrecken msse er sich nicht alsobald lassen, sonst
solle er lieber nicht gehen; darauf solle er zhlen, da er da mit Aufbegehren
mehr ausrichte als mit Ordelitue, bsungerbar beim Alte. Wer mit dem ordeli tue,
den sehe er nur so fr einen Schnuderbub an, mit dem er machen knne, was er
wolle.
    Resli lie sich brichten, nahm ein Vierpfnder-Zuckerstckli und ein Pfund
Kaffee in ein Sckli und marschierte gefat, als wie einer, der seine Seele Gott
befohlen, mutig und todesgewrtig ins Feuer der Schlacht geht, dem Dorngrt zu.
    Bald lag es vor ihm, halb alt, halb neu, halb grau, halb blank, und welches
ihm besser gefiel, das wute er nicht. So geht es noch Manchem mit Alt und mit
Jung, da man nicht wei, was einem besser gefllt, und ganz besonders, wenn Alt
und Jung unter einander ist wie Kraut und Rben, wird einem das Urteil schwer.
Indessen kmmts halt nicht aufs Dach, sondern auf die Leute an, obs einem unter
einem Dache gefllt und wohl ist oder ds Kuntrri. Es gibt strube Dcher, es ist
einem wohl darunter, wenn nmlich biederherzige Menschen darunter hervor einem
die Hand lngen, und es gibt nagelneue Schieferdcher, die verflucht haltbar
sein sollen, strenge Winter ausgenommen, und es wird einem darunter, da man dem
Teufel Gtti sagen mchte, wenn die Leute eben auch halb und halb sind, alle
Laster haben, aber schne nagelneue Worte dazu. Oh, was so schne nagelneue
Worte glnzen und flimmern knnen, viel rger als die Sterne am Himmel, und seit
man im Kanton Bern kein eigenes Geld mehr schlgt, keine schnen Dublonen mehr,
keine ehrenfesten Neutaler, hat man sich aufs Prgen von glitzerenden Wrtern
gelegt, die so ganz frisch, so hagelnagelneu glnzen, da man darob ds Teufels
werden mchte. Mit der Zeit bset es ihnen freilich auch, aber dann prgt man
neue, und kommod ists, da man dazu kein eigenes Haus bedarf, jedes Wirtshaus
und jedes Rathaus pat dazu und den Stempel trgt jeder im eigenen Maul.
    Aber eben darum wute Resli nicht, wie es ihm werden werde unter dem Dache,
denn kein Mensch war sichtbar um dasselbe, kein Ringgi bellte, kein Hahn krhte,
still war es rundum. Er doppelte an der Nebentre, er doppelte an der
Vordertre, stille bliebs, nichts regte sich. So ein stilles Haus hat etwas
Geheimnisvolles, Schauerliches, es wird einem, als msse da innen was
Wunderbares sein, und ob es sich kund gebe, ob zum Fenster hinaus, ob hinter der
Tre hervor, das wei man nicht. Je mehr man hoschet, desto ngster wird einem,
denn um so Wunderbareres erwartet man.
    So ging es Resli. Er hoschete zum ersten Male, wartete, hoschete zum zweiten
Male, wartete, wartete lnger, endlich zum dritten, aber stark klopfte ihm das
Herz, alle Sinne waren scharf gespannt. Stille bliebs im Hause; aber wie er
zusammenfuhr, als hinter ihm pltzlich eine Stimme fragte: Was hest welle? Und
als er sich umsah, war niemand hinter ihm, und schauerlich war es ihm, da er da
stand, nicht rckwrts, nicht vorwrts konnte, bis noch einmal die gleiche
Stimme frug: Wasd welle heygist? Da er diesmal dem Orte, woher die Stimme kam,
das Gesicht zukehrte, so sah er unten im Garten zwischen grnen Bohnenblttern
eine lange Nase und endlich der Buerin ganz Gesicht. Resli stellte sich vor,
und langsam machte sich die Buerin los aus dem grnen Geflechte und langsam kam
sie auf ihn zu, augenscheinlich ratschlagend in sich, wie sie sich zu gebrden
htte. Langsamkeit ist eine schne Sache; wer sie recht zu ratsamen wei, wird
sich selten anders verfehlen, als da er Andern hllisch lange Weile macht.
    Resli machte sich so hflich, als er konnte, aber die Buerin hie ihn nicht
hineinkommen, sondern blo abhocken auf dem Bnklein vor der Kche. Dort gab er
ihr sein Scklein, sie solle es leeren, er sei in der Nhe vorbeigekommen und
htte gedacht, er wolle ein Zeichen tun fr die Mh und Kosten, welche sie
seinethalben gehabt. Die Buerin sagte: E, aber nei! Daran htte ich doch nicht
gesinnet, das hat sich nicht ntig, bhbs. Aber Resli setzte nicht ab und
brachte die Buerin bald dahin, da sie sagte: He nu so de, weds zwnge witt,
aber es hatt sih notti nt brucht. Sie ging hinein; bald darauf hrte man es
lustig knistern In der Kche, und als die Burin wieder kam, hatte sie ganz
freundliche Augen es war, als ob sie ihr der Zucker so s gemacht htte. Er
msse warten, sagte sie Resli, ohne etwas Warmes lasse sie ihn nicht fort. Aber
so sich zu verkstigen, das heig afe ke Gattig! Resli pressierte nicht; die
Buerin setzte sich neben ihn und rstete Bohnen, und wie eine Bohne um die
andere aus dem Schoe der Buerin ins Krbchen zurckfiel, gab ein Wort das
andere, und nach und nach kam Resli aufs Weiben und wie es eine bei ihm haben
mte, wenn er eine fnde, die ihm anstndig wre; e weste Hung gegen eine Frau
mochte er dann nadisch nicht sein, sich nicht etwas aufs Gewissen laden, da gehe
das Aufladen wohl ring zu, aber mit dem Abladen knne man nicht mehr zwegkommen.
Allem an, sagte die Buerin, htte dann eine Frau nicht bs bei dir?
    Wger nit, sagte Resli, ppe wegem Reichtum will ich nicht sagen, da es
eine nicht besser machen knnte, aber mehr als genug kann eine doch nicht essen
und mehr als gut es doch nicht haben, und genug fnde sie so Gott will bei uns,
und wegem Guthaben, traue ich, wrde es eine kaum besser machen..
    He ja, sagte die Burin und seufzte, es wr gut, es wre allenthalben so,
aber Guthaben und Reichsein ist zwei. Manche Arme hat es so gut oder besser als
manche Reiche.
    He ja, sagte Resli, es ist so, und schon Manche, wo Geld genug hatte,
aber e Hung vo Ma, hat mich grusam duret, und es het mih decht, ih mcht d
Uflat ungspitzt dur e Bode niederschla. Wenn ich eine bekommen knnte, gerade so
wie Euer Meitschi eins ist, es decht mich, ich wollte ihm den Geiger haben, so
oft es wollte, und barfu lief ich ihm, wohin es wollte, und sollte es ber ein
Dornhag sein bis ga Basel abe. Wenns z'mache wr, das mcht ich, und ich traue,
auch meinen Leuten wre es bsunderbar anstndig. Gesehen haben sie es zwar
nicht, aber viel Grhms von ihm gehrt.
     Svli ernst wirds dr nit sy, wird tuest, sagte die Buerin, u de wrs
z'spt. Anne Mareili hat schon einen, dSach ist richtig, sust gfielst mir noch,
und ich glaubs, ds Meitschi htt nit svli bs bei dir.
    Es freut mich, sagte Resli, wenn Ihr das glaubt, und deswegen, hoffe ich,
werdet Ihr ein gutes Wort fr mich einlegen. DSach wird doch wohl zu ndern
sein, und dem Meitschi wrs auch recht, wie ich Grund habe zu glauben.
    Es tut wst, ja, ich wei es wohl, aber es hilft ihm nichts, als da es
nachher um so bser hat, sagte die Alte. Sie machen es einem so, die Donnstigs
Grnnine; nimmt man sie gerne, so halten sie einem vor, man sei ihnen
nachgelaufen, und wehrt man sich und mu doch anekneue, so treiben sie es einem
ein, da man anfangs vergehen mchte vor Plren, nachher bessert es einem. Ich
habe es auch erfahren und wei, wie es geht.
    Darum, sagte Resli, seid eine Mutter am Meitschi, legt ein gut Wort fr
ihns ein, macht die Sache mit dem Alten krebsgngig, Ihr sollt Euch Euer Lebtag
nicht reuig sein; ds Meitschi will ich auf den Hnden tragen und Euch auch.
Hr chre, sagte die Frau, es hilft nt. Mein Mann hat einen Gring wie ein
Landvogt, was er einmal darin hat, das bringt man ihm nicht mehr daraus. Nun
setzt er an die Heirat mit dem Kellerjoggi, es ist ihm wegen den Buben. Das sei
das Einzige, fr was man die Meitscheni brauchen knne, da man sie reich
heiraten mache und ppe, da die Buben noch zum Erben kmen, so mehre sich die
Sache, statt da sie sonst mindere und die Buben durch die Meitscheni zuletzt
ber nichts kmen. Und es ist wahr, Kellerjoggi ist reich, und wenn alles ppe
kmmt, wie man denkt, so knnen da einmal ser Buebe Hung usenh.
    Aber, fragte Resli, sind dann eigentlich nur die Buben Euere Kinder, und
soll einem nicht eins sein was das Andere?
    Was wei ich, sagte die Burin, es ist der Brauch diese Weg, und wie es
der Brauch ist, so macht mans. Ich will nicht sagen, da das Meitschi mich nicht
dauert, aber was will man, es mu es haben wie die Andern auch. Dafr ist man
auf der Welt. Sonst, wenn das nicht wre, httest du mir nicht bel gefallen.
Wenn unser tti tot ist, so knnte ich zu euch kommen. Machen tut er es nicht
mehr lange, er mu des Nachts manchmal husten, da es einem bel gruset, und
ganz Stunde mu er aufhocken. ppe gut habe ich es bei ihm nicht gehabt, und
wenn ich einen Kreuzer habe brauchen mssen, ppe zUnnutz nit, selb wr mr
selber nit zSinn cho, so hat er fr zwei mit mir aufbegehrt, und wenn ne se
Herrgott ppe bald will, su kehre ih mih nit ltz, was hilfts? Mi mue sih i
dSach wsse z'schicke. Aber notti reut er mich, denn nachher habe ich es noch
bser. Die Buben sind schon jetzt so wst gegen mich, da sie nicht wster sein
knnten, und wenn dSach erst ihre ist, so bekomme ich es, wies kein Hund hat in
der ganzen Gemeinde. Da nehmen sie alles, und was sie mir geben sollen, geben
sie mir nicht, und wenn ich schon dene Manne klage, so ntzt es nichts, ich
kriegs nur bser. Es hats ein jeder auch so gemacht, und was ist so an einer
alten Frau gelegen, wo man je eher je lieber unter dem Herd hat! Da, hatte ich
gedacht, knnte ich zu euch, wenn se tti greiset wr, und bruchte meinen
Schlei dort; du wrdest notti schon sehen, da ich ihn bekme, und mich davon
brauchen lassen, was ich ppe ntig htte; ppe alles nicht, es bliebe immer
noch brig, was ihr nehmen knntet. Es hat mir wohl gefallen, bsunderbar, wie
deine Mutter hat knne kramen und bifehle, es het mih decht, wenn ich es einmal
so haben knnte, nur einen Monat lang, ich wollte zufrieden sein, aber mein
Lebtag habe ich nie bifehlen knnen und werde auch nie dazu kommen, da Gott
erbarm! Aber vrsprenge hets mr ds Herz scho mngist welle, wenn ich daran
gedacht, da mein Mann vierzigtausend Pfund von mir hat knnen nehmen, so gut
als wie einen Batzen, und wie ich davon nichts gehabt, aber habe knnen Hund
sein fast vierzig Jahre lang; von wege, ich bin noch gar jung gewesen, wo ich
ihn habe nehmen mssen und schier nit welle ha. Es hat mich auch decht, ich
mchte noch ein wenig ledig und lustig sein und so einen finde ich immer noch,
wenn ich auch zehn Jahre noch warte. Jetzt macht es Anne Mareili doch besser, es
mu Seinen, so Gott will, nicht vierzig Jahre haben, auf das allerhchst kmmt
es mit zwanzig Jahren daraus, und dann hat es notti ein Schnes verdient; aber
zwanzig Jahre sind lang und e alte Uflat e westi Sach.
    Unterdessen war in der Kche etwas Warmes zustande gekommen, der Mittag
nher, und vom Felde her hrte man Stimmen und Hundegebell. Die Burin ntigte
ihn hinein und sagte, es sei drinnen neuis zweg, und da das Volk ihn sehe, sei
eben nicht ntig. Resli gehorchte und ward ins bekannte Stbchen gewiesen, wo er
krank gelegen und wieder erwacht war; es war Anne Mareilis Stbli, das sicherste
im ganzen Hause, denn des Meitschis Stube betritt nicht leicht ein anderer Fu
als solche, welche es eigenhndig einlt.
    So ein Mdchenstbchen, sei es gro oder klein, schn oder schlecht, ist
immerdar ein Geheimnis oder wenigstens die Hlle eines Geheimnisses; manchmal
birgt die Hlle ein Heiligtum, selig dann die Hand, welche die Hlle hebt,
manchmal birgt sie das Gegenteil, und besser wre der Hand, welche die Hlle
gehoben, gewesen, sie wre verdorret, ehe sie den unglcklichen Griff getan.
    Resli achtete sich der Suppe nicht, welche auf dem Tische stand; er sah
rings im Stbchen sich um, betrachtete alles in einer Andacht, die inniger und
heiliger war als die englische, mit welcher die weihaarigen Vgel alles
betrachten, was in ihren Reisebchern steht, und jegliche Stube eines Berhmten,
in die sie gewiesen werden, andchtiger betrachten, als jener Englnder die
Jungfrau vom Rugen hinber im Laternenschein. Er war nmlich am Abend bei Nacht
nach Interlaken gekommen, wollte vor Tag am Morgen fort und wollte doch die
Jungfrau sehen, lie an lange Stangen Laternen binden und znden in die Nacht
hinaus, und was er gesehen, wei man nicht, aber er sagte: Byutiful! Encore un
moment, schrieb etwas auf, dann ging er heim, trank Tee, a dazu anderthalb
Pfund Anken und anderthalb Dutzend harte Eier und strich sich am folgenden
Morgen wieder.
    Und wie er da so herumschaute, Resli nmlich, von einem zum andern, ging die
Tre auf und Anne Mareili trat herein; die Mutter hatte ihm einen Wink gegeben,
da neuer seiner warte. Es schlug die Hnde zusammen, als es ihn sah, ward bald
rot, bald wei, und als es ihm stumm die Hand lngte, zitterte sie.
    Die Mutter meints nicht bs, sagte er.
    Ja, gschauet einander nur, sagte diese, rasch eintretend, und esset
schnell, und je eher du gehst, dest besser ists. Aus der Sache gibt es doch
nichts, und wenn der Alte dazukme, so wr das Wetter los fr nichts und aber
nichts.
    Aber Mutter, sagte Anne Mareili, du wirst doch nicht begehren, mich so
unglcklich zu machen, hb auch ein Gefhl fr mich!
    Hr chre sagte die Mutter, du weit ja, wie dr tti ist und was ich zu
einer Sache zu sagen habe. Und so wegem Manne ists wger nit dr wert, ds
Westist alles z'mache. Am End kmmts aufs Gleiche hinaus, nehme man den oder
diesen, ppe e chly besser oder e chly bser, es ist e gringe Unterschied, und
wenn es schon nicht nach dem geht, was man im Kopf hat, deswegen fhrt einem der
Kopf doch nicht ab, darauf chast zele. Ih htt sust scho dryig Jahr kene meh.
Man gewhne sich an alles. Dreiig Jahre sei es nie gegangen, wie sie gewollt,
deretwegen wrde es ihr jetzt gar ungewohnt vorkommen, wenn es einmal ginge, wie
es sie deche, da es ihr anstndig wre. Und wenn dr tti einist abgehe, und
svli lang gehe es nicht mehr, sie sage es noch einmal, so htte sie den Glauben
zu ihnen, da sie es bei ihnen nicht am bsten htte. Aber was nicht sein knne,
msse man nicht zwangen wollen, und wenn man zuweilen ein gutes Trpfli Kaffee
habe, so lerne man sich in manches schicken, wo man anfangs geglaubt, es wolle
einen in die Luft sprengen.
    So trstete die Mutter, aber dieser Trost schlug nicht ein. Trost und Gemt
verhalten sich gar seltsam zusammen, und gar selten wei ein Mensch, ob er mit
seinem Trost l oder Wasser ins Feuer giet. Die Einen trsten und haben selbst
den Glauben nicht zu ihrem Troste, und Andere trsten, nach dem es sie decht,
und denken nicht, da es den Andern ganz anders decht.
    So fate auch der Burin Trost bei ihrer Tochter nicht. Resli zu trsten,
erachtete sie nicht fr notwendig; wahrscheinlich meinte sie, einer, der nur
einen Finger zum Fenster hinauszustrecken brauche, damit Zehn ihm daran hingen,
werde sich nicht hngen, wenn er die nicht kriege, die ihm angfhr ins Gesicht
geschienen. Es war ihr, wenn er nur fort wre. So aber war es Resli nicht. Er
sa neben Anne Mareili und rckte mit Essen nicht fort, gb wie die Mutter
sagte: Seh i doch, nimm doch, es kaltet ja. Das Kacheli mit dem gleichen
Kaffee stand noch immer vor ihm, und mit dem ersten Stck Eierttsch war er auch
noch nicht fertig. Und Anne Mareili machte auch keine Anstalt zum Gehen, als die
Mutter die Nachricht brachte: Seh mach und gang, si gh wieder, und was wrd dr
tti sge, wenn er dich nicht auf dem Felde she! Der geht dort vorbei, wenn er
heimkmmt. Aber Anne Mareili war nicht ab Platz zu bringen. Der tti htte in
der letzten Zeit so oft mit ihm wst getan, sagte es, da einmal mehr oder
weniger ihm gleich sei. Und so darin hangen zwischen Leben und Sterben mge es
nicht lnger, aber wunder nhmte es ihns, ob dann ein tti das Recht htte, mit
einem so umzugehen, da es gerade so sei, als ttete er einen, das mcht es doch
erfahren. Du guets Trpfli, sagte die Mutter, probiers mit ihm, wennd darfst;
du wirsts erfahren, was ein tti kann und was ein Meitschi kann. Ja, Mutter,
das will ich, von wegen ich glaube, es komme da aufs Couragi an, und wenn ein
Meitschi fest in ihm selber ist und ppe es paar Wort und es paar Klpf nit
schcht, su wird ppe so e tti nit alles zwnge. Und tut er z'wst, so laufe
ich fort, und wohin, wei ich wohl.
    Da ward der Mutter himmelangst; sie hatte das Couragi lngst verloren und
begehrte die Suppe nicht mit auszuessen, welche Anne Mareili einbrockete, sie
begehrte nicht Schlge, und fortlaufen konnte sie nicht, sie wute kein Haus, wo
sie Gottwilche gewesen wre.
    Sie bat ihns, es mchte gehen; zu Resli sagte sie, es deche sie, es sollte
ihm lieb sein, nicht Ungelegenheit zu haben, und wenn sie ihm zu Gutem raten
knne, so solle er gehen, so streng er mge. An ihrem Meitschi wrde er doch
eben nicht alles erobern, dSach sei den Buben, und von der Haushaltung verstehe
es nichts, es htte dSach geng alles a seye gla, es vrstang i Gottsname nt, als
so gradane dryzschla; so ein Bursch, wie er sei, knne es hundertmal besser
machen, und wenn sie ihn wre, so wollte sie doch nicht so Mhe haben, wo es
nichts als Verdru gebe. Aber auch zu ihm redete die Burin wie an eine Wand,
und je strenger sie redete, desto weniger achteten sich die Zwei ihrer, sondern
fhrten Privatgesprche. Da ward die Alte endlich bse und sagte: Ih sgen ech
zum letztemal, ght! U wenn dr nit ganget, su luegit de. Ob de dr Alt chunt oder
dr Tfel, es chunt ech i eys.
    Da ging die Tre auf und der Alte trat ein. Herr Jesis, er chunt, er
chunt! rief die Burin und machte sich hinaus. Das geht lustig, sagte der
Bauer, doch eben nicht zornig, grad wie es im Spruchwort heit: wenn die Katze
aus dem Hause ist, so tanzen die Muse. Haben sie dich schon wieder gefunden
hinter einem Hag? Nein, sagte Resli, diesmal bin ich selbst gekommen. Mutter
und Vater alten und sind schon lange an mir, da ich weiben solle, aber es hat
mich bisher nie decht, da ich mchte, bis jetz. Jetz habe ich wollen fragen,
ob Ihr mir Eure Tochter geben wollt. ppe bs haben soll sie nicht, und ppe bs
machte sie es auch nicht. Wir haben eine styfe Sache, wo man dabei leben kann
der Hof ist zahlt, Usgleues ist auch noch etwas, es sind unserer Drei, und ich
bin der Jngst. So, so, du machst nit viel Federleses, Brschli, fahrst mit
der Tr ins Haus, als wenn vom Himmel herab kmest, und wirst meine, ich solle
jetzt gleich anekneue und Ja sagen und dir noch danken fr die Ehr und das
Zutrauen. Aber selb macht sich nicht so und so gleytig geht das nit, oder was
meinst, Meitschi, soll ne klepfe und wotsch ne? Mir wrs recht, tti, sagte
Anne Mareili, ich wute nicht, was ich darwider haben sollte. So, das wtest
du nicht, sagte der Bauer, du wirst nicht mehr wissen, was abgeredet ist?
Allem an scheint das eine abgeredete Sache, und es mangelt nichts mehr, als da
ich schn nachsage, was ihr mir vorsagt. So, so, das geht afe lustig
heutzutage. Nein, Vater, sagte Anne Mareili, so ists doch nicht, und es ist
mir recht, da Ihr gerade dazukommt, es wre ppe niemand in Sinn gekommen,
ppis hinter Euerem Rcken anzustellen. Aber das sage ich noch einmal und werde
es immer sagen, den Kellerjoggi nehme ich nicht, einen Unflat mag ich nicht.
Warum holst du mir kein Kacheli? sagte der Bauer, oder ist dSach nicht auch
fr mich?, setzte sich an den Tisch und sagte dazu: Es macht heute hei. Dann
sprach er von diesem, von jenem, frug nebenbei, ob sie auch eine Kserei htten,
und lie alles abwickeln, was an dasselbe sich knpfen lt, hielt so gleichsam
ein verblmt Examen. Endlich frug er: Wo bleibt die Mutter? Sage ihr, sie solle
einen Schlack Wein bringen, er decht mich nie besser als auf den Kaffee. Ich
habe heute noch keinen gehabt, ich habe pressiert, es het mih decht, ih me
hei.
    Die Mutter war drauen und hatte sich wohl gehtet, in die Nhe zu kommen;
sie hatte es akkurat wie ein Knabe, der brennenden Schwamm auf einer
Schlsselbchse hat oder auf einem Feuerteufel: er horcht ngstlich, obs nicht
bald losgehe, aber das Gesicht hlt er wohlweislich so weit als mglich vom
Feuer ab.
    Als Anne Mareili hinauskam, erschrak sie und meinte, sie msse vor Gericht,
als es aber seinen Auftrag ausrichtete, frug sie freudig: Was, hat er zugesagt,
ist dSach richtig? Nichts hat er gesagt, sagte Anne Mareili, er tut, als ob
er von allem nichts gehrt, und redet da von Ziger und Ksmilch, da man vor
Ungeduld fast selber Ziger wird. Ich kann mich gar nicht auf den tti
verstehen. Zhle darauf, sagte die Mutter, es hat etwas Ungerades gegeben
mit Kellerjoggi. Die alte Sble! Es wird einer den Andern betrgen wollen, und
jeder wird meinen, der Andere solle es nicht merken. se tti wird ppis gmerkt
ha und nit zwsche Stehl und Bnk welle, er het lieber Figge und Mhle. Wei
nit, sagte Anne Mareili, aber Figge und Mhle knnen auch fehlen, das erfhrt
gegenwrtig so manche stolze Tochter, die sich in ihren ngsten die Beine
abluft um einen Mann und vor lauter Figge und Mhle zu einem unehlichen Kinde
kmmt. Es ist jetzt afe eine Schande, eine Bauerntochter zu sein, und man nimmt
bald alle in eine Wid. Ja, sagte die Mutter, dWelt ist afe schlecht. Ja,
sagte Anne Mareili, aber noch manches Meitschi sinnete das Bessere, aber man
lt nicht lugg, bis es nicht anders als die Andern ist. He ja, sagte die
Mutter, es geht all Weg, aber der Tochter Sinn verstund sie nicht.
    Drinnen gings in lauter Friede, da die Mutter sich gewaltig wunderte, als
sie den Wein brachte und sah, wie der Alte mit Resli redete, freilich nicht wie
mit seinesgleichen, denn der Dorngrtbauer war der Meinung, da seinesgleichen
nicht auf Erden sei, und kein Altadelicher konnte auf seine Weise stolzer sein
als der Dorngrtbauer. Seine Einbildung sttzte sich nicht nur auf seinen
Reichtum, sondern auch auf seine Weisheit und Einsicht. Er hatte einige Hndel
gewonnen, und einmal war er fast Ratsherr geworden, hatte sich wenigstens bereit
erklrt, da er es annehmen wrde; zudem waren ihm einige Redensarten ber
Herren und Pfaffen gelufig, mit denen er regelmig alle Sonntage einige
Handwerksbursche und an Gerichtstagen den Gerichtschreiber zu lachen machte.
Daher behandelte er niemand als seinesgleichen; wem er Ehrfurcht bezeigen
sollte, den floh er, aus welchem Grunde wahrscheinlich er auch von unserem
Herrgott keine Notiz nahm und tat, als ob derselbe nirgendwo wre; mit wem er
zusammentraf und sich abgeben mute, der mute es wissen und empfinden, da es
der Dorngrtbauer sei, mit dem er rede. Und wenn er mit einem zusammentraf, der
ihn nicht kannte, was noch hie und da geschah, obgleich seine Nase selten
auerhalb seiner Kuhweid zu sehen war, so sagte er, das deche ihn kurios, sust
w ppe esn ieders King uf dr Welt, wer der Dorugrtbauer sei. Es wre sehr
merkwrdig gewesen, wenn der und Goethe sich einmal getroffen htten, sie Zwei
an einem Wirtshaustisch, zwischen Beiden etwa ein Kalbskopf an weier Sauce, und
htte der Goethe nicht gewut, wer der Dorngrtbauer sei, und der Dorngrtbauer
ebenso wenig von dem Goethe: was die sich fr Augen gemacht htten und wie jeder
bei sich gedacht htte, der wei afe nt, wird ume son e Lhl sy! Nun, ber
dieses Verwundern darf man sich bei solchen Notabilitten nicht verwundern,
geschah es doch sogar einem gewissen (Lhl darf man nicht sagen) Badbeschreiber
in Deutschland, das heit einem Solchen, der fr Geld oder freies Logis mit Kost
gewisse Bder rhmt, da er sich grblich wunderte, wie auf irgend einer Strae
irgend ein ordinrer Mensch nicht wute, wer er sei. Nun er wird gemeint haben,
wenigstens unter seinesgleichen sollte er bekannt sein.
    So ein junger Bursche war natrlich tief unter ihm, und er lie es Resli
auch gehrig fhlen mit Manieren, Bemerken und Widersprechen, wie man es alle
Tage hren und sehen kann, wo Notabilitten zu sehen sind. Resli war bescheiden,
aber nicht katzenbucklicht, er gab Bescheid, pate dabei aber auf Gelegenheit
wie die Katze auf die Maus, aber lange umsonst.
    Endlich fragte der Bauer: Du wirst den Hof erhalten?
    Allweg, sagte Resli, und wenn Ihr mir die Tochter gebt, so gibt sie eine
Burin, die ppe de Kmi nicht zu spalten braucht. Es gibt Hfe droben, sagte
der Bauer, ich mchte sie nicht geschenkt, und wenn man Schulden darauf hat, so
wre man ringer Polizeier, der doch noch ppe all Tag Brot bekmmt, bald hie,
bald da. Es wird gemacht sein, du wirst den Andern doch ppe nicht viel mssen
herausgeben? Gemacht ist nichts, sagte Resli, aber ppe hart halten wird man
mich nicht, sie sind alle gut gegen mich, und es meint ppe Keins, da zLiebiwyl
kein Bauer mehr sein sollte. Der Hof ist ppe nicht ganz eben, aber stotzig Land
ist doch auch keins, und wenn einer zu ihm sieht, so wre da unten in den
Drfern ppe nicht manches Haus, in welchem Platz htte, was auf demselben
gemacht wird.
    Ich habe heute vernommen, da mir Laden nicht kommen, welche ich gekauft zu
haben meinte; jetzt habe ich zwei oder drei Bume zu wenig. Fnde ich bei euch
welche? Du hast mir letzthin davon gesagt, da ihr Holz verkauft?
     Oh, aparti verkaufen wir nicht Holz, aber wenn jemand mangelt und wir
knnen ihm einen Gefallen tun, so sagen wir es ihm nicht ab, sagte Resli, In
unserm Holzschopf wird wohl etwas von Laden sein, was Euch anstndig wre; kommt
und sucht Euch aus.
     So, habt ihr Vorrat auf den Kauf hin ? fragte der Bauer. Nein, aparti
nicht. Aber wenn etwas Abghndes ist im Walde oder andres, das mehr schadet, als
ihm aufgeht, so machen wir es im Winter nieder, und was Laden gibt, tun wir zur
Sge. Der Vater meint, man wisse nie, was es geben knne, und wenn man es
brauche, so habe man es. Es sei ihm nichts mehr zuwider, als wenn man erst die
ganze Welt aus gumpen msse, ehe man an etwas hin knne.
    He, wennd meinst, ihr habet Laden, einen Baum zwei Zoll und zwei
anderthalbzllige, aber saubere, so wre es mglich, da ich die andere Woche
hinaufkme, wenn man etwa ein Ro entmangeln kann. Deren, sagte Resli, haben
wir zum Auslesen, und wenn Ihr mehr mangelt, so braucht Ihr auch nicht weiter.
Aber von wegen der Tochter mchte ich fragen, wrs Euch wohl anstndig? He,
sagte der Bauer, pressiere wird das ppe nit svli, man hat danach alle Zeit,
davon zu reden, und ds Meitschi ist uns nit svli erleidet, da das so eys Gurts
gehen mu. Man kann immer noch davon reden, und wenn ich die andere Woche
hinaufkomme, so gibt vielleicht ein Wort das andere.
    Weiter konnte es Resli nicht bringen, trotz allen diplomatischen
Redensarten, und als er sagte, die Sonne sei schon teuf und er habe weit, so gab
man ihm nicht zu verstehen, da er bleiben knne, sondern man sagte, die Tage
seien lang und finster werde es nicht, um zehne komme der Mond. Er mute
aufbrechen, lud aber vorerst noch grausam ein, da der Bauer die andere Woche ja
nicht fehlen und Frau und Tochter mitbringen solle; sie seien doch noch nie da
oben gewesen. Da das Weibervolk die ganze Welt sehe, meinte der Bauer, halte er
nicht fr ntig; wenn er sie an alle Orte fhren sollte, wo sie nicht gewesen,
so htte er mehr zu tun, als er mchte, und sei z'alte fr noch anzufangen. Mehr
wollte er nicht sagen, und mehr lie er ihn nicht sagen, weder zu einem Zeichen
noch zu einem Worte hinter seinem Rcken gab es Zeit oder Raum; er begleitete
Resli bis auf die Strae und htete Haus und Strae mit scharfen Blicken, da
keine Maus was Geheimes htte tun knnen, geschweige denn ein Meitschi. Erst als
er sich berzeugt hatte, da Resli in der Ferne wirklich verschwunden, ohne
Versuche zu weiterer Annherung, ging er ins Haus zurck und nahm die Weiber
scharf ins Gebet: Wie der dahergekommen, was sie mit ihm gehabt und warum sie
ihm aufgewartet htten, als ob er bereits Hochzeiter wre.
    Die Mutter machte sich ganz unschuldig. Sie wies das Zuckerstcklein vor
(den Kaffee verschwieg sie), das htte er als Kram gebracht fr seine
Verpflegig, und da htte sie ihn mssen hinein heien und ihm etwas Warms
machen, wegem allgemeinen Gebrauch; an etwas anders htte sie nicht gesinnet. Da
sei aber Anne Mareili dazugekommen, und die htten gleich mit einander getan wie
dGhle, bsunderbar wenn sie drauen gewesen. Sie htte darauf Anne Mareili oft
gehen heien und ihm gesagt, es komme nicht gut, es solle selbst sagen, ob es
nicht so sei, aber es htte nicht darum getan.
    So unschuldig kam Anne Mareili nicht davon. Es bekannte offen, da es dem
Resli bekannt, es sage nicht Nein, er solle nur auch machen, da der Vater Ja
sage; den Kellerjoggi aber, den nehme es allweg nicht, lieber wollte es sich
rsten lassen wie Kaffeebohnen. Selb wr z'probiere, sagte der Vater und
weiter nichts, wst tat er gar nicht. Das wars, was Anne Mareili grusam
verwunderte, aber einen ganzen Tag umsonst, denn erst am folgenden Tage konnte
es die Mutter ihm erzhlen, wie Kellerjoggi den Vater erzrnt und wie dieser es
ihm nun weisen wolle.
    Kellerjoggi hatte nmlich eingewilligt, sein Vermgen dem Anne Mareili
verschreiben zu lassen, und es war abgeredet worden, an einem Markttag an einem
gewissen Orte zusammenzutreffen, um den Kontrakt schreiben und dann alsobald
verkndigen zu lassen. Nun kmmt Kellerjoggi nicht, sondern schickt ihm so
einen Lumpenhund und Bauerngumper, wo an allen Orten sind und nichts begehren,
als die Leute hineinzusprengen und Bauern zu betrgen. Mit dem soll der Vater es
ausmachen und schreiben lassen, und der fngt aufs neue zu mrten an und will
den Vater berreden, der Ehekontrakt pressiere nicht svli; wenn man es begehre,
so knne man wohl zuerst verknden lassen, das htte nichts zu sagen. Da ist der
Vater bs geworden und hat ihm gesagt, ob er meine, er habe einen Schulbub vor
sich, der nicht wisse, da eine Verkndigung ein Ltsch sei, und wer daraus
wolle, Haare lassen msse. Er sei aber z'jung und z'dumm dazu. Dem Kellerjoggi
solle er nur sagen, mit der Sache solle es nichts sein, und meinen solle er
nicht, da er am Dorngrtbauer einen Narren habe, mit dem er machen knne, was
er wolle. Gab was der Lumpenhund gesagt, Kellerjoggi habe Rckenweh und knne
das Fahren nicht ertragen, habe der Vater nichts hren wollen, sondern sei in
der Tubi fortgegangen; des Wartens habe er jetzt genug, und es gebe noch Andere
fr sein Meitschi als so alte Bck und Snder, habe er gesagt. Allem an hat
einer von unsern Buben dem Alten es gchlfelet, Resli sei da. Nun wird er
gedacht haben, besser knnte das sich nicht schicken, um es dem alten Hung zu
weisen, und darum hat er nicht wst getan, ds Kontrri, dSach ist ihm noch recht
gewesen. Und wer wei, jetzt kommt die Sache vielleicht noch gut, wenn nur dr
tti bald fhrt und den Kellerjoggi nicht etwa ein anderer Laun ankmmt, da er
daherkmmt und dem Kbel wieder einen andern Mupf gibt. Oder der tti nderte
Sinn, aber ich glaube es nicht, ds Geld ist ihm lieb und zwnge noch lieber;
aber wenn pper gescheiter sein will als er und ihn zum Narren halten, das mag
er nicht erleiden, da reut ihn kein Geld mehr, da will er fr ds Tfels Gewalt
ds Gegeteil von dem, was er gerade vorher het welle zwnge fr ds Tfels Gewalt.
Er ist e Kuriose, se tti.
    Der Erffnung hrte Anne Mareili mit groer Andacht zu; ein Berg glitt ihm
vom Herzen, vor ihm tat der Himmel sich auf, aber wie er herunter war, rutschte
langsam der Berg wieder das Herz hinauf, der Himmel schlo sich wie ein Blitz,
und schwarze Angst umflo es wieder, schwarz und immer schwrzer. Auf einem
Felsenvorsprung im Meere, auf den er sich zur Ebbezeit hinausgewagt, ist einer
rasch von der Flut erfat, der Rckweg ihm abgeschnitten worden; er mu warten,
mu hinaussehen ins weite Meer, sehen, wie die Wogen schumen, steigen, mu sie
fhlen, wie sie lecken an seinen Fen, hher und immer hher, und langsam rinnt
die Zeit vorber, und wilder wird die Flut, und je wilder sie wird, um so
langsamer rinnt die Zeit. Wie hoch die Flut steigen wird, wer sagt es ihm, wer
kennt des Mondes Launen, des Windes Tcke, was beide ber ihn verhngen? Ob er
nach einer Stunde auf eigenen Beinen gerettet ans Ufer geht oder als Leiche von
mutwilligen Wellen ans Ufer gesplt wird, wei nur der, der jede Tcke kennt und
jede Laune. Und nun ein junges Mdchen, das den Himmel offen vor sich sieht,
aber es darf den Fu nicht heben, es darf nicht hinein; es mu warten, und wie
lange, wei es nicht, sechs Tage, sechs Nchte, sechs Wochen vielleicht, und ob
es hineingetragen oder versenkt wird in der Lebensflut tiefuntersten Grund, das
hngt nicht von Wind oder Mond ab, nicht von der Gnade dessen, der Wind und Mond
regiert, sondern von den Launen zweier alten Vgel, zweier durchtriebenen
Kusene, die nichts wissen von Menschenglck und Menschenliebe, sondern nur
spielen Trumpf um Trumpf und stechen, was vorliegt, Herz oder Dame oder Bub,
Karten ziehen, je nachdem der Teufel sie sticht. Und auf dieses Stechen und wie
dr Teufel die Alten sticht, mu das Mdchen warten, kann nichts daran machen,
mu warten Tag um Tag, und wie manchen noch, das wei es nicht. Wer wei nun,
was so einen alten Kusi angeflogen kmmt ber Nacht, was ihn sticht, was ihn
plagt, ein bser Husten oder was anderes? Wer wei, was er am Morgen stechen
will, ob das Herz oder die Sau?
    Wer alte Kusene kennt, welche Launen regieren, die leben, je nachdem der
Teufel sie sticht, ohne Gewissen und ohne Erbarmen, der kann sich denken, wie es
Anne Mareili sein mute. Jetzt war sein Glck seinem Vater recht, weil er damit
den Kellerjoggi so recht, wie man sagt, abetfeln konnte; aber wenn Kellerjoggi
kam und sich unterzog, sein Rckenweh recht gro machte, seinen Agenten recht
dumm, der nicht gewut, was er redete, zu nichts den Auftrag gehabt, so war die
ganze Freude aus und der Friede unter den Sndern wieder hergestellt. Und wenn
der Vater dann noch hinfuhr, wie er versprochen hatte, so war er imstande, sie
dort im Ungewissen zu lassen, bis er recht wohlfeile Laden gekauft, und dann
erst zu sagen, sie sollten nur nicht weiter Mhe haben, aus der Sache werde
nichts, er tue es nicht. Wenn es drauen doppelte an der Tre, so fuhr es hoch
auf; wenn es von weitem ein Wgelein hrte, so zitterte es, bis es sich
vergwissert hatte, da nicht der Kellerjoggi darauf sitze, und wenn der Vater
vom Hause wegging, so stund es in alle vier Ecken Kehr um Kehr und hatte nicht
Ruhe, bis der Vater heim war, bis es wute, was er fr ein Gesicht heimgebracht.
    Ein Tag nach dem andern ging um, ohne da einer dem Vater den Kellerjoggi
oder einen andern Sinn gebracht; aber es kam der Sonntag, der Vater war auch
noch nicht gefahren, und wenn er fahren wollte, das wute niemand, und niemand
fragte ihn. In diesem Hause ward nicht Familienrat gehalten, wie es sonst wohl
in andern geschieht, hier war unumschrnkte Despotie. Der Vater wollte, da die
Shne reich blieben, er sorgte dafr, aber er befahl, und in sein Regiment sich
zu mischen, das wagte niemand. Und wenn er Argwohn fate, einer seiner Shne
htte Mut, den Kopf aufzuheben und etwas von eigenem Willen spren zu lassen, so
drckte er ihm den Kopf nieder, da derselbe froh war, ihn unten zu behalten. Er
zog die Shne zu Bauern, lie sie zAcker fahren und handeln; aber wenn er irgend
merkte, da einer derselben anfing zu glauben, er verstehe die Sache und mge
mit Kauf und Verkauf bald den Vater, so war er imstande, ein Pferd, welches
einer seiner Shne eingekauft, unter dem Preise wegzugeben, nur um denselben
demtigen, ihm vorhalten zu knnen, wieviel an einem Ro, welches derselbe
eingekauft, verloren gegangen und da solche Schnuderbuben doch nicht meinen
sollten, sie knnten schon etwas. Wohl, das wrde gehen, wenn der Alte nicht
noch immer das Heft in der Hand behielte! So fhrte er ein Regiment, und wenn
ein Kind etwas fragte, so sagte er: Lue de, und wenn sonst jemand etwas von
ihm wissen wollte, so sagte er entweder ebenfalls nichts oder das Gegenteil von
dem, was er eigentlich im Sinne hatte. Nur der Mutter sagte er zuweilen etwas,
wenn sie sich nmlich recht demtig und stille verhielt. Rhrte sie sich, zeigte
sie Neugierde, so sagte er ihr: Ja wolle, am ene sellige Babi wird man ppis
sagen, das dKing uf dr Ga nit slle wsse. Geh und khl de Sue; fr selligs
het me dWyber, i ds Angere hb dNase nit, sust berchunst druf, es geyht dih o
hell nt a.
    Da aber doch selten ein Mensch ist der nicht seine Stunden hat, in denen er
gerne schwatzt oder der nicht gerne einmal die Percke abzieht und ist, wie er
ist, und schwatzt, wie ihm ist, und selten einer ist wie Ludwig der Vierzehnte,
den auch sein Kammerdiener nie in seiner Gemeinheit, sondern stets nur in der
Percke gesehen, so packte er zuweilen bei seiner Frau aus, was er dachte, was
er wollte; dann mute sie ihm gellen, ihn rhmen und hatte vielleicht einige
gute Stunden, wo sie meinte, sie seien Beide recht gute Freunde. Aber sie
brauchte dieses Gefhl nur einigermaen merken zu lassen, so gab er ihr einen
Ttsch, da sie merken konnte, da ihr Mann sie nicht zum Freund, sondern nur
zum Hund wolle. Was sie in solchen Stunden erfuhr, das sagte sie manchmal Anne
Mareili, weil es verschwiegen war und sie nicht verriet. Die Buben aber erfuhren
nichts davon, denn sie zeigten eine souverne Verachtung gegen das Weibervolk;
dem lieen sie es auf allen Suppenbrcklene merken, wer da einmal zu befehlen
htte.
    An einem Sonntag ging der Dorngrtbauer selten aus, wenn er nicht irgend
einem Geschft nachfuhr mit Ro und Wgeli, manchmal um Holz aus, manchmal um
eine Kuh oder sonst was. Er rechnete am Sonntag, und nachmittags war meist
jemand da, der mit ihm verkehren wollte, bald ein Metzger, bald ein Zinsmann,
bald ein Nachbar, der Rat suchte, bald ein Anderer, der Geld wollte.
    An jenem Sonntag tat er wie gewohnt, und Anne Mareili bebte nur vor einem
heranfahrenden Kellerjoggi; aber es wute doch immer, was ging, und hatte den
Vater sozusagen unter den Augen. Wie erschrak es aber, als er, sobald er zu
Mittag gegessen hatte, sich sunndigte, den Hut brsten lie und abzog, ohne zu
sagen wohin, aber in der Richtung eines Wirtshauses, wo des Sonntags Kellerjoggi
gewhnlich seinem Namen Ehre machte und welches zwischen Schliwyl und
Aufbigehrige lag.
    Unwillkrlich zog es Anne Mareili dem Vater nach, aber bis es sich
zweggemacht, war er seinen Augen lngst entschwunden, aber dennoch mute es
gehen. Es werde ihm neue so angst, sagte es der Mutter, es dechs, es msse ein
wenig voruse. He nun, so geh, sagte die Mutter, aber mach, da du heim bist
fr dSach z'mache! Auf die Jungfrauen kann man sich nicht mehr verlassen, gb
wie man es ihnen sagt; wenn die hinter sieben Zunen ein Bubenbein sehen, so
bringt man sie mit keinem Lieb mehr ab Platz.
    Anne Mareili ging der Richtung nach, in welcher der Vater gegangen war, aber
keine Spur vom Vater fand sich mehr. Wege liefen nach allen Richtungen aus, es
whlte nicht, lief den geradesten; bald stand vor ihm das Dorf, wo ihre Kirche
stund, und nun fiel auf einmal ihm die Verlegenheit aufs Herz, was es dort
machen, was es zWort haben wolle, und wenn es durchs Dorf durch sei, wohinaus es
dann wolle. Wenn es gesagt htte, es wolle ein Kehrli machen, spazieren gehen,
man htte es angesehen wie einen Stier ohne Hrner, ein Schwein ohne Ohren, und
bis dato noch schmen ehrbare Mdchen auf dem Lande sich des Kehrlis und
Spazierens ohne Ziel; sie spazieren auch, aber sie haben entweder etwas beim
Schuhmacher zu verrichten oder mchten sehen, was ihr Flachs mache oder der Hanf
auf der Rsti. Dann war es so frh, und es kam daher wie aus einer Kanone; so
wegen mir nichts und dir nichts kmmt man aber nicht so frh und so wie aus
einer Kanone.
    Da fing es an zusammenzuluten zur Kinderlehre. Beruhigend klangen die Tne
in sein verwirrt und ngstlich Herz hinein, sie waren wie das l, das Aarons
Haupt umflo und Ruhe in sein Herz ihm go; vor ihm ging es auf wie ein gro und
herrlich Tor, das in khle, friedliche Hallen fhrt aus heiem Gewhle. In die
Kinderlehre, dechte es ihns, mchte es einmal wieder; seit es die Erlaubnis zum
heiligen Abendmahl erhalten, war es nie in derselben gewesen. Da Baurentchter
dieselbe besuchen, ist nicht Mode, kein guter Schick ist dort zu machen, keine
Kurzweil ist darin zu treiben, und wo es nicht Mode ist, geht man nicht hin, so
ume vo wege nt mag man sich nicht auslachen lassen. Nur so arme Mdchen und
zuweilen auch ein sinniger Bube kommen her, die es einsam anweht drauen in der
Welt, die Heimweh haben nach dem Orte, wo sie die Liebe Gottes angeweht, wo sein
Licht helle Strahlen in ihre Herzen geworfen, die ein Heimweh haben nach dem
Lehrer, der ihre Herzen einem hhern Sinne aufgeschlossen, dessen Worten sie es
angefhlt, da er ein Herz fr sie habe, wie keines auf Erden fr sie
geschlagen, da sie ihn so recht aus Herzensgrund erbarmen, da er sie retten
mchte aus des Verderbens Schlund mit allen Krften und von ganzer Seele. Wie
wohl tut es ihnen, wenn sie ihn sehn, wenn sie die alten und doch immer neu
werdenden Lehren hren! Und wenn sie fhlen, da unter ihnen der Boden wankt,
da die Wellen der Welt die Scholle, auf der sie stehen, vom Ufer reien, so
wenden sie nur um so inniger ihre Blicke nach dem treuen Lehrer, und Trnen
drngen sich ins Auge, und jede Trne ruft: Wenn der es wte, was wrde er
sagen! Da wird oft das Herz so hei, Bekenntnis um Bekenntnis drngt sich hervor
bis an die Schranke der blichen Sitte; da erkalten sie wie Lava in des Meeres
Scho, und was der Lehrer wohl im Auge sah, das berschritt die Lippen nicht,
das versteinerte nach und nach. Wenn dann im Herzen die Welt erkaltet, da taut
wohl das versteinert Gewesene wieder auf; er htts gut mit mir gemeint, heit es
dann, aber was will me? Ih ha mih gschoche, u du ischs gange, wies gange ist.
Wenn ich ihn nur noch einmal sehen knnte und der liebe Gott mir verzge, so
wrs, was ich wnschte. So dnkt es manches arme Mdchen und zuweilen auch einen
Buben, die fhlen, da kein Herz so warm fr sie schlgt als das da innen. Diese
haben eben kein Vorwort ntig, wenn sie in die Kinderlehre gehen wollen; die,
wenn sie nicht narrochtig tun, laufen unbeachtet.
    Anne Mareili hatte den Pfarrer auch geliebt, es dechte ihns immer, er meine
es so gut, kein Mensch so auf der Welt; mit keinem Lieb htte man es von einer
Unterweisung abgehalten, und als sie zu Ende waren, dechte es ihns, es wre ihm
jemand gestorben und zwar das Liebste, welches es auf der Welt hatte. Es hatte
darauf einige Male gesagt: Es decht mih, ih mcht zKingelehr. Dann hatte die
Mutter gesagt: Was witt doch, du Ghl, es decht mih, du sttisch gnue
Kingelehr bercho ha. Es geyht ja ke Mnsch, was witt doch? DLt lache dih ume
us. So hatte es die Mutter abgehalten, und Anne Mareili lie sich abhalten, es
hatte es nicht besser gesinnet.
    So halten noch viele Eltern ihre Kinder vom Gottesdienst ab, und nicht nur
vom Gottesdienst, sondern auch von Gott selbst. Wartet nur, ihr Toren! Wenn ihr
eure grauen Haare mit Jammer zur Grube tragt, dann schreit ihr vielleicht nach
Gott; aber zwischen euch und eurem Gott stehen dann eure Kinder, die ihr an
Teufel und Welt verraten, und wie wollt ihr erlst und selig werden, so eure
Kinder durch euch verfhrt und verflucht sind?
    Jetzt dechte es Anne Mareili, dahin mchte es einmal wieder, und alsbald
fiel ihm bei, wenn es die Leute frgen, was es da wolle, so knne es zWort
haben, sie htten einen Ackerbub und es nhme sie wunder, wie der antworte und
ob ihm der Herr wohl erlauben wrde. Das knnte freilich noch Mancher zWort
haben, um zur Kinderlehre zu gehen; aber leider sind der Mtter, der Vter gar
zu viele, die sich nie darum kmmern, wie ihr Kind dem Herrn antworten knne in
der Kinderlehre, die sich ebenso wenig darum bekmmern, was einst ihr Kind dem
Herrn antworten msse am Tage des Gerichtes. Aber wartet nur, es kmmt eine
Stunde, wo ihr anhren mt, ihr mgt wollen oder nicht, was das Kind antworten
mu, und wehe dann euch, wenn das Zeugnis gegen euch ist, euch anklaget als
Seelenmrder, und Seelenmrder ist noch ganz was anderes als Leibesmrder! Dann
gehen euch die Ohren auf, sie mgen verpicht sein wie sie wollen, und die
Predigt knnt ihr nicht verschlafen, wie manche auf Erden ihr auch verschlafen
habt; die Donner des Zornes Gottes wecken, darauf knnt ihr euch verlassen.
    Anne Mareili migte, sobald es den Fund getan, seinen Schritt und ging ganz
zimpferlich ins Dorf, wie es sich Dorngrtbauern Tochter ziemte, suchte so
unbemerkt als mglich zur Kirche zu gelangen, und wenn ihns jemand ansprach, so
brachte es seinen guten Grund vor, gegen welchen man ihm gewhnlich einwendete:
He, was witt, la du die zusammen machen; gb du gehest oder nicht, es fllt
doch wies will oder wie der Herr den Laun hat. Komm, in der Kirche schlfert es
dich nur, und in der Luspinte wird getanzt!
    Als Anne Mareili in die Kirche kam, hatte es verlutet, der Herr den Psalm
verlesen; schon ging die Orgel, mit gwunderigen Augen sahen sich die Kinder nach
ihm um, da es ganz rot ward und fast reuig, da es gekommen.
    Whrend die Orgel ging, gingen seine Gedanken dem Vater nach, sahen, wie er
den Kellerjoggi fand, wie sie Frieden machten, sah den Tritt vor dem Taufstein
und dachte sich, wenn es da knien mte mit dem alten, an Leib und Seele wsten
Manne, sich verkaufen lassen mute mit Leib und Seele, wie es unter Christen,
und zwar unter den vornehmsten am ftersten, blich und bruchlich ist. Immer
lebendiger trat ihm der Alte vors innere Gesicht; es sah ihn dort knien, sah
sich an seiner Seite, sah, wie der Pfarrer las und immer las und immer nher die
Stelle kam, wo es Ja sagen sollte; immer enger schnrte sich sein Herz zusammen,
es dnkte ihns, als mte es ersticken oder geradeaus in die Kirche hineinrufen:
Nein, Nein und immer Nein in alle Ewigkeit. Da schwieg pltzlich die Orgel; aber
seine Beklemmung lste sich nur langsam, Gller und Hemde und Kittel, alles war
ihm zu eng geworden, denn wo es einem zu eng ums Herz wird, da ist kein Gller
weit genug, da ist selbst Gottes weite Welt zu eng. Aber wenn es einem zu eng
wird in der weiten Welt, da findet man wohl ein ruhig, frei Pltzchen im eigenen
Herzen, wenn man ein Herz darnach hat.
