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Herkommen. Erste Jugend. Düsseldorf
1785–1790










[7] Daß die Stellung der Himmelskörper im bestimmten Augenblicke der Geburt eines Menschen auf dessen ganzes Geschick einen entscheidenden Einfluß übe, kann man schon gelten lassen; wenigstens liegt in dieser Annahme der Sinn eines großen Verhältnisses, in welchem der Mikrokosmus zu dem Makrokosmus unmittelbar zu stehen sich wohl berühmen darf. Näher indes als die Berechnung und Deutung jenes Einflusses der Gestirne drängt sich uns heutigestages als bedingend für das anhebende Einzelleben die Stellung der Geschichtsbahnen auf, in welche die neue Geburt eintritt; und von Goethen hierzu angeleitet, müssen wir diesen einige Betrachtung widmen, um den nachherigen Verlauf klarer einzusehen.
Das Jahr 1785 bezeichnet, wie jeder Zeitpunkt der Geschichte, eine ganz bestimmte Stufe von Gewordenem und Werdendem und darin für jeden, der diesem Moment angehört, ein unwiderruflich gegebnes Schicksal. Was auch die Umstände sonst, günstig oder ungünstig, darbieten, wie auch Gesinnung und Kräfte innerhalb des freigelassenen Raumes auf die Schranken selbst zurückwirken, immer bleibt die allgemeine Notwendigkeit jenes besondern Moments das Umfassende und Bedingende, dem nicht zu entfliehen ist. Auch in meinen Lebensereignissen kann ich das Entscheidende jenes Anfangspunktes überall deutlich genug verfolgen, und daß ich damals, dort und unter solchen Umständen geboren wurde, erkenne ich, wenn auch nicht als meine[7]  erste Tat, wie ein Freund es einst allzu stark ausdrücken wollte, doch als meine erste Habe und unverlierbare Mitgift, deren Signatur in allen meinen Begegnissen sich wiederfindet.
Das achtzehnte Jahrhundert hatte seine weitaussehenden, mit allgemeiner Anstrengung verfolgten Aufgaben bereits tüchtig gefördert, das Mühsamste und Undankbarste seiner Arbeiten war getan, das Wünschenswerteste glaubte man nah, die bewegteste Entwickelung war im Gange, die gewaltsamsten Erfolge aber standen noch bevor. Die eigentliche Mitte, von woher eine gänzliche Umwandlung aller europäischen Lebenszustände betrieben wurde, war Frankreich; religiöse Denkart, Staatsverfassung, Erziehung, Geselligkeit, alles wollte sich auf neuen Grundlagen völlig verändert erheben, die alten Verhältnisse wichen, der Staat selbst erwies sich alsbald fügsam, und die lebhafte, geistreiche, für Umgang und Mitteilung höchst ausgebildete Nation wirkte durch ihre Gaben und Tätigkeit unwiderstehlich auf die andern Länder ein, selbst Polen und Rußland nicht ausgenommen, wel che weder entlegen genug noch so weit zurück waren, um sich dem anmutigen und verheißenden Einfluß entziehen zu können. Die neue Richtung gewann die Häupter der Nationen, die Kaiser, Könige, Fürsten, und hatte sich der höheren Stände längst vollkommen bemächtigt, ehe sie zu den mittlern und untern gelangen konnte. In Nordamerika hatte dieser Einfluß zu einer neuen Freiheitsgestalt mitgewirkt, gegen welche die in England und Holland, in der Schweiz und zum Teil auch in Deutschland bestehenden Formen der Freiheit nur noch als ein Schein galten.
Man würde jedoch sehr irren, wenn man den Anteil der Deutschen an der umfassenden Arbeit dieses Jahrhunderts für geringer halten wollte als den der Franzosen, obgleich der Glanz des voranschreitenden Tuns meist bei diesen war; jene hatten nicht minder einen völlig neuen Lebensinhalt hervorgearbeitet, der seiner neuen Formen harrte[8]  und inzwischen nachhaltig überall einwirkte, wo diese daheim und in der Fremde sich öffneten. Der preußischen Monarchie leuchtete noch das letzte Jahr Friedrichs des Großen, für die österreichischen Erblande und das deutsche Reich wirkten schon die lichten Bestrebungen Kaiser Josephs des Zweiten. Auf größeren und kleineren Thronen sah man die Zöglinge der Menschenfreundlichkeit, der Aufklärung, der Duldungs- und Gleichstellungslehren; in vieljährigem Frieden war Wohl stand, Verkehr, Untersuchung und Einsicht aller Art gewachsen; alle Stände befleißigten sich der Bildung, der Ablegung von Vorurteilen, und die Nation hatte für ihren allgemeinen Aufschwung, für ihre Gesinnung, für ihre Gemüts- und Gedankenkraft eben jetzt in Literatur, Sprachausbildung und Kunstbestreben so glückliche als harmlose Organe errungen. Indes hielten die alten Einrichtungen noch vor, und das Leben wogte frisch und kräftig, aber zugleich bescheiden und erfreulich zwischen seinen oft seltsam verbauten oder ganz vernachlässigten Ufern hin.
Am Niederrhein schlugen die Wellen dieser deutschen Fluten besonders lebhaft und vielartig. Dem Handelsverkehr mit Holland und England offen, nach Frankreich in beständiger Teilnahme an dortiger Bildung und Mode hingewandt, von Österreich in Belgien, noch näher von preußischer Macht berührt, aus fürstlichen Gebieten, freien Reichsstädten, erzbischöflich-kurfürstlichen und andern geistlichen Herrschaften zusammengesetzt, ritterschaftliche, mönchische, bürgerfreie Elemente vereinend, boten diese Gegenden das wunderbarste Gemisch von lebendiger Wechselwirkung.

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Düsseldorf ragte in mannigfacher Beziehung günstig hervor. Früher eine fürstliche Residenz und noch stets, wiewohl die kurpfälzische Hofhaltung immer in Mannheim blieb, als solche angesehen und gehalten, als Hauptstadt der Herzogtümer Jülich und Berg der Sitz einer eigenen Landesregierung, nach bequemer Lage am Rheinhandel teilnehmend, heiter gebaut und fortwährend erweitert und[9]  verschönert, durch gebildete Einwohner von freiem und munterm Sinn, durch zahlreiche Beamte, Militär, benachbarten reichen Adel und viele Fremde belebt, welche zum Teil wegen der berühmten Bildergalerie verweilten, im Winter auch wohl um des zuzeiten wohlbesetzten Schauspiels willen kamen, durfte diese Stadt unter die vorzüglichsten und angenehmsten am Rhein gezählt werden. Als namhafte Repräsentanten dieses Lebenskreises kann ich zuvörderst den Kanzler Grafen von Nesselrode nennen, der mir als ein edles Bild hoher Amtswürde und milder Vornehmheit noch vor Augen steht, dann seinen Sohn, der innig befreundet mit Jacobi und in brieflichem Verkehr mit dem Grafen von Mirabeau war, den Freiherrn von Hompesch, den Hofkammerrat Beuth, der eine schöne Kunst- und Naturaliensammlung besaß, den Medizinalrat Brinkmann, den Regimentsarzt Nägele, ferner manche Offiziere, Kaufleute, Künstler und Schauspieler, die durch Talent und feines Betragen zu der besten Gesellschaft Eingang hatten; als Frauen von höchster Auszeichnung sind zwei Gräfinnen von Hatzfeld, die beiden Schwestern Jacobis und die jüngere Gräfin von Nesselrode schon aus anderweitigen Erwähnungen bekannt; unter den gebildeten Damen der vornehmen Klasse fehlten aber auch solche nicht, deren glänzende Vorzüge nicht immer günstig zu beurteilen waren.
Durch Jacobis Nennung ist schon ein Mittelpunkt bezeichnet, mit dem die ersten Geister des Vaterlandes in Verbindung standen und dessen Strahlen sogar über Deutschland hinaus sich verbreiteten. Zunächst aber gehörte er durchaus dem Niederrhein und dessen Nachbarschaft an, indem mit Köln, Aachen, Koblenz und auf andrer Seite mit Elberfeld, Duisburg, Xanten, Münster der lebhafteste Verkehr unterhalten wurde. In Pempelfort, neben einer bedeutenden Fabrikanstalt, gab ein schönes großes Wohnhaus und angenehmer Garten die reichste Gelegenheit zur edelsten Gastfreundschaft, die selten in solcher Ausdehnung mit glücklichem Maß und ohne allen Prunk so reichlich ausgeübt[10]  worden. Dies Verhältnis war für Düsseldorf, wo Jacobi seines Amtes wegen ebensooft wie in Pempelfort war, überaus belebend, und Geselligkeit, Literatur und Kunstbildung hatten ihren festen Anhalt an ihm. Ich habe späterhin oft bedauert, daß von diesem Hause, mit welchem doch mein Großvater schon wohlbekannt gewesen, mein Vater sich aus einer, ich weiß nicht welcher, stolzen Verstimmung zurückgehalten hat. Er pflog niemals Umgang nach jener Seite hin, wiewohl er die Personen nach Gebühr achtete und von ihrem Dasein und Wirken vielfach berührt sein mußte.
Meine frühesten Eindrücke und Erinnerungen sind nicht aus dem städtischen Leben, sondern von Garten und Flusse her. Das kleine Haus, welches wir in einer Seitenstraße bewohnten, ging rückwärts auf den Rhein, dem hier noch grade soviel Boden abgewonnen war, um ein Gärtchen und ein schmales Weidenufer zu bilden, durch einige vorgelagerte Felsenstücke gegen den Andrang des Stromes, selbst bei einigem Schwellen desselben, ziemlich geschützt. Aus einem Fenster des Wohnzimmers führten Treppenstufen in diesen Raum hinab, der in seiner engen Umhegung, nach kleinstem Maßstabe mit Rasen und Beeten, Sträuchern und Bäumchen versehen, bei großem Himmelsblick und reicher Aussicht aufwärts auf die mächtig vorüberströmende Wasserflut und ihre jenseitigen Ufer, bei nährend gesunder Luft, von Sonnenwärme und frischem Hauche zugleich getroffen, in seiner stillen, gedrängten Abgeschlossenheit uns Kindern ein wirkliches Paradies war und als solches mir noch jetzt vor Augen schwebt. Ich erinnere mich deutlich des genossenen reinsten Glücks, der unschuldigsten Freudigkeit des Gemüts, des klarsten Auffassens der Welt und des harmlosesten Verbringens schöner Tage. Meine Schwester, Rosa Maria, doch gewöhnlich Röschen genannt, um anderthalb Jahr älter, gewährte mir das Glück einer lieblichen, in Spiel und Ernst gleich wohltätigen Genossenschaft und dabei eines reiferen Vorbildes, für Rat und Anhalt immer bei der Hand. Wir liebten uns wahrhaft, hatten ein unbeschränktes[11]  Kindervertrauen zueinander, und wenn ja kleine Zänke eintraten, dessen ich mich doch kaum erinnere, so gingen sie schnell und spurlos vorüber.
Selten wagten wir die Hecke des Gärtchens gegen das Wasser hin zu überschreiten; die Gefahr stellte sich uns um so erschreckender vor Augen, als eines Morgens sich ergab, daß ein Rabe, der zahm und redend uns so vertraut geworden als wunderbar geblieben war, sein Gitterhaus über Nacht durchbrochen und wahrscheinlich, da er nicht fliegen konnte, seinen Tod im Rhein gefunden hatte. Um so reizender war es, wenn wir denn doch zuweilen, unter Aufsicht des Vaters, über die strenge Grenze vorgingen, das mit Weiden und Gebüsch bewachsene Ufer durchstörten, die daran festgelegten schwimmenden Floßbalken betraten, möglichst nah die großen Schiffe und die ungeheuern Flöße, die, von vielen hundert Armen fortgerudert, nach Holland hinabgingen, stolz vorbeiziehen, Nachen heranrudern, zuweilen Schwimmer sich ergötzen sahen oder auch nachsinnend zu unsern Füßen das lebendige Spiel der Wellen und Wirbel betrachteten und wohl gar in das reine Wasser unsre Stückchen Weißbrot eintauchten, die so benetzt uns das labendste Gericht dünkten.


Von meinem dritten Jahre ungefähr bis über mein fünftes hinaus sind meine Erinnerungen in dieser Gartenlust zusammengedrängt als das Bild eines ununterbrochenen großen Sommers, so wie die dazwischenliegenden Winter gleichfalls zu einem zusammenhängenden Ganzen sich mir ausgeschieden haben. Die Zeitbestimmung meines fünften Jahres wird mir durch den Umstand sicher, daß mir ein anhaltendes allgemeines Glockengeläut, welches aus den kurkölnischen Ortschaften, und besonders von Neuß her, lange Zeit tagtäglich in regelmäßigen Fristen erschallte, durch sein betrübendes Einerlei, das der Rhein als Leiter nur allzu hell heranführte, zur unleidlichsten Qual wurde; dieses Geläute aber geschah wegen des Ablebens Kaiser Josephs, der am 20. Februar 1790 gestorben war.[12] 
Mit dieser stillen Gartenlust wetteiferte bald ein buntes Teilnehmen an lebhafterem Verkehr. Der schöne Hofgarten wurde mit beiden Eltern und der Schwester häufig besucht, ich fing an, den Vater auf vielen seiner Ausgänge zu begleiten, zu städtischen Besuchen, auf das Land zur geselligen Einkehr in nahen Gärten und Dörfern oder auch zu entfernteren Ortschaften, nach Grafenberg, Benrath, Neuß, Ratingen, Zons, wohin den Vater zum Teil Amtsberuf, zum Teil das Bedürfnis größern Ausflugs führte. War die Wanderung zu Fuß, so trieb ich gewöhnlich dabei ganz für mich ein Spiel abenteuerlicher Vorstellungen und abgesonderten Hinlaufens, welches ich beim Nachhausegehen dann wohl mit peinlichster Ermüdung büßen mußte, wenn nicht mein Vater, dessen Liebe sich grenzenlos erwies, dadurch zu Hülfe kam, daß er mich weite Strecken zärtlich auf dem Arme trug. Auch in das Theater, welches jeden Herbst in Düsseldorf sich einfand, wurde ich frühzeitig mitgenommen und habe zwischen Mutter und Schwester, obwohl ich sogar letztere manchmal darüber lächeln sah, bei rührenden Vorgängen, die ich doch nur im allgemeinen als solche fassen konnte, heiße Tränen geweint.
Was aber inmitten aller dieser Dinge meinen Sinn und ganzes Dasein außerordentlich erhob und meinem Bewußtsein einen ungewöhnlichen Schwung gab, war die Sonderbarkeit, daß ich, wenigstens zum Ausgehen, als Türke gekleidet war. Das achtzehnte Jahrhundert hatte in seinen Zügen, ehe sie schrecklich wurden, ungemein viel Kindisches, besonders in Deutschland, wo die Vorstellungen und Triebe eines lebhaft angeregten Bessern, zu dem man strebte, für die Ausübung in die engsten Schranken geklemmt waren und da, wo sie sich nun doch Luft machten, oft nur als närrische Spielereien hervorkamen. Sprachbildung und Kinderzucht waren die jedem Tätigen am nächsten offnen Gebiete; wer sonst nichts konnte, machte sich eine eigene Orthographie, worin die Deutschen, zwischen den siebzig und neunziger Jahren, zahllose Versuche angestellt, oder bearbeitete[13]  seine Kinder, was niemand wehren konnte. Durch Jean-Jacques Rousseaus dringende Mahnungen war man auf bequeme, der Gesundheit vorteilhafte Bekleidung der Kinder allgemein bedacht, er selbst trug sich armenisch, die orientalische Tracht überhaupt hatte unleugbare Vorzüge, und mit ihr stimmten die neuaufgebrachten Kleidungsstücke wenigstens in Weite und Fülle überein. Es war nur ein Schritt auf diesem Wege weiter, machte aber dennoch allgemeines Aufsehn, als mein Vater, mit eigengesinnter Kühnheit, seinen Knaben völlig türkisch gekleidet einhergehen ließ. Ich war lange Zeit für Erwachsene und Kinder ein Gegenstand des Staunens, des Bewunderns, wohl auch des Neides, denn mein Kaftan und meine Schärpe leuchteten in buntem Glanz, und mein Bund war mit Perlen und Steinen reich besetzt. Das Ärgernis einiger pfäffischgesinnten Leute, welche von solcher, den Ungläubigen nachgeahmten Kleidung auch auf die unchristlichen Grundsätze schließen wollten, die sich darin argwöhnen ließen, konnte nur den Trotz verstärken und die Befriedigung erhöhen, welche mein Vater dabei empfand, daß dieser Augenscherz auch ein erfreuliches Bild sein wolle, das auf die allgepriesene Toleranz so glücklich hindeutete.
Mit dem Aberglauben und Pfaffenwesen stand mein Vater längst in offnem Kriege. Schon seine Heirat mit einer Protestantin hatte sehr mißfallen, noch mehr aber wurde ihm übelgenommen, daß, während man diese sich fleißig zu ihrer Kirche halten und selten am Sonntage die Predigt versäumen sah, er selber die katholischen Gebräuche gänzlich vernachlässigte und auch sein Söhnchen ohne deren sichtbare Übung aufwachsen ließ. Wer mit ihm in näheres Gespräch kam, blieb auch nicht lange zweifelhaft über seine Denkungsart, die er freimütig und heiter vortrug und mit Gründen und Beispielen geschickt zu belegen wußte. Die Mehrzahl seiner Mitbürger, die Vornehmen durchaus, der Mittelstand aber größtenteils, stimmten im wesentlichen mit ihm überein; die Aufklärung war von allen Seiten wirksam, nicht nur[14]  von der weltlichen, sondern auch von der geistlichen selbst; Bischöfe und Äbte, Pfarrer und Mönche wetteiferten in dem Bestreben, sich selber als Teilnehmer an dem wohltätigen Lichte des Jahrhunderts darzutun und dieses Licht auch im Volke zu verbreiten. Die meisten wollten hierbei doch mit einiger Klugheit verfahren und mußten es auch, insofern sie den eigenen Boden, der sie trug, einstweilen noch zu schonen hatten; andre hingegen trieben ihr Werk mit rücksichtslosem Ungestüm, den eingebornen Fanatismus, der unter andern Umständen die Ketzer verfolgt hätte, jetzt gegen das Dogma selbst wendend. In den obern Ständen waren zwei Richtungen auffallend zu unter scheiden, die eine, verfeinerten und verwegenen Geistes, leugnete und verspottete alles, was dem Verstande und den Sinnen nicht genehm war, wollte aber, weltmännisch klug und herzlos selbstsüchtig, dieses vermeinte Höherstehen für sich allein behalten und das gemeine Volk in Wahn und Dumpfheit halten; die andre Richtung, weniger stark in sich, aber um so verbreiteter, wagte nicht zu leugnen und zu verspotten, was sie im tiefsten stets noch als ein geheimer Schauder durchzuckte, betäubte sich aber gegen alles, was sie im sinnlichen Genusse des Lebens stören wollte, und begnügte sich, kaum einmal im Jahre oder auch wohl erst beim Annähern des Todes, in kirchlichen Äußerlichkeiten eine Art schwächlicher Abfindung mit dem Himmel zu suchen. Keiner dieser beiden Richtungen gehörte mein Vater an; von der letztern trennte ihn sein freier, durch Bildung und Nachdenken selbständiger Geist, von der erstern mußte seine allgemeine Menschenliebe ihn scheiden, sein warmes Herz für das Volk, das er nicht der Bevormundung dünkelhafter Selbstsucht preisgegeben, sondern zur Teilnahme an jeder Bildung und Freiheit emporgehoben sehen wollte. So stand er unter scheinbar Gleichdenkenden mit seiner Gesinnung doch ziemlich allein, stützte sich auf keine Genossenschaft, hielt sich zu keiner Partei. Diese Art wird von gegnerischer Seite immer am ersten und heftigsten angefeindet und fällt ihr am schnellsten zum[15]  Opfer. Im allgemeinen achteten und liebten ihn seine Mitbürger, die Armen wußten ihn zu ihrer Hülfe stets bereit, auf seine Redlichkeit, seinen Eifer konnten alle rechnen. Aber ein Kern von Pfäffischgesinnten, der sich im Dunkel enger zusammengezogen hatte und sich im stillen stets wirksam erhielt, wählte ihn früh zum Ziele des Hasses und der Verfolgung. Anfangs lachte er des machtlosen und ihm, wie er glaubte, unschädlichen Bestrebens und fand die ausreichendste Genugtuung in dem Zutrauen, welches auch die entschiednen Feinde ihm als Arzt erwiesen, denn in ernsten Krankheitsfällen wurde nur immer er zu Rate gezogen, mit großem Ärger eines frömmeren Kollegen, der fleißig in die Messe und zur Beichte ging und an dessen Seelenheil dieselben Leute nicht zweifelten, die ihr leibliches doch lieber in andre Hände legten! In späterer Zeit, als die pfäffische Feindschaft mit weltlichen Umständen sich verbünden konnte, wußte sie ihre verkannte Kraft leider rücksichtslos genug fühlbar zu machen.

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Zwei Gattungen von Menschen hingegen, welche in jener Zeit als entschiedenster Gegensatz alles Pfaffenwesens galten, waren meinem Vater besonders befreundet, die Militärpersonen und die Schauspieler, beide auch für mich Knaben natürlich von größter Anziehung. Das kurpfälzische Militär war freilich in großem Verfall, den man größtenteils den Verwaltungsmaßregeln des vom Kurfürsten Karl Theodor begünstigten Engländers Thompson, des nachmaligen Grafen Rumford, beimaß, den ich damals in Düsseldorf und Mannheim nie so lobwürdig nennen hörte als wohl in späterer Zeit und an fremden Orten; die Mannschaft war unansehnlich, nicht nach der Tauglichkeit, sondern nach besondern Rücksichten ausgewählt, schlecht ausgerüstet und verpflegt, in allen Übungen vernachlässigt, die Offizierstellen wurden häufig nach Hofgunst verliehen, öfters auch verkauft, und die Gesamtheit stand in geringen Ehren; allein es gab auch ehrenwerte und tüchtige Männer darunter, die mit Unwillen diesen Zustand beklagten und alles, was in[16]  ihrer Macht lag, anwandten, um ihn zu verbessern. Vorzüglich ein Oberst erwies sich unermüdet in tätiger Sorge für das Wohl seiner Untergebenen; er suchte Offiziere und Gemeine zu tüchtigen Soldaten zu bilden, zeigte im Dienste die größte Strenge, sonst aber gegen jedermann die gütigste Freundlichkeit. Dem Exerzieren zuzusehen, welches selten ohne Strafen ablief, war ein schauerliches Vergnügen; auf Kaffeehäusern, in den Gärten vor der Stadt und andern Lustorten nahm das Militär sich weit angenehmer aus: da wurden Scherze getrieben, Kriegssachen verhandelt und vor allem die Großtaten der Preußen gerühmt, die seit dem Siebenjährigen Kriege das unerreichbare Vorbild aller deutschen Truppen waren; die Kaiserlichen waren dagegen die Zielscheibe des Spottes, und dabei bemerkte man mit Bitterkeit, daß man leider ihnen mehr als den Preußen ähnlich sei. Diese früh vernommenen Urteile machten einen tiefen und dauernden Eindruck auf mich.
Ich habe schon meines frühen Schauspielbesuchs erwähnt und eines Vorfalls gedacht, wo meiner Neigung zu einer schönen Sängerin übel mitgespielt wurde. Doch meine Freude am Theater erlitt dadurch keine Störung; die Tage, an denen gespielt wurde, erschienen mir schon am frühen Morgen in aller Macht des Zaubers, der sich am Abend herrlich entfalten sollte. Ein großer Teil meines Kinderglückes bestand in diesen Festen der Phantasie, in denen eine zweite Welt mir aufging. Selten geschah es, daß eine Vorstellung versäumt wurde; denn da mein Vater als Arzt von den Schauspielern keine Vergütung nehmen wollte, so hatten wir wenigstens freien Eintritt, den wir gern benutzten. Die deutsche Schaubühne gehörte damals zu den Ehrensachen der Nationalbildung, die jeder Strebende zu fördern verpflichtet und für welche der ernstlichste Eifer entzündet war. Doch mit Schauspielern und Schauspielerinnen nähern Umgang zu haben war noch ungewöhnlich, und mein Vater, der wie in andern so auch in dieser Vorurteilslosigkeit munter voranging, erwarb sich den Dank und die Liebe der durch ihn[17]  Gehobenen. Der ganze Stand hatte damals wohl nicht weniger Bildung als jetzt, viele seiner Mitglieder waren nicht für ihn erzogen, sondern für einen höhern, dem sie aus Laune oder Unglück entsagt hatten; frisches Leben aber und geniale Kraft fanden sich in reichsten Maßen ausgeteilt, auch bei den wandernden Gesellschaften, welche in ihrer wechselvollen Freiheit vor den spätern Hof- und Stadtbühnen und deren gebundenem Amts- und Schulwesen manchen Vorzug behaupteten. Es traf sich nicht selten, daß Schauspieler sich mit meinem Vater in lateinischer Sprache ganz fertig unterhielten, bei andern bewunderte man die Meisterschaft in ritterlichen Übungen; aus der Hof- und Staatswelt sogar hatten sich Liebhaber angefunden, die unter selbstgewählten Namen sich um den Beifall des Publikums bemühten, denn den angeborenen Namen zu führen wurde den Schauspielern noch nicht zugemutet. Nicht zu übersehen ist auch der Umstand, daß die rheinischen und süddeutschen Bestandteile damals beim Theater vorherrschten, wie in späterer Zeit die norddeutschen, worin sich ein bedeutender Unterschied angibt, den der Kundige wohl wird zu würdigen wissen.
Die guten Tage, welche mir unter wechselndem Vergnügen oder doch in stiller Zufriedenheit dahinflossen, wurden durch kein frühzeitiges Lernen getrübt. Die herrschende Denkart war aller geistigen Anstrengung der Kinder durchaus entgegen. Die Kenntnisse, welche schon dem zartesten Alter mit Mühe und Pein pflegten eingetrieben zu werden, kamen in scharfe Prüfung; ein Teil wurde als unnütz geradezu verworfen, die andern einer reifern Zeit vorbehalten. Ich lernte zwar keine Buchstaben, aber dafür desto mehr Sachen durch Anschauung und Benennung vieler Gegenstände, durch Mitgehen in so vielen Bewegungen und Verhältnissen des Lebens. Vermöge Hörens und Nachsprechens machte ich zwar einen Anfang im Französischen, aber ich wußte kaum, daß dies ein Lernen sei. Das einzige, wobei mir zum ersten Male bekannt wurde, was ein Lehrmeister[18]  bedeute und was Lehrstunden seien, war dem Anscheine nach die vergnüglichste Unterhaltung, nämlich das Tanzen, welches als nützliche Leibesübung früh zugelassen wurde. Doch mir wurden gerade diese Stunden und der ganze Unterricht bald unsäglich verhaßt. Der Meister war ein griesgramiger Pedant, von roher und tückischer Gemütsart, der die kleinen Schüler unaufhörlich schalt und strafte, so daß wir selten ohne Weinen abkamen und uns auch wohl, wenn wir den gefürchteten Mann kommen sahen, im Garten vor ihm verbargen, welches fruchtlose Bemühen unser Los bei ihm nicht verbesserte. Meine entschiedene Abneigung hatte zur Folge, daß, als der Unterricht zufällig auf einige Zeit ausgesetzt worden war, seine Wiederaufnahme weit hinaus verschoben blieb, und die Umstände fügten es so, daß er nie mehr stattfand; denn meinen nächsten Jahren fehlte jeder Wunsch darnach und den spätern der Entschluß, mich in dieser Sache noch als Anfänger zu gebärden, während ich in andern Dingen schon vorgeschritten war.



Brüssel. Straßburg
1790–1792










[19] Ein großes Ereignis war es für mich, daß ich meinen Vater auf einer Reise nach Brüssel begleitete, zu der ihn dort lebende Freunde veranlaßten. Sie erstreckte sich auf vierzehn Tage, und ich war nicht wenig erstaunt, als ein Tag nach dem andern verging, ohne daß ich Mutter und Schwester wiedersah. Die Begegnisse der Reise, die neuen Landschaften und Städte, die ich zu sehen bekam, beschäftigten mich indes auf das angenehmste, besonders Brüssel selbst, die prächtige, volkreiche Stadt mit dem schönen Park, dem zahlreichen österreichischen Militär und den vielen guten[19]  Leuten, bei welchen wir einsprachen und die es mir vom Morgen bis zum Abend an Unterhaltung nicht fehlen ließen. Wiewohl noch so jung, empfing ich doch nicht ohne Nutzen die Eindrücke so vieler und bedeutender Gegenstände; von dem, was die Sinne fassen konnten, ging mir nichts verloren, und das frische, durch keinen Zwang verkümmerte Gedächtnis hielt alles in treuem Gewahrsam fest. Hätte ich Brüssel später nie wiedergesehen, so würde mir doch von jenem ersten Mal ein allgemeines und in vielen Zügen höchst bestimmtes Bild der Stadt und ihrer Einwohner, der Trachten und Sprachweisen, der gottesdienstlichen Aufzüge, und was sonst in die Augen fiel, zeitlebens verblieben sein, ungerechnet das denkwürdige Wahrzeichen des Manneken Pis, dieses wunderlichen Brunnenmännchens, das freilich meine Begriffe äußerst in Verwirrung brachte, denn hier war ganz öffentlich zur Schau gestellt, was in jedem andern Falle für höchst unanständig erklärt wurde. Daß dieses Manneken nun gar ein Bürger von Brüssel sein sollte, an gewissen Tagen festlich geschmückt wurde und der ganzen Stadt als ein Pfand ihres Wohlergehens teuer und fast heilig war, hatte für mich zwar keinen Sinn, doch reimt ich es zusammen mit der Verehrung, die ich auch andern Bildern von Stein oder Holz erweisen sah und die ich ebensowenig begriff.
Nicht lange waren wir heimgekehrt, als eine neue Trennung stattfand und meine Mutter und Schwester eine Reise nach Straßburg machten. Hatte ich früher das Scheiden als Abreisender empfunden, den neue Aussichten reizen und wechselnde Gegenstände zerstreuen, so war mir nun beschieden, das Los des Zurückbleibenden zu erfahren, dem sich alles Bekannte und Gewohnte plötzlich verödet und der ein verringertes Leben einsam fortsetzen soll. Schon in dem begünstigten erstern Falle hatte ich den Schmerz der Trennung tiefer empfunden, als ein sonst leichtsinniges Naturell es erwarten ließ, und mitten in den größten Zerstreuungen war meine Sehnsucht oft ungestüm erwacht; jetzt aber, als[20]  das Schiff, das die Geliebten aufgenommen, stromaufwärts meinen Augen entschwand und diese zurückblickten in das leere Haus, den stillen Garten, da kannte meine Wehmut kein Maß. Die Spielsachen, das Gartengeräte, alles, was ich noch am Tage vorher mit meiner Schwester gemeinsam besessen und gehandhabt, erregte meine heißen Tränen, alles war mir allein überlassen, und keine Freude mehr haftete daran. Ich durchlief klagend die mir leeren und übergroßen Räume, nicht Essen noch Trinken behagte mir, und nur als mein Vater mich zu einem weiten Spaziergang mitnahm und bei guten Freunden einsprach, wo fröhliche Jugend in Busch und Feldern sich tummelte, vergaß ich etwas des Leides, das mir zu Hause fortbestand. Am nächsten Morgen war es derselbe Schmerz, dieselbe Angst, und ich fühlte wohl, daß alle Tröstungen, die man mir bot, keine waren, daß niemand wußte oder wissen wollte, was ich litt, und ich glaube wirklich, daß man im allgemeinen das Weh und Leid, welches Kinder empfinden können, zu gering anschlägt. Mein Vater, dessen Gesellschaft allein mich beruhigte, konnte mich doch nicht immer an seiner Seite haben und sah sich genötigt, mich für die Zeit der Abwesenheit von Mutter und Schwester in eine befreundete Familie zu geben, wo mir denn unter Kindern die Tage bald wieder angenehm hingingen.
Das frühere Dasein ungetrübter Kindheit in stiller Häuslichkeit und Gartenlust war jedoch unterbrochen und schien in voriger Weise nicht wiederkehren zu sollen. Denn auch als meine Mutter und Schwester von Straßburg zurückkehrten und mir das Glück des Wiedersehens, von mitgebrachten Geschenken und unerschöpflichen Erzählungen begleitet, durch viele Tage sich immer neu fortsetzte, war es nicht mehr die Absicht, sich der früheren Lebensgewohnheit behaglich wieder einzufügen, sondern es wurde schon daran gedacht, diese ganz zu verlassen und neue Verhältnisse in der Ferne zu begründen. Die Eindrücke von Straßburg hatten in meiner Mutter das lebhafteste Heimweh nach der geliebten Vaterstadt erweckt, wo viele teure Bande sie anzogen,[21]  und die Mitteilungen, welche sie meinem Vater brachte, hatten auch ihm die alte Vorliebe für die Stadt seiner Studien aufgeregt. Man verglich den Glanz und die Behaglichkeit des Lebens in der großen und reichen Hauptstadt des herrlichen Elsaß mit dem kleinen und ärmlichen Zuschnitt der Verhältnisse in Düsseldorf, wo eine ehemalige Residenz mehr und mehr in eine Provinzialstadt versank und ein schwaches Bürgertum von üppigem Beamtenwesen erdrückt wurde, dessen Kabalen und Ränke, wie am fernen Hofe so auch am Orte selber, sich durch alle Lebensgebiete hinzogen. Mein Vater war von namhaften Männern aufgefordert, an der blühenden Straßburger Universität, welche kürzlich die berühmten medizinischen Lehrer Spielmann und Lobstein verloren hatte, eine Professur anzusprechen, wobei ihm der Erfolg als gewiß und sein künftiger Wirkungskreis als der glänzendste vorgestellt wurde. Ein Mann, der sich in seinem Fache vollkommen tüchtig fühlte und der seine Gabe des Vortrags und Lehrens in manchen Gelegenheiten erprobt hatte, konnte wohl gereizt sein, solchem Rufe zu folgen und Verhältnisse, in denen er mühsam zu ringen hatte und einen Teil seiner Fähigkeiten nutzlos ruhen sah, mit solchen zu vertauschen, in welchen allen seinen Kräften geförderte und fruchtbare Tätigkeit gesichert schien. Doch zu diesen persönlichen Bestimmungsgründen kam noch ein allgemeiner hinzu, der jene mit aller Macht fortriß und sie alle weit überflügelte.
Die im Jahre 1789 in Frankreich ausgebrochene Revolution hatte überall die Geister lebhaft angeregt, und alle Freunde des Lichts, der Freiheit, des Menschenwohls überhaupt erwarteten von der großen Bewegung ein neues, allgemeines Heil der Welt. Mein Vater war nicht der letzte gewesen, diese schönen Hoffnungen aufzufassen und zu verkündigen. Zwar hatte sein Gemüt bei den Auftritten der Pöbelwut und Grausamkeit, die gleich im Beginn stattfanden und von Zeit zu Zeit wiederkehrten, sich heftig empört und wollte für den hohen Zweck nur milde und menschenfreundliche[22]  Mittel angewendet sehen; allein jene Untaten verloren sich noch als Einzelheiten in der großen erfreulichen Strömung, die fortwährend die wichtigsten Anliegen der Menschheit einem glücklichen Ziel entgegenzutragen schien. Zudem war die Bewegung nun in einem Zuge, der zu einer festen und ruhigen Ordnung leiten mußte, das Werk einer neuen Konstitution wurde von der Nationalversammlung eifrig gefördert, die Grundsätze fanden begeisterte Zustimmung, und der Abschluß des Ganzen konnte nicht fern sein. Dem neuen Reiche der Freiheit und des Gesetzes, des Bürgertums und der Bruderliebe anzugehören schien das glücklichste Los, dessen wohldenkende, edle Menschen teilhaftig werden könnten.
Was meine Schwester mir von ihrer Reise und insbesondere von Straßburg erzählte, stellte meine eignen Anschauungen leicht in Schatten; sie hatte größere und reichere Gegenstände gesehen als ich und hatte sie sicherer und reifer aufgefaßt. Auch die Begeisterung für Freiheit war ihr nicht entgangen; sie hatte die frohen Feste gesehen, mit denen die neue Gottheit war gefeiert worden, sie hatte die Zeichen derselben, die Nationalfarben, überall vor Augen gehabt, und sie trug selber eine Schärpe dreifarbigen Bandes, auf welches sie nicht wenig stolz war. Sie teilte mir gar leicht eine Stimmung mit, die ihr aus natürlichem Nachahmungstriebe so lieb und eigen geworden war. Was sie von den Herrlichkeiten des Münsters, diesem für keine wiederholte Erzählung erschöpfbaren Wunder, von der Pracht der Spaziergänge und Lustörter, von den liebevollen Verwandten und zahlreichen Spielkameraden, ja von den kindischen Genüssen, dem herrlichen Obst und vortrefflichen Backwerk und von anderm Wichtigen dieser Art hinzufügte, verschmolz mir mit jenen dunkeln unfaßlichen Worten von Freiheit zu einem gemeinsamen Ganzen unermeßlicher Vorzüge, in welchen Straßburg vor allen Städten prangte. Die Mutter hatte nicht versäumt, auch ihr eignes Geburtsrecht hervorzuheben und sich als Straßburgerin zu rühmen, wonach[23]  ihr denn auch der Name einer freien französischen Bürgerin zukäme, und wir hörten oft genug, unser Vaterland sei ebensogut in Straßburg als in Düsseldorf.
Der Entschluß, letztere Stadt zu verlassen und sich in jener anzusiedeln, kam bei den Eltern bald zur Reife, und zufällige Umstände halfen ihn beschleunigen. Mein Vater hatte, zwar ohne seinen Namen, aber doch für diejenigen, die ihn näher kannten, leicht erratbar, auswärts eine Schrift drucken lassen, welche in volksverständlicher Weise mancherlei gemeinnützige Gegenstände, besonders aber die Gesundheitspflege behandelte und in solchem Betreff manche Vorurteile und Mißbräuche scharf kritisierte, wobei denn auch die Anstalten sowohl der Kirche als des Staates nicht geschont blieben. Durch die Aufdeckung von solchen Übelständen wurden viele Leute verletzt, am meisten erbitterte der Ton, in welchem sich menschenfreundliches Pathos mit schneidender Satire mischte. Die Pfaffen vorzüglich machten großen Lärm, und da sie fühlten, daß sie in eigner Sache schon weniger Gunst fanden, so spielten sie ihre Anklagen lieber auf die Staatsseite hinüber, beschuldigten den ungenannten Verfasser der Auflehnung gegen die Obrigkeit, der Schmähung von Behörden und brachten es dahin, daß selbst das Medizinalkollegium, von welchem mein Vater Mitglied war, in solchem Sinne verfahren und die Schrift öffentlich mißbilligen wollte. Die Klemme, in welche mein Vater geriet, war sehr unangenehm, sein Mut drängte ihn, frei hervorzutreten und sich zu nennen, die Klugheit aber gebot, den Schutz der Halbanonymität nicht aufzugeben und die Gegner nicht in Vorteil zu setzen. Die Reibungen, welche aus diesen Mißverhältnissen entstanden, die Kleinlichkeiten, die sich dabei zeigten, und die fortgesetzte Gehässigkeit und Verleumdung, welche sich bis zum Hof des Kurfürsten nach München erstreckten, alles dies verleidete meinem Vater den Aufenthalt in Düsseldorf, der in seinen Augen um so mehr sinken mußte, wenn er damit den Lebenskreis verglich, der sich ihm in Straßburg eröffnete.[24] 
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Als bekannt wurde, daß er damit umgehe, seine Vaterstadt zu verlassen, hätte er sein Vorhaben fast wieder aufgeben mögen, so groß war der Zudrang und die Beeiferung seiner Freunde, die ihn zurückhalten wollten, ja viele lernte er erst jetzt als solche kennen; gleichwohl gestanden die meisten, daß auch sie, wenn nur die Verhältnisse es ihnen erlaubten, am liebsten desselben Weges mit ihm zögen, denn die heimischen Zustände lagen drückend auf jedem nur einigermaßen freien Mute. Von der andern Seite hingegen fand mein Vater für seine beabsichtigte Verpflanzung jede mögliche Bereitwilligkeit. Man erleichterte ihm den Entschluß auf alle Weise und gewährte ihm als besondere Gnade, seine kurfürstliche Bedienung an einen Befähigten, der sogleich gefunden war, verkaufen zu dürfen. Nachdem alle Hindernisse beseitigt waren, gingen die Anstalten rasch ihren Gang. Wir sahen nach und nach unsern Hausrat verschwinden, die geringern Sachen wurden verkauft, die bessern eingepackt, Kisten und Koffer zu Schiffe gebracht; und eines Vormittags, nachdem schon viele Tage das Abschiednehmen uns ermüdet, diesmal aber eine dichte Schar mit lauten Segenswünschen uns zum Ufer begleitet, stiegen wir selbst in einen Nachen, der uns an Bord eines großen holländischen Schiffes brachte, das unmittelbar darauf seine Bergfahrt fröhlich antrat.
Diese Rheinreise gehört zu den vergnüglichsten Ereignissen meines jüngern Lebens, die früheren Trennungen ließen mich das Reisen im Zusammensein mit beiden Eltern und der geliebten Schwester als ein neues Glück empfinden, und die Schwester, welche diese Fahrt schon doppelt gemacht hatte, stand mir als erfahrene und kundige Erklärerin höchst erfreulich zur Seite. Das Schiffleben hatte den größten Reiz, der innere Raum war gemächlich eingerichtet, für unser Bedürfnis übergroß, dabei vollkommen sicher; am erwünschtesten war uns aber der Aufenthalt auf dem Verdeck, wo wir jedoch, der mancherlei Gefahr wegen, unsere Freiheit sehr beschränkt sahen und keinen Augenblick ohne Aufsicht[25]  blieben. Wir machten mit den Schiffknechten gute Bekanntschaft, erfuhren den Gebrauch so mancher Geräte, den Zweck so vieler Anstalten; Mitreisende machten uns aufmerksam auf die Gegenstände am Ufer, nannten die Ortschaften; auch Erzählungen fehlten nicht, alte Sagen und neue Vorfälle; aber auch schweigend in die bewegte hellgrüne Wasserflut hinabzublicken und die Wellen und Wirbel zu verfolgen konnte uns stundenlang vergnüglich beschäftigen. Die Fahrt, als eine zu Berge, ging langsam; weit vor uns auf dem Leinpfade des Ufers sahen wir die lange Reihe hintereinandergespannter Pferde unser Schiff mühsam fortziehen; die Mitte des am hohen Maste befestigten Zugseils verlor sich unsern Augen meist im Wasser, wenn aber bei stärkerem Anziehen, wie bisweilen Krümmungen des Ufers oder heftigere Strömungen des Wassers es veranlaßten, der dünne Faden triefend aufschnappte und straff in der Luft glänzte, so war dies für uns ein köstlicher Augenblick, dem wir oft lange Zeit geduldig entgegenharrten. Erhob sich günstiger Wind, so wurden auch Segel aufgespannt, selten kam die Anstrengung hinzu, daß auch Stangen zum Abstoßen gebraucht wurden. Mich dünkt, die Schiffahrt auf dem Rheine war in jener Zeit nicht minder belebt als heutigestages, die Dampfschiffe natürlich abgerechnet, ja die kleine Schiffahrt sogar belebter als jetzt, wenigstens hat meine Erinnerung ein Bild unaufhörlichen Begegnens und Vorüberfahrens bewahrt.
Was uns das größte Wunder blieb, war die Kleinheit, in der uns die Menschen und Tiere am Ufer oder auf den Bergeshängen erschienen; diese kleinen Kinder, die wir sahen, waren große Leute, wie man uns versicherte und wie wir uns in manchen Fällen auch selbst überzeugten; mit diesen Pferdchen und Wägelchen hätten wir spielen mögen, diese kleinen Nachen schien man mit der Hand aus dem Wasser nehmen zu können. Mächtig groß erhoben sich im Gegensatz die Städte, zu denen wir dicht heranfuhren und wo wir zu Mittag und Abend einzukehren pflegten. Das[26]  vom Flusse her sich prächtig darbietende Köln, Bonn mit seinem schönen Schloß und hohen Bäumen, dann das heiter daliegende Koblenz und die hoch drohende Festung Ehrenbreitenstein, alle diese Anblicke sind mir aus damaliger Zeit fest im Gedächtnisse geblieben, und keine folgende fand Wesentliches daran zu ändern.
In Neuwied fanden wir gastliche Aufnahme in dem Hause eines ehemaligen Universitätsfreundes meines Vaters. Er hieß von Tonder und hatte als Herausgeber einer in jener Zeit sehr verbreiteten Wochenschrift, der berühmten »Politischen Gespräche im Reiche der Toten«, sich zu ansehnlichem Ruf und Wohlstand emporgeschrieben. Große Lebhaftigkeit des Geistes und bewegliche, das Was und Wohin nicht allzu genau nehmende Sinnesart befähigten ihn für damalige Zeiten zu einem glücklichen Zeitungsschreiber, der denn doch aus allen Abweichungen, zu denen die Umstände ihn fortrissen, sich immer wieder in die eigne Bahn zurückzufinden wußte. Mir ist von ihm besonders erinnerlich, daß er und mein Vater, wie sie es als Stubenkameraden auf der Universität schon gewohnt gewesen waren, miteinander immer Latein sprachen, so geläufig und bequem, als es ihnen die Muttersprache hätte sein können; sie führten ernsthafte Erörterungen und scherzendes Gespräch voll Munterkeit und Lachen, die künstlichen Wendungen selber, zu denen der Zwang der fremden Sprache nötigte, ergötzten und belebten die Unterhaltung und nahmen ihr die Bitterkeit, die sie sonst hätte haben müssen; denn die beiden Freunde waren in vielen Dingen ganz entgegengesetzter Meinungen. Die Fertigkeit im Lateinsprechen fand sich in katholischen Ländern und besonders am Rhein ehemals sehr häufig, und eine gewisse Meisterschaft darin wurde immer sehr hoch geschätzt; wer in ihrem Besitze war, durfte sich mit Erfolg darin sehen lassen. Späterhin war ich oft verwundert, in protestantischen Ländern diese Fertigkeit weder so häufig noch so geschätzt zu sehen, indem selbst anerkannte Gelehrte sich darauf nicht einlassen wollten und[27]  sogar Philologen es verschmähten, eine Übung zu erwerben, die nach ihrer Meinung nie der Maßstab echter und tiefer Sprachkenntnis sein konnte, sondern als ein überflüssiges Beiwerk nebenherlief. Mir aber ist aus meiner frühesten Zeit stets ein besonderer Respekt für das Lateinreden verblieben, und wenn mir späterhin dergleichen vorkam, hatte ich immer sogleich von Tonder und meinen Vater vor Augen.
Von Koblenz aufwärts blieben wir in einem Entzücken. Die vielen Bergruinen, Felsenmauern und Türme belebten sich uns mit allen Bildern des Ritterwesens, von dem uns schon das Theater einigen Begriff gegeben hatte. Die Felsen im Rhein selbst, die Bank von St. Goar, der Unkelstein und andere gefährliche Stellen, welche man uns zeigte und dabei der furchtbarsten Unglücksfälle erwähnte, des rettungslosen Zugrundegehens, fuhren wir mit angstvollem Staunen vorbei, allzu froh und glücklich, daß wir mit den Eltern so gräßlichem Verderben entgangen seien. Die Schiffknechte rühmten sich wohl, daß wir unser Heil bloß ihrer Geschicklichkeit zu danken hätten, und wir gaben ihnen gern dafür unser Taschengeld; als ich aber hörte, daß einige von ihnen nicht schwimmen könnten, schloß ich alsbald, daß, wenn wir scheiterten, auch sie mit untergehen müßten, wodurch ihre Fürsorge für uns mir sehr im Werte zu sinken schien.
In Mainz machten wir einen längern Aufenthalt. Mein Vater hatte dort viele Bekannte; Sömmerring stand als naturforschender Arzt in größtem Ansehen, der Arzt Wedekind war in seinem Fache ausgezeichnet, noch mehr aber durch den politischen Eifer bekannt, der ihn bei der nachherigen Mainzer Revolution in große Wirksamkeit, aber auch in gefahrvolle Verwickelungen brachte. Ich weiß es nicht mit Sicherheit, aber ich habe Grund zu vermuten, daß auch Georg Forster mit meinem Vater in freundlichem Verhältnisse stand. Wir machten Ausflüge in den Rheingau, nach Wiesbaden, Schwalbach und Ems, ja wir müssen damals lahnaufwärts auch Montabaur, Limburg und Weilburg besucht haben, denn als ich nach vielen Jahren diese Orte[28]  wiedersah, dämmerte mir die Erinnerung eines früheren Eindrucks derselben Örtlichkeiten deutlich und deutlicher aus jener Kinderzeit hervor. Dagegen ließen die Besuche in Frankfurt am Main, in Offenbach und Hanau wohl die Erinnerung der Namen dieser Städte, nicht die ihres bestimmten Anblicks in meiner Seele.
In Mannheim verweilten wir ebenfalls einige Zeit, denn meines Vaters Mutter lebte hier und wollte uns so schnell nicht wieder abreisen lassen. Sie war Garde des Dames oder Oberkammerfrau der Kurfürstin Marie Elisabeth, der Gemahlin Karl Theodors, und stand am Hofe in großem Ansehn. Gleich ihrer Herrin, deren ganzes Vertrauen sie besaß, hatte sie sich der eifrigsten Frömmigkeit ergeben, befolgte mit aller Sorgfalt die Vorschriften der Kirche und ging in strengen Andachtsübungen so weit, daß ihr Beichtvater ihrem Eifer Einhalt tun mußte. Uns gegenüber fand sie sich in einer sonderbaren Lage, schon über die lutherische Schwiegertochter und Enkelin mochte sie oft im stillen seufzen; allein sie half sich in diesem Falle mit der Hoffnung, welche den Frommen ihrer Art immer zur Hand ist, daß nämlich die ewige Gnade noch zu rechter Zeit die Irrenden erleuchten werde, ein Ziel, das jeder Gläubige durch andächtige Fürbitten helfen könne näherzurücken, und gewiß ließ sie es an Gebeten zu diesem Zwecke nicht fehlen; doch bei dem Sohne und Enkel konnte solche Hoffnung schwerer stattfinden, denn diese waren ja katholisch und dennoch für die Kirche fast verloren! Mein Vater, der um keinen Preis täuschen wollte, gestand offen seine freie Denkart, und daß er weder selbst die kirchlichen Gebräuche mitmachte noch seinen Knaben in dieser Richtung erzog; aber er tat alles mögliche, um die gute Mutter zu beruhigen, versprach ihr, dem katholischen Glauben nie förmlich zu entsagen, stellte ihr vor, wie selbst nach ihren Grundsätzen alle Versäumnisse wiedergutgemacht werden könnten, und brachte endlich, was ihr am meisten galt, das Zeugnis eines alten Jesuiten bei, den er in Mannheim von alter Zeit her kannte und[29]  der ganz gleichmütig versicherte, solche Leute wie mein Vater seien noch gar nicht vom Himmel ausgeschlossen. Gutmütig und traulich, wie sie übrigens war, tat uns die alte Frau gern alles zur Liebe, was in ihren Kräften stand; ihre auserlesene feine Lebensart, verbunden mit der reinsten Herzlichkeit, hatte selbst für uns Kinder etwas Gefälliges und Anziehendes; wir liebten sie aufrichtig und folgten ihr ohne Widerstreben, wenn sie uns unter dem Vorwande eines Spaziergangs mit in die Messe nahm, was ihr jedesmal wie ein errungener Sieg vorkam; auch die Heiligenbilder, die sie uns verehrte, hielten wir in großem Werte, freilich empfingen wir aus derselben Hand reichlich das vortrefflichste Naschwerk, das uns noch je vorgekommen war. Die Großmutter sorgte dafür, daß wir auch der Kurfürstin vorgestellt wurden, welche gegen uns sehr gnädig war und uns schön beschenkte, meinem Vater aber ernstlich abriet, in das neue französische Wesen einzugehen; sie wünschte vielmehr, daß er in Mannheim bliebe, und bedauerte nur, selber keinen Einfluß zu haben. Dies letzte sagte sie mit Bedeutung und ging dann zu vertraulichen Äußerungen über, für welche sie bei meinem Vater alle Teilnahme voraussetzte. Jedermann wußte, daß die Lebensweise Karl Theodors nie von der Art gewesen, um ein zufriedenes Eheverhältnis zu begründen. Die Kurfürstin hatte ihrem Gemahl, als er mit seinem ganzen Hofstaate nach München zog, dahin nicht folgen wollen, sondern gesagt, sie sei eine geborne Pfalzgräfin bei Rhein und wolle bei ihren Pfälzern leben und sterben. Wegen dieser Gesinnung wurde sie von den Mannheimern leidenschaftlich verehrt. Manche Stimmen behaupteten zwar, ihr sei zu verstehen gegeben worden, sie brauche nicht nach München zu kommen, aber ihre Anhänger widersprachen und wollten der Kurfürstin das Verdienst ihres Entschlusses nicht schmälern lassen. Übrigens war am Hofe derselben und für sie selbst ein eifriges und tägliches Geschäft, alle Sittenverderbnis, die noch immer den Hof des Kurfürsten in München bedrängte, genau zu wissen und zu besprechen, welches[30]  mit der Frömmigkeit und Strenge, die sonst in allen Dingen herrschte, einen seltsamen Gegensatz machte.


Mannheim zeigte noch glänzende Reste der früheren Hofhaltung. Zahlreicher Adel war hier angesiedelt, die vornehmste und feinste Geselligkeit belebte die oberen Kreise, die mittleren taten es ihnen nach; in Künsten wurde Vorzügliches geleistet, besonders standen Musik und Theater auf einer hohen Stufe. Auch pflegten viele Fremde hier zu verweilen und das Leben in der Stadt und Umgegend sehr angenehm zu finden. Wir ebenfalls besuchten Oggersheim, Frankenthal, Schwetzingen und Heidelberg; es waren die schönsten Lustfahrten, begünstigt durch den Namen der Großmutter, der uns überall Eintritt und vorzügliche Aufnahme verschaffte. Allein diese hellen Vorzüge hatten einen dunkeln Hintergrund, dem Glanz und der Üppigkeit der Hauptstadt ging das Elend des ausgesogenen und zertretenen Landes zur Seite; das Volk erlag der Willkür, dem Eigennutze der Beamten. Dieser Zustand entging auch uns Kindern nicht, wir begegneten Auswanderern, deren Not und Jammer sich deutlich genug aussprach, wir sahen die Armut in den Dörfern; was uns an Verständnis noch fehlte, schöpften wir aus den Gesprächen, die wir mit anhörten, ohne daß man uns diese Aufmerksamkeit zutraute, und so bestärkten wir uns in der Gesinnung, die wir uns schon angeeignet hatten; die Länder der Knechtschaft und Unterdrückung gern zu verlassen und froh dem Lande der Freiheit zuzueilen, das vor uns lag.
Von Mannheim reisten wir zu Wagen weiter, ein Wechsel, der uns, nach der bequemen sanften Wasserfahrt, sehr verdrießlich fiel. Es war wenig zu sehen, man fühlte sich beengt und bald ermüdet, und dies Unbehagen ist auch wohl der Grund, daß von diesem letzten Teile der Reise mir weiter nichts im Gedächtnisse verblieben ist; erst als wir über Rastatt hinaus in weiter Ferne den Münsterturm erblickten, wachten unsere Lebensgeister wieder auf, und alles gewann ein fröhlicheres Ansehen; immer näher kamen wir dem[31]  Wunderzeichen, immer größer und deutlicher stieg es vor unsern Augen empor; bei einer Wendung, die wir machten, wurde die bisher dunkle Gestalt plötzlich durchsichtig, ein zauberisches Netz von zarten Fäden stand klar in der Luft, dem durchströmenden Lichte überall geöffnet. Diesem ersten Eindrucke des Münsters stellt sich kaum ein späterer gleich, er überwältigt den Sinn, doch nur um die Einbildungskraft zu steigern; er gewährt Befriedigung und erregt Ungeduld; in der Macht dieses Anblickes ist es unmöglich zurückzugehen, man fühlt sich unwillkürlich vorwärts gezogen, und alle andern Gegenstände schwinden vor dem einen, der bei jedem Schritte sich verändert darstellt und die Aufmerksamkeit nicht losläßt. Nachdem wir in Kehl, an der Rheinbrücke, und zuletzt bei der Maut schmerzlich aufgehalten worden, fuhren wir endlich durch das Metzgertor ein und waren in Straßburg.
Im Gasthofe zum Geist, wo wir eingekehrt, weilten wir nicht lange; wir wurden sogleich zu dem Vater meiner Mutter abgeholt, der uns bei sich aufnahm. Er besaß ein eignes Haus und galt für einen vermöglichen Mann; sein hohes Alter aber trennte ihn gänzlich von der Welt, er lag schon seit Jahr und Tag immer zu Bett und ließ sich von einer älteren Tochter pflegen, die selber längst Witwe war. Die übrigen Geschwister meiner Mutter waren verheiratet, teils in Straßburg, teils auswärts ansässig, die zahlreichen Verwandtschaften, von denen ich mich plötzlich umringt sah, wußt ich auch in der Folge nicht zu entwirren, ich war zufrieden, daß meine Schwester es konnte und daß wir unter ihnen einige Kinder fanden, mit denen wir unsre Spiele trieben. Nur fühlte ich bald, daß meine Schwester, von den schon entwickelteren Basen angezogen, sich weniger mit mir abgab, und da die Eltern ihrerseits überaus in Anspruch genommen waren, die Vettern aber bei ihren Spielen mich als zu klein oft vernachlässigten, so befand ich mich in dem bewegten Treiben sehr allein und dachte wehmütig an Düsseldorf zurück, wo sich alles mehr nach meinem Sinn und[32]  Bedürfnis gestellt hatte. Dies Gefühl der Einsamkeit und daß die andern nichts von mir wüßten, ich ihnen im Grunde doch nicht angehörte, übernahm mich oft in den lebhaftesten Zerstreuungen und gab mir eine unsägliche Bangigkeit, die ich auszudrücken unfähig war und also meinem Vater auch nicht vertrauen konnte, dem ich sonst alles ohne Rückhalt zu sagen pflegte. Natürlich dauerte solche Stimmung nie lange, sondern wurde leicht und schnell von dem Vergnügen und Reiz überwunden, die mir aus neuen Gegenständen und fröhlichen Vorgängen in Fülle zuströmten.
Das Münster ist für jeden Straßburger mit Recht die Zierde und der Stolz der Stadt, ein Schatz und ein Ruhm, den der geringste der Einwohner sich aneignet. Meine Schwester war schon eingebürgert genug, um gegen mich Neuling die Straßburgerin zu spielen, mir das Münster als größte Sehenswürdigkeit der Welt anzupreisen und mich in Begleitung älterer Personen sofort hinzuführen und das Wunder anstaunen zu lassen. Man kann nicht erwarten, daß ein Knabe die Schönheit des Münsters zu fassen gewußt habe, aber das darf man mir glauben, daß der Eindruck ein ungeheurer gewesen. Der Anblick der mächtigen, durchbrochenen und doch durch und durch festen Wand, die über den Haupteingängen der Kirche senkrecht zu der Plattform aufsteigt, von wo ab sich der Turm allein erhebt; die herrliche Aussicht von der Plattform über die Stadt rings in die grüne Landschaft hinaus, durch die sich der helle Glanz des Rheins windet; dann der Blick die kühnen Schneckenstiegen hinauf, die freistehend von außen den Turm auf jeder seiner vier Ecken begleiten und hoch oben in ihn übergehen, der sich nun allmählich verengt und zuletzt in den Knopf und das Kreuz endet, wo kaum das Auge zu weilen kühn genug ist: alles dies ist von der Art, daß auch ein roher und kindischer Sinn unfehlbar davon getroffen wird. Nur eines entsprach meiner Erwartung nicht ganz, und dies war freilich ein Hauptstück: nach allem, was ich von der Höhe des Turmes hatte hören müssen, war er mir noch nicht hoch[33]  genug, und ich sagte das ganz unbefangen. Aber wie erging es mir da! Gleich einer Narrheit wurde meine Äußerung verlacht, gleich einem Verbrechen gescholten, und als wir nach Hause kamen, mußte ich sogar bei dem Vater mich verklagen hören, der ebenfalls meine Ungebühr rügte, weil er meinte, ihr liege ein eitler Trotz zum Grunde, willkürlich anders zu urteilen als die andern. Ich war aber bei jener Bemerkung unschuldig dem sinnlichen Eindrucke gefolgt, von dem relativen Wert einer bestimmten Höhe hatte ich keinen Begriff, und anstatt einer unermeßlichen Höhe, die man mir verheißen, fand ich eine sehr absehbare, in der meine damals scharfen Augen noch jedes einzelne erkannten, was den andern schon unkenntlich dünkte. Als mir auch letzteres abgestritten und ich eines unwahren Vorgebens beschuldigt wurde, konnt ich das Unrecht nicht länger tragen und brach in heftiges Weinen aus. Nun suchte man mich wohl zu beruhigen und redete mir freundlich zu, aber noch immer in der Voraussetzung, daß ich meine Schuld fühlen sollte. Niemand sah mein Inneres, niemand wollte mir beistehen, ich erschien mir völlig allein in der Welt, denn Vater und Mutter standen mir als Fremde gegenüber; es war eine schreckliche Empfindung, eine frühe Schmerzensweihe zu mancher späteren.
Diese gleich anfangs um des Münsters willen vergossenen Tränen verleideten mir doch nicht im geringsten den Wunderbau selbst, der mir im Gegenteil mit jedem Tage lieber und vertrauter wurde. Ich könnte genauer sagen: mit jedem Abend; denn diese Zeit war es, wo wir gewöhnlich und stundenlang ihn vor Augen hatten, seine Vorzüge besprechen und Merkwürdigkeiten von ihm erzählen hörten und, indem wir an seinem Fuße spielten, immer wieder zu ihm emporblickten, uns von dem übermächtig Großen durchschauern zu lassen. Eine Tante nämlich bewohnte ein Haus auf dem Münsterplatze, welches der Falkenkeller genannt wurde, und meine Mutter versäumte selten, dort mit uns die Abende zuzubringen. Da wurden wir mit dem schönsten[34]  »Zowes-Essen« – wie in Straßburg das Vesperbrot hieß – bewirtet, besonders mit unvergleichlichem Obst und feinem Gebäck, beides Zierden der Stadt. Mit den Kindern des Hauses fanden wir uns besser und lieber zusammen als mit allen andern unsrer Bekanntschaft, und der Raum vor dem Hause begünstigte unsre Spiele vortrefflich. Mochte die Sonne noch so sehr brennen und den Münsterturm oben in allem Zauber wechselvoller Beleuchtung glühen lassen, hier unten war tiefer Schatten und erquickende Kühlung, die von alt und jung in froher Unterhaltung genossen wurde. Mit dem Tageslicht aber schwanden gewöhnlich die Spaziergänger, die Straßen wurden stiller, und nach dem Zapfenstreich, im späteren Abenddunkel, gehörte der ganze Münsterplatz nur uns. Wir alle waren gutgeartete, wohlgezogene Kinder, und unsern Freuden blieben grobe Unarten und Bosheit fremd; fanden sich bisweilen rohere Gespielen ein, um an unsern Erlustigungen teilzunehmen, so schieden sie bald wieder aus, wenn sie merkten, daß ihre Art mißfiel oder auch wohl scharf gerügt wurde. Hier geschah mir selten ein Leid, ich fühlte mich von den Größeren nicht nur geduldet, sondern berücksichtigt und gefördert, und genoß ein schönes Jugendglück, schöner noch, als ich es am Rhein in Düsseldorf genossen, weil die Zahl der Teilnehmer soviel größer war.
Nicht umsonst aber lachte das schöne Sommerwetter, wir folgten gern seinen Lockungen ins Freie; die Gärten und Lustörter in der Nähe, der Wasserzoll, Kehl, besonders aber die Ruprechtsau, wurden fleißig besucht; die letztere, ein ausgedehnter, fester Wiesenboden, mit vereinzelten großen Bäumen besetzt, war ein Lieblingsort der Straßburger, wo ganze Familien sich schon im ersten Frührot einfanden, lustwandelten oder Spiele trieben und, unter den hohen Bäumen im Grase gelagert, ihre mitgebrachten Erfrischungen verzehrten, denn ein Wirtshaus war nicht vorhanden und bei der hergebrachten einfachen Sitte auch nicht nötig. Wir machten aber auch größere Ausflüge zu Wagen, besuchten[35]  Zabern und das schöne Schloß des Kardinals von Rohan, das Städtchen Baar und den nahen Odilienberg, wo uns die Legende von der heiligen Odilie, der Tochter des Herzogs Eticho, welche hier ein Kloster gebaut hatte, umständlich erzählt wurde. Ein Herr von Türckheim war auf dieser Fahrt mit uns, ob vielleicht der Gatte von Goethes Lili? wüßt ich nicht zu sagen. Den Namen Schöpflin hört ich bei dieser Gelegenheit auch mit großer Verehrung nennen, für die Altertumskunde des obern Rheintals, und des Elsasses insbesondere, war er die höchste Autorität. Von den größeren Ausflügen erinnere ich mich zumeist der Ermüdung, mit der ich von ihnen zurückkehrte; mein Vater wollte meine Kräfte früh zur Anstrengung gewöhnen und mochte ihnen bisweilen doch wohl zuviel zumuten.
Die Straßburger Frauentracht, von welcher Goethe so anmutig erzählt, habe ich auch noch gesehen, und zwar in ihrer letzten Zeit, denn im Verlaufe der Revolution scheint sie schnell seltener geworden und bald gänzlich verschwunden zu sein. Das Bild meiner Mutter als Braut war schon in französischer Kleidung gemalt, das Haar aber dabei noch im altbürgerlichen Staat der unendlichen Zöpfe. Jetzt waren auch diese nebst den kurzen runden Röcken nur noch in den untersten Klassen übrig und am vollständigsten in den kleinern Orten auf dem Lande. Diese Tracht, so wie die landesübliche deutsche Mundart, wurde von den Aufgeklärten und Bestrebsamen sehr bespöttelt, und da den Spöttern selbst ein erträgliches Deutsch oft nicht erreichbar war, so nahmen sie ihre Zuflucht zum Französischen, worin sie aber gleichfalls, durch die abscheulichste, dem Oberrhein und einem Teile der Schweiz eigne Falschbetonung, sich als gute Elsasser auswiesen. Das Straßburger Deutsch klingt freilich ungeschlacht, und besonders schadet ihm, daß soviel verdorbenes Französisch hineingeknetet ist; doch ein guter Kern ist darin unverkennbar, und der viele Scherz und Mutterwitz, der in der ansehnlichen lebhaften Stadt seit uralter Zeit in gangbaren Redensarten sich angesammelt und fortgebildet,[36]  macht diese Mundart zum täglichen Gebrauch geschmeidig und anmutig genug. Ich verstand bald, was in ihr gesagt wurde, machte jedoch kaum den Versuch, darin zu sprechen; denn die Personen, mit denen ich umging, wollten alle mit mir lieber hochdeutsch reden, und die Kinder besonders wurden zu diesem, und mehr noch zum Französischen, angespornt.

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Das Französische mußte in der Tat vermittelst der Revolution rasch die Oberhand gewinnen. Vor dieser wußte und fühlte noch jedermann die deutsche Stammgenossenschaft und suchte mit Fleiß alte Sitte und Gewöhnung zu bewahren. Die Sprache, die Religion, die Tracht, die städtische Ordnung, alles stand den französischen Einflüssen entgegen, die von seiten des Hofes nur absolutistische und katholische sein konnten; als aber von Paris her die Freiheitsgrundsätze kamen, alles bisher Gefürchtete verschwand und die herrlichsten Hoffnungen an die Stelle traten, da mußten alle Schleusen sich öffnen, und die wogende Flut durfte frei hereinströmen. Mit der Freiheit und dem Bürgertum verbrüderte man sich unbedenklich, mit den wiedergeborenen Franken wollte man gern in ein Volk zusammenfließen; schwache Fäden alter Gewöhnungen hielten nicht gegen die neuen starken Bande des Geistes und der Gesinnung.
Wirklich war in Straßburg kaum ein Schritt möglich, ohne den neuen Ideen in Tatsachen oder Zeichen zu begegnen. Gleich die ersten Bewegungen zu Paris hatten im Elsaß begeisterte und kräftige Zustimmung gefunden, und die Straßburger besonders waren leidenschaftlich in die neue Richtung eingegangen. Überall hörte man die neuen Wahlsprüche, den Leberuf der Freiheit, des Gesetzes, der Nation, überall brachen die Zeichen des neuen Lebens hervor; man sah Freiheitsbäume aufgerichtet, die Farben und Schlagwörter der Revolution in Tafeln, Schildern und Inschriften vervielfältigt, die dreifarbige Kokarde an jedem Hute, dreifarbige Fahnen auf jedem öffentlichen Gebäude, die Frauen schmückten sich mit dreifarbigen Bändern; Tag und Nacht[37]  erklangen die patriotischen Gesänge. Das berühmte Volkslied »Ça ira« war im vollen Schwange, jeder Straßenjunge wußte die wenigen scharfen Worte und sang sie nach der leichten rohen Weise mit aller Kraft der Lungen. Das Lob der Patrioten und das Verderben der Aristokraten waren die beiden Hauptthemen jenes Liedes und vieler andern, die mit ihm wetteiferten. Man kannte damals noch keine anderen Parteien als diese beiden; der Name des Königs galt noch auf jeder, wenn schon in verschiedener Bedeutung, ja die Patrioten feierten ihn am meisten, da er ihrer Sache damals willig diente. Mir sind eine Menge jener Lieder und Verschen, zu denen sich kein Dichter hätte bekennen mögen, im Gedächtnisse geblieben, aber ich erinnere mich durchaus keiner deutschen, alle waren französisch, und bei der reichen Zufuhr aus dem Innern war kein Bedürfnis eigner elsassischen Erzeugung. Der bekannte Eulogius Schneider, der nach Aufgebung seiner Professur in Bonn um jene Zeit in Straßburg revolutionär zu wirken begann, widmete wohl den Freiheitsgegenständen auch seine scharfe Dichtergabe, jedoch keins seiner derartigen Erzeugnisse hat sich im Volke Bahn gemacht.
Am lebendigsten und glänzendsten spiegelte sich das Freiheits- und Bürgerwesen in Straßburgs Nationalgarde. Jeder wehrhafte Mann war eingeschrieben, uniformiert, bewaffnet, exerzierte und tat Wachtdienste. Die gesamte Truppe nahm sich vortrefflich aus, sie konnte sich dreist neben die Linientruppen stellen und hatte sogar ein vornehmeres und mutigeres Ansehen. Blaue Röcke mit roten Kragen und Aufschlägen und weiße Unterkleider und Gamaschen hielten auch hier die beliebten Nationalfarben stets vor Augen; die ganze Körperschaft, welche öfters in ihrer imposanten Masse ausrückte, und jede Schildwacht, die auf dem Posten stand, schimmerte trikolor. Dies fiel um so mehr auf, als die Linientruppen noch ihre weißen Uniformen hatten, mit schwarzen, grünen und noch anderen Aufschlägen; sie hatten schon die dreifarbige Kokarde am Hut, die Nationalgarden dagegen[38]  führten an den Rockzipfeln noch die Lilien, diese beiden Zeichen waren gemeinsam. Übrigens bestand gegen die Linientruppen einiges Mißtrauen, man wußte, daß ihre Stimmung nicht durchgängig revolutionär, sondern geteilt war und daß besonders die Offiziere die Volkssache nicht begünstigten; viele der besten Unteroffiziere waren von den Regimentern abgegangen, um als Lehrer der Waffenübung und des Dienstes bei den Bataillonen der Nationalgarde einzutreten; die gemeine Mannschaft aber bestand aus ungleichartigen, zum Teil ausländischen Elementen. Die Nationalgarde hatte daher das Selbstgefühl ihres entschiedenen Übergewichts; ihre Einigkeit in sich selbst und ihr Rückhalt an der revolutionären Kraft des ganzen Landes ließen sie keinen Zusammenstoß mit den Linientruppen fürchten, auch waren diese am meisten bemüht, einen solchen zu vermeiden, und ließen den Nationalgarden überall den Vortritt. Die Entschlossenheit und Leichtigkeit, mit denen sich Bürger, sobald ein ernster und großer Antrieb sie bewegt, in Soldaten verwandeln, hat immer die Welt überrascht und in Erstaunen gesetzt, doch vielleicht niemals mehr als in jenen ersten Zeiten der Revolution. Die Stürmung der Bastille, die Vendée, Saragossa und die spanischen Guerillas, die österreichischen und preußischen Landwehren und zuletzt wieder die Pariser in den Julitagen haben die Stärke, welche den Volksbewaffnungen inwohnt, noch oft genug dargetan; in jenen Tagen aber hielten die zünftigen Kriegsmänner für ganz unmöglich, daß ein zusammengerafftes Bürgervolk – oder Schuster und Schneider, wie man sich gern ausdrückte – alten geübten Soldaten widerstehen sollte. Die Straßburger wußten recht gut, daß auch sie von jenseits des Rheines her verlacht wurden, allein sie ließen sich dadurch nicht irren, setzten ihre Übungen fleißig fort, hielten auf Zucht und Ordnung und brachten es in kurzem so weit, daß die wichtige Festung kaum einer andern Besatzung zu bedürfen schien. Die Bürger hatten auch einige Reiterei und besonders tüchtige Artillerie errichtet, die mit der[39]  königlichen in bester Eintracht lebte; denn grade dieser Zweig des alten Heeres zeichnete sich, wie in ganz Frankreich so auch hier, durch Hinneigung und Eifer für die Volkssache aus.
Mein Vater leistete den vorgeschriebenen Bürgereid und wurde demzufolge nun auch Mitglied der Nationalgarde. Als ich ihn zum erstenmal in der Uniform sah, schlug mir vor Freuden das Herz; nun glaubt ich, daß wir dem neuen Vaterlande völlig angehörten. Ihn bei seinem ersten Wachtdienste zu besuchen, unter so vielen muntern, ihm und mir so ausnehmend freundlichen Kameraden, so nah und vertraut allen Gewehren, Trommeln, Fahnen, das war ein Fest, dessengleichen sich im Leben selten ereignet. Ich war stolz darauf, meinen Vater als einen Verteidiger der Freiheit zu sehen, die ich von allen Seiten als das höchste Gut preisen hörte und für welche zu sterben als das schönste Los gerühmt wurde. Ich erfuhr, daß auch mir nun die Ehre gesichert sei, als französischer Bürger einst an der hohen Bestimmung teilzunehmen, die mein Vater jetzt erfüllte und die ich mehr beneidete als alles andere, was die erwachsenen Leute vor mir voraushatten. Abends fand ein Gastmahl im Wachthause statt, wo sich mehrere hohe Befehlshaber einfanden, der Zapfenstreich wurde von kriegerischer Musik begleitet, man sang patriotische Lieder, und zuletzt fielen sogar Freudenschüsse, die von anderen Posten beantwortet wurden, und berauscht von Entzücken, kehrte ich in später Nacht aus dem Zauberkreise nach Hause, wo mich heimkehrende Nationalgarden sicher ablieferten. Unfähig zu erzählen, was ich erlebt hatte, konnt ich Mutter und Schwester nur bedauern, nicht mit dort gewesen zu sein, ja es schien mir sehr traurig, daß ihnen nicht derselbe Beruf werden könne, dem ich unfehlbar entgegenging! La nation française, liberté, égalité – welch süße, stolze Worte damals dem Ohr! Wer mir damals gesagt hätte, daß diesen Franzosen, diesen Nationalfarben und dieser Losung ich einst, aus freier Wahl und mit heißem Eifer, feindlich gegenüberstehen[40]  würde! – Die Begeisterung erstieg den höchsten Gipfel, und ein Goldenes Zeitalter schien wirklich anzubrechen, als von Paris die Heilverkündung erscholl, der König habe die von der Nationalversammlung ausgearbeitete Konstitution angenommen und beschworen. Dieser Tag, der 14. September 1791, wurde durch ganz Frankreich festlich nachgefeiert, und Straßburg zeichnete sich vor vielen Städten durch großartige Anordnungen aus. Kanonendonner verkündete den Anbruch des Tages, die Linientruppen und Nationalgarden waren mit dem frühsten in Bewegung, die von Musik und Jubel begleiteten Hin- und Herzüge bewaffneter Abteilungen wollten nicht enden; zuletzt vereinigte sich alles zu einer großen Parade, einem erhebenden Schauspiele, aus Ernst und Fröhlichkeit gemischt, denn nach einigen Waffenübungen wurden die Gewehre zusammengestellt und unter dem Jubelgeschrei »Vive le roi, vive la nation!« fraternisierten die Truppen mit dem Volke; plötzlich drängten sich im Gewühl lange Reihen gedeckter Tische hervor, an denen in Gemeinschaft gespeist wurde. Hatte man sich an diesem Anblick ergötzt, so eilte man zu dem Münster, die Vorbereitungen zu sehen, die dort für den Abend getroffen wurden. Die Munizipalität hatte eine Menge Volkslustbarkeiten veranstaltet, für die Armen fanden öffentliche Speisungen statt, auch viele angesehene und reiche Bürger hielten ihre Mahlzeit auf offener Straße, riefen die Vorübergehenden heran, und diese allgemeine Teilnahme der Wohlhabenden und Gebildeten gab der Lustbarkeit ein gesittetes und elegantes Ansehen, durch welches auch die Roheit und Wildheit, die sich etwa hätte zeigen mögen, leicht in Schranken gehalten wurde. Dieses Zu-Mittag-Essen auf der Straße, die mannigfachen Gruppen der Familien, zwischen Frauen und Kindern die hellen Uniformen, denn Väter, Gatten und Brüder, alle waren ja Nationalgarden – dieser Anblick war einer der größten und eigentümlichsten meines ganzen Lebens; man kann sich die Heiterkeit und Anmut einer solchen Veranstaltung schwerlich vorstellen. Nachmittags strömte die[41]  Menge vor die Tore hinaus, wo gleichfalls mannigfache Vergnügungen angeordnet waren, die Ruprechtsau wimmelte von geputzten Menschen, Musikchöre waren verteilt, und patriotische Lieder und frohe Tänze fehlten nicht. Die größte Herrlichkeit war indes dem Abend vorbehalten: die ganze Stadt wurde prachtvoll erleuchtet, die öffentlichen Gebäude und jedes Bürgerhaus, die großen Plätze und jedes Gäßchen, alles flutete von Lichtströmen. Nichts aber war dem Münsterturme zu vergleichen, der, mit Hunderttausenden von Lampen bis zur höchsten Spitze beleuchtet, in dem dunkeln Nachthimmel riesenhaft emporragte. Man drängte sich heran, zu dem lichtübersäten Ungeheuer in der Nähe aufzublicken, man suchte bald wieder das Weite, um aus einiger Ferne den Anblick noch wirkungsvoller zu genießen. So wogte die Menge hin und her, überall in fröhlicher Helle, überall von Lust umgeben. Dem gewaltigen, weit im Lande hin sichtbaren Leuchtturm antworteten von den umliegenden Dörfern aufflammende Freudenfeuer, und entferntere Feuersäulen stiegen in den Vogesen empor. Bis tief in die Nacht blieben die Straßen von wogender Menge erfüllt.


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Der Herbst war bald vorüber, und der eintretende Winter brachte manche Veränderung. Die wichtigste und folgenreichste für uns war, daß sich nunmehr als gewiß erkennen ließ und als entschiedene Tatsache herausstellte, die Straßburger Universität sei als eingegangen zu betrachten. Sie war von jeher fast gar nicht von Franzosen, sondern hauptsächlich von Deutschen, Schweizern und auch von Russen besucht worden; diese fremden Studenten hatten sich schon während des Sommers merklich vermindert, mit dem Schlusse der Vorlesungen waren fast alle davongegangen; und da die Revolution noch kein Ende absehen, sondern im Gegenteil nahen Krieg befürchten ließ, so schien unter Volksunruhen und feindlicher Belagerung, die für Straßburg zunächst eintreten konnte, kein friedlicher Musensitz möglich,[42]  und die Studenten blieben sämtlich aus. Mein Vater, der noch eben erst seine vorhabende Lehrtätigkeit durch eine gedruckte Epistola ad Argentinenses eruditos förmlich angekündigt hatte, sah plötzlich alle seine Hoffnungen zerstört und sein Schiff, anstatt im erwünschten Hafen, auf das hohe Meer hinausgeschleudert. Für die altansässigen Professoren war das Mißgeschick eben falls empfindlich, allein sie hatten mannigfache Verhältnisse und wurzelten im bürgerlichen Boden zu fest, als daß sie von ihm sich hätten losreißen können; auch schmeichelten sich die meisten, daß die Unterbrechung von keiner Dauer sein würde. Solcher Täuschung gab mein Vater sich nicht hin; er sah hier eine Wendung der Dinge, bei der es auf lange Zeit werde verbleiben müssen, und der neue Boden, auf dem er stand, wurde ihm dadurch unsicher und fremd. Die Sorge für seine und der Seinigen Zukunft legte sich ihm schwer auf die Seele; sie war mit Erwägungen verknüpft, die über das persönliche Interesse des nächsten Augenblickes weit hinausgingen. Auf seine Ansichten und Gesinnungen hatten die veränderten Umstände nicht den geringsten Einfluß, den in der Revolution lebenden Ideen war und blieb er treu, er wünschte von Herzen deren Fortgang und Sieg, gegen sie legte er sein persönliches Gedeihen gar nicht in die Waage. Allein die Zeiterscheinungen boten neben dem Guten, das er freudig bewillkommnete und begeistert pries, auch Zweideutiges, das ihm Mißtrauen erregte, und Schlechtes, das er geradezu verwerfen mußte. Er war ein biederer deutscher Charakter, in seiner Begeisterung durchaus ehrlich, für edle Zwecke wollte er nicht unedle Mittel; Arglist und rohe Gewalt waren ihm verhaßt. In Straßburg hatte er im Verlaufe mehrer Monate manches Bedenkliche hervortreten, die herrschenden Einflüsse trüber werden sehen, das Zusammenwirken deutscher und französischer Elemente schien beide nur zu verschlechtern; er konnte sich die Frage stellen, ob für ihn, nachdem sein nächster Beruf hier erloschen, dieser Aufenthalt noch der richtige, der einzige sei. Doch hierbei blieb er nicht stehen;[43]  er überlegte auch – was mir freilich erst in späterer Zeit kund wurde –, ob er unter solchen Umständen seinen Kindern das angeborene deutsche Vaterland verschließen, so jung sie in die ungewissen Schickungen eines fremden Volkes auf immer verflechten dürfe. Solche Gedanken fanden weniger Eingang bei meiner Mutter, die persönlich manche Befriedigung genoß und auch den allgemeinen Angelegenheiten heitres Zutrauen schenkte.
Ganz verborgen blieb es uns Kindern nicht, daß etwas Ungewöhnliches und Unerfreuliches verhandelt wurde, daß besonders der Vater ernsthafter aussah und seine gute Laune seltener zeigte. Aber wir selber empfanden Verstimmung und Unbehagen, und der Grund lag nahe genug in der veränderten Jahreszeit; der Winter bedingte für uns ein Leben, das von dem während des Sommers geführten himmelweit verschieden war. Kälte und schlechtes Wetter beschränkten uns meist auf das Zimmer, wo uns noch oft genug fror und überhaupt unheimlich war, der Umgang mit den Gespielen hörte größtenteils auf, die Nähe des schwächer gewordenen Großvaters wurde uns zu hartem Zwang, und mancher lange Winterabend ging in trübem Mißbehagen dahin. Ich hatte noch den Vorteil, daß mich der Vater, wiewohl viel seltener als sonst, doch bisweilen zu seinen Gängen mitnahm, wo mir dann Auffrischung mancher Art zuteil wurde; aber die arme Schwester blieb dann um so verlassener daheim. Ich fühlte ihr Leid mit, und wir sagten es einander, daß wir sehr unglücklich seien.
Als der Schnee verging und wieder Frühlingslüfte zu wehen anfingen, wollte mein Vater eine Entscheidung in betreff seiner Lage nicht länger aufschieben. In Straßburg konnte er jetzt kaum noch eine andere als die politische Tätigkeit ergreifen, aber für diese hatte er wenig Neigung, besonders wenn er betrachtete, welche Partei schon zusehends auf dem Wege war, die Macht an sich zu reißen. Einige Volksbewegungen, gegen angebliche Aristokraten gerichtet, die mein Vater aber als gute Patrioten kannte, gaben[44]  unzweideutig zu erkennen, was man von gewissen Seiten beabsichtigte. Bald glaubten auch redliche Freiheitsfreunde, die Konstitution könne nur durch gewaltsame Maßregeln geschützt und behauptet werden; um sie selber zu retten, zu diesem heiligen Zwecke dürfe man über sie hinausgehen. Dies wollte mein Vater in keinem Falle gutheißen; seine Widerreden erregten Mißfallen, er wurde von denen, die er für seine politischen Freunde hielt, gewarnt – und verlassen. Hätte er schon ein Amt gehabt, einen ausgesprochenen Beruf, so würde er keinen Fußbreit gewichen sein; bis jetzt aber band ihn keine Pflicht in Straßburg, er sah sich allein stehen mit seiner Denkart und ganz wirkungslos. Der ganze Zug der Dinge, der von Paris her kam, gefiel ihm nicht, und er meinte, die durch unreine Elemente getrübte Revolution werde Jahre bedürfen, sich wieder zu klären; dieser Zeitpunkt sei in Ruhe abzuwarten. In diesem Gedanken schlug er eine ansehnliche Stelle aus, die man ihm bei der Medizinalverwaltung des Heeres antrug, und zog vor, einstweilen nach Deutschland zurückzugehen.
Für meine Mutter galten andere Betrachtungen; sie befand sich in ihrer Heimat, unter Geschwistern, bei ihrem alten Vater, dessen Ableben gar nicht fern sein konnte; sie wünschte in Straßburg zu bleiben, bis sich erst bestimmt ergeben habe, welches unsere neuen Verhältnisse sein würden. Was zwischen den Eltern näher vorging und schließlich verabredet wurde, ist mir nie bekannt geworden, nur die große Neuigkeit ergab sich bald, daß mein Vater abreisen und mich mitnehmen, meine Schwester aber mit der Mutter in Straßburg zurückbleiben würde. So schrecklich mir die Ankündigung der nahen Trennung war, so war mir doch, mit dem Vater zu gehen, vollkommen recht; ihn zu missen, wäre mir doch am härtesten gewesen. Meine Schwester und ich täuschten uns nicht über das Los, das uns verhängt war, wir fühlten den ganzen Wert unsres Zusammenseins, die ganze Bedeutung unseres Scheidens, wir fragten, ob wir uns denn gewiß wiedersehen würden, wir versprachen[45]  einander mit Tränen, wie lange es auch dauern möge, nie wollten wir einander fremd werden!
Die letzten acht Tage vergingen unter Wehklagen und Zärtlichkeit, meine Schwester tat mir alles zu Gefallen, schenkte mir alles, was ihr zu Gebote stand, sammelte Näschereien für mich und füllte mir alle Taschen, so gut sie nur konnte. Ich sah mit tiefster Rührung ihr Bemühen: ich empfand die innigste Dankbarkeit und wünschte ebenso liebevoll für sie tätig zu sein. Alle Leute beklagten uns; solche Geschwister, die sich so liebten, meinten sie, sollten nicht auseinandergerissen werden. Die Eltern selber schienen erst in unserm Schmerze recht zu fühlen, welch bittre Trennung uns alle traf. Der Tag der Abreise kam schnell heran; den mütterlichen und schwesterlichen Armen fast bewußtlos entwunden, fand ich mich an der Seite meines Vaters im Wagen wieder, der uns schon aus der Stadt entführt hatte und auf der Straße nach Landau dahinrollte.



Brüssel. Aachen. Düsseldorf
1792–1794










[46] Wir hielten uns in Landau nicht länger auf, als nötig war, die Schwierigkeiten zu beseitigen, die sich unserer Weiterreise in den Weg setzten. Die starkbefestigte Stadt, welche für Frankreich gegen die deutsche Seite hin als das wichtigste Bollwerk angesehen wurde, war mit Truppen überfüllt, die Nationalgarde tat den Dienst eifrig mit, und Bürger und Behörden offenbarten die heftigste Freiheits- und Kriegslust. Das Volk sammelte sich um unsern Wagen, die Verräter – hieß es – solle man nicht zum Feinde hinüberlassen, nur Aristokraten könnten jetzt das Land der Freiheit fliehen wollen. In der Tat weigerte sich der Postmeister, uns[46]  Pferde zu geben, bevor wir nicht eine besondere Erlaubnis der Behörde beibrächten; der Maire wollte sich mit der Untersuchung nicht befassen, erst nach dringender freimütiger Ansprache gab endlich der Kommandant den verlangten Schein, daß die Papiere vollkommen richtig und die Reisenden unbedenklich zu befördern seien.
Ohne weiteres Hindernis gelangten wir nach Neustadt an der Hardt und darauf nach Mannheim. Hier hatte sich seit unsrem früheren Besuche die Stimmung auffallend erhöht. Französische Emigranten, zahlreicher als je, genossen der größten Gunst in den obern Kreisen und fachten überall die Glut des Hasses gegen das revolutionäre Frankreich an; sie arbeiteten im Übermute schon stark darauf hin, sich selber auch verhaßt zu machen, und manches Haus bereute schon, zu bereitwillig solche Gäste aufgenommen zu haben; allein politisch ließ man sich leicht von ihnen fortreißen, da sich als gewiß in Aussicht stellte, daß sie nächstens in Sieg und Glanz daheim die Meister sein würden; denn wie sollte doch das seiner ersten Häupter, seines besten Adels und seiner vornehmsten Offiziere beraubte Volk in Frankreich den vereinten Kriegsheeren des Kaisers, des Königs von Preußen und der französischen Prinzen widerstehen können? Der Kriegszug aber war unzweifelhaft und daher der Untergang der Revolution ganz nahe. So dachte nun freilich mein Vater keineswegs; er hielt die Revolution für fest gegründet, ihre Sache für unbesiegbar, die nationalen Truppen dünkten ihn kriegerischer als die heranrückenden fremden Heere. Doch dergleichen auszusprechen durfte man kaum wagen, die entgegengesetzte Meinung schien die allein erlaubte; da mein Vater aber sich dieser Tyrannei nicht unterwerfen wollte, sondern frei und wohl gar spöttisch den Hoffnungen und Aussichten der einen Seite die der andern gegenüberstellte, so entstanden Auftritte des Zorns, ja der Wut, die nicht fern von Gewalttat waren und auf der Stelle zu tückischer Angeberei führten. Die würdige Mutter meines Vaters, verwirrt und erschreckt, den Sohn in solchem Widerstreite zu sehen,[47]  aus dem, wie sie wußte, hier nur Unheil für ihn erfolgen konnte, war nun selber froh, seine Weiterreise nahe zu wissen, gegen welche sie anfangs lebhaft und zärtlich Einspruch getan. Wir gingen wieder zu Schiff und fuhren gemächlich den Rhein hinab.
Die Gesellschaft auf dem Schiffe war gemischt und erwies sich bald in dieselben Bestandteile gespalten, in welche die ganze Welt sich entzweien zu sollen schien. Einige Emigranten führten das große Wort, und niemand bestritt es ihnen, obwohl ihre Ungebärde, ihr Schimpfen und Wüten den andern lästig wurde. Unvermutet fiel der Blick des einen auf ein an meiner Kleidung zufällig hervorblickendes Bändchen, es war unscheinbar, aber noch immer als dreifarbig zu erkennen. Als könne er seinen Augen nicht trauen, starrte er das Zeichen an, rief dann seine Gefährten herbei, und nun gab es einen verwünschten Lärm von Redensarten, die ich nicht verstand, die aber, wie ich wohl sah, meinen Vater hart angingen; er blieb den Gegnern nichts schuldig, allein sie hatten gegen den einzelnen die Übermacht und behaupteten, wir von der Revolution Angesteckte dürften nicht weiter mitfahren, sie befahlen den Schiffleuten, anzulegen und uns auszusetzen; indes hatten diese nicht die geringste Lust, einem solchen Ansinnen Folge zu leisten, und als die Emigranten nicht abließen, so veränderte sich die Szene plötzlich. Die übrigen Reisegefährten, welche bisher ruhig und schweigsam geblieben, deutsche Landsleute aus der Pfalz, aus Worms und Mainz, erhoben sich gleichzeitig in demselben Antriebe, traten auf die Seite meines Vaters und erklärten den Welschen, wenn sie nicht auf der Stelle das Maul hielten, so würden sie in den Rhein geworfen, wozu die Schiffleute herzhaft einstimmten. Was war zu tun? Die Franzosen mußten wohl schweigen, denn sie sahen, daß hier vom Drohen zum Tun nur ein Schritt war, und die Wasserwirbel des Rheins plätscherten mahnend an die Planken.
In Mainz, wo wir landeten, waren die Emigranten die ersten, welche das Schiff verließen, und wir verloren sie[48]  gleich aus den Augen; nach einem Aufenthalt von ein paar Stunden schwammen auch wir schon wieder in einem andern Schiff und in anderer Gesellschaft den Rhein hinab. Die Stimmung in Mainz äußerte sich schon lauter gegen die Emigranten als die in Mannheim, und auf dem Wege nach Koblenz wurde mit offnem Hasse von ihnen gesprochen. Von ihrem Übermut, ihrer tollen Verschwendung, ihren empörenden Gewalttaten und lächerlichen Eitelkeiten erzählte man hundert Geschichten. Koblenz war von ihnen überschwemmt, sie hatten dort ihre Waffenstärke gesammelt und spielten in Stadt und Land völlig die Oberherren; der Kurfürst von Trier, der sie aufgenommen, hatte gar nichts mehr zu sagen, seine Behörden wurden von den Fremdlingen mißachtet, seine Truppen verdrängt, es wurden französische Gerichtshöfe errichtet und sogar die Einheimischen gewaltsam vor diese geschleppt, wenn französischerseits eine Klage anhängig gemacht wurde. Alle bürgerliche Ordnung war aufgelöst, die Hausrechte wurden verletzt, junge Edelleute quartierten sich willkürlich ein, wo eine artige Frau, ein hübsches Mädchen ihnen in die Augen fiel, die Galanterie schlug nicht selten in die roheste Dreistigkeit um, und die frechste Sittenlosigkeit wurde öffentlich zur Schau getragen. Die Einwohner klagten dem Kurfürsten ihre Not, und als er sich unfähig aller Abhülfe erklärte, verlangten sie nur seine Zustimmung, so wollten sie schon auf eigne Faust das fremde Gezücht aus dem Lande treiben; er aber bat sie um Gottes willen, doch nur noch Geduld zu haben. Dies war nun freilich ein verzweiflungsvoller Zustand, in welchem das Ansehen und die Ehre eines deutschen Fürsten bei dem eignen Volke schlimm fahren mußte. Die einzige Hoffnung war, daß der Krieg bald ausbrechen würde, da denn die lästigen Gäste insgesamt nach der Grenze vorrücken müßten. Ihnen selbst dünkte der unverzügliche siegreiche Einmarsch in Frankreich so gewiß, der Gewinn aller Macht und alles Reichtums so unfehlbar, daß sie nicht daran dachten, ihre Hülfsmittel irgend zu Rate zu halten, im Gegenteil, sie warfen[49]  das Geld auf die leichtfertigste Weise weg, als müßten sie es loswerden, damit das neue, reichlichere nur Platz fände. Ich sah Übungen im Pistolenschießen, wobei die getroffenen Goldstücke jedesmal unter das Volk ausgeworfen wurden; ein Bauermädchen bot Blumensträuße zum Verkauf und empfing, weil sie hübsch war, Gold über Gold; man stellte die üppigsten Gastereien an und ergötzte sich, die Bürger in Champagner zu berauschen, ja die Schuljugend wurde aufgegriffen und betrunken nach Hause geschickt. Noch mehr aber als dieser Unfug empörte der Hohn, der gegen das Schwarzbrot verübt wurde; von ganzen Broten wurde die Krume zu großen Kugeln geknetet und mit diesen entweder Vorübergehende angeworfen oder Fenster beschädigt, die ausgehöhlte Kruste wurde zu Überschuhen gebraucht und darin herumgetanzt, bis sie auf den Steinen zerbrachen und sich im Schmutz verloren; alles öffentlich, von Marquis und Vicomtes und jungen Abbés ausgeführt, unter großem Zulauf und Gelächter. Diese Versündigung an der Gottesgabe, wie man es zu nennen pflegte, war derjenige Frevel, den die Deutschen am wenigsten verzeihen wollten; sie riefen die Rache des Himmels dawider an, und wo es geschehen konnte, legten sie auch wohl Hand an die Frevler selbst. Wurden Emigranten ins Wasser geworfen, zerprügelt oder sonst mißhandelt, so geschah es mehr um des Schwarzbrotes willen als aus jeder andern Ursache. Diese Einwirkung der Emigranten längs des ganzen Rheinstroms darf nicht übersehen werden bei Beurteilung der nachfolgenden Ereignisse, als die Waffen der Revolution in diese Länder vordrangen und hier teilweise so günstig aufgenommen wurden.
Auch meinem Vater sollte hier wieder ein unangenehmes Abenteuer beschieden sein. Wir aßen abends im Gasthof an der von zahlreichen Emigranten besetzten großen Wirtstafel; ich war im verwirrenden Lärm ermüdet eingeschlummert, als auf einmal ein lauter Schrei neben mir mich aufweckt. Ich sehe meinen Nachbar, in der Gebärde der[50]  Abwehr eine zusammengefaltete Serviette als Schild erhebend, und auf meiner andern Seite meinen Vater, der zornerfüllt ein Messer wie zum Stoß ergriffen hat. Sogleich sprangen die Nächstsitzenden auf, der Wirt kam herbei, und es gab viele Erklärungen und Verhandlungen, von denen ich nichts verstand, die sich aber doch endlich dahin beruhigten, daß man weiteraß, nur zuckte der Emigrant, sooft mein Vater sein Messer nahm, krampfhaft nach der Serviette, und dies Spiel wurde bald für die Zuschauer belustigend. Als die Tafel beendigt war, nahm der Bedrohte seinen Hut eilig zur Hand und dann, jede Blöße vermeidend, seinen Rückzug, worauf mein Vater einem emigrierten Elsasser deutsch den Anlaß des Vorfalls erzählte, den auf diese Art auch ich nun erfuhr. Jener Franzose hatte aus irgendeiner Angabe erkundet, daß mein Vater aus Straßburg käme, gab sich als Kammerdiener – versteht sich, daß nur ein Edelmann diesen Posten bekleiden konnte – des Grafen von Artois zu erkennen und meinte, der Prinz würde gern Erkundigungen einziehen, wie es dort stände, welche Truppen dort wären, welcher Geist in der Nationalgarde, und mein Vater dürfe nicht säumen, die Ehre eines solchen Verhöres zu bestehen. Auf die schnödeste Abweisung, die er empfing, wurde der Emigrant nur zudringlicher und wagte anzudeuten, man würde allenfalls auch Zwang anzuwenden wissen. Auf diese Drohung war mein Vater aufgefahren und hatte nach dem Messer gegriffen. »Hätten Sie den Kerl nur totgestochen«, sagte der Elsasser, nachdem er diesen Verlauf angehört; »die meisten von uns, die wir hier herum am Tische sitzen, hätten es ruhig geschehen lassen, er ist uns allen als ein übermütiger und feiger Schwätzer verhaßt; überhaupt tut dieser Anhang der Prinzen, als wären wir, die wir ein paar Monate später gekommen sind, nicht so gute Royalisten als die zuerst emigrierten, und wir haben vieles darum zu leiden; ich für mein Teil wünsche nur, daß wir bald ins Gefecht kommen, da werden wir doch dieser Höflinge ledig sein!« Wohl nicht ein zweites Mal hätte in Koblenz ein[51]  solcher Handel so glimpflich ausgehen können, es gehörte das seltenste Glück dazu, die Parteisucht durch innern Zwist auf dieser Stelle just entwaffnet zu finden. Bei derartigen Umständen aber, unter solchen immerwährenden Begegnissen war die Reise wirklich gefahrvoll und wenig angenehm. Mein Vater wurde vorsichtiger, hüllte sich mehr und mehr in Schweigen und Unbekanntheit, und so kamen wir ohne weitere Anfechtung glücklich in Brüssel an.
Was meinen Vater eigentlich hieher führte, habe ich nie erfahren, doch ist mir dunkel erinnerlich, daß in Mannheim schon die Rede davon war, wie nötig und geraten es sei, dort eine Erbschaftssache zu verfolgen, bei welcher unsere Familie beteiligt war. Ich freute mich unsäglich des Wiedersehens der bekannten Orte, der teuren Personen, die uns mit Herzlichkeit aufnahmen. Wiederum lustwandelte ich in dem herrlichen Park, wiederum sah ich meinen alten Freund Manneken Pis, wiederum wurde ich mitgenommen zu allen Sehenswürdigkeiten und Genüssen, welche die Kindheit reizen. Nur die österreichischen Soldaten wollten mir nicht mehr wie sonst gefallen, die französischen dreifarbigen dünkten mich viel schöner, und ich hatte auch immer gehört, die Blauröcke würden die Weißröcke unfehlbar aus dem Felde schlagen, welches ich um so glaubhafter fand, als ja schon andere Blauröcke, die Preußen, früher dasselbe sollten getan haben. Daß die Freiheit in dem bevorstehenden Kampfe siegen würde, hörte ich auch hier öffentlich sagen, und die Brabanter, hieß es, würden nicht die letzten sein, den neuen Versuch zu wagen, auch ihre Freiheit zu erringen. Ich begriff nicht, warum mein Vater von diesen Dingen gar kein Heil erwartete und immer den Kopf ungläubig schüttelte, wenn von den Patrioten in Belgien die Rede war; er meinte, die Österreicher wären ihm lieber als diese und mit denen in Frankreich hätten sie nichts gemein als den Namen. Der Name ist aber allerdings in politischen Bewegungen ein mächtiges Einigungsmittel, und ungeachtet der in beiden einander scharf widerstreitenden Grundsätze kann[52]  man sagen, daß die belgische Revolution der französischen trefflich vorgearbeitet habe.

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Die frohen Tage dauerten nicht lange, eine unvermutete Wendung setzte unsrem Aufenthalt ein nahes Ziel. Ob die Briefe aus Straßburg, die mein Vater auf der Post abholte, vorher gelesen worden und Argwohn erweckt, ob trotz seiner vorsätzlichen Behutsamkeit dennoch mißfällige Reden ihm entschlüpft oder ob irgend sonst eine Verdächtigung stattgefunden, dies vermochte er selber nicht auszuforschen, aber soviel ist gewiß, er empfing die Weisung, Brüssel zu verlassen. Jeder Einspruch von seiner Seite sowie die angebotene Bürgschaft namhafter Männer, alles war erfolglos; man fabelte schon von revolutionärer Propaganda und gab zu verstehen, ein vermutliches Mitglied derselben könne man so nahe dem Schauplatze des bevorstehenden Krieges unmöglich dulden. Mir schien es, als sei mein Vater weniger unwillig und betrübt als ich, der Abschied kostete mich viele Tränen, und Brüssel stand lange Zeit vor meiner Einbildungskraft[53]  als ein Ort voll Reiz und Befriedigung, dem ich ungerechterweise zu früh entrissen worden.
Wir wandten uns nach Aachen, und ich hörte, wir würden einstweilen hier bleiben. Die damalige düstre, schmutzige, von ihren Vorstädten noch durch Festungswälle und Tore und Zugbrücken getrennte Reichsstadt Aachen konnte am wenigsten für das heitre, prächtige Brüssel schadlos halten. Es war ein trauriger Ort und traurig auch bald meine Lebensart. Mein Vater war selten zu Hause, und hatte ich in Brüssel ihn fast immer begleiten dürfen, so geschah dies in Aachen höchst selten, ich war fast immer auf dem Zimmer allein oder auf einem engen Hofraum, der ein paar Bäume und einige Sträucher hatte, nur ausnahmsweise besuchte ich die guten, aber beschränkten Hausleute, die in großer Abgeschiedenheit lebten und deren Türe nach der Straße beständig verschlossen war. Ich konnte mich nur mit Ausschneiden beschäftigen und mit den einsamen Spielen, welche sich hieran knüpfen ließen; denn Lesen hatte ich noch nicht gelernt. Jetzt mir diese Hülfe zu eröffnen, fand mein Vater dringend nötig. Ich erinnere mich dieses Lernens kaum, so leicht ging es vonstatten; ich weiß nur, daß ich bald mit unendlichem Vergnügen las, Geschichten, Sprüche, Lieder, wie die gewöhnlichen Kinderbücher sie darboten. Auch die alten Kalender im Hause spürt ich auf und manchen kleinen Almanach, an dessen Bildern und Erzählungen ich mich ergötzte.
Als der Sommer verstrichen war und die Wintereinsamkeit doch allzu schreckhaft bevorstand, ereignete sich eine glückliche Veränderung; eine junge Dame mit einem Söhnchen zog in das stille Haus bei uns ein, und wiewohl sie ganz in dessen abgeschlossene Einsamkeit sich fügte, so begann doch für mich im Innern nun ein neues Leben. Mit dem Kinde zu spielen, ließ ich mich gern herab, dafür kam mir auch die Herablassung der Mutter zugute, als welche nicht müde wurde, lange Abende die schönsten Märchen zu erzählen, wobei ihr Söhnchen bald einschlief, ich aber bis[54]  zur späten Nacht begierig zuhörte. Ich weiß noch genau die Physiognomie jener Abende, wie wir saßen, wie wir uns an die Erzählerin schmiegten, wie ganz befriedigt und glücklich meine Seele sich fühlte und nur die einzige Sehnsucht bisweilen nicht unterdrücken konnte, daß doch meine Mutter und Schwester auch dabeisein und besonders die Schwester mein Entzücken teilen möchte! In meine frühere Einsamkeit beide herbeizuwünschen war mir weit weniger eingekommen. Übrigens hörte ich leider fast nichts von ihnen, der Krieg war ausgebrochen und störte die Verbindungen, aller Briefwechsel stockte, und mein Vater berührte meine reizbare Empfindung ungern durch fruchtlose Erinnerung an die Entfernten, welche alle Gefahren und Greuel der schon beginnenden Jakobinerherrschaft in Straßburg mit bestehen mußten.
Von allen diesen Vorgängen des Kriegs und der Revolution, die mir zu Straßburg täglich und stündlich im Ohr und Auge gewesen, vernahm ich hier fast nichts, und wiewohl ich an den Nachrichten, für die ich nicht reif sein konnte, eigentlich nichts entbehrte, so fiel mir doch der Abstand auf, der hierin meine jetzigen Tage von den früheren unterschied. Mein Vater, durch unangenehme Begegnisse gewitzigt und bei der erhöhten Stimmung der Parteien hüben und drüben von mannigfacher ernsten Gefahr bedroht, diesseits als Revolutionär verschrien und jenseits auf die Emigrantenliste gesetzt, scheint alles sorgfältig gemieden zu haben, was politischer Deutung unterliegen konnte. Seine Sicherheit in Aachen fand er nur dadurch, daß er im verborgnen lebte, wie er denn auch nicht seinen, sondern einen angenommenen Namen dort führte; mich aber entzog er aller Berührung mit Fremden, weil es doch unmöglich gewesen wäre, mir für alle Verfänglichkeiten, denen meine eignen Einfälle oder die Fragen der andern mich bloßstellen konnten, die nötige Klugheit einzusprechen.
Diese Verhältnisse müssen sich plötzlich verändert haben; denn der Bann, worin ich bis dahin gehalten schien, hörte[55]  eines Morgens völlig auf, ich durfte meinen Vater wieder begleiten, und er selber zeigte sich munter und zuversichtlich wie in frühern Tagen. Er führte mich vor die Tore in die schneeschimmernde Winterlandschaft, an öffentliche Lustorte, auf die Redoute, wo Emigranten große Spielbank hielten, und auch in das Theater kam ich nach langer Unterbrechung zum ersten Male wieder. Die vielfachen Zerstreuungen und heitern Ergötzlichkeiten nahmen mich doch nicht so sehr ein, daß ich der ruhigen Erzählungsabende, der traulichen Abgeschiedenheit des Hauswesens und der reichen Phantasiegebilde, die sich in jener Enge glänzend entfaltet, so leicht vergessen hätte, vielmehr blickt ich oft mit Sehnen auf die abgebrochenen stillen Freuden zurück, die nur ein paarmal noch sich erneuerten, aber auch dann leider schon von dem unruhigen Gefühl begleitet, daß ich wußte, sie dauerten nicht, seien von Zufällen und Launen abhängig.
All dieser Wechsel schwand bald vor einem größern: wir verließen Aachen noch mitten im Winter und reisten nach Köln; die Fastnachtslustbarkeiten waren eben im Schwange, und wir sahen gelegentlich manches Stück davon; an solchen Zusammenhang in den Anstalten und an solche große Prachtaufführung, wie die spätere Zeit sie hervorgebracht, war damals nicht zu denken, doch stand Köln schon immer vor allen rheinischen Städten im Rufe, den Faschingsfreuden den größten Spielraum zu gewähren, das Narrentum am allgemeinsten und öffentlichsten zu betreiben. Übrigens galt die Stadt für ein düstres, in Schmutz, Vorurteil und Aberglauben versunkenes Pfaffennest, dessen freireichsstädtisches Regierungswesen, veraltet und verwahrlost, nur noch Mitleid einflößte und dem jeder hellere Sinn als das beste Glück wünschte, unter die ordnende Hand eines aufgeklärten Fürsten zu kommen. Mir konnte der Ort unmöglich gefallen, es war mir überall unheimlich und bang, und in dem lärmenden Gewühle wie in der Öde so vieler wüsten Straßen und schaurigen Winkel, die mit jenem schroff abstachen, bot sich mir nirgends eine behagliche, stille Zuflucht. Auch[56]  für die Sinne gab es wenig Anregendes. Von dem Wunderbau des Domes war kaum die Rede; so wert die Straßburger das Münster hielten, sich des herrlichen Besitzes unaufhörlich rühmten und freuten, so wenig machten die Kölner aus dem Dom, der auch in seiner Unausgeführtheit, Verabsäumung und Trübnis allerdings an unmittelbarer Wirkung des Anblicks dem Münster weit nachstand. Das Besehen des Bauwerks war auch nur Nebensache in Vergleich des Verweilens bei Dingen, für welche die Aufmerksamkeit hauptsächlich in Anspruch genommen wurde; die Kostbarkeiten aller Art, Reliquien, Meßgewänder und dergleichen, wollten kein Ende nehmen, und die Heiligengeschichten, welche dabei vorkamen, wurden so gemein und ungeschlacht erzählt, daß auch der Knabe merken mußte, man glaube nicht daran und wolle ihm Fabeln aufbinden. Mehr Behagen und Genuß als diese Kirchensachen gewährte mir die Besichtigung der berühmten Kunst- und Naturaliensammlung des Freiherrn von Hüpsch, wo sich ein helles Gebiet menschlichen Forschens und Bildens auftat, das jenen Wundern an Wunderbarkeit nichts nachgab und Sinn und Glauben immer willig fand, welche jenen erst erzwungen werden sollten.
Ich wußte nicht anders, als wir würden bald wieder nach Aachen reisen, so hatte ich sagen hören, so schien es angenommen. Allein mit dem Frühjahr eröffnete sich unerwartet eine andere Richtung. Wir setzten uns in den Reisewagen, und ich erfuhr, es ginge nach Düsseldorf! Ich erhob ein Freudengeschrei bei dem Namen, mir schien, als müsse sich dort für mich alles Wünschenswerte zusammenfinden. Ich sah, daß auch mein Vater innig froh war und an meiner Freude sein Wohlgefallen hatte. Was ihn zu dieser Rückkehr bestimmte, mag etwa durch folgende Verknüpfung anzugeben sein. Bei dem Versuch einer Übersiedlung nach Straßburg hatten sich seine persönlichen Erwartungen getäuscht gefunden, die allgemeinen Aussichten aber, welche für jene hätten Ersatz oder Trost bieten können, sah er in noch schlimmerer Verdunkelung. Wenn das gewählte Vaterland[57]  nicht mehr den Sympathien entsprach, welche das angeborne hatte vermissen lassen, so trat letzteres wieder in sein natürliches Vorrecht, und nur die Schwierigkeit, heimzukehren ohne scheinbare Verleugnung der fortbestehenden Gesinnungen und unveränderten Grundsätze, hatte die unmittelbare Rückkehr noch verhindert. Die Zwischenzeit beinah eines Jahres, in Zurückgezogenheit und Ruhe verlebt, wirkte vermittelnd ein, das Waffenglück der Franzosen hatte im allgemeinen die Folge, daß die feindlichen Stimmen kleinlauter wurden, die Freigesinnten kühner auftraten; letztere, meines Vaters Freunde, waren zahlreich und tätig, sie riefen ihn heftig und ungestüm in ihre Mitte zurück. Er erfuhr, daß die Staatsbehörde ihn nicht anfechten würde, der ehrwürdige Kanzler Graf von Nesselrode benachrichtigte ihn sogar, er könne um so sicherer zurückkehren, als ja der Kaiser alle Deutschen, die sich von der Revolution in Frankreich hätten verlocken lassen, durch öffentliche Kundmachung von dort abrufe und ihnen jede Verantwortung erlasse sowie allen Schutz in der Heimat zusage. Mein Vater wünschte und bedurfte, wieder tätig zu sein; der Ruf seiner Mitbürger war ihm ehrenvoll und schmeichelhaft, er gab diesem und dem Zuge seines Herzens willig nach.
Die Freunde begrüßten ihn mit freudigem Jubel, und es fehlte nicht an Gastmahlen, Landpartien und Abendmusiken, die zu seinen Ehren angestellt wurden. Er war in der Tat allgemein beliebt; der höheren Klasse durch französischen Geist und Scherz angenehm, durch Biederkeit und hellen gesunden Sinn den aufstrebenden Bürgern vertraut, hatte er doch seinen stärksten und treuesten Anhang im untern Volke, dem er stets als ein uneigennütziger Helfer oder doch als freundlicher Tröster erschien. Ich war Zeuge manches rührenden Ausdrucks von dieser Seite, sowohl der Dankbarkeit als des Zutrauens, die ihm bezeigt wurden; ich hörte arme Leute sagen, jetzt hätten sie wieder ihren Arzt, die ganze Zeit seiner Abwesenheit hindurch hätten sie gar keinen gehabt. Es war bekannt, daß er zu einer Bettelfrau[58]  hinter der Ratinger Mauer mitten in der Nacht und im schlechtesten Wetter zu Fuß ebenso beeifert eilte, als er in den Wagen stieg, der ihn zu einer kranken Gräfin abholte. Auch mir persönlich wurde dies gute Verhältnis in vielem Schmeichelhaften fühlbar, das, wie ich wohl erkannte, mir um meines Vaters willen erwiesen wurde, und nicht ohne Stolz und jedesmal mit bester Wirkung nannte ich seinen Namen, wenn ich gefragt wurde, wem ich angehörte.
Diese für einen Knaben doch nicht weitreichende Befriedigung war aber fast die einzige, die mir diesmal zuteil wurde. Alle andern Glückseligkeiten, die ich von der Rückkehr in die Vaterstadt gehofft, die mir bei deren bloßen Namen vorgeschwebt, blieben aus oder schwanden in Dunst dahin. Wie fand ich den Ort in der kurzen Zeit verändert! Die Straßen und Gebäude waren noch dieselben, aber mir war der Maßstab verändert und alles in andre Verhältnisse gerückt. Das Haus am Rhein, das liebe Gärtchen war mir fremd geworden, auch zeigte sich mir ja darin weder Mutter noch Schwester, deren Vorstellung sich mir unauflöslich mit der jener Räume vereinigt hatte; unbekannte Menschen walteten in diesen, und wir wohnten in einer mir früher kaum bekannten Straße bei Leuten, die mich eher abschreckten als anzogen. Das schlimmste war, daß mein Vater gerade jetzt am wenigsten Zeit hatte, sich viel mit mir abzugeben oder mich nur bei sich zu haben, denn die Anforderungen seiner neuen ärztlichen Beschäftigung und der sonstigen Verhältnisse des Tages nahmen alle seine Stunden in Beschlag.



Der Krieg gegen die Franzosen dauerte inzwischen fort und entwickelte sich immer nachteiliger für die deutsche Seite; der Eifer und Haß, in welchem sich die beiden Hauptparteien, nämlich die der Revolution feindliche und die ihr günstige, in unsren Bürgerkreisen gegenüberstanden, trat sichtbarer hervor, je mehr die Kämpfe sich näherten. Hatten die Gegner der Franzosen in unsern Ländern noch[59]  alle Vorteile der Macht und Formen, so war doch die große Mehrzahl der Einwohner den Franzosen oder vielmehr ihrer Sache geneigt, und die Siege und Fortschritte der letztern galten auch uns zum Gewinn; der Augenblick schien nicht fern, wo die Waffen der Freiheit bis zu uns vordringen und die alten Zustände in sich zusammenbrechen würden. Jede neue Nachricht vom Kriegsschauplatze, jedes Näherrücken desselben war sogleich in den Gesichtern zu lesen, und dem Gange der Ereignisse nach war fast immer die Reihe an den Vornehmen, den Regierungsbeamten und Geistlichen, Bestürzung und Verlegenheit zu zeigen. In dem geringen Kreise, auf den ich beschränkt war, hörte ich keine eigentlichen Erörterungen, man begnügte sich, auf die Vorgänge zu schimpfen und zugleich Nutzen von ihnen zu ziehen. Für letzteres war durch Flüchtlinge und Emigranten vielfacher Anlaß gegeben, sie mußten sich unterbringen, sich weiterschaffen, und neben dem baren Gelde war schon mancher Gegenstand von Wert, manches aufgesparte Kleinod hiebei vorteilhaft in die Taschen meiner Hausleute geschlüpft. Sie beherbergten ab und zu einige Emigranten, und wenn diese ordentlich zahlten, so stieg wohl gar ein Dankgebet zum Himmel, der den Seinen etwas Gutes zufließen lasse. Bald aber nahm dieser Zug der Dinge so überhand, daß auch das Beten darüber vergessen wurde. Bisher nämlich waren die Emigranten nur truppweise erschienen, ihre Anzahl war noch zu übersehen, im Guten und im Schlimmen machte sich der einzelne bemerkbar; plötzlich aber, infolge eines unerwarteten scharfen Andranges französischer Heeresmacht, flutete die Hauptmasse vom linken Rheinufer herüber, und der ganze Schwall warf sich nach Düsseldorf, wo er sich zunächst wieder in Sicherheit glaubte. Die Stadt war wie überschwemmt, alles wimmelte von Emigranten, zu Hunderten zogen sie durch die Straßen, spazierten sie auf dem Markt, am Rhein, und sprechen hörte man fast nur Französisch. Meine Hausleute waren schnell bei der Hand, jede Bodenkammer wurde als Zimmer vermietet, jeder kleinste Dienst[60]  angerechnet, an Eßwaren und andern Sachen oft der sechsfache Wert gewonnen. Um noch größern Vorteil zu ziehen, richteten sie einen Mittags- und Abendtisch ein, und so groß war die Überfüllung der Stadt, daß Herren und Damen von höchstem Stande und üppigster Gewöhnung sich in den engsten Hinterstuben, bei schlechtem Gerät und geringer Küche, zusammenpferchten und behalfen und ihr Mißbehagen nur dadurch etwas zu lindern suchten, daß sie darüber lachend scherzten.
Eigentlich sah ich die Emigranten als meine Feinde an, fand mich aber unwillkürlich zu ihnen hingezogen. Ihre freundliche Lebhaftigkeit ergänzte zuvorkommend meine dürftigen Worte und halben Redensarten, wegen deren ich für einen völlig französisch Redenden erklärt wurde, und mit einigen Knaben wußt ich mich in der Tat bald leidlich zu verständigen. Gesellig unter allen Umständen, suchten sie sogleich Anknüpfungen und fanden sie besonders bei hübschen Mädchen und Frauen, auch wo die Vermittlung der Sprache fehlte. Der Übermut, der in Koblenz widerwärtig auffiel und empörte, war hier wenig mehr zu sehen, grausam getäuschte Hoffnungen und andringende Not hatten ihn nur zu sehr schon niedergebeugt; um so mehr traten wieder einschmeichelnde Artigkeit, gefällige Sitte und muntrer Scherz hervor. Mir gewährte das ganze Wesen die angenehmste Zerstreuung, und ich lernte mancherlei dabei, sowohl in Sprache als in Manieren, ich sah Waffen und Kostüme aller Art, prächtige Hofkleider, elegante Jagdanzüge, Uhren, Dosen, Kreuze und Ringe, deren man sich größtenteils um ein billiges zu entledigen wünschte; ich sah mit Erstaunen von feinen Herren Speisen bereiten und Betten überziehen, in einer freilich so ausgesuchten und sorgfältigen Weise, daß kein andrer es ihnen zu Dank tun konnte. Mein Vater sah mich in diesem Verkehr und ließ mich gewähren, er selber war in dieser Zeit sehr beschäftigt, und auch die Emigranten gaben ihm zu tun; denn sosehr ihm der Grund ihrer Sache zuwider war, so gern war er den einzelnen förderlich,[61]  und die Anlässe zum Vermitteln, zur Fürsprache und zum Verständigen erneuerten sich immerfort, weil die Kenntnis der französischen Sprache in Düsseldorf, mit Ausnahme des Adels, noch eine Seltenheit war und sogar die Behörden sich bei der Überzahl welscher Fremdlinge nicht mehr zu helfen wußten. Für mich ergab sich hierin die schlimme Erfahrung, daß übertriebenes Lob eine mißliche Gabe sei, indem meine gepriesene Kenntnis des Französischen von den Hausleuten nur allzu eifrig in Anspruch genommen wurde; immerfort sollte ich das Gesagte erklären, das zu Sagende dolmetschen, und nie wollte das fließen, oft mißriet es in ärgster Art; da war denn kein Zweifel an meinem Können, sondern einzig an meinem Wollen; ich sei boshaft, hieß es, verstockt, und wenig fehlte, so hätte man mich bei meinem Vater deshalb verklagt.
Einen gewaltigen Eindruck machte in der ganzen damaligen Welt die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs des Sechzehnten. Unter den Emigranten herrschte Schrecken und Wut. Ich sah deren, welche sich die Haare rauften, Gesicht und Hände mit den Nägeln aufrissen, Fluch und Verwünschung über die Mörder, über die ganze Nation, als des Mordes mitschuldig, ausriefen. Andre lachten krampfhaft, ließen Ludwig den Siebzehnten hochleben, wollten aufbrechen, wenigstens diesen jungen König den Henkern und der Haft entreißen. Es gab aber auch Wütende, die das Ereignis priesen, das Los des Königs ein verdientes nannten; er habe doch die meiste Schuld an allem Unglück Frankreichs, er habe die Revolution gebilligt, ihr nachgegeben, die Sache der Krone und des Adels verraten; jetzt würde alles gut gehen, jetzt würden die Prinzen in ihren Unternehmungen nicht mehr gelähmt sein, jetzt die Verbündeten keine falsche Schonung mehr üben. So, während einige das Bild des Königs weinend küßten, warfen andre es auf die Erde und zertraten es mit Füßen, in demselben Zimmer, in derselben Familie! Das Entsetzen, einen König auf dem Schafotte sterben zu sehen, ergriff die Deutschen nicht weniger tief als die[62]  Franzosen, und besonders mein Vater betrauerte den unglücklichen Ludwig mit innig menschlicher Teilnahme. Die Sache der Emigranten trennte sich von der des Königs ganz, und es fehlte nicht an Beschuldigungen, daß er als Opfer ihrer tollen Anschläge gefallen sei.
Unser Wohnen in diesem Hause dauerte nur noch kurze Zeit. Man konnte für unsre Zimmer, wenn man sie wochen- oder tageweise vermietete, dreimal soviel bekommen und ließ deutlich merken, daß man durch unsre Anwesenheit Schaden leide; mein Vater willigte ein, vor der bestimmten Zeit auszuziehen, wozu mancherlei Ungebühr, die er aus meinen Erzählungen nebenher vernahm, nicht wenig mitwirken mochte. Er hatte sich in den Leuten, wie er nun einsehen mußte, gänzlich getäuscht, sie waren ihm als frommeifrige und abergläubische bekannt, aber er hatte sie als redliche und ehrbare vorausgesetzt, jetzt entdeckte er schamlose Gewinnsucht und niedrige Prellereien, und außerdem hatte er allen Grund, meine Sitten, die glücklicherweise noch bewahrt geblieben, bei längerem Aufenthalt in Gefahr zu glauben. Unser Umzug wurde daher leicht beschlossen und rasch ausgeführt. Ich war im Innersten erfreut, denn so schlecht hatte ich mich noch nie befunden als unter diesen Leuten.
Wir zogen in eine Wohnung, die vom Grunde eines tiefen Hofes her nach dem Markte sah. Unser Hauswirt war ein Tanzmeister, der sich zur Ruhe gesetzt hatte, seine bejahrte Frau besorgte unsre Aufwartung und Kost. Diese Leute waren auch nur ganz gewöhnliche, aber ohne Verderbnis und falsche Ansprüche. Ich fühlte mich wie befreit, als ich der Spannung und der immer neuen Zerrungen ledig war, in denen mich jene Gemeinheit gehalten hatte und deren ich mir jetzt erst recht bewußt wurde. Die Ordnung und Ruhe um mich her wirkte günstig, meine Aufgaben wurden mir leichter, und mein Lehrer war eine Zeitlang sehr zufrieden. Er riet nun, die Stunden zu verdoppeln, und da ich so gute Fortschritte machte, so hoffte er noch bessere zu erzwingen. Bei mehr Talent und Einsicht von seiner Seite wäre dies[63]  vielleicht gelungen, doch seine stumpfe Pedanterei konnte einer so gewagten Anstrengung nicht vorstehen. Es geschah mir, was nachmals mir sich im Leben oft genug wiederholte, daß ich schnell und auch wohl mit Überspringung einiger Stufen ein gewisses Ziel erreichte, dann aber, anstatt ebenso fortzufahren, auch nicht einmal mit gewöhnlichem Schritte weiterkam. Meine Fassungskraft verlangte Muße, um sich auf der gewonnenen Stufe zu erholen und für neue zu reifen, und weil ihr diese nicht gewährt wurde, so versagte auch die Ausdauer.
Einen neuen Schwung erhielt mein erwecktes romantisches Interesse durch die statthabende Wiedereröffnung des Theaters. Die Seitenmauer des Schauspielhauses lief längs unsres Hofraumes hin, und nichts zur Bühne Gehöriges konnte sich meinen Augen entziehen. Aber das Theaterwesen rückte mir noch ganz anders nah. Unter den umherziehenden Truppen war eine von dem Direktor Nuth gebildete und beherrschte, die aus Kindern bestand. Er hatte aus dem untersten Volke teils arme Waisen, teils von ihren Eltern aus Not ihm überlassene Kinder in hinreichender Anzahl zusammengebracht, sie für die Bühne und ganz besonders für den Tanz abgerichtet und führte mit diesen zugestutzten, mitunter wirklichen, meist aber nur erzwungenen Talenten alle möglichen Schauspiele und Ballette auf. Von den Knaben war keiner über zwölf Jahre, von den Mädchen nur zwei etwa vierzehn, die andern Kinder jünger, bis zu sechs Jahren hinab. Nuth und seine Frau stellten die Eltern dieser großen Familie vor, aber gleich im Äußern von ihr sehr unterschieden, denn die kolossalen, wohlgenährten Figuren stachen gegen die blassen, magern, meist auch im Wachstume zurückgebliebenen Kleinen auffallend ab. Eiserne Zucht und unbedingter Gehorsam waren die Triebfedern, welche das Ganze in Ordnung und Tätigkeit hielten; der Direktor vereinigte in seiner Person wirklich alle Arten von Gewalt, jeder Wink war ein Gebot, der Schüler zugleich ein Knecht, ein Sklave. Natürlich sollte die Schar soviel als möglich[64]  verdienen, sowenig als möglich kosten, sie wurde daher so karg und eng zusammengehalten, als es bei der Notwendigkeit, beide Geschlechter doch zu trennen, nur irgend geschehen konnte. Nuth faßte das nächst am Theater so bequem und vorteilhaft gelegene Haus ins Auge, unternahm es, sich mit seiner Gesellschaft in dem wenigen Raume, der noch nicht genommen war, mit Hülfe zweier großen Bodenkammern einzurichten, und der Wirt, erstaunt und froh, ein bisher gar nicht vermietbar erachtetes Gelaß mit anzubringen, nahm die ganze Schar von mehr als dreißig Köpfen auf. Mein Vater war unwillig, konnte jedoch die Sache nicht hindern; ich dagegen freute mich lebhaft des jungen Völkchens, das meine Neugier reizte und von dem ich mir außerordentliche Dinge versprach.
Wir wohnten Wand an Wand und Tür an Tür mit den Fremden, die Nähe schien unerträglich werden zu müssen. Allein die verschiedenen Erwartungen schlugen gänzlich fehl; wir merkten nicht, daß wir Nachbarn hatten, mein Vater empfand keine Störung, und für mich zeigte sich kein Gewinn; selten daß man auf der Treppe oder in der Haustüre sich einen Augenblick in flüchtiger Eile sah, und kaum tauschte man einen Gruß dabei. Hatte mein Vater vorsichtig mir jeden Verkehr mit den Ankömmlingen untersagt, so war auf der andern Seite, aus begreiflicher Klugheit, ein gleiches Verbot erlassen. Es bestand also die vollkommenste Absonderung, und hüben und drüben blieb jeder ruhig in seinen Grenzen. Die Stille war musterhaft; bisweilen wurde wie von fernher Musik gehört, welche den Tanz begleitete, bisweilen einiges Klirren von Fechtübungen, selten ein gedämpftes Deklamieren. Die ununterbrochene Aufsicht und nie nachlassende Strenge ersparten die Anwendung außerordentlicher Zucht- und Strafmittel. Das abenteuerlichste, leichtfertigste Gewerbe war solchergestalt von starker Faust an der Kehle gepackt, und aus dem starren klösterlichen Zwange ging doch abends wieder die bunteste, fröhlichste Erscheinung hervor.[65] 
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Das Vergnügen, diese jugendlichen Schauspieler auftreten zu sehen, gehörte nicht zu denen, die mein Vater mir hätte versagen wollen. War er selber verhindert oder nicht gelaunt, das Theater zu besuchen, so gab er mir die wenigen zum Einlaß nötigen Stüber, und ich durfte auf eigne Hand hineingehen. Die Ansicht, daß die Schaubühne eine Schule der Bildung und Sitte sei, war damals gäng und gäbe; Autoren und Schauspieler suchten das Publikum in dieser guten Meinung zu erhalten, die aufgeführten Stücke dienten größtenteils einer moralischen Absicht, den Zwecken der Aufklärung, der Menschenliebe. Die Nuthsche Truppe hatte besonders Ursache, sich dieses vorteilhaften Scheines nicht zu entäußern, und man sagte laut, daß diese Jugend nichts aufführe, was nicht die Jugend auch sehen dürfe. Eine umsichtige Kritik hätte vielleicht doch manches gegen diese Behauptung einwenden mögen, denn man gab eigentlich alles durcheinander, aber die Leute beruhigten sich bei den vorausgeschickten Grundsätzen, und es war ganz in der Ordnung, daß man der Jugend ein so fruchtbares Vergnügen gönnte. Ich war nicht wenig stolz auf meine Selbständigkeit und genoß die Theaterlust in vollen Zügen. Vollkommnere Schauspieler als diese Kinder glaubte ich nicht möglich, und ihre handgreiflich eingelernten, von eignem Verständnisse selten begleiteten, aber in ihrer Äußerlichkeit allerdings beinahe fehlerlosen Leistungen dünkten mich der Gipfel der Kunst. Mich diesen ausgezeichneten Menschen häuslich so nahe zu wissen und sie dabei nur von der Bühne zu kennen schien mir so unleidlich als verkehrt; ich suchte und fand einige Annäherung und hatte sie in keiner Weise zu bereuen. Besonders zwei Brüder Gerstel wurden mir bald vertraut, sie waren gut und brav, und unsere mit einiger Vorsicht geführte Bekanntschaft erlitt keine Trübung. Mein Vater sprach wohl selbst mit den Kindern, und das mir gegebene Verbot erlosch nach und nach; Nuth war seinerseits geschmeidig und meinte scherzend, seine Truppe stände mir gern offen. Mit Neugier und Staunen blickte ich in das[66]  Innere dieser Wirtschaft, die Kinder waren streng und kurz gehalten, aber doch sehr vergnügt und sogar lustig. Nuth war im Grunde ein guter Mann, und weil er sich in seinem Reiche als unbedingter Herrscher fühlte, so gestattete er auch manche Freiheit. Nur seine Frau flößte immer Furcht und Schrecken ein, auch mir, und ihr scharfer Geierblick schmerzte mich im Innersten. Jetzt wurde mir auch die Bühne selber zugänglich, anstatt im Parterre sitzend bequem zu sehen und zu hören, stand ich viel lieber im Hintergrunde der Kulissen oder hinter den Dekorationen, wo mir die Vorstellung größtenteils verlorenging, ich aber den höheren Reiz empfand, den geweihten Ort selber zu betreten und die Spielenden bei ihren Ein- und Abgängen dicht neben mir zu sehen. Nur einmal gab es Verdruß, ich neckte einen der ältern Knaben wegen der Worte, mit denen er eben abgegangen war, das wollte er nicht dulden und meinte, was er draußen vor dem Publikum sage, darauf gelte hinter der Kulisse keine Anspielung, und als er im Ärger mich verklagte, mußte ich mein Unrecht bestätigt hören. Übrigens hatten die Kinder all ihre Aufmerksamkeit zusammenzuhalten, denn sie spielten immer ohne Souffleur; sie mußten folglich im Auswendiglernen das Unglaubliche leisten, und ihr Beispiel diente mir zum Sporn, auch meine Aufgaben frischer und zuverlässiger zu lernen, so daß mein Lehrer in dieser Zeit mein Gedächtnis und meinen Fleiß mehr als sonst zu loben fand.

Die Gefahren des Krieges hatten sich wieder etwas abgewendet, dagegen drangen seine Forderungen überall fühlbar ein. Jedermann klagte über die Teurung, die schweren Abgaben, über die Stockung der öffentlichen Zahlungen. Eine Abteilung pfälzischer Truppen verließ uns, um zu dem Reichsheere zu stoßen, man wehklagte über diesen Abmarsch und meinte, warum nicht lieber die Emigranten gegen den Feind geschickt würden, ihre Sache sei es doch eigentlich, für die der Krieg angefangen sei, und auf ihre falschen Versprechungen[67]  hin habe man ihn unternommen. Man sah sie täglich auf dem Markte zusammenkommen, in langen Frontreihen auf und nieder wandeln und oft die ganze Breite des Platzes einnehmen, wobei sie Kinder, Mägde, und wer sonst hier gehen wollte, schnöde zurückwiesen und zum Umwege nötigten. Doch solchem Trotze begegneten die Bürger bald mit entschiedenem Übergewicht; es gab harte Zusammenstöße, mehrere Emigranten wurden übel zugerichtet, einige waren in Gefahr, in den Rhein geworfen zu werden. Sie benahmen sich hierauf etwas bescheidener, doch dies hinderte nicht, daß die Stimmung gegen sie täglich übler wurde. Die meisten hatten ihre Geldmittel schon erschöpft, lebten höchst eingeschränkt, blieben schuldig oder suchten mehr sinnreich als löblich ihren Tagesunterhalt zu fristen. Die Stadtbehörde fing schon an, manche auszuweisen, einige wurden wegen Unfugs, den sie im Innern von Familien angestiftet, durch Polizeibeamte über die Grenze gebracht, wobei der Ruf einheimischer Namen notwendig mit zu leiden hatte. Alles dies wirkte günstig für die Freiheitspartei, welche das Haupt mehr und mehr emporhob. Wie früher Lafayette und Dumouriez, so wurde jetzt Pichegru gefeiert, an öffentlichen Orten sein Wohl getrunken, das Heil der französischen Freiheit ausgebracht. Vergebens eiferten die Aristokraten, widersetzten sich die Beamten, ergingen Verbote von seiten der Behörden: die freie Meinung war zu lebenskräftig, empfing aus den Umständen immerfort zu reichliche Nahrung, als daß sie so leicht einzuschüchtern gewesen wäre. Dies zeigte sich auffallend bei Herstellung einer Schützengesellschaft, die in jener Zeit erneut zusammentrat; sie bestand aus den angesehensten, vermögendsten und rüstigsten Männern, und als ihre Uniformierung zur Sprache kam, durfte der Vorschlag gemacht werden, Blau, Rot und Weiß dafür anzuwenden! Mein Vater, der nicht zu der Gesellschaft gehörte, aber mit den meisten Teilnehmern befreundet war und ihren Versammlungen gern beiwohnte, hatte den Einfluß, jenen Vorschlag zu vereiteln, und zur Uniform wurden[68]  blaue Leibröcke mit gelben Unterkleidern gewählt, worin eine frühere deutsche Zeitstimmung, die doch auch etwas revolutionäre Epoche von »Werthers Leiden«, noch so spät sich abbildete. Nun hatte die Freiheitspartei gleichsam ihre Bewaffneten, deren öffentliche Auszüge und Übungen im Scheibenschießen dem Volke so wert als bedeutend waren.
Meinen Vater sah ich gewöhnlich schwarz gekleidet, in Schuh und Strümpfen, mit gepuderter Frisur und einem Haarbeutel, bei manchen Anlässen auch mit silbernem Degen an der Seite; jetzt, um der Freunde willen, trug er auch bisweilen jene Schützenkleidung, obschon er, wie gesagt, zu der Körperschaft nicht gehörte. Ein solch freier Anteil war seiner Sinnesart am meisten gemäß; er war ein Gegner von geheimen Gesellschaften, aber auch schon allen geschlossenen abgeneigt; er haßte Ränke und Listen, welche sich so leicht in jenen ansiedeln, und er fürchtete den Zunftgeist, der in diesen heimisch zu werden pflegt; offne und selbständige Wirksamkeit war seine Losung. Er hatte sich in der Tat von allen Einflüssen des Parteisinnes, der Genossenschaft und Verabredung frei erhalten und konnte jeden Tag rücksichtslos der Überzeugung folgen, welche der Tag brachte, mochte es nun dieselbe von gestern oder eine ganz neue sein, die aus neuen Nachrichten oder Überlegungen hervorging. Da jedoch in den Hauptsachen seine Meinung nicht wechselte, sondern im Gegenteil mit seltener Treue beharrte, so gab ihm seine Selbständigkeit ungemeines Ansehen, und sein Urteil hatte bei seinen Mitbürgern außerordentliches Gewicht. Er konnte in dieser Stellung als ein Mann des Volkes wirken und wirkte in der Tat so. Hätte er Haß und Unwillen gegen jemanden aufregen wollen, so wäre ihm das leicht geworden, gleichwie er auch gegen jene schützen konnte. Ein vornehmer Mann, der schon lange in seiner Amtsführung zweideutig erschien und Ausbrüche der öffentlichen Meinung fürchtete, wußte kein besseres Mittel, als sich möglichst an meinen Vater anzuklammern, ihn häufig einzuladen, sich mit ihm zu zeigen, er hoffte auf diese[69]  Weise den Widerwillen abzustumpfen, das Urteil stutzig zu machen; auch sein Söhnchen mußte mich fleißig aufsuchen, und ich staunte nicht wenig, den stolzen, vornehm gekleideten, mit goldner Uhr und Kette prangenden Knaben, dem zu Hause die Fülle der Spielsachen und Leckereien war, sich zu unsern dürftigen Spielen einfinden zu sehen; noch mehr aber setzte mich in Verwunderung, als mein Vater den Besuchen ein Ziel setzte und mir erklärte, dieser Umgang sei zu schlecht für mich! Ein schönes Zeichen der Liebe seiner Mitbürger wurde meinem Vater auch zuteil, als einst ein Emigrant Gefahr lief, das Opfer eines Auflaufs zu werden, den er unvorsichtig gegen sich aufgereizt hatte; mein Vater drang durch die Menge vor, wechselte mit dem Geängsteten einige Worte, sprach darauf zu dem Volke beruhigend und führte den Franzosen an der Hand unter Beifalls- und Leberuf sicher von dannen. Von einem solchen Manne war kein ungesetzliches Beginnen, keine Teilnahme an Umtrieben und Verschwörungen zu fürchten. Aber freilich schärfte diese Tadellosigkeit nur den Haß, den man che Leute seinem Einflusse hegten. Durften am Orte selbst seine Feinde nicht wagen, jetzt offen gegen ihn zu wirken, so wußten sie doch Wege, ihm von anderwärts beizukommen, und versäumten nicht, ihre Sache gehörig anzubringen.
Über München und Mannheim wurden die Fäden gespannt, mit denen man in Düsseldorf ziehen und fangen wollte. Von der kurpfälzischen Oberbehörde gelangte unerwartet ein Befehl nach Düsseldorf, gegen meinen Vater von Amts wegen eine Untersuchung zu eröffnen, inwiefern er in Straßburg sich einer Teilnahme an den revolutionären Bewegungen schuldig gemacht habe. Die erste Mitteilung hiervon empfing er mit Gleichgültigkeit und meinte, die Sache würde nicht viel auf sich haben. Aber einige seiner Freunde, denen der Zusammenhang vermöge ihrer Stellung genauer bekannt wurde, gaben ihm Winke, daß ein mächtiger Einfluß im Spiele und namentlich der Minister von Oberndorff sein entschiedener Feind sei, daher alle Vorsicht[70]  und Klugheit nötig werde, dem wohlberechneten Angriffe zu begegnen; ja sie rieten dringend an, ebenfalls in München und in Mannheim auf Nebenwegen zu wirken, wozu die Mittel teils dargeboten, teils zu finden waren. Zur letztern Aushülfe war mein Vater schlechterdings nicht zu bereden; er schrieb vielmehr seine Verteidigung mit aller Wahrheit und Offenheit eines Mannes, der sich nicht fürchtet, zugleich aber mit einer Schärfe und Derbheit, die den Gegner nicht bloß abweist, sondern auf dessen eignes Gebiet zu verfolgen wagt. Die Freunde hatten an der Schrift großes Wohlgefallen, hielten aber eine solche Sprache nicht für ratsam, sondern drangen auf Mäßigung und auf Benutzung der Vorteile, welche sich aus den Zeitumständen ziehen ließen; der alte Graf von Nesselrode gab selber wohlwollend die Punkte an, auf welche er die Verteidigung hauptsächlich zu stützen riet. Mein Vater gab nach, aber nicht genug, er mäßigte seine Verantwortung, ließ indes noch immer zuviel Scharfes darin stehen, reichte sie der Behörde ein und lebte nach seiner Weise fort, ohne weiter an den schwebenden Handel viel zu denken. Ich hörte viel von der Sache reden, sie wurde oft in meiner Gegenwart auch von Fremden besprochen, und ich stellte mir anfangs die schrecklichste Verfolgung, Gefangenschaft und selbst Todesstrafe vor, weil immerfort erzählt wurde, daß politischer Haß die trefflichsten Männer um Leben und Freiheit bringe und die Macht keine Schonung kenne. Als ich aber meinen Vater wohlgemut sah und er auf meine ängstlichen Fragen erwiderte, ihm werde kein Haar gekrümmt werden, ließ auch ich mich gern wieder beruhigen.

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Meine Aufmerksamkeit war ohnehin während dieser Zeit in anderer Richtung sehr in Anspruch genommen. Die Nuthsche Gesellschaft machte ihre letzten Anstrengungen und räumte dann das Feld, welches durch die Koberweinsche Truppe alsbald wieder besetzt wurde. Die erwachsenen, geübten Schauspieler, unter denen schätzbare Talente waren, ließen mich nun doch den ungeheuren Abstand gewahr werden,[71]  der zwischen jener erzwungenen, schülerhaften Dressur und einer freien, fertigen Ausübung bestand, und ich schämte mich, daß ich jene so sehr bewundert, mich von ihr so lange hatte betören lassen. Ganz andere Stücke kamen nun auf die Bühne, Ritterschauspiele in aller Pracht der Rüstungen und mit allem Sturm der Gefechte, die Familiengemälde von Iffland und Kotzebue rührten das innerste Herz, und Ballette und Pantomimen entzückten durch raschen Zauber und großartige Kühnheit; durch letztere glänzte vor allen der Krafttänzer Horschelt, dessen Name sich auf der Wiener Bühne, wie auch der Koberweinsche, rühmlich forterhalten hat.
Mittlerweile war die Untersuchung gegen meinen Vater vorgeschritten, und schneller, als es der sonst langsame Geschäftsgang vermuten ließ, erfolgte der Schluß, der dahin lautete, daß meinem Vater, weil er an der Französischen Revolution teilgenommen und den französischen Bürgereid geschworen, in den kurpfalz-bayerischen Staaten kein Aufenthalt zu gestatten sei. Dies war also eine Landesverweisung, und zwar eines Heimischen aus seinem Geburtsort; die Maßregel war in den Gesetzen nicht begründet und den kaiserlichen Erlassen geradezu entgegen, daher mein Vater mit allem Nachdruck dawider einsprach; allein von Mannheim erfolgte die Bestätigung und die strenge Vorschrift, den Spruch ohne Zögern auszuführen. Die Freunde waren außer sich, wollten heftige gemeinsame Schritte tun, es erfolgten Drohungen. Der Graf von Nesselrode beklagte den Ausgang, welchen die Sache genommen, und versicherte, er habe alles getan, um ihn abzuwenden; allein die Verteidigung, welche mein Vater eingereicht, habe in den höchsten Regionen nur noch mehr erbittert und es sei zu verwundern, bei der Stimmung, die dort herrsche, daß der Spruch auf Verbannung nur einfach bestätigt und nicht noch Haft und Gefängnis angeordnet worden, wenigstens habe man großen Tadel ausgesprochen, daß das Verfahren nicht gleich von Anfang schärfer gewesen sei. Hier wäre nun jeder weitere[72]  Widerstand nur töricht und fruchtlos gewesen, mein Vater sah es ein und beredete seine Freunde, von allen Schritten abzustehen, die für ihn doch nichts mehr ändern, ihnen selbst aber nur Nachteil bringen könnten. Als er aber nun wirklich scheiden sollte und man ihm sogar einige Tage Frist unbillig versagte, fühlte er den sonstigen Mut doch erschüttert, und ein Abschiedsblatt an seine Mitbürger, welches er drucken ließ, sprach seine bewegte Stimmung lebhaft aus. Nicht ohne tiefe Wehmut ging er, von zahlreichen Freunden begleitet und mich an der Hand führend, dem Rheinufer zu, wo wir das Brückenschiff betraten, das uns bald am jenseitigen Ufer absetzte. Hier waren wir schon in fremdem Gebiet, in kurkölnischem, und ein bereitgehaltener Wagen, dem mehrere von Freunden besetzte folgten, brachte uns rasch nach Neuß.
In dieser heitern kleinen Stadt fanden wir den besten Empfang; es waren Freunde vorausgeeilt und hatten ein Gastmahl bestellt, viele achtbare Bürger von Neuß nahmen daran teil, mein Vater schien den meisten wohlbekannt, und die Meinungen und Ansichten, um derentwillen er den Haß und die Verfolgung der Mächtigen trug, waren allgemein so geehrt und beliebt, daß wir auch aus diesem Grunde nur Zuvorkommenheit und Beeiferung erfuhren. In dem besten Gasthofe herrlich bewirtet und von allen Seiten gepriesen und geliebkost zu werden dünkte mich kein übles Los, und wenn dies Verbannung heiße, dachte ich, so dürfe man sich nicht so sehr beklagen.
Ungeachtet dieses guten Anscheins befand sich aber mein Vater in wirklich peinlicher Lage. Außer den schmerzlichen Gefühlen, die ihn durchdringen mußten, der Schmach, der Beschämung, des Unwillens, hatte er die Schwierigkeiten zu bekämpfen, welchen seine Zukunft, ja schon der nächste Augenblick bloßgestellt war. Das Ereignis hatte ihn überrascht, und er sah sich plötzlich aus allen Verhältnissen herausgerissen, ohne daß er die geringste Fürsorge hatte treffen können. Er stand in mancherlei Verpflichtungen, hatte Zahlungen[73]  zu empfangen und zu leisten; sich mit den nötigen Geldern zu versehen erforderte Zeit, erforderte persönliche Gegenwart, die nicht gestattet war. Wohin er sich weiterhin wenden, was er beginnen sollte, war eine Frage von nicht leichter Lösung. Auf der einen Seite beengten die Fortschritte der Franzosen, in deren Schutz er sich nicht begeben wollte, sosehr seine Gegner dies auch erwarteten, ja wünschen mochten, auf der andern lag die verschloßne Heimat; sein Auge mußte sich auf die Ferne richten, aber vorher war in der Nähe noch vieles abzutun. Um Geschäfte und Freunde bequemer abzureichen und zugleich wohlfeiler zu leben, vertauschte er den Aufenthalt in Neuß mit dem in Heerdt, einem Dorfe zwischen Neuß und Düsseldorf. Von hier führte ein leichter Spaziergang nach den Dörfern Ober- und Niederkassel, wohin die Düsseldorfer täglich in großer Anzahl zu kommen pflegten, und ein zweiter Gang bis an den Rhein, wo die fliegende Brücke den Verkehr zwischen beiden Ufern immerfort unterhielt.
Die Besuche der Freunde aus Düsseldorf wiederholten sich täglich; an den schönen Nachmittagen strömten ohnehin die Städter zahlreich über den Rhein und ließen sich in den ländlichen Gastwirtschaften zu Oberkassel nieder, so daß der nähere Verkehr mit meinem Vater nicht einmal besonders merkbar zu werden brauchte, was manchen Ängstlichen allerdings lieb war, obschon die Mehrzahl keine Zurückhaltung bewies, sondern sich offen und trotzig als seine Freunde zeigten. Mit den Vertrautern fand auch eifrige Beratung statt in betreff der Entschlüsse, welche mein Vater zu nehmen hätte. Den Gedanken, irgendwie den Franzosen sich zuzuwenden oder auf sie zu hoffen, schloß er sogleich aus, und hieraus folgte, daß er auch seinen Aufenthalt in Köln, Bonn oder sonst einer nahen Stadt nicht nehmen mochte, weil hier über kurz oder lang dieselben Mißverhältnisse zu befürchten waren, die er schon in Straßburg von der einen und in Düsseldorf jetzt von der andern Seite erfahren hatte. Die verschiedenen Meinungen und Ratschläge[74]  vereinigten sich zuletzt dahin, er solle nach Hamburg gehen, als welche Stadt in jeder Art alles darbiete, was ihm wünschenswert sei, deutsches und großweltliches Leben, freies Bürgertum und völlige Sonderung von allen Widrigkeiten und Ränken der bisherigen engen Kreise.
Bald traten wir die große Reise nach dem Norden an. Das nächste Ziel war Duisburg, wo mein Vater einige Freunde zu besuchen hatte; wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, so war unter ihnen der späterhin von Goethe erwähnte Professor Plessing. Im Duisburger Walde zeigte man mir Pferde, die sich aus dem Dickicht hin und wieder hervorwagten, und ich wurde belehrt, hier seien die einzigen in Deutschland noch vorhandenen wilden Pferde aus der germanischen Urzeit; sie blieben ziemlich fern, soviel ich aber erkennen konnte, waren sie unansehnlich, von schmutziggrauer, etwas ins Bläuliche spielender Farbe; wegen ihres geringen Ansehns und ihrer Unbändigkeit gab man sich wenig Mühe, sie einzufangen; sie verminderten sich aber von Jahr zu Jahr, und man sah ihr nahes Erlöschen voraus. Der Krieg, der im folgenden Jahre sich in diese Gegenden zog, beschleunigte ihr Verschwinden, und bald nachher war keine Spur mehr von ihnen übrig. Mir aber blieb die Erinnerung, diese Spätlinge Germaniens zuletzt noch gesehen zu haben, in der Folgezeit immer wert. Wir setzten unsre Reise nach Münster fort, von hier nach Osnabrück, dann nach Nienburg, wo wir überall einen oder mehrere Tage weilten, und kamen endlich ohne weiteres Abenteuer glücklich an der Elbe in Harburg an.




Kindheit und frühe Jugend
1785–1800













Herkommen. Erste Jugend. Düsseldorf


Brüssel. Straßburg


Brüssel. Aachen. Düsseldorf


Hamburg






Medizinisch-chirurgische Pepinière. Berlin
1800–1803










[111] Während der drittehalb Jahre, die ich in der Pepinière zubrachte, lebte ich in ununterbrochenem Eifer und selten unterbrochenem Fleiße. Auch die Ferien gaben hierin eher Wechsel als Nachlaß; nur zweimal bracht ich sie zum Teil außerhalb des Instituts in andern Lebenskreisen hin, bei dem Doktor Hempel, einem der merkwürdigsten Charaktersonderlinge, und in dem Hause des Obersten von Reitzenstein, wo mich Kiesewetter einführte, um der Ausbildung der Söhne und, wie er hoffte, meiner eignen während einiger Wochen förderlich zu sein. Beim Wiederbeginne der Vorlesungen war ich gewiß jedesmal einer der Eifrigsten und erschlaffte nur dann, wenn die Behandlungsweise lahm und träge wurde, was nur zu häufig der Fall war. Die Lehrgegenstände, welche nach der im ganzen zweckmäßigen Studienfolge auf diese fünf Semester verteilt waren, zogen mich freilich nicht in gleichem Grade an, doch vernachlässigte ich keine, und in den meisten machte ich gute Fortschritte. Daß in manchen Fällen durch die Lehrer selbst oder vielmehr durch den Zwang des Instituts, welches bisweilen statt der bessern die schlechtern aufnötigte, die Fortschritte gehemmt oder doch erschwert wurden, habe ich schon angedeutet; doch wo die Vorlesungen nicht ausreichten, schafften wir selber Rat und eilten der Leitung voraus, so in der höheren Anatomie, wo uns zwar des alten Walter praktische Tüchtigkeit in Ehren stand, aber der leere Gedächtniskram, welchen sein Sohn in unregelmäßigen Vorträgen[111]  eilig abschnarrte, nur zuwider sein konnte; ferner in der Physik und Chemie, wo der gute, freundliche Hermbstädt wohl sein Bestes tat, aber in seinen Erklärungen meist sehr geistlos wie in seinen Experimenten fast immer ungeschickt erschien. Am leichtesten hatten wir es, wo mit Büchern zu helfen war, zum Beispiel in der Theorie der Heilkunde, die wir bei dem Lehrer von Anfang an nur polemisch hörten; denn es war niemandem zu verargen, in einer Zeit, die einen Reil hatte, den Humoralpathologen Gönner nicht mehr zum Führer zu wollen. Die an das Institut gebundenen Eleven wagten gegen diese Übelstände nicht laut zu murren, sie nahmen dieselben als unvermeidliche Nachteile seufzend hin; ich aber, der keinerlei Verpflichtung hatte, verhehlte mein Mißvergnügen nicht und brachte unsre Beschwerden wiederholt zur Sprache. Vergebens wollte man die Autorität dessen, was eingeführt sei, retten; Görcke selbst vermöchte das nicht und schämte sich, den veralteten Wortschwall eines Gönner oder die Lächerlichkeiten des jüngern Walter zu vertreten; wenn der letztere sich in Wendungen erging, für welche die berühmt gewordene: »In jenen warmen Ländern, wo Gott die Welt erschaffen hat«, als Probe gelten mag, so blieb freilich nur er allein ernsthaft, und die zum Lachen gezwungenen Zuhörer konnten nicht bestraft werden. Doch je mehr der vorlaute Tadler in der Sache recht haben mochte, um so größere Ungunst weckte er für sich.
Das neue System der Heilkunde von John Brown, aus England nach Deutschland verpflanzt und hier von Ärzten und Philosophen mit Eifer gepflegt und ausgebildet, stand in voller Blüte. Die Einfachheit der Grundsätze, die leichte Gliederung und die klaren Schlußfolgen, durch welche die neue Lehre sich auszeichnete, bestachen den Verstand; die denkenden Ärzte waren längst des überkommenen medizinischen Wustes überdrüssig und gern bereit, sich desselben auf einmal zu entledigen; die sich erhebende Naturphilosophie gab lauten Beifall. Nicht immer ist es die Sache, oft[112]  sind es bloß die Streiter, welche die Meinung gewinnen; der lebendige, sprühende Eifer eines Röschlaub, die ruhige Gedankenkraft Erhards, die großen, ideenreichen Andeutungen Schellings erregten überall Teilnahme; auch ganz außerhalb des Streites Stehende freuten sich der jungen mutigen Helden, welche gegen verjährte, zusammengeflickte, längst unhaltbar gewordene Theorien mit der frischen Kraft einer neuen glücklich zu Felde zogen; glücklich insofern, als die neue Waffe den alten Lehrkram augenscheinlich zerschlug; inwieweit aber die Krankheiten auch bezwungen wurden, das war der Erfahrung noch abzufragen. Im Anfange verknüpfte sich dem neuen Heilverfahren wirklich ein auffallender Erfolg, der freilich Mißgriffe nicht ausschloß, wie denn besonders der übertriebene Gebrauch des Opiums manches Unheil veranlaßte und namentlich die Stieftochter August Wilhelm Schlegels, Augusta Böhmer, die im Sommer 1801 im Bade zu Bocklet starb, als ein Opfer dieser Art Vergiftung bezeichnet wurde, ein Fall, der wegen der dabei Beteiligten ein unglaubliches Aufsehen machte. Der Brownianismus aber breitete sich unter allem Widerspruche nur stärker aus und erlosch erst in später Zeit, nicht durch seine Gegner, sondern durch den Rücktritt seiner bedeutendsten Anhänger, Röschlaubs und Erhards insonderheit. Wir Jüngern waren damals alle mehr oder minder Brownianer, ein jeder nach seinen Kräften; es war ein Aufschwung, eine Kühnheit, eine Vornehmheit, sich zu der neuen Lehre zu halten. Das Mißfallen der Vorgesetzten, ihr Abmahnen und Verbieten, vermochte nichts gegen den großen Reiz. Johannis Brunonis »Elementa medicinae«, die deutschen Bearbeitungen von Pfaff und Röschlaub, wurden von uns eifrig studiert, ihre Grundsätze laut verkündigt, als kritischer Maßstab angelegt. Wir tadelten an Reil, daß er nicht völlig Brownianer sei; wir verwarfen alle Mittelstellung und verlangten unbedingten Beitritt. Unser Treiben wurde von einigen Obern als förmliche Rebellion angesehen, und man wollte uns dafür bestrafen; eine Ode von[113]  mir gegen die Sumpfbewohner, wie ich die Humoralpathologen nannte, verursachte die größte Bewegung, und mir wurde mit dem Karzer dafür gedroht!

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Was konnte aber aus solchen Kämpfen Gutes herauskommen? Auch erneuerten sie sich bei schon erbitterten Gemütern allzu leicht. Meinem Fleiße, meinen Fortschritten, auch meinem sittlichen Betragen konnte man keinen Vorwurf anbringen; aber man gab mir andere Dinge schuld, zum Beispiel, daß ich die von Görcke eingeführten Übungsversammlungen verachtete und mich ihnen unter allerlei Vorwänden entzöge, daß ich einen schlechten Charakter hätte, das heißt, keine Subordination und Schmiegsamkeit; und alle diese Vorwürfe wurden zugleich Schimpfreden. Ich antwortete auf die Schimpfreden mit Trotz und erklärte bestimmt, ich wolle aus dem Institut ausscheiden, wurde aber dafür endlich auf das Karzer gebracht. Kiesewettern ließ ich jetzt aus dem Spiel, benachrichtigte ihn nur von meinem Unfall und erwartete durch Kirchhof die Lösung dieser schon unheilbar gewordenen Mißverhältnisse. Die Lösung kam, aber in einer ganz anderen Weise, als ich sie erwartet hatte. Nach wenigen Tagen wurde mir meine Entlassung aus dem Karzer und zugleich die aus der Pepinière angekündigt, dabei bemerkte man aber auch, daß ich kein Geld mehr aus der Kasse zu empfangen hätte, weil schon seit längerer Zeit die Sendungen für mich ausgeblieben wären. Jetzt erst erfuhr ich, daß Kirchhof die sonst gewöhnlichen Vorausbezahlungen seit einem Vierteljahre unterlassen und auch auf mehrere Zuschriften nicht geantwortet habe. Dies befremdete mich zwar, doch glaubte ich ihn nur auf böse Berichte hin mit mir unzufrieden und hoffte ihn bald von allem Vorgegangenen nach der Wahrheit und zu gutem Erfolge für mich in Kenntnis zu setzen. Übrigens sah ich getrost jeder Wendung entgegen, ich war jung, gesund, nicht ohne Freunde und voll Mut. Mein Ausscheiden aus dem Institute freute mich unsäglich, und ich konnte nicht umhin, dies in einer symbolischen Handlung an den[114]  Tag zu legen: was uns allen längst ein Greuel war, den Zopf, der uns widerwärtig unter den andern Studierenden als Pepinieristen kenntlich machte, schnitt ich mir gleich zuerst ab und nagelte ihn, zum allgemeinen Ergötzen der ganzen Pepinière, außen an der Haustüre fest, nahm dann von guten Kameraden frohen Abschied, mietete mir ein Zimmer in der Stadt, wählte mir ein paar medizinische Kollegia, welche bereits für das Sommerhalbjahr wieder anfingen, schrieb indes auch wiederholt nach Hamburg und erwartete, was kommen würde. Görcke entließ mich noch freundschaftlich genug und meinte, Kirchhof würde mich nicht ohne Hülfe lassen.
Die Nachrichten aus Hamburg kamen nur allzubald. Die Meinigen schrieben mir, auf Kirchhof dürfte ich nicht mehr rechnen, weil er selbst in die äußerste Bedrängnis geraten sei und seine Zahlungen eingestellt habe. Mein Schicksal bedauerten sie schmerzlich und wußten nicht, was mir zu raten sein könnte. Im Besitze einiger Goldstücke, glaubte ich mich für die allernächste Zeit geborgen. Ich freute mich fürerst der glücklichen Freiheit, in der ich atmete, und überlegte nebenher, wie ich mich einrichten könnte, was sich durch literarische Arbeit und Unterricht etwa verdienen ließe, und dachte meine Studien auch gegen Wind und Wetter tüchtig fortzusetzen. Ich durfte dabei auf Kiesewetters Unterstützung rechnen, wiewohl er seit den letzten Vorgängen einige Zurückhaltung blicken ließ, und Noltes, Schlossers sowie meiner jüngeren Freunde Beistand war mir ebenfalls gewiß.


Doch ehe solch ein neuer Lebenslauf sich gestalten konnte, erkrankte ich. Meine Kräfte hatten so vielen Stürmen tapfer widerstanden, endlich ergab sich dennoch, daß die Spannung zu groß für sie gewesen. Die Wirkungen des Frühlings hatten meine Reizbarkeit nur erhöht; an demselben Tage, an welchem ich die Nachricht aus Hamburg empfangen und sie Kiesewettern mitgeteilt hatte, der diesmal wieder zärtliche Sorgfalt für mich bezeigte, mußte ich aus einer Vorlesung[115]  bei Professor von Könen, die ich abends noch angehört, mich fieberkrank nach Hause führen lassen. Die Krankheit wurde schnell bedenklich und gab sich als ein Nervenfieber zu erkennen. Der Oberchirurgus Horlacher besuchte mich als sorgsamer, teilnehmender Arzt; Zöglinge der Pepinière wachten die Nächte bei mir, von allen Seiten kam Hülfe und liebevolle Pflege. Da die Krankheit aber schlimmer wurde, so rief man eines Morgens den Doktor Erhard herbei, dessen Wagen zufällig in der Straße hielt. Dieser scharfsinnige Denker und durchgreifende Arzt war mir durch Röschlaubs »Magazin der Heilkunde« und durch den Ruf seines praktischen Verfahrens genug bekannt, und seine persönliche Erscheinung flößte mir unbedingtes Zutrauen ein. Er behandelte mich auf brownische Weise mit Einsicht und Entschlossenheit, und ich genas nach einigen schweren und zweifelhaften Tagen, in welchen ich den Tod schon vor Augen gehabt und ein so frühes Sterben als ein nicht wünschenswertes, aber auch als ein nicht mehr zu änderndes Geschick mit ziemlicher Fassung betrachtet hatte.
Während meiner Genesung traten die mannigfachsten Fürsorgen von Freunden, Bekannten und sogar von Unbekannten in größter Fülle und Tätigkeit hervor; von allen Seiten kamen Erquickungen, Nachfragen, Anerbietungen, und es sollte mir, der ich nach solchen Katastrophen fast alles bedurfte, an nichts fehlen. Kiesewetter und das Friedländersche Haus, die Hofrätin Wolff, vor allen meine jungern Freunde Eberty und Detmold versäumten nichts, was meine Herstellung beschleunigen und vollenden konnte. Auch Erhard bezeigte mir die herzlichste Teilnahme, er freute sich lebhaft, mich gerettet zu haben, er gab mir Ermunterung und Rat, und seine geistvollen, eigentümlichen Gespräche gereichten mir nicht weniger zur Stärkung als seine Arzeneien und Weinverordnungen. Als ich in der Genesung, schon ziemlich vorgeschritten war, dachte ich nun auch ernstlicher an meine künftige Lebensweise. Ich sann, was ich wohl schreiben könnte, und da eben die Übersetzung[116]  des Calderon von August Wilhelm Schlegel frisch aus der Presse kam, so war ich versucht, diese Gattung von Drama mit der französischen, die mir sehr vertraut war, in einem kurzen Aufsatze zu vergleichen. Auch ein eignes Trauerspiel, »König Ödipus«, worin ich besonders die Wahrscheinlichkeit und Richtigkeit der Irrungen und Übergänge trefflich angeordnet zu haben meinte, hatte ich entworfen und in fünffüßigen Jamben auszuarbeiten angefangen; in derselben Form war eine Übersetzung von Racines »Andromache« ziem lich vorgerückt. Was mich aber innerlich am stärksten beschäftigte, waren »Wilhelm Meisters Lehrjahre«, die ich in dieser Zeit zum ersten Male las. Eine neue Welt ging mir in diesem Romane auf, und doch nur allmählich; denn ich fühlte, wie im Weiterlesen das Buch selbst mich zu seinem höheren Verständnisse reifte und gleichwohl sich mir schon ganz aufzuschließen nicht vermochte, sondern dies einer auch anderweitig wachsenden Lebensbildung überlassen mußte.

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Nicht lange hatte dies neue Dichten und Trachten begonnen, als meine Freunde mich ernstlich und dringend vor jeder Anstrengung warnten, und da diese, wenn Studien und Erwerb gleichzeitig fortzusetzen waren, auf keinen Fall vermieden sein konnte, so suchten sie mir einen andern Lebensgang auszumitteln, der bei mäßiger Beschäftigung eine ruhige, sichere Lage und heitre Verhältnisse gewährte. Eines Tages fragten sie mich in diesem Sinne, ob ich nicht Lust hätte, nur fürs erste, zur Erholung und keineswegs als Lebensplan, eine Erzieherstelle anzunehmen? Sie schilderten mir das reiche Haus des Fabrikanten Cohen, zwei prächtige Knaben von sechs und sieben Jahren, die vorzüglichen Eltern, eine gebildete Geselligkeit, Musikliebhaberei, fremde Sprachen im Gange, kurz, eine wahre Bildungsschule für mich, zugleich genußreiches Leben und nützliche Tätigkeit. Diese Aussicht durfte mich allerdings reizen. Ich wurde zu einem vorläufigen Besuch eingeladen. Noch schwach, auf Freundesarm gestützt, richtete ich eines Vormittags den[117]  Weg nach der Münzstraße, wo Herr Cohen das große schöne Hôtel des Ministers von Zedlitz teils bewohnte, teils zu einer Baumwollenfabrik eingerichtet hatte, welche viele hundert Leute beschäftigte. Man führte mich in das Bibliothekzimmer, das den Blick in den großen blühenden Garten hatte und an Büchern schnell übersehen ließ, was mein Herz nur wünschen konnte; deutsche, französische und englische Hauptwerke standen schön gebunden in dichten Reihen. Wenige Minuten war ich diesem bestechlichen Eindrucke überlassen, da erschienen die Hausbewohner. Herr Cohen, aus Holland von einer angesehenen und reichen jüdischen Familie stammend, aber mit den Seinigen längst getauft und jetzt in Preußen heimisch, zeigte sich als ein lebhafter, freundlicher Weltmann, der auch in Wissenschaften und Künsten wohl bewandert schien; die Frau, eine Berlinerin, sprach durch sanftes und verständiges Wesen an; zwei bildschöne feine Knaben, denen drei liebliche Töchter nachfolgten, kamen aus dem Garten herbei, wohin ein Spaziergang vorgeschlagen wurde. Die Personen, die Räume, die Umgebung, der ganze Zuschnitt des mir eröffneten Lebens, alles gewann mich schnell; auch auf der andern Seite war keinerlei Bedenken, die glänzendsten Zeugnisse waren mir vorausgegangen, meine Jugend, die sich aus dem Kampfe gegen die Krankheit sichtbar wieder zu frischen Kräften anließ, erweckte Teilnahme und Hoffnung, und so war unser Verhältnis leicht geschlossen, ohne daß äußere Bedingungen festgesetzt wurden, deren Verabredung ich gänzlich von mir ablehnte und auf Kiesewetters Gutdünken wollte ankommen lassen. Nach wenigen Tagen war ich dem Hause angehörig, und ich begann eine glückliche Zeit, vom herrlichsten Frühling in den schönsten Sommer hinein, in weichem, kräftigendem Lebenselemente, jeder Verdrießlichkeit und Sorge überhoben, zu jeder freien Selbständigkeit berechtigt und aufgefordert.



 Jugendfreunde. Streben. Berlin
1803–1804










[118] Selten mögen einem Menschen so beglückte Lebensauen sich ausbreiten, als mir der nächste Zeitraum darbot, in welchen ich seit der Aufnahme im Cohenschen Hause, vom Ende des Maimonats bis tief in den Sommer hinab, mit allen Kräften und Entzückungen der Jugend jetzt einging! Durch mein Verhältnis fand ich mich grade nur insoweit gebunden, um Anhalt und Maß für das höchste Freiheitsgefühl zu haben, meine Pflichten bezeugten mir nur meine Selbständigkeit; ich genoß zum ersten Male die Vollempfindung des persönlichen Dastehens und Geltens. Was ich war, dachte, urteilte, wünschte und tat, rechnete mir niemand mit fremder Vorschrift in der Hand nach, suchte niemand durch äußere Rücksichten und Zwecke beengend niederzuhalten; meine Eigenschaften, die bisher gleichsam hinter ihrem Ertrag und ihrer Leistung hatten zurückstehen müssen, konnten nun als sie selbst hervortreten, mein eignes ungestörtes Wesen durfte mir Quell und Spiegel jedes Antriebs und jeder Handlung sein. Dieses Gefühl hätte in jedem Fall das Ergebnis meiner veränderten Lebensstellung sein können, daß ihm aber durch eine Dauer von Monaten eine nur stets gesteigerte Gewährung entsprach, war die Folge des glücklichsten Zuströmens von Begünstigungen, wie sie nicht oft sich vereinigen wollen!
Ich muß zuerst als eines wunderbaren Reizes, der in täglich erneutem Werte sich als unschätzbar erwies, der Lokalität, gedenken, welche nicht glücklicher sein konnte. Schloßartige Wohnung, weit über das Bedürfnis hinaus geräumig und vielfach, im Innern mit allem Behör einer behaglichen, teils holländischen, teils englischen Lebensart versehen, erhob sich, auch für den äußern Anblick bedeutend und geschmackvoll, zwischen tiefem Vorhof und ausgedehntem Garten. Von der Straße zurückgezogen, wandte sich das[119]  ganze Leben des Hauses um so entschiedener nach der Gartenseite hin. Schattige Gänge, Rasenplätze, hochstämmige Bäume und mannigfaches Gebüsch, Blumenbeete, Obst- und Küchenpflanzungen, zuletzt ein Pavillon zwischen Treibhäusern gaben dem weiten Raume in sinniger Anordnung die heiterste Mannigfaltigkeit, und dieser grünende und blühende Bezirk gab jedem Tag und jedem Augenblicke die nahe, offne und lockende Gelegenheit zu dem reinsten Genusse, welcher das Herz erfreuen kann, zu dem Genusse der Jugend und des Sommers in ihrem schönsten Verein.
Während der ersten Zeit, bevor meine Zimmer eingerichtet waren, schlief ich nach dem Garten hinaus, in einem Saale, der als physikalisches Kabinett diente. Mit dem frühsten Tage, vom Glanze der bewegten Wipfel, von den Stimmen der Vögel, dem erquickenden Morgenhauche getroffen, stand ich lebensfroh auf, eilte in das tauige Grün, frühstückte dort oder am offnen Fenster des Bibliothekzimmers und hatte mit wechselndem Entzücken schon viel gelustwandelt und gelesen, wenn nach und nach das übrige Haus erschien und die Eltern ihren Geschäften und die beiden muntern Knaben dem Lernen noch erst im Freien eine dem ganzen Tage zugut kommende Frist gaben. Der hierauf beginnende Unterricht war für mich nur leicht; die Kinder hatten noch besondre Lehrer, auch für solche Gegenstände, in welchen ich recht gut hätte unterrichten können, und vorzüglich nahm die Übung in der Musik vor- und nachmittags mehrere Stunden ein. Zum Mittagessen, dem gewöhnlich wieder eine Erlustigung im Garten voranging, waren nicht selten Gäste eingeladen, nähere Freunde und Freundinnen des Hauses, auch wohl interessante Fremde. Die Unterhaltung, im allgemeinen gütig und heiter, durch einige Prätension des Hausherrn auch wohl zu besonderer Lebhaftigkeit gesteigert, pflegte sich unter Spazierengehen fortzusetzen, und nach abermaligen Arbeits-und Lernstunden rief, von sechs Uhr an, der freiste Nachmittag und Abend die Hausgenossen und etwanigen Besuch zum Lustwandeln,[120]  Spielen, zu Gespräch und Teetrinken wiederum in den Garten, wo Zusammensein und Absonderung nach Belieben wechselte. Öfters zog ich mich zurück, um für mich allein zu lesen oder zu schreiben, und fand mich wieder ein, sobald eine neue Erscheinung mich anlockte. Ein glücklicher Verlauf schöner Tage, wie man sie auch spät noch wünschen möchte!
Ich war aber vor allem auf Erfüllung meiner neuen Pflichten bedacht und wollte diesem Berufe vollständig genügen, bevor ich den Zwecken eigner Förderung oder Neigung nachhinge. Ich entwarf einen schriftlichen Erziehungsplan, der mit ungeteiltem Beifall aufgenommen wurde; ich begann in Gestalt eines Tagebuchs allerlei pädagogische Notizen und Erfahrungen niederzuschreiben; diese Übung und das Lesen mancher empfohlener Werke, worunter auch Rousseaus »Emile«, gereichten mir zu großem Nutzen. Aufmerksam suchte ich die Wendungen des Lehrens und Mitteilens, wodurch richtige Auffassung und fester Eindruck am sichersten gewonnen wären; sorgfältig und teilnehmend schloß ich mich der kindlichen Sinnesart an, und ein freundliches Walten von Liebe und Vertrauen war der glückliche Erfolg. Da mir für mich selbst aber noch so viel zu erwerben und fortzusetzen oblag, so strebte ich, die Zeit, welche mir im Laufe des Tages und besonders am Anfange und Ende desselben reichlich gelassen war, so fruchtbar als möglich anzuwenden. Ohne Hülfe von Vorlesungen, deren regelmäßiger Besuch jetzt nicht möglich war, konnte mein medizinisches Studium nicht gedeihen; ich gab dasselbe nicht auf, aber schob es einstweilen beiseit und suchte dafür andre durch die Umstände nicht verschlossene, sondern wohl gar besonders eröffnete Wege um so besser zu benutzen. Ich legte es darauf an, die Haupttatsachen der Geschichte mir im Zusammenhang aufzureihen, sie in ihrer notwendigen Folge und Wechselwirkung einzusehen, und hatte hiezu, wie für begleitende geographische Studien, die schönsten Hülfsmittel zur Hand. Poesie und Literatur jeder[121]  Art schlossen sich an; zu eignen Aufsätzen, Gedichten und besonders auch zu Briefen an Freunde, wobei Eberty mir am nächsten stand, fand sich immerfort Anlaß. Damit meiner Ausbildung noch besser nachgeholfen würde, unternahm es Herr Cohen, der seine Kenntnisse gern lehrend übte und zeigte, mit mir höhere Mathematik und englische Sprache zu treiben. Auf diese Weise schien ich beschäftigt genug und meine Zeit hinreichend ausgefüllt. Doch Fleiß und Freudigkeit leisteten in wenigen Stunden viel, die glücklichen Tage behielten noch weiten Raum, um andern Lebensinhalt aufzunehmen, andre Gebilde hervorzutreiben.
In dieser ersten Zeit war das Haus ungewöhnlich lebhaft, weil eine Schwester der Madame Cohen, die Baronin von Boye, dasselbe durch ihre gastliche Anwesenheit erfreute. Einem schwedischen Major verheiratet, der in Stralsund seinen Standort hatte, dachte sie ihm dorthin bald nachzufolgen, nachdem sie eben mit ihm aus Paris und dem südlichen Frankreich zurückgekehrt war und nur einige Wochen bei den Ihrigen in Berlin noch verweilen sollte. Diese Dame war gewohnt, die Huldigungen größerer und kleinerer Kreise auf sich zu ziehen, die glänzendste Welt hatte sie eben in vollem Maße genossen, früher auch das Beste von Bildung und Literatur sich fleißig angeeignet; dem vielleicht unzureichenden äußeren Reize gesellte sie gern die bedeutende Mithülfe der Gemüts-und Geistesregsamkeit, der vornehmen Eleganz und Eigenheit, und auch humoristische und geniale Wagnisse verschmähte sie nicht, um nur im Augenblicke voranzubleiben. Die Schwester war ihr mit treuer Freundschaft zugetan, mit höchstem Wohlgefallen die Mutter, Madame Bernhard, eine Witwe, die das Leben noch genießen wollte und ihren Reichtum deshalb gern aufwandte. Regelmäßig an den Sonntagen, aber auch außerdem nach Gelegenheit und Einfall, besuchte man letztere auf ihrem Landhause zu Charlottenburg, wo zahlreiche und zum Teil ausgezeichnete Gesellschaft die gastfreieste und üppigste Bewirtung fand. Die kurze Zeit,[122]  welche Frau von Boye noch zu bleiben zugesagt, wurde bestens benutzt.
Fast kein Tag verging ohne Gesellschaft, teils in der Stadt, teils auf dem Lande. Graf Alexander zur Lippe, Professor Darbes, Graf Casa Valencia von der spanischen Gesandtschaft, die Hofrätin Herz, die herrliche Sängerin Marchetti-Fantozzi nebst dem italienischen Dichter Filistri lernt ich in diesem Kreise kennen; auch dem damals jugendlichen und geistesregen Adam Müller und der von ihm geführten Madame Sander, die als schöne Frau durch den Ruf mir schon bekannt war, begegnete ich hier zuerst, nicht ohne wechselseitige Anziehung.
Ein Fräulein von Sellentin, zwischen Alter und Jugend innestehend, hatte ihre besondere Geistesart, äußerte sich lebhaft und zeigte schon früh solche Eigenheiten, die man eine Zeitlang gern verzeiht, weil man sie belächeln darf, späterhin aber leicht unangenehm findet. Jüngere Frauenzimmer waren vorzüglich dem Cohenschen Hause angehörig und bedeutsam. Ich nenne zuerst Mademoiselle Seiler, eine zarte Schönheit, in erster Jugend bescheiden blühend, vortreffliche Klavierspielerin und als solche durch Unterricht dem Hause nützlich, war schon um der Musik willen gern gesehn und mit großer Sorgsamkeit behandelt; noch stärker aber wirkte die Neigung, welche Herr Cohen zu dem lieblichen Wesen kaum verleugnen mochte und durch tägliches Beisammensein nährte, wozu teils gemeinschaftliche Musikübung, teils Lehrstunden im Englischen den gültigsten Anlaß gaben. Karoline Lehmann, nachherige Gattin des berühmten Tonkünstlers Clementi, war gleichfalls ausgezeichnet musikalisch; sie kam gewöhnlich mit ihrer Mutter, oft aber auch allein, und hatte mit besonderer Zuneigung in Madanie Cohen eine mütterliche Freundin gesucht und zugleich eine für die Jugend noch, mit reinstem Sinn anteilvolle Vertraute gefunden; konnte man sie nicht gradezu schön nennen, so stand sie doch im frischesten und üppigsten Reiz aufgeblühter Jugend und ließ in munterer sowohl[123]  als schwärmerischer Unschuld noch unendliche Zauberkräfte ahnden, in deren Wirkungsbereich man sich gern stellen oder doch hineindenken mochte. Die dritte, Henriette Hübschmann, Tochter einer vermögenden, durch kalten Weltverstand und satirische Bitterkeit nicht selten abstoßenden Mutter, war dagegen durch freundlich kluge Teilnahme und durch scherzhaften Witz einnehmend, der das regsame Persönchen allerliebst kleidete.
Gegen den Reiz dieser jüngeren Mädchen war ich genug befestigt; gleiche Anmut und Liebenswürdigkeit und größere Schönheit hatte ich schon verehrt, auch nahm ihr Wirken nicht grade mich zum Ziel. Mein Sinn war auf romantischen, poetischen Austausch, auf geistig gesteigertes Verhältnis gewandt, und mein Herz wollte sich nicht entzünden lassen, außer mit Beihülfe literarischer Glut; auch mußte dafür einiges Bemühen eintreten, um die im allgemeinen vorschwebenden Phantasieflüge an einen näheren bestimmten Gegenstand festzubannen. Für alles dies war von andrer Seite her überflüssig gesorgt. Frau von Boye hatte mich in meinen Anlagen und Richtungen leicht aufgefunden, und noch leichter wurde es ihr, mich ihre Vorzüge wahrnehmen zu lassen und mit ihnen vollauf zu beschäftigen. Eine schmeichelhafte Berücksichtigung tat mir um so wohler, als ich mit jedem Tage den Wert einer solchen Dame höher schätzen mußte, deren Gespräch mit allem Übergewichte der Weltbildung das Gebiet der Poesie durchflatterte und die nicht nur mit den Schriften, die ich am meisten verehrte, sondern auch mit den Autoren befreundet war, mit Jean Paul Richter, Friedrich Schlegel, Fichte, ja sogar mit dem wenig bekannten Meyern, dessen politischer Roman »Dya-Na-Sore« mich erst kürzlich mit erhabenen Entzückungen erfüllt hatte. Das Bedeutendste für mich aber war ihr während der Reise geführtes Tagebuch, in welchem alle Eindrücke der großen Erscheinungen aus dem Natur-, Gesellschafts- und Kunstleben, ja selbst die Gefühle eines bewegten Herzens, mit vieler Wärme niedergelegt waren.[124]  Nur dem engsten Vertrauenskreise wurde dies Tagebuch in ausgewählten, gegen jede Störung gesicherten Stunden vorgelesen und dabei gleichwohl noch manches überschlagen. Zu solcher Begünstigung mitberufen zu sein, mußte ich mir hoch anrechnen. Herrschte bei diesen Mitteilungen das Sentimentale vor, so ließ bei andern Gelegenheiten die freieste Laune sich aus, die unschüchternste Lebendigkeit, welcher vollauf beizustimmen die andern bisweilen kaum den Mut hatten. In dergleichen Augenblicken rief sie einesmals ganz unerwartet unter vielen Anwesenden mich auf, meinend, mir sei auch noch zweifelhaft, was ich von ihr halten solle; ich aber faßte mich schnell und antwortete beherzt, ich wisse es recht gut und wolle es nötigenfalls beweisen. Bald nachher trennte sich die Gesellschaft, mich aber trieb es zu schreiben, und nach einer halben Stunde war eine Charakterschilderung fertig, die ich nach ungefährem Raten und Voraussetzen auf die herausfordernde Dame geschmiedet hatte; nach ihrem guten Beispiel entschlug ich mich schon der Schüchternheit und brachte das Blatt den Frauen, die größtenteils noch beisammen waren, gab es aber an Madame Cohen und bat, sie möchte zusehen, wiefern das Bildnis zu erkennen wäre. Nach dem ersten Durchblicken wurde das laute Vorlesen verlangt, und da ich es an Schmeichelhaftem und etwas Stechendem nicht hatte fehlen lassen, auch manche Züge wirklich getroffen und einige auf gut Glück versuchte Angaben zufällig die richtigen waren, so wurde des Wunderns und Rühmens sowie des Scherzes und der Fröhlichkeit fast kein Ende. Von dieser Charakterschilderung wurde weiterhin noch oft gesprochen, ich mußte erfahren, daß man sie als einen Beweis meiner großen Fähigkeiten ansah und daß man mich deshalb höher stellte, als man vorher getan. Die entschiedenste Wirkung aber übte das Blatt auf meine Bezüge mit Frau von Boye. Sie hatte schon bisher mich ausgezeichnet, jetzt tat sie es nur um so mehr und gleichsam von Rechts wegen; mit großem Ernst und gefühlvoller Emphase trug sie mir Freundschaft[125]  und inniges Vertrauen an. Das letztere bewies sie mir alsbald dadurch, daß sie mir gestand, sie bedürfe meiner Mitwirkung und meines Einflusses, um auch abwesend in diesem Kreise manches nach ihrem bessern Sinne zu leiten und zu halten. Sie setzte mich deshalb sofort in Kenntnis von den innern Verhältnissen des Hauses, von dem Charakter ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihres Schwagers und wie jeder zu behandeln sei. Hauptsächlich warnte sie mich vor dem letztern, der bei wenig Gehalt viele Schwächen und Eigensinn und besonders in scheinseliger Eitelkeit kein Maß habe. Ihre Schwester, welche für sich selbst genug treue Festigkeit, aber in betreff anderer nur zu leicht duldsame Nachgiebigkeit zeige, wünschte sie durch mich unterstützt und ebenso die Kinder gegen die Einwirkung des Vaters möglichst gestärkt. Dergleichen Mitteilungen, welche sogar absichtlich für Madame Cohen kein völliges Geheimnis sein sollten, versetzten mich in die seltsamste Lage, und indem sie mich einerseits zur vorsichtigsten Haltung und Klugheit nötigten, regten sie andrerseits mein Inneres zu den lebhaftesten Einbildungen und Ansprüchen auf, welche unter fortwährendem Nachschüren endlich als leidenschaftliche Empfindung aufflammen wollten.

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Einen neuen Mitstrebenden entdeckte und gewann ich in einem jungen Manne, der im Cohenschen Hause von Kindheit an lebte, wie ein Sohn gehalten wurde und auf dem Komtoir beschäftigt war, aber sich außer den bestimmten Zeiten wenig sehen ließ und überhaupt in seiner schweigsamen Stille sich wenig bemerkbar machte, obgleich er für durchaus klug und kundig galt. Eines Tages führte zufälliges Gespräch uns näher zusammen, wir vertieften uns in Betrachtungen des Lebens und der Poesie, seine Verschlossenheit hielt gegen meine andringende Wärme nicht aus, er bekannte mir, daß auch er dichte, und wollte mir seine Erzeugnisse nicht vorenthalten. Seine Gedichte waren klar und empfindungsvoll, sie entzückten mich, und als ich den andern meine gemachte Entdeckung mitteilen, ihnen die[126]  Verse wiederholt vorlesen durfte, wollte man das Wunder kaum glauben, vereinigte sich aber bald in Lob und Beachtung des aus seinem bisherigen Inkognito hervorgetretenen Dichters, und ich genoß die reinste Freude, in Wilhelm Neumann einen so würdigen als fähigen Freund erworben zu haben.
Neues Zuströmen erfolgte zu diesen schön anschwellenden poetischen und sentimentalen Fluten durch die Bekanntschaft, die mir nach einiger Zeit in Charlottenburg mit einem preußischen Offizier zuteil wurde, der, auf die ersten leisen, gleichsam freimaurerischen Zeichen einer solchen Brüderschaft, ebenfalls ganz unvermutet sich mir als Dichter enthüllte, und zwar als einer von der seltsamsten Art, die großenteils schon darin begründet lag, daß dieser deutsche Dichter eigentlich ein Franzose war. Herr von Chamisso hatte als Knabe mit seinen Eltern die Heimat beim Ausbruche der Revolution verlassen, war als Emigrierter nach Berlin gekommen, hier bei der verwitweten Königin als Page und darauf als Offizier im Infanterieregiment von Goetz angestellt worden und in diesem Verhältnisse geblieben, während seine Familie, gleich den meisten andern Emigrierten, denen es gestattet war, begierig das Vaterland wieder aufgesucht hatte. Den Franzosen konnte Chamisso in keinem Zuge verleugnen; Sprache, Bewußtsein, Sinnesart, Manieren und Wendungen, alles erinnerte an seine Herkunft, nur war sein ganzes Wesen dabei mit einer besondern, seinen Landsleuten sonst nicht grade eignen Ungeschicklichkeit behaftet, die doch vielfache Gewandtheiten und Fertigkeiten gar nicht ausschloß, sondern ihnen nur etwas Wunderliches zugesellte, woraus denn freilich allerlei hervorging, was er selbst oder andre als Unfall oder Übelstand zu tragen hatten. Seine langen Beine, die knappe Uniform, der Hut und Degen, der Zopf, der Stock und die Handschuhe, alles konnte ihm unvermutet Ärgernis machen; am meisten aber und sichtbarsten kämpfte er mit der Sprache, die er unter gewaltigen Anstrengungen mit[127]  einer Art von Meisterschaft und Geläufigkeit radebrechte, welches er auch in der Folge zum Teil mit Vorliebe beibehielt. Er hatte deutsche Lieder und Elegien gedichtet, sogar einen »Faust« in Jamben angefangen, und ich hörte mit Staunen und Bewunderung, was er davon mit seiner zerquetschenden Aussprache, in einer Türe stehend und den Durchgang hemmend, mir aus dem Gedächtnis hersagte. Auch dieser Poesie wurde ich sogleich ein rühmender Verbreiter und alsbald des Dichters, der sich als der bravste Kerl von der Welt zu erkennen gab, vertrauter Herzbruder. Die deutsche Bildung und Sprache waren der Gegenstand seiner tiefsten Verehrung und Sehnsucht, und unsre Bestrebungen in diesem Gebiete arbeiteten seitdem in förderlichstem Verein. War aber sein Geist durchaus den Deutschen zugewandt, so hatte doch in seinem Herzen eine schöne Landsmännin den Vorzug behalten, welche durch Schicksale in das der Cohenschen Familie verwandte Edelingsche Haus zu Charlottenburg als Erzieherin verschlagen war; sie nannte sich Ceres Duvernay, hatte ein kleines Söhnchen bei sich und vereinte mit tiefer Schönheit eine seltne Bildung, wie sie denn Englisch und Italienisch vollkommen sprach und ebenso den Shakespeare und Tasso wie ihren Racine las. Ihre Auszeichnung und Lage deutete auf höhere, doch unglückliche Verwickelungen, deren Geheimnis aber, aller Forschungen ungeachtet, stets bewahrt geblieben.
Unser verstärkter Bund geriet nun in tätige Bewegung, wir bereicherten durch Austausch unsre Gefühle und Ansichten, teilten einander unsre Schriftsteller mit und suchten uns gemeinschaftlich zur Höhe der Literatur emporzuheben. Ich begann Klopstock, Voß und Wieland weniger festzuhalten, wiewohl ich sie nicht aufgab, sondern ihren schon zu sehr mißkannten Wert noch mit Glück behauptete, selbst einmal gegen Adam Müller, der mir auch Hölty, Salis und andre solche noch einräumen mußte. Dagegen stieg Schiller mächtig empor, und alle überragte mehr und mehr Goethe,[128]  dessen Schriften und besonders »Wilhelm Meister« unsre Hauptbücher wurden. Die Paradoxen des »Athenäums« und die Sprüche des Novalis führte hauptsächlich Lippe bei uns ein, die Gedichte von Wilhelm Schlegel las ich still und laut zu vielen Malen. Neumann hatte sich manches von Tieck ersehen; Schleiermacher wurde genannt, ich erhielt seine »Monologen« durch Frau von Boye zum Geschenk, und dieser strenge, aber schwungvoll ausgedrückte wissenschaftliche Inhalt wurde mit dem lyrisch-sentimentalen des Hölderlinschen »Hyperion« als gleichartige Erquickung von uns Dürstenden genossen. Wir hatten alle erstaunlich viel zu lernen, und nicht bloß nach innen, sondern auch nach außen hin zu lernen, um unsrem geistigen Erschauen die erforderliche Unterlage zu geben, und dieses Lernen konnte für uns nur aus fortwährendem Erleben und Betreiben hervorgehen. Wir sahen einander bei allen Gelegenheiten; jeder sonst gleichgültige Besuch, jede Fahrt über Land, jedes Geschäft wurde uns bedeutend und fruchtbar, und wir waren weit entfernt, diese Bildungsschule unangenehm zu finden, sosehr wir deren Mängel in betreff der wünschenswerten gelehrten Kenntnisse und Übungen einsahen. Die Gesellschaft gewann durch diese geistige Bewegung zusehends an Leben und Reiz, und die Sprüche des paradoxen Erostes, die Einfälle der Laune und des Witzes fielen so reichlich ab, daß ich anfing, sie in ein kleines, zu diesem Zwecke gehaltenes, blaues Heft zu sammeln, wo besonders die wunderlichen und oft ungemein treffenden Schlagworte Lippes sich anhäuften. Frau von Boye behauptete in diesem Treiben ihre Stelle und war ihm nach Kräften förderlich, wiewohl schon mitunter einige Regungen zuckten, die wegen des Weitergehens bedenklich machen konnten; denn eine der ersten Wirkungen unsrer wetteifernden Tätigkeit mußte sein, daß wir gewahr wurden, wir seien bisher – wie in der Literatur so auch im Leben – allzu zahm und billig gewesen, und nun annahmen, wir dürften vieles keck als gemein und gering verwerfen, was wir bisher geachtet, und[129]  müßten uns, um nicht als geduldige Hasenfüße zu gelten, als stößige Böcke gebärden. Die Schlegelschen Gesinnungen und Beispiele hatten viel Verführerisches für junge Leute, welchen, bei schon befestigter feiner Bildung, ihre abgetragenen Unarten als etwas doch vielleicht Geniales zum nochmaligen Wiederanprobieren noch nicht zu entfernt lagen. Aber wir hielten, gutgeartet und brav, uns bei allen Lockungen doch bescheiden genug.
In diese chaotische Gärung, aus der sich nach Zufall und ohne Ziel und Ordnung alles neu gestalten sollte, fiel uns zum Glück bald ein stärkendes Licht der Autorität, durch welche neben so vielem Schwankenden und Verworrenen auch wieder Festigkeit und Zusammenhang vor Augen stand. Ich lernte nämlich Fichten kennen. Frau von Boye, die ihn öfters besuchte, lud mich mit ihm zusammen in ihre Loge, um die »Braut von Messina« zu sehen. Späterhin sahen wir ebenso die Eugenie von Goethe. Mit Ehrfurcht huldigte ich dem tiefen und großen Charakter, mit Freimütigkeit forderte und bestritt ich seine Aussprüche, soweit meine Kräfte reichten. Er ließ mich freundlich gewähren und beschied mich wohlwollend in seine Wohnung. Hier sah ich einen Weisen, dessen Handlungen mit seinen Worten und Lehren eins waren und der vom Lichte der Gedanken wie von sittlicher Würde strahlte. Seine gedrungene, kräftige Gestalt und sein nachdruckvolles Reden mußten sich im ersten Moment dem Ohr und Auge unverlöschbar einprägen. Willig gab er mir Bedürftigem seine leitenden Ratschläge, ließ sich auf das Einzelne meiner Lage und meiner Studien mit mir ein, empfahl mir dringend das klassische Altertum, sagte mir gradezu, ich müsse vollständiger die Römer und gründlich die Griechen kennenlernen, zeigte mir Ziel und Weg, gebot strengen Wandel und eisernen Fleiß und wies mich dagegen für jetzt noch von aller Bemühung mit eigentlicher Philosophie entschieden zurück. Ich glaubte einen göttlichen Mann vor mir zu sehen, wenn er so sprach, die Gradheit und Redlichkeit leuchteten ihm[130]  aus den Augen, und liebevolle Güte begleitete seinen erhabenen Ernst. Wenn seinen Ermahnungen ganz nachzuleben auch weder mein Sinn noch selbst die Gelegenheit erlaubte, so blieb doch dies Vorbild tief in meiner Seele, und ich nahm von Zeit zu Zeit immer wieder meine Zuflucht zu dem herrlichen Manne, der dann jedesmal mit Nachsicht und Kräftigung meinem guten Willen beistand. Auch Chamisso machte seine Bekanntschaft und erfuhr gleiche Einwirkung von ihm, die andern Freunde nicht minder, und für uns alle blieb fortan über allem trüben und irren Gewoge des Lebens dieser Stern in hellem Glanze leuchtend und leitend, zu dem wir zuversichtlich emporblickten, um uns zum Rechten und Wahren zu reinigen und zu stärken.
Die junge Mädchenwelt des Hauses Edeling, unter Obhut der schönen Erzieherin Duvernay, drang lebhafter heran und veranlaßte kleine Bewegungen; größere bewirkte die schöne Mariane Saaling, welche in Madame Cohen eine würdige Freundin ehrte und sie jetzt häufiger besuchte; der Eindruck dieses Mädchens war der einer jungen Göttin, und wer sie nur sah, mußte ihr huldigen; dies geschah von allen Seiten, von mir doch am wenigsten, der ich ihren Geist vielleicht zu gering anschlug, durch ihn wenigstens nicht angezogen wurde. Mehrere meiner Bekannten umseufzten sie förmlich als Liebhaber; das war mir sehr gleichgültig; grade mit einem ernstlichen Bewerber aber bekam ich ihretwegen fast Händel. Karoline Lehmann bekam ebenfalls um diese Zeit einen Bewerber, der uns allen ein Greuel war. Es war der alte Muzio Clementi, der durch sein Talent und seinen Reichtum stark empfohlen war und das junge mittellose Mädchen gleichsam zu erkaufen dachte. Die Eltern waren für ihn; das Mädchen, einer aufgeregten Neigung zu einem vornehmen jungen Manne schon im stillen entsagend, wankte nur noch zwischen jenem Beifall und der heftigen Mißbilligung, die wir Jüngern laut werden ließen und die in zweien von uns einen tiefern Quell hatte,[131]  als wir andern vermuten konnten. Ein besondrer Jammer war es, daß auch die liebliche Seiler, gleich in ihrem ersten Frühling, einem tölpischen Bräutigam vorausbestimmt wurde, welchem ihr Vater Verbindlichkeiten hatte, die er durch seine Tochter ganz bequem abzutragen dachte. Die einzige, Henriette Hübschmann, erschien frei von Neigung und frei von drohenden Banden und erhielt sich noch eine Weile so, bis ihr später das Glück wurde, eine Heirat ganz nach ihrem Sinne zu treffen, wobei wenigstens das künftige Unglück, das sich auch hier nachgehends gewaltsam eindrängte, in der ersten guten Zeit völlig verborgen blieb.


Was wir in dieser Art vor Augen hatten, sowohl von geschlossenen als von noch zu schließenden Ehen, war nicht gemacht, uns von solcher Verbindung einen guten Begriff zu geben; im Gegenteil, die ganze Einrichtung, der nur Liebe und Achtung zum Grunde liegen sollte und die wir in allen diesen Beispielen eher auf alles andre gegründet sahen, wurde uns gemein und verächtlich, und wir stimmten schreiend in den Spruch von Friedrich Schlegel ein, den wir in den »Fragmenten« des »Athenäums« lasen: »Fast alle Ehen sind nur Konkubinate, Ehen an der linken Hand oder vielmehr provisorische Versuche und entfernte Annäherungen zu einer wirklichen Ehe, deren eigentliches Wesen nach allen geistlichen und weltlichen Rechten darin besteht, daß mehrere Personen nur eine werden sollen.« Auch der höhnische Übermut am Schlusse jenes Fragments, wo gesagt wird, es lasse sich nicht absehen, was man gegen eine Ehe à quatre Gründliches einwenden könnte, und daß der Staat die mißglückten Eheversuche nicht zusammenhalten, sondern vielmehr neue befördern solle, gefiel uns ungemein, und wir führten dergleichen ärgerliche Reden oft und auch zur Unzeit im Munde. Die schlechte Meinung aber von Heirat und Ehe blieb mir eingepflanzt, und bei allen Vorstellungen und Absichten, die ich meiner Zukunft aneignete, war der Gedanke, Bräutigam und Gatte zu werden, als ein lächerlicher und verkehrter gänzlich ausgeschlossen.[132] 
Inmitten dieses jugendlichen Umgangs erfuhr ich doch die meiste Annäherung zu Madame Cohen, die als sorgsame Mutter und tüchtige Hausfrau höchst verehrungswert erschien und mit edlem Sinn und warmer Empfindung auch unsern Jugendlichkeiten Anteil und Nachsicht schenkte. Sie war durch die laute Schwester schweigsam gewöhnt, wenn sie aber sprach, vernahm man Wahrhaftes und Herzliches. Da Herr Cohen sowohl auf den Abendspaziergängen im Garten als bei den Musikübungen im Zimmer, wenn Mademoiselle Seiler zum Besuche da war, sich vorzugsweise mit dieser beschäftigte und absonderte, so fühlten wir andern uns um so zwangloser, sprachen und lasen, was uns gefiel, und so wurde zum Beispiel der ganze »Wilhelm Meister« von mir vorgelesen, wobei nur einigemal Neumann oder Lippe mich ablösten. Gegen den Hausherrn, der mit Goethe nicht zufrieden war, sondern an Wieland hielt und uns zuweilen auch seinerseits mit Vorlesungen aus »Agathon« oder »Aristipp« quälte, machten wir gemeinschaftlich eine wenig verhohlene Opposition, und er hatte den Verdruß, seinen Geschmack und sein Talent im eignen Hause am wenigsten gelten zu sehen; um so lieber wandte er sich damit an das schöne Kind, dem in Vergleich des bevorstehenden Loses die Bewerbungen eines solchen Mannes noch als geistreich und liebenswürdig gelten konnten. Madame Cohen, schon durch ihre Schwester in ein gewisses Vertrauen zu mir gestellt, konnte die augenscheinliche Lage der innern und äußern Verhältnisse mir nicht verhehlen noch leugnen wollen, die Erziehungsangelegenheiten forderten dringend mancherlei Vorkehr und Rücksprache, und es erfolgte aus allem diesen eine wahrhafte Freundschaft, gegründet auf Hochachtung und Zutrauen, die sich in späteren Stürmen und Unglückslagen nur verstärkt und stets erhalten hat.
Hier ist nun auch eines persönlichen Erscheinens zu gedenken, dessen erster Eindruck mir in jener Zeit wurde. Eines Abends, da Herr Cohen, einer leichten Unpäßlichkeit wegen, das Bette hütete und ich, danebensitzend, den zum[133]  Tee Versammelten aus Wieland einiges vorlas, wurde Besuch gemeldet, und bei dem Namen entstand sogleich die Art von Bewegung, welche sich der Erwartung von Ungewöhnlichem und Günstigem verknüpft. Es war Rahel Levin oder Robert, denn auch den letztern Namen führte sie schon damals. Oft schon hatte ich sie nennen hören, von den verschiedensten Seiten her, und immer mit einem so besondern Reize der Bezeichnung, daß ich mir dabei nur das außerordentlichste, mit keinem andern zu vergleichende Wesen denken mußte. Was von ihr insonderheit Lippe und Frau von Boye mir gesagt, deutete auf ein energisches Zusammensein von Geist und Natur in ursprünglichster, reinster Kraft und Form. Auch wenn man einigen Tadel gegen sie versuchte, mußte ich im Gegenteil oft das größte Lob daraus nehmen. Man hatte von einer grade jetzt waltenden Leidenschaft viel gesprochen, einer Verbindung mit einem Spanier von der Gesandtschaft, Raphael Urquijo, die, nach den Erzählungen, an Größe, Erhebung und Unglück alles von Dichtern Besungene übertraf. Ich sah in gespannter Aufregung, den andern zum Lächeln, dem nahen Eintritte der Angekündigten entge gen. Es erschien eine leichte, graziöse Gestalt, klein, aber kräftig von Wuchs, von zarten und vollen Gliedern, Fuß und Hand auffallend klein; das Antlitz, von reichem schwarzen Haar umflossen, verkündigte geistiges Übergewicht, die schnellen und doch festen dunklen Blicke ließen zweifeln, ob sie mehr gäben oder aufnähmen; ein leidender Ausdruck lieh den klaren Gesichtszügen eine sanfte Anmut. Sie bewegte sich in dunkler Bekleidung fast schattenartig, aber frei und sicher, und ihre Begrüßung war so bequem als gütig. Was mich aber am überraschendsten traf, war die klangvolle, weiche, aus der innersten Seele herauftönende Stimme und das wunderbarste Sprechen, das mir noch vorgekommen war. In leichten, anspruchslosen Äußerungen der eigentümlichsten Geistesart und Laune verbanden sich Naivetät und Witz, Schärfe und Lieblichkeit, und allem war zugleich eine tiefe[134]  Wahrheit wie von Eisen eingegossen, so daß auch der Stärkste gleich fühlte, an dem von ihr Ausgesprochenen nicht so leicht etwas umbiegen oder abbrechen zu können. Eine wohltätige Wärme menschlicher Güte und Teilnahme ließ hinwieder auch den Geringsten gern an dieser Gegenwart sich erfreuen. Doch kam dies alles nur wie schnelle Sonnenblicke hervor, zum völligen Entfalten und Verweilen war diesmal kein Raum. Kleine Neckereien mit Graf Lippe, der kürzlich bei ihr nicht war angenommen worden und des halb böse tun wollte, erschöpften sich bald; der ganze Besuch war überhaupt nur kurz, und ich wüßte mich eigentlich keines bestimmten Wortes zu erinnern, in welchem etwas ausgeprägt Geistreiches, Paradoxes oder Schlagendes sich zur Bewahrung dargeboten hätte; aber die unwiderstehliche Einwirkung des ganzen Wesens empfand ich tief und blieb davon so erfüllt, daß ich nach der baldigen Entfernung des merkwürdigen Besuchs einzig von ihm reden und ihm nachsinnen mußte. Man scherzte darüber, und weil der Scherz fast verdrießlich wurde, so trotzt ich ihm desto eifriger durch Niederschreiben eines Sonetts, das den empfangenen Eindruck begeistert schildern wollte und das ich die Dreistigkeit hatte, eben weil man sie mir bezweifelte, am andern Tage versiegelt abzuschicken, ohne daß ich weiterhin etwas von der Sache gehört oder ihr nachgefragt hätte. Rahel Levin selbst wiederzusehen war mir darauf jahrelang nicht beschieden. Ihr Namen aber blieb mir als ein ungeschwächter Zauber in der Seele, nur ahndete ich auf keine Weise, daß mit jenem frühen Begegnen und jenen vorlauten Zeilen ein erster Ring gefügt worden, an welchen viele folgende sich einst anreihen und die entscheidendste Wendung und die dauerndste Vereinigung meines Lebens geknüpft sein sollte.
Da August Wilhelm Schlegel zum Winter ästhetische Vorlesungen ankündigte, so ließen wir uns diese gute Gelegenheit nicht entgehen. Seine Übersicht der deutschen Dichtkunst in ihrer geschichtlichen Entwickelung und die[135]  Beispiele, die er aus früheren Zeiten reichlich mitteilte, waren mir von großem Nutzen. In den Wust von einzelnen Kenntnissen und Ansichten, die ich nach Zufall aufgehäuft, kam mehr Ordnung und Zusammenhang, ich lernte auch für mein eignes Dichten festere Bahn betreten, und was zu vermeiden und zu erstreben sei, wurde mir klarer. Übrigens muß ich gestehen, daß Schlegel uns schon damals schien mehr Talent als Geist zu haben, und wenn ihm auch Neumann und ich noch großes Zutrauen widmeten, so wollte er doch den andern wenig mehr genügen, besonders Robert und Theremin sprachen geringschätzig von ihm, welches ich ihnen als Übermut anrechnete. Eine starke Stütze gab ihnen freilich das Urteil Fichtes, der einmal unumwunden erklärte, Tiefe fehle dem ältern Bruder und Klarheit dem Jüngern, gemeinsam sei ihnen beiden aber der Haß, welchen sie allerdings gegen das Gemeine hätten, und die Eifersucht, die sie gegen das Höhere empfänden, welches sie weder zu sein noch zu leugnen vermöchten und daher aus Verzweiflung übermäßig lobten, so ihn selbst und Goethen. Unwillkommen schlossen solche Äußerungen mir das zerrüttete Innere von literarischen Zuständen und Verhältnissen auf, die ich für die reinsten und einträchtigsten gehalten hatte. Allein mir schien, daß auch der Eigenheit Fichtes etwas nachzusehen sei, und ich wollte daher die Sachen nicht ganz so schlimm glauben, als er sie aussprach, und am wenigsten könnt ich den andern zugestehen, ihrerseits so zu richten und zu verdammen, wie dies etwa Fichte tun durfte, weil er eben Fichte war.
Um bei so vielfacher Trennung, die uns bevorstand, durch ein äußeres Zeichen auch in der Ferne uns verbunden zu halten, mit dessen Verleihung weiterhin auch neue Freunde gleich an dem gesamten Bunde teilhaben könnten, wählten wir den Polarstern zu unsrem Sinnbilde, und es wurden Siegelringe angefertigt, die mit dem Stern die griechische Bezeichnung τό τοῦ πόλου ἄστρον enthielten. Ein Geheimnisbild von August Wilhelm Schlegel, welches[136]  dieser aus Franz Baaders »Pythagoreischem Quadrat« entlehnt hatte und worin Religion, Sittlichkeit, Poesie und Wissenschaft mit den vier Himmelsgegenden verknüpft werden, die Wissenschaft aber dem Norden entsprechen soll, hatte uns den Nordstern wählen lassen, als welcher auch die andern Richtungen zu bestimmen helfe. Ich empfing den Ring als Geschenk von Koreff, Chamisso und Lafoye mit beiderseitiger Freudigkeit und Rührung. Wir siegelten fortan alle unsre Briefe mit diesem Zeichen, fügten die Buchstaben τ. τ. π. α. überall unsrer Namensunterschrift bei, und selbst zum Anruf und Gruße gebrauchten wir die uns angenehm tönen den Worte gleich maurischen Erkennungslauten. Die Sache ging nicht weiter und wurde neben ihrem Ernst auch häufig zwischen uns im Scherz betrieben; nach außen aber gab sie uns bisweilen das Ansehn einer geheimnisvollen Gesellschaft, die für bestimmte Zwecke arbeite.
Im Frühjahr 1804 sah Berlin bedeutende literarische Gäste ankommen. Schillers Anwesenheit erregte große Bewegung, nicht nur in allen Gesellschaftskreisen bemühte man sich um ihn, auch im Theater und auf der Straße vor seiner Wohnung schallte ihm der Jubel entgegen. Leider hab ich ihn nicht gesehen; ich war grade verstimmt und mochte die Gelegenheit, die ich besonders bei Fichte sehr gut finden konnte, nicht aufsuchen. Ebenso entging mir Frau von Staël, von der allgemein gesprochen wurde und die uns schneller, als ihre Absicht war, wieder entschwand, weil sie die Nachricht von der lebensgefährlichen Krankheit ihres Vaters empfangen hatte. Sie entführte Schlegeln mit sich nach der Schweiz, was wir nicht umhinkonnten ihr zur Ehre zu rechnen, obgleich wir es ihm verdachten. Ungefähr in dieser Zeit kam auch Johann von Müller von Wien, um in Berlin eine höchst liberale Anstellung zu genießen und der Geschichtschreiber Friedrichs des Großen zu werden. Auch diese Erscheinung machte Aufsehn, und der Name klang uns bedeutungsvoll entgegen, wenn auch wenigstens mir der Mann selbst damals noch nicht bekannt wurde.[137] 
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Noch ehe der Sommer kam und bevor die Freunde sich dahin und dorthin nach ihrem Berufe zerstreut hatten, schien auch für mich die Notwendigkeit eines Entschlusses zur Änderung meiner Lage sich dringender aufzustellen. Einerseits waren mir neue Lockungen, Entwürfe und Aussichten zum Studieren geworden, andrerseits mußte ich mein bisheriges Verhältnis als völlig unterhöhlt erkennen; ich konnte meiner Arbeit auf diesem Boden täglich weniger Frucht und Gedeihen versprechen, auch seine Lebensblüten für mich waren abgeblüht und schienen keiner Erneuung fähig, und endlich durfte ich mir die steigende Gefahr von Ausbrüchen nicht verhehlen, welche bisher nur durch ängstliche und rücksichtsvolle Wachsamkeit waren vermieden worden, aber trotz aller Vorsicht doch unvermutet ihren Augenblick finden und dann zwischen Herrn Cohen und mir plötzlich alles enden konnten. Von dieser Lage der Sachen durchdrungen, besprach selbst Madame Cohen mit inniger Teilnahme die Möglichkeit einer andern und besseren Zukunft für mich, als mir in der gegenwärtigen Bahn zu erwarten sein konnte. Jedoch drängte grade nichts zur Eile, alles ging im täglichen Geleise ruhig fort, es bedeckte den innern Widerstreit sogar ein täuschender Anschein von fröhlicher Zufriedenheit; bei einem italienischen Sprachmeister hatten Herr Cohen und ich heimlichen Unterricht, um später glänzend mit der neuen Kunde zu überraschen; es war vielfach davon die Rede, das Schauspiel »Was ihr wollt« nach Schlegels Übersetzung aufzuführen; musikalische Vergnügungen wurden nicht verabsäumt, und sich das Leben angenehm zu machen, hatte man auch sonst noch allerlei Betrieb. Daß Madame Bernhard erkrankt war und seit Monaten mit krampfhaften Anfällen und neben wirklichen auch mit eingebildeten Leiden zu ringen hatte, durfte keine zu große Störung in dem gewohnten Lebenszuge sein und gab nur der Tochter Mühen und Sorgen, zu deren Erleichterung sie ihre Schwester anrief.
Doch mittlerweile war im stillen ein Verderben reif geworden,[138]  welches schon längst am tiefsten Innern dieser Zustände gezehrt hatte und jetzt sich anschickte, die dünne Oberfläche zu durchbrechen, welche nur noch von Täuschungen bekleidet war. Von dieser Seite war denn auch meinen Verwickelungen unerwartet die Lösung bereitet, die in jedem Fall auch aus ihnen selbst erfolgen zu müssen schien, nur daß zweifelhaft bleibt, zu welchem bestimmten Zweck und mit welcher Wendung dies ohne jene besondre Schickung geschehen sein würde.
Mitten im Laufe der vergnüglichen Tage zeigte sich plötzlich die heitre Laune des Hausherrn gewichen und an ihrer Statt verdrießliche Befangenheit; die Mißstimmung dauerte am nächsten Tage fort, und zugleich wurde von früh bis spät auf dem Komtoir mit ungewöhnlicher Beeiferung gearbeitet. So war es auch die folgenden Tage; Neumann hatte keinen Augenblick frei; mit Freunden von bewährten kaufmännischen Kenntnissen fanden langwierige Beratungen statt, und es blieb endlich auch mir nicht verhehlt, daß das Haus in Gefahr sei zu stürzen und seine Zahlungen werde einstellen müssen. Der Schrecken und die Verwirrung, welche dieser Entdeckung folgten, sind nicht zu beschreiben. Madame Bernhard, deren ganzes Vermögen bedroht war, wurde von dem Schlage fast gesund, wenigstens verließ ein Teil ihrer Übel sie von dem Augenblick; Frau von Boye, die schon der kranken Mutter wegen hatte kommen sollen, kam nun um so eiliger von Stralsund herbei, auch ihre Habe, die jetzige und künftige, stand auf dem Spiel. Jetzt enthüllte sich Zug um Zug ein immer größeres Verderben. Die Handlungsbücher waren in Unordnung; es bedurfte vieler Zeit und Mühe, um nur zu einer klaren Übersicht zu gelangen. Hätte man diese von Anfang gehabt, so wäre noch vieles zu retten gewesen, allein es herrschte vielmehr bis ans Ende die wahnsinnigste Verblendung. Herr Cohen hatte sein Geschäft gleich seinem geselligen Wesen betrieben, mit Einbildung, Unwissenheit, Leichtsinn und Täuschung. Er hatte aus Holland kein Vermögen mitgebracht,[139]  sondern Schulden, das Vermögen seiner Frau, der Mutter und Schwester derselben und einiger Fremden war die alleinige Grundlage eines Unternehmens, das den Schein eines fünfmal größeren Reichtums geben sollte, und in diesem Verhältnisse waren auch die Ausgaben. In weichlichem, eitlen Genusse des Tages hatte er sich über den Zustand und Ertrag der Fabrik willkürlichen Vorstellungen überlassen, und um diese desto sichrer zu behalten, weder selbst auf den Grund sehen wollen noch andern einen solchen Blick gestattet. Auch bei schon eingetretener Verlegenheit und als die nötigen Gelder zu fehlen anfingen, beharrte er in diesem strafbaren Selbstbetrug, wollte sich und andern aus Schwäche und Eitelkeit den Umfang des Übels ableugnen und handelte noch stets in dem Sinne, als sei die Grundlage gut und fest und als komme es nur darauf an, eine vorübergehende Stockung mit geringen Opfern zu heben. Auf diese Weise bewirkte er, daß seine Frau, die ein Vermögen von 100000 Talern als Eingebrachtes vor allen andern Gläubigern zu fordern hatte, nach und nach die größten Summen, und endlich alles, zur Deckung der am stärksten herandrängenden Gläubiger verschrieb, immer nicht einsehen wollend, daß das Flickwerk schon für morgen nicht mehr ausreichen könnte und der Riß schon unheilbar das Ganze durchdrang. Die Hoffnung, daß der Staat ein Unternehmen, wobei er selbst beteiligt, nicht würde fallenlassen, schlug fehl; vermeinte Gönner zeigten sich als Feinde, und Herr Cohen mußte erfahren, daß er durch sein bisheriges Treiben mehr Achtung und Zuneigung verscherzt als gewonnen habe. Auch seine sonstige Unwissenheit kam jetzt schrecklich an den Tag; der große Mathematiker, der von der höheren Analysis wie von einer Kleinigkeit zu sprechen pflegte, konnte der Schmach nicht entgehen, wegen einer gewöhnlichen Teilungsrechnung, mit der er auf keine Weise fertig werden konnte, in Gegenwart der Familie, freilich unter verzweiflungsvollen Kämpfen der sterbenden Lüge, den Rechenmeister seiner Kinder herbeirufen zu müssen,[140]  der als tüchtiger Mathematiker allgemein bekannt, doch bisher vor den höheren Einsichten des Mannes sich hatte beugen sollen. Auftritte der Erbärmlichkeit und hinwieder der Leidenschaft traten hier ein, die ich nicht zu schildern unternehme. Das Unglück offenbarte sich endlich ganz. Für Frau von Boye, von der ich, durch den Stand der Sachen und das Benehmen, welches sie in dieser Spannung zeigte, mehr und mehr mich geschieden fühlte, wurden einige Kapitalien gerettet, für Madame Cohen nichts, und Madame Bernhard verlor alles. Die Wechselgläubiger drangen heran und setzten den Schuldner unter Bewachung, seine Abführung ins Gefängnis war schon festgesetzt. Noch wurden törichte Opfer gebracht, um nutzlose Fristen zu gewinnen. Für den Mann selbst war nichts mehr zu hoffen als langwieriges Gefangensitzen, ihm und den Seinigen nur zu täglich erneutem Jammer; für die Sache war grade seine Gegenwart das sichtbarste Unheil, das mit jedem Tage sich als solches noch mit frischer Tätigkeit bewies. Unter diesen Umständen rieten wir alle, die im Rat und Geheimnis waren, zur Flucht. Sie wurde im letzten Augenblicke, da sie noch eben möglich war, beschlossen und ausgeführt. Neumann mußte den jetzt völlig Verzagten bis über die Grenze begleiten und kehrte dann zurück. Herr Cohen aber gelangte glücklich nach Holland, wo seine Verwandten ihn aufnahmen. Er wußte sich dort bald wiederum, nur nach kleinerem Maßstabe, sein Leben in eitle Geschäfte und genießenden Müßiggang zu teilen, gab sich gleichen Einbildungen hin und übte gleichen Trug; und eben jetzt, da ich dies schreibe, nach 28 Jahren, hat der elende Greis dort einen gleichen Bankrott verübt, wegen dessen er abermals flüchtig werden mußte und durch den wiederum zumeist die Seinigen, und darunter sein ältester Sohn, den er als verzogenen Liebling bei sich hatte, ihre geringe Habe eingebüßt!
Seine Flucht entzog ihn dem Gefängnisse, aber nicht den Steckbriefen der Gerichte, die auch den Prozeß wegen mutwilligen[141]  oder gar betrüglichen Bankrotts einleiteten. Der Untergang eines noch vor kurzem so blühenden Hauses, des Sammelplatzes und Anhalts so vieler Beziehungen, die Verarmung der dazugehörigen bis dahin reich geschienenen Familien, war nun entschieden und unaufhaltsam. In der Folge der einzelnen Tage und Begegnisse dies mitzumachen war furchtbar und von durchaus tragödienhaftem Eindruck. Ich hatte mit allen Kräften, seit dem Beginn der Krisis, die lebhafteste Teilnahme auf alle Weise betätigt, in die Geschäfte schreibend und redend eingegriffen, persönlich manches ausgeführt oder vertreten, und mir blieb daher von dieser schrecklichen Erfahrung kein Teil erspart. Der Gegensatz des noch äußerlich fortdauernden Scheins und der Gewißheit einer Wirklichkeit, die unabwendbar an die Stelle treten mußte, war schneidend. Noch wohnten die Zurückgebliebenen in dem Palast, in den schönen Zimmern, umgeben von dem gewohnten Hausgeräte, das aber größtenteils durch Versiegelung dem Gebrauch schon entzogen war, derselbe Garten stand noch offen, die Roßmühle trieb ihr gewohntes Getöse, die Spinnmaschinen rauschten auf und nieder, die Fabrikleute zu Hunderten kamen und gingen, und alle äußere Lebhaftigkeit dauerte fort wie sonst, aber im Innern war Trübsal und Öde, schon gehörte dies alles nicht mehr den früheren Besitzern, sondern fremden Gläubigern, und die Gerichte führten die Verwaltung. Kaum auf einige Monate war Aussicht, hier nur noch wohnen zu dürfen, und für mich nicht einmal so lange. Denn Madame Cohen hielt mit Recht für ganz unstatthaft, daß in der verarmten Familie, welche grade jetzt die vielfachsten Rücksichten zu nehmen hatte, ein Hauslehrer bliebe; denn daß dieser uneigennützig nur eine jetzt doppelt erwünschte Stütze und noch immer der wohlfeilste Unterricht den Kindern sein würde, war nicht für jedermann sogleich offenkundig noch wahrscheinlich.
Nach einigem Ratschlagen und Überlegen schied ich aus dem Hause, nicht ohne den innigsten Schmerz; denn die[142]  teuersten Erinnerungen und die treuste Anhänglichkeit hielten mich ihm auf immer verknüpft. Ich zog zu Chamisso, der mir gastliche Zuflucht angeboten hatte. Meine Mittel waren äußerst beschränkt, ich mußte selbst für die Zwischenzeit, bevor ich einen weiteren Beschluß fassen konnte, auf Erwerb denken. Ein paar begehrte Aufsätze für eine Monatschrift, die in Hamburg erschien, konnten nur unbedeutendes Honorar bringen, die Hauptsache sollten Unterrichtsstunden tun.
Die freie Zeit benutzt ich nach Herzenslust. Ich war jeden Tag im Cohenschen Hause, gewöhnlich abends, und auch Chamisso bezeigte der Familie treue Anhänglichkeit. Dort sahen wir in dieser Zeit den von Brockes und Lippe empfohlenen Heinrich von Kleist, einen liebenswürdigen, begabten jungen Mann, der sich uns freundschaftlich anschloß, aber sorgfältig noch verhehlte, daß er schon als Dichter aufgetreten und Verfasser des Trauerspiels »Die Familie Schroffenstein« sei, und überhaupt den Genius und die Kraft noch nicht verriet, durch die er sich nachher berühmt gemacht; er gab sich nur als einen anteilvollen Strebenden und schrieb mir in solchem Sinne in mein Stammbuch:

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Jünglinge lieben ineinander das Höchste der Menschheit, denn sie lieben in sich die ganze Ausbildung ihrer Naturen schon um zwei oder drei glücklicher Anlagen willen, die sich eben entfalten. Wir aber wollen einander gut bleiben.
Heinrich Kleist.

