
                           Hahn-Hahn, Ida Grfin von

                                Grfin Faustine

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                              Ida Grfin Hahn-Hahn

                                Grfin Faustine

                                   An Bystram

Seit fnf Monaten schmachte ich im zwiefachen Kerker der Blindheit und der
Krankheit; seit fnf Monaten hast Du, unermdlich ber mir wachend, mich
gepflegt und getrstet, mir Muth und Beruhigung zugesprochen, mir die Thrne aus
dem Auge und den Angstschwei von der Stirn getrocknet, mir Dein Auge und Deine
Hand geliehen. Da ich nicht ganz in Verzweiflung, Stumpfsinn, Apathie
untergegangen bin, danke ich Dir. Darum soll dies Buch - das freilich schon vor
einem halben Jahr, bis auf die letzte Durchsicht, fertig war, dessen Herausgabe
aber doch einen aufglimmenden Funken geistiger Regsamkeit mir verkndet: - darum
soll es Deinen Namen wie ein Diadem an der Stirn tragen. Vielleicht ist er das
Beste an dem ganzen Buche.

Tharand, 14. August 1840.

In Norddeutschland giebt es wol wenig lieblichere Punkte, als die Brhlsche
Terrasse in Dresden zur Frhlingszeit. An einem Juniustage, frisch, grn und
strahlend wie ein Smaragd, saen mehre junge Mnner vor dem Baldinischen
Pavillon, rauchten Cigarren, nahmen Gefrornes oder Kaffee, musterten die
Vorbergehenden und schwatzten eine Musterkarte von Unsinn durcheinander, wozu,
wie sich von selbst versteht, Pferde, Theater und Frauen das Thema lieferten, -
ein Thema, so lange und so oft gebrandschatzt, da man schwer begreift, wie es
noch immer zu neuen Variationen dienen knne.
    Es war drei Uhr Nachmittags, und daher keine elegante Frau auf der Terrasse
zu sehen. Sie speisten oder wollten speisen, und frchteten die Hitze, die
Sonne, obgleich sich khler, grner, wehender Schatten ber die Terrasse legte.
Desto mehr mute es auffallen, da eine augenscheinlich dem hhern Stande
angehrende Frau allein auf einer Bank sa, den Rcken dem Pavillon zugewendet,
ungestrt von dem Geschwtz der Mnner, und von dem unruhigen, jauchzenden
Treiben der Kinder, welche mit und ohne Wrterinnen die Terrasse gleich Ameisen
berdeckten. Aber es fiel Keinem auf. Sie mute also eine Erscheinung sein, die
Jedermann kannte, und fr die sich Niemand interessirte. Sie zeichnete emsig.
Ein Bedienter stand wie eine Statue seitwrts hinter ihr und hielt einen
Sonnenschirm so, da weder ein blendender Lichtstrahl noch ein zitternder
Schatten des Laubes Auge, Hand und Papier der Gebieterin treffen konnte. Ihr
groes, dunkles Auge flog mit einem schnellen, scharfen Aufschlag hin und her
zwischen Gegend und Zeichnung, und die feine Hand, ohne Scheu vor der Luft, der
grern Festigkeit wegen des Handschuhs entledigt, folgte gewandt dem Blick. Sie
war ganz in ihre Arbeit vertieft.
    Lady Geraldin ist heute nach Teplitz abgefahren - das ist meine letzte
Neuigkeit, sagte ein junger Mann aus jener Gruppe.
    Ist gar keine Neuigkeit! rief ein Anderer, es war lngst bestimmt.
    Aber auf morgen.
    Nein, auf heute.
    Wahrhaftig, auf morgen!
    Kurz und gut, sie ist fort, sagte ein Dritter, und bald wird Dresden ganz
ausgestorben sein. Man mu sich auch davon machen. Es ist unertrglich, nichts
als gemeine unbekannte Gesichter zu sehen.
    Ich liebe gerade die fremden Gesichter, welche wie Wandervgel jetzt
hindurch und in die Bder ziehen.
    Ah, fremde Gesichter! das ist etwas ganz Andres! die lieb' ich auch, und
die kennt man sehr schnell. Ich meinte die unbekannten, die Nobody's, den
Bodensatz der Gesellschaft, Namen, die man sich hundertmal wiederholen lt,
ohne im Stande zu sein, sie zu behalten, Gestalten, die Anspruch darauf machen,
gegrt zu werden, weil man sie in irgend einem Salon coudoyirt hat - und von
solchen wimmelt Dresden pltzlich, wie die Nacht von Gespenstern.
    Ich bedaure jeden, der gezwungen ist den Sommer hier zuzubringen.
    Und gestern Abend ist Graf Mengen angekommen. Der Gesandte hat nur darauf
gewartet, um seine Badereise anzutreten - so bleibt er denn solo soletti! -
Freilich .... reiten kann man berall, und auch allein ist's amsant.
    Beneidenswerth! - Und wo werden Sie hingehen?
    Unbestimmt noch! hie und da aufs Land, zu Freunden - spter nach Teplitz.
Wenn Frst Clary Wettrennen veranstalten wollte, wie sie doch jetzt in jedem
civilisirten Lande Europa's, und ziemlich an jedem Ort, wo fashionable
Gesellschaft sich zusammenfindet, Mode sind: so wrde der dortige Aufenthalt
bedeutend gewinnen. Das Terrain wre vortrefflich; die Wiener wrden auch ihre
Pferde schicken. Unbegreiflich, da der Clary den Vortheil nicht einsieht.
    Kennen Sie den Graf Mengen? - wurde gefragt.
    Ich sah ihn heut' frh bei Feldern, seinem Universittsfreunde, aber nur
einen Augenblick. Wir wurden einander genannt - dann ging er zu seinem
Gesandten.
    Wie sieht er aus? hat er gute Manieren?
    Ich denke, er mu pomps zu Pferd sitzen.
    Aber, lieber Centaur, rief Einer, im Zimmer, im Salon kann man nicht zu
Pferd sitzen, und mu sich doch prsentiren.
    Der Centaur, der nichts Schmeichelhafteres kannte, als diesen Beinamen,
sagte:
    Wer gut reitet, prsentirt sich berall und immer gut, hat Gewandtheit,
Kraft, Haltung, Ungezwungenheit - kurz Alles, was ein Cavalier bedarf.
    Auch Verstand?
    Auch Verstand! die Pferde sind kluge, schlaue, pfiffige, tckische Bestien,
haben viel Aehnlichkeit mit den Weibern, mssen gehorchen lernen, auf den Wink,
der geringsten Bewegung. Es gehrt viel Verstand dazu, ein tiefes Studium und
ernste Beharrlichkeit, ihnen Gehorsam einzuimpfen.
    Den Weibern oder den Pferden?
    Beiden! Der Umgang mit diesen ist gleichsam die Elementarschule zum Verkehr
mit jenen.
    Ich gratulire Deiner knftigen Gemahlin, lieber Centaur.
    Hat noch Zeit! bin noch nicht firm genug - war die Antwort.
    Da kommt Feldern mit einem Fremden, wahrscheinlich Graf Mengen, unterbrach
Jemand das geistreiche Gesprch.
    Richtig, er ist's! rief der Centaur; ich parire, er ist ein excellenter
Reiter.
    Neben dem kleinen, blonden, schmchtigen, zierlichen Feldern, der Hnde
hatte, wei und zart wie ein Frauenzimmer, und ein Gesicht freundlich lchelnd,
wie ein vierzehnjhriges Mdchen - ging ein groer Mann, schlank und dunkel wie
eine Tanne, vom Scheitel bis zur Sohle ernst und fest wie aus Erz gegossen; aber
die ganze Erscheinung wunderbar gelichtet, erleuchtet fast, durch seine Augen,
welche Lichtstreifen auf den Gegenstand zu werfen schienen, den sie anblickten;
brigens aber vornehm gleichgltig, zerstreut selbstbewut in Haltung und
Manieren - kalt bersehend, spttisch abwehrend in Wort und Ausdruck fr die
Masse, jedoch dem Einzelnen nie Huldigung oder Bewunderung versagend - so trat
Graf Mario Mengen auf.
    Feldern machte ihn mit all den jungen Mnnern bekannt. Einige empfingen ihn
neugierig zudringlich, Andere thaten gleichgltig gegen den Fremden, den
Uneingeweihten in das Geschwtz und die Interessen ihrer Coterie. Mario lie
Alle schwatzen, ghnen, rauchen, setzte sich mit untergeschlagenen Armen, und
blickte in die lachende Gegend hinein.
    Da zeichnet ja die Grfin Faustine - sagte Feldern pltzlich.
    Aber wo ist denn Andlau? fragte Einer; fast eine Stunde ist sie allein
hier, mich wundert, da er das zugiebt.
    Da er es ertrgt! rief ein Andrer.
    Nun, nun! sagte der immer begtigende Feldern, sie sind ja nicht Beide
aneinander geschmiedet.
    Glauben Sie nicht, Feldern, da sie heimlich verheirathet sind?
    Nein, denn sie knnten es ja wol ffentlich sein, wenn sie wollten.
    Wer kann's wissen! das Ding hat gewi seinen Haken.
    O ganz gewi! rief ein Dritter; z.B. den eigenwilligen Kopf der Grfin
Faustine selbst, die, um etwas ganz Apartes zu haben, in der Stille bestimmt
tausend Martern ertrge - natrlich ohne sich selbst oder Andern zu gestehen,
da es in der That Martern sind.
    Es ist wahr, sie hat ihre eigenen und eigenthmlichen Allren - sagte
Feldern.
    Ein Beispiel hat mich ungeheuer frappirt, entgegnete der Andre. Sie trug
den ganzen Winter hindurch in allen groen Soireen ein und dasselbe Kleid.
    In allen Soireen! sie geht doch wenig in die Welt.
    Kann sein! aber wenn sie ging, so trug sie ihr himmelblaues Atlaskleid.
Zuerst war das ganz gut; aber es ist doch wunderlich, fter als drei- bis
viermal genau im nmlichen Anzug zu erscheinen. In Italien herrscht die Sitte,
da Mtter ihre Kinder unter den besondern Schutz der Madonna stellen und sie
deshalb in deren Farbe, hellblau, kleiden - ein Jahr, eine Reihe von Jahren,
immer, je nachdem sie es gelobt haben. Ich fragte die Grfin Faustine, ob sie
ein solches Gelbde gethan. Nein, sagte sie, aber das der Bequemlichkeit. - Ist
dies natrlich bei einer Frau - ich frage!
    Indem erhob sich Faustine, gab dem Bedienten das Zeichenbuch und nahm den
Sonnenschirm. Dann stand sie ungefhr eine Minute lang an der Balustrade der
Terrasse. Sie trug ein ganz schlichtes weies Percale-Kleid, den Hals
umschlieend, auf die Fe herabfallend. Kein buntes Band, keine Schleife, kein
Shawl zerschnitt die Gestalt und strte den harmonischen Eindruck ihrer
statuenmigen Proportionen. Ein tiefer weier Taffthut verbarg ihr Haar, fast
ihr Gesicht. Sie wandte sich langsam. Es sah aus, als bildeten die grnen Bume
ein Laubdach fr Andere, einen Tempel fr sie. Sie ging mit dem Anstand einer
Knigin an den Mnnern vorber, die sie freundlich grte, als sie Bekannte
unter ihnen wahrnahm.
    Wer war die Dame? fragte Graf Mengen lebhaft.
    Eben die Grfin Faustine, von der wir sprachen.
    Eine Fremde?
    Ja; doch seit einigen Jahren hier etablirt.
    Verheirathet?
    Gewesen. - Vielleicht. - Man wei nicht. - Wittwe. - Unverheirathet. -
Erscholl es von allen Seiten.
    Mengen warf den Kopf herum: Die Herrn sind guter Laune.
    Auf Ehre! reine Wahrheit was wir sagen!
    Das Wahrste und Einfachste, sprach Feldern, ist indessen doch, wenn man
sagt, da Grfin Faustine Obernau Wittwe ist.
    Kennst Du sie? fragte Mengen.
    Recht gut.
    Ist sie liebenswrdig? kann ich sie auch kennen lernen? - Nimm nicht bel,
da ich die insipideste aller Conversationen, eine fragende, mache! Dem Fremden
mu man das verzeihen.
    Ueber diese Frau, nahm ein Anderer das Wort, knnte man noch ein Paar
hundert Fragen thun, wenn es der Mhe lohnte, und Jeder wrde eine andere
Antwort geben, weil ein Feld von allerlei Mglichkeiten bei solchem Verhltni
aufgethan ist. Aber eben weil ein solches Verhltni statt findet, kann man ja
alle Fragen von Hause aus sparen.
    Wann werden Sie dem Knig vorgestellt, Graf Mengen? fragte Einer.
    Ich denke, Sonntag, wenn er von Pillnitz herein kommt.
    Ist der Wiener Hof von groer Ressource fr die Gesellschaft?
    Von gar keiner! mit einer Cour hat die Gesellschaft, mit ein Paar
Kammerbllen hat der Hof seine Pflicht abgethan.
    War das diesjhrige Pferderennen glnzend, und wessen Pferd siegte? fragte
der Centaur.
    Ich meine, es war ein Lichtensteinsches.
    Das wissen Sie nicht einmal gewi! ich hoffe, Graf Mengen, da Sie ein
Liebhaber der Pferde sind.
    O ja, sagte Mengen gelangweilt, nur nicht der Gesprche ber sie. Sobald
ich meine Pferde hier habe, will ich die Gegend weidlich durchstreifen.
    Graf Mengen! rief der Centaur mit berquellendem Herzen; gleich vom
ersten Augenblick an hab' ich das in Ihnen vorausgesetzt. Ich hab' eine horrende
Freude, da mich mein erster Blick in diesem Punkte nie trgt.
    Er packte seine Hand und schttelte sie. Die Uebrigen lachten und neckten
den Centauren mit seinem untrglichen Urtheil. Kein Demosthenes wre im Stande
gewesen, dem Gesprch ber Pferde eine andere Wendung zu geben. Mengen stand
auf.
    Die Speisestunde meines Ministers - sprach er grend, und ging.
    Nun, Feldern, riefen Alle durcheinander, heraus damit! erzhlt, erzhlt!
von seinen Verhltnissen, seinen Umstnden, seiner Carriere!
    Mein Gott, sagte Feldern, davon giebt es nichts Besonderes zu erzhlen!
Er macht die diplomatische Carriere wie jeder Andere und wie er auch seine
Studien machte - auf ganz gewhnlichen Wegen, ohne besondere Protection. Und ob
er Vermgen hat, wei ich nicht! In Gttingen hatte er bald vollauf Geld und
bald nichts; aber immer war er, als befehle er ber Goldminen und verachte sie
nur. Einmal kam ein Prinz dahin und brachte die Mode der kostbaren und eleganten
Stcke mit. Wir schafften uns Alle dergleichen an. Mengens Fonds mochten niedrig
stehen, er hatte keinen. Da sagte er einmal bei Tisch: Bah! wer mag denn den
Tambour-Major spielen und einen Stock mit blankem Knopf tragen! - Es kam uns
vor, als habe er uns zu Tambour-Majors dadurch ernannt. - Die prchtigen Stcke
verschwanden.
    Solch ein stupendes Uebergewicht kann auf der Universitt jeder Raufbold
haben.
    Das war er nicht. Er schlug sich, wenn er mute und dann tchtig; aber nie
suchte er Hndel.
    Wir wollen doch sehen, ob der Legationssecretr die Suprematie des
Studenten hier wird geltend machen wollen und knnen.
    Er scheint Lust dazu zu haben.
    Ich glaube nicht, sagte Feldern, er hat Lust aus der untergeordneten in
eine unabhngige Stellung zu kommen, freie Hand zu haben. Seinen alten Minister
wird er wol etwas tyrannisiren, allein die Fanfaronaden der Burschenzeit liegen
zu weit ab, um sie in die gegenwrtigen Zustnde zu verflechten.
    Wenn er sich poussiren will, mu er eine Ministertochter heirathen - anders
geht's heutzutag nicht.
    Oder nicht heirathen, das hilft bisweilen auch.
    Wie das? wie so? - Das ist bequemer noch! - Wem ist das passirt?
    Einem meiner Vettern! er war verlobt mit der Tochter eines Allmchtigen,
und die Vermhlung schon festgesetzt. Da kommt ein immens reicher, dummer Russe;
die Braut fat die heftigste Leidenschaft fr ihn, die er, so gut er kann,
erwiedert. Erklrungen, tragische Scenen zwischen Braut und Brutigam! Letzterer
tritt natrlich zurck, denn er ist der Aermere, folglich der Ungeliebte. Aber
er hat eminenten Kopf, Schlauheit, Talent, Scharfsinn; der Ex-Schwiegerpapa will
all diese guten Gaben nicht gegen sich im Felde wissen, so wird mein Vetter bei
siebenundzwanzig Jahren Gesandter in Stockholm und einer eiteln Nrrin los und
ledig.
    Verdammtes Glck! - Und das letzte grer als das erste!
    Rcksichten regieren die Welt - sagte Feldern bedachtsam.
    Aber sie geniren teufelmig! - rief ein Anderer.
    Ich habe das nie finden knnen, entgegnete Feldern; Rcksichten sind die
Geleise, in welchen der Wagen der Gesellschaft ruhig und sicher fhrt, ohne mit
andern zusammen zu stoen, zu zertrmmern und zertrmmert zu werden.
    Aber es giebt breitspurige Wagen.
    Nun, die halten halbe Spur, und sind nach einer Seite wenigstens
geschtzt.
    Die Cigarren waren geraucht, die Tassen und Becher geleert, die Gesprche
erschpft. Jeder schlenderte seiner Wege; die Meisten zur Sieste.

In Faustinens Wohnung herrschte tiefe Stille. Sie lag an der Promenade; da gab
es kein Wagengerassel, kein Pferdegestampf, kein Marktweibergeschrei, nichts,
was an den Tumult und das Bedrfni erinnert. Die Fenster des Salons - lange
Glasthren, welche auf den Balcon fhrten - waren geffnet und die Jalousien
geschlossen, damit nur das scharfe Licht, nicht die Luft verbannt sei. Auf einer
Ottomane sa der Baron Andlau und bltterte ziemlich unaufmerksam in einem Buch
- denn er wartete. Nichts auf der Welt ist strender als die Erwartung, sogar
von den geringfgigsten Dingen. Von dem Moment an, wo man wartet, ist man trotz
aller Fhigkeiten, Krfte und Sinne nichts als ein Schtze, der von der ganzen
Erde nichts sieht und wei auer dem schwarzen Punkt in der Scheibe. Andlau
wartete auf Faustine. Warum kommt sie nicht? sprach er zu sich selbst; sollte
ihr irgend etwas zugestoen sein? Warum ging ich nicht mit ihr - mein Kopfweh
wre nicht rger worden! Warum lie ich sie berhaupt gehen in dieser heien
Tageszeit! - Er nahm den Hut und wollte ihr entgegen; da hrte er ihren Schritt
auf der Treppe, und er sprang auf und ffnete ihr die Thr. Es wurde ganz hell
in dem verfinsterten Gemach, als sie eintrat. Faustine warf ihren Hut auf den
einen Tisch, ihr Zeichenbuch auf den andern, sich selbst auf ein Sopha und
sagte:
    Lieber Anastas, das wird ein hbsches Bild werden! aber mde bin ich -
todtmde!
    Warum strengst Du Dich so an? mu das Bild denn nothwendig eine so heie
Sonnenschein-Beleuchtung haben?
    Ganz nothwendig! - sagte sie und stand auf; ich bin auch schon ausgeruht,
und heut Abend mut Du mit mir nach der Neustadt hinber! ich will mir recht
einprgen, wie der Flu und die Kirchen im Mondlicht aussehen. Das wird ein
Gegenstck dazu.
    Hier ist ein Brief an Dich, sagte Andlau und nahm ihn vom Schreibtisch;
nach dem Wappen zu urtheilen, von Deinem Schwager.
    Richtig! rief Faustine und las:

Geehrteste Frau Schwgerin! Ihrem erfreulichen Schreiben vom 24. huj. zu Folge,
entnehmen wir aus demselben Ihre gtige Absicht, uns im Lauf des Monat Junius
mit Ihrem schmeichelhaften Besuch zu erfreuen. Da mein jngstgebornes Shnchen
am 10. desselben Monats die Taufe empfangen soll, so vereinigen meine liebe Frau
und ich unsre Bitte und Wunsch dahin, da es Ihnen gefallen mge, eine
Pathenstelle bei selbigem Knbchen zu bernehmen, und es am 10. Junius, Mittags
um 2 Uhr, in meiner Kirche zu Oberwalldorf ber die Taufe zu halten. Ihre
Mitgevattern werden sein: die Frau Baronin von Feldkirch, geborne Grfin Hagen
auf Mhlhof, und mein Bruder Clemens von Walldorf, welcher sich, nachdem er
seine Studien zu Wrzburg und Jena seit Ostern vollendet hat, bei mir aufhlt,
um die Landwirthschaft praktisch zu studiren, was ein ganz ander und viel
wichtiger Ding ist, als es theoretisch zu thun.
    Meine Kinder befinden sich smmtlich wohl und munter, was unter allen
Umstnden mit Dankbarkeit anzuerkennen ist, aber dann ganz besonders, wenn man
sieben hat und auf dem Lande, fern von rztlicher Hlfe, wohnt. Auch meine liebe
Frau ist, Gottlob! so wohl wie man es nur wnschen kann, denn die Wochenbetten
sind ihr bereits zur Gewohnheit worden, wie Tag und Nacht. Sie trgt mir die
herzlichsten Gre fr die liebe Schwester auf. Ich aber, verehrte Frau
Schwgerin, unterzeichne mich als Ihren treuergebenen Schwager und Bruder und
ganz gehorsamen Diener,
                                                       Maximilian von Walldorf.

Nun gut! sagte Faustine, auf ein Paar Tage frher oder spter kommt es Dir
wol nicht an. La uns bermorgen reisen! Bis Coburg zusammen, dann Du nach
Kissingen, ich nach Oberwalldorf, und in der ersten Hlfte des Julius hole ich
dich ab, und fort nach Belgien.
    Andlau machte keine Einwendung. Er war mit Allem zufrieden, was ihr genehm
war, und da sie meistentheils auf nichts und Niemand in der Welt Rcksicht nahm,
als auf ihn allein, so mu man ihm diese Zufriedenheit als ein auerordentliches
Verdienst anrechnen; denn die Masse der Menschen ist am verdrielichsten, wenn
man die grte Rcksicht auf sie nimmt. Faustine sagte:
    Es ist nur eine Trennung von vier bis fnf Wochen, die uns bevorsteht; aber
dennoch, Anastas, bin ich traurig, als wren es eben so viel Jahre. Trennung ist
Trennung! auf die Lnge der Zeit, auf die Weite des Raums kommt es gar nicht
dabei an. In drei Tagen, wo ich dich nicht sehe, nicht hre, nichts von Dir
wei, kannst Du und kann ich eben so gut zu Grunde gehen, als wenn wir auf immer
getrennt wren. Ist denn das Wiedersehenwollen eine Brgschaft des
Wiedersehens?
    Gewi, Faustine! meinst Du, da etwas Anderes uns trennen knne, als unser
Wille?
    O ja! sagte sie melancholisch.
    Ja? rief er heftig; ja? nun, wenn Du das glaubst, so sind wir schon
getrennt.
    Der Tod, sprach sie, nimmt auf keinen menschlichen Willen Rcksicht; er
hat seinen eigenen Gang.
    O der Tod, Faustine! .... Du wirst nicht sterben, und wenn ich sterbe ....
-
    So sinke ich Dir nach! Du hast Recht, Anastas, das ist kein Tod und keine
Trennung.
    Sie hatte sich zu ihm auf die Ottomane gesetzt, und legte nun ihr weiches,
frisches, blhendes Haupt auf seine Schulter und ihre gefalteten Hnde in seine
Linke, whrend er sie mit dem rechten Arm umschlang. Er berhrte leise mit den
Lippen ihre Stirn und sah auf sie herab mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von
Zrtlichkeit, Andacht und Freude. Er hatte ein Gesicht mit scharfgezeichneten
Zgen, mit Spuren von starker Leidenschaft, von ernsten Gedanken; aber wenn der
Blick seines groen blauen Auges auf Faustine fiel, so verklrte sich dies
strenge Auge und die schneeweie Stirn, welche es berwlbte, auf eine Weise,
die Keiner ahnte, der ihn nicht mit ihr gesehen; denn seine breiten, dunkeln
Augenbraunen und sein glnzend schwarzes, feines Haar, das sich schlicht um
seine Stirn legte, verbunden mit einem durchdringenden, klaren Blick, gaben ihm
einen Ausdruck von ungewhnlicher Strenge. Nur Faustine hatte ihn aus innerer
Freudigkeit lcheln gesehen; denn fr sie war er Alles, was sie bedurfte, und in
jedem Augenblick, wo sie es bedurfte: Vater oder Freund, Lehrer oder Geliebter,
lchelnd oder warnend, ermahnend oder scherzend, sorgend oder liebend, und wie
an ihre sichtbare Vorsehung lehnte sie sich an ihn. Ihre fliegende Phantasie
ward in Schranken gehalten durch seine Klarheit, ihre reizbare Beweglichkeit
durch seine Ruhe. Bisweilen fhlte sie sich bengstigt durch das Uebergewicht,
welches besonnene Charactere immer ber phantastische haben, und sagte
scherzhaft:
    Wie jene Sclavinnen des Orients als Zeichen ihrer Knechtschaft nur eine
kleine goldene Fessel in der Hand tragen, die wie ein Schmuck aussieht, so ist
auch Deine Liebe wol ein Schmuck, aber doch eine Fessel.
    Die du nothwendig brauchst, um nicht in alle vier Winde zu verflattern -
entgegnete Andlau.
    Und dann verdien' ich es auch nicht besser, sagte sie, habe eine chte
Sclavennatur, und liebe da am meisten, wo ich am meisten tyrannisirt werde; und
zwar so sehr, da ich die Menschen gar nicht begreife, welche extraordinr genug
lieben, um sich gar nicht um das Liebste zu kmmern, ihm sein Glck gnnen, ohne
es theilen, seine Freude ohne sie genieen, seine Wege ohne sie verfolgen zu
wollen. Aus lauter Liebe lassen sie das Liebste laufen; was bleibt da der
Gleichgltigkeit brig? Ich halt' es mit der exclusiven Liebe!
    Da ihr Geist immer Nahrung und Anregung bei Andlau fand, und seine Seele fr
sie der Inbegriff aller Vollkommenheit war, so drckte seine Ueberlegenheit sie
auch nur in den seltenen Fllen, wo ihr Wille sich durch den seinen
beeintrchtigt glaubte. Aber wenn sie sich die Mhe nahm zu berlegen, so sagte
sie immer:
    Du hast wirklich Recht.
    Indessen kam es selten bei ihr zur Ueberlegung. Sie that wie und was Andlau
wnschte, sobald seine Meinung die ihre berwog. Auerdem handelte sie nach
Laune, aus Leidenschaft, aus Eingebung, was immer eine miliche Sache ist, und
wenn die Natur auch die allerreinste. Faustine hatte eine solche; Grundstze
jedoch hatte sie nicht.
    Wenn ich die Grundstze nur begreifen knnte, sagte sie oft, so wollte
ich sie mir ja sehr gern zu eigen machen. Allein Jeder hat seine ganz besondern
und ganz possirlichen. Der Eine spricht: ich stehe alle Morgen um sechs Uhr auf,
das ist mein Grundsatz. Der Andere: ich erziehe meine Kinder durch Prgel, das
ist mein Grundsatz. Der Dritte: ich lasse die Leute schwatzen, was sie mgen,
bekmmere mich um nichts und thue, was ich will - das ist mein Grundsatz. Mit
Letzterem bin ich gewi ganz einverstanden; nur sehe ich nicht ein, weshalb eine
so natrliche Denk- und Handlungsweise mit dem pomphaften Wort Grundsatz belegt
werden solle.
    Die Grundstze sollen uns ja keineswegs eine unnatrliche, sondern eine
edle, unserm Wesen entsprechende Richtung geben, sagte Andlau, und uns helfen
diese Richtung zu verfolgen, soviel es in menschlicher Kraft steht, wenn es uns
auch schwer wird - eben weil wir sie als die erforderliche und nothwendige zu
unserer Entwickelung erkannt haben.
    Sie machen starr und unbeugsam! rief Faustine.
    Wo sie fehlen, giebt's Leichtsinn und Flatterhaftigkeit - sagte Andlau
lchelnd.
    Wenn ich mir nun auch vorgenommen habe, auf der Chaussee zu gehen, warum
soll ich nicht aus dem dicken Staube oder von den harten Steinen auf die Wiese
nebenbei, und zu meinem Ziel spazieren? ich komme ja angenehmer hin.
    Aber Du kannst Dir im Thau nasse Fe und den Schnupfen holen; oder ein
breiter Graben sperrt Deinen Pfad und Du mut umkehren; oder ein Schmetterling
lockt Dich seitab; oder Du kommst eine Minute spter an, und diese eine ist zu
spt.
    Ich hab' auch einen Grundsatz, sprach Faustine ernsthaft.
    Und der wre?
    Nie mit Dir zu disputiren, weil ich immer den Krzern ziehe, was gewi sehr
demthigend ist.
    Doch auch dieser war nur ein momentaner Einfall. In ihrem Charakter waren
viele Anomalien und manche Schatten; doch der vorherrschende Zug ihres ganzen
Wesens war eine Liebenswrdigkeit, die jene ausglich und diese berstrahlte.
Worin ihre Liebenswrdigkeit bestand, konnte man nicht definiren - vielleicht
blos darin, da sie natrlich und ohne Ansprche war, und von Niemand weder Lob,
noch Beifall, noch Huldigung verlangte. Die tiefe Sorglosigkeit ber den Erfolg
ihrer Erscheinung oder ihres Gesprchs gab ihr eine solche Frische, da um
alltgliche Handlungen, um gewhnliche Worte ein reizender Schmelz gehaucht war,
wie er auf frischgepflckten Frchten liegt. Es ist ein Hauch, ein Duft, eben
Nichts! - doch wenn die Frchte zwlf Stunden im Zimmer gestanden, so ist dies
liebliche Nichts verschwunden, und dann, wenn man es vermit, wird es erst
erkannt. Trotz ernster Lebenserfahrung, die oft muthlos - trotz herben Kummers,
der oft trbe macht - trotz der Verhltnisse, die sie beengten - war Faustine an
Krper und Geist, an Sinn und Seele jung und frisch, als htte sie nichts
erfahren, nichts gelitten; und fremd in den Verhltnissen des Lebens, als
bewohne sie den Regenbogen etwa, oder den Orion, und komme nur zufllig
bisweilen auf die Erde herab. Sie war ganz und ungetheilt Eins, nicht
zerstckelt, nicht zersplittert; das gab ihr Klarheit. Sie blickte weder rechts
noch links auf Wege, wo Andere gingen; sie wandelte unbekmmert auf dem ihren:
das gab ihr Sicherheit. Sie griff nicht hier und dort nach Haltung umher, nach
Liebe und Freundschaft suchend: sie war begngt im tiefsten Wesen; doch wenn man
ihr entgegentrat und ihr die Hand bot, oder wenn sie erkannte, da sie die Hand
bieten durfte, so that sie es gern, nahm und gab dem fremden wie dem eignen
Bedrfni und Wunsch. Aber wer nicht mit ihr Schritt hielt, wer ihr kein Stab
war, woran sie sich heraufranken konnte ans Licht, kein Fels, woran sie empor
klettern konnte zur Luft - den lie sie los, gleichgltig, unbefangen, wie man
eine welke Blume nicht wegwirft, aber fallen lt. Menschen, Zustnde,
Welterscheinungen, eigene Fehltritte - Alles war ihr Mittel, um sich daran fort-
und auszubilden. Sie sagte oft:
    Helden, Knstler, groe Herrscher, was thun sie Anderes, als da sie in
ihrem Wirkungskreise, der freilich nicht kleiner als die Welt ist, sich selbst
zur Vollkommenheit durchzuarbeiten suchen. Das ungemessene Streben, Dursten und
Ringen nach Vollendung kennt Jeder, aber nicht Jeder kann zu seiner Bildung in
die Zeit hineingreifen und sich einen Thron in ihr errichten, oder in den Stein
hauen und sich ein Monument daraus bauen. Es ist eine groe Erleichterung fr
den Menschen, ein Genie in irgend einer Kunst, d.h. in irgend einem Zweige des
geistigen Lebens zu sein: er hat, woran er sich ben kann. In seine Schpfungen
legt er den Ueberflu des Daseins nieder und taucht frischgewaschen aus diesem
Bade hervor, wie die groen Bergstrme erst dann klares Wasser bekommen, wenn
sie durch einen See geflossen sind. Wir Nicht-Genies mssen uns helfen, wie wir
eben knnen, und ich bilde mir ein: Alles kann uns dienen, ohne da wir deshalb
geistige Blutsauger werden mten.
    Aber unter dienen verstand sie eine Behlflichkeit zur Erlangung kleiner
Absichten und Zwecke. Niemand besa weniger Geschick als sie, die Menschen zu
gewinnen und zu lenken fr ihre Plane; schon deshalb, weil sie schwerlich je
einen andern Plan als den einer Reise oder einer Spazierfahrt gehabt. Die
Menschen dienten ihr wie anatomische Prparate oder wie seltene Pflanzen - als
Studien, nicht einer Wissenschaft oder einer Kunst, sondern des Lebens, das sie
nach allen Richtungen, in allen Aeuerungen verfolgen und verstehen wollte. Ein
Vogel singt, der andere fngt Mcken, jedes Ding hat seine Art, sagte sie, und
jede Art war ihr interessant: mitunter freilich nur auf zwei Minuten. Ist das
meine Schuld? fragte sie unbefangen, wenn Andlau oder andere Freunde ihr
vorwarfen, da sie leicht der Dinge berdrssig werde, und heute ghne, wo sie
gestern Beifall geklatscht: - ich habe wirklich noch nie Ueberdru an meinem
Gott und meiner Liebe empfunden.
    Fast alle Frauen ohne Ausnahme hatten Faustine lieb, denn in keinem Stck
rivalisirte sie mit ihnen. Sie gnnte ihnen ihre Triumphe, ihre schnen Kleider,
ihre Anbeter, ihre Verdienste, und begngte sich - das Alles nicht zu haben.
Zwar stellte sie die schnsten und glnzendsten Frauen in Schatten, doch so, da
beide Theile keine Ahnung davon hatten. Die schnen sagten: Sie hat sehr viel
Verstand, aber schn ist sie durchaus nicht. Die klugen: Verstand hat sie
nicht viel, aber sie ist allerliebst. Keine verglich sich mit ihr, so wie
prchtige Gartenblumen sich vielleicht nicht mit einer Alpenpflanze vergleichen
mchten. Ein Wilder sagte einst, als er das Gemlde eines Engels sah. Er ist
meines Geschlechts. Civilisirte Leute haben nicht mehr diesen sublimen
Instinct.
    Mnner interessirten sich im Allgemeinen weniger fr Faustine, sie war zu
unduldsam gegen Fadaisen, und, Gott sei es geklagt! sie machen den Lichtpunkt in
der Unterhaltung der Mnner aus. Damit hatte sie gar keine Nachsicht, d.h. die
Langeweile malte sich unwillkrlich, aber so deutlich auf ihr durchsichtiges
Antlitz, da mehr als Verwegenheit dazu gehrt htte, eine Unterhaltung
fortzusetzen, die solche Wirkung hervorbrachte. Folglich hatte die Masse der
Mnner ihr nichts zu sagen, und nichts drckt einen Mann mehr, als sich einer
Frau gegenber unwichtig zu fhlen. Daher kommt es, da das eigene Geschlecht
ziemlich willig einer eminenten Frau geistige Bedeutung und Uebergewicht
verzeiht; das fremde hingegen nur dann, wenn sie von den Grazien in hchst
eigener Person zur Gefhrtin geweiht ist - was natrlich nie der Fall. - Aeltern
Leuten gefiel sie besser, als jungen; vermuthlich deshalb, weil sie freundlicher
gegen jene war, theils aus Achtung fr das Alter, theils weil sie behauptete,
man liefe bei ihnen keine Gefahr, nicht - sich zu verlieben, sondern - in diesen
Verdacht zu kommen: was sehr unbequem und strend sei. - Ohne Vermgen, ohne
Ansehen, ohne Verbindungen, ohne Intriguen, nur durch die Macht ihrer
Persnlichkeit hatte sie es dahin gebracht, da die Welt ihr Verhltni zum
Baron Andlau stillschweigend als ein legales anerkannte und, um sich gleichsam
fr diese Nachsicht zu entschuldigen, eine heimliche Ehe voraussetzte.
    Faustine und ihre Schwester Adele, als Kinder schon verwaist und ganz arm,
wurden von einer Schwester ihres verstorbenen Vaters erzogen, d.h. diese
bezahlte die Pension beider Mdchen fr ihre Erziehung in einer groen
Kostschule, und bekmmerte sich nicht eher um sie, als bis sie erwachsen waren.
Da nahm sie sie in ihr Haus, und hatte keinen sehnlicheren Wunsch, als sie so
bald wie mglich zu verheirathen - nicht aus Interesse fr die hlflose Lage der
Mdchen, sondern weil sie selbst noch sehr gern Huldigungen entgegennahm, und
ihrer vierzigjhrigen Schnheit nicht mehr die Kraft zutraute, siegreich neben
siebzehnjhriger zu bestehen. Zwei junge Mnner, die fters ihr Haus besuchten,
schienen ihr so wnschenswerthe Neffen, da sie beschlo: sie mten es werden.
Und sie wurden es. Graf Obernau, ein wilder, brutaler Militr, dem nichts ber
sein Pferd, seinen Schoppen Wein und seine Pfeife ging, war der eine; Maximilian
von Walldorf, Gutsbesitzer, derb und vierschrtig, ohne Manieren, aber brav und
ehrlich, war der andere; dieser von geringem, jener von bedeutendem Vermgen,
was aber ziemlich auf eins herauskam, da Walldorf sehr guter Wirth ein uerst
solider Mensch war, - wie die Tante zu Adele sagte, und Obernau ein Tollkopf
und Verschwender den Du zum schnen und ntzlichen Gebrauch seines Vermgens
anleiten wirst - wie sie zu Faustine sprach.
    Adele, emsig und thtig, von Kindheit auf mit hausmtterlichen Neigungen,
froh der Kostschule entronnen zu sein, dachte sich keine lieblichere Zukunft,
als ein eigenes Haus zu haben, und darin vom Morgen bis in die Nacht
wirthschaftliche Geschfte zu treiben. Ein Mann mute sie freilich in dies
Eldorado fhren, denn auf dem Schlo der Tante hatte sie nicht so freie Hand,
wie sie es wnschte, weil die Tante der Meinung war, Wirthschaftlichkeit und
Flei sei ein Netz wie jedes andere, um den Mann darin zu fangen, welcher diese
Eigenschaften suche; brigens aber brauche man sie nicht grndlich zu treiben,
nicht die Hnde am Feuer zu verderben, und nicht die Haut in der Sonnenhitze auf
dem Bleichplatz, oder an der Ofenglut beim Pltten. Adele aber kannte kein
greres Vergngen, als die schne, reinliche, weie, feine Wsche durch das
Pltten zu ihrer Vollkommenheit zu bringen; und kein Blick auf ein Gemlde von
Rafael oder auf eine italienische Gegend htte sie so innerlich befriedigt, als
der in einen groen, weitgeffneten Schrank voll glatter, silberweier Leinwand.
    Das Mdchen ist wirklich gar nicht im Salon zu brauchen, sagte die Tante
einst verdrielich zu Walldorf, als Adele Abends dunkelroth im Gesicht und ganz
schlfrig erschien. Wenn ich sie wollte gewhren lassen, knnte ich zwei Mgde
abschaffen und sie ersetzte deren Stelle. Heute frh um vier Uhr ist sie
aufgestanden und hat Kse gemacht .... - essen Sie gern Kse?
    Wenn er gut ist - mein Leibessen! aber die Butter mu auch gut sein.
    O die Butter! das versteht Adele grndlich! - Dann hat sie beim Buttern die
Oberaufsicht gefhrt .... -
    Bei mir wird frher gebuttert, als Kse gemacht.
    Das ist ja einerlei, wenn es nur tchtig gemacht wird.
    Nicht so ganz, freilich! doch Frulein Adele ist noch so jung, kann
lernen.
    Ach, mein guter Walldorf, Sie mssen es nicht so genau mit mir nehmen; ich
erzhle nur, was Adele heut Alles gethan hat: die Reihenfolge wei ich nicht;
aber gelungen ist Alles - das wei ich.
    Nun, was hat sie noch weiter gethan?
    Sie hat Kirschen mit Zucker eingekocht; sie hat sich ein Kleid
zugeschnitten, und zuletzt hat sie geplttet - darum ist sie so erhitzt.
    Ein capitales Mdchen, das! wenn ich mir erlauben darf, es zu sagen.
    Und so anspruchlos, so einfach, so gengsam, so freundlich - das wre eine
Frau fr jeden verstndigen Mann.
    Gndige Frau - auf Ehre, das hab' ich auch eben gedacht. Und mit groen
Schritten ging er durch den Saal zu Adele, die im letzten Fenster bei ihrer
Arbeit sa, whrend Faustine und einige andere Personen um den Flgel versammelt
waren.
    Was nhen Sie so emsig, gndiges Frulein? fragte er, um die Unterhaltung
anzuknpfen, was ihm stets sehr schwierig vorkam.
    Taschentcher, - entgegnete sie ohne aufzusehen. Daran lie sich nicht
fortweben. Er nahm einen neuen Anlauf:
    Essen Sie gern Kirschen, gndiges Frulein?
    Auerordentlich gern - antwortete sie und sah ihn freundlich an.
    In Oberwalldorf sind herrliche Kirschen, alle mgliche Arten.
    Das hat mir meine Tante erzhlt.
    Hat sie das? das freut mich. Sagen Sie - mchten Sie die Kirschen essen?
    Hier sind auch recht gute Sorten - sprach sie ausweichend nach Mdchenart.
    Er dachte im Stillen: Blitz und Donner! das Mdchen hat gute Qualitten, ist
aber etwas schwer von Begriff. Mit den verblmten Redensarten kommt man nicht
vom Fleck bei ihr. Ich mu nur von der Leber weg reden.
    Gndiges Frulein, wenn Sie die Kirschen von Oberwalldorf essen oder
einkochen oder was wei ich! wollten, so wrde es mir eine groe Freude sein,
vorausgesetzt, da Sie mir gut genug sein knnten, um mich zu heirathen.
    Adele bckte sich tief auf ihre Arbeit und sagte: Wenn die Tante erlaubt.
    O, die erlaubt es sehr gern! rief Walldorf herzensfroh und berlaut.
Nicht wahr, gndige Frau, Sie haben nichts dawider, da Frulein Adele mich
heirathet?
    Alles gerieth in tumultuarische Bewegung. Adele lief verlegen aus dem Saal,
Faustine lief ihrer Schwester nach, Walldorf machte Miene, ihnen zu folgen; doch
ein befehlender Blick der Tante hielt ihn fest. Man machte einen Spaziergang,
man verstndigte sich, man machte Alles sicher und fest, und beim Souper stellte
die Tante Walldorf und Adele als Verlobte ihren Gsten vor, und lud sie in sechs
Wochen zur Vermhlung ein.
    Bist Du denn recht glcklich, Adelchen? fragte Faustine zrtlich, als sie
ihr am Hochzeittage den Myrthenkranz aufgesetzt.
    O, so sehr! rief Adele und faltete die Hnde.
    Und worber wol am meisten?
    Eigentlich ber Alles - so im Ganzen - da ich ein Haus und eine
Wirthschaft bekomme .... -
    Aber das wird Dir viel Plage machen.
    Doch viel mehr Vergngen noch! - da ich die Tante verlasse ... -
    Das ist freilich ein groes Glck.
    Da ich Frau werde und in Gesellschaften sitze, wenn die Mdchen
haufenweise zusammen stehen.
    Es mag sein Angenehmes haben.
    Am meisten aber doch, da Walldorf mein Mann wird. Keinem Andern wrd' ich
so gut sein knnen! Er spricht zwar etwas laut und macht nicht viel Complimente
- doch Niemand kann's ehrlicher meinen, als er, und warum soll er das nicht so
laut und offen wie mglich sagen, liebe Ini? -
    Nun, sobald es Dir nicht unbehaglich ist, da die Wnde drhnen, wenn er
lacht, und da es einen rothen Fleck giebt, wo er kt .... -
    Einen rothen Fleck?! rief Adele erschrocken und sah in den Spiegel. Als
sie aber ihr hbsches blhendes Gesichtchen makellos fand, setzte sie trstend
hinzu: Der vergeht wieder, Ini.
    Walldorf und Adele wurden und blieben ein glckliches Paar, d.h. glcklich
auf ihre Weise; denn Jeder hat seine eigene. Und zu ihnen wollte Faustine jetzt.
Andlau sagte:
    Wie seltsam, da Dein unceremoniser Schwager solche steife, frmliche
Briefe schreibt, die doch gar nicht in seiner Natur liegen.
    Er hat so wenig Form, da er gleich gezwungen wird, sobald er artig sein
will, und was diesen Brief betrifft, so mag er ihn wol aus einem uralten
Briefsteller aus der Bibliothek von Oberwalldorf abgeschrieben haben, denn das
Briefschreiben und Bcherlesen ist seine Sache nicht. Nur die Bcher studirt er
mit wahrer Wonne, die er selbst schreibt, und wovon er schon eine recht hbsche
Sammlung besitzt.
    Also schreibt er seine landwirthschaftlichen Beobachtungen nieder?
    Keinesweges! seine Gutsrechnungen schreibt er nieder, aber auf eine Weise,
die seine Zeit und sein Interesse gleich sehr in Anspruch nimmt. Erst wird mit
der ausgesuchtesten Pnktlichkeit, bei Batzen und Kreuzer, die Rechnung gefhrt:
das ist aber nur der Brouillon. Dann macht er eigenhndig Abschriften dieses
wichtigen Werkes, in Sedez, in Duodez, in Octav, in Quart, in Folio und in
Royal-Folio, auf dem schnsten Papier, elegant gebunden, das Royal-Folio gar
prchtig in Maroquin mit goldenem Schnitt, und dann ordnet er die verschiedenen
Ausgaben dieses Werkes nach ihrer Gre in den Bcherschrnken seines
Arbeitszimmers, worin schwerlich ein anderes Buch Zutritt findet. Das ist sein
unschuldiges Steckenpferd.
    Ich wundere mich nur, da dies Steckenpferd gleichsam in einem Gespann mit
seinem Arbeitspferde luft; da etwas, das am Morgen seine Arbeit war, am Abend
seine Erholung wird; da er nicht lieber etwas Andres abschreibt, meinetwegen
gewisse Zeitungsannoncen oder Wetterbeobachtungen, kurz, da er in ntzlicher
und angenehmer Beschftigung so gar keines Wechsels bedarf. Seine Einseitigkeit
mu ihn fr Jeden, der nicht Landwirth ist, erdrckend langweilig machen.
    Gehrt nicht eine gewisse Einseitigkeit dazu, um etwas Groes in irgend
einem Fache zu leisten oder zu werden? Kann man zugleich tchtig als Knig und
Dichter und Minister und Kunstkenner und Baumeister sein? mehr liefern als
mittelmige Proben von mittelmigen Fhigkeiten in diesen verschiedenen
Richtungen?
    Das Genie ist seiner Essenz, seinem innersten Wesen nach vielseitig; denn
was ist es anders, als die gttliche Kraft des Geistes, das Homogene
aufzufassen, zu entdecken, zu schaffen, zu wirken, zu bilden, je nach dem
Material, das man gerade unter der Hand hat. Das Genie findet es immer unter der
Hand, es sucht nie. Es fragt nicht: soll ich lieber ein Held werden oder ein
Knstler? sondern es greift nach Schwert oder Pinsel, und hat, ohne sich zu
besinnen, die Welt erobert oder entzckt. Da das Genie zuweilen mehre Talente
hat, verschiedene Materiale behandelt, gleichsam in drei oder vier Sprachen
spricht, da da Vinci Maler, Baumeister und Dichter war, da Peter der Groe ein
Reich aus der Versunkenheit emporzog und Schiffe baute, da Julius Csar der
erste der Imperatoren war, und nach ein Paar tausend Jahren noch der
Schriftsteller der Jugend ist -: das blendet und verfhrt die Leute. Sie meinen,
mit der Vielseitigkeit sei auch das Genie da, und vergessen nur, da man viel
Fhigkeiten in sich ausbilden, viel Fertigkeiten sich aneignen, aber nimmermehr
ein Genie werden knne. Man mu es von Natur sein. Es liegt in einer dem
Menschenwitz unerreichbaren Region. Der liebe Gott hat es sich vorbehalten,
seinen Lieblingen damit ein Geschenk zu machen, das, gleich allen bedeutenden
Geschenken, schwere Verbindlichkeiten auf den Empfnger wlzt, obgleich es ihn
beglckt. - - Aber weil der Mensch doch einen bewegbaren Kopf hat, der sich
rechts und links, vor- und rckwrts wenden kann, so meine ich, er solle nicht
muthwillig Stupiditt, Vorurtheile, Launen und Eigensinn als Scheuklappen sich
vorbinden, die ihn hindern, irgend etwas zu sehen, das nicht in seinen Kram
passen knnte. Selbst ausgezeichnete Talente werden, zwischen Scheuklappen
ausgebildet, zur Manie. Ich hrte einen berhmten Pianisten; er bte tglich
vierzehn Stunden; er dachte, er wute, er kannte, er sprach nichts, als seine
Kunst - nun, er spielte wie eine vom Dmon der Musik gefertigte und besessene
Maschine. Stelle ich mir nun Deinen Schwager als einen vom Dmon der Erdscholle
Besessenen, aber ohne in sein Fach einschlagende besondere Talente vor, so
wnsch' ich ihm der Abwechselung wegen doch Liebhabereien aus einem andern
Gebiet - etwa Mongolfieren oder dergl. -
    Ich mache es, so wie Du meinst, da man es machen msse, sagte Faustine;
ich sehe mir die Dinge an, und assimilire davon, was ich brauchbar finde, mit
meiner Eigenthmlichkeit. So bleibe ich doch Eins und werde nicht allzu sehr
einseitig. - Aber nun hr' weiter! Die Liebhaberei meiner Schwester ist auch aus
ihrem Fach: es ist das Anschaffen und der Besitz von Leinwand. Spinnen, weben,
bleichen zu lassen, ist ihr Element. Nach jeder Niederkunft erhlt sie von ihrem
Manne als Wochengeschenk ein Stck Land - bei der Geburt eines Knaben noch
einmal so gro als bei der eines Mdchens - womit sie machen kann, was sie will.
Sie lt darauf Lein sen, und ihn dann verarbeiten zur Aussteuer fr ihre
Tchter, von denen die lteste sieben, die jngste ein Jahr alt ist. Da sie
auerdem noch fnf Shne hat, so ist ihr Leinwandschatz und ihr Grundbesitz
schon ziemlich bedeutend, und wir knnen es vielleicht erleben, da mein
Schwager nur noch Oberlehnsherr seines Gutes sein wird.
    Aber sie sammelt fr ihre Tchter; das ist doch ein wrdiger Zweck.
    Und mein Schwager gedenkt seine Werke den Shnen zu hinterlassen. Der
lteste bekommt die Ausgabe in Royal-Folio und so abwrts der Reihe nach. Fr
die Zukunft arbeiten wir Alle - auer uns, in uns.
    Kennst Du den Bruder Deines Schwagers?
    Den kleinen Clemens? ja. Vor vier Jahren fand ich ihn einmal in
Oberwalldorf. Ein Mensch, damals schon wie ein Riese, aber so kindisch, da ich
ihn immer den kleinen Clemens nannte. Gut, da er da ist! er wird doch ein wenig
menschlicher und dann vielleicht recht angenehm geworden sein, und so etwas ist
immer brauchbar - dort am meisten.
    Sprich nicht so leichtsinnig, Ini! sagte Andlau ernst.
    O Gott, gar nicht! rief sie; ich freue mich wirklich, den Clemens dort zu
sehen. Thue mir den Gefallen, setzte sie scherzend hinzu, und werde ein wenig
eiferschtig; Du hast jetzt die beste Gelegenheit. Ich mchte gern wissen, wie
Du Dich in eiferschtiger Stimmung, und ich mich ihr gegenber benehmen wrde.
    Du weit, Faustine, bei mir kann darum nie von Eifersucht die Rede sein,
weil ich keinen Rival anerkenne. Ein Gut, wonach ein Andrer die Hand ausstreckt,
berlasse ich ihm gern.
    Ich wei, da Du ein schroffer Mann bist.
    Aber nicht fr Dich.
    O doch! auch fr mich! Du bist wie ein Felsen; daran rank' ich mich als
Epheu mit geschmeidigen Armen empor und schmcke ihn so gut ich kann. Aber der
Felsen bleibt ernst und unbewegt, und ich wei nicht einmal, ob es ihm eine
Freude ist. - Ihre Augen standen voll Thrnen.
    Du krnkst mich, Ini, sagte Andlau mit tiefer Zrtlichkeit; Du weit
recht wohl, da Du meine einzige Freude, mein ganzes Glck auf der Welt bist. Es
wre eben so kindisch, wenn Du daran zweifeln knntest, als wenn ich es Dir alle
zehn Minuten wiederholen wollte.
    Ich verstehe nur nicht zu zweifeln, wenn ich liebe; sonst, Anastas, wrd'
ich mir wol bisweilen Gedanken machen.
    Und was fr Gedanken? bse oder gute?
    Ich wrde mir vorkommen wie die Eidergans.
    Das ist nicht sehr schmeichelhaft - sagte er lachend.
    Nein, gewi nicht fr die Menschen! denn die schieben dem armen Vogel
Kreideeier statt der wirklichen ins Nest, weil er die Gewohnheit hat, sich die
Federn auszurupfen, um die Eier damit zu erwrmen. Unermdlich rauben die
Menschen den weichen Flaum und machen sich bequeme Kissen daraus, und
unermdlich rupft sich der Vogel kahl fr die unerwrmbaren Kreideeier.
    Und die Nutzanwendung? fragte Andlau etwas erstaunt.
    Was ich an Liebe und Zrtlichkeit im Herzen habe, streue ich, ohne mich zu
besinnen, vor Dir aus, und bin gewi glcklich genug, da Du es mir gestattest,
denn wo sollte ich sonst damit bleiben? Aber Du, Du nimmst absichtlich den
weichen Flaum fort, damit ich mir immer etwas Neues und Frisches, immer eine
andere Weise aufdenken mge, um Dir zu sagen, wie ich Dich liebe.
    Wenn Du das von mir glaubst, so bestrafe mich und denke Dir nichts Neues
auf.
    Das wrde mir aber ein groer Zwang sein.
    Du siehst, liebe Faustine, unsre Natur ndern wir nicht. Du mut die Flle,
die Glut, die Pracht der Deinigen aushauchen durch Wort und Bild und Ausdruck.
Ich, der ich ohnehin nicht Deinen Reichthum habe, mu stumm und anbetend zu Dir
emporsehen. Nennst Du das Mangel an Theilnahme und Liebe?
    Nein, nein, Anastas! ich sagte Dir ja, da ich die Gedanken nicht dazu
kommen lasse, sich wirklich auszubilden.
    Es wre auch schade um Dich, wenn in Deine lichte reine Seele Zweifel und
Zwiespalt verfinsternd fielen. Du bist ein Kind des Lichts, meine Ini.
    Die Kinder der Welt sind klger als die Kinder des Lichts - steht in der
Bibel.
    Ich dachte auch so eben nicht daran, Deine Klugheit zu preisen - sagte
Andlau lachend.
    Du bist mein Verstand, ich brauche keinen besondern; antwortete sie, und
drckte die Stirne an seine Wange. Die Locken fielen grazis ber ihr Gesicht
herab; die schlanke weie Gestalt ruhte friedlich in seinem Arm. Sie sah aus wie
eine junge Birke mit frhlingsgrnem, wehendem Gezweig an einen Felsen gelehnt.
    Diese beiden Menschen lebten in und mit der Welt, wie auf einer goldenen
Klippe, die mitten im Meer fr sie emporgestiegen. Sie liebten sich so, da sie
zwar den Strmen ausgesetzt, doch nicht vor ihnen zu beugen sich glaubten. Denn
mochte Faustine auch zuweilen klagen ber Andlau's immer gehaltenes Wesen, so
war das doch nur so wie die Nachtigall Tne in ihrem Gesang hat, die gleich
herzzerschmelzender Klage klingen, weil bermchtige Sehnsucht in ihnen
widerhallt. Faustine war eine von den flammendurstigen Seelen, die in jedem
Moment des Lebens die Nektarschaale des Glcks verlangen und leeren, ohne
Rausch, ohne Taumel, ohne Uebermuth; mit dem Bewutsein, da sie ihnen zukomme,
und darum nicht trunken wie die Sterblichen, sondern wie die Ueberirdischen,
beseligt! Aber nur an groen Jubelfesten und nicht an Wochentagen wird sie den
Menschen gereicht, und Trost und Beschwichtigung dafr fand Faustine immer bei
Andlau. War er nicht von der Glut, so war er doch stets von der Hhe ihrer
Empfindungen und wie ein Fixstern von unwandelbarem Licht. An diesem Abend, als
sie mit Andlau von dem Spaziergang nach der Neustadt heimkehrte, wo sie
knstlerische Beobachtungen ber Mondscheinbeleuchtung angestellt, verweilte sie
auf der Brcke und sprach:
    Anastas! ich mu mir einen Zaubergesang aufdenken, womit ich, wie die alten
thessalischen Zauberinnen, den Mond vom Himmel herabziehe. Er hat Geheimnisse,
die ich ergrnden mchte. Sein Strahl berhrt mich so kalt, da ich schaudere,
wie von einem Leichenfinger berhrt, und sein Glanz ist doch so magisch, wie der
eines geliebten Auges, in das man immer hineinblicken mchte.
    La den Mond in seiner Sphre, und nimm Deinen Shawl zusammen, Ini.
    Und ich denke, wenn ich ihn ganz nahe bei mir htte, ihm gleichsam Aug' in
Auge schauete, so wrd' er nicht so leichenkalt sein. Um seiner Schnheit willen
thut mir seine Klte leid, die gewi ein groer Fehler ist.
    Besonders hier auf der Brcke. Nimm Deinen Shawl zusammen; die Luft weht
kalt ber die Elbe.
    Ich thu' es, lieber Anastas! - Aber ich mchte wissen, ob die Gestirne
nicht einen wesentlichen und rthselhaften Einflu auf den Menschen und seine
Schicksale haben; ob der Stern, welcher in dem Augenblick unsrer Geburt uns
begrt, fr immer unser Freund und mit uns in Verbindung bleibt.
    Dies zu beweisen und zu berechnen, mhten sich in frhern Zeiten die
Astrologen ab. Unsre Tage der scharfen Analyse und der materiellen Industrie
sind dieser nebulsen Wissenschaft abhold, und ich meine, die Ueberzeugung sei
uns heilsamer und frderlicher, da wir selbst mehr Einflu auf unser Schicksal
haben, als Sonne, Mond und der ganze gestirnte Himmel.
    Es kann wol Irrthum sein - dennoch bild' ich mir ein, da die Sonne mich
lieb hat, weil ich an ihrem Herrschertage geboren bin, am 22. Junius. Das ist
der lngste Tag des Jahres, da steht sie am hchsten ber unserm Haupt, da tritt
sie das mchtige Reich des Sommers an. Und nur wenn die Sonne hoch ber mir
steht, ist mir das Leben eine Lust, weil ich dann nicht abgesperrt von Erde,
Licht und Luft bin, sondern ihr frisches, schaffendes Regen theile und geniee.
Im Sommer, mein' ich, knne mir kein Unglck, nichts Bses widerfahren: die
Sonne lchelt mich an! ist sie nicht das Auge Gottes? - O Anastas, ich habe wol
Recht, die himmlische Sonne zu lieben, die mir Freuden bereitet, wie eine gute
Mutter.
    Ich sagte Dir schon heute, Du wrst ein Kind des Lichts.
    Und der Strme, Anastas! denn auch im Gewitter, unter Donner und Blitz, bin
ich geboren. Darum thun mir die Strme nichts! sie brausen ber mein Haupt
dahin, sie zerwhlen mein Haar und mein Kleid, ich drcke beide Arme kreuzweis
ber meine Brust, und senke den Kopf und lasse sie sausen - ich horche auf die
Stimme des Ewigen in ihnen. Und auch der Donner schreckt mich nicht! nicht die
leiseste Bangigkeit, die unwillkrlich, krperlich fast, sein soll - beschleicht
mich im Gewitter. Wenn der Donner pomphaft ber den Himmel, um hohe Berge und in
tiefe Thler rollt, so mein' ich, da groe Geister, aus ihren ewigen Wohnungen
herabsteigend, die arme kleine Erde mit drhnendem Futritt berhren, wie ein
alter in Eisen gewaffneter Ritter das Httchen des Landmanns. Und die Blitze
gar! die gelten alle, alle mir! die greifen und zngeln nach mir, die mchten
mein Grtel sein, meine Krone, meine Lanze - und ich Schwache, ich Bewutlose
verstehe nur nicht, sie zu brauchen. O die Blitze haben groe Dinge mit mir vor!
tdten will mich keiner, auch nicht blenden! als ich zuerst das Auge aufthat,
hab' ich sie ja gesehen, und starb nicht und erblindete nicht. Aber versengen
und aufzehren wollen sie alles Irdische - auch bei mir, glaub' ich. Darum sehe
ich immer empor und breite die Arme aus zum Himmel, wenn es blitzt. Siehst Du,
das Alles versteh' ich, aber den Mond versteh ich nicht.
    Aber ich, Ini, denn er spricht eine unpoetische Sprache, die mir sehr
gelufig. Sein khler Strahl ist ein Wegweiser, da man spt Abends nach Hause,
und nicht auf der Elbbrcke gehen soll, wo bse Kobolde sich tummeln und uns mit
eisigem Athem anhauchen. Sie suchen Dir zu schaden, und Du ahnst sie nicht - da
mu ich dann Wache halten.
    O Du bist gut! sagte sie und drckte innig seine Hand. Er fhrte sie in
ihre Wohnung und suchte dann die seine auf.