    Da begann der Pfarrer zu reden: Wie es drauen in der Welt wandelbar sei,
das Wetter unterm Himmel wie die Zustnde auf Erden, wie auf den Sonnenschein
der Regen folge, auf den Sommer der Winter, auf gute bse Jahre, und Trbsale
wechselten mit Glck und Freude. Dieser Wechsel sei aber nicht ungefhr oder
komme aus Bosheit, sondern aus Gottes vterlicher Hand. Das aber sei wichtig und
nie zu vergessen; denn wie drauen es wechsle, solle es nicht wechseln in des
Menschen Seele, denn es solle eben der Mensch ber den Wechsel sich erheben und
zu einem bleibenden, unvernderlichen Wesen werden, er solle nicht gleichen der
wechselnden Welt, sondern dem Vater im Himmel, in welchem kein Schatten der
Umkehr und des Wandels sei. Um aber so zu werden, msse der Mensch es wissen und
nie vergessen, da er ein Kind unter des Vaters Auge sei, der jedes Haar an
seinem Haupte behte und keines ausfallen lasse ohne seinen Willen, jede gute
Gabe gebe und jede Zchtigung; dann vermge er den kindlichen Sinn zu bewahren,
der dankbar bleibe dem Vater in guten Tagen, willig und geduldig in Trbsalen,
in guter Zuversicht auf die Zukunft, gleichmtig und demtig immerdar in festem
Glauben, da denen, die Gott lieben, alle Dinge zur Seligkeit dienen mten. Wo
aber der Mensch sein Auge nicht also fest und unverwandt auf Gott gerichtet
halte, nicht es immerfort lutere im Anschauen seiner Herrlichkeit, da werde es
getrbt vom Wechsel der Welt und ndere Farbe mit jedem Wechsel. Dessen sei
Zeugnis das Leben so vieler Menschen, in dem bermut wechsle mit Kleinmut,
Hochmut mit Niedertrchtigkeit, eitles Wesen mit Jammersucht, Leichtsinn mit
Trbsinn. Man solle doch nur in die Huser schauen, und wo man sehe, da Gott
vergessen, man sich nicht mehr bewut sei, da man die guten Tage Gott zu
verdanken htte, da werde man bermut und Hochmut finden, alle verachte man,
sich selbst mache man zu seinem Gtzen; aber man solle nur sehen, wie schwer
diese Leute die kleinste Widerwrtigkeit nhmen, wie sie sich strubten und
rgerten, wie sie sich gebrdeten, wenn nicht alles nach ihrem Kopfe ginge, wie
sie zagten in schweren Nten, wie durch diesen Wechsel ein mrrisches Wesen sich
ansetze, ihr Friede bestndig getrbt sei, im Glck durch bermut, im Unglck
durch Kleinmut, in der Jugend durch Hoffart, im Alter durch Jammersucht. Man
klage immer mehr ber die Welt und das mit Recht, denn je mehr man der Welt die
Herrschaft einrume ber sich, desto elender werde man, ein welkend Laub im
Winde, das nie wei, wenn der Fu kmmt, der es zertrittet oder ob es eine Welle
dahinnimmt. Wrde man die Welt berwinden und an Gott sein Leben knpfen, dann
wrden die Klagen ber die Welt verstummen, sie wrde wieder unser Paradies
werden. So ist manche kleine Htte, ob welcher man Gottes Auge offen sieht, ein
kstlicher, friedlicher Tempel, whrend so manches groe Haus nur Elend
herberget, und immer mehr Elend, je grer es wird; in ihm ists Nacht, denn
Gottes Liebe scheinet nicht hinein, und da auch ber ihm Gottes Auge wacht,
daran sinnet niemand. Sie wlzen sich in Not und Sorgen, in Jammer und Klagen,
in Streiten und Zanken, in Neid und Ungengen dem Grabe zu. Elend war hier ihr
Teil, was wird ihnen drben werden? Und doch wre Gottes Hand auch ihnen nahe,
aber sie ffnen ihre Augen nicht, und wehe dem, der sie ihnen ffnen wollte; im
bermute der Welt wrden auch sie jetzt noch nach Steinen greifen. Ihr Kinder
aber, vergesset es nie und nimmer, euer himmlische Vater waltet ber euch, nicht
blindes Ungefhr; was kmmt, kmmt aus seiner Hand, darum vergesset nimmer Dank
und Demut, Geduld und Zuversicht zu euerem getreuen Gott und Vater, der im
Himmel ist.
    So kinderlehrete der Pfarrer auf freundliche Weise in wechselnder Rede und
Gegenrede. Es heimelete Anne Mareili gar sehr, denn alles das hatte es schon
gehrt, wenn auch nicht mit gleichen Worten, und manches Wort tauchte ihm auf
aus der wunderbaren Kammer der menschlichen Seele, in welcher so manches
unbeachtet vergessen liegt, welches in entsprechenden Augenblicken wieder zutage
trittet, manches Wort, welches der Pfarrer nicht aussprach; auch die alte Zeit
tauchte ihm auf, in der es als lustiges, wildes Mdchen das alles hrte mit
groer Andacht, aber ohne inniges besonderes Verstndnis, wo es die Worte des
Pfarrers hielt wie Perlen und Edelsteine, an denen man groe Freude hat, aber
ehrerbietig sie beiseite legt und keinen besondern nhern Gebrauch von ihnen zu
machen wei. Und so geht es zumeist; es geht mit der Lehre auch, wie es mit Korn
und anderem Samen geht, welches eine Weile im Schoe der Erde ruhen mu, ehe es
zu eigenem Leben erwacht, was gar schnell aufgeht, verdorret schnell wieder. Das
Leben ist es, welches des Herren Worte ausbrtet in den Herzen der Menschen. So
wars ihm anfangs, als sei die alte lustige Zeit wiedergekehrt, aber so war es
ihm nicht lange. Die Worte schienen ihm einen ganz anderen Klang zu haben als
ehedem, sie glitten ihm nicht mehr so s und sanft ins Herz hinein, sie bebten
alle Falten erschtternd im Herzen wider, und wie ein Echo tnte es ringsum: Ja
so ists; das Leben gab ihm der Worte Verstndnis, das zweischneidige Zeugnis
ihrer Wahrheit, das Leben machte auf einmal lebendig, was wohlbewahrt in dunkler
Kammer gelegen.
    Ja, ber ihrem Hause war es trbe und finster, und drinnen fehlte der Friede
und das Gengen und jedem Herzen Dank und Demut und Zuversicht; denn ihrem Hause
fehlte Gott, an sein Walten dachte niemand, ihm dankte niemand, auf ihn hoffte
niemand; wenn schon Lippen beteten, stumm blieben doch die Herzen, jedes Leben
war los von Gott, und jeder fhrte es nach seinem Sinn und in eigener,
eingebildeter Machtvollkommenheit. Wenn ein reicher Segen Scheuer und Spycher
fllte, so dankte man nicht Gott, sondern a und trank um so reichlicher an den
Sichelten und tat um so wster, und wenn das Wetter Verderben drohte, so grollte
man mit dem Wetter, aber um besseres bat man den Herrn des Wetters nicht; was
dieses eintrage, jenes schade, so rechnete man, aber was der Herr zu diesem sage
und zu jenem, so frug man nicht; eines war des Andern Feind, jedes lauerte auf
seinen Vorteil und des Anderen Schwche, zwischen den selbstschtigen Herzen
mittelte Gott nimmer, darum war daheim ein so dster und unheimlich Sein.
    Das hatte Anne Mareili schon lange gefhlt, aber so klar war es ihm nicht
geworden, so klar war es ihm nie geworden, wie es selbst trotz der eigenen
Unheimlichkeit erfasset sei und untertnig ihrem bsen Hausgeiste. War doch Gott
ihm kein Trost, suchte es doch im Gebete den Frieden nicht, hatte doch all sein
Glauben wenig Einflu auf seine Stimmungen, suchte sein Auge in keiner Schickung
Gott, war ja auch sein Leben eigentlich los von Gott, wenn es auch weder
unglubig noch lasterhaft war. War es aber nicht deswegen so in ngsten, ein
ratlos Laub im Winde, meinte sich abhngig von alten Launen alleine und dachte
nicht daran, da auch es Gottes Kind sei und jedes Haar auf seinem Haupte in
dessen Schutz und da in einem festen Entschlu, in Gottes Namen gefat, die
beste Abwehr sei fr unbegrenzte Angst?
    Aber so ists, schn Predigen ist nicht schwer und viel Glauben auch nicht,
aber den Glauben zum Leben werden zu lassen und die Predigt zu einer Brcke vom
alten Wort ins junge Leben, das ist schwer. Zumeist hat es der Mensch wie ein
kluger Kaufmann, alles wohl sortiert, hier eins apart und dort das andere fr
sich, in einem Krummen ist der Glaube, in einem andern sind die Ansichten, in
einem dritten die Grundstze, in einem vierten die Gefhle, das Leben aber hat
er in den Fingern, und wenn er seinen Kunden wgen tut Rosinen und Weinbeeren,
Mandeln und Kaffee, so frgt er weder nach Ansichten noch nach Grundstzen,
sondern wiegt eben, wie es ihm in den Fingern ist. Schlgt der Kaffee ab, so
wiegt er wie der frommste Christ, denn viel Absetzen so schnell als mglich ist
sein grter Vorteil; schlagen die Weinbeeren auf, so kleben sie ihm an den
Fingern und er wiegt wie ein emanzipierter (das sind eben die schlimmsten) Jude,
denn je weniger er heute gibt, desto mehr lst er aus den andern morgen. So aber
wie ein wohlassortierter Jude soll es der Christ nicht haben, er soll eins sein,
das heit nicht alles durcheinander, einem Knuel gleich, in welchem es hinten
und vornen gleich strub ist, wie es in mancher Schreiberei aussieht und in
manchem oberkeitlichen und sonstigen Haushalt, sondern einem schnen Baume
gleich, wo aus lebendig gewordenem Kerne die festen Wurzeln sprossen, schlank
der Stamm gen Himmel strebt, schattenreich und weit die ste sich ausbreiten.
Der Glaube ist das Wurzelgeflecht im christlichen Herzen, entsprossen dem
lebendig gewordenen Worte, der Stamm ist des Lebens Wuchs, das den Himmel sucht,
die ste die einzelnen Verrichtungen, welche das Leben fordert. Dieses
Einswerden in sich ist auch das Einswerden mit Gott, unser Ziel auf Erden, zu
welchem Christi Fustapfen fhren, aber wohlverstanden nicht diesseits, sondern
erst jenseits.
    Weit kommoder als dies ists freilich, wenn man annimmt unser Fleisch sei
unser Gott, und was das wolle, sei recht; da ist die Einheit rasch da, aber es
ist die Einheit, welche bereits in der Maus und in der Katze, im Hunde und im
Hasen ist.
    Kommod ists wieder, wenn man unser Fleisch fr einen drren Ast erklrt, der
nichts mehr zu bedeuten htte, also den Glauben oder den Geist nichts anginge,
so da was allfllig noch mit ihm vorginge, ehe er vllig zu Staube wrde, sie
nicht im mindesten zu verantworten htten. Das ist den Worten nach zwei, aber
dem Wesen nach eins; es fhrt beides zu der Einheit, welche im Tiere ist, aus
welchem wir uns emporwinden, aber nicht in Gott, zu welchem wir emporsteigen
sollen.
    Gar Manche aber auch meinen, der aufgespeicherte Same sei das Ackerfeld
selbst, und denken nicht, da was im Spycher wchst, Auswuchs oder Wrmer sind.
Was im Spycher ist, mu man, whrend es gesund ist, mahlen, dann gibt es
gesundes Brot, wird zu Fleisch und Blut in gesunden Krpern, oder man mu es
eben wieder aufgehen lassen in des Lebens Ackerfeld zu neuer Frucht, zur Frucht,
die bis in den Himmel reicht.
    Es sprote in Anne Mareili, wie nach einem fruchtbaren Gewitterregen, wenn
im Westen durchs Gewlk die Sonne bricht, whrend im Osten der wunderbare
Gnadenbogen sich wlbet. Es war auch ein Durchbruch. Aber wenn es sprot, so
streckt der Stamm seine ste doch noch nicht bis in den Himmel hinein, und eben
den Sprlingen ist der Reif am gefhrlichsten.
    Als der letzte Gesang vorbergerauscht, der Pfarrer den Segen gesprochen,
der Sigrist die Tre geffnet, ging Anne Mareili ungern aus dem khlen,
friedlichen Hause hinaus ins heie, staubige Leben; es fhlte eben in sich Leben
wogen, Gefhle kreisen, der heiligen Stunde htte es so gerne abgewartet
innerhalb den stillen, heiligen Mauern. Wer aber sein Leben drauen hat, nicht
drinnen, wer sein Gehr anstrengen mu, seine Sinne zusammenhalten, die, wie ein
Trupp wilder Buben, sich nicht gerne stille halten an einem Orte, der mag wohl
kaum warten, bis der Pfarrer schweigt, der Sigrist ds Loch aufmacht fr die
ungezogenen Buben, die hinausfahren, ehe er es noch recht offen hat. Anne
Mareili mute mit den Anderen hinaus und trappete ins Dorf hinein, ohne da es
durch etwas gezogen ward, ohne da es wute, wohin es wollte; innerlich war
seine Seele gekehrt. Aber seiner selbst war es nicht lange; erst rief ihm die
Krmerin, kramen sollte es, dann riefen ihm zwei Gefhrtinnen, eine Halbe zahlen
sollte es, dann kam die Wirtin und rief, dGeiger seien da und trnken nur noch
einen Schoppen, die Halunken meinten, sie knnten keinen Zug tun, wenn sie nicht
den Kragen voll htten, sie sollten doch ja nicht weiter, im Augenblick ginge es
an. So umarfelte die Welt das Meitschi von allen Seiten, zog es dem Strudel
wieder zu, an dessen Enden es sich gewiegt hatte; es ging hinein, es wute nicht
anderswohin, hatte keine Ausrede bei der Hand, und wer wei, ob die Wirtin nicht
etwas fr ihns wute, Aber stille war es, die Welt berwltigte sein Sinnen
nicht, die uern Eindrcke berfluteten es nicht, der Wein ersufte es nicht,
die Geigen bertnten es nicht, und als die andern Mdchen hinaufgingen, um zu
sehen, ob Schrei da sei, sagte es: Etwas Grechts sei nicht da, ppe es paar
Buben, die nicht drei M Krsch hoch seien und die tanzen mten, wenn niemand
anders da sei, wenn es ihnen nicht gehen solle wie Heustffeln in den Erdpfeln,
die, sie mchten springen wie sie wollten, doch nicht voraufkmen. So blieb es
sitzen, und alsbald war die Wirtin bei ihm und strkte ihns, da es nur
standhaft bleibe, einen Brvern bekme es nicht, sie wisse es, und vom
Kellerjoggi wisse sie Sachen, wenn sie bewiesen wren, so wre der wohl alt
genug. Sie wollte lieber eine lebendige Krte zum Manne und noch dazu eine
geschundene, als so einen alten Kellermoloch. Mehr konnte die Wirtin nicht
sagen, andere Gste nahmen sie in Anspruch. Anne Mareili zahlte, ging; was es
gehrt, ging ihm ber Geigen und Tanzen.
    Mehr und mehr festigte sich in ihm der Entschlu, der Heirat mit dem
Kellerjoggi, wenn sie wieder auf das Tapet kommen sollte, sich ernstlich zu
widersetzen, wars doch keine Not, sondern nur Zwang, den Eltern an sich selbst
nichts geholfen, sondern nur den Reichtum der Brder vermehrt, die deshalb um
nichts besser mit ihm gewesen wren. Wollten sie ihm Resli nicht lassen, in
Gottes Namen, darein wollte es sich fgen, und doch zog es ihns immer inniger
nach einem Hause, wo Friede sei und Gengen, Gott Hebel und Sonne, wo mit Gott
begonnen ward der Tag und mit ihm geschlossen. Da, dechte es ihns, wre ihm
wohl, wre ihm, als wenn es kme unter ein sicher Obdach aus finsterem Walde, in
welchem Ruber ihm nachgestellt, wilde Tiere gebrllt, giftige Schlangen durchs
Gras gekrochen; da wollte es beten und gehorchen alle Tage seines Lebens, keine
Unantwort mehr geben, keine saure Miene machen nimmermehr. Und es gaukelten vor
seinen Augen die lieblichsten Bilder, wie es dort schaltete und waltete, ein
treu Shnisweib war und der Eltern wartete, wie es ein lieb Weibchen war, mit
dem Manne freundlich tat und er mit ihm, wie es alles anstellte und gerhmt ward
von allen Leuten.
    So verschwammen ihm immer mehr Himmel und Erde und beide waren eins. Reslis
Haus ward sein Himmel und im Himmel schien ihm Reslis Haus, und so wanderte es
langsam, gedankenvoll dahin, bis rohes, wildes Bellen ihns weckte; es war ihr
roter Mutz, der alle Vorbergehenden neckte. Ach, wie viele Himmel gibt es
nicht, aus denen ein roter Mutz mit Bellen uns verjagen, ja manchmal eine
einfache Katze, braucht nicht dreifarbig zu sein, mit Miauen uns verjagen kann.
Dort stand es lange und schaute ihr Haus und rechnete zusammen, was alles darin
sei, wie man es haben knnte, wie man es htte und wie das Guthaben nicht
abhnge vom Garbenstock, nicht vom Heustock, nicht vom Schmutzhafen, nicht vom
Geldseckel, und wie es ihnen nicht bel ginge, wenn alles dies verbrennen tte,
indem sie es bser nicht htten, vielleicht besser, denn man kme wahrscheinlich
der Wanzen los. Aber was am meisten schmerze, was einem Haus und Bett verleide,
dieses verbrenne das Feuer nicht, wasche das Wasser nicht weg, dieses sitze an
einem Orte, wo irdisches Feuer nicht brennt, wohin Wasser nicht reicht, und
triebe man es auch mit Spritzen von allen Seiten. Aber da es eben hier geboren
worden, hatte das nicht auch Gott gewollt, und wenn es eines Spittlers Tochter
gewesen, in Schmutz und Hudeln, htte es Resli je angesehen? Sollte es murren,
undankbar sein? Nein, das wollte es nicht, wollte anerkennen und dankbar sein,
wollte Resli entsagen, wenn es sein mte, aber wollte den Kellerjoggi nicht um
kein Lieb, keinen Preis. Zu der Brder Hung sei es nicht geboren, es stehe
nirgends in der Gschrift, da das Gottes Wille sei.
    Die Sonne senkte sich, und Anne Mareili ging heim, ziemlich ruhig, was auch
der Vater heimbringen mchte, denn nur solange man nicht gefat zu sein meint,
whrt die Angst; ob man dann aber auch wirklich gefat sei, wenn man auch gefat
zu sein glaubt, das ist eine andere Frage.
    Von weitem schon kam ihm ihr Mutz entgegen und rnggelete mit dem Schwanz,
so weit es ihm mglich war, denn wenn er schon ein wster Hund war, so war er
doch dankbar. Still wars sonst ums Haus, blo die Enten schnaderten in der
Mistglle und die Schafe blkten zum offenen Gatter hinaus; die Jungfrauen aber
waren, wie die Mutter richtig gesagt, noch weit von heim, werden wahrscheinlich
auch in irgend einer Mistglle geschnadert haben. Die Schweine grunzten
gewaltig, als es bei ihnen vorbeiging; sie wuten auch, wer es war, und als es
in die Stube trat, berzete auch die Mutter im Nebenstbli, durch das Raxen der
Tre aus ihren Trumen gestrt. Es ist meist so, da wo der Bauer ein Raxer ist,
da raxet und gyret alles; da raxet das Tennstor, die Wagenrder, die Stuben-,
die Gnterlistre, ja selbst der Hosensack.
    Bist dus? fragte die Mutter und zog die Kappe wieder zweg, was ist fr
Zeit ? Es wird Zeit sein zum Feuern, geh und mach zweg; es mu zweggmacht sein
fr die Su, u fr us geyhts de grad i eym, u was de nit da ist, cha hingernache
luege.
    Anne Mareili, ein getreuer Adjutant, jedoch ohne galonierte Hosen (die
Obersten sollen galonierte Schnuze kriegen nchstens, an Geflemmten wolle man
den Effekt probieren, heit es), ftterte die Schweine an der Mutter Statt. Wie
es eben dran war, den Trog zu putzen, kam der Vater daher, tat die Tre auf zum
Stall, und wie Anne Mareili das Herz klopfte, whrend der Vater die Schweine
besah, aber nicht wegen den eigentlichen Schweinen, sondern wegen Kellerjoggi,
das begreift niemand, als wem einmal an Vaters Lippen ein Urteil gehangen hat,
das, wie eine Karttsche in den Leib, schlagen konnte in das Lebensglck. Die
tun nicht bs, sagte er; am kalten Mrit knnen wir zwei vorab den
Burgdorf-Metzgern geben, ppe eim, der Geld hat; wenn wir die andern ausmsten
bis Lichtme, so wiegt jede drei und einen halben Zentner, und wennd morn
mitwillst druf, so mach, da du vor den Fnfen zweg bist.
    Man sagt bald, es sei einem gewesen, als ob Feuer durch einen durchgefahren
oder als ob man einen mit Wasser beschttet htte ber und ber, aber wie es
Anne Mareili war, das konnte es nicht sagen. Es wute nicht, tanzte es mit dem
Sutrog oder fuhr es mit samt dem Haus durch die Luft, und ehe es begriff und
antworten konnte, war der Vater fort und gab den Rossen zu fressen, brummend
ber die Liederlichkeit des jungen Volkes, das um sechs Uhr noch nicht heim sei,
nicht ausgehudelt habe, wohl, denen wolle er. Er dachte halt nicht daran, da
jeder meinte, der Meister, weil er so frh ausgegangen, werde auch spt
heimkommen, darnach sich richtete und verrechnete, so gut der Meister sich
selbst verrechnet hatte. Der war auch ausgegangen, um zufllig den Kellerjoggi
anzutreffen, und traf denselben richtig auch an, aber nicht wie er gehofft
hatte. Derselbe tat gar kaltbltig, weder verblfft noch zornig, brachte es ihm
schn, als er hineinkam, sagte blo im Vorbeigehen, er sei letzthin nicht
gekommen, er htte ppis Rckeweh gehabt, aber die andere Woche werde es sich
wohl geben, wenn er ppe Zeit htte. Der Dorngrtbauer nahm das hin und sagte
blo, er wisse nicht, was es gebe, knne nichts versprechen, es gebe manchmal
etwas ungsinnet. Darauf sprach er von gleichgltigen Dingen. Wie er den Schoppen
aus hatte, brach er auf, gb wie man ihn bleiben hie. Er msse gehen noch etwas
schauen, sagte er, wenn es einem an etwas gelegen sei, so msse man gehen,
whrend es noch Zeit sei, mit dem Warten habe man schon manches versumt, dann
sei man reuig und es ntze doch nichts. Das ging dem Kellerjoggi hinein; er
drehte die Rede lang um und um und dachte: Ist das ghaue oder gstoche? Er wird
einen nur glustig machen wollen, meinte er endlich, aber er ist am Ltzen; wenn
die Katzen Muse fangen wollen, so mssen sie der Sache wohl abpassen. Aber zu
listig kann man manchmal auch sein, und Abpassen und Verpassen ist einander nahe
verwandt.
    Anne Mareili konnte vor Freuden der Mutter den erhaltenen Bericht fast nicht
sagen, setzte aber doch hinzu: Mutter, gehe du mit dem Vater; du bist so lang
nie von Hause weg gewesen und noch gar nie dort oben.
    Die Mutter hatte es ungern, da der Vater das Meitschi auserlesen, und
zrnte es, wie es so geht, auch an der Tochter, die sich dessen nichts
vermochte. Wenn er mich wollte, sagte sie, so htte er es mir anerboten; aber
ich wei wohl, er schtzt mich nichts und schmt sich meiner, und wenn er mir
jetzt schon zehn Batzen geben wollte, da ich mitgehen sollte, er knnte mir
kderlen. Das wre zu probieren gewesen; aber was der Bauer einmal wollte,
daran war wenig mehr zu ndern, und an diesem gar nichts. Die Mutter hatte
allerdings recht, er schmte sich ihrer, sie war ihm zu ungattlich und redete
ihm nie recht. Gab sie ihm recht, so war es ihm nicht recht, widerredete sie
ihm, so ward er erst bse. Sie hatte es bs treffen. Seine hbsche Tochter hatte
er viel lieber neben sich; er hatte eine gewisse Meinung mit ihr, die sich in
ihrem Grunde nicht viel von der Meinung unterschied, die man mit einem schnen
Ro hat oder einer aparti stolzen Kuh und da man lieber mit einem Englnder
ausfhrt als mit einer Mhre, welche halb von den Musen gefressen ist. Er
schmunzelte allemal, wenn einer sein Meitschi wohlgefllig ansah. Gll,
httischs, dachte er; er empfand so eine Art Galgenfreude, wenn er sein Meitschi
wie ein Stck Speck dem Mannevolk einen ganzen Tag lang durchs Maul ziehen und
bei jedem denken konnte: Der nhms auch, aber oh!
    Ganz anders hat es ein alter Kusi, wenn er eine schne junge Frau neben
sich hat. Jeder freundliche Blick, den sie erhlt, geht ihm wie ein Stich durchs
Herz; was haben die zusammen, denkt er allemal, wenn die einander nicht kennten,
sie htten sich nicht so angesehen, da mu etwas sein. So kriegt er lauter
Stiche ins Herz, da wenn dasselbe nicht wre wie altes Hndscheleder, dasselbe
ganz verlchert wrde. Geht er aber ohne sie, so stechen ihn seine eigenen
Gedanken, und alle Augenblicke mu er denken: Was macht sie jetzt?
    Wen sieht sie jetzt? Wer ist wohl bei ihr, der Tfels Tsche ? So wird er
gestochen, er mag mit ihr fahren oder sie daheim sitzen lassen; geschieht ihm
aber recht, ist Strafe fr den Glust.
    Anne Mareili freute sich gar unbeschreiblich, je unverhoffter und wie
ausgemacht sein Glck, wie ein Engelein aus dem Himmel, ihm vor den Fen stund.
Es hrschete in der Kche herum, da die Mutter es daraus schicken mute; es
kehrte in seinem Stbchen das Oberste zu unterst, und als es den Schaden umsah,
hatte es lauter alte Rustig fr morgen zweggelegt und alles, was es wollte,
wieder in den Schaft getan. Es wollte nicht guggelhaft erscheinen, sondern so
recht ehrbar und anstndig, wie es sich ziemt. Das ist aber fr ein Meitschi ein
schwer Ersinnen, wenn es dieses nicht von Jugend auf seiner Mutter absehen kann.
    Es ist wohl nicht bald etwas so schwer, besonders wenn es ersinnet werden
mu und nicht angewohnt ist, als sich immer so zu kleiden, da weder etwas
Nachlssiges noch etwas Narrochtiges zum Vorschein kommt, da jedermann sagen
mu: Das kmmt doch tusigs brav daher, geng wie us eme Druckli use, nt zviel,
nt zwenig. Gb wie leicht ein Bndeli zviel, eins zu wenig, etwas Schmutziges
oder etwas Glariges, etwas Zerrissenes oder berflssiges, so ist alle Mhe und
Arbeit umsonst und man wird Schlrpli oder Guggel tituliert, und diese Titel
werden weit hufiger ausgeteilt, als man glaubt, und an Mdchen, die sich das
nicht trumen lieen. Es ist aber auch wirklich schn, ein himmelschreiend
seiden Frtuch und kuderige Strmpfe dazu, oder ein schner weier Lampihut mit
Federn oder Ltschen vom Tfel und ein blau oder wei Band daran, das man mit
keinem Stecklein anrhren mchte, oder schne schwarzseidene  jour-Handschuhe
bis an die halbe Hand, hinten an den Fingern goldene Ringe und vornendran Klauen
wie ein Habch, oder eine goldene (wenigstens gelbe) Kette um den Hals und Dreck
hinter den Ohren, oder  jour-Strmpfe und verkniepete Schuhe und gwunderige
Ferseren. Es ist wirklich eine strenge Sache fr ein Meitschi, eben recht in
allem zu sein, zu machen, da alles nicht blo zusammen, sondern auch zu Zeit
und Ort pat, da es nicht zum Nachtmahl geht zum Beispiel wie ein Pfau, der
zHimmel fliegen will, oder im Winter wie ein Sommervogel und schn himmelblau
und schnadelig im Gesichte. Aber am allerschwersten mag es doch sein, sich recht
zu kleiden, wenn man auf die Gschaui reitet; wenn je, so pat hier ein alt
Sprichwort: Zu wenig und zu viel verhhnt alle Spiel. Eine alte Frau sieht
scharf, sieht, was hinter den Ohren ist oder hier oder dort, was man nicht sehen
soll, und eine alte Frau ist oft wunderlich, und wenns der einen recht wre, ist
es der andern nicht.
    Anne Mareili hatte einen natrlichen Sinn fr das Rechte und die nicht zu
kaufende Gabe der Nettigkeit; es stund ihm alles wohl, es strahlte so gleichsam
aus den Kleidern heraus, und doch sah man gar nicht, da es angewendet, da es
gedacht: Helf, was helfen mag! Es war meist alles so, da man meinte, es msse
so sein und nicht anders, es htte gleichsam gerade so von selbst sich
verstanden. Was ihm aber die Sache sehr erschwerte, war, da es nicht kaufen
konnte was es wollte, sondern da ihm sehr viel Kleider kramsweise zukamen, bald
vom Vater, bald von der Mutter; manchmal war es dabei, manchmal nicht, und weder
der Vater noch die Mutter hatten je von Geschmack gehrt, sie wuten nur, was
steych und was wohl schmck, und meinten, was sie schn dech, sei schn, und
schn dechte sie, was himmelschreiend war oder was wohlfeil war und doch, wie
sie sagten, in die Augen schien. So krameten sie manchmal, da es Anne Mareili
das Wasser in die Augen trieb, whrend es schn danken mute. Und was sie
gekramet, das mute es auch tragen, sie zrnten es sonst an ihm. Das Dmmste
mute es einige Male tragen, da die Eltern es sahen. Das tat es denn auch etwa
als Gotte an einem Nebenausort oder in der Nhe herum, wo es wohl bekannt war,
oder in der Familie, wenn es an irgend ein Mahl mute. Hatten sie es so gesehen,
so vergaen sie es und es konnte sich desselben wie, der entledigen auf
beliebige Weise.
    Man kann sich daher denken, da die Wahl Mhe kostete, besonders da die
Toilette eines Bernermdchens da anfngt, wo eine vornehme Dame noch gar nicht
daran denkt, beim Hemde nmlich; das Hemd bildet eine der kstlichsten Zierden.
Ich wei nicht, wie Kniginnen Hemder tragen; selbst von der Viktoria ihrem, von
der sonst allerlei in den Zeitungen stand, habe ich nie etwas gesehen oder
gehrt, aber ich bin berzeugt, sie wrde es kaum merken, dem Stoffe nach, wenn
man ihr eins von einer Berner Bauerntochter leihen wrde, eins nmlich, wo rmel
und Stock vom gleichen Stcke wren, was freilich nicht immer der Fall ist, wie
es bei Wschen an den langen Seilen zu sehen. Es ist halt in allen irdischen
Dingen gerne Bschi. Aber das bin ich berzeugt, da manche Hofdame und manch
ander adelich Ding gar keine solche Hemder hat und es ungern htte, wenn man
wte, wie manches sie hat und welche. Die Hoffart im Hemde ist die schnste
aller Hoffarten; das reine, feine Hemd ber dem Herzen soll dem Mdchen eine
tgliche Predigt sein, da es auch rein bleiben msse unterm Hemde, denn was da
unten werde gesponnen, auch noch so fein, das msse einmal an die Sonne.
    Die Mutter hatte es recht bse an selbem Abend und ward daher rumpelrurrig
aus dem ff. Anne Mareili war hell nichts fr sie und keine Jungfrau kam heim,
sie mute die Sache alleine machen. So Jungfruleni kommen nicht heim, solange
eine Geige geht, solange noch Hoffnung zu einem Schick vorhanden ist; so
Jungfruleni haben selten Sinn fr ihre Pflicht und christlichen Ernst im Leibe,
sie haben nichts im Leibe als den Sinn der Mcke, die auch nichts kann als
tanzen, und zwar am liebsten um ein Licht, bis die Flgel verbrannt sind. Dann
ists mit dem Tanzen aus und ein elend Raxen fngt an, das whret, bis endlich
der Tod kmmt. Was dann aber auch an einem solchen Abend, wo sie alles alleine
machen mu und am Morgen eine Andere dafr ausfahren kann, eine Mutter abzerrt,
man glaubt es nicht, wenn man es nicht gehrt hat. Es kmmt ihrer Umgebung wohl,
da sie gewhnlich alle ihre Vorstze unterm warmen Federnbette verschlft,
sonst wahrhaftig, es wrde geschehen, da man an einem schnen Morgen statt
Hammen und Speckseiten lauter Jungfrauen im Kmi knnte hngen sehen und statt
der Wrste die Geiger.
    Anne Mareili konnte lange nicht schlafen, es war ihm viel zu hei in seinem
Stbchen, und wenn der Schlaf kommen wollte, so kam die Angst auch, die hrte
dann donnern oder regnen. Anne Mareili fuhr auf, steckte die Nase zum Lufterli
aus, husch! war der Schlaf entflohen. Dann kam er leise wieder, drckte leise
ihm die ugelein zu; pltzlich fuhr Anne Mareili auf und schrie: Halt, tti,
halt, Herr Jeses, Herr Jeses, mr falle, lue doch ds Bord! Da sa es dann ganz
verblfft im Bette, wenn es merkte, da kein Bord da war, schmte sich vor sich
selbst, huschte unter die Decke, der mitleidige Schlaf erbarmte sich seiner
wieder, drckte leise die Augenlider nieder, ein angenehm Schnarchen lie
liebliche Tne hren. Da pltzlich ein lauter Schrei, und bolzgerade stand Anne
Mareili im Bette und schrie: Hb, tti, hb, dr tusig Gottswille, hb, hb,
lue, der Kohli het Fecke und wott flge! Das lcherete wohl den Schlaf, aber
boshaft ist er nicht, er ist der Menschen mildester Freund auf Erden. Alle
Abende kmmt er mit Bechern voll ser Labung und strket die Menschen zu neuem
Tagewerk. Wie eine treue Mutter zum dritten und vierten Male ansetzt, einen
heilenden Trank dem kranken Kinde einzuflen, so tut auch der Schlaf. Nur wo er
wei, da einem recht not tte, an den Himmel zu sinnen Tag und Nacht, weil gar
zu weit er noch von der engen Pforte ist, da kmmt er nicht, da gibt er dem
Menschen Zeit zum Sinnen. Aber gar viele Menschen verstehn ihn nicht und sinnen
nur an die Welt, deren eben das Herz voll ist.
    Zum dritten Male aber kam er zu Anne Mareili wieder, nahm aber diesmal se
Bilder mit, ob denen Anne Mareili nicht erschrak, in die mit ser Wonne es sich
versenkte; denn lieblich wurden seine Mienen, ein Lcheln schwebte ber ihnen,
dem sen Dufte gleich, der aus den Blumen steigt. Der schnste Tag brach an, es
merkte ihn nicht, goldene Sonnenstrahlen gwunderten bers holde Mdchen hin, sie
weckten es nicht, sie glnzten in seine Trume hinein, zauberten den sesten
Tag herauf, den es je erlebt. Aber wie die schnsten Tage gewhnlich mit
Gedonner enden, so fuhr in seinen schnsten Traum auch die Stimme der Mutter:
Seh wennd doch mit willst, so steh auf, das ist doch afe kei Manier, im Bett
liege, bis man fort will, und alles a mih z'la!
    Da tat Anne Mareili einen Satz wie ein Ro in der Schlacht, wenn ihm eine
Bombe oder sonst etwas auf den Kopf fhrt, stand mitten im Stbchen, wute aber
lange nicht, wo es war, bis es den Tag vor den Fenstern sah und die Kleider
rings auf Tisch und Sthlen. Herr Jeses, Mutter, hab' ich mich verschlafen,
sagte es, und doch so frh auf wollen! Zrn doch recht nicht, ich bin gleich
zweg.
    Mit dem Dorngrtbauer war nicht zu spaen, und wenn einer ein streng
Regiment fhrt, so tut er alles eher als warten, das wute Anne Mareili und
hexete sich zweg, man wute nicht wie, aber als es fertig war, rann ihm der
helle Schwei von der Stirne. Es kam ihm wohl, da sein Gesicht das Schwitzen
erleiden mochte, was bekanntlich nicht alle Gesichter vermgen, und da es sich
schicken konnte, ohne eben zu pfuschen, was eben wieder gar Wenige knnen. Das
Letztere ist eine Eigenschaft, welche von Jugend auf erlernt werden sollte, und
besonders von den Meitscheni, es fehlt aber gewhnlich der Lehrmeister dazu.
Ferner kam ihm wohl, da es den Kaffee brhhei trinken konnte, was aber eine
Unart ist, welche bekanntlich fast alle Tochter von ihren Mttern lernen knnen,
denn schon war der Vater fertig, nahm die Geiel und ging; das hie so viel als:
Ich fahre, wer mit will, kann zusehen.
    Krieg macht fltig, der Friede lssig. Anne Mareili war getrllet und hatte
daher etwas von einem Soldaten an sich, der auch zweg sein mu und nichts
vergessen darf, wenn die Trommel geht oder es heit, der Feind sei da. Darum
trllet man die Soldaten im Frieden, und wenn getrllet wird, so ist das eben
nur Trllen und nicht Kriegen. Freilich geschieht es oft, da Trllen fr die
Hauptsache angesehen wird und ein Trllmeister fr ein Hauptkerl, besonders wenn
er similorige Epauletten hat und allfllig noch schreiben kann und Kolonne
machen, auf dem Papier nmlich, im Kriege ist dann aber all nichts und ds
Trllen ist vergessen. Hat man doch schon oft whrend dem Trllen von einem Tag
zum andern Tag alles vergessen, was man befohlen hat oder was befohlen worden;
wie sollte man dann nicht alles vergessen haben, wenn der Krieg kmmt, wirket
doch kaum was so eigen auf das Gedchtnis, als wenn es blitzt, als wenn es
kracht. Und wenn das Hauptquartier mit dem schlechtesten Beispiel vorangeht, was
darf man dann vom gemeinen Soldaten fordern? Die Haupttrll ist aber immer die
frs tgliche Leben, wo Vater und Mutter die Trllmeister sind; die ist nicht
blo gut frs Gvtterle, die ist zu allen Dingen nutz; wer aber diese Trll
nicht empfangen hat, ist ein Ldi frs Leben, ein Meisterlos, ein Zaaggi: soll
er laufen, so hat er die Strumpfbndel vernistet, soll er schieen, so hat er
kein Pulver, oder hat er gar das Unglck, in die Regierig zu kommen, so macht er
die Weibel tubetnzig, die Schreiber ds Teufels, die Geschfte zu einer
verhrschete Strange; dabei wird es ihm am Reden nicht fehlen, von wegen je mehr
einer zaagget und hrschet, desto mehr redet er gewhnlich und manchmal sogar
schn.
    Anne Mareili war gut getrllet, absonderlich vom Vater, der fr niemand
Nachsicht und Geduld hatte; wer mit ihm fahren wollte, mute zweg sein; war er
fertig, so sa er auf, und sa er oben, so sagte er H!, und wer nicht fertig
war, konnte nachspringen oder daheim bleiben. Bei ihm htte noch manches Ding,
Frau oder Tochter, das Schicken gelernt und das Springen.
    Es war daher fertig, wunderbar schnell (oh, was die Meitscheni sich schicken
knnen, wenns sein mu nmlich, man glaubt es nicht); es hatte weder das Nastuch
vergessen noch die Brasselets zu den Myten, welche es freilich erst auf dem Wege
von der Kche zum Wgeli anzog; aber als der Vater absa, hatte es schon den Fu
auf dem Tritt, und in diesem Fall war er doch nicht Hungs genug, zu sagen H!;
er wartete dann, bis man wirklich niedersa. Die Mutter trappete, trotzdem da
sie daheim bleiben mute, nach bis zum Wgeli; sie hoffte auf ein freundlich
Abschiedswort von ihrem Alten. Da ihr mir dann heute fertig werdet mit
Werchziehen, sagte dieser, und spreitet es dann sogleich auf dem Moosacker,
da es aber gemacht sei, wenn ich heimkomme. H, Kohli! Und nachdem er ein paar
Male ausgeschlagen, zottelte endlich Kohli taubschtig seines Weges. Er ist u
blybt e Weste, brummte die Mutter und ging zur Kche; aber ob sie den Kohli
meine oder ihren Alten, darber erklrte sie sich nicht nher.
    Ein wunderschner Morgen wars, als vom Dorngrt weg Vater und Tochter
fuhren, einem verhngnisvollen Tage entgegen. Hell schien die Sonne, kohl war
die Luft, in ppiger Mannigfaltigkeit glnzte die in reichem Taue perlende Erde,
und nach und nach ward auch der Kohli heiterer und trabte munter von hinnen.
    Es hat was Eigenes und wirkt auch eigens ein auf unser Gemt, unserem Glck
entgegenzutraben in frischem, hellem Morgenwinde. Mancher Fhnrich hat dies
erfahren, der in den ersten Morgenstrahlen mit frhlichem Trompetenklang seiner
ersten Heldentat entgegenritt. Des Feindes Feldmarschall wollte er zusammenhauen
in Mitte der Armee, wollte der Erste sein auf dem Mauerkranze, der Erste auf der
feuersprhenden Batterie, und wie immer enger und enger das Herz sich
zusammenzog, je nher die Stunde der Tat anrckte, wird er ebenfalls erfahren
haben. Das Gleiche hat mancher Schtze erfahren, der lange von Bechern, Stutzern
und Goldbarren getrumt, an schnem Morgen dem ersten Schieet entgegenfuhr in
grnem Kleide, im Jubel der Gefhrten. Wie er auf den Platz der Ehre kam, da
dutterte ihm das Herz, es zwirrte ihm vor den Augen, so klein war die Scheibe,
so weit der Stand! Gerne htte er das Schieen aufgeschoben, aber es rennt von
dannen die Zeit; dann trinkt man sich Mut ins Herz, will mit Vierunddreiiger
den Schlotter aus den Armen treiben, und doch zittert der Stutzer in der Hand;
ob man den Zweck von oben oder von unten zu nehmen habe, wei man nicht mehr,
und aus dem Stutzer fhrt der Schu, man wei nicht wie und nicht wohin. Allweg
nicht in den Zweck, oft nicht einmal in die Scheibe.
    Was eines Mdchens Herz bewegt, wenn es bald, bald am Ziele ist, welches es
mit ganzer Seele erfat hat, kann man sich denken. Aber wie es schlgt, wenn es
einer Hlle entronnen und dem Himmel entgegenfhrt, bald, bald ihn erreicht, das
kann nur der recht sich denken, der auch einmal vom Hllentor weg noch gen
Himmel fuhr. Aber je nher man dem Himmel kommt, desto mehr will es einem
schwindeln, desto mehr ngstigt die Kluft, welche noch zwischen uns und dem
Gestade liegt, desto mehr fllt uns ein, was uns am glcklichen Landen hindern
knnte. Wenn der Kornet in die Schlacht reitet, so ist es Gott und er, welche
die Sache ausmachen, und steht der Schtze im Schiestand, so ist zwischen
seinem Stutzer und der Scheibe nichts als ein bichen Luft. Ehedem kam noch
manchmal der Zeiger dazwischen, jetzt ist dem auch abgeholfen. Wie viel schwerer
hats ein Mdchen, neben dem ein zwngischer Vater sitzt mit apartigem Kopf, und
das auf Gschaui zu einem jungen Burschen fhrt, wo Vater und Mutter und
Geschwister sind und wahrscheinlich alle mit apartigen Kpfen, und diese Kpfe
alle haben etwas zu sagen, knnen sich stellen zwischen ihns und sein Ziel!
    Der Vater sprach nicht viel, er dachte seinem Ladenhandel nach; die Tochter
sprach in dem Mae noch weniger, als ein Herzhandel das Herz mehr angreift als
ein Ladenhandel. Manchmal schien ihr der Kohli so langsam zu gehen, da ihr ein
H, H nach dem andern auf die Zunge kam, und manchmal schien ihr, als kriege
derselbe Flgel und msse sie rufen: O tti, tti, hb, hb! Auf einmal hielt
der tti wirklich still. Herr Jemer, wo sy mr? rief Anne Mareili, welches
pltzlich die Angst ankam, sie seien schon an Ort und Stelle. ZHerrlige, sagte
der Vater, gab dem Stallknecht das Leitseil und sagte ihm: Spann aus, und das
Ro bleibt ber Mittag hier. Jetzt wute Anne Mareili, da es absteigen solle
und da Liebiwyl in der Nhe sein msse. Dem Rosse nach ging der Vater in den
Stall, und Anne Mareili stund zwischen Wgeli und Wirtshaus, wute nicht was
machen, und als das Stubenmeitli ihns hineinkommen hie, sagte es, es wolle dem
Vater warten, es wisse nicht, was der im Sinn habe.
    Der hatte im Sinn hineinzugehen, wie es sich erzeigte, und Anne Mareili
folgte ihm. Drinnen kannte ihn der Wirt, tat erfreut, ihn zu sehen, und frug,
was ihn Apartes einmal in ihre Gegend bringe, wo man ihn sonst nicht zu sehen
pflege. Der Dorngrtbauer tat vertraulich und sagte, er htte noch etwas an Holz
und Laden ntig und gedacht, er wolle hier durchkommen, er (der Wirt) knne ihm
vielleicht raten, wo er es am besten und wohlfeilsten finde. Mit dem Holz ist
es bs, sagte dieser, es geht alles fort, wir knnen ihm nachsehen und bald
unser eigenes nicht mehr sgen lassen. Die Sager sgen auf den Kauf hin, und uns
Bauern lassen sie warten, bis die Wrmer im Holze sind, und gb wie wir bitten
und fluchen, so zpfeln sie uns nur aus. Drre Laden oder Holz sind rar, ppe
hie und da noch ein Bumchen bei einem Bauer, aber nicht oft, vielleicht hat der
Sager im Taubloch noch etwas. Ists wyt? fragte der Dorngrtbauer. O nein,
keine Viertelstunde, da zvorderst im Graben, antwortete der Wirt. Es ist mir
gesagt worden, der Bauer zu Liebiwyl htte immer Vorrat, sagte der Dorngrter.
Das ist, antwortete der Wirt, der hat immer, aber nicht auf den Kauf hin, nur
hie und da gibt er jemand zGfallen. Kennt Ihr ihn? Nein, sagte der Bauer.
Sein Sohn wurde an der Brunst zu Aufbegehrige geprgelt und blieb liegen,
unsere Leute fanden ihn und brachten ihn heim; der hat gesagt, wenn wir etwas
mangelten, so sollten wir nur kommen, wenns der tti htt, so mete mrs ha.
Aber ich wei, wie das ist, zGfalle geben! Mrten darf man nicht, und wenn man
einen betrgen kann, so spart mans nicht.
    Habt nicht Kummer , sagte der Wirt, wenn Euch der Sohn dies gesagt hat,
so findet Ihr dort, was Ihr wollt, und wie nirgends wohlfeil und gut. Sie htten
sich nicht dafr, wie unkommod es ihnen wre, nicht zu halten, was der Sohn
gesagt. Das sind noch apartige Leute, wenn alle so wren, so knnte unsereiner
noch sein in der Welt. Ich nehme ihnen fast alle Klber ab, und ppe was billig
ist, nehmen sie gerne, aber mehr als etwas wert war, mute ich nie zahlen und
erhielt die Sache recht, und wenn sie etwas kaufen, so zahlen sie, was billig
ist, und plagen einen nicht mit Mrten, da es einem decht, man mochte ihnen
fnf Finger Usgwicht geben. ppe ungsorget darf man Schweine von ihnen kaufen
auf Gewicht, man wird nie Steinkrtten voll Kieselsteine in den Drmen finden.
Mit denen ist noch z'handeln, aber sonst ist mit den Bauern fast nichts mehr zu
machen, sie glauben bald keinem Wirt mehr etwas. Nt fr unguet z'ha! Es werden
die Bauern ppe auch alle Tage witziger, und sie mssens, wenn sie die Haut
unter den Ohren behalten wollen und es ihnen nicht gehen soll wie den Hasen, die
immer rarer werden, je mehr Jger es gibt. Sind die Leute reich? Ja,
antwortete der Wirt, das sind noch Bauern, wie ehedem gewesen, haben noch Wrze
hngen nicht zu oberst in den sten und mssen nicht wie so Viele jetzt, wenn
sie drei Dublonen mangeln, um Geld aus und um Milch, wenn sie ein Kaffee machen
mssen ungsinnet. Ho, sagte der Dorngrtbauer, es wird doch dere noch mehr
geben, welche einen Tropf Milch brig haben und einen Kreuzer Geld, und mgli
wrs, da dWirte auch noch oft froh darber sind, wenn sie Geld bei Bauern
finden oder eine Kuh, und manchmal zwei, dings haben knnen. Es gibt auch
beider Gattig, sagte einlenkend der Wirt, aber wenn ich raten kann, so geht
dorthin, reuig werdet Ihr nicht werden. Allweg, sagte der Bauer, will ich
zuerst zur Sge, liegt beides an einem Wege? Nein, sagte der Wirt, dort bei
jenem Haus mit dem roten Dache gehen sie voneinander, und Ihr mut wieder zurck
bis dort, um von der Sge nach Liebiwyl zu kommen.
    Als nun Vater und Tochter zum neuen Dache kamen, sagte der Vater zu Anne
Mareili: Geh du afe! Wenn sie etwa nicht daheim sind, so kann man sie rufen,
damit ich nicht lange warten mu, von wegen, noch heute wollen wir heim und es
ist weit. Somit ging er links und lie Anne Mareili stehen. Das wre gerne in
den Boden gekrochen, wenn ein Loch dagewesen wre, bis der Vater wiederkam, aber
dastehen durfte es nicht, es mute rechts, wie schwer es ihm auch ward. Was man
gewhnlich schchtern nennt, war Anne Mareili nicht; es wute, da es des
Dorngrtbauern Tochter war, und konnte Rede stehen und an ein Haus klopfen, ohne
rot zu werden und dumm zu tun. Aber es gibt eine Schchternheit, eine innere
mchte man sie nennen, die man nicht sieht, an die man daher meist nicht glauben
will. Sie ist etwas Unnennbares, halb Bescheidenheit, die frchtet, jemand zu
stren, ihm lstig zu sein, halb Scheu, sich selbst mit einer fremden
Persnlichkeit in Berhrung zu bringen, ein inneres Widerstreben, sich selbst
einem fremden Auge zu ffnen, vor fremden Ohren auszusprechen, was das Herz
bewegt, auf der Seele sich abspiegelt. Diese Schchternheit trgt mancher Mann
zu Grabe, sie wohnt in manchem Weibe, umschleiert, als dessen bestes Ich; ihr
eigentliches Haus aber ist das Herz der Jungfrau, aber um so fester umschleiert
sie es, je bedeutsamer der Moment ist, dem sie mit Bewutsein entgegengeht. Anne
Mareili, von der Liebe Angst und Weh gedrngt, hatte Resli in sein Herz schauen
lassen, sich gegeben, wie es war, ohne viel Umstnde und Komplimente. Es hatte
Resli so viel als das Leben gerettet, dieses Bewutsein war der Schlssel zu
seinem Herzen gewesen. Aber jetzt sollte es alleine zu einem Hause gehen, wo es
nie gewesen, sollte dort anklopfen, mute vielleicht lange erklren, wer es sei;
was Resli von ihm gesagt, das wute es nicht, und ob es ihnen recht anstndig
sei, ebenfalls nicht, was es sagen sollte und wie sich benehmen, wute es darum
auch nicht. Vielleicht konnte es gar ans unrechte Haus gelangen und zum Gsptt
werden oder niemand zu Hause treffen als einen bsen Hund, ungefhr einen wie
ihren roten Mutz, was sollte es dann machen?
    So schritt es schwer und ngstlich zwischen hohen Lebhgen ein enges Gchen
entlang; da hrte es hinter dem Hag rechts erst eine Sense durchs Gras fahren,
dann sagen: Hre du, heute kommen sie nicht, sie wren da. Darauf sagte eine
andere Stimme, und die kam ihm gar wunderbar bekannt vor: Das ist nicht gesagt,
kommen knnen sie immer noch, es ist weit. Zhl darauf, sagte wieder die
erste Stimme, sie kommen nicht, sie haben dich nur abschsselen wollen, um ds
Westist nicht alles z'machen. Warum htte dir sonst der Alte so nahgluet? Du
bist dr Narr im Spiel, und z'wette wr, da sie gestern vrkndet worden. Selb
nit, sagte die andere Stimme, das htt ds Meitschi nit ta und mr Bscheid
gmacht. Ah bah, verla dich doch auf kein Meitschi, sagte die erste Stimme,
wenns a Notknopf kmmt, so sind sie alle gleich, und gb wie sie vorher grnne,
wenns heit, jetzt msse es sein, sie wollten zum Pfarrer, das Hochzeit
anzugeben, so hat man noch Keiner ein sauber Frtuch vorbinden mssen, sie hat
es noch immer selbst getan. Nimm nicht alle in einen Klapf, sagte die andere
Stimme, es gibt mancher Gattig Mdchen, so wie vieler Gattig Buben, du lieest
dich auch nicht mit jedem zusammenzhlen. Zhl darauf, meins wre nicht gegangen
und htte mir Bscheid machen lassen. Es mu dann ein Apartes sein, lautete
die Antwort. Wie ists eins? Es nhmte mich doch wunder, es zu sehen.
    Ich kann es dir so recht nicht sagen, wurde geantwortet, du mut warten,
bis du es siehst, und dann wird es dir sicherlich gefallen. Es ist gro, fast
wie die Mutter, und doch kein Bohnenstecken, hat eine schne Haut, sufer, nit
khrot, aber auch nicht wie ein ausgewaschener Frfu, lng Zpfe, dunkle Augen
und bsungerbar schne Zhne; wenn es den Mund auftut, so dechts einem, man sehe
das Gtterli zum Paradies, und noch ganz funkelnagelneu, und bsunderbar frndlig
chas de dryluege, da es eim decht, es schmelz alles i eim. Sonst gwhnli macht
es ein ernsthaft Gesicht, fast wie wenn es einem etwas befehlen wollte, und Hng
hets, man sieht ihnen ds Werche an und ds Wsche, wies am e Meitschi wohl
asteyht. Und taubs hast du es auch schon gesehen? wurde gefragt. Taubs habe
ich es zu Aufbegehrige gemacht, aber wie ich es erkannte, war es wieder
verschwunden. So nimm dich in acht und spring nicht so zsmefelige hinein,
sagte die erste Stimme, ich fr meinen Teil heirate kein Mdchen, wenn ich es
nicht taubs gesehen, so taubs, als es nur immer werderi knnte. Und wenn ich
nicht angfhr dazu kme, so liee ich nicht nach, bis ich es selbst so taubs
gemacht htte, da es eim dechti, es mchte einen ungschabt fresse. Warum
das? wurde gefragt, du bist immer der seltsam Christeli.