Inzwischen konnte ich mir nicht leugnen, daß ich mich in einem zwecklosen und wenig fruchtbaren Lebensgange befand. Die mir nötigsten Studien lagen brach, meine Tage verwilderten, und so fand ich mich überall in unbequemer Enge, was selbst meine Kleider mir zu bezeugen anfingen; die Unterrichtsstunden mehrten sich nicht, und der geringe Ertrag reichte für die täglichen Bedürfnisse nicht hin. Die Anerbietungen Chamissos, auch seinen Tisch mit mir zu teilen, durft ich nicht annehmen, ebensowenig hätte ich die offne Aufnahme in der Cohenschen Familie zu diesem Zweck[143]  auch nur gebrauchen, geschweige denn mißbrauchen mögen, und so fand ich mich überall beengt und gestört. Fichte, nachdem er mich scharf gefragt, ob ich mir genug Mut und Entsagung zu dem allerdings heroischen Unternehmen zutraue, machte mir den Vorschlag, in das strenge und kärgliche, aber meine Lage notdürftig sichernde, meinen Studien gewiß heilsamste Verhältnis eines Schülers an der Fürstenschule zu Pforta einzutreten; er selbst war dort erzogen worden; Griechisch und Lateinisch, meinte er, würde ich dort aus dem Grunde lernen. Ich sagte mit Freuden ja, und er schrieb sogleich an den Rektor Ilgen. Allein die Antwort fiel verneinend aus, die Freistellen waren nur für sächsische Landeskinder und auch andre Umstände nicht entsprechend. Während nun allerlei Plane und Zweifel sich bei mir durchkreuzten, meine Freunde in Hamburg und Berlin noch hofften, mir für die Universität hinlängliche Stipendien zu verschaffen, und ich bald Schüler, bald Lehrer werden sollte, denn auch an einer Pensionsanstalt in Berlin bot man mir ein festes Verhältnis an, ich aber um so weniger einen Entschluß fassen konnte, als zur glücklichen Zeit eingegangenes Honorar wieder freieren Spielraum gab; in dieser Stimmung und Lage empfing ich unerwartet den Antrag zu einer neuen Erzieherstelle in Hamburg, bei dem reichen jüdischen Bankier Hertz. Die Familie war Ebertyn und auch Marianen Saaling verwandt, und jener war abermals der tätigste Vermittler. Die Verhältnisse waren von allen Seiten höchst günstig und reizend, die äußern Vorteile überstiegen alles, was in Berlin als möglich zu denken war; unter solchen Bedingungen konnten ein paar Jahre mir schon die Mittel zur Freiheit der folgenden gewähren. Ein angeknüpfter Briefwechsel bestätigte alle Verheißungen und überbot sie noch. Wenn ich nicht in Berlin bleiben oder nach Halle gehen konnte, so war mir der Gedanke, in Hamburg zu leben, noch am liebsten. Mutter und Schwester waren mir dort und liebe Freunde. Fichte, Madame Cohen, Nolte und andre Freunde redeten mir eifrig zu, und ich ging den Vorschlag[144]  ein. Man erwartete mich in Hamburg mit Ungeduld. Schmerzlich nahm ich Abschied von der Cohenschen Familie, von den lieben Zöglingen, den teuern Freunden, von Fichte, der mir eine Empfehlung an Klopstock, den Bruder des Dichters und Oheim der Fichtin, mitzugeben nicht unterließ, und so reiste ich gegen Ende des Monats August meinem neuen Schicksale zu.



Hamburg
1804–1806










[145] Nach den ersten Begegnissen der freundlichsten Aufnahme und günstigsten Einführung in die reichlichen und angenehmen Verhältnisse meiner neuen Lage, den gerührten Liebesbezeigungen meiner Schwester und allem Anteil der erfreuten Mutter, und nachdem ich auch alte Freunde und die werten Örtlichkeiten der Stadt und Gegend im Fluge wieder begrüßt, war mir nun Muße und Reiz genug, mich in meinem nächsten Lebenskreise genauer umzusehen.
Ein angesehenes tätiges Handelshaus, das aus beschränkten Anfängen sich durch Fleiß und Redlichkeit zu großen Glücksgütern und allgemeinem Vertrauen emporgearbeitet hatte, verbreitete über seine Mitglieder Fülle des Wohlstandes, die man doch weniger zu genießen als stets noch zu mehren trachtete, da Geschick und Lust für letzteres ohnehin vorhanden waren, für ersteres hingegen noch größtenteils erst hätten erworben werden müssen, wohin weder der herrschende Bildungszustand der älteren jüdischen Glaubensgenossen noch ihre sonstigen Verhältnisse so leicht führen konnten.
Der Hausherr, Jakob Hertz, erschien auf den ersten Blick als ein biedrer, zutraulicher, muntrer, heftig wollender und[145]  doch stets nachgiebiger Alter, der sein Geschäft mit höchstem Eifer trieb und von früh bis spät, besonders an Posttagen, sich in Arbeit vergraben mochte. Einen reichen Vorrat von Scherzen, Maximen und Gleichnisreden, die der lebhafte Mann in seiner Jugend teils aus eignen Erlebnissen, teils aus dem fleißigen Besuche des damals unter Schröders Leitung so glänzenden hamburgischen Theaters aufgesammelt, pflegte er in den Zwischenzeiten, wo er an Gespräch und Unterhaltung teilnahm, besonders auch bei Tisch, zur Ermunterung mitzuteilen, wobei auch seine ernsthaften Ansichten und Meinungen, nicht selten auf Beweisreden des vielgesehenen und vielbewunderten Hamlet gestützt, sich stark und entschieden aussprachen, ohne jedoch den Sinn und die Handlungen der andern im geringsten bedingen zu wollen; niemand willigte leichter und vollständiger in fremde Weise, wenn man ihm nur die seinige auch ließ, denn als seinen wahren Grund und Boden sah er nur das Komtoirgeschäft an, dem er mit Einsicht, Eifer und unermüdetem Fleiße vorstand, gemeinschaftlich mit zweien älteren Brüdern und von einem eignen und einem Brudersohn unterstützt. Für den achtungswürdigen Charakter dieser Gemeinschaft und zum Lobe ihrer Teilhaber läßt sich kein beßres Zeugnis anführen als die Tatsache, daß bei einem Geschäft, welches wesentlich auf Gewinn absehen muß, der persönliche Vorteil unter den Brüdern ganz außer Betracht gelassen war. Die beiden älteren Brüder arbeiteten am wenigsten und verbrauchten am meisten; der eine pflegte große Reisen zu machen, der andre hatte außer dem eignen Hauswesen auch den besondern Aufwand einer anspruchsvollen und verwöhnten Schwiegertochter zu bestreiten; dagegen arbeitete der jüngste Bruder Tag und Nacht, lebte am eingezogensten, erwarb noch persönlich große Summen durch Maklergeschäfte, und gleichwohl war für alles nur eine und dieselbe gemeinschaftliche Kasse, wohin alles floß und woher alles kam; was die drei Haushaltungen jährlich gebraucht hatten, ohne Rücksicht, in welchem Verhältnisse[146]  jede – und dabei kamen Summen vor, wie für die Ausstattung einer Tochter, den Ankauf eines Hauses, je nachdem Bedürfnis oder Belieben es fügte –, wurde beim Abschlusse des Jahres ungeschieden in Rechnung gebracht und dann das Vermögen jedesmal aufs neue dreifach gleichgeteilt. Ein merkwürdiges und vielleicht einziges Beispiel brüderlicher Eintracht und großartiger Geschäftsverbindung, durch vierzigjähriges ehrenvolles Bestehen und gesegnetes Gedeihen inmitten stürmischer und drangvoller Zeiten geprüft und bewährt! In solchem uneigennützigen Sinne war auch das übrige Benehmen dieser sonst persönlich nicht eben liebenswürdigen Männer, die jedem kleinen redlichen Gewinne unverdrossen nachgingen, im Nehmen vorsichtig, im Geben großmütig waren und eintretenden Verlust ohne Bekümmernis verschmerzten.
Jakob Hertz hatte von einer ersten Frau zwei schon erwachsene Söhne. Als Witwer und bereits in reiferen Jahren ward er aber durch den Anblick eines jungen, blühenden Mädchens so eingenommen und hingerissen, daß er ungeachtet des Unterschiedes im Alter und trotz vielfacher Abmahnungen der Brüder um die Schöne zu werben beschloß. Sie war aus Potsdam, von wenig bemittelten Eltern, und lebte in Hamburg als Gesellschafterin bei einer kränklichen Dame. Der Antrag erschien als ein glänzendes Glück, Neigung war nicht vorhanden, aber auch nicht gefordert, alles drängte zur Annahme, und die Heirat fand statt. Drei Kinder, worunter meine beiden Zöglinge, waren die Frucht dieser in jedem gewöhnlichen Sinne überaus glücklichen und beneideten Verbindung.
Fanny Hertz war als Mutter und Hausfrau in der Tat glücklich zu nennen; daß ihr Los aber allen Ansprüchen ihres Wesens genügen könnte, und gerade den tiefsten und besten, durfte schon der erste Anblick zweifelhaft machen. Sie war eine hohe schlanke Gestalt, von schönen Gliedern getragen, voll heitrer Anmut und reizender Beweglichkeit; ihre wohlgebildeten Gesichtszüge vereinigten den Ausdruck[147]  von Lebhaftigkeit und Sanftmut, besonders durch die lieblichsten blauen Augen, die mit reichem dunklen Haarwuchs glücklich kontrastierten. Unbefangen folgte sie jeder Eingebung, deren sie nur gutmütige und heitre hatte, sie war teilnehmend, menschenfreundlich, wohltätig bis zum Übermaß, freisinnig, vorurteilslos, das Nächste mit Billigkeit schätzend, dabei doch nicht selten von ihm verletzt, einer feineren Bildung schon teilhaftig und zu höherer eifrig emporstrebend.
Eine jüngere Schwester hatte sie als Gehülfin und zur Erziehung bei sich, ein rotwangiges muntres Mädchen von gutem Willen und schönen Anlagen; eine andre Schwester war in Pension bei Madame Meyer, einer Tochter Mendelssohns, die in Altona eine Erziehungsanstalt mit Verstand und Anmut leitete. Der älteste Stiefsohn Moses, durch auffallende Häßlichkeit, über die er selber zu scherzen nicht unterließ, aber ebenso durch unverwüstliche gute Laune und ungemeine Gutmütigkeit ausgezeichnet, war ein fleißiger Arbeiter auf dem Komtoir; hatte er aber dort das Seine getan, so gab er sich ganz dem Vergnügen hin, das er in und außer dem Hause reichlich zu finden wußte; besonders zog das lebendige französische Theaterwesen ihn an, und die Lieder und Redensarten der Schauspieler widerhallten durch sein glückliches Nachahmungstalent bei allen Gelegenheiten. Da er gern ritt und ich die Reitbahn auch fleißig besuchte, so gab dies manche nähere Gemeinschaft zwischen uns. Der jüngere Stiefsohn war in auswärtiger Anstalt, um Apotheker zu werden, was er, unbegreiflich bei solchen Vermögensaussichten und Familieneinrichtungen, jedem andern Berufe mit beharrlichem Eigensinn vorgezogen hatte. Meine Zöglinge, erst fünf und vier Jahre alt, waren allerliebste Knaben; ein kleines Mädchen wurde noch auf den Armen getragen. Mit diesen Kindern war natürlich nur eine spielende Beschäftigung möglich, eine verständige Aufsicht, und es machte sich ganz von selbst, daß ich mit ihnen die meiste Zeit bei der Mutter zubrachte und daß, während der[148]  eine Teil des Hauses sich in Arbeit und Geschäft absonderte, der andere sich zum freigegebenen Genusse des Tages nur um so besser vereinigte.
Ein freundlicher Garten hinter dem Hause gab den gelegenen Raum für Spiel und Erquickung im Freien zu jeder Stunde und mit jeder Bequemlichkeit. Das schöne Sommerwetter reizte aber an Vormittagen und Abenden zu weiteren Spaziergängen auf den hohen schattigen Wällen, dem Jungfernstieg, am Hafen oder, noch besser, zu den schönsten Fahrten die Elbufer hinab, in die reizenden Alstergegenden oder nach andern schönen Orten der reichen Landschaften um Hamburg. Ich zählte die Stunden und Tage, die ich im Genusse der herrlichsten Natur, unter prangendem Himmel, bei reinster Luft, im Anblicke der mächtigen Elbe mit ihren grünen Inseln und weißen zahllosen Segeln, daneben blühender Gärten und reizender Landhäuser, solchergestalt im friedlichsten Behagen hingebracht, zu den glücklichsten meines Lebens, und an die Namen Rainville, Flottbeck, Blankenese sowie andrerseits Harvestehude, Eimsbüttel und Wandsbek knüpfen sich die liebsten und traulichsten Bilder, die ich irgend aus meiner Vergangenheit hervorzurufen vermag.
War man zu Hause geblieben oder abends zum Tee wieder heimgekehrt, so war auch hier ein gutes Zusammensein angeordnet; die Kinder begaben sich zum Schlafen, die Frauen forderten mich zum Vorlesen auf – ich las auch hier wiederum »Wilhelm Meister« –, oder wir führten Gespräche bis zur späten Stunde des Abendessens, wo dann auch Vater und Sohn sich einstellten, welches beim Mittagsmahl, der Börse wegen, nicht regelmäßig der Fall sein konnte.

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Selten wurde dieser stille Gang der Tage durch Besuch unterbrochen oder lebhafter; den lästigen hatte man von jeher vermieden, die Familie war nicht eben zudringlich, und willkommene, gebildete, geistreiche Gesellschaft nicht leicht zu haben; eine Klage, die man an allen arbeitsamen[149]  Handelsplätzen vernimmt, in Hamburg aber mehr als anderswo, und zu der damals in einem jüdischen Hause noch ganz besonderer Grund war. Mit den Frauen der Mendelssohnschen Familie, von der ein Zweig sich in Hamburg niedergelassen hatte, bestand als mit Verwandten und gebildeten preußischen Landsmänninnen ein naher Umgang, doch sah man sich nur in abgerissenen Augenblicken; ein paar jüngere Leute von Talent und Bildung kamen als Freunde des Sohnes zuweilen abends, eine besondere Auszeichnung aber hatte keiner.
Unter solchen Umständen war mir notwendig eine hervorragende Bedeutung zugeteilt, die mir Aufmerksamkeit und Wohlwollen brachte. Schon gleich in den ersten Tagen meines Aufenthalts war ich auf dem besten Fuße mit den Alten wie mit den Jüngeren; mein guter Wille und lebhafter Eifer, mein jugendliches Streben und dabei bescheidner Ernst nahmen die ganze Familie für mich ein. Man sah wohl, daß man keinen gewöhnlichen Hofmeister vor sich hatte, und wollte mich mit keinem dieses Standes vergleichen; auch bedauerte man fast, als man nähere Einsicht in meinen Lebenszusammenhang erhielt, daß ich in diese Verhältnisse geraten sei, sosehr man sich selber dazu Glück wünschen wollte; man meinte, es sei doch recht schade, daß ich nicht vorher habe ordentlich studieren können, und man hoffte, ich würde dies nun später nachholen, wozu die Mittel gewiß nicht fehlen sollten. Wurde solche Teilnahme von seiten der Alten vielfach laut, so zeigte sie bei den Jüngern sich nur noch inniger und zarter in persönlicher Fürsorge und anerkennendem Bezeigen jeder Art. Besonders von seiten der Madame Hertz wurde dies sichtbar. Es ließ sich nicht verhehlen, sondern fügte sich so offenbar wie notwendig, daß hier zwei jüngere Personen – ich zählte 19 Jahre und Fanny nur einige Jahre mehr – inmitten eines ihnen fremdartigen äußeren Treibens als Haus- und Familiengenossen mit allen ihren Interessen und Regungen unmittelbar aufeinander angewiesen waren. Zu ganzen Tagen frei[150]  und unbeachtet sich selbst überlassen, zu manchem Vertrauen durch die Stellung der Dinge sogar genötigt und beide durch Unbefriedigung in Geistes- und Gemütsstreben, durch Versagungen des Geschickes und Schranken der Welt leidend und hoffend aufgeregt, mußten sie sich bald einander sehr nah und wirklich verbunden fühlen, ehe noch eine Betrachtung darüber in ihnen entstehen konnte. Wohlgefallen, Neigung und Leidenschaft wirkten unaufhaltsam ein. Ich fand mich unvermerkt in Beziehungen verflochten, die ich keineswegs gesucht hatte, die ich kaum wollte bestehen lassen und doch als unwiderstehlich reizende empfinden mußte; auch waren sie durchaus nicht abzuwenden, die Natürlichkeit und Unschuld dieses Zusammengehörens lag so klar vor Augen und das ganze Verhältnis stellte sich als ein so richtiges dar, daß darin kein Geheimnis stattfand und auch kein Tadel noch Argwohn uns treffen konnte. Das ganze Haus fand es nur in der Ordnung, daß der junge Mann und die jugendliche Frau, der Erzieher und die Mutter, der Lehrende und die Wißbegierige, zueinander hingezogen waren und sich zusammenhielten, wie man es natürlich findet, daß zwei Personen, die gern Schach spielen, sich unter Nichtspielern aufsuchen und ihre Partie machen.
Eine Zufälligkeit traf in diesen Stand der Dinge, wodurch derselbe augenblicklich seinen Sinn tätig aufschließen konnte, so wie jene durch ihn erst recht bedeutend wurde und für meine ganze Folgezeit von wichtigem Einflusse blieb. Es verhielt sich damit folgendermaßen. Auf dem Komtoir, wo seit so langen Jahren Tausende von Geschäften betrieben worden, geschah eine Aufräumung alter Bestände und mannigfacher Sachen, die sich aus dem Strom der Tageswellen gleichsam abgelagert hatten. Eine Menge von Goldmünzen, großenteils Seltenheiten und Schaustücke, kamen an den Tag und wurden freigebig ausgeteilt. Den beträchtlichsten Teil erhielt der älteste Sohn, der Vater meinte aber, ich sollte davon die Halbscheid bekommen, und jener, ohne Zögern und voll Freude, nötigte mir fast das Ganze auf.[151]  Es waren die prächtigsten Stücke darunter, spanische und portugiesische Münzen von außerordentlicher Größe, merkwürdige Medaillen, doch fehlte auch gangbares Gepräge nicht. Bisher war noch keine so große Summe, als hier der bloße Goldwert betrug, in meiner Hand gewesen, ich sah darin die erlangte Gewißheit künftiger freier Studien; doch freute mich im Augenblicke weniger der Besitz als das überraschende, von allen Seiten gleichmäßige Wohlwollen, das mir bewiesen wurde. Fanny blieb dabei nicht zurück; sie machte mir in fürsorglicher Beeiferung alsbald das Anerbieten, den kleinen Schatz für mich zu verwahren und zu verwalten, wobei sein Anwachsen unzweifelhaft sein würde und ich bald imstande sein sollte, nach meiner Wahl eine Universität zu beziehen. Es war im Hause gleichsam schon abgeredet, daß es eine Sünde sei, mich meinem höheren Berufe auf die Dauer entzogen zu halten, und es stand fest, ich solle die Erziehung der noch sehr kleinen Kinder nicht vollenden, sondern vorher meine eignen Studien machen und könne dann später vielleicht zurückkehren, wobei die Aussicht zu schönen Reisen nach England, Frankreich und Italien eröffnet wurde. Der Schatz hatte sich in so guter Hand nach Verlauf eines halben Jahres schon beträchtlich vermehrt. Die Aussichten rückten näher, alle Innigkeit der Gegenwart stand mit der verheißungsvollsten Zukunft in Bezug. Da trat unvermutet ein andrer Vorfall ein, der die Sachen in neue Gestalt brachte. Fanny bekannte mir eines Tages mit Verlegenheit und Betrübnis, mehrere Kostbarkeiten und auch der mir gehörige Schatz seien aus ihrem Zimmer entwendet; der Verdacht fiel auf einen entlassenen Bedienten, allein aus tausend Gründen wollte sie förmliche Anzeige und polizeiliche Nachforschung vermeiden und übernahm lieber, den ganzen Diebstahl zu verschweigen und nach und nach zu ersetzen; im Verlaufe der Zeit und nach Maßgabe meines Bedarfs würde das Verlorene, meinte sie, doppelt und dreifach sich erstatten lassen. Ich war nur bemüht, sie zu beruhigen, und dachte nicht weiter an den[152]  Verlust, der in der Tat für mich keiner sein konnte. Aus diesem Zusammenhange zuerst, und noch ganz unberührt von Antrieben und Empfindungsgründen, die sich nachfolgend entwickelten, ergab sich das fördernde Verhältnis, daß ich eine Reihe von Jahren hindurch, nachdem ich das Hertzische Haus verlassen, zuerst auf dem Gymnasium in Hamburg, dann auf der Universität, von der lieben Freundin fortgesetzt einen Teil der Mittel empfing, deren meine Studien bedurften und in denen auch noch Freunde zuweilen Hülfe fanden. Die ursprünglich mir gehörige Summe, deren Betrag ohnehin nicht genau zu bestimmen war, mußte freilich zuletzt wohl überschritten sein; aber Fanny wollte dies nie zugeben, sondern meinte, das durch ihre Fahrlässigkeit mir abhanden gekommene Kapital habe ja die Möglichkeit der klügsten Benutzung und des größten Gewinnes in sich getragen, daher dürfe jeder Ersatz zu gering dünken, und so fuhr sie fort, nur als Schuld abzutragen, was ich von der geliebten Hand ebensogern als freies Geschenk anzunehmen in meinem Innern nicht das geringste Bedenken haben konnte!
Ich muß es der edlen Freundin dankbar nachsagen, daß sie mit großmütigem Selbstvergessen nur stets daran dachte und dahin strebte, für andre Gutes zu wirken, für andre gelingen zu machen, was ihr selber, auf eignen Lebenswegen, nicht beschieden sein sollte. Ich erfuhr die Kraft und Wärme dieses unerschöpflichen Triebes in vollen Maßen. Nur immer bemüht war sie, mich auf meiner Bahn zu fördern, die Erfüllung dessen zu bewirken, was meinen Anlagen und Wünschen gemäß war, auch wenn gerade dies mich von ihr entfernen oder gar trennen sollte. Und in diesem Charakter bewährte sich immer aufs neue das ganze Verhältnis. Denn was auch im Wechsel so vieler Tage an mannigfachen Vorgängen und Stimmungen bald als trübere Glut, bald als hellere Wärme hervorbrechen wollte, wie auch die leidenschaftlichsten Empfindungen sich gestalten mochten, so herrschte doch von Anfang und behauptete sich[153]  bis zuletzt eine höhere Gesinnung, ein Gefühl und ein Willen der Entsagung, die wir uns auferlegt glaubten: ich mir durch die Macht des Geistes, die mich vor allem zu Studien und Weltanschauung unwiderstehlich trieb, Fanny durch die schon geknüpften Lebensbande, welche sie durch ihre Kinder als unauflösliche fühlte. In diesem Sinne waren wir frühzeitig einverstanden, selten trübte er sich, und als eine Zeitlang der entgegengesetzte, daß wir uns dennoch künftig, und selbst mit gewaltsamer Umänderung der Verhältnisse, ganz angehören wollten, als die Vorstellung dieses einzigen Glückes die Oberhand zu haben schien, war es doch nur ein Wahn, der zwar mich als Vorsatz und Hoffnung ernstlich ergriffen hatte, aber für Fanny, wie sie später eingestand, immer nur eine Täuschung des Tages geblieben war, welche den Unmut der Trennung und das Leid der Gegenwart durch ein Bild erheitern sollte, das sie niemals im Ernste hegen noch glauben mochte.



Wilhelm Tischbein war aus Neapel, wo er lange Jahre als Direktor der Malerakademie in angesehenen und glücklichen Verhältnissen gelebt, der Kriegsunruhen wegen nach Deutschland zurückgekehrt und hielt sich abwechselnd in Eutin und in Hamburg auf. Er verabscheute den Norden, fand diese Länder eigentlich nur für Bären bewohnbar, sehnte sich täglich nach Neapel zurück und bejammerte sein und so vieler liebenswürdigen und edlen Menschen Geschick, die gleich ihm verdammt wären, in diesem winterlichen Klima zu leben, pries sich und sie aber doch glücklich, hier wenigstens Ruhe und Ordnung des bürgerlichen Lebens zu finden, die freilich in jenem von der Natur begünstigten Lande fehlten, nicht nur jetzt, sondern auch schon vorher, ehe noch die französischen Revolutionsstürme dort eingedrungen. Er war in seinem Benehmen und in seinen Äußerungen sehr eigentümlich, seine große Lebenserfahrung resümierte sich gern in Bildern und Sprüchen, die er dann humoristisch auslegte, mit oft grillenhafter,[154]  doch immer sinnvoller Laune, die gern didaktisch wurde, ohne je langweilig zu werden. Für seine Jahre – er stand in den Fünfzigen – war seine Liebenswürdigkeit noch jugendlich, und die Empfänglichkeit seines Herzens wollte sich nicht verbergen. Ich lernte ihn und seinen Neffen, den Maler Unger, in besonders günstiger Weise kennen. Wir trafen in einer Familie zusammen, wo Tischbein von der Anmut der Dame des Hauses lebhaft ergriffen war, aber auch bald bemerkte, daß andre Beeiferungen schon begünstigt wurden. Der Ältere suchte den Jüngern nur leise zu bekämpfen, nur soweit, um abnehmen zu können, derselbe stehe auf sichrem Boden, und schloß sich dann freundlich dem Mitbewerber an, machte ihn geltend und erhob ihn, soviel er konnte. Ich habe später diese Erfahrung in andern Beispielen noch oft wiederholt gesehen, und es scheint in solchem Benehmen ein gutmütiges Selbsterkennen doch mit einiger Arglist wunderlich gemischt zu sein; damals aber empfand ich nur den Vorteil davon und ließ mir ihn wohlgefallen. Wenn Tischbein von Neapel erzählte, von der reichen Natur und dem üppigen Leben, von den Geschichten des Hofes und den Sitten des Volkes, hörten wir ihm stets mit Vergnügen zu; weniger Beifall erwarben seine Lehren in betreff der Tierphysiognomien, auf welche er die menschlichen Gesichter zurückführen wollte, und dabei den einen von uns ohne weiters als Schaf, den andern als Hund, den dritten als halb Schaf, halb Esel bezeichnete, ohne mit diesen Namen im geringsten einen Schimpf verbinden zu wollen, der aber in der Schadenfreude der Anwesenden doch immer nahe genug schwebte. Äußerst unterhaltend war das Durchmustern der Zeichenbücher, in die er wie seine großen Naturanschauungen und ernsten Stimmungen auch seine geistreichen Launen und Einfälle, seine seltsamen Anblicke und Begegnisse mehr oder weniger flüchtig eingetragen hatte und in deren Erläuterung und Nutzanwendung er unerschöpflich war. Goethe hatte unternommen, mehrere Darstellungen dieser Zeichenbücher mit anmutigen Reimen[155]  zu begleiten; dieselbe Gunst erbat nun Tischbein auch von unsrer Dame, die vergebens beteuerte, sich dergleichen nicht anmaßen zu dürfen; sie mußte wirklich die Feder nehmen und wurde der lästigen Aufgabe nur dadurch frei, daß sie merken ließ, sie würde sich von mir helfen lassen; von dem Augenblick an war von der Sache nicht mehr die Rede. Wir besuchten Tischbein auch öfters in seiner Wohnung, um seine größeren Gemälde zu sehen. Sein neuestes, damals noch nicht fertiges Bild, »Ajax und Kassandra«, erregte allgemeine Bewunderung, besonders wurde Zeichnung und Färbung des reinen und zarten Leibes der Kassandra höchlich gerühmt; mir aber mißfiel, daß der Künstler einen gradezu sinnereizenden Eindruck darin beabsichtigt zu haben heimlich eingestand, und ich verhehlte nicht, daß mir das ganze Bild, wenn auch die technische Meisterschaft darin noch so sehr zu rühmen sei, als eine schwache Komposition und ohne innere Notwendigkeit erscheine. Zu einem so verwegenen Urteil hielt niemand mich berechtigt, und ich wurde übel dafür angesehen; man erblickte darin einen Ausbruch jener göttlichen Frechheit, zu welcher die Schlegelsche Schule sich bekannte, und dieser sollt ich nun einmal angehören! Tischbein, dem schon meine Stummheit und Kälte vor seinem Bilde verdrießlich gewesen, erhielt einige Kunde von meinem frevelhaften Tadel, und die geringe Anziehung, die zwischen uns stattgefunden, schwand nun völlig. Ich sah ihn noch öfters wieder und erkannte gern seine großen Vorzüge in Kunst und Leben, sooft sie mir als solche einleuchteten; allein mein aufrichtiges, unbefangenes Gefühl für bösen Trotz und willkürliche Laune ausgegeben zu sehen, regte mich gegen die andern auf, welche selber willkürlich und eigensinnig mir solcherlei beimaßen.
Der bedeutendste Mann, welchen ich in dieser Zeit sah, war ohne Zweifel Doktor Veit, ein von Breslau gebürtiger, in Hamburg ansässiger Arzt. Zwar verhielt er sich zu meinen medizinischen Vorstellungen fast ebenso wie Reinhold[156]  zu meinen poetischen; allein er hatte streng wissenschaftlichen Grund und Geist, und sein tiefer gebildeter Verstand führte ihn sicher und fest auch in Gebieten, die nicht gerade die seinigen waren. Ein Aufsatz von ihm über Pascal, auch manche mündliche Erörterungen gaben mir einen hohen Begriff von seiner Einsicht, desgleichen mußt ich in ihm den Arzt dankbar verehren; gleichwohl ermaß ich seinen vollen Wert damals nicht, woran zum Teil seine unangenehm scherzhafte und etwas mephistophelische Manier schuld war, die ihn als Hausarzt am wenigsten kleidete und ihm noch oft genug völlig verunglückte. Daß ich in ihm einen Jugendfreund Rahels zu schätzen und seine gehaltreichen mit ihr gewechselten Briefe aufzubewahren haben würde, lag in jener Zeit ungeahndet verborgen.
Eines neuen Zweiges der Familie Mendelssohn muß ich hier auch gedenken. Der jüngere der beiden Brüder, Abraham Mendelssohn, kam von Paris, holte sich eine Berlinerin, Lea Bartholdy, zur Gattin und zog mit ihr nach Hamburg, wo er an der Handlung des ältern Bruders Joseph teilnahm. Die Bildung des jüngern Paares zeichnete sich vorteilhaft aus, und ihr entsprach ein redlicher und wohlwollender Charakter, der sich in der Folge gleich den übrigen Eigenschaften in wachsendem und gedeihendem Familienleben nur immer reicher entwickelte.
Ein helleres Licht strahlte mir auf, als Friedrich Heinrich Jacobi im Februar 1805 zum Besuch von Eutin nach Hamburg kam. Er stand im Begriff, Holstein zu verlassen und sich nach München zu begeben, wohin er als Mitglied der Akademie der Wissenschaften mit ansehnlicher Besoldung berufen war. Wollte ich den berühmten Landsmann noch sehen, der, schon ein Dreiundsechziger, aus dem nördlichen Deutschland für immer sich entfernte, so durfte ich diese Gelegenheit nicht versäumen. Mehr aber als der Landsmann reizte mich in ihm der mit Fichte in Verkehr stehende, der von Fichte im Leben Nicolais hocherkannte Geistgenosse, der Freund von Goethe, von Voß, von Jean[157]  Paul Richter und so vielen andern. Ich faßte mir ein Herz und ging zu ihm. Mit ungemeiner Liebenswürdigkeit nahm er mich auf; er hatte meinen Vater kaum, aber noch sehr wohl meinen Großvater gekannt; meine Beziehung zu Fichte und mein Eifer für die neuere Poesie regten sein besonderes Interesse und, ich darf sagen, seine lebhafte Neugier auf; denn es war das erstemal, daß ihm ein Jünger aus jenem Kreise persönlich vor Augen stand; und dieses lebendige Beispiel gab ihm einen offnen Blick in diese Zustände und Gesinnungen, von denen so viel Abenteuerliches im Schwange ging, und in sein eignes Verhältnis zu denselben, wie er denn kaum erwartet hatte, dort noch so gut zu stehen und so gerechnet zu werden, wie es aus mir hervorleuchtete. Er führte mich zu seinen beiden Schwestern, in welchen mich die niederrheinische Natur stärker ansprach als in ihm, der in allgemeiner geistiger Bildung das Örtliche oder Provinzielle mehr überwunden hatte. Da er bei Sievekings im Hause wohnte, so wurde ich seinetwegen daselbst eingeladen, wo ich mich in einer großen gemischten Gesellschaft von Herren und Damen fand, aber nicht ahndete, daß ich es war, auf den diese Versammlung ihr Augenmerk vorzüglich richtete. Denn Jacobi hatte das Wunder erzählt, daß er unvermutet einen Landsmann gefunden, der noch nicht lange von Berlin gekommen und ein eifriger Schlegelianer sei, und nun hatten es die andern recht eigentlich darauf angelegt, mich auf die Probe zu stellen. Jacobi redete mich über Tisch bei allgemeiner Stille mehrmals sehr liebreich an und gab mir Anlaß, mancherlei Urteile zu äußern, weitre Gespräche verknüpften sich damit, und wiewohl alles in bester Gestalt und ohne eigentliches Gefecht ablief, so hatte das Ganze doch etwas von kriegerischer Demonstration, bei welcher man die Truppen, die sich schlagen könnten, wenigstens hin-und herrücken läßt. Mir fiel aber gar nichts bei der Sache auf, und mir ahndete nichts von der gefährlichen Rolle, in die man mich gestellt hatte. Ich war freimütig wie immer und bescheiden aus wahrhafter Achtung.[158] 
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Erst viele Jahre nachher sagte mir Perthes, der auch zugegen und im Geheimnis gewesen, daß man mich habe aufs Korn nehmen und zum Übermut verleiten wollen, da man denn nachher um so leichter mich würde in Verwirrung und in mir die Schlegelsche Schule zu einer Niederlage gebracht haben. Aber Perthes meinte, ich habe mich damals vortrefflich aus der Sache gezogen, mit solcher schicklichen Haltung und gemessenen Gewandtheit, daß man mir nichts anhaben gekonnt, sondern mit Verwundrung mich habe gelten lassen. Er fügte hinzu, ich hätte schon damals meinen Beruf als Diplomatiker völlig bewährt. Wenn ich dieses Lob einmal annehmen soll, so trägt lediglich meine Unbefangenheit davon die Ehre, denn ich kann beteuern, daß ich weder Absicht merkte noch hatte; und diese Wirkung einer Eigenschaft, an deren Statt man meistenteils lieber Klugheit voraussetzen will, habe ich noch oft zu meinem großen Vorteil, aber auch nicht selten zu meiner gänzlichen Verkennung erfahren müssen.
Bei wiederholten Einladungen und vertraulichern Gesprächen konnte ich Jacobin meine ganze Lage umständlich aufdecken. Er bewies mir väterliches Wohlwollen, versprach, in München, wo sich ihm so mannigfacher Einfluß eröffne, an mich zu denken, und hielt nicht für unmöglich, daß ich als geborner Pfalzbayer von der dortigen Regierung für meine Studien unterstützt würde. Vor allen Dingen ermahnte er mich zum Fleiß, um, nach Senecas Spruch, mit der Eile der Zeit durch die Schnelligkeit ihrer Benutzung zu wetteifern. An meinem Verlangen zum Griechischen nahm er um so erregtern Anteil, als er sich in gleichem Falle mit mir befand und den Mangel ausreichender Kenntnis dieser in neuere Bildung stets gewaltiger eingreifenden Sprache mit jedem Jahre schmerzlicher empfunden und nie ersetzt hatte. Mein Bemühen fand seinen ganzen Beifall, aber es dünkte ihn zu hart und schwer, ohne fremde Hülfe durch die Anfangsgründe sich durchzuringen; er machte mich mit dem Professor am Gymnasium und Direktor der Johannisschule,[159]  dem erst kürzlich von Kloster Bergen hieher versetzten Doktor Gurlitt, bekannt und hoffte, es werde sich mit dem trefflichen gelehrten Mann ein Unterricht irgendwie verabreden lassen. Bald nachher reiste Jacobi nach München ab, und ich habe ihn nicht wiedergesehen noch mit ihm eine weitere Verbindung gehabt. Der edle Eindruck aber seiner schönen hohen Gestalt, der geistreich milden Gesichtszüge, der eindringlich angenehmen Rede und der würdigen und feinen Weltbildung kann mir niemals erlöschen. In seiner Erscheinung war die Vornehmheit eines Weisen und eines Staatsmannes vereinigt, wobei doch sein Gemüt einige Reizung verriet, die auf einen weder dem Geiste noch der Leidenschaft nach völlig beruhigten Zustand deutete, welchen er gleichwohl in sich zu haben und nach außen darzustellen nicht aufgeben konnte. Sein persönlicher Umgang aber war so anmutig und gewinnend, daß auch frühere Gegner wie Tieck und Schleiermacher ihren eignen literarischen spöttischen Urteilen zum Trotz bei späteren Besuchen in München als seine innigen Verehrer von ihm schieden.
Unter diesen Umständen reifte der Entschluß, auf welchen ohnehin gleich von Anfang alles gezielt und seitdem auch wirksam eingeleitet war; Fanny Hertz hielt es für unverantwortlich, daß mein wahrer und so tief gefühlter Beruf mir noch verkümmert bliebe, da die Bahn jetzt nach Wunsch eröffnet sei, und nach innigen, bewegten Gesprächen, welche den Schmerz, aber auch den Mut des schönsten Wohlwollens offenbarten, wurde das Ergebnis festgestellt, daß ich das Haus baldigst verlassen sollte, um ganz den begonnenen Studien zu leben. Freilich war hierzu fürerst noch Hamburg der Ort und ein fortgesetztes Zusammenleben uns noch gewiß; allein über die Bedeutung und notwendige Folgenwirkung eines solchen Auflösens bisheriger Verhältnisse konnte man sich nicht täuschen, so wenig wie darüber, daß dieses halbe Scheiden ein späteres ganzes nur schneller herbeiführen helfe. Durch die schmerzlichen[160]  Empfindungen einer echten Anhänglichkeit wurde jedoch der vernünftige Entschluß nicht wankend, und seiner Ausführung konnten wir auch unter wehmütigen Tränen, doch mit Freudigkeit entgegenblicken. Das ganze Haus hatte an dieser Gefühlsweise mehr oder minder teil, alle waren betreten, traurig und dabei voll guter Wünsche für mich; der alte Jakob Hertz weinte wie ein Kind und sagte, er hätte gewünscht, mich nie weggehen zu sehen; da mein Glück aber auf andrer Bahn liege, so hoffe er nur, ich würde nie aufhören, sein und der Seinigen Freund zu sein. An eine Wiederbesetzung meiner Stelle wurde nur obenhin gedacht, einige schon früher in Anregung gebrachte Vorschläge fanden keinen Eingang, man konnte eine Pensionsanstalt einstweilen versuchen, was mancherlei Gründe empfahlen, da sich im Hause trotz aller Sorgfalt noch immer zu viel des alten Judentums fand, von dem die Kinder um jeden Preis frei bleiben sollten. So lagen diese Sachen, und die Trennung war ausgesprochen und nahe, als ein sonderbares Walten noch unvermutet schleuniger sie hervorrief. Mitten in so vieler Zuneigung und Teilnahme hatte sich ein Dämon törichten Haders für einen Augenblick einnisten können: ein rasches Anerbieten wurde ebenso rasch angenommen, durch Zufall befestigt, und ich schied gleich an demselben Tage noch. Die Heftigkeit, mit der das geschah, tat der innigen Freundschaft, welche nach allen Seiten bestand, keinen Eintrag. Der alte Hertz bat mich mit Handschlag und Tränen, schon am nächsten Tage sein Gast zu sein und so fortzufahren, wie und wann ich wollte. So geschah es auch, und es vergingen, solange ich noch in Hamburg war, selten zwei, drei Tage, ohne daß ich die Familie besucht und einen Teil meiner freien Stunden so dort zugebracht hätte, als gehörte ich nach wie vor dem Hause an.
Ich zog bei Neumann ein, und wir befanden uns zwar in einiger Enge, aber doch ganz gut. Ungehemmten Eifers warfen wir nun uns mit allen Kräften auf das Griechische[161]  und nahmen jede Gelegenheit wahr, die sich unserm Verlangen darbot. Wir ließen uns förmlich zu Mitgliedern des Gymnasiums aufnehmen, besuchten aber hauptsächlich die Lehrstunden des Johanneums. Zum ersten Male genoß ich frei und ungetrübt das hohe Glück, ohne Hemmung noch Ablenkung die herrlichen Geisteswege zu durchschreiten, zu welchen heiße Neigung und tiefes Bedürfnis mich schon so lange Zeit hindrängten, wie keine Jugendleidenschaft es heftiger zu andern Gegenständen gekonnt hätte. Die schönen Sommertage waren es jetzt mir dadurch erst recht, daß ich dem Freunde gegenüber, im Genuß aller Lockungen des lichten und milden Wetters, aber durch noch höheren Reiz gefesselt, vom frühen Morgen bis zum späten Abend angestrengt über den Büchern sitzen konnte, und ich empfand in dem beharrlichen, nachdrücklichen Fleiß eine Befriedigung, ein Wohlsein und Gedeihen, wie sie nicht oft im so vielfach gestörten Leben erreicht werden. Die Wochen, welche uns auf diese Weise dahinflossen, gehören gewiß zu den besten, die wir verlebt haben.
Inzwischen waren die Ferien herangekommen, und wenn auch unser Fleiß darin keine Unterbrechung erleiden sollte, so entbehrte derselbe doch der gelehrten Leitung und Anregung. In dieser Zeit sahen wir oft sehnsüchtig nach Berlin, wo auch Fanny Hertz grade zum Besuch war. Im südlichen Deutschland entzündete sich ein gewaltiger Krieg zwischen Franzosen und Österreichern; auch in unseren Gegenden waren kriegerische Andeutungen und Gerüchte, und auf Preußens Entschließung harrte man in größter Spannung. Da kam unerwartet die Nachricht, das Regiment, in welchem Chamisso stand, habe Marschbefehl und werde an einem bestimmten Tage ins Feld rücken; wir konnten den Freund, wenn wir sogleich reisten, noch eben zum Abschied umarmen. Dies berechnen, unsre Bündel packen und den Postwagen besteigen war Sache weniger Augenblicke. Wir kamen im schönsten Herbstwetter dort an, ich einen Tag später als Neumann, denn ein Abenteuer, das ich mir[162]  zugezogen hatte, zwang mich, den Umweg mit Extrapostpferden über Potsdam zu machen und eine junge, hübsche Frau von Wartenberg dort bei ihrem Gatten, der Offizier in des Königs Regiment war, abzuliefern und selber für den Rest der Nacht bei ihm Quartier zu nehmen; eine seltsame Geschichte, die zu erzählen ohne große Weitläufigkeit gar nicht gelingen und auch dann noch vielleicht nur mißverständlich geraten würde. Wir kehrten bei Chamisso ein, wo wir durch andre Gäste das Zimmer zwar schon beengt, aber doch Raum genug für uns fanden. Ein Kandidat von der französischen Kolonie, Franceson, kam abends und nahm seine Herberge bei Chamisso auf einem Strohlager, und Professor Bourguet, ein nicht ungeschickter Chemiker, aber durch Unordnung und Schulden verdorben, war schon zufrieden, auf einem Schemel in die Ecke gedrückt, die Nächte sitzend durchzubringen. Den Tag über war niemand zu Hause, mit der Dunkelheit aber bevölkerte sich der Raum mehr und mehr mit uns seltsamen Nachtvögeln. Von dem Ausmarsche war es noch still, und wir durften einigen Wochen ungestörten Zusammenseins glücklich entgegensehen. Wir eilten zu Madame Cohen, wo wir noch alles im vorigen Gange fanden, zu Eberty, Bernhardi, Fichte, der von Erlangen in Berlin zurückgekehrt war, zu den andern Freunden und Freundinnen, und des Wiederanknüpfens, Austauschens, Berichtens und Verabredens gab es die Fülle.

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Eine französische Truppenmacht, eilig aus dem nordwestlichen Deutschland zu dem großen Heere Napoleons gegen die Donau hinanziehend, hatte in Franken den kürzesten Weg unangefragt über das preußische Gebiet genommen und durch diese Verletzung einen allgemeinen Schrei des Unwillens und der Rache in Preußen aufgeregt. Was bis dahin noch zweifelhaft geschienen, daß Preußen an dem Kriege gegen Frankreich teilnehmen würde, mußte jetzt als ausgemacht gelten. In Berlin schrie alles laut von verletzter Nationalehre, von blutiger Vergeltung und von kriegerischen[163]  Machtgeboten, welche dem unfehlbaren und raschen Siege folgen müßten. Die bisher langsamen Rüstungen und Bewegungen wurden jetzt kräftig beschleunigt, die Truppen zogen sich zusammen, Chamisso mußte jeden Augenblick gewärtig sein, daß auch sein Regiment Berlin zu verlassen hätte. Unser schwacher Anteil an dem politischen Treiben hatte sich bisher schon immer auf der Gegenseite Napoleons gehalten, auch für Preußen fühlten wir einige Zuneigung, und das gesamte Deutschland ließ uns auch nicht gleichgültig. Allein zu einem wahren politischen Eifer, der sich ausschließlich und den ganzen Tag mit politischen Nachrichten und Verknüpfungen beschäftigen mag, hatten wir es noch lange nicht gebracht; das allgemeine und einzige Gespräch von Krieg und Staat langweilte uns, und wir suchten vergebens unsre schönen Stimmungen und Gesellschaften wiederzufinden, die wir uns auf diesem geweihten Boden zu erneuern gehofft. Für Begeisterung und Empfindsamkeit war keine Stätte, alles drängte zerstreut und gestört ins Weite. Chamisso sollte uns auf ungewisse Zeit und zu unsicherem Geschick entzogen werden, seine Studien waren aufgehoben, die Poesie trat in den Hintergrund. Kaum daß wir bei Madame Sander ein paar literarische Abende hatten, wo unter andern »Das Kreuz an der Ostsee« von Zacharias Werner zur Vorlesung kam, uns aber wenig Geschmack abgewann. Hier sah ich auch den Professor Darbes wieder, der seine Laune und Zutraulichkeit unverändert erhielt. Den schwedischen Geschäftsträger und nachherigen Gesandten Gustav von Brinckmann, der diesen Kreis oft besuchte, ließ mich der Zufall stets versäumen, und ich habe nachher niemals Gelegenheit gehabt, ihn zu sehen; seine Gedichte reizten uns nicht, doch mußten wir ihm große Kunstfertigkeit im Versbau zugestehen. Dagegen sah ich den Dichter des »Lacrimas«, Wilhelm von Schütz, den ich schon früher persönlich gekannt, jetzt in freundschaftlicher Annäherung wieder; hier fanden sich denn freilich alle Arten und Unarten der Schlegelschen Schule zusammengedrängt![164] 
Fanny Hertz war inzwischen nach Hamburg schon zurückgekehrt, Chamissos Abmarsch aber verzögerte sich aufs neue ganz unbestimmt, und wir unsrerseits durften nicht länger säumen, unsre abgebrochenen Studien wieder aufzunehmen. Wir gelangten wohlbehalten heim und schickten uns sogleich zu neuem Fleiß an.
Wir waren kaum eine Weile in Hamburg zurück, als der hingehaltene Ausmarsch der Truppen von Berlin nun dennoch unerwartet erfolgte und ein lebhafter Briefwechsel mit Chamisso unsre Teilnahme stärker auf die Truppenbewegungen und die Kriegsereignisse hinzog. Die Siege Napoleons erschreckten uns, aber die Wünsche für die Gegenseite wurden auch leicht irre, und wenn wir uns die tapfern französischen Soldaten einen Augenblick wieder als die Kämpfer der Freiheit denken durften, wandten wir ihnen gern unser Wohlgefallen zu. Das zweifelhafte Benehmen Preußens hielt uns eine Weile gespannt, ging aber bald aus dem kriegerischen Drohen in friedliche Ausgleichungen über. Die Truppen jedoch kehrten nicht sofort in ihre Standorte zurück, und anstatt nach Berlin sah Chamisso am Ende der mancherlei Herumzüge sich zur Besetzung der eingetauschten hannoverschen Lande mitbestimmt, wo sein Regiment in die Festung Hameln zu stehen kam.
Der Winter brachte mir wie gewöhnlich mancherlei Unwohlsein, besonders war mir die rauhe Morgenluft schädlich, und ich mußte die Frühstunden mehr und mehr versäumen. Die Schulstudien gerieten mir dadurch in mißbehagliche Störung, allein gleichzeitig mußt ich auch von andrer Seite mich ihnen allmählich entrückt fühlen. Wir hatten das Nachzuholende in der Hauptsache wirklich nachgeholt, unsre Lebensjahre widersprachen dem längern Verharren in einem Verhältnisse, das für uns nur richtig sein konnte, solange es durchaus notwendig war, und Gurlitt selbst fand, daß wir genug vorbereitet seien und das etwa noch Wünschenswerte aus dieser Sphäre auch in der höheren nicht verabsäumen würden. Für David Mendel war[165]  ohnehin der Abgang vom Gymnasium schon festgesetzt, und so beschlossen auch wir, zum Frühjahr 1806 die Universität Halle zu beziehen und womöglich unsern Freund mit dahin zu entführen. Der Leibmedikus Stieglitz in Hannover, der dem Mendelschen Hause ehemals in Göttingen große Verbindlichkeit schuldig geworden und aus Dankbarkeit jetzt den Sohn desselben studieren ließ, hatte zwar, wie natürlich, Göttingen zur Universität für ihn bestimmt, allein wir glaubten diese Bedingung nicht unabänderlich. Vorher war jedoch eine andre zu erfüllen, von welcher der Gönner schlechterdings nicht ablassen wollte; sein Schützling sollte nämlich nicht als Jude auf die Universität gehen, und dieser, ungeachtet alles Widerwillens gegen das Christentum, mußte sich die Taufe gefallen lassen, zu der auch schon alles ohne sein Zutun eingeleitet war. Neumann gab ihm, seinen Mut anzufrischen, eine Schrift von Jakob Böhm über die Taufe zu lesen, und hier zum ersten Male sah er das Christentum von einer hohen geistigen Seite gefaßt und fühlte sich davon angezogen. Der wackre Prediger Bossau erteilte ihm den eigentlichen Unterricht mit verständigem Sinn, hielt eine würdige Rede und vollzog dann die Taufhandlung, bei welcher nur Gurlitt, Neumann und ich Zeugen waren; der neue Christ hieß nun Johann August Wilhelm Neander, und unter diesem Namen ist er mit großen Ehren bekannt geworden.



Die Universität. Halle
1806










[166] In der ersten Tagesfrühe des 21. Aprils fuhren wir in Halle ein; Rasseln und Stöße des Wagens auf dem holperigen Steinpflaster entrissen uns der Schlaftrunkenheit, und die[166]  altertümliche, noch in tiefer Ruhe liegende Stadt mit ihren stillen Straßen und Fenstern sprach uns Ermunterte geisterhaft an. Ich fühlte das ganze Gewicht dieses Augenblicks, der mich in ein neues Leben eingehen ließ, das ich längst ersehnt und gehofft hatte und in seiner Erfüllung fast noch bezweifelte! Mir war zumut, als beträte ich ein Heiligtum, eine geweihte Stätte. Die Stille hatte etwas Ahndungsvolles und Schauerliches, sie verhüllte ein unendliches Leben der Jugend und des Geistes, das mit der steigenden Sonne sogleich neben allem Treiben der städtischen Welt in tausendfachen Regungen zu erwachen begann. Unser Freund Löbell, der von Hamburg schon früher unsre Aufträge empfangen hatte, war schnell aufgefunden, und ein erster Ausflug nach Wohnung verschaffte uns gleich die entzückendste, außerhalb des Tores, in den sogenannten Pulverweiden, dicht an der Saale, die hier einen ihrer rauschenden Wasserfälle bildete; unsre Fenster zeigten uns üppige Wiesen, schöne Pappelreihen, dahinter die sich erhebende Stadt, auf der andern Seite den gebogenen Lauf der Saale, Feld und Wald jenseits und über die hohe Brücke hinaus die Felsenwände eines großen Steinbruchs. Mit welch seliger Befriedigung setzten wir uns hier fest, mit welchen herrlichen Aussichten auf den Vollgenuß des göttlichsten Studienlebens! Unsre Zimmer lagen in zweien Stockwerken, sie waren nicht dreifach abzuteilen, und einer von uns mußte Neandern bei sich aufnehmen; wir losten, und er fiel mir zu, da wir denn in Stube und Kammer uns gemeinschaftlich zu behelfen suchten. Von einem kärglichen Mittagessen an einem Studententische, das unsrer Begeisterung nicht störend wurde, eilten wir in Stadt und Umgegend, vorläufig Kenntnis der Örtlichkeit zu nehmen und für so viele bedeutende Namen und Beziehungen, die wir schon wußten, nun auch die wirklichen Gegenstände zu erblicken. Besonders beglückte uns Giebichenstein mit seinen traulichen Ufern, hohen Felsen, alten Sagen und frischen Erinnerungen, die sich uns dort aus Koreffs Erzählungen anknüpften.[167]  Zum erstenmal in einer Universitätsstadt von dem Anblicke des Studentenwesens getroffen, empfingen wir auch von dieser Seite Reiz und Stoff der lebhaftesten Betrachtung; Benehmen, Tracht und Sprache der Jünglinge bezeugte ihre Freiheit, die denn doch durch eigne Satzungen und Regeln in vieler Art gezügelt und auch sonst durch Sitte, Dürftigkeit und Rücksichten genugsam wieder beschränkt wurde, um nicht unleidlich zu erscheinen. Die Mehrzahl der Burschen zwar lebte in dem üblichen Herkommen, hatte ihre Fechtübungen und Zweikämpfe sowie ihre Gelage und Heldentaten im Breihahntrinken und Tabakrauchen, gönnte aber jedem, der sich nicht zu ihnen halten mochte und ihr Treiben nur nicht etwa sonderbar finden wollte – wie denn dieser Ausdruck selbst höchlich verpönt war –, gern seinen eignen Weg, sogar auf dem breiten Stein in der Mitte der Straßen, den man sich untereinander schon leichter freigab und nur den sogenannten Philistern mit Eifersucht bestritt. Die Frequenz war sehr groß, man rechnete gegen fünfzehnhundert Studierende, die sich in verschiedene Landsmannschaften teilten, wiewohl auch eine nicht geringe Anzahl sich wenig oder gar nicht an diese Vereine hielt. Wir blieben natürlich von solcher Teilnahme fern und konnten überhaupt uns nicht verhehlen, daß wir das eigentliche Studentengefühl doch nicht in uns hegten, daß wir in manchem Betracht die Universität, die vor uns lag, schon im Rücken hatten und schon weiteren Verhältnissen angehörten, die mit völliger Hingebung an die neue Lage kaum vereinbar waren.
Der Bezug dieser Verhältnisse erschien mir in starker Mahnung gleich bei dem Immatrikulieren, zu welchem wir uns bei dem Prorektor Maaß meldeten. Schon während der Reise hatte ich über die zukünftige Gestalt meines Lebens ernstlich nachgedacht und wohl gefühlt, daß es Frevel wäre, ohne Rücksicht auf die gewöhnlichen Fügungen durchaus eine geniale Laufbahn anzusprechen. Wollte ich einen freien Stand und eine gründliche Tätigkeit in der bürgerlichen[168]  Welt haben, dachte ich so viele Erwartungen und Wünsche, die mir zugewachsen waren, nicht völlig zu täuschen oder in ungemessene Ferne zu schieben, so mußte ich notwendig die Arzneiwissenschaft wieder pflegen, da die Philologie entweder nur handwerksmäßig dem Schulfache zuführte oder für andre Stellung eine Meisterschaft erforderte, die wir uns keinesweges vermaßen, so schnell, wenn irgend je, zu erwerben. Ich ließ mich daher als Beflissenen der Medizin und Philologie einschreiben, zur Verwunderung der andern, die meines Sinnes noch nicht kundig waren, und indem ich mein Augenmerk fortan wieder auf jene Studien richtete, gab ich mir nur die beruhigende Frist, noch wenigstens das erste halbe Jahr ungeteilt meiner freiesten Neigung zuzuwenden, welches auch um so leichter anging, als mir eine gewisse Stufe in der Kenntnis der Alten und in allgemeiner Geistesbildung unentbehrliches Bedürfnis war und meine medizinischen Vorkenntnisse mich über die schwierigsten Anfänge dieses Stadiums weit hinwegsetzten.
Nach der Einschreibung begaben wir uns zuvörderst zum Geheimen Rat Wolf, an den uns Gurlitt und Nolte Empfehlungsschreiben gegeben hatten, und meldeten uns zu seinen Vorlesungen; leider las er diesmal nicht über den Homer noch sonst über einen alten Schriftsteller, doch waren wir auf seine Geschichte der alten Völker sehr begierig. Friedrich August Wolf erschien unter den Gelehrten wie ein König, umgeben von solchem geistigen Ansehn, von solcher Macht und Größe der Gegenwart. Seine hohe, behagliche Gestalt, seine großartige Ruhe und alles wie durch Gebot leicht beherrschende Tätigkeit gaben ihm den Glanz einer Würde, deren er nicht einmal zu bedürfen schien, denn er stellte sich bereitwillig den andern gleich und liebte, nach Art eines Friedrich, auch ohne den Prunk seiner Macht, bloß als Mensch in freiem Witz, in Laune und Scherz, noch immer herrscherlich zu wirken. Er besaß alle Güter und Hülfsmittel der Pedanterie, aber alle hatte er[169]  durchgeistet und schaltete frei mit ihnen, so daß er wie über seinem Wissen auch über allen seinen Wissensgenossen stand und hinwieder durch sein Wissen jedem andern Gelehrten eine beneidenswerte Grundlage aller Geistesbildung zu schauen gab. Sein freundlicher Empfang, seine Fragen und Ratschläge ließen uns gleich die scharfgeistige Munterkeit empfinden, auf die man uns schon vorbereitet hatte; seine herzliche Achtung für Gurlitt tat uns wohl, über Bernhardi und Nolte hatten wir auch nur Erwünschtes zu vernehmen, und als wir uns nicht ohne Absicht rühmten, von letzterem auch an Niemeyer empfohlen zu sein, der uns längst als Zielscheibe der scharfen und neckenden Pfeile des fernhintreffenden Helden bekannt war, hatten wir uns des heitersten Scherzes zu erfreuen, der höchst anmutig den Gegenstand gleichsam durch die Finger gleiten ließ, ohne ihn halten zu wollen noch geradezu wegzuwerfen. Späterhin fand ich bei Niemeyer denn doch einen wohlmeinenden Sinn, der an seiner Stelle viel Gutes gewirkt haben mag, aber freilich im Wissenschaftlichen einer eitlen Mittelmäßigkeit frönte, die sich auch im Geselligen nicht verleugnen konnte und mich ungeachtet der eifrigsten Einladungen nur abschreckte, ihn und sein Haus öfters zu besuchen.
Durch Lea Mendelssohn war ich dem Kapellmeister Reichardt empfohlen, der in Giebichenstein mit zahlreicher Familie ein eignes Haus bewohnte und einen schönen Garten mit glücklichen Anlagen und Pflanzungen hügelauf erweiterte. Kunstübend und gastfrei, dabei literarisch und nach Umständen politisch vieltätig, mit Gelehrten und Vornehmen weit und breit verbunden oder bekannt, führte Reichardt in Halle gleichsam das Ansehn und Wort des gebildeten Weltmannes, und wenn auch seine vermittelnde oder beschützende Vornehmheit heimlich einigen Spott erfuhr, so wurden sie doch in offenbarer Weise nicht leicht streitig gemacht. Selbst die Studenten, von denen er in einer Zeitschrift allzu leichtsinnig gesagt, sie seien leider[170]  noch sehr roh und ungesittet, und die ihm deshalb kürzlich die Fenster eingeworfen hatten, erkannten seine Überlegenheit mit lächelnder Billigung an, als er gleich darauf in derselben Zeitschrift unter Berufung auf das Vorgefallene seine frühere Äußerung widerrief. Auch für mich und Neumann eröffnete sich freundlich seine Gönnerschaft, und er machte es zu einer Hauptsache, daß wir seinen Schwiegersohn Steffens und dessen und seinen Freund Schleiermacher, für welche wir unbegrenzte Verehrung bezeigten, zuerst bei ihm sehen sollten. Dies geschah am nächsten Sonntage zu Mittag, und gerade in der reichen Umgebung weniger günstig. Denn der heitre, jugendlich hübsche, von beredter Geistigkeit sprudelnde Steffens ließ zwar unter keinen Umständen sich in seiner Lebhaftigkeit stören und war eine so liebenswürdige als geniale Erscheinung; aber der unansehnliche, in seinem Benehmen zurückhaltende, Gemüt und Begeisterung fast verleugnende und nur zuweilen kurz und scharf dazwischenredende Schleiermacher verschwamm in der Gesellschaft, die ihn mehr bedeckte als trug, und beide Freunde zeigten sich in eingeübten Scherzen und übereinkömmlichen Redensarten dieses Kreises mehr daheim und behaglich als uns, die wir solchen Männern vor allem unsre Bewunderung und unser Zutrauen anzubringen strebten, lieb sein konnte. Besonders war Schleiermacher ganz wider unsre Erwartung, ohne daß dies jedoch der großen Verehrung, die wir für ihn hegten, Abbruch tat; denn was er der Einbildungskraft nahm, ersetzte er durch klaren, leuchtenden Verstand. Die Frauen des Hauses huldigten ihm sehr, und man widersprach ihm nicht leicht, welches Steffens schon eher leiden mußte, besonders von Reichardt, der seine Nächsten auch wohl in Dingen, worin sie ihn übersahen, zu berichtigen liebte und so auch seinen Schwiegersohn, zu unserm großen Ärgernisse, zuweilen etwas zu hofmeistern versuchte. Die Kapellmeisterin war schweigsam, dem Anscheine nach eine steife Fee, aber in Wahrheit ein hartnäckiges Familienhaupt, welches die ganze Verwandtschaft[171]  und den Haushalt in gegebene Eigengehörigkeit streng zusammenhielt. Luise, die älteste Tochter, von den Blattern mißhandelt und vom Schicksal, das ihr hintereinander zwei ausgezeichnete Bräutigame, Eschen und Gareis, durch frühen Tod geraubt, hatte als Tonkünstlerin Verdienst und Ruf, übrigens aber, bei sehr tüchtigen und wertvollen Eigenschaften, ein weichmütig empfindelndes Reden und Benehmen, das dem Belächeln allzu leichtes Spiel gab. Die Professorin Steffens strahlte in gesunder Schönheit, sie war an Huldigungen gewöhnt, erwartete sie jederzeit, dankte nie dafür und zeigte bei Gelegenheit einen stolzen und harten Charakter; hierin stimmte ihr eine jüngere schöne Schwester, Friederike, merklich zu, was man indes noch eher als jugendliche Schalkhaftigkeit auslegen mochte; eine jüngste Tochter, Sophie, und ein Knabe, Fritz, waren noch Kinder, der letztere jedoch schon merkwürdig verzogen und verhätschelt. Die ganze Familie gebärdete sich vornehm, sang und musizierte ausgezeichnet und fast im Übermaße. Schleiermachers Schwester Nanny machte dazwischen eine stille, doch zuweilen auch auflachende, herrnhutische Erscheinung, Wilhelmine Wolf die eines begabten und munteren Weltkindes; Karoline Wucherer stellte ein harmonisch gebildetes Frauenzimmer von Gefühl und Verstand und von gediegenem Werte dar, und einige ab- und zugehende Freundinnen sowie auch mancherlei Herren aus dem Kreise der Stadt und der Universität füllten die Statistenrollen dieser Gesellschaft zahlreich aus.

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Schleiermacher und Steffens luden uns zu ihren Gesellschaften ein, wozu jeder von ihnen einen bestimmten Abend in der Woche ausersehen hatte. Wir kamen dadurch sogleich in ein näheres Vernehmen mit diesen Lehrern, denen uns anzuschließen wir die entschiedene Neigung auch in jeder Weise darlegten. Nicht an festgesetzten Tagen, aber zuweilen, nach Gunst und Gelegenheit, lud uns auch Wolf zu sich, und Haus und Garten von Reichardt standen fast jederzeit dem Besuch eröffnet.[172] 
Von allen diesen Beziehungen hatte sich gleich anfangs Neander hartnäckig zurückgehalten, und seine zum starren Trotz gewordene Schüchternheit war durch kein Zureden zu überwinden. Er machte die notdürftigen Besuche bei den Professoren, deren Vorlesungen er zu hören dachte, ließ sich mit ein paar jungen Theologen, Budde und Strauß, bekannt werden, die hinter dem Sonderling einige bedeutende Eigenschaften witterten, und saß übrigens immerfort bei seinen Büchern, indem weder Natur noch Geselligkeit für ihn den geringsten Reiz hatten. Diese angehende Entfernung zwischen uns mußte aber gerade durch die große Nähe unsres Zusammenlebens noch stärker hervorwachsen; die Unordnung, der Schmutz und die Zerstreutheit des Stubengenossen wurden mit jedem Tage unerträglicher, ich konnte weder meine Papiere und Bücher noch meine Wäsche und Kleider gehörig schützen; alles Geräte des täglichen Gebrauchs war ohnehin preisgegeben; wenn er Lust bekam, laut zu lesen, ließ er sich durch keine Einwendung hindern; meinen Platz am Schreibtisch, wenn er ihn besetzt hatte, wollte er nicht räumen, ja, ich fand ihn sogar anstatt in seinem Bette in dem meinigen liegen, weil ihm dergleichen Vertauschung ganz gleichgültig war und er meinte, sie sollte es dem andern ebenso sein. Die wiederholten Zurechtweisungen, die sich nach Verhältnis der wachsenden Ungebühr steigerten, waren ihm unleidlich, er sah sie als willkürliche Schikanen an, und da er überdies das Mißgeschick hatte, fast bei jedem Gange zur Stadt und nach Hause den doch sehr einfachen Weg zu verfehlen, so entschloß er sich eines Tages kurz und gut, nahm mit Hülfe jener Theologen eine eigne Wohnung in der Stadt und sagte mir die Gemeinschaft auf, wodurch ich einer großen Last ledig wurde, wiewohl ich mit Neumann nicht wenig in Sorgen stand, was nun aus dem Unbeholfenen werden solle, bis wir uns versichert hatten, daß seine neuen Bekannten ihm die dringendste Aushülfe nicht fehlen ließen.[173] 
Aber auch ich sollte des reizenden Wohnortes auf dem Lande in dieser gewonnenen Erleichterung nicht lange froh sein. Das Haus hatte eine Gastwirtschaft, welche in der Woche fast gar nicht und selbst an Sonntagen nur mäßig besucht wurde. Die meiste Zeit war der ganze Raum, Saal, Garten, Stromufer und Wiesen wie für uns allein da; herrliche Vormittage und Abende verlebten wir im Freien, und nicht selten ließen wir den Gesang Homers am Wasserfall mit den schäumenden Wogen laut um die Wette rauschen. In dieser schönen Freiheit fand mich noch Eberty, der mich auf ein paar Tage von Leipzig her besuchte und sich meines Glückes teilnehmend freute. Gleich nachher aber änderte sich alles dies plötzlich, indem der Saal dicht neben mir vermietet wurde und die pommersche Landsmannschaft ihren Fechtboden dahin verlegte. Hunderte von Studenten strömten nun zu allen Tageszeiten ab und zu, und das Geklirr der Waffen und das Geschrei bei den Fechtübungen überstieg alle Vorstellung; keine Abgezogenheit hielt gegen diese Betäubung stand, und da eine solche Nähe auch in andrer Hinsicht manches gegenseitige Mißbehagen und Grenzstreitigkeiten erwecken mußte, die noch zum Glück bei großer Dreistigkeit von meiner Seite ohne Reibung abliefen, so fand ich es geraten, diese Wohnung zu verlassen und ebenfalls in die Stadt zu ziehen, während Neumann ein Stockwerk höher ungestört noch verbleiben konnte. So war wenige Wochen nach unsrer Ankunft das gewollte und erlangte Zusammenleben durch zufällige Äußerlichkeiten schon wieder aufgehoben, und von uns dreien wohnte keiner mehr mit dem andern, ja sogar die Studien, in welchen wir so eng vereint zu sein dachten, trieben uns bereits in abweichende Richtungen.
Die Vorlesungen hatten angefangen, und fleißiger und eifriger, als wir in dieser Zeit waren, ließen sich wohl keine Zuhörer denken. Die Alte Geschichte bei Wolf war ungemein reichhaltig und anregend; er trug weniger eine Erzählung als vielmehr eine fortlaufende Kritik vor und versetzte die[174]  Zuhörer unmerklich in solche Selbsttätigkeit und Mitarbeit, daß man am Schlusse der Stunde sich stets in der heitersten und wärmsten Stimmung, in der angenehmsten Aufregung aller Geisteskräfte fand. Meiner philologischen Neigung versagte ich nicht, in den Frühstunden die Exegese der Briefe des Apostels Paulus bei Schleiermacher zu hören, und meinen medizinischen Absichten sollten vorläufig die zwiefachen Vorlesungen von Steffens über philosophische Physiologie und experimentale Physik genügen, indem vor den völlig medizinischen Vorlesungen eines Reil, Loder oder Kurt Sprengel mich noch einigermaßen schauderte. Bei Schleiermacher empfand ich bald entschiedenen Gewinn; seine Behandlung des Gegenstandes, die sichre Kritik, die feine Dialektik waren bildend auch für anderweitige Einsicht, und selbst dem Gemüt eröffneten sich aus diesen geordneten und klaren Geisteswegen sittliche Einwirkungen. Steffens hingegen riß gleich von Anfang seine Zuhörer in Begeisterung fort, es war unmöglich in diesem Gedränge von tiefen Anschauungen, großartigen Verknüpfungen und blühenden Sprechweisen, die seiner Beredsamkeit entquollen, sich einer aufwallenden Teilnahme zu erwehren. Ich versetzte mich mit Leichtigkeit in die naturphilosophischen Ansichten und Ausdrücke, ich sah mit Bewunderung den begeisterten Lehrer einen ungeheuern Stoff herrschend durchschalten, ich freute mich der Liebenswürdigkeit eines Vortrags, der immer ein bewegtes Herz erkennen ließ und selbst in dem steten Kampfe des Dänen mit der nur halb bezwungenen deutschen Sprache einen neuen Reiz empfing. Diese Vorlesungen waren auf solche Weise ein stets erneuertes Fest, ein Genuß, dem man mit gleichem Vergnügen nachsah und wieder entgegenblickte; sie zeigten aber ihren höchsten Wert erst dann, wenn man sie mit den Schleiermacherschen gleichsam in ein Ganzes verflocht; diese Besonnenheit und jene Begeisterung schienen sich wechselseitig zu vervollständigen, und beide Männer, in den Hauptsachen einverstanden und zusammenstimmend, sahen sich[175]  gern in diese Gemeinschaft gestellt, welche für die näheren und vertrauteren ihrer Jünger in aller Kraft wirklich bestand, so daß die Theologen auch Steffens hörten und die Naturbeflissenen sich Schleiermachern anschlossen.

Während der schönen Sommermonate kam hierauf noch andrer Besuch nach Halle, der uns schon eine Zeitlang angekündigt und uns höchst erwünscht war. Achim von Arnim erschien und bezog in Giebichenstein bei Reichardt die für ihn schon bereitgehaltene Gastwohnung. Seine stattliche Größe und edle Haltung, sein ungezwungener Freimut und geselliger Frohsinn vereinigten sich zu einem durchaus wohltätigen Eindruck. Man sah ihm sogleich an, daß in ihm weder über ihn selbst noch über die Außendinge ein störender Zweifel war, daß er seinen Neigungen harmlos folgte und durch keinerlei falsche oder verdeckte Ansprüche geleitet wurde. Auch daß das Glück ihn durch Naturgaben und Umstände günstig bedacht, ihn zu keinen verkehrten oder beengten Verhältnissen hinabgedrückt, sondern ihm jede Entwickelung erleichtert hatte, ließ sich an diesem gelungenen Menschengebilde wohl wahrnehmen. Ich spreche hier von seiner damaligen Erscheinung; was in späterer Zeit dieses heitere Bild hin und wieder getrübt haben mag, bleibt künftigem Orte, sofern es nötig sein wird, vorbehalten. Arnim war für mich ein herrlicher Anblick, den einiges übelwillige Reden Harschers und kopfschüttelnde Lächeln von Marwitz und selbst von Steffens, sowenig wie die Reichardtsche Umgebung, welche hier ganz untrennbar war, mir nicht verkümmern konnten. Mit mehr liebevoller Offenheit war mir noch niemand entgegengekommen, mein grüßendes Wort aus Hamburg hatte den freundlichsten Sinn zu herzlicher Erwiderung aufgefordert, und ich sah mich auf den besten Fuß zu dem ansehnlichen jungen Manne gestellt. Gleichwohl entstand keine eigentliche Vertraulichkeit, und sowohl das Reichardtsche Wesen als auch unsre sehr abweichenden Beschäftigungen hielten uns auseinander.[176] 


Eine zweite ausgezeichnete Erscheinung war Karl von Raumer, der Freund Koreffs und auch schon unser Genosse durch seine Almanachsbeiträge. Von mittler Gestalt, leicht und beweglich in Gliedern und Sinn, verband auch er Heiterkeit und Ernst in seinem jugendlichen Wesen, das neben kräftigem Übermut auch zarte Schwärmerei durchblicken ließ. Er hatte mit beflügeltem Geiste die Kunden der Natur und der Geschichte ausgebeutet und alles Wissen zu den glänzendsten Ideen verarbeitet, die er reich, gebildet und sanft jeder Mitteilung lebhaft darbot. Steffens war mit ihm in traulichster Freundschaft, Schleiermacher aber, der sich mit dem Jünglinge Du nannte, zeigte eine fast verehrende Liebe für ihn und nahm seine oft nur flüchtigen Äußerungen wie goldne Sprüche eines Begeisterten auf. Auch Raumer eilte, uns mit Herzlichkeit zu empfangen, sprach mir von seinen großen Studien zur Begründung philosophischer Geschichtseinsicht, die nach Maßgabe der damals noch sehr dürftigen Mittel schon geradezu auf Indien und auf das Sanskrit losdrangen, und zeigte mir in seinen Auszügen und Sammlungen Früchte eines erstaunlichen Fleißes, die ich aus meinen Büchern mit einigen seltenen Gaben sehr erwünscht vermehren konnte. Zu meinem Leidwesen aber war auch Raumer von dem Reichardtschen Kreise ganz befangen, und zwar mit den stärksten Banden; denn er war heftig in die schöne Friederike verliebt, schon mit der Hoffnung, sie zu heiraten, wie auch später in Erfüllung ging. Diese Gebundenheit wirkte kühlend auf unser Verhältnis, und die außerordentliche Gunst Schleiermachers und die künftige Verschwägerung mit Steffens konnte Raumern auch sonst in dem jüngern Kreise nicht gegen die scharfen Zweifel und Angriffe schützen, welche Harscher und Marwitz, deren stolze Strenge im Versagen oft bis zur Härte ging, über die Tüchtigkeit und Gründlichkeit seines Strebens und Wissens fast mit Feindschaft ausdrückten; ihren Liebling gegen diese zu verteidigen gelang den Meistern selbst nicht immer, um so weniger[177]  mir, der ich mich seiner doch stets annahm, während jene dagegen fest auf ihrem Sinn, auch in der Folgezeit, verharrten. Bekker und Przystanowski aber, welche auch schwer sich zur Anerkennung bequemten und Raumern damals gar nicht wollten gelten lassen, mußten in späterer Zeit seine Anziehungskraft um so stärker erfahren, indem sie bei näherem Zusammenleben leidenschaftliche Zuneigung für ihn faßten.
Unter den Ausflügen, die wir in die Landschaft machten – am häufigsten nach Giebichenstein, niemals nach Passendorf, wo die Menge der Studenten jenseits der preußischen Akzise im Sächsischen zu wohlfeilerem Tabak und Bier täglich hinzog –, war auch eine Fahrt nach Lauchstädt, dem lieblichen Badeorte, wo die weimarische Schauspielertruppe im Sommer ihre Vorstellungen gab. Neumann, Marwitz, ich und noch zwei andere bestiegen an einem schönen Tage zusammen ein Wägelchen, das uns auf den schlechten Wegen, mit Hülfe eifrigen Gesprächs, noch schnell genug an Ort und Stelle brachte. Die schattenreichen breiten Anlagen, einladende Gebäude und bunte regsame Gesellschaft überraschten uns wie eine erquickliche Oase in der Öde der zurückgelegten und nochmals zurückzulegenden Stunden und Räume. Wir trafen, wie dies an Theaterabenden gewöhnlich war, noch viele hallische Gäste dort, so wie auch aus Leipzig, Merseburg und Weimar der Besuch nicht fehlte. Unsre Hoffnung, Goethen zu finden, blieb aber leider getäuscht. Um so eifriger waren wir, seine Eugenie zu sehen, welche zu unsrer Freude statt eines angekündigten anderen Stückes gegeben wurde. Arnim, der auch mit Gesellschaft gekommen war, fand sich zwischendurch zu uns, und unser gemeinsames Vergnügen wurde noch durch den Reiz erhöht, welchen die anmutige Erscheinung der Demoiselle Jagemann aus Weimar für uns hatte; sie war nicht zum Mitspielen, sondern nur als Zuschauerin gekommen, da sie jedoch mit Arnim wohlbekannt und von ihm lebhaft empfangen war, so hatten auch wir näheren Gewinn von ihrer Gegenwart.[178]  Das Stück wurde vortrefflich gegeben, die Hauptrollen mit leidenschaftlicher Wirkung, das Ganze mit einem schönen Maße und wohltätiger Ordnung, daß man alsbald fühlte, über diesem Kunstwesen müsse großer Verstand und tiefe Bildung mächtig schalten. Graff als Herzog, Madame Wolff als Eugenie machten einen tiefen Eindruck, der auch die sonst laute Studentenschar zu aufmerksamer Stille bezwang. Überhaupt taten Schauspieler und Zuhörer beiderseits ihr Bestes, und das kleine Haus, von dessen Erbauung uns Goethe so anteilvollen Bericht gibt, konnte in der Tat ein Musentempel dünken, in welchem Sinn, Anstand und Zusammenstimmung des Örtlichen wie des Spiels den Mangel reicherer Mittel völlig vergessen machten.
Von Berlin her war die Gründung eines besondern Gottesdienstes für die Universität betrieben und so weit gefördert worden, daß diese Anstalt am 3. August, dem Geburtstage des Königs, wirklich eröffnet werden konnte. Eine leerstehende, bisher zu andern Zwecken gebrauchte Kirche war der Akademie überwiesen und Schleiermacher zum akademischen Prediger bestellt. In jetzigen Tagen würde sich niemand über eine solche Einrichtung wundern, sondern die meisten sie ganz in der herrschenden Ordnung finden und mancher vielleicht mit jammerndem Rückblick auf die arge Vergangenheit sogar die Frage aufstellen, wie man bis dahin ohne dergleichen nur habe bestehen und einen solchen Mangel verantworten mögen. Man muß aber in die Stimmung von damals sich zurückversetzen, um zu begreifen, welch auffallende Neuerung und welch gewagter Versuch diese Sache war. Das Christentum war durch philosophischen Anschluß und poetische Behandlung in der letzten Zeit allerdings wieder zu größerem Ansehn gekommen, aber deshalb glaubte man doch der kirchlichen Seite noch völlig fremd bleiben zu dürfen. Es gehörte der ganze Ruf Schleiermachers als eines tiefdenkenden, geistreichen, gelehrten Mannes dazu, um ein solches neues Predigtamt bei Ehren zu halten, indem Professoren, Bürger und Studenten,[179]  deren Mehrzahl sich kaum einfallen lassen konnte, eine fromme Erbauung zu suchen, nun doch insgesamt gewiß sein durften, eine durch Scharfsinn und Gewandtheit merkwürdige Rede zu vernehmen. Wirklich war die Kirche gepreßt voll, und eine angemessene Stille ehrte den Redner, der aber die herrschende Stimmung seiner bunten Gemeinde so gut kannte, daß er einen höheren Standpunkt, auf welchen er sie zu erheben wünschte, gleich durch die Wahl des Textes andeutete und über die Worte des Apostels Paulus predigte: »Ich schäme mich des Evangelii von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.« Man hörte ihn aufmerksam und ehrerbietig an und versprach sich, diese würdige Unterhaltung fortzusetzen, in welcher wir näheren Jünger eine segenreiche Kraft schon lebendiger verspürten. In der Tat hatte die Sache guten Fortgang, und das religiöse Element, auf dessen Hervorrufung Schleiermacher seine ganze Kraft richtete, gewann mehr und mehr Boden, indem auch die hiefür empfänglichen Gemüter sich eifriger heranzogen und die bloß aus Bildung oder Neugier Zuhörenden mehr und mehr abfielen.
Ich versäumte diese Vorträge nie, wiewohl mich kein eigentlich religiöses Bedürfnis zu ihnen zog. Ich wüßte keinen Abschnitt meines Lebens, in welchem ich der Innigkeit frommer Empfindungen ganz entbehrt hätte, ein geheimes Erkennen und Verehren der göttlichen Macht und Liebe hatte mich selbst in den Anwandlungen des Übermutes und Hasses nie verlassen; ich führte meinen Gnadenbrief, um hier so zu sprechen, wenn auch zusammengedrückt und zerknittert, stets bei mir, und er konnte jeden Augenblick wieder entfaltet werden. Allein keine meiner Beziehungen zur Frömmigkeit hat jemals einer Kirche sich wahrhaft verknüpfen wollen; die katholische hatte mir von Kindheit an nur Eindrücke des widrigsten Aberglaubens und der schnödesten Verkehrtheit gegeben; die protestantische schien mir den Glauben, mit welchem sie sich noch trug, entbehren zu[180]  können, und was dann übrigblieb an guten Lehren und Bildern, pflegt wahrlich trocken und nüchtern genug zu sein. In dem Zwiespalte der Vernünftelei dieser Kirche und des Aberglaubens der katholischen schien das religiöse Gebilde völlig entschwunden; das rein Sittliche konnte ohne solche Unterlage für sich recht gut bestehen, und die Gottergebenheit war auch aus der Philosophie herzuleiten, womit die vorchristlichen Weisen der Griechen und Römer sich ohnehin hatten behelfen müssen. Die geschichtlichen Gestalten der weltlichen Erscheinungen des Christentums durften am wenigsten anziehen, sie hatten zu der verkündigten Liebe nur allzuoft kein andres Verhältnis als die Schreckenszeit der Französischen Revolution zu den Verheißungen der Freiheit und Gleichheit, und mir war schon früh aus den Betrachtungen des Weltganges das Ergebnis unzweifelhaft, daß dieses hierarchische Christentum sich überlebt habe und völlig weichen müsse, während der geistige Hauch und die liebliche Wärme der ursprünglichen Lehre freilich zu ewigem Fortwirken berufen seien. In diesem Sinne verfuhr auch Schleiermacher, und sein unverhohlenes Bestreben ging hauptsächlich dahinaus, die Religionslehre von dem Buchstaben der Bibel ganz unabhängig zu machen. Nicht anders als dieses mein Verhältnis in betreff der Religion habe ich das der meisten Menschen gefunden, die ich während meines Lebens gekannt habe, der Vornehmen und Geringen, der Starken und Schwachen, und oft genug, wenn irgendwo sich eine Wunder- und Offenbarungsgläubigkeit noch behaupten wollte, ergab ein näheres Erprüfen, daß hiebei nur ein täuschender Schein waltete. Die kleine Zahl derer, welche ganz im Schoße des unbedingten Glaubens ruhen, konnte gegen die ungeheure Mehrheit schon nicht mehr in Betracht kommen, welche mit den Füßen allenfalls noch auf den alten Vorstellungen weilt, das Haupt hingegen längst von denselben abgewendet hat. Und wenn ich nicht nur auf den Glauben, sondern auch auf den Wandel und die Werke sehen wollte, so dürft ich mit allem Rechte gegen[181]  meine jüngern Freunde und auch gegen Steffens und Schleiermacher die ärgerliche Forderung aufstellen, man möchte mir doch einmal Christen zeigen, denn ich hätte deren leider noch keine getroffen, wenn ich nicht etwa ein paar fromme Juden so nennen sollte, die ich in Armut und Verachtung nicht nur streng rechtschaffen, sondern auch gottergeben und milde ihren Bedrückern Liebes erzeigen gesehen. Durch meine fortgesetzte Aufmerksamkeit bei Schleiermacher und durch die nachziehende Macht seiner Lehrweise fand ich mich jedoch hier zum ersten Male aus der weiten Breite meiner Religionsansichten zu den Schranken einer bestimmten Kirchenlehre hingeleitet, und es gelang mir einigermaßen, das protestantische Christentum, soweit ich es kannte, im Sinne des Bedürfnisses und der Empfindungen, die mir ursprünglich gegeben waren, aufzufassen. Allein schon verlautete, diese Lehre sei keineswegs die altbeglaubigte und anerkannte, und ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich selber das Bedürfnis und die Empfindungen, die mir ursprünglich gegeben waren, ergänzend hinzutun mußte. In diesen lag mir aber die sicherste Ausgleichung für manches Vorgetragene, dem in seiner glänzenden Ausstattung geistig zu widerstehen ich nicht gerüstet war, das aber gleichwohl in mein Gemüt nicht eindrang. So hielt Schleiermacher unter andern eine gewaltig fortreißende Predigt über das Sterben, in welcher die Verneinung persönlicher Fortdauer nach dem Tode von den lichtvollsten Gedankenreihen umhüllt war, die sich gleichsam zum Ersatz jenes abgewiesenen Trostbildes herandrängten; ich ließ mich eine Zeitlang überreden, jenes Verneinen, dem auch die Naturphilosophie ihrerseits kühn zustimmte, sei die Wahrheit, und ich fühlte, nach einigem Schrecken, den eine so neue, bisher nie an meine Seele gelangte Ansicht wohl erregen durfte, mich bei ihr alsbald so beruhigt, wie ich es vorher gewesen war; allein mit besserem Fug und Recht als in ihr selbst lag, denn es dauerte nicht lange, so wurde ich gewahr, daß ich die neue Ansicht nur als solche[182]  gefaßt, sie aber nicht als Überzeugung in mein Innerstes aufgenommen hatte, sondern im Gegenteil, während ich mich zu ihr zu bekennen meinte, der feste Glauben an die Unsterblichkeit der Seele mir im tiefsten Wesen unerschütterlich fortlebte. So ging es mir auch mit andern Lehrsätzen, bei denen mehr eine geistige Entwickelung und oft nur eine dialektische Gewandtheit im Spiele war, kaum aber ein wahrhaft religiöser Inhalt zur Sprache kam, daher denn auch dieser für seine anderweitige Entwickelung glücklich frei blieb.

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Diese Schleiermacherschen Predigten waren kaum im Zuge, als uns die Religion auch von einer ungewöhnlichen Seite und in einer ganz besonderen Zubereitung nahegelegt und angetragen werden wollte. Zacharias Werner hatte seine »Weihe der Kraft« geschrieben und Iffland sie in Berlin auf die Bühne gebracht. Der Dichter wollte die Religion, welche an und für sich als unschmackhaft und bitter so häufig nicht mundete, mit Hülfe eines guten Geschmacks, den er hinzumischte, dem Publikum eingeben und hoffte, bei dieser Gelegenheit auch seine vorrätigen ästhetischen Gaben nur um so besser an Mann zu bringen. Die »Söhne des Thales« und das »Kreuz an der Ostsee« waren schon in diesem Sinne gearbeitet. Ein Schritt weiter, und Luther stand auf der Bühne, wo er in jedem Fall von Wirkung sein mußte; um diese jedoch aufs äußerste zu verstärken, hatte der Verfasser dem tüchtigen und derben protestantischen Helden ein kindisches Beiwerk von mystisch sein sollender Tändelei zugesellt, wie solche wohl auf der untersten Stufe katholischer Bildung grobsinnlich dargeboten wird. Dies Beiwerk war ihm eigentlich die Hauptsache, die er nur noch nicht eingestehen wollte, auf dem Theater aber galt vorzüglich die Rolle Luthers oder vielmehr in ihr Iffland, der sie mit Meisterschaft darstellte. Jetzt kam er mit dem Manuskript nach Halle, und da hier keine theatralische Aufführung möglich war, so las er das ganze Stück gegen ein mäßiges Honorar vor. Alles war neugierig und drängte[183]  sich heran. Iffland las vortrefflich und erntete besonders in seiner eignen Rolle, die er aus dem Gedächtnisse hersagen konnte und größtenteils wirklich spielte, lauten Beifall. Diesen Beifall auch dem Stücke selber anzueignen, waren im Anfang manche Stimmen sehr bemüht; Reichardt, der bei neuen Dingen stets voran war und seine Unterstützung dem Landsmanne Werner, Ifflanden und dem ganzen Vorgange schuldig glaubte, drängte sich umher und munterte zur Bewunderung auf; Madame Elise Bürger, die eigens wegen dieser Vorlesung nach Halle gekommen war, sprach ihr Entzücken mit dem Nachdruck einer Kunstverwandten aus, welche sich nicht scheute, in solcher Versammlung ziemlich laut zu reden, da sie schon gewohnt war, als Hauptperson selber einem ähnlichen Zuhörervolke mutig dazustehen. Dergleichen Fürsprache und Bemühen gab sich aber nutzlos Blößen und schadete sogar; das Stück mißfiel, auch dem natürlichen Sinne der meisten Studenten, wir Freunde ließen uns hart darüber aus und hatten die Befriedigung, unsre Urteile durch höhere Autoritäten sofort bestätigt zu finden. Reichardt, nachdem er innegeworden, woher und wie stark der Wind wehte, zog die Segel wieder ein und tat dies, wie er pflegte, mit guter Art, indem doch immer einige Punkte übrigblieben, an welchen ein Lob des dramatischen Talents, der guten Verse und anderes der Art haften konnte, die Meisterschaft Ifflands aber ohnehin kaum bestritten wurde.
Die Kriegsgerüchte und Truppenbewegungen hatten schon den ganzen Sommer mit schwächeren Friedensaussichten abgewechselt, bis diese, nachdem Napoleon durch Stiftung des von ihm abhängigen und offenbar gegen Preußen gerichteten Rheinischen Bundes tief in Deutschland hinein festen Fuß gefaßt, völlig schwinden wollten und in Preußen alles, was eine Stimme hatte, heftig nach Krieg verlangte. Reichardt war nicht der letzte und versuchte sich in Kriegsliedern, die an den preußischen Grenadier nicht eben vorteilhaft erinnerten; es wurde den Österreichern darin sehr[184]  unziemlich vorgehalten, man habe im vorigen Jahre bei Ulm wohl gesehen, daß sie keine Preußen bei sich gehabt. Auch Achim von Arnim dichtete eine Anzahl Lieder von politischem Inhalt, und ein Lied auf den Rheinbund, das er mir vorlas, war in der Tat von glücklichster Tonart und schönster Laune. Preußische Truppen, welche sich allmählich gegen Süden und Westen zogen, waren in und bei Halle zu sehen und erhöhten das Vertrauen und die Lust zum Kriege. Einige Hitzköpfe gerieten völlig in Wut, wenn man einen friedlichen Vergleich noch für möglich halten oder die Überlegenheit der preußischen Kriegsmacht über die französische nicht unbedingt annehmen wollte. Ich erinnere mich, daß ich mit dem Geheimen Rat Schmalz über den Markt ging und ein Offizier ihn mit Neuigkeiten ansprach, daß der Krieg nun entschieden sei und nichts den tollen Bonaparte mehr vom Untergange retten könne. Als ich von französischen Generalen sprechen wollte, fiel er heftig ein: »Generale? Wo sollen die herkommen? Wir Preußen haben Generale, die den Krieg verstehen, die von Jugend auf gedient haben; jene Schuster und Schneider, die erst durch die Revolution etwas geworden, können vor solchen Männern nur gleich davonlaufen. Ich bitte Sie um Gottes willen, sprechen Sie mir nicht von französischen Generalen!« Das war mir zu arg, ich erwiderte kurz, die wahren Generale seien gerade die, welche es trotz ihrer Geburt oder ihres früheren Standes durch den Krieg geworden; sie kämen überallher, vom Dreschflegel, von der Elle, sogar zuweilen vom Paradeplatz und vom Wachtdienst, aber von letztern beiden wohl am wenigsten gewiß. Der Mann sah mich mit grimmigem Erstaunen an, Schmalz aber, der als heftiger Preuße doch jenes Unsinns sich schämte, trat eilig vermittelnd auf, bestätigte jedoch im allgemeinen die letztere Äußerung, indem er sie zugleich milder einkleidete, und das ungebärdige Gespräch verlief sich zuletzt in einem Schwall nutzloser Redensarten, unter denen man sich trennte.[185] 
Die Herbstferien waren unterdes herangekommen. Marwitz war schon früher nach Friedersdorf, dem bei Küstrin gelegenen Gute seines Bruders, abgegangen, um daselbst die Verwaltung zu führen, während sein Bruder als Offizier dem Kriegsdienste zu folgen hatte. Neumann schloß sich mehreren Kameraden an, die einen Ausflug nach Sachsen machten, und ich, von Theremin wiederholt eingeladen, nahm gutes Mutes den Weg nach Berlin, um vor dem Winter und seinem neuen Studienanlaufe das Gemüt erst recht wieder in Freundschaft und Muße zu erfrischen. In wenigen Wochen mußten wir in demselben Kreise wieder zusammen sein. Keinem fiel ein, daß die Ereignisse unsre Bahn im geringsten stören könnten.
Daß große Entscheidungen sich vorbereiteten, daran wurde ich doch auf dem ganzen Wege lebhaft genug erinnert, überall begegneten mir Soldaten in größern und kleinern Abteilungen, Kriegsfuhrwerk, Geschütz. In Treuenbrietzen sah ich den alten Feldmarschall von Möllendorf, der, gleichsam als letztes Zeichen des nun nicht mehr zu bezweifelnden Krieges, zum Heere abreiste und ihm als einer der Helden des Siebenjährigen Krieges noch die letzten Funken damaliger Taten zur Entflammung neuen Siegs und Ruhms überbringen sollte. Ich sah ihn aus seinem Wagen heraus dem umstehenden Volke lachend und behaglich die schönsten Verheißungen zurufen und unter dem Jubel der Menge abfahren. Die Soldaten sangen muntre Lieder, freuten sich, daß es endlich ins Feld ging, und überall war es lebhaft von Nachzüglern und sonstigen Leuten, die sich dem Kriegswesen anschlossen. Über Potsdam hinaus verklang allmählich dieser bunte Lärm, alles lag in ungewöhnlicher Stille, und bei heiterem Sommerwetter durfte ich meine wärmsten Empfindungen wieder ungeteilt den Erwartungen zuwenden, die mich persönlich angingen.



 Berlin
Herbst 1806










[186] Voll freudigen Hoffens, sowohl für die allgemeinen als für die persönlichen Verhältnisse, kam ich Ende Septembers munter in Berlin an, und herzlich aufgenommen, fand ich bei meinem Gastfreunde Theremin eine Reihe der schönsten Tage. Sein bei höchster geistigen Anregung und reichsten Kenntnissen jedem Schulstaub entrücktes feines und vornehmes Wesen hatte mir stets eine besondre Verehrung eingeflößt, ich stellte ihn sehr hoch, und mir war nie eingekommen, mich als ihm gleich anzusehen. Jetzt aber sollt ich mich zu ihm ganz emporgehoben fühlen. Die innige Vertraulichkeit, schon durch das Zusammenwohnen behaglichst herbeigeführt, durch rückhaltlose Mitteilungen jeder Art noch besonders zur wünschbarsten Höhe gesteigert, machte mich überaus glücklich. Schon gleich morgens beim Erwachen, da wir dieselbe Stube als geräumiges Schlafgemach teilten, begannen heitre Gespräche, die sich beim Frühstück fortsetzten und oft über den halben Vormittag hinzogen, bis daß ein Geschäft oder sonst ein Vorhaben uns unterbrechen wollte. Was unsre Vertraulichkeit aber mit noch tieferem Reiz ausstattete, waren die Be kenntnisse, welche wir uns gegenseitig von unsern Herzensangelegenheiten machten. Theremin sprach mit dem raschen und feurigen Eifer einer in sich zwar befriedigten, aber im äußern durch vielfachen Zwang gestörten, noch durch kein Freundesvertrauen aufgenommenen Neigung von seinem leidenschaftlichen Verhältnisse zu Madame Sophie Sander, bei der er auch nicht säumte, mich einzuführen, und zwar gleich in aller glänzenden Gunst eines mitwissenden und zustimmenden Vertrauten.
Außerdem brachte ich viele Zeit in der Cohenschen Familie zu, wo mannigfaches Leid fortwucherte. Ich besuchte ferner Fichte, Bernhardi, Kiesewetter, Reimer, welche insgesamt[187]  für den Krieg gestimmt waren und sich mit Nachdruck patriotisch aussprachen. Ungeduldig harrte man der Nachrichten vom Heere, man sah die letzten Truppen, die zur Reserve unter dem Prinzen Eugen von Württemberg gehörten, glänzend und freudig durch Berlin nach der Elbe rücken und fürchtete nur noch stets, es würde ein unerfreulich und haltungslos geflickter Frieden danach das Schwert abermals in die Scheide bannen. Ganz Berlin nahm an der Aufregung teil, fast alle Erwartung war Hoffnung, nur selten wagte ein zweifelhaftes oder ängstliches Wort scheu sich hervor. Das Kriegsmanifest erschien endlich aus Erfurt, vom 8. Oktober datiert, und man freute sich, daß wenigstens dieser Schritt getan war; der heiße Durst nahm ein solches Aktenstück als einen Labetrunk, und gierig wurde er hinuntergeschluckt. Nun aber wurde das Bedürfnis nach weiteren Neuigkeiten, nach Siegesbotschaften, wie man sie zweifellos erwartete, zum wahren Ungestüm; ein seltsamer Zustand war in der Tat bei dieser heftigen Unruhe des Publikums die unverbrüchliche amtliche Stille; mehrere Tage vergingen durchaus ohne Nachrichten, die Staatsbehörde machte nichts bekannt, auch Briefe und Reisende gaben wenig Aufschluß; aus der verhängnisvollen Gegend, wo man die Heere im Kampfe begriffen vermutete, schallte kein Laut herüber; die Hauptstadt schien wie abgelöst von dem Hauptquartier, wo die Hoheit und Kraft des Staats wie sein Tun und Interesse sich vereint befand. Diese unerträgliche Dumpfheit und Nüchternheit, in welcher das stolze Prahlen und Verheißen einzelner Militärpersonen sich schon kleinlauter vernehmen ließ, gab alsbald mancherlei bangen Ahndungen, dann den verwirrendsten Gerüchten und unerforschlichsten Sagen Raum und wurde zuletzt durch die gewaltigsten Schläge furchtbar aufgerissen! Die erste sichre Nachricht, die unsre erwartungsvollen Zweifel traf, war die von dem Tode des Prinzen Louis Ferdinand, der bei Saalfeld den ungünstigen Ausgang eines übereilten Gefechts, wie man sagte, nicht hatte überleben wollen. Nicht[188]  zu schildern ist der Eindruck, den der Verlust dieses liebenswürdigen, tatendurstigen, dem Heer und den Bürgern und auch den Frauen wohlbekannten, der Welt und dem Leben durch die mannigfachsten persönlichen Verhältnisse angehörigen Prinzen allgemein verursachte. Zwar wollten ihn auch jetzt manche Stimmen nur der Unbesonnenheit zeihen, ihm seinen frühen und, wie sie glaubten, nutzlosen Tod zum Vorwurf machen, aber die Folge zeigte nur zu schrecklich, daß unter den Losen dieses Krieges einer Persönlichkeit wie der seinen kaum ein würdigeres beschieden sein konnte und daß er darin vorwurfsloser und beneidenswerter erscheinen durfte als die meisten seiner Kriegsgefährten.
Der finstre Anfang weissagte nichts Gutes, doch stand im allgemeinen ein starkes Vertrauen zu den preußischen Waffen noch fest, zwar durch vergebliches Siegsgeschrei mehrmals getäuscht, doch erst durch unleugbare Zuverlässigkeit schrecklicher Entscheidungen völlig niedergeschlagen. Als die unglückliche Botschaft von einer verlorenen Schlacht die Stadt erreichte und durchzuckte, war die erste Regung, die Nachricht nicht anzunehmen, nicht zu glauben; man rannte auf den Straßen hin und her, sammelte sich vor den Häusern, wo die höchsten Staatsbeamten wohnten, besonders in der Behrenstraße vor dem Hause des Generals und Ministers Grafen von der Schulenburg-Kehnert, man drang hinein, man wollte Auskunft, man redete ohne Unterschied Fremde und Bekannte, Vornehme wie Geringe mit Ungestüm an; ganze Scharen strömten von einem Orte zum andern, je nachdem eine zufällige Äußerung an einem oder dem andern bestimmte Befriedigung hoffen ließ. Endlich erschien an den Ecken ein gedruckter Anschlagezettel, worin Schulenburg mit kurzen Worten bekanntmachte, der König habe eine Bataille verloren und Ruhe sei jetzt die erste Bürgerpflicht, welcher gutgemeinte, aber ungeschickt dargebotene Zuspruch in der steigenden Bitterkeit der Ereignisse eine traurige Berühmtheit erlangen mußte. Die erste[189]  Empfindung im Volke war jedoch die des Mutes und der Tat. Eine Anzahl junger Leute, durch wackre Fürsprecher geleitet, drangen zu Schulenburg ein, wollten eine Freischar bilden, begehrten Waffen und Marschrouten zum Heere, und als Schulenburg über dieses Ansinnen in höchster Verlegenheit nur ablehnend, ja verweisend sich äußerte und zuletzt auch das unbedingte Anerbieten zum gemeinen Soldatendienst mit Verdruß und Widerwillen zurückstieß, meinend, er wisse nicht, was er mit den Soldaten, die er schon habe, anfangen solle, geschweige denn mit neuen, da mußte freilich jeder klar einsehen, daß in diesen Formen und Bahnen dem Bürgersinn allerdings nichts übrig sei, als das Fallende ruhig fallenzulassen und das Verhängte ruhig zu tragen. Auch mein Sinn war in jenen Tagen auf den Kriegsdienst gerichtet, und ich suchte, trotz meiner mahnenden[190]  Brustbeschwerden, die Mittel, diesem Drange zweckmäßig zu genügen, als mir jene Unmöglichkeit gezeigt und damit jedes Vorhaben niedergeschlagen wurde.
Berlin sah nun allen früheren Stolz und alle frühere Kraft sich beugen, alle Hoffnungen schwinden; man sah die Königlichen Kassen, die Hofhaltungen auf dem Schlosse, die höchsten Beamten und manche sonst durch ihre Verhältnisse bemerkbare Personen eiligst einpacken und zum Tore hinausfahren. Später kam es auch an das Zeughaus, langsam wurden die vorrätigen Gewehre auf Kähne geladen, mit deren Abfahrt auch noch gesäumt wurde. Endlich zog Schulenburg mit den vorhandenen Truppen, einige tausend Mann, nach der Oder ab, nachdem er durch öffentlichen Anschlag die Stadt dem Oberbefehl seines Schwiegersohnes, des Fürsten von Hatzfeld, überlassen hatte. Die Bürger hielten den Wagen des Abreisenden an: »Ich lasse euch ja meine Kinder hier!« rief er beschwichtigend, und man ließ ihn fahren.

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Inzwischen hatte das Gerücht die unglückseligsten Vorfälle Schlag auf Schlag gemeldet, nicht, wie sonst zu geschehen pflegt, vergrößernd, sondern im Gegenteil, nur immer schrecklicher und gehäufter enthüllte sich das Unglück. Man erfuhr von den Schlachten von Auerstedt und Jena, von der tödlichen Verwundung des Herzogs von Braunschweig und des Generals von Rüchel, von der weiteren Zersprengung der Truppen, die sich bei Magdeburg hatten sammeln sollen. Noch glaubte man, die Elbe würde behauptet werden, die noch nicht im Feuer gewesene Reserve wußte man bei Halle aufgestellt; aber schnell entschwand auch dieser Trost, die Überbleibsel des Heeres flüchteten schon nach der Oder hin, der Prinz Eugen von Württemberg war am 17. Oktober durch den Marschall Bernadotte überfallen und geschlagen; die Königin zuerst und bald auch der König hatten die Richtung nach Preußen genommen; die Franzosen waren in Leipzig erschienen, hatten bei Dessau und unterhalb Magdeburg die Elbe überschritten und[191]  drangen von allen Seiten in siegreichen Scharen heran. Unbeschreiblich ist das dumpfe Entsetzen und angstvolle Harren, in welchem die Hauptstadt lag; das Furchtbare bestand auch darin, daß man keine Preußen, wenn auch geschlagene und flüchtige nur, wiederkommen sah; das in Stolz und Kraft strahlende Heer hatte man ins Feld rücken sehen, und als wenn die Erde es verschlungen hätte, sollte an dieses noch ganz nahe Bild jetzt unmittelbar das des Einzugs eines verhaßten und verachteten Feindes sich reihen! Wirklich hatte keine der Heertrümmer nach Berlin gelangen können, sie waren weiter hinaus nordwärts versprengt und wurden, teils schmachvoll ohne Widerstand bei Prenzlau, teils rühmlich nach tapfrem Kampfe bei Lübeck, durch Übergabe kriegsgefangen.
In Berlin war jetzt nur Not und Sorge, keine Behörde trat wirksam auf, alles war sich selbst überlassen. Der Fürst von Hatzfeld bewies sich als ratloser Feigling und wurde damals schon tief verachtet. Manche Leute, an die feindliche Einquartierung denkend, schafften Wein und gute Kost an, um durch bewirtende Aufnahme den Ungestüm der Krieger zu beschwichtigen; andre, ihrer selbst eingedenk, suchten durch Kartoffelvorräte die eigne Nahrung zu sichern; eine schwache Hoffnung auf angebliches Heranrücken russischer Truppen hielt manche Personen noch aufrecht; einige gab es auch, die sich der französischen Truppen freuten, unter andern mein Lateinlehrer, Professor Schlosser, der in ihnen noch die alten Freiheitssoldaten sehen wollte und überdies einen dem Studieren entlaufenen Sohn unter ihnen hatte. Den Professor Friedrich Buchholz beschuldigte man ebenfalls der Freude über den Sieg der Franzosen, deren Kaiser schon längst sein Held war. Auf die Nachricht, daß Hessen-Kassel sich von der preußischen Sache getrennt und für neutral erklärt habe, beeilte sich Kiesewetter, seine Haustüre mit dem hiezu von der Erbprinzessin von Hessen, die auf dem Schlosse wohnte, ihm schnell verliehenen Titel eines hessen-kasselschen Rates zu schmücken; doch ohne[192]  Gewinn für ihn; denn die Franzosen ließen jene Neutralität nicht gelten, unterschieden Hessen und Preußen nicht, und Kiesewetter hatte mit den Einquartierungslasten, deren ihm keine erspart wurde, noch den Verdruß der verfehlten List und die Schadenfreude der Mitbürger, von denen er sich hatte lossagen wollen, zu ertragen. Reimern sprach ich, als er grade von Johann von Müller kam, der sich ihm ganz rat- und aussichtlos bekannt hatte, alles für verloren hielt, bald flüchten, bald sich verstecken wollte, und nur auf vieles Zureden in Berlin blieb. Fichte entschloß sich kurz und gut, dem störenden Getümmel zu entweichen; er ließ Gattin und Sohn zurück und reiste mit dem Leibarzt Hufeland, der dem Könige zu folgen berufen war, nach Königsberg ab.
Ich selbst war leidenschaftlich bewegt. Zu dem unmittelbaren Eindrucke der Tagesgegenwart kam auch der nächste Anteil an dem in Halle Geschehenen; die Stadt war bei dem Gefecht geplündert worden, und Schleiermacher und Steffens hatten dabei manches eingebüßt, die Universität aber auf Napoleons Geheiß auseinandergejagt, alle Studenten hatten sich ungesäumt entfernen müssen, Neumann, Harscher, Neander, so viele andre mußt ich mir umherschweifend denken, ohne Hülfsmittel und Ziel. Ein versprengter Student, der nach einigen Tagen ankam, aber leider von meinen Freunden nichts wußte, brachte mir die erste, nachher von mehreren Seiten bestätigte Erklärung des unerwarteten plötzlichen Ingrimms gegen die Universität. Napoleon war am 19. Oktober in die eroberte Stadt eingerückt und hatte seine Wohnung im Meckelschen Hause auf dem Großen Berlin genommen, die mitgekommenen Truppen waren einquartiert, und nach den stürmischen, wüsten Vorgängen schien eben zuerst wieder einige Ruhe und Stille der Nacht einzutreten. Nur die Studenten waren noch hin und wieder aufgeregt, und eine kleine Schar saß beim Trunk und verhandelte lebhaft die Ereignisse der letzten Tage. Durch Gespräch und Wein erhitzt, brachen sie endlich auf, zogen[193]  durch die öden dunklen Straßen, kamen zum Großen Berlin, sahen die hell erleuchteten Zimmer, wo Napoleon wohnte, und riefen mit burschikoser Tollkühnheit dem Kaiser lustig ein lautes Pereat. Sie stoben sogleich auseinander, die Wache nicht abwartend, aber Napoleon, von dem Sinn des durchdringenden Schreis unterrichtet und ohnehin gegen die studierende deutsche Jugend ungünstig eingenommen, befahl die augenblickliche Fortschaffung aller Studenten, und man sagt, der Befehl habe anfangs auch den Professoren gelten sollen und die Ausführung sei nur durch Wohlmeinung einiger Mittelspersonen um einen Tag verzögert und dann bloß auf die Studenten beschränkt worden. Bei Erzählung dieses unerhörten Wagestücks wurde eines ähnlichen frühern gedacht, wo ein Student zu Halle, mit Kanonen und Stürmer und wirbelndem Tabaksqualm ungestüm anschreitend, den König von Preußen, der ihm zu Fuß begegnete, vom breiten Stein weggedrängt und auf den verwunderten Nachruf, wer er sei, trotzig und kurzweg nur: »Ein hallischer Bursch!« geantwortet, darauf aber seinen Weg mit sporenklirrendem Tritt ruhig fortgesetzt habe. Was aber auch der hallischen Universität den Stoß gegeben haben möge, jener doch noch mit einigen Zweifeln behaftete Streich oder irgendeine andre Bewandtnis, die Zerstörung selbst griff mir ans Leben: dort hatte ich meine Heimat, meinen Rückhalt für die Zukunft; jetzt war ich ein Vertriebener, ein Flüchtling; ich hatte keinen festen vorgezeichneten Weg mehr, ich mußte Entschlüsse fassen, zu welchen sich fast nur Zweifel darboten. Mittlerweile war auch die Reichardtsche Familie von Giebichenstein angekommen, die im Augenblicke des sich bei Halle eröffnenden Gefechts eilig die Flucht ergriffen hatte; der Kapellmeister, der sich gegen die Franzosen und Napoleon großer Frevel bewußt war – man hielt ihn, was genug war zum Erschießen, für den Verfasser des Buchs »Napoleon Bonaparte und das französische Volk« –, setzte die Flucht gleich weiter nach Preußen fort; die Familie blieb fürerst in Berlin,[194]  durch sie erfuhr ich viel unglückliche Nachrichten, ich war sehr bewegt und wälzte die unruhigsten Gedanken in mir.


In der allgemeinen bangen Erwartung der Franzosen wollt ich wenigstens da nicht fehlen, wo man meiner bedürfen konnte. Ich war in einigen Familien, wo grade kein Mann zum Schutze gegenwärtig war, mit Rat und Tat zur Hand. Vormittags trieb ich mich umher, zu Mittag aß ich gewöhnlich mit Theremin, der auch gern noch einen Teil des Nachmittags mir widmete, bis ihn gegen Abend sein Stern zu der geliebten Freundin führte, wo er Krieg, Politik und alles vergaß. Im Grunde war nur seine Phantasie von den Ereignissen berührt, nicht sein Gemüt von ihnen getroffen; er sah den Staat überhaupt sehr leicht an, über dessen rohe Formen ein feineres Geistesleben ihn hinausführen sollte. Er machte, wetteifernd mit mir, den Versuch einer Kanzone auf den Sturz Preußens, aber sie blieb unvollendet, und er gestand mir mit geheimer Lust, er sehe all den Sturm und Wirrwarr nur so an, als habe derselbe nur den einzigen Zweck, daß die französische Kolonie darüber vergäße, sich über sein Verhältnis zu Madame Sander mit bösem Geklatsch aufzuhalten.
Die Franzosen, schon ganz in der Nähe, ließen sich mehrere Tage erwarten; sie waren nordwärts, durch die schnellsten Erfolge fortgerissen, über Berlin schon hinaus, dessen empfangbereites Harren sie kaum ahnden konnten. Endlich am 24. Oktober erschien der Feind, ich hatte den Anblick der ersten Franzosen, welche hereinkamen; ein Offizier im blauen Überrock und drei bis vier Jäger zu Pferde ritten mittags von den Linden her nach der innern Stadt, sie unterbrachen ihren scharfen Trab nur, um ungestüm nach der Munizipalität oder dem Rathause zu fragen, hießen die andrängenden Personen zurückweichen und sprengten weiter. Jetzt waren sie also da! Noch zwar hörte man auf der Straße, als sie eben vorüber waren, manche Leute behaupten, nicht Franzosen seien es, sondern Russen, man[195]  sähe es an den grünen Röcken, aber eine Viertelstunde später hielt kein Wahn mehr; große Scharen Reiterei und Fußvolk zogen ein, und am folgenden Tage war die ganze Stadt mit den Kriegsvölkern des Marschalls Davoust angefüllt. Nun begann ein neues Leben in der bis dahin fast erstorbenen Einwohnerschaft. Man atmete auf, als man statt wilder, racheschnaubender Plünderer wohlgeordnete muntre Soldaten fand, die man schon durch Französischreden völlig zu entwaffnen schien und deren Offiziere sich größtenteils durch höfliche Manieren auszeichneten. Diesen ersten günstigen Eindruck löschten auch spätere rohe Auftritte, die bei den gesteigerten eiligen Bedürfnissen so vieler durchziehenden und teilweise verweilenden Völker sich ereigneten, nicht wieder aus. Man fand noch immer, daß man Gott zu danken habe, keinen schlimmern Feind zu sehen. Doch machte freilich das nachlässige, ungeputzte, auch wohl zerlumpte Einherziehen der unansehnlichen, kleinen, frech redenden und witzelnden Kerls die an preußische Haltung und Scheinsamkeit gewöhnten Augen gewaltig irre, und man wollte nur um so schwerer begreifen, wie solches Gesindel – denn dieser Name lag zu nah – solche Soldaten habe können aus dem Felde schlagen.
Einige Tage später, am 27. Oktober nachmittags, zog nun auch der französische Kaiser, von dem man schon sagte, er getraue sich nicht nach Berlin herein, an der Spitze seiner Garden von Charlottenburg her in die Stadt. Ich sah den Einzug nicht mit an, ich wollte nicht, Schmerz und Trauer waren zu groß in mir, ich haßte den Sieger und mochte ihn nicht angaffen. Von Freunden hörte ich, der Volkshaufen Unter den Linden sei gemischt genug gewesen, daß doch teilweise ein Vivat für den Kaiser daraus hervorschallen gekonnt. Aber die Berliner im ganzen waren keineswegs zu solchem Rufe gestimmt. Bernhardi zum Beispiel sagte mir, er habe genau die Umstände des Einzugs beobachtet und sich versichert, ein kühler Mann würde leicht Gelegenheit zu einem Mordstreiche gefunden haben; der Gedanke und[196]  Wunsch aber eines solchen Versuchs begegnete einem häufig schon damals und späterhin nur noch häufiger; denn man sah den Kaiser durchaus nicht wie einen mit den andern Fürsten Gleichstehenden an, sondern er mußte für einen rechtlosen Unterdrücker, für einen Räuber und Bösewicht gelten, und diese Meinung empfing ihren stärksten Grimm von derjenigen Seite her, wo man der französischen Freiheit anhing und ihn als deren Mörder betrachtete; sogar der Haß, den die Royalisten ihm wegen des Todes des Herzogs von Enghien hegten, war minder entbrannt und rächerisch.
Mein Weg führte mich täglich, wenn ich von Madame Cohen aus der kleinen Promenade zu Theremin nach dem Georgeschen Hause zurückkehrte, durch den sogenannten Lustgarten. Als ich am 27. Oktober abends wie gewöhnlich diesen Weg nahm, setzte mich ein neues Schauspiel, das sich hier unerwartet darbot, in das wundervollste Staunen. Der ganze Mittelraum des bis dahin sorgsam geschonten Rasens und selbst der Straßenplatz nach dem Schlosse hin war bedeckt mit unzähligen hellflammenden Wachtfeuern, um welche her die kaiserliche Garde in tausend Gruppen muntrer Fröhlichkeit und Geschäftigkeit sich bewegte. Die mächtigen Feuer beleuchteten taghell die prächtigsten, schönsten Leute, die blanksten Waffen und Kriegsgeräte, die reichsten, bunten Uniformen, in deren sich tausendfältig wiederholenden Rot, Blau und Weiß die volle Macht der französischen Nationalfarben die Augen traf. Ungefähr 10000 Mann waren in diesem lodernden Biwak in Bewegung, den das matter beschienene Schloß, wo der Kaiser seine Wohnung hatte, düster begrenzte. Einen großen Eindruck gewährte der Überblick des Ganzen, und wenn man das Einzelne untersuchte – denn man konnte frei hindurchgehen und jede Neugier befriedigen –, so mehrte sich nur die Bewunderung; jeder Soldat schien an Ausstattung, Benehmen, Wohlbehagen und Gewicht ein Offizier, jeder ein Gebieter, ein Held. Sie sangen, tanzten und schmausten bis[197]  tief in die Nacht hinein, dazwischen rückten kleine Abteilungen in strengster kriegerischer Haltung mit Trommeln und Musik zum Dienst aus und ein. Es war ein einziger Anblick, wie ich nie wieder einen gehabt; ich verweilte stundenlang und konnte mich kaum losreißen. Die Garden blieben noch viele Tage und Nächte hier gelagert, und immer aufs neue hafteten die Augen auf dem verhaßten schönen Schauspiel; aber jenem ersten Abende kam kein folgender gleich; die Feuer brannten mäßiger, die Truppen wurden zum Teil anderweitig untergebracht, das Ganze verlor sich endlich in eine geringe Mannschaft Reiterei, die neben ihren Pferden hier zum Aufsitzen fertig ihr Nachtlager hielten. Für die Sicherheit des Schlosses konnte die zahlreiche Hauptwache im innern Schloßhof völlig genügend dünken.
Mittlerweile hatte die Niederlage Preußens von Tag zu Tage sich größer und schmachvoller kundgegeben; waren die verlorenen Schlachten, die verkehrten Maßregeln, die Ratlosigkeit und der Unbedacht der Regierung arg zu nennen, so übertrafen doch die Kapitulationen und Übergaben der Festungen alles, was man sich hatte als möglich denken dürfen. Der Fall von Magdeburg schien ein Traum: ohne Schwertstreich eine Besatzung von 20000 Mann kriegsgefangen und jenes starke Bollwerk des Staates ohne Schuß übergeben zu sehen, wollte man nicht für Wirklichkeit halten. An das Fabelhafte grenzte es, daß Stettin, und nun gar Küstrin, fast unangreifbar zu achten, durch feige Erschrockenheit der Befehlshaber, die überall von demselben Schwindel befallen waren, sich der ersten Annäherung französischer Reiter eiligst ergeben hatten! Ein grenzenloses Verderben, das schon lange den Staat in seinen wesentlichen Verhältnissen unterwühlt hatte, wurde offenbar. Man erlag der Schande, welche auf das preußische Kriegswesen gefallen war, man vermochte den Gedanken dieser Schmach nicht zu fassen. Im Übermaße des Schmerzes schimpften die Preußen selbst am heftigsten auf ihre unglücklichen Landsleute. Ein preußischer Offizier galt sonst als der Inbegriff[198]  der Ehre, des tapfern Stolzes und der tüchtigsten Kriegskunde, jetzt war der Name eine Bezeichnung der prahlhaften Feigheit, des erbärmlichsten Unwertes. Man blickte mit Empörung auf die herrschende Gewalt zurück, die sich das Militär in allen Verhältnissen angemaßt hatte und die man ihm höchstens dann verzeihen konnte, wenn dasselbe wirklich als das felsenfeste Wehr des Staates, als die Bürgschaft dauernden Ruhmes und stets erneuerter Siege bestand; jetzt wollte mancher im Gegenteil sich über die Siege der Franzosen freuen, als wodurch diese einheimische Despotie, wie sie ein Rüchel zum Beispiel gewollt und ausgeübt, glücklich zerstört wäre. Wer es nicht erlebt hat, kann es kaum noch glaublich finden, in welchen Ausdrücken der Ingrimm preußischer Patrioten gegen das Militär wütete, mit welcher haßerfüllten Verachtung die einst gepriesenen Namen Kleist, Ingersleben, Romberg, Wartensleben, Schöler und andre solche, auf denen der Vorwurf der Feigheit und des Verrats haftete, genannt wurden. Ich selbst hatte in solcher Beziehung einen Auftritt mit dem Geheimen Rat Alberti. Ich traf ihn bei seinem Schwager, Geheimen Rat Pistor, der eine Tochter Reichardts zur Frau hatte, wie jener eine Stieftochter desselben. Dieser zorneifrige Mann erklärte gradezu alle preußischen Offiziere für schlechte Kerle; ich suchte ihn zu mäßigen, wollte Ausnahmen vorbehalten und meinte, ich hätte unter den preußischen Offizieren persönliche Freunde, in betreff deren er jenen Ausdruck gewiß zurücknehmen werde; er sagte ebenso grob als unsinnig nein, sie seien alle schlecht und schon deshalb dieser Bezeichnung wert, weil sie in diesem nichtswürdigen Kriegswesen einmal mitsteckten. Wenn er es so nehmen wolle, erwiderte ich, nun ebenfalls bitter, so wundre ich mich nur, daß er beim Militär stehenbleibe, ich könnte auch diese Ansicht nehmen, aber müßte dann einen weitern Gesichtskreis fassen, der auch jeden Zivilbeamten einschlösse, weil dieser ja gleichfalls an diesem verfaulten Staatswesen Anteil und Mitschuld habe. Betroffen, aber nur um so mehr[199]  herausfordernd, sagte er: »Wollen Sie damit andeuten, ich sei auch ein schlechter Kerl?« Lebhaft versetzte ich: »Ich will alles damit sagen, was daraus folgt.« Sein Ärger, durch einen jungen Menschen, bei eigentlich gleicher Gesinnung, so zum Absurden geführt, beschämt und beleidigt zu sein, wußte sich nicht zu lassen, er lief wütend davon, indem Pistor noch hinter ihm drein schimpfte, er sei ein dummer Kerl, und wenn er so albernes Zeug rede, verdiene er solche Abfertigung. Ich habe ihn seitdem in vierundzwanzig Jahren noch oft wiedergesehen, aber nie wieder haben wir zusammen ein Wort gewechselt. Das Schelten auf das preußische Militär war indes allgemein und in der Tat sehr oft ungerecht; der Feind selbst dachte in manchem Betreff billiger als die Einheimischen, übernahm öfters die Entschuldigung der Geschlagenen; aber damals wäre es vergeblich gewesen, gegen den Strom zu schwimmen. Wirklich eine Flut war es zu nennen, was nur an Druckschriften heranschwoll; der schamlose Kriegsrat von Cölln machte durch seine »Vertrauten Briefe« und »Feuerbrände« den Anfang zur rücksichtslosen Aufdeckung aller Gebrechen und Schwächen des Staats; nicht so gemein, aber doch ungehörig und voreilig, schrieb Friedrich Buchholz, der seine politischen Abstraktionen mit der siegenden Sache zu verbinden suchte und nun, hinter dem Siege her, mit seiner Weisheit leicht prunken konnte; die unermüdliche Feder des Obersten von Massenbach bereitete ebenfalls manches Ärgernis. Am ärgsten trieb es ein feiler, dem französischen Interesse verkaufter Schreiber namens Lange, der ein neues Blatt, »Der Telegraph« genannt, herausgab, worin nicht nur alle Ereignisse feindlich und hämisch zum Nachteil Preußens erzählt, sondern auch die gehässigsten persönlichen Schmähungen, selbst gegen die unglückliche hochverehrte Königin, ausgestoßen wurden, so daß das Volk darüber in Wut geriet und der Zeitungsschreiber und sein Laden oftmals durch französische Wache geschützt werden mußte. Rahel gab in jener Zeit, wenn die Leute im tiefsten Kummer und bittrer[200]  Aufregung ihr klagten, was der freche Mensch alles vorzubringen wage, ihnen den klugen Rat, sie möchten es machen, wie sie das Beispiel gäbe, nämlich sie lese kein solches Blatt und dadurch existiere für sie der ganze Inhalt nicht; machten es viele, machten es alle so, so würden sie den gleichen Vorteil haben; man fand die Bemerkung richtig, fuhr aber fort, das schändliche Blatt begierig zu kaufen und seinen Ärger daran zu nähren. Doch nicht bloß im Schreiben, auch in sonstigem Handeln zeigten sich unwürdige und verräterische Gesinnungen mancher Art; ein ehemaliger Prediger Hauchecorne von der französischen Kolonie war ein Aufspürer versteckten preußischen Staatseigentums, das er den Franzosen anzeigte, um die dafür versprochene Belohnung zu gewinnen, das schändliche Gewerbe hat seinen Namen gebrandmarkt, er selbst aber, nachdem er in Karlsruhe, wo seine Tochter einem General von Freystedt verheiratet war, eine Zeit gewohnt, lebte noch in späteren Jahren unangefochten in Berlin.

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Eigne Gerüchte über den berühmten Geschichtsschreiber der Schweiz, Johann von Müller, gingen umher. Es war bekannt geworden, daß er, derselbe Mann, der noch eben gezittert hatte, wegen seiner Posaune Mahomets von dem Feinde zur Verantwortung gezogen zu werden, vielleicht fortgeschleppt oder gar, gleich dem unglücklichen Buchhändler Palm, erschossen zu werden, durch einen wunderbaren Glückswechsel zu der Gnade gelangt sei, persönlich zu dem französischen Kaiser gefordert zu werden, mit diesem eine lange Unterredung zu haben und dessen Gunst und Beifall zu gewinnen. Daß er seitdem ganz umgestimmt, von Napoleon begeistert, der neuen Herrlichkeit zugewendet und schon ein Verteidiger derselben geworden, konnte die ihn näher Kennenden nicht wundern; aber in den eigentlich preußischen Gemütern erzeugte sich ihm von daher großer Haß, und es fielen die bittersten Reden gegen ihn vor. Jenes günstige Geschick bei Napoleon erklärte sich übrigens bald. Alexander von Humboldt, Müllers Gartennachbar,[201]  von der unruhigen Angst des Mannes getrieben, nahm Gelegenheit, einigen französischen Großen, deren er die meisten von Paris her gut kannte, von jenem zu sprechen, unter andern dem Staatssekretär Maret, nachherigen Herzoge von Bassano, der darauf in guter Stunde den Kaiser von dem großen Geschichtsschreiber unterhielt, der bei den Deutschen in größtem Ansehen stünde und, zwar bisher ein Gegner der Franzosen, doch wohl für den Dienst des Kaisers zu gewinnen sein möchte. Napoleon wollte ihn sprechen, und da Müller sich sogleich enthusiastisch und übrigens geschickt genug benahm, so fiel die Unterredung vortrefflich aus und hinterließ auf beiden Seiten den besten Eindruck. Welch eine Berufung ihm infolge des bei Napoleon gemachten Lobes noch bevorstehen sollte, konnte Müller damals nicht ahnden, sondern hatte fürerst nur das Ungemach einer zweideutigen Lage um so bittrer zu empfinden, als sie nicht nur in den äußern Umständen, sondern auch in seinem Innern gegründet war, das zwischen entgegengesetzten Richtungen allen Halt verloren hatte und seitdem nie wiedergewann.
Diese Anschauungen, Eindrücke, Interessen und Erfahrungen erfüllten und bewegten mich auf die mannigfachste Art. Sie gaben mir viel zu denken und zu prüfen. Die preußischen Zustände wie die französischen hatten ihre bedeutende, anteilgebende, lehrreiche Seite. Die französischen Soldaten waren in ihrer Art höchst merkwürdig und machten in ihrer Mischung von Feinheit und Verwilderung ein eignes Wesen, das seinen Reiz hatte; manchen Offizieren, die ich von ungefähr kennenlernte, mußte ich entschieden wohlwollen. In Napoleon sah ich zwar mit allem Hasse den Unterdrücker der französischen Freiheit und den Feind der deutschen Bildung, allein ich gewann es doch über mich, ihn auch in seinen großen Eigenschaften zu würdigen, und wenn ich zu wiederholten Malen im Lustgarten ungesucht ihn selbst inmitten seiner Generale vor den Truppen sah und das ganze Schauspiel mit Muße betrachtete und auf[202]  mich wirken ließ, so konnte ich wohl begreifen, daß die Seinigen auf den stets erneuten Ruhm- und Siegeszügen ihm mit Begeisterung folgen mochten.
Bisher hatte das schönste klare und milde Wetter angedauert, die strenge Jahreszeit gleichsam verleugnet und alles Dasein erleichtert. Nun aber trat plötzlich ein düstres, naßkaltes Winterwetter ein, und alles veränderte den Anblick. Die französischen Truppen waren größtenteils nach Polen und Preußen vorgerückt, Napoleon brach mit dem Rest nun selbst dahin auf, und die Stadt, merklich verödet, versank unter Lasten und Ungemach, die täglich drückender wurden, zu sichtbarer Not und Auflösung. Ein Frieden, zu dessen Abschlusse der General von Zastrow abseiten des Königs zu Napoleon abgesandt worden war, kam nicht zustande, weil die beispiellosen Glückserfolge dem Kaiser alle früher gutgeheißenen Bedingungen jetzt verworfen machten. Es blieb, unter fortwährend niederschlagenden Nachrichten, nur eine traurige Folge von Tagen und die jammervollste Zukunft abzusehen. Mich traf das Unheil, daß ich mit Eintritt des rauhen Wetters auch heftig an der Brust zu leiden begann. Ich nahm meine Zuflucht zum Doktor Erhard, und seine wirksamen Arzeneien begleiteten mich nach Halle, wohin ich denn doch zurückzukehren endlich beschloß, da Berlin weder Reiz mehr für mich hatte noch mein rechter Aufenthalt scheinen wollte; ich fand mich durch die verlängerte Trennung von meinen Büchern, Vorsätzen und Anhaltungen höchst unbehaglich und dabei durch Krankheit und Teurung im Wirtshause noch mehr verstimmt. Von Schleiermacher hatte ich Nachricht, der, wie Steffens und Wolf, mich stark anzog; ich hörte, daß mehrere Studenten, und unter ihnen Harscher, ruhig in Halle fortlebten; von Neumann, der mit Neander nach Göttingen gezogen war und mir schon von dort geschrieben hatte, durft ich hoffen, daß er gern mit mir in Halle wieder zusammentreffen würde; die Reichardtsche Familie dachte ebenfalls an Rückkehr; wir hofften alle auf Herstellung der[203]  Universität, und bis diese erfolgte, schienen Ort und Umstände dort noch immer am meisten den Studienberuf zu begünstigen, sei es, daß man einsamen Fleiß oder lebendige Gemeinschaft wünschte. Zur mehreren Sicherheit nahm ich einen Paß als privatisierender Gelehrter oder Homme de lettres, ein für Franzosen so geläufiger als anständiger Titel, der jeder Schwierigkeit, die man mir hätte machen wollen, hinreichend begegnen konnte.
Meine Krankheit hatte aber sehr zugenommen, und meine Freunde sahen mich oft bedenklich darauf an. Meine Empfindungen waren durchaus traurig und niedergedrückt, zu dem Gefühl des Krankseins kam die Ungeduld über meinen gestörten Studiengang; ich sah nur Verwirrung und Trübsal für meine nächsten Zeiten; mir kam es bisweilen vor, als sei nicht viel verloren, wenn ich es nicht weit mehr triebe. Die Post war mittlerweile schon bestellt, ich nahm von den Freunden traurigen Abschied und sagte unter andern zu Madame Cohen mißmutig so hin: »Wer weiß, ob ich glücklich bis über die Elbe komme!« Sie sah mich eine Weile forschend an und versetzte darauf: »Ihnen darf man schon so etwas sagen, jedem andern würd ich's verschweigen! Mein Knabe Jonny, der über Ihre Wegreise sehr betrübt ist, hat von Ihnen geträumt, er sähe Sie an einem großen Wasser in dringender Gefahr, riefe Ihnen zu, aber vergeblich, es sei keine Hülfe mehr gewesen.« In dem Augenblick erinnerte ich mich einer unwillkürlichen Empfindung auf der Dessauer Elbbrücke bei der Herreise, ob ich wohl wieder glücklich über diese Brücke zurückkommen würde? Und so vieles Zusammentreffen schien denn doch eine Vorbedeutung! Aber ich empfand keine Scheu, sah diese Sache heiter an, reiste getrost ab, kam zur Elbe, wo ich denn freilich jene Brücke nicht wiederfand, sondern nur die halbverbrannten Pfähle als schwarze Stumpfen noch aus dem Wasser ragen sah, und hatte eine wirklich gefahrvolle Überfahrt, indem die Fähre durch die Strömung eine Strecke fortgerissen und nur mit Mühe zum Landungsplatze[204]  zurückgebracht wurde, kam aber doch glücklich auf dem andern Ufer, und zwar krank und leidend, aber gutes Mutes, in Halle an, wo ich mit unaussprechlichem Behagen mich in meiner stillen Wohnung zu der meinem Zustande angemessensten Lebensart eingerichtet fand.



Halle
1807










[205] Der Anblick Halles war freilich ganz verändert. Die Abwesenheit der Studenten machte die Straßen leer und die Häuser öde, alles hatte ein trauerndes Ansehn, nicht einmal durch französische Einquartierung belebt; denn außer den nötigsten Verwaltungsbeamten und wenigen dienstfähigen Kriegsleuten waren hauptsächlich nur Verwundete und Kranke dort geblieben, von welchen man die Genesenden hin und wider schleichen sah.
Herzlich empfingen mich Harscher und Adolph Müller, die den Sturm ruhig überstanden und dem französischen Bannspruche nicht gehorcht hatten, ebenso mit Traulichkeit Schleiermacher und Steffens, sehr freundschaftlich und heiter Wolf.
Für die Universität waren alle Aussichten noch verschlossen, die Studenten unwiderruflich ausgetrieben, die Professoren ohne Wirksamkeit und Besoldung. Die Bürger hatten zu der überstandenen Plünderung auch noch die vorauszusehende Nahrungslosigkeit und mit den zurückgelassenen Schulden der akademischen Jugend zugleich die Lasten des fortwährenden Krieges, die Unterhaltung eines französischen Lazaretts und manches andre zu tragen, und diese Umstände mußten dem begonnenen Winter einen düstern Verlauf allgemein trostloser Lebenstage verheißen. Aber es kam[205]  grade das Gegenteil. Zwar entbehrte man in allen Ständen viel des gewohnten Behagens, und selbst was in andern Zeiten als Anständiges oder gar als Notdürftiges gelten wollte, wurde knapp oder ging völlig ein, aber da man sich des Mangels nicht schämte und die Zeitläufte grade nur stärker zur Mitteilung und zur Gemeinschaft hindrängten, so rückte man gern näher zusammen, richtete sich kleiner und sparsamer ein, sah einander darum anspruchsloser und öfter, und da der Krieg durch seine Fortdauer die Gemüter in Spannung und den Blick und die Hoffnung in der Ferne wach erhielt, so lebte man getrost so fort und war bald bei dem wenigen so vergnügt und heiter, als man vorher bei dem Reichlichern, unter wechselseitig gesteigerter Anforderung, kaum gewesen war.
Die Professoren vermochten zum Teil aus gutem Ertrage früherer Zeiten einiges zuzusetzen, andern half irgendein Nebenwerk aus, hauptsächlich Schriftstellerei, wozu die Muße, bei dem Stillstehen der Vorlesungen, um so größer und die Gelegenheit in dem lese- und studienbedürftigen Deutschland, auch neben dem verheerenden Kriege und fast mitten in ihm, noch genugsam dargeboten war. Wolf, Reil, Niemeyer, Kurt Sprengel und andre solche Altsässige gehörten zu der erstern Klasse; Schleiermacher und Immanuel Bekker zu den letztern; jener hatte gleich nach der ersten Verwirrung sich schnell gefaßt und mit verdoppeltem Eifer seine platonischen und theologischen Arbeiten wiederaufgenommen; diesem hatte Wolf die »Jenaische Literaturzeitung« eröffnet, wo die gelehrten, geistreichen und mitunter grimmigscharfen Kritiken, mit dem Zeichen Δαιμ. oder Δμ. versehen, als notgedrungene Erwerbsarbeiten doch zugleich dämonische Boten der in der Folge so vielfach bewährten philologischen Tüchtigkeit ihres Verfassers sein durften. Ganz ohne Aushülfe und durchaus übel daran war nur der arme Steffens, zum Schreiben damals noch ohne Übung und Selbstvertrauen, für keine neue Tätigkeit geschickt, vom Tage den Tag fordernd, statt eines Rückhaltes[206]  vielmehr von Schulden gedrückt. Er sah sich späterhin genötigt, um nur Boden zu haben, mit Frau und Kind den Einladungen seiner nördlichen Freunde zu folgen, die ihm teils in Kopenhagen neue Anstellung, teils in Holstein und Hamburg gastliche Zuflucht boten, wie er denn am letzten Orte im reichen und edlen Hause Sieveking eine geraume Zeit sorgenlos hinbringen mochte. Sein Weggehen war uns allen ein tiefer Schmerz; die notwendigen Bestandteile unsres Zusammenlebens schienen unvollständig geworden, in allen gewohnten Kreisen wurde ein geistiger Zusatz vermißt, in manchen die ganze Würze; selbst bei Schleiermacher entbehrte man den wohltätigen Einfluß der frischen Naturfülle auf diese sanften, weiten, aber zuweilen auch ins Kleine zusammengeengten und schwachhaltigen ethischen Gebilde. Die Reichardtsche Häuslichkeit, in bedrängten Umständen nach Halle zurückversetzt, entblößt von dem weltmännischen Treiben und Anstand ihres Hauptes und von der geistreichen Lebendigkeit des Schwiegersohns, erwies sich als dürftiges schmackloses Überbleibsel eines bessern Zustandes, der dadurch nicht zurückkehrte, daß ein ärmlicher Schein geretteter Vornehmheit ohne die nötigen Mittel angestrebt wurde; das unter vielen wesentlichen Entbehrungen vor allen Dingen wieder angeschaffte Fuhrwerk machte in seiner traurigen Gestalt den Witz rege, der Wagen müsse wohl nur ein Fiaker so wie die Pferde Ackervieh sein!

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Einen Patrioten eigner Art lernte ich in dem Kanonikus August Lafontaine kennen, an den ich einen Brief seines Freundes, des Buchhändlers Sander, abzugeben hatte. Dieser einstmalige Liebling der deutschen Frauen und Mädchen hatte im behaglichen Genusse des Ertrages seiner Feder und der Pfründe, die ihm der König und die Königin von Preußen als dankbare Leser seiner beliebten Romane zugewendet, sich zu faßartiger Beleibtheit aufgemästet und war dabei als Schriftsteller so rüstig und rasch geblieben, daß er, wie er mir selbst erzählte, seiner Geschwindigkeit[207]  dadurch Hemmketten anlegte, daß er sich nur an zweien Tagen der Woche zu schreiben erlaubte, weil er sonst übermäßig viel schreiben würde und den Wert seiner Hervorbringungen durch Überfülle herabzudrücken fürchtete. Er hatte eine häßliche Frau, aber eine artige junge Nichte bei sich, die er sehr eingezogen hielt; er glaubte ihre Unschuld nicht zart genug bewahren zu können und erlaubte ihr kaum, unter Leute zu gehen, nur zu Reichardts allenfalls, wo die strenge Haltung seine Anforderungen befriedigte und seine Vorurteile sicher machte; das gute Mädchen hatte nicht einmal den Genuß, an dem reichlichen Hausbrunnen den jugendlichen Durst zu stillen, denn sie durfte keine Zeile von des Oheims Romanen lesen, die er wie das ärgste Gift ihr vorenthielt, mit dem er doch alle fremden Haushaltungen zu überschwemmen kein Bedenken trug – wenig schmeichelhaft in der Tat für das Publikum, das er ohne Umstände mit einer Labung abfand, deren geistige und moralische Verdaulichkeit er bei den Seinigen mehr als zweifelhaft verneinte! Er hatte in seinem artigen Landhaus und Garten, an der Saale, dicht vor dem Tore, durch die Plünderung hart gelitten, brauchte aber nur einen dritten Tag mehr in der Woche sich zum Schreiben zu gestatten, um hoffen zu dürfen, daß aller Verlust bald wieder eingebracht sein werde. Die vielen weichlichen Empfindungen und edlen Verhältnisse, welche er in seinen Romanen durcharbeitet und ausgelegt, waren bei ihm selbst, vielleicht eben wegen des steten Aufwandes und Verbrauchs, jetzt in geringem Vorrate zu spüren; er nahm alles ziemlich hart und plump und wollte die Zärtlichkeit für seinen Freund Sander, dessen traurige Gemütskrankheit ich ihm schilderte, nicht sonderlich aufkommen lassen. Als preußischer Patriot dagegen zeigte er seine Eigenheit in dem Bekenntnisse, daß er sich auch unwahre Siegesnachrichten mit Vergnügen erzählen lasse und bei dem bestimmten Vorauswissen, man lüge ihm was vor, seine Begierde, weiterzuhören, doch nicht geschwächt werde![208] 
Durch den Fortgebrauch der Arzneien Erhards war meine Gesundheit allmählich gestärkt worden, ich griff das Leben und die Studien wieder mit heitern Kräften an. Mit stärkstem Willen warf ich mich auf die Arzneiwissenschaft und quälte mich mit dem Gründlichsten, mit der nie genug zu wiederholenden Betrachtung der Knochen, rechtschaffen ab; auch las ich medizinische Bücher mit fleißigem Bedacht. Aber wie streng ich auch wollte, die Sache ging schlecht vonstatten, sie fand in der Unmittelbarkeit der Gegenwart keinen fortwirkenden Antrieb, keine Genossenschaft und kaum die nötige Gelegenheit, denn auch der Bedarf an Büchern und andern Hülfsmitteln war nicht immer leicht herbeigeschafft. Die Studien allgemeiner Bildung dabei zu verabsäumen, hätte mir überdies ein Hochverrat geschienen, ich pflegte ihrer also nebenher, und schnell waren und blieben sie im Vorteil. Ich arbeitete mit größtem Fleiße den Homer durch, besonders zu wiederholten Malen die Ilias, wobei ich wiederum Wolfs Hefte und den Eustathios zu Hülfe nahm, suchte in den Platon einzudringen, in den griechischen teils, teils in den durch Schleiermacher verdeutschten, las mit Neumann zusammen, und deshalb mit erhöhtem Vergnügen, den Xenophon und war auch mit andern griechischen und lateinischen Autoren noch mannigfach beschäftigt. Das Anregendste und Ergiebigste aber waren unsre gemeinschaftlichen Unterhaltungen, wo Harscher, unter stets erneutem Zweifel und Gegenstreit, mit eigentümlicher und unerschöpflicher Dialektik uns alle Heer- und Schleichwege der philosophischen Forschung durchmachen ließ und wir die Lehren von Schleiermacher und Steffens, daneben Platons und Plotins aus entsprechendem Standpunkte, dann Schellings und Fichtes, im Hintergrunde ferner Kants, Leibnizens und Spinozas, in vielfachster Wendung betrachteten und handhabten, zu unsäglicher Geistesübung, wenn auch nicht zu sonstigem Stoffertrag.


Eine stets erneute Stärkung und Nahrung für diese Gespräche waren die Abende bei Schleiermacher, die regelmäßig[209]  freitags wieder gehalten wurden und für die sich hoher Ernst und freie Laune wie Offenheit und feine Rücksicht zum schönsten Gleichmaße verbunden hatten. Schleiermacher war an solchen Abenden meist sehr liebenswürdig, seine Schärfe galt damals mehr den Gegenständen als den Personen, den Anwesenden nie; er sprach sinnig und angenehm über wissenschaftliche Dinge, besonders über die schwierigsten und anziehendsten ethischen Fragen, welche Harscher mit unermüdetem und gewandtem Eifer zur Sprache brachte; dabei wurden auch die politischen Nachrichten, zwar mit stärksten Wünschen und Hoffnungen für Preußen, doch im ganzen, besonders von Schleiermacher selbst, mit Umsicht und Billigkeit, ihrem Interesse gemäß aufgenommen und beurteilt.
Wir Jüngern saßen oft schon nachmittags in ernsten und lebhaften wissenschaftlichen Gesprächen zusammen, bis die Stunde heranrückte und wir zu Schleiermacher gingen, wo wir das heftig Durchgestrittene nun vor der leitenden Einsicht gleichsam in höherer Klasse nochmals ruhiger und feiner besprachen und schneller und entscheidender zu einem Ziele kamen; ja es geschah mitunter, daß wir am späten Schlusse des Schleiermacherschen Abends des Erörterns und Verhandelns noch nicht genug hatten, sondern, dort weggegangen, wieder bei mir einkehrten und noch bis in tiefe Nacht unsre arbeitende Geselligkeit fortsetzten, welche selten durch irgendeine Bewirtung, und niemals durch andre als die mäßigste, getragen wurde. Einmal blieben Harscher, Neumann und ich auf diese Weise nach dem Schleiermacherschen Abend auf meinem Zimmer die ganze Winternacht hindurch beisammen, und das Geräusch des wiederaufstehenden bürgerlichen Verkehrs und das graue Licht des späten Morgens fiel in unsre noch lebhaften Gespräche; ein heißer Kaffee nahm uns die Schauer der Überwachung leicht hinweg, erfrischt und gestärkt mochten wir jetzt nicht schlafen gehen, der Tag leuchtete heller auf den gefrornen Schnee, und so waren wir kurz entschlossen[210]  und schritten frohen Mutes nach dem drei Meilen entlegnen Petersberge zu, bestiegen die Ruine, hielten in einer Bauernschenke mit Eiern unsre Mittagsmahlzeit und kehrten dann durch die anfangs noch sonnenglänzenden, später nur schnee- und sternenhellen, schweigenden Frostgebilde nach Halle zurück, mehr noch erregt als ermüdet durch die äußere und innere Bewegung, aber denn doch endlich des Schlafes bedürftig, den wir uns reichlich verdient hatten.
Wolf war uns in dieser Zeit weniger zugänglich, ausgenommen Bekkern, der seine Neigung wie sein Heil ganz auf ihn gestellt hatte und ihn fast jeden Tag sah. Wahrhaft vornehm in Studien und Leben, hielt Wolf sich mit Ernst und Witz den Zeitumständen stets überlegen.
Zwischen unsren geistigen Arbeiten und geselligen Scherzen drängte sich aber noch eine besondre Tätigkeit hervor, welche beide Elemente in ein gemeinsames Erzeugnis gestaltend vereinigte. Unsre Studien, Gespräche und Erholungen, wie reichhaltig und lebhaft sie auch sein mochten, blieben doch, ohne den Zuschuß der Vorlesungen, gleichsam verwaist, konnten kaum unsre Zeit ganz erfüllen, aber bei weitem nicht unsre Triebe und Kräfte, welche viel größere Ansprüche machten, als wir selbst befriedigen konnten. Daß wir in diesem Zustande die Dichter zu lesen nicht vergaßen, versteht sich von selbst, wir lebten ebensosehr mit den Gestalten ihrer Welt als mit denen der wirklichen. Da regte sich der Eifer eignen Hervorbringens, und durch Jean Paul Richters »Flegeljahre«, die uns wie alle Schriften dieses Autors sehr anzogen, gerieten Neumann und ich auf den Einfall, gemeinschaftlich einen Roman zu schreiben. Kein Plan wurde verabredet als der, die neueste Zeit und deutsche Verhältnisse zu behandeln, die äußere Gleichmäßigkeit zu beachten und mögliche Einheit zu suchen, im übrigen aber nach Kräften einander entgegenzuarbeiten. Ich schrieb flugs das erste Kapitel, Neumann ebenso rasch das zweite, so ging es mit dem dritten und den folgenden weiter, und wir hielten uns mit widerstreitenden Richtungen, mit störenden[211]  Wendungen und absichtlich bereiteten Schwierigkeiten so treulich Wort, daß eine Reihe von mehr als zehn Kapiteln sich in größter Spannung und ganz besonderem, dieser Entstehungsart zu verdankendem Reize darstellte, wir uns aber auch so verfahren hatten, daß wir kaum noch hofften, ohne Gefährde des auch äußerlichsten Zusammenhangs weiterzukommen. Nun griff von Nennhausen her noch Fouqué, dem ich davon geschrieben hatte, als dritter Teilnehmer bereitwillig ein und löste durch ein hübsches Kapitel den Knoten, den er sofort aber wieder schürzte. Das auf diese Weise vermehrte Manuskript gab auch uns neuen Sporn, und so rückte der Roman, bei nicht grade regelmäßigem Wechsel der Ausarbeitung, endlich bis zu einem vollständigen ersten Bande vor, unter tausend geselligen Erheiterungen, die durch wiederholtes Vorlesen und Besprechen des Fertigen, durch eifriges Ersinnen des Künftigen, durch zahllose Anspielungen, Ironien, kleine Ränke und Frevel der Abfassung sowie durch hunderterlei Beziehungen des Tages, die sich an solche Tätigkeit anknüpften, für uns und unsern engern Kreis eine unerschöpfliche Quelle des Vergnügens wurden. Außerdem, daß wir uns selbst und andre lebende Personen, mehr oder minder deutlich und nicht grade geschmeichelt, darin abgebildet hatten, war dem Buche, hauptsächlich durch Neumanns Einfall und Talent, noch ein besondrer Gewinn der wirksamsten Figuren geworden. Gleich im zweiten Kapitel parodierte er vortrefflich des Geschichtschreibers Johann von Müller schwungvollen und knappen Stil, dann kam Jean Paul Richter in komischem Abbild, ich brachte ein solches von Johann Heinrich Voß in schwerfälligsten Hexametern aus, endlich ließen wir gar, die Wanderjahre Wilhelm Meisters vorwegnehmend, diesen Helden mit dem Markese umherreisen und gar üble Begegnisse erleben; später zogen wir die Vorfälle des letzten Krieges herbei, wo denn einige Deutschheit und einiges Preußentum mit einfloß; und wenigstens an gedrängter Fülle des mannigfachsten Inhalts und Interesses hat es diesem Buche[212]  nicht gefehlt. Ich fürchte nicht, daß Freundschaft oder Eigenliebe mein Urteil hier bestechen, wenn ich sage, daß einige Partien des Buches, namentlich aber das Bruchstück aus Hans Striezelmeiers eigner Lebensbeschreibung in Johann von Müllers Manier und der Steckbrief Jean Paul Richters auf sich selbst, beides von Neumann, zu den köstlichsten Scherzen unsrer Literatur gehören und durchaus wert sind, erhalten zu werden.

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Um hier gleich alles abzuschließen, was diesen Roman betrifft, so führ ich noch an, daß wir uns mit dem Manuskript noch lange herumtrugen, in Berlin manchen Kreis damit ergötzten, sogar Schleiermachern zum Bewunderer hatten, in Nennhausen bei Fouqué, in Friedersdorf bei Marwitz die größte Ehre einlegten und endlich das Ganze, wozu noch Fouqué ein paar Kapitel, Bernhardi eine Episode von Anekdoten beigetragen hatte, Harscher aber ein Kapitel über Musik, welches besonders gegen Reichardt gerichtet werden sollte, schuldig blieb und ein Beitrag von Chamisso zu spät kam, unserm Freunde Reimer unter dem Titel »Die Versuche und Hindernisse Karls« in Verlag gaben. Der Druck wurde erst gegen Ende des Jahres 1808 fertig, da im südlichen Deutschland schon ein neuer Krieg Österreichs gegen Frankreich bevorstand und im nördlichen allerlei Unruhen drohten; Reimer wagte nicht, seinen Namen als Verleger auf den Titel zu setzen noch das Buch gehörig anzeigen zu lassen, und so gewann dieses nicht den Schwung und machte nicht das Glück, wozu sonst, nach dem Inhalt und den Beziehungen, alle Hoffnung begründet gewesen wäre. Doch ging die Erscheinung nicht ohne einiges Aufsehen ab und wurde in manchen Kreisen lebhaft besprochen. August Wilhelm von Schlegel, dem ich das Buch nach Genf, wo er bei Frau von Staël lebte, zugeschickt hatte, glaubte mich den alleinigen Verfasser, und der berühmte Kritiker, der früher schon einmal die Prosa der Frau von Wolzogen für die von Goethe gehalten hatte, merkte nichts von der Verschiedenheit der Zeugstücke, die hier, und zum[213]  Teil doch mit ziemlich groben Nähten, zusammengefügt waren!
Zwölf Jahre später, als mit den echten Wanderjahren Wilhelm Meisters zugleich die falschen erschienen waren, kam auch unser Doppelroman wieder zur Sprache. Unser Einfall, Wilhelm Meistern persönlich und gegen Goethe tadelnd auftreten zu lassen, war offenbar die Wurzel jenes berüchtigten Buches, und ich erlebte für meinen Anteil an der Ungebühr die gerechte Strafe, an vielen Orten, und auch in Weimar selbst, eine Zeitlang für den Verfasser der falschen Wanderjahre gehalten zu werden. Er hat nur seinen frühern Einfall weiter ausgeführt, dachte man und ließ meine sonstige Denkart, Richtung und, ich darf sagen, Fähigkeit, die alle dem schlechten, heuchlerisch-albernen Buche widerstritten, ganz außer Rechnung. In Hamburg war das Gerücht so allgemein verbreitet und so bestimmt geglaubt, daß ich mich zu einer öffentlichen Berichtigung gedrungen sah.
An einen zweiten Teil des Doppelromans war wohl gedacht worden; einiges lag sogar angefangen und mehreres war vorbereitet; allein Reisen und andrer Wechsel des Lebens hielten uns zuerst viele Jahre getrennt, und als Neumann und ich uns vom Jahre 1819 an wieder auf längere Zeit in Berlin vereinigt sahen und es uns artig dünkte, diese Jugendlustbarkeit wieder aufzunehmen, wobei Neumann schon vorschlug, nun der Zeit gemäß mit gleicher Keckheit die Schreibart von Jahn, Steffens und Adam Müller zu parodieren und die Ironie dadurch zu vollenden, daß auch Fouqué, der frühere Mitarbeiter, jetzt als tauglicher Stoff zum Inhalte des Romans verwendet würde, unterblieb doch jeder Versuch, da wir bald wahrnehmen konnten, wie uns die Jahre und Verhältnisse zwar nicht die Freude an dem Einfall verkümmerten, aber doch den zur Ausführung erforderlichen nachhaltigen Humor und Eifer sowie selbst die nötige Muße versagen durften.



 Studien und Störungen. Berlin
1807










[214] Das Frühjahr trat mit starken Schritten ein, ohne für Halle günstigeres Geschick noch dem in Preußen fortwütenden Krieg eine erwünschte Wendung zu bringen; wir fühlten alle, daß ein längeres Abwarten der Dinge für uns unstatthaft sei und wir das beginnende Sommerhalbjahr wenigstens so gut als tunlich zu benutzen hätten. Steffens war bereits in Hamburg, Wolf aber und Schleiermacher wandten die Augen nach Berlin, und zu diesem Orte zogen auch unsre Verhältnisse und Studien uns am stärksten hin. Adolph Müller wollte in jedem Falle die medizinischen Anstalten dort benutzen, für mich boten diese reichlich dar, was ich am dringendsten bedurfte, und meinem und Neumanns philologischen und allgemein wissenschaftlichen Treiben war hier, besonders wenn Wolf und Schleiermacher folgten und ihre beabsichtigten Vorlesungen hielten, noch immer mehr bereitet als auf jeder andern uns bekannten Universität. Für uns waren Entschluß und Ausführung am leichtesten, und so fanden wir beide uns die ersten auf dem Wege, bei schönem Wetter um die Mitte des April, aus studentischer Vorliebe und aus Sparsamkeit diesmal zu Fuß, welches beides jedoch nur von Halle bis Dessau und von Potsdam bis Berlin vorhielt, denn zwischen Dessau und Potsdam übernahm uns die traurige Öde und mühsame Beschwerlichkeit der sandigen, damals noch ungebauten Landstraße zu sehr, und wir bestiegen den Postwagen, der schon lange neben uns fuhr und jetzt unsrer Reise zwar wenig Beschleunigung, aber doch einschläferndes Ausruhen gewährte.
Wir sahen in Berlin der Reihe nach unsre Freunde mit herzlichstem Willkommen. Leider entging uns nicht, daß der Druck des Krieges in der ganzen Stadt hart fühlbar war; überall zeigte sich Zerrüttung der Verhältnisse, Verringerung der Hülfsmittel, Einschränkung der Lebensweise,[215]  dazu die unerschwinglichen Lasten der Kriegsabgaben und der Einquartierung und eine große Mutlosigkeit in betreff der Zukunft. Ein knappes und spärliches Wesen, das von jeher an dem Berliner Leben im Gegensatz üppigerer Hauptstädte bemerklich wurde, zog sich noch mehr ins Enge und Bange und stach nur um so widriger gegen das Wohlleben ab, welches die fremden Sieger auf Kosten des bezwungenen Landes führten. Auch für uns selbst wurde dieser Zustand unmittelbar empfindlich, denn so manche Hülfsquellen, auf die wir hoffen durften, blieben aus, besonders in Neumanns Verhältnissen trat völlige Ebbe ein, und wir waren beide geraume Zeit auf die Mittel beschränkt, welche mir von Hamburg zukamen und bei denen für zwei doch manches Behelfen nötig wurde; wir wohnten und lebten indes gemeinschaftlich, so gut es ging.
Mein Studieren war bald angeordnet. Ich warf mich bei den Unsicherheiten, die ich in unsrer deutschen Welt herrschen sah, nur um so ernstlicher auf die Medizin, als worin mir Stand und Waffe zum bedenklichen Kampfe des bürgerlichen Lebens vor allem gewonnen sein mußte, um demnächst womöglich auch andre Zwecke und Aussichten verfolgen zu können. Manche Zwischenstufe, zu welcher ich später zurückzukehren dachte, für jetzt überspringend, und im Grunde wirklich genugsam vorbereitet, eilte ich sogleich in die Mitte der ausübenden Heilkunde und machte den klinischen Lehrgang in dem Charité-Krankenhause mit, welchen der Professor Horn leitete; außerdem hörte ich bei Willdenow Botanik und Arzneimittellehre und, damit ich mir an Gründlichkeit nichts erließe, nochmals, ich glaube, zum siebenten oder achten Male, bei Kampe die Osteologie. In bestimmten Stunden trieb ich mit Theremin das Spanische, mit Eberty Englisch und Italienisch mit andern Freunden, und kein Tag verging, da ich nicht im Homer und in der »Griechischen Anthologie« gelesen und aus der letztern ein paar Stücke metrisch übersetzt hätte, welches letztere mir gewöhnlich schon zuerst am Morgen, beim Ankleiden[216]  und Frühstücken, ohne Anstrengung gelang. Neumann unterdessen, für welchen es keine Vorlesungen gab, wandte sich mit angestrengtem Fleiß auf die Übersetzung der »Florentinischen Geschichte« des Machiavelli, wovon er sich gute Frucht versprach, besonders wenn Johann von Müller bewogen werden könnte, wie wir hofften, durch eine Vorrede und Anmerkungen das Buch empfehlend auszustatten.
Dieser Grund wirkte stark mit, daß ich mich beeilte, um auch die persönliche Bekanntschaft des großen Geschichtsschreibers, dem wenigstens damals die herrschende Meinung keinen Lebenden an die Seite stellte, mir nicht länger entgehen zu lassen. Die Verstimmung, welche sich mit seinem Namen verbunden hatte, war mir einigermaßen geschwunden, indem die Ersten und Besten der Nation, von denen ich nur Goethe, Wolf und Schleiermacher hier nennen will, fortwährend sein Verdienst hervorhoben und seine Schwäche entschuldigten. Ich beschloß, ihn zu besuchen, und zwar gradezu, ohne Empfehlung oder Anfrage, wie mir das schon immer am besten eingeschlagen war. Der Empfang konnte in der Tat nicht freundlicher sein, und wunderbarerweise fand ich mich, ohne es zu wissen, schon durch meinen eignen Namen empfohlen. Ich versäumte nicht, Müllern auch alsbald das Anliegen Neumanns zu eröffnen, und fand ihn bereitwillig genug, das Unternehmen zu fördern. Mit Innigkeit und Ehrerbietung sprach er von Alexander von der Marwitz, den er selbst früher an Wolf nach Halle empfohlen hatte. Eifrig und dringend begehrte er von meinen Studien und Absichten das Nähere zu wissen, bot mir alle seine Bücher an, und als ich ein Wort von der »Griechischen Anthologie« hatte fallenlassen, freute er sich über die Maßen, holte gleich Bruncks »Analekten« herbei, schlug mehreres auf, fragte mit Hast und Unruhe, wie ich denn die vielen schönen Sachen auf die Knabenliebe in meinen Übersetzungen zu behandeln dächte, und als ich erwiderte, ich gäbe sie unbefangen so wieder, wie sie dastünden, lobte[217]  er diese Vorurteilslosigkeit übermäßig und hielt der ganzen Sache, in betreff ihrer Wirkungen auf die Freundschaft und Bildung der Jünglinge, eine überschwengliche Lobrede, die mich in ernstes Erstaunen setzte. Über seinen eignen, von manchen gutwilligen Seelen, die wohl gar auf ihre Bescheidengläubigkeit noch recht stolz sind, hart abgeleugneten Hang ließ er nicht die geringste Ungewißheit, so wenig wie über die schmutzige Richtung desselben noch ein Zweifel bleiben konnte, als er eines der ärgsten Epigramme, ein Rätsel von Straton, mit fröhlichem Wohlbehagen laut zu lesen sich erlaubte. Auch seine Freundschaftsbezeigungen, sein Händedrücken, Umarmen, seine Schmeichelworte und Blicke hatten etwas Ängstliches, bis etwa ein schroffer Ernst alles dies zurück scheuchte und unterdrückte, und dann ein verständiger Sinn, ein heitres Wohlwollen und ein unendliches Wissen in freiem ungetrübtem Gespräche sich würdig darlegen mochten und in dem Zuhörer die größte Befriedigung, nicht selten sogar Begeisterung, erweckten. Sein ganzes Äußere, die geschwächten entzündeten Augen, die bläßliche feine Haut, die fast kindischen Züge des Mundes, die unangenehme schweizerische, mit französischen Einschiebseln durchbrochene Sprache, die Unruhe der Glieder des nicht großen und ziemlich dicken Körpers, alles dieses war dann leicht zu vergessen, weil sein Innres von einem wahren Feuer des Wissens und der Gesinnung doch wirklich erglüht war und die Funken davon mit kräftiger Wirkung ausströmte. Meine Verehrung für diese Geisteswürde ließ mich über die bemitleidenswerten Unwürdigkeiten, die sich derselben angenistet, wie über Ungeziefer hinwegsehen.
Johann von Müller zeigte bei solchen Gelegenheiten eine stets belebte und stets sachenreiche Mitteilung. Ich stritt öfters mit ihm über die Angelegenheiten des Tages, und er suchte dann stets einer mildern Beurteilung der französischen Sachen Eingang zu verschaffen, für Napoleon aber sprach er unbedingte Bewunderung aus. Der Anlaß brachte ihn einesmals dazu, daß er seine bei dem Kaiser gehabte[218]  Audienz ausführlich erzählte, ungefähr mit denselben Umständen, welche auch in den verschiedenen späterhin im Druck erschienenen Briefen angegeben sind. Eines Zuges jedoch erinnere ich mich, dessen ich nirgends erwähnt finde, und den ich als einen höchst bezeichnungsvollen hier aufbewahren will. Unter den Gegenständen des Gesprächs, erzählte Müller, kam auch Cäsar vor, in dessen Lob Napoleon eifrig einstimmte; Müller bemerkte dem Kaiser, es sei zweifelhaft, welchen Gebrauch Cäsar, wenn er nicht durch Meuchelmord übereilt worden wäre, von seiner errungenen Obergewalt zunächst würde gemacht haben, einige Andeutungen gingen darauf, daß er das Innere der Republik neu geordnet haben würde, andre hingegen, daß er die Parthen zu bekriegen im Sinne gehabt; bis dahin habe der Kaiser ruhig zugehört, dann aber sogleich rasch ausgerufen: »Il aurait fait la guerre aux Parthes!« und diese Worte mehrmals heftig wiederholt. Müller durfte uns diesen Zug, der allerdings die Stimmung und den Geist Napoleons sehr bedenklich zu erkennen gab, mündlich wohl anvertrauen, doch liegen auch die Gründe nahe genug, welche ihn abhalten konnten, dergleichen während des höchsten Schwebens jener Machtverhältnisse schriftlich in die Ferne mitzuteilen.
Bald kam auch Schleiermacher mit seiner Schwester und kurz darauf Wolf an, so daß der hallische Kreis in Berlin sich gleichsam neu anbaute. Nur Harscher und Bekker fehlten mir noch, aber auch sie wollten kommen, und aus Frankreich erwartete ich Chamisson. Die fortdauernden Kriegsunfälle und die steigende Verarmung störten den Drang und Sinn steigender Tätigkeit nicht, sie belebten ihn vielmehr. Wolf bereitete seine Zeitschrift der Altertumswissenschaft in heitrer, mitteilungsfroher Geschäftigkeit vor; Schleiermacher las einer ansehnlichen Zuhörerschaft von Jünglingen und Männern die Geschichte der griechischen Philosophie, ein geistreiches Kollegium, noch besonders merkwürdig durch den freien rednerischen Vortrag, der ohne Stocken in schönem Ebenmaße gebildeter Sprache klar[219]  dahinfloß, ohne daß der Sprechende ein leitendes Heft oder auch nur, bei so vielen wörtlichen Zitaten griechischer Stellen, ein aushelfendes Blatt zur Hand gehabt hätte. Auch versäumte er nicht die Gelegenheit zu predigen, die sich bald in dieser Kirche, bald in jener darbot, und wozu wir uns gewissenhaft immer einfanden, wiewohl uns die frühere hallische Innigkeit und Klarheit in dem Redner oftmals zu mangeln schien. Ebensowenig versäumte ich die Predigten, welche Theremin damals zuweilen französisch hielt; von frommen Anregungen war hier wenig, desto mehr aber von rednerischer Wirkung, die er recht eigentlich studiert und für die er sogar manches von Talmas Gebärden und Intonationen sich angeeignet hatte.
Die nächsten Pfingstferien benutzte ich zu einem Besuch bei Fouqué in Nennhausen, einem bei Rathenow im Havellande gelegenen Gute seines Schwiegervaters, des Herrn von Briest, wohin ich schon längst eingeladen war und sehnlich verlangt hatte. In Gesellschaft Bernhardis, der trotz seiner außerordentlichen Dickleibigkeit sehr gut zu Fuße war, machte ich mich frühmorgens auf den Weg, und mit Hülfe einer für die letzten Meilen genommenen Postfuhre kamen wir noch bei guter Zeit daselbst an. Schon unterwegs hatte Bernhardi, der mehrmals dort gewesen und dem ganzen Hause vertraut war, mich mit den Personen und Verhältnissen vorläufig bekannt gemacht, und so dankenswert dies im Augenblicke selbst mir gelten mußte, so war es im Grunde doch eher das Gegenteil, denn mein Gefährte konnte sich in seiner satirischen Laune eines Zuges von Gemeinheit nicht wohl erwehren und pflegte neben weichlicher Empfindsamkeit seine Wahrnehmungen gern in das Grobsinnliche zu treiben, wobei nicht selten nur das Widrige und Schlechte übrigblieb. So war denn auch in betreff Nennhausens, noch ehe ich es betrat, meine Unbefangenheit schon gestört und meine Aufmerksamkeit unfreiwillig zu mißliebigen Gegenständen hinabgedrängt. Der Besitzer von Nennhausen war Herr von Briest, ein vortrefflicher, in jedem[220]  Betracht ehrwürdiger Mann, von großer hagerer Gestalt, milder Freundlichkeit und wohltuendem Ernst. Er hatte noch im Siebenjährigen Kriege gedient, dann als Rittmeister seinen Abschied genommen und sich auf sein Land zurückgezogen, wo er in geistiger und wirtschaftlicher Beschäftigung ein edles Leben führte. Ein schöner Park war durch ihn entstanden, ausländische Bäume und Gesträuche hatte er angepflanzt und jeden Fortschritt im Landbau für sich und seine Dorfleute bestens zu benutzen gesucht. Die letztern liebten und ehrten ihn als einen väterlichen Herrn, bei welchem sie in allen Fällen guten Rates und wirksamer Hülfe versichert waren. »Von dem Mann«, sagte mir ein alter Bauer, »hab ich noch mein Lebtag nichts Ungeschicktes gehört.« Der Name von Briest lebte in diesen Gegenden schon von alten Zeiten her in bestem Ruhme; ein Landrat dieses Namens hatte bei des Großen Kurfürsten Überfall der Schweden in Rathenow zu dem Siege wesentlich mitgewirkt, wie dessen auch Friedrich der Große in den brandenburgischen Denkwürdigkeiten ehrend erwähnt. Jetzt war derselbe Namen auch mit den Vorzügen deutscher Wissenschaft verknüpft; in Fichtes und Niethammers philosophischer Zeitschrift hatte Hülsen, der eine Zeitlang in Nennhausen bei seinem Freunde gelebt, philosophische Briefe an Briest drucken lassen. Ein Augenblick von Schwäche nur, den er in seinen hohen Jahren für eine sein Hauswesen leitende Verwandte gehabt und in dessen Folge er diese geheiratet hatte, gab zu mancherlei Bemerkungen Anlaß, die besonders das Mißverhältnis betrafen, daß die Tochter des Hauses, Frau von Fouqué, in ihrer ehemaligen Dienerin nun ihre Stiefmutter anerkennen mußte. Ebenso erfuhr ich, daß Fouqué, nachdem er wegen Brustbeschwerden aus dem Kriegsdienste seinen Abschied genommen, sich von einer früheren Gattin mit Aufopferung von Hab und Gut eiligst habe scheiden lassen, um nur so schnell als möglich seine jetzige Frau zu ehelichen, die ihrerseits schon einem Rittmeister von Rochow verheiratet gewesen, aber[221]  auch bereits wieder von ihm geschieden, und sich von dem zärtlichen Spiel des blonden Minnesängers in der Einsamkeit zu Nennhausen hatte rühren lassen. Früher hatte sie in Potsdam gelebt, in dem muntern und leichtsinnigen Kreise der Kameraden ihres Mannes, der späterhin wegen Zerrüttung seiner Umstände, und besonders, wie man sagte, wegen Spielschulden sich eine Kugel durch den Kopf gejagt. Frau von Fouqué, groß und wohlgestaltet, schön von Gesicht, dessen edle Züge nur durch die überaus mächtigen Lippen gestört wurden, ihrer Reize wohlbewußt, wie sich denn ihr wunderschönes Bein mit natürlicher Kunst immerfort und reichlich dem Anschauen darbot, dabei höchst lebhaft und feurig in ihren Regungen und Ansprüchen, wurde als die Herrin des Hauses geschildert, die sich über Vater, Stiefmutter und Gemahl leicht hinwegsetzte, alles auf sich beziehe, für sich alles vorwegnehme, und ihre Person und ihre Zimmer viel höher ausgestattet und geschmückt zeige, als es dem übrigen Hause möglich sei. Der gute Fouqué erschien hierbei als ein argloses Kind, welches in den Spielen der Einbildungskraft sich mit aller Freiheit vergnügen dürfe, auch in Ehre und Ansehen keineswegs verkürzt werden solle, aber in allen Beziehungen der Wirklichkeit nicht mitzusprechen habe. Bernhardi lachte und meinte, ich solle mich nun entscheiden, ob ich es mit der Frau oder mit dem Manne halten wolle, in jedem der beiden Fälle würde ich es gut haben, nur beide vereinigen könne ich nicht, das sei nur ihm selber einigermaßen gelungen, als welcher den Mann aufrichtig liebe und dabei mit kluger Weltkunde sich dem Zutrauen der Frau nicht verschließe, die von ihm glücklicherweise auch weiter nichts verlange. Ich war ohne Bedenken für den guten Fouqué entschieden, der mir in dieser Lage schon gedrückt und bezwackt genug schien, um nicht auch noch den Ersatz, den die Freundschaft leisten kann, ihm verkümmern zu wollen. Das Vorurteil, mit welchem ich diesen Erörterungen zufolge den neuen Kreis betrat, war tüchtig eingerammt und hielt auch wirklich fest,[222]  ungeachtet es im ersten Augenblick eine starke Prüfung zu bestehen hatte. Denn als ich mit Bernhardi, der uns gar nicht erst ankündigen ließ, die Gesellschaft in ihrem gewöhnlichen Beisammensein am Abend bei schon angezündeten Lichtern überrascht und nach den ersten Begrüßungen Platz und Umsicht genommen hatte, so konnte ich mich eines ungünstigen Eindrucks, den mir Fouqués kleine gedrückte Gestalt und piepende Stimme machte, so wenig wie des höchst günstigen erwehren, den ich von Frau von Fouqué empfing, deren Blicke und Reden bei jener ersten Bekanntschaft eine angeregte Teilnahme bezeigten und mir wider Willen eine gleiche abnötigten. Wer weiß auch, welches Geschick hier die Vorsätze im Spiele der Neigungen und der Umgangskünste gehabt hätten, wenn nicht Bernhardi, der mit mir in demselben Zimmer schlief, noch vor Schlafengehen unerbittlich den Mephistopheles gemacht und mir diese Baronin, wie Jarno dem Laërtes jene im »Wilhelm Meister«, durch die schlimmsten Bilder und Gleichnisse verleidet, in den folgenden Tagen aber sie selbst nicht so manches Abstoßende gezeigt hätte, besonders eine Art von berechnetem Eigennutz, der mir eine Frau häßlicher macht als körperlicher Schmutz, und daneben eine Plumpheit adeligen Stolzes, wogegen Fouqués Rittertum als ein artiges Spiel erschien. Sie merkte sehr bald, daß wir nichts zusammen gemein haben würden, und da ihr doch nicht entgangen sein konnte, daß der Stoff dazu in mir nicht völlig gemangelt habe, so stellte sich die Verneinung nur um so feindlicher zwischen uns, und in den ersten Tagen war eine Scheidewand gezogen, die auch in der Folge nie ganz wegfallen konnte. Wir nahmen voneinander nur im Dichterischen und Schriftstellerischen die nötige Kunde. Das Vorlesen der mitgebrachten Kapitel des Doppelromans regte großes Ergötzen und das Versprechen der Mitwirkung auf, persönlich aber blieben wir höflich und kalt oder vielmehr in schroffer Gleichgültigkeit, als lägen unübersteigliche Klüfte zwischen uns.[223] 
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Desto liebevoller und befriedigender stellte sich das Verhältnis mit Fouqué. Wer ihn bloß in späteren Jahren gekannt, wird ihm einen tiefen Grund von Edelsinn und Gutmütigkeit nicht absprechen dürfen, wenn auch diese schönen Eigenschaften und sogar seine dichterische Gabe, jetzt nur von vielem Dünkel und mancher Verbitterung, die ihm das Leben zugeführt, und von unleugbarer Narrheit getrübt, hervorleuchten. In jener Zeit aber waren diese Seiten noch völlig zugeschlossen, und der lebhafte, bescheidene, freisinnige und herzliche, von jedem besten Willen beseelte Mann das Bild der reinsten Liebenswürdigkeit. Er sah auf eine zum Teil schmerzvolle Vergangenheit so ergeben zurück, als hätte er nichts mehr zu hoffen, und hoffte so frisch und fröhlich von jedem neuen Tage das Beste, als hätte er noch gar nichts erlebt. Seine Dichtung stand auf der Höhe des genußreichsten Hervorbringens, mit jedem kleinen Erfolg um so leichter befriedigt, als es eigentlich auf allgemeinen Beifall nicht einmal abgesehen war; die üppigste Fruchtbarkeit und anmutigste Leichtigkeit ließen ihm alles zu Gedichten und Reimen werden, was er nur berührte, und diese Art von Stegreifdichten, die stete Gegenwart und Flüssigkeit dieser poetischen Regung und Äußerung, erhöhte für seine näheren Freunde, die das Hervorbringen mit ansahen, den Reiz und die Wärme seiner Dichtergebilde, welche, für sich allein und von ihrem Entstehen getrennt betrachtet, allerdings etwas zu stark in die grünen Blätter geschossen dünkten. Mich aber bezauberte dieser reiche Wachstum, der sich gleichsam unter meinen Augen entfaltete und mehrte; denn Fouqué hatte nicht nur ganze Schubladen mit schon abgeschlossenen Handschriften gefüllt, sondern in der kurzen Zeit unsrer Anwesenheit sahen wir den Vorrat um große und kleine Stücke bereichert; jeder Tag und jede Stunde, besonders aber regelmäßig der frühere Nachmittag, fand Fouquén zum Schreiben aufgelegt, und dann schrieb er seine Sachen, Lyrisches oder Dramatisches und gleicherweise epische Prosa, fast ohne[224]  auszustreichen, ununterbrochen hin, so schnell die Feder laufen mochte. Viele Stunden wurden mit Vorlesen verbracht, andre mit Erzählungen, ein guter Teil des Tages auch mit Spazierengehen in dem herrlichen Park, welchen der alte Briest mit Einsicht gepflanzt hatte und noch täglich mit Liebe pflegte; ein Wald schloß sich an, ein dunkelblauer See breitete sich aus, die geringen Anhöhen waren wohlbenutzt, und so machte Nennhausen ordentlich den Eindruck einer schönen Gegend. Wir machten auch einigen Besuch in der Nachbarschaft, andrer kam, andrer fand sich ein. Die Abende verbrachte man gesellig bei Tee und Abendessen, zwischen welche für den alten Briest wohl eine Schachpartie sich eindrängte; zuweilen auch ergötzte man sich mit Pistolenschießen oder Kegeln, letzteres vorzüglich einem alten verkrüppelten Offizier aus dem Siebenjährigen Kriege, Herrn von Laßberg, zuliebe, der bei seinem Freunde Briest für den Rest seiner Lebenstage großmütige Aufnahme gefunden hatte und bei jenem Spiel besonderes Vergnügen und seinen kleinen Vorteil fand.
Das Unglück Preußens und die geringen Hoffnungen, die man von dem damals noch fortdauernden Kriege haben konnte, wurden reichlich durchgesprochen, wie im Gegensatz auch die glänzenden Zustände und Erscheinungen des preußischen Militärlebens vor dem ungeheuern Fall. Man faßte den eingetretenen Wechsel nicht, man sah die Folgen riesengroß vor sich und konnte nicht an sie glauben, man wußte in den Weiten der Welt kein Rettungsmittel mehr, denn auch an den Russen verzweifelte man schon und auf die Österreicher wollte man nicht rechnen; aber dennoch meinte man, es könne und müsse alles wieder umgewendet werden, und zwar jetzt und ganz; diese Aufgabe drückte sich der Empfindung mit tausend Stacheln unaufhörlich ein.
Ein andrer Gegenstand, der uns viel und ernsthaft beschäftigte, war Bernhardis Angelegenheit. Der bedeutende Kreis, in welchem er seine schönsten Jahre mitgelebt, hatte sich allmählich aufgelöst, Friedrich Schlegel war nach Paris[225]  gezogen, Wilhelm Schlegel in der Schweiz, Ludwig Tieck in München; aber schlimmer als diese äußere Trennung hatte innerer Zwiespalt hier die scheinbar so tiefen Bande der Vereinigung zerstört. Bernhardi war mit der Schwester Tiecks verheiratet, und wie man sagte, hatte er sich diese Heirat durch Tieck aufschwatzen lassen, der sich der Schwester, nachdem sie ihn mit romantischer Zuneigung und durch unbequemes Anhängen lange gequält, auf diese gute Art zu entledigen gewußt. Sie selbst hatte auch nur mit Widerstreben eingewilligt und lebte nicht glücklich, der wohlbeleibte Gatte war ihr zu materiell, und obwohl er alles tat, ihrem ätherischen Wesen zu huldigen, so hatte er doch wenig Dank davon. Wilhelm Schlegel, der bei Bernhardi wohnte und aß, gefiel ihr besser, und es entstand große Vertraulichkeit, die in diesem Kreise, wo es fast eingeführt war, sich wechselseitig alles zu gönnen und zu gestatten, kaum auffallen konnte, um so weniger, als auch Bernhardi mit Schlegels Frau, der nachherigen Schelling, eine Zeit hindurch in gar gutem Vernehmen gestanden hatte. Wie aber das muntre und geistreiche Zusammenleben nach und nach einging, wuchs das Mißvergnügen und die Unruhe der Madame Bernhardi, sie wurde kränklich und sollte zu ihrer Zerstreuung nach Weimar reisen, wohin sie ihre beiden Knaben mit des Vaters Einwilligung mitnahm, ein livländischer Edelmann von Knorring aber, den sie mit ihren schwachen Reizen wunderbar gefesselt und zu ihrem Retter ersehen hatte, kam ihr heimlich nach und führte sie von Weimar nach Italien fort. Bernhardi erfuhr dies alles durch andre und fand dieses Betragen der Frau ganz unverschämt, den Raub seiner Kinder aber nimmermehr zu dulden. Seine Briefe, durch welche er die Rückgabe der letztern forderte, blieben unbeantwortet, und endlich schrieb Ludwig Tieck ihm kurzweg, seine Schwester habe es mit einem so schändlichen Menschen, wie er sei, nicht mehr aushalten können, habe ganz recht getan, von ihm wegzugehen, und auch die Kinder sollten nie zu ihm zurückkehren. Schlag auf Schlag[226]  sagten auch Friedrich Tieck und Wilhelm Schlegel sich von ihm los, alle Sippschaft und Anhänger derselben feindeten ihn heftig an, und der hart getäuschte Mann stand plötzlich in schrecklicher Öde, von seinen Nächsten verraten und dabei belastet mit dem bittersten Hasse, den er um ihretwillen von allen ihren Widersachern nur allzu eifrig auf sich genommen. Als der Minderbegabte und Schwächere überall im Nachteil und grenzenloser Verleumdung ausgesetzt, sah er durch den vor Gericht anhängig gemachten Streit noch sogar seine bürgerliche Stellung bedroht, indem hier Dinge zur Sprache gebracht wurden, welche dem Schulmann allerdings nicht geziemten und, wenn sie unwiderlegt blieben, leicht zur Entsetzung von seinem Amte führen konnten. In dieser Not aber nahm sich der bedrängte Mann nur um so tapfrer zusammen; er schrieb an Knorring eine Ausforderung auf Pistolen, erklärte ihn für einen ehrlosen Schurken, wenn er sich nicht stellte, ließ auch beide Tieck und Wilhelm Schlegel wissen, was er von ihnen halte, und betrieb seine Sache vor Gericht mit klugem Eifer. Durch offene Darlegung aller Verhältnisse hatte er Fichten von seinem guten Rechte überzeugt, auch Fouqué und Wilhelm von Schütz für sich gewonnen, wie sehr auch beide sonst mit der andern Seite befreundet waren. Jedoch eines tätigeren Beistandes bedürftig, als diese ihm gewähren konnten, hatte Bernhardi auch mir, schon bei meiner vorjährigen Anwesenheit in Berlin, seine ganze Sache vertraut und mich zum Zeugen und Helfer seiner Maßregeln aufgefordert. Ein besserer wäre ihm auch nicht zu finden gewesen, denn ich war, nachdem ich einmal seine Sache für die bessere hielt, ebenso bereit, mit dem Degen als mit der Feder und dem Worte für ihn aufzutreten, obgleich ich sehr gut wußte, welchem großen und vielfachen Hasse ich mich bloßstellte. Ludwig Tieck schien seine ganze Dichterkraft jetzt zum Verderben Bernhardis aufzubieten und nahm sich des Prozesses mit nachdrücklicher Tätigkeit an. Er hatte dem Gericht eine ausführliche Schilderung seines Schwagers eingereicht, von[227]  welcher dieser selbst gestand, sie sei ein Meisterstück von gewandter Darstellung, aber auch von teuflischer Bosheit, indem Sachen früheren Vertrauens, welche Bernhardin mit seinem Vater entzweien und noch sonst die ärgsten Mißdeutungen veranlassen mußten, mit großer Kunst darin verwebt waren, ohne daß sie eigentlich zur Sache gehört hätten. Hiergegen hatte nun auch Bernhardi scharfe Waffen, wie die Gegenseite sie nicht vermutete; die Mägde seiner Frau hatten sich das Vergnügen gemacht, mit Kreidestrichen die Zahl der Küsse anzumerken, welche sie im Nebenzimmer schallen hörten, wenn Madame Bernhardi mit Knorring so lange allein blieben, bis der besorgte Ehemann aus der Apotheke zurückkam, wohin er selber zu eilen pflegte, um die vorgeschriebenen Arzneimittel gegen die Krampfanfälle der Gattin herbeizuholen; der ehrwürdige Fichte bezeugte auf Verlangen gerichtlich, daß er bei Madame Bernhardi, als er unerwartet in deren Schlafzimmer getreten sei, den ältern Schlegel in sonderbarster Verfassung angetroffen habe, und was dergleichen Ärgernisse mehr waren. Wegen einer Liebelei, deren Bernhardi mit einer Verwandten Tiecks beschuldigt wurde, konnte er anführen, daß dieser ja selbst darin vorangegangen war und die lästig gewordene Liebschaft an den bequemen Schwager gleichsam abgesetzt hatte. Überhaupt schrieb nun Bernhardi seine Bekenntnisse und Denkwürdigkeiten, die er als letzte Notwehr wollte drucken lassen. Aber das war eben Gegenstand der Überlegung und Beratschlagung, was im gegebenen Augenblicke zu tun, welche Waffe zu gebrauchen, welche noch zurückzuhalten sei; denn hundert Rücksichten und Umstände bedingten einander, und Bernhardi wollte vor allem die Kinder wiederhaben, sonst aber nur im schlimmsten Falle gegen die andern das Äußerste tun, welches auch für ihn schlimm genug blieb, und nur wenn sein eignes Verderben durch die Gegner entschieden gewollt und unabwendbar herbeigeführt würde, auch seinerseits mit Überwindung eigner Scham jene rücksichtslos vernichten. Wir[228]  lobten Bernhardin sehr wegen seiner Forderung der Gegner zum Zweikampf und bezeugten sie ihm gern, wiewohl wir uns hüten mußten, daß nicht durch Zeugnisse dem Schulmanne ein doppelt schlimmes Spiel vor Gericht bereitet würde, denn die Gegner wünschten grade dies. Wir rieten ihm, seine Denkwürdigkeiten wenigstens vollständig zu schreiben und bereitzuhalten, mit ihnen aber dann erst hervorzubrechen, wenn doch schon alles verloren wäre. In solch tiefe innere Zerrüttung scheinbar schöner und glücklicher Dichterverhältnisse hineinzuschauen war mir nicht wohltätig; eine Menge häßlicher Zustände und widriger Gebrechen enthüllten sich mir, auch auf der Seite des Freundes, der mir dadurch sehr verleidet wurde, obgleich seine nunmehrige Lage meinen ganzen Eifer erweckte und auch die obengenannten Ehrenmänner ganz für ihn Partei nehmen ließ. Daß diese Geschichten mir äußerlich schaden konnten und mir durch den weitverbreiteten Einfluß der Gegner wirklich schadeten, kam in keinen Betracht, daß sie mir aber auch innerlich schädlich wurden, indem sie mir einen traurigen Stoff zur wichtigen Beschäftigung gaben und durch letztere meine Schärfe wie durch erstere doch nur meine Unreinheit vermehrten, dies habe ich späterhin wohl erkennen dürfen.
Kaum waren wir von Nennhausen in Berlin zurück, so ergab sich daselbst für uns die Gelegenheit eines schönen Festes. Wolf konnte nicht in Berlin sein, ohne daß seine ehemaligen Zuhörer aus allen Kreisen der Hauptstadt ihn eifrig begrüßten und die eigentlichen Philologen sich fortwährend um ihn sammelten. Die verschiedenen Generationen seiner Schüler lagen zum Teil weit auseinander, Heindorf und Ideler zum Beispiel standen gegen uns Jüngste selbst wieder als Lehrer da. Unsre gemeinsame Huldigung ihm aber in dieser Mannigfaltigkeit vereinigt darzubringen, verabredeten wir ein Mittagsmahl im Tiergarten; Wolf wurde hingeführt, wie zu einem gelegentlichen Mittagessen von vier oder fünf Personen, und der treffliche Mann war[229]  so überrascht als gerührt, eine so stattliche Versammlung von mehr als dreißig Gästen zu finden, worunter nur zwei oder drei, wie zum Beispiel Buttmann, nicht seine hallischen Schüler waren. Eine geistreiche Munterkeit, fern von jeder Pedanterei, durchströmte die ganze Gesellschaft; Wolfs heitrer Genius beherrschte die Gemüter, man fühlte sich von dem Hauche der gebildeten Vorwelt überall angeweht. Ich aber hatte im stillen noch eine andre Überraschung vorbereitet, zog nun Heindorf und Buttmann ins Vertrauen, und während unter sämtliche Gäste die Abdrücke eines Gedichts ausgeteilt wurden, forderten jene mich auf, dasselbe vorzutragen. Gleich das Motto aus Goethe: »Erst die Gesundheit des Mannes, der, endlich vom Namen Homeros kühn uns befreiend, uns auch ruft in die vollere Bahn«, wurde mit stürmischem Beifall und Klange der Gläser aufgenommen, dann las ich mit tiefer Bewegung und freudiger Kraft in die horchende Stille einen Dithyrambus in Galliamben, wie schon ehemals Voß einen an Wolf gedichtet hatte, wozu ich nun in Deutschland das erste Seitenstück lieferte. Nur ein so schwieriges Metrum, einst von Wolf selber als fast unnachahmbar Vossen zur Aufgabe gestellt, konnte dieser Gelegenheit würdig entsprechen, sein Schritt und Tanz trugen im Schwunge den nicht allzu klaren und festen Inhalt siegreich dahin und erregten die schon günstigen Hörer zu ausbrechendem Jubelruf. Ich war als Verfasser nicht genannt, aber niemand hatte darüber Zweifel, und Wolf richtete an mich, nachdem auf sein Wohlsein nochmals mit Begeisterung getrunken worden, zum Danke zwei Galliamben, die er aus dem Stegreif hersagte, auch hierin also unter seinen Jüngern sich als überragender Meister behauptend, denn Galliamben aus dem Stegreife, wem außer ihm hätte das nur einfallen dürfen! Lange suchte ich in meinen Papieren und in meinem Gedächtnis vergebens diese Verse wieder aufzufinden, erst in später Zeit kamen sie mir durch einen glücklichen Zufall wieder unverhofft vor Augen. Sie lauteten:[230] 


Wie gelehrt und kunstvoll wagst du, o du Zauberer des Gesangs,
In des Galliambus Taktschritt die begeisterte Melodie!