Zwei Tage spter sagte Mengen auf der Terrasse zu Feldern:
    Du wolltest mich ja der schnen weien Statue vorstellen, die vorgestern
hier zeichnete, Grfin ... wie heit sie?
    Obernau; eine Statue ist sie nicht; dafr aber heute frh auf mehre Monate
verreist; - entgegnete Feldern.
    Schade! sagte Graf Mengen; aber sie wird wiederkommen, und dann! - Manche
Menschen sehen so wunderbar aus, da ich bers Gebirg klimmen wrde oder auf die
Thurmspitze steigen, um ihnen wenigstens Einmal grndlich ins Antlitz zu sehen,
und habe ich das gethan, so vergesse ich sie nie.
    Dein Gesandter wird ja von der Badereise Tochter und Enkelin hieher
bringen. Ob die junge Person hbsch ist?
    Sehr hbsch, nach einem Portrait zu urtheilen, doch zu jung, um Eindruck zu
machen.
    Und die Mutter?
    Nicht mehr jung genug.
    Die diplomatische Laufbahn ist doch uerst angenehm! Nicht nur, da Ihr
wie die Windrose fr alle Weltgegenden und alle Classen der Gesellschaft
eingerichtet seid: Ihr findet auch, wohin Ihr entsendet werdet, berall ein
Haus, in dem Ihr zu Hause seid wie in dem eigenen, ohne die Unbequemlichkeit,
welche hufig mit letzterem verbunden ist.
    Der Soldat hat seine Kameraden, der Beamte seine Collegen, was - beilufig
gesagt - unbeschreiblich philisterhaft klingt; und beide haben ihre Chefs; ich
sehe keinen besondern Vortheil in unsern Verhltnissen, als hchstens den, da
unser Chef seinem einsamen Secretr ganz genau auf die Finger sehen kann. Ich
bin zuweilen dieser Stellung berdrssig zum Todtschieen! Wre Csar nicht gro
durch sein Leben und seinen Tod, so wr' er es durch sein berhmtes Wort vom
Ersten und Zweiten.
    Wir arbeiten rottenweise in einem weit rgern Joch, als das ist, worin Ihr
einzeln arbeitet; also habt Ihr doch immer die grere Chance fr Euch, bald der
Erste zu werden, und nicht in einem armseligen Dorf, sondern in irgend einer
Weltstadt. Ich htte mich auch gern der Diplomatie gewidmet, aber Rcksichten
wiesen mich in eine andere Carriere, in der das Leben und die Gesellschaft
geringere Ansprche an uns machen.
    Du bist verlobt, hrte ich sagen .... -
    Seit vier Jahren.
    Welche Geduld, mein lieber Feldern! - und Deine Braut lebt hier?
    In der Nachbarschaft, auf dem Lande - Du wirst sie kennen lernen.
    Ich wrde mich auch gern verheirathen.
    Ah, das freut mich! Auch schon verlobt?
    Nein, sagte Mario lchelnd, und am wenigsten vier Jahr. Ein weibliches
Wesen hat mir noch nicht den Wunsch eingeflt, mich zu verheirathen, sondern
aus der den Oberflchlichkeit des Lebens mchte ich mir in dessen Tiefe eine
Zuflucht bereiten, wo ich dem Gewirr unerreichbar bliebe, wo andre Geister
walteten, als die, welche fr und in unserm Beruf uns zur Seite stehen. Ich
mchte erfahren, ob es denn kein anderes Glck giebt, als das, welches unser
unruhiges Bemhen, unsern Ehrgeiz, unsre Eitelkeit belohnt, d.h. aufreizt, indem
es sie momentan befriedigt. Ich mchte ein stilles, dauerndes,
unerschtterliches, schtzendes Glck, das wie ein schattiger Fupfad neben der
breiten, sterilen Lebensheerstrae dahinliefe. Das Alles, mein' ich, msse eine
Frau mir geben und mir sein! Doch die, zu der ich dies Vertrauen haben knnte,
hab' ich noch nicht gefunden.
    Du machst wahrscheinlich groe Ansprche, lieber Mario .... -
    Ganz und gar keine! ich verlange nur, da wir so zu einander passen, wie
zwei mal zwei vier ist.
    Das ist freilich eine sehr bescheidene Forderung - sprach Feldern
lchelnd.

Oberwalldorf war in lebhafter Aufregung. Eine festliche Taufe und ein
wochenlanger Besuch galten in dem huslichen, geregelten Leben fr merkwrdige
Begebenheiten. Heute sollte Faustine eintreffen, morgen die Taufe sein. Adele,
eine sehr hbsche, aber kugelrunde Frau, rollte sich mit unglaublicher
Behendigkeit und unermdlicher Geschftigkeit durch das Haus, um ihre
smmtlichen Anstalten und Einrichtungen zum neunundneunzigsten Mal zu
berschauen und zu besprechen, obgleich alle Dienstboten, gleich Kanonieren mit
brennender Lunte bei ihren Kanonen, schufertig und des Winkes gewrtig bei
ihren Geschften waren. Hinter Adele her zog, wie eine wilde Jagd, ihre
Kinderschaar, bei der man die gute Mannszucht, welche im Domestiken-Corps
herrschte, sehr vermite. Ihre Kinder zum Gehorsam zu gewhnen, dahin hatte die
gute Adele es noch nicht gebracht. Sie waren ihr von Hause aus ber den Kopf
gewachsen, und diese Frau, ein Muster von Ordnung und Pnktlichkeit, duldete,
da ihre Kinder, wenn es ihnen gefiel, ihre Einrichtungen in die klglichste
Unordnung brachten. Wurde es einmal so arg, da sie eine Zchtigung fr
unumgnglich hielt, so trat ihr Mann dazwischen und sagte, er knne nicht
leiden, da seine Kinder gemihandelt wrden. Er selbst verlor die Geduld mit
ihnen nur dann, wenn sie an seine Heiligthmer, Schreibtisch und Bcherschrank,
unheilige Hand legten. Vielleicht den grten Zorn seines Lebens hatte er
empfunden, als seine lteste Tochter in ihrem vierten Jahr seine Abwesenheit aus
dem Zimmer benutzt hatte, um auf einen Stuhl vor dem Bcherschrank zu klettern,
und seine smmtlichen Werke, so weit sie ihren Hnden erreichbar, auf den
Fuboden zu schleudern. Damals hielt er ein Strafgericht, dessen Schrecknisse
sich traditionell bei den Kindern fortpflanzten, so da sie dreister eine
Lwenmhne, als die Schriften des Papa berhrt haben wrden.
    Kommt nun herunter, Kinder - sagte Adele, in das fr Faustine bestimmte
Zimmer tretend, wo die Kleinen verweilt waren, whrend sie die Runde durch die
brigen Gastzimmer gemacht. Aber die Kinder hrten und sahen nicht; denn drei
rollten sich in der vom Bett herabgerissnen grnseidnen Decke kopfber,
kopfunter auf der Erde herum; und die beiden lteren voltigirten mit der
hchsten Behendigkeit vom Bett auf den Fuboden und so wieder hinauf. Alle fnf
kreischten, glhten, schwitzten, zappelten, balgten sich nebenher - kurz, es war
ein auerordentlicher Spa, den nur die Mutter nicht goutirte. Es gab ihr einen
Stich durchs Herz, die derben Lederschuhe auf dem feinen Bettbezug umhertrampeln
zu sehen. Sie rief zur Ordnung! doch leichter htte sie eine Heerde junger
Fllen als ihre Kinder zusammentreiben knnen. Da nahm sie ihre Zuflucht zu
einer Kriegslist und: Ein Wagen! die Tante kommt! rufend, verlie sie schnell
das Zimmer. Die Kinder strmten augenblicks ihr nach und die Treppe hinab, und
Adele hatte das Schlachtfeld gewonnen, auf welchem nach zehn Minuten wieder die
frhere Zierlichkeit herrschte.
    Endlich kam Faustine. Sie hatte sich heute von Andlau getrennt, und das
Gefhl, wie einsam sie ohne ihn auf der Welt stehe, bengstigte sie. In der
Familie unsrer Geschwister wird es uns selten heimisch. Mag uns der Bruder oder
die Schwester noch so lieb und werth und vertraut sein - die Schwgerin, der
Schwager, deren Eltern, deren Vetter und Muhmen, sind eben fremdartige Elemente,
die uns hufiger abstoen, als anziehen, vielleicht darum, weil man von uns
begehrt, da wir fr Personen, die unserm Blute fremd und unsrer Neigung fern
sind, Liebe und Freundschaft hegen sollen, welche Gefhle man doch gern nach
eigener Wahl vertheilt. Seit zwei Jahren war Faustine nicht hier gewesen. Als
sie sich Oberwalldorf nherte, verga sie etwas ihre Traurigkeit. Es lag uerst
freundlich am Eingang eines Thals, durch welches ein rascher Waldbach strmte,
der weiter hinab sich in den Main ergo und hher hinauf Schneide- und
Sgemhlen trieb. Die Wohnungen der Landleute lagen zwischen blhenden Grten;
Wiesen und Felder grnten ppig; die Berge, welche das Thal zwischen sich
nahmen, waren mit gemischtem Laub- und Nadelholz bedeckt: es war keine
groartige, aber eine wohlthuende, liebliche Natur. Das Wohnhaus, das man aus
Artigkeit das Schlo nannte, lag mitten im Besitzthum, von Ulmen umgeben,
alterthmlich ohne Pracht, wodurch es ein etwas vernachlssigtes Ansehen hatte,
was indessen nur Nebendinge betraf. Das Wappen ber der Eingangsthr war
beschdigt, knstliche Steinmetzarbeit an einem Erker war ganz herabgefallen und
die Urne versiegt, welche ein verstmmelter Triton im Hof ber einem
Wasserbecken hielt. Alles Wesentliche war solid.
    Die ganze Familie umringte lrmend Faustinens Wagen, und es gab ein Gejubel
beim Empfang, da Niemand sein eigen Wort hren konnte. Ein Paar Kinder stiegen
in denselben und befahlen dem Postillon, sie im Hof umher zu fahren, wozu er
durchaus nicht geneigt war. Fr seine abschlgige Antwort trsteten sie sich
damit, da sie abpacken halfen.
    Erinnern Sie sich noch meiner? fragte endlich eine sanfte, wohlklingende
Stimme hinter Faustine.
    Recht gut! - wollte sie sagen, und blickte sich nach dem Sprechenden um,
doch erschrocken fuhr sie zurck, denn ein baumlanger, schwarzer Mann, mit einem
Bart wie ein Jupiter, sah auf sie herab.
    Ich bin ja der kleine Clemens, sagte der Riese, und ein mitleidiges
Lcheln ber Faustinens Schreck legte sich in seine freundlichen Augen.
    Find' es begreiflich, da Sie das Brschchen nicht erkannt haben, sagte
Walldorf mit schallendem Gelchter; sieht ja aus wie der wilde Mann auf den
Harzgulden, nur anstndiger, versteht sich! war immer von tchtigem Schrot und
Korn. Was ein Haken werden will, krmmt sich bei Zeiten - obgleich der Clemens
nichts weniger als gekrmmt ist, sondern gerade und unverbogen an Leib und
Seele.
    Das freut mich - sprach Faustine mit einem Lcheln, so lieblich, wie
Clemens schon vor vier Jahren gemeint hatte, es gleiche dem Sonnenstrahl.
    Sie sehen aber ganz aus wie damals! rief Clemens.
    Das freut mich auch, entgegnete sie.
    Willst Du nicht irgend etwas genieen, liebe Ini? fragte Adele; Du mut
recht Hunger haben; den ganzen Tag im Wagen gesessen - das macht mde - gelt?
    Weder hungrig noch mde, Adelchen! ich habe ja nichts dabei zu thun.
    Aber das Nachtessen will ich denn doch frher anordnen.
    Nicht meinetwegen! ich danke Dir tausendmal, und werde Dir zehntausendmal
danken, wenn Du nicht die geringsten Umstnde fr mich machst. Ich bin nicht
blde und werde fordern, was ich brauche - wenn Du es erlaubst.
    Sehr verstndig! sagte Walldorf. Ungenirt mssen Wirth und Gste sein.
Ehe ich es vergesse! welchen Namen wollen Sie denn Ihrem Pathchen geben?
    Welchen Sie wollen, bester Walldorf.
    O nein! die Gevattern legen dem Pathchen einen ihrer Namen bei - so schickt
es sich.
    Ich glaubte, das sei altmodisch.
    Kann wol sein; d'rum hab' ich's gern.
    Gefllt Ihnen denn Faustus oder Faustin fr Ihren Sohn?
    Nein, ganz und gar nicht! liebe nicht das Romantische, Abenteuerliche,
wobei einem Ruber- und Gespenstergeschichten einfallen. Mchte Ihnen aber doch
gern eine Ehre anthun. Haben Sie keinen Lieblingsnamen?
    