    Ja lue, sagte derselbe, ich will wissen, wie sie dreinsehen und was sie
tun, wenn sie taub sind, und warum sie es werden. Ich will dir etwas sagen, es
wei es kein Mensch noch. Einmal hatte ich auch im Sinne zu heiraten, das war
ein Meitschi wie aus Seide und Sammet gemacht und ordlig wie ein Lebkuchen, von
dem htte man glauben sollen, es knnte kein Wsserchen trben, keine andern
Augen machen als se und nie anders reden als wie durch ein Pfeifenrhrchen. Es
het mih decht, es schry mih e ganze Tag bi de Haare bis am Abend, da ich bei
ihm war. Da kam ich einmal an einen Ort, wo getanzt wurde; es war noch nicht da,
ich wartete, es kam nicht, aus Langeweile nahm ich ein Meitschi, hatte drei mit
ihm und zahlte darauf ihm eine Halbe. Whrend wir sie tranken, kam mein Mdchen
herein, ob es drauen mir aufgepat, wei ich nicht. Aber Augen machte es mir,
da es mir schien, es strecke sie armlang zum Kopf aus und jedes htte fnf
Krallen wie ein Lmmergeier. Mit mir wollte es nichts zu tun haben, scho im
Saal herum wie ein Wespi an einem Fenster, zahlte mir zTrotz ihrer Jungfrau Wein
und Essen, scho dann heim wie bsessen. Ich auf und nach, nicht weit von ihrem
Hause holte ich es ein, unterzog mich, wollte bestens mich versprechen, aber
wohl, ich erfuhr, was ein ertaubet Meitschi kann! Es machte mir ein noch zehnmal
rger Gesicht als vorhin, die Nase tat sich auf, die Augen wurden wie
Pflugsrdli, und aus dem weitgeffneten Munde fuhr eine Stimme, so dick wie ein
Weberbaum, und sagte mir so wst, wie ich mein Lebtag es nie gehrt. Schyhung
war das Manierlichste. Als ich das Mdchen so sah, so ungattlig tun, und Augen
machen, rger als ein ertaubeter Stier, und reden wie ein halb, voller Weltsch,
da entfiel es mir pltzlich, statt der Liebe hatte ich ein Abschchen. Lieber e
taubi Katz als so eine, dachte ich, machte mich davon, so streng ich konnte, und
die Angst, es sei hinter mir und begehre mein, verlie mich nicht, bis ich
daheim im Bette lag.
    Da war mir, als htte mich jemand aus dem Wasser gezogen oder als wre ein
schwer Fuhrwerk ber mich gegangen und unerwartet erwache ich statt tot
unversehrt, und ich tat einen teuern Eid, nie mehr zu heiraten oder wenigstens
nicht, bis ich das Mdchen so taub als mglich gemacht und erfahren, ob was es
ertaube und wie. Da ttschelt man die Mdchen nur, dselet ihnen, und wenn sie
im Geringsten die Miene verziehen, so fragt man hundertmal: Was hest, was hest?
und macht den Kratzfu um sie wie ein Hund um heie Milch. Wenn eine schon
wollte, sie knnte nicht wst tun, und so geht es, bis man sie hat. Nun meint
man, man habe sie und ds Fangen sei nicht mehr ntig, geht gradane, und wie man
so gradane tut, tut das Mdchen auch, wie es gewohnt ist, lt seine Hornlein
hervor, von wegen, es braucht sich vor niemand in acht zu nehmen. Wenn nun jedes
so auf einmal ganz natrlich tut, fllt jedes aus den Wolken und niemand mehr
zerteilt die Wetter mit Dselen hinten und vornen, das Heulen geht an und das
Zhneklappern und jedes klagt, es sei bschisse worden. Das Weib klagt, der Mann
tte nicht nach Schuldigkeit flattieren und ttscheln, der Mann schttelt sich
und sagt, es grus ihm, so was htte er nie erlebt, es werde ihm fast gschmuecht.
So, Bruder, gehts, und wenn ich geheiratet gewesen wre, als ich das Gesicht
gesehen, und nicht noch ledig, es wre mir nicht nur fast, sondern ganz
gschmuecht geworden; so aber lief ich davon, ward gescheit und dankte Gott.
Darum, Bruder, nimm dich in acht, wunder nhmte es mich, ob dein Meitschi auch
noch so lieblich bliebe, wenn es so recht taubs wre aus dem ff.
    So redend trug Christeli eine Gablete Klee auf den Wagen, blieb aber stehen
wie eingewurzelt. In grnem Hasellaube sah er ein Mdchengesicht, dessen
funkelnd Augen, paar starr auf ihn gerichtet war. Was decht dich, was mache
ich fr ein Gesicht? frug das Mdchen, als es sich entdeckt sah, und schalkhaft
spielte ber das Gesicht ein Lcheln, Christeli aber stand da wie Butter an der
Sonne und wre wei kein Mensch wie lange dagestanden, wenn nicht Resli, sobald
er die Stimme hrte, herbeigekommen und im grnen Hag sein Meitschi entdeckt
htte.
    Als dasselbe von sich reden hrte, konnte es begreiflich nicht mehr weiters;
es wollte eigentlich nicht horchen, sondern sich nur zeigen, aber es scheute
sich, Christeli zu unterbrechen, ist das ja nicht hflich, und so stund es
stille da, bis Christeli es erblickte. Als Resli freudig es anredete: Bis
Gottwilche! Das ist bravs, ih ha afe zwyflet, da sah man nichts mehr von der
Ernsthaftigkeit, in welcher Christeli das Meitschi anfnglich erblickt, es
machte ein gar freundlich Mieneli und sagte: Trauist de niemere? Was me
vrspricht, das haltet me de notti. Dr tti het welle, da ih mitehmm, er ist
afe alte u fahrt nit gern alleini. Nun kam auch Christeli herbei, gab die Hand,
hie ihns Gottwilche und sagte, es werde doch nicht fr ungut haben, was er da
gestrmt, er sage manchmal etwas fr die Langeweil, dessen msse man sich nicht
achten. Aber er hulf, sie wollten heim, die Leute knnten sonst meinen, sie
seien sturm und redeten mit den Haselstauden.
    Von dieser Seite her kam man zum Hause, ohne andere Huser zu berhren; es
lag in weitem Baumgarten, rundum ein gerumiger Platz, aber nirgends ein
verzattert Stck Holz, nirgends herumliegend Stroh, alles wie an einem Festtage,
freundliche Blumen in den Fenstern, auf der breiten Terrasse sonnete sich ein
alter Hund, der ohne Bellen, aber freundlich wedelnd ihnen entgegenkam. Der
Vater schnefelte im Holzschopf, die Mutter putzte Samen, und Annelisi fegte das
Milchgeschirr beim Brunnen. Von dort sah es Anne Mareili zuerst hinter dem
Kleewgeli mit Resli gehen, lie das Melchterli fahren, scho zur Nebentre
hinein, zur vordern hinaus, rief der Mutter zu: Sie kommt, sie kommt! und
husch wieder hinein und davon und hrte nicht mehr wie die Mutter sagte: Du
tust doch wieder dumm und weit, wie ich das uhflig Wese so ungern habe. Was
wird sie denken! Desto freundlicher ging die stattliche Frau Anne Mareili
entgegen, hie es in Gott willkommen und sagte, wie sie blanget htte, es zu
sehen, und wie es sie freue, wenn es ihm hier gefalle, da es fr immer bei
ihnen bleiben mge. Aber es solle hineinkommen, drinnen Bericht geben, wo es den
Vater htte.
    Schon unter der Tre erschien Annelisi wieder, aber mit einem Halstchli um
die Ohren, einem saubern Frtuch, und vor lauter Luegen verga es fast den
Willkomm. Aber was ist einem Meitschi bei neuer Begegnung wohl wichtiger, als zu
ergrnden, was die Kommende fr ein Gesicht hat und was sie anhat vom Kopf bis
zu den Fuen! Bis es wei, wie ihr Gloschli verbndelt ist, ob rot oder schwarz
oder gar blau, hat es keine Ruhe. Wie freundlich zwei Mdchen sich auch
begegnen, wie willkommen sie sich auch heien, sie betrachten einander doch wie
zwei Schwinger, die sich auch die Hnde geben, ehe sie einander fassen zum
Niederwerfen. Nun ist ein Glck dabei, da bei solchem Messen gewhnlich jedes
Mdchen denkt: Nein, gottlob, so hbsch wie die bin ich doch denn nadisch auch,
es ist sih doch dr wert, es selligs Gheye z'mache! Aber es selligs Gller oder e
selligi Kittelbrust mu ich auch haben, ih la nit lugg, bis ich eine habe, u de
no e schneri. Ob diese beiden Mdchen auch so dachten, sagten sie nicht, aber
wahrscheinlich, denn sie wurden noch freundlicher gegen einander, als sie sich
recht betrachtet hatten, natrlich deswegen, weil jede sich selbst doch noch
besser gefiel als die Andere. Jede hatte auch recht, es kam nur darauf an, von
welchem Standpunkt man ausging und welchen Gesichtspunkt man ins Auge fate.
Ging man von einem vornehmen Standpunkt aus, so war Anne Mareili schner,
schlanker und von regelmigern Zgen, fate man das Wesen ins Auge mit mehr
brgerlichem Auge, so war Annelisi beweglicher, lustiger, von geistiger und
leiblicher Frische, welche eben gern in einem rundlichten Wesen wohnt und welche
man eben nicht fr vornehm hlt.
    Die blanke Kche, die schne, helle, groe Stube fielen Anne Mareili auf, so
hatten sie es nicht daheim, und als es unter der Kchentre noch nach auen sah,
in den schnen Garten, ber Matten und Felder weg, in deren Mitte so frei und
stattlich das blanke Haus stand, so mute es bekennen, da es einen schnern
Bauernsitz noch nie gesehen, und mchtig bewegte sein Herz der Gedanke, was es
heie, hier Burin sein zu knnen. Und doch fhlte es sich gedrckt, unwohl, und
eine Art Beklemmung nahm immer zu, fast wie gewisse Leute des Morgens sie
empfinden, wenn es abends ein Gewitter geben will. Alles war so freundlich gegen
ihns, alles gefiel ihm so wohl, man stellte ihm, gb wie es sich wehrte, den
besten Kaffee auf, wie sie ihn daheim nie hatten, Ks und weies Brot, und alle
nahmen sich Zeit, bei ihm zu sein, und keinem Gesicht sah man rger an, da man
so fr nichts und wieder nichts, ume so weg em ene Meitschi, einen heiligen
Werktag versumen msse. Es fhlte, da da ein viel manierlicher Wesen sei als
bei ihnen, so eine Art von Haussitte und Anstand, welche man im Weltsche hinger
nicht lernt, welche zusammengesetzt ist aus Gutmtigkeit und gegenseitiger
Achtung, welche zur andern Natur geworden und welche Kinder gegen Eltern ben
und Eltern gegen Kinder, und wenn sie alleine sind und vor fremden Leuten. Es
mssen nmlich auch die Eltern ihre Kinder achten, wenn sie deren Liebe und
Achtung bewahren und wenn sie wollen, da ihre Kinder achtungswert werden und
bleiben sollen, mssen sie sie namentlich vor fremden Leuten mit Achtung
behandeln. Nun aber findet man in gar manchem Hause die Sitte, da entweder ein
Glied der Familie, Mann oder Weib, den Leuten zeigen will, wer Meister sei und
wer zu befehlen habe, oder da jedes, Gro und Klein, zeigen will, da man auch
etwas sei, sich nicht unterntun lasse usw. Dies fhrt zu den widerwrtigsten
Auftritten und wirkt das Gegenteil von dem, was man bezweckt; man macht sich
statt gro recht klein damit, und wie man sich gegenseitig nicht achtet, streift
man sich auch die Achtung Anderer ab. So war es bei ihnen. Der Vater meinte, er
msse allen Leuten zeigen, wie er die Seinen mustern knne. Die Brder taten es
ihm nach, man wehrte sich, so gut man konnte, man tat nicht manierlich zusammen.
    Anne Mareili fhlte die berlegenheit in solcher Sitte, und wenn der Vater
komme, so werde es sich erst recht schmen mssen, dachte es. Ein Inwendiges
spiegelt sich auswendig oft gar seltsam ab. Demut erscheint wie Hochmut, ein
gedrcktes Wesen wie Nichtachtung und Unfreundlichkeit. Je mehr Anne Mareili das
Unbehagen fhlte, welches aus dem Bewutsein dieser berlegenheit entsprang, um
so weniger ward es dessen Meister, um so dunkler ward die Wolke, die es
berschattete. Resli sah das wohl, war auf Dornen, wute aber nicht, woran es
lag, gab sich die grte Mhe, Anne Mareili im schnsten Lichte zu zeigen, und
je mehr er sich mhte, desto dunkler ward es auf Anne Mareilis Gesicht. Man
wei, wie jeder es hat, der jemand Geliebtes vor die Leute stellt; man mchte,
da sie tten wie nie sonst, so schn und manierlich, damit man Lob bekomme und
Ehre von ihnen. Wie manche Mutter hat nicht ihr Kind unter Geheul und
Zetergeschrei aus einem Zimmer getragen in halber Verzweiflung! Sie harte mit
dem Kind Puff machen wollen, und je mehr sie das wollte, desto weniger wollte
das Kind, desto mehr tat es das Gegenteil, und das Ende war, da der Zorn die
Mutter fast versprengte, das Brllen aber das Kind.
    Das ist aber noch gar nichts gegen einen Liebhaber, dessen Mdchen zum
erstenmal zu seinen Eltern kmmt; der mchte, da sein Mdchen tte wie die
leibhaftige Liebenswrdigkeit und da seine Eltern mit dem Mdchen tten wie mit
einem leibhaftigen Engel, der gradwegs vom Himmel gekommen. Er hat Angst nach
beiden Seiten hin, siehe mit einem Auge auf das Mdchen, mit dem andern auf die
Eltern; bald meint er, es fehle hier, da will er hier nachhelfen, dann scheints
ihm dort zu hinken, es will dort nachhelfen, kommt dabei in eine Art von Fieber,
wird selbst am unliebenswrdigsten, macht kehrum alle taub, und am Ende gehts
ihm wie einem ungeduldigen Weber mit einer vershrscheten Strange schlechten
Garns. So ging es freilich Resli nicht, dazu war er eben zu adelich, aber fast
Blut schwitzte er doch. Sein Meitschi war so seltsam, so schweigsam, fast
pumpelrurrig, da er es kaum mehr kannte, frchtete, man htte irgendwo gefehlt
oder Christelis Rede rche auf. Er ward um so freundlicher, Anne Mareili merkte
es wohl, aber es machte ihm die Wirkung, als ob jemand den Hals ihm
zusammenschnre, es konnte fast keinen Laut mehr von sich geben.
    Es ist kurios mit Kindernaturen, also auch mit weiblichen (je besser diese
sind, desto mehr hneln sie den Erstern); der Widerspruch scheint ihnen recht
eigentlich im Fleische zu sitzen, und zwar zvorderst in allen Fingerspitzen, es
wird wahrscheinlich die Erbsnde sein, die natrlich um so klarer hervorscheint,
je durchsichtiger die Haut noch ist. Wenn so ein altes Leder von Professor, das
in Foliantenstaub ergrauet ist, oder so ein Luder von Schlingel, das auf allen
jdischen und christlichen Misthaufen sich dickgewlzt, sie leugnet, so nimmt es
einen nicht wunder, es ist ganz natrlich, sintemalen Luder und Professor vor
lauter auswendigem Staub oder Dreck den inwendigen nicht mehr ahnen, geschweige
sehen, sondern der sen Hoffnung leben, unter der Haut wenigstens sei es
sauber. Eine Kokette, ein Weibel, ein unbedeutendes Staatshaupt fhlen sie,
wissen sie aber zu vertuschen, drngen sie nach unten, nach hinten; aufwrts
aber und vorwrts fechten sie mit Lcheln und Nicken.
    Aber, wie gesagt, gute Kinder, die artig sein sollen, und liebe Mdchen,
welche man liebenswrdig mchte, denen sieht man sie am meisten an, die knnen
sie am wenigsten berwinden, merken es wohl, wenigstens die Letztern, mchten
sich darber die Finger abbeien, wenigstens die Ngel, und whrend sie am
Werweisen, wie sie berwinden sollen, sind, machen sie dazu Gesichter, als wenn
sie bereits am Schlucken der Finger wren. Ganz besonders aber kmmt sie junge
Weibchen an, an denen man, solange sie Brute waren, blind gewesen ist, das
heit sie kmmt sie nicht erst an, sondern man merkt sie erst, wenn aus der
Braut ein Weibchen geworden. Kurios! Da, liebe Leute, gilts klug sein, nicht mit
dem Holzschlgel lausen wollen, da mu man sferli tun mit Dselen, sachte
fortfahren, aber nicht unerchannt, und luegen dazu und nur so zuweilen mit dem
nassen Finger ganz leise und sferli ein Brmi abmachen. Mit solcher junger
Weiber Liebenswrdigkeit oder Erbsnde (ist fast ein Tun) ists ungefhr wie mit
einem Bienenstock, der schwrmen will; wehren kann man ihm nicht, aber reisen
kann man ihn mit Sferlitun, das aber versteht gewhnlich nur, wer schon mehr
dabeigewesen ist. Das war Resli nie, darum vermochte er Anne Mareilis Gemt
nicht zu reisen, gb wie er anwendete und ihm Gelegenheit zu geben meinte, sich
zu zeigen in der Holdseligkeit, welche Resli an ihm gerhmt hatte.
    Die Ankunft des Vaters machte eine Unterbrechung, erleichterte aber Anne
Mareili nicht. Es nahm rgernis am Vater und hatte die grte Muhe, dieses nicht
auszusprechen. Obgleich es selbst nicht recht wute wie tun, so dechte es ihns
doch, es sollte den Vater brichten, was anstndig sei und was er reden solle und
was nicht, und wenn Resli auf Dornen sa, so sa dagegen Anne Mareili auf
glhenden Kohlen. Dem Vater dagegen war es recht behaglich, er a und trank, und
weil er es umsonst hatte, noch zweimal so viel als gewhnlich; er kaufte Laden,
und weil er sie weit unter dem Preise erhielt, zweimal so viel, als er brauchte,
und weil er Gromut am Brett sah, so htte er dem Liebiwylbauer Ro- und
Kuhstall ausgekauft ums halbe Geld, wenn der nicht, klug genug, gesagt htte,
wegem nahen Set mangle er Zug und wegen den vielen Leuten Milch, so da er
weder Kuh noch Ro entmangeln knne. Darum machte der Dorngrtbauer sich hinter
eine Staatskalbete, und da diese weder Milch gab noch Zug, sintemal eine
Staatskalbete einstweilen zu nichts anderem taugt als zum Fressen und Ansehen,
so galt hier die Ausrede nicht; wenigstens drei Dublonen zu wohlfeil kriegte er
sie. Dies merkten alle, aber niemand verzog dabei ein Gesicht als der
Dorngrtbauer selbst; den lcherte es vrflmeret heimlich, und er dachte, es sei
doch noch immer so, da wer uvrschant tue, dest bas sei.
    Anne Mareili war bei diesen Staatsaktionen nicht, es besah derweilen mit
Annelisi die Pltze. Als es beim Heimfahren sich nicht enthalten konnte, dem
Vater zu sagen, es msse sich fry schmen, wie er die Sache bekommen htte, so
erhielt es zur Antwort: So schme dich, es kostet nichts. Aber wennd nit es
Babi bist, so la dir gesagt sein, da man die Birnen schtteln mu, wenn sie
fallen wollen.
    So ging der Morgen um, und in die Stube muten sie wieder, wo ein
Mittagessen zwegstand, wie im Dorngrt noch keines auf den Tisch gekommen, so
nett und appetitlich, und nicht blo so gradane Schnitz und Tellerete voll
Fleisch, schwynigs und gruchts, sondern da war Voressen, es kam sogar Bratis,
und war doch nicht Kindbetti, und das ging neue alles so gschlecket, da es Anne
Mareili fry recht dudderte, wenn es dachte, wie sie hier gewohnt seien und wie
es sich nicht zu helfen wte, wenn dSach an ihm wre. Das mten afe Sache in
dem Hause sein, fr so aufzuwarten, dachte es, und nebenbei mute es rger
verwerchen ber den Vater, der wiederum a, als wenn er heute noch nichts gehabt
htte. Je mehr der Vater a, desto weniger brachte die Tochter hinunter, so da
es die guten Leute recht gmhte und sie vielfach sich entschuldigten, da sie so
schlechtlig aufwarteten; wenn sie gewut htten, da sie kmen, so htten sie
sich besser versehen, ein andermal wollten sie ppe luegen, da sie es besser
breichten. Das machte Anne Mareili noch verlegener, zog ihm den Hals zu, es
muelte immer mehr und gbelte auf dem Teller herum, als wenn es mit bloen
Fingern in Nesseln heuete. Es gmhte die Mutter recht, und als Resli einmal in
der Kche an ihr vorberging, konnte sie sich nicht enthalten, ihn zu fragen, wo
sie wohl gefehlt htte, da das Meitschi so stills sei und nichts esse, so werde
es doch nicht immer sein? Nein, sagte Resli, es ist sonst frndlich und
gsprch; da man gefehlt, wte ich nicht, es wird ppe ds Fahre nicht mgen
erleiden und Kopfweh haben, wies am Wybervolch mngist git. So entschuldigte
Resli, aber wohl war es ihm doch nicht dabei.
    Von der Hauptsache war ber dem Essen nicht die Rede; erst als niemand mehr
essen mochte, der Wein gebracht wurde und billig gelobt war, denn es war nicht
Kuttlenrugger von Erlach oder Biel, frug Christen, nachdem ihm nneli bereits
mehrere Winke gegeben hatte: Und, wie hey mrs wege diesem, wes Euch recht wr,
s wrs gar astndig. Wir alte afe u wsse nit, wie lang mrs no mache, u da wr
us denn dra glege, we mr wte, wem wir die Sache hinterlieen. Wir haben es
sem schon lange gesagt, er sll wybe, aber es het ne neue kes Meitschi chnne
adrhye, bis er Euers gesehen hat, an dem hanget er jetz grusam; ds Meitschi
htt auch nichts darwider, meint er, und wenns Euch recht wr, so hulfen wir
eine Hochzeit machen. ppe aparti rhmen will ich nicht, sagte Christen, aber
ich denke, wenn sie zusammenkommen und ume e kly zur Sach luegen, so werden sie
ppe ihr Lebenlang mehr als genug haben.
    nneli wischte sich die Augen, Christeli war hinausgegangen, als der Vater
begann, Annelisi auch, Resli und Anne Mareili schwiegen; der Dorngrtbauer
versorgete noch ein ansehnlich Stck Hamme und sprach endlich: Wege desse sei er
eigentlich nicht hiehergekommen, und wenn er gewut, da es svli rst sei, so
htte er vielleicht Laden Laden sein lassen. Aparti htte er nichts gegen sie,
wegen der Frnehmi wolle er ihnen nichts vorhalten, es knne nicht en iedere dr
Frnehmst sy, und wegem Reichtum chnnt me luege. Aber wohl weit sei es ihm
abhanden, und so wisse man nicht, wie es einem King gehe, und dara slls doch am
ene Vater am meiste glege sy. Mi chnnts schindte, mi vernhmts nit, bis es
z'spt wr. Und er msse sagen, da sei er am chutzligste; er mge viel erleiden,
aber da man einem seiner Kinder Bses tue, das mg er nicht erleiden, da wr er
imstande, ds Wstest z'mache (Anne Mareili machte ganz bedenkliche Augen, es
schwieg wohl, aber in den Augen stand geschrieben: O tti, wie lgst!). Er wisse
wohl, da man mit den Meitschene nicht viel machen knne und man sie dafr
htte, um sie z'vrmanne, aber dafr sei man da, um zu sehen wie. Wenn er Anne
Marei dem ersten besten Schlabi htte geben wollen, so knnte dasselbe schon
Gromutter sein.
    Nun tat auch nneli eine Rede dar und meinte, das htten sie ihm z'danken,
da er svli fr dKing lueg, aber er solle auch denken, da der liebe Gott sein
Kind eben fr ihren Resli habe aufsparen wollen. Kummer, da es ihm nicht gut
gehe, solle er nicht haben. Er solle fragen, bs Lob htten sie nicht, und vor
Gott und Menschen htte es schon manchmal versprochen, eine bse Schwiegermutter
wolle es nicht sein, ein Shniswyb msse es, wenn es nur e chly gattlig tue, bei
ihm haben, wie es daheim nie besser gehabt. Deretwegen knnte er sein Kind
ungesorget ziehen lassen.
    Von wegen dem lieben Gott, sagte der Bauer, mge er nicht viel hren; wenn
er gewollt htte, so htte der nicht viel dazu zu sagen gehabt. Er wolle der
Sach nicht ab sein dahin und daweg, aber wie man bette, so liege man. Ds
Meitschi sei ihm aparti nicht vrleidet daheim, Zeit wrs afe mit ihm, aber
daneben htte er noch immer z'esse und z'werche fr ihns. Er wolle lose, was sie
im Sinn htten zu tun, wenn es etwas aus der Sache gebe.
    Das, sagte Christen, versteht sich von selbst, Resli ist dr Jngst u
nimmt dr Hof ppe um enes Billigs u git de Angere use, was ppe recht ist.
    Es ist mit dem gar es Ungwsses, sagte der Bauer, es kmmt immer darauf
an, wer dahinterkmmt; es geht afe unerchannt, die Buben sollen mehr
herausgeben, als ihnen bleibt. So gehts nicht gut, dBauern will man zBode mache,
dHftlikrmer und dSchryber sllen obenauf, das ist schon lange zwegkorbet. Ds
Best ist, man lasse die Sache machen bei Lebzeiten, dann hat man es in der Hand
und kann machen, wie es einem gefllt, und wenns einmal abgetreten ist, so ist
es abgetreten, es wird dann ppe niemand mehr viel daran machen knnen.
    Das htte sich hier nicht ntig, sagte Christen, und gebe nur unntige
Kosten. Wie recht, komme der Hof dem Jngsten zu, niemand htte etwas darwider,
und zviel zu geben, werde ihm kein Mensch zumuten. Es sei Landsbrauch, da die
Hfe beisammenblieben, und so msse es auch sein. Wenn man die Hfe verteilen
wollte, so wre ds Buren us und alles ginge zgrund. Man knnte keinen Zug mehr
haben, htte auf die magern Bggel keinen Aufzug mehr, die Heimet wrden
ermagern und die Leute dazu. Alles wollte nur am Land hangen, und wie es mit den
kleinen Heimeten gehe, sehe man gut. Sie vermchten weder sich noch ihre
Besitzer zu erhalten; die Meisten, welche nicht Geld auerhalb des Hages zu
nehmen wten, gingen ja auf solchen Khheimetlene zugrunde. Unser Amtsrichter
hat erst letzthin brichtet, es sei ein Land, man sage ihm Irland, dort gehe es
strub und mehr als die Halben strben Hungers, und das komme alles von der
Verteilung des Landes, wo eine Haushaltung nur so viel htte, und zwar nur
pachtsweise, da sie dabei in guten Jahren weder recht leben noch recht sterben
knnten, sondern so zwischeninne plampeten wie der Kalle in der Glocke, in
schlechten Jahren aber Hungers sterben mten wie im Herbste die Fliegen. Nein,
so ist es bei uns gottlob nicht, da bleibt das Land noch beieinander, da es
sich und eine rechte Familie ernhren kann. Und wo ppe rechte Kinder sind, da
gibt es beim Teilen nicht Streit und Keins begehrt zu viel heraus. Es wei ppe
jedes, was so auf einem Hof alles auszurichten ist, und Keins begehrte den Ort,
wo es daheim gewesen, zu zerstren, sondern jedes hat Freude daran, wenn es ein
rechter Bauernort bleibt, wie von alters her, und ppe auch in der Familie, da
ihn der Jngste nicht zu verkaufen braucht. Solang eins lebt, wei es ppe, wo
es daheim ist und da, es mag ihm geben was es will, es dort immer ein Heim
findet und nicht gleich auf die Gemeinde mu. Man wurd sich ppe schmen. Nur
was es heit, alles auszurichten, was Vater und Mutter zGvatter gstange sy, bis
alles ppe ghratet het! Ja, wenn pper us dr Familie zGvatter gstange ist, so
lat sih alles geng gegem Hof zue u meint, er syg halb da daheim, wenn scho Gtti
oder Gotte nimme lebe oder wyt dadnne ghratet hey. Daran sinnet ppe esn
ieders rechts King u bigehrt, da dr Jngst ppe vrma z'sy. U wenn Vater und
Muetter sterbe, so ist dr Jngst geng dr Jngst, und wenn der Hof nit zu ihm
luegti, so luegti an manchem Orte niemere zu ihm, denn einen Hof kann man ihm
doch nicht so liederlig verliederlige. Es wt kei Mnsch, wies gieng, we so
jungi Bebli ume Geld htte, wo niemere zu ne meh luegt, wo me ume zu dene
luegt, wo knne stimme an ere Wahlversammlig oder gar am Groe Rat.
    Ja, ja, sagte der Dorngrtbauer, selb wr guet, wes geng so wr, aber mi
wei nie, was dLt ppe achunt oder was ne gseit wird, darum ists immer guet, we
me drvor ist. Und da decht es mih, ihr solltet den Hof dem Jngsten verkaufen,
da er dabei sein kann. Was ist er wert?
    Christen sagte: Aparti gschatziget habe ich ihn nicht, aber mein Vater
selig hat immer gesagt, unter Brdern sei er sechzigtausend Pfund wert. Seither
habe ich dazugekauft, und das Land het tret, es wt kein Mensch, wie hoch er
an einer Steigerung kme, bsungerbar wenn er stuckweise ausgerufen wrde.
    So um zweiunddreiig oder dreiigtausend Pfund knntet Ihr ihn also
abtreten, sagte der Dorngrter, der Bub kriegte immer noch Schulden und htte
zu tun genug, von wegen, ppe useg tue ich nicht, es schickt mir sich nicht,
ich stmple nicht gerne; sie knnen dann einmal alles zusammen nehmen, es gibt
nur umso besser aus.
    Christen sagte: Die Schulden werden ihm nicht viel tun, Glte sind auch da,
und dBsatzig ist gro, Schiff und Gschir wird er ppe nit viel bruche la
z'mache, u dr Wald ma o ppis erlyde, wes sy mue. Es ist de ppe nit, da ih
alles niedergmacht u nit a dKing dicht ha, wies ppe a mngem Ort gscheh ist.
    Dest besser, sagte der Bauer, und wenn Glti sy, so decht mih, es wre
da auch etwas zu machen. ppe ds Kumligste knnte man abkndte, sGeld knnte der
Bub nehmen und zahlen damit. Es wt ke Mnsch, wohers chm, u wenn ppere frug,
su chnnt me sage, es wr Ehstr. U nah dere het ke Tfel z'frage, u wenns
ppere tuet, su wyset ne ume zu mir, ih will de dem scho Bscheid un Antwort g.
    nneli seufzte schwer auf diese Rede, aber Christen sagte: Es deche ihn,
selligs sei nicht ntig. Wenn Resli den Hof um fnfzigtausend Pfund nehme, und
sechzigtausend mchte es auch erleiden, so seien alle wohl zufrieden und Resli
mache einen guten Drittel best. Wenn er dann die Glten herausgebe und aus dem
Wald nehme, was es wohl erleiden mge, so wrden die Schulden ihn nicht plagen.
Sein Weibergut sei noch da in Glten und vielleicht noch etwas dazu, und was
Resli einmal von seiner Frau bekommen sollte, das brauche er nicht an die
Schulden zu verwenden; so wie jetzt alles gelte, htte der Hof die lngst
gezahlt, wenn er einmal z'erben kommen sollte. Aber so ein Schelm an seinen
Kindern zu werden, das begehre er in seinen alten Tagen nicht; er begehre nicht,
da einmal Enkel und Urenkel ins andere Leben ihm nachkommen und vor Gott es ihm
vorhalten mchten, er htte sie zu Schelmen und Bettlern gemacht. Davor, wie es
an manchem Orte gehe, wo nur eins erbe und den Andern nur ein Bettlergeld gebe,
htte es ihm immer gruset, und nicht blo wegen ihm selbst; aber es heie, ein
ungerechter Kreuzer fresse zehn gerechte, und das gelte noch, man sehe es alle
Tage; darum msse so mancher Urenkel barfu laufen, weil der Grovater ein
Schelm gewesen an seinen eigenen Geschwistern, Geschwisterskindern oder andern
Leuten. Das mge er nicht, und wenn er mehr Kinder gehabt oder wenn Christeli
htte heiraten wollen, so htte er nicht begehrt, sie daheim zu behalten, und
gemeint, sie mssen fr den Jngsten den Hof werchen und ihre beste Zeit fr ihn
verbrauchen, sondern sie htten etwas fr sich anfangen mssen, und er htte
ihnen wollen zweghelfen. Es drfe einer nicht vierzig Jahr alt werden aufs
Vaters Hof, wenn er einmal davon msse und fortkommen solle; es msse einer in
die Welt hinaus, whrend er noch klebrig sei; wenn einer einmal gstabelig
geworden, so sei es ustubaket, er brauche, was er habe, und dann mten andere
Leute ihm helfen. So gehts! Was recht sei, msse Resli haben, sie gnnten es ihm
alle; aber mehr als recht, das mchten sie ihm nicht gnnen, dazu sei er ihnen
z'lieb, und denen unterm Herd mchten sie es nicht zuleid tun.
    Das brauche er nicht halb so spitz zu nehmen, sagte der Dorngrtbauer, es
werde ppe e jedere dWehli ha, z'sge, was er denk, und mache werde auch ein
jeder knnen, was er wolle, dazu werde es nicht zu spt sein. Aber so dem ersten
besten Ftzel und Schuldehung gebe er seine Tochter nicht; sie htten es gehrt,
und gseit syg gseit.
    Darauf sprach nneli: Er solle verzeihn, Christen htte es nicht bs gemeint
und nur so beispielsweise geredet, er htt minger o chnne, es syg wahr. Aber
einen Schuldenhung gebe Resli doch nicht. Wenn er den Hof um sechzigtausend
Pfund bernehme, so werde er nicht zehntausend Pfund darauf schuldig, daran
zahle ihm der Wald das Meist, und wenn er den Hof verkaufen wollte, was aber
neue nit z'denke sei, so htte er de fry viel mehr g'erbt als die Andern.
DSchulde werden ihn nie plagen, es mg gehen wie es wolle, und viel Bauern, die
es besser machen knnen als er, wrd es nicht geben, und es wr noch mancher
froh, er htte es so. Dann msse man auch nicht vergessen, da von dem viel,
leicht, wenn man ppe grecht und billig handle, noch viel vorume chmm; es sei
noch Keins von den Andern geheiratet, und ob es eins tut, wei man nicht, aber
mir Wsttun knnte man es zwngen. Aber was meinst du dazu? wandte sich nneli
zu Anne Mareili, dih geihts am nchsten an und hast doch kein Wort noch dazu
gesagt.
    Diese unerwartete Frage erschreckte Anne Mareili wie ein Kanonenschu, der
ungsinnet hinter dem Rcken abgebrannt wird. Whrend des ganzen Gesprches hatte
es in seinem Herzen gezittert; es ward um sein Glck gehandelt, und des Handels
Ende ward seinem Auge, welches weder in die Tiefen der Herzen sah noch den
Handel selbst bersah, immer dunkler, und als es nun selbst sich hineinmischen
sollte, zitterte es, es mchte den Ausgang noch schwieriger machen, antwortete
daher in seiner Angst, es liee sichs gefallen, wie sie es machten. sereim het
zu selligem nit viel z'sge, mi mue es nh, wies chunt.
    Das arme Meitschi wute nicht, da ein keckes, gerades Wort hundertmal
besser ist als ein verdrcktes, achseltrgerisches; aber wissen das noch ganz
andere Knebel nicht als ein Mdchen, dessen Herz im Bangen der Liebe erzittert!
    Erlickt aber die Hohlheit zu jeglicher Zeit das Gewicht solcher geraden
Rede, die Hohlheit, die schwer wiegen will auf der Wage der Zeit, so blst sie
sich auf mit Luft bis zum Himmel hinauf und redet dann wie vom Himmel herab und
meint nun, die Menschheit sollte die Blase fr den Berg Sinai nehmen und ihre
Stimme fr die Stimme Gottes. Und die Menschheit tut dieses wirklich manchmal,
nimmt ihr Quaken fr Donnern, frchtet sich, und die Qukenden verbergen in
glnzenden Schleiern ihre Saugesichter, vorgebend, es seien Mosisgesichter. Das
tut namentlich das gegenwrtige, weltstrmende Geschmei. Knirpse tun wie
Titanen, Dozenten mit Schweinsseelen und in Schweinsleder gebunden gebrden sich
wie Herkules, der bekanntlich oben ein Tierfell hatte, unten aber nackte Beine.
Wer aber gar brllen kann wie zehntausend Stiere und daneben sich wohlsein
lassen fnfhundert Suen gleich, der sagt, er sei der Herrgott selbst,
einstweilen aber wolle er sich begngen, wenn man ihn zum Professor mache oder
zum Brgermeister.
    Solche reden keck und gerade, da es einem decht, sie sollten fry ein Loch
in den Himmel stpfen mit ihren Worten; sie bringen allerdings es dahin, da man
eine Schweinsblase ansieht fr den Berg Sinai und unten an der Schweinsblase
einen Altar errichtet mit einem goldenen Kalbe darauf oder wenigstens einem
Ehrenbecher. Aber leider ist das Ding nur wie Nebel und die Himmelsstpfer
erfinden sich, wenn man recht hinsieht, als Heustffel, die bekanntlich nur
einen Sommer dauern, und wenn der rechte Moses wieder kommt, so zerfallen Klber
und Becher wieder in ihr Nichts.
    Wenn also von kecker und gerader Rede die Rede ist, so wird eben nicht die
Rede gemeint, die eigentlich weder keck noch gerade ist, nichts als unverschmt,
sondern die Rede, welche unverhohlen ausspricht, was das Herz bewegt und
wnscht, dem Unrecht Unrecht sagt, der Wahrheit aber Zeugnis gibt. So gehts aber
oft in der Welt, der Wahrheit trittet Schchternheit in den Weg, ein leidig
Frchten und Werweisen, whrend die Unverschmtheit als Vorreiterin der Lge
bestndig bei der Hand ist. So geht es gerne Meitschene, deren Herz gefangen ist
und befangen ihr Verstand, und wer will von einem armen Meitschi fordern, da
wenn gefangen sein Herz ist, unbefangen sein Verstand bleibe!
    So ging es Anne Mareili. O wie gerne htte es dem Vater angehalten, er solle
sich in diese Verhltnisse nicht mischen, alles Gott und guten Leuten
berlassen, wie gerne gesagt, es sei mit allem zufrieden, wenn es nur daheim weg
und hiehin kommen knnte; aber es frchtete, den Vater noch hinterstelliger,
hinterhger zu machen, und die Forderungen des Vaters zu untersttzen, dazu war
es eben zu wenig unverschmt, zu wenig radikal, und dessetwegen ward sein Vater
rgerlich und weh tat seine Antwort den Andern; es verfehlte sich also gegen
beide Partieen.
    Und dann du, was sagst du dazu? frug der Dorngrtbauer den Resli, dich
gehts am nchsten an, und es decht mich, wie ich meinte, sollte es dir recht
sein, du httest es z'gnieen. Resli, dem das Herz weh tat, antwortete, es sei
ihm so: Anne Mareili sei ihm lieb, er glaube, es gebe eine Frau wie dMuetter,
und ber Bsha solle es nie zu klagen haben. Er htte dessetwegen nie gefragt,
was es htte und wieviel es mitbrchte, und wenn es nichts htte, so sei es ihm
recht. Aber deswegen deche es ihn, man sollte auch ihnen vertrauen und ppe
denke, man mache, wie recht. brigens lasse er ihm alles gefallen, aber ppe da
die Andern z'klagen htten, begehre er nicht. Gschwisterti seien einmal immer
Gschwisterti.
    Er meine, dHut sll eim lieber sein als ds Hemmli, und wenn man eine Frau
wolle, so htte man nichts nach den Geschwisterten zu fragen, sagte der Bauer.
Aber ihm sei es gleich, sie knntens machen, wie sie wollten, deretwegen sei er
nicht hergekommen. Knne es sein Meitschi bsungerbar gut machen hier oben, so
mge er es ihm gnnen, sonst aber, wenn es gmannet sein msse, finde es bei
ihnen ein Dutzend fr einen, und dann wisse er doch, was fr einen, und htte
dSach unter Augen, es mge gehen, welchen Weg es wolle. Es sei da einer, der
htte schon lange angesetzt, und so gut mache sein Meitschi es nie mehr.
Freilich meine ds Meitschi, der sei ihm wohl alte, aber es werde ihm wohl noch
dGlarlcher aufgehen, da es es begreife, je lter, dest besser. Selb htt er
nit Kummer, und gehe es manchmal lang, bis so am ene Meitschi dGlare ufgange.
Aber wenn sie noch heim wollten, so wr es Zeit furt.
    Nit, sagte Christen, so ists doch nit gmeint, u ufbinge wollen wir nicht;
was wir gesagt haben, ist nicht bs gemeint, und si Sach z'sge, het ppe en
iedere dWehli. Dr Bueb lyt s am Herze, un ppe uf enes paar tusig Pfngli uf
oder nieder wirds ppe Keim acho; wo me enangere lieb het, bricht ds Geld ppe
ke Handel. Ds Meitschi isch ihm astndig, u mir hei nt drwider, we mrs scho nt
chenne, wo selb sst nt schadt, we me enangere scho ppe vorher e weneli
chennt. Aber wie gseit, wir sind etwas weit auseinander, selb ist wahr, es hat
aber auch seinen Nutzen, selb ist auch wahr; man ist einander manchmal nur zu
nah. So geht es einmal in der Welt, die Berge kommen nicht zusammen, aber die
Menschen wohl, und wenn sie einmal zusammengekommen, so soll man sie nicht
scheiden, das ist meine Meinung. Was meint Ihr, wie ist die Sache z'machen? Was
mglich ist, soll geschehen.
    Was meinst, Meitschi? sagte der Bauer zu seiner Tochter, es ist deine
Sache, red! Anne Mareili wars nicht ums Reden, die bitterste Angst gulte sein
Herz; sie kann nicht enger zusammenpressen das Herz des Spielers, der alle seine
Habe auf eine Karte gesetzt und nun starren Auges auf die zgernden Hnde des
Bankhalters sieht. Jede Rede mehrte seine Angst, jede Rede zrnte es dem
Redenden, weil sie nicht den Abschlu brachte, sondern ihn hinausschob; es
dechte ihns, es gbte alles, was es auf Erden und im Himmel zu erwarten htte,
wenn mans nur richtig machte, gb wie. Hingerdry chnn me geng no luege u 's
mache, wie me ppe well, dachte es. Sein Vater war zh, auf den setzte es keine
Hoffnung, alle also auf die Andern. Da diese werweiseten und Bedenken hatten,
rgerte ihns also doppelt, und besonders an Resli tat es ihm weh, es dechte
ihns immer mehr, wenn der ihns recht lieb htte, so wre ihm alles recht, er
wrde nichts scheuen, um ihns zu erhalten; hingerdry chnnt me ja de geng luege
und 's mache, wie man es ha wett. Darum antwortete Anne Mareili, es htte nicht
geglaubt, da es da so viel Bsinnens gebe, dem an, was man ihm gesagt; aber es
sage nichts dazu, wie der Vater es mache, sei es ihm recht, aber das Mrten sei
ihm zwider, es wre lieber nicht dabei, es m es sagen.
    So sei es ihm auch, antwortete der Vater, und so wolle er sagen, was er
wolle: Sie sollten dem Sohn den Hof abtreten fr vierzigtausend Pfund, da
sobald sie geheiratet, sein Meitschi Kelle und Schlssel bernehme, und wenn
Resli vor ihm ohne Kinder sterbe, so erbe das Meitschi den Hof dahin und daweg.
So wolle er und sonst nicht.
    Resli wurde ganz bla, als er das hrte, die Lippen bebten ihm, als ob er
reden wollte; aber wenn ers schon gewollt, fr kein Lieb htte er ein Wort
hervorgebracht. Etwas Giftiges quoll in ihm auf, welches sonst seinem Herzen
fremd war, ein Stolz regte sich in ihm, von dem er nicht wute, woher er kam.
Kam man da von unten her und meinte, hier oben sei lauter Dummheit und man knne
mit den Menschen umgehen als wie mit Trpfen und Halbwitzigen; war dann keine
Liebe im Meitschi zu ihm, sondern nur zu seinem Hofe, und whrend er nichts
forderte, von keinem Kreuzer Ehsteuer sprach, wars dann recht, da man von ihm
alles forderte? War er ein Kerli, den man vergolden mute, damit ein Meitschi
ihn nehme? Er fing an zu fhlen, da er alleine ein Mdchen wert sei und da
sein Ich alleine mehr wiege als manch ander Ich, und wenn dasselbe
hunderttausend Pfund mit sich auf die Wage nhme.
    Der gute Resli wute halt nicht, da selten ein Mdchen eine rechte Wage hat
fr das rechte Ich, und da wenn es sie schon htte, auf der Eltern Wage ein
rechtes Ich doch nie mehr zieht als eine Nulle, und da jedes Ich zu seinem Ich
noch legen mu einen Zinsrodel oder ein Geschft oder einen Titel samt Namen,
wenn es irgend etwas ziehen soll, gb wie wenig. Das wute Resli nicht und sah
auch nicht in Anne Mareilis Herz hinein, nur an sein Gesicht, und das hatte ihm
bereits sattsam Kummer gemacht. Es arbeitete gewaltig in seiner Brust, es
dechte ihn, er mchte satteln und reiten auf Leben und Tod, gegen was man
wollte; wissen sollte man, da er nicht Nichts wre, sondern Resli, der
Bauernsohn zu Liebiwyl, e rechte Burscht un e Draguner trotz eim. Die Weiber
haben einen eigenen Sinn fr das, was sich auf den Gesichtern regt; dieser Sinn
ist ein Schlssel zu den Herzen der Mnner, in diesem Sinne lge auch die
Herrschaft ber sie, wenn nicht wiederum im Weibe ein eigener Geist des
Widerspruchs lge, der das, was es im Herzen sieht, nicht beherrschen, sondern
unduldsam seine Stelle ihm nicht gnnt, es vertreiben will mit Keifen oder
Zrnen. Mtter sind geluterter als Weiber, ihre Liebe ist meist weniger
selbstschtig, sie sehen ebenfalls in die Herzen ihrer Shne (kurios, mehr als
in die ihrer Tchter), aber sie stellen sich ihnen nicht entgegen, sondern als
Schirm und Schutz, als Vorfechter davor oder wenden es unvermerkt mit
Zrtlichkeit, wie man ja Butter weich macht, wenn man sie kneten, und Eisen
flssig, wenn man es gieen will.
    So lasen Anne Mareili und nneli in Reslis Gesicht die unsichtbare Schrift,
die auf der wunderbaren Tafel seines Herzens geschrieben ward von unsichtbarer
Hand. Hei und kalt fuhr es Anne Mareili den Rcken auf, als es sie sah, fr
kein Lieb htte es ein freundlich Wort reden knnen; htte es reden mssen, so
wr ein Gallenstrahl hoch aufgespritzt. Aber rasch ergriff nneli das Wort und
sprach, das seien Sachen, an die man nicht gedacht und ber die man nicht mit
einander geredet htte. Es fr seinen Teil legte gerne die Brde ab, und je eher
ihm Resli ein Shnisweib zubringe, dest lieber sei es ihm, und gerne wolle es
abgeben und dasselbe machen lassen; es sei mde und ruhe gerne, und ppe ume
z'bifehle sei nie seine Sache gewesen, deswegen brauche man nicht Kummer zu
haben. Aber wegen dem andern msse man doch mit den Andern reden, es gehe sie
auch an, und wenn man es vorher abgeredet und ausgemacht, so gebe es hintenher
keinen Streit. Wegem Christeli htte man kaum was zu frchten, aber wenn
Annelisi heiraten sollte, so wte man nicht, was es fr einen Mann bekme.
Darum wre es am besten, man redete noch mit einander, ehe man das Wort gebe.
    Es sei ihm recht, sagte Christen; wo sind sie wohl, man kann sie rufen.
Ein Schatten flog ber nnelis Gesicht, schon hatte es den Mund offen, da sprach
der Bauer, das pressiere nicht halb so, und wenn man sie jetzt gleich riefe, so
meinten sie, wie ntlich er tte, und selb sei nicht; ds Cuntrri, es sei ihm
lieber, man behielte noch auf beiden Seiten dWehli, man wisse nie, was es gebe,
es knne in einem Tage Ungsinnets geben ganz Hfe. Sie sollten ppe mit
Glegeheit mit einander reden, und wenns ne recht sei, so sollten sie Bricht
machen, und mache man keinen, so sei es ihm, wie gesagt, auch gleich, denn dSach
sei ihm doch nur halb recht, und wenn er nicht she, da es am Meitschi hier
gefiele, so mchte er lieber nichts mehr davon hren. So tue er es ihm zu
Gefallen, aber dessetwegen sollten sie nicht meinen, sie knnten mit ihm machen,
was sie wollten; so es Meitschi sei immer z'trste, un ppe dr Narr mache und
sih hingersinne, das sei in seiner Familie nicht dr Brauch. Gits nit d, su gits
en Angere, u gits Kene, so cheu mrs sst mache, so denk me i syr Familie. U de
wrs nimme Zyt, ppe lang no z'rede, es sei schon vier, und sie htten noch
angere Sache auszumachen.
    Nun begann er zu seufzen und zu berzen wegen den Laden, wenn er die nur
daheim htte, er htte sie ntig und wisse nicht, wie sie holen, da sie alle
Hnde voll zu tun und alle Tage gleich nach morgens zwei Uhr zwei Zge im Felde
haben mten. DKalbete, die knnte man allfllig durch einen Jungen holen
lassen, aber dLade, die mangelten Zeit und Rosse, und er wte sy Seel nicht wie
machen; se z'vrdinge z'fehre, verteure sie ihm gleich, da er sie ringer, es
w ke Mnsch wo, kauft htt. Deretwegen, sagte nneli rasch, sollte er nicht
Kummer haben, ein paar Bume Laden zu fhren, htten sie immer Zeit, zugleich
knne man Bricht bringen und dSach usmache; am Donnstag oder Freitag, wenn es
ihm recht sei, gebe sich das schon.
    Eingemrtet habe er das Fuhren nicht, sagte der Bauer, und wenn es etwa viel
kosten sollte, so wollte er lieber noch warten. Das sei nun gleich, eingemrtet
oder nicht, was man anerbiete, sei anerboten, und dafr nehme man ppe kein
Geld, sagte Christen. Er solle nur sagen, an welchem Tage es ihm am
anstndigsten sei. Wenn das so gemeint sei, antwortete der Dorngrter, so wolle
er es mit Dank angenommen haben, all Tag seien ihm gleich, dr Freitag noch
schier lieber als der Donnstag. ppe Futter brauchten sie nicht mitzubringen,
der Gattig htte er genug; mit Haber zwar sei er nicht am besten versehen, aber
dest besser sei das Heu, und wenn es noch etwas mehr sein msse, so tte es
Reiterkorn auch. Aber jetz hulf er fort, bis sie daheim seien, sei es lngst
Nacht.
    Er solle nicht pressieren, hie es, allweg doch vorher noch recht essen und
trinken, wofr sonst wrs da? Das lie er sich allerdings nicht lange sagen, und
Glas um Glas rutschte ihm runter, man wute nicht wie, und wer wei, wie lange
er gesessen, wenn Anne Mareili nicht immer heftiger am Heimgehn getrieben htte.
    Es hatte, wie unsere Weiber zu sagen pflegen, voll bis obenaus, es zwitzerte
ihm vor den Augen, und unendlich viel htte es darum gegeben, wenn es sein Haupt
htte legen knnen auf ein Bett in dunkler Kammer und da so recht ausweinen
Liebeszorn und Liebesangst, verbergen knnen das eigene Herz vor den eigenen
Augen. Es war ihm so wind und weh, da wegzukommen, es fhlte immer mehr, da es
seiner nicht Meister sei, ein Reiz seiner Herr werde, dem untertan zu sein es
nicht gut ist, sintemalen man nie wei, was alles zu tun er imstande ist. Es
fhlte sich in einem Zustande, in welchem eine Wolke ist, die regnen mchte,
aber bereits ein Wesen fhlt, das den Regen hemmt, dafr aber hageln lt; denn
obs regnet oder hagelt, hngt nicht von der Wolke ab, sondern von der
Luftschicht, in die sie gert, von dem Winde, der ber sie hinweht. So brachte
es Anne Mareili zum Aufbrechen, aber holdselig war es dabei nicht, es sah aus,
als wenn es zrnte, und es zrnte allerdings, und zwar ber alles: ber ihns,
weil es mit dem Weinen kmpfen mute, ber den Vater, weil er so getan, da den
Andern der Mut zu entfallen schien, ber Resli und seine Leute, weil sie die
Sache ins Bedenken gezogen, so gleichsam sie an eine Kommission gewiesen.