Die herrlichste Stimmung dauerte nun fort, vielheit res und wichtiges Philosophische kam zur Sprache, man verabredete fester die Herausgabe des »Museums der Altertumswissenschaft«, und ich weiß kaum ein zweites Fest, das durchgängig in so schönem Ausdruck geistiger Erregung verblieben wäre.
Der Zeitfolge nach muß ich nun einen Vorfall erzählen, der sich mir jetzt in der Erinnerung so unwillkommen aufdrängt wie damals in der Wirklichkeit. Die Eindrücke von Nennhausen und die fortwährende Verarbeitung der großen Verrätereien und Brüche, welche Bernhardi zu leiden hatte, trugen dazu bei, daß ich mich heftiger in dieser Sache benahm, als sie eigentlich erfordern mochte. Mein Freund Theremin hatte mir schon oft schmerzlich geklagt, daß die Launen seiner Freundin Sophie ihn unglücklich machten; immer fürchte sie Gefahr für ihr Verhältnis und wolle doch nichts tun, es zu befestigen; immer setzte sie voraus, er werde plötzlich enttäuscht werden und sie verlassen, ja der täglich wiederholte Zweifel, ob er wirklich bei ihr ein wahres Glück finden könne, raube ihm dasselbe mehr und mehr; besonders eifersüchtig sei sie auf mich, sie argwohne stets, ich tadle ihr Verhältnis, ich suche ihm die Augen darüber zu öffnen, und sie fühle sehr wohl, daß mich all ihr Schmeicheln und Zuvorkommen nicht habe gewinnen können. Sie verbot ihm sogar, mit mir umzugehen, und war doch die erste, mich immer freundlichst einzuladen, ja wenn es sich traf, daß wir einige Zeit allein blieben, so klagte sie mir wohl ihrerseits, daß Theremin von allen seinen Freunden geschieden sei, ich möchte ihn nur nicht auch verlassen, und was dergleichen Widersprüche mehr waren, die mir um so weniger entgehen konnten, als Theremin kein Geheimnis vor mir hatte. So standen die Sachen, als[231]  eine Busenfreundin von Madame Sander, die verwitwete Hofrätin Spazier, Schwägerin Jean Paul Richters, aus Leipzig eintraf, welche als eine schriftstellernde, lebhafte, liebenswürdige, nicht gleichgültig lassende Frau durch vielfache Gespräche schon angekündigt war. Einige muntre Abende wurden hingebracht, der Dr. Mann, jetzt Superintendent, suchte sein Herz anzubringen und gab uns viel zu lachen; zur Steigerung unsres Vergnügens sollte er noch eifersüchtig gemacht werden, und dazu wurde ich ersehen; meine verabredete Bewerbung wurde mit verabredeter Gunst aufgenommen und Dr. Mann in große Wut gesetzt. Madame Sander hatte aber darauf gerechnet, meine Rolle würde nicht bloße Rolle bleiben, sie wünschte mich um jeden Preis in solche Verwickelung gebracht; Theremin sagte mir's, und wir lachten auch darüber. Mir mißfiel es jedoch sehr, als er mir ferner vertraute, er habe den Auftrag, mich zur Dreistigkeit zu ermuntern, es sei hier gar leicht gutes Glück zu haben; ich sah die fremde Dame wahrlich nicht in Freundschaftshänden, so wenig wie mich selbst. Ich ließ es mir indes gefallen, und schon glaubt ich das lose Spiel zu Ende, als ich entdeckte, die Hofrätin sei von meinen Verhältnissen in Hamburg genau unterrichtet, und leicht drang ich ihr das Bekenntnis ab, Madame Sander habe ihr alles gesagt, ja ich erfuhr in fernerem leidenschaftlichem Gespräch, die Freundin habe mich als eine gute Beute bezeichnet, welche der hamburgischen Dame entrissen werden müsse, und Theremin habe mit freudigem Lachen eingestimmt. Meine Entrüstung war grenzenlos; ich selbst also, mehr als der arme Dr. Mann, war der Genarrte, aber zugleich, was schlimmer war, der Verratene; meine zartesten und heiligsten Geheimnisse, welche Theremin versprochen hatte, sogar gegen seine Geliebte zu verschweigen, waren nicht nur dieser, sondern von beiden vereint einer ganz fremden Dame ausgeplaudert, und diese hatte man gegen mich zugleich mißgestimmt, indem man ihr gesagt, ich suche ihre Gunst zu gewinnen, um nachher damit zu[232]  prahlen und ihrer zu spotten. Ich war außer mir über dies Gewebe von Arglist und Schwäche; ich forderte die Hofrätin auf, sogleich mit mir zu Madame Sander zu gehen, um alles nach der Wahrheit aufzuhellen, allein wir wurden nicht angenommen. Ich sprach dann Theremin, aber unsre Erklärungen halfen zu nichts, ebensowenig diejenigen, welche die beiden Frauen miteinander hatten. Es kamen immer ärgere Sachen an den Tag, ein völliger Bruch war unvermeidlich, und ich stellte dem Freunde nur den Ausweg, ohne Säumen mit derjenigen zu brechen, die uns so verhetzt und ihn wie mich unwürdig mißbraucht hatte. Er wies das weit von sich, und ich, dessen Blut von mehr als einem Feuer leider schon kochte, beging die Schwäche, ihm eine Herausforderung zu schicken, und als er diese nicht annahm, noch in besondern Zuschriften an ihn und seine Freundin meine jetzt hassenden und verachtenden Gesinnungen gegen sie nachdrücklich auszusprechen. Adolph Müller war dabei mein Besteller, und als er und Marwitz denn doch hinterher meinten, ein Prediger dürfe wohl eigentlich seinen Stand nicht vergessen und insofern hätte ich ihn nicht herausfordern dürfen, erwiderte ich nicht ohne Grund, er habe selber diesen Stand in betreff der Liebschaften und Ränke längst so sehr vergessen, daß ich ihn auch in betreff des Zweikampfes habe vergessen dürfen.
In der Sache selbst gaben mir die nahen und fernen Freunde sämtlich recht; nur Schleiermacher wollte mir übel deshalb, doch ohne je ein Wort zu äußern. Mir war der Verlust eines Freundes, den ich so geliebt und verehrt hatte, ein ungeheurer Schmerz, aber bereuen konnt ich es nicht, daß ich keinen Augenblick diese trüben Ränke und lügnerischen Verwirrungen hatte dulden wollen. Wäre es nur möglich gewesen, selber so ganz rein daraus hervorzugehen! Aber, wie gelöst auf der einen Seite, sah ich wider Willen auf der andern mich verknüpft. Die Hofrätin Spazier hatte in der Freundin auch den ganzen Reiz ihres Aufenthalts verloren, sie rechnete auf mich, ich hatte sie zu trösten, zu[233]  führen und begleitete sie, als sie nach kurzer Zeit die Rückreise nach Leipzig antrat, bis Potsdam. Sie bekannte mir ihre ganze Lage, wie ihr Witwenstand sie dazu dränge, sich irgendwo wieder anzuschließen, wie sie einige Bande leichter Neigung festzuhalten gesucht, aber noch unentschieden zwischen mehreren schwanke, die einstweilen gleicherweise von ihr begünstigt würden; auch ich sollte diese Begünstigung erfahren und an solchem Band oder Bändchen mich gehalten fühlen, allein ich war durch so viele scharfe Geschichten abgehärtet genug, um diesmal ohne Zagen die noch schwachen Fäden gleich wieder abzureißen, obgleich mehr gebunden war und zerrissen wurde, als ich damals ahndete und nachher glauben wollte. Ich besuchte in Potsdam noch Hitzig, der als preußischer Regierungsrat infolge des von Napoleon erregten polnischen Aufstandes aus Warschau hatte weichen müssen, und kehrte verstimmt und mit mir selbst unzufrieden nach Berlin zurück.
Wenn nicht irgendeine schaffende Richtung sich damit verbindet, so lassen Fleiß und Eifer in den Studien nicht viel Besonderes von sich sagen, das bloße Erlernen stellt sich nur als einförmige Wiederholung dar. Letzteres war jetzt mein Fall; mir ging eigentlich nirgends ein neues Licht auf, ich suchte mir in schon bekannten Feldern nur immer größeres Material anzueignen, ich versäumte die Kollegia selten und eilte ihnen in meinen Vorbereitungen oft nur allzuweit voraus, was freilich nur um so leichter zur Folge hatte, daß sie gegen den Schluß mir unerträglich wurden und ich sie meist eine Zeit vorher schon aufgab. So viele Verhältnisse und Zwischenspiele störten mich in meinen Arbeiten zuweilen, diese bekamen aber auch neue Frische und Stärke durch die Anregungen, von denen ich ergriffen, aber nicht erfüllt wurde. Im Gegenteil, mit jedem Tage mehrte sich mir die Menge der Lebensverhältnisse und der Beschäftigungen. Der Oberbibliothekar Biester hatte mir den Gebrauch der Königlichen Bibliothek sehr liberal verstattet, ohne weitere Empfehlung und Bürgschaft, als daß ich mein[234]  Begehren gleich persönlich bei ihm anbrachte und dabei von Literatur und Gelehrten mit ihm so frank und frei gesprochen, als wüßte ich gar nicht, daß er einer besondern und sehr bestimmten Partei in diesem Reiche angehöre und uns junge Poeten in seiner »Berliner Monatsschrift« bitter rezensiert habe; daß ich die Schlegel rühmte, Fichten bewunderte, Schleiermacher und Steffens pries, ließ ihn arge Gesichter schneiden, wenn ich dagegen Wolf hoch verehrte, erheiterten sich seine Züge wieder, und er schmunzelte vor Wohlgefallen, als ich über Zacharias Werner mich lustig machte; er schien zu glauben, in der neuen Schule gäbe es gar keine Unterschiede, wer ihr angehöre, müsse es mit Haut und Haar und jedes dumme Götzenbild gutheißen, das irgendwo in der äußern Übereinstimmung mit dieser Kirche vortrete; er schüttelte den Kopf, sprach aber nicht ungern mit mir und ließ mich in den Sälen der Bibliothek ungehindert umherstöbern. Ich verfiel unter andern auf die deutsche Literatur aus den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges und las mich bald mit großer Vorliebe hinein. Die Harsdörferschen Schriften eröffneten einen Wust halbverarbeiteten poetischen Stoffes, Paul Fleming, den ich schon früher teilweise gekannt, wurde für immer eines meiner Lieblingsbücher, unerschöpfliche Lust und Nahrung aber gaben mir die Geschichte des Philanders von Sittewald oder Moscherosch, wie der Autor eigentlich hieß, und daneben der bedeutende Roman vom abenteuerlichen Simplicissimus nebst seinen zahlreichen Anhangschriften in ähnlichem Sinne oder von demselben Verfasser, der noch jetzt seinem wahren Namen nach nicht bekannt ist, denn daß Samuel Greifenson von Hirschfeld nicht der wahre Namen für Germann Schleifheim von Sulzfort, sondern nur wieder ein erdichteter sei, war mir sogleich unzweifelhaft. Die schreckliche Verwilderung in den deutschen Zuständen jener Zeit hielt den Zeiten, die wir selbst erlebten, einen noch tröstlichen Spiegel vor. Die Lebhaftigkeit und völlig ungehinderte Derbheit der Darstellung tat einer Stimmung wohl,[235]  die auch aus argen Wirklichkeiten hervorgetrieben war, und Sprache und Schreibart des Buches reizten ein starkes philosophisches Interesse auf. Feiner, höher und auch etwas altertümlicher sprach und schilderte Philander; die großen Vorzüge dieses Prosaisten ruhten auf gelehrtem Ertrag und frischem Leben zugleich. Über den Simplicissimus gedacht ich eine literarische Untersuchung auszuarbeiten; sie unterblieb wie so vieles andre, was im Augenblicke versäumt wird und wozu später die Gelegenheit sich nicht wiederfindet. Aber ich hatte die Freunde und Bekannte so viel und oft von den Eigenheiten und Ergötzlichkeiten dieser Autoren unterhalten, sie mit so häufigen Anführungen und Redensarten von dorther gequält, daß endlich beschlossen wurde, man wolle ein für allemal sehen, was an der Sache sei. Es wurde ein Abend beim Italiener festgesetzt; Schleiermacher, Reimer, Bernhardi, Adolph Müller, auch Marwitz und Schütz, wenn ich nicht irre, und noch einige andre kamen bei Thiermann zusammen; ich gab einige Worte zur Einleitung und las dann im »Simplicissimus« von Anfang ein tüchtiges Stück und darauf aus der Mitte sprungweise die würdigsten Kapitel, mit einer Wirkung und einem Beifall, den ich mir nicht vorgestellt hatte, oft mußt ich innehalten, um den Jubel und das Gelächter verbrausen zu lassen; man tat sich in florentinischen Weinen gütlich, aber noch mehr in Erschütterung des Zwerchfells, und besonders an Schleiermacher konnte man recht anschaulich wahrnehmen, was der deutsche Ausdruck »eine Lache aufschlagen« eigentlich bedeuten wolle. Mit gleicher Fröhlichkeit wurde auch dem Doppelroman ein solcher Abend gewidmet, und wenn manche Hörer, unter welchen auch notwendig Schleiermacher sein mußte, zu mehreren persönlichen Anspielungen eben nicht einstimmen wollten, so wurden sie doch unwiderstehlich in den ironischen Humor fortgerissen, welchen das Ganze gebot, und der volleste, lauteste Jubel wurde selbst den Stücken, die man mißbilligte, zuteil.[236] 
Ich hatte während des Sommers eine rasche Reise nach Hamburg machen wollen; aber es waren dort einige Umstände grade zu dieser Zeit nicht günstig, und der Besuch wurde auf den Herbst hinaus verlegt. Dagegen erhielt ich eine freundliche Aufforderung, in der Nähe auf dem Lande ein paar Tage des heißen Sommers zuzubringen. Marwitz waltete in Friedersdorf, dem bedeutenden Rittergute seines Bruders, der selber fern in Preußen dem schon verzweifelten Kriege noch mit brennendem Eifer beiwohnte. Ungeachtet der Lasten und Leiden vom Feinde, unter welchen das ganze Land seufzte, war das herrschaftliche Leben auf dem Gute noch reichlich genug ausgestattet, und Marwitz entbot seine Freunde in seine gastliche Einsamkeit. Schleiermacher befand sich schon seit mehreren Tagen dort und zwischen Arbeit und ländlichem Vergnügen sehr behaglich. Nun machten auch Reimer, Adolph Müller und ich uns auf, um ebenfalls einige Tage dort zu bleiben und dann mit Schleiermacher zurückzukehren. Den größern Teil des Weges, soweit wir der Straße nach Frankfurt an der Oder folgten, fuhren wir, den übrigen Teil, links ab über Landwege hin, legten wir zu Fuß zurück und erreichten durch unerfreuliche Gegend und gewaltige Tageshitze noch früh genug, um durch ein nachträgliches Mittagsmahl uns erlaben zu können, den stattlichen Edelhof, der indes weniger durch seine Gebäude, Gärten und Lustanlagen sogleich in die Augen fiel als durch seine umliegenden, bis in den Oderbruch hinab sich erstreckenden und vortrefflich bewirtschafteten Ländereien seinen gründlichen Wert nach und nach zu erkennen gab. Marwitz bemühte sich, nach besten Kräften den Wirt zu machen, wir lernten seine ganze Liebenswürdigkeit kennen; die Hülfsmittel der Gegend, welche wirklich gegen den Oderbruch hin einigen Reiz gewann, des Bemerkenswerten, aus der in Bildern und Denkmalen vergegenwärtigten Geschichte des Hauses, die bestehenden grundherrlichen und landwirtschaftlichen Verhältnisse, alles wurde betrachtet, besprochen, was an Büchern und Kunstsachen[237]  vorrätig war, daneben was Küche und Keller vermochte, mit Fröhlichkeit genossen. Nur hatten die ersten Stunden des Zusammenseins leider eine harte, schwere Verstimmung dazwischen zu verarbeiten. Wir brachten nämlich die »Berliner Zeitung« und mit ihr die erste zuverlässige Nachricht von den Bedingungen des am 9. Juli zu Tilsit geschlossenen Friedens mit. Wir hatten schon in Berlin die Sache genug verhandelt, unsren Schmerz und unsre Wut zur traurigen Fassung hinabgeredet. Nun fanden wir mit unsrer trostlosen Gewißheit uns noch mutigen Hoffnungen, gespannten Erwartungen gegenüber. Marwitz und Schleiermacher waren in Niedergeschlagenheit ganz betäubt, als sie diese schmachvollen Bedingungen der Reihe nach vernahmen; sie hatten keine Gunst des Siegers gehofft, sondern großen Verlust erwartet, aber auf diese Herabsetzung Preußens, auf so ungeheure Abtretungen und Verpflichtungen, in welche man willigen gemußt, auf solches Benehmen, wie das noch eben verbündete Rußland zeigte, waren sie nicht gefaßt. Alle Plane und Aussichten, die man für den schlimmsten Fall im Sinne gehabt, waren zerrüttet, man sah keinen Boden mehr; denn selbst das unbestimmte Verbleiben der Franzosen auch in den Ländern, welche der König zurückerhalten sollte, war schon ausgemacht und dem kläglichsten Zustande kein Ende abzusehen. Der Ein druck war bis zur Beschämung abschwächend und drängte sich zwischen allem Zerstreuenden immer wieder vor, für uns Ankömmlinge noch besonders peinlich, die wir uns das Mitgebrachte schon im voraus übel genug hatten schmecken lassen. Geisteskraft und Jugendmut setzten sich aber doch bald wieder so weit ins Freie, daß sinnvolle, forschende Gespräche mit den gewöhnlichen Tagesdarbietungen abwechseln und auch Scherzreden sich wieder einfinden konnten. Laue Abende der köstlichsten Art wurden bei Sternenflimmer im tiefen Schattendunkel hoher Bäume weit über die Mitternacht hinaus verlängert, und niemand mochte ans Schlafengehen denken, während die reinste Luft die Brust erfrischte und die[238]  edelsten Gedanken über Natur, Welt, Geschichte, Wissenschaft und Poesie ausgesprochen wurden; denn Marwitz hatte den Willen und die Kraft, immer das Höchste und Größte zur Sprache zu bringen und auch Schleiermachers oft hartnäckige Schweigsamkeit in schönen Redefluß aufzutauen.
Als wir Gäste endlich wieder abziehen wollten, mußte ich dennoch einen tief verstimmenden Eindruck hinnehmen, den ich aber in mir verschloß. Wir hatten zum bestimmten Tag einen Wagen aus Berlin nach Müncheberg bestellt, bis dahin wollten wir zu Fuß wandern. Dies aber gab Marwitz nicht zu, sondern nötigte uns, für diesen Teil des Weges sein Fuhrwerk anzunehmen. Worin aber bestand dieses? Den Wagen freilich gab er selbst, den Vorspann aber mußten die Bauern liefern, vier Pferde wurden ebenso vielen Landleuten in der Zeit der dringendsten Feldarbeit zur Fronfuhre für die Herrschaft abgefordert, und als einige Beschwerde darüber und sogar eine halbdreiste Erkundigung, wieso diese offenbar nicht landwirtschaftliche Leistung jetzt von ihnen gefordert werde, unter den Bauern laut wurde, bedeutete man ihnen gebieterisch, sie sollten »zur Tanzfuhre« anspannen; denn allerdings waren sie durch ein altes Herkommen verbunden, wenn die Herrschaft zum Tanz fahre, sie mit vier Pferden hin- und zurückzuschaffen. Die herrschaftliche Berechtigung war schon drückend genug, in diesem Fall aber die Anwendung eine so ungerechte als unwahre, und die armen Leute, die doch klar vor Augen hatten, daß nicht die Herrschaft und ebensowenig zum Tanze gefahren wurde, mußten sich unter das Übergewicht des trotzig entgegengehaltenen Namens beugen, dessen sonstige Gültigkeit sie nicht bestreiten wollten, gegen dessen augenscheinlichen Mißbrauch hier aber sich zu empören ihnen jedes Hülfsmittel fehlte. So kamen wir also mit der Tanzfuhre, über die noch genug gescherzt wurde, nach Müncheberg, wo wir die guten Leute, die mit ihren Pferden einen ganzen Arbeitstag versäumt und dabei[239]  möglichst knapp von Mitgenommenem gezehrt hatten, durch reichliches Trinkgeld einigermaßen schadlos hielten. Daß dergleichen drückende Verhältnisse und Mißbräuche, die auf dem armen Volke lasteten, zerstört würden, fand ich an diesem Beispiele wieder recht wünschenswert und pries im stillen die Französische Revolution, die solche verfaulte Überbleibsel am kräftigsten zu zertrümmern angefangen hatte und noch durch Napoleons Siege, in diesem Betracht heilsam, zu zertrümmern fortfuhr. Auch diese Bauern würden erleichtert, auch diese Edelleute gedemütigt werden, vertraute ich fest, und die hohe, feine Bildung eines edlen Rittertums, das freie, behagliche Dasein eines vornehmen Lebens, wie ich es doch mir selbst wünschte und als Element suchte, wurde mir zuwider, wenn ich mir denken sollte, daß ihm solche Mißverhältnisse zur Grundlage notwendig seien.
Berlin empfand von dem Frieden nichts. Eine teilweise versuchte Fensterbeleuchtung in mehreren Straßen der Stadt gab ein schlechtes Bild dürftiger Freude, wo in der Tat mehr Ursache zum tiefsten Schmerze vorhanden war. Einige preußische Offiziere hatten sich die Befriedigung nicht versagt, ihre bis dahin geächtete Uniform wieder anzulegen, allein schnell belehrte ein strenges Verbot des französischen Kommandanten die Voreiligen, daß hier noch niemand sich unterstehen dürfe, wieder ein Preuße zu sein. Französische Verwaltung, französische Besatzung, die letztere noch die wenigst feindliche, setzten ihr Wesen fort, als habe der Krieg noch nicht aufgehört; sie richteten sich auf längere Zeit nur noch bequemer und drückender ein und verhehlten es nicht, daß sie nun erst recht alle Hülfsmittel des Landes noch erschöpfen wollten. Vorstellungen der städtischen Behörden, der ständischen Körperschaften, der Gemeinden, nichts fruchtete, die Lasten stiegen ins ungeheure, der Baron Bignon wetteiferte in scharfer und unerbittlicher Ausübung seines Amtes mit dem Grafen Daru, mit beiden die Befehlshaber und die Verpflegungsbeamten[240]  der Truppen, die zahlreich angehäuft und in beständiger Bewegung erhalten waren. In dieser Zeit des Jammers fühlte man sich gewaltsam auf das geistige Leben hingeworfen, man vereinte und ergötzte sich in Ideen und Empfindungen, welche das Gegenteil dieser Wirklichkeit sein wollten. Nicht wenig verstärkt wurde dieser Sinn durch das Wiedererscheinen Fichtes, der von Königsberg über Kopenhagen nach Berlin unerwartet gegen Ende des August zurückkam. Er hatte geglaubt, nach dem ausgesprochenen Frieden nicht länger schicklich bei der Königsberger Universität als Gast verweilen zu dürfen und seinen weitern Beruf jetzt auf der alten Stätte abwarten zu müssen. Eine öffentliche Tätigkeit freilich war für den Augenblick nicht abzusehen, auch schloß er sich gern in die Abgeschiedenheit einer mitten im Georgeschen Garten anmutig gelegenen Wohnung ein, nur bewährten Freunden zugänglich. Außerordentlich freuten wir uns seiner hellen, kräftigenden Gegenwart, seiner unerschütterlichen Denkart und seiner festen Zuversicht. Bernhardi, Wilhelm von Schütz und ich hielten uns treulich zu ihm. Fichte hatte viel von dem Königsberger Aufenthalte zu erzählen, unsre Ansichten und Urteile über Ereignisse und Personen empfingen neues Licht. Unter andern brachte er die Zeitschrift »Vesta« mit, welche von ihm selbst anziehende Aufsätze über den Machiavelli enthielt und uns in den Herausgebern von Schrötter und von Schenkendorf zwei eifrige Kämpfer kennen lehrte, von welchen die deutsche Sache sich noch manches versprechen durfte. Auch die Anfänge des nachher so berühmten Tugendbundes oder sittlich-wissenschaftlichen Vereins, wie er eigentlich hieß, lagen hier schon verknüpft, wurden aber in vorsichtiger Heimlichkeit nur dunkel angedeutet. Lebhafter und tagfreudiger strahlte uns ein Gedicht an, das Fichte gleichfalls mitgebracht hatte und mit seinem gewaltigen Nachdruck bedeutend vorlas. Es war eine dem russischen Kaiser bei seinem Einzug in Königsberg gedruckt überreichte Ode, worin der Geist Friedrichs des Großen die tröstlichsten Verheißungen[241]  in den stärksten Bildern aussprach. Wenn wir Strophen hörten wie diese:


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Doch trifft von niemals fehlendem Bogen, doch
Der Rache Pfeil die Ferse Napoleons,
Und wär er dreimal, wie sein frevelnd
Herz, in der stygischen Flut gebadet,

so fühlten wir die zwiefachen Schauer der poetischen Macht und der politischen Kühnheit und sahen die Poesie gleich einem Krieger zum Tode gerüstet die wirklichsten und unmittelbar nächsten Gefahren mutig durchwandern. Denn der unglückliche Palm war um nicht Größeres erschossen worden, und Napoleons Haß und Grimm sah in dem Feinde niemals einen Edeln, mit dem ein glimpflicheres Verfahren geboten sein könnte, sondern stets nur den gemeinen Gegner, dessen man sich möglichst rasch und kurz entledigt. Wir fragten begierig nach dem Verfasser und hörten, als solcher bekenne sich ohne Hehl der Geheime Oberfinanzrat Stägemann in Königsberg, bisher nur als Dichter in Scherz- und Liebesgesängen bekannt, jetzt aber in höherem Schwunge sein glückliches Talent dem Vaterlande weihend, ein Mann von unansehnlichem Äußern, auf zwei mißgestaltenen Füßen schwierig einhergehend, aber ein vortrefflicher Kopf, auch in Staatsgeschäften als solcher gerühmt. Wir riefen ihm Heil und Segen zu und gelobten es uns wechselsweise, wer von uns die Gelegenheit haben würde, ihn persönlich zu sehen, solle zu ihm gehen, ihm von dieser begeisterten Stunde sagen und ihm in unser aller Namen für die Freude danken, die wir durch sein Gedicht empfunden. Wir nahmen übrigens Abschrift von diesem und gaben ihm unter der Hand nah und fern möglichste Verbreitung.
Ein Kern wackrer Offiziere, die nur auf die Gelegenheit warteten, um für so viel erlittene und von ihnen selbst grade am wenigsten verdiente Schmach des preußischen Namens eine ruhmvolle Vergeltung zu nehmen, gestaltete sich unter den Einwirkungen des Tugendbundes immer[242]  fester, und in dem Reimerschen Kreise konnte mir manches von diesem Streben nicht entgehen, ohne daß man mich unmittelbar hineinzuziehen versuchte. Auch in dem Ehegatten von Henriette Hübschmann, Herrn von Bardeleben, fand ich einen solchen Eiferer, der in anscheinender ländlichen Ruhe zu Charlottenburg, wo ich ihn ein paarmal besuchte, ganz in politischen und militärischen Gedanken lebte und sich großen Gefahren aussetzte, um den gemeinsamen Zweck zu verfolgen. Jede gute Gesinnung wurde herbeigezogen und befestigt, jeder gute Willen, jedes einst brauchbare Hülfsmittel sorgfältig wahrgenommen, dabei der Gang der großen Ereignisse aufmerksam beobachtet und jeder Nachteil des Feindes begierig hervorgehoben. Dieser vereinten, von so vielen Seiten mit unzerstörbarer Zuversicht und Beharrlichkeit fortgesetzten Arbeit, die in den engsten Schranken und mit den dürftigsten Mitteln gegen die Riesenmacht Napoleons zu wirken unternahm, diesen im stillen genährten und geweckten Kräften war es doch zu danken, daß die Flamme des Vaterlandes auch in der größten Verdunkelung nie ganz erlosch und ihre vorbereiteten Stoffe in der Folge sogleich erfassen konnte.



Berlin
1807–1808










[243] Eine neue Lebensreihe begann, und für mich ganz ungewöhnlich unter eigentümlichem Unbehagen, da bisher fast immer bei jedem Abschnitte frohe Stimmung und günstiges Ereignis mich getragen hatten. Auch half es nichts, daß ich jenes Gefühl mir verleugnen, seine Wirkung durch Fleiß und Geistesmacht aufheben wollte; von allen Seiten häufte sich mir eine besondre Widrigkeit, die denn auch nur allzu[243]  schnell in mancherlei Mißhelligkeiten sich entladete. Vieles davon lag allerdings in meiner Gemütsart, deren Anlagen und Triebe sich in voller Freiheit ohne Scheu bewegen durften, andres aber in meinen Verhältnissen, welche, aus Überreifem und Unreifem zusammengesetzt, außer allem Gleichgewichte schwankten und, indem sie dieses suchten, bald nach oben, bald nach unten übermäßig anschlugen. Das meiste jedoch muß ich dem allgemeinen Zustande anrechnen, der unwiderstehlich den einzelnen ergriff, wie er die Gesamtheit ergriffen hatte; wohin man blickte, sah man Störung, Zerrissenheit, nach allen Richtungen nur ungewisse Zukunft; den politischen Kräften widerstrebten vergebens die geselligen und geistigen, sie mußten es fühlen, daß der bürgerliche Boden, der sie trug, erschüttert war. Daß die Universität Halle niedergeworfen blieb, war vielleicht für keinen Menschen ein so großer Verlust als eben für mich; dort hätte sich mir in geordneter maßvoller Lebenshaltung und richtig umschränkter Bahn alles vereint, dessen ich bedurfte und das ich nun in dem großen Weltwirrnis mit weitgreifenden und eifrig geschäftigen Mühen doch nur vergebens wieder zusammenzufassen trachtete. Denn auch für die Wissenschaften fehlte jede Einheit und Zusammenstimmung, sie boten sich keiner Übersicht mehr dar in notwendig erachteten und doch der Auswahl freigestellten Lehrgängen, die Führer bildeten keine Gruppen mehr, noch weniger die Schüler; jeder ging nach Zufall dem augenblicklichen Gewinne nach, wie der Tag ihn geben wollte. Denn wie locker auch das Band sein mag, welches die verschiedenartigsten, einander entlegensten Disziplinen und in den gleichartigen oder einander naheliegenden die selten befreundeten und einstimmigen Lehrer auf unsern Universitäten zu verbinden pflegt, so gewährt doch schon der Rahmen, der alles dieses, wenn auch scheinbar willkürlich und gewaltsam, gleich dem eines Landschaftbildes, zusammenhält, einen sichern und beruhigenden Abschluß, und die Anstalt müßte sehr verfallen sein, die nicht innerhalb[244]  ihres Rahmens eine wenigstens annähernde Vollständigkeit, dessen hätte, was in den Überlieferungen des Wissens zur Zeit wirklich gestaltet und ausgebildet, also unerläßlich ist und aus dem geordneten Vorrate, dessen Gesamtheit beständig vor Augen bleibt, um so entschiedener dem einzelnen das ihm Angemessene und Nützliche entgegenhielte, so daß, auch wenn er für sich abweichende Bahnen einschlägt, ihn die Stellung und Bewegung des Ganzen immer wieder in Bezug und Maß mit einer allgemeinen Richtschnur setzt. Hierin helfen die Studierenden ebenso und in vielen Fällen mehr noch als die Lehrer, und der Blick auf deren Zahl und Kraft ist dem Studenten nicht weniger belebend und ermutigend bei seinen Anläufen als dem Soldaten, der zum Sturme vorschreitet, das Anschauen der Scharen, die unter namhaften Führern zu gleichem Werke vorangehen oder nachfolgen. Aber mir fehlte in diesem Zeitraume durchaus jedes Vorbild, welchem ich hätte nachstreben, das mir hätte ein Beispiel sein können. Die tiefe, erst heimliche, dann mehr und mehr sich offenbarende Stimmung und Unlust, welche die Folge aller dieser Zustände war, wurde nur allzu schnell ein mitwirkender Teil derselben und half sie in dem gegebenen Kreise noch mehr hervorbringen.
Als großen Nachteil mußte ich empfinden, daß mir im Zusammenwohnen mit Chamisso, wozu wir, unsrer Neigung gewiß und reichen Studiengewinn hoffend, uns leicht entschlossen hatten, die Zuflucht der stillen Einsamkeit genommen war. Die Gegenwart des Freundes blieb mir zwar stets erwünscht, wir konnten beide stundenlang schweigen, um uns in Arbeiten nicht zu stören, und wenn wir uns hinwieder dem Gespräch bis in die tiefe Nacht überließen, so hatten wir uns der vertraulichen Nähe zu erfreuen. Allein im Grunde verträgt nur die erste Jugend solch unbedingte Kameradschaft, späterhin lassen tausend Umstände und Rücksichten es nicht mehr so leicht vergessen, daß man zu zweien ist. Außer andern Unbequemlichkeiten fühlten wir auch die des zahlreichen und wiederholten Besuchs, den[245]  jedesmal gemeinsam abzuwarten, wenn er auch nur dem einen galt, wir nicht vermeiden konnten. Mir lag aber außerdem von ihm eine Last auf, die er nicht von mir zu tragen hatte, nämlich seinen unaufhörlichen Tabaksqualm auszuhalten und dabei noch, weil er mit der brennenden Tabakspfeife zu Bette ging, sein Einschlafen abzuwarten, damit kein Feuer entstünde, was er zwar als etwas Unmögliches nur belächelte, eines Abends aber durch sein angebranntes Schnupftuch, das auf der Erde neben seinem Bette dieses gleich anzünden konnte, mit großer Betroffenheit als sehr möglich erkennen lernte.
Ich besuchte wieder die praktischen Anleitungen Horns am Krankenbette, konnte mich aber mit seinen theoretischen Lehrstunden stets weniger vertragen. Das Studium, so fast ohne Lehrer oder vielmehr im Widersinne gegen den amtlich bestellten, ohne Zutrauen und Nacheifer, sondern an deren Statt mit kritischem Aufpassen und kühlem Geringschätzen, konnte nicht erfreuen, und ich war desto eifriger, von anderer Seite Geistesnahrung anzunehmen. Ich sah Fichten zuweilen, ich sah Wolf und hielt mit Bernhardi und mit Wilhelm von Schütz fleißige Gemeinschaft. Heitrer und kräftiger ließ unser Treiben sich an, als im Dezember Schleiermacher mit seiner Schwester und der Tochter Wolfs von Halle zurückkehrte, um nun, möge es werden, wie es wolle, sich ganz in Berlin festzusetzen.
Fichte begann im Dezember seine Vorträge, und ich verfehlte nicht, ihnen beizuwohnen, die in dem runden Saale des Akademiegebäudes vor einer zahlreichen Versammlung von Herren und Frauen gehalten wurden. Der treffliche Mann sprach mit kraftvoller Begeisterung dem gebeugten und irr gewordenen Vaterlandssinne Mut und Vertrauen zu, schilderte ihm die Größe der Vorzüge, die sich der Deutsche durch Unachtsamkeit und Entartung habe rauben lassen, die er aber gleichwohl jeden Augenblick als sein unveräußerliches Eigentum wieder ergreifen könne, ja solle und müsse, und wies dafür als das wahre, einzige und unfehlbare[246]  Hülfsmittel eine von Grund aus neu zu gestaltende und folgerecht durchzuführende Volkserziehung an. Sein strenger Geist ging auf vollständige Umschaffung unsrer Zustände aus, wobei er nichts weiter verlangte, als daß überall das Wesentliche im Sittlichen wie im Geistigen gefördert und ausgebildet, das Scheinsame und Hohle dagegen aufgegeben und seinem eignen Absterben überlassen würde, dann, meinte er, werde sich ohne gewaltsame Umkehr, durch bloße Entwickelung, aus dem Vorhandenen und Bestehenden die ganze Kraft und Herrlichkeit, deren die Nation seufzend entbehre, unmerklich und unverhinderlich von selbst hervorbilden. Dabei war er billig genug, seiner sonstigen Art entgegen, welche sogleich alles oder nichts gegeneinander stellte, auch jeden geringsten Keim des neuen Lebens, jeden teilweisen noch so kleinen Anfang der gebotenen Entwickelung dankbar aufzunehmen und schon mit solchem fürerst sich begnügen zu wollen. Sein geistig bedeutendes, mit aller Kraft der innigsten und redlichsten Überzeugung mächtig ausgesprochenes Wort wirkte besonders auch durch den außerordentlichen Mut, mit welchem ein deutscher Professor im Angesichte der französischen Kriegsgewalt, deren Gegenwart durch die Trommeln vorbeiziehender Truppen mehrmals dem Vortrag unmittelbar hemmend und aufdringlich mahnend wurde, die von dem Feinde umgeworfene und niedergehaltene Fahne deutschen Volkstums aufpflanzte und ein Prinzip verkündigte, welches in seiner Entfaltung den fremden Gewalthabern den Sieg wieder entreißen und ihre Macht vernichten sollte. Der Gedanke an das Schicksal des Buchhändlers Palm war noch ganz lebendig und machte manches Herz für den unerschrockenen Mann zittern, dessen Freiheit und Leben an jedem seiner Worte wie an einem Faden hing, und der durch die von vielen Seiten an ihn gelangenden Warnungen, durch die Bedenklichkeiten der preußischen Unterbehörden, welche Verdruß und Schaden für sich von den Franzosen befürchteten, sowenig wie selbst durch den Anblick[247]  eingedrungener französischen Besucher sich in dem begonnenen Werke stören ließ. Man konnte sie nicht ohne Ergriffensein und Begeisterung anhören, diese Reden, welche mit Recht über den Kreis der unmittelbaren Zuhörerschaft hinaus sich als »Reden an die deutsche Nation« erklärten, als solche weit und tief gewirkt haben und noch spät mit größtem Rechte der Ehre teilhaft wurden, im wiederhergestellten, nicht mehr von außen, aber leider im eignen Innern vielfach bedrückten und verkümmerten Vaterlande durch die Mainzer Untersuchungsbehörde, dem gesamten Deutschen Bunde als eine frühste und stärkste Erregung der volkstümlichen Ansprüche und Betriebe in Deutschland angezeigt zu werden, weshalb auch die preußische Zensur im Jahre 1822 den Wiederabdruck in Berlin nicht gestattete und der Verleger die nötig gewordene zweite Auflage in Sachsen bewirken mußte. Merkwürdig ist es, daß dieses Werk bei seiner bedeutenden Verbreitung und Wirksamkeit dennoch seinen unmittelbaren Absichten und Vorschlägen keinen Eingang gewonnen hat; nirgends ist auch nur ein Versuch gemacht worden, solche Volkserziehung einzuführen, und wenn einige Schüler Fichtes späterhin eine Erziehungsanstalt in seinem Sinne zu gründen suchten, so hat dieselbe doch gar bald, indem sie sich den gewöhnlichen Anforderungen des Tages mehr und mehr bequemte, die besondern Eigentümlichkeiten, worin sie dem Geiste des verehrten Meisters zu huldigen glaubte, wieder abstreifen müssen. Von meinen näheren Freunden hörten nur Bernhardi und Schütz diese Vorlesungen; die andern hielten sich davon zurück, ungeachtet das geringe, einem wohltätigen Zwecke bestimmte Honorar von noch nicht voll zwei Talern den Eintritt möglichst erleichterte. Daß Harscher, der Fichten noch gar nicht gehört und gesehen hatte, diese Gelegenheit ungenutzt vorübergehen ließ, war unverzeihlich; aber Schleiermacher wirkte dabei wenigstens mittelbar ein, er zeigte bei jedem Anlasse nur Abneigung gegen Fichte, spöttelte gern über dessen Beginnen, und es reizte[248]  ihn weniges so auf, als wenn man Fichtes Geist und Richtung anrühmte. Unter den Zuhörern fand sich Ludwig Robert, mit dem ich die fast abgebrochene Bekanntschaft erneuerte; auch seine Schwester Rahel sah ich mit ihm regelmäßig eintreffen, und ich widmete ihrer anziehenden Erscheinung die lebhafteste Aufmerksamkeit, wobei doch ein so nah und leicht unter solchen Umständen sich ereignendes Anknüpfen des Gesprächs diesmal durch Eigensinn des Zufalls unterbleiben sollte.

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Ich hörte die Vorlesungen Schleiermachers über Ethik mit großem Eifer, fand aber nicht die Befriedigung, die ich, besonders nach Harschers Anpreisungen, der in diesen mehr sinnreichen als tiefen Schematen lebte und webte und mit ihnen überall herumleuchtete, hatte erwarten dürfen. Das Nachschreiben, womit ich mich quälte, ermüdete mich vollends, ich gab dieses sehr bald und allmählich auch selber die Vorlesungen auf, welches mir freilich in dem ganzen Kreise nicht zur Empfehlung gereichte. Überhaupt regte sich in dieser Zeit zwischen uns viel Absonderndes und Entzweiendes. Mit den Vorträgen Frorieps über vergleichende Anatomie ging es eine Zeitlang besser, es gab wenigstens fortwährend mancherlei zu sehen, und der Stoff legte sich den Augen in leidlicher Ordnung dar; die geistige Verarbeitung dieses Stoffes aber blieb jedem für sich allein überlassen oder wurde wohl gar unter dem verrufenen Namen naturphilosophischen Fürwitzes völlig abgewiesen. Ich hielt auch hier nicht bis zu Ende aus, und ein paar widrige Ausfälle gegen Steffens gaben meiner Geduld den Rest; ich stellte bei nächster Gelegenheit Froriep zur Rede und vernahm einige kahle Entschuldigungen, daß es nicht so böse gemeint gewesen, ja nur in Voraussetzung des Beifalls der Zuhörer so ausgesprochen worden, die doch sämtlich als Mediziner gern den Vorrang der Erfahrungswissenschaften vor den Vernunftgrübeleien behaupten würden.
Unsre gemeinsamste Vereinigung hatten wir jüngern Freunde in dem Reimerschen und Schleiermacherschen[249]  Hause sowie auch bei der Hofrätin Herz; besonders zu der letzteren kamen wir gern und oft, weil hier die freundlichsten und zartesten Bezüge zugleich durch Bildung und Freiheit begünstigt waren und keine Störung auch nur denkbar schien. Hier fanden wir auch Karl Schede wieder nebst seiner Schwester Wilhelmine, die mit großem Eifer alles aufnahm, was in anerkanntem Geleise vorstrebend sich bemerklich machte. Das Erlernen und Üben fremder Sprachen war bei Madame Herz schon eine althergebrachte Gewohnheit und gab den Halt- und Mittelpunkt der vielfachsten geselligen Verbindungen, die vermöge solches in regelmäßigen Partien abwechselnden Stoffes nicht ganz leer werden konnten, bis nicht zum wenigsten eine ganze Literatur erschöpft war. Bekker las griechische Autoren mit ihr, Schede spanische und altdeutsche, im Englischen und Italienischen wurde sie stets von mehreren Seiten als Lehrerin um Hülfe angesprochen, und sie selbst versäumte die Gelegenheit nicht, auch des Portugiesischen und Dänischen kundig zu werden. Aber außer diesen Literaturen und Sprachen nahm ihr gebildeter Geist auch an Gegenständen des Denkens und Betrachtens allen liebreichen Anteil, den man von der Freundin Schleiermachers wohl erwarten durfte. Harscher empfing für seine dialektischen Nachfragen und Grübeleien hier eine unerschöpfliche Nahrung, und alles, was er über bestimmte persönliche Verhältnisse zur Berichtigung oder Erweiterung seines Wissens zu erfahren wünschte, sowie das, was er von seinen idealen Vorstellungen für das wirkliche Leben an einem taktfesten Bewußtsein – dafür aber galt ihm jedes echt weibliche – zu prüfen suchte, wurde hier durchgesprochen und in allen möglichen Formen, mit allen nahen Belegen literarischer und persönlicher Beispiele geschmückt, meistens geistreich und nicht selten kühn und wunderlich erörtert. Liebe, Freundschaft, Weiblichkeit und andre solche Gegenstände haben den großen Reiz, daß sie, auch wenn man das Allgemeine über sie schon ausgemacht und abgetan hätte, noch stets für die nächste Anwendbarkeit[250]  ein weites, mehr oder minder fruchtbares Feld eröffnen, auf dem jeder im stillen seine Persönlichkeit mag weiden lassen. Auf der andern Seite war freilich dem Übelstande nicht ganz zu entschlüpfen, daß unter geistig verbundenen Personen, denen in den wissenschaftlichen Räumen alle Türen geöffnet waren, das Gespräch bisweilen unerwartet in irgendeine abgelegene Kammer sich verlief, wo man sich unbequem und verfangen fühlte. So geschah es wohl, daß Liebe sich zur Ehescheidung wandte, Weiblichkeit zu Sitten der Griechen und Orientalen führte, was denn Harscher ohne viele Umstände bis zur befriedigenden Einsicht verarbeitete, die Damen hingegen nicht ohne schmerzlich beibehaltenes Lächeln in Verwunderung und Verlegenheit vorübergehen ließen. Weit härter noch und bis zur Grausamkeit peinlich konnte Marwitz werden, der eines Abends am Teetisch alle seine Beredsamkeit aufbot, um der gütigen Wirtin, der großen und starken Frau, gründlich ins Gesicht hinein zu demonstrieren, weibliche Grazie sei mit einer solchen Gestalt, die er beschrieb, schlechterdings unverträglich. Vergebens boten wir alles auf, das schreckliche Gespräch zu beendigen, wenigstens abzulenken oder zu mäßigen, wir sahen diese schönen, noch mit Mühe freundlichen Züge schon ganz dem Übergange zum Weinen nahe, aber nichts konnte den arglosen Redner stören, er verstärkte nur immer mehr seine Gründe und Beweise, und als er endlich, durch fühlbare Winke aufmerksam gemacht, seines abscheulichen Verstoßes inne wurde, vollendete er ihn dadurch, daß er nun ganz erschrocken um Verzeihung bat und wiederholt beteuerte, ganz ohne Bemerkung der Person so gesprochen zu haben. Schleiermacher kam selten zu diesen gewöhnlich ungemein heitern und ergötzlichen Abenden; auch pflegte seine Anwesenheit uns nicht zu erfreuen, er war gewöhnlich müde, verdrießlich, schnitt die Unterhaltung ab, und wenn er alles gehörig ins Stocken gebracht, schlief er wohl gar ein. Auch in seinem eignen Hause und bei Reimer war seine Verstimmung auffallend,[251]  und man schrieb sie größtenteils körperlichem Übelbefinden zu, das freilich in dieser Zeit einem wo nicht gebeugten, doch bedrängten Geiste leichter als sonst obherrschend wurde.
Unter den mancherlei Personen, die wir aus dem vieljährig gesammelten Lebensschatze unsrer Freundin hier oft beziehungsreich nennen oder schildern hörten, waren die Brüder von Humboldt und Frau von Humboldt, Friedrich Schlegel und seine Frau, Tieck und noch andre solchen Ranges und Interesses vorgekommen, kein Name jedoch vielfältiger und bedeutender als der von Rahel Levin. Die übrigen waren fern, diese aber lebte mit uns in derselben Stadt, sie war mit Schleiermacher und der Hofrätin Herz genau bekannt und nur zufällig jetzt außer Umgang mit ihnen; das Verlangen, sie kennenzulernen, wurde deshalb oftmals rege. Madame Herz sprach von ihr immer als von etwas Einzigem, Unvergleichbarem, und wenn auch in das strömende Lob hin und wieder einiger Tadel einfloß, zum Beispiel von allzu großer Freiheit im Aussprechen ihrer Denkart und von zu geradem und selbständigem Befolgen der eigentümlich gefaßten Überzeugung, wobei die Weiblichkeit zuweilen mehr Bewahrung des Scheins und, wenn auch nur verstellten, Einklang mit der Welt verlangen dürfte, so hatte sie es doch auf keine Weise hehl, daß sie vor ihr sonst in jeder wesentlichen Beziehung alle Segel strich. Wenn eine Frau, die selber so gebildet, so kenntnisreich, so fein und sittig vor unsern Augen stand, daß sie uns für alles Frauenwesen, wie es in der Schleiermacherschen Ethik sich darstellte, fast ein höchstes Muster und die lebendige Ausübung zu sein schien, in solcher Weise von einer andern sprach und sie unbedingt über jede Vergleichung erhob, so war das freilich sehr auffallend, und Harscher insbesondere drang darauf, Madame Herz möchte ihre Freundin einmal mit uns zusammen einladen, wo er denn doch die Vergleichung zugunsten der ersteren ausfallen zu sehen im voraus entschlossen war und dies offen[252]  genug bekannte. Der Besuch wurde verabredet, Rahel erschien, aber nur auf eine Stunde, da sie an Fieber litt, und also wenig dazu gestimmt, den etwas befangenen Zuschnitt der kleinen Gesellschaft abzuändern; Harscher gewann ihr keine Aufmerksamkeit ab, und als Schleiermacher kam und gleich erfreut und ermuntert sich neben sie setzte und mit ihr in lebhaftes Gespräch einging, wurde jede andere Anknüpfung unmöglich. Wir waren nicht wenig erstaunt, sowohl im Scherzen als im Ernste Schleiermacher nur in zweiter Rolle zu sehen, indem er willig eine gebotene Unterordnung anzunehmen schien und wirklich ein paarmal wie geschlagen verstummte oder doch gar sehr zu kurz kam. Als der für diesmal nicht auf längere Zeit beabsichtigte Besuch sich wegbegab, brachte er die Dame zu ihrem Wagen hinab und konnte, als er zurückgekehrt war, ihres Rühmens kein Ende finden; mehr aber als die Worte zeugte seine Stimmung für den guten Eindruck, denn sie blieb aufgeweckt und gekräftigt für den ganzen Abend. Für uns war das ein doppeltes Phänomen, wir hatten ihn noch niemals untergeordnet und seit langer Zeit nicht so belebt gesehen. Madame Herz suchte vergebens bei Harscher den Dank für ihre bereitwillige Veranstaltung, er war mißvergnügt, daß alles gleichsam nur für Schleiermacher gewesen und dann verschwunden; ihn ärgerte sogar dessen fortdauernde Munterkeit, und gern hätte er die ganze Erscheinung verneint oder verkleinert, deren Übergewicht er doch zu fühlen genötigt und deren vollen Wert zu ahnden er gewiß fähig war. Ich teilte seine Mißempfindung, allein in ganz anderm Bezuge, denn ich wünschte sehnlich, mit diesem wunderbaren Wesen näher bekannt zu werden, gegen welches die andern so schnell verblaßten, und schon sah ich insgeheim mich mit ihm einverstandener und zusammengehöriger als mit diesen.
In dieser Stimmung, so vorbereitet, so empfänglich reif und bedürftig in Geist und Gemüt für neuen Reiz und neuen Trost, begegnete ich eines Nachmittags in noch[253]  schneeigem Frühlingswetter Unter den Linden unvermutet Rahel Levin; ihre Begleiterin, Nettchen Markuse, war mir vom Cohenschen Hause her wohlbekannt; ich redete diese an, und indem ich eine Strecke mitging, ergab sich so unbefangen als erwünscht auch ein Gespräch mit Rahel. Ich fand mich außerordentlich angezogen und bot all meinen Witz auf, um die schöne Gelegenheit nicht ungenutzt vergehen zu lassen; ich wußte unter andern eines ihrer eigentümlich ausdrucksvollen Worte, das auf Umwegen bis zu mir gelangt war, mit Bedeutung so hinzuwerfen, daß darin halb eine schmeichelhafte Aufmerksamkeit, halb ein nekkender Angriff lag. Sie bemerkte beides, sah mich durchdringend an, gleichsam mein Unterstehen an mir selber abzumessen, und erwiderte dann, sie könne es wohl vertragen, daß man sie zitiere, aber nicht füglich zugeben, daß es falsch geschehe; sie hatte in der Tat einiges in der Äußerung, welche als die ihrige gegeben war, zu berichtigen. Ich entschuldigte mich, daß mir die Echtheit dessen, was ich leider so weit von seinem Ursprunge nach Gunst des Zufalls auffangen müsse, nicht verbürgt sein könne, und die Folge meiner artigen Wendung war der Rat, mich lieber selbst bei der Quelle solcher Äußerungen einzufinden. Gleich in den nächsten Tagen machte ich von dieser Erlaubnis den ersehnten Gebrauch. Rahel wohnte damals in der Jägerstraße, der Seehandlung schräg gegenüber, in Obhut und Fürsorge der trefflichen Mutter, deren altwürdiges und reichliches Hauswesen auch noch andre Familienglieder hegte. Zuweilen hatte ich, um Ludwig Robert zu besuchen, diese Wohnung gleichgültig betreten; mit wieviel andern Erwartungen und Gesinnungen und zu welch andern Geschickeseinflüssen betrat ich sie jetzt.


In einzelnen Menschen oder in einer Gemeinsamkeit einander sich ergänzender und übertragender Persönlichkeiten war mir schon einigemal das Heil widerfahren, mich durch das bloße Lebensbegegnis, ohne mühsames Streben und Verdienst, ohne Pein der Allmählichkeit, sondern im[254]  Schwunge des vollen Glückes und gleichsam durch einen Ruck, auf ein erhöhtes Lebensfeld versetzt zu sehen, wo schon die Luft, die ich atmete, die Sinneseindrücke, die mir zukamen, das lebendige Spiel der umgebenden Elemente mir ein neues Dasein erschlossen und mich einer neuen Bildung teilhaft machten, wo dann weiterhin wohl Eifer und Mühe folgerecht und nachhaltig mitwirken und den Gewinn ordnen und bewahren konnten, ihn selbst aber nimmermehr hervorzubringen vermocht hätten. Solcher gesteigerten Lebensstufen zählte ich bis dahin hauptsächlich drei: das erste Andringen allgemeinen geistigen Lebens im Beginn meiner Studien zu Berlin, das Freiwerden eines sich selbst bestimmenden und lebenstätigen Dastehens im Cohenschen Hause, die kräftigende Weihe der akademischen Herrlichkeit zu Halle. Jetzt kam, acht Jahre nach jener ersten, die vierte hinzu, durch das Bekanntwerden mit Rahel; ein Wiederaufnehmen, ein Zusammenfassen und ein Abschließen aller früheren, ja der ganzen Erlebungsweise; denn wieviel Neues, Großes und Unerwartetes auch ferner mir in einem wechselvollen Leben begegnet ist, wie mancherlei Gutes und Liebes sich mir entwickelt und angeeignet hat, so ist doch in diesen vierundzwanzig Jahren, die ich seit jenem Zeitpunkte zähle, mir kein Begegnis, keine innere noch äußere Lebenserfahrung mir wiedergekehrt, die ich jener genannten anreihen und mit ihr und den vorhergegangenen in gleichen Wert stellen könnte. So ist mir noch heute Rahel das Neueste und Frischeste meines ganzen Lebens, und indem ich aufzeichnen will, von welchen Umständen und Stimmungen unser beginnendes Verhältnis begleitet war, darf ich den warmen und zarten Hauch jener schönen Vorstellung nicht erst künstlich hervorrufen, denn ich fühle ihn und freue mich seiner noch wie damals; aber zu fürchten hab ich gleichwohl, daß meine Schilderung sich durch die Bekümmernis verdüstert, welche, während ich dieses schreibe, meiner Seele in vielfacher Sorge um die geliebte, von stürmischen Leiden hart befallene Freundin[255]  angstvoll auferlegt ist! Welch tröstlichster Rückblick wird hier zum schmerzlichsten gewandelt!
Ich darf hier keine Schilderung meiner teuern Rahel versuchen; sie ganz zu kennen und zu würdigen kann ich niemanden zumuten, der nicht in anhaltender Fortdauer und in allen Beziehungen ihr vertrauter Lebensgenosse war; denn selbst ihre Briefe, wie reich und eigentümlich auch die Quellen ihres Geistes und Gemütes dort sprudeln, geben nur ein unvollkommnes Bild von ihrem Wesen, dessen Hauptsache gerade die ursprüngliche, unmittelbare Lebendigkeit ist, wo alles ganz anders aussieht, leuchtet und schattet, erregt und fortreißt, begütigt und versöhnt, als irgend Bericht oder Darstellung wiederzugeben vermag. Ich will nur unternehmen, in kurzen Zügen den Eindruck zu bezeichnen, welchen dies Wesen damals auf mich machte.
Zuvörderst kann ich sagen, daß ich in ihrer Gegenwart das volle Gefühl hatte, einen echten Menschen, dies herrliche Gottesgeschöpf in seinem reinsten und vollständigsten Typus, vor mir zu haben, überall Natur und Geist in frischem Wechselhauche, überall organisches Gebild, zuckende Faser, mitlebender Zusammenhang für die ganze Natur, überall originale und naive Geistes- und Sinnesäußerungen, großartig durch Unschuld und durch Klugheit und dabei in Worten wie in Handlungen die rascheste, gewandteste, zutreffendste Gegenwart. Dies alles war durchwärmt von der reinsten Güte, der schönsten, stets regen und tätigen Menschenliebe, der zartesten Achtung für jede Persönlichkeit, der lebhaftesten Teilnahme für fremdes Wohl und Weh. Die Vorzüge menschlicher Erscheinung, die mir bisher einzeln begegnet waren, fand ich hier beisammen, Geist und Witz, Tiefsinn und Wahrheitsliebe, Einbildungskraft und Laune, verbunden zu einer Folge von raschen, leisen, graziösen Lebensbewegungen, welche, gleich Goethes Worten, ganz dicht an der Sache sich halten, ja diese selber sind, und mit der ganzen Macht ihres tiefsten Gehaltes augenblicklich wirken. Neben allem Großen und Scharfen quoll[256]  aber auch immerfort die weibliche Milde und Anmut hervor, welche besonders den Augen und dem edlen Munde den lieblichsten Ausdruck gab, ohne den starken der gewaltigen Leidenschaft und des heftigsten Aufwallens zu verhindern.
Ob man sich in dieser Mischung von entgegenstehenden Gaben und streitigen Elementen, wie ich sie anzudeuten versucht habe, sogleich zurechtfinden wird, bezweifle ich fast. Mir wenigstens war es beschieden, erst vermittelst mancher Ungewißheit und manches Irrtums auf die rechte Bahn zu kommen, indem ich nur in dem einen auf der Stelle bestimmt und auf immer fest war, daß mir der außerordentlichste und wertvollste Gegenstand vor Augen sei. Irgendein Vorurteil, wie das mißfällige Gerede der Leute aus den verschiedensten Kreisen und Standpunkten seit so langer Zeit mir wohl hätte aufbürden mögen, hatte ich nicht, auch wäre dasselbe an ihrer Gegenwart sogleich zerschellt; der schlichte, natürliche Empfang, die harmlose Klarheit und das anspruchslose Wohlbehagen des anfänglich nur auf Gleichgültigkeiten fallenden Gesprächs mußten jede mitgebrachte Spannung auflösen, und nach und nach erhob sich dagegen eine neue, die ganz dem Augenblicke selber angehörte und schon darin begründet lag, daß jedes Wort, rein und lauter wie der frische Quell aus dem Felsen, auch dem Gleichgültigsten einen Reiz des Lebens, einen Charakter von Wahrheit und Ursprünglichkeit gab, welche durch die bloße Berührung jedes Gewöhnliche zu Ungewöhnlichem verwandelten. Ich empfand auf diese Weise eine neue Atmosphäre, die mich wie Poesie anwehte, und zwar durch das Gegenteil dessen, was gemeinhin so heißt, durch Wirklichkeit anstatt der Täuschung, durch Echtheit anstatt des Scheins. Es konnte jedoch nicht fehlen, daß unser Gespräch, dem nach allen Seiten so viele Wege vollkommen vorbereitet waren, sehr bald auf bedeutendere Dinge überging und endlich ganz in Beziehungen des innern Lebens verweilte, zu welchen Bücher, Personen und Verhältnisse, die jeder von seiner[257]  Seite kannte und auch dem andern bekannt wußte, den ergiebigen Stoff nicht mangeln ließen. Wir sprachen von Friedrich Schlegel, von Tieck, von Frau von Staël, von Goethe, teils in literarischer, teils in gesellschaftlicher Hinsicht, und unsre eigne Sinnesweise konnte sich an diesen bedeutenden Anknüpfungspunkten sehr gut entfalten und ungewöhnliche Bekenntnisse mit vieler Freiheit wagen, ohne die Zurückhaltung einer ersten Bekanntschaft zu überschreiten.
Wenige Tage nur ließ meine Ungeduld einem wiederholten Besuche vorangehen, und schon mit diesem wuchs das Vertrauen so schnell, daß ich nun täglich zu kommen mich berechtigt hielt. Ich war begierig, diese neuen Anschauungen zu verfolgen, diesen eigentümlichen Wahrheiten und großartigen Aufschlüssen, welche sich mit jedem Schritte glänzender vor mir ausbreiteten, noch näher zu treten und diese neuen, von Einsicht durchströmten Empfindungen zu genießen, deren ich gewahr wurde. Unendlich reizend und fruchtbar war diese Erstlingszeit eines begeisterten Umganges, in welchem auch ich die besten Güter zum Tausche brachte, die ich besaß, und insofern kaum geringere als ich empfing. Hier fand ich das Wunder anzustaunen, daß Rahel, in gleichem Maße als andre sich zu verstellen suchen, ihr wahres Innere zu enthüllen strebte, von ihren Begegnissen, Leiden, Wünschen und Erwartungen, mochten ihr dieselben auch zum Nachteil auszulegen sein, ja ihr selber als Gebrechen und Fehl erscheinen, mit ebensolcher Unbefangenheit und tiefen Wahrheit sprach, als hätte sie nur Günstiges und Schmeichelhaftes anzuführen, sich nur der schönsten Glückesfälle zu rühmen gehabt. Diese Aufrichtigkeit, derengleichen ich nie in einem andern Menschen wieder gesehen habe und deren sogar Jean-Jacques Rousseau nur in schriftlicher Mitteilung fähig gewesen zu sein scheint, konnte mich sogar einigermaßen bedenklich und irre machen, indem oft scharfe Härten aus den leidenschaftlichen Bekenntnissen hervorsprühten und in dem Erlebten[258]  wie in dem darüber Gedachten ein eignes Element aufwogte, das als gewaltsam und schonungslos leicht widrige Empfindungen weckte, besonders wenn man voraussetzte, daß nach der gewöhnlichen Weise auch hier neben dem Ausgesprochenen noch Verschwiegenes im Hintergrunde liege. Dies war aber hier der Fall keinesweges, Rahel sagte in betreff ihrer selbst rücksichtslos die ganze Wahrheit und würde auch die beschämendste und nachteiligste, wäre eine solche vorhanden gewesen, demjenigen nicht verhehlt haben, der im Schein edlen Vertrauens und einsichtiger Teilnahme sie darum befragt hätte. Sie glaubte, indem sie wahr sei, niemals sich etwas zu vergeben noch durch Verschweigen etwas zu gewinnen, und dieses höchste, ausgleichende, versöhnende Interesse für die Mitteilung der Wahrheit, welches sie empfand, setzte sie für deren Würdigung auch bei andern stets, wiewohl leider meist fälschlich, immer aufs neue voraus.
Unser Vertrauen wuchs mit jedem Tage. Gar zu gern teilte ich alles mit, was ich als wichtigsten und daher auch in mancher Art geheimsten Ertrag meines bisherigen Lebens wußte und dem ich keine edlere Stätte finden konnte, keine, wo ein lebhafterer, einsichtsvollerer und wahrheitfrischerer Sinn ihm entgegengekommen wäre. Weit entfernt, Billigung für alles zu finden, vernahm ich manchen Tadel, und andres Mißfallen konnt ich auch unausgesprochen erraten; nur fühlte ich wohl, daß die Teilnahme für mich dabei nicht litt, sondern eher wuchs, und bei diesem Gewinn konnte mir alles übrige nichts anhaben. Auch wurde ich mir selbst gleichsam entrückt in der gewaltigen Anziehung der außerordentlichen Gebilde, welche zum Austausche meiner Gaben sich vor mir ausbreiteten. Mir war vergönnt, in das reichste Leben zu blicken, wie nur der Mund der Wahrheit und die Hand der Darstellung dasselbe aus der nahen Vergangenheit heraufzubeschwören vermochten. Das Leben war reich in seinen äußern Verhältnissen, unendlich reicher aber durch seinen innern Gehalt,[259]  dem jene sich gänzlich unterordneten. Prinz Louis Ferdinand, der geniale, heldische Mensch, den sein hoher Standpunkt leider mehr für seine Fehler als für seine großen und schönen Eigenschaften begünstigte, hatte hier seine reinsten Empfindungen, sein innigstes Streben und Denken, seine edelsten Erhebungen im Genuß einer geistesregen, gemütvollen Freundschaft gehabt, einer Freundschaft, deren starkem Vertrauen ebenso sein politisches Sinnen wie seine verliebte Leidenschaft und jede Wendung des bedrängten Geistes und Herzens sich erschließen durfte, eines Anteils gewiß, wie sonst nur die mitergriffne Neigung ihn hervorzubringen pflegt. Männer wie Gentz und Friedrich Schlegel und beide Humboldt waren diesem Kreise beeifert zugetan, bald um Blüten und Früchte von daher zu sammeln, bald um deren zu bringen und immer ihren besten Beifall hier zu finden. Graf von Tilly, Gustav von Brinkman, der Baumeister Hans Genelli, von Burgsdorff, Major von Gualtieri, Ludwig und Friedrich Tieck, Fürst von Ligne, Graf Casa-Valencia, Fürst Reuß, Navarro und so viele andre Diplomaten, Militärs, Gelehrte und Künstler hatten sich eingefunden und mit höherem Sinn und erregtem Bedürfnis geistigen Behagens sich angeschlossen und einheimisch gemacht. Von ausgezeichneten Frauen wäre Karoline von Humboldt zu nennen, deren jüngere Jahre als ungemein reizend geschildert wurden, dann Friedrich Schlegels nachherige Frau Dorothea Veit, ferner die Gräfin von Schlabrendorf, die Gräfin Pachta aus Böhmen, die liebliche Schauspielerin Friederike Unzelmann und die merkwürdigste, eigentümlichste und reizendste von allen, Pauline Wiesel, deren noch späterhin zu gedenken sein wird. Eine herrliche Bildergalerie, durch welche ich unter lebensprühenden Erklärungen geleitet wurde! Die Bilder nämlich allein waren noch gegenwärtig, der Kreis selber jetzt durch die Zeitverhältnisse völlig aufgelöst, nachdem schon die einzelnen Menschengeschicke durch Tod, Entfernung und andre Wandelbarkeit die dichten Reihen gelockert hatten.[260] 
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Die Fülle und Kraft persönlicher Lebensentwickelung waren mit der Schönheit und Erhebung dichterischen und philosophischen Geisteslebens in engem Bündnisse, sie bewegten sich beiderseits in bezugvoller Übereinstimmung. Schon sehr früh, weit früher als irgendeine literarische Meinung der Art sich gebildet hatte, war Rahel von Goethes Außerordentlichkeit getroffen, von der Macht seines Genius eingenommen und bezaubert worden, hatte ihn über jede Vergleichung hinausgestellt, ihn für den höchsten, den einzigen Dichter erklärt, ihn als ihren Gewährsmann und Bestätiger in allen Einsichten und Urteilen des Lebens enthusiastisch angepriesen. Jetzt erscheint das sehr leicht und natürlich, und niemand will Goethes eminentes Hervorragen verneinen, denn sogar im Bemühen, sie einzuschränken, gibt man die Bejahung zu; allein damals, wo der künftige Heros noch in der Menge der Schriftsteller mitging und an Rang und Ruhm ganz andere weit voranstanden, wo die Nation über den Gehalt und sogar über die Form der geistigen Erzeugnisse noch sehr im trüben urteilte und meist an kleinlichen Nebensachen und äußerlichen Überkommnissen hing, damals war es keine Kleinigkeit, mit gesundem Sinn und Herzen aus dem Gewirr von Täuschungen und Überschätzungen sogleich das Echte und Wahre herauszufühlen und mit freiem Mute zu bekennen. Die Liebe und Verehrung für Goethe war durch Rahel im Kreise ihrer Freunde längst zu einer Art von Kultus gediehen, nach allen Seiten sein leuchtendes, kräftigendes Wort eingeschlagen, sein Name zur höchsten Beglaubigung geweiht, ehe die beiden Schlegel und ihre Anhänger, schon berührt und ergriffen von jenem Kultus, diese Richtung in der Literatur festzustellen unternahmen. Gedenkenswert erscheint es, daß, während diese Männer ihre Anbetung doch nicht ohne einige Absicht auf Ertrag und Lohn ausübten, Rahel ihrerseits mit völligem Selbstvergessen verfuhr; sie hatte Goethen im Karlsbade persönlich kennengelernt und er mit Aufmerksamkeit und Anteil ihres Umganges gepflogen,[261]  wie auch noch späterhin desselben mit Hochschätzung gedacht, ohne daß sie im geringsten eine Verbindung festgehalten, einen Briefwechsel veranlaßt hätte; im Gegenteil, sie erwähnte wenig der Person, desto beeiferter aber des Genius, und nicht die zufällige Bekanntschaft, sondern die wesentliche, die das Lesen seiner Schriften gab, genoß und zeigte sie mit Stolz und Freude. Spät erst entdeckte ich unvermutet in vergessenen Briefen die aus Goethes Mund über Rahel vernommenen und ihr berichteten rühmlichen Äußerungen. In der Philosophie stand ihr gleicherweise der edle Fichte voran, für dessen Geistescharakter sie stets in gleicher Verehrung blieb, wenn auch sein Geistesgehalt bei weitem nicht alles abschloß, was ihr Gedankenflug forderte oder gestatten mochte. Friedrich Schlegel, Novalis, Schleiermacher, ja selbst Schelling und Steffens waren ihr teils persönlich, teils den Schriften nach bekannt und wert. In der Musik waren ihre Lieblinge Gluck, Mozart und Righini, die italienische Schule im Gesang und nebenher auch im Tanze allem andern vorausgeltend. Und damit dem Schätzen und Lieben auch der Gegensatz des Mißachtens und Verwerfens nicht fehlte, so waren ihr ebenso früh und so entschieden wie jene im Guten die damals beliebten Bühnenherrscher Kotzebue und Iffland im Schlechten bemerkt, lange vorher, ehe noch die zum Bewußtsein er wachende literarische Kritik ihre mutigen Angriffe gegen diese Götzen der Masse gerichtet hatte. Namentlich klagte sie, daß Iffland, abgerechnet sein großes persönliches Talent, das doch dem echten Genius eines Fleck nicht zu vergleichen war, durch sein wachsendes Ansehen und Einwirken die Bühne und Schauspielkunst in Berlin auf weithinaus zugrunde richte, ins Gemeine und Manierierte hinabziehe und der leitenden Behörde wie selbst dem Publikum die falschesten Maximen und Urteile einflöße und verhärte. Diese Polemik hat Wurzel gefaßt und sich in der Folge durch namhafte Autoritäten ausgebreitet, doch lange nicht so sehr, daß nicht noch heutigestages das Verdienst der richtigen[262]  Voraussagung durch vielfältigen Augenschein leider bewährt stünde.
In meinen Briefen nach Hamburg war ich gewohnt, mit völliger Offenheit meine Lebensbegegnisse und meinen Sinn auszusprechen, ich verhehlte der lieben Freundin keine der Bewegungen, die meinen Geist oder mein Gemüt ergriffen, und so hatte ich ihr auch in der Freude meines Herzens ganz begeistert von Rahel geschrieben. Mein Vertrauen war um so rückhaltloser, als gerade dies mich am stärksten mit Fanny verband, seit von ihr so dringend festgesetzt und beteuert worden war, daß unsre wechselseitige Teilnahme und Zuneigung uns zwar immer verbunden halten, aber einzig als Freundschaft uns beglücken solle. Meine Erwähnungen von der Bekanntschaft mit Rahel, und wie sehr ich an ihrem Umgange Gefallen fände, bewirkten jedoch Verstimmung und wurden durch die wehmütige Klage, ich würde neben einer so überaus klugen Frau nun wohl jede andre dumm finden, und durch mißtrauische Warnungen erwidert, woraus ich wohl sehen konnte, daß bei gewissen Verzichtungen und Lossagungen, wenn sie auch vollkommen ernst sind, doch der Fall der Anwendung immer peinlich wird und daß man leichter sein Wort geben mag, als dabei genommen sein will. Aber dennoch blieb Fanny bei ihren einmal gegebenen Erklärungen, daß sie in ihrem schon bestimmten Lose verharren und mit mir kein neues teilen werde, wie reizend und beglückend dies ihr immer leuchten wolle. Sie wies jede Gegenvorstellung mit verstärkten Gründen von sich. Die Worte mochten aber sein, wie sie wollten, in der Sache fühlte ich nur zu gut den ungeheuern Zwiespalt, in den ich mich hatte kommen lassen und aus dem ich mir mit bestem Willen nicht zu helfen wußte. Ich empfand es deutlich und schmerzlich, daß die Bande meines Innern gegen Fanny keineswegs gelöst, gegen Rahel aber in bedeutender Anknüpfung begriffen seien. Ich war aufrichtig nach beiden Seiten und gegen mich selber dazu, aber auch dadurch wurde in der Sache nichts gebessert, und[263]  da nach keiner Seite ein Grund oder Anlaß des Aufgebens vorhanden war, im Gegenteil die stärksten Triebe des innigsten Festhaltens gleichmäßig fortwirkten, so sah ich mir dieselben Verschlingungen, die ich schon in diesem Betreff mit Harscher zu tragen hatte, nochmals und mit weit schwererem Druck über den Kopf geworfen. Für mich hatte dies fürerst nach außen die Wirkung, daß ich nun selbst verdrießlicher und abgeschlossener gegen die andern wurde und sie nach ihrem sparsamen Sinn auch sparsamer behandelte.
Einige Vorfälle ließen den gewaltsamen Drang des politischen Zwiespaltes heftig empfinden, den wir zwar immer vor Augen hatten, aber im höheren Einverständnisse freimenschlichen Sinnes persönlich von uns abhalten mochten. Der Frieden war geschlossen, der Feind aber noch im Lande, und Gelegenheit und Reiz, ihm nachträglich entgegenzutreten, machten manchen preußischen Offizier, der ohne sein Verschulden die Schmach der allgemeinen Niederlage trug und auch jetzt noch nicht wieder in Uniform erscheinen durfte, zu Händeln entzündlich, die ihm wenigstens auf einige Augenblicke die vom Feinde selbst bewilligten Waffen wiedergaben.
Einen größeren und offneren Volkswiderstand vergegenwärtigte uns ein Anblick, der sich eines Morgens überraschend darbot, als ich die Friedrichstraße hinabging und ein langer Zug Reiterei vom Oranienburger Tore mir entgegenkam. Gewöhnt an das Hinundherziehen französischer Truppen, pflegte man der geringeren Abteilungen oft gar nicht mehr zu achten; diesmal aber fiel mir sogleich etwas Fremdartiges auf, das mich näher anzog; nicht Deutsche konnten diese Leute sein noch Franzosen, noch wußte man sie unter den schon bekannten Bundestruppen der letzteren irgendwo einzureihen, ebensowenig konnten sie für Kriegsgefangene gelten; stolz und ernsthaft war ihr Aussehen, sie schienen die neue Stadt und die Zuschauer gar nicht zu beachten, die dunklen Gesichter schauten wie mutig[264]  ergeben in ein unausweichliches Geschick vor sich hin; französische Gendarmen ritten hie und da zur Begleitung nebenher, und schon wollte ich einen derselben befragen, als aus dem Zuge, wo einige Pferde ungestüm wurden, ein paar Worte hervorschollen, die mir sogleich alles Licht gaben: die Worte waren spanisch, und es blieb kein Zweifel, daß diese Reiter zu den traurigen Überresten gehörten, die auf den Küsten Dänemarks zurückgeblieben und wieder in die Gewalt der Franzosen geraten waren, als der Marquez de la Romana vor mehreren Wochen zur Rückkehr in das Vaterland sich mit dem größten Teile der Seinen glücklich eingeschifft hatte! Im tiefsten war mir das Herz bewegt; ich fühlte die stille Freude dieser Gefangenen mit, die, was ihnen mißlungen war, doch ihren Kameraden gelungen wußten und nun ihr eignes bedrückendes Los mit solch anständiger Haltung trugen! Sie waren, wie ich vernahm, nach den Festungen an der Oder bestimmt, wo man sie, nachdem sie ihre schönen andalusischen Pferde abgegeben, ohne Gefahr zum innern Dienste verwenden konnte. Wahrscheinlich sind sie noch weiter fortgeschafft und versplittert worden, wenigstens habe ich von dem Schicksal dieser durch Berlin gekommenen Spanier in der Folge nichts mehr erfahren können. Auch wir blickten seufzend, als wären wir dort einheimisch, in jenes Land hinüber, wo das hochherzige Volk in offnem Aufstande gegen das Joch Napoleons kämpfen konnte. Wir fühlten uns von jedem Versuche dieser Art ausgeschlossen, denn das ganze Land war überall vom Feinde mit kluger Vorsicht bewacht, und schwerlich gab es damals einen Boden und ein Volk, die hülfloser und verlorener anzusehen gewesen wären als Preußen.
Schon lange trug dieser Jammer wesentlich dazu bei, mir den Aufenthalt in Berlin zu verleiden. Auch meine Freundin Rahel war darüber in Verzweiflung und sprach vielfältig vom Wegreisen; allerlei Plane, in Böhmen oder in der Schweiz zu leben, wurden aufgelegt, die Beschränktheit der verfügbaren Mittel aber blieb allen ein Hindernis. Doch[265]  nicht genug, daß ich nun auf keine Weise mehr an diesem Ort mich befinden mochte, so war mir ihn zu verlassen auch schon um deswillen ein Bedürfnis, weil ich anderwärts für meine Zukunft neue Fassung zu finden hoffte, denn leider war mir diese völlig ausgegangen. Die bewegte Welt, in der so vieles zusammenstürzte, und die Zerrüttungen in meinem Innern, das zwischen entgegengesetzten Neigungen, Fähigkeiten und Aufgaben hin und wider schwankte, hatten mir die Laufbahn des Arztes, wie sie gedenkbar vor mir lag, immer mehr verdunkelt, und besonders fühlte ich den nächsten Bestimmungsgrund, der mich bisher auf ihr meinem Glück entgegenzuleiten versprach, völlig hinweggerückt. Es kam mir wie die größte Torheit und Albernheit vor, daß ich mich, ohne Gewährung häuslichen Glückes, bürgerlich niederlassen und in dürftigen Anfängen abschließen sollte, bei solchen Vorstellungen, in solch jungen Jahren, bei so vielfacher Ansprache der Welt an mich. Der Kriegsdienst lockte mich an, die Vaterlandsliebe beseelte diese Richtung mit den höchsten Gedanken, für politische Verhältnisse und Geschäfte fühlte ich mich nicht ungeeignet, und die freie Tätigkeit der Schriftstellerei erschien mir vor allem leicht und wünschenswert, sobald nur erst der rechte Anhebungspunkt dafür gewonnen wäre. Weil nun aber dieser Zwiespalt nach keiner Seite günstige Entwickelung erfuhr und ich im Grunde doch innerlich die Medizin noch gar nicht losgeworden war, so fiel ich zunächst immer auf diese wieder zurück, und gerade in meinen kräftigsten Augenblicken glaubte ich mich ihren Forderungen fügen zu können. Ich warf mir meine Unbestimmtheit als Schwäche vor, die Wahl sollte durch ihre eigne Macht die in dem Gegenstand liegenden Gründe vervollständigen, und so dachte ich es mit der Medizin ohne weiteres zu erzwingen und kam in der erhöhten Stimmung, welche der Umgang Rahels mir gewährte, nun zu dem festen Entschlusse, alles an den Versuch zu setzen. Zu diesem Zwecke war es vor allem nötig, Berlin zu verlassen, wo mich zu viele Gegenstände ablenkten[266]  und die teuersten nicht einmal sicher waren. Wie früher nach Kiel, so richtete ich nunmehr mein Absehen nach Tübingen, wo Kielmeyer und Autenrieth für mein Vorhaben als günstige Sterne leuchteten und wohin auch Harscher, der sich den gleichen Zweck vorsetzte und sich endlich zum Arzt entscheiden wollte, mich zu begleiten nicht abgeneigt schien. Daß wir in Berlin, weil die Gründung der Universität sich verzögerte, nicht Doktoren werden konnten, kam gleichfalls in Betracht und hieß uns nach diesen Verhältnissen unsere Schritte einrichten.

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Für diesen Bezug ergab sich indes anderweitig Rat und Aushülfe ganz in der Nähe. Die Universität Erfurt war mit ihren akademischen Würden nicht schwierig; ihr ganzes Dasein bestand fast einzig noch in Ausübung dieser Gerechtsame, und, schon längst mit Aufhebung bedroht, eilte sie, ihre akademische Ware, wie zum Ausverkauf, so leicht und wohlfeil als möglich loszuschlagen. In Berlin besorgte der Hofrat Professor Hecker diese Geschäfte regelmäßig und wies der Erfurter Fakultät gegen einigen Anteil an den Gebühren möglichst viele Kandidaten zu. Dies war ohne Zweifel ein Mißbrauch, und in andrer Zeit und bei andern Umständen hätte ich mir es zur Schande gerechnet, auf diese Art Doktor zu werden. Die Lage der Dinge schien diesmal zu entschuldigen, daß ich der schnellen Aushülfe mich bediente, die mir von ältern Studiengenossen vorgeschlagen und diesmal wenigstens für meinen Fall von den würdigsten Männern gebilligt wurde, da niemand glauben durfte, ich wolle nur der strengen Prüfung auf diese Weise entgehen.
Teils mit sich selber als mächtiger Gegenwart erfüllt, teils zur unbestimmten Zukunft gewaltsam hinausstrebend, war die schöne Sommerzeit verflossen, und während der Ferien mußten die Entscheidungen ausgeführt werden, welche wir gefaßt hatten. Je mehr der Zeitpunkt der Trennung herannahte, desto inniger fühlten Rahel und ich den Wert und das Glück unsrer Verbindung. Wir suchten den Schmerz durch Geistesstärke zu verscheuchen, aber mitten in aller[267]  Freudigkeit, daß wir noch zusammen ein Glück empfanden, dem auch die Trennung sein Wesen lassen mußte, überschlich uns die trauervollste Wehmut. Es schien Torheit, Wahnsinn, daß wir uns trennten, und doch blieben die gefaßten Vorsätze unverändert, und durchaus einwilligend stimmte Rahel mir bei. Wir hatten den Mut, uns zu trennen, gestärkt durch die Kraft des Zusammenseins. Meine Lebensentwickelung war noch unvollständig, sogar in ihren Umrissen, deren Gestalt sich abschließen, sich nach mehreren Seiten über vielen Lücken hin ergänzen mußte. Wie hätte ich bleiben sollen, in welcher Stellung, in welcher Richtung? Der strebenden Tätigkeit hätte kein Glück mich entsagen lassen, im ruhigen Genusse weicher Tage wäre ich nur unglücklich gewesen. Ich mußte fort, um als ein andrer wiederzukommen, und mußte immer wieder fort, bis nach genugsamen Kämpfen und Stürmen das innere Leben sich zu dem äußern in gehöriges Verhältnis gebracht hatte.



Tübingen
1808–1809
[268] Tübingen, Anfang Novembers 1808











Da sind wir denn in Tübingen! Am 1. spätabends, bei vollem Mondschein, der die Berge und ihre vom Herbst wunderkräftig gebräunte Waldung schön beleuchtete, fuhren wir munter hier ein und haben in den ersten Tagen die Stadt und Gegend, die Anstalten und zum Teil auch die Menschen schon zur Genüge angesehen. Ob wir recht getan, hieher zu reisen? Es war eine kühne, frische Tat, alle Gründe waren dafür – und doch fürcht ich schon, daß der Ausgang es als ein unnützes Abenteuer erscheinen läßt. Der Eindruck von manchem einzelnen war gut, die Gegend ist schön, das[268]  Volk unterhaltend, die Männer, die uns anzogen, sind ihres Rufes wert; aber das Ganze wirkt auf uns gräßlich niederschlagend! Wir haben ganz dasselbe Gefühl, Harscher und ich, da doch sonst unsre Seelenstimmungen weit auseinander liegen, so wie die Gegenstände verschieden sind, von denen wir bewegt werden. Diesmal muß also doch etwas in der Sache sein, was uns beide so benimmt und beängstigt; das gute Tübingen will ich nicht grade beschuldigen, aber desto mehr die grelle Versetzung, die wir zu leichtsinnig gewagt, den ungeheuren Abstand des Lebens hier von unsrem in Berlin; wir dachten den so leicht zu ertragen, und ich sehe schon, wir beide können es nicht! – Für mich ist das schlimmste, daß alle die Kämpfe, denen ich entgangen zu sein glaubte, sich hier grade am heftigsten erneuen. Von allen Seiten bestürmen mich Zweifel und Lockungen! Was ich eigentlich will, was ich im Tiefsten des Herzens will, das ist mir klar und gewiß; aber davon ist nicht die Rede! Die Rede ist davon, daß ich eine Gestalt finde, in der mein Leben sich das Ziel jenes innersten Wollens aneignen könne, und da sind so viele Wege, da begegnen mir auf jedem günstige und widrige Zeichen. Es ist kein Irrtum, daß ich Arzt werden will, gewiß nicht; dieser Beruf ist mir lieb, und ich kann darin glücklich sein. Aber es liegt in den Umständen, daß ich, um als Arzt zu leben, keinen andern Ort als Hamburg wählen kann, und so lieb mir der Ort an und für sich ist, so wenig darf ich ihn jetzt für mich wünschen, und nun gar der Gedanke, mich für immer in einer Stadt niederzulassen, die französischer Herrschaft unterworfen ist, während doch vielleicht – vielleicht! – noch einige Strecken des Vaterlandes sich als freie Deutsche erhalten! Soll man überhaupt in solcher Zeit sich niederlassen? Und was kann man sonst tun? Ich genug! Ich finde nur zu viele Möglichkeiten, denen ich folgen kann. Zum Kriege kann jeder taugen und ich also auch; die Gelegenheit wird nicht fehlen, denn Deutschland ist noch lange nicht völlig unterjocht und noch lange nicht völlig frei; da muß noch oft zu den Waffen[269]  gegriffen werden; kann ich hieran nicht teilnehmen, so bleibt mir ein entschiedener Anspruch ewig unbefriedigt. Aber auch geistige Tätigkeit reizt mich, literarische, auf das gesellschaftliche Leben wirksame; sollt ich nicht als Schriftsteller leben können und auch hier mitunter die gewünschte Kriegsbahn gegen den Feind eröffnet finden? Aber der Augenblick drängt; was soll ich wählen, was kann ich ergreifen? Ich kann nichts abwarten, ich habe nur Boden, sofern ich gewählt habe, und auch da zuerst nur unfruchtbaren! Ob die Früchte dann kommen oder ausbleiben, das steht dahin.
Ich war bei Cotta, dem ich meinen Empfehlungs-und Kreditbrief übergab. Ich glaubte meinen Augen nicht, als ich nach der Cottaschen Buchhandlung fragte und man mich in ein Lädchen wies, wo ich mich fast schämte einzutreten; so winzig, eng und schmucklos hab ich neue Bücher noch nie wohnen sehen, alte wohl! Und noch dazu ist dies der Ort, wo die Schiller und Goethe recht eigentlich zu Hause sind, von wo sie ausgehen. Der eine, emsig beschäftigte, aber dennoch gutmütig aufmerksame Diener, den ich traf, lächelte über meine Befremdung und geleitete mich, da ich den Herrn Doktor sprechen wollte, zwei schmale Stiegen hinauf, in ein enges Stübchen, wo es aber doch etwas elegant aussah, sogar ein Sofa breitete sich hinter einem Tische, das einzige bis jetzt, das ich in Tübingen zu sehen bekommen, denn Studenten und Professoren haben so schwelgerische Gewohnheiten nicht. Cotta trat ein, ein hagrer, ältlicher Mann, lebhaft, geschmeidig in eckigen Manieren, in schwäbischer Gemächlichkeit rasch; er war prompt, artig und meinen Wünschen zuvorkommend, hatte aber viel zu tun, daher ich ihn bald wieder verließ. Seitdem war ich auch schon einen Abend bei ihm, wo ich ihn mit seiner Frau und seinen zwei artigen Kindern sah, als freundlichen, liebevollen Hausvater, den das lustige Töchterchen mit klugem Mutwillen in beste Laune setzte; auch die Frau war voll Güte, doch sehr gehalten, maßvoll und[270]  verständig, im Praktischen gewiß nicht leicht zu irren noch umzugehen. Ich mußte von Hamburg erzählen und machte geflissentlich eine prächtige Beschreibung von dem Buchladen meines Freundes Perthes im Jungfernstieg, von der reizenden Lage, der schönen Einrichtung, den weiten Räumen und den aufgereihten kauffertigen Vorräten alles Neuen, Wertvollen und Anziehenden in- und ausländischer Literatur. Ich erweckte keinen Neid, im Gegenteil, das süßeste Behagen, daß man hier solchen Glanz nicht nötig habe und in der geringsten Einrichtung sich behelfe. Dabei leugnet Cotta seine Mittel nicht und macht immer neue Unternehmungen, gibt das größte Honorar, kauft Güter und Häuser, und in seinen Geschäften gedeiht alles bestens. Und wie klug spricht er über Literatur! Wie fein und tüchtig ist sein Urteil, wie erkennt er die Talente, wie genau weiß er anzugeben, wo und wie jedes im Publikum Anklang und Erfolg finden kann! So vortrefflich er die buchhändlerischen Interessen versteht, so sind sie ihm doch gar nicht das Höchste; er hat sein eignes Urteil, seinen eignen Geschmack. Wir sprachen von Heinrich von Kleists »Penthesilea«, die er verlegt hat; er war unzufrieden mit dem Erzeugnis und wollte das Buch gar nicht anzeigen, damit es nicht gefordert würde; überhaupt war er gegen die neuere Schule ergrimmt, und von Görres, Achim von Arnim und Clemens Brentano, die in Heidelberg durch die Einsiedlerzeitung ihm übel mitspielen, durfte man nicht reden, ohne daß er die Augenbraunen heftig zusammenzog und seine Kämpfer Weißer und Haug gegen sie anrief. Auch in politischen Urteilen fand ich ihn scharf und tüchtig, reich an Verknüpfungen, voraussehend, unerschrocken, gar wohl als tapferer Offizier zu denken. So sehr wir, besonders in literarischen Dingen, entgegengesetzter Meinungen waren, so leicht und friedlich tauschten wir diese aus; ich fühlte gleich ein volles Vertrauen zu ihm, das auch nicht unerwidert schien. Ich glaube, mir, dem Norddeutschen, zu Ehren wurde die Hausordnung verändert und Tee getrunken, um[271]  6 Uhr, dann aber auch unerbittlich geeilt zum Nachtessen, und um 9 Uhr fand ich, daß es hohe Zeit sei zu gehen; um 8 hatte schon der Nachtwächter gerufen; früher rief er um 7, aber der jetzige Ortsbeamte wollte es nicht mehr leiden.
Wir finden die Stadt mit ihren Straßen und Häusern abscheulich, ein schmutziges Nest, schwarz, klein, baufällig; die Stuben, die man uns anbietet, sehen schrecklich aus, mittelalterige Fensterchen, schiefe Fußböden, klapprige Türen; zwei Stühle, ein Tisch, ein Bett und einige Nägel, um Kleider oder auch sich selbst daran aufzuhängen, sind die Möbel. Was man verlangt, ist nicht zu haben, fremd, vom Hörensagen bekannt; man schämt sich, man scheint sich frech, so viele Ansprüche zu machen. Dagegen ist die Landschaft prächtig; das Neckartal und das Ammertal laden zu den schönsten Spaziergängen ein, die Hügel bieten die reichsten Aussichten, die ganze Gegend hat einen lieblich schwermütigen Charakter. Man zeigt ein Gartenhäuschen vor der Stadt, wo Wieland gedichtet haben soll. Wie reizend fänden wir dieses Stück Natur, wie genügend diesen beschränkten Umfang, könnten wir unser berlinisch Leben darin fortführen!

Tübingen, Mittwoch, den 16. November 1808

Nun haben wir schon mehrere Bekanntschaften gemacht. Ein Mediziner, der nächstens als Arzt in seine Vaterstadt Frankfurt am Main zurückkehrt, klein, gewandt, rotbäckig, Philosophie und Poesie verächtlich belächelnd, aber eifrig fürs Praktische, streng auf sein Fach versessen und wohlbeschlagen fürs Examen, kurz, einer von der infamen Race, die man hoffnungsvolle Jünglinge und später Ehrenmänner nennt, will sich unsrer annehmen und uns mit dem Neste, wo er sich so gut hat flügge werden lassen, aussöhnen. Wir aber wollen nichts mit ihm und seinem Gelichter zu tun haben! Er war uns aber doch schon willkommene Brücke zur Bekanntschaft mit einem andern jungen Mann, mit Justinus Kerner, einem jüngern Bruder[272]  des Arztes in Hamburg, Dichter, von dem einige Lieder in der Einsiedlerzeitung gedruckt sind; er ist ein unschuldiges kindliches Gemüt, äußerlich vernachlässigt, innerlich dem Höheren zugewandt; wir verstehen uns aber wenig, er kennt nur sein Schwaben. Auch einen Freund von ihm, Ludwig Uhland, ebenfalls Dichter, hab ich gesehen und gesprochen.

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Wir waren bei Kielmeyer und Autenrieth, nun die Männer bedürfen unsres Lobes nicht, aber – es ist doch alles anders, als wir dachten. Autenrieths Klinikum ist vortrefflich, eine lebendige Darstellung, scharfsinnig, eindringlich belehrend; doch die Anstalt ist klein, erst im Entstehen, und er selbst wundert sich, daß Reil und andre solche Ratgeber uns hieher gewiesen haben. Indes könnten wir sehr zweckmäßig unser Studium hier vollenden, zu lernen gäbe es genug, und Ruhe und Stille zum Fleiß fehlte nicht. Nun wir aber an der Schwelle stehen, zaudern wir, erschrecken, wenden uns ab! Wir verzweifeln an unserm Beruf, an dieser Bahn wenigstens, wo wir von allem Leben, das erfreut und erhebt, abgeschnitten sind. Wir haben schon zuviel gehabt, um jetzt alles zu entbehren, gesellige Anregung, reizenden Umgang, Kunst, große Tagesstoffe der Verhandlung, der Betrachtung. Harscher könnte noch eher sich in Studien einspinnen, seine Ideen können auch in der Einsamkeit gesund reifen, er ist weniger auf das Leben in und mit der Welt beschränkt als ich; beschränkt, das ist der Ausdruck, denn angewiesen darauf ist er vielleicht weit mehr als ich. Aber auch er will es nicht aushalten, will aus diesem Loch, in das wir gefallen sind, sich um jeden Preis hinausretten. Wir haben schreckliche Tage unter wechselseitigen Bekenntnissen, unter Beraten und Überlegen hingebracht, die innern Strebungen geprüft, die äußeren Umstände erörtert, die Möglichkeiten berechnet; das Ergebnis dieser großen Krisis war: fürerst weg! Was nachher zu tun, das bleibt leider noch verwickelt genug, besonders für mich, der ich von Ursprung an in widerstreitenden Bezügen gerungen habe, zurückgehalten von diesen, fortgerissen von andern, verspätet[273]  und verfrüht zugleich! Harscher nun, so nah der Heimat, wo er doch auch vieles zu ordnen hat, geht in diesen Tagen nach Basel; dort wird er sich besinnen, neue Plane anlegen, die meinigen erwarten. Ich, zu weit von Berlin und Hamburg, bin für den Winter hier gefangen! Doch sobald meine jetzt erschöpften Hülfsquellen wieder etwas gewachsen sind, was zum Frühjahr gewiß geschieht, aber auch vielleicht früher, mache ich mich auf und eile, wohin das Herz begehrt! Wo das sein wird? Ich weiß es selbst nicht; jeder Ort, jede Lage, jede Tätigkeit ist mir recht – wenn sich das eine mir erfüllt! Wien steht uns wohl im Sinn, aber auch Paris. Leider schwank ich nicht allein, alle schwanken und jeder nach andern Richtungen, mit andern Aussichten; wo kein Punkt fest ist, alles nur in fortwährender Bewegung sich gegenseitig bedingen soll, da ist schwer eine Verknüpfung zu treffen. Doch gibt uns der neuste Entschluß wieder Mut, wir sind die Stockung im Innern los. Tadelt nur Harschern nicht, daß er mich allein läßt! Ich selbst habe ihn mit aller Überredung dazu gedrängt. Auch ich bin dadurch freier.

Tübingen, Ende Novembers 1808

Harscher ist längst in Basel und ladet mich ein, zu ihm zu kommen, im elterlichen Hause mit ihm zu wohnen, zu leben. – Hier hat sich Justinus Kerner sehr an mich angeschlossen, und auch Ludwig Uhland hab ich nun erst recht kennengelernt. Zwei liebe, herrliche Menschen, echte, ursprüngliche Seelen, reich begabt mit innrem Leben und äußerem Talent. Mein ihnen durch die Almanachspoesien schon bekannter Name, jene unreifen, vergessenen Gedichte sind es, die mir diese neuen Freunde verschafft, aus diesem geringen Faden spann sich die schönste Verbindung. Die uns damals wegen unsres kecken Auftretens tadelten, dachten nur an den Gewinn der Literatur, wir freilich auch, aber der Lebensgewinn ist ein ganz anderer, und wie reich ist uns der aus jenen jugendlichen Strebungen aufgegangen![274]  Ein Trost für schlechte Poeten, für schlechte Schriftsteller, aber in der Tat ein Trost, sobald nur wirklich der Gewinn erlangt wird.
Von Uhland brachte mir Kerner ein ganzes Päckchen handschriftlicher Gedichte. Da tauchte mir wirklich die Seele in frische Dichtungsflut! Seine Lieder sind goethisch; das heißt aber nicht Goethen nachgeahmt, sondern in gleichem Werte mit dessen Liedern: ebenso wahr und rein, so frisch und süß! Uhland behilft sich nie mit Worten und Redensarten; nur das Gefühl spricht und die Anschauung, daher ist sein Ausdruck immer echt. Die Natur, die ihn umgibt, die Vorzeit, deren Sage er verhallen hört, bezeichnen den Kreis seiner Dichtung, aber sein Geist ist doch aus unserer Zeit, sein Gemüt umfaßt die ganze Bildung derselben, und so ist er der Auffassung und Wirkung nach durchaus modern. Seine gedrungene Kürze macht mich bisweilen aufjauchzen. Vaterlands- und Freiheitsliebe durchströmen ihn, und auch dies macht ihn mir wert. Ich schicke euch einige Lieder von ihm; »Des Knaben Berglied« und »Die drei Lieder« gefallen euch gewiß. Auch eine Stelle aus einer Dichtung in Prosa stehe hier; von einer Geliebten wird gesagt: »Sie war der Glanz meiner Jugendtage; des Morgens Morgenstern, des Abends Abendrot. Ein Kuß von ihr! ein Abschiedskuß! Und sind wir uns nicht bestimmt fürs Leben, so mögen wir uns doch bestimmt sein für einen Kuß. Und drängt sich in einen solchen Kuß nicht eines Lebens Lust und Schmach?« – Umgang hab ich nicht viel mit ihm, und nur durch Kerners Vermittelung, denn er ist der entschlossenste, hartnäckigste Schweiger, der mir noch vorgekommen, er übertrifft unsern Bekker sogar! Keine Verlegenheit, keine Angst wirkt auf ihn, er wartet es ab, was draus werden möge, und schweigt. Redet er aber, so ist, was er sagt, gediegen, klar, zweckmäßig und möglichst kurz; ohne alle Absicht und Ziererei ist es so, aus freier Natur heraus. Ist das nicht schön? Und so ist der ganze Mensch. Seine Redlichkeit, Hochherzigkeit und Treue preist[275]  jeder, der ihn kennt, als unerschütterlich und probehaltig. Er wird nächstens die Universität verlassen und eine Reise nach Paris unternehmen. Er ist im ganzen nicht rauh und herb, aber wo er es ist, werden ihn die Franzosen nicht glätten und gesprächig machen noch weniger.
Nun muß ich aber auch von Kerner mancherlei erzählen! Auch er ist nicht nach unsrer norddeutschen Weise gebildet und gesprächig, aber den guten Willen hat er, sich anzuschmiegen und mitzuteilen. Mich beruhigt es, jemand in meiner Nähe zu haben – denn wir wohnen in demselben Hause –, der sich so wohlwollend und teilnehmend bezeigt, und mich freut es jedesmal, wenn der liebe, treue Mensch abends zu mir hereintritt und an meinem Tische seine Dissertation schreibt, während ich an meinen Sachen fortarbeite, als wäre niemand zugegen. Später sieht er dann mit Bewunderung, wie ich Tee trinke anstatt des Schoppen Weins, der den Leuten hier so wohlschmeckt, und wir plaudern dann offen und frei über alles mögliche. Daß mir Tübingen nicht behagt und daß ich so manche bittre Bemerkung ausstoße, ist ihm eine wahre Herzenskränkung; er sieht wohl meistens ein, daß mein Tadel nicht ohne Grund ist, er erkennt in manchen Fällen sogar seine eigne Unzufriedenheit wieder, allein er will ihn doch nicht leiden und nimmt ihm wenigstens das Bittre, indem er den besten Humor daraus macht. Er hat den lebendigsten Sinn für Scherz, für alles Komische und Barocke und eine Art von Leidenschaft, dasselbe ans Licht zu bringen und zu fördern. Da er es mit der Einsiedlerzeitung hält, so hat er deren Gegner, die Herausgeber des »Morgenblattes« und Cottan selbst, durch manchen launigen Einfall geärgert. Jedoch ist seine Gesinnung, wie die seines Freundes Uhland, durchaus rein, unzerstörbar rechtschaffen, edel, tapfer und so menschenfreundlich, gutmütig und zutraulich, daß er wohl nie jemanden aus freien Stücken gekränkt und immer gleich verziehen hat, wo er der Gekränkte war. Früher sollte er in Ludwigsburg die Handlung lernen, dann kam er zur Universität,[276]  er folgte der Bestimmung, die man ihm gab, empfand weder Vorliebe noch Abneigung; er meint, es sei so wenig Freude in der Welt, daß man nur eben etwas – gleichviel was – tun müsse, damit die Zeit verstreiche und so das ganze Leben; den Vorteil hat er, daß, wie ihn nichts sonderlich freut, ihn auch nichts eigentlich schmerzt, und so lebt er munter und harmlos fort. Die vier Jahre, die er nun hier studiert, hat er ohne Anstrengung, doch mit großem Fleiße benutzt, außerordentlich viel gelernt und auch schon Kranke mit Geschicklichkeit und Erfolg behandelt. Sobald er Doktor geworden, reist er nach Hamburg und von da nach Kopenhagen oder Wien; auf ihn werden die großen Städte schon wirken! Zu seiner Dissertation hat er Bemerkungen über das Gehör gewählt und deshalb ganz neue Versuche mit Tieren angestellt. In seiner Stube lebt er mit Hunden, Katzen, Hühnern, Gänsen, Eulen, Eichhörnchen, Kröten, Eidechsen, Mäusen und wer weiß was noch sonst für Getier ganz freundschaftlich zusammen und hat nur seine Not, Tür und Fenster zu verwahren, daß ihm die Gäste nicht entschlüpfen; ob seine Bücher oder Kleider in Gefahr sind, ob ihn ein Tier im Schlaf anschnopert oder unversehens aufgeschreckt nach ihm beißt, das kümmert ihn nicht. Seine Versuche sind schlau und sinnreich, und er sucht alle Quälereien zu vermeiden. Überhaupt steht er der Natur sehr nah und besonders ihrer dunklen Seite. Seine Augen haben etwas Geisterhaftes und Frommes; sein Herz kann er willkürlich schneller schlagen machen, aber es nicht ebenso wieder hemmen; die Erscheinungen, welche neulich Ritter an Campetti beobachtet hat, die Pendelschwingungen des Ringes am seidnen Faden, das Umdrehen des Schlüssels mit dem Buche und alles dergleichen zauberhaft Magnetisches tritt bei ihm in auffallender Stärke hervor. Er selbst hat etwas Somnambüles, das ihn auch im Scherz und Lachen begleitet. Er kann lange sinnen und träumen und dann plötzlich auffahren, wo dann der Schreck der andern ihm gleich wieder zum Scherze dient. Wahnsinnige kann er[277]  nachmachen, daß man zusammenschaudert, und obwohl er dies possenhaft beginnt, so ist ihm doch im Verlauf nicht possenhaft dabei zumut. In der Poesie ist ihm das Wunderbare der Volksromane, der einfache Laut und die rohe Kraft der Volkslieder am verwandtesten, Dichtungen höherer Art läßt er gelten, aber er begehrt ihrer nicht; so spricht er auch mit Vorliebe die rohe Landesmundart, will sie nicht ablegen und verstockt sich wohl gar gegen die Schriftsprache. Der Sinn für gebildete Kunst tritt zurück; in der Musik hat er sich die Maultrommel angeeignet und weiß dem geringen und doch wunderlichen Instrument die zartesten und rührendsten Töne zu entlocken. Nun denkt euch noch die einfachste, ganz vernachlässigte Kleidung, völlige Gleichgültigkeit gegen die Dinge, mit denen man sich berührt, vorgebeugte Haltung, ungleichen, ungraden Gang, eine stete Neigung, sich anzulehnen oder niederzulegen, wie er denn lieber auf einem Stuhl unbequem liegt als bequem sitzt, und bei allem diesen einen doch schlanken, wohlgewachsenen, ganz hübschen Jungen – so habt ihr ein vollständiges Bild meines Kerners.


Vor einigen Tagen fuhr ich mit Kerner nach Reutlingen, zwei Stunden von hier, wo die Volksbücher und Volkslieder in Menge gedruckt werden. Der Tag war nicht ganz schlecht, die Landstraße noch gut, ungeachtet des vielen gefallenen Regens, und der Posthalter gab uns sehr gute Pferde. Die Fahrt machte mich ganz heiter, und als wir nur eben zum Tor hinaus im Freien waren, mußte ich in laute Freudenbezeigungen ausbrechen. Die schwarzblauen Berge stachen scharf gegen den Himmel ab, und die vielgezackten Gipfel durchbrachen mit ihrem dunklen Ernst überall die dünnen Wolkenwogen, welche um sie her spielten. Nachdem wir das Neckartal verlassen, eröffneten sich neue schönere Berggegenden, und Reutlingen lag vor uns, am Fuß eines hohen Berges, der die Ruinen der Burg Achalm trägt, deren Grafen einst mit denen von Tübingen harte Kriege geführt und zuletzt den kürzern gezogen haben. Schnell waren wir in[278]  der Stadt; alles in diesem Schwaben ist so gedrängt und nah, kaum ist ein Gegenstand ersehen, so ist er auch schon erreicht! Eine Freude war mir's, nach Tübingen wieder eine solche Stadt zu sehen, die ordentliche Häuser hat, sehr gute Straßen, große Kirchen und eine zahlreiche, betriebsame, wohlhabende Einwohnerschaft, deren Schlag mir hübscher vorkommt als der Tübinger, falls nicht die ersten Gesichter mich irreführten. An allem sieht man noch jetzt, daß Reutlingen eine Freie Reichsstadt war und daß die Früchte der Freiheit ihr in Handel, Gewerbfleiß, Gemeinsinn und Volksbildung nicht fehlten, denn was da ist, ist von sonst. Die Stadt hat etwa 10000 Einwohner, die sich durch Arbeitsamkeit auszeichnen, ehemals den eifrigsten Anteil an dem ganz demokratischen Gemeinwesen hatten und ihre jährlichen Magistratspersonen frei wählten; daß sie auch kriegerisch in früherer Zeit gewesen, bezeugen die hohen Mauern, festen Türme und tiefen Gräben, welche die Stadt umziehen. Es war, als ob die Leute mir die schmerzlichen Empfindungen ansähen, mit denen der Anblick einer untergegangenen Reichsstadt mich jedesmal erfüllt; denn auch hier schütteten sie ihre bittern Klagen über die erlittene Veränderung vertrauenvoll gegen mich aus. Die armen Leute sehen die Franzosen als die allgemeinen Unheilsstifter an, die ehmals Freiheit mit Worten verkündigt, in der Tat aber überall Herren eingesetzt hätten, und nun gäbe es gar doppelte Herrschaft, denn die Franzosen drückten schwer auf die Fürsten und diese dann um so schwerer auf das Volk. Im ganzen Rheinbunde herrschte diese Unzufriedenheit, der französische Einfluß macht überall die Regierungen dem Volke fremd, und dieses steht nirgends mit ihnen in einer gemeinsamen, einträchtigen Masse vereint. Wunderbar stellen sich damit die neuen preußischen Anordnungen in Gegensatz, von denen die Leute mit Begier in den Zeitungen lesen, wie den Bürgern Anteil an der Verwaltung ihres Gemeinwesens, Wahl ihrer Vertreter, dem ganzen Volke Waffen und Sprache verliehen werden; ja[279]  daß zu dem ganzen Volke geredet werden soll, wenn auch meines Bedünkens nicht grade durch den besten Mund, doch gewiß im besten Sinne – die Zeitungen melden von einer Adresse an die Preußen, die der Geheimrat Schmalz beauftragt sei abzufassen. Ich habe hier, wie schon früher in Franken, die regste Teilnahme und ein festes Vertrauen für Preußen wahrgenommen, dessen Unglücksfälle niemand als letzte Entscheidungen ansehen will. – Es fiel Regen ein, der uns hinderte, die Merkwürdigkeiten der Stadt einzeln durchzugehen. Wir besuchten aber den berühmten Buchdrucker Justus Fleischhauer, wo wir uns mit Volksbüchern und Liedern wohl versahen. Der Nachdrucker, der zunächst am Volke steht, für dessen Bedürfnis wohlfeile und geringe Ausgaben liefert, ist für Kerner der eigentliche Buchhändler, mehr als der ordentliche für Gelehrte und Gebildete sorgende Verleger, und der Name Fleischhauer macht ihm einen bessern Eindruck als alle Cotta, Göschen und Perthes. Er liebt die Nachdrucker, wie man Zigeuner liebt, aus dem romantischen, gesetzlosen Hang im Menschen, wobei man doch nicht ansteht, erforderlichen Falles gegen die Lieblinge es mit der ordentlichen Obrigkeit zu halten. Unser Mann erzählte, seit die Stadt königlich geworden, habe sich sein Absatz ungemein beschränkt, auch dürfe mancher beliebte Artikel nicht wieder aufgelegt werden. Auf die Frage, ob bei neuem Abdruck der Volksbücher nie etwas verändert, sondern der alte Text treu wiedergegeben würde, versetzte der Mann, unsre Meinung mißverstehend, er würde gern manches ändern, aber es sei dazu keine Zeit übrig. »Gottlob!« seufzte Kerner, »haben Sie nur immer recht viel zu tun!« Diese warme Teilnahme für sein gewerbliches Gedeihen nahm der Mann mit gerührter Dankbarkeit auf. Kerner versprach ihm noch den hier nicht mehr vorfindlichen und überhaupt seltnen »Ritter Pontus« zum neuen Abdruck, und ich empfahl ihm den in Berlin bei Litfaß herausgekommenen »Werther«. Er versprach, beides zu drucken. Eigentlich hält er uns, die wir doch Tübinger Gelehrte[280]  vorstellen, für etwas närrisch, daß wir uns mit seinem Löschpapier befassen und um seine Ausgaben kümmern. Daß auf unsrer Rechnung der »Kaiser Oktavianus« wie ein bloßes Format als 8vian angesetzt war, darüber hatte Kerner unendliches Vergnügen! – Die Rückfahrt geschah in dunkler Nacht, bei kaltem Regen, wir fuhren aber gut, und auch das war ein Vergnügen. – Die Briefe von Rahel sind jetzt mein einziger Trost. Was sie mir schreibt, erfüllt meine Seele mit Vertrauen und Stärke. Mir ist, als wär ich erst durch sie zur Tageshelle gekommen, als hätte ich bis dahin nur Dämmerung gekannt. Besonders ist der ältere Briefwechsel, den sie mir geschenkt, reich an starkem Ausdruck des Lebens, aus den höchsten ethischen Standpunkten, in reichster Wahrheitsglut. Harscher, mit dem ich zuletzt noch viele Blätter las, auch einige aus den neuesten Briefen an mich, wußte nicht genug zu preisen, welch Glück mir geworden, und begriff nicht, nach diesem Lesen besonders nicht, wie ich mich von Rahel habe trennen können.

Tübingen, Donnerstag, den 1. Dezember 1808

Nach einem zerstreuten, unnütz verbrachten Abend nahm ich den »Wilhelm Meister« und las ein ziemliches Stück. O wie wohl tat mir die edle, klare, lebendige Darstellung. Es war, als hörte ich eine schöne, kräftige Troststimme in der Brust, als fühlte ich eine sanfte streichende Hand auf den Augen, als flösse der Tag wieder in silbernen Wellen, getrübt bisher zur dunklen, trägen Flut. Nie hat mich der »Meister« so entzückt wie bei dem diesmaligen Lesen, er rührt mich innig und reißt mich zu staunender Bewunderung hin; ich entdeckte, indem ich die alten bekannten Züge schärfer fasse, tausend neue. Den Stil studier ich bis ins genaueste Detail hinein, und mich dünkt, daß ich ihn sehr gut kenne. Ich weiß ihm nichts an die Seite zu stellen, im Deutschen nichts, denn wenn ich in Berlin bisweilen gelten ließ, daß Harscher die »Weihnachtsfeier« von Schleiermacher als etwas Ähnliches pries, so dünkt mich[281]  jetzt diese Prosa gegen jene doch nur wie eine affektierte Melina neben der anmutigen Philine. Und dieser Zauber der Vortrefflichkeit, dieser wunderbare Lichtreiz erscheint mir am stärksten, indem ich darauf ausgehe – ihr werdet es kaum glauben –, Schwächen und Lücken in dem Buche aufzuspüren, die ich auch – werdet ihr es glauben? – reichlich finde und aufzeichne. Es ist aber, als ob die Einsicht in diese Schwächen auch die Vorzüge heller strahlen machte. Mir ist, als wandelte ich an einem Feiertage durch die kunstreiche, geheimnisvolle Werkstatt des Dichters, sähe seine Arbeit auf allen ihren Stufen, vom rohen Stoffe, wie er daliegt, bis zum feinsten Gebild, in das er verarbeitet worden, sähe die Werkzeuge und Hülfsmittel, deren er sich bedient, und könnte ihm sein ganzes Verfahren absehen und es so gut wie er machen – wenn er mir zu allem diesen nur noch ein bißchen seinen Kopf und seine Hand leihen wollte! – Verlacht mich nicht, aber meine Sinnesart führt mich immerfort in solche Untersuchungen, wobei viel einzelnes genau zu betrachten ist; sogar die Übersicht eines Ganzen und seiner Gliederung gewinn ich meist nur auf diese Weise, und ich finde nach dem absichtlichen Aufmerken auf das einzelne auch mein Verständnis der ganzen Gestalt und ihrer Bedeutung erhöht. – Ich lese aber auch, weil ich ihn doch persönlich kennengelernt, jetzt viel in Jean Paul Richter. Aus dem »Hesperus«, den ich eben vorhabe, hängen eine Menge bunter Papierstreifen, die als Abfall ausgeschnittener Bilderchen auf meinem Tische lagen, als Zeichen und Freudenbänder schöner Stellen heraus; die Bilderchen waren für Jean Pauls Kinder, und so gibt er mir Geschenk für Geschenk zurück, daß ich beinah sagen kann, diese Stelle sei der Dank für dieses Bildchen. Wie aus Jean Pauls Zettelkasten, nicht wahr?

Tübingen, Freitag, den 9. Dezember 1808

Ich habe mit Kerner einen Abend und eine Nacht verlebt, an die ich gedenken werde. Aus Cottas Laden hatte ich[282]  die eben erschienene »Theorie der Geisterkunde« von Jung-Stilling mitgebracht, das Titelbild, die Weiße Frau vorstellend, machte schon einen unheimlichen Eindruck, und als Kerner abends zu mir kam, reizte uns der schauerliche Inhalt. Es ist merkwürdig, wie Jung sich zugleich als schlechter Denker und als geschickter Darsteller zeigt. Sein rastloser, gläubiger Eifer, die wirkliche Frömmigkeit, mit der er schlechthin alles auf den Buchstaben des Christentums zurückführt, alle geselligen und politischen Ereignisse davon abhängig macht, das Feuer seiner Überzeugung, alles dies reißt unsern Glauben auf einen Augenblick hin, und unsre Phantasie nimmt er aufs ungeheuerste dadurch ein, daß er alles, was für sie gelten soll, grade als die barste Wirklichkeit nicht ihr, sondern der sinnlichen Anschauung aufdrängt. Wer dürfte alles, was er erzählt, Täuschung nennen, aber in einigen Stücken ist doch der plumpe Aberglauben handgreiflich! Die Erscheinungen des Magnetismus muß man am meisten zugestehen, doch sind das dunkle Regionen, mit denen sich der besonnene, dem Tage zugewandte Geist nicht gern befaßt, sondern sie den Forschern überläßt, die dazu durch Naturanlage begünstigt sind. Jung war Arzt, indes, davon kommt dem Buche nichts zugut, als daß er bei manchen Wundern zweifelt und sie als Verirrungen des Aberglaubens verwirft. Aber seine willkürlichen Vorstellungen vom bläulichen Dunstkreis der Seele, vom Hades und andres dergleichen stellt er als unzweifelhafte Naturwahrheiten hin. Seine Gläubigkeit ist rührend, seine Absicht sehr redlich, nur hat er nicht frische Geisteskraft und scharfen Verstand genug, um die wahre Bahn zwischen Unglauben und Aberglauben zu bestimmen. Wir lasen und merkten auf, prüften, lachten, verwarfen, wurden nachdenklich und endlich von einer Geschichte nach der andern so übernommen, durch die wiederholte Terminologie und die sich steigernde Aufdringlichkeit dieses ganzen Geisterspuks dergestalt befangen, daß wir nach Mitternacht todschläfrig und aufgereizt in banger Verstimmung einander gegenüber saßen[283]  und uns von Zeit zu Zeit ansahen, ob wir's auch noch wären und nichts Geisterhaftes ein Spiel mit uns treibe! Wir verwünschten das Buch, billigten die Baseler Regierung, die es weislich verboten, konnten aber aus der Gewalt seiner Schauer nicht los, fürchteten, einzeln und einsam dieser noch mehr zu verfallen, und beschlossen, die Nacht beisammen zu bleiben; Kerner hatte nur wenige Schritte über einen Flur und eine Treppe hinab zu seinem Zimmer, allein er mochte nicht fortgehen, und ich bat ihn, mich nicht zu verlassen. Spät und verstört schliefen wir ein, und ein unerfreuliches Erwachen trug noch die Spuren der unseligen Lukubration!

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Dieses Württemberg ist recht die Heimat des Spuk-und Gespensterwesens, der Wunder des Seelenlebens und der Traumwelt. Die Einbildungskraft der Schwaben hat dafür eine außerordentliche Empfänglichkeit, ihre Nerven sind nach dieser Richtung besonders ausgebildet. Das Land ist gepfropft voll von Sagen, Prophezeiungen, Wundern, Seltsamkeiten dieser Art. Die Physiognomie des Bodens trägt gewiß das ihrige dazu bei, sie spricht im allgemeinen das Gemüt tief an, man fühlt sich einsam und wie aus der Welt geschieden in diesen beschränkten Talstrecken und auf diesen mäßigen Höhenzügen; überall trifft der Blick auf zerstörte Burgen, einsame Kapellen, man wird an ein vergangnes Leben erinnert, zwischen dessen Trümmern sich die Gegenwart kleinlich ausnimmt. Tübingen besonders hat in seinem Örtlichen etwas Ahndungsvolles, Seltsames, und es gibt Hügelecken und Talwindungen, wo man am hellen Mittag irgendeine Unheimlichkeit argwöhnen könnte. Sonderbar ist es, daß gegen diese Stimmung des Landes und der Einwohner die Wirksamkeit des Protestantismus, der hier in den trefflichsten Anstalten und Geistlichen eine unaufhörliche Quelle tief in das Volk dringender Bildung ist, bisher nichts vermocht hat.
Kerner ist nun in diesen Richtungen der wahre Ausdruck seines Landes und Volkes, nur emporgehoben aus der[284]  untersten Region in eine höhere, wo wissenschaftliche Einsicht und dichterische Phantasie zu dem Volkstümlichen sich mischen. Seine Natur wirkt so entschieden, daß in seiner Gegenwart mehr möglich scheint als sonst, daß die Empfänglichkeit andrer Gemüter durch ihn wächst. Er hat selbst einmal – voriges Jahr am Weihnachtsabend – etwas Seltsames erlebt. Es war tief im Winter, und er saß mit einem Freunde, einem freisinnigen, aufgeklärten Menschen, abends bei Licht auf seiner Stube, eine Gitarre lag zur Hand, und er fing an, darauf zu spielen. Während des Spielens fühlte er eine wunderbare Beklommenheit, die schnell zunahm, er war in einem unbegreiflichen Zustand, den er nie vorher gekannt, ihm fehlte jeder Maßstab und jeder Ausdruck für seine Empfindung, die dadurch noch fürchterlicher wurde, daß er ganz deutlich sah, wie sein Freund, von ähnlichem Ein druck erfüllt, ganz erschrocken über ihn hinaufblickte; jetzt war ihm, als drücke von oben her eine schwere Masse ihn gewaltsam nieder, und in demselben Augenblicke, als die fürchterliche Angst aufs höchste gestiegen war, sprang der Freund auf, schrie voll Entsetzen: »O Jesus, Kerner!« und stürzte zur Tür hinaus. Kerner fiel hin und lag eine Weile besinnungslos, nicht durch den Schreck, wie er ausdrücklich sagt, sondern durch die davon unabhängige Steigerung seines innern Zustandes. Als er zu sich kam, verließ er eiligst das Zimmer und ging einige Zeit im Freien umher; die sternenhelle Winternacht erquickte ihn, und er konnte, als er in seine Stube zurückgekehrt war, ruhig einschlafen. Am Morgen traf er mit dem Freunde zusammen, beide waren verlegen, doch endlich erzählte der Freund, noch ganz angegriffen und erschaudernd vor der Erinnerung, es sei ihm vorgekommen, als habe über Kerners Kopf, während des Spielens, sich eine Gestalt undeutlich gebildet und sei dann längs der Wand hingezogen. Kerner wußte nur, daß ihm unendlich weh gewesen, mit den Gitarrentönen seine Angst wie von oben her vermehrt worden, ihm dann plötzlich so kalt und alles umher licht[285]  und hell gewesen sei. Kein äußrer Umstand, der zur Erklärung hätte dienen können, war aufzufinden, das Licht hatte Kerner bei der Wiederkehr erloschen gefunden, die Luft nicht beengt. Sie wußten sich einander keine Rechenschaft von ihrer Empfindung zu geben, die Worte fehlten ihnen. »Mer hänn nicks schwätze könne«, sagte mir Kerner mehrmals, indem er seine Erzählung beschloß, die ihn selber noch jetzt heftig angriff und ihm fürchterlich war. Die Empfindung, meinte er, sei so schrecklich gewesen, daß er davon auf der Stelle hätte tot bleiben oder wahnsinnig werden können; vorher war er sehr lustig und guter Dinge, in den Tagen nachher aber fühlte er sich krank, bekam eine Art von Veitstanz und mußte längere Zeit unter ärztlicher Behandlung bleiben. Er will auch jetzt noch die ganze Geschichte nur als Krankheit angesehen wissen und verwirft jede geistergläubige Deutung, obwohl er die wunderbare Erscheinung sich nicht wegstreiten kann. Fast gereut ihn, die Sache mir erzählt und dadurch sie wieder so lebhaft in sich aufgerufen zu haben.

Tübingen, Donnerstag, den 29. Dezember 1808

Hier hat sich noch ein Poet eingefunden, mit dem ich bei Cotta einen Abend zugebracht habe. Es ist der Däne Jens Baggesen, der mir auf das Wort von Voß, Erhard und andern bisher viel galt und der mir nun auf sein eignes wenig gilt. Er kommt von Paris, hat gegen Napoleon einen politischen »Faust« gedichtet, den er natürlich nicht kann drucken lassen, macht Spottgedichte gegen die deutschen Romantiker, will sogar von Goethe wenig wissen und meint, man sei ein Dichter, wenn man sich selbstgefällig über alles erhebt und von Voß die Schmiedearbeit deutscher Hexameter gelernt hat! Er ist grenzenlos eitel, trägt sich immer vor, paßt sich alte Anekdoten und Geschichten an, sucht Effekt darin zu machen, und das läuft bisweilen so schal und kläglich ab, daß ich mich für ihn schäme. Er tut sehr wichtig damit, daß er die französischen Sachen und die[286]  bedeutenden Personen in Paris einigermaßen kennt, spricht von seinen großen Verbindungen, Planen, sogar Gefahren. Cottan hat er ganz für sich eingenommen und die Frau gleichfalls. Sie sind beide geschmeichelt durch die Art, wie er sich um ihren Beifall bewirbt, und Cotta findet, daß er Geist und Witz im Übermaß habe. Ich aber empfehle mich nicht durch meinen Witz, daß ich sage, sein »Faust« sei doch nur eine Faust in der Tasche! – Baggesen scheint in Stuttgart etwas zu suchen und einiger Gunst schon versichert zu sein, das wirkt auch bei Cotta mit, wie ich das schon in betreff Matthissons gesehen, der die entschiedene Vorliebe des Königs gewonnen und eine schöne Anstellung erhalten hat, weshalb ihm nun von allen Seiten auf die widerwärtigste Weise der Hof gemacht wird und er in poetischen und literarischen Dingen plötzlich eine Ministerautorität sein soll; das »Morgenblatt« ist da denn eifrig auf dem Platz und lächelt huldigend!
Zu einem andern Dichter hat mich Kerner geführt, zu einem Dichter im wahren vollen Sinne, einem echten Meister der Poesie, der aber nicht am Hofe zu suchen ist noch in Cottas Abendgesellschaft, sondern – im Irrenhaus. Wie ein Strafschauder traf es mich, als ich zuerst vernahm, Hölderlin lebe hier seit ein paar Jahren als Wahnsinniger! Der edle Dichter des »Hyperion« und so manches herrlichen Liedes voll Sehnsucht und Heldenmut hatte allerdings eine Übersetzung des Sophokles in Druck gegeben, die mir ziemlich toll vorgekommen war, aber nur literarisch toll, worin man bei uns sehr weit gehen kann, ohne grade wahnsinnig zu sein oder dafür gehalten zu werden. Diese Tollheit zu rügen war völlig erlaubt, und ich hatte mir für den Doppelroman zu den übrigen literarischen Figuren auch einen Übersetzer Wachholder ausgedacht, der wie Hölderlins Sophokles werden sollte. Nur durch Zufall unterblieb es, und wahrlich mir zum Heil! Denn mir wäre es ein schrecklicher Gedanke, einen Geisteskranken verspottet zu haben, ebenso schauderhaft wie eine Leiche prügeln zu wollen![287]  Wie kläglich erscheint das irdische Beginnen, wie ohnmächtig der Haß und die Liebe gegen das unerreichbar Entrückte, wie heiligend der Tod und großes Unglück! Der Scherz gegen Hölderlin hätte freilich ihn selber nie berührt, wäre nicht böse gemeint gewesen, war in seiner Voraussetzung nicht unrecht einmal, und diese Voraussetzung war die argloseste! Aber doch ist es mir unendlich lieb, daß dieser Ausfall nicht geschah, ich fühlte mich wie einer großen Gefahr, einem tiefen Frevel entgangen. – Der arme Hölderlin! Er ist bei einem Schreiner in Kost und Aufsicht, der ihn gut hält, mit ihm spazierengeht, ihn soviel als nötig bewacht; denn sein Wahnsinn ist nicht grade gefährlich, nur darf man den Einfällen nicht trauen, die ihn plötzlich anwandeln könnten. Er raset nicht, aber spricht unaufhörlich aus seinen Einbildungen, glaubt sich von huldigenden Besuchern umgeben, streitet mit ihnen, horcht auf ihre Einwendungen, widerlegt sie mit größter Lebhaftigkeit, erwähnt großer Werke, die er geschrieben habe, andrer, die er jetzt schreibe, und all sein Wissen, seine Sprachkenntnis, seine Vertrautheit mit den Alten stehen ihm hiebei zu Gebot; selten aber fließt ein eigentümlicher Gedanke, eine geistreiche Verknüpfung in den Strom seiner Worte, die im ganzen nur gewöhnliches Irrereden sind. Als Ursache seines Wahnsinns wird ein schrecklicher Auftritt in Frankfurt am Main angegeben, wo er Hofmeister in einem reichen Hause war. Eine zarte, liebenswerte, unglückliche Frau würdigt den hohen Dichtergeist, das reine Gemüt des in seiner Lage gedrückten und verkannten Jünglings, es entsteht eine unschuldige Freundschaft, die aber dem rohesten Argwohn nicht entgeht, und Hölderlin wird tätlich mißhandelt, sieht auch die Freundin mißhandelt! Das brach ihm das Herz. Er wollte seinen Jammer in Arbeit vergraben, er übersetzte den Sophokles; der Verleger, der den ersten Teil drucken ließ und ausgab, ahndete nicht, daß in dem Buche schon manche Spur des Überganges zu finden sei, der in dem Verfasser leider nur allzubald sichtbar wurde.[288] 
Tübingen, Anfang Januars 1809


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Ich lebe in der größten Einsamkeit. Ein paar Abende ausgenommen, von denen ich den einen sehr, langweilig bei Cotta, den andern angenehm bei Froriep zugebracht, bin ich gar nicht aus dem Hause gekommen. Bei Froriep ist es norddeutsch, Halle und Berlin klingen mir dort nach, ich bin in heimatlicher Luft, auch freuen mich die Kinder sehr, die mich öfters besuchen. Man bleibt bei Froriep bis in die Nacht hinein, das heißt bis nach 10 Uhr, freilich auf die Gefahr, als Nachtschwärmer auf der Straße dem Wächter aufzufallen.

Tübingen, Mitte Januars 1809

Kerner, der nach seiner ehrenvollen Doktorpromotion gleich nach Hause gereist war, ist wiedergekommen, jetzt aber leider krank. Ich bin die Abende immer bei ihm. Autenrieth ist sein Arzt und bleibt auch ganze Stunden. Da gibt es die lebhaftesten Gespräche; die romantische Schule, die Naturphilosophie und vor allem das »Wunderhorn« werden schrecklich angegriffen, hartnäckig verteidigt. Autenrieth ist voll schwäbischer Phantasie und Laune, da er aber auch großen Verstand besitzt, und der ihn mißtrauisch gegen sein Naturell macht, so hat er dieses jenem ganz dienstbar untergeordnet, und nun streiten diese muntern Kräfte wider das, was ihnen eigentlich befreundet ist. Ich habe ihm das einmal bewiesen, daß sein Eifer gegen die Volkslieder nur versteckte Freude an ihnen ist, und er lachte sehr vergnügt darüber. Ein paar junge Tübinger, Pregizer und Köstlin, nehmen warmen Anteil an diesen Verhandlungen, für Kerner sind sie stärkende Arznei; Uhland schweigt in schroffem Ernst, und seine Gegenwart verhindert uns auch wohl, die streitigen Meinungen allzu stark hervorzurufen.

Tübingen, Donnerstag, den 16. Februar 1809

Ich konnte heute nicht schreiben, das Frühlingswetter hatte in meine Brust wie in einen jungen Baum seine Unruhe[289]  getrieben; der Tag war ein verkündender, noch nicht selber schön, aber schöne Nachfolger verheißend. Ich eilte vor das Tor hinaus, in das freie Neckartal. Indem ich durch die schmutzigen, engen Straßen ging, und nachher, als ich draußen auf die Stadt zurückblickte, fühlte ich deutlich, daß der Ort mir doch schon lieb geworden, daß ich den Aufenthalt, den ich hier gemacht, und alle Zweifel und Schmerzen, die ich hier durchgekämpft, doch nicht entbehren möchte in meinem Leben. – Die nahe Abreise nahm mir heute die Angst, das Tal war mir kein Kerker mehr, der Sinn konnte sich frei ergehen und sich jedem lieben Eindruck überlassen. Die Luft war warm und still, die Gegend hell, die Landstraßen fest und trocken und sehr belebt. Rings am Himmel stand doch viel Gewölk, aber klein, still und vielfarbig in mattem Glanz; die Wolken schienen sich nur zu bewegen, um sich in einen zarten weißen Flockenschleier über die Himmelsbläue langsam auszubreiten; seine Nebelfäden schwammen hoch im weiten Blau, und unten um die fernen Berge löste sich das dichtere Gewölk sanft in duftigen Nebel auf, der spielend heranwogte mit dem Abend. Längs einem Seitenbache des Neckars ging ich eine weite Strecke fort und freute mich meines Alleinseins, das mir auf Wanderungen immer behagt. Aber angekommen wär ich gern bei lieben Freunden, dieses Ziel fehlte mir! Und so mußt ich endlich den Rückweg nehmen und unter allmählichem Verstummen des vorher so lauten Herzens mich in die Stadt und in mein Zimmer zurückfinden, umdüstert von dickem Abendnebel, der dicht vor meinen Fenstern die schwarzen Dächer überschwebt. Als ich hinausging, sah ich Kürasse schmieden, auf dem Rückwege begegneten mir württembergische Reiter. So mahnt auch in dem friedlichen Tal schon manches an Krieg, der sich aus Osten und Westen allerdings in allerlei Zeichen drohend ankündigt!



 Berlin
Mai 1809










[290] In Berlin sah es wüst und wandelbar aus. Der König weilte zögernd noch in Preußen. Die Franzosen waren fort, aber schwer lastete der Druck ihrer Macht noch auf dem ganzen Lande; arm und fortwährend bedrängt, wußte man nicht, ob man die letzte Habe notdürftig zusammenhalten oder vollends in die Schanze schlagen sollte. Schills kühnes Unternehmen hatte alles noch mehr verwirrt; der Zweifel, ob er lediglich auf seinen Kopf ein tolles Abenteuer gewagt oder mit verabredetem Zweck und Rückhalt gehandelt habe, durchkreuzte sich mit dem andern, ob ganz Preußen jetzt notgedrungen in die gebrochne Bahn mit allen Kräften nachstürzen müsse oder durch Verdammung des Geschehenen sich gegen Napoleons Mißtrauen und Rache noch werde retten können. Die Einwirkung des Tugendbundes war in dieser Zeit äußerst lebhaft, doch dadurch weniger stark, daß seine tüchtigsten Glieder schon größtenteils auf den eröffneten Kampfplätzen zerstreut waren; die ganze Partei drängte überall, soviel sie vermochte, zu kriegerischen Entschlüssen, besonders wurde die Entscheidung Preußens eifrig bearbeitet. Den Willen des Königs glaubte man aus der veränderten Besetzung einiger Behörden, die bei der Schillschen Sache gegen die Franzosen zu arg kompromittiert schienen, noch nicht so bestimmt abnehmen zu dürfen, jene rasche Maßregel konnte vom Augenblick erfordert sein und gleichwohl entgegengesetzte zur Folge haben. Es fehlte nicht an Personen, welche den Krieg gegen die Franzosen auch allenfalls zu erzwingen hofften. Bedeutende Staatsbeamte und Offiziere zeigten sich in dieser Art unverhohlen tätig, andre wenigstens geneigt, einem solchen Sinne kräftig beizutreten. Ganz Berlin befand sich solchergestalt in unsichrer Schwebe und in dumpfem Harren.



Studienjahre
1800–1809













Medizinisch-chirurgische Pepinière. Berlin


Jugendfreunde. Streben. Berlin


Hamburg


Die Universität. Halle


Berlin


Halle


Studien und Störungen. Berlin


Berlin [2]


Tübingen


Berlin [3]






Die Schlacht von Deutsch-Wagram
am 5. und 6. Juli 1809










[295] Nach den großen Unfällen in Bayern, dem Verluste von Wien und dem Fehlgehen so mancher Aufstandsversuche, von denen man die größte Erwartung gehegt, mußte die österreichische Sache und mit ihr die deutsche diesmal wiederum verloren scheinen; und urplötzlich, ein paar Tage später, da niemand dies mehr hoffen durfte, stand sie in dem herrlichsten Siegesglanze! Die geschlagenen, ermüdeten, mit allen Nachteilen eines schleunigen Rückzuges ringenden Truppen hatten den stolzen Gegner bei seinem weiteren Vordringen über die Donau streitfertig aufgenommen, in zweitägiger Schlacht am 21. und 22. Mai bekämpft und überwältigt und über den Fluß zurückgeworfen. Die Schlacht von Aspern erklang weithin durch Deutschland und erregte mächtig die Gemüter. Napoleon war seit seinem Auftreten noch in keiner Schlacht überwunden worden; dies war die erste, die er verlor und vollständig verlor, im offnen Kriegsfelde, eine große Hauptschlacht. Der Erzherzog Karl zuerst entrang dem gewaltigsten Schlachtengewinner der neuern Zeit einen solchen Sieg; und wenn auch späterhin Napoleon wiederholte und größere Niederlagen erleiden mußte, so überließ er doch niemals wieder nur einem Gegner so ungeteilt den Siegeskranz.
In Berlin, in Schlesien, wo wir durchreisten, war die Begeisterung allgemein; der Zauber der Unbesiegbarkeit, durch die jüngsten Glücksfälle erst recht befestigt, war von Napoleon gewichen, man sah die Möglichkeit durch die Tat;[295]  im vollen Siegeslaufe hatte der Widerstand ihn gehemmt; er war geschlagen, sein Heer zerrüttet; auch er konnte zugrunde gehen, wie er bisher die andern zugrunde gerichtet hatte. Ja, wenn man die Landkarte betrachtete, wie tief im feindlichen Lande und wie entfernt und fast geschieden von Frankreich er die mißlichste Lage überstehen sollte, so konnte die Hoffnung schimmern, es wende sich mit ihm schon jetzt zum Untergange, und er habe die Worte an seine Soldaten im Beginne des Krieges: dies solle sein letzter Feldzug in Deutschland sein, sich selber zum Verhängnisse gesprochen. Wirklich war Tirol noch im vollen Aufstande, Norddeutschland jeder neuen Bewegung offen, England tätig, Preußen zum Ausbruche geneigt, der Rheinbund selbst nicht sicher, seine Fürsten konnten von Napoleon abfallen, gegen ihn die Volkskräfte sich überall erheben. Man hielt alle günstigen Aussichten, mit denen man sich vor Eröffnung dieses Krieges geschmeichelt, abermals, und mehr als vorher, der Erfüllung nahe.
Unter solchen Vorstellungen, Glückwünschen und Verheißungen setzten wir eilig unsre Reise fort. Zwei unsrer Reisegenossen mußten aber in Schlesien noch zurückbleiben, und wir kamen nur unser vier nach Mähren, mit dessen Boden wir nun unwiderruflich eine neue Lebensbahn betreten hatten. Herrlich sprach uns das Land mit ernsten und heitern, von mächtigen Verhältnissen und großem Zusammenhange zeugenden Eindrücken an. Sonderbar dünkte uns die Stimmung der Menschen, weder lebhaft aufgeregt durch den Sieg, wie wir sie zu finden dachten, noch eigentlich anteillos, wie dieser Mangel an Begeisterung zu fürchten gab. Ein gelassenes Zutrauen schien über Glück und Unglück hinaus sich einer guten Sache versichert zu halten und für diese pflichtmäßig und treu zu handeln, ohne damit einen ungewöhnlichen Aufwand geistiger Bewegung zu verbinden. Althergebrachtes weitschichtiges Regierungswesen und das Verhältnis einer größtenteils slawischen Bevölkerung zu diesem schienen uns, bei näherer Betrachtung,[296]  den anfangs befremdlichen Eindruck hinlänglich zu erklären. Auch waren, wo nicht alle verfügbaren, doch die höheren und tüchtigeren Kräfte des Landes schon vorwärts in Tätigkeit; die Besitzer der Herrschaften und Güter, die junge Mannschaft aus den Dörfern und Städten, die kaiserlichen Beamten selbst, alles war zur allgemeinen Verteidigung bei Linientruppen oder Landwehr eingerückt, und nur hin und wieder sah man einige schwache Abteilungen neu ausgehobener Truppen, welche gleichfalls zu dem Heere stoßen sollten und vorher nur notdürftig abgerichtet wurden.
Wir eilten weiterzukommen, voll Sorgen und Unruhe, daß wir etwas Bedeutendes versäumen könnten, da schon die bis dahin dauernde Waffenstille ein Wunder dünkte, dessen Fortsetzung mit jedem Tage sich weniger glauben ließ. Marwitz war des Eintritts in das Regiment Klenau Chevauxlégers, wo sein Bruder diente, so gut wie gewiß; die andern hatten ihr Absehen gleichfalls auf die Reiterei gestellt; ich aber dachte bei dem Fußvolk einzutreten und wollte ein ganz frisches Verhältnis nur durch mich selber finden, daher ich auch alle Empfehlungsbriefe und sonstige Anknüpfungen verschmäht hatte. Wir schieden froh und leicht, und ich zuerst fuhr mit Kurierpferden dem Großen Hauptquartiere zu.
Einem Feldwebel, der auf der Landstraße gleichen Weges dahinschritt, war mein Fuhrwerk eine gute Gelegenheit, um schneller fortzukommen, und mir sein Gespräch ganz erwünscht, um von manchen Dingen, die mir jetzt wichtig werden mußten, nähere Kundschaft einzuziehen. Aller Eindruck, den ich bisher von preußischem oder französischem Soldatenwesen gehabt, mußte hier gänzlich schwinden und ein durchaus verschiedener nahm die Stelle ein. Hier waren alle Bestandteile und Verhältnisse anders gestellt, wie schon dem flüchtigsten Blick auffallen mußte, und eine zwar in Worten schwer auszudrückende, aber für die Anschauung unverkennbare Eigenart trat deutlich hervor, die auch in[297]  der Folge sich nur bestätigte und mit dem Namen ein österreichischer oder vielmehr, wie aus früherer Gewöhnung noch üblich war zu sagen, ein kaiserlicher Soldat die ursprünglichste, selbständigste und, man möchte sagen, unveränderlichste Gestalt eines Kriegswesens bezeichnete, das auf der starken Verknüpfung der verschiedenartigsten Völkerschaften und auf der ununterbrochenen Überlieferung von Jahrhunderten ruht.
Mit der frühsten Morgenhelle des 21. Juni traf ich in Deutsch-Wagram ein, und bevor ich dem Halbschlummer mich völlig entwunden, der in der Nachtfrische über mich gekommen war, fuhr der Postillon bis vor die Wohnung des Erzherzogs, wo die aufgepflanzte Fahne und eine Grenadierwache mir sogleich in die Augen fielen. Man glaubte, ich sei ein Kurier, und wollte den Erzherzog eiligst wecken, welches ich nur mit Mühe hindern konnte, indem ich wiederholt versicherte, daß ich keine Botschaft zu überbringen hätte, sondern nur in meinen persönlichen Angelegenheiten käme. Man verstand wenigstens, daß der Generalissimus nicht dürfe gestört werden, und ließ es damit gut sein. Ich aber fand mich in einer sonderbaren Lage. Sämtliche Gebäude des großen Dorfes waren mit Einlagerung überfüllt, die nächsten alle mit hohen Offizieren oder Kanzleien besetzt, wie sich an den vielen Schildwachen abnehmen ließ, die fast vor jeder Türe ausgestellt waren; ein Wirtshaus gab es unter solchen Umständen überhaupt nicht mehr. Da der ganze Ort noch in großer Stille lag, auch einstweilen sich niemand um mich bekümmerte, so suchte ich auf gut Glück in dem nächsten Hause, wo schon einige Bewegung zu blikken war, ein vorläufiges Unterkommen. Ich fand Stabsfuriere dort, die mich gastlich aufnahmen und mir sogar Teil an ihrem Frühstück anboten. Hier konnte ich mich den neuen Eindrücken und Betrachtungen, die sich aufdrängten, bequem überlassen und mir den ferneren Verlauf meines Abenteuers in Gedanken festzustellen suchen. Einige Offiziere kamen, und nachdem sich leicht ein Gespräch angeknüpft,[298]  sahen sie mich fast schon wie einen der Ihrigen an und gaben mir guten Rat, den ich aber nicht recht verstehen konnte, auch widersprachen sich ihre Meinungen teilweise. Ich setzte mein Anliegen, jedoch in Kürze, schriftlich auf und ließ dies Blatt durch dienstwillige Hand höheren Ortes abgeben.
Als die Sonne höher gestiegen und das ganze Hauptquartier lebhaft geworden war, begab ich mich wieder ins Freie. Ich sah mir Deutsch-Wagram und das anstoßende Lager an und wunderte mich nur, daß ein Fremder, unter Hunderttausenden hier vielleicht der einzige dunkelblau Gekleidete, überall so ungehindert umhergehen konnte; niemand fragte mich, wer ich sei oder was ich wolle, meinen Paß hatte seit Olmütz noch niemand wieder zu sehen begehrt. Ein wunderbares Gewirr bewegte sich vor meinen Augen. Die unabsehbaren Lagerreihen wimmelten von Kriegsvolk, und in Wagram flossen die Strömungen dieser mannigfachen Regsamkeit zusammen. Alle Truppengattungen und Grade, in den verschiedensten Geschäften und Kostümen, in Kitteln und im Glanze, zur Arbeit, zum Wachdienste, zur Erkundigung von Neuigkeiten und zum Genuß und Verkehr jeder Art, bewegten sich bunt durcheinander hin. Unter den Uniformen in Österreich sind die schönen ganz außerordentlich schön, die der Husaren, Ulanen und ungarischen Grenadiere gewährten den herrlichsten Anblick; neben diesen nahmen sich freilich manche andre, besonders auch die des deutschen Fußvolks, um so unansehnlicher aus, wiewohl das letztere, in größeren Massen zusammenstehend, doch auch einen vortrefflichen Eindruck machte. Merkwürdig erschien die Tracht der Generale, die durch hechtblaue Röcke und rote Hosen das Unscheinbare und Auffallende sonderbar vereinigten. In dem Ausdrucke der Gestalten und Gesichter waren ähnliche Gegensätze wahrzunehmen; zwanglose Beweglichkeit und pedantische Starrheit, muntre Laune und finstrer Ernst, behagliche Trockenheit und wilde Leidenschaft. Deutsche,[299]  Franzosen, Wallonen, Slawen, Italiener, Magyaren erkannte man weniger im Einzelnen als vielmehr in dem Ganzen das Gemisch aller dieser. Daß die Verschiedenheit so vieler Völker, Sprachen, Gestalten und Sitten hier in der Gemeinschaft nicht verschwand, aber doch wie von einem höheren Zusammenhange gebunden erschien, war grade das Eigentümliche dieses kaiserlichen Heeres. Im allgemeinen konnte man glauben, noch dasselbe Soldatenwesen vor Augen zu haben, welches Schiller im Lager Wallensteins dargestellt hat, und in der Tat hätten sich nicht nur die ähnlichen Verhältnisse und Vorgänge, sondern großenteils auch noch dieselben Truppenstämme jener Zeit in den heutigen Regimentern nachweisen lassen. Aus den wunderlichen Szenen und altbewahrten Redensarten, welche hier im Vorbeigehen plötzlich die Aufmerksamkeit anregten, wehte mich unterweilen auch die Luft des »Abenteuerlichen Simplicissimus« noch an, jenes einst vielgelesenen Romans aus dem Dreißigjährigen Kriege; und als der Generalgewaltiger, reitend durch das Lager, mir gezeigt wurde, glaubte ich den Rumormeister jener wilden Zeit leibhaftig vor mir zu sehen!
War in dem Hauptquartiere die Bewegung freier, glänzender und nicht ohne die Zugaben vornehmer und reicher Lebensweise, so ging es dagegen im eigentlichen Lager ernsthafter und stiller zu. Jeder Raum war abgemessen, die Anordnung der Reihen und Gassen streng beobachtet. Überall war die wachsamste Aufsicht und Ordnung, kein wilder Lärm, kein Streit; die Truppen sah man beschäftigt, teils ihre Waffen und Geräte in Ordnung zu halten, teils andre Arbeiten zu verrichten, welche der Tag erforderte, am meisten aber mit Exerzieren. Vom frühen Morgen an wurden kleinere und größere Abteilungen eingeübt; denn die erlittenen starken Verluste waren durch junge Mannschaft ersetzt worden, welche nun eilig ausgebildet werden sollte. Diese fleißigen Übungen und die Pünktlichkeit, mit welcher die mannigfachen Dienstverrichtungen nach eingeteilter[300]  Zeitfolge wechselten, gab der kriegerischen Bewegung einen Anschein ruhiger Friedensordnung. Dreimal täglich traten die Regimenter herkömmlich zum Gebet ins Gewehr; immer aufs neue berief der Trommelschlag die Feldwebel und Korporale zum Anhören der auszuteilenden Befehle; wurde Vergatterung geschlagen, so war im Augenblicke die unabsehbare Front schweigsam aufgestellt; die zahlreichen Lagerwachen hielten vorwärts ihre Postenkette besetzt, und nur mit einbrechender Dunkelheit unterbrach ihr wechselseitiger Zuruf die große Stille. Die Truppen lagen sämtlich unter freiem Himmel; aus der Mitte jedes Regiments erhob sich nur ein Zelt, welches als Feldkapelle für den Gottesdienst bestimmt war, zugleich aber dem Obersten einen bedeckten Raum darbot; alle übrigen Offiziere wie die Gemeinen begnügten sich mit Erdgruben, denen etwan ein Dach von Rasen und Laubgezweig das Ansehn von Hütten und einigen Schutz gegen das Wetter lieh. Betrachtete man dieses Kriegsvolk in seiner ausdruckvollen Kräftigkeit, gelassenen Bewegung, mäßigen Lebensart und unwandelbarem Gehorsam, so mußte man sich wohl bekennen, ein ausgeprägtes Bild des deutschen Charakters vor Augen zu haben; und wenn man sich gegenüber die französische Beweglichkeit, üppige Lust und entzündbare Leidenschaft dachte, so glaubte man jenen Kräften um so sichrer vertrauen zu dürfen, als sie diesmal von bester Feldherrnhand geführt wurden. Einige Züge, welche den österreichischen Soldaten ganz bezeichnen, mögen als jenen Tagen angehörig hier aufbewahrt stehn. Ein schwerverwundeter Reiter wurde während der Schlacht zurückgebracht und von begegnenden Kameraden teilnehmend angerufen, wie es ihm gehe. »O recht gut«, erwiderte er, »der Feind ist schon im vollen Zurückweichen gegen die Donau hin!« Einem Grenadier wurde das Gewehr in der Hand durch eine Kanonenkugel wie ein Waldhorn zusammengekrümmt, staunend betrachtete er den Schaden und sagte bedauernd: »Ein so gutes Gewehr!« Einen Trupp Grenadiere, die eben Sturm gelaufen[301]  hatten, fragte ein heransprengender Offizier, wo ihr Bataillon sei. »Wir sind das Bataillon«, war die schlichte Antwort; die andern lagen dahingestreckt. Der einfache Gradsinn macht hier das Erhabene.

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An diesem und dem nächsten Tage war ich auch von der Gegend der eigentlichen Heeresstellung einen bestimmten Begriff zu erlangen bemüht. Die Österreicher standen seit dem Siege von Aspern noch fast auf derselben Stelle, nur hatten sie ihre Linie mehr rückwärts gezogen und in größeren Bogen ausgedehnt. Aspern und Eßling lagen weitab vor der Fronte, beide Dörfer jetzt außerordentlich verschanzt und mit Geschütz und Truppen wohlbesetzt. Die Donau strömte zwischen ihnen und dem Feinde, der hauptsächlich auf der Insel Lobenau, gewöhnlich Lobau genannt, sich festgesetzt und durch große Schanzarbeiten gedeckt hatte. Weiter oberhalb, bei Nußdorf und höher hinauf, war das österreichische Heer mit dem rechten Flügel unmittelbar an die Donau gelehnt, entfernte sich dann schräg von dieser gegen Stammersdorf und Wagram hin und dehnte seinen linken Flügel, der am fernsten von der Donau war, in das Marchfeld bis nach Markgrafen-Neusiedel aus. Deutsch-Wagram lag fast im Mittelpunkte der Stellung; links von diesem Ort erhebt sich der Boden und bildet ostwärts eine Hochfläche, die gegen Süden terrassenförmig abfällt; etwa hundert Schritt vorwärts fließt in der tieferen Ebne ein mit Weiden bepflanzter Bach, der Rußbach, welcher von Wolkersdorf her durch Wagram, Baumersdorf und Markgrafen-Neusiedel sich in das Marchfeld hinzieht. In weiter Ferne, über die Ebne hinweg und jenseits der Donau, erblickte man am nebligen Horizont den Stephansturm von Wien; und es war ein eigentümlicher Reiz, die vom Feinde besetzte Hauptstadt täglich vor Augen zu haben und nicht anders erreichen zu können! Die österreichische Hauptstellung war nicht verschanzt, durch ihre natürliche Beschaffenheit aber vorteilhaft genug, und besonders bot sie, im Fall es hier zu einer neuen Schlacht[302]  kommen sollte, der Reiterei in dem weiten Marchfelde den freisten Spielraum. Dagegen waren längs der Donau, besonders bei Aspern und Eßling, wo die besten Übergangspunkte zu sein schienen, starke und weitläufige Verschanzungen angelegt. Sich gegenseitig in ihren guten Stellungen beobachtend und festhaltend, ohne viel unternehmen zu können, hatten beide Teile das unnütze Schießen größtenteils eingestellt. Bei der Fortdauer dieser stillen Spannung mußte, so schien es, der Vorteil sich mehr und mehr auf die Seite der Österreicher wenden. Napoleon stand im feindlichen Lande, mitten in einer unruhigen Bevölkerung, die Donau war gesperrt, man fürchtete in Wien schon Mangel an Lebensmitteln, Tirol war im Aufstande, Steiermark nicht sicher, die Bewaffnung in Ungarn gewann täglich an Stärke und Ausbildung. Durch Entsendungen nach der obern Donau suchten die Österreicher dem Feinde seine Verbindungen im Rücken noch mehr zu erschweren, die Aufstände zu fördern; abwärts, bei Preßburg, behaupteten sie auf dem rechten Donauufer den starken Brückenkopf, welchen der tapfre Erzherzog Johann gegen die täglichen Stürme der Franzosen ruhmvoll verteidigte. So konnte das Wort des Erzherzogs Karl, das man sich mitteilte: jeder Tag, den man hier stehenbleibe und den Feind untätig festhalte, sei als ein Sieg zu betrachten, unter solchen Umständen sehr wohl gelten, besonders da auch die politische Aussicht, die schon zum Teil sich erfüllte, durch Zeitgewinn die günstigsten Wandlungen versprach. Daß vielfachere und raschere Tätigkeit dem Feinde hätte verderblich werden, daß die Vorkehrungen hätten ausgedehnter und eifriger sein können, läßt sich wohl behaupten; indes muß man bedenken, daß der Geist der Kriegführung wesentlich von dem Körper abhängig ist, mit dem er wirken soll, und daß dieser aus alten Einrichtungen und Gewöhnungen durch den kräftigsten Willen nicht plötzlich zu jeder neuen Brauchbarkeit umgewandelt werden kann. Dies gilt von manchen Vorschlägen, welche zu jener Zeit gemacht wurden, die aber ins[303]  Werk zu setzen damals allzu schwierig dünkte. Das Absehen des Erzherzogs Karl war mit Recht auf eine Feldschlacht gerichtet, für welche die Truppen frei verfügbar bleiben und an keine Verschanzungen gebunden sein sollten, als deren Zweckmäßigkeit für die künftig möglichen Umstände doch nicht vorauszuberechnen war und deren Vorhandensein dann störend und nachteilig werden konnte. Jenem wesentlichen Zwecke, das Heer für eine Schlacht in Bereitschaft zu halten, mußte die Hauptsorge des Feldherrn gewidmet bleiben und ihm rastlos zu tun geben, alle übrigen Hülfsmittel konnten erst nach jenem in Betracht kommen, sosehr man auch späterhin wünschen durfte, daß der linke Flügel auf Verschanzungen der Hohenleithen sich gestützt, daß bewaffnete Schiffe die Donau beherrscht und daß eine Telegraphenlinie zur schleunigen Verbindung zwischen den getrennten Heeresteilen bestanden hätte!
Schon zwei lange Tage hatte ich mich in dem Hauptquartier und Lager umhergetrieben, und der wüste Zustand, in welchem ich mich fühlen mußte, wurde mit jeder Stunde unerträglicher. Auf meine schriftliche Eingabe war mir durch Mißverstand eine verkehrte Antwort zugekommen; dagegen hatte ein Flügeladjutant des Erzherzogs, Major Graf von Cavriani, mir sehr freundlich und teilnehmend mündliche Auskunft und Anleitung gegeben, mich dem Obersten von Oberndorf empfohlen, welcher das Regiment Reuß-Plauen befehligte und über das Wunder scherzte, daß nun doch wirklich einige Deutsche infolge der Aufrufe des Kaisers und des Erzherzogs sich zum Kriegsdienste einfänden; er bedauerte, daß bei seinem Regimente alle erledigten Offizierstellen eben erst wieder besetzt worden, meinte jedoch, dies habe noch nicht bei allen Regimentern geschehen können, und versprach mir, deshalb Erkundigung einzuziehen. Er machte mich auch mit seinem Regimentsinhaber, dem Feldzeugmeister Fürsten von Reuß-Plauen bekannt, und dieser treffliche Mann bezeigte mir gleich das größte Wohlwollen. Indes verging ein dritter Tag, ohne daß sich etwas[304]  entschied; ich hatte aber die Freude, Willisen eintreffen zu sehen, mit dem ich weite Spaziergänge machte, wobei wir uns in allerlei Betrachtungen ergingen und die allgemeinen und persönlichen Verhältnisse vielfach überlegten. Er begab sich dann zu dem General Grafen von Carneville, um in dessen Freischar einzutreten, die rückwärts von Wagram, bei Bockfließ, errichtet wurde. Mich aber rief, da meine Gedanken fast schon andre Richtung nahmen, der Oberst von Oberndorf unvermutet an und wies mich zu dem Obersten des Regiments Vogelsang, das links von Wagram auf der oben erwähnten Terrassenhöhe lagerte; dort, meinte er, würde ich sogleich zum Dienst eintreten können. Dieser Oberst war der Graf zu Bentheim aus Westfalen, ein noch junger Mann, von schönem Ansehn und einnehmendem Wesen, der durch seine Auszeichnung in der Schlacht bei Aspern so früh zu der ansehnlichen Befehlshaberstelle gelangt war. Ein kurzes Gespräch setzte mein Verhältnis leicht ins klare; der Oberst war sehr zufrieden, mich in sein Regiment aufzunehmen, ernannte mich zum Fähnrich und gab mich zu der ersten Kompanie, die der wackre Hauptmann von Marais befehligte. Ich erkaufte die Equipierung eines bei Aspern gebliebenen Offiziers, vertauschte den Hut mit dem Tschako, schnallte die breite Degenkuppel mit dem kaiserlichen Doppeladler um den Leib, machte mit den Offizieren nähere Bekanntschaft und schlief in der ersten Nacht in der Erdhütte neben meinem Hauptmann und noch einem Offizier, als hätte ich nie ein anderes Verhältnis gehabt!
Die nächsten Tage hingegen waren schwer und öde. Die große Sommerhitze hatte Laub und Gras verdorrt, die Weiden des Rußbaches waren längst entblättert und zum Teil entrindet, auf der endlosen Ebene zeigte sich nirgends ein Schatten, nur dunkle Staubwolken, von Stoßwinden plötzlich herangeführt, verhüllten augenblicklich den Sonnenhimmel und überschütteten alles mit heißem Sandregen. Man mußte das Exerzieren einstellen und verkroch sich in die[305]  Erdhütten. Der beste Wille der Kriegskameraden brachte doch nur eine traurige Unterhaltung zuwege. Gesichtspunkte und Antriebe, die wir Norddeutschen für diesen Krieg hatten, waren hier größtenteils fremd; man sah in dem Kriegshandwerk ein erwähltes Fach, dessen Vorteile man geltend machte, man rechnete die zu hoffenden Beförderungen aus, man rühmte das Garnisonleben in Prag. Der Oberst allein kannte Gentz und wußte von Friedrich Schlegel, den andern waren dies unbekannte, bedeutungslose Namen. Das Regiment war überdies ein böhmisches, und die meisten Soldaten sprachen nur diese Sprache. Begeisterung und Poesie mußten hier völlig erlöschen; auch selbst die der Gefahr fehlten für jetzt; weit und breit fiel kein Schuß, alles war in tiefster Ruhe. Man zweifelte, daß noch eine bedeutende Waffenentscheidung vorfallen würde; man sprach vom nahen Frieden und wünschte ihn. Daß unterhandelt wurde, stand außer Zweifel; französische Beauftragte waren wiederholt in Wagram gesehen worden, selbst seinen Vertrauten Duroc wollte man von dem Kaiser Napoleon mit Vorschlägen an den Erzherzog Generalissimus abgeschickt wissen. Ich konnte die Niedergeschlagenheit, die ich hievon empfand, nicht verhehlen; in meinem Unmute muß ich mich ganz verzweiflungsvoll und den Wunsch, wieder fortzugehen, sehr heftig ausgedrückt haben, denn der Hauptmann von Marais eröffnete mir mit großer Teilnahme, wenn dies mein Ernst sei, so könne mir vielleicht noch geholfen werden, er zweifle, daß ich höheren Ortes schon gemeldet sei, und so könne der Oberst wahrscheinlich noch ohne fremdes Zutun mich entlassen. Mir fuhr der Gedanke durch den Kopf, zu dem Herzoge von Braunschweig-Öls zu gehen, von dessen Unternehmungen die Rede war, oder zu dem Major von Nostitz, des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen gewesenen Adjutanten, der an der Grenze von Franken eine Freischar sammelte; von diesen beiden sagte man laut, sie würden keinen Frieden machen, sondern lieber wie Schill auf eigne Hand zugrunde gehen. Es war aber zu[306]  spät; bereits in die Listen eingetragen, hätte ich ein förmliches Abschiedsgesuch einreichen müssen, was während der Kriegszeit untunlich war. Der Oberst, dem ich meine Unruhe nur im allgemeinen, nicht aber in ihren besondern Gründen zeigen mochte, wußte nicht, was er von mir denken sollte; über die Waffenruhe und den Friedensanschein aber, die ich verwünschte, suchte er mich zu trösten und meinte, mit jedem Tage könne sich das ändern, worüber niemand froher sein würde als er selbst. Ich blieb also einstweilen, wo ich war.
Die schlimmste Prüfung war in der Tat schon überstanden. Nach einem heißen, langweiligen, verzehrenden Tag, der nur eben solchen wieder erwarten ließ, erscholl am 30. Juni abends plötzlich von der Donau her Kanonendonner, dem Gemüt eine labende Erfrischung! Eine Partei Franzosen, so vernahm man bald, waren von der Lobau mittelst Kähnen auf eine kleine Aue, die Mühleninsel genannt, übergegangen, die sich nur durch einen schmalen Arm von dem linken Donauufer scheidet; sie legten eine Brücke auf dieses Ufer herüber und beschützten dieselbe durch einen kleinen Vorwall; unsre Batterien bei Eßling wollten dem Feinde diese Ausbreitung nicht gestatten, und seine nächsten Kanonen auf der Lobau feuerten nun ebenfalls. Die Unterhandlungen, hieß es, seien abgebrochen, der Kaiser Napoleon habe seine Truppen zusammengezogen, um neuerdings mit ganzer Macht überzugehen und eine Schlacht zu liefern. Die Beharrlichkeit des Erzherzogs Generalissimus in seiner Stellung mußte sich hiedurch gerechtfertigt zeigen, da der Feind keine bessere Gegend für seinen Versuch wußte als diese gegen ihn vorbereitete und verteidigte. Mit einbrechender Nacht sahen wir in der vor uns liegenden Ebene die Alarmstangen brennen, und das ganze Lager geriet in Bewegung. Der Kanonendonner verstummte zwar nach einiger Zeit, allein um 1 Uhr nachts erhielten die auf der Anhöhe bei Wagram lagernden Regimenter den Befehl, in der Stille anzutreten, und rückten schweigend etwa anderthalb[307]  Stunden gegen die Donau hinab; der erste, zweite und dritte Heerteil lagerten daselbst zwischen Breitenlee und Stadt-Enzersdorf, der vierte Heerteil stellte sich bei Wittau, die Reiterei bei Raasdorf; jeden Augenblick erwarteten wir, daß der Feind angreifen würde; das Kanonieren erneuerte sich von Zeit zu Zeit; allein die Franzosen rückten nicht vor, sondern begnügten sich, ihre begonnene Brückenschanze zu vollenden. Der Erzherzog begab sich zuerst nach Raasdorf, sodann nach Stadt-Enzersdorf und bestieg den dortigen Turm, um die Anstalten des Feindes zu überschauen, darauf nahm er sein Hauptquartier in Breitenlee. Indes mußte bald klarwerden, daß die Anstalten an dieser Stelle für einen ernstlichen Übergang zu unbedeutend blieben; es war offenbar, daß der Feind hier nur die Aufmerksamkeit beschäftigen wolle und daß er seinen wahren Übergang entweder oberhalb bei Nußdorf oder unterhalb in der Gegend von Orth vorhabe, wobei das österreichische Heer in seiner jetzigen Stellung sogleich die rechte oder linke Flanke bloßgeben würde; daher schien es vorteilhafter, bei der Ungewißheit, welchen Punkt der Feind wählen werde, die rückwärtige Stellung wieder einzunehmen, aus welcher man frei und leicht nach jeder nötigen Richtung hervorbrechen könne. Diesem Ratschlusse zufolge erhielten wir am 3. Juli mittags unvermutet Befehl, wieder in unsre vorige Stellung bei Wagram zurückzukehren. Dieser Vor- und Rückmarsch ist in dem österreichischen Bericht unerwähnt geblieben, und doch war die Vorwärtsbewegung nicht gleichgültig; sie erlegte dem Feinde gleichsam eine Schlacht in ähnlichen Verhältnissen wie die von Aspern auf, während unser Rückmarsch ihm statt jener Enge die erwünschtere Ausdehnung freigab, in welcher die Schlacht von Wagram möglich wurde. Da diese verlorenging, so konnte man nachher bedauern, zu ihrer Entwickelung den Raum gegeben zu haben, den man, wie es schien, gleich anfangs versagen, wenigstens mit Vorteil streitig machen konnte, wenn man näher an der Donau den Kampf aufnahm.[308] 


Der Anschein, als solle das Leben der vorigen Tage, ohne andern Inhalt als Sonnenbrand und Staubwolken, aufs neue fortgehen, dauerte diesmal nicht lange. Von den Absichten des Feindes hatte man keine zuverlässige Kenntnis, nur unsichere Vermutungen, doch deuteten alle seine Anstalten auf irgendein großes Unternehmen. Die Befestigungen der Lobau, die Herstellung und Sicherung der Hauptbrücken über den großen Arm der Donau, die Anlegung vieler Verbindungsbrücken zwischen der großen und den kleinem Inseln, die fortgesetzte Arbeit an Zimmerwerk und Schiffen, die Instandsetzung der Wege auf der Lobau, die Anfuhr von Geschütz und Pulverwagen, alles dies konnte nicht verborgen bleiben; am entscheidendsten aber waren die Bewegungen der Truppen, die von der obern und untern Donau sich hierherzogen; unter andern sah man vom Bisamberge aus am 2. Juli das sogenannte italienische Heer in jener Richtung anrücken. Der Erzherzog Generalissimus beschloß, das Unternehmen des Feindes zu zerrütten, dem Hauptangriffe zuvorzukommen und ihm den Rückhalt zu verderben, den die Lobau darbot. Die österreichischen Abteilungen an der obern Donau hatten Befehl erhalten, den Feind lebhaft zu beunruhigen, desgleichen der Erzherzog Johann, mit seiner Hauptstärke aus dem Brückenkopfe von Preßburg auf das rechte Ufer der Donau hervorzubrechen; jetzt wurde diesem am 4. Juli um 7 Uhr abends der Befehl gesandt, seine Truppen wieder auf das linke Ufer herüberzuziehen und zugleich bis Marcheck vorzurücken, um für den Fall einer Schlacht auf die rechte Flanke des Feindes wirken zu können. Auch bei uns war ein kräftiges Eingreifen angeordnet. Am 4. Juli abends erhielten wir die Weisung, wenn in der Nacht kanoniert würde, bis Tagesanbruch in Ruhe zu bleiben, dann aber marschfertig zu sein. Wirklich begann, sobald es dunkel geworden, vor uns an der Donau ein heftiges Geschützfeuer, der Himmel leuchtete immerfort von den Blitzen der Kanonen, von den Wurfbahnen der Bomben und Granaten; fast zwei Stunden dauerte der Wetteifer von beiden Seiten,[309]  denn die Franzosen hatten fast gleichzeitig auch ihren Angriff unternommen und, während wir ihre Werke auf der Lobau zu zerstören dachten, die Zerstörung der unsrigen und die Einäscherung von Stadt-Enzersdorf vorbereitet. Das österreichische Geschütz vermochte wenig gegen die starken Werke der Lobau; die französische Mannschaft auf der Mühlau, welche als vermutlicher Übergangspunkt am heftigsten beschossen wurde, legte sich nieder und litt nicht viel. Dagegen zeigte sich die Wirkung des feindlichen Angriffs bald nachteilig; in seinem Zwecke lag zusammenhängendere Absicht und stärkerer Nachdruck; sein Geschütz war zahlreicher und wirksamer; in kurzer Zeit stand Stadt-Enzersdorf in Flammen, und unsre Batterien strebten fruchtlos gegen die feindliche Übermacht. Nachdem die Gegend eine Zeitlang durch den Brand der kleinen Stadt erhellt gewesen, verdunkelte sich der Himmel mit schwarzen Gewitterwolken, der Regen strömte nieder, die Flammen minderten sich, das Geschütz feuerte seltner und verstummte zuletzt völlig. Ein furchtbares Sturmgewitter, wie niemand ein ähnliches erlebt zu haben meinte, wütete nun über das weite Marchfeld, das von dem Gekrach des Donners erbebte und im Brausen der Regenfluten und dem Geheul des Windes so ertoste, daß daneben auch das Geschütz hätte verhallen müssen.
Den Feind, dessen Vorsatz fest und reif und dessen Hülfsmittel bereit waren, mußte diese Sturmnacht äußerst begünstigen. Er hatte die neben der Lobau stromabwärts auf dem linken Ufer über Mühlleiten und Wittau sich erstreckende Fläche zum ersten Antritt seines Überganges ersehen, wo seine Truppen ungehindert Fuß fassen und im Angesichte des Brandes von Stadt-Enzersdorf sich rechtshin ungehindert entwickeln konnten. Diese Richtung hatte man österreichischerseits am wenigsten möglich erachtet; sie war kühn und gefahrvoll, besonders wenn der vierte österreichische Heerteil bei Wittau stehenblieb oder sogleich wieder dorthin vorrückte; es gehörte zu ihrem Erfolge die ganze Meisterschaft der gründlichen Anordnungen und zutreffenden Berechnungen[310]  Napoleons, die sichere Ausführung aller seiner Befehle durch ebenso strenge als geschickte Werkzeuge, die Schnelligkeit und Kraft, welche dadurch seinen Bewegungen verliehen war. Er rechnete darauf, den bedenklichen Augenblick schon überstanden zu haben, bevor der Gegner ihn benutzen könnte. Schon um 10 Uhr abends ließ der General Oudinot 1500 Voltigeurs unter der Anführung des Generals Conroux übersetzen; sie wurden von dem Obersten Baste mit 10 Kanonierschaluppen begleitet, deren Feuer die Landung beschützte. Die österreichischen Vorposten zogen sich aus den Schanzen, welche sie hier aufgeworfen und mit einigen Feldstücken besetzt hatten, ohne Verlust zurück, und der Feind konnte sich vor Mühlleiten auf der Schusterwiese und dem Hanselgrunde festsetzen. Gleichzeitig war der Oberst Sainte-Croix, Adjutant des Marschalls Masséna, mit 2500 Mann übergeschifft und weiter abwärts bei Schönau gelandet. Hierauf wurden in der Eile sechs Brücken geschlagen, zu denen alle Gerätschaft fertiggehalten war. In raschem Laufe zog zuerst das Fußvolk des Marschalls Masséna, nebenan dessen Reiterei und Geschütz, auf das linke Ufer, weiter abwärts die Truppen des Marschalls Davoust, des Generals Oudinot; still und geordnet nahmen sie ihre vorherbestimmten Stellungen. Um 3 Uhr morgens standen mehr als 40000 Mann zusammengedrängt bei Mühlleiten, während die übrigen Truppen eiligst nachrückten, erst um Mittag trafen die letzten ein, während die vordersten schon im vollen Gefecht und Vormarsch waren. Die anfängliche Schlachtordnung war folgende: Im ersten Treffen als linker Flügel, zunächst der Donau, der vierte Heerteil unter dem Marschall Masséna; als Mitte der zweite Heerteil, von dem General Oudinot befehligt; als rechter Flügel, gegen Wittau, der dritte Heerteil unter dem Marschall Davoust; hinter diesem, als zweites Treffen, die Truppen des Marschalls Bernadotte oder der neunte Heerteil, das italienische Heer unter Anführung des Vizekönigs Eugen und der eilfte Heerteil des Marschalls Marmont; als Schluß und Rückhalt die Garden und die Kürassiere.[311]  Die ganze Streitmacht Napoleons betrug hier mehr als 160000 Mann, worunter 15000 Mann Reiterei mit 600 Kanonen. Übergang und Aufstellung waren mit bewundernswerter Schnelligkeit und Haltung im Sturm und Regen und bei größter Dunkelheit begonnen, wie nachher im vollen Tagesglanze vollendet worden.
Der Erzherzog Generalissimus hatte den raschen und unter Begünstigung der stürmischen Nacht so glücklich gelungenen Übergang nicht mehr hindern können; die feindliche Stärke hatte nicht nur Fuß gefaßt, sondern sich auch schon beträchtlich ausgebreitet und zum ferneren Angriffe günstig geordnet; ihre sämtlichen Heerteile waren in zusammenhängender Bewegung, überall wechselseitiger Unterstützung fähig und versichert; die österreichischen Heerteile aber standen noch viel zu weit auseinander, als daß sie dem so rasch entwickelten Feinde gleich mit gehöriger Macht hätten entgegenrücken und ihn gegen die Donau zurückwerfen können. Die Gesamtstärke der Österreicher betrug nicht voll 100000 Mann nebst 410 Stück Feldgeschütz.
Sein Hauptabsehen hatte der Kaiser Napoleon auf die Stellung von Wagram selbst und auf den linken Flügel der Österreicher gerichtet, dessen äußerste Spitze durch einen alten viereckten Turm bei Markgrafen-Neusiedel bezeichnet wurde. Österreichischerseits erkannte man die Richtung sehr wohl, besetzte die Anhöhe jenes Turmes mit einer Batterie und wollte sogar in der Eile noch Schanzen aufwerfen. Aber der Anmarsch des Feindes ließ wenig Zeit zu neuen Vorkehrungen. Nachmittags hatte Napoleons rechter Flügel Glinzendorf erreicht; seine Mitte stand in Raasdorf; am wenigsten war der linke Flügel vorgedrungen, er hielt nur Aspern besetzt. Immer stärkere Batterien fuhren auf, immer größere Truppenmassen kamen ins Gefecht, die ganze Linie stand im Feuer und rückte immer vor. Wir hatten von unserer höheren Stellung bisher den Bewegungen und Kämpfen vor uns wie einem Schauspiele zugesehen, jetzt rückte der Kampf näher heran, die Luft über uns sauste von Kanonenkugeln,[312]  die man uns verschwenderisch zuschickte, und bald krachten antwortend auch unsre Batterien. Das Fußvolk erhielt Befehl, sich auf die Erde niederzulegen, und die feindlichen Kugeln trafen anfangs wenig, da jedoch der Feind unaufhörlich vorrückte, so stellten die Regimenter sich alsbald ins Gewehr. Der Erzherzog Generalissimus sprengte mit seinem Stabe vorüber und hielt dann vor unsrer Fronte; er teilte Befehle aus, blickte in die Ebene nieder, wo die feindliche Linie stets näherrückte, man sah es ihm an, daß er Gefahr und Tod nicht achtete, daß er ganz in seinem Berufe als Feldherr lebte; der Entscheidungskampf schien seinem ganzen Wesen ein nachdrücklicheres Ansehen zu verleihen, eine höhere Spannung voll freudigen Mutes, den er auch rings um sich her einflößte; die Soldaten blickten auf ihn mit Stolz und Zuversicht, manche Stimme begrüßte ihn. Nachdem er weiter gegen Baumersdorf geritten war, kam einer seiner Adjutanten rasch zurück und rief: »Freiwillige vor!« Sogleich war fast die ganze Kompanie des Hauptmanns von Marais bereit; wir dachten, es gelte die nächste Batterie des Feindes zu stürmen, welche durch die vorliegenden Kornfelder herannahte, und jauchzend mit lautem Geschrei eilten wir den Abhang hinab; da kam ein zweiter Adjutant mit dem Befehl, wir sollten nur den Rußbach besetzen, dort den Übergang verteidigen, aber nicht eher feuern, als bis der Feind ganz nahe sei. In Plänkler aufgelöst, hinter Weidenstämmen und hohem Korn, harrten wir schußfertig, gegen die Kanonenkugeln gedeckt, aber durch Flintenschüsse und Haubitzgranaten getroffen, die der Feind zahlreich auf unsre Gegend richtete. Über eine Stunde weilten wir hier, unter dem unaufhörlichen Krachen des Geschützes, das über uns hinwegschoß; leider mußten wir bald bemerken, daß das feindliche die Übermacht der Zahl hatte und wenigstens doppelt so viele Schüsse lieferte als das unsre, welches doch weit bessere Bedienung hatte; um so mehr aber bewunderten wir den tätigen Eifer und die wackre Ausdauer, durch welche der ungleiche Kampf dennoch unterhalten wurde. Da unser Geschütz[313]  batterieweise vereinigt stand, so konnte der Feind sich ihm leichter entziehen, dagegen das seinige längs der ganzen Linie auf allen Punkten wie ausgesäet war und gleichsam anstatt der Plänkler überall das Gefecht eröffnete. Gegen Baumersdorf allein hatte der General Oudinot 40 Kanonen vereinigt, und wiederholt war sein Fußvolk, die Divisionen Grandjean und Tharreau, in den brennenden Ort eingedrungen, aber von dem tapfern General Grafen Ignaz von Hardegg immer wieder zurückgeschlagen worden.
Der Kaiser Napoleon indes sah mit Ungeduld den Tag unentschieden hingehen, er glaubte den Hauptschlag noch heute ausführen zu können und wollte nicht umsonst sein Übergewicht hierher gewendet haben. Rasch ordnete er seine Truppen zum Sturm. Der Marschall Bernadotte erhielt Befehl, über Aderklaa gegen Wagram vorzudringen und durch Wegnahme dieses Ortes die Mitte der österreichischen Linie zu sprengen. Zwei gedrängte Sturmscharen sollten zu gleicher Zeit rechts und links von Baumersdorf über den Rußbach dringen, die Höhen der österreichischen Stellung ersteigen und die dortigen Truppen aufrollen. Feindliches Fußvolk war mittlerweile schon dicht an unsre Stellung herangekommen; die Plänkler wurden vom Rußbach zurückgerufen und traten in die Linie wieder ein, längs deren ganzer Ausdehnung sich nun ein furchtbares Gewehrfeuer entspann. Dieser ungeheure Lärm des immerfort erneuten Losknallens und noch weit mehr des unendlichen Eisengeräusches bei Handhabung von mehr als zwanzigtausend Flinten in solcher Nähe und Enge war eigentlich der einzige neue und wunderbare Eindruck, der mir in diesen ersten Kriegsauftritten, die ich erlebte, zuteil wurde; alles andre war teils meiner vorausgefaßten Vorstellung gemäß, teils sogar unter ihr; alles aber, auch der Donner des zahlreichsten Geschützes dünkte mich gering gegen das Sturmgetöse des sogenannten Kleingewehrs, dieser Waffe, durch welche gewöhnlich auch unsre neueren Schlachten zumeist mörderisch werden. Indem dieses Feuer eine Weile lebhaft anhielt und der Erzherzog[314]  Generalissimus nach Wagram sprengte, weil auch dort das Schießen zunahm, hieß es plötzlich, feindliche Reiterei breche auf dem linken Flügel hervor. Es war nicht Reiterei, sondern Fußvolk, welches auf die Höhen stürmend andrang. Der Brand von Baumersdorf und der Pulverdampf des Geschütz- und Gewehrfeuers begünstigte den Überfall. Ein Schwarm von Plänklern, in wilder Unordnung und mit Geschrei anlaufend, brach zuerst die Bahn. Hierauf ging rechts von Baumersdorf ein Teil der französischen Garden unbemerkt über den Rußbach, sie erschienen plötzlich auf der Höhe und stürmten gegen den linken Flügel des Heerteils von Hohenzollern, wo jedoch der General Buresch an der Spitze der Regimenter Zach und Joseph Colloredo sie mit Entschlossenheit empfing und der Fürst von Hohenzollern das Chevauxlégers-Regiment Vincent gegen sie anführte. In dem Gefolge dieses tapfern Generals müssen wir den damals neunzehnjährigen Husarenlieutenant Joseph von Zedlitz anmerken, der schon im Laufe des Krieges durch Tapferkeit sich ausgezeichnet hatte, späterhin als Dichter berühmt wurde. Durch das Gewehrfeuer des standhaften Fußvolks erschüttert, durch das ungestüme Einhauen der Reiter übereinandergeworfen, war der Feind schnell genötigt, über den Rußbach zurückzuweichen; der General Graf Ignaz von Hardegg brach nun aus Baumersdorf hervor, fiel auf die Fliehenden und trieb sie mit großem Verlust weit in die Ebene gegen Raasdorf. Der links von Baumersdorf über den Rußbach gedrungene Feind, zwei Divisionen, geführt von den Generalen Macdonald und Lamarque, denen zwei andre Divisionen, vom General Grenier befehligt, unter des Vizekönigs Eugen eigner Anführung nachrückten, benutzte eine Schlucht, welche sie schnell auf die Höhe und grade auf den Zwischenraum des ersten und zweiten Heerteils führte; sie warfen sich gegen den Flügel des ersteren und begannen denselben aufzurollen. Der französische General Dupas führte den Angriff mit aller Kraft; es erhob sich ein scharfer Kampf, man wechselte Gewehrfeuer in größter Nähe, man erhob die Kolben[315]  und legte das Bajonett ein. Der feindliche Stoß auf unsern linken Flügel war jedoch zu heftig, als daß die schwache Linie hätte widerstehen können; sie wurde gesprengt, die äußersten Enden schlugen sich in Haken um, und die Regimenter Argenteau, Vogelsang und ein Teil von Erzherzog Rainer sahen sich auf das zweite Treffen zurückgeworfen. Im ersten Anstürmen des Feindes traf mich ein Schuß durch den Oberschenkel, und ich konnte von nun an nur müßiger Zeuge der ferneren Vorgänge sein, welche das Schlachtfeld darbot.

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Die Dunkelheit hemmte jede weitere Unternehmung, manches brennende Dorf jedoch beleuchtete hin und wieder die Gegend; ganz in der Nähe loderten hohe Flammen von Baumersdorf und Wagram auf; dieser schauerliche Anblick und der freudige unsres Obersten mit der Fahne in der Hand waren die letzten, die ich von dem Schlachtfelde mit mir nahm. Lange noch, während ich mit andern Verwundeten langsam zurückgebracht wurde, flogen die Kanonenkugeln um uns her, bis tief in die Nacht hörten wir den Geschützdonner, allein er entfernte sich mehr und mehr, und uns begleitete der Eindruck eines siegreichen Vorschreitens.

Zistersdorf, den 20. Juli 1809

Für Euch, geliebte Freunde, will ich zu schreiben versuchen. Habt Ihr ein Blatt, das ich hier schon am 9. Juli zu schreiben unternahm, glücklich bekommen, so wißt Ihr, wie es mir in der Schlacht ergangen, deren Namen ich damals noch nicht nennen konnte, wißt, daß ich am Leben, aber verwundet bin. Ich konnte das Schreiben nicht lange aushalten, ich sank alsbald wieder zurück, nach jeder Zeile fast, daher alles so kurz. Nun aber fahr ich fort, ich hoffe, mit besserem Gedeihen. Oh, daß ich das Glück hätte, einen von Euch bei mir zu haben, mündliches Gespräch mit ihm zu führen! Nun muß doch die Feder noch glücklich zur Vermittelung dienen!
Als ich den Schuß in den Schenkel erhielt, fühlte ich zuerst nur einen harten Schlag, der mich durchfuhr; ich sah[316]  aber gleich, indem ich den Rockschoß weghob, zwei Rinnen Blut hervorquillen, die Kugel war durch und durch gegangen. Hier galt aber kein Besinnen; das Regiment, vom Feinde auf dem linken Flügel lebhaft angegriffen, wich dort eilig zurück, und bald war auch der rechte Flügel in die Flucht mit fortgerissen. Ich mußte die letzte Kraft anstrengen, um nicht zurückzubleiben. Zwei Soldaten faßten mich unter den Armen, und halb gehoben, halb auftretend kam ich bis rückwärts unserer Lagerhütten. Viele Kanonenkugeln sausten über uns hin, eine so dicht, daß mein einer Führer zu Boden stürzte, unverwundet, wie es schien; der andre brachte mich noch etwa hundert Schritte weiter, kehrte dann aber zum Gefecht zurück, das unterdessen wieder zum Stehen gekommen war. Ich konnte allein nicht fort und stand betrachtend gegen den Kampf gewandt; da war es, wo ich den Obersten zu Pferde mit der Fahne in der Hand die Truppen wieder vorwärts führen sah; ihr Sturmschritt und der aus unsern durch Zufall oder Absicht angezündeten Lagerhütten sich erhebende Vorhang von Rauchwolken entzog jene bald meinen Augen. Rechts und links aber, aus den Dörfern Wagram und Baumersdorf, stiegen bald ebenfalls mächtige Flammen und Rauchsäulen empor, und der Donner des Geschützes hallte mit verstärkter Wut. Einige Verwundete, die herankamen, konnten mir Hülfe bieten; ein Soldat trug mich sogar eine Strecke, bis wir einen zerschossenen Pulverwagen trafen, der leer zur Reserve fuhr. Auf diesen setzte man mich, und nun ging's in der Abendkühle langsam fort, eine ganze Schar Verwundeter schleppte sich mit, bald nahmen Winseln und Klagen überhand, das Schüttern des Wagens verursachte mir großen Schmerz, das Blut, welches anfangs reichlich geflossen war und sich im Stiefel angehäuft hatte, stockte jetzt, und Schenkel und Knie wurden kalt und starr; ich litt gleich den andern an schrecklichem Durst, und auch die Nachtkälte wurde sehr schmerzlich. Ein Wunder war es, daß in der Dunkelheit mein böhmischer Bedienter Lorenz sich zu mir fand, er war leicht an der Hand verwundet und[317]  folgte dem Zuge; nun blieb er fortwährend bei mir. In der Nacht gelangten wir nach Bockfließ, wo ein Wundarzt mich flüchtig besichtigte und ich bald in tiefen Schlaf sank.
Mit Tagesanbruch weckte mich der Lärm; die Stube, wo ich lag, wimmelte von Verwundeten, so das ganze Haus und selbst die Straße, und alle sollten nun eilig weitergeschafft werden. Der Kanonendonner verkündete schon die Erneuerung der Schlacht.
Meine Wunden hatten die ganze Nacht wieder geblutet, ich konnte mich nicht aufrichten und wurde daher auf dem Strohsack, der mir zum Lager gedient und den ich nebst einem zerrissenen Bettlaken für vieles Geld erkaufte, auf einen Leiterwagen geschoben; ein paar andre Verwundete und mein Bedienter setzten sich mit auf, und so ging's landeinwärts, ich fragte kaum wohin und überließ mich den Fügungen des Geschicks. Ein heißer Tag stieg herauf, die Sonne schoß glühende Strahlen durch die wolkenlose Bläue, alles schwamm in Lichtglanz, und ich empfand lebhaft, wie ganz andern Zwecken und Aussichten ein solcher Sommertag eröffnet sein könnte als diejenigen, die sich mir und so vielen Genossen unwiderruflich gestellt! Der Kanonendonner begleitete uns immerfort, schien sich öfters sogar zu nähern, und vorübereilende Versprengte ängstigten uns mit der Gefahr, von dem Feinde noch ereilt zu werden. Aber darum kamen wir nicht schneller fort. Der slowakische Bauer hielt seinen Vorspann in gleichmäßigem Schritt, und überdies riefen wir Verwundete bei jedem Stein, über den das Rad ging, unser klägliches: »Pomali!«, denn jeder Ruck ging durch Mark und Bein! Kein Schatten war im weiten Felde zu sehen, nirgends ein Baum noch Strauch, keine Erquickung erreichbar als etwa ein schlechter Trank. Als wir mittags an einem Orte anlangten, wo wir eine Stunde rasten sollten, hatte die Sonne mir im Gesicht und am Halse Blasen gebrannt; mein Zustand jammerte den Offizier, der zur Förderung der Fuhren hierher kommandiert war, und er befahl, grüne Zweige über mich zu decken, wozu ein naher Nußbaum,[318]  trotz des Einspruchs von seiten des Eigentümers, seinen schönsten Schmuck hergeben mußte. Unter dieser schützenden Decke fuhr ich dann weiter und empfand solche Labung von dem Schatten und dem Anblick und Dufte des kräftigen Laubes, daß ich sogar die Schmerzen der Wunden weniger fühlte und zeitenweise in angenehme Träumereien versank. Ja, ich kann sagen, daß ich in dieser Lage gedichtet, denn mein Gefühl der Dankbarkeit floß in Lobesströme über für den Baum, der mir durch seine Blätter so wohltätig wurde, und wenn keine Verse und Reime, so ist doch die Stimmung, aus der sie hervorgehen, von daher mir vollkommen erinnerlich. Indes wurde diese Stimmung leider allzuoft durch den Aufschrei des Schmerzes unterbrochen, den jedes stärkere Anziehen der Pferde oder eine Ungleichheit des Weges verursachte.
In Zistersdorf, einer kleinen Landstadt, wo ein Spital noch von der Schlacht von Aspern her eingerichtet ist, trafen wir mit dem Abend ein, ich wurde aber nicht im Spital, sondern in einem Bürgerhause bei armen Leuten untergebracht, zum erstenmal eigentlich verbunden, durch einen städtischen Wundarzt, den ich rufen ließ, weil von den Militärärzten keiner kam; ich hatte abermals eine leidliche Nacht. Am folgenden Tage jedoch brach das Wundfieber aus, und ich litt vierundzwanzig Stunden die größten Schmerzen, wobei ich mir nicht verhehlte, daß gar leicht eine schlimme Wendung eintreten könnte. Da mein Arzt aufs Land in die Umgegend abgerufen wurde, so blieb der Verband unerneuert, und die Wunden, bei der großen Hitze schon brandig, forderten dringend entschiedene Hülfe. Die wurde mir denn auch am vierten Tage, man brachte mich in das Spital, wo ich im Erdgeschoß in ein kleines Gemach zu zwei andern Offizieren kam. Nur ein Unterarzt war es, der mich verband, und außer einem ersten Schrecken, den er mir verursachte, hätte kein Generalstabsarzt mich besser besorgen können. Mit dem Schrecken ging es so zu: Ich war bisher der guten Zuversicht, daß der Schenkelknochen nicht zersplittert sei,[319]  ich hatte ja noch einigermaßen auftreten können und dies auch dem Arzte sorglich gesagt; allein als er die Richtung des Schusses erkannt und die Wunden selbst betrachtet, rief er mit voller Gewißheit, den Kranken vergessend und nur seiner Kenntnis froh, lebhaft aus: »Da ist ohne weiteres der Knochen gesplittert!« Für mich war das eine Art Todesurteil, meine ärztliche Kunde sagte mir, daß unter solchen Umständen man für nötig erachten könne, das Bein abzuschneiden, und daß dies doch wieder so hoch oben fast kaum tunlich sein würde, daß im günstigsten Falle die schmerzvolle und stets bedenkliche Kur sich über sechs, acht und mehr Monate erstrecken könne; da in der andern von mir bisher gehegten Annahme kaum so viele Wochen nötig sein würden. Einstweilen mußte ich wohl dem Ausspruche des Arztes glauben, dem aber doch eine leise Stimme in mir noch immer einige Zweifel entgegensetzte. Nach vielen Tagen, die von jener Vorstellung schlimm verdüstert waren, gab der Arzt endlich zu, daß er sich irren könne, und sagte mir heute fast verdrießlich, ich würde wohl keine sehr langwierige Kur auszustehen haben! Seine Behandlung übrigens ist vortrefflich, nur die nötigste Berührung und so leise und zart als möglich; bloß Kampferwasser wird angewandt, und bei diesem einfachen Mittel schreitet die Heilung bestens vor. Seit einigen Tagen erhol ich mich merklich, bin muntern Geistes und frischer Hoffnung. Nur darf ich mich nicht regen, und mit Kunst und Mühe hab ich es dahin gebracht, daß ich mich etwas aufrichten und auf einem vorgelegten Brette schreiben kann; zuerst meinte der Arzt, es sei geradezu toll, daß ich schreiben wolle, da er aber sah, wie heftig mein Wunsch und wie jeden Tag mein Befinden besser sei, so ließ er es endlich zu. Seitdem sind die kurzen Viertelstunden, die ich für Euch, geliebte Freunde, an diese Blätter wende, die glücklichsten des Tages, die mich für viele lange Stunden der Öde und Ungeduld trösten müssen.[320] 
Der Brief aus Zistersdorf an die Freunde nach Berlin und Hamburg läßt meine Lage und Stimmung nach der Schlacht hinreichend und die Färbung des Augenblickes selbst erkennen. Ich schrieb noch insbesondre an Rahel, an Fouqué und an meine Schwester, aber die Briefe mußten ihren Weg über Wien suchen, und die Ungewißheit, ob sie ihn finden würden, hemmte den Eifer des Schreibenden.
Ein Versuch, den ich machte, an Krücken zu gehen, fiel nach Wunsch aus, und mit Wonnegefühl betrat ich den kleinen Blumengarten unter meinem Fenster, dann den Schloßhof und endlich das freie Feld, unter schattigen Bäumen das sonnenbeschienene Land überschauend, zu den duftigen Anhöhen hin, wo noch vor kurzem der Kanonendonner getobt hatte. Ungeachtet meiner Rührung und Sehnsucht, denen der Friede schmeichlerisch erschien, könnt ich mich doch des Wunsches nicht erwehren, daß der Krieg sich erneuern möchte, denn die lockenden Bilder der Ruhe fanden nirgends einen Boden, wo sie sich hätten niederlassen können.
Mit jedem Tage wurden meine Wunden besser, das schönste Wetter begünstigte die Heilung; ich konnte in kurzem die eine und bald auch die andere Krücke ablegen. Ich hatte die enge Krankenstube des Spitals verlassen und ein heitres Zimmer bei dem Verwalter bezogen, dessen Familie mir keine noch wünschbare Pflege fehlen ließ. Daß der Frieden mittlerweile unterhandelt wurde, war bekannt, allein das Ergebnis schwebte in noch unsichrer Ferne; die österreichischen Streitkräfte, deren Oberbefehl der Erzherzog Karl abgegeben hatte, zogen sich nach Ungarn zusammen, um neue kriegerische Stellung zu nehmen, und was noch mehr an dem Frieden zweifeln machte: man war wegen einer persönlichen Auswechselung der Kriegsgefangenen übereingekommen, da man bei zuverlässiger Friedensaussicht eher die Freilassung in Massen würde festgesetzt haben.

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Die Umstände bedingten meine Lage sehr eigen; die Franzosen waren infolge des Waffenstillstandes nach Zistersdorf gekommen, das Spital hätte alle Zeit gehabt weiterzuziehen,[321]  nur aus Schonung für die vielen Schwerleidenden und im Vertrauen auf den Schutz der französischen Befehlshaber war es dageblieben. Nun aber erklärten die Franzosen uns alle für kriegsgefangen, und unser Einspruch wurde nicht angenommen. Ich gedachte mich so gutwillig dem Unrechte nicht zu fügen und traf mit einem braven Bürgersmanne die Abrede, daß er mich in einer dunkeln Nacht über den Marchfluß nach Ungarn fahren sollte, wie es ihm schon mit ein paar Genesenen glücklich gelungen war. Dem Obersten hatte ich wiederholt erklärt, ich betrachte mich als frei, und er hätte mir es kaum verdacht, wenn ich mich ohne Abschied entfernt hätte. Zum Unglück erhielt er unvermutet aus Wien den Befehl, alle Österreicher, deren Fortschaffung aus dem Spital möglich wäre, zum Behuf der Auswechselung sofort nach Wien zu senden. Eine meiner Wunden war noch offen, aber das konnte nicht hindern; der Oberst bewirtete mich noch zu guter Letzt, und mit seinen besten Glückwünschen, unter dem lauten Weinen der Frau und Tochter des Amtmanns, nahm ich Platz auf dem Vorspannswagen, neben dem ein französischer Jäger ritt. Mein Bedienter Lorenz begleitete mich; er hatte bis dahin sein Gewehr vor dem Feinde zu bewahren gewußt und fand Mittel, dasselbe auch hier sicher im Stroh zu verbergen und mitzunehmen. Wir kamen ohne weiteres Ereignis am 14. August mit der Dämmerung in Wien an.



Wien
1809










[322] Nach der traurigen Fahrt über einen Teil des stillen, verödeten Schlachtfeldes von Wagram und gegen die Donau hin, wo die unheimlich einsame Gegend nur düstre Bilder aufkommen ließ, überraschten die starkbefahrnen Donaubrücken[322]  und sodann die erfüllten Straßen von Wien mich mit neuen Lebenseindrücken, und ich mußte mir sagen, daß in dieser noch ungekannten Welt mir zunächst eine neue Wendung meines persönlichen Geschickes zu gewärtigen sei, wobei die größten Wechselfälle vorhanden und mein eigner Wille wie meine Tätigkeit so gut wie ausgeschlossen waren. Doch für diese Gedanken blieb nur wenige Zeit, wir hielten vor der französischen Kommandantur, ich vernahm, daß die Auswechselung der Kriegsgefangenen schon im Gange sei, und wurde vorläufig, bis die Reihe an mich käme, in der Stadt einquartiert.
Der Graf von Gatterburg, der die feindliche Einquartierung möglichst entfernt von sich hielt, kam mir gleich mit dem Wunsch entgegen, daß ich an seinem Tische vorliebnehmen möchte; er hatte sich in den obersten Stock seines großen, in der Dorotheengasse gelegenen Hauses zurückgezogen und führte hier, ab gesondert und fast versteckt, das behaglichste Leben fort, sah wenige vertraute Gäste bei sich und vergaß beim üppigen Mahle die Stürme, welche draußen tobten. Er hatte gedient, war als Offizier nach Venedig gekommen und als ein schöner, lebhafter Mann dort einer Erbtochter des Hauses Morosini wert geworden; die Heirat hatte ihn längere Zeit an Venedig gefesselt, seit kurzem lebte er aber wieder in Wien, während seine Gattin auf ihren großen Besitzungen im Venezianischen verweilte. Er haßte die Franzosen und ihren Kaiser mit dem doppelten Hasse des Österreichers und Venezianers, hatte jedoch in der angenommenen letztern Eigenschaft auch gegen die österreichische Herrschaft schon manche Abneigung eingesogen und seiner Wiener Behaglichkeit etwas italienisches Mißvergnügen beigemischt. Da wir oft allein aßen und nach dem Essen der Kaffee sich tief in den Nachmittag zu verlängern pflegte, so fehlte es nicht an Zeit und Gelegenheit zu mancher vertraulichen Mitteilung; ich wurde über die innersten Verhältnisse des Landes und der Regierung auf die unmittelbarste Weise aufgeklärt, durch Erzählung von Tatsachen,[323]  in welchen, sie mochten wichtige oder geringere Gegenstände betreffen, für mich immer etwas Bezeichnendes lag.
Das Haus hatte mehrere Mieter, mit denen ich notwendig Bekanntschaft machen mußte. Ein wohlhabender Baron bewohnte den ersten Stock, war aber nie zu sehen, sondern brachte den ganzen Tag und oft auch die Nacht in einer chemischen Küche mit alchemistischen Versuchen zu. Seine Frau hingegen war gesellig, wünschte die Huldigungen, welche früher ihre Schönheit empfangen, fortgesetzt zu sehen und konnte nicht umhin zu bekennen, daß die Franzosen in Betracht der Artigkeit und Feinheit den plumpen Wienern sehr vorzuziehen wären; sie rühmte besonders ihre jetzige Einquartierung, einen jungen Mann von gewiß vornehmer Herkunft, denn sonst würde er so früh nicht den hohen Verwaltungsposten erlangt haben, den er bei der Garde des Kaisers bekleide. Diesen Bemerkungen war im allgemeinen nicht zu widersprechen; doch als ich gleich darauf den belobten Franzosen zu sehen bekam, durft ich die Richtigkeit der Anwendung wohl etwas in Zweifel ziehen; es war ein schlanker, rotbäckiger Bursche, überschwenglich in Höflichkeiten und dreisten Schmeicheleien, des Bodens, auf dem er stand, allerdings, wie es schien, schon kundig und sicher und von der Dame mit lächelnder Zufriedenheit aufgemuntert. Er führte das große Wort bei Tisch, begleitete die Baronin auf die Bastei und ins Theater und wurde wie ein Mitglied der Familie gehalten. Die Freude dauerte nicht lange. Eines Tages, als ich die Treppe hinaufgehen wollte, rief mich die Baronin zu sich hinein, ich fand sie in aufgebrachter Stimmung, sie hatte vor Ärger geweint, doch jetzt flammte nur Zorn in ihren Augen, und rief mit Heftigkeit: »Wissen Sie denn, wie mir's ergangen ist? Der Schlingel von Franzos, der sich bei mir eingeschlichen hat, wissen Sie, was er ist? Garde-magasin nennen's die Leute, ich hab wunder geglaubt, was das ist, ich hab mir nicht träumen lassen, daß das nur so ein ›kleines Viech‹ ist, wie ich jetzt erfahre! Und er untersteht sich und[324]  kneipt meinem Kammermädel in die Backen! Nein, ich möchte Gichter kriegen! Auf der Stelle müssen mir beide aus dem Hause, das Mädel ist schon fort, und der Franzos soll umgelegt werden, das Quartieramt hat's mir versprochen!« Ich sollte nun geloben, mit dem Menschen kein Wort mehr zu wechseln, ja, ich sollte als Österreicher ihm zeigen, daß wir ihn als unsern Feind haßten, ihn als Menschen verachteten. Ich konnte die unerwartete Zumutung nur sonderbar und mich zu dem plötzlichen Rittertum aus keinem Grunde verpflichtet finden, lehnte dasselbe daher so glimpflich als möglich ab, wiewohl mir nicht entging, daß ich selber dadurch in der bisherigen Gnade merklich sank. Bald hatte ich dieselbe ganz verloren und wurde nicht mehr eingeladen; vielleicht war inzwischen auch in betreff meiner die Entdeckung geschehen, daß ich im Grunde doch nur so ein »kleines Viech« sei.

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Außer mir waren noch drei polnische Offiziere bei dem Grafen einquartiert, ein Saal zwischen unsern Zimmern diente uns als gemeinschaftlicher Eingang, und man konnte nicht umhin, sich hier zu begegnen; dem Gruße folgte Gespräch, und das zufällige Zusammentreffen wurde absichtliches. Die Polen waren Männer von Auszeichnung und Bildung, sie ließen sich auf allgemeine Ansichten ein, auf Geschichts-und Rechtserörterung, und von einem Norddeutschen, einem Preußen, der ich ohne Frage sein mußte, glaubten sie manches vernehmen zu können, was ihrem Sinn oder wenigstens ihrer Neugier entspräche. Wir waren bald insoweit einverstanden, daß wir, wie auf dieses Saales Boden, auch oft auf dem der Vaterlandsliebe uns recht gut zusammenfanden, dann aber freilich nach verschiedenen Richtungen gingen. Sie waren leidenschaftlich für ihr Land, für ein selbständiges, freies Polen begeistert und hingen den Franzosen nur an, sofern diese unbezweifelt sich als die tätigsten Freunde und Förderer der polnischen Sache erwiesen. Sie fanden mich in meinem vollen Rechte, ein Deutscher sein zu wollen, bestritten mir aber, dies in Österreich[325]  sein zu können, wo die deutsche Sache von jeher nur geopfert oder beschädigt worden sei; sie führten frühere Ereignisse schlagend an: die Preisgebung des Deutschen Reiches während des Rastatter Kongresses, die Auslieferung der Festungen an den Reichsfeind, ja selbst die Niederlegung der Kaiserkrone vor dem Preßburger Frieden – ich hatte es mit unterrichteten Sachwaltern zu tun! Ich setzte ihnen die Behauptung entgegen, der jetzige Augenblick sei ein andrer, ein ganz neuer, der sich von aller Vergangenheit ablöse; hätten früher die Völker ohne und wider ihren Willen den Zwecken der Fürsten gedient, so dienten jetzt unwillkürlich die Fürsten dem Volkstume, und ihre Dienste seien wohl anzunehmen. Wir gingen hierauf in die Geschichte der Französischen Revolution zurück und fanden hier unsre Sympathien wunderbar übereinstimmend, unsre Urteile über Menschen und Vorgänge meist ganz dieselben. Wir erkannten uns in Grundsätzen und Interessen mehr miteinander verbunden, als jene es mit ihren französischen Kampfgenossen, ja mit manchen ihrer polnischen Landsleute waren und als ich es mit den meisten meiner österreichischen Kameraden sein mochte. Und doch waren wir jeden Augenblick gewärtig und bereit, in feindliche Stellung auseinanderzutreten und uns wechselseitig zu töten, zu beschädigen! Ein Widerspruch, den wir nicht lösen, dem wir uns nicht entziehen konnten, den wir sogar mit Willen festhielten, der aber unsern friedlichen Umgang nicht störte, sondern vielmehr erhöhte. Daß über den Kämpfenden ein Höheres schwebt, für das beide Teile streiten, daß die Geschichte für ihre einfachen Ergebnisse widerstrebender Richtungen bedarf und auch die scheinbar überwundene das Drama fördern hilft gleich der augenscheinlich siegenden, dieser Trost der Geschlagenen dämmerte mir aus unsern Betrachtungen damals auf; in der Tat ließ Wien inmitten der Unterdrückung manchen Funken leuchten, der ohne sie nie hervorgesprüht wäre!
Ich sah mich schon in größeren Kreisen um und konnte Leben und Treiben der Wiener auf den reichsten Schauplätzen[326]  beobachten. In dem Bankierhause, dem ich empfohlen war und durch das ich eine geringe Geldhülfe zu beziehen eilte, machte ich manche Bekanntschaften, und Herr Leopold von Herz erbot sich, mich im Arnsteinschen Hause einzuführen.
Die ausgezeichnete Frau und ihre gesellige Kraft und Wirksamkeit ist schon anderweitig geschildert worden; hier füge ich nur die Bemerkung bei, daß die Anwesenheit des Feindes den geselligen Glanz des Hauses nicht störte, sondern in manchem Betracht sogar erhöhte. Man mußte mit den Franzosen verkehren, man konnte sie nicht abweisen, es war wichtig und nebenher angenehm, sich mit ihnen gut zu stehen, ihre Generale und Oberbeamte wie ihre jungen Elegants, zum Teil aus alten vornehmen Geschlechtern, wußten sich in der Gesellschaft geltend und den Grund ihrer Anwesenheit vergessen zu machen. Der Haß der Wirtin gegen den Kaiser wurde als die liebenswürdige Torheit einer Frau lachend hingenommen, ja, nicht selten stimmten vornehme Franzosen in die bösen Reden ein, mit denen jene nicht karg war. Es war ein seltsames Verhältnis, das überall, wo die Gebildeten zweier Krieg führenden Nationen friedlich zusammenkommen, mehr oder minder hervortreten muß, das die Franzosen aber besonders geeignet sind anzubauen. Die Wiener ihrerseits, anstatt sich zurückzuziehen, strömten eifriger als je herbei; es war der augenscheinlichste Gewinn, mit den unvermeidlichen und hinwieder so anziehenden Feinden sich im fremden Salon zusammenzufinden, der für viele andre die Aufnahme und Bewirtung dieser Gäste abmachen zu wollen schien.


Auf ähnliche Weise wie bei Frau von Arnstein, nur in etwas minderem Maße, ging es bei ihrer Schwester, Frau von Eskeles, und bei ihrer Tochter, Frau von Pereira, gesellschaftlich her. Ich war in beiden Häusern günstig aufgenommen und fand mich von den gewählten kleineren Kreisen mehr angezogen als von dem großen Durcheinander bei Arnsteins. Frau von Eskeles hatte nicht die Lebhaftigkeit[327]  ihrer Schwester, vereinigte aber mit dem feinsten Ton und leisesten Takt einer vornehmen Wirtin das gutmütigste Wohlwollen, das auch dem Geringsten ihrer Gäste zugute kam. Zwei schöne Kinder waren die Freude ihres Herzens, und da beide, und besonders das Mädchen, gleich am ersten Tage sich mir innigst anschmiegten, so genoß ich des vollen Zutrauens auch der Mutter. Dasselbe war der Fall im Hause Pereira, wo drei wunderschöne Knaben die zarte, liebliche Mutter heiter umspielten und diese durch kluges Maß den oft allzuheißen Liebeseifer der Großmutter sanft auszugleichen wußte.
Bei Frau von Flies, einer Schwester des Herrn von Eskeles, war ebenfalls ein anziehender Gesellschaftskreis. Denon und andre Franzosen von Bildung und Ansehn sprachen hier gern ein und lebten mit den guten Wienern, die hier Stammgäste waren, als gäbe es keinen Krieg in der Welt.
Kamen in diesen Häusern wirklich fast nur die Frauen in Betracht und war von den Männern kaum die Rede, so machte doch Herr von Eskeles hierin eine bedeutende Ausnahme. Er war einer von den hochbegabten, vielumfassenden Geschäftsmännern, die neben der wachsamsten und unermüdlichsten Aufmerksamkeit auf die Staats- und Handelswelt auch noch lebendigen Sinn und frische Tätigkeit für höhere geistige und allgemein menschliche Verhältnisse bewahren. Seine große Umsicht und strenge Zuverlässigkeit hatten ihm schon früh das Zutrauen des Staatsministers Freiherrn von Thugut erworben, der sich dadurch nicht irren ließ, daß man ihm den trefflichen Bankier politisch verdächtigte; er wußte, daß Eskeles, bei seinem unverleugneten Freiheitseifer, von österreichischer Vaterlandsliebe durchglüht und, trotz seiner republikanischen Denkart, für den Dienst des Kaisers von unverbrüchlicher Pflichttreue erfüllt war. Auch jetzt wieder, wie erst in der Folge bekannt wurde, hatte Eskeles, mit eigner Aufopferung und Selbstgefahr, dem Staate große Summen gerettet, die ohne seine kluge Fürsorge den Franzosen zugefallen wären. Sein scharfer Blick[328]  und richtiges Urteil bewährte sich im Kleinen wie im Großen, wo er unterstützte, forthalf, Rat erteilte, geschah es stets mit Sachkenntnis, Richtigkeit und daher meist mit Erfolg. Arme und Leidende jeder Art, von der Willkür der Macht oder des bürgerlichen Zustandes Getroffene, Künstler, geistig strebende und durch irgendeine Tüchtigkeit ausgezeichnete Menschen hatten ein entschiedenes Anrecht auf seine Teilnahme und Hülfe. Das Gefühl des Wohlwollens, das er hegte, und sein gutes Bewußtsein gaben seinem ernsten Gesicht einen Ausdruck froher Heiterkeit, die auch in Witz und Laune reichlich ausströmte.
Die politische Lage der Dinge hielt alles in Spannung; der Waffenstillstand dauerte fort und Friedensverhandlungen waren eröffnet, doch rüstete man sich auf beiden Seiten zu neuem Kampfe. Die Kriegsanstalten der Franzosen hatte man vor Augen; Nachrichten aus Ungarn rühmten die Stärke und Streitbegier der österreichischen Scharen. Im Grunde glaubten wenige an die Fortsetzung des Krieges; wer hinter den Vorhang sah, hielt sie auf österreichischer Seite für unmöglich und im Falle des Versuchs für das unausbleiblichste Verderben; man zweifelte nicht an dem Mute der Krieger, an der Willigkeit des Volkes, aber durchaus an der Kraft und Geschicklichkeit der obersten Leitung, die selbst in der fähigsten Hand an dem Mißtrauen, der Unentschlossenheit und den Parteiränken der unfähigsten, aber unlenksamsten Köpfe zunichte werden mußte. Daß der Erzherzog Karl den Oberbefehl wieder empfinge, war nicht zu hoffen; und wenn auch seine Fähigkeiten durch andre hätten ersetzt werden können, so wußte man schon voraus, daß diese doch nur in untergeordneter Stellung würden verbraucht werden. Diese Kenntnis des innern Zusammenhanges der Dinge war weiter ausgebreitet, als man denken sollte, sie war schon in das untere Volk eingedrungen, dessen Stimmung sich in heftigen Schimpfreden gegen diejenigen ausließ, die es sonst zu verehren gewohnt gewesen. Die Besonnensten meinten, bei dem Bewußtsein seiner selbst, das man österreichischerseits haben[329]  müsse, sei das klügste, so schnell als möglich Frieden zu schließen und nur einzig darauf zu sehen, daß man den Feind aus dem Lande schaffte und lieber Geld als Gebiet abtrete. Dieser letzteren Meinung war auch Eskeles, der hier seine Eigenschaft als Bankier verleugnete und die ungeheuersten Geldopfer als gering ansah in Vergleich zu denen, die man an Land und Leuten zu bringen hatte.

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Unter den großen und kleinen Schwankungen, den Leiden und Lasten, die sich im allgemeinen und für jeden einzelnen fühlbar machten, übte der Tag mit seinen nächsten Darbietungen sein Recht, und zwischen die wichtigen Fragen, die zur Entscheidung schwebten, drängten sich andre, der Neigung, der Eitelkeit, der Vergnügung. Wiener und Franzosen wetteiferten hierin miteinander, und beiderseits gab es Verhältnisse genug, die weder den Krieg noch den Frieden wünschen konnten, weil sowohl der eine wie der andre sie aufheben mußte und nur dieser Mittelzustand ihr Boden war. Wenn auch für mich selbst unbeteiligt, lebte ich als Zuschauer, als Vertrauter in solchen Tagesreizen mit und bewunderte die dichterische Fruchtbarkeit des wirklichen Lebens, das neben seinen Helden- und Staatsgeschichten so manchen Roman und unzählbare Novellen spinnt, wundersam und abenteuerlich, daß keine Dichtung hierin es ihm zuvortut.
Es fehlte nicht an Aufforderungen, mich in die Gesellschaftskreise der französischen Großen einführen zu lassen; man wollte mich zu dem Vizekönige von Italien, Eugen Beauharnais, bringen, es wurde sogar bemerkt, als geborner Rheinländer müßt ich eigentlich dem Kaiser der Franzosen oder seinen Verbündeten dienen, und man gab mir zu verstehen, ich würde, als beider Sprachen und der Feder mächtig, meinen Weg dort rascher machen als in den österreichischen sich ohnehin jetzt noch verengenden Aussichten. Meinen Weg! Als ob meinen Weg hier jemand hätte nur ahnden können! Ich versäumte die großen französischen Bekanntschaften, die mir nur bei Zwecken, die ich nicht[330]  hatte, der Mühe wert sein konnten, und vernachlässigte sogar die deutschen Kreise, wo jene zu stark vorwalteten. Ich brachte manchen Abend einsam für mich allein hin, und die Stunden, welche mir so verflossen, durft ich zu meinen besten rechnen; ich las mit einer durch die politischen Reizungen erhöhten Aufmerksamkeit Montesquieus Werk »De l'esprit des loix«, und je mehr ich in dasselbe eindrang, desto weniger könnt ich die Mißachtung gelten lassen, in welche neuere deutsche Urteile das tiefsinnige und gründliche französische Buch bringen wollten; Oberflächlichkeit und Dünkel erschienen mir diesmal ganz auf der deutschen Seite. Den heitersten Genuß gewährten mir die Lustspiele Molières, die ich hier zum ersten Male mit reifem Sinne las und in ihrer Bedeutung anschauen lernte, gegen welche selbst die des geliebten Racine merklich zurücktreten mußte. Solche Bücher lesend, konnt ich nun dennoch behaupten, in Wien die Gesellschaft der allervornehmsten und besten Franzosen nach Wunsch genossen zu haben!
Nach kurzer Zeit empfing ich die Anzeige, daß ich ausgewechselt sei und meiner Abreise nach Ungarn nichts mehr im Wege stände. Bei meinen letzten Besuchen empfing ich noch werte Zeugnisse der guten Gesinnung, die man mir hegte und die mich von einigen Personen, bei denen ich sie vielleicht weniger verdient hatte, um so mehr beschämte. Die Gräfin von Engl, eine Freundin der Frau von Pereira, wollte mich nicht abreisen lassen, ohne mir die Karten zu schlagen. Sie tat es, meines spöttischen Unglaubens nicht achtend, mit allem feierlichen Ernst und Eifer, den eine so wichtige Handlung erforderte, und begann ihre Weissagungen. Ich erstaunte mehr und mehr, ja, ich wurde bestürzt, als ihre Worte stets treffender meinen innersten Zustand bezeichneten und auf Verhältnisse anspielten, die durch bloßen Zufall so genau zu erraten unmöglich schien. Sie achtete meiner verwunderten Aufregung so wenig wie vorher meines Zweifelns und fuhr in ihrer Aussage gelassen fort. Zuletzt verkündigte sie mir, ich würde bald wieder in Wien sein,[331]  wozu die Wahrscheinlichkeit grade für mich, es mochte wieder Krieg oder nun Frieden werden, am wenigsten denkbar war. Mit solchem Spruch und besten Wünschen entlassen, reiste ich am 23. September nach Preßburg, wo ich zum Abend eintraf.



Ungarn
1809










[332] Am andern Morgen fuhr ich mit frischem Vorspann aus Preßburg ab und weiter in Ungarn hinein; durch die Raschheit der Pferde, die Munterkeit und Kühnheit des jugendlichen Lenkers, dem die Unebenheiten eines willkürlichen Weges wenig Sorge machten, dann durch den Reiz eines mir neuen Landes eine ganz lustige Fahrt, welche den Eindruck der gestrigen Gespräche bald verwischte und mich das Abenteuer meines Lebens aufs neue in romantischem Schimmer betrachten ließ. In Tyrnau sah ich die ersten bedeutenden Scharen österreichischer Truppen und alle Eindrücke des Lagers von Wagram wieder, wobei mir ein schon völlig heimisches Gefühl das Herz erregte.
Der Empfang der Kameraden war überaus herzlich, und der einstweilige Kommandant des Regiments, Oberstlieutenant von Liezenmayer, ganz eingenommen von einem kurz vorher empfangenen Briefe, durch den ich meine nahe Rückkehr angemeldet hatte, wußte mir nicht genug Freundliches und Artiges zu erweisen; der Brief war den sämtlichen Offizieren vorgelesen worden und galt für ein Muster guten Ausdrucks; »geschickt in der Feder« war aber ein Lob, das allgemein in höchstem Werte stand und von dem einzelnen, der es empfing, auf die ganze Körperschaft, der er angehörte, überzugehen schien. Nach einigen Flittertagen, in denen ich alles seit der Trennung Erlebte getreulich mitgeteilt und dafür[332]  das inzwischen bei dem Regiment Vorgefallene vernommen hatte, nahm die gewöhnliche Tagesweise mich in Anspruch, und ich fand mich in eine von allen Seiten beschränkte, in ihren Leistungen und Genüssen langweilige, durchaus unergiebige Lebensordnung abgeschlossen. Ein paar Ausflüge nach Tyrnau zu dem Fürsten von Reuß-Plauen ließen außer der gleichmäßigen Freundlichkeit desselben wenig in der Erinnerung. Oft besucht ich das Ufer der Waag; der reißende Strom stürzte seine wallenden Fluten durch weite Wiesenfläche, die, hin und wieder von Strauchwerk und Baumgruppen unterbrochen, eine malerische Wildnis erschien, wo mächtige Weidenstämme teils modernd am Boden lagen, teils in noch stehenden Trümmern üppig grünend abstarben; in dieser Einsamkeit, wo ich ungestört meinen Gedanken nachhing und die Augen an den starken Natureindrücken erfrischte, verbracht ich meine besten Stunden, oft in tiefer Wehmut, oft auch in kräftiger Ermutigung; mehr als hundertmal las ich hier, unter den Zweigen eines ungeheuern Weidenstumpfs, der wie ein Denkmal der Urzeit über die ganze Gegend hervorragte, die wenigen Briefblätter, die ich von Rahel noch bei mir führte, und steigerte das Andenken der Freundin so zur Gegenwart, daß ich mit ihr Gespräche zu haben, ihre Stimme zu hören, ihr Urteil und ihren Rat zu vernehmen glaubte; stets kehrte ich dann gestärkt heim, und meine Kameraden, die mich zufriedner und heiterer sahen, meinten mit Recht, ich müsse in der Nähe ein Geheimnis wünschenswerter Zusammenkünfte haben, deren Weg mir allein durch besondere Gunst eröffnet sei. Ich ließ ihre Vermutungen unberichtigt und suchte mich ihren Scherzen und Unterhaltungen, in denen die gute Meinung immer offen lag, soviel als möglich anzubequemen, so daß ich allen bei der größten Verschiedenheit der Ansicht, und des Benehmens doch im ganzen als ein guter Kamerad galt und gehalten wurde.