    O ja, Anastasius.
    Gut! so soll der kleine Mann Anastasius genannt werden. Wird aber schlecht
fahren - das arme Bbchen!
    Wobei? warum? riefen Alle.
    Bekommt die Duodez-Ausgabe meiner beobachtenden Berechnungen von
Oberwalldorf. Ein garstiges Format, das! nicht Fisch, nicht Fleisch, weder
imponirend noch zierlich. Sollte der Himmel keinen Sohn mehr bescheeren, so bin
im Stande, die Duodez-Ausgabe ganz und gar zu streichen; dann bekme er den
Sedez, der ein allerliebstes Spielzeug ist, mit Krhenfedern geschrieben ... -
    Faustine kennt es, lieber Max - sagte Adele.
    So? Ei! sprach er, ungemein erstaunt, da seine Frau ihn in dieser
Unterhaltung strte, denn sie war so daran gewhnt, da sie fr ihre Person
nicht mehr darauf achtete, als auf fallende Regentropfen; doch jetzt hrte sie
mit dem Ohr ihrer Schwester.
    Die Kinder strmten herein und drngten sich dann, Faustine gewahrend, scheu
und bewildert in einem Winkel des Zimmers zusammen, wo sie muschenstill die
Tante angafften, einige mit den Fingern im Munde, andre an den Knpfen drehend.
    Wollt Ihr nicht schlafen gehen, Kinderchen? fragte Adele.
    Da erhob sich ein Lrm, wie die Hhner machen, wenn sie Abends zum Schlafen
auffliegen, und unter endlosen Gutenacht-Wnschen und -Kssen zogen sie ab, denn
die Tante war ihnen noch zu fremd, um nicht strend zu sein.
    Der Tauftag ging vorber mit vielem Gerusch und vieler Langeweile,
wenigstens fr Faustine, die keine Feste liebte, welche wochenlang vorbereitet
waren. Sie haben immer einen sauersen Beischmack, sagte sie, von all den
Verdrielichkeiten, Umstndlichkeiten, Plagen und Qualen, welche die Festgeber
whrend der Vorkehrungen ausgestanden haben.
    Hernach lebte sie in ihrer Weise, strte Keinen, und lie sich nicht stren,
las, zeichnete, ging spazieren. Adele fand nichts unbegreiflicher, als da man
zum Vergngen spazieren gehen knne. Sie ging in den Garten, um zu sehen, ob die
Kirschen reiften oder ob die Kartoffeln blhten, zuweilen aufs Feld, um ihren
Flachs zu inspiziren; aber nur fr diese Zwecke trugen ihre Fe sie ber die
Schwelle des Hauses. Walldorf, wie die meisten Mnner, deren Geschfte sie viel
im Freien und auf den Beinen erhalten, nannte den Spaziergang einen Zeitverderb.
Mnner hingegen, welche eine Lebensweise fhren, welche sie viel ber den
Arbeitstisch bckt, betrachten ihn als eine Arzenei, die sie tglich in einer
gewissen, nach Stunden gemessenen Dosis einnehmen mssen. Alles sehr
erniedrigend fr den lieblichen, freien, zwecklosen, vornehmen Spaziergang, der
seinen verborgenen Reiz nur dem enthllt, der ihn ohne Nebenabsicht auf Dienst
und Nutzen geniet. Ein Rezept ist nicht ber das zu geben, was zu einem
angenehmen Spaziergang gehrt, denn nach Regeln wird er nicht construirt.
Hingegen ist sehr leicht zu sagen, was nothwendig nicht zu ihm gehrt:
Gesellschaft. Man mu allein sein oder mit einem geliebten Menschen gehen; denn
Letzteres ist keine Gesellschaft: man ist nur zu Zweien allein.
    Clemens begleitete zuweilen Faustinen, um ihr irgend eine hbsche Aussicht,
oder einen prchtigen Baum oder einen versteckten Fupfad in den Bergen zu
zeigen. Nach und nach geschah es tglich. Wenn Adele sich arbeitsam mit ihrer
Nherei Abends vor die Thr in den Garten setzte, und Walldorf mit der Pfeife
langsam vor dem Hause auf und nieder ging, machte Faustine gewhnlich eine
Viertelstunde lang diese ermdende Promenade mit ihrem Schwager, und trat dann
eine grere mit Clemens an. Er war ein ganz liebenswrdiger Mensch, sanft und
weich an Gemth, wie die kolossalen Gestalten gewhnlich sind. Zu ihren riesigen
Krperkrften gab ihnen die ausgleichende Natur eine milde, wohlwollende Seele,
welche sie unfhig macht, ihre Kraft auf brutale Weise zu gebrauchen. Nur
ausnahmsweise sind sie Raufbolde und Hndelmacher. Die Kleinen, die sich auf die
Fuspitzen recken mssen, damit man sie erblicke - das sind die Krakehler, die
Zankschtigen; die thun patzig, damit kein fremder Ellbogen um ihre Nasenspitze
spiele. Doch, zum Ersatz, weil sie oft so lcherlich sind - versteckte die
ausgleichende Natur in die kleinen Figrchen die groen Genies.
    Clemens hatte schon vor vier Jahren eine besondere Zuneigung fr Faustine
gehabt. Er war etwas schlfriger Natur damals; Bruder und Schwgerin trugen,
ihrer Eigenthmlichkeit nach, nicht dazu bei, ihn zu ermuntern, wol aber
Faustine, die mit dem unbeholfenen blden Menschen sprach und scherzte, bis er
etwas seine eckige Scheu verlor. Dafr blieb er ihr innig dankbar. Weil er ihr
in dem Zeitpunkt begegnet, wo er anfing, das Leben mit andern als kindischen
Augen zu betrachten, glaubte er, da sie diese Wendung und Lichtung seines
innersten Wesens veranlat habe, und so knpfte er seine lieblichernste
Erkenntni an ihre lieblichernste Erscheinung. Jedes Mal, wenn er seinen Bruder
besuchte, hoffte er heimlich Faustine in Oberwalldorf zu finden - immer umsonst!
aber er bewahrte eine stille Sehnsucht nach ihr, wie man sie im Winter nach dem
lang ausbleibenden Frhling empfindet. Handlung, Thtigkeit, welcher Art sie
seien, sind den Einbildungen entgegen, wie Wasser dem Feuer, und ein Paar
Studien- oder Arbeitsjahre, was sag' ich! Monate, bisweilen Wochen, bringen
einen jungen Kopf sehr schnell ins rechte Gleis. Aber da Clemens sich keineswegs
einbildete, Faustine zu lieben, sondern sie nur als das Holdseligste
betrachtete, was ihm auf der Erde begegnet, so bewahrte er ihre Erinnerung in
immer gleicher Frische. Und auch jetzt war sie ganz, ganz wie damals; denn sie
that nicht gern einen Schritt vorwrts, den sie spter htte zurckthun mssen.
Sie that sehr oft Schritte, die gewagt, regellos, nicht zur Nachfolge einladend
waren, doch war es einmal geschehen, so stellte sie sich fest und sagte
heimlich: nur nicht zaghaft! nur immer vorwrts! wer gelenkige Glieder hat, mu
springen und klettern, darf sie nicht einrosten lassen. Das, in Beziehung auf
sich selbst. Fr Andere hatte sie einen Takt in der Seele, der ihre Schritte so
abma, da kein fremder Gang dadurch beeintrchtigt wurde - so glaubte sie
wenigstens.
    Einst fand sie Clemens unter den Ulmen des Hofes, als sie am Morgen einen
Spaziergang machen wollte.
    Darf ich Sie begleiten? fragte er.
    Ich danke Ihnen! Morgens brauch' ich Sie nicht, sprach sie freundlich.
    Brauchen Sie mich nicht! wiederholte er.
    Nein, sagte sie unbefangen, am Morgen geh' ich nicht so weit, da ich
mich verirren knnte, es wird zu hei! und dann ist's ja heller Tag! Abends
frchte ich, da die Dunkelheit ber mich einbrechen knnte - dann brauche ich
einen Beschtzer. Sie nickte ihm freundlich zu, und ging fort.
    Dies war ganz wahr. Nebenbei dachte sie, es knne ihn in seinen gewohnten
Beschftigungen stren - und ich mag Niemand stren, fgte sie hinzu.
Anastas! den str' ich nie, der lebt fr mich, meinetwegen, der kann mit mir
spazieren gehen vom Morgen zum Abend; Clemens nicht! Clemens nur, wenn er nichts
Anderes, nichts Besseres versumt.
    Aber Clemens war mit dieser Rcksicht keineswegs zufrieden und sagte ihr am
Abend:
    Gnnen Sie mir doch einige liebliche Stunden mehr in Ihrer Nhe fr die
Paar elenden Tage, die Sie noch hier sein werden.
    Sie drfen keinen zu lebhaften Geschmack an meinem nichtsthuerischen Leben
finden, entgegnete sie, es ist unglaublich ansteckend.
    Ja, so lange Sie da sind. Wenn Sie uns verlassen haben, gewinnt die alte
Thtigkeit ihr altes Recht - und ein neues dazu: sie mu zerstreuen helfen.
    Die Verstndigkeit der Mnner ist auerordentlich gro, rief Faustine
scherzend; sie werden durch sie geschtzt und nie um ein Haar breit weiter
fortgezogen, als sie es sich vorgenommen haben.
    Billigen Sie es nicht? fragte er ernsthaft.
    Ich billige Alles, was Andern gut thut, wenn es mich nicht verletzt,
antwortete sie lachend.
    Und wenn es Sie verletzt?
    So mag ich nicht mehr Richter sein. Wie Brutus ber meine Shne zu Gericht
sitzen und ihnen das Leben absprechen - knnt' ich nicht. In Ermangelung der
Shne habe ich an meinen Neigungen und Meinungen Lieblinge und Schookinder,
denen ich es gern gnne, da sie ihr und mein Glck im Leben machen. Durch
solche Schookinder sind wir Alle verletzbar.
    Sollte wirklich groer Kraftaufwand nthig sein, um sie, wenn sie Verrther
waren, hinrichten zu lassen?
    Vielleicht nicht! - aber um sie als Verrther zu erkennen - ein groer.
Unser ganzes Wesen liegt in der Deutung, die wir den Dingen geben; die Deutung
ist der Keim, woraus unsre Meinung als Stamm entspringt, der sich dann wieder in
das zahlreiche Gezweig der Ansichten theilt und verbreitet. Geb' ich meine
Meinung auf, so gestehe ich ein, da ich statt eines geraden Baumes einen
verkrppelten gezogen habe, der umgehauen werden mu. Wo ich lieblichen Schatten
fand, finde ich eine Wste; wo Blattgesusel und Vogelsang - einen den, todten
Fleck. O ich kann's begreifen, da es der Tod sein knne, eine Meinung aufgeben
zu mssen.
    Sollte nicht das Bewutsein der besseren Erkenntni uns vor der
Verzweiflung ber den Irrthum schtzen?
    Aber auf der Grenze zwischen jenem Bewutsein und der Verzweiflung - stirbt
man einstweilen. Georg Forster starb aus Gram, am gebrochnen Herzen, als die
franzsische Revolution eine Wendung nahm, die seiner Meinung nicht entsprach.
    Georg Forster war ein enthusiastischer Mensch, dessen Feuereifer ihn
aufgerieben haben wrde, wenn auch die Revolution all seine Hoffnungen realisirt
htte.
    Ja, Freund! mehr als Fischblut gehrt allerdings dazu, um an etwas Anderem,
als am Alter zu sterben. - Aber ein andrer Georg, gewi kein Enthusiast in der
Bedeutung, welche Sie dem Worte beilegen, nmlich der von Frundsberg, ward vom
Schlag gerhrt, als bei der Eroberung Roms die verwilderten Kriegsknechte seinem
Befehl nicht mehr gehorchten.
    Er wrde viel besser daran gethan haben, auf irgend eine Weise seinen
Einflu wieder zu gewinnen, als sich todt darber zu rgern, da er ihn
verloren.
    Er sah ein, da seine Zeit aus war, darum starb er! Als Carl V. sah, da
seine Zeit aus war, d.h. da er sie nicht mehr beherrschen knne, legte er die
Krone nieder. Er mochte nicht zum Schein Kaiser sein und Frundsberg nicht zum
Schein Feldherr, weil beide eine hohe Meinung von ihren Wrden hegten.
    Sie sind erschrecklich gelehrt mit all Ihren geschichtlichen Beispielen.
    Die geben mehr Nachdruck, als wenn ich nur von unser eins rede.
    Clemens hatte whrend des Gehens einen groen Strau von Wald- und
Wiesenblumen gepflckt. Er ist prchtig, sagte Faustine, aber ich kann
unmglich mit dieser Garbe mich befrachten. So trug er ihn denn geduldig, und
sie nahm ihn nur dann und wann, und drckte ihr Gesicht hinein, als wollte sie
es in Duft und Frische baden. Nach einer Stunde waren die Blumen welk, matt und
zerknickt. Nichts ist so schnell verwelkt, als eine Waldblume.
    Tragen Sie doch nicht mehr die Blumen, sagte Faustine.
    Clemens reichte sie ihr. Sie warf sie fort.
    O Gott! rief er bestrzt, und blieb stehen.
    Bester, ich brauche meine Hnde nothwendig zum Sprechen, das wissen Sie ja
lngst.
    Aber ich htte sie ja gern getragen.
    Sie taugten nicht mehr. Blumen sind nur schn, so lange sie im Zusammenhang
mit der Erde sind. Fehlt ihnen der, so haben sie nach fnf Minuten Leichenansehn
und Todtengeruch. Ich pflcke nie Blumen.
    Aber diese waren nun einmal gepflckt!
    So wollen wir sie dem Elemente geben, das ihnen angenehm sein wird fr
ihren gegenwrtigen Zustand - - sprach Faustine scherzend, kehrte um, hob den
Strau auf, und warf ihn in den Bach, der uerst lebendig mit ihm thalab ber
Stock und Stein sprang. Den Tanz htten sich die stillen Blumen wol nicht
trumen lassen! Ob er sie amsirt?
    Sie sind recht grausam, Grfin.
    Und Sie wol gar sentimental?
    Warum gnnten Sie mir die Blumen nicht?
    Also Ihretwegen lamentiren Sie? rief Faustine und lachte herzlich. Ich
meinte, das Schicksal der Blumen errege Ihr Mitleid, aber Sie bejammern ein
verlornes Kruterkissen, gut gegen Zahnweh oder dgl. Denn da Sie sie etwa als
Andenken an diesen Spaziergang aufheben wollten, kann ich nicht glauben.
    Warum nicht, wenn ich fragen darf? sagte Clemens etwas verstimmt.
    Weil er dazu nicht wichtig genug war! wir haben gar nicht ber besonders
interessante Gegenstnde geredet.
    Das thut mir leid - fr Sie. Mir ist Alles interessant, was und worber Sie
reden.
    Das ist brav, an Allem Interesse zu finden.
    Keineswegs ist das mein Fall! nur an Allem, was Sie sagen.
    Da Socrates zu den Fen einer Diotima lauschend und lernend gesessen hat,
so ist's wol keine Schmach, wenn ein Mann glaubt von einer Frau profitiren zu
knnen. Nur bin ich leider nicht gescheut und weise genug dazu.
    O - sagte Clemens; aber Faustine unterbrach ihn schnell:
    Nur keinen Gemeinplatz! fr mich bin ich klug genug - vielleicht! doch fr
Andre ganz gewi nicht. Bei mir darf Niemand in die Schule gehen; die Praxis des
Lebens, das Eingreifen, das Handanlegen, sind mir unertrglich, und die Mnner
sind dafr, wenn nicht geboren, doch erzogen. Wer nicht arbeitet wie eine
Dampfmaschine, gilt nicht. Wer am Lngsten am Schreibtisch sitzt, ohne
leberkrank - und am Lngsten: Rechts um! links um! kommandirt, ohne brustkrank
zu werden - wem die Augen nicht bergehen und die Geduld nicht ausgeht - der
kann was werden, kann es zu etwas bringen, wie man sagt. Aber da ich glaube, da
man es leichter auf seine eigene Hand, als in Reih' und Glied zu etwas bringt:
so wrbe ich gern Deserteurs, Ueberlufer, und sie wissen - das ist
schimpflich.
    Ach, Grfin, sagte Clemens aus voller Brust, Sie sind unbeschreiblich
liebenswrdig.
    Die chte Liebenswrdigkeit ist immer unbeschreiblich, entgegnete sie,
denn sie besteht aus den Elementen, die nicht mit Worten wiederzugeben sind.
    Ja, das fhlt man Ihnen gegenber! Nehmen Sie es nicht bel! ich wei wol,
man sagt nicht so geradezu Complimente, aber ich denke, Sie wissen recht gut,
da ich Ihnen keine sagen will, - sondern mehr, weit mehr! oder weniger - wie
Sie es betrachten wollen.
    Faustine lie die Unterhaltung fallen. Nchsten Tags schrieb sie an Andlau:
    Anastas, ich bin traurig! die Tage laufen mir wie Wasser zwischen den
Fingern durch: es bleibt nichts davon zurck, und wovon nichts zurckbleibt, das
lebt man ja nicht, man trumt es hchstens, und ach! ich lebe so gern! Wie ich
mich frchte, sterben zu mssen, ohne gesehen, gekannt, erkannt zu haben! Was?
wirst Du fragen. Alles, Lieber! Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft! ja, die
Zukunft sogar. Mte man sie nicht eben so gut aus ihren beiden Gefhrtinnen
beurtheilen knnen, wie der Arzt die Diagnose einer Krankheit stellt. Freilich
gehrt dazu tiefe Wissenschaft und ernster Scharfblick, und nicht alle Leute
sind Aerzte, und nicht alle Aerzte sind geschickt und glcklich. So trste ich
mich selbst. Doch die Sehnsucht bleibt. Dann sehe ich mit unaussprechlichem
Erstaunen Menschen an, die so gar nichts davon empfinden. Zuweilen beneide ich
sie, und denke, eine unendliche Flle von Glck mache sie unempfindlich fr das,
was auerhalb ihrer Sphre liegt. Aber wenn ich mich besinne, so sehe ich wol
ein, da ein enger Gesichtskreis nur fr den taugt, dessen Auge darauf
eingerichtet ist, und dann erstaune und beneide ich nicht mehr. Wollte ich zu
meinem Schwager sagen: ich mchte gern die Zukunft wissen - so wrde er mir
antworten: oben im Dorfe wohnt eine Kartenschlgerin; aber glauben sie denn das
dumme Zeug? - Er ist sehr brav, mein Schwager, tchtig, redlich, rechtschaffen,
krnkt und betrgt niemand, und meine Schwester ganz eben so, beide wie nach
einem Muster zugeschnitten, was zwei Menschen wol sein mssen, um glcklich mit
einander zu leben. Wir sind uns auch Alle recht gut; allein, mte ich mein
Leben hier beschlieen, so glaub' ich, es wrde sehr bald beschlossen sein: ich
langweilte mich todt. Mein Gott, was habe ich denn bei Dir fr Unterhaltung von
auen? da leb' ich ja auch zuweilen Tage und Wochen ganz einsam, ganz still -
aber nie beschleicht mich diese seelenabspannende Mattigkeit. Immer giebt es
etwas zu denken fr uns. Hier giebt es immer nur etwas zu thun. Du weit, es
giebt eine Krankheit, den Veitstanz, so ansteckend, da wer die Verrenkungen
sieht, Lust bekommt sie nachzumachen. Sehe ich hier das Treiben und Arbeiten vom
Morgen bis zum Abend, so ist mir bisweilen zu Muth, als msse ich in der
allgemeinen Thtigkeit und zum allgemeinen Besten meine Hnd' und Fe
schwenken, so gut wie alle Uebrigen - aber die wunderlichen Glieder wollen sich
bei mir nicht anders brauchen lassen als zu nichtsnutzigen Dingen. O Anastas,
wie dank' ich Dir, da Du nicht auf meine Schultern die Last eines solchen
betriebsamen, sorglichen, schaffenden Lebens gewlzt hast. Ich wrde gar nicht
wissen, wie ich mich dabei benehmen sollte. Adele sagt zwar: das lernt sich! -
aber ich kann nur die Dinge lernen, die ich schon wei. Adele interessirt sich
fr nichts, als fr ihre Wirthschaft und fr ihre Kinder, was gewi sehr
achtungswerth ist; wenigstens scheint mir, es gehre die grte
Selbstverleugnung dazu, fr diese kleinen unbndigen Geschpfe in steter
Aufmerksamkeit zu sein und nichts zu beachten, als was mit ihnen in Verbindung
zu bringen ist. Daher red' ich auch nur ber ihre Kinder mit ihr. Kinder sind
etwas allgemein Menschliches, fr die Jedermann sich interessirt; aber um fr
diese eine besondere Zrtlichkeit zu hegen, mu man eben Vater und Mutter sein.
Ich gebe zuweilen Erziehungsansichten zum Besten, nicht weil ich glaube, da sie
Nutzen stiften knnten, sondern lediglich, um aus den persnlichen Beziehungen
heraus zu kommen; Einmischung in Erziehung seiner Kinder vertrgt Niemand, und
hat Recht zu glauben, da kein Dritter diesen Punkt so berdacht hat. Ansichten
ber die Oekonomie hab' ich aber gar nicht, und mu mich bei solchen Gesprchen
schweigend und hrend verhalten, was auf die Dauer nicht amsant ist. Dafr
rche ich mich an Clemens Walldorf; mit dem rede ich und er hrt mir zu; von
Antworten ist nicht viel die Rede. Antworten nach meinem Sinn giebt mir niemand,
als Du. Ich sehne mich sie zu hren. Sie zu lesen - bin ich berdrssig. Der
fatale Ueberdru! mu er sich berall einschleichen? Nun, ich hoffe, Du nimmst
es nicht bel, da Deine Gegenwart mir lieber ist, als Deine Briefe.
    Clemens war halb gekrnkt in seiner Eitelkeit und halb betrbt in seinem
Herzen, da Faustine ihn ganz in frherer Weise behandele. Was ihn anfnglich
erfreute, gngte ihm nicht mehr. Bin ich denn noch immer ein knabenhafter
Schler in ihren Augen? fragte er zuweilen leise; und gern htte er laut an sie
selbst diese Frage gerichtet. Aber wenn sie Ja sagte! Er frchtete sich vor
diesem Ja. Was knnte ich ihr auch sonst sein? setzte er seufzend hinzu; braucht
sie berhaupt einen Menschen zu ihrem Dienst und kann ein Mensch ihr gengen?
Ach, ich wollte sie ja nur auf der Hand tragen, wie einen Schmetterling.
    Faustine hatte keine Ahnung, da Clemens oder irgend ein anderer Mann ein
Interesse fr sie hegen knne, welches die gewhnlichen Grenzen der Theilnahme
und des Wohlwollens berstiege. Eine tiefe Neigung einzuflen, schien ihr
unmglich, weil sie keine erwidern zu knnen glaubte, und sie hatte die feste
Ueberzeugung, dies stehe ihr, so zu sagen, auf der Stirn geschrieben. Die Mnner
wten es auf ein Haar, behauptete sie, wo ihre Liebenswrdigkeit Eindruck mache
und wo nicht, und verlorne Liebesmh spielten sie nie. Clemens war fr alle
Menschen, mit denen er lebte, so freundlich, hatte stets ein so gutes Lcheln,
ein so sanftes Wort, da sie sich verwundert haben wrde, sie, die Verwhnte,
wenn er es nicht doppelt fr sie gehabt.
    Als er einmal unermdlich Ball mit den Kindern gespielt, sagte sie:
    Sie sind ein herziger Mensch, der eine recht liebe Frau verdient.
    Clemens sah sie gro an. Sein Bruder sagte:
    Denkst Du denn schon an eine Frau, Clemens?
    Clemens wandte sich zu seinem Bruder, sah den an und schwieg.
    Warum sollte er nicht? fragte Adele statt seiner.
    Er ist so jung, so unerfahren in der Landwirthschaft..... -
    Ach, Guter! rief Faustine, auf tiefe Wissenschaft wartet die Liebe
nicht.
    Und du warst ja auch nicht viel lter, als wir uns verheiratheten, setzte
Adele hinzu.
    Die Weiber mgen doch nichts lieber als selbst heirathen oder wenigstens
Heirathen stiften - sagte Walldorf und lachte donnernd ber seine Bemerkung,
die ihm eben so neu als geistreich vorkam.
    Adele sagte empfindlich: Ich dchte, das wre sehr schmeichelhaft fr
Euch.
    Faustine rief: Immer besser, sie stiften, als sie stren! - aber was meint
denn Clemens dazu?
    Da es Zeit hat, sprach er lakonisch.
    Seht ihr, wie gut ich meinen Bruder kenne! rief Walldorf triumphirend. Er
macht erst eine tchtige Schule grndlich durch, kauft dann ein Gut in meiner
Nachbarschaft und lt sich nieder. Whrend der Zeit ist die Josephine heran
gewachsen .... gelt, Clemens?
    Da mu er lange in die Schule gehen, sagte Faustine, wenn er auf Ihre
Josephine warten soll. Wie lange rechnen sie denn die Lehrzeit?
    Nun, sieben Jahr gewi! ich fing bei vierzehn an, und verdarb dazwischen
nicht meine Zeit mit Studien auf Gymnasien, Universitten und was wei ich! doch
darf ich nicht sagen, da ich vor dem einundzwanzigsten Jahre meine Lehrzeit
vollendet hab'. Er fngt in dem Alter an, als ich aufhrte. Ist nicht meine
Schuld! hab' ermahnt und gepredigt.
    Jeder hat seine Weise, guter Max - sprach Clemens gelassen.
    Und nicht wahr, auch seine Weise eine Frau zu nehmen? fragte Faustine.
    Gewi! entgegnete er; ich wrde nie eine heirathen, die unter meinen
Augen erwachsen wre.
    Warum denn nicht? fragte Adele, wieder ganz empfindlich.
    Weil ich gern von meiner Frau glauben mchte, da sie fr mich vom Himmel
herabgefallen wre.
    Ueberspannte Ansichten! brummte Walldorf.
    Das gefllt mir! rief Faustine, und klatschte vergngt in die Hnde; ich
hab' es gern, wenn der Mann etwas mehr von seiner Frau wnscht und erwartet, als
da sie ihm die Suppe nicht versalze.
    Bei den hochgespannten Forderungen kommt selten ein sonderliches Glck zum
Vorschein! - bemerkte Adele; dafr kann ich einstehen, da meine Tchter ihren
Mnnern nie die Suppe, noch irgend eine andre Speise versalzen werden; aber wenn
die begehren, da meine Tchter sich wie berirdische Genien benehmen sollen, so
mu ich antworten: versucht's in Gottes Namen! ich habe nie etwas Ueberirdisches
weder an ihnen bemerkt, noch fr sie gewnscht.
    Das ist nun so verschieden! - sagte Faustine. Htte ich eine Tochter, und
ein Mann bewrbe sich um sie, weil er doch eben eine Kchin oder, wenn's hoch
kommt, eine Wirthschafterin braucht: so wrde es mich sehr krnken.
    Mit Unrecht! rief Adele, gemeinsame Sorgen verbinden so herzlich.
    Ich glaube selbst, da es thrig ist, entgegnete Faustine gelassen, und
der Himmel hat mir diese Thorheit erspart, indem ich keine Tochter habe. Allein
daran hab' ich nie gezweifelt, da Sorge und Mhe, zusammen durchkmpft,
zusammen getragen, die Herzen aneinander binden. Ich will ja auch sehr gern
Haushlterin sein und Magd und Alles - aber ich will nur, da der Mann mich als
Faustine begehre mit all meinen Fhigkeiten, und nicht als Magd.
    Ich erstaune! sagte Walldorf, und lie die Hand mit der Pfeife sinken.
    Ueber meine verstndigen Ansichten? fragte sie.
    Nein; da Sie nicht grade heirathslustig, aber doch heirathsfhig sprechen,
- das berrascht mich unaussprechlich.
    Faustine war uerst belustigt durch ihren Schwager. Sie lachte sehr und
fragte:
    Warum sollte ich nicht heirathsfhig sein? finden Sie mich zu alt?
    O, sagte er mit einer verbindlich sein sollenden Verbeugung, eine so
schne Frau wird nie alt.
    Bravo! Sie ben sich in der Galanterie. Also jung und schn genug wr' ich!
- doch nicht reich genug etwa?
    Nebensache, das! aber .... nehmen Sie's nicht bel, ich dachte, Sie wollten
ganz auf gleichem Fu mit dem Mann leben - und das geht doch nicht an. Darum
mein freudiges Erstaunen bei Ihrer demthigen Aeuerung, die vom Gegentheil
zeugt. Ja gewi! der Mann mu herrschen und die Frau gehorchen - dazu ist sie
geboren.
    Gott, rief Faustine, wie komisch sind die Mnner! ganz ernsthaft bilden
sie sich ein, der liebe Gott habe unser Geschlecht geschaffen, um das ihre zu
bedienen!
    Zu beglcken! verbesserte Walldorf.
    Das kommt Euch gegenber auf Eins heraus! Der gute Gott schuf nicht das
Lamm, damit der Wolf es fresse; und nicht die Fliege, damit der Vogel sie
erschnappe - sondern Lamm und Fliege, weil sie in seine Schpfung gehren und
auch ihre Lust am Leben haben sollen. Und die eine Hlfte des
Menschengeschlechts wre geschaffen, damit die andre sie brutalisire?!
    Welch ein Ausdruck .... -
    Ihr wollt winken, und wir sollen kommen - ein Wort sagen, und wir sollen
anbeten - lcheln, und wir sollen auf die Knie fallen - zrnen, und wir sollen
verzweifeln - Alles auf allerhchsten Befehl, den ihr von Gottes Gnaden
decretirt. Was ist das anders als uns brutalisiren? - ich frage. Das ist Euch
schon zur Natur worden! in diesem Sinn richtet Ihr die brgerlichen Verhltnisse
ein, erzieht Ihr die Kinder, schreibt Ihr Bcher. Himmel! wenn ich neuere Romane
aufschlage, besonders franzsische, was erdulde ich fr Aerger! In ewiger
Anbetung, wie der Pater Seraphicus im Faust, schweben die Frauen vor ihren
Geliebten, und die lassen es sich gndig, zuweilen auch ungndig, gefallen.
Knnt' ich nur Bcher schreiben - ich kehrte das Ding um, und brchte den guten
alten Sprachgebrauch, der jetzt ganz widersinnig ist: Er ist ihr Anbeter -
wieder zu Ehren. Ich werde es auch gewi noch thun, nur um meiner Emprung Luft
zu machen, und vielleicht giebt mir der Aerger liebliche Inspirationen.
    Willst Du denn, da die Frauen das Regiment fhren? fragte Adele.
    Nein, ich will nur, da die Mnner mit ihnen umgehen wie mit ihres
Gleichen, und nicht wie mit erkauften Sclavinnen, denen man in bler Laune den
Fu auf den Nacken stellt, und in guter Laune ein Halsband oder hnlichen
Plunder hinwirft. Das demoralisirt die Frauen, es stumpft ihr Zartgefhl ab.
Heut lassen sie sich eine Brutalitt gefallen, um dafr morgen einen neuen Hut
zu bekommen. Ich war einmal bei einer Freundin, ihr Mann kam von der Jagd heim,
sehr verdrielich, weil die Schnepfen sich nicht hatten wollen schieen lassen.
Er warf sich aufs Sopha und commandirte: Charlotte! - sie stellte sich.
Knpfe die Kamaschen ab! groe, schwere, plumpe, beschmutzte, lederne
Kamaschen! Sie that es. Hernach sagte ich ihr: Ich war recht verwundert, da Du
nicht den Bedienten riefst. - Sie antwortete: Das htte meinen Mann noch
verdrielicher gemacht, und er wrde mir nicht den Gefallen thun, meine Rechnung
bei dem Juwelier zu bezahlen, was ganz nothwendig ist. - Ich rief: Du bist ja
wie Esau, verkaufst Dein Erstgeburtrecht fr ein Linsengericht! - Diesen
Vergleich mit Esau hat sie mir, beilufig gesagt, nie vergeben. Aber diese
Behandlung verdirbt die Frauen so, da, wenn der Mann spricht: Ich habe
Kopfweh, bleibe doch heute Abend zu Hause - so entgegnet sie: Sehr gern,
allein dafr bekomme ich doch dies oder das? - Clemens - wandte sie sich
pltzlich an diesen - wenn Sie dereinst nicht Ihre Frau als ein Wesen Ihrer Art
behandeln, so sage ich Ihnen die Freundschaft auf.
    Als ein Wesen hherer Art wird er sie betrachten, das hat er uns ja vorhin
gesagt - warf Walldorf spttisch hin.
    Ich wollte Ihnen gnnen, wenn Sie ein Wesen fnden, welches das verdiente
und rechtfertigte - sagte sie freundlich zu Clemens.
    Jedes ihrer Worte grub sich in sein Herz. Nur war es ihm unbegreiflich, wie
sie ihm eine Frau wnschen konnte. Ahnet sie denn gar nicht, da es fr mich nur
eine Faustine und gar keine Frauen giebt? fragte er sich heimlich. Er war
zerstreut und blieb es auch, als er mit ihr spazieren ging. Er sprach wenig,
doch das fiel Faustinen nicht auf, sie wute, wie gern er ihr zuhrte. Er
achtete auch nicht auf den Weg, und das fiel ihr auch nicht auf, weil sie sich
immer unbekmmert von ihm fhren lie, und die ungebahnten Stege sehr liebte.
    Wo sind wir denn eigentlich? fragte sie endlich, als sie aus einem dichten
Gehlz auf eine Wiese heraustraten, die rings von Wald umgeben war und durch die
ein sumpfiger Bach langsam flo. Es ist recht schauerlich hier! - mu ich ber
den Bach?
    Freilich! sagte Clemens, und ohne weiter zu fragen, nahm er sie zierlich
auf den Arm und trug sie hindurch. Als Faustine drben wieder festen Fu
gewonnen, sagte sie verdrlich:
    Das verbitte ich mir! ich kann meine Fe gebrauchen! - Wohin nun? Sie
schttelte ihr Kleid ab, als wollte sie seine Berhrung abstreifen. Sie that es
ganz unwillkrlich und das eben krnkte ihn tief. Er antwortete auf ihre Frage:
    Das wei ich wirklich nicht.
    Warum trugen Sie mich denn durch den Bach, wenn's unntz ist?
    Das wei ich auch nicht.
    Nun so gehen Sie, bitte, den Weg suchen. Sie setzte sich auf einen Stein.
Clemens blieb unbeweglich neben ihr stehen. Sind Sie zu ermdet? fragte sie.
    Nein, ich mchte Sie nur um etwas fragen.
    Was zaudern Sie denn? es ist so unbehaglich hier! - Also?
    Weshalb schttelten Sie vorhin Ihr Kleid ab, als krieche garstiges Gewrm
darauf?
    Ich mag nicht, da man mich anfat, sagte sie und lachte. Nehmen Sie es
nicht bel, es ist eine Eigenheit. Und da Sie mich sans rime et sans raison
durch den Bach getragen, so sehe ich wirklich nicht ein, weshalb ich Ihnen
dankbar sein soll.
    Ich bin recht unglcklich! reif er.
    Weil Sie den Weg verloren haben?
    Nein, den Kopf.
    Das ist freilich bel, sprach sie ernst. Suchen Sie erst jenen, dann
finden Sie auch wol diesen wieder. Es wird regnen, glaub' ich.
    Clemens sprang ber den Bach zurck und verschwand im Gehlz. Faustine
wartete; die Zeit wurde ihr lang. Es dunkelte zwar noch nicht, allein finstere
Wolken zogen sich herauf. Ihr graute auf dem den Fleck. Sie beschlo, mit dem
Bach zu gehen, ohne die Rckkehr ihres Gefhrten abzuwarten. Einige Regentropfen
fielen. Sie stand auf und ging durch die Wiese, durch das Gehlz, und stand nach
einer tchtigen Viertelstunde auf der Landstrae. Der Clemens hat wirklich den
Kopf verloren, dachte sie; dies ist ja das Thal von Oberwalldorf, und der kleine
sumpfige Bach, der mir ein treuerer Fhrer gewesen ist, als er, fllt dort in
unsern groen, wohlbekannten Waldbach. Nur nie auf Menschen sich verlassen,
immer auf die Natur! - Es regnete stark. So kam sie tchtig durchnt, aber
wohlbehalten nach Hause, wo sie ihr Abenteuer der staunenden Schwester erzhlte
und sich sehr ber Clemens Ungeschick lustig machte. Adele sagte:
    Er wird Dich jetzt suchen und in Todesangst sein.
    Freilich wird er das!
    Du httest ihn doch lieber erwarten sollen?
    Dort auf der unheimlichen Wiese sitzen und mich na regnen lassen? Nein,
seine Unachtsamkeit verdient die kleine Strafe.
    Solche Widerwrtigkeiten hat man von den Promenaden! Du wirst den Schnupfen
bekommen und er .... -
    Vielleicht den Husten! sagte Faustine lustig. Das ist ja kein Unglck!
aber ich werde nicht mehr mit ihm spazieren gehen.
    Clemens hatte den Weg wieder zurckmachen wollen, den sie gekommen. Da er
ihn aber nicht beachtet, so kam er seitab zu einem Khler, dessen Buben er
mitnahm, um den Heimweg sich zeigen zu lassen. Auf die Waldwiese zurckgekehrt,
fand er zu seinem Entsetzen Faustine nicht mehr. Statt gradeswegs nach
Oberwalldorf zu gehen, fing er an umher zu irren und zu suchen, er rechts, der
Bube links. Es regnete, es dunkelte; er begegnete keiner Seele, kein Hirt, kein
Kohlenbrenner, der sie gesehen hatte! Da ihr ein Unglck zugestoen, glaubte er
zwar nicht; es gab hier keine Ruber, keine gefahrvollen Abgrnde; aber verirrt
konnte sie sein, gengstigt. Er raufte sich das Haar aus vor Verzweiflung.
Endlich that er, was er gleich htte thun sollen, und gethan haben wrde, wenn
er eben nicht den Kopf verloren: er ging nach Oberwalldorf, um die
Schlobewohner, und sollte es Noth thun, auch die Dorfbewohner nach Faustine
auszusenden - dachte er. Die Thurmuhr schlug elf. Sonst war um diese Stunde das
ganze Schlo dunkel. Heute Licht in einigen Zimmern! Sie ist nicht da, sonst
wren sie wol schlafen gegangen - dachte er. Er trat in den Saal. Sie war da. Er
flog auf sie zu, ergriff ihre Hnde, kte sie mit strmischem Entzcken und
sank dann halb ohnmchtig auf einen Stuhl, keines Wortes mchtig. Walldorf
besprengte sein Gesicht mit Wasser, Adele hielt ihm Aether vor. Faustine sah zu.
    Was dachten Sie denn eigentlich? fragte sie, nachdem er sich erholt.
    Nichts! sagte er. Sonst wrd' ich wol das Richtige gedacht haben. Meine
Angst war zu gro.
    Als er am andern Tage eine Promenade vorschlug, antwortete sie:
    Das haben Sie verscherzt! ich habe das Vertrauen zu Ihnen verloren. Sie
lassen mich einsam auf der sumpfigen Wiese.
    Er gelobte und flehte. Aber Faustine ging nicht mehr. Ihre Abreise rckte
ganz nah heran, und sie verbarg nicht, wie sehr sie sich darber freute. Clemens
war wie vernichtet. Am letzten Abend, als sie zufllig allein waren, fate er
Muth und fragte:
    Wte ich nur, ob Sie ohne Verdru an mich denken!
    Auf Faustinens Lippe schwebte ein Lcheln, das soviel bedeutete, als: ich
denke ja gar nicht an Dich. Sie sagte gleichgltig:
    Sie haben mir gar nichts Leides gethan.
    Doch! jenen Abend auf der Waldwiese.... -
    Das sollt' ich bel genommen haben? nein, guter Clemens, beruhigen Sie
sich. Wir scheiden wie wir uns fanden - als gute Freunde.
    Und thun die nichts fr einander?
    Schwerlich! rief sie heiter. Freunde thun schon wenig genug fr einander
- aber gute Freunde wnschen sich glckliche Reise, und damit Basta!
    Wrden Sie mir nicht erlauben Ihnen zu schreiben?
    Da ich schwerlich Zeit haben wrde, Ihnen zu antworten, so mein' ich, da
Sie von dieser Erlaubni keinen Gebrauch machen mchten.
    Sie sind von einer eisigen, bermenschlichen Klte! Fnf Wochen haben Sie
hier gelebt, so freundlich, so liebenswrdig, da es eine Wonne war, mit Ihnen
zu verkehren, Sie zu sehen, sich von Ihnen anstrahlen zu lassen - und nun gehen
Sie, als wre Alles Spa oder gar nicht gewesen.
    Ich gehe mit derselben freundlichen, theilnehmenden Gesinnung, die ich beim
Kommen hatte. Kummer ber meine Abreise zu affectiren wrde gewi lcherlich
sein. Ich bin sehr gern hier gewesen, zwischen guten Menschen, aber ich gehe
auch gern; denn heimisch bin und werde ich hier nicht.
    Und wann werd' ich Sie wiedersehen?
    Mssen Sie mich denn durchaus wiedersehen?
    Durchaus! sagte er fest. O Gott, nur sehen! das knnen Sie mir doch
gnnen?
    Wenn es Ihnen zu etwas hilft, Sie frdert - gern! wenn nicht - ungern!
Ueberlegen Sie sich das.
    Sie sind schauerlich, Faustine!
    Hab' ich denn Unrecht? - Kommen Sie, wir wollen Schach spielen.
    Sie spielten; doch Clemens so unaufmerksam, da Faustine ihm seine Knigin
nehmen konnte.
    Die Knigin ist fort, das Spiel ist aus, sagte er und verlie das Zimmer.
    Der allgemeine Abschied am nchsten Morgen war herzlich und kurz. Einen
besondern nahm Clemens nicht. Faustine kam zu Andlau mit jubelvoller
Freudigkeit.
    Nun will ich wieder leben, sagte sie. Ich mu zum Leben einen weiten
Horizont, einen hohen Standpunkt, eine schne Aussicht, eine reine Atmosphre
haben - Alles haben, was ich auf hohen Bergen finde, und was Deine Nhe, Dein
Umgang, Dein Wesen mir geben. Ohne Dich wandle ich im Thal umher, immer den
Ausgang suchend, immer auf die Berge verlangend, durstend nach Luft, nach
Freiheit, nach Dir, Anastas!
    Strahlendes Glck lag auf ihrem schnen Antlitz, aber sie weinte. Sie schlo
Andlau mit jener Kraft in die Arme, welche den Mann schauern macht, weil er
darin die Herrschaft der Seele ber den Krper wahrnimmt. Er ist von Kindheit
auf gewhnt, dessen Krfte zu ben, er fhrt die Waffen, er theilt die Wellen,
er bndigt die Pferde; Ernst und Scherz, eiserne Nothwendigkeit und frhliche
Erholung machen ihn stark. Neigung, Gewohnheit, Erziehung machen heutzutage aus
der Frau ein gebrechliches Wesen; aber man stelle sie mit einer Leidenschaft dem
Manne gegenber, und er wird zittern - so wie man beim Erdbeben zittert.
    Andlau suchte immer Faustinens wetterleuchtendes Wesen zu beruhigen. Sie war
zauberhaft schn mitten in den Strmen der Empfindung, so wie im Grunde alle
Menschen nur dann schn sind, wenn sie sich in ihrem eigenthmlichen Element
bewegen; allein er liebte sie so sehr, da er weniger Freude darber hatte, sie
in ihrer Herrlichkeit zu sehen, als er Furcht empfand, da die hufige
Wiederkehr oder die Dauer solcher Momente das irdische Leben aufzehren knnten.
Die Liebe sorgt stets um das Geliebte, obgleich ihre Sorge fast immer so
berflssig wie Andlaus Furcht ist. Kein Fisch ist gestorben, weil man ihn ins
Wasser gelassen hat. Der Himmel und ich - pflegte Faustine zu sagen - wir mssen
uns ausdonnern; das ist unsre Natur, und ihr Leute mit euern Blitzableitern
langweilt uns sehr.
    Warum weinst Du denn jetzt, Ini? fragte Andlau; ehe Du bei mir warst,
hattest Du doch einen Grund - aber jetzt? .... -
    Pedant! rief sie; soll ich mich etwa nach Regeln freuen? Wenn Jubel,
Ksse, Liebkosungen nicht ausreichen, so kommen Thrnen und Klagen an die Reihe.
Jenes ist Glck im Sonnenlichte, dieses im Mondschein. Auf die Beleuchtung
kommt's ja nicht an, wenn's nur berhaupt etwas zu beleuchten giebt.
    Aber Thrnen erinnern doch an Schmerz, und ich mchte gern, da Du bei mir
ohne Schmerz glcklich wrest, befriedigt, ruhig. -
    O, ich bin auerordentlich ruhig.
    Nun so setze Dich zu mir und erzhle mir von Deinem Leben.
    Erzhlen - ja! sitzen - nein! Das Sitzen, lieber Anastas, ist eine
entsetzliche Erfindung. Zum Gehen, Stehen und Liegen ist der Mensch geschaffen,
das zeigt seine schne, lange, gestreckte Gestalt, die vom krummen, geknickten,
verbogenen Sitzen ganz krppelhaft wird. Meine Gedanken verrosten, wenn ich
sitze, und das macht nicht ruhig, sondern nur schlferig. Ruhig bin ich, wenn
alle Krfte in Bewegung sind und wie die Strahlen einer Fontne springen. Ruhig
bin ich, wenn meine Seele eine groe Landschaft ist, wo im Westen die Sonne
purpurgolden glht, und unter ihr Blitze gleich Silberschlangen aus dem Gewlk
auftauchen, wo im Osten der Mond friedlich hervorkommt, wie ein unschuldiges
Kind, das von fern einer Schlacht zusieht, wo der Donner wie ein geschlagener,
grollender Feind scheu entflieht, indessen die Vgel ihre Siegeshymnen anheben,
wo die ganze Erde opferraucht und glnzt wie ein geschmckter Altar - o mein
Anastas, dann bin ich himmlisch ruhig! und nur dann.
    Sie warf sich auf das Sopha, ganz erschpft. Andlau kniete neben ihr nieder
und wollte ihren Kopf an seine Brust legen; aber sie sagte:
    La mich! da steht ein Piano, es wird schlecht genug sein, aber spiele! ich
habe Dich so lange nicht gehrt! und nie sprichst Du lieblicher zu mir als in
Tnen.
    Andlau kte ihre wunderschnen Fe, und setzte sich ans Piano. Er spielte
vortrefflich; am liebsten und am schnsten phantasirte er. Er fing zuweilen an
nach Noten zu spielen, aber wenn ein Akkord oder eine Melodie oder irgend etwas
kam, was ihn frappirte, so verlie er den Componisten, und lste in eigener
Weise jenen Akkord auf. Er berdachte in Tnen den Tongedanken des Componisten,
so wie man Randbemerkungen auf ein Buch schreibt. Musik! das ist eine Kunst!
alle andere Knste sind keine, sie haben immer ihr Vorbild in der Natur, und
wollen die nachahmen, wenn's hoch kommt - sie verklren. Menschenform und
Menschenwesen zu idealisiren, oder den Raum zu verherrlichen, worin der Mensch
sein Treiben hat - ist ihr Ziel, lieblich wie jedes Ziel, das ber die
Befriedigung des materiellen Bedrfnisses hinausgeht. Aber der Marmorgott und
die gemalte Heilige werden unsersgleichen, gehen mit uns Hand in Hand! aber die
Poesie, welche die natrliche Sprache des unbefangenen Menchen ist, giebt unsre
eigenen Gedanken mit unsern eigenen Worten uns wieder! Die Musik hingegen
verschnt nicht diese Welt und ihre Erscheinungen, sondern berwlbt sie mit
einer zweiten, in der wir schweben gleich krperlosen Engeln, die Flgel haben
unter einem strahlenden, liebenden, glubigen Angesicht. Und das bewirkt sie
durch Klnge, welche auf Zahlen sich grnden, durch Zahlen bezeichnet werden
knnen, und aus der Zusammenstellung von Holz und Metall zauberisch, fabelhaft,
hervorgelockt werden. nach klugen, tiefsinnigen, regelrechten Berechnungen,
entdeckt die Musik ber der Erde eine neue Welt, wie Columbus auf der Erde es
gethan - eine Welt voll primitiver Kraft und Herrlichkeit, eine Welt, in der
jeder sein Eldorado sucht, und zwar ohne Klugheit und Tiefsinn zu haben, und
ohne die Regel zu verstehen! ein Paradies, worin jeder Zutritt hat, der eine
Seele empfing. Kinder, Wilde, Greise, zu unentwickelt oder zu stumpf fr die
Schnheiten des Meiels und Pinsels, nehmen Theil an dem Zauber der Musik, und
Wiegenlied und Grabgesang geleiten unsre ersten und unsre letzten Schritte im
Leben. Die Poesie hie in ihrer Frhlingszeit die heitre Kunst, und damals mit
Recht, denn sie mute aus der harmlosen Sprache, der noch die Eierschaalen der
Rohheit und Unbeholfenheit anklebten, den buntgefiederten, tirilirenden Vogel
herausschlen, den man Minnelied nannte, und der unter Musikbegleitung, als
Improvisation, oft nach selbsterfundener Melodie, bei glnzenden Festen und
frohen Gelagen zur Erhhung der Lust ber die Lippen des Dichters schwirrte.
Seitdem sind aber lange Jahrhunderte vergangen, und die Poesie hat sich im Laufe
derselben milaunig wie eine alte Jungfer in die Einsamkeit zurckgezogen, und
sich auf Gelahrtheit und Schulmeistereien geworfen, weil sie doch gern, wie alle
alten Jungfern, ein Wrtchen mitredet, und weil ein dozirender Ton, bald
spttisch lcherlich machend, bald superklug ermahnend, am meisten Effect macht
bei den spttischen, superklugen Leuten unserer Zeit. Sie ist nun ein
Stubenhocker, ein Bcherwurm, die Poesie! hat die Beine unter dem Schreibtisch
und Dintenflecke an den Fingern, treibt finanzielle und administrative
Speculationen, schreibt Hymnen ber Dampfmaschinen und Oden ber Trottoirs von
Asphalt, und wenn Jemand sie sich anders vorstellen kann, als mit einer blauen
Brille ber einer impertinenten Nase, den beneide ich um seine frische
Phantasie. Das bischen Heiterkeit, das noch in der Welt, hat sich in die Musik
geflchtet, und wo es nur ein Fest giebt, fr vornehm oder gering, in
frescogemalten Slen oder unter grnen Bumen, Musik mu dabei sein. Nie wird
munterer geplaudert, als wenn es Musik giebt: in jeder Soiree, bei jeder Tafel
kann man sich davon berzeugen. Und das Volk nun gar! Wie schmaust der Wiener so
behaglich seine gebackenen Hhnel, mit welchem Wohlgefallen trinkt der Dresdner
seinen miserabeln Kaffee, wenn es nur Musik dabei giebt. Wie es in Berlin
zugeht, wei ich nicht. Ich habe gehrt, da das Volk viel Weibier trinken
soll, kann mich aber nicht davon berzeugen, weil ich gar keine Menschen
erblicke, die wie das Volk aussehen. Geputzt und geziert, geschniegelt und
gebiegelt wie unser einer, habe ich wol im Thiergarten groe Schaaren gehen und
sitzen sehen; aber sie kamen mir Alle vor, als sprchen sie: wir sind viel zu
gebildet, um uns mit etwas so Gemeinem wie essen und trinken abzugeben. Wenn
wirklich Volk in Berlin existirt, so mu es ausgeschieden wie Parias leben.
Man dringt nicht zu ihm. - Dies Alles nur so beilufig. Eigentlich wollt' ich
sagen: da die Musik von Orpheus an bis zum Rattenfnger immer Wunder gethan, so
ist es kein Wunder, da sie auch Faustinens rasches, heies Herz zur Ruhe
brachte.
    Ohne sich lnger in Kissingen aufzuhalten, ging sie mit Andlau nach Belgien,
dessen alte Geschichte und alte Knste sie mehr interessirten, als dessen
moderne industrielle Betriebsamkeit.