    Ach ja, an Kommissionen weisen, das ist ein prchtig Ding, denn jedwede
Sache soll doch reiflich erwogen, jeder Beschlu rundum bedacht sein, ehe er
gefat wird. Aber wo ein jung Herz in Liebe schlgt, da sind solche Kommissionen
und ihr Erwgen ein grlich Ding, denn was kmmt da wohl alles ins Spiel und
was wird wohl alles bedacht und wie lange geht es wohl, bis eine Kommission eine
Sache ausgedacht! Und wo ein ander Herz in Eifer fr eine schne Sache schlgt,
im Feuer der Begeisterung sie erfat, in der Klarheit eines reinen Aufblickes
sie erschaut hat, was wer, den diesen Herzen so oft Kommissionen fr ein
schndlich, greulich Ding! Es kmmt einem manchmal vor, als ob solche
Kommissionen nichts respektierten als ihren eigenen Kot und sich als Kfer
dchten und alles ihnen Vorgelegte als Dngerkltze, die sie nach Lust und
Bequemlichkeit zu durchwhlen htten, um an dem einen Teil sich selbst zu
msten, vom Rest aber zu sagen, es sei halt Dnger und Dnger gehre auf den
Mist. Es gibt Kommissionen, die weder Sinn, Verstand noch Willen haben zu dem,
wofr sie kommittiert sind, die nichts als Kyb, Neid und Eigendnkel haben und
daher wirklich nichts respektieren als den eigenen Kot. Manchmal ignorieren sie
vornehm, was ihnen bertragen worden, und man hat Beispiele, da sie es
verlieren und doch nach Jahren mit beispielloser Frechheit rapportieren ber
das, von dem sie hchstens den Deckel gesehen. Da kmmt es dann kommod, wenn man
lgen kann, da die Schwarten krachen, und schamlos ist wie eine kuhrote Kuh,
die auch nie rter werden kann, als sie bereits ist, es mag geben, was es will.
    Nun war es allerdings ein parlamentarischer Kniff von nneli, da es die
Sache aufs Referendum schob, aber es geschah nicht in bser Absicht. Es sah, was
kochete, und eben diese Kocheten wollte es nicht anrichten lassen. Es gibt
Augenblicke im Privat- und Staatsleben, welche man verrauschen lassen mu, wenn
man nicht graune Sachen machen will. Diese Augenblicke erfordern Takt, den hat
man leider nicht immer, in neuen Kantonen nicht, ja am Vorort selbst nicht; die
Aargauer zum Beispiel knnten Beispiele von Exempeln erzhlen. Anne Mareili
aber, noch eine junge Kreatur, gleichsam ein neuer Kanton, begriff das nicht,
und da es ohne Sicherheit und Gewiheit heim mute, vom vermeintlichen sichern
Port weg wieder aufs unsichere Meer hinaus, wo jeder Haifisch und jeder
Kellerjoggi aufs neue nach ihm schnappen konnte, das wollte ihns fast zerreien.
    Sie gaben ihm das Begleit fast bis nach Herrlige, aber es ging trb zu
zwischen ihnen, und als man Abschied nahm, wurde manch blich Wort gewechselt,
aber kein herzliches, trotzdem da das Augenwasser in manchem Auge stand, und
gb wie man anwendete, das klare, wahre Wort fand sich nicht; und kurios ists,
wie es so selten sich findet, wie so selten es sich im Gemte gestaltet, und wo
es sich auch gestaltet, doch die Kraft fehlt, es auszusprechen. Es ist halt auch
in unserm Gemte wie am Himmel, welcher so selten wolkenrein ist, und ist ers,
so weht meist ein rauher Wind, oder ehe noch die Sonne niedergeht, kmmt schon
der Sturm gezogen und verhllt das Helle wieder.
    Finster zog nach vollendetem Abschied es hinter dem Vater her, und als der
einige Male keine Antwort erhielt, blickte er zurck und sah, wie Anne Mareili
mit dem Nastuch im Gesichte focht. Plrist? fragte er. Nein, sagte es, aber
ich bin flessig. Ich wute auch nicht, was z'plre httest, sagte der Vater,
gehe es wie es wolle. Kmmst du dahin, so ist fr dich gesorget, tun sie
hinterstellig, he nun, so gibt es was anders. Das sind dumm altvterische Leute,
die fr jede Sache einen apartige Brauch haben, meinen, wie witzig sie seien,
und doch nichts verstehen; einmal fr vierzig Kronen habe ich sie mgen. So dumm
Lt habe ich lngs Stck nicht angetroffen. Denen mu man den Marsch machen zu
rechter Zeit; wenn du unter ihres Regiment mtest, in acht Tagen machten sie
dich ds Tfels. Darum habe ich fr dich gesorget, wenn du ds Maul schon nicht
hast auftun wollen.
    Aber Vater, sagte endlich Anne Mareili, und wenn sie nicht wollen? Es ist
doch auch wohl strengs fr sie. He nun, so habe ich doch wohlfeile Laden und
eine Kalbete, woran auch etwas zu verdienen ist. Aber habe nicht Kummer, die
tuns, sie htten sich nicht dafr, zurckzugehen. Uvrschants von ihnen ist es
gewesen, da sie nicht gleich eingeschlagen, nachdem sie uns haben kommen
heien, so da man htte meinen sollen, es sei ihnen im voraus schon alles
recht. An uns wre es gewesen, sih z'bsinne, und nicht an ihnen. Sie httens
schon fr eine Ehre nehmen sollen, da es uns nur dr wert gsi ist, ga z'luege da
in ihr Gitzinest hinauf. Am tubste hat mich dr Jung gemacht, dem wrs doch am
meisten angestanden, sein Maul aufzutun und einzureden, so ntli, wie er getan
hat; aber ein Wort ist ein Wort, das er gesagt hat. Es mu notti nicht alles mit
denen Leuten sein, sonst htte er nicht so weit laufen mssen fr eine Frau und
htte nicht brauchen so ntlich zu tun. Es ist gut, hat man sich in acht
genommen u nit gmeint, mi me zsmefelige dry. So wie es jetzt ateigget ist,
kann man der Sach abwarten.
    Anne Mareili kannte den Vater; sonst hatte dessen Wort nicht gute Statt in
seinem Herzen, jetzt aber fand es Boden, schwoll auf und keimte. Es steigerte
eine Stimmung, die bereits vorhanden war, gab unbestimmten Gefhlen feste
Richtung, bermachtete die Liebe, erbitterte das Herz, kurz tat, was Aufweisung
gewhnlich tut, machte einen Schaden grer, trieb ihn der Unheilbarkeit
entgegen, zeitigte Empfindungen, die ohne sie rasch verglommen wren, zum
Brande, und was ein solcher Brand alles zu verzehren imstande ist, wer wei es
nicht!
    Oh, Aufweisungen sind Teufelswerke, und Aufweisen ist ein hllisch Wort. Als
der Teufel es bei der Eva anfing, Gottes Gebot ihr verntigte, ihr weismachte,
der liebe Gott gnn ihr guet Sach nicht, da wute er wohl, was er damit in die
Welt pflanzte; denn Aufweiserei bricht aller guten Lehr und Strafe die Spitze
ab, raubt der Gutmeinenheit das Vertrauen, ist die Handhabe, an welcher der
Teufel die Dummen hlt; denn wer einmal der Aufweiserei die Ohren geffnet hat,
der ist gerade, als wenn er auf einem Schlitten se am stotzigen Berge, an
dessen Fu das Hllentor ist; oben gibt ihm der Teufel einen Mupf, und
sttzlige, h, trrer! gehts dem schwarzen Loche zu.
    Wie Viele aber sie treiben, diese Aufweiserei, die sind des Teufels Diener,
und wie die Metzgerbuben und Metzgerhunde den Metzgern Klber, treiben sie dem
Teufel Seelen zu. Bedenken dies dann die nie, welche niemand von sich lassen, es
sei denn, sie htten sie aufgewiesen gegen die, durch deren Hand sie Gott
regieren will? Wenn jemand unversehens der Kopf aufschwillt zu einem
unfrmlichen Klotze, gro wie ein M wird, so heit es, man sei in einen bsen
Luft gekommen oder sei uf enes Unghr trappet. O Mensch, bedenk, wenn du ein
klein rgernis hast und jemand blst es dir auf, da es dir Kopf und Herz
zersprengen will, da es dir vorkmmt, es habe die Seele nicht mehr Weite in der
Haut, bedenk, o Mensch, das ist der wahre bse Luft, und dem Teufel selbst bist
du auf den Stiel getrappet, und seine giftigen Klauen hat er in dein Herz
geschlagen! Mach, da du los wirst, salbe dich mit Demut und waffne dich mit
Sanftmut, strecke den Schild des Glaubens vor dich und rufe: Gang furt, Tfel,
ih wott nt vo dr!
    Schwer ist dieses freilich, denn wenn der Mensch mistimmt ist, gereizt ist,
so macht ers nicht wie ein Doktor, der den Miklang zu lsen, den Reiz
aufzuheben sich mht, sondern eine eigene Verkehrtheit macht es ihm zur Lust,
den Reiz zu steigern, die Mistimmung immer mchtiger zu machen, und dieser
Verkehrtheit lt er freien Lauf und sinnet nicht, was sie ist, wohin sie
treibt. Wir haben ein gutes Wort dafr: abbrechen mssen wir; wer ihm selber nit
abbrechen kann, ist e arme Tropf, sagt man. Abbrechen ohne Gnade mu man solche
Stimmungen, abgebrochene Pflanzen haben keinen Wachstum mehr, sie verdorren.
    Nun brach Anne Mareili niemand ab, es selbst vermochte es auch nicht, und
was der Vater begonnen, setzte die Mutter fort. Sie hatte sich gefreut, die
Sache werde richtig gemacht werden, hatte auf einen guten Tochtermann gehofft,
der zuweilen ihr krame ein Pfundlein Kaffee, zu dem sie ziehen knne, wenns mit
Ihrem fertiggemacht htte. Nun war die Sache noch in hngenden Rechten und in
Zweifel gestellt, das rgerte sie sehr. Ihr Alter sei der uvrschantist Hung, was
gebe, sagte sie, und gheusche heig er wien e Narr, aber das dech si an ihm
nichts anders, von wegen, er sei so, sei immer so gewesen und werde immer so
bleiben. Aber von diesen deche es sie wst, und sie knne es ihnen nicht
verzeihen, da sie werweisen wollten und abraten. Es msse doch nicht alles mit
ihnen sein, und wenn dr Jung es auch nur ein Augvoll lieb htte, so wrde er
anders angesetzt und seinem Alten wst gesagt haben, bis es gegangen wre, wie
ihrer Buben auch gemacht htten. Sie hulf es ihnen zeigen, da man sich nicht
zum Besten halten liee, und wenn er jetzt auch mit gutem Bescheid kme, so
mte er lange nicht wissen, ob man wolle oder nicht. O Jere, sie mssen nicht
meinen, da hier nicht auch Leute seien, die selber zu essen haben und wissen,
was der Brauch ist, o Jere! Ein Reicher wrs u guet Sach knntist ha, aber die
messe de notti wisse, we me da ungeruche in ihre Wildnu chunt, me nit chunt
fr sih la z'regiere u z'kujiniere, das cha me hie unger o ha, sondere fr guet
Hndel z'ha und se z'brichte, was o unger rechte Lte dr Bruch ist, u drnah
z'fahre u se dra z'gwenne.
    Solche Reden umsurreten Anne Mareili, und wenn schon zuweilen ein Gedanke
ihm kam, da was man zu Liebiwyl gesagt, nicht so ungegrndet sei, so fate der
nicht Fu. Es dechte ihns, alle Leute sehen ihm an, da es auf der Gschaui
gewesen, und mchten es ihm gnnen, da es unverrichtet heimgekommen. Es nahm
sich vor, am Freitag, wenn Resli komme, recht kohl und kalt zu sein, sich lange
nicht zu zeigen, und wenn er komme mit dem besten Bescheid, so wolle es ihn
anhalten lassen bis gnueg, damit er fr alle Zeit wisse, wie man mit ihm umgehen
mte; von wegen, wie man sie gewhne, so htte man sie. Zu dem kam noch das,
da Kellerjoggi sich wieder zeigte, und dringlicher und nachgiebiger als nie.
Wahrscheinlich hatte er Wind von dem, was unterhnds war, mglich auch noch
andere Grnde zur Ehe, kurz eines Abends kam er dahergetrappet. Er tat, als ob
nichts vorgefallen wre, setzte sich aufs Bnklein vor der Kche, frug nach dem
tti und brichtete unterdessen der Mutter von seinem Reichtum und seinen
Vorhaben. Und als der Vater endlich kam, lauernd und es dick tragend hinter den
Ohren, sagte Kellerjoggi unbefangen: Es htte da neuis g, aber jetzt syg er
drbercho und heyg gseh, wies syg, und darum komme er wieder und wolle sehen,
wie es stehe zwischen ihnen. Man habe so allerlei brichtet bers Meitschi vo dr
Brunst nache. Er htte es nie geglaubt, aber wissen htte er doch wollen, was an
der Sache sei, von wegen, wenn man afe dJahr uf eim heyg wie er, so lueg me
zerst, ehe man dSach richtig mach. Darum htte es ihm nicht pressiert, jetzt
aber sei es ihm daran gelegen, da dSach i dRichtigkeit komme, er wisse jetzt,
da man gelogen habe; aber wie lang man lebe, wisse man nie, es gehe manchmal
geschwinder, als man mein. Erst vorgester sei dr Kuderwirt gsund und wohl ins
Bett gegangen und tot ufgstange, u ke Mnsch heygs ghrt, wonr gstorbe syg. Selb
grus ihm, so mcht er doch nicht sterben. We me i gwne Jahre sei, so sollte
man immer jemand bei sich haben, die w, was gang, und emel o ppe chnnt es
Gebet verrichte, wenns ungsinnet a Notknopf km.
    He ja, sagte die Frau, ich habe auch schon manchmal daran gesinnet, wenn
mein Alter so gehustet hat, da es mich dechte, er stt ds Herz a dDieli ueche
sprenge, es wr gut, wenn ich ein Gebetbuch zweglegte; man kann nicht wissen,
was es gibt, und wenn man in der Angst etwas suchen soll, so findet man es
nicht, bsungerbar ppis, wo me ppe nit viel brucht. Und denn knnts z'spt
werde, u das chnnt mr doch de gruse, vo wege, es knnte etwas bleiben hangen,
wo besser wr, es bliebe hier, u da de son e armi Seel met umecho, selb wr
doch de neue grslig; wes einist het messe sy, so wrs doch de besser, es blieb
drby un esn ieders blieb, wos wr, mi het ppe gnue chnne binangere sy bi
Lebzyte.
    Du bist e Sturm u weit nicht, wasd redest, sagte der Bauer, geh und gib
den Schweinen, hrst nicht, wie sie ntlich tun. So haben es die Weiber; was sie
nichts angeht, darum kmmern sie sich, u darob vergesse si ihr Sach; es wei kei
Tfel, wie es gieng, wenn man nicht immer hinten und vornen wre.
    He ja, ppis ist an der Sach, sagte Kellerjoggi, aber gut ists doch
allweg, wenn me allbeeinist an die Seele auch sinnet, gangs de, wele Weg es
well, su het me doch de nt gfehlt. Es ist mir manchmal so wunderlich, es geht
mit mir alles ringsum und es decht mih, ih fahr Gutsche, wyt wyt weg, u zletzt
bin ich doch am gleichen Ort, wo ich abgsessen bin. Lang mache tue ihs nimme, ih
frcht, ih frcht! He nu, gangs wies well, mi mue's anh. Aber ppe, wie gseit,
so alleine, da niemere fr eim betet, sturb ih nit gern, ds Lebe ist lngs, u
drwyle geit mngs, wos besser wr, es wr nit gange, u wos guet ist, wes
drhinger blybt u wes eim pper abnimmt. Drum han ih denkt, ih well ht no cho,
es wird ppe nt meh im Weg sy, da mes richtig mache cha. Ists daheim, ds
Meitschi, wo ists?
    So sprach Kellerjoggi, und der Dorngrtbauer hrte es nicht ungern, sagte
aber, svli gschwing mach sich das doch nicht. Schreiber htte man keinen bei
der Hand, und mit dem Meitschi me da wieder frisch geredet werden; es htte
sich jetzt darauf verlassen, es sei nichts mehr, und denn wisse man nie, was
dMeitschi agstellt heyge. Dabei mchte er doch wissen, wie ers jetzt im Sinn
hatte, die Sache machen zu lassen. Darauf hustete Kellerjoggi grimmiglich, kam
lange nicht zu Atem, tat, als ob ihm fast etwas versprengt wre, sagte endlich,
als er wieder zu Atem kam: Ja, ja, so gehts nicht mehr lang, und was du tun
willst, heit es, das tue bald; er msse jetzt heim, er mg dr Nachtluft nicht
mehr erleiden. Aber er solle doch zu ihm kommen die nchsten Tage und darauf
zhlen, dSach werd richtig; aber sumen solle er nicht, man wisse nie, wie reuig
man werden knne. Er leu ihm guten Abend wnschen, sagte er und stopfete davon.
    Du alte Dolders Schelm, was du bist, brummte ihm der Dorngrtbauer nach.
Aber das nahe Sterben machte doch Eindruck auf ihn, und er dachte, etwas knnte
doch an der Sache sein, u luege me me. Anne Mareili begriff noch besser den
Kniff, aber das machte ihns umso bser ber Resli, je mehr es Kellerjoggi hate.
Nun war es neuen Drangsalen ausgesetzt, die Sache ins weite Feld gestellt, und
vor dem allem htten sie sein knnen, wenn sie nicht so eigelich getan, sondern
sich hinzugelassen, wie man es ppe begehrt htte.
    ber Liebiwyl war der Himmel auch nicht helle. Als die Familie vom Begleit
zurckging, redeten sie abgebrochene Worte von gleichgltigen Dingen, aber Keins
frug das Andere: Was sagst du dazu, wie haben dir die gefallen? Du solltest
noch Bohnen gwinnen, sagte nneli zu Annelisi. Ich habe geglaubt, es gebe ein
Wetter, sagte Christen. Vater, soll ich das Wasser abreisen? frug Resli. Es
decht mich, das Emd htte brav agsetzt, bemerkte Christeli. So gings nach
Hause, dort jedes seinen Geschften nach. Annelisi ertrug das schwer, es machte
ihm ordentlich eng ber den Magen, so alles verschlucken zu mssen, was ihm
durch die Gedanken lief; aber es wute wohl, wenn Vater und Mutter von einer
Sache nicht anfingen, so stund es ihm nicht zu. Als es einen Korb suchte fr die
Bohnen, ging Christeli vorbei. Da konnte es sich nicht enthalten, ihn zu stellen
und zu fragen: Du, wie het si dr gfalle? So bs nit, sagte Christeli, son e
weneli e Schchi oder e Suri, ih wei selber nit, welches von beiden. Mich,
sagte Annelisi, nimmt ume ds Schinders wunder, wie die es Resli hat knnen
antun und was er an der sieht, er, der sonst son e Exakte un e Figgestiel ist,
won ihm so lang Keini recht gsi ist hie ume. Brav genug wr si, aber da man de
ppe kei Brveri fnde hier herum, selb nit. Aber z'rede wei si i Gottsname
nt. Ich habe alles Mgliche angefangen, von Schieete und Mrite, von Buben und
Mgden, aber ein Wort ist ein Wort, das ich anders herausgebracht, als so
trockne Ja und Nein und: e dr Tusig! Und was das fr e Stolzi ist, keim Meitli
het si es frndligs Wort g, und httist gseh, wie die ere nahgrnnet hey! Und
de Maniere het si de ppe nit gar, hast nicht gesehen, wie sie ds Fleisch noch
mit dem Finger ab der Gablen stt, Und dann ein Naselmpli hat sie gehabt, so
es klys und es dnns, da ich mich geschmt htte, mit einem solchen zDorf
z'fahren, und wenn sie es hat brauchen wollen, so hat sie lngs Stck nit gwt,
wos ist, oder hat die Nase nicht finden knnen. Ich will wetten, die braucht
daheim keinen Lumpen, sondern dFinger u ds Frtech.
    Du bist immer das Gleiche, sagte Christeli, es usfehrisch Meitli. Denk,
wenn dich jemand hrte, was sagte er von dir! An einem fremden Ort kannst du tun
wie der heilig Feierabend, da dLt meine, sie mten mit dir in e Vrsammlig.
Vielleicht ists bei diesem umgekehrt, liebliger daheim als zDorf. Du bist ein
bser Christeli, sagte Annelisi, aber wart du nur, kein guts Wort gebe ich dir
mehr. Wenn ich aufrichtig bin gegen dich und meine, ich habe einen Freund an
dir, so kmmst du mir so! Zrn nit, sagte Christeli, ich habe da nur so was
nachedampet, was ih am Sunndi ghrt ha. Es ist einer im Wirtshaus gewesen und
der hat gesagt, es gebe zweier Gattig Mnsche, die eine seien gut fr dGa, die
andern gut fr ds Hus, und die einen htten Manieren daheim und die andern
daheim keine, aber ds Tfels viel zDorf, und es gb schne Visitegsichter, die
vrfluxt wste Kuchigsichter seien. Nun komm es darauf an, was me lieb, aber wenn
me das scho w, so werd me doch gern bschisse, vo wege, man sehe die Meitleni
doch meist nur auf der Ga und knne sich daher gar nicht vorstellen, was sie in
der Kche fr Gesichter machen oder wenn sie sollten Bohnen gwinnen und lieber
klappern mchten und dLt usfhren. Wart nume, du, sagte Annelisi, kein Wort
sage ich dir mehr, und wenn de dr Dokter manglist, so kannst du selbst laufen,
so schnauzte es und scho dem Bohnenpltz zu.
    Als alles zu Bette war und Christen und nneli in ihrem Stbchen, redete
lange Keines, aber schwer seufzte Christen. Was hast du? fragte nneli. Ich
wei es selbst nicht, sagte Christen, aber es ist mir neue so schwer. Was ich
zur Sache sagen soll, wei ich nicht, sie gefllt mir nur halb. Was gefllt
dir nicht? fragte nneli. Ds Meitschi noch gut genug, von dem will ich nichts
sagen, obschon ppis e wenig holdseliger nichts schadte; aber der Alt hat mich
gergert, das ist so recht einer, wo meint, es sei niemand gescheit als er und
wenn er aus seinem Dorfe weg sei, so komme er zu lauter halbwitzigen Menschen.
Er hat doch wohl gewut, wo er ist, und hat getan, als wre er auf dem Mrit,
als htte unsereinem keinen Verstand, und gemrtet, wie ich mich unter den
fremdesten Leuten schmte. Ich glaube, er htte uns die Kleider am Leibe
abgekauft, wenn ich nicht gesagt, ich brauche sie selbst. Das, sagte nneli,
sind Gewohnheiten; einer hats so, ein Anderer anders, und wer ppe viel auf den
Mrten herumkmmt, meint, er sei immer darauf.
    Von dem wollte ich nichts sagen, sagte Christen, das knnte mir gleich
sein, aber die Gedinge, die er gestellt hat, die sind uverschant. Wenn er noch
viel geben wollte, so htte er ds Recht, auch etwas z'fordern, aber nichts zu
geben und alles zu wollen, das het afe kei Gattig. Er hat getan, als wr kein
Meitschi mehr in der Welt als seins. He, sagte nneli, sie haben es so da
unten. Geht es ihnen an, so nehmen sie alles, will man nicht, so nehmen sie auch
mit Minderem vorlieb. Es hat mich auch gedrckt, und bsunderbar Resli, der hat
mich dauern knnen. Aber was meinst, wie macht man das?
    Ich hulf, die Kinder machen zu lassen, sagte Christen, es ist ihre Sach,
was den Preis anbelangt, hingege wegem Abtrette, das ist mr zwider. Aber am
Meitschi hets mih o nit schns decht, da es em Vater nit abbroche het und ne
so het la mache, es htt slle meh Vrstang ha un abwehre. Ih mue sge, wenn son
es gytigs, wests Fraueli da stt uf e Hof cho, ih dryhti mih no im Grab um.
Wir wollen ppe nit hoffe, sagte nneli, Resli sagt gar, es sei nicht so und
der Gyt daheim sei ihm zwider. Daneben wei man es nicht, es decht se manchmal,
wenn sie daheim sind, sie mchten es ganz anders machen und haben als im
elterlichen Hause, und doch dann mu es einmal in ihrer Haushaltung akkurat am
gleichen Schnrchen gehn. Doch das Best wollen wir hoffen, es ist mglig, da es
nit gwt het, was sge, u da es sih ds Vaters gschmt het unds nit het drfe
la merke. Es ist nichts, das einem so weh tut und eim so es dumms oder es bs
Gesicht macht, als wenn man sich pperem schmt und sichs doch nicht darf merken
lassen, da ist man wie vor den Kopf geschlagen. Sagt man etwas, so macht man die
Sache noch schlimmer, sagt man nichts, so gehts am Ende ber einen los. Ich
wei, was das kann. Ich habe auch jemand gehabt, der zuweilen getan, da ich
durch den Boden durch htte kriechen mgen, und je wster er getan hat, desto
weniger habe ich ihn verlassen drfen, es htt kein Mensch gewut, was er
angestellt htte. Das ist ein Dabeisein, es glaubt es kein Mensch, als wer es
erfahren hat. Drum ists auch mglich, da es dem Mdchen so ging, man mu das
Bessere hoffen. Wenn es sich ppe aparti vor dem Resli verstellt htte, so wte
ich nicht, warum es sich nicht auch vor uns htte verstellen knnen. Aber es
wird eben so eine Natur haben, da es zeigen mu, wie es ihm inwendig ist, und
das sind nicht die Schlechtern. Wenn man einander ppe einmal versteht und sagen
darf, wie es einem ist, so kmmt man d Weg hundertmal besser zweg als mit
jemand, der sich stellen kann, wie er will, und ganz anders, als er es meint.
ppe so wege ere jedere Fliege, wo surret, wird man dann auch ppe nicht ein
Gesicht machen, als wenn man Tannzpfen schlucken sollte.
    Du redest immer z'best, sagte Christen, und hest recht, es ist besser d
Weg, as wenn me allen z'bst redet. Aber Hrate het geng e Nase, u gb wie men o
ppe brav ist un recht denkt, so chas doch bel gehen, wenn man einander nicht
recht versteht oder enandere ds Mul nit gnnt. Es mu immer einer da sein, der
Friede macht, wenn dWelt wott zwsche yche cho und dZwngigi. Resli wei sonst
wohl was er macht, und hat die Augen am rechte Ort, drnebe ist er nit link, und
wenn er sieht, da dSach fehle will, so wird er nicht meinen, da er auf dem
Wagen bleiben msse bis zletscht, er wei sonst, was er macht, u wei o no
z'rede wenns sy mue; weder ht, da hets ihm nit fre welle.
    Ds Herz wird ihm z'volls gsi sy, sagte nneli. Es ist eine wichtige Sach
fr uns, aber gottlob, da wir einig sind und se Herrgott se Friede ist.
Zwngen wollen wir nichts mehr in der Welt, wer wei, wie bald sie uns unter den
Fen wegschlpft; ppe rate knnen wir und unsern Herrgott bete, da er unsere
Kinder durchs rechte Trli fhre wie uns, wenns auch zZyte ruch gnne geyht. Und
er wird scho, ich habe nicht Kummer, es ist noch der alt Gott, wo auch uns
gefhrt. Als wir zusammenkamen, waren wir auch nicht, was wir jetzt sind, und
doch hat er uns nicht verlassen, sondern gefhrt bis hieher, da wir gottlob
noch so recht aufrichtig zu ihm beten drfen, und mein Trost ist, da es heit,
frommer Eltern Segen baue den Kindern Huser. ppe die Besten sind wir nicht,
aber das wei ich und fhl ich, se Herrgott hat uns doch fr die Seinen, am
Segen slls nit fehle, und se Herrgott wird ihm scho Kraft geben. Wotsch du
oder soll ich? Bet ume, sagte Christe.
    Vater im Himmel, betete nneli, vergib uns unsere Schulden, wie auch wir
vergeben unsern Schuldnern, rechne sie se Kinge nit a. We mr ppis Guets ta hey
uf dr Welt, das rechne de Kinge a u hilf ne dessetwege. Aber nit, da de se rych
machist u vornehm, aber bhalt se uf dyne Wege, bhalt ne dr Friede im Herze u dr
Friede im Hus u dFreud fr e Himmel. Bhalt se als Gschwisterti unter enandere,
da eys em andere sy Trost ist, sys Hauptkssi, we sHerz schwer ist u dr Kummer
zvorderist. La nt zwsche yche cho, nit dr Tfel, nit e Mnsch, und was i sHus
chunt, o Vater, das segne auch, nimms uf i Bund, durchfrs mit dym Geist, la is
es zum Engel werde, der is dr Himmel no besser zeigt. Gern wey mr ihm nahgah,
mir bigehre nit voruszgah. Gib am Resli e rechti Frau mit dm rechte Geist, der
nahm Friede trachtet u nah dem, was not tuet frs ewig Lebe. Gib Beide Sanftmuet
und Geduld, da sie dr Glaube u dr Muet anenandere nie vrliere, da dSunne nie
untergeyht vor ihrem Zorn, da sie nie schlafe, oder sie heyge vor dir enandere
dHnd g u guet Nacht gseit u du heigist se gsegnet. O Vater, viel hey mr dih
betet, aber wos us rechtem Herze chunt, wirds dr nie zviel sy, u wer wei, wie
lang mr no Zyt hei z'bete. Machs wied witt deretwege, aber si King vrgi nit u
se Seele erbarm dih! Amen, sagte Christen.
    Es war an den beiden folgenden Tagen fast, als ob eine Leiche im Hause wre,
ein Gegenstand stiller Trauer, ber den zu reden jedermann sich scheute; in
stillem Wesen verrichtete man seine Arbeit, aber jedermann schien gerne allein
zu sein, als ob er noch mehr innerlich als uerlich zu verwerchen htte. Dieses
innerliche Verwerchen ist eine altadeliche Tugend, oft stillen Leuten angeboren,
es ist eine reiche Werksttte: in derselben werden die Grundstze geschmiedet,
auf welche Menschen absetzen, um ihre Namen im Himmel anzuschreiben, da werden
die Seelen gelutert zu reinen Spiegeln, in welchen Gott zu schauen ist, da
werden die Leben geweiht zu heiligen Opfern, welche ewig und in alle Ewigkeit
gelten. Knechte und Mgde merkten wohl, da etwas obhanden war, und aus einem
natrlichen Instinkte verschwanden sie, so viel sie konnten, gaben Raum zu einem
vertrauten Wort. Dennoch gab es sich nicht bis am Mittwoch abends, als eben auch
Knechte und Mgde abseits waren. Der Vater, der auf dem Bnkchen sein Pfeifchen
rauchte sagte, er hlfe hineingehen, der Wind sei sauer und neuis sollten sie
doch abreden.
    Drinnen frug der Vater: Wer fahrt? Ich, denk, sagte Resli. Was wotsch
fr e Wage nh? Denk dr breitschienig, antwortete derselbe. Ist der nicht
z'schwere? Sechs Bum soll ich doch lade, u da mue es e guete Wage sy. Ists
nit zviel? fragte der Vater. Es macht sich, der Weg ist gut, dLade sy tr, un
es geyht alles nidsig, u was me ungereinist fehrt, dara brucht me nit zwure
z'mache, antwortete Resli. Wennd gfahre magst, mir ists recht, sagte der
Vater. Aber was willst du fr Bescheid geben, darber mu man doch auch reden,
sagte Christeli. He, ich habe gedacht, kurzen, antwortete Resli und sttzte
den Kopf in die hohle Hand, als ob ihm das Licht weh tte in den Augen. Man
kann kurzen geben und doch mancher Gattig, antwortete der Vater. Da ist nur
ein Bescheid mglich, sagte Resli, auf die Geding hin gibt es nichts aus der
Sache, ich will nicht, da alle ihr Gluck einschieen mssen fr mich, und fr
was am End? Fr ppis, wo no ke Mnsch wei, was daraus wird. Zuerst ists mr
gsi, dr Knecht chnn fahre, aber du han ih denkt: astndig sygs, was ih agfange
heyg, das mach ich selber us. U de ist mr ds Meitschi zSinn cho, das duret mih;
so ists nit, wies dr Schyn het, es het mih decht, emel einist mcht ihs no
gseh. Gangs de nache wies well.
    Was meinst du, das nicht gehe? fragte Christeli, man mu doch zuerst ber
eine Sache reden, ehe man den Mut verliert und den Stecken wirft. Das ist doch
ppe nicht ntig zu sagen, antwortete Resli. Der Alt hat dSach so gestellt,
da gar nichts daran zu machen ist. Der infam Hund wei wohl, was er macht, er
will nichts von der Sach und will damit nur einen Andern in das Garn jagen. Ich
merke ihn wohl, aber dem sage ich noch was, ehe wir auseinander kommen; der
graue Schelm mu wissen, da wir auch an einem Ort daheim sind und nit Hunde
sind. Belle cheu si de nadisch da nide besser als wir hier oben. Nit, sagte
nneli, so mut du nicht tun; wenn man ein Meitschi lieb hat, so mu man dessen
Vater nicht schelten, stimiere stt me ne, syg er de wie nr well. Aber von der
Sach mu man reden stckswys u se nit so arfelswys desusschiee. Was meinst, was
geht nicht, was ist nit z'gattige?
    He, da will er vor allem aus, da mir der Hof nicht hher angeschlagen
werde als vierzigtausend Pfund, und svli Kronen ist er wert, wenn alles aufs
Hchste getrieben wrde. Ich will nicht sagen, da er mir so teuer gegeben
werden solle, weniger wr billig; aber wenn ich ihn um vierzigtausend Pfund
begehrte, so wre ich ein Schelm an diesne, und eins von ihnen bekme nicht mehr
als dreiigtausend Pfund und ich fast so viel als Beide. Was, dreiigtausend
Pfund, rief Annelisi, so viel bekm ich! Da nimm du nur den Hof fr
vierzigtausend Pfund; wenn ich dreiigtausend Pfund bekomme, so will ich
auslesen ds Land auf, ds Land ab und erst jetzt mih recht ufla u bumele wie
sWetter, potz Hegel! Nit, nit, sagte Christen, es gspaet sich da nicht.
He, tteli, es ist mir ernst, sagte Annelisi, da spae ich nicht. So macht
sich das, Bruder, sagte Christeli; wenn Annelisi so denkt, so will ich ihm
auch daran denken, und wenn einmal sein Mann muggeln sollte, so hab ichs in der
Hand, ihn z'gschweige, wele Weg er will. Das soll also nichts heien, wenns nur
das ist, so ist dSach e gmachti. Das ist ume gchret, sagte Resli, du weit
ja wohl, da da noch anderes ist, was nit guet ist u wo nit geyht. He, man mu
doch darber reden, es wird sein wegem Verschreiben. Ist das nicht ein Unsinn!
Wenn mir der Hof abgetreten wrd und es knnte ihn erben, wenn ich strbe, so
wrs ja mglich, da ihr ihn alle mit dem Rcken ansehen und so ne rguerkafli
darauf mtet gnrzen und hustern sehen. Das mcht ich euch doch um keinen Preis
von der Welt zleid tun.
    Ich will mich in dieses eigentlich nicht mischen, antwortete der Vater,
aber wie wrs, wenn man machen wrde, da Christeli in diesem Fall das Recht
htte, ihn um den Preis, wo er dir angeschlagen ist, an die Hand zu ziehen, Das
wre nicht unbillig, vierzigtausend Pfund trge sie allweg hinweg, und sagen mu
ich, weh tts mir, wenn der Hof so ungsinnet aus der Familie kommen sollte, und
ich wei es, es tte allen Leuten weit umher ungwohnt. Nit, ich will nicht
hoffen, da du sterbest, aber man wei ja nie, was es gibt. Er htte es auch
gedacht, sagte Christeli, es tte ihm bsunderbar weh, da fort zu mssen; aber
sagen habe er es nicht wollen, er mchte doch nicht, da man sich an dem alleine
stoe. Wenn es so zu machen wre, so sei es ihm recht, ja wenn es ppe dem Wald
nicht zu wst gegangen in der Zeit, so nhmte er ihn zurck um fnfzigtausend
Pfund. So dech es ihn, das Meitschi sollte es wohl wagen drfen, zu ihnen
hinauf zu kommen; gehe es wie es wolle, so gehe es ihm nicht bs, und ppe
besser werds es niene mache. Aber recht ists auch nicht, sagte Resli, da
alles auf eine Seite kmmt und da ds Hrate ist wie Chrz und Br, wo man
macht, welches dem Andern das Seine abgewinne; da mu ich sagen, das drckt
mich, da ich alles verwyben und vielleicht nichts erwyben soll. Es ist grad so,
als wenn ppis an mir z'schche wr, das ich mit Geld sollte gut machen. Und
doch wt ich nicht was, und wenn man gegen einander rechnen wollte, so wte
ich nicht, wer dem Andern heraus schuldig wr. Das ist ein Hochmut und e
Uvrschantigkeit, da es mr i alli Glieder schiet.
    He, sagte nneli, wenn dir das Meitschi recht lieb ist, so sieh das nicht
an, in den Ehetag wird der liebe Gott wohl ein Loch machen, ehe es lang geht.
Wegen etwas, wo zwanzig gegen eins zu wetten ist, da es nichts abtrgt, sollen
Zwei nicht von einander lassen, welche sich lieb gewonnen so recht. Das ist gar
eine seltene Sache, rechte Liebe, und so wege Bagatellsache mu man sie nicht
zerstren; man mu nie vergessen, da einer glcklich ist, wenn er einmal in
seinem Leben zu solcher Liebe kmmt, zum zweiten Male gibt es sich ihm kaum. So,
wenn deine Geschwister nichts dagegen haben, so wollte ich das annehmen. Wenn
dein Meitschi ppe es Herz het, wies z'hoffe ist, so sinnet es ne ihr Lebtag
dra. Es ist gut, sagte Resli, es ist wger besser, als es sich hier gezeigt
hat. Ich habe mich salbst nicht darauf verstehen knnen, aber sagen mu es mir
noch, was es gehabt hat.
    So wr man ja richtig, sagte Christen, ohne Streit und ohne Zank, wie es
ppe nicht an manchem Orte so gegangen wre; das freut mich, und blybit so, es
wird euch noch wohl kommen im Leben, und man kann einander gar oft zGutem sein,
wenn man ein Herz zu einander hat und sich kann verstehen. Sinnet daran,
Kinder.
    Ja nein, sagte Resli, es ist noch eins, aber us selbem gibt es nichts,
und da es wegem Geld nicht darauf ankmmt, so denke ich, werden sie nicht ds
Wstest alles machen, um es durez'zwnge, und wette si, su tt ihs nit. Ich will
doch de nadisch auch wissen, ob ich dem Meitschi lieb bin oder nicht und ob es
meinetwegen auch nachgeben und sich etwas gefallen lassen kann. Was wr denn
das? fragte Annelisi, habe ich ihm etwa nicht gefallen und soll ich aus dem
Hause? Wenns das ist, ume zuegfahre, mit dreiigtausend Pfund will ich schon
nchsten Sonntag verknden lassen, mit Zweien statt mit einem, oder ih gange is
Weltschlang ga lere bradle u Krbsbrei esse; es heit, fr ffzg Dublone es
Jahrs berchmm me ebe halb gnue dere im Weltschlang. Schweig doch mit deinen
Flausen, sagte nneli, es wird ppe von dir nicht fast die Rede gewesen sein,
dulden wird man dich wohl mssen, solange wir auch da sind.
    Ja, Mutter, das meine ich auch, sagte Resli, aber habt Ihr nicht gehrt,
da dr Alt von Abtreten geredet hat, er meint, Ihr sollet abgeben, ich solle den
Hof gleich bernehmen, Nutzen und Schaden mir gleich angehen, und dann wr Anne
Mareili Meisterfrau. He nun so dann, sagte nneli, geschehe nichts Bseres,
die Ruhe ist mir auch zu gnnen, daran einmal stoe dich nicht. Wohl, Mutter,
sagte Resli, das ists eben, woran ich mich stoe und was ich durchaus nicht
tue. Solange Ihr lebt, sollt Ihr da zu befehlen, zu schalten und zu walten
haben, wie Ihr es von je im Brauch gehabt habt; anders tue ich es nicht, es
freute mich nicht mehr, hier zu sein. Du bist doch e Ghl! sagte nneli,
warum doch nicht; eine junge Frau mag der Sache besser nach als eine alte, sie
kann gleich anfangen, wie sie es gerne hat. Es drckt junge Weiber oft gar sehr,
wenn sie sich in einem andern Hause neu gewhnen sollen. Drck es sie nun oder
drck es sie nicht, so will ich, Mutter, ich mag nun die oder eine andere Frau
bringen, da Ihr, solange Ihr mgt, die Meisterschaft im Hauswesen behaltet. Mit
dem tti und mir wirds ppe, so Gott will, im Alte blybe, solang mr lebe, und
wie Ihr es mit Annelisi habt, so sollt Ihr es mit meiner Frau haben; das will
ich, und mengere twege. Mach dich deretwege nit kpfig, sagte nneli, ich
wte nicht, warum du gerade das erzwangen wolltest, der Eigensinn trgt nichts
ab.
    Mutter, es ist nicht Eigensinn, aber ich habe die Sache wohl berlegt. Wir
haben ppe ein Hauswesen, wie wir uns dessen nicht zu schmen brauchen; wir
haben genug, und fr andere Leute ist auch etwas da, so ists bei Mannsdenken
gewesen und soll so bleiben, solang wir hier sind. Es wrd ppe am enen iedere
von uns wehe tun, wenns ndern sollte. Dort unten haben sie ganz andere Bruche,
und die begehre ich nicht hierherauf, sie wren mir und euch nicht anstndig.
Und dann wrd es auch viel Lachens geben deretwegen; die Leute wrden ppe
z'reden haben, und selb begehre ich auch nicht. Meine Frau kmmt in mein Haus,
und da soll sie ppe fortfahren, wie ich mich gewohnt bin, wie es mir anstndig
ist; das, mein ich, sei nicht ber Ort. Das mu sie aber alles lernen, sie wei
von unsern Bruchen nichts, sie mu sich selbst zuerst daran gewhnen. Und
unsere Mutter ist ppe eini, wo ein Shniswyb ppe mit der Liebi nachziehn wird,
wie ppe nit en iederi. Sie wird nicht alles an einem Tage wollen, sie wird
Geduld haben, sie hat ja von je mit uns allen Geduld gehabt, wir haben sie ppe
erfahren, seitdem wir leben; auch ein Shniswyb wird nicht bs Sach bei ihr
haben und im Trab sein, ehe es daran denkt, wes e kly Vrstand het und dr Friede
bigehrt. Soll aber meine Frau gleich das Heft in die Hand nehmen, so nimmt sie
es, wie es daheim blich war, frgt vielleicht die Mutter einige Male, und
andere Male vergit sie es. Sagt ihr die Mutter ungfragt, was nicht recht ist,
wer wei, wie sie es aufnimmt und ob sie nicht meint, die Mutter wolle sie
kujonieren und es gehe sie nichts mehr an. Und mu ich es ihr sagen: Die Mutter
hat es so gemacht, so sind wir es gewohnt, frag doch die Mutter, wer wei, wie
sie das dnkt, ob sie nicht im Herzen denkt, sie knne nichts recht machen, ob
sie nicht schalus wird und meint, ich habe die Mutter lieber als sie, und dann
sich und Andern das Leben schwer macht mit Plren und Dublen oder sonst Wsttun.
Und wenn wir nichts sagten, es verdrckten, so wren wir auch nicht wohl dabei,
und Zufriedenheit wr keine.
    Oh, so wird sie doch nicht sein, du wirst doch wohl wissen, an wen du so
gesetzt hast, sagte der Vater. Vater, was wei ich, sagte Resli, die Mutter
kenne ich und ihr darf ich vertrauen, sie wird mir ppe es Fraueli nit plage.
Aber wie ein Meitschi ausfllt, kann man nicht wissen, und wie es in ihm
aussieht, nicht sehen. Es hat einmal einer gemeint, es komme schon viel darauf
an, ob sie am Hochzeittag die Sonne anscheine oder es regne; regne es, so htte
man manchmal ds Schinders Not mit ihrem Gesicht die ganze Ehe durch. Es kann
etwas so in ein Herz hineinkommen, gb wie wenig, und es ist ganz angers und
vrpfuscht fr geng. He ja, sagte nneli, haben wir das nicht selbst erfahren
und nicht etwa jung, sondern wir alte Stcke.
    Darum mchte ich lieber ds Gwssere spiele; man kann sich an einen
Hausbrauch gewhnen, wenn man Kind im Haus ist, man wei nicht wie, hingegen
wenn man einmal regieren soll, lt man sich nicht mehr gerne brichten, sondern
macht, wie es sich einem schickt, sagte Resli. Und dMuetter ist witzig gnueg,
wenn ds Meitschi ppis Chumligs wei, wo kurzer oder besser geyht, ihm sy Sach
auch gelten zu lassen und einzufhren; dMuetter ist nicht von denen eine, wo
meine, dKunst bstand darin, alles, was man nicht selber macht, zu verntigen; my
Muetter wei wohl, da dKunst die ist, aus allem immer das Beste zu nehmen und
alles am besten suchen z'mache. Darum meine ich, solle meine Frau bei ihr in die
Lehre gehen, und darum bernehme ich den Hof nicht. Um ppis hest recht,
sagte der Vater, aber wenn du so damit kommst, so machst du sie bs und sie
stange dr zruck. Sag du das Ding so, da wenn ich dir die Sache verkaufe und dir
Nutzen und Schaden gleich angeht, so wirst du mir also vierzigtausend Pfund
schuldig; die mu ich vertellen, du aber den Hof nicht min, der, so gibt es
doppelte Telle, und das sei mir zwider; sg, das wr nur son e Gspa von dreiig
bis vierzig Kronen, das begreift der Dorngrtbauer allweg. Nein, Vater, sagte
Resli, das sage ich nicht so, verzeiht, Vater, man kann sich doch auch z'fast
unterzieh. Sie konnten zuletzt meinen, wie dumm oder wie schlecht wir wren, da
wir uns alles gefallen lieen, und das konnte dem Meitschi doch endlich auch in
Kopf kommen, da es meinte, wie viel mehr es sei als wir, und das tt wger nit
gut. Das mchte ich nicht erleiden, und wenn ihr scholl nicht viel sagen wrdet,
so gings euch doch hinein. An dem, sagte die Mutter, wollte ich doch nicht
hangen, wenn es sonst ginge ohne das; denk, das ist ume e Meinige und vielleicht
noch e ltzi, und so blo ere Meinige twege vonenandere z'la, wr doch e strengi
Sach.
    Mutter, sagte Resli, es chunt nie gut, wo eins alleine sich unterzieh
soll und sich nicht eins dem Andern unterzieht. Nun haben wir uns unterzogen auf
eine Weise, wie sie mir grusam zwider ist; es mssen ja alle darunter leiden,
und in der Hauptsache tut man, was sie wollen, und lt sich in unsern Sachen
befehle, wo man ihnen doch nichts sagt, was man von ihnen haben mchte und wie
sie es mit dem Lande halten sollen. Was ich jetzt will, ist eine Nebensache, wo
nur das Meitschi angeht, wo dem Vater hell gleich sein kann. Het mih ds Meitschi
lieb, so tuet es mr dr Gfalle, hets doch deretwegen nt dest meh, nt dest
minger, u wotts mr d Gfalle nit tue, he nu, so erfahre ich noch zu rechter
Zeit, was ich z'erwarte htt, denn was es Meitschi eim nit tuet, das tuet eim de
e Frau auch nicht, u das tuet si nit.
    Du bist ltz dra, sagte nneli, wger. Wenn ich zurckdenke, wo ich
Christen genommen habe, und es vergleiche mit jetzt, so ist das ganz anders.
Selbist, und er ist mr doch recht lieb gewesen, habe ich immer Kummer gehabt,
ich gebe ihm zu viel nach, ich verderbe ihn, und wenn er etwas von mir gewollt
hat, so habe ich lang studiert, obs cht nt mach, wenn ich ihms zGfalle tue,
und hergege habe ich ihm manches vorgelegt, es ist mir nicht ernst gewesen, aber
ich habe nur sehen wollen, ob er mich recht lieb habe, und htte er es nicht
getan, so htte ich, es wei kein Mensch wie, getan und mih gha, als wenn mr ds
grt Unglck geschehen wre. Wenn Christen nicht so gut gewesen wre und es
htte machen wollen wie du, es wei kein Mensch, wie es gegangen, ich glaube
nicht, da wir zusammengekommen. So ists gsi, jetzt decht es mich, ich wollte
ihm tun knnen was er begehrte, und nt decht mih z'strengs, d Weg hets
gnderet. Es gruset mr geng, wenn man einander so fecken will, es ist geng Gott
vrsuecht, und es chunt meist uf es Nt a, mengist uf es einzigs Wort, uf e
Blick. Und meine sll man doch nie, da wenn man zusammenkomme, man sei, wie man
sein solle, sonst hats schon gefehlt; Liebi u Vrstang mue me all Tag als
Schlyfsteine bruche, wes guet cho sll.
    Wenn meine Mutter selig noch lebte, die wrd dr dr Text lese!
    Mutter, versteht mich recht, sagte Resli. So fecke, blo um nichts und
wieder nichts, in einer Lumpesach, ume so fr z'luege, wer nachgebe me, das
mchte ich auch nicht; das ist ja grad, was unter Eheleuten nicht sein, nie
anfangen soll, das Nnizieh ums Rechthaben, das ist e Elend, Ihr habt recht.
Aber hier ists nicht so, hier handelt es sich um eine Hauptsach, um Recht und
Unrecht; es handelt sich darum, wer dem Andern sich unterziehen soll, eine alte
Frau einer jungen oder die junge der alten, ob denn eigentlich dMuetter uf dSyte
stt un dr Vater wie es Paar alti, usbruchti Schueh, oder ob es jungs Meitschi
no i dSchuel sll und sich solle den Alten unterziehen, solang ppe Gott will,
und zweitens auch, ob sich eine Frau dem Mann unterziehen will, wie es doch auch
in der Bibel steht, Mutter, oder ob der Mann dr Lhl machen soll. Ich mu es
sagen, wenn ich an Euerm Platz wr, so begehrte ich gar nicht so abzugeben, ehe
ich wte, wie es kme, oder ich mchte keinen Krauch mehr oder es wr mir
grusam erleidet. Und, Mutter, ich mu Euch sagen, ich htte geglaubt, Ihr httet
mich lieber als so und mchtet Euch doch gmhen, um so mit Liebi und Vrstang
dFrau nachez'zieh. Aber ich merke, die ganze Sach ist Euch nicht recht, ds
Meitschi gfallt Euch nicht, darum mchtet Ihr ganz drus und dnne und lieber nt
mit ihm z'tue und Eure Sache aparti haben. Das merk ich, und so wrs besser, man
gbte die ganze Sach auf und redti graduse, whret es noch Zeit ist, als da man
dann so hintendrein sagt: Ih has doch denkt, ih has doch glaubt, ih has doch
gmeint, u gseit han ihs o, aber ume fr mih selber.
    Los, los,, sagte der Vater, wird nicht bs, du solltest doch wissen, da
dMutter es besser meint, als du es ihr andichten willst, und da sie deinetwegen
noch nie eine Mhe gschoche hat. Aber ppis recht hast du auch, da mu ich dir
Beifall geben; so da von vornenherein zu regieren und dEltern von ihrer Sach weg
z'sprenge, selb ist nicht recht, solange sie es nicht gerne von selber tun oder
eins von ihnen gestorben ist. Ja, wenn eins oder das Andere sturb, ih oder
dMuetter, das wr es Angers; de schickt es sih bas, da es jungs Ehpaar dSach
bernimmt z'grechtem, vo wege, fr es rechts Hus z'fehre, messe Ma u Frau sy.
Ist dMuetter gstorbe u buret dr Vater furt u ds Shniswyb macht dHushaltig, su
het s meh z'bidte as dr Ma, es ist dMeisterfrau u r ume dr Bueb; lebt
dMuetter no u wott frtbure, so ist dr Bueb wie dr Ma u dFrau stt ume dJumpfere
sy, u selb tuet o nit guet. Lebe aber Vater und Mutter noch, so habens Sohn und
Shniswyb eins wie das Andere, sind Beider Ghlfen, u Keis het sih z'chlage.
Darum bist du nicht so ber Ort, aber sagen will ich nichts dazu. bersinn dSach
noch recht und stell dir alles vor und auch, wie es dir wre, wenn es aus der
ganzen Sache nichts geben, und was die Leute dazu sagen wrden.
    Ho, sagte Resli, darauf drfte ich es ankommen lassen; wenn dLt ppe
wsse, wer me ist, so wissen sie wohl, auf welcher Seite der Fehler ist. Du
guete Tropf, sagte der Vater, meinst? Ich htte geglaubt, du kenntest dLt afe
besser als so. Weit du nicht, da es Leute gibt, die immer froh sind, wenn sie
jemand einen Schlemperlig anhngen knnen? Und je mehr sie einen beneidet haben,
desto lieber tun sie es und dest ungrymter. Und weit nicht, da man, sei man
wer man well, immer Freund und Feind hat; das zeigt sich nie besser, als wenn
eine Hochzeit zWasser geht. Da geht es rger ringsum als im Frhling im Seeland,
wenn dFrsche ihre Singverein hey; ich habe einmal dort Wein geholt, u ds
slbist bin ih fast e Narr worde. Wenn son e Hrat z'nte wird, am ene Ort mue
geng dr Fehler sy.