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In dieser Zeit wurde mir auch zuerst ein Anblick, den ich schon lange gewünscht hatte und der freilich in Ungarn[333]  kaum ausbleiben konnte. In der Nähe unsres Dorfes hatte sich eine Horde Zigeuner gelagert, und ich war nicht wenig beeifert, mir diese Leute zu betrachten. Alles, was von ihrer Herkunft, Lebensart, ihren Künsten und Eigenheiten mir bekannt geworden, Geschichte und Poesie, rief ich mir ins Gedächtnis und suchte es an der Wirklichkeit zu prüfen. Nun konnten sie zwar sich der Neugier der Augen nicht entziehen, aber jeder vertraulichen Annäherung und Erforschung wichen sie sorgsam aus; sie arbeiteten emsig als geschickte Schmiede, Kesselflicker, Stellmacher, sie sagten die Zukunft vorher, wenn es verlangt wurde, sie spielten auch zum Tanz auf; aber weiter ließen sie sich nicht ein, ein unüberwindliches Mißtrauen hielt sie von uns getrennt. Die Männer waren durchgehends schön und hatten ein trotziges, verwegnes Ansehen, von Weibern hingegen konnten nur ein paar jüngere leidlich heißen; die völlige Nacktheit der Kinder und auch schon halb erwachsener Jünglinge und Mädchen in dieser Jahreszeit schien aus Zufall oder Dürftigkeit nicht zu erklären, sondern auf irgendeine Satzung zu deuten. Eindringlich und aufregend klang ihr Nationalgesang, der Rákóczi genannt, der ihren Wohltäter, einen Fürsten von Siebenbürgen dieses Namens, mit rührenden Klagelauten feierte. Dieser hatte sie aus ihrer schmachvollen Niedrigkeit zu erheben gesucht, ihnen bleibende Wohnstätten anweisen, sie zu Waffenehren befördern wollen, aber sein eigner Untergang ließ sie nur um so tiefer in das Elend zurückfallen, und das rätselhafte Volk schloß sich wieder um so mehr in sich selber ab. Sie wurden zum österreichischen Kriegsdienste herangezogen, und man rühmte sie als gute Soldaten, doch wollte man wissen, daß sie als solche die Abhärtung und Unverdrossenheit bald verlören, welche bei ihnen in freiem Umherschweifen oft an das Fabelhafte grenzten.

Gewiß hatten wir die Gewaltsamkeit der Kriegszustände in tausend schreienden Zügen der Härte und des Unglücks vor Augen und konnten in jeder Stunde hundertmal unsre[334]  Menschenliebe und unser Rechtsgefühl empört finden; ja, wir halfen wohl gar unwillkürlich durch unsern Stand das Unrecht und die Leiden mehren, welche unsern Mitmenschen widerfuhren; aber diese Mißgeschicke waren nicht mit zarter Wehmut zu behandeln, sondern bedurften eher der zornigen Kraft eines Helden, der zu sein der Unberufene sich nicht anmaßen darf, dem aber, wenn er erscheint, zu folgen und beizustehen jeder berufen ist. Zwar die Feindseligkeiten waren eingestellt und Blut wurde jetzt nicht vergossen, aber schwerer als Tod und Wunden auf dem Schlachtfelde trafen jetzt Krankheiten unser armes Kriegsvolk und wüteten schrecklich in seinen Reihen! Der erkrankte Soldat gab sich augenblicklich verloren, und er war es fast immer, denn in das Spital gebracht, konnte er in den seltensten Fällen der Ansteckung der dort schon herrschenden Faulfieber entgehen! Schon hatten auch die Spitäler keinen Raum, die unglücklichen Leute lagen scharenweise unter Wagenschuppen oder auch in Höfen unter freiem Himmel, aller Nässe und Kälte des Oktobers ausgesetzt; es fehlte in den meisten Orten an schicklichen Gebäuden, die ansehnlichern gehörten fast immer den Edelleuten oder bevorrechteten Körperschaften, die nach ungarischem Gesetz keiner Einquartierung unterworfen sind. Man suchte die Not dadurch zu mindern, daß man die Kranken zu Tausenden nach Niederungarn schaffte; ich selbst habe zahlreiche Stromkähne mit solcher traurigen Ladung die Waag hinabeilen sehen, um nachher auf der Donau weiterzuschiffen; manche der Kähne, die bei Wagha anhielten, hab ich bestiegen, und das Herz mußte sich bei dem Anblick empören! Die übergedeckten Bretter hielten nicht überall den Regen ab, an gehörige Erwärmung, Erquickung und Pflege war nicht zu denken; die Ausdünstungen des Flusses verursachten schnelle Verschlimmerung, die spärlichen Arzneien blieben wirkungslos unter diesen gehäuften Nachteilen. Ob und wo die Armen lebend anlangten, hab ich nicht erfahren, aber es ist gewiß, daß keiner von ihnen zurückkehrte.[335] 


Dieser Zustand, den wir heftig besprachen und der unser Menschengefühl empörte, hatte nebenher auch seine politische Wichtigkeit. Das ganze Heer, welches im August und September mit bewundernswürdiger Anstrengung sich wieder stark und schlagfertig aufgestellt hatte, sank im Oktober auf die Hälfte seines Bestandes zurück, und die Angabe, daß neunzigtausend Kranke gezählt wurden, war ein Hauptgrund, den Frieden um jeden Preis nötig, die Wiederaufnahme des Kampfes für ganz unmöglich zu erachten. Unter solchen Umständen mußte auch dem Eifrigsten jede Lust und Hoffnung des Krieges erlöschen, und auch wir, die wir noch an künftigen, in besseren Händen nochmals möglichen Aufschwung dieser Sachen glaubten, mußten uns eingestehen, daß für jetzt ein schleuniger Frieden zu wünschen sei.
Unser Aufenthalt wurde von Tag zu Tag unangenehmer, besonders da die Truppen aus der Gegend mehr und mehr wegzogen und auch an das Regiment in Wagha die Reihe kam; dasselbe auf den langsamen Herbst- und Wintermärschen durch das Slowakenland und Mähren nach Böhmen zu führen, konnte der Oberst ruhig dem bisherigen Kommandanten überlassen, weder Pflicht noch Ehrgeiz litten dabei, und zum Überfluß empfing er von obenher sogar die freundliche Aufforderung, sich demnächst in Wien einzufinden, den Zeitpunkt aber, daß der Weg dahin frei würde, einstweilen in Tyrnau abzuwarten. Wir benutzten den ersten etwas sonnigen Tag, uns mit gehöriger Vorsicht in diese Stadt überzusiedeln, wo wir leidliches Quartier und manche Hülfsmittel fanden, die uns nach der langen Entbehrung in Szered von großem Werte waren. Es gab wieder Zeitungen zu lesen, einige Bücher, auf den Straßen zeigte sich einiges städtische Leben, die Kaufläden, die Handwerke lieferten manches, was der Augenblick wünschenswert machte. Unter andern fand sich ein Schachspiel, und der Oberst freute sich, mir darin überlegen zu sein und sich als mein Lehrmeister zu benehmen.[336] 
In Tyrnau, wo jetzt vielfacher Durchzug war, fehlte es nicht an Besuchen; ich sah hier den Obersten von Oberndorf wieder, der mich in Wagram zuerst an Bentheim gewiesen hatte und mich nun beglückwünschte, daß ein so gutes Verhältnis entstanden sei; der General Graf von Weißenwolf war eine willkommne Erscheinung, er wußte feine Laune und soldatische Derbheit angenehm zu verbinden und erzählte beißende Anekdoten mit großer Gelassenheit; auch der General von Wacquant fand sich zu einem Besuch ein, wobei er mich zwar besondrer Aufmerksamkeit würdigte, aber doch jede Anspielung auf jenes frühere Begegnis vermied, gleichsam als grause ihm noch vor der Gefahr, in der er mich damals schweben gesehen; sein Beruf zur Diplomatie, in welcher seine Tätigkeit nicht weniger als im Kriege sich hervorgetan, wurde in solchen Zügen auch bei geringen Anlässen kenntlich. Mehr als alles erfreute mich das unerwartete Eintreten von Marwitz; er hatte mich abermals ausgespürt und wünschte mir Nachrichten aus Berlin mitzuteilen; jedes Gespräch mit ihm war mir ein Reiz und ein Gewinn, jedoch mußte ich diesmal einen großen Teil der Unterhaltung dem Oberst überlassen, der an Marwitz das ausgezeichnetste Wohlgefallen hatte und auch ihm den vorteilhaftesten Eindruck machte.

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Die militärischen Ereignisse, die politischen Aussichten wurden gründlich und geistreich besprochen; inmitten der traurigsten Demütigung, die der unglückliche, schmachvolle Frieden uns gebracht, während die Truppen mit gesenkten Fahnen in geschwächter Zahl heimzogen, nach dem größten Länderverlust, dem auch alles vorrätige und noch zu erschwingende Geld nachfolgen mußte, gab und empfing der ungeschwächte Kriegsmut schon wieder Handschlag auf neue Waffenentscheidung; nach vier Jahren, hieß es, werde Österreich erholt sein und sein Heer aufs neue ins Feld rücken; den Frieden könnten wir uns als Waffenstillstand gefallen lassen. Auf welchen Umwegen sich diese Vorhersagung erfüllen würde, das lag ungeahndet in Dunkelheit.[337] 
Nachdem dies alles, soweit es jetzt geschehen konnte, in Ordnung und Bereitschaft gebracht war, kam endlich die längstersehnte Nachricht von dem Abzuge der Franzosen von Wien, wo noch zuletzt, ohne Fug und wie zum Hohn, auf Befehl Napoleons die Festungswerke gesprengt worden waren. Ergrimmt über solches Verfahren, aber doch froh, nur endlich die Hauptstadt frei zu wissen, beeilten wir die Abreise und verließen Tyrnau und Ungarn nach einem zweimonatlichen Aufenthalt ohne sonderliches Bedauern. Gegen Ende des Novembers langten wir wohlbehalten in Wien an.



Nach dem Wiener Frieden
1809–1810










[338] Wie ganz anders jetzt bot Wien sich dem Anblick dar als noch vor wenigen Monaten! Ich hatte die Stadt im Sonnenschein verlassen, erfüllt und belebt von Glanz und Üppigkeit – zwar des Feindes, aber eines Feindes, der zu gefallen suchte –, aufgeregt in den Ansprüchen des Tages und gespannt in Erwartung der nächsten Zukunft; jetzt, in Dunst und Regen eingehüllt, entblößt des fremden Glanzes und der Wiederkehr des eignen noch ungewiß, nun entschieden die gebrachten Opfer und erlangten Nachteile überschauend, gedemütigt durch den Frieden, noch hart bedrängt und unselig bedroht durch dessen nächste Folgen – das waren in der Tat starke Verdunkelungen des vorher so hellen Bildes! Die Augen wurden zumeist beleidigt durch den nach allen Seiten unvermeidlichen Anblick der Bollwerke, die zerrissen und gestürzt als mächtige Trümmer den Kern der Stadt umlagerten. In den bürgerlichen Verhältnissen begann die Entwertung des Papiergeldes, das aus den abgetretenen Ländern zurückströmte und immer tiefer sank, als ein neues Unheil[338]  fühlbar zu werden, und Sorge, Mißmut und Widerwillen brachen aller Ecken und Enden her vor. Damit kein Übel fehlte, suchte die Verstimmung auch den Gegensatz auszubeuten, der zwischen den Dagebliebenen und den Wiederkehrenden sich finden ließ: diese warfen jenen vor, mit dem Feinde zu freundlich gewesen zu sein, worauf die erstern mit der Anklage antworteten, daß sie dem Feinde preisgegeben, daß überhaupt der Krieg so schlecht ausgefochten worden.
Gleich nach uns war der Kaiser Franz in Wien eingetroffen und hatte durch diese schnelle Wiederkehr die Einwohner freudigst überrascht und wirklich beglückt. Für einen Augenblick war alle Unzufriedenheit und Klage vergessen; man frohlockte, den geliebten Herrscher wiederzusehen; man drängte sich, ihn zu sehen, ihm auf alle Weise zu bezeigen, wie er geliebt sei, wie sein treues Volk an ihm hänge. Im Burgtheater, wo er abends in der Loge zuerst öffentlich erschien, jauchzte ihm unendlicher Jubel entgegen, das Beifallklatschen und Leberufen wollte gar nicht enden, und die dankenden Grüße und Verbeugungen des Kaisers mußten seine Kräfte beinah erschöpfen. Ich war sehr nah, und seine schmächtigen, kummervollen Züge rührten mich tief; nur verwunderte mich die blitzartige Schnelligkeit, mit der sie vom Ernst in Freundlichkeit und von Freundlichkeit wieder in Ernst übersprangen, denn der Anlaß zu solchem Wechsel erneuerte sich immerfort. Man gab ein damals beliebtes Stück, »Agnes Sorel«, worin der Anspielungen auf einen bedrängten unglücklichen Fürsten genug vorkamen, die von den Zuschauern mit Leidenschaft aufgefaßt wurden und immer aufs neue einen Sturm der Begeisterung erregten. Niemand schien ein Arg dabei zu haben, daß die Vorgänge auf der Bühne mit dem Geschicke des Kaisers doch auch bittre Gegensätze lieferten und daß man ihm ein Bild alles dessen vorhielt, was ihm nicht zuteil geworden war. Drei Nächte hindurch war die Stadt freiwillig beleuchtet, und neues Leben schien die Bürger zu beseelen, mit dem Kaiser war ihnen Mut und Zuversicht wiedergekehrt. Doch je mehr die Liebe und Begeisterung[339]  für den Kaiser laut wurde, desto bittrer äußerte sich zugleich der Grimm und Haß gegen die Personen, welche, wie man behauptete, seiner guten und hoffnungsvollen Sache durch Unfähigkeit oder Verrat geschadet hatten; in demselben Maße wie der Herr gepriesen, wurden seine Diener verwünscht. Durch den langen Aufenthalt der Franzosen war ein Geist des Widerspruchs, des Tadels und Hohnes in dem Volk erregt worden, den man in ihm früher so nicht gekannt hatte. Die Ehrerbietung vor den höchsten Namen war verschwunden, der Unwillen achtete keiner Würden noch Formen, man konnte bedenklich wahrnehmen, was für gefährliche Elemente auch hier schon in der Menge hin und her wogten.
In dieser Atmosphäre, welche sowohl die höchsten als die untersten Kreise durchdrang, schien kein sonderliches Behagen zu hoffen, und die sonstige Anziehungskraft des Wiener Lebens übte wenige Wirkung mehr. Auch mein Oberst, von dem unfreundlichen Element widrig berührt, dachte nicht lange darin zu verweilen, sondern nach Besorgung der notwendigsten Geschäfte die Reise nach Italien alsbald anzutreten. Wir waren im Gasthofe Zum Erzherzog Karl eingekehrt, wo wir uns enge behelfen mußten, weil die besten Zimmer noch von Franzosen besetzt waren, die mit den österreichischen Behörden noch allerlei abzuschließen hatten. Die ersten Tage vergingen in trüber Zurückhaltung, denn wir mußten vor allem abwarten, daß unsre bürgerliche Kleidung fertig würde, da die österreichischen Offiziere die Uniform nur im Dienste zu tragen pflegten. Nun begannen wir unsre Besuche zu machen, jeder die seinigen, manche auch zusammen.
Die Häuser Arnstein, Pereira, Eskeles fand ich offen und freundlich wie immer; allein die Art, wie in diesen Kreisen die herrschende Unzufriedenheit sich aussprach, konnte mir nicht gefallen und wurde mir oft peinlich. Besonders war Frau von Arnstein leidenschaftlich aufgeregt; ihren Haß gegen die Franzosen überbot noch der Haß gegen diejenigen[340]  Österreicher, denen sie die Schuld der unglücklichen Kriegführung und des noch unglücklichern Friedens beimaß; natürlich kamen hiebei Äußerungen vor, die ruhig anzuhören mir nicht geziemte. Bei einem solchen Anlasse, der durch die Zahl und Art der Zeugen noch unangenehmer wurde, gab ich ihr, mit Berufung auf Worte von Goethe, eine Erwiderung, daß sie verstummte, worauf ich mich empfahl und nicht wieder hinging. Bei Frau von Eskeles war dergleichen Verlegenheit nicht zu fürchten, alles war dort in gemäßigter Form, dagegen hatte die Unterhaltung viel von ihrem früheren Reiz eingebüßt; die lebhaften Franzosen, die ich dort früher gesehen, waren durch niemand ersetzt, am wenigsten durch Bartholdy, der in diesen Kreisen nun eine Hauptperson war und in seinem eitlen Ehrgeiz oft die wunderlichsten Ansprüche machte; daß er Geist und Kenntnisse hatte, war ihm von allen Seiten zugestanden, daß er aber bei seiner Häßlichkeit ein Liebling der Damen sei und an Verschwendung, Sittenfreiheit und Weltton den glänzendsten Kavalieren gleichstehe, wollte man nicht gelten lassen; auch das politische Ansehn, welches er sich zu geben strebte, hatte keinen Grund und Halt mehr, die öffentlichen Angelegenheiten wurden nun in enger Häuslichkeit abgetan, wo für fremden Diensteifer kein Raum blieb.

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Frau von Schlegel, die ich aufsuchte, lebte bald wieder mit ihrem Manne vereint, der aus Ungarn etwas später eintraf; auch sie hielten sich in bescheidener Stille, weil ihnen der Umgang in jenen Häusern, mit denen sie doch nahe Verbindung hatten, wenig behagen konnte. Zwar regte sich in Friedrich von Schlegel die Tadelsucht heftig, und er mochte in manchen Urteilen die Strenge der Frau von Arnstein noch überbieten, aber in seinen Äußerungen beobachtete er die größte Vorsicht, denn ungeachtet er schon damals seine eignen Wege im Auge hatte und dem Gange der österreichischen Sachen oft gar nicht zustimmte, so schloß er sich doch möglichst an die Staatsbehörde an und suchte den Maßregeln derselben eine gute Seite abzugewinnen, die sich[341]  loben ließe. Anfangs hatte er viele Offenheit für mich und verhehlte seine tieferen Gedanken weniger; als er aber bemerkte, daß ich gerade in diesen von ihm abwich, wollte er auch seine Tagesmeinungen nicht mehr bloßgeben und verhielt sich schweigend, wenn ich, unbefangen und rücksichtslos, frei heraussagte, was mir in den Sinn kam. Seinen Geist und seine edlern Geisteswerke, seine Gedichte, Fragmente, kritischen Forschungen verehrte ich mit treuem Eifer, der ihm auch in der Öde, die ihn damals umgab, doppelt wohlgefällig sein mußte, denn er gestand, daß kein eigentlicher Wiener das Geringste von ihm wisse oder höchstens ihn mit seinem Bruder verwechsle, der das Jahr vorher als Begleiter der Frau von Staël dort einigermaßen bekannt geworden war; in Ungarn aber sei ihm widerfahren, daß man wohl von ihm gewußt, doch nur als von dem Verfasser der »Lucinde«, und daher gezweifelt habe, ob man ihn bei Damen einführen könne! Diesen berüchtigten Roman und das sinnliche Treiben, das ihm zugrunde liegt, wollte er damals noch keineswegs preisgeben, wie er späterhin zu tun doch gezwungen war, indem sowohl er selbst als auch die Forderung der Welt sich in entgegengesetzter Richtung steigerten. Nicht in ebensolchen Ehren wie ihn konnt ich seinen Bruder August Wilhelm halten, obschon ich bekennen mußte, daß dessen Meisterschaft und Eleganz der Formen von jeher wie ein Zauber auf mich gewirkt habe; es half nichts, daß in dieser Zeit aus Coppet ein Brief von ihm eintraf, der mich und meine Freunde wegen des Doppelromans ungemein lobte, ich verspottete die Vornehmheit und Beschützerart, die aus seinem Briefe sprachen, und gewann mir dadurch auch bei Friedrich keinen Dank, der wohl selbst über den Bruder sich gern lustig machte, aber dies doch höchst ungern von andern sah.
Ein glänzender Mittelpunkt für das gesellige Leben war der Graf Ferdinand Palffy, wo Theater, Kunst, Laune und Vergnügen und insbesondere auch hohes Spiel den politischen Anteil ganz in den Hintergrund drängten. Doch hatte[342]  dieser Mann auf die letzten Verhandlungen einen nicht unbedeutenden Einfluß gehabt, denn die Kaiserin schätzte seinen hellen Verstand und vernahm gern seine Ansichten; er war auf diese Art ein starker Stützpunkt der Kriegspartei gewesen und nur spät erst von der Notwendigkeit des Friedens überzeugt worden. Aber von diesen Sachen war nun bei ihm keine Rede mehr, wenige Eingeweihte wußten um seine Beteiligung, und er selbst war der erste, sie zu vergessen. Man mußte doch wohl eine edle Stärke und geistige Freiheit in solcher Sinnesart anerkennen, welche sich den wichtigsten Aufgaben ebenso leicht entzieht als widmet und in beiden Fällen kaum davon spricht. Sein Glück im Spiel, seine Theaterführung, seine pracht- und geschmackvolle Eleganz lagen ihm jetzt mehr an als der politische Ehrgeiz, der ohnehin jetzt auch der eifrigsten Arbeit nur kurze Früchte verheißen konnte.
Bald war auch das Haus des venezianischen Grafen Geniceo wiedereröffnet, wo sich eine auserlesene vornehme Welt einfand, die regelmäßig am großen Spiel hier teilnahm; bedeutend waren die Summen, die jeden Abend hier umgesetzt wurden und deren Verlust bisweilen in die Lebensverhältnisse erschütternd eingriff; da mir das müßige Zuschauen nur langweilig war und neben der Geselligkeit des Spiels keine andre recht aufkommen konnte, so hatte das Haus für mich keinen Reiz, und wenn ich den Obersten abends dorthin begleitete, kehrte ich am liebsten schon vor der Türe um.
Dagegen fand ich Behagen und Annehmlichkeit jeder Art in dem Kreise, der sich um die Gräfin Eleonore von Fuchs, geborne Gräfin von Gallenberg, vereinigte. Sie war weniger schön als lieblich, reizend und fein, sie hatte nicht eben hervorstechenden Geist noch irgend solche Talente, aber die anmutigste Laune, eine sanfte Munterkeit voll kleiner Blitze, die natürlichste, offenste Freundlichkeit, bemüht und sorglos zugleich, mit einem Wort, ein hinreißendes Benehmen, dem Männer und Frauen gleicherweise huldigten. Von[343]  denen, die sich ihr angehörig bekannten, wurde sie »die Königin« genannt, ihre Untertanen freuten sich der Ausbreitung ihres Reichs und lebten in größter Eintracht miteinander. Bentheim, der Graf von Wallmoden und Graf von Neipperg, der Prinz Philipp von Hessen-Homburg, der Graf Nugent, ebenso die Prinzessinnen von Kurland, besonders die jüngere, Herzogin von Acerenza, ferner eine Stiftsdame, Gräfin Christine von Kinsky, häßlich, aber überaus klug, in höchstem Grade lebhaft und aufregend, und noch andre Damen hohen Ranges und Ansehens waren hier ganz heimisch. Der Fürst Paul Esterházy, die Fürsten Moritz und Wenzel von Liechtenstein, der Niederländer Boreel, der Engländer King, der Major Graf von Nesselrode und andre beschlossen hier die meisten ihrer Abende. Auch den Grafen von Cavriani, der im Lager von Wagram nützlich gewesen war, sah ich hier wieder, wo seine heitern Einfälle viel zur Unterhaltung beitrugen. Man bedauerte die Abwesenheit von Gentz, der aus Ungarn gleich nach Prag gereist war, des Freiherrn von Tettenborn, des Fürsten von Windischgrätz und anderer, die ebenfalls diesem Kreise angehörten. Diese Gesellschaft, aus den glänzendsten Bestandteilen zusammengesetzt, hatte durchaus nichts von dem Zwange der großen Welt, dagegen alle Bildung und Freiheit derselben; Geschmack und Feinheit waren hier ein gemeinsames Element, in welchem jeder sich bewegte und seine Eigenheiten spielen ließ; von Schein und Ansprüchen konnte nicht die Rede sein, sie ordneten sich von selbst dem Wirklichen unter, was jeder war und leistete. Im besten Sinne durfte diese Gesellschaft die gute heißen, und ich habe selten genug andre gefunden, die ich ihr hätte gleichstellen können. Zwischen muntre Scherze und leichten Austausch unwichtigster Kleinigkeiten drängte sich die Erörterung großer Geschichtsmomente, der Ausdruck tiefer Empfindungen für Vaterland und Freiheit, denn beide Begriffe waren auch damals eng verknüpft, wenn schon der Inhalt des letztern etwas beschränkter gefaßt wurde als späterhin,[344]  so war doch die Vorstellung des erstern groß und weit, denn man dachte nicht Österreich allein, sondern immer auch Deutschland und nahm die Sache des einen für die des andern. Oft betrachtete ich mir im stillen, wie diese Vornehmsten und Ersten des Landes hier zusammensaßen, unparteiisch und vorurteilslos die Gebrechen der öffentlichen Zustände aufdeckten, deren Abhülfe und Heilung besprachen und in Ermanglung solcher Möglichkeit wenigstens Mut und Hoffnung in sich aufrechterhielten; sie schienen dann ihrer Titel und Würden völlig zu vergessen und nur edle Krieger zu sein; sie dünkten mich von bürgerlichen Verschwörern, wie ich sie im nördlichen Deutschland kannte, durch nichts verschieden. Den Prinzen von Hessen-Homburg hörte ich einst mit so eindringender Biederkeit über die deutschen Zustände reden, daß er mir das innerste Herz rührte, ebenso den Grafen von Wallmoden und einst auch den Fürsten Paul von Esterházy, wovon diese Männer vielleicht keine Erinnerung mehr haben, mir aber blieb es eingeprägt. Sie erkannten die Notwendigkeit an, daß das gesamte Volksleben neue Gestalt gewinne, daß der einzelne darin aufgehe und scheinsamen Auszeichnungen entsage, um wirkliche zu gewinnen und durch diese zu gelten. So glücklich wirkt auf edle Gemüter Not und Drangsal; es waren vom Schicksal hart Getroffene, in ihrem Stolz Gekränkte, auf Selbstverleugnung Angewiesene, die so zusammensaßen.


Übrigens darf ich dergleichen Richtung keineswegs für die allgemeine ausgeben. Die große Menge, vornehm und gering, trachtete nur, alles Überstandene zu vergessen und so schnell als möglich wieder in alten Gewohnheiten und Genüssen zu leben. Kaum vier Wochen waren vergangen, so gewährte Wien schon wieder den Anblick einer belebten, volkreichen, üppigen Stadt; die bürgerliche Tätigkeit, die Lustbarkeiten des Volks, die Gesellschaften der Vornehmen, alles nahm einen neuen Schwung. Fünf Theater waren jeden Abend gefüllt. Man versprach sich eine herrliche Faschingszeit. Die Nachwehen des Kriegs suchte man zu[345]  verschmerzen, den Verlusten, welche das Papiergeld verursachte, standen andrerseits ungeheure Gewinste gegenüber; es war auch hier sichtbar, daß öffentliches Unheil nicht alle Schultern belastet, daß mancher einzelne nicht nur frei ausgeht, sondern auch unverhoffte Vorteile zieht; die Reichsten und Begütertsten des Landes wurden persönlich ihre Einbußen oft kaum gewahr, die Größe ihrer Mittel bot ihnen immer noch im Überfluß alle gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens. Wollte dem strengern Sinne, der die traurigen Ereignisse und die allgemeine politische Lage nicht vergessen konnte, dieses eilige Zurücksinken in Weichheit und Üppigkeit, in den Wirbel alltäglicher Vergnügung und Langweile nur widerwärtig und verächtlich dünken, so mußte ein billiger Betrachter doch zugestehen, daß in diesem Leichtsinn auch ein Selbstgefühl verborgen lag, welches mit Mut und Trotz nicht ohne Verbindung ist. Wohlleben und Fröhlichkeit kleiden das Wiener Volk auch ganz besonders gut, ihm scheint vor andern ein Recht darauf gegeben, dessen Ausübung mit so viel Anmut verbunden ist, daß alles Anstößige dabei verschwindet. Unmerklich wird auch der widerstrebendste Sinn etwas hingezogen; der Luft, die man atmet, muß man einige Einwirkung schon gestatten.

Das deutsche Schauspiel und Singspiel mußten wir als vortrefflich anerkennen, wenn auch einzelne – wie der alte Lange – uns in ihrer Manier zuwider oder mindestens fremd blieben, andre uns keineswegs so hochzustehen schienen, als der herkömmliche Beifall es besagen wollte. Für die Sängerin Anna Milder fühlten wir die reinste Bewunderung, auch Brockmann und Ochsenheimer befriedigten uns sehr, besonders aber Krüger, der in humoristischen Feinheiten des Lustspiels unübertrefflich war. Mehr indes als das Burgtheater gefiel uns das Theater am Kärntnertore, wo die italienische Oper herrschte und besonders Cimarosa uns entzückte, dessen »Matrimonio segreto« so frisch und rund gegeben[346]  wurde, daß wir keine Wiederholung versäumten; die Ballette, welche mit der italienischen Oper verbunden waren, übertrafen alles, was wir je gesehen hatten, manche der Pantomimen, in welchen auch gewaltige Grotesktänzer auftraten, gingen in Mutwillen und Laune weit über den Ausdruck sogar des Wiener Komischen hinaus und versetzten uns in die überschwengliche halbtolle Volksart der Italiener, wo denn Kerner für seinen Humor vielfachen Anklang fand.
Das Theater an der Wien leistete in seiner Weise ebenfalls Außerordentliches. Die großen Lärmstücke mit Gefechten, Pferden, Verwandlungen ließen in betreff dieser Erfordernisse nichts zu wünschen übrig. Auch niedrigkomische Vorstellungen, besonders wenn Hasenhut darin zu tun hatte, gewannen verdienten Beifall. Für uns blieben jedoch die Schauspiele von Emanuel Schikaneder bei weitem die Hauptsache. Dieser Mann, der als Direktor und Dichter einst in Wien so hoch gestanden und durch Talent und Tätigkeit eine große Bedeutung und mannigfachen Einfluß erworben hatte, genoß außerhalb Österreichs nur einen schlechten Ruhm; von Jugend auf hatten wir seinen Namen nur als Bezeichnung des Verwerflichen, des Jämmerlichen gehört, und sein Textbuch zu Mozarts »Zauberflöte«, das uns ebenso gering dünkte als die Musik herrlich, konnte die Verdammnis nur bestätigen. Hier aber, wo wir die Schauspiele des Mannes kennenlernten, seine »Bürger in Wien«, seine »Fiaker«, diese Stücke, welche freilich nur in der Örtlichkeit wurzelten, nur hier verstanden und gefühlt werden, ja auch nur hier die entsprechenden Darsteller finden konnten, erfuhr unser Urteil eine gänzliche Umkehrung. Ich mußte gestehen, daß in Schikaneders Erzeugnissen eine poetische Kraft waltete, in der sich Lebensverstand und Phantasie mit ernstem Gehalt vereinigten; ich bedachte die Umstände, unter denen er hervorgetreten und gewirkt, das Verhältnis der Literatur und der Sprache, dem er unterworfen blieb, und mir wurde klar, daß ein großes Talent in[347]  ihm durch notgedrungene Hingebung an das unmittelbare Leben gleichsam verbraucht und aufgerieben worden! Ein Geschick, das wohl tragisch zu nennen ist und das in gewissem Sinne ein wahrhaft deutsches heißen kann, denn bei andern Nationen, wo Literatur und Sprache in gleichmäßiger Geltung und mehr zur Einheit entwickelt sind, kann ein solches Los weniger vorkommen. Schikaneder hätte in der deutschen dramatischen Literatur gewiß Großes leisten können, wäre ihre Bildung mit dem Volkstümlichen, das ihm zunächst lag, vereinbar gewesen; aber um das allgemeine Deutsche anzustreben, hätte er das Wienerische zurücksetzen und dadurch seiner wahren Kraft entbehren müssen, ohne diese wäre er den Deutschen doch immer nur gering, den Wienern aber gar nichts gewesen; es war natürlich, daß er dem stärkeren Zuge folgte und sich dem ihm nächsten Element überließ, das ihn doch eigentlich verschlang.

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Das Leopoldstädter oder Kasperle-Theater, welches damals in der Höhe seines Glanzes stand, besuchten wir weniger gern und nur zweimal, soviel ich mich erinnere, das Josephstädter; dem Niedrig-Komischen, wie es dort ausgeführt wurde, sprachen wir seine Vortrefflichkeit nicht ab, indes waren wir doch weit mehr dem Humor zugetan, der uns auf den andern Bühnen angenehm entgegentrat; übrigens herrschte in den kleinen Theatern ein Übermaß von Roheit, in welcher Schauspieler und Publikum behaglich zusammenstimmten, wir aber keinen Reiz finden konnten.
Mein Theaterbesuch ließ mich die vornehmere Welt nicht ganz vernachlässigen, die ohnehin erst am späten Abend zusammenkam. Ich fand bei der Gräfin von Fuchs immer die gleiche liebenswürdige Stimmung, das innere Leben der Gesellschaft nur erhöht, den Ton nur offner und traulicher. Mein Seltnerkommen war im Grunde für niemanden beachtenswert, und wenn es zufällig zur Sprache kam, so war es nur in dem Sinne, daß man mir größere Freundlichkeit beweisen wollte. Von dieser Seite war also kein Mangel.[348]  Dagegen fühlt ich einen solchen in mir selbst, ich war in dem Kreise nicht mehr so behaglich als in der ersten Zeit. Die Ursache war mir bald klar: der wahre Reiz einer solchen Geselligkeit entsteht aus dem täglichen Zusammensein, aus der ununterbrochenen Gewohnheit, welche stets im Innersten der Beziehungen weilt, ihre Anknüpfungen einmal gemacht hat und nun immer in derselben Spannung erhält; treten Lücken ein und finden Abschweifungen statt, so lockern sich die Fäden, hin und wieder reißt auch wohl einer ab, und man hat dann bei der Wiederkehr immer erst wieder herzustellen, einzurichten. Wiewohl ich nun dies Geheimnis der Geselligkeit genugsam einsah, so wollt ich mich doch der Lehre, die daraus hervorging, nicht recht fügen, sondern war fast auf dem Punkt, aus dem einzigen Grunde, weil ich seltner gekommen, nun gar nicht mehr zu kommen, eine Torheit, die mein Oberst doch hinderte. Aber in dieser kleinen Verstimmung unterließ ich, andre Kreise zu betreten, die mir nicht gleichgültig sein durften, namentlich versäumte ich, den Fürsten von Ligne und die fürstlich Clarysche Familie aufzusuchen, auf welche ich angewiesen und wo ich des besten Empfangs und der mannigfachsten Annehmlichkeiten versichert war. Ich versäumte auch, mit nachheriger Reue, den berühmten Historiker Freiherrn von Hormayr persönlich kennenzulernen, dessen »Geschichte von Tirol« und »Österreichischen Plutarch« ich mir doch nicht entgehen ließ. Gentz war nicht in Wien, sondern aus Ungarn geradesweges nach Prag abgereist, wo er häuslich eingerichtet war.
Wie sehr wir auch von der eigentlichen Literatur abgeschnitten waren, so drang doch die Ankündigung der Goetheschen »Wahlverwandtschaften«, die nächstens erscheinen sollten, früh genug bei uns ein und setzte mich sogleich in Bewegung. Ich beauftragte einen Buchhändler, mir das Buch, sobald es erschiene, gleichviel ob erlaubt von der Zensur oder verboten, um jeden Preis zu verschaffen; denn solchen Schatz noch für die Reise nach Italien mitnehmen[349]  zu können war mir die wichtigste Angelegenheit. Er versprach alles aufs beste, und als die Abreise schon ganz nahe schien, kamen richtig einige Exemplare an, welche, unaufgehalten von der Zensur, sogleich vergriffen waren. Ungeduldig fragte ich nach dem meinigen, aber der Buchhändler war so unverschämt, mir zu sagen, er habe mir keines bestellt, sondern mich auf seine Liste geschrieben für den Nachdruck, den er von dem Buche veranstalte, der in drei bis vier Wochen fertig sein würde. Man kann denken, daß meine Empörung in harte Schmähreden ausbrach; die Schändlichkeit des Nachdrucks, der mir gespielte Streich, der Verdruß, nun das Buch vor der Abreise nicht mehr bekommen zu können, alles erregte meinen Zorn aufs heftigste. Da sich der Anlaß fand, an Cotta zu schreiben, so ließ ich den abscheulichen Vorfall mit einfließen, war aber nicht wenig verwundert, nach einiger Zeit im »Morgenblatte« die betreffende Stelle meines Briefes abgedruckt zu finden, mit Angabe aller Namen. Das war ein Vorgriff, zu dem Cotta nicht berechtigt sein konnte, er hatte seinem Eifer und Zwecke jede Rücksicht geopfert und mich ungebührlich bloßgestellt, denn meine Ausdrücke waren nicht für die Öffentlichkeit gewählt. Indes war mir doch eine Genugtuung bei der Sache, und ich gönnte dem Nachdrucker die empfangene Ladung, die er auch still hinnahm. Übrigens war es merkwürdig, daß die während der Anwesenheit der Franzosen begonnenen Nachdrücke von Schillers und Goethes Werken nach der Rückkehr der österreichischen Behörden ungestört fortgingen; man wollte die Verbreitung der ersten Schriftsteller der Nation doch nicht geradezu hemmen, und daß sie durch Nachdruck geschah, war ein Grund mehr, sie zu gestatten, denn es galt noch sehr die Ansicht, daß der Gewinn einheimischer Gewerbe unter allen Umständen zu fördern sei.

Die Reise nach Italien stand noch stets vor Augen, und mancherlei Vorkehr wurde in diesem Sinn getroffen; indes[350]  war das Jahr 1809 abgelaufen und bald auch der Januar des neuen Jahres schon größtenteils verflossen, ohne daß die Sachen zum Schlusse kamen. Die Hoffnung auf das Karneval in Venedig wurde schon aufgegeben, und plötzlich stellten sich der ganzen Reise unübersteigliche Hindernisse entgegen. Die Briefe aus Westfalen meldeten nur ungünstige Vorgänge und immer trübere Aussichten in der Heimat. Nicht besser lauteten die Nachrichten aus Prag vom Regimente, das inzwischen dort eingetroffen war; es gab Übelstände jeder Art, die zu beseitigen, vielfache Ansprüche, die nur durch den Obersten zu erfüllen waren; seine Anwesenheit wurde dringend gewünscht, ja wurde durch die Umstände fast geboten. Der Übergang aus dem Krieg in den Friedensdienst, die Schwierigkeiten einer verwickelten, mit großer Verantwortung verknüpften und dabei peinlich beaufsichtigten Verwaltung, die überall im Kriegswesen eintretende Sparsamkeit bei fortwährendem Sinken des Papiergeldes, alles mußte den Obersten bestimmen, sich zuvörderst zu dem Regiment zu begeben, mit dem er ohnehin noch wenig eingelebt war, und demselben als Haupt und Führer kräftig vorzustehen. Wir reisten demnach in den ersten Tagen des Februar von Wien ab, und nach einer dreitägigen Fahrt, die im trüben Winter und Lande nichts Erfreuliches hatte, gelangten wir glücklich nach Prag.



Prag
1810










[351] Im düstern Schneewetter nahm sich die Stadt nicht erfreulich aus, aber nur um so großartiger; auf beiden Ufern der Moldau, Höhen und Tal überdeckend, ragten die Massen der Gebäude nur unbestimmt aus den stöbernden Wolken[351]  hervor und regten die Phantasie mächtig zur Ergänzung des Bildes an, und als dieses bald darauf, bei hell gewordenem Himmel, in aller Klarheit vorlag, mußte der Sinn über die kolossalen Umrisse staunen, die er nach allen Seiten zu verfolgen hatte. Die Eindrücke von Wien, von Dresden, jenes als Hauptstadt, dieses um seiner ähnlichen Flußlage willen sich hier zur Vergleichung drängend, mußten gegen die von Prag weit zurückstehen. Dem Anblick, der sich auf der Moldaubrücke darstellt, wüßt ich keinen andern städtischen vorzuziehen; einerseits der Hradschin mit seinen Palästen, der Laurentiusberg mit seinen Klostergebäuden und Gärten, auf der andern Seite die aus der Niederung gedrängt emporsteigende Altstadt, in der Nähe das ungeheure Jesuitenkollegium, in der Ferne das Felsenschloß Wischerhad, gradaus der strömende Fluß mit seinen bepflanzten Inseln, dazu die Brückentürme, die großen Heiligenbilder auf dem Brückengeländer, alles vereinigt sich zu einem mächtigen Eindruck; die ganze Örtlichkeit, an welcher die größten Geschichtsereignisse haften, hat zugleich etwas Wundervolles, Zauberhaftes, das in die frühste Märchenwelt zurückführt und von dieser selbst den neuesten Vorgängen einen Anhauch gibt.
Wenn ich solche Eigenheiten und Vorzüge des neuen Schauplatzes, auf dem mein nächstes Leben nun angewiesen war, lebhaft fühlte, so erhöhte dies doch fürerst nur den Gegensatz, welchen das Gefühl meiner selbst mir auf die traurigste Weise hier aufnötigte. Uns war Wohnung in einem gräflichen Palaste gegenüber dem Jesuitenkollegium angewiesen, schöne große Zimmer, die aber leer standen, wie das ganze Haus, in welchem nur ein alter Dienstmann waltete und weder Aushülfe noch Ansprache zu finden war; den Obersten überfiel gleich eine Masse der verdrießlichsten Geschäfte; Rechnungsführer, Auditeur und Adjutant belagerten ihn an einem kleinen Tische, der für die Papiere, die sich häuften, kaum Platz hatte; ich stand am Fenster und blickte in die schmutzige, menschenleere, von dem[352]  Riesenbau gegenüber beengte und verdüsterte Straße; das Denkmal früherer Macht und Größe, jetzt kleinen Zwecken anheimgefallen, konnte auch nur trübe Gedanken wecken. Ich kannte in der großen Stadt noch keinen Gang, keinen Men schen, die Offiziere ausgenommen, von denen diejenigen, welche ich zuerst zu sehen bekam, das Bild des Mißmuts und der Gedrücktheit waren! Doch sie alle hatten ihren erwählten Zweck vor Augen, den meisten war die Stadt oder wenigstens der Dienst Heimat, aus den augenblicklichen Nachteilen sahen sie mit Hoffnung in künftige Vorteile, jeder Tag half die ersehnte Förderung nähern, und irgendein mäßiges Vergnügen half über den Tag hinweg. Das alles war nicht für mich; meinem Sinn widersprach hier alles. Ich mußte nur immer die Betrachtung anstellen, was mit mir sei und was mit mir werden solle. Meine früheren Studien hatte ich aufgegeben, die neue Laufbahn war mit dem Frieden erloschen; für den Drang, gegen die Franzosen zu fechten, konnte ich nicht die Liebhaberei am österreichischen Wachtdienst eintauschen; ich trug andre Sehnsucht, andre Wünsche im Herzen. Heimat war mir, wo ich mit Rahel frei und würdig leben konnte; die Erringung dieses Zieles und die Sache des Vaterlandes lagen aber fest verknüpft. Mehr als je fehlte uns der Boden; alle deutschen Länder standen unter Herrschaft oder Einflüssen des Feindes, alle deutschen Verhältnisse waren zerrüttet, kraftlos. Hier im Binnenland in dürftiges Geschick eingeklemmt, das mir keinerlei Verheißung in sich trug, mußte ich mit Neid auf die meerentlegne Ferne blicken, wo noch Kampf und Hoffnung war und wohin andre gelangten, mir aber der Weg durchaus verschlossen lag. Solange ich noch den Sinn mit neuen Weltanschauungen, mit Aussicht auf Reisen, mit romantischen Genüssen nähren durfte, hatten meine Tage wenigstens einen Inhalt, der ihnen noch zum Ertrag werden konnte; aber dies war alles nun verschwunden, und ich mußte in Prag dem fruchtlosesten Abmühen in langweiligem Einerlei entgegensehen, ja, in Kummer und Not! Denn ich[353]  konnte mir nicht verhehlen, meine Geldmittel waren auf weithinaus erschöpft, die Offizierseinkünfte aber zeigten sich durch die noch stets zunehmende Verschlechterung des Papiergeldes so gering und armselig, daß man nicht begriff, wie mit ihnen auszukommen sei. Die Verhältnisse Bentheims, wie glänzend sie auch erschienen, wußt ich in ihrem Bestande höchst unsicher, und konnte es ihm auch glücken, sein Fahrzeug zwischen allen Klippen noch leidlich durchzuschiffen, so wäre es doch Torheit gewesen, auch mein Geschick hier auf gleichen Glücksfall setzen zu wollen.

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Inzwischen war aus Wien, anfangs in leichten, zitternden Funken, die man ungläubig mißachtete, unmittelbar darauf in hoch auflodernder, unbestreitbarer Flamme, die ungeheure Nachricht in Prag eingelaufen, daß der Kaiser Napoleon sich mit der Tochter des Kaisers Franz vermählen werde. Der plötzliche Ausbruch eines ungeahndeten Vulkans hätte nicht wunderbarer überraschen können; aller Sinn war betäubt, alle bisherigen Vorstellungen lagen umgestürzt, die verwirrten Begriffe rangen nach neuer Fassung und Folge. Man fragte erstaunt, was dies Ereignis bedeute, woher es stamme, wohin es ziele, ob neue Schlachten verloren worden, ob die äußerste Gefahr abgewendet oder ob Deutschland und Italien als Gewinn versprochen sei. Daß alle Hoffnungen, in welchen die moralische Kraft und der Stolz und Trost der Edlen sich noch zusammenhielt, plötzlich gesprengt und da, wo noch eben mutiges Harren und Mühen gewaltet, nur unabsehbares Aufgeben und Verleugnen übrig war, diese Vorstellung ergriff manche Gemüter mit Schrecken und Verzweiflung. Noch gab es Wunden von Wagram und Znaim, die nicht völlig geheilt waren, es schien jetzt ein Spott, dort geblutet zu haben! Die Kreise des höchsten Adels waren am meisten in Aufruhr; freilich waren hier Männer wie der Freiherr vom Stein und die beiden Grafen von Stadion, Friedrich und Philipp, schon immer scharfe Wortführer, aber diesmal hatten sie wenig voraus, der ganze Stand äußerte sich mit gleicher Heftigkeit,[354]  von allen Seiten widerhallte ein Schrei des Unmuts und der Zerknirschung. Nur noch einmal in meinem Leben, in späterer Zeit und unter ganz andern Umständen, habe ich solch plötzliche und gewaltsame Aufwallung in der vornehmen Gesellschaft wiedergesehen!
Für mich war der Schlag eine harte Zugabe zu den Schwierigkeiten meiner Lage; der Boden, auf dem ich stand, wurde vollends unsicher, und jeder nächste Tag konnte mich zu einer raschen Entscheidung drängen, für welche nichts vorbereitet, nichts verabredet war. Nach Freiheit, nach dem Ziele der innersten Wünsche mit schwacher Aussicht strebend, stand ich in Gefahr, jeden Augenblick in völlige Knechtschaft der Umstände zu verfallen. Denn mit der Nachricht von der Heirat verbreitete sich zugleich die eines mit Frankreich schon geschlossenen Bündnisses und eines sofort gemeinschaftlich gegen die Türken zu unternehmenden Feldzuges, ja, man bezeichnete schon die Regimenter, welche zum Marsche nach Ungarn bestimmt seien. Die Sache klang wahrscheinlich genug und mochte für manchen tröstlich sein; mir war sie nur düstres Unheil, ich mochte sie aus freiem allgemeinen oder aus engem persönlichen Gesichtspunkt betrachten. Von solchen Qualen der Ungewißheit, die Besorgnisse der Nötigungen, wie uns damals täglich und stündlich bedrängten, haben die Späteren jetzt kaum einen Begriff. Wie dunkel sah uns die Welt aus, wie verschlossen! Wie sparsame nur und gefahrvolle Pfade zeigten sich für den Wanderer, wie seltne Stätten des sichern Verweilens, des Ausharrens, wenn man nicht mit dem Feinde Gemeinschaft haben, der Unterdrückung nicht sich beugen wollte!


Ich bekam in dieser Zeit Briefe von Justinus Kerner aus Wien. Er sprach in seiner humoristischen Weise nur schwermütige Stimmung aus. Stoll versank immer mehr in Armut und Narrheit. Friedrich Schlegel hatte Vorlesungen über neuere Geschichte begonnen, die wohl Teilnahme fanden, aber bei dem Tagesereignis um so mehr zurücktraten, als sie unmöglich in der Richtung desselben sein konnten.[355]  Kerner schrieb: »Die Wiener sind toll wegen der Heirat; Napoleon ist nun ein Gott, man betet für ihn in den Kirchen; die Besiegung ist Gewinn; sie betrachten jetzt mit Entzücken die Ruinen von Wien; die zerriebenen Steine der Festungswerke streuen die Kaufleute zum süßen Angedenken an den göttlichen Mann in ihre Zimmer als Bodensand, auch sandeln sie die Briefe damit und mischen ihn unter den Marocco.« Der Bericht über die Stimmung in Wien war niederschlagend, aber bald konnten wir ähnliche Erscheinungen auch in unsrer Nähe wahrnehmen. Die Tatsache war zu gewaltig, ihre Übermacht zu fortreißend; vor so großen Befugnissen und Weihen, welche durch zwei Kaisernamen hier ausgesprochen waren, beugte sich bald die wankelmütige Menge; die neue Richtung war entschieden, es galt nun zu sehen, was in ihr für neue Glücksfälle und Vorteile lägen; die Dreistigkeit der Schwäche fehlte auch hier nicht, und mit unglaublicher Raschheit, von Stunde zu Stunde fast, ging die völligste Umstimmung vor sich. Der Oberstburggraf Graf von Wallis war einer der ersten, die den neuen Bund laut zu preisen wagten, die mit Wohlgefallen im Rock vom neuesten Grün, das zu Napoleons Ehren in Wien sogleich Mode geworden, sich in den Straßen zeigten; wer heute noch tadelte, ahmte morgen schon nach; es war die völlige Gegenbewegung der früheren. Allerdings blieben genug Männer übrig, die zu solcher Umkehr unfähig waren und die tief trauerten über den Gang, den jetzt die Dinge zu nehmen hatten; aber sie waren die Minderzahl und hatten die Aufgabe, sich den Zeiten mit der würdigen Haltung zu fügen, die wohl trägt, aber deshalb nicht einwilligt. Ich brauche wohl nicht erst anzumerken, daß Bentheim zu diesen Männern gehörte sowie der ganze Kreis unsrer nähern Bekanntschaft; die höhern Militärpersonen insgesamt hielten an der alten Gesinnung fest, und an der Spitze derselben standen Krieger wie die Generale Hieronymus Graf von Colloredo, Graf von Klebelsberg, Graf von Murray, der Oberst Freiherr von Scheibler, der Oberstlieutenant[356]  Graf von Leiningen, der Major Fürst von Reuß-Köstritz, der Graf von Paar und noch viele andre, die alle in dem späteren Kriege zu hohem Rang und Ruhm emporgestiegen sind. Meyern, durch Erfahrung schon gewitzigt, versicherte mich, der Anblick der menschlichen Wandelbarkeiten sei zwar widerlich und besonders in diesem gegenwärtigen Falle ab scheulich, allein man dürfe die Sache nicht zu wichtig nehmen, die Leute wendeten sich auch ebenso leicht wieder, und mit stärkerem Drange sogar, dem Rechten und Guten zu, und aus denen selbst, die jetzt den Franzosen zuliefen, würden sich auch die Reihen der Unsern wieder rekrutieren.

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Von den Gelehrten in Prag kannt ich niemand, und ich wollte dem Zufall überlassen, ob ich einem oder dem andern begegnen würde; der Name des Abt Dobrowsky stand mir in hohen Ehren, ich war einigermaßen angewiesen auf den Professor Meinert, doch am liebsten hätte ich den Exjesuiten Ignaz Cornova getroffen, der als Verfasser böhmischer Geschichtsbücher geschätzt, mir aber durch überkommne Kunde persönlicher Beziehungen merkwürdig war, denn der ansehnliche, wohlausgestattete Mann hatte düstre Leidenschaften und mancherlei Novellenstoff in sich verarbeitet.
Die traurigen Aschenreste einer andern Glut, die einst in edler Brust geflammt, kamen mir zufällig vor Augen in einer Jammergestalt, mit der ich im Buchladen zusammentraf. Ein schmächtiger, abgezehrter Greis mit ganz weißen Haaren, gramvollen Zügen, feurigen, aber dabei schüchternen Augen durchmusterte mit Hast die angekommenen Neuigkeiten und warf dazwischen ängstliche Blicke umher, ob man auf ihn merke, ob man wohl beachte, welcherlei Bücher ihn anzögen. Bei solchem Verdacht legte er wohl eines schnell weg, als sei es ihm gleichgültig, das er eine Minute später, wenn er sich unbemerkt glaubte, heimlich wieder aufnahm und begierig durchblätterte. Man sagte mir, der Mann sei ein böhmischer Abbé, der in seiner Jugend von den Ideen der Französischen Revolution ergriffen worden[357]  und als begeisterter Prediger der Menschenrechte aufgetreten, darüber in Untersuchung geraten und dann als Staatsverbrecher auf eine Festung nach Ungarn gekommen sei. Lange Jahre habe er dort in einsamem Kerker zugebracht und müsse die größten Qualen des Körpers und der Seele ausgestanden haben; denn als er endlich, man wisse nicht, auf welche hohe Fürsprache, in Freiheit gesetzt worden, sei er als ein abgelebter und gebrochener Mann wieder erschienen, unkenntlich für seine Freunde, mißtrauisch und verzagt, erschreckt von jeder Anrede und gleichsam noch jetzt in elender Gefangenschaft fortlebend; denn er habe schwören müssen, von allem, was mit ihm vorgegangen, nicht das geringste zu sagen; dieses Versprechen aber quäle ihn immerfort, denn obwohl er das Schweigen selbst sei, so fürchte er doch stets, er möchte etwas gesagt haben, und zittere, man werde ihn wieder in den Kerker sperren. Dabei versicherte man, unzweifelhaft zu wissen, daß er vollkommen noch ebenso denke wie vorher, daß er die frühsten Überzeugungen heilig bewahre und allen Trost und alle Hoffnung in ihnen habe, daß aber grade dies Bewußtsein ihm auch stets die Furcht erneuere, in neue Strafe zu fallen. Ich wagte ihn anzureden, aber meine gleichgültige Frage wegen eines vor uns liegenden Buches erschreckte ihn. Der Buchhändler wollte ihn beruhigen und sagte lächelnd: »Oh, Herr Abbé, mit diesem Herrn können Sie ohne Scheu alles reden!« Der Unglückliche sah mich prüfend an, sagte aber nur: »Ja, ja, das glaub ich wohl!«, nahm seinen Hut und Stock und ging zur Tür hinaus, indem er unwillkürliche Tränen aus den Augen wischte. Ein tragisches Wahrzeichen des dunkeln, willkürlichen Gewaltverfahrens einer Zeit, die wir weit hinter uns glaubten und die uns noch so nahe stand, ja, deren Wiederkehr noch stets möglich war!



 Aufenthalt in Paris
1810










[358] Man sieht Paris nicht von weitem, man fährt auch nicht plötzlich hinein, sondern wird allmählich, nachdem die Gebäude der Landstraße, dann die Vorstädte uns gleichsam eingeleitet, ohne überraschenden Augenblick mitten in der Stadt gewahr, daß man wirklich in Paris ist. Ich dachte, es sollte noch erst recht kommen, als wir schon in den Hof des Hôtel de l'Empire einfuhren, wo wir uns bestens aufgenommen fanden. Nach dem ersten Ausruhen und Erfrischen, wobei das Bad nicht fehlen durfte, machte ich mich alsbald auf den Weg, die Stadt etwas näher anzusehen. Sie machte mir keinen fremdartigen Eindruck, aber auch keinen gefälligen noch imponierenden; ich hatte schönere Straßen und Plätze, reichere Pracht, gedrängteres Menschengewühl gesehen, alles zusammen aber war doch größer und lebendiger als jede der einzelnen Anschauungen, die ich zur Vergleichung herbeiziehen konnte. Mich überkam ein Gefühl von Zuhausesein, das mir behaglich war und mit welchem ich ohne Scheu in das Labyrinth von Straßen schritt, durch das ich mich zu meinem Ziele hinfragte.
Mein erster Weg war nämlich zu Chamisso, den ich noch in Paris hoffte und auch glücklich fand. Seine Überraschung und Freude waren groß, er hatte keinen Gedanken an mein Hierherkommen gehabt, und kein anderer Freund war ihm hier zur Seite. Mit ihm machte ich sogleich weitere Ausflüge, er kannte die Stadt und liebte sie, es war ihm ein Stolz, der erste zu sein, der mich in ihren Merkwürdigkeiten herumführte. Die Hauptgebäude und Denkmale wurden angeschaut, die Boulevards, Quais, die öffentlichen Plätze, das Palais Royal, der Garten der Tuileries wurden durchstrichen und dann in erster Ungeduld dem Schatze der Antiken und Gemälde ein Blick gewidmet. Doch hier fanden wir uns gleich gefesselt, und wir gingen nicht so bald, als wir gemeint[359]  hatten. Wir fühlten, hier sei für uns eine große Hauptsache in Paris, ein Weltinteresse, welches mit Paris eigentlich nichts zu schaffen hatte, außer daß diese Stadt ihm zufällig jetzt den Boden lieh. Die starke Anziehung der gesammelten Kunstschätze empfanden wir jeden Tag, es verging selten einer, an dem wir nicht hier einsprachen. Da jene Zeit schon historisch geworden und seitdem große Veränderungen eingetreten sind, so werde ich Stoff und Eindruck wohl am besten durch einen möglichst wörtlichen Auszug meiner damaligen Aufzeichnungen überliefern.
Der größte Teil dieser reichen Sammlungen, die unter dem Namen Musée Napoléon – des Kaisers Büste, kolossal in Erz nach Canova, prangt über dem äußern Eingang – hier vereinigt sind, ist aus Italien, Deutschland und Holland, einiges auch schon aus Spanien hierhergekommen, als Raub oder Opfer des Kriegs. Wirklich ist auch der erste Eindruck, als stehe man vor einem Siegesdenkmal, als sehe man einen römischen Triumph hier abgelagert, dann mehr wegen des Ruhmes als um der Kunst willen scheint alles angeordnet. Wie wenig diese unschätzbaren Werke ihrer selbst wegen beachtet werden, gibt sich in zahllosen Merkmalen kund. Der Regen ist vielfältig eingedrungen und hat manches Gemälde beschädigt, noch mehr aber ist dies durch Kalk und Staub geschehen, da die Bilder weder entfernt noch verhüllt wurden, wenn dicht neben ihnen Maurer und Zimmerleute zu tun hatten. Viele Tafeln haben von dem scharfen Luftzuge, der durch die dünnen Wände und schlechten Fenster überall durchdringt, Risse bekommen, und die Farben sind hin und wieder abgesprungen. Ein nicht kleiner Teil ist beim Aufputzen verdorben worden, namentlich die berühmte Madonna della Sedia, welcher alle Farbenkraft entschwunden ist und die von denen, welche sie früher gesehen, kaum noch erkannt wird. Über tausend Gemälde, darunter die größten und kostbarsten, stehen staubbedeckt, zu Dutzenden übereinandergehäuft, in einem Saale, wo rohe Handwerker ihre Arbeit aufsichtslos treiben, gesägt, gehobelt,[360]  geklopft, Leim, Kalk und Gestein gehandhabt wird und wo täglich Tausende von Menschen durchgehen. Daß jedermann freien Zutritt in diese Säle hat, ist wohl schön und löblich; allein wenn mittwochs und sonnabends ganze Scharen Pöbels, Fischweiber, Soldaten, Bauern in Holzschuhen, Sackträger, mit dem Hut auf dem Kopf und die Tabakspfeife in der Hand, unter gemeinen Scherzen und rohem Lachen, auch wohl unter Stoßen und Drängen, zwischen den Geniuswerken sich herumtreiben, dann überfällt uns doch ein schmerzlicher Jammer, und wir erkennen die Wahrheit des Dichterwortes: »Werke des Geistes und der Kunst sind für den Pöbel nicht da.« Damit keine Art von Vernachlässigung zurückbleibe, so hat Denon das Verzeichnis der Bilder abgefaßt, welches von Unwissenheit und Mißgriffen strotzt und dabei den entschiedensten Anspruch auf ausgebreitete Gelehrsamkeit macht. Für ein Schaugepränge angehäufter Kriegsbeute mag dies alles genug sein, ein Kunstheiligtum darf höhere Sorgfalt und edlere Einrichtung fordern.
Von den neun zusammenhängenden Sälen, welche die lange Galerie des Louvre bilden, ist einer mit französischen, vier mit deutschen und niederländischen und vier nebst einem großen Vorsaal mit italienischen Gemälden gefüllt. Die meisten der französischen Bilder sind immer in Frankreich gewesen, doch hat auch die Eroberung einige geliefert, zum Beispiel die vier herrlichen Claude Lorrains aus Kassel, die jetzt aber nicht im Museum, sondern in Malmaison hängen; die niederländischen Bilder sind großenteils aus Dem Haag, die deutschen aus Nürnberg, Augsburg, Wien, Kassel, Berlin, Potsdam, Danzig und andern Städten entführt, die italienischen aber aus ganz Italien zusammengeraubt, wo sie der Stolz und die Andacht der ganzen Nation, ja, einzelne Bilder die Kleinodien ganzer Stadtgemeinden und andrer Körperschaften waren, an dem bestimmten Platze, für den der Maler sie gemalt, in der Mitte der Menschen, mit denen sie in nächster Beziehung standen.[361]  Mit welchem Gefühle von Schmerz und Trauer steht man vor diesen Bildern, wenn man die edle Einfalt und stille Größe der deutschen, die mächtige Hoheit und berauschende Farbenglut der italienischen Bilder mit dem rohen Sinne dieser Menschen zusammenhält, die nur einen frechen Genuß der Eitelkeit, ein gemeines Erstaunen dabei empfinden! Wahrlich, diese auserwählten Kinder göttlicher Kunst hätten nicht unrecht, wenn sie ihre Lebensfarben in Todesblässe erlöschen ließen und in chemischer Zersetzung aus dieser Profanation sich retteten!
Diese Empfindung der Profanation drängte sich mir fast noch stärker bei den Werken antiker Skulptur auf, die das untere Geschoß des Museums füllen. Viel leicht ist unter allen Gegenständen, die man lieber nicht in Paris sähe, keiner, der durch diesen Aufenthalt mehr gedemütigt, ja, ich möchte sagen, vernichtet wird als diese höchsten Bildwerke der Alten. Die engen, schmutzig-düstern Räume, mit abscheulich bunten Decken voll allegorischer und mythologischer Malereien, das schlechte Licht, die bedachtlose Aufstellung der meisten Bildsäulen, alles vereinigt sich zu dem ungünstigsten Eindruck, der sich noch steigert, wenn auch hier an den öffentlichen Tagen das zahllose abgeschmackte Volk hereinstürzt und wie Gewürm unter den Göttern frech umherkriecht. Auch sind mir die Antiken nie so fremd gewesen als gerade in Paris. Ich erinnerte mich lebhaft der mächtigen Wirkung, mit der vor zwei Jahren in Dresden die erste Anschauung dieser Art mich aufregte, wie die Malerei mir gegen die Skulptur zurückstand und wie besonders der Marmor als solcher mir so lieb wurde. Solche Wirkung erneuerte sich mir jetzt durchaus nicht! Vor dieser Fülle göttlichen Lebens, dessen bloße Ahndung in ungenügenden Beschreibungen und Abbildern mich oft in lichte Sehnsucht und unruhiges Entzücken aufgeregt hatte, vor diesem Apollo von Belvedere, der Venus von Medici, dem Laokoon und andern weltberühmten Statuen, deren bloßer Name schon die Brust in Schwingung setzt, mußte ich hier[362]  so unfreudig, leidend, sinnarm und nüchtern dastehen, mit der strafen den Mahnung, daß es nicht an den Götterbildern, sondern nur an mir liege, wenn sie mich nicht begeistern. Ich kam mir selbst wie einer der Barbaren vor, die mich so sehr empörten.
Nicht der Ausländer allein, der Deutsche und Italiener, der Holländer und auch schon der Spanier muß wehmütig den Blick abwenden, wenn er in Paris die teuersten Denkmäler seiner vaterländischen Geschichte und Kunst erblickt: auch dem Franzosen selbst ist dieses traurige Gefühl bereitet, und auch ihm muß die glänzende Hauptstadt ein allverschlingendes Ungeheuer dünken. Zwar ist die Anhäufung der Kunstschätze so groß, daß der Überfluß wieder ausströmt und in den Departementstädten Töchtermuseen errichtet werden, allein ihr ursprüngliches Besitztum kehrt den beraubten Örtlichkeiten nicht zurück. Beim Eintritt in das Musée des monuments français drängt sich diese Betrachtung lebhaft auf. Das alte Frankreich war im Laufe der Jahrhunderte überreich geworden an Denkmalen und Kunstgebilden, wie teils andächtiger Sinn und fromme Liebe, teils prunkende Eitelkeit sie errichten, und Kirchen, Schlösser, Abteien, Marktplätze und Privathäuser dienten als Bewahrorte dieser öfters kaum über ihren nächsten Kreis hinaus bekannten Altertümer. Wie reich außer der Hauptstadt auch die Provinzen in diesem Betreff waren, erkannte man erst recht, als es galt, diese Gebilde zu zerstören, dem furchtbaren Gebote gemäß, welches der Nationalkonvent hatte ergehen lassen. Nichts, was mit dem Königtum, der Geistlichkeit, dem Adel zusammenhing, durfte bestehen, die ganze Vorzeit sollte vernichtet werden. Groß war die Zahl der Zerstörer, unermüdlich ihr Eifer, und ihnen gelang ihr Werk nur allzusehr; aber Zeit und Kräfte langten gleichwohl nicht hin; manches Denkmal widerstand, manches wurde übersehen, viele litten nur Verletzungen. Schon während der Stürme, noch mehr aber, als diese nachzulassen anfingen, hatten einige wackre Männer, die es mit[363]  ihrem Lande wie mit der Kunst redlich meinten, sich im stillen bemüht, solche Denkbilder zu retten, die halbzerstörten unterzubringen, die zusammengehörigen Stücke wieder zu vereinigen. Einer dieser Männer war Alexandre Lenoir, der um die Sammlung und Aufstellung dieses Museums die größten Verdienste hat. Als die Macht wieder in mildern Händen ruhte, durfte man den Vorschlag wagen, das Gerettete öffentlich zu ehren, eine der Merkwürdigkeiten der Hauptstadt daraus zu machen, und das ehemalige Kloster des Petits-Augustins wurde zu dem Zweck eingerichtet. Hier sind nun staunenswürdige Prachtwerke zu sehen, besonders Grabmäler der Könige und Königinnen, Steingebilde, Glasmalereien, Säulen, Mosaiken, welche sämtlich die französische Kunst früherer Jahrhunderte auf das höchste bewundern lassen. In der Anordnung ist die Folge der Jahrhunderte genau beobachtet, und, den Eindruck zu erhöhen, sind auch die verschiedenen Hallen, in welchen die Denkmäler stehen, diesen gemäß ausgestattet; Verzierungen, Fenster, Deckengewölbe, Fußböden, alles ist, soweit die Mittel ausreichen, aus demselben Jahrhundert. Man empfängt hier einen hohen Begriff von der französischen Bildhauerei der früheren Zeit, die Namen Jean Goujon und Germain Pilon reiht man sogleich willig denen der ersten Meister aller Zeiten an. Durchaus verschieden von der griechischen Kunst hatte diese einen eigentümlichen, selbständigen, in ihrer Art durchaus gerechtfertigten Charakter. Zunächst der Kirche angehörig, ist diese Skulptur wesentlich eine architektonische, alles in ihr strebt zum Gebäude, fügt ihm sich an. Etwas Ehrwürdiges und Feierliches spricht aus diesen Steinen, frommer Sinn, Kraft und Tüchtigkeit, Lebensernst und Todesschauer. Hier ist nicht sinnliche Schönheit der Zweck des Künstlers, er will tiefe Gedanken anregen, durch den Sinn das Gemüt fesseln. Unendliche Zieraten und sorgsamste Künstlichkeit des Einzelnen zerstreuen die Gesamtwirkung nicht, sondern erhöhen sie nur. Die drei Grabmäler aus der Abtei von Saint-Denis, nämlich[364]  Ludwig des Zwölften und Annas von Bretagne, die Grabkapelle Franz des Ersten und endlich das Grabmal der Valois, gehören gewiß zu dem Merkwürdigsten, was in dieser Art zu sehen ist.
Zurückkommen aber muß ich auf den Eindruck des Ganzen, der wirklich nur der einer Merkwürdigkeit ist. Man meint, die Überbleibsel eines längst untergegangenen Volkes zu sehen, dessen Sprache uns fremd, dessen Glaube und Liebe uns gleichgültig und dessen Geschlechter und Ruhm und Größe uns nichts mehr angehen. So haben wir Sammlungen ägyptischer Bildsäulen und Denksteine, Mumien ägyptischer Könige als Zierden nordischer Hauptstädte, und niemand hat daran ein Ärgernis. Was aber soll ein Franzose hier empfinden, ein Franzose, der für seine Nation ein Herz und ein Gedächtnis hat! Die Grabmäler seiner Könige, seiner Helden und Staatsmänner sieht das noch lebende Volk aus seiner Geschichte herausgeworfen, aus dem Zusammenhange des Lebens und der Örtlichkeit gerissen, um sie in der Enge eines Museums zur Erinnerung des Gewesenen als einregistrierte Nummer zu besitzen!

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Die Kaiserliche Bibliothek ist ein geräumiges Gebäude in der Rue Richelieu, einer der belebtesten von Paris; der ununterbrochene Lärm des mannigfachen Verkehrs bildet einen unangenehmen Gegensatz mit den stillen Studien; außerdem droht die Nachbarschaft des gegenüberstehenden Opernhauses den Bücherschätzen immerfort Gefahr, denn kein Theatergebäude, sagt man, sterbe den Tod des Alters, im Feuer unterzugehen stehe jedem bevor. Der Kaiser beabsichtigt auch in der Tat, die Bibliothek an bessere Stätte zu verpflanzen. Der Zusammenhang des Louvre mit den Tuilerien soll, wie schon auf der Flußseite durch die Galerie du Louvre, so auch auf der Stadtseite durch eine solche Galerie zustande kommen. Diese neue Galerie soll eine Menge Sammlungen aufnehmen, die teils noch im Louvre, teils an andern Orten untergebracht sind, der Louvre selbst aber dann lediglich zu kaiserlichen und prinzlichen Wohnungen[365]  und zur Aufnahme fremder Herrscher eingerichtet werden. Doch der zwischen dem Louvre und den Tuilerien dann eingeschlossene Raum ist zu groß, um leer bleiben zu können, er darf dies um so weniger, als unglücklicherweise die beiden Schlösser nicht in grader Richtung aufeinander stehen, wie denn der Triumphbogen des Karussellplatzes mit dem Louvre einen mißfälligen Winkel macht. Dies zu verdecken und zugleich den großen Raum abzuteilen, ist ein ungeheures Quergebäude bestimmt, welches mit Ausschluß alles Holzes ganz von Stein und Eisen aufgeführt werden und künftig die Bibliothek feuerfest verwahren soll, sogar die Bücherbretter würden von Eisen sein und der Bau selbst und die Einrichtung alles übertreffen, was in dieser Art je erdacht worden. Diese Angaben empfing ich aus dem Munde des Grafen von Metternich, dem sie der Kaiser am Vormittage im Gespräche mitgeteilt hatte. Zwar ist die Ausführung dieser kolossalen Arbeiten noch sehr im weiten, ganze Straßen müssen erst abgetragen, ja der Louvre selbst erst vollendet werden; aber im Sinne Napoleons ist alles Gewollte schon fertig, und seine Ungeduld eilt der Zeit so voran, daß er dem Louvre, an welchem noch stets gearbeitet wird, schon die Inschrift gegeben hat, durch ihn sei das Werk vollendet; eine Unwahrheit, die nach vieler Franzosen Meinung stets eine bleiben wird, denn der Louvre dürfe nie fertig werden! Die berühmte und wirklich schöne Säulenfassade von Perrault rings um das Gebäude zu wiederholen, vor diesem Vorschlage schreckte doch selbst Napoleon zurück! – Noch jetzt, nach so vielen Jahren, ist die Bibliothek noch auf der alten Stelle.
Für mich war natürlich hier nicht Studierenszeit, wie etwa für Bekker oder Uhland, aber ich hatte gleichwohl den reichsten Gewinn von diesen Schätzen. Die Handschriften, deren man über achtzigtausend zählte, zogen mich besonders an; die Gefälligkeit der Bibliothekare, der Herren Dutheil, Langlès, Dacier, Chézy und unsers lieben Landsmannes Hase, bestand jede Probe, sie ließen nicht nur das[366]  Gewünschte sogleich herbeischaffen, sie kamen den Wünschen zuvor und halfen nötigenfalls dem Ungeübten. Auch hier wurde genug Siegesbeute vorgezeigt, aus Rom, Venedig, Wolfenbüttel, Wien, aus letzterm Orte besonders orientalische Handschriften, von denen die Doubletten für Wien zurückzuerlangen doch eben dem Herrn von Hammer geglückt war, der aus eignem Antrieb und auf eigne Kosten zu diesem Zwecke die Reise nach Paris unternommen hatte. Mich gingen Heinrichs des Vierten, Franz' des Ersten und Ludwigs des Vierzehnten Briefe damals wenig an, historische Forschungen lagen mir fern, auch Fenelons viel durchbessertes Manuskript des »Telemach«, die Turnierbücher des Grafen René von Provence, griechische und römische Autoren reizten meine Neigung nur flüchtig. Dagegen hatte ich die Manessische Sammlung der Minnesinger besonders liebgewonnen und las viel darin, ja, begann auch Lesarten auszuziehen und dachte den Dichter Süßkind, der Jud von Trimberg genannt, einzeln zu bearbeiten, bis ich hörte, daß ein junger Gelehrte gründlich darüber her sei und jede vereinzelte Bemühung unnütz mache. Sieveking hatte mich auf einen Schatz, der uns Deutsche noch näher anging, aufmerksam gemacht, und ich widmete ihm fortan manche Stunde. Dies waren sechzehn Bände handschriftlicher Auszüge und Bemerkungen von Winckelmann, welche aus Rom hierher gebracht worden. Für die Kenntnis des Mannes, seiner Studien, seiner Hülfsmittel sind diese Schriften unschätzbar, wiewohl oft nur Auszüge aus gewöhnlichen Büchern, zum Beispiel aus einer englischen Sprachlehre, die der große Mann anstatt für weniges Geld, das er nicht hatte, mit seinem kostbaren Fleiße sich hatte aneignen müssen; alles in der festen deutlichen Schrift, die ihm so förderlich war, denn für seinen Ruf nach Rom hatte der Umstand nicht wenig Bedeutung, daß, wie er in seinen Briefen sagt, seine griechische Hand dem Kardinal Passionei so sehr gefiel; und in der Tat ist gerade sein Griechisch überaus anmutig. Die ersten Entwürfe zu seiner »Geschichte der Kunst des[367]  Altertums« sind hier aufbewahrt, mit zahllosen Änderungen, Herumwerfungen, so ist zum Beispiel mehrmals zu der Beschreibung des Apollo von Belvedere angesetzt. Hiezu kommen angefangene Briefe, kleine Aufsätze, Bemerkungen und Berichtigungen, in kräftigen, oft ergötzlichen Ausdrücken, genug, eine Fundgrube von Zügen, die für die vertraute Kenntnis seiner Eigenart von Wichtigkeit sind. Bei den Unterhandlungen im Jahre 1815, vor dem Zweiten Pariser Frieden, strebte der preußische Minister von Altenstein, zum Teil auf mein Anregen, diese Winckelmannschen Bände sowie die Manessische Handschrift der Minnesänger, mittelst annehmbarer Tauschvorschläge für die Königliche Bibliothek zu Berlin zu gewinnen. Die Franzosen schienen auf den Handel einzugehen, ich reiste von Paris in der Meinung ab, die Sache sei gelungen, und glaubte lange Zeit, der Schatz sei bei uns wohlaufbewahrt, bis ich in späten Jahren erfuhr, jenes Bemühen habe keinen Erfolg gehabt.
Die Zusammenstellung Napoleons mit Karl dem Großen fanden wir auch bei Besichtigung der Kirche Notre-Dame aufdringlich dargeboten. In dem dortigen Tresor werden Krone, Reichsapfel, Zepter und Gerichtshand Karls des Großen aufbewahrt und gleich daneben die Kronen Napoleons und Josephinens. Die Krone Napoleons ist ein goldner Lorbeerkranz und äußerst geschmackvoll in ihrer Einfachheit; ihm lagen abwechselnd der römische Imperator im Sinn und der König von Frankreich, in jener Rolle traf er es glücklicher als in der letztern, seine Adler waren ein gut gewähltes Sinnbild, das nicht nur im Heere sogleich faßte, sondern auch vom Volke günstig angesehen wurde, dagegen ihn seine Hervorsuchung der Hofkleider aus den Zeiten Ludwigs des Vierzehnten nicht nur lächerlich, sondern auch verhaßt machte. Seine gekrönten und belorbeerten N und seine Bienen, die er überall mit Verschwendung anbringen ließ, besonders an den öffentlichen Orten, wo bisher die Zeichen und Sprüche der Freiheit gestanden, waren ein rohes Mittel, sich überall dem Sinn einzuprägen, aber für[368]  die Menge wohl zweckmäßig. Doch sahen wir noch an manchen Mauern vergessene Freiheitsmützen und noch nicht abgekratzte Beischriften: »Liberté, Égalité« oder »République une et indivisible«, denn auch die Republik hatte nicht versäumt, sich in solchen Zeichen überschwenglich darzustellen.
Da ich der Kirche Notre-Dame erwähnt, so will ich gleich anmerken, daß ihr Eindruck dem des Straßburger Münsters unendlich nachstehen mußte und auch das Besteigen der Türme nicht sehr belohnend war. Für den Überblick von Paris ist die Aussicht von der Höhe des Montmartre sowohl jener von Notre-Dame als der von der Höhe des Panthéon und der Säule des Platzes Vendôme weit vorzuziehen.
Die Vendôme-Säule ist ohne Zweifel das tüchtigste und eindrücklichste der von Napoleon errichteten Denkmale. Der Stil ist nicht neu, aber darum sicher, die Arbeit gewaltig und fast unzerstörbar, die Kunst in den Bildwerken, welche den Säulenschaft in fortlaufendem Band umwinden, erscheint wohl schwach und mangelhaft, aber schon diese Art der Umwindung kann künstlerisch nicht viel gelten, sondern ist gleichsam eine Nachgiebigkeit gegen das Geschichtliche, auch schwinden diese Bildwerke schnell in eine undeutliche Verzierung, und der Wirkung des Ganzen können sie wenig schaden, die kolossalen Verhältnisse sind hier die Hauptsache. Trotz dieser Verhältnisse wird das Aufsteigen im Innern des Schaftes doch etwas beklemmend. Übrigens ist hier einmal durchaus Wahrheit, in dem Werke selbst und in seiner Bedeutung, ungeheure Kriegstaten, vollständiger Sieg, entschiedene Feldherrngröße, erobertes Erz; hier ist kein falscher Aufputz, kein Trug, kein eitles Spiel.
Wäre der Elefant auf dem Platze der ehemaligen Bastille fertig, mit den unendlichen Wassergüssen, die er sprudeln soll, so würde dies Denkmal wohl zunächst mit der Vendôme-Säule zu nennen sein. Auch hier ist dem reinen Kunstsinne nicht gehuldigt, es ist ein Element roher sinnlicher Kraft in dem Entwurf, das aber in Verbindung mit[369]  äußerer Größe und Gediegenheit unsern gemischten modernen Zuständen vielleicht besser ansteht als die reinsten Schöpfungen der höchsten Kunst. Hier wäre neben den ungeheuern in den kolossalen Tierkörper geformten Massen zugleich die überschwengliche, jeden Augenblick den Sinnen sich aufdrängende Gemeinnützigkeit des größten und ergiebigsten Brunnens der Welt ein mächtiges Moment, das manchen sonstigen Tadel überflutete.
Im Tuileriengarten und auf den Boulevards welkte das Laub schon in der Mitte des Sommers, die Champs-Élysées und das Bois de Boulogne hatten längst verzichtet, Feld und Wald zu sein; wollte man freie Natur und frisches Grün, so mußte man in den Garten von Saint-Cloud oder nach Montmorency fahren. An letzterm Orte war ich mehrmals, die Familie Fould hatte dort ein Landhaus, die Gräfin von Metternich liebte dort im Walde spazierenzugehen, auch fuhr Fräulein Mendelssohn mit einigen ihrer Zöglinge bisweilen hieher. Wir machten dann schöne Eselritte, die Esel von Montmorency waren unsre erklärten Lieblinge, denen man auch üble Launen gern nachsah, weil diese doch immer ergötzlich wurden. Aber Montmorency hat einen andern Reiz: hier lebt auf allen Wegen und Stegen das Andenken von Jean-Jacques Rousseau!
Über Rousseau zu sprechen ist jetzt eine schwere Aufgabe, da die Mehrzahl heutzutage seine Werke kaum noch kennt und sich gewöhnt hat, mit seinem Namen ungeprüft die willkürlichsten Vorstellungen zu verbinden. Wer kann über ihn urteilen, ohne genau das Lebensmeer, von dem er getragen wurde, und jede Strömung und Woge, die ihn ergriffen, zu kennen und ihre Wirkung zu würdigen? Und wer darf über ihn urteilen, der nicht, bei der Kenntnis dieser Zustände, dennoch diese und alle Zeitumstände wieder zu vergessen vermag, um zu den lichten Höhen des freien Geistes mit ihm aufzusteigen? Denn Rousseau, wie tief verwickelt in die Äußerlichkeiten seines Zeitalters und wie schnöde oft von ihnen beherrscht, lebte ein innres Leben[370]  aus den Urquellen des Daseins, stand im Bunde mit der frischen Natur und fühlte sich selber als eine ganze Schöpfung. Da kommen die kleinen Leute, die von solchem Zusammenhange nichts ahnden, und suchen an Rousseaus Sonderbarkeiten sich zu ergötzen, beschuldigen ihn der Eitelkeit und finden in dieser den Schlüssel seines Wesens, seiner Schriften, besonders der »Confessions«! Der Vorwurf der Eitelkeit ist wahrlich bei Rousseau am wenigsten statthaft, aber ich weiß wohl, er ist der allgemein angenommene, wie er denn in der Tat wohlfeil und bequem genug ist; doch hat er auch seine verräterische Tücke und biegt sich wohl auf diejenigen zurück, die ihn so unbedacht gebrauchen. Wie über Rousseau zu urteilen ist, das hat uns Fichte gezeigt; auf diesem Wege ist weiterzugehen, aber dieser Weg liegt seit langer Zeit öde, sowohl von Deutschen als von Franzosen unbetreten. Doch wird die Zeit kommen, wo auch Rousseau wieder in all seiner Geistesmacht erkannt und sein Verständnis den Herzen teuer sein wird! Einstweilen ist er mir ein Prüfstein für viele Menschen, für die ausgezeichnetsten und besten; denn wie jemand über Rousseau urteilt, das gibt mir das entscheidende Maß, was ich im höchsten Sinne von dem Urteilenden zu halten habe! Am häufigsten, und verzeihlichsten noch, ist die bloße Unwissenheit; wo aber eine nähere, freilich oft auch nur vermeinte, literarische Kenntnis doch nur zu schiefen Ergebnissen und dürftiger Ansicht geführt, da weiß ich, mögen die Leute sonst noch soviel sein und leisten, von welchen Regionen sie für ewig ausgeschlossen sind!

Für ein gemächliches, vergnügtes, mit allen Reizen und Befriedigungen geschmücktes Leben findet man schwerlich einen bessern Ort als Paris. Die allmächtige Hauptstadt zaubert das Ausgezeichnetste und Vorzüglichste jeder Art von allen Seiten her in ihren Kreis; alles, was die Bildung und Erfindungskraft, nicht nur des eignen sinnreich bemühten Volkes, sondern auch des Auslandes, nah und fern, in[371]  irgendeiner Kunst, in irgendeinem Zweige des Lebens hervorbringt, gehört ihr sogleich an, liefert ihr seine besten Leistungen, bietet ihr sich in genußfertigster Anwendung. Der ganze Handel von Paris besteht fast nur in Sachen des Wohllebens und des Überflusses. Geschmack in Kleidung, in Geräte und Wohnung, Glanz und Verzierung jeder Art, Schmuck des Leibes und der Seele, die Freuden der Tafel, Gespräch und Neuigkeit, die Künste des Schauspiels, der Musik, des Tanzes, jedes Talent und jede Geschicklichkeit, alles bemüht sich, mit regem Wetteifer und glänzendem Erfolg, um reiche Ausstattung des Pariser Lebens; der Koch, die Mätresse, der Lakai, der Schmeichler und Augendiener verstehen wohl nirgends ihr Fach besser als gerade hier; kurz, es steht alles hier, auch der Geist und das Wissen, zunächst im Dienste der ausgebildeten Sinnlichkeit. Mit klugem Verstande sind alle Einrichtungen auf die schnellste, wohlfeilste und anmutigste Befriedigung unzähliger Bedürfnisse berechnet; der unbedeutendsten Sache, der geringsten Verrichtung wird mit eigner Gewandtheit eine Art von zierlicher Wichtigkeit gegeben, ein Aufputz gefälliger Manier, die auch das Gemeinste nicht als gemein will erscheinen lassen. Man sieht es auch diesem Leben gleich an, daß ihm, dessen Ziel nur der Tag ist, Jahrhunderte im Rücken stehen. Nur eine lange Folge von Geschlechtern, stets erneut, bewegt und tätig in derselben Richtung, nur der unaufhörliche Wetteifer und die tausendfältige Durchkreuzung eitler Gefallsucht mit schmeichelnder Betriebsamkeit, törichter Verschwendung mit klugem Eigennutz, nur der stete Zusammenfluß größter Laster und schönster Talente konnten dieses Gebilde hervorbringen, das wirklich als ein abgerundetes Ganze erscheint, bis in das kleinste Geäder von demselben Stoffe gemacht, von demselben Geist erfüllt. Pracht und Aufwand mögen anderswo größer sein, Genuß und Schwelgerei sich kräftiger darstellen, aber gewiß hat nirgends die Annehmlichkeit des Lebens so auf alle Klassen sich ausgebreitet, so jede Geringfügigkeit der täglichen Begegnisse[372]  durchdrungen, so durch leichte Formen das eigne Bestehen gesichert. Klugheit und Feinheit erhöhen das Leben, aber sie mäßigen es auch, und das Öl der Höflichkeit schwimmt besänftigend und ausgleichend über allen Unebenheiten der erregten Wogen. In der Tat dünkt mich das Ganze des Pariser Lebens mehr darauf berechnet, in steter Wiederholung und reichem Wechsel von tausend Annehmlichkeiten gegen Langeweile und Unlust gesichert zu sein, als in Tüchtigkeit und in Erfüllung eigentliches Glück und echte hohe Freude zu empfinden. Nirgend scheint es so gleichgültig, ob man lange lebt oder kurz, als in Paris; denn zehn Jahre sind dort leicht wie eines und eines wie zehn, in vergänglichem Wechsel vergißt man der Zeit, und für den, der sich nie besinnt und in sich selbst zusammenfaßt, ist die vergangene völlig bedeutungslos.
Und dennoch: Ist dieser Ort vorzugsweise der Herd, wo sich seit Jahrhunderten die größten Geschichtsbewegungen entzünden, wo die heftigsten Erschütterungen alltäglich sind, die stärksten Leidenschaften und Schicksale den Schauplatz füllen? Allerdings. Gerade solch eine gleichförmige, in allen ihren Bestandteilen zusammenstimmende, nach derselben Richtung streichende und in den kleinsten Teilchen dieselbe Wirkung äußernde Masse ist das allerfähigste Werkzeug der Tat für die genialen Kräfte, die leitenden Talente, welche aus ihr emporsteigen. Dieser Boden ist immer elektrisch, die leisen Strömungen sind überall, sie wirken im gewöhnlichen Laufe nur sanft belebend, aber jede Faser gibt, auf Erfordern, augenblicklich ihren Beitrag zu den großen Gewittern, in welche die Anhäufung sich entladet.
Außer den vielfachen Gegenständen, die sich gewöhnlich hier vorfinden und drängen und den Sinnen immerfort zu tun geben, verlangt und empfängt jeder Tag hier auch etwas Neues, das für den Augenblick eine Spannung erregt, gesehen und besprochen werden muß und als eigentlicher Gegenstand des Tages gilt. Man kann auch um so eher lebhaften Anteil an diesen Neuheiten nehmen, da bei der[373]  großen Volksmenge und ihrer eifrigen Regsamkeit schon die bloße Zahl der Anteilnehmer auch dem Unbedeutendsten wirklich eine Art von Wichtigkeit gibt und, was vorher nichts war, nun in der Tat etwas wird. »La foule s'y est portée«, las ich neulich im »Moniteur«, und der Ausdruck sagt allerdings viel. Könnte der Zufluß von Neuheiten einmal verstopft werden und sollte der Pariser ohne sie leben, es wäre fast so schlimm, als wenn die Zufuhr von Lebensmitteln stockte, denn mit den alten Vorräten käme man nicht weit. Die gewöhnlichen Reizungen können hier nicht genügen, um den zum Leben erforderlichen Grad der Erregung zu erhalten, so blasiert ist der Sinn des Parisers über alles, immer lauern dicht unter der dünnen Schleierdecke des Vergnügens der Überdruß und die Langeweile.
Das Bedürfnis des Auffallenden und Eindringlichen zeigt sich bei jeder Gelegenheit. Wer etwas zu verkaufen, seine Dienste anzubieten, etwas bekanntzumachen hat, muß zu den außerordentlichsten Mitteln greifen, um nur bemerkt zu werden. Lächerlich sind in diesem Betreff besonders die Aushängeschilder, die Anschlagzettel, die Inschriften, welche in den belebtern Straßen überall wuchern. Ungeheure Tafeln, riesige Buchstaben, von allen Gestalten und Richtungen, gedrückte, gedehnte, vorwärtsliegende, rückwärtsliegende, Bilder mit dem Anspruch auf schöne Malerei, andre fratzenhaft verzerrt, oftmals die Zeichen der Ware zahlreicher als die Ware selbst, alles, um nur eben über Wasser zu bleiben. Die Vervielfältigung der Abbilder wird in manchen Fällen wahrhaft komisch. In der Rue Richelieu ging ich einst mit dem Ritter von Eskeles, der kürzlich von Wien gekommen war und, wiewohl selbst ein Großstädter, doch hier über vieles verwundert war. Ihm fiel besonders diese Verschwendung der Schildzeichen auf; er stand vor einem Laden still, betrachtete dessen äußere Ausstattung und sagte bedächtig, indem er mich am Arme faßte: »Wenn einer hat zu verkaufen Würst, sollt man denken, er wird heraushängen sechs Würst – zwölf Würst – zwanzig Würst« – er hielt[374]  inne, dann, die bisher vor der Brust gespreizte Hand ausstreckend, rief er mit einer Explosion: »Hundert Würst!« Und er hatte wahrlich ganz recht, das Übermaß war lächerlich und nicht bloß bei den Würsten, die dem guten Eskeles so besonders aufgefallen waren. Aber die Kaufleute nehmen gern eine Lächerlichkeit auf sich, ja, sie ersinnen sie mit Fleiß, wenn es nur gelingt, den Zulauf damit zu locken. Bei den Tuilerien befindet sich ein Schnupftabaksladen, wo nicht nur Aushängeschilder, sondern die ganze Vorderwand des Gebäudes mit prächtigen lateinischen Sprüchen zum Eintreten auffordern. Ungemein ergötzlich ist im Palais Royal die Inschrift eines Ladens, dessen Besitzer, ein Perückenmacher, auf mehreren großen und kleinen Tafeln sich selber dieses Denkmal gestiftet hat:

TELLIER
INVENTA EN L'AN DIX
LES PERUQUES ELASTIQUES
IMITANT LA CHAIR



Welche Begebenheit! Und en l'an dix! Welcher Lapidarstil! – Ein Schulhalter lockt durch einen Vers aus Virgil an: »Disce, puer, virtutem ex me, verumque laborem.« Ein andrer Mann, der freilich nicht anlocken, sondern vielmehr abschrecken will, denkt seine Mauer durch die beleidigenden Worte zu schützen: »Ici pissent les cochons!«, ohne doch jemals einen Besucher in seinem Vorhaben irrezumachen. Ungemein erlustigte uns auch eine Tafel, die uns etwas näher anging; seit der Vermählung des Kaisers waren die Deutschen im Werte gestiegen, man beachtete sie, man wünschte sie anzuziehen; ein verdorbener Garkoch glaubte den echten Deutschheitsköder entdeckt zu haben, und an seiner schmutzigen, engen Bude zwischen den Tuilerien und dem Louvre stand herrlich:

Hier Be Finden sich die Deuschen
vor das gud Saurgrauth.[375] 
Er hatte die Freude, daß neben den Handwerksburschen, die ihn besuchten, auch manche vornehme Deutsche bei ihm einblickten und wenigstens ein Trinkgeld zurückließen.
Sie haben wohl recht, die gewerbfleißigen Pariser, daß sie alles anwenden, einen, wenn auch nur augenblicklichen Schwung zu erlangen, denn wer etwas Neues aufgebracht, wer von sich sprechen gemacht hat, ist seines Gewinnes sicher; ehe die ganze Masse der Neugierigen die Sache durchprobiert, die Täuschung eingesehen hat, ist das Glück schon ergiebig genug gewesen, und die üble Nachrede kann nicht mehr schaden. Ja, es haftet selbst an dieser noch einige Ehre, denn es gilt für keine Kleinigkeit, die klugen, feinen Mitbürger insgesamt aufgeregt, beschäftigt und wohl gar genarrt zu haben.
Glück aber gehört hier mehr als anderswo zu jeder Unternehmung, ein günstiges Etwas, das sich selten voraussehen und noch seltner berechnen läßt; ein feiner Takt für das Örtliche, für Bedürfnis und Neigung mag wirksam dabei sein, ist aber für sich allein nicht hinlänglich. Und wunderbar, die Laune des eigensinnigsten Publikums, das sich in Widersetzlichkeit gegen jede Autorität recht eigentlich gefällt, erweist sich bisweilen von der verhaßtesten Seite abhängig! So ist auf dem Boulevard bei dem Théâtre des Variétés ein schönes Haus und großer Garten, wo man Erfrischungen bekommt, das ehemals berühmte Frascati, welches der Glacier Carchi aufs geschmackvollste und angenehmste eingerichtet hat, wo das vortrefflichste Gefrorne und die eleganteste Bedienung stets bereit ist und wo sonst die Pariser vornehme und feine Welt im höchsten Putz jeden Abend versammelt war; dieser Ort ist jetzt ganz verlassen, nur wir Freunde besuchen häufig die einsamen Räume, wo wir zwanglos und unbehorcht unsre traulichen Gespräche führen. Man sagt uns, der Kaiser sei an dieser Verödung schuld, er habe den Herzoginnen von Bassano und von Rovigo schmachvoll vorgeworfen, daß sie ihre kaum empfangene Titelwürde in solchen Wirtshäusern herumschleppten;[376]  gleich ihnen mied nun jedermann den Ort, und das große Publikum zog sich nach dem engen, geschmacklosen Jardin Turc, wo ihm alles, was in Frascati vortrefflich ist, schlecht geboten wird. Carchi kündigte zwar zum Versuch eine neue Art Eis an, eine »invention nouvelle qui surprendra le public« heißt es auf den Anschlagzetteln, die Sache konnte Glück machen, ein günstiger Stern ihm den großen Haufen zurückführen, Frascati für ein halbes Jahr aufs neue beleben, allein die Menge biß nicht an, und Frascati blieb leer. Vielleicht hilft ihm eine noch viel geringere Kleinigkeit wieder auf, ein Zufall oder eine Dummheit, der Mann verliert wenigstens den Mut noch nicht und setzt mit großen Opfern die Einrichtung fort.
Der Einfluß des Kaisers ist sonst in dergleichen Dingen am wenigsten merkbar, und die Sitte und Geselligkeit unterwerfen sich seiner Herrschaft keineswegs, sondern folgen ihrem eignen Zuge, der sich nicht scheut, der höchsten Gewalt zu widersprechen. Wohin man blickt, wird man wohl an die Tagesgeschichte erinnert; hier ist ein Café de Jéna, dort eines à l'archiduc Charles, au duc de l'Infantado; Namen der Straßen erinnern an Schlachten; Brücken, Brunnen, Triumphbogen verherrlichen den Sieger, dessen Namenszug und Wappen allerorten vervielfältigt ist; die kleinen Theater geben häufig Stücke, deren Stoff den neusten Ereignissen entnommen ist. Aber im Grunde nimmt der Pariser an den großen Begebenheiten, die nicht unter seinen Augen vorgehen, nur geringen Anteil; sie haben für ihn nur insofern Wert, als sie in seinen kleinen Kreis eingreifen, sich in Festen und Lustbarkeiten abspiegeln. Es ist kaum zu glauben, mit welcher Gleichgültigkeit hier die Nachrichten von neuen Kriegserfolgen des Kaisers aufgenommen werden; als Zeitungsartikel sind sie dem Publikum allenfalls wichtig, nicht als wirkliche Ereignisse. Sogar für den französischen Ruhm ist man schon abgestumpft: »Nous en avons assez«, hört man in hohen und niedern Kreisen. Vom Kaiser wird gleichwohl viel gesprochen, doch meist[377]  nur in bezug auf das kleine Leben, auf die Anordnungen des Tages, die Feste, die Bauten, die Paraden, das Hofzeremoniell, die Gunst oder Ungunst, in der einzelne Personen stehen, und anderes der Art; eine neue Uniform, die in den Straßen gesehen wird, ist den Parisern wichtiger als ein Sieg in Spanien oder ein Gefecht in Kalabrien. In den Provinzen soll dies anders sein und dort Napoleon mehr in seinen Taten geschaut werden und gelten. Darin kommen die meisten Stimmen überein, daß dennoch der stets erneuerte Glanz der Waffenerfolge für das Bestehen seiner Herrschaft unentbehrlich ist und hauptsächlich durch diesen die Unternehmungen seiner innern Gegner gehemmt werden. Diese Gegner zerfallen in zwei Klassen, Freiheitsfreunde und Königsfreunde, deren jede in ihrer Art ihm bedeutend erscheint und furchtbar werden kann. Er wütet gegen beide Parteien und sucht auch aus beiden die einzelnen zu gewinnen, was ihm auch bisher merkwürdig genug gelungen ist, denn er hat die ärgsten Jakobiner in seinem Staatsdienst und die altadeligsten Emigrierten zu Höflingen. Aber beide sind ihm nur sicher unter der Bedingung andauernder Glückserfolge. Außerdem ist auf beiden Seiten ein starker Kern, der sich nicht gewinnen läßt und gerade dadurch um so bedeutender und beunruhigender ist. Daß der Kaiser mehr den Faubourg Saint-Germain, wo die Altadeligen sitzen, fürchtet als das eigentliche Volk, in welchem die Revolution noch ihre Nachschwingungen hat, dünkt dem Grafen von Schlabrendorf ein Irrtum, den einst Napoleon sehr kann zu büßen haben. Auffallend ist es mir, wie wenig der Kaiser im Volke gefürchtet wird; die meisten Leute haben Furchtbareres erlebt als seine Herrschaft und haben auch dies Furchtbarere plötzlich schwinden sehen, so daß ihnen keine Gewalt als entschieden befestigte vorkommt, sondern bloß als provisorische. Diese wird anerkannt für den Augenblick, aber nur soweit sie sich tatsächlich geltend macht, auf den guten Willen hat sie nicht zu rechnen. Zuverlässig ist noch viel Revolutionäres im Volke, Freiheit[378]  und Gleichheit sind noch immer nicht aufgegebene Voraussetzungen, die Jakobiner brüten im stillen, und eifrige Anhänger der Republik finden sich überall, selbst unter den ersten Großen und Betitelten des Reichs. Freilich ist diese Meinung für jetzt ohne Bajonette und Kanonen, aber alle Macht in der Welt geht doch von der Meinung aus, und jene Werkzeuge fügen sich ihr zuerst. Man hat in Deutschland, wo man das französische Joch so schwer fühlt, kaum einen Begriff, wie wenig die Franzosen selbst unterjocht sind. Ich habe überall sehr frei sprechen hören, doch freilich nicht auf offnem Markte, und auch hier ist in Gestalt des Witzes viel erlaubt. Das Volk selber ist nicht nur witzig, sondern auch gewitzigt und klug und fein von alter Zeit her; die Blendwerke und der Aufputz, durch die man auf dasselbe einzuwirken sucht, täuschen nur den rohen Haufen und oft diesen kaum; man kennt die Leute, die jetzt etwas vorstellen wollen, aus früherer Zeit, man weiß, wie es mit ihnen ist, man lacht ihrer neuen Würden und Titel.
Napoleons wahres Bezwingungsmittel, auch der Franzosen, bleibt immer das Kriegsheer, in welchem allein die verschiedenen Parteien und Klassen wahrhaft verschmolzen werden. Man hat bemerkt, daß nur hier die Royalisten wie die Republikaner sich einigermaßen in treue Anhänger des Kaisers verwandeln, welches im Hof- und Verwaltungsdienste keineswegs ebenso gelingt. Auch scheint Napoleon dies recht gut zu wissen und sucht auf alle Weise den Soldatengeist in der Nation zu heben. Den Ehrenlegionsrittern schreibt er vor: »De préférer toujours la noble poussière des camps au vain luxe de la grande ville«; schöne, stolze Worte, denen nur sein eignes Beispiel oft in mißfälliger Art widerspricht, denn sein Hofprunk und seine Feste behalten immer etwas Plumpes, und aller Aufwand vermag nicht die feine Üppigkeit ehemaliger Zeiten zurückzurufen. Auch ist ihm nichts schmeichelhafter, als Altadelige in seinem Hofdienste zu haben, die alten Namen klingen ihm angenehm ins Ohr. Der alte Name »Hof« dagegen be[379]  stach eine gute Anzahl von jenen, sie konnten dem Zauber nicht widerstehen; die kleine Beschämung suchen sie durch Selbstverspottung zu überwinden. Der Graf von Ségur war Oberzeremonienmeister geworden, sein Bruder unterzeichnete nun öfters: »Ségur, sans cérémonie«; aber auch dieser Bruder nahm Dienste und hatte mit dem Bühnenwesen zu tun. Eines Tages wohnte er einer Opernprobe bei, und Elleviou benahm sich gegen ihn sehr ungebärdig, worauf jener, das Unziemliche zu rügen, die witzigste Wendung nahm: »Mais, mon cher Elleviou«, sagte er ganz gelassen, »vous oubliez tout-à-fait que depuis la révolution je suis devenu votre égal!« Dergleichen witzige Verknüpfungen, Widersprüche und Gegensätze bietet der Zustand der Dinge jedem Beobachter täglich in Menge an, es bedarf nur einer raschen Auffassung.
Die politische Beredsamkeit war zu jener Zeit in Frankreich verstummt, mir zum größten Bedauern, denn meine Jugend hatte deren Widerhall mit Begeisterung vernommen. In Ermangelung der lebendigen suchte ich wenigstens die durch Schrift bewahrte, und mir gelang, die fünf Bände der »Travaux de Mirabeau à l'Assemblée nationale« aufzufinden. Die akademische Beredsamkeit, wie sie im Nationalinstitut nach den alten Mustern noch betrieben wurde, mit ihren zarten Feinheiten, leisen Kühnheiten, geschickten Verschweigungen und allen Künsten literarischer Seiltänzerei war mir ein Greuel, und auch mancher ernste Franzose, der die Macht des Wortes in ganz anderer Gestalt erlebt hatte, blickte darauf mit Verachtung. In Zeiten drückender Gewalt muß die wenige Freiheit wohl sich winden und drehen und alle Hülfen hervorsuchen, die Feinheiten der Sprache, die dichterischen Formen, den Witz und die Laune; aber wo diese Geschicklichkeit überhandnimmt, wo sie fast die einzige Art wird, in der man sich aussprechen darf, da gibt sich kund, daß es mit dem öffentlichen Leben schlecht bestellt ist. Die Franzosen waren damals in dieser harten Klemme, und gewiß, sie haben viel gelernt in der großen[380]  Drangsal! Denn die reiche Beredsamkeit, die sich nach der Wiederkehr der Bourbons so mächtig entfaltete und doch aus bestimmten engen Schranken nicht herausdurfte, kam großenteils aus der Schule der schwierigen Geschicklichkeiten, in welche alle Redemitteilung sich geflüchtet hatte.

Das tragische Feuerwerk, mit dem wir die Reihe der Vermählungsfeste geschlossen hatten, konnte durch seine furchtbaren Eindrücke nicht hindern, daß auch die Witzfeuer, welche neben jenen Festen reichlich aufgeflackert waren, noch häufig Anwendung und Beachtung fanden. Die verhallenden Klänge der Mißreden schlugen noch oft an unser Ohr, und wir hörten nur allzu gern hin! Je strenger diese Art Äußerungen verboten waren, desto größer war der Reiz, sie zu verbreiten. Vorzüglich sind die scharfen Calembourgs bekannt, mit denen der treffliche Schauspieler Brunet bei dieser Gelegenheit die Pariser belustigte. »L'empereur n'aime que Joséphine et la chasse!« ist eines dieser kühnen Wortspiele; ferner, als in Saint-Cloud die bürgerliche Trauung nach dem Code stattfinden mußte, hieß es: »Jamais archiduchesse d'Autriche n'a fait un mariage civil.« Das Stückchen, daß Brunet vor dem Triumphbogen, auf welchem die Pferde aus Venedig an dem noch leeren Siegeswagen gespannt stehen, emporzeigend ausgerufen habe: »Le char l'attend!«, mußte jedem Vorbeigehenden immer aufs neue einfallen. Fast jeden Abend im Théâtre des Variétés nahm Brunet Gelegenheit, durch dergleichen Späße von der Bühne herab das nach solcher Würze begierige Publikum zu belustigen. Als die Sache zu arg wurde, ließ der Polizeipräfekt Graf Dubois ihn rufen und gebot ihm mit harter Drohung, diese Richtung aufzugeben. »Mais que voulez-vous, que je fasse«, versetzte Brunet mit kläglicher Stimme, »c'est mon métier de faire des calembourgs, j'y gagne ma vie, voulez-vous donc que je scie du bois?« Der Witz konnte durch wiederholte Gefängnisstrafe nicht gebrochen werden, wir sahen noch oft genug sein ungeschwächtes Hervorsprudeln.[381] 
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Der merkwürdigste und schärfste Spott aber, der die Heirat getroffen, ist ohne Zweifel ein Poissardenlied, das in hundert Abschriften verbreitet und von Tausenden auswendig gelernt war, dessen Verfasser jedoch, ungeachtet der Wut Napoleons und aller möglichen Anstrengungen der Polizei, nicht ermittelt wurde; noch im September waren einige hundert Personen, die sich des Abschreibens oder Hersagens schuldig gemacht hatten, in Verhaft, aber alle Verhöre blieben fruchtlos, der Ursprung blieb unentdeckt.
In dem Metternichschen Frühstückskreise war es immer sehr lebhaft, die Stammgäste fanden sich zahlreich genug, und Fremde wurden fast jeden Tag eingeführt. Der Graf von Metternich liebte gesellschaftliche Regung und scheute sogar ernsthafte Erörterungen nicht, ja, sogar manche politische Bemerkung, die er in seiner Stellung nicht gutheißen konnte, ließ er freisinnig mit hingehen oder überhörte sie großmütig.
Hier wurden gewöhnlich die Neuigkeiten des Tages ausgetauscht, die frisch angekommenen deutschen Blätter mitgeteilt. Ein Beiblatt des »Österreichischen Beobachters«, den damals noch Friedrich von Schlegel herausgab, Pilat aber schon als sein künftiges Eigentum ansah, brachte uns das Gedicht Goethes an die Kaiserin von Österreich bei ihrer Ankunft in Karlsbad, welches die mannigfachsten Urteile hervorrief. Die Anerkennung, welche Goethen zuteil wurde, hatte schon damals die Art angenommen, daß man im ganzen ihn als den ersten Dichter pries, jedes neue Erzeugnis aber ansehen wollte, als sei es des großen Dichters nicht wert und schmälere seinen Ruhm. Der Neid und die Verkleinerungssucht, welche am liebsten den ganzen Goethe hätten verwerfen mögen, aber zu feig hiezu waren, suchten hinter dieser allgemeinen Anerkennung mit ihrer Bosheit gegen das einzelne desto sicherer Bahn zu finden; allein wo ich zugegen war, traf solches Bemühen jedesmal einen hartnäckigen Widersprecher, und auch jetzt wurde von mir jenes Gedicht gründlich durchgekämpft, wobei ich das Vergnügen hatte, daß der Graf von Metternich, im allgemeinen[382]  für Goethe nicht sehr eingenommen, für den besondern Fall mir größtenteils beistimmte.
Wertvoller konnte mir keine Bekanntschaft sein als die des Freiherrn Alexander von Humboldt. In den Metternichschen Sälen sah ich ihn nur wie ein glänzendes, angestauntes Meteor vorüberschweben, und es gelang mir kaum, mich ihm vorzustellen und einige der Namen ihm zuzuflüstern, die mir ein nahes Recht auf seine Bekanntschaft gaben, die Namen Rahel Levin, Hofrätin Herz, Willdenow, Johannes von Müller. Selten hat ein Mann so der allgemeinen Hochachtung, der Huldigung der verschiedensten Parteien, der Beeiferung aller Mächtigen genossen. Napoleon liebte ihn nicht, er war als ein freidenkender und in seiner Denkart nicht zu beugender Mann bekannt; aber der Kaiser und sein Hof und seine Staatsbehörden verleugneten nie den Eindruck, den sie in der Person des kühnen Reisenden von der Macht der Wissenschaft und ihres nach allen Seiten ausstrahlenden Lichtes empfingen; die Gelehrten aller Nationen waren stolz auf ihren hohen Standesgenossen, die Deutschen insgesamt auf ihren Landsmann und alle Freisinnigen auf den Gesinnungsverbündeten. Ein junger Freund führte mich später zu ihm, wir genossen mehrmals seiner lehrreichen Unterhaltung, besahen mancherlei mit ihm, unter andern den Jardin des Plantes und die schöne Sammlung antiker und orientalischer in Gips und Kork nachgebildeter Baudenkmale des Architekten Cassas. Auch der reichen und schönen Zeichnungen zu Humboldts eignem Reisewerke wurden wir durch seine Güte früher als das Publikum ansichtig. Zugleich in wissenschaftlicher Tätigkeit und in großer Weltverbindung, in der einsamen Forschung und dem lebhaftesten Gesellschaftsgewirr immer sich selber gleich und selbständig hervorzuragen wie Humboldt ist nur selten einem Manne verliehen worden, keiner aber ist mir vorgekommen, der dabei so beharrlich und gleichmäßig ein ganzes Leben hindurch für Menschenwohl mit reichstem Erfolge beeifert und bemüht gewesen.[383] 
Auch die Bekanntschaft des Doktor Gall machte ich bei der Frühstückstafel des Grafen von Metternich, der ihn eifrig beschützte, wie auch der Fürst von Schwarzenberg und überhaupt alle Österreicher, die sich angelegen sein ließen, dem berühmten Landsmanne wenigstens im Auslande die Gunst und Berücksichtigung zu bezeigen, welche die Heimat ihm versagte, denn in Wien war ihm der Vortrag seiner Lehre verboten worden. Pilat führte mich ihm vor und gab ihm auf, den Neuangekommenen, von dem er noch nichts wissen konnte, sogleich nach der Schädellehre zu untersuchen. Gall war etwas ungehalten über die Zumutung, aber teils aus Nachgiebigkeit gegen Pilat, teils aus eigner Lust an seinem Treiben warf er doch einen Blick auf meine Stirne und sagte vor sich hin: »Phantasie, Phantasie genug!« Und nach wiederholtem Blicke fügte er hinzu: »Auch Raufsinn, ja Raufsinn!« Pilat aber rief lustig aus: »Gall, das hättet Ihr nicht besser treffen können, seht nur, wie Ihr Eurer Kunst Ehre macht! Denn der da vor Euch steht, ist Soldat und macht Verse!« Da erheiterte sich Galls Gesicht, und er ließ sich nun willig auf weitere Bestimmungen ein. Pilat aber fand nötig, mich wegen des Wortes »Raufsinn« zu verständigen, indem bei Gall jederlei Tapferkeit damit bezeichnet werde; seine grobe und ungeeignete Terminologie sei leider ein Hauptgebrechen seiner Lehre und setze diese mancher Lächerlichkeit und großen Mißverständnissen aus. Der von Gall über mich erteilte Ausspruch wurde darauf mit vielem Gepränge wieder erzählt und ich vielfältig als neues bestätigendes Beispiel der Richtigkeit des Systems angeführt, so daß mir der Urheber eine Art wohlwollender Aufmerksamkeit widmete.
Ich aber hatte nicht die geringste Neigung zu ihm, seine Lehre sprach mich nicht an, den begeisterten Anpreisungen derselben von Koreff hielt ich die höhern Naturansichten von Steffens und Harscher entgegen, und eines Tages geriet ich über Steffens und seinen Wert mit Gall selbst in Streit, wobei seine plumpe, handwerksmäßige Auffassung wissenschaftlicher[384]  Gegenstände sogar den sonst unkundigsten Zuhörern auffiel. Diesen Streit, in welchem ich kein Haarbreit nachgab und auf dem scheinbar mir fremden Felde mich mit Erfolg behauptete, hat er mir nie verziehen, und wir begegneten einander fernerhin nur als Widersacher oder doch mit entschiedener Kälte.
Dies hinderte nicht, daß er mir bei einer Gelegenheit ein Wort zuwendete, das mich in seiner Verbindung unendlich ergötzen mußte. Es war ebenfalls beim Frühstück des Grafen von Metternich, der Graf von Sternberg aus Prag war vor kurzem angekommen, und ich fand ihn und Gall in lebhaftem Gespräch über Religion; sie standen beide in schroffstem Gegensatze, und besonders Galls Äußerungen waren oft herb und schnöde; plötzlich aber vereinigten beide Männer sich sehr zufrieden in dem Satze, Religion sei doch notwendig! – »denn«, sagte Sternberg, sich zu Pilat wendend, »was sollte am Ende aus der Welt werden, wenn nicht das gemeine Volk durch Religion noch einigermaßen gezügelt würde?«, und: »was wollten wir anfangen«, sagte gleichzeitig Gall, zu mir gewandt, »wenn unsre Fürsten nicht durch Religion noch etwas in Furcht gehalten wären?« Zum Glück hörte keiner der beiden Streiter, was der andere sagte und nach wie verschiedenen Seiten ihre vermeinte Einigkeit auseinanderfuhr. Ich aber, der die Worte beider vernahm, hatte nun freilich einen Überfluß von Gründen, um nicht länger zweifeln zu dürfen, wie Religion doch notwendig sei!
Die Mittagsmahle bei dem Fürsten von Schwarzenberg – man speiste um 6 und auch wohl erst um 7 Uhr – waren prunkvoller und feierlicher als die Metternichschen Frühstücke, doch weniger fein und gewählt. Hier sah man häufig die französischen Großen, die Mitglieder der Diplomatie, die Vornehmen aller Länder und selbst die Herrscher von einigen, mit einem Worte, die ganze in Paris vereinigte große Welt. Waren einmal, was selten genug vorkam, nur Österreicher oder andere Deutsche zugegen, so herrschte die[385]  vertraulichste Mitteilung, der freieste Ton, man sprach deutsch, und die behaglichste Fröhlichkeit beherrschte den ganzen Kreis, der dann wirklich ein Familienkreis zu nennen war. Der edle Fürst, von Wohlwollen wahrhaft durchdrungen, die Fürstin, eine Frau von genialem Verstand und echtem praktischen Freisinn, eifrig und anteilvoll, in Kenntnissen und Gedanken stets fortschreitend, von guter Laune und sie auch in andern weckend, dazu die herrlichen in Gesundheit und Geistesfrische blühenden Kinder und die treuergebenen, frohen Angehörigen und Freunde – man konnte kein schöneres Bild deutscher Häuslichkeit sehen, alle Pracht und aller Stolz der Umgebung schwanden vor der edlen Einfachheit, für welche der Palast nicht mehr war als eine Hütte. Fand sich der Graf von Metternich ein, so verbreitete sich noch ein besonderer Geist in der Gesellschaft, dann konnte man nicht umhin, an witzigen Spielen teilzunehmen, die bisweilen zu ganzen Aufführungen wurden, deren Ergötzlichkeit auch diejenigen, welche sonst Mystifikationen nicht liebten, unwiderstehlich fortriß. Ein Teufelskerl von Franzos, den der Graf meisterhaft den Stocktauben spielen ließ, brachte solche Auftritte hervor, daß Brunet sie nicht besser hätte liefern noch größern Beifall ernten können!

Der den Parisern eigne Witz und die Gabe, welche selbst die untersten Klassen haben, alles auf eine sinnreiche, feine Weise zu wenden, macht aber auch, daß sie sich für die ersten Menschen der Welt, für die klügsten und gebildetsten halten und unbeschreiblich wohl mit sich selbst zufrieden sind; ihre Eitelkeit findet keine Lobsprüche zu groß und preist mit unbefangener Offenheit die eignen Vorzüge. Ein garçon coiffeur im Hôtel de l'Empire trat in den Dienst des russischen Botschafters Fürsten Kurakin, und als er mich zum letztenmal rasierte, zeigte er mir die schönsten Rasiermesser, die er für den Fürsten angekauft. »C'est déplorable«, sagte er, »comme la toilette du prince est mal fournie!«[386] 
Er tat, als ob er den Fürsten aus der größten Not rettete, und schloß endlich: »Mais que voulez-vous? C'est un Russe, ça n'a point de goût, ça n'a rien!« – Jedes Umherstreifen durch die Straßen, jedes zufällige Gespräch mit einem Kaufdiener, mit einer Hökerin brachte uns ein artiges Geschichtchen irgendeiner Art.
Gleichwohl fand ich das Pariser Volk bei all seiner Scherzlust doch im ganzen traurig, und die Stadt schien mir wohl hie und da lustig, aber eigentlich ohne Freude. Ein alter Stamm ehrbarer und tüchtiger Bürger, wurde mir versichert, lebe hier ruhig fort, abgeschieden von der Leichtfertigkeit und den Lastern der großen Stadt, und in dieser Klasse finde sich wahres Wohlbehagen und echte Freudigkeit, der wahre französische Volkscharakter, die levissima Gallorum ingenia, von denen Julius Cäsar spricht, durch gute Sitten und Herzlichkeit gemäßigt. Aber diese Klasse lebte für sich, und der Fremde kam nur selten mit ihr in Berührung. Was zunächst unserm Verkehr sich darbot, war keineswegs erfreulich. Man sagte uns, Paris sei überhaupt im Verfall, wir dürften aus dem, was wir vorfänden, nicht die früheren Zeiten beurteilen. Die Volksmenge sei auf fünfmalhundertsiebzigtausend Seelen herabgesunken, da man vor der Revolution gegen neunmalhunderttausend Einwohner gezählt, der Handel und die Gewerbe gingen schwach, und trotz der Üppigkeit und Pracht, die man zur Schau trage, seien Not und Bedrängnis allgemein. Auch die sonstige Liebenswürdigkeit der Franzosen, versicherte man, habe sehr gelitten, die zuvorkommende Artigkeit sei verschwunden, nur die Redensarten würden noch gebraucht, aber die Sache fehle; überhaupt scheine die ganze Nation bedroht, ihren Charakter zu ändern, die ewigen Kriege Napoleons trügen dazu bei, den Grund aber habe schon die Revolution, und besonders die Schreckenszeit, gelegt. Namentlich sei alle Blüte der Geselligkeit, welche sonst der höchste Glanz und Ruhm von Paris gewesen, unwiderruflich zerstört.[387] 
Das letztere bestätigte auch Chamisso; er selbst wußte kein altfranzösisches Haus, wo er uns hätte einführen können. Im Faubourg Saint-Germain fing man erst an, wieder etwas zu Kräften zu kommen und sich einzurichten, außerdem war man vorsichtig und hielt sich in engem Kreise. Die Großen und Reichen der Kaiserzeit machten ihre Vorteile geltend, aber es waren nur äußerliche, alles wahrhaft Feine und Vornehme fehlte. Ich hatte nicht die geringste Lust, mich in diesen leeren Prunk zu stürzen; die Pflichtbesuche, denen ich mich nicht entziehen konnte, hatten mich schon genug sehen und erkennen lassen, was auf diesem Boden zu gewinnen sein könne, nämlich nur Widerwillen und Langeweile.

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Dabei gab es ohne Zweifel noch reizende Geselligkeit genug, und wer vom Glück einigermaßen begünstigt war, fand sicher noch ein gutes Stück altes Paris in dem neuen wieder. Der Graf Fedor Golowkin zum Beispiel lebte in solchem Überflusse geselliger Verhältnisse, daß er sagte, um ganz ohne Zwang in Paris zu sein, habe er sich mit etwa dreißig seiner besten Bekannten entzweien müssen, nun erst genieße er mit denen, die ihm geblieben, das ganze Vergnügen eines solchen Aufenthalts. Frau von Genlis unter andern sah immerfort einen Kreis feiner und ausgezeichneter Leute um sich, wenn auch mit geringen Mitteln. Auch manche Künstler und Gelehrte vereinigten glänzende Gesellschaft, und man rühmte sehr die Unterhaltung bei ihnen. Allein dies alles war doch sehr vereinzelt, war nur versuchsweise und der Einfluß auf das Ganze sehr gering. Die Klage über Mangel an Geselligkeit und über Langeweile wurde in Paris überall gehört.
Für Einheimische und Fremde war glücklicherweise die Zuflucht der Theater offen; doch war für mich deren Reiz nicht groß, und ich vertauschte selten ganz freiwillig das freie Himmelblau eines schönen Sommernachmittags mit der lampenerhellten Gruftenge schwieriger Logenplätze, wo man für einen ganzen Abend wie gefangen saß. Für das[388]  Trauerspiel und höhere Lustspiel kamen mir die Aufführungen in Saint-Cloud zu Hülfe; die große Oper besuchte ich pflichtmäßig und sah die »Vestalin« und den »Triumph des Trajanus«. Im Théâtre Feydeau durfte die beliebte »Cendrillon« nicht verschmäht werden. Bei dieser Bühne war unstreitig Elleviou das merkwürdigste Talent. Am stärksten zog uns das Théâtre des Variétés an, wo Brunet unser Liebling war. Das Vaudeville und andere kleinere Theater gewannen uns wenig Beifall ab. Lieber verweilten wir bei den kleinen Wanderbühnen auf den Boulevards, bei Polichinelle und Bobèche oder in dem festlich erleuchteten Garten von Tivoli bei den muntern kleinen Stücken, die im Freien aufgeführt wurden, bei den Schauspielern aus dem Stegreif und den Gesichterschneidern, wo doch wenigstens das echt Volkstümliche hervortrat.
Die Vergnügungen in Tivoli dünkten mich im Kleinen das getreue Abbild des Pariser Lebens. Vom ersten Eintritt bis zur Abfahrt wurde man einer Folge von Ergötzlichkeit gleichsam überliefert; jedes Winkelchen, jedes Zeitchen mußte seine besondere Unterhaltung anbieten, von dem prächtigsten Feuerwerk und der rauschenden Militärmusik bis zu kleinen optischen Spielereien und bescheidenem Gitarrensang war alles erschöpft, um nur jedem Augenblick einen Zeitvertreib anzuweisen. Diese vervielfachten Anstalten und Einrichtungen, dieser Groß- und Kleinkram, diese Klaubereien des Vergnügens, was zeigen sie anders an, als daß es überall fehlt? Und in Wahrheit, ich habe in Tivoli kein fröhliches Gesicht gesehen, sondern überall nur den Ausdruck der Blasiertheit, der Enttäuschung, des quälenden Bedürfnisses, dem Gefühle der elendesten Nichtigkeit zu entfliehen, dem Tode, vielleicht dem Gewissen.



 Am Hofe Napoleons. Paris
1810










[389] Unsre Anwesenheit in Paris dauerte schon mehrere Wochen, und noch immer fand keine diplomatische Audienz statt. Endlich wurde diese angesagt, und wir rüsteten uns, dem Kaiser Napoleon vorgestellt zu werden. Vorher führte der Fürst von Schwarzenberg uns noch zu einigen Großen des Hofes und Reichs, besonders aber zu Berthier, dem Fürsten von Neuchâtel und Wagram, wie er damals hieß.
Man rühmte Berthier, daß er, ungeachtet seiner fürstlichen Hofhaltung und großen Reichtums, in seinem Benehmen schlicht und in seinen Ansprüchen mäßig geblieben sei, noch immer den alten Ton mit seinen Kriegsgenossen habe und für den Kaiser wohl die treuste Anhänglichkeit, doch keineswegs den höfischen Diensteifer zeige, den so viele andre, und namentlich Davoust, auf die alleruntergebenste Weise an den Tag legten. Von Bernadotte hingegen erzählte man, daß er mit der ihm eigenen Fröhlichkeit laut über das Hofwesen spotte, den Kaiser in seiner angenommenen Scheinwürde lächerlich finde, sich selber noch immer zu republikanischen Grundsätzen bekenne und seiner Fürstenwürde ungeachtet mit den alten Waffengefährten ganz auf brüderliche Art umgehe.
Berthier hatte uns freundlich gefragt, wie wir uns in Paris vergnügten, ob wir die Kunstsammlungen schon alle besucht hätten, und davon nahm ein ältlicher französischer General, dessen Namen ich nicht erfahren konnte, die Gelegenheit, über das Musée Napoléon zu sprechen, wobei er seine Verwunderung bezeigte, nur so wenige der eroberten Kunstwerke in Paris zu sehen, denn er habe in den fremden Ländern, sagte er, wohl dreimal soviel einpacken sehen, zwischen dem Abschicken und Ankommen aber scheine ein großer Teil einzuschwinden. Wie nachlässig man überhaupt mit dem Weggeschleppten umging, davon kann folgendes[390]  Beispiel genügen. Napoleon hatte das preußische Siegesdenkmal auf dem Schlachtfelde von Roßbach wegnehmen und nach Frankreich abführen lassen; dasselbe war ohne Kunstwert, eine schlichte Säule von Sandstein, aber durch seine Bedeutung dem französischen Kriegsruhm ein unschätzbarer Besitz. Gleichwohl verlor sich diese Säule, und als man nach geschlossenem Frieden Muße fand, an ihre Aufstellung zu denken, war sie nirgends zu finden. Der Kaiser tobte, man erkundigte sich unterderhand, unter andern auch bei Chamisso, wie sie denn wohl ausgesehen habe, und war nahe daran, eine falsche unterzuschieben. Endlich fand sich doch die rechte unverhofft in Brest wieder, und man wußte nicht, wie sie dorthin geraten sei. Sie steht jetzt, durch die Tapferkeit der Preußen wiedererobert, als zweifaches Siegesdenkmal auf ihrem ursprünglichen Ort.
Bei Berthier sah ich auch Denon wieder, der aber mit all seiner Freundlichkeit nur einen widrigen Eindruck machte und in seinem habit habillé mit Stahldegen und Spitzemanschetten einem geputzten Affen gleichsah. Auch ein ehemaliger Adjutant des Kaisers und jetziger Kammerherr, den ich in Wien als Militär sehr hübsch gefunden, nahm sich in seinem roten gestickten Hofrocke ganz vertrackt aus. Damit die Gesellschaft noch bunter würde, kamen auch zwei Geistliche in roten Strümpfen und schienen sich des bißchen Lebens, das an dieser Stätte der Revolution ihnen wieder zugeflossen war, gar sehr zu freuen. Berthier hatte sich mittlerweile in ein Nebenzimmer entfernt, und die Gesellschaft war entlassen. Als die Geistlichen weggingen, flüsterte mir der eine – es war der Kardinal Maury – im Vorbeistreichen die Worte bedeutend ins Ohr: »Nous avons beaucoup de joie de vous voir ici!« Ich sah ihm erstaunt nach; was er laut und öffentlich als eine gewöhnliche Artigkeit hätte sagen können, sagt er mit heimlicher Freude, und mir? Es bezog sich aber wohl auf den Umstand, daß von österreichischer Seite ganz kürzlich die dringendsten Verwendungen für den Papst geschehen waren.[391] 
Am Sonntage, dem 22. Juli, war seit dem Brandunglück wieder die erste Audienz des Kaisers, und man verhieß, sie würde ungemein feierlich und prächtig sein.
Wir waren nach den Tuilerien gefahren und kamen durch ein großes Gedränge von Garden und Volk in ein Gemach, von welchem ich unter dem Namen der Salle des ambassadeurs schon gehört hatte. Die Art, wie hier in dem engen, übelverzierten Pferch so viele erlauchte Personen dicht zusammengedrängt standen, hatte etwas lächerlich Beleidigendes, woran die Scherze der Pariser sich gar zu gern übten. Die reichsten Uniformen und Staatskleider arbeiteten sich mit Mühe und Sorge durcheinander hin und her, von kaiserlichen Livreen untermischt, die im Gedränge Erfrischungen ausriefen und durch die nahe Gefahr immer ihre Nächsten in allen Bewegungen gleichsam suspendierten. Das Gespräch war laut und lebhaft von allen Seiten, man suchte Bekannte, bessern Platz, größere Helle. Eine feierliche Stimmung, eine würdige Spannung schien allen fremd, und was man mitzubringen nicht vermochte, war nichts vermögend hier zu erregen. Der ganze Anblick hatte etwas Fatales, man befand sich schlecht und wartete verdrossen. Mit besonderem Wohlgefallen jedoch verweilte mein Auge auf den Mitgliedern der österreichischen Botschaft, deren Haltung und Betragen nicht die Würde verleugnete, die dem alten Kaiserhause gebührte. Besonders hatte der Fürst Schwarzenberg ein stattliches Ansehen, seine Ruhe war ohne Lässigkeit, sein Ernst ohne angenommenes Gewicht, und eine rechtschaffene Güte lag in dem Ausdruck seines ganzen Wesens, das sich auf diese Art vorteilhaft unterschied von der lächelnden Salonbetriebsamkeit, der hofmännischen Spannung und der weltmännischen Nichtigkeit, die aus dem Wesen so vieler andern, die ihre Stellung an diesem Hofe nicht erkannten und kein Gefühl ihres Verhältnisses hatten, widrig hervorblickten. Dies galt besonders von den Personen, welche von der Zeit mit fortgerissen und doch von ihr vergessen waren, wie dies bei so vielen[392]  Hofleuten der neuen Höfe der Fall sein mußte. Wenn diese Leute, die vornehmsten und gewandtesten, die in so vielen und weiten Kreisen zu finden waren, wenn diese hier so unbedeutend und leer dastehen, wenn sie hier nicht glänzen, in ihren Edelsteinen, Stickereien und Kreuzen, im Gefühl aller Auszeichnung, in der Anerkennung aller ihrer Ansprüche, hier, wo einer der Augenblicke ist, zu denen sie erzogen, auf welche alle ihre Tätigkeit, ihre Einrichtung und Gewöhnung von Jugend auf gewandt worden, was sollen sie denn im Rate des Fürsten, in des Landes höchsten Verwaltungsstellen, im Angesicht des Heeres sein, lauter Dinge, die sie nie so ernstlich bedacht und geübt haben als die Vorteile gesellschaftlicher Erscheinung? Mich ergriffen diese Betrachtungen um so lebhafter, als man gewohnt war, in öffentlichen Berichten, namentlich von den französischen Höfen, als von dem Wohnsitze der Würde, der Feierlichkeit und imponierenden Größe zu reden, da man doch fast nur Unordnung, Armseligkeit und Lächerlichkeit fand.

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Endlich erschien die Zeit, zur Audienz hinaufzugehen; auf die erste Ankündigung davon stürzte alles ordnungslos gegen die Türe, man drängte sich, stieß und schob den Nachbar ohne Umstände. Kammerherren, Pagen und Garden füllten die Gänge und Vorzimmer; unruhige Geschäftigkeit zog auch hier die Augen auf sich, und die Soldaten schienen die einzigen, die sich mit einiger Sicherheit in ihrem Dienste zu benehmen wußten, was sie freilich auch nicht am Hofe, sondern von ihren Feldwebeln gelernt hatten.
Nachdem man im Audienzsaale einen Halbkreis gebildet und sich in mehrere gedrängte Reihen gestellt hatte, kündigte bald der Ruf: »l'Empereur!« die Erscheinung Napoleons an, der von der hintern Seite des Saales hereintrat. In einfacher blauer Uniform, seinen kleinen Hut unter dem Arm, ging er schwerfällig auf uns zu. Seine Haltung drückte den Widerstreit eines Willens aus, der etwas erreichen möchte, und eine Verachtung derjenigen, bei welchen es erreicht werden soll. Ein günstiges Erscheinen wäre ihm[393]  wohl lieb gewesen, und doch schien es ihm nicht recht der Mühe wert, der Mühe, die er sich darum geben sollte, denn von Natur hatte er es wahrlich nicht. Daher Nachlässigkeit und Absicht abwechselnd in ihm hervortraten und nur in Unruhe und Mißbehagen zusammenflossen. Er wandte sich zuerst an die österreichische Botschaft, welche die eine Spitze des Halbkreises einnahm. Die Folgen des unglücklichen Festes waren Anlaß mancher Fragen und Bemerkungen. Der Kaiser wollte teilnehmend erscheinen, er brauchte sogar Worte der Rührung; doch gelang ihm dieser Ton keineswegs, und er ließ ihn auch bald wieder fallen. Für den russischen Botschafter Kurakin hatte er schon minder freundlichen Ausdruck, und im weiteren Fortschreiten mußte ihn irgendein Anblick oder Gedanke heftig aufreizen, denn er geriet in furchtbaren Ärger, fuhr gegen einen der Anwesenden, der nicht zu den bedeutendsten gehörte und dessen Namen mir nicht mehr erinnerlich ist, schrecklich los, war mit allen Antworten unzufrieden und forderte immer neue, schalt und drohte und hielt den armen Menschen eine geraume Zeit in qualvoller Vernichtung. Die näher gestandenen Zeugen, welche nicht ohne eigne Angst diesen Auftritt mit ansahen, beteuerten nachher, es sei gar keine Ursache zu solchem Grimm gewesen, der Kaiser habe nur Gelegenheit gesucht, seine üble Laune auszulassen, und er tue dies sogar absichtlich an solchem armen Wichte, damit alle andern in Schrecken gesetzt und jeder Trotz im voraus unterwürfig gestimmt würde.
Als er weiterging, suchte er wieder gemäßigter zu reden, allein seine Mißstimmung klang noch immer durch. Er sprach kurz, hastig, hingeworfen, die gleichgültigsten Sachen mit einer leidenschaftlichen Schnelle, ja, wenn er gütig sein wollte, klang es immer noch, als sei er zornig. Ich habe kaum eine so rohe, ungezähmte Stimme gehört als die seinige.
Seine Augen waren dunkel umwölbt, auf die Erde vor sich niedergeheftet, und streiften nur ruckweise schnell und[394]  scharf über die Anwesenden hin. Wenn er lächelte, so lächelte bloß der Mund mit einem Teile der Backen, unbeweglich finster blieben Stirn und Augen. Zwang er, wie ich späterhin wohl gesehen habe, auch diese, so bekam sein Gesicht einen noch verzerrtern Ausdruck. Diese Verbindung von Lächeln und Ernst hatte etwas furchtbar Abschreckendes. Ich weiß nicht, was ich von den Leuten denken soll, die in diesem Gesicht Anmut und seine Freundlichkeit einnehmend gefunden haben. Waren doch seine Züge, bei unleugbarer plastischen Schönheit, wie Marmor hart und streng, jedem Vertrauen fremd, jeder Herzlichkeit unfähig!
Was er sprach, war immer, sooft ich ihn reden hörte, gering, sowohl dem Inhalt als dem Wortausdrucke nach, ohne Geist, ohne Witz, ohne Kraft, ja, bisweilen ganz gemein und lächerlich. Faber hat in seinen »Notices sur l'intérieur de la France« ausführlich über die Fragen gesprochen, welche Napoleon bei vielen Gelegenheiten zu machen pflegte und deren Scharfsinn und Kunde so oft mit Unrecht gepriesen worden; ich hatte damals das Buch noch nicht gelesen, fand aber später alles darin bestätigt, was ich selbst gesehen und gehört hatte. Sein Fragen glich nicht selten der Lektion eines Schulknaben, der, seiner Sache nicht ganz gewiß, beständig leise für sich hersagt, was er für den Augenblick des Gebrauchs sonst vergessen zu haben fürchtet. Dieses ist wörtlich wahr von einem Besuche, welchen Napoleon kurz vorher auf der großen Bibliothek gemacht hatte, da er schon auf der Treppe immerfort nach der klassischen Stelle im Josephus schrie, wo dieser von Jesus spricht, und für diesmal kein anders Anliegen zu haben schien, als diese seine wahrscheinlich eben erst erlangte Kenntnis zu zeigen; es schien durchaus, als habe er seine Fragen auswendig gelernt. Einen ansehnlichen Mann aus dem nördlichen Deutschland fragte er, aus welchem Lande er sei, und als dieser die nah an Holland gelegene Gegend genannt hatte, rief Napoleon im Weggehn halb trotzig und halb freudig: »Ah! je sais bien, c'est du Nord,[395]  c'est de la Hollande!« Nicht so glücklich traf er es mit Lacépède in der Naturaliensammlung, dort sah er die Giraffe für einen Vogel an und pries das langhalsige Tier als solchen sogar seiner Gemahlin, welche mit Lacépède über den Irrtum des Kaisers ganz ängstlich wurde, so daß dieser, dadurch aufmerksam gemacht, in seiner Rede unwillig abbrach und außerordentlich mißvergnügt davonging. Der kleinliche Eifer, mit dem Napoleon auch in dem Kreise der geselligen Mitteilung, der ihm ganz fremd ist, bewundert zu sein strebt, war sehr oft geradezu lächerlich, es mißlang ihm hier alles in dem Grade, als ihm in andern Dingen, zu unserm Unglück, alles gelang. Er liebte zwar eigentlich nur, den Menschen etwas Beleidigendes oder wenigstens Unangenehmes zu sagen, allein auch dann, wenn er etwas anderes sagen wollte, brachte er es höchstens zum Unbedeutenden, und da traf es sich wohl einmal, daß er einer ganzen Reihe von Damen, wie ich in Saint-Cloud selber mit anhörte, zwanzigmal nur immer dasselbe Wort wiederholte: »Il fait chaud.«


Wahr ist es, man führt sehr kräftige Machtworte von ihm an, und seine Befehle sind meistens streng und kurz; allein selbst darin ist mehr die Macht bedeutend, und der Nachdruck der Worte kommt vom Kaiser, nicht vom Redner. Mehrere glückliche Einfälle, welche die Herumträger seines Hofes ihm zuzuschreiben pflegten, gehörten andern an, die ihr geistiges Eigentum, das der Kaiser einsteckte, ehrfurchtsvoll verleugneten. Sprach er anhaltend, in größerer Fülle der Mitteilung, wie er dies auch oft liebte und sich dann grenzenlos in Redensarten erging, Tatsachen und Gründe mit größter Geläufigkeit aufeinanderhäufend, so vermißte man nur allzusehr Ordnung und Folge, Klarheit und Festigkeit der Begriffe; nur seine Zwecke und Absichten verlor er dabei nicht aus dem Auge, wiewohl er dieselben am wenigsten durch seine Reden, sondern sichrer durch andre Mittel, durch seine Überlegenheit als Feldherr und durch das eiserne Machtgebot seines Willens erreichte. In diesen Eigenschaften[396]  ist seine wahrhafte Größe, und man braucht ihm keine andre anzudichten, um in ihm stets einen der außerordentlichsten Menschen zu sehen, welche jemals erschienen sind. Die Gabe schöner Rede und anmutigen Ausdrucks, deren Alexander, Cäsar und Friedrich teilhaft waren, hatte sich Napoleons Eigenschaften nicht gesellen können, sein Geist widersprach ihr und noch mehr sein Gemüt.
Deshalb, weil er auf diesem Gebiete gar keine Waffen hatte und nichts erwidern konnte, war Napoleon auch so über alle Maßen empfindlich und aufgebracht, wenn irgendein geistreiches, scharfes oder scherzhaftes Wort gegen ihn laut wurde, und ein spöttisches Lied, ein schmähender Witz konnte ihn zu wahrer Wut bringen. In jener Zeit ging ein Lied auf seine zweite Vermählung umher, das, ganz im untersten Volkston gedichtet, doch ohne Zweifel seinen Ursprung in der höheren Klasse haben mußte. Der Kaiser sah seinen Glanz und seine Macht durch ein gemeines Lied befleckt und schnaubte Rache; aber die Polizei wußte den Verfasser sowenig als die Verbreiter zu entdecken. Auch mir war dasselbe durch die Stadtpost ohne Namen in schlechter Abschrift zugeschickt worden, ich hatte mich mit den vertrauteren Freunden heimlich an den lustigen Versen ergötzt und konnte sie schon auswendig hersagen. Sehr ungelegen traten mir jetzt, als grade der Kaiser übellaunig und finster an mir vorüberging, unwillkürlich Worte und Melodie jenes Liedes in den Sinn, und je mehr ich sie abweisen wollte, desto heftiger drängten sie sich hervor, so daß die von der Spannung des Augenblicks gereizte Einbildungskraft schon schwindelte und bei dem geringsten Anstoß unvermeidlich in das tödlichste Ärgernis stürzen zu müssen glaubte – als glücklicherweise die Audienz ihr Ende erreichte und wiederholte tiefe Verbeugungen das Abtreten Napoleons begleiteten, der an mich keines seiner Worte, sondern nur einen durchdringenden Blick gewendet hatte, mit dessen Weiterschweifen eine wirkliche Gefahr mir zu schwinden schien.[397] 
Nach der Entfernung des Kaisers atmete alles auf, wie befreit und erlöst von einer schweren Last. Allmählich wurde die Gesellschaft auch wieder laut und ging dann völlig in die lärmende Unordnung, in die drängende Eile über, welche zu Anfang geherrscht hatte. Besonders waren die französischen Höflinge bemüht, ihre noch eben gehabte furchtsame und erschrockne Haltung durch nunmehrige Lustigkeit wegzuleugnen, und noch auf den Treppenstufen, die wir hinabstiegen, erschallten Ausbrüche des Lachens und Witzelns über den Hergang der Audienz, deren Würde und Schrecken schon hier aufhörten.
Napoleons Persönlichkeit wirkte zauberhaft und mächtig, wo er wirklich er selbst war: an der Spitze der Truppen, im Felde, wenn er kriegerische Anordnungen traf, seine Machtgebote ergehen ließ. Wollte er aber ihm Uneignes vorstellen, beabsichtigte er Eindrücke, suchte er in Gebieten zu gelten, die nicht die seinigen waren, so gab er nur allzu leicht die schlimmsten Blößen und betörte nur etwa Neulinge und Schwachsinnige. Die Erinnerung an ihn und sein im Geiste der Nachlebenden neuerschaffenes Bild haben mehr Begeisterung für ihn erweckt, als seine Gegenwart es vermocht. Es klingt unglaublich, ist aber bestimmt wahr, daß in Paris, bei aller Bewunderung und Furcht, welche der Kaiser einflößte, doch weder im Volk noch in den höhern Klassen und am wenigsten in seiner gewohnten Umgebung eine eigentliche Verehrung für ihn, ein Glauben an ihn als an ein höheres Wesen bestand; die Franzosen, sofern sie ihn als groß anerkannten, hielten ihn doch nur für groß in dem, was sie alle zu leisten sich getrauten; sie sahen in ihm nicht andre, sondern die gemeinen, gäng und gäben Eigenschaften, nur in ungemeinen Maßen.


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Wie gut es mir auch erging, wie mannigfache Anregung ich auch empfand, wie vieles ich anzuerkennen und zu bewundern hatte und wie sehr ich mein persönliches Los als begünstigt preisen durfte, so muß ich doch sagen, daß der[398]  Aufenthalt im ganzen mir keine Freude machte. Die ewige Zerstreuung, das stete Insichaufnehmen, ohne eigentliches Studieren oder gar selbsttätiges Bilden, das leichte Hinflattern der Tage ohne festes Ziel, ohne leitenden Gedanken, dies alles ermüdete mich bis zur tödlichsten Langenweile, die dadurch nicht besser wurde, daß die ergötzlichsten Vorgänge und lebhaftesten Spannungen als Ausnahme darin mitwogten. Das Gewühl der Menschen machte mich nur traurig. Oftmals am Abend, wenn die Sonne zum Untergange sich neigte, vom Boulevard des Italiens ging ich den Weg nach der Porte Saint-Denis und Porte Saint-Martin hinauf, wo die Boulevards breiter werden, bis dahin, wo der Boden sich allmählich erhöht, dann stand ich still, sah zurück, und der goldene Sonnenschein lag vor mir ausgebreitet und traf über die tiefer wühlenden Menschen hinweg in mein Auge. Die weite Strecke, nur endlich durch die Krümmung abschließend, flutete in der buntesten Bewegung, die Menschen arbeiteten sich gleichgültig untereinander fort, jeder ernsthaft dem eignen Zwecke nachgehend, den ich bei den meisten nur als einen des Eigennutzes, der Selbstsucht, des Betrugs, der Hinterlist und Verführung voraussetzen mußte, und mich jammerte die große Menschenmasse, die mir nur in Versuchen zu leben befangen schien, ohne das Leben selbst je finden zu können. In diesem sonnebeschienenen Gewühl sprach der wehmütige Eindruck, den mir Paris machte, stets am lautesten; denn hier und auf den Quais dünkte mich die Stadt am meisten sie selbst. Wenn ich dagegen in später Nacht diesen Weg ging und die dann menschenleeren Boulevards, in ihrer großen Weite vom Mondschein überdeckt und dieser von ungeheuern Schatten durchschnitten, still und feierlich dalagen, dann glaubte ich frisches Leben um mich her zu fühlen, dann verschwand mir der Eindruck von Paris und ein heimatlicher wehte mich an.
Die Sehnsucht nach Deutschland, nach deutschem Boden und deutschem Volke, verließ mich keinen Augenblick. Die[399]  deutschen Freunde teilten diese Empfindung, auch Schlabrendorf, nur meinte er, von Paris aus gesehen erscheine das Vaterland eine Gesamtheit, käme man aber zum Rhein, so fände man nur Zerstückeltes und fühle die Verlegenheit eines Menschen, der ein Christ sein möchte, aber dies nicht werden könne, sondern nur ein Katholik, ein Lutheraner, Reformierter, Herrnhuter usw. Beispiele genug zeigten, daß Deutsche bei längerem Aufenthalt sich dort heimisch fühlten und in ihrem Wesen dabei nicht beeinträchtigt wurden. Als solche wurden Leuchsenring und Oelsner angeführt, von denen ich den erstern nie und den andern erst viel später kennenlernte.
Ein heftiger Verdruß war es uns, daß eine neue Beschränkung des Bücherverkehrs mit Deutschland in diese Zeit fiel; die Verschärfung der Zensur in diesem Betreff ging von Napoleon selbst aus und kam einem Verbote gleich. Wir hatten in deutschen Blättern die Ankündigung deutscher Bücher gelesen und waren äußerst begierig, uns diese zu verschaffen; das nachgelassene Werk Johann von Müllers über die allgemeine Geschichte, von dem man sich damals die höchste Vorstellung machte, Goethes »Farbenlehre« und so manches aus dem näheren Freundeskreise weckte unsre ganze Sehnsucht, an solchen frischen Quellen uns zu laben. Doch der Buchhändler Schöll erklärte, selbst im Falle diese Bücher erlaubt würden, könne er sie vor einem halben Jahre nicht liefern; er bot uns dafür alten Plunder an und selbst französischen, den er die Dreistigkeit hatte, weit über alles zu stellen, was Deutschland hervorbrächte. Wir verwünschten ihn und den Kaiser und betraten seinen Buchladen nie wieder.
Es hatten mich während meines ganzen Aufenthalts immerfort eine Unruhe und Sorge bedrängt, die endlich zur wahren Angst wurde. Seit Prag war ich ohne Nachrichten von Rahel, meine Briefe waren ohne Antwort geblieben. Alle Briefe waren unsicher, teuer, sogar gefahrvoll, man schrieb ungern und selten; auch hatte Rahel nach Teplitz[400]  reisen wollen, vielleicht wurden ihr dahin keine Briefe nachgeschickt, vielleicht wollte sie von dort nicht antworten und meiner stets nah verkündigten Rückkehr harren; dies alles bedacht ich mir und suchte meine Besorgnisse zu beschwichtigen, allein es gelang mir keineswegs. Von den Freunden Neumann und Fouqué empfing ich Nachricht, und endlich gleichzeitig mit der, daß Rahel schwer erkrankt gewesen und zwar jetzt wieder in voller Besserung, aber noch des Schreibens kaum fähig sei, kam dennoch ein Brief von ihr selbst. Aber was für ein Brief! Ein Brief, im Frühjahr geschrieben, den ich in Kassel hätte finden sollen und der nun im Anfange des Septembers mich in Paris erreichte! Wäre sein Inhalt mir noch in Prag oder Wien bekannt geworden, so hätte mein Sommer wohl eine ganz andre Gestalt angenommen. Das Verhängnisvolle in dieser Zufälligkeit drückte mich schwer, und ich konnte mich nicht zufriedengeben.

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Jetzt wurde mir Paris völlig zuwider, ich harrte mit Ungeduld der Abreise, die einigemal angesetzt war, aber sich wieder verzögerte. Der Tag erschien endlich, und ich wähnte mich berechtigt, mit Rousseau zum Abschied auszurufen: »Adieu donc, Paris, ville célèbre, ville de bruit, de fumée et de boue; où les femmes ne croient plus à l'honneur ni les hommes à la vertu. Adieu Paris; nous cherchons l'amour, le bonheur, l'innocence; nous ne serons jamais assez loin de toi.«



Harren und Streben. Prag
1811










[401] Nach dem wechselvollen Leben, das ich so lange geführt, erschien der herkömmliche Besatzungsdienst und überhaupt der ganze Aufenthalt in Prag sehr beschränkt und einförmig. Die drückenden Zeitläufte machten sich überall fühlbar,[401]  der sinkende Wert des Papiergeldes verursachte auf allen Seiten Verlust und Unsicherheit, der gesellige Zusammenhang war schwach, und außer der schroffen Trennung der Stände wirkte hier auch der Unterschied der Volksstämme sehr merklich. Doch standen die deutsch und die böhmisch redenden Eingebornen noch nicht so sehr voneinander ab als von beiden wir deutsche Ausländer, die wir an Sinn, Richtung und Gewohnheiten hier entschieden fremd waren und trotz manches Bemühens nicht heimisch wurden. Besonders traf dies die zahlreichen Offiziere, welche aus Norddeutschland wegen des Krieges nach Österreich gekommen waren und jetzt im Heere noch fortdienten. Auf einander angewiesen, hielten wir soviel als möglich zusammen, erfuhren aber auch, daß die Gleichheit des Äußerlichen noch lange keine Gemeinschaft bildet. Die mir am wertvollsten gewesen wären, hatte der Zufall entfernt, und der Nähe und Bereitwilligkeit mancher Anwesenden mocht ich mich lieber entziehen. Dagegen hört ich zwei deutsche Namen jetzt in Prag nennen, nach denen ich früher dort und anderswo vergebens gefragt hatte und zu welchen ich mich lebhaft hingezogen fühlte. Der Hauptmann Ernst von Pfuel, mir aus dem Lebenskreise von Nennhausen sehr wohl, aber noch nicht persönlich bekannt, war der eine dieser Männer; der ehemalige preußische Minister Freiherr vom Stein, geächtet von Napoleon und hochgeehrt von allen deutschen Vaterlandsfreunden, war der andre.
Stein war in Berlin durch die französische Achtserklärung mitten in seinen Amtsgeschäften überrascht worden und hatte seine Zuflucht nach Österreich genommen. Hier waren während des Krieges seine Hoffnungen und sein Haß heftig angeregt, und auch nach dem Frieden hielten beide sich voll unmutigen Eifers aufrecht. Er wollte jetzt in Prag möglichst ruhig abwarten, wie die Weltereignisse sich ferner entwickeln würden; der Ort war zu Beobachtungen wohlgelegen, bot vielerlei Hülfsmittel und auch geselligen Anhalt genug für einen Mann, der durch Geburt[402]  und Würden überall zu den Kreisen der hohen Aristokratie gehörte.
Von seiner unbeugsamen Gesinnung, der Schärfe seines Geistes und der ungemeinen Heftigkeit seiner Gemütsart erzählte man vielerlei Züge, welche ihm überall, wo der Franzosenhaß glühte, Bewunderung und Zutrauen erwarben und einen Helden in ihm sehen ließen, auf den das Vaterland einst würde rechnen dürfen. Zwar fanden sich schon damals manche Stimmen, welche so raschem Mute nicht ganz vertrauen wollten, an den Grundsätzen des Staatsmannes vieles tadelten, ihn törichter Vorurteile für alles Alte beschuldigten und denen die Befreiung Deutschlands weit eher durch maßvolle Klugheit und besonnene Tapferkeit als durch heftigen Ungestüm zu hoffen schien; solche Stimmen riefen dann auch wohl die Umstände zurück, durch welche Stein in seine jetzige Lage geraten war und höchst unzeitig einen Wirkungskreis verloren hatte, der ihm für seine Zwecke nicht schöner geboten sein konnte. Diese Umstände konnten allerdings seiner Besonnenheit nicht zum Lobe gereichen; doch waren sie damals nur ungefähr bekannt, der genauere Hergang aber war folgender: Von Königsberg sollte der Assessor Koppe mit Aufträgen nach Berlin und weiter in das nördliche Deutschland abgesendet werden. Stein kam von einer Mittagstafel, wo viel getrunken worden war, und fand den schon Reisefertigen, der sich die letzten Befehle erbat; Stein hieß ihn einen Augenblick warten, trat an ein Pult und schrieb stehend in Eile und Eifer noch an den Fürsten von Wittgenstein einen Brief, den jener empfing und dann abreiste. Die Sache blieb so gut wie vergessen, als plötzlich die Nachricht kam, Koppe sei von den Franzosen aufgefangen und seiner Briefschaften beraubt worden. In der Unruhe und Besorgnis, welche dies erregte, bekannte der Graf von der Goltz, Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, er sei in großer Angst wegen einiger Briefe, in denen er sich über Napoleon scherzend ausgelassen. »Das war recht dumm von Ihnen!« fuhr ihn[403]  Stein sogleich an; und sodann befragt, was er selber denn für Briefe geschrieben, versetzte er gutes Mutes: »Oh, was ich geschrieben habe, das dürfen die Franzosen alles lesen!« Bald nachher las er seinen Brief an den Fürsten von Wittgenstein im »Moniteur« abgedruckt und mußte nun den Inhalt, auf den er sich vorher kaum hatte besinnen mögen, allerdings für verfänglich und unbedacht erkennen. Bei dem lautgewordenen Unwillen Napoleons konnte Stein nicht füglich preußischer Minister bleiben. Er reichte daher seine Entlassung ein, dachte indes auch jetzt so wenig an Gefahr, daß er vorläufig nach Berlin zu reisen wagte. Hier aber las er unerwartet im »Moniteur« ein Dekret Napoleons aus Madrid, durch welches »le nommé Stein«, als Aufruhrstifter gegen die Franzosen, vogelfrei erklärt wurde. Für Stein blieb nun nichts übrig, als zu fliehen. Da die Wege nach England versperrt waren, so konnte nur Österreich eine sichere Zuflucht bieten. Die französischen Behörden hatten den preußischen bereits die Auslieferung des Geächteten nachsuchen müssen, taten jedoch nichts, was seine Flucht hindern konnte; in dem Dekrete war »le nommé Stein« nicht auch als der Minister bezeichnet, diese Unbestimmtheit kam ihm zustatten, er behielt zwei Tage Zeit, seine Anstalten zu treffen, und gelangte glücklich nach Österreich.

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In solchen Fällen aber zeigt sich die Echtheit eines Charakters im glänzendsten Lichte; die wahre Größe ist von ihren sie begleitenden Mängeln unabhängig, und Schwächen und Irrtümer werden ihr nicht angerechnet; die Stimme des Volks, von richtigem Gefühl geleitet, hält ihre echten Helden über Unfälle und Mißgeschicke empor und spricht sie los von der Verpflichtung des Erfolgs. Daß Blücher bei Lübeck sich mit seinen Truppen gefangengeben mußte, hat ihm in der Meinung nicht geschadet, man sah in ihm nicht minder den Helden, dem die Zukunft anzuvertrauen sei. Ebenso können wir von Stein sagen, daß die erzählte Übereilung, welche so große Entwürfe und Bereitungen zerrüttete,[404]  ihm in der Meinung eigentlich kaum geschadet hat; man bedauerte das Vorgegangene, lächelte darüber, aber die Verehrung und das Zutrauen nahmen nicht ab, im Gegenteil, Steins Unfall beglaubigte ihn als unwiderruflichen Feind der Franzosen, dem keine Aussöhnung möglich sei und dessen Versehen sogar nur den Eifer kundgab, der in jeder auch kleinsten Gelegenheit sich selber bloßzustellen kein Bedenken trug. In solchem Ansehen und solcher Würdigung lebte Stein bei den Besten und Würdigsten in Prag.
Er stand mit den vornehmen Familien in hergebrachtem Verkehr, hielt sich aber im ganzen sehr zurückgezogen und hatte nur wenig Umgang, der auch selten seinen Ansprüchen genügen konnte. Denn er machte unausgesetzt die größten Forderungen. Ehrenfest und deutsch wollte er die Menschen, aber auch fein und wohlgesittet, von wissenschaftlicher Bildung, aber auch entschlossen und tatkräftig, womöglich noch unterhaltend durch Geist und Witz. Freilich war er selbst dies alles, aber nur selten wurde ihm dergleichen dargeboten, in Prag nur durch Pfuel, die Grafen von Sternberg und vielleicht noch zwei bis drei andere. Er war auch schon zufrieden, solche Eigenschaften teilweise vorzufinden oder in solcher Richtung den guten Willen. Ich hatte über Paris und Napoleon mancherlei aufgeschrieben, war kürzlich durch einen großen Teil von Deutschland gereist, hatte ja auch schon gegen die Franzosen gefochten, dies alles, wovon Stein hörte und angezogen wurde, verschaffte auch mir die Gunst, daß er mich kennenlernen wollte. Pfuel führte mich zu ihm.
Der Empfang sollte freundlich sein, die Absicht war nicht zu verkennen, aber trotz derselben geriet er doch ziemlich schroff und rücksichtslos. Man sah es dem Manne gleich an, daß er ohne viele Umstände zu verfahren liebte und fast nur gezwungen, durch entschiedenes Machtansehen, wahre Geisteskraft oder trotzige Selbständigkeit einen andern Menschen so gelten ließ, um mit ihm auf einer Art von gleichem[405]  Fuße zu verkehren. Ich werde mich nicht rühmen, gegen Stein irgendeine Positur behauptet zu haben; wie hätte ich daran denken und dies mir gelingen können. Aber ich kann sagen, daß auch er mir im geringsten nicht imponierte und daß ich ihm gegenüber meine Selbständigkeit irgend beschränkt gefühlt hätte. Ich fand ihn einfach und ungezwungen, ganz ohne Stolz und Schein, und so war ich ebenfalls einfach und natürlich, ohne andere Unterordnung, als welche der äußerliche Abstand gebot. Gleich bei dem ersten Besuche, bei Erwähnung mancher politischen Bezüge, in dem Urteil über Personen und Schriften, taten sich merkliche Verschiedenheiten der Ansichten hervor, und Stein schien verwundert, daß ich die meinigen nicht sogleich berichtigen ließ. Doch reizte ihn der Widerspruch nicht unangenehm, und er lud mich lebhaft und dringend zu häufigen Besuchen ein. Ich hatte dazu mehr als einen Antrieb. Meine Verehrung war aufrichtig und unbegrenzt; den hohen Wert eines solchen Mannes erkannte ich mit allem Eifer, mit entschiedener Hoffnung künftigen Erfolgs, sowohl für die allgemeine Sache als für mich insbesondere. Hier ein näheres Verhältnis anzuknüpfen schien in meinen Lebenszwecken ganz eigentlich begründet, früher oder später mußten wir doch in gleichen Richtungen zusammentreffen, und ich konnte mir nicht verhehlen, daß mir dabei nur Ehre und Vorteil erwachsen würde. Aber ich hatte noch ein anderes Anliegen. Für meine künftige Laufbahn mußte ich Studien unternehmen, die ich früher hatte vernachlässigen dürfen und für welche mir jetzt in Prag sowohl Anleitung als Bücher fehlten. Mit völligem Vertrauen hatte ich dem kenntnisreichen Staatsmanne meine Unwissenheit aufgedeckt und seinen Rat und Beistand erbeten, um auf kürzestem Wege in die Zweige praktischer Staatskunde einzudringen, deren ich am meisten zu bedürfen schien. Sehr bereitwillig sagte er mir Hülfe zu, sowohl durch mündliche Belehrung als durch den reichen Vorrat seiner Bücher, die er nach Prag hatte nachkommen lassen.[406] 
Sooft ich nun zu Stein kam, hörte ich gleichsam ein Privatissimum über Gegenstände der Staatswirtschaft, erläutert durch Beispiele aus dem Geschäftsleben selbst, wobei zwar keine geordnete Folge herrschte, aber doch die wichtigsten Ansichten und Tatsachen mir auf die lebendigste Weise dargeboten wurden. Seine eigne Lebhaftigkeit riß ihn fort; jede Unkunde, die er wahrzunehmen glaubte, jeder Zweifel, der sich zu äußern wagte, steigerte seinen Eifer, und er nahm sich die Geduld, in die ausführlichsten Erläuterungen einzugehen. Bei solcher Gelegenheit fehlte es nicht an persönlichen Bemerkungen, besonders über preußische Staatsbeamte, und die Kritik ihrer Handlungen gab ihm noch mehr Herzenserleichterung als mir Belehrung, wobei mir nicht entging, daß in der Sache und in der Form seine raschen Aussprüche als parlamentarische Opposition oft von außerordentlicher Wirkung hätten sein müssen. In seinen Lieblingsvorstellungen ganz ritterlich gesinnt, auf einen starken und reichen Adel haltend, war Stein zugleich der eifrigste Bauernfreund und wollte den Landmann durchaus frei und selbständig wissen. In diesem Betreff rühmte er die neue preußische Gesetzgebung, die zwar nicht, wie man fast allgemein geglaubt, von ihm ausgegangen war, aber doch jede Förderung erhalten hatte. Hierbei kam er auf die Verdienste des in Königsberg verstorbenen Professor Kraus, dessen Schriften er mir gab und empfahl und den er gegen neuere Angriffe mit Zorn verteidigte. In Berlin nämlich gab damals Heinrich von Kleist deutsche Blätter heraus, in welchen Adam Müller den Wert von Kraus sehr herabsetzte und ihn für einen bloßen Nachsprecher Adam Smiths erklärte, dessen Grundsätze, als den Gewerbefleiß zum Nachteil des Adels begünstigend, schon nicht mehr gelten sollten. Stein aber sagte von Kraus: »Der Mann hat mehr getan, als diese Herren je verrichten werden. Die ganze Provinz hat an Licht und Anbau durch ihn zugenommen, seine Belehrung drang in alle Zweige des Lebens, in die Regierung und Gesetzgebung ein. Hat er keine neuen glänzenden Ideen[407]  aufgestellt, so ist er dafür auch kein ruhmsüchtiger Sophist gewesen, und die einfache Wahrheit klar und rein vorgetragen, auf ihren richtigsten Ausdruck gebracht und Tausenden von Zuhörern erfolgreich mitgeteilt zu haben ist ein größeres Verdienst, als durch Geschwätz und Paradoxien Aufsehen zu erregen. Aber so verhält es sich nicht einmal: Kraus war kein Nachbeter, Kraus hatte eine unscheinbare und doch geniale Persönlichkeit, die seine Umgebungen mächtig ergriff, er hatte Blitze neuer Einsichten, großer Anwendungen und setzte uns durch sein unerwartetes Urteil oft in Erstaunen. Wenn er indes sein Abc vortrug, suchte er das B nicht hinter das C zu setzen und eine solche Neuerung als geistreich auszuschreien. Lesen Sie seine Schriften, klar und einfach ist da alles, und mehr brauchen Sie für jetzt nicht. Nebenher lesen Sie mir auch die Franzosen, um zu vergleichen und zu prüfen, die Leute haben auch was getan!« Wenn Stein so eiferte, geriet seine Stimme und Gebärde in eine eigene Art von Zitterung, wobei er die Augen zudrückte und die Worte zuletzt kaum noch ausklingen ließ. Aber wie traf gleich darauf sein Blick groß und durchdringend den Zuhörer, welchem er dann jeden geheimen Widerspruch auf dem Gesichte las und mit neuem, oft hartem und verletzendem Anlauf entgegendrang! Mit ihm ein Gespräch zu haben war ein steter Kampf, eine stete Gefahr, nie konnte man sicher sein, durch eine plötzliche Wendung sich feindlich behandelt zu sehen, weil es ihm beliebte, den gerade Anwesenden, mochte dieser auch ganz einstimmig sein, sich als Widersacher vorzustellen; und dies ohne üblen Willen, ohne persönliche Absicht und ohne irgendeinen bleibenden Eindruck in ihm selber. Dies gab dann auch dem Umgange Steins einen eignen Reiz und ließ die Erregung, in welche sein Gespräch versetzte, eher aufsuchen als meiden; wie denn insbesondere der Kaiser Alexander späterhin von diesem rüstigen und derben Wesen, das sich den höchsten Personen gegenüber nur etwa durch einen Zusatz von Laune mäßigte, ganz bezaubert war und[408]  für Stein ebenso große Zuneigung als Bewunderung empfand.


Durch Stein wurde ich auch mit mancherlei Zusammenhang der politischen Dinge bekannt, der mir bisher entgangen war. Ich bekam Aufschluß über allerlei, was in Berlin und im nördlichen Deutschland vorbereitet wurde, und sah nun Weg und Feld mit zahlreichen Fäden überkreuzt, die beim Weiterschreiten nicht unbeachtet bleiben durften. Stein hatte tätige Verbindungen beibehalten und war von allem, was in Berlin vorging, genau unterrichtet. Scharnhorst und Gneisenau waren die Männer seines Herzens. Nächst ihnen rühmte er Niebuhr, den er als praktischen Staatsbeamten und als gründlichen Gelehrten gleich sehr schätzte und dessen Buch über die Geschichte Roms er mir zuerst mitteilte, wobei er in aller Bewunderung des Scharfsinns und der Gelehrsamkeit doch bedauerte, daß Niebuhr eigentlich kein Deutsch schriebe, sondern im Deutschen immer englisch werden wolle, durch dessen frühes und eifriges Studium er seinen Stil verdorben habe. Von den deutschen Gelehrten dachte er im ganzen nicht vorteilhaft; doch lobte und empfahl er die Schriften von Heeren als gründlich und praktisch, und besonders pries er Fichten wegen seiner »Reden an die deutsche Nation«; die Philosophen mochte er sonst wenig leiden und erklärte die damaligen neuesten geradezu für verrückt. Auch Schleiermachers philosophische Religion war ihm zu geistreich und in betreff der Rechtgläubigkeit mehr als verdächtig. Große Stücken hielt er auf Justus Gruner, von dessen Mut und Gewandtheit im Geheimkriege der preußischen Behörden gegen die französische Polizei und Herrschaft die merkwürdigsten Beispiele erzählt wurden. Von ihm wird später noch die Rede sein.
Hatte ich bei diesen Unterweisungen und Aufschlüssen mich nur belehren zu lassen und fügsam und dankbar zu erweisen, so gab es dagegen andere Gegenstände, bei welchen mir eine tätigere Rolle zugewiesen war. Um seine vielen[409]  Stunden würdig und zugleich fruchtbar auszufüllen, hatte Stein ein ernstes Studium der Französischen Revolution vorgenommen, er wollte diesen Ereignissen, aus welchen die Geschicke der Welt noch unmittelbar herabströmten, einmal auf den Grund sehen, ihre starken und schwachen Seiten kennen. Die damals erreichbaren Hülfsmittel lagen auf seinen Tischen, er las die Schriften aller Parteien und scheute die großen Bände des »Moniteur« nicht, um die öffentlichen Verhandlungen aus der Quelle zu schöpfen. Seine Gespräche lenkten natürlich jedesmal auch auf diesen Gegenstand ein, über den seine Empfindungen und Ansichten auszusprechen er am liebsten selbst eine Rednerbühne bestiegen hätte. Jeder meiner Besuche fand ihn fortgeschritten in dem Geschichtsgange, und ich konnte die Eindrücke jeder Epoche genau wahrnehmen. Sein Haß gegen die Revolution war grenzenlos, besonders in den ersten Zeiten, wo noch so oft durch wenige Maßregeln und einige Entschlossenheit alles hätte gewendet werden können. Die Franzosen von 1789 waren ihm schon die jetzigen, die Republikaner schon die von Napoleon unterjochten und den Deutschen schmachvoll aufliegenden kaiserlichen Kriegsknechte; die Vorgänge, in denen das Volk siegte, erfüllten ihn mit Grimm, er hätte dem Hof, den Ministern, den Generalen noch jetzt seine Kraft und Entschlossenheit leihen mögen. Wenn Mirabeau und Lafayette einige Gnade bei ihm fanden, so war es, weil sie solche Kraft, die sie zuerst gegen den Hof wandten, zuletzt auch der Volksmeinung entgegensetzten. Sonst verwarf er alle Teilnehmer der Revolution in ein und dieselbe Verdammnis. Ich stimmte ihm hierin nicht bei und faßte überhaupt die Ereignisse mehr in ihrer Besonderheit auf, suchte sie aus ihren eigentümlichen Umständen und Antrieben zu erklären und wollte eine unabwendbare Entwickelungsfolge in ihnen sehen. Stein fand dies kleinliche Geschichts-Sachwalterei, wollte von genauen Erwägungen wenig hören und hielt sich als Mann der Tat und des Kampfes an den kurzen Entscheid:[410]  alles dort drüben sei der Feind und er müsse in summa geschlagen und vertilgt werden.
Jedesmal hatten wir hierüber Streitigkeiten. Ich gab zu, daß im Schweben der Schlacht kein Unterschied zu machen sei, aber nach dem Kampfe folge die Geschichte wie ein Lazarett, wo man auch den Feind schonend behandle und wohl Rücksicht nehme, ob er aus Wahl und Absicht oder Zufall und Zwang es geworden sei. Ich war in der französischen Revolutionsgeschichte, besonders in den Anfängen, nicht unbewandert und konnte manche Tatsache, manchen Charakterzug anführen, welche Stein nicht ganz verwerfen durfte; bisweilen ließ er sich den Widerspruch gefallen, wie er denn überhaupt mit jeder Entschiedenheit artiger umging als mit feigem Nachgeben, welches er gewöhnlich mißhandelte. Allein ich stand in jedem Betracht hier zu sehr im Nachteil, um diese Erörterungen zu lieben, welche doch jedesmal den ganzen Umgang aufs Spiel setzten. Verschweigen wollt ich meine Meinung nicht, aber sie ganz herauszusagen war oft kaum tunlich. Ich erinnere mich, einmal gereizt und gedrängt zu Stein gesagt zu haben, er sei ein Reichsfreiherr, ein Adeliger und Vornehmer und habe als solcher im gegebenen Falle ein bestochenes Urteil. Ich erschrak, als ich diese Kühnheit ausgesprochen. Stein aber schwieg einen Augenblick, wurde ganz gelassen und sagte mit mildem Ernst und großer Würde, ich machte ihm da einen Vorwurf, der einigen Schein habe, jedoch um mir zu zeigen, daß er ihn im allgemeinen doch nicht so ganz verdiene, wolle er mir beispielsweise nur sagen, daß, wenn er auch zu dem ältesten Adel gehöre und in adeligen Gewöhnungen und Ansichten herangewachsen sei, doch die eigentlichen vertrauten Freunde, die er in seinem Leben gehabt, freilich aber später wieder habe aufgeben müssen, beide bürgerlich gewesen; er meinte Rehberg und Brandes. »Nicht wahr?« fügte er hinzu, »das haben Sie wohl nicht gedacht?« Meine Beschämung konnte mich so sehr nicht beugen, daß nicht der Anblick des trefflichen und in solchen Momenten[411]  wahrhaft liebenswürdigen Mannes mich noch mehr erhoben hätte.

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Eines Tages aber fand ich ihn wieder über dem »Moniteur« und ganz ungewöhnlich aufgeregt. Er sprach mit Lebhaftigkeit über die Revolution, aber schimpfte nicht. Er war zu dem Nationalkonvent gelangt, und hier, wo sein Haß den Gipfel erreicht haben mußte, wo die Verurteilung und Hinrichtung Ludwigs des Sechzehnten, die gehäuften Greuel und Schrecknisse aller Art ihn empören mußten, sah er sich zu staunender Bewunderung hingerissen durch die ungeheure Kraft und beispiellose Macht, mit welcher der Wohlfahrtsausschuß das innere Frankreich beherrschte und nach außen allen Feinden siegreich die Spitze bot. Diese gewaltsamen Maßregeln, diese furchtbare Strenge und fast übermenschliche Tätigkeit imponierten ihm, diese waren seines Wesens und Geschmacks, solche hätte er selber jetzt zur Rettung Deutschlands gegen die Franzosen anwenden mögen. Wie kräftig diese Leute gewesen, was sie alles geleistet und durchgesetzt, hörte er nicht auf zu preisen und hielt eine begeisterte Lobrede auf jenen Ausschuß, den er mir vorwarf nicht gehörig zu erkennen. Denn freilich konnt ich auch diesmal ihm nicht beistimmen: manche Vorgänge der Revolution waren mir in günstigem Licht erschienen, ich hatte die erste Nationalversammlung bewundert, die talentvollen Girondisten beklagt, aber von frühster Zeit waren mir die Jakobiner und ihre Greuel zum Abscheu und die Größe eines Danton und Robespierre nur schauderhaft. Schon bei dem nächsten Besuche hatte auch Stein von seiner Bewunderung nur noch Abscheu, und im weitern Verfolge der Revolutionsgeschichte fand ich ihn nur noch einmal besonders aufgeweckt, als er zu den Unfällen des Direktoriums gekommen war, wo es ihm wohltat, seinem Hasse auch einmal volle Verachtung beimischen zu können. Man wird mir zugeben, daß ich durch die Gesprächsbegleitung des Steinschen Studiums einen Kursus über die neuere Zeitgeschichte gemacht, wie er nicht leicht wieder vorkommt![412] 
Mehr als mit meinen mündlichen Äußerungen war Stein mit meinen schriftlichen Aufsätzen zufrieden, in denen ich einen Teil meiner Reisewahrnehmungen niedergelegt hatte. Er trieb mich unaufhörlich zum Schreiben an, zum Schreiben im deutschen Sinn, zum Schreiben gegen die Franzosen. Es könne nicht genug in dieser Art geleistet werden, und der Augenblick, meinte er, wo dergleichen gedruckt werden könne, werde schon kommen. Er freute sich, daß Graf Schlabrendorf, von dem ich viel hatte erzählen müssen, durch sein Buch über Napoleon diesem den größten Schaden getan und die Augen der Welt enttäuscht habe, er freute sich der Blätter Arndts, die zu ihm gelangt waren. Jede feindliche Äußerung gegen das französische Kaisertum tat ihm durchaus Genüge. Überhaupt blieb das Vernehmen, solange sein Aufenthalt in Prag dauerte, ziemlich ungestört. Später wurde der Abstand in Meinungen nicht nur, sondern auch in Rang und Stellung allzu trennend. Seine Heftigkeit hab ich als auf mich persönlich gerichtete nie erfahren, wohl aber oft peinlich bestanden, wenn er sich wider andre tobend ausließ.
Steins Raschheit und Ungestüm hing ganz mit seiner körperlichen Organisation zusammen. Er fragte mich einmal nach der Zahl meiner Pulsschläge und hielt mir dann lachend die Hand hin, ich solle die seinigen einmal zählen. Es waren über hundert in der Minute. Dies, versicherte er, sei von jeher sein gewöhnlicher Puls, bei dem er sich vollkommen wohlbefinde. Er schien selber diese Eigenheit als einen Freibrief der Natur anzusehen, der ihm schon erlaube, etwas lebhaftere Aufwallungen zu haben als andere Menschen.



 Prag
1812










[413] Ich übergehe hier eine Menge von Erscheinungen, Wirren und Entwickelungen, welche zum Teil den reichsten Stoff romantischer Lebensbilder darböten, und eile zunächst nur, die Züge flüchtig zu erfassen, welche mit der Wendung der politischen Angelegenheit in Zusammenhang stehen.
Der Winter war mir trotz aller Zerstreuungen doch größtenteils in Stille und Fleiß vergangen. Mit dem Frühjahr wurden die Aussichten zum Kriege zwischen Rußland und Frankreich immer deutlicher und setzten alles in unruhige Bewegung. Die Übungen frischer Tätigkeit wurden vorgenommen: die Reitbahn, der Fechtboden, die von dem Grafen von Bentheim mit tätigster Beihülfe Pfuels errichtete Schwimmschule wurden fleißig besucht. Die größten Zweifel und Überlegungen aber kämpften in den Gemütern, welchen Anteil bei den bevorstehenden Ereignissen der einzelne in den jetzigen Verhältnissen hoffen könne, welche neue er wählen dürfe. In Prag hatten sich die stärksten Mächte und Antriebe zum Hasse gegen Napoleon zusammengehäuft. Der Kurfürst von Hessen-Kassel lebte dort als Vertriebener, mit vielem Anhang und seinem größtenteils geretteten Schatze, voll Trotz und Vertrauen auf einen Umschwung der Dinge und stets bereit, zu einem solchen aus allen Kräften mitzuwirken. Von Stein ist schon gesprochen. Karl von Nostitz, Pfuel und noch andre Norddeutsche, die sich hier zusammenfanden, waren nur zum Kriege gegen die Franzosen in österreichischen Dienst getreten und keineswegs geneigt, nun an der Seite der bisherigen Feinde zu fechten. Französische Emigrierte der beharrlichsten Art und meist in österreichischem Kriegsdienst, unter ihnen der Fürst von Rohan, der Major von Trogoff, der Marquis von Favras, Sohn des im Anfange der Revolution hingerichteten Vertrauten Monsieurs, nachherigen Königs Ludwigs des Achtzehnten, hatten[414]  hier ihren Aufenthalt; desgleichen ein Korse, der Hauptmann Pozzo di Borgo, Neffe des berühmten Diplomaten und wie dieser voll bittern Hasses gegen den allgewalt'gen Landsmann. Die Zahl solcher Unzufriedenen mehrte sich mit jedem Tage. Aus Sachsen traf der Major von Bose ein, dann der Oberst Rühle von Lilienstern. Von Berlin nahm der bisherige Polizeipräsident Justus Gruner hieher seine Zuflucht; aus Hamburg kam als Flüchtling unter fremdem Namen der Buchhändler und Schriftsteller Bran, welchen der Marschall Davoust wegen Übersetzung und Bekanntmachung der spanischen Aktenstücke des Cevallos wollte erschießen lassen; er dankte seine Rettung nur dem Umstande, daß die Leipziger Polizei, kopfschüttelnd über den unglaublichen Namen Bran, den das französische Verfolgungsschreiben angab, sich fest einbildete, der Mann müsse Brand heißen, und daher einen Mann dieses Namens festnehmen ließ, wodurch der nur allzu richtige Bran gewarnt wurde und, ehe der Irrtum aufgeklärt war, nach Böhmen entwich.
Daß Preußen in seiner Lage nur mit Frankreich sich verbünden könne, war längst ausgemacht. Bald wußte man auch mit Sicherheit, daß eine österreichische Hülfsmacht mit den Franzosen vereint sein würde. Eine allgemeine Besorgnis zeigte sich, welche Regimenter dies Los treffen würde, dem entgehen zu können als das größte Glück erschien. Selbst als man vernahm, der tapfre und hochverehrte Fürst Karl von Schwarzenberg bringe den Umständen das Opfer und werde den Oberbefehl über diese Truppen annehmen, sah man weniger auf dieses Beispiel als auf das entgegengesetzte des Generals von Wintzingerode, des Majors von Tettenborn, des Generals Grafen von Wallmoden, welche den Abschied schon genommen hatten oder nehmen wollten, um in russische Dienste zu treten.
Mittlerweile hatte der französische Kaiser von allen Seiten seine und seiner Verbündeten Scharen zusammengezogen, und der ungeheure Heereszug wälzte sich unaufhaltsam[415]  durch Preußen und Polen gegen Rußland hin. Napoleon selbst kam mit seiner Gemahlin nach Dresden, wohin der Kaiser und die Kaiserin von Österreich, welche seit kurzem in Prag eingetroffen waren, sich nun ebenfalls verfügten. Während dieser Zusammenkunft, auf welche die Augen der Welt gerichtet waren, hatte Prag eine nicht geringe Bedeutung, als ein so naher Sammelort entgegengesetzter Strebungen, als Beobachtungsposten englischer und russischer Agenten und, bei solcher Nähe, gleichwohl nicht im Bereich der Macht und Willkür Napoleons. Dies letztere wurde in einem Vorgange, der unter unsern Augen geschah, so auffallend als tröstlich offenbar.

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Durch die wachsenden Anstalten zum russischen Kriege, die Größe und Wichtigkeit des Kampfes, der sich ankündigte, war das Gemüt Steins in heftige Bewegung gesetzt, die Ankunft und Gegenwart Gruners, der öfters heimlich zu ihm kam, hatten ihn noch mehr aufgeregt, und wo und wann man ihn nun sehen mochte, immer fand man seine Stimmung auf gleicher Höhe gereizt und leidenschaftlich. An ein ruhiges Gespräch war nicht mehr zu denken. Von Arndt, der sich nach Rußland geflüchtet hatte, war der zweite Teil seines »Geistes der Zeit« erschienen, und Stein, wahrscheinlich der einzige in Prag, war im Besitz der Druckbogen. Aus diesen las er mit gesteigertem Ausdruck die heftigsten Stellen laut vor, doch selten brachte er eine ganze Seite zu Ende, so stark ergriffen ihn Zorn und Freude und so heftig fühlte er den Drang, selber dazwischenzureden. »Seit Burke«, rief er aus, »ist nichts von so echter politischer Beredsamkeit erschienen, von so eindringlicher Wahrheit!« Diese Schreibart empfahl er mir zur Nachahmung. »Auf diesem Wege«, schrie er mich an, »mögen Sie sich versuchen, tatsächliche Wahrheit, nicht metaphysische Phrasen! Verstehen Sie mich, Herr Metaphysikus?« Durch was ich diesen Titel mir verdient haben mochte, weiß ich nicht, aber Stein bezeichnete mich noch in der Folge mehrmals so, und ich behielt davon lange Zeit eine Art Kriegsnamen,[416]  der freilich nicht eben kriegerisch lautete. Doch meinte er es keineswegs übel mit mir. Er hielt mich unverbrüchlich der guten Sache zugetan und sprach Erwartungen aus, zu deren Erfüllung er mich nur stärker anspornen wollte. Schließlich meinte er, in einer Zeit, wo so viele Hunderttausende sich einander die Hälse zu brechen eben im Begriff wären, sei es besser, gar nicht zu schreiben, sondern selber mit loszuschlagen.
Während der Zusammenkunft der beiden Kaiser in Dresden war Stein doch besorgt, die Franzosen möchten seine Auslieferung fordern oder die österreichische Behörde, vielleicht um jenes zu vermeiden, ihn den Augen des Feindes in größere Ferne entrücken wollen. Diese Besorgnis mußte aufs höchste steigen, als er unerwartet von seiten des russischen Kaisers die Einladung empfing, ohne Säumnis nach Rußland zu kommen und dort eine bedeutende, zunächst auch für die deutschen Verhältnisse wichtige Wirksamkeit zu übernehmen. Stein war ohne viel Besinnen sogleich entschlossen; seine Familie sollte in Prag bleiben, er selbst machte sich reisefertig; aber die Sache hatte nicht ganz geheim bleiben können, und einige Tage gingen jedenfalls noch in unerläßlichen Anordnungen hin. Ängstlich blickten wir während dieser Tage nach Dresden hin, jeder Augenblick brachte Gefahr, das Vorhaben Steins konnte angezeigt werden, der Befehl, ihn zu verhaften, seiner Abreise zuvorkommen. Einmal in der Gewalt des Feindes, war sein Leben schwerlich zu retten. Stein selbst bestand diese Krisis mit voller Kenntnis der Gefahr, doch in unerschütterter Seelenstärke. Dabei verhehlte er sich nicht, welch zweifelhaften Schicksalen er entgegenging. Wurden die Russen überwunden, so war er für immer auch der letzten Zuflucht, die ihm in Deutschland noch geblieben war, beraubt, für immer von den heimatlichen Verhältnissen, Besitzungen, Hülfsmitteln, ja sogar von seiner Familie getrennt, und selbst Rußland vielleicht gewährte keine Freistätte mehr für ihn. Doch nichts änderte seinen Entschluß. »Wundern Sie[417]  sich nicht«, sagte er zu einem Bekannten, der im Vertrauen war, »daß ich auf gut Glück, wie ein junger Mensch, eine neue ungewisse Bahn antrete! Wer sein Vaterland verloren hat, der ist notwendig ein Abenteurer. Ich habe keine Wahl; ich muß Freiheit und Vaterland am Ende der Welt suchen!« Um die Mitte des Mai reiste er ab. Als wir nach einiger Zeit hörten, er sei durch Mähren und Galizien glücklich nach Rußland gelangt, atmeten wir auf, denn noch immer hatten wir gefürchtet, noch unterweges möchte ein Unglück ihn anhalten. Seine Abreise machte einen ungeheuern Eindruck; daß man in Rußland an ihn gedacht hatte, gab einen hohen Begriff von der dortigen Einsicht und Umfassung, man sah in der russischen Sache nun auch die deutsche, sie war in Stein gleichsam anerkannt und einverleibt.


Die österreichischen Behörden hatten die Sache ruhig geschehen lassen; als in Dresden das Geschehene ruchbar wurde, ließ der französische Kaiser mehr Verwunderung als Verdruß darüber aus und tat verächtlich, als sei im Grunde nichts daran gelegen. Ein großer und verhängnisvoller Irrtum, der schwer zu büßen war! Steins Anwesenheit in St. Petersburg war ein außerordentliches Gewicht auf der russischen Seite; sein Ansehn und Einfluß wirkten auf die Beschlüsse des Kaisers, auf die Stimmung der höchsten Kreise und überhaupt auf die Maßregeln und Anstalten des Krieges mit unwiderstehlicher Gewalt. In den schlimmsten Augenblicken, als die Franzosen in Moskau eingezogen waren, wankte sein Mut und seine Stärke nicht. Sein beredter Haß fachte zum Widerstande, zur Ausdauer an. Unter den Mächten, durch welche Napoleon gestürzt worden, wird Stein immer in erster Reihe zu nennen sein.
Inzwischen erreichte die Zusammenkunft in Dresden ihr Ende; Napoleon eilte seinem schon an die Grenzen Rußlands vorgerückten Heere nach, und der Kaiser und die Kaiserin von Österreich nebst der Kaiserin der Franzosen kamen nach Prag, wo zu Ehren der geliebten Herrscher und des fremden hohen Gastes alles ein festliches Ansehen gewann[418]  und der Krieg und alle politische Sorge und Befangenheit eine Zeitlang vergessen schien. Der Graf von Metternich strahlte in allen Vorzügen seiner Persönlichkeit, und während er mit hellem Blicke die großen Möglichkeiten, die sich für ganz Europa nunmehr aufschlössen, erfaßte und erwog, die Verbindungsfäden sorgsam in der Hand hielt und zurechtlegte, schien er nur mit heitern und angenehmen Dingen beschäftigt, nur bedacht, die Vorkommenheiten des Tages mit Würde und Anmut gelassen abzutun. Ich hatte das Glück, ihn fast jeden Tag zu sehen, und nie werd ich besonders die herrlichen Abende bei ihm auf dem Hradschin im Palaste des Fürsten von Lobkowitz vergessen, wo eine kleine Gesellschaft in völliger Unbefangenheit und Gleichheit, die selbst durch die Gegenwart des Großherzogs von Würzburg kaum gestört wurde, sich bis in späte Nacht der anmutigsten Unterhaltung erfreute und geistreiches Gespräch mit vortrefflicher Musik abwechselte. Der Kapellmeister Paër, zum Gefolge der Kaiserin Marie Luise gehörig, setzte sich zum Fortepiano und phantasierte; mit ihm wetteiferte der Freiherr von Krufft aus der österreichischen Staatskanzlei, der gleichfalls ein Meister war; bisweilen spielten sie beide zugleich und suchten durch zwiefaches Improvisieren ein Ganzes hervorzubringen, eine geniale Übung, wobei sie einander die Gedanken an den Augen absahen, aus ersten Andeutungen ganze Richtungen erraten mußten und durch Begegnen, Meiden, Einlenken, Wiederfinden, Loslassen und Zusammenstimmen eine gespannte Teilnahme und oft die außerordentlichste Wirkung hervorbrachten.
Die Teilnahme an solchen Vergnügungen hemmte jedoch den Fortgang der Entwürfe nicht, zu denen die Zeitumstände immer dringender aufriefen. Ich war entschlossen, den österreichischen Dienst zu verlassen, von Pfuel und Willisen wußte ich dasselbe, und wenn meine Lage und Verhältnisse mir den Weg nach Rußland für jetzt versperrten, so war auch Norddeutschland ein weites Feld, auf welchem, in möglichen Fällen, mancherlei zu unternehmen sein konnte.[419]  Hierin bestärkte mich Grüner, der nach Steins Abreise etwas tätiger hervortrat, aber nun auch schon mehr Aufmerksamkeit weckte und sich beobachtet und gefährdet wußte. Er war in Berlin der Mittelpunkt weitverzweigter Verbindungen und als Leiter der hohen Polizei im Besitz großer Mittel und Kundschaften gewesen. Die gefährlichsten französischen Späher waren in seine Schlingen geraten und spurlos verschwunden; seine List wie seine Verwegenheit brachten den Franzosen großen Schaden, aber diese erkannten ihn längst für ihren Feind, und als, infolge des Anschlusses von Preußen an Frankreich, französische Truppen auf Berlin marschierten, durfte er deren Eintreffen nicht abwarten, legte sein Amt nieder und entwich nach Böhmen. Er stand mit den russischen Behörden in tätigem Vernehmen und hielt in ganz Deutschland seine gleichgesinnten Verbündeten rege. Sein großer, klug angelegter und bei seinen Hülfsmitteln gar nicht unausführbarer Plan war, im Rücken der französischen Heere, sobald diese weit genug in Rußland vorgedrungen wären, überall ihre Kriegsvorräte in Brand zu stecken, jede Nachfuhr zu hemmen, besonders aber die Pulverwagen auffliegen zu lassen. Daß er in Prag ungestört bleiben durfte, die gelungene Überkunft Steins und die günstige Stimmung, die er überall antraf, machten ihn aber allzu sicher, er prüfte nicht genug, wem er sein Vertrauen schenken dürfe, und besonders unvorsichtig war sein Briefwechsel. Das Beispiel Steins hätte ihn warnen sollen, allein er ging in Leichtsinn nur weiter. Er hielt seine Briefe noch für ganz sicher und ihre Geheimschrift für unentdeckt, als schon längst fremde Augen sie durchliefen, den Inhalt erforschten und den ganzen Zusammenhang einsahen. Vergeblich wurde er gewarnt, er glaubte seinen Beobachtern überlegen zu sein und ihnen, wie er sich ausdrückte, eine Nase gedreht zu haben. Eine Unterredung mit dem Grafen von Metternich, mehrere vertrauliche Besprechungen mit dem General Freiherrn von Koller, anstatt ihn zur Besonnenheit zurückzurufen, regten nur seinen Übermut an. Die[420]  österreichische Regierung sah den Zeitpunkt kommen, wo sie ihn nicht mehr würde schützen können; die französischen Behörden in Berlin, in Hamburg hatten gegen ihn die schärfsten Angaben in Händen, jeden Augenblick mußte man erwarten, seine Auslieferung begehrt zu sehen, und mit so triftigen Gründen und gebieterischem Drange, daß man nicht würde widerstehen können. Um ihn zu retten und größeres Unglück zu verhüten, kam man den Franzosen zuvor, Gruner wurde unerwartet von österreichischer Seite verhaftet und als Staatsgefangener nach Peterwardein abgeführt; seine Papiere und Gelder entgingen auf diese Weise den Franzosen ebenfalls. Er selber hat in der Folge dies Begegnis als eine Wohltat anerkennen müssen, behielt aber doch eine bittre Erinnerung dabei, welche der erste Eindruck in ihm hinterlassen hatte.

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Nachdem der König zum Gebrauch des Bades nach Teplitz abgegangen war, gedachten Willisen und ich nun auch ernstlich unsrer Abreise nach Berlin. Dabei stieg indes nunmehr manches Bedenken auf, an welches früher nicht gedacht worden war. Die Franzosen und ihre dienstbaren Helfer, deren es damals unter den Deutschen leider viele gab, waren endlich auf die Personen und Betreibungen, welche von Prag ausgingen, aufmerksam geworden, besonders beunruhigte sie der Kurfürst von Hessen-Kassel, der alles zu unterstützen bereit schien, was im nördlichen Deutschland gegen die Franzosen unternommen werden mochte. Die französische Heeresmacht verlor sich in immer größere Ferne, im Rücken lagen große Landstriche fast entblößt, der Einbruch einer kleinen feindlichen Schar konnte die größte Verwirrung anrichten. Man hatte die kühnen Züge Schills, des Herzogs von Braunschweig-Öls, den Streifzug des Lieutenants von Katt, den Aufruhrversuch des westfälischen Obersten von Dörnberg noch in gutem Andenken. Unter diesen Umständen wurden die französischen Gesandtschaften, die Polizei- und Kriegsbeamten zu größter Wachsamkeit und Strenge angewiesen; der Mittelpunkt aber aller[421]  polizeilichen Aufsicht für das ganze nördliche Deutschland war der Graf d'Aubignose in Hamburg, mit welchem die Behörden in Dresden und Berlin fleißige Verbindung unterhielten.
Pfuel hatte sich zuerst aufgemacht und Prag verlassen. Sein Ziel war Rußland, aber der Weg, den Stein noch hatte nehmen können, war jetzt verschlossen, und ihm blieb nur der größere Umweg über Dänemark und Schweden. Wir reisten durch Sachsen, ohne uns aufzuhalten; der bekannte Weg war durch die Trägheit der Postillone doppelt langweilig.
Die preußische Hauptstadt war von französischen Truppen besetzt, und wir meldeten uns herkömmlich bei dem Marschall Augereau und bei dem Kommandanten General Durutte, gleicherweise bei der preußischen Behörde. Ungeachtet des guten Anscheins, mit dem wir aufgenommen wurden, bemerkten wir bald, daß man uns beobachtete, welches wir uns indes nicht besonders anfechten ließen. Nach einigen Wochen wollte Willisen seine Eltern bei Magdeburg besuchen, hatte aber kaum das westfälische Gebiet betreten, als er verhaftet und auf das Kastell nach Kassel abgeführt wurde. Nur dies erfuhr man über ihn und weiter nichts. Durch diesen Vorfall wurde natürlich auch meine Lage gespannter und bedenklicher, ich durfte nicht wagen, den Umkreis der Stadt zu überschreiten. Von den Kämpfen und Mißgeschicken, die ich hier zu bestehen hatte, den Hoffnungen und Aussichten, die sich abwechselnd erhellten und verdunkelten, werd ich vielleicht künftig eine Schilderung versuchen, die durch das Eigne einer solchen Übergangszeit wohl anziehend werden könnte. Ich erwähne hier nur, daß ich an dem Hause des österreichischen Gesandten Grafen Stephan von Zichy den sichersten Anhalt fand, bei dem Staatskanzler Freiherrn von Hardenberg die günstigste Aufnahme genoß, ja sogar von dem Grafen von Saint-Marsan durch Einladungen ausgezeichnet wurde. Doch ungeachtet alles guten Anscheins blieb ich in der schwierigsten und bedenklichsten Lage, gehemmt bei jedem Schritt,[422]  in jeder Tätigkeit. Obgleich in glanzvoller Geselligkeit, verlebte ich einen traurigen Winter. Mein Trost war Rahel, in deren Nähe zu sein mir alle Widrigkeiten überwog. Ein andrer Trost erschien und bildete sich zu immer helleren Hoffnungen aus, da der Brand von Moskau kund wurde, die Siegesrufe der Franzosen verstummten, die Nachricht von ihrem Rückzug und Verderben erscholl und dieses endlich vor Augen erschien in den jammervollen Trümmern des großen Heeres. Die Russen rückten siegreich heran, überschritten die Oder und standen schnell vor Berlin, wo der Oberst von Tettenborn mit seinen Kosaken im ersten Anlaufe den Feind einige Stunden durch die Straßen jagte, nach wenigen Tagen aber die verstärkten russischen Truppen entschieden einrückten.
Aus peinlichem Zwang aufatmend, im vollen Gefühl der Freiheit und neuen Lebens eilte ich zu Tettenborn. Ich fand hier Pfuel als Major vom Generalstabe angestellt. Wir alle freuten uns des Wiedersehens. Mein Verhältnis war schnell entschieden, Tettenborn nahm mich sogleich als Hauptmann für den russischen Dienst in Anspruch und vertraute mir seine auf Hamburg gerichtete Unternehmung. Ich war zu allem bereit, aber ich war auch schon in preußischen Kriegsdienst berufen und hatte zunächst Depeschen der preußischen Behörde als Kurier nach Breslau zu überbringen, wo der König, der Staatskanzler und die übrigen Häupter der Geschäftsführung sich schon seit einiger Zeit aufhielten. Da die Sache der Russen und Preußen hier schon für ein und dieselbe erklärt war, so hatte mein Anliegen keine Schwierigkeit. Breslau war zum Kriegsherd geworden, alles flammte von Eifer; Waffen und Kampf war das allgemeine Verlangen. Auch von diesen Tagen wird künftig noch einiges Nähere zu berichten sein. Ich sah auch Stein hier wieder, zwar auf dem Krankenbette, aber auch krank noch in voller Kraft!

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Ich eilte nach Berlin zurück und von da nach Hamburg, welches Tettenborn mittlerweile schon glücklich erreicht und besetzt hatte.



Kriegszeit
1809–1813













Die Schlacht von Deutsch-Wagram


Wien


Ungarn


Nach dem Wiener Frieden


Prag


Aufenthalt in Paris


Am Hofe Napoleons. Paris


Harren und Streben. Prag


Prag [2]


Hamburg






Paris
1814










[7] Ich war in dem wohlbekannten Hôtel de l'Empire abgetreten; die nötige bürgerliche Kleidung, in welche jeder Stand und Rang hier beeifert war unterzutauchen, war gleich zur Hand, und ich begann meine Fahrten und Gänge, mir das wohlbekannte und durch den Wechsel der Ereignisse doch völlig neue Paris in Augenschein zu nehmen. Außerdem, daß die Fremden nun als solche in ihrer Tracht und Wehr und Selbstigkeit zahlreich und angesehen hervorragten, zeigten auch die Franzosen eine von der frühern ganz abweichende Physiognomie. Mit den Bildern ihrer Kriegsübermacht, die ihnen seit langen Jahren schmeichelnd vorgehalten worden, waren auch die meisten andern Festigkeiten, an denen sie ihr Leben regelsicher zu halten meinten, zusammengebrochen oder schwankend geworden, die tonangebende Meinung, das selbstzufriedene Betragen, der helle und rasche Überblick ihrer Zustände und Welt, der ihnen im Praktischen von jeher so großen Vorteil gab, alles war plötzlich fort, mußte erst wieder gefunden, wieder errungen werden, und das Wo und Wie lag in tiefem Dunkel. Napoleons Stern war untergegangen, das war gewiß, ihm blickten sehnend und trauernd einzelne Anhänger nach, aber die große Menge hatte sich völlig abgewandt. Die Anhänger der Bourbons jubelten laut, und niemand störte sie, aber in ihren eignen Reihen war große Unruhe und schon mannigfache Spaltung; die wenigsten von ihnen hatten ihre Treue durchaus rein erhalten, die meisten, und unter diesen[7]  die vornehmsten und fähigsten, mußten sich größere oder geringere Abweichungen verzeihen lassen; war doch sogar Chateaubriand in diesem Falle! Und während nun die Ausschließlichen sich den höchsten Lohn, den andern aber gerechte Strafe zuerkannten, fühlten sie doch sogleich die Notwendigkeit, auch den erst heute entstandenen Eifer gelten zu lassen und ihm einige Anschließung zu gönnen. Die Politischen hinwieder wollten, von der Gegenwart ausgehend, nur die Zukunft ins Auge fassen; ihnen galt Gesinnung und Hingebung nur insoweit, als sie heute zu brauchen waren, und es zeigte sich bald, daß die eigentliche Kraft der Dinge bei ihnen war; die altadeligen Offiziere und Beamten, die unter dem Kaiser gedient hatten, aber nun von ihm abgefallen waren, standen im größten Vorteile des Augenblickes, sie waren am meisten geeignet, der neuen Sache mit Kraft und Erfolg zu dienen. Die Freiheitsfreunde und Republikaner, sofern sie nicht schon in das Kaisertum übergegangen waren, standen zerstreut und dunkel im Hintergrunde, von ihnen war kaum die Rede. Die Masse des Volkes hatte wenig Selbständiges, sie harrte beklommen und neugierig der Dinge, welche kommen würden, und konnte mit mäßigen Zugeständnissen befriedigt werden, sobald nur Ordnung, Festigkeit und eine leidliche Übereinstimmung der Regierenden mit den bisherigen nationalen Entwickelungen zu hoffen blieb. Diese gutmütige Hoffnung war allerdings bei vielen vorhanden, und sogar auf die verbündeten Herrscher sah man hiebei mit Zuversicht, sie hatten ihre eigne Sache kraftvoll und weise geführt, ihre Mäßigung war augenscheinlich, und der Kaiser Alexander führte eine Sprache, welche an die schönsten Ergüsse aus den frühsten Zeiten der Revolution erinnerte. Man war überzeugt, aus soviel edlem Willen müsse Gutes und Richtiges hervorgehn; die Masse des Volkes würde ohne Widerwillen den Versuch gemacht haben, sich von dem jungen Napoleon unter Regentschaft seiner Mutter oder von dem Kronprinzen von Schweden regieren zu lassen, die Wiedereinsetzung der[8]  Bourbons, die alsbald zustande kam, erfuhr dieselbe halb gleichgültige, halb vertrauende Aufnahme, wiewohl nicht zu verkennen war, daß dieser Versuch im allgemeinen die Gemüter doch bedenklicher stimmte, als es bei jenen andern schien folgen zu müssen.
Doch das eben Gesagte gilt nur von dem kleinen Zeitraum der ersten acht oder zehn Tage, denn mit unglaublicher Schnelligkeit ging eine völlige Verwandlung vor. Das Ungewisse entschied sich, das Schwankende befestigte sich, wie im allgemeinen, so in jedem einzelnen; die Bestürzung hörte auf, die Besinnung kehrte wieder, man erkannte sich selbst, überschaute die Fremden, die Nächsten, die Feinde und Gleichgesinnten, man erwog und rechnete, und binnen wenig Wochen zeigten sich alle Vorteile der Stellung und des Benehmens im täglichen Verkehr wieder auf der Seite der Franzosen. Aus dem Gewirr von Widersprüchen und Parteien erhob sich, als gemeinsamer Ausdruck aller, vorherrschend die Richtung des Nationalen und trat den Fremden gegenüber mit Erfolg auf; alle Kräfte und Eigenschaften der Nation waren zu diesem Werke tätig und eifrig, und wie ein über Nacht schnell aufgeworfner Wall die Dahinterstehenden am Morgen in einer ganz neuen Stärke und Fassung zeigt, so standen uns die Franzosen unvermutet in neuer Sicherheit gegenüber, indem sie mit stiller, aber eiliger Arbeit, zu welcher alle Klassen beitrugen, sich mit achtunggebietenden Linien der Nationalität umzogen hatten, die nicht verletzt werden dürfe, der alle Ehrerbietung und Huldigung zu widmen sei. Wirklich sah es bald aus, als wären wir nicht unsertwegen, sondern der Franzosen wegen nach Paris gekommen, als müßten wir vor allem sie zufriedenstellen, ihren Beifall gewinnen, uns das Zeugnis edler Denkart und feiner Sitte von ihnen ausstellen lassen. Wir fühlten wohl, und nicht ohne Mißmut, daß unsre Sache in demselben Maße erschlaffte, als die der Franzosen sich steifte, wir fühlten, daß unser Volkswesen, gemischt und unentwickelt, gegen das französische zurückstände, daß[9]  unsre Anliegen zurückgeschoben blieben, wie denn sogar unsre Krieger im eroberten Lande schlecht quartiert und versorgt waren; aber den Franzosen durften wir deshalb keinen Vorwurf machen, im Gegenteil mußten wir anerkennen, daß grade hierin sie uns ein achtungswertes Beispiel gäben, und die Erscheinungen, aus denen es sich zusammensetzte, waren im einzelnen so gefällig, so lustig oder so scharf und bedeutend, daß ein unbefangener Sinn sich unwillkürlich davon einnehmen ließ.
Mein erster Gang war zu dem Grafen von Schlabrendorf. Im Hôtel des Deux-Siciles, vor demselben wurmstichigen Schreibtisch, auf demselben gebrechlichen Stuhl und auch wohl in demselben zerrissenen Kittel, fand ich ihn wieder, ganz wie vor vier Jahren. Er war froh und keck, lebhaft wie immer und sah mit stolzer Zuversicht aus seiner Einsiedelei auf die Dinge hin, die sich draußen in der Welt begaben. Die Ereignisse freuten ihn; so lange schon hatte er den Sturz Napoleons geweissagt, aber die Erfüllung in unbestimmte Ferne gesetzt, nun war sie plötzlich unter sei nen Augen geschehen! Doch keinen Augenblick hatte sie ihn berauscht; er durchschaute besonnen die Ursachen und die Folgen des Sturzes und verhehlte sich nicht, daß die Sache, für welche sein Eifer ausschließlich brannte, die Sache der Freiheit, dabei nicht hauptsächlich, sondern nur gelegentlich beteiligt sei, nur insofern, als sie bei jeder Bewegung gewinnen müsse. An seinen Grundsätzen, den Ergebnissen seines Nachdenkens und seiner Erfahrung, hielt er unverbrüchlich fest; im Gebiete der Idee ließ er sich nichts abdingen, keinen Anspruch, keine Folgerung, unverkürzt und unverhüllt sollten alle Erfordernisse zugestanden sein, die er als wesentlich zum Urbilde des Staates gehörige sich ausgeklügelt hatte; dafür war er nachgiebig und billig für die Erscheinungen, beurteilte die Menschen mild und suchte gern überall das Beste hervor. Er war der erste und vielleicht der einzige, der an demselben Tage, wo Napoleons Herrschaft brach, gleich wieder an Republik dachte und für[10]  sie eiferte. Dennoch übersah er um seiner Träume willen keinen Drang der Wirklichkeit. Die Verbündeten waren in Paris eingerückt, mit verhältnismäßig geringer Macht, umgeben von französischen Truppen, die zwar kapituliert hatten, aber mit andern in Berührung kamen, die noch als feindliche anzusehen waren; die Scharen Napoleons konnten von Fontainebleau heranrücken, die Pariser Nationalgarde war noch bewaffnet, das Volk gärte in drohenden Wallungen, mehrere Tausend Napoleonischer Offiziere, von ihren Truppen abgekommene, neuer Anstellung harrende oder auch von Krankheiten und Wunden genesene, streiften aufregend durch die Stadt; die geringe Zahl der verbündeten Truppen, die schwachen Maßregeln zur Sicherheit des Kaisers von Rußland und des Königs von Preußen wurden Anlaß zu einem verwegenen Plane, beide Herrscher aufzuheben; die Truppen bei Fontainebleau waren benachrichtigt, auf ein gegebenes Zeichen anzurücken, fünfhundert Offiziere sollten auf Leben und Tod den Hauptstreich führen und in die Wohnungen der Monarchen eindringen, das Volk sollte in Masse zu den Waffen gerufen, an mehreren Orten Feuer angelegt werden, und wenn auch Paris darüber in Flammen unterginge, hieß es, so sei der Preis für Frankreichs Befreiung nicht zu hoch. Schlabrendorf, dem dergleichen schnell vertraut wurde, sandte noch in der Nacht eine genaue Anzeige und Warnung an den König von Preußen, der ihm dafür danken ließ und die nötigen Maßregeln anordnete, um jeden Angriffsversuch zu vereiteln. Einige bewaffnete Haufen kamen wirklich in den Straßen zum Vorschein, wurden aber sogleich auseinandergesprengt und die vom Felde her sich der Stadt nähernden Truppen zurückgetrieben. Nur der erste Augenblick war hiebei der gefahrvolle, nachdem dieser verloren und alles Verabredete fehlgeschlagen oder unterblieben war, stand kein neues Unternehmen zu befürchten, solche Gelegenheit und solcher Mut wiederholen sich nicht. Hatte sich hiedurch Schlabrendorf um seinen König und um die Sache der Verbündeten verdient[11]  gemacht, so war er dagegen in andern Beziehungen ein unerschütterlicher Freund der Franzosen. Er wollte die Errungenschaft der Revolution gewahrt wissen, keines ihrer teuer erkauften Güter sollte verlorengehn. Gegen die Könige hatte er im allgemeinen viel einzuwenden, er sprach darüber mit einer Freiheit und Scheulosigkeit, die, wie der jugendliche Ungestüm seiner geistreichen Ausdrücke, in Erstaunen setzten, besonders da er zu Franzosen aller Parteien und zu Deutschen jedes Ranges und Standes sprach, denn seine Klause war zu manchen Tagesstunden ganz überfüllt von Besuchenden. Er wurde erinnert, daß manche seiner Äußerungen doch gefährlich seien, die heutigen Machthaber dürften in gewissen Fällen sogar strenger sein als Napoleon gewesen. Er aber versetzte lebhaft: »Die mich hören, müssen sich fürchten, mehr als ich, der ich spreche!« Und so fuhr er fort, alles zu sagen, was ihm in den Sinn kam.
Dem Fürsten von Metternich, den ich darauf besuchte, standen der Sieg und Ruhm der verbündeten Sache sehr wohl zu Gesicht, er durfte sich von dem vollbrachten großen Werk ein gutes Teil zurechnen, und wiewohl man behauptete, die letzten Wendungen seien nicht ganz nach seinen Absichten erfolgt und er habe andre Auswege, als die man gewählt, im Sinne gehabt, so war doch in seinem Wesen keine Spur eines Mißvergnügens zu merken, und wenn jene Meinung nicht ganz unbegründet gewesen, so wäre nur um so mehr die Ruhe und Größe zu bewundern, die das zur Tatsache Gewordene mit klarem Bewußtsein hinnahm und nun aufrichtig und standhaft das erkannte und förderte, was vorher vielleicht dem eignen Sinne weniger entsprechen mochte.
Bisher hatte sich mir neben der Aussicht, nach Beendigung des Krieges eine neue Laufbahn in Preußen anzutreten, auch die Lockung, dies in Österreich zu versuchen, oftmals dargeboten, und es gab persönliche Gründe genug, die mich vorzugsweise das letztere konnten wählen lassen. Nach Verschiedenheit der Umstände und Eindrücke mußte ich[12]  bald mehr zu der einen Seite, bald mehr zu der andern neigen. Die große Anziehung des Fürsten, an den sich anzuschließen mir als das wünschenswerteste Glück erschien, konnte jetzt durch ihren Zauber allem Schwanken ein Ende machen. Sie tat es, jedoch im entgegengesetzten Sinne, als ich erwartet hatte. Denn da ich aus dem überaus gütigen und vertraulichen Gespräche des Fürsten bald entnahm, ihm gelte nicht als ausgemacht, daß ich im österreichischen Dienste auch in seiner Nähe bleiben würde, so war aller Eifer mir gleich erloschen, und ich fühlte deutlich, daß, wenn bloß der Staat in Betracht zu kommen hätte, ich unbedenklich Preußen vorziehen müßte.
Dies kam auch gleich zur Entscheidung, als ich den Minister vom Stein zu sprechen bekam. Er lachte laut auf, daß Paris, das eroberte Paris der Ort sei, wo wir uns wiedersähen! Die Freude und das Behagen glänzten in seinen Zügen, er hatte die reinste, die vollste Zufriedenheit, ihm waren die höchsten Wünsche erfüllt, der Feind lag darnieder, das Vaterland war frei; niemand schwelgte so uneigennützig, so ledig aller Nebengedanken in diesem frischen Gefühle. Daheim würde schon alles zum besten sich ordnen, meinte er, und wenn nur Recht und Wahrheit im Ganzen walteten, so dürfe man es mit einer Handvoll Gebrechen nicht so genau nehmen, deren würden in allen menschlichen Einrichtungen immer zu finden sein. Auch er hatte in seiner hohen Stellung öfters zwischen Preußen und Österreich geschwankt, bald dem einen, bald dem andern sich stärker angeschlossen; allein während der letzten Monate war sein Sinn entschieden auf preußischer Seite befestigt worden und mit den politischen Ansichten des Staatskanzlers Freiherrn von Hardenberg in volle Übereinstimmung getreten. Er fragte mich, was ich zu tun gedächte. »Sie werden doch nicht nach Rußland gehen wollen? Pfuel, Clausewitz, Barnekow, die kehren alle nach Preußen zurück, und da rat ich Ihnen auch, sich anzuschließen. Da will man Sie brauchen, ich glaube, im Fach der[13]  Auswärtigen Angelegenheiten, Hardenberg hat es mir gesagt; der will Ihnen wohl und denkt, Sie können gut schreiben. Werden Sie mir aber nur kein Schwätzer und kein Naturphilosoph, studieren Sie Grotius und Pufendorf, da steckt die echte, die kernhafte Diplomatik drin.« Die Warnung vor der Naturphilosophie hatte ich mir noch von Prag her verdient, und er nannte mich, wie dort, auch hier bisweilen »Herr Metaphysikus«. Der gutgemeinte Eifer des trefflichen Mannes wurde durch seine polternden Ausdrücke nur noch wohltuender, ich hätte sie für keine noch so zierlichen eintauschen mögen! Er hatte mir noch eingeschärft, ohne Säumen bei Hardenberg anzusprechen, ich würde vielleicht sogleich da zu tun finden. Nun war das meine Meinung wohl nicht, so übereilt wollte und durfte ich Tettenborn nicht verlassen, und wenigstens den Sommer wünscht ich mir frei zu erhalten, um, ganz der eignen Neigung lebend, mich zu erholen und zu sammeln. Aber den Staatskanzler aufzusuchen war mir Annehmlichkeit und Pflicht.