Graf Mengen lebte ziemlich einsam in Dresden. Die Huser einiger Minister gaben
dann und wann den Ueberresten der zerstreuten Gesellschaft Gelegenheit sich zu
sehen; jedoch war kein Nerv und kein Magnet darin, am wenigsten fr ihn. Die
Oberflche des Lebens mute sehr schillernd sein, sollte sein Auge an ihr haften
bleiben, und um in die Tiefen hinabzusteigen, mu man einen andern Impuls haben,
als Neugier und momentane Theilnahme. Stolz, kalt und rein ging er durch die
Welt, nichts frchtend, als aus seinem innern Gleichgewicht zu kommen, in
Schwankungen zu gerathen und die Herrschaft ber sich zu verlieren. Das
geschieht aber leicht, wenn man sich in die Tiefen des Lebens hineinwagt. Dante
zagte in der Hlle und war geblendet im Himmel; aber er ging, weil Beatrice es
gebot und ihm den Fhrer schickte. Nicht Alle haben eine Beatrice und einen von
ihr gesendeten Virgil. Mengen hatte keine. Er liebte den Umgang mit Frauen - als
Unterhaltung und weil die Eitelkeit eines schnen und gescheuten Mannes immer
ihre Rechnung dabei findet. Doch ward er besser von Mnnern verstanden, als von
Frauen. Er lachte viel; darum hielten ihn die Frauen fr sehr lustig; die Mnner
wissen aus Erfahrung, da der Mann oft lacht, weil es sich fr ihn nicht schickt
zu weinen. Mario lachte ber seine eigenen kolossalen Wnsche und ihre winzige
Erfllung; er lachte ber das Maskenspiel, welches Kopf und Herz treiben, wenn
dem einen Theil daran liegt, sich auf drei Minuten von dem andern hintergehen zu
lassen; er lachte ber den Sieger, wenn Verstand und Gefhl ihre kleinen Hndel
zusammen ausfochten, und sprach zu ihm: morgen wirst du der Geschlagene sein; er
lachte ber sich selbst, wenn er sich gegen die Macht der Empfindung durch Spott
und Scherz wie hinter Wall und Mauer verschanzte; er lachte, weil er sehr ernst
war, ein fester Pilot, der seinen Nachen ungefhrdet durch die Strmung zu
bringen sucht, indessen die Brandung des konfusen, strudelnden Lebens ihn die
wunderlichsten Sprnge, welleauf, welleab, machen lt. Und weil er lachte, so
behielt er den frischen Muth, welcher nie die Arme schlaff sinken lt. Jeder
Zustand, jedes Verhltni war ihm ein neuer Sporn, eine hhere Stufe. Sei dir
selbst getreu - hatte sein Vater zu ihm gesagt, als der fnfzehnjhrige Mario
das lterliche Haus verlie - sei bereit fr das, was Du als recht erkannt,
nicht blos zu sterben, das ist bisweilen dem Jnglinge sehr leicht, sondern zu
leben, und das ist fast immer sehr schwer. Aber es lohnt nicht der Mhe des
Lebens, wenn Du nur das Leichte thun willst. Dies war der Segen, den der Vater
dem Sohne gab, und als der Sohn ihn zu seiner Richtschnur machte, ward der Vater
sein Freund; denn nach denselben Grundstzen leben und handeln - das stiftet
Freundschaft zwischen Mnnern; Mario betete seinen Vater an. Trotz der groen
Selbststndigkeit, zu welcher dieser ihn frh gewhnt, brachte er Alles vor des
Vaters Forum, was - nicht der Entscheidung, die traf er selbst - der Billigung
bedurfte. Das war recht, sagte dann der alte Mengen, und Mario erwiderte: Ich
wute es. Bei groen und kleinen Dingen, bei ernsten und unwichtigen
Gelegenheiten, erklang oft die Stimme des Vaters, ohne da Mario daran dachte,
vor seinem Ohr. Er liebte einst eine Frau, ein schnes, liebliches, verlockendes
Wesen. Es mute zu irgend einer Entscheidung kommen. Nun, Mario? fragte ihn
der alte Mengen, obgleich er funfzig Meilen von dem Sohn entfernt war, und Mario
zerbrach die Fessel. Ein andres Mal hatte er die tollkhne Wette gemacht, auf
der Balustrade eines hohen Kirchthurms frei umherzugehen. Er begann die
gefahrvolle Promenade und war fast am Ziel, als der Schwindel ihn so gewaltig
packte, da Blei in seinen Fen und ein Flor auf seinen Augen lag. Da hrte er
seinen Vater: Aber Mario! sagen; der Schwindel wich, er ging um den Thurm. -
In jeder Krisis, auf jedem Wendepunkt des Schicksals gab ihm sein Vater
hlfreich die Hand.
    Mit Feldern verkehrte Mario ziemlich viel, obgleich kein tieferes Interesse
Beide verband, als Erinnerung an die lustigen Studentenjahre. Feldern, in
Vermgensumstnden beschrnkt, mit trocknen Arbeiten berladen, von gewhnlichen
Fhigkeiten, nur dem Wunsch nachgehend, sobald wie mglich die Geliebte in das
bescheidne eigne Httchen zu fhren - war ziem lich gleichgltig gegen
allgemeine Verhltnisse, sobald sie nicht auf irgend eine Weise ihn berhrten.
Er that das Nchste, das ihm Vorliegende, pnktlich und treu, aber nur, weil es
eben sein Geschft war, und ohne Faden daraus zu ziehen, die er zu eigenen We
bereien htte verbrauchen knnen. Von Marios rast losem Vorwrtsstreben, von
dessen glhender Theilnahme an jeder Erscheinung der Zeit, von dessen regem
Ehrgeiz, durch selbststndiges Handeln und Wirken mehr zu sein, als eine Null,
welche die Zeit in ihrem groen Rechenexempel gebraucht, um die Zahl voll zu
machen - hatte Feldern keine Vorstellung. Minister werd' ich doch nicht, sagte
er einst zu Mario, als dieser ihn gefragt, warum er nicht eine Stelle annehme,
die man ihm, zwar mit berhufter Arbeit und ohne pecunire Verbesserung, aber
in einem hheren Collegium, vorgeschlagen.
    Wie kannst Du so gengsam sein! rief Mario ungeduldig; warum Du nicht so
gut Minister wie ein Anderer? Als man den nachmaligen Papst Johann XXIII.
fragte, weshalb er nach Rom gehe, antwortete er: um Papst zu werden! und wurde
es. Man mu nur Hand anlegen, und vor allen Dingen die Zuversicht haben, da in
der Sphre, die wir durchwandern, das Hchste uns erreichbar sei.
    Aber ich bin gengsam, das liegt in meinem Character! ein kleines Glck,
nur recht rund, nur recht ruhig, das befriedigt mich. Ein groes wrde mich
betuben, verwirren, trunken machen, und in dem Rausch wrde ich es nicht
festhalten knnen. Und dann der Neid! und dann die Scheelsucht! und dann die
feindlichen Blicke und Worte, die den Glcklichen treffen: Basiliskenaugen bei
Katzenbuckeln! und dann die Launen der Gnner, welche immer sultansmig mit den
Lieblingen verfahren - die Glcksgttin selbst nicht ausgenommen - und dann die
innern Anfechtungen .... -
    Bester Feldern, nimm's nicht bel, Du sprichst wie ein zaghaftes
Frauenzimmer. Ist denn die ganze, groe, reiche, prchtige Welt nicht fr uns
Alle da? und nicht blos als ein Tafelaufsatz von Glas und Porzellan, den wir,
die Hnde unterm Tischtuch, bewundern - sondern als eine Arena olympischer
Spiele, wo es zwar Staub giebt, Getse und Geschrei, Pferdegestampf und
Wagengedrnge - aber Triumph am Ziel.
    Und was wird uns fr den mhsam errungenen Triumph?
    Ein grner Kranz.
    Nun wahrlich, Freund, Du bist gengsam, ich erwartete doch wenigstens, mit
einem goldnen Diadem oder einer Rosenkrone Dich geschmckt zu sehen! aber ein
schlichter, grner Kranz! .... -
    Ja, ein schlichter, grner Kranz! rief Mario und seine Augen flammten von
tiefem Feuer, Gold- und Purpur- und Blumenkrnze wren ja Lohn, und wer mag
denn dafr belohnt werden, da er sein Ziel erreicht hat? das Bewutsein will
er! und der schlichte, grne Kranz ist ein Symbol des Bewutseins.
    Und das gengt Dir wirklich vollkommen? nach keinem andern Glck verlangst
Du? kein heitrer Genu des Errungenen wrde Dich freuen?
    O, sprach Mario lachend, was das Verlangen betrifft, so verlange ich ein
ganz foudroyantes Glck - wenigstens! sonst aber nichts! nichts Halbes, nichts
Mittelmiges, nichts Theilbares, sondern eben - Alles. Und wie es dann mit dem
Genu beschaffen sein mag - das mgen die Gtter wissen, die allein solch Glck
verleihen knnen. Bis jetzt war streben mein Leben, und der Genu des Erstrebten
war ein kurzer, rosenroth vertrumter Schlaf, aus dem ich noch immer erwacht
bin, begierig nach fernerem Leben.
    Und bist Du glcklich mit diesen Gesinnungen? ich meine, abgeschlossen in
Dir, sicher, ruhig, befriedigt?
    Glcklich nenne ich nur den, welcher Spielraum findet, all seine Krfte zu
entwickeln und dadurch sein Wesen zu hchstmglicher Vollendung zu bringen.
Selten wird es dem Menschen so gut, da alle seine Knospenanlagen Blthen - noch
seltener, da sie Frchte werden - es kommen zu viel Strme! Wenn Du nur fertige
Menschen glcklich nennst, so bin ich nicht glcklich, und werde es dann auch
vielleicht nie werden. Mir scheint, wer in der Jugend abgeschlossen, ist im
Alter verdorrt, oft vor dem Alter - ein versteinter, bemooster Sulenheiliger.
Ich mag keiner sein. Ich will auf der Erde stehen und mit allen Sinnen ihrer
Lieblichkeit mich freuen.
    Und Du denkst ernsthaft daran, Dich zu verheirathen?
    Zuweilen - fr die Zukunft. Ich denke, es mu angenehmer sein, eine Sonne
zu werden, um welche ein ganzes Planetensystem sich bewegt, als ein Planet zu
bleiben, der die Familiensonne umkreist. Der Fixstern gefllt mir zwar am Besten
durch seine grandiose Unabhngigkeit; aber die unruhige, bewegliche Seele
vertrgt sich nicht mit der Fixstern-Natur.
    Doch gehrt sie einigermaen zur Ehe.
    Ich meine, die Ehe giebt sie.
    Wenn man die Fhigkeit dafr mitbringt.
    Diese zu entwickeln, werd' ich meiner knftigen Frau berlassen. Aber wann
werd' ich die Bekanntschaft Deiner Braut machen?
    Willst Du morgen mit mir hinaus?
    Gern.
    Sie ritten am andern Tage das heitre Elbufer gen Meien hinab. Der Landsitz
von Frulein Cunigundens Eltern lag auf halbem Wege dorthin. Mario forderte
seinen Freund auf, ihm eine Beschreibung der Geliebten zu machen.
    Sie wrde parteiisch ausfallen, entgegnete Feldern; Cunigunde ist nicht
eigentlich schn, wenigstens glaub' ich, da ihre Schwestern schner sind ....
-
    Diable! sie hat Schwestern? warum sagtest Du mir das nicht frher? Du mut
wissen, ich hte mich sehr, in ein Haus eingefhrt zu werden, wo unverheirathete
Tchter sind. Man steht oft mit dem linken Fu noch auf der Schwelle, und soll
schon mit dem rechten vor den Altar treten.
    Cunigundens Schwestern sind allerliebst.
    Und sie selbst?
    Allerliebst wre keine Bezeichnung fr sie.
    Es wird eine hliche, verstndige, grundgute Person sein - dachte Mario,
und wandte das Gesprch. Bald war das Ziel erreicht. Durch ein Gitterthor, an
dem zwei prchtige Linden Wache hielten, ritten sie in einen zierlichen,
gartenmigen Hof, vor das nette Landhaus, unter dessen um einige Stufen
erhhten Vorhalle Damen arbeitend saen. Feldern ward freundlich empfangen, und
stellte der Frau von Stein und ihren beiden jngsten Tchtern Graf Mengen vor.
Dann fragte er nach Cunigunden. Sie war mit dem Vater in den Weinberg gestiegen,
um zu sehen, ob die Trauben noch nicht reifen wollten - was seine einzige, aber
ihm durchaus gengende Beschftigung war. Eben als Feldern sie aufsuchen wollte,
kam sie mit dem Vater zurck. Mario stand versteinert bei ihrer Erscheinung. Ist
Feldern toll geworden, dachte er, oder will er mich necken! diese Person soll
nicht schn sein? nicht einmal so schn, wie die beiden kleinen albernen
Schwestern? er ist blind - er ist rasend! - - Feldern nherte sich uerst
zrtlich der Braut; aber - war es die Gegenwart des Fremden oder lag es
berhaupt in ihrer Weise - sie empfing ihn khl. Sie machte eine so grazis
ausweichende Bewegung, da es ihm nicht mglich war, sie zu umarmen, und als sie
Hand in Hand neben ihm stand, da sah sie ihn zwar recht freundlich an, aber, o
weh! sie sah auf ihn herab, sie war grer als er - vielleicht nur einen halben
Zoll, jedoch grer! - Nun, das wird nimmermehr gehen, dachte Mario.
    Frau von Stein sprach gescheut, und das ist immer angenehm; Herr von Stein
nur, wenn er gefragt wurde, und das ist bei bornirten Leuten auch angenehm;
Cunigunde fast gar nicht; ihre Schwestern plapperten so viel wie mglich. Die
Conversation stockte nie. Dennoch ward es Mengen nicht behaglich, und er
verstand es doch sonst so gut, in jedem Kreise heimisch zu werden! Eine
verstimmte Saite verdirbt das ganze Concert fr ein feines Ohr. Cunigunde war
diese verstimmte Saite. Ihre Befangenheit, ihre Zerstreutheit wirkte ansteckend
auf ihn, den einzigen Unbefangenen des Zirkels. Die Uebrigen muten wol daran
gewhnt sein. Aber wie konnte der Verlobte es sein! Wenn das Mdchen meine Braut
und immer so zerstreut bei mir wre, dachte Mario, so wrd' ich um alle Schtze
der Welt nicht sie heirathen. Wre er so verliebt wie Feldern gewesen, er wrde
sie doch geheirathet haben!
    Cunigunde trug einen groen runden Strohhut, dessen breiter Rand Gesicht,
Schultern und Nacken fast ganz verschattete. Feldern bat sie, den Hut
abzunehmen.
    Die Sonne! sagte sie ablehnend. Da aber die Vorhalle gegen Osten lag, so
fiel kein Sonnenstrahl hinein, und sie setzte hinzu: Die Mcken!
    Wie unfreundlich! sagte Frau von Stein halblaut.
    Cunigunde nahm schweigend ihren Hut ab. Sie hatte wunderschnes
dunkelbraunes Haar, das sich in schweren Zpfen um ihre Schlfen legte und sich
dann im Nacken zu einem griechischen Knoten verband. Feldern nahm eine Weinrebe,
die ihren Hut wie ein Kranz umschlang, und drckte sie auf ihr Haar. Sie sah aus
wie Ariadne - aber ohne Verzweiflung ber den treulosen Theseus, und ohne
Triumph ber die Liebe des Bacchus. Sie freute sich nicht darber, da der
Brutigam sie reizend fand, sie duldete es; und nur es dulden heit: es
erdulden. Heies Roth berflog momentan ihr feines, edles Antlitz und sie warf
einen dunkeln melancholischen Blick auf Feldern. Spter, als sie und ihr Schmuck
unbemerkt waren, machte sie eine rasche Wendung des Kopfs, wodurch die locker
hngende Rebe herab fiel. Feldern konnte sich keines Lchelns, keiner
Aufmerksamkeit von ihrer Seite erfreuen, aber Mengen konnte es noch weniger.
Nicht nur, da sie nicht sprach - sie sah auch Niemand an. Manche Menschen
brauchen gar nicht zu reden, nur zu blicken, und man whnt eine tiefsinnige
Musik zu hren, ein Gemlde des innersten Wesens sich aufrollen zu sehen -
solche Magie hat das Auge. Menschen, die reden, ohne aufzublicken, mssen ein
hinreiendes Organ oder einen auerordentlichen geistigen Reichthum haben, wenn
ihre Rede jenen Eindruck machen soll. Ein unsichtbar Sprechender berzeugt nur
halb, und reit nie hin. Das Antlitz ist wahrer als die Worte. Worte lgen so
oft; eine Miene, ein Lcheln, ein Zucken der Augenwimper oder der Lippe sagen
oft das Gegentheil von dem, was das Wort sagt, und offenbaren dadurch die
eigentliche Meinung. Das Wort ist ein kluger, berechneter, feiner Zgling des
Geistes; aber der Ausdruck der Bewegung, das Mienenspiel, ist ein Kind der
Seele, und die Seele durchschimmert es, wie der Krper ein Musselinkleid
durchschimmert. Cunigunde mochte die Absicht haben, ihre Seele zu verhllen;
dies Spiel gelingt zuweilen denen gegenber, welchen daran liegt, da es
gelinge; wer aber nicht dabei betheiligt ist, erkennt das Spiel. Sie sah Niemand
an - man htte glauben drfen, da sie in sich selbst versunken sei; allein sie
hob doch bisweilen ihr Auge und dann war es leicht zu erkennen, da sie in die
Zukunft versunken war, solch ein heier Durst lag in diesem Auge. Aber nicht
nach Liebe, nicht nach Glck! nichts Sehnsuchtsvolles, nichts Trumerisches! Ein
Schiffer, der das Land erreichen mgte, und den die Brandung nicht landen lt,
mag diesen Ausdruck haben.
    Es wurde Musik gemacht und mit gutem Geschmack solche, welche sich fr einen
huslichen Kreis schickt. Cunigundens Schwestern sangen zweistimmig, mit jungen
frischen Stimmen heitre und launige Volkslieder und neckten Cunigunde mit ihrer
Abneigung gegen mehrstimmigen Gesang. Sie sei so einsiedlerisch, sagte die Eine;
und die Andere: sie mge nicht Takt halten mit einem Zweiten.
    Ich kann es nicht, sagte Cunigunde, ich wrd' es ja gern thun.
    Nun, so singen Sie allein - bat Feldern, und sie sang mit einer schnen,
aber eiskalten Stimme und ohne Leben im Vortrag, so viel und was er wnschte.
Beim Abschied entlie sie ihn gerade so, wie sie ihn empfangen hatte. Kein
inniger Blick, geschweige ein inniges Wort, war zwischen ihnen gewechselt.
    Kaum saen die Freunde zu Pferde, als Mario ausbrach:
    Du hattest ganz Recht: allerliebst ist keine Bezeichnung fr Deine Braut!
sie ist ja wirklich bildschn, ohne alle figrliche Redensart! ich meine, schn
wie ein Bild.
    Ich glaubte, die Schwestern wrden Dir besser gefallen.
    Bester! ich verbitte mir diese Beleidigung meines Geschmacks. Zwei weie
schnatternde Gnschen und ein Schwan! Wann wirst Du Dich verheirathen?
    Im November, denk' ich.
    Das ist ein Monat, in welchem ich regelmig das Leben im Norden
verwnsche. Du thust sehr Recht, ihn Dir zum Rosenmonat umzuwandeln! - Aber sie
ist uerst schweigsam - Deine Braut.
    Ihre Art so!
    Gott, was sind die Frauen schn, wenn sie schn sind.
    Du bist ja ganz in Extase - sagte Feldern mitrauisch.
    Wie kann Dich das befremden, Dich, der Du vier Jahr lang unter ihrem Zauber
stehst und sogar die Qual der langen Sehnsucht ertragen kannst.
    Was mir gewi ist, nur in die Ferne geschoben, macht mir keine Qual.
    Und wartest Du nicht? erzeugt Erwartung nicht Ungeduld, und nennst Du
Ungeduld nicht Qual? O la das nicht Frulein Cunigunde hren, sie wrde nicht
mit Deiner stoischen Klte zufrieden sein.
    Jeder mu am Besten wissen, wie er mit der Geliebten umzugehen hat - sagte
Feldern bellaunig.
    Er sollte es wenigstens - schwebte schon auf Marios Lippen; aber er hielt
die krnkende Bemerkung zurck und sagte: Schade, da die Eisenbahn noch nicht
fertig - Du wrdest dann manche schne Stunde mehr genieen knnen. Es ist doch
hbsch, da die Liebe, auf die von den administrativen und industriellen Kpfen
keine andere Rcksicht genommen wird als die, welche die Propagation des
Menschengeschlechts betrifft, auch von Dampfmaschinen und Eisenbahnen ihren
Vortheil zieht. Es giebt keine Pyrenen mehr, sagte Ludwig XIV.
grosprecherisch, und log obenein bis auf diese Stunde, wo die Pyrenen sich
dadurch sehr bemerklich machen, da sie Frankreichs Influenza nur theilweise
nach Spanien hineinschlpfen lassen. Aber wir knnen mit voller Wahrheit sagen:
fr Liebende giebt es keine Trennung mehr. In vier Wochen bin ich mit dem
Dampfschiff, vom Rhein ausgehend, auf der andern Hemisphre. Wie Untreue und
Pflichtvergessenheit vorfallen sollten, ist gar nicht zu begreifen, denn in
jedem Moment mu man gewrtig sein, von einem lieben Besuch berrascht zu
werden, und wenn man seiner Liebsten nur keine Zeit lt zum Vergessen: so wird
man es auch nicht. Es ist bewundernswrdig, welchen guten Einflu die
Dampfmaschinen auf die Moralitt haben. Und dann wagen verstockte Finsterlinge
zu behaupten: deren Verfall und der Fortschritt der Industrie gehen Hand in
Hand.
    Feldern antwortete einsylbig. Er forderte nie mehr in Zukunft Mario auf, ihn
zu seiner Braut zu begleiten, und da er es nicht that, so sprach auch Mario den
Wunsch nicht aus. Wirklich interessirte ihn Cunigunde nicht genug, um ihn zu
veranlassen, Felderns Eifersucht zu reizen. Und Feldern war allerdings
eiferschtig, nicht auf einen bestimmten Gegenstand, sondern im Allgemeinen,
weil er, trotz des vierjhrigen Brautstandes, so unbekannt in dem Herzen seiner
Braut war, wie die Alten im Ozean. Manche beschrnkte und selbstzufriedene Leute
macht solche Unbekanntschaft erst recht ruhig. Sie denken: da existirt nichts
weiter, als was sie sehen und verstehen. Andre aber, die weniger beschrnkt und
selbstzufrieden sind, macht es unruhig, weil sie fhlen, da ihr Auge und ihr
Verstand nicht ausreicht, da da viel vorgehen mag, was sie nicht ergrnden
knnen, und da es doch eigentlich eine groe Demthigung ist, ein geliebtes
Wesen nicht zu verstehen. Das giebt der Liebe ihre Gttlichkeit, da sie, wie
Gott, das Verstndni der Seelen hat. Der Verstand zweifelt, die Forschung
grbelt, die Vernunft prft - die Liebe wei. Aber das ngstigende, lose,
unzusammenhngende, verliebte Wesen, das die Leute Liebe nennen, kann freilich
nicht viel wissen. Das rth so herum, auf gut Glck, auf Gerathewohl, irret,
trifft, trifft aber nie den Mittelpunkt des Seins, nie den Moment, wo die Knospe
der Aloe aufspringt, welche alle hundert Jahr nur Einmal blht. Ist ein
Mhrchen! ist eine Fabel! sprechen die Klugen; die Naturforscher wissen nichts
von solcher Aloe! - Aber die Dichter wissen von ihr, meine Herren und Damen; wer
hat nun Recht? Die Dichter sind ein uraltes, mystisches Volk, das ganz andre
Dinge geschaffen hat, als eine Aloe, die nur alle hundert Jahre Einmal blht.
Bei den chaldischen Schfern ist's in die Schule gegangen, und die Priester von
Memphis und von Dodona sind seine Zglinge gewesen. Schlagt nach den Homer! die
Gtter hat er geschaffen. Was wte man denn von dem ganzen Olymp, wenn der alte
Homer ihn nicht so genau beschrieben? Schlagt nach den Moses. Die ganze Welt hat
er geschaffen. Die weisesten Hypothesen spterer Jahrhunderte taugen nur dann
etwas, wenn sie mit seiner bermenschlichen und doch so ganz menschlichen Poesie
bereinstimmen. Was die Geschichts- und Naturforscher auch entdeckt haben mgen
- Homer und Moses sind noch nie dabei zu kurz gekommen. Verlat euch auf die
Dichter, meine lieben Menschen, selbst wenn sie euch von der fabelhaften Aloe
erzhlen, die nur alle hundert Jahr Einmal blht. In der drren, heien Wste
des Lebens, wo die Bche versiegt sind und die Bume versandet, wo kein Lftchen
weht und kein Vogel singt, unter dem brennenden Aequator des Herzens - da steht
sie doch und blht allen Naturforschern zum Trotz - aber freilich - nur alle
hundert Jahr Einmal. Wer kann aber wissen, ob die hundert Jahr nicht gerade um
sind, wenn er vor sie hin tritt?
    Wenn Jemand mein Bchlein ungeduldig fortwirft, so kann ich es ihm kaum
verargen. Er hat sich darauf prparirt, eine kleine Geschichte zu lesen, und ich
erzhle ihm Mhrchen! Er verlangt, da ich ihn - nicht, da ich mich selbst
amsire. Es ist recht schwer, Autor- und Leserkopf unter einen Hut zu bringen.
    Die Zeit vergeht mit derselben Schnelligkeit, wenn man in bestndigem
Wechsel und in ruhigster Einfrmigkeit lebt. Wieder ein Tag vorbei! spricht der,
welcher zwlf Stunden friedlich bei seiner Arbeit verbracht hat, und der,
welcher die Sehenswrdigkeiten eines fremden Ortes wie ein Irrwisch durchrannt
ist. Dann gehen Beide zu Bett: der Ruhige dankt Gott fr seinen Frieden, und
bittet ihn um ein wenig amsante Abwechselung; der Unruhige dankt ihm fr seine
amsanten Drangsale und bittet ihn um ein wenig Erholung. Zuweilen denkt auch
Keiner an Dank und Bitte, und dieser streckt nur ermdet seine Fe aus, und
Jener eben so ermdet seine Arme. Es ist erstaunlich, wie im Grunde die
Menschenschicksale sich gleichen.
    Wieder ein Sommer dahin! sagte Faustine, als sie mit Andlau Ende Oktober
bei kurzen Tagen und nebeligem Wetter in Mainz auf der Heimkehr begriffen,
eintraf. Wie soll ich es prstiren, die ganze Welt zu sehen? bald reicht das
Geld nicht aus, bald die Zeit nicht! heut wollen die Verhltnisse es nicht
dulden, und morgen giebt's Umstnde, die es unmglich machen. Am liebsten
schnrte ich mein Bndelchen, zge Mnnerkleider an, und streifte umher. Es
sieht nur etwas vagabondenmig aus, ich knnte in keinen Salon gelangen, und
eine Grfin Obernau, der die Salons verschlossen sind, ist eine verlorne Person.
Dafr zu gelten, kann ich mich nicht entschlieen, und so mu ich mir denn den
Hauptspa des Lebens versagen.
    Du bist im Mittelpunkt Deines Wesens so fest, Ini; wie knnen die Radien,
welche davon auslaufen, in solcher ewig zitternden Bewegung sein? Wre meine
Seele nicht der Deinen gewi, so wrdest Du mir groe Sorge machen.
    Ist unntz! sagte sie; mein Herz ist fest; darauf kannst Du Felsen bauen.
Giebt es etwas Zuverlssigeres in der Natur, als die Magnetnadel? nun, sie
zittert immer hin und her, und weist doch unverrckt gen Norden. Nur in der
Polnhe weicht sie ab. Dahin komme ich aber nicht. Ich bleibe im Tropenklima.
Wollen wir nicht in den Dom gehen? Es regnet nur ein ganz klein Bischen.
    Du bist eine unermdliche Kirchengngerin! wir haben gewi ber hundert
Kirchen in diesen drei Monaten besehen, und wie wenige darunter gefunden, die in
reiner Vollkommenheit den Gedanken des Baumeisters auf die Nachwelt gebracht.
Zerstrt, geflickt, berpinselt, ausgebaut, angebaut, ruinirt durch barbarische
Vernachlssigung und barbarische Geschmacklosigkeit, standen sie da, wie
wunderschne Menschen mit Krpfen am Halse und Warzen auf der Nase.
    Leider wahr! aber mein Auge ist ein geschickter Operateur und trennt die
Auswchse vom Krper. Und dann ist diese Stadt mit ihrem Dom noch eine von den
alten entstandenen, keine moderne gemachte, die pltzlich aufschiet, weil der
Monarch eine hbsche Avenue zu seinem Schlo haben will, oder weil die Leute
reich werden wollen, und darum Huser auf Actien bauen. Wie ich sie hasse, diese
characterlosen, flachen, den Huser mit ihren hundert tausend blanken Fenstern!
Kann da Huslichkeit drin gedeihen, kann da Treue drin wohnen? Wenn ein Wagen
vorbeifhrt, zittern Thr und Fenster; wenn der Wind weht, bebt das ganze feige
Ding, als bte es ihn unterthnigst um Verzeihung, da es wagt noch auf den
Fen zu stehen! O ihr lieben, stillen, alten Huser, die ihr bescheiden mit der
schmalsten Seite auf der Gasse steht, um eure Nachbarn nicht zu beeintrchtigen,
um euch nicht in die Breite zu verflachen, wie gut bin ich euch! hinter euren
starken Mauern und sparsamen, aber weiten Fenstern, in eurer verschwiegenen
Tiefe, in euren traulichen, gerumigen, gewlbten Zimmern, da ist's doch noch
mglich, Gedanken zu haben, welche sich auf Huslichkeit beziehen. Wr' ich ein
Mann, so holte ich mir nur aus solchem Hause eine Frau. Mdchen, in einem
modernen Hause erzogen, sind es fr fremde Augen! alle Welt guckt da hinein und
fragt neugierig: was thust du? was treibst du? Die Sonne scheint in all die
Fenster wie in einen Glaskasten hinein, wo die Blumen vor der Zeit blhen
mssen, und fr die Mdchen ist Schatten gut, stiller, khler, grner Schatten -
da bleiben sie frisch, frisch von Wangen, frisch von Seele. Es existiren aber
gar keine Mirakelmdchen mit frischen, apfelbltnen Wangen mehr! sie mssen so
viel lernen, so viel schne Knste treiben - das fatiguirt, und glaub mir, es
hngt Alles mit den modernen Husern zusammen. Wr' ich ein Mann, ich
schlenderte durch die alterthmlichen Gassen, und schaute rechts und schaute
links. Da auf einmal, in jenem dunkeln Hause, wo ber der gewlbten Thr drei
Eicheln ausgehauen sind, im Erdgescho, am offnen Fenster, das mit Gitterstben
geschtzt ist, die aber so weit geschweift sind, da die Katze in dem Ausbug
Raum hat, und der groe Blumentopf, aus welchem sich die Kapuzinerkresse
emporrankt - verstehst Du, lustige Kapuzinerkresse, kein sentimentaler Epheu -
da sitzt ein herziges Mdchen und arbeitet fleiig. Sie arbeitet nicht hastig,
nicht gebckt wie eine Magd, wie um's liebe Brot - sondern aus anmuthiger
Gewohnheit an Beschftigung. Gute Gedanken steigen mit der Nadel hinauf und
herab, vom Kopf zum Herzchen, und die schelmischen Lippen summen ein Lied. Das
Haar hngt ihr leicht und lose, wie Gott will, an den Wangen herab, die Augen -
wenn sie sie aufschlgt - blicken ernst und verweisen gleichsam dem Munde seinen
Muthwillen - das Mdchen mte meine Liebste werden! Alle Tage ginge ich zweimal
vorber, einmal am Morgen, einmal am Abend; gren thte ich nicht, das wre
befremdlich; aber ohne Gru wrden wir nach und nach ganz bekannt. Dann legte
ich mir einmal Morgens den Zwang auf, nicht vorbeizugehn, damit Abends ihre
Augen fragten: aber wo warst du denn heute frh? - O Anastas, komm, wir wollen
das Haus suchen und das Mdchen. Heirathen kann ich es zwar nicht .... -
    Aber ich kann es - sagte Andlau neckend.
    Eben so wenig! rief Faustine, und warf muthwillig und stolz den schnen
Kopf zurck, als brauche sie sich nicht einmal die Mhe zu geben, ihn anzusehen,
um ihn zu fesseln.
    Und welchen Ersatz willst Du denn dem armen Mdchen dafr bieten, da es
nicht geheirathet wird?
    Ich will es malen.
    Brav! das wird ein hbsches Bildchen werden, sagte Andlau, und machte
trotz Nebel und Wind einen Spaziergang mit ihr. Er freute sich ihres schnen
Talents - nicht blos weil es ihm Wonne war sie zu bewundern - sondern weil er es
betrachtete als einen Canal, in welchen der bervolle Strom ihres Wesens
wohlthtig, ohne die Ufer zu zerstren, sich ergo. Ihren Phantasien lieh er
immer Gehr. Ihren Gedankensprngen setzte oft sein Urtheil, seine Meinung,
Schranken; niemals seine Laune. Darum war Faustine auerordentlich durch seinen
Umgang verwhnt; sie fand jeden andern langweilig und steril, wo sie nicht
dieser Theilnahme, dieser Ermunterung, diesem Verstndni begegnete. Er hatte
sie daran gewhnt, sich rcksichtlos, absichtlos, in unbefangener keuscher
Freiheit vor ihm zu offenbaren; darum wurde es ihr schwer, in die
zurckhaltenden, abwehrenden Formen der Gesellschaft sich zu fgen, und sie that
es auch nur innerhalb selbstgewhlter Grenzen, die angeborner Takt und kein
Herkommen ihr bestimmten; aber eben deshalb fhlte sie sich nur bei Andlau
glcklich. Mon aller n'est pas naturel, s'il n'est  pleines voiles, sprech'
ich mit Montaigne - sagte sie - wenn ich in der kleinen Nuschale
oberflchlicher Gesprche und nichtsbedeutenden Verkehrs balanciren mu, so legt
sich dieses Unbehagen gleich einer eisernen Schlafmtze auf meine Stirn, und
lieber rede ich in dreimal vierundzwanzig Stunden keine Sylbe, als in einer
Stunde unaufhrlich von den Fliegen, die brummen, und den Mcken, die stechen.
Andlaus Liebe war ihr die Frhlingsluft, in welcher sie, wie die Lerche, ihre
Flgel ausbreitete, sich hob, und steigend und singend hngen blieb.
    In Frankfurt fand Andlau einen Brief vor, der ihm den Tod seiner Mutter
meldete, und den Wunsch seiner beiden Brder, ihn bei der Regulirung der
Geschfte zu sehen. Sie brauchen mich, sagte Andlau; sie wollen einen Zeugen
haben, da Keiner von ihnen mit dem Pistol in der Hand dem Andern einen Napoleon
mehr, als ihm zukommt, abgefordert hat.
    Du willst in den Elsa? fragte Faustine unglubig; willst mich verlassen;
Anastas, thu' es nicht! Ich in Dresden, Du jenseit des Rheins - das liegt zu
weit auseinander! Sie schlang die Arme um seinen Hals und schmiegte sich an
ihn, ngstlich und fest wie ein junger Vogel unter den Flgel der Mutter. Sie
hatte die groen diamantenen Augen einer Gazelle, und mit diesen Augen sah sie
ihn so zrtlich und traurig an, da er sie mit seinen Kssen schlo, denn er
fhlte, wie sein Herz an diesen Strahlen zerschmolz.
    Ich kann meinen Brdern ntzlich sein, sagte er, vielleicht dazu
beitragen, da Alles in Liebe und Gte abgethan wird. Meine Mutter mag ihren
Liebling, meinen jngsten Bruder, bevorzugt haben, und ich frchte sehr, Aloys
wird es sich nicht wollen gefallen lassen. Jeder handelt fr seine Familie,
jeder behauptet, das Recht seiner unmndigen Kinder vertreten zu mssen.... -
    Himmel! unterbrach ihn Faustine, wie hasse ich all diese Verhltnisse,
welche unter der Firma: Familie! den Menschen in gefhlemprende Zustnde
bringen. Kaum hat ein Wesen die Augen zugethan, welches fr uns das Ehrwrdigste
unter der Sonne war, so strzen wir heihungrig ber den Nachla her, und zanken
uns im Angesichte der geliebten Leiche um die klgliche Erbschaft. Alle Andacht
und Trauer geht unter in Berechnungen und Auseinandersetzungen. Und dann heit
es: meinetwegen fhre ich nicht diesen Proze und werfe ich nicht dies Testament
um, aber meine Kinder! - Mu man denn seiner Kinder wegen Scandal treiben, so
gehe man doch lieber auf die Landstrae und plndere den ersten besten
englischen Reisewagen aus, als mit dem Bruder um drei Batzen zu hadern.
    Liebe Ini, ich will ja versuchen, ob ich meine Brder daran verhindern
kann.
    Ja, das schmerzt mich eben, Anastas! Wenn sie Dich ruhig an das Grab Deiner
Mutter treten lieen, wenn Ihr Euch an diesem Grabe freundlich und ernst die
Hnde drcken wolltet, so sprche ich zuerst: gehe hin! - aber um zu verhindern,
da sie sich bei dieser unglckseligen Erbschaft todtschlagen oder bestehlen,
dazu bist Du viel zu gut! dazu ist die Polizei da, ich meine die Juristen, die
Grenzwchter auf dem Mein- und Dein-Gebiete, die Flurschtzen, welche aufpassen,
da keiner eine Traube vom Weinberg nasche - aber sie selbst drfen naschen fr
ihre Mhe.
    Doch was Faustine auch vorbringen mochte, Andlau blieb bei seinem Entschlu.
    Einige Wochen vergehen schnell; das hast Du ja im Lauf des Sommers
erfahren, sprach er; und welche Freude, wenn wir uns nach der Trennung
wiederhaben!
    Weil ich es bereits erfahren habe, entgegnete Faustine weinend, so bin
ich ja mit dieser Erfahrung gleichsam abgefunden; ich brauche sie nicht mehr.
Und wie kannst Du wissen, ob nach einigen Wochen Alles abgethan sein wird! Nimm
mich wenigstens mit, als Dein Page verkleidet etwa.
    Ich werde Dich erst nach Dresden bringen, sagte Andlau, ohne den letzten
Vorschlag sonderlich zu beachten, und dann zurckreisen.
    Du bist ein eiskalter Mensch! rief sie und warf unwillig seine Hand aus
der ihrigen.
    Das kann wol sein, entgegnete er sanft.
    Und ich sehe durchaus nicht ein, warum ich Dich liebe.
    Das hab' ich nie eingesehen, und es Dir auch oftmals gesagt.
    Aber da ich Dich nun einmal liebe - rief sie, wieder mit ser,
schmeichlerischer Stimme - so schmerzt mich tdtlich die lange, dumpfe Trennung!
Dich nicht?
    Faustine, Du kennst mich, Du weit, da mein Leben in Dir ist, da Du nicht
blos mein Glck, nicht blos meine Liebe, nein! mein Glaube und meine Hoffnung
bist, da Deine Kristallseele mich gleichgltig gemacht hat gegen alle
staubigen, buntgefrbten, flitterhaften Erscheinungen, da neben Dir nichts,
unter Dir eine Welt steht, da ich von der Ewigkeit nichts wnsche, als Dich,
weil ich in der Ewigkeit nur Dich, den schnsten Gottesgedanken, sehe; - das
weit Du, und fragst, als ob Du nichts wtest! Mache mir nicht das Herz schwer,
und glaube nur, ich vermisse Dich durch die Trennung weit mehr, als Du mich. Du
setzest Dich an Deine Staffelei und malst und erschaffst, und vergit bei Deinen
Schpfungen alle Schmerzen, vielleicht alles Glck. Die Phantasie pflanzt
goldene Stbe rings um Dich her, und Deine Trauer rankt sich an ihnen empor und
Du stehst schnell in einer duftenden, blhenden Laube, die Du selbst gezogen
hast. Der Mensch deutet die Dinge, wie er sie versteht, nach seinen Fhigkeiten;
Du bist so reich, da Dir die Welt ein Golkonda ist. Ein vorbergehendes Leid
wird fr Dich ein Brunnen tiefer Freuden werden - das solltest Du doch wissen!
    Ja, sagte sie, ich mag aber doch kein Leid! mag nicht aus dem tiefen
Brunnen mhsam das helle, reine Freudenwasser emporziehen! Ich thue es nur, wenn
ich eben mu, weil ich meine, es sei doch besser, als die Arme schlaff
herabhngen zu lassen; aber lieb hab' ich solche Arbeit nicht.
    Hernach, Engel, ruhst Du doppelt s bei mir.
    Aber einstweilen trgt mich Niemand auf Hnden..... mu ich ganz allein auf
der harten Erde stehen .... -
    Wnschest Du einen Stellvertreten?
    Nein.
    Sonst knntest Du ja Clemens Walldorf kommen lassen, sagte Andlau
lchelnd, der, nach Allem was Du mir von ihm erzhlt hast, berglcklich sein
wrde, Dich auf Hnden tragen zu drfen.
    O ja, erwiederte Faustine gelassen, das glaub' ich recht gern! ich habe
nur nicht die heilige Zuversicht, da wir nicht Beide der Sache berdrssig
werden knnten. Ich wrde frchten, er liee mich fallen oder ich sprnge
herunter.
    Aber bei mir hast Du es nie gefrchtet?
    Nie! sagte sie sorglos.
    Ein solches nie - ist die grte Ehre, welche eine Frau einem Manne
erzeigen kann.
    Andlau hatte so oft schon Aehnliches von ihr gehrt und gesehen, da er
nicht berrascht davon sein konnte; allein hingerissen und bezaubert war er
immer von Neuem durch die anmuthige Nachlssigkeit, die gedankenlose Grazie, mit
der sie stets das zu treffen wute, was sie instinktmig als das Schnste
erkannte.
    So lange ich noch bei Dir bin, will ich mein schnes Vorrecht nicht blos
figrlich gebrauchen - sagte er, hob Faustine empor, und hielt sie in beiden
Armen an seine Brust gedrckt; - Sonnenstrahl, Rosenduft, meine Ini, bist Du
fr mich Weib geworden? wirst Du mir nicht verschweben in den beweglichen,
unfabaren Elementen, woraus Du durch ein Wunder geschaffen bist, wie die Venus
aus dem Schaum des Meeres? oder hast du selbst das Wunder gethan, und wie eine
Fee Dich sichtbar in der Welt gemacht?
    Faustine lag grazis auf seinen Armen, ihr Haar hing aufgelst herab, ihre
Augen waren halb geschlossen, nach ihrer Art. Wenn es nichts zu sehen gab,
sparte sie sich gern die Mhe sie zu ffnen, und blickte nach innen. Sie sprach:
    Rede nur weiter, es klingt gar lieblich! ich freue mich, wenn Du einmal mit
meinen Worten sprichst und aus Deiner khlen Weise heraustrittst.
    Aber ich verweichliche Dich zu sehr! sagte er, wie sich besinnend, und
stellte sie auf den Fuboden zurck und kte ihr lockiges Haar, als sei es der
Schleier einer Heiligen. Er trieb Abgtterei mit seinem lieblichen Idol.
    Seiner Absicht treu, um ihr die Langweiligkeit der einsamen, herbstlich
trben Fahrt zu sparen, brachte er sie nach Dresden, und Faustine, die, wenn sie
glcklich war, wol in die Ewigkeit hinber sah, jedoch nicht ber das irdische
Heute hinweg - dachte nicht daran, da am erreichten Ziel der Abschied ihr
bevorstehe, und war whrend der Reise so liebenswrdig, da Andlau selbst zu
glauben anfing: er bringe den Wnschen seiner Brder ein unermeliches Opfer.
Manche Menschen werden immer liebenswrdiger, je mehr Augen sich auf sie
richten; nicht aus Eitelkeit, sondern weil ihnen der allgemeine Beifall
Zuversicht giebt und sie anregt. Andere sind am liebenswrdigsten einer einzigen
Person gegenber, wenn diese ihrer Eigenthmlichkeit zusagt; viel Augen, viel
Fragen, viel Einwrfe stren sie. Es kommt dabei sehr auf die jedesmaligen Gaben
an, sogar auf physische. Wer witzig ist, wer schlagende Antworten giebt, wer
eine elegante Form des Ausdrucks, ja, gar ein wohltnendes Organ besitzt, fhlt
sich behaglich in dem greren Zirkel. Wo Ernst und Sinnigkeit vorherrschen, wo
die Rede nicht schimmert, wo der Ton der Stimme leise ist, da sind weniger
Zuhrer willkommen. Faustine, wie fast alle einsam, d.h. ohne groen
Familienkreis, lebenden Personen, hatte eine leise Stimme. Wo eine bedeutende
Schaar von Geschwistern ist, mit denen man doch auf gleichem Fu stehen - oder
von Kindern, denen man befehlen mu - da wird die Stimme von selbst laut und
tnend; sie soll gehrt werden und bisweilen dominiren; aus dem Hause bringt man
diese Gewohnheit in die Gesellschaft hinber. Wer allein lebt, ohne Kinder, ohne
Hauswesen, nur mit einem oder zwei Menschen in vertrautem Umgang, der ist nicht
im Stande, in einem bervollen Salon zu sprechen, es mte denn sein, da Alles
schwiege, wenn er redete. Faustine hatte eine leise Stimme, die immer leiser
wurde, je inniger und eindringlicher sie sprach. Es ward zuletzt wie ein Klingen
der Seele, aber ganz verstndlich, so wie man die Aeolsharfe und das Murmeln des
Baches ganz genau versteht. Daher sprach sie in der Gesellschaft nur mit ihren
Nachbarn rechts und links, sie machte kein allgemeines Aufsehen, aber der
jeweilige Nachbar war captivirt, wenn sie sprach, - was auch nicht immer
geschah. Den Wecker an der Uhr stellt man auf eine bestimmte Stunde: dann
schnurrt er sein Stckchen ab; der Mensch ist keine Sprechmaschine, die ihr
gegebenes Thema abhaspelt. Von innen mu er angeregt werden, nicht von auen,
wenn er etwas Gescheutes hervorbringen soll. In Faustinen war Alles vereinigt,
um sie Andlau gegenber am liebenswrdigsten zu machen; ein Hauptgrund aber war
der, da er sie liebte. Es ist die schwierigste Aufgabe fr eine Frau, auf die
Dauer und durch lange Jahre hindurch, liebenswrdig wie keine Andre fr den Mann
zu bleiben, mit dem sie verbunden ist. Die entnervende Gewohnheit weht ber ihn
hin, wie feuchte Luft ber eine Harfe, und die Saiten erschlaffen. Ihre Liebe
reicht nicht aus. Aber die Sache wird ihr sehr leicht gemacht, sobald er sie
liebt; und dies seltene Glck hatte Faustine.
    Vierundzwanzig Stunden nach ihrer Ankunft in Dresden fuhr Andlau seiner
Heimath zu. Beim Abschied sprach er zu Faustinen, nachdem er alle Ausdrcke der
Liebe und Zrtlichkeit erschpft hatte:
    Nun zum Schlu das Wichtigste: Ini, vergi mich nicht.
    Das ist ein abgebrauchter Scherz, Anastas!
    Kein Scherz, Ini! Du weit ja noch gar nicht, was Du Alles vergessen
kannst.
    O Alles, Herz, Alles, nur aber Dich nicht! sie umfate ihn mit strmischem
Schmerz, und als er gegangen, und die Thr hinter ihm zugefallen war, da meinte
sie, ihr Schutzgeist habe sie verlassen, da sank sie auf die Knie und rief:
    Er ist fort! er ist fort! o mein Gott, bleibe du nun bei mir!
    Sie fhlte sich unaussprechlich einsam, obgleich ihre Freunde und Bekannten
sie sogleich aufsuchten, sie einluden, auf jede Weise suchten sie zu zerstreuen.
    Andlau ist fort, ich langweile mich berall - sagte sie ebenso aufrichtig
als unverbindlich zu Frau von Eilau, mit der sie sehr liirt war.
    Eben darum werden Sie sich nicht mehr bei mir langweilen, als hier in Ihrer
Einsamkeit; entgegnete diese liebreich. Sie werden ganz hypochonder zwischen
Ihren vier Wnden, unter Menschen mssen Sie sich ein wenig Gewalt anthun, und
Selbstberwindung ist fr uns Alle eine gute Schule.
    Meinen Sie? nun, so will ich heute Abend zu Ihnen kommen - wenn ich es ber
mich gewinne. Es werden doch nicht viel Leute bei Ihnen sein?
    Das wei ich nicht! Da ich nie Jemand einlade, knnen eben so gut zwanzig
Personen mich am Abend besuchen, als zwei. Aber seit wann sind Sie denn
menschenscheu? fgte sie lchelnd hinzu.
    Seit Andlau fort ist - sagte Faustine melancholisch. Sie hatte keinen
andern Gedanken.
    Mitten im Salon der Frau von Eilau stand ein groer runder Tisch und
Fauteuils rings umher, worauf die Damen saen, Tapisserie nhten, plauderten.
Die Herren schoben Sthle und Tabourets dazwischen - Worte weniger. Rechts
daneben stand Frau von Eilaus Theetisch, woran sie so sa, da sie zugleich das
Theegeschft besorgen und an den Gesprchen des runden Tisches Theil nehmen
konnte. Links war eine Schachpartie etablirt. Dies Alles in der Mitte des
Zimmers, damit jede einzelne Person zugnglich und uneingesperrt sei. Hinten an
der Sophawand ward eine solide Bostonpartie gemacht, und die Spielenden
bekmmerten sich nicht um das Vordertreffen. Frau von Eilau sagte zu Feldern:
    Es ist ber neun Uhr; die Obernau kommt schwerlich mehr. Gehen Sie doch
morgen frh gleich zu ihr und machen Sie ihr in meinem Namen ernste Vorwrfe.
    Aber sie mag krank sein - sagte Feldern.
    Keineswegs! nur verdrielich, nur eigensinnig.
    Auf jeden Fall gehe ich morgen frh zu ihr, und htte nicht so lange
gezgert, wenn ich nicht diese letzten acht Tage drauen gewesen und erst vor
einigen Stunden heimgekehrt wre.
    Und wie geht es Cunigunden jetzt?
    Besser! sie erholt sich langsam.
    Bleibt es bei dem festgesetzten Vermhlungstage?
    Ich darf es nicht hoffen, kaum wnschen! sie ist von einer ngstigenden
Nervenschwche.
    Das schne, krftige Mdchen! welch ein Jammer! wie kann denn eine
armselige Erkltung solche Umwandlung bewerkstelligen?
    Die Aerzte wissen keinen andern Grund, als Erkltung bei der Weinlese.
    Die Schrder-Devrient verliert ganz ihre Stimme, hie es am runden Tisch,
sie wurde auch eiskalt als Norma aufgenommen.
    Schade um sie, sie war eine pompse Norma.
    Diese Gleichgltigkeit wird ihr sehr wehe thun! wer auf den Triumph des
Augenblicks angewiesen ist, will in jedem Augenblick Triumphe.
    Natrlich! wie sollen diese Knstler denn wissen, ob ihnen Auffassung und
Darstellung gelungen, wenn das Publikum kein Zeichen des Beifalls giebt? Die
Malibran, von der man doch htte glauben knnen, da sie zum Voraus des
tobendsten Beifalls gewi sei, hrte und sah nichts vor Befangenheit, bis
jubelnder Applaus ihre erste Scene belohnt hatte. Dann war sie sicher.
    Gott, welche traurige Existenz, trotz eines weltberhmten Talents so
abhngig von der Laune des Publikums zu sein! Jeder andre Knstler darf an die
Nachwelt appelliren; der Schauspieler hat es nur mit seinen Zeitgenossen zu
thun. Wer ihn nicht sah, nicht hrte, wei nichts von ihm.
    Die Thr ffnete sich. Faustine trat ein. Frau von Eilau rief:
    Je spter der Abend, je schner die Leute! ging ihr entgegen und umarmte
sie herzlich.
    Faustine legte beide Hnde auf ihre Schultern, und sagte eben so herzlich:
    Liebe, Sie sind eine so kluge Frau! sprechen Sie doch, bitte, mit Ihren
eigenen Gedanken und nicht mit denen eines ganzen Volks. - Bon soir! wie geht's?
charmirt Sie wiederzusehen! - wurde mit den Uebrigen gewechselt.
    Als Faustine eintrat, schlug der Mann, welcher ganz mit der Schachpartie und
mit einer schnen Gegnerin beschftigt war, die Augen auf und erkannte sie. Es
war Graf Mengen. Sie sieht aber doch aus wie eine schne Statue, dachte er, den
ersten Eindruck festhaltend. Faustine war wieder ganz wei gekleidet, und dann
stand sie so grazis! Schn tanzen knnen manche Frauen, schn gehen - wenige,
schn stehen - die allerwenigsten. Woran es liegt, wei ich nicht, vielleicht an
der Ungewohnheit, vielleicht an zu engen Schuhen, vielleicht an einem Mangel an
Selbstndigkeit. Die meisten wackeln. Ruhig zu stehen, ist die Hauptsache beim
Stehen; aber darum darf es doch nicht schwerfllig, nicht bewegungslos, nicht
plump, nicht niet- und nagelfest aussehen. Es mu eine Ruhepause zwischen der
vergangenen und der kommenden Bewegung, es mu verschwebend, nicht wurzelfassend
im Erdboden, sein. Eine Frau, die schn steht, gleicht einer Knigin, um die
sich Dienerinnen - der Sonne, um die sich Planeten bewegen. So stand Faustine.
Sie hatte sich spt und schwer entschlossen zu gehen, da sie aber einmal in der
Gesellschaft war, so war sie nach ihrer Art munter und triumphirend; nur so
zeigte sie sich den Gleichgltigen. Konnte sie das nicht ber sich gewinnen, so
blieb sie daheim.
    Feldern sagte: Wie freu' ich mich, da Sie wieder bei uns sind,
anbetungswrdige Grfin.
    Gr' Sie Gott, Herr von Feldern! antwortete Faustine. Sie htten aber
doch wol sagen knnen: angebetete Grfin! da sogar Junker Tobias sagt: Ich bin
auch einmal angebetet worden.
    Mengen horchte hoch auf. Aber sie scherzt ja! sprach er zu sich selbst; so
schn und so munter - das ist recht selten. Schnheiten begngen sich gewhnlich
damit, schn zu sein. Sie wollen sich nicht selbst - Andere sollen sie amsiren!
das macht sie klglich langweilig. - Zu diesen hochverrtherischen Gesinnungen
gegen die Schnheit veranlate ihn seine Gegnerin im Schach: Lady Geraldin, die
das non plus ultra von Liebenswrdigkeit gethan zu haben whnte, dadurch, da
sie sich zeigte und sich anblicken lie.
    Faustine setzte sich zu Frau von Eilau. Die Herren und Damen der Tafelrunde
verbargen sie fast ganz vor Mengens Blick, der nur dann und wann ihren Kopf
wahrnahm, wenn ein Anderer sich rechts oder links bog. Er htte fr sein Leben
gern diesen Kopf ununterbrochen betrachtet, studirt - man konnte ihn studiren
wegen der interessanten Mischungen des Ausdrucks - er schob seinen Stuhl bald
so, bald anders, aber es half ihm zu nichts, als da Lady Geraldin fragend ihn
ansah und einen seiner Springer nahm. Er mute sich gedulden. Dieser Kopf, der
ber einer mit Schwan besetzten Mantille schwebte, wie der Mond ber lichtem
Gewlk, und der bald auftauchte, bald hinter Wolken verschwand, hatte etwas
seltsam Reizendes: er kam immer mit einem neuen Ausdruck zum Vorschein.
Faustinens Augen faten ihren Gegenstand fest an, wie mit einer sichern Hand;
sie forschten nicht, sie fragten kaum, sie wuten; sie verhehlten und
berschleierten auch nichts, sie waren wolkenlos und vertrauenerweckend, wie der
Himmel; unbekmmert, als gbe es nichts Hliches auf der Welt zu sehen, und
rein, als wren sie nie der Gemeinheit begegnet. Die Augen eines Engels! dachte
Mengen. Um ihren Mund gaukelten Muthwille, Schalkheit, Stolz, Bewutsein der
Ueberlegenheit, Spott. Und der Mund eines Menschen! fgte er hinzu. Aber das
warme Colorit, das bewegliche Mienenspiel, die weichen Umrisse verschmolzen den
Engel und den Menschen zu einem uerst lieblichen Weibe. Und gerade diese
Mischung ist so anziehend! Das allgemein Menschliche macht, da solch Gesicht
uns gleich ganz vertraut anblickt und uns gewinnt, indem es uns glauben macht,
wir htten einen lieben Freund, der so aussieht. Und wenn wir es genauer
beobachten, so wird es durch das Charakteristische dermaen individualisirt, da
wir nach zehn Minuten die Ueberzeugung gewinnen, es sei lediglich fr diese
Person geschaffen, vielleicht gar, sie selbst habe es sich geschaffen - was im
Grunde jeder Mensch thut, der zum Bewutsein gekommen. Die Richtung der Seele
drckt dem Krper ihren Stempel auf.
    Lady Geraldin hatte das Spiel gewonnen; Mario stand auf; da sagte sie
gleichmthig:
    Sie haben mich absichtlich gewinnen lassen; das mag ich nicht. Noch eine
Partie!
    Mit freundlichem Grimm gehorchte er, und beschlo, so gut zu spielen, da
sie in fnf Minuten matt sein sollte. Allein sie war ihm gewachsen: es ging
nicht so rasch. Am runden Tische wurde lebhaft geredet.
    So heirathet der junge, reiche, gescheute Mann, der eine der ersten Partien
in Europa htte machen knnen, diese intriguante Person, die wenigstens zehn
Jahre lter ist, als er - beschlo Jemand eine Tagesgeschichte.
    Desto frher wird er ihrer berdrssig werden.
    Und auf ein zrtliches Glck ist es wol nicht von ihrer Seite abgesehen!
sie will einen glnzenden Namen, Vermgen, welches selbst im Fall einer
Scheidung ihr ausgemacht ist.... -
    Bravo! im Ehecontract die Scheidung zu bedenken - das gefllt mir! das ist
eine Vorsicht im grandiosen Styl.
    Ich nenne das gemein - sprach Faustine ruhig.
    Eltern knnen aber wirklich kaum mehr ohne jede mgliche hypothekarische
Sicherheit ihre Tchter einem Manne anvertrauen. Nach zwei, drei Jahren ist die
Sache zu Ende, wie ein Schauspiel, und die ganze Zukunft eines Mdchens
zerstrt.
    Ich wei wol! entgegnete sie; aber ich finde es entadelnd fr ein
Mdchen, wie ein Ballen Waaren assekurirt, hin und her spedirt zu werden.
Kaufmnnisch gemein, gehrt diese Institution ganz einer Zeit an, die gleich der
Schlange, nach der Edda, an den Wurzeln des Baumes nagt, der den Himmel und die
Gtter trgt. Das Gefhl wird an der Wurzel untergraben. Ein Mdchen soll die
Zuversicht haben, da weder Himmel noch Hlle sie von ihrem knftigen Gatten
trennen knnen. Hat sie die nicht, so heirathe sie ihn nicht.
    Aber sie hatte sie oft, und verliert sie nur spter.
    Ich meine blos, da ich einen Kaufmann nicht achte, der auf seinen
Bankerott speculirt, um reicher zu werden, als er vor demselben war.
    Vertheidigen Sie denn gar nicht Ihre arme Cousine? wurde ein junger Mann
gefragt.
    Nach zehn Jahren werd' ich es thun! so lange Zeit brauche ich, um die
Wendung der Dinge zu beobachten! in zehn Jahren mssen sie sich auf eine oder
die andere Seite geneigt haben, und dann kann man etwas Anderes vorbringen, als
Muthmaungen und Voraussetzungen.
    Ich finde auch wirklich die Zumuthung etwas stark, sagte Faustine lachend,
da wir alle Dumm-und Thorheiten unserer Verwandten vertreten und vertheidigen
sollen. Ich danke Gott, wenn es mir bei meinen eigenen gelingt.
    Wie knnen Sie sich selbst so verleumden! rief Feldern.
    Keine Verleumdung! antwortete sie; aber das Wort Dummheiten ist Ihnen zu
krftig, nicht wahr? also will ich lieber sprechen: meine allerliebsten kleinen
Thorheiten machen mir so viel zu schaffen, da ich nicht Zeit habe, die anderer
Menschen wahrzunehmen. Allerliebste kleine Thorheiten, bester Feldern, knnen
Sie nun doch einmal Ihrem Schtzling, dem Menschengeschlechte, nicht wegleugnen,
so viel Mhe sich auch Ihr gutes Herz deshalb giebt.
    Es ist wirklich wahr, der Herzog von *** hat auf einem Maskenball in
Pilgertracht dem Herrn *** ein bairisches Adelsdiplom berreicht - selbst
berreicht, en masque! ist das nicht himmlisch? sagte einer der Herren.
    Ein Scandal ist es! eine Entwrdigung! - Nicht himmlisch, sondern
himmelschreiend! - Eine verbesserte Auflage von der altmodischen Form: besser
Ritter, als Knecht! - rief man durcheinander.
    Warum denken die Frsten nicht Belohnungen aus, welche auf ihre Kosten
gehen?
    Weil es ihnen bequemer ist, auf die unsern zu geben.
    Und weil der Belohnte so sehr viel lieber von vor seinen Namen schreibt,
als Ritter des und des Ordens neunundneunzigster Classe - hinter denselben der
Krze wegen!
    Der Adel sollte beim Bundestage einkommen gegen diesen Mibrauch.
    Den die Frsten treiben! wir sind keine Reichsritterschaft mehr und mssen
uns Alles gefallen lassen, vom Plebs des Volks und der Frsten.
    Und dann, sagte Faustine, klingt Herr von Fischer von Schmerlenbach und
Herr von Schwarz von Mohrenland so durch und durch plebejisch, da es keiner
Seele einfallen wird, sie in einer alten Chronik oder einem Turnierbuch zu
suchen; und das ist ja der alleinige Spa, den wir noch von unsern Namen haben.
    Ich verlange keinen Spa von meinem Namen, gndigste Grfin, sondern Ehre.
    Da wei ich, Graf Kirchberg, antwortete sie freundlich; weil Letzteres
lediglich von unsrer Persnlichkeit abhngt, so hat es ja gar keinen Einflu auf
Sie, ob der Herr Peter - Baron von Petershausen wird. Dalberg und Berlichingen
klingen doch anders, nicht blos fr unser Ohr, auch fr das unsrer Gegner und
Rivale, und das eben, da etwas Unfabares darin liegt, etwas Idealisches,
tnender als der Geldbeutel, gewichtiger als Berge von Akten, zauberhafter als
die schwarze Kunst der Industrie - das ist mein Gaudium! Ich bitte um Verzeihung
wegen dieses Studentenausdrucks, aber ich bleibe beim Gaudium! - Die Leute
zucken die Achsel ber den leeren Schall des Wortes: er ist von Adel; sie machen
sich lustig ber den Adel, sie suchen bald ihn mit Fen zu treten, bald ihn zu
berflgeln, sie coudoyiren ihn - hier mit der sterilen Aufgeblasenheit des
Reichthums, dort mit dem wrdigern Bewutsein des Verdienstes, und wenn ihnen
die Mglichkeit erffnet wird, in die Reihen der gehhnten Kaste einzutreten, so
wischen sie den plebejen Schwei von der Stirn, holen Athem, lassen sich nieder,
kurz, sie zeigen, da sie am Ziel sind. Meine lieben Freunde, ist denn das kein
Gaudium fr uns?
    Man kann sich freilich ber Alles lustig machen, sagte Kirchberg, aber
diese Sache hat doch auch ihre sehr traurige Seite. Freilich lassen diese Leute,
eingedrngt und eingeschoben - gleichviel! sich zwischen uns nieder, und dafr
drngen sie uns, wie der Kuckuck den Hnfling, aus dem Neste. Sie bekommen den
Grundbesitz in die Hnde. Viehhndler, Fabrikanten, Banquiers kaufen uraltadlige
Herrschaften. Der Erdboden wird unterminirt fr die Aristokratie; sie steht nur
noch auf einer dnnen Erdschicht - berall! sogar in Oesterreich, wo der
Banquier Sina jhrlich fr mehre Millionen ungarische Besitzungen kauft, und wo
berhaupt die ganze Finanz mit unbeschreiblich bitterm Ha dem Bestehen der
Aristokratie zusieht. Sie knnen ihr ihren frivolen Uebermuth nicht vergeben!
als ob ein schwerflliger besser wre! Wenn diese Leute oben sein werden, so
werden sie mit Fusten schlagen, wo wir mit dem Schwert.
    O der Uebermuth, der uns immer zum Mibrauch der herrlichsten Gaben und
Krfte verlockt, rief Faustine, ist fr Vlker und Individuen das, was ich die
Erbsnde nenne.
    Ach wie gut, sagte eine Dame, da ich endlich einmal eine verstndliche
Erklrung von der Erbsnde bekomme! Bitte, gute Grfin, knnen Sie mir nicht
eben so kurz und falich erklren, was Sie unter der Snde gegen den heiligen
Geist verstehen?
    Die Dummheit, - sagte Faustine.
    Oh! rief die Dame bestrzt.
    Ja, die Dummheit, die sich gegen die bessere Erkenntni strubt.
    Weil ihr die Einsicht fehlt.
    Nein, weil es nicht in ihren Kram pat. Die dmmsten Leute sind pfiffig und
schlau, wenn es ihren Vortheil gilt, und nur dumm, wenn ihnen die Sache
gleichgltig, aber stockdumm, wenn sie zu ihrem Nachtheil ist. Was der Mensch
nur ernstlich verstehen will, das versteht er auch.
    Nach diesen Worten wickelte Faustine sich in ihre Mantille und glitt aus dem
Salon. Als Mario endlich mit einem erlsungsfrohen: Matt! die Augen aufschlug,
war sie verschwunden. Er that innerlich das Gelbde, in drei Monaten kein
Schachbrett anzusehen - so rgerlich war er. Lady Geraldins Versicherung: sie
habe sich gut unterhalten - was eine groe Auszeichnung fr ihn sein sollte -
dnkte ihn gar kein Ersatz. Er hatte zwar kein Wort von dem verstanden, was
Faustine gesagt, allein es schien ihm, als habe ihr allerliebster Mund das
Brevet empfangen, nichts Alltgliches vorzubringen. Er war im hchsten Grade
verstimmt.
    Faustine schrieb an Andlau:
    Anastas, mein Viellieber, komm bald zurck, ich beschwre Dich. Zehn Tage
sind es erst, seit Du gegangen, aber jeder Minute in diesen zehn Tagen hab' ich
ihre Lnge angefhlt, habe empfunden, da sie sechzig Secunden hat. Du wirst mir
Vorwrfe darber machen, wirst mir sagen, ich sei nicht einfltig genug, um mir
selbst einen solchen Dmmerungszustand zu erlauben, und dies und das! aber wie
soll ich ihn denn vermeiden? Bin ich allein, so denk' ich: Allons, meine Hnde
und Gedanken, tummelt euch, zerstreut mich. Bin ich unter Menschen, so mchte
ich ihnen dasselbe zurufen. Aber eine Zerstreuung auf Commando ist ein Handwerk,
welches nur in der untergeordneten Sphre unsrer Thtigkeit getrieben wird. Rede
ich, so thut es mir leid, da Du mir nicht zuhrst; schweige ich, so thut es mir
leid, da meine Gedanken so in der Stille umkommen. Es ist ein Nichtgengen in
dieser Existenz, welches mich aufreibt, weil doch immer der brennende Wunsch da
ist, es auszufllen. Menschen, welche groe Heilige geworden sind, mssen
durchaus auf diesem Punkt gestanden haben, als sie sprachen: Ich will mich
aufmachen und zum Vater gehen! - Aber es gehrt ein gewaltiges Genie dazu, um
ein Heiliger zu werden; ich meine, ein gewaltiges, beflgeltes,
weltberwindendes, Glck und Schmerz geringachtendes Herz; und was ich von
diesen Eigenschaften besitze, reicht nur gerade aus, mich an das Deine zu legen.
- Du wirst sagen: ich sei im vergangenen Sommer und auch frher schon auf einige
Wochen von Dir getrennt gewesen, und htte mich darein geschickt. Ja, Herz! im
Sommer! da ist es ganz anders, weil die Natur mir zugnglich ist. Die Sonne ist
mein Plafond, der Himmel reprsentirt meine vier Wnde, da giebt's Freiheit und
Schnheit, Lust und Leben. Jetzt bin ich eingemauert wie eine verbrecherische
Nonne, bedrckt, gengstigt. Der Sturm heult, es regnet und schneit
durcheinander, die Wolken wissen nicht, wohin sie sollen, die Paar armen drren
Bltter, welche noch am Baum festhielten und welche jeder Windsto abwirbelt,
wissen nicht, was mit ihnen geschehen wird, und flattern gepeinigt umher, die
Bume ringen in Verzweiflung ihre Aeste, wie drre abgemagerte Hnde, und es
geht ein Aechzen und Heulen und Wimmern durch die Natur. Wie sollte ich diese
Desolation nicht empfinden! ich frchte mich - und es kann mir doch Niemand ein
Leid thun! mich friert - und es ist doch ganz warm und behaglich in meinem
Zimmerlein! Furchtsam und zitternd mcht' ich mich verbergen und erwrmen an
Deiner Brust, mein Freund! mein Engel! - Wenn nur kein Unglck einbricht! auf
diese unbestimmte Angst sollte ich gar nichts geben, weil sie mich immer fern
von Dir berfllt; aber doch sehe ich mich um in der Welt nach der Wolke, die
ber meinem Haupte hngt, und wage nicht einen Schritt vorwrts zu thun, aus
Besorgni vor einem verborgenen Abgrund. - - - So weit schrieb ich gestern
Abend. Weil lauter Gespenster um mich tanzten, mochte ich nicht unter ihrem
Einflu den Brief beenden; ich ging schlafen, und heute, wo die Sonne am Himmel
steht, hab' ich meine Bangigkeit ziemlich verloren. Beachte sie nicht, d.h.
halte mir keine Strafpredigt deshalb. Ich wei selbst, wie wenig es sich fr
einen verstndigen Menschen schickt, gleich einer Wetterfahne abhngig von Wind
und Wetter zu sein. Aber bedenke die geringen Anlagen, welche ich zu einem
verstndigen Menschen habe, und Du wirst Nachsicht ben - gelt? - Ueberdies bin
ich selbst meiner Gespensterscheu mde, - ich will arbeiten! das bannet bse
Geister. Und wer kann mir denn etwas anhaben? Drauen scheint die Sonne,
freilich nur ein mattes, schwchliches Novembersnnchen, weil die Erde an ihrem
Gngelband so weitab gelaufen ist, als sie nur kann; aber drinnen wohnt die
Liebe, und gar nicht novemberlich, glaube mir! Darum werde ich gut malen! Der
Genius der Kunst hat einen so starken Flgelschlag, da er meine Atmosphre mit
dem reinsten, feinsten Aether erfllt. A tout prendre, Anastas, bin ich doch
eins der glcklichsten Geschpfe auf der wunderschnen Gotteswelt. Das mu Dich
unaussprechlich glcklich machen; denn was ich von Glck wei, wei ich durch
Dich. Gott mit Dir, wie ich es bin!
    Sie fhrte ihren Vorsatz aus und widmete sich mit dem regsten Eifer der
Malerei. Sie malte den ganzen Tag; sie speiste in spter Stunde, um keine Zeit
zu verlieren. Dann, um etwas frische Luft zu athmen, fuhr sie spazieren, weil
sie im Finstern nicht gehen konnte. Endlich beschlo sie ihren Tag damit, da
sie die Abendstunden mit ernster Lectre von geschichtlichen Werken hinbrachte.
Fr die Gesellschaft war sie unsichtbar. Frau von Eilau, Feldern, Graf Kirchberg
besuchten sie zuweilen am Abend. Letzterer fragte einmal:
    Wie lange denken Sie dies einsiedlerische Leben fortzufhren, Grfin?
    Ich wei nicht, sagte sie, aber es ist mir so angenehm, da ich es gern
immer fhrte. Man mu nur den Kopf sehr voll und die Phantasie sehr beschftigt
haben, um es zu ertragen und Vergngen daran zu finden. Ich vermisse nichts,
denn meine guten Freunde suchen mich auf.
    Aber wir vermissen Sie in grern Cirkeln.
    In Gottes Namen! sagte Faustine lachend.
    Sie glauben es nicht? rief er eifrig.
    Ja, ja! ich glaube es sehr gern! die Leute unterhalten sich gut mit mir,
weil ich immer sage, was ich denke, immer von innen heraus rede, und das ist
ihnen neu. Aber was habe ich davon, fr gleichgltige Menschen eine
Amsements-Maschine zu sein?
    Allgemeines Interesse zu wecken und zu gewhren, ist ein Vorzug, um den
Tausende Sie beneiden wrden, und den Sie nicht so spttisch wegwerfen sollten.
Jeder reichbegabte Mensch hat eben durch seine Gaben die Verpflichtung
bernommen, sie im weitmglichsten Kreise wirksam werden zu lassen. Thut er es
nicht, speichert er seine Schtze auf, sei es des Goldes, sei es der Wesenheit
.... -
    So ist er ein Geiziger! unterbrach Faustine. Ach, guter Graf, der Vorwurf
trifft mich nicht. Giebt es ein Geschpf, das immer und ewig zu geben bereit
ist, so bin ich es - nur nicht fr alle Welt! Und wenn ich es bedenke - ja
selbst fr alle Welt! ich lge nicht, ich heuchle nicht, ich verstecke nicht
meine Herzensempfindung, ich gebe immer Wahrheit - wer thut mir ein Gleiches?
    Aber Sie weisen doch zuweilen Menschen von sich ab.
    Wenn ich fhle, da wir nicht zusammenpassen.
    Nein, von Hause aus.
    Ich bitte um ein Beispiel.
    Nun, als Feldern Sie vorgestern gebeten hat, Ihnen seinen Freund Graf
Mengen vorstellen zu drfen, haben Sie es ganz verdrielich abgelehnt.
    Verdrielich? o das ist ein Feldernscher Einfall! er ist ein wenig
empfindlich, der gute Feldern, und wenn ich nicht gleich auf der Stelle mit
offnen Armen seinem Freund entgegen eile, so spricht er: ich sei verdrielich.
Ich habe ihn nur gebeten, noch ein wenig zu warten. Wenn ich in besserer
geselliger Laune sein werde, will ich Graf Mengen herzlich gern empfangen.
    Ist es Ihnen nicht sehr auffallend, da der sonst allerdings hchst
empfindliche Feldern das Verhltni zu Frulein Stein ertrgt?
    Wie so? was ist vorgefallen?
    O gar nichts! sie zeigt nur eine uerst geringe Sehnsucht, seine Frau zu
werden.
    Es schickt sich nicht anders.
    A la bonne heure! aber sie zeigt dezidirt das Gegentheil!
    Herr des Himmels! rief Faustine, er wird sie alsdann doch nicht
heirathen?
    Kirchberg zuckte die Achseln. Sie fuhr fort:
    Lieber Graf, gehen Sie auf der Stelle zu Feldern und bitten Sie ihn, zu mir
zu kommen.
    Wollen Sie ihm verbieten, sie zu heirathen? knnen Sie es? - Sonst aber
.... was haben Sie ihm ber diesen Punkt zu sagen?
    Nichts, als ihn zu beschwren, sie nicht zu heirathen.
    Das ist milich, theure Grfin. Vielleicht wird er es von selbst nicht
thun, denn die Hochzeit ist ins Ungewisse verschoben, bis zur gnzlichen
Herstellung von Frulein Stein; und ich glaube - die erfolgt nie. Was wollen Sie
sich in unbehagliche Verhltnisse mischen, da beide Personen Ihrem Herzen nicht
nah genug stehen, um Ihnen ber das Verdrieliche einer solchen Einmischung
hinweg zu helfen - fr die man ohnehin selten Dank findet?
    O ihr Weltmenschen! rief Faustine. Oberflchliches Herumtreiben in der
Gesellschaft begehrt Ihr von mir! schwatzen und tanzen, witzeln und kokettiren
soll ich! Wenn ich sage: das langweilt mich - so antwortet Ihr ganz ernsthaft:
Es ist Pflicht, mit den Nebenmenschen umzugehn! Und wenn ich es dann auf meine
Weise thun will, so heit es: Halt! halt! nur nicht mit der Thr ins Haus
gefallen! nur nicht gleich treuherzig die Hand geschttelt! nur kein ehrliches,
wohlmeinendes Wort gesprochen! nur immer geflittert und geflattert - das ist
ganz genug! - O Kirchberg, ich mag Euch Menschen nicht leiden.
    Ich verdenke es Ihnen nicht, holde Grfin, ich mag sie auch nicht leiden,
und eben darum ist es eine solche Erquickung, einem Wesen wie Ihnen zu begegnen,
da Sie vor Keinem Ihr Dasein verhllen sollten.
    Sie sind en train mir Liebenswrdigkeiten auszukramen, sagte Faustine
lachend; ich kann sie nur leider gar nicht brauchen. Ein Paar Notizen ber
Feldern wren mir lieber.
    Die kann ich leider nicht geben! antwortete Kirchberg in demselben Ton,
und ging.
    Schon zwei Monat waren vergangen; Andlau kam nicht wieder. Die Geschfte
seiner verstorbenen Mutter waren in groer Unordnung. Seine Brder hatten
lebhafte Neigung, ihren Nachla zu theilen, gar keine - ihn zu entwirren. Er
stand mit seiner grandiosen Uneigenntzigkeit so frei zwischen ihnen beiden, da
sie gleiches Vertrauen zu ihm hegten und ihn beschworen, das Ganze in seine Hand
zu nehmen, um es zu schlichten. Das Gut meiner verstorbenen Mutter mu erst
verkauft werden - schrieb er an Faustine - das mag sich bis zum Frhling
hinziehen: so lange mssen wir Geduld haben, meine Ini! dann bin ich frei, und
doppelt meiner Freiheit froh, weil ich sie durch ein Opfer mir erkauft habe.
Meine Geschfte sind langweiliger Art! ich mu hier und dorthin fahren, mu mit
diesen und jenen Leuten unterhandeln - nun, das ist nichts fr Dich! Dir soll
ich von andern Dingen erzhlen! Se und Liebe, wer kann auch anders, als von
sen und lieblichen Dingen zu Dir sprechen? wer kann anders, als zu Deinen
Fen niedersinken und Dich anbeten, nicht weil Du schn, nicht weil Du anmuthig
bist, nicht weil Du diesen oder jenen Vorzug hast, sondern nur weil es eine
Wonne ist, ein Geschpf anzubeten, das, wie von silbernen Flgeln getragen, ber
die staubige Erde hingeht. Der Gedanke an Dich ruhet mich aus, wenn ich mde bin
von dem knstlichen Treiben der Menschen; erfrischt mich, wenn mir die Seele
welk wird von ihrem Lgenhauch; erhebt mich, wenn Zweifel an Treue und Wahrheit
mich beschleicht. Du bist fr mich das Compendium der Schnheit. In Dir hab' ich
Alles vereint, und ein Atom Deines Wesens beseelt mir jede Erscheinung des
Lebens. Die Frauen haben grern Einflu auf die Mnner, als umgekehrt. Sie sind
so subtil, da sie in das gesammte Lebensgeder des Mannes wie Balsam oder wie
Gift eindringen. Obgleich es ihrer Eitelkeit schmeichelt, wollen die Frauen doch
nichts von diesem immensen Einflu wissen, weil sie sich vor der Verantwortung
frchten, welche er nach sich zieht. Aber er ist unleugbar. Hier stirbt ein
Mensch, weil ihm seine Liebste untreu gewesen ist, ein gemeiner Mensch - hr' an
die Geschichte: Es war ein wunderhbsches Bauermdchen auf dem Gut meines
jngsten Bruders, das einzige Kind ihrer Eltern, der Stolz des Dorfes, Braut von
einem jungen Knecht, der nicht reich war, nicht hbsch, kurz keine andern
Vorzge hatte, als den, da er sie und sie ihn liebte. Ein reicher Bauersohn aus
der Nachbarschaft, so wie ein Jger meines Bruders, hatten um das Mdchen
geworben und waren spttisch abgewiesen worden; sie hatte ihren Schatz! Diesen
Herbst sollte die Hochzeit sein. Ehe es so weit kam, schien wol eine Vernderung
mit dem Mdchen vorgegangen, aber wie das gewhnlich geht: das fiel Allen erst
ein, nachdem die Sache sich aufgelst hatte. Drei Tage vor der Hochzeit geht sie
mit ihrem Brutigam zum Jahrmarkt in die Stadt. Da tritt bei einer Bude ein
junger Soldat, etwas betrunken, zu ihr heran, und sagt ein Paar Worte, die das
Mdchen und ihren Brutigam zittern und erbleichen machen. Letzterer ruft dem
Soldaten zu: Du lgst! und der erwidert lachend: Es steht ja der Verena auf die
Stirn geschrieben. Da, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, ohne ein Wort zu
sprechen, nimmt der Knecht das Messer, welches er eben gekauft, und stt es dem
Mdchen bis ans Heft in den Busen. Sie starb binnen vier und zwanzig Stunden,
unaufhrlich wiederholend, da ihr Liebster ganz recht daran gethan, sie zu
tdten, denn sie sei ihm falsch gewesen und habe auch keinen ruhigen Tag mehr
gehabt, seit sie sich mit dem Soldaten zu weit eingelassen. Der Soldat, schnell
ernchtert, beschwor die Aerzte, das Mdchen zu retten, und betheuerte immer bei
Seele und Seligkeit, er habe nur in trunkenem Muthe gesprochen, er wisse nichts
von dem Mdchen. Der unglckliche Mrder, in Kerker und Banden, sagt nichts als:
Ich will sterben, denn das Verenli ist falsch gewesen und die Welt taugt nichts.
Wei der Himmel, welch Urtheil man ihm sprechen wird. Ist das nicht eine hbsche
Geschichte? Du meinst, nur in hhern Stnden, unzerstreut durch Arbeiten und
geringe Bedrftigkeiten der Existenz, knne sich die Liebe bis zur intensesten
Leidenschaft ausbilden, und nichts halte ihr besser das Gleichgewicht, als wenn
man sich um das tgliche Brot bemhen msse. Hier hast Du einen Beweis vom
Gegentheil. Vielleicht ist's eine Ausnahme; wie ich denn berhaupt eine
gewaltige, dauernde Liebe zu den Ausnahmen rechne, beim Volk und bei den
Vornehmen. Jene kommen nicht dazu, weil ihre Seelenkrfte unentwickelt bleiben
beim sterilen Handwerk; diese, weil das hohle, entnervende Treiben der
Gesellschaft auf sie wirkt, wie Regenschauer auf Vogelflgel: sie verlieren ihre
frische Elastizitt. Und selbst wenn bei allen Classen die Energie sich
vollkommen entfaltet htte, so wrde man deshalb kaum hufiger die Liebe finden,
denn sie ist wie das Genie etwas, was man empfngt, nicht erstrebt; und man
knnte sie in ihrer Unwillkrlichkeit capricis nennen, wenn man sie nicht
lieber gttlich nennen mag. Lebe wohl, Du - meine Gttin mag ich nicht sagen:
sie steht klglich auer dem Bereich des Lebens, als habe sie Schiffbruch
gelitten! Mein Engel - ist so abgebraucht wie die Rosenwangen und Lilienhnde
der Dichter, welche nach gerade ganz welk sein mssen! Was bleibt da brig als:
meine Ini, lebe wohl.
    Als Faustine diesen Brief empfing, war sie fertig mit ihren Gemlden, fertig
mit ihren Bchern, fertig mit Phantasie, Beschftigung und Geduld. Sie hielt es
fr eine Unmglichkeit, wenigstens drei Monat noch diese Lebensweise
fortzufhren, denn nicht ihr Krper allein, auch ihr Geist ward abgemattet durch
die wechsellose, spannende, schaffende Richtung ihrer Gedanken. Wenn mir der
Himmel doch irgend etwas recht Schnes bescheeren wollte, dachte sie, so eine
chte Weihnachtsfreude, ich knnte sie brauchen.
    Es war ganz dunkel in ihrem Zimmer, sie lag auf dem Sopha von wachen Trumen
so umschwirrt, da sie fast dem Einschlafen nahe war, denn sie hatte angestrengt
gemalt, um keine unvollendete Arbeit ins nahende neue Jahr hinber zu nehmen.
Sie hrte die uere Thr des Vorzimmers aufgehen, hrte darin flstern und
leise auftreten; aber sie mochte nicht klingeln und fragen, was es da gebe.
Pltzlich fiel ihr ein, Andlau knne sie mit seinem Besuch berraschen wollen,
und sie sprang auf. Doch eben so schnell nahm sie ihre vorige Stellung wieder
ein, der Scherz sollte ihm ganz gelingen, sie wollte ihn erst erkennen, wenn er
vor ihr stand. Sie blieb unbeweglich; nur ihr Herz schlug athemraubend in
jubelnder Erwartung. Die Thr ging auf. Kaum aber war eine Mnnergestalt
eingetreten, von der Faustine nicht einmal die uern Umrisse erkennen konnte,
so wute sie auch, da dies nicht Andlau war. Sie richtete sich auf, schellte,
und fragte zu gleicher Zeit mit eiskaltem Tone:
    Wer ist so gtig, mir diesen seltsamen Besuch zu machen?
    Ich! nehmen Sie es nicht bel - war die Antwort.
    Clemens Walldorf? willkommen tausendmal! - Aber, Bester, man lt sich
melden bei einer Dame.
    Ich fragte Ihre Kammerfrau, ob Sie zu Hause, allein, und wohl wren .... -
    Da wuten Sie freilich Bescheid, aber ich nicht! - Und was wollen Sie denn
nun eigentlich hier in Dresden?
    Es war eine Lampe hereingebracht und vor ihr auf den Tisch gestellt; sie war
zufllig wundervoll beleuchtet. Glnzende Lichtstreifen fielen auf ihr schwarzes
Atlaskleid und verriethen ihre liebliche Gestalt. Der weiche Nacken, die zarten
Hnde tauchten aus den dunkeln Falten auf, und die Farben, welche dem Anzug
fehlten, lagen alle auf ihrem holden Antlitz. Clemens war bewundernd in ihren
Anblick versunken, und verga zu antworten.
    Bitte, geben Sie mir meinen Arbeitskorb von jenem Tische, sagte Faustine;
ich finde es zwar nicht sehr verbindlich, Tapisserie neben der Unterhaltung zu
machen, aber Sie scheinen kein Freund der Conversation zu sein und deshalb auch
wol kein Feind der Tapisserie.
    Clemens ermannte sich, holte den Korb; statt ihn aber ihr zu geben, behielt
er ihn und sagte:
    Sie frugen, was ich hier wolle? nun, zum Beispiel den Inhalt dieses
Krbchens besehen. Darf ich?
    Brden Sie sich doch nicht muthwillig die Plage des Besehens auf, hier, wo
wirklich Augen und Seele zum Genu mannigfacher Schnheit aufgespart werden
sollten.
    Clemens untersuchte genau die kleinen Arbeitsgerthschaften des Krbchens:
Fingerhut und Scheere von Kokosnu? das ist sauber gemacht und dauerhaft
nebenbei, zu dauerhaft fr eine vorbergehende Mode. Ein Flacon von Hyalit, ein
Bleistift in Schildkrt: Etui mit Silber eingelegt - niedlich! Aber welche
abscheulich plumpe Nadelbchse von Porzellan!
    Abscheulich? Unglcklicher! sie ist anbetungswrdig, denn sie ist rococo.
    Ein Erbstck Ihrer Urgromutter vielleicht, und respectabel als solches
.... -
    Nichts von respectabel! das ist ein unmodisches Wort, und rococo ist
modisch par excellence.
    Wie Sie befehlen! wenn es nur nicht schn sein soll. Dies Tschchen von
russischem Leder mit Ihren Visitenbillets gefllt mir besser. Ah! ein Brief. -
(Es war Andlaus letzter Brief.) - Es mu angenehm sein, Ihnen schreiben zu
drfen.
    Viel angenehmer, mit mir zu plaudern.
    Sind Sie mit mir zufrieden, da ich Ihnen nicht geschrieben habe?
    Ich bin ganz damit zufrieden. - Jetzt legen Sie die Schelchen wieder
hbsch ordentlich in den Korb. So. Das grne Gewlbe wre exploitirt! Sie
lachte so munter, da Clemens auch ganz heiter ward. Er rief:
    Dresden gefllt mir herrlich. Morgen besehe ich die Bildergallerie - die
Ihre.
    Felderns Eintritt strte seine Heiterkeit, und noch mehr strte es ihn, da
Faustine sagte:
    Meine anachoretische Laune ist vorber! ich werde viel ausgehen und mich
sehr freuen, wenn man mich hufig besucht. Graf Mengen, mein bester Feldern,
soll mir sehr willkommen sein. Ich schmachte frmlich nach Gesellschaft, nach
Mittheilung, nach Anregung.
    Und warum haben Sie es zu diesem Punkt kommen lassen, gndige Grfin?
    Knstlerlaune, lieber Feldern! ich bin zwar nur eine armselige kleine
Dilettantin, aber ich habe groe Anlagen zu einer chten Knstlerin, nmlich
immense Launen. Ich treibe Alles by fits and starts.
    Dadurch wird die tiefe Einheit Ihres Innern doppelt interessant.
    Alle Welt sagt, ich sei interessant! ich wte gern, was sich alle Welt
unter diesem Worte denkt - und ob berhaupt etwas.
    Ein Gemisch von Eigenschaften, die sich scheinbar widersprechen: tiefer
Ernst und Kindesheiterkeit, z.B. eine sanfte Seele und ein starkes, muthiges
Herz, Laune und Gemthlichkeit, mnnliche Entschiedenheit und jungfruliche
Grazie -
    Habe ich denn das Alles? fragte Faustine verwundert.
    