    Manchmal ist der Brutigam ein afechtig Brschchen und mcht dr Schwher
klemme, wei nit recht wie, geyht zRat, u dummi Wyber dampe ihms us, u hingerdry
tuet er de no wie es hssigs Kothneli. Oder dr Schwher ist e hochmetige
Gnrzi u mcht dr Tochterma fr e Schuehwsch ha un ihm dr Gottswille g, was
ihm vo Rechts wege ghrt. Oder dSchwiegere ist e brutali Grnne und meint, dr
Tochterma satt Tag u Nacht vor ihre oder vor em Meitschi uf de Kneue sy u lache,
we si ds Mul uftuet, wien e Lhl. U wenn er das nit tuet u witziger ist as si u
si sih no mngist vor ihm schiniere mue vo wege dr Dummheit, su wyst si
dTochter uf u seit ere: D mcht ih afe nit, lue de, wies dr geyht, wed einist
furt bist, er ist e Tyrann, e Tyrann, sg ih dr! U bi de Lte verschreit si ne,
u wil er sie nit u dTochter nit het welle zum Gtz mache, su seyt si, er heyg ke
Religion, u wei doch selber nit, was fr eine sie hat oder ob gar keine. Und
manchmal ist ds Meitschi es Laschi u tuet wien e Lhl, u nt isch ihm schn gnue
u kes Mannevolk west gnue, und er berchunt am End auch gnue. An allen diesen
Orten decht eim doch, me w, wo dr Fehler syg, aber das git es Gred, d Wg u
diese Wg, da me ganz sturm wird, nit wei, was obe, was unte ist, nit meh
wei, het me e Kirsisturm vor ihm oder Surkabis.
    So gehts, wo dSach am Tag ist, da es eim decht, me chnn se mit em
Bschttgohn nh, u was meinst, wie wrd es bei uns gehen? Da ist nichts am Tag,
da ist keis lngs Drei gsi, da ist nicht eins hier aus gesprungen um Rat, das
Andere dort aus, man ist nicht zu den Wahrsagern glffe und auch nicht zu den
Verwandten oder Bekannten, wo grusam vornehm sy u doch gern alles wsse; man hat
es unter sich gehabt, und die Leute haben kaum gewut, da etwas obhanden. Jetz
denk auch, was erst das fr ein Gerede geben wrde, denk doch, wie sie uns es
gemacht, als wir so zweg waren, und doch war da dUrhab am Tage genug. Eben da
man es so geheim gehalten, wurde gegen uns geltend gemacht; die Einen wrden
sagen, wir htten uns der Sach geschmt, die Andern, wir htten einen reichen
Fisch vor der Bhre gehabt und gefrchtet, es knne uns jemand z'bst reden; die
Einen wrden sagen, wo wir das Vermgen htten weisen sollen, so sei nichts da
gewesen, jetzt wisse man, warum es selb Mal so wst gegangen; die Andern dagegen
wrden lachen und sagen, du seiest hineingesprengt worden und wo es um eine
Ehesteuer zu tun gewesen, habe es sich gezeigt, da der Vater der Braue am
Geltstagen sei und chum no dNase ob em Wasser heyg. Man wrde von unehlichen
Kindern reden, die zum Vorschein gekommen, und was erst alles vom Dorngrt her
erschallen, was sie dort ausbreiten, in die Welt hinaus blasen wrden, das kann
ich dir nicht sagen. Aber glaub mir, Resli, es wren wste Sachen, du wrdest
z'lyde gnue ha, und Viel mchten dirs gnne, und wer wei, vor was allem es dir
wre, vo wege, sellige Lrm lt immer was dahinten. Die eigelige Meitli sind
gewhnlich die beste, und ppe von weitem her luft nicht bald ein Meitschi
herbei, das nichts von allem wei; bi de Buebe git sih das eh. Glaub nur, du
wrdest Verdru genug haben, gb wie unschuldig wir dabei sind und das Recht auf
unserer Seite haben. Das sage ich dir nicht, damit du alles tuest, was man von
dir will, sondern nur, damit du weit, wie es geht, und du hintendrein nicht
sagst, du httest es nicht gsinnet, wenn du es gsinnet, du httest es anders
machen knnen. U jetz guet Nacht u fa dih guet, damit, es mag gehen, wie es
will, du auf den Beinen bleibst. Du hast jetzt alles in deiner Hand und mahnst
mich an einen am Steuerruder; wenns zwsche Wirble durchgeht, hb an dih u lue
guet.
    Nun war die Sache uerlich abgetan bis ans Zwegmachen und Laden; geredet
wurde nicht mehr darber, es sann jetzt jedes wieder. Und wie gesagt, wo der
rechte Sinn ist, da kmmt beim Sinnen mehr heraus, als man denkt, meist mehr als
mit Reden.
    Wenn man dem Treiben zu Liebiwyl zugesehen htte, so wrde jedermann
geglaubt haben, Christeli sei der Brutigam und wolle eine Hoffahrt tun das Land
hinab. Fast den ganzen Morgen hatte er mit den Rossen zu tun, nahm eins nach dem
andern zum Stall hinaus zum Brunnen und ward nicht fertig mit Striegeln und
Wschen. Annelisi, das vorbeiging und sah, wie oft er jeden Schweif ins Kbli
tauchte und ihn dann ausstrich, meinte, es wre schade, da er nicht eine
Kammerjungfer gegeben, es gbte gewi manche vor, nehme Frau, sie wre froh ber
so eine. Ich denke, antwortete Christeli, o mngs Buremeitli htt mih ntig,
es soll dere g, wo me ringer e Stall misteti, als so eins sfereti. Oh, stich
ume, du breichst mih doch nit, un mit em Sfere wei ich nicht, wer fleiiger
ist, ppe es jungs Meitschi oder son e alte Vetter, wo zletzt z'fule wird, es
Jahrs zweumal es angers Hemmli azlegge. Da stubte Christeli einen nassen
Roschweif aus, und Annelisi schrie mrderlich auf: Nu du, du Uflat! Herr
Jemer, wie gsehn ih us, o myn Gott, mys Mnteli, u han ihs erst ht frsch
agleyt!
    Am Nachmittag putzte Christeli das Geschirr, hohe das schnste aus dem
Spycher, und spiegelblank mute ihm das Messing werden. Er machte sie in der
Kche fast ds Guggers, wollte immer etwas, bald einen leinenen Lumpen, bald
einen wollenen, bald wollte er Essig, bald wollte er l. Christeli wollte
zeigen, wer man sei und da man zu Liebiwyl noch einen Rozug vermge. Christeli
hatte es wie alle alten Vettern, diese sind mehr den Katzen hnlich als den
Hunden; ein Hund nmlich hngt mehr an der Person, eine Katze mehr am Ort. Nun,
die bessern Katzen lieben auch Menschen, laufen der Burin nach bis in den
Kabispltz und der Tochter bis in des Weges nchste Krmme; dann kehren sie aber
um, wenn es weiter geht, und machen, da sie heimkommen. So haben es alte
Vettern auch. Sie lieben wohl Personen, besonders die, welche ihnen das Knnli
auf den Ofen stellen oder dnne decken, wenn sie im Holz sind; sie lieben auch
irgend ein Kind, solange es ihnen nachluft und bei ihnen gerne schlafen will.
Aber von allem, was weiter geht, dem Hause den Rcken kehrt, wenden sie sich ab,
denn so wie ihnen im Hause am whlsten ist, sorgen sie auch frs Haus, und so
wie es in ihrer Familie am besten ging, sorgen sie fr ihre Erhaltung, balgen
wohl ber deren gegenwrtige Glieder, aber auf die Jungen bauen sie ihre
Hoffnung, da sie die Vergangenheit herstellen, und suchen fr die Mittel dazu
zu sorgen. Darum sorgte Christeli so sorgsam fr schnen Aufzug; man sollte von
dem Zug und von dem Hof, zu dem er gehrte, noch lange reden da unten, wo kein
rechtes Haus sei.
    Die vornehme Welt hlt viel auf einer schnen Equipage. Zwei Pferde dran
sind schon was, fr vier aber mu man ein Graf sein. Bei einem rechten Bauer
grfelts, der hlt wenigstens vier Pferde, zwei tchtige Stuten hinten, zwei
lftige junge Mnche vornen. Ehrenfest ziehen die einen daher, tnzelnd die
andern, aber wenn Not an Mann kmmt, der Wagen an den Berg, dann vereinen sie
treu ihre Kraft und liegen ins Geschirr, jedes so stark es mag. Es ist eine
Freude, so mit vier tchtigen Rossen zu fahren in Wald und Feld, Fuhrmann und
Pferde aneinander gewhnt, da die Letztern dem Erstern ohne Worte unter der
Geisel laufen, wie und wohin er will. Darum ist die Geisel auch eine Art von
Szepter, sie fuhren zu knnen ein Ehrenpunkt. Man liest von jungen, vornehmen
Englndern, wie sie die Kutscher machen, sich hoch meinen, wenn sie vier Pferde
vom Bocke fhren knnen; man liest von Parisern, welche gerne engelnderlen, da
sie es auch versuchen; die alle machen es eigentlich nur unsern Bauernshnen
nach. Es bildet ein eigentlich Ereignis, wenn ein Vater seinem Sohn die Geisel
gibt, er erhebt ihn damit zu seinem Mitregenten und Stellvertreter. Die Geisel
ist gleichsam ein Marschall- oder Feldherrnstab, welchen der Knig seinem besten
und treusten Soldaten gibt. Aber ebenso ist es ein Ereignis, wenn ein Vater
seinem Sohne die Geisel wieder nimmt. Denk o, er het ihm dGeisle gno! heits.
rgeres droht ein Vater seinem Sohne nicht leicht als: Ich nehme dir die
Geisel! Das geht gleich vor dem Enterben her, und wenn man einen General wieder
zum Gemeinen macht, es kann ihm nicht rger als einem Sohne sein, der vom Pfluge
weg wieder unter die gemeinen Hacker auf den Acker mu. Und diese Strafe wird
nicht blo verhngt oder gedroht, wenn einer schlecht fhrt, den Wagen in den
Kot, die Pferde zutod, sondern auch wenn der Sohn zu einem Mdchen geht, welches
dem Vater nicht anstndig ist, oder in ein Wirtshaus, welches dem Vater verhat
oder verdchtig ist, und wegen andern wichtigen Vergehen mehr.
    Resli hatte die Geisel, Christeli hatte sie nie begehrt, dessenungeachtet
wandte er alle Sorgfalt an den Zug und labete sich an dem Gedanken, wie die
Leute luegen, wie sie fragen werden, wem der Zug sei, wenn sie die vier stolzen
Braunen mit dem schnen Geschirr und dem mchtigen Ladenfuder durchs Land laufen
sehen, als wre die Last federleicht. Als sie das Fuder luden, sparte er die
gewaltigen Ketten nicht zum Binden, und als Resli bemerkte, es manglen sich
nicht so viele, die Wege seien gut und ppe schlagen werde es nicht fast, so
meinte Christen, es sei besser zu viel binden als zu wenig, dKettene htte man
dafr, und sie mten da unten wissen, da sie hier die Ketten nicht zu sparen
brauchten und nicht mit Seilstmpen zusammenzupltzen, wie er sie schon manchmal
da unten herauf habe Holz holen sehen, wo sie dann nicht einmal genug deren
Seilstmpen gehabt, sondern von Haus zu Haus htten springen mssen, um zu
entlehnen.
    Frh um drei wollte Resli fort und alleine. Der Vater hatte ihm anerboten,
mitzugehen. Es mge geben, was es wolle, so sei es kommod, wenn ihrer Zwei
seien, hatte er gesagt. Aber Resli hatte es abgelehnt, er wollte seine
wichtigste Angelegenheit ab Ort treiben alleine, mit freier Hand, nach seinem
Sinn; so ziemt es eigentlich dem Manne.
    Wenn eine solche Ausfahrt in einem Bauernhaus im Biet ist, so wird ppe
nicht viel geschlafen, und am folgenden Tag merkt man es doch den Leuten gar
nicht an. Das ist nicht wie in einem Herrenhaus, wo die Kchin drei Wochen
grnnet, wenn sie einmal um fnf auf mu statt um sechs, und sieben Wochen, wenn
man es ihr fr um vier Uhr zugemutet hat. Im Stalle fttert jemand, und wer es
tut, geht selten zu Bette. Bauernpferde fressen langsam und viel, lassen sich
behaglich alle Zeit dazu. Es ist wirklich, als ob es ihnen dieser und jener, der
in einem Stalle nchtlich viel gefttert hat, abgeguckt htte, wenn er acht bis
zehn Stunden an einer Kindbetti sitzt und langsam immer isset, eins nach dem
andern, von der Suppe bis zur Tatere, und zwischendurch tapfer trnket. Und wie
im Stalle gesorgt wird fr den abfahrenden Geiselherr, so vergit man auch
seiner vornen im Hause nicht. Da legt die Mutter halb angekleidet sich zu Bette,
damit sie sich nicht verschlafe, denn nicht nur die Pferde, sondern auch der
Fuhrmann mu gut seine Sach haben, wird nicht mit etwas Gewrmtem abgespiesen
oder einem dnnen Kaffee oder gar blo mit einem Glase Brnz, sondern wenigstens
eine gute Rsti, wenn nicht ein Eierttsch, wird ihm vorgesetzt, und was er ber
lt, erhlt, wenn er fort ist, der treue Wrter im Stall. Die Kchin ist eben
gewhnlich die gute Mutter selbst; das Werk vertraut sie selten einer Magd, wenn
der Sohn fhrt, das wre der Magd zu viel vertraut, so vertraulich hlt man sie
nicht. Es ist auch eigentlich die alte, chte Hausfrau, welche das Feuer
anzndet im Hause des Morgens und des Abends es lscht; sie ist des Feuers
Herrin und das Feuer ihr Diener, sie ist des Hauses Priesterin, sie wahret, sie
brauet des Hauses Segen auf ihrem Herde. Es ist etwas wunderbar Ehrwrdiges und
Altertmliches in diesem Beherrschen des Herdes, diesem Schalten und Walten mit
dem Feuer, der wahren Hausfrau eigentmlichste Pflicht.
    So ging es auch selbe Nacht zu Liebiwyl. Als Resli gegessen hatte, war auch
angespannt; die Knechte hatten freiwillig sich hervorgelassen und geholfen.
nneli hatte ihrem Resli noch sehr zugesprochen, er solle es nicht zu streng
machen, sich ihrer nicht achten, wenn es zuletzt nur an der Meisterschaft hange;
wenn ds Meitschi ppe e guete Wille heyg, su chnn mes geng no brichte. Er solle
doch recht an alles sinnen, was der Vater ihm gesagt; wenn man einmal so weit
sei, so seis immer bs, wenn dSach i Krebs gang. Aus dem Stbli rief noch der
Vater, fragte erst: Willst Geld, ds Schlsseli ist im Hosesack, nimm, was
manglist. Dann sprach er auch zu und sagte, er solle nur machen, da er das
Meitschi bekomme, wenn er an ihm hange; wenn man es einmal htte, so werde doch
ppe son es Meitschi geng no z'dressiere sy, es syg doch geng ume es Meitschi.
Ebe, sagte Resli, drum decht mih, man sollte so einem nicht so ganz unger
dFe ga ligge, da es meint, es bruch syr Lebtig nt as uf eim umeztrappe.
Wenns dann nicht so ist, als man ihm vorgespiegelt hat, man hintendrein anders
ist, dann geht ds Plre a; es seit, mi heygs bschisse, heyg ihm da es sees Mul
gmacht, u jetz tey me, wie we mes fresse wett u wie wenn es alleine alles
ustrappe stt. Und ppis hets de recht, aufrichtig gege ihm ist me nit gsi. Wie
mes ha wott, so soll mes sge, tti. Un i Gottsname, darauf will ich es jetzt
ankommen lassen.
    Mach wied witt, sagte Christen, ppis recht hest, aber es ma gah wies
will, nimms de ppe nit grusam zHerze, denk de, es syg guet gange. Ich will
machen, was mglich ist, sagte Resli, gab dem Vater die Hand, wnschte ihm
einen glcklichen Tag und ging. Die Geisel stach am Sattelro, das rchelend den
Kopf an Resli rieb, als dieser nach der Geisel fate, whrend Christeli zndete
dem alles berschauenden Fuhrmann. Ist der Haber im Kratten? frug Resli, der
des Bauern halbzentnerigen Wink nicht vergessen hatte. Ein halber Mtt liegt
unten, sagte Christeli. Ich habe gedacht, du knntest ds Schwhers Rosse auch
einmal etwas kramen, Haber wird ihnen wohl seltsam sein. Nun kam die Mutter
noch mit ihrem Laternli und frug: Du hast doch nichts vergessen, hest e Lumpe,
u Zwick, u dSackuhr? Ja, Mutter, sagte Resli, ich glaub, alles. He nu so
de, sagte sie, su schaff de wohl, mach ume hbschli u chumm nit z'spt hei,
bhet dih dr lieb Gott!
    H, i Gottsname, sagte Resli und hob die Geisel; satt zogen die Rosse an,
und vorsichtig zndete Christeli, bis sie aus dem Hofe drauen im Wege waren. Es
ging immer etwas eng zwischen den Trlistcken durch, aber das war eben die
Kunst, darum wurde das Trli nicht grer gemacht, sondern die neuen Stcke
immer in die alten Lcher gepflanzt. Der junge Geiselherr htte es fr eine
Schande gehalten, wenn er nicht zu einem ebenso engen Trli htte einfahren
knnen als der alte, und allerdings, im ganzen Drfchen htte es geheien: E
Fuehrme git ds Bure Resli syr Lebtig nit, denkit ume o, si hey ihm ds Trli
messe wytere, wo me scho hundert Jahr us- u ygfahre ist, u ist alle wyt gnue
gsi, u mi het ppe nie ghrt, da neuer agfahre syg.
    Glcklich, wie blich, kam Resli durch und fuhr trotz der schweren Last
rasch seinem Ziele zu. Die Geisel in der Hand, vier rasche Rosse unter seinem
Wink, steigerte in Resli das Selbstgefhl sich immer mehr, und immer mehr fand
er sich in seinem Recht, wenn er sich nicht ganz unternliee als einer, der mit
Geld es zwngen msse, wenn er eine Frau wolle.
    Die Liebe ist wunderlich, ist stolz und demtig, sie duldet alles und ist
wie ein Pulverfa, das aufsprht, man wei nicht wie; sie ist s wie die gute
Sommermilch und wird sauer, wie sich der Wind dreht; sie setzt das Leben ein und
weigert Kleinigkeiten; sie bietet ungeheien Hab und Gut, schlgt Kreuzer ab,
wenn sie gefordert werden, hlt die schwersten Proben aus und verschmht am Ende
den Lohn um dessentwillen sie die Proben bestanden.
    Als Frulein Kunigunde den Ritter Delorges ihrem Hndsche nachsandte, da
ging Ritter Delorges und holte ihn. Aber es wuchs ihm, das Schwert an der Seite
und des Mutes Brand in der Brust, der Kamm, als er aus der Ungeheuer Mitte
zurckkehrte. Er fhlte, sein Leben sei mehr wert als an eine flchtige Laune
gesetzt zu werden, da wer mit einem Leben spielen knne, von sittlichem Ernste
nichts wisse (wohlverstanden: er fhlte es, aber was sittlicher Ernst sei, hat
Ritter Delorges kaum gewut), und als er wieder vor das Frulein trat, schmi er
ihr den Handschuh ins Gesicht und sprach: Den Dank, Dame, begehr ich nicht.
Dieses Selbstgefhl mu die rechte Liebe zu einem Menschen in sich tragen (die
Liebe zu Gott ist eine andere, sintemalen Gott einem nichts Niedertrchtiges
zumutet), sonst ist sie eine hndische, das heit sie ist nichts als eine
Begierde, welche um jeden Preis befriedigt sein will, sei es nun eine Begierde
nach purem Fleisch oder eine Begierde nach einem vollen Mushafen, worin
vielleicht noch Wrste sind, oder nach einem schnen Hundshalsband, wo auf
blankem Messing ein glitzernd Wappen steht. Die heraldische Begierde mchte
dato, wenn das Halsband nicht aus einem Mushafen hervorguckt oder um einen Hals
von schnem Fleisch gelegt ist, rar geworden sein. Aber es ist auch der beste
Mensch dem Fleische untertnig und hngt mehr oder weniger von uern Zustnden
und Einwirkungen ab. Den hielte ich mit Feuer und Geist getauft, der der Gleiche
wre mit Hudeln an den Beinen oder mit einer Krone auf dem Kopfe, an der Spitze
von hunderttausend Mann oder zwanzig Dutzend Besen ziehend, hungrig und durstig,
ohne Schuh in Kot oder Schnee, oder sich erhebend von einer englischen
Lordstafel in bequemem Wichs, oder voll Luse und voll Schulden, einem guten
Schick nachgehend, oder Gold im Sack und Muggen im Kopf, auf stolzem Englnder
der Liebe nachreitend (Apropos, es wird Mode, da wer heiraten mchte und nur
Krbe gekriegt, sich ein Pferd anschafft. Ein schlechtes Kompliment fr den
Menschen, der zweibeinig die Liebe nicht erreicht und vierbeinig glaubt
versuchen zu mssen; es ist aber auch ein schlechtes Kompliment fr unsere Zeit,
es wird wahrscheinlich im Zeitgeist sein; es ist aber das allerschlechteste
Kompliment fr die Damen, erstlich, weil es den Anschein hat, da man mit vier
Beinen ihnen nher komme als mit zweien, und zweitens, weil man gegen einen
grollenden Unterleib und gegen sprde Damen das gleiche Mittel versucht). Wer in
allen genannten Lagen der Gleiche bleibt, die gleiche Ruhe, das gleiche
Selbstbewutsein bewahrt, das Herz am gleichen Flecke behlt, den Kopf auf
gleiche Weise, gleich hoch und doch gleich einfach trgt, den hielte ich fr den
besten Mann. Der wre wohl zu gro fr des bayrischen Knigs Walhalla; der gute
Knig wte nicht, in was fr einen Sprachknuel er ihn einwickeln, auf was fr
einen unghrigen Satz er ihn abstellen sollte. Wer aber, der kein Dpfi ist,
kein Bayer, keine Regierungsmajestt, hat nicht schon erfahren, wie man in
verschiedenen Um- und Zustnden bei der grten Ehrlichkeit doch ein ganz
Anderer ist, anders vor einem Glschen als nach demselben, anders hinter einem
Schulthei als vor demselben, anders vor den Wahlen als nach denselben, anders,
wenn man eintrittet, als wenn man austrittet. Ach Herrgott, wer wollte die
vielen Anders alle nennen, bei denen es einem anders wird, schyerig zu Mut oder
khn, niedertrchtig oder hoffrtig, oberlnderisch oder aargauerisch,
weibelochtig oder jnkerlig usw.
    Nicht nur Schmiede und Schlosser sind halt Naturprodukte, wie jene
schulmeisterhafte Geistbchse sagte, sondern wir alle werden es wahrscheinlich
sein nach seiner Meinung; somit sind wir auch chemische Stoffe, und chemische
Stoffe wirken auf einander, und je nachdem ich mit diesem oder jenem Stoff in
Verbindung komme, werde ich auch anders, werde so oder so bewegt und verndert,
nehme an oder stoe ab, werde ein ander Produkt, so da ich zum Beispiel, wenn
ich mit jenem Schulmeister in Verbindung gebracht wrde, vielleicht was wei ich
fr ein Hauptkerl werden knnte, oder vielleicht wieder ein Bltterlpf
sondergleichen, nachdem er halt mir spendete oder entzge; ich mte es halt
erwarten sein.
    Nun mchte ich fragen, ob so einem chemischen Stoff, einem jungen hbschen
Burschen nmlich, der einen starken Arm hat und Geschick, mit Sparren, Ketten,
Winden um, zugehen, wenn er mit einer Geisel, einem Sattel, vier schnen
Pferden, welche sein und zirka hundert Dublonen wert sind, einem guten Kaffee,
Rsti und Kse in Rapport und Beziehung gebracht wird, nicht ein eigen
Selbstbewutsein entstehen mu, das Gefhl: du bist auch was wert, in der
Wagschale sollst auch du ein ziehend Gewicht sein und nicht Silber und Gold
allein. Wie er das frhere Mal bld und bang hinuntergewandelt war, so ward er
jetzt nicht keck und trotzig, doch aber mutig und fest, und als er auf dem
Dorngrt einzog, trugen nicht nur seine Braunen den Kopf hochauf, sondern auch
er, und wie sie frisch und munter rcheleten, so knallte lustig seine Geisel.
Diesmal brauchte er nicht lange jemand zu suchen, gar freundlich kam zuerst Anne
Mareili ihm entgegen, reichte ihm die Hand und sagte: Ich habe blanget afe und
gemeint, du kommest nicht mehr. Bringst guten Bericht? Und dazu guckte es ihm
gar lieblich in die Augen, und whrend er die eine Hand hielt, ttschelte es mit
der andern das wilde Dragunerro, das scharrte und tat, als komme es erst aus
dem Stalle. Ich meins, antwortete Resli. Meine Leute waren bsunderbar gut
gegen mich, da ich mich fry schmen mute.
     O Herr Jere, wie froh bin ich, du glaubst es nicht. Denk nur auch, d alt
Uflat, dr Kellerjoggi, ist wieder dagewesen, hat alles Liebs und Guts vrsproche,
hat unserm Vater den Mund s gemacht, sich gestellt, als ob er sterben wollte,
da ich den grten Kummer ausgestanden, der Vater lasse sich wieder mit ihm
ein. Das ist nun zwar nicht geschehen, er hat ihm ausweichenden Bescheid
gegeben, aber ich frcht, ich frcht, wenn es den geringsten Anstand geben wrde
in unserer Sache, ich entrnne dem Kellerjoggi nicht. Lieber sterben wollte
ich. Hb nicht Kummer, sagte Resli. Da kam die Mutter, und als Resli ihr die
Hand geben wollte, sagte sie: Ih ha gar e westi, ih darf dr se fast nit g, ih
ha mym Alte dSchueh gsalbet. Es ist gut, da du kmmst, ds Meitschi hat sich
fast die Augen aus dem Kopf gesehen, gb wie ich gesagt, du werdest nicht vor
Mittinacht dich auf den Weg gemacht haben. Ih ha afe gfrchtet, es werd blings.
Aber ist niemand umdeweg, der dir abnehmen hilft und dr zeigt, wo du mit den
Rossen hin sollst? Es wird afe hei, u sGschmeu wird bs. Lue doch, wo Hans un
Joggi sy, die Stopfine.
    Aber Anne Mareili hrte die Mutter nicht, sondern blieb bei Resli stehen,
rhmte seine Rosse und sagte ihm, wie es afe Lngizyti gehabt, es htte es
decht, die paar Tage seien eine Euikeit; es htte gemeint, es gstangs nicht
mehr aus. So was gestehen die Mdchen sonst nur unter vier Augen, vor den Leuten
wollen sie den Namen gewhnlich nicht haben, da sie jemand anhangen mit Leib
und Seele. Ja es gibt welche, die meinen, es schicke sich selbst unter vier
Augen nicht, so etwas zu bekennen. 's sind kuriose Dinger, die Mdchen, und man
versteht sich nie auf sie, solange man nicht wei, da viele eine Rolle spielen
mssen, andere eine Rolle zu spielen dressiert werden und die Zahl derer nicht
so gro ist, welche ihre Seele zeigen drfen, wie sie ist, oder welche weder
durch dumme Mtter noch durch dumme Gouvernanten noch durch dumme Bcher
verleitet werden, eine dumme Rolle schlecht zu spielen, statt das Schnste an
ihnen, reine Liebe, zu zeigen in ihrer edeln Natrlichkeit.
    Svli dumm ga z'rede, sagte Mareilis Mutter, gb wie lieb si eim sy, su
mue me ses nie la merke u dNgel geng halbers davorne ha, sust meine si scho,
si chnne mit eim mache, was si welle. Mach ume so, du wirst es bald z'merke
bercho. Aber du losist mr nt, ih wirde no selber dene Stopfine nah messe,
dene schieige Schlrfene.
    Seh! rief sie mit greller Stimme gegen das Haus, ist de niemere umdeweg!
Da kam der Dorngrtbauer selbst von der Bhni herunter und sagte, die Andern
seien eben mit der Mistbtti fort, sie werden wohl selbst abspannen knnen. Er
war nicht halb so freundlich als das Weibervolk, kam langsam heran, ging erst um
die Laden herum, ehe er zu Resli kam, und frug dann, statt Gottwilche zu sagen:
Hest mr die, wo ich ausgelesen, oder ppe anger? He, sagte Resli, er solle
selber sehen, er werde sie wohl noch kennen, und seien es sie oder seien es sie
nicht, so werde er ppe an diesen Laden wenig auszusetzen haben, ppe schner
wrden kaum zu finden sein. Aber er soll ihm sagen, wo er hinfahren solle, die
Laden mten abgelegt sein, es wr ihm lieb, wenn die Rosse ab der Sonne kmen.
Der Bauer zeigte ihm den Ort, Grbel lag herum und eng war der Weg frs groe
Fuder. Zuechefahre wird sich kaum geben, sagte der Dorngrter. Mr wey luege,
sagte Resli, hob die Geisel, und ohne Hustern und ohne Donnern liefen unter der
Geisel und durch einige Worte geleitet die Rosse scharf und schnell, wohin sie
sollten, und stunden alsbald aufs Wort. Du bist schon mehr gefahren, konnte
der Bauer sich nicht enthalten zu sagen; vielleicht wre es ihm anstndig
gewesen und es htte ihn gelchert im Herzen, wenn Resli das ganze Fuder
berleert htte. Lue, sagte die Mutter, wie der fahre cha, ich glaube nicht,
da einer von unsern Buben es so knnte; aber geh und nimm Eier aus, es werden
wohl sein. Ich habe nicht einmal mehr fr einen Eierttsch im Keller; we me ke
Krzer Geld het, aber e weste Hung zum Ma, u doch allbeeinist es wyes Brtli
mcht oder e Wegge, was wett me dr Weggefrau anders g as Eier? Muetter, ih
wei nit, wo sie sNest hey, antwortete Anne Mareili, scho den Rossen nach und
half sie abnehmen, trotz dem Mahnen, es solle es nur sein lassen. Ja wolle
weit du dNester nicht, sagte die Mutter, wo ist es Meitschi, das
dHehnernester nit wei! Aber es hat den Narre gfresse a dem Kerli; wes ne nit
berchm, ih glaub, es hintersinnete sich. He nu, er gefiel mir auch un schynt
nit son e Hndligrter und Batzeklemmer z'sy. Het er mr cht aber ppis
gchramet, es htt ihms sauft ta, bsungerbar wenn ih myner Eier fr ihn bruche
mue.
    Es beelendete Resli, als er seine Rosse in den dunkeln, engen Stall pressen
und im Zweifel leben mute, ob er je wieder eins lebendig aus der Presse kriege
und wie seine Rosse sich mit den andern Rossen vertragen wurden, die scheu und
wild an die Krippe heraufschossen, sobald jemand in den Stall kam, wie
verwilderte Kinder ums Haus schieen, wenn ein Fremder gegen das Haus kommt. Und
wie diese sich nicht mehr zeigen, als allfllig um gegen den Fremden den Hund zu
hetzen oder Steine zu werfen oder ihm wst zu sagen, so konnte sich auch seines
Lebens wahren, wer hinter diesen Rossen durchgehen wollte. Das Beste war, sie
erst tchtig abzuschlagen und dann den Gang zu wagen. Wie Kinder tun, wenn man
gegen ein Haus kmmt, und Rosse oder auch Khe, wenn man in den Stall kmmt,
daran kann man viel erraten von dem, was inwendig im Hause ist, ja selbst der
Hund, der auf der Bsetzi liegt, verrt schon viel.
    Nun mute Resli mit dem Alten abladen oder wenigstens es anfangen, und
Peinlicheres gibt es wohl nichts fr einen jungen raschen Kerli, der alle
Handgriffe los hat und gerne rasch zu Ende wre, als mit jemand, von welchem man
nicht wei, macht ers expre unbeholfen oder ist ers von Natur, ein Werk
gemeinsam verrichten zu mssen. Und wenn der rasche Kerli noch dazu eine
wichtige Ausmacheten vorstehend hat, wenn es sich entscheiden soll, ob er sein
Lieb kriege oder nicht, so wird eine solche Arbeit doppelt peinlich. Zudem
wollte der Alte die Laden, um sptere Arbeit zu ersparen, gleich aufgeknebelt,
es fehlten aber die Knebel dazu; die Scheiter waren auf alte Mode, noch vier
Schuh lang, sie muten also abeinander gemacht werden, und dazu waren sie noch
so ungleich dick, so krumm und holpericht, da man sie rger auslesen mute als
heutzutage die junge Mannschaft. So wute der Bauer den armen Resli gut Dings zu
versumen, zudem mute er noch alle Augen, blicke von der Arbeit in den Stall,
weil dort die Rosse rumorten und zusammenschlugen, da man meinte, sie wren
daran, den Stall auseinanderzuschlagen. Endlich band er sein Sattelro
zuvorderst gegen die andern Rosse zu, das konnte er getrost machen lassen, das
wute sich Platz zu machen wie eine hssige Frau an einer Feuerplatte. Wenn sie
die Rosse nur weien hrten und der Bauer sagte: Los, was geht aber, mi mue
denk ga luege, so antwortete Resli: Ih hulf se la mache, si werde enangere nit
fresse. Wenns aber zum zweitenmal wiederkam, so lief doch dann der Bauer,
frchtend, sein Nebenro zge den Krzern, und hieb mit der Geisel ein,
wohlweislich aber zumeist auf Reslis Rosse. Das war so ein Vorpostengefecht,
aber ganz auf die alte Mode, da wenn die Knige sich grollen, es ber der
Vlker Haare geht.
    Es war gar nicht frh mehr, als man zum Essen kam, und da hatte es
auffallend gedunkelt auf Anne Mareilis Gesicht. Wir knnen dir nicht aufwarten,
wie ihr uns aufgewartet habt, sagte es, du mut vorlieb nehmen, es ist einmal
sufer, das kann ich dir sagen. Vexier nit, sagte er, es wr mir leid, wenn
ihr Umstnde gemacht httet. Es ist eigetlich uvrschant, da ich schon wieder da
bei euch zuechehocke, aber wils da ist, so will ich einmal nehmen in Gottes
Namen. Aber den innern rger Anne Mareilis, da die Mutter es nicht hatte, um
so recht aufzuwarten, auch kein schnes Geschirr, keine schnen Glser, den
merkte er nicht, wohl aber die Wolken auf dem Gesicht. Was hats wohl aber
wieder? dachte er, vorhin so zweg u jetzt so muggig, ists de svli lnig oder
hats mit den Alten etwas gehabt?
    Was auf einem Gesichte liegt, das sieht man leicht, aber was es
daraufgestoen, das zu fassen ist schwer. Es ist mit den Wolken auf den
Gesichtern fast wie mit den Wolken am Himmel. Manchmal sieht man sie wohl
sichtbarlich aufsteigen aus einem vorliegenden Nebelloch, manchmal wei man mit
ziemlicher Gewiheit, da es Bysenebel sind, Kinder des khlen, sauern Windes;
aber unzhlige Male begreift man ihr Entstehen nicht, sie erscheinen und
schwinden, man wei weder woher noch wohin, und nur das wei man, da
verflmeret gerne der heiterste Himmel in den schwrzesten umschlgt. Ein
gelehrter Hansdampf hat mir einst das ganz grndlich erklrt, er hat mir gesagt,
Wolken seien eigentlich verdichtete Dnste, entstnden also aus Dnsten. Ich
konnte ihm nichts darwider haben, aber als ich ihn frug, woher die Dnste
entstnden, so sagte er, aus Feuchtigkeit, und als ich ihn frug, woher die
Feuchtigkeit und ob alle Dnste gleicher Beschaffenheit seien, so sagte er mir,
ich solle selbst hingehen und sehen. Was htte mir der erst geantwortet, wenn
ich ihm meine Bedenken wegen den Wolken auf einem Mdchengesicht mitgeteilt?
Schlf abe u lueg, wrde er mir gesagt haben. Der Rat, wenn man ihn befolgen
wollte, wrde gewi manchem Mdchen den Husten machen, und was hlfs, unten zu
sein, wenns stockfinster da unten wre und man zufllig die rechte Laterne nicht
bei sich htte? Indessen, wenn man einmal den Hals runter wre, so kme es
sicher manchem Mdchen kommod und wohl, wenn man sehen tte, woher die Wolke
kme und was sie fr Dunst enthielte, denn gar manche Wolke entsteht aus heiem
Liebesgrunde, sieht aber akkurat aus wie eine aus giftigen Grnden. Ein gut
Liebeswort wrde sie zersetzen in ein freundlich Lcheln, eine zrtliche Trne,
und htte man von weitem meinen sollen, sie berge Donner und Blitz oder gar ein
Erdbeben.
    Und weil eben Resli den Grund nicht sah, woher die Wolke kam, so schien sie
ihm verdchtig, und er htte viel darum gegeben, sie wre nicht gewesen; der
Kaffee schien ihm bitter und der Eierttsch, an welchem in der Tat der Mangel an
Eiern mit Mehl ersetzt war, bodenbs. Und je weniger gut er Anne Mareili selbst
dnkte und je weniger Resli davon a, desto rgerlicher ward Anne Mareili, ja
recht hssig, und durfte es doch nicht mit Worten erzeigen. Das wute es, da
Kinder mit nichts sich einen bsern Namen machen, als wenn sie Vater oder Mutter
vor den Leuten widerreden oder gar sie verntigen; das tat es nie, auch wenn es
ihm das Herz fast versprengen wollte. Es retirierte sich dann in sein Stbchen,
lag bers Bett und schnpfte grusam, wobei ihm hchstens eine Tre etwas hrter
als sonst aus der Hand entrinnen mochte. Diesmal konnte es nicht fortlaufen, es
konnte nichts als der Katze einen Stupf geben; aber wenn ein Mdchenherz so
recht schwer geworden ist, vermag es der bloe Stupf einer Katze zu entladen?
Ich frage.
    Und jetz, was hast fr Bricht? fragte der Bauer, als die Weinflasche auf
dem Tische stund. Es wr mir lieber, es wr nt, aber weil doch einmal das Wort
heraus ist, so will ich lose, ob es euch recht ist, wie ich gesagt habe. Aber
wie gesagt, lieber wrs mr, es wr nichts, vo wege, wenn eine Katze Bratis
schmckt, so luft sie den Musen nicht mehr nach. Ja, aber schon manche Katze
htte verhungern mssen, wenn sie auf das Bratis htte warten wollen, welches
sie geschmckt, antwortete Resli. Sei es nun mit der Katze, wie es wolle,
antwortete der Bauer, so ists wie gseit, we ds Wort nit g wr, su gbt mes
nimme. Und du, fragte Resli Anne Mareili, bist du etwa auch reuig? Es ist
mir geng wie geng, antwortete Anne Mareili. He nu so dann, sagte Resli, so
hoffe ich, sei der Sach nichts im Weg, myner Lt sy guet gege mr gsi und haben
in allen Pnkten ygwilliget. Der Hof soll mir verschrieben werden um
vierzigtausend Pfund, und wenn ich sterben sollte ohne Kinder, so kann es die
vierzigtausend Pfund nehmen und damit machen, was es will. Dr Hof, wirst
meinen, sagte der Bauer. Nein, sagte Resli, der Hof ist, so lang man sich
hintere bsinne mag, in der Familie gewesen, und da tte es uns weh, ihn daraus
zu lassen. So hat Christeli gemeint, wenn er noch lebte, so wollte er ihn an
sich ziehen, vo wege dr Familie. So, Brschli, antwortete der Bauer, soll
das Mrten angehen? Werdet meinen, wir wuten nicht, was mehr wert sei,
vierzigtausend Pfund oder der Hof. Svli uvrschant htte ich euch nicht
geglaubt. Aber das wird nicht das Einzige sein, was du im Kropf hast, gib gleich
alles fre, so ist ds Gchhr us. Es dnke ihn, was er mit dem Hof gesagt, sei
so unbillig doch nicht, und hundert gegen eins sei zu wetten, da es nicht dazu
kommen werde; das sei auch alles, was man begehre. Da Nutzen und Schaden ihm
erst angingen, wenn Vater oder Mutter strbe, und bis dahin dSach noch unter
ihrem Namen gehe, das werd ihnen ppe gleich sein, antwortete Resli.
    Da stand der Bauer auf: So, meinst? Meinst, du seiest listige gnue, das so
einzuschlirggen, da man nicht merke, was ihr im Sinn habt? Ja wolle. Es ist
da wger keine bse Absicht, sagte Resli, und nichts einzuschlirggen. Mach
nicht dr Lhl, sagte der Bauer, du wirst doch nicht Lappis genug sein, nicht
zu merken, da es ein Unterschied ist, wenn du den Hof um vierzigtausend Pfund
jetzt antrittest oder erst in zwanzig Jahren oder noch spter, vo wege, we me so
uf ppis passe mue, so tten es die Leute einem nicht zGfallen, zu sterben.
Wennd jetzt dr Hof nimmst, so kannst in zwanzig Jahren etwas machen, und da man
den Alten ppe zinse wie am ene Frmde, ist ppe niene dr Bruch; we sis ume
mache chnne, su ists alles, was ntig ist.
    Gege de Eltere begehre er nicht wst zu sein, er wrd es ppe auch nicht
begehre, da seine Kinder gegen ihn wster wren als gegen andere Leute, sagte
Resli. Das zhle sich nicht zusammen und gehe einander nichts an, aber wie man
es mache, so htte mans, antwortete der Bauer, und svli dumm solle man ihn
nicht meinen, da er sei. Daran htte man nicht gedacht, antwortete Resli. Er
zweifle nicht, seine Eltern wrden ihm jhrlich geben, was man ppe bigehren
knne billigerwys. Aber warum dann nicht, wie ich es haben will, wenn es auf
eins herauskommen soll? fragte der Alte.
    He, sagte Resli mit schwerem Herzen, er wolle es fry graduse sge. Ihre
Mutter htte viel an ihnen getan und sei eine gute Frau, da mchte er nicht, da
sie so nebeus gschosse wrd wien e alte Wschlumpe, es tt ihre viel z'weh, sie
gstnd es nicht aus, wenn sie auch nicht drglyche tt. Und dann seien hier und
bei ihnen andere Bruche, und wie man sich gewohnt, so sei man sichs gewohnt,
wie ppe dr Bruch syg um ein ume, u fahr me angers, so htte dLt z'resiniere
und spottete eim us. Da htt es se decht, Anne Mareili sll zunene cho wie ds
Ching vom Hus und lehre, was ppe dr Bruch syg u wie mes mach bei ihnen, und
wenn dMuetter de ppe dehingeblybe stt, su knnts de furtfahre, wies is ppe
astndig wr. Bs brauchte es nicht zu haben, z'werche wurd ihm niemere zviel
zuemuete, und gwahnet sy mr, dSach ppe z'ha, da mes drby mache cha. Ds
Contrri, d Weg htte es es besser, als wenn es dSach alle bernehmen mte,
und wenns dr Muetter ume gueti Wort gibt, so hts die beste Hndel.
    Das gfiel mir, sagte die Burin, aber es mu noch ein arig Wesen sein bei
euch, da du so viel von der Mutter sagst. Hie ume sinnet man an die nicht, als
wenn ppis Wests z'mache ist oder ppere a neuis dSchuld sy sll. Und wenn wir
hundert Kinder z'verheiraten htten, ich kme niene vor als ppe, wenn vom
Trossel dRed wr u nit Sache da wre, Tischlache u Lylache; da fluchete man ppe
ber mih, da ih nit htt la tueche u won ih mit em Gspnst hicho wr. Ja wolle,
tueche, we me eim dr Flachs unghechlet verkauft, wies jetz afe die Mffe, die
Hndler, ygfehrt hey! We du gingest ga abwsche, sagte der Mann, so knnte
man im Tage einmal das Feuer lschen.
    Unterdessen hatte Resli dem Anne Mareili versichert, da es die Mutter gewi
wie ihr eigen Kind haben wrde und da es es viel besser htte, wenn die Mutter
es nach und nach anleitete, als wenn es auf einmal alles befehlen sollte und
doch um nichts wte; es gehe viel ringer zu helfen, wo man es gut mit einem
meine, als zu befehlen, wo man die Sach nit kenn (in einer vernnftigen
Haushaltung ist es nmlich umgekehrt als in einer Knabenhaushaltung, in einem
Staat zum Beispiel, oder bei einem Bataillon). Und Anne Mareili hatte der Sache
Beifall gegeben und gesagt, es wre ihm recht so, es htte ihm Kummer genug
gemacht, wenn es auf einmal alles bernehmen sollte, es htte wohl gesehen, da
ein Hausbrauch nicht wie der andere sei.
    Als der Bauer seine Frau hinausgemustert hatte, sagte er: Aus der Sache
gibt es nichts, ich will dir die Laden zahlen. Ich sehe schon, wie ihrs wollt:
mys Meitschi fr e Hung ha u Usrede uf alli Fli. Darum ist Abbreche am besten.
Wie gesagt, wenn me Bratis schmckt, su lauft me nit de Mse nah, ih will ga
Geld reiche. Aber Vater, sagte Anne Mareili, dSach wr mr recht u lieber so,
ih bi bas drby. Was soll ih ga bifehle, wo ih dSach nit chenne? Ih wett mih ihne
emel avrtraue. Das vrsteihst nit, u drum hest nt dryz'rede, sagte der Alte.
Aber Vater, antwortete Anne Mareili, ich mu doch dabei sein. U meist, su
han ih z'bifehle. Was gredt ist, ist gredt, und somit ging er, Geld zu holen.
    Aber du mein Gott, sagte Resli, was ist der Vater preuisch; ist es uns
dann nicht erlaubt, bei dieser Sache unsere Meinung zu sagen, und Unbilligs
wollen wir nichts. Aber so Hudel und schlecht Lt sind wir doch nicht, da wir
uns alles mssen gefallen lassen und Gsetzi machen. Er ist geng so, klagte
Anne Mareili. Er zwngt alles durch in der Gemeinde und meint, es solle daheim
auch so gehen. Jetzt hat er die Sache mit dem Kellerjoggi wieder im Kopf, der
alte Schelm hat ihn wieder andrehen knnen. Aber la dich nach, ich halte dir dr
Gottswille an. Am Vater bringe ich nichts ab, ich wei es wohl; was er im Kopf
hat, das ist darin, und lieb hat er mich nie gehabt. Du mut dich meiner
annehmen, wenn du mich lieb hast, gib ihm nach; ich verspreche dir, ich will
deinen Eltern ein Kind sein, habest du den Hof oder habest du ihn nicht. Wenn
ich hier einmal entronnen bin, wenn wir einmal beisammen sind, so knnen wir es
immer machen, wie wir wollen, dann hat uns niemand mehr etwas zu befehlen. Und
was du willst, das tue ich, es soll dir versprochen sein. Er glaube es gerne,
sagte Resli, er wte, da es ihn lieb htte, aber es sei immer wegen Leben und
Sterben, und darin htte der Vater recht, da wie man es mache, man es htte.
Was an ihm sei, wolle er von Herzen tun, aber fr die Andern knne er doch nicht
versprechen, und billig sei es auch nicht, da seinetwegen alle sich entgelten
sollten und alle tun, als ob sie nichts wren; das drfte er ihnen nicht
zumuten.
    Aber hast du mich dann nicht lieb, und wenn du willst, so sagen die Andern
alles nach, ich habe wohl gesehen, wie sie an dir hangen, und wenn du nicht dem
Vater alles nachsagst, so bindet er auf und macht es mit Kellerjoggi richtig.
Denk an mich! Du bist mir lieb, lieber als ich mir selbst, aber wenn da Vater
ein Wort hat, sollen wir nicht auch eins haben, und ist etwa das unsere das
unbillige, soll ich Vater und Mutter auf die Seite stoen? antwortete Resli.
Glaub mir nur, ich will Kind an ihnen sein, mich unterziehen, ich bins ja
gewohnt, aber mach, wies der Vater will, sonst heit der dich gehen, und was er
einmal gesagt, nimmt er nicht zurck, sprach dringlich das Mdchen, trat vor
Resli, sah angstvoll und liebvoll ihm ins Auge.
    Resli tat es im Herzen weh, er schlang den Arm um Anne Mareili, drckte es
an sich. Wie lieb du mir bist, weit du nicht, sagte er, und wenn ich sieben
Leben htte, ich gbte sie dir alle, vo wege, die Lebe wre myni. Ich wei, du
hieltest dein Wort und wrest wie recht. Aber die erste Woche knnte ich
sterben, dann kmen Andere ber dich und du wrest nicht mehr Meister. Du
stirbst aber nicht, sagte Anne Mareili, du mut Gott vertrauen. Ja, sagte
Resli, aber vor dem, wo man selber tut, mu man selber sein, da ntzt ds
Vertraue nt. Das hat Gott einem selbst zugestellt, da man luege, was man
mache. Los, los , sagte Anne Mareili, wie er Geld zhlt, bald wird er fertig
sein, o versprich mir, sag zu allem Ja und machs ab! Aber Meitschi, sagte
Resli, denk doch, wenn ich sterben mute und lge da und mte denken, sobald
ich begraben sei, mten meine Leute ihre alte Heimat mit dem Rcken ansehen,
denk o, Meitschi, wie mir wre, wie dir wre und ob ich wohl beten knnte fr
meine arme Seele und hoffen drfte auf ein seliges Sterben?
    Los, los, dr Vater ist fertig! Dr erst Tag knnen wir es ja ndern,
versprich nur, was der Vater will, z'halten brauchen wir ja nur, was wir wollen,
aber mach, da ich fortkomme! Aber soll ich den Vater anlgen, sagte Resli,
und auch meine Leute, sollen wir unser Glck auf Lug und Trug bauen, denk o,
Meitschi! Standhaft wollen wir sein, treu einander und von Menschen uns nicht
scheiden lassen, dann knnen wir auf Gott vertrauen, kommen sicher zusammen, und
dann mit reinem Gewissen. Los, los, er tut das Gnterli zu, er kmmt, er
kmmt, sg dr tusig Gottswille nache, was er vorsagt, oder du hast mich nicht
lieb und ich will nichts mehr von dir u wett, ih htt dih nie gseh! Uf de Kneue
halte ih dr a, so rief zitternd, mit unterdrckter Stimme Anne Mareili; seine
Lippen wurden bla und seine Augen stunden gro und starr in ihren Hhlen. Und
ehe Resli eine Antwort geben konnte, trat der Alte herein, frug nicht um den
Bescheid, sondern zahlte in Pcklene und mglichst schlechtem Gelde seine Schuld
auf den Tisch, an dessen Ecke Anne Mareili bebend sich hielt. Da hasts, sagte
er, du wirst pressiere fr heim, und aufhalten will ich dich nicht.
    Da trat auch Resli zum Tische, das Geld sah er nicht an, aber schwer kmpfte
es in seiner Brust. So da weg, sagte er, mchte ich doch nicht, und ein
vernnftig Wort wird wohl erlaubt sein. Was Geld und Gut anbelangt, will ich
nicht mrten, was mglich ist, soll geschehen. Da man da den Vorteil nicht
begehrt, hat man gezeigt und mit keinem Wort gefragt, ob das Meitschi etwas
mitbringe oder nichts. Einstweilen haben wir genug, und was es knftig geben
soll, berlassen wir Gott. Gebe es etwas oder nichts, so hoffe ich, knnen wir
es mit Gottes Hlfe frder machen. Aber etwas will ich offenbaren, damit knnt
Ihr dann in Gottes Namen machen, was Ihr wollt. Es gibt in jeder Familie
zuweilen etwas, manchmal kann man es mit Gottes Hlfe verwerchen, manchmal aber
nicht. So hat es auch etwas bei uns gegeben, und damals hat mein Vater
gwerweiset, ob er mir nicht den Hof abtreten solle. Da aber hat der Vater
gefunden, da die Mutter das nicht verdiene, weil sie bedeutend Gut eingebracht
und eine Hausmutter sei, die fr alles Sinn htte und Vrstang fr alle, und so
eine, hat er gedacht, soll man nicht bei guten Krften auf die Seite stellen,
weil es ihr leicht in das Gemt kommen knnte, wenn sie nicht mehr ber alles
knnte, zu nichts mehr etwas sagen sollte. Das ist eine schwere Verantwortung
vor Gott, wenn man so um zeitlichen Nutzens willen jemand beiseite stellt, dem
Gott seine Krfte noch erhalten hat. So hat der Vater gedacht, und ihm wre es
ppe gleich gewesen, hinterezstah u mih la z'mache. U stt ih angers denke gege
dr Muetter, wo geng e Muetter a mr gsi ist, vo dr erste Stung a bis jetz, u geng
zerst u zletzt gsi ist, wos se Nutze gsi ist, u ke Rueh gha het, wes eim ppe
gfehlt het oder sih ppis Bs a eim erzeigt het ? Ih htt wger nit ds Gwsse,
so lieb mr ds Meitschi ist, ih knnts nit vrantworte vor Gott u Mnsche, u
dessetwege soll my Frau nit dest bser ha u nt dest minger. U sinnet o dra, da
dr o King heyt u nit wsset, wies Ech gah cha un dr o froh sy chnntet, we dKing
ppe guet gegen Ech wre.
    Was frage ich deiner Mutter nach, die geht mich nichts an, sagte der
Bauer, und zu meinen Kindern will ich schon sehen, die werden ppe nicht viel
anders machen, als ich will. Du hasts gehrt, was gredt ist, ist gredt. Zhl du
dein Geld, ich will dr heie gschire, und ging.
    Resli liefen, ihm unbewut, Trnen die Backen ab; bla und lautlos, mit
bebenden Lippen, stund am Tische Anne Mareili. Ists auch mglich, sagte Resli,
so habe ich doch noch niemand erfahren und nicht geglaubt, da einer, der
selbst Kinder hat, einem gegen die Eltern so etwas zumuten drfte. So wollen wir
treu aneinander halten, dann wird ppe kein Mensch viel zwngen. So sprach er
und bot Anne Mareili die Hand. Aber lautlos stand dieses da, nur die Lippen
bebten, und immer grer starrten die dunkeln Augen. Gib mir noch ein gutes
Wort, bat Resli, an dem will ich mich halten und auf Gott vertrauen, und wenn
du mich ntig hast, so mach mir Bescheid, die Wirtin tut dir schon den
Gefallen. Damit fate er Anne Mareili in seinen Arm. Da flammte dessen Gesicht,
hart stie es ihn zurck: Geh mir weg, rhre mich nicht an, jetz wei ich, wie
du mich liebst, zitterte es heraus. Wie habe ich dich gebeten, und was hast du
getan! Was habe ich dir versprochen, und wie hast du mir vertraut! Ja, vertraue
so einer nur auf Gott, verlassen wird er dich, wie du mich verlassen! Wie Resli
reden wollte, es hrte ihn nicht. Geh weg, rief es, ich mag dich nicht sehen,
nicht hren! Ein Wort, und du httest mich erlst, und willst nicht und machst
mirs so, und jetz - da ging seine Rede in krampfhaftes Schluchzen ber, es
strzte ins Nebenstbchen, warf sich aufs Bett und weinte, da es das ganze Bett
erschtterte.