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Bei Hardenberg sah es preußisch aus, prunklos und kriegsmäßig, als wäre man noch im Feldlager, gedrängt, geschäftig. Generale und Offiziere in großer Anzahl, die freudige Stimmung noch mit etwas Trotz und Mißvergnügen gemischt, die Rede kühn und scharf, gern in Ironie auslaufend. Durch Wilhelm und Alexander von Humboldt, Gneisenau, Knesebeck, Rühle von Lilienstern, Ancillon und Jordan, die ich hier beisammen fand, fühlt ich mich sogleich auf bekanntem Boden, der Staatskanzler selbst war die hervorragende Mitte dieses Kreises. Hier hörte ich zuerst die bedeutenden Worte: der Krieg sei noch nicht beendigt, der Frieden könne nur ein Waffenstillstand sein, nur die Sache Napoleons sei abgetan, die Nationalsache zwischen Deutschland und Frankreich aber nicht ausgefochten, man werde dazu nochmals auf den Walplatz zurückkehren müssen. Wer konnte denken, daß die Prophezeiung Gneisenaus im nächsten Jahre schon eine scheinbare Erfüllung finden würde! Doch allerdings nur eine scheinbare, denn abermals war es[14]  nur wieder die Sache Napoleons, die ihre schließliche Entscheidung empfing, die andere Sache steht noch jetzt, nach achtundzwanzig Jahren, ebenso wie damals.
Mein künftiges Verhältnis wurde von Hardenberg vorläufig so besprochen, wie es für den Augenblick mir genügen konnte. Ich sah meine Lebenswendung für entschieden an, und Stein, dem ich es zu melden eilte, bezeigte die größte Zufriedenheit darüber; ebenso Tettenborn, der inzwischen mit dem größten Teile seiner Offiziere gleichfalls in Paris eingetroffen war und sich freute, daß ich wenigstens die nächste Zeit noch mit ihm bleiben könnte. Er hatte für sich und sein Gefolge eine große prächtige Wohnung in der Rue du Helder genommen, und ich mußte nun in dasselbe Hotel ziehn, ehemals Hôtel de Mirabeau genannt, wie ich mit Vergnügen erfuhr. Das enge Zusammensein mit den Kriegskameraden genoß ich als ein schönes Glück noch zuletzt vollauf, denn der geliebte General hielt uns gern vereint und blieb auch auf dem heißen Boden der üppigen Hauptstadt uns ein glänzender Führer zu allen Herrlichkeiten und Vergnügungen wie früher im Felde zu Kampf und Anstrengung. Die nahe Trennung war übrigens nur allzu gewiß, das Band, welches die verschiedenartigsten Verhältnisse innig zusammengeschlungen hatte, löste sich auf. Pfuel, Hochwächter und Bismarck kehrten nach Preußen zurück, Droste von Vischering und Herbert nach Österreich, die Hanseaten nach Hamburg, der Marquis de La Maisonfort war schon kein Russe mehr, sondern wieder ein völliger Franzos; Russen und Deutsche sannen auf die Heimreise, manche der letzteren auf neue Abenteuer; als Adjutanten blieben bei dem General zuletzt nur die Rittmeister von Lachmann und von Philipsborn, sie sollten ihn fürerst nach London begleiten, wohin auch mir mitzureisen bestimmt wurde.
Ich benutzte die Zwischenzeit aufs beste und fand in dem bewegten Drange so vieler Menschen und Gegenstände noch immer Zeit, auch durch Schreiben mannigfach tätig zu sein.[15]  Zu Tagesbemerkungen, Denkschriften und Aufsätzen gab es immer neuen Anlaß; Briefe waren zu schreiben, geschäftliche und freundschaftliche.
Nachrichten aus allen Gegenden des deutschen Vaterlandes kamen allmählich an, man gelangte wieder zu einigem Überblicke, man erkannte sich aus Toten und Lebenden heraus, und nach gehaltenem Abschlusse fing man auf neue Rechnung zu leben an. Unter den Verlusten schmerzte mich am meisten Fichte, dessen Tod mir erst hier bekannt wurde. Wen alles ich von Lebenden hier wiedersah, lieb und unlieb, erwartet und unvermutet, aus allen Klassen, besonders aber Offiziere, preußische, österreichische und russische – das wäre kaum aufzuzählen. Auch französische Bekanntschaften drängten sich heran, ehmalige Emigrierte, die unsern Heeren gedient oder in Deutschland sich aufgehalten hatten, die Brüder unsres Chamisso, sogar einige Spanier, die ich von Hamburg her kannte, wo sie mit dem Marquez de la Romana gewesen waren.
Meine liebste und heilsamste Zuflucht blieb jedoch Schlabrendorf, und der Tag, wo ich ihn zu sehen versäumte, was nur selten geschah, galt mir als ein unbefriedigter. Die Gesellschaft bei ihm war immer zahlreich und gemischt, ihn hinderte niemand, und da er meist allein sprach, so konnte man im schlimmsten Falle nur für das verantwortlich gemacht werden, was man gehört hatte. Auf diese Gefahr wagten es doch die angesehensten Personen, ihn zu hören. Hardenberg, Wilhelm von Humboldt, Gneisenau und eine Menge andrer Preußen, besonders die vornehmen Schlesier, besuchten ihn. Von Franzosen erwähn ich vor allen den liebenswürdigen, sprachkundigen Fauriel, den scharfsinnigen edlen Say. Zu seinen eifrigsten Besuchern gehörte auch der Portugiese Dr. Constancio, ein Arzt, der aber Politik und Literatur zu seinem Fach erwählt hatte und in beiden mehr England, wohin er schon als Knabe gekommen war, als Frankreich angehörte. Oelsner, früher in diplomatischen Geschäften tätig, Keidel, Geschäftsträger der Stadt Danzig,[16]  Schubart aus Bremen, buchhändlerisch und politisch betriebsam, kannten Paris und die französischen Verhältnisse nach allen Richtungen. Sie und eine große Zahl ähnlich gestellter und beschäftigter Franzosen, von alter Zeit her mit Schlabrendorf vertraut, legten regelmäßig den Ertrag ihrer zugeströmten oder eingesammelten Neuigkeiten bei ihm ab und empfingen sie kritisch gesichtet, erläutert und gesteigert von ihm zurück. Die frischesten Vorgänge waren hier gleich bekannt, die geheimsten Betreibungen enthüllt, die entlegensten Bezüge sogleich gefaßt und ihr Zusammenhang aufgehellt. Alle Fragen des Tages, alle dabei namhaften Personen wurden hier mit gründlicher Kunde und ergötzlicher Munterkeit besprochen. Was für Debatten, was für Auseinandersetzungen, welche Anklagen und Verteidigungen hab ich hier mit angehört! Die Stunden flogen im Sturme dahin, und immer fand man die Sitzungen zu kurz; wäre man noch anders als mit Worten oder einem Glase Wasser bewirtet worden, man hätte gern bis in die Nacht hinein ausgehalten!
Aber auch Stoff und Reiz der Tagesgegenstände in jener Zeit waren übergroß; die Geschicke der Welt, die Angelegenheiten von Europa, der Abschluß einer ungeheuern Revolution, der Anfang einer neuen Wendung, die Dämpfung und Neugestaltung der lebhaftesten und bisher mächtigsten Nation, alles war in Paris zusammengedrängt und arbeitete gärend untereinander. Über das künftige Regierungswesen in Frankreich war schon kein Zweifel mehr, der Wiedereinsetzung der Bourbons konnte kein Hindernis mehr entgegentreten, schon war der Graf von Artois, für den auch der altherkömmliche Titel Monsieur aufwachte, als Vorläufer und Stellvertreter seines Bruders, des Königs, in Paris eingetroffen und von Behörden und Nationalgarden feierlich empfangen worden. Auch war jedermann überzeugt, daß die neue Regierung konstitutionelle Formen haben würde, nur über die Art und Stärke derselben schwebte man in ängstlicher Dunkelheit. Der Senat hatte[17]  zwar eine Konstitution entworfen und veröffentlicht, in der Meinung, der von ihm berufene König werde sie nicht abzuweisen wagen; allein jene Körperschaft entbehrte alles Ansehens und Vertrauens in der Nation, und es stand ihr schlecht an, sich zwischen Volk und Herrscher als Vermittlung aufzustellen; daß sie die Sicherung der Dotationen ihrer Mitglieder in die Konstitution aufgenommen hatte, brach beiden um so schneller den Hals, dem Senat und der Konstitution.
Nicht gesetzlich, aber tatsächlich und unhemmbar bestand jetzt in Paris völlige Preßfreiheit; wer hätte sie beschränken, wer die Gesamtheit der Veröffentlichungen leiten, wer sie nur überschauen können? Noch unter dem eisernen Zwange der Kaiserherrschaft, in den letzten Tagen derselben, bevor die Verbündeten in Paris einzogen, hatte Chateaubriand mit Gefahr seines Lebens insgeheim seine heftige Schrift gegen Napoleon und für die Bourbons zum Druck befördert, und fast gleichzeitig mit den Ereignissen, die sie verkündete, trat sie fertig hervor. Sie fand bei den Royalisten und bei den Fremden ungemessenen Beifall, auch in den Anschuldigungen gegen Napoleon bei vielen Franzosen noch Zustimmung genug; allein die pomphaften und sich den alten Formen anschmiegenden Erhebungen des wiederkehrenden Königshauses erregten Mißfallen und Argwohn oder ließen kalt und gleichgültig. Auch Benjamin Constant ließ bald eine Schrift erscheinen, durch die er beweisen wollte, daß Napoleon Frankreichs Verderben gewesen, alles Heil aber nun von dem Königtume zu erwarten sei; strenger und gedankenschärfer als der bilderreiche Chateaubriand hatte Constant den Gegenstand behandelt, allein auch ihm warf man vor, daß er schon zu schmeichlerisch für die neue Herrschaft rede, und Feindlichgesinnte dachten daran, seine vor acht Jahren erschienene Schrift »Des réactions politiques« wieder abdrucken zu lassen, worin er freilich hatte beweisen wollen, daß die Wiederkehr der Bourbons nie zu wünschen, nie für Frankreich heilsam sein könne![18] 
Diesen edlern und höheren Schriften drängten sich bald eine Unzahl gemeine und geringe nach, in welchen Bonaparte und seine ganze Familie, seine Anhänger und seine Herrschaft auf alle ersinnliche Weise geschmäht, alle verschuldeten und unverschuldeten Gebrechen seiner Staatsverwaltung gehässig hervorgezogen und alles zum Ärgernis verarbeitet wurde. Eine ganze Literatur entstand in dieser Richtung, eine jedem guten Geschmack und Sinn durchaus ekelhafte. Ich sah hier das Gegenstück zu dem schon einmal Erlebten, zu dem ähnlichen Hervorbrechen solcher schmähenden und schamlosen Schriften, das ich in Berlin infolge der Unglücksfälle Preußens gesehen hatte; dieses Höhnen der Geschlagenen, dieses Schmähen der für den Augenblick Wehrlosen, dieses freche Zerreißen jeder Hülle war mir jetzt hier, wie damals dort, in der Seele zuwider, und ich sah mit Unwillen, daß die französischen Schriften solcher Art von meinen Landsleuten begierig gekauft und genossen wurden. Sollte hier die Nemesis ihr Recht haben, so war der Göttin wenigstens edlere Sprache zu wünschen, und wenn die Genugtuung nur darin besteht, daß zu dem einen Unschönen noch ein zweites komme, so ist es wohl besser, auf alle Vergeltung zu verzichten!
In ganz anderer Richtung und unerwarteter Kraft erschienen alsbald auch Flugschriften von der Freiheitsseite her. Eine der frühesten und wichtigsten war die des Senators Grégoire, des ehemaligen Bischofs von Blois, der, ungeachtet seines revolutionären Eifers und späteren Grafentitels, immer ein streng katholischer Christ und ein starrer Republikaner geblieben war. Er kritisierte die von dem Senat entworfene Konstitution mit eindringender Schärfe und stellte politische Grundsätze auf, die man seit vielen Jahren nicht gehört hatte. Andere Schriften solcher Richtung, von genannten und ungenannten Verfassern, folgten rasch nach, und bei solcher Sprache und solchen Forderungen, wie hier aufgestellt wurden, begann man zu fühlen, daß die Revolution doch wohl nicht überall erstickt sei.[19] 
Schlabrendorf ging mit verjüngter Lust und Kraft in diese Erörterungen ein; er hatte die Schriften gleich zuerst, erkannte ihren Sinn, ergänzte die Lücken, deutete die Anspielungen und hatte mit den Gründen auch stets die Gegengründe zur Hand, mit welchen letztern er seine Hörer oft nicht wenig überraschte. Denn seine reife Erwägung drängte sich selbst seiner Parteineigung vor, und wo er falsche Anklagen zu finden glaubte oder oberflächliche Meinungen walten sah, da berichtigte er streng und verteidigte dann auch wohl das Königtum und die Bourbons mit größtem Eifer und siegender Beredsamkeit. Daß jede Seite gehört würde, darauf bestand er unverbrüchlich; er pries gerade darum die öffentliche Verhandlung, weil auch das Dumme und Verkehrte sich da ausspreche und solchergestalt unschädlich mache. Daher genügte ihm auch keines der Geschichtsbücher über die Französische Revolution, weil alle zu wenig die Debatten überlieferten, in welchen doch oft einzig der Schlüssel der Begebenheiten zu finden sei. Als Zeugnisse des Tages empfahl er die erwähnten Flugschriften der Aufmerksamkeit nicht nur des Staatsmannes, sondern auch des Geschichtschreibers; er meinte, ihr wesentlicher Inhalt dürfe in einer Erzählung dessen, was wir eben erlebten, nicht fehlen. Da er bedauerte, weder rasch und leicht noch gern zu schreiben, indem er sonst wohl eine solche Erzählung versuchen würde, so nahm ich in seinem Sinne die Feder und begann ein Bruchstück, »Die Rückkehr der Bourbons«, zu schreiben, welches ich ihm dann zeigte und ihn damit zu reizen dachte, selbst Hand anzulegen. Allein obgleich er die Auffassung billigte, so wollte er doch die deutsche Sprache für diesen Gebrauch noch zu unbeholfen halten, er meinte, die Franzosen müsse man nur französisch reden lassen. Er war nämlich damals ein großer Eiferer für deutsche Sprachreinheit und wollte solche Wörter wie Revolution, Konstitution, Monarchie, Souverainetät und andere dieser Art im höheren deutschen Stil nicht gelten lassen, ohne sie doch immer durch schickliche und fast nie[20]  durch gleich verständliche, rein deutsche ersetzen zu können. In Briefen gab er schon größere Freiheit zu und im Gespräch völlige. Zum eigenen Schreiben war er doch nicht zu bewegen und lehnte auch in der Folge jede Zumutung der Art entschieden ab. Meine Arbeit blieb also liegen und mag nun, fragmentarisch und verspätet wie sie ist, nur noch als Merkwürdigkeit, in der das Leben jener Tage und der Geist jenes ausgezeichneten Mannes widerscheint, wohlgünstigen Lesern mitzuteilen sein.


Ich besuchte Schlabrendorf auch zu solchen Stunden, wo ich ihn allein wußte, denn ihn zu stören durfte man nicht befürchten, er war Tag und Nacht zum Sprechen und Erörtern bereit, und er schien beinahe dankbar, daß man ihn vom Lesen und Schreiben erlöste, denn in der Einsamkeit war er doch zu einem von beiden notwendig verurteilt. In diesen Gesprächen unter vier Augen nahm er einen ganz andern Schwung, als wenn er gemischte und darunter auch wohl ganz gewöhnliche Zuhörer vor sich wußte; er verließ den realen Boden der Tageswelt und erhob sich in ideale Gebiete der Staatskunde, der Sittenlehre, der Geschichte. Was er sagte, waren meist Bruchstücke seines großen Entwurfs einer Republik, die als Ganzes von ihm selber wohl nur als Hirngespinst bezeichnet wurde, deren Grundlinien aber und einzelne Bestandteile er in jedem gegebenen Staate wiederfand, schwächer oder stärker, wonach sich denn auch die Stufe der Entwickelung bestimmen sollte, auf der sich ein Staat befände, je nachdem er viel oder wenig von jenem Ideal darstellte. Daß er hiebei auf die seltsamsten Dinge kam, unerhörte Verknüpfungen machte und von Paradoxen zu Paradoxen sich verstieg, braucht kaum noch gesagt zu werden. So stand ihm zum Beispiel Rußland in gewissen Beziehungen, doch freilich nur in diesen scharf bezeichneten, dem Staatsideale weit näher als Deutschland und sogar England; in andern Beziehungen, wieder waren ihm die Vereinigten Staaten von Nordamerika ein Beispiel des ganz Verwerflichen. Genug, man konnte von ihm sagen,[21]  wie Schillers König Philipp vom Marquis Posa, daß die Welt in diesem Kopfe sich ganz anders abgebildet habe als in jedem andern! Ich schrieb mir manches von seinen derartigen Äußerungen auf und kann daher einige Beispiele davon fast in seinen eignen Worten hier mitteilen.
»Alle gemäßigte Monarchie«, sagte er eines Abends, »ist nur als Stufe zur Republik zu betrachten; der Fürst ist das sinnliche Zeichen, dessen das Volk zur Ehrfurcht für das Gesetz bedarf; kommt einmal das Volk so weit, diese Ehrfurcht für das Gesetz selbst zu hegen, so wird der Fürst unnütz, und die Republik ist da. Schlimm aber ist es, wenn das Zeichen unnütz erscheint, ehe der Sinn für das Wesen reif ist wie jetzt in England, wo der Geringste im Volke weiß, daß sein König wahnsinnig, daher für das Land wie gar nicht da ist, und doch der Staat zusammenhält. Fände sich dagegen ein Volk so reif, republikanisch sein zu können, und so weise, freiwillig auf jener Stufe der Annäherung zu bleiben, so könnte man von solchem wohl die größten Erscheinungen der Geschichte erwarten.« Ein andermal sagte er: »Die Freiheit ist unteilbar; wo man ein Stück von ihr zuläßt, da folgt unabwendbar das Ganze nach; jede einzelne ihrer Institutionen zieht die andern mit stiller Gewalt heran. Volksbewaffnung, Bürgervertretung, Preßfreiheit, all dergleichen ist ein Zweig der Freiheit, meint man den einen zu nähren und zu treiben, so nährt und treibt man alle andern mit, und unversehens grünt und blüht der ganze Baum. Es ist in diesem Sinne ganz artig, daß die französische Republik sich jene Eigenschaft, die doch nur von der Freiheit selber gilt, angemaßt und sich une et indivisible genannt hat.« Diesem Gedanken reihte sich ein ähnlicher an: »Staaten sowenig wie Menschen«, sagte er, »können isoliert sich bilden und fördern; sie verfallen in dumpfe Trägheit oder in wilde Wut; es fehlt ihnen Tausendfaches, was nur bei nachbarlichem Wetteifer erzeugt wird und bestehen kann. Für die Vereinigten Staaten ist es ein großes Glück, daß neben ihnen andre Freistaaten entstehen, denn[22]  wiewohl jene noch vorteilhaft genug eine Mehrheit in sich selber darstellen, so sind sie doch schon sehr in Einseitigkeit erstarrt und bedürfen neuer Anfrischung. Deshalb konnte auch die Französische Revolution nicht gleich gelingen: ein Volk für sich allein kann so etwas nicht ausführen; man sagte immer, Frankreich sei zu groß für seine neuen Staatsformen, ich sag im Gegenteil, es war zu klein! Aber jetzt, da die Revolution nicht mehr ein isoliertes französisches Faktum ist, da ganz Europa willig oder gezwungen daran teilgenommen hat und noch nehmen wird, jetzt kann es gelingen, daß sie als das gemeinsame Werk so vieler Völker sich bewährt und behauptet; die Völker von Europa gehören mehr zusammen, als man glaubt, sie gehen im ganzen nach derselben Richtung, nach denselben Grundsätzen.« Solche Aussprüche könnten ergiebige Texte mannigfacher Erörterungen werden, worauf wir uns doch hier natürlich nicht einlassen. Als ich ihm den Fortschritt pries, der doch darin liege, daß, ohne allen Zwang, wenigstens sichtbaren und handgreiflichen, der König von Frankreich seinem Volke freie Institutionen verhieße, rief Schlabrendorf stürmisch aus: »Jawohl, ein Fortschritt, aber kein Verdienst! Fürst und Volk sollen zusammenkommen, das ist unwiderruflich; steigt nun der Fürst nicht einige Stufen hinab und gibt, so steigt das Volk einige hinauf und nimmt; die Sache bleibt dieselbe.« Dann sagte er wieder: »Die Fürsten können den Völkern nicht helfen, sie dürfen sich ihrer Macht auch um der Völker willen nicht begeben, denn die Übergänge, einmal begonnen, hat nachher niemand mehr in seiner Gewalt, und sie können ebensogut zum Verderben als zum Heile führen. Drum wer ein rechter Fürst ist, der bleibe es und regiere kräftig fort, dann wird das Volk auch im Gehorsam sich frei fühlen.« Er verlangte, die Staatsverfassung solle niemanden zwingen wollen, frei zu sein: »Mögen auch in der Republik alle, die dazu Lust haben, sich zu Knechten, Kriechern und Schmeichlern machen! Aber das verlang ich vom Staate, daß seine Formen[23]  von der Art sind, um einem jeden zu erlauben, ohne gerade ein Held und stets kampf- und schlagfertig zu sein, doch immer frei und würdig zu leben; diesen großen Vorzug hat England, dem ehemaligen Frankreich aber fehlte er ganz.« Menschenfreundliches Wohlwollen war ein Hauptzug in Schlabrendorfs Staatsbildern; er verwarf es, daß Klassen oder einzelne dem Staatszwecke zum Opfer fielen, er wollte Heil und Freude für alle, ja, seine Forderung freier Institutionen geschah nicht um des Kunstwerks willen, das sie darstellen sollten, sondern weil er jeden einzelnen Menschen dabei beteiligt sah; »denn der Mensch entbehrt des höchsten Lebensreizes«, sagte er, »wenn er nicht einem freien Gemeinwesen in tätiger Mitwirkung und höchster Selbständigkeit angehören kann.«
Daß England im Kampfe mit Frankreich nicht unterlegen, freute ihn, besonders da er dies Ergebnis ganz aus der Stärke herleiten durfte, welche den Engländern durch ihre Verfassung und Freiheit gegeben wird; allein auch die Gebrechen dieser Verfassung und die Mängel dieser Freiheit zeigte er scharfsinnig auf und meinte, hier liege der Grund zu Englands einstigem Fall, der nicht ausbleiben könne. »Und«, setzte er mit prophetischem Tone hinzu, »nie wird Englands Macht größer, nie glänzender und furchtbarer gewesen sein als am Tage vorher, ehe sie zusammenbricht.« Er wandte den Spruch des Römers vom Römischen Reiche, »iam magnitudine laborat sua«, auf England an. »Übrigens merkten«, sagte er, »die gescheiteren Engländer es schon lange genug, wo es ihnen fehle und daß ihr Land in vielen Dingen zurückgeblieben und es starke Schritte machen müsse, um den Nachbarn – den Besiegten – wieder gleichzukommen. Die Erteilung der Bürgerrechte an die Katholiken, die Zufriedenstellung Irlands und die unausweichbare Parlamentsreform würden nicht bloße Schritte, sondern wahre Sprünge, halsbrechende Sprünge sein.«
Reizende Schilderungen wußte er von dem Leben im Staate zu machen. Er nahm darin vier Stufen an, die des[24]  Jünglings, der aufstrebt und lernt, des Bürgers, der seine selbständige Freiheit hat und ausübt, des Staatsbürgers, der an der Verwaltung tätig teilnimmt, zuletzt des Altvaters, der als zurückgezogene ephorische Weisheit und Erfahrung, ohne Mitstreben des Ehrgeizes, nur noch durch Rat und Vermittelung einwirkt. In dem Altvater malte Schlabrendorf in belebten, großartig rührenden Zügen unwillkürlich sein eigenes Bild aus. »Wenn die Menschen«, sagte er, »bei solcher gesetzlich eingeführten Abstufung dann nur nicht über das rechte Maß hinaus auf derselben Stufe verweilen wollten, sondern einander zu gehöriger Zeit Platz machten, so könnte jeder Mensch, der lange genug lebte, sie alle durchgehen, jeder am Gemeinwesen nach seiner Gebühr teilhaben und so die höchste Fülle menschlichen Kraftgenusses und schönster Lebensausstattung empfinden, deren Reichtum man jetzt kaum ahndet.« Wenn im Staat ein Altvaterstand bestimmt würde, dann, meinte er, käme auch wieder das Alter zu Ehren, dem man jetzt schon deshalb wenig Achtung bezeige, weil es sie nicht einmal annehmen wolle, weil es sich selbst lieber verleugne. Eine Hauptsorge des Staates müsse sein, die Männer nicht zu lange über ihre Lebensfrische hinaus in Ämtern hinaltern zu lassen, zu denen jüngere Rüstigkeit erfordert werde; hier sei es am angemessensten, goldne Brücken zu bauen für die, welche sich zurückzögen; es würde ein großes Verdienst sein, zu diesem Zwecke große Stiftungen zu machen. Er meinte auch, es würde sehr angemessen sein, wenn in einem Parlamente sich eine permanente Opposition aus lauter Altvätern bildete, die freiwillig aus den Ämtern getreten wären und keine mehr begehrten.
Ich verweile vielleicht manchem schon zu lange bei der Mitteilung dieser Urteile und Träume des liebenswürdigen Altvaters; allein außer dem Werte, den sie an sich haben mögen, besitzen sie an dieser Stelle einen örtlichen, den ich durch nichts ersetzen könnte und doch ungern vermissen würde. Sie kommen mir vor wie hohe Schattenbäume, zu deren stillem Dunkel man sich gern einige Augenblicke zurückzieht[25]  aus dem heißen Staub und Lärm so vieler Leidenschaften, scheinsamer Äußerlichkeiten, leichtfertiger und unwürdiger Spiele, welche jeden ermüden, der sich durch ein Stück Pariser Leben drängt. Mir waren jene Gespräche und Gedanken wirklich eine Zuflucht und Kräftigung, und wenn ich in später Nacht von dem Hôtel des Deux-Siciles durch die einsamen Straßen heimging, so fühlte ich, daß ich ein Pfund bei mir trug, das der Zerstreuung und Auflösung des wiederkehrenden Tagelebens ein heilsames Gegengewicht hielt.
Inzwischen war nun auch der König Ludwig XVIII. in der Hauptstadt eingetroffen, und die französischen Angelegenheiten zeigten eine mit jedem Tage festere Gestalt. Die Emigrierten drangen von allen Seiten hervor und nahmen Besitz, nicht von ihren verlorenen Gütern, denn das war auf keine Weise tunlich, aber von der Gunst, dem Einflusse, den Ämtern. Mit ihnen wetteifernd, rückte die Geistlichkeit in die Vorteile ein, die der Augenblick eröffnete; doch mußte sie noch mit Klugheit und Schonung verfahren, denn der König selbst war ihr nicht günstig und hielt nichts von ihren Formeln, die er nur als politisches Hülfsmittel gelten ließ. Er war ein Philosoph im französischen Sinne, das heißt in unsrem Sinne ein Freigeist, der allen Kirchenglauben verwirft. Seltsamerweise hatte man sogar, um dem Könige unter der Masse der Franzosen Anhänger zu gewinnen, diese Seite von ihm geflissentlich gerühmt und nicht ohne Erfolg, denn es schien darin eine Gewähr gegeben, daß die Priester kein schädliches Übergewicht im Staat erlangen würden. Doch im allgemeinen war gleich im Anfange die Stimmung kalt und mißtrauisch, und auch die Royalisten, die entschiedensten und heftigsten wenigstens, vertrauten für ihre Sache mehr dem Grafen von Artois und der Herzogin von Angoulême als dem Könige selbst. Bei dem Volke machte die Persönlichkeit des Königs keinen guten Eindruck; sie wurde bald Gegenstand frecher Bilder und Witzworte. Eines der Spottlieder, die gegen ihn erschienen, im Vergleich mit andern[26]  mehr lustig als schlimm zu nennen, wurde noch am Tage des Einzugs auf den Boulevards ausgeteilt.

Neben diesem stillen Lichte flammte nun aber plötzlich eine sprühende Fackel auf, und die Augen wurden unwillkürlich zu dieser Erscheinung hingelenkt. Frau von Staël war in Paris eingetroffen, hatte ein schönes Hotel bezogen und ihre Gesellschaftsabende begonnen. Sie war in früherer Zeit von den Royalisten und Emigranten übel angesehen, die Bourbons hatten allerlei Groll, allein die lange von ihr durch Napoleon erlittene Verfolgung war eine Art von Sühne geworden, und in den letzten Zeiten hatte die begabte Frau sich offenbar um die Sache des Hofes verdient gemacht; dabei waren ihr die alten Freunde aus der Revolutionszeit nicht verloren, die aus der Kaiserzeit hatten keinen Grund mehr, sie zu verleugnen, die Fremden aber wetteiferten in Verehrung und Aufmerksamkeit. Sie hatte auf ihrer großen Fluchtreise durch Europa gesellig, literarisch und politisch vielfach gewirkt und ihren berühmten Namen mit Hoffnungen verflochten, die jetzt großenteils erfüllt waren. Der Kaiser von Rußland bewies für sie die größte Beeiferung und besuchte öfters ihre Abendgesellschaft, andre große Herren folgten dem allgemeinen Zuge, der Herzog von Wellington leuchtete den Engländern vor, Feldherren und Diplomaten aller Nationen drängten sich, die Literatoren und Künstler hatten das unbestrittenste Anrecht, es war eine glänzende Hofhaltung – wie die Bourbons erlebte auch Frau von Staël ihre Restauration. Einen solchen Kreis in der Nähe zu betrachten, dürft ich mir nicht versagen, ich hatte sogar persönliche Aufforderung dazu. Durch August Wilhelm von Schlegel, bei dem ich zuerst ansprach, wurde ich sogleich angemeldet und eingeführt. Es war vormittags, in einem Gartenzimmer, Frau von Staël, in leichter Morgenkleidung, trat uns von dem Garten her entgegen, einen frischen Zweig in der Hand, den sie eben von einem der draußenstehenden Orangenbäume abgepflückt hatte. Ich wußte genug von ihr,[27]  um durch nichts überrascht zu sein, es war wie eine alte Bekanntschaft, nur solche Unbefangenheit und schlichte Natürlichkeit hatte ich nicht erwartet, diesen großen Reiz und wohltuenden Eindruck hatte mir niemand an ihr gerühmt. Sie wußte auch einiges von mir, sie hatte einige Erinnerung von dem Buche »Die Versuche und Hindernisse«, das in Coppet war gelesen worden und von dem ich, nach Schlegels Meinung, der alleinige Verfasser sein sollte. Ohne Zweifel hatte Schlegel ihr Gedächtnis hierüber eben erst aufgefrischt, wie er sie jetzt auch erinnerte, daß ich ein Kriegsgenosse ihres Sohnes Albert gewesen; sie wollte beeifert alles hören, was ich von diesem wußte, wie wir zusammen gelebt, wie er sich gezeigt, welche Meinung man von ihm gehabt, was man von ihm gehofft. Die Umstände des Zweikampfs, in welchem er getötet worden, mußte ich genauer angeben; sie weinte, doch tat ihrem Herzen wohl, daß er sich als ein Tapferer bewährt und weder Furcht noch Gefahr gekannt. Dieser erste Besuch war nur sehr kurz, es kamen neue Anmeldungen, und nachdem Frau von Staël mich noch zu ihren Abenden verbindlich eingeladen, empfahl ich mich, und Schlegel begleitete mich, um sogleich umständlicher zu vernehmen, wie mir seine Herrin gefallen habe. Ich konnte ihn wohl zufriedenstellen, mir selbst aber nicht verhehlen, daß Frau von Staël, so achtungsvoll und interessant sie sei, mir doch eigentlich nicht gefalle; ich vermißte Anmut, den lieblichen Ausdruck einer tiefen Seele – Güte, Weichheit, Feinheit, die ich ihr zugestehen mußte, waren mir dafür kein Ersatz. Ihr Wesen gab mir das Gefühl eines Zwiespaltes, der keine Vermittelung fand, mir stand in ihr zugleich eine Fürstin vor Augen und eine Bürgerfrau, und welches von beiden – oder ob gar beides – nur Maske sei, schwebte in beängstigendem Zweifel. Ihr Buch über Deutschland, früher auf Befehl Napoleons zu Brei verstampft, aber doch in einigen Abdrücken gerettet, war nun in mehreren gleichzeitigen Ausgaben wieder erschienen und wurde allgemein mit Eifer gelesen und gepriesen. Mir war[28]  es schon von jener früheren Zeit bekannt, und ich konnte jetzt nicht milder darüber urteilen als damals. Manches darin empörte mich, die sichtbare Unfähigkeit in philosophischer Richtung war nur durch die Anmaßung übertroffen, mit der die unruhige Frau alles Betastete schon begriffen zu haben wähnte, in den ästhetischen Beziehungen erkannte man die Einseitigkeit der auf Treu und Glauben angenommenen fremden Aussprüche. In meiner damaligen Stimmung überwogen diese Gebrechen allen sonstigen Wert des Buches, den ich später gern anerkannt und einmal gegen Tieck, der jene Vorwürfe erneuerte, lebhaft und zu dessen eigenem Beifall verteidigt habe; wenigstens läßt sich nicht leugnen, daß die Wirksamkeit des Buches ungeheuer gewesen und Folgen gehabt, welche von Deutschen und Franzosen gleich dankbar anzuerkennen sind.

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Um doch den persönlichen Eindruck gleich frisch durch den literarischen zu vervollständigen, griff ich lieber zu dem Roman »Delphine«, der überdies, wie man versicherte, das ideale Charakterbild der Verfasserin, ihre Gefühls- und Sinnesweise vortrefflich schildern sollte. Aber auch hier fand ich wenig Befriedigung; in dem großen Talent, bei der Macht der Gedanken und der Leidenschaft des Herzens, die sich in einer oft hinreißenden Sprache offenbarten, blieb mir immer etwas Störendes, was mich zu keinem rechten Genusse kommen ließ; mir gelang nicht, darüber völlig klarzuwerden, und noch heute wüßt ich es nur im allgemeinen damit zu bezeichnen, daß man sich nicht auf natürlichem, festen Boden fühlt.
Ich wagte nur einmal bei Frau von Staël einen Abendbesuch; eine glänzende, wogende und doch verhältnismäßig stille Gesellschaft erfüllte den Saal; gespannt und ehrerbietig lauschte alles auf einzelne Stimmen, die sich in nicht eben lauter Weise vernehmen ließen. Der Kaiser Alexander war zugegen und gab sich liebenswürdig hin wie ein Gleicher unter Gleichen; doch hatte nur Frau von Staël vor ihm ihre völlige Freiheit und nährte fast allein das Gespräch.[29]  Als ich ein wenig vorgedrungen war, hörte ich, daß die mutige Wirtin den hohen Gast über Negersklaverei zu reden veranlaßte und daß er mit Unwillen sie eine Schändlichkeit nannte; ein Portugiese – ich weiß nicht, ob es der Marquez Marialva war – erlaubte sich, dem Kaiser vorzuhalten, in seinen Landen sei doch Leibeigenschaft; der menschenfreundliche Herrscher zuckte einen Augenblick, war aber gleich wieder gefaßt und sagte mit edler Festigkeit: »Sie haben recht, in Rußland gibt es Leibeigene, aber der Unterschied von ihnen zu den Negersklaven ist noch sehr groß; doch will ich davon absehen und erkläre, daß auch die Leibeigenschaft schlecht ist, daß sie abgeschafft werden muß und daß sie mit Gottes Hülfe noch unter meiner Regierung aufhören wird.« Ein Gemurmel des Beifalls verbreitete sich durch den ganzen Saal, denn der Kaiser hatte diese Worte laut gesprochen, und sie wurden sogleich weitergesagt und erläutert. Ich war schon wieder zurückgedrängt, ich sah keine Möglichkeit, Frau von Staël auch nur zu begrüßen, die Hitze nahm überhand, und ich wählte den völligen Rückzug. An der Türe traf ich mit Bartholdy zusammen, der ebenfalls wegging; er schien von der Äußerung des Kaisers wenig erbaut, ganz und gar nicht aber von der Gesellschaft, in der man, meinte er, wenn man nicht Fürst oder Herzog sei und drei bis vier Sterne habe, nur immer beschämt und gedemütigt dastehe, ohne Vergnügen oder Nutzen; er werde gewiß nicht mehr hingehen. Ohne gerade seine Gesichtspunkte zu haben, ließ auch ich es bei diesem einen Male bewenden und sah leider Frau von Staël nicht wieder, was ich doch oft bereut habe, denn ihres näheren Umganges zu genießen wäre mir in allem Betracht erwünscht und vorteilhaft gewesen.
Die großen Ereignisse und, nachdem ihr Ausgang sich im allgemeinen entschieden, die tägliche Verarbeitung ihrer noch bewegten Einzelheiten hielten Paris in einer Spannung, welche durch die Zahl und Verschiedenheit der hier ungewöhnlich zusammengedrängten Menschen noch verstärkt[30]  wurde. Solche Spannung wirkt durchaus kräftigend, aber sie pflegt, nachdem sie eine gewisse Höhe erreicht hat, plötzlich nachzulassen und in weichliche Ermattung überzugehen. Dieser Übergang wurde wohl schon von den meisten empfunden und mit ihm auch die stärkere Regung der Krankheitskeime, welche dann nicht säumen, aus ihrem Hinterhalt hervorzubrechen und das Leben in seiner Schwäche zu überfallen. Das Frühjahr war vorgeschritten und der Kampf in der Atmosphäre zwischen Hitze und Kälte so heftig, daß es genug war, diese Luft zu atmen, um von katarrhalischen Übeln ergriffen zu werden. Die Krankheit war fast allgemein. Einheimische und Fremde litten gleicherweise, doch besonders unsre jungen Leute, die in der Umgegend meist in schlechten Quartieren lagen und sich wenig helfen konnten. Auch Schlabrendorf entging dem Übel nicht, Tettenborn mußte sich niederlegen, und mich traf dasselbe Los; doch nur auf wenige Tage, während deren ich die »Delphine« zu Ende las, eine Auswahl von Briefen der Frau von Sévigné, Duclos' »Geschichte Ludwigs XI.« und Chamforts Schriften durchlief. Eine starke Dosis Opium stellte mich rasch wieder her und gab mir neues Zutrauen zu der Lehre Browns. Auch Tettenborn genas bald wieder und bereitete sich zur Abreise nach Mannheim, wohin ich ihm später nachfolgen sollte; denn einige wichtige Geschäfte mußten mich noch eine Weile in Paris zurückhalten.
Mir war dies um so peinlicher, als der Aufbruch fast allgemein war und alles sich zur Abreise, teils nach England, teils in die Heimat, anschickte. Hardenberg begleitete, wie auch Blücher und Gneisenau, den König nach England; mir gereichte zum Vorteil, beim Abschiednehmen seinen Schwiegersohn bei ihm zu treffen, den bayerischen General Grafen von Pappenheim, den er sehr liebte; denn der biedre und freundliche Mann, früher im österreichischen Dienste Tettenborns Kriegskamerad, stellte mich durch sein zutrauliches und doch rücksichtsvolles Benehmen sichtbar in der Meinung des Staatskanzlers um einige Stufen höher. Ich[31]  empfing die günstigsten Versicherungen von Hardenberg, die er mir auch noch schriftlich zufertigen ließ. Doch fand ich einen merklichen Unterschied zwischen dem schriftlichen Ausdruck und dem mündlichen; mein Wunsch, noch eine Zeit frei zu bleiben, wurde zugestanden, aber es lautete, als hätte ich das Gegenteil gewünscht und müßte mich gedulden. Solcherlei Zeichen eines im stillen wirksamen Widersinnes habe ich späterhin noch oft genug in wichtigeren Dingen und erhöhten Maßen zu erfahren gehabt.
Auch Stein bereitete sich schon zur Abreise. Seine Geschäfte in der Kriegsverwaltung deutscher Länder waren noch nicht erledigt und wurden jetzt wichtiger und dringender. Auch begleiteten ihn wieder seine treuen Gehülfen Rühle und Eichhorn. Er war ungemein heiter. Eines Tages, da ich bei ihm zum Essen bleiben sollte, aber es ablehnte, weil ich versprochen hatte, mit zweien Freunden bei Grignon zu speisen, mußte ich sie ihm nennen; der eine war ein Philosoph. »Da täten Sie doch besser«, rief Stein, »Sie äßen bei mir, denn bei mir sind Sie nicht in Gefahr, verrückt zu werden«; und nun ergoß er sich in munterer Schilderung dessen, was er Metaphysik nannte: sie sei bei den Menschen das, was bei den Schafen das Drehen, doch ich wisse wohl gar nicht, was das sei, ich solle ein Landwirt werden, da würd ich ihn schon verstehen! In diesen Zorn hatte ihn ein Buch von Oken gebracht, das ihm in die Hände gekommen war. – Als ich ihn zuletzt mit Tettenborn besuchte, um Abschied zu nehmen, fanden wir Wilhelm von Humboldt dort, und es fielen wieder mancherlei ergötzliche Reden vor, bei denen Humboldt in gewohntem Übergewicht erschien.
Stein hatte mich immer mit ernster Teilnahme nach Schlabrendorf gefragt und öfters ein gefühlvolles Verlangen bezeigt, ihn zu sehen, aber sich doch nie überwinden können, zu ihm zu fahren; der Gedanke, mit Jakobinern, Bonapartisten und wer weiß was alles für Teufelszeug zusammenzutreffen, war ihm zu widerwärtig. Schlabrendorf, der sich schon entschlossen hatte, seinen Bart abschneiden[32]  zu lassen und einige Besuche zu machen, nahm es mit dem alten Freunde nicht so genau und trat unvermutet bei Stein ins Zimmer, als dieser eben im Begriff war abzureisen. Der alte Freund sah wohl anders aus als vor so vielen Jahren, wo Stein ihn zuletzt in England gesehen hatte, er mußte seinen Namen nennen, worauf denn Umarmung und freundliche Grußesworte folgten. Bald aber bemächtigte sich Steins einiger Unmut, und die folgenden Wechselreden sind wörtlich aus der Erzählung Schlabrendorfs, der mir gleich nachher das Vorgefallene mitteilte.

Stein: Aber warum kommen Sie auch grad erst jetzt, da ich gleich in den Wagen steigen muß!
Schlabrendorf: Das hab ich denn doch wohl nicht berechnen können! Und reisen Sie nach Frankfurt, wie ich gehört habe?
Stein: Ja, ich mag nicht mit nach England, mich vom Prinzregenten begaffen zu lassen.
Schlabrendorf: Späterhin aber rufen Ihre Dienstgeschäfte Sie wohl nach Wien?
Stein: Dienstgeschäfte? Ich habe keine, ich diene niemandem.
Schlabrendorf: Schon recht, weil Sie allen dienen. Das ist eine republikanische Gesinnung, die mag in Deutschland vielfältig not tun.
Stein: Aber wir wollen keine Republik in Deutschland.
Schlabrendorf: Nun, Sie haben sich doch der Freien Städte treulichst angenommen.
Stein: Das ist ganz was anders.
Schlabrendorf: Ich will auch gar nicht eigensinnig sein und will die Republik fallenlassen, aber republikanische Gesinnung werden Sie doch in keinem Staate entbehren können, und jeder Fürst muß sie im eignen Interesse wecken und nähren.
Stein: Was Sie meinen, erkenn ich an; aber wir haben andere Benennung dafür, wir nennen's Gemeinsinn.[33] 
Schlabrendorf: Auch gut und mir um so lieber, weil es deutsch ist, nur verstehen die Deutschen nicht immer das Deutsche so recht.

Die Scheidestunde war herangerückt, und die alten Freunde sagten einander Lebewohl. Zum Schlusse rief Stein noch: »Auf Wiedersehn in Deutschland! Denn wenn Preußen ein Parlament erhält, dann kommen Sie doch und werden Präsident? des Ober- oder Unterhauses, wie Sie wollen!« – Sie sahen einander nicht wieder.
Schlabrendorf sah sich auch zu Besuchen bei Hardenberg und Gneisenau veranlaßt. Beide waren im Auftrage des Königs bei ihm gewesen und hatten ihm mit dessen Danke zugleich das Eiserne Kreuz überbracht. Der König wollte dadurch den vaterländischen Eifer und die großmütigen Aufopferungen anerkennen, durch welche Schlabrendorf um die preußische Sache sich so vielfach verdient gemacht. Die Stiftung des Eisernen Kreuzes hatte ihm gleich ungemein gefallen, und wiewohl sonst kein Freund von Orden, ließ er diesen doch vollkommen gelten. Aber nie war ihm in den Sinn gekommen, selber so geschmückt zu werden, und die Sache überraschte und freute ihn, obgleich sie ihn auch etwas verdroß, letzteres ebendeshalb, weil sie ihn freute. Dieses Gemisch in seiner Empfindung war auch wohl Ursache, daß er mir bis dahin von dem ganzen Vorgange lieber gar nichts gesagt und mich ihn erst jetzt wie zufällig erfahren ließ. Bei Gneisenau wurden ebenfalls wie bei Stein scharfe Reden mit guter Laune ausgetauscht, die mir Schlabrendorf nachher wiederholte, von denen ich aber nichts aufgezeichnet finde; ich erinnere mich nur, daß er mit Vergnügen anmerkte, bei einigen seiner Äußerungen, welche Gneisenau mit ernster Miene ruhig angehört, hätten die jungen Adjutanten sich des Lachens nicht erwehrt.
Der Frieden mit Frankreich war schon so gut wie geschlossen, man erwartete täglich die Unterzeichnung. Was von den Bedingungen verlautete, wollte jedoch weder den[34]  Franzosen noch den Deutschen genügen; nur die Engländer schienen erlangt zu haben, was ihnen gebührte und genehm war, nächst ihnen waren die Russen am meisten befriedigt; für Preußen, überhaupt für Deutschland, blieb noch manche Ungewißheit, deren Lösung auf den Kongreß verschoben wurde, der im Sommer zu Wien stattfinden sollte.
Von Napoleon, der auf der Insel Elba sich ruhig verhielt, hörte man wenig; sein österreichischer Begleiter auf der Reise nach Elba, Graf Karl von Clam-Martinitz, erzählte mir von den wunderlichen Auftritten, die sich unterwegs ereignet hatten; von dem Hasse, der sich gegen ihn gezeigt; jedermann glaubte seine Rolle zu Ende, und niemand wollte des Vertrags von Fontainebleau eingedenk sein, dessen Erfüllung die Bourbons ohnehin verweigerten. Plötzlich aber rief ein erschütternder Schlag den Namen Napoleons für einen Augenblick aufs neue ins Gedächtnis und regte zu tiefen Betrachtungen auf. Die Kaiserin Josephine, Napoleons geschiedene Gattin, starb am 29. Mai in Malmaison sehr schnell an dem herrschenden Übel, das auch sie, doch anfangs nur sehr gelinde, befallen hatte. Der Kaiser von Rußland war ihr besonders günstig gewesen, die Bourbons nahmen sich ihrer an, sie sollte in den nächsten Tagen am Hofe Ludwigs XVIII. erscheinen; während der Glanz des im Übermute des Glückes treulosen Gemahls mehr und mehr erlosch, ging der Stern der Verstoßenen noch einmal wieder auf. Doch nur auf kurze Frist! Ihr Tod wurde von vielen Franzosen aufrichtig bedauert. Man überdachte den Eindruck, den die Nachricht auf Napoleon machen mußte. Viele wollten die Nemesis erkennen, die ihm sage, es sei mit seinem Glücke vorbei, und die ihn furchtbarer Reue überliefere; andre wollten darin die rächende Strafe für Josephinen sehen, weil diese den Feinden des Gemahls sich befreunden wollte, ja man beschuldigte sie, am meisten zu seinem Sturze beigetragen zu haben; denn sie zumeist habe die Ideen in ihm genährt, die ihn das Faubourg Saint-Germain begünstigen und eine zweite Heirat wünschen ließen.[35] 
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In den nächsten Tagen begann der fast allgemeine Aufbruch nach England, auch die nur kürzlich erst angekommenen Prinzessinnen von Kurland reisten dorthin, wiewohl sie ungern Paris so schnell verließen; mit der Herzogin von Acerenza war die Gräfin von Plettenberg gekommen, die wir noch vor wenigen Monaten auf ihrem Landsitze bei Münster besucht hatten. Das Wiedersehn nach solchen Umwandlungen aller Dinge, nach so großen Gemütsbewegungen der Furcht und Hoffnung hatte einen Reiz, der sich mit nichts vergleichen läßt.
Nur wenige Tage, so schien es, hatte ich noch in Paris zu verweilen, um einige militärische Ausfertigungen, die sich in den Kanzleien hinschleppten, abzuwarten, und meine Ungeduld hatte längst alles, was von meiner Seite geschehen konnte, zur Abfahrt vorbereitet. Allein mir sollte dies ersehnte Glück so schnell noch nicht gewährt sein. Meine Genesung, anstatt sich zu befestigen, ging sichtlich abwärts, und die nicht geheilte, nur unterdrückte und dadurch verschlimmerte Krankheit brach in einem Rückfall neuerdings heftiger aus. Das Katarrhalfieber war in ein nervöses übergegangen, und der herzugerufene Arzt Dr. Harbaur verriet einige Bedenklichkeit. Eine Reihe sehr schlechter Tage ging vorüber; erst mit Beginn der Besserung ließ ich Schlabrendorf wissen, daß ich krank sei; er kam nun und saß stundenlang vor meinem Bette, zu meinem unaussprechlichen Troste; seine Unterhaltung war die lieblichste, erfreuendste und ganz meinem Zustande angemessen, sie wurde stärker und derber nach Maßgabe meiner wachsenden Kräfte. In den Stunden des Alleinseins labte ich meine Seele mit den heilsamen Eindrücken der Erzählungen Goethes aus seinem Leben, wovon der dritte Teil eben herausgekommen und durch ein Wunder so früh nach Paris in die Hände von Henriette Mendelssohn gekommen war; das Buch konnte gewiß kein zweites Mal hier gefunden werden. Frau von Jordis und Henriette Mendelssohn sandten mir Erquickungen. Der wackre Arzt ließ es seinerseits an keiner Aufmerksamkeit[36]  fehlen; und so war ich binnen kurzem soweit, an die Abreise denken zu dürfen, die ich als die zuverlässige Ergänzung meiner Genesung ansah.
Der Abschied von Paris war mir leicht, der von den lieben Freunden schwer. Schlabrendorf gestand mir, er selber denke jetzt zum erstenmal ernstlich an die Rückkehr nach Deutschland; Paris, das er unter den schwersten Umständen ertragen, das er in den schlimmsten Zeiten noch stets geliebt, werde ihm jetzt zuwider, und hauptsächlich aus einem Grunde, der geringfügig erscheine im Vergleich mit andern Dingen, aber für ihn entscheidend werde: die neue Regierung hatte nämlich eine strenge Verordnung wegen der Sonntagsfeier erlassen, und er sah darin den Anfang eines Pfaffenregiments, einer nun unfehlbar einreißenden, von oben begünstigten und gebotenen Gleisnerei und Scheinheiligkeit, das Schrecklichste, was seiner Meinung nach einem Lande widerfahren könne; denn alle wahre Religion und Tugend, alle Redlichkeit im Staate und alles Glück der Familien gehe dabei zugrunde. Die Leute, die für ihre Andacht so tiefe Stille und so große Anstalten nötig hätten, dünkten ihm in der Frömmigkeit nicht so zurück zu sein, wie jener Klempnermeister es im Schreiben war, der seinen Lehrburschen in die Werkstatt abschickte mit der Weisung, die Gesellen möchten doch eine Weile still sein, er habe eine Quittung auszufertigen! Dies mit anzusehn, meinte Schlabrendorf, diese kirchliche Äußerlichkeit als Frömmigkeit hinzunehmen, sei ihm unmöglich, und grade weil die Sache ganz äußerlich hervortrete und täglich den Sinnen sich aufdringe, werde sie ihm zu täglich wiederholter Beleidigung. Als ich später in Berlin diese von Schlabrendorf angeführte Beweggründe zum Weggehen von Paris dem General von Krusemarck wiedererzählte, tadelte dieser sie heftig und meinte, was das den Alten denn anginge, dergleichen könne ihm ganz einerlei sein, sobald man ihn nicht persönlich zu etwas zwingen wolle. Allein Schlabrendorf nahm die Sache höchst ernst und wichtig, als eine[37]  persönliche und allgemeine. Genug, er war entschlossen, Frankreich zu verlassen, und wollte zuerst auf seinen Gütern in Schlesien nachsehen, was er dort etwa Nützliches unternehmen könnte. Es war ihm ernst genug, aber die Ausführung, gleich der so manches andern Vorsatzes, verlor sich in der grübelnden Überlegung, in welcher Weise die Sache am zweckmäßigsten zu tun sei. Ich fand ihn das nächste Jahr noch stets im Hôtel des Deux-Siciles.
Am 16. Juni reiste ich nach Straßburg ab und von hier ohne Aufschub jenseits des Rheins nach Baden-Baden, wo ich Tettenborn finden sollte.



Der Wiener Kongreß
1814–1815










[38] Nachdem ich meine Aufträge in Hamburg glücklich ausgeführt und darauf in Berlin mich verheiratet, mußte ich sogleich wieder in den Reisewagen steigen, um nach Wien zu eilen, wohin ich durch den preußischen Staatskanzler beschieden war. Ich mußte um so mehr eilen, als ich den Umweg über Frankfurt am Main zu machen hatte, wo der General von Tettenborn mich erwartete. Mit ihm und dem Freiherrn von Ompteda, der sich anschloß, reiste ich ungesäumt weiter und ohne Aufenthalt bis Wien, wo wir im Anfang des Oktobers eintrafen.
Meine Absicht kann hier nicht sein, eine Geschichte der Verhandlungen des Wiener Kongresses zu unternehmen; ein früher angekündigtes Vorhaben dieser Art mußte wegen der in unsern deutschen Verhältnissen unübersteiglichen Schwierigkeiten bald wieder aufgegeben werden. Auch zu einer vollständigen Schilderung der Zustände, zu einer durchgeführten Zeichnung der Personen würden mir zu viele[38]  Farben und Striche versagt sein, die Unzulänglichkeit der eignen Anschauung und Hand noch gar nicht gerechnet. Aus dem Vorrate persönlicher Eindrücke, welche für jeden Beobachter nach Stellung und Anteil sich sehr verschieden darbieten und beschränken, kann ich nur diejenigen hier zusammenreihen, an denen das ehemals Heißverfängliche heute schon etwas abgekühlt ist, also nur Bruchstücke von Bruchstücken, zu deren Ergänzung mancherlei erfordert wird, von dem es noch dahinsteht, ob und wie es geschrieben oder das schon Geschriebene künftig eingetragen werden mag.

Ich hatte Wien oft und in günstigen Zeitpunkten gesehen, aber diesmal erkannte ich kaum die Stadt wieder. Die Volksmenge schien verdoppelt; Bewegung und Gedräng überall, und was für Bewegung und Gedräng! der höchsten, vornehmsten Gäste, der namhaftesten, ausgezeichnetsten Personen, aus allen Gegenden hieher zusammengeströmt, aus den gebildeten, ansehnlichen, reichen Klassen. Europa hatte den Glanz seiner Throne und Höfe, das Machtansehen seiner Staaten, die Spitze seiner politischen und militärischen Verherrlichung, die höchste Bildung seiner Geselligkeit, ja die reichsten Blüten aller Vornehmheit, Schönheit, der Kunst und des Geschmacks hieher geliefert, in dem Glück und Stolze des Sieges, in der Frische der Hoffnungen, des Eifers, meinetwegen auch des Wahnes, in der vollen Spannung allgemeinster sowohl als persönlichster Erwartungen. Und dies Gewühl fremden und neuen Lebens mischte sich zu dem heimischen und altgewohnten der Kaiserstadt, welche durch großweltliche Üppigkeit wie durch volkstümliche, durch Pracht und Behaglichkeit und durch die Macht ihres ganzen Eindrucks allem aus der Fremde Herangedrungenen doch überlegen blieb und ihre Sinnesart, Neigungen, Redeweise mit sanfter Gewalt unwiderstehlich mitteilte. Ich brauche nicht zu erwähnen, daß der kaiserliche Hof für die große Anzahl seiner hohen Gäste mit ihrem mannigfachen, kaum übersehbaren Anhang und Gefolge die glänzendste[39]  Aufnahme und reichste Bewirtung darbot; diese durch viele Monate gleichmäßig fortgeführte und nur etwa durch besondre Festlichkeiten unterbrochene Anordnung setzte durch den Umfang und die Gediegenheit der, wie es schien, ohne Anstrengung aufgebotenen Hülfsmittel in Erstaunen; doch hatten sich Fremde und Einheimische dies nach vorhandenen Maßen allenfalls vorstellen können. Was ich aber hervorheben muß, was man sich nicht genug vergegenwärtigen kann, wenn man es nicht durch Anschauung erlebt hat, ist die Atmosphäre des Wiener Lebens, das Element, in welchem hier die Tage hinschwimmen; die heitre, auf derben Genuß gerichtete Sinnlichkeit, die stark ansprechende Scherz- und Lachlust, die vergnügte, von Wohlbehagen genährte Gutmütigkeit, der schon halb italienische Müßiggang und die dazugehörige schon halb italienische Laune, die naive, ausdrucksvolle Mundart, so rundlich bequem hinzuwälzen und doch so leicht in scharfen Witz zuzuspitzen – diese Mundart, die etwas von ihrem Wesen jeder andern deutschen und auch der höchsten Sprachbildung unwiderstehlich mitteilt – und so viele andere Weisen und Gebilde dieses altbestehenden Phäakenlebens – alles dies gehört so eigentümlich zu dem Wiener Kongresse, zu dessen bestimmter Physiognomie, daß er ohne diese gar kein zuverlässiges, lebendiges Bild mehr liefert. Daß dieses Element bis in die politischen Verhandlungen und Beschlüsse unmittelbar eingedrungen und auch dort seine Spur nachzuweisen sei, möchte sich schwerlich behaupten lassen, da vor der diplomatischen Schärfe ohnehin keine volkstümliche Farbe so leicht unzersetzt besteht; aber mächtig gewirkt hat dieses Element sicher auf alle Personen, die darin geatmet, und also gewiß auch mittelbar auf die Geschäfte, welche von diesen Personen geführt worden, und vielleicht in dieser Hinsicht am bedeutendsten ist der Wiener Kongreß eben der Wiener!
In diesem Gewühl unterzukommen und Weg und Stätte zu finden war keine leichte Aufgabe. Für uns war glücklicherweise[40]  gesorgt; der General hatte reichliche Wohnung in einem der besten Gasthöfe lange vorher bestellt, und auch hier, wie im Felde, war er für uns der Mittelpunkt eines erwünschten Zusammenlebens. Mir gereichte bald zum Vorteil, daß ich in Wien schon gewissermaßen heimisch war. Ich erneuerte die mannigfachen früheren Wiener Bekanntschaften, traf bei jedem Schritt unerwartet auf solche, die ich früher in andern Orten geknüpft hatte, und mußte neue eingehen, die sich nur zu reichlich darboten. Alles schwamm in Glanz und Festlichkeit, die der Geselligkeit eröffneten Häuser wetteiferten in Aufnahme und Bewirtung der Fremden. Natürlich gab es hier vielfache Abstufungen, es gab Kreise, wo nur die höchsten Personen untereinander verkehrten, andere, die mit der vornehmsten und reichsten Aristokratie streng abschlossen, dann wieder solche, wo diese sich mit der größern Gesellschaftswelt mischte, welche hinwieder auch, bei manchen Festlichkeiten allgemein oder bei besondern Anlässen einzeln begünstigt, in jene höchsten Säle Eintritt gewann.
Beim Fürsten von Ligne war großer Zudrang, den die engen Räume kaum fassen konnten. Der liebenswürdige Wirt war für seine Gäste wie immer an Geist ein Verschwender, und Scherz und Laune unterhielten ein beständiges Feuerwerk; doch wie anmutig und leicht der altfranzösische Witz auch die Gegenstände des Tages hin und her bewegte, man fühlte doch mitunter, daß die neueste Zeit eine ganz andere sei als jene alte und auf vielen Punkten schon unergreifbar weit von ihr sich geschieden habe. Auch empfand der heitere Greis nur allzu sehr, wie der Sinn und Anspruch der Jugend ohne ihre Kräfte eitel sei. Er, der in jeder Auszeichnung, des Krieges, der Galanterie und des Hofes, glänzende Anbeter und Günstling Katharinens der Großen, wie schien er berufen, jetzt ihren Enkel, den Kaiser Alexander, in gleicher Weise mit den Huldigungen der feinsten Schmeichelei, der angenehmsten Unterhaltung zu umgeben und im Schimmer dieser Sonne selber in neuem[41]  Lichte zu strahlen! Eine gewisse Anziehung schien in der Tat vorhanden, allein die Helden so verschiedener Zeitalter konnten sich leichter wechselseitig anerkennen als vereinigen, und der treffliche Fürst von Ligne, der sich wie in Munterkeit so auch in Aufmerksamkeit und Dienst unermüdet erweisen wollte, mußte bald aufgeben, mit der jungen Welt Schritt zu halten. Von den höchsten Personen mehr vernachlässigt, als seine Jugenderinnerungen ihn erwarten ließen, erhielt er wenigstens daheim seiner scherzenden Laune die gewohnte Übermacht, spottete allerliebst und schickte die glücklichsten Witzworte aus, welche der großen Welt zur Erinnerung dienten, daß sein Geist annoch da sei. Man sah über diese Opposition hinweg, und seine Zimmer wurden nicht leer; ich sah Menschen des verschiedensten Schlages dort, die wohl öfters verwundert sein konnten, sich zusammen zu sehen. Indes ließen andere Anziehungen mich nach ein paar Besuchen diesen französischen Kreis vernachlässigen, wo meine eigentliche Weide doch nicht sein konnte.
Entsprechender meinem Sinn und Verhältnis war das Haus der liebenswürdigen und feinen Gräfin von Fuchs, deren ich schon bei früheren Jahren erwähnt habe und die fast im Ernste den scherzhaften Namen »Königin« führte, wie denn dergleichen Koterienamen stärkere Lebenskraft in Wien haben als an irgend andern Orten. Sie beherrschte durch den Zauber ihres Wesens ein weites Reich von Untertanen, die mit seltner Treue an ihr hingen und in deren Zahl zu gehören auch mir zum Verdienst und Vorteil gerechnet wurde. Die größten Auszeichnungen der Wiener vornehmen Welt fanden sich hier in traulicher Weise zusammen, in doch großer Mischung, wodurch der Reiz des Umgangs nur erhöht wurde. Prinz Philipp von Hessen-Homburg, Gentz, die Fürsten Esterházy und Liechtenstein, die Grafen Neipperg und Wallmoden, dazu die kurländischen Prinzessinnen mögen beispielsweise genannt sein. Auch hier aber veränderte die Kongreßzeit manches, und[42]  der freundliche deutsche Ton ging in einen spitzern französischen über, schon dadurch, daß der Prinz Eugen Beauharnais, Napoleons Stiefsohn und gewesener Vizekönig von Italien, sich beinahe täglich einfand und manchen Anhang mit sich zog. Diese Beimischung, wie artig und merkwürdig in manchem Betracht, verwandelte den ursprünglichen Stoff nicht günstig, und das frühere Behagen war allerdings vermindert. Überhaupt drückte das Gewicht der zahlreichen hohen und mächtigen Fremden doch zuletzt alle Wiener Gesellschaft mehr oder weniger aus ihren Fugen, und mancher ältere Teilnehmer sehnte sich nach der Zeit, wo dieser erhöhte Glanz wieder erloschen sein würde. In diesem Betreff machte vielleicht nur grade das Haus eine Ausnahme, wo sie am wenigsten schien stattfinden zu können. Es war dasjenige, dem die Gräfin Julie Zichy, geborne Gräfin Festetics, als Frau und Wirtin vorstand und wo die höchsten Monarchen gern in engerem Kreise zum Besuch erschienen. In dem reinsten Adel der Weiblichkeit strahlte hier die größte Schönheit, der Ausdruck der Unschuld und Tugend in aller Fülle der Weltbildung. Die Gegenwart der höchsten Gäste schloß natürlich andere aus; doch konnte die herrliche Erscheinung bei vielen Anlässen auch der allgemeinen Bewunderung sich nicht entziehen, und der äußere Anblick schon bestätigte jeden vernommenen Ruf der innern Vortrefflichkeit. Als wenige Jahre später, noch in voller Jugendblüte, dieses Leben gebrochen wurde, schien der Bildner, der die Scheidende in der Gestalt eines der Erde entschwebenden Engels darstellte, auch hierin nur eine schlichte Wahrheit auszudrücken. Über dieses kurze, aber schöne und reiche Leben ist ein brieflicher Aufsatz Friedrichs von Schlegel vorhanden, der künftig vielleicht ans Licht treten wird. Die Herzogin von Sagan bildete wie immer den Mittelpunkt eines lebensvollen Kreises, der diesmal durch Vornehmheit und Bedeutung noch gesteigert war. Das einnehmende, so mild gütige als schwungvoll kräftige Wesen dieser schönen Dame wirkte mit siegender Macht, und es[43]  schien nur von ihr abzuhängen, auf große Entscheidungen Einfluß zu gewinnen. Daß sie dergleichen Ehrgeiz, bei solcher Befähigung dazu, nicht hegte, sondern gern und leicht auf das den Frauen eigenste Gebiet sich beschränken mochte, erhöhte nur den Reiz ihrer Liebenswürdigkeit.
Viele angesehene schöne und vortreffliche Damen wären, teils als Wirtinnen, teils als Gäste, noch zu nennen, könnte hier die Absicht sein, alle gesellschaftlichen Zierden dieser großen Kongreßwelt auch nur zu nennen. Unter den fremden Bedeutendheiten glänzte die Fürstin von Thurn und Taxis, geborene Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, welche durch die Gesichtszüge wie durch Anmut und Wohlwollen des Benehmens an ihre Schwester, die herrliche, leider vor dem siegreichen Umschwunge der Dinge noch inmitten der Trübsal dahingeschiedene Königin Luise von Preußen, erinnerte. Durch kraftvolle Haltung und eingreifende Klugheit zeichnete sich die Fürstin von Fürstenberg aus, um welche sich die bedrängten, durch den Rheinbund zu Untertanen herabgedrückten fürstlichen und gräflichen Standesgenossen zu Rat und Tat versammelten; ferner die Fürstin Esterházy, geborene Prinzessin von Taxis, die Fürstin von Solms-Lich nebst ihren Schwestern, die dänische Gesandtin Gräfin von Bernstorff und noch viele andere, die zum Teil auch schon anderwärts genannt und gepriesen worden. Die Preußen vermißten die Frau von Humboldt, welche bis kurz vor dem Kongresse in Wien ein paar Jahre hindurch eine erwünschte, so heitere als geistvolle Geselligkeit gebildet hatte. Die russische Fürstin Bagration, durch längeren Aufenthalt und Lebensverhältnisse in Wien halb einheimisch, durch Schönheit und Aufwand einst in erster Reihe vorangehend, durfte auch jetzt noch darin dem Wetteifer nicht entsagen.
Als eine Schönheit ersten Ranges mußte man die Frau von Geymüller anerkennen. Sie war die angebetete Gattin eines der reichsten Bankiers und hatte das ihrer begünstigten Lage, zu der sie doch nicht erzogen war, entsprechendste Talent, mit aller Fülle des Dargebotenen frei und großartig[44]  zu schalten, sich selbst aber nicht davon bedingen zu lassen. Wie Calderón in der »Tochter der Luft« die Semiramis darstellt, war damals, weil die Übersetzung von Gries noch fehlte, in Deutschland kaum bekannt; doch wurde Frau von Geymüller in Wien öfters mit diesem Namen bezeichnet, der wohl einige Seiten ihres Wesens ausdrücken konnte, das im ganzen mehr Bewunderung als Neigung zu erwecken schien.
Das durch allseitige Gastfreiheit ausgezeichnetste und für Fremde wie Einheimische bequemste Haus war ohne Frage das Arnsteinsche, wo die Baronin Fanny von Arnstein die unermüdete, lebensprühende, alle Verhältnisse umfassende und zweckmäßig fortbildende Wirtin machte. Im allgemeinen habe ich zu dem, was schon an anderm Orte über diese unvergleichliche Frau gesagt worden, nichts hinzuzusetzen; besondere Einzelheiten anzumerken wird in der Folge noch öfters Anlaß sein, da ein nicht geringer Teil der Strömungen und Wirbel der Kongreßwelt hier sein Bette fand oder grub und die höchsten Mitglieder der Diplomatie, Kardinal Consalvi, Fürst von Hardenberg, Herzog von Wellington, Marquez Marialva usw., hier mit andern Elementen der Gesellschaft in eine Art von Gleichheit zusammenflossen.
Der Frau von Arnstein stand ihre Schwester, Baronin von Eskeles, in vornehmer und eleganter Haushaltung wo nicht gleich, doch sehr nahe, nur war der Zuschnitt ein ganz andrer. Auch hier traf man die angesehensten Diplomaten, für welche nicht nur die gütige und feine Wirtin, sondern auch der überaus kluge, in Finanz- und Handelssachen mit schärfster Einsicht begabte Hausherr große Anziehung hatte. Ich habe den Grafen Kapodistrias dort öfters von reizender Unterhaltung, den Grafen Pozzo di Borgo ganze Abende hindurch von überfließender Beredsamkeit gesehen.
Der Gesellschaftssäle waren unendlich viele eröffnet, sie alle zu besuchen, hätte auch der ausgemachteste und müßigste Visitenheld nicht unternehmen können. Die alte[45]  Erfahrung jedoch bewährte sich auch diesmal, daß nicht immer das Glänzende und Berühmte das in seiner Art Gute oder auch nur das Gute ist. Kreise zweiter und dritter Ordnung vereinigten oft in reichen Maßen, was die der ersten bisweilen kärglich oder gar nicht darboten, wenigstens eigneten Geist, Geschmack, Güte und Liebenswürdigkeit keiner bestimmten Klasse. Einen etwas literarischen Anstrich bei der als Schriftstellerin geschätzten Frau von Pichler, musikalisches und überhaupt künstlerisches Streben bei untergeordneten Dilettanten ließen sich zur Abwechselung auch solche Personen gefallen, deren Ansprüche sonst hoch hinausgingen. Im allgemeinen nötigte ein Zustand, wo alles so sehr emporgeschraubt war, auch wieder zur Herabstimmung.
Dem Fürsten von Metternich in dieser Zeit nur gelegentlich und wie im Fluge zu nahen war schon Gunst genug, und ich bewunderte nur stets, wie auch solche Augenblicke immer seine ungemeine Freundlichkeit und seinen unbefangenen Gleichmut zeigten, als wären keine Staatssorgen in der Welt. Auch der Feldmarschall Fürst von Schwarzenberg, den die biedere Gutmütigkeit eines deutschen Kriegshelden für jeden Bekannten immer zugänglich machte, war doch größtenteils in den obersten Kreisen abgeschlossen. Gleiches galt, in mancherlei Abstufung, von den Fürsten Moritz und Aloys von Liechtenstein, dem Grafen von Neipperg und vielen andern dieses Ranges, mit denen ich in früheren Zeiten und Verhältnissen mehr oder minder nah zusammengelebt hatte.
Daß ich aber den Grafen zu Bentheim hier wiederfand und bald auch den ihm durch Zuneigung verbundenen österreichischen Hauptmann Friedrich Wilhelm Meyern, meinen einstigen Stubengenossen in Prag, gewährte mir einen steten und sichern Anhalt täglich erneuter Erinnerung und das wohltuende Gefühl, als dauerten neben meinen neuen auch die früheren mir wahrlich teuern und dankenswerten Verhältnisse ununterbrochen fort.[46] 
Nachdem ich den Fürsten von Hardenberg bald nach meiner Ankunft umständlich gesprochen, war mein preußisches Dienstverhältnis gleich entschieden; ich sollte meine diplomatische Laufbahn bei der Gesandtschaft in Wien beginnen, vorerst aber in den Geschäften arbeiten, die mir der Fürst persönlich auftragen würde. In der Tat sandte er mir alsbald einen mächtigen Stoß von Eingaben und Verhandlungen aus dem Kreise der deutschen Angelegenheiten; ich sollte diese Sachen übersichtlich zusammenstellen, ihm Vortrag darüber halten und nach Maßgabe der möglichen Entscheidung sie erledigen. Indes konnte ich dabei nicht lange verweilen, und nachdem der preußische Gesandte von Stuttgart, Geheime Staatsrat Küster, angelangt war, wurde ihm dieser ganze Schwall zugewiesen, mir aber eine Arbeit übertragen, auf die der Staatskanzler das größte Gewicht legte und die meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Die Sache betraf die preußische Erwerbung von Sachsen, welche zwar früher festgestellt worden war, jetzt aber von mehreren Seiten hart angefochten wurde und immer schwerer und bedenklicher zu werden drohte. Auf die Meinung vermittelst der Presse zu wirken schien von äußerster Wichtigkeit, zumal die Gegner dieses Mittel mit großem Erfolg anwandten; freilich hatte schon auch auf preußischer Seite in jener Sache der »Rheinische Merkur« gute Dienste getan, auch hatte der Fürst bereits durch den Staatsrat Hoffmann eine Schrift ausarbeiten lassen, die unter dem Titel »Preußen und Sachsen« eben im Druck fertig wurde, und eine andere sollte von dem Geheimen Staatsrat Niebuhr in Berlin herausgegeben werden; allein dies alles genügte nicht, die Hoffmannsche Staatsschrift war allzu statistisch, trocken und ohne alle überredende Kraft; von der Niebuhrschen erwartete der Fürst ohnehin manches Schiefe und zu Scharfe, und so wünschte er, neben diesen Versuchen noch einen dritten, seinen eigensten Sinn in gemäßigter und frischer Sprache vorgetragen zu sehen. Sehr schmeichelhaft eröffnete er mir, daß, wenn er mich zu dieser[47]  Arbeit berufe, es hauptsächlich auf Mahnung des Ministers vom Stein geschehe, der darauf dringe, daß keine andere als meine Feder hier angewandt werde. Der Gegenstand erforderte eine völlige Einweihung in den Stand der politischen Angelegenheiten, und diese wurde mir nicht nur von seiten Hardenbergs ohne Rückhalt, sondern auch von seiten Steins vollständig erteilt, von letzterm freilich ganz in seiner Weise, unter Ausdrücken, die kein andrer sich erlauben durfte, mit heftigen Ausschüttungen, die für die Sache nichts nutzen konnten, im Gegenteil kamen für diese oft nur die schwächsten Hülfsmittel vor, wie er denn zum Beispiel der Hinweisung auf Grotius und Pufendorf und deren Behauptung eines Rechts der Eroberung die unwiderstehlichste Beweiskraft beilegen wollte, da hier doch zumeist ganz andere Gründe und Bedingungen gelten mußten. In völlig entgegengesetzter Weise beschied mich Hardenberg; nach zweistündigem Gespräch war mir der Gegenstand zur klarsten Deutlichkeit aufgehellt, der Kern der Sache mit allen Umhüllungen und Beziehungen vollkommen eingesehen, und ich brauchte die sofort begonnene Ausarbeitung durch keine weitere Anfrage, durch keine Bitte um bestimmtere Anleitung zu unterbrechen.

Inzwischen war auch Rahel, meinem dringenden Wunsch und wiederholten Begehren nach, endlich von Berlin aufgebrochen und gegen Ende des Oktobers glücklich in Wien angelangt. Sie hatte mit Recht die Schwierigkeit des Unterkommens und den allgemeinen Zudrang gefürchtet, denn eine schon gemietete überteure Wohnung wurde uns widerrechtlich vorenthalten, und während ich noch im Gasthofe blieb, wo keine Zimmer mehr zu haben waren, fand sich für Rahel nur eine Zuflucht im Savoyischen Damenstift durch die Güte der Vorsteherin, Gräfin von Dietrichstein. Schnell aber war auch dieser beschränkte Raum behaglich eingerichtet, und die lebendige Seelen- und Geistesfrische ließ die Mängel der Umgebung kaum bemerken. Ich wenigstens[48]  vermißte nichts, und als wir nach einiger Zeit in leidliche gemeinsame Wohnung zogen und nun wirklich beisammen wohnten, hätte ich gern eingewilligt, für immer so zu bleiben; die alte Versicherung von der Hütte, welche sich dem befriedigten Herzen zum Palast verwandle, hatte sich mir überreich verwirklicht! Nun fühlt ich ein heimisches Glück, und die fremde große Welt wurde mir täglich fremder, wie ich denn auch anfing, sie mehr und mehr zu vernachlässigen. Durch ernste Arbeit beschäftigt, durch die erwünschte Nähe beglückt, empfand ich kein Bedürfnis der Zerstreuung, und Neugier und Ehrgeiz lockten mich immer seltner, dem glänzenden Scheine nachzugehen, der ohnehin meist nur täuschte.
Ungeachtet der zahlreichen großen Geselligkeitsmächte, welche in Palästen hausten und zu deren Mittags- und Abendglanze sich Willkommene und Unwillkommene drängten, war doch das Verlangen, sich noch um andre, von jenen verschiedene Mittelpunkte zu versammeln, so groß und allgemein, daß auch der unscheinbarste Raum hiezu genügte, und das Bedürfnis der Herzlichkeit, des Zutrauens und des freisinnigen Geistes überbot nicht selten die Ansprüche der Pracht und Üppigkeit. So wurden alsbald außer den einheimischen stillern Kreisen manche fremde bemerkbar, wo sich, wie in den höchsten, Unterhaltung und Geschäfte förderten und von denen vielerlei ausging, was seinen dunklen Ursprung hernach verleugnete. So hatte Doktor Cotta mit seiner Frau, man kann sagen, fast nur ein Zelt aufgeschlagen, so eng und flüchtig war alles bestellt, allein dieses Zelt war eine Mitte vieler Verknüpfungen. Cotta war nach Wien gekommen, um in Gemeinschaft mit Bertuch aus Weimar die Sache des deutschen Buchhandels zu vertreten und allgemeine Abhülfe gegen den Nachdruck zu erlangen. Allein unter dieser bescheidenen Hülle bargen sich viele andere Aufträge und Betreibungen, der württembergischen Landstände, der deutschen Sachen überhaupt; und zahllose Mahnungen, Einreden, Verständigungen fanden durch ihn,[49]  mittelst der ihm gehörigen »Allgemeinen Zeitung« in Augsburg und des durch seinen Unternehmungsgeist auch in Hamburg erworbenen »Deutschen Beobachters«, gleichsam eine öffentliche Rednerbühne. Daß er hiebei nach verschiedenen Seiten gefällig sein mußte, hinderte ihn nicht, im ganzen doch immer seiner eigensten Meinung und der von ihm gewählten Seite das Übergewicht zu erhalten. Persönlich stand er mit den größten Staatsmännern, ja, mit gekrönten Häuptern in vertraulichem Verkehr, und seine Verschwiegenheit und Klugheit sowie die überall hinreichenden Hülfsmittel seiner literarischen Geschäftsverbindung machten ihn zu dem sichersten und geschicktesten Träger mancher so wichtigen als zarten Anliegen. Unglaublich ist es, in welcher Schlichtheit und Verleugnung dieser angesehene und auch bedeutend reiche Mann sich unscheinbar zu Fuß durchdrängte, alles selbst tat, keinen Gang sich verdrießen ließ, kein Wetter scheute und in allen oft kleinlichen Einzelheiten, die er besorgte, doch immer den Blick frei und kühn auf das Große und Ganze gerichtet hielt.
Bei dem allgemeinen Drängen und Suchen der Menschen nach Zufluchtsorten, wo häuslicher Herd und Tisch zum Ausruhen von den Staatssachen und zugleich zum freieren Besprechen derselben einlud, konnte es nicht fehlen, daß bald auch Rahel unwillkürlich die Mitte einer lebhaften Geselligkeit geworden war. Diese war jedoch mit keiner andern zu vergleichen und sowohl in ihrer Richtung als in ihrer Zusammensetzung von eigenster Art. Hier wurde nichts vertreten und bezweckt als das allgemeine Menschliche und die freieste Betrachtung desselben. Damit ergab sich von selbst, daß ohne Ansehen der Person nur das Maß des Willens und der Fähigkeit, sich in jenem Elemente zu bewegen, den Anteil an demselben entschied. Stand und Namen und selbst Volksangehörigkeit durften wenig in Betracht kommen. Personen des höchsten und gar keines Ranges standen hier auf gleichem Boden. Waren die preußischen Freunde dennoch am zahlreichsten und vertrautesten, so[50]  fand dies gewiß weniger statt, weil sie die Landsleute, als weil sie die preußischen und somit ohne Frage die in freier Geistesbahn am meisten vorgeschrittenen waren. Außer diesen und allen andern Arten von Deutschen waren insbesondere Österreicher, sodann Franzosen und Italiener, Russen und auch wohl ein paar Engländer in verschiedener Abstufung und Dauer hier bald einheimisch. Die Gespräche wurden oft, und dann gegen den Willen der Wirtin, zu strengen Verhandlungen, und glückliche Ausdrücke, wohlgesetzte Gründe, überraschende Wendungen von daher klangen dann an solchen Orten wider, wo sie Gewicht erhalten konnten, oder tauchten unerwartet aus Tagesblättern hervor.

Es ist aber Zeit, von den mancherlei Nebengewässern sich dem großen Strome wieder zuzuwenden. Wenn wir bisher unsere Erzählung immer nur wie einleitend umhergeführt und noch auf keine rechte Bahn gekommen sind, so geht es uns hierin nur wie dem Kongresse selber, der auch nicht so schnell in die Mitte der Sachen gelangen konnte, sondern sich in Vorworten mühsam heranarbeitete. Der Kongreß war im Pariser Frieden auf den 1. August festgesetzt, aber bald nachher, hauptsächlich aus Berücksichtigung englischer Verhältnisse, um zwei Monate hinausgeschoben worden und sollte nun vom 1. Oktober an als wirklich eröffnet gelten. Aber dem Wesen und der Form nach fehlte hieran noch viel. Schon am 8. Oktober war eine Erklärung in den Zeitungen erschienen, wonach der Anfang der eigentlichen Verhandlungen auf den 1. November angesetzt wurde, bis wohin die schwebenden Fragen durch freie und vertrauliche Erörterungen zur nötigen Reife gebracht werden sollten. Am 1. November aber kam eine neue Erklärung, welche statt des Beginns der Verhandlungen wenigstens die Prüfung der Vollmachten als begonnen verkündigte. Während diejenigen, von welchen das Handeln ausgehen sollte, sich der Schwierigkeiten, denen sie begegneten, zu entledigen strebten,[51]  konnte die Stockung auch den Zuschauern schon nicht verhehlt werden.
Die Schwierigkeiten lagen aber tief in der Sache begründet, nicht in dem Willen oder den Fähigkeiten der Personen. Wenn man auf ältere Kongresse zurückblickt, auf die Hindernisse, welche durch bloße Förmlichkeiten verursacht wurden und mit denen zum Beispiel in Münster und Osnabrück, in Nimwegen, Utrecht usw. unendliche Zeit verloren wurde, so muß man gestehen, daß der Wiener Kongreß sich bei dergleichen Nebendingen verhältnismäßig wenig aufgehalten, sondern sie mit freisinniger Übereinkunft teils rasch erledigt, teils vorläufig beseitigt hat. Allein ganz konnte die herkömmliche Weise, in der die Höfe und Staaten bisher untereinander verkehrt hatten, doch nicht umgangen werden, und dieselben Formen, welche so lange Zeit nicht ohne Grund in diplomatischen Geschäften bequem gewesen, mußten auch in ihrer Unbequemlichkeit geduldet bleiben. Nichts wäre kürzer gewesen, als daß die vier großen Mächte, welche den Kriegsbund gegen Napoleon geführt, untereinander einig ihren Willen ausgesprochen und zum Gesetz erhoben hätten. Die Übereinstimmung hätte nicht gefehlt, sie brauchte nicht erst gegründet, sondern nur gegen Andrang und Beimischung von außen bewahrt zu werden. Allein jene Mächte durften sich nicht befugt glauben, nachdem sie eben das Joch gebieterischer Gewaltherrschaft, das auf Europa gelastet, zerschlagen, diesem ein neues aufzulegen, und ihre Mitverbündeten würden dasselbe nicht willig angenommen haben. Auch konnte der Wille jener Mächte hinsichtlich einer Menge von Fragen, von denen sie selbst nur mittelbar berührt wurden, nicht unbedingt schon entschieden haben; es galt hier die Ansprüche zu wägen, das Rechte zu erkennen, das Angemessene zu finden. Also Beratung überhaupt, Mitwirkung für die höher Beteiligten, für die Untersten wenigstens Gehör konnten nicht versagt werden. Hier aber für einen so noch nie dagewesenen Fall Form und Maß zu ermitteln, das war keine geringe Aufgabe[52]  und auch deren Lösung durch ein bloßes Gebot nicht möglich.

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Als nächste diplomatische Anknüpfung für den Kongreß galt der Pariser Friede, und die acht Mächte, welche diesen unterzeichnet hatten oder ihm beigetreten waren, standen in erster Reihe. Aber durch Zutritt und Stimme konnte hier keine Gleichberechtigung erlangt werden, jeder Hof trat mit dem eigentümlichen Gewicht seiner Macht, seiner Lage und Verhältnisse ein; dieser wesentliche Unterschied konnte durch Stimmenmehrheit so wenig als durch Selbstverleugnung aufgehoben werden, und es war undenkbar, daß die unangreifbare Größe Rußlands nur gerade soviel gelten sollte als Schweden oder daß Spanien, verheert und erschöpft, das siegskräftige England aufwöge. Dazu kam noch der Übelstand, daß Staaten, welche an Umfang und Kraft, vielleicht auch sogar an Verdienst um die gemeinsame Sache, wenigstens gleichberechtigt schienen, in der Zahl jener acht Mächte doch nicht begriffen waren. So Dänemark, die Niederlande, Sardinien, der Papst, für welche doch grade die Stimmung sehr günstig wirkte und vorzugsweise sorgte. Die deutschen Angelegenheiten, welche, noch ungeordnet, in jenem obersten Rate nur durch Österreich und Preußen mitvertreten waren, sollten erst wieder zu einem Ganzen emporgebildet werden. Hier tummelten sich die streitendsten Ansprüche, die vielartigsten, verwickeltsten Forderungen. Um nur erst festen Boden zu gewinnen, bemächtigten sich die fünf Höfe von Wien, Berlin, München, Hannover und Stuttgart der Beratung, von der sich aber die mittlern Staaten und zuletzt auch die kleinsten nicht gutwillig ausgeschlossen sahen und zu der die Mediatisierten und einstige Körperschaften sich eifrig andrängten.
Die höheren politischen Fragen von allgemeiner Wichtigkeit wurden in hergebrachter diplomatischer Weise größtenteils durch Notenwechsel zwischen den Großmächten allein verhandelt; die Gegenstände, welche mit jenen Lebensfragen nicht notwendig zusammenhingen und teils bestimmte[53]  Länder, teils einzelne Klassen, teils auch durchgreifende Allgemeinheiten betrafen, waren an besondere Ausschüsse von Bevollmächtigten, zumeist der großen Höfe, gewiesen, wo die Geschäfte durch Sitzungen und Protokolle geführt wurden. Außer den deutschen Gebiets- und Verfassungsfragen standen deren auch für andre Länder manche höchst wichtige zur Entscheidung, und neben den Ausschüssen hiefür waren noch andere für die Abschaffung des Negerhandels und für die Zähmung der afrikanischen Seeräuber aufgestellt.
Kam auf solche Weise die Einleitung und Verteilung der Arbeiten endlich zustande, so fehlte doch viel, daß dies gleich von Anfang vollständig gelungen wäre und daß der eingeschlagene Gang von allen Seiten die nötige Förderung erfahren hätte. Allem andern zuvor mußten die politischen Fragen in betreff des künftigen Besitzstandes der großen Mächte unter diesen abgemacht sein; diese Grundlage schien bereits festgelegt, allein bei näherem Eingehen fanden sich manche Stellen noch unsicher, andere wurden erst jetzt wankend. Die Häupter der Kabinette, welche bisher die Sachen geführt, wußten recht gut, was sie im einzelnen wollten und im ganzen wünschten, und die besondern Bestimmungen, die sie teils als Gesamtheit gegenüber von Frankreich sich ausbedungen, teils unter sich vorher schon getroffen hatten oder nachträglich festsetzten, ließen ihre Ansprüche und Erwartungen deutlich genug hervortreten. Tatsächliche Überlegenheit wird in der Welt unter allen Um ständen anerkannt, und wo das Recht der Mindermächtigen, und schon ihr Vorteil sogar, von der Macht, wie hier unleugbar der Fall, beachtet und mitvertreten sind, da findet sich eine in der Natur der Dinge begründete Unterordnung von selbst. Dies war auch das allgemeine Gefühl in betreff des Kongresses, und den vier Hauptmächten, sofern sie einig waren, mochte niemand eine Art von Diktatur bestreiten. Ohne Zweifel wäre es für Europa und insbesondere für Deutschland vorteilhaft gewesen, wenn alle Entscheidungen[54]  lediglich in jener höheren Region, ohne die trübende Einmischung beschränkter, von unten emporsteigender Eifersuchten und kleinlicher Betriebsamkeiten, hätten gefaßt werden können, und der Widerspruch würde unerheblich geblieben und bald verstummt sein. Jedoch fiel die Sache weit anders aus. Innerhalb der Machtverbindung wurden Trennungslinien sichtbar, die sich durch hinzutretendes Einwirken leicht in Zwiespalt vertiefen ließen. Es fehlte nicht an solchem Einwirken, wodurch bald Macht gegen Macht stand, und anstatt einer freien, reichen Darbietung ein mißtrauisch berechnetes und doch gerade dadurch verkümmertes Ergebnis davongetragen wurde.
Zweierlei Einflüsse sind in solchem Betreff hauptsächlich hier anzuführen. Bei uns Deutschen hatten sich in der öffentlichen Meinung die außerordentlichsten und teilweise seltsamsten Erwartungen mit dem verheißenen Kongresse verknüpft. Die Deutschen waren allerdings in einem besondern Zustande, wie keine der andern Nationen, mit denen sie verbündet den Sieg errungen hatten. Rußland und England, Schweden, desgleichen auch Preußen und Österreich standen da in alter fester Gestalt und brauchten die Früchte des Sieges nur an sich zu ziehen und in das Bestehende aufzunehmen. Polen und Italien, schon längst ohne Selbständigkeit und auch von Napoleon nur mit einem Scheine derselben betört oder gereizt, folgten dem Lose der Eroberung, wobei sie nicht wesentlich zu verlieren schienen. Spanien, Portugal, Dänemark standen, wenn auch erschüttert, auf altem Boden. Die Niederlande erfreuten sich eines gewonnenen neuen Bestandes, die Schweiz ihrer teilweisen Erneuung und allseitig ausgesprochenen Sicherheit. In Deutschland war alles zersetzt, das Aufgelöste zum Teil wieder neu gebunden, zum Teil preisgegeben und verloren. Die Franzosenherrschaft hatte hier am stärksten und nachhaltigsten, aber nicht gleichmäßig eingewirkt, sondern nach den Zeiten und Gegenständen sehr verschieden; alle Wechselgebilde der letzten dreißig Jahre waren hier geschichtlich[55]  abgelagert und nebeneinander wiederzufinden, eine Verwirrung von Zuständen, die in der größten Abweichung voneinander nur darin übereinkamen, daß allenthalben die alten Verhältnisse zerstört, die neuen nicht abgeschlossen und Recht, Unterdrückung, Sieg, Verdienst, Vorteil und Verlust wunderlich gemischt waren. Die Zwischenzeit, während welcher das Fremde geherrscht, hatte zu lange gedauert und zu vielerlei Eigengebildetes entstehen lassen, als daß man sie und ihre Gebilde geradezu für nicht gewesen erklären konnte, und wo dieser Versuch gleichwohl gemacht wurde, da brachte er nur Verwirrung und Beschämung hervor. Das Alte ungeteilt herzustellen war im allgemeinen unmöglich und daher im einzelnen ebenfalls, sofern dieses der Anknüpfung an ein Ganzes, worin früher ein so großer Wert gelegen, jetzt entbehren mußte. Wenn Kaiser und Reich nicht wieder auflebten, so konnten es auch die ehemaligen Reichsstände und Reichsverhältnisse nicht, weil jene höchsten Bedingungen eines solchen Daseins fehlten. Soviel des Neuen hatte man in die Verbündung, als der Sieg noch nicht entschieden war, aufgenommen, so wirksam hatte es Anteil an ihm genommen und war durch ihn eben auch selbst miterstarkt, daß hier sowohl das erworbene Recht als auch die wirkliche Macht eine rücksichtsvolle Ausgleichung auferlegten. Aber die großen Regierungen wollten auch jene Wiederherstellung des Alten nicht, weil ihr eigner Vorteil dagegen war.
Legte sich dem vorbereiteten politischen Entwickelungsgange dieses Gewicht deutscher Verhältnisse und Bedürfnisse drückend auf und mischte sich von daher ein neues, in noch ungestalter Kraft unberechenbares, volktümliches Element in die Verhandlungen, welche schon kein rein diplomatisches Geschäft mehr darstellten, sondern auch gleichsam staatsgerichtliche und fast parlamentarische Vorgänge in sich aufnehmen mußten, so drang von anderer Seite ein politischer Einfluß heran, der ebenfalls in unerwartet begünstigtem Anwachsen die bisherigen Berechnungen[56]  verwirrte und bedrohte. Dies war der Einfluß des wiederhergestellten Frankreichs. Allerdings hätten früherhin die Sieger alle Macht und Befugnis gehabt, dem besiegten Frankreich den Zutritt zu Verhandlungen zu versagen, welche gleichsam der letzte Abschluß derjenigen Ereignisse und Bestimmungen sein sollten, durch die, ohne Frankreich und gegen Frankreich, dieses selbst erst wieder in seiner jetzigen Gestalt erstanden war. In der Tat konnte es unbillig dünken und gefährlich sogar, dieses noch gärende und in vieler Hinsicht dem übrigen Europa fortwährend feindliche Frankreich in die Gemeinschaft der bevorstehenden Staatenberatung als gleichberechtigtes Mitglied unbedingt aufzunehmen; allein die Aufrichtigkeit der Versöhnung schien diesen Beweis des Vertrauens gewähren zu müssen, das wiedereingesetzte bourbonische Herrscherhaus durfte ihn dringend fordern, und nicht die Großmut der Gesinnungen allein, sondern auch wichtige Gründe der Staatsklugheit hatten für die Zulassung entscheiden müssen; denn es war allerdings von großer Bedeutung, den neuen Festsetzungen, welche die Grundlage des künftigen politischen Bestandes von Europa werden sollten, den Anteil und die Mitverpflichtung eines Staates nicht fehlen zu lassen, der seiner Lage und Beschaffenheit nach unfehlbar binnen kurzem wieder in die Reihe der großen Mächte zu treten berufen war. Blieben auf jeder Seite dieses Wechselfalles Schwierigkeiten, die sich nicht beseitigen ließen, so folgt daraus nicht, daß sie nicht bedacht worden wären, wie denn überhaupt Vorsicht und Erwägung in denjenigen Dingen, welche für die Kabinette selbst wichtig waren, diesen wohl selten gefehlt haben. Aber dem Anteil und Einfluß Frankreichs mochte man in keinem Falle den Umfang voraussetzen, zu welchem er sich in der Tat bald erhob. Hierin wiederum war der Aufschub des Kongresses besonders verhängnisvoll. Die kurze Zwischenzeit, der Verlauf desselben Sommers, welcher die Heere der Verbündeten sich trennen und in die zum Teil weite Heimat zurückkehren sah, war vollkommen hinreichend,[57]  die lebhaften, durch Schmach und Hoffnung im Innern aufgereizten Franzosen als ein nach außen unter der neuen Herrschaft wieder ziemlich vereintes und zum Kriege starkes Volk aufzustellen. Wäre der Kongreß, wie es anfangs be stimmt war, einige Monate früher begonnen und rasch zum Schlusse geführt worden, so würde Frankreich aller Wahrscheinlichkeit nach keine bedeutende Rolle haben spielen können noch wollen und seine Teilnahme mehr eine formale geblieben sein. War aber einmal Raum zur Vorbereitung und Entwickelung gegeben, so fiel aller Gewinn auf die Seite derjenigen Kräfte, die sich in Deutschland und Frankreich dem vorausgezeichneten Gang und Zwecke des Kongresses wachsend entgegenwälzten, während die zwischen den Mächten bestehenden Verabredungen in demselben Maße an Einigkeit und Festigkeit nur verlieren konnten. Doch dürfen wir, wenn wir billig sein wollen, auch wegen dieses verhängnisvollen Aufschubes nur die Sache selbst und die Gesamtheit der Leitenden, nicht aber einzelne beschuldigen, deren keiner diese Zögerungen in seiner Gewalt hatte, wenn auch, was zu bezweifeln, deren Folgen so klar, als sie nachher zu übersehen waren, vorgelegen hätten, außerdem daß diese auf mancher Seite auch erwünscht oder doch weniger zu fürchten sein konnten.

Während aber die Geschäfte stockten oder ihren Anfang noch unsichtbar zu spinnen hatten, war der Weltschauplatz erfüllt von regem Leben, und in raschem Wechsel drängten sich Gestalten und Ereignisse. Die Anwesenheit der größten Herrscher, so vieler königlichen und fürstlichen Häupter, der höchsten Frauen, umgeben von der Blüte der vornehmsten Geschlechter aller Länder, rief in täglich wiederkehrenden Anlässen alle Pracht und Üppigkeit der Kaiserstadt zu erneuerter Bewegung auf. Feste folgten auf Feste, die Schau- und Tanzlust erhielt volle Befriedigung. Treffend scherzte der alte Fürst von Ligne: »Le Congrès danse bien, mais il ne marche pas!«, und das glückliche Wort flog schnell durch[58]  ganz Wien, ja, durch Europa, zum Ergötzen auch derer, die es treffen konnte; denn wo ein Allgemeines krankt, fühlt sich der einzelne kaum noch verantwortlich.
Das moderne Fest ist wesentlich militärisch; der frühere kirchliche, der später höfische Charakter öffentlichen Prunkes ist ganz in den militärischen übergegangen, welcher am verständlichsten zu der Menge spricht und ihr durch Ernst und Tüchtigkeit noch am meisten Ehrfurcht gebietet. Das Fest im Prater am 18. Oktober zur Feier der Schlacht von Leipzig war in diesem Betracht eines der allgemeinsten, prunkvollsten und würdigsten. Die Kriegsfürsten und die geringsten Krieger hielten zusammen gemeinschaftlich Mahl, und alles Volk nahm teil an dem großen Anblick. Sechzehntausend Mann wurden unter freiem Himmel gespeist, der die Festlichkeit durch das schönste Wetter begünstigte, und das Wiener Volk setzte den Freudenrausch fort bis tief in die Nacht hinein. Die Einigkeit der großen Herrscher schien bei diesem Gedächtnisse des gemeinsamen Sieges aufs neue sich zu verbürgen. Gleichen Eindruck empfing die öffentliche Meinung von der sechs Tage darauf gemeinsam von den Monarchen unternommenen Lustreise nach Pest, wiewohl diese auch schon zu mancherlei eifersüchtigen Bemerkungen Anlaß gab.
An Glanz und Geschmack ragte besonders ein von dem Fürsten von Metternich gegebenes Fest hervor, wo die große Welt alles, was ihrer durch Schönheit und Auszeichnung würdig schien, herangezogen hatte. Das Fest blieb lange Zeit für die Teilnehmer der Gipfel aller prächtigen Erscheinung, und weit und breit wurde davon gesprochen. Ein zweites Fest, dessen Pracht und Herrlichkeit alles überstieg, was man bis dahin gesehen hatte, war ein Karussell in der wunderbar ausgeschmückten und erleuchteten Reitbahn, wobei besonders die österreichischen Kavaliere durch Prunk und Gewandtheit die Bilder einer fabelhaften Ritterzeit hervorriefen.[59] 
In einer andern, minder hohen, aber allgemein anziehenden und beschäftigenden Sphäre, in der des Theaters nämlich, erwarb die mimische Tänzerin Bigottini den größten Beifall und Ruhm. Von ihrer Darstellung der Nina war der ganze Kongreß entzückt, und wiewohl Kenner manches an ihrer Kunst zu tadeln und sie namentlich mit der einst bewunderten Vigano nicht zu vergleichen fanden, so durften sie gegen die übermächtige herrscherliche Bewunderung kaum laut werden. Unter den einheimischen Talenten glänzte vor allen die großartige Sängerin Anna Milder und war des tiefsten, allgemeinsten Eindrucks immer gewiß. Da hier des Theaters gedacht ist, so muß ich auch der Gastrollen der ausgezeichneten Künstlerin Auguste Brede gedenken, die durch ihr feines gebildetes Spiel den schönsten Beifall gewann. Späterhin betrat die gewaltige Sophie Schröder die Bühne und setzte besonders die Ausländer in Erstaunen, die solche Wirkungen bisher nur dem französischen Theater möglich geglaubt hatten.
Nicht bloß der Abend, fast jede Tageszeit hatte ihre besondere Schaulust. Frühmorgens zogen die Truppen zu Paraden und Kriegsübungen aus, wobei sehr oft die Monarchen selbst in zahlreicher Begleitung erschienen und durch ihre Beeiferung gern einen Stand und ein Fach ehrten, dem sie ganz persönlich angehören wollten. Die Mittagszeit bot häufig die auserlesensten Musikaufführungen, worin von jeher Wien durch die außerordentlichsten Hülfsmittel sowie durch wahre Liebe und großartige Pflege der Kunst sich hervortat. Solange das Wetter günstig blieb, war die Bastei der allgemeine Versammlungsort zum Spazierengehen. Ganz Wien und der ganze Kongreß flossen hier in bunter Mischung durcheinander, und man konnte die Bastei eine diplomatische Börse nennen, wo auch die Geschäfte gar nicht zur Sprache kamen. Nur Gentz und Humboldt, bemerkte man, wurden niemals dort gesehen, worin man etwas Bezeichnendes finden wollte. Dagegen versuchte der badische Forstjunker von Drais in diesem bunten Gedränge seine[60]  fußgetriebenen Wagen und seine damals neu erfundenen Draisinen, welche der Großherzog von Weimar »die fahrende Ritterschaft unserer Tage« nannte und in denen der Doktor Jassoy deutliche Sinnbilder der Kongreßbewegung sehen wollte.

Doch so ausschließlich heiter und ergötzlich konnte nicht alles hergehen, daß nicht auch Verdruß und Unheil sich eingedrängt hätten, wozu immer den Menschen, nach Maßgabe ihrer Menge und Verhältnisse, eine Zahl von Losen ausgeteilt ist.
Der Fürst von Ligne, der anfangs nur leicht erkrankt schien, aber scherzend verhieß, er werde dem Kongresse, der sich in Schauspielen aller Art schon ersättigt, nun doch noch ein neues bereiten, nämlich das Leichenbegängnis eines österreichischen Feldmarschalls, machte den Scherz nur allzu schnell wahr und schied aus einer Welt, die er lange belebt und erfreut hatte, zuletzt aber doch nicht ganz mehr als die seinige erkannte, sosehr er sie auch durch Laune und Fügsamkeit noch sich anzueignen strebte. Sein Verlust wurde aufrichtig betrauert, und viele bereuten, die letzten Strahlen dieser Geistessonne nicht eifriger aufgesucht zu haben. Mit ihrem Verlöschen war in der Tat ein ganzes Zeitalter hinabgesunken, dem wohl hin und wieder noch ein Zeuge, aber nun kaum ein Vertreter noch übrig war.

Den Hauptstamm des Kongresses bildeten die Mächte, welche den Pariser Frieden unterzeichnet hatten, nächst ihnen waren für die Anordnung der deutschen Sachen die deutschen Regierungen zur Teilnahme berufen, außerdem aber auch alle sonstigen politischen und selbst privaten Ansprüche, die hier Erledigung hoffen durften, zu Gehör verstattet. Die persönliche Gegenwart der Machthaber schien ein großer Vorteil, sowohl für diese selbst als für die Verhandlungen, welche dadurch manchen Zweifeln und Weitläufigkeiten entrückt werden konnten. Doch hatten nicht alle[61]  Monarchen sich eingefunden, sondern einige der wichtigsten bloß ihre Bevollmächtigten gesandt, die nun ihrerseits versucht waren, den Vorteil, welchen den andern Bevollmächtigten die Anwesenheit ihrer Machtgeber verlieh, durch den entgegengesetzten aufzuwiegen, der sich nicht selten aus der Entfernung derselben ziehen ließ. Aber den Vorteil der persönlichen Gegenwart beschränkten auch andre, im Charakter der anwesenden Fürsten begründete und deshalb unverrückbare Umstände.
Der Kaiser Franz stand allgemein in dem Rufe eines schlichten, gutmütigen, wenig unterrichteten, aber klarsehenden und mit launigem Mutterwitze begabten Mannes, der aufrichtig das Wohl seiner Völker wünsche, starr und fest an Recht und Gesetz halte, übrigens aber seinen Sinn, besonders in politischen Sachen, dem Rat und der Leitung der damit Beauftragten gern unterordne. Seine schmächtige, fast kümmerliche Gestalt, sein unbeholfenes und doch zwangloses Benehmen, seine für jedermann freundliche Offenheit und besonders seine ungezierte volksmäßige Mundart und Sprachweise hatten ihm bei dem Volk eine zärtliche Teilnahme und herzliche Zuneigung gewonnen, die durch die wiederholten Unglücksfälle sich zu begeisterter Liebe steigerte, besonders dem Feinde gegenüber, dem man auf solche Weise noch trotzen konnte. Aber die Hülle dieses Charakters hegte einen Kern ganz andrer Art! Franz, ein geborner Italiener und unter Italienern aufgewachsen, hatte nur den Schein deutscher Gutmütigkeit und Bescheidenheit, den er doch mit kluger Benutzung der dargebotenen Hülfsmittel lange zu behaupten wußte; im Hintergrunde hegte er ganz andre Eigenschaften. Er war eigensüchtig, verschmitzt und arglistig, voll Eifersucht auf seine Macht, mißtrauisch gegen seine Nächsten, gehässig und rachsüchtig gegen alles, was ihn unangenehm berührte, daher ein Feind alles Ausgezeichneten, Selbständigen, ein geborner Gönner alles Mittelmäßigen und Geringen; zu kurzsichtig und unsicher, um eigne Entschlüsse zu fassen, zu schwach und feig,[62]  um bei den gefaßten zu beharren und sie auszuführen, fühlte er stets die Qual, fremden Einflüssen unterworfen zu sein, und hegte die Neigung, dies auch an denen zu rächen, die ihm am treusten und erfolgreichsten dienten. Mit großer Selbstverleugnung strebten seine Leiter stets, ihm den Anschein der Kraft und des Mutes zu erhalten, die ihm gänzlich fehlten; besonders wandte der Fürst von Metternich, hierin auch für sich selber ein Gebot der Klugheit erfüllend, den größten Ernst und Eifer an, dem Kaiser den Ruhm und die Ehre jedes Erfolges zuzuschreiben, und daß ihm dies in einer Art gelang, die den Kaiser konnte glauben lassen, es sei aufrichtig gemeint, trug gewiß nicht wenig dazu bei, die seltne Amtsdauer eines Ministers zu bewirken, der zu diesem Herrn in keiner Weise zu passen schien. Metternich war ohnehin jetzt durch den Gang der Dinge getragen, der hingegen die früheren Einflüsse gelähmt hatte; die geistvolle Kaiserin – dritte Gemahlin des Kaisers, dem für seine Sinnlichkeit stets die Ehe am bequemsten war – fühlte sich durch vergeblichen Kampf und Kränklichkeit erschöpft, die Erzherzoge standen beseitigt, andre Gegner waren wenig zu fürchten, und so hatte Metternich allerdings in den Hauptsachen jetzt unbestritten das Heft in Händen. Damals war fast die ganze Welt über den Charakter des Kaisers getäuscht; doch gab es in Österreich eine nicht kleine Zahl von Personen, die ihn vollkommen einsahen, unter andern Gentz, der auch scharfe Umrisse zu seiner Zeichnung niedergeschrieben hat. Später ist die öffentliche Meinung durch die in den langen Regierungsjahren sichtbarer gewordene Sinnesart des Kaisers und durch manche unerwartete Enthüllungen sehr von der günstigen Vorstellungsweise zurückgekommen.
Ganz verschieden verhielt es sich mit dem Kaiser Alexander. Für ihn bestand kein erlogener Schimmer, keine durch Zufall und Absicht erwirkte falsche Schätzung; man wußte ziemlich genau, was man ihm zuzurechnen und was man von ihm zu erwarten habe. Von ursprünglich edlen und[63]  wohlwollenden Regungen erfüllt, zu menschenfreundlichem Freisinn erzogen, hatte er in unglücklichen Familienverhältnissen zwar frühzeitig die Kunst der Verstellung lernen und üben sowie manches düstre Unglück erfahren müssen; aber je mehr er in Jahren und Erfolgen fortschritt, desto mehr entschlug er sich den Angewöhnungen aus jener Zeit, und wieweit seine Geistes- und Willensfähigkeiten gingen, lag der Welt ziemlich offen. Was früher in ihm romantisch gewesen war, ritterlich und galant, das hatte sich, nach Erschöpfung sinnlichen Genusses, in eine fromme Richtung geworfen, die doch der galanten noch nicht alle Nebenwege verschloß. Seine Taubheit abgerechnet, war er eine wohlgefällige Erscheinung, durch Geistesbildung und Redefeinheit ausgezeichnet, für Beifall sehr empfänglich; die persönliche gesellige Geltung war ihm fast wichtiger als die politische. Doch unterzog er sich den Aufgaben seiner Stellung mit Eifer und Gewandtheit. Er entschied und bestimmte vieles unmittelbar nach eignem Antrieb und Gutdünken; er wußte seine Vorteile wie die Schwächen der Gegner schlau zu handhaben, und sein Willen und Benehmen kamen bei allen Unterhandlungen allerdings in Betracht. Aber die russische Staatskunst hatte damals sehr einfache Aufgaben, sie lagen durch die Natur der Dinge gebieterisch vorgezeichnet, und Alexander brauchte, um vor- und durchzudringen, nur die Kräfte wirken zu lassen, die schon im Gange waren. Ihm schmeichelte wohl, sich als den Lenker der Staatssachen zu denken, und er versuchte später noch mancherlei, um als Schöpfer darin aufzutreten, indes ist er wohl selbst von seiner Zulänglichkeit nie überzeugt gewesen, und das Gefühl des Mißlingens hat später seine Tage abkürzen helfen.
In dem Könige von Preußen ist ein gerechter und gemäßigter Sinn von jeher mit Recht geschätzt worden; er mißtraute leicht sich selber und folgte gern der Einsicht und dem Entschlusse anderer, wenn er deren Fähigkeit einmal anerkannt hatte; doch behielt er sich stets Aufsicht und Tadel vor und wußte alles, was zu frei und kühn sich aufschwang,[64]  herabzustimmen und zu beschränken. Trocken, verdrießlich und schweigsam, gewann er doch durch Wohlmeinung und Güte, die auch in jenen Formen sich auszudrücken verstanden, die Herzen leicht. Aber die Enge seines Gesichtskreises, sein Hang zum Kleinen und Gewöhnlichen, seine Bedenklichkeit und Hinzögerung im Entschließen machten es sehr schwierig, Staatsgeschäfte, und besonders so außerordentliche, wie der Kongreß sie auferlegte, mit ihm zu bearbeiten. Auch fing schon damals, nach den großen Kriegserfolgen, das früher schlummernde Selbstgefühl, König und Herr zu sein, stärker sich zu regen an, ohne doch die solchem Selbstgefühl entsprechende Willens- und Tatkraft aufzuwecken. Trotz alles Lobes, das diesem Fürsten reichlich gezollt worden und das er großenteils in Wahrheit verdient, wird die Geschichte nicht unterlassen können, auch gewichtige Stimmen anzuführen, die seine persönliche Regierungsweise großer Schwachheit und Kleinmütigkeit zeihen und selbst seiner gepriesenen Gerechtigkeit den Flecken des Wortbruchs und der Fahrlässigkeit nachweisen, daß er seinem Volke die versprochene Verfassung vorenthalten und Tausende seiner Untertanen dem Haß und der Willkür verfolgungssüchtiger Behörden und augendienerischer dummer Beamten preisgegeben, wobei er sich mit dem Scheine rechtlichen Verfahrens beruhigt und nicht einmal wahrgenommen habe, daß sogar dieser oft fehlte!
Diese Monarchen, welche bisher, obwohl Alexander und Friedrich Wilhelm persönlichen Mut hinreichend dargetan, in den Kriegssachen die Oberleitung nicht geführt hatten, führten dieselbe jetzt ebensowenig in den politischen Verhandlungen, sie überließen deren Richtung dem allgemeinen Drange der in Staat und Volk eben wirksamen Ansprüche und Forderungen, und der Gang blieb den Ansichten und Geschicklichkeiten der Staatsmänner anheimgegeben, in deren Händen die Geschäfte gerade lagen. Der politische Teil des Kongresses war daher von dem Einflusse jener Persönlichkeiten nur wenig bedingt, keine drückte den Ergebnissen[65]  das Gepräge eines bestimmten Charakters auf. Aber ganz ohne Wirkung blieben sie auch nicht, sie mußten immerfort berücksichtigt und bearbeitet werden, und so gab sich denn ihre Gegenwart besonders durch Hemmungen und Schwierigkeiten kund. Sie hatten zum Fördern keine Kraft, aber zum Hindern und Stören waren sie stark genug, da ihr herrscherliches Ansehn doch nie bloßzustellen und ihr gelegentliches Meinen durch offnen Widerspruch nicht aufzuheben war.
Von deutschen Fürsten sind noch die Könige von Bayern und Württemberg zu erwähnen, dann der Großherzog von Baden, der Herzog von Weimar. Der König Max Joseph von Bayern galt als ein guter Gesell, der mit jedermann in behaglicher Laune verkehrte und Stand und Würde nur zu haben schien, um sie abzulegen, wodurch er den Vornehmen oft Ärgernis gab; in Staatssachen hatte er keine Stimme noch Meinung, er folgte, überzeugt oder nicht, den Anstößen, die er empfing. Dagegen war der König Friedrich von Württemberg nicht ohne politischen Blick und Willen, aber seine Hoffart und Gewaltsamkeit, seine Laster und Tücken hatten ihn bei Hohen und Niedern verhaßt gemacht, wie denn auch die Überfülle seines plumpen Leibes jedermann widrig sein mußte; er versuchte trotzig aufzutreten, sah aber bald, daß er nichts vermochte, und eilte nach Hause, wo seine aufgeregten Untertanen ihm zu schaffen machten. Der Großherzog von Baden galt für dumm und schlecht, war aber beides nicht, sondern trug nur die Folgen eines Geschickes, welches auf seiner Jugend gelastet und seine reichen Anlagen erstickt oder gelähmt hatte; sein entkräftetes Wollen wirkte nur als Nichttun, und hierdurch konnte er sogar einige Wirksamkeit auf die deutschen Verhandlungen ausüben! Eine selbsttätige Wirksamkeit auszuüben, war gewiß der Herzog von Weimar berufen, seine Verhältnisse und persönliche Geltung konnten nicht günstiger sein; doch im Gedränge so vieler Mächtigern mußte sein politisches Gewicht sich in der Bedeutung halten, welche sein Land ihm gab.[66] 
An der Spitze des Kongresses, wenn wir die Monarchen selbst, wie billig, außerhalb der diplomatischen Kategorie lassen, stand unleugbar der Fürst von Metternich; in ihm erkannte man schon im voraus den Präsidenten dieser hohen Versammlung, die ihn auch bald ausdrücklich dazu erwählte. Da Österreich gleichsam den Wirt machte, die Eingeladenen bei ihm zu Gaste und in Obhut waren, so vereinigte der Minister dieses Staates mit dem vollwichtigen Ansehn, das ihm als solchem überall inwohnen mußte, das ihm auch in Paris und London nicht hätte fehlen können, und mit der ohnehin wirksamsten Geltung der bedeutenden Persönlichkeit zugleich allen Vorzug und Einfluß, den das Zuhausesein, das Zugebotestehen der ganzen Örtlichkeit, mit einem Worte, das Recht des Wirtes, hier unberechenbar gewährte.


Die persönliche Bedeutung des Fürsten zeigte sich schon in dem merkwürdigen Umstande, daß ihm, dessen Vorrang alle andere Bevollmächtigte anerkannten, auch der Kaiser Alexander, der von den Monarchen am meisten persönlich in politische Verhandlung einging, für solchen Fall kaum noch als ein Höherer gegenüberstand, sondern der russische Kaiser und der österreichische Minister als zwei gleiche Kämpfer auf demselben Boden geraume Zeit um den Preis des Sieges rangen. Anfangs schien das Verhältnis als ein durchaus günstiges und hätte als einträchtiges unwiderstehlich alle andern Verhältnisse des Kongresses beherrschen müssen; allein es erfolgten Abweichungen, Verstimmungen und endlich völlige Entzweiung, wobei doch der gute Grund unerschüttert blieb, auf welchem die achtungsvolle Anerkennung nie verlorenging und späterhin rückhaltloses Vertrauen sich wieder erzeugen konnte.
Für Österreich war an zweiter Stelle der Freiherr von Wessenberg. Er gehörte zu den unterrichteten, hellsinnigen, arbeitsamen Männern, von denen die Geschäfte stets gefördert werden. Die Selbständigkeit seines Wollens hemmte jedoch seinen Einfluß in manchen Regionen, wo nur durch Anschmiegen vorgerückt werden kann; der Verstand, der[67]  sich nicht unterordnet, ist bald unbequem und wird allmählich zur Seite gedrängt.
Die den Umständen entsprechendste und dadurch wichtigste und brauchbarste Tätigkeit war ohne Zweifel in Gentz vorhanden. Der österreichische Hofrat stand sichtbar weit über diesem äußern Rang und genoß eines europäischen Ruhmes und Ansehens. Seine Stellung in den österreichischen Staatsgeschäften gab ihm schon Bedeutung genug, aber als Führer des Protokolls der Kongreßberatungen, als Mitglied so mancher Ausschüsse und Kommissionen, als kundiger Berater und lichtvoller Darsteller wurde er nach allen Seiten auch den höchsten Personen wichtig, und die ersten Staatsmänner gingen mit ihm auf dem Fuße der Gleichheit um. Damals konnte kein Zweifel aufkommen, wer Gentz sei und was es mit ihm auf sich habe; die Beteiligten wußten es nur zu gut und suchten die Früchte seines Geistes und seines Talents für sich zu ernten. Er vermochte vielerlei Ansichten zu erfassen, mannigfache Interessen dialektisch zu vertreten, und sein Gespräch wurde durch seinen Reichtum belehrend für Freund und Feind; aber wo es bestimmte Fragen galt, wirkliche Festsetzungen von unmittelbarer Anwendung, da verleugnete sich seine glänzende Beweglichkeit, und wer ihn europäisch oder englisch oder vorzugsweise deutsch oder auch etwa von alters her noch etwas preußisch wünschte, der fand ihn zunächst und hauptsächlich doch nur österreichisch. Dafür mußte er viel Mißwollen und Gehässigkeit von seiten derer leiden, deren eigenwilligen Erwartungen er nicht entsprach. Daß er einer der wichtigsten, tätigsten und geschicktesten Männer auf dem Kongreß gewesen, bezeugt auch ausdrücklich Herr von Gagern, der mit ihm unmittelbar zu verhandeln hatte. Humboldt rühmte von ihm, daß unter seinen Händen nichts ungeschickt bliebe und daß immer, wo er eingriff, die Sachen eine angemessene, haltbare Gestalt bekämen.
Wenn hier das Bild Friedrichs von Schlegel sich anreiht, so ist es keine diplomatische Tätigkeit – deren er gar keine[68]  hatte –, sondern andere Bedeutung, in der sein Name mit dem von Gentz mag verbunden werden. Er war, gleich diesem, ein norddeutscher Gelehrter, ein ausgezeichneter Schriftsteller, durch mancherlei Geschicke in den österreichischen Staatsdienst gekommen. Als beide Männer noch in Berlin zusammenlebten, haßten sie einander, und besonders war damals der schon antirevolutionär gesinnte Gentz dem noch heftig die republikanische Freiheit anstrebenden Schlegel ein Gegenstand tiefsten Abscheus. Jetzt aber verehrte Schlegel nicht nur die politische Denkart des ehemaligen Gegners und suchte ihn darin noch zu überbieten, sondern er mußte in ihm persönlich auch eine Art Vorgesetzten anerkennen, dessen Gunst und Billigung er nicht entbehren durfte. Gentz war ohne allen Rachsinn, sah nur auf den jetzigen guten Willen und glaubte, daß wenigstens der Name des Mannes von Nutzen sein könnte, dessen Dienste ihm doch sehr zweifelhaft schienen, ja, dessen Gesinnungen er noch mit einigem Mißtrauen betrachtete. Denn Schlegel war katholisch geworden, während Gentz immer protestantisch geblieben war und nur der politischen Seite Österreichs angehörte, wogegen jener die katholische Seite vorzugsweise ergriffen hatte und es nicht verhehlen konnte, daß in den häufigen Fällen, wo die Sache des Staates und die der Kirche sich trennten, er ohne Frage der letztern zu folgen vorziehe. Aber in Wien wollte man auch an die Aufrichtigkeit seiner katholischen Überzeugung wenig glauben, und der fremde Neubekehrte war seinen neuen Staats- und Kirchengenossen vielfach verdächtig, ein bloß ehrgeiziger Heuchler zu sein. Die unzweifelhafte Hochachtung nur, welche hochstehende Gebildete dem geistvollen Schriftsteller zu bezeigen fortfuhren, und die Bürgschaft, welche darin gleichsam für die Wahrheit und den Ernst seiner neuen Richtung lag, halfen einen Namen aufrechterhalten, dem jede Erinnerung an die berüchtigte »Lucinde« doch immer wieder einen Flecken anhing. Besonders war in jener Hinsicht für Schlegel Wilhelm von Humboldt von Wichtigkeit, der als preußischer[69]  Gesandter mit seinem ganzen Ansehen ihn stützte. Auch er hatte, wie Gentz, ihm aus früherer Zeit mancherlei zu verzeihen und tat es mit heiterer Großmut. Im Schlegelschen »Athenäum« waren demjenigen, der beweisen könne, Ramdohrs »Charis« gelesen zu haben, die »Ästhetischen Versuche« Humboldts als Belohnung zugesagt worden; häufig wurde des bittern Scherzes noch jetzt gedacht, nur Humboldt wollte ihn vergessen haben. Zum Unglück war auch Herr von Ramdohr jetzt, als preußischer Diplomat und Hardenbergs Landsmann und Bekannter, ein bedeutenderer Mann geworden, als der Schriftsteller je hätte werden können. Die ganze Vergangenheit lastete auf Schlegel als ein Ungemach, und es hatte etwas Belustigendes, wie er die jetzt öfters unvermutet auf ihn fallenden Rückschläge seiner früheren Unarten halb trotzig, halb weinerlich hinnahm. In eigentlichen Geschäften wurde er nicht gebraucht, hatte aber soeben die Aufmerksamkeit durch sein dem Fürsten von Metternich gewidmetes Buch über alte und neue Literatur auf sich gezogen, ein ausgezeichnetes, geist- und kenntnisreiches Werk, welches für das Haupterzeugnis seines Lebens gelten kann und dessen Ruhm und Erfolg nur durch die unheimliche Beimischung verkümmert wurde, die ein in sich ganz herber und nur im Ausdrucke noch schüchterner Glaubenseifer dazu geliefert hat. Durch sein Denken und Sprechen, besonders auch über so viele vaterländische Gegenstände, mußte Schlegel im Getriebe so lebhafter Verhandlungen, wo alles Deutsche so ernstlich in Frage kam, auch ohne unmittelbar geschäftliche Teilnahme doch immer Einfluß erlangen. Er und seine geistvolle, wohlwollendeifrige Frau hatten einen großen Kreis; alles was irgendwie den Bereich der weitverbreiteten und in Kunst und Literatur immer entschiedner herrschenden romantisch-mittelalterlichen Bildung berührte, alles was mit deutschen Gefühlen anknüpfen wollte und doch auf mittlern Stufen verweilen mußte sowie auch mancher feurige Sinn, der sich der höchsten Blüte des Orients, den damals noch neuen, von[70]  Schlegel eingeführten Sanskritstudien zuwenden mochte, ganz besonders aber alles der katholischen Kirche Angehörige, fand oder suchte hier einen Anhalt. Manche diplomatische Personen ließen hier gern sich belehren und beraten, wenn sie auch selten den Rat gebrauchen konnten; die Anwalte der deutschen katholischen Kirche nährten ihre Hoffnungen hier, und selbst der vom Papste zum Kongreß abgesandte Kardinal Consalvi benutzte die ihm dargebotene Willfährigkeit zu mancherlei Erkundigungen und Arbeiten. Doch fand der kluge Italiener, dem es für das Heil der Kirche oft mehr auf weltliche Einsicht als auf geistlichen Eifer ankam, bald viel ersprießlichere Dienste in dem zwar akatholischen, aber sich ihm ganz widmenden Freunde Bartholdy, der schon als preußischer Generalkonsul für Italien bezeichnet war und daher das ihm wichtigste Verhältnis fleißigst anbaute. Für Schlegel war dieser Vorzug, der einem sonst von ihm, auch bei eingetretener Verwandtschaft, fast übersehenen Mann gegeben wurde, ein wahrer Schmerz, und er klagte mit Bitterkeit, daß die katholische Kirche sich selber nicht in dem Sinne vertreten wolle, der nach seiner Überzeugung der einzig rechte sei; eine Klage, die sich ihm auch in betreff Österreichs wiederholte, denn gerade diejenigen Ansichten, welche er sich als wesentlich österreichische einredete, konnte er am wenigsten geltend machen, und so fand er auch eher bei den fremdesten Staatsmännern Gehör als bei den österreichischen, wie denn schon Gentz die Träume von mittelalterlichen Herstellungen als die unbrauchbarsten Hirngespinste verwarf und der Fürst von Metternich für dergleichen Grübeleien in seinem von drängenden Lebensfragen erfüllten Tagewerke kaum eine Mußestunde haben konnte.
Später kam aus Tirol, wo er an den Verwaltungsgeschäften teilgenommen, Adam von Müller nach Wien und stellte sich als Mittelglied zwischen Gentz und Schlegel. Jenem gehörte er durch alte Freundschaft und Verehrung sowie insbesondere als Schüler im Staatswesen an; mit diesem verband[71]  ihn der Übertritt zum katholischen Glauben und der Eifer für denselben. Er hatte nicht die Geschäftskunde von Gentz, aber so große Leichtigkeit und Gewandtheit, daß er sich in alles hineinarbeiten konnte, und seine schriftstellerische Beredsamkeit schien in manchen Fällen die des Meisters sogar zu übertreffen. Er war überzeugt, dieser habe ihn aus Eifersucht solange von Wien entfernt gehalten und werde ihn auch jetzt nicht dort lassen, sondern ihm lieber eine vorteilhafte Anstellung anderswo verschaffen, wie sich auch in der Folge als richtig erwies, indem für Müller das österreichische Generalkonsulat in Sachsen errichtet wurde. Vorher genoß er eine Zeitlang der persönlichen Nähe und ausgezeichneten Gunst des Fürsten von Metternich, der gewiß erkannte, daß höchstens in Müller einigermaßen für Gentz ein Ersatz als möglich zu denken sei. Müller hatte jedoch die Schwäche, daß fremde und ihm entgegenstehende Meinungen ihn heftig beunruhigten, und in seiner Nähe sie zu dulden wurde ihm zur größten Pein, weshalb er alle Mittel aufbot, die Menschen, mit denen er lebte, zu bereden, zu bekehren. In diesem Bemühen, und um Vertrauen durch Vertrauen zu gewinnen, teilte er alles mit, was er irgend wußte und dachte, und nicht nur seine eignen Geheimnisse, sondern auch die, welche er von Gentz und Schlegel wußte. Sein Freund Wiesel, dessen weltlichem Verstande er staunend einst gehuldigt hatte, jetzt aber in religiösen Dingen gern die katholische Gläubigkeit aufgeredet hätte, benutzte diese Schwäche und pumpte nach Belieben alles aus ihm heraus, was die innerste Heimlichkeit, Hoffnung, Kühnheit oder Besorgnis der Partei war, womit er dann seinen Hohn trieb und den Freund zärtlich zu lieben dadurch beweisen wollte, daß er demselben in seinen Verrücktheiten, wie er es nannte, möglichst Abbruch tat!
Preußen war bei dem Kongresse auf reiche und vortreffliche Weise vertreten. Der Fürst von Hardenberg hatte den ungemeinen Vorteil, als Staatskanzler an der Spitze nicht nur der Auswärtigen Angelegenheiten, sondern aller Zweige[72]  der Staatsverwaltung zu stehen. Sein Alter, seine durch vielfache Lebens- und Staatsgeschicke bewährte Erfahrung, seine neueste, durch die glänzendsten Erfolge bezeichnete Laufbahn, sein munterer, umsichtiger Geist und seine menschenfreundliche Liebenswürdigkeit, alles vereinigte sich, ihm das größte Ansehen und die wirksamste Bedeutung zu geben. Zahlreich waren in Wien die ausgezeichnetsten Staatsmänner versammelt, jedes Verdienst und jeden Vorzug sah man hier glänzen; aber unter den Hochbejahrten konnte keine Persönlichkeit dem Fürsten von Hardenberg den Preis der edlen, ausdrucksvollen, durch Würde und Milde wohltuenden Erscheinung streitig machen, wie unter den im kräftigen Mannesalter stehenden dieser Preis ebensosehr dem Fürsten von Metternich gebührte. Hardenberg war noch in seinen weißen Haaren ein schöner Mann, dem man es ansah, welch außerordentliches Glück er einst bei Frauen gemacht hatte, ja, der diesem Lebensreize noch jetzt weniger nachging als begegnete und dem die gesellige Welt in jeder Weise nur immer Gunst und Vorteil darbringen mußte.
Ihm als Kongreßgesandter zur Seite stand der Freiherr Wilhelm von Humboldt. Zwischen ihm und dem Staatskanzler bestand während der ganzen Dauer des Kongresses das vertraulichste, ungetrübteste Einverständnis, und beide Männer ergänzten einander im besten Sinne. Dem Staatskanzler als solchem ohne Frage untergeordnet, als diplomatischer Bevollmächtigter doch wieder ihm fast gleichgestellt, an Geist und Geisteskräften aber ihn überragend, erfüllte Humboldt willig und vortrefflich die in solcher Mischung von Verhältnissen ihm gewordene Rolle, die bei jedem andern, und gerade durch das Bestreben, sie zur ersten zu machen, eine zweite geblieben wäre, durch seine äußere Verleugnung und innere Selbständigkeit aber recht eigentlich eine der ersten gleiche wurde. Es war dies nicht das Verhältnis Blüchers und Gneisenaus, welches ebenso einzig und ersprießlich während des Krieges sich gebildet und erhalten[73]  hatte; für ihre Aufgaben und ihr eigentliches Geschäft standen die beiden Diplomaten einander näher, konnten leichter ihre Leistungen vertauschen und darin wetteifern als jene beiden Kriegshelden. Aber die Oberleitung Hardenbergs war schon in dessen Haupte von Humboldts Beistand durchdrungen, so wie des letztern Ausführungstätigkeit den Impuls des ersteren immerfort als erwünschte Förderung in sich trug. Der Mut und Fleiß beider Männer wetteiferte in jeder Anstrengung. Was Humboldt während des Kongresses alles gearbeitet und wie umsichtig, gediegen, sorgfältig, mit welcher Strenge und Unermüdlichkeit, das übersteigt allen Glauben, auch forderte er in gleichem Maße von seinen Gehülfen und Untergebenen solche Tätigkeit; hier ist hauptsächlich der Graf von Flemming zu nennen, Hardenbergs Neffe, der unter feiner und angenehmer Bildung, bei lässiger Scherzweise, eine große Schärfe und innere Festigkeit besaß und sich an Humboldt mehr noch als an Hardenberg hielt.
Der Staatskanzler trug die Last der gesamten Staatsgeschäfte in allen Zweigen, doch ging die diplomatische Tätigkeit für jetzt notgedrungen jeder andern voran. In diesem Gebiete arbeitete Hardenberg vieles ganz selbst und ganz allein. Manche der wichtigsten Noten, besonders als der Kampf um Sachsen am höchsten und bedenklichsten schwebte, schrieb er in durchwachten Nächten mit eigner Hand und lieferte Meisterstücke der Klugheit, der Angemessenheit, der nachdrücklichen Stärke; eine ihm eigene Grazie und Sicherheit bezeichnet diese Arbeiten auch im Stil als die seinigen.
Wollte man fragen, wieso diese herrlichen Gaben und Kräfte, besonders die so glücklich vereinigten Talente Hardenbergs und Humboldts, nicht größere Erfolge gehabt, auf dem Kongresse nicht entscheidender gewirkt, sowohl für Preußen unmittelbar als für die von demselben vertretenen Grundsätze, so müssen wir die also Fragenden – in wie großer Anzahl sie auch sein möchten – unbedenklich einer[74]  irrigen Voraussetzung, einer falschen Beurteilung der Möglichkeiten und Wirklichkeiten zeihen. Uns hat die ruhige Betrachtung und fortgesetzte Erwägung dieser Dinge im Verlauf der Jahre den Schluß aufgedrängt, was allerdings im Augenblick selbst anders scheinen konnte, daß, wie die Verhältnisse einmal waren, Preußens Beteiligung bei dem Kongresse in keinerlei Hinsicht eine zurückstehende gewesen, sondern daß der Ertrag und Gewinn, wenn auch nicht vollkommen der gewünschte, doch immer ein außerordentlicher gewesen. Wenn eine sehr verbreitete Meinung diese Ansicht noch heute, oft mit bitterer Anklage und schwerem Seufzen, bestreiten möchte, so ergibt sich hieraus nur die Höhe der Ansprüche, zu welcher die Nation sich durch die Erfolge selbst gesteigert hatte.
Die Behauptung, daß Preußen in den Verhandlungen weniger ehrenvoll und erfolgreich gewesen als auf dem Kriegsfelde, wäre durch genaue Erörterung Punkt für Punkt erst zu erweisen. Nur sind freilich in den Kämpfen der Kabinette die streitenden Kräfte nicht so mit Zahlen auszudrücken wie in Schlachten und Gefechten die der Sieger und Besiegten; der Angriff und der Widerstand setzen sich aus gar mannigfachen Bestandteilen zusammen, und wer die Schwierigkeiten und Hindernisse durchschaut, gegen welche Hardenberg und Humboldt unausgesetzt angingen, der wird das von diesen beiden Staatsmännern Geleistete wahrlich nicht gering anschlagen. Doch dies im einzelnen auszuführen, dürfte auch heute, wiewohl ein Vierteljahrhundert seitdem verflossen, noch zu früh sein, und möge dies künftigen Mitteilungen vorbehalten bleiben!
Von seiten Rußlands nahmen an den Beratungen der Fürst von Rasumowski, der Graf von Stackelberg und der Graf von Nesselrode teil, wobei jedoch die persönliche Einwirkung des Kaisers keinen Augenblick zu fehlen schien. Die Grafen Kapodistrias und Pozzo di Borgo standen in dieser Zeit noch nicht in erster Reihe, zu der sie jedoch bedeutend vorrückten. Die russischen Diplomaten und Generale[75]  hatten sich überhaupt zahlreich eingefunden, und ihr Benehmen und ihre ganze Erscheinung wirkten bedeutend ein; mit dem Grafen Golowkin, der gegen den Ausgang des Kongresses wieder nach Stuttgart gesandt wurde, ist hier besonders noch der Freiherr von Anstett zu nennen, der in der Folge als russischer Gesandter am Deutschen Bunde längere Zeit wichtig war; Rasumowski, von Bignon aus dem genommenen Standpunkte ganz treffend geschildert, war fast in Wien einheimisch und vereinigte in seiner Hand Fäden, die sonst wohl selten zusammenkamen.
Für England traten Lord Castlereagh und sein Bruder Lord Stewart, ferner Lord Clancarty und Lord Cathcart, später auch der Herzog von Wellington auf. Castlereagh war ohne persönlichen Schimmer, seine Ansichten galten für beschränkt, seine Meinung schien oft von äußeren Eindrücken abhängig, und sein Verhandeln geschah mehr im Sinne eines Sachwalters als eines Staatsmannes.
Die Vertretung Frankreichs ruhte auf vier Namen, von denen aber der des Fürsten Talleyrand die andern weit überragte. Über den berühmten Erzdiplomaten ist so viel geschrieben worden, von Thiers an, der ihm mit eindringendem Blicke in das geheimste Innere nachgegangen, bis hinab zu dem sittenrichterlichen Eifer, der ihn plump einen Schuft nennt, daß es schwer sein würde, hier über sein Wesen etwas Neues zu sagen. Die Rolle, welche er auf dem Wiener Kongresse in zwei Richtungen, erst trennend und dann einend, mit Geschicklichkeit und Erfolg gespielt, tritt in den Ereignissen sprechend genug hervor. Ich muß indessen bemerken, daß ich einen besondern Bezug mit ihm hatte. Schon lange mit einer Arbeit über Mirabeau beschäftigt, konnte ich das Verlangen nicht unterdrücken, den noch lebenden Zeugen und Freund einer großen Persönlichkeit über sie zu verhören. Man wandte mir ein, solches ganz außer der Zeit liegende Ansinnen würde nicht nur fruchtlos, sondern auch, als dreist und ungereimt, mir selber in dem Urteile des Mannes schädlich sein. Ich glaubte das nicht und[76]  ließ ihm meinen Wunsch eröffnen. Freundlichst kam er demselben entgegen; er hielt alles Schriftstellerische, sofern er nur irgend ein Talent dabei wahrzunehmen glaubte, für höchst beachtungswert und wollte seine Vergangenheit gar gern in mildem Lichte sehen lassen. Bevor jedoch die Mitteilungen erfolgten, zu denen auch Handschriften aus den Pariser Schätzen herbeizuziehen gewesen wären, sah ich mein Vorhaben von der Gewalt der Tagesfluten überwogt, und ich versäumte weitere Anknüpfungen. Was für ein Bild aber der merkwürdige Mann, teils durch sich selber, teils durch das aus seiner Nähe über ihn Aufgenommene, mir von sich zurückgelassen, das darf ich wohl hier einschalten, indem das Urteil jener Zeit sich in der Hauptsache auch noch für das heutige geben kann.
Talleyrand gehört zu denjenigen Menschen, welche das Leben durch mancherlei Wechsel am Ende doch nur zu deutlicher Selbstsucht führt. Das Gefühl der Freiheit, das ihn in früherer Zeit wirklich beseelte, war nicht stark genug, den Ereignissen zu widerstehen; ebensowenig bestand die Vorspiegelung vaterländischen Ruhmes und Nutzens, die seinen Anteil an Napoleons Staatsführung veredeln sollten und die er andern und auch wohl sich selbst einzureden suchte. Der persönliche Nutzen bestimmte die Anschließung an die Bourbons wie früher die an Napoleon. Diese Triebfeder bildete sich bei ihm desto mehr in Geldgier aus, je schlimmer ihn frühere Armut gedrückt hatte, und es scheint bei ihm Hauptmaxime alles Handelns geworden, um jeden Preis die Wiederkehr solchen Druckes zu vermeiden. In seinem ganzen Benehmen scheint das Priestertum noch durch, dem er zuerst angehörte; die Verschlossenheit, die Ruhe, die gesellige Leichtigkeit, der nachdrückliche Ernst und geistreiche Witz, welche sich in ihm vereinen, haben viel Priesterart. Er weiß sehr gut, daß seiner innern Überlegenheit sein äußeres Auftreten nicht entspricht, und hält dieses daher mit Fleiß in engen Schranken. Den schwärmerischen Ideen, die ihn nicht mehr beherrschen, hat er darum[77]  noch nicht alle Neigung entzogen, im Gegenteil, er nimmt mit Vorliebe die Richtungen seiner Jugend wieder auf, und ließe sich sein Eigennutz mit den früheren Gestaltungen verbinden, er sähe diese am liebsten wieder die Welt beherrschen. Man darf bezweifeln, daß er es mit den Bourbons ernstlich meine oder nicht wenigstens zu der alten Bahn der orleansschen Faktion hinneige. Auf gleiche Weise wie an jenen Ideen hält er auch an seinen alten Freunden fest, mit aufrichtigem Herzen und treuem Sinn; es müßte schon arg kommen, daß er sie verleugnete. Die Gelehrten und Schriftsteller begünstigt er auf alle Weise und sucht sie für sich zu gewinnen, weil er ihren stillen Einfluß wohl zu würdigen weiß. Die große Erfahrung und Übersicht, die er zu den Geschäften mitbringt, und die Geistesschärfe, mit der er gleich das Nächste wirksam faßt und bewegt, würden ihn bei dem Kongresse mehr, als er es schon ist, bedeutend machen, wäre ihm nicht die Achtung der Bessern entzogen und raubte sein verstecktes und ränkesüchtiges Wesen ihm nicht das Vertrauen selbst derer, die ihn beauftragt haben. Er arbeitet wenig und ungern, und sein größtes Talent ist, andere für sich arbeiten zu lassen und selbst die bedeutendsten Menschen in dieser Art sich unterzuordnen. Überhaupt versteht er besser, die auf seiner Seite wirkenden Menschen als die ihm gegenüberstehenden zu gebrauchen. Wo es aufs Handeln ankommt, läßt er sich durch nichts irren, kennt weder Liebe noch Haß, folgt keinem Nebeneindruck, sondern ganz einfach und bestimmt seinem wohlüberlegten Vorhaben; keine fremde Eigenschaft wirkt auf ihn, und es bliebe wenig gegen ihn auszurichten, wenn er nicht doch das Geld zu sehr liebte und die Waffenentscheidung immer fürchtete.
Außer Talleyrand waren noch der Herzog von Dalberg, der Graf von latour du Pin und der Graf Alexis von Noailles von französischer Seite bevollmächtigt. Den Namen Dalberg hier auch jetzt wieder, wie schon bei Napoleons Zeiten, im Dienste Frankreichs zu sehen wurde von den Deutschgesinnten wie ein Hohn empfunden, und der Herzog, in[78]  welchem überdies der Bonapartist nicht erloschen schien, mußte darüber manche Bitterkeit hinnehmen; ein Preuße, gegen den er sich etwas überheben wollte, gab ihm sein Teil öffentlich in Gesellschaft, so daß an keine Widerrede zu denken war. Als trefflicher Arbeiter bei der französischen Gesandtschaft muß La Besnardière genannt werden, der aber auch den früheren Verhältnissen mehr als den jetzigen ergeben schien.

Den Vordergrund aller mannigfachen Bewegung nahmen aber fortwährend die Gebietsfragen ein, welche das Schicksal Polens und Sachsens betrafen und für die sich die Teilnahme täglich steigerte. Daß Sachsen mit Preußen vereinigt werden sollte, war von allen verbündeten Hauptmächten schon völlig zugestanden, die andern aber hatten hierbei nicht einzureden, als insofern man es ihnen gestattete. Eine andere Frage jedoch war die Vereinigung Polens mit Rußland. Der Kaiser Alexander hatte seine Forderungen in diesem Betreff nie bestimmt angegeben, sondern nur immer allgemein ausgesprochen, daß Rußland in Polen, Preußen in Deutschland und Österreich in Italien ihre Entschädigungen und Gewinne zu nehmen hätten. Auch hierüber war man einverstanden, aber nicht über das Maß der Ausführung. Die russische Macht schien im Glanze des Sieges mit jedem Tage bedeutender; sie bis an die Weichsel vorrücken zu sehen flößte die stärksten Besorgnisse ein. Österreich und England tauschten zuerst ihre Bedenken aus, und Frankreich sprach – anfangs noch schwachen, aber bald schon stärkeren Lautes – in ähnlichem Sinn; trat auch Preußen noch bei, so stand Rußland allein, und man durfte hoffen, dessen Erwerbungen durch gemeinsamen Widerspruch nach Wunsch einzuschränken. In diesem Absehen wurden die Fragen über Polen und Sachsen eng verflochten, und Preußens Ansprüche auf Sachsen schienen dann am wenigsten bestritten, wenn seine Stimme, die Ansprüche Rußlands in Polen zu beschränken, mitwirken würde. Jedoch eine solche[79]  Abwendung Preußens von Rußland war undenkbar; die persönliche Zuneigung der Herrscher, die siegreiche Waffenbrüderschaft der Kriegsheere und selbst die Stellung der politischen Verhältnisse, sowohl im Ganzen als namentlich für Preußen, knüpften und geboten die engste Anschließung. Der Widerspruch der gegenüberstehenden Mächte gegen Rußland in betreff Polens dehnte sich nun auch gegen Preußen hinsichtlich Sachsens aus.
Die sächsische Frage erhob sich aber auch aus eignen Kräften und wurde der Kampfplatz, wohin alle Mittel des Angriffs und der Verteidigung sich zusammendrängten. Frankreich fand hier den günstigen Ansatz neuen politischen Einflusses. Die angestammten Herrscherrechte als unverlierbare darzustellen entsprach der eignen Lage der Bourbons, und in dem Könige von Sachsen den treuen Verbündeten – nicht sowohl Napoleons als Frankreichs – zu retten, zugleich aber den verhaßten Siegern den Gewinn zu schmälern entsprach der nationalen Stimmung der Franzosen. In Sachsen selbst tauchten die alten Verhältnisse und Neigungen, die der Krieg niedergehalten, wieder auf und verstärkten sich durch die Fortdauer der tatsächlichen Unentschiedenheit, in der alles schwebte; auch im übrigen Deutschland traten Zweifel und Überlegungen hervor, an die früher kaum gedacht worden war. Besonders schien Bayern die neue sich befestigende Größe Preußens mit Eifersucht anzusehen. Auf diese Weise fand die schon schwebende politische Frage mannigfach nachdrückliche Aufregung.
Die Verhandlungen wurden schärfer, der Zwiespalt deutlicher, schon fürchtete man seinen offnen Ausbruch, die Besorgnisse wurden allgemein. Der Einfluß Frankreichs wirkte besonders nachteilig und drängte sich geschickt ein; er strebte den Annäherungen entgegen, zu welchen auf beiden Seiten die Gesinnungen ursprünglich doch stets geneigt waren, und suchte neue Verbindungen zu knüpfen, für welche er wieder die Mitte zu werden hoffte. Der Fürst von Talleyrand richtete seine Betriebsamkeit nach allen Seiten, seinen[80]  stärksten Eifer jedoch widmete er den englischen Verhältnissen, von hier aus glaubte er die andern um so leichter zu gewinnen. In der Tat schien Lord Castlereagh ihm ein nicht allzu schweres Spiel zu machen, das Übergewicht des Geistes übte sein Recht. Stimmten aber Frankreich und England überein, so durfte Österreich den Verbundenen eine Bedeutung zuerkennen, der sich anzuschließen unter den waltenden Umständen kaum vermeidlich war. Die Wirkung auf die Staaten zweiten und dritten Ranges blieb nicht aus, die Niederlande, in Deutschland Hannover und Bayern, reihten sich der neuen Verbindung an. Die Franzosen nahmen schon wieder eine drohende Sprache, die Zeitungen verkündigten Truppenbewegungen gegen den Rhein, nannten die Marschälle, welche den Befehl führen sollten. Daß dies alles im Namen der erst wiedereingesetzten, den Siegern verpflichteten, noch kaum befestigten Bourbons geschehen konnte, dünkte beinahe fabelhaft. Allerdings zeugte diese Wendung von Talleyrands Geschicklichkeit, und man durfte ihn rühmen, die Schwäche so schnell in Stärke verwandelt zu haben. Allein, um diesen glänzenden Erfolg zu erringen, wie einseitig betrachtete er die Verhältnisse, wie blind ließ er außer acht, welcher Boden eigentlich die Bourbons in Frankreich trug! die noch offnen Abgründe der Revolution vergaß er, den schon wieder gezückten Degen Napoleons sah er nicht und wandte nur alles auf, um den Mächten, welche gegen solche wesentliche Gefahren zu Schutz und Hülfe anzurufen waren, Frankreich im eitlen Flimmer diplomatischer Wichtigkeit erscheinen zu lassen. In Wahrheit, hat Talleyrand in diesen Verwicklungen sich als geschickter Unterhändler gezeigt, so hat er sich doch keineswegs als großer Staatsmann erwiesen. Auch ohne das unerwartete Ereignis, dessen gewaltiger Stoß alle Berechnungen zerrüttete, würden die der Talleyrandschen Politik sich schlecht bewährt haben. Und ein europäischer Krieg mußte, wo nicht Frankreichs Geschick, doch unfehlbar das der Bourbons in Frage stellen.[81] 
Wollte der Drang dieser Mißverhältnisse und das Hinschwinden so mancher Hoffnung die Seele gar zu sehr verdüstern, den Geist Widerwillen und Ermattung niederschlagen, so kam das tägliche Leben glücklich zu Hülfe, und seine heilsame Flut quoll und strömte durch die rauhesten Geschäfte. Der Wiener Tag schien aus besonderem Stoffe gemacht, was er berührte, nahm er in sein Behagen auf; was jedermann täglich muß und will und doch meist nur gleichgültig abtut, essen und trinken, sich ergehen, umherschauen, alles wurde in dieser Lebensgewöhnung unwiderstehlich zum Vergnügen und Genuß. In den höchsten Kreisen, versteht sich von selbst, mußten die Festlichkeiten und die glänzenden Versammlungen aller Art täglich wiederkehren, und wie sich diese Fülle von oben her stufenweise teils der sehenden, teils der hörenden Neugier ergoß, so übte auch das Volksleben hinwieder nach oben seine Anziehung. Gekrönte Häupter scheuten nicht den Strudel bürgerlicher Belustigungen, die verwöhnteste Vornehmheit bequemte sich zur Kost vorstädtischer üppig-derber Herbergen; die Theater waren gefüllt und die untern meist von der großen Welt, die obern oft von der kleinen, sie wollten einander wechselseitig sehen; an den Winterfreuden, die sich überall auftaten, war weder Politik noch Geldkurs merkbar.
Der Fürst von Ligne starb, aber sein Witz auf den Kongreß lebte munter fort und verflocht sich mit manchem andern, den scherzende Laune oder böslicher Mutwillen demselben Gegenstand widmete. Der Anblick dieses schwankenden Getümmels, der schneidenden Gegensätze, die daraus hervortraten, das Schwelgen der Sinne und das Kargen des Geistes, die Höflichkeit der Formen und die Grobheit der Meinungen wirkten herausfordernd auf die Menschen ein, und es war fast niemand, der nicht auf seine Weise sich über das Schauspiel, zu dem er selbst mit gehörte, lustig gemacht hätte. Als die Hoffnung eines friedlichen Ausgangs der Verhandlungen sehr getrübt war und wohlmeinende Menschen den Gedanken kaum ertrugen, daß wieder Krieg,[82]  und Krieg zwischen den eben noch Verbündeten, entstehen könne, nahm auch mein trefflicher Meyern sich diesen Zustand tief zu Herzen und behauptete in seiner bei aller Güte doch scharfen Weise, die Herrscher sollten festsetzen, daß, wenn wieder Krieg würde, alle Diplomaten, die vergebens am Frieden gearbeitet, unerbittlich mit zu Felde ziehen müßten, und zwar zusammen in eine Kompanie Jäger vereint, unter einem altgedienten Hauptmann, der sie nicht schonte; er wollte seinen Kopf zum Pfande geben, daß dann kein Krieg würde. Überhaupt fing in dieser Zeit die Gewohnheit an, die noch immer fortdauert, den Diplomaten, welche bis dahin eine äußerst geehrte und zart behandelte Klasse waren, alles Böse nachzusagen, sie herabzusetzen und lächerlich zu machen, und ich weiß recht gut, wer in dieser Art das erste Wort gesprochen! Kamen zunftgerechte Maler und Zeichner, die eine so erlauchte Versammlung in getreuen Bildnissen ehrerbietigst der Nachwelt überliefern wollten, so zeigten sich vornehme Talente bemüht, die Personen und Vorgänge in Zerrbilder zu bringen, und es wurden in dieser Art verwegene Dinge versucht. In einer Gesellschaft, wo prinzliche und militärische Munterkeit zusammenfloß, warf man die Frage auf, welches die lächerlichste Figur auf dem Kongresse sei, und man beschloß, die Sache kongreßmäßig zu verhandeln, mit Protokollen, Noten, statistischen Tableaux, Ausschüssen und so weiter. Von sieben oder acht Namen, die man nach vielen Debatten endlich gleichsam auf den engen Aufsatz gebracht hatte, konnte keiner die erforderliche Mehrheit erlangen, und auch bei diesem Ergebnis wollte man sich freuen, daß es, wie behauptet wurde, so echt kongreßmäßig sei. Endlich vereinigten sich die Meinungen für zwei Individuen, unter welchen der Preis geteilt wurde.

Wenden wir uns lieber zu Gegenständen reinerer Teilnahme, zu heiterer Kunst und Bildung. Die Reichtümer Wiens in dieser Art waren unerschöpflich und breiteten sich[83]  dem Liebhaber immer staunenswürdiger aus. Wer sich auf Altertümer, Malereien, Bildwerke und sonstige Kunstsachen einließ, der konnte bald seiner Forschungen und Gewinne kein Ende mehr absehen. Von allen diesen Sachen war noch wenig Lärm gemacht, sie standen als ruhiger Besitz aufgehäuft sowohl in den kaiserlichen als in den nicht minder reichen Privatsammlungen und harrten stolz des einsamen Kenners, ohne die Augen der Menge anzulocken. Merkwürdiges dieser Art zu erforschen und zu genießen, war niemand aufgeweckter und sorgsamer als der Herzog von Sachsen-Weimar, der in allen Obliegenheiten und Geschäften seiner fürstlichen Verhältnisse immer noch Tage und Stunden genug fand, seine stets rege Wißbegier zu befriedigen und seiner Teilnahme für alles Bedeutende nachzugehen. Wir sahen mit ihm eine damals erst vor kurzem aus dem Schlosse Ambras in Tirol nach Wien gebrachte Sammlung von Waffen, Kunstsachen und Kostbarkeiten; der Inhalt war völlig vergessen, und man machte die überraschendsten Entdeckungen. Seit zehn Jahren hatte Goethes Übersetzung des Cellini deutschen Lesern lebhaften Anreiz gegeben, dem berühmten Salzfasse des florentinischen Künstlers nachzufragen, aber niemand, und Goethe selbst nicht, wußte eine Spur, und man mußte das kostbare Werk für verloren achten. Wie triumphierte der Herzog, nun seinem Goethe melden zu können, das Kleinod sei aufgefunden, wohlerhalten, er habe es mit eignen Augen gesehen! Wirklich befand sich das Salzfaß in der Sammlung von Ambras, und unbegreiflich war nur, wie so lange Zeit – nicht die Kunst, denn das begreift sich nur allzuwohl, aber – das Gold unbeachtet bleiben konnte.
Musikalische Genüsse boten sich von allen Seiten dar, Konzerte, Kirche, Oper, Salon, Virtuosen und Dilettanten, alle gaben ihr Bestes. Der Fürst Anton Radziwill, der in seiner Komposition des Goetheschen »Faust« schon weit vorgerückt war und hier seinem musikalischen Hange mit aller Innigkeit folgte, war mir Anlaß, meinen wackern[84]  Beethoven wieder aufzusuchen, der aber, seit ich ihn nicht gesehen, an Taubheit und mürrischer Menschenscheu nur zugenommen hatte und nicht zu bewegen war, unsern Wünschen gefällig zu sein. Besonders wollte er mit den Vornehmen nichts mehr zu schaffen haben und drückte seinen Widerwillen mit zürnender Heftigkeit aus. Auf die Erinnerung, der Fürst sei der Schwager des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, dessen frühen Tod er so sehr betrauert hatte und dessen Kompositionen er höchlich schätzte, gab er etwas nach und wollte sich den Besuch gefallen lassen. Doch hat sich schwerlich ein näheres Verhältnis angeknüpft. Auch verzichtete ich darauf, den verwilderten Künstler wiederum zu Rahel zu führen, denn Gesellschaft machte ihn unwillig, und mit ihm allein, wenn er nicht spielen mochte, war gar nichts anzufangen. Übrigens war sein Namen, wenn auch berühmt und verehrt, noch keineswegs auf der Höhe der Anerkennung, die er seitdem erstiegen. In der hier zusammengeflossenen gemischten Menge erhielt sich italienische Leichtigkeit und Anmut vor deutschem Ernste unverkennbar vorherrschend.
Einiger feinen und auserlesenen Gastereien muß ich hier erwähnen, zu welchen bisweilen Gentz die Blüte der Gesellschaft bei sich vereinigte. Die vornehmsten und schönsten Damen, die angesehensten Staatsmänner und Tonangeber sahen es als eine Gunst an, von ihm eingeladen zu werden, und immer war auf die Anwesenheit und Unterhaltung solcher Personen zu rechnen, welche durch Geist, Seltsamkeit, Ruhm, Gewicht oder sonst einen Anreiz die Bedeutung des Tages hatten. Der Herzog von Weimar war nicht der letzte, solchen Genuß zu schätzen und zu suchen. Talleyrand verschmähte dergleichen Gelegenheit nicht, neue Verbindungsfäden anzuspinnen. Humboldt gehörte aus jedem Rechte hierher. Ich erinnere mich eines Mittags, wo der Graf und die Gräfin von Bernstorff, die Gräfin von Fuchs und viele andere Personen, die man zu sehen oder zu hören erfreut war, mit uns dort zu Tische saßen, aber die ganze[85]  Gesellschaft völlig verstummte, um einzig die Wunder zu vernehmen, welche Bollmann von den Vereinigten Staaten Nordamerikas zu erzählen hatte. Das ganze Land war uns durch den langen Seekrieg fremd geworden, noch fremder die Vorstellung eines solchen Freistaats, dessen Entwickelung das fabelhafte, ja schreckbare Beispiel zeigte, daß gemeine Bürger eine Macht und Größe aufzustellen vermögen, die wir in Europa immer nur mit Adel und Königen zu verknüpfen pflegen. Durch die Naivität der Fragen eines anwesenden Diplomaten, dessen unermüdliche Wißbegier nie befriedigt werden konnte, wurde der Vortrag nach und nach ein vollständiger, mit schlagenden Beispielen ausgestatteter Kursus republikanischer Grundlehren und Vorbilder, wie man grade hier bei dem Monarchenkongresse am wenigsten für möglich gehalten hätte. Gentz fühlte sich durch das Gewicht der Sache wie zerschmettert und beunruhigt wie bei einem Attentat, das in seiner Gegenwart versucht worden. Der gute Bollmann aber hatte kein Arg dabei; sein Sinn war weder für die Übelstände der Freiheit noch für die Vorteile des Königtums blind.

Unter banger Ungewißheit war Jahreswechsel eingetreten, und das Jahr 1815 begann in angstvoller Spannung. Es war ein sonderbarer Eindruck, als wir den Zustand unerfüllter Wünsche und peinlicher Hinhaltung auch von einer Seite ausgesprochen fanden, woher wir dergleichen am wenigsten erwarten konnten. Wir lasen in der »Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung« Verse von Goethe zum zweiten Januar, wo es gleich zu Anfang hieß:


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Sagt, wie schon am zweiten Tage
Sich ein zweites Fest entzündet?
Hat vielleicht willkommne Sage
Vaterland und Reich gegründet?

Haben sich die Allgewalten
Endlich schöpferisch entschieden,[86] 
Aufzuzeichnen, zu entfalten
Allgemeinen ew'gen Frieden?

Nein! – Dem Würdigen, dem Biedern
Winden wir vollkommne Kränze ...

Und so feiert der Dichter anstatt des großen vaterländischen Stoffes, der da fehlt, den kleinen örtlichen, der sich darbietet, nämlich das Jubiläum eines wackern herzoglich sächsischen Staatsdieners. Dieses fast bescheidene und doch so bestimmte »Nein« aus des Dichters Munde tat auf alle, die es vernahmen, eine unbeschreibliche Wirkung, und aus der stillen Luft von Weimar in die trübgärende Atmosphäre von Wien versetzt und hier den zu hundert Malen hergesagten Fragezeilen immer so rasch und klar sich anschließend, klang es zuletzt wie die bitterste Satire, wie der strafendste Hohn. Solch ein Wort ist um so schärfer, je harmloser dasselbe nur die schlichte Tatsache ausspricht; der ungeheure Beifall, den später in Frankreich die Lieder von Béranger erwarben, beruht lediglich hierauf, und der französische Dichter würde jenes »Nein« unsers deutschen, als Refrain zu Ende seiner Strophen sieben- oder achtmal wiederholt, leicht zum dauernden Kongreßliede verarbeitet haben. Bei uns tauchte das vereinzelte Wort, nachdem es eine Weile zur Genugtuung gekränkter Gemüter gedient, bald wieder in das literarische Element zurück, aus dem es einen Augenblick hervorgeschnellt war.
Auf der Gegenseite hatten sich die Beeiferungen in ihrem gesuchten Verein bald weiter, als es der anfänglichen Absicht gemäß sein konnte, fortgerissen gesehn. Gewiß war es nicht die Meinung, daß die Sachen zum Kriege kommen sollten. Aber diesen in Aussicht stellen hieß ihn auch bereiten, und als die Sprache Preußens aus einer festen und starken nun auch eine drohende zu werden schien, Hardenberg ein Wort hinwarf, das keinen Hinterhalt übrigließ, da schlossen Österreich, England und Frankreich förmlich ein Bündnis und verpflichteten sich durch einen am 3. Januar[87]  1815 unterzeichneten Vertrag zu wechselseitiger Unterstützung. Die Sache war geheim betrieben worden, und geheim sollte auch der Vertrag bleiben. Öffentlich mitgeteilt hat ihn zuerst Herr von Gagern, wenn dieser aber zugleich meint, Rußland und Preußen hätten gar nicht um sein Dasein gewußt und der Kaiser Alexander erst durch Napoleon den nähern Inhalt erfahren, so ist dies ganz irrig, denn das Bündnis war auf der Stelle bekannt und der preußische Kreis genugsam davon unterrichtet. Schon Bartholdy hatte von den Engländern den Anlauf der Sachen längst erlauscht. Überhaupt wird das Richtige und Wahre auch im politischen Fache leicht und schnell gewußt, nur verliert es sich gewöhnlich in einer Masse von mit überkommenem Falschen, welches den Draußenstehenden oft völlig verwirrt, das aber der Eingeweihte sonder Mühe erkennt und ausscheidet.
Dieses Bündnis war der Hochpunkt der Spannung, die hierauf nicht weiterging, sondern alsbald wieder nachließ. Den Teilhabern mochte die genommene Stellung doch schon bedenklich scheinen und ein Rückschritt wünschenswert dünken. Die Nachgiebigkeit erfolgte indes zuerst von derjenigen Seite, wo Macht und Selbständigkeit am wenigsten zu bezweifeln waren, von seiten Rußlands. Der Kaiser Alexander stimmte seine Ansprüche in betreff Polens bedeutend herab, der österreichische Anteil wurde günstiger gestellt, der preußische beträchtlich ausgedehnt, Thorn und Krakau sollten Freie Städte werden, und von diesen wurde später die erstere noch zu Preußen gefügt. Hierdurch bekamen auch die Verhandlungen über Sachsen eine veränderte Gestalt, und beiderlei Fragen rückten wieder gemeinsam einer, zwar noch immer herben und schweren, aber doch schon entschieden friedlichen Lösung entgegen.
Ein besonderes Schauspiel von sehr verschiedenartiger Wirkung brachte der 21. Januar. Den Todestag Ludwigs XVI. hatte die Restauration in Frankreich zu einem allgemeinen Trauerfest erhoben und trieb damit ein parteisüchtiges[88]  Gepränge. Die Gesandtschaften im Auslande wurden angewiesen, den Tag durch kirchliche Feier zu begehen, und Talleyrand durfte nicht zurückbleiben. Er ließ in der Sankt-Stephans-Kirche einen Trauergottesdienst halten, zu welchem der ganze Kongreß eingeladen wurde und der prunkvoll sein sollte und vielleicht kostbar genug, aber doch gering ausfiel. In Frankreich war die Feier jenes trauervollen Tages, in welcher wenig Rührung, aber desto mehr Haß sichtbar wurde, eine unkluge Herausforderung; in Wien erschien sie, wo nicht grade ärgerlich, doch wenig angemessen. Man hielt es für sehr unnötig, daß in Gegenwart so vieler Fürsten die Hinrichtung eines der angesehensten feierlich in Erinnerung gebracht wurde; man glaubte, ein solches Ereignis bleibe besser in Dunkel und Vergessenheit. Es kamen Dinge zur Sprache, die man lieber unbesprochen lassen mußte, und selbst die Person Ludwigs XVIII. blieb nicht verschont, denn natürlich widerhallten die Stimmen aus Frankreich auch in Wien. Talleyrand hatte bei der Sache auch keine richtige Stellung, sie mußte ihm jedenfalls peinlich sein; der Gedanke an die Hinrichtung des Herzogs von Enghien lag so nahe, und bei dieser Untat schien einige Mitschuld ihm doch beizumessen; überdies hatte er mit den Verurteilern Ludwigs XVI. bis dahin stets im besten Frieden und Verkehr gelebt. Genug, das Ganze machte einen falschen Eindruck und nahm sich im »Österreichischen Beobachter« zwar auch nicht sonderlich, aber doch besser als in der Wirklichkeit aus.

Unterdessen war aus England der Herzog von Wellington eingetroffen und als Bevollmächtigter an Lord Castlereaghs Stelle getreten, der nach London zurückkehrte und vorläufig wenigstens ein Ergebnis des Kongresses mitbrachte, für das er die Teilnahme seiner Landsleute sehr erweckt wußte, nämlich die Abschaffung des Negerhandels. Der berühmte Feldherr hatte offenbar mehr Geschick für diplomatische Geschäfte als sein Vorgänger, wußte zu hören[89]  und, wenn auch nicht so wortreich, doch mehr sachgemäß, zu reden. War seine Sendung darauf abgesehen, durch den Kriegsmann zu imponieren und durch sein Kraftwort die andern zum Schweigen zu bringen, so blieb dieser Zweck verfehlt, denn man konnte bald wahrnehmen, daß recht eigentlich ein Unterhändler, und zwar ein sehr geschickter und sachkundiger, in ihm gekommen war.

Die deutschen Angelegenheiten, welche in der allgemeinen Spannung und auch in ihrer eignen bisher gestockt hatten, wurden wieder aufgenommen, ohne doch die nötige Förderung finden zu können. Eifersucht, Ehrgeiz und Mißtrauen regten sich von allen Seiten, und der Andrang der mindermächtigen Fürsten und Staaten wurde den wohlmeinenden Absichten Österreichs und Preußens, für die Gesamtheit der Deutschen eine durchgreifende Ordnung zu gründen, immer beschwerlicher. Für diese Richtung war die Einigkeit beider Mächte fast gar nicht gestört worden, die Gesinnung der beiderseitigen Staatsmänner beharrlich die gleiche geblieben. Auch der Kaiser von Rußland nahm sich der deutschen Sache wohlwollend an und wirkte mittelst seines Ansehens und Einflusses überall für das Beste der Gesamtheit, für die Sicherung volkstümlicher Rechte. Daß die Vertreter der kleinen deutschen Länder ein Recht hatten mitzusprechen, darf man nicht bezweifeln, denn es wurde ihnen zugestanden; daß in vielen dieser Männer der redlichste Eifer glühte und auch im einzelnen die wichtigsten Dienste leistete, wird ihnen stets rühmlichst anzuerkennen sein; aber im ganzen müssen wir wiederholt beklagen, daß die Gestaltung der Dinge nicht aus engerem Rat hervorgegangen und ausschließlich von den großen Stimmführern geleitet worden ist.

Durch den Zusammenstoß der Ansprüche entstanden auch solche Reibungen, welche persönliche Abmachung zu fordern schienen. Die großen Mächte hatten kaum wieder aufgegeben, durch die Waffen ihre Sache zu entscheiden, so[90]  schien die Kampflust in die einzelnen zu fahren, und es fehlte nicht viel, so hätte der Kongreß das Zwischenspiel merkwürdiger Zweikämpfe gesehen. Man erzählte von unerhörten Auftritten, welche Stein bei dem Grafen von Stackelberg gehabt und wo der Reichsritter sich wie Götz von Berlichingen oder Franz von Sickingen gefühlt, die sich auch keinen Augenblick bedacht haben würden, ihre Fehden persönlich auszufechten. Die Sache war folgende: Im »Rheinischen Merkur« waren Bayern und Württemberg hart angegriffen, und vom Kronprinzen von Bayern hieß es, er sei einst deutsch- und gutgesinnt gewesen. Der Kronprinz hielt Stein für den Verfasser des Artikels, und als er auf dem Balle bei Stackelberg zufällig hinter diesem stand, rief er ihm über die Schulter mehrmals in spöttischem Tone »gewesen! gewesen!« zu. Stein drehte sich um und fragt, ob sich das an ihn richte. Der Kronprinz erwidert: »Nun, Sie werden doch wissen, daß von mir die Rede ist; im ›Rheinischen Merkur‹ steht's ja, daß ich ehmals ein guter Deutscher gewesen, nun aber nichts mehr sei.« – »Ich erinnere mich nicht«, versetzte Stein, »es gelesen zu haben. So? Stand das dort?« – »Der Verfasser wird sich doch seiner Worte erinnern?« rief der Kronprinz höhnisch. Da hielt sich Stein nicht länger, hielt dem Kronprinzen die geballte Faust vors Gesicht und schrie mit bebenden Lippen: »C'est le propos le plus indécent et gare qui le répétera.« Der Kronprinz von Bayern hatte noch einen andern Handel, und zwar mit dem Kronprinzen von Württemberg; sie hatten durch bittre Worte sich entzweit und schon Ort und Zeit bestimmt, ihre Mißhelligkeit durch die Waffen auszugleichen, als noch eben die Vermittlung des Fürsten von Wrede den Zwist beilegte und ein so unheilvolles Beispiel verhütete. Gleicherweise wurde ein Zweikampf, zu welchem der Kriegsminister von Boyen den Minister von Humboldt aufgefordert hatte, noch gütlich auf dem Platze selbst vermittelt, indem eine äußerliche Zurücksetzung, welche Boyen für eine absichtliche hielt, sich als ganz absichtslose Zufälligkeit herausstellte.[91] 
Auch in weniger hohen Kreisen waren Streitigkeiten zu vermitteln, welche ohne Dazwischenkunft ruhiger Besonnenheit einen schlimmen Ausgang nehmen konnten. Es kam die Rede darauf, ob nicht der Kongreß angegangen werden sollte, den Zweikampf allgemein abzuschaffen und Ehrengerichte anstatt seiner einzusetzen. Gentz bat um's Himmels willen, die Mühewaltung der Diplomaten nicht durch neue Ansuchen zu vermehren, sie abzuweisen sei schon des Leidens zuviel, nun gar aber einen solchen Gegenstand aufzunehmen, auch für ihn einen Ausschuß zu bestellen würde ihm der Gipfel, der Torheit dünken. Jemand schlug einen Ausschuß vor und wollte Gentzen als erstes Mitglied, was dieser sehr übelnahm, nicht darum, weil der Scherz anzüglich war, sondern weil solcher Gedanke ihn gleich im Ernst quälte und auf Tage hinaus unglücklich machte.

Während sich die Blicke besorglich nach Süden wandten und der Norden sich kaum erhellte, behielt Wien unverändert dasselbe Ansehen, immer drängten sich die Festlichkeiten und Vergnügungen, immer vereinigte wieder in Glanz und Freude der Abend, was der Morgen feindlich entzweit zu haben schien. Die lange Dauer des Kongresses minderte in nichts die gastfreie Herrlichkeit, den Reichtum und die Grazie der Bewirtung, man mußte die Hülfsquellen dieses Aufwandes für unerschöpflich halten. Die große Welt entsprach allen Forderungen, die sie an sich selber machte, und zeigte immer gleichen Eifer, gleiche Fülle. Der Zudrang mehrte sich sogar, und immer andere Fremde strömten herbei, welche den Schauplatz neu belebten. Selbst die Jahreszeit brachte den Reiz des Wechsels; die prächtigen, bei nächtlicher Heimkehr von Fackeln beleuchteten Schlittenzüge wandelte die lauere Luft in prunkvolle Wagenfahrten und Kavalkaden um. Das Gedränge der Basteien wiederholte sich im Prater, im Augarten, auf den Straßen nach Schönbrunn und Baden.[92] 
Auch an kirchlich-religiösem Schauspiel sollte es dem Kongresse nicht fehlen. Zwar Frau von Krüdener, welche vor andern Personen berufen schien, die vornehme Welt von dieser Seite anzusprechen, auch bereits mit dem Kaiser Alexander in vertrautem Verkehr stand und bald in hohe und folgenreiche Wirksamkeit trat, war nicht nach Wien gekommen und hätte auch unter den vorherrschend katholischen Einflüssen des Orts mit ihrer protestantischen Mystik schwerlich viel Glück gemacht. Dafür hatte Zacharias Werner sich eingefunden, der königsbergische Preuße, Verfasser der »Söhne des Thales«, der »Weihe der Kraft« und anderer Theaterstücke, der seinen lange versteckten Sinn endlich offen bekannt hatte, katholisch und bald auch Priester geworden war. Noch im vorigen Jahre hatte er in einem halb faselnden, halb trunkenen Gedicht, »Die Weihe der Unkraft«, den Sieg der Verbündeten besungen und in seiner Weise, die alles durcheinandermischte, die protestantische Königin Luise von Preußen als eine der Heiligen mit aufgeführt, deren Wirken im Himmel das irdische Siegeswerk mit vollbracht. Seine nunmehrigen Glaubensgenossen achteten solcher Absprünge eines verwilderten Gehirns nicht, und niemand mochte die poetische Lizenz rügen, mit der die dogmatische Unterscheidung einen Augenblick der praktischen Verbündung hier zum Opfer gebracht wurde. Allein seit Jahresfrist waren alle bis dahin unbestimmt ineinanderfließenden Meinungen und Denkarten zur Entwickelung vorgeschritten und hatten sich gesondert und befestigt. So war denn auch Werner seitdem schon ein ganz anderer Katholik geworden und jetzt der erste, solche poetische Milde, welche den Nichtkatholiken den katholischen Himmel öffnet und sie dort sogar mit dem Heiligenschein schmückt, als eine sündhafte Verirrung zu verwerfen. Er drang auf strenges Bekenntnis zur katholischen Kirche, auf unbedingte Unterwerfung unter den Papst und hätte sich um keinen Preis mehr erdreistet, Irrgläubigen einen Teil an der Seligkeit zuzusprechen. In den Fasten trat er als Prediger auf, und der[93]  heftige Eifer, mit dem er die Sünder zur Bekehrung rief, sein bekannter Name und Lebenslauf wie sein wunderliches Wesen überhaupt, das den Zuhörern mit dem geistlichen Ertrag auch reichlichst weltliche Unterhaltung versprach, zogen bald die ganze vornehme Welt zu seiner Kirche hin. Mehr noch als je vorher im Schauspiel- und Gesellschaftswesen entfaltete er seine Fratzenhaftigkeit jetzt auf der Kanzel. Ein zweiter Abraham von Sancta Clara, hatte er bald gefühlt, was alles ein eifernder Prediger sich erlauben, was alles seine Dreistigkeit antasten, seine Willkür herbeiziehen dürfe. Recht mit Lust besprach er seine eignen, persönlichen Angelegenheiten, seine Sündhaftigkeit, seine Bekehrung und Buße, und indem er den andern die Hölle heiß machte, schwelgte seine Eitelkeit in doppelter Selbstbespiegelung der ehemaligen Weltlust und der jetzigen Auserwählung. Er machte reine Theaterstreiche, nicht nur ärgerliche, sondern oft geradezu unanständige. Er gefiel sich in dem Wagnis, die Zuhörer durch zweideutige Ausdrücke aufzuregen, in Unruhe, Scham und Angst zu versetzen, ja diese bis zum Gipfel des Schreckens zu steigern, wo man ungewiß wurde, ob nicht Wahnsinn die Kanzel entweihen werde – und dann plötzlich ließ er von dieser Spitze seinen Vortrag in das gewöhnliche Geleis hinabstürzen, wo sich alles in zulässiger Weise ruhig verlief. Wer von der Predigt Kenntnis hat, wo Zacharias Werner von dem allersündlichsten und ärgerlichsten Teile des menschlichen Körpers redet, die Eigenheiten und Unarten angibt, durch die er sich bemerkbar macht, endlich, nach der absichtlich beunruhigendsten Aufzählung derselben, mit unerhörter Dreistigkeit fragt, ob er ihn noch erst nennen oder gar ihn zeigen solle – wobei unter den Zuhörern eine Mutter ihren beiden Töchtern angstvoll zuflüsterte: »Seht nicht hin, seht nicht hin!« – darauf aber ausruft: »Die Zunge ist es!« –, der hat das sprechendste Beispiel, auf wie ärgerliche Weise dieser Schäker Schimpf und Spott mit seinen Zuhörern trieb. Freilich kannte er seine Leute! Die vornehme Welt, Wiener und Fremde, waren[94]  entzückt, auch in der Kirche solchen Hautgout und das Heilige mit solchem Sinnenkitzel verquickt zu finden.

Wir haben von andern Dingen zu reden. Der Monat März hatte begonnen, er ließ sich leidlich an. Der König von Sachsen war in Preßburg angekommen, und die Mächte, in betreff der Teilung Sachsens nun einstimmig, unterhandelten über seinen Beitritt zu dem Beschlossenen. In Wien schwebte das Schauspiel einer stattgehabten Prachtfahrt des Hofes, das heißt, aller hier vereinigten Höfe, noch vor Augen, man unterhielt sich, arbeitete und schlenderte wie bisher – da wurden plötzlich am 7. März die Sinne geblendet: es blitzte, und ein dumpfer Donner hallte lange nach. Der Blitz war die Nachricht, daß Napoleon am 26. Februar die Insel Elba verlassen habe und mit seiner Kriegsmannschaft auf sechs Schiffen nordwärts steuernd gesehen worden sei.
Gegen Mittag war das Ereignis durch ganz Wien bekannt, und der Eindruck ist nicht zu beschreiben, den die gleich einem Lauffeuer verbreitete Nachricht auf alle Menschen machte. Jedermann fühlte, daß dieser Schlag eine Schicksalswendung sein werde, wenn auch nur des Mannes, der ihn geführt. Alle Gesichtspunkte waren durch ihn verrückt, aller Anhalt unsicher, alles Bewegte stillgestellt. Daß es Gemüter gab, die nicht aus der Fassung kamen, wird man schon glauben. Der Kaiser Alexander sagte, das Ereignis werde ein geringes sein, sobald man es nur nicht als ein solches behandle. Der Gleichmut des Fürsten von Metternich blieb unerschüttert, sein Blick hatte sogar auf der Stelle erkannt, daß Frankreich bedrohter sei als Italien; aber auch Gentz, der persönlich so leicht erschreckbare Gentz, blickte mutvoll in die allgemeine Gefahr oder glaubte sie noch nicht besonders groß. Humboldt rief: »Vortrefflich! Das gibt Bewegung!« Ich muß auch sagen, daß ich einen Diplomaten gesehen, der unter den Augen einer Dame, die seiner Huldigung versichert sein sollte, die Nachricht als die allergleichgültigste[95]  aufnahm und mit seltener Bemeisterung nur dazu benutzte, um darzutun, wie ganz von anderm Gegenstande jetzt Sinn und Geist ihm schon erfüllt seien! Die Franzosen, Talleyrand an der Spitze, suchten die möglichst gleichgültige Haltung zu behaupten; solche Stimmung, wahr oder erkünstelt, herrschte auch am Abend jenes bewegten Tages, wo alle hohe und vornehme Welt bei der Kaiserin von Österreich der Aufführung eines Schauspiels beiwohnte. Talleyrand fürchtete wirklich am meisten für Italien, wo er ein bedeutendes Gelingen für möglich hielt; an Frankreich schien ihm ein Einbruch Napoleons gleich im Beginn zerschellen zu müssen. Doch glaubten die meisten Menschen, Napoleon werde sich nach Frankreich wenden. Am 10. März brachte ein österreichischer Kurier aus Genua die Nachricht, daß Napoleon wirklich in Frankreich gelandet sei und das Schloß von Antibes zu überfallen versucht habe. Am 13. kam abermals ein österreichischer Kurier aus Genua mit Nachrichten vom 5. Nun begann auch Talleyrand, und mit ihm der Herzog von Dalberg, zu zagen, besonders da auch ein Kurier aus Paris mit Nachrichten vom 5. eintraf, an welchem Tage man dort von dem ganzen Ereignisse noch keine Kunde hatte. Nach glaubhaften Versicherungen war Talleyrand einen Augenblick sichtbar getroffen und starrte stumm vor sich hin; doch nur im ersten Augenblick, denn gleich im zweiten, rühmte man, habe er sich wieder in seiner Stärke, ruhig, klar und tätig, gezeigt. Die Italiener freuten sich, daß Napoleon sich nach Frankreich geworfen; Carpani rief mit Heftigkeit, es sei ein Übermaß von Segen, der Himmel führe den Bösewicht grade dahin, wo seiner die unfehlbarste Strafe harre. Überhaupt, sowie man nur erst wieder sich besonnen, sich wechselseitig gesprochen, ermutigt hatte, brachen ungehemmt die Leidenschaften aus, und Haß und Wut machte sich in den wildesten Reden Luft. Frauen wetteiferten mit Männern, den Helden des Tages, der sie durch sein bloßes Erscheinen schüttelte und zauste, zu schmähen, zu verachten.[96] 
Diese Stimmung, welche, bei schon geringerer Besorgnis, sich nur erhöhtem Grimm überließ, wurde von Talleyrand eifrig benutzt, um Maßregeln zu erwirken, deren Gefahr seine Verhältnisse nicht verschlimmern konnte, deren Ruhm und Vorteil aber auch auf ihn günstig zurückfallen mußten. Ihn nämlich hielt die herrschende Meinung gleich für den Urheber, wenigstens für den stärksten Anstifter des kraftvollen Beschlusses, durch welchen die zum Kongreß versammelten Mächte am 13. März das Unternehmen Napoleons feierlich verdammten, ihn selbst außer dem Gesetz und der öffentlichen Rache geweiht erklärten. Der Eindruck dieser Erklärung war groß, wurde aber bald geschwächt durch die Nachrichten, die in rascher Folge aus Frankreich einliefen und Napoleons reißende Fortschritte meldeten. Anstatt ihn umzingelt und gefangen zu sehen, sah man Grenoble ihm die Tore öffnen, die Truppen zu ihm übergehen, die Bourbons, schwach und ratlos, an Flucht denken. Eilig schritten nun die Mächte zum völligen Abschlusse der sächsischen Frage und überwanden durch ernstliche Vorstellungen, an denen Talleyrand noch bestens teilnahm, die bisherige Weigerung des Königs von Sachsen. Hiemit endete die französische Wirksamkeit auf dem Kongreß. Als Napoleon in Lyon eingerückt war, der Marschall Ney, auf den man die unsinnigsten Hoffnungen gesetzt hatte, nichts ausrichtete, sondern sogar, von seinen Truppen fortgerissen, dem wiederkehrenden Kaiser sich anschloß, mußte man wohl erkennen, daß gegen diesen kein Widerstand mehr zu erwarten, Paris ihm offen und die Sache der Bourbons für diesmal verloren sei. Frankreichs Vertretung auf dem Kongresse schwand in sich selber dahin, und als am 25. März Österreich, Rußland, England und Preußen aufs neue sich zum Kriege verbündeten, war für Talleyrand nichts mehr mitzuwirken oder zu unterzeichnen.
Nachdem Napoleon ohne Schwertstreich in Paris angelangt, die Obergewalt wieder in seinen Händen und ganz Frankreich ihm zugefallen war, konnte man aus dem Gedränge[97]  von Schrecken und Angst, Wahn und Enttäuschung, von welchem die Seele bestürmt worden, erst wieder aufatmen und den neuen, unerhörten Zustand ins Auge fassen. Wir dürfen es wohl sagen, Staunenswürdigeres und Fabelhafteres und in seiner Wirkung Gewaltigeres hat die Geschichte nicht aufzuweisen, als diesen Zug Napoleons von Cannes nach Paris. Um das Wunder zu erklären, dachte man die albernsten Dinge aus, nur den einfachsten Zusammenhang wollte man nicht sehen. Eines nur konnte man nicht leugnen, daß Frankreich und Napoleon wieder aufs neue zu gewaltiger Macht vereint uns gegenüberstanden und daß man sich mit dieser abfinden müsse, in Krieg oder Frieden. Oder Frieden; denn auch dieser Fall mußte sich der Einbildungskraft aufdrängen, ungeachtet der Erklärungen und Bündnisse, welche der vollständigen Entwickelung des Ereignisses vorangegangen waren und daher durch diese nun neu bedingt werden konnten. Napoleon, im Wiederbesitze der Macht und getragen von dem Sturme gärender Volksbewegungen, trat unerwartet friedlich und gemäßigt auf und erbot sich, den Frieden von Paris anzuerkennen. Ein solches Erbieten verdiente wohl Erwägung, und der Zustand Europas, die Verhältnisse der Mächte untereinander mußten zu ernsten Betrachtungen auffordern. England verwahrte sich schon, in dem bevorstehenden Kriege nur gegen Napoleon, nicht aber für die Wiedereinsetzung der Bourbons kämpfen zu wollen. Sollte letztere nicht Zweck sein, so durften andere Mächte lieber sehen, daß Napoleons Dynastie monarchisch, als daß neue Revolutionsgewalten republikanisch in Frankreich herrschten, und die noch nicht aufgelösten Verhältnisse, welche Napoleon persönlich mit Österreich verknüpften, konnten diese Macht auch für ihn selbst noch günstig stimmen. Er griff von seiner Seite diese Möglichkeit begierig auf und benutzte sie zu verheißenden Vorspiegelungen für die Franzosen, bei Österreich zu eindringlichen Eröffnungen. Sie fanden keinen andern Eingang als höchstens den, daß man vernehmen[98]  wollte, was er anzutragen hatte, wohin seine Absichten gingen.
Das Unternehmen Napoleons war auf zweierlei Grundlagen berechnet: auf die eine, daß Frankreich der Bourbons überdrüssig sei, und diese Angabe war ihm so entschieden und drängend, daß sie kaum erlaubte, auch die zweite, daß der Kongreß uneinig oder auseinandergegangen sei, gehörig zu prüfen oder abzuwarten. So gut Napoleon in jenem Betreff unterrichtet war, so schlecht war er es in diesem. Allerdings wollten die Monarchen Wien schon verlassen, die Tage des Bleibens wurden schon gezählt und die Abreise sehr nah angegeben. Allein die Trennung der Herrscher würde nicht den Frieden gestört haben, im Gegenteil waren die Verhandlungen wieder in besserem Gange und ihre Fortsetzung gesichert. Allerdings hätte Napoleons Wiederkehr einen ganz andern Eindruck gemacht und seine politische Arglist einen ungleich größeren Spielraum gehabt, wären die Häupter des Kongresses nicht mehr beisammen gewesen und die Nachricht des großen Ereignisses jedem abgesondert zugekommen; die Gemeinsamkeit der Entschlüsse und Maßregeln würde aus der Ferne höchst schwierig zu unterhandeln gewesen sein, die augenblickliche Schnelligkeit und nachdrückliche Kraft des Zusammenseins durch nichts zu ersetzen. Aber die Zustände Frankreichs waren die entscheidendern, sie litten keinen Aufschub, und Napoleon hätte kaum zögern dürfen, auch wenn er über die Zustände in Wien weniger getäuscht gewesen wäre.
Die öffentliche Aufmerksamkeit mußte sich bei dieser Wiederkehr Napoleons vorzüglich auch auf seine Gemahlin und seinen Sohn richten, welche während des Kongresses ihren Aufenthalt bisher in Wien und jetzt auf dem Schlosse in Schönbrunn hatten. Ein Versuch, den jungen Prinzen von letzterem Orte zu entführen, war von Paris kühn genug angelegt, mißlang aber im entscheidenden Augenblicke. Die Sache machte großes Aufsehen, hatte aber nur die Folge, daß eine strengere Bewachung eintrat.[99] 
Aber nicht auf Österreich allein richtete Napoleon seine geheimen Betreibungen, auch andern Mächten suchte er die Vorteile darzulegen, deren sie im Bunde mit ihm, oder wenigstens durch Erhaltung des Friedens mit ihm, teilhaftig sein würden. Gar leicht ließ sich ermessen, welcherlei Verbindungen er zunächst hoffte herzustellen, auf welchen Punkten seine Lockungen zumeist Erfolg haben könnten. Überall aber fand er seine Erwartung getäuscht, nur Murat allein folgte den unheilvollen Antrieben, denen schon längst sein eigner Hang unruhig vorgearbeitet hatte. Der Prinz Eugen Beauharnais, der wohl vielfache und dringende Mahnungen empfinden konnte, sich dem Feldherrn, Vater und Kaiser anzuschließen, blieb seinem Worte getreu, Wien nicht zu verlassen, und verdiente die Zuversicht, welche namentlich der Kaiser Alexander in dasselbe setzte. Auch sah man gerade in dieser Zeit beide fast täglich Arm in Arm auf der Bastei lustwandeln, und jeder Argwohn mußte hiedurch erstickt werden. So hielten auch die Polen treu an dem Kaiser Alexander, und Napoleon fand bei ihnen kein altes Vertrauen mehr zu wecken, welches auch in Deutschland nirgends gelang, wiewohl der neue Zustand schon mancherlei Unzufriedene gemacht hatte. Merkwürdig war es, daß Napoleon nicht verschmähte, auch seinen Feind Talleyrand mit Lockungen anzugehen, und daß er eine abermalige Umkehr desselben doch für möglich hielt! Der ihm durch Fouché zugefertigte Sendling Monteron, schlau, umsichtig, gerieben, sah jedoch bald, daß die Stellung der Dinge in Wien unwiderruflich entschieden sei und die Klugheit sich besser auf dieser Seite halte als die entgegengesetzte suche.

Das tägliche Leben wogte unverändert, die gesellschaftlichen Strömungen, als wäre nichts vorgefallen, gingen ununterbrochen, aber in betreff der Stimmung, des Betriebs der Geschäfte und der Richtung derselben bot alles ein ganz anderes Ansehen. Der wiedererstandene gemeinsame Feind[100]  stärkte die Bande der Vereinigung, des Zusammenhaltens, zunächst unter den großen Mächten, welche der Zwistigkeiten aufrichtig vergaßen und nur den großen Zweck vor Augen hatten, die revolutionäre Militärmacht in Frankreich nicht zu dulden. Die Verabredungen für den Krieg, die Rüstungen aller Art, die Anordnungen der Heermassen, der Truppenmärsche, die Aufbringung der Hülfsmittel traten nun in den Vordergrund. Mit dem Herzoge von Wellington hielten die in Wien anwesenden höchsten Militärpersonen der andern Mächte häufige Beratungen, die Kriegsminister kamen zusammen, die Finanzminister wurden befragt. Bei den Österreichern stand der General Graf von Radetzky als Heerbildner und Kriegsleiter in höchstem Ruhme; die preußischen Anstalten fanden überall kräftige Förderer, die Einsichten des Kriegers und des Staatsmannes in seltenem Verein bewährte wie schon früher so auch jetzt der General Freiherr von dem Knesebeck in der höchsten politischen Sphäre, der Kriegsminister General von Boyen, der Oberst Rühle von Lilienstern, der Kriegsintendant Ribbentrop wirkten in ihren Kreisen mit Eifer und Erfolg.

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Dabei galt es, die Stimmung der Völker zu beachten, die Unzufriedenheit zu beschwichtigen, den guten Willen anzuregen, den kriegerischen Eifer neu zu beleben. Nirgends waren die Gesinnungen feuriger, die Kräfte rascher als in Preußen; hier bedurfte es nicht erst der Verheißungen, wie sie durch die berühmte Verordnung vom 22. Mai über eine schon im nächsten Jahre zu berufende Volksvertretung erteilt wurden, diese Verordnung machte damals nur geringen Eindruck; willig zu jedem Opfer, über die kriegerische Leidenschaft jede andere vergessend, erhob sich die Nation dem neuen Rufe, die Linientruppen waren schnell ergänzt, die Landwehr unter Waffen, die Jägerscharen der Freiwilligen wiedererstanden. Preußische Truppen standen die ersten schlagfertig im Felde. Dem Kriegsminister General von Boyen, dessen ungeirrte Einsicht mit fester Hand überall am rechten Ende die Sachen angriff, wurde hierbei das[101]  größte Verdienst einstimmig zuerkannt und sein Namen dem seines großen Vorgängers Scharnhorst würdig zur Seite gestellt.
Als eine neue Gestalt in dem bunten Gedränge von Wien mußte in dieser Zeit der Turnmeister Jahn auffallen, der von Berlin zum Besuch gekommen war. Auffallen mußte der berühmte Deutschtümler schon durch seinen Bart, seine langen Haare, seine altdeutsche Tracht, nicht weniger aber durch die Entschiedenheit und den Trotz seiner Meinungen, den rücksichtslosen baren Ausdruck seiner kurzen Rede. Bei dem Fürsten von Hardenberg zur Tafel geladen, erschien er in seiner ganzen Turndeutschheit, in gewohnter Lässigkeit des Anzugs, der einzige in Stiefeln, und bei dem trockensten Wetter in kotigen, so daß man glauben konnte, er halte das zum Kostüm gehörig und habe sich mühsam eigens beschmiert, wie andere sich blank machen. Aber man konnte nicht leugnen, er war ein Mann auf eigenen Füßen und hatte durch sein Wesen großen Einfluß. Dem Finanzminister Freiherrn von Bülow, der sich gutwillig zur Verhandlung einiger Fragen und mehr als nötig hergab, sagte er ohne Blödigkeit harte Lehren und, da er merkte, daß er durfte, einige Grobheiten. Humboldts Eifer, sich durch mich ihm vorzustellen, verleitete den Kraftmann, auch hier sein Spiel zu versuchen, das aber schlecht gelang; der überlegene Geist hielt den untergeordneten ohne Mühe in Schranken, und Jahn blieb zuletzt in einer Fassung stehen, als wisse er selbst nicht recht, ob er gefoppt worden. Nachdem er noch eine Weile in Wien sich umhergetrieben und genug erkannt hatte, daß dort kein Boden sei, auf dem er mit seinem Wesen Glück machen könne, kehrte er nach Berlin zurück, um daselbst, wo er auf seinem Platze war, das Kriegsfeuer in der Turnjugend anzuschüren.

Den ersten Stoß der neuen Kriegsrüstung zog Murat auf sich, doch nur den der Österreicher, welchen die Sachen in Italien zunächst und allein oblagen. Er glaubte die andern[102]  zu täuschen und war nur selbst der Verblendete. In demselben Augenblick, wo er mit Napoleon anknüpfte, versicherte er die Verbündeten seiner Treue; gleich darauf erklärte er sich offen für Napoleon, brach in den Kirchenstaat ein und rückte mit seinen Truppen gegen die Österreicher an. Gleich der erste Angriff wurde zurückgeschlagen und so in rascher Folge von Niederlage zu Niederlage binnen wenigen Wochen der ganze Feldzug beendigt; die Österreicher besetzten am 22. Mai Neapel und verhießen die Herstellung der alten Dynastie; Murat suchte eine Zuflucht in Frankreich.
Dieses Vorspiel war glücklich entschieden, ehe noch der Kampf gegen Frankreich beginnen konnte, und der gute Ausgang mußte das Vertrauen der Verbündeten erhöhen; doch fühlte man wohl, daß dieser Nebengewinn wenig bedeute, solange der Hauptschlag noch nicht geschehen, und daß Napoleon mit seinen Franzosen von anderm Gewicht seien als Murat und die Neapolitaner. Daher, als jemand sich wunderte, daß der Einzug der Österreicher in Neapel den Geldkurs in Wien fast unverändert ließ, konnte mit Fug erwidert werden: »Damit der Kurs sich bessere, da müssen wir nicht bloß Neapolitaner, sondern auch noch Franzosen und vor allen Dingen Zwanziger schlagen.« Die Nachrichten aus Frankreich lauteten keinesweges beruhigend. Wer von Paris kam, bourbonisch gesinnt oder napoleonisch, bestätigte die ungeheuern Anstrengungen, welche dort zum Kriege gemacht wurden, den zwar Napoleon zu vermeiden wünschte, aber schon als gewiß ansah. Der Anhang der Bourbons war vernichtet oder ohnmächtig, auf eine Mitwirkung von dieser Seite im Augenblicke nicht zu rechnen. Als vorherrschende Richtung erschien die revolutionäre, republikanische, und die war noch mehr zu fürchten als selbst Napoleon, der sie noch kaum bewältigte, indem er ihr nachgab; Carnot und Fouché, die er zu Ministern weniger gewählt als notgedrungen angenommen, waren inhaltvolle Namen, deren Bedeutung auch das Ausland genugsam[103]  kannte. Der Buchhändler Schöll aus Paris, bald nachher im preußischen Staatsdienst einflußreich angestellt und immer der Sache der Bourbons leidenschaftlich ergeben, konnte den Stand der Sache nicht anders schildern, als wie ihn auch der Graf von Schlabrendorf schilderte, der freiheitliebende, volksgesinnte, der in jener wichtigen Zeit mir ausführliche Mitteilungen machte, von denen leider nur der kleinste Teil an mich gelangen konnte. Wenn man die Verhältnisse im Zusammenhang erwog, durfte man zweifeln, ob es ratsamer sei, die Franzosen gleich anzugreifen, wodurch man ihnen die Unterwerfung unter ihren alten Kriegsanführer erst recht aufnötigte, oder sie sich selber zu überlassen, da sie denn ihr neues Oberhaupt schon genugsam bändigen oder auch abwerfen würden. Ich setzte die letztere Ansicht in einer Denkschrift auseinander, bei welcher mir besonders auch die Gegensätze vorschwebten, in welche der Krieg uns stellte, dessen Zweck sich schon ganz in das Gegenteil des vorigen zu verkehren drohte.
Wunderliche Erscheinungen in der Tat begleiteten die neue Bewegung. Mein Freund Justus Gruner, Generalgouverneur in Düsseldorf, erließ Aufrufe und hielt Reden, die durch ihren Fanatismus erschreckten und fast ärger waren als alles, was die Franzosen in dieser Art je geliefert. Auch in Berlin, wo der kriegerische Eifer so rein und edel war, zeigte sich der politische Sinn dürftig oder auf unsicherer Bahn; die Wortführer der letzten Jahre wußten noch immer nur von Franzosenhaß, und er sollte auch jetzt noch alles machen, da doch die Fragen der Zeit inzwischen sehr gewechselt hatten. Ich selber hatte das Unglück, in dieser Zeit einen Aufsatz zu schreiben, der fanatischer ausfiel, als ich es meinte und wollte, und von dem ich späterhin erfahren mußte, daß ihn der General Graf von Gneisenau, der von dem Verfasser nichts wußte, in zehntausend Abdrücken hatte vervielfältigen und überall austeilen lassen!
In Wien entstand während der Zwischenzeit, in der man sich besinnen und die Verhältnisse überlegen konnte, auch[104]  sehr natürlich die Frage, wiefern etwa die Umstände zuließen oder gebieten könnten, daß Österreich, infolge seiner besondern Verbindung, die Herrschaft Napoleons in Frankreich sich gefallen ließe und zwischen ihm und den andern Mächten den Frieden vermittelte. Der Hof und das Kabinett haben diesen Gedanken wohl keinen Augenblick gehegt, aber angesehene Männer sprachen ihn freimütig aus, und am meisten verbreitet war er in der zahlreichen Klasse, die dem Volk am nächsten steht, ohne schon das Volk zu sein. Daß Gentz, wie versichert wird, im Augenblick der Schwäche, wo ihn die Verwirrung und Ungewißheit des Krieges erschreckte, diesen friedlichen Ausweg näher angesehen habe, ist glaublich genug.
Jedenfalls hatten die Mächte des Kongresses nicht für überflüssig erachtet, ihre gegenüber von Napoleon und Frankreich genommene Stellung nochmals umständlich zu erörtern und das Ergebnis öffentlich darzulegen. Nach reifer Prüfung hatten sie gefunden, daß ihre früheren Beschlüsse zu behaupten und der Krieg gegen Napoleon ungesäumt mit vereinten Kräften zu beginnen sei. Demnach mußte jeder Zweifel schwinden und alle Tätigkeit sich der ausgesprochenen Richtung zuwenden.
Der Kongreß konnte aber nicht schicklich auseinandergehen, ohne die noch schwebenden dringenden Fragen zu lösen und namentlich auch den deutschen Angelegenheiten schließlich eine feste Gestalt zu erteilen. Demnach wurde die sächsische Sache ernstlich wieder vorgenommen und mit allgemeiner Zustimmung am 18. Mai endlich zum Abschlusse gebracht. Die deutschen Sachen aber behielten auch unter dem drohenden Krieg und den Sorgen des Augenblicks ihre zögernde und schwierige Art; ja, die Bedenken und Einsprüche, kaum noch Hauptsachen betreffend, schienen gerade zuletzt alle Stärke und Starrheit aufzubieten, und mit unsäglicher Anstrengung und Nachgiebigkeit der leitenden Mächte kam endlich am 8. Juni die Deutsche Bundesakte zustande. Und auch da noch fehlten Württemberg[105]  und Baden, die erst in der Folge ihre Unterzeichnung nachlieferten. Die Urheber selbst aber erklärten ihr Werk für mangelhaft, übereilt im Drange der Not und künftiger Ausbildung vorbehalten. Die Gesamtheit aller zu Wien eingegangenen Gebiets- und Verfassungsbeschlüsse wurde sodann, nebst den besondern Verträgen und Erklärungen, in eine allgemeine Urkunde zusammengefaßt und am 9. Juni als Akte des Wiener Kongresses von den Bevollmächtigten unterzeichnet. Sämtliche deutsche Staaten wurden später zum Beitritt aufgefordert. Damit aber auch hier die Schwäche menschlicher Dinge gleich äußerlich sichtbar würde, versagte der Bevollmächtigte Spaniens, Don Gomez Labrador, seine Unterschrift, nachdem er die Gründe seiner Weigerung einige Tage vorher durch eine dem Fürsten von Metternich übergebene Note dargelegt. Von den acht Mächten, die ursprünglich zusammengetreten waren, unterzeichneten demnach nur sieben, und außer der von Spanien ausgesprochenen stolzen Verwahrung erging alsbald auch noch ein nachdrücklicher Einspruch durch den Kardinal Consalvi im Namen des Papstes gegen alle Verfügungen, welche der Kongreß irgendwie zum Nachteil der katholischen Kirche getroffen habe.

Damit schloß der Wiener Kongreß. Doch die Enden der hier abgebrochenen Fäden hingen weit hinaus und wurden jetzt oder später mit aufgenommen und weitergesponnen. Zu untersuchen, was im ganzen geleistet, was gewonnen oder versäumt worden, ist hier nicht unsere Aufgabe. Im allgemeinen dürfen wir wohl das Gleichnis einer großen Überschwemmung heranziehen, wo es zuvörderst gilt, die noch rettbaren Gegenstände, eigne und fremde, möglichst bald auf das Trockne zu bringen, da denn freilich oft das eine Teil schon an der Sonne liegt, während das andere noch im Wasser schwimmt und wobei auch nebenher manches Stück gewonnen wird, das man kaum gehofft und nicht in ersten Wert gestellt hatte. Auf das Trockne aber wurde[106]  viel gebracht, und es ist nicht die Schuld des Kongresses, wenn spätere Arbeiter die Sache nicht gehörig weiter besorgt oder gar manches zerbrochen haben. Die neue Feststellung und Gewährleistung des Besitzstandes wie auch mancher Verfassungsrechte wurde die Grundlage eines neuen Staatensystems, das in seinem Äußern seit zwanzig Jahren allerdings manche Veränderung erfuhr, im wesentlichen aber noch fortdauert und der Boden ist, auf dem wir stehen.

Inzwischen waren aus allen Gegenden und Fernen die großen und kleinen Heereskräfte unablässig gegen den Rhein und die Niederlande in Bewegung. In Belgien sammelte Wellington die englisch-niederländisch-hannöversche Kriegsmacht, Blücher gleich daneben die preußische; die russischen, die österreichischen Truppenmassen zogen dem Mittel- und Oberrheine zu. Viele der bisher in Wien vereinigten Fürsten, Staatsmänner, Generale waren in ihre Heimat zurückgekehrt oder dem neuen Kriegsrufe gefolgt. Auch die großen Herrscher hatten ihre Abreise längst beschlossen und verließen endlich Wien, um demnächst im Feldlager aufs neue zusammenzutreffen.
Wir waren durch den Frühling hindurch- und tief in den Sommer hineingegangen und sahen die winterlich vollgedrängte Kongreßstadt nach und nach leer werden; die ländliche Umgegend öffnete sich, die weite Ferne zog an, und nach und nach verlor sich, was nicht dem Mittelpunkte der Geschäfte angehörte. Auch wir genossen des Aufenthaltes nur noch als Scheidende, denn es war längst ausgesprochen, daß ich nicht in Wien bei der Gesandtschaft, sondern fortan in der Umgebung des Staatskanzlers bleiben und meine Arbeiten unmittelbar von ihm empfangen sollte. Unsere Gesellschaft war zerstreut, Graf von Flemming und Baron Franz von Eckardstein, Meier aus Rathenau waren zum Kriegsdienst abgegangen, desgleichen Tettenborn, Bentheim, Nostitz und andere unseres Kreises, nur wenige Landsleute und näher Befreundete weilten noch. Wir machten schöne Fahrten[107]  in der herrlichen, reichen Gegend, genossen der frischen Sommerluft im Augarten, in der Brigittenau, in Schönbrunn, Nußdorf, auf dem Kallenberg, in Weidling am Bach, oft wir beide allein, zuweilen in Begleitung eines lieblichen Wiener Kindes, das uns durch seine Zuneigung und sein unübertreffliches Wienerischreden gar sehr erfreute. So lief der prächtige Kongreß mit seiner Hof- und Staatswelt und neuer Kriegsflamme für uns persönlich in friedliche Bilder ländlich-idyllischer Tage aus, bis die Mahnung des nahen Scheidens uns erinnerte, daß auch wir den Störungen angehörten, von denen die Welt erfüllt war. Ich war benachrichtigt, dem Staatskanzler nach Berlin, demnach in das Hauptquartier, zu folgen. Rahel wollte die Wendung der Dinge in dem sichern Wien abwarten und war dringend eingeladen, für die nächste Zeit an dem Landhausleben der Frau von Arnstein bei Wien und in Baden teilzunehmen. Solcher guten Obhut und Gesellschaft für sie versichert, reiste ich am 11. Juni mit dem Geheimen Staatsrat Stägemann, dem ich als Reisegefährte zugewiesen war, von Wien ab. Wir gingen über Linz und Prag nach Berlin, wo Hardenberg noch vor uns eintreffen mußte und in Friedens- und Kriegsgeschäften ein neuer Strudel unser harrte.