    Nein, weit mehr, sagte Clemens trocken.
    Feldern sah ihn berrascht an, er glaubte bereits den hchsten Grad der
Bewunderung an den Tag gelegt zu haben. Faustine sagte:
    Lieber Feldern, ich empfehle Ihnen diesen meinen jungen Freund hier, Herr
von Walldorf, Bruder meines Schwagers, der hergekommen ist, um recht grndlich
Dresden kennen zu lernen.
    Ganz und gar nicht, sagte Clemens, wieder sehr trocken.
    So geben Sie selbst Ihre Grnde an, entgegnete Faustine.
    Ich bin gekommen, um Sie zu sehen, und nun da diese Absicht erreicht ist -
    Fahren Sie nach Oberwalldorf zurck? rief sie lachend.
    Will ich schlafen gehen.
    Um morgen in besserer Stimmung wiederzukommen - hoff' ich.
    Feldern sah dem Abgehenden nach und sagte:
    Der junge Mann scheint keine besonders gute Erziehung genossen zu haben.
    Keine gute, das ist wahr! aber zum Glck auch keine schlechte, sondern gar
keine. Daher fehlt ihm Manches, aber verdorben ist nichts. Nehmen Sie sich
freundlich seiner an.
    Sobald Sie ein Gleiches fr meinen Freund Mengen thun.
    O der hat es nicht nthig, ist seit sechs Monaten hier, hat festen Fu
gefat in der Gesellschaft und berall -
    Wenn Sie wten, wie er Ihre Bekanntschaft wnscht!
    Sonderbar! was wei er denn von mir?
    Er hat Sie zweimal gesehen, in der Ferne zwar nur -
    Ach, rief Faustine, er hat mich gesehen! Ja, dann begreif' ich. -
Feldern lchelte. Warum lcheln Sie? fuhr sie fort; mu ich Ihnen denn
auseinandersetzen, was doch sehr einfach, da der frische, unvorbereitete
Eindruck einer Persnlichkeit gengend ist, um uns ihre Bekanntschaft wnschen
oder meiden zu lassen. Dann haben wir keine Vorurtheile fr oder gegen, und die
unbefangene Seele wei, was sie brauchen kann und was nicht. - Es ist wirklich
ein Jammer, da man gar nicht mehr unbefangen sprechen darf! Alles wird uns als
Eitelkeit gedeutet.
    Wenn die Deutung Sie nicht trifft, so werden Sie mir deshalb nicht zrnen.
    Nein! nur bedauern, da Sie sich selbst um das Vergngen bringen, an die
Unbefangenheit zu glauben.
    O Grfin, man mu sehr jung, sehr unerfahren, oder sehr verliebt sein, um
das zu glauben - nicht den Frauen gegenber: das ist unmglich! Nur einer
einzigen Frau gegenber! Es liegt ein Abgrund von Lgenhaftigkeit in ihnen!
    Faustine entsetzte sich fast, den sonst so gemessenen, vorsichtigen Feldern
so heftig sich uern zu hren. Welche Erfahrung, welche Krnkung mute ihn
getroffen haben, um einen so ungewhnlichen Ausbruch zu veranlassen! - Ehe sie
noch eine Erwiderung gefunden, wendete aber Feldern das Gesprch, indem er
sagte: Also morgen darf ich Mengen herfhren, und Sie entschuldigen, da es
frh geschehen wird, denn ich mu hinausreiten, und die Geschfte wlzen sich
erdrckend auf mich.
    Er ging bald. Was sind das alles fr confuse Zustnde! dachte Faustine; darf
man sich gar nicht mit den Menschen einlassen, ohne im Sturm umgewirbelt zu
werden, wie jene Verdammten in Dantes Hlle? Darf man Keinem die Hand reichen,
ohne befleckt oder verwundet zu werden? Und warum stehe ich denn so
friedlich-glcklich zwischen all dem Wirrsal? O mein Anastas! -
    Endlich! sagte Mario, als er am nchsten Tage vor Faustinen stand.
    Grade zu rechter Zeit! sagte Faustine. Beider Blicke begegneten sich und
sanken in einander wie zwei gefaltete Hnde. Er fhlte, da die ungekannte
Knigin seiner Seele ihm nahe war. Er sprach ungewhnlich wenig; er lie Feldern
reden, und Kirchberg, den er schon vorfand, und Clemens, der spter kam, und
sie, die allein fr ihn mit ser Melodie und nicht mit Schellengeklingel
redete. Und wenn sie es that, so sah er sie an mit einer Befriedigung, als habe
er durch ein glckseliges Ohngefhr die Lsung eines seltsamen Problems
gefunden. Clemens sah sie an mit gespannter Unruhe, mit leidenschaftlicher
Angst, ob ihr Auge lnger, lieber auf einem andern Gegenstande ruhe; Mario - als
wolle er seinen Blick zu einem Teppich machen, der ihr zartes, traumhnliches
Wesen ungefhrdet und unverletzt tragen drfe. Heute, bei hellem Tageslicht und
in der Nhe, kam sie ihm nicht so blendend vor wie im Salon von Frau von Eilau,
nicht so majesttisch wie auf der Terrasse; das eigene Zimmer gab ihr einen
Anstrich von traulicher Huslichkeit. Sie selbst und Alles um sie her war so
friedlich, so bequem. Kein Futritt war auf dem starken Teppich zu hren;
tiefdunkelrothe Vorhnge fielen lang ber die Fenster herab, verhllten die
Aussicht auf Schnee und Reif, fingen den matten Strahl der Wintersonne auf und
gaben ihm eine glhendere Frbung. Die Thr nach einem zweiten Zimmer war
geffnet; auch dort dieselbe blagraue Tapete, derselbe Teppich, dieselben
dunkelrothen Vorhnge. Diese gleichmige Farbentemperatur that dem Auge, und
dadurch auch der Seele wohl. Es war nur Alles so schnurgerade verschieden von
dem, was man sonst zu erblicken pflegt! Ein Gemlde hing in dem ersten Zimmer,
auch eins von denen, welche man nicht hufig sieht: es war eine sehr gelungene
Copie vom Titianischen Christus mit dem Zinsgroschen, von der Dresdner Gallerie.
Clemens fragte, ob sie es gemalt.
    Nein, sagte sie, ich kann nicht copiren. Ich thue vorschnell stets etwas
von dem Meinigen hinzu, und das wre doch Jammerschade um dies himmlische Bild
gewesen.
    Keins von allen auf der ganzen Gallerie hat mich so angezogen, wie dieses
Bild, sagte Mario, und berhaupt niemals hab' ich einen Christus gesehen, der
mit seinem feinen, durchschmerzten, edlen, und so beraus geistreichen Gesicht,
mehr der Idee entsprochen htte, mit welcher ich ihn verkrpere.
    Das freut mich! rief Faustine; es theilen gar Wenige meine Vorliebe. Im
Allgemeinen finden die Christusbilder von Guido Reni, Carlo Dolce und Bellini
mehr Beifall. Es kommt immer auf die Idee an, welche wir selbst davon
mitbringen. Mir scheint, Himmel und Erde sind wol nie in einem so engen Raum,
mit so geringen Mitteln, in so grandioser Simplicitt zusammengestellt worden.
    Aber knnen Himmel und Erde sich je so nah kommen, wie in diesem Gemlde?
fragte Mengen.
    O sie sind es ja immer! immer! rief Faustine lebhaft; immer und ganz
untrennbar! aber dennoch so weit geschieden wie Christus und der Phariser, wie
Himmel und Erde bleiben, wenn sie auch in unserm Horizont sich vereinigen. Denn
die Sinne vereinen nur, und die Seele trennt.
    Und vereint!
    Aber einzig und allein das Gleichartige - und das nenne ich Liebe.
    Leichenblsse legte sich bei diesen Worten ber Felderns Zge. Er stand auf
und ging. Faustine sah Kirchberg fragend an; der machte ein diplomatisch
ablehnendes, lchelndes Gesicht, und sie erschrak wie Jemand, der zu viel
gefragt hat. Mengen sah das und sagte ruhig:
    Die Partie geht wahrscheinlich zurck, weil die beiden Leute sich durchaus
nicht conveniren. Mir war das auf den ersten Blick klar.
    Man sagt - sprach Kirchberg.
    Das ist nicht wahr! rief Faustine.
    Was denn, gndige Grfin? fragte er befremdet.
    Ein: man sagt! ist von Hause aus nicht wahr, wiederholte sie.
    Wol mglich und ich will es wnschen! indessen sagt man doch, da eine
liaison de bas tage die Heirath unmglich mache.
    Kirchberg! sprach Faustine mit ganz leiser, gedmpfter Stimme und ihre
Augen sprhten Funken; - sagen Sie von einer Frau, was Sie wollen! es wird
schlecht von Ihnen sein, aber es thut nichts. Doch von einem Mdchen, einem
schnen jungen Mdchen - wie wagen Ihre Lippen das! - Vor den Frauen habt ihr
Mnner keinen Respect mehr, et elles vous le rendent bien! aber vor den Mdchen
habt doch um Gottes willen noch Achtung, denn aus deren Reihen wollt ihr ja eure
knftigen Gattinnen, die Mtter eurer Kinder whlen! ich begreife wirklich
nicht, da ihr vor diesen Geschpfen nicht das Knie beugt. Es rhrt wol daher,
da kein Mann sich vorstellen kann, was es eigentlich ist: ein Mdchen. Er sieht
immer das Unvollendete, das Unentwickelte darin; ich sehe das Unangetastete.
Ach, ich wollte, alle Mdchen strben in ihrem achtzehnten Jahr.
    Dieser Wunsch wrde wol keinen Anklang bei den jungen Damen finden,
entgegnete Kirchberg lachend.
    Ich meinte nicht die jungen Damen - die knnen meinetwegen leben, bis sie
alte Damen werden, sagte Faustine, - sondern die Mdchen.
    Ich finde da in der That keinen Unterschied.
    Keinen Unterschied! rief Faustine, in hchster Verwunderung die Hnde
zusammenschlagend; - bester Walldorf - Graf Mengen - wei wirklich keiner der
Herren den Unterschied zwischen einem Mdchen und einer jungen Dame?
    Clemens starrte unverwandt und stumm Faustine an; ihm waren alle Frauen der
Welt so gleichgltig, da er nur zwischen ihnen und ihr einen Unterschied
machte. Auch war er gar nicht gewhnt an diese Art der Unterhaltung. Er verhielt
sich passiv. Er verstand nicht, in Faustinens zwischen Ernst und Scherz
schwebendes Wesen einzugehen, er wollte ihr immer in allem Ernst sein Herz
sagen, sonst aber nichts.
    Mengen hingegen war hiebei recht in seinem Elemente. Als Faustine sich zu
ihm wandte, sagte er:
    Das Mdchen ist ein frisch vom Himmel herabgeflatterter Engel: der wird
gern zur Heimath wieder auffliegen. Die junge Dame ist bereits auf der Erde
etwas in die Schule gegangen, hat gelernt ihre schneeweien Schwingen im Salon
zusammenfalten, damit sie niemand geniren, und wird wnschen, die ganze
Schulzeit durchzumachen.
    Nun, das ist doch Etwas! entgegnete Faustine; die Herren mgen sich bei
Graf Mengen bedanken, da er sie von dem Verdacht der Blindheit frei spricht.
    Wir sind gar nicht blind, sagte Clemens, wir mgen nur nichts sehen, was
uns nicht interessirt.
    Wirklich? fragte Faustine; ich meinte, nur Frauen wren so einseitig!
Mnner aber betrachteten und bedchten Alles, was ihnen vorkommt, um ber Alles
ein Urtheil zu haben. Darum sind sie ja eben so unerhrt langweilig.
    Darum? sagte Mario lachend.
    Freilich! - so unfrisch, so gleichgltig, so ohne Meinungen, die ihnen wie
Blut in den Adern pulsiren! denn was giebt's zu sagen ber Dinge, die dem
innersten Wesen fremd bleiben? Gemeinpltze, Hypothesen, vage Theorien,
Sophismen: die ganze Bagage des exercirenden Soldaten - Verstand. Wir aber
ziehen als echte Krieger ohne alle Bagage in die Schlacht und kmpfen
begeistert.
    O gndige Grfin, rief Mario, die Begeisterung ist dem Manne doch viel
eigenthmlicher, als dem Weibe! Ich nenne nicht die augenblickliche Exaltation,
welche Leib und Leben, Seel' und Seligkeit wagen und opfern lt, allein
Begeisterung, sondern auch festes Beharren, unverbrchliche Richtung,
ausdauerndes Handeln in einem und demselben Sinne, fr eine und dieselbe Idee,
mit einer und derselben Wrme und Kraft.
    Das ist Character - sagte Faustine.
    Aber was alimentirt den Character, wenn nicht Begeisterung? welch ein
drres, unerquickliches, unwirksames Wesen wird daraus, wenn der Character nur
wie ein Maulthier immer vorwrts trabt, und seine Last ber das Gebirge
fortschafft. Ohne Freudigkeit an dem einmal Erfaten, ohne Andacht zu ihm, ohne
Befriedigung in ihm, ohne Triumph mit ihm - ward nie etwas Groes geleistet, und
was ist die Quintessenz dieser Empfindungen, wenn nicht Begeisterung? was ist
der Pulsschlag, der ihnen Leben zustrmt, wenn nicht Begeisterung? Begeisterung
ist der elektrische Schlag, der die Kette der Existenz durchstrmt, und die
Geschichte beweist, da nur Mnner ihn empfingen.
    Nur Mnner? unterbrach Faustine; und die Prophetinnen der Hebrer! und
die todverlachenden Rmerinnen! und die Priesterinnen der Germanen! und die
Heldinnen von Saragossa!
    Die Richtung nehme ich aus. Wo das Herz des Weibes getroffen wird, wo die
Liebe es berhrt, sei es ausschlielich fr einen Menschen, oder fr das
Vaterland, oder fr Gott - da schlgt der elektrische Funke ein, da lodert die
Begeisterung auf. Aber selbst dann begngt sich das Weib damit, fr das Geliebte
zu leiden und zu sterben. Zum Schaffen, zum Handeln, zum die Welt aus ihren
Fugen Heben, wird das Weib nie angeregt, nie! wohl verstanden, nie durch
Begeisterung. Durch Intriguen, durch Laune - ja, damit amsirt sie sich
zuweilen. Noch keiner Frau ist es eingefallen, den Geliebten unsterblich zu
machen, wie Petrark die Laura und Dante die Beatrice; sie beherrschen nicht
einmal die Kunst! viel weniger die Wissenschaft! die Frau soll noch geboren
werden, welche im Stande ist, fr eine abstracte Idee sich zu begeistern bis zum
gelassenen Erdulden von Kerker und Verfolgung, wie z.B. Galilei mit seinem e
pur si muove! Ein weiblicher Socrates lt sich nun vollens gar nicht denken!
    Doch war die schne und weise Hypatia, welche unter Kaiser Theodosius II.
einen Lehrstuhl zu Alexandrien einnahm, wie Socrates Lehrer der Jugend; und
gleich ihm fand sie den Mrtyrertod, welchen ihres Ruhms und ihrer
Wissenschaften neidische Feinde ber sie verhngten. Uebrigens - da Mnner die
Geschichte schreiben, und da die Geschichte sich berhaupt mehr mit Darstellung
der Thatsachen, als mit Entwickelung der Motive beschftigt - kann niemand
wissen, ob nicht, whrend ein Dutzend Mnner auf der Lebensbhne agirt und
tragirt, eine Frau im Souffleurkasten ihnen ihre Rolle vorspricht.
    Davon bin ich berzeugt, entgegnete Mario, die Frauen haben grenzenlosen
Einflu auf uns. Wo ein Mann ruinirt ward, trug gewi eine Frau die erste
Schuld.
    O Graf Mengen! rief Faustine, Sie sind unerhrt parteiisch fr Ihr
Geschlecht! Ganz der nmliche Vorwurf lt sich umkehren und bleibt eben so
wahr.
    Aber der ruinirte und gesunkene Mann kann durch eine Frau erhoben und
gebessert werden. Lt sich diese Behauptung auch umkehren?
    Ich glaube kaum. Die gesunkene Frau steht nicht wieder auf. Ein bser Mann
ruinirt so grndlich, da ein guter nicht mehr retten kann. Unser Einflu aber
ist strker im Guten, als im Bsen.
    Clemens, der immer ruhig zugehrt, hob jetzt an: Keineswegs! wenn Sie mir
befehlen, den Einen aus dem Wasser zu holen, und den Anderen ins Wasser zu
werfen, so thue ich beides mit gleichem Vergngen.
    Gott behte mich vor einem so blind ergebenen Freund! rief Faustine. Auf
Menschen Einflu zu haben, ist Genu; dabei kommt es doch auf meine
Eigenthmlichkeit an! aber eine willen- und gedankenlose Maschine kann Jeder
regieren. Ich sage mich Ihnen gegenber von allem Einflu los und ledig.
    Sie ben ihn unwillkrlich.
    Ich will aber nicht! sagte sie, und kreuzte ihre Arme ber der Brust, als
wickele sie sich in sich selbst zusammen, um niemand zu berhren, wie man wol
thut, wenn man im Gedrnge von Menschen steht oder geht.
    Mario fhlte, da es Zeit sei zu gehen; es kam ihm zudringlich vor, den
ersten Besuch ber die Gebhr auszudehnen. Er dachte heimlich: wenn sie nur
schwiege, wenn sie nur sich nicht bewegte, wenn sie nur berhaupt gar nicht sie
wre, so wrde ich ja sehr gern gehen. - Kirchberg war lngst fort. Nun ging
auch Clemens. Da berwand sich Mengen und stand auf. Er sagte nur noch:
    Feldern sagte mir vor lngerer Zeit, Sie wren zu beschftigt mit Ihrer
Kunst, um Freude am geselligen Umgang zu finden, und als ich fragte, was Sie
malten, entgegnete er: Bume. Wrden Sie die Gnade haben, mich einmal diese
Bume sehen zu lassen, welche Sie so lange verschattet haben?
    Faustine lachte. Bume, sagt Feldern, htte ich gemalt? das ist doch
possierlich, nur Bume auf meinen beiden Bildern zu sehen! Wenn Sie Morgens
kommen wollen, werd' ich sie Ihnen zeigen.
    Morgen? verwandelte Mario ihr Wort.
    O ja, morgen. Er schied eben so beglckt, wie Clemens verdrielich, und
Faustine dachte: ein angenehmer Mann! warum lernte ich ihn nicht frher kennen?
ich hab' es meinem Absperrungssystem zu danken. Das taugt nie etwas! die Cholera
schliet es nicht aus, wol aber interessante Bekanntschaften.

Feldern ritt auf der den, beschneiten Chaussee den wohlbekannten Weg zu der
Braut. Im Hause begegnete er zuerst dem Vater und fragte hastig nach Cunigunden.
    Es geht nicht besser, sagte der alte Mann wehmthig und eine zerdrckte
Thrne machte sein sonst nichtssagendes Auge beinahe schn. Kommen Sie zu ihr.
    Er brachte ihn vor ihr kleines enges, schmuckloses, nonnenhaftes Zimmer. Da
sa Cunigunde vor einem Tischchen und las in der Bibel. Er ging voran.
    Wie geht es Dir, mein Kind? fragte Herr von Stein, und legte zrtlich
seine Hand unter ihr Kinn.
    Gut, mein lieber Vater, antwortete sie, diese Hand kssend.
    Nicht wahr, Du stirbst mir nicht, mein frommes, mein bestes Kind? Er
streichelte ihre Wangen, ihre Stirn, ihr Haar.
    Nein, mein lieber Vater, sagte sie mit melancholischer Zrtlichkeit zu ihm
aufblickend. Als er aber sprach: Feldern ist auch da; darf er kommen? da glitt
ein Schauer ber ihr mildes Gesicht, ein Krampf, ein Grauen.
    Ja, sprach sie. Der Vater lie das Paar allein.
    Nun, Cunigunde! sagte Feldern, und setzte sich ihr gegenber.
    Guten Abend, mein lieber Feldern! war Alles, was sie vorbrachte. Ihre
Brust hob sich in unbeschreiblicher Bengstigung.
    Haben Sie mir weiter nichts zu sagen? knnen Sie kein Vertrauen zu mir
fassen? Reden Sie doch nur, aber mit einem einzigen Grund.
    Ich habe mich mde geredet! und einen Grund habe ich nicht.
    So beharren Sie also darin aus Eigensinn, aus Laune, mich fortzuweisen,
mich - Ihren treuen, erprobten und bewhrten Freund, den Sie jahrelang als Ihren
knftigen Gatten betrachtet haben?
    Keine Laune, o Gott! seufzte Cunigunde und rang die Hnde.
    Nun, liebe Cunigunde, so sprechen Sie nur das Warum aus! Sobald ich wei,
was zwischen uns liegt, will ich es ndern, vermeiden, oder auch ganz Sie
aufgeben. Nur aber so kommt es mir wie eine Geistesbefangenheit, wie eine
Krankheit vor, die ber kurz oder lang weichen wird, und der ich unmglich mein
Glck, meine Zukunft, und vielleicht die Ihre - opfern kann.
    Sie sprechen so gut, so verstndig, da ich Sie ganz und gar begreife!
besser Sie begreife, als mich selbst - denn ein Warum kann ich Ihnen nicht
sagen, aber heirathen kann ich Sie auch nicht.
    Dann ist es nicht anders mglich, als da Sie einen Andern lieben.
    Ihre fixe Idee, die ich schon hundertmal verneint habe!
    Einen Andern, dessen Sie sich schmen, der Ihrer unwrdig ist.... -
    Ist es denn eine solche Schmach zu lieben, da ich den Mann, den ich
liebte, nicht einmal meiner wrdig achten sollte?
    Weshalb nennen Sie ihn denn nicht?
    Weil ich keinen liebe.
    Feldern stand mit heftiger Ungeduld auf und ging in dem Zimmerchen hin und
her. Endlich blieb er vor Cunigunden stehen und fragte scharf:
    Wen wollen Sie heirathen?
    Niemand - sagte Cunigunde und sah ihn befremdet an; das wissen Sie ja.
Wollte ich heirathen, so knnte ich gewi am leichtesten Sie heirathen, den ich
achte, den ich kenne, der brav, treu und rechtschaffen ist, der mich herzlich
lieb hat.... -
    Cunigunde! rief Feldern zrtlich, legte den Arm um ihre Schulter und bog
sich zu ihr herab. Doch sein Ku streifte nur ihre Wange, denn sie wendete den
Kopf, schlo die Augen und sagte mit zitternder Angst:
    Erbarmen!
    Tief gekrnkt lie Feldern den Arm sinken. Er sagte verletzt und hart:
    In Ihrem Benehmen liegt Lge oder Wahnsinn.
    Keine Lge! jedes Wort ist reine Wahrheit. Ich heuchle keine Achtung, kein
Vertrauen zu Ihnen - ich hege es wirklich. Darum habe ich den Muth gefat, Sie
zu bitten, mein Wort zu lsen.
    Das ist aber - wenn nicht Wahnsinn, doch Verschrobenheit, Ueberspannung,
Sentimentalitt! Was wollen Sie denn? etwa katholisch und Nonne werden? die
religise Schwrmerei verrckt zuweilen die klarsten Kpfe.
    Ich mag nicht Nonne werden - niemals! rief Cunigunde, und ein frischer,
rosiger Hauch des Lebens berstreifte ihr Antlitz und machte es so schn, da
Feldern trotz seines Unmuthes bewundernd und lchelnd sagte:
    Es wre auch schade, wenn Sie den Klosterberuf htten! - Aber was soll denn
eigentlich aus Ihnen werden, Cunigunde?
    Was Gott will! - sie faltete die Hnde, legte sie auf die Bibel und neigte
das Haupt.
    Aber wie soll sein Wille sich Ihnen offenbaren, wenn Sie verstockt sind,
und auf Wunsch, Rath, Bitte Ihrer besten Freunde nicht hren?
    Meiner besten Freunde? ja, das ist es eben - ich habe gar keine Freunde!
    Ihre Eltern - mich .... -
    Ja, Sie, mein lieber Feldern, Sie sind wirklich mein Freund, und es ist nur
gar zu traurig, da diese Angelegenheit Sie selbst zu nah betrifft, um ganz
unbefangen zu sein. Und meine Eltern? ach mein armer, harmloser Vater, der grmt
sich um mich, der mchte alle Welt frhlich wissen, seine Lieben zuerst; drum
thut er ja Alles, was die Mutter will. Und meine Mutter ist eine kluge Frau, und
auch eine gute Frau! sie meint es gewi gut mit uns Allen, auch mit mir. Sie
spricht: ich sei arm und was ich denn weiter wolle, als einen braven Mann; und
so lange ich im Elternhause, hindere ich die Versorgung meiner Schwestern, da
ich die schnste von ihnen, und deshalb die begehrteste sei. - Sonst aber hab'
ich keine Freunde und wei auch Niemand, den ich mir zum Freunde wnschte, als
.... -
    Nun, als? fragte Feldern gespannt. Und da sie schwieg: Graf Mengen etwa?
    Wen? sagte Cunigunde zerstreut.
    Graf Mengen, der im Sptsommer mit mir einmal hier war.
    Ach nein! keinen Mann. Eine Frau, eine himmlische, wunderbare Frau, der Sie
mich im vorigen Winter auf dem Maskenball vorgestellt haben: die Grfin Obernau.
Ich habe sie nur das einzige Mal gesehen, aber ich kann sie gar nicht vergessen!
wie sie ansah und aussah, wie sie ging und stand, wie sie sprach und lchelte,
immer fiel mir das Mdchen aus der Fremde ein, und ob ich nicht auch eine arme
Hirtin sein knne, der sie eine Gabe brchte.
    Liebe Cunigunde, Sie sind wirklich ein wenig sentimental! Das Liebesgefhl
lebt in Ihrem Herzen, aber es scheint Ihnen zarter, berirdischer, engelhafter,
eine Freundin zu lieben, als einen Freund, und so qulen Sie sich und mich. Die
Grfin Obernau ist zwar eine uerst anmuthige Person, aber da nicht Jeder die
Kraft und die Selbstndigkeit hat, so frei das Leben zu beherrschen, so drfte
sie nicht als Richtschnur fr allgemeine Verhltnisse dienen.
    Das begehre ich nicht; ich wnschte nur, da sie mich liebte. Wnschen Sie
das nicht auch fr sich?
    Ganz und gar nicht - obschon es sehr angenehm ist, mit ihr zu leben.
Mchten Sie bisweilen sie besuchen, so will ich sie darum bitten; sie erlaubt es
gern. Die Monotonie und Einsamkeit Ihres Lebens hier mag auch Ihre Nerven
abspannen; vielleicht thut sanfte Zerstreuung, ohne Tumult, ohne Gerusch, Ihnen
gut. Theure Cunigunde, ich wrde Sie so gern genesen und glcklich sehen.
    Cunigunde gab ihm dankbar die Hand, froh der Aussicht, welche er vor ihr
erffnete. Sie wute nichts Bestimmtes davon zu hoffen; deshalb war ihr, als
ginge sie dadurch ihrem Glck entgegen, ihrer Befreiung, ihrer Erlsung. Ihr
schnes Gesicht, welches durch lange, reine Schmerzen unaussprechlichen Adel
hatte, lichtete sich an der Hoffnung auf, wie eine frierende Blume am
Sonnenstrahl. Freundlicher, als seit Monaten, schieden die Verlobten. Feldern
dachte: Faustine hat zwar wunderliche und etwas unpraktische Ansichten von den
geselligen und brgerlichen Verhltnissen, aber Niemand ist weniger sentimental,
als sie. Cunigundens Ueberspannung wird in ihrer klaren Atmosphre weichen, und
ist sie nur erst gewichen, so bin ich ja des Mdchens gewi, das fr keinen
Andern Neigung gefat hat, sondern nur berhaupt ruhigen, khlen Temperaments
ist. Das werden die besten Frauen - Frauen, auf die man sich verlassen kann,
ohne Schwankungen, ohne besorgnierregende Allren - Frauen, die den Mann nie
hinreien und ihm stets gefallen. Solche Faustine entzckt, aber wer hat den
Muth, sie zu heirathen? nicht einmal Andlau. Weibern gegenber, die immer wie in
einem Regen von Brillantfeuer stehen, kommt man sich so dunkel, so inferieur, so
dumm vor, da enorme Selbstverleugnung dazu gehrt, um sie zu lieben. Vielleicht
liegt aber in ihrer Liebe Lohn fr diese Demthigung.
    Der starke Mann frchtet nicht zu der Geliebten emporzublicken; er fhlt die
Kraft in sich, mit einem Schwung ihr zur Seite zu stehen. Der eitle und schwache
Mann hlt sie gern in seinem Niveau; er frchtet die Ueberstrahlung, und fhlt
nicht die Kraft, ein Gegengewicht in die Schaale zu werfen.