    Verstummt war Resli, Schrecken ergriff ihn, er wollte trsten,
entschuldigen, ging nach zum Bette, bat um ein gutes Wort, wollte dessen Hand
ergreifen; aber es hrte ihn nicht, zuckte, wenn es seine Hand fhlte, zusammen,
als wenn diese eine Schlange wre. Wie er so dastund und es ihn fast zerri, so
weg zu sollen, kam die Mutter und sagte: La du das Mdchen sein, es hilft
jetzt nichts mehr. Was gehst und verkegelst dSach; selber ta, selber ha. Es ist
ppe recht, we me zu re Muetter luegt un ere allbeeinist ppis kramet, aber mit
ihre ga dr Narr z'mache, ist dumm und trgt nichts ab. Einist mue si doch vom
Hof, gb es Jahr frher oder spter, und was soll ihr das machen! Einmal mir
wrs recht, wenn mir jemand dBurde abnhmte und ich meine Sache gleich htte,
ppe allbeeinist es Trpfli Kaffee un es sigs Mckli. Aber jetz mach, da
fortkmmst, vom Meitschi bekmmst du doch keinen Bescheid mehr; es ist es
Grsligs, wes so zwegchunt, und wenn dr Alt drzuechunt, su seyt er dr west.
So gehe ich doch nicht gerne fort, sagte Resli. Bist selber schuld, sagte
die Alte, nimm ds Geld u gang, angers gits jetz nmme.
    Er soll cho, rief eine harte Stimme zur Tre ein, es cha ke Mnsch die
Donners Keibe gschire. Mi sll se la sy, rief Resli, trat noch einmal zum
Meitschi: Ume no es guets Wort, bat er, dr tusig Gottswille, so la mih nit
furt! Aber Schluchzen war die Antwort, und tiefer drckte das Mdchen den Kopf
ins Deckbett. Komm, komm, rief die Mutter, ih ghre dr Alt! Nimm ds Geld, es
git dr ke Mnsch es guets Wort drfr, und somit wischte sie das Geld in Reslis
daliegenden Hut, drckte ihm diesen in die Hand. Adie, sagte sie, und zrn
nt, es geht nicht allemal, wie man gerne mchte, und es ist gut, wenn man sich
frh daran gewhnt.
    Es wre Zeit, da du kmest, sagte der Bauer, so ungrymti Ro habe ich
noch nie im Stall gehabt. Weh und Zorn wogten hoch auf in Resli, des Bauern
Worte waren eine Art Aderla. Wenn man vernnftig mit ihnen umgeht, so sind sie
vernnftiger als mancher Mensch, sagte er. Du wirst uns doch nicht lehren
wollen mit Rossen umgehen, sagte der Bauer, dazu bist du noch z'junge. Has
nt im Sinn, es chnnt mr z'lang gah, sagte Resli. Wie meinst fragte der
Alte. Es gb mnger Gattig Lt un mnger Gattig Ro, u die eine mge erlyde,
was die angere us dr Hut sprengt, es chunt geng uf ds Gwahne a. Da mut du
deine wunderlich gwehnt ha, sagte der Bauer.
    Reslis Antwort ging im Stall verloren. Dort war ein stark Brllen; Knechte
standen mit Stecken und Geiseln im Gang, seine Rosse waren in der Krippe oben,
des Bauern Rosse hatte man geflchtet. Als er die Zuversicht sah, hie er sie
alle hinausgehen mit Stecken und Stangen und fing mit seinen Rossen zu reden an.
Da wars, als ob sie, verirrt in der Wste, eine bekannte Stimme hrten, in Not
und Drangsal einen Retter erblickten; sie wieherten laut auf, drehten ihm die
Kpfe zu, und wenn sie schon noch hin- und herfuhren, so bi oder schlug doch
keines mehr. Er gschirete und zumte ohne Not und ohne Zorn, denn die Rosse
erbarmten ihn, darum lieen sie es auch willig geschehen und folgten ihm auch
willig aus dem Stalle. Drauen kriegte er aber wieder seine liebe Not mit ihnen,
als sie den Bauer und die Andern erblickten. Eins wollte hier aus, das andere
dort aus, wahrscheinlich den krzesten Weg der Heimat zu. Er mute alleine
anlegen, denn sobald jemand von den Andern zu nahe kam, schossen die Rosse in
die Zgel oder schlugen aus; er hatte mit seiner hssigen Mhre zu tun, der er
in der Hast den unrechten Kommet angelegt und die jetzt nicht Vorro sein wollte
und es doch bleiben mute, da er nicht ndern wollte und der Draguner ihm
wirklich diesmal unterm Sattel anstndiger war.
    Whrend diesem schweren Geschft (vier verwilderte Pferde allein zu schirren
und anzulegen, ist nmlich nicht leicht) hatte er sich gefat, und in dem Mae,
als seine Rosse ruhiger wurden, ward auch er es. Mit aller Gelassenheit rumte
er seine Sachen zusammen, suchte noch eine Kette, die vergessen worden war, ob
absichtlich oder nicht, untersuchte er nicht, leerte den Habersack in des Bauern
Futterkasten, gab zehn Batzen Trinkgeld einem Knechte, trat zum Bauer und
sprach: Lebt wohl, dankeiget, es steht z'vrgelte. Hest nt z'danke,
antwortete dieser. Dankeigist du fr ds Fehre; was es kostet, habe ich nicht
gefragt, ihr habt es mir anerboten.
    Resli achtete sich der Rede nicht, sa in raschem Schwung im Sattel, hoch
bumte sich sein Braunro, laut wieherten alle, aber in gemessenem Schritte
zgelte er sie, unter sich das tanzende Ro, und erst hundert Schritte vom Hause
lie er in Trott die Pferde fallen, der rascher und rascher ward, schnell ihn
den Augen der Nachsehenden entfhrte.
    Das ist e stolze Bursch und kann sReiten, sagte der Eine; der wei mit
den Rossen umzugehen und wei ppe auch, was der Brauch ist, sagte der, welcher
das Trinkgeld empfangen. Nachdenklich hatte ihm der Bauer, die Hnde in den
Westentaschen, nachgesehen, dann sagte er zu den Knechten, es deche ihn, es
wre jetzt genug glgtzet u es wre Zeit, wieder etwas zu machen, htten sie
doch fast einen halben Tag versumt; dann ging er vom Hause weg, hinter ihm
drein sein roter Mutz.
    Rasch liefen Reslis Rosse, immer rascher rollte sein Blut in den Adern, und
je rascher es rollte, umso heier ward es, umso langsamer schienen ihm die Rosse
zu laufen. Hand und Fu juckten ihm unwillkrlich, zum schnellsten Jagen die
Pferde zu treiben. Es kochte in ihm auf glhendem Herde in einem Kessel
beisammen Zorn und Weh, Liebe und Leid, Stolz und Demtigung, und wie der Wind
die Glut erhitzt, lie das schnelle Reiten den Brand unterm schauerlichen Kessel
immer heier erglhen.
    Es ist allerdings ein eigentmliches Heimgehen oder Heimreiten mit einem
Korbe auf dem Rcken, sei derselbe nun ein grober oder ein feiner, sei er von
den Eltern geflochten oder des Mdchens selbsteigenen Hnden; immerdar wird er
hnlich sein einem Stck Schwamm, der auf unserm Herzen gleichsam als auf einem
nassen Feuerteufel sitzt, dasselbe zischen und Funken sprhen lt, da es ein
Graus ist. Natrlich zischen nicht alle Feuerteufel gleich, die einen haben mehr
Pulver als die andern, und auch nicht alle Funken haben die gleiche Farbe, aber
sprtzen und spretzeln, mehr oder weniger, tut jeder allweg. Ein Korb ist
jedenfalls ein dumm Ding, ein Nasenstber, eine Demtigung, ein Urteil, da man
einen nicht mge, nicht wert sei, die Schuhriemen aufzulsen, es ist ein
Dmpfer, der einem aufgsetzt wird. Ob diese Krbe handfester oder zierlicher
seien, mit verzuckerten Mienen gegeben werden oder mit hhnischen, darauf kmmt
wenig an, das Hauptgewicht liegt anderswo.
    Ist der Korb nichts als das Fehlschlagen einer Spekulation, gleichsam das
Ablecken des Pulvers auf der Pfanne, so ists richtig eine fatale Sache; eine
verfluchte, sagt man, wird taub ber Meitschi und Eltern, aber da es halt so
ist, so schttet man anderes Pulver auf die Pfanne, rumt vorsichtiger das
Zndloch und sucht aufs neue zum Schusse zu kommen, am liebsten natrlich auf
eine fette Wildsau oder ein blankes Rebhhnchen; wer aber gar zu taub ist, lt
sich verleiten und schiet auf den ersten besten Spatz. Solche Schsse gehen
gerne los, worob aber niemand mehr erschrickt, als wer sie selbst losgedrckt.
    Anders gestaltet der Feuerteufel sich, wo er mit Liebe halb oder ganz
getrnkt ist; der ist nsser, sprht langsamer, aber lnger, und wehmtig
flimmern die Funken, und betrbte Gedanken streifen, durchkreuzen den Horizont
der Seele. War man zu wenig hbsch, zu wenig reich, zu wenig vornehm, zu wenig
galant und elegant? Ach, und auf solche Lumpereien und Nebendinge achtet die
Welt, und ds Herz sieht sie nicht, ds Herz, die Hauptsache, wie der Docht in der
Kerze; und wie wre dieses Herz so schn, so gut, so voll Liebe, und wre auf
den Knieen gelegen lebenslnglich und hin- und hergerutscht, auch
lebenslnglich, htte Kartoffelrinde zusammengelesen emsiglichst, htte sie,
ungesalzen und geschmalzen mit Liebe, gekocht oder gebraten nach Belieben am
Feuer der Liebe und sie dargereicht auf den Knieen der Liebe und unter Suseln
von Liebe und auf Schsseln der Liebe. Und ob dem Verschmhen dieser sen,
lebenslnglichen Kost weint man bitterlich, setzt sich an einen Bach, ja selbst
an einen Flu, damit die Trnen gleich unschdlichen Abflu haben, und
balanciert, ob man ihnen selbst nachwolle oder nicht. Wenn unterdessen die Sonne
untergeht, so hat man die innigste Sehnsucht, mit ihr unterzugehen ins Bett der
Nacht; wenn dann aber der Wind khl weht, tut man einige Knpfe ein, und weht er
noch khler, so geht man einstweilen heim, von wegen dem Pfnsel. Aber ber
Nacht hat man groe Gedanken ber Menschenwert und wahres Glck, und vor dreiig
Jahren oder noch lnger hat man unter solchen Umstnden viel an Werther gedacht.
Das war nmlich ein Mensch, der sich von wegen Liebe und allerlei sonst
erschossen.
    Wiederum anders ists, wenn der Korb nur ein halber ist, entweder nur von den
Eltern oder nur vom Mdchen ausgeht. Da ist Stolz dabei und man sinnet auf
Eroberung oder berlistung des den Korb austeilenden Teiles. Ist man mit den
Eltern einig und hat das Mdchen sich sprde gemacht so denkt man viel an
elterliche Rechte und an die gute alte Zeit, wo so ein dummes Meitschi keinen
Gux mehr ausgelassen, wenn einmal die Eltern Ja gesagt, ja man denkt sogar an
Zwangsmaregeln und ob jenes System nicht auch hier anzuwenden wre, jenes
System nmlich, wo man einem das Reden verbietet, bis man sich gebessert hat.
Ist man aber von den Eltern geschat worden und war man doch mit dem Mdchen
einig, so denkt man an den Zeitgeist, der den Eltern allen Zwang verbietet,
dagegen den Kindern das Zwngen zult (aus welchem Grunde wahrscheinlich einige
Gelehrte meinen, der Zeitgeist sei kindisch geworden), oder sieht die Eltern
rundum an, ob nicht hinten die Rckenmarkauszehrung oder vornen die Wassersucht,
unten das Podagra oder oben eine respektable Gehirnentzndung zu hoffen sei,
wodurch am natrlichsten jeder Zwang beseitigt wrde, und nebenbei wei man sich
gut auszudrcken ber elterliche Beschrnktheit, Standesvorurteile oder des
Alters stupiden Geiz, der meine, man lebe vom Gelde alleine. Und wenn man einen
Stock in der Hand hat, so knnen die Vorbeigehenden zu ihren Beinen Sorge
tragen, sind aber Disteln bei der Hand, so werden die richtig gekpft, und jedem
fliegenden Kopf wird nachgerufen: Gll du Ketzer, jetz heschs, wobei die,
welche es allfllig hren, im Zweifel bleiben, ob unter dem Ketzer der Vater
oder die Mutter zu verstehen sei oder einfach blo der Distelkopf.
    Auf Resli pat, wie man sieht, keiner dieser Flle, darum ward ihm auch ganz
apart. In seiner Macht wre es gestanden, den Korb abzuwenden; das Mdchen
liebte ihn, den Eltern konnte er gewhren, was sie wollten, und jetzt war er von
Beiden verstoen, von den Alten verhhnt, und das Mdchen hatte ihm kein gutes
Wort gegeben, im Zorn den Rcken ihm gewandt. Und doch war er im Recht, bei
ihnen aber Unverstand, am dem scheiterte sein Lebensglck. Nun ist nichts, was
man weniger begreift, als Unverstand, nichts erbittert daher mehr als dieser,
und den von Einzelnen erlittenen schreibt man zumeist der ganzen Welt und Gott
auf Rechnung; daher zumeist junge Menschenfreunde (Philanthropen) alte
Menschenhasser werden, denen die ganze junge Begeisterung in einen alten zhen
Gallensatz sich niedergeschlagen hat.
    So ging es auch Resli. Die ganze Welt schien ihm ein Saunest, dem er im
Galopp htte entrinnen mgen, je eher je lieber, und dem lieben Gott warf er
Blicke zu nicht fr Gspa, da er solchen Unverstand habe zur Mglichkeit werden
lassen. Er hatte die grte Mhe, seine Rosse nicht abzuflachsen so recht
vaterlndisch, aber es dnkte ihn, wenn nur so ein rechter Bauerndrssel auf
einem Wgeli oder mit einem Zug ihm begegnen wrde oder gar ein lsterlicher,
rot geftterter Kommis mit einem erzwngten Schnauz, die wollte er mit einem Ri
zusammenwettern, da nicht eine Handgro ganz an ihnen bliebe; aber
glcklicherweise begegnete ihm niemand als ein Hund, der herlief, die Pferde
anzubellen, wie es eben Tiere gibt, sogar Menschen, welche alles anbeten mssen,
was in ihren Gesichtskreis kommt. Dieser kriegte einen so tchtigen Geiselhieb,
da er das Bellen einstweilen verga und heulend nach Hause lief und eine
Zeitlang nicht gewut haben soll, ob das Bellen ganz verboten sei oder nur zu
Zeiten.
    Allmhlig setzte sich das Fieber, und das allgemeine Gefhl wandelte sich in
ein besonderes Denken, gleichsam in ein Wiederkauen des Vergangenen, in ein
neues berschlagen, ob er recht oder unrecht gehabt. Wenn er an den Bauer
dachte, so juckte es ihn immer neu im Arm, und wehe dem Pferde, das in diesem
Augenblick die geringste Untugend erzeigte, es kriegte richtig eins aus dem
Salz; denn es war Resli in solchen Augenblicken nie, da er ein Pferd schlage,
es kam ihm immer vor, der Bauer kriege die Hiebe, und da wars ihm, je hrter sie
wren, desto whler tten die dem Ketzer. Dann glitschten seine Gedanken, er
wute nicht wie, aufs Meitschi, und dort blieben sie, aber uneinig unter
einander. Anfangs zrnte er auch ihm bitterlich, dann tauchte in ihm ein
Frsprech auf, der stellte sich an des Meitschis Platz, behauptete dessen
Rechte, zeigte ihm, wie sein Nachgeben nur ein formelles gewesen, in re er recht
behalten, wie es da nur um eine Wendung sich gehandelt, nur auf ein Stcklein
Zutrauen angekommen wre, und wenn dies zwei Liebende nicht mehr zu einander
htten, wer es dann noch haben sollte! Wie, wenn er wirklich das Mdchen lieb
gehabt und Erbarmen mit dessen Lage, er ja wohl htte nachgeben mssen, was in
diesem Punkte ganz alleine an ihm gestanden, wozu noch die Mutter selbst ihn
gemahnt, ja ihn gewarnt hatte, die Sache auf die Spitze zu treiben, da es gar
nicht am Mdchen gestanden, ob es nachgeben wolle oder nicht, sondern rein in
der Gewalt des brutalen Vaters, der einen Pfifferling nach Recht und Billigkeit
fragte. So wars ja nichts als Eigensinn von ihm, da er darauf bestund, den Hof
jetzt noch nicht zu wollen, und also am eigenen Eigensinn, nicht am Unverstand
Anderer scheiterte sein Lebensglck.
    Wenn nicht ein dichter Haselhag zu beiden Seiten den engen Weg begrenzt
htte, wer wei, ob er nicht rasch umgelenkt und in sausendem Galopp dem
Dorngrt zugefahren, seinen Eigensinn abgebeten htte!
    Aber diesem Frsprecher gegenber stund von Anbeginn, anfangs in nebelhafter
Ferne, in unbestimmten Umrissen, ein schaurig Bild; das Bild kam nher und
nher, bestimmter wurden seine Zge, es war das Bild des zitternden, zornigen
Mdchens in seiner krampfhaften Aufregung, wie es so bla dastand, wie so zornig
dessen Augen leuchteten, so bla seine Lippen bebten, so wild es ihn
zurckstie, so haltlos aufs Bett es sich warf, so malos weinte und winselte.
So hatte er noch keinen Menschen gesehen, die Mutter nicht, Annelisi nicht,
keine Jumpfere. Etwa hhn waren alle gewesen, hatten rascher geredet oder streng
geseufzt, auch geweint und waren in einen Ecken gestanden und hatten das Gesicht
nicht gerne sehen lassen, aber so auer sich und so ohne Antwort auf ein
freundliches Wort, unvershnlich und rcksichtslos, war nie eine ihm
vorgekommen. Es kam ihm in Sinn, was sein Bruder ihm gesagt von ertaubeten
Meitschene auf die neue Mode; auf und hnlich hatte Anne Mareili getan. War er
nicht glcklich, da er das zu rechter Zeit noch gesehen, da er dieses Weh in
seiner ganzen Wste erfahren; denn wie unglcklich htte er werden knnen wenn
er es erheiratet, und welche Schande erleben mssen wenn er eine Frau
heimgebracht, welche etwas an sich hatte das man bei ihnen nicht kannte, das
gerade aussah, als wre sie vors Hsli use, und von dem er nicht wute, wie oft
es sie ankam und ob vor den Leuten oder nur privatim vor den Eltern und dem
Manne. Vom fallenden Weh hatte er schon viel gehrt, und immer hatte es ihm
darob gegruset, aber dieses Weh schien ihm noch viel rger. Es hatte das Mdchen
verzerrt, da er es gar nicht wieder erkannte; es war ein durchaus Anderes
geworden, eines, das er lieber nicht mit einem Stecklein anrhrte, geschweige
dann lieben mochte und gar noch zur Frau es haben. So stellte die letzte
Erinnerung dem armen hin- und hergeworfenen Resli das Mdchen immer greller dar,
da er sich fast seiner Liebe zu schmen, sich zu freuen begann ber das letzte
Ereignis.
    Die letzte Erinnerung, der letzte Blick, das letzte Wort setzt so gerne sich
fest dem Abgehenden, alles Auergewhnliche so leicht jedem, der es sieht, da
eine groe Bedeutsamkeit in der letzten Gebrde liegt, da berhaupt eine groe
Bedeutsamkeit darin liegt, wie jemand Gebrden macht, die bei andern Menschen
Eindruck hinterlassen, und ganz besonders bei einem Mdchen sind diese Gebrden
von Bedeutsamkeit. Kokettisieren, die Schne und Liebliche machen soll kein
Mdchen, aber so viel Herr ber sich selbst sein sollte jedes, da es sich nie
selbst unschn, wst macht, unschn, wst werden lt. Es gibt einen hohen,
schnen Zorn, der die Jungfrau zur Gttin macht, der aber ist selten, jeder
andere verzerrt das Mdchen, und der grbste Benz, der gar nicht wei, was schn
oder unschn ist, sagt: Nei aber, das cha afe west tue, so eins begehr ih
nadisch nit! Es ist freilich viel gefordert von einem Mdchen, da es immer
seiner Herr bleibe, sich nicht fortreien lasse, kanns doch mancher Mann nicht!
    Nun ists sicher ebenso unrecht und noch unendlich unrechter, wenn ein Mann
sich hinreien lt, als wenn es ein Mdchen tut, und schaden tut es ihm, und
ppe viel hlt ihm niemand darauf, aber so unschn, so widerlich macht es ihn
doch nicht, wie es das Mdchen, wie es die Frau macht. Das ist halt Sache des
Gefhls, und weil es das Gefhl ist, welches uns von wegen der Schnheit und dem
freundlichen Mae in allem zum Weibe zieht, so kann man halt nichts dafr, wenn
dieses Gefhl durch widerliche Ausbrche verletzt wird, halt lieber im
Heidenland wre oder gar bei den Heiducken als so einem kannibalischen
Weibsgesicht gegenber.
    Wie es nun Zuflle geben, Umstnde sich hufen knnen, wo ein Mann in einen
Zorn gebracht wird, der ihn zum Mrder macht, des Mrders Strafe er auch
ausstehen mu, whrend man ihn allgemein bedauert und Barmherzigkeit bei Gott
fr ihn hofft, so kann Weh, Leid und Zorn ein Mdchen in einen Zustand
versetzen, durch welchen es seinen Liebhaber absprengt. Es war ihm nicht
mglich, anders zu sein, es war ihm auch nicht zuzumuten; aber die Wirkung, der
Eindruck sind einmal da, sind geborne Dinge, ein fait accompli, welches selbst
die Tagsatzung anerkennt; wer wischt sie nun aus, wer macht sie ungeschehen,
bertncht das Bild wieder, das vor den Augen des Liebhabers schwebend bleibt?
Wer bricht die Folgerungen ab, die aus dem Bilde entspringen, denn das ist
gleich, wie wenn ein Mdchen einen bsen Beinbruch tut. Heilen werde es wohl,
ansehen werde man ihm einstweilen nicht viel, aber sellige Ding gbten halt bse
Alter, so redet man.
    Bei allem, was auf Anne Mareili lastete, bei dem innigen Wunsche, aus ihrem
Hause in Reslis Haus zu kommen, bei dem Glauben, niemand knne ihm dazu helfen
als Resli, bei dem Glauben, der Liebhaber msse, wenn er treu liebe, alles
hintansetzen und zum Opfer bringen, bei dem Glauben an den eigenen guten Willen,
der das Opfer nur scheinbar machen, alle Folgen und Schwere ihm nehmen wrde,
bei allem dem, wem wre nicht so geworden wie dem armen Meitschi, wer htte
nicht Augen gemacht und hintendrein noch was ganz anderes als geweint und
geschluchzt? Aber was die Augen sehen, das haben sie halt gesehen, und woher es
gekommen, daran denken Viele nicht; bei Andern kommen wohl Gedanken daran, aber
die Gedanken kommen meist lang hintendrein, werden leicht verweht, wenigstens
immer von neuen Zweifeln angeweht.
    Bei Resli war es umgekehrt gegangen, die Gedanken waren vor dem Bilde da,
von wegen, der gute Boden in seiner Seele war ziemlich tief und trug lieber das
Gute als das Bse, und die Liebe ging als Samen ber ihn hin. Das Bild trat
Reslis Gedanken gegenber und kmpfte mit ihnen. Das Bild war die bse Fee,
welche in seinen Liebesgarten schlich und seine Geliebte verzaubern wollte in
ein scheulich Drachenbild, zum Werwolf mit feurigen Augen, zur wtenden Hyne
mit den grimmigen Zhnen, das Haar bolzgradauf vor Zorn und Wut. Aber als ein
treuer Ritter kmpfte er redlich gegen die bse Fee, und wie sie auch immer neu
ansetzte und mit List und Kunst in immer neuen Gestalten daherfuhr, stund er als
wie mit breitem Schwerte vor der Geliebten und wehrte dem bsen Zauber. Wie der
Kampf ein innerlicher ward, verschwand die uere Aufregung, ernst sa er im
Sattel, ruhig lenkte er die Rosse, und wer freundlich den stattlichen Fuhrmann
grte, erhielt freundlichen Dank.
    Das Mitleid mit dem Mdchen gewann die Oberhand, er bedauerte es von
Herzensgrund, die Roheit des Alten verwand er; so ein Mensch habe keinen
Verstand, dachte er, und wie man mit einem rechten Menschen umgehe, das wisse er
nicht. Es freute ihn, da er keinen besondern rger erzeigt, sondern fest
geblieben war bis hundert Schritte vom Hause weg, und mehr war ihm doch auch
nicht zuzumuten. Aber eins stund ihm fest, da die Sache aus und ab sei; es war
ihm, als tue sich ein unendlicher Abgrund auf zwischen dem Dorngrt und ihm, als
seien die vergangenen Tage eine versunkene Welt, die er nur noch im Traume
betrachten knne, die mit seinem zuknftigen Leben nicht zusammenhingen. Da es
so war, tat ihm weh, denn wen schmerzt das Herz nicht, wenn was Liebes zu Grabe
geht, wer trauerte nicht in tiefster Seele, wenn die Sonne ihm aufgegangen wre,
und sie versnke, Nacht wre es wieder und keine Hoffnung da, da die Sonne
wieder kme? Und wenn an einem solchen Grabe ein Mann steht, so trufelt wohl
Trne um Trne nieder, aber ins Grab strzt er sich nicht nach, eine starke Hand
hlt ihn oben: es ist der Glaube, da nichts aus Zufall kmmt, sondern alles aus
der vterlichen Hand dessen, der die Sterne ihre Bahnen fhrt und die Haare auf
unserm Haupte htet. Die Brust zerschlgt er sich nicht, die Haare zerrauft er
sich nicht, klagt als Mrder, als Ursache des Todes sich nicht an. Wenn sein Tun
ein berdachtes war und seine Versuche nach dem Mae seiner Krfte, dann sind
Selbstanklagen nichts als Zeugen eines unklaren Verstandes, eines kindischen
Gemtes, welches dem einmal Verhngten sich nicht fgen will, welches nie dahin
gelangt, Recht und Unrecht nicht nach dem Erfolge zu messen, sondern als Dinge,
die fr sich bestehen. So ward es Resli auch mehr und mehr; je ruhiger er wurde,
je bestimmter er seinen Verlust erkannte und fhlte, um so weniger plagten ihn
Zweifel ber sein Tun.
    Er hatte nicht anders handeln knnen, er hatte sich nicht nur so
ausgesprochen, sondern es war auch das Rechte, was er gesagt, und dieses Rechte
beugt sich nicht nach den Umstnden, es ist nicht ein Bohnenstecken, den man
abbrechen kann, wenn er zu lang ist, auch nicht eine Summe Geldes, an der man
mrten kann, wo es endlich fr den, der es hat und dem an einem Handel etwas
gelegen ist, auf ein Stck mehr oder weniger nicht ankmmt, wenn nur der Handel
richtig wird. In diesem Rechttun ohne Mrten und ohne Beugen liegt ein
unendlicher Trost, es fordert aber auch eine groe Kraft, es ist das Ausharren
und Getreusein bis ans Ende, es ist das Aufgeben des Wahnes, da man mit Ducken
und Klgeln, auf selbstgewhlten Wegen wie auf ebener Bahn an ein seliges Ziel
gelangen knne, es ist das Aufgeben des Wahnes, da man weiser als Gott sei und
seines eigenen Glckes Schmied in des Wortes falscher Bedeutung. Wohl wird es
sehr oft schwer der menschlichen Klugheit und der menschlichen Schwche, weil
wir in unserer Kurzsichtigkeit fr uns und Andere das rgste bei dem strengen
Festhalten des Rechts frchten, und so oft ist doch eben in diesem Rechttun ohne
Mrten und ohne Beugen unsere und Anderer Rettung, wo wir in unserer
Kurzsichtigkeit das Gegenteil gefrchtet. Wenn wir aber mrten und uns beugen,
so kommt es sehr oft ganz anders, als wir gemeint, und das Mrten und das Beugen
wird uns zum Mhlstein, den wir uns selbst an den Hals gebunden, und dann, wenn
wir ob Mrten und Beugen versinken, wo das Meer am tiefsten ist, was haben wir
fr einen Trost? Ihr Rechtsgelehrten, welche ihr den Zeitgeist anbetet, der eben
nichts ist als ein solches Beugen vor dem eigenen Aberwitz, als ein Mrten mit
dem Teufel, sagt mir: mit dem Mhlstein um den Hals, was wchst uns fr ein
Trost empor aus dem Meere, wo es am tiefsten ist? Da sind keine ste, wo man wie
ein Eichhrnchen von einem Aste auf den andern springen kann, wenn der eine oder
der andere vom Winde zu stark geschaukelt wird; da ist dann nichts mehr als
unter uns das tiefe Meer und am Halse der Mhlstein.
    Dieser Trost kam allmhlig immer mehr ber Resli, er hatte aufrichtig und
ehrlich recht getan, und nun in Gottes Namen! Das kann aber der nie sagen, der
gemeint, geglaubt, gedacht, gehofft, sich geduckt, gemrtet hatte und nun
getuscht wird, der Erfolg ein ganz anderer ist, als er gemeint, gedacht; dem
gehen die Worte In Gottes Namen nicht aus dem Munde, sie bleiben hngen auf
der Zunge wie Fliegen im Karrensalb.
    Langsam und spt kam er nach Hause, und alle warteten seiner guter Dinge,
hielten dieses Sptsein fr gute Vorbedeutung, ja Annelisi redete schon von zu
Bette gehen, denn er komme doch nicht heim, es wolle ihnen das fr gewi sagen
und einen Meyenstock oder eine Halbe darauf wetten, mit wem da wolle. Es gult,
sagte Christeli, wennd auch zahltest, wasd vrlrest, aber du hast ja nie kes
Geld. Resli kmmt so gewi heim, als Heu nicht Stroh ist. Es ist mglich, da
der Bauer da unten im Grt hie und da ppe e Mnsch zGast het, ppe viel nit; ih
bi o dert gsy, un ppe viel het me mr nit anerbote, aber vier Ro hat der nicht
ber Nacht. Ds selbist han ih ume eis by mr gha, u selb het niemere bigehrt in e
Stall z'tue, ume ppe fr e Stung oder e halbi.
    Bald darauf hrten sie durch die nchtliche Stille Rdergerassel. Das ist
ihn, hie es. Nein, es ist ihn nicht, man hrte ihn klepfen, er wrde strenger
fahren, ward entgegnet, und whrend dem Werweisen noch lenkte er still und ohne
Peitschenknall durchs Trli. Es het gfehlt, sagte die Mutter.
    Trbe und stille ward es in Liebiwyl, aber eine Innigkeit, eine stille
Freundlichkeit verband die einzelnen Glieder der Familie wie noch nie. Wer hat
es nicht schon erfahren, wie still und de es in einem Hause wird, aus dem ein
geliebtes Wesen zu Grabe getragen worden, wie leer und trb den Zurckkehrenden
vom traurigen Begleit das Leben scheint, allenthalben ihnen etwas fehlet,
whrend sie um so inniger an einander sich schlieen, in liebevoller Sorge um
das Glied sich reihen, welches durch den Verlust am hrtesten getroffen worden,
die verlorne Liebe ihm zu ersetzen suchen. Wie berhaupt in allen Herzen die
Liebe klarer und leuchtender aufbrennt, wie ja auch die Sonne nie heller
scheinet als nach gewaltigen Gewittern. Das ist der Segen der wahren Liebe, da
in der Liebe selbst der Balsam liegt fr die Wunden der Liebe.
    So lebten sie in stiller Freundlichkeit zu Liebiwyl, und jedes redete
sanfter mit Resli, und jedes suchte es ihm zu zeigen, wie lieb es ihn htte und
alles fr ihn tun mchte. ber die Sache selbst ward wenig oder nichts mehr
geredet. Resli hatte natrlich erzhlt, wie es ihm ergangen war, und die ganze
Familie es tief empfunden, wie Resli behandelt worden; die Jungen hatten sich
hauptschlich ber Anne Mareili gergert und Annelisi gesagt, so knnte es es
doch Keinem machen, zu dem es nur einen Funken Liebe htte. Die Alten aber
schmerzte der bermut des Vaters am meisten gegen eine Familie, deren er sich
doch nicht zu schmen htte; am Meitschi dnke es sie nichts anders, es King syg
emel geng ume es King, w doch mnge Alte mngisch nit, was er tue. Die Mutter
deutete darauf hin, da sie so etwas gefrchtet und gerne sich unterzogen htte,
aber tadeln tat Resli niemand; die Sache war abgetan, und was ntzt es, wenn
hintendrein ein jedes sagt: So htte ich es gemacht, und so httest du es auch
machen sollen? Hintendrein ist gut reden, sagt das Sprchwort, und die Erfahrung
besttigt es auch. Whrend vor der Tat guter Rat teuer ist, hat nach der Tat
jedes Babi Steinkrtten voll und trgt sie einem nach dringt sie einem auf und
zwar gratis. Es ist nichts rgerlicher als dieses Ausbndeln von Weisheit, wo
sie nichts mehr abtrgt; mit dem verschonte man Resli.
    Am meisten drckte es nneli, da die Hoffnung, eine Sohnsfrau zu erhalten,
in ungewisse Ferne gerckt war; es htte so gerne die noch gesehen, die nach ihm
schalten und walten sollte in diesem Hause. Aber zu etwas Neuem drngen, das
mochte es den Sohn nicht; ein solches Drngen zur Unzeit vergrert nur den
Widerstand, ist eine von den bittern Frchten der Liebe, die einem Menschen als
Glck etwas aufdringen will, zu welchem derselbe weder Lust noch Liebe hat.
Resli war darum auch so gerne bei der Mutter, die ihm von alten Zeiten
brichtete, ihn bekannt machte mit vergangenen Sitten und den Vorgngen in der
Familie, so weit hintern sie selbst etwas wute. Wo das Ringen mit der Gegenwart
den Menschen nicht mehr allein fat, sein Herz sich losgemacht hat von den
Dornen und Disteln des gemeinen Lebens, da denkt er an die Vergangenheit,
kmmert sich um die Zukunft, sorget fr das Los seiner Kinder, forschet nach
denen, die ihn auf die Welt gestellt, ihm ein Dasein verschafft. ber der
Menschheit tiefsten Niederungen, wo der Mensch beginnt, Vergangenheit und
Zukunft in Beziehung auf sich und die Seinen ins Auge zu fassen, entsteht die
Familie.
    Der Familie Schatzkstlein soll aber nicht sein das Verzeichnis der bloen
Namen der gestorbenen Familienglieder, soll nicht blo enthalten die
Sparpfennige der haushlterischen Ahnen, sondern dieses Schatzkstlein soll
enthalten Sitten und Erlebnisse der Vter, zu Warnung und Weisheit der Kinder.
An dieser Familiengeschichte sollen Kinder aufwachsen wie am Spalier der edle
Fruchtbaum. Der Vter Sinn und Art, welche sie ber das Gestrpp erhoben, wird
auf die Kinder bergehen. Dieses wird vergessen; Namen oder Geld, am liebsten
Namen und Geld, meint man, machen die Sache, das sind aber beides tote Dinge und
erhalten sich nicht, ohne Seele sind sie ein Leib, der verfault, weil eben die
Seele gewichen. Freilich schmt man sich zuweilen der Familiengeschichte, darf
den Kindern sie nicht erzhlen; Torheit! Wie treu und schn erzhlt nicht das
Alte Testament den Kindern Israels das Tun der Vter Israels, beides, zum
Vorbilde und zur Warnung!
    In sich trug Resli ein Leben, welches er der Mutter Auge, so innig er sie
liebte, nicht erschlo; es war das Leben seiner Liebe, seine versunkene
Liebeszeit. Eine solche versunkene Liebeszeit gleicht den Sagen von versunkenen
goldenen Zeiten und Lndern, mit dem Unterschiede jedoch, da die Sagen der
Vlker sich immer grauer frben, im Herzen der Liebenden die versunkene Zeit
immer goldener wird, wie auch oft das Abendrot immer dunkler erglht, je tiefer
die Sonne geht, je weiter es vom Westen steht. In sich trug er, je heller das
Abendrot erglhte, um so fester den Entschlu, keinen Versuch zu machen, das
versunkene Liebesland heraufzuzaubern aus des Meeres Grund. Aber eben deswegen
verbarg er es in den Tiefen seiner Seele und verhllte es mit finsterm
Schweigen; er wute der Menschen Art, die so gerne heraufbringen mchten das
Versunkene, die so gerne denen, welche sie lieben, wieder geben mchten das
Verlorne und oft mehr verlieren im Suchen, als sie wiederfinden, wenn sie das
Verlorne finden. Er kannte seiner Mutter Milde, ihre Liebe, die, wenn sie
erkennen wrde sein inneres Leben, ihr eigen Leben opfern wrde, um wieder
anzuknpfen das zerrissene Band, um ihm wieder zu gewinnen, was er als verloren
so hoch im Herzen trug. Es war seine heilige berzeugung, da es also gut sei;
diese berzeugung stand ihm wie ein Fels in der Brandung, vom schnen Abendrot
gertet, von der Liebe Weh umbrandet. Er vermied alles Reden davon, alles Fragen
darnach; er fhlte, wie leicht ein Wort zum Zauberwort wird, das Schranken
sprengt, Felsen zerstubt, wie leicht es zum Taucher wird, der Versunkenes
zutage bringt, zur bewegenden Gewalt, die den Willen der Menschen dahinrollt
nach ihrem Belieben. Aber wenn er alleine war, so durchlebte er immer wieder das
erlebte Liebesleben, und allemal erglhte es in neuen Farben, und ser schien
sein Mdchen und ser die Liebe, die sie verbunden.
    Darum war er auch so gerne alleine, und so oft stand er auf des Nachts,
legte sich unters Gadenfenster und versank in ses Trumen. Wenn seine Augen
den Wagen am Himmel sahen, wie er so ehrenfest und sonder Wanken durch den
Himmel fhrt, himmlische Geister fhrt, ohne Halt, ohne Umleeren, so dachte er
des dunkeln Hauses im Dorngrt, ber das der Wagen lautlos dahinfuhr in hehrer
Majestt, dachte an sein Mdchen unterm grnen Dache und wie es ihm ums Herz und
ob auch er darin noch lebendig sei und das vergangene Leben zuweilen erblhe in
wehmtigem Glanze? Die Antwort htte er fr sein Leben gerne vernommen. Oh, wenn
es so wre, wie gerne wre er nicht mit seiner Seele aus seinem Leibe gezogen;
er htte Haus und Hof verlassen und sich im Bilde angesiedelt, welches das
Mdchen im Herzen trug, htte da im dunkeln Grunde seine Wohnung aufgeschlagen
und ein ses Leben gefhrt mit des Mdchens Gedanken in freundlichem Kosen,
wre verschwunden gewesen fr die Welt und htte die Welt nicht gemit, denn auf
Erden schon htte er im Himmel gelebt in des Mdchens Liebe, in dessen liebender
Seele. Oh, wie es da ein Leben sein mte voll holder Wonne, die kein
menschlicher Blick befleckt, kein Wort sie auszudrcken vermchte! Des Morgens
zu lauschen, wie das Mdchen seine Augen aufschlgt, wie die ersten Strahlen der
Sonne in seinem Auge flimmern; der Erste zu sein, den dessen Liebe begrt, den
es wecket im Herzen, mit dem es tndelt und spricht, fr den es betet zu Gott
und ihn vertrittet vor den Menschen; den ganzen Tag mit ihm gehen zu knnen
Schritt und Tritt, in jedem einsamen Orte sich rufen zu hren, kssen zu fhlen,
ja mitten im Gedrnge, selbst mitten unter hfelnden Menschen vom treuen Mdchen
mit Innigkeit umfat zu sein, sein Alles zu sein, in seinem innersten Heiligtum
zu sein und zu sehen und zu hren, wie dessen Augen blind, dessen Ohren taub
werden, wie dessen Sinnen und Sehen sich nach innen zieht, auf das Bild im
Herzen sich richtet, in ihm aufgeht: wer mchte das Bild nicht sein im Herzen
seines treuen Mdchens? Und wenn der Abend kmmt, des Mdchens Sehnen wchst,
allein zu sein mit seinem lieben Bilde, wenn es dasselbe endlich ungestrt
tausendmal herzt und kt, dann seine Augen schliet, vertauensvoll sein Herz
dessen Hut berlt, um nun zaubern zu knnen liebliche Trume in des Mdchens
weichen Schlaf: welch ein Reich voll Wonne ffnet da nicht seine Tore! Oh, wer
mchte nicht so wohnen als liebes Bild in des lieben Mdchens reinem Herzen,
mochte da nicht sein Lebenlang warten, bis der Vater aus diesem Himmel in den
seinen uns nimmt!
    Lebensjahre htte Resli darum gegeben, wenn er dort oben in den groen
Sternen, gleich als wie in einem Spiegel, es htte sehen knnen, was da unten in
seines Mdchens Herz sich rege, ob er auch noch in selbem sei und in welchem
Glanze. Gar oft dachte er: Wenn wir einander nicht mehr sehen in dieser Welt und
Beide sterben, sehen wir uns dann wohl wieder in einer andern Welt, erkennen wir
uns wohl und ist da auch noch etwas zwischen uns, oder knnen wir dort bei
einander sein in ungetrbter Liebe?
    So sinnete, so trumte er, und mancher abenteuerliche Plan ging an ihm
vorber, wie er erfahren knne, was im Dorngrt gehe und wie dort die Sachen
stnden. Er konnte dort als Bettler erscheinen oder als Kiltbub bei den Mgden,
konnte bei der Wirtin in eigener Gestalt sich einschleichen und vernehmen oder
Bericht machen lassen, er konnte als stilles Unghr das Haus umkreisen und
bewachen jeden Eingang und Ausgang.
    Dieses und eine Menge anderes bedachte er und tat nichts, nicht aus
Unschlssigkeit und weil er werweisete zwischen diesem und jenem, sondern weil
er eben nichts tun wollte und seine berzeugung feststund, da es so bleiben
msse. Hundertmal juckte es ihn, mit seiner Mutter zu reden ber seine Gedanken,
aber weil er wute, wie sie sich verbnden wrde mit seiner Sehnsucht, hielt er
das Wort gefesselt an ehernen Banden.
    Dieses stille Liebesleben ward nachgerade doch Annelisi langweilig, und es
erwachte in ihm die Sehnsucht nach etwas Lustigerem, Lebendigerem. Und es ist
seltsam, wie es Buben und Wespen fast gleich haben. Solange eine Birne hart und
bitter ist, da fliegen die Wespen wohl darum, aber rasch vorbei, sobald sie aber
nur gb wie zu mrben beginnt, so ists, als wenns die Tilders Wespen von weitem
schmckten; sie kommen scharenweise daher und stechen an und geben nicht lugg,
bis die ganze Birne kaput ist. So machens die Wespen nmlich. Nicht ganz gleich
die Buben; die merken also auch fast auf hundert Stunden, wenn Birnen mrben,
aber jeder mchte die ganze Birne fr sich und frit nicht gerne in Gemeinschaft
mit Andern sie an. Und wenn das Mdchen nicht gleich gekapert wird, so ist oft
nur das groe Gedrnge schuld und weil das Mdchen nicht ins Klare kmmt, wer
ihns am angenehmsten und zrtlichsten fressen wrde.
    So ging es auch um Annelisi wie wild. Ja sogar einige Frsprecher lieen
sich herbei, gleichsam wie groe Raubvgel (denn je grer das Aas, desto groer
die Vgel sind, welche es herbeilockt), und breiteten rotverbrmte Mntel
stattlich aus und schlenggeten die Haare oder strichen den Schnauz und redeten
zrtlich nach neuer Mode, welche freilich zuweilen ans Kannibalische streift.
Sie machten aber keinen Eindruck, strichen umsonst Schnuze und lieen Mntel
flattern und wedelten mit den Haaren, eine neue Art ungebundener Zpfe, nur da
man sie jetzt vornen trgt statt wie ehedem hinten.
    Ein junger Bauer, mit dem Annelisi aufgewachsen war, ber den es von seinem
ersten Schuljahr an bis zum letzten geschimpft, sich mit ihm gezankt, gekratzt,
gestriegelt, ber den es von dort an bestndig zu lachen und zu spotten hatte,
der schlich sich auch unter die Wespen, welche um die Birne flatterten. Annelisi
spottete nur rger und richtete alle Pfeile des Witzes und der Bosheit auf ihn,
da ihm die Mutter oft abwehrte und ihns bat, es solle doch schweigen und
denken, es knne sich versndigen. Dann bat es wohl ab, aber handkehrum fiel es
in den gleichen Fehler, nur noch rger.
    Da kam derselbe eines Sonntags, als Christen alleine htete, zum Haus,
setzte sich zu Christen und bat ihn um seine Tochter. Der horchte natrlich
gewaltig auf und sagte: Hans Uli, du kmmst mir ungsinnet, an dich habe ich afe
nicht gedacht. Meinetwegen htte ich nichts darwider, aber bigryfst, ehe ich
etwas sagen kann, mu ich doch mit meinen Leuten reden, und was ds Meitschi
seyt, wei ich nicht. Was selb ist, sagte Hans Uli, wir wren neue richtig.
Das wr arig, sagte Christen, es wird ppe nit sy. Wohl wger ists, sagte
Hans Uli, es het mrs emel verheie, u svli e Schalk wirds ppe nit sy. ppe
selb nit, sagte Christen, mit sellige Dinge ist nit z'gspasse. Aber wunder
nimmts mich doch, da es so ist, und wenn du es nicht selbst sagtest, so glaubte
ich es nicht. He, sagte Hans Uli, es ginge mir selbst so, wenn es mir jemand
anders sagte. Nit, gfalle hets mr geng u wr mr lieb gsi. Aber es het immer nur
ds Gsptt mit mir triebe un z'zanke gha, nt htt ih dra drfe sinne, ds
Guntrri, ih ha mngist denkt, wenn das einist heirate, so msse dem ghornet,
gklepft, ta sy, da es e grsligi Sach syg. Da bin ich letzthin im Neuenbad
zHerrlige und stande e so u luege u ha nit gwt, will ih oder will ih nit oder
wos mr fehlt, da klopft mr neuer uf dAchsle u seit: Hest aber ds l vrschttet,
du arms Trpfli? Aber weit ih wt dr ppis. Wennd drei mit mr hest und de e
Pltz wyt mit mr heychunst, so zahl ich dir e Halbi, u wes sy mue, no fr e
Krzer Ks u fr e halbe Brot, aber meh nit. Und ih ha ds Mul lngs Stck off
vrgesse u nit gwt, was das bidte sll, vo wege, es ist Eues Annelisi gsi, wo
mih sst ume usglachet ha un ds Gsptt mit mr triebe, u ha gmeint, es well jetz
o. U won ih nt sge, seyt es du: Los Hans Uli, kannst mir es Gfalle tue, es sy
da zweu Raubtier hinger mr, grslig Burste, ih wei nit, sys Ratsherreshn oder
sust Unghr, eys git sih fr e Dokter us u ds angere fr e Mediziner; wei nit,
was das ist, aber eine ist zottleter as dr Anger, u wester u ufltiger tuet se
Melcher nit un ist doch e Lnder. Vor dene frchte ih mih, und ih bigehre
dSchang nit, da mih dLt by ne bim Wy gseh oder mit ne tanze. Ih ha ds Zuetraue
zu dr, du layist mich ppe nit im Stich. Ih ha nit gwt, wos so mit mr gredt
het, stange ih uf em Kopf oder uf de Fee, aber es ist emel du mit mr zfriede
gsi, un eys het ds anger g, un ih ha messe gseh, da ih ihm nit svli zwider
bi, as ih geng glaubt ha. Aber hundert Rnk ha es doch gha, bis es mir endlich
nachegseit un erlaubt ha, da ihs abfordere drf. Aber dabei hat es nicht sein
wollen, wie es ppe anstndig gewesen und ich es auch gemeint. Gehen knne ich
seinethalb, aber vor Mitternacht sehe es dann niemand daheim, hat es gesagt.
    Es ist immer das Gleiche, sagte Christen, nit es Bs, selb nit, es ist mr
lieb, und wenn es sih ppe gsetzt het, su gits no e rechti Husfrau. Aber jetz
hets dr Kopf no voll Fuge und es meint, wenn me nit dr Narr tryb all Tag, su syg
das nit glebt. Aber das wird ihm auch vergehen, noch wie mancher Andern, ohne
Wallisbad. We dus wage witt mit ihm, su ist mr dSach recht, aber bsinn dih
recht, es ist es Ketzers Meitschi. He ja, sagte Hans Uli, ih has erfahre -
da war es Christen, der dem Tenn zunchst sa, er hre awas hinter dem
verschlossenen Tore. Es knnte etwa eine ihrer Jungfrauen sein, dachte er, die
mten doch ihre Nasen in allen Ecken haben, stand auf, rascher als gewhnlich,
tat ds Tri auf; da dnkte es ihn, einige Burden Roggenstroh, welche in der Ecke
aufgeschichtet waren, bewegten sich, er deckte ab, und siehe da, hinter
denselben sa sein Tchterlein und horchte aufs Scheltwort.
    Christen mute herzhaft lachen, und das Meitschi war nicht einmal verlegen.
Es htte es wunder genommen, wie so ein Brschli einem Vater einen Heiratsantrag
mache und was man nebenbei von ihm sage, es werde da wohl etwas zum Vorschein
kommen, das es sonst nicht zu hren bekme, und akkurat so sei es gegangen,
sagte es. Du, wandte es sich zu Hans Uli, du httest dann nichts zu sagen
brauchen, da ich dich geheien, mit mir zu kommen, und gb ich dich wolle, ist
auch noch die Frage; es kommt darauf an, was der Vater sagt, bestimmt verheien
habe ich dir nichts. Verlegen stund der arme Hans Uli da, bis Christen sagte,
es htte gehrt, was er gesagt, und Gspa treibe man mit solchen Dingen nicht.
Aber er hlfe es noch nicht vor die Leute lassen und einstweilen davon
schweigen. Es sei nchstens heilig, da knne man ohnehin nicht verkndigen
lassen, und dann sei es ihm auch wegen Resli, dem wrde sein Unglck neu
aufrchen, wenn es schon jetzt eine Hochzeit geben sollte. ppe der Mutter msse
man es sagen und zwar noch diesen Abend, es werde ihr ein Trost sein, von wegen,
wenn man so leichtsinnige Meitscheni habe, so wte man nie, was man noch an
ihnen erleben msse. Htten sie einmal gemannet, so knne der Mann zusehen und
hten.
    Da ward Annelisi halb bse und meinte: So, Vater, wenn ich euch so viel
Kummer gemacht habe, so ist es Zeit, da ich gehe, aber ich habe doch gemeint,
ich fhre mich auf, da ihr ppe nicht viel z'frchte httet. Ich klage nicht
ber dich, sagte Christen, aber wie schwach ein Mensch ist, wei er selbst
gewhnlich zuletzt, und wenn er mit Ehren durchkmmt, so hat man es unserm
Herrgott z'danke, nicht ihm, ghrst! Es war die sogenannte heilige Zeit im
Herbst, die der Bettag schliet, welcher vor der Tre stand.
    Heilige Zeit - als ob nicht jede Zeit und jeder Tag zu unserer Heiligung uns
gegeben, Gott geweiht sein sollte! Aber der Mensch findet so gerne mit Gott sich
ab, gibt ihm etwas, das brige will er apart haben und gebrauchen nach seinem
Sinn. Einige Tage nimmt er sich etwas in acht, nennt dieses heilige Tage, glaubt
damit Gott einstweilen abgefunden, geht getrost ans alte Leben wieder hin und
treibt es mit um so grerer Lust, fast wie es Schlemmer treiben, die expre
einige Stunden fasten, um nachher mit um so grerem Appetit zu fressen. So wird
alles verkehrt dem verkehrten Gemte, und selbst die heilige Zeit wandelt sich
fr ein solches in einen Fluch um. Schn aber sind unsere vier heiligen Zeiten,
unsere vier geistigen Jahreszeiten, wo jede die andere gebiert, jede aufs Gemt
der Menschen eigens wirkt und in bestndigem Wechsel und Wiederkommen den
Menschen vor geistigem Schlafe wahren soll. Wenn im Herbste die Ernte in den
Scheuern liegt, junge Saaten einer neuen Ernte entgegengrnen, an den Bumen die
Bltter gelben und zwischen ihnen die hellen Frchte glnzen, dann soll der
Mensch es sich bewut werden, da auch er ein Baum sei, von dem Frchte
gefordert werden, da die Menschheit sei der groe Weltenacker und gerichtet
werde nach den Frchten, die auf selbigem stehen. Es soll im Geiste der Mensch
den Herrn sehen, wie er alle Tage am Baume vorbergeht und nach Frchten sucht,
soll nun selbst seine Augen richten nach diesen Frchten, soll schauen nach dem,
was der Herr sucht. Da wird ein Weh im Herzen geboren, ein gttliches Leid, denn
wie wenig trgt der Mensch, die sogenannte Krone der Schpfung, dem Baume
gegenber, und das Wenige ist wurmstichig und befleckt, wie krankhaft und
sprlich steht die Saat auf dem groen Acker und wie ppig und reich das
Unkraut, welches der Feind dazwischen geset! Da soll der Strom der Bue
anschwellen in seinem Herzen, da soll das innige Verlangen geboren werden nach
dem, der da kmmt, das Verlorne zu suchen, der den Himmel ffnet, da die Engel
Gottes niedersteigen mit reichen Geistesgaben, der den guten Samen bringt, uns
das Mangelnde ergnzt mit seiner Flle. Es ist ein Gedenkfest, da wir noch in
der Irre wandeln und verloren gingen in der Wste, wenn Gott uns nicht einen
Fhrer senden wrde; es ist eine Mahnung, getrost zu bleiben in der Wste, denn
hinter ihr liege das verheiene Kanaan, und zu ihm gelange, wer dem Fhrer
folge.