Nach dem Wiener Kongreß. Berlin. Paris
1815










[108] Berlin, wo wir am 18. Juni vormittags ankamen und das nach Wien, Prag und selbst Dresden uns ziemlich öde und ärmlich vorkam, schwebte in sorgenvoller Betroffenheit; die Rückkehr Napoleons von Elba und sein neues Festsitzen als Herrscher in Paris hatte die Leute schrecklich aus ihrer Siegesruhe aufgeweckt, alle Aussichten getrübt und auch[108]  augenblicklich schon die tiefsten Zerrüttungen verhängt; denn das Sinken aller Staatspapiere wirkte auf alle Vermögensverhältnisse, und die allgemeine Unsicherheit brachte Stockung und Mißtrauen in alles Geschäftswesen. Man wußte, daß der Krieg beschlossen sei, und sah die Anstalten dazu mit größtem Eifer betrieben; die preußische Heeresmacht stand in den Niederlanden schon kampfbereit; es hieß, der König werde unverzüglich dahin abreisen, der täglich erwartete Staatskanzler ihm dann sofort an den Rhein folgen, um in der Nähe der Ereignisse zu sein. Aber wie diese Ereignisse ausfallen würden, das war die große Frage, an die fast jedermann nur mit Schrecken dachte. Die offenbar gewordene, durch die gemeinsame Gefahr nur zweifelhaft versöhnte Uneinigkeit der Mächte, der seit den langen Verhandlungen des Kongresses in hingehaltenen Erwartungen, zum Teil unter dem Druck provisorischer Verwaltung, ungeduldig gewordene Volksgeist, das jetzt ganz veränderte Ansehen eines an den Grenzen zu führenden Krieges, der nach der Meinung vieler vermieden bleiben konnte, dessen Zweck nicht jedem Sinn einleuchtete, und gegenüber die staunenswerte Einstimmigkeit der Franzosen, das rasche Zusammenwirken von Heer und Volk unter einem Haupte, das den Zauber alter Kriegsführung mit dem größern des jetzt wieder aufgenommenen Freiheitsrufes verband: dies alles waren Zeichen, bei denen auch der Mutigste auf unserer Seite wohl bedenklich werden durfte. Ohnehin waren die Männer des Entschlusses und der Tat und die frische Jugend meist beim Heer, und das zurückgebliebene Philistertum machte sich in der Stadt ungestraft breit. Hiebei wurde bald bemerkbar, daß bei manchen Beamten und Geschäftsleuten, deren Angst innerlich die größte war, diese äußerlich den entgegengesetzten Anschein nahm: sie wollten sich mit Gewalt Mut machen und ließen ihre erdichtete Zuversicht in die lächerlichsten Prahlereien ausgehen, sie schwelgten im Franzosenhaß, sie fanden auf unserer Seite alle Maßregeln vortrefflich, sie wollten nun entschieden Frankreich teilen[109]  und sich gegen künftige Ruhestörungen auf immer sichern; dagegen wußte, wer hinter die Vorhänge sah, daß gerade solche Leute, die das Wort so hoch führten, in der Stille sich auf Unglück und Flucht vorbereiteten!
Ich ließ die unsinnigsten Meinungen und jämmerlichsten Urteile ruhig an mir vorüberrauschen und mied Streitigkeiten, die zu nichts führen konnten; doch im engsten Kreise, und wenn die Anmaßung allzu aufdringlich wurde, konnte ich bisweilen nicht umhin, das vorlaute Gewäsch derb abzuweisen.
Inzwischen hatte Napoleon, nicht ohne mächtigen Eindruck auf die Gemüter bei Freund und Feind, sein »Maifeld« gehalten, einen neuen Vertrag mit der französischen Nation geschlossen und war darauf zu seinem Heer abgegangen, das an der Grenze der Niederlande versammelt stand. Daß er bis zuletzt den Frieden anbot, daß er alles anwandte, um die Mächte einzeln zum Unterhandeln zu bewegen, war in seiner Lage gegründet. Ich wußte aus guten Quellen, daß in Österreich eine starke Meinung sehr zum Frieden neigte und es sogar beklagte, daß die Entführung des kleinen Napoleon aus Schönbrunn nicht gelungen sei; man hatte durch die Kaiserin Marie Luise einen zu guten Einsatz in dem Geschicke Napoleons, um nicht wie schon früher zu wünschen, dessen Glanz und Macht wenigstens teilweise erhalten zu sehen. Wankend waren auch, in manchen Augenblicken, die Gesinnungen des Kaisers von Rußland geworden, und er hatte schon geäußert, die Achtserklärung des Kongresses gegen Napoleon sei eine Übereilung gewesen. Der Frieden schien also noch bis zuletzt wohl möglich, und Hardenberg, Wilhelm von Humboldt, Gneisenau, Grolman und andere Männer solchen Sinnes und Überblicks konnten sich der Befürchtungen nicht erwehren, welche mit einer derartigen Wendung der Dinge insonderheit für Preußen eintreten mußten, das ohne die Aushülfen der andern Mächte in solchem Falle gegen Frankreich nächst und vereinzelt übrigblieb. Andere Männer aber auch gab es, die den[110]  Frieden wünschten, weil sie beim Kriege für die Volksfreiheit fürchteten, die ihnen die Hauptsache war und die in Frankreich schon wieder mitsprach, in Deutschland noch kaum zu erwachen schien.
Von allen Seiten indes führte der Zug der Dinge zum Kriege. Die Heere Österreichs und Rußlands wälzten sich gegen den Rhein, und Napoleon, der seine geheimen Unterhandlungen noch nicht verloren gab, sah sich gezwungen, einen großen Schlag zu tun, wenn auch nur, um jene zu fördern; galt es aber ernsten, fortgesetzten Krieg, so war es um so dringender, die vordersten Feinde zu schlagen, ehe die nachrückenden völlig herankämen. Doch glaubten wir nicht, daß die Franzosen zum Angriffe schon bereit wären und dem unsern zuvorkommen könnten. Als wir in Berlin am 24. Juni den von Napoleon begonnenen Ausbruch der Feindseligkeiten und zu gleicher Zeit die Nachricht von einem großen Siege der Preußen erfuhren, zeigte sich in dem tiefatmenden Staunen und zögernden Glauben an die Größe des Erfolgs, wie wenige Gemüter auf einen solchen eigentlich vorbereitet gewesen. Daß zwei Schlachten geliefert und die erste unsererseits verloren worden, daß wir sechzehntausend Mann eingebüßt hatten und Blücher selbst beinahe gefangen worden wäre, gab ernste Gedanken und kühlte die Siegesfreude; dazu fehlte noch der preußische Bericht, nur der des Herzogs von Wellington war eingetroffen und gab uns die Vorgänge fürerst nur in der englischen Beleuchtung. Ich mußte diesen Bericht bei einem großen Gastmahl in der Börsenhalle auf dringendes Begehren laut vorlesen und brachte gute Wirkung hervor; aber die Überlegung des Geschehenen und des nun weiter zu Gewärtigenden ließ noch manche bedenkliche Zweifel stehen. Man hörte mit Unruhe und Sorgen, daß Napoleon schon bei Laon sich wieder gesetzt und Blücher mit den Preußen allein die Verfolgung übernommen habe, man fürchtete, der verwegene Husar könnte diesmal zur Unzeit sein »Vorwärts« ausgerufen und sein Eindringen in das wieder waffenfreudige Frankreich[111]  schwer zu büßen haben. Denn jetzt war die Kraft Napoleons wieder mit der Kraft der Revolution im Bunde, die er früher geschwächt und unterdrückt hatte, jetzt aber an seiner Seite – wenn auch ungern – gelten ließ und ihr nur seine Feldherrngröße lieh. Das in den Niederlanden geschlagene französische Heer aufgelöst und vernichtet zu denken fiel niemanden ein, im Gegenteil hörte man aus kriegsmutigstem Munde die Warnung, das Bild unserer Niederlage bei Auerstedt und Jena nicht voreilig auf die jetzigen Unfälle Napoleons zu übertragen. Ich merke diese Äußerung der Ansichten und Meinungen des Tages geflissentlich an, weil man sie später völlig abzuleugnen pflegt, besonders wenn der Ausgang der Dinge sie verworfen hat und den entgegengesetzten Stimmen, welche blind ins Ungefähr alles Erwünschte prahlend verkündigten, den Schein eines Rechtes gibt, das in Wahrheit ihnen doch nicht gebührt.
Unsere Abreise wurde nun eilig angeordnet, doch immer noch von Tag zu Tag verschoben, weil viele dringende Angelegenheiten vorher zu erledigen waren. So konnten wir auch noch Zeugen eines Parteikampfes werden, der in seiner Unscheinbarkeit ein warnendes Bild der leidenschaftlichen Gehässigkeit gab, die unter dem Schimmer begeisterter Eintracht bisher geschlummert hatte und nach kurzer Frist in hellen Flammen ausbrach. Eine gemeine Posse, von einem verstorbenen Breslauer zur Verspottung der Juden geschrieben, »Unser Verkehr« genannt, war von dem Intendanten der Königlichen Schauspiele, Grafen von Brühl, auf den 1. Juli zur Aufführung angesetzt, sehr unschicklich in dieser Zeit und in der Hauptstadt, wo die Juden durch dargebrachte Opfer und durch persönlichen Andrang zu den Waffen mit den übrigen Einwohnern rühmlich gewetteifert, mehrere Juden Offiziere geworden oder das Eiserne Kreuz erworben hatten und auch jetzt wieder dem Feinde kämpfend gegenüberstanden. Aber schon regte sich ein vornehm tuender, sich für christlich ausgebender Stolz, und von vielen Seiten barg man nicht die Freude, eine unbequeme[112]  Klasse von Mitbürgern durch jene Aufführung empfindlich beschämt und gedemütigt zu sehen. Der Staatskanzler, zu rechter Zeit angerufen, ließ die Aufführung untersagen, und da der Graf von Brühl, eines mächtigen Hinterhaltes versichert, nicht sogleich nachgeben wollte, so mußte das Verbot mit allem Ernst eingeschärft werden. Hierüber entstand nun großer Lärm in der Stadt; man schrie, Hardenberg maße sich eine Gewalt an, die ihm nicht zustehe, er beschränke die Freiheit, und sogar solche Personen, die dem Sinne des elenden Stückes nicht beipflichteten, ja, dasselbe auspochen wollten, tadelten heftig das Verbot. Das war ein Stoff zu traurigen Betrachtungen; Oelsner meinte, da zeige sich, auf welcher geringen Stufe der Freiheitsentwickelung die Berliner noch ständen, nach der Preßfreiheit frage kein Mensch, kein Mensch nach öffentlichen Verhandlungen, man ertrage die unbedingte Ausübung der Polizeigewalt; aber wenn die Freiheit schnöder Verspottung auf der Schaubühne mit Recht untersagt werde, da schreie der gemeine und vornehme Pöbel, als greife man frevelhaft seine Vorrechte an! Stägemann nahm die Sache von anderer Seite und sagte, wenn die blutigen Schatten der bei Lützen im Kampfe gefallenen Moritz Itzig und Hauschildt unter den Zuschauern sichtbar würden, so dürfte diesen die Lust am rohen Spaße vergehen. Viele unserer angesehensten Männer sprachen mit gleicher Empörung. Für den Augenblick allerdings behielt der gute Sinn die Oberhand. Allein einige Zeit nach der Abreise des Staatskanzlers wußte die feindliche Partei dennoch die Aufführung der Posse durchzusetzen, und ein nicht ungeschickter, aber tief gemeiner Komiker Wurm feierte seinen würdigen Triumph darin!
Bis zum 4. Juli noch verzog sich unsere Reise; am Morgen dieses Tages fuhren wir nach Glienicke, dem Landhause des Fürsten von Hardenberg, wo sich die Reisegesellschaft zusammenfand und noch das Mittagessen einnahm, welches zwischen den zuletzt noch übermäßig gehäuften Arbeiten sich einschieben mußte. In diesen späten Augenblicken traf[113]  nun auch der preußische Schlachtbericht ein, der bisher so unbegreiflich gefehlt hatte. Der Staatskanzler reichte mir ihn und hieß mich ihn vorlesen. Der Eindruck war sehr wunderbar; die Hörer empfingen statt gewöhnlicher auf Zahl und Maß begründeter Angaben eine Reihe lebhafter Bilder, welche den Wechsel der Ereignisse den Sinnen vorführten; man fühlte sich aufgeregt und fortgerissen. Da hieß es, man sehe, daß Gneisenau die Feder ebenso mächtig führe als den Degen, und Hardenberg erklärte den Bericht für ein Meisterstück. Der Name Gneisenau stand allerdings unterschrieben, aber gleichwohl hatte seine Feder ihn nicht aufgesetzt. Ich hörte später den wahren Zusammenhang. Als nach dem Gewinne der Schlachten alles nur zur Verfolgung des Feindes drängte, war an die Notwendigkeit erinnert worden, von dem großen Kampfe auch einen raschen Bericht abzufassen. Der Oberst von Pfuel setzte sich eiligst an die Arbeit; aber während er schrieb, ritt Blücher fort; alle Generale folgten, und Gneisenau wollte gleichfalls eben zu Pferde steigen, da hielt Pfuel ihm das noch nasse Blatt zur Unterschrift hin, die dann auch nach einigem Bedenken, ob auch die Sache zulässig, rasch gegeben wurde. Gneisenau und Pfuel sprengten sodann dem Feinde nach, das Blatt ging rückwärts zu den Freunden. Dem Irrtum, der uns damals in Glienicke befing, mußte jeder Leser unterliegen, und noch heute findet sich jener Bericht oft als das Werk Gneisenaus erwähnt, dessen Geisteseigenheit man damit belegen will. – Erst mit einbrechender Dunkelheit kamen wir zur Abfahrt, und der lange Zug von Wagen sauste bald im Sturme durch die Nacht dahin.
Der König mußte den letzten Nachrichten zufolge mit den Truppen jetzt schon in Paris sein, und auch wir sollten uns diesem Ziele nähern; von einem Feldzuge schien kaum noch die Rede, nur von einer Reise, die freilich durch unsichere, verwüstete Gegend, durch fremde Kriegsvölker und deren Nachzügler und vielleicht durch aufständische Bauern führen konnte, wogegen uns aber auch wieder besondere Maßregeln[114]  und von seiten der verbündeten Truppen die erforderlichen Bedeckungen zu Gebote standen.
Der Ernst lag uns dabei schwer genug auf und drängte uns mit Macht vorwärts. Kuriere kamen uns von Paris entgegen und eilten, schnell abgefertigt, wieder dahin zurück und uns voraus. Am 15. Juli abends trafen wir daselbst ein und fanden unsere schon bestellten Quartiere im Faubourg Saint-Germain, Rue de Varennes, der Fürst im Hotel des Marschalls Davoust, Stägemann und ich nahebei. Doch wurden wir augenblicklich, und ohne die Reisekleider zu wechseln, wieder zum Fürsten gerufen, um mit ihm zu Abend zu essen, wo wir zu meiner großen Freude noch Justus Gruner fanden. Da wurde denn in raschen Zügen das bisher Geschehene zusammengefaßt, der Stand der Dinge nach den unzweifelhaften Tatsachen erörtert und mit unsern Ansichten zusammengehalten. Hier war denn leicht zu erkennen, daß die Hauptentscheidungen schon vorweggenommen, die Sache der Franzosen wieder in die für uns unvorteilhafteste Gestalt, in die des bourbonischen Königtums, verwandelt sei, und die Sache der Verbündeten in dem vorgreifenden Ansehen Rußlands und Englands für die doch nächstbeteiligten deutschen Angelegenheiten nur eine zweite oder dritte Stelle übriglasse. Hardenberg, mit welchem Stägemann, Gruner und ich längere Zeit ganz allein blieben, gestattete uns die freieste Äußerung, und wir verhandelten mit ihm und vor ihm unsere innersten Meinungen, die wunderbar untereinander und mit den seinigen übereinstimmten. Ich erwarb mir an diesem Abende Hardenbergs Beachtung und erhielt von ihm den Auftrag, in dem Sinne, wie ich die preußische Sache aufgefaßt, fleißig für die öffentlichen Blätter zu schreiben, wozu er mich fernerhin mit näheren Weisungen versehen wolle. Denn es war wohl auf dem diplomatischen Wege viel verloren, aber noch lange nicht alles, und es war die Absicht, mit allen Kräften sich zum Kampf aufzustellen und zu versuchen, wieviel noch wiederzugewinnen, was zu behaupten sei. Dabei konnten die Ereignisse[115]  uns allerdings zu Hülfe kommen; denn noch schwankte vieles und ließ neue Wendungen möglich, die wir zwar nicht herbeiführen, aber benutzen durften. Seit acht Tagen waren die Bourbons, ohne unser Zutun, nur durch den Schutz der Engländer begünstigt, nach Paris zurückgekehrt und hausten in den Tuilerien; aber diese acht Tage hatten auch schon gezeigt, wie feindlich ihnen die Masse der Nation sei, wie schwer es ihnen sein würde, die Herrschaft zu behaupten, besonders bei der Wut ihrer eigenen Partei, unter deren Einfluß jede weise Mäßigung unmöglich wurde. Das Heer hinter der Loire behauptete noch eine drohende Stellung. Napoleon wußten wir in Rochefort, aber noch nicht eingeschifft; es konnten noch Schlachten nötig werden, die wir nicht einzig der Bourbons wegen zu fechten dachten; der Süden Frankreichs war voll Unruhen, aus denen sich wunderbare Spaltungen entwickeln konnten.
Am nächsten Morgen war mein erster Gang zu dem Obersten von Pfuel, der von seilen Blüchers als Kommandant der einen Hälfte von Paris, so wie der General von Müffling als Gouverneur derselben eingesetzt war, dagegen Wellington für die andere Hälfte ebenso englische Befehlshaber ernannt hatte. Bei Pfuel fand ich unter den ihm zugeteilten Offizieren auch die Lieutenants Graf von Flemming und Graf von Holck wieder, und der Kreis erwünschter Bekannten erweiterte sich jeden Augenblick. Diese Kriegsmänner waren alle desselben politischen Geistes, voll Mut und Eifer für die Sache Preußens, voll deutscher Gesinnung. Dem Hasse gegen Napoleon gesellte sich schon Achtung und Teilnahme, der Widerwillen gegen die Bourbons, welche auf dem Throne gleich wieder das feindliche Frankreich vorstellten, wurde mehr und mehr zum schnödesten Haß gesteigert; ihre Anhänger gaben uns schon deutlich genug und oft genug durch die Tat zu erkennen, die Verbündeten hätten das ihrige nun geleistet und könnten als lästige Gäste nur eiligst wieder abziehen, höchstens möchten sie sich bereithalten wiederzukommen, falls man sie brauchte;[116]  die Ehre, den rechtmäßigen Herrscher wieder eingesetzt zu haben, durften wir uns teilen, damit sollten wir uns für überbelohnt halten. Gegen solches Meinen und Verfahren – denn wirklich traten uns die bourbonischen Behörden überall beengend entgegen, und unsere Truppen mußten die nötigsten Bedürfnisse mit Gewalt ertrotzen – erhob sich eine wahre Erbitterung, deren Ausbrüche sehr schlimm werden konnten, wenn nicht die verbündeten Herrscher durch ihre Rücksicht und Nachgiebigkeit für die Bourbons den kriegerischen Aufwallungen Einhalt getan hätten, so daß sogar Blüchers herber Unmut in dumpfes Murren herabgestimmt wurde. Die Stimmung in der gebildeten und höheren Region des preußischen Heeres war ziemlich gleichmäßig, doch ließ sich eine zweifache Schattierung wohl bemerken, daß nämlich die einen unbedingt Frankreich bekämpfen, besiegen, schwächen und allenfalls teilen wollten, unbekümmert um dessen eigenes Geschick, die andern dagegen nach Besorgung unserer Sache auch die der Franzosen wahrnehmen, ihnen keine Regierung aufdringen, sondern jede selbständige innere Freiheit gönnen wollten; diese sahen nicht ungern die dreifarbige Fahne und die beim Einrücken der Preußen noch tätige Kammer der Repräsentanten, die in ihren Beratungen anfangs von den preußischen Wachtposten sogar beschützt wurde; zu dieser Schattierung gehörten kraftvolle und einflußreiche Befehlshaber, selbst Gneisenau und Grolman waren ihr nicht fremd, und Blücher lieh ihr in manchen Fällen sein derbes Wort, sie war diejenige, der auch Hardenberg und Humboldt bis auf einen gewissen Grad beistimmten; allein nach dem Gange, den die Sachen einmal genommen, war diese Richtung amtlich nicht mehr zu vertreten, und da mit der kundwerdenden Einschiffung Napoleons die Bourbonisten die letzte Furcht verloren, so mußte die großmütige Teilnahme sich allmählich in das Innere der Gesinnungen zurückziehen, und während solche Stimmen verstummten, wurden die entgegengesetzten, ritterlich für die Rechtmäßigkeit des alten[117]  Königshauses und für die Vortrefflichkeit des alten Regierungszustandes eifervollen, um so lauter.

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Was mir an der vollständigen Kenntnis des Geschehenen noch fehlen mochte, erntete ich reichlich bei dem Grafen von Schlabrendorf, den ich sodann besuchte und bei dem ich Stägemann einführte. Der treffliche Greis nahm sich in dem langen Bart, den er sich aus Bequemlichkeit hatte wachsen lassen, wunderlich aus, aber von seinen Lippen strömte die hellste Kenntnis der Dinge, das reifste Urteil. In ihm war die deutsche Gesinnung ganz lebendig, aber etwas mit der Bekümmernis belastet, daß solche, jetzt bis zur Ungerechtigkeit gegen die Franzosen gesteigert, in diesen dem allgemeinen Geiste der Freiheit leicht zu nahe treten könnte. Er hatte mir während der Hundert Tage zweimal nach Wien geschrieben, ausführliche Schilderungen der Lage der Dinge, beide Briefe waren über die Schweiz gegangen, aber mir nicht zugekommen; der größere erste blieb verloren, der zweite kam später noch glücklich in meine Hände und beweist noch heute den großen Blick des Mannes. Wir waren im eifrigsten Gespräch, da trat unerwartet Wilhelm von Humboldt ein, der ihm für nächstens den Besuch Hardenbergs ankündigte, ihn aber bat, schon heute mit demselben im Rocher de Cancale zu Mittag zu speisen, wozu auch Stägemann und ich im Namen des Fürsten durch ihn eingeladen wurden. Für Schlabrendorf war das nichts, er ging gar nicht aus und lehnte die Einladung ab. Als wir andern das berühmte Gasthaus betraten, fanden wir unter den Geladenen auch Altenstein, Flemming, Holck und sonstige Bekannte, der Fürst aber verließ uns früh wieder; er hatte den ganzen Vormittag in Beratung mit dem Könige zugebracht, jetzt erwartete der russische Kaiser ihn. Wir saßen noch zusammen, da ging die Türe auf, und es zeigte sich in voller Uniform der Feldmarschall Fürst von Blücher und der General Graf von Gneisenau; sie wollten den Staatskanzler begrüßen, nahmen aber nun, da sie ihn nicht mehr fanden, auch bei uns Platz am Tisch, dessen[118]  Bedienung durch dies Ereignis kaum eine Unterbrechung erfuhr. Blücher saß neben mir, und ich empfing aus erster Hand die wunderlichen Aussprudelungen des beinahe fabelhaften Helden. Er schimpfte heftig gegen die Bourbonen, wollte Ludwig XVIII. durchaus nicht besuchen, zog gegen den Grafen von Münster und gegen dessen Spießgesellen, den Grafen von Hardenberg in Wien, als gegen erklärte Preußenfeinde los, verschonte selbst seinen »Bruder Wellington« nicht und hielt über Könige und Fürsten, wie der Zufall sie ihm vorführte, ein lästerliches Gericht. Manches klang auch für einige Anwesende nicht eben verbindlich, er sagte zu Humboldt, er und alle Diplomaten hätten noch wegbleiben sollen, sie würden wieder alles verderben. Ungleichartigere Streitkräfte konnte man nicht sehen, als Blücher und Humboldt gegeneinandergestellt; ob die Keule oder der Stoßdegen die bessere Waffe sei, blieb unbestimmt, aber soviel war klar, Humboldt stand nicht im Nachteil, und als man sich etwas näher verständigt hatte, stieß man zusammen auf guten Erfolg und auf beste Eintracht an.
Die französischen Angelegenheiten waren für den Augenblick hauptsächlich in den Händen Talleyrands und Fouchés, von denen der erstere den Bourbons getreu geblieben, der letztere noch eben erst der Minister Napoleons gewesen war; dem Eifer der Bourbonisten machte das jetzt keinen Unterschied, man duldete beide, weil sie jetzt notwendig schienen und der ehemalige Jakobiner und neuerliche Bonapartist Fouché gerade am meisten. Offenbar hatte er den von Elba wiedergekehrten Kaiser, indem er ihm zu dienen schien, doppelt verraten, an die Bourbons und an die Fremden; doch Napoleon war selber nicht aufrichtig gewesen, er hatte sich in den Schein der Freiheit und Gesetzlichkeit gehüllt, und auch dies mehr aus Zwang als freiwillig, unter der Hülle blickte deutlich hervor, daß der Sieg alsbald sie abwerfen würde; man bedauerte ihn daher wenig, und seine Entfernung galt dem Bürgersinn als eine Wohltat für Frankreich. Höhere Teilnahme wendete sich den beiden Männern[119]  zu, welche inmitten der Erschütterungen nur immer die Sache des Volks und der Freiheit im Auge gehabt und mit ihren redlichen Bestrebungen gleicherweise dem Verrate Fouchés unterlegen waren, den beiden von seiten der Vaterlandsliebe untadligen Männern Carnot und Lafayette, von denen der erstere dem Wiederkömmling von Elba sich angeschlossen, weil er in ihm die sichere Wehr gegen den äußern Feind, der andere ihn gestürzt, weil er von dieser Wehr die innere Freiheit bedroht geglaubt. Während diese Männer mit allen Ehren und mit der Achtung sogar der Feinde vom Schauplatz abgetreten waren, behauptete sich Fouché auf demselben, verabscheut von allen, die nicht mit seinen Ränken verflochten waren oder Vorteil davon zogen. Als Polizeiminister hatte er eine ungeheure Macht in Händen, eine zum Teil unsichtbare und daher nicht genau zu ermessende; indessen mißtrauten ihm die Bourbons, und schon wetteiferte eine geheime Polizei des Hofes, eigentlich der Prinzen, mit der seinigen, suchte sie zu durchkreuzen, zu überlisten. Die Verbündeten durften sich nicht unbewacht solchem Doppelspiel überlassen, jede der Mächte traf ihre Vorkehrungen; preußischerseits wurde Justus Gruner mit ausreichenden, von ihm selbst bestimmten Hülfsmitteln den Fouchéschen Betreibungen entgegengestellt und entwickelte sogleich eine lebhafte Tätigkeit. Sein freundschaftliches Vertrauen teilte mir von dem, was er in Erfahrung brachte oder in Betrieb setzte, gar manches mit, was ihm für mich von irgendeiner Seite bedeutsam erscheinen konnte.
Die Gegenwirkung wider die Bourbons war in der Tat heftig und mannigfach. Das Heer hinter der Loire konnte noch nicht als ein ihnen unterworfenes angesehen werden. In den Departementern herrschte Zerrüttung und Gewaltsamkeit; wo die Partei des Königtums die Oberhand hatte, wie besonders im Süden, da geschahen Greueltaten, in andern Gegenden hinwieder wurden die Edelleute und Priester verfolgt. In Paris selbst, ungeachtet die Stadt von Preußen und Engländern besetzt war, erneuerten sich von Tag zu[120]  Tag die drohenden Zeichen gärender Unruhen. Im Tuileriengarten tanzten wohl weißgekleidete Mädchen und Frauen, zum Teil aus den höheren Ständen, im Kreise und sangen dabei Spottlieder auf den Père la Violette, wie Napoleon nun hieß, aber schnell stoben sie auseinander, wenn eine Schar mit dem Geschrei »Vive l'Empereur!« vorüberstürmte. Abends unter den Fenstern des Königs Ludwig forderte ein tausendstimmiges Gebrüll »Vive le Roi!« gebieterisch sein Erscheinen am Fenster, doch kaum zeigte sich die wohlbeleibte unbehülfliche Gestalt mit dankender Verneigung und Handgebärde, so fehlte nie aus der Mitte vorbereiteter Gruppen der schneidende Zwischenruf: »Vive l'Empereur! à bas les Bourbons!« Die Schreier wurden wohl durch die Nationalgarden verhaftet, allein immer folgten andere, und ich habe eines Abends gegen tausend Mann Nationalgarden vergebens bemüht gesehen, dem unverschämten Hohn Einhalt zu tun. In der Vorstadt Saint-Antoine zog das Volk am hellen Tage mit einem Schwein herum, dem an die Ohren große weiße Kokarden gesteckt waren, und sang dazu mit rauher Wildheit: »Nous amenons le gros cochon.« Ludwig XVIII. hieß nicht mehr »le désiré«, sondern »l'inévitable«, die preußischen Soldaten nannten ihn mit Gespött »Louis tout de suite«, und im Puppenspiel auf dem Boulevard konnte man den Witz hören: »Vous croyez nous pouvoir imposer de si fortes contributions à cause de notre gros revenu!« Einen muntern Zug nationaler Gesinnung übte die bewunderte und unübertreffliche Schauspielerin Mlle Mars aus. Ich war mit Pfuel im Théâtre Français, als sie am 2. August zum erstenmal seit der neuen Wandlung der Dinge wieder auf die Bühne trat, unter dem ungeheuren Beifall der gedrängt vollen Versammlung. Sie hatte Verdruß von seiten der Behörde gehabt, weil sie mit Veilchen, dem damaligen Zeichen Napoleons, aufgetreten war; heute trug sie einen reichen Kleiderbesatz von roten Blumen, die aber beim Wechsel des Anzugs im zweiten Aufzug durch weiße und im dritten Aufzuge durch blaue[121]  ersetzt wurden; so waren denn die drei Farben, die zugleich nicht erscheinen durften, nacheinander doch vorgeführt und das nationale Sinnbild richtig zustande gebracht. Der Beifall steigerte sich nun zum wahren Sturme, dessen weiteren Verlauf wir nicht abwarteten; die Nationalgarde, welche zur Stillung des Aufruhrs herbeikam, war in ihrer Uniform ebenfalls dreifarbig anzusehen, wurde darüber beklatscht und hatte nun um so weniger Lust einzuschreiten.
Jene ärgerlichen Auftritte, deren Wiederholung aus der alleinigen Kraft der Mißstimmung nicht zu erklären schien, wurden von vielen den Royalisten zugeschrieben, als welche dadurch den König von der Notwendigkeit scharfer Maßregeln überzeugen wollten, von andern aber, und wohl mit mehr Grund, den Ränken Fouchés, der dadurch noch größere Gewalt zu erlangen hoffte, wiewohl die ihm schon zustehende hätte hinreichen sollen, dergleichen zu verhindern; ließ er doch sogar unter den französischen Tagesblättern solche bestehen, die ganz offen gegen die Bourbons sprachen; der »Aristarque Français« wurde von dem Dichter Arnault in diesem Sinne mit Fouchés Wissen herausgegeben. Zugleich aber war diese Aufregung gegen die Fremden gerichtet, und in diesem Bezuge hatte Fouché, sofern man ihn als den Anstifter betrachtete, manche nationale und sogar manche royalistische Stimme für sich; gegen uns waren fast alle Franzosen einig, uns wünschten alle so schnell als möglich zurückgeschickt, höchstens als dem Hofe willenlos Dienende, gleich den Schweizern, wollten sie uns noch behalten. Die revolutionäre, konstitutionelle, nationale Partei, das war sichtbar, gewann in der Verwirrung täglich mehr Stärke.
Die Preußen standen freilich in den Reibungen und Schlägen wider das französische Wesen allen andern Verbündeten voran und erregten durch ihr folgerechtes Verfahren eine gesteigerte Erbitterung. Ein ungeheurer tausendfältig widerhallender Wehschrei erhob sich bei der Zurücknahme der Kunstwerke und Denkmale, welche Napoleon aus den[122]  eroberten Ländern nach Paris zusammengebracht hatte. Bei dem Ersten Pariser Frieden war dieser Gegenstand gänzlich verabsäumt worden, und oft hatten die Friedensschließer darob harte Vorwürfe hören müssen. Auch bei dem Zweiten Pariser Frieden wäre es wohl nicht anders gegangen, hätte nicht Blücher mit seiner Feldherrnmacht hier vor- und durchgegriffen. Ehe noch die Monarchen in Paris waren, ließ er sogleich alles vormals preußische Eigentum dieser Art zurückfordern und wegnehmen. An Widerstand war in diesem Augenblicke nicht zu denken, und der preußische Anteil war nicht so beträchtlich, daß die ungeheuren Pariser Sammlungen den Verlust nicht hätten verschmerzen können. Als aber, auf Blüchers Anreiz, auch andere Beraubte ihre Zurückforderungen erhoben und unter dem Schutze preußischer Waffen bewirkten, nahm die Sache eine bedrohlichere Gestalt, und die Franzosen aller Parteien strengten alle Mittel an, den Verlust abzuwenden. Den Monarchen wurde vorgestellt, daß dieser Schimpf auf ihre Schützlinge, die Bourbons, zurückfalle, daß jene Kunstwerke in Paris dem allgemeinen Genusse und für die ganze gebildete Welt offenständen und daß es eine Barbarei sei, sie aufs neue zu zerstreuen. Rußland und England hatten in diesem Betreff wenig oder nichts anzusprechen und waren nur allzu geneigt, für eine Großmut zu stimmen, die ihnen nichts kostete; Österreich durfte schon bedenklicher sein, hätte jedoch wohl nie aus eigenem Antriebe seine Forderungen geltend gemacht. Doch die Sache lag tatsächlich schon nicht mehr in den Händen der Monarchen, das Beispiel war gegeben, ein Teil des Unternehmens schon ausgeführt, die Arbeit ging frisch vorwärts, und eine ungeheure Gewalt der Meinung hatte sich ihr beigesellt, selbst Wellington wagte nicht, ihr offen entgegenzutreten, und ließ, wiewohl mit Bedauern, geschehen, was sein Bruder Blücher mit der Wucht des Säbels durchzusetzen entschlossen schien. Nun einmal entschieden war, daß jeder nach dem Seinigen greifen dürfe, blieb Österreich nicht zurück; alle deutschen[123]  Fürsten, die Niederlande, der Papst und ganz Italien, Spanien und Portugal traten auf, und nun zerstob allerdings die angehäufte Kunstherrlichkeit in alle Himmelsgegenden. Wie früher von preußischen Truppen wurden die Arbeiter nun sogar von englischen geschützt. Die größte Demütigung dieser Art erfuhren die Franzosen zuletzt doch noch durch die Österreicher, als diese auch noch das korinthische Viergespann von dem Triumphbogen der Tuilerien abnahmen und nebst dem Löwen von Sankt Markus nach Venedig zurückführten. Was früher in der Abgeschlossenheit der Säle geschehen war, geschah nun öffentlich auf der Straße, sichtbar auf immer und auf immer ein Zeugnis erlittener Schmach. Die Aufregung des Volkes war hiebei so groß, daß nur unter dem Schutze einer ansehnlichen Truppenmacht die Arbeit vorgehen konnte.
Dem Kaiser von Rußland war diesmal der Aufenthalt in Paris minder angenehm als im vorigen Jahr, man fand ihn unruhig und mißmutig; er wünschte sich den unerfreulichen Verwickelungen, wo weder seine Großmut noch sein Staatsvorteil freie Hand hatte, persönlich zu entziehen; allein die Franzosen sahen in ihm nach Wellington ihren besten Beschützer, und ihren Bitten nachgebend, willigte er in sein längeres Verbleiben. Der Gedanke, sein in Frankreich eingerücktes Heer, dem die Ereignisse keine Kriegstaten übriggelassen hatten, wenigstens den Augen in aller Stärke und vollem Glanze darzustellen, bot sich dem Sinne gefällig dar, und die merkwürdige Truppenschau von Vertus wurde vorbereitet. Hundertundfünfzigtausend Mann bezogen dort ein Lager, das mit aller Sorgfalt und größtem Aufwand ausgestattet wurde. Der Kaiser lud seine Verbündeten zu dem großen Schauspiel ein und führte am 6. September den Kaiser von Österreich und den König von Preußen, denen Wellington und eine Unzahl anderer Heerführer und Offiziere folgten, in die Mitte der kriegerischen Festlichkeit. Alles, was bei solchen Anlässen üblich ist, ging in größter Ordnung und Pracht vonstatten. Der Kaiser Alexander, seiner innern[124]  Richtung gemäß, hob in den militärischen Bezeigungen mit Vorliebe ein religiöses Element hervor, und nach einem feierlichen Gottesdienst, den die Augenzeugen als erhebendsten und ergreifendsten Anblick schilderten, verband er sich mit den beiden andern Monarchen zu einem neuen Bunde, der die Lehren und Gesinnungen des Christentums zur Grundlage aller Staatslenkung zu machen versprach. Der Kaiser zog ein Blatt Papier hervor, so ward erzählt, das den Inhalt des neuen Bundes in wenigen Artikeln darlegte und welches, von den drei Monarchen auf der Stelle unterzeichnet, einige Wochen später als Urkunde der vielbesprochenen Heiligen Allianz bekannt wurde. Frau von Krüdener, welche dem Kaiser auf dessen Wunsch in das Lager von Vertus gefolgt war, galt als Urheberin des Entwurfs und hatte jedenfalls an dem Vorgange wirksamsten Anteil, wogegen kein Minister dabei zugezogen worden noch sonst jemand im voraus der Sache kundig war als einige Gesinnungsgenossen, unter denen Graf Kapodistrias. Der Einfluß der Frau von Krüdener auf diese Dinge schien um so bedenklicher, als ihr von Natur gutmütiger Sinn bei großer Verstandesbeschränktheit allen Schwärmern und Ränkeschmieden offenlag und schon sehr zu fanatischen Anwandlungen hinneigte. Ein Bittgesuch der Einwohner von Kehl, deren Häuser durch das Geschütz der Verbündeten eingeäschert worden, wollte sie zwar bei dem russischen Kaiser durch ihr Fürwort unterstützen, hielt jedoch den armen Leuten unwillig vor, eigentlich hätten sie es nicht verdient; denn in Kehl seien die Werke Voltaires gedruckt worden, nämlich vor fünfzig Jahren durch Beaumarchais, welches sträflichen Unternehmens denn freilich diese Kehler Abgebrannten so wenig wie ihre Väter schuldig noch kundig waren, wie sich aus ihrem Erbieten zeigte, beide Übeltäter sogleich auszuliefern!
Nach der Rückkehr der Monarchen von Vertus mehrte sich der Zufluß der Fremden in Paris ungemein, besonders der Russen, welche früher durch militärische Vorbereitungen[125]  und Pflichten waren abgehalten worden. Ich hatte die Freude, den General von Tettenborn wiederzusehen, er zog in die Wohnung, welche Stein bisher innegehabt und ihm überwiesen hatte, ganz in meiner Nähe, und wir konnten mit Bequemlichkeit uns besprechen und für den Tag verabreden. Nicht so leicht war dies mit dem General Grafen zu Bentheim, der weitab wohnte und auch durch den Dienst in Anspruch genommen war, denn die Brigade gehörte zu den Truppen, welche Österreich zur Besatzung von Paris beitrug. Wir waren jedoch soviel als möglich beisammen, und um beide teure Kriegsobern sowie bei dem Obersten von Pfuel vereinigten sich die schönsten Kreise früherer Waffengenossen.
Unsere preußischen Freunde kamen nun auch immer zahlreicher vom Heer und aus der Heimat an, die Gesellschaft wurde bunter und lauter; denn jedermann kam als Sprecher eigener Meinungen und als Vertreter fremder Stimmen, und bei völliger Freiheit der Äußerung machten sich die kühnsten Forderungen nachdrücklich kund. Es war auffallend, wie das Amt und die Stellung der Personen sich bereits der Gesinnung unterordneten, die Meinung machte sich geltend als solche; wer sie sagte, darauf kam wenig an; der untere Kanzleibeamte, der da wußte, daß Blücher oder Gruner ihm recht gaben, stellte sich trotzig dem Geheimrat, ja, dem Minister entgegen, wenn Volkstümliches zu vertreten war. Wir sahen den Oberstlieutenant von Barnekow ankommen, dessen natürlicher Freimut arglos die ungeheuersten Sachen in die Welt hinausschrie und in seiner rauhen Aufrichtigkeit nur durch seine schöne bewunderte Frau noch etwas gemäßigt wurde. Aus Berlin erschienen der Doktor Heinrich Meyer, der Professor Kiesewetter, Friedrich Schulz mit dem Beinamen »vom Theater« und endlich auch der Turnmeister Jahn; alle gewaltige Mitsprecher und deshalb gefürchtet und geschont von hoch stehenden Männern, die man solchen Zugeständnisses kaum für fähig hielt. Jahn insbesondere wurde ordentlich gefeiert, der Staatskanzler[126]  lud ihn ein und ergötzte sich an dem wilden Aussehen, während die starken Reden ihm größtenteils unvernommen vorübergingen; Minister, Generale und Geheimräte suchten mit Jahn das beste Vernehmen, er selbst würde vielleicht gesagt haben, sie »brüderten« mit ihm. Doch gefiel ihm der vornehme Kreis eigentlich nicht, er fühlte sich trotz seiner Ungebundenheit doch beengt und zog weit die Gesellschaft seiner Gesellen und Kumpane vor, mit denen er sich im Palais Royal festsetzte und dort durch sein in aller Kraft und Breite sich entfaltendes Deutschtum sowohl Franzosen als Deutsche in Erstaunen setzte. Zu den welschen Aufwärtern in der Kaffeekneipe wurde deutsch gesprochen, mit den undeutschen Gästen nicht viel Federlesens gemacht, bei Streitigkeiten gleich die Schelle oder die Fuchtel angeboten, jedoch unterblieben ernste Kämpfe, weil man sich nicht einmal zu diesen verständigen konnte. Die Spaziergänger sammelten sich und staunten die deutschen Bären an, die ihnen bald mehr zur Lust als zum Ärger waren. Jahn hätte gern nachträglich noch die Siegessäule des Platzes Vendôme zerstört; er schloß auch die Österreicher in sein Deutschtum ein, und als diese die venezianischen Pferde von dem Triumphbogen vor den Tuilerien abnahmen, stieg er mit vielen andern Zuschauern, Deutschen und Engländern, auf den obern Raum des Bogens, betrat den seiner Rosse schon entblößten Siegeswagen und sprach von dieser Rednerbühne herab eine freie Anrede an die Versammlung, wobei er zuletzt noch besonders an die Österreicher sich wandte und sie aufforderte, nun auch jene Säule nicht länger zu dulden.


Dergleichen Vorgänge waren bei den schwebenden Verhandlungen und Volksgärungen in Paris nicht unerheblich; sie zeigten eine Stimmung, deren Umfang und Entwickelung niemand berechnen konnte. Im preußischen Heere waltete große Unzufriedenheit, die Krieger glaubten ihre Sache mit Frankreich noch weiter ausfechten zu müssen und meinten ein Recht zu haben, nach dem Erfolge zu fragen, der[127]  aus den Waffentaten gewonnen sein sollte. Was man von den künftigen Friedensbedingungen hörte, schien unvorteilhaft und schmachvoll; man wußte wohl, daß Hardenberg und Humboldt angestrengt kämpften, aber als man vernahm, daß Preußen endlich nachgebe, glaubte man die leitenden Staatsmänner der Schwäche beschuldigen zu müssen und warf ihnen vor, die Volksgesinnung und Heldenkraft, auf die sie sich stützen sollten, zu mißkennen, zu verabsäumen. Blücher, der jetzt sein Hauptquartier wieder näher in Versailles hatte und so wie Gneisenau nun häufig nach Paris kam, schimpfte in seiner Kraftsprache heftig, wollte dem Lord Castlereagh zu Leibe, glaubte dem Kaiser Alexander die Augen öffnen zu müssen, und seine Schritte wurden für die Minister ängstlich und für die Monarchen unbequem, so daß man schon fragte, ob es zu dulden sei, daß die Kriegsleute hier sich eine Gewalt über ihre Gebieter anmaßten.
Das Verdienst Hardenbergs nicht so schnöden Mißurteilen, wie schon gegen ihn laut wurden, unverteidigt preiszugeben, versuchte ich, dasselbe für unverblendete Augen in das rechte Licht zu stellen, und sandte folgenden Aufsatz in die Zeitungen von Hamburg und Augsburg:
Für denjenigen, der ohne andere Rücksicht lediglich auf den Sachinhalt der gegenwärtigen Verhältnisse mit offenen, geraden Sinnen blickt, scheint die Beantwortung der Frage, was jetzt zunächst zu tun obliege, ganz einfach, und er mag wohl oft sehr verwundert sein, daß sie für so verwickelt gehalten wird. Den Sieg haben wir davongetragen, die Gewalt haben wir in Händen, tun wir daher, was rechtens ist! Dies ist die Stimme der öffentlichen Meinung, und nach dieser Schlußfolge richtet sie ihre Forderungen und Erwartungen über das zu Geschehende ein. Eine edle Gesinnung, wie sie dem bessern Geiste unserer deutschen Landsleute so herrlich inwohnt, läßt nicht zu, daß die Bestimmung dessen, was denn hier rechtens sei, bloß einseitig für uns geschehe; nein, dem besiegten Volke unmittelbar nach dem Siege das Recht[128]  alles dessen, was wahrhaft volkstümlich ist, ebenso zugesprochen wie uns, und schon wachen eifrig deutsche Schriftsteller für französisches Volkstum und Freiheit wie für die unserige. Wir wollen nicht, daß den Franzosen eine Herrschaft aufgedrungen werde, die sie nur unwillig und vielleicht nur beim Anblick unserer Waffen ertragen; wir wollen aber ebensowenig, daß uns vorenthalten werde, was wir zu fordern berechtigt sind, da das Glück der Waffen unsern unvertilgbaren Ansprüchen endlich Kraft gegeben hat. Diese allerdings sehr einfachen Wahrheiten sind es, welche in den Unterhandlungen durchbrechen sollten; allein die Formen, in welchen die Staatsverhältnisse geführt und betrachtet werden, erlauben keineswegs so unbedingt die Anwendung eines auch noch so glücklich herausgefundenen und deutlich erkannten Grundsatzes, und das Wissen und Wollen steht bei dem Staatsmanne, wie bei tausend andern menschlichen Bemühungen, von dem Handeln oft durch eine große Kluft entfernt, die freilich der nicht sieht, der nicht über sie hinwegzukommen braucht. Wir mögen daher nur immer eingestehen, daß die hiesige Lage der Dinge durch das Zusammentreffen so außerordentlich verschiedener Vorteile, Ansichten und Möglichkeiten zu den allerschwierigsten gehört und, wenn nicht größeres Unheil daraus erwachsen soll, keineswegs durchgerissen, sondern entwickelt werden muß. Die Sprache des Staatsmannes darf nicht die Sprache des Volksredners sein, jener soll vorstellen, wo dieser ergreifen kann, und allerdings ist das freie Erfinden des Gedankens ein von dem Anwenden desselben unter gegebenen Bedingungen sehr verschiedenes Geschäft. Wenn wir aber nicht eben zu denjenigen gehören, die von dem Staatsmanne alles ausgeführt verlangen, was in bloßer Gedankenverbindung als richtig erscheint, so sind wir dagegen auch sehr von denjenigen entfernt, die mit ärmlicher Geistesbeschränkung ihr diplomatisches Geschäft als eine absonderliche Welt betrachten, die, für sich bestehend, in eigenen Formen fortgehen müsse und von dem Leben der Völker nichts aufnehmen,[129]  noch von deren Ansprüchen Rechnung halten kann. Wir glauben vielmehr, daß beides sich glücklich vereinigen läßt, ja gewiß jedesmal vereinigt sein muß, sobald nur echte gute Gesinnung und Geschicklichkeit zusammen sind. Warum zum Beispiel sollte nicht ein Staatsmann auftreten können und über die eine der oben bezeichneten volkstümlichen Forderungen den versammelten Ministern in aller Form Erörterungen vorlegen, in denen etwa folgendes gesagt würde: »Die Ruhe und Sicherheit der europäischen Staaten gegen die von Frankreich her unaufhörlich erneuerte Gefahr zu beschützen war der Zweck des neuen Bündnisses der großen Mächte, deren Vereinigung in Wien glücklicherweise noch stattfand, als die Ereignisse im Anfange des März so dringende Maßregeln geboten. Die Völker, allzulange dem Unglücke des Krieges und dem noch schrecklichern der grausamsten Unterdrückung preisgegeben, erwarten endlich mit der Wiedererlangung des gestörten Friedens auch die Bürgschaft seiner Dauer; wir müssen diese Bürgschaft fordern, wenn wir im geringsten die Früchte so vieler Anstrengungen und Opfer und so vielen vergossenen Blutes einernten wollen. Die bisher zur Sprache gebrachten Punkte sind für die Erreichung jenes Zweckes bei weitem nicht hinlänglich. Bonaparte ist in den Händen der Verbündeten: das ist unleugbar sehr viel, aber noch lange nicht genug. Ein großer Teil seiner Anhänger befindet sich noch in Frankreich und ist mächtig und angesehen; sein Heer unterwirft sich dem Scheine nach, aber derselbe Geist beseelt es noch immer, und seine Auflösung selbst zerstreut vorteilhaft die Kräfte, die vereint besser mit einem Schlage zu treffen wären. Der König kann nicht als Vermittler eines festen und dauerhaften Friedens mit Europa betrachtet werden, da wir uns gestehen müssen, daß sein Thron nichts weniger als fest steht. Die Bourbons überhaupt haben wenige Freunde, und diejenigen, die ihnen wirklich ergeben sind, vertrauen nicht ihrer Kraft. Da es für uns schwierig wäre, den Sachen in Frankreich diejenige Wendung zu geben, durch welche die[130]  Regierung volkstümlich und daher sicher und dauerhaft würde, so müssen wir wenigstens unsere Sache so zu stellen suchen, daß wir nicht stets neue Erschütterungen zu fürchten haben. Wir bedürfen wirklicher Gewähr. Diese können wir weder in dem Vorschlage, große Kriegssteuern auszuschreiben und zum Erbauen von Festungen zu verwenden, noch in dem andern Vorschlage erkennen, eine bedeutende Truppenzahl in Frankreich zurückzulassen und die Grenzfestungen eine Zeitlang besetzt zu halten. Solche Maßregeln sind in mehr als einer Hinsicht ungenügend und selbst gefährlich; sie steigern die Erbitterung aufs höchste und geben, wie Preußen es gezeigt hat, dem unterdrückten Volke mit der Zeit nur neue Kraft und Begeisterung. Wir sind fern davon, uns von dem Geiste der Eroberung leiten zu lassen, wir wollen aber auch nicht beständig in der Gefahr sein, erobert zu werden. Hier ist kein anderer Ausweg, als die Grenzen Frankreichs so zu bestimmen, daß von der Nordsee bis zum Mittelmeer alle Angriffspunkte, die Frankreich früherhin über seine Nachbarn zu gewinnen gewußt, davon getrennt und dem Staatenverein, zu welchem sie ehemals gehört, zurückgegeben werden. Keiner unserer Verträge, keine unserer Erklärungen kann uns darin hinderlich sein, wie bereits in einer andern Denkschrift bewiesen ist; Deutschland fordert es mit lauter Stimme; die Niederlande, die Schweiz, Sardinien fühlen dasselbe Bedürfnis. Wir sind unsern Zeitgenossen und unsern Nachkommen dafür verantwortlich, eine Sache von solcher Wichtigkeit, von der das Glück und die Gestalt der Zukunft abhängen, nicht zu versäumen. Bedenken wir, daß, seit Heinrich II. die drei Bistümer an sich riß, die Geschichte nicht aufhört, uns Eroberungen Frankreichs über das Deutsche Reich zu zeigen; bedenken wir, wie oft die Franzosen über Mainz in das nördliche Deutschland einfielen, wie oft längs der Donau hinab in Österreich, mit welcher Leichtigkeit sie die Schweiz und Italien einnahmen! Ja, die Schlacht am 18. Juni selbst, wenn sie glücklich gewesen wäre, führte Bonaparten sogleich[131]  wieder an die Maas bis zum Rhein. Es wäre ein gefährlicher Irrtum, wenn wir glaubten, die Gemüter in Frankreich durch Schonung und Großmut zu versöhnen; sie verzeihen uns nie, daß wir gesiegt haben. Seien wir gemäßigt und großmütig in jeder andern Rücksicht, nur nicht, wo es auf unsere Sicherheit und bei uns Deutschen auf das Recht unseres Vaterlandes ankömmt. Rußland freilich, entfernt, mächtig und groß, hat hiebei nur ein mittelbares Interesse; aber ihm wie England muß gleicherweise daran liegen, Europa nicht immer neuen Stürmen preisgegeben zu sehen; Österreich, Preußen, die Niederlande, alle deutschen Mächte zweiter Ordnung, die Schweiz und Italien haben in diesem Augenblicke kein dringenderes Interesse. Was Preußen insbesondere betrifft, so würden seine Minister außerdem sich es nicht verzeihen können, wenn sie die so teuer erkaufte Gelegenheit versäumten, von Frankreich eine Entschädigung für die ungeheuren Erpressungen und Auflagen, unter welchen Preußen durch die Franzosen geseufzt hat, zurückzufordern und die noch dauernden Anstrengungen des Volks zu erleichtern und die gebrachten Opfer wenigstens zum Teil zu ersetzen.« Diese Sprache ist im Sinne der öffentlichen Meinung und im Geiste der echten Diplomatik; falls es nötig wäre, die Wichtigkeit des Gesagten noch durch ein äußeres Ansehen zu erhöhen, so könnte dies wohl nicht besser geschehen, als wenn wir unsern Lesern die Versicherung geben, wie wir denn hiemit tun, daß wir ihnen keine bloß erfundene Redeübung, wie etwa gesprochen werden könnte, sondern mit den Worten eines edeln und hochgepriesenen Staatsmannes ein Beispiel dessen, wie wirklich gesprochen worden ist, mitgeteilt haben.
Das eingeschaltete Stück Rede war nämlich ein Auszug aus Hardenbergs Note vom 4. August, die er bei den Friedensverhandlungen eingereicht und auf deren Inhalt er so lange als möglich bestanden hatte.
Die Franzosen wurden unseres langen Verbleibens mit jedem Tage überdrüssiger und hofften, durch innere Befestigung[132]  der Regierungsmacht, durch Verstärkung des Thrones mittelst der Volksvertretung, uns gegenüber eine entschiedenere Stellung anzunehmen. Die Kammern waren deshalb einberufen, und man meinte, wir würden vor der öffentlichen Erörterung, der man eine gewisse Freiheit zugestehen mußte, schon früher die Flucht nehmen oder doch nicht lange aushalten. Fouché hatte der Natur der Dinge nach alles Erdenkliche tun müssen, um die Kammer der Deputierten vorherrschend royalistisch zu machen; die Umstände wirkten zu diesem Zwecke günstig mit: im Süden hatten die Royalisten augenblicklich die Oberhand, im Norden hielt die Truppenmacht der Verbündeten die Bonapartisten und Liberalen im Schach, die Hofpartei war der nächsten Kammer sicher. Doch mußte Fouché bald gewahr werden, daß er zu seinem eigenen Falle mitgeholfen; denn kaum sah jene Partei so festen Boden unter ihren Füßen, als sie um so ungebärdiger zu werden begann und vor allem den Jakobiner Fouché und bonapartistischen Herzog von Otranto nicht länger als Minister des Königs dulden wollte, dessen Bruder durch die Zustimmung von jenem unter dem Henkerbeile gefallen war. Dem Könige jedoch war der verhaßte Minister bequem, und er hielt ihn noch einige Zeit oder vielmehr der Minister sich selbst, indem er sich als noch unentbehrlich vorspiegelte; er ließ auch seine Vögel deshalb wieder etwas im Sinne der Liberalen die Flügel schlagen. Mein Artikel im »Deutschen Beobachter« vom 14. September drückt den damaligen Zustand folgendermaßen aus:
Nachdem die Monarchen nun sämtlich von Vertus zurück sind, werden mit neuer Tätigkeit die Geschäfte betrieben, und man sagt allgemein, daß sie binnen kurzem zum Schlusse gebracht werden sollen. Es scheint alles der Hauptsache nach schon völlig abgeredet, und die Hoffnungen derjenigen, welche so beispiellose Erfolge nicht mochten fruchtlos wieder aus den Händen gegeben sehen, sind sehr zusammengeschmolzen. Vergebens haben die preußischen Staatsmänner vorgestellt, daß eine solche Gelegenheit, zum[133]  zweiten Male versäumt, vielleicht in einer langen Reihe von Jahren nicht wiederkehrt und dann wieder mit ungeheuren Anstrengungen, in harten, zweifelhaften Kämpfen, mit dem Blute und Leben von Hunderttausenden erkauft werden muß, was jetzt mit einem Federstrich gewonnen wäre; daß wir nichts Ungerechtes wollen, sondern die gerechteste Sache von der Welt, die als solche vor Gott und Menschen bestehen muß, die Integrität Deutschlands, die Rückkehr der Länder zum deutschen Staatenbund, die Unschädlichmachung Frankreichs durch die Wegnahme seiner immerwährenden Angriffspunkte gegen Deutschland: die Politik nimmt einen andern Weg als diese Gedanken deutscher Patrioten, die Politik in ihrer Vereinigung und Berücksichtigung verschiedenartiger Interessen tötet alle einzelnen, statt sie zu beleben, und so fanden sich Hindernisse auf Hindernisse, so daß mancher, statt seine gerechten Forderungen erfüllt zu sehen, am Ende noch froh ist, aus so vielfältiger Verwickelung mit heiler Haut herauszukommen, ohne neues eingebüßt zu haben. Der Freiherr vom Stein ist wieder abgereist; seinen Unwillen teilen viele, deren Mißvergnügen weniger ausbrechen darf. Das deutsche Publikum wird diejenigen nicht verkennen, die die Sache des Vaterlandes treulich verfochten haben; wenn man ihnen auch nicht zum Siege Glück wünschen kann, so kann man es ihnen doch zur mutvollen Tapferkeit. Unter den Franzosen dauert die Parteiwut heftig fort. Die Royalisten strengen alle Kräfte an, um in der Verwaltung, im Heer, in den Kammern der Volksvertreter und selbst bei den fremden Mächten die Oberhand zu erlangen; sie sind blind und taub gegen alle Vorstellungen der gemäßigten Partei, sie denken: jetzt oder nie! und haben darin recht; denn wenn sie diesen Augenblick versäumen, so sind sie verloren auf ewig. Aber sie werden die Oberhand dennoch nicht behaupten, die Zahl der Köpfe ist gegen sie und die Intelligenz ebenfalls. An Fähigkeit, Einsicht und Mut ist ihnen die Partei der Freiheitsfreunde weit überlegen. Die Jakobiner lachen zu dem[134]  augenblicklichen Übergewicht der Royalisten, sie meinen, das habe nichts zu bedeuten, damit würden sie schon fertig werden. Fouché, dessen Sturz mit allen ersinnlichen Anstrengungen versucht wurde, steht fester als je und läßt seine Macht mehr als vorher fühlen. Schon haben einige Zeitungen wieder mit großer Kühnheit gegen die Fanatiker gesprochen und Chateaubriands Rede im Wahlkollegium unkluger Albernheit bezüchtigt. Wenn es aber richtig ist, daß Frankreich von scheinheiligen Schönsprechern und Redensartenschmieden kein Heil zu erwarten hat, so ist es jedoch nicht minder wahr, daß auch die feine Staatsklugheit und listige Tätigkeit dazu nicht hinreicht und daß ein Ministerium nötig wäre, dessen Mitglieder wirklich die wahre Achtung der Nation besäßen und keine frühere Flecken auf sich trügen.
Allein die Aushülfe polizeilicher Ränke war schnell erschöpft; der König widerstand dem wiederholten Andrange der Prinzen nicht lange, Fouché bekam seine Entlassung; er hatte getan, was man von ihm gewollt, nämlich sich entbehrlich gemacht, wie es nicht anders sein konnte; denn, verräterisch nach allen Seiten, hatte er keinen Halt als die Stellung des Augenblicks, jeder Schritt führte zum Abgrunde. Unter den Fremden sahen diejenigen, denen er vertraut geworden war und die ferner mit ihm gut fertig zu werden hofften, sein Ausscheiden mit Bedauern. Aus Scham ließen ihm die Gegner noch eine Anstellung auswärts: er wurde zum Gesandten nach Dresden bestimmt, worin Argwöhnische eine feindliche Postierung gegen Preußen sehen wollten, wogegen von dieser Seite die Ernennung Gruners ebendahin die entsprechendste Maßregel schien.
Es ist aber endlich Zeit, auch dem eigentlich diplomatischen Gange der Friedensverhandlungen einen Überblick zu widmen. Die Schriften der Franzosen sind hier nicht ausreichend. Wir haben über diesen Gegenstand eben zwei schätzbare deutsche Schriften empfangen vom Professor Schaumann und vom Freiherrn von Gagern, und ich kann,[135]  auf diese verweisend, hier um so kürzer sein. Tagebücher aus dieser Zeit von mir selbst und von andern leihen meiner Erinnerung genaue Angaben und ursprüngliche Farben. Meine Betrachtung wird sich indes hauptsächlich auf die preußischen Verhältnisse hier beschränken.

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Ich muß gleich zuerst die Bemerkung aufstellen, daß bei den Pariser Verhandlungen sowenig wie bei denen des Wiener Kongresses nach eigentlichen Grundsätzen verfahren wurde; es galt vielmehr, wie bei allen praktischen Fragen, zunächst die verschiedenen Ansprüche wechselseitig zum Vergleich zu bringen, und wenn man sich hiebei auf Grundsätze berief, so war es, weil sie jenen dienten. Diejenige Macht selber, welche nun am eifrigsten den Grundsatz des Kronrechts der Bourbons und des fortbestehenden Bündnisses mit ihnen durchführte, hatte diesen Grundsatz früher am ersten verneint; gerade England hatte erklärt, der Krieg solle nicht den Zweck haben, dem französischen Volk irgendeine Regierung aufzunötigen. Die Monarchen handelten nach der Lage der Dinge, nach den entschiedenen Tatsachen oder nach den Ergebnissen, die sich als die wahrscheinlichsten ankündigten. Wer hätte auch in diesen außerordentlichen, schwer überschaubaren, noch nie dagewesenen, rasch aufeinanderfolgenden Verhängnissen, in diesem Gewühl stürmender Kriegskräfte und kämpfender Leidenschaften ein unbestritten Rechtes nur erkennen, geschweige denn festhalten können? Solche Forderungen gelten in ruhigen, geordneten Zuständen; in revolutionären Erschütterungen gilt die Tat und rechtfertigt sich als solche durch ihren Inhalt; dies ist nicht nur da der Fall, wo das Bestehende umgestürzt wird, sondern auch da, wo dasselbe sich gegen den Umsturz zu wehren hat; ein Nichtachten der Regel, ein Schweigen der Gesetze, eine Diktatur findet in großen Bewegungen immer statt, wenn auch der Name dabei nicht ausgesprochen wird.
Unstreitig war das politische Verhältnis der Verbündeten zu den Bourbons in den verschiedenen Zeitpunkten dieser[136]  ganzen Krise nicht immer gleich, dasselbe wechselte mehrmals; ein anderes war es bei der Landung Napoleons, ein anderes während des Fluchtaufenthaltes in Gent, ein anderes nach der Entscheidungsschlacht, durch welche die Wiedereinsetzung möglich wurde und mit Wellingtons Hülfe wirklich geschah. Die verbündeten Monarchen fanden bei ihrer Ankunft in Paris Ludwig XVIII. wieder auf seinem Thron und konnten dieses nicht füglich ungeschehen machen; dieses eine stand fest, während sonst alles in Frage schwebte. Nachdem England den entscheidenden Schritt getan und Rußland ihm, wenn auch minder eifrig, beigestimmt, konnte Österreich nicht widersprechen und Preußen ebensowenig dazu berufen sein. Einfache Verneinung hätte auch wenig gefruchtet, um etwas zu bedeuten, hätte sie zugleich für eine andere Seite sich erklären und auf sie stützen müssen; wer aber, der auch nur obenhin die Verhältnisse kennt, dürfte für denkbar halten, daß etwa Österreich offen mit den Bonapartisten oder Preußen mit den Liberalen gemeine Sache gemacht hätte? Die Wendung, welche den Dingen gegeben war, konnte für die Sache Preußens und Deutschlands nicht ungünstiger sein, das ist keine Frage; allein diese Wendung war einmal gegeben, und wir müssen von vornherein nur gleich eingestehen, daß unter den waltenden Umständen keine vereinzelte Kraft oder Geschicklichkeit mehr imstande war, die daraus folgenden Nachteile zurückzudrängen.
Als noch die Ereignisse eines Ungewissen Krieges in Aussicht standen, hatten die vier Hauptverbündeten, um die hohe Leitung der gemeinsamen Angelegenheiten zu führen, einen Rat von Ministern eingesetzt, der nunmehr von selbst auch das Friedensgeschäft in die Hände nahm. Jeder dieser Staaten hatte zwei Bevollmächtigte; Österreich war durch den Fürsten von Metternich und den Freiherrn von Wessenberg vertreten, Preußen durch den Fürsten von Hardenberg und Freiherrn von Humboldt, für England traten der Herzog von Wellington und Lord Castlereagh ein, für Rußland[137]  der Graf Rasumowski und der Graf von Nesselrode. Nach Umständen nahmen auch andere Beauftragte derselben Staaten an den Verhandlungen teil; als diese förmlicher zu werden begannen, von der Mitte des Septembers an, führte Gentz das Protokoll. Da die Monarchen, mit Ausnahme des Prinzregenten von England, persönlich zugegen waren, so konnten die Minister leicht täglich und stündlich die Weisungen empfangen, welche durch die mündlichen Besprechungen der Monarchen sich im voraus schon bedingt hatten. Scheinbar erleichtert, waren die Verhandlungen im Grunde hiedurch doch nur erschwert, da die Einwirkungen mannigfach, augenblicklich und gar nicht zu berechnen waren; dieser Umstand wurde besonders dadurch erheblich, daß die Franzosen, wiewohl von dem Rate selber ausgeschlossen, doch im lebhaftesten Verkehr mit dessen Leitern standen. Unter solchen Umständen wurden die Pariser Beratungen eröffnet, und zwar anfangs nur in vertraulichem, vereinzeltem Austausche von meist noch unbestimmten Ansichten, Meinungen, Wünschen. Ludwig XVIII. ernannte drei Bevollmächtigte, welche mit jenem Ministerrate in Verhandlung traten, aber dessen Beratungen nicht beiwohnten, den Fürsten von Talleyrand, den Herzog von Dalberg und den Baron Louis. Sie waren gehalten, dem Ministerrate die Protokolle ihrer Sitzungen vorzulegen, und empfingen darauf die Mitteilungen, welche die Lage der Sachen für nötig erachten ließ.
In der ersten Zeit konnte von eigentlichen Friedensgrundlagen noch nicht die Rede sein; man hatte mit den dringenden Forderungen zu tun, welche den augenblicklichen Zustand betrafen: den Fortgang der Ereignisse, das Schicksal Napoleons, den Rückzug und die Unterwerfung der französischen Truppen, die fortgesetzte Beschießung der Festungen, ferner die Ausdehnung der Besetzung des Landes, die Verteilung und Verpflegung der in Frankreich eingerückten Heere, die Verwaltung der ihnen angewiesenen Provinzen, die Maßregeln der allgemeinen Sicherheit und[138]  Ordnung. Schon über diese Gegenstände zeigte sich in den Ansichten der Verbündeten eine merkliche Verschiedenheit, nicht nur wegen des Anteils, den jede Macht dabei für sich zu nehmen hatte, sondern auch wegen der gemeinsamen Haltung gegenüber den Franzosen. England und Rußland wollten Frankreich wieder als den Freund ansehen, den man in aller Weise schonen müsse; Preußen war der Meinung, daß man in Feindesland und noch im Kriege sei. Die Gewalt der Dinge erzwang, was die Gunst gern versagt hätte, den harten Druck des Krieges konnte nichts abwenden, denn die Heeresmacht der Verbündeten war selbst für die Bourbons unentbehrlich, das Land mußte sie nähren und bezahlen, und Wellington sowenig als Blücher konnte seine Truppen darben lassen.
Die vier Mächte kamen überein, die großen Angelegenheiten unter sich allein abzumachen und von den beigetretenen Verbündeten fürerst keine Bevollmächtigten zuzulassen, doch sollten deren Gesandte von dem Gange der Sachen in Kenntnis erhalten und späterhin, wenn die besondern Interessen zur Sprache kämen, auch zur Beratung zugezogen werden. Die geschlossenen Verträge hatten dies anders erwarten lassen, und die Staaten zweiten und dritten Ranges, hauptsächlich aber die deutschen, zeigten darüber großes Mißvergnügen. Besonders Bayern, Württemberg und Hannover sowie auch die Niederlande beschwerten sich, allein ohne Erfolg; die großen Mächte fühlten schon zu sehr den Mangel der Einheit, um einzuwilligen, daß größere Mannigfaltigkeit die Verwickelung noch vermehrte. Auch Preußen, übrigens der deutschen Sache redlich vorkämpfend, hielt jenen Gesichtspunkt fest und stimmte der Verneinung bei, welche von den andern Mächten schon ausgesprochen, von England sogar gegen Hannover, das heißt gegen sich selbst, da die Stimme Hannovers immer nur die von England sein konnte.
Allerdings wäre es ein unermeßlicher Vorteil gewesen, wenn Preußen bei seinen Forderungen sich auf das übrige[139]  Deutschland hätte stützen können, dem Könige zunächst wäre dadurch das Vertrauen erhöht worden, Österreich hätte seinen Beitritt nicht versagen können, England und Rußland wären solcher gedrängten Masse gegenüber nachgiebiger gewesen. Doch man werfe einen Blick zurück auf die damalige Beschaffenheit Deutschlands! Niemals war Deutschland mehr auseinander, niemals mehr in Mißmut, Argwohn und Feindschaft verstockt; der Deutsche Bund, der alles vereinen sollte, war noch nicht ins Leben getreten, und was hätte selbst der vermocht? Im Norden Sachsen und Hannover, im Süden Bayern, im Westen die Niederlande gegen Preußen feindlich oder verstimmt, wo hätten die Anknüpfungspunkte einer nationalen Gemeinschaft sich finden lassen? War im Sturme der Ereignisse, in der verstatteten kurzen Frist dies alles zu ändern, das verwilderte Feld in fruchtbaren Acker umzuwandeln? Auf Einbildungen und Wünsche seine Rechnung zu stellen, wo solche tatsächliche Wirklichkeit vorliegt, darf dem Staatsmanne nicht zugemutet werden.
Aber ebendeshalb, weil die Lage der Dinge so war und als solche nur so wirken konnte, wie der Erfolg es leider gezeigt, gerade deshalb ist dem Verlangen beizustimmen, daß für die Zukunft ein anderes Verhältnis sich bilde, damit die Vertretung Deutschlands nach außen in voller Kraft wirken könne und ein wahrhafter Ausdruck der Gesamtheit werde. In unserem politischen Zustande ist hier ein wunder Fleck, welchen Herr Schaumann richtig aufgezeigt hat und dessen Heilung unsere Staatsmänner sich zur Aufgabe stellen mögen, die jedoch schwerlich als einzelne, sondern nur im Zusammenhange mit vielen anderen gelöst werden kann! In dem bisherigen Entwickelungsgange des Bundeswesens ist dafür nichts zu hoffen, hat doch nicht einmal der Zollverein auf diesem Wege sich bilden können, sondern nebenan seine besondere Bahn suchen und durchbrechen müssen!
Der vorurteilslose Blick auf die Tatsachen muß indes überzeugen, daß Preußen bei den Friedensverhandlungen in[140]  Paris, obschon Deutschland weder vertretend noch von ihm unterstützt, dennoch die deutsche Sache fest ins Auge gefaßt und für sie gekämpft hat, solange nur Hoffnung war, im Rate der Verbündeten dafür noch andere Stimmen zu gewinnen. Daß dies nicht gelang, daran war, außer der natürlichen Gleichgültigkeit der nichtdeutschen Mächte für eine ihnen fremde Sache, besonders das falsche Verhältnis schuld, in welches England und Rußland sich gleich anfangs zu den Bourbons gestellt hatten. Nachdem diese unter dem Ansehen und Schutz Englands tatsächlich wieder als Landesherrschaft eingesetzt waren, machte Rußland es sich zur Aufgabe, jede Minderung ihres Landes zu hintertreiben.
Die wichtigsten Ergebnisse wurden, wie bei solchen Gelegenheiten fast immer, auch hier vertraulich und mündlich erzielt, ehe sie amtlich und schriftlich hervortraten; jedoch müssen wir uns hauptsächlich an letzterem Faden hinleiten, da jener unerreichbar im Dunkel liegt. Das erste erhebliche Aktenstück, dem wir begegnen in bezug auf die Stellung der Verbündeten zu Frankreich, ist eine Denkschrift vom 28. Juli, welche russischerseits dem Ministerrat übergeben wurde. Sie ist vom Grafen Kapodistrias unterzeichnet und verfaßt, aber unzweifelhaft nichts anderes als der getreue Ausdruck des Sinnes, welchen der Kaiser Alexander damals hegte. Das Verhältnis des Grafen war durchaus nicht von der Art, die Darlegung einer ihm persönlichen Ansicht zu erlauben, wohl aber gründete sich alle Gunst, in welcher er aufzusteigen begann, auf die Geschicklichkeit und Feinheit, mit denen er den Sinn seines Herrn auffaßte, zum Teil erriet und vervollständigte, jedenfalls in Worte kleidete. Als Staatsmann, der seinem Herrn Rat erteilt und Vorschläge macht, trat er viel später auf, als er schon festen Fuß in den Geschäften hatte; damals galt er nur als Schreiber. In dieser Denkschrift nimmt sich Rußland der Sache Frankreichs mit großmütigem Eifer an, verneint, daß die Verbündeten mit dem jetzt wieder königlichen Frankreich im Kriege seien, behauptet, daß Frankreich vielmehr mit[141]  ihm im Bunde stehe, will keine Gebietsabtretung von Frankreich fordern, sondern nur Geldzahlungen, bis zu deren Abtrag ein Grenzstrich des Landes von den Verbündeten besetzt bleiben möchte. Für Rußland war dies allerdings genug; was hätten ihm Gebietsabtretungen gefruchtet, von denen ihm unmittelbar kein Anteil beschieden sein konnte? Statt solchen Anteils aber anderweitig ihm gelegene Erwerbungen zu machen, war zu schwierig und weitaussehend, um dafür eine Richtschnur aufzugeben, welche sowohl der persönlichen Großmut des Kaisers als auch seiner Staatsklugheit am besten entsprach. Denn Rußland hatte keinen Grund, das bourbonische Frankreich zu fürchten und konnte dessen Schwächung nicht wünschen, da hiedurch notwendig andere Mächte verstärkt worden wären, die sich einst gegen Rußland wenden konnten und denen in solchem Falle ein kräftiges Frankreich zur Hemmung wurde.
Die Franzosen fanden ihre Sache durch die russische Denkschrift bestens vertreten und beeilten sich, dieselben Ansichten wiederholt und mit Nachdruck auszusprechen. Besonders bemühte sich Talleyrand, durch einen den Verbündeten eingereichten Aufsatz, die künftige Sicherheit gegen Frankreichs revolutionäre Übergriffe als vollkommen verbürgt durch dessen künftige Regierungsform hinzustellen, obschon sie im wesentlichen dieselbe bleiben sollte, die sie schon vorher gewesen, und obschon es am Tage lag, daß sie selber durch nichts gesichert war und Frankreich in keinem Falle durch sie gehindert wurde, aufs neue gegen das Ausland, namentlich gegen Deutschland, eine drohende Übermacht zu entfalten. Talleyrand tat ganz unbefangen, als wenn einzig die Revolution und Bonaparte die Ruhe und Ordnung der Staaten gestört hätten; was von den früheren Königen seit mehr als anderthalbhundert Jahren in dieser Weise ausgeführt oder versucht worden, sollte ganz vergessen sein.
Allein den Deutschen war es in frischem Gedächtnis! Unsere Arndt, Görres, Rühs und andere hatten es vielfach und[142]  nachdrücklich den Völkern in Erinnerung gebracht, und auch bei den Staatsmännern war der Gedanke lebendig, die Verhältnisse auf den Grund reifer Geschichtserwägung jetzt richtiger und schärfer festzustellen, als dies im Ersten Pariser Frieden geschehen war. Stein hatte sich in diesem Sinne kräftig ausgesprochen, Gagern und Münster dachten ebenso, unsere Kriegsmänner, an ihrer Spitze Blücher, Gneisenau, Knesebeck und Grolman, hatten kein anderes Absehen. In dem Ministerrate der Verbündeten trat Preußen durch seine Bevollmächtigten Hardenberg und Humboldt für jene Richtung auf und behauptete mit guten Gründen das Recht, von Frankreich außer beträchtlichen Zahlungen auch die Rückgabe ehemals deutscher Lande zu begehren. Demgemäß wurde alsbald eine von Humboldt verfaßte Denkschrift eingereicht, in welcher dessen bewährter Scharfsinn die von Kapodistrias aufgestellten Sätze widerlegte, ihre Scheingründe in ihrer Unhaltbarkeit dartat und sowohl die Wirklichkeit des Kriegsstandes als auch das Recht des Sieges und das Bedürfnis neuer Grenzen für Deutschland mit einleuchtender Folgerung erwies. Der Umfang der Abtretungen, die zu begehren seien, wurde hier noch nicht ausgesprochen, doch blieb darüber kein Zweifel; denn in einer von Hardenberg selbst verfaßten Eingabe vom 4. August, welche die Grundlagen der ganzen mit Frankreich zu führenden Verhandlung erörterte und aufstellte, forderte er bestimmt für die Niederlande die vorliegende Reihe von Festungen, für Deutschland das Elsaß und die Festungen der Mosel und Saar. Diese Forderungen wurden durch eine zweite Denkschrift Hardenbergs vom nämlichen Tage, die ich früher im Auszuge schon mitgeteilt, nochmals eindringlich vorgelegt und dabei angedeutet, wieviel weiter man deutscherseits noch gehen könnte, wenn man alles zurücknehmen wollte, was die Franzosen seit zweihundert Jahren durch Waffengewalt und noch mehr durch Arglist von Deutschland abgerissen.
Damit die gegen Frankreich geltend zu machenden Ansprüche in geschlossener Kraft und vollem Gewicht aufträten,[143]  fügte Hardenberg seinen diplomatischen Erörterungen zwei ebenso gehaltvolle als einleuchtende Ausführungen bei, in welchen Knesebeck den Gegenstand mit festem Scharfblicke hauptsächlich aus militärischem Gesichtspunkte ins Auge faßte. Desgleichen wurde eine bündige Denkschrift Jordans angeschlossen, worin die Bedrückungen und Verluste, welche Preußen durch die Gewalt und weit mehr noch durch die Unredlichkeit der Franzosen erlitten hatte, ausführlich nachgewiesen und in einer angehängten Übersicht zur ungeheuren Summe von elfhundertundfünfundachtzig Millionen Franken aufgerechnet wurden. Doch alle Rückerstattungen durch Geld, welche ohnehin bis zu vollständigem Ersatz nicht aufsteigen konnten, erklärte Preußen für ungenügend und bestand auf Abtretung von Land, hierin den besondern eigenen Vorteil kaum berücksichtigend; denn nur die verhältnismäßig geringsten Strecken, das Saarbrücker Ländchen und andere kleine Stücke, konnten hiebei dem preußischen Lose zufallen, gemäß ihrer Lage mußte die Hauptmasse der möglichen Abtretung den Verbündeten für andere Zwecke zur Verfügung stehen.
Wir wissen bereits, daß England und Rußland keineswegs auf diese Ansichten eingehen wollten. Von englischer Seite wurden durch Lord Castlereagh in einer Denkschrift die Grundsätze, nach welchen Frankreich zu behandeln sei, in ganz entgegengesetzter Weise aufgestellt, deren Ungenügendes jedoch Hardenberg in einem Schreiben an Metter-nich glimpflich darlegte. Noch weniger haltbar war die von Kapodistrias in einer zweiten Denkschrift versuchte Antwort auf die Humboldtschen Bemerkungen; da sie aus dem Kreise schon widerlegter Annahmen nicht hinausgingen, so bedurften sie keiner neuen Widerlegung. Allein auch Österreich, ohne so warm die Sache Frankreichs zu führen wie England und Rußland, hatte schon durch eine Denkschrift Metternichs die Erklärung gegeben, daß der jetzt geführte Krieg nicht als Eroberungskrieg gelten und daher auch keine Gebietsabtretung zur Folge haben könne, eine solche würde[144]  nur die eben durch den Wiener Kongreß befestigten politischen Verhältnisse aufs neue zerrütten und einzig der bewaffnete Jakobinismus, gegen welchen allein der Krieg geführt worden, den wesentlichen Vorteil davon haben. Eine Entschädigung für die Kriegskosten, desgleichen ein in militärischer Hinsicht wünschenswertes Umlegen einiger Grenzzüge wurden als billig angesehen, dagegen als besonders notwendig die Annahme eines beschränkenden Maßes für die französische Verfassung hervorgehoben, damit diese künftig mehr im Einklange mit den Zuständen der anderen Mächte sei. Der Ausdruck »bewaffneter Jakobinismus« war in dieser Zeit ein Lieblingswort von Gentz, und er begriff darunter alles Konstitutionswesen, das er am liebsten von Grund aus in Frankreich zerstört gesehen hätte, zum guten Beispiel für Deutschland, welchem dergleichen durch die Bundesakte zugesichert zu sehen ihn schon wie ein beängstigender Alp drückte. Doch dieser Punkt, die Verfassung zu beschränken, welches mehr als jede andere Forderung die innere Selbständigkeit Frankreichs bedrohte und ganz geeignet war, nicht den Jakobinismus allein, sondern die ganze Nation, die Bourbonisten mit eingeschlossen, unversöhnlich zu erbittern und zu bewaffnen, kam in den weitern Verhandlungen nicht ernstlich mehr zur Sprache. Daß Österreich keine Landabtretung von Frankreich wollte, darf uns wenig befremden, wenn wir die Lage dieser Macht etwas näher ins Auge fassen. Das Elsaß konnte nur eine Verstärkung Süddeutschlands werden, sowohl im Falle der Verteilung als im Falle der Gründung eines neuen Staates, denn auch dieser würde, wie schon Bayern, Württemberg und Baden, sich zu Österreich bald in politischem Gegensatze gefühlt haben, und selbst der auch sonst nicht gerade zündende Gedanke, daß der Erzherzog Karl zum Fürsten des Elsasses erhoben würde, konnte jene Besorgnis mindern. Übrigens hatte Österreich allen Grund, nicht durch neuen Ländertausch im Westen auch im Osten sehr unbeliebige Anträge desfalls aufzuwecken, indem Rußland mancherlei[145]  Begehrlichkeit dort blicken ließ und das neu errichtete Königreich Polen den Anspruch auf weitere Grenzen gar nicht verhehlte. Die Staatsklugheit Österreichs als solche war daher nicht zu tadeln, um so weniger, als ihm durch das Zusammenstehen in dieser Frage mit Preußen kein Gewinn erwachsen konnte, wohl aber sein Stimmen für Rußland ihm diese Macht und zugleich England und Frankreich verpflichten mußte, deren Mitwirkung zu manchen noch rückständigen Anordnungen in Deutschland ihm nicht gleichgültig sein durfte.

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Mit jedem Tage gewann die Sache der Franzosen mehr Bestand und Einfluß; ihren Klagen, Vorstellungen, Zuflüsterungen und Wünschen diente die mannigfachste, unermüdlichste Beredsamkeit; ihre geselligen Vorteile, ihre Gewandtheit und Schmeichelei fanden zahllose Zugänge. Was nicht im ersten Sturme gegen sie war erlangt worden, wurde mit jedem Tage unmöglicher zu erlangen. Es half nichts, daß wackere deutsche Kräfte den Forderungen Preußens zustimmten, ohne doch diesem sich anzuschließen, daß mit besonderem Eifer Gagern in der Niederlande Namen und in seinem eigenen, daß der Graf von Münster für Hannover, der Fürst von Wrede für Bayern, der Graf von Wintzingerode für Württemberg die gerechten Ansprüche Deutschlands durch vereinzelte Denkschriften verteidigten, daß Stein das ganze Gewicht seines Namens und seine beim Kaiser von Rußland einst vielvermögende Gunst aufbot, um in dessen Gesinnungen eine Änderung zu bewirken; ebenso verhallte die öffentliche Stimme in deutschen Flugschriften und Tagesblättern machtlos; nichts vermochte den einmal gefaßten und täglich durch rastlose Betriebsamkeit bestärkten Willen der drei Mächte zu erschüttern. Lord Castlereagh wiederholte mit Festigkeit die Ansichten seines Hofes in einer zweiten Denkschrift vom 2. September und trieb damit die Sachen zur Entscheidung, denn wenn Österreich in seiner bisherigen Haltung verblieb und es nicht gelang, den Kaiser Alexander umzustimmen, so stand Preußen völlig[146]  allein und mußte sich der Mehrheit fügen oder aus dem Bündnis heraustreten.
Der weitere Verlauf läßt sich kurz zusammenfassen. Nachdem der Entwurf des neuen Vertrages abseiten der Verbündeten in mehreren bei Castlereagh gehaltenen Konferenzen beraten und am 19. September schließlich festgestellt worden, erfolgte am 20. September die Zuziehung der französischen Bevollmächtigten Talleyrand, Dalberg und Louis, denen der Entwurf als der Ausdruck des gemeinsamen Willens der Verbündeten mitgeteilt wurde. Die französischen Bevollmächtigten erklärten in ihrer schon im voraus bereiteten und fertiggehaltenen Antwort vom 21. September die Bedingungen für allzu hart und sprachen weitläufig über die Grundsätze, nach welchen die Lage Frankreichs müsse beurteilt werden. Da hierauf keine Rücksicht genommen wurde, so legten die französischen Minister ihre Stellen nieder, weil sie dergleichen Bedingungen nicht zu unterzeichnen noch in den nächstens zusammentretenden Kammern zu vertreten wagten. An ihre Stelle trat der Herzog von Richelieu, der in russischen Diensten sich das Zutrauen des Kaisers Alexander erworben hatte und jetzt für die Bourbons ein willkommener Vermittler war. Dieser unterzeichnete nun in der Konferenz vom 2. Oktober die Friedensgrundlagen.
Mit Festsetzung dieser Grundlagen war allerdings die Hauptsache schon getan, und die Monarchen eilten nun, Paris zu verlassen, der Kaiser von Rußland ging schon am 28. September und der Kaiser von Österreich am 29. September fort, der König von Preußen am 9. Oktober; allein die Verhandlungen waren damit keineswegs zum Abschlusse gebracht; es waren noch zahlreiche Übereinkünfte und Anordnungen zu treffen, militärische und finanzielle Maßregeln festzusetzen, die Vollziehung des Beschlossenen einzuleiten. Die Franzosen erlangten im einzelnen noch manchen Vorteil; die wenige Landabtretung, die Geldzahlungen, der Umfang und die Dauer der militärischen Besetzung eines Teiles[147]  von Frankreich, welche ebenso zur Stütze der Bourbons als zur Sicherheit der Verbündeten angeordnet war, alles wurde auf ein geringeres Maß herabgedungen, nicht ohne den fortgesetzten Widerspruch Preußens, der aber bei der entschiedenen Willfährigkeit Englands und Rußlands nichts ausrichten konnte. Der Abschluß des vollständigen Friedensvertrags mit allen seinen Beiwerken und Anhängen kam erst am 20. November zustande. Das diplomatische Hauptquartier blieb aber noch bis zum Ende des Monats in Paris, die Minister, der Stab und der ganze Troß.
Die Tage, schon etwas herbstlich, verliefen in gewohnter Weise, es gab immer genug Arbeit und fehlte nicht an Erholung. Verabredete Zusammenkünfte mit Gentz, Nostitz, Gruner und Stägemann, entweder um Merkwürdigkeiten zu besehen oder um morgens bei Austern, abends bei Gefrornem uns in freiem Gespräch zu ergehen, ließen bleibende Erinnerungen zurück. Die Art, wie Paris die Zeitereignisse und sich selbst in Witz und Scherz abspiegelte, uns Fremde gleich den Einheimischen in ausdrucksvollen Zerrbildern, in muntern Gesangsweisen und lustigen Worten neckend und beißend durchnahm, diente uns zur großen Belustigung. Eines Abends im Théâtre des Variétés sah ich mit Nostitz, Pfuel und Stägemann eine Vorstellung der »Anglaises pour rire«, wo Brunet und Potier mit unübertrefflich komischer Kraft als englische Mädchen erschienen und das wiehernde Gelächter der Zuhörer keinen Augenblick innehielt, aber zum wahren Sturm anwuchs, als mitten im Stück mit Geräusch eine Logentür sich auftat und der Herzog von Wellington an die Brüstung trat, den das Publikum sogleich erkannte und nicht mehr aus den Augen ließ, um sich an den Eindrücken zu weiden, die der über seine Landsleute ergossene Spott ihm verursachte; er hatte den guten Sinn, fröhlich mitzulachen und bis zum Ende ruhig auszudauern. Unangenehmer war es einige Zeit vorher im Théâtre Favart hergegangen, als er daselbst, bürgerlich gekleidet, in der königlichen Loge Platz genommen hatte; das Publikum hielt[148]  die bürgerliche Kleidung für jene Loge nicht schicklich und wollte darin eine Verletzung der Ehrfurcht sehen, die dem Könige gebührte, und wiewohl man annehmen kann, daß unter den Anwesenden genug Leute waren, die selber den König wenig ehrten, so war doch die Bewegung gegen den fremden Feldherrn so einstimmig und gewaltsam, der Ruf »Milord à la porte!« und »A bas l'étranger!« und selbst »A bas le voleur!« so betäubend und andauernd, daß Wellington wirklich gezwungen wurde wegzugehen. Wir konnten nicht leugnen, daß die Franzosen in ihrer damaligen grausamen Demütigung und Zerrissenheit bei solchen Anlässen immer noch eine Stärke und Einheit des Nationalgefühls erkennen ließen, die wir auf unserer Seite gar sehr vermißten.
Ich hatte während einiger Zeit den Staatskanzler seltener gesehen oder nur zum Mittag, entweder bei ihm oder bei Frau von Jordis, und mir schien, als sei er nicht ganz so wie sonst gegen mich. Hiezu stimmte, was mir Gruner in tiefem Geheimnis anvertraute, es sei im Werke, mich zu einer Gesandtschaft zu geben, und zwar sei wieder von Wien die Rede; er aber meinte, daß ich lieber mit ihm nach Stuttgart gehen sollte, wohin er zum Gesandten bestimmt worden, da die Sache mit Dresden schon wieder aufgegeben sei. Ich war über diese Eröffnung etwas erstaunt, sollte ich aber auswärts angestellt werden, so schien mir allerdings das Verhältnis mit Gruner und der Ort höchst erwünscht. Ich ging zu Hardenberg, und mit einiger Klage, daß er mich nicht bei seiner Person behalten wolle, erinnerte ich ihn an die ihm bekannten Schwierigkeiten wegen Wien und weshalb ich Stuttgart vorzöge. Da hörte ich mit Erstaunen, daß Hardenberg berichtet war, ich selber sei es, der nicht bei ihm bleiben wolle, und nun er das Gegenteil höre, könne von einer auswärtigen Bestimmung nicht mehr die Rede sein! Ich verließ ihn mit großer Zuversicht. Allein wenige Tage darauf beschied er mich eines Vormittags zu sich und begann mit freundlichen Worten eine Entschuldigung, daß er dennoch der letzten Verabredung entgegen mir eine auswärtige[149]  Bestimmung zuweise; er habe meine Sache hauptsächlich im Gesichtspunkt meines eigenen Besten überdacht, er wolle mir nur geradezu sagen, daß er in mir die ungemeinsten Fähigkeiten erkenne, die mich entschieden für die Laufbahn diplomatischer Missionen bezeichneten, in der ich es weit, er könne es mit Zuversicht aussprechen, sehr weit bringen würde! Da sich diese Prophezeiung im geringsten nicht erfüllt hat, so wird man es wohl nicht allzu ruhmredig finden, daß ich sie hier anführe, wenigstens will mich dies eher ein bescheidenes Bekenntnis dünken; denn vorausgesetzt, das günstige Urteil sei richtig gewesen – was hier doch notwendig zweifelhaft wird –, so kann im Sinne der meisten wohl kein Vorwurf einen Menschen schärfer treffen als der, daß er nicht gewußt habe, seinen entschiedenen Anlagen auch persönlichen Erfolg zu geben! Hardenberg aber in seiner guten Meinung fügte noch hinzu, er habe mir gleich für den Anfang wahrlich nichts Schlechtes ausgedacht, ich solle eine selbständige Mission erhalten als Geschäftsträger in Karlsruhe, welcher Posten in der nächsten Zeit durch die Umstände von besonderer Wichtigkeit sein werde. Dies war freilich mehr, als ich irgend hätte ansprechen dürfen, und ich konnte mir den Wechsel gefallen lassen; zumal sich aus dem ganzen Zusammenhange wohl erraten ließ, wie mißlich das Verhältnis gewesen wäre, das mich ohne weitere Stütze als des Fürsten guten Willen an seine Person gebunden hätte.



Frankfurt am Main
1815–1816










[150] Rahel bewohnte an der Allee einige wohlgelegene Zimmer, und auch mir fand sich noch das nötige Gelaß. In der Ungewißheit, ob nicht der nächste Tag eine Veränderung[150]  brächte, war an keine dauernde Einrichtung zu denken, doch gewährte die vorhandene noch Behagen genug. Aus dem politischen und geselligen Treiben von Paris hieher versetzt, fühlte ich mich wie in einem freundlichen Stillleben; wirklich hatte hier alles das Ansehen bänglicher Erwartung, und aller Augen waren dorthin gerichtet, woher so manche Entscheidung kommen mußte. Was ich mitzuteilen hatte, war nicht sehr tröstlich, und in der deutschen Heimat regte sich auch schon vielerlei, was den treuen Freund des Vaterlandes bekümmern durfte. Mit der verschwundenen Gefahr schien auch ein guter Teil des bisherigen Eifers erloschen, und in der Sphäre der Regierungen und Vornehmen offenbarten sich unverhohlene Neigungen zu Rückschritten, zur Abweisung und Herabdrückung der Volkskraft, auf die sie noch eben sich gestützt hatten. Das Schmalzische Unwesen wucherte fort und setzte überall seinen faulen Schimmel an, während andere Mißgewächse ihr Gift doch in etwas angenehmeren Düften verbreiteten. Ich unterließ nicht, diesen Widerwärtigkeiten scharf entgegenzutreten, sah jedoch wahre Hülfe nur in großen Anordnungen öffentlichen Staatslebens, dem sich die Deutschen damals gutmütig nahe glaubten, während der Verlauf der nächsten dreißig Jahre nur immer mehr ihre Entfernung davon anzeigen sollte!
Einstweilen versäumten wir nicht, solange das gute Wetter es erlaubte, die Annehmlichkeiten des Ortes zu genießen, die ländlichen Umgebungen diesseits und jenseits des Mains zu besuchen, die städtischen Altertümer zu betrachten, wobei sich vor allem auch der Vorzug geltend machte, daß dieser Boden der Schauplatz von Goethes Jugend gewesen war und noch so viele Zeugnisse seines Daseins trug. Ich konnte mich nicht zufriedengeben, Goethen selbst hier versäumt zu haben; denn während ich in Paris war, hatte er eine Woche hier zugebracht und auch Rahel besucht, worüber sowie über andere Begegnisse mit ihm sie mir genau berichten mußte, nicht ohne das wiederholte Bedauern, die Gelegenheit[151]  eigentlich schlecht benutzt zu haben. Gegen unsern Eifer stach freilich die Gleichgültigkeit sehr ab, mit welcher die Frankfurter in der Regel den Namen abfertigten, durch den sie doch am meisten vor aller Welt verherrlicht waren, und ich führte dagegen preisend die tiefe und warme Verehrung an, mit der die Hamburger den unter ihnen lebenden Klopstock allgemein gehegt hatten; von Denkmalen und Bildsäulen war damals noch keine Rede, die später sorglich gesammelten Reliquien der früheren Lebenstage wurden kaum beachtet, aber auch die eifrige Mahnung von Rahel, wenigstens die Straße, in der Goethes Vaterhaus steht, mit wohlfeiler Ehrenbezeigung in eine Goethestraße umzutaufen, erregte bei dem Bürgermeister und den Schöffen, in deren Gegenwart sie geäußert wurde, nur ein sauersüßes Lächeln.
Eine plötzliche Unterbrechung erfuhr dieser stille Lauf unserer Tage, als nach erfolgtem Schlusse der Pariser Verhandlungen am Ende des Novembers der Fürst von Hardenberg mit seinem Schweife zahlreichen Gefolges heranbrauste und alles von preußischen hohen und niedern Beamten, Kanzleien sowie von mannigfachem literarischen und militärischen Anschluß gleichsam überschwemmt wurde. Die drei Tage, welche der Staatskanzler in Frankfurt verweilte, waren erfüllt von Vorstellungen, Audienzen, Gesuchen, Anfragen, Aufdringlichkeiten; aus der Umgegend, aus dem Rheinland, war jeder herbeigeeilt, der ein Anliegen bei Preußen hatte, dies oder seine Person in Erinnerung bringen wollte; Otterstedt hatte alle Hände voll zu tun, diese Menge zu übersehen, einzuführen oder abzufertigen. Ohne einigen Mißmut ging es dabei nicht ab; so verursachte es nicht geringe Aufwallung, daß Amschel von Rothschild, der für die in Frankfurt noch hartbedrängte Judenschaft die Zusagen des Wiener Kongresses in Anspruch nahm, vor dem Bürgermeister von Humpracht zur Audienz gelangte und dieser warten mußte, bis jener mit seiner Sache fertig war. Doch Hardenberg schien in diesem Gedränge sich nur zu[152]  erholen; mit unermüdeter Aufmerksamkeit und Anmut suchte er allen Forderungen zu genügen und hatte noch am späten Abend, wenn er seine Tochter, die Gräfin von Custine und andere Damen zum Tee sah, die frischeste Heiterkeit. Ich selbst fand ihn freundlich für mich, aber doch merklich kälter als zuletzt in Paris; ich erfuhr auch aus einigen Äußerungen, daß er glaubte, er habe sich über mich zu beklagen, doch was er meinte, kam nicht an den Tag, und nur war mir klar, daß von irgendeiner Seite ihm ungünstig eingesprochen worden. Meine Bestimmung nach Karlsruhe blieb fest; es wurde unnötig erachtet, daß ich noch erst mit nach Berlin reiste, ich sollte meine Ausfertigungen nur getrost in Frankfurt abwarten. Ich war sehr froh, der Mitreise überhoben zu sein, obschon ich später einsehen mußte, daß dies nicht eben zu meinem Vorteil war.
Nach Hardenbergs Abreise blieb in Frankfurt eine Art preußischer Ansiedelung zurück, die sich durch mancherlei Geschäftsberufene sowie durch Nachzügler aus Paris und andere Reisende abwechselnd mehrte. Das Haupt derselben war Humboldt, der die hieher verlegten Verhandlungen wegen der in Deutschland noch unerledigten Gebietssachen führen sollte, die ihm beigegebenen Gehülfen Legationsrat Boideslandes und Graf von Flemming wurden noch durch den jungen Bülow aus Heidelberg verstärkt. Wegen besonderer Geschäfte hatten hier preußische Verpflegs-und Kassenbeamten, Militärpersonen und andere Zuwarter ihren längern Aufenthalt. Auch der Minister vom Stein wollte den Winter in Frankfurt verleben und hatte deshalb eine Wohnung an der Schönen Aussicht gemietet; er hegte den eifrigen Wunsch und die sichere Hoffnung, beim Deutschen Bundestage, dessen Eröffnung bisher verschoben geblieben war, aber nun nächstens erfolgen sollte, als der Gesandte Preußens eine würdige vaterländische Wirksamkeit zu erhalten, was bekanntlich unerfüllt blieb; denn nachdem er ausdrücklich erklärt hatte, er verbäte sich dabei jede Besoldung, was[153]  ihm als reichem, auf altererbtem und neugewonnenem Boden fest gegründeten Manne wohl anstand, so wollte man darin zu Berlin doch eher einen Stolz und Trotz erkennen, der sich durch jenes Verzichten eine unabhängigere Stellung zu geben beabsichtige, als die Oberbehörde ihm gestatten dürfe, und der König äußerte, wenn er Diener habe, die sein Geld nicht nötig hätten, so könne ihm das ganz recht sein, aber solche, die es zu nehmen zu stolz wären, wolle er nicht haben. Übrigens hatte die Sache noch lange Zeit, man wußte höheren Orts recht gut, daß der Bundestag so schnell noch nicht ins Leben treten und bis dahin noch mancher Wechsel statthaben würde.

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Bald erschien auch der Minister von Altenstein, der seine mühsamen Arbeiten zu Paris hinsichtlich der Zurückforderungen sowohl des Staates als so mancher Privaten mit Erfolg beendet hatte. Bei einem langen Besuche, den er mir machte, entwickelte der sinnige und gelehrte Mann mit vieler Wärme die schönen Hoffnungen, welche er für die nächste Zukunft Preußens hegte; nach seiner Überzeugung durften wir einer nie gesehenen Blüte der Volksbildung entgegenschauen, er zweifelte als treuer Jünger Fichtes nicht, daß dessen Ideen über Volk und Staat immer mehr durchgreifen, daß namentlich Unterricht und Erziehung einen hohen Schwung nehmen und Preußen zu einem Muster für ganz Deutschland erheben würden. Ein preußisches Parlament, schon in Wien feierlich versprochen, glaubte er ganz nahe und war versichert, dasselbe würde das ruhmvollste Beispiel von edler Eintracht des Volkes und der Regierung darstellen. Solchen Hoffnungen konnte ich nur sehr bedingt beistimmen; ich meinte, wir würden zwar zu allem gelangen, aber weder so schnell noch so leicht, als er es voraussetze; es würde Zeit und Kampf erforderlich sein. Wenn er sich späterhin während seiner vieljährigen Amtsführung als Minister des Kultus seiner heitern Aussichten von damals noch erinnert hat, mit wie schweren Seufzern wird er sich haben gestehen müssen, daß mein Trüb- und Schwarzsehen, wie[154]  er es nannte, verhältnismäßig eher noch als blendende Helle zu bezeichnen gewesen wäre!
Alles geriet in Bewegung, als es hieß, auch der Fürst von Blücher werde auf seiner Heimkehr durch Frankfurt kommen und einige Tage dort verweilen. Er traf am 18. Dezember ein und blieb bis zum 4. Januar 1816. Von seinem Aufenthalt, seinen Reden und Einfällen, von der Teilnahme, die ihm überall entgegenkam und die er selbst äußerte, hab ich an anderm Orte schon berichtet. Ich bemerke hier nur noch, daß wir mit ihm den 21. Dezember auf einem großen Tee waren, zu welchem Otterstedt die Einheimischen und Fremden in großer Anzahl geladen hatte; der alte Held erschien zuerst ganz artig und zahm, tat schön mit den Damen und gab den Frankfurtern die angenehmsten Worte zu hören; aber bald wandte sich das Blatt, es war unglücklicherweise der Schlacht von Waterloo erwähnt worden, und da ereiferte er heftig, daß man die Schlacht, die er von Belle-Alliance genannt habe, mit jenem Namen zu belegen sich erdreiste, wenigstens in Deutschland solle das nicht geschehen und nicht daß er es höre! Als ihm jemand einzuwenden wagte, daß der Name ja ein welscher und dafür doch besser Schönbund zu sagen sei, rief er mit flammendem Zorn: »Hol euch der Teufel mit eurem Schönbund! Putzt eure Zungen deutsch, soviel ihr wollt, alles Welsche kriegt ihr doch nicht herunter! Belle-Alliance heißt das Stück, das wir dort aufgeführt haben, und heißt so, wenn's auch nicht mehr wahr ist und die Allianz nicht Stich hält! England ist schuld, daß wir arm wie Kirchenmäuse nach Hause gehen und die Franzosen Elsaß und Lothringen behalten.« Dergleichen Verdruß und Ärger spann sich lange fort, bis irgendein muntrer Einfall ihn auf andere Bahn führte oder ein Vorschlag zum Spiel alles andere vergessen machte. Alter und Krankheit übrigens drückten ihn sichtbar, und man durfte mit Recht befürchten, daß der Rest seiner Tage in der begonnenen Friedenszeit nur mit manchem Übelstand sich werde unterbringen.[155] 
Auch aus der Heimat wurden manche Züge kund, welche das abgestandene Alte mit dem frischen Neuen in offenem Kriege sehen ließen. Vorurteile, die zwanzig Jahre geschlummert hatten, Anmaßungen, die man für völlig erloschen hielt, wachten unvermutet in plumpen Regungen wieder auf, welche, durch kein öffentliches Ansehen gemäßigt, durch keine geordnete Kraft der Meinung gehemmt, nur allein den schroffen Gegensatz hervorriefen, der dem besonnenen Vaterlandsfreunde fast ebenso bedenklich erschien. Man sprach viel von einer Adelskette, die kürzlich gestiftet worden war und deren stählernes Zeichen alle echten Edelleute verpflichten sollte, gegen den Bürgerstand zusammenzuhalten und ihn auf ein Gebiet zurückzudrängen, das er weit überschritten hatte. Dieses Absehen war um so gefährlicher, als seit den letzten Kriegen wenigstens ein Dritteil der Offiziere des preußischen Heeres bürgerlich war und an Tüchtigkeit und Waffenlust nicht zurückstand; bisher hatte niemand einen Unterschied anzudeuten gewagt, gemeinsame Gefahr und Bildung waren das Band biederer Eintracht, die jetzt durch Mißtrauen, Empfindlichkeit und Leidenschaft so häßlich getrübt werden konnte. Schon hieß es, die bürgerlichen Offiziere sollten nach und nach wieder abkommen oder wie sonst nur bei der Artillerie und den Husaren dienen, durchaus aber nicht in den Königlichen Garden, als welche wie durch Beruf so auch durch Ehre bevorrechtet sein müßten. Wider solcherlei Tichten wußte die Gegenseite kein anderes Heil als das rohste Volkstum, man warf sich in die knappe Deutschheit und in ihre kräftigen Auswüchse, das Turnwesen und die Burschenschaft, wodurch diese an sich vortrefflichen Einrichtungen leider entarten mußten.
Aber nicht allein Aristokratie und Demokratie bedrohten den ruhigen Entwickelungsgang der gegen den äußern Feind so ruhmvoll wiedererkämpften Freiheit, eine dritte, weit gefährlichere Strebung zeigte sich bemüht, allen in Gesinnung, freiwilligen Opfern und edler Tat ausgeprägten Ertrag[156]  der letzten Jahre zum Vorteil der alten Stockherrschaft und Behördenmacht einzuschmelzen, eine Strebung, die sich durch den brutalen Ausfall von Schmalz gegen den Tugendbund keck angekündigt hatte und in mancherlei Wegen durch Verunglimpfung und Anfeindung der besten Männer offen und geheim betriebsam fortsetzte. Den klarsten Beweis der wachsenden Macht dieser Partei wollte man besonders in dem von Berlin bald nach Anfang des Jahres ergangenen Verbote des in Koblenz von Görres herausgegebenen »Rheinischen Merkurs« erkennen. Dieses einst von Gentz hoch gepriesene Tagesblatt, von der öffentlichen Stimme dem Bunde wider Frankreich als mitverbündete Macht freudig zugezählt, in Kühnheit und Meisterschaft freier Rede unübertroffen, wurde durch einen Federstrich unterdrückt, wegen geringen Anlasses, ohne Gehör und Verteidigung. Unglaublich war der Eindruck dieser Maßregel. Im ganzen westlichen und südlichen Deutschland hatte das Blatt die eifrigsten Anhänger, es galt für eine Fackel der Wahrheit und Freiheit, und selbst diejenigen Leser, denen es wegen der darin bisweilen hervortönenden fanatischen Klänge zu mißfallen begann, bedauerten dieses sein Ende durch die Polizei. Das Blatt hatte bisher Herrscher und Obrigkeiten ungestraft angreifen dürfen, kein noch so hoher Einspruch war beachtet worden, man hatte ihm alles erlaubt, es stellte eine Insel von Preßfreiheit dar, ein noch einzelnes Vorbild dessen, was künftig allgemein werden sollte. Diesen Gedanken war nun mit einem Schlage der Garaus gemacht. »Da seht ihr«, riefen die Nichtpreußen, »wie es bei euch gemeint ist! Eure stolzen Einbildungen fallen wie Sternschnuppen zu Boden. Mit eurer Verfassung wird es ebenso gehen. Geht nur heim und seid Preußen, wie ihr mögt und könnt, aber mit eurem Deutschtum, in welchem ihr obenanstehen und dem wir uns anschließen sollen, laßt uns ungeschoren!« Dergleichen Reden sind wirklich geführt worden, und unsere höchsten Staatsbeamten klagten, daß sie solche hätten verstummend anhören müssen. Humboldt aber vertraute[157]  mir die bedenkliche Bemerkung, wie sehr doch Hardenberg im Augenblicke bedrängt, wie gefährdet sein Ansehen und wie umstrickt seine Hand sein müsse, um solche Maßregeln außerhalb des Geleises der bisher klüglich bezeichneten Bahn querfeldein zu treiben.


In Frankfurt selber regte sich der Widerspruch des Althergebrachten gegen die Neugestaltung nach Vermögen. Die unerwartet zur Selbständigkeit hergestellte Stadt hatte sich bisher mit einem einstweiligen Regierungszuschnitt beholfen, der jetzt in eine schließliche Verfassung übergehen sollte. Der Wiener Kongreß hatte dafür einige Bestimmungen festgesetzt, andere mußten aus dem Bürgerwesen selbst hervorgehen. Man war geneigt, soviel als möglich die früheren Formen hervorzurufen, aber ganz war dies nicht möglich, schon weil Kaiser und Reich nicht ebenfalls hergestellt waren und jeder Bezug auf diese wegfiel; anderes hatte sich längst überlebt und durfte als Totes nicht dem Lebendigen hinderlich werden. Das Verfassungswerk war eben in der Arbeit, und mehrere wohlgesinnte Rechtsgelehrte, unter ihnen Doktor Jassoy, hatten dem Rat eine hierauf bezügliche Eingabe überreicht, welche zu gewissen zeitgemäßen Richtpunkten hinwies, vor andern unzeitgemäßen warnte. Diesen Stimmen entgegen erhob sich der Schöff von Fichard, welcher für seine Standesgenossen, die Mitglieder der Häuser Limpurg und Frauenstein, die früheren Vorrechte dieser Patrizier heftig in Anspruch nahm. Dieser Mann, in staatsrechtlichen Altertümern bewandert und auch Schriftsteller in diesem Fache, genoß doch weder als Gelehrter noch in sonstiger Hinsicht das erforderliche Ansehen, einer solchen Sache vorzustehen; allein er wurde von vielen und einflußreichen Eiferern unterstützt, sowohl in als außer Frankfurt, man nannte bedeutende Namen, Christian Schlosser, Solms-Laubach, sogar Stein, und deshalb empfing die Schrift des Schöffs von Fichard mehrere Antworten, die schärfste und bündigste durch den Doktor Johann Gottlieb Dietz, der mittelst weniger Blätter den armen Gegner so in die Enge[158]  trieb, daß er keinen Laut mehr hören ließ. Indes hielten die Patrizier ihre Sache noch nicht für verloren und rechneten auf den erwarteten Bundestag, wo sie genug Gönner und Freunde zu finden hofften. Doch ein freisinniger, witziger Staatsmann, der schon in Frankfurt lebte, um demnächst als Gesandter bei dem Bundestage einzutreten, verdarb ihnen auch diese Hoffnung, indem er ohne Hehl erklärte, er würde in betreff dieses wiederzuerweckenden Stadtadels zu seinen künftigen Kollegen mit den Worten der Heiligen Schrift reden, wo es von dem gestorbenen Lazarus heißt: »Er stinket schon, denn er ist vier Tage gelegen«, und er wollte hinzufügen: »Fühlet ihr euch nun Kraft des Heiligen Geistes, so erwecket ihn«, da er denn überzeugt war, daß niemand sich solche Kraft des Heiligen Geistes werde anmaßen wollen.
Einer andern Streitfrage widmeten die Frankfurter einen weit lebhaftern Eifer, sie betraf das Verhältnis der Juden. In der alten Reichsstadt hatten diese zum Teil ältesten Bewohner derselben unter furchtbarem Drucke gelebt, durch die Regierung des Fürstenprimas und Großherzogs von Frankfurt war ihnen Anteil an den Rechten der christlichen Mitbürger geworden, der jetzige Zustand drängte sie möglichst in die alte Beschränkung zurück. Allerdings war der Wiener Kongreß bemüht gewesen, ein billiges Verhältnis für die Juden innerhalb aller Länder des Deutschen Bundes festzusetzen; allein dies war nur in allgemeinen Worten ausgesprochen, und die Hauptsache blieb den örtlichen Einrichtungen überlassen. Das Vorurteil gegen die Juden hatte sich in Frankfurt unglaublich tief eingewurzelt, und nicht nur das gemeine Volk nährte den Haß mit niedriger Lust, sondern auch mancher Gebildete stand in diesem Betreff mit dem rohen Volke vollkommen gleich. Der Senat und die Bürgerschaft waren durchaus nicht geneigt, den Juden die Rechte zu bewilligen, die sie schon als Staatsbürger des Großherzogtums Frankfurt genossen hatten; die Wiener Kongreßakte erfuhr die ungünstigste Auslegung; die dringenden[159]  Verwendungen Metternichs und Hardenbergs, sonst überall durchgreifend, zerschellten an dem Eigensinne des Vorurteils. Der Bundestag, der hier einschreiten und das richtige Maß angeben sollte, war noch nicht vorhanden, und man sprach ihm schon alle Befugnis ab, die Bürger einer Freien Stadt zum Nachgeben zu zwingen. Die Unterscheidung, welche ein Klügling aufstellte, daß die Juden in andern Staaten mit dem Bürgerrechte nur dieses, aber nicht Anteil an der politischen Macht erhielten, wie dies in Frankfurt der Fall sein würde, galt für einen wichtigen Fund, der triumphierend emporgehalten wurde; doch dies weckte nur den Spott, man rechne in Frankfurt sonst mit Gulden und Kreuzern, jetzt aber solle eine Berechnung des unendlich Kleinen stattfinden! Eine triftigere Bemerkung war, daß alles Bürgerrecht, wo es vollständig sei, immer auch politisches Recht in sich begreife und daß, wo dieses noch fehle, der Zustand eben mangelhaft sei. Als der Senat in seinen beschränkenden Maßregeln unbekümmert vorschritt, erschien für die Sache der Juden eine Verwahrung – gegen die Gewohnheit deutscher Aktenstücke so bündig, klar und fest, daß sie ungemein auffiel, und Rahel geradezu behauptete, der Verfasser müsse ein Mensch von großen Geistesgaben sein; das schien denn doch sehr übertrieben; niemand wußte den Mann zu nennen, allein Rahel ruhte nicht, bis der Namen erforscht war, da ihr denn mit einigem Lächeln berichtet wurde, diesmal habe sie sich doch geirrt, der Verfasser sei ein wenig bekannter Jude, der unter dem Großherzog von Frankfurt ein elendes kleines Amt bei der Polizei gehabt, dies aber bei der Freien Stadt gleich wieder verloren habe, natürlich schreie er nun – sein Vater heiße Baruch, er aber nenne sich Börne. Noch in spätern Jahren freute Rahel sich mit innigem Behagen, daß sie den nachher berühmten Mann gleichsam entdeckt habe, aus der Klaue des Löwen!
Die Unruhe, welche der Krieg unter die Menschen gebracht hatte, dauerte gleich den aufgeregten Wellen nach[160]  dem Sturme fort, und dies um so mehr, als die militärische Besetzung eines Teiles von Frankreich noch einen halben Kriegszustand anzeigte und in Deutschland nach dem großen Umschwunge so vieles noch ungeordnet lag. Die Meinung, der Krieg sei noch nicht ausgefochten und müsse nochmals anheben, war sehr verbreitet, auch im untern Volke. Frau von Krüdener zog mit großem Anhang im Lande umher und predigte den Bauern diesseits und jenseits des Rheins von nahen Strafgerichten, die nur durch Buße und Heiligung abzuwenden seien. Sie enthielt sich zwar möglichst aller bestimmten politischen Andeutungen, aber sie gab doch zu verstehen, daß es mit den Bourbons nicht ganz richtig bestellt sei und daß die christlichen Herrscher noch große Aufgaben zu erfüllen hätten. Ein Bauer in Wiesloch bei Heidelberg, der schon früher mit Weissagungen sich abgegeben, wurde durch dieses Beispiel aufgeregt, griff nach dem alten Handwerk, hatte in seinem Dorfe nicht Rast mehr und machte sich auf den Weg nach Frankfurt. Hier fing er an zu prophezeien, was binnen Jahresfrist sich ereignen werde: eine völlige Umkehrung der Welt, vor allem aber der Sturz der Bourbons und die Teilung Frankreichs; die vier verbündeten Monarchen würden darauf in Mannheim – sein Flug ließ sich gleich auf der nächsten ihm bekannten und in die Augen scheinenden Stadt nieder – ein prächtiges Schloß vereint bewohnen und von hier aus die ganze Christenheit gemeinsam regieren! Dies alles hatte der Geist ihm offenbart und ihm zugleich befohlen, es zu verkündigen; seine Sendung war insbesondere an den König von Preußen gerichtet, zu dem er schon einmal im Jahre 1807 nach Memel gewandert und von ihm und der schönen Königin für seine damaligen tröstlichen Vorhersagungen reichlich beschenkt sein wollte. Die Geheimnisse der Politik lagen ihm offen vor Augen; da er aber nicht wissen konnte, was im Augenblicke den Leuten wichtig war, so erbot er sich, jede beliebige Frage dem Geiste vorzulegen und dessen Auskunft richtig zu überbringen. Mit den Kabinetten[161]  und Diplomaten schien es demnach zu Ende, der Inhalt aller Depeschen war ohne Mühe durch den Seher zu erfahren, und Preußen vor allen schien auf seine Dienste rechnen zu können. Er hieß Adam Müller, und diese Gleichnamigkeit mit dem österreichischen, auch mit etwas Seherwesen behafteten Staatsdiener gab zu manchen Verwechslungen und Scherzen Anlaß. Der Wundermann wurde mir zugeschickt und trank einen Nachmittag bei uns Kaffee, in Gegenwart Oelsners, den er durch seine Aussagen ungemein ergötzte. Mit großer Treuherzigkeit erzählte er seine Begegnisse, an die er selber zu glauben schien, und bekräftigte alles durch Bibelsprüche, die er aufs Geratewohl anführte, passend oder nicht, so daß er eher bibeltoll als bibelfest heißen konnte. Seine Reden verrieten keinerlei trüglichen Zweck, er gefiel sich nur in dem Aufsehen und Anteil, die sein Prophezeien erweckte; aber die Leute, die er gerade vor sich hatte, schien er ziemlich gut zu durchschauen, und mit echter Bauernverschmitztheit sprach er ihnen nach dem Munde. Die Reise nach Berlin ließ er sich nicht ausreden; allein er kam bald wenig befriedigt von dort zurück, und der Geist hatte nun auch für Preußen nur minder gute Vorhersagungen.

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In der Tat, das Frühjahr schritt vor, und die mir von Berlin wiederholt als nahe verkündigten Ausfertigungen für meine Bestimmung nach Karlsruhe ließen noch immer auf sich warten. Ich wußte wohl, daß noch stets in den diplomatischen Stellen allerlei Wechsel beliebt wurden, daß nun der Geheime Staatsrat von Küster als Gesandter nach Stuttgart bestimmt sei und daß auch Bewerber um den mir bestimmten Posten nicht fehlten; allein ich wurde versichert, es stehe fest, daß ich nächstens denselben antreten solle. Hier war nun nichts übrig, als sich auf weiteres Warten ruhig einzurichten. Sah ich doch ebenso den Bundestag verzögern und mehr oder minder alle Staatsgeschäfte, sie mochten Namen haben wie sie wollten!
Welchen Eindruck ich von dem allgemeinen Zustande der[162]  Dinge damals hatte, gibt ein Brief zu erkennen, den ich am 13. Mai 1816 an Perthes schrieb und der in dessen Lebensbeschreibung ohne meinen Namen bereits gedruckt worden:
»Sie klagen mich an«, schrieb ich, »daß ich alles schwarz und nur immer schwärzer sehe? Also von allem, was ich am Rhein neuerdings erfahren, hier gesehen und aus Berlin, Paris, der Schweiz usw. geschrieben bekommen, will ich Ihnen lieber nichts sagen. Lieber Perthes, wer den Aasgeruch spürt, soll der sich nicht die Nase zuhalten? Ich sehe das Gute, was diese Zeit entwickelt, vielleicht in dem blendendsten Schimmer, in unruhiger Begeisterung; ich bin der Ansicht und Betrachtung, die Sie mir in freundlichen Worten so wohlwollend und tröstend mitteilen, keineswegs fremd; wer möchte, ja wer könnte ohne solchen Glauben, was sage ich, ohne Glauben – ohne solche beständig zuströmende Anschauung die weltlichen Tage noch ertragen! Aber diese Ansicht führt mich weiter, als Sie es ausdrücken. Was über die Gegenwart erhebt, ändert die Gegenwart nicht. Jetzt ist gerade nicht ein günstiger Geschichtsmoment auf der Erde; alles tot und faul, Neues erst im Keime. Und was von dem Alten noch steht, das wird fallen; ich sehe es, wie die es umstürzen, die es halten wollen. Sie sind älter als ich, lieber Perthes, und an Lebens-und Welterfahrung reicher, aber ich sehe andere Dinge, wie Sie sie in dem bei mittelmäßigem Winde wieder ziemlich in Gang gekommenen guten Hamburg aufgedrungen erhalten! Es ziemt mir nicht, Ihnen alles einzelne schriftlich mitzuteilen, auch wäre es schwer; aber das kann ich Ihnen versichern, bei vielem schlügen Sie die Hände über dem Kopfe zusammen. Wenn ich alles zusammenfasse, so muß ich als schwarzer Unglücksvogel Sturm verkünden, wo soll es hin? ›Les peuples existent‹, sagt Mirabeau, ›mais malgré les gouvernements.‹ Diese letzteren arbeiten aber jetzt an ihrem eigenen Untergange mit einem Eifer, einer Tätigkeit, einer Geschicklichkeit, daß man die Frucht ihres Schweißes bald wird genießen können.[163]  In Deutschland kommt es soweit, wie es in Frankreich war, aber das kann noch eine Weile hin sein. Erst werden jetzt überall hübsche Aristokratien eingerichtet, damit der Adel nicht milde vergehe, wie die Natur es einem Sterbenden erlauben will, sondern noch so viel Kraft einatme, um den Gang zum Schafott auszuhalten. Rasend sind die Menschen, verrückt; hörten Sie doch, was selbst die Besseren im Vertrauen zu äußern wagen, sähen Sie doch nebeneinander, was zum Beispiel Gentz in seinem Innern erkennt und denkt und was er einem verehrungswürdigen Publikum kecklich mit Salbung vorlügt. Ich nenne das Allereinzelste; es soll nicht beweisen, am wenigsten erschöpfen, nur durch etwas Farbe beleben, was sonst als ein aschgraues, gesichtsloses Phantasma gelten möchte.«
»Seit meinem letzten Briefe«, heißt es vier Wochen später, »hat sich manches näher gezeigt, was mich damals beschäftigte; aber schöner ist es nicht geworden. In Württemberg nimmt die Sache eine recht schlechte Wendung; daran kann kein Wohldenkender noch Gefallen finden! Im übrigen Deutschland – daß sich Gott erbarm; es mag gut sein, daß die Völker mit ihrer frischen Naturkraft wie rohe Kinder wild aufwachsen, aber Erziehung soll man das denn doch nicht nennen. Ich stehe an einer Stelle, von welcher man in diesem Augenblicke vielleicht noch mehr als in Wien und in Berlin das gegenwärtige deutsche Staatenwesen, die gegenwärtig herrschenden Gesinnungen und Absichten erkennen kann und in ihrer Erbärmlichkeit verachten muß.«
Meine beabsichtigten Arbeiten gerieten jedoch bald ins Stocken. Gegen Mitte des Juli trafen die erwarteten Ausfertigungen von Berlin endlich ein, und wir reisten ohne Verzug über Mannheim nach Karlsruhe.



 Karlsruhe. Baden. Mannheim
1816










[164] An einem trotz des Regens doch schönen Sommerabend in der Mitte des Juli trafen wir in Karlsruhe fröhlich ein. Rahel war angenehm überrascht, eine freundliche, umfangreiche, großenteils wohlgebaute Stadt zu sehen, die man ihr in Mannheim als den traurigsten, verlassensten Ort vorgestellt hatte, in welchem alles und jedes fehle und jede Kleinigkeit von außerhalb müsse bezogen werden. Stattliche Wohnhäuser und reiche Kaufläden, das gewerbliche und heitere Ansehen der Straßen berichtigten schon beim Vorüberfahren jene Geringschätzung, und der wohleingerichtete Gasthof, in welchem wir abtraten, stand gegen die besten in Mannheim und Heidelberg nicht zurück. Der günstige Eindruck bestärkte sich durch die lebhafte Zuvorkommenheit, die wir von allen Seiten erfuhren, durch die beeiferte Ansprache, die uns bewillkommte. Schon früher geknüpfte Bekanntschaften meldeten sich eiligst an, liebe Freunde aus Stuttgart führte der Zufall unvermutet in denselben Gasthof, der Hofbankier Haber bezeigte seine Dienstbeflissenheit, die ansässigen Gesandten, ungeduldig, den neuen Kollegen zu sehen, begrüßten uns anteilvoll, Tettenborn kam auf einen Tag aus Baden und ebendaher der preußische Gesandte von Küster, der beauftragt war, mich in die neuen Verhältnisse einzuführen. Nachdem Küster mich dem Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Freiherrn von Hacke, vorgestellt und diesem meine Anmeldung beim Großherzog und bei den zahlreichen Mitgliedern des Großherzoglichen Hauses empfohlen hatte, gab er mir die nötige Einweihung in die Geschäfte, da ich auf diesem Boden zum erstenmal auf eignen Füßen stehen mußte und im kleinen Dienste des Kanzleiwesens völlig unerfahren war. Die wichtigen, soviel Unwichtiges einhüllenden Formeln waren schnell gelernt, und gleich am ersten Tage fand sich Gelegenheit, sie amtlich[165]  anzuwenden. Da das diplomatische Wesen auch auf die beschränktesten und dümmsten Köpfe berechnet sein muß und diese gewöhnlich mit Leichtigkeit und Glück sich darin bewegen, so darf dazu natürlich kein besonderer Geistesaufwand erfordert sein, und was der Mittelmäßigkeit nicht allzu schwer wird, erweist sich dem offnen Sinn als ein bloßes Spiel, das ihn kaum anstrengen, höchstens wie jedes andere durch geistlose Wiederholung ermüden kann. Auch machte dies alles mir nicht die geringste Sorge; desto mehr aber hatten wir deren, um eine angemessene Wohnung zu finden, sie gehörig einzurichten, mit den neuen Bekanntschaften uns zu benehmen, Besuche zu geben und zu empfangen; alles dieser Art drängte sich in diesen ersten Tagen zusammen, und wir durften nicht hoffen, sie fürerst anders ausgefüllt zu sehen.
Von den diplomatischen Kollegen, mit denen allen ich sogleich in freundlichen Verhältnissen stand, konnten nur die Gesandten von Österreich und Rußland auch als politische Freunde gelten. Doch der russische Gesandte, Freiherr von Maltitz, war politisch überaus zurückhaltend, weil er nur nach empfangenen Weisungen handeln wollte, mit diesen aber eben nicht sehr bedacht wurde, und hiezu stimmte denn auch seine gesellschaftliche Absonderung; schwere Krankheitsleiden seiner Gattin störten seine Häuslichkeit, aus deren Verdüsterung eine Tochter und zwei Söhne nur schwermütig hervorblickten, die beiden letztern nur allein durch Dichtung, für welche besonders der jüngere ein schönes Talent hatte, des Schimmers einer hellen Jugend teilhaft. Der österreichische Graf von Trauttmannsdorff hingegen, jung, sinnig, aus dem Rausche des Wiener Lebens nach Karlsruhe wie in eine Idylle versetzt, genoß heiter die Darbietungen des Tages und wußte sich die kleine Geselligkeit ganz angenehm zu machen; er kam mir mit Offenheit entgegen – auch er war neu in seiner Laufbahn –, vertraute mir seine kleinen Zweifel und Verlegenheiten und versprach in möglichstem Einvernehmen mit mir zu handeln, wiewohl[166]  sich hiefür in der Folge nicht viel Anlaß ergab. Der französische Gesandte, die von Bayern und Württemberg und später auch der hannöversche sahen mich schon etwas mißtrauischer an und ließen durchblicken, daß die preußischen Interessen nach Umständen ihnen als gegnerische erscheinen dürften. Der bayerische Gesandte, Graf von Seyboldtsdorf, war mit Rahel von Berlin her bekannt und bezeigte ihr die größte Verehrung; er hatte Geist und Kenntnisse und ein feines, taktvolles Benehmen; aber wegen eines schmählichen Übels, an dem er litt, zog er sich bei noch jungen Jahren in grämliche Abgeschiedenheit, grollte mit sich selbst und der Welt und wünschte sich tausendmal des Tages von Karlsruhe weg in ein südliches Klima, von dem allein er noch Linderung seines Unheils hoffte; sein Amt versah er mit Widerwillen und ebendeshalb mit einer Heftigkeit, die ihm auf keiner Seite Gunst erweckte; gegen mich hielt er sich kalt und vorsichtig, weil er in mir, dem Preußen, einen Feind Bayerns glaubte voraussetzen zu müssen. Gleiche Meinung, aber unter dem Schein von Wärme und Zutrauen, hegte der Gesandte Württembergs, Graf von Gallatin, der, ein geborner Genfer und Republikaner, auf diplomatischer Wanderschaft sein Unterkommen bei dem eigenwilligsten Könige wie sein Bruder das seine im diplomatischen Dienste der Vereinigten Staaten von Nordamerika gefunden hatte; Leute des Handwerks, die dasselbe üben, wo und wie die Gelegenheit es gibt!
Ich war kaum acht Tage in Karlsruhe, als unerwartet und plötzlich dort ein politisches Brausen entstand, das in starke Gewitterschläge überzugehen drohte und alles in fieberhafte Bewegung setzte. Der König von Württemberg, unzufrieden vom Wiener Kongresse her, mißtrauisch gegen die bevorstehende Gestaltung der Dinge am Bundestage, in unruhigem Selbstgefühl zum Widerstreben aufgelegt und von seiner übermäßigen Beleibtheit selten in persönlicher Ausführung dessen, was er wollte, gehindert, hatte sich eines Morgens von Stuttgart aufgemacht und stürzte gleich einer[167]  Bombe verwirrend in den erschrockenen Hofkreis von Karlsruhe. Nach ein paar Unterredungen mit dem Großherzog, kurzen Beratungen mit seinem und dem russischen Gesandten kehrte er am dritten Tag unwillig und mißvergnügt in sein Land zurück. Der Zweck des sonderbaren Besuches, der sich laut für geheim ausgegeben hatte, wurde sogleich bekannt. Sein Absehen war nichts Geringeres gewesen, als innerhalb des Deutschen Bundes eine engere süddeutsche Verbindung zu stiften, und zu diesem Behuf hatte der König gleichzeitig auch in München und Darmstadt die dringendsten Eröffnungen machen lassen; in Karlsruhe war er selbst erschienen, weil er hier persönlich alles durchzusetzen und den von Wien her beängsteten Großherzog ohne Mühe fortzureißen hoffte. Der kühne Plan war zunächst eine Schilderhebung gegen Österreich und Preußen, sollte dem Übergewicht dieser Großmächte im Bunde wehren, besonders aber Süddeutschland von ihrem Einflusse frei erhalten und diese Unabhängigkeit nötigenfalls durch eine Anschließung an Frankreich befestigen, wo dergleichen bonapartistische Rheinbundserinnerungen auch den Bourbonen ganz angenehm sein mußten. Die Sache scheiterte teils an ihrer eignen Unreife und an dem geringen Vertrauen, das ihr Urheber einflößte, teils an den Zeitumständen, in welche sie unvorbereitet traf. Bayern wollte nicht mit Württemberg und Baden, sondern für sich allein etwas bedeuten und hoffte eben jetzt, durch Österreichs und Preußens Mithülfe, auf Kosten von Baden einen beträchtlichen Länderzuwachs zu gewinnen; in Karlsruhe und Darmstadt aber herrschte zu große Schlaffheit und Schwäche, als daß man den Mut hätte haben können, auf ein solches Wagnis einzugehen, wie Württemberg es vorschlug, im Gegenteil hoffte man in Karlsruhe, bei den drohenden Ansprüchen Bayerns, noch auf den Schutz derselben Mächte, denen man jetzt feindlich entgegentreten sollte. Der König sah daher seine Vorschläge nirgends begünstigt, sein Andringen überall abgewiesen und grollte deshalb seinen Nachbarn noch lange Zeit; der Gedanke[168]  solcher Entgegenstellung aber wirkte fort, und es war vorauszusehen, daß er bei künftiger Gelegenheit aufs neue hervortreten würde.
Das Ereignis hatte die ganze Diplomatik in Aufruhr gebracht. Bevor die Nachrichten aus den verschiedenen kleinen Hauptstädten gehörig gesammelt und gesichert sein konnten, herrschte sowohl in Frankfurt am Main als in Berlin und Wien die größte Ungewißheit über den Umfang und Erfolg des versuchten Anschlags; denn selbst die vertraulichen Mitteilungen, welche den großen Höfen aus München und aus Karlsruhe zugingen, ließen vieles im Dunkel, und man glaubte, daß sie manches absichtlich verhüllten. Der Minister von Hacke fand ein Vergnügen daran, die fremden Gesandten im Zustande der Ungewißheit zu lassen, ja, sie vorsätzlich irrezuleiten, und machte sich hinterher lustig über ihre Mißgriffe, wegen deren sie von ihren Höfen dann gescholten wurden. Auch mir legte seine Schalkheit bei diesem Anlaß kleine Fallen; er war mir abgeneigt schon als einem Norddeutschen, die er alle nicht leiden konnte, sodann auch als einem Freunde Tettenborns, dessen Verhältnis zum Großherzog ihn beunruhigte. Mir war jedoch der Zusammenhang der Sachen völlig klar, und ich ließ mich nicht irren, da ich die zuverlässigsten Angaben aus der sichersten Quelle besaß, nämlich aus der nächsten Umgebung des Großherzogs, der gegen seine Vertrauten arglos alles herausgesagt hatte und dessen eigene Worte mir ebenso arglos hinterbracht wurden. Ich stand nicht an, meine Auffassung in meinem amtlichen Bericht und mehr noch in einem besondern Schreiben an den Staatskanzler mit Bestimmtheit auszusprechen, und wiewohl ich dabei den Vorwurf nicht verschwieg, der auf das jüngste preußische so überdachte als mißglückte Auftreten in Frankfurt fiel, als welches der nächste Grund der württembergischen Aufregung geworden war, so wurde ich doch wegen der ganzen Darlegung bestens belobt und mir fernere Wachsamkeit anempfohlen. An den Staatskanzler neben den amtlichen Berichten[169]  noch besonders zu schreiben, und hier gerade das Wichtigere und mit größter Freiheit zu behandeln, war mir von erfahrenen Freunden geraten worden.
Nach diesen rasch zusammengezogenen und schnell wieder auseinandergestobenen Wolken trat eine große Stille ein, die sich über Hof und Stadt sichtbar und fast beklemmend ausbreitete; die Begegnisse und Geschäftigkeiten, welche die ersten Tage einer Ankunft beleben, verschwanden allmählich oder sanken zu langweiligem Einerlei hinab; der Hof, dem ich übrigens noch nicht vorgestellt war, eigentlich eine Gruppe von Höfen, die sich einander eifersüchtig gegenüberstanden, hielt sich in größter Zurückgezogenheit; der arme Adel, in Hof- und Staatsämtern dienstbar, saß ungesellig zu Hause und lauerte mißvergnügt auf Gunst und Vorteil; von der Mittelklasse war nicht die Rede, und das untere Volk, ein trübes Gemenge zufälliger Bestandteile, hatte geringe Regsamkeit; alles zusammen machte den Eindruck geistloser Öde und düsterer Stockung.
Die hohen Personen hielten sich hinter ihren Stellungen, welche durch Geburt und Rang ihnen hier angewiesen waren, wie verschanzt und versteckt, hüteten sich vor jeder Überschreitung und beobachteten mißtrauisch, ob eine von anderer Seite vielleicht gewagt werde, der man alsdann entgegenzuwirken bereit war. Sie warteten gleichsam mit dem Leben, daß irgendein Anstoß von außen käme, der das rostende Getriebe in neuen Schwung setzte. In solcher Zurückhaltung hatte es besonders der Großherzog weit gebracht; er fühlte die größte Scheu, fremde Menschen zu sehen, aber nicht minder peinlich waren ihm seine Anverwandten; konnte er ihrem Besuch, ihrem Gespräch einmal nicht ausweichen, so konnte er noch lange nachher den Verdruß nicht verwinden. Stundenlang stand er am Schloßfenster untätig auf der Lauer und beobachtete gegenüber das Haus seines Oheims, des Markgrafen Ludwig, ob etwa die Türe sich öffnete und wer herauskäme oder hineinginge. Die Minister konnten dann mit ihren dringendsten[170]  Geschäften nicht vorkommen. Abweisen, Warten, Wartenlassen, Aufschieben, das war ihm stets das erste und liebste. Nur mit einigen vertrauten Günstlingen, vor denen er sich keinen Zwang antat, trieb er im Dunkel der Fasanerie seine heimlichen Vergnügungen, die ihn doch selten erheiterten. Die Großherzogin fügte sich ohne Klage diesem Lebenszuge, der sie auf den engen Kreis ihrer nächsten Umgebung einschränkte; sie beschäftigte sich viel mit ihren Kindern, außerdem sah sie öfters zwei Jugendfreundinnen, die ihr aus dem Campanschen Hause nach Karlsruhe gefolgt waren und deren eine sie mit dem alten badischen General von Lingg verheiratet hatte. Eine Oberhofmeisterin Gräfin von Walsh, die früher in der Vendée mitgefochten, dann ihren Frieden mit Napoleon gemacht und zum Lohn diese Stelle von ihm empfangen hatte, zwei Hofdamen von gewöhnlicher guter Art und eine mit wunderbarer Stimme begabte Kammersängerin, Fräulein Berenfels, waren die bestimmte tägliche Gesellschaft, deren Unterhaltung sich in Lesen, Sticken und Spazierengehen abschloß. – Die Markgräfin Amalia behauptete noch am meisten Freiheit und Selbständigkeit, sie hielt jeden Sonntag Hof, gab wöchentlich ein paar Mittagstafeln und sah Einheimische und Fremde nach Belieben; doch war auch bei ihr alles abgemessen, vorsichtig und kalt. Die übrigen Fürstlichkeiten, die Gräfin von Hochberg mit ihren Kindern einbegriffen, lebten in stiller Unbedeutendheit dahin, niemand mochte nach ihnen fragen, niemand von ihnen hören. In dem Schwarm der Hofleute, deren bei so vielen Höfen nicht wenige waren, zeichneten sich einige durch Talente, andere durch ehrbare Haltung aus, aber die Gesamtheit war ein widriges Gemisch anspruchsvoller Förmlichkeit, plumper Roheit, abgefeimter Verderbnis, lauernder Selbstsucht und augendienerischer Schmeichelei. Fand sich als Ausnahme darunter ein Anflug von Geist, von feinerem Sinn oder gar von Herzensgüte, so hielten diese Eigenschaften sich gewiß möglichst versteckt und baten demütig um Verzeihung, daß sie sich erdreisteten,[171]  auch dazusein. Genug, das ganze Hofleben war kümmerlich, dünkelvoll und verzagt, großtuend und gemein, verderbt und freudlos und so still, so still, daß man die Atemzüge hören konnte.

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Wir hatten unsere Wohnung in der Waldhorngasse bei dem Kreisdirektor Freiherrn von Wechmar genommen, und durch seine schöne, liebenswürdige Frau, geborne von Wasmer aus Thüringen, fanden wir unverhofft im Hause selbst eine Spur norddeutscher Geselligkeit wieder. Der Graf von Trauttmannsdorff brachte hier seine meisten Abende zu, doch am liebsten mit der schönen Frau allein; und so geriet auch hier alles bald wieder ins Stocken. Die Karlsruher Art war übrigens nicht zu bezwingen, niemand kam anders, als wenn ausdrücklich eingeladen, im besten Putz und mit dem Anspruch auf große Bewirtung; außerdem blieb man für sich und saß in verschlossener Häuslichkeit, die sich freilich fremden Augen meistens nicht gut durfte sehen lassen.
Man fand es ungewöhnlich für einen Diplomaten, daß ich mich auch in andern Kreisen umsehen wollte als in dem der gestickten Uniformen und Hofkleider, aber ich kümmerte mich darum nicht und hatte nur den Verdruß, überall denselben Zuschnitt zu finden, nur noch geringer und ungeschickter. Doch gab es in der Stadt einige Männer von gutem Namen, die es wohl verlohnte kennenzulernen. Ich besuchte den berühmten Jung-Stilling, einen schon hohen Siebziger, der aber noch ein rüstiges Ansehen hatte. Wir fanden uns bald in vertraulichem Gespräch, und an meiner Verehrung für Goethe und Jacobi, an meiner Bekanntschaft mit Taulers, der Frau von Guyon, Lavaters und seinen eigenen Schriften bezeigte er inniges Gefallen. Ich sah mit Rührung den sanften und noch immer lebhaften Greis vor mir, dessen merkwürdigen Schicksalen ich als Leser einst so warmen Anteil gewidmet. Er war einer der wenigen Menschen, in denen ich das treue Bild eines echten Christen erkennen zu dürfen glaubte, indem die Mehrzahl derer, die sich so nennen, und besonders derer, die sich mit anspruchsvollem[172]  Eifer so nennen, keineswegs diesen Namen verdient. In Stilling arbeitete sich die Liebe immerfort über die Vorurteile hinaus, welche er abzuwerfen doch nicht die Kraft hatte. Denn bei aller Stärke des Gemüts und der Einbildungskraft war sein Denkvermögen nur schwach; in diesem übertraf ihn seine Frau, seine dritte, die er noch in später Zeit sich zur Gefährtin erwählt hatte, weil er ohne eine solche nicht leben konnte. Die Unglückliche sah einem Schatten gleich, blaß und abgezehrt, von unaufhörlichen Zuckungen gepeinigt, welche ihr den Kopf und Hals immerfort verdrehten, selbst im Schlaf arbeitete dieses Unheil ohne Nachlaß. Es war ein jammervoller und doch erhebender Anblick, aus diesem schmerzverkrümmten, unscheinbar eingeschrumpften Wesen die heitersten Gedanken und schönsten Empfindungen hervorströmen zu sehen, so daß die Leiden und Gebrechen wie verschwunden schienen, wobei man die Überzeugung fassen konnte, daß in dieser körperlichen Unseligkeit mehr echtes Glück wohne als in manchem von Natur und Welt mit höchster Schönheit und Kraft ausgestatteten Menschenkind. Beide Gatten zeigten liebevolles Verlangen, auch Rahel kennenzulernen, von der sie schon viel Vorteilhaftes gehört hatten, besonders von ihrer Pflege der Verwundeten und Kranken im letzten Kriege; eine vornehme Dame, die Rahel selber nicht kannte, hatte ihnen davon erzählt. Ich wünschte sehr diese Anknüpfung, denn ich hoffte für Rahel daraus manche Befriedigung; allein es kam nicht dazu; Jung mußte für einige Zeit aufs Land, wir verreisten ebenfalls, und späterhin machte seine zunehmende Kränklichkeit ihn auch mir meist unzugänglich.
Das Mißgefühl, welches die gesellschaftliche Dürftigkeit, die Aussicht auf die darin zu verlebende Zeit uns gaben, wurde noch durch den üblen Willen verstärkt, der meine Vorstellung bei Hof hinzögerte. Ich war dem Großherzog, wie ich wußte, auf das vorteilhafteste angekündigt und empfohlen, er selbst und die Großherzogin hatten mich im voraus versichern lassen, sie freuten sich meiner Sendung und[173]  sie würden alles tun, mir meine Stellung und meinen Aufenthalt angenehm zu machen. Ich durfte an ihrem aufrichtigen Verlangen, mich zu sehen, nicht zweifeln. Gleichwohl verging Woche auf Woche, ohne daß meine Vorstellung erfolgte; der Minister von Hacke suchte sie absichtlich in unbestimmte Ferne hinauszuschieben. Wenn ich ihn erinnerte, hatte er stets eine andere Ausflucht. Zuletzt gab er zu verstehen, es beliebe ihm noch nicht, und ließ deutlich hervorblicken, ich dürfe überhaupt nicht darauf rechnen, einen Freund in ihm zu finden, er werde nur tun, was das Geschäft erfordere. Diese Art Kriegserklärung hatte ich weder erwartet noch verdient, ich stand im Augenblicke dabei sichtlich im Nachteil; allein indem ich meine Aufwallung unterdrückte, ließ ich doch ein paar scharfe Worte fallen und ließ ihn merken, daß ich seine Feindschaft anzunehmen völlig bereit sei und er gefaßt sein möge, auch seinerseits Nackenschläge zu empfangen, wozu die Gelegenheit nicht fehlen werde.
Blößen wenigstens gab er genug, und seine Stellung war schon längst von der Art, daß er eher hätte Freunde suchen sollen als Widersacher. Ein geborner Pfälzer, in der geschmackvollen und lebhaften Gesellschaft Mannheims aufgewachsen und voll Dünkel auf die dortige Bildung, die doch ihm selbst nicht eben reichlich zugekommen war, glaubte er auf die Karlsruher vornehm herabsehen zu dürfen. Er nannte sie nur Böotier, deren dicke Köpfe zu keiner Geistesarbeit geschickt und deren karge Sinne nicht einmal eines rechten Lebensgenusses fähig wären. Der letztere beschränkte sich für ihn aber einzig auf die Mittagstafel, deren Freuden ihm die höchsten waren, die einzigen auch, die er noch genießen konnte. Aufgeschwollen zu einer unförmlichen Fleischmasse, die in einem schweren Hängebauch auslief, zeigte er schon durch dieses Äußere, daß er mehr ein Fresser als eigentlich ein Gutschmecker sei, besonders aber ein Koch, in dessen Verrichtungen er gern persönlich eingriff. Mit plumper Unbefangenheit trug er seine Neigung zur Schau,[174]  ließ sich von den Geschäftsleuten in der Küche finden und legte, wenn er mit ihnen sprach, kaum die weiße Schürze ab. Er war nicht ohne Witz, besonders von der derben Art, machte sich über alles lustig, behandelte alles obenhin und meinte, der rechte Staatsmann sei derjenige, welcher an nichts glaube, auf nichts rechne, für nichts eingenommen sei und vor allem sich selber bedenke und sich einen guten Tag bereite. Diese Grundsätze, dabei sein leichtsinniger Aufwand und seine üppigen Mahlzeiten, seine rücksichtslose Dreistigkeit auch in den Staatsgeschäften, in denen ihm vieles über Erwarten gelungen war, imponierten den Kollegen, dem Hof, dem Großherzog selbst, und man glaubte, er sei der Mann, um Baden durch manche drohende Gefahr glücklich durchzubringen. Aber niemand konnte ihn eigentlich leiden, und er hatte nirgends eine wahre Stütze. Während der Rheinbundzeit hatte er es mit den Franzosen gehalten und sich auf die Macht des Kaisers verlassen; nachdem diese zerfallen war, hatte er um andern Anhalt sich nicht gekümmert, im Gegenteil, noch zuletzt als Gesandter in Wien die Empfindlichkeit Österreichs bitter gereizt und dessen Benehmen mit dem Fußtritt verglichen, den in der Fabel dem Löwen der Esel gibt. Von seiner Unverschämtheit erzählte man noch andere merkwürdige Geschichten. Zum Beispiel, als die Bundesbehörde der Schweiz einen badischen Gesandten, der eines schändlichen Lasters offenkundig bezüchtigt wurde, nicht annehmen wollte, damit die Sittenreinheit der Eidgenossen nicht Gefahr liefe, gab Hacke in diplomatischer Förmlichkeit die freche Antwort, das angedeutete Laster vertrage sich mit dem diplomatischen Charakter ganz gut, wie viele Beispiele dartäten; was aber die Sittenreinheit der Schweizer beträfe, so möchten sie doch nur an ihren berühmten Geschichtschreiber Johann von Müller denken, ferner an die zahlreichen Berner Junker, die in ganz gleicher Weise beschuldigt würden. Ebenso sagte er dem Großherzog ins Gesicht, er sei doch kein rechter Herr, weil er nicht den Mut habe, sich öffentlich eine betitelte Mätresse[175]  zu halten; dabei nannte er Karlsruhe ein Dorf, das Schloß eine Bauerhütte, das Essen bei Hof einen Hundefraß; wenn er in solcher Aufzählung das Hoftheater verschonte, so war es deshalb, weil er selbst ihm vorstand und sich darauf etwas einbildete. Genug, er trieb es so toll als möglich, und es war kein Wunder, wenn ich im Kampfe gegen einen solchen Unhold auf Bundesgenossen in Menge zählen konnte. Durch die neue Gestaltung der Dinge hatte sein Ansehen ohnehin schon gelitten; es gab Stimmen, die seine vermeinten Talente in Abrede stellten, seinen Witz als rohe Dreistigkeit bezeichneten; sein tolles Wesen, sagte man, könne für Baden gerade jetzt nur verderblich sein.
Dennoch war es mir peinlich, und für einen Anfänger auf meiner Stufe durfte es gewiß auch bedenklich sein, dem Minister, bei welchem ich beglaubigt und auf den ich für allen Geschäftsverkehr angewiesen war, in offener Feindschaft entgegenzustehen.
Schon früher, größtenteils durch Reizenstein und dann durch Tettenborn, war ich in den Zusammenhang der badischen Sachen eingeweiht worden. Die Staatsverträge und geheimen Verabredungen zwischen Österreich und Bayern in betreff der Zukunft Badens gehören zu den willkürlichsten und gehässigsten Handlungen, welche die neuere Diplomatie begangen hat, und sie werden dadurch nicht besser, daß auch die andern großen Mächte in gleichgültigem Unbedacht mehr oder weniger ihre Zustimmung gaben. Österreich und Bayern waren einig geworden, letzteres solle den Ersatz der Gebietsteile, welche ihm Österreich gewaltsam abgedrungen, aus dem Lande des Großherzogs von Baden erhalten, der ihrer Ausgleichung ganz fremd und weder gefragt war noch gefragt werden sollte. Man setzte ganz willkürlich und unschicklich voraus, der badische Mannsstamm werde nächstens aussterben, und dann sollte der Breisgau an Österreich, die Rheinpfalz und überdies der Main- und Tauber-Kreis an Bayern kommen oder, wie man beschönigend sagte, zurückfallen, als ob jene Staaten diese Gebiete nie durch völkerrechtliche[176]  Verträge unbedingt abgetreten hätten! Aber das Ärgste war, daß man dieses Erlöschen des Mannsstamms als gewiß annahm, während der Großherzog in seinen besten Jahren mit seiner jugendlichen Gemahlin in kindergesegneter Ehe lebte und statt des frühgestorbenen eben wieder ein Erbprinz geboren war. Daß im Falle jenes Erlöschens dann auch das Land noch Ansprüche und Rechte habe, sich nicht zerstückeln zu lassen, sondern als ungeteiltes Ganzes fortzubestehen, für das immer noch Näherberechtigte als jene Vertragschließer vorhanden waren, dies konnte für Staatsmänner jener Zeit schon leichter außer acht zu lassen sein! Bei der ganzen Verhandlung war ohnehin auf die noch lockere Verknüpfung der ungleichartigen Bestandteile des Großherzogtums, auf die allgemeine Unzufriedenheit mit der anerkannt schlechten Regierung und besonders auf die Schlaffheit des Großherzogs und die Schwäche seiner Ratgeber gerechnet.
Überzeugt von dem guten Rechte Badens und durch alle Eindrücke und Erwägungen, die mir jeder Tag reichlich bot, mehr und mehr angeregt und befeuert, faßte ich alsbald den Vorsatz, in meiner Stellung, soweit die Umstände es gestatten würden, aus allen Kräften dahin zu wirken, daß Baden bei seinem Recht erhalten und gegen die Übergriffe willkürlicher Gewalt bewahrt bliebe.
Ich hatte im vorliegenden Falle die Sicherheit, daß preußischerseits der anerkannte Gerechtigkeitssinn des Königs und die wohlmeinende Ritterlichkeit des Staatskanzlers mir ihre Zustimmung nicht vorenthalten könnten, besonders da die Tatsache, daß Preußens Vorteil gegenüber von Österreich und Bayern eifrig die Erhaltung Badens zu wünschen habe, für niemanden eines Erweises mehr bedurfte. Allein mir standen dennoch vielfache, fast übergroße Hindernisse entgegen. Ich hatte von Berlin keinerlei Vorschrift empfangen, meine Geschäftsführung und Benehmen waren meinem Gutdünken, meiner Klugheit überlassen, und wenn ich auch im allgemeinen den Geist unserer Staatsleitung kannte,[177]  so hatte ich mich doch keineswegs auf eine feste und entschiedene Weisung zu berufen, die mich zu dem gewählten Gange ausdrücklich ermächtigte. Vielmehr mußte ich befürchten, daß eine bestimmte Absicht dieser Art, von mir ausgesprochen, sogleich die Besorgnis aufregen würde, ich möchte den Eifer zu weit treiben und die preußische Teilnahme mit der Haltung der übrigen Mächte wo nicht in Widerstreit, doch in Ungleichheit stellen, was man um jeden Preis vermeiden wollte. Denn man fühlte, wie das gute Vernehmen der Mächte, welches beim Wiener Kongreß und beim Zweiten Pariser Frieden kaum noch gehalten, nur an schwachen Fäden hing, und von allen Seiten war man besorgt, besonders aber in Berlin, keine zu starken Gewichte irgendwo daran zu heften. Wo es nicht unabweisliche, in die Augen fallende Gegenstände der Wohlfahrt oder Ehre galt, und selbst bei diesen oft genug, führte man die vorsichtigste Sprache der Bescheidenheit, wollte vor allem die Meinung der andern Mächte hören, suchte durch diese anzuregen, was man selber vorzutragen scheute, und ein festes Auftreten und bestimmtes Fordern waren ganz außer Übung; alle Geschäfte, deren Gang nicht schon durch frühere im Drange der Not oder in der Flüchtigkeit des Augenblickes gefaßte Beschlüsse vorgezeichnet war, litten schwer von dieser rücksichtsvollen Zagheit. Ängstlich suchte besonders unser Kabinett jeden Gedanken zu entfernen, als könnte es handelnd vorgreifen oder auch nur Ansichten festhalten wollen, die mit den andern Kabinetten nicht verabredet wären; nicht als hätte es an Gelüsten und Wünschen gefehlt – im Hintergrunde regten sich geschäftig eine Menge von Ansprüchen –, allein sie zeigten sich nur versuchsweise und zogen die Fühlhörner gleich wieder ein, wenn sie Widerständiges berührt hatten. So wünschte man in Berlin ganz entschieden, daß Baden dem Schicksal, das über ihm schwebte, unbeschädigt entginge; allein man wartete darauf, daß Rußland sich ausspräche oder Österreich anderweitig seinen Vorteil fände; niemals hätte man mir erlaubt, als[178]  preußischer Diplomat auf jenen Zweck offen hinzuarbeiten; ich durfte daher eine solche Absicht gar nicht aufstellen, sondern mußte mich beschränken, sie durch Inhalt und Ton meiner Berichte unter Vermeidung alles Aufsehens zu fördern. Beschäftigt und zerstreut, wie damals die Geschäftswelt in Berlin war, die in sich selber gar viel zu ordnen oder zu rücken hatte, konnte mir auf solche Weise, das wußte ich, für lange Zeit freie Hand bleiben.


Doch weit größere Schwierigkeiten standen mir in Baden selbst entgegen. Hier war seit dem Zerfallen des Rheinbundes und der Franzosenherrschaft eine Art politischer Auflösung; die alten Verhältnisse und Personen galten nicht mehr, in die neuen, welchen der Deutsche Bund zur Grundlage gegeben war, hatte man sich noch nicht gefunden, ja, man setzte sich ihnen feindlich entgegen, da man sie für gefahrdrohende hielt. In ratlosem, untätigem Schwanken hatte man alles versäumt, was Baden zu dem ihm gebührenden Ansehen verhelfen konnte; man war, ungeachtet der glänzenden Verwandtschaften, mit keinem der großen Höfe politisch verknüpft, mit keinem der Nachbarn auf sicherem Fuß des Vertrauens, mit keinem der Staatsmänner, welche den großen Kabinetten vorstanden, hatte man nähere Berührung. Ohne diese grenzenlose Vernachlässigung wäre es nie dahin gekommen, daß die Mächte wider Recht und Schicklichkeit so leichthin über Badens Zukunft verfügt und darüber Verträge abgeschlossen hätten; aber der Staat schien sich selber aufzugeben und bei der Mißachtung, in der er stand, nicht viele Rücksicht anzusprechen. Allerdings konnte dieser Nachteil jeden Augenblick gehoben werden, eine kräftige Leitung an die Stelle der schlaffen treten, ein klarer, fester Gang das Schwanken endigen. Doch gerade hiezu war eben jetzt, wo die Gefahr mit jedem Tage größer wurde, nicht die geringste Aussicht. Der Großherzog sah den jämmerlichen Zustand ein, aber ihm fehlten Entschluß und Kraft, ihn zu ändern, er ließ alles gehen, wie es konnte, und schleppte sich in gewohntem Geleise fort. Die Großherzogin[179]  stand ganz vereinzelt, ihre engern Beziehungen waren die alten französischen, auf die sie wohl verzichtete, doch ohne neue dafür eintauschen zu können; die Familie war, wie schon erwähnt, in sich entzweit, und die Selbstsucht jedes einzelnen Mitgliedes gönnte keinem andern den Vorteil, der aus dem Heil des Ganzen ihm erwachsen wäre. Die Minister besorgten jeder sein Fach, gewissenhaft oder saumselig, es kam nicht darauf an. Am schlimmsten war das politische Fach versehen, da Hacke weder Eifer noch Umsicht, weder Ansehen noch Einfluß hatte, die fremden Kabinette außer acht ließ und ihre Vertreter oft durch Hoffart und Übermut verletzte. Österreich war feindlich, Rußland gleichgültig gesinnt, Preußen, dessen guter Wille hier am wichtigsten werden konnte, wurde schnöde vernachlässigt und dies besonders an mir ausgeübt, der ich in meiner Stellung so sehr nutzen konnte und dazu so sehr bereit war. Ich sah mich daher genötigt, in Baden selber Krieg zu führen, indem ich für Baden nach außen zu streiten dachte; ohne einen Wechsel der innern Verhältnisse war für die äußern keine Hoffnung, und meine Sache gegen Hacke war nicht bloß die meine mehr. Ein harter und mühsamer Kampf lag vor mir, von dem ich wohl sah, daß ich ihn mit all meinen Kräften würde führen müssen. Mit all meinen Kräften, das konnte hier wenig sagen, wenn nur die gemeint sein sollten, die mein amtliches Verhältnis mir verlieh; zum Glück wußte ich mir andere, die, auf mein Amt gestützt und von ihm gedeckt, bedeutendere Wirkung haben konnten.
Nachdem der Großherzog und Hacke sich von Karlsruhe für längere Zeit wegbegeben, fand ich mein Verbleiben an dem langweiligen Orte unnütz und eilte mit Rahel nach Baden, wo wir mit Ungeduld erwartet wurden. Sie sah diese Gebirgslandschaft zum erstenmal und war entzückt; nach den ersten Umblicken und Ausflügen bekannte sie gern, daß dieses Stück Erdboden eines der schönsten und reichsten sei, die ihr vorgekommen. Das Allernächste und das Entferntere wetteiferten an Reiz, ja die Herrlichkeit schien bei[180]  jeder Erweiterung des Kreises nur immer zauberischer zu werden. Weniger günstig war im allgemeinen der Eindruck, den die hier zusammengeströmten Menschen machten, eine Mischung fremdartiger, mitunter sogar unheimlicher Bestandteile. Der Krieg und die ihm gefolgten politischen Veränderungen hatten eine Menge von Leuten aus ihrer Lage gebracht und auf diesen Markt des Verkehrs geworfen; man sah aus Frankreich, aus der Schweiz und aus Deutschland selbst eine große Zahl Abenteurer, Glücksritter, Abgesetzte, Verfolgte, den letztern zur Seite geheime Aufpasser, unsichere, mißfällige Gestalten, und der weibliche Teil meist noch abschreckender als der männliche. Rohes Benehmen und gemeine Stimmen, sowohl deutsche als französische, verleideten nicht nur die öffentlichen Säle, wo die Spielbank die höchsten Klassen und das niedrigste Gesindel vereinigte, sondern auch die Spaziergänge, die Ruheplätze im Freien; Auge und Ohr wurden auf das widrigste beleidigt, während feinere Manieren nicht selten auch nur Arglist und Betrug verdeckten. Die Ortspolizei war grundschlecht, sie machte stets Mißgriffe, wurde den ordentlichen Leuten beschwerlich und ließ die Schelme unangefochten. Einige Vorfälle, wo sehr achtbare Personen in ärgerliche Verwickelungen geraten waren, verbreiteten große Scheu, mit unbekannten Personen sich einzulassen sowie den Schutz der Behörde anzurufen; die große Badegesellschaft bewegte sich untereinander in gespannter Fremdheit, in Mißtrauen und Verdacht.
Dieses Treiben ging uns wohl wenig an und konnte uns kaum berühren. Wir bekamen nur das gleichsam Durchgesiebte, in dem großen und glänzenden Kreise, der uns bei unserer Ankunft in Beschlag nahm. Der General von Tettenborn bewohnte nämlich das damals schönste und wohlgelegenste Haus in Baden, und dieses stand jeden Tag von früh bis spät den ihm aus aller Welt zuströmenden alten und neuen Bekannten gastfreundlich offen. Während er die elegante Welt prächtig bewirtete, sie mit seinen zahlreichen Wagen- und Reitpferden zu den schönsten Lustorten führte,[181]  dort ihr glänzende Feste gab, wie diese Gegend sie vorher nie gesehen, war er zugleich der Anhalt der Bedrängten, die Zuflucht der Bedürftigen, die sich an seine unerschöpfliche Freigebigkeit nie vergebens wandten. Sein Kreis war aus allen Nationen gemischt, besonders aber reich an Russen und Franzosen. Von den letztern waren vorzugsweise die jetzt verfolgten Bonapartisten bei ihm gut aufgenommen, deren viele ihn an Napoleons Hof gesehen hatten und nun es dankbar empfanden, daß der ihnen im Kriege so feindliche General sie im Unglück jetzt so freundlich behandelte. Das Verfahren der zum zweitenmal wiedereingesetzten Bourbons, welche sich ganz den Händen der fanatischen Emigrantenpartei hingaben und jeden Tag durch Maßregeln des Hasses und der Rache bezeichneten, erweckte bei allen Edelgesinnten nur Widerwillen und Abscheu und warb der liberalen Partei, mehr als deren Grundsätze es vermocht hätten, Anhänger und Beschützer. Die Verfolger waren oft schuldiger als die Verfolgten und schlugen nur um so grimmiger auf diese, damit die eigene Schuld um so eher vergessen oder verziehen würde. Besonders empörte den bessern Sinn der Deutschen das Heer feiler Kundschafter, welche von den knechtischen Behörden jener frechen Partei in die benachbarten Grenzländer ausgeschickt wurden und mit denen auch Baden überschwemmt war. Hier galten die Spähereien nicht allein den Bonapartisten und Liberalen, sondern auch der Landesregierung, dem Hofe, wo die Anhänger Bonapartes in der Großherzogin Stephanie eine wichtige Stütze haben sollten; dies war völlig grundlos, aber die Frechheit ging so weit, daß man badischen Beamten zumutete, ihre eigene Fürstin an die französische Polizei zu verkundschaften! Auch bei Tettenborn wollten sich hochbetitelte Sendlinge dieser Art einschleichen, allein sie wurden mit Schimpf und Schande bald ausgewiesen. Alle Genossen unseres Kreises, wie ungleich sonst in politischer Denkart, stimmten darin überein, daß die Regierung der Bourbons in niedriger Leidenschaft ihr eigenes Verderben bereite; besonders[182]  waren die Russen und Engländer heftig im Ausdruck ihrer Verachtung und ihres Hasses gegen die unwürdigen, oft grundlosen Verfolgungen.
Frau von Demidow, geborne Stroganow, die reiche Russin, kam mit großem Gefolge aus Paris und ließ uns den Widerhall der dortigen Stimmung vernehmen, welche mit Ausnahme des Hofes und seiner engern Angehörigen durchaus liberal war und gegen die Bourbons sowohl als gegen die sie beschützenden fremden Truppen tiefen Haß nährte und gewaltsamen Ausbruch drohte. Ebenso berichteten die zahlreichen Offiziere, die von diesen in Frankreich zurückgebliebenen, besonders preußischen und österreichischen Truppen zum Besuch nach Baden kamen. Der noch jugendliche, aber schon vielerfahrene und kriegskundige General Bachelu, verbannt und flüchtig, weil er noch zuletzt bei Belle-Alliance in Napoleons Heer gefochten, traf aus der Schweiz ein und hatte dort von der großen Gärung in Burgund und Dauphiné gehört, wo das Stadt- und Landvolk noch sehr an Bonaparte hing oder vielmehr unter den alten Freiheitsgedanken, die unter seiner Gewaltherrschaft zwar unterdrückt waren, jetzt aber mit seinem Andenken wieder verträglich wurden, weil beiden ein gemeinschaftlicher Feind entgegenstand. Durch die Torheit der von Paris her täglich erneuerten Herausforderungen konnte der Volksunwillen jeden Augenblick in offenen Aufruhr übergehen und der Bürgerkrieg sich entzünden. Für uns Deutsche kamen noch die Besorgnisse hinzu, welche die Nachrichten aus der Schweiz, aus dem Schwarzwald, aus Württemberg und selbst aus Tirol uns erregten; diesen ganzen Zusammenhang von Gebirgsländern durchzog ein Geist der Unzufriedenheit, der bei dem kraftvollen Sinne der Bewohner furchtbar werden konnte, wenn diesen einmal gemeinsam zu handeln einfiel.
Ein Ausflug in das nahe Elsaß ließ mich alles bestätigt finden, was mir Deutsche und Franzosen von der dortigen Stimmung berichtet hatten. In diesem ursprünglich deutschen Lande war der deutsche Charakter in voller Kraft[183]  wirksam, aber nicht zugunsten der erst aufgekommenen politischen Deutschheit, welche eigentlich ein norddeutsches oder, noch genauer, ein preußisches Erzeugnis war und hier gar nicht verstanden wurde. Was hätte auch in unsern heimischen Zuständen eine solche Sympathie wecken dürfen? Etwa der Blick über den Rhein in das jämmerlich regierte Baden, in das bedrückte, uneinige Württemberg, in die zerrissene Pfalz? Da war es doch besser, dem großen Frankreich anzugehören, das selbst in der Unterdrückung unter den früheren Königen, unter Bonaparte und jetzt wieder unter den Königen, mit denen die Fremdherrschaft ins Land gekommen war, mehr Freiheit und zugleich mehr Gedeihen und Wohlfahrt genoß als Deutschland nach seinen großen Siegen. So wenigstens stellten die Elsasser ihre Lage dar, und das Tatsächliche war nicht zu widerlegen. Im Volke lebten die Eindrücke der bonapartischen Zeit, und weiter zurück die der Republik, mächtig fort, die Restauration der Bourbons hatte hier noch nicht Wurzel gefaßt. Straßburg galt als eine der revolutionärsten Städte Frankreichs, hier ließ man noch oft den Kaiser Napoleon hochleben und schaffte auch die Dreifarben nicht völlig ab, welche den Augen seit einem Vierteljahrhundert vertraut und lieb geworden. Gar kein Wohlgefallen fand man aus gleichem Grunde an den neuen königlichen Truppen, an den statt der alten berühmten Regimenter neu errichteten Legionen; diese konnten in der Tat keine Vergleichung mit den kaiserlichen Scharen aushalten; wie diese durch und durch kriegerisch ausgesehen hatten, so sahen jene nicht einmal soldatisch aus, ihre Haltung war schlaff, ihre Waffenübung träge, Geist und Eifer fehlten ganz und gar, die alten bonapartistischen Offiziere, die noch beibehalten waren, hielten sich verschämt zurück, die neuen bourbonischen Offiziere wagten sich nicht hervor, die Truppen fühlten es, daß sie ihrer Zusammensetzung nach untüchtige sein mußten; nur die Artillerie machte noch eine Ausnahme. Der französische Präfekt, Graf Bouthillier, behandelte die Einwohnerschaft mit[184]  kluger Vorsicht und ließ vieles unbemerkt, was im innern Frankreich die schärfste Rüge würde erfahren haben. Wenige Monate später fand er zu bereuen, diese Klugheit um des überwältigenden Ansehens willen, das mit dem Namen des Siegers von Waterloo verbunden war, außer acht gesetzt zu haben. Wellington war auf einer Truppenbesichtigungsreise auch nach Straßburg gekommen, und der Präfekt hatte angeordnet, daß bei dem Erscheinen des Helden im Theater das Lied »God save the king« gespielt wurde. Als der Lord die Ungeschicklichkeit übte, hiezu durch Klatschen seinen Beifall zu geben, brach ein ungeheurer Sturm los: »Weg mit fremden Liedern«, hieß es, »französische, französische!« Der Tumult war so furchtbar, daß der Präfekt sogleich nachgab und mit seinem Gaste sich eiligst entfernte, um persönlicher Gefahr auszuweichen. Für den Augenblick mußte es schon eine Beruhigung sein, daß die Unzufriedenheit, obschon ernst und zäh und darin sehr deutsch, doch nicht die geringste Hinneigung zu den Nachbardeutschen zeigte.

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Mit Rahel diese merkwürdige Stadt zu durchwandern, den Münsterturm zu besteigen, die früheren Zustände uns zu vergegenwärtigen, besonders auch Goethes hier verlebte Jugend und meine eigene an dem Örtlichen neu zu entzünden, gab mir einen hohen Genuß, den ich oft ersehnt hatte. Professor Schweighäuser der Sohn, mit Rahel schon von Paris her bekannt, war uns dabei ein erwünschter sinniger Begleiter, der die Vorzüge Straßburgs und des Elsasses als gründlicher Kenner leidenschaftlich anpries und vor Augen zu stellen suchte.
Fünf Wochen eines belebten Aufenthalts in Baden waren schnell verflossen; die Gesellschaft, welche zumeist die unserige gewesen, machte schon neuen Ankömmlingen Platz, auch Tettenborn kehrte nach Mannheim zurück, und wir folgten ihm gern dorthin, nach einem kurzen Aufenthalt in Karlsruhe, wo ich für jetzt nicht lange sein wollte. Der Großherzog weilte noch in Griesbach, und meine Geschäfte mit Hacke waren ohnehin nur schriftlich zu führen. Da ich[185]  des Großherzogs sicher zu sein glaubte, so durfte ich wagen, was sonst nicht ratsam gewesen wäre, statt der Hauptstadt diesen Sitz der badischen Opposition zum Aufenthalt zu wählen; die Annehmlichkeiten des hiesigen Lebens ließen kein Bedauern deshalb aufkommen.
Mannheim ist die im südlichen Deutschland am meisten norddeutsche Stadt; ein Kern von höherer Bildung des Geistes und Geschmacks hatte sich unter dem Kurfürst Karl Theodor fruchtbar angesetzt und pflanzte sich in Geselligkeit, Literatur, Kunstsinn, besonders auch im wohlgepflegten Theaterwesen noch immer fort; manche Spätlingserscheinung bezeugte durch Wort und Tat den Glanz jener frühern Zeiten. Die Familien von Dalberg, von Berlichingen, von Venningen und andere dieser Geltung waren hier ansässig; der in Karlsruhe beglaubigte niederländische Gesandte, Admiral von Kinkel, hatte hier seine feste Wohnung; Fremde, wie der Freiherr Strick van Linschoten, der General von Tettenborn, der General von Knorring, Herr Abegg aus Elbing, ließen sich gern auf längere Zeit hier nieder; an Besuchenden und Durchreisenden fehlte es nicht. Ohne Frage war Mannheim damals lebhafter und freundlicher als Karlsruhe; dort hatte ein verschwundener Hof gute Wirkungen zurückgelassen, die ein vorhandener meistenteils vermissen ließ.
Ich war kaum vierzehn Tage in Mannheim, so erfolgte von seiten Hackes die verbindliche Aufforderung, mich zum nächsten Hofzirkel in Karlsruhe einzufinden, wo meine Vorstellung geschehen werde. Ich kam, und die Vorstellung hatte in gewohnter Weise statt, mit allem Zubehör von Besuchen und Einladungen. Der Großherzog war äußerst freundlich und sagte mir sogar mit leiser Vertraulichkeit, er rechne darauf, nun außer Tettenborn noch einen zweiten Freund in der Nähe zu haben. Die Großherzogin tat gleich, als wär ich ein alter Bekannter, und geriet mit mir bald in ein so ernstes Gespräch, daß es den Hofleuten auffiel und besonders Frau von Hacke ihre Ungeduld nicht bergen[186]  konnte; der Großherzog hatte sich schon längst entfernt, und noch immer standen wir und sprachen, die Hofleute mußten auch stehen und warten, bis ich endlich entlassen wurde. »Die Hoheit ist ja sehr gnädig gegen Sie gewesen, Sie müssen ihr angenehme Dinge gesagt haben, so lange hält sie sonst nicht aus«, sagte mir Hacke beim Weggehen mehr spitz als artig, und ich erwiderte ihm ebenso, daß ich recht gut wisse, welchen Dank ich ihm dabei schuldig sei, zugleich macht ich ihm die Anzeige, daß ich nochmals nach Mannheim zurückkehren würde, was ihm offenbar unerwartet kam.
Gleich darauf erfolgte auch die Vorstellung bei der verwitweten Markgräfin Amalia und ihrer Tochter, Prinzessin Amalie, darauf bei der Königin Friederike von Schweden und ihren Prinzessinnentöchtern, dann bei den Markgrafen Ludwig und Friedrich; und zuletzt wurde auch die Gräfin von Hochberg nebst Söhnen und Tochter anstandshalber besucht. Die verwitwete Markgräfin wandte mir sogleich ihre Gunst zu, sprach über viele frühere Verhältnisse in Preußen, die mir zum Teil wohlbekannt waren, und bezeigte sich überhaupt so mitteilend, verbindlich und angenehm, daß ich überaus zufrieden sein konnte. Mir entgingen dabei doch die Winke nicht, welche deutlich merken ließen, daß eine vorzugsweise hieher gerichtete Beeiferung und ein Anschließen an die hier gültigen Interessen meinerseits der Preis sein müsse, durch den ich ein solches Wohlwollen und eine solche Freundlichkeit mir verdienen und dauernd erhalten könnte. Ein Ansinnen, welches bei meiner schon ausgesprochenen Ergebenheit für die Großherzogin schwierig zu erfüllen war.
In den Herbst dieses Jahres fielen einige politische Ereignisse, die ich nicht unerwähnt lassen darf. Eines der wichtigsten und folgenreichsten geschah in Frankreich; die Ultraroyalisten, die Fanatiker, die weißen Jakobiner, wie sie auch genannt wurden, hatten in der Deputiertenkammer, wie sie nach den Hundert Tagen durch Gewalt- und Trugwahlen zustande[187]  gekommen war, dergestalt die Oberhand und mißbrauchten diese zu so maßlosem Wüten, daß sie der Regierung selbst gefährlich wurden und der König sie fürchten mußte. Ludwig XVIII. hatte keineswegs den hellen Verstand und den festen Willen, die man ihm bisweilen zugeschrieben; allein er war im höchsten Grade eifersüchtig auf seine angeborene Macht und Würde, und wenn diese bedroht schienen, so konnte allerdings sein träger Sinn zur Entschlossenheit gereizt werden. Sein Bruder und Thronfolger, der Graf von Artois, stand an der Spitze jener Partei, die den König meistern wollte, und dieser fühlte die Notwendigkeit, gegen die Partei seines Bruders einen kräftigen Schlag auszuführen. Durch seinen Minister Decazes geleitet, gab er die berühmte Verordnung vom 5. September, durch welche die Deputiertenkammer aufgelöst, neue Wahlen anbefohlen und zugleich die Versicherung erteilt wurde, daß die beschworene Verfassungsurkunde unverletzt bleiben sollte. Die Ultras waren geschlagen, eine gemäßigtere Kammer ging aus den neuen Wahlen hervor, die Regierung benahm sich etwas freisinniger; im ganzen aber war wenig gewonnen, die Minister schalteten willkürlich wie vorher, die geschlagene Partei behielt Macht und Einfluß, und immerfort wurde sie ängstlich berücksichtigt, ihren Forderungen nachgegeben, besonders wenn es galt, Bonapartisten und Liberale zu verfolgen. Dennoch kann man sagen, daß jene berühmte Verordnung vom 5. September damals Frankreich gerettet, die Katastrophe, zu der die blinde Wut der Reaktion die Bourbons drängte, noch auf viele Jahre hinausgeschoben hat.
Daß der österreichische Kaiser Franz, durch den Tod der edlen und geistvollen Kaiserin Maria Ludovika von Este zum drittenmal Witwer, zur vierten Heirat schreiten würde, war von allen, die ihn kannten, vorausgesagt worden. Er wählte die Tochter erster Ehe des Königs Max Joseph von Bayern, die früher dem Kronprinz von Württemberg vermählt gewesen war; jedoch hatte dieser die Ehe nicht vollzogen und sie in der Folge als ungültig aufgelöst. Diese[188]  neue Verbindung war für die süddeutschen Verhältnisse politisch wichtig, insofern sie den Vergrößerungsgelüsten Bayerns einen neuen Rückhalt an Österreich gab und deren vereinte Zwecke Württemberg und Baden mißtrauischer und wachsamer machen mußte.
Wichtiger und unmittelbarer einwirkend war der plötzliche Tod des Königs Friedrich von Württemberg und die Thronbesteigung seines Sohnes, des nunmehrigen Königs Wilhelms I., der als Kronprinz, wie die meisten Kronprinzen, große Hoffnungen erregt hatte. Seine Anhänger priesen seinen Kriegsmut und seine Feldherrngaben, für beides sollte die Schlacht von Montereau zeugen; die Deutschgesinnten rechneten auf ihn, die Freigesinnten nicht weniger. Man hoffte, der württembergische Verfassungsstreit würde durch ihn auf das glücklichste erledigt werden; Stein war mit ihm in Briefwechsel, Wangenheim hatte sein ganzes Vertrauen; aus dem Rate solcher Männer, glaubte man, müsse Vortreffliches hervorgehen. Sehr bedeutend erschien seine Gemahlin, die Königin Katharina, Schwester des russischen Kaisers, auf welchen sie nicht ohne Einfluß war und durch dieses Verhältnis das Ansehen Württembergs weit über das Maß seines eigenen Vermögens erhob. Für Baden konnte dieser Weg, auf Rußland einzuwirken, sowie die ganze Stellung des Königs nur günstig sein, wiewohl noch niemand daran dachte, beides zu benutzen; im Gegenteil suchte man dem Großherzog Mißtrauen einzuflößen und den Verfassungseifer des Königs als für Baden nachteilig zu schildern, wo das Wort Verfassung oder Stände dem Hof und dem bisherigen Regierungswesen ein Greuel war.
Für Deutschland erschien denn auch nach langem Harren endlich der Bundestag; er wurde am 5. November feierlich eröffnet. Der österreichische Präsidialgesandte unterhielt in einer schwerfälligen, ungelenken Rede die Versammlung und demnächst die Nation – denn die Verhandlungen mußten damals vorschriftgemäß im Druck erscheinen – von den guten Absichten und großen Zwecken, welche die Regierungen[189]  durch den Bund erreichen wollten, und belehrte sie ausdrücklich, daß der Bund kein Bundesstaat, sondern ein Staatenbund sein solle, ein Unterschied, auf den man eben erst aufmerksam geworden war. Wilhelm von Humboldt, der preußischerseits bei dieser Eröffnung auftrat, sagte nichts Erhebliches, und auch die andern Gesandten gaben nur längere oder kürzere Zustimmung. Alles ging kühl, träge, pedantisch her. Dem entsprach die öffentliche Teilnahme; durch das lange Zögern und durch alles, was von den vorbereitenden Anstalten und Beratungen bekannt geworden, hatte sich die Täuschung, als werde hier den Deutschen ein neues Heil aufgehen, längst verloren; man sah Preußen mit Österreich einverstanden oder diesem nachgiebig, und von Österreich wußte man, daß es nur den alten Einfluß in Deutschland anstrebte, um jede neue Entwickelung zu hemmen. Mit gleichgültiger oder höhnischer Neugier vernahm man die mannigfachen, oft lächerlichen Vorgänge, in denen der Bundestag sich bemerklich machte. Für Österreich und Preußen war er eine auswärtige, das Volk so gut wie gar nicht berührende Angelegenheit; Bayern und die übrigen ehemals rheinbündnischen Staaten fürchteten eine Beschränkung ihrer teuer erworbenen Souveränität; Sachsen und Hannover, ersteres durch Verlust, letzteres durch zu geringen Gewinn mürrisch, zeigten keine Neigung zum raschen Fortschreiten; die Kleinsten der Bundesglieder wußten noch nicht, ob der Bundestag ihre Selbständigkeit aufheben werde oder befestigen, die Mediatisierten sahen schon, daß ihren Ansprüchen der Boden nicht günstig sei, und ebenso war die katholische Partei schon völlig überzeugt, daß die Wünsche und Strebungen ihrer Kirche hier nie durchdringen würden. Daß der Bundestag nicht dazu da sei, die Sache des Volks und der Freiheit, der gemeinsamen Wohlfahrt und Ehre des Vaterlandes zu fördern, diese Überzeugung war allgemein verbreitet und leider nur zu sehr begründet.
Dennoch gab es unter den Bundesgesandten selbst eine kleine Schar vaterlandseifriger und mutiger Männer, deren[190]  Gesinnung und Kraft den Bundestag, seiner schlechten Anlage zum Trotz und wider alles Gegenstemmen der Großmächte, zu einer wirksamen Nationalbehörde zu machen strebten, zum gesetzlichen Anhalt für Recht und Freiheit, zur lebendigen Mitte des deutschen politischen Lebens. Gagern von Luxemburg und Nassau, Plessen von Mecklenburg-Schwerin, Berg von Oldenburg, Smidt von Bremen standen in diesem Streben rühmlich voran und suchten sowohl die Arbeiten der Bundesversammlung selber zu beleben und zu fördern als auch für dieselben nach außen den Anteil und die Gunst der Nation zu gewinnen. Was in der ersten Zeit am Bundestage noch einigermaßen von Trieb und Tätigkeit zu finden war, die Beratung über die Weiterentwickelung des Bundes durch organische Gesetze, die Ernennung besonderer Ausschüsse für bestimmte Geschäfte, das Annehmen und Erwägen aller Arten von Beschwerden, dies und vieles andere ist hauptsächlich dem wackern Eifer dieser tätigen und klugen Minderheit zu verdanken, vor deren Überlegenheit an Einsicht und Kenntnis das große Ansehen des höchst beschränkten Präsidialgesandten sich beugen mußte. Zum Teil mit ihnen verbunden, zum Teil unabhängig von ihnen, wirkten noch viele deutsche Männer zu demselben Zwecke. Ich selbst ließ es mir angelegen sein, die Hoffnungen auf den Bundestag nicht sinken zu lassen, ihn als die ausgesprochene Einheit der Nation zu bezeichnen, als das vorläufig um alle Stämme geschlungene Band, das, wie schwach und lose jetzt es noch sein möge, durch unablässigen Eifer und gemeinsame Arbeit ein starkes und festes werden könne. Solange jene Minderheit, aus der später durch Wangenheims Zutritt eine kraftvolle Opposition entstand, in ihrer Richtung tätig blieb, durften wir die Hoffnung, daß der Bundestag den gerechten Forderungen der Nation entsprechen könne, wirklich nicht aufgeben.


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Der Sturz von Hacke schien unerläßlich, wenn aus der Halbheit heraus ein wirksames Ganzes entstehen sollte. Ich[191]  unterließ nichts, um darauf hinzuarbeiten; ich führte eine gute Sache, die des Landes und Fürsten, wo ich angestellt war, die dem preußischen Vorteil entsprechende, nebenher meine persönliche. Hacke selbst vermehrte unablässig die Waffen, die gegen ihn zu gebrauchen waren. Sein loses Reden, sein unsinniges Betragen machten ihm stets neue Feinde. In der großherzoglichen Familie hatte er nirgends einen Anhalt.
Aber bei allem Eifer, den ich dieser Sache widmete, ließ ich doch nicht meinen Blick ausschließlich auf sie geheftet; er umfaßte das ganze politische Gebiet: was zu Hause in Berlin vorging, was in Deutschland, dieser Musterkarte mannigfacher Staatengebilde, zusammen- und auseinanderstrebender Bestandteile, sich hervorarbeitete; die Gärungen in Frankreich und England, alles reizte und beschäftigte mich und in allem zumeist die Entwickelungen der Völker zur Freiheit, zu freien Verfassungen; was dahin strebte zu fördern, zu steigern, war mir heiligstes Anliegen. Der gute Schein, den in dieser Beziehung Preußen von dem Wiener Kongreß her trug und in späteren Verkündigungen nicht gerade abwerfen wollte, konnte mich in dieser Richtung äußerlich genugsam schützen, und ich war versichert, daß, solange der Staatskanzler das Steuer führte, mich dieserhalb kein amtlicher Vorwurf treffen würde, falls nicht ein besonderes Ärgernis dazu aufforderte: ein solches aber war so leicht nicht zu befürchten, da ich nirgends öffentlich aufzutreten hatte und meine Stimme nur in den namenlosen Erörterungen der Tagesschriften und Zeitungen erhob; das mündliche Wort kam weniger in Betracht, wurde vergessen oder verziehen oder gar als ein kluges Erkunden gedeutet, bei dem die eigene wahre Meinung nicht beteiligt sei. In jener Zeitungstätigkeit war ich seit Jahren heimisch, hatte gute, sichere Verbindungen und konnte, begünstigt von den Umständen, manchen kühnen Wurf wagen. Die Funken sprühten weit umher, zündeten vielfach, und die sichtbare Wirkung wurde zum Anreiz, das Feuer unablässig fortzusetzen,[192]  zu verstärken. Unzählige kürzere und längere Aufsätze von mir liegen in den Jahrgängen der damals gelesensten Zeitungen zerstreut; was sich davon bei mir durch Zufall erhalten hat, ist von der Art, daß ich es noch heute in meinem Alter billigen kann, weder des Inhalts noch des Ausdrucks hab ich mich zu schämen; und wie sehr ich aus dem tiefsten Sinn und Leben der Nation heraus gesprochen, dafür gilt als bestes Zeugnis, daß dreißig Jahre später, als die Nation erwachte und wirklich frei zu werden begann, meine früheren Worte großenteils ein Ausdruck dessen waren, was die neueste Zeit im allgemeinen forderte. Meine Artikel sprachen unaufhörlich für das Bürgertum, gegen die Vorrechte des Adels, gegen die Willkür der Behörden, für die Erfüllung des dreizehnten Artikels der Bundesakte, für die Einheit der ständischen Vertretung; wo sich Gleichgesinnte zeigten, trat ich ihnen bei; Rotteck schrieb über stehende Heere, bald nachher Liebenstein ebenfalls, Oelsner schrieb über das preußische Kabinett, ich zeigte ihre Schriften lobend an, nicht einmal oder zweimal, nein, an den verschiedensten Orten und immer wieder. Ich war für das »Schweizerische Museum« von Troxler, für Ludens »Nemesis«, besonders auch für die »Jenaische Literaturzeitung« tätig, und hier war, wenn die Zeitungen mehr den Plänkeleien dienten, bisweilen der Ort für schweres Geschütz.
Ich kann mir nicht versagen, ein paar kürzere Artikel, in der Mitte des Sommers 1816 veröffentlicht, als Merkwürdigkeit hieherzusetzen. Der »Deutsche Beobachter« gab ein Schreiben aus Frankfurt am Main vom 5. Juli, das also lautete:
Nach manchem Hin- und Herwenden der Sache scheinen die Anzeigen nun doch größtenteils darauf hinauszulaufen, daß der Deutsche Bundestag gegen die Mitte des Augustmonats eröffnet werden soll; Mißtrauische, die sich bei dieser Gelegenheit noch in großer Zahl zeigen, wollen auf noch längeren Aufschub gefaßt sein, so daß vielleicht die Eröffnung auf denselben Tag, wie sie anfangs festgesetzt war,[193]  nur gerade ein volles Jahr später erfolgte; immerhin, wäre nur dieser Zeitpunkt wirklich unaufschiebbar angenommen, die Beschämung für diejenigen, die ganz und gar an dem Zustandekommen des Bundestages zweifeln wollten, würde noch immer groß genug sein.
Der Nachteil, der für die Deutschen aus einem so langen Liegenlassen ihrer allgemeinen Angelegenheiten entsteht, ist wahrlich nicht gering anzuschlagen. Das Volk im ganzen fühlt es schmerzlich und sieht sich von dem Auslande bemitleidet, daß selbst die zerrütteten Franzosen, ja die Polen sogar, zur Betreibung ihrer Nationalsachen schneller und rüstiger gelangen, als es den an Geist, Willen, Bildung und Mut so hochstehenden Deutschen gegönnt ist. Der Nachteil ist groß und darf mit Grund und Wahrheit eine Kalamität genannt werden. Zwar stehen unsere Berge und Häuser darum nicht minder, die Flüsse hören nicht auf zu strömen, der Acker trägt nicht weniger, das Brot wird nicht kleiner, und es schießt sich darum keiner eine Kugel vor den Kopf; auch gehen die Abgaben richtig ein, und die Gehalte werden ausgezahlt, die Gesandten gehen an die Höfe, die Soldaten ziehen auf die Wache und die Schauspieler auf die Bühne, zum Nutzen und Vergnügen scheint kein nötiges Stück zu fehlen: aber im geistigen Staatsleben, im tieferen Volkstum leiden wohl die edelsten Teile, stocken die besten Säfte, ermattet das mutige Herz und verdorrt die frischeste Kraft! Ein Volk wie das unsere, das noch so viel zu leisten und die höchsten Stufen seiner wahrscheinlichen Weltbestimmung noch in weiter Ferne zu ersteigen hat, darf nicht ohne traurige Folgen den Wirkungen zufälligen Auseinandergehens und vereinzelten Hinschwebens, aus dem es sich kaum erst zu kräftigem Gange mit Selbstbewußtsein endlich herausgearbeitet hat, aufs neue wieder zerstreut und lose überlassen werden!
Darum wollen wir keineswegs die Hoffnung, aber auch nicht die Forderung aufgeben, daß der Bundestag sobald als möglich den deutschen vaterländischen Angelegenheiten[194]  Form und Gemeinschaft gebe und mit Weisheit und Kraft über dem Ganzen des Bundes walte.
Und gleich darauf ein anderes vom 8. Juli:
In unserm lieben Deutschland sieht es wahrlich bunt aus; wohin man schaut, da erblickt man verwirrte Verhältnisse, streitige Rechte, Uneinigkeit und Auseinandergehen! Niemals war unser gemeinsames Vaterland mehr aufgelöst; wo soll man es fassen, um sich daran zu halten, wo und wie ihm seine Liebe und Hingebung beweisen? Überall sind nur einzelne, zerstückelte, einander mit Bitterkeit bestreitende Elemente, alter verjährter Rust, alberner Dünkel, trostlose Dumpfheit: welcher Deutscher kann und mag darin sein Vaterland finden? Es ist Zeit, daß der Deutsche Bundestag eröffnet werde; sowenig man auch von ihm erwarten will, so ist er doch das einzige gerettete Überbleibsel der großen Hoffnungen, die die deutschen Völker nach der Leipziger Schlacht für ihre gemeinsame starke Verbindung, für ein freies und trotziges Selbstbestehen fassen konnten. Es müsse sich zeigen, ob wir auch diesmal wieder zu Zwietracht und Zersplitterung rettungslos zurücksinken als eine elende, nichtsnutzige Nation, der ihre Kräfte alle vergeblich verliehen sind, oder ob wir noch zu einem großen, rechten Gemeinwesen durch Mut und Arbeit empordringen sollen! Wenn ein neuer Krieg kömmt, wie findet er uns? wie stehen wir da? als ein Volk, das die ihm von Gott geschenkte Gelegenheit zu einem tüchtigen Werke benutzt hat? Möge die Zeit solcher Prüfung uns nicht zu schnell übereilen!
In beiden Artikeln ist ein Zustand ausgedrückt, der heute, im Juli 1850, noch und wieder so sehr derselbe ist, daß die alten Worte der Klage und Anklage höchstens darin eine Änderung erleiden mögen, daß der Bundestag damals eine schwache Hoffnung war, jetzt aber ein Verrat und Hohn ist.



 Karlsruhe. Baden. Berlin
1817










[195] Das Jahr 1817 kündigte sich als ein bewegungsvolles an und führte eine Reihe merkwürdiger Vorgänge durch unsern Kreis und an ihm vorüber.
Die badische Sache stand in großer Krise und konnte jeden Augenblick verloren sein; weniger durch das doch ernste und bedenkliche Vordringen der Gegner als durch die eigne Verwahrlosung und Ungebärdigkeit. Der Minister von Hacke hatte nach allen Seiten solche Verstöße gemacht, die Sachen so verfahren, daß er zuletzt keinen Ausweg mehr wußte. Der General von Schäffer war mit dem Auftrage, die Bedrängnis Badens dem Kaiser Alexander dringend vorzustellen, nach St. Petersburg gesandt worden; allein dort angekommen, fand er, daß die ihm mitgegebenen diplomatischen Ausfertigungen nicht in gehöriger Form waren und statt eines amtlichen Geschäftsverkehrs nur ein vertraulicher aus persönlicher Rücksicht zugestanden wurde; Schäffer war wütend und erklärte geradezu, Hacke könne ein solches Versehen nur absichtlich begangen haben, um die Sendung scheitern zu lassen, was einem Verrat gleichkäme. Die Sendung des Generals von Stockhorner nach Berlin war be stimmt und angekündigt, erfolgte aber immer nicht, und auch dies legte man dem Minister zur Last, der das dem Großherzog eigne Hinzögern in diesem wichtigen Falle nicht durch entschlossenes Auftreten zu überwinden suchte. Der Großherzog war mit allem sehr unzufrieden, allein von selbst tat er nichts, und wenn er seinen dicken Minister sah, ergötzte er sich an dessen Torheiten und plumpen Späßen, die oft die einzige Würze seiner langweiligen Tage waren. So erzählte er mit Wohlgefallen, daß, als er nach einem gehabten Vortrage Hacken entlassen, um auf die Jagd zu gehen, dieser zuletzt ihm nachgerufen: »Nun, gnädiger Herr, draußen schießen Sie Säue und hierinnen schießen wir lauter[196]  Böcke«, worauf er zwar erwidert: »Sie haben ein ungewaschen Maul!«, aber jener flugs den Schluß gesetzt: »Ei, schicken Sie mir nur die Sau, nachher will ich mir das Maul schon waschen!« Ein andermal sagte Hacke zu Tettenborn ohne Rückhalt, die Wirtschaft in Karlsruhe sei die tollste von der Welt und er selbst mache sie nicht vernünftiger; es sei keine Kunst, wenn die fremden Gesandten von hier aus lustige und arge Depeschen nach Hause schrieben, er wollte an ihrer Stelle noch ganz andere Dinge schreiben, als irgendeiner der Herren jetzt es etwa tue.
Da der Hof sich bemühte, der Hauptstadt einigen gesellschaftlichen Schimmer zu geben, so fehlte es an festlichen Versammlungen nicht, und auch die kleineren geselligen Kreise belebten sich wenigstens äußerlich, denn im ganzen blieb es ein erkünsteltes Wesen und ein matter Schein.
In Mannheim hatte der dortige unzufriedene Adel sehr mit Verfassungsentwürfen zu tun. Im allgemeinen war ihm an ständischen Rechten nicht viel gelegen, ein dunkles Gefühl sagte ihm, daß seine Vorrechte noch immer in dem jetzigen verfassungslosen Zustande besser gewahrt seien, als sie es in einer Verfassung sein würden, die doch den Bürgern und Bauern auch Rechte zugestehen müsse, und zwar solche, mit denen jene Vorrechte den unausweichlichen Kampf auf die Dauer nicht aushalten könnten. Allein Verfassung und Stände waren das Feldgeschrei, durch die man die verhaßte Regierung am besten ängstigen, sie am ehesten zur Nachgiebigkeit bringen konnte; überdies hatte der Großherzog eine ständische Verfassung bereits förmlich angekündigt, und der dreizehnte Artikel der Bundesakte sagte, daß sie in allen Staaten des Bundes bestehen werde. Man glaubte damals, keine Regierung werde sich dieser Verpflichtung entziehen dürfen, und arbeitete daher in diesem Sinne vorwärts. Während Baden noch zögerte, waren bereits Weimar, Hannover und Sachsen eifrig am Werk, auch Preußen hatte seine Verheißung vom 22. Mai 1815 und sprach bei jeder Gelegenheit von seiner zukünftigen Verfassung als von[197]  einer Sache, die sich von selbst verstehe. In Württemberg hatte der vorige König in voreilender Hast noch während des Wiener Kongresses eine Verfassung gegeben, durch die er alle Ansprüche nicht sowohl befriedigen als abfertigen wollte; allein sie waren nur heftig dadurch aufgeweckt worden, und er hinterließ die bittern Kämpfe bei seinem Tod unerledigt. Der jetzige König hatte den besten Willen, eine Verfassung zu geben, die allen gerechten Forderungen entspräche. Doch welches waren diese Forderungen, und wie weit durften sie gehen, ohne ihm ungerechte zu werden? Sein geistvoller, mutiger, freigesinnter Minister von Wangenheim, dem er in diesen Dingen ganz vertraute, hatte sich ein Urbild konstitutionellen Gleichgewichts ausgedacht, eine Adelskammer, eine Deputiertenkammer, einen Staatsrat – in Württemberg Geheimer Rat genannt –, ein verantwortliches Ministerium, einen konstitutionellen König, alles nicht eben neu, wie man sieht, aber durch Wangenheim sinnreich erklärt und begründet für die württembergischen Großen und Kleinen. Mit diesem Werke war man emsig beschäftigt, und der König bemühte sich, demselben allen Nachdruck zu geben und ihm auch auswärts gewichtige Stimmen zu verschaffen; er war deshalb mit Stein in Verbindung getreten, der ihn auch in Stuttgart besuchte und der beredten Dialektik Wangenheims nicht viel entgegenzusetzen wußte.
Wichtiger noch als diese Vorgänge in Württemberg erschienen die Veränderungen, welche in Bayern eintraten. Hier war der seit so vielen Jahren allmächtige Minister Graf von Montgelas, der unter französischem Schutze Bayern zu seiner nunmehrigen Größe und Bedeutung erhoben hatte, plötzlich entlassen, und statt seiner trat der Graf von Rechberg an die Spitze der Staatsleitung. Dies große Ereignis hatte der Kronprinz bewirkt, und es hieß, Bayern werde nun einer wahrhaft deutschen Richtung folgen und auf der konstitutionellen Bahn ein großes Beispiel geben. In Baden wurde man hiedurch nicht wenig geängstigt; man sah einen großen Sieg Bayerns in der öffentlichen[198]  Meinung voraus, die damals noch als eine Macht angesehen wurde, und fürchtete den nachteiligen Rückschlag auf Baden. Dem Großherzog wurde durch Reizenstein und Marschall unterderhand vorgestellt, wie nötig es sei, noch vor Bayern ständische Einrichtungen zu treffen und dadurch die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen, auch forderte die Unordnung der Finanzen und die Willkür in der Verwaltung dringend eine Abhülfe, die nicht besser zu finden sein konnte als in einer ständischen Aufsicht; aber zu viele Personen sahen ihren Vorteil zu sehr mit der bisherigen Unordnung verknüpft, als daß sie nicht alles angewandt hätten, jenen Rat zu vereiteln, was ihnen bei der Trägheit des Großherzogs nur allzuleicht wurde. Auch Tettenborn, der lebhaft für Verfassung sprach, konnte nichts ausrichten; es hieß, man müsse erst sehen, wie die Sachen in Württemberg und Bayern abliefen.
Gegen Ende des März richteten sich alle Blicke neugierig nach Karlsruhe, weil ein merkwürdiger, ungewöhnlicher Besuch dort eintraf. Die Prinzessin von Wallis hatte Italien verlassen, wo sie zuletzt unter Ausspähern und Verrätern gelebt, und kam, nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen an andern Orten, auch nach Karlsruhe, um zu sehen, ob ihr die Stadt zu längerem Aufenthalt gefalle. Man glaubte ihr die Aufnahme bei Hof nicht verweigern zu dürfen, wiewohl ihr Mißverhältnis zu ihrem Gemahl, dem Prinzregenten von England, nicht nur bekannt, sondern auch sichtbar genug war und die Zuflüsterungen nicht fehlten, welche bemerklich machten, daß in England die Zurückweisung dringend gewünscht und hoch angerechnet werden würde. Der Großherzog meinte, er sei nicht zum Richter jenes häuslichen Zwistes bestellt, der Lebenswandel der Prinzessin gehe ihn auch nicht an, noch immer sei sie Prinzessin von Wallis und als solche und als seine Verwandte habe sie auf alle äußeren Ehren, die ihrem Range gebührten, ungeschmälerten Anspruch. Der sonst lässige, unentschlossene, aber im Herzen edle und mit gutem Verstande begabte Fürst hatte solche[199]  Augenblicke großmütiger und fester Entschließung, denen nur eine gedrängtere Aufeinanderfolge zu wünschen gewesen wäre. Genug, die von mächtigeren Höfen abgewiesene Prinzessin fand an dem badischen, der hierin selbständiger war als jene, den begehrten Zutritt. Ihr Aufzug und Gefolge war allerdings seltsam und anstößig und gab weit und breit zu reden.
Unmittelbar nach dieser kurzen Erscheinung der Prinzessin von Wallis hatten wir in Karlsruhe einen Todesfall zu betrauern, der in ganz anderer Richtung die Gemüter aufregte. Jung-Stilling starb am 2. April, nach längerer Krankheit, in hohem Alter. Ich hatte ihn während der letzten Zeit sehr aus den Augen verloren, und sein Tod überraschte mich; die wenigen ausführlichen Gespräche, die ich mit ihm gehabt, traten mir nun lebhaft vor die Seele, und ich warf mir vor, nicht häufiger mit ihm verkehrt zu haben. Er hatte eine sanfte Wärme, die dem Herzen wohltat, und nahm abweichende Meinungen und selbst Widerspruch gegen seinen Glauben mit liebevoller Nachsicht hin; nur einmal hatte ich ihn erzürnt, und er fuhr heftig auf, allein es war nicht meine Schuld, er hatte meine Worte mißverstanden, wie ihm seine fromme, in unaufhörlichen Leiden und Zuckungen doch stets geistesrege und ihn weit übersehende Frau sogleich begreiflich machte. An Goethen hing sein Herz noch immer, und er zweifelte nicht an dem Heil des Freundes, dessen Wege er doch nicht zu verstehen bekannte. Von der »Theorie der Geisterkunde« wollte er nicht gern sprechen, er sah sie als eine Verirrung an. Gern und sehr anmutig erzählte er seine Lebensbegegnisse, wobei mitunter sehr merkwürdige Züge vorkamen. So hatte der Kaiser Alexander ihn einst, nach längern religiösen Unterhaltungen, aufs äußerste bedrängt, er solle sagen, welche der christlichen Parteien er am meisten übereinstimmend glaube mit der echten reinen Christuslehre. So hart war die Frage nicht gestellt wie die ähnliche, welche Nathan dem Saladin beantworten sollte, auch nahm Jung zu keinem Märchen die Zuflucht, sondern bekannte[200]  frei heraus, er habe keine Antwort auf diese Frage, alle christlichen Bekenntnisse und Sekten hätten ihr Gutes und keine der christlichen Formen schlösse den Weg zur Seligkeit aus, es käme alles auf den Menschen selbst an, auf seine Gesinnungen und seinen Wandel. Der Kaiser war hiemit nicht zufrieden und meinte, es müsse doch ein Mehr und Minder geben und einem Forscher wie Jung sei doch gewiß nicht entgangen, wohin die Waage sich neigen wolle. Auf erneutes Dringen des Kaisers und nach einigem Besinnen, ob er ihm irgendwie nachgeben könne, hatte aber Jung doch nur wieder seinen Spruch, sein Gewissen erlaube ihm nicht, einen Vorzug einzuräumen. Endlich sagte der Kaiser, ihm selber sei die Sache beinahe entschieden, nur wünschte er seine Meinung durch andere bestätigt zu sehen, ihn dünke, die Herrnhuter entsprächen jenem Vorbild am meisten. »O ja«, versetzte Jung, »die Herrnhuter sind vortrefflich und mir gewiß lieb; aber die Form tut es auch hier nicht, und wenn der Mensch nur gut ist, so kann er in jeder gedeihen.« Der Kaiser konnte nichts anderes aus ihm herausbringen.
Ein anderer Zug von Jung-Stilling ist merkwürdig in betreff der Freiheit, zu welcher sich noch in seiner letzten Zeit ein Geist erhob, der in seinem frommen Wallen fast immer die Fesseln des Wahnes und Aberglaubens schwer mitgetragen hatte. Der Tod stand lange vor ihm, zögerte aber stets, und der Greis, der zu sterben wünschte, konnte sich der Klage nicht erwehren, daß sein Leidenszustand sehr groß sei. Eine seiner Enkelinnen stand an seinem Bette und glaubte ihn trösten zu müssen. »Bedenken Sie aber«, sagte sie, »welche Herrlichkeit Sie bald sehen werden«, und nun malte sie ihm den Himmel mit den genauesten Zügen und Bildern, die in solchem Augenblicke doch allzu kindisch erscheinen mußten. Das fühlte Jung, fand die Tröstungen unangemessen und wies sie mit der verdrießlichen Äußerung zurück: »Das kann man so recht doch nicht wissen.« Frau von Reden, die beinahe täglich den Sterbenden besuchte,[201]  hat mir an dem Tage selbst, wo sie sie gehört, diese merkwürdigen Worte wiedererzählt. Ich will keineswegs sagen, daß sie mehr bedeuten, als bei frömmster Zuversicht, die Jung gewiß hatte, ihr schlichter Sinn ausdrückt: »Das kann man so recht doch nicht wissen.«
Mehr als das Ableben des stillen Greises gab der Tod eines Kindes zu reden, der in der ersten Hälfte des Mai sich unerwartet ereignete. Der Erbgroßherzog, ein zartes Kind, erkrankte plötzlich und starb sehr schnell an Krämpfen, ganz wie früher schon ein Brüderchen. Der Großherzog und die Großherzogin Stephanie waren auf das furchtbarste getroffen und erschüttert; mit diesem Prinzen erlosch zum zweiten Male ihr unmittelbarer Erbe, denn die beiden Prinzessinnen, zu denen dieses Jahr noch eine dritte kam und welche allesamt unangefochten heranwuchsen und blühten, während die Brüder früh starben, hatten keinen Anspruch auf die Regierungsnachfolge, die nunmehr auf die beiden Oheime des Großherzogs übergehen mußte; diese waren aber alt und ebenfalls ohne Kinder. So schien das Unwahrscheinliche, was aber bei den Verhandlungen im Jahre 1815 doch als möglich war angenommen worden, sich in der Tat dennoch verwirklichen zu wollen, nämlich daß das regierende Haus von Baden ausstürbe! Das ganze Land vernahm mit Schreck und Bestürzung den wichtigen Trauerfall und besprach die davon zu erwartenden Folgen mit Angst und Mißtrauen. Die Gerüchte von Vergiftung, die schon bei dem frühern Falle leise geflüstert worden, erneuten sich lauter und dreister; besonders war das unterste Volk geschäftig, die abenteuerlichsten, unhaltbarsten Anschuldigungen in seiner dunklen Vorstellungsweise zu verarbeiten. Dem Großherzoge nagte leider schon in betreff seiner selbst insgeheim ein solcher Wurm am Herzen, und der Verdacht, daß einer seiner Diener, der sich in Wien entleibte, ihm Gift beigebracht und sich aus Gewissensangst getötet habe, wurzelte immer fester bei ihm. Die Großherzogin, welche ihr Kind mit mütterlicher Sorgfalt selber täglich gewartet und gepflegt[202]  hatte, in der kurzen Krankheit nicht von ihm gewichen war, konnte freilich an die Möglichkeit eines begangenen Verbrechens nicht glauben, doch wurde ihre Einbildungskraft von diesen düstern Bildern mitergriffen, und nicht ohne Widerwillen konnte sie manche Person sehen, welche den hülflosen Ausgang ihr zu lebhaft vergegenwärtigten.
Einige Wochen später starb der jüngere Oheim des Großherzogs, Markgraf Friedrich; sein Tod machte wenig Eindruck, der Markgraf war immer unbedeutend gewesen und hatte, wiewohl verheiratet, keine Kinder. Dagegen war das Ansehen des ältern Oheims, Markgrafen Ludwigs, durch den Tod des kleinen Erbgroßherzogs bedeutend gestiegen und ihm die Aussicht auf die Erbfolge eröffnet; er hatte keine Gemahlin, wohl aber Kinder, und konnte sehr wohl durch standesmäßige Heirat deren erbfolgfähige erzielen. Doch sagte man, daß er solche Gedanken zu hegen sich noch gar nicht getraue. Indes gab es unter den Hof- und Staatsdienern schon manche, die sich ihm heimlich näherten und ihr Glück mehr von ihm erwarteten als von dem Großherzog, der allerdings trotz seiner jungen Jahre zu keiner langen Regierung bestimmt schien.
Der badische Bundesgesandte von Berstett war inzwischen in Frankfurt am Main nicht müßig, sondern versicherte sich mehr und mehr der Gunst des russischen Gesandten von Anstett, dem er sich blindlings ergab; sein Ehrgeiz ging dahin, die Stelle des Herrn von Hacke zu erlangen, und dazu mußte er denselben in den Geschäften überflügeln und sich dem Großherzog unentbehrlich machen. Er hatte den Minister schon aus der Leitung der Gebietsverhandlungen hinausgedrängt, sie waren dem Minister von Marschall übergeben; jetzt ließ Berstett sich wider Hackes Willen eine Sendung nach England geben, zu dem doppelten Zwecke, das dortige Ministerium für Baden in der Gebietssache günstig zu stimmen und dem Prinzregenten wegen der guten Aufnahme, die der Prinzessin von Wallis am Karlsruher Hofe zuteil geworden, Entschuldigungen zu[203]  machen. Berstett blieb einige Wochen in England und machte von seiner Sendung großen Lärm, obschon er nicht viel mehr erwirkte, als daß Baden versprach, die Prinzessin nicht ferner auf zunehmen; sie hatte nämlich beabsichtigt, auf längere Zeit in Rastatt zu wohnen, und schon waren für sie auf dem Schlosse daselbst die nötigen Einrichtungen angeordnet, die nun sogleich abbestellt wurden, sowie Herr von Ende ihr anzeigen mußte, daß ihr der Aufenthalt im Badischen nicht könne gestattet werden. Durch Berstetts Rückkehr aus London nach Karlsruhe wurde Hackes Verhältnis dort sehr erschüttert; er fühlte den Boden wanken und konnte sein Mißbehagen nicht verbergen.

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Uns beschäftigten mittlerweile ganz andere Sorgen. Die vorjährige Ernte war schlecht ausgefallen, man reichte mit den Vorräten nicht bis zur neuen Ernte, das Getreide stieg im Preise, in manchen Gegenden fehlten die Lebensmittel oder wenigstens das Geld, um sie anzukaufen, in allen Rheinländern war große Teuerung, in manchen schon Hungersnot eingetreten. Besonders aus dem sogenannten Oberland und aus der Schweiz kamen die traurigsten Klagen, aber auch in der Nähe von Karlsruhe stieg das Elend auf einen hohen Grad. Die Großherzogin, von den entsetzlichen Schilderungen, die sie vernahm, tief erschüttert, gründete einen großen Wohltätigkeitsverein, den sie durch ansehnliche Beisteuern, noch mehr aber durch das Beispiel ihrer eingreifenden Wirksamkeit fruchtbar machte und dessen Segen weithin empfunden wurde. Von tiefem Mitleid ergriffen, tat auch Rahel alles, was in ihren Kräften stand, um den Bedürftigen zu helfen, die äußerste Not von den Bedrohten abzuwehren. Sie hatte in diesen Bestrebungen bei sehr beschränkten Mitteln einen wunderbaren Erfolg; es war, als ob alle ihr verliehenen Geistesgaben und Gemütskräfte in dieser Richtung ihre reichste und vollständigste Anwendung fänden: ihr schnelles Urteil, ihre klare Einsicht, das richtige Maß ihres Handelns und die wohltuende Wärme desselben. Sie verstand es genau, die wundeste Stelle der[204]  Verhältnisse herauszufinden, ihr die angemessenste Linderung zu verschaffen, das Geld in Sachen zu verwandeln, durch persönliche Vermittelung die Umstände zu benutzen, durch eindringlichen Zuspruch die eigenen Kräfte der Leidenden aufzuwecken. Sie folgte hierin einem ihr angeborenen Beruf, den sie eigentlich jeden Tag ihres Lebens, nach Maßgabe der dargebotenen Gelegenheit, also meistens nur still und leise und daher auch unbemerkt und unbesprochen, nach allen Seiten ausübte. Mir selbst fiel nicht weniger ein Teil dieses Elends, und zwar von Amts wegen, zu. Die preußischen Handwerksburschen nicht allein wandten sich in ihren Wanderbedrängnissen häufig an mich, sondern auch die zahlreichen Auswanderer, denen ich die Pässe zu unterschreiben hatte, lagerten zu Hunderten vor meiner Türe, und oft mit Weib und Kindern in solchem Zustande, daß es unmöglich wurde, ihnen mit der Unterschrift nicht auch eine Reisezehrung zu erteilen. Man rechnet, daß in diesem Jahre nur aus Baden gegen zwanzigtausend Seelen auswanderten, von denen mehr als ein Zehntteil nach dem russischen Polen zogen.
Ein Ereignis von großer Wichtigkeit war besonders für uns Nachbarn, daß die württembergischen Stände den vom König ihnen vorgelegten Verfassungsentwurf mit großer Stimmenmehrheit zurückwiesen, indem sie erklärten, derselbe genüge ihren Ansprüchen in keiner Art. Die Bestürzung hierüber war sehr groß unter den Regierungsanhängern, weil sie glaubten, man habe den Ständen schon zuviel eingeräumt, und bei den Konstitutionellen, weil sie fürchteten, dies üble Beispiel von störrischer Opposition könne dem ganzen Verfassungswesen zum Schaden gereichen. In der Tat blieb nichts unversucht, um wenigstens diese württembergischen Stände in schlimmen Ruf zu bringen. Man rühmte den guten Willen, das freiwillige Entgegenkommen des Königs, dem die engherzige Beschränktheit der Partei des alten Rechtes die grundlosesten Schwierigkeiten entgegengestellt habe. Wangenheim war tief gekränkt, nicht[205]  weniger Cotta, der sich von jener Partei getrennt hatte, um sich den politischen Freunden des Königs anzuschließen. Der König selbst war am gefaßtesten, und fühlend, daß er seine Aufgabe um jeden Preis zu lösen habe, machte er sich sogleich mit dem Gedanken vertraut, einen ganz neuen Weg einzuschlagen, bei welchem freilich Wangenheim, der zu sehr in seinen politischen Lehrsätzen befangen war, nicht mehr der Führer sein konnte.