Mengen fehlte nicht am nchsten Morgen bei Faustine. Der Bediente ffnete ihm
den Salon. Er war leer. Mario ging hindurch und betrat das zweite Zimmer,
welches er gestern nur durch die Thr gesehen. Heute sah er sich darin um; denn
dies war augenscheinlich das Gemach, worin Faustine sich am meisten aufhielt. An
dem einen Fenster stand ihr Schreibtisch, nichts frappirte ihn auf demselben,
als Andlaus Portrait in Aquarel sehr schn und sehr hnlich gemalt; ein
denkender, ernster, melancholischer Kopf. Sieht man ihr gegenber nicht heiterer
aus? dachte Mario. Am andern Fenster stand ein Tisch mit Lesepult und
verschiedenen Bchern, und ein tiefer Lehnstuhl davor. An der einen Wand eine
breite, niedrige, aus einzelnen Polstern zusammengesetzte Ottomane. Ihr
gegenber ein groer Toilettenspiegel, an dem nachlssig eine Echarpe und eine
kleine Tafftschrze hingen. An der Hinterwand schlossen dunkelrothe Vorhnge den
Alkoven. - Ein Zimmer ist das weitere Ueberkleid eines Menschen: es verrth
dessen Formen und etwas von dem Wesen bleibt darin zurck. Darum sieht man so
gern das Zimmer eines berhmten oder eines geliebten Menschen; man wird darin
die Seele gewahr. Mario hatte sich friedlich auf die Armlehne des groen
Fauteuils gesetzt, und sah sich um. Er wartete nicht auf Faustine; sie schien
ihm gegenwrtig.
    Tappt nicht Jemand da herum? rief ihre goldene Stimme durch eine Thr, die
nur angelehnt war.
    Ich harre Ihres Befehls, sagte Mario, ffnete die Thr und stand in einem
kleinen Cabinet, das man Atelier nennen konnte, denn es war ganz fr die Malerei
eingerichtet: nur ein Fenster, bis zur Mitte von unten auf zugesetzt; Bilder,
Zeichnungen, Kupferstiche, Skizzen von oben bis unten an den nackten Wnden,
kein Ameublement als einige Staffeleien, ein paar Tische, worauf Mappen,
Zeichengerth, ein Todtenkopf, Gypsabgsse von Armen und Beinen - und zwei
Strohsthle, worauf auch allerlei Utensilien lagen.
    Setzen Sie sich, sagte Faustine. Sie sa vor einer Staffelei und
arbeitete.
    Das hat hier seine Schwierigkeiten, sagte Mario und sah sich lachend um.
    Ist es Ihnen unbehaglich hier, so erwarten Sie mich im Salon. In zehn
Minuten bin ich mit dieser Anlage fertig.
    Ich mu mich nur arrangiren drfen - sagte Mario und kniete neben ihr
nieder.
    Das geht auch - antwortete sie und malte gelassen weiter.
    Er betrachtete sie. Ihr Anzug war der unvortheilhafteste von der Welt: ein
weies Linonhubchen, welches so dicht ihr Gesicht umschlo, da kein Haar zu
sehen war, eine groe graue Schrze und graue Vorrmel. Fr jede andre Frau
wrde es eine vllige Abwesenheit aller Eitelkeit verrathen haben, in diesem
Anzug Besuch zu empfangen. Bei Faustine aber bedeutete es nichts, als da sie
mehr an ihr Bild, als an ihre graue Schrze dachte. Sie sa stumm da, die Lippen
ein wenig geffnet, als lausche sie auf etwas; mit den breiten Augenliedern
zuweilen ganz rasch die Augen zudeckend, wie um sie auszuruhen: die Lachtauben
haben diese Bewegung. Endlich wendete Mario seinen Blick ihrer Arbeit zu.
    Warum den finsteren Todtenkopf malen? fragte er; was wissen denn Sie vom
Tode, Sie, bei der Licht und Wrme - und das ist Leben! - zu Hause sind?
    Ich wollte auch das Leben malen, antwortete sie, aber dazu fiel mir eben
nichts Anderes ein, als eine Flle von Blumen und der Todtenkopf dazwischen,
halb versteckt, und doch Alles berragend. Sie haben ganz Recht! mit dem Tode
hab' ich nichts zu schaffen, so gar nichts, da ich ihn nicht einmal verstehe.
Aus einer Form der Existenz zu einer andern bergehen, heit bei mir nicht Tod,
sondern eine neue Lebensentwickelung. Leben mu man, wie man liebt: durch
Ewigkeiten hindurch. Wer nicht diese Ueberzeugung hegt, wei nichts vom Leben,
nichts von der Liebe. Wer nicht das Weltall zu einem Quell macht, aus dem er
Leben und Liebe stets neu und frisch schpft, sollte nur gar nicht dazu Miene
machen. Sie sehen, ich bin eine entschiedene Gegnerin des Todes; aber dem Krper
gnne ich gern sein Ausruhen im Grabe, obgleich er dabei so garstig wird, wie
mein alter Todtenkopf hier.
    Warum verdient der Leib dies Ausruhen, der sich doch nicht halb so viel
anstrengt, als der Geist? einen krperlichen Schmerz haben wir nach
vierundzwanzig Stunden total vergessen; von dem geistigen bleibt immer eine
Narbe, oft eine Wunde zurck. Krperliche Ermdung - was ist denn das? man hat
ein paar Nchte durchschwrmt - dann schlft man aus! ein sehr angenehmes Mittel
gegen Ermdung! - Aber gegen geistige Mdigkeit, die auf Ueberanstrengung folgt,
und Flug und Schwung lhmt, giebt's keine angenehme Mittel, sondern Sturzbder
von Widerwrtigkeiten etwa, und Moxa der Leidenschaft, und hnliche Kuren,
welche der geschickte Arzt Schicksal zu verhngen wei.
    Daher hat aber auch der Geist seine Freude, seinen Spa, sein Glck, sein
Fortkommen - und der arme, arme Leib nichts von dem Allen! Wie mu das Blut
rennen, die Nerve hpfen, die Muskel ringen, wie mssen die Sinne, diese faulen
Knechte und stummen Diener der Seele, sich abarbeiten, danaidenmig! denn wenn
nun der Leib meint, er habe sich ein Vergngen arrangirt, so tritt pltzlich
sein Tyrann auf, Geist, Seele, wie er heien mag! und spricht: Mit nichten, mein
Guter, der Abhub der Tafel kommt dir zu! - Dann schmaust der Tyrann die besten
Bissen, und trinkt vom Champagner nur den Schaum, und der arme Leib steht
demthig hinterm Stuhl und freut sich, da es seinem Herrn so gut schmeckt. Man
kann sich gar nicht wundern, wenn er manchmal zur Unzeit verdrielich wird, sich
lang ausstreckt und sagt: Suche Dir einen andern Knecht! ich hab's satt.
    Die Emanzipation des Fleisches, wie das Modewort heit, welches jetzt
gepredigt wird - entspricht also wol ganz Ihren Wnschen?
    Unsinn, lieber Graf, klglicher Unsinn, wie er von Leuten mit fixen Ideen
nicht anders zu erwarten ist. All diese Prediger sind mit der Monomanie der
Gleichheit behaftet, die sich durch eine Art von Berserkerwuth gegen Alles, was
bisher dominirt und primirt hat, uert. Die aristokratische Institution, da
Vernunft, Verstand, Wille den Plebs der Sinne beherrsche, soll nicht mehr
gelten, nicht - weil sie nicht gut und ntzlich wre; sondern tout bonnement,
weil etwas Hochadliges darin liegt, rohes, ungebildetes Volk - gehorchen zu
lassen. Im Mittelalter verliehen die Stdte an Ritter und Herren das
Brgerrecht, und das war eine groe Ehre, denn sie traten dadurch in eine
ehrenwerthe Verbindung. Jetzt, wo alles Znftige, als der Gleichheit und
Freiheit widersprechend - abgeschafft wird, taucht pltzlich eine Zunft von
Literaten auf, welche das Bestialittsrecht verleihen mchte. Aber ich denke,
sie werden es wol fr sich behalten drfen. - So. Nun bin ich mit der Anlage
fertig. Jetzt sollen Sie die bewuten Bume sehen.
    Sie erhob sich, stellte ein Gemlde auf die Staffelei, und sprach zu Mario:
    Setzen Sie sich davor hin.
    Es war ein schroffer Felsenabhang ber dem Meer. Eine Tanne und eine Birke,
mit seltsam verschlungenen Zweigen, standen am uersten Rande dieses Abhangs
und bildeten den Vorgrund. Die Birke war ganz unbelaubt; ihr weier Stamm, die
schlanken Zweige schienen zu zittern und zu frieren im Sturm. Die Tanne breitete
ihre Aeste, worauf einzelne Schneeflocken gestreut waren, schtzend aus, gleich
starken Armen. Der Himmel war winterlich hart, eisgrau, im Westen kupferroth.
Tief unten dmmerte das Meer.
    Nach einiger Zeit stellte Faustine ein zweites Gemlde auf die Staffelei:
ganz derselbe Gegenstand, aber im Frhling und im Morgenlicht. Die Birke, frisch
und sonnenglnzend, schmckte die Tanne mit ihrem wehenden, schwebenden Laube,
wie mit festlichen Guirlanden.
    Gefallen Ihnen die Bume? unterbrach Faustine endlich das Schweigen.
    Sie verstehen zu malen! entgegnete Mario. Sie verstehen die Dinge
aufzufassen, und ihnen mit dem Pinsel ein poetischwahres Gewand umzuhngen. Aber
wundern drfen Sie sich nicht, da Feldern, und vielleicht hundert Andere, nur
eine schne Landschaft in diesem Bilde sehen. Bilderschrift ist ein tiefsinniges
Studium, wozu mehr gehrt als des Kunstkenners Geschmack und Urtheil. Sie ist
ein Sanskrit, nur von Wenigen verstanden.
    In demselben Augenblick trat Clemens ein und sagte:
    Verzeihung! ich bin vom Diener hergewiesen. Dann rasch hinter Mario
tretend und das Gemlde betrachtend, rief er hocherfreut: Die Tanne kenne ich!
Sie haben sie einmal auf einem Spaziergang in Oberwalldorf flchtig gezeichnet:
dabei habe ich sie mir eingeprgt. Es freut mich, da Sie an etwas aus jener
Zeit gedacht, wenn nicht an Menschen, doch an den Baum!
    Ich denke an Alles, was der Erinnerung werth ist, sagte Faustine.
    Oder der Hoffnung! rief Clemens.
    Ja; und lieber noch! entgegnete sie, und machte eine Bewegung, welche die
Herren einlud, mit ihr das Atelier zu verlassen. Schrze und Hubchen blieben
darin zurck.
    Mario und Clemens mifielen sich ungemein - gegenseitig, wie das gewhnlich
der Fall ist. Seltsam, da nichts auf der Welt zwei Menschen, die sich einander
vllig fremd sind, herzlicher verbindet oder feindlicher entzweit, als die Liebe
fr eine dritte Person - je nach der Beschaffenheit, dem Colorit, der Temperatur
dieser Liebe. Der Freund, der Bruder der Geliebten wird unser Bruder, unser
Freund; wer aber Miene macht, sie auf unsere Weise anzubeten, ist unser
Erzfeind. Clemens hate Mario, weil er eiferschtig auf ihn war. Er fhlte, da
Mario Faustinen besser als er gefallen knne, denn er war unbeholfen und sie
hatte die gewandten Menschen so gern: die Menschen, welche ihr zartes Hndchen
nur mit einem weien Glac- Handschuh anfassen - murmelte Clemens - und davon
bin ich kein Liebhaber, obgleich ich, ihr zu Gefallen, auch recht gern weie
oder himmelblaue oder maigrne Handschuhe anziehen wrde. - Mario hatte Clemens
einen Augenblick mit dem unverhohlenen Erstaunen betrachtet, welches durch
dessen brskes Auftreten berall, wo man an bessere Manieren gewhnt war,
hervorgerufen werden mute. Dann aber beachtete er ihn gar nicht mehr als ein
selbstndiges Wesen, sondern nur dann, wenn Jener auf irgend eine Weise gegen
Faustine anstie. Sie selbst litt gar nicht durch das unvortheilhafte Licht,
worin Clemens sich zeigte.
    Es ist den jungen Leuten sehr heilsam, wenn sie merken, was und wie viel
ihnen fehlt, um in der Gesellschaft angenehm zu sein - sagte sie einst. Wenn
sie von der Universitt kommen, sind sie so aufgeblasen wie eine Mongolfiere,
und gleich dieser, ihrer Himmelfahrt und des bewundernden Staunens des
versammelten Volks gewi. Warum so aufgeblasen? entweder haben sie sich brav
herumgehauen, oder sie haben enorm getrunken, oder der Himmel hat sie mit einem
pompsen Bart erfreut, oder sie haben in irgend einem Examen sich nicht
verblffen lassen -
    Clemens, der anspruchloseste Mensch unter der Sonne, war nur auf seinen Bart
eitel; deshalb unterbrach er gereizt Faustine und rief, weil er doch nicht die
Bart-Stolzen vertheidigen konnte:
    Sie haben gut reden, spttisch und klug! sollten Sie sich examiniren
lassen, wrden Sie auch vielleicht nicht bestehen.
    Das kme noch darauf an - entgegnete sie unverzagt.
    Und - sagte Mario - sich nicht verblffen zu lassen ist gewi eine eben
so wichtige als richtige Regel darber. Wenigstens einmal hab' ich mich bei
deren Befolgung mit Ruhm bedeckt. Ich wurde mit drei Gefhrten examinirt. Alles
ging charmant, bis der Examinator nach der Tages- und Jahreszahl irgend eines
obscuren Edicts fragte. Nur zufllig htte man dies behalten und beantworten
knnen. Meine Gefhrten schwiegen. Es ist aber doch allzu verdrielich, wenn ein
Mensch viermal fragt ohne eine Antwort zu bekommen: also nannte ich tapfer ein
Datum, als ich gefragt wurde. Da sagte der Examinator sehr bedchtig: Es ist
zwar nicht dieser Monatstag, sondern jener, und auch nicht diese Jahreszahl,
sondern jene, welche das Edict bezeichnen; aber man sieht doch!
    Aber man sieht doch, rief Faustine und klatschte frhlich in die Hnde,
wie leicht es ist, mit einiger Geistesgegenwart gut zu bestehen.
    Aber man sieht doch, sagte Clemens, wie leicht es ist, den Leuten Sand in
die Augen zu streuen.
    Ja, antwortete sie, auf die Manier und die Manieren kommt freilich sehr
viel an.
    Das sollten oberflchliche Menschen sagen drfen, aber Sie nicht! Sie
mssen auf das Wesen sehen.
    Sehr gern! sobald das Wesen ein goldener Apfel in silbernen Schaalen ist -
wie es in der Bibel heit. Ist aber der goldene Apfel in ein Igelfell gewickelt,
so bin ich verwundet und abgeschreckt beim Anfassen, und trste mich nur
allmlig durch den Gedanken an den kstlichen Inhalt. Was soll mich aber
trsten, wenn ein gemeiner, rothbckiger, saurer Apfel im Igelfell liegt? nehme
er ein Silberflor-Mntelchen von guten Manieren um, so wird er zwar nicht
sonderlich geniebar, allein doch recht gut anzuschauen sein. Gute Manieren sind
meine gebornen Freunde; wo ich sie finde, werd' ich mich - nicht immer heimisch,
das liegt in einer andern Sphre - jedoch nie unheimlich fhlen. Schlechte
Manieren sind meine gebornen Tyrannen, machen mich zaghaft, machen mich bald
bertrieben hflich, um auf meiner Seite doppelte Schranken zu haben, und bald
so ungeduldig, da ich rufen mchte: Geht zu Gevatter Schneider und
Handschuhmacher, mit denen ihr zu verwechseln seid.
    Und was nennen Sie schlechte Manieren haben?
    Eben verwechselbar mit Gevatter Schneider und Handschuhmacher sein - sagte
Faustine gelangweilt, und Clemens beruhigte sich; denn das pate nicht auf ihn.

Feldern wollte sein Cunigunden gegebenes Wort erfllen. Er bat Faustine um die
Gnade, seiner Braut zuweilen ihre Gesellschaft zu gnnen. Er sagte:
    Ich bin des gnstigsten Einflusses Ihres lichten Wesens auf das krankhaft
sentimentale meiner Braut gewi.
    Faustine sah ihn scharf an und erwiderte: Sie scheinen mir bestimmte
Grenzen setzen zu wollen; aber Sie sollten wissen, da ich mich denen nicht
fge, ohne sie wenigstens im vollen Umfang zu kennen. Erwarten Sie etwas
Bestimmtes von mir, wie z.B. da ich Frulein Stein einige Anleitung in der
Malerei gebe, oder dergl., so sagen Sie es nur gerade heraus; ich werde es gern
thun.
    Cunigunde malt nicht, entgegnete Feldern, und berhaupt ist es nicht ein
Lehrmeister, den sie in Ihnen finden mchte, sondern eine Freundin.
    Wer das in mir sucht, dem komme ich entgegen mit vollem, offnem Herzen, und
ich bin Frulein Stein im Voraus dankbar fr ihr Zutrauen. Aber, mein bester
Feldern, vergessen Sie nicht, da ich nicht die Person bin, welche je ihre
Meinung zurckhlt, und da, wenn man mich um Rath fragt, keine Rcksichten mich
hindern, ihn nach meiner Ueberzeugung zu ertheilen.
    Htte Feldern den Muth gehabt, Faustinen sein gespanntes Verhltni zu
Cunigunden offen darzulegen, so htte sie ihn beschworen, die widerstrebende
Braut fahren zu lassen, und auf keinen Fall sie selbst mit einer Person in
Verbindung zu setzen, deren Ansichten sie theilte. Aber Feldern beharrte in
seinem Eigensinn, Cunigundens Benehmen als eine nervse Sentimentalitt zu
betrachten, welche der Zerstreuung, der freundlichen Theilnahme, der
rckkehrenden Jugendkraft weichen wrde. Wich sie - warum sollte er vorschnell
Fremde von der obwaltenden Spannung unterrichten? Wich sie nicht - und diesen
Fall mochte er kaum sich selbst heimlich gestehen - so erfuhr das Publikum ja
immer frh genug den eclatirenden Bruch. - Jetzt setzte er ihr aber nur
auseinander, wie anmuthig und belebend ihr Umgang fr ein junges krnkelndes
Mdchen sein msse, dem in einer beschrnkten Huslichkeit, bei einer
strengherrschenden Mutter und einem schwachen, geistlosen Vater, solcher Verkehr
durchaus entzogen sei. Faustinens Sympathie ward rege. Cunigunde kam ihr wie ein
Echo ihres eignen Wesens vor. Ungeduldig, wie sie war, rief sie endlich:
    Nun, ich sehe ihr mit derselben Theilnahme entgegen, die sie fr mich
geuert hat! bringen Sie nur recht bald sie zu mir.
    Cunigunde war entzckt durch diese Botschaft, welche Feldern am Nachmittag
ihr hinaustrug, Frau von Stein zufrieden, da doch irgend etwas im Stande sei,
die Tochter aus der unnatrlichen Gleichgltigkeit aufzurtteln, und Herr von
Stein sehr gern bereit, mit ihr nach Dresden zu fahren und ihr ein kleines
Amsement zu verschaffen.
    Faustine dankte in ihrer Seele dem Himmel, der ihr so gndig von allen
Seiten Menschen zusandte, mit denen sie sich gut unterhielt. Mario war da,
tglich, ja, wenn sie es gewnscht htte, stndlich; Mario, der sie so gut
verstand, auf Ernst und Munterkeit einging, stets das zu sagen wute, was, wenn
es ihr auch nicht gefiel, doch sie zum Widersprechen anregte, woraus hervorgeht,
da es keine flache Aeuerungen waren; Mario, um den allmlig eine hohe
Leidenschaft starke Wellen schlug, die sein Herz umdrngten und ihn zu dem
schnen Stern der Meere hintrugen, welcher alle Wogen zu einem Element des
unermelichsten Glanzes verwandelte; Mario, an den sie so oft, so gern, mehr als
sie wollte, dachte - nicht um ihn zu lieben, aber um sich an diesem Dasein voll
seltner Kraft und seltner Gaben zu freuen und zu erquicken - so whnte sie.
    Dann war auch Clemens da; doch weder erfreulich noch erquickend fr sie -
wie sie es frher wol gewhnt. Die letzten Tage in Oberwalldorf hatten ihr die
Ueberzeugung aufgedrngt, da er eine lebhafte Neigung fr sie hege; aber sie
glaubte sich auf eine Weise gegen ihn benommen zu haben, die auf immer jede
Hoffnung in ihm tdten und ihm das Unstatthafte seiner Empfindung dargethan
haben mute. Als er in Dresden erschien, hielt sie ihn fr erwacht aus seinem
Traum, denn es war ihr unmglich, an eine dauernde Liebe ohne Erwiderung zu
glauben, und sie hoffte ihm vielleicht von einigem Nutzen bei seinem Eintritt in
die Gesellschaft zu sein, und seine frische, unverdorbene Seele vor bsen
Einflssen zu bewahren. Doch das gestaltete sich sehr bald ganz anders. Clemens
hatte keineswegs ein Gefhl aus seiner Brust verbannt, das ihn einst berhrte,
wie der Sonnenstrahl die eingewickelte Raupe. Faustine war ihm nun einmal zur
Hieroglyphe fr Schnheit und Glck geworden: bei ihr verstand er jene, durch
sie verstand er dieses. Aber das Wesen, das uns in den zwiefachen Himmel der
Schnheit und des Glcks erhebt - lieben wir es nicht? ist Liebe etwas Andres,
als Offenbarung unendlicher Schnheit und unendlichen Glcks? - So dachte
Clemens in den langen den Tagen, die auf Faustinens Abreise von Oberwalldorf
folgten, und da sie ihn nicht liebe, dachte er auch wol zuweilen, aber nie ohne
den demthigen Zusatz: wie htte ich auch das verdient? ist's nicht meine
Seligkeit, ihr mein Herz zu geben? das ihre will ich ja gar nicht. Wird nicht
der Bettler von der Frstenkrone erdrckt? aber nehmen soll sie mein Herz;
nehmen mu sie es - wenn sie es in den Staub trte .... nein, das kann sie
nicht! sie mu den Werth eines Herzens erkannt haben, so wie die Gottheit ihn
erkennt. Mit diesen Gedanken kam er aus dem Einerlei seines beschrnkten
thtigen Lebens nach Dresden. Hier sah er Faustine in ganz andern Verhltnissen
als zu Oberwalldorf. Sie war umringt, bewundert, gefeiert, Mnner und Frauen
wnschten sehnlichst ihren Umgang, ihre Bekanntschaft; wer ihr nahte, huldigte
ihr, und was mehr ist - huldigte ihr gern. Ihm kam es vor, als ob alle Mnner
sie liebten, das Herz vor ihr niederlegten; als sei das seinige dadurch im Werth
nicht, aber im Preise gesunken. Wodurch sollte er denn ihre Augen, die
verwhnten, auf sich ziehen? Er verlief sich unter der Menge. Er wurde
eiferschtig, wie ein Kind, ohne Gegenstand, ohne Grund. Dies Aufpassen, dies
Haschen, dies Lauern machte ihn unzufrieden mit sich selbst, und deshalb wurde
er verdrielich und Faustine zur Last, die gar nicht wute, was mit diesem
Menschen anfangen, als - ihn wegzuschicken, und dazu hatte sie kein Recht.
Bisweilen, wenn er allein mit ihr war, rhrte seine Andacht sie, und sie war
freundlich und herzlich nach ihrer Weise; wie sie selbst sie bezeichnete: Ich
bin freundlich gegen alle Menschen - die mir gefallen, - aber sobald sie
freundlich war, gerieth Clemens in Entzcken, und sie mute spotten und lachen,
um dadurch seine Freudenflammen ein wenig zu dmpfen. Kamen nun gar andre
Menschen hinzu, gegen welche sie gleichmig freundlich war, weil sie ihr keine
Veranlassung gaben, ihr Benehmen zu ndern; kam vollens der gehate Mario, von
dem Clemens sehr schnell erkannte, da er fr Faustine in einer andern Reihe,
als ihre gewhnlichen guten Freunde stehe, nmlich in gar keiner und ganz
abgeschieden - so tobten Wogen von Groll und Bitterkeit durch seinen sonst so
sanften Sinn, und sein Mangel an Erziehung veranlate ihn zu einem Benehmen,
welches ihn bald lcherlich, bald unertrglich machte. Faustine hatte gehofft,
die Furcht, lcherlich zu erscheinen, wrde ihn, der nicht ohne Schchternheit
war, in seinen Grenzen halten, aber die Leidenschaft bersprang und berwog jede
Rcksicht. Jetzt war Faustine ganz gleichmig ernst gegen ihn und er kam
seltner. Sie fragte ihn einmal, wo und mit wem er seine Zeit hinbringe, und er
antwortete:
    Mit jungen Knstlern! ich will auch Maler werden.
    
    Sie lachte, aber sie freute sich, da er doch irgend eine Beschftigung
habe, da das nichtsthuerische Leben ihm, dem Arbeitgewohnten, leicht gefhrlich
werden konnte.
    Cunigunde kam. Faustine empfing sie mit der ganzen Holdseligkeit, die sie
bezaubernd machte, und die immer, wenn ihr Herz berhrt wurde, wie eine Glorie
sie umflo. Sie waren lieblich anzusehen, die beiden schnen Gestalten!
Cunigunde glich der Nacht mit ihrem dunkeln Haar, das sich in schweren Locken um
ihr vornehm feines, regelmig edles, mehr schmerzens- als krankheitsblasses
Gesicht ringelte; die schmalen Lippen waren fest geschlossen, sie hatten selten
gelchelt, nie gekt; die lnglichen Augen fast immer gesenkt, doch wenn die
Wimpern sich hoben, so brach hinter ihrem schwarzen Gitter ein geheimnivoller
Strahl an, der gleich einem feuchten, zitternden Mondlichtstreif zum Himmel
stieg, oder vom Himmel kam. Faustine dagegen war wie der Tag hell, durchsichtig,
ein Krystall, worin Purpur, Gold, Azur und Rosenroth sich schmolzen. Ihren Kopf
konnte nur ein Dichter erfinden, Cunigundens - ein Bildhauer. Sie war die in
Frauenform verhllte Essenz einer halbromantischen, halborientalischen Poesie -
Leidenschaft und Phantasie vorherrschend, zwei Dinge, die sich gewhnlich
einander ausschlieen, und in ihr sich vereinigten, wie der Lucifer ins
Morgenroth hineinstrahlt. Aber nicht die Nacht allein - auch der Tag hat seine
Geheimnisse. Wer kann am hohen Sommermittag den Blick aufwrts kehren und in den
Himmel hinein sehen, der wie polirter Stahl leuchtet und funkelt? es wird stets
ein zitternder Schleier, wie von durchsichtigen Goldflittern, vor den Augen
hngen; und diese Atmosphre umgab Faustine, diese Atmosphre war es, welche sie
schied von der Masse der nchternen Menschen und sie fr Einzelne
unwiderstehlich machte. Sie stand darin, wie die Palme in der tropisch blhenden
Oase, wie die Peri in ihrem feenhaften Reich. Und diese Atmosphre zerschmolz
alle Fesseln an Cunigundens eingekerkerter Seele eben so pltzlich, wie sie die
Schwingen von Marios freier Seele versengt hatte. Sie erzhlte Faustinen ihre
einfache, kurze, traurige Geschichte: wie sie vor vier Jahren mit Feldern sich
willig und gern verlobt habe, wie es ihr aber trotz dessen jetzt eine
Unmglichkeit sei, seine Gattin zu werden, und wie sie als eine Kranke behandelt
werde, weil sie keinen Grund fr diese Umwandlung anzugeben wisse. Sie sagte mit
einem unbeschreiblichen Ausdruck von Melancholie:
    Hypochonder und nervenschwach nennt man mich! Ach, nicht die Nerven - die
Seele ist schwach! die frchtet eine Last auf sich zu laden, der sie nicht
gewachsen ist.
    Nennen Sie Ihre Seele nicht schwach, sondern klar! rief Faustine. Allen
Zgeln, allen Lenkungen zum Trotz, lt sie sich nicht durch die Verhltnisse
bestechen, sondern erkennt den Weg, auf welchen ihr Heil nicht liegt. Haben Sie
je so verstndig, so berlegt mit Herrn von Feldern gesprochen?
    Wie oft! aber er versteht mich nicht. Ich denke, da Mnner nicht gleich
uns Fhlfden an ihren Seelen haben.
    In gewhnlichen Zustnden mgen wir ihnen an Takt und Feinheit berlegen
sein, sagte Faustine, Andlaus eingedenk, mit tiefer Innigkeit; aber wenn ein
Mann liebt - und das geschieht fter, als die Frauen es eingestehen wollen - so
umfngt er wie eine Sensitive das Geliebte, und fhlt frher, strker jede
dmmernde Regung, jede Wolke der Empfindung, jeden keimenden Dorn der
Mistimmung, jede schwellende Knospe des Glcks. Aber freilich - lieben mu er.
Liebe ist ewig der Ring des Djemschid, welcher das Verstndni der Dinge
verleiht.
    Feldern liebt mich .... sagt er -
    Ja ja, sprach Faustine und ein Schatten von Cunigundens Melancholie legte
sich auf ihre bltenweie Stirn, Erinnerungen zogen wie finstre Trume ihrem
innern Auge vorber - die Mnner lieben auf allerlei Weise, und es giebt
freilich eine, die uns elender macht, als je ihr Ha uns machen knnte. Von der
rede ich nicht; denn wenn ich von ihr redete - fgte sie mit dem leisesten,
bebenden Ton hinzu, aber ihr Auge flammte und ihre Wange glhte - so knnte ich
nicht anders als sie verfluchen.
    Sie prete krampfig beide Hnde vors Gesicht und schttelte den Kopf, da
ihre Locken wie Bche die Hnde berrieselten. Dann warf sie Kopf und Haar
zurck, ihr Anblick tauchte beruhigt aus der Flut der Erinnerungen auf und sie
strich lchelnd, trumerisch ber die Stirn, als htten Gespenster sie geneckt.
    Erschrecken Sie nur nicht ber mein rasches, heftiges Wesen, bat sie
lieblich. Ich habe nun einmal eine Seele, deren Normalzustand ein fiebernder
ist. Damit hat man goldenselige Phantasien oder grausige Phantasmagorien; aber
letztere kommen mir selten und immer seltner. Von Ihnen wollen wir sprechen.
Sagen Sie mir, wie sich Ihr Schicksal in Ihrer Familie gestalten wrde, wenn sie
entschieden mit Herrn von Feldern brchen?
    Ich glaube fast, da ich zu gleicher Zeit mit meiner Familie brechen wrde,
denn meine Mutter ist nicht daran gewhnt, da wir ihren Wnschen entgegen
handeln und sie wnscht meine Verheirathung.
    Nun? fragte Faustine gespannt, als Cunigunde nach diesen Worten schwieg.
    Ich habe keine Aussichten, keinen Trost, keine Hoffnung. Meine Zukunft ist
eine undurchdringliche Nacht. Was ich auch thun mge - Schmerz und Kampf sind
mir auf jedem Wege gewi! doch Elend nur in der Verbindung mit Feldern.
    Gott! sagte Faustine, welch unglaubliches Leid verzweigt sich durch
anscheinend friedliche, einfach glckliche, harmlose Verhltnisse. Ueberall nagt
und schleicht und brennt ein Gift, und Keiner kann den Andern retten, nicht
einmal den Geliebtesten. Jeder mu seinen Kampf selbst durchfechten, und mit
seinem Blut bezahlen, und fr Jeden ist er immer so, als wre noch nie etwas
Aehnliches dagewesen; denn immer sind die Umstnde so verschieden, da Niemand
sein eignes Beispiel als einen Rath darbieten darf.
    Sie sprachen viel miteinander, wie alte Freundinnen, und das erleichterte
Cunigundens zusammengepretes Herz wenigstens von der beschmenden Qual, mit
ihren tiefsten, heiligsten Empfindungen als eine beklagenswerthe Kranke
dazustehn. Sie blieb den ganzen Tag bei Faustinen. Sie sang ihr vor - und nicht
mit der kalten, seelenlosen Stimme, wie sie einst in Mengens Gegenwart auf
Felderns Wunsch gesungen, sondern wie man eben singt, wenn das Herz berfliet.
Faustine hrte ihr mit wahrer Andacht zu, denn sie war immer andchtig, sobald
sie einen Herzschlag vernahm, und sann nach, ob sie nichts fr Cunigunde thun
knne, ihr einen Zufluchtsort schaffen, ihr Mittel zu einer selbstndigen
Existenz an die Hand geben; und dazwischen fiel ihr ein, ob Andlau nicht
unzufrieden sein wrde ber ihre Einmischung in so zarte Verhltnisse, und ob
sie kein Unrecht gegen Feldern beginge, der ihre Vermittelung zur Vereinigung,
nicht zur Trennung gesucht. Sie hatte ihn zwar gleich auf ihre Handlungsweise
vorbereitet - - da kam Feldern. Ich werde ihm gleich reinen Wein einschenken,
sagte sich Faustine heimlich. So wie er gemeldet war, vernderte Cunigunde sich
augenscheinlich, wurde gezwungen, scheu und befangen. Sie verlie das Piano, die
Kehle hatte keinen Ton, die Brust keinen Athem mehr, und als er eben in den
Salon getreten war, sagte sie ngstlich:
    Ich begreife nicht, warum mein Vater nicht kommt mich abzuholen; es mu
schon recht spt sein.
    Zum Glck langte Herr von Stein bald darauf an, und htte er auch recht gern
Faustinens Einladung, den Abend bei ihr zuzubringen, angenommen, so kam ihm doch
Cunigunde ablehnend zuvor. Sie bat Faustine um Erlaubni, sie in ihren einsamen
Stunden einmal wieder besuchen zu drfen, erhielt sie gern, und schied dankbar.
    Wie finden Sie Cunigunde, gndige Grfin? fragte Feldern erwartungsvoll.
    Eben so schn als liebenswrdig - und verstndig.
    