    Dieser Tag hat noch immer seine hohe Bedeutung unter uns, feierlich wird es
uns zumute, und je nher wir ihm kommen, desto demtiger werden wir, desto
klarer stellt das Bewutsein sich heraus, da wir vor Gott des Ruhmes mangelten,
da all unsere Gerechtigkeit sei wie ein unfltig Kleid. Es gibt freilich Leute
unter uns, welche sich dieses sich aufdringenden Bewutseins mit aller Macht zu
erwehren suchen. Es sind hier nicht die gemeint, welche theoretisch Christus und
die Snde abschaffen wollen, sich selbst zum Gtzen machen mchten, welche, bei
Lichte besehen, akkurat dem Kalbe gleichen, welches die Juden anbeteten, mit dem
Unterschiede jedoch, da diese Klber dato noch nicht golden sind, aber um so
unverschmter an die Welt die Forderung stellen, da dieselbe sie vergolde und
bis dahin wenigstens reichlich fttere und trnke, und das Letztere lieber mit
Wein als mit Bier, und diesen ebenfalls je besser desto lieber. Das sind die,
welche in ihrer stupenden Anmaung singen knnen:

                    Und vor der Menschheit schreit ich gro
                         noch durch Jahrhunderte daher,

und die eben deswegen nichts sind als Zeugen der Wahrheit des Evangeliums,
welches sie vernichten wollen, als Denksteine, da wer sich selbst erhht,
erniedrigt werden werde, da sie eben nicht lnger dauern als das Kalb, das noch
dazu golden war, das zu Pulver gestoen ward und welches Pulver verschlucken
muten die, welche das Kalb angebetet hatten, welches ihnen sehr bel bekam,
denn es machte ihnen Bauchweh und einer erwrgete den Andern. Akkurat wie es
heute geht, wo, wer heute der Gtze war, morgen zu Pulver zerstampft wird, und
bermogen die, welche ihn zerstampft, sich gegenseitig erwrgen. Und jener arme
Tropf, der die schmhlichen Worte sang: Und vor der Menschheit schreit ich gro
noch durch Jahrhunderte daher, um den bei Lebzeiten kaum tausend Menschen
wuten von tausend Millionen, von dem nur einige Kameraden Lrm machten und ihn
herumfhrten und zeigten, wenn er irgendwo durchkam - (Apropos, die Literaten
haben den Schneidern etwas abgeguckt. Wenn nmlich so ein Schneider auszieht, so
singen alle Schneider um ihn her, einer trgt ihm die Stiefel nach, ein anderer
die Flasche, er selbst hat das Glas in der Hand, bedankt sich ringsum, indem er
vortrinkt und hintendrein brllt, was die andern vorgebrllt. Wer so ein
Schneiderlein hat ausziehen sehen und ihn nach zehn Jahren sitzen sieht,
krummbeinig, erlahmt, an Leib und Seele ersiecht, der hat was gesehen, der hat
gesehen, was jetzt die sogenannten Literaten auch machen, die ziehen gerade so
aus und rum wie ehedem die Schneider. Obs ihnen wohl auch nach zehn und abermal
zehn Jahren ergehen wird wie dem armen Schneiderlein, da in zehn Jahren nicht
Zehne mehr etwas von ihnen wissen werden, einige Bibliothekare in frstlichen
Bibliotheken ausgenommen?) - jener arme Mensch ist ein lebendiger Denkstein von
diesem grenzenlosen bermut, und jetzt wird er es in dem verschmhten Jenseits
erfahren haben, was der Hochmut kann, was an der Selbstvergtterung ist und wie
tief die Selbsterhhung strzt. Wer wei, ob er nicht auch gebeten hat,
zurckkehren zu drfen, denn er habe Brder und die seien wie er und wohl noch
rger! Ob er zurckgekehrt ist, wissen wir nicht, seine Brder haben weder etwas
davon gesagt noch ein Beispiel genommen; wir zweifeln aber, denn Einem recht,
dem Andern billig, und was der reiche Mann vernommen, das wird wohl auch ein
aufgeblhter Wissender vernehmen mssen.
    Von denen, die ich hier beschrieben, kann ich in Beziehung auf den Bettag
nicht reden, er macht ihnen weder kalt noch warm, und wie sie ihn zubringen
wollen, darber sind sie nicht in Verlegenheit; sie bringen ihn zu wie das
vergangene Jahr, und da man ihn so zubringen kann, dafr ist beizeiten gesorgt.
    Die Leute, von denen ich reden mchte, sind die, denen er strend in ihr
Leben trittet, Handwerker, die in den gewohnten Pinten nicht schppeln, Agenten,
die in Wirtshusern nicht auf gut Schick passen, Gebildete, die nicht in
Lesezimmer knnen und in sich nichts zu lesen haben, und endlich unglckliche
Leistherren, deren Zusammenkunftsort an diesem Tage ebenfalls verschlossen ist.
Es gibt Leute, sie sind von unglcklicher Furcht geplagt; wenns Nacht wird oder
wenn sie alleine sind, so haben sie Angst, furchten sich vor dem Teufel oder
einem Gespenst und schreien Zetermordio um Hlfe; die Leute bedauert man. Es
gibt aber Leute, die drfen nie mit sich selbst alleine sein, sie furchten sich
vor sich selbst, sie sind sich selbst ihr Teufel; es gibt Leute, deren grter
Graus es ist, mit ihrer Familie alleine zu sein im eigenen Hause, ohne Wein und
ohne Klang, es wird ihnen wie in der Hlle; das sind unglckliche Leute, die
sind zu bedauern.
    Es ist auf dem Lande wohl mehr Sinn fr das Ernste, und im Hause unter den
Seinen ists dem Landmann whler, und mit dem Betrag wei mancher Bauer weit mehr
anzufangen und empfindet mehr seine Bedeutung als gar Mancher, der viel von
Geist zu reden wei, aber doch eigentlich nur von Fleisch, Brot, Wein und
hnlichen Dingen lebt.
    Ruhig geht schon der Vorabend ein, und eine wunderbare Stille liegt am Tage
selbst berm ganzen Land. Man hrt kein Gerusch als nur hie und da ein
Chaischen, in dem Stadtleute sind, welche ihrem eigenen Teufel entrinnen
mchten. Es wird an rechten Orten wenig Bauern geben, welche an diesem Tage ein
Ro aus dem Stalle nehmen wrden. Man sieht nichts als Predigtleute, vielleicht
solche, welche die Neugierde in eine entferntere Gemeinde getrieben, um zu
hren, wie den Nachbarn der Text gelesen wird, wie man denn allerdings lieber
Andern abkapiteln hrt als sich selbst und seltsamerweise eine Predigt in einer
fremden Kirche nicht auf sich bezieht, als ob das Wort Gottes nur in unserer
eigenen Kirche das Recht htte, unser Herz zu zchtigen. Hie und da sieht man
bei einsamen Husern wohl eine Wsche flattern, die irgend eine verwahrloste
Frau an die Sonne gehngt und die da ruhig hngen bleibt, obgleich es eigentlich
verboten ist. Aber es ist halt die Welt eine Kugel und dreht bekanntlich sich
um; was oben war, kmmt unten, und wie man zu Zeiten beim Erlaubten ruhig war,
beim Verbotenen gestrt wurde, so dreht sich natrlich mit der Welt auch dieses
Ding um, bald wird man ganz getrost das Verbotene treiben knnen, aber sich wohl
in acht zu nehmen haben vor dem, was erlaubt, gesetzlich einem zugesichert war.
Und wer kann was dafr, da die Welt sich dreht?
    Und wie die Gemeinde in feierlicher Stille des Wortes harret, das zur Bue
rufen, eine tiefe Furche reien soll ins eingerissene Leben, so sinnet der
Prediger auch mit Ernst und Andacht ber diesem Worte, schaut ber das Saatfeld
schaut die Krankheiten an, die auf demselben sichtbar werden, der Ernte die
grte Gefahr drohen, und was er tief und ernst erwogen, das legt er seiner
Gemeinde vor, nicht in Anschwellungen des Zornes als ein Oberherr, da seine
Sklaven zchtigt, nicht als ein Schweinehirt, der seine Schweine peitscht,
sondern ernst und bewegt, im Bewutsein, da auch er der Gemeinde Glied und
vielleicht nur dadurch ber den andern Gliedern, da sein Auge schrfer schaut,
sein Mund genauer bestimmt die Krankheiten, die durch die Saaten gehen.
    In Liebiwyl war dieser Tag von je ein heiliger gewesen, den man in der
Stille zubrachte und wo, Krankheitsflle ausgenommen, keinem Menschen im Hause
es nachgesehen worden wre, wenn er nicht wenigstens einmal die Kirche besucht
htte, und zumeist waren die Predigten des Pfarrers noch lange der Gegenstand
ernster Unterhaltungen.
    An diesem Tage gehen die Leute nicht langsam, gemchlich zur Kirche, sie
eilen, die zahlreichen Zge gleichen Strmen, die Niederungen zueilen, zu spt
will niemand sein, jeder Platz noch finden; je lter die Leute sind, desto
frher machen sie sich auf den Weg, und lngst, wenigstens bei schnem Wetter,
ist die Kirche angefllt, wenn der Prediger kmmt, ernst und feierlich, im
Bewutsein, da was in seiner Brust sich rege, auch in den meisten Andern lebe,
und auf den Herrn hoffend, da der Herr das rechte Wort ihn finden lasse, das,
was sich innen regt, uerlich zum Leben zu bringen.
    Christen und nneli hatten darber nachgedacht, wie das Jahr ein so
wichtiges fr sie geworden und wie der Herr in demselben sie gesegnet und
gezchtiget wie noch in keinem, und wo wohl noch die Snde sei bei ihnen, und
wie es mit Resli gehen, Gott ihn fhren werde. Lange hatten sie am Abend vorher
ernste Gedanken gewechselt, und die bewegte Seele wollte lange sich nicht in des
Schlafes Ruhe finden. So verschliefen sie sich fast am Morgen, und ungern hatte
es nneli, denn an solchen Tagen hatte es Hasten und Jagen nicht gerne, denn gar
schwer wird es dann dem in die huslichen Wirren versenkten Gemte, zu der Ruhe
zu kommen, welche alleine der fruchtbare Scho fr des Herrn Wort ist. Aber zu
seiner groen Verwunderung war schon die meiste Morgenarbeit abgetan und das
Meiste zweg, so da die Haushaltung nicht versumt war und nneli seine Zeit auf
sich verwenden konnte. Dieses Vortun war ihm eine seltsame Sache, weil die
Jungen wegen dem Aufstehen sich zumeist auf die Alten verlassen; darum fragte es
auch verwundert die Tochter, welche geschftig am Herde waltete: Wer het dih
gweckt?
    He guete Tag, Muetter, sagte Annelisi, mit gertetem Gesichte sich
umwendend, bist auch erwacht Guten Tag gebe dir Gott, antwortete nneli,
aber sag mir doch, warum bist du schon auf, und wer hat dich geweckt? Mutter,
niemere, aber ich habe auch etwas gsinnet und an mich gedacht, und da hat es
mich decht, es wrde mir wohl anstehen, wenn ich in Zukunft aufstehe und ihr
liegen bliebet, ihr habt den Schlaf ntiger als ich, und wenn es mir einmal dazu
kmmt, aufstehen zu mssen, so bin ich daran gewhnt. He ja, sagte die
Mutter, das schadet dir nichts, aber wie bist du vor lauter Flausen zu diesem
Sinnen gekommen? He, Muetter, sagte Annelisi, es ist de ppe wger nit, da
ich nicht schon manches gesinnet habe, aber ich kann es nicht so erzeigen wie
Andere. Es ist wahr, ich habe viel Fehler, aber da es mir de ppe nit ernst
syg, besser z'werde, selb ist doch dann nicht, und wenn ih werde will ppe nit
glych, aber doch schier wie du, Muetterli, und das mchte ich, so habe ich noch
viel zu tun und einen weiten Weg. Daran habe ich gestern gsinnet, und es ist mr
angst worde, u fry recht, und ih ha mr vorgno, mih grad ht uf e Weg z'mache u
dir nache, vo wege, ih wei o nit, wie lang mr se Herrgott Zyt git. Es ist so
pltzlich us mit eme Mnsch, mi wei nit wie und het mngist ume nit Zyt, dra
z'sinne.
    Du hast recht, und bsunderbar junge Wybere gehts gerne so, sagte die
Mutter, und wenn sie erst recht glcklich sein wollen, so nimmt sie Gott weg.
Darum, Kind, freut es mich, da du daran sinnest und von selbst, ich htte es
dir nicht zugetraut. Fahr so fort, so kann ich frhlich sterben, denn du bist
doch immer das gewesen, wo mir am meisten Kummer gemacht hat. Aber eine schnere
Freude hat mir auch noch Keins gemacht als du jetzt, und ich wute wger mich
nit z'bsinne, da mr grad am ene Morge, wo ih ufcho bi, neuis so Frhligs
bigegnet wr als ht. Denn woran haben die Eltern Freude als an den Kindern, und
die grte ist die, da sie gut werden und fromm, da me ppe einist alli wieder
zsmechunt. Wenn ih ume wt, wies mit Resli gieng u da der noch glcklich
wrde, de wett ih gern sterbe. ppis Dumms e so, Muetterli, ja wolle, sterbe,
wo wir dich je lnger je ntiger haben! Sagst du nicht manchmal, wenn wir etwas
darnach sagen: Schweiget, Kinder, versndiget euch nicht. Das ist nicht das
Gleiche, Kind, sagte die Mutter. Wenn die Bume gewachsen sind, so nimmt man
ihnen die Stecken weg; lt man sie zu lang, so schadts ne. So tuts der liebe
Gott, er wei, wenn es Zeit ist. Aber wenn wir noch nicht essen knnen, so will
ich mich zwegmachen, so pressiere fr zChilche tue ich nicht gern, u de faht mr
dr Ate a fehle
    Es war ein schner Herbsttag, klar und mild die Luft und ganz voll
Glockentne; schwiegen sie hier, so hallten sie, bald milder, bald ernster, von
anderswo her. Es war, als ob ein treu Elternpaar zuspreche seinem Kinde, und
schwiege des Vaters ernste Stimme, so begnne leise, milder, aber gleich innig,
die Mutter.
    Sonst ist allem voran immer die leichtbeinige Jugend, diesmal zogen alte
Mtterchen vorauf, langsam und oft noch stille stehend, und alte Mnner gingen
mit ihnen, sprachen von alten Tagen und was zu ihren Zeiten gepredigt worden.
Und was ist die Menschheit anders als eine groe Heeressule, die dem Grabe
entgegenwandert, dort des Leibes los wird und durchs schwarze Tor den hellen
Himmel sucht! Wo an diese Wahrheit gemahnt wird und an die Heimat und ber die
Grber gewandelt wird, da gehen billig die Alten voran; sie soll es drngen dem
Ziele entgegen, sie soll es freuen, Bahnen zu brechen der Jugend, die so viel
schwerer sich losreit vom heitern Sonnenlicht. Aber rhrend ists doch, die
alten Leutchen, die Spitze der Todessule, zu sehen, wie sie so andchtig und
glubig dem Herrn zuwandert, so vertrauensvoll zwischen den Grbern geht, so
ergeben ber die letzte Reihe blickt, ob wohl das nchste zum eigenen Kmmerlein
sich gestalten werde.
    Unter den Ersten war auch nneli, und wie tat das manchem armen Mtterchen
so wohl, da es mit der guten Burin zu Liebiwyl zur Kirche gehen konnte, die so
freundlich fragte und sprach, und gar manches Mtterchen ging grader auf, als es
seit zehn Jahren gegangen war. Oh, es ist seltsam, wie freundliches Wesen wohl
tut und armen Herzen erquicklich ist, wie Kranken der Sonne Licht! Und wenn ein
Armer am Sterben ist, sein himmlischer Vater zunchst ihm ist, wenn ein Reicher
und Hoher als freundlicher Bruder an seine Seite trittet, es erquickt und
strket den Armen, belebenden Tropfen gleich; er richtet sich empor, es ist ihm
als wenn es ihn erst jetzt recht freute, zu sterben, er wei, wie
unbeschreiblich s der Hauch der Liebe durch die Seele fhrt. Oh, wenn man
wte, was in freundlicher Liebe fr eine Kraft lge, es wrde nicht nur Mancher
seine aufrichtige Liebe freundlich zu machen suchen, es wrden Juden, alte und
junge, sie nachahmen, der Prozente wegen.
    Sie drngten sich um nneli, und als sie in die Kirche kamen, wollte jede
wissen, wo man den Herrn am besten verstehe, und ordneten es in eine Bank mit
Rcklehne und an die Wand, wo es ppe am bequemsten sei und hingefer u nebefer
anliegen knne, vo wege, dr Herr mach mngist wohl lang, u de werd me grusam
med, bsungerbar im Krz.
    Nach und nach fllte sich die Kirche an, die Glocken riefen, der
Schulmeister las, und fry herzhaft, er wollte noch ber die Glocken bere, und
auf einmal verstummte alles, oben auf der Kanzel erschien der Pfarrer, bla und
angegriffen, und nachdem er sein Gebet verrichtet, verlas er leise das zu
singende Lied.
    Ernst schwollen die Tne auf, ernste Andacht lieen sie in den Herzen
zurck, und demtig beteten sie um segensreiche Empfngnis des segensreichen
Wortes. Begierig horchten sie auf das Grundwort, welches der Herr der Schrift
entnommen, und hrten folgende Worte: Gefllt es euch nicht, da ihr dem Herrn
dienet, so erwhlet euch heute, welchem ihr dienen wollt, es seie den Gttern,
denen eure Vter gedient haben, welche jenseits des Flusses waren, oder den
Gttern der Ammoniter, in welcher Land ihr wohnet. Ich aber und mein Haus wollen
dem Herrn dienen.
    Es war ein schwer Wort, aber Viele dnkte es doch seltsam, da der Pfarrer
jetzt noch davon sprechen knne, da man whlen solle, wem man dienen wolle; es
sei ja lngst ausgemacht, da sie alle Christen seien, meinten sie.
    Der Pfarrer begann mit der Bemerkung, da er auf eines aufmerksam machen
msse, was alle Vlker, welche ihrem Untergange entgegengegangen, mehr und mehr
auer acht gelassen htten, was aber ganz eigentmlich im Alten Testament
bezeichnet sei und dessen Eckstein das fnfte Gebot sei: Halt in hohen Ehren
Vater und Mutter, auf da du lange lebest im Lande, das dir der Herr, dein Gott,
geben wird.
    Aufmerksam machen msse er auf das Haus und dessen Bedeutung.
    Da unter Haus die Familienglieder, welche in einem Gebude wohnen, zu
verstehen sind, so wie unter Kirche nicht blo der Tempel, sondern alle, welche
sich darin versammeln, das brauche ich wohl nicht zu bemerken. Das Haus ist der
erste Tempel Gottes gewesen, der Hausvater der erste Priester, der dem Herrn das
Liebste geopfert, den einigen Sohn. Die Frmmigkeit des Hauses ist vom Herrn
belohnt, des Hauses Irrungen sind gezchtigt worden. Lest die Geschichten von
Isaak und seiner Shne Zwiespalt, von Jakob und seines Hauses Greuel, von Eli,
Samuel und ihren Shnen, von David und dem Lieblingssohne Absalon, der den
grten Jammer ber den Vater gebracht: aus dem schlecht geleiteten Hause ist
den Vtern das Leid erwachsen. Als die Familie zum Volke geworden, hat man ein
gemeinsames Haus gebaut, damit man nie vergesse in allgemeinen Zusammenknften,
da man eigentlich nur eine Familie sei; ein jedes Haus ist der Tempel geblieben
einer jeglichen Haushaltung, das Leben des Hauses der tgliche Gottesdienst, das
Walten des Hausvaters des Priesters Amt und Verrichtung. Darum haben die Juden
nur einen Tempel gehabt, den zu Jerusalem, der das ganze Volk als eine Familie
fate; in der Zwischenzeit war jedes Haus der heilige Ort, wo der Hausvater mit
all den Seinigen Gott diente, jeder andere Tempel, jedes Errichten eines Altars
auf Hhen oder in Wldern war Abfall, war Gtzendienst, ein Zeichen, da sie
ihre huslichen Tempel verlieen, nicht mehr zu heiligen wuten, sie und ihr
Haus nicht mehr dem Herrn dienen wollten. Dieses Verhltnis hat im neuen Bunde
sich nicht gendert, ist nur verklrt und ganz besonders geheiliget worden.
Unter vielen Stellen will ich nur die anfhren, wo es heit: Ihr aber seid das
auserwhlte Geschlecht, das knigliche Priestertum, das heilige Volk, das
eigentmliche Volk, das ihr verknden sollt die Tugenden des, der euch berufen
hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht. So ist jeder Christ ein
Priester, sein Haus sein Tempel, seine Familie sein Altar, auf welchem er als
Weihrauch dem Herrn soll aufsteigen lassen die Tugenden des, der ihn berufen hat
aus der Finsternis in sein wunderbares Licht; unsere Kirche ist nichts als das
allgemeine groe Haus, wo wir uns bewut bleiben sollen, da wenn auch die
Notwendigkeit es gebietet, in besondern Husern zu wohnen, wir doch alle nur
eine Familie seien, und da wenn die Umstnde uns auch verschiedene Huser
geben, Palste den Einen, Htten den Andern, wir darum doch nicht grer werden
oder kleiner, sondern da es bei jeglichem auf die Treue ankmmt und was fr
einen Haushalt er mitbringt und was fr eine Rechnung er davon abzulegen vermag.
Es ist also jetzt noch jedes Haus ein eigener Tempel Gottes, gleichsam eine
Zelle im Reiche Gottes, ist die Pflanzsttte des wahren Gottesdienstes und hat
die Verheiung von Gottes Huld und Gnade, denn wo Vater und Mutter verehrt
werden als Stellvertreter Gottes, sich aber auch als solche betragen, da soll
Gottes Segen wohnen, da gibt Gott Bestand dem Hause, er heiliget es zu seinem
Tempel. So soll es sein im Christentum, und da wir uns Christen nennen, so soll
es so unter uns sein.
    Liebe Andchtige, heute haben wir einen Butag, unseres Elendes sollen wir
uns bewut werden, sollen jammern und klagen darber. Wenn jeder unter euch
reden wollte, an Jammer und Klage wrde es nicht fehlen, und wirkliches Elend
wre der Klage Gegenstand. Aber wie selten einer wrde des Elendes Grund und
Wurzel da suchen, wo sie ist. Es ist des Menschen Art, ber alles zu klagen, nur
nicht ber den eigenen Abfall, die eigene Verkehrtheit. Liebe Andchtige, ich
will euch Hauptklagen anfhren, die man hrt, wenn man nur einige Worte mit
Menschen spricht, nur einige Augenblicke an einem Orte steht und hrt, was
Andere reden. Alle Klagen, welche ich gehrt, fhre ich nicht an, aber die,
welche ich auslasse oder vergesse, die nehmt und macht es so, wie ich mit den
angefhrten, so werdet ihr auch ber diese ins Klare kommen.
    Ihr klagt, nicht jeder ber sich, nein, es klagt der Mann ber das Weib,
das Weib ber den Mann; der Mann klagt, das Weib sei nicht mehr des Hauses
Mutter, nicht mehr seine sichtbare Vorsehung, nicht mehr dessen Amme, von der
die gesunde Speise kmmt fr Leib und Seele allen, die im Hause wohnen. Das Weib
klagt ber den Mann, da er auer dem Hause des Hauses Mark verzehre, des Hauses
Dienst versume, da er ob Sammeln oder Verzehren des Geldes vergesse die
Menschen, die um ihn wohnten, das Weib, das seine Hlfte sein sollte, die
Kinder, die seine Zeugen vor Gott sein werden. Die Eltern klagen ber die
Kinder, ber Mangel an Treue, an Gehorsam, ber den hochmtigen Sinn, der alles,
was nicht jung ist und nagelneu, verachtet, der meint, es sei mit allen Dingen,
allen Menschen wie mit schlechtem Zeuge, welches nur ganz neu schn sei und zu
gebrauchen. Ihr klagt ber die Dienstboten, wie sie strrisch seien und
begehrlich, unzuverlssig und treulos, kein Gewissen htten und nichts im Auge
als den Lohn und da der Tag umgehe so ring als mglich. Ihr klagt ber die
Armen im Allgemeinen, da sie an die Stelle der Barmherzigkeit das Recht
gesetzt, da sie meinen, es heie beten und betteln, statt beten und arbeiten,
da sie giftigen Neid im Herzen trgen, von Christus sich immer mehr entfernten,
dem Tiere sich immer mehr nherten. Ihr klagt ber Lehrer und Schulen, da die
Kinder immer weniger nutz wren, je mehr sie lernten, und doch am Ende von der
Hauptsache nichts wten. Ja ihr klagt ber Regierung und Regenten, klagt ber
ihr Tun und euere Tuschung, ber ihr Nichttun und euere Zweifel, klagt so
manches, das ihr wohl wit, hier aber nicht auszusprechen ist. So klaget ihr,
oder ists nicht so? Aber auf wen fallen die Klagen zurck? Auf euch, ihr
Hausvter, auf euch, ihr Hausmtter! Wo bilden sich die Ursachen zu diesen
Klagen? In euerm Hause, in euerm Sinn, ihr Hausvter, ihr Hausmtter! Ist euch
euer Haus noch der heilige Tempel, steht in ihm noch der heilige Altar, auf dem
ihr dem Gott, der im alten und neuen Bunde sich so herrlich geoffenbaret hat,
alles, was er begehrt, und vor allem das Liebste opfert? Oder habt ihr den
Tempel verlassen, eigene Hhen euch auserwhlet, weilet dort, bauet Altre dort
und opfert dort selbsterwhlten Gttern alles, Leib und Seele, Heil und
Seligkeit, Knechte und Mgde, Shne und Tchter, Eigentum und Vaterland, kurz
alles, was unter abgttisch gewordene Hnde kmmt?
    Liebe Andchtige, ihr wit, da meine Sitte es nicht ist,
Verdammungsurteile auszusprechen, von denen ich niemand ausnehme als mich
selbst; aber wo durch die Zeit eine Krankheit geht, da bleibt selten jemand von
ihr unberhrt, am wenigsten ich, es schwebt ber Jeglichem der Zeitgeist, der
die Krankheit mit sich fhrt oder die Krankheit selbst ist, gerade wie wenn in
der uern Luft ein Krankheitsstoff getragen wird, zum Beispiel der rote
Schaden, sehr selten jemand unberhrt bleibt, sondern die Meisten davon berhrt
werden, wenn auch die Krankheit nicht ausbricht, auch der Tod nicht droht, so
doch durch ein Unbehagen, das durch unsere Glieder schwebt, von dem wir nicht
wissen, woher es kmmt, und zumeist auch nicht, was es eigentlich ist. Ich bin
der Meinung, da es eben niemand zieme, zu sagen: Ich danke dir, Gott, da ich
nicht bin wie jener arme Zllner! Darum werdet ihr auch nicht zrnen, wenn ich
keine Ausnahme mache, nicht rede von absonderlich braven Leuten, die keinen Fehl
htten, von Husern, die nichts als heilige Tempel wren; zu anmalichen
Sektierern will ich euch nicht stempeln, und als Esra betete: Ich schme mich,
mein Antlitz aufzuheben zu dir, denn unsere Schuld ist gro geworden bis an den
Himmel, wen nahm er da aus? Die Priester, die Regenten, die Reichen? Er nahm
niemand aus. Wen man vom allgemeinen Bekenntnis der Sndhaftigkeit, der
Sndenschuld ausschliet, den stt man damit aus der Gemeinschaft der
Glubigen. Da je reicher, je mchtiger einer sei, er auch ein desto grerer
Snder sein msse, wollen wir nicht sagen, aber lebendiger soll das
Schuldbewutsein in ihm sein, denn ihm sind zehn Pfund anvertraut und nicht nur
ein Pfund, und wie schwer es einem Kamel sein mu, durch ein Nadelhr zu gehen,
das soll er fhlen im eigenen Gewissen. Wer sich ausnehmen will, und ich zweifle
nicht, da es Solche gibt, es gab und gibt und wird immer Solche geben, die sich
zu den Andern nicht zhlen, dazu bedarf man weder apart geboren noch apart weise
zu sein, die mgen es selbsten tun, aber dann Sorge tragen, da in ihrer
Ausscheidung sie nicht sich selbsten richten, und zwar mit einem harten
Gerichte.
    Alle die vorgebrachten Klagen sind richtig, aber ihr, ihr Hausvter, ihr
Hausmtter, die ihr klagt, ihr seid zumeist die Schuldigen, und aus dem
verwahrlosten Hause herauf wachsen, wie im Moraste Schwmme und Giftpflanzen,
die Dinge auf, ber die ihr klaget.
    Wenn Mann und Weib ber einander klagen, was klagen sie eigentlich? Da das
Haus nicht mehr ihr Tempel sei, da Gott nicht mehr zwischen ihnen sei, da
jedes dem eigenen Gtzen sich zugewandt, da eins vom Andern fordere, da es ihm
als seinem Gtzen diene, da er auswrts opfere, was das Haus selbst bedrfe;
was klagen sie eigentlich, als es sei der Friede fort zwischen ihnen, der
Friede, der nur von Gott kmmt und der nur in seinen Tempeln wohnt! Das Eine
oder das Andere, zumeist Beide, stehen nicht als Priester am Hausaltare, warten
des heiligen Feuers nicht, das die Herzen rein glht von irdischen Schlacken;
daher die Klagen, daher das Weh, das durch zerrissene Glieder fahrt. Ihr klagt
ber die Kinder und wundert euch darber. In der Taufe habt ihr versprochen, sie
dem Herrn zuzufhren, tut ihr es? Vater, zeigst du deinem Kinde Gott, des
zeitlichen Lebens ewige Bedeutung? Und du, Mutter, nhrst du in frommem Sinne
der Kinder geistigen Hunger und Durst und ffnest ihnen die Augen, da sie im
Sichtbaren das Unsichtbare sehen und die Quelle des Leides ber jegliche Snde,
jegliche Befleckung? Gewhnt ihr sie, euch als Priester nicht nur, sondern als
Engel Gottes zu betrachten, die ihnen der Herr auf Erden vorausgesandt, um an
erfahrner Hand sie zu geleiten aufrechter Bahn zum ewigen Ziele? Gewhnt ihr
sie, das Haus zu betrachten als eine Freisttte des Guten; Tut ihr das? Oder was
meint ihr, wenn die Kinder euern Abfall von Gott sehen, dem Allmchtigen, dem
Allwissenden, und euern Ungehorsam gegen ihn, sollen sie dann euch gehorchen,
euch, den Schwachen und Gebrechlichen; Und wenn ihr selbst mit der Muttermilch
sie einsaugen lat Fleischeslust, Augenlust, Hoffart des Lebens, was wollt ihr
euch da der Frchte weigern, die aus solchem Samen entstehen?
    Oder wollt ihr sagen, Religion zu lehren sei der Lehrer Sache, Religion
lehrt sich eben nicht wie ein Rechnungsexempel, und liee sie sich auch lehren,
wie soll sie da gelehrt werden, wo ihr mit Wort und Tat das Gegenteil von dem
tut, was der Lehrer lehrt' Was wrdet ihr von einem Acker erwarten, den man
anset und alsobald nach der Aussaat wilde Schweine und andere Tiere hineinlt?
Wenn ihr von den Lehrern fordert, da sie die Kinder zu Christen machen, so mt
ihr erstlich Lehrer whlen, welche selbst Christen sind und nicht etwa dem
Christentum den Krieg angekndigt haben, und wenn ihr Christen zu Lehrern habt,
so mt ihr sie weder verhhnen noch verdchtigen noch gar ihre Arbeit und ihren
Flei verwnschen, oder dann suchet nicht Trauben an den Dornen; mt nicht von
der Torheit besessen sein, nicht christliche Kinder zu begehren, sondern blo
gute, so allgemein gute, ohne Glauben, ohne Christus, ohne Gott.
    Man klagt ber die Hausgenossen, ber die Dienstboten. Aber woher die
Klagen, als weil jedes christliche Band zwischen Herren und Dienern zerschnitten
ist, das Verhltnis nur auf dem hohlen Recht beruht, wo jedes das Seine sucht
und nicht das, was des Andern ist! Woher anders, als weil zu wenig christlicher
Ernst in den Hausern ist, um die Seelen man sich nicht kmmert, sein eigen Haus
geduldig zum Schlupfwinkel der Snde machen lt und zufrieden ist, wenn der
Leib seine Pflicht tut. In so vielen Husern hlt man die Dienstboten nie zur
Kirche an, ja man ist froh, wenn sie nicht gehen, gibt ihnen weder Platz noch
Buch zum Lesen, lt sie fast absichtlich verwildern. Ich will niemand schuld
geben, da gerade er schuld an diesen Klagen sei, aber ursprnglich liegt der
Grund des Verderbens der Dienstboten nicht in ihnen selbst, sondern in den
Husern, in den Husern, denen sie entwuchsen, in den Husern, in die sie
gerieten. Es trifft dieser Vorwurf arme und reiche Huser. Es sind leider sehr
viele Arme, welche blo noch leiblich leben, geistig aber tot sind, deren Htten
nichts viel Besseres sind als die Hhlen, in welchen die Tiere des Waldes
wohnen. Aber auch viele arme Kinder wurden in reichen Husern erzogen, und viele
wurden nicht besser als die Kinder in jenen Hhlen; geschieht es ja, da man sie
in den Stall hinaus zum Vieh verstt und Klber es besser htten als Kinder.
Aus diesem Grunde auch, weil des Hauses Dienst fehlt, weil die Kirche nicht mehr
das gemeinsame Vater- Familienhaus ist, das bindende Band zerrissen wird,
entsteht der Ha zwischen Reich und Arm, den die Bruderliebe nicht mehr mittelt;
der vershnende Geist entschwindet, es verschwindet der Geist, der alles, was
der Vater gibt, als gut nimmt, der Geist, der sich freut, dem Herrn dienen zu
knnen, wenn auch an kleinerem Altare; hngt doch des Feuers Glanz und Gre
nicht vom Altare ab, auf dem es brennt, sondern von der Treue und dem Eifer
dessen, der des Feuers wartet.
    Torrecht aber auch ist das Klagen ber Regenten, denn aus eurer Mitte, aus
euern Hausvtern sind sie nicht nur hervorgewachsen, sondern von euch selbst
auserkoren; haben die Hausvter den rechten Sinn, so werden sie auch die Rechten
sehen, die da wten, worauf es ankommt, wenn es das Heil eures Volkes giltet.
Drftet ihr euch bekennen zu dem, der bekennt sein will, wenn auch er euch
bekennen und erkennen soll, so httet ihr weder ber Regenten noch ber
Regierung zu klagen. Die Grnde eurer Klagen wachsen also aus den Husern
heraus, und ihr wit es nicht; ihr sehnt euch nach bessern Zeiten, nach
freundlichem Morgen, und schafft doch Finsternis, webet selbst das Bse in die
Zeit hinein.
    Darum lege ich auch euch die Frage vor wie Josua, der auch seinen guten
Grund gehabt, doch keinen bessern als ich heute: Wem wollt ihr dienen, irgend
einem Gtzen oder dem Herrn, dem ich und mein Haus dienen wollen? Ihr werdet
meinen, das sei eine mige Frage, aber das ist sie eben nicht; ihr werdet
sagen, das verstehe sich von selbst, da ihr Christen seiet und mit euerm Hause
dem Herrn dienet, aber das versteht sich eben nicht von selbst.
    Ein Haus will man machen, ein Haus will man bauen, ein Haus mchte man
besitzen, aber alles das in Beziehung auf die Welt, auf den uern Schein; man
will ein braver Mann sein, eine berhmte Frau, aber an das recht christliche
Haus, ans christliche Priestertum denkt man nicht; bedenkliche Verlegenheit
wrde ber so manchem Gesichte sich lagern, wenn man manchen Hausbesitzer,
manche sogenannte Hausfrau nach ihrem christlichen Priestertum fragen wrde; man
heit sich Christ und dient der Welt, man hat ein Haus, darin zieht die Welt ein
und aus, aber dem Herrn ist es nicht geweiht, man meint es nicht bs, aber was
man eigentlich will und ist, wei man nicht, man hat eben nicht daran gedacht.
Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen, so sprach Josua, und wir, was wollen
wir?
    Es ist, ihr mgt wollen oder nicht, das Haus der Spiegel euerer selbst,
eueres Inwendigen; ist euer Herz zerrissen oder hoffrtig oder zuchtlos, so wird
alles dieses auch euer Haus sein, wird als Zeuge und Spiegel tglich euch vor
Augen stehn. Seht, darum ists auch, warum so oft Menschen nicht daheim sein
mgen, warum es dem Manne wird im eigenen Hause, als ob er im Gefngnis wre,
der Frau wie einem Vogel, der in eine Stube sich verirrt, da ihnen wind und
bange wird innerhalb der eigenen Schwelle; was sie im Spiegel sehen, vor dem
grauet ihnen, des Hauses Predigt, die ohne Worte, aber wie ein zweischneidend
Schwert durch ihre Seele fhrt, mchten sie nicht hren, aber wo wollen sie
hinfliehen? Das Herz, so de und ohne Trost, aber voll Strme Wind und Graus,
das folgt ihnen berall, dem entrinnen sie nicht, das sitzt ihnen nicht blo auf
der Ferse, das sitzt mitten in ihnen. Und das Haus sollte doch eben sein der
se friedselige Zufluchtsort des Pilgerims nach vollbrachtem Tagewerk, der
freundliche Hafen, den der Schiffer sehnsuchtsvoll sucht, wenn hart des Lebens
Wellen ihn geschaukelt; im Hause findet er den Frieden, der aus der Liebe
wchst, die seste Frucht eines Gott ergebenen Herzens. Und lat euch nicht
irren durch des Geschwtz unseliger Toren, es ist nicht der Staat, nicht die
Schule, nicht irgend etwas anderes des Lebens Fundament, sondern das Haus ist
es. Nicht die Regenten regieren das Land, nicht die Lehrer bilden das Leben,
sondern Hausvter und Hausmtter tun es; nicht das ffentliche Leben in einem
Lande ist die Hauptsache, sondern das husliche Leben ist die Wurzel von allem,
und je nachdem die Wurzel ist, gestaltet sich das Andere. Tuschet euch nicht,
es mag zuweilen die Krone des Baumes noch grn scheinen, whrend schon die
Wurzel welket; aber lange bleibt die Krone nicht grn, drre wird es bald in
ihren sten, und wenn ein Sturm bers Land kmmt, so wird sie einen groen Fall
tun, die Wurzel hielt den Baum nicht mehr: so wird es dem Vaterland ergehen,
wenn man es bauen will auf den Wsten statt auf gottseligen Husern.
    Darum, so kehret, wenn ihr klaget, die Augen in euere Huser, betrachtet
sie: sind sie Tempel Gottes, brennt darin als ewig Feuer die Liebe und die
Treue, wartet ihr als treue Priester eueres Gottes heiligen Dienst Tag und
Nacht? Seid ihr euch bewut, da was ihr auch seid unter den Menschen, euer
hchst Amt und Beruf eben das Priesteramt, eben das Warten von Gottes heiligem
Dienste ist im Tempel, den ihr euer nennt, im Tempel, in dem ihr mit euerer
Familie wohnt, im Tempel, wo ihr selbst die heiligen Opfer sein sollt? Und wenn
ihr und euer Haus dem Herrn frder dienen wollt, so meine ich eben diesen
heiligen Dienst und nicht ein khles Halten irgend eines Gebotes hie und da,
wenn es die Leute sehen oder es sonst eben nicht unbequem ist oder nicht schwer
fllt. Ich meine eben den Dienst, den auch Paulus meint, wenn er sagt: So
ermahne ich euch nun, lieben Brder, durch das Erbarmen Gottes, da ihr euere
Leiber darstellet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefllig sei,
welches sei euer vernnftiger Gottesdienst. Und wollt ihr also dem Herrn dienen,
so bekennt es offen vor den Menschen und steht in all euerm Tun zu euerm Glauben
und gebt dessen Zeugnis; darf doch auch so mancher de Wicht zu seinen toten
Gtzen stehen, warum dann nicht ihr zu euerm lebendigen Gott?
    So ungefhr redete der Pfarrer, aber ausfhrlicher, und namentlich den
letzten Spruch erklrte er, wie man sich heilig darzustellen htte als ein Gott
wohlgeflliges Opfer und sein Haus zu machen habe zu einem heiligen Tempel. Und
es war groe Stille und Andacht in der Kirche, und wohl nicht manches Herz war
darin, das dem Pfarrer nicht recht gab, und nicht manche Seele, die nicht an das
eigene Haus dachte, und manches Auge ward na, wenn es erkannte, wie es im Hause
aussah, und weil ihm jetzt die Verstndnis kam, warum ihm so bel darin war. Und
manch Anderer durchlief seines Hauses Geschichte, und klar ward es ihm, warum
der Friede desselben gestrt war und sich herstellte, warum die Freudigkeit
verdunkelt war und hell wieder strahlte. Alles das in dem Mae, als auf des
Tempels Altare dunkel oder hell brannte das heilige Feuer. Und manches arme Weib
wischte im Stillen eine Trne ab, denkend, welchem Dienste der Mann frhne, und
nahm sich vor, eine desto treuere Priesterin des Herrn zu sein, und mancher Mann
freute sich seines Weibes, dem das Haus alles war, und mancher hatte es
umgekehrt. Und manches Kind begriff besser der Eltern Zucht und gelobte
willigere Treue.
    Auch nneli fhlte sich eigends bewegt, es suselte in ihm wie himmlisches
Wesen, es ward ihm so wehmtig und doch so unaussprechlich wohl. Vor ihm stand
ihr Haus in freundlichem Glanze, es durfte desselben sich freuen vor Gott und
Menschen; es fhlte so recht innige Wonne, da dort sein Eingang, sein Ausgang
sei und Christen so einig mit ihm, so freudig des gleichen Dienstes wartend, und
die Kinder so treu, anhnglich, nichts Zwietrchtiges zwischen ihnen und kein
Zweifel, da auch sie das Haus im gleichen Glanze erhalten wrden, und nicht vor
den Menschen nur, sondern auch vor Gott. Es fhlte so recht innig das Glck,
wenn Eltern mit Zuversicht sagen knnen: Jetzt la deinen Diener im Frieden
fahren, und das knnen sie nur dann, wenn sie sicher wissen, da ihre Kinder in
Gott gewurzelt, ihre Namen im Himmel eingeurbet sind. nneli war nicht stolz, es
betete nicht: Ich danke dir, Gott, da unser Haus besser ist als andere
Huser, aber es freute sich herzinniglich, da wenn Gott es abrufe, es nicht zu
erschrecken brauche, es nicht umsonst auf der Welt gewesen, es das Pfund,
welches der Herr ihm gegeben, nicht vergraben, sondern ihm mit Wucher
zurckgeben knne: ein Haus, im Herrn erbaut, drei Kinder, im Herrn erzogen, der
Welt mchtig, aber ihrer nicht die Welt, und kann eine Hausmutter Hheres,
Kstlicheres bringen vor Gott und erwartet er anderes von ihr als ein frommes
Haus und fromme Kinder?
    Wohl fiel ein Schatten in die Freude, es war der dstere Resli, der nicht
klagte, aber wenig lachte, viel schaffte, aber gerne alleine war und dann so
trbe war, wie die Mutter im Stillen oft bemerkt hatte; es war das Bangen, da
er alleine bleiben mchte, der stumme Wunsch, die noch zu sehen, welche einst an
ihrer Stelle stehen sollte als fromme Priesterin an des Hauses heiligem Altare.
Und dieser Schatten wars, der der guten Mutter Auge trbte; aber bald glnzte
durch die Wolke hell und klar des Vertrauens goldener Stern; der Herr, der bis
hieher geholfen, der alles so wohl gemacht, sollte der nicht ferner helfen, wars
nicht getrost ihm zu berlassen, nicht mit ergebenem Herzen zu sagen: Wie du
willst, und nicht wie ich will! Und so fate nneli es auch, aufgerichtet und
freudig ging es heim; es war ihm, als ziehe jemand an ihm, so leicht und wohl
war es seit Jahren nicht gegangen.
    
    Diese Predigt war nicht ohne Eindruck an den Leuten vorbergegangen, hatte
Beifall gefunden wie selten eine. Da htte der Herr recht, sagten sie, ds Hus
sei dWrze vo allem, u wenns da fehl, su chnns Korn u Heu g, so viel es well,
es bsch alles nt. Ja, sagte ein frwitziger Schneider, und was mir am
besten gefallen hat, ist, da dr Herr afe selber sge mue, dSchuel trag nt ab
u dKing lehre nt drin, emel nt Guets. Wenn ih myni King nit daheime lehrti, i
dr Schuel lehrte si i Gotts Name nt. Un wenns dr Herr afe selber seit, su mue
es sy. Aber ih htt nit glaubt, da er svli witzig wurd, und o nit, da ers
seyti, wenn ers scho gsch. Deretwege mue ih Respekt vor ihm ha, so zu eim cha
me dr Glaube ha, da er seyt, was wahr ist; aber es sy nit di Halbe e so.
    Was das fr ein freundliches Heimkommen ist, wenn in allen der Friede Gottes
ist, wenn man nichts Strendes daheim hat, die Einen in der Stille des Hauses
Geschfte besorgt, die Andern im Hause des Herrn neue Kraft gefunden, neues
Licht, neuen Trost, dann beiderseits sich sammeln um des Hauses Tisch, alles in
der Ordnung ist, alles zufrieden ist, die Einen auftragen, was sie daheim
bereitet, die Andern mitteilen und zerlegen, was sie in der Predigt gesammelt;
da fat man es, was Paulus damit meint, Essen und Trinken zu Gottes Ehre, und in
solchem Essen und Trinken ist dann auch Gottes Segen.
    Es wolle hten diesen Nachmittag, sagte nneli, es werde ppe Keins von
ihnen daheimbleiben wollen; an einem solchen Tage solle man nichts versumen,
man wisse nicht, wenn man wieder dazu komme. Und wenn der Pfarrer diesen
Nachmittag wieder anwende wie am Vormittag, so knne jedes sein Teilchen nehmen,
und es wre schade, wenn eines es nicht hrte. Es sll mir aber doch pper Reis
heimbringen, es halb Dutzend Pfund oder was. Sie hatten brichtet, wie dr rot
Schade so grusam regier und so bs syg, bi ds Styni Glause seien vier King krank
und dMuetter selber auch, Keis chnn am Andere mehr Rat tun und htten von allem
nichts. Das ist ein schrecklich Dabeisein, und die Leute knnen mich erbarmen,
ich kann es nicht sagen. Wenn ihr heim seid, so will ich noch hin und sehen, wie
da zu helfen ist, so kann man die Sache nicht gehen lassen, denk man doch auch,
wie es eim selber wr, svli krank u niemere, das eim hilft, und nt im Hus und
vielleicht kein Mensch, der ihnen zum Doktor geht.
    Muetter, sagte Christeli, schicket ppere, es geht Euch scho eis vo dene
Meitlene, oder wartet bis morgen. Das ist noch e Pltz bis zu dene Leute, und
Ihr seid schon in der Kirche gewesen.
    Von denen Meitlene kann ich keins schicken, sagte die Mutter, die sehen
nicht, was fehlt, und die Leute wissen es vielleicht selbst nicht oder knnen es
nicht sagen oder drfen es nicht, und dann weit wohl, Christeli, wie hssig es
einem macht, wenn man krank ist und nicht reden mag und man da immer gefragt
wird und Bscheid und Antwort g sll. Da mu man es einem an den Augen absehen
ohne langs Gfrgel. Und wenn die Meitleni scho dr guet Wille htte, so fehlte
ihnen die Erfahrung; man mu bei solchen Sachen gewesen sein, wenn man wissen
will, was ntig ist.
    So wartet bis morgen, sagte er. Aber Christeli, was denkest auch, was
meinst, wenns dir fehlte und zMittag sagte man es mir und ich antwortete: He nu
so de, mr wey ppe luege, wenn es mir sih de schickt, su will ih ihm de morn
einist neuis arichte. Ja, Mutter, sagte Christeli, das zhlt sich nicht
zusammen, ich bin dein Kind. ppe zhlt sich das nicht zusammen, denk doch
auch, vier Kinder und nicht nur ein Kind liegen an der wsten Krankheit, und
kann keins dem andern anders helfen als helfe plre u gruchse.
    Und dann eine ganze Nacht so, denk, wie lang, wie schrecklich! Aber Ihr
knnet da doch kaum helfen, sagte Christeli.
    Das weit du nicht und ich nicht, aber ich glaube, wohl. Schon das tut
ihnen wohl, wenn sie sehen, da jemand sich ihrer annimmt, da sie doch auch
nicht so ganz verlassen sind. Denk doch, es knnte ja vielleicht eins sterben
ber Nacht, und niemand wre da und nhmte es von den Lebendigen weg und legte
es beiseite.
    Aber Mutter, du wirst doch nicht ber Nacht dort bleiben wollen?
antwortete der Sohn. Das wei ich nicht, sagte nneli, es kmmt darauf an,
wie es ppe ist; aber wenn ich zu rechter Zeit nicht heim sein sollte, so habt
nicht Kummer, denket, ich sei dort. Und mglich wrs, da wenn ich jemand fnde,
ich nach etwas schicke, was etwa mangeln sollte, gebt es ihm dann.
    Aber Muetter, gang mir nicht, es heit, dr rot Schade syg ansteckend,
schicket es Meitli, rckte Christeli endlich mit seiner eigentlichen Meinung
heraus. Aber Christeli, Christeli, was sinnest auch, schm dih! Welle di guete
Lt sy und pperem ppis schicke, wo mir nt gspre, wo grad ist wie nt, u
drmit es Meitli schicke, wo nt het as dGsundheit, u die stt es ga opfere, u
mir htte dr Ruehm, un ihm danketi nume niemere, nei Christeli, das ist nie se
Bruch gsi u mit selligem chumm mr nmme.
    In den Htten der Armen ist wohl keine Krankheit, die Cholera etwa
ausgenommen, frchterlicher und ekelhafter als die rote Ruhr, der rote Schaden.
Wo vielleicht nur ein rechtes Bett ist und noch dazu ein schlechtes, die brigen
mit einzelnen Bettstcken sich behelfen mssen, selbst mit Hudeln, bald in
leeren Bettsttten, bald auf dem Ofen, vielleicht auch auf den Tischen; wo kein
Glied der Familie mehr als zwei Hemder hat, eins am Leib, eins am Zaun zum
Trocknen, kein Vorrat irgend einer Art ist, selbst das Holz fr den tglichen
Gebrauch zusammengelesen werden mu; wo man einem, der zu Mittag essen wollte,
nichts gekocht fand und klagte, es sei lngst zwlf vorbei, antwortete: Du
Narr, we mir esse wey, su luege mr nit a dUhr, mir luege i Kuchischaft, wenn nt
drin ist, su hrt me koche, sygs de zwlfi oder nit; wo es so ist, da denke man
sich das Elend bei einer Krankheit, wo Reinlichkeit, Wsche Wechsel, Dit und
Pflege die Hauptsache sind!
    Als nachmittags die Leute heim waren aus der Predigt, machte nneli sich
auf; niemand widerredete mehr, aber sie boten ihm alle das Geleit an, und als es
keins annehmen wollte, baten sie dringlich, es mchte an sein Alter denken und
bald heimkommen.
    So hatte es sich nneli, welches doch schon bei vielem Elend gewesen, nicht
vorgestellt, wie es es fand, da so alles in allem fehlen knnte, sich nicht
gedacht. Es hatte allerlei mitgebracht, also Reis, etwas Wsche fr die Kinder,
Brot und selbst in einer Flasche Nidle, weil es gehrt hatte, da sie
drangstillend (einhllend)sei. Aber Holz fand es nicht, Butter fand es keine, an
Wsche und Reinigungsmitteln einen schauderhaften Mangel, so da es ihm fast
bel ward. Es waren allerdings, besonders weil es Sonntag war, auch Menschen da;
Einige hatten etwas mitgebracht, Brot, Lebkuchen, selbst Fleisch, und zwar
gesalzenes und geruchertes, andere legten einen Batzen oder sechs Kreuzer dar
und jammerten: Herr Jemer, wie sieht das aus, da hielte ichs wger keine Stunde
aus, nein, das ist afe grslig. Andere leisteten einige Handbietung, sagten
dann, sie mten heim, es koche sonst niemand, aber wer ihre Stelle vertrat
hier, darum kmmerten sie sich nicht. Man ging ab und zu, frug, antwortete,
urteilte da wahrscheinlich alle strben bis vielleicht an die Alte wenn sie es
ausstehen mchte, aber die Sache in die Hand nahm niemand, ehe nneli kam.
    nneli band das Stckwerk aneinander. So einer verstndigen Hausfrau ist es
unmglich, in der Unordnung zu sein, es ist ihr zum Instinkt geworden, jedes an
seinen Platz zu stellen und die vereinzelten Ttigkeiten zu einem Ganzen zu
ordnen, wo keine Kraft der andern entgegenarbeitet, sondern eine der andern vor
und in die Hnde. Und das tut so eine erfahrne Hausfrau nicht dadurch, da sie
mit vielem Reden daherbraust wie eine Windsbraut, da sie unter die Leute fhrt
und sie auseinandersprengt wie ein Wirbelwind, der ber das Heu auf dem Felde
kmmt, sondern das geht fast auf die Weise, wie unser Schpfer es macht; es
steht jedes auf seinem Platz, es wei eigentlich nicht wie, und jedes bildet
sich ein, es htte eigentlich den Ansto gegeben und wenn es nicht dagewesen
wre, so wre es viel z'bel gegangen; was ihm, wre kem Mnsche zSinn cho. Zum
Doktor ging jemand und im Vorbeigehen mit Auftrgen nach Liebiwyl, Holz kam
herbei fr die Not, Butter, Reissuppe bers Feuer, gelftet ward, gesubert, und
je mehr getan ward, desto weniger ward gestrmt und geschwatze, so da die arme
Frau sagte, es dech se, es well afa bessere, es heyg ere scho viel gwohlet.