Merkwürdig hatten sich die Sympathien in jener Zeit umgewandelt. Die höchsten Hofkreise und die Leiter der Kabinette ausgenommen, hatte niemand Gefallen an den Bourbons. Nicht in Frankreich allein gehörte es schon zum hohen Ton, zum guten Geschmack, möchte man sagen, sich der Opposition anzuschließen, auch in England, im Norden und großenteils in Deutschland dachte man ungünstig von der Restauration, und viele Stimmen wurden für Napoleon laut, in dessen Bewunderung hauptsächlich die Engländer bald unmäßig wurden. Den Unterdrücker der Freiheit vergaß man, aber den Geißeler der Könige hob jeder Unzufriedene gern hervor, und menschliche Teilnahme war dem Gefangenen von St. Helena überall gewidmet. Wie groß war nicht die Zahl der Mißvergnügten in allen Ländern, der Nichtbefriedigten, besonders in den höheren Klassen! Zugunsten der Anhänger oder wenigstens Folger Napoleons wirkte noch der Umstand mit, daß die Restauration, welche nach ihrer ersten Einsetzung noch ziemlich milde verfahren war, seit ihrer zweiten verfolgend auftrat und dabei einen Maßstab anlegte, den ein unbefangener Sinn schlechterdings nicht zugestehen, ja, kaum begreifen konnte. Denn nicht diejenigen sahen wir verfolgt, die wir unter Napoleons Herrschaft als die schlimmsten seiner Diener gekannt hatten, auch nicht gerade die, welche am auffallendsten treulos gegen die Bourbons geworden waren, im Gegenteil, diese wie jene standen wohl gar in Gunst und Ansehen, und die wirklich Verfolgten erschienen dabei nur um so unschuldiger;[206]  in ihnen war oft nur das, dessen man sich zu ihnen versah, nicht das, was sie begangen hatten, der Grund ihres Mißgeschicks, oft auch wohl nur persönlicher Haß und Neid in den höhern Kreisen, wo immer am ersten die große politische Sache dem Nutzen und der Zuständigkeit der Personen untergeordnet wird. Bei den Deutschen bedarf es nur eines auffallenden Unglücks, um ihre menschliche Teilnahme auch für diejenigen zu erwecken, denen sie noch eben feindlich gegenüberstanden; und so war es kein Wunder, daß die neuerdings aus Frankreich Verbannten oder Flüchtigen in den Rheinländern, wohin sie sich zunächst gewendet hatten, freundlich geduldet wurden; die meisten waren tapfre, kluge Männer, die sich jetzt äußerst bescheiden und ruhig zeigten, während unerträglicher Übermut und verletzende Anmaßung der herrschenden Partei täglich mehr hervortraten.
Die politischen Tätigkeiten rasteten nicht, sowohl von seiten Bayerns als auch Badens fanden Versuche und Reibungen statt, an denen auch Württemberg nicht ohne Anteil blieb. Die Sache der Mediatisierten, die der württembergischen Stände, der Gang der Bundesverhandlungen, vor allem aber die Gebietssache Badens lieferten unerschöpflichen Stoff der Besprechung und der Einwirkung. Es war gewiß, daß Hacke abtreten und Berstett an seine Stelle kommen sollte. Man sprach davon, daß der Markgraf Ludwig heiraten werde, damit der badische Mannsstamm nicht aussterbe. Vielerlei andere Vorschläge wurden gemacht, wie Baden sich wehren, sich retten könnte.
Die Politik faßte zu jener Zeit überhaupt die Menschen mit großer Gewalt und lockte die verschiedenartigsten Tätigkeiten auf ihr Feld, das allen zugänglich war, allen fruchtbar zu werden verhieß; denn es schienen die außerordentlichsten Dinge möglich. Die politischen Kenntnisse waren unglaublich sparsam, die Begriffe dunkel, und es gab kaum jemanden, der nicht irgendeinen Beitrag zu der allgemeinen Verwirrung lieferte. Männer aus allen Fächern trieben[207]  Politik: der Theologe Paulus und der Philosoph Hegel, der Schauspieldichter Kotzebue und der Naturforscher Oken, ja von dem harmlosen Jean Paul Richter, der einige Zeit in Heidelberg weilte, klangen einige Äußerungen von dort herüber, die uns nur als Scherz, andere jedoch als bittrer Ernst trafen. Eine Ausnahme machte vielleicht in unserem Kreise nur der Spanier Gimbernat, der, an seinem Vaterland verzweifelnd, ganz in chemischen und physikalischen Versuchen lebte.
Aus Berlin kamen in derselben Zeit Nachrichten, die uns durch ihre Unbestimmtheit in Spannung setzten. Der Staatsrat, in seiner nunmehrigen Gestalt eine neue Schöpfung, hatte seine Tätigkeit begonnen, welche sogleich gegen den, welcher sie angeordnet, nämlich gegen den Staatskanzler Fürsten von Hardenberg, sich zu wenden schien. Über das Auftreten Wilhelms von Humboldt in dieser Sammlung erscholl nur einstimmige Bewunderung; seine Gabe der Rede, sein scharfes und kühnes Eindringen in die Sachen, wurden von Freund und Feind staunend anerkannt. Dagegen wollte man die Richtung, die sich kundgab, von manchen Seiten bedenklich finden, ja, von Frankfurt am Main ergingen desfalls Gerüchte, die ganz Süddeutschland beunruhigten und deren Inhalt nicht so leicht auf sein gehöriges Maß zurückzuführen war, da die Übertreibung aus einer sonst glaubhaften Quelle kam. Da meine Berliner Freunde schwiegen und amtliche Nachrichten ausblieben, so wäre mir unschätzbar gewesen, meinen lieben Freund Reimer zu sprechen, der von Berlin nach Heidelberg gekommen war und auch in Karlsruhe mich besuchen einsprach; treuen und scharfen Sinnes, mit den Personen und Sachen zu Hause wohlbekannt, hätte er mich durch wenige Worte völlig aufklären können; allein wir verfehlten einander, und eine peinliche Ungewißheit sprach mir aus allen Blicken entgegen, ohne daß ich imstande gewesen wäre, mich selbst und andere zu beruhigen. Viel Unheimliches lag damals in der Luft, die Verhaftung Massenbachs in Frankfurt am Main machte unglaubliches[208]  Aufsehen, und der Brand des Berliner Schauspielhauses am 29. Juli erschreckte in seiner Weise die Gemüter in der Ferne vielleicht mehr als in der Nähe.
Bald aber zerstreute sich dieser Nebel und Rauch wieder, und man sah aufs neue tageshell in den vorliegenden Raum, der freilich nicht ohne viele und große Schatten beleuchtet lag. Im südlichen Deutschland war unleugbar die Anlage zu großen Entwickelungen vorhanden, der Wille von oben aufrichtig, im Volke viel gesunder Sinn, praktisches Talent reichlich ausgestreut. Allein das nördliche Deutschland schien doch entscheidendere Geschickslose in sich zu tragen, aus deren ruhigem und hellem oder gestörtem und trübem Hervortreten sich für das Ganze der Einschritt der nächsten Zukunft würde bestimmen müssen. Man sah nur, daß fürerst in den dortigen Verhältnissen wenigstens nichts verloren war, und da dies für den Augenblick genügte, so ging man den begonnenen Weg still weiter.
Mit diesem stillen Vorschreiten hing ein Besuch zusammen, den ich von Hebel, dem alemannischen Dichter, empfing. Ich hatte seine Bekanntschaft bisher nicht gemacht, er kam nicht in den Kreis des Hofes und der Hofgesellschaft, er liebte seine freien Nachmittags- und Abendstunden beim Schoppen Wein unter guten Freunden und Genossen hinzubringen, die er durch seine launigen Erzählungen anmutig ergötzte. In seinen Beiträgen zu dem Volkskalender »Der Rheinische Hausfreund« hatte er den Ton des Volkes glücklich getroffen, er vereinigte Gutmütigkeit und Klugheit, beschäftigte zugleich Einbildungskraft und Verstand, und auch auf die Gebildeten verfehlte sein »Schatzkästlein«, zu welchem er jene Beiträge gesammelt hatte, den günstigsten Eindruck nicht. Mich hatte aber auch ein ungünstiger doch abgehalten, ihm gelegentlich näherzutreten, und allen seinen Vorzügen und seiner Liebenswürdigkeit konnte ich nicht vergessen, daß er in jenen Aufsätzen gelegentlich von dem Tiroler Andreas Hofer in einer spöttisch-verächtlichen Weise gesprochen, die mich und die Freunde, mit denen ich das[209]  Blatt zuerst las, empört hatte. Wohl war ich seitdem verständigt worden, er habe den Ausfall auf Befehl der damaligen badischen Regierung schreiben müssen und habe ihn seinerseits in der guten Meinung verfaßt, seine lieben schwäbischen Landsleute vor unglücklichen Versuchen zu warnen, die nun schon zwecklos waren und nur das größte Unheil zur Folge haben konnten; doch ein inneres Mißbehagen blieb mir mit der Sache noch stets verknüpft. Jetzt brachte der Kirchenrat Ewald den freundlichen Mann zu mir, und zwar in einem besondern Anliegen. Die Königin Katharina von Württemberg war auf das in der Nachbarschaft blühende Talent Hebels und die erfolgreiche Wirkung desselben aufmerksam geworden und dachte mit gutem Sinne zum Besten ihres Landes davon Vorteil zu ziehen; die Bürger und Landleute waren mancher Belehrung bedürftig, allgemeine Begriffe sollten in volksmäßigem Vortrag ihnen nahegerückt, zu richtigem Verständnis und Gebrauch ihnen eröffnet werden; sie waren durch die Verfassung zur Ausübung politischer Rechte berufen, über welche sie aufgeklärt, berichtigt werden mußten, und nichts dünkte zweckmäßiger, als dies mit landwirtschaftlichen, gewerblichen und andern gemeinnützigen Angaben zu verflechten. Hiezu schien Hebel der Mann, und die Königin hatte ihn bald nach ihrer Ankunft in Baden auf die verbindlichste Art zu sich beschieden. In der Bezauberung, durch welche die Gegenwart der erhabenen Frau und ihre klare, treffende Rede ihn hielt, vermochte er weder abzuschlagen noch zu erörtern, er gab alle Versprechungen, die man wünschen konnte, und kehrte wonneberauscht nach Karlsruhe zurück. Hier aber besann er sich nach und nach, daß die Sache so leicht nicht sei und daß gerade ihm nicht nur allgemeine Hülfe, sondern auch einzelne Leitung nötig werde, wegen deren er sich nun zu mir wandte, wie denn auch die Königin selbst ihn schon auf mich namentlich verwiesen hatte. Mir bekannte er bald, halb ängstlich und halb launig, daß er weder recht gefaßt, was die Königin eigentlich wolle, noch zu dem, was er als[210]  ihren Zweck einstweilen vermute, sonderlich fähig sei; dagegen wollte er, wenn es verlangt würde, ganz in seiner bekannten Art einen Aufsatz liefern, der seine Unfähigkeit, in politischen Dingen mitzusprechen, ausführlich beweisen sollte, wobei er viele Dinge in gewissem Sinne denn doch eindringlich berühren würde. Hiedurch wäre freilich dem Zwecke wenig entsprochen worden, und weder Ewald noch ich konnten durch unser Zureden ein rechtes Angreifen der Sache hervorrufen. So blieb sie denn liegen und geriet bald in Vergessenheit. Hebel aber hatte sich selber nicht unrichtig beurteilt; ihm fehlte wirklich politischer Sinn, wie seine spätere Rolle, als er Mitglied der badischen Stände war, hinreichend bewiesen hat; ohne Klarheit und Haltung ließ er sich in schwache und schiefe Stellung drücken, die ihn auch seines ursprünglichen Grundes, der Volksbeliebtheit, größtenteils beraubte. Seinen bürgerlichen Gewohnheiten aber blieb er treu, und auch als Prälat hielt er beim Schoppen Wein den traulichen Mitgästen seine launigen Vorträge.
In Karlsruhe war mittlerweile eine wichtige Veränderung vorgegangen. Der Großherzog hatte den Minister von Hacke endlich doch entlassen und an dessen Stelle den Oberkammerjunker und bisherigen Gesandten am Bundestage, Freiherrn von Berstett, ernannt. Die Entfernung des erstern war ohne Frage den badischen Angelegenheiten nötig; er hatte es nach allen Seiten hin mit den Leuten verdorben, und kein Geschäft wollte mehr unter seiner Führung gedeihen. Aber die Anstellung Berstetts erregte bedenkliche Zweifel, wiefern in so schwieriger Zeit so geringe Aushülfe genügen könnte. Man zeigte auf den verdienten Minister von Marschall, der allerdings an Kenntnissen und Erfahrungen wie an strengem, unselbstsüchtigen Eifer jenem Neuling weit überlegen war. Allein, der Großherzog liebte den etwas herben Geschäftsmann nicht, und der geschmeidige Hofmann erhielt den Vorzug. Übrigens kam es auf die Besetzung dieser Stelle so sehr nicht an; denn die höchste Leitung der badischen Geschäfte ging in dieser Zeit in die Hände zweier[211]  tüchtigen Männer über, des um Baden hochverdienten Ministers von Reizenstein, der damals pensioniert war, und Tettenborns, der noch nicht in des Großherzogs Diensten stand, aber wiederholt aufgefordert wurde, unter den vorteilhaftesten Bedingungen in sie einzutreten. Berstett hatte den klugen Sinn, diesen beiden, wenigstens solange die Krisis dauerte, blindlings zu folgen. Als ein großer Verlust wurde jedenfalls der bald nachher, am 11. August, erfolgende schnelle Tod des Ministers von Marschall empfunden, und es ging sogar die betrübende Rede, seine erlittene Zurücksetzung könnte denselben wohl mit verschuldet haben.
Inzwischen hatte mir Tettenborn einen wichtigen Auftrag eröffnet, den ihm der König von Württemberg bei seiner Abreise hinterlassen hatte und der nichts Geringeres besagte, als mir im Namen des Königs unter den vorteilhaftesten Bedingungen den Eintritt in württembergische Dienste anzubieten. Ich war sehr überrascht und einigermaßen erfreut, allein gleich im ersten Augenblick sagte mir ein inneres Gefühl, ich dürfe darauf nicht eingehen. Tettenborn stellte mir vor, wie eine solche Berufung mir in Württemberg eine glänzende Stellung sichere, das größte Ansehen, entschiednen Einfluß, daß ich in kurzem dort Minister sein würde, daß auch Württemberg selbst hier mehr als das kleine Land bedeute, daß es die Schwägerschaft Rußlands und alle großen Entwürfe in sich schließe, die der König hege, dessen Ehrgeiz ihn sporne, in Deutschland eine große Rolle zu spielen und worin auch seine Gemahlin ihn bestärke, deren Geist nach ausgedehnter Wirksamkeit strebe und sich dabei auf den kaiserlichen Bruder stütze, der sie liebe, verehre, ihren Rat wünsche und oft befolge. Seine eigengetroffene Wahl, die den ganzen Beifall der Königin hatte, vielleicht von ihr ausging, durfte er nicht so leicht verleugnen, er mußte sie durchsetzen und ihr Dauer geben. Dies war alles begründet, und die persönlichen Vorteile sah ich sehr gut ein. Der König glaubte in mir den Mann gefunden zu haben, der ihn sowohl in seinen Verfassungskämpfen als in[212]  den auswärtigen Verhältnissen, die er vorzugsweise zu bearbeiten und zu benutzen dachte, wirksam unterstützen könnte. Was er von mir erwartete, durfte ich mir getrauen zu leisten, und seine Absichten, soweit ich sie kannte, waren freisinnig und kühn, dem deutschen Gemeinwohl zustrebend und selbst dem wohlverstandenen Besten Preußens nicht entgegen. Tettenborn vertraute mir, daß er selber im Begriff sei, den Bitten des Großherzogs nachzugeben und in badische Dienste zu treten, und zeigte mir, wie wir uns gegenseitig kräftigen würden, wenn er mir von Karlsruhe, ich ihm von Stuttgart die Hand böte. Lockend genug war die ganze Aussicht, allein jenes erste Gefühl blieb, und ich hatte die Genugtuung, daß Rahel ganz mit mir einstimmte. Sie war von Geburt eine Preußin, ich ein Preuße aus Wahl, aber nicht aus leichtsinniger, die sich nach Laune zufälligen Glücks wieder aufgäbe und veränderte, meine Gedanken und Empfindungen gehörten entschieden Preußen an, ich darf sagen, dem Könige, dem Staatskanzler, die ich aufrichtig verehrte, denen ich zur Dankbarkeit verpflichtet war. Auch entging mir nicht, daß eine untergeordnete Stelle in dem großen Staat einem hohen Amt in dem kleinen Staat wohl gleichzustellen, in manchem Betracht weit vorzuziehen sei. Genug, in meinem Innern war ich völlig entschieden und sagte dies auch Tettenborn, der indes darauf bestand, ich solle eine so bedeutende Sache nicht übereilt abschneiden, sondern mit der ihr gebührenden Rücksicht und Zartheit behandeln. Meine Antwort war daher neben dem ausgesprochenen Dank ein vorläufiges Verweisen auf Hardenberg, dem ich die Sache persönlich vorlegen würde. Da ich ohnehin die Absicht hatte, den Staatskanzler bei seiner bevorstehenden Reise an den Rhein oder nötigenfalls in Berlin zu sprechen, so ließ sich alles mündlich schnell zur Entscheidung bringen.


Der König von Württemberg hatte zugleich gewünscht, ich möchte mit ihm in vertraulichen Briefwechsel treten, und hiezu ließ ich mich gern bereit finden, doch mit der[213]  ausdrücklichen Bedingung, daß ich mit größter Freiheit nicht nur, sondern auch Bequemlichkeit schreiben dürfte; denn nur so würden meine Briefe den Wert haben können, den der König von ihnen erwarte, den einer völlig aufrichtigen und zwanglosen Mitteilung. Dies genehmigte er bereitwilligst und ließ mir durch Cotta, der den Briefwechsel vermitteln sollte, um ihn fremden Augen desto sicherer zu entziehen, auch die näheren Angaben über die ausgezeichneten Vorteile zugehen, die mir in Württemberg bestimmt wären und unter denen der, daß ich nur mit dem Könige selber zu tun haben sollte, nicht der letzte war.
Mit dem neuen Minister von Berstett war ich schnell in bestem Verhältnis, er kam mir aufs freundlichste entgegen und meinte, er würde alles aufbieten, um mir meine Stellung in Karlsruhe angenehm zu machen. Da der Großherzog und die Großherzogin mir wohlwollten und Tettenborn mein Freund war, auf den sich Berstett am meisten zu stützen hatte, so konnte ich seine Versicherungen für aufrichtig halten; auch war sein Bemühen, Baden aus den schwebenden Verlegenheiten und Gefahren zu retten, gewiß ernst und eifrig. Im übrigen hatte er wenig Eigenschaften, die ihn für sein nunmehriges Amt empfehlen konnten. Er war aus der Ortenau gebürtig, wo er eine kleine Besitzung gehabt, wie auch eine solche im Elsaß; denn trotz der langen Trennung des Rheinlandes von dem diesseitigen waren für Besitz und Verkehr beide noch in vielfachem Zusammenhang. Als Kadett hatte er im österreichischen Kürassierregiment Mack Dienste genommen, war später Hauptmann im Generalstabe geworden, nach dem Feldzug von 1800 unzufrieden heimgekehrt und als Kammerherr der Großherzogin in den badischen Hofdienst getreten, aus dem er den Übergang in die Diplomatie leicht erlangt hatte. Von seiner Unwissenheit erzählte mir später der Geschichtsgelehrte Wilken einen merkwürdigen Zug. Berstett war bei den Pariser Friedensverhandlungen im Jahre 1815 von seiten Badens beteiligt und sollte den Professor Wilken in[214]  dessen Bemühungen unterstützen, die aus der alten Heidelberger Bibliothek stammenden deutschen Handschriften, welche die Franzosen aus Rom fortgenommen, für den ursprünglichen Besitzort wiederzuerlangen; Wilken machte dem Herrn von Berstett bemerklich, die Sache würde sehr gefördert werden, wenn derselbe dem Bildhauer Canova, der als päpstlicher Abgeordneter hiebei eine entscheidende Stimme hatte, einen Besuch machte; Berstett aber, dem der Professor etwas zu dreist war, bog sich vornehm zurück und rief mit verachtendem Unwillen: »Was! Zu dem Bildhauer soll ich gehen? Wo denken Sie hin!«, worauf denn Wilken mit verstellter Demut erwiderte: »Freilich hat es sein Unangenehmes, denn Euer Exzellenz könnten in den Fall kommen, den Kaiser von Rußland und den König von Preußen dort zu finden und dann stundenlang auf deren Weggehen warten zu müssen.« Ein anderer bemerkte, Canova habe denselben Titel, den noch vor kurzem Berstetts Herr geführt, er sei Marchese von Ischia, das heiße Markgraf. – Seinen Mangel an Urteil gab er auch jetzt wieder zu erkennen; er wollte seinen Vorgänger Hacke so schnell als möglich los sein und betrieb eifrigst dessen Abreise nach Wien, wo derselbe badischer Gesandter sein sollte; auf die Bemerkung, es sei doch mehr als zweifelhaft, ob dieser Mann dort für Baden jetzt der rechte sei, erwiderte Berstett mit lächelnder Zuversicht: »Oh, Wien ist für uns ganz unbedeutend, Österreich hat auf die deutschen Verhältnisse wenig Einfluß!« Und der das sprach, kam vom Bundestage, wo Österreich den Vorsitz führte, und in Österreich waltete Metternich, dem alle Kabinette sich in Ehrfurcht beugten! Berstett hatte sich in Frankfurt am Dufte von Anstetts Küche und Einfluß bis zu solcher Verblendung berauscht; indes Tettenborn und Reizenstein belehrten ihn bald eines andern.
Hackes Ernennung nach Wien fand anfangs Schwierigkeiten; Metternich gedachte der früheren Unarten. Allein verwandtschaftliche Verhältnisse – Frau von Hacke war[215]  eine geborne von Kerpen und Schwester der Fürstin Kinsky – und gute Worte von seiten Hackes dienten zur Vermittelung. Ich sah ihn noch bevor er abreiste und sah ihn ohne Groll; gegen den gefallenen Minister hatte ich keinen Krieg mehr zu führen. Er war auch ziemlich gebeugt und suchte sein früheres Betragen einigermaßen zu entschuldigen; zuletzt erhob er sich denn doch wieder etwas und warf einige Witzworte gegen seinen Nachfolger und nunmehrigen Vorgesetzten aus, die ich nicht umhin konnte zu belachen, so daß ich dem ungebärdigen Gegner zuletzt noch eine Freude machte.

Ich hatte Berlin seit zwei Jahren nicht gesehen und fand in jeder Beziehung viel verändert. Der Frieden zeigte seine mächtigen Wirkungen, aller gerettete oder neu erworbene Wohlstand machte sich geltend, alte und neue Ansprüche traten hervor, hundert zurückgedrängte Tätigkeiten strebten neben- und gegeneinander, Macht und Einfluß setzten sich zurecht, der Hof nahm eine glänzendere Fassung, die höhere Gesellschaft gruppierte sich um ihn her. Die Mannigfaltigkeit der Richtungen, die Weite des Raumes und die Fülle der Gegenstände, welche sich ihnen darboten, das Massenhafte überhaupt, worin auch das Bedeutende sich wieder verlor, alles gab mir das Gefühl, in einer großen Stadt zu sein, gegen welche Frankfurt und selbst Brüssel doch nur als mittlere aufkamen.
Der Staatskanzler war noch nicht heimgekehrt, und ich hatte vollkommene Muße, mich unter Freunden und Bekannten umzutun. Reimer, Eichhorn, Jordan, Renfner, Kiesewetter, Stägemann, Hitzig, Oelsner, Rhediger, Rust, Beyme, Altenstein, Schuckmann, Bülow, der Finanzminister, von den Gesandten vorzüglich Graf Zichy, dann Erhard, Heinrich Meyer, Nolte, Friedrich August Wolf, Achim von Arnim, ferner Karl Müller, Jahn und zuletzt noch Harscher – diese Namen, denen noch hundert andere beizufügen wären, bezeichnen einigermaßen die Buntheit[216]  der Kreise, mit denen ich verkehrte. An mehrere dieser Namen hatte man schon am Rheine und in Frankfurt mir wohlmeinende Warnungen knüpfen wollen, allein dergleichen weckte nicht nur meine Verachtung, sondern geradezu meinen Trotz. Doch widerfuhr mir unmittelbar nach meiner Ankunft ein Begegnis, das mich allerdings hätte stutzig machen dürfen, wär ich minder unbefangen und in mir selbst weniger sicher gewesen, als ich wirklich war. Ich besuchte gleich zuallererst den Geheimen Rat von Jordan, der in Hardenbergs Abwesenheit den auswärtigen Geschäften vorstand; er bewillkommte mich freundlich, fügte aber sogleich, zwar mit Laune, doch mit auffallender Bedeutung hinzu: »Sie kommen wie gerufen, ich lese eben von Ihnen!« Von mir? Ich hatte nichts drucken lassen, von dem diese Worte gelten konnten, noch war mir irgendeine Beziehung, gegenwärtig, in welcher sie zu verstehen gewesen wären; doch dauerte die Ungewißheit nicht lange. »Da lesen Sie selbst!« sagte Jordan und gab mir einen beschriebenen Bogen, den er in der Hand hielt. Ich las mit Erstaunen in mir wohlbekannter Handschrift einen umständlichen Bericht, den Küpfer über mich und meine Äußerungen in betreff mancher Verhältnisse und Personen, besonders Wilhelms von Humboldt, erstattet hatte; auch Jordan selber war in nicht angenehmer Weise darin berührt; er ließ mir aber kaum Zeit zu Erklärungen. »Ich gebe gar nichts auf dergleichen Zuträgereien«, rief er lebhaft aus, »ich habe ausdrücklich erklärt, daß ich keine solche Berichte will, daß ich sie ungelesen ins Feuer werfe, aber die zudringliche Dienstfertigkeit läßt sich nicht abweisen, immer aufs neue kommen solche Zettel.«
In Berlin war dergleichen Unwesen glücklicherweise nicht in Gunst, noch konnte damit viel auszurichten sein, da die Freiheit der Rede dort im höchsten Grade herrschte und die kühnsten Meinungen, die dreistesten Urteile und Absichten laut und öffentlich ausgesprochen wurden, so daß für die Angeberei nur der Schmerz blieb, umsonst vergeudet zu[217]  sehen, was sie teuer hätte verkaufen mögen. Diese Freimütigkeit, um den gelindesten Ausdruck hier anzuwenden, durchdrang alle Klassen und Stände, sie stammte schon aus Friedrichs des Großen Zeit und galt als ein Erbstück der Berliner; der Krieg aber, an welchem die ganze Nation teilgenommen, hatte sie unendlich gesteigert, und die Zeitumstände ließen es ihr nicht an Nahrung fehlen. Sogar Oelsner, der so lange Zeit in Paris gelebt und dort die heftigsten Stürme der Volksleidenschaft gesehen hatte, war fortwährend erstaunt über diese Ungebundenheit der Zungen. In Paris hatte doch immer die eine oder die andere Meinung alsbald ein entschiedenes Übergewicht und wußte dann die gegnerischen mehr oder minder zu unterdrücken, in Schranken zu halten oder zur Vorsicht zu nötigen. Aber hier lief alles nebeneinanderher oder durchkreuzte sich in beinahe friedlicher Nachbarschaft, die entgegengesetztesten Denkweisen und Urteile genossen gleicher Freiheit, und wer diese tadelte, bediente sich ihrer unmittelbar selbst. Viel rohes und leeres Schimpfen wurde gehört, unverständiges sinnloses Tadeln, wobei Ziel und Gegenstand oft kaum zu erkennen waren, aber auch manches gehaltvolle, tiefdringende Wort schwamm in dieser Tagesflut dahin. Das Turnwesen durchdrang alle Klassen, die altdeutsche Tracht erschien überall, sie überwältigte beinah die militärische, und die würdigsten Männer gingen gleich den Studenten in langen, gescheitelten Haaren einher. Schwer würden eigentliche politische Parteien in diesem Gewirre zu unterscheiden gewesen sein; als feste gegliederte Gebilde bestanden sie auch wirklich nicht, es waren eher Meinungsgruppen, die sich zusammenstellten und wieder auflösten, weil man wohl öfters über einen, aber selten über mehrere Gegenstände gleich dachte und noch nicht gelernt hatte, einer Hauptmeinung viele andere einstweilen unterzuordnen. Ein aufmerksamer Beobachter konnte jedoch einige Richtungen nicht verkennen, die sich schon deutlicher hervorhoben. So war in den obern Ständen der Drang des Mißvergnügens am[218]  nachdrücklichsten gegen den Staatskanzler gerichtet, während er in den untern noch bei Schmalz und anderen Namen verweilte, die von geringer Bedeutung waren.
Der Fürst von Hardenberg war das Ziel mächtiger und beharrlicher Angriffe und schon häufig dahin gebracht, ihnen lieber auszuweichen und nachzugeben als zu begegnen. Die Leitung der Dinge lag längst nicht mehr in seiner Hand, wiewohl die höchste Amtsmacht ihn noch bekleidete und er sie auch im großen und kleinen meist ungehemmt ausübte, wodurch der Schein bewahrt blieb, als übe er sie noch ungeschmälert. Unter den Staatsbeamten hatte er viele Teilnehmer seiner Gesinnungen und Absichten, aber wenig persönliche Freunde, und manche, denen er vertraute, in denen er Gehülfen voraussetzte, waren ihm schon entgegen. Hätte ihn Humboldt oder Gneisenau – denn diese beiden nannte man – damals abgelöst, so wäre er auf dem Gipfel des Ruhmes von den Staatsgeschäften geschieden, denen damit manche trübe Verwickelung und Hemmung erspart worden wäre, und rüstigere Hände hätten vielleicht vollbracht, was seinen schon matteren nicht mehr gelingen wollte. Allein er dachte nicht daran, sich zurückzuziehen, sondern hielt stand, so gut er konnte, wobei er in der Tat noch alle Erwartungen übertraf und einige Hauptschläge mit gutem Erfolg ausführte, was aber bisweilen in betreff der Sache gerade am meisten zu beklagen war.
Unter den öffentlichen Gestalten war keine ausgeprägter und für das Auge auffallender als Jahn, der Alte im Bart, wie man ihn nannte. Als Haupt der Turner gebot er über eine große Schar, meist kräftige, erregbare Jünglinge, und darunter die edelsten und bravsten. Seine und seiner Jünger Gesinnung war gerade und fest und so ungelenk und starr, als ihre Körper geschmeidig waren. In der Zusammenhaltung aller Kräfte auf einer beschränkten Bahn lag zum Teil die Stärke dieser eigentümlichen, durch ganz Deutschland ausgebreiteten Genossenschaft. Ich glaube, er zumeist wußte, was er wollte, und hatte sein Ziel klar vor Augen;[219]  daß er, als die Zeitumstände es als ein unmögliches erkennen ließen, sein Streben aufgab, zeugt aufs neue von seiner Einsicht. Sein Charakter und seine Erscheinung wirkten auf das Volk, und seine Beredsamkeit hatte etwas Körniges und Hartes, das ungemein in die Gemüter drang. Erzählungen wie die, daß ein Herr Johann Kuh aus Breslau, von Paris zurückkehrend, seinen Namen französisch ausgesprochen habe, aber von dem gescheiten Torschreiber gleich wieder deutsch als Hans A. eingetragen worden, trafen den Volkssinn unwiderstehlich. Weniger Beifall erlangte er in den höheren Ständen, und ihm schien auch wenig daran gelegen. In früheren Vorträgen, zu denen ihm die Erlaubnis nicht versagt worden war, hatte er es gewagt, den Gouverneur von Berlin, Feldmarschall Grafen von Kalckreuth, persönlich anzutasten, und dieser seine Rache auf ein Wortspiel über Jahns Namen beschränken müssen. Nach diesem Erfolge schonte er niemand mehr, und hohe Generale und Minister waren die Zielscheibe seines bittern Spottes, seiner scharfen Rügen, mit Ausnahme des Staatskanzlers etwa, von dem er gut dachte und noch vieles hoffte.
Die Feier des 18. Oktobers gab Gelegenheit, diese Seite des Lebens in Berlin auf das glänzendste hervorgekehrt zu sehen. Alle andern Festlichkeiten wurden verdunkelt durch die der Turner; ihre Übungen, Lieder, Reden und Sprüche hatten etwas kühn Begeisterndes, das die Menge lebhaft ansprach und fortriß. Noch spät am Abend besuchte ich mit Oelsner, nachdem wir schon mit Stägemann einem großen Gastmahle beigewohnt, das außerhalb der Stadt bei den Rollbergen gehaltene Turnfest, wo die von der heißen, kriegerisch gestimmten Jugend und vielen Tausenden beeiferter Zuschauer umkreisten Oktoberfeuer einen wirklich großartigen Anblick gewährten. Oelsner enthielt sich nicht, mir im stillen die Gefahr solcher Volksversammlungen bemerklich zu machen; er meinte, ein toller Kopf reiche hin, diese Massen zu unwiderstehlichen Ausschweifungen zu verleiten; ein etwaniger Vorschlag, daß jeder einen Feuerbrand nähme[220]  und so im Zuge nach der Stadt zurückkehrte, könnte mehr als nur diese aufs Spiel setzen. Seine Besorgnisse waren wohl gar nicht verwerflich, doch erinnerte er sich selber bald, daß ein solch toller Kopf eben bei uns nicht vorauszusetzen sei, daß eine Stufenfolge von Vorübungen zu solchen Auftritten gehöre und daß schließlich keine Franzosen, sondern Deutsche uns umgaben.
Gleichwohl waren mancherlei Dinge vorgekommen, welche die Behörde stutzig machten. Am folgenden Tage sah man mißmutige, befangene Gesichter, man hörte schlimmen Tadel über die Dreistigkeit der ungezügelten Jugend, harte Äußerungen über ihre strafbaren Verführer. Was eigentlich getan und worin gesündigt worden, blieb im halben Dunkel, die Anschuldigungen schienen zum Teil unbegründet, jedenfalls übertrieben, aber ein reger Diensteifer wollte sich bei diesem Anlaß auszeichnen. Weit ärger wurde das Geschrei, als Nachricht von den Vorgängen auf der Wartburg eintraf. Es war viele Wochen vorher öffentlich angekündigt worden, daß die Burschenschaft der Universität Jena den 18. Oktober auf der Wartburg feiern wolle; Abgeordnete aller deutschen Universitäten waren eingeladen, sich zur Feier dort einzufinden, die Studenten wollten allgemeine Angelegenheiten dort beraten; alles dies war bekannt, und niemand hatte daran gedacht, das Fest zu hindern oder seinen Besuch zu erschweren. Die ganze Sache schien so unschuldig, daß der Staatsminister von Beyme nicht übel Lust hatte, eigens hinzureisen, um der Zusammenkunft beizuwohnen und sich am fröhlichen Tun so zahlreicher und auserlesener Jünglinge zu ergötzen; wie lieb war es ihm nun, diesem Gelüste zufällig nicht nachgegeben zu haben! Denn freilich erschollen schlimme Dinge von dort: die Studenten hatten sich ein politisches Richteramt angemaßt, hatten Bücher und Gesetze verbrannt und noch einige Gegenstände, durch welche gegen die verbündeten Mächte höhnisch gefrevelt sein sollte. Der erste Eindruck von diesen Begebenheiten und ihrer Aufnahme abseiten der Behörden[221]  und der höheren Kreise bestürzte im ersten Augenblicke selbst die entschiedensten Freunde des jugendlichen Unternehmens. Die Gegenseite gewann sichtlich die Oberhand, man sprach von gefänglicher Einziehung und strenger Bestrafung der Frevlerrotte, von Zerstörung ihres Zusammenhangs, von Schließung aller Turnanstalten. Indessen waren dergleichen Maßregeln noch nicht reif, die Jugend fand auch in hohen Regionen Verteidiger, die allgemeine Stimme wollte die Sachen überhaupt nicht so schwer finden, und während die Behörden untersuchten und verhandelten, ging einige Zeit hin, während deren auch die Bedrohten sich beraten und ihre Vorteile wahrnehmen konnten. Doch teilte sich seit jenen Ereignissen die Stimmung von Berlin sichtbar in zwei feindliche Lager, und es war schwieriger als vorher, zwischen den Parteien anteillos durchzugehen, man sollte zu der einen oder zu der andern durchaus gehören.

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Der Staatskanzler war mittlerweile von Pyrmont eingetroffen, dem Anschein nach ganz erholt und kräftig, doch vertraute mir sein Arzt, Geheimrat Koreff, daß er für die Dauer der Genesung nicht einstehe, es könne jeden Augenblick ein Rückfall eintreten. Der Fürst fand mit vielen harrenden Geschäften auch jene neuen Verdrießlichkeiten vor und nahm nach seiner gewohnten Weise gleich seinen Standpunkt über ihnen, behandelte sie mit Maß und Leichtigkeit, suchte zu vermitteln und zu beschwichtigen. Dies gelang bis zu einem gewissen Grade; doch tat er keiner Seite ein rechtes Genüge: die Partei der Jüngern hatte erwartet, durch ihn kräftiger verteidigt zu werden, die Partei der Alten wollte ihn eifriger und schärfer; es blieb dieser Zwiespalt offen, und noch viel Einspruch und Störung sollte von daher künftig hervorbrechen. Fürerst aber traten diese Sachen wirklich etwas in den Hintergrund, und andere wichtige Geschäfte kamen zur Sprache. Diplomatische Angelegenheiten machten viel zu schaffen: die Kriegszahlungen Frankreichs, die noch neuen Verhältnisse des Deutschen Bundes, die rückständigen Gebietsausgleichungen, aus denen die bayerisch-badische[222]  Streitsache sich mit unerwarteter Wichtigkeit erhob; alles half die Sache der Burschenschaft und des Turnwesens einigermaßen zurückdrängen. Der Staatskanzler gab glänzende Gastmahle, wobei durch persönlichen Verkehr oft auch die Geschäfte glücklich gefördert wurden; täglich war die ansehnlichste Gesellschaft an seiner Tafel beisammen. Ich sah und sprach hier mit nicht geringer Neugierde den alten General von Köckeritz, den ich früher so oft in absonderlicher Beziehung hatte nennen hören, dann den berühmten, einst so gefürchteten General von Rüchel, der mir durch die Art, wie er sich benahm und äußerte, sehr merkwürdig war, denn er trug sein hartes Schicksal, die Schmach des unglücklichen Krieges miterlitten, den Sieg und Ruhm des glücklichen aber nicht geteilt zu haben, mit würdiger Haltung und kräftigem Selbstgefühl. Mit den mir so werten Freunden und Gönnern, Stägemann, Beyme und Altenstein, hielt ich mich auch hier gern und eng zusammen.
Mit besonderer Geschicklichkeit und Überlegenheit bewegte sich in dem damaligen Treiben der große Philologe Wolf, dessen Umgang jederzeit einen köstlichsten Ertrag bot. Er war ohne Frage das Salz der damaligen Universität, an der denn Schleiermacher etwa den Pfeffer vorstellte. Wolf ging, wie alle Menschen damals, lebhaft auf die Tagesfragen ein, aber nur, um sie durch seine Geistesblitze zu erhellen, durch seinen Witz zu erheitern. Für seinen Freund Humboldt hatte er ernstlich Partei genommen, und es schien, bisweilen, als sei er ein von diesem zurückgelassener Posten, wie man ihn denn auch, gewiß überaus töricht, beschuldigte, demselben in altgriechischer Sprache, als in der sichersten Geheimschrift, die verfänglichsten Neuigkeiten mitzuteilen! Allerdings wußte er seine Ansichten und Meinungen fast immer in sein Fach einzukleiden, und das meiste tat er mit bloßen Sprachbemerkungen ab. Gegen das mächtig aufkommende Frommtun und den Ton vieler neueren Schriften stellte er die Bemerkung auf, man habe ehemals für dergleichen das Wort »salbungsvoll« gebraucht, es sei jetzt[223]  offenbar passender, dafür »schmierig« zu setzen, denn bei Salbung denke man an Weihe, bei Schmiere aber an gutes Fortkommen. Ungemein ergötzte ihn eine ironische Schrift, die über kirchliche Gegenstände unter einem angeblichen Namen erschienen war und die zur Beförderung der Glaubenseinheit in der protestantischen Kirche zwar nicht Feuer und Schwert, o nein! aber doch die Anwendung gelinder Zwangsmittel empfahl, zum Beispiel, was man ehemals bei widerspenstigen Rekruten versuchte, ihnen nichts als gesalzene Heringe zu essen zu geben; daß aber Friedrich von Schlegel diese Schrift für baren Ernst genommen und seinen Jugendfreund Schleiermacher für deren Verfasser gehalten, ging wörtlich über den Spaß. Wolf schmiedete zur Lust abenteuerliche deutsche Worte, zum Ersatz der fremden, die ausgemerzt werden sollten, und hatte die Genugtuung, daß manche Deutschtümler sie in gutem Ernst aufnahmen und ihm die Bemühung dankten, während er doch offen genug den übertriebenen Purismus verwarf und aus dem Wesen aller Sprachen nachwies, daß keine sich völlig abschließen lasse, noch auf ihren alleinigen Füßen stehe.
Schleiermachern zu besuchen hatte ich keinen Anlaß, sah ihn aber bei Reimer. Als Kanzelredner und Universitätslehrer stand er im höchsten Ansehen, aber seit er gegen Schmalz so furchtbar losgefahren und in politischen Dingen so entschieden gesprochen, wurde er von vielen Seiten mit sichtbarer Kälte behandelt und zum Rücktritt aus seiner Geschäftstätigkeit bei der Ministerialbehörde veranlaßt. Ihm eröffnete sich dafür eine neue Wirksamkeit. Der König hatte verfügt, daß die protestantische Geistlichkeit in Synoden zusammentreten sollte, und in Berlin war fast einstimmig Schleiermacher zum Vorstand erwählt worden. Dies war ein politisches und in seiner Art merkwürdiges Ereignis; denn die Mitglieder einzeln waren größtenteils Gegner von ihm, und als Gesamtheit wählten sie ihn dennoch. Sein erster Vortrag, der bald im Druck erschien, war meisterhaft und zeigte das überwiegende Talent, mit welchem er den[224]  Gegenstand als ein Staatsmann auffaßte, mit wahrhaft praktischem Geiste. Auch ist nicht zu sagen, wohin er die Sache geführt haben würde, wäre er an ihrer Spitze geblieben und hätte freie Hand behalten. Doch gerade dies feste Vorschreiten erschreckte die Behörde, und die eben erst angeordnete Bewegung wurde sogleich wieder gehemmt, die beabsichtigte Synodalverfassung völlig abgestellt.
Das Fest der Reformation wurde am Schlusse des Oktobers und an den ersten Tagen des Novembers auf vielfache Art gefeiert. Die Teilnahme war groß und allgemein, das Volk verstand dieses Fest; die religiöse Stimmung des gemeinen Mannes verlangt Vorstellungen des Mutes, der Tapferkeit; hier fand sie solche in dem Helden des Tages, dem gepriesenen Doktor Luther, der aus der alten Zeit wie von selbst an die Seite Blüchers trat und in Wittenberg eben jetzt auch im ehernen Standbild sichtbar wurde. Lieder, Reden, Lebensabrisse, Denkmünzen, Kupferstiche, Steindrücke erschienen in Menge, das würdigste Denkmal aber neben dem ehernen war die Reformationsgeschichte Marheinekes, welche längst vorbereitet in diesem Zeitpunkt herauskam. Daß auch das Theater die Reformation feierte, kann beweisen, wie gering noch die Neigung war, Ärgernis zu nehmen; damals besuchten auch die Prediger noch ohne Bedenken das Schauspiel. Aber den Luther Zacharias Werners auf die Bühne zu führen, den verweichlichten, fast albernen, des schon katholisch gewordenen Dichters, konnte allerdings ein Mißgriff dünken; die Theaterverwaltung beging ihn, die Behörden taten keinen Einspruch, und auch das Publikum hätte vielleicht geschwiegen; nur die Jugend zeigte hier ein empfindlicheres Gefühl und hielt ihrerseits schon den Maßstab an, der später der herrschende wurde; kaum war der Schauspieler, der die Rolle Luthers spielte, hervorgetreten, so riefen die Studenten: »Der Reformator von der Bühne!«, und da ein großer Teil des Publikums einstimmte, so wurde die angekündigte Szene aus der »Weihe der Kraft« förmlich ausgepocht. Die neue Anklage,[225]  welche hieraus gegen die Jugend hervorging, fand in diesem besondern Fall ihre angesehenen Verteidiger, und die Sache ging ungeahndet vorüber.
Ernsthafter und umfangreicher war bald nachher ein Fest, das die Gesellschaft für deutsche Sprache abends im Börsensaale gab. Die namhaftesten Männer der Stadt, unter ihnen Stägemann, Nicolovius, Süvern, Wolf, waren als Mitglieder oder als Gäste zugegen. Hier war fast alles in altdeutscher Tracht, und Jahn und seine Turnbrüder hatten das Übergewicht. Die Lieder, welche gesungen wurden, die Trinksprüche, die ihnen folgten, der laute und kräftige Jubel, welcher sie begleitete, setzten die Haltung mancher steifen Herren auf harte Proben. Die ganze Versammlung, in der, wie gesagt, die Turner sich in der Mehrzahl sahen und daher mit größter Zuversicht ihre Stichwörter auswarfen, eines rauschenden Beifalls im voraus gewiß, hatte etwas Herausforderndes und Kriegerisches, das den Sinn mächtig ansprach, aber freilich auch erschrecken konnte. Schon waren wilde Äußerungen genug vorgekommen, allein der besonnene Ordner der Gesellschaft, Dr. Karl Müller, wußte immer wieder das Feuer zu dämpfen und leitete zuletzt durch eine längere, gediegene und wohlgesprochene Rede die Aufgeregten zur Mäßigung zurück, worauf er sein Amt niederlegte und das Festmahl für geendigt erklärte. Doch die Gesellschaft wollte darum noch nicht auseinandergehen; im Gegenteil, jetzt der bindenden Ordnung entledigt, nahm der Taumel erst rechten Aufschwung. Die Sitze wurden verlassen, Arm in Arm verschlungen, wandelten Gruppen singend auf und ab, in der großen Gesellschaft bildeten sich kleinere, jede hatte ihre Gespräche und Gesundheiten für sich; nirgends aber, das verdient bemerkt zu werden, war eine Spur von Trunkenheit. Da versuchte Jahn nochmals mit gewaltiger Stimme durchzudringen und brachte das Wohl derer aus, die auf der Wartburg ein so herrliches Beispiel gegeben; die Gläser klangen und heller Jubel; aber gleich darauf erfolgte eine große Stille; man besann sich, bedachte[226]  die Umstände, und viele selbst der näheren Freunde Jahns tadelten seinen Übermut, denn sie fühlten, daß aus dem Wartburgfest viel Unheil hervorgehen könne, sahen sich und ihre Sache nicht wenig bedroht und glaubten, daß die Umstände eher Klugheit als Trotz anraten müßten. Jahn selbst wollte das nicht in Abrede stellen, meinte aber, was für die andern gelte, gelte noch nicht für ihn, und zu allem, was er schon zu verantworten habe, könne er auch das, was er eben gesagt, noch nehmen. Zuletzt, als der Saal schon leerer geworden, rief er die Übriggebliebenen noch zusammen und hielt aus dem Stegreif eine Rede zu Ehren Luthers und der deutschen Sprache, so kräftig, frisch, kurz und rasch und so zweckmäßig und unverfänglich, daß alle Hörer entzückt und auch die schüchternen befriedigt waren; denn das ganze Fest empfing dadurch einen so harmlosen als glänzenden Schluß, zu dem sich jedermann bekennen durfte.
Ich hatte dem Fürsten von Hardenberg in der ersten Audienz, die ich nicht ohne Schwierigkeit im allgemeinen Zudrang erlangte, meine Berufung nach Württemberg vorgelegt, und ich konnte bemerken, daß sie einen günstigen Eindruck bei ihm machte, daß es ihm schmeichelte, einen der von ihm zuerst Angestellten so günstig von einem fremden König beurteilt zu sehen. Er versetzte auch ohne Zögern, das sei recht schön und ehrenvoll, aber ich müsse in Preußen bleiben, und man werde mich für das, was ich dort aufgäbe, hier schon entschädigen. Ich hatte die Unvorsichtigkeit, ganz offen zu erklären, daß ich schon völlig entschieden sei und alles ablehnen wolle. Der Fürst meinte, er müsse doch dem Könige Vortrag über meine Sache halten, ich möchte unterdes das Weitere mit Jordan besprechen. Dieser glaubte mir zureden zu müssen, die Sache anzunehmen, sie sei doch gar zu vorteilhaft; denn selbst wenn man mich zum Gesandten in Karlsruhe machte, wäre das doch lange nicht so viel, als mir in Württemberg angeboten sei. Nachdem ich auch ihm gesagt, ich sei fest entschlossen, in[227]  meiner preußischen Bahn zu bleiben, so versicherte er, dann wolle er wenigstens sorgen, daß mein Verhältnis gehörig verbessert werde, ich solle fürerst als Ministerresident nach Karlsruhe zurückkehren, eine Gehaltserhöhung bekommen, und dann werde auch die Abhängigkeit von Küster aufhören müssen. Ich war dies alles wohl zufrieden. Indes verzögerte sich die Entscheidung; ich hatte nochmals zu erinnern, daß ich derselben voll Ungeduld harrte, daß ich dem Könige von Württemberg doch endlich eine bestimmte Antwort geben müßte. Diese kam unter dem 6. November, der Staatskanzler schrieb mir, er habe an demselben Tage dem König über meine Angelegenheit einen Vortrag gemacht. Allerhöchstdieselben wollten mich gern in ihren Diensten behalten und mir die Vorteile gewähren, welche sich mit den Verhältnissen und mit meiner bisherigen Stellung vereinbaren ließen; einen besonderen Gesandten am badischen Hofe finde der König aber jetzt nicht nötig, eine Gehaltszulage sei für den Augenblick nicht statthaft, solle aber demnächst erfolgen; indes wurde ich zum Ministerresidenten ernannt. Ich gestehe, daß ich ursprünglich hiemit ganz zufrieden gewesen wäre, hatte ich doch erklärt, auch wenn mir gar nichts Neues gewährt würde, in meiner Stellung verbleiben zu wollen! Aber mich empörte, daß man mir andere Versprechungen gemacht und nun tun wolle, als sei das nicht geschehen. Ich tat demnach Einspruch, sowohl bei Jordan als bei Hardenberg selbst; allein ersterer berief sich darauf, daß er mir gleich gesagt, ich würde am besten den württembergischen Antrag annehmen, und er riete mir noch dazu. Hardenberg, der die Freundlichkeit selbst war, setzte in einer großen Unterredung auseinander, wie er selbst gern alles für mich tun möchte, auch gewiß in der Folge tun werde, doch seien ihm selbst die Hände nicht frei, er müsse viele Rücksichten nehmen, es sei nicht mehr die Zeit von 1813, auch nicht einmal die von 1815, der Hof sei hocharistokratisch, der alte Familieneinfluß dränge mächtig heran, fordre mit Ungestüm Anstellungen und Geld, er[228]  führte mir Otterstedt an, der als alter märkischer Edelmann habe befördert werden müssen; er meinte, seine alten, durch neuen Zuwachs verstärkten Gegner weckten ihm überall Hindernisse, der alte Kampf erneue sich, und seine Freunde – er rechnete mich dazu – sollten ihm beistehen, nicht aber ihm neue Schwierigkeiten verursachen. Meine anfängliche Heftigkeit war gebrochen, es rührte mich, den alten Mann seine Bedrängnisse so bekennen zu hören. Ich sah wohl ein, daß hier nichts weiter zu machen war, und dachte nur mit Sorgen an die Rückwirkung, die in Preußen begonnen hatte und deren schlechter Geist besonders in der Behandlung der Wartburgsache traurig zutage kam. Nun war auch meines Bleibens nicht länger in Berlin. Der Staatskanzler beschied mich zu neuem Wiedersehen an den Rhein, denn er wollte den früher beabsichtigten Besuch jetzt alsobald ausführen. Ich war froh, meine neuen Ausfertigungen aus den Kanzleien ohne neue Zögerung zu empfangen, eilte, bei Freunden und Bekannten mich zu beurlauben, und trat am 17. November meine Rückreise nach Frankfurt am Main an.
Am 19. November in Weimar eingetroffen, wollte ich diesmal doch die Gelegenheit wahrnehmen, endlich Goethen kennenzulernen. Ich hatte einige Briefe mit ihm gewechselt, aber ihn noch nie gesehen. Doch über diesen Besuch berichtete ich bald nachher einem Freunde durch einen Brief, den der Zufall wieder in meine Hände gebracht, und ich glaube den Gegenstand auch hier am besten darzulegen, indem ich jene Briefworte wiederhole, sie waren an Stägemann gerichtet und lauteten wie folgt:
Ein Gegenstand fordert und nimmt sich sein Recht; indem ich diese Zeilen an Sie, verehrtester Freund, beginne, drängt es sich mir unwiderstehlich auf, Ihnen vor allen andern Dingen zu sagen, daß ich Goethen persönlich kennengelernt habe; zum erstenmal in meinem Leben hab ich ihn gesehen, kaum der Gefahr entwunden, ihm unbesucht vorbeizureisen, aber freilich auch nicht ahndend und vermutend, welcherlei Gut mir dadurch unzugeteilt geblieben wäre! Ich[229]  kam nachmittags gegen vier Uhr in Weimar an, unmutig, durchfrostet nach schlechten Nachtfahrten, auf verdorbenen Wegen, voll ungeduldiger Eile; in dieser Stimmung beschloß ich dennoch zuletzt, mein Heil zu versuchen, ließ mich melden und wurde zu fünf Uhr angenommen. Ein Gang von wenigen Schritten, aber in welcher Erregung legte ich diese zurück! Es war mir, als wenn alles, was ich bei dem Namen je gedacht und empfunden, sich noch eiligst auflösen und zu einer Persönlichkeit verkörpern sollte, die sich sogleich an der wirklichen, leibhaftig mir gegenüberstehenden, zu prüfen haben würde. Aber welcher Empfang stand mir bevor! Ich mußte, als ich Goethen vor mir hatte, alles fahrenlassen, was die langjährige, tiefgenährte Bekanntschaft mit dem Dichter mir einflößen gekonnt, um nur mit dem neubekannten, wirksamen Menschen beschäftigt zu sein, der, mild, freundlich, treuherzig, anmutig, geistvoll, kraftreich, mir das Bild eines ganzen Menschen – wenn dieser geringe Ausdruck der hohen Bedeutung fähig ist – in vollständig ausgebreiteter großartiger, schöner Lebensentwickelung vergegenwärtigte. Das seltene Glück – hier wohl unverdient, doch nicht unwürdig empfangen – einer so milden und biedern Aufnahme, als sei ich ein alter Freund, der längst erwartet worden, mußte mich um so mehr überraschen, als ich die scheue Zurückhaltung, die ihm so oft vorgeworfen worden, in den schriftlichen Berührungen, die ich mit ihm gehabt, nicht ganz hatte leugnen können. Nach der ersten Begrüßung, wobei er mir die Hand reichte, sprachen wir gleich sehr vertraut, und bald nachher hielt er inne, reichte mir wieder seine Hand hin und rief mit Innigkeit: »Sie müssen mir noch mal die Hand geben!«

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Vergebens würde ich Ihnen den Gang, den Inhalt oder auch nur die Art des alsbald lebhaften Gesprächs zu schildern suchen, es war wie ein Stück Leben, in tausend Wellen fließend, ein Gefühl, im ganzen wirkend, ohne die einzelnen Bezüge gesondert festhalten zu lassen; jedes Wort eine Blüte am Zweige des Baumes, aus der tiefen, dunkeln Wurzel her,[230]  aber selber doch nur als luftigheitres Gebild des Augenblickes er schlossen. Wie jenen hellenischen Fremden zu Athen, die nach mehreren mit Platon verlebten Tagen ihn ersuchten, sie nun auch zu seinem berühmten Namensvetter, dem Philosophen, zu führen, so ging es fast mir, der ich in täuschender Besinnung leicht diesen herrlichen Mann hätte bitten können, mir nun auch die Bekanntschaft des ihm gleichnamigen Schriftstellers zu verschaffen. Ich blieb auf Goethes wiederholtes Anmahnen den ganzen Abend bei ihm, bis Mitternacht sogar; sein Sohn und dessen ihm kürzlich erst vermählte Gattin waren die einzigen Mitgenossen eines Teils dieser Stunden. Schwer würde ich einige besondere Sprüche aus dem lebenreichen Ganzen aussondern! Die festesten, kräftigsten Äußerungen, die feinsten, erfreulichsten Wendungen, voll Gestalt im Hervorkommen, zerflossen mir unter den Händen, wenn ich sie dem Gedächtnisse zum Behalten und Überliefern einprägen wollte. Wir sprachen über alles, Goethe mit ungewöhnlichem – so nannte er es selbst – vollen Zutrauen von Dingen, die er sonst lieber unerörtert lassen mag, auch über den Geist und die Richtung der Entwickelung der Gegenwart, über die Gestalten der nächsten Vergangenheit, über Napoleon, Franzosen, Deutschland, Preußen; wie freut ich mich des unerschütterlichen Vertrauens, das ich trotz aller Zwischendinge stets in unseres deutschesten Dichters Vaterlandstreue gesetzt! Wie gerecht, einsichtig und unschuldig waren seine Äußerungen in dieser Hinsicht, von wahrem Geschichtsgefühl so des Augenblicks wie der Jahrhunderte beseelt! Er sieht nur früh und schnell die Dinge so, wie die meisten erst spät sie sehen; er hat vieles schon durchgearbeitet und beseitigt, womit wir uns noch plagen; und wir verlangen, er soll unsere Kindereien mitmachen, weil wir sie noch als Ernst nehmen! – Goethe kein deutscher Patriot? ein echter und wahrhafter, wie es jemals einen geben kann! In seiner Brust war alle Freiheit Germaniens früh versammelt und wurde hier, zu unser aller nie genug erkanntem Frommen, das Muster, das Beispiel,[231]  der Stamm unserer Bildung. In dem Schatten dieses Baumes wandeln wir alle. Fester und tiefer drangen nie Wurzeln in unsern vaterländischen Boden, mächtiger und emsiger sogen nie Adern an seinem markigen Innern. Unsere waffenfrohe Jugend, die höhere Gesinnung, die in ihr wirkte, stehen wahrlich bezugreicher zu diesem Geiste als zu manchem andern, der dabei besonders tätig gewesen sein will. Ist doch nicht alles Freiheit, was so aussieht, was einen Augenblick so genannt wird; und manches französische Wort ist deutscher als das, welches man an die Stelle von jenem bringen will! – Das Leben in kleineren Städten, von größeren Mittelpunkten der neuern Zeit entfernt, hat für Goethen vielleicht manche Ansicht nicht sogleich in volle Beleuchtung treten lassen, manche Anschauung dunkel gehalten: aber wie nimmt der weise Sinn den kleinsten Schimmer echten Lichtes, das ihm dargeboten wird, sicher auf und verteilt ihn mit Blitzesschnelligkeit über das ganze Bild!
Übrigens ist Goethe alt und gerade darin jung, daß er die Wesenheit des Alters mit gleicher Frische und Wahrheit in sich aufnimmt, wie er jung die Jugend in sich aufnahm; es ist eine Freude des Lebens, im Hintergründe der Jahre solche Alte möglich zu sehen, wie Schlabrendorf und Goethe sind. Schön von Antlitz und Bildung, kräftig an Haltung und mit hoffnungsvoller Gesundheit steht letzterer noch mitten in des Lebens Tätigkeit, auf Nahes bedacht wie auf Fernes, aber die Zeit beisammenhaltend und nicht das größere Zurückgelegte verkennend. Im ganzen gibt das Werk über sein Leben – diese gehaltreichsten Denkwürdigkeiten, in welchen die tiefsinnige Kürze des alten Philosophen mit der homerischen Fülle des alten Dichters vereinigt ist – den Standpunkt, auf welchem er sich als Mensch jetzt befindet, seine Art und Weise des Daseins, ziemlich vollständig und ungefälscht zu erkennen. Mehrere Teile werden noch folgen; eine Art Ersatz für so vieles, das nicht geschrieben zu haben er jetzt bedauert!
Dieses Übergewicht, das die erwartete Wirkung des Dichters[232]  so ganz der Wirkung des Menschen unterordnete und mich von dem ersteren zwar vieles, aber fast nur in bezug auf den letzteren sehen ließ, wurde mir gleichsam zum Triumphbilde des Mannes, von dessen Anschauen ich die folgenden Tage mit einer sanften Glut erfüllt blieb, wie nur die außerordentlichsten Begegnisse der innern Welt sie über die Seele verbreiten können, und für das ganze Leben, kann ich nun sagen, bin ich um ein großes Gut reicher.

In Frankfurt am Main harrte Rahel auf mich. Im Schoße der Familien Goltz, Maltzan und Hertz mit Liebe gehegt, mit Frau Rätin Schlosser, mit Schlegels, Frau de Ron und anderen in erfreulichem Umgang, von dem alten Freunde Scholtz, dem nunmehrigen preußischen Ministerresidenten in Frankfurt, von Otterstedt, der von Darmstadt häufig herüberkam, von Jassoy, Küpfer und anderen mit Dienstbeflissenheit verehrt, hatte sie angenehme Tage verlebt und in aller Kürze sich einen Gesellschaftskreis gebildet, wie er in Karlsruhe nicht möglich war. Sie konnte sich aller dieser Menschen nur rühmen, der einzige, Küpfer, machte eine Ausnahme. Schon schriftlich hatte sie mir angedeutet, daß er unsern Briefwechsel, dem er sich wegen Postbeschleunigung als Zwischenträger erboten hatte, nicht so gewissenhaft besorge, als wir von ihm zu erwarten berechtigt waren; einer meiner letzten Briefe, der ihm als Einlage zugekommen, fand sich, als Rahel ihn von mir empfing, zwar wie gewöhnlich mit einer Oblate versiegelt, allein diese erwies sich beim Eröffnen noch naß, was notwendig voraussetzte, daß der Brief unmittelbar vorher offen gewesen. Noch manches andere Mißfällige in betreff seiner tauschten wir aus, und unser Urteil war schnell gefällt; aber wir kamen überein, alles ungerügt und ihn glauben zu lassen, wir ständen zu ihm wie sonst, so daß wir uns sicherten und ihn der Täuschung preisgaben – die richtigste Gegenwehr gegen solchen Klugdünkler –, an seiner eignen Arglist ihn zum Narren werden zu lassen.[233] 
Graf von Goltz bestürmte mich mit Fragen über die Verhältnisse in Berlin; ihm durft ich aufrichtig sagen, wie ich die Sachen gefunden hatte, ein buntes Durcheinander, eine grenzenlose Verwirrung, die der Staatskanzler zur festen Ordnung zu bringen nicht mehr die Macht hatte. Daß diese Aufgabe möglicherweise für Wilhelm von Humboldt bewahrt sein könnte, wie man damals glaubte, war für Goltz eine sehr beunruhigende Aussicht; er und die Gräfin wünschten lieber die Verwaltung des Staatskanzlers fortgesetzt zu sehen, mit der sie doch ebenfalls unzufrieden waren, hauptsächlich aus dem aristokratischen Standpunkt, und ich empfing hier die Bestätigung dessen, was ich selber wahrgenommen und überdies aus Hardenbergs eignem Munde gehört hatte; sie gestanden mir, der ich doch gewiß in ihren Augen ein homo novus war, daß für die alten Familien mehr getan werden, daß der vornehme Adel die ersten Stellen haben müsse, und ich hatte sogar von der Gräfin zu hören, daß Wilhelm von Humboldt doch nur ein Parvenü sei, der bei Besetzung des Londoner Gesandtschaftspostens wohl einem Grafen von Maltzan hätte nachgesetzt werden sollen; dieser als bescheidener diplomatischer Anhängling schien den Ausbrüchen seiner Schwiegermutter doch selber einigen Zweifel entgegenzusetzen.
Sosehr mich Goltz auch aufzuhalten suchte und der Verkehr mit den Frankfurtern mich anzog, so durfte ich doch meine Rückkehr nach Karlsruhe nicht länger verschieben, und nur ein Unwohlsein Rahels hielt mich noch einige Tage fest. Am 29. November trafen wir nach einer dreimonatlichen Abwesenheit wieder in Karlsruhe wohlbehalten ein.
Die badischen Sachen hatten in der Zwischenzeit bedeutende Fortschritte gemacht. Der wichtigste war ein neues vom Großherzog erlassenes Hausgesetz vom 4. Oktober 1817, wodurch die Unteilbarkeit und Unveräußerlichkeit des Großherzogtums ausgesprochen und die Ordnung der Regierungsnachfolge festgestellt wurde; mit diesem Hausgesetz gleichzeitig erschien eine Staatsurkunde, welche die drei Söhne[234]  des Markgrafen Karl Friedrich, bisher Grafen von Hochberg, zu großherzoglichen Prinzen und Markgrafen von Baden erhob und sie zur Regierungsnachfolge berechtigt erklärte. Mit unsäglicher Mühe und mit Aufbietung ihres ganzen vereinigten Ansehens hatten Reizenstein und Tettenborn den Großherzog zu diesem entscheidenden Schritte vermocht. Sie mußten dabei den alten Stolz überwinden, der sich weit über die Hochberge erhaben dünkte und sie als einen geringeren Anhang des Hauses zu betrachten gewohnt war; sie hatten die Eifersucht der Markgräfin Amalia und selbst des Markgrafen Ludwig zu beschwichtigen, welche ihren Titel nun mit diesen halbechten Verwandten teilen sollten. Aber der Wechselfall, der diesem Vorschlage zur Seite stand, daß, wenn dieser nicht angenommen würde, der Markgraf Ludwig sofort eine ebenbürtige Heirat eingehen und dem Lande Erben erzielen müßte, schien der gereizten Empfindlichkeit noch schwerer zu ertragen, und die Erhöhung der Hochberge wurde vorgezogen. Die ganze Maßregel war durchaus zweckmäßig, sie erschwerte die Teilungsgelüste Österreichs und Bayerns und zog ihnen die Hoffnung nahen Erlöschens der männlichen Nachkommenschaft im Hause Baden unter den Füßen weg. Die Maßregel war aber auch kühn, insofern sie ganz aus eigener Machtvollkommenheit, ohne Vor- und Anfrage bei den großen Mächten und Verwandten, mit Entschlossenheit als Tatsache hingestellt war. Nur Rußlands Billigung war aus früheren Verhandlungen so gut als gewiß anzunehmen.
Die Großherzogin fand ich in Betrübnis und großer Sorge wegen des Großherzogs. Dieser war seit langer Zeit kränklich, und des düstern Argwohns, der in ihm deshalb aufgestiegen, ist schon früher gedacht worden; allein seine ursprünglich kräftige Natur hatte bisher den Kampf noch mit Erfolg aufgenommen, und er konnte ganze Wochen und auch Monate zählen, in denen er sich verhältnismäßig wohlbefand, auf die Jagd fuhr, den Truppenübungen beiwohnte, ja sogar die alten Vergnügungen genoß, die besonders in[235]  schon geschwächtem Zustand ihm verderblich sein mußten, aber freilich von nichtswürdigen Dienern unter immer neuen Reizen ihm dargeboten wurden. Seit dem Herbst aber war die Kränklichkeit bedeutender geworden und wollte den sonst erprobten Mitteln nicht weichen.
Von der Krankheit des Großherzogs durfte so wenig als möglich gesprochen werden; die Markgräfin Amalia ließ nicht merken, daß sie von dem traurigen Zustand ihres Sohnes vollkommen unterrichtet war, ebensowenig der Markgraf Ludwig, dem jedes Wort darüber als eine Hoffnung auf die nahe Erbfolge wäre gedeutet worden. Die beiden anwesenden Schwestern des Großherzogs, Königin Friederike von Schweden und Prinzessin Amalia von Baden, konnten ihre besorglichen Gefühle nicht ganz unterdrücken, sie näherten sich auch der Großherzogin deshalb, welche dies Entgegenkommen liebreich aufnahm; allein die Kälte der Markgräfinmutter unterdrückte die freundlichen Wallungen bald wieder. Man war einmal übereingekommen, der Hof solle ein fröhliches Ansehen haben, und man versprach uns einen glänzenden, gesellschaftreichen Winter.



Karlsruhe. Stuttgart. Baden
1818










[236] Die Erhebung der Grafen von Hochberg zu Markgrafen von Baden war eine Maßregel, an deren Gültigkeit dem Großherzog alles gelegen sein mußte. Nicht nur der Zweck, Land und Regierung dem eigenen Hause zu erhalten, forderte dies, sondern auch das persönliche Ansehen des Fürsten, der eine solche Machthandlung einmal unternommen hatte. Desto mehr fiel es auf, daß bei den nächsten Anlässen gleich mancherlei geschah, was in dem Großherzog die Neigung[236]  verriet, die kaum erhobenen Markgrafen wieder etwas hinabzudrücken. Am Neujahrstage machten die badischen Generale und Offiziere dem alten Markgrafen Ludwig herkömmlich ihre Gesamtaufwartung, den neuen Markgrafen durften sie nur jeder einzeln ihre Glückwünsche bringen. Der Prinzessin Amalia Christina war in ihrem besondern Erhebungspatent nicht wie ihren Brüdern ausdrücklich der Titel Hoheit beigelegt worden, doch gab ihn ihr jedermann, und zum 7. Januar, dem Tag ihrer Verlobung mit dem Fürsten von Fürstenberg, kam dieser Titel auch in die für die Zeitungen aufgesetzte Anzeige; doch der Großherzog wurde noch rechtzeitig davon benachrichtigt, und der Minister von Berstett selbst mußte eiligst in die Druckerei gehen, um die »Hoheit« wieder auszustreichen. Zur Verlobungsfeierlichkeit wurden die Gesandten gar nicht eingeladen, wohl aber zu der darauf angesagten Glückwünschungscour; auf den Einspruch aber, welchen der hannöversche Gesandte von Reden mit unnötigem Eifer machte, daß er noch nicht ermächtigt sei, die neuen Titel anzuerkennen, ließ Berstett auch diese Einladung wieder fallen und erklärte sie für einen Irrtum des Hoffuriers. Der Großherzog freute sich, sowohl seinen Verwandten als dem mediatisierten Fürsten bei dieser Gelegenheit einige Demut aufzuerlegen, ja, selbst die eigenen Brüder der Prinzessin hielt er von der Feierlichkeit zurück, indem er gerade zu der für diese bestimmten Stunde sie zu sich beschied und sie in gleichgültigen Gesprächen die Zeit versäumen ließ; nur der jüngste Bruder durfte der Schwester zur Seite sein. Da man dem Grafen Golowkin zutraute, er würde sich über alle Bedenken wegsetzen und zur Cour fahren, so hielt ihn die Markgräfinmutter absichtlich bei der Mittagstafel so lange auf, bis es zu spät war. Durch solche Jämmerlichkeiten, die schnell bemerkt und gierig aufgegriffen wurden, handelte die großherzogliche Familie gegen ihren eigenen Vorteil und wirkte dem Zweck, den sie doch sonst wollte, möglichst entgegen. Der Neid mißgönnte schon, was er eben selbst gegeben hatte, und viel leicht hätte die[237]  wachsende Reue den Widerspruch von außen sogar gern benutzt, um das Gewährte zurückzunehmen, wozu manche Höflinge schon eifrigst rieten. Es gehörte die vereinte Kraft Reizensteins und Tettenborns und der ganze Trotz ihrer Standhaftigkeit dazu, um das Werk gegen solch elende Triebfedern und Einflüsterungen und zugleich gegen die Angriffe von außen siegreich zu behaupten. Indes blieb den neuen Markgrafen aus diesen Kleinlichkeiten lange Zeit ein gedrücktes, peinliches Verhältnis, in welchem sie die neue Würde tragen mußten und doch nicht hervorheben durften, immer in ängstlicher Besorgnis, anzustoßen und zu mißfallen. Es ist wahr, ihr Naturell kam ihnen zu Hülfe, und so leisteten sie in dieser traurigen Rolle des sich Unterduckens und Vernichtens das Unglaubliche.
Das ganze Hofleben in Karlsruhe bestand ohnehin fast nur in kleinlichen Eifersuchten und Rücksichten. Die verschiedenen Höfe und ihre vornehme und geringe Dienerschaft taten fast nichts, als einander gegenseitig beobachten, über jede Handlung oder Rede Gericht halten, die vermeinten oder wirklichen Abweichungen von der Regel tadeln, die Lächerlichkeiten hervorheben. Da keine Seite den Stoff dazu fehlen ließ, so lebte man unausgesetzt in kleinem Krieg, der indes, weil er sorglichst im stillen geführt wurde, nicht einmal die Lustigkeit eines offenen Geplänkels haben konnte. Man fand überall Auflaurer, ausgestellte Netze und Fallen, kleine Listen und Tücken, denen allen zu entgehen fast nicht möglich war und freilich kaum auch der Mühe wert; denn was schadete es am Ende, wenn man einigen Abfall in den Händen der Leute ließ, den sie gierig erschnappten und den man selber doch nur zum Wegwerfen bestimmt hatte? Die Fremden nun erst recht brauchten sich gar nicht um dies Wesen zu kümmern, sobald sie nur den Mut hatten, sich darüber wegzusetzen. Aber angenehm konnte die Hofgesellschaft unter diesen Umständen nie werden.
Der Karlstag am 4. Februar wurde glänzend genug gefeiert, wenn man nur auf das Äußere der Festlichkeit sah;[238]  doch all der Prunk der Säle, alle die reichen Uniformen, Damenanzüge, Ordensbänder, alle die herkömmlichen Formen der Huldigung und Artigkeit konnten den Eindruck nicht überwinden, daß solch ein kleiner sich zum großen aufblähender Hof, größtenteils aus dem Kehricht des Adels und dem Moder früheren Geltens zusammengebracht, in unserer Zeit doch ein abgeschmacktes Ding sei! Peinlich für alle, für die sogenannten Herrschaften wie für das Gesinde, hat das ganze Wesen längst keine Bedeutung mehr: von Macht, Ehre und Annehmlichkeit ist kaum noch ein Schein vorhanden, und diejenigen Teilnehmer, in denen noch einiger Verstand und Charakter übriggeblieben, sind die entschiedensten Verächter des Bodens, auf dem sie leben und von dem sie doch nicht lassen können. Mit welcher Wut äußerte bei solcher Gelegenheit einst Herr von Blittersdorf gegen mich, daß er als Kammerjunker am Hofe helfen solle, Gedränge zu machen, und wie bitter klagte er ein andermal, daß er ohne Einladung geblieben sei! Niemand sah dies Jämmerliche, Lügenhafte und Gleisnerische des Hofwesens tiefer ein, niemand litt mehr von der Schlechtigkeit solcher Umgebung als die Großherzogin; sie sprach ihren Unwillen und Überdruß oft in geflügelten Worten gegen mich aus und beklagte ihr Los, das sie verurteilt habe, dieser unfruchtbaren Öde nie mehr entfliehen zu können.
Der Fürst von Hardenberg war am Schlusse des vergangenen Jahres in die preußischen Rheinlande gekommen, um diese schwierige, mit dem preußischen Staat schwer in Einklang zu bringende Provinz näher einzusehen und zu ordnen. Die Bewohner standen ihren altpreußischen Staatsgenossen an höherer Bildung nach, aber keineswegs an Kraft und Tätigkeit des gemeinen Lebens; in Freiheitsgewöhnung und Selbstgefühl waren sie ihnen voraus; sie sträubten sich gegen das neue Beamtenwesen, das überall anstieß, sie hielten fest, was aus den Erträgen der Französischen Revolution sich bei ihnen eingebürgert hatte, besonders die Rechtspflege, die man ihnen auch lassen mußte. Zudem war die Mehrzahl[239]  katholisch, und die kirchlichen Verhältnisse, welche unter der Kaiserherrschaft sehr kleinlaut gewesen, machten gegen die preußische Regierung die unbequemsten Forderungen geltend. Der Staatskanzler war allerdings der Mann, der hier viel mildern und versöhnen konnte; er machte verschiedene Anordnungen, die ihm Neigung und Vertrauen gewannen, besonders vertröstete er die Rheinländer auf die neuen großen Staatsformen, durch welche ganz Preußen in nicht ferner Zeit eine neue Stufe seiner geschichtlichen Entwickelung betreten werde. Doch das Streben in dieser Richtung war hier schon regsamer als in den alten Landen. Der feurige Görres in Koblenz hatte mit kluger Umsicht bereits eine Adresse an den König zustande gebracht, die, mit Tausenden von Unterschriften versehen, dem Staatskanzler durch eine Abordnung aus allen Ständen öffentlich überreicht werden sollte. Der Fürst erkannte die Mißlichkeit eines solchen Auftrittes recht gut, besaß aber Mut und Freisinn genug, um alle Gefahren, die damit verknüpft sein möchten, persönlich zu bestehen. Die Übergabe der Adresse geschah am 12. Januar auf dem Schloß Engers und wurde durch die Kühnheit und das Talent des Sprechers, der kein anderer als Görres selbst war, und durch die sichere Gewandtheit Hardenbergs, der, obschon überrascht, doch die Probe trefflich bestand, zu einer parlamentarischen Verhandlung ganz eigenster Art. Eine vorlaute Stimme verkommener Anmaßungen war schnell zum Schweigen gebracht, und sogar Görres stand an treffenden Äußerungen und zeitgemäßem Freisinn gegen Hardenberg zurück. Dieser hatte durch sein rühmliches Bestehen dieser heißen Angelegenheit außerordentlich in der Meinung gewonnen, und die Rheinländer bezeigten ihm laut ihren Beifall. Doch Görres war mit dem Erfolg, der sich innerhalb der nächsten Umgebung hielt, nicht zufrieden, sondern warf den ganzen Hergang auf den Schauplatz der allgemeinen Öffentlichkeit. Dies tat er durch die berühmte Schrift, welche als Bericht für die Teilnehmer gegen Mitte Februars im Druck erschien. Hier wurden die[240]  gewechselten Reden ausführlich mitgeteilt, deren maßvollen Andrang ein glutvolles Nachwort von Görres gleichsam zum Sturm erhob. Nun erst bekam die Sache ihre volle Bedeutung. Ungeheures Aufsehen machte die Schilderung eines Vorgangs, der als etwas ganz Neues, Unerhörtes in Deutschland überraschen, in Erstaunen setzen mußte. Von Berlin her kamen bald finstre Mißbilligungen, strenge Verwarnungen an die Behörden, dergleichen bedenkliche Dinge nicht mehr zu gestatten; der Staatskanzler selbst mußte Vorwürfe und Mahnungen hinnehmen, gegen die seine hohe Stellung ihn nicht schützte. Der König richtete sogar an die Gemeinde Hatzenport, von der ihm zufällig bekannt wurde, daß sie sich geweigert, an der Adresse teilzunehmen, ein öffentliches Belobigungsschreiben, das der Gemeinde solche Triebfedern ihres Weigerns unterschob, an die sie gar nicht gedacht hatte, und ihr nur eine schlimme Berühmtheit auflud, daß man längere Zeit hindurch einen Menschen politischer Gleichgültigkeit und trägen Stumpfsinns einen »Hatzenporter« nannte. Im ganzen westlichen und südlichen Deutschland erregte die Schrift einen Sturm von Beifall, die mächtigste Aufregung: alle Parteien suchten sie zu ihrem Vorteil auszulegen; denn Görres hatte seinem lichtvollen Freisinn doch örtliche dunkle Schatten beigemischt, die von hierarchischen und aristokratischen Eiferern laut gepriesen wurden. Um den richtigen Eindruck zu verstärken und die helleren Vorstellungen Hardenbergs im Gegensatze der dunkleren von Görres als preußische hervorzuheben – denn wir wollten alles Gute und Kräftige gern dem Wohl und der Ehre des Staates zurechnen –, schrieb ich einen kritischen Aufsatz, der ohne meinen Namen in der »Jenaischen Literaturzeitung« erschien und den mehrere Zeitblätter nachher wiedergaben. Görres war, wie ich später hörte, mit diesem Aufsatz wenig zufrieden, besonders weil ich die Stände als politische Körperschaften nicht gelten ließ; auch der Staatskanzler, welcher wieder nach Berlin zurückgekehrt und ängstlicher geworden war, soll ihn mißbilligt haben; beides war mir damals so gleichgültig,[241]  wie es mir jetzt ist; ich hatte nur mir, keinem andern zulieb geschrieben.

Das Frühjahr 1818 war für das südliche und westliche Deutschland eine unruhige Zeit; in den Gemütern und Geistern wallte und gärte es heftig, Hoffnungen und Besorgnisse stießen hart widereinander, die mannigfachsten Fragen begehrten ungestüm Antwort, allerorten fühlte man, daß etwas geschehen, daß etwas getan werden müsse. Die Koblenzer Adresse wirkte gewaltig ein; der Bundestag, welcher als Körperschaft und noch mehr in seinen einzelnen Gliedern von den mannigfachsten Forderungen hin und her gestoßen wurde und in seiner furchtsamen Schwäche ebensoleicht den wildesten Volksstimmen zum Werkzeuge dienen konnte, als er bereit war, den strengsten Hofbefehlen zu gehorchen, wußte durchaus keine feste Haltung zu gewinnen und warf die Verwirrung, in der er sich befand, nur auf die Regierungen zurück, die ihn beschickt hatten; Verfassung war das allgemeine Losungswort, das Volk wollte sein Recht, aber auch die Mediatisierten, die Ritter und Junker verlangten die Herstellung ihrer Vorrechte; die Verteilung und Abgrenzung der Länder war noch nicht schließlich abgemacht, jeder Fürst mißtraute dem Nachbar und noch mehr den großen Höfen, deren Willen und Richtung sich nicht klar aussprach und doch zuletzt alles entscheiden mußte. Aus natürlichem Gefühl suchten in dieser zweifelvollen Bedrängnis die Fürsten ihre nächste Stütze im eigenen Land und Volk; waren diese zufriedengestellt und die öffentliche Meinung gewonnen, so schien auch der mindermächtige Fürst einem sonst übermächtigen noch nicht weichen zu dürfen. Verfassung oder, wie man häufiger sagte, Konstitution wurde daher, wie öffentlich im Volk, so insgeheim auch bei den Höfen, als die große Angelegenheit des Tages besprochen, und in Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt war man gleichzeitig in dieser Richtung mit Vorarbeiten beschäftigt, die sogar mit einer Art von Wetteifer[242]  betrieben wurden. Doch meinten die Fürsten und ihre Minister und Höflinge mit den Zugeständnissen, welche dem Volke zu machen waren, nicht sowohl diesem eine Wohltat zu erzeigen, als vielmehr sich selber eine Nothülfe zu geben; sie sahen die Berufung von Volksvertretern oder Ständen nur als ein unvermeidliches Übel an, als eine bittere Arzenei, die man einzunehmen immer gern zögert, bis zur äußersten Frist aufschiebt. Man blickte vor allem auf die großen Mächte, deren wahre Meinung indes hinsichtlich der Verfassungsfrage schwer zu erraten war. Österreich und Preußen hatten sich durch die Bundesakte zur Einführung ständischer Verfassung verpflichtet, Preußen schon die Grundzüge derselben durch die berühmte Verordnung vom 22. Mai 1815 öffentlich verkündigt, war auch am Bundestage mit entschiedenen Erklärungen deshalb aufgetreten; allein Österreich bewies in dieser Richtung offenbar keinen Eifer; der Fürst von Metternich hatte mehrmals geäußert, er könne zugeben, daß der Souveränetät der Kleinen Zaum und Gebiß angelegt würden, aber die Großen würden sich solchem Zwange nie unterwerfen; wie weit Preußen in der angegebenen Richtung gehen wolle, wußte niemand mit Sicherheit, und das Belobungsschreiben des Königs an die Gemeinde Hatzenport ließ über dessen persönliche Denkart wenig Zweifel. Die Widersacher alles Verfassungswesens hatten daher leichtes Spiel, wiesen die Fürsten auf das Beispiel der großen Mächte hin, warnten besonders vor Übereilung, und während die öffentliche Stimme stets lauter forderte, brachten sie, soviel sie vermochten, alles wieder ins Zaudern und Stocken.
Wie ein Blitz aus heitrer Luft schlug plötzlich in diese dumpfe Schwüle mit donnerndem Nachhall ein leuchtendes Wort aus Norden. Der Kaiser Alexander hatte den unter seiner polnischen Königskrone vereinigten Polen eine Konstitution versprochen, das war bekannt, auch wußte man, daß er im allgemeinen den freisinnigen Einrichtungen günstig und sein gegebenes Wort ihm heilig war. Ein Reichstag[243]  war in Warschau zusammengerufen worden und der Kaiser zu dessen Eröffnung eingetroffen. Dies alles hatte man mit großer Gleichgültigkeit angesehen und selbst in Wien und Berlin von dem ernsten, weitgreifenden Schlage nichts geahndet, der hier aus einer Handlung, die man für unwichtige Förmlichkeit halten wollte, plötzlich hervorbrach. Die Rede, mit welcher Alexander den Reichstag eröffnete, war für die entzückten Polen, für die erstaunten Russen, für die harrenden Deutschen, für die ganze politische Welt die mächtigste Überraschung, die erweckendste Erschütterung. Nirgends aber konnte die Wirkung größer sein als in diesen deutschen Ländern, die in meinem nächsten Gesichtskreis lagen. Durch einen besondern Umstand konnt ich hievon Zeuge sein wie kein anderer. Mittelst außerordentlicher Gelegenheit war die Rede des Kaisers mir aus Warschau früher als sonst jemandem zugekommen; ich zuerst machte sie in Karlsruhe, in Mannheim bekannt, selbst in Frankfurt am Main und in Stuttgart empfingen angesehene Personen durch mich die erste Nachricht von ihr. Auf den Großherzog wirkte sie gewaltig, die Verfassungsfrage für Baden war in seiner Seele sogleich entschieden; die Großherzogin Stephanie bewunderte staunend die neue Erscheinung, die Markgräfinmutter wußte sich gar nicht zu fassen und fragte, was das bedeute, was es für Folgen haben werde. Die Minister konnten ihre Verwunderung, ihren Schreck nicht verbergen; Tettenborn und Reizenstein frohlockten, sie sahen ihre Sache für gewonnen an, und Berstett, der mit ihnen gehen und sich als Verfassungsfreund benehmen mußte, war nur froh, daß auch sein Schützer und Gönner Anstett jetzt gegen diese Richtung, zu der sein Kaiser sich so laut bekannte, nichts einwenden durfte. Die Diplomaten steckten die Köpfe zusammen und machten bedenkliche Gesichter, besonders der französische und der österreichische, und sie hielten es nicht für innere Zustimmung, sondern nur für amtliche Klugheit, daß ich als Preuße die russische Tat so eifrig verkündete und rühmte. Die öffentliche Meinung aber äußerte[244]  sich mit unwiderstehlichem Nachdruck, sie schlug jeden leisen Einspruch mit starken Trumpfworten nieder, und des Rühmens und Lobpreisens für den hochherzigen Kaiser war kein Ende. Von allen Orten schallte dieselbe Stimmung zurück, für deren begeisterte Innigkeit in den Zeitungen jeder Ausdruck zu schwach war.
Das war einmal von einem Herrscher frank und frei gesprochen, aus vollem redlichen Herzen, ohne heimlichen Vorbehalt, ohne versteckte, für künftige treulose Auslegung im voraus hingestellte Zweideutigkeit! Daß dieser Herrscher der Kaiser von Rußland war, der unumschränkteste Gebieter des größten Reiches, gereichte ihm nur um so mehr zur Ehre, verbürgte zweifellos die Freiwilligkeit der großen Tat. Das ungeheuerste Aufsehen machte besonders die Stelle, welche den Segen einer freien Verfassung, wie sie jetzt den Polen verliehen wird, auch für das ganze russische Reich verheißt. Dieses gewaltige Wort ist ausgesprochen worden und steht fest als eine geschichtliche Tatsache, fester als alle Denkmale in Stein und Eisen, am festesten aber in den Gemütern der Völker selbst, denen es gilt, wo es tiefe Wurzeln geschlagen hat und von Geschlecht zu Geschlecht neue Keime treibt, bis zu seiner endlichen Erfüllung.
Wenn ich die Rede eines der folgenreichsten Ereignisse nannte, so meinte ich hauptsächlich diese, wenn auch noch so verzögerte und bekämpfte, aber unfehlbare Wirkung, nicht die unmittelbar nächste, wiewohl auch diese von unzuberechnendem Einfluß war. Denn das Beispiel des Kaisers von Rußland brachte alle kleinlichen Bedenken und niedrigen Einwände zum Schweigen, mit welchen die Knechtischgesinnten so gern bereit sind, die Freiheit zu verdächtigen und die Gewaltherrschaft anzupreisen. Das Machtansehen und die gebieterische Würde einer solchen Erklärung mahnten mehr als alle Stimmen der Pflicht und selbst des Gewissens, die gerechten Ansprüche der Völker nicht länger unbeachtet zu lassen, sich der fortschreitenden Entwickelung willig anzuschließen. In Baden war, wie gesagt,[245]  die konstitutionelle Frage sogleich entschieden, in Württemberg wurde das Verfassungswerk nachdrücklich gefördert, in Bayern sah man darin selbst für die äußere Staatslage das sicherste Heil und hoffte den Badnern noch zuvorzukommen; in ganz Deutschland fanden die Verfassungsfreunde sich durch den unverhofften Beistand gehoben und verstärkt. Wenn gleichwohl noch einige Zeit verging, ehe aus den damaligen Beschlüssen die Verfassungen tatsächlich hervorgingen, so mag man daraus ermessen, wie viele anderweitige Einflüsse, besonders auch die nach der ersten Betäubung bald wieder regsame Gegenstimme von Wien und Berlin, zu überwinden waren und wie sehr Abneigung und Trägheit das Werk erschwerten.
Die badischen Minister durften jetzt weniger als je die Gebietssache aus den Augen verlieren und strebten, die Gunst des russischen Kaisers auch von der neuen Seite her, die er aufgedeckt hatte, zu gewinnen. Der Rittmeister Hennenhofer wurde mit den eindringlichsten Schreiben nach Warschau geschickt, während Anstett von Frankfurt her die badische Sache in das vorteilhafteste Licht stellte und ich für sie die Gesinnungen in Stuttgart möglichst aufregte, so daß die verschiedensten Einwirkungen in Warschau sich gegenseitig unterstützten. Eine große Schwierigkeit blieb immer die nachteilige Meinung, welche der Kaiser von seinem Schwager, dem Großherzog, einmal gefaßt hatte, der ihm einer kräftigen Verwendung kaum würdig und durch seine Unfähigkeit und Schwäche am meisten geeignet schien, die Kosten einer Ausgleichung zu tragen, für die doch nun einmal Rat geschafft werden mußte. Diese Meinung teilten auch der König und die Königin von Württemberg, und sie unterstützten die Sache Badens ohne volles Vertrauen in den Fürsten, den sie zumeist anging; sie fürchteten immer, er könne plötzlich nachgeben und sie mit ihrer dann fruchtlosen Teilnahme bloßstellen. Das Mißtrauen wurde genährt durch einzelne Maßregeln und Vorgänge, die allerdings den gegebenen Versicherungen nicht immer entsprachen. Die[246]  Wahl der Personen, die man gebrauchte, die Äußerungen, welche diese sich erlaubten, waren oft anstößig; diplomatische Häkeleien, die bei dem sonstigen Einverständnis beider Höfe ganz unbedeutend sein mußten, wurden badischerseits mit wichtigem Ernst aufgefaßt, es fehlte nicht viel, so wäre das gute Vernehmen an solchen Erbärmlichkeiten schnell zugrunde gegangen. Hier sah man recht, was es heißt, wenn eine vielverzweigte Handlungsweise nicht aus einem Geiste hervorgeht, nicht aus einem Stück erscheint, wenn die untergeordnete Tätigkeit der höheren nicht entspricht oder gar widerspricht, hier Vernachlässigung, dort Mißverstand waltet, persönliche Zwecke den allgemeinen teilweise aufheben dürfen, wenn die Einheit, die in der höchsten Hand vorausgesetzt wird und sein sollte, von unten her durch gemeinsame Anstrengungen derer, die selbst keine Einheit sind, erst geschaffen oder wenigstens ihr Schein hervorgebracht werden muß! Reizenstein und Tettenborn trugen diese schwere Last und hielten ihre Kräfte redlich vereint, obschon auch sie in ihren Ansichten und Richtungen oft weit auseinandergingen, aber schon Berstett hatte teils nicht die Fähigkeit, teils auch nicht den Willen, immer mit ihnen gleichen Schritt zu halten; nun kamen noch die zahllosen andern Einflüsse hinzu, die durch die höchsten Personen, die Frauen vorzüglich, durch Hof- und Staatsbeamte aller Art, oft auch durch die unbedeutendsten Diener ausgeübt wurden; da mußten kleine Rücksichten, die man als solche doch nie aussprach, beobachtet werden; unbedeutende Nebenzwecke, jemanden zu entfernen oder zu begünstigen, oft beides wieder um anderer willen, drängten sich der Hauptsache vor; die Minister mochten alles noch so richtig ausdenken und vorschlagen, sie waren niemals sicher, daß nicht die ungeeignetsten Personen ernannt, daß nicht Nebenaufträge gegeben würden, bei denen der wesentliche Zweck leiden mußte. So war Tettenborn sehr dagegen, die Sendung nach Warschau einem Menschen wie Hennenhofer zu vertrauen, mit denen weder[247]  Nesselrode noch Kapodistrias noch irgend sonst ein Mann von Bedeutung sich ein lassen könne; allein der Großherzog wußte, daß niemand ihm von der Reise so vielen Klatsch zurückbringen würde, an dem er sich ergötzte, während die ernsteren Nachrichten ihn langweilten. Eine besondere Schnurre wirkte dabei noch mit: Hennenhofer war berühmt wegen seiner Kurierreisen, er hatte bisweilen das Unglaubliche möglich gemacht, die größten Strecken in kürzester Frist zurückzulegen, er scheute nicht die halsbrechendste Gefahr, sparte nicht Geld noch Vorspiegelungen, hatte Wein und Branntwein bei sich, nahm, wenn er die Postillone trunken gemacht, die Zügel und fuhr selbst, er blies sein eignes Posthorn und tat und hielt aus, was kein anderer. Man setzte auf diesen Kurierhelden eine Art Ehrgeiz, er sollte wieder Gelegenheit haben, seine Kunst bewundern zu lassen. Der Großherzog wußte genau, wie lange der Kaiser in Warschau bleiben wollte; nun hielt er Hennenhofer so lange zurück, bis es nach aller Berechnung schon unmöglich schien, den Kaiser noch dort zu treffen; dann ließ er ihn los und verzweifelnd über Stock und Stein hinstürmen. Nicht minder hatte Reizenstein wohl eine Sendung nach Wien beantragt, aber nicht, daß der Kammerjunker von Blittersdorf dazu ersehen würde, ein junger Mann noch ohne Ansehen, aber doch den österreichischen Geschäftsleuten von Frankfurt her verhaßt, wo er sich in seiner untergeordneten Stellung durch Schroffheit und Anmaßung bemerklich gemacht hatte; fast sei es besser, meinte Reizenstein, die ganze Sache zu unterlassen; allein, er selbst hatte sie ja vorgeschlagen, und Berstett wünschte jenen zu entfernen, so geschah es denn, zu keinem Nutzen und gewiß zum Schaden!
Die Gesundheit des Großherzogs hatte sich mit dem Frühling etwas gebessert, und die frische Luft in Baden sollte diesen guten Anfang fortsetzen. Er war froh, von Karlsruhe fortzukommen, und fand den neuen Aufenthalt angenehm. Aber auf dem Schlosse zu wohnen war ihm zuwider; ihm gefiel dagegen über die Maßen eine Wohnung, die Tettenborn[248]  für sich gemietet hatte und, wenn auch ungern, doch völlig bereit war, sie dem Großherzog abzutreten; doch die fürstliche Laune duldete keinen Augenblick der Ungewißheit, und um jeden Einwand sofort abzuwenden, bot er seine Wohnung auf dem Schlosse dem General zum Ersatz, ein Tausch, der gern angenommen wurde, doch sehr auffiel, und es gab allerlei zu reden, wenn man Tettenborns eigne Wagen und Pferde und die der zahlreichen Besuche, die er empfing und bewirtete, den ganzen Tag mit Gepränge hinauf- und herabfahren sah, während der Großherzog unten in seiner Bürgerwohnung sich scheu zurückhielt und keinen Besuch annehmen wollte. Diese Abgeschiedenheit entsprach dem Zwecke des Aufenthaltes keinesweges und konnte es um so weniger, als die Lebensart doch keine geregelte, sondern von Unmäßigkeiten jeder Art unterbrochen war; jede augenblickliche Erholung, jeder Beginn von Kräftigung wurde sogleich wieder leichtsinnig vergeudet, wozu die Augendiener und Günstlinge die Gelegenheit nie fehlen ließen. Die Schwäche und Hinfälligkeit kehrte daher immer schnell zurück, die Brustbeklemmungen und andere krampfartige Zufälle, die schon gewichen waren, fanden sich wieder ein, Traurigkeit und Mißmut nahmen überhand; die Ärzte befürchteten ein Schwinden des Rückenmarks. Der Großherzog aber bestärkte sich in seinem Glauben an Vergiftung und sprach diesen Argwohn oft in so bedenklichen Andeutungen aus, daß es nicht selten das klügste schien, zu tun, als habe man sie nicht gehört. Mehrmals erklärte er, daß er verloren sei, man habe ihn zu gut bedacht, zu sicher getroffen; seinen Prinzen habe man das Leben nicht gegönnt, ihm auch sei ein nahes Ziel gesteckt; seine Erbschaft solle von fremden Händen geteilt, zerrissen werden. In solcher Stimmung war ihm jede Berührung der schwebenden Unterhandlungen äußerst empfindlich, die einlaufenden Berichte, die nötigen Rücksprachen mit seinen Räten verursachten heftige Krisen, es gab die schlimmsten Aufwallungen, die jedoch nie zu kräftigen Beschlüssen führten, sondern[249]  nur zu tieferem Versinken in untätigen Trübsinn. Die nähere Umgebung, besonders die Großherzogin, litt unsäglich von diesem Jammer. Seinen Ministern gestattete er oft mehrere Tage keinen Zutritt. Die einzige Hülfe in solcher Niedergeschlagenheit, der einzige Mensch, der dem Kranken dann noch mit Nachdruck begegnen und ihn auch trösten konnte, war Tettenborn, der, wiewohl von manchen nicht gern gesehen, doch allen unentbehrlich wurde. So kam denn auch in dieser Zeit wirklich zustande, was schon lange in Anregung und von der einen Seite ebenso heftig gewünscht als von der andern gefürchtet war, nämlich daß Tettenborn seinen Abschied aus russischen Diensten nahm und in badische übertrat, als Generallieutenant und Generaladjutant, mit der Zusicherung der Gesandtschaft in Wien, aber in Wahrheit über alle diese Verhältnisse weit hinausgestellt. Er überhob sich dieser Gunst nicht, er benutzte sie für andere, die es ihm nachher schlecht dankten; er bemühte sich in seiner neuen Stellung nur um so eifriger, das nun auch amtlich durchzusetzen, was er bisher schon vertraulich hatte betreiben helfen: den Staat in seinem Vollbestande bei dem regierenden Hause zu erhalten und ihm eine freisinnige Verfassung zu geben. In beiden Beziehungen sah es noch sehr mißlich aus.

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Der Kurierheld Hennenhofer hatte die Erwartungen des Großherzogs gerechtfertigt; er war in der absichtlich ihm zu kurz bemessenen Frist, mit großen Anstrengungen und Opfern, wirklich in Warschau noch eben vor der Abreise des Kaisers angekommen und hatte seine Depeschen abgegeben, aber statt einer Antwort brachte er hingeworfene allgemeine Vertröstungen zurück, die zwar gut genug klangen, doch nicht einmal vom Kaiser selbst, sondern nur aus seiner Umgebung herrührten. Die Nachrichten aus Wien lauteten sehr beunruhigend; es hatte sich dort die bayerische Sache gründlich festgesetzt, die badische galt für eine verlorne, verurteilte, der Kaiser Franz hatte unmutig geäußert, es müsse ein Ende damit gemacht werden, dem Fürsten von Metternich[250]  war der ganze Handel, der sich unbequem überall vorschob, längst verdrießlich. In betreff der Verfassung waren allerlei Bedenken eingetreten, man riet, sich erst mit den Nachbarn zu bereden, abzuwarten, was diese tun und wie weit sie gehen würden; aus dem diplomatischen Kreise zu Frankfurt kamen Zweifel und Warnungen, auf welche Berstett großes Gewicht legte, in der großherzoglichen Familie selbst wurden Besorgnisse laut. An Höfen finden immer die Ratschläge und Mahnungen, welche zum Warten, zum Aufschieben, zum Verneinen auffordern, ein günstiges Gehör; an diesem Hofe waren sie das ersehnte Manna, von dem man einen Tag weiterlebte.
Tettenborns Vorstellungen, wie wichtig und notwendig es sei, den württembergischen Hof in der schwebenden Krisis zum Freunde zu haben und den Einfluß der Königin auf ihren Bruder, den Kaiser, zu benutzen, bewirkten, daß der Großherzog den Generallieutenant von Schäffer in außerordentlicher Sendung nach Stuttgart abschickte. Dieser sollte das gute Vernehmen, welches in der letzten Zeit etwas gelitten hatte, durch die besten Versicherungen des unbedingten Vertrauens herstellen, konnte aber, als der König, um seine eignen Schritte darnach zu bemessen, nach den näheren Bestimmungen fragte, wie man sich badischerseits zu verhalten gedächte, darüber keine Auskunft geben, weil man ihm dergleichen nicht gesagt hatte, auch eigentlich der Art nichts vorhanden war. Schäffer fand, daß wie in Baden auch in Württemberg dem höheren Willen an einflußreichen Stellen vielfach entgegengewirkt und das enge Einverständnis beider Höfe gar nicht gewünscht wurde. Da er den Boden so schwierig fand und zugleich vielleicht nicht ohne Grund besorgte, es möchte bei seiner längeren Abwesenheit von Karlsruhe dort eine Veränderung zu seinem Nachteil beliebt werden, so beeilte er das Ende seiner Sendung und kam mit dem Anschein guten Erfolgs, aber ohne wirklichen Ertrag zurück.
Daß auch das mächtigste Ansehen oft nicht ausreicht, um die besten Absichten durchzusetzen, und daß diese in der[251]  Ausführung wohl gar in ihr Gegenteil umschlagen, sahen wir an einem andern Beispiel. In der trostlosen Armut an Talenten, besonders diplomatisch brauchbaren, hatte Tettenborn – denn der eigentliche Minister des Fachs kümmerte sich um diesen Mangel nicht – längst sein Augenmerk auf meinen Freund Friederich geworfen, der ihm durch mich näher bekannt geworden war. Er stellte dem Großherzog und den Ministern vor, daß es unverantwortlich sei, einen Mann von so guten Kenntnissen und von so gewandter, in beiden Sprachen geübten Feder ungenützt in untergeordneten Geschäften verkommen zu lassen; man müsse ihm eine Stellung geben, in der er stets zur Hand sei, zu schriftlichen Ausarbeitungen sowohl, die bald in ungewöhnlicher Zahl erfordert sein würden, als auch zu persönlichen Besprechungen und Verschickungen, für welche sein feines und taktvolles, aber auch kluges und festes Wesen ihn besonders empfehle. Niemand konnte widersprechen, der Vorschlag fand auch allgemeine Zustimmung, aber es war bemerkbar, daß Friederich wenig Freunde hatte; Berstett liebte den Mann nicht, der ihn übersah und beurteilen konnte, Reizenstein traute dem katholischen Pfälzer nicht, andere hatten andere Beweggründe. Doch wurde in der Sache etwas getan, Friederich sollte befördert werden. Unerwartet erfuhr er, daß er zum Geschäftsträger in der Schweiz ernannt sei. Nicht weniger war Tettenborn überrascht, eine solche Verschickung, die, an sich kaum nötig, für die großen Geschäfte, die vorlagen, nicht von geringstem Nutzen war, hatte er durchaus nicht beabsichtigt. Indes waren alle Schritte schon geschehen, sie rückgängig zu machen erschien überaus schwierig, für Friederich persönlich ergaben sich immer einige Vorteile dabei; genug, es behielt sein Bewenden bei der neuen Bestimmung, die nun als beschlossene doch wieder lange schweben blieb und zur Ungeduld reizte. Tettenborn ließ alles um so eher geschehen, als ihm der Großherzog schon vertraut hatte, daß er ihn nicht lange in Wien lassen, sondern baldigst nach Karlsruhe zurückrufen[252]  wolle, um ihm die oberste Staatsleitung zu übertragen. Auf diese nahe Zukunft wurde dann auch Friederich von uns vertröstet, und er trat nach langem Warten seinen Posten in der Schweiz an. Nachher kam zwar alles anders, als man es damals voraussehen konnte, aber für Friederich nicht zum Schaden; der günstige Ruck hatte ihn aus dem Staube der Kanzleien auf die Bahn der eigentlichen Diplomatik gestoßen, in der er dann fortschritt, Gesandter in Wien und endlich am Bundestage wurde.

Der Kampf mit den kleinen Schwierigkeiten und Hemmnissen, Ränken und Listen, die in dem engern Hofkreise ihr freies Spiel hatten und nach deren Beseitigung dann immer noch die Unschlüssigkeit und das eigensinnige Hinzögern des Großherzogs zu überwinden war, brachte die Männer, denen die tätige Führung der Geschäfte oblag, öfters zur Verzweiflung. Nur Reizenstein, der alterfahrne, aller Mißbräuche dieses Hofs und Staates gewohnte und von ihnen nicht geirrte treue Diener des unter seinen Augen und nicht ohne seine Hülfe großgewordenen Fürstenhauses, war in seiner Standhaftigkeit nicht zu erschüttern. Da er nichts für sich wollte, keinen andern Ehrgeiz hatte, als zum Guten zu wirken, so war ihm alles, was ihn persönlich betraf, kaum beachtenswert. Wollte man seinen Rat, so gab er ihn nach seiner besten Überzeugung und blieb dabei stehen, mochte derselbe gefallen oder mißfallen. Ließ man ihn ungefragt, so wartete er geduldig ab, bis seine Zeit wiederkam, und konnte dann mit größerem Nachdruck seine unveränderte Meinung aufs neue vortragen. Ihm war es für seine Person gleichgültig und er fühlte sich nicht beschämt, wenn einmal acht Tage vergingen, in denen er nicht gerufen, ja, gar nicht vorgelassen wurde, er machte dann um so freier seine Spaziergänge weit ins Land hinaus, die er ohnehin nur ungern den Geschäften opferte. Berstett hingegen, dem es auch wohl widerfuhr, daß der Großherzog ihn längere Zeit gar nicht sehen mochte und jeden Vortrag von ihm anzunehmen immer[253]  aufschob, konnte das Gefühl solcher Zurücksetzung nicht ertragen, glaubte sich dem Spotte des Hofes, der Gesandten bloßgestellt, sein ganzes Ansehen zerstört und wußte seines Mißmuts und seiner Zerknirschung nicht Maß noch Ziel.
Inzwischen hatte die bayerische Regierung die gleichen Ansichten gefaßt, und im Vorgefühl, daß die diplomatische Verhandlung für sich allein den gewünschten Erfolg nicht sichern dürfte, ging man mit Eifer ans Werk, die ganze Stellung durch das Gewicht einer Konstitution kräftig zu verstärken. Mit angestrengtem und lange mit Glück verheimlichtem Fleiße war in München eine bayerische Verfassung ausgearbeitet, nach kurzer Beratung unterzeichnet worden und trat um die Mitte des Juni plötzlich überraschend an das Licht des Tages. Allgemein war das Erstaunen, die Verwunderung; von München her hatte man ein solches Vorangehen am wenigsten erwartet, alles war wie geblendet von der neuen Erscheinung, durch die sich Bayern gleichsam an die Spitze von Deutschland stellte; erst jetzt schien ihm wahre Selbständigkeit erworben, neue Macht und Bedeutung verliehen. Triumphierend blickte man in München auf Baden herab, dem man in dieser Sache den Vorsprung glücklich abgewonnen, das man mit dem stärksten Schlage getroffen zu haben glaubte. Wirklich fühlten auch der Großherzog und seine Verwandten und Freunde sich wie betäubt, und die Stimmen der Feigheit und Nachgiebigkeit, die an solchem Hofe nie fehlen, wagten sich dreister hervor und rieten, vom Widerstand abzulassen, die Zukunft Badens der Entscheidung der Diplomatie anheimzustellen und sich darein zu ergeben, daß nur die alten badischen Lande der ohnehin schon nicht mehr ganz echten Dynastie verblieben. Die letztere Bezeichnung, wußte man wohl, schmeichelte mehr als sie verletzte; denn daß die ehemaligen Grafen von Hochberg künftig als vollberechtigte Erben das ganze Land beherrschen sollten, reizte den Stolz und Neid auch derer auf, die sie dazu berufen hatten; besonders[254]  war der Markgräfinmutter alles willkommen, was jene Emporgehobenen wieder etwas herabdrückte. Aufs neue stand die badische Sache in gefährlicher Krisis. Allein Tettenborn und Reizenstein, verbunden in diesem Fall mit andern Getreuen, stellten sich mit aller Kraft den Einflüsterungen der Schwäche und des Verrats entgegen, und ihre Entschiedenheit behauptete das Feld. Sie sagten, der Vortritt Bayerns in Gewährung einer Verfassung sei für Baden kein Grund zur Entmutigung, sondern müsse zum Sporn dienen, Bayern nicht nur einzuholen, sondern sogar zu überflügeln; Bayern habe gezeigt, welchen Weg es für den richtigen halte, denselben Weg müsse auch Baden gehen, und zwar nicht nur entschlossen und schnell, sondern auch mit stärkeren Schritten; gewähre die bayerische Verfassung dem Volke bedeutende Rechte, so müsse die badische noch mehr gewähren, und das könne man mit gutem Gewissen; denn die bayerische stehe noch weit hinter dem Maße der Freiheit zurück, das selbst der russische Kaiser für Polen zweckmäßig erachtet habe.
Freilich konnte die bayerische Verfassung in keiner Beziehung als ein Muster gelten. Sie gewährte Rechte genug, aber in einer abgeschmackten Weise; sie ermangelte einfacher Grundzüge, alles war in ihr kleinlich zugeschnitten, kümmerlich bedingt, ängstlich beschränkt; sie gab eine Masse von gesetzlichen Bestimmungen, die nur zu lesen schon peinlich war; keine Begeisterung konnte an ihr haften, keine Hoffnung als die, daß die berufenen Stände selbst ihr bald eine bessere, mit den Ansprüchen des Zeitgeistes übereinstimmendere Gestalt geben würden. Der Jubel in Bayern selbst, wo man die Sache näher ins Auge faßte, war daher auch geringer als außerhalb, wo die große Tatsache, daß Bayern konstitutionell geworden, allein in Betracht kam und wirkte. Selbst dem Könige von Württemberg, der seinem Volke schon eine weit freisinnigere, gediegnere Verfassung darbot und deren Zustandekommen eifrig betrieb, so daß die bayerische gegen sie bald in Schatten stehen[255]  mußte, war es doch höchst ungelegen und verdrießlich, daß Bayern ihm zuvorgekommen; er verhehlte seinen Unmut nicht und meinte, man hätte an der Isar wohl warten können, bis am Neckar das Werk fertig geworden, das jetzt durch die nachbarliche Voreiligkeit nur gestört und erschwert werde. Aus gleichem Grunde sah er auch Baden in dieser Hinsicht lieber noch zögern als eilen und wünschte, daß hier, wo man auf seine guten Dienste rechnete, auch seine besondere Lage berücksichtigt würde. Seine Aufgabe war allerdings eine weit schwierigere; denn während Bayern und Baden ohne Hindernis nur zu oktroyieren brauchten, was jedenfalls dankbar anzunehmen war, mußte er mit schon vorhandenen streitfertigen Ständen alles auf dem Wege des Vertrags erlangen. Um von württembergischer Seite nicht auch noch Einflüsse zu erfahren, die von den offnen und heimlichen Gegnern aller Verfassung benutzt werden könnten, sie mit neuen Gründen zu verzögern, so ließ Tettenborn gegen Ende des Juni sich mit einer Sendung nach Stuttgart beauftragen, um alles Nötige mit dem Könige zu besprechen; was denn aber doch nicht verhindern konnte, daß die Gebietssache, für die der König alles zu tun versprach, in den Vordergrund gestellt blieb und die Verfassungsfrage, die der König ungern beeilt sah, fürerst nur in weitere Überlegung genommen wurde.

Mittlerweile hatte der Großherzog, teils auf Anraten der Ärzte, teils aus andern Gründen, die in solchen Fällen oft seltsamer Art waren, sich von Baden nach dem höher im Schwarzwald gelegenen Rippoldsau begeben, wo ein Sauerbrunnen ihn erfrischen sollte. Die Minister besuchten ihn ab und zu, auch Tettenborn nach seiner Rückkehr von Stuttgart. Die Geschäfte gingen nicht nach Wunsch, blieben aber doch nicht ganz liegen. Für die Gesandten wurden neue Anleitungen, für die großen Höfe nachdrückliche Denkschriften ausgearbeitet und auch andere Mittel in Bewegung gesetzt, um die bayerischen Anschläge zu entdecken und[256]  ihnen entgegenzuwirken. Baden selbst bot zu beidem manche Gelegenheit. Der Herzog von Leuchtenberg, Eugen Beauharnais, hatte sich eingefunden, um die Kur zu gebrauchen; er bewohnte das schöne Haus des Herrn von Ende und bezeigte sogar Neigung, es zu kaufen. Von jenseits des Rheins und aus der Schweiz kamen viele Franzosen, die dem Stiefsohn ihres gewesenen Kaisers huldigten; es wurde da manches gesprochen und verhandelt, was den Badenern nicht verschwiegen blieb. Man erfuhr zum Beispiel, daß der Kaiser Alexander dem Herzog das Versprechen gegeben haben sollte, dahin zu wirken, daß die Rheinpfalz, wenn sie, der bestehenden Abrede gemäß, an Bayern fiele, ihm als souveränes Fürstentum erteilt würde. Man sah daraus, daß die Gesinnungen des Kaisers in betreff Badens noch gar nicht vorteilhaft standen. Überhaupt war in Baden bei dem sich stets mehrenden Zudrang von Fremden ein lebhafter Verkehr, und es durchkreuzten sich allerlei Betreibungen. Zahlreiche diplomatische Personen von Karlsruhe, Stuttgart, München, Frankfurt und andern Orten benutzten die Heilquellen oder gingen ab und zu. Der berühmte Las Cases, nachdem er St. Helena hatte verlassen müssen, fand sich ein, um seine zerrüttete Gesundheit zu pflegen; wir lernten ihn und seinen Sohn Emanuel bald näher kennen und gewannen sehr das Vertrauen des letztern. Die Familie Tastet aus Straßburg mit ihren liebenswürdigen Töchtern hegte ganz den edlen Freiheitssinn aus der früheren Revolutionszeit, der sich jetzt mit Anhänglichkeit für Bonaparte ziemlich vertrug, da man wider den gemeinschaftlichen Feind, die Ultras der Restauration, sich zu verbünden hatte. Eine Gräfin Lagorce, früher sehr im Vertrauen der Kaiserin Josephine und jetzt noch in dem des Herzogs von Leuchtenberg, machte aus gleichem Grunde gemeinschaftliche Sache mit den Liberalen. Wir legten uns keinen Zwang auf und hatten, wie Tettenborn, Philipsborn und Lindner, vielen und vertraulichen Umgang mit diesen ganz oder halb Geächteten, obschon der französische Gesandte Graf von[257]  Montlezun bisweilen schiefe Gesichter deshalb machte. Andererseits sahen wir täglich die Gräfin Festetics aus Ungarn, die Mutter jener durch Schönheit und Frömmigkeit ausgezeichneten Gräfin Julie Zichy, die im Wiener Kongreß die Verehrung des Königs von Preußen auf sich gezogen hatte, mit welchem die Mutter auch jetzt noch freundliche Beziehungen unterhielt. Dagegen mieden wir eine Gräfin von Wald burg-Truchseß, geborne Fürstin von Hohenzollern-Hechingen, die einst Oberhofmeisterin am Hofe des Königs Hieronymus von Westfalen gewesen und jetzt die preußische Gesandtin zu Turin war. Wir kannten sie schon aus früherer Zeit von Teplitz her, wo ihr Wesen uns nicht angezogen hatte; hier aber, wiewohl wir sonst die Anhänglichkeit an Bonaparte, den jetzt Unmächtigen, ganz gut vertrugen, mußte uns von einer preußischen Landsmännin die Art verletzen, wie sie ihre Gesinnung aussprach; den 18. Juni, an welchem die Preußen bei Belle-Alliance siegten, erklärte sie für einen Trauertag, sprach von Napoleon als von dem teuern geliebten Kaiser und anderes dergleichen, worüber der französische Gesandte, dem es zu Ohren kam, bittere Klage bei mir führte. In Berlin wollte man es nicht glauben, schon um es nicht rügen zu müssen, da sie dort wegen ihrer Geburt und ihrer heftigen Tätigkeit ebenso angesehen als gefürchtet war.
Jedes Jahr pflegte der König von Bayern auf einige Wochen nach Baden zu kommen, wo er ein eignes Haus besaß und als ein willkommener Stammgast angesehen wurde. Bei der eingetretenen politischen Spannung und besonders nach den persönlichen Reizungen, die mit den gewechselten Briefen verbunden waren, glaubte man, der König werde für dieses Jahr Baden unbesucht lassen, da es ihm selbst nicht angenehm sein könne, in einem Lande zu sein, wo er für den Augenblick als Feind angesehen wurde und sich vielleicht widrigen Begegnissen aussetzte; noch weniger könne er wünschen, mit seinem Schwager, dem Großherzog, zusammenzutreffen; denn daß dieser nach Rippoldsau gehen[258]  würde, war noch nicht bekannt. Aber der König wollte sich keinen Zwang antun und die Gewohnheit, vier Wochen seines Sommers in Baden versorgt zu wissen, nicht aufgeben. Man hörte von München her, daß er zur gewöhnlichen Zeit kommen werde, und in Baden, daß in seinem Hause die nötigen Vorbereitungen getroffen seien. Der Großherzog war empört über diese Nachricht, nannte es eine Frechheit, daß sein Schwager ihm jetzt vor Augen treten wolle, ihn im eignen Lande nicht ruhig atmen lasse; es sei ein Hohn, daß der Räuber, der Anwarter auf den Tod seines Verwandten, mit eignen Augen zusehen komme, wie lange sein Opfer wohl noch leben könne. Auch die großherzogliche Familie fand es sehr ungeschickt und unziemlich, daß der König unter diesen Umständen doch kommen wolle, und die Markgräfinmutter riet in der Stille nachdrücklich davon ab. Allein Max Joseph achtete nicht darauf, sondern kam. Doch hatte der Großherzog, der schon vorher weggezogen war, ihm eine besondere Überraschung hinterlassen. An dem Tage, an welchem der König eintraf, verließen alle badischen Hof- und Staatsdiener, vornehme und geringe, plötzlich den Ort. Diese allgemeine Flucht war Folge eines strengen Befehls, den der Großherzog diesmal, gereizt wie er war, ohne Zögern und mit Lust erteilt und zu welchem vorzüglich Tettenborn geraten hatte, der in jeder kleinsten Kraftäußerung des Großherzogs einen Gewinn sah, der zu weiteren Handlungen stärkte. Nun hätte freilich der König aus dieser im Grunde doch nur wesenlosen Maßregel sich nichts zu machen brauchen und seinen Tag in gewohnten Gängen und Späßen behaglich hinleben können; allein sie war auf seinen Charakter gut berechnet, er fühlte sich furchtbar von ihr getroffen. Die Zahl jener Badener war sehr bedeutend, es fanden sich unter ihnen manche Personen, die der König gern sah, deren Gesellschaft ihn unterhielt. Die plötzliche Leere um ihn her, die sein geringes Gefolge nicht verdecken und der Zudrang lästiger Unbekannten nicht ausfüllen konnte, war ihm entsetzlich; sich so gemieden zu sehen[259]  war ihm eine Kränkung, wie er noch keine erlebt hatte, in die er sich gar nicht finden konnte. Wohl gab er sich alle Mühe, sein Unbehagen zu verbergen, lustig und gemütlich zu scheinen, aber es gelang ihm nicht; man sah den Verdruß ihm auf das Gesicht geschrieben und in seinem ganzen Benehmen einen trüben Mißmut, der immer geneigt schien, in bittre Klagen auszubrechen; auch schüttete er diese wirklich in den Busen der Madame Bourbon, einer Modehändlerin aus Straßburg, die er gut kannte, mit hingebendem Vertrauen aus, welches die Freundin zu ehrenvoll fand, als daß sie es nicht eifrigst zur allgemeinen Kenntnis gebracht hätte, was denn für die Lach- und Spottlustigen gute Nahrung gab. Auch die in Karlsruhe ansässigen Gesandten machten ihm zwar ihre Aufwartung, blieben aber nicht in Baden, sondern kehrten nach Karlsruhe zurück; es wurde dies für eine Schicklichkeit gerechnet, die man dem Großherzog schuldig sei. Daß ich allein den Aufenthalt in Baden fortsetzte, fiel ungemein auf und wurde mir bayerischerseits im Anfange hoch angerechnet, bis man merkte, daß es badischerseits gar nicht übelgenommen wurde; selbst in Berlin meinte man, ich hätte aus schuldiger Rücksicht für den Hof, bei dem ich beglaubigt sei, mit diesem zugleich Baden verlassen sollen und der Großherzog könnte sich über mein Benehmen mit Recht beklagen; ich konnte diese Besorgnis mit Lächeln lesen und dem Ministerium verbürgen, von dieser Seite werde keine Beschwerde kommen; ich durfte fürchten, daß mir in Berlin zu viel Eifer für Baden vorgeworfen würde, die entgegengesetzte Rüge konnte mir nur erwünscht sein.
In der großherzoglichen Familie war doch nicht aller Verkehr mit der bayerischen abgebrochen. Die Prinzessin Amélie kam sogar auf längeren Besuch ihrer Schwester, der Königin, nach Baden, und der Herzog von Leuchtenberg hatte eine Zusammenkunft mit der Großherzogin Stephanie in dem kleinen Badeort, die Hub genannt. Die Familienangelegenheiten kamen bei solchen Anlässen wohl zur Sprache, aber nicht die politischen. Der bevorstehende Aachener Kongreß[260]  mußte die letztern zur Entscheidung führen, wegen deren Ausfall man noch keine Gewißheit hatte; aber zugleich drohte eine andere Krisis, denn der Zustand des Großherzogs war seit kurzem bedenklich verschlimmert, und sein Tod konnte noch vor den Verhandlungen oder während derselben eintreten; dies würde für Baden in allen Beziehungen ein tief verwirrendes Unglück gewesen sein. Die untergeordneten Mißhelligkeiten und Sonderabsichten schwiegen bei dieser Gefahr eine Weile, und alle Sorgen und Vorschläge hatten nur die Erhaltung des Großherzogs zum Zweck. Die Königin von Bayern wünschte sehnlichst ihren Bruder zu sprechen, der aber unterdessen von Rippoldsau in das entlegenere und noch einsamere Bad Griesbach gezogen war. Der König selbst war betroffen über die Nachrichten, die von dort eingingen und die er so schlimm nie vermutet hatte. Wäre es auf ihn allein angekommen, so hätte er wohl allen Ansprüchen, die Bayern auf badische Lande machte, augenblicklich entsagt; denn er war leicht gerührt und in hohem Grade gutmütig; doch er war längst gewohnt, seinen unmittelbaren Antrieben nur in kleinen Dingen, in politischen aber seinen Ministern zu folgen. Dem Herzog von Leuchtenberg war nur an dem Wohlergehen der Großherzogin Stephanie gelegen, ihretwegen bezeigte er auch für ihren Gemahl lebhafte Teilnahme. Dieselbe Triebfeder wirkte bei den meisten Franzosen ein, die nach Baden kamen, unter welchen Lavalette, Felix Desportes, General Rapp und besonders Bignon zu nennen sind, welcher letztere in früherer Zeit Gesandter Napoleons in Karlsruhe gewesen war und jetzt der badischen Sache durch seine Feder eine gewichtige Unterstützung bot.
Nachdem der König von Bayern seine Kur etwas früher als gewöhnlich beendigt und Baden verlassen hatte, kamen aus Karlsruhe und andern Orten viele der Geflohenen wieder zurück; auch die Markgräfinmutter, bei der die Königin noch kurze Zeit verweilte, bezog dort ihre Sommerwohnung. Sie besuchte ihren Sohn in Griesbach und kam tief erschüttert[261]  zurück. Ehe sie Baden ganz verließ, durfte auch die Königin von Bayern dort ihren Bruder noch wiedersehen.
Kurz vorher war unerwartet Tettenborn von Griesbach angelangt und machte mir geheime Eröffnungen von größter Wichtigkeit. Der Großherzog befand sich wirklich im kläglichsten Zustande; seine Krankheitszufälle waren heftiger geworden, eine völlige Erschlaffung ließ das Schlimmste fürchten. Seine Leibärzte zuckten die Achseln, der russische Leibarzt von Rehmann hielt ihn für verloren, die Umgebung war trostlos. Es waren Vorschläge zu einer Reise nach dem Süden, zu einer Brunnenkur in Pyrmont gemacht worden; sie blieben alle schwebend, weder bejaht noch verneint. Dem Kranken durfte man nicht sagen, wie schlecht es um ihn stand; aber daß er nicht lange leben könne, daß er Gift bekommen habe, wiederholte er selbst öfters unter jammervollen Ausrufungen. Er schleppte seine Tage hin, mochte nicht ins Freie, kaum aus einem Zimmer ins andere. Seine Untätigkeit war qualvoll, die Geschäfte ruhten ganz und gar. Er beharrte noch mit Nachdruck in seiner Verneinung, wollte in keine Gebietsabtretung, in keine, wenn auch erst nach seinem Ableben auszuführende Teilung seines Landes willigen, aber tun wollte er durchaus nichts. Er mochte gutheißen, was man ihm vorschlug, seine zur Ausführung erforderlichen Befehle, seine Namensunterschrift waren oft nur mit den schwierigsten Künsten zu erlangen. Gleichwohl durfte keine Zeit verloren werden; der Kongreß von Aachen stand nahe bevor, und das Schicksal Badens mußte zur Entscheidung kommen. In dieser Not hatten Reizenstein und Tettenborn, denen Berstett und die andern Minister zustimmten, mit der Großherzogin Stephanie nach ernstlicher Überlegung beschlossen, mit vereinigten Kräften auf den Großherzog und für ihn zu wirken, da er fast als gemütskrank anzusehen war. Die Fürsorge sollte in doppelter Richtung tätig sein: zuerst für ihn persönlich, es mußte alles aufgeboten und versucht werden, um, sofern solche noch möglich, seine Heilung zu erwirken, wenigstens der schnellen[262]  Verschlimmerung Einhalt zu tun. Dann waren für das Land kräftige Maßregeln zu nehmen, die man von dem Leidenden, bei welchem das Zureden der einzelnen nichts ausrichtete, durch vereintes Bestürmen ertrotzen mußte. Vor allem sollte die Verfassung schleunig ausgearbeitet und verkündet werden; denn dies galt als das Unerläßlichste und Heilsamste, nichts schien das bedrohte Land fester zusammenzuhalten und gegen Eingriffe von außen schützen zu können; sodann mußten die diplomatischen Arbeiten, die sich jetzt häuften und oft wochenlang unverantwortlich liegenblieben, nicht die geringste Verzögerung mehr erfahren. Diese beiden Dinge hoffte man durchzusetzen. Zweifelhafter jedoch erschien der Erfolg, ihn persönlich aus dem jetzigen Zustande zu reißen. Hiezu bedurfte es kluger List und besonderer Anstalten, zu denen ich behülflich sein sollte. Es stand fest, daß die bisherigen Ärzte des Großherzogs weder mit seiner Krankheit noch mit ihm selbst mehr fertig wurden; er hatte kein Vertrauen, sie kein Ansehen mehr. Ein fremder Arzt von großem Namen mußte berufen werden, der dem Kranken mit gebietendem Ernst gegenüberstünde. Doch gerade dies war nicht leicht zu erlangen. Nie würde der Großherzog dazu seine Einwilligung gegeben, nie den gerufenen Arzt vorgelassen haben. Daher wurde beschlossen, die Sache ohne sein Wissen auszuführen und den Leibarzt des Königs von Preußen, den berühmten Hufeland, herbeizurufen. Derselbe sollte als Reisender wie zufällig in Baden eintreffen, ich mit ihm über den Großherzog sprechen und plötzlich den Gedanken fassen: dieser Mann könne dem Kranken Hülfe bringen, und dann selbst nach Griesbach eilen, um darauf zu dringen, daß ein so glücklicher Zufall nicht unbenutzt bliebe. In dieses persönliche Geheimnis waren außer der Großherzogin und Tettenborn nur noch die Markgräfinmutter eingeweiht, die unter großer Aufregung und vielen Tränen ihre eifrigste Mitwirkung zusagte. Das Schreiben an Hufeland wurde schnell aufgesetzt und abgeschickt, ich begleitete dasselbe mit dem nötigen Bericht.[263] 


Die Verfassungsarbeiten kamen nun auch in Gang. Ein Ausschuß wurde beauftragt, in welchem Reizenstein, Tettenborn, Berstett, der Staatsrat von Sensburg, besonders aber Nebenius, tätig waren; es wurden aber auch noch andere Personen gehört, wenigstens waren sie nicht abzuweisen. Berstett wußte in diesen Sachen nicht viel, er stimmte nach Belieben bald mit dem einen, bald mit dem andern. Ein Gegner aller Verfassung war Sensburg, er bestritt heftig jeden freisinnigen Antrag und drang auf möglichste Beschränkung, wobei er gewiß zu sein schien, daß der Großherzog und das ganze regierende Haus ihm innerlich beistimmten. Tettenborn war durchaus für die weitesten Gewährungen und machte hauptsächlich den Grund geltend, daß Baden die öffentliche Meinung für sich gewinnen und besonders mehr tun müsse als Bayern getan. Reizenstein war hiemit einverstanden, jedoch aus Gewöhnung, in kleinen und engen Staatsverhältnissen zu wirken, hatte er doch allerlei Bedenken, die hin und wieder das schon Gewährte wieder verengten. Ihm schloß Nebenius sich an, der, obwohl jünger und freisinniger, doch auf ihn das meiste Vertrauen setzte und in ihm nicht nur den erfahrenen, rechtschaffenen, sondern auch den altbadischen Staatsmann verehrte, während die übrigen mehr oder minder Neulinge waren und dem Land und Hause nicht so fest angehörig schienen. Auf Nebenius ruhte das ganze Gewicht des Werkes; er führte die Feder, ordnete den Ausdruck der oft sehr verworrenen Meinungen, stellte die Ergebnisse zusammen und redigierte zuletzt die Verfassungsurkunde selbst. Sie hatte Mängel und Auswüchse, gab indes im Durchschnitt das Maß des damals Möglichen. Der Vorschlag, statt zweier Kammern nur eine Versammlung zu bilden, stieß auf unbesiegbaren Widerspruch. Ebenso war eine größere Beschränkung der standes-und grundherrlichen Rechte, die den Landmann schwer drückten, nicht durchzusetzen.
Ich durfte mir sagen, bei dieser Verfassungsangelegenheit nach Kräften mitgewirkt zu haben. Durch Tettenborn[264]  war ich in ihr gleichsam vertreten, und auch außerdem hatte ich manchen Beitrag zu dem Werke durch gelegentliche, an gutem Ort gemachte Äußerungen geliefert. Aber mir war beschieden, ungenannt und still auch für die württembergische Verfassung heilsam tätig zu sein. Der König hatte den besten Willen, zeigte die freisinnigste Nachgiebigkeit, allein die Sachen waren schlimm verfahren und ließen kein Gedeihen absehen. Die mediatisierten Fürsten und Grafen, verstärkt durch den ritterlichen Adel, und die Altwürttemberger, welche an dem urkundlichen alten Recht eigensinnig festhielten, standen der Regierung in vereintem Widerspruch entgegen. Die Verbindung war unnatürlich, denn die Vornehmen und die schlichten Bürger wollten sehr Verschiedenes: was jene erstrebten, möglichste Rückkehr in die frühere Stellung, konnte diesen nichts helfen; was diese forderten, das alte Recht, konnten jene nicht gebrauchen. Ich kannte die Parteien, war mit einzelnen Gliedern in naher Beziehung, ich sah, daß auf diesem Wege nicht zum Ziel zu gelangen war. Ich riet daher dem Könige, für seine guten Absichten neue Stützpunkte zu nehmen. Die Altwürttemberger waren beschränkt und störrisch in ihren politischen Begriffen, verlangten die für das zusammengesetzte Königreich nicht mehr anwendbaren Satzungen des kleinen Herzogtums, sie hatten sich im heftigen Streit gegen die Regierung ganz verbittert, eine Aussöhnung schien kaum möglich. Aber sie waren die ehrlichsten, rechtschaffensten Männer, sie hatten das urkundliche Recht für sich, sie hegten keine Nebenabsichten, sie waren der Kern des Landes. Mit ihnen sollte der König sich einlassen, durch ihre Hülfe sein Werk ausführen. Der König sah die Richtigkeit meines Rates sogleich ein und folgte ihm ganz. Zwar fühlten Wangenheim, Cotta und andere, die bisher auf seiten der Regierung gegen jene gestritten und manche Unbill erduldet hatten, sich von der neuen Wendung schmerzlich berührt, und mir tat es leid, ihnen, die ich meine Freunde nennen durfte, dies zuzufügen, aber sie dachten zu edel und vaterländisch, um nicht gern[265]  dem Gemeinbesten des Landes jedes persönliche Opfer zu bringen. Mit den Führern der Volkspartei war eine Annäherung gleich gefunden, das leiseste Entgegenkommen gewann sie leicht; was konnte damals ein deutscher Fürst, der es redlich meinte, nicht alles mit dem stets vertrauenvollen, stets willigen Volk anfangen! Der falsche Zusammenhang der Altwürttemberger mit dem Adel wurde gelöst, die Verhandlungen lenkten in eine bessere Bahn ein und gewannen heitrere Aussichten. Zwar erfolgte der Abschluß erst lange nachher, denn noch viele Schwierigkeiten blieben zu überwinden, noch mancher Eigensinn machte sich geltend, und die Geduld des Königs hatte noch manche Probe zu bestehen; allein der gewählte Weg wurde nicht mehr verlassen und bewährte sich durchgängig als der rechte, der zuletzt das ersehnte Ziel glücklich erreichte.

In Berlin ging mittlerweile eine Veränderung vor, die für die politischen Angelegenheiten überhaupt, insbesondere für die preußische Diplomatie, von äußerster Wichtigkeit war. Der Staatskanzler hatte seit dem Kriege die auswärtigen Verhandlungen selbst geleitet, das einzelne der Geschäfte jedoch meist dem Geheimen Rat von Jordan überlassen. Dieser, nach Amt und Fähigkeit allerdings untergeordnet, bekam durch seine Stellung etwas von dem Ansehen eines Ministers und machte dasselbe in manchen Fällen geltend, was sowohl nach innen als auch nach außen öfteren Anlaß zu Verdrießlichkeiten gab. Dem Könige war dergleichen sehr unangenehm, und da die höhere Hof- und Staatswelt, mit wenigen Ausnahmen, ohnehin gegen Hardenberg feindlich und im stillen tätig war, ihn zu stürzen oder doch zu beengen, so fehlte es nicht an Bemerkungen, wie sehr der Staatskanzler überladen sei, daß sein Alter Erleichterung bedürfe, daß Jordan weder den Rang noch das Benehmen habe, um für sämtliche Gesandte die erste Behörde vorzustellen, daß die Würde der Krone vielmehr erfordre, einen wirklichen Minister der Auswärtigen Angelegenheiten zu[266]  haben. Dem Könige leuchtete das völlig ein; die Schwierigkeit war nur, dies ohne Kränkung und selbst mit Zustimmung Hardenbergs ins Werk zu setzen. Durch die öffentliche Meinung war Wilhelm von Humboldt längst für diesen Platz bezeichnet, aber dem Könige nicht angenehm, der Hofpartei verhaßt, war er überdies mit Hardenberg etwas zerfallen, und der Vorschlag wäre jetzt eine Beleidigung für diesen gewesen. Von ihm konnte daher die Rede nicht sein. Zwar gab es Liebhaber genug, der ehemalige Staatsminister von Brockhausen, der Finanzminister Graf von Bülow, sogar der alte Haugwitz wurde genannt, aber keiner hatte Gunst genug, Eifersucht und Mißtrauen traten jedem in den Weg; lieber als einen Einheimischen wollte man einen Fremden auf jenem wichtigen und glänzenden Posten sehen. Der dänische Gesandte Graf Christian von Bernstorff kam in Vorschlag, fand sogleich allseitige Genehmigung, und man begann mit ihm zu unterhandeln. Hardenberg empfing die erste Nachricht von dem Vorhaben im Auftrage des Königs durch den Fürsten von Wittgenstein. Er war überrascht, schwieg einen Augenblick, sagte dann aber fest und bestimmt, die Sache selber sei vollkommen zweckmäßig, die getroffene Wahl vortrefflich, sie habe seinen vollen Beifall. Gegen Bernstorffs Charakter und Fähigkeit war in der Tat nichts einzuwenden; er war eine edle würdige Gestalt, sein Benehmen vornehm, sein Geist gebildet, er besaß große Geschäftserfahrung, mannigfache Kenntnisse. Aber mehr als alles andere empfahl ihn der Ruf, daß er ein vollkommener Aristokrat und nebenher ein gläubiger Christ sei; man rühmte die auserlesene Gesellschaft, die er bei sich sah, die Anmut, mit der seine schöne Frau dem Hause vorstand. Wie schmeichelhaft auch der Antrag sein mochte, wie versprechend für die Zukunft, so scheute er doch anfangs, die große Last, die damit verbunden war, auf sich zu nehmen sowie den Neid und Haß, die sich unfehlbar an ihn heften würden. Allein man drängte ihn zum Entschluß, man machte in Kopenhagen Eröffnungen, die diesen schon als gefaßt vorstellten,[267]  und sein dänischer Abschied war fast eher als sein preußischer Eintritt entschieden. Daß die Sache ohne Beispiel, daß es eine Schande für den Staat war, seinen ersten Minister aus den fremden Diplomaten zu wählen, einen Mann, der, bei allen sonstigen Vorzügen, doch den Nachteil hatte, kein Preuße zu sein, und der, um es zu werden, nun plötzlich Bewußtsein, Sinn, Eifer und Zuneigung völlig umwandeln sollte, kam nicht in Betracht.
Bisher war vielerlei versucht worden, um die Gesandtschaft Tettenborns nach Wien zu hintertreiben. Zwar wünschten manche Personen sehnlichst, ihn vom Großherzog zu entfernen, und auch sein Freund Berstett konnte diesen Wunsch nicht ganz unterdrücken; denn das Ansehen Tettenborns, der ihn doch hauptsächlich gefördert und gehalten, wurde ihm lästig, sobald er einen Augenblick glaubte, dessen entbehren zu können. Allein manchen Gegnern schien seine Entfernung von Karlsruhe durch jenen glänzenden und wichtigen Posten doch zu teuer erkauft. Man sparte keine Ränke, seiner Annahme in Wien Schwierigkeiten zu erwecken, wozu die bayerischen Einflüsse sich trefflich benutzen ließen. Es wurde vorgestellt, daß es mißlich und kaum üblich sei, jemanden als Gesandten dahin zu schicken, wo er früher in Diensten gestanden, daß Tettenborn diese verlassen, um in die damals feindlichen russischen überzugehen, und wenn auch bald nachher Rußland und Österreich sich befreundet hätten, so bliebe doch dem letztern gerechter Grund, einem Offizier zu grollen, der so vorauseilend dem eignen Kopfe gefolgt. Am stärksten aber machte man die Übelstände geltend, die in seiner Verheiratung liegen sollten; seine Gattin habe vorher eine frühere Ehe durch Scheidung lösen und, um diese möglich zu machen, den katholischen Glauben mit dem protestantischen wechseln müssen; besonders das letztere mußte den Augen des Kaisers und der Kaiserin ein unverzeihliches Vergehen dünken. Dergleichen Einflüsterungen blieben in der Tat nicht ohne Wirkung, besonders bei der Kaiserin, die als Prinzessin von Bayern schon in München[268]  an jenen Vorgängen ein Ärgernis genommen hatte. Der Kaiser zögerte, sich zu erklären, und es wurde schon zweifelhaft, ob die Sendung stattfinden könnte. Doch hatte Tettenborn in Wien einen zu guten Namen und zu günstige Verbindungen, als daß man ihm den Schimpf einer Abweisung hätte antun mögen; besonders war der Fürst von Metternich, der immer den Kriegsmann in ihm hochgeschätzt und ihm in Geschäften ein nie getäuschtes Vertrauen geschenkt hatte, sein eifriger Fürsprecher; die Annahme erfolgte in schmeichelhafter Weise, und zugleich wurde Tettenborn zu einer Zusammenkunft auf den Johannisberg eingeladen, wo der Fürst nächstens eintreffen wollte.
Nun war in Baden das Ansehen Tettenborns für längere Zeit neu befestigt, und er beschloß, dasselbe mit allem Eifer zum Nutzen des Landes und des Großherzogs tätig zu verwenden. Das erste und wichtigste war die Verfassung, ohne diese Grundlage fehlte jeder feste Boden; als Richtschnur und Schranke war sie dem schwankenden, bald zurückhaltenden, bald übergreifenden Wesen des Großherzogs so nötig als heilsam; die Hochberge sahen in ihr die Bekräftigung ihres neuen Standes; selbst für die Gebietsfrage mußten die Minister sie zu Hülfe nehmen, denn nicht nur in der öffentlichen Meinung, sondern auch bei dem Kaiser von Rußland galt damals keine größere Empfehlung als das Eingehen in freisinnige Staatsformen. Die Beratungen waren ziemlich vorgerückt; es kam nur darauf an, rasch alles zum Abschluß zu bringen und zu veröffentlichen. Neue Schwierigkeiten und Stockungen, die man sich kaum erklären konnte und wegen deren man später die Markgräfinmutter in Verdacht hatte, mußten überwältigt werden. Ich war bemüht gewesen, durch eine nachdrückliche Denkschrift, von welcher Tettenborn angemessenen Gebrauch machte, auf den Großherzog einzuwirken und ihn zum Entschluß zu bringen. Eine Depesche von Berlin, in welcher der zeitige Vorstand des noch verwaisten Ministeriums, wohl ohne bewußte Absicht und mehr, um doch etwas zu sagen, die bedeutende Mahnung[269]  aussprach, Baden habe vor allem seine Verfassung zu fördern, ließ sich vortrefflich benutzen und wirkte weit über ihren Sinn hinaus; denn wenn auch Hardenberg den festen Vorsatz hatte, Preußen zu einem Verfassungsstaat zu erheben, und ihm viele der würdigsten und edelsten hohen Staatsbeamten beistimmten, so war doch die mächtige Hofpartei diesem Vorhaben entschieden feindlich, und jene Mahnung konnte nur einer untergeordneten Feder entschlüpft sein; der Graf von Lottum, damals noch entfernt von seiner nachherigen einflußreichen Stellung, konnte später selbst nicht begreifen, wie er so etwas habe unterschreiben können! Uns aber war es sehr willkommen, dergleichen aufweisen zu dürfen; wo die Regierung keinen bestimmten oder gar zwiespaltigen Willen hatte, mußte es wohl erlaubt sein, nach eigner Überzeugung ihr den bessern unterzulegen und zu verwenden, ihr selbst zu Heil und Ehren! Hiemit verband sich aufs günstigste die Nachricht, daß der König von Preußen bei seiner Anwesenheit in St. Petersburg dem Kaiser die badische Sache warm empfohlen habe; man fand sich von Preußen beschützt und angetrieben, man konnte nicht anders als ihm Folge leisten.
Am 18. August kamen Tettenborn und Berstett aus Griesbach zu mir nach Baden; ein untergeordnetes, doch dringendes Geschäft gab dazu den Vorwand, und die ganze Lage der Dinge, besonders aber die Verfassung und was etwa noch in dem Entwurfe vor der Unterzeichnung zu ändern sein möchte, wurde nochmals gründlich durchgesprochen. Vieles war nicht nach meinem Sinn; zum Besten der Sache und auch besonders des Großherzogs hätte ich manche Änderung vorschlagen mögen; allein ich fühlte, daß neue Vorschläge und Bedenken hier leicht das Ganze gefährden könnten. Mit allen Mängeln, die sie in mei nen Augen hatte, war sie doch immer die freisinnigste aller deutschen Verfassungen, die an Lebenskeimen reichste, die an Triebkraft stärkste. Wiewohl abgesagter Gegner aller Pairs- und Adelskammern, durfte ich sogar als Aushülfe für den Augenblick[270]  zweckmäßig finden, daß die Standesherren und Junker hier in eine erste Kammer gleichsam eingeschlossen wurden, damit sie nicht in der zweiten, der eigentlichen Volksvertretung, schädlich würden. Dieselben Gründe fand ich dreißig Jahre später, als der Vereinigte Landtag in Preußen berufen werden sollte, noch in voller Gültigkeit, und der sogenannte Herrenstand, ein kläglicher Versuch einer kläglichen Pairie, wenn er einmal nicht ganz wegfallen durfte, wäre wenigstens von den gewählten Abgeordneten streng abzusondern gewesen. Doch diese allgemeinen Gegenstände sowie der Inhalt und die Kritik der badischen Verfassung finden andern Ortes ihre geeignete Stelle, hier kann das Angedeutete genügen, um einen Begriff zu geben, wie heiß und mühevoll es war, aus so vielen Rücksichten und Widersprüchen sich ins Freie hinauszuarbeiten. Die beiden Herren kehrten am folgenden Tage nach Griesbach zurück, durchdrungen von der Notwendigkeit, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, wo das letzte Werk sich entscheiden müsse. Ihre vereinten Vorstellungen hatten endlich Erfolg: der Großherzog unterschrieb am 22. August die Verfassungsurkunde und befahl ihre Verkündigung durch das Staats- und Regierungsblatt.
Für die gesellige Unterhaltung gleicherweise wie für die politische Tätigkeit lieferten auch die Erzeugnisse der Presse einen unversiegbaren und mehrenteils geistbelebten Stoff. Die Betrachtungen der Frau von Staël über die Französische Revolution waren im Druck erschienen, und Freund und Feind beeiferten sich, das Buch zu lesen; ein allgemein bekannter literarischer Name gewährt den Vorteil, daß eine große weitverbreitete Menge, und in ihr auch solche Personen, die durch die Sache allein nicht angezogen würden, gleichzeitig dasselbe Buch lesen muß und dadurch der Inhalt wahrhaft zur Sprache kommt. Das genannte Werk der Frau von Staël stellt die Französische Revolution aus dem scharf begrenzten Standpunkt einer Tochter Neckers dar und wimmelt von falschen Auffassungen, grundlosen[271]  Annahmen, irrigen Verknüpfungen, wie Bailleul, der seine prüfenden Untersuchungen dem Werk auf dem Fuße heftweise folgen ließ, gründlich gezeigt hat; für ihn und ihm Gleichgesinnte oder auch nur Gleichkundige war das Buch eine ungerechte Anklage, die er mit Unwillen widerlegte; für die große Mehrzahl aber, besonders der vornehmen Leser in ganz Europa, blieb es noch immer eine Verteidigung der Revolution, und der Ruhm der Verfasserin, die geistvolle Behandlung, die beredte eindringliche Sprache trugen einen mächtigen Inhalt von Ansichten und Tatsachen in Gegenden, wo sonst dergleichen kaum hinkam und nun Wurzel faßte. Die Wirkung war ungeheuer und in manchen merkwürdigen Zeichen sichtbar. Wir freilich waren nicht befriedigt durch den Inhalt und durch die schwungvolle Darstellung nicht verführt; die bald nachfolgenden Hefte Bailleuls brachten uns daher erquickende Labung, und ich veranlaßte Lindnern, das ganze Buch, eines der besten, die über die Französische Revolution geschrieben worden, ins Deutsche zu übersetzen.
Nicht minder als solche Bücher, nur in kürzeren, aber durch Wiederholung eindringlichen Schwingungen, arbeiteten die Tagesblätter, besonders die französischen. Das Lesen des »Constitutionnel« oder des »Journal des débats« war die würzige Zugabe des Morgenkaffees; die Parteigesinnung wurde dadurch genährt, gestärkt, in gewissem Sinn doch auch wieder gemildert; denn von der höheren geistigen Auffassung, dem guten Ton, der geschmackvollen, stets gemessenen und durchbildeten Sprache, die in diesen Blättern vorherrschten, blieb immer etwas in der Seele des Lesers zurück und wirkte wenigstens ästhetisch vorteilhaft. Noch mehr war dies von dem Wochenblatte, der »Minerve française«, zu sagen, zu deren Herausgabe Benjamin Constant mit mehreren gleichgesinnten und ungesehenen Freunden sich verbunden hatte. Selten ist eine Zeitschrift mit solchem Reichtum von Talent in solch dauernder Übereinstimmung und Gleichmäßigkeit geführt worden. Sie war der Sprach- und[272]  Hörsaal der freisinnigen Konstitutionellen, die in ganz Frankreich eine überwiegende Mehrheit bildeten und in den Kammern als Minderheit unter tapfern Kämpfen immer mehr Boden gewann. Wie gespannt war alles, wie erfreut, wenn der bestimmte Wochentag regelmäßig aus Straßburg das neueste Heft der »Minerve« brachte und die Lage der Dinge in Frankreich, die mehr oder minder auch für Deutschland bestimmend wirkte, mit scharfer Klarheit entwickelte. Man würde jetzt kaum glauben, wie groß diese Teilnahme war und wie weit sie sich erstreckte. Der »Conservateur«, im entgegengesetzten Sinne von Chateaubriand herausgegeben, konnte niemals zu gleichem Ansehen gelangen, und die eigne Partei war meist mit ihm unzufrieden; das hervorragende Talent des Herausgebers wurde von den Mitarbeitern schlecht unterstützt, und seine glänzenden Phrasen allein konnten der schlechten Sache der verstockten Ultras, die er schon halb mißbilligte, auf dem literarischen Gebiete nicht aufhelfen.
Bignons besondere Schrift über Streitigkeiten zwischen Bayern und Baden, die im August zur gelegenen Zeit erschien, wurde mit Begier gelesen und machte an Höfen und bei Diplomaten guten Eindruck; aber im allgemeinen sah man es nicht gern, daß wieder ein Franzose sich in deutsche Händel mischte; der König von Württemberg fühlte sich durch einige Äußerungen verletzt und wollte solchen Mitkämpfer gar nicht anerkennen. Daß der französische Hof aber der Abfassung der Schrift nicht fremd gewesen und seinen Schutz dem Großherzog gegen geheime Zugeständnisse versprochen habe, war eine Fabel, der ich mit Grund widersprechen konnte.
Von deutschen Zeitungen kam hauptsächlich die »Allgemeine Zeitung« in Betracht; sie war, obschon in Bayern erscheinend, doch in der badischen Sache nicht bayerisch, sondern der Eigentümer Cotta begünstigte, nach seiner Überzeugung und nach württembergischem Sinne, soviel als möglich die Gegenseite. Der »Hamburger Korrespondent«[273]  und der ebendaselbst erscheinende »Deutsche Beobachter«, das »Oppositionsblatt« und der »Patriot« in Weimar, die »Rheinischen Blätter« in Wiesbaden, die »Mainzer Zeitung« und die Aarauer wirkten mehr oder weniger für Baden. In allen diesen Blättern schifften von mir ausgerüstete und bald leicht, bald schwer befrachtete Fahrzeuge mit, doch ohne ihre Flagge aufzuziehen. Ich wiederholte unermüdet das Taugliche für Baden, aber auch alles der Preßfreiheit, dem Verfassungswesen, der Freiheit in jedem Sinn irgendwie Förderliche. Für die »Jenaer Literaturzeitung« schrieb ich eine freisinnige Rezension der Adresseschrift von Görres, für Ludens »Nemesis« eine scharfe Denkschrift gegen Adelskammern, um neben dem bösen Beispiel, das in Baden nicht abzuwenden gewesen, doch die echten Grundsätze nicht vergessen zu lassen; derselben Zeitschrift gab ich einen Aufsatz, der den Regierungen abriet, die katholische Kirche mit Grundbesitz auszustatten.

Die Verkündigung der Verfassung erfolgte am 29. August, ohne alle Feierlichkeit, einfach durch Abdruck im Staats- und Regierungsblatt. Sie erregte im ganzen Lande die lauteste Freude, die dankbarste Anerkennung; auch im übrigen Deutschland und nach Belgien und Frankreich hinein äußerte die öffentliche Meinung ihre kräftigste Zustimmung. Die Kritik hatte wohl manches und mit gutem Grund auszustellen, aber man übersah mangelhaftes Einzelnes, um sich an das vortreffliche Ganze zu halten. Im allgemeinen, das mußte man gestehen, hatte Baden Reicheres und Besseres empfangen als irgendein anderes deutsches Land; besonders war es gegen Bayern weit vorangeschritten. Alle öffentlichen Blätter jubelten, die Stimmen im Volke gaben sich in begeisterten Äußerungen kund, vom Bodensee bis an den Main, segneten den Großherzog als den Geber der Verfassung mit dem heißesten Dankgebete; in Mannheim und Freiburg, den bisher wenigst badisch gesinnten Städten, waren die Herzen plötzlich wie umgewandelt und dem Landesfürsten[274]  aufrichtigst zugewendet. Freilich gab es auch Leute genug, die den Kopf ungläubig schüttelten, und noch andere, die mit Widerwillen und Haß auf diese Verleihung sahen; an den Höfen überhaupt, in der gesamten Aristokratie, hatte die Freiheit niemals zahlreiche Freunde; jedes dem Volke gewährte Recht mußte die Vorrechte gefährden, die der Selbstsucht über alles gingen; die Hoffart empörte sich, daß der Geringe da mitgelten sollte, wo der Vornehme bisher alles war. In Darmstadt, in Nassau und anderen Ländern fühlte man die Notwendigkeit, nun gleichfalls mit Verfassungen herauszurücken; in Bayern sank in der Vergleichung mit der fremden beträchtlich der Wert der eignen. Selbst der König von Württemberg sah, wie schon bemerkt, die Sache nicht mit ganz günstigen Augen und fand sie in manchem Betreff bedenklich. In Wien und Berlin nahm man die Sache nicht so schwer; man glaubte, den mittleren Staaten sei dergleichen ganz angemessen, man hielt sich für zu groß, als daß man davon beunruhigt werden dürfte. Die Freisinnigen aber wußten auch dort, daß die Grundsätze hiebei mehr gelten als Macht und Größe und jene für alle wirken. Der Fürst von Hardenberg, noch am Rhein verweilend, empfing die badische Verfassung mit größter Befriedigung; aus seiner Umgebung schrieben die Geheimräte Eichhorn und Koreff mir die freudigsten Glückwünsche.
Hufeland hatte die Aufforderung, nach Baden zu kommen, in Berlin vorgefunden, als er eben vom Rhein, wo er ganz in unserer Nähe gewesen, heimgekehrt war. Den weiten Weg nochmals zurücklegen zu sollen war ihm verdrießlich, auch fühlte er sich unwohl, und indem er dies und seine Amtsgeschäfte vorschützte, lehnte er zuerst den Antrag ab. Doch nachdem er dem Könige das empfangene Schreiben mitgeteilt hatte, fand dieser, daß man den armen Großherzog nicht ohne Hülfe lassen dürfe; er erlaubte nicht nur, sondern befahl sogar, daß Hufeland ohne Verzug die Reise anträte. Am 6. September kam dieser in Baden an und meldete sich gleich bei mir. Ich fand in ihm das Muster[275]  eines Leibarztes, der unter sorgfältiger Wahrung der wissenschaftlichen Würde vor allem zu wissen wünschte, was man eigentlich von ihm verlangte, und sich vollkommen bereit erwies, seinen ärztlichen Ausspruch nach den obwaltenden Rücksichten zu fassen, versteht sich, ohne die geringste Verletzung derjenigen Einsichten und Überzeugungen, die allein den Arzt pflichtmäßig zu leiten haben; er wußte nur zu gut, welch weiten Spielraum in den meisten Fällen die letztern den erstern lassen. Übrigens erkannte man sogleich in ihm den Mann von vieljähriger Erfahrung, von angenehmer Geistesbildung und herzlicher Gutmütigkeit; einiges Wohlgefallen an seinem Ruhme war ihm gern zu verzeihen; stärker trat dies in seiner Frau hervor, die, noch nicht lange mit ihm verbunden, nicht so wie er der Hofluft schon gewohnt war. Ich machte ihn mit allen näheren Umständen und besonders auch mit den Persönlichkeiten bekannt; er sollte zuerst die Markgräfinmutter sehen, die von Karlsruhe deshalb wieder eintraf; denn nachdem ihr der ganze Zusammenhang war vertraut worden, hatte sie sich nicht nur einverstanden erklärt, sondern sie wünschte sogar, daß der Gedanke, Hufelands angeblich zufällige Anwesenheit in Baden für den Großherzog zu benutzen, als der ursprünglich ihre angesehen würde. Die Sache wurde denn auch in diesem Sinne vorgestellt, und ich reiste mit einem Schreiben von ihr an den Großherzog ungesäumt nach Griesbach. Den herrlichen Weg in dieses versteckte Tal, dessen Sauerbrunnen ich vor Jahren zuerst im »Simplicissimus« erwähnt gefunden, ohne zu denken, ihn jemals sehen zu sollen, verdeckte mir zum Teil die Nacht, in die meine Fahrt fiel, zum Teil die ernste Beschäftigung mit meiner Aufgabe.
In der Morgenfrühe traf ich ein; noch drang die steigende Sonne nicht in das tiefeingeschnittene enge Tal; der Tau hing noch auf Gras und Sträuchern, und ein gewisser Schauer, die Wirkung feuchtkalter Luft, ließ alsbald empfinden, daß dieser Aufenthalt dem kranken Großherzog nicht[276]  zuträglich sein könne. Damit dieser nicht gleich meine Anwesenheit erführe, war ich aus Vorsicht am Eingange des Ortes abgestiegen und hatte nur durch geheime Botschaft die Großherzogin benachrichtigt. Sobald sie unter einem schicklichen Vorwande sich losmachen konnte, erschien sie, und wir hielten zuerst in einem Saale des einsamen Wirtshauses, dann, als die Luft wärmer geworden, auf einem abgelegenen Spaziergang eine lange Unterredung, in der zunächst alles verabredet wurde, was der Augenblick erforderte, dann aber noch vieles andere zur Sprache kam. Zum rückhaltlosen Vertrauen in der einen Sache genötigt und durch diese selbst immer weiter geführt, schenkte sie es mir völlig; das Bedürfnis, ihr bekümmertes Herz auszuschütten, war so lange unbefriedigt geblieben! Ein wahres Jammerbild entfaltete sich vor den Augen und beklemmte mir das Herz. Die Zustände in Griesbach waren die trostlosesten von der Welt, in ihnen die Lage der liebenswürdigen Fürstin die allertrostloseste. Den kranken Großherzog durfte sie fast nie verlassen; er saß tagelang niedergeschlagen und gelangweilt in der dumpfen Stube der bäuerlichen Wohnung und kam nicht über die Schwelle derselben. Fremde Gesichter wollte er durchaus nicht sehen, und fremde hießen ihm schon solche, die ihm nicht täglich gewohnte waren. Seine Umgebung war so knapp als möglich, der Örtlichkeit und noch mehr seinem Sinne gemäß. War er nicht lieber allein, durften seine Leute ihn unterhalten, so waren es meist rohe Geschichten und Bemerkungen, die ihm ein trauriges Lächeln abgewannen, und die Großherzogin, die einzige anwesende Frau, hatte die peinlichste Gesellschaft zu ertragen und mußte noch dankbar sein, daß wenigstens der Versuch gemacht wurde, den Kranken zu unterhalten; dieser selbst bedauerte sie oft, gerührt von ihrer Sorgfalt und Pflege, jedoch geändert wurde nichts. Dabei war der Kranke durchaus unlenksam, tat, was ihm schädlich war, unterließ, was ihm helfen konnte; bisweilen ließ er sich überzeugen, daß er seine Lebensart ändern[277]  müsse, und man glaubte gewonnen Spiel zu haben, aber plötzlich verlor sich alles wieder in ein starres Nein. Die notwendigsten Befehle, ohne die nicht nur die Staatsverwaltung, nein, oft das tägliche Leben nicht bestehen konnte, waren oft bis zum dringendsten Augenblick nicht zu erlangen, und noch weniger durfte jemand sie statt seiner geben. Dabei wußte sie von heimlichen Gegnern, von Auflaurern und Berichterstattern, durfte niemandem ganz trauen, hatte vorsichtig jedes Wort, jede Miene zu bewachen, um nicht Anlaß zu Mißverständnissen und Ränken zu geben, die sich stets bereit hielten. Wenn Tettenborn, wenn Reizenstein kamen, so war dies jedesmal ein Aufatmen für die Großherzogin; sie fand sich dann doch wieder auf einem mehr sichern, ihr mehr gemäßen Boden, obwohl sie auch meistens wieder an der Qual teilzunehmen hatte, welche diese Männer in ihrer Geschäftsbetreibung mit dem Großherzog litten; eine zu offene Teilnahme würde aber nur wieder dessen Eifersucht geweckt und die Flüssigmachung seines Willens noch mehr gehindert haben. Daß dieses Leben, in solcher Weise, an diesem Ort und unter diesen Einflüssen kein Gedeihen bringen, nicht ohne die schädlichsten Wirkungen lange fortdauern könne, war klar einzusehen und fügte zu der traurigsten Gegenwart nur noch die Aussicht in die trübste Zukunft. Die Klagen der edlen Fürstin waren nicht eigentlich Beschwerden, sie klangen fast wie Entschuldigungen, ihr eigenes Leid erschien dabei gleichsam nur im Widerschein; mit unschuldiger Natürlichkeit sagte sie, was die Sache gebot, und wenn bisweilen die Tränen ihr in die Augen traten, so scheuchte ein liebliches Lächeln sie schnell wieder fort. Sie mußte mit mir, die Sache gebot es, auch über die Familienverhältnisse mit voller Offenheit sprechen, über die Markgräfinmutter, den Markgrafen Ludwig, die zu Markgrafen erhobenen Grafen von Hochberg; sie konnte zu diesen allen kein Herz haben, die Prinzessin Amélie war die einzige, die ihre Neigung gewonnen hatte, aber selbst diese wurde durch die Rücksicht auf die Mutter zurückgehalten,[278]  ihrer Schwägerin ganz Freundin zu sein. Was aber der Großherzogin noch besonders die Brust erleichterte, war, daß sie gegen mich ihre französischen Sympathien nicht zu verleugnen brauchte, sondern verstanden und gebilligt fand; sie wußte, daß ich den Kaiser Napoleon nicht liebte – über den auch sie ja herbe Klage hatte –, daß ich aber den verfolgten Bonapartisten nach Kräften beistand, daß ich die Franzosen überhaupt schätzte, ihre Sprache, ihre Literatur.

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Ob ich den Großherzog sprechen würde, war noch sehr zweifelhaft; der Versuch mußte aber sogleich gemacht werden. Ein Bote rief die Großherzogin ab, der Kranke verlange ungeduldig, hieß es, daß sie käme. Sie wollte zur Entschuldigung ihrer langen Abwesenheit ihm eröffnen, daß sie mich gesprochen habe und was im Werke sei; sie wünschte nur, daß niemand ihr zuvorgekommen sein möchte, weil in diesem Fall alles schon verdorben sein könnte. – Ich wartete unterdessen in nicht geringer Spannung den Erfolg ab, während nach und nach einige der Hofleute, die den Großherzog hatten hierher begleiten dürfen, sich einfanden, mich zu begrüßen und zu hören, was ich Neues brächte. Sie empfingen natürlich nur spärliche Auskunft, gaben aber bereitwillig ihren Klagen über den verwünschten Aufenthalt freien Lauf, wo sie aus Langerweile sterben müßten. Alle schilderten ihren Zustand als einen verzweiflungsvollen, den Ort als höchst ungesund und ihnen allen nachteilig wie dem Großherzog selbst, dessen Krankheit sie nicht so schlimm glaubten. Nur der Oberstallmeister von Geusau, mit dem ich längere Zeit allein blieb, machte ein bedenkliches Gesicht und meinte, der Herr würde wohl nicht wieder aufkommen, er habe die Brustwassersucht, und alle Digitalis werde ihm so wenig helfen als dem Großvater, der auch an dieser Krankheit, freilich dieser im höchsten Alter, gestorben sei. Ich konnte bemerken, daß die Hofleute sämtlich den Großherzog gern von Griesbach fort haben wollten, daß sie ihn aber nicht ebenso willig aus dem Lande lassen würden; und obschon in seiner jetzigen[279]  Stimmung alle Gunst meist eine nutzlose und vergebliche war – nur ein paar Beispiele gab es von außerordentlichen Geschenken und Verleihungen –, so wollte man doch den Zugang zu dieser vielleicht noch wieder fließenden Quelle möglichst abschließen. Der eigene Vorteil stellte sich ohne Hehl als die erste Rücksicht auf, der alle andern sich unterordnen müßten, ja man setzte sie ebenso bei mir voraus und gab mir zu verstehen, es sei doch recht töricht von mir, wenn ich eine Reise nach dem südlichen Frankreich begünstigte, denn ich würde in Karlsruhe ihn sehr zu vermissen haben. Oder gedächte ich etwa gar mitzureisen? Das wäre ein kühnes Unternehmen, dem doch mancherlei Bedenken entgegenständen. Geusau, der wissen mochte, daß der Großherzog mir in der Fülle seiner Dankbarkeit als ungewöhnliche Auszeichnung das Großkreuz des Zähringer Löwenordens zugedacht hatte, glaubte sogar, ich sei nur deshalb unter gutem Vorwand nach Griesbach gekommen, um diese Angelegenheit zum Schluß zu bringen! Ich hatte ihm nämlich nicht verhehlt, daß Hufelands Anwesenheit in Baden mich hiehergesprengt habe, von der Berufung desselben konnte er nichts ahnden.
Ein Lakai, der mich zum Großherzog einlud, machte diesen Unterhaltungen ein Ende. Gegen alle Erwartung war die Nachricht von meiner Ankunft nicht nur ohne Befremden, sondern sogar mit Vergnügen aufgenommen worden; der Großherzog sagte, ich sei einer von denen, die es mit ihm gut meinten, und er wollte mich unmittelbar sprechen. Die wenigen Schritte waren bald getan. Ich mußte aber doch noch eine gute Weile warten; denn die Großherzogin kam heraus und sagte mir, wie leicht alles bisher gegangen, aber nun empfinde der Großherzog doch wieder einige Verlegenheit und Scheu, für die er sich Frist gewinne, indem er sich erst anziehen wolle; sie fürchte noch immer, der kleinste Zwischenfall, irgendein Gedanke sogar, könne noch alles, wenigstens für diesen Tag, vereiteln. Aber nein, die Türe ging auf, und wir wurden hereingerufen. Der Großherzog[280]  war sorglich angezogen und hatte sich erhoben, es war sichtbar, daß er nicht ganz unkräftig erscheinen wollte; aber es war kein Kennerblick nötig, um hinter dieser kleinen Anstrengung die kläglichste Hinfälligkeit zu erkennen. Zuvörderst hatte ich alles schmeichelhafte Lob anzuhören, das meiner aufrichtigen Zuneigung, meinem tätigen Eifer gezollt wurde, denn das Märchen, daß Hufeland zufällig in Baden eingetroffen sei und dies den Gedanken erweckt habe, der Großherzog möchte ihn zu Rate ziehen, durfte noch nicht aufgegeben werden. Nach und nach wurde dann meinen anteilvollen Fragen der ganze Krankheitszustand aufgedeckt, der in dem Ringen eines ursprünglich kraftvollen und noch jugendlichen Körpers mit leiblicher Schwäche und eines der Anlage nach vortrefflichen Verstandes mit geistiger Versunkenheit die kläglichsten Gegensätze zeigte. Die Symptome der Vergiftung, an welche der Großherzog fest glaubte, ließen sich auch anders deuten, aber immer waren sie von schlimmster Art. Doch redeten wir ihm Mut ein, Vertrauen auf die neue Hülfe, die sich unverhofft darbiete, und in großer Rührung und mit Tränen willigte er ein, den fremden Arzt zu sehen, und gab mir die Hand darauf, daß er dessen Rat auch wirklich befolgen werde. Zweifelhaft und ängstlich fragte er, ob wir denn auch gewiß seien, daß Hufeland werde kommen wollen, wofür ich mich denn unbedenklich verbürgen konnte. Die Großherzogin sprach und benahm sich musterhaft, wie eine liebevolle Freundin, wie eine einsichtsvolle Pflegerin, reich an Kraft und Trost für den Kranken, obschon beide für sie selbst oft gänzlich fehlen wollten. Auch rühmte er gegen mich die Selbstverleugnung der edlen Gattin mit herzlichen Lobsprüchen und sagte die rührenden Worte, er wünschte nur, länger zu leben und wieder gesund zu werden, um ihr alles, was sie an ihm getan, zu vergelten!
Daß auch die politischen Bedrängnisse zur Sprache kamen, ergab sich aus den Umständen von selbst. Der Großherzog klagte bitter über die Feindschaft des bayerischen Hauses gegen das seinige; damit jenes sich vergrößere, solle dieses[281]  untergehen; wo sei darin Gerechtigkeit? Wie könnten die Stifter der Heiligen Allianz dergleichen nur dulden, geschweige denn gutheißen oder gar ausführen? Man habe auf seinen frühen Tod gerechnet, der werde leider nur zu gewiß erfolgen, aber nicht so früh, das wünsche und hoffe er, als daß nicht vorher der ungeschmälerte Bestand des Landes und die Erbfolge der Hochberge in das Ganze durch den Spruch der großen Mächte bekräftigt und gesichert werden könnte. Nachgeben, beteuerte er, werde er in keinem Fall; früher habe er sich wohl mit solchen Gedanken getragen, weil er schon alles aufgegeben, jeden Widerstand unmöglich geglaubt habe; doch jetzt sei er andern Sinnes, Tettenborn habe ihm die Augen geöffnet; man könne ihm Gewalt antun, ihn berauben, er müsse es geschehen lassen, wenn auch nicht ohne die Abwehr wenigstens zu versuchen; aber einwilligen werde er nie! Den König von Bayern glaubte er nicht so schlimm, derselbe schäme sich doch, zeige Verlegenheit und Mißbehagen, wenn man der schmählichen Sache gegen ihn erwähne, aber der Kronprinz sei voll gehässigen Eifers, ihm seien alle Mittel recht, und Mannheim und Heidelberg zu bekommen, sei bei ihm ein feststehender Wahn; er rufe immer aus, die Pfalz sei seine Wiege, die müsse er wieder haben! Des Großherzogs Rede, auch wenn der Sinn kräftig war, klang immer wie aus tiefer Betrübnis und Mattigkeit hervor; hier zum erstenmal erheiterte sich sein Gesicht zu einem Anflug von Lächeln, indem er hinzusetzte: »Hat man je gehört, daß ein vernünftiger großer Mensch gerade nach seiner Wiege so heftig verlangt habe?« Die Großherzogin erzählte aus früherer Zeit, wie der Kronprinz am Hofe Napoleons zuerst erschienen und durch seine Sonderbarkeit aufgefallen sei, der Kaiser ihn kalt und mißtrauisch behandelt, die jüngere Welt ihn zum Ziel des Spottes gewählt und ihn vielfältig geneckt und gefoppt habe; von daher komme sein Haß gegen alle Franzosen und unglücklicherweise auch gegen den Großherzog, der als damaliger Erbprinz unter jenen Jüngern gewesen sei und an[282]  ihren Scherzen teilgenommen habe. Noch manches wurde über den Charakter des Kronprinzen gesagt, was keine vorteilhafte Meinung zeigte.
Ich wurde nach einem fast allzulangen Verweilen entlassen und hatte bis zur Mittagstafel ein paar Stunden frei, die ich teils mit Schreiben, teils mit Spazierengehen und im Gespräch mit badischen Hofleuten zubrachte. Auch die Großherzogin sah ich noch einen Augenblick, wo sie mir flüchtig zurief, daß alles gut ginge. Bei der Tafel war es still und trübselig; einige plumpe Scherzreden, die versucht wurden, schlugen wenigstens diesmal nicht an, alles andere Gespräch stockte gleich wieder; der Großherzog beobachtete nur, was die Tischgenossen für Gesichter machten und welches etwa ihre Gedanken wären über ihn, über mich und über die schon bekannt gewordene Absicht, einen neuen Arzt zu Rate zu ziehen. Seine eignen Ärzte schienen nichts dagegen einzuwenden, aber auch nichts davon zu hoffen. Vielleicht waren sie schon völlig von der Unrettbarkeit des Kranken überzeugt und gönnten dem berühmten Mitbruder gern, anstatt ihrer die undankbare Mühe des abermaligen Beweises zu übernehmen, wie zuletzt alle ärztliche Kunst sich unvermögend bekennen müsse. Daß der Großherzog in ihrer Gegenwart auch jetzt, wie es oft erzählt worden war, im Essen und Trinken manche Übertretung beging und zum Beispiel, als mir Champagner gereicht wurde, auch für sich dessen forderte, der ihm durchaus untersagt war, fiel mir weniger auf als die Gleichgültigkeit, mit der sie es geschehen ließen. Auch dies machte mir den Eindruck von einem Kranken, der, als völlig aufgegeben, sich alles erlauben durfte. Nach dem Essen hatte ich noch ein herzliches Abschiedsgespräch mit dem Großherzog, ein längeres, sehr vertrauliches mit der Großherzogin, worin nochmals alle wesentlichen Punkte unserer Verabredung erörtert und befestigt, mir wegen der hiebei in Betracht kommenden Personen die wichtigsten Aufschlüsse und Warnungen erteilt und schließlich die besten Wünsche mit auf den Weg gegeben[283]  wurden. Unmittelbar darauf trat ich die Rückfahrt an und traf am nächsten Morgen frühzeitig in Baden ein.
Mein erster Gang war zu Hufeland, den ich noch an der Seite seiner Gattin im Bette fand, aber sogleich aufstörte, denn es war keine Zeit zu verlieren, da man nicht sicher war, daß die wandelbare Laune des Großherzogs nicht andern Sinnes wurde und durch eine nachgesandte Stafette alles wieder abbestellte. Nur soviel Frist gab ich ihm, als nötig war, um noch einen Besuch bei der Markgräfinmutter zu machen, und bestellte, um sicher zu sein, selber die Postpferde. Dagegen konnt ich es nicht über ihn gewinnen, daß er seine Frau auf die paar Tage zurückließe; er behauptete, ihrer nicht entbehren zu können, ihre Pflege und Sorgfalt würde er jeden Augenblick vermissen; auch bestand sie selber eifrigst auf ihrem Mitfahren, sie versprach sich von der nahen Berührung mit dem Hofe manches Angenehme, sie meinte, der Großherzogin könne die Frau des Arztes, auf den sie alle ihre Hoffnungen gestellt, nur willkommen sein. Von Hufelands Frau war aber in Griesbach nicht die Rede gewesen, auf sie war nicht gerechnet, an jedem neuen Umstand konnte die ganze Sache scheitern; denn wenn den Großherzog sein Eigensinn faßte, so nahm er eine Kleinigkeit, die man nicht vorher mit ihm besprochen, zum Vorwand, um sich als hintergangen darzustellen und die größten Hauptsachen umzustoßen. Es lief auch dieser Umstand glücklich ab, allein die Sorge war darum nicht minder peinlich. Die Frau Markgräfin fragte mich noch am nämlichen Tage, warum ich denn zugegeben, daß Hufeland die Frau mitgenommen. Und die Großherzogin sagte mir später, sie habe einen Schrecken gehabt, neben dem erwarteten noch einen unerwarteten Gast anlangen zu sehen, den sie nicht nur bei dem Großherzog habe vertreten, sondern auch noch habe unterhalten und zufriedenstellen müssen. Hufelands dringenden Wunsch, daß auch ich nach Griesbach zurückkehren und persönlich ihn dort einführen möchte, schlug ich entschieden ab, da ich in Baden nicht so lange fehlen[284]  und auch meine Beteiligung nicht zu auffallend machen wollte.
In Griesbach geriet alles zum Besten. Der Großherzog war über Erwarten willig und fügsam, ließ den ersehnten und zugleich gefürchteten Arzt gleich vor und unterwarf sich dessen ausführlichem genauen Verhör mit einer Geduld, die ganz ungewöhnlich war. Der ehrwürdig und anspruchslos aussehende, sanftmütig und doch bestimmt redende Arzt gewann sein ganzes Zutrauen, und die Urteile, Vorschriften und Ratschläge desselben fanden offnen Eingang. Der Kranke war von neuer Hoffnung belebt, von neuem Mut erfüllt. In der Tat erklärte Hufeland ihm selbst wie auch der Großherzogin und der andern Umgebung, daß die Krankheit zwar tief eingewurzelt und durch fortgesetzte nicht entsprechende Lebensart immer noch verschlimmert worden, daß sie aber noch zu überwinden sei und der Großherzog wieder ganz gesund werden könne; allein keine Zeit sei zu verlieren, er müsse unverzüglich Griesbach und binnen acht oder vierzehn Tagen das Land verlassen, um in Montpellier oder sonst im südlichen Frankreich das milde und doch kräftigende Klima zu genießen und dort unserem Winter und allen seinen Einflüssen völlig zu entgehen. An sonstigen Vorschriften und Warnungen ließ er es nicht fehlen und faßte sie in einem kurzen Aufsatz zusammen. Die andern Ärzte, mit denen er sich besprach und denen er großes Lob erteilte, stimmten ihm in allem bei. Der Großherzog dankte mit Tränen seinem Retter, gelobte, alles genau zu befolgen und auf der Stelle die nötigen Befehle zu geben, damit seiner baldigen Abreise kein Hindernis entgegenstände. Mit diesem empfangenen Versprechen, unter Zusage seines schriftlichen Rates auch aus der Ferne, reich belohnt und mit vielen Segenswünschen reiste Hufeland nach zweitägigem Aufenthalt wieder ab und kam nach Baden zurück, wo er der Markgräfinmutter und mir ganz dieselbe Hoffnung aussprach, unter denselben schon erwähnten Bedingungen. Er war von Mitleid für den armen Fürsten durchdrungen[285]  und meinte es herzlich gut mit ihm, besonders aber bewunderte er die Großherzogin, von deren Liebenswürdigkeit auch seine Gattin ganz bezaubert war; sie erzählte, welch große Ehre ihr widerfahren war, welch ausgezeichnetes Vertrauen sie genossen hatte; der Großherzog selbst habe sie liebgewonnen und sie dringend ersucht, ihren Mann doch zu längerem Verweilen zu bereden. Hufeland hatte jedoch keine Zeit übrig und eilte auch von Baden gleich wieder nach Berlin zurück.
Bei seiner Abreise blieb ein glänzender Hoffnungsschimmer zurück, der einige Zeit noch in voller Stärke dauerte, nach vierzehn Tagen aber schon merklich erblaßte; denn wenn die Krankheit noch zu überwinden war, so stand dies von dem Kranken mehr als je zu bezweifeln. Nach den Anstrengungen des Gemüts und des Benehmens, zu denen solch aufregende Besuche, wie die unsern für ihn gewesen, den Anlaß gegeben hatten, verfiel er schnell wieder in die alte Unschlüssigkeit und Betrübnis. Gleich anfangs hatten einige seiner Nächsten, als sie die neuen Anordnungen vernommen, ungläubig den Kopf geschüttelt und gemeint, daraus werde nimmermehr etwas; sie ließen merken, daß nicht nur der Großherzog es nicht entschieden genug wollen werde, sondern daß auch andere es geradezu nicht wollten, weil es nicht mit ihren Zwecken oder Vorteilen übereinstimme. In diese verworrenen, oft ganz untergeordneten Geheimnisse einzudringen und die einzelnen Fäden zu verfolgen war so widerwärtig als vergeblich; man mußte dem Geschick anheimgeben, ob und wie diese Verstrickungen sich von selbst lösen oder zerreißen sollten.

Auf der Favorite sah es in der Tat höchst betrübt aus. Der Großherzog litt noch an der Überfahrt von Griesbach, die ihn übermäßig angestrengt hatte. Von der Reise nach Montpellier war nicht mehr die Rede; seine Schwachheit war bisweilen so groß, daß man seinen Tod ganz nahe glaubte. Von Geschäften durfte man kaum noch mit ihm[286]  sprechen, sie mußten einen scharfen Stachel in sich tragen, um ihn zur geringsten Aufmerksamkeit zu reizen. Leider fehlte es an solchen Reizmitteln nicht. Die Freude, welche das ganze Land und selbst die Nachbarländer über das Geschenk der Verfassung bezeigten, die Adressen, Danksagungen, Festlichkeiten konnten ihm keinen großen Anteil erwecken, da der Gegenstand selbst ihm nicht sonderlich wert war und er sich kaum ein Verdienst dabei wußte; bald auch erlosch diese Freudigkeit in der Trauer und Besorgnis, welche der nicht mehr zu verhehlende Zustand des Großherzogs überall verbreitete. Vor ihm selber blieben die nachteiligen Gerüchte nicht verborgen; er sah, wie alles auf seinen nahen Tod wartete, vielleicht hoffte. In Baden hatten bayerische Diplomaten sich festgesetzt, deren Fäden nach allen Richtungen ausgespannt und sogar in der Favorite angeknüpft waren; sie suchten jeden Umstand zu erforschen, und es hieß, sie hätten ansehnliche Belohnungen versprochen, um schnell und zuerst die Nachricht vom Ableben des Großherzogs zu erhalten. Einer derselben betrieb die Sache so grob, daß die Badener Einwohner ihm aufsässig wurden und er eiligst abreisen mußte. Sein Nachfolger war nicht vorsichtiger und bemühte sich, einen badischen Rittmeister zu gewinnen, den er gut eingeweiht und oft auf der Favorite wußte, der aber in seiner Treue nicht wankte und aus bescheidener Klugheit die Sache verschwieg. Die Bayern sagten, der Großherzog müsse in den nächsten Tagen sterben; der Kronprinz hatte sogar, wie Reizenstein mir erzählte, den bestimmten Tag dafür angesetzt. Der Fürst von Wrede wollte gleich, sowie die Nachricht einliefe, bayerische Truppen in die Pfalz einrücken lassen; Geheimrat Friederich berichtete aus der Schweiz, daß ein bayerischer Staatsrat, der ihn als gebornen Pfälzer gern schon als halben Bayern ansehen wollte, ihm dasselbe vertraut habe. Dazu kamen Nachrichten aus Speyer und Würzburg, daß an beiden Orten in der Stille schon Anstalten zu Truppenbewegungen gemacht würden. Der Großherzog war in diesen[287]  Tagen so elend, daß wirklich sein Tod plötzlich erfolgen konnte. Was dann geschähe, wenn Bayern, bevor noch der Kongreß gesprochen hätte, einen Handstreich vollführte und sich in den Besitz der Pfalz setzte, dann mit dem alten Ungestüm seine Forderungen und Klagen erneuerte, Baden in der Verwirrung erst wieder zur neuen Regierung sich finden müßte, das war leicht abzusehen. Die Verurteilung Badens stand in Aussicht, die Beschränkung der Erbfolge, die Abreißung der schönsten Provinzen. In dieser Not traten nicht die Minister amtlich als solche, sondern die erprobten Getreuen, Minister und andere, zu außerordentlicher Beratung zusammen und erwogen die drohende Gefahr, die Mittel der Abwehr. Ich lebte in beständigem Wechsel des Aufenthalts zwischen Karlsruhe, Baden und der Favorite, ich sah beinahe täglich Reizenstein, Berstett, Tettenborn, falls er nicht selber unterwegs war, öfters die Großherzogin, den Großherzog selten, weil er sich ungern sehen ließ. Bevor man einen Entschluß faßte, fragte man mich aufs Gewissen, ob ich noch der festen Meinung sei, daß man sich auf den König von Württemberg verlassen könne, daß er Baden keinenfalls im Stich lassen werde. Ich glaubte dies verbürgen zu können. Hierauf beschloß man dann einstimmig, was Tettenborn im voraus für solchen Fall angeraten hatte, die badischen Truppen auf den Kriegsfuß zu stellen und Gewalt mit Gewalt abzuwehren. Der Großherzog unterzeichnete den Befehl zur Einberufung der Beurlaubten. Bei Mannheim sollten 12000 Mann, bei Freiburg 6000 schleunigst zusammengezogen werden; war es nötig, so konnten binnen drei Wochen 30000 Mann kriegsfertig dastehen. Ich aber gab sogleich dem Könige von Württemberg von dem Kraftentschluß Nachricht und forderte ihn auf, diesen durch gleiche Maßregeln zu unterstützen; er tat es auf der Stelle und erteilte dem badischen Gesandten General von Harrant in Stuttgart die bündigsten Zusicherungen; in München aber ließ er durch seinen Gesandten eine nachdrückliche Note abgeben, die nach den Absichten fragte, welche die Bayern[288]  auf die Besetzung der Pfalz etwa hegten, und die Erklärung hinzufügte, daß er einen Eingriff dieser Art nicht dulden, die Überschreitung der badischen Grenzen durch bayerische Truppen als einen Bruch des Deutschen Bundes betrachten, seinen Gesandten von München abrufen und seine Truppen mit den badischen vereinigen würde. Zugleich wurden auch württembergische Rüstungen anbefohlen. Dieses tapfere Auftreten Badens und Württembergs machte gewaltigen Eindruck, alles fühlte sich erfrischt von Mut und Kraft. Die beurlaubten Badener eilten freudetrunken zu den Fahnen; es meldeten sich Freiwillige zum Kriegsdienst, französische und schweizerische Offiziere wollten sich anschließen. War Baden durch dringende Not zum Äußersten bereit, so hatte Württemberg die glänzendere Triebfeder der großmütigen Hülfeleistung, der uneigennützigen Teilnahme für den bedrohten Nachbar. Hier zeigte sich nun recht der Vorteil des Mutes, der Entschlossenheit. Bayern war doppelt so stark als Württemberg und Baden zusammen, aber so überrascht war man in München durch das plötzliche Herausfordern, so verschüchtert durch den Zusammenschlag von Wort und Tat, daß man der eigenen Kühnheit, mit der man noch eben selber hatte auftreten wollen, gänzlich vergaß, dem Könige von Württemberg zufriedenstellende Erklärungen gab und völlig ableugnete, militärische Maßregeln gegen Baden überhaupt im Sinne gehabt zu haben. Nach dieser vereinten, auch in Aachen starken Eindruck machenden Kraftäußerung konnten Württemberg und Baden ihre Truppenrüstungen wieder einstellen; Baden jedoch behielt, ungeachtet des bedeutenden, bei seinen zerrütteten Finanzen doppelt schweren Geldopfers, einen Teil der schon eingerückten Mannschaften aus Vorsicht bei den Fahnen. Der Zustand peinlicher Krisis und gedrückter Erwartung schien gar nicht enden zu wollen; von den Beratungen in Aachen war wenig zu hören, sie betrafen fürerst nur Frankreich, der badischen Sache geschah noch keine Erwähnung. Der Großherzog schleppte sein erlöschendes Leben von Tag zu Tag[289]  hin, bisweilen schien er sich etwas zu erholen, sank aber bald nur um so tiefer wieder zusammen. Die Großherzogin Stephanie wich kaum noch von seiner Seite, er wollte keine andere Pflege als die ihre; sie mußte die Augenblicke erspähen, in denen sie die dringendste Rücksprache mit den Ministern zu nehmen hatte, um übereinstimmend mit ihnen auf den Kranken zu wirken und die unerläßlichsten Geschäfte einigermaßen im Gange zu erhalten. Daß man das Befinden des Großherzogs für besser ausgab, als es war, daß man von seiner noch möglichen Genesung, von seinem noch längeren Leben sprach, war eine für notwendig erachtete Täuschung, die um so leichter durchzuführen war, als der Großherzog schon geraume Zeit in völliger Abgeschlossenheit verharrte. Im allgemeinen wußte man wohl, daß es übel aussah, aber in betreff der näheren Umstände, besonders des Grades der Schwäche, wurden auch die eifrigsten Horcher stets wieder irre.
Auf der Favorite herrschte die gedrückteste Langeweile und die peinlichste Ungeduld; vor Augen hatte man nur trostlosen Jammer, die Phantasie vermochte auch in der Ferne nur trübe Bilder aufzufassen. Die Minister sahen sich einander an und wußten nicht, was sie tun, was sie unterlassen sollten. Sie suchten eine Stütze an dem nächsten Regierungsnachfolger, dem Markgrafen Ludwig, sie wünschten seine Zustimmung, seine Ermächtigung zu manchen Handlungen, für die jetzt keine Autorität vorhanden war; allein dieser lehnte mit gewohnter Vorsicht alles ab, was ihn irgendwie verantwortlich machen konnte; auch wollte er sich mit diesen Ministern nicht zu sehr einlassen, um nicht, wenn er den Thron bestiege, an die gebunden zu sein, da er für solchen Fall schon ganz andere Männer im Sinn hatte. Die Untätigkeit wurde unerträglich; nichts unterbrach sie, von außen kam keine Nachricht, Woche verging auf Woche, und von Aachen erschallte kein Wort. Doch war die Hauptsache, die Räumung Frankreichs, schon abgemacht, und die badische Angelegenheit mußte nun zur Sprache kommen.[290]  Viele neue Schreiben lagen angefertigt, wiederholte Vorstellungen an die Mächte, dringende Mahnungen an die versammelten Staatsmänner, Bitten, Versprechungen; man wußte nicht, ob man sie absenden sollte, es gab Gründe dafür und Gründe dagegen. Endlich kam der Beschluß zustande, die ganze Ladung durch einen Kurier – den schon bekannten Hennenhofer – nach Aachen überbringen und auf dem dürren Kongreßboden aussäen zu lassen; möglich, daß manches Samenkorn aufginge! Und es war manch fruchtbares darunter, das auf guten Boden fiel! Tettenborn hatte an Metternich geschrieben und besonders nachdrücklich an Gentz, von dieser Seite kamen die Sachen in Trieb. Auf den Kaiser Alexander hatte die Königin von Württemberg günstig eingewirkt; allein er wollte durchaus abwarten, daß in der Gebietssache der erste Schritt von dem dabei nächstbeteiligten Österreich geschähe. Da diese Anregung nun wirklich durch den Fürsten von Metternich erfolgte, so stimmte von allen Seiten alles bei, und es geschah der wichtige Schritt, daß der Kongreß einen badischen Bevollmächtigten berief, mit dem das Nähere zu verhandeln wäre. Ein badischer Bevollmächtigter berufen, ohne daß ein bayerischer zugelassen wurde, das schien eine ungeheure Bevorzugung der einen Seite, eine ebensolche Zurücksetzung der andern; indes legten die Bayern es besser für sich aus: sie meinten, von ihnen werde nichts gefordert, sie hätten nur zu empfangen, die Badener, welche zu leisten hätten, seien berufen, um ihr Urteil zu hören, und das würden sie still hinnehmen müssen. Bayern hatte nicht versäumt, auch alle Mittel aufzubieten, um seinen Ansprüchen den Sieg zu verschaffen, und war voll guter Hoffnung und Zuversicht; die Sprache Österreichs ließ nicht vermuten, daß sein Sinn geändert sei, und beider Vorteil schien innig verwebt. Auch Berstett, der als Minister der Auswärtigen Angelegenheiten schicklicherweise selbst nach Aachen gehen mußte, hatte kein großes Vertrauen zu dem Stande der Dinge und fühlte sich besonders in betreff der Österreicher unsicher, mit[291]  denen er nicht, wie Tettenborn, in freundlichem Vernehmen geblieben war.
Der Kaiser Alexander, guten Herzens wie er war, hatte an die Kaiserin geschrieben, er höre, die Königin von Bayern sei aus politischen Gründen abgehalten, ihren sterbenden Bruder vor seinem Ende noch zu sehen; er müsse es mißbilligen, die politische Schicklichkeit so weit auszudehnen; es sei nicht nur zulässig, sondern sogar erforderlich, daß die Königin komme, und die Kaiserin möchte diese seine Meinung nach München schreiben. Dies geschah, und bald nachher kam die Königin nach Bruchsal, wo sie mehrere Tage verweilte, immer auf die Anzeige wartend, wann es dem Großherzog genehm sein würde, ihren Besuch zu empfangen. Unterdessen fanden sich zur Begrüßung der Kaiserin auch die hessendarmstädtischen Herrschaften in Bruchsal ein, dann die Königin von Württemberg, später auch der König. Alles dies ging ohne Prunk und in der Stille vor; die Öde von Bruchsal wurde kaum etwas belebter, Karlsruhe blieb davon ganz unberührt.

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Der Großherzog war inzwischen von der Favorite, deren freie Lage gegen Wind und Feuchtigkeit in der rauhen Jahreszeit nicht genug geschützt war, nach Rastatt übergesiedelt, wo das Schloß bequeme Räume darbot. Hier, im Anfang Novembers, empfing er endlich den Abschiedsbesuch seiner Schwester, die unmittelbar darauf nach München zurückkehrte. Er hatte geglaubt, sich insoweit besser zu befinden, um nicht den ganzen Jammer seines Zustandes zeigen zu müssen; aber seine Absicht schlug fehl, die Gemütsbewegung, die der Besuch ihm verursachte, ergriff ihn so heftig, daß er in die größte Schwäche versank und, als er die Königin weinen sah, nun gerührt ihre Hand ergriff und seinen Tränen freien Lauf ließ. Doch das eben war ihm wieder verdrießlich, er liebte diese Schwester eigentlich am wenigsten und wollte sich von ihr nicht rühren lassen. Die Großherzogin erzählte mir später, es sei für sie, die alles dies wußte, die peinlichste Lage von der Welt gewesen, besonders[292]  da die Königin gegen sie mitten in der Rührung doch eine Art stolzer Kälte behielt, die den Eindruck von jener zum Teil wieder vernichtete.
Während es im Krankenzimmer so traurig herging, fand im Vorzimmer ein Gespräch statt, das jenes düstre Bild noch schauerlicher beleuchtete. Die Gräfin von Taxis, Schlüsseldame der Königin, wartete daselbst auf deren Rückkehr und unterhielt sich unter dessen mit einigen badischen Hofleuten. Sie kam auch auf die Vergiftungsgerüchte, die im Lande verbreitet wären, und wollte wissen, was man davon hielte. Die andern schwiegen mit verlegenen Blicken, der Baron von Ende jedoch sagte dreist heraus, die Gerüchte seien allgemein und nur zu gegründet; denn es sei unzweifelhaft, daß der Großherzog vergiftet sei. Die Gräfin fragte erschrocken, wen man so böser Tat denn beschuldige. »Das denkt jeder«, war die Antwort, »aber keiner sagt es.« – »Sie werden doch nicht glauben, daß –?« versetzte sie, ihre Phrase nicht vollendend. – Als wenn kein Zweifel sein könne, was sie meine, rief Ende sogleich: »O ja, wir alle glauben es!« – Da sagte nach kurzem Besinnen die Gräfin mit Unwillen: »Für den König und die Königin leg ich die Hand ins Feuer! Die übrigen – gehen mich nichts an.« Worte, die furchtbar gedeutet werden konnten, wenn sie auch vielleicht nur leichtsinnig gesprochen waren.
Das Leben in Karlsruhe war in dieser Zeit gedrückt und einförmig, die Einheimischen hielten sich erwartungsvoll zurück, unter den Diplomaten war wenig Einigkeit. Der württembergische Gesandte Graf von Mülinen schwatzte in den Tag hinein, oft dem Sinne seines Hofes ganz entgegen; er sehnte sich auf seinen neuen Posten nach Paris. In der Struveschen Familie war nur Kinderfülle und häusliche Sorgsamkeit. Der Graf Montlezun lebte als Hagestolz und Duckmäuser und hatte nur Augen für das, was die bourbonischen Ultras und die Bonapartisten anging. Wahrhaft gesellig war nur das Redensche Haus; doch gab es auch hier Störungen, sowohl durch die oft herben Mißlaunen der Frau,[293]  als durch die allzu lebhaften politischen Ausbrüche des alten Herrn, der besonders jetzt den badischen Sachen scharf entgegenstand, gegen die Verfassung, gegen die in der Gebietssache genommenen Maßregeln, gegen die Personen der Minister heftig loszog. Für mich besonders war es oft ebenso schwer, bei seinen Ausfällen zu schweigen, als darauf zu antworten. Rahel, deren heiterer Geist und rasche Leichtigkeit stets von dem besten Willen geleitet waren, zerbrach jene äußern Schalen leicht und drang zu dem guten Kerne durch, der in den Eltern wie in den Töchtern ihr stets das freundlichste Vernehmen sicherte. Bei ruhigem Besinnen mußte man doch bisweilen finden, daß ein solcher Umgang neben seinem Genuß auch nicht wenige Arbeit hatte.
Berstetts erste Nachrichten aus Aachen lauteten sehr dürftig und gar nicht befriedigend. Er hatte überall, außer bei seinem Gönner Anstett, eine kalte Aufnahme gefunden. Die meisten Schwierigkeiten kamen jetzt, gegen seine Erwartung, von der russischen Seite. Die Vorschläge, die ihm von daher entgegengebracht wurden, bedingten eine beträchtliche Landabtretung an Bayern und eine sehr große Geldentschädigung. Er hörte bald, daß diese ungünstigen Bestimmungen von dem Kaiser Alexander selbst angegeben seien, in dessen Gedanken eine große Veränderung vorgegangen schien. Man hatte ihm oder er sich selbst in den Kopf gesetzt, hier sei vor allem die Heiligkeit der Verträge zu beachten, die Verträge beständen einmal und müßten ausgeführt werden. Daß diese Verträge nur über Baden und gegen Baden geschlossen worden, daß Baden keine Verpflichtung gegenüber von Bayern hatte, war dem eigenwilligen und noch dazu harthörigen Selbstbeherrscher gegen seine vorgefaßte Meinung nicht leicht beizubringen; weder der Graf von Nesselrode noch der Graf Kapodistrias wollten dieser undankbaren Aufgabe sich ohne Not unterziehen, Herrn von Anstett fehlte sogar die Gelegenheit dazu. Berstett ging in seiner Verzweiflung zu Hardenberg und Bernstorff, zu Metternich und Wessenberg und besonders zu Gentz, sie[294]  alle bezeigten guten Willen; die Österreicher sagten, der russische Kaiser glaube ihnen durch dies sogenannte Festhalten an den Verträgen einen Gefallen zu tun, darin irre er, aber es zieme nicht ihnen, diese Täuschung ihm zu benehmen.
Berstett wußte, daß er sich als Minister nicht halten konnte, wenn er von Aachen unverrichteterdinge wiederkehrte. Nesselrode und Anstett zuckten die Achseln. Nur Gentz widmete der Sache fortwährend seinen ganzen Eifer. Auf seinen Rat erbat Berstett beim Kaiser Alexander sich besonderes Gehör. Der Kaiser hörte ihn mild und freundlich an, blieb indes dabei, die Verträge seien heilig, sie müßten vollzogen werden. Da schilderte Berstett die Lage des Großherzogs mit den düstersten Farben, seinen wahrscheinlich nahen Tod, wie eine ungünstige Entscheidung ihm seine letzten Lebenstage verbittern müsse, wie schrecklich für den treuen Diener, der ihm diese Botschaft vielleicht an sein Sterbebette zu bringen habe! Sich mehr und mehr erhitzend, rief er endlich mit Verzweiflung, er wolle dieser Diener nicht sein, lieber wünsche er sich den Tod, und indem er bald sich, bald seinen armen Herrn bejammerte, fing er bitterlich zu weinen an. Der Kaiser, dem so etwas noch nicht begegnet war, erschrocken und verlegen, suchte ihn zu beruhigen, lobte seinen treuen Eifer, gab ihm tröstende Versicherungen, ermahnte ihn, die Sachen nicht so düster anzusehen, es sei noch alles zu gegenseitiger Zufriedenheit abzumachen. Allein je mehr der Kaiser ihm zuredete, desto stärker und lauter weinte Berstett und brachte durch sein sich steigerndes Weinen den Kaiser in solche Not, daß er endlich ausrief: »Nun wohl, Ihr sollt alles behalten, dem Großherzog wird keine Gewalt geschehen; Ihr könnt ihm melden, daß ich alles anerkenne, die Erbfolgefähigkeit der Hochberge, die Verfassung, die Unteilbarkeit des Landes! Ist das genug? Seid Ihr zufrieden? Nun aber beruhigt Euch und gönnt auch mir Erholung!« Darauf warf sich Berstett ihm zu Füßen, küßte ihm die Hände und floß über in Dankbarkeit und Bewunderung. Nun wurde dieser Entscheid des[295]  Kaisers den Österreichern und den Preußen mitgeteilt und durch deren guten Willen schnell zu einer diplomatischen Übereinkunft formuliert, die, mit den gehörigen Unterschriften versehen, gegen neue Änderungen ziemlich gesichert war.
Als diese glückliche Wendung zuerst durch eine Depesche Berstetts gemeldet wurde, wollte man solchen Erfolg kaum glauben. Bald aber kam Berstett selber von Aachen zurück und brachte die ausführliche Bestätigung. Seine Beredsamkeit dem Kaiser gegenüber erschien im glänzendsten Lichte; das Weinen ließ er unerwähnt, er hatte nur in der ersten Freude vor Gentz kein Geheimnis daraus gemacht, so wie der Kaiser sich nicht versagte, dem Fürsten von Metternich den abenteuerlichen Vorgang zu erzählen; für diesen aber war es ein Fest, das neue diplomatische Hülfsmittel anzupreisen und zu empfehlen!
Der eigentliche Abschluß der badischen Gebietssache war indes noch nicht erfolgt, sondern zur genauern Erörterung und Ausarbeitung, immer jedoch nach der schon festgesetzten Grundlage, an eine Kommission gewiesen, die für dieses und einige verwandte Geschäfte in Frankfurt am Main angeordnet wurde. Ganz glatt und scharf sollte gleichwohl nicht abgeschnitten werden, einige Haken mußten daran sein, die Diplomatie hätte sich sonst geschämt, ihr Handwerk so schlecht ausgeübt zu haben. Wie es gleich anfangs geheißen hatte, ohne einige Gebietsabtretung durfte die Sache nicht ablaufen; es mußte der Schein gerettet werden, daß die früheren Verträge, auf die man sich so lange berufen, doch im Recht gewesen und noch immer in gewissem Grade erfüllt worden. Freilich wurde die Abtretung des Main- und Tauberkreises, die zuerst verlangt war, auf einen bloßen Ländertausch, und dieser auf zwei geringe Gegenstände, die abgesonderten Landinseln Steinfeld und Geroldseck, und auf eine Geldzahlung von zwei Millionen Gulden herabgedungen; allein die Verhandlungen darüber wurden in aller Form und Wichtigkeit gepflogen und das schließliche Ergebnis erst nach längerer Zeit herbeigeführt.[296] 
Berstett fand für seine herrlichen Nachrichten überall offnes Ohr und lauten Beifall; man bewunderte den Verstand, die Festigkeit, die Klugheit und Gewandtheit des Mannes, dem so Großes gelungen war. Die ihn am meisten haßten und ihn während seiner Abwesenheit zu stürzen gesucht, waren am meisten jetzt beeifert, ihm zu schmeicheln. Reizenstein und Tettenborn begrüßten ihn herzlich und gönnten ihm einen Sieg, von dem ihnen ihr Bewußtsein den besten Teil zusprach, und sie lächelten großmütig, als er auch gegen sie das Ansehen sich zu geben versuchte, als habe er allein alles getan. Er glaubte nun selbst ein großer Staatsmann und zu noch weit höheren Dingen berufen zu sein. Nur bei dem Großherzog, auf dessen Beifall, Staunen und Belohnung er am stärksten gerechnet hatte, sah er seine Mühen und Erfolge fast gänzlich unbeachtet. Dieser war nach der letzten Aufwallung, in welcher seine Empfindlichkeit und sein Unwillen die letzten Kräfte verbraucht zu haben schienen, in völlige Ermattung gesunken, nahm an nichts mehr teil, zeigte sich gleichgültig gegen alles und ließ oft glauben, daß er den Tag nicht überleben werde. Berstett war ihm von Natur nicht angenehm, und die Nachrichten, die er mitbrachte, hatten für den Sterbenden schon keinen Wert mehr. In der Tat war wenige Tage vorher in einer Beratung von acht Ärzten das Urteil über den Kranken einstimmig gesprochen worden und dieser als ein Sterbender anzusehen. Berstett wußte nun, daß er sich vor allem die Geneigtheit des Markgrafen Ludwig zu erwerben habe.
Die kurzen Tage des Dezember schleppten sich traurig hin, und das Stocken alles Lebens in den engen, noch überdies getrennten Kreisen von Hof und Stadt drückte schwer auf uns; wir sahen trüb in die Zukunft, die auch unter günstigen Umständen in langer Zeit auf diesem Boden nichts hoffen ließ, was uns Genuß und Freude böte. Da kam unerwartet abends aus Rastatt von Tettenborn die geheime Nachricht an mich, der Großherzog liege im Sterben; am andern Morgen, den 8. Dezember, die zweite, er sei nach[297]  langen, aber bewußtlosen Todeskämpfen gegen 9 Uhr entschlafen. Ich gewann noch eben soviel Zeit, um das Ereignis dem Fürsten von Hardenberg, dem Grafen von Goltz in Frankfurt und Herrn von Küster in Stuttgart zu berichten; kaum waren meine Schreiben abgefertigt, so wurden die Tore geschlossen, aller Verkehr auf mehrere Stunden gehemmt und während dieser Zeit, wie in solchen Fällen gewöhnlich, vor allem die Truppen versammelt und für den neuen Herrscher in Eid und Pflicht genommen. Sie schwuren dem Markgraf Ludwig, Oheim des Verstorbenen, als nunmehrigem Großherzog.
Diese so lange Zeit unsichere, bestrittene, immer aufs neue bezweifelte Thronfolge in das gesamte Großherzogtum war also nun geschehen, ohne Widerspruch und Schwierigkeit. Der neue Großherzog, obschon er es längst hatte kommen sehen, darauf angewiesen war durch seine angeborenen Rechte, es heiß gewünscht hatte, war doch so betäubt und verstört über das Erlangte, daß er sich zuerst gar nicht darein finden konnte, es gar nicht glauben wollte, daß er der Herr sei und befehlen könne. Der Abstand seiner bisherigen gedrückten und peinlichen Stellung von seiner jetzigen gebietenden war zu groß, der Übergang zu rasch. Alle, vor denen er sich so lange gebeugt hatte, die Markgräfinmutter, die Großherzogin Stephanie, die Minister und Hofleute, standen nun unter ihm, waren zum Teil von ihm abhängig. Er bat bei den ersten Anordnungen, die zu machen er genötigt war, gleichsam um Verzeihung, daß er sich so viel herausnehme, er hoffte, man werde ihn mit Rat und Tat unterstützen, erklärte sich dessen bedürftig. Die Höflinge täuschten sich aber nicht, sie sahen diese Demut als eine Schwäche der ersten Überwältigung an, die bald spurlos verschwinden werde; sie wußten, daß gerade dieser Fürst mit größter Eifersucht seine spät erlangte Gewalt werde üben und genießen wollen.
Der Verstorbene hatte sein Lebensalter nur auf zweiunddreißig und ein halbes Jahr gebracht; sein Nachfolger stand im sechsundfünfzigsten, er hatte demnach wenige Zeit zu[298]  verlieren, und von allen Seiten half man ihm seine Sachen beschleunigen, so daß er in kürzester Zeit in seinen neuen Verhältnissen ganz einheimisch und behaglich war. Seine Rolle war ihm wenigstens durch seinen Vorgänger nicht erschwert; dieser hatte die Liebe seiner Untertanen, insofern er ihr angestammter Fürst war, durch seine Jugend und seine Schicksale ihre Teilnahme, durch sei nen traurigen Ausgang ihr Mitleid erweckt; man kannte sein gutes Herz, seine menschliche Billigkeit, die selten oder nie persönliche Härte aufkommen ließ; aber man kannte auch seine Schwächen, seine Fahrlässigkeit und Trägheit, die den Staat in die größte Zerrüttung und an den Rand des Abgrundes gebracht hatten. Als regierender Fürst war er unter die schlechtesten zu rechnen, unter die zu ihrem Beruf Unfähigsten. Mit nur leidlicher Ordnung, nur einiger Tätigkeit, für welche die glücklicherweise schon verkündete Verfassung genugsamen Antrieb und heilsames Maß darbot, konnte der neue Fürst überaus wohlfeil die Zuneigung des hart geprüften und doch so leicht befriedigten Volks, den Ruhm einer trefflichen Regierung erlangen.