    Und verstndig? - dann hat sie nicht ehrlich zu Ihnen gesprochen.
    Sie hat! warum sollte sie nicht?
    Weil sie sich ihrer Thorheit schmt.
    Feldern! rief Faustine heftig, die Thorheit dieses Mdchens ist
tiefsinnige Weisheit.
    Hten Sie sich, in der nebulsen Schwrmerei, in der vagen Exaltation
wahren und krftigen Schwung des Gefhls wahrnehmen zu wollen.
    Cunigunde ist ruhig und klar in sich, so weit es ein zwanzigjhriges
Mdchen sein kann: sie will nicht einen Mann heirathen, den sie nicht liebt, und
das nenne ich vernnftig.
    Aber whrend vier langer Jahre hat sie ihn heirathen wollen.
    Sagen Sie lieber, da whrend dieser Jahre die Einsicht ihres Irrthums sich
in ihr entwickelt hat.
    Wie oft soll es den Frauen erlaubt sein, solchen Irrthum zu begehen?
fragte Feldern gereizt und bitter.
    Erlaubt - nie; zu vergeben - immer; sprach sie sehr sanft.
    Feldern schwieg eine Weile; dann fragte er wieder: Und was wird das
Schicksal Cunigundens sein, wenn sie bei ihrem Willen beharrt? Wird sie einen
Mann finden, der ihren exaltirten Ansprchen gengt? wird sie ihr herrliches
Wesen an einen Unwrdigen verschleudern?
    Cunigunde sieht so ernst und fest aus, als brauche sie nicht die Sttze,
welche ein Mann geben kann, um ihren Weg durch das Leben zu machen. Gewi ist's,
da sie keine solche wnscht, da ist die Gefahr nicht gro, an einen Unwrdigen
zu gerathen.
    So begann Feldern allmlig die Mglichkeit einer Trennung zu fassen, und er
war mit Faustine in ernste Ueberlegung dieses wichtigen Gegenstandes vertieft,
als Clemens hchst unwillkommen Beide strte. Eintretend warf Clemens einen
zornfunkelnden Blick auf Feldern und einen vorwurfsvollen auf Faustine, zog
einen Lehnstuhl, setzte sich bequem zurecht und fragte hmisch:
    Stre ich etwa?
    Ja, sagte Faustine sehr unmuthig.
    Behte der Himmel! rief der rcksichtvolle Feldern, dies Gesprch kann ja
in jeder Minute unterbrochen und wieder angeknpft werden.
    Das ist schn! sagte Clemens. Ich war heute zweimal vergeblich vor Ihrer
Thr, Grfin Faustine, Mittags um zwlf, Nachmittags um vier Uhr: beide Mal
sagte mir der Diener, Sie wren nicht zu Hause. Jetzt ging ich wieder vorbei,
und da ich Licht in Ihrem Salon sah, kam ich herauf, in der festen Ueberzeugung,
dieselbe Antwort zu bekommen -
    Aber Sie tuschten sich, wie Ihnen das schon Millionen Mal passirt ist,
sagte Faustine kaltbltig, ohne seine Impertinenz zu beachten, fr welche
Feldern ihn sprachlos mit strafenden Augen ansah. Dann wendete sie ihm den
Rcken und unterhielt sich mit Feldern ber Vorflle in der Gesellschaft und
Erscheinungen in der Kunst und Literatur. Eine momentane Pause benutzte Clemens,
um im vernderten, demthigen Ton die Frage zu thun:
    Sie waren doch nicht etwa krank heute, Grfin Faustine?
    Nein, ich war sehr wohl, antwortete sie khl und kehrte sich wieder zu
Feldern mit einer gleichgltigen Bemerkung ber die bodenlose Gesprchigkeit
irgend einer Dame. Es thut mir immer leid um all' die schnen Worte, die sie so
kreuz und quer und mit vollen Hnden ausstreut. Man kann viel durch ein Wort
ausrichten, wenn man nur nicht sich und andre daran gewhnt hat, da man die
Worte mibraucht. In ihrer Zusammenstellung kann eben sowol als in ihrer
Betonung eine deutliche Nancirung vernderter Zustnde liegen. Wenn Jemand an
mich schreibt: meine theure Faustine! - der sonst schrieb: liebe Ini, oder
kurzweg: Ini - denn in der bloen Nennung des Namens ohne verherrlichende
Adjectiva liegt die tiefste, koncentrirteste Innigkeit - so wei ich, da seine
Zrtlichkeit eine retrogade Bewegung gemacht, welche sich im nchsten Brief, den
ich vielleicht nach einem halben Jahr erhalten werde, in Hochachtung umgesetzt
hat, was mir die: verehrte Grfin! ankndigt.
    Ist Ihnen das wirklich schon begegnet? fragte Clemens neugierig. Er suchte
an der Conversation Theil zu nehmen, von der Faustine ihn so absichtlich
ausschlo. Aber wenn sie auch erwiderte:
    Ich spreche nur beispielsweise von mir - so wrdigte sie ihn doch keines
Blicks, und Clemens verzweifelte innerlich, da er sich von seiner kindischen
Eifersucht hatte hinreien lassen, die ihm jetzt so thrig und unpassend wie
mglich erschien.
    Nachdem Feldern gegangen, sagte Faustine zu Clemens, der noch immer ganz
unbeweglich in seinem Lehnstuhl verharrte:
    Gute Nacht, Herr von Walldorf.
    Er fuhr zusammen. Herr von Walldorf? fragte er verwirrt.
    Ja, ich meine Sie.
    Und was habe ich Ihnen gethan, da Sie mich pltzlich so fremd behandeln,
mich fortschicken, obgleich ich Sie heute den ganzen Tag nicht gesehen? -
    Mir haben Sie nichts gethan! merken Sie sich das ein fr alle Mal: eine
Unart trifft nicht mich, sondern den, der sie begeht. Ihr schlechter Ton
verletzt mich noch mehr in Ihrer, als in meiner Seele, weil er von einer
auerordentlich starken Indelicatesse zeugt. Ich mte Sie wie ein Kind
behandeln und Ihnen jedes unpassende Wort verweisen, wenn es mir nicht zu
langweilig wre als Bonne aufzutreten, einem vernnftigen Menschen gegenber. Da
ich das nicht mag, werde ich Sie fremd und frmlich behandeln, um Sie auf diese
Weise an die Schranken zu erinnern, welche Sie stets geneigt sind zu
berspringen. Aber ein Mann, der mich dazu zwingt, wird mir ber kurz oder lang
unausstehlich. Die Mnner sind von Natur tppische Gesellen! ward das nicht
durch Erziehung und Sitte gesnftigt, so behte mich der Himmel vor ihrem
Umgang.
    Clemens rang die Hnde. Wie kann ein scherzhaftes Wort -
    Niemand versteht besser den Scherz als ich, unterbrach Faustine; darum
habe ich auch sehr gut verstanden, da Sie nicht scherzen, sondern sehr
ernsthaft sein wollten, was wirklich bei dieser Gelegenheit nicht blos ins
Gebiet des Scherzes, sondern in das der Lcherlichkeit fllt.
    Sie lachte, und Clemens rief erleichtert Gottlob!
    Faustine sagte mit ihrem gewhnlichen sanften Ton und hellen Blick: Ich bin
ja so gern die Freundin meiner Freunde! zwingen Sie mich doch nicht, Ihr
Zuchtmeister zu sein. Dazu sind ja die Feinde gut.
    O, Sie sind eine Himmlische! rief Clemens beseligt und ergriff ihre Hand;
setzte aber langsam hinzu, als Faustine die Hand losmachte: Nur aber grausam.
    Sehen Sie je, da ein andrer Mann alle Augenblicke meine Hand anpackt?
fragte sie ein wenig gelangweilt.
    Nein; aber es liebt Sie auch Keiner wie ich.
    Irrthum! Alle haben mich lieber, als Sie. Alle vermeiden mir lstig zu
werden und mir zu mifallen.
    Aber fr Einen knnten Sie doch eine Ausnahme machen?
    Und warum das?
    Eben weil er Sie liebt.
    Das gengt nicht! ich mu ihn wieder lieben.
    Er sah sie an. Sie sa auf dem Sopha, in die Ecke zurckgelehnt, das feine
goldene Kettchen, woran ihre Lorgnette hing, nach ihrer Gewohnheit um die Finger
schlingend und wieder ablsend, der Kopf seitwrts gesenkt, der Blick zerstreut,
so zerstreut, da Clemens, der auf dem Punkt gewesen war, ihr zu Fen zu fallen
und um ihre Liebe zu bitten und zu flehen, selbst ganz zerstreut wurde, und
gleichsam beruhigend halblaut zu sich selbst sprach:
    Sie kann wol nicht lieben. - Und damit ging er.
    Mengen klagte auch am nchsten Tage ber Faustinens Unsichtbarkeit, aber es
geschah in einem andern Ton. Fr ihn war es wirklich, als habe die Sonne nicht
geschienen. Eine Stunde, oft nur eine halbe Stunde, bei ihr zugebracht gab ihm
eine Freudigkeit, die dreiundzwanzig Stunden lang anhielt. Er konnte sie nicht
so oft sehen, als er wnschte; denn wenn auch eine einzige Minute schon ihm ein
Glck war, so sehnte er sich doch immer nach ihrer Allgegenwart, und wenn er
auch arbeitend und beschftigt am Schreibtisch sa, so war es ihm doch oft, als
beuge ihr Kopf sich lieblich ber seine Schulter, als sehe sie mit ihrem
magnetisch anziehenden Auge in das seine. Diese getrumte Allgegenwart verrieth
genugsam seine Wnsche. Aber er besorgte allein die Geschfte. Whrend der
Abwesenheit des Gesandten, im Sommer, hatte er sie bernommen, und gern; ihm war
Arbeit eine Lust; sie waren ihm geblieben. Der alte krnkelnde Chef hatte ihn
lieb und nahm oft seine Gesellschaft in Anspruch. Die Welt desgleichen, mit der
er sich eingelassen, ehe er Faustine gekannt. Jetzt waren ihm all' diese
Verhltnisse hchst lstig. Er mute zwischen ihnen und ihr die Zeit theilen,
die Zeit, welche bei ihr unschtzbar wurde; denn in jeder Secunde gewahrte er
einen neuen Reiz, eine neue Gabe bei ihr, und bei Andern nichts, als das
tausendfltig abgehaspelte Einerlei der nach auen gerichteten
Oberflchlichkeit. Ihr Wesen war so tief, da er oft ihre Anmuth darber verga;
aber die Form, worin sie sich hllte, war so verschwebend leicht, so heiter, so
s und lieblich, da es Thorheit schien, bei dieser Grazie den Ernst zu suchen.
Gerade dies seltene Gemisch vom Hchsten und Einfachsten - da die meisten
Menschen weder das Eine noch das Andre, und nur ausgezeichnete das Eine oder das
Andre sind - war ihm anfnglich so berraschend und spter so fesselnd
entgegengetreten, wie er nie geglaubt, da ein Weib es knne. Wenn er in ihr
Zimmer trat und die Thr hinter ihm zufiel, wenn er sie immer ernst beschftigt,
lesend, malend, schreibend, nachdenklich wie eine Muse fand, und wenn sie dann
so frhlich, wie ein der Schule entronnenes Kind, Bcher und Pinsel fortwarf und
ausrief: Ein gesprochenes Wort ist mir lieber, als zehntausend gedachte! jetzt
wollen wir plaudern! - oder ein hnlicher Ausruf, der immer einen Gedanken
verrieth oder enthielt, und auf den, als Begrung, Niemand rechnen konnte: - so
war er in eine Region entrckt, die sein Fu noch nie betreten, und in der er
sich doch heimisch fhlte, wie in seinem angestammten Eigenthum. Bisweilen
fielen ihm die ersten Aeuerungen ein, welche er ber Faustine gehrt; aber er
schenkte ihnen keinen festen Glauben. Es wird so viel Wunderliches in der Welt
geschwatzt! Doch hatte er nicht den Muth, Faustine zu fragen. Es war, als
frchte er sich, etwas zu hren, was ihm weh thun msse. Allein diese Furcht
nahm eine Maske vor und sprach: warum dies offne Wesen nach etwas fragen, was
sie mir unfehlbar ungefragt sagen wird.
    Doch von ihrem Verhltni zu Andlau sprach Faustine nie. Sie hielt es nicht
fr nthig, das Warum und Weshalb ihres Thuns darzulegen. Sie that. Mifiel das,
so ertrug sie es. Sich zu rechtfertigen, zu entschuldigen nur, war ihr nie
eingefallen. Andre mssen uns entschuldigen, pflegte sie zu sagen; wer fr
sich selbst Entschuldigungen aussinnt, knnte ja lieber das Mittel aussinnen,
ihrer nicht zu bedrfen. - Auch von Andlau selbst sprach sie wenig, und nie
anders als zufllig zu Personen, die ihn nicht kannten.
    Einmal kam Mengen zu ihr und fand sie umringt von Charten des Orients. Er
fragte, was sie studiere.
    Meine Reise in den Orient, entgegnete sie und entwickelte ihm den Plan,
dem sie die Frage anhing, ob er nicht von der Partie sein wolle. Er willigte mit
Jubel ein, und Faustine rief alle historische und poetische Erinnerungen auf,
welche gerade ber diese Reise einen so mchtigen Zauber verbreiten. Auf einmal
sagte sie:
    Einer von Andlaus Freunden ist Consul in Alexandrien geworden. Das schrieb
er mir heute, und dieser Freund nun ist der Grundstein zu meiner egyptischen
Hoffnungs-Pyramide.
    Sobald Herr von Andlau Sie begleitet, bin ich berflssig - sagte Mengen
sehr kalt, und ich denke, Sie dispensiren mich dann gern.
    Weshalb wollten Sie sich um die Freude bringen? fragte sie lieblich; und
kann ich denn je von zu vielen Freunden umringt sein?
    Ach, Sie machen mich zu Ihrem Sclaven - nicht zu Ihrem Freund.
    Wenn ich das thue - so haben Sie Recht, sich von mir loszumachen; aber ich
thue es unbewut.
    Es ist schner, in der Sclaverei bei Ihnen, als in schwer erkmpfter
Unabhngigkeit fern von Ihnen zu leben.
    Bilden Sie sich nur nicht ein, da ich Ihnen fr dies Compliment danken
werde; rief Faustine lachend; denn erstens ist's eine Fadaise, und zweitens
hasse ich die Sclaverei zu sehr fr mich, als da ich sie Andern auflegen
mchte. Wer nicht aus freiem Willen bei mir ist, bei mir bleibt - der kann
lieber heut' als morgen gehn; Rcksichten und Pflichten drfen ihn nicht halten.
Ich strbe lieber vor Hunger, als da ich ein Stck Brot von der Hand annhme,
welche ohne berquellendes Erbarmen, ohne antreibende Liebe, nur aus drrer
Verpflichtung es mir darbte. - Gehen Sie doch, Graf Mengen, gehen Sie, wenn
Ihre Freiheit durch mich beeintrchtigt wird - ich halte Sie nicht.
    Unbewut - wie Sie selbst sagten.
    Nun, wenn Sie nicht gehen knnen, so mssen Sie auch nicht klagen. Man mu
Fesseln brechen, nicht gegen sie rebelliren.
    Sind Sie wirklich im Besitz dieser seltenen Strke in jedem Augenblick, zu
jeder Epoche Ihres Lebens?
    Mein Leben ist so unaussprechlich einfach und einfarbig gewesen, da ich
nur ein einziges Mal Gelegenheit hatte, einen unbesieglichen Entschlu zu
fassen. Da revoltirte ich freilich, aber es war eine Revolution, aus der eine
neue Aera fr mich hervorging: deshalb hatte ich ein Recht dazu. Seitdem habe
ich, Gottlob! weder Kraft, noch Kmpfe, noch Entschlsse nthig gehabt, was
alles sehr unbequeme Dinge sind. Aber der Mann sollte doch immer unter den
Waffen stehn! er ist von so verschiedenen Seiten anzugreifen. Leidenschaften,
die wir kaum ahnen, beherrschen ihn oder versuchen es wenigstens; er mu nach
allen Seiten auf der Hut sein. Wir haben es immer nur mit der des Herzens zu
thun, was aber freilich auch die Sturm- und Wetterseite ist.
    Charakter haben - Wort und That, Meinung und Handlung in die genaueste
Uebereinstimmung, und beide dahin bringen, da sie Eins, da sie unsere
Wesenheit, da wir selbst Character werden: darin liegt die ganze menschliche
Wrde, und um sie stets zu behaupten, ist oft eine bermenschliche Kraft
erforderlich.
    Mag sein bermenschlich! rief Faustine mit strahlendem Blick, doch
zweifle ich nicht, da sie im entscheidenden Moment Ihnen zu Gebot stehen wrde.
O, Mengen, wenn Ihr klares, herrliches, entschiedenes Antlitz im Widerspruch mit
Ihrem Wesen wre, so wr' es mir ein Schmerz. Sie drfen nicht lgen! nicht von
der gemeinen Wortlge rede ich, sondern von der feinen, welche im Sein nicht
hlt, was die Erscheinung verspricht. Nicht wahr, Sie werden immer ganz Sie, und
so sein, wie ich Sie erkannt habe?
    Sie bog sich vor, und sah ihm fest ins Auge, und ihr Blick berhrte den
seinen wie der Strahl der aufgehenden Sonne das Meer. Am liebsten wr' er vor
ihr niedergekniet und htte ihr ewige Huldigung gelobt. Aber er begngte sich,
ganz leise mit den Lippen ihre feine Hand zu berhren, die erst gegen ihn
ausgestreckt, nun vor ihm auf dem Tische lag. Darauf sprach sie:
    Ich habe das Gelbde verstanden und nehme es an.
    Doch nun, rief Mengen, sich zusammennehmend, um nicht das Gefhl
ausbrechen zu lassen, nun mssen Sie mir irgend etwas geben, was mich stets
daran erinnert, was mich nie verlassen wird.
    Das ist billig! sagte sie. Herzog Christian von Braunschweig trug stets
einen Handschuh von Elisabeth von der Pfalz am Barett. Ich denke, mein gelber
Handschuh wrde von sehr gutem Effect auf Ihrem schwarzen Hut sein.
    Mario war aufgestanden und ging aus dem Salon in Faustinens Zimmer, an ihren
Schreibtisch. Da stand eine kleine, sehr schne, flache etrurische Schaale und
in derselben lagen Ringe und Petschafte. Mario nahm diese Schaale und brachte
sie Faustinen. Sie lie den Inhalt durch ihre Finger gleiten und whlte endlich
einen einfachen, starken Ring mit einer groen Perle und der Devise: Qui me
cherche, me trouve. - Sie fragte: Ist Ihnen der Ring recht?
    Statt der Antwort hielt Mengen seine Hand hin und bat sie, den Ring ihm
anzustecken und zwar an den sogenannten Ringfinger. Sie wollte es schon thun, da
besann sie sich pltzlich und sagte langsam:
    Nein, der Finger wird dereinst einen andern Ring tragen, welchem der
meinige weichen mte. Gnnen Sie ihm einen Platz, von dem er nicht verdrngt
werden kann. - Keine Einwendungen! rief sie lebhaft; ich bin eigensinnig! ich
will meinen eigenen Platz! sei er so klein wie mglich - ich will meinen
eigenen, unantastbaren Platz - oder gar keinen. Sie haben die Wahl.
    Sie haben zu befehlen, erwiderte Mario. Ich meine nur, da Sie jeden
Platz zu einem unantastbaren machen.
    O ja, wenn ich mich gleich auf einen solchen stelle, der nicht mit den
Ansprchen der Welt in Collision kommt. - Sehen Sie, an Ihrem kleinen Finger
nimmt sich der Ring ganz hbsch aus, setzte sie hinzu und schob ihn an.
    Nun erzhlen Sie mir auch seine Geschichte, bat er.
    Leider hat er keine, entgegnete sie lachend. Vor Jahren hab' ich ihn mir
ausgedacht, ihn machen lassen, ihn drei Tage getragen - dann bei Seite gelegt.
Er bezeichnet nur meine damalige Seelenstimmung. Die Menschenherzen kamen mir
vor wie versenkte Perlen, nach denen niemand fragt. Das war ein Irrthum -
Taucher fragen wol nach ihnen! darum gehren ihnen auch die Perlen.
    Am Schlu des Gesprchs war Mario so glcklich, da er ganz vergessen hatte,
wie niedergeschlagen er am Anfang gewesen. Faustine aber fiel, nachdem er
gegangen, die Frage aufs Herz: ob Andlau sehr mit diesem verschenkten Ringe
zufrieden sein wrde. In seiner Gegenwart htte sie ihn gewi verschenkt und
seiner Einwilligung sicher sein knnen; allein in seiner Abwesenheit! .... Der
Vorsatz, es ihm morgen zu schreiben, beruhigte sie. Es kam ja ganz einfach -
sprach sie zu sich selbst, ich bin nur so sehr daran gewhnt, auch das
Alltglichste mit Anastas zu theilen, da mir das Ungetheilte wie eine Last auf
der Brust liegt. Ich kann's wirklich nicht ertragen, so einsam fr mich zu
existiren, und wenn Mengen nicht hier wre! .... Gottlob, da er es ist.
    Ob diese Freude an seiner Gegenwart Andlaus Rckkehr berdauern wrde, ob
sie kein Unrecht an Mario thue, wenn das nicht der Fall - das kam ihr nicht in
den Sinn. Sie glaubte das Recht zu haben, sich aus voller Seele dieser
ansprechenden Erscheinung freuen und ihr hingeben zu drfen; sie sah darin keine
Gefahr. Wenn man dies nur Leichtsinn nennen wollte, so wrde man dennoch
Faustine Unrecht thun, obgleich wol in ihrem Wesen jene leichtbltige Mischung
war, welche den Leichtsinn erzeugt. Aber das Leben war ihr eine Aufgabe, sich
zur mglichsten Vollendung durchzuarbeiten, und jede Begegnung sollte ein neuer
Hammerschlag sein, um das Gtterbild aus der rohen Felsmasse befreien zu helfen.
Sie war von einer tiefen Herzensreinheit; nicht von der des Kindes, welches
berhaupt von keiner Schuld wei. Ihr heies Herz verstand jede Schuld, jede
Schwche - nur nicht fr sich selbst. Sie ma sich nie bei, die Absicht des
Schpfers mit den Geschpfen erkannt zu haben: nur fr sich hatte sie dieselbe
erkannt und sie lag in dem kleinen Wort: aufwrtsstreben. Jede Gemeinheit der
Lge, der Heuchelei, der Gefallsucht war ihr fremd - eben ihrer reinen Natur
nach, welche jeden Schein verachtete, und zu der hatte sie eine Zuversicht, die
auf nichts begrndet und durch nichts gerechtfertigt war. Was ihr begegnete,
nahm sie von hherer Hand gesendet an, um es zu ihrem Besten zu verarbeiten,
ohne Jemand dadurch zu beeintrchtigen. Aber wo zieht sich der Faden einer
Existenz so einsam hin, da kein fremder sich mit ihm verschlinge und verwebe?
da dieser nicht breche, wenn der Knoten in jenem zerrissen wird?
    Indessen kam der Brief fr Andlau am nchsten Tage nicht zu Stande,
wenigstens nicht so, wie es Faustinens Absicht gewesen. Sie wurde im Schreiben
berraschend gestrt, indem Frau von Stein sich bei ihr melden lie. Faustine
empfing sie uerst artig, aber jene nahm nicht sonderlich Rcksicht darauf, und
begann sogleich damit, ihr zwar in zierlichen Phrasen, allein ganz unverhohlen
Vorwrfe ber den ungnstigen Einflu zu machen, den sie auf Cunigunden gebt.
Das Mdchen sie nun erst recht in seinem Eigensinn bestrkt, und sowol Feldern,
als sie selbst htten ganz das Gegentheil erwartet. Faustine antwortete mit
einiger Befremdung, da sie Cunigunden gar keinen Rath gegeben, weil er nicht
von ihr verlangt sei, und da sie das Mdchen schon allzu entschieden gefunden
habe, um glauben zu knnen, da ihr oder irgend ein anderer Rath von
bestimmender Wirkung sein knnte. Aber nur eine Kranke konnte ich nicht in dem
schnen, edlen Geschpf erblicken, fgte sie hinzu, und das mag allerdings sie
erkrftigt haben.
    Jede Ueberspannung ist Krankheit der Seele, fiel Frau von Stein ihr ins
Wort; und Ueberspannung ist Alles, was uns durch berfeinerte Ansprche an
Glck unserer Bestimmung entfremdet, wol gar entzieht. Cunigunde ist unbemittelt
und ihre Zukunft durch nichts, als durch eine Heirath zu sichern. Fr jedes
Madchen ist es wnschenswerth und ehrenvoll, die Gattin eines so wackern
Menschen zu werden, wie Feldern. Ich aber wnsche nicht blos Cunigundens,
sondern auch ihrer Schwestern wegen, meine lteste, schnste Tochter zu
verheirathen; denn die beiden jngern werden stets durch sie in Schatten
gestellt sein, wenn sie im lterlichen Hause bleibt. Mir mu das Glck all
meiner Kinder am Herzen liegen, und ist die Eine thrig, so drfen die Andern
nicht darunter leiden.
    O Gott, seufzte Faustine, Cunigunde leidet aber.
    Ja, gegenwrtig, weil unser Aller Mivergngen sie drckt. Hat sie sich nur
erst berwunden und den Schritt gethan, welcher ihr jetzt unmglich scheint, so
wird ihr reines Herz in dem Bewutsein erfllter Pflicht die nthige Strke und
Erhebung finden, um sie mit ihrem Schicksal auszushnen. Und berdies geht sie
ja keinem entsetzlichen Schicksal entgegen. Feldern ist ein Mann, den eine
verstndige Frau lenken kann, wie sie will -
    Fhre uns nicht in Versuchung! sagte Faustine mit einem Ton, vor dem Frau
von Stein unwillkrlich verstummte. Nach einer Pause, in welcher Beide sich
scharf fixirten, sagte Faustine: Den geliebten Mann zu beherrschen, ist ein
momentaner Triumph unsres Herzens, das mit seiner Glut zuweilen den fremden
Widerstand schmilzt und doch schon heimlich bereit ist, den errungenen Scepter
niederzulegen. Den ungeliebten Mann zu beherrschen, ist eine Entwrdigung, weil
nur zwei niedrige Mittel diese Herrschaft geben knnen: die Heuchelei der Frau,
die Sinnlichkeit des Mannes; - und sie anwenden zu mssen wre kein
entsetzliches Schicksal? Wenn alle Welt sagt, der Mann ist glcklich dadurch!
und wenn er selbst sich vollkommen glcklich fhlt! und wenn es die hchste Ehre
einer Frau ausmacht, den Gatten zu beglcken - so sage ich dennoch, durch diese
Mittel ist die Frau entwrdigt - nicht vor der Welt, denn was wei die Welt von
einem reinen Herzen? und das allein giebt Adel und Wrde; - aber vor sich
selbst. Haben Sie doch Mitleid mit Ihrer Tochter, fhren Sie nicht sie in
Versuchung.
    Aber Faustinens Ansichten konnten keinen Eindruck auf Frau von Stein machen,
welche ihr Leben lang nach den entgegengesetzten gehandelt hatte. Sie sagte
daher:
    Bei der schneidenden Verschiedenheit unserer Meinungen werden Sie sich
gewi nicht wundern, Frau Grfin, wenn ich wnsche, da meine Tochter keinen
fernern Gebrauch von Ihrer Erlaubni macht, Ihren Umgang fortzusetzen.
    Faustine sagte traurig: Also nicht einmal mich sehen soll die arme
Cunigunde? .... Wenn es ihr nun aber eine Freude wre? setzte sie bittend
hinzu.
    Ich begreife nicht, entgegnete Frau von Stein scharf, welch seltsames
Interesse Sie an meiner Tochter nehmen.
    Ich liebe das Liebenswrdige - sprach Faustine sanft.
    Doch hat es einen gehssigen Anstrich, strende Verhltnisse zu
begnstigen.
    Der Vorwurf trifft mich nicht - sprach sie noch sanfter, und sogar Frau
von Stein wurde entwaffnet durch ihre Anmuth, und schied freundlicher, als sie
gekommen, aber unerschtterlich in Betreff Cunigundens.
    Kaum war Faustine allein, als sie einen Brief erhielt. Die Aufschrift von
unbekannter Hand machte ihr Herz ngstlich schlagen. Das Fremde ist so selten
etwas Gutes. Sie erbrach athemlos den Umschlag und fhlte sich wahrhaft
erleichtert, als sie die Unterschrift: Cunigunde - las. Diese schrieb:
    Meine Mutter wird Ihnen so eben sagen, da ich Sie nicht mehr sehen soll,
Holdselige! Das betrbt mich tief; denn nicht nur, da ich Sie immer sehen
mchte: ich habe auch eine dringende Bitte, die ich jetzt schriftlich an Ihr
Herz legen mu. Mein guter Vater ist mit mir einverstanden, er billigt meinen
Schritt, er untersttzt meine Bitte. - Unter den gegenwrtigen Verhltnissen bin
ich Arme leider dem lterlichen Hause eine Last geworden. Es ist bitter fr ein
Kind, das zu erkennen; doppelt bitter mir, weil ich selbst daran schuld bin und
es doch nicht auf die Weise ndern kann, welche man von mir wnscht. Aber das
Haus verlassen, wo ich Allen, nur nicht meinem armen lieben Vater, im Wege bin -
das kann ich allerdings und das will ich. Dazu mssen Sie, Sie wahrhaft Gndige,
mir behlflich sein. Sie haben Verwandte und Freunde in der Ferne, die Ihrem
Wort, Ihrer Bitte gern Gehr geben werden. Ach, fr sich selbst haben Sie wol
nie gebeten, Ihrem unausgesprochenen Wunsch sind gewi Alle zuvorgekommen. Nun
denn, so bitten Sie fr mich, da man mich aus Menschenliebe aufnehme, eine
Freistatt mir gnne, einen Wirkungskreis mir anweise, den meine geringen
Fhigkeiten ausfllen knnen. Einen andern Anspruch an diese groe
Barmherzigkeit, als den, da ich sie bedarf, habe ich freilich nicht, denn ich
bin ein unbedeutendes, unentwickeltes Wesen, das denen, die sich meiner annehmen
wollen, nichts verheien kann, als Dankbarkeit. Aber wenn Sie das Gewicht Ihrer
Bitte fr mich in die Schaale legen, so sinkt sie gewi herab. Zrnen Sie mir,
weil ich diese Zuversicht zu Ihnen habe? - Mein letztes Wort ist: mchte ich so
bald wie mglich so fern wie mglich sein.
    Nachdem Faustine mit tiefer Rhrung diesen Brief gelesen, schrieb sie ihn
ab, erzhlte Andlau ausfhrlich Cunigundens Geschichte und auf welche Weise sie
darin verflochten sei, beschwor ihn, bei seinen Schwgerinnen und wo man
Vertrauen zu ihm habe, nach einer Freistatt fr Cunigunden zu suchen, schlo die
Copie in ihren Brief, und dachte erst, nachdem er gesiegelt, da kein Wort von
der gestrigen Begebenheit darin stehe. Aber dies ist auch wichtiger - fgte sie
hinzu und schickte den Brief augenblicklich zur Post. - Da sie dem armen
Clemens versprochen hatte, sich heute auf dem Bassin des groen Gartens im
kleinen Eisschlitten von ihm fahren zu lassen - war ebenfalls gnzlich ihrem
Gedchtni entschwunden, und fiel ihr erst dann ein, als er in spter
Abendstunde sich bei ihr anmelden lie. Sie war eben an ihre Toilette gegangen,
um sich auf einen glnzenden Ball zu begeben, wo sie mit Mengen ber die
Vorflle des heutigen Tages plaudern wollte, also konnte sie Clemens nicht
annehmen. Eine halbe Stunde spter trat sie in den geschmckten Saal.
    Mengen stand mit Feldern so, da er den Eingang im Auge hatte, und obgleich
er lebhaft mit dem Freunde sprach, so flog doch sein zerstreuter Blick
unablssig dorthin. Feldern war sehr niedergeschlagen, weil der Bruch mit
Cunigunden unwiderruflich, und seine Achtung vor ihrem festen Willen seine
Neigung nicht verminderte.
    A revoir! sprach Mengen pltzlich; hernach reden wir weiter darber.
    Heute nicht mehr, sagte Feldern lchelnd, denn er folgte Marios Augen und
sah Faustine. Sie stand an der Thr, die Unmglichkeit einsehend, durch den
Kreis der Tnzer und das Gedrnge der Zuschauer zu brechen. Sie lehnte an dem
Pfeiler mit bereinander geschlagenen Armen - eine Stellung, die den meisten
Frauen wegen zu enger Kleidung unmglich sein drfte - und die Rechte tndelte
mit dem Fcher, den sie sinnend an den Lippen hielt, nachdem ihre Gedanken nicht
mehr durch die Umgebungen beschftigt waren. Das meergrne Kleid, die leichten,
lang herabfallenden Locken, die stille Traurigkeit, welche sich wie ein
silberner Schleier auf ihre weichen Zge legte, gaben ihr etwas so Aetherisches,
da Mario, whrend er sich Bahn zu ihr machte, unablssig sie im Auge behielt,
um sich zu vergewissern, da sie kein Traumgebild sei, oder um, wenn sie ein
solches sei, doch wenigstens wahrzunehmen, wie sie sich in Duft auflse.
    Welch ein allerliebst verdrieliches Gesichtchen bringen Sie auf unsern
muntern Ball, Grfin Faustine - sagte er, als er sie endlich erreicht.
    Es ist bel, da jede Trauer einen verdrielichen Beischmack hat,
antwortete sie gelassen.
    O keine Trauer heute! bat er, ich bin glcklich - noch von gestern,
glaub' ich! und dann hab' ich die Nachricht bekommen, da meine zweite Schwester
dem Ziel ihrer Wnsche, der Verbindung mit einem lngst Geliebten, durch
unvorhergesehene gnstige Umstnde ganz nahe ist. Die beiden Menschen haben sich
abgeqult und abgezehrt, und nun ist pltzlich das Glck da.
    Sagen Sie lieber, die Qual ist aus! ob das Glck nun kommt, ist fraglich.
    Sie hoffen es doch! - Wollen Sie mit mir walzen, Grfin Faustine?
    Ich kann heute keine lustigen Leute leiden, Graf Mengen.
    Ich bin nicht lustig, nur heiter.
    Wenn die Heiterkeit sich auf uere Dinge und Zeichen legt, wird sie
lustig.
    Nun, wie soll ich sein, um Ihnen zu gefallen?
    Theilnehmend - sagte sie und eine Thrne trat in ihr Auge.
    Mengen erbleichte. Sie weinte und er hatte sie geneckt, in guter Absicht
zwar, um sie von der Traurigkeit zu zersteuen, die er beim ersten Blick in ihrem
Gesicht entdeckt; aber sie weinte. Er nahm ihren Arm unter den seinen und fhrte
sie zu einem ruhigeren Platz in einer Fensternische. Da sagte er erst:
    Was ist Ihnen widerfahren? - Und Faustine erzhlte. Zum Schlu bat sie
ihn, seinerseits sich zu bemhen, damit Cunigundens Wunsch erfllt werden mge.
Feldern selbst mu uns dafr dankbar sein, fgte sie hinzu, wenn er nur das
geringste chte Gefhl fr dies edle Geschpf hat.
    Mengen hatte gespannt zugehrt. Er war beglckt, weil nicht Faustine
persnlich von einem Leiden heimgesucht; und zwiefach beglckt, weil er im
Stande war, das fremde, welches ihr so zu Herzen ging, zu heben. Er sagte:
    Thun Sie mir den Gefallen, sich recht innig ber die Verlobung meiner
Schwester Matilde zu freuen.
    Recht gern, mein lieber Mengen, besonders darber, da Sie ein so
zrtlicher Bruder sind, denn ich habe Sie nun doch einmal lieber, als Ihre mir
unbekannte Schwester Matilde.
    Aber diese Verlobung macht ja, da meine jngste Schwester, eine
allerliebste Person, nun ganz allein bei den Eltern sein wird, weshalb ich den
Auftrag habe, eine junge und liebenswrdige Gesellschafterin fr sie ausfindig
zu machen.
    Mengen! lieber Bester! ist es wahr? fragte Faustine mit innerm Jubel.
    Und da knnte ich wol keine liebenswrdigere finden, als Frulein Stein.
    Die Thrnen rollten rasch und hei aus Faustinens Augen. Dank! sagte sie,
o tausend, tausend Dank! Sie drckte seine Hnde, sie sah ganz verklrt aus.
    Sie sind ein Engel! sagte Mario rasch und leise.
    Ich nicht, sprach sie und trocknete die Augen; aber Sie! Sie bringen ja
eine himmlische, eine rettende, trostreiche Botschaft.
    Wer sich so freuen kann, ist ein Engel! der gewhnliche harte, kalte,
engherzige Mensch hat kein solches Mitgefhl.
    Wenn Sie wten, wie froh Sie mich machen! dies ist der erste gute
Augenblick, den ich heute gehabt. Ich konnte gar nichts fr Cunigunden thun!
solch Wesen pat nicht berall hin. Unter meinen nhern Bekannten konnte ich
niemand ausfindig machen, mit meiner Schwester wrde sie nicht harmonirt haben -
und nun nehmen Sie mir die schwere Sorge vom Herzen. Nicht wahr, Sie schreiben
gleich morgen frh an Ihre Eltern? ich werde Ihnen Cunigundens Brief senden,
damit die Ihrigen sich berzeugen mgen, wie anspruchlos sie auftritt. Nicht
wahr, Sie zweifeln nicht, da es uns glcken wird, sie aus ihren trben
Verhltnissen zu erlsen? Machen Ihre Eltern, macht Ihre Schwester besondere
Ansprche an die Gesellschafterin?
    Gar keine, als da sie musikalisch sei.
    Das ist Cunigunde! sie singt lieblich.
    Sie hat freilich eine glockenreine Stimme, aber ihr Gesang lie mich
eiskalt.
    Kurz, sie singt und spielt das Piano - das ist die Hauptsache. - O ich bin
froh ber die Verlobung Ihrer Schwester Matilde! .... Wollen wir walzen?
    Sie tanzte selten, weil sie es bernatrlich langweilig fand, den Tanz,
diesen jubelnden Ausdruck des Frohsinns, bis zur Ermdung und Erschlaffung durch
lange Stunden, gleich einer aufgegebenen Arbeit, auszudehnen. Es wrde ihr eben
so unmglich gewesen sein, einen ganzen Abend hindurch zu tanzen, als zu lachen.
Was sie auch that - es geschah nie ohne eine innere Nothwendigkeit. Darum tanzte
sie auch wie Niemand sonst, obschon ihre Bewegungen so regelrecht waren, wie vom
Tanzmeister eingebt.
    Faustine wollte Mario eine Freude machen, darum tanzte sie mit ihm. Als
mehre andre Herren sie um gleiche Gunst baten, sagte sie lachend:
    Sie kommen zu spt! - und war zu keinem Schritt zu bewegen; was man denn
freilich wunderlich genug fand.
    Ich mute heute doch einen Spa haben, sagte Faustine zu Mengen, nachdem
ich einen sehr hbschen versumt - eine Fahrt auf dem Eise im groen Garten mit
Walldorf; Alles wegen der bewuten Angelegenheit. Auch mein Diner hab' ich
darber versumt! um vier Uhr war ich in Schreiberei vertieft, und hernach, als
meine gewohnte Speisestunde vorber - hatte ich keinen Hunger mehr.
    Es mu immer Jemand Ihnen zur Seite stehn, der fr Sie sorgt: sonst
begreife ich nicht, wie Sie durch das Leben kommen sollen, Grfin Faustine.
    Es ist mir auch unbehaglich genug.
    Fr das verlorne Diner kann ich Ihnen freilich keinen Ersatz bieten. Wollen
Sie sich aber morgen von mir im Eisschlitten fahren lassen, so sind Sie wol
sicher, da Sie mich erfreuen.
    Ich bin heute in gndiger Stimmung fr Sie - dann thue ich Alles, was man
wnscht, und sage gewi nicht Nein.
    Thun Sie das je, wenn ein Anderer Ja sagt?
    Wenn ich nicht diesem Andern gegenber meine Selbstndigkeit dadurch
verloren, da ich ihn liebe - so mu ich allerdings fr mich selbst denken und
handeln, und dann kann es kommen, da ein sehr dezidirtes Nein seinem Ja
begegnet. Uebrigens hasse ich Nein und Ja, und all diese trocknen, scharfen
Worte, die pltzlich den sanften Lauf der Dinge hemmen, wie die Schleuse den
Bach. Bei Menschen, die berhaupt sich verstehen, folgt die ganze Entwickelung
des Charakters, des Verhltnisses so unumgnglich klar aus dem ersten
Verstndni - welches nichts ist, als die erste Begegnung in ihrer primitiven
Frische - da eine Frage, auf welche Ja oder Nein folgt, mir ganz possierlich
vorkommen wrde. Fragte mich Jemand: lieben Sie mich? so knnte ich doch gewi
nichts Besseres thun, als dem Tropf den Rcken zukehren, der das Ja oder Nein
nicht lngst gemerkt hat.
    Die Frauen lassen uns so hufig in Zweifel ber ihre eigentlichen Gefhle,
und treiben so hufig allerliebste Koketterie mit fremden, da solche
unschuldige Frage uns armen, schlichten Mnnern erlaubt sein drfte.
    O die Mnner sind rhrend in ihrer Einfachheit! rief Faustine hchst
belustigt. Wesen, die immer sich arrangiren, berechnen, auf ihrer Hut sind,
sollen sich pltzlich zu einer Simplizitt erheben, welche die Gefhrtin der
Kindesunschuld ist oder - der weltgroen Leidenschaft, denn diese wirft allen
den Flitterkram der Eitelkeit und der Mode von der brennenden Stirn und dem
mchtig schlagenden Herzen.
    Grfin Faustine, sagte Mario ganz ernst, Sie werden mich von Vorurtheil
fr mein Geschlecht befangen nennen - dennoch ist es meine tiefste Ueberzeugung,
da ein Mann leichter als das Weib eine weltgroe Leidenschaft fat.
    Fr das Spiel, zum Exempel, fr's Gold, fr den Ruhm - ja, das glaub' ich.
    Nein, grade die Leidenschaft, welche Sie im Sinn hatten.
    Gut! auch fr die Frauen.
    Nicht fr die Frauen, Grfin Faustine, fr eine Frau.
    Richtig! ich besinne mich, da Sie auch nur den Mann der Begeisterung fhig
halten. Sie sind consequent, lieber Mengen, consequent in der Verblendung und
Parteilichkeit. Nicht wahr, nur die Mnner sind consequent?
    Der Ausgleichung wegen sind die Frauen eigensinnig.
    Das kommt auf eins heraus.
    Nicht ganz; der Eigensinn beharrt bei Grillen und Launen. Zur Consequenz
gehrt das Fundament einer bestimmten Ansicht, welche zur Richtschnur wird beim
Aufbau des Gebudes.
    Aber diese Richtschnur kann eben so falsch wie eine Grille sein.
    Falsch allerdings - dann mu der Baumeister sein Gebude niederreien. Aber
es ist doch kein solcher Wirrwarr in seinem, als in demjenigen Kopf, der ohne
Plan baut, der heute fr eine corinthische Sulenhalle schwrmt, morgen eine
gothische Thr dahinter wlbt, und bermorgen das Ganze mit einem chinesischen
Dach krnt.
    So geschmacklos sind die Frauen nicht! rief Faustine entsetzt.
    Ihr Knstlerauge stt sich an den falschen Proportionen -
    Und sollte das nicht auch die Seele thun?
    Ja, wenn sie unverwirrt ist, wenn sie sich nicht von ihrem ersten Plan
abbringen lt, sobald sie den Grundstein dazu gelegt. Aber sagen Sie selbst,
sagen Sie die Hand auf dem Herzen: kann man zu einer Frau diese Zuversicht
haben? Sind sie nicht immer schwankend, weil sie schwebend - zerbrechlich, weil
sie zart - lenksam, weil sie beweglich sind? Grfin Faustine, sind Sie sicher,
da diese Cunigunde, welche jetzt vor unser Aller Augen einen dorischen Tempel
auffhrt, in dem nur ernste Gtter wohnen knnen - in diesem strengen Styl
beharren werde?
    Nein! rief sie fast ngstlich; aber schn wird er immer bleiben. Und
berhaupt - wo ist denn der Mann, der so endet, wie er begonnen hat? erfllt er
alle Erwartungen, entspricht er allen Wnschen, berwindet er alle Versuchungen?
reit nie der Faden, aus welchem er das Gewebe seines Lebens bildet?
    Er reit, allein einen andersfarbigen knpft er nicht an.
    So denken wenig Mnner! da Sie zu den Ausnahmen gehren, glaube ich gern.
    Die Frauen klagen ber den Wankelmuth der Mnner, die Dichter singen davon,
dicke Bcher sind damit voll geschrieben - und wer mag ergrnden, ob der erste
Zweifel an Treue, und somit der erste Schritt zum Wankelmuth, nicht zuerst durch
die erste Geliebte in die Brust des Mannes gehaucht ward!
    Was ist Ihnen denn begegnet, da Sie die Frauen so sehr hassen oder gering
achten? fragte Faustine mild und traurig.
    Welch eines Frevels beschuldigen Sie mich, weil ich zu uern wage, da mit
der unsglichen Grazie des Weibes selten jene Kraft sich paart, welche unser
Erbtheil worden ist, und welche nothwendig dazu gehrt, nicht um eine weltgroe
Leidenschaft zu fassen - wol aber um sie festzuhalten. Mich hat nie eine Frau
verletzt, vielleicht deshalb - sagte er lchelnd - weil ich Keiner mein ganzes
Herz hingegeben; und wenn ich sage, da sie schwach sei, so hindert mich das
keineswegs, sie zu lieben, ja, die am innigsten zu lieben, deren fliegende Seele
ewig eines Schutzes, einer Zuflucht, eines unwandelbaren Haltpunktes bedrfte.
    So mu es auch sein, sagte Faustine. Beide schwiegen, ernst, in tiefen
Gedanken. Unbegreiflich, da ein Mann auf der Welt auer Anastas so gesinnt ist
- sprach Faustine heimlich zu sich selbst. Unbegreiflich! wiederholte sie und
sah Mengen tief und forschend an. Aber das letzte: Unbegreiflich! hatte sie,
ohne es zu wollen, laut ausgesprochen.
    Mir scheint es sehr natrlich - antwortete er, und nach einer Weile, da
sie schwieg, rief er: Wollen Sie mich beurlauben, Grfin? ich habe nicht umhin
knnen, der Lady Geraldin eine ihrer ewigen Schachpartien zu versprechen.
    Thun Sie, was Sie thun mssen, sagte Faustine boshaft.
    Nur wenn Sie mir Urlaub geben.
    Sie sind nicht in meinem Dienst, wie in dem der Lady Geraldin: wie knnte
ich Ihnen Urlaub geben.
    Wnschen Sie wirklich, da ich nicht zur Schachpartie gehe?
    Warum soll ich es nicht wnschen? fragte sie unbefangen, und sah ihn gro
an.
    Dann bleibe ich gewi auf diesem Platze an Ihrer Seite.
    Das habe ich ja nur gewollt! erzhlen Sie mir von Ihrer jngsten Schwester,
deren Gefhrtin Cunigunde nun bald sein wird.
    Meine Schwester Marie ist achtzehn Jahr alt, ziemlich gescheut und sehr
hbsch mit blondem Haar und braunen Augen.
    Das ist eine uerst trockne Beschreibung, sagte Faustine belustigt.
    Ach, rief Mario, was kann ich Ihnen von Andern erzhlen! Immer und ewig
mchte ich Sie reden hren und, wenn ich sprechen mte, von Ihnen selbst zu
Ihnen sprechen.
    Himmel, das wre langweilig fr mich!
    Das glaube ich nicht! Giebt es ein Wesen, fr das Sie sich lebhafter
interessiren, als fr Sich selbst?
    Schlimm genug, wenn das der Fall - und ich kann es nicht leugnen. Denn wie
soll ich Respect haben vor irgend einer Wesenheit, wenn ich nicht bei meiner
eigenen anfange? und habe ich berhaupt erst diese Achtung fr menschliche
Entwickelung und menschliches Streben gefat, wie sollt' ich nicht suchen,
zuerst mich selbst durchzuarbeiten? Das ist unser Ziel, das ist unsere
Seligkeit. Mu der Mensch nicht stets diesen letzten Zweck alles Seins im Auge
behalten?
    Und nebenbei den unerschtterlichen Sttzpunkt der ewigen Moral: da diese
Seligkeit durch kein Unrecht zu erringen ist! Wer sich mit seinem raffinirten
Egoismus im Weltall isolirt, indem er alles Leben nur als den Born betrachtet,
welcher ihm frische Nahrung zustrmt, der wird bald genug vogelfrei zwischen
seines Gleichen sein, aber nicht frei - nicht geschtzt in seiner
Eigenthmlichkeit und durch sie, weil er keinen Respect vor der fremden hat.
    O, ich mag nicht vogelfrei sein! Ich will ja nur das Bchlein sein, welches
in das groe Meer des Alls zurckstrmt und spurlos verschwindet - wie gern!
wenn nur mein Lauf klar und meine Welle rein gewesen.
    Marios Blick hing unverwandt an ihr; aber der Strahl ihres Auges glitt bei
diesen Worten an ihm vorbei und stieg leuchtend wie eine Girandola gen Himmel.
In diesem leuchtenden Strahl zerschmolz ihr Herz und wallte empor, wie das Opfer
von der Altarflamme verzehrt als Weihrauch aufsteigt. Es war etwas in dieser
Frau, was sie befhigt htte, eine groe Heilige zu werden: der schmachtende,
unauslschliche Durst nach dem Ewigen.
    Mario dachte heimlich wie einst Clemens: und kann sie denn berhaupt lieben?
lnger lieben, als den Augenblick, wo die Sonne der Liebe ihre jungen Strahlen
in die Welt hineinwirft? fester lieben, als das Lftchen, welches s und
schmeichelnd meine Stirn umweht und versuselt? tiefer lieben, als eine Fee,
welche drei Minuten lang den Geliebten beseligt und dann ihn verlt? - -
    So war es zwei Uhr Nachts geworden. Faustine wollte fahren. Ihr Bediente war
nicht da; Mario lie ihn umsonst durch den seinigen suchen. Der Mensch mu
krank geworden sein, sagte sie, das ist ihm nie begegnet .... oder was kann
ihm sonst widerfahren sein? Sie beunruhigte sich heftig; sie wollte nach Hause
und frchtete sich. Knnte er nicht auch meinen Schrank erbrochen, Geld
genommen und entflohen sein? es war freilich nicht sehr viel da - Mengen
lachte, aber er sagte:
    Mein Wagen ist zu Ihrem Befehl; ich werde Sie begleiten und dann sogleich
nach dem Abtrnnigen forschen.
    Ach, guter Mengen, wie freundlich von Ihnen! seufzte Faustine.
    Er gab ihr seinen Mantel um, fhrte sie herab und fuhr mit ihr fort. Sie
sagte:
    Nun kann ich Ihnen Cunigundens Brief gleich mitgeben! und morgen schreiben
Sie Ihren Eltern und fgen ihn bei. Wann knnen wir Antwort haben?
    Sptestens in acht Tagen.
    Wenn sie gnstig lautet, aber erst dann, theil' ich sie Cunigunden mit.
    Faustinens Wohnung war bald erreicht. Im Vorzimmer kam ihre Kammerjungfer
ihr wie gewhnlich entgegen. Faustine fragte:
    Wo ist Ernst?
    Vor einer Stunde ist er gegangen, die gndige Grfin abzuholen. Aber Herr
von Walldorf ist noch hier.
    Welcher Einfall, Jeannette, um diese Stunde Besuch anzunehmen! rief
Faustine heftig.
    Ernst hat es gethan, gndige Grfin, ich nicht.
    Faustine ffnete rasch die Thr des Salons und trat ein; Mengen mit ihr.
Eine Lampe brannte ziemlich dunkel in dem groen Gemach, in dessen entferntestem
Winkel Clemens sa, im Lehnstuhl vergraben, die Arme auf den Knien, das Gesicht
mit beiden Hnden bedeckt.
    Herr von Walldorf! sagte Faustine zrnend.
    Er fuhr auf und sah sie bestrzt an.
    Ich glaube, er hat geschlafen! sprach sie halb unmuthig, halb lachend zu
Mario.
    Ich glaube, das thut ihm noth - antwortete Mario, schttelte Walldorfs Arm
und sagte: Wollen Sie mich begleiten? die Grfin kommt ermdet vom Ball und ist
unser ganz berdrssig.
    Ihrer vielleicht - warf Clemens ber die Schulter ihm zu und sprach dann
zu Faustine: Sie kommen zu dieser Stunde, in dieser Verkleidung - was soll das
bedeuten?
    War Faustine erstaunt gewesen ber die Ruhe, womit Mengen Walldorfs Antwort
hingenommen, so wuchs dies Staunen, als er ihr jetzt gelassen seinen Mantel
abnahm, der noch um ihre Schultern hing, und ihr das Wort abschnitt, das auf
ihren Lippen schwebte, indem er sagte:
    Die Grfin giebt Ihnen sicher morgen die interessantesten Notizen ber den
Ball, doch heute ist es wirklich zu spt. Kommen Sie mit mir, bester Walldorf.
    Aber Mengen, ich begreife Sie gar nicht! lassen Sie sich doch nicht mit dem
Unbescheidenen ein! rief sie.
    Sie mssen Nachsicht mit ihm haben - er hat stark getrunken.
    Faustine unterdrckte nur halb einen ngstlichen Ausruf und ergriff Marios
Hand. Das erregte Walldorfs Zorn. Er nahte ihr, leichenbla, und fragte mit
starker Stimme:
    Warum frchten Sie mich?
    Gar nicht, sprach sie hastig. Aber ihr Arm lehnte auf Marios, und der
fhlte, wie ihre ganze Gestalt zitterte. Er wollte diese peinliche Scene fr sie
beenden und sprach:
    Wenn Sie mir den Brief geben knnten? und dann, gute Nacht!
    Faustine ging rasch in ihr Zimmer, er folgte ihr bis zur Thr. Auf der
Schwelle empfing er den Brief, ihren dankbaren Hndedruck, den freundlichsten
Blick - dann schlo sich diese Thr .... auch vor ihm. Er empfand das, wie einen
leisen Schmerz, ganz heimlich und ganz tief in der Seele; doch er hatte nicht
Zeit, dieser Empfindung nachzuhngen. Clemens hatte sich auf ein Sopha gesetzt,
die Beine ber ein Tabouret gelegt, ein kleines Polster unter den Kopf
geschoben, sich so bequem wie mglich etablirt. Mario nahm seinen Mantel um,
setzte den Hut auf und fragte:
    Ist's Ihnen gefllig, Herr von Walldorf?
    Nein, ich warte auf die Grfin Faustine! sie soll mir Rede stehen, weshalb
sie mir heute Mittag ihr Wort gebrochen, und heute Abend mich fortgeschickt
hat.
    Aber sie hat sich in ihr Zimmer begeben: ein Zeichen, da wir gehen
knnen.
    Oder, da ich ihr folgen darf. Er stand auf, doch etwas schwankend. Mario
kochte innerlich vor Wuth, dennoch wollte er glimpflich mit Clemens umgehen, um
Faustine nicht noch mehr zu ngstigen. Darum entgegnete er:
    Dann mssen Sie doch auf ihren Befehl warten.
    Richtig! sagte Clemens, und ganz vergngt ber dies Argument, welches ihm
erlaubte sich zu setzen, nahm er seine bequeme Stellung wieder ein.
    Mengen warf Hut und Mantel ab, und etablirte sich neben Clemens ganz auf die
nmliche Weise. Als der Anstalten sah, welche ein dezidirtes Postofassen
verkndeten, fragte er verdrielich:
    Mit welchem Recht lassen denn Sie sich hier nieder?
    Da Sie vor dem Zimmer der Grfin Wache halten, so darf ich mir wol auch
dies Vergngen machen.
    Die ganze Nacht hindurch?
    Die ganze Nacht.
    Es wird hier aber recht kalt werden.
    Ich habe meinen Mantel.
    Zwei Wachen stehen doch nie auf einem Posten. Zwei sind berall zu viel und
Einer ist genug.
    Diesmal ist auch Einer berflssig.
    Clemens gab allmlig dem Einflu nach, den die behagliche Stellung auf ihn
bte: er wurde immer schlfriger. Nach fnf Minuten murmelte er:
    Ich wollt', es wre Schlafenszeit und Alles stnde wohl.
    Oho, alter Falstaff! rief Mario lachend und klopfte ihn auf die Achsel,
dazu kann Rath werden, komm nur mit mir.
    Du bist ein braver Junge, Heinz, nur etwas leichtfertig, stammelte
Clemens. Und bald hatte Mengen ihn den Hnden seines Dieners bergeben. Dann
fuhr er auf den Ball zurck - im Grunde nur, um von dem verschollenen Ernst
Nachricht einzuziehn; denn als ihm sein Jger nach einer halben Stunde meldete,
Ernst sei da, frchterlich betrunken, so befahl er jenem, ihn mit sich zu fhren
und begab sich dann selbst nach Hause. Dort lie er Ernst hereinkommen, der
weinselig, Faustinens Mantel ber dem Arm, erschien, und mchtig erschrak, als
statt der Gebieterin ein ernster Mann vor ihm stand, der drohend fragte:
    Wer hat Dich dazu verfhrt, Dich so schmhlich zu betrinken?
    Der Herr von Walldorf, stammelte Ernst, halb ernchtert.
    Lge nicht! sagte Mengen streng.
    Der Herr von Walldorf, auf meine Ehre! wenn der Herr Graf mir erlauben
wollen, mich so vornehm auszudrcken. Er kam und sprach: er habe den Befehl von
meiner gndigen Grfin, sie zu erwarten, und er knne es mir durch einen
Doppel-Friedrichsd'or beweisen. Das war klar. Ich ging. Auf dem Ball hie es,
der wrde noch lange dauern. Es war kalt, eine Weinstube nah - ich trank ein
Paar Glser Champagner - vielleicht sind's auch Flaschen gewesen - man berechnet
das nicht! die Zeit vergeht so schnell -
    Die Frau Grfin will heute nichts von Dir wissen. Geh mit meinem Jger und
schlaf Deinen Rausch aus .... aber den Mantel sollst Du nicht mit Dir herum
schleppen.
    Ernst hing den Mantel ber einen Stuhl und ging niedergeschlagen ab. Mario
nahm den Mantel und betrachtete ihn so aufmerksam, als ob er ihn htte taxiren
sollen, und so erfreut, als ob ihm ein Wunder der Welt in die Hnde gefallen. Er
war von dunkelrothem Atlas, mit weiem Tafft gefttert, warm und leicht, um die
Toilette nicht zu chiffonniren; weich, um sich dennoch fest darein wickeln zu
knnen. Vor Marios Phantasie schwebte Faustinens lieblicher Kopf ber dem
Purpurstoff, wie ein Stern ber der Abendrthe, und ihre grazise Gestalt hllte
sich in die reichen Falten, und ihre schneeweien Hnde blitzten draus hervor.
Er drckte sein glhendes Antlitz fest in den Mantel, der weiche schmiegsame
Atlas legte sich sanft wie ein Ku an seine Wangen, an seine Lippen - mit einer
heftigen Bewegung schleuderte Mario den armen Mantel weit von sich, holte tief
Athem, strich ganz erschpft die Locken aus der Stirn und schellte. Der Jger
kam. Er lie sich entkleiden, doch unfhig schlafen zu gehen, setzte er sich an
den Schreibtisch, um einen Brief an den Vater zu beginnen. Kaum sa er, so fiel
sein Blick auf den Mantel, der an der Erde lag. Das ist aber kein Platz fr
etwas, was sie trgt - dachte Mario, stand auf, nahm den Mantel, kte ihn, als
wolle er ihn wegen der schlechten Behandlung um Verzeihung bitten, setzte sich
zum Schreiben, behielt ihn dabei auf seinen Knieen, und schrieb nun wirklich so
eindringlich und herzlich ber Cunigunde, da er der gnstigsten Antwort gewi
sein durfte. Das war ein guter Tag! sprach er halblaut nach Beendigung des
Briefes; ich habe den Engel in seiner Glorie gesehen, und ich habe ihm dienen
drfen.
    Er suchte die Ruhe, indem er sein Haupt auf den geliebten Mantel bettete,
und durch seine Trume gaukelte, weinte und lchelte Faustine.
    Clemens erwachte frh, unbehaglich, wst im Kopf, de in der Seele. Der
ganze gestrige Abend war ihm wie Geld unter den Hnden weggekommen. Er konnte
sich auf nichts besinnen. Er rief seinen Diener, einen stmmigen, untersetzten
Burschen, den er aus Oberwalldorf mitgebracht.
    Johann, sagte er, wer hat mich ber Nacht hierher begleitet?
    Das wei ich nicht, gndiger Herr.
    Kam ich allein?
    Nein, gndiger Herr! ein sehr groer, blasser Herr, gewi so gro wie Ew.
Gnaden, aber viel dnner - und ein Jger, kamen mit herauf.
    War ich denn krank, Johann?
    Ne, gnd'ger Herr, das eben nicht, sagte Johann mit stupidem Lachen.
    Jesus Maria! rief Clemens entsetzt, und ich war bei ihr gewesen!
unmglich! bin ich denn an Krper und Seele umgewandelt? kann ich nicht mehr
einen erbrmlichen Tropfen Weins vertragen!
    Na, gnd'ger Herr, sagte Johann begtigend, ich sollte meinen, es wre
wol mehr als ein Tropfen gewesen.
    Ich will mich ankleiden! rief Clemens. Er that's im Fluge und strmte eben
so zu Mengen. Er hate Mengen; aber er wollte doch wissen, ob er Faustine auf
irgend eine Weise gekrnkt, und ob der Gehate ihn zum Dank verpflichtet habe.
Mengen war noch nicht aufgestanden, doch Clemens lie sich nicht abweisen. Jener
befahl die Vorhnge aufzumachen, Clemens setzte sich vor sein Bett - und starrte
ihn sprachlos an, denn der ihm wolbekannte Mantel Faustinens lag auf Marios
Bett. Dieser hatte, pltzlich erweckt, den unseligen Mantel vergessen, er wute
nicht Walldorfs ungemessenes Staunen zu deuten, und wartete ruhig auf eine
Erklrung desselben und des frhen Besuchs. Als aber Walldorfs Zhne hrbar
zusammenschlugen, whnte er, Clemens werde durch die Erinnerung an sein
gestriges Betragen gedrckt, und deshalb sprach er freundlich:
    Das kann wol einmal passiren, lieber Walldorf, und -
    O zum Teufel! rief Clemens auer sich, der Mantel gehrt -
    Der Grfin Faustine! sagte Mario eiskalt, aber innerlich durchzuckte ihn
ein gewaltiger Schreck ber seine Unbesonnenheit.
    Und das lugnen Sie nicht einmal? stammelte Clemens.
    Warum sollte ich? fragte Mario unbewegt.
    O, Faustine! Faustine! in welche Hnde bist Du gefallen! jammerte Clemens
und rannte durch das Zimmer.
    Herr von Walldorf, Ihr gestriges Benehmen war zu begreifen und daher zu
entschuldigen, Ihr gegenwrtiges ist aber weder das eine noch das andre. Haben
Sie die Gte, mir Ihr Anliegen so kurz wie mglich vorzutragen, damit ich es so
bald wie mglich erfllen knne.
    Graf Mengen, wie kommt dieser Mantel hieher?
    Auf diese Frage bin ich nicht Ihnen, sondern der Grfin Faustine die
Antwort schuldig; da ich ihr diese Rechenschaft nicht schuldig bleiben werde,
davon mgen Sie spter Zeuge sein. Uebrigens, Herr von Walldorf, bitte ich Sie,
meine Verehrung fr diese liebenswrdige, schutzlose Frau niemals nach der Ihren
zu beurtheilen, welche fr diese letzte Eigenschaft einen emprenden Mangel an
Rcksicht an den Tag gelegt.
    Clemens wute genug - fr seine Person. Und das, was er weiter wissen
wollte, erfuhr er jetzt doch nicht. Also lief er fort, auf die Promenade, hin
und her vor Faustinens Fenster. Vielleicht wrde sie ihn sehen, ihn rufen -
allein durch Faustinens purpurrothe Vorhnge schimmerte der Tag so dmmernd, da
er ihre Augenlieder berstreifte, ohne sie zu heben. Sie schlief nicht mehr, sie
trumte nur noch halb und halb, es war ihr lieblich zu Sinn - sie wute selbst
kaum warum. Cunigundens freundliche Zukunft wird es sein! meinte sie.
    Nachdem Clemens vergeblich einige Zeit auf und ab gerannt, entschlo er sich
nach einigen Stunden, Faustinen seinen Besuch zu machen, unbefangen,
gleichmthig, als sei nichts vorgefallen, und es darauf ankommen zu lassen, wie
sie ihn empfangen wrde. Gott, dachte er, wenn sie nur diesen Mengen nicht
liebte! der macht sie gleichgltig gegen mich! in Oberwalldorf war sie anders
.... nicht anders gegen mich, nicht freundlicher .... aber dort konnt' ich nicht
glauben, da sie fr irgend einen Mann - Andlau etwa ausgenommen - lieblicher
sein knne; ja sogar ihre Empfindungsweise fr Andlau krnkte mich nicht so -
nicht so tief, nicht so bitter. Zeit, Treue, Gewohnheit, gaben ihm Rechte - ich
wei ja Alles, ich mache mir ja keine Chimren! ich verlange ja nichts, als da
sie mir erlaube mein Herz vor ihr niederzulegen, als da sie freundlich meine
Liebe anlchle, sie dulde! statt dessen weist sie sie ab, drngt mir das Wort in
den Busen zurck oder verdreht es mir auf der Lippe, whrend sie an diesen
Mengen ihre Liebe verschwendet. - Der Teufel mag wissen, in welchem Grad!
    Durch solche und hnliche Vorstellungen regte er seinen Zorn und seine
Leidenschaft dermaen auf, da er halb vernichtet bei Faustinen eintrat und
keines Wortes mchtig neben ihr auf das Sopha sank. Sie whnte, wie Mario
vorhin, die Erinnerung an seine Ungezogenheit qule ihn, und dadurch ward sie in
ihrem Vorsatz, den gestrigen Vorfall gnzlich zu ignoriren, noch mehr bestrkt.
Sie frhstckte, denn Clemens, dem die Secunden zu Ewigkeiten wurden, hatte sich
in den Stunden verirrt.
    Brav, da Sie so frh kommen! ich frchtete schon, Sie wrden mir meine
gestrige Abtrnnigkeit nicht ganz verziehen haben. Das kam aber so. Sie
erzhlte ihm, wodurch sie gestrt worden sei, und dann vom Ball, der elegant und
amsant gewesen, und dann, da Mengen sie heut im Eisschlitten fahren wolle -
Alles so schlicht, so natrlich, wie die Unbefangenheit, und freundlich, wie die
Gte thut, die einen Andern aus peinlicher Lage befreien mgte. Doch Clemens in
seinem aufgeregten Zustand war nicht dafr empfnglich. Er sah nur eine
geschickte Heuchelei. Das berwltigte ihn, er schlug verzweiflungsvoll beide
Hnde vors Gesicht. Die erste Bewegung Faustinens war, mitrauisch von ihm
wegzurcken. Doch sie besann sich, da er unmglich Morgens um zehn Uhr im
Rausch sein knne, und seine Desperation auf Rechnung seiner Beschmung
schreibend, fate sie sich, blieb neben ihm sitzen, zog seine Rechte von seinem
Gesicht herab, und sagte:
    Guter Clemens, beruhigen Sie sich.
    Da blickte er sie an, schttelte den Kopf und rief:
    Aber Sie strafen ja den lieben Gott Lgen! .... Ja ja! fuhr er fort, als
Faustine tdtlich erschreckt ihn sprachlos ansah - jetzt fllt die Maske! doch,
wenn man nichts ahnt, nichts wei, und nur Ihr Gesicht sieht, so wrde Jeder
meinen, der liebe Gott habe seinen Lieblingsengel auf die Welt geschickt, um die
Menschen von ihm zu gren, und vielleicht ist das auch seine Absicht mit Ihnen
gewesen. Aber dies himmlische Antlitz lgt! es wohnt nichts dahinter - als ein
lgenhaftes Weib.
    Faustine erhob sich. Sie stand vor Clemens so hoch, so gro, als sei sie
pltzlich um einen Fu gewachsen. Kalt und befehlend zeigte sie mit der
ausgestreckten Rechten nach der Eingangsthr, und ohne Clemens eines Blickes zu
wrdigen, ging sie kniglich stolz aus dem Salon in ihr Zimmer und verschmhete
es die Thr hinter sich zu schlieen. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch,
legte den Kopf in beide Hnde, um sich zu besinnen, ob Clemens verrckt oder
betrunken, krank oder unverschmt sein mge, brachte es nicht heraus, und
schrieb, um sich zu zerstreuen, ein Paar herzliche Zeilen an Cunigunde, als
Antwort auf ihren gestrigen Brief. So war eine Viertelstunde verflossen. Clemens
sa noch immer regungslos auf dem Sopha. Er bereute sein Benehmen - besonders
deshalb, weil er, mit der Thr ins Haus fallend, Faustinen Waffen in die Hand
gegeben. Darum hob er ganz demthig an:
    Ich bin noch hier, Grfin Faustine.
    Wider meinen Willen, Herr von Walldorf, sprach sie eisig von ihrem
Schreibtisch herber.
    Er stand auf, ging bis zur Schwelle ihres Zimmers und bat:
    Wenn ich ein Verbrecher bin, so geben Sie mir durch die Beantwortung
einiger Fragen dreist den Todessto.
    Sie sind ein Wahnsinniger, sagte sie gelassen und legte die Feder hin.
    Kamen Sie nicht heute Nacht in Graf Mengens Begleitung nach Hause?
    Ja.
    In seinen Mantel gehllt?
    Ja.
    Warum das?
    Weil der meine samt meinem Bedienten verschwunden war und noch ist.
    Ich bitte um Vergebung! der Mantel ist da, ich habe ihn vor zwei Stunden
gesehn.
    Wo denn?
    Wo? Sie fragen? .... Grfin, haben Sie in der That den Muth, zu fragen?
    Himmel! rief sie sehr ungeduldig, hing er als Wetterfahne an der
katholischen Kirche, oder fuhr ein neuer Faust auf ihm durch die Luft, oder was
sonst!
    Er lag in Graf Mengens Zimmer - auf dessen Bett.
    Nun das ist mir lieb! der gute Mengen! so hat er den Ernst aufgefunden -
ich war schon ganz verzagt. - Weiter im Examen, Herr von Walldorf! Sie sehen,
ich bleibe keine Antwort schuldig.
    Ich bin zu Ende.
    Das thut mir leid.
    Warum?
    Weil es mir nicht geglckt ist, Ihnen den Todesstreich zu geben, d.h. Ihren
wahnsinnigen Hirngespinnsten, denn Sie sehen zwar ganz petrifizirt aus, aber gar
nicht klar und verstndig.
    Faustine! rief Clemens und warf sich ihr zu Fen, haben Sie Mitleid mit
mir. Wie kann ich klar sein, wenn die rasendste Leidenschaft, Eifersucht, meine
Besinnung, mein Urtheil verstmmelt, und wenn alle uern Zeichen mich grlich
in dem Verdacht bestrken, da - Mengen glcklicher ist als ich.
    Das wnsch' ich ihm aus tiefster Seele, sprach Faustine finster.
    Clemens fuhr auf und sagte mit hmischer Bitterkeit: Daran hab' ich nie
gezweifelt! ich wute es - als ich den Mantel bei ihm sah.
    Verschonen Sie mich mit diesem ewigen Mantel! rief sie ungeduldig.
    Er mu doch sein, wo die Besitzerin ist - oder war.
    Der tiefe Unmuth in Faustinens Zgen ging pltzlich in eine so tiefe Trauer
ber, da Clemens wie niedergedonnert abermals zu ihren Fen hinsank. Sie sagte
nur: Clemens! - aber es lag ein herzzerschneidender Vorwurf in ihrem leisen,
zitternden, melancholischen Ton.
    Vergebung! stammelte er mit gerungenen Hnden.
    O, sagte sie, nicht mich haben Sie am tdtlichsten gekrnkt: Sich selbst
- die reine Blthe Ihres Gefhls! .... Stehen Sie auf, Herr von Walldorf, gehen
Sie! Sie knnen doch knftig nicht mehr den Muth haben, mir fest ins Auge zu
sehen, unwillkrlich wrden Sie es niederschlagen, und einen solchen Menschen
kann ich nicht in meiner Nhe dulden - gehen Sie!
    Sei gndig, Faustine! seufzte Clemens, und drckte seine Stirn auf ihre
Fe. Doch mit unsglichem Widerwillen machte Sie mit dem Fu eine abwehrende
Bewegung und wiederholte:
    Gehen Sie. - Und er ging. - Groe Thrnen quollen aus ihren Augen. Sie
blickte mit tiefer Sehnsucht Andlaus Bild an und sagte: Anastas, mein Freund!
kommst Du denn nie wieder mit Schutz und Schirm fr Deine Ini?
    Da hrte sie im Vorzimmer Marios Schritt. Schnell trocknete sie die Augen.
Es war vielleicht ihr grter Schmerz, da sie ihm den Grund ihrer Betrbni
nicht sagen durfte. Das machte sie verdrielich. Sie empfing ihn nicht eben
freundlich, als er mit den Worten eintrat:
    Darf ich fr den Snder Ernst um Gnade bitten?
    Der ist an Allem schuld! rief sie unmuthig.
    Ist Ihnen Unangenehmes widerfahren? fragte Mario sehr besorgt.
    Nein, gar nichts, sagte sie verlegen - ich meinte nur gestern .... und
dann, wo ist mein Mantel?
    Aha, dachte Mario, Clemens hat bereits geplaudert. Laut sagte er ruhig:
    Ich nahm ihn gestern Abend dem weinseligen Ernst ab, um ihn vor den
Rauchwolken der Bedientenstube zu schtzen; jetzt hngt er wieder auf dessen
Arm. Dann erzhlte er ihr, da und wie Ernst zu dem Rausch gekommen, und sie
rief:
    Mit Trunkenen hab' ich nichts zu schaffen! den einen hab' ich so eben
fortgeschickt, und der andere mag auch gehen.
    Theure Grfin, mchten Sie nicht ignoriren?
    Nein! Clemens beharrt in einem fortwhrenden Rausch, der mir ganz lstig
ist, und was ich jetzt von ihm erfahren, Bestechung meines Bedienten, trgt
nicht dazu bei, ihn in meiner guten Meinung herzustellen.
    Aber Ernst, der zum ersten Mal diesen Fehltritt begangen und ihn mit
Thrnen bereut hat....
    Nun, so ermahnen Sie ihn, reden Sie ihm ins Gewissen, nehmen Sie ihm Schwur
und Eid ab, liebster Mengen! ich verstehe mich nicht auf Strafpredigten, und
behalte ganz gern einen, seit Jahren treu ergebenen Diener.
    So vermittelte Mario den Frieden; und bald war es ihm auch gelungen, die
Unmuthswlkchen aus Faustinens Seele zu verscheuchen, denn sie hatte die
reizbare Beweglichkeit eines Kindes, und jeder goldene Apfel eines Gedankens,
den man auf ihren Weg warf, hemmte ihren flchtigen Atalantenlauf. Mario
erzhlte ihr von einer Heirath, welche als eine schauerliche Mesalliance, nicht
sowol des Standes, als auch des Alters und aller uern Verhltnisse, die
Gemther in Bewegung setze.
    Der Mann ist ein Knstler, sagte Faustine.
    Aber hoch in Jahren aber ohne die geringste Spur von Schnheit! was hilft
es der Frau, ihn alle Abend drei Stunden lang glnzend und gefeiert zu sehen,
wenn vor ihren Augen der Nimbus schwindet?
    O wir sind caprizis! drei Stunden tglich den Liebsten bewundert zu sehen,
alle Seelen beherrschend, alle Blicke fixirend - das mag eine groe Befriedigung
sein.
    Dann kommt er matt, unschn, abgespannt heim, ein in die Raupenhlle
zurckgekrochener Schmetterling ....
    Ach, Bester! die Frau bekommt den Mann sehr hufig in unschner Gestalt zu
sehen, ohne da er zuvor die Welt entzckt! Und dann glaub' ich, da es fast
unmglich ist, den Zauber zu ergrnden, welcher ber den intimen Umgang aller
Kunstmenschen ausgebreitet ist, und daher auch schwer, ihm zu widerstehen, wenn
man dafr empfnglich. Launen mgen sie haben, heftig, zerstreut, wild mgen sie
sein - dennoch besitzen sie eine Magie, die mit dem allen vershnt - und das ist
vielleicht der hchste Triumph der Kunst.
    Es fragt sich doch, ob diese Magie frs Leben ausreicht. Welcher junge Mann
ist nicht einmal in eine Schauspielerin, Sngerin bis zum Wahnsinn verliebt
gewesen, und wie selten entspringt daraus ein dauerndes Verhltni.
    Weil berhaupt ein solches nicht aus jugendlichen Aufwallungen hervorgeht.
    Nein, weil jene Erscheinungen nur im Besitz der Magie sind, welche fr
einen Moment blendet, ohne zu fesseln.
    Sie haben freilich die eigene Erfahrung fr sich - sagte Faustine launig -
dagegen kann ich nicht streiten. Knstler aller Art sind und bleiben aber doch
meine geborenen Freunde, fr die ich mich vorzugsweise interessire - nur mssen
es wahre Knstler sein, schaffende, begeisterte, keine Nachahmer, keine
Handwerker.
    Das Genie hat das nmliche Schicksal wie die Tugend: sie sind beide in der
Minoritt auf unserer mittelmigen Erde. Ein groer Knstler ist eben so
selten, als ein groer Mensch.
    Hrt er Ihrer Meinung nach auf ein Mensch zu sein?
    Halb und halb! es kommen Inspirationen ber ihn - er wei nicht woher! es
steigen Bilder vor ihm auf - er wei nicht von wannen! streitende und ringende
Gewalten werden in ihm rege, die kein uerer Anla, keine innere Leidenschaft
geweckt! er sagt Dinge, die er noch nie gedacht! er schafft Gebilde, deren
Gleichen er nicht geschaut! Allein er kann nicht der Kraft gebieten, welche sie
aus dem Nichts hervorruft. Er mu warten, bis ein Gott, ein Dmon, ein Genius
sie ihm einhaucht. Er besitzt hhere Gewalt, als die gewhnlich menschlichen,
sogar die allerglnzendsten Fhigkeiten; aber er wird von einer noch hheren
Gewalt besessen. Er schreibt Gesetze vor, er strzt Gebruche und Meinungen, er
beginnt und endet Epochen, wie ein Gott; aber er ist zugleich ein blinder,
gehorsam dienender Priester im Tempel des Gottes. Und diese wundersamen
Mischungen, welche essentiel seine Wesenheit ausmachen, stellen ihn
gewissermaen seitab von den selbstbewuten Menschen. Ich gestehe, da ich immer
eine Art von Scheu vor ihnen habe, die sonst meiner Natur fremd. Man ist nie
sicher bei ihnen, ob sie bergan oder bergab steigen - ob sie Himmelslichter in
die Tiefe leuchten, oder unterirdische Flammen am Himmel strahlen lassen wollen
- ob sie ihre immensen Gaben wie der Reiter bndigen, oder wie das Ro ihnen
gehorchen. Ich liebe sie nur par distance - in ihren Werken.
    Das ist recht weltmenschlich kalt gesprochen! Sie frchten nur, in eine
Sphre fortgewirbelt zu werden, der Sie nicht gewachsen sind. Bedenken Sie nur,
welche unermeliche Wohlthat ein einziger Knstler fr lange Zeiten und kommende
Geschlechter werden kann, und Ihr Herz mu schlagen fr ein Wesen, das von Gott
zu einem Segen der Menschheit auserlesen ward, und das diese hohe Ehre
vielleicht mit ungekannten und ungemessenen Schmerzen bezahlt hat.
    Aber durch welche Wonnen werden diese Wehen des ringenden und schaffenden
Genius compensirt! ich denke mir, da wenig Menschen eine Empfindung hatten,
derjenigen gleich, womit Rafael vor seiner vollendeten Sixtinischen Madonna
gestanden.
    Vor der vollendeten? kaum! - der Genius ist minemment strebend, findet
weder Genu noch Befriedigung in dem Ueberwundenen, dem Geleisteten. Wenn die
Conception in ihm aufgeht, dann glaub' ich, feiert er seine seligen Mysterien,
gegen deren tiefsinnige, glhende, unirdische Trunkenheit unsere kleinen migen
Freuden freilich sehr grau aussehen mgen. Doch jener Rausch ist ein Moment, und
dann steht er pltzlich in dem nchternen Leben.
    Wir Alle stehen in dem nchternen Leben und ohne jenen compensirenden
Rausch -
    Es mu demjenigen schwer werden, einen Schoppen aus der Hand der
schwarzaugigen Kellnerin zu nehmen, dem Hebe die Schaale kredenzt hat. Er wird
unwillkrlich vergleichen, den Wein mit dem Nektar, das Mdchen mit der Gttin,
und Vergleiche stren die Genufhigkeit. Wir aber begngen uns tout bonnement
mit dem Wein und der Sterblichen, denn wir wurden nicht aus dem Olymp auf die
Erde geschleudert. So wird er auch immer das, was er gewollt, mit dem
vergleichen, was er geschaffen hat, und gewi in der Erscheinung nur einen
Schatten seiner ursprnglichen Idee finden. Ich hab' einen Freund - er ist aber
nicht Maler, sondern Dichter - der spricht: All meine Schpfungen kommen mir vor
wie gefallene Engel! sie haben wol noch etwas, was an ihren Ursprung mahnt, doch
die Glorie ist verschwunden, seit sie die sinnliche Form annahmen. Mich grmt's
aber wenig! ich verkehre mit den ungefallenen Geistern, und schneide ihnen nach
besten Krften ein Mntelchen von Staub zurecht, worin sie sich den Menschen
offenbaren.
    Sehen Sie, Ihr Freund fhlt sich glcklich! das spricht fr meine Ansicht.
Wie heit er denn? kennt man ihn als Dichter? fragte Mario neugierig.
    Man kennt ihn wol .... freilich nicht als Dichter, sondern -
    Nun? sondern? Sie sagten ja eben -
    Sondern als Dichterin.
    Also eine Frau? sagte Mengen gedehnt.
    Ja, zum Unglck nur eine Frau, die Ihre Ansicht theilt, sagte Faustine
neckend.
    Und warum nannten Sie diese Frau Ihren Freund?
    Weil fr mich das Genie geschlechtslos ist. Mag ein Fledermuschen oder ein
Titane schaffen - sein Genie ist mein Freund.
    Und trauen Sie mir nicht dieselbe Unbefangenheit zu?
    Faustine lachte herzlich. Excellent! haben Sie mir je Anla zu diesem
Vertrauen gegeben? Sie halten die Frau nicht der Begeisterung fhig und nicht
der Leidenschaft: ist es mglich, ohne dieses zweischneidige Schwert sich Bahn
zu brechen auf dem Pfade der Kunst? Nein! - Sie glauben gar nicht, da das Genie
mit einer Frau Miheirath schlieen, sich gleichsam an sie verplempern knnte.
Es braucht eine Hlle sechs Fu lang, tiefe Bastimme, Collier grec, - darin hat
es Raum. Ein Genie, ihr wunderlichen Herren, mu genau so aussehen wie ihr
selbst! Trg' es ein Musselinkleidchen, und das Haar aufgeflochten, ihr wrdet
ihm fr euer Leben gern einen stattlichen schwarzen Bart malen, damit es doch
ein klein wenig fr seine Wrde befhigt wre! - Nein, guter Mengen, wenn Ihnen
das Genie eine Hand reicht, die halb so schmal ist als die Ihre, so machen Sie
sicher nicht Ihren Freund daraus!
    Mglich! weil ich, wie gesagt, diese Leute am liebsten in gehriger
Entfernung beobachte und bewundere. In der Nhe findet man schwer den richtigen
Gesichtspunkt, von wo sie betrachtet und beurtheilt sein wollen. Das macht und
giebt Verwirrung. Ich liebe die Klarheit.
    Dann lassen Sie uns in den groen Garten gehen: da ist jetzt Alles von
einer gespenstischen Klarheit. Der Himmel so blau, die Erde so wei, das Eis so
hell, die Bume so nackt - o diese Klarheit, wie ist sie kalt!
    Sie schttelte sich vor Graus und ging sich zum Spaziergang und zur Eisfahrt
anzukleiden. Mengen sah ihr nach. Es war ihm, als ziehe ein Glanzstreif hinter
ihren Schritten, wie Nachts im Mondschein auf dem Wasser hinter dem Schwan. Ich
liebe die Klarheit, wiederholte er halblaut und setzte sich in tiefen Gedanken
aufs Sopha. Was hlt mich ab, bei ihr dahin zu gelangen? Eine einzige Frage und
Alles ist entschieden! ... aber sie lacht mich aus, sprach sie gestern, wenn ich
die Frage thue. Die Sonne ist auch nicht klar, doch licht, himmlisch licht, wie
sie. - -
    Faustine war lngst wieder eingetreten und in der Thr stehen geblieben, als
sie seine sinnende Stellung wahrnahm. Er bemerkte sie nicht eher, bis sie fast
schchtern seinen Namen aussprach. Dann fgte sie hinzu:
    Ich unterbreche ungern Jemand in seinen Gedanken, weil ich nicht wei, aus
welchem Eden ich ihn heimrufe.
    Frchten Sie nichts! Sie bringen es - sagte Mario mit tiefer Innigkeit,
sehr verschieden von dem scherzenden Ton, mit welchem er sonst wol ein
huldigendes Wort zu sagen pflegte. Und so blieb er auch in den Stunden, die er
mit ihr verbrachte. Beim Scheiden rief er:
    Und nun vergehen fast vierundzwanzig Stunden, bis ich Sie wiedersehe?
    Warum? kommen Sie heut Abend zu Frau von Eilau - da werd' ich sein.
    Ich kann nicht - ich habe nothwendig -
    So jammern Sie nicht! rief Faustine ungeduldig.
    Ich werde kommen, sagte Mario froh, denn er sah wol, da seine Weigerung,
nicht seine Klage sie verdro, und Faustine lchelte eben so froh als er.
    Am Abend jedoch verging eine Viertelstunde nach der andern und Mario kam
nicht zu Frau von Eilau. Anfangs war Faustine unmuthig, dann unruhig, endlich
gengstigt. Zuerst schob sie dies unbebegreifliche Ausbleiben den Geschften zu,
darauf unvorhergesehenen Strungen, zuletzt irgend einem Unglcksfall. Sie
dachte an Clemens, ob der sich nicht zu wei Gott welcher Thorheit Mario
gegenber habe hinreien lassen. Schauerliche Mglichkeiten tauchten vor ihr auf
und umflorten ihren Blick. Sie sank im Sopha, und ihr Kopf auf die Lehne zurck.
Seit einer Stunde wurde Musik gemacht, und zwar so gute, da Niemand daran
dachte, Conversation zu machen, welche durch mittelmige hervorgelockt wird,
wie die Maus aus ihrem Versteck. So blieb Faustine ungestrt und kaum beachtet.
Aber die Musik schwirrte wie Mckengesumm in ihr Ohr. Sie war auf dem Punkte,
die Gesellschaft zu verlassen, um wenigstens der Qual des Wartens in ihrem
einsamen Zimmer berhoben zu sein. Da, ganz leise, um nicht zu stren, ging die
Thr auf. Es war Mengen; Faustine hatte aber schon so oft umsonst nach dieser
Thr geschaut, da sie entmuthigt nicht mehr die Augen aufschlagen mochte, und
so sa sie ihm gegenber, ganz bla, die Wimpern so tief gesenkt, als wren sie
geschlossen, um den Mund mhsam verhaltene Trauer - er konnte nicht anders als
glauben, ein groer Unfall habe sie betroffen, und um ihr ein Zeichen zu geben,
da eine Freundesseele gegenwrtig, fiel ihm nichts Anderes ein, um die Strung
unbekmmert, als seinen Stock fallen zu lassen. Alle Blicke kehrten sich
vorwurfsvoll gegen ihn, doch er beachtete sie nicht, denn die seinen waren auf
Faustine gerichtet, und sie sah jetzt auf, sah und erkannte ihn, und
augenblicklich war sie verwandelt, strahlend, heiter, glcklich. Mengen verging
vor Ungeduld ber den Virtuosen. Mit dessen Schluakkord stand er neben Faustine
und fragte:
    Was war denn das - vorhin?
    Ich frchtete, Sie wrden nicht kommen. Da langweilte ich mich.
    Sonst nichts ist Ihnen geschehen?
    Ists nicht genug, anderthalb oder zwei Stunden zu warten? und gar fr mich,
die ich nie Jemand warten lasse? Ich mag ber keinen Menschen diese Folter
verhngen.
    Wir hatten keine Stunde verabredet! konnte ich ahnen? -
    O nein, nein! Sie konnten nicht ahnen! aber nun wissen Sie ein fr alle
Mal.