Wenn pper dr Vrstang het, dr Wille wr geng no ppe da; aber mit em Vrstang,
da ist me mngist bel zweg.
    Am Abend noch kam Annelisi daher, schwer bepackt und mit dem Auftrage, die
Mutter solle heim, es wolle dableiben. Aber es konnte lange reden, die Mutter
wollte nicht. Wenn so eine rhrige Frau einmal daran ist, etwas in Gang zu
bringen, Hand an ein Werk gelegt hat, die Hand kann sie nicht davon abbringen;
sie kriegt eine Art Fieber, kmmt in Jast, den man nicht stellen kann. Zu dem
kam noch Zweites. Wer arme Kinder mit Leiden und Tod ringen gesehen, der wei,
da in ihrem Anblick zumeist etwas unendlich Rhrsames liegt. Zumeist ist so
armen Kindern von Jugend auf eingeprgt, da sie eine Last sind, da Vater und
Mutter um ihretwillen so schwer ringen mssen mit dem Leben. Wenn man es ihnen
auch nicht deutlich sagte, so sehen sie es doch. Wenn sie ganz klein sind, so
krzt sie die Mutter, nimmt sie der Vater; so wie sie aber ab deren Armen
kommen, so entfremden sie sich auch mehr oder weniger den Herzen, es sei dann
ein bsungerbar hbsches u gwirbiges Kind, das sich festzuketten wei an dem
einen oder dem andern Herzen. Es ist aber eigentlich weder Hbschi noch
Gwirbigi, es ist Flattierigi der Haken, mit dem es sich ins Herz gehngt. Wie
schon tausendmal gesagt worden, es ist jedes Herz, ich mchte fast sagen das
wsteste, liebedurstig; versteht es nun ein Mensch, und Kindern ist es besonders
gegeben (denn sie sind liebevoll, ehe die Liebe in der kalten Welt zu Eis
erstarrt, zur Selbstliebe sich verknchert und zusammengezogen hat), das
Brnnlein der Liebe in ein Herz zu reisen, so wird dieses den sen Trank
begierig in sich saugen und das Kind freudig gewhren lassen. Das sind aber eben
nur Ausnahmen zumeist und trifft meist die jngsten Kinder, die noch nicht in
der Welt erkaltet, verknchert sind. Die andern mssen sich selbst behelfen:
entbehren, man kann ihnen nicht gewhren, leiden, man hat nicht Zeit, sich zu
achten, tragen, man hat nicht Zeit, sich mit ihnen zu plagen. Es ist eine harte
Schule fr weiche Herzen, und wie viele werden wohl da zerdrckt, und doch liegt
in dieser natrlichen Schule eine Art Barmherzigkeit; es ist eine Schule frs
harte Leben, wie man Baumstecken hrtet im Feuer, leider aber oft sie verbrennt
dabei, damit sie nicht faulen in Wasser, Schnee und Erde. Es soll sich dabei
Ergebung bilden, eine Gewohnheit, zu dulden und zu tragen, ohne zu klagen, und
diese eben sieht man so oft bei armen kranken Kindern. Sie schreien nicht, sie
weinen nicht; in glhender Hitze, im rgsten Fieberfrost liegen sie auf dem
jmmerlichsten Lager, ihre Lippen sind braun im Brand; auf dem Ofen ist ein
zerbrochen Geschirr mit etwas Nassem, aber niemand hat Zeit, es ihnen zu
reichen, sie schweigen, leiden, ihre Augen richten sich wohl dem Geschirr auf
dem Ofen zu, aber sie warten, bis die Mutter im Vorbergehen es merkt und frgt:
Wotsch ppe trinke? Wenn man dagegen reiche Kinder sieht in ihrer
Begehrlichkeit, in ihrer Unfhigkeit, den Schmerz zu ertragen, wie sie schreien,
wenn sie beinahe sich gehauen, und wie ihrer Sieben um sie springen mssen, wenn
sie sich wirklich gehauen, und sie doch nicht gschweigen knnen, so ist es
wirklich zum Erbarmen. Man fngt dann wohl an zu werweisen, wer glcklicher sei
frs Leben, das reiche oder das arme Kind, fngt an, immer strker darber zu
sinnen, warum es so schwer sei und namentlich den Eltern, die rechte Mitte zu
treffen fr das Leben, so schwer sei, das Herz zu hrten fr das Leben, es weich
zu erhalten fr das Lieben.
    Durch die harte Schule waren auch die kranken Kinder gegangen, sie lagen
ergeben, stumm, stumpf, wrden Solche sagen, die das nicht verstnden, in ihren
Hdelchen; was sie dachten, was sie empfanden, ob sie an das Leiden dachten oder
an den Tod, von dem so viel geredet ward, oder an Genesung? Sie gaben kein
Zeichen von sich. Aber als die alte, schne, freundliche Frau sich ihrer annahm,
sie suberte, reine Hemder ihnen anzog, ihnen hlfreich beistand, sie trstete,
ihnen zu trinken gab, weiche, warme Sachen, da war es fast, als ob sie
aufwachten, als ob sie wieder reden mchten, und das Kleinste, ein blasses, aber
lieblich Mdchen mit krausen, blonden Hrchen um den Kopf, fragte: Bist du ppe
my Gotte? Ja, King, sagte nneli, dy Gotte will ih sy. Gll, du gehst
nicht von uns, du bleibst jetzt bei uns, bis es fr ist u Metti wieder ufma,
sagte es. Ja, du guts Kind, ich verlasse euch nicht, hatte nneli gesagt, und
jetzt konnte es wirklich nicht fort. Die Kinder, und besonders das blasse,
blonde, hatten es gefesselt, es war ihm, als ob es ihre Gromutter wre und als
ob Gott, wenn es sie verliee, sie aus seiner Hand fordern wrde. Dieses sagte
nneli Annelisi freilich nicht, sondern anderes; aber es ist ja so hufig so,
da wir viel sagen, aber gerade das nicht, warum wir etwas gesagt, warum wir das
wollen und nicht was anderes. Von wegen, was wir nicht wissen, knnen wir nicht
sagen, und wie oft geschieht es uns nicht, da wir etwas wollen, wir wissen
nicht warum, der Entschlu steigt uns auf als wie ein Gespenst aus dunkelm
Schlunde, und erst wenn es so da vor uns steht, suchen wir nach Grnden, sein
Dasein zu rechtfertigen.
    Eine rechte Reisbrhe zu kochen fr diesen Fall wte niemand, sagte nneli,
man koche das Ding gewhnlich ein wenig, aber den Reis verkoche man nicht; wenn
man anrichte, so sei das lautere Wasser obenauf und der Reis hocke ganz am
Boden, und dHauptsach bei einer solchen Brhe sei, da sie schleimicht sei,
anhnke in den Drmen, wie der Doktor gesagt habe; eine solche Brhe wolle es
selbst kochen. Dann mten die Kinder Dokterrustig nehmen; die Frau sage zwar,
man knnte innen nichts beibringen, sie nhmten nichts. Das msse nun sein, und
wenn sie jemand etwas abnhmen, so nhmten sie es von ihm, sie seien jetzt an
ihns gewhnt, und es wolle das einmal probieren. Es gehe ihm schier leichter,
jetzt hier zu bleiben, als heimzulaufen. Am Morgen knnten sie ihm dann Ro und
Wgeli schicken, und wenn jemand kommen wolle, ihns abzulsen, so sei es ihm
recht, daneben, wenn einmal die Sach im Gang sei, so werden sich wohl Leute aus
der Nchsemi zeigen. Aber vergessen solle man nicht, noch Haberkernen zu bringen
und von denen Bettdecken eine, wo im Spycher hingen.
    Gb was es sich strubte, Annelisi mute gehen, und gb was die arme Frau
dagegen einwandte, nneli blieb als Wrterin. Sie drfte das nicht annehmen,
sagte die Frau, sie wte nicht, wie es vergelten. ppe so bei einer Kindbetti,
da wollte sie nichts sagen, da sei es der Brauch, da htte ppe eine Frau die
andere ntig, und sie sei manchmal froh darber gewesen, aber bei einer solchen
Krankheit htts afe ke Gattig. Wenn man das Trinken auf den Ofen stellen wollte,
so wollte sie sehen, wie sie es mache. Sie weinte, als nneli auf seinem Willen
bestand, und meinte, sie htte nicht geglaubt, da so eine gute Frau auf der
Welt noch lebe, und noch so eine vornehme und wo selligs nit ntig htt auf der
Welt und nit fr e Himmel, weil sie sonst schon darein kme und ihn fr gw
htt. Aber wie ihr das Erwarmen wohltte, weil sie nicht immer auf sein msse,
sie knne es nicht sagen.
    Endlich kam Zeug und das Versprechen, der Doktor werde morgen frh da sein;
man solle alle Stunden von der Rustig geben und Brhe z'trinke, so streng man
mge. Vielleicht, da dann noch msse kristiert sein. E aber nein, sagte die
Frau, svli Hung wird er doch nicht gegen uns sein wollen, svli, da wir schon
aufmssen, wird er uns doch nicht noch mehr kujinieren wollen! Habe nicht
Kummer, Frau, nimm jetzt und schlaf dann ein wenig. Lue, aufs Doktern verstehen
ich und du uns nicht, und manchmal ist, was unser Gattig Lt ds Dmmste dunkt,
ds Witzigist, sagte nneli. Darauf machte es sich an die Kinder, die sonst
keinen Zeug einnehmen wollten. Schmeichelnd fing es beim Jngsten an, versprach
gute Brhe, und das Kind nahm und sagte, das sei fry guet, es htte nicht
geglaubt, da Dokterzg so gut sei. Hast du noch nie gehabt? fragte nneli.
Nein, aber man hat mir oft gesagt, ih sll folge un is Bett, sust werd ih krank
u de gb me mr Dokterzg, u das steych vom Tfel u dryh eim ganz zringsetum und
syg yznh ppis schrckligs. J so, sagte nneli. Auch die andern Kinder
nahmen ein, teils weil das Jngste es genommen hatte, teils weil sie der
freundlichen fremden Frau es nicht recht weigern durften.
    Die Nacht war eingebrochen, die Mutter schlief; nneli das bestndig
beschftigt war, bald mit den Kindern, bald mit Kochen und andern Dingen noch,
wollte Licht machen, fand die Lampe, aber kein l dazu, gb wie es suchte an
allen Orten, wo man sonst das l zu haben pflegt; leise fragte es eins der
Kinder darnach. Wir haben schon gestern keins mehr gehabt, antwortete das
Kind. Glcklicherweise war es Mondschein und sehr helle, indessen unbequem war
es jedenfalls. Wenn nneli zuweilen absitzen konnte, so mute es immer und immer
wieder denken: Kein l und vier krankne Kinder! Unsereim wei doch wahrhaftig
nicht, wie es solche Leute haben, wir haben es viel zu gut. Wie wre mir doch,
wenn was mangelte, gb wie leicht, in meiner Haushaltung, und nur eine Nacht
lang, es legte mich schlaflos, und wenns nur kein Kaffee wre oder kein Mehl und
ich wte, den andern Tag knnte ich deren wieder haben, so viel ich wollte. Und
hier nichts, kein Geld, kein Brot, von allem nichts, und alle krank! Nt ha u
nit wsse wo nah, nein, das stnde ich nicht aus! Und doch wrde ich mssen,
dachte es, wenn unser Herrgott es wollte, aber ich wei nicht, wie mir wre. Und
doch mte ich es ertragen, wenn Gott es wollte! Oh, wenn man geben kann man
wei nicht, wie es einem anders ist, als wenn man nehmen mu. Und wenn ich meine
Kinder auch so htte mssen liegen sehen in schlechten Hdlene, so matt und
mager, nichts als die Haut ber die Beinchen, Herr Jemer, wenn ich eins von
ihnen noch so sehen mte, nein wger, das ertrge ich nicht! Und wenn mir Gott
die Wahl liee zwischen dem Reichtum und den Kindern, entweder sie so sehen ohne
alle Sachen, in schlechtem Bett, oder sie gar nicht zu haben: was lieber?
    Ach Gott, ach Gott, dachte nneli, wie gut ist doch der da oben, da er
einen nicht in Versuchung fhrt, solche Fragen nicht tut, es macht, wie ers am
besten findet! Aber wenn ich denken mte, ich mte alles, alles geben und
htte nichts mehr fr meine Kinder, und sie lgen so da und ich knnte nicht
einmal fr sie betteln, es wrde mir das Herz zerreien, und doch gbte ich sie
nicht. Was hlfs mir, reich zu sein, wenn ich keine Kinder mehr htte, da mte
ich mich ja zu Tode weinen und knnte nichts mehr sagen als: Htt ih se doch no,
htt ih se no!
    Wie doch das ein hbsches Kind ist, mute es denken, als es das kleine
Mdchen aufheben mute und der Mond auf dessen Gesichtchen sich spiegelte, durch
die Locken schimmerte, golden sie sumte. O du armes Kind, was wird aus dir
werden, wie bs wirst du es einst haben und wie reich wre manche Frau, wenn sie
dich htte! Da lgest du in einem andern Bettchen, und wer wei, was du fr
Aufwart httest! Gott hat es so gemacht, er wird wissen warum. Aber unsereim
begreift es nicht. Ach, man begreift so manches nicht! Warum der armen Frau
nicht mehr geben, mit Minderem knnten wir es ja auch machen und mten doch
lange nicht so wohnen und htten noch lange Geld fr l! Aber so hat ers
gemacht, es wird gut sein so und mu gut sein, dHauptsach ist, da man sich
nicht versndige, sei man reich oder sei man arm, die Reichen nicht an den
Armen, die Armen nicht an den Reichen. Nein wger, versndigen will ich mich
nicht! Wenn Christen das sehen wrde! Doch Christen ist gut und bsungerbar in
der letzten Zeit, aber wenn er das Elend sehen knnte und die Kinder, er wrde
mir noch manches verzeihen und begreifen, wies mir ist, wenn mir jemand was
bettelt. Ih mue g, i Gottsname. Was wei man, wie die Leute zweg sind, denke
man doch an dieses Elend! Christen braucht das nicht zu sehen, er hat ein gutes
Herz, aber Andere sollten es sehen, es gibt deren, die bodenbs sind, und wenn
sie einen armen Menschen ausdrcken, das Blut ihm aussaugen knnten, sie sparten
es nicht, die weste Hng, Gott vrzieh mr my Sng. Aber eine jede Frau und ein
jeder Mann sollte wissen, wie es einem gehen kann in der Welt, und sollte sehen,
was Elend ist. Es klagt so Mancher, ist nie zufrieden und wei nicht, was bs ha
ist, sinnet nit, wie gut ers hat, und versndiget sich schrcklig mit Neid und
Klage. Oh, wenn man gsund in ein warm Bett schlpft und dKindli alli deckt sind
und ppe ihr Schli haben, wie sollte man da glcklich sein und Gott loben und
preisen.
    So sinnete nneli in selber Nacht, und keinen Preis der Welt htte es
genommen, da es diese Nacht nicht erlebt htte. Wenn so ein Tag frgang wie der
andere und man nicht aus seinem Hause komme und immer das Gleiche sehe, so wisse
man nicht, was das Leben sei, und die Gedanken wrden so kurz, da sie an nichts
dchten als an sich und die eigenen Sachen, und da man nicht begreife wie es
anderwrts anders gehe als um ein herum, und es einem auch anders gehen knnte.
Denn das Unglck, welches hier sei, knnte ja so leicht auch zu ihnen kommen ein
oder zwei lange Schritte, so wre es bei ihnen, und wie sie das angreifen mte,
wenn es so ungsinnet daherkme, dachte es bei sich, und wie eben deswegen so
viele Leute hart und gleichgltig werden, weil sie nicht sehen, wie es Andere
htten, und so verzagt und fast gottlos im Unglck, weil sie den Wechsel
vergessen htten und wie ber Nacht der Herr die Prfung senden knne, und nicht
nur in eine Bettlerhtte, sondern ins vornehmste Herren- oder Bauernhaus.
    So verging nneli rasch die Nacht, an ihm war sie gesegnet, aber auch an den
Kranken, und friedlichen Schlaf und freundliche Gesichter sah der Morgenstern,
als er durch die Fenster blickte.
    Mit dem Morgen kamen andere Leute, kam Christen selbst daher mit finsterem
Gesichte, aber dem Ntigen. nneli kannte das Gesicht, Christen mute das Ro
anbinden, mute ins Stbchen kommen, mute das Elend und die Not ansehen, mute
die Kinder sehen, wie sie so erbrmlich aussahen. Aber Christen machte deswegen
kein freundlicher Gesicht, es dechte ihn, das htte alles so sein knnen, ohne
da deretwegen seine Frau eine Nacht hier zu sein gebraucht, deretwegen sei die
Sache doch so, wie sie sei. Komm du jetzt, sprach er. Willst du fort?,
sprach das kleine Mdchen, nein, Gotte, bleib, du hast es ja vrsproche, und
hing sich an nnelis Hals und lie sich fast nicht begtigen mit allerlei
Versprechen, und die andern Kinder, wenn sie auch nicht viel sagten, so sah man
doch, wie hart es ihnen ging, da die gute Frau, die so viel Erbarmen und
freundliche Worte hatte, fortwollte. Die Mutter aber weinte und konnte wenig
sagen, als da der Vater im Himmel es ihr vergelten mchte; e selligi Frau gebe
es nicht mehr auf der Welt, und in Zeit und Ewigkeit wolle sie diese Nacht nie
vergessen, es sei gerade gewesen, als ob ein Engel dawre und ihnen wachete.
    Als Christen das hrte, zogen sich die Wolken fort von seinem Gesichte, er
begriff erst, was nneli getan; sein Herz ward weich, das Erbarmen kam, er ward
freundlich, sagte, wenn schon die Frau heimkomme, deswegen sollten sie nicht
vergessen sein, aber sie alte afe und mg nmme alles erlyde. Sie sollten nicht
Kummer haben, es werde schon bessere, und wenn sie wieder gesund wren, so slle
si de ppe cho, mi well de luege, was me tue chnn. Das war von Christen viel,
der sonst derlei Dinge seiner Frau berlie, und was ihm die Frau auf dem
Heimwege erzhlte, rhrte ihn noch mehr. Man wisse nicht, wie man es htte,
sagte er, aber vrwundere tue es ihn, da svli Not da zmitts unter ihnen sein
knne. ppe am wsteste sei man doch hier gegen die armen Leute nicht, und doch
knne es solche Falle geben. Aber man sinn nit dra, ppe selber z'luege, u wil
so Viel zum Hus chme, su mein me, wer ppis mangli, der lauf selber nache.
    Es war ein khler Herbstmorgen, als sie heimfuhren, ein scharfer Nordwind
strich ihnen entgegen; es frstelte nneli, als sie heimkamen, es hatte warm
gehabt und sich nicht wrmer angezogen, als es aufs Wgeli sa. Daran hatte
niemand gedacht, und weit war brigens der Weg nicht. Seit gestern hatte es
nichts genossen, den Kindern mochte es die Brhe nicht wegtrinken, und anderes
hatte es nichts. Wenn man so leer im Leibe sei, so friere man doch afe, sagte
es, es htte es nicht geglaubt. Annelisi werde aber schon an ein Kaffee gesinnet
haben, und es msse sagen, so htte es nie nach demselben blanget als jetzt.
    So war es auch, das Kaffee war zweg, und nneli lebte wohl daran, aber bei
jedem Schluck mute es sagen: O Kinder, wir wissen nicht, wie gut wirs haben
und wies hergege arm Lt hey; warms Esse, es warms Bett, u we mr ppis mangle,
su cheu mrs ga nh im Keller oder im Spycher, oh, mi wei nit, was das ist u was
me het!
    Die Kinder waren an der Mutter, da sie gang ga ligge, um wieder recht zu
ihr selbst zu kommen, mit groer Muhe brachten sie es dahin. nneli war so voll
des Gesehenen, da es lieber den Kindern den ganzen Morgen brichtet htte.
Schlaf du jetzt, Mutter , mute Annelisi mehr als ein Halbdutzendmal sagen,
ehe sie es entlie; los no das, u denk doch! hielten es immer aufs neue fest.
Und lange wollte der Schlaf nicht kommen, und als er kam, war er unruhig und
bewegt. Annelisi hatte die Tre nur zugezogen, um zu hren, wenn die Mutter was
begehre. Es hrte sie reden, sah hin und fand sie schlafend. Komm doch , rief
es Resli. Komm hr, wie dMuetter redt, und schlaft doch, soll se cht wecke?
Ich liee sie schlafen, sagte Resli, sie ht gar es lings Herz, die Lt hey
se grusam erbarmet, un das chunt ere jetz fr. Ih glaub, es syg nt angers, aber
gang nit dadnne u gib wohl acht.
    nneli erwachte mit Kopfweh, sagte aber nichts; es war recht unwohl, wollte
aber nicht den Namen haben, wie die Andern auch fragten. nneli frchtete, die
Andern mchten sagen: J lue, Muetter, warum gehst und machst solche Dinge,
haben wir es dir nicht gesagt, du magst wger so etwas nicht erleiden.
    Diese Furcht ist ein Ding, das oft zu finden ist und viel Unheil stiftet,
denn sie ist Ursache mancher Verheimlichung, die einen beln Ausgang nimmt.
Manchmal liegt diese Furcht im Bewutsein einer Schuld, man war gewarnt worden,
man tat es dennoch; manchmal entsteht sie durch allzu groe ngstlichkeit oder
Zrtlichkeit anderer Personen, die sich gleich grusam gebrden, aus der Haut
fahren und einen Gterwagen in die Apotheke schicken, um Medizin zu holen. Dann
gibt es aber auch Leute, welche den Gugger im Leib haben, Predigten anzubringen;
die lassen sich, wie bekannt, an Sndern am bequemsten applizieren. Erwachsenen
Personen kann man nun so mit Anstand doch nicht jede Kleinigkeit vorhalten, die
Anlsse zum Predigen fnden sich selten, wenn sie nicht glcklicherweise
zuweilen unwohl wrden. Merkt man nun so etwas an ihnen oder klagen sie gar, so
ist dies die prchtigste Gelegenheit, die bekannten Sprchlein anzubringen: Han
drs nit scho mngist gseit, lue, jetz hesch es, du wotsch mr geng nt glaube,
aber mira, ih cha schwyge, ih will nt meh sge, du wirst es welle zwnge, he nu
so de, i Gotts Name, wenns ha witt, su hbs, aber nume gib de mih nit dSchuld.
Es gibt Leute, denen man so aufwarten mu, aber wie gesagt, es gibt Leute, die
allen so aufwarten und die, wenn man ihnen alles mit der grten Sorgfalt
verheimlicht, da sie gar keine Predigt anbringen knnen, an einem schnen
Morgen so anfangen: Hr, ich mu dir einmal was sagen, wird nit scho
ungeduldig, es ist dy Sach und ih chnnt eigetlich schwyge, wenns mr nit um dih
wr. Du darfst das gewi nicht mehr so gehen lassen, du mut abfhren oder sonst
etwas machen. Aber es fehlt mir ja nichts, ergeht die Antwort. Eben das
ists, was mir Kummer macht. Es fehlt dir sonst von Zeit zu Zeit etwas und jetzt
so lang nichts mehr. Das ist nicht gut, du hest nit Sorg gnue, u lue, ih sge dr
jetz zur rechte Zyt, lue wasd machst, gw gits ppis Bs drus, was, chan ih dr
nit sge, ih bi key Dokter, aber ppis gits. Und drum tue drzue, ds Marei geyht
dStadt ab, es chnnt dir doch die Laxierig la rste, wo dr geng so wohl ta het.
    Solche Guggle waren freilich nnelis Leute nicht, aber htten doch
vielleicht nicht gedacht, da man geschehenen Dingen z'best reden solle, htten
gesagt: Mutter, warum meinst auch, du seiest noch zwanzigjhrig. Mutter, warum
glaubst niemere nt und vertrauist s nt a! nneli verbarg daher, da zum
Kopfweh, zur Mattigkeit noch Bauchweh kam, ein Durchfall begann; so geheim als
mglich machte es sich Tee, und da es ihn nur trank, wenn es niemand sah, so kam
es selten genug dazu. Endlich merkten es aber Annelisi und Christen. Los,
Muetter, es fehlt dir; wo hets, sgs doch, du bist nit zweg. Es sei nichts
anders, sagte nneli, es htte nur ein wenig dr Drlauf, das werd scho bessere,
es htte Kamillentee angerichtet. Hr, auf der Stelle mu man zum Doktor
schicken, das kann man nicht so gehen lassen, wer wei, was es geben knnte,
sagte Christen. Das wre sich wohl dr wert, sagte nneli, so wege eme bitzli
Drlauf zum Dokter z'schicke, er wurd is schn uslache. Man kann noch Brhe
kochen, und wenn es dann nicht bessert, so kann man immer noch luegen. Ja, mit
em Luege ist scho mnge Mnsch gstorbe, antwortete Christen. He, sagte
nneli, emel bis morn wird es nit alles zwnge, und wenns de nit besseret, su
cha me schicke. Es sollte ohnehin jemand in die le und bifehle, da man uns
doch unsern Lewat le; wir haben fast kein l mehr, und ich habe keine Ruhe, bis
wir wieder haben, ich wei jetzt, wie es einem ist, wenn man kein l im Hause
hat.
    Am folgenden Morgen aber war es nneli nicht besser, sondern viel schlimmer;
es war sehr matt, und sein bel hatte nicht abgenommen. Frh lief jemand zum
Doktor ab, mit dem strengen Befehl, sich nicht zu sumen auf dem Wege. Der Bote
kam wieder mit dem Bescheid, die Mutter msse grusam Sorge tragen, mit dem
Drlauf sei nit z'gspasse, dr rot Schade regier, und bs. Nachmittag komme er da
durch (der Doktor nmlich) und wolle dann zuechecho.
    Als diese Nachricht kam, war es, als ob der Blitz eingeschlagen htte ins
Haus, da war kein Gesicht, welches nicht bleich ward, keine Hand, die nicht
zitterte, daran hatte man nicht gedacht; da die Mutter den roten Schaden
bekommen knnte, war ihnen nicht eingefallen, selbst Christeli, der vor der
Ansteckung gewarnt hatte, sinnete nicht mehr an so etwas, da die Mutter ihn
nicht gleich mit sich brachte wie irgend ein Ungeziefer, das man auf der Strae
aufgelesen. Herr Jesis, Herr Jesis, dMuetter dr rot Schade, jammerte alles bis
auf den Gterbub hinunter, den man hinter dem Hause weinend antraf und der
jammerte: Wenn die ihm strbe, so htte er niemere meh uf dr Welt, und aufs
Gutjahr htte sie ihm eine neue Kleidung versproche, wenn er sich gut stelle,
und ihm sie gewi auch gegeben. Christen war ganz geschlagen, hatte fast den
Sinn verloren; wenn er zur Tre aus wollte, so fand er die Falle nicht, mute
lange sie suchen. Man wute eigentlich nicht, warum man so erschrak, noch schien
keine Gefahr da, der Doktor hatte nur vor ihr gewarnt. Aber die Mutter war nie
krank gewesen, nie dahinten geblieben, man sah sie an als des Hauses Vorsehung,
von der alles ausging, und da die auch zurckbleiben, vielleicht gar sterben
knnte, das kam allen erst jetzt in Sinn und schlug daher alle, als ob ein Blitz
durchs Haus gefahren wre. Dem Annelisi, das der Mutter den Zeug geben sollte,
liefen die Trnen stromsweise die Backen ab, und die Hand bebte ihm so gewaltig,
da es weder den Lffel halten noch mit dem Gtterli den Lffel treffen konnte.
Resli mute ihm helfen. nneli blieb gelassen, trstete, sagte, sie sollten doch
nicht so machen wegen ppis, das noch nicht da sei, und wenn es ihn bekomme, so
sei es noch nicht gesagt, da es daran sterben werde, und wenn es strbe, so
htte es ja einmal sein mssen, und gb e chly frher, e chly spter, darauf
komme es ja nicht an, sie htten Ursache, Gott zu danken, da er sie so lange
beieinander gelassen. Vor zwanzig Jahren, da wohl, da wre es ihnen bel
gegangen, aber jetzt seis ja gleich, jetzt knnten sie es machen ohne ihns.
    Als nachmittag der Doktor kam, war auch der rote Schaden da. Was das fr ein
Jammer war! Der Doktor machte erst ein bedenklich Gesicht und sagte: Richtig,
da hey mr ne, wien ih gseit ha. Als er aber die Gesichter der Andern sah, da
trstete er auch und sagte, so sollten sie nicht tun, sie machten der Mutter nur
Angst. Was er machen knne, das wolle er machen, und svli eine gute Frau werd
ppe se Herrgott nit welle la sterbe, es ginge den armen Leuten und allensammen
viel z'bel. Sie kamen ihm noch alle nach bis weit vor das Haus hinaus, um zu
fragen, was er meine, und ihn zu bitten, er solle doch anwenden und alles
machen, was zu machen sei, und bifehle, was sie tun sollten, je mehr je lieber.
Und als sie wieder hineinkamen, sa eins hier ab, das Andere dort, sttzte den
Kopf und barg die Augen hinter die Hand, schlich dann hin und sah, was die
Mutter mache. Es wollte alles wachen, wollte dabei sein, wollte helfen heilen,
und am Morgen stand selbst der Melker frher auf als sonst, weil er nicht mehr
schlafen konnte und die Angst um die Mutter ihn auftrieb, zu vernehmen, wie es
durch die Nacht gegangen. Von wegen, wenn es einem Dienstboten fehlte, so hatte
er sich auch der Mutter zu trsten; sie schlief um seinetwillen manchmal nicht
und stand ungsinnet an seinem Bette mit einem Kacheli. Und wenn er schon brummte
innerlich ber den Trank, so tat ihm doch die Sorge wohl und das Bewutsein, da
er nicht vergessen sei, wenn er schon nur ein Knecht sei.
    Der Anfall war sehr stark fr eine ltere Frau, und der Doktor machte sehr
bedenkliche Gesichter, befahl groen Flei und hatte selbst auch groen. Das
msse einander helfen, sagte er. Am Morgen frh war er schon da und abends kam
er meist wieder, und noch grern Flei hatte die ganze Familie, sie kam nicht
aus den Kleidern; wenn schon nicht alle in der Stube waren, es zog doch Keines
seine Kleider aus, und wenn eins schon schlief, die Unruhe weckte es doch bald
wieder, um vor der Mutter Tre zu horchen, was drinnen vorgehe, oder in die
uere Stube, wo Botschaft zu vernehmen war, wenn jemand aus dem Stbli kam.
    Der Doktor hatte verboten, da man nicht alles in die Stube lasse, weil das
der Kranken nur Angst mache, und namentlich bei dieser Krankheit, wo man immer
aufmsse und die Leute dabei einem hinderlich seien. Damit hatten sie groe Not.
Sobald es bekannt wurde, die Burin sei krank, so kamen die Leute weitherum her
und wollten sie besuchen. Die Stube wre nie leer geworden, eins htte gesagt:
Herr Jesis, wie sieht die aus, die erlebt den Morgen nicht; jemand anders
htte gesagt: Nein aber, wie hat die gleidet, aber es ist schon mancher Mensch
wieder zweg gekommen und ist doch noch viel schrcklicher zweg gewesen. Ein
Schauerfall htte den andern gejagt, und dazu htten sie brav plret, arme
Weiber htten gejammert, und wenn eins Abschied genommen, so htte es gesagt:
He nu so de, umegseh wirde ih dih nmme, aber bete will ih, da dr ppe Gott
dyner Snde vrgeb, und ein Anderes htte gesagt: Ih mue hey, su leb de wohl,
u we mr enangere hie ppe nmme gseh stte, su wey mr hoffe, da mr dert ppe
wieder zsme chme. Sie hatten groe Not, die Menge abzuhalten; es meinte jedes
das Recht zu haben, hineinzugehen, und Leute sind, die halten es fr eine
eigentliche Snde, wenn man nicht alles zum Kranken lt, oder meinen, er liege
in groen Sndenngsten und rede Sachen, die niemand hren solle; eine
Krankenstube, meinen sie, solle ffentlich sein wie die heutigen Kammern oder
Groratssitzungen. Wir verhehlen es nicht, da manchmal sicher mehr Erhebung und
Erbauung zu finden wre in einer Krankenstube als in einem Grorats, oder
Tagsatzungssaal. Indessen kmmt es hier auf das Heil der Kranken an, und wenn
man Sle als Krankenstuben betrachten wollte, so wre es den Patienten darin zu
ihrer Genesung vorteilhafter, sie wren geschlossen, von wegen, es macht der
Kranke sich gerne vor den Leuten forsch und sollte eigentlich auf den Nachtstuhl
oder der grten Ruhe sich befleien und fleiig einnehmen und abfhren.
    Mit lieblichem Wesen und Essen und Trinken dselete man die Leute ab und
schtzte den Doktor vor. Das begriffen Wenige. Die Einen meinten, die Burin
werde gewi schon gestorben sein und z'grslig aussehen, als da sie sie drften
sehen lassen; Andere sagten, sie seien zu vornehm, ppe sonst an allen andern
Orten htte man sie hineingelassen, und die Dritten flsterten endlich, die
Burin mchte gerne was offenieren und ihre Leute begehrten lieber, da es nicht
gehrt wrde und vor die Leute kme, vielleicht, da sie auch diesem oder jenem
was geben mchte, sie sei notti eine gute Frau gewesen, aber die Kinder mchten
es ihnen nicht gnnen. So redeten die Leute auf ihre gewohnte Weise, in der sie
nie denken, was sie reden, so da man von den Meisten hoffen mu, der Grund sei
besser als der Mund.
    nneli aber redete nichts von Sterben, und das machte den Seinen gute
Hoffnung; sie dachten, es msse selber am besten wissen, wie es ihm sei, und
wenn es neuis gsprte, so wrde es es sagen; sie hofften wieder, da der Tod
nicht einsmal kam.
    Und eines Morgens schien der rote Schaden aufgehrt zu haben, da hatten sie
groe Freude, und da es nach svli Leiden schwachs sei, dechte sie nichts
anders. Es strengte selbst sie an, auf den Acker zu gehen, allesamt, Resli knne
bei ihm bleiben. Er htte die ganze Nacht gewachet, da knne er vielleicht ein
wenig schlafen. Wenn es etwas geben sollte, so sei es ja nicht weit, man htte
sie pltzlich. Es war so heiter und schn drauen und allerdings Arbeit not, da
sie gingen, obschon es sie dechte, sie knnten nicht fort, und es war Keins,
das nicht noch vorgab, etwas vergessen zu haben, und nachsah, ob es der Mutter
nicht noch was tun knnte.
    Sind sie alle fort? frug die Mutter. Ich glaube es, sagte Resli, ich
hre keinen Menschen mehr. So komm und sitz da neben mich, ich habe mit dir zu
reden, und ppe laut mag ich nicht mehr. Los, Kind, lang macht es nicht mehr mit
mir, und da mchte ich ab dem Herzen tun, was noch auf demselben ist. E
Muetter, ppe das nit, es wird sicher bessere, wollt Ihr nicht einen Augenblick
schlafen? sagte Resli. Es ist jetzt nicht Zeit zum Schlafen, sagte nneli,
meine Zeit ist aus, ich fhle es, es git de bald e lnge Schlaf zum Leue. Los,
schwyg u gib mr dHand, es ist ja Gottes Wille, da die Einen gehen, die Andern
kommen. Aber eben das ist jetzt mein groer Kummer und das Einzige, wo ich auf
dem Herzen habe, da die noch nicht da ist, die nach mir hier sein wird, da ich
mein Tagewerk niemand abgeben, Mann und Kinder niemere anempfehle kann. Das
drckt mich. Fragen habe ich dich nicht wollen, wie es dir sei im Herzen, ich
habe gesehen, da du viel zu verwerchen hast und das lieber alleine machst. Aber
jetzt mchte ich deinen Sinn doch wissen; liebst das Meitschi, oder sinnest an
ein anderes? Denn eine Hausfrau mut du haben, Annelisi folgt dem Mann, ich dem
Vater droben, da mu jemand anders herbei.
    Nein wger, Mutter, an kein ander Meitschi habe ich gesinnet, wie wollte
ich auch! So liebst das andere noch? fragte nneli. Mutter, ich sollte
nicht, aber aus dem Sinn bringen kann ichs nicht, und wenn ich schon etwas
anderes denken will, es ist immer wieder da und steht mir vor den Augen. Los,
Kind, das freut mich, du nimmst es also, wenn ich nicht mehr bin? Was denkt
Ihr, Mutter, antwortete Resli, da wrs ja, als htte ich auf Euern Tod
gewartet und Ihr wret mir jetzt aus dem Weg gegangen. Nein, Mutter, das soll
niemand glauben. Auch kann ichs nicht vergessen, wie es mir Augen gemacht hat,
so zornige, Mutter, sie haben fry zndet, und kein gutes Wort hat es mir geben
wollen, dr tusig Gottswille habe ich darum bete, wie ih no kei Mnsch bete ha,
un keis Wrtli hets mr gseit, u so hets mih la gah. U so knnt ih niemere la
gah, u wrs my rgst Find. U da soll ih ga anekneue u ga sge: Gottlob, dMuetter
ist jetz tot! U fr was fr es Meitschi? Wo mr keis guets Wort het welle g.
Muetter, wenns als Frau so tt, so west un ltz, ih wr dr unglcklichst Tropf
uf dr Welt u met mih ja schme vor alle Lte, vor Knechte u Mgde.
    Kind, du mut das nicht so nehmen, sagte nneli. Da du nicht auf meinen
Tod gewartet, das wei ppe, wer uns kennt, und die Andern machen uns nichts.
Und wegem Meitschi mut du nicht so sein und das svli hch ihm nh. So wege
einem einzigen Augenblick es zu verstoen aus deinem Herzen, und ds Meitschi
hanget a dr, denk doch, wenn unser Herrgott auch so sein wollte!
    Nein, Mutter, wenns mich lieb htte, so htte es nit so ta; es ha scho hie
son es gspssigs Gsicht gmacht, ih ha nit gwt, was ih drus mache sll, es het
mr himmelangst gmacht, antwortete Resli.
    Ich habe der Sach auch nachgedacht, Kind, und anfangs hets mih duret; ich
habe geglaubt, es gefalle ihm hier nicht, man warte nicht gut genug auf und
erweise ihm nicht genug Ehre, und bin fast mitreus worde. Da ists mir
aufgegangen auf einmal, es ha mih decht, sein Mnteli sei ein Fenster, und was
dahinter sei, knne ich sehen, so deutlich, wie wenn es mir vor Augen wre, und
doch ist der Spiegel eigentlich in meinem Herzen gewesen, und was ich in dem des
Meitschis erkannte, las ich eigentlich ab in mir. O Kind, glaub, wenn man sich
zurckbesinnt, wie es einem gewesen und was man gedacht und erfahren, so ist das
gerade, als ob man lesen knnte eine unbekannte Gschrift, wo die meisten
Menschen nicht einmal die Buchstaben sehen, geschweige dann sie verstehen. So
ists mir gegangen. Von meinem Vater habe ich nie viel gesagt, aber betet fr ihn
viel. Er hat viel wst getan, daheim und in den Wirtshusern, es ha mih mngist
decht, ih mcht i Bode schlfe, un wenn Lt drby gsi sy, su han ih nit viel
gseit, aber es Gsicht gmacht akkurat wie dys Meitschi, u ha so weni as mgli
vorufgluegt, damit ih dr Vater nit gsch u nit, was dLt fr Auge mache, un es
guets Wort htte ich keinem Mnsche chnne g, und htts ds Lebe golte; es het
mih decht, ih mcht entweder plre oder tubele, da es kei Gattig htt. Und
mein Vater wre mir doch noch lieber gewesen als der Andere, e so west mit
Mrte un uf e Gyt hi Jeste ist er doch de nit gsi. Das hat das Mdchen drckt,
hier hats ihm gefallen, und viel ist ihm ungewohnts gewesen; ich habe mich dann
wohl geachtet, wie es dies und jenes gschauet het und wie es ihm fremd gewesen,
und daheim wars grusam gerne fort, bsungerbar wenns so e Weste hrate stt, und
grusam angst ists ihm worde, es gb aus allem nt, bsunderbar wo dr Alt so
uvrschanti Geding gstellt het. Es htte gerne was mgen dazu reden, aber es hat
sich nicht trauet, hat Kummer gehabt, es met afa plre u zeige, wies ihm drum
wr, oder es chnnt dSach verstre; ih ha recht Erbarme mit ihm gha. Und grad
so, es decht mih, ich sehe es, wird ihm daheim gewesen sein, wo du und der Alte
die Kpf gegen einander gemacht; es ist ihm bers Herz cho, und was es so lang
vrha het, ist usbroche; die Meisten, glaub mirs, htte no wester ta.
    Mutter, ich will Euch glauben, sagte Resli, da es ihm so gsi ist, aber
tue htts nit so slle, ih htt kes Herz meh zun ere Frau, die so Auge macht und
kes Wort meh vo re g will, gb wie me ahet. Eine schcht das, e Angere dieses,
aber selligs ist mir grusam zwider, wo de vor all Lt chunt un dChilche- und
dMritlt drvo rede, wie die Frau aber ta heig un usgwetet, si syg gar nit by
re selber gsy meh.
    Hre, Kind, sagte die Mutter, du bist unbarmherzig, wegen einem Male
willst du das arme Kind verwerfen, welches nicht so getan htte, wenn es dich
nicht so lieb gehabt. Glaub mir, eben die, wo an einer Frau keinen Fehler
wollen, die werden am meisten gestraft, eben die, wo nicht genug auslesen
knnen, werden am ftersten betrogen, von wegen, die aufrichtigen Mdchen denken
nicht daran, die Heuchlerinnen zu machen, die pfiffigsten aber merken, was
Trumpf ist, verstellen sich und fhren sie an. Glaub mir, eine ohne Fehler
erhaltest du nicht, und wohl dir, wenn du die Fehler vorher weit. Glaub mir,
wenn wir jung sind, knnen wir alle recht bse werden. Lies aus, wie du willst,
behaltest du nicht Geduld und Liebe, best Sanftmut, wirst ein rechter Mann, den
die Frau stimieren mu, und hilft Gott nicht nach, so hilft dir alles Auslesen
nichts. Du hast mich so lieb und willst ds Muster fr eine Frau an mir nehmen,
willst von einer Jungen fordern, da sie sei wie eine Alte, die dur so vieles
duremesse het; Resli, ist das recht; Glaub mir, wenn du mich jung gekannt
httest, du httest mich nicht genommen, ich wre dir z'west und z'wild gsi.
Aber fr was ist me uf dr Welt, als fr sih z'bessere? Du willst das Meitschi
vrstoe und denkst nicht, wie es so einem armen Kind sein mu, wenn an einem
einzigen Wrtchen sein Glck hanget, und vielleicht das zeitliche und ewige
Glck, und das Wrtlein wird nicht gesprochen, und das Glck geht unter, denk
dir das! Und das Mdchen mu da zusehen und darf nicht viel dazu sagen, darf
nicht zeigen, wie es ihm ums Herz ist, und soll da gleichmtig bleiben, aber
Resli, denk! Eine Abgefeimte wre dir um den Hals gefallen und htte es mit
Flattieren versucht, das Meitschi tat aufrichtig, tat, wie es ihm war, und das,
Resli, willst du ihm bel nehmen? Nein, tu mir das nicht, versprich mir, du
wollest ihm verzeihen und es wieder suchen. Versprich mirs, denk daran, du hast
auch Snden und mangelst Barmherzigkeit. Das wr no mys einzig Bigehre uf dr
Welt, de wett ih gern sterbe. Glaub mr, ih has lang berlegt, ih wei, was es
Hus vrma, in einem andern Haus wr ich auch anders geworden. Es ist i mngem
Hus, als ob e guete Geist drin wr, mi cha nit angers, un es wird mr meh un meh,
als wenn ih ne gsprti; wer wei, viellicht gsehn e bald.
    Mutter, redet nit so, wollt Ihr was? sagte Resli. Wotsch mrs vrspreche,
wieder um das Meitschi z'luege? Mutter, aber wie soll ich, soll ich mich
wieder lassen wegjagen wie ein Hund? Ja, wenn ich ein gutes Wort htte von ihm;
aber so mu ich glauben, es habe mich nicht lieb, und kein Zeichen hat es
seither getan.
    Da sah er einen eigenen Schein fahren ber der Mutter Gesicht, sie faltete
die Hnde, er erschrak. Mutter, Mutter, was hast? frug er. Er sah ihre Augen
gegen die uere Stube blicken, dorthin deutete sie; er sah sich um, dort stand
in der Zwischentre, den Kopf an den Pfosten gelehnt, sein Meitschi, Arme
Mareili, bla, mager, und weinte bitterlich.
    Da stand Resli, als ob ein Geist vor ihm stnde, weder Laut noch Schritt
stund in seiner Macht. Da streckte Anne Mareili ihm die Hand entgegen. Bring
mrs, sagte nneli leise. Was sie gebot, tat Resli willenlos, und nneli fate
Beider Hnde und sagte: Jetzt sehe ich, da ich Gott lieb bin; was ich noch
gewnscht, hat er mir gegeben. Jetzt bleibt beisammen, seid treu einander, seid
aufrichtig, und was eins im Herzen hat, das zeigs dem Andern, da es kein
Miverstndnis gebe. Miverstndnisse sind schrcklich, sie wachsen mitten aus
der Liebe heraus, sie wachsen zwischen die Herzen hinein und sprengen sie von
einander. Sinnet daran, denket an uns und habt einander immer lieb, denket dra,
ih luege uf ech. - Resli, gang lauf, ref se, es duret nimme lang, ih gspres -
es wird mr so kalt, ih mcht se no alli gseh. Lauf, spring!
    Als er drauen war, frug nneli Anne Mareili: Gll, du hest mr ne lieb un
lebst ihm zGfalle? Da sank Anne Mareili vor dem Bett auf die Knie und
schluchzte: O Mutter, o Mutter, Ihr seid kein Mensch, ein Engel seid Ihr; oh,
wenn ich sein knnte wie Ihr! Nein, kein Engel, e schwache Mnsch, sagte
nneli, aber se Herrgott macht mih viellicht drzue. Wennd dr Wille hest u nit
vo sem Heiland last, su wirst o eine, wirst besser als ih, du hest e herteri
Schuel gha als ih. - Lieb mr ne geng u bis ufrichtig, er ist mr o grusam lieb
gsi, ume z'lieb, aber er ist on e Guete, e bessere Bueb gits nit uf dr Welt. -
Gll, du hest mr ne lieb u schickist dih in e! - Glaub mr, es geiht dr guet, du
weit no nit, wie guet er ist u wie er es Herz het. - Es het mih hert von ihm,
er ist mr lieb, ih chas nit sge, aber se Herrgott wird mrs wohl vrzieh, er het
mr ne ja g. - Hb mih e weneli, ih mcht ufsitze. - Es wird mr so wunderlich,
so kalt, und doch so heiter vor de Auge; geiht mr scho di anderi Welt uf? - Wenn
si doch kme, ih wrd se gern gseh, alli bi enander; e nu so de, so han ih doch
dih gseh. - Wenn er krank wird, gll, du hest Sorg zun ihm und wehrst ihm ds
Werche ab? - Ghrst nt, chme si? - Wenn si nume chmte. - Deck mih besser, es
ist, als wetts mih frre ums Herz. - Wennd zornig wirst, erzeigs nit, gang dnne
u bet es Vater Unser! - O Gott, Gott, witt mih, es decht mih, ih gseyh my
Muetter!
    Da kamen die Gerufenen, weinend, in voller Hast. Anne Mareili erschrak,
wollte Platz machen am Bette, es war ihm, als htten die Andern nheres Recht,
es ward ihm auf einmal wieder so fremd und leid ums Herz. Aber nneli hielt
seine Hand und sagte leise: ses King! Heits lieb! Es ist jetz di neui Muetter.
- Zrnet mir nt u sinnet allbeeinist a mih! - U du, bhb mih lieb, sagte
nneli zu Christen, ih will dr on es Pltzli sueche im Himmel. - Dann nahm es
seine Hnde zusammen, die blassen Lippen bebten, in eigenem Glanze schlug es
seine Augen empor. So betete es leise, leise neigte sein Haupt sich auf die
Seite - um eine gute Frau, um eine gute Mutter war die Erde rmer.

                                     Schlu


Meine gnstigen Leser werfen mir so oft vor, meinen Erzhlungen fehle der
Schlu, da ich gentigt bin, die Schlsse frmlich herzusetzen. Ich beginne
also hier damit, da auch hier der gleiche Tadel sich erheben knnte. Allerdings
ist die Neugierde in Beziehung auf die persnlichen Verhltnisse nicht
vollstndig befriedigt; die Umstnde, welche Anne Mareili an der seligen Mutter
Bette brachten, sind nicht angegeben, nneli ist nicht zur Erde bestattet, die
Hochzeit von Anne Mareili und Resli nicht gefeiert. Das alles htte sich wohl
erzhlen, einschalten lassen, wenn der Verfasser blo die Neugierde seiner Leser
im Auge htte. Aber er ist untertan einem eigenen Geiste, der in jeder Erzhlung
lebendig wird, sie leitet und schliet; der Verfasser kann eine Erzhlung
beginnen, aber dieser Geist ist es, der sich ihrer bemchtigt und sie gestaltet
nach seinem Willen. Es ist dieser Geist ein eigentmlich Wesen, er war es, der
mit nnelis Tod einen freundlichen Schlustein setzte der Erzhlung Geld und
Geist, welche die Leser so freundlich aufgenommen. Das Betragen des Kellerjoggi
und des Dorngrtbauern, Anne Mareilis Leiden und das Ereignis, welches ihns nach
Liebiwyl brachte, htten den Schlo nur getrbt, freilich den Gegensatz greller
gemacht, aber vielleicht neue Klagen ber die Lnge der Erzhlung erzeugt, zum
Verstndnis des Ganzen, zur Verklrung des Bildes einer guten Mutter nichts
beigetragen. Die Leute sind manchmal wunderlich, klagen bald ber Krze, bald
ber Lange; teilweise ist es mir schmeichelhaft, teilweise wohl peinlich Es lt
sich Holz nach Schuhen messen, Kopistenarbeit nach der Seitenzahl, aber wie lang
sein Kind werden wird, wei kein Vater, und wenn dasselbe ber Gebhr auswchst,
ein Mdchen z.B. ber sechs Schuh hinaus, so wird kein Vater zu finden sein, der
den natrlichen Wachstum knstlich oder gewaltsam hemmt, unten oder oben abhaut.
Freilich mgen Krperteile zu kurz oder zu lang sein; aber wo ist der Vater, der
vollstndiges Ebenma in seiner Gewalt hat, und wo ist der Vater, der
Verkrzungen und verunstaltende Verlngerungen immer richtig erkennt; erkennen
es doch die Leser selbst nicht, denn wenn man ihnen das Urteil berliee, wo
abzuschneiden, wo zuzusetzen sei, so wrden sie vielleicht nach langem Reden
darin einig werden, das Ding sein zu lassen, wie es von Anfang gewesen.
    Es wre leicht mglich, in einigen folgenden Bndchen den Tod des
Dorngrtbauern zu zeichnen, den Gegensatz zu zeigen zwischen dem Tod im Geiste
und dem Tod im Gelde; aber eben der Geist weigert sich dessen. Erstlich weil er
sich nnelis Tod nicht trben lassen, weil er zweitens nicht von sich sagen
lassen will, er htte es, trotzdem da er im Geist sei, doch nur aufs Geld
abgesehen. Somit ist die Erzhlung Geld und Geist vollendet.
    ber den Verhltnissen stehen die Persnlichkeiten, wie ber der Neugierde
die Liebe. Sollte es mir gelungen sein, den in vorstehender Erzhlung
aufgestellten Persnlichkeiten Leben einzuhauchen, Leben, welches Leser lieb
gewonnen, lieb gewonnen wie das Leben werter Bekannter, teurer Kinder, welches
sich entwickeln zu sehen zu den wesentlichsten Lebensgenssen gehrt, so da man
im Geiste sie fortbildet, auch wenn Gott den Faden derselben abbricht, die
Erscheinung lscht, sie andershin versetzt: so steht der Entwicklung dieser
Leben in neuem Rahmen nichts im Wege als zwei Dinge: Erstlich das Mitrauen, als
ob solche Erzhlungen ebenso viele Schrepfhrner sein sollten, angesetzt den
Finanzen des Publikums. Der Verfasser sagt es dem Publikum frank und frei ins
Gesicht, da er weit mehr zu des Publikums Nutzen zu schreiben glaubt als zum
eigenen. Zweitens der Kopf des Verfassers und die Zeit, welche Gott ihm gibt.
Dieser Kopf ist ungeordnet, unorganisiert, treibt allerlei einem neu
aufgebrochenen Acker gleich, dessen wilde Triebe nicht gezhmt und geregelt
worden; die Zeit aber des Ausfhrens wird kaum mehr lange dauern, denn spt ward
der Acker aufgebrochen, eine beschrnkte Zeit hat jede Jahreszeit. Wie kein Jahr
nur aus einem Frhling besteht, welcher Leben, und einem Sommer, welcher die
Reife bringt, sondern auch aus einem Herbste, in welchem wohl manches keimet,
aber fr einen andern Sommer, und einem Winter welcher die feierliche Ruhe
bringt zur Sammlung fr den andern Sommer: so werden die Leben selten gefunden,
welche die schaffende Kraft und die Wrme, welche zur Reife das Geborne fhrt,
bis zu ihrem Ende bewahren. Wie nahe dem Verfasser der Herbst schon ist, der
Saaten keimen ltt doch nur fr einen andern Sommer, wie nahe der Winter der
nichts mehr gebiert, sondern das Geborne nur wahre fr das neue Gottesjahr, das
wei eben Gott alleine.