Zwei Tage nach dem Tode des Großherzogs Karl traf Gentz auf der Rückreise von Aachen bei uns ein. Es war ihm unangenehm, in diese Tage des Übergangs und der Trauer geraten zu sein, wo so viel von Krankheit und Sterben die Rede war und das düstre Schwarz überall hervortrat. Er haßte alle solche Vorstellungen und besonders jetzt, wo er in der Fülle des Glückes, der Ehren und des Lebensgenusses schwelgte. Seine glänzenden Erfolge und reichen Gewinste besonders vor den Augen Rahels auszubreiten war ihm das größte Bedürfnis, die süßeste Befriedigung. Er saß zwei ganze Abende mit uns tief in die Nacht hinein in vertraulichem Gespräch und erzählte das Wichtigste wie das Kleinste von allgemeinen und persönlichen Angelegenheiten. In betreff der letztern freute ihn über alles der gute Zustand seiner gewöhnlich trotz alles reichen Zuströmens ganz erschöpften[299]  Finanzen. Es ist wohl der Mühe wert, einen Blick auf die Schätze zu werfen, welche der Kongreß von Aachen diesem Staatsmann eingebracht. Als Führer des Protokolls hatte er außer zweien großen Orden und mehreren reich mit Diamanten besetzten Dosen von Rußland, Frankreich und Preußen von jedem 800 Dukaten, von England 700 Pfund Sterling zum Geschenk erhalten, ferner für eine Denkschrift zugunsten der Mediatisierten durch den Fürsten Wilhelm von Bentheim 1000 Dukaten, für dergleichen Verwendung in betreff der Juden durch Rothschild ebenfalls 1000 Dukaten, noch durch Rothschild als angeblichen Gewinn von Staatspapieren 800 Dukaten, von Baden als außerordentliches Geschenk 6000 Gulden – man hatte ihm die Wahl gelassen zwischen dem Großkreuz des Zähringer Ordens und Geld – und noch andere Gewinne von zufälligen Geschäften, ungerechnet seine gewöhnlichen und außerordentlichen Zuflüsse von Österreich selbst, aus den Fürstentümern Moldau und Walachei. Mehr als 1800 Dukaten hatte er in Aachen bar ausgegeben, größtenteils für Ankäufe, die er in seinem vollgestopften Wagen mühsam mitschleppte. Ich würde diese Summen nicht aus dem Gedächtnis angeben können, sie stehen aber in seinen Tagebüchern aufgeschrieben, die ich später einsehen konnte und wo doch noch manches ausgelassen worden; in den am Schlusse des Aufenthalts niedergeschriebenen Worten bemerkt er noch ausdrücklich: »Außerdem waren diese zwei Monate, obgleich voll Mühe und Arbeit, doch unstreitig die interessantesten, befriedigendsten und ruhmvollsten meines Lebens.« – Wichtiger waren die politischen Mitteilungen. Er gestand, daß nicht Österreich und Metternich, nicht England, geschweige denn Preußen, sondern der Kaiser Alexander und Kapodistrias auf dem Kongresse die Leitung geführt, daß namentlich Kapodistrias ein entscheidendes Übergewicht genommen und sich bei dem Kaiser in höchste Gunst gesetzt habe; der schlaue Grieche hatte sich der Schwächen Alexanders geschickt bemächtigt, die religiöse Richtung desselben aufgefaßt, ihr gehuldigt und[300]  sie gefördert, so daß der Kaiser glaubte, nie von jemandem besser verstanden, sicherer zu Ruhm und Heil geleitet worden zu sein als von Kapodistrias. Dies alles war nicht zum Vorteil des Freisinns, auch konnte man den Umschwung, der in den Ansichten des Kaisers seit seiner Warschauer Rede vorgegangen war, schon in vielen bedeutenden Zügen wahrnehmen. Eines der Zeugnisse war die nachher berühmt gewordene Denkschrift von Stourdza gegen die deutschen Universitäten, von der später die Rede sein wird. Von dieser Veränderung ließen sich wichtige Folgen erwarten, hoffen, wie Gentz meinte, wenn er auch nicht gerade diese Gestalt des Religiösen, gemischt aus griechisch-orthodoxen und protestantisch-mystischen Elementen, für die wünschenswerteste hielt. Mit unsern preußischen Verhältnissen war Gentz durchaus vertraut, die Personen ihm von alter Zeit her genau bekannt. Über Bernstorffs Ernennung war er hocherfreut; er nannte dessen Denkart vortrefflich und meinte, auch wir würden von ihm nur Gutes zu erwarten haben. Lebhaft schilderte er uns das Auftreten Wilhelm von Humboldts, der von London zum Kongreß gekommen war und seit der Ernennung des Grafen von Bernstorff zum Minister der Auswärtigen Angelegenheiten gegen diesen und den Staatskanzler in entschiedenem Widerspruche stand. Ohne jede Heftigkeit, in freundlichem Umgang, äußerte er Urteile und Meinungen, welche jenen tiefe Wunden, erschütternde Schläge gaben und sie für die Zukunft nicht wenig besorgt machten. Hardenberg gestand, es müsse alles geschehen, um einen solchen Gegner zu versöhnen, wenigstens zu beruhigen, und Bernstorff sagte zu Gentz, hätte er gewußt, welchem Nebenbuhler er das Ministerium entziehe, so würde er solches nie angenommen haben. In seiner Zurücksetzung behauptete Humboldt über seine Gegner die Überlegenheit des Geistes, der Selbständigkeit; sie fürchteten ihn, nicht er sie. »Ich habe ihn wahrhaft bewundert«, sagte Gentz, »so fest war seine Haltung! Nur ganz zuletzt sah ich ihn etwas aus den Fugen, als Bernstorff ganz unerwartet den Andreasorden[301]  und den Schwarzen Adlerorden zugleich erhielt, Auszeichnungen, die sonst nur nach vielen Jahren dem entschiedensten Verdienst verliehen werden, hier aber gleich im Beginn der Laufbahn zum voraus erteilt wurden; das war ihm zu stark, da brach etwas in seinem Innern, ich sah ihn sich verfärben und erst nach einiger Zeit seine gewöhnliche Fassung wiedergewinnen.«
Über den Gang der Dinge im allgemeinen schien Gentz jetzt keine großen Besorgnisse zu haben; wenn es in Frankreich ruhig bliebe, meinte er, so sei auch Deutschland gesichert, wo die Freiheitsbestrebungen, die er nicht unbedingt verwerfen wollte, leicht in gehörigen Schranken zu erhalten wären; die Hauptsache sei nur, daß man sich der guten Köpfe zu versichern suche, zu denen er allerdings Lindner und Ludwig Wieland zählte, dann aber auch Ludwig Börne, welchen er aufs äußerste rühmte, besonders dessen Theaterkritiken, die nur denen von Lessing zu vergleichen wären.
»Und seine politische Richtung?« fragte Rahel.
»Ganz radikal!« rief Gentz, »wie können Sie es anders von einem gedrückten, überall ausgeschlossenen, geistvollen und mutigen Juden erwarten!«
»Und hoffen Sie den zu gewinnen?« fragte Rahel weiter.
»Vielleicht«, versetzte Gentz, »aber schwer wird's halten; mir indes«, fügte er selbstgefällig hinzu, »will er sehr wohl.«



Karlsruhe. Baden

1819

[302] Der Anfang dieses Jahres traf mich krank, auf ein katarrhalisches Fieber folgte eine große Mattigkeit, die mich nicht ganz am Schreiben hinderte, wohl aber jedes Ausgehen mir[302] verbot. Durch Tettenborn, der mich fleißig besuchte, bekam ich stets die frühesten und besten Nachrichten von allem, was vorging oder beabsichtigt wurde. Sein eignes Verhältnis mußte dabei hauptsächlich mit in Betracht kommen. Er täuschte sich nicht über die Gesinnungen, die man für ihn hegte; daß der Großherzog ihm für die außerordentlichen Dienste, die er dem badischen Haus und Lande geleistet hatte, dankbar und persönlich gewogen war, verkannte er nicht; allein er fühlte auch recht gut, daß die Überlegenheit, in welcher er dadurch sich gezeigt, jetzt nach erlangtem Erfolge dem Fürsten schon unbequem zu werden begann und bald entschieden lästig fallen mußte; auch sah er sehr wohl, daß sein Freund Berstett sichtbar von einer Gegenwart litt, die ihn immerfort in den Schatten stellte. Die Beeiferung, alle Hindernisse zu beseitigen, welche Tettenborns Abreise nach Wien noch verzögern konnten, war auffallend und wäre unter andern Umständen beschämend erschienen; allein Tettenborn, indem er die Triebfedern, welche hiebei walteten, unwillig rügte, war mit dem Ergebnisse selbst doch vollkommen zufrieden und lachte nur über die Bemühungen, die ihn seinem Ziele schneller, als er gehofft, entgegenführten. Er sehnte sich aus dem kleinen, engen Hofkreise voll untergeordneter Ränke nach dem großen freien Leben in Wien, wo er einen seiner glänzenden Eigenschaften würdigeren Schauplatz fand, und konnte den Tag der Abreise kaum erwarten.
Den Großherzog kümmerten die großen politischen Verhältnisse wenig, seine Aufmerksamkeit war auf solche gerichtet, die ihn unmittelbar angingen, und besonders erfüllte ihn die neue Stellung, die er in seiner eignen Familie jetzt einnahm. An seinen Regierungsvorfahr und Neffen mußte er immer zurückdenken und benutzte jeden Anlaß, sich in dem Gegensatze zu spiegeln, der zwischen Sonst und Jetzt ihm sich aufdringen mußte. Mit Eifer suchte er über manches, was ihm früher Zweifel oder Unruhe verursacht hatte, jetzt näheren Aufschluß, und es kam allerlei an den Tag,[303] was ihm Verdruß oder Beschämung erregte. Von anderer Seite wurde ihm bei solcher Untersuchung eine heitere Befriedigung.
Im Karlsruher Schlosse war eine ganze Reihe von Zimmern, die der vorige Großherzog nach und nach hatte schließen lassen und in welche seitdem kein menschlicher Fuß noch Blick hatte dringen dürfen. Er pflegte von frühster Zeit her alles, was er empfing, welcher Art und zu welchem Zweck es auch sein mochte, ruhig beiseite zu legen; niemand durfte die Sachen anrühren, auch er selbst nahm sie nicht wieder in die Hand; alle Versuche, ihn zu einer Verfügung darüber zu bewegen, alle oft bekümmerten Bitten um Rückgabe scheiterten an seiner eigensinnigen Trägheit; war ein Zimmer auf diese Weise genugsam gefüllt, so nahm er den Schlüssel zu sich, und in einem andern begann dasselbe Verfahren aufs neue. Diese Zimmer waren nun eröffnet worden, und es fand sich eine Welt von Sachen hier aufgehäuft, ein Durcheinander von Kostbarkeiten und Trödelkram der mannigfachsten Art. Aus seinen Kinderjahren sah man wertvolles Spielwerk, das er nie angerührt hatte; ebenso eine Menge von Geldpäckchen, welche die Aufschrift führten: »Kapitänsgage für Seine Durchlaucht, den Prinzen Karl«, der wiederholte Monatssold der Hauptmannsstelle, die ihm als Knaben war verliehen worden; dann wieder Zwanzigkreuzerstücke, sorgfältig eingewickelt, aber auch wieder ganze Schubladen voll Goldrollen, kostbaren Dosen, Ringen und andern Schmucksachen im Betrage von mehr als dreimalhunderttausend Talern, alles seit vielen Jahren ungenützt daliegend, während er bis zuletzt oft um kleine Summen in Verlegenheit war und sie nicht anders als zu 16 Prozent Zinsen anzuschaffen wußte! An Büchern, Landkarten, Bittschriften, Akten, Bildern, versiegelten Briefschaften und andern Papieren fand sich ein ungeheurer Wust, bedeckt von Staub, Depeschen, die man seit Jahren vermißt und auf unbegreifliche Weise verloren geglaubt hatte, Urkunden, die ihm eingereicht worden waren und wegen deren Mangels[304] große Geschäfte gestockt, die Geschicke manches einzelnen schweren Nachteil erlitten hatten. Kunstsachen, kostbare Waffen und andere wertvolle Seltenheiten, die ihm bloß zur Ansicht eingesandt oder zum Kauf waren angeboten worden, wurden zwischen gestickten Hofkleidern, Maskenanzügen, Federhüten aufgefunden; von manchen Gegenständen waren die Eigentümer nicht mehr zu ermitteln, von andern erinnerte man sich, daß Klage deshalb erhoben und die Hofkasse für Dinge, die nie gebraucht und nie mehr gesehen worden, große Summen hatte zahlen müssen.
Ganz in derselben Weise wie mit den erwähnten Sachen war der Großherzog auch mit Personen verfahren, und wäre es nur allein auf ihn angekommen, so hätte mancher seiner Lieblinge ganz in seiner Nähe in engem Verschluß verhungern können. Seine Zögerungen und Verneinungen, in denen kein abschlägiger Entscheid, sondern stets nur ein Hinhalten lag, brachten seine Geschäftsleute und vertrauten Diener oft zur Verzweiflung. Wie der General Stockhorner von Starein ein halbes Jahr lang jeden Tag und jede Stunde bereit sein mußte, als Gesandter nach St. Petersburg abzureisen, und doch statt seiner plötzlich der General von Schäffer wirklich dorthin abging, ist schon erwähnt worden. Offiziere, die nach Karlsruhe gekommen waren, um die Muster von neuen Uniformstücken in Empfang zu nehmen, mußten, weil er die Genehmigung noch nicht erteilt hatte, jahrelang verweilen. Den Bauer Vogt aus Baden, der ein Anliegen bei dem Großherzog hatte und ihm gut empfohlen war, ließ er nach Karlsruhe bescheiden und im Wirtshause gut verpflegen, mit dem Befehl, nicht von der Stelle zu gehen; das dauerte fast ein Jahr; der Bauer brachte die Zeit zwar in ungewohntem Wohlleben, aber auch in einem auferlegten Müßiggange hin, der ihn fast zur Verzweiflung brachte; die Kosten seines Unterhalts betrugen mehr, als sein ganzes Anliegen wert war, und als er endlich ohne dessen Gewährung trostlos heimkehrte, fand er seine vernachlässigte Wirtschaft zu bejammern.[305]
Der Großherzog Ludwig entnahm aus der Betrachtung dieser Charakterzüge seines Neffen den beruhigenden Trost, daß es für das Land kein Glück gewesen wäre, wenn die frühere Regierung fortgedauert hätte, und daß Baden jedenfalls in ihm einen bessern Landesfürsten gewonnen habe, von dessen Pflichten er die strengsten Begriffe gern aufstellte. Wirklich waren seine nächsten Handlungen ganz in diesem Sinne. Zuvörderst ließ er bekanntmachen, daß er jeden Mittwoch persönliches Gehör gebe, wo ohne Unterschied jedermann, wer etwas zu klagen, zu bitten oder sonst anzubringen habe, ungehindert bei ihm eintreten, seine Sache vortragen und freundlichen Bescheid gewärtigen könne. Sodann erklärte er, daß er beschlossen habe, in Erwägung der Familienverhältnisse und des Landeswohls, sich nicht zu vermählen, indem die kaum festgesetzte Erbfolge der neuen Markgrafen dadurch zurückgeschoben und künftig neuer Anfechtung würde bloßgestellt werden. Sowohl jener Einrichtung als diesem Vorhaben wurde von allen Seiten der einstimmigste Beifall zuteil. Der Großherzog gewann die Liebe des Volks in höchstem Grade, und er bekannte, daß nichts ihm so wohltue, als die Leute sagen zu hören, sein ruhmvoller Vater sei in ihm wieder aufgelebt. Daß er Sparsamkeit in den Hof- und Staatsausgaben einzuführen beabsichtige, daß er mit Hülfe der Stände sogleich den Ausfall im Staatshaushalte decken und beseitigen wolle, war schon bekannt, und niemand konnte den Ernst dieser Vorsätze bezweifeln. Bedenklicher, und für rechtliche Gesinnung verletzend, erschien die im stillen angeregte Frage, ob die verwitwete Großherzogin Stephanie den Betrag einer ansehnlichen Rente, die ihr vertragsmäßig durch den Kaiser Napoleon, als er Nellenburg an Baden gab, auf diese Landschaft zugesichert war, ferner beziehen solle; das Recht war unzweifelhaft und mußte anerkannt werden; der Versuch aber, dasselbe anzugreifen, kam von einer Seite her, wo der edlen Frau von jeher gehässige Widerwärtigkeiten bereitet wurden, und niedrige Höflinge, an ihrer Spitze der Baron[306] von Ende, hofften durch solches Bemühen, das man als Eifer für Ersparungen darstellte, sich beliebt zu machen. Die Verhandlungen, welche Berstett mit dem standesherrlichen und grundherrlichen Adel anknüpfte, um demselben die Verfassung annehmlicher zu machen und gegen deren Geist besondere Vorteile zu sichern, waren noch zu wenig reif und bekannt, um Argwohn oder Mißfallen zu erwecken. Die gute Meinung und Zuversicht, die dem Großherzog von allen Seiten entgegenkamen, erlitten keine Trübung und strömten in voller Stärke.
Seine Freundlichkeit und trauliche Neigung für mich zeigte sich mit jedem Tag entschiedener und wie mit Absicht. Wäre das preußische Verhältnis allein hier bestimmend gewesen, so hätte ihm Küster höher stehen müssen; er bekannte aber ausdrücklich, daß er meinen näheren Umgang liebe, mein Urteil, meinen Rat wünsche. Seit ich, ziemlich genesen, wieder ausging, ließ er mich oft rufen, um sich mit mir über alles mögliche zu besprechen; er verlangte, daß ich ihn nach eignem Belieben besuchen sollte, jeden Tag, jede Stunde in der mir bequemsten Weise. Da mir nichts weniger im Sinne lag als eine angehende Günstlingschaft, die zu benutzen und auszubeuten ich mich ganz unfähig fühlte, so hatte diese außerordentliche, schon deshalb gefährliche Bevorzugung etwas Ängstliches, und ich war gleich entschlossen, nur den sparsamsten Gebrauch von ihr zu machen. Allein das half mir wenig; kam ich nicht so, wie er es gewollt, zu ihm, so kam er zu mir und machte die Sache nur noch auffallender. Er traf mich nicht zu Hause, trat aber dafür bei Rahel ein, unterhielt sich mit ihr aufs angelegenste, sprach wiederholt seine redlichen Grundsätze aus, daß das Regieren nicht als selbstischer Genuß, vielmehr als eine schwere Pflichterfüllung zu betrachten, der Fürst kein Eigentümer, der Staat kein Landgut sei, und ließ sie entzückt von seinem vortrefflichen Willen und aufrichtigen Benehmen. Ich war unterdessen bei Berstett, mit dem ich in Geschäften zu sprechen hatte, die bald abgetan[307] waren; er aber spann die Unterhaltung behaglich weiter, und erst nach dem Verlauf einer halben Stunde rief er, als wenn es ihm eben erst einfiele, plötzlich aus: »Aber mein Gott! Ich halte Sie hier unnötig auf, und unterdessen ist der Großherzog bei Ihnen! Ehe Sie zu mir kamen, war ich zum Vortrag bei ihm, und er sagte beim Schlusse, jetzt wolle er zu Ihnen gehen!« Ich zog die Uhr und bemerkte, daß es nun wohl zu spät sein werde. In der Tat war die Gelegenheit versäumt. Daß Berstett dies beabsichtigt hatte, verriet deutlich der Ausdruck, mit dem er sein spätes Besinnen spielte; seinen Zweck aber, dergleichen Verkehr zu vereiteln, erreichte er durch das plumpe Kunststück nicht, denn der Großherzog wiederholte seinen Besuch und wurde nur immer vertraulicher.
Im Anfange des Februars trafen aus Berlin für Küster und mich die neuen Beglaubigungsschreiben ein. Küster, der schon nach Stuttgart zurückgekehrt war, kam deshalb wieder nach Karlsruhe. Bevor wir aber unsere Audienz hatten, ließ mich der Großherzog insbesondere zu sich rufen und sprach mir seine Freude darüber aus, daß ich ihm verbliebe, als auch darüber, daß unserem geheimen Anliegen in Berlin, wie mir von dort vorläufig berichtet war, die glücklichste Erledigung schon zuteil geworden. Von Berstett empfing ich ein beglückwünschendes Schreiben, dessen schmeichelhafter Inhalt mich insofern überraschte, als ich von seiner Hand einen solchen Ausdruck nicht erwartet hatte. Er sagte darin: »Mit innigstem Vergnügen vernahm ich gestern, daß Euer Hochwohlgeboren bereits ein neues Beglaubigungsschreiben erhalten haben. Seine Königliche Hoheit der Großherzog zählen es gewiß zu den schätzenswertesten Beweisen des Wohlwollens, welche Höchstdieselben dem König von Preußen verdanken, daß es Seiner Majestät gefallen hat, zur Erhaltung der so glücklich bestehenden freundschaftlichen Verhältnisse, einen Mittelsmann zu wählen, welcher sich in einem so hohen Grade das Zutrauen des Souveräns sowohl als die allgemeine Achtung aller derjenigen erworben hat,[308] welche Dienst- oder gesellschaftliche Verhältnisse Ihnen näherbrachten. Meine persönlichen Gesinnungen sind, wie ich mir schmeichle, Euer Hochwohlgeboren so bekannt, daß es überflüssig wäre, Ihnen noch ein Wort über den hohen Wert zu sagen, den ich auf die Erhaltung der unter uns bestehenden vertraulichen und freundschaftlichen Verhältnisse lege. Das edle und energisch-biedre Benehmen Euer Hochwohlgeboren während einer der schwierigsten Epochen in der neu-badischen Geschichte – Ihre Teilnahme an unserer gerechten Sache – sind unauslöschliche Verdienste, die Sie sich, nicht um Baden allein, sondern um alle minder mächtigen Bundesstaaten erworben haben und die meinem Gedächtnis gewiß nie entfallen werden!« Küster, dem ich dies Schreiben mitteilte, war über die Fassung erstaunt und drückte sein Befremden aus, daß der günstige Anteil, welchen Preußen für Baden in dessen letzter Krisis bezeigt, ausschließlich mir angerechnet werde, und war nicht wenig erstaunt, als ich ihm vertraulich eröffnete, was alles ich in dieser Sache und meist auf eigne Verantwortung getan hatte. »Sie haben viel gewagt«, sagte er, »ohne Auftrag und Weisung so weit vorzugehen, und ich hätte es an Ihrer Stelle nicht getan.« Als wir am 6. Februar unsere Audienz hatten, war Küster sehr zufrieden, daß vorzugsweise ihm als dem Höhergestellten vom Großherzog Ehren und Aufmerksamkeit erwiesen wurden, ich aber bescheiden mich zurückhielt. Doch dies Vergnügen wurde ihm gleich wieder vergällt, als er erfuhr, daß nach unserer Entlassung ich wieder zurückgerufen worden und bei dem Großherzog noch eine gute Stunde in vertraulichem Gespräch geblieben war. Ich bedaure, dergleichen kleinliche Züge mitberichten zu müssen, aber sie gehören zur Eigenheit des ganzen Lebensbildes und sind auch ihres Zusammenhangs und ihrer Folgen wegen nicht unwichtig.
Küster, der wohl fühlte, daß er in Karlsruhe nicht beliebt war, wo man auch wohl Äußerungen, die er in München getan, übel vermerkt hatte, reiste am 11. Februar mißvergnügt[309] nach Stuttgart zurück. Kaum war er fort, so erschien Berstett bei mir und brachte mir im Namen des Großherzogs das Großkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen, begleitet von den schmeichelhaftesten Versicherungen, wobei ausdrücklich gesagt wurde, daß schon der vorige Großherzog diese Auszeichnung mir zugedacht habe und der jetzige mit Freuden eine Pflicht erfülle, die mit so vielen andern ihm vererbt worden. Was von Titeln und Orden zu halten und was sie für den Inhaber beweisen, darüber ist die Welt längst im klaren; man weiß, daß sie bisweilen auch dem Verdienst, hauptsächlich aber aus Gunst vergeben werden. Aber gerade dieser letztere Umstand bedingt ihren Wert; denn der Begünstigte steht überall im Vorteil, und das Maß der Gunst in solchen Zeichen zu erkennen, ist den Leuten, welche darauf ihren Sinn gerichtet haben, von größter Wichtigkeit. Daß ich, der nicht einmal Gesandter war, der nur Legationsrat hieß, ein Großkreuz mit Stern und Band erhielt, war ein unerhörter Fall, in Baden unerhört und in Preußen; das Aufsehen und Staunen über diese Verleihung waren daher ungeheuer; man konnte nicht begreifen, daß das Überschreiten gewohnter Stufen, das Nichtbeachten herkömmlicher Maßbestimmung so weit gehen könne. Der hannöversche Gesandte von Reden beglückwünschte mich aufrichtig und herzlich, in der Meinung, ich habe das Kommandeurkreuz erhalten, als er aber vom Großkreuz hörte, geriet er in Verwirrung, verfärbte sich und sagte dann seufzend: »Nun dann – dann – kann man Ihnen gar nicht gratulieren, dann sind Sie über alle Gratulation hinaus!« Auch in Berlin setzte man anfangs einen Irrtum voraus und wußte nicht, wie man die Sache nehmen sollte, doch die übliche Erlaubnis zur Annahme konnte nicht ausbleiben. Was aber für die andern nur ein Gegenstand lauten Verwunderns und etwa stillen Neides war, empfand Küster als einen ihm zugefügten furchtbaren Schlag, als einen Raub dessen, was seiner Meinung nach, schon wegen seines Ranges, ihm und nur ihm gebührt hätte. In seinem nächsten[310] Brief an mich verhehlte er seine gereizte Empfindlichkeit nicht, und ich erfuhr, daß er mündlich in Stuttgart und schriftlich in Berlin seinen erbitterten Äußerungen den freisten Lauf gelassen habe. Doch war ich an seiner Kränkung ganz unschuldig; mich hatte früher Tettenborn mit der Nachricht überrascht, daß der Großherzog Karl mir dergleichen zugedacht, ich hatte mich nicht darum beworben noch darauf gerechnet; nach seinem Tode schien die Sache verfallen, sie kam dann unerwartet aus der Hand seines Nachfolgers, der am wenigsten geneigt schien, das Geleise pedantischer Stufenfolge zu verlassen; man hatte mich nicht gefragt oder zu Rate gezogen, von Küster war nie die Rede gewesen, ich hatte mich gegen ihn stets ehrerbietig verhalten und nie das Geringste – er selbst freilich nur zuviel – getan, um ihn in den Schatten zu stellen. Nichtsdestoweniger war ich ihm von nun an eine verhaßte Person, und sein Mißwollen trug in der Folge sehr dazu bei, andere Verstimmung gegen mich zu wecken oder zu schärfen, ja zuletzt die Wendung herbeizuführen, die mich von Karlsruhe wegführte und nach Nordamerika verschlagen sollte. Das Geschenk, welches mir eine Belohnung sein sollte, war demnach eher ein unheilbringendes, auch in diesem Bezuge, daß nun der Großherzog, indem er sich wohl bewußt war, das Außerordentlichste, für mich getan zu haben, nun auch bestimmt darauf rechnete, ich solle persönlich unbedingt ihm anhängen. Ähnliches mochte Berstett sich einbilden.
Gleich in diesen Tagen mußten solche Voraussetzungen hart anstoßen. Ich war beim Großherzog zugleich mit Berstett, und im behaglichen Plaudern kam die Rede auch auf Tettenborn, zu dessen Nachteil Berstett dem Großherzog schon vorher manches beigebracht haben mochte, und jetzt galt es den Versuch, jenen auch durch mich preisgeben und verleugnen zu lassen. Mit der Geschicklichkeit, welche ränkevollen Übelsprechern nie fehlt, machte Berstett eine Bemerkung, in welcher eine Schmeichelei für den Großherzog, für Tettenborn aber eine Geringschätzung lag, und richtete dann[311] geradezu an mich die Aufforderung, ich solle nur eingestehen, daß unser alter Freund in Karlsruhe wenig nütz und sehr unbequem gewesen sei! Das Herz schlug mir aus Empörung über solche Falschheit, und da ausdrücklich mir die Antwort zugemutet war und der Großherzog mich neugierig ansah, so fühlt ich, daß ich nicht schweigen durfte, und mit dem Feuer des Unwillens schlug ich den hämischen Angriff zurück, setzte Tettenborns ehrlichen Mut und Sinn sowie sein großes Verdienst in volles Licht und bekannte mich als einen seiner Getreuen, der nie von ihm abfallen werde. Berstett verstummte zuerst, lenkte dann ein und wollte die Sache verwischen, wußte jedoch nun für immer entschieden, was er von mir zu halten habe, daß ich nicht für ihn zu gewinnen, sondern ein Freund des Freundes, den er verriet, also ein Feind sei, und er hatte die Genugtuung, daß auch der Großherzog über meinen Eifer verwundert und mich lächelnd ob meiner Unklugheit zu bedauern schien.
Wenn ich mit Rahel diese Vorgänge und Verhältnisse besprach, so gelangten wir einstimmig immer aufs neue zu dem Ergebnis, daß in diesem Widerstreite keine Ausgleichung zu hoffen sei und meine Stellung in der Fortdauer unhaltbar werden müsse. Die außerordentliche Gunst des Großherzogs gründete sich auf Umstände, die ich mir als zufällige eingestehen mußte, deren Wechsel unausbleiblich war und deren Fortbestehen ich selbst nur höchst bedingterweise wünschen konnte. Um den Ansprüchen zu genügen, die an mich gemacht wurden, hätte ich badischer Minister werden müssen, und dies wäre denn doch keineswegs leicht zu erlangen, noch weniger aber von meiner Seite zu wünschen gewesen; auch alsdann hätte meine Denkart auf tausend Hindernisse stoßen und sich mehr oder minder verleugnen müssen; der Fürst, der mir jetzt so sehr gewogen war und dem meine Tätigkeit genutzt hatte und deshalb gefallen konnte, gehörte doch im ganzen einer weit zurückliegenden Zeit und solchen Gewohnheiten an, die mit meiner Richtung nicht zusammengingen, und wäre es mir[312] gelungen, den alten, geistig schwachen, aber zugleich störrischen und sich klug dünkenden Mann einzeln völlig zu gewinnen, so hätte doch das nie mit der ganzen Familie und dem ganzen Hofe geschehen können, und die Macht dieser Einflüsse wäre zuletzt die herrschende geblieben. Schon jetzt besaß Berstett, durch sein Halten auf Stand und Rang, auf Hergebrachtes und doch dem äußern Vorteil Fügsames, ein entschiedenes Übergewicht, das, gleichviel ob in seinen oder in andern Händen, sich in der Folge nur mehren konnte. Was in meinem preußischen Verhältnis lange Zeit schlummern oder schweigen durfte, der Zwiespalt persönlich gehegter Ansichten und amtlich gebotener, mußte hier geschwind hervorbrechen. Wir täuschten uns nicht und sahen mißtrauisch auf den guten Anschein, der uns so sehr beneidet wurde. Jedoch hatten wir deshalb nicht eben große Sorge. Die badischen Sachen waren mir ohnehin zu enge, als daß ich den Blick auf sie ausschließlich hätte beschränken mögen. Ein größerer Gesichtskreis lag vor mir offen, der des preußischen Staates, des deutschen Vaterlandes, der allgemeinen politischen Entwickelung, des Fortschreitens der Völker zur Selbständigkeit, zur Freiheit. Allerdings war ich vorzugsweise mit Baden beschäftigt, aber meine Teilnahme richtete sich mit gleichem Eifer auf alles Verfassungswesen, auf die Tätigkeit des Bundestages, die katholisch-kirchlichen Angelegenheiten, die der Mediatisierten und des Adels überhaupt, vor allem auf den Kampf der Liberalen in Frankreich, von dem alles andere abhängig erschien. Durch Briefwechsel und Zeitungsaufsätze suchte ich nach besten Kräften auf alle diese Gegenstände mitzuwirken und hatte die Genugtuung, öfters der guten Sache meine Dienste wahrhaft ersprießlich zu sehen. Dabei vergaß ich meine Freunde nicht, für Tettenborn und Lindner, für Bentheim und Oelsner und auch für Wessenberg, wo sie selbst oder ihre Sache angefochten wurde, wie für die verfolgten Franzosen brach ich manche Lanze. Die »Minerve française« half ich verbreiten und in ihrem Ansehen stärken, die kräftige[313] Schrift von Bailleul gegen die einseitigen wahrheitswidrigen Betrachtungen der Frau von Staël über die Französische Revolution erschien deutsch in der Übersetzung von Lindner, die ich nachdrücklich empfahl, den König von Württemberg versorgt ich ferner mit mancherlei politischen Anregungen, die ihm gewiß von keinem seiner Gesandten zukamen.
Inzwischen hatte der Großherzog in Gemäßheit der Verfassung ein Statut ausarbeiten und veröffentlichen lassen, welches die Verhältnisse und Rechte seiner Staatsdiener näher bestimmte und deren Stellung sowohl während ihrer Amtsführung als nach derselben angemessen sicherte; man ging vielleicht zu weit und machte sie von der Regierung unabhängiger als nötig; denn bei der Wirksamkeit ständischer Kammern durfte, ja mußte sogar der Regierung in der Wahl und dem Gebrauch ihrer Werkzeuge und Wortführer freiere Hand gelassen werden. Man konnte sich erinnern, daß jedes Amt sich möglichst unabhängig zu machen strebt, ja daß die jetzigen regierenden Fürsten nichts anderes als einstige Beamten gewesen, die ihr Amt zur Selbstmacht erhoben haben. Allein in den kleinen Ländern des ehemaligen Deutschen Reiches hatten die Grundsätze Mosers über die Berechtigung der Staatsdiener, die eine Art von Landesvertretern sein sollten, sich dergestalt eingenistet, daß jenes Statut allgemeinen Beifall und auch bei den verstockten Junkern, denen die Verfassung ein Greuel war, kaum Widerspruch fand.
Wenn sie dieses Feld preisgaben, so waren sie desto tätiger auf dem ihrer eigenen Vorrechte, die sie nicht nur innerhalb der Verfassung möglichst befestigen, sondern auch, trotz derselben, möglichst erweitern wollten. Mit den mediatisierten Fürsten und Grafen wurde vereinzelt unterhandelt, und man gewann dadurch, daß sie ihre Gemeinsamkeit aufgaben, über sie den größten Vorteil. Sie verdarben ihre Sache besonders auch dadurch, daß sie das Volk außer acht ließen und ihre Vorrechte nicht, wie es sich gebührt[314] hätte, dem Oberherrn als dessen Beschränkung abzugewinnen strebten, sondern zur Belastung der nun zwiefachen Untertanen werden ließen. Ehrenrechte mancher Art, zum Beispiel Trauergeläute in ihren Gebieten, wurden ihnen bereitwillig zugestanden, dagegen solche, welche die regierende Familie zu nah berührten, wie der begehrte Eintritt in die Hofloge des Theaters, rund abgeschlagen. Der erste Mediatisierte, der seine Verhandlungen mit der Regierung zum Abschluß brachte, war der Fürst von Fürstenberg; ihm wurde die Sache sehr erleichtert, indem er durch seine Verbindung mit der früheren Gräfin von Hochberg, nachherigen Prinzessin von Baden, als Mitglied der großherzoglichen Familie angesehen wurde. Beide Seiten glaubten bei dieser Heirat einige Opfer zu bringen, aber sie wurden weit überwogen durch die beiderseitigen Vorteile. Der Stolz des alten, angesehenen und reichen Hauses Fürstenberg ergab sich in den der Prinzessin von mütterlicher Herkunft und noch ganz neuer Standeserhöhung anhaftenden Makel, hinwieder stieg die jetzt einem regierenden Hause doch wirklich angehörende Prinzessin aus diesem in ein mediatisiertes hinab; dafür aber bekam diese einen jungen, liebenswürdigen, reichen und allen regierenden Herren doch ebenbürtigen Gemahl, und dieser wurde durch die an Schönheit und Gemüt ausgezeichnete Gattin Schwager des künftigen Großherzogs. Die andern Mediatisierten waren über diesen Schritt Fürstenbergs nicht wenig betroffen, sie mißbilligten ihn sehr und nannten ihn wohl gar einen Verrat an ihrer gemeinsamen Angelegenheit, an deren Betreibung er nun keinen Teil mehr nahm. Wir sahen ihn oft in dieser Zeit gesellschaftlich bei uns, wo er dann diese Verhältnisse nach seiner unbefangenen heitern Weise lebhaft besprach und über seine verstockten Standesgenossen scherzte, die trostlos am Vergangenen hingen und darüber die Gegenwart versäumten.
Unterdessen rückten die Verhandlungen in Frankfurt, welche in der badischen Gebietssache noch immer einen Rest von Schwierigkeiten zu beseitigen hatten, langsam fort.[315] Es schien, als ob Österreich einen Zipfel dieses Flickwerks noch immer festhalten wollte, Bayern wieder einige Hoffnung hegte, das Ganze nochmals in Frage zu stellen, und die wenige Beeiferung Englands und Frankreichs, den festgesetzten Ausgleichungen beizustimmen, erregte in Karlsruhe stille Besorgnis. Die kleinen Diplomaten machten sich wichtig, unendliches Geträtsch ging hin und her, man hatte Mühe, sich dessen zu erwehren und in keine der Fallen zu geraten, welche von kleinlicher Arglist gestellt wurden. Weil Frankreich seine Erklärung noch zurückhielt, was keinen andern Grund hatte als die geringe Wichtigkeit, welche man in Paris einem untergeordneten deutschen Handel beilegte, meinte eine kleine Partei, die während der Rheinbundszeit obenauf gewesen war und dies nicht vergessen konnte, Baden müsse vor allem wieder an Frankreich sich anschließen als an den mächtigsten und nächsten Nachbar. Dergleichen fand nun freilich beim Großherzog kein Gehör, und Berstett hatte sich ganz und gar der Leitung des russischen Gesandten von Anstett in Frankfurt hingegeben, der sein Gönner und Meister war. Durch diese Hülfe kam auch bald wieder Klarheit in die verdüsterte Angelegenheit, und sie erschien auf so gutem und sichern Wege, daß man sich in betreff ihres Ausgangs aller weitern Sorgen entschlug.
Dem Großherzog war alles, was Preußen betraf, empfindlich, als wenn es ihn mitbeträfe, und wirklich trat er schon förmlich als preußischer General auf und freute sich herzlich des Tages, an welchem er zum erstenmal in der preußischen Uniform erscheinen konnte, die ihm der von Berlin zurückgekehrte Kurier Hennenhofer nach sorgfältigen mitgenommenen Maßen dort hatte machen lassen. Allein während der Großherzog in seinem neuen Schmucke vergnügt prunkte und seinem eignen Militär gewaltig zu imponieren meinte, mißfiel einem großen und dem regsamsten Teile der badischen Offiziere dieses fremde Verhältnis; sie glaubten die Uniform, welche sie selber trugen, dadurch herabgesetzt und stellten dem erneuten preußischen Kriegsruhm trotzig[316] den entgegen, welchen sie aus den Siegeszügen Napoleons davongetragen. Sie hörten mit Verdruß, daß demnächst alle badischen Truppen nach dem Muster der preußischen gekleidet werden sollten, und es wurden Stimmen laut, welche bei solcher Zumutung mit Verweigerung des Gehorsams drohten. Doch wie gewöhnlich in solchen Fällen mäßigte sich der große Zorn wieder; der Großherzog, gewarnt, zeigte sich abwechselnd in preußischer und badischer Uniform, zeigte hin und wieder ein ungnädiges Gesicht, und in kurzer Zeit waren die kecksten Widersprecher so mürbe geworden, daß bei der später wirklich erfolgten Umbildung niemand sich mehr erinnern wollte, der Sache entgegen gewesen zu sein.
Ich komme jetzt der Zeitfolge gemäß zu einem Ereignis, das, an sich grauenhaft und entsetzlich, noch besonders durch seine Folgen unheilvoll und beklagenswert wurde, es ist die Ermordung Kotzebues.
Der erste Schrecken, den die grause Mordtat verbreitete, war sinnverwirrend, eine Bestürzung, wie ich eine ähnliche nur im Jahr 1848 zu Berlin erlebt, als der König von dem Volksaufstande besiegt schien, die Truppen entfernte und die Farben der Barrikadenfahnen zu den seinigen machte. Doch als das Besinnen allmählich zurückkehrte, war es begleitet von den Gefühlen des Hasses, der Rache, von dem Eifer, alles niederzutreten, was mit solcher Tat im entferntesten zusammenhing; und wie Sand, um der Freiheit zu dienen, nicht gescheut hatte, Blut zu vergießen, so wollte man auch kein Blut schonen, um in den alten Vorrechten fortan sicher festzusitzen und sie möglichst zu mehren. Jetzt war von keinem Fortschreiten mehr die Rede, von keiner Nachgiebigkeit gegen den Zeitgeist, von keinen Gewährungen der Volkswünsche, im Gegenteil verhärtete man sich im rohen Streben, die Willkürgewalt zu behaupten, die Freiheitsregungen zu unterdrücken, das Heraufbilden des Volkes zur Selbständigkeit auf alle Weise zu verhindern. Die Tat Sands wurde für Deutschland ein Wendepunkt in der Entwickelung[317] seiner innern Verhältnisse zwischen Regierung und Volk oder sollte es wenigstens werden, gemäß dem Wollen und Trachten derjenigen hochgestellten sowohl Fürsten als Minister, die mit überwiegendem Ansehen die Staatssachen leiteten.
Mit welch andern Augen sah man jetzt am Hofe die Verfassung an! Wie beklagte man, sich solch unbequeme und gefahrvolle Last aufgebürdet zu sehen, wie beschuldigte man die unnötige Freisinnigkeit, welche von Nebenius unter Reizensteins und Tettenborns Aufsicht und Billigung hineingearbeitet wor den; man klagte diese Männer der strafbaren Übereilung an. Die Öffentlichkeit der Verhandlungen, selbst für die Erste Kammer durch die Verfassung bestimmt, die Preßfreiheit, das Recht der Steuerbewilligung, die Ausdehnung des Stimm- und Wahlrechts, das doch noch lange nicht das erforderte allgemeine war, alles dies erschien wie frevelhaftes Übermaß, das man trachten müsse, möglichst auf ein geringeres zurückzubringen. Vor kurzem noch hatte man damit geprahlt und sich vom Auslande dafür recht loben lassen, daß die badische Verfassung unter allen deutschen die freisinnigste sei, daß sie namentlich der bayerischen weit voranginge; jetzt rühmte man die hemmenden Beschränkungen, welche auf der letztern lasteten, pries den segensvollen Zustand einer ungehinderten Obergewalt, die zuletzt doch notwendig als eine landesväterliche gerechte und milde zu denken sei; wie noch kurz vorher in Bayern, in Württemberg und in Baden selbst gewirtschaftet worden, schien man vergessen zu haben, wie noch jetzt Willkür und Unordnung im benachbarten Hessen-Darmstadt waltete, wollte man nicht sehen. Der Ausdruck »konstitutionell« war diesen Leuten ein Greuel und gleichbedeutend mit jakobinisch und revolutionär. Genug, das große Streben, das seit 1789 über alle Länder sich entzündet hat, bald in dem einen, bald in dem andern zu hellen Flammen ausbrach, immer wieder gedämpft, aber niemals vollständig überwunden worden, hingegen auch bis heute noch nicht vollständig gesiegt[318] hat: das Streben zur Freiheit und Selbständigkeit gegen rohe Gewalt und frechen Stolz wurde jetzt offen zu heißen Kämpfen herausgefordert, durch die Angriffe der durch Sands Tat aufgeschreckten Machthaber, Staatspfründner und Dunkelmänner, und Baden wurde eines der Schlachtfelder, auf denen die Kämpfer einander begegneten.
Zwar so weit ging das Selbstvertrauen und der Mut der Hof- und Adelspartei keineswegs, daß sie für möglich gehalten hätte, alles, was ihr entgegenstand, ohne weiteres abzuschaffen; die Verfassung abzuschaffen und nichts oder auch ein schwächeres Gebild an deren Stelle zu setzen, eine solche Verwegenheit hatte sich in keinen dieser Köpfe verirrt; die ungeduldigsten und störrigsten derselben sahen ein, daß alle Fürsten- und Adelsmacht hiezu für jetzt nicht ausreiche, daß man nicht schlechthin umkehren könne, sondern in der Bahn, in die man unglücklicherweise eingegangen, sich fortbewegen müsse, jedoch durch Klugheit und Einverständnis manchen Vorteil gewinnen und in Zukunft völlig siegen könne. Die größte Hoffnung setzte man hiebei auf die Einwirkung der großen Mächte, die ihr Versprechen volksvertretender Verfassungen noch nicht erfüllt hatten und jetzt weniger als je geneigt schienen, solches zu erfüllen. Die Ermordung Kotzebues gab den dringenden Anlaß, daß alle deutschen Regierungen sich untereinander und besonders mit Österreich und Preußen in tätige Verbindung setzten und lebhaft über die Tagesfragen berieten, über die schon vielfach angegriffenen Universitäten, die Presse, die Vereine, die Grenzen ständischer Berechtigung. Hieraus entstand namentlich für Baden die treulose Zweizüngigkeit, daß man auf der einen Seite die Verfassung öffentlich beschwor, ihre Freiheiten verbürgte und die zugestandenen Volksrechte walten ließ, auf der andern Seite dagegen heimlich über deren Unterdrückung oder Beschränkung mit den gleichgesinnten Regierungen sich verständigte. Der Großherzog wurde hiezu fortgerissen, indem er sich auf Berstett, dessen auswärtiges Ansehen er mit Verwunderung steigen sah, in[319] diesen Sachen ganz verließ, mir aber aus den Verhandlungen, die später zum Kongreß von Karlsbad führten, ein Geheimnis machte, wie denn auch das preußische Kabinett, vielleicht schon damals gegen mich durch hämische Einflüsterungen gewarnt, mir nichts hierüber mitteilte. In andern Beziehungen fuhr er fort, mir das größte Wohlwollen zu bezeigen und als Erwiderung seines Vertrauens das meinige heftig zu verlangen, er wollte, daß ich über alle Sachen und Personen ganz rückhaltlos mit ihm spräche. Auch fragte er mit gütiger Teilnahme stets nach Tettenborn, was er für Wünsche habe, ob er nicht zur Eröffnung der Stände kommen werde, und es schien, als ob es ihm nicht unlieb sei, in ihm einen Ersatzmann für Berstett immer bereit zu haben, falls dieser sich für allzuwichtig oder gar unentbehrlich halten möchte.

Das Geschrei gegen die Universitäten, schon durch Stourdzas anmaßliche Unbesonnenheit erweckt, hatte sich durch den Schrecken über Kotzebues Ermordung bis zur Wut gesteigert. Weil ein Student diese Tat verübt, weil er der Burschenschaft angehört und sein letzter Aufenthalt Jena gewesen, so sollte das Universitätswesen die Wurzel jenes Verbrechens und alles verwandten Unheils sein. An allen Höfen, in allen vornehmen Kreisen, in allen höchsten Staatsbehörden hallte durch ganz Deutschland diese Anschuldigung nach, wurde mit Heftigkeit die Ausrottung des Übels gefordert. Österreich, das längst keine Lehrfreiheit mehr geduldet, das mit Neid und Sorge die im übrigen Deutschland noch waltende Freiheit der Wissenschaft und ihrer Jünger gesehen, wies auf seine geknechteten Hohen Schulen als auf die Muster hin, die jetzt überall nachgeahmt werden sollten. In Preußen rief eine dunkle am Hof und in der Regierung gefährlich wachsende Partei heftig nach Maßregeln der Gewalt gegen alle Geistesfreiheit und hoffte ihre verhaßten Gegner, denen sie sonst nicht beikommen konnte, in der Erniedrigung der Universitäten mitzuerniedrigen.[320] Die größte Unvernunft, ja, der bare Unsinn wurde laut; alles wurde aufgeboten, die Mächtigen zu schrecken und zu den strengsten Maßnahmen zu bewegen. Die Universitätslehrer, die Gelehrten überhaupt, die Bekenner freier Wissenschaft erhoben vergebens ihre mutigen Stimmen, sie verhallten in dem tollen Lärm der begünstigten Fanatiker. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, wo blinde Leidenschaft sich der Gunst von oben zu erfreuen hat, fehlte es auch diesmal unter den Gelehrten selbst nicht an niedrigen Seelen, welche dem Feinde sich mit ihrer Kenntnis und ihrem Ansehen dienstbar zur Verfügung stellten. Schon war die Frage über die Universitäten mit ungewöhnlicher Raschheit dem Bundestage überwiesen, und man sah dessen feindlichster Entscheidung entgegen. Da erschien Hemmung, Hülfe gegen dieses drohende Vorschreiten von einer Seite, woher man sie nicht mehr erwartete, aus der Mitte der Fürsten selbst! Der treffliche Großherzog von Weimar, dem freilich vor allen andern der Schutz freier Wissenschaft und Bildung ziemte und der zunächst seine Landesuniversität zu verteidigen hatte, widersprach kühn den Verleumdungen und gehässigen Anklagen, an deren Wahrheit zu zweifeln schon ein Verbrechen schien. Der sachsen-weimarische Gesandte reichte der Bundesversammlung einen Vortrag ein, der mutig und geistvoll die Sache der Universitäten und der studierenden Jugend wider die vornehmen rohen Gegner verteidigte. »Eingedenk dessen« – hieß es darin –, »was von deutschen Universitäten geleistet und in seinen Erfolgen und Gründen längst anerkannt von Deutschen (Schleiermacher, Steffens, Wachler) wie von Nichtdeutschen (Cuvier, Villers) gepriesen worden, werden Seine Königliche Hoheit nie stimmen für Einrichtungen, welche das innere Wesen derselben notwendig zerstören, sie durch Aufhebung der akademischen Freiheit zu bloßen gelehrten Schulen, Gymnasien usw. umformen! Auch Freiheit der Meinungen und der Lehre muß der Universität verbleiben; im Kampfe der Meinungen soll hier das Wahre gefunden, gegen das Einseitige,[321] gegen das Vertrauen auf Autoritäten soll hier der Schüler bewahrt, zur Selbständigkeit soll er erhoben werden.« Gegen die Verdächtigung, daß die Studenten im allgemeinen und insbesondere die Burschenschaft staatsgefährliche Absichten hegten, wurde gesagt: »Beklagen muß man den bösen Willen oder die Unvorsichtigkeit derer, welche ebensolche Absichten den Studenten zuerst angedichtet, welche deshalb mit großer Wichtigkeit gegen sie gesprochen und vielleicht dadurch den Keim des Übels unter sie gebracht haben.« Den größten Beifall erhielt die bedeutende Stelle, welche den bittern Vorwurf aussprach: »Als die studierende Jugend im Jahr 1813 auf Deutschlands Hochschulen aufstand, als sie eilte, teilzunehmen an dem Kampfe für die Freiheit, die Ehre, die Sitte, die Sprache des Vaterlandes, da wurde sie mit offenen Armen empfangen, da wurde sie in Scharen geordnet, da sah man in ihr keine Kinder, sondern werdende Männer. Als sie zurückkehrte aus dem Kampfe, als sie auf Zeichen männlicher Handlungen sich berufen durfte, da konnte ihr nicht sofort das laute, sonst nur dem Manne geziemende Sprechen und Schreiben über die Güter untersagt werden, für welche sie geblutet hatte, für welche in ihrer Mitte Freunde und Brüder gefallen waren, da konnte man nicht sofort diejenigen als Unmündige behandeln, welche man in ihrer edeln Begeisterung als Emanzipierte, als Wehrhafte gebraucht hatte.« Durch solches Wort, im Namen eines deutschen Fürsten in der Bundesversammlung ausgesprochen, waren die Gegner einen Augenblick aufs Maul geschlagen; aber ihre tückischen Bemühungen setzten sie darum nicht weniger fort und sollten in den größeren Regierungen bald eine Übermacht gewinnen, der auch die Fürsten sich beugen mußten.
Die Wahlen für die Ständeversammlung waren inzwischen im ganzen Lande vollzogen worden. Bei der Neuheit und Eile der Sache hatten weder die Regierung noch irgendeine Gegnerschaft derselben die Zeit oder die Geschicklichkeit gehabt, einen berechneten Einfluß auf das Wahlgeschäft[322] auszuüben; seinem natürlichen Verlauf überlassen, war dieses überall ohne Störung, ohne gereizte Leidenschaft oder ränkesüchtiges Treiben ruhig vorgegangen; eigentliche Parteien bestanden noch nicht, aber freilich war die Stimmung des ganzen Landes, wie sie im Zwiespalt bisheriger Regierungsweise und gereifter Volkseinsicht so still als fest sich gebildet hatte, eine hochfreisinnige. Die Wähler, durch fremde Einmischung nicht gestört, zu keinen falschen Richtungen verleitet, hatten mit sichrem Takt so gewählt, daß nur in wenigen Fällen später bemerkt werden konnte, man habe sich über Gesinnung oder Fähigkeit der Gewählten geirrt: für die Zweite Kammer, welche im Gegensatze der Ersten die demokratische sein mußte, waren ohne Vorurteil auch Adelige und besonders viele Staatsbeamte gewählt worden, deren Denkart und Charakter man durch ihren Stand und ihr Amtsverhältnis nicht gefährdet wußte. Dabei waren die freien Eigentümer und Gewerbsleute doch an Zahl überwiegend, insonderheit hatten die Bauern ihre angesehensten Vögte gewählt, so daß im ganzen jede Klasse sich in angemessener Weise vertreten fand. Neben einigen bekannten Namen, unter denen der Liebensteins, für die Zweite Kammer gewählt, und der Rottecks, für die Erste, glänzend vorstrahlten, hörten wir die meisten zum erstenmal, und auch die Regierung schien wenig von den Männern zu wissen, die ihr jetzt wichtig werden sollten. Das Volk aber kannte die Seinen sehr gut und hing an ihnen mit größter Liebe. Vielen Abgeordneten, besonders denen aus Lahr, wurden auf ihrer Durchreise nach Karlsruhe unterwegs die größten Ehren zuteil; man empfing sie mit Geschützdonner, Triumphbogen, Blumenstreuen; Bürgerwehr rückte in Waffen zu ihrer Begleitung aus. Die Höflinge und Aristokraten schüttelten die Köpfe; das sei doch zuviel, meinten sie; dergleichen komme nur dem Landesherrn zu! Auch den Ministern war bei solchen Dingen nicht wohl zumut; der Übergang aus der unbeschränkten Regierung in die durch Verfassung und Gesetz bedingte, der Volksvertretung verantwortliche,[323] war in den Sachen oft schwierig, für die persönliche Gewöhnung die unbequemste Neuerung. Einer sah mit Mißtrauen auf den andern, wie Schauspieler, die sich in neuen Rollen zeigen sollen und den eignen Erfolg durch das Mißlingen der andern gern erhöht sehen. Berstett hoffte mit einigen vorbereiteten Reden sich leicht abzufinden und im übrigen das den Auswärtigen Angelegenheiten überall zugestandene Geheimnis zur Abwehr aller Zudringlichkeit vorzuschützen. Wie es den andern Ministern und Vertretern der Regierung ergehen werde, war ihm ganz gleichgültig. Mit höhnischem Lachen äußerte er gegen mich, als von den künftigen Debatten die Rede war: »Wie der Finanzminister Fischer mit seinem Budget durchkommt, das ist seine Sorge, mich geht's nichts an, wenn er steckenbleibt!« Er gönnte dem bürgerlichen Manne eine Niederlage, die er für sich selber unmöglich glaubte. Fischer wurde jedoch vom Großherzog noch vor Eröffnung der Kammern in den Freiherrnstand erhoben, was den Bürgerlichen teilweise gefiel, unter den Adeligen dagegen einige Verstimmung anregte.
Berstett, der von der Welt nichts kannte und schätzte als die vornehmen Kreise, die Wege zur Gunst und Macht, verband sich aufs engste mit den Edelleuten des Landes, deren Ansehen und Vorrechte er herzustellen versprach, und beklagte nur, daß die mediatisierten Standesherren sich zu hoch dünkten, um mit jenen und ihm in völlige Gemeinschaft zu treten; wenn es ihnen infolgedessen schlecht ginge, so hätten sie niemandem als sich selber die Schuld beizumessen. An einem Adelsedikt, das der Verfassung erläuternd zur Seite stehen und sie bedingen sollte, wurde fleißig und heimlich gearbeitet; eine kleine Junkerpartei nahm das Geschäft ganz in ihre Hände; kein Staatsbeamter, der nicht durch Stand und Gesinnung ihr angehörte, durfte zugezogen werden. Die Freisinnigen achteten des Geredes wenig, das darüber umlief, und meinten, die Junker würden nichts Taugliches aufstellen.[324]
In außerordentlicher Sendung erschien der sachsen-weimarische Geheime Rat von Conta, nachdem er schon in Frankfurt und Stuttgart sich besonderer Aufträge entledigt hatte, auch in Karlsruhe. Die weimarischen Erklärungen am Bundestage hatten großes Aufsehen und manche Erbitterung erregt, man fragte in gewissen Kreisen, ob denn der Großherzog Karl August, nachdem er die deutschen Schöngeister beschützt, nun der Beschützer der Aufrührer und Meuchelmörder werden wolle. Die Mitschuldigen Sands wären in Jena, man kenne sie, die Staatsbehörde müsse sie greifen und ausliefern, das deutsche Gemeinwohl fordere das, aber es geschehe nichts, und Sand werde hinsterben, bevor ihm jene vor Augen gestellt worden. Aber die weimarische Regierung hatte gewissenhaft ihre Pflicht getan, die strengsten Untersuchungen geführt und lieferte nun die bündigsten Beweise, daß Mitschuldige nicht zu ermitteln seien und daß auch die Universität Jena nicht verantwortlich sein könne für die Tat eines einzelnen, der zufällig dort, aber auch nicht dort allein, sondern auch in Erlangen studiert habe. Die Mitteilungen, welche Conta hierüber vorlegte, waren überzeugend, aber den Furchtsamen und Fanatikern keineswegs erwünscht. Der Großherzog, der mich in diesen Tagen besuchte, war äußerst verwundert, mich der weimarischen Beurteilung beistimmen zu hören; man hatte ihn versichert, ich sei ganz entgegengesetzter Meinung und habe Contan deshalb auch schlecht empfangen. Letzteres war nur insofern wahr, als derselbe sich kalt und fremd bei mir benommen hatte, vielleicht weil auch ihm schon jene falsche Angabe über mich gemacht worden war, vielleicht war ich ihm auch bloß als Preuße schon verdächtig!
Die Ständemitglieder waren schon seit einiger Zeit in Karlsruhe versammelt und harrten der Eröffnung ihrer Beratungen. Der Großherzog hatte sein Staatsministerium neu geordnet, zum Präsidenten der Ersten Kammer seinen Halbbruder, den Markgrafen Wilhelm, und als zweiten den Fürsten von Fürstenberg, den Freiherrn von Wessenberg als[325] katholischen und den Kirchenrat Hebel als protestantischen Prälaten, dann einige seiner angesehensten Hof- und Staatsdiener, wie er verfassungsmäßig befugt war, zu Mitgliedern ernannt; gegen die letztern wäre manches einzuwenden gewesen, allein da sie der hier ersten Erfordernis entsprachen, das Vertrauen des Großherzogs zu haben, so wurde kein Tadel laut. Bekannt war auch, daß unter großen Schwierigkeiten und Mühen endlich ein weitläufiges Edikt über die standes- und grundherrlichen Rechtsverhältnisse ausgearbeitet worden, dessen näherer Inhalt aber noch ein Geheimnis blieb. Die stillen Vorberatungen der Mitglieder der Zweiten Kammer hatten die beste Stimmung, die freundlichste Einigkeit und Mäßigung an den Tag gelegt; unter den Mitgliedern der Ersten Kammer war einige Spaltung merkbar, doch weil hier nicht das Übergewicht lag, so schien sie unerheblich.
Die Eröffnung der Ständeversammlung erfolgte nach allerlei Aufschub endlich am 22. April mit ernster Feierlichkeit. Beide Kammern waren in dem für die Sitzungen der Zweiten eingerichteten Saal auf dem Schloß vereinigt. Der Großherzog fuhr unter Geschützesdonner und Glockengeläute vor, wurde im Saale mit begeistertem Hoch empfangen, bestieg den Thron und hielt seine Rede, die er gut auswendig wußte und mit warmer Innigkeit und edler Würde vortrug. Sie machte den besten Eindruck, sowohl auf die Abgeordneten als auf das gemischte Publikum der dichtbesetzten Zuhörerbühnen. Man durfte von dem Fürsten, der so zu seinen Ständen in dem Tone der ehrlichsten Aufrichtigkeit sprach, die schönsten Hoffnungen fassen. Die Ständemitglieder leisteten hierauf den Verfassungseid, in welchem das Versprechen, nur des ganzen Landes allgemeines Wohl und Bestes, ohne Rücksicht auf besondere Stände oder Klassen, nach innerer Überzeugung zu beraten, dem Ganzen gleich im Beginn die volkstümliche Richtung vorschrieb, der doch nicht alle Gesinnungen entsprachen; doch auch die entschiedensten Aristokraten konnten den so gestellten Eid nicht[326] verweigern. Nachdem noch Berstett eine Rede vorgetragen, deren Inhalt wenig Aufmerksamkeit erregte, doch in der guten Stimmung freundlich hingenommen wurde, trennte sich die Versammlung. Alle Ständemitglieder speisten mittags beim Großherzog, und abends war freies Schauspiel, wo ihnen Ehrenplätze vorbehalten waren. Die Abgeordneten und dann auch der Großherzog wurden von der gedrängten harrenden Menge mit dem feurigsten Zuruf begrüßt.
Soweit war alles vortrefflich. Aber schon am nächsten Morgen trat eine merkliche Verstimmung ein. Gleichzeitig mit der Eröffnung der Kammern, an demselben Tage, fast in derselben Stunde, war das längst erwartete Adelsedikt erschienen und ausgeteilt worden, dessen weitläufigen Inhalt aber sogleich durchzulesen kaum jemand Muße fand. Der nächste Morgen gab diese, und man fand mit Erstaunen, daß durch ein solches Edikt, welches der Verfassung in wesentlichen Punkten widersprach, ohne den Beirat der Stände gegeben war, gleichsam als ob ihnen hierüber kein Recht zustände. Allerdings hatte Berstett gemeint, ihre Befugnis in diesem Fall zu umgehen, und tat sich nicht wenig auf den Kunstgriff zugut, das vom 16. April, also vor der Zusammenkunft der Stände, datierte Edikt an diesem Tage einzuschwärzen, der die Regierung im höchsten Glanze der Volksbeglückung erscheinen ließ und mit jubelndem Dank erfüllt war. Allein die List war zu jämmerlich, um jemanden zu täuschen, und wurde im Gegenteil als Beleidigung empfunden. Zudem war der Inhalt des Ediktes so mißfällig, so voll arger Verstöße gegen die bis dahin geltenden Bestimmungen und die Abfassung so plump und abgeschmackt, daß die schonendste Kritik dem Machwerke den Stab brechen mußte. Die Abgeordneten waren empört, daß man ihnen solche Stumpfheit zugetraut, sie würden dergleichen ruhig gelten lassen. Man hörte die entschlossensten, die schärfsten Äußerungen; die ganze Stadt teilte den Unwillen, am Hofe selbst machte der Tadel solchen Eindruck, daß manche Stimmen ihn zu wiederholen wagten. Der Großherzog,[327] betroffen und beunruhigt über ein so rasches Umschlagen, wollte seinen guten Namen nicht einbüßen und hatte nichts eiliger zu tun als zu erklären, das Adelsedikt sei nicht von ihm ausgegangen, er habe vielen Punkten widersprochen, aber zuletzt in gutem Glauben dem Rate seiner Minister nachgegeben. Er sagte hierin die Wahrheit; denn die Vorrechte, welche er, zum Teil doch auf seine Kosten, den Adeligen zugestehen oder erweitern sollte, waren keineswegs nach seinem Sinn; er hatte nur dem schroffen Andringen Berstetts, der die Sache als staatsklug und notwendig vorstellte, sich gefügt. Auch der Minister von Fischer verleugnete jeden Anteil und beteuerte, widersprochen zu haben. Die Redlichkeit des Großherzogs wurde nicht bezweifelt, allein das Vertrauen in seine Selbständigkeit begann zu wanken, und man fürchtete, der ersten sichtbaren Schwäche würden bald andere folgen.
Berstett war gleich am ersten Tage zu der Erkenntnis gelangt, daß er bei den Ständeverhandlungen nicht die Hauptperson sein und der Landtag sich von ihm nicht werde nach Belieben leiten lassen. Am zweiten Tage, durch die Wirkung seines Adelsedikts, war er den Ständen schon als entschiedener Feind gegenübergestellt. Das Fehlschlagen seiner Erwartungen war ihm ganz unbegreiflich, er sah nicht nur seinen Ehrgeiz und Stolz aufs tiefste gekränkt, sondern auch besondre Hoffnungen, die er schmeichlerisch genährt, so gut wie vernichtet; er hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, diese erste Ständeversammlung müsse die unter seiner Ministerschaft für Baden erlangten großen Ergebnisse, die Sicherung des Landbestandes und der Erbfolge, das Verleihen der Verfassung und endlich die wirkliche Eröffnung der Stände, durch eine ihm zu gewährende Dotation belohnen. Zu diesem Zwecke war alles vorbereitet, der Großherzog nicht ungünstig gestimmt, die Kollegen zur Mitwirkung bereit; der Antrag sollte durch einen Abgeordneten geschehen, die Bewilligung durch einstimmigen Zuruf erfolgen, es galt nur den richtigen Zeitpunkt auszuersehen und die beste Gelegenheit.[328] Das alles war nun dahin, verscherzt durch ein falsches, verunglücktes Unternehmen. Von diesem Tage an war Berstett der entschiedenste Feind der Ständeversammlung, die er im Ganzen und Einzelnen auf alle Weise herabzusetzen, lächerlich und verächtlich zu machen, in jeder Beziehung zu verunglimpfen und zu verdächtigen strebte. Dies übte er besonders auch im diplomatischen Kreise, daheim und an fremden Höfen, und war dabei stets eines verstärkten Widerhalles sicher, der ihm zurückkehrte und den er dann aufs neue für seinen Zweck gebrauchte. Die Stimmung der Höfe, der Diplomaten, der vornehmen Adeligen war überall bereitwillig genug, es bedurfte keiner großen Mühe, ihre gemeinsame Feindseligkeit vorzugsweise hieher zu leiten, wo ihr freilich der aufreizendste Stoff reichlich geboten wurde. Unter solchem gleich anfänglich erweckten Haß, Unglimpf, Bitterkeit und Verleumdung mußten die badischen Stände heranwachsen, sich in ihren Beruf einarbeiten und ihr junges Leben durchbringen!
Die Abgeordneten ließen sich diese Feindseligkeit, die fürerst auch nicht offen hervortrat, sondern nur im dunkeln tätig war, wenig anfechten und gingen frisch an ihr Werk. Gleich der Entwurf einer Geschäftsordnung, den die Regierung den Kammern vorlegen ließ und der in seinen meisten Bestimmungen zweckmäßig erschien, gab einen sichern Leitfaden für den Gang der Verhandlungen, die durch Liebenstein durch eine Rede mit Kraft und Sachkenntnis eröffnet wurden; das feste Auftreten ohne Schwanken und Herumtappen gleich in die Mitte der Sachen ließ erkennen, mit wem man es zu tun habe. Liebenstein galt für den Mirabeau der Versammlung, und in der Tat fehlte ihm nur ein größerer Schauplatz, um die Vergleichung zu rechtfertigen. Was er im Großen hätte leisten können, hat das Geschick ihm nur im Kleinen zu zeigen erlaubt, wie so manchem unserer besten Deutschen.
Einer der ersten Beschlüsse der Zweiten Kammer betraf das Adelsedikt, welches als ein Versuch, den Rechten der[329] Stände vorzugreifen, angesehen und demnach eine Kommission zu dessen Prüfung ernannt wurde. Die Gegner schrien sogleich, die Kammer überschreite ihre Befugnisse, das Edikt beruhe auf völkerrechtlichen Verpflichtungen, auf einem Artikel der deutschen Bundesakte, dessen Erfüllung weder die Regierung noch die Stände verweigern könnten. Allein diese scheinsamen Behauptungen wurden siegreich zurückgewiesen, nicht die Erfüllung jenes Artikels wollten die Stände hindern, wohl aber die Art seiner Erfüllung untersuchen. Sie ging weit über die Forderungen der Bundesakte hinaus, und dasselbe Ministerium, welches ein Jahr vorher in Frankfurt erklären ließ, Baden habe durch ein damaliges Edikt jener Pflicht genügt, konnte unmöglich jetzt auftreten und sagen, es erfülle sie erst durch das jetzige. Die Kammer faßte ihren Beruf und ihre Aufgabe gleich von Anfang mit Sicherheit und verfolgte ihren Weg mit ruhiger Kraft. Außer den Entwürfen, welche die Regierung an die Kammer brachte, über Gemeindeverfassung, Zollordnung und andere Gegenstände, ging eine Reihe der wichtigsten und notwendigsten Anträge von den Abgeordneten selbst aus, über Handelsfreiheit, Öffentlichkeit der Rechtspflege, Geschwornengerichte, Trennung der Rechtspflege von der Verwaltung, Beschränkung des Wildstandes, Preßfreiheit, Abschaffung der Fronden und Zehnten, der Leibeigenschaft, Verbesserung des Wahlgesetzes und andere mehr, in deren rascher Folge und scharfer Fassung die Kundigen den frischen Geist und richtigen Sinn, die in der Kammer herrschten, die reife Einsicht und den offnen Mut der Abgeordneten erkannten, während die Gegner in ihrer Urteilslosigkeit und Zagnis über diese Fülle von Anträgen vollends den Kopf verloren. Die Art, wie diese Gegenstände bearbeitet, vorgetragen und erledigt wurden, mit Maß und Ordnung, in den vorgeschriebenen Formen, gab das beste Zeugnis für den ausgezeichneten Charakter der ganzen Kammer; sie entwickelte in ihren Debatten ebensoviel Einsicht und Kenntnis als Talent und Geist, machte nie den leisesten Versuch,[330] über ihre Schranken hinauszugehen, und behauptete stets die kräftigste und würdevollste Haltung. Obgleich sehr entgegengesetzte Ansichten und Meinungen an den Tag kamen, so bildete sich doch kein Parteigeist, sondern sehr oft faßte die nach geführtem Streite leicht wieder einig gewordene Gesamtheit und in den andern Fällen meist die überwiegendste Mehrheit der Stimmen die endgültigen Beschlüsse. Von den Mitgliedern, die sich durch Anträge und Teilnahme an den Debatten besonders auszeichneten, sind nach Liebenstein hauptsächlich zu nennen die Herren Deimling, von Lotzbeck, Völcker – sämtlich von Lahr –, Buhl, von Gleichenstein, von Städel, Knapp, Winter von Karlsruhe, Winter von Heidelberg, Duttlinger, Kern, Föhrenbach, Hüber, Ziegler, von Clavel und andere, deren Namen mir nicht sogleich einfallen. Die ganze Kammer, aus 63 Mitgliedern bestehend, bekannte sich mit geringen Ausnahmen zu den Grundsätzen des Freisinns, der Ordnung und Mäßigung, des gesetzlichen Fortschritts, entfernt von wilder Neuerungssucht wie von den Vorurteilen und Neigungen dunkler Vergangenheit. Was die Gabe der Rede, insbesondere des freien Vortrags betrifft, welche in unsrer Zeit wieder, wie bei den Alten, als das eigentliche Talent des Staatsmannes erscheint, das alle andere Talente desselben hält und bewegt, so mußten mehrere Abgeordnete als wahrhafte Redner anerkannt werden, andere versprachen eine baldige Entwickelung und Gewöhnung zu diesem Beruf. Die feste, sichere Kraft und ruhige Klarheit, mit denen oft von unstudierten, aber praktischen Männern gerade auf die Sache gegangen und deren Wesen schlicht und derb ausgesprochen wurde, machten einen Eindruck, den man mit dem einer zierlichen Wohlredenheit nicht hätte vertauschen mögen.
In der Ersten Kammer waren freilich andere Bestandteile, der Geist im ganzen schwach, die Gesinnung lau, die meisten Mitglieder gehörten zu den bevorrechteten Klassen, konnten sich der alten Vorurteile nicht entschlagen, in das neue Verhältnis nicht finden. An Talenten hatte diese Richtung[331] wenig aufzuweisen, und wo sich ein Schimmer davon zeigte, in den Freiherren von Falkenstein, von Baden und von Türckheim, dem Fürsten von Fürstenberg, war auch ein Anflug von Freisinn merkbar, es schien, als wenn dieser das Maß auch des Verstandes und sonstiger Begabung sei! Wahrhaft bedeutend, hohen Geistes und großer Begabung war einzig der Professor von Rotteck, der Abgeordnete der Universität Freiburg, der als solcher, einer Bestimmung der Verfassung gemäß, in der Ersten Kammer seinen Sitz hatte. Hier war er eigentlich nicht an seinem Platz, er hätte der Zweiten angehören müssen, unter seinen Freunden und Genossen; in der Ersten stand er ganz allein, völlig vereinsamt unter Gegnern, die seiner nicht würdig waren, ein verlorener Sendbote unter störrigen Heiden.
Der Abgeordnete der Universität Heidelberg, Professor Thibaut, berühmt als geistvoller und beredter Rechtslehrer und gepriesen wegen seiner im Jahre 1814 erschienenen Schrift über die Notwendigkeit eines allgemeinen deutschen Gesetzbuches, gegen welche Savigny mit unpraktischer Gelehrsamkeit aufgetreten war, zeigte weder das Talent noch den Willen, die man ihm zugetraut hatte. Seine Aufgabe schien ihm fremd und verdrießlich, er sehnte sich nach seiner Lehrkanzel zurück, und als er später doch zu wichtigen Arbeiten und Vorträgen veranlaßt wurde, sah man den klugen Weltmann, der sich hin und her wandte, es mit keiner Partei verderben, schließlich aber vor allem mit der Regierung gutstehen wollte. Der Witz und Humor, die er gelegentlich spielen ließ, machten seine üble Rolle nicht besser; weder in noch außer der Kammer gewann er Achtung und Vertrauen.
Der edle Wessenberg, hochachtbar im Gebiete seiner kirchlichen Wirksamkeit, durch seine Kämpfe gegen Rom allen Freisinnigen teuer, besaß alle Eigenschaften, die man in unsrer Zeit einem höhern Geistlichen der katholischen Kirche wünschen kann: milden versöhnlichen Sinn, warmen Religionseifer, aufgeklärte Denkart, gelehrte Kenntnisse,[332] Bildung und Erfahrung der großen Welt. Allein er war kein politischer Charakter, und die standhafte Entschiedenheit, die er gegen die römische Kurie bewiesen hatte, verließ ihn auf dem Felde seiner neuen Tätigkeit; die Freisinnigen hatten an ihm keine Stütze, die Gegner ebensowenig, und als er in irrgehendem Eifer seinen frommen Antrag machte, Sittengerichte für das Volk einzuführen, erlitt er in der Kammer und in der öffentlichen Meinung eine völlige Niederlage. Auch sein protestantischer Kollege, der zum Prälaten erhobene Kirchenrat Hebel, entsprach den Erwartungen, die man von ihm gehegt, in keiner Weise. Der liebenswürdige alemannische Dichter, der volkstümliche rheinländische Erzähler verschwanden in dem unbeholfenen, zaghaften Kammermitgliede völlig, und nur die tiefe Demut blieb sichtbar, die noch immer, wie einst in seiner Knabenzeit, in jedem Nebensitzenden einen vornehmen Herrn verehrte, bei dem seine Mutter ihm zurief: »Zieh's Käpple!« – Aus diesen Beispielen Wessenbergs und Hebels glaubte man den Beweis entnehmen zu dürfen, daß Geistliche im allgemeinen wenig geeignet seien, an politischen Körperschaften teilzunehmen. – Obschon die Sitzungen auch dieser Ersten Kammer, zum großen Bedauern der meisten Mitglieder, auch öffentlich waren, so fanden sich doch selten viele Zuhörer ein, und es gab hier wenig Trieb und Leben.
Zu den für die Verhandlungen ernannten Regierungskommissären gehörten sämtliche Minister und einige andere Staatsbeamte, unter diesen die Geheimen Referendäre Nebenius, Winter und Böckh. Nur die drei letztern waren von Bedeutung, sie trugen allein die Last der Debatten, aus denen die Exzellenzen, als sie sahen, wieviel Arbeit und wenig Ehre für sie hier zu holen sei, sich bald zurückzogen.
Nebenius war seit längerer Zeit in höheren Staatsarbeiten beschäftigt, und ausgezeichnet durch Kenntnisse und praktisches Talent sowie durch die fleckenloseste Rechtschaffenheit, hatte er, besonders in der Finanzverwaltung, die in den letzten Jahren an der traurigsten Zerrüttung litt, sich[333] sehr verdient gemacht. Im stillen war dies auch anerkannt, aber keineswegs öffentlich, und seine Amtsverhältnisse blieben untergeordnete. Ja, man hatte es dem trefflichen Reizenstein sehr verdacht und Berstett es ihm zur Schuld angerechnet, daß er seinen letzten Einfluß beim verstorbenen Großherzog dazu verwendet hatte, Nebenius und Winter außer der Reihe zu Geheimen Referendären zu erheben. Beide erhielten jetzt durch die Kammern Gelegenheit, öffentlich darzutun, was sie waren, und da sie später sogar Minister wurden, so haben sie die von Reizenstein ihnen angediehene Bevorzugung glänzend gerechtfertigt.
Nebenius befand sich als Regierungskommissär in einer der schwierigsten Stellungen. Als verpflichteter Sachwalter und Verteidiger der Regierung mußte er fast überall, wo nicht er und seine Freunde die Vorlagen selbst bereitet hatten und nicht nach eigner Einsicht verfahren konnten, sehr im Nachteil sein und mit der Kammer in Widerstreit geraten. Hiebei wußte er mit großer Festigkeit so viel Mäßigung und Bescheidenheit zu verbinden, daß er in der Achtung der Abgeordneten nur stieg und ihr Vertrauen nicht verlor. Wie oft es auch vorkam, daß er sich zurechtweisend gegen einzelne Abgeordnete und selbst gegen die ganze Kammer erheben mußte, so geschah es doch immer in den Formen des Anstands und der Schicklichkeit, die nur einer edlen Bildung eigen sind. Seine Vorträge waren licht und klar, offen und freimütig, ohne rednerischen Prunk; dem Sinne der Vorgesetzten würde er durch rechthaberische Wortfülle und leidenschaftliches Gezänk besser entsprochen haben; allein er ging nicht auf Beifall aus, sondern das wahre Staatswohl und das Wesen der Sache fest im Auge haltend, blieb er streng in der Bahn, die ihm dadurch vorgeschrieben war.
Berstett und sein Anhang, die Höflinge und Junker, sahen mit Schrecken und Grimm die feste Haltung und das mutige, gemessene Vorschreiten der Volksvertretung. Die gehäuften Anträge, die öffentlichen Zustände im Geiste der[334] Verfassung zu bessern, erregten sie zu dem heftigsten Geschrei, es drohe die gewaltsamste Überstürzung; als ihnen bewiesen wurde, dies alles liege in der Verfassung begründet, werde von ihr gefordert, klagten sie dieses Werk selber an; sie hatten nie geahndet, daß so viele treibende Keime darin steckten, so mächtige Folgerungen daraus gezogen werden könnten! Nebenius wurde beschuldigt, dies alles mit absichtlicher Klugheit hineingearbeitet und zugleich verhüllt zu haben, jetzt aber mit Winter und Böckh diesem Unwesen gegen die Regierung, deren Kommissäre sie doch seien, offenbar Vorschub zu tun!
Ich muß dem Großherzog die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er in dieser ersten Zeit noch keine solche Feindseligkeit gegen die Stände zeigte. Etwas Opposition war ihm schon recht, er würde sie ja selbst ausgeübt haben, wäre ihm früher dazu solche Gelegenheit gegeben worden. Sie traf auch nur die Minister und nur wenig den ihm vertrauten Fischer, der sich mit den Ständen gut verhalten wollte; daß Berstett leidenschaftlich, übereilt und maßlos verfahre, hatte er selbst schon gerügt. Die meisten der gemachten Anträge berührten ihn gar nicht, die Gegenstände derselben waren ihm zum Teil unbekannt und daher gleichgültig. Hingegen schmeichelte es ihm, daß seine Stände bewundert und gepriesen wurden; er sah seine eigne Popularität, die ihm der größte Schutz war, mit der der Stände ganz verschmolzen. In diesem Sinne sprach er zu mir, und was ich ihm erwiderte, wollte gewiß nicht seine gute Meinung schwächen. Seine Auffassungen aber waren oft seltsam und die Art, wie er sie äußerte, bisweilen so naiv, daß man sie nicht ohne Verlegenheit anhören konnte. Mit Erörterungen und Schlußfolgen war nichts bei ihm auszurichten; er lachte nur dazu mit pfiffiger Miene, als wolle man ihm etwas weismachen, was aber nicht gelingen werde! Desto leichter war durch mittelbare Einflüsterungen auf ihn zu wirken; arglistige Ränke und ehrgeizige Absichten konnten hier gutes Spiel haben! Von verschiedenen Seiten wurde sichtlich daran gearbeitet,[335] dem Großherzog selbst und den Mitgliedern des Hauses das Ständewesen überhaupt und insbesondere die jetzigen Stände aufs schlimmste zu verdächtigen und zu verleiden. Dem Markgrafen Wilhelm, der in Familienangelegenheiten eine Reise nach St. Petersburg antrat, wurden sowohl für diesen Ort als für Berlin dergleichen mitzuteilende Eindrücke reichlich mitgegeben!
Während diese Sachen ihren Verlauf hatten, ergab sich in unserm Karlsruher Leben manches Zwischenereignis, dessen ich gedenken muß. Wir empfingen den Besuch eines Mannes, von dem ich in früherer Zeit oft mit der Spannung, die Jugendeindrücken eigen ist, hatte reden hören. Es war d'Alton, der einst in weimarischen und berlinischen Lebenskreisen eine bedeutende Erscheinung gewesen, dann lange Zeit seinen Freunden verschwunden war und jetzt aus Spanien zurückkam, wohin er gereist war, um urweltliche Versteinerungen in Augenschein zu nehmen; denn er war ein sinniger Naturforscher, außerdem aber auch ein geschickter Maler und gelehrter Kunstkenner, und mit beiden Eigenschaften die dritte eines trefflichen Reiters und Pferdekenners verbindend, hatte er ein Prachtwerk über die Naturgeschichte des Pferdes herausgegeben. Jetzt war er von der preußischen Regierung als Professor der Kunstgeschichte an die Universität Bonn berufen, welches uns herzlich freute.
Eine andere flüchtige Erscheinung war Oken. Er war von Jena gekommen und wollte sich die politische Bewegung in Württemberg und Baden ansehen, doch als jenaischer Professor und Herausgeber der »Isis« war er den jetzt besonders aufmerksamen Behörden übel empfohlen, er sah seine Schritte beobachtet, glaubte sich schlimmen Verwicklungen ausgesetzt und war wie auf der Flucht. Da ich ihm ein paar Beiträge für die »Isis« geliefert hatte, so dachte er mich, als eine Ausnahme unter den Diplomaten, ohne Gefahr besuchen zu können. Er trat bei mir ein wie ein Flüchtling, eilig und schüchtern, nannte seinen Namen und sah mich forschend an, ob ich etwa durch ihn verlegen würde; da er[336] den Boden fest und gut fand, so begann er mit dunkler Glut seine politischen Meinungen auszuströmen, und es folgten zwischen uns lebhafte Erörterungen. Rahel war dazugekommen, und ihre Aussprüche, wiewohl den seinigen oft ganz entgegengesetzt, gefielen ihm sehr. Über Ständewesen und Volksvertretung hatte er die absonderlichsten Ansichten, er steigerte seine Forderungen aufs höchste, verwarf die badische wie die bevorstehende württembergische Verfassung, spottete unsrer Hoffnungen auf diese traurigen Behelfe. Der deutsche Radikale konnte nicht schärfer ausgeprägt sein; in dem Freiheitsfreunde zugleich die entschiedenste Gewaltslust, die Menschen müßten zur Freiheit gezwungen werden, behauptete er, die Widerspenstigen wenigstens aus dem Lande gejagt, sonst könne nichts Gescheites zustande kommen. Die Erfahrungen späterer Zeit würden seine Meinung mächtig bestärkt haben, die uns damals höchst übertrieben dünken mußte. Seine Leidenschaft hatte etwas Schmerzliches, Wehmütiges, das zu den strengen Worten nicht recht stimmte. Indem ich mehr mit seinen Gedanken beschäftigt war, hatte Rahel den ganzen Menschen mehr ins Auge gefaßt, und plötzlich, als ginge ihr ein Licht auf, unterbrach sie das Gespräch und ließ Erfrischungen hereinbringen. Jetzt erst sah ich, daß Oken ganz erschöpft war; begierig griff er nach dem dargebotenen Trunk, und kaum hatte er ihn genossen, so dankte er mit Inbrunst für die scharfblickende Teilnahme, die ihm, wie er sagte, das Leben gerettet habe! Denn er gestand, einer Ohnmacht nahe gewesen zu sein und gefühlt zu haben, daß er hinsinken werde. Er war Tag und Nacht gereist, hatte starke Fußwanderungen ausgeführt und wenig Nahrung genossen. Nachdem er sich etwas erquickt und erheitert und wiederholt gedankt, sprach er in munterem Tone weiter, lachte über seine vorigen Reden und suchte mit guter Laune zu beweisen, daß sein Verfahren in der »Isis«, über welches ein so furchtbares Geschrei erhoben worden, eigentlich ganz harmlos gewesen. »Sehen Sie«, sagte er, »wenn ich noch so gründlich bewiesen hätte, daß gewisse[337] Professoren oder Minister dummes Zeug gemacht, darnach hätte kein Hahn gekräht; da ich aber zu ihren Namen kleine Eselsköpfe habe beidrucken lassen, das hat gewirkt, das hat jeder gleich verstanden, und die Kerls sind unschädlich geworden!« Wir sprachen von Sand und Kotzebue und wie betört jener gewesen, diesen zum Opfer auszuersehen, der doch gar keine politische Bedeutung gehabt; da besann sich Oken einen Augenblick und sagte dann entschieden: »Ich bin doch der Meinung, er ist gerade der rechte gewesen, kein anderer war dazu so geeignet; ich wüßte wirklich nicht, wen ich ihm substituieren sollte!« Seltsam war es, daß derselbe Mann, der fremde Persönlichkeiten so scharf und schonungslos behandelte, in die größte Empfindlichkeit und ängstlichste Verlegenheit geriet, wenn die seinige berührt wurde. Über seinen Namen, seine Religion, seine Verhältnisse befragt zu werden, sah er wie eine Beleidigung an und verbat es sich ernstlich. Wir hörten später, daß er um seines Namens und seiner Religion willen unsägliche Leiden ausgestanden, daher beide gewechselt, den erstern aus Ockenfuß in Oken verwandelt habe und hierüber durchaus nicht Rede stehen wolle. Der seltsame Kauz, der im Grunde mehr zu bedauern als zu schelten war, verließ uns bald wieder, denn er wollte keine Nacht länger in Karlsruhe zubringen.
Solange die Familie von Reden noch in Karlsruhe war, besuchten wir sie fast jeden Abend; der heitre, schnellfassende und tätige Geist der ältern Tochter Henriette und die kenntnisvolle Gesprächigkeit des Vaters ließen es niemals, der Kreis mochte klein oder groß sein, an Unterhaltung fehlen. Die andern Diplomaten fanden sich häufig ein, teils um den Damen den Hof zu machen, teils um Neuigkeiten zu erfahren; denn Reden erfuhr alles und verschwieg nichts.
Ein Jagdjunker von Drais trug in anderer Weise zur Unterhaltung der Gesellschaft bei; sein Vater war ein hoher Beamter in Mannheim, der eine Geschichte der Regierung des alten Markgrafen Karl Friedrich geschrieben hatte; der Sohn aber galt für ein Genie an Wissen und Erfindungsgeist.[338] Schon im Wiener Kongreß war er in einem Wagen gefahren, der ohne Pferde durch die Füße der Darinsitzenden in Bewegung gesetzt wurde, später hatte er die nach ihm benannte Draisine erfunden, ein Rädergestell, auf dem man zugleich saß und lief; ein zweckloses lächerliches Ding, das viel Gespötte veranlaßte. Dann war er in Brasilien gewesen und kramte kleine Vögel und andere Naturmerkwürdigkeiten aus; jetzt aber legte er sich aufs Deklamieren und leistete darin Unglaubliches; daß der Beifall, den er erntete, nur eine Verhöhnung war, merkte er niemals. Er war bei allen seinen Kenntnissen und Erfindungen was man in Berlin einen Dämel nennt, ein Halbnarr, der immer etwas vorhatte und betrieb. Die Gesellschaft ergötzte sich an solchem törichten Wesen, das mir aber unausstehlich war, wie alles Hänseln und Foppen untergeordneter und schwacher Personen.
Der durch die Stände herbeigezogene Adel aus der Pfalz und dem Breisgau besuchte gleichfalls diesen Kreis, wo man sich unter Gleichen und Gleichgesinnten am rechten Platze fühlte; jedoch merkte ich bald, daß einige der Klügern mir mißtrauten, und ich weiß nicht, war es Zufall oder stille Verabredung, aber so frei auch sonst politische Dinge besprochen wurden, von ständischen Sachen war, in meiner Gegenwart wenigstens, nur selten und karg die Rede.
Mit der Abreise von Redens nach Rom erlosch in Karlsruhe alle Geselligkeit, nämlich die angenehme, nach unserm norddeutschen Zuschnitt. Mit den Einheimischen hatten wir es auf alle Weise versucht, aber sie waren aus ihrer Gewöhnung nicht herauszubringen. Uneingeladen zu kommen, aus eignem Antrieb, auf gutes Glück, das dünkte den Damen unmöglich, wenn auch einige Herren sich allmählich dazu verstanden hatten. Zwar Frau von Berstett wünschte wohl Gesellschaftsabende zu haben, aber es fehlte ihr an allem Geschick dazu, auch zu ihr kamen die Leute nur spärlich und eilten so schnell als möglich, der Langenweile zu entfliehen, die dort ihren Sitz aufgeschlagen hatte. Für uns[339] blieb daher nichts übrig, als zu Hause zu bleiben. Ich war den Tag hindurch vollauf beschäftigt, versäumte die Kammersitzungen selten, hatte meine Berichte darüber zu schreiben und nebst andern Geschäftssachen eine große Menge von Briefen. Ich war hochbefriedigt, wenn ich den Abend vergnügt mit Rahel zubringen konnte, für sie aber wünschte ich einige gesellschaftliche Mannigfaltigkeit, die freilich dadurch nicht gewonnen war, wenn etwa Friederich oder ein Lieutenant von Hinckeldey oder von Vincenti ganz allein sich zu uns hinsetzte und Unterhaltung nicht brachte, sondern erwartete; sehr oft blieben wir ganz einsam. Es traten schöne Tage ein, die Abende waren lau, von hellem Mondschein beleuchtet, die Luft still und von Feld- und Gartendüften erfüllt. Da wir in einer wenig besuchten Straße wohnten, so ließen wir uns Tisch und Stühle vor das Haus setzen, tranken im Freien unsern späten Tee und saßen nicht selten bis tief in die Nacht hinein. Vorbeigehende grüßten uns und wunderten sich allenfalls über unser Tun, doch gefiel es ihnen, daß wir nicht zu stolz waren, eine so kleinbürgerliche Sitte mitzumachen. Ich dachte nicht, daß eine so unbedeutende und harmlose Sache bald würde zu meiner Verteidigung anzuführen sein.
Eine Spazierfahrt mit Rahel nach dem nahen Ettlingen, das besonders durch seine gute Luft anlockte, brachte mir unvermutet die Bekanntschaft Liebensteins, der mit einigen Freunden hinausgeritten war, um die großen Fabrikanstalten des Abgeordneten Buhl zu besichtigen. Ich hätte ihn auf dem Museum sehen können, wo er fast jeden Abend mit vielen Kollegen sich einfand; allein ich besuchte diesen Ort nicht gern und jetzt gar nicht, weil ich diese Zurückhaltung für schicklich hielt. Da wir in demselben Wirtshause Kaffee tranken und er hörte, wer ich sei, so kam er freundlich heran, stellte sich und seine Freunde – ebenfalls Abgeordnete – mir vor, und es entstand ein lebhaftes, von Witz und Scherz und auch wieder von scharfem Ernst gewürztes Gespräch, das uns allen große Freude machte. Beim Nachhausefahren[340] ritten die Herren in fortgesetztem Sprechen eine Weile neben unserm Wagen, gaben aber bald ihren Pferden die Sporen und eilten uns weit voraus. Aus diesem Begegnen folgte nichts, als daß Liebenstein am nächsten Tag eine Karte bei mir abgab oder abgeben ließ und daß ich dies auf gleiche Art erwiderte. Indes war unser Zusammensein gesehen und davon in verschiedenem Sinn gesprochen worden. Es hieß sogar, es hätte eine Beratung zwischen uns stattgefunden, worüber Rahel und ich, als man es uns wiedersagte, nur herzlich lachten.
Die Ständeverhandlungen gingen ungehemmt weiter und stiegen in der Zweiten Kammer unter so glänzenden als gründlichen Erörterungen zu einer außerordentlichen Spannung empor. Die Minister hatten schon ganz darauf verzichtet, diese Abgeordneten, deren Kraft und Einigkeit nur entzweite Schwäche gegenüberstand, zu leiten oder niederzukämpfen, sie suchten ihre Hülfsmittel nur noch außerhalb der Kammern, in Einflüssen, die ihnen besser zur Hand waren und bei deren Anwendung sie persönlich keine Gefahr oder Blöße zu fürchten hatten. Eine Beifallsadresse an die Zweite Kammer wegen deren mutigen Verhaltens, überreicht abseiten der Stadt Heidelberg von deren Vertreter Winter, wurde als strafbare Übertretung der Verfassung ausgeschrien; die Bürger hießen schlechtgesinnt, weil sie solchen Beifall erteilt, die Abgeordneten pflichtvergessen, weil sie ihn angenommen. Daß die ganze Zweite Kammer ein Nest von Jakobinern sei, war der gelindeste Ausdruck, mit dem man sie bezeichnete. Am Hof, im Kreise der Diplomaten, des Adels, an den benachbarten Höfen, in Frankfurt am Bundestage und bei der dortigen vornehmen Gesellschaft, überall kamen die lästerlichsten Reden in Umlauf, beglaubigt und bekräftigt von den höchsten Autoritäten, Meine Kollegen berichteten alle in diesem Sinn an ihre Höfe, und man glaubte ihnen bereitwillig und dankbar; denn gegen die Stände zu sein, galt für pflichttreue, loyale Denkart. Dabei hatten sie jedoch die größte Mühe, die verhandelten[341] Sachen nur zu verstehen; die Formen waren ihnen so fremd wie der Gehalt und diesen aus jenen herauszuschälen meist unmöglich, sie unterschieden nicht Anträge von Beschlüssen und oft nicht, was gegen oder für die Regierung war. Sie wußten, daß ich nicht mit ihnen übereinstimmte, aber sie trauten mir vollkommen zu, die Sachen zu verstehen, und es ist buchstäbliche Wahrheit, wenn ich sage, daß ich selten eine inhaltvolle und lebhafte Sitzung verließ, ohne daß sogleich Palffy und Reigersberg sich links und rechts mir an die Arme hingen, mich in den Schloßgarten zogen und nun von mir wissen wollten, was das Gehörte eigentlich meine, wie für ihre Depeschen, die noch am nämlichen Tag abgehen mußten, aufzufassen sei. Montlezun war in solchen Fällen einigermaßen durch Sprachunkenntnis entschuldigt; Struve, der seine Berichte für das ferne St. Petersburg nicht so zu beeilen brauchte, konnte sich alles zu Hause sorglich überlegen; nur Wächter bedurfte keiner Nachhülfe und konnte ohne Verzug das Nötige berichten, doch lasse ich dahingestellt, ob er nicht etwas zu dunkle Färbung dabei gebraucht, denn er wußte zu gut, daß man in Stuttgart, wo die Verfassung noch in den Geburtswehen lag, einige Eifersucht auf Karlsruhe hegte und sowohl den Glanz beneidete als die Gefahr fürchtete, welche dieses nachbarliche Ständewesen blicken ließ.
Unterdessen hatten sich die Gewitterwolken immer düstrer zusammengezogen, und am 8. Juni brach der stärkste und kühnste Schlag hervor. An diesem Tag erfolgte in der Zweiten Kammer der Bericht über das Adelsedikt, den man vergebens gehofft hatte verhindern zu können; die Sache war in ihrem verfassungsmäßigen Gange nicht aufzuhalten, außer durch Vertagung oder Auflösung der Stände, woran nicht gedacht werden konnte, da das Budget noch nicht bewilligt war. Zum Berichterstatter war Winter von Karlsruhe gewählt, und da dieser mit der Eigenschaft eines Abgeordneten auch die eines Staatsbeamten und sogar Regierungskommissärs verband, so mußte man aufs höchste[342] gespannt sein, von welchem Standpunkt er seine schwierige Aufgabe lösen werde. Für ihn war darüber kein Zweifel, hier hatte jetzt nur der Abgeordnete zu sprechen.
Ernst und ruhig betrat er die Rednerbühne und begann mit herber, doch klarer Stimme seinen gediegenen Vortrag, der über eine Stunde dauerte und dem die gedrängte Versammlung in größter Stille mit höchster Aufmerksamkeit lauschte. Mit unwiderleglichen Gründen bewies er, daß das Adelsedikt nicht die Erfüllung der Bundesvorschrift, wohl aber eine Verletzung der Verfassung sei, daß der Inhalt nicht von Gerechtigkeit, sondern von willkürlicher Begünstigung ausgehe, daß die ausgesprochenen Vorrechte in den früheren Zuständen, auf die man sich doch berufe, nicht begründet, in den gegenwärtigen Verhältnissen durchaus unstatthaft, ein schreiendes Unrecht gegen die Untertanen, eine Beeinträchtigung sogar der Rechte des Thrones sein würden. Mit gerüsteter Kraft und hellem Geiste zerstörte der Redner Schlag auf Schlag die Blendwerke und Täuschungen, in welche man die Wahrheit zu hüllen gesucht, und leitete aus dieser mit strengen unwiderstehlichen Folgerungen als Ergebnis die Sätze her, die er der Kammer zur Beschlußnahme glaubte empfehlen zu müssen. Die Meisterschaft dieses Berichts, seine geistvolle Tiefe und reife Sachkunde sowie seine wissenschaftliche Ruhe und geschichtliche Helle erregten allgemeines Erstaunen. Niemand, am wenigsten die Minister und Hofleute, hatten solche Fähigkeiten und solchen Mut von einem Mann er wartet, auf den man bisher die vornehmen Blicke zu werfen kaum gewürdigt. Als er am Schlusse noch in schmerzlich-unwilligem Tone die persönliche Bemerkung beifügte: »Ich habe hier als Abgeordneter, aber auch als Staatsdiener meine Pflicht erfüllt, wenn es auch für einen solchen eine bedauerliche Aufgabe bleibt, die Rechte des Fürsten gegen dessen eignes Ministerium zu verteidigen«, erscholl von allen Seiten stürmischer Beifall und begeisterter Zuruf; die Sitzung wurde aufgehoben, und alles eilte hinaus, um Winter noch zu sehen, zu[343] begrüßen. Wir Diplomaten gerieten im Weggehen in das Gedränge, plötzlich sahen wir uns dem Gefeierten gegenüber, und ohne mich oder ihn erst zu fragen, stellte mir ein Bekannter ihn vor. Ich mußte ihm einige Worte sagen, auf die er weniges erwiderte. Das war der ganze Auftritt, vor hundert Zeugen, unter den Augen meiner Kollegen. Was man daraus gemacht hat, sollt ich nur zu bald erfahren!
Die Schlußanträge Winters hatten weder Gefährde noch Trotz, sie liefen auf das bescheidene Gesuch hinaus, die Erste Kammer möchte mit der Zweiten sich zu der gemeinsamen Bitte an den Großherzog vereinigen, das Adelsedikt nicht zur Ausführung zu bringen. Nach lebhaften Debatten, in denen der Mut und das Talent der beiden Winter, Duttlingers und vor allen Liebensteins in siegreicher Stärke glänzten, ging auch die Mehrheit der Kammer nicht über jenes Gesuch hinaus.
Aber die Minister und Junker waren in furchtbarer Aufregung. Verwirrt, bestürzt, hatten sie erkannt, welch überlegener Geistesmacht sie hier weichen mußten; sie verließen den Saal geschlagen, beschämt, doch mit kochendem Groll im Herzen. Zuerst ging es über Winter her; es gab nicht Schimpfworte genug für ihn, er war ein Verbrecher, der zur Untersuchung gezogen werden mußte, die sofortige Dienstentlassung war das wenigste, was zu verfügen war, daß er keinen Augenblick Regierungskommissär bleiben könne, verstand sich von selbst. Dann fragte man, woher der Mann das habe, wer seine Gehülfen seien; denn man werde sich nicht einreden lassen, daß ein so untergeordneter Beamter aus eigner Kraft so emporsteigen könne; daß seine Rede etwas Außerordentliches, in seiner Art Meisterhaftes sei, konnte und wollte man nicht geradezu leugnen. Nicht weniger heftig ging es über die ganze Kammer her; die Revolution, hieß es, sei in vollem Ausbruch, Thron und Staat und die ganze bürgerliche Ordnung in äußerster Gefahr; die Zweite Kammer, vielleicht ein paar Vögte ausgenommen, sei eine Rotte von Bösewichtern, die man unschädlich[344] machen müsse; eine Rotte, die nicht einmal Häupter oder Anführer habe, an die man sich halten könnte, die daher in Masse ohne Schonung zu vernichten sei. Dies hatten sie richtig wahrgenommen, kein einzelner stand an der Spitze, niemand, selbst Liebenstein nicht, wollte sich zum Leiter aufwerfen, und es war auch nicht nötig, die ganze Kammer erschien nur um so stärker überall in Form einer gleichgesinnten Gesamtheit.
Anfangs hoffte man, die Kammer durch trotzige Drohungen zu erschrecken. Berstett hielt am nächsten Tag eine Rede, die er sich eiligst hatte ausarbeiten lassen, mit heftigen Ausfällen gegen die Jakobiner, die, wie sonst in Frankreich, jetzt in Deutschland tätig wären; sprach von Revolution und deren Ausschweifungen, die alles ins Unglück stürzten. Seine Rede, leerer Dunst und Schwall, verhallte wirkungslos, und erbittert über die stumme Niederlage, zog er sich zurück, indem er sich verschwor, in dieser Kammer je wieder aufzutreten, was er meines Wissens auch gehalten hat.
Darauf entstand der Gedanke, man müsse sich auf die Erste Kammer stützen und durch sie ein Gegengewicht der Zweiten schaffen; allein der Augenschein zeigte, daß die Erste Kammer der Zweiten gegenüber gar nichts bedeute, keinen Rückhalt im Volk und kein Ansehen in der öffentlichen Meinung und an Kraft und Talenten nur das habe, was in ihr als Opposition dastand und mit der Zweiten Kammer übereinstimmte. Und wär es nur der einzige Rotteck gewesen, er wog die sämtlichen andern Mitglieder auf und konnte zwar nicht über deren Stimmen gebieten, aber seine scharfen, gediegenen, unerbittlichen Erörterungen, seine mit der Kraft der Wahrheit ausgerüsteten, mit dialektischer Kunst entwickelten Anträge trafen immer den Kern der Sachen und schlugen die Anmaßungen der Gegner siegreich nieder; sie verstummten, und erst, wenn sie aus der Kammer heraus und unter sich waren, fanden sie Worte, ihren Unmut auszulassen. Aber ganz allein stand Rotteck in[345] der Kammer doch nicht; es gab Anlässe, bei denen Wessenberg, Thibaut, der Fürst von Fürstenberg und sogar der schwache, schüchterne Hebel ihm beistimmen mußten, wenn sie nicht mit sich selbst in auffallenden Widerspruch geraten wollten. Als das Adelsedikt an diese Kammer gelangt war, hatte der Berichterstatter Freiherr von Türckheim sich zwar als Streiter gegen die Zweite Kammer hervorgewagt, aber anstatt mit guten Gründen sie mit schlechten persönlichen Ausfällen zu bekämpfen gesucht; doch als für die Debatte außer Rotteck auch Thibaut sich als Gegenredner gemeldet hatte, so fürchtete man das Auftreten dieser beiden so sehr, daß man lieber die ganze Sache fallenließ und unter dem Vorwande, die Meinung des Bundestages anhören zu wollen, das tat, was die Zweite Kammer beantragt hatte, man erklärte, das unglückliche Machwerk fürerst nicht in Ausführung bringen zu wollen. So blieb denn diese Kammer so gut wie gelähmt und für die Regierung wie für die Aristokratie selbst, zu deren Gunsten sie doch eingerichtet war, wenig brauchbar. Berstett und seine Genossen hofften auf andern Wegen ihr Heil zu finden. Das verderbliche Treiben sollte den großen Mächten vorgestellt, deren Hülfe angerufen werden, vor allem der Bundestag einschreiten. Etwas von diesem wurde in der Tat versucht, allein nur als geheime unamtliche Anregungen, die von keiner Behörde vertreten wurden noch öffentlich hervorzutreten wagten. Es blieb genug von den giftigen Angebereien hängen und wirkte im stillen fort, aber zu amtlichen Schritten konnte es noch nicht kommen: die großen Höfe waren unter sich noch nicht einig, der Bundestag hatte mit sich selber die größte Not, und die beiden Grafen, die an seiner Spitze standen, Buol-Schauenstein und Goltz, gaben ihre Schwäche täglich zur Schau.
Die Abgeordneten ließen sich durch die gehässigen Verleumdungen und Angriffe nicht irren, sondern schritten fest in ihrer verfassungsmäßigen Bahn weiter; gestützt auf die gute Meinung ihrer Mitbürger, die besser wußten, wie redlich[346] und gemäßigt ihre Vertreter waren, achteten sie des schnöden Unglimpfs nicht, der täglich auf sie gehäuft wurde, und das Gespenst von revolutionärem Geist, das man aufstellte, schreckte nur die schwachen Köpfe der Einsichtslosen oder Furchtsamen. Streng hielt sich die Zweite Kammer an die Verfassung; kein Versuch, über sie hinauszugehen, fand statt, sorgfältig wurde die Geschäftsordnung beachtet; keine Unschicklichkeit kam vor, kein Ruf zur Ordnung war jemals nötig; den aufreizendsten Beleidigungen gelang es nicht, die ruhige Standhaftigkeit, den Ernst und die Würde zu stören, welche unausgesetzt in allen Verhandlungen sich behaupteten. Vornehme Russen, die von Paris kamen und als Reisende zufällig einer Sitzung der Zweiten Kammer beiwohnten, konnten sich nicht erwehren, mit vergleichendem Urteil als unparteiische Zeugen in die größten Lobeserhebungen dieses ruhigen gesetzlichen Ganges und dieser maßvollen Haltung auszubrechen, und beteuerten, diese Deutschen seien vor allen Völkern zum Verfassungswesen und zum öffentlichen Verhandeln berufen! Einer dieser Russen, erinnere ich mich sehr wohl, war des berühmten Namens Potemkin und später Gesandter in Rom. Das Gegenstück hiezu will ich nicht verschweigen! Die Oberhofmeisterin Gräfin Walsh sagte beim Schluß einer Sitzung im Hinausgehen zu Rahel: »Haben Sie den Unsinn gehört? Die gemeinen Leute wollen ordentlich mitsprechen! Gott, warum hat der vorige Großherzog sich zu solcher Verfassung bereden lassen! Ihr König wird doch so was nicht auch tun?« Rahel erwiderte bloß: »Versprochen hat er's.«
Ein paar Vorgänge waren von ergreifender Wirkung und verdienen, aufbewahrt zu werden. Bei einem Anlasse warf ein Regierungskommissär dem Abgeordneten Winter von Heidelberg vor, daß er zu streng und eigensinnig sei, dadurch die Sachen erschwere und die Verantwortung auf sich lade, selbst manches von ihm und seinen Freunden doch Gewünschte zu vereiteln; da stand Winter auf und rief mit bewegter Stimme: »Nicht was ich und meine Freunde wünschen,[347] kommt hier in Betracht, sondern unsere Pflicht, das Beste des ganzen Landes im Auge zu behalten. Dafür hab ich beim Schwur meine Hand aufgehoben, und ich erhebe sie wieder!« Ein anderes Mal, nachdem gezeigt worden, daß verfassungsmäßig keine der Kammern eine besondere Klasse vertrete, bekräftigte Duttlinger dies mit dem Ausspruch: »Der Grundherr in der Ersten Kammer, obgleich er adelig ist, vertritt nicht den Adel, sowenig als ich in der Zweiten die Leibeigenen vertrete, obwohl ich leibeigen bin.« Zuerst erfolgte Staunen und ungläubiges Lachen, und man rief ihm von der Regierungsseite zu, es gebe in Baden keine Leibeigenschaft mehr! Duttlinger jedoch wiederholte mit feierlicher Gelassenheit: »Meine Herren, ich bin ein Leibeigener, was ich sage, ist wahr, und außer mir sind noch andere Mitglieder dieser Kammer in gleichem Falle.« Da folgte beschämtes Schweigen. Der gelehrte Professor des Rechts, der hochgeschätzte feingebildete Mann, der erwählte Volksvertreter ein Leibeigner! Der Eindruck dieses schneidenden Bekenntnisses war gewaltig, und gegenüber solcher Tatsache, dem Unrecht und der Rechtslosigkeit, mußte der Anspruch auf Vorrechte ganz verstummen.
Ich muß wieder eine Strecke zurückgehen, um einiges nachzuholen, was sich unterdessen in anderer Richtung ereignete. Nachrichten aus Berlin stellten uns die öffentliche Meinung dort in größter Gärung vor; die verschiedenen Ansichten und Denkarten, welche sich lange im Dunkel feindlich angeblickt, waren seit der Mordtat Sands offner hervorgetreten und gruppierten sich in Parteien, deren eine zwar nur klein, aber durch Hof- und Adelsverhältnisse mächtig war, die andere, freisinnige, die im ganzen Volke vorherrschte und die Mehrzahl der bessern Staatsbeamten und gebildeten Offiziere für sich hatte. Hardenberg stand unzweifelhaft auf dieser Seite und gewissermaßen auch der König, der im Grunde bürgerlich gesinnt war. Aber von Adeligen umgeben, den Einflüssen derselben offen sowie der allgemeinen Stimmung der Höfe und erschreckt durch mancherlei[348] Warnungen, zu denen die Regungen des Volksgeistes in Frankreich und Deutschland leicht benutzt werden konnten, neigte er stark zu den Ultras, die sich als die Kämpfer für Thron und Staat ankündigten und beide zu retten versprachen. Die Hauptfrage war jetzt, wiefern die verheißene Verfassung wirklich zu erteilen sei und wie sie beschaffen sein müsse. Hardenberg, der seine politische Laufbahn mit diesem Werke schließen wollte, würde dasselbe möglichst freisinnig eingerichtet haben. Es wurde daher alles aufgeboten, ihm diese Sache zu entwinden. Da er nicht ohne Schwächen war und manche Fehler beging, so wurden diese mit Eifer benutzt, ihm zu schaden, sowohl beim König als in der öffentlichen Meinung. Außer den Feinden alles Fortschritts, die schon gegen seine Vorgänger, besonders auch gegen Stein, ihre Ränke gesponnen hatten, bekam er nun auch diesen und einen großen Teil der freisinnigen Männer zu Gegnern, denen er nicht mehr freisinnig oder, wie man es auch nannte, nicht sittlich genug dünkte. Man hielt Wilhelm von Humboldt für den geeigneten Mann, nicht ihn zu ersetzen – das wollte man nicht –, wohl aber ihn zu stützen, und es war daher die große Angelegenheit, diesen in das Ministerium zu bringen. Dies war nicht so leicht, indem auch seinerseits Humboldt sich ungemein schwierig zeigte, doch gab er zuletzt nach, und es war schon ziemlich entschieden, daß er ein Stück des Ministeriums des Innern – einstweilen sollte er sich damit begnügen – erhalten werde. Der Staatskanzler, geschwächt und beengt und wegen seines Alters und seiner Fahrlässigkeit hart beschuldigt, war nun nicht mehr imstande, sich in seinem hohen Amte freisinnig zu behaupten, er mußte, wie schon früher oftmals geschehen, den entgegengesetzten Strömungen nachgeben. Wir sahen eine Krisis voraus, die unter solchen Umständen nur unglücklich ausfallen konnte.
Ich fühlte wohl, daß Hardenberg für mich keine Stütze mehr war, und doch war er der einzige Hochgestellte, zu dessen Denkart ich noch volles Vertrauen hatte und dem ich[349] auch aus persönlicher Dankbarkeit mich verpflichtet hielt. Ich machte hieraus kein Geheimnis und widerstritt Hardenbergs Tadlern, soweit ich es mit Grund konnte. Übrigens hatte ich zu ihm kein näheres Verhältnis mehr, und er wußte kaum, daß ich zu seinen Verteidigern gehörte. Die Ultras in Berlin aber, und auch Stein und Humboldt, wußten es recht gut und verdachten es mir sehr. Den letztern stimmte ein besonderer Umstand noch kälter gegen mich. Ein ausführliches Sendschreiben von ihm über Verfassung war veröffentlicht worden – ohne Zweifel in solcher Absicht schon geschrieben –, worin er über diesen Gegenstand sehr trübe Ansichten aufstellte und dem Gemeinplatz von geschichtlichen Grundlagen, mit dem in Deutschland so viel Unwesen getrieben worden, eifrig das Wort redete. Dieses schwache, seines Geistes unwürdige Schreiben fand in der »Speyerer Zeitung« einen kritischen Gegner, der mit höhnischer Dialektik dasselbe zerhieb und zermalmte. Humboldt hatte dergleichen nicht erwartet und erfuhr auf sein Nachforschen, der Artikel sei aus Karlsruhe gekommen, wo sich denn die Vermutung von selbst ergab, ich müsse ihn geschrieben haben. Nun war allerdings in der »Speyerer Zeitung«, welche Butenschön herausgab, schon mancher kleine Aufsatz von mir erschienen, aber gerade diesen hatte nicht ich, sondern Ludwig Robert ihm ohne mein Wissen und sehr zu meinem Verdruß eingeschickt; denn ich fand es nicht schön, mit einem Freunde, der Humboldt uns doch immer war, hinterrücks so schnöde zu verfahren. Indessen blieb er in dem festen Glauben, ich sei der Urheber, was ich erst mehrere Jahre nachher von ihm selbst erfuhr und nun ohne Bedenken berichtigen konnte, da Ludwig Robert nicht mehr am Leben war. Meinen Vorwurf gegen Humboldt, wie er mich habe in Verdacht haben können, beseitigte er lachend mit den Worten: »O ich weiß wohl! Aber man neckt sich und liebt sich dabei doch!« Indessen schien er doch sehr zufrieden, diesen Aufschluß erhalten zu haben.[350]
Abwesend hatte ich demnach in Berlin ziemlich denselben Stand wie in Karlsruhe, und ich verhehlte mir nicht, daß ich an beiden Orten sehr gefährdet sei. Doch was sollte ich tun? Meine Überzeugung konnt ich nicht verleugnen, die tatsächliche Wahrheit durft ich nicht entstellen; so wenig es sein mochte, ich wollte in dem großen Kampfe, der schon damals ein allgemeiner war, mein Teil redlich mitkämpfen. Meine Berichte stellten gewissenhaft die Sache der Stände in das rechte Licht und rügten Fehler und Mißgriffe der Minister. Sie waren die einzigen, die man von dieser Art in Berlin empfing, und erregten unruhige Verwunderung; man rühmte die Abfassung, aber war desto unzufriedener mit dem Inhalt. Die Winke, welche mir von Freunden darüber zukamen, mußt ich unbeachtet lassen.
Unter meinen kurzen Ausflügen nach Baden war einer durch einen Vorgang merkwürdig, den ich nicht unerwähnt lassen kann. Ein Komet war seit einiger Zeit am Himmel erschienen und strahlte abends im Norden mit herrlicher Pracht. Das Wunderzeichen übte seine zauberische Macht auf die Gemüter, und selbst unabergläubische fühlten ahndungsvolle Schauer und suchten irgendeine Bedeutung mit dem drohenden seltnen Schein zu verknüpfen. Ich erinnere mich noch sehr gut, daß wir eines späten Abends, eine Gruppe von Herren und Damen, zusammenstanden und im Anblick des schönen Sterns allerlei Betrachtungen machten, als ein Ankömmling aus Frankfurt sich zu uns gesellte und nach einer Weile plötzlich ausrief: »Aber wissen Sie denn die neueste Neuigkeit schon?« Niemand wußte, was er meinte. »Sand hat einen Nachfolger gehabt«, fuhr er fort, »ein Staatsbeamter von Ibell ist in Schwalbach von einem jungen Menschen ermordet worden.« Der Eindruck war furchtbar; es schien, als ob der Meuchelmord in Deutschland eingeführt werden sollte, und solches Unheil durfte wohl durch einen Kometen verkündet werden! Indes am nächsten Morgen kamen genauere Nachrichten, die Tat war mißlungen, der Apothekerlehrling Löning, der den Anfall[351] versucht hatte, war ergriffen; die leere Nachahmung ohne tiefen Grund und bedeutenden Gegenstand zeigte keinen weitern Zusammenhang, und nachdem der erste Schrecken überwunden war, legte man der Sache keine besondere Wichtigkeit bei und ließ sich wenig von ihr stören. Man durfte sogar glauben, daß mit diesem elenden Beispiel die gräßliche Verirrung ihr Ende genommen habe.
Die Freiheitsunterdrücker und Demagogenverfolger suchten auch aus dieser traurigen Geschichte den möglichsten Vorteil zu ziehen und erneuerten ihr Geschrei von Verschwörungen, deutschen Assassinen; der Kampf in Schriften und Zeitungen wurde mit Erbitterung fortgesetzt; hier wurden die Ultras fast immer geschlagen und schmählich zu Paaren getrieben; allein der Trieb, man kann sagen, die Wut, nach dem erhobenen Lärm nun auch wirklich Verschwörungen nachzuweisen oder herauszudeuten, führte hartnäckig neue Truppen ins Gefecht, und wenn ihre unhaltbaren Angaben am Lichte der Wahrheit zerfallen waren, hatten sie sogleich wieder neue ebenso unerweisbare hingestellt. In jedem Fall waren sie gewiß, allen Nachteil, den sie in der öffentlichen Verhandlung erlitten, durch ihre geheimen politischen Anschläge, die für Karlsbad eingeleitet wurden, hundertfach wieder einzubringen.

Durch die Vorlegung des Finanzgesetzes oder Budgets, des eigentlichen Hauptstoffs aller Wirksamkeit, waren die Ständeverhandlungen in ein ganz neues Stadium getreten. Alle Geldbewilligung war durch die Verfassung vorzugsweise der Zweiten Kammer zugewiesen. Es war daher nicht bloß Folge der öftern Erinnerungen des Ministeriums, es war auch Folge der bedrängenden Anfeindungen, daß die Kammer sich nun hauptsächlich diesem Gegenstande zuwandte und die sonstigen Angelegenheiten teils ruhen ließ, teils nur mit nachlassendem Eifer fortsetzte; denn allerdings war für diese, selbst bei den edelsten Anstrengungen und reichsten Arbeiten, wenig zu hoffen, da sie noch an eine Erste Kammer[352] gelangen mußten, auf deren Sinn und Willen nicht zu rechnen war, und an ein Ministerium, das sich schon vollkommen feindlich erwies. Das Budget aber war der Grund und Boden, auf dem die Abgeordneten am unbestreitbarsten feststehen und endgültige Beschlüsse fassen durften. Die Beschaffenheit der Finanzvorlagen war auffallend durch die Höhe der Summen, durch die Anordnung des Ganzen; ein schlecht verhülltes Defizit war bald entdeckt und mußte eingestanden werden; es schien, als habe man absichtlich den Unwillen und die Verstimmung der Abgeordneten hervorrufen, sie zu strengen Entschließungen drängen wollen, um darauf nachher um so treffendere Vorwürfe zu begründen. Über manche Gegenstände, die ihnen zur Entscheidung hingegeben wurden, hätten sie lieber nicht abgesprochen, sondern gern ein Zartgefühl geehrt, durch das ihnen diese Gegenstände wären entzogen worden; sie selbst aber, wider Willen zur Entscheidung aufgerufen, glaubten auf ihrem Standpunkte nicht bloßem Zartgefühl folgen zu dürfen. So bei der allerdings harten und gewiß nicht klugen Verkürzung der Jahrgelder der Großherzogin Stephanie und der Markgräfin Amalia. Beides war dem Großherzog insgeheim lieb, und als auch die Summe für den Unterhalt der drei Töchter der Großherzogin kärglich bestimmt wurde, sagte der Großherzog zu mir: »Das ist schon ganz recht! Was braucht die Großherzogin eine so kostbare Erziehung für ihre Kinder? Die Frau von Graimberg bekommt jetzt als Erzieherin mehr, als sonst alle badischen Prinzessinnen gekostet haben! Wegen der Markgräfin«, fügte er hinzu, »ist mir doch die Sache unangenehm, weil die nun in St. Petersburg sehr schreien wird.«
Nebenius war der Hauptverteidiger des Budgets, das er aber nicht entworfen hatte. Mit dem redlichsten Willen und der größten Gewandtheit erfüllte er seine Aufgabe bis zu den äußersten Grenzen; aber offenbaren Tatsachen konnte er nicht widersprechen, zu Lügen und Verdrehungen sich nicht erniedrigen. Der Kampf war auf manchen Punkten[353] lebhaft, überschritt indes nie die Schranken des Anstandes und der Ordnung. Der Kriegsminister Generallieutenant von Schäffer, mit dem ich kurz vorher einen Kartellvertrag unterhandelt und abgeschlossen und dabei seiner franken Redlichkeit mich erfreut hatte, gewann in der Erörterung des Militärbudgets, an der er seinerseits mit Offenheit und Nachdruck teilnahm, und durch die stolze Freimütigkeit, mit der er bekannte, gemeiner Soldat gewesen zu sein, die größte Hochachtung, selbst derer, die ihn bestreiten mußten. Man sah deutlich an diesen Beispielen, daß es den Ministern bei etwas mehr Geschick und weniger Hoffart sehr leicht gewesen wäre, von der Kammer die rücksichtsvollste Nachgiebigkeit zu erlangen. Allein sie legten es wie geflissentlich nur immer auf größeren Zwiespalt an und stimmten auch den Großherzog immer feindlicher. Als ich nach einer Sitzung ihn besuchte, fand ich ihn von dem Verlaufe derselben schon unterrichtet und sehr aufgereizt gegen die Abgeordneten sowohl als gegen die Regierungskommissäre, besonders gegen Nebenius. »Der Nebenius«, sagte er, »das können Sie mir glauben, lieber Varnhagen, der hätte eigentlich das Zuchthaus verdient, der hat ja den Ständen über die Finanzen solche Aufschlüsse gegeben, die ein Verrat seiner Amtspflicht sind!« Ich wollte versuchen, den braven und in meinen Augen vorwurfsfreien Mann zu verteidigen, allein bevor ich noch Worte fand, fuhr der Großherzog zu meinem Erstaunen in gleichem Zorn heraus: »Zwar ich kann nichts dagegen sagen, mein Wille war's, ich hatte ihm befohlen, den Ständen alles offen hinzulegen!« Nachdem der Großherzog dies gesprochen, was konnte ich noch sagen? Ich sah traurig und hoffnungslos in diesen Abgrund von Verwirrung und Widerspruch. In gleicher Weise machte der Großherzog nun den Abgeordneten zum Vorwurf, daß sie das Wittum der Großherzogin und der Markgräfin geschmälert und die Erziehung der Prinzessinnen in unanständiger Weise gleichsam an den Mindestfordernden zur Versteigerung gebracht hätten! Ich konnte mir nicht verhehlen, daß in seinem Innern[354] nur ein kleiner Raum bessern Bewußtseins noch frei war, auf welchem sein Vertrauen zu mir wurzeln konnte, aller übrige gehörte schon den giftigsten Einflüsterungen.
Die Verhandlungen nahmen nun mehr und mehr die Gestalt eines bittern Kampfes. Der Regierungskommissär Staatsrat von Sensburg, der ohne Geist und Fähigkeit sich anmaßte, den Abgeordneten vorzuhalten, die Beamten verstünden die Sache besser als sie hier Versammelte, unter denen gerade die höchsten und kundigsten Beamten saßen, wurde mit solchen starken Gründen zurechtgewiesen, daß er wohl erkennen mußte, diese ständischen Sachen verstehe er ganz und gar nicht, und daß er sich kaum noch wieder wollte sehen lassen. Weil man mit dem Bundestage gedroht hatte, schleuderte Liebenstein gegen diesen eine geistvolle Rede, die jede Einmischung dieser Behörde, die auf ihrem eigenen Felde genug zu tun habe und so wenig leiste, nachdrücklich verwarf, und worauf in Frankfurt kein Wort erwidert wurde.
Jetzt kamen auch die Verdächtigungen dreister hervor, die mich bisher dunkel umschlichen hatten. Ich erfuhr, daß der Polizeidirektor von Sensburg, Sohn des Staatsrats, von Berstett heftig war ausgescholten worden, er sei nachlässig in seinem Amt oder lasse sich berücken: wieso habe er nicht gemeldet oder ihm entgehen können, daß die Häupter der Zweiten Kammer alle Abend bei dem preußischen Ministerresidenten zusammenkämen und dort bis tief in die Nacht berieten? Vergebens wandte Sensburg ein, er müsse diese Angabe durchaus bestreiten; denn er selber sei jeden Abend mit diesen Abgeordneten auf dem Museum zusammen, das sie selten vor Mitternacht verließen, und von mir könne er bestimmt versichern, daß ich die Abende fast immer ohne alle Gesellschaft sei, ja ganz einsam mit meiner Frau beim Tee gewöhnlich vor der Haustüre sitze; ihm wurde gesagt, diese Nachrichten seien falsch, er solle sich bessere Kundschafter halten. Sensburg selbst, den ich übrigens nicht kannte, ließ mir durch Friederich von diesem Vorfall Nachricht geben und mich zur Vorsicht ermahnen;[355] denn er sah mit Ärger, daß außer seiner Polizei in dem kleinen Karlsruhe noch eine zweite bestehe, der man mehr glaubte, weil sie ihre Nachrichten gefälliger nach den Wünschen einrichte.
Sodann hieß es, ich habe gegen alle Ordnung und Schicklichkeit der Berichterstattung Winters öffentlich Beifall geklatscht, ihn selbst beim Ausgang aus der Kammer umarmt und geküßt. Dergleichen war ich nie gewohnt zu tun, und was vor allen Augen geschehen war, konnte von allen diesen auch als etwas ganz anderes bezeugt werden; ebensowenig ließ mein Benehmen auf der Zuhörerbühne, wo ich mit Fleiß eine stille gleichmäßige Haltung beobachtete, nie erraten, was in mir vorging; mein Tadel oder Beifall blieb stets verschlossen. Meine freisinnigen Ansichten waren bekannt, mein Wohlgefallen an den Ständen gleichfalls, und dem Großherzog und seinen Ministern glaubt ich mein Urteil nicht verhehlen zu dürfen, sowenig wie dem Ministerium in Berlin. Aber politische Streitigkeiten mied ich sorgfältig, ließ jedem seine Ansicht und stand mit allen Fürstlichkeiten, Hof- und Staatsbeamten, Berstett nicht ausgenommen, sowie mit meinen diplomatischen Kollegen auf ungestört freundlichem Fuß, kaum daß einmal scherzend auf unsere verschiedenen politischen Meinungen angespielt wurde. Die Ständemitglieder kannt ich meist nur von dem Sitzungssaale her, hatte keinen näheren Verkehr mit ihnen, namentlich waren Winter und Nebenius mir so fremd, daß ich nicht einmal wußte, wo sie wohnten. Doch sollt ich dem erstern auch sogar seinen Bericht geschrieben haben; denn wie wäre jener, den man so lange Jahre als einen mittelmäßigen Unterbeamten gekannt, plötzlich zu solchem Talent gekommen? Aber wie ich dazu kommen sollte, der ich mich in dieser Art Schriften noch nie versucht hatte, fragte man nicht! Man hätte mit gleichem Rechte sagen können, ich schriebe Schleiermachers Predigten! Genug, ich sollte der geheime Ratgeber und Führer dieser Männer sein, der eifrige Zubläser des Feuers, das überall so gefährlich aufloderte.[356]
Der Ursprung dieser bösen Gerüchte war nicht schwer zu erraten, ihre Verbreitung auf diplomatischem Wege leicht zu verfolgen. Wie in Karlsruhe, so waren sie auch in Stuttgart und Darmstadt, in München und Frankfurt verbreitet. Daß sie auch nach Berlin gedrungen waren, durfte mich nicht befremden; hier allerdings mußten die falschen Angaben, welche von allen Seiten übereinstimmend einliefen und wo man, sie zu prüfen, weder Mittel noch Willen hatte, die stärkste Wirkung tun. Hämisch fragte man unterderhand, was für Weisungen ich denn wohl von meiner Regierung habe, ob ich vielleicht von Hardenberg deren empfange, die denen von Bernstorff widersprächen. Daß ich deren seit einem halben Jahr gar keine erhalten, dachte niemand.
Ich erhielt die amtliche Anzeige, daß der Kronprinz von Preußen auf seiner Reise nach der Schweiz durch Karlsruhe kommen und daselbst am 13. Juli anlangen werde. Infolge gleicher Anzeige hatte schon Küster einige Tage früher sich in Karlsruhe eingefunden. Ich fand ihn äußerst höflich, aber minder vertraulich als sonst, und dagegen mit Berstett, dem er wie auch dem Großherzog bisher wegen meines Zähringer Großkreuzes gegrollt hatte, im besten Einvernehmen. Es mußte mir auffallen, daß ihr eifriges Gespräch, wenn ich hinzutrat, plötzlich abbrach und eine gleichgültige Wendung nahm. Wir fuhren zusammen nach Bruchsal, wo der Kronprinz zuerst eintreffen und bei der verwitweten Frau Markgräfin ansprechen wollte. Wir waren bei ihr zum Frühstück und fanden sie sehr aufgeräumt und gesprächig; sie ließ sich besonders mit mir ein, sprach von ihrer Tochter Amélie, von deren Freundschaft für Rahel. Bald verkündeten ausgeschickte Boten die Ankunft des hohen Gastes, und in Sturmeseile rollten die Wagen in den Schloßhof, stürzte der Kronprinz heraus und flog in die Zimmer der Frau Markgräfin. Der General von dem Knesebeck, der den Kronprinzen begleitete, sagte uns, derselbe würde sogleich nach Karlsruhe weitereilen, und Küster und ich fuhren schleunigst zurück, um uns in Uniform zu werfen und ihn[357] auch dort zu empfangen. Mit schnellen Pferden, deren Lauf er gelegentlich selber mit Peitschenhieben beschleunigte, folgte er uns auf dem Fuße, und kaum gelang es uns, vor ihm an der Türe des Gasthofs zu sein, wo er abtreten wollte. Seine Lebhaftigkeit war außerordentlich, er stürzte mehr aus dem Wagen, als daß er herausstieg, fiel überrascht dem Großherzog in die Arme, stürmte dann die Treppe hinauf, war schnell umgekleidet und besuchte den Großherzog, indem wir alle folgten. Wieder im Gasthof angelangt, sagte er Küstern und mir ein paar Worte und entließ uns, weil er sogleich schreiben wolle. Zu einer Abendtafel in Gala fand er sich nicht ein, besuchte aber den Großherzog und begab sich dann zur Ruhe. Am folgenden Tage war Sitzung der Kammern, der Kronprinz besuchte die der Zweiten Kammer, und als ob es verabredet gewesen wäre, kam nichts vor, was irgendeinen guten Eindruck hätte machen können; keine kühne Rede, keine lichtvolle Erörterung, nur die kleinlichsten Budgethäkeleien, die auch mir Widerwillen erregten und die ihm noch kleinlicher vorkommen mußten; dem Großherzog wurde ein überflüssiger Adjutant abgesprochen, das war die Haupttat der Sitzung, und was sonst Unwillen und Ärger hervorgerufen hätte, schien bei dieser Gelegenheit willkommen zu sein; denn der Kronprinz äußerte sich mißfällig über dies Verfahren der Stände. Knesebeck sprach nachher mit mir über diese ärgerlichen Kammerverhandlungen und hörte nur kopfschüttelnd an, was ich ihm über den wahren Hergang der Dinge sagte, daß nur die Unfähigkeit und der böse Willen der Minister diesen schlechten Stand bewirkt habe. Allein er ließ sich nicht weiter ein und mochte, wie auch der Kronprinz, schon mehr über mich wissen als ich selber. Außerdem war nicht viel Zeit zum Reden, alles war beständig in atemlosem Fluge, nicht nur Knesebeck, sondern auch die jüngern Begleiter konnten kaum mitkommen. Küster und ich konnten von dem Kronprinzen wenig sagen, alle Personen aber, mit denen er sich unterhalten, sprachen mit Entzücken von seiner Liebenswürdigkeit,[358] seinem zwar ungestümen, aber frischen und anmutigen Wesen, seiner jugendlich unbefangenen Freiheit. Am Tage darauf eilte er nach Baden.
Unmittelbar nach diesem Besuch erhielten wir Nachrichten aus Berlin, welche das größte Aufsehen und mannigfache Bestürzung erregten. Es waren daselbst plötzliche Verhaftungen vorgenommen und viele Papiere unter Siegel gelegt worden. Ein Artikel in der »Staatszeitung«, welche zwar der Geheime Staatsrat von Stägemann redigierte, aber dabei gar nicht freie Hand hatte und diesmal ganz den polizeilichen Eingebungen folgen mußte, schlug gleichzeitig Lärm und verkündete die Entdeckung hochverräterischer Verschwörungen und demagogischer Umtriebe, die sich über ganz Deutschland erstreckten, hauptsächlich aber von den Universitäten und vom Turnwesen ausgingen. Über letzteres war schon eine heftige literarische Fehde geführt worden, Steffens in Breslau hatte dasselbe als ein Verderben der Jugend geschildert, auf das staatsgefährliche Treiben aufmerksam gemacht, wodurch er mit seinen früheren Freunden zerfallen war. Man erfuhr, daß der Turnlehrer Jahn verhaftet und nach Spandau gebracht sei, daß Schleiermacher, Reimer, in Bonn Arndt und beide Welcker ihrer Papiere beraubt worden; über vierzig Polizeibeamte waren gleichzeitig von Berlin ausgesandt, um an den verschiedensten Orten Verhaftungen und Beschlagnahmen auszuführen. Außer jenen bekannten Namen wurden eine Menge uns unbekannter angeführt, dann auch wieder solche, die man ganz unglaublich fand. Das Ganze glich einem Staatsstreich, dem Sieg einer Partei, bei dessen Ausführung sie selbst nicht ohne Unruhe war und große Gefahr und möglichen Widerstand erblickte. Der König war des halb auch von Berlin abgereist, um von der Sache nicht unmittelbar berührt zu werden. Die polizeilichen Gewaltmaßregeln gingen zunächst vom Geheimen Rat von Kamptz aus, einem diensteifrigen, sonst nicht bösartigen, aber sehr beschränkten Manne, der sich als blindes Werkzeug gebrauchen ließ. Über ihm stand der Minister des Innern[359] und der Polizei, dieser aber folgte ohne Widerrede den Befehlen oder Winken des Fürsten von Wittgenstein, der als das Haupt der Hofpartei galt, eigentlich aber selbst nur ein Diener dieses Mitteldings von Gespenst und Wirklichkeit war. Der Staatskanzler mußte die Sachen geschehen lassen, überzeugt, daß ihr Ungrund sich erweisen werde; diesen schon jetzt zu behaupten, hätte nur ihn selbst verdächtigt; der Schlag war gegen ihn und seine Freunde mitgeführt, mußte aber an dieser scheinbaren Nachgiebigkeit noch abgleiten; schwerer fühlten sich die höheren sogenannten Liberalen, Stein, Humboldt, Gneisenau, Savigny, Niebuhr, Eichhorn und viele andere, getroffen, die zwar mit jenen Demagogen nicht gleichen Sinnes waren, aber doch durch einige Fäden mit ihnen zusammenhingen, auf Verfassung drangen und daher der Hofpartei noch verhaßter waren als jene, die wenigstens nicht als Nebenbuhler zu hohen Staatsämtern auftreten konnten. Überall widerhallte das Geschrei von Hochverrat, von Anschlägen gegen das Leben der Fürsten und ihrer getreusten Diener, von blutdürstigen Jakobinern, revolutionären Lehren, staatsgefährlichen Vereinen. Die Universitäten, die Zeitungsschreiber, die Landstände, alles Verschiedenartigste, unter sich Feindlichste, wurde in dieselbe Verdammnis geworfen, jeder Zweifel an dem ausgebreiteten Verderben, jedes Schutzwort für die Angeklagten, für die Universitäten, die Presse, jedes Wohlgefallen an ständischen Dingen wurde zum Verbrechen gemacht. Die Höfe, das ganze Junkertum, die Diplomaten stimmten in das Geschrei nach Kräften ein und stürzten sich geschäftig in die eröffnete Bahn der Verdächtigungen und Verfolgungen. Bald wurden auch aus Freiburg und Erlangen, aus Gießen und Jena Verhaftungen kund, in Jena traf auch Okens Papiere das Schicksal roher Durchsuchung, viele Professoren sollten abgesetzt, ganze Universitäten aufgehoben werden. Das Geschrei war maßlos und betäubend.
Der Großherzog, den ich nur noch sehr selten aus eignem Antrieb aufsuchte, wünschte mich zu sprechen und fragte mit[360] großer Besorgnis, was ich von den Dingen hielte. Daß ich die Angaben für übertrieben erklärte, war ihm als Beruhigung lieb, daß aber gar nichts daran sei, wollte er nicht glauben. Schon der Markgraf Wilhelm, der aus Rußland über Berlin zurückgekehrt war, hatte bei seiner Durchreise daselbst im Vertrauen gehört, daß man argen Dingen auf der Spur sei, daß die Anzeigen sich täglich häuften und daß nächstens die Regierung zu entscheidenden Maßregeln schreiten müsse; zu den Anzeigen hatte er auch wohl selber beigetragen und nach empfangenen Weisungen aus Karlsruhe sich über den Geist der badischen Stände wie meinen vermeintlichen Einfluß auf sie höchst nachteilig geäußert, worauf ihm die Zusicherung erteilt worden war, daß dem Unwesen bald Abhülfe bevorstehe. Der Großherzog wollte wissen, ob Freunde von mir unter den Verhafteten seien, was ich mit entschiedenem Nein beantwortete. Dann fragte er, warum der König vor dem Ausbruch der Sache nach Breslau gereist sei. Da ich keine Ursache anzugeben wußte, so platzte er heraus: »Das kann ich Ihnen sagen! Er hat sich gefürcht't! Er hat sich gefürcht't!« Auf meinen lebhaften Einspruch versetzte er dann begütigend: »Nehmen Sie das nicht so schlimm, ich dien ihm so gut wie Sie, und was wir hier unter uns reden, das schadet nichts.« Dabei wiederholte er den Vorwurf, den er mir schon bei andern Gelegenheiten gemacht, ich sei zu preußisch! Ich entgegnete, wenn Preußen nur selber preußisch sei, könne ich nie zu preußisch sein!
Welchen Eindruck die Sachen in Berlin gemacht, wie besorgt und eingeschüchtert die Liberalen geworden, zu welcher Sprache sie einlenken zu müssen glaubten, gibt am besten ein Brief von Stägemann zu erkennen, den ich deshalb hier einschalte. Er schrieb mir unter dem 16. Juli 1819:

Unser Briefwechsel, teuerster Freund, scheint seit meiner Reise nach Schlesien, von der ich unlängst zurückgekommen bin, ganz unterbrochen worden zu sein. Ich habe sogar vergessen,[361] ob Sie mir einen Brief schuldig sind oder ich Ihnen. Sollte ich Ihnen nicht durch Madame Milder einen Brief geschickt haben? Doch ist es mir in der Tat entfallen.
Was sich inzwischen hier begeben, werden Sie längst wissen. Man ist durch aufgefangene Korrespondenzen, wie es heißt, einer geheimen Verbindung auf die Spur gekommen, die nichts weniger will, als die Throne des Jakobinismus auf den Thronen der Fürsten errichten, die nur Mord und Hochverrat atmet. Ich glaube nicht, daß der Fürst Staatskanzler die bestimmte Sprache dieserhalb öffentlich würde führen lassen, wenn nicht die Existenz einer geheimen Verbindung daraus hervorginge. Dieses also setze ich als fundatiert voraus, und dann versteht es sich von selbst, daß die Regierungen auf ihrer Hut sein müssen. Aber ob die Maßregeln, wie sie genommen werden, die angemessenen sind, ist mir sehr zweifelhaft. Ich fange in der Tat an, großes Unheil zu besorgen. Der Mann gefällt mir nicht und das Weib noch weniger. Die Sprache unserer sogenannten Liberalen ist mir höchst unangenehm; und aufrichtig gesagt, will mir Ihre dortige Zweite Kammer nicht einleuchten. Mir kommt vor, als ob der in den Zeitungen so gerühmte Winter nur ein schwaches Haus sei und Liebenstein auch mehr nach einem Namen in den Zeitungen als in der Geschichte strebe. Es scheint mir ganz unmöglich, daß es zum Ziele führe, wenn sich die Volksrepräsentanten gegen die Fürsten in Opposition stellen; es muß die Souveräne erbittern und zu Gewaltschritten leiten, die, welchen Erfolg sie auch haben, doch immer ein großes Übel sind und uns in blutige, böse Verwirrung führen müssen.
Dagegen scheinen mir die Regierungen auch auf einer unrichtigen Bahn, wenn sie voraussetzen, daß sie es nur mit einer Anzahl von Demagogen zu tun haben, durch deren Unterdrückung sie das Übel in der Wurzel zu vertilgen meinen. Die Sache ist viel gefährlicher für sie, als sie glauben. Die Gesinnungen sind überall angesteckt, und die Köpfe werden wachsen wie die der Hyder. Es wäre möglich,[362] daß in Deutschland die Gewalt jetzt noch wirksam sein und eine absolute Souveränität der Fürsten aufrechterhalten werden könnte – aber wir müssen unsere Augen dabei nach Frankreich wenden. Frankreichs konstitutionelle Monarchie steht meines Bedünkens fest und reißt die Nachbarn mit. Wie wollen unsere Fürsten mit Frankreich Krieg führen, wozu es doch über kurz oder lang kommt? Indes ist es allerdings schlimm, in so verworrener Zeit in so verworrenen schweren Händeln zu raten.
Noch immer hoffe ich, daß Preußen vor den Gefahren, die sich besorgen lassen, werde bewahrt bleiben. Auch die jetzige Untersuchung zeigt, daß unsere Gemüter noch die ruhigsten sind, und ich denke, daß wir noch lange unsern Toast werden trinken können: das Land, worin wir leben!
Suchen Sie an Ihrem Teil auf die dortigen Repräsentanten zu wirken, daß sie nicht ihren Leidenschaften und den Eingebungen einer trostlosen Ehrsucht folgen und daß sie nicht Zwiespalt zwischen der Regierung und dem Volk befördern. Der Großherzog gibt gewiß keinen Anlaß und würde die Adelsgeschichte anständig ausgeglichen haben, wenn man anständig verfahren wäre. Sie sind noch jung und werden noch an den Begebenheiten der Welt teilnehmen. Ich habe mich längst entschieden, mich in die Bezirke der Kunst zu flüchten, und nur das Schicksal meiner Kinder macht mich für die Zukunft besorgt. August, der jetzt in Bonn ist, hat nur für die Wissenschaften Sinn, und diese werden ihn auch in harten Tagen aufrechthalten. Nächstens mehr. Kiesewetter haben wir vor einigen Tagen begraben. Die herzlichsten Grüße an Ihre liebe Frau.
Totus tuus Stägemann.

Nicht des Schreibers eigne Gesinnung drückte dieser Brief aus, sondern die er für die jetzt geltende und nützliche hielt, mit verschämten Zusätzen eines noch übrigen Freisinns, damit die bisherige Denkart mit einigen Ehren sich zurückzöge. Seine Ratschläge jedoch, welche die tatsächliche Wahrheit[363] und eigne Überzeugung fremdem willkürlichen Dünken unterordnen wollten, die zu befolgen mir jederzeit unmöglich gewesen wäre und die ich nicht einmal für klug halten konnte, kamen überdies noch viel zu spät; als ich sie las, war über mich, ohne daß ich es wußte, schon entschieden.
Ein anderer Freund, der Gesandte von Gruner in der Schweiz, war nicht weniger durch die Berliner Maßregeln aufgeregt. Er schrieb mir sogleich, daß er zwar keineswegs an die Verschwörung und Verbrechen glaube, daß er aber dem fanatischen Wahn gegenüber jede Vorsicht nützlich halte. »Vernichten wir daher unsere Papiere, mein teuerster Freund!« schrieb er, »wie leicht könnte nicht auch an uns die Reihe kommen. Und bei aller Reinheit der Gesinnungen, wie leicht ist der Bosheit oder Dummheit, einzelne Sätze auszureißen und im bösen Sinne zu verdrehen!« Ich konnte hieraus genugsam ersehen, wie gefahrvoll ihm die Lage der Dinge schien.

Der durch Bayern und Österreich lange verzögerte Abschluß des Vertrags, durch welchen infolge der Aachener Festsetzungen die badischen Angelegenheiten völlig sichergestellt wurden, kam erst jetzt in Frankfurt zustande; Humboldt, der mit Ungeduld die Erledigung dieses Geschäfts abgewartet hatte, bereitete nun sich zur Abreise nach Berlin, wo er zwischen feindlichen Parteien hauptsächlich in der Verfassungssache tätig und den widersprechendsten Anforderungen genügen sollte. Man wußte nicht, ob er dabei ältern Übereinstimmungen gemäß mehr mit dem Staatskanzler oder infolge seiner persönlichen Verbindungen mit dessen Gegnern stehen würde; die Hofpartei hatte über ihn zwei Meinungen, deren eine ihn verwarf, die andere ihn zu gewinnen hoffte. Die letztere hielt ich zwar für unmöglich, aber ich wußte, daß er bei durchaus guten Absichten den Umständen einen großen Spielraum gewährte, wozu selbst seine Dialektik ihn vermochte, welche sich zur Aufgabe stellte, von jedem Punkt aus zum Wahren und Guten zu[364] gelangen. Diese weiten Umwege waren nicht nach meinem Sinn; ich konnte sie als notwendige annehmen, wie ich lange Zeit auch getan, nicht aber sie wählen, solange andere offenstanden. Den Rat, mich an Humboldt anzuschließen, unter ihm in Berlin eine mir angemessene Stellung zu erlangen, mußt ich, wie dringend er mir wiederholt erteilt wurde, unbefolgt lassen. Ob die Sache geglückt wäre? Ich zweifle. Mein Stern war in solchen Dingen ebensowenig günstig wie der seinige. Jedenfalls aber war schon längst alles zu spät.

Von politischen Neuigkeiten war die bedeutendste das Gerücht, daß zu Karlsbad im August ein Kongreß von Ministern zusammentreten werde, um die gefahrvollen Zustände Deutschlands in Erwägung zu ziehen und Maßregeln gegen die revolutionären Bestrebungen zu treffen, die überall in Wort und Tat so erschreckend ans Licht traten. Von allen Seiten bestätigte sich dies Vorhaben. Metternich und Gentz wurden als die Häupter bezeichnet, um welche sich die andern scharen würden. Von seiten Preußens sollte Bernstorff an den Beratungen teilnehmen; Berstett, der Badens Vertretung übernahm, hoffte in der glänzenden Versammlung von Diplomaten die Scharten auszuwetzen und zu rächen, die er im ungleichen Kampfe gegen die Stände davongetragen hatte. Ein zu dem genannten Zweck veranstalteter und aus solchen Mitgliedern bestehender Kongreß verhieß den deutschen Freiheits- und Verfassungsbestrebungen nicht viel Gutes, doch war man weit entfernt, von ihm ein solches Übermaß des Schlechten zu erwarten, als er in der Tat geliefert hat. Die bayerische Ständeversammlung war vor kurzem mit leidlichen Ergebnissen zum Schlusse gelangt, eine württembergische, zur Mitberatung einer Verfassung berufene, sollte nächstens zusammentreten; in Berlin war immerfort noch ernstlich die Rede von Provinzial- und Reichsständen, eine Kommission zu deren Entwerfung neuerdings ernannt, die Presse zu diesem Zweck im freisinnigsten Geiste tätig, das mündliche Wort kühn und trotzig. Unter solchen[365] Umständen schien von der Versammlung zum Teil doch einsichtiger Minister nicht allzuviel zu fürchten.
In Karlsruhe hatten die Ständeverhandlungen leider eine widrige Wendung genommen; das kleinliche bittre Gezänk über das Budget war langweilig, unter den Abgeordneten selbst traten Spaltungen ein; die geistig begabteren nahmen lässiger teil an den Sitzungen, die mich ebenfalls wenig mehr anzogen und die ich nur noch aus Pflicht besuchte. Der Schluß des Landtages unmittelbar nach bewilligtem Budget wurde nächstens erwartet, mit nicht geringerer Ungeduld von den Abgeordneten als von dem Hof und den Ministern. Berstett bereitete sich schon auf Karlsbad vor und war ganz reisefertig.
Doch sollte vorher noch eine große Festlichkeit stattfinden. Die Vermählung des Markgrafen Leopold mit der Prinzessin Sophie von Schweden war beschlossen und auf den 25. Juli festgesetzt. Man dachte kaum noch an die Stände, alles war mit den bevorstehenden glänzenden Hoftagen beschäftigt. Der neue russische Gesandte, Fürst Koslowski, hatte deshalb seine Ankunft von Stuttgart beschleunigt und eilte, seine Beglaubigungsschreiben zu übergeben. Er war eine auffallende Erscheinung, von mittlerer Größe und unverhältnismäßigem Umfang, dabei jugendlich dreist und rasch, aufgeweckt, den Frauen huldigend, von Geist sprühend in freier und kühner Wohlredenheit. Er besuchte mich gleich und hielt seine Gesinnungen und Gedanken nicht zurück; er hatte von mir gehört und glaubte mir ganz vertrauen zu dürfen. Ich lernte einen Russen kennen, wie ich noch keinen gesehen hatte. Er war in seiner Jugend nach Rom gekommen und hatte hier gelegentlich den griechisch-orthodoxen Glauben mit dem römisch-katholischen vertauscht, dann den Kaiser Alexander auf Feldzügen und zu Kongressen begleitet, nach seiner ersten Gesandtschaft in Turin die von Stuttgart und Karlsruhe erhalten. Meisterhaft sprach er französisch, fast ebenso englisch und italienisch, das Deutsche war ihm geläufig; er las die besten Schriftsteller,[366] faßte deren tiefste Gedanken. Dabei hatte er die größte Menschenfreundlichkeit, das gutmütigste Herz. Alles dies aber war bedeckt von dem leichtfertigsten Weltsinn, der nur auf den Genuß des Tages und auf Erwerbung von Frauengunst auszugehen schien; er machte großen Aufwand, hielt schöne Pferde, sprach von Festen und Gastereien, die er geben werde, und gab sich damit bei den Karlsruhern ein großes Ansehen. Doch sein völlig ungezwungenes rasches Wesen gab manchen Anstoß; man erzählte gleich die ersten Tage wunderliche Geschichten von ihm, und er war gar nicht unzufrieden, wenn darüber gelacht wurde. Man sah in ihm nur einen vornehmen dreisten Wüstling, und auch mir entschwand sein höherer Geist in dem oberflächlichen Gebraus der jetzt sich drängenden Hoffeste. Mehrere waren schon glücklich abgetan, ich wünschte sie alle vorüber; denn hinter dem Schein der Freude sah ich nur Neid, Ärger oder Gleichgültigkeit. Dieser leere Prunk, das Ständegezänk daneben, im Hintergrunde die Berliner Sachen – wie sehnt ich mich aus all dem Wirrwarr hinaus in die freie Luft nach Baden, wo Rahel mich schon längere Zeit erwartete! Das größte und letzte Fest, am Vermählungstage, stand noch bevor; dieses aber sollte mir erspart werden.
Am 22. Juli frühmorgens, als ich noch im Bette lag, erschien Herr von Küster, bedauerte, mich so früh stören zu müssen, obenein durch etwas Unangenehmes, und übergab mir eine Depesche aus Berlin. Ich las:
Da des Königs Majestät sich veranlaßt finden, den Posten, welchen Euer Hochwohlgeboren bisher an dem großherzoglich badenschen Hofe bekleidet haben, eingehen zu lassen, so verfehle ich nicht, Ihnen davon Anzeige zu geben und Sie hiemit anzuweisen, dem großherzoglichen Ministerium sofort von Ihrer Abberufung Kenntnis zu geben, das Gesandtschaftsarchiv aber mit allen dazugehörigen Papieren, Briefschaften und Chiffern an den Herrn Gesandten von Küster abzuliefern.
Berlin, den 13. Juli 1819
Bernstorff
[367]
Eine Abberufung in trockenster Form, mit sichtbarer Ungnade, jedoch ohne ausgesprochenen Vorwurf und mit der Schonung, daß man den Posten, der allerdings nur für mich geschaffen worden, nicht wieder besetzte, sondern eingehen ließ. Der Sinn war klar und, was zu tun sei, nicht zweifelhaft. Küster aber schien zweifelhaft und verlegen und wünschte, ich sollte mich gleich erklären. »Erlauben Sie mir nur, daß ich mich anziehe«, versetzte ich, »und in kürzester Frist wird alles Befohlene geschehen sein.« Als wär ihm die Brust erleichtert, sagte er: »O das ist schön! In einer Stunde komm ich wieder, dann übergeben Sie mir alles!«, worauf er sich empfahl. In seinem Wesen war etwas Unheimliches, und das brachte mich auf den Gedanken, es möchten noch andere Maßregeln bevorstehen, und die kleine Frist sei mir gelassen, um die meinigen zu nehmen. Ich hatte Papiere, die sehr wohl von Hardenberg oder auch von Bernstorff gesehen werden, aber um keinen Preis in rohe Polizeihände fallen durften; ich selbst, aber weit mehr noch Freunde in Berlin, Stuttgart, Frankfurt, in der Schweiz und in Baden konnten dadurch in die größten Verdrießlichkeiten geraten. Mit schnellem Überblick und Griff raffte ich alles Gefährlichste zusammen, schickte nach Friederich, und als dieser kam, übergab ich ihm ein versiegeltes Päckchen, mit dem er sich eiligst entfernte. Gleich darauf erschien Küster wieder, etwas erstaunt, mich so guter Dinge zu finden. Er glaubte vor allem den Verdacht entfernen zu müssen, als habe er irgend zu dem Ereignisse mitgewirkt; doch war die Art, wie er dies versuchte, nicht die geschickteste; er leugnete, mich verleumdet zu haben; er versicherte, nicht über seine Pflichterfüllung hinausgegangen zu sein; meine Ansicht über die badischen Stände habe er nicht teilen können. Ich dachte daran, wie er in seinen Briefen an mich den Geist und die Tätigkeit der Zweiten Kammer gepriesen, die Minister getadelt hatte; waren seine Berichte nach Berlin in anderem Sinne, so mußte er die Behörde oder mich getäuscht haben. Doch ließ ich das gut sein. Ich schrieb[368] gleich in seiner Gegenwart an den Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, ihm meine Abberufung anzumelden; da mir ein Rückbeglaubigungsschreiben an den Großherzog nicht mitgesandt worden, so mußt ich, meinem persönlichen Verhältnisse gemäß, ihm wenigstens mündlich meine Abberufung anzeigen. Ich fand ihn schon unterrichtet; er bezeigte mir sein herzliches Bedauern und versicherte mich, wenn er jetzt oder in der Folge mir etwas zu Gefallen tun könnte, würde ich ihn stets bereit finden. »Die Zweit' Kammer, ja die Zweit' Kammer!« wiederholte er mehrmals, um anzudeuten, die sei an allem schuld. Er schien recht gut zu wissen, wie alles zusammenhing! Zuletzt fragte er noch, ob ich schon eine neue Bestimmung erhalten habe. Auf meine Verneinung erwiderte er: »Nun, darauf bin ich doch sehr neugierig!«
Im Laufe des Tages erfuhr ich noch von Küster, daß man in Berlin den tollen Wahn gehegt, ich könnte Schwierigkeiten machen und die Depesche nicht befolgen wollen! Für diesen Fall sei er zu strengen Maßregeln ermächtigt gewesen! Sein Bericht über meine augenblickliche Folgsamkeit werde nun aber für mich den günstigsten Eindruck machen. Was für ein unsinniges albernes und ganz und gar nutzloses Benehmen diese Leute mir zutrauten! Ferner vernahm ich, daß die Depesche durch einen Kurier an den Grafen von der Goltz in Frankfurt gelangt, sein Legationssekretär Küpfer habe sie nach Stuttgart an Küster überbringen sollen und, da er diesen nicht gefunden, sie ihm hier abgegeben. Daß Küpfer in Karlsruhe gewesen in einer mich betreffenden Angelegenheit und sich bei mir gar nicht gezeigt hatte, auch nicht nach Erledigung seines Auftrags, mußte mich in Erstaunen setzen. Ich traute seinen beflissenen Freundschaftsversicherungen zwar schon lange nicht, und unser Briefwechsel war in Stocken geraten, aber aus dieser Zurückhaltung konnte nur auf seine niedrigste Feigheit oder auf die unglaublichste Höhe des Verrufs, der gegen mich stattfand, geschlossen werden! Unsere Behörden und[369] Beamten waren durch diese Beispiele in ihrer ganzen Erbärmlichkeit hingestellt.
Die erste freie Viertelstunde benutzt ich, um eine Stafette nach Baden an Rahel zu schicken, damit sie die Neuigkeit zuerst durch mich erführe, nicht durch entstellte fremde Nachrichten erschreckt würde. Gleich beim Empfang der Depesche war mein erster Gedanke Rahel gewesen, was ihr die Sache sein, wie sie den plötzlichen Wechsel nehmen und empfinden werde. Die beeilte aufmerksame Tätigkeit, welche ich sogleich auszuüben hatte, drängte diesen Gedanken eine Weile zurück, dann aber könnt ich ihm ungestört nachhängen. Wir hatten oft von einer möglichen, sogar unsererseits zu bewirkenden Veränderung gesprochen, die Verhältnisse in Karlsruhe waren nie sehr befriedigend gewesen, durch das Weggehen Tettenborns, der Familie Reden und nun auch der Großherzogin Stephanie war aller gesellige Reiz verschwunden, für die verzweiflungsvolle Öde des Winters entschädigte selbst der Sommeraufenthalt in Baden nicht. Wir hingen beide nicht an dem Ort und seinen unsichern Darbietungen. Aber jetzt, bei der ausgesprochenen Trennung, empfand ich doch, daß er uns liebgeworden, daß wir seine guten Seiten zu schätzen wußten; dazu kam die eingerichtete Häuslichkeit, die gewohnte Tagesweise. Eine schnelle Antwort ließ mich erkennen, daß auch Rahel dies alles fühlte, doch mit hoher und reiner Fassung überwand. Ein zweiter Brief teilte mir schon wieder heitre Neuigkeiten mit. Ich machte nur noch die nötigen Abschiedsbesuche bei meinen Kollegen und sonstigen Bekannten, ordnete noch einiges in meinen Papieren und eilte nach Baden, in der frischen Natur und treuen Gesellschaft Rahels mich von allen Mühen und Widrigkeiten zu erholen.
Mich empfing in dem wohlgelegenen Töpferhause, das wir nun im dritten Sommer bewohnten, das froheste Behagen, das glückliche Gefühl des Erledigtseins von allem Zwang und außer dem vertrauten, langentbehrten Gespräch Rahels die anmutigste Geselligkeit, die sich um sie versammelt[370] hatte. Den Großherzog von Sachsen-Weimar, der sie besuchte, sah ich nur einen Augenblick, denn er reiste gleich weiter in die Schweiz; doch seinen Unmut über die Sachen, welche jetzt vorgingen, seine Verachtung der elenden Einbläser und Hetzer auszusprechen, war der Augenblick nicht zu kurz. Die meisten Personen, welche Rahels Gesellschaftskreis angehörten, schienen gar nicht zu bemerken, daß sich mit uns eine Veränderung zugetragen habe. Auch wir unsererseits waren wie sonst und ließen uns nichts anfechten, lebten in gewohnter Weise munter fort, in der sichern Haltung, die ein vorwurfsfreies Bewußtsein gibt, ohne Trotz und ohne Scheu. Nur einige Bekannte, deren Standpunkt weltlich oder geistig geringer war, zeigten im Anfang einige Schüchternheit und wollten erst sehen, welche weitere Wendung folgen werde; als sie äußerlich keinen Wechsel und das Beispiel der andern sahen, fanden auch sie sich mit schmeichelndem Eifer wieder ein. Genug, schon in den nächsten Tagen nach meiner Katastrophe fühlt ich mich durch dieselbe wie aus trüben Wogen in eine glückliche Insel versetzt!
Eine Katastrophe war es in der Tat, was mich betroffen hatte; wir selbst und auch die andern mußten es dafür ansehen, und nur unser Betragen machte, daß sie es weniger war. Das Verfahren, ungewöhnlich, schroff und doch schonend, hatte etwas Rätselhaftes; eine schwere Anschuldigung und feindliche Gesinnung lag unzweifelhaft zum Grunde, doch welcher Art und welches Grades diese seien, das war ein undurchdringliches Geheimnis. Schlimm genug mußte meine Sache geschwebt haben; denn ich erfuhr aus Berlin, daß anfangs nicht meine Abberufung, sondern meine Entlassung aus königlichen Diensten in Aussicht gestanden habe. Nachträgliche Gerüchte verrieten, daß von noch Schlimmerem die Rede gewesen sei. Dabei war über meine künftigen Verhältnisse, selbst über die zu beziehenden Geldmittel – die Frage war glücklicherweise keine dringende, konnte es aber sein – nicht das geringste angedeutet. Ein[371] letztes Dienstschreiben, in welchem ich die Ausführung der erhaltenen Befehle angezeigt, ließ Bernstorff unbeantwortet, ebenso einen vertraulichen Brief, durch den seine vorgefaßte Meinung berichtigt werden sollte. Ich hörte bald, er sei zum Kongreß nach Karlsbad abgereist, wohin auch Berstett in den nächsten Tagen eilte, nachdem er vorher noch in höflicher Weise mir geschrieben, wie sehr es ihm während des Bestehens unserer Geschäftsverhältnisse jederzeit angenehm gewesen, mir Beweise seiner besondern Hochachtung geben zu können, und daß ihm auch fernerhin jeder Anlaß willkommen sein werde, dieselben Gesinnungen zu betätigen. Auch Küster, nachdem er wieder in Stuttgart eingetroffen, gab mir in schönen Worten wiederholte Versicherungen. Ein übles Zeichen war, daß meine Freunde mich ohne Nachricht ließen. Ein spätes und karges Wort von Stägemann und spärliche Mitteilungen meines Schwagers waren alles, was ich von Berlin empfing; Gruner, der freilich schon leidend war, Oelsner in Paris, anfangs auch Lindner und Cotta in Stuttgart und Friederich in Karlsruhe, Tettenborn sogar und Bentheim, alle schwiegen.
Im Genusse der Freiheit, der schönen Natur und der heitern Geselligkeit ließ ich mir dies alles nicht zu große Sorge machen; obwohl ich die Umstände wohl erwog und nach Erfordernis auch auf sie einwirkte. Ich war vierunddreißig Jahr alt, hatte Rahel zur Seite, fühlte Kraft und Mut, machte wenig Ansprüche und sah meine Fähigkeiten über Gebühr anerkannt; die ganze Welt stand mir offen, und ich durfte nicht bange sein, in der Nähe wie in der Ferne die Wege zu finden, die ich zu gehen wünschte. Für den Augenblick war nichts zu tun, als ruhig zu warten, und für dieses Warten konnte sich keine schönere Lage denken lassen als die, in der ich mich befand; hätte dies so fortdauern können, es würde als das größte Glück zu preisen gewesen sein.
Doch entzog ich mich den politischen Angelegenheiten keineswegs. Ich hätte es auch nicht gekonnt, denn von allen[372] Seiten drängten sie sich an mich heran und forderten meine tätige Beteiligung. Meine preußische Mission war vorderhand beendigt; allein meine eigne ganz und gar nicht, sie war jedenfalls die größere und jene nur ein Bestandteil von ihr; schied dieser dem Ganzen hinderlich werdende für einige Zeit aus, so nahm letzteres nur um so freier und kräftiger seinen Aufschwung.
Die badischen Stände waren am 26. Juli auf sechs Monate vertagt worden, nachdem zuletzt sowohl von Seite der Kammern als der Regierung die Bitterkeit etwas nachgelassen oder wenigstens sich in glimpflichere Formen gekleidet hatte, so daß die Stände sogar eine Dankadresse an den Großherzog beschlossen wegen der glücklich beendigten Verhandlungen in Frankfurt. Auch entließ die Regierung die Stände ohne ausgesprochenen Vorwurf. Die Gesinnungen waren indes nicht verändert, im Gegenteil verstärkt; die Abgeordneten hatten ihre Überlegenheit kennengelernt, ihre Kräfte geübt, ihre Talente dargelegt; die Regierung von allem das Gegenteil, daher sie auf anderem Gebiet ihre Hülfe suchte, um die Gegner wo nicht zu schlagen, doch einzuschränken, zu hemmen.
Nach der Vertagung erschienen viele der Abgeordneten in Baden, einige, um sich von den Mühen der Sitzungen zu erfrischen, die meisten, um auf der Durchreise wenigstens den Anblick dieses reizenden Ortes mitzunehmen. Außer denen, die ich schon kannte, besuchten mich viele, die mich wollten kennenlernen. Ich legte mir keinen Zwang auf und verkehrte mit ihnen ohne Scheu, was, da es so offen geschah, nicht einmal sehr auffiel. Sie wußten recht gut, daß ich ihren Angelegenheiten stets die eifrigste Teilnahme gewidmet, daß ich das Opfer meiner Freimütigkeit geworden; sie fühlten sich mir zu Dank verpflichtet und bezeigten mir diesen herzlich und eindringlichst. Nicht mit leeren Worten! Sie machten mir die lockendsten Eröffnungen; wenn die Sachen in Preußen, meinten sie, schlechter und schlechter würden, wie es leider den Anschein habe, so möcht ich die[373] dortigen Verhältnisse fahrenlassen und mich im Lande Baden einbürgern; man werde meinem Namen einen ansehnlichen Grundbesitz verknüpfen, ich würde dann zum Abgeordneten für den nächsten Landtag gewählt werden und die Zweite Kammer statt eines Liebensteins zwei haben! Unter den Anbietenden waren die reichsten Männer des Landes, denen die Ausführung, was die Geldmittel betraf, keine Schwierigkeit machen konnte. Fürerst aber konnt ich solche Vorschläge, wie ehrenvoll und dankenswert sie sein mochten, nur ablehnen. Ich hielt die sehr getrübten Zustände in Preußen doch nicht für hoffnungslose, und wenn eine allgemeine Verdunkelung in Deutschland erfolgen sollte – fand sie aber in Preußen dauernd statt, so konnten ihr auch die anderen Länder nicht entgehen –, so dünkte es mich besser, sie in dem großen Staat als in einem kleinen zu erleben. Merkwürdig aber war es, daß mir binnen kurzer Frist zweimal die Aussicht eröffnet worden, in dieses gute Land überzusiedeln, früher im Berufe des Staatsdienstes, jetzt im Berufe der Volksvertretung; der Tat nach hatte ich freilich in beiden Richtungen schon einiges geleistet.
Die Abgeordneten, welche mit treuer Ausdauer für die Sache des Volks und der Freiheit gekämpft hatten – und dies waren fast alle –, wurden in der Heimat mit unendlichem Jubel, mit den herrlichsten und rührendsten Ehren aufgenommen. Im ganzen Lande war die höchste Begeisterung für diese tapfern Streiter; siegreich aus dem Felde zurückkehrende Krieger konnten nicht mit größerer Liebe, mit schönerem Beifall empfangen werden. Diese durch das ganze Land, besonders aber in Lahr und Freiburg, sich kräftigst aussprechende Zustimmung traf die Gegner als ein ihnen zugefügter Schimpf, und ihre Erbitterung ging zum Teil auch auf den Großherzog über, der solche Huldigungen als nur ihm gebührende ansehen wollte.
Die badische Ständesache war gewissermaßen die meinige geworden, und ich durfte sie auch jetzt nicht fallenlassen.[374] Meine zahlreichen Aufsätze, des mannigfachsten Tons und Umfangs, flogen nach allen Richtungen in die Öffentlichkeit aus, und die Stimme der Anerkennung, der Verteidigung, des Lobes, die von nah und fern widerhallte, war nicht ohne Wirkung. Lindners neue Zeitung, die in Stuttgart erscheinende »Tribüne«, die Augsburger Allgemeine, die Aarauer und Speyerer Zeitung, der »Hamburgische Korrespondent« und selbst Brüsseler und Pariser Blätter ließen das Geschütz fleißig spielen, mit dem ich sie versorgte; das gegnerische, wo es sich hervorwagte, wurde schnell zum Schweigen gebracht.
Überhaupt erschienen die Freisinnigen mutig auf dem Kampfplatz und begegneten den falschen Anschuldigungen und niedrigen Verleumdungen mit scharfen Waffen. In Büchern und Flugschriften, in den meisten Zeitungen wurde die Sache der Freiheit, des Fortschritts, der Verfassung mit siegreicher Überlegenheit verfochten, die dunkeln Angreifer und Verfolger gegeißelt und verhöhnt, dem Spott und Gelächter preisgegeben. Nicht so öffentlich, aber nicht weniger stark und wirksam, nahmen sich Stimmen von größter Geltung der Verfolgten an; Äußerungen Steins, Humboldts, Gagerns, Wangenheims und anderer wurden mitgeteilt, welche die große Verschwörung für eine Fabel, die Zugriffe der Polizei für rohe Gewalttat erklärten und den Regierungen, namentlich der preußischen, das Verzögern der verheißenen Verfassung, die schlechte Wirtschaft, den Mangel an Gesetzlichkeit zum bittern Vorwurf machten; hier, sagten sie, liege der Grund des Übels, über das geklagt werde, die Klagenden selber trügen die Schuld. Daß der Großherzog von Sachsen-Weimar so dachte und sprach, ist schon erwähnt worden; ich kann es auch von dem Könige von Württemberg sagen, dem ich in dieser Zeit ebendeshalb häufiger schrieb, ihn in seinem Sinne zu bestärken und seine guten Absichten zu unterstützen. Er nahm alles freundlich und dankbar auf, wollte jedoch in das Lob der badischen Stände nicht ganz einstimmen; sie hatten seine Eifersucht er regt, er[375] konnte nicht hoffen, ebenso glänzende, und kaum wünschen, so vorschreitende zu haben; überdies war er vertieft in die Entwürfe der Verfassung, die mit seinen neuerdings berufenen Ständen zu vereinbaren und noch vor Ende des Karlsbader Kongresses in Wirksamkeit zu sehen ihm sehr am Herzen lag.
Als ein beachtungswertes Zeugnis für das gute Bewußtsein der Angeschuldigten sprach der Umstand, daß kein einziger versucht hatte, sich der Haft durch die Flucht zu entziehen oder seine Papiere zu verheimlichen. Mein Freund Reimer, den die Nachricht von den Berliner Vorgängen in der Schweiz traf, verließ diesen sichern Aufenthalt und reiste sogleich nach Berlin, um zu sehen, was denn die tolle Wirtschaft bedeute; er sprach bei mir ein auf seiner Heimreise, wir tauschten herzlich unsere Gesinnungen, und meine besten Wünsche begleiteten den mutigen biedern Mann zu den Kämpfen, die ihm reichlich bevorstanden.
Unterdessen hatten sich in betreff meiner der bedenklichsten Gerüchte verbreitet. Man sah mich in Baden überall auf Spaziergängen und anderen öffentlichen Orten im lebhaften Verkehr mit zahlreicher und bester Gesellschaft, ruhig und vergnügt; der König von Bayern, die Großherzogin Stephanie vermieden mich keineswegs, auch der Großherzog von Baden, der auf einen Tag von Karlsruhe kam, sprach mich freundlich vor dem Kurhause an und wollte noch mein alter Freund und Gönner sein; aber vier Meilen davon, in Karlsruhe, wußte man trotz des täglichen Verkehrs von allem diesen nichts, sondern im Gegenteil, daß ich mich versteckt halte, sogar daß ich verhaftet sei. Meine Freunde widersprachen umsonst, und als das alberne Gerede fortdauerte, mahnten sie mich, ihm durch meine Anwesenheit ein Ende zu machen. Ich fuhr auf einen Tag hinüber, besorgte kleine Geschäfte, zeigte mich im Museum, besuchte meine Freunde, einige Hofleute und Gesandte und kehrte am nächsten Tage nach Baden zurück. In der Nähe mußten nun freilich die falschen Gerüchte verstummen; allein sie[376] waren schon weiter geeilt und brachen bald an wichtigern Orten vergrößert aus.
Schon hatten einige deutsche Tagesblätter meine Verhaftung gemeldet und mich sowie Gneisenau und Gruner, die gleichfalls in Untersuchung sein sollten, mit den staatsverbrecherischen Vereinen und Umtrieben in nahe Beziehung gesetzt. Ich begnügte mich, durch ein paar mir befreundete Zeitungen dies für unwahr erklären zu lassen. Gleich darauf aber wiederholten belgische, englische und französische Tagesblätter, unter ihnen der gewichtige »Moniteur«, jene Angaben und berichteten ganz zuverlässig, daß ich durch Polizeibeamte und Gendarmen in Haft genommen und gefesselt nach Berlin gebracht worden sei! Ähnliches wurde in anderen Blättern auch in betreff Gruners gesagt sowie von Gneisenau und anderen. Das war denn doch zu grob; ich konnte nicht dulden, daß ich so verunglimpft und meine Verwandten und Freunde so in Schrecken gesetzt würden. Aber persönlich mit meinem Namen dagegen aufzutreten schien mir nicht das Rechte; ich hielt dafür, der Staat selbst müsse mit seinem Ansehen mich gegen solche Unwahrheit schützen, und schrieb deshalb an Stägemann die Aufforderung, durch die »Staatszeitung« diese Lügen niederzuschlagen. Er konnte sich dem nicht entziehen, das Ministerium, bei dem er sich Rats erholte, mußte die Billigkeit meines Gesuchs eingestehen, und so erfolgte denn die Berichtigung, die zwar nicht nach meinem Wunsche, sondern trocken und matt ausgedrückt war, aber im ganzen ihre Wirkung doch nicht verfehlte.
Nun begriff ich, daß meine besten Freunde verschüchtert waren und mir nicht schrieben; sie hatten keine Sicherheit, daß ich ihre Briefe nur bekommen würde, und konnten nicht berechnen, welches harmlose Wort mir oder auch ihnen unter diesen Umständen schädlich werden dürfte. Oelsner gebrauchte die List, um zu sehen, ob ein Verkehr möglich sei, durch seine Frau an Rahel schreiben zu lassen, englisch, und als ob von Pariser Bestellungen die Rede sei.[377] Meine Antwort zeigte, daß der Weg völlig offen und unsere Briefe ungefährdet seien, worauf unsere Mitteilungen gleich in gewohnter Weise wieder in Gang kamen.
Nachdem die erste Badezeit und Gesellschaft allmählich vorübergegangen war, erlebten wir deren Erneuerung durch ein zweites Geschlecht, das weniger heiter und vergnüglich, aber in eigner Weise bedeutend und anziehend war. Der reiche russische Bergwerksbesitzer Demidow aus Paris fand sich ein, der Staatsrat Dr. von Rehmann, die noch schöne Frau von Narischkin, Maria Antonowna, ehmalige Geliebte des Kaisers Alexander, ein Fürst Lapuchin, Herr von Tepper, ein einstiges Haupt des größten Wechslergeschäfts in Warschau, und dann, als leidenschaftlicher Musikfreund allbekannt, ein Fürst Lobanow, endlich auch Fürst Koslowski, der den Rest des Sommers hier genießen wollte. Dieser hauptsächlich russische Kreis, uns durch schon bestehende Bekanntschaft offen und bald vertraut, hatte ganz und gar das Gepräge der großen Welt und des vornehmen Lebens, des Überdrusses und der Langenweile, die aus dem reichsten Genuß aller Herrlichkeit mit Erschöpfung und Krankheit zuletzt übrigbleiben, aber auch den mächtigen Reiz bedeutender Erinnerungen und das lebhafte Verlangen nach erfrischenden neuen Gegenständen und Eindrücken; Frau von Narischkin fand diese mit Erstaunen in den nächsten Erlebnissen des täglichen Lebens, in den stillen Erweckungen des Geistes und Gemütes, die sie auf ihrer glänzenden Höhe nie hatte wahrnehmen können. Mit einer Art Unschuld, mit Rührung und Erstaunen sah sie eine Fülle neuer, bisher unbeachteter Verhältnisse; eine Wohltätigkeit, die nicht mehr in bloßem Geldgeben bestand, sondern auf innerer Teilnahme beruhte, ein menschliches Entgegenkommen, das nicht auf Gunst und Vorteil ausging, ja selbst wahre Herzensneigung schien sie erst jetzt zu erkennen und zu fühlen. Ein Spaziergang, ein harmloses Gespräch erfreuten sie mehr als sonst die größten Feste: dabei war ihre Unterhaltung, wie anspruchslos und ungesucht, doch als Abglanz[378] früherer Zeiten immer bedeutend und lehrreich; ihr stand ein Stoff von Denkwürdigkeiten zu Gebote, der die ihrigen, wenn sie deren hätte schreiben wollen, zu den alleranziehendsten gemacht haben müßte. Der kranke Demidow sonnte sich in dem Schimmer ihrer Schönheit und einstigen Größe, denen er früher nicht hatte nahen können; die vornehmen Russen gingen mit ihr auf dem Fuße der achtungsvollsten Freundschaft um. Besonders war Koslowski ihr Liebling, dessen munterer und scharfer Geist alles um sich her in Atem erhielt und seine Gespräche durch Wagnisse der kühnsten Art oft so stark würzte, daß die andern scheu umherblickten, ob nicht ein unvertrauter Hörer in der Nähe sei.
Bisher war mir kein Anlaß gegeben, in Koslowski eine besondere persönliche Teilnahme für mich vorauszusetzen. Einst aber, als ich nach Lichtental spazierenging, begegnete er, von dorther kommend, mir in seinem mit vier schnaubenden Pferden bespannten Wagen, ließ halten, schickte ihn nach Hause und gesellte sich zu mir. Er kam bald auf meine Angelegenheiten zu sprechen, bedauerte die Spannung – einen Unfall wollte er es nicht nennen –, in die ich geraten sei, und beurteilte den Stand der Dinge, wie ich es nur wünschen, aber von einem russischen Diplomaten nie erwarten konnte. Die badischen Stände, nach allem, was er gehört, und dem wenigen, was er gesehen, fand er nicht nur in ihrem vollen Recht und die Regierung im wahnvollsten Irrtum, sondern er pries auch mit größter Bewunderung den Geist und die Talente der einzelnen Abgeordneten, während er den beschränkten, übelwollenden Sinn der Minister tief verurteilte. So sei es, sagte er, in Deutschland überall, wenigstens in Süddeutschland, wohin immer sein Blick sich gewendet, nirgends habe er aufrührerischen, treulosen Geist im Volke gespürt, nur die größte Redlichkeit, das aufrichtigste Streben zum Guten, zu den Verbesserungen, die längst verheißen, dringend notwendig und stets vorenthalten seien; die Regierungen müßten mit Blindheit geschlagen sein, um[379] dies zu verkennen, und von bösem Willen erfüllt, um Erscheinungen, die von ihnen allein verschuldet würden, dem Volk und dessen Vertretern zum Vorwurf zu machen. Er kannte das englische Parlament, die französischen Kammern, aber der deutschen Art gab er von beiden weit den Vorzug; diese Redlichkeit, diesen Anstand, dieses Absehen von den Personen und Hinsehen auf die Sachen finde man nirgends wieder, und auch an den größten Talenten sei ein wahrer Überfluß. »Ihr habt«, rief er aus, »den stärksten Beruf, das in Eurer Geschichte alt- und bestbegründete Recht, die allerschönsten Eigenschaften, um ein großes nationales Parlament zu haben, wie ist es möglich, daß Ihr keines habt und statt eines solchen den elenden Bundestag?« Ich antwortete hierauf das Nötige, auch mit Hinweisung auf die Geschichte, daß die Macht, welche die großen Beamten des Reiches, die Fürsten, nach und nach an sich gebracht, sowohl den Kaiser als das Volk beeinträchtigt und besonders das letztere völlig unterdrückt habe, daß aber gerade in unserer Zeit ein Anfang gemacht sei, die Freiheit wiederzugewinnen, und daß dazu sogar der Bundestag als Werkzeug diene, den ich um deswillen nicht verwerfen könne; es komme nur darauf an, ihn anders zu füllen, anstatt des faulen Wassers in das gereinigte Faß edlen Wein zu gießen; wenn die Höfe von Berlin und Wien dies einmal vereinigt ausführten oder auch nur einer von ihnen dies ernstlich wollte, so würde man wunder sehen, welche Entwickelung unsere deutschen Sachen nehmen würden. »Geht mir mit Euren Höfen von Berlin und Wien!« versetzte er unwillig. »Da liegt eben das Übel, daß sie, die ganz und gar nicht deutsch sind, doch allein die Geschicke Deutschlands leiten; sie werden das nie tun, was Ihr wünscht, am wenigsten unter dem Einfluß der jetzt geltenden Persönlichkeiten!« Und nun begann er diese näher zu bezeichnen, mit Ausdrücken wie von Mirabeau, so neu, so schlagend, so jeden Einspruch abschneidend; über den Fürsten von Metternich insbesondere hatte ich bisher nie so reden gehört und kaum später[380] von seinen erklärtesten Widersachern; aller Nimbus war zerstört, der innerste Kern hervorgeholt und als hohl und verderbt nachgewiesen. Für Metternich hatte ich, wie für den Bundestag, doch manches Günstige zu sagen, das auch nicht geleugnet, aber für unerheblich erklärt wurde; ob ein Minister, hieß es, die schönsten blauen Augen habe, dabei könne er die schwärzesten Handlungen ausüben. Das merkwürdige Gespräch nahm noch mancherlei Wendungen und schoß nach allen Seiten sprühende Funken; es war in der Tat eine Art Feuerwerk, wozu er, wie es schien, lange Zeit den nötigen Stoff gesammelt und gestaltet hatte und das er nun endlich abbrennen wollte! Ich blieb in fortwährender Überraschung und aufmerksamer Spannung, ob irgendein bestimmter Zweck sich zeigen werde, zu welchem dieser außerordentliche Aufwand kühner Beredsamkeit gemacht werde: doch ein solcher Zweck zeigte sich nicht, es war bloß eine Herzensergießung, durch die der Sprecher sich selbst ein Genüge getan. Als wir schon zurückgekehrt waren und unsere Wege sich schieden, enthielt ich mich nicht der scherzenden Bemerkung, daß auch er das Los der Deutschen zu teilen scheine, für den entschiedensten Beruf keine Laufbahn offen zu sehen, für die mächtigsten Rednergaben kein Parlament zu haben. »O mein Lieber!« versetzte er wehmütig, »ein russisches Parlament! Das wäre eine neue Epoche in der Weltgeschichte! Sie wird kommen, aber wann? Der Kaiser in seiner Rede zu Warschau hat es uns versprochen; doch die Weissagungen der Propheten erfüllen sich schon spät, die Versprechungen der Kaiser und Könige – laßt uns nicht weiter davon reden!«
Ich tat aber Koslowskin großes Unrecht, diese freisinnigen Bekenntnisse nur für rednerische Aufwallungen und Übungen zu halten, die weiter keine Folge hätten; sie gingen aus seiner tiefsten Überzeugung, aus seiner wärmsten Gesinnung hervor, und er sprach sie nicht nur gegen mich und andere aus, wo er den Boden sicher wußte, sondern gegen solche, wo dieser zweifelhaft oder gar gefährlich[381] schien. Im Kreise seiner Landsleute, der wirklichen Russen, fand er meist williges Gehör und durfte von dieser Seite keine gehässige Angeberei fürchten; dagegen waren die deutschen oder sonst ausländischen Russen ihm verdächtig, nicht nur Faber und seinesgleichen Untergeordnete, die sich an einen wirklichen Gesandten und noch aus früherer Zeit vom Kaiser Begünstigten so leicht nicht wagen durften, sondern auch die ihm gleich oder über ihm Stehenden, wie Anstett, Alopäus, Pozzo di Borgo und selbst Nesselrode, und deren Wohldienerei er weder für den Kaiser noch für Rußland ersprießlich glaubte; auch diesen, wie mir später bekannt wurde, hatte seine Denkart sich nicht verhüllt, sondern oft mit Trotz gezeigt. Wie tief und ernst er fühlte, wie sehr das Wohl des Landes und dessen Entwickelung zur Freiheit ihm am Herzen lag, mußten wir bei Gelegenheit eines Gerüchts erkennen, das damals in den Tagesblättern umlief. Es hieß, der Kaiser Alexander sei auf einer Reise in Finnland plötzlich gestorben. Alle Russen wurden von der Nachricht erschüttert, bejammerten den großen Verlust; aber keiner mehr als Koslowski, der wie ein Verzweifelter umherging, die guten Eigenschaften des Kaisers wehklagend pries, seinen Freisinn, seine Menschlichkeit, und das Schicksal des Vaterlandes, ja ganz Europas beweinte. »Alle Hoffnung, die uns noch übriggeblieben«, sagte er, »war auf Alexander gestützt, jetzt geht in Rußland eine eiserne Zeit an, in die wir nur mit Entsetzen blicken können; dieser zu frühe Tod bringt uns, bringt Euch alle, das könnt Ihr glauben, um fünfzig Jahre zurück!« Andere Nachrichten, durch die jenes Gerücht als ein grundloses, man wußte nicht wie entstandenes, sogleich zerfiel, beruhigten glücklicherweise bald wieder diese leidenschaftlichen Befürchtungen.
Koslowski, durch diesen Vorgang erinnert, wie alles dem Zufall unterworfen und daß vielleicht in kurzem die Gelegenheit fehlen könne zu solchen Anknüpfungen, wie er sie beabsichtigte, beschloß, einen kühnen Schlag zu tun. Er setzte sich hin und arbeitete mit einem Fleiß und einer[382] Ausdauer, wie ich sie ihm nie zugetraut hätte, eine große französische Denkschrift über Süddeutschland aus, durch welche er die innern Verhältnisse von Württemberg und Baden erörterte und namentlich in betreff der Verfassungen und ständischen Verhandlungen dem Kaiser die Augen zu öffnen suchte und ihm darlegte, daß die gewöhnlichen, freilich durch die Regierungen selbst verbreiteten, aber keineswegs erhärteten Angaben von einem schlechten, im Volke und seinen Vertretern herrschenden Geist, von Verschwörungen und anderen staatsverderblichen Unternehmungen, in den meisten Fällen unwahr und falsch, in andern wenigstens übertrieben seien; daß das Übel, über welches geklagt werde, meist in den Regierungen selbst liege, welche ihren Beruf nicht erfüllten, den Geist der Zeit nicht würdigten, und daß nur das Fortschreiten in freisinniger Richtung, nicht aber das Zurückschreiten eine Bürgschaft des Besserwerdens gebe. Diese Denkschrift, von der ich ganze Abschnitte, nach Maßgabe daß sie fertig wurden, zu hören bekam, war in jedem Betracht ein Meisterstück, sowohl durch den geistigen Gehalt als durch die lichtvolle Darstellung und die edle Schreibart. Sie war darauf berechnet, bei dem Kaiser Eingang zu finden, der für solche Vorzüge Sinn hatte, und zwar in letzter Zeit von der Bahn des Freisinns merklich abgewichen war, aber doch gern hörte, wenn Franzosen und Deutsche ihn noch als dessen Beschützer rühmten. Daß er auch meiner namentlich erwähnte, meine Ansichten und mein Verhalten verteidigte, wollte er mir anfangs aus Zartgefühl verhehlen, allein im Verfolg mußte er es doch gestehen und die Stellen mitteilen.
Während man Koslowski nur mit leichtfertigen Abenteuern und Vergnügungen beschäftigt glaubte, saß er angestrengt in frühen Morgenstunden und später Nachtzeit bei dieser Arbeit und säumte nicht, sie dem Kaiser einzusenden. Allein er tat noch mehr! Zwei seiner Kollegen, die er, wenn auch nicht als durchaus freisinnig, doch entschieden als unknechtisch kannte, wurden von ihm aufgefordert und bewogen,[383] gleichzeitig in ähnlichem Sinn an den Kaiser zu berichten und so vielleicht, wenn auch keine Umkehr, doch ein billiges Einsehen in diese Angelegenheit zu erwirken; es war schon viel gewonnen, wenn der Kaiser veranlaßt wurde, diese Gegenstände nochmals in Erwägung zu ziehen und der gemeinsamen Tätigkeit der verbündeten Ultras aller Länder nicht durch das Gewicht seiner Zustimmung förderlich zu sein. – Ich war nicht mehr in Baden, als die Folgen dieser Denkschrift sich ergaben; ich will aber das Weitere gleich hier anschließen. Der Graf Nesselrode eröffnete den drei Gesandten, daß die von ihnen aufgestellten Ansichten durchaus nicht die des Kaisers seien, daß er ihnen dessen Mißfallen auszudrücken habe und von ihnen erwarte, sie würden, von ihren Irrtümern zurückgekommen und eines Bessern belehrt, in ihren nächsten Antworten dies bestimmt zu erkennen geben. Koslowski antwortete sogleich, er glaube nicht im Irrtum zu sein, und eine Belehrung, die nicht durch tatsächliche Gründe seine Überzeugung ändere, könne er nicht annehmen. In etwas milderer, doch dem Sinne nach wenig verschiedener Weise schrieb der eine seiner Kollegen, der andere ließ sich belehren und bekannte seine Reue. Der letztere blieb in seiner Anstellung, Koslowski und sein Freund aber wurden nach längerem, über ein Jahr sich hinzögerndem Schriftwechsel endlich dahin gebracht, daß sie ihre Dienstverhältnisse aufgaben.

Am Ende des August ereignete sich in Deutschland eine Bewegung, die dem Ruhme des deutschen Volks, gutmütig und gesittet und des besten Geistes zu sein, häßliche Flekken anwarf, aber in ihm auch einen innern Zusammenhang, eine gemeinsame Empfänglichkeit für Anreizungen und Gefühle zeigte, die in solchem Grade bisher nicht vermutet worden war. In einer mittlern Stadt, ich weiß nicht mehr in welcher, entstand plötzlich ohne besondere Veranlassung ein wildes Geschrei gegen die Juden. Mit dem wilden Zuruf »Hep, Hep!« wurden die einzelnen auf der Straße angegriffen[384] und verfolgt, ihre Wohnungen bestürmt und teilweise geplündert, Beschimpfungen und Gewalttaten aller Art gegen sie verübt; indes kein Blut vergossen; hier war die Grenze des Mutes oder der Bosheit der Übeltäter.
Schnell wie das Gerücht von diesen Ausschweifungen verbreiteten sie selber sich gleich einem fliegenden Feuer, gleich einem ansteckenden Sankt-Veits-Tanze. In allen Städten Deutschlands, großen und kleinen, in den mit Truppen und Polizeiwesen bestversehenen wie in den wenigstüberwachten, in den königlichen Residenzen und am Sitze des Bundestages wie in den Freien Hansestädten, wiederholten sich dieselben Auftritte in übereinstimmender Weise, wie von einer und derselben unsichtbaren Hand geleitet. »Hep, Hep!« erscholl es durch ganz Deutschland, von einem Ende zum andern, als Hetzruf zum Angriff, als Mahnung zur Flucht oder Verteidigung für die Geächteten. Als wäre sie eine Fahne der Deutschheit, erhob die Judenverfolgung sich auch in solchen Städten, die zu Deutschland nicht gehörten und nicht gehören wollten, aber doch das in ihnen liegende Deutsche hierin – leider im Schlechten – nicht verleugnen konnten; in Straßburg und Amsterdam, in Kopenhagen und Riga wurde »Hep, Hep!« gerufen. Mit den Gewalttätigkeiten mischte sich leichtsinnige Neckerei, Lust an Schalkheit; ein königlicher Prinz rief dem Knaben Felix Mendelssohn auf der Straße lachend »Hep, Hep!« entgegen; es war nicht alles böse gemeint, manche der Schreier hätten nötigenfalls, wäre es weitergegangen, den Juden sogar Beistand geleistet; aber der rohe Übermut bedachte nicht, daß im Frevel kein Maß ist, daß aus Hohn und Schimpf auch Raub und Mord entstehen und daß dieser dann über die Juden hinaus auch sie selber treffen konnte! In der Tat wußte niemand, wohin diese plötzlich entzündete Aufregung führen konnte, und die Verfolgten mußten sich an Gut und Leben bedroht sehen. Der Pächter der öffentlichen Spielbank in Baden, bei welcher angesehene Personen in Karlsruhe beteiligt waren, wurde besorgt für die baren Geldsummen, die zu einem[385] Handstreich locken konnten; bei Tage gewährte die öffentliche Auslegung genug Sicherheit, aber bei Nacht hielt er für rätlich, die Bank an unbekanntem Orte niederzulegen, und sie übernachtete längere Zeit insgeheim bei mir. Die Juden zeigten an vielen Orten die mutigste Entschlossenheit, einzelne boten mit Erfolg allen persönlichen Gefahren Trotz, viele bereiteten sich zur Gegenwehr; wäre es zum Kampfe gekommen, es wäre ein verzweifelter geworden. Nach einer bei den großen Polizeikräften, die überall zu Gebot standen, doch verhältnismäßig langen Dauer des schändlichen Unfugs erlosch er allmählich in sich selbst, und es blieb keine eigentliche Feindschaft, sondern nur auf der einen Seite das tiefe Gefühl der erlittenen Kränkung, auf der andern der leugnenden Scham zurück; denn niemand wollte mehr an der rohen Ausschweifung teilgenommen haben.
Woher dieser Sturm eigentlich gekommen, wie seine plötzliche, Deutschlands äußerste Grenzen schnell erreichende Ausbreitung hat erfolgen können, ist ein unaufgelöstes Rätsel geblieben. Unsere Gelehrten waren zwar gleich zur Hand und leiteten das Wort Hep aus den Zeiten der Kreuzfahrer her, die sich wie mit dem Kreuz auch mit den Buchstaben H.e.p., das heißt: Hierosolyma est perdita, bezeichnet haben sollen. In welchen geheimen Vorratskammern aber diese zum Wort gestalteten Buchstaben aus dem Mittelalter sich frisch erhalten und plötzlich im untersten Volke wieder aufleben konnten, das haben sie unerklärt ge lassen. Die ganze Erscheinung zeigte, wie leicht das weit zerstreute Volk zu gemeinschaftlichem Handeln, selbst auf Irrwegen, zu entzünden sei; die Rat- und Machtlosigkeit der Behörden, sobald ihnen Ungewöhnliches entgegentrat, und die doch vorgeschrittene Bildung des Volkes, das sich zu blindem Zorn wohl hinreißen ließ, aber im tollen Schwindel doch Maß hielt und sich seiner alsbald aus eignem Sinn wieder entledigte.
Wie Rahel dieses Ereignis ansah und zu welchen Empfindungen es sie erregte, wird man nicht ohne Teilnahme in[386] folgendem Briefe lesen, den sie am 29. August an ihren Bruder Ludwig Robert schrieb:

Ich bin grenzenlos traurig: und in einer Art, wie ich es noch gar nicht war. Wegen der Juden. Was soll diese Unzahl Vertriebener tun. Behalten wollen sie sie: aber zum Peinigen und Verachten; zum »Judenmauschel«-Schimpfen; zum kleinen dürftigen Schacher; zum Fußstoß und Treppenrunterwerfen. Die Gesinnung ist's, die verwerfliche, gemeine, vergiftete, durch und durch faule, die mich so tief kränkt, bis zum herzerkaltendsten Schreck. Ich kenne mein Land! Leider. Eine unselige Kassandra! Seit drei Jahren sag ich: die Juden werden gestürmt werden; ich habe Zeugen. Dies ist der Deutschen Empörungsmut. Und wieso? Weil es das gesittetste, gutmütigste, friedliebendste, Obrigkeit ehrendste Volk ist; was es zu fordern hätte, weiß es nicht: nur Unterrichtete unter diesem Volke möchten es ihm lehren: unter diesen sind aber viele Ungebildete, mit rohen Herzen; wo auch Raum für Neid ist, gegen eine große Zahl solcher – Juden –, die man kraft Religionsauswüchsen als untergeordnete Wesen hassen, verachten und verfolgen durfte. Einige weise Fürsten Deutschlands, und lange Zeit, in der immer Irrtümer untergehen, hatten dieser Ausrede ein Ende gemacht. Die gleisnerische Neu-Liebe zur christlichen Religion (Gott verzeihe mir meine Sünde!), zum Mittelalter, mit seiner Kunst, Dichtungen und Greueln hetzen das Volk zu dem einzigen Greuel, zu dem es sich noch, an alte Erlaubnisse erinnert, aufhetzen läßt! Judensturm. Die Insinuationen, die seit Jahren alle Zeitungen durchlaufen; die Professoren Fries und Rühs und wie sie heißen, Arnim, Brentano, »Unser Verkehr« und noch höhere Personen mit Vorurteilen. Es ist nicht Religionshaß: sie lieben ihre nicht, wie wollten sie andere hassen; wozu die Worte, die ich ohne Ende häufen kann; es ist lauter Schlechtes; in Tat und Motiv; und nicht die Tat des Volks; dem man »Hep« schreien lehrte. Richtig. Noch ist's in Berlin ruhig: dort wär's am[387] meisten zu fürchten: dort haben die Juden gedient; die Hälfte ist getauft und mit Christen verehlicht, da hätte es nimmermehr gut getan. Alle Zeitungen sprechen indigne davon: die Allgemeine perfid; die Berliner noch am besten: daß man nicht viel sagt, ist gut. Aber wie »gesagt«, die Prediger, die Pfarrer, die Diener der Religion sollten reden: in dem kleinen bayerischen Ort, wo man die Synagoge stürmte, das Alte Testament zerriß etc., hätte ein Geistlicher vortreten sollen und vorstellen, was das Alte Testament ist und was alle Religion bedeutet: ich weiß, das Volk hätte seine Frevel gefühlt und gleich unterlassen. Was will man tun, wenn die Juden, die auch lesen, ihre Verfolger kennend, die paar aufsuchen, und da es ihnen doch an Gut und Blut geht, ihre Rache an diesen nehmen. Ich bin hoch betrübt und kann weder dies noch meine Gedanken einem Papier ganz mitgeben. Eine herrschende Religion taugt nicht: das ist unreligiös: dies war der faule Fleck im Judentum, dies die Politik in dieser Religion.

Vom Karlsbader Kongreß verlautete wenig, nur daß er so gut wie beendigt sei, wurde versichert, und die Art seiner Ergebnisse wußte jedermann vorher. Nicht also wegen dieser, sondern wegen unserer persönlichen Lage waren wir auf sein Ende gespannt; denn während seiner Dauer ruhten die meisten andern Geschäfte, und auch eine weitere Entscheidung meiner Angelegenheiten durft ich bis dahin nicht erwarten. Unterdessen waren mir von Berlin mancherlei Nachrichten zugekommen; die seit meiner Abberufung vergangene Zwischenzeit von sechs bis acht Wochen hatte für mich eine weniger ungünstige Stimmung bewirkt; ich hörte, daß Personen von Gewicht, und zwar solche, auf die ich nicht glaubte rechnen zu können, unter ihnen Ancillon und Kamptz, sich ungemein vorteilhaft über mich ausgesprochen, daß die drei Minister Beyme, Humboldt und Boyen mein Ausscheiden aus dem Staatsdienst – welches auch als von mir ausgehend möglich erachtet wurde – für einen wahren[388] Verlust erklärt hätten, den man verhindern müßte. Die Hauptsache war wohl, daß bei den nach allen Seiten greifenden Untersuchungen, bei der Durchsicht so vieler tausend in Beschlag genommener Briefe, nicht das geringste war aufgefunden worden, was mich bloßgestellt hätte; keine Teilnahme an Vereinen irgendwelcher Art, kein verfängliches Blatt von meiner Hand, in den bedenklicheren Verwickelungen nicht einmal mein Name, wie dies Herr von Kamptz ausdrücklich zur Steuer der Wahrheit versichert hat. Auch die falschen Angaben über mein Benehmen in Karlsruhe, die diplomatischen Verleumdungen waren teilweise berichtigt oder doch abgeschwächt worden. Es blieben also nur meine Depeschen und meine freisinnige Tätigkeit überhaupt als Punkte der Anklage zurück. Jene konnten der am Hofe überwiegenden, in dem Ministerium, dem ich angehörte, ausschließlich herrschenden Denkart nicht gefallen; ich mußte ihnen als eine Ausnahme der gewöhnlichen Diplomatenart erscheinen, die willenlos jedem Winke von oben sich fügt und, wenn es verlangt wird, die gewünschte Lüge statt der mißfälligen Wahrheit meldet. Allein die Formulierung einer solchen Anklage hätte Erörterungen hervorgerufen, die doch niemand sich getraute durchzuführen, und ein öffentliches Ärgernis, das über alles gefürchtet und vermieden wurde. Zudem widersprachen meine Depeschen keiner erteilten Weisung; denn ich hatte deren keine bekommen, wohl aber öftere Äußerungen der Zufriedenheit und des Lobes. Frühere Erklärungen des Königs, des Staatskanzlers und der Minister hatten mich berechtigt, freisinnigen Fortschritt und Verfassung mit allem Zubehör für die Grundlagen zu halten, auf denen der wiederhergestellte preußische Staat emporstreben wolle; durfte man offen eingestehen, daß man von diesen abgewichen sei, daß man andere gewählt habe, während man doch eben jetzt wieder neue Verfassungshoffnungen im Volke zu wecken für nötig hielt? In der Tat, von dieser Seite konnte man mir schwerlich etwas anhaben! Die Wirksamkeit, die ich im stillen durch[389] Zeitungen auf eigne Hand ausgeübt, hätte vielleicht einige Vorwürfe zu tragen gehabt, sie war aber größtenteils unbekannt geblieben.
Mit diesem Stande der Sachen war indes für den Augenblick nicht viel gewonnen. Ich durfte nicht neue Verfolgungen befürchten, wohl aber, daß man in der Verlegenheit, in die man sich gesetzt hatte, noch lange zu keinem Entschluß kommen und mich in der zweifelhaften unangenehmen Lage noch geraume Zeit würde warten lassen.
Es wurde schon herbstlich, die Gesellschaft verlor sich allmählich, die früheren Sonnenuntergänge mahnten uns, daß auch unseres Bleibens hier nicht lange mehr würde sein können. In Baden zu überwintern fiel damals keinem Menschen ein und wäre ohne besondere Anstalten kaum tunlich gewesen. Da von Berlin keine nähere Bestimmung erfolgte und Bernstorff noch immer in Karlsbad weilte, so mußten wir nach eignem Rat unsere Wahl treffen. In Karlsruhe, wo freilich unsere häusliche Einrichtung uns für den Winter am nächsten anziehen konnte, wäre unser Aufenthalt kaum schicklich und gewiß nicht angenehm gewesen; auch Heidelberg hatte mancherlei Bedenken gegen sich, ebenso Freiburg; im Lande jedoch wünscht ich fürerst noch zu bleiben, und da fand sich denn kein Ort so gelegen und versprechend als Mannheim, wo wir gewiß waren, freundliche gute Gesellschaft, ein gutes Theater, Musik und andere Annehmlichkeiten zu finden; den Ausschlag für diese Wahl gab zuletzt die Großherzogin Stephanie, die dort den Winter zubringen wollte, uns dringend einlud und in zwangloser Weise, besser als in Karlsruhe, uns recht oft bei sich zu sehen hoffte.
Wir kehrten demnach am 18. September von Baden nach Karlsruhe zurück, in der Absicht, dort unsern Haushalt aufzulösen und mit dem Nötigen nach Mannheim zu übersiedeln. Doch ehe hiemit nur ein Anfang gemacht war, gleich an demselben Tage, erhielt ich durch den von Karlsbad eben zurückgekehrten Minister von Berstett folgendes[390] Schreiben des Grafen von Bernstorff, noch aus Karlsbad vom 9. September:

Euer Hochwohlgeboren gefälliges Schreiben vom 24. Juli ist erst spät von Berlin aus hieselbst in meine Hände gekommen. Ich würde selbiges jedoch früher beantwortet haben, wenn die offiziellen Berichte, auf welche es sich beziehet, mir vorgelegen hätten. Solches ist zwar auch jetzt noch nicht der Fall. Allein ich werfe mir vor, zu lange gesäumt zu haben, Euer Hochwohlgeboren einen Irrtum zu benehmen, welcher sich in jenem Schreiben ausspricht. Sie setzen voraus, daß der badische Hof, und namentlich der Minister von Berstett, Beschwerde über Sie geführt hat. Ich bitte Sie, von mir die bestimmte Versicherung anzunehmen, daß diese Voraussetzung völlig grundlos ist. Durch des Herrn Staatskanzlers Durchlaucht bin ich unterrichtet worden, daß des Königs Majestät Sie zu Ihrem Ministerresidenten bei den Vereinigten Staaten von Nordamerika auszuersehen geruhet und zugleich die Absicht ausgesprochen haben, daß Sie sich ohne Verzug über Holland nach England begeben, um dort die fernern Anweisungen in bezug auf Ihre neue Bestimmung zu erwarten. Sollten Euer Hochwohlgeboren mit den zu dieser Reise erforderlichen Geldern nicht versehen oder Ihnen solche von Berlin aus nicht bereits angewiesen sein, so stelle ich Ihnen frei, für die Ihnen nötige Summe, über welche Sie späterhin Rechnung abzulegen haben werden, auf die Königliche Legationskasse zu ziehen, welche ich mit dem deshalb erforderlichen Zahlungsbefehl zu versehen nicht ermangeln werde.
Bernstorff

Also kein Vorwurf, kein Tadel, selbst eine Beschwerde des badischen Hofes oder Ministers entschieden verneint und eine neue, ehrenvolle und in mehr als einem Betreff ertragreiche Sendung! Als Genugtuung mir erfreulich, auch als neue Berufstätigkeit anlockend und vielversprechend,[391] aber unter den waltenden Umständen wieder höchst bedenklich! Über meine Amtsführung in Baden wurde wie bisher geschwiegen, das Ableugnen badischer Beschwerden konnt ich, bei der redlichen Offenheit Bernstorffs, der einer so bestimmten Versicherung einer Unwahrheit nicht fähig war, nur auf dessen Unkunde schieben, weil die Einflüsterungen nicht gerade ihm gemacht worden waren, denn die Tatsache stand mir aus unwiderleglichen Angaben fest, die ich nur nicht vorlegen durfte, um nicht Freunde bloßzustellen, deren Vertrauen ich sie verdankte. Ich sollte demnach in der Täuschung erhalten werden und nicht wissen, wie meine neue Anstellung gemeint sei. Offenbar aber war sie als eine Verbannung gemeint; es war nicht ein wichtiger Dienst, den ich antreten sollte, keine vaterländische Pflicht, die mich rief; im Gegenteil, die Sendung hatte nur den persönlichen Zweck: ich sollte fort, weit fort, augenblicklich nur erst aus Deutschland fort nach England, und damit ja kein Verzug entstünde, wurden die nötigen Geldmittel, falls ich nicht die Auslage machen könnte, mir sorgsamst und eiligst überwiesen! Alles dies erwogen, zweifelte ich keinen Augenblick, was zu tun sei: nämlich sogleich nach Berlin zu reisen, dort den Boden zu prüfen, die mir gewährte Genugtuung zu erhöhen und, falls dies gelungen und mir die Überzeugung geworden wäre, daß mir jederzeit die Rückkehr freistehen würde, dann vielleicht, und höchstens auf ein Jahr, die Sendung anzunehmen; die neuen Anschauungen und Erfahrungen, die mir zuteil werden konnten, waren doch niemals in meinen Augen das Opfer wert, das ich durch eine jahreslange Trennung von Rahel zu bringen hatte; denn daß sie die große Reise mit mir machen könnte, war bei ihren Gesundheitsumständen undenkbar. Das Wahrscheinlichste war, daß auch mir die Seereise erspart werden würde; denn ich durfte nicht hoffen, die Sachen in Berlin so zu finden, wie ich sie mir bedingen wollte, und ganz darauf gefaßt, wenn man mich zur Annahme drängte, sogleich meinen Abschied zu fordern. In dieser Voraussicht kam der mir unerträgliche[392] Gedanke einer Trennung von Rahel schnell wieder, und ich fand in der vorausgesetzten Ungunst eine größere Beruhigung, als die größte Gunst mir sie hätte gewähren können.
Ich schrieb sogleich in diesem Sinne Antwort an Bernstorff und meldete ihm, daß ich nicht als ein Angeschuldigter und Verleumdeter aus Europa fortgehen könne, daß ich vorher persönliche Rücksprache mit ihm nehmen müsse, auch Familienangelegenheiten zu ordnen habe, und er es daher richtig finden werde, daß ich zuerst nach Berlin käme, wohin ich sogleich abreisen und den Weg so schnell zurücklegen würde, als es die Gesundheit meiner Frau gestattete. Bernstorff mußte doch wissen, daß im diplomatischen Dienst einige Rücksicht auf persönliche Verhältnisse und Zuständigkeiten herkömmlich sei, und ich wollte nicht, daß gerade bei mir dies gänzlich vergessen würde. Nachdem ich mir den Weg in solcher Art frei gemacht, durft ich nun aber auch nicht zögern, ihn zu benutzen, damit nicht ein Schlagbaum ihn plötzlich wieder sperrte. Wir übergaben unsere sämtliche Einrichtung der Sorge Ludwig Roberts, der in Karlsruhe zurückblieb, um die Hindernisse wegzuräumen, die seiner Heirat mit der schönen Friederike Primavesi noch entgegenstanden; diese selber versprach ebenfalls, unsere Sachen in beste Hut zu nehmen. Wegen Unwohlseins von Rahel konnten wir doch erst am 1. Oktober unsere Reise antreten und in kleinen Tagefahrten fortsetzen.
Ich kann nicht ausdrücken, wie sehr wir auf dieser Reise gutes Mutes und vergnügt waren. Zwar wußten wir nur allzugut, in welchen düstern Kreis von Armseligkeiten, Vorurteilen, Härten und Ränken wir fallen würden – Rahel hatte ihn zu Anfang des Jahres dem armen Oelsner nur allzu treffend bezeichnet und ihn beglückwünscht, aus ihm heraus zu sein –, aber dies störte uns im Augenblicke wenig; die Gegenwart forderte ihr schönes Recht, es traten angenehme Herbsttage ein, und die Gegenden, welche wir verließen, lachten uns wie zum Wiedersehen an. So Heidelberg, so Mannheim, das am frühen Morgen seitwärts der[393] Bergstraße mit seinen Türmen und Kuppeln bei klarster Luft in glühendem Sonnenglanz als Pracht-und Zauberanblick vor uns lag, den wir mit Staunen lange betrachteten und freudig als ein erstes Reiseglück begrüßten.
In Heppenheim sahen wir beim Wirt ein Zeitungsblatt unter Glas in vergoldetem Rahmen an der Wand hängen; es enthielt das Versprechen des Großherzogs von Hessen-Darmstadt, dem Volk in bestimmter Frist eine ständische Verfassung zu geben. Als ich lesend davorstand, trat der Wirt herzu und sagte: »Der Anschlag hängt nur bis zum Ablaufe der Frist; denn nachher ist das Versprechen entweder erfüllt – und dann ist das Blatt nicht mehr nötig –, oder das Versprechen ist nicht erfüllt, nun, dann ist man doch zu guter Untertan, um öffentlich darauf hinzuweisen, daß der Großherzog gelogen hat.« Ein Ausdruck von Untertanentreue, den sich doch mancher Fürst verbitten möchte!
Reisende, die uns begegneten, teilten uns das neuste Buch von Görres mit: »Deutschland und die Revolution«. Es kam frisch aus der Presse, sie hatten die ersten Abdrücke, nach denen man sich in Frankfurt ordentlich riß. Der scharfe, glühende Redestrom des Buches hatte unsere Reisenden heftig ergriffen, sie waren ganz erfüllt von dem Inhalt, sprachen in gleichem Sinn, verkündeten und wünschten, daß es endlich zum Ausbruch kommen werde. So fanden wir auch in Frankfurt die größte Aufregung; Haß und Verachtung gegen die Höfe, gegen den Bundestag wurden mit rücksichtslosem Hohn ausgesprochen; man glaubte in eine neue Welt gekommen zu sein. Graf von der Goltz war in kühler Verzweiflung, er bekam von Hause die bittersten Verweise, und hier tat man ihm alles Herzeleid an; seine Kollegen Wangenheim, Gagern, Smidt und andere tranken in seiner Gegenwart auf das Wohl des demokratischen, ja des republikanischen Prinzips, gegen das er amtlich hatte seine Erklärung am Bundestage ablegen müssen. Küpfer, der mich schon für verloren gehalten und deshalb verleugnet hatte, war über meine neue Bestimmung ganz bestürzt[394] und suchte sich wieder anzuschmeicheln; ich sah ihn mit Verachtung an und ließ ihn stehen. Die Familie Hertz nahm uns freundlichst auf, desgleichen Dr. Jassoy, Schlossers und andere. Wir machten auch die Bekanntschaft Börnes; eine Handelsjüdin, die ihn gut kannte, versprach ihn zu schaffen; er kam in unsern Gasthof, und wir behielten ihn zum Mittagessen. Der kleine unansehnliche Mann von sehr jüdischem Aussehen war unbeholfen und scheu; eine beginnende Schwerhörigkeit gab ihm etwas Gespanntes und Lauerndes, was den Eindruck nicht verbesserte. Aber was er sagte, war geistvoll, scharf, treffend, witzig. Wir sprachen bald ohne Rückhalt, ich vertraute ihm meine Verhältnisse und daß ich, wenn ich in Berlin die Umstände zu schlecht fände, den Abschied nehmen und in Frankfurt leben würde. Begierig ergriff er den Gedanken, mit mir, Oelsner und Lindner vereint, eine politische Zeitschrift nach Art der »Minerve française« herauszugeben; wir wußten noch nicht, daß die Karlsbader Beschlüsse dies Unternehmen schon unmöglich machten. Rahel war von Börnes Geist und Ausdrucksweise sehr eingenommen, weniger von seiner Person; ihr entging nicht, daß trotz dieser unfreien, beklommenen Erscheinung eine ungeheure Eitelkeit in ihm steckte, eine solche, wie man sie bei Buckligen so häufig bemerkt, die das Gebrechen zum Vorzug machen möchten. Überhaupt flößte er mir wohl politisches, aber kein menschliches Vertrauen ein; sein Urteil war immer selbstisch befangen, von Gründen bestimmt, die mit seiner Eitelkeit zusammenhingen; er hatte keinen Sinn für fremde Persönlichkeit, sprach über solche, die wir gemeinsam kannten, die verkehrtesten Dinge. Die Art, wie er sich über seine Faulheit äußerte – er warnte, bei der beabsichtigten Zeitschrift nicht zuviel von ihm zu hoffen –, mißfiel mir ebenfalls, auch hier sollte wieder das Gebrechen lächelnd in eine Tugend gewandelt werden, und welches Gebrechen! eines, das mir an einem Manne ebenso schlimm wie Feigheit erschien. Genug, der Eindruck im ganzen war mehr nachteilig als vorteilhaft; auch hat sein[395] Scharfsinn es gut gemerkt, und bei aller Nachsicht und Aufmerksamkeit, die ich später dem Verfolgten, dem Bedürftigen widmete, hat er mich und meinen Schwager Ludwig Robert sowie meinen Freund Heine, dessen wachsender Ruf ihn mit bittrem Neid erfüllte, durch Mißreden es entgelten lassen, die jedoch wenig verfingen.
Wir verließen Frankfurt nicht sehr befriedigt von den Neuigkeiten, die wir dort erfahren. Die fernere Reise, schon nördlicher und herbstlicher, hatte für Rahel das Angenehme, daß ihr diese Gegenden neu waren. In Fulda, Eisenach, Gotha sahen wir uns hinlänglich um, in Weimar und Halle blieben wir nur über Nacht, es war zu Besuchen keine Zeit. Nach Weimar fühlte man sich wie in anderes Land und Wetter versetzt, noch stärker war dies nach Wittenberg der Fall; alles wurde flach, einförmig, karg; märkischer Sand und märkische Kiefer, einsame Landstraße, dürftiger Anbau: wir waren in der brandenburgischen Heimat. Am 8. Oktober trafen wir wohlbehalten in Berlin ein.[396]