Feldern kam tglich zu Faustinen. Sie hatte ihm die Schritte mitgetheilt, welche
sie fr Cunigunde gethan. Auch er fand es am Besten fr sie und fr sich, sie
aus dem Elternhause zu entfernen.
    Wenn mir die Mglichkeit abgeschnitten ist, sie wiederzusehen, sprach er,
so werd' ich leichter an die Unmglichkeit unserer Verbindung glauben. Kann ich
zu ihr, so will ich sie sehen, und sehe ich sie, so will ich sie besitzen.
    Sie sind recht aufrichtig, mein bester Feldern, entgegnete Faustine
berrascht, ich habe Sie niemals so offen reden hren.
    Wenn man nichts zu hoffen noch zu verlieren hat, entweder weil man Alles
oder weil man Nichts besitzt, so wird man hchst aufrichtig. Der Brutigam beim
Hochzeitsschmaus sagt unbefangen: ich bin sehr glcklich! und der Bettler an der
Straenecke sagt eben so unbefangen: ich bin sehr elend. Lust und Leid haben
Kinder, die sich frappant hnlich sehen - sie mssen also wol aus derselben
Familie stammen.
    Faustine erkannte in diesen und hnlichen Aeuerungen Felderns Marios
Einflu, der sich treu bemhte, ihm eine Unabhngigkeit von den berraschenden
Schicksalswendungen zu geben, wie er selbst sie bisher bewahrt, und sehnlichst
wnschte sie, es mchte doch auch fr Clemens ein solcher Nothhelfer sich
finden, denn sie - das fhlte sie lebhaft - konnte keinen Einflu mehr auf ihn
wnschen, und deshalb ihn auch nicht haben. Er war fr sie wie von der Erde
vertilgt, spurlos verschwunden, lie sich weder bei ihr noch irgendwo bei ihren
Bekannten sehen, und sie htte glauben drfen, er sei abgereist, wenn nicht eine
bange Ahnung ihr zugeflstert, da er sich schwerlich ohne Abschied, ohne
Vershnung von ihr trennen wrde. Wo war er also? umkreiste er ihre Wohnung?
bewachte er ihre Schritte? lie sich von seiner rasenden Leidenschaft nicht das
Wahnsinnigste frchten? - Die Bestechung ihres Bedienten fiel ihr zuweilen ein,
wenn sie allein war. Sie gerieth in eine hchst unbehagliche Spannung, und fuhr
zusammen, wenn sie Stimmen und Tritte im Vorzimmer nicht sogleich unterscheiden
konnte. War Mengen bei ihr, so erschien diese Angst ihr so kindisch, da sie
sich nicht entschlieen konnte, sie ihm anzuvertrauen. Auch war es ihr peinlich,
Mario auf Walldorfs Spur auszusenden. Sie wute zu gut, wie rcksichtslos
Clemens war, wie leicht er gerade diesen Gehaten absichtlich krnken und
verletzen mochte. Als aber die Woche ohne irgend ein Lebenszeichen von ihm
verstrichen, da beschwor sie Feldern, Erkundigungen ber ihn einzuziehen. Sie
sagte ihm offen Alles, was zwischen ihm und ihr statt gefunden, und schlo
damit:
    Ich kann mich nicht direct nach ihm umthun, weil er aus dem geringsten
Beweis von Theilnahme gleich ganz unerhrte Folgerungen zieht, die ihm Schaden
thun, weil sie sich nie realisiren, aber mich in die widerlichste Verlegenheit
setzen.
    Feldern versprach sein Bestes zu thun und ihr im Lauf des Tages Bericht,
wenigstens ber seine Anwesenheit in Dresden, abzustatten. Ein Brief von Andlau
trug nicht dazu bei, Faustine zu erheitern. Er schrieb ihr ber Cunigundens
Angelegenheiten in dem khlen Ton der Ueberlegung, der ihr ganz unertrglich
war, wenn sie bereits fr oder wider Partie genommen. Man sollte doch nur nie in
einer solchen Entfernung Dinge besprechen, die heute anders aussehen als morgen,
murmelte sie, sondern nur solche, die nie wechseln und nie altern! Freilich
kenne ich Cunigunden sehr wenig - freilich ist es eine miliche Sache, eine
passende Stellung fr sie ausfindig zu machen - freilich erntet man fast immer
Verdru und Undank aus Einmischung in Familienverhltnisse - aber ich habe mich
nicht dazu gedrngt, und die Art, wie ich da hinein verflochten bin, kann gewi
keinen Schatten auf mich werfen. Und sogar wenn es ein Schatten wre - es sollte
mich nicht krnken, denn ich habe etwas Gutes gewollt; und ein Fleck ist es
sicher nicht. - Andlaus Antwort war da - und nicht eben trostreich. Wenn Mario
keine bessere bekam, was sollte mit Cunigunden werden? Sie grbelte sich matt
und mde. Da flog die Thr auf und Mengen freudestrahlend ins Zimmer, einen
offnen Brief in der Hand.
    Cunigunde ist willkommen! rief er, und zwar gleich auf der Stelle. Meine
Mutter hat ihren alten Kammerdiener hergeschickt, um sie auf der Reise zu
begleiten - daher die etwas verzgerte Antwort: er brachte mir den Brief. Sind
Sie zufrieden? - Er kniete neben ihr nieder und blickte glckselig in ihr Auge,
aus welchem wieder der himmlische Strahl aufleuchtete.
    O Mengen! sagte sie nur, und legte die Hand auf die Brust; die andre gab
sie ihm, und er behielt sie in der seinen ohne sie zu kssen, lange, friedlich,
andchtig, immer wie verzaubert in ihr Antlitz schauend. Spt drckte er heftig
seine Lippen in die schmale zarte Hand - da stand Faustine auf und sagte:
    Lieber Mengen, sagen Sie, bitte, dem Ernst, er mge einen Boten besorgen,
ich will sogleich Cunigunden schreiben, damit sie sich bereit mache; vielleicht
kann sie dann schon morgen reisen. O wie wird sie sich freuen! wie dankbar Ihnen
sein -
    Das wre ganz hors de saison! ich habe in Ihrem Dienst gehandelt, da mute
ich wol des Gelingens sicher sein.
    Feldern war gradeswegs zu Clemens gegangen. Der breite Johann schien
zweifelhaft, ob er ihn bei seinem Herrn einlassen solle oder nicht; da er aber
bereits gesagt, er sei daheim, so mute er ihm die Thr ffnen. Der zierliche,
ordnungliebende Feldern erschrak vor der Verwstung, die in diesem groen,
vielleicht ursprnglich eleganten Zimmer herrschte. Kleidungsstcke an der Erde,
Teller auf den Sthlen, Flaschen, Karten, Ueberbleibsel vom Frhstck und von
Cigarren auf den Tischen, Schlger und Pistolen auf dem Bett, Glser berall,
zwei Feldbettstellen neben einander aufgeschlagen, und Clemens im Schlafrock,
mit verwildertem Bart, geisterbleich, krankhaft, mitten im Zimmer stehend, den
einen Arm um den Kopf geschlungen, der andere schlaff herabhngend.
    Hier sieht es ja aus wie in einem Lager, sprach Feldern eintretend; doch
der scherzhafte Ton kam ihm nicht von Herzen.
    Ja, sagte Clemens gleichgltig, wir sind zwei Tage und zwei Nchte
beisammen gewesen, da mu man seine Anstalten treffen, so gut es gehen will. Wir
waren unserer sieben; ein Paar schliefen zur Zeit. Wir wechselten uns ab. Es
ging recht gut: Nur aber heute, am dritten Tage, da wurden die dummen Jungen
stckisch und gingen - der eine rechts, der andre links; zum Essen, zum Schlafen
- was geht's mich an.
    Sie sind also wol recht lustig gewesen?
    Lustig? nun ja, wie man's nehmen will. Lrm gab's genug, Wein auch, Karten
auch, und ich hoffe, Sie sind nicht der Meinung, da Weiber dabei sein mssen,
um die Sache ganz lustig zu machen.
    Gott bewahre! sagte Feldern, Clemens war ihm bengstigend, schien halb im
Rausch, halb geistes-halb krperkrank. Wrden Sie aber nicht auch gut thun, ein
wenig frische Luft einzuathmen? die dicke, heie Atmosphre des Zimmers stimmt
die Nerven herab, beklemmt die Brust. Sie sehen recht fatiguirt aus.
    Ich bin es, sprach Clemens und setzte sich auf einen Tisch, von dem er die
Karten herabschleuderte.
    Ich glaubte Sie krank, weil ich Sie so lange nicht bei der Grfin Faustine
getroffen.
    Umgekehrt! weil ich nicht mehr zu der Grfin Faustine gehe, bin ich krank,
d.h. ich wrde krank werden, wenn ich nicht vorzge, lustig zu leben.
    Es ist ganz hbsch, lustig zu leben, so zwei, drei Tage - doch dann,
Bester, wird man des Spaes berdrssig -
    Wie aller Dinge auf dieser sublunarischen Welt und des Lebens zuerst.
    Sie sind noch sehr jung, Herr von Walldorf -
    Ich werde morgen zweiundzwanzig Jahr, und das nennt man jung. Allein ich
bin zu meinem Unglck in diesen letzten Monaten alt geworden, uralt, wie die
Steine -
    Indessen sind Sie doch noch auf Vergngungen bedacht -
    Nein! auf Zeittdtung.
    Wollen Sie einen Spaziergang mit mir machen?
    Da mte ich mich erst ankleiden.
    Freilich! von Kopf bis zu Fu.
    Und das ist doch nicht der Mhe werth! Sagen Sie mir, Herr von Feldern, ist
denn etwas der Mhe werth, da ich darum meinen kleinen Finger rege?
    Ja, die Pflichterfllung.
    Aber wenn man gegen Niemand auf der Welt Pflichten hat?
    Sie fragen wunderlich! haben wir nicht die ganze Menschheit?
    Bah! rief Clemens, lie den Kopf auf die Brust sinken, und hob nach einer
Pause an, ohne ihn zu erheben: Kommen Sie aus eignem Antriebe zu mir?
    Feldern mochte keine Unwahrheit sagen; berdies war etwas so Trostloses in
Walldorfs Zustand, da er ihm die kleine Freude gnnte und die Frage verneinte.
    Sie schickt Sie also? sie denkt an mich? rief Clemens mit schwermthiger
Freude. Aber wie knnte es auch anders sein, da ich stets an sie - nicht doch!
nur sie denke! Solche Gedanken mssen zu einem Netz werden, das allmlig ihre
Seele umspinnt und zu mir hinber zieht.
    Feldern dachte an das, was ihm Faustine ber Walldorfs bertriebene
Folgerungen gesagt; deshalb sprach er halb scherzend, doch mit einem Anflug von
Bitterkeit:
    Darauf sollten wir es nie anlegen. Frauenseelen sind so subtil, da unsere
plumpen Gedanken sie nicht fangen, und so capricis, da sie sich oft ohne unser
Zuthun fangen lassen.
    Meinen Sie? ohne unser Zuthun? Also auch Ihnen haben die Frauen weh gethan!
O das Leid, welches dies Geschlecht ber die ganze herrliche Schpfung
verbreitet, ist namenlos, und der Mann verloren, der von einem Weibe Heil
begehrt! Und gerade, da die engelhaften so dmonisch sind! Die Menge? o die
schaut man an, ohne da die Brust sich hebt, das Herz klopft, das Blut siedet,
die Arme sich ausbreiten! das Alles ist fr Eine, die zwischen den Uebrigen sich
ausnimmt wie ein Mhrchen zwischen Tagesgeschichten .... sagen Sie mir, fallen
Ihnen nicht immer Mhrchen ein, wenn Sie - diese Frau sehen, z.B. das von der
Prinzessin, von deren Lippen Rosen fallen, wenn sie lchelt, und von deren
Wimpern Perlen, wenn sie weint. Diese Frau hat Augen! -
    Alle Frauen haben Augen! unterbrach Feldern, etwas berdrssig der
Rhapsodie - und es ist gut, da man sich dessen zuweilen erinnert, um nicht in
Monomanie zu verfallen, denn die Frau, die kein Auge fr uns hat, sollte fr uns
auch keine Augen haben.
    Sehr richtig! sehr philosophisch! O wie bedaure ich, auf der Universitt
das Studium der Philosophie so gnzlich verabsumt zu haben. Die Weisheit in
eine Wissenschaft gebracht, kam mir so spahaft zugestutzt vor, wie der Baum,
dem der Grtner eine Thierform giebt, damit man doch wisse, was so ein dummer
Baum bedeute. Aber es ist wirklich so bel nicht erfunden! Bei einem Lwen,
einem Adler, wei Jeder genau, was er zu denken hat, die ganze Geographie, die
ganze Naturgeschichte, Millionen Reisebeschreibungen - kurz, die vernnftigsten
und zweckmigsten Gedanken knpfen sich daran. Aber bei einem simpeln Baum
schweifen sie ins Blaue. Man kann denken an den Baum im Paradiese, von dem Eva
den famsen Apfel speiste - oder an den Upasbaum auf Java, der wie die
Regierungen zur Pestzeit in dem falschen Verdacht einer allgemeinen
Landesvergiftung steht - oder an die Linde auf dem Schlohof von Nrnberg,
welche die Kaiserin Cunigunde pflanzte, Zweige nach unten, Wurzel nach oben, um
ihrem Gemahl ihre schneeweie Unschuld zu beweisen. Kaiser Heinrich II.,
zubenamt der Heilige, war ihr Gemahl, und es mu doch ein prekres Ding mit der
Unschuld der Weiber sein, da sogar ein Heiliger ihr mitraut. Ferner an den
Lorbeerbaum auf Isola bella, worin Napoleon vor der Schlacht von Marengo das
Wort bataille schnitt - oder an die Eiche bei Pleischwitz in der Nhe von
Breslau, in deren hohlem Stamm ein Schuster und ein Schneider ein Paar Hosen und
ein Paar Schuh machten, welche noch gezeigt werden - vielleicht hatten sie eine
Wette gemacht, sonst begreife ich nicht, weshalb sie diese Werkstatt sich
whlten - oder an die sieben Schwestern hier im groen Garten - oder an die
Tanne von Oberwalldorf, welche Grfin Faustine in ein schnes Bild gebracht ....
da bin ich wieder bei ihr, und fing doch an bei der Philosophie.
    Er stand auf, schlang wieder den Arm um den Kopf und schwieg. Feldern sprach
besorgt:
    Sie sind wirklich krank, lieber Walldorf; das wste Treiben dieser Tage hat
Ihre Nerven frchterlich aufgeregt und Ihr Blut verbrannt. Sie mssen hier
heraus, die Unordnung um Sie her macht Sie konfus. Kleiden Sie sich an. Ich
warte gern. Dann gehen wir, und whrend der Zeit wird hier Ordnung gemacht.
    Meinetwegen! sagte Clemens, und rief Johann. Unter Johanns lblichen
Eigenschaften glnzte nicht die eines gewandten Kammerdieners hervor, und da
sein Herr nicht in der Stimmung war, diesem Mangel durch eigene Theilnahme
abzuhelfen, so dauerte die Toilette ziemlich lange, und Feldern hatte Mue,
zwischen den Trmmern dieses Schiffbruchs der Ausgelassenheit sich auf allerlei
Histrchen zu besinnen, die er Clemens erzhlte, um ihn aus seinem Hinbrten
aufzurtteln. Doch das war verlorne Mhe. Clemens blieb unempfnglich fr Alles,
was nicht Faustine war, und htte Feldern ihn gefragt, was er von dem Mann im
Monde denke, so wrd' er geantwortet haben:
    Ich sterbe aber, wenn ich sie nicht wiedersehe.
    Und wenn Sie sie wiedersehen, betragen Sie sich so - seltsam, da eine
Frau, die leicht mit aller Welt zu leben versteht, nicht mit Ihnen fertig werden
kann.
    Das ist es eben! sie mu nicht mit mir umgehen, wie mit aller Welt.
    Wenn Sie bei diesem Verlangen beharren, kann ich Ihnen freilich nicht meine
Vermittelung anbieten.
    O Gott, machen Sie, da ich sie wiedersehen darf, und sie soll mich
behandeln wie sie wolle, ich lasse mir Alles gefallen, Alles! nur keine
Verachtung und auch keinen Widerwillen, aber auch keine Klte und hauptschlich
keine Gleichgltigkeit. Und dann soll sie mich nennen lieber Clemens, nicht
Herr von Walldorf. Es hat Niemand auer ihr mich lieber Clemens genannt,
vielleicht meine Eltern, das wei ich nicht mehr, sie starben frh! Mein Bruder
hat eine andere Art sich auszudrcken, und fr die brigen Leute bin ich
Walldorf. Sie sagt bisweilen lieber Clemens! das ist, wie wenn die
Nachtigall im Winter schlge, und wollte sich Jemand unterfangen, mich nach ihr
so zu nennen, ich wrde ihm den verwegenen Mund mit einer Kugel stopfen. Endlich
soll sie mir die Hand geben. Das thut sie nie! Ich habe gesehen, da sie Mengens
groen Windhund auf den spitzigen Schlangenkopf gestreichelt - aber mir giebt
sie die Hand nicht! Und welche Grazie liegt in ihren Handbewegungen! nur sie zu
sehen, ist, als regne es Blthen. Also die Hand -
    Ich erstaune, da Sie Bedingungen machen, und noch dazu solche, welche kaum
die Liebe erfllen wrde. Was soll Grfin Faustine veranlassen, sie anzunehmen?
    Die Barmherzigkeit.
    Sie waren ein Paar Stunden umhergegangen. Feldern fhlte sich erdrckt von
dieser dem Wahnsinn hnlichen Leidenschaft, deren Hoffnung auf nichts basirte
und deren Verlangen Alles umschlo. Er sagte, er wolle Faustine erzhlen, wie
unglcklich Clemens sich fhle, ihr mifallen zu haben, und dann msse er das
Weitere ruhig erwarten und vor allen Dingen keine schlechte Gesellschaft an sich
heranziehen, die ihn fr jeden Verkehr mit der guten unfhig mache.
    Thut nur nicht prezis mit eurer guten Gesellschaft! rief Clemens
rgerlich; in ihr fallen Dinge vor, deren keine schlechte sich schmen drfte.
Ist die Gesellschaft schlecht, d.h. gemein und roh, nun, so ist auch das rohe
Wort und der gemeine Scherz am rechten Platz, und Niemand wird dadurch
beleidigt. Aber in der guten, der feinen, der gebildeten, der eleganten, was
wird da geredet! zierlich immer und mit pikanten Wendungen - die grbsten
Unanstndigkeiten: Asa foetida aux confitures. Besonders die alten Mnner haben
recht ihr hllisches Behagen dran, und das macht auch den jngern Courage. Was
man untereinander schwatzt - nun, das hat nicht viel zu bedeuten, aber mit
Frauen sollte man doch das lose Maul beherrschen. Wr' ich eine Frau, mir wrden
bei solchen Gesprchen die Finger jucken, um rechts und links eine Ohrfeige zu
geben. Das schickt sich aber beileibe nicht! Sie sitzen da und thun, als hrten
sie nicht recht hin. Aber sie hren doch - mgen sie rgerlich, mgen sie
verlegen sein - hren mssen sie. Manche mgen sich auch wol sehr amsiren;
dahin kommt's! Und dazwischen wachsen Mdchen auf, stehen einsam junge Frauen,
jung und schn, wie Faustine. Wenn ein gewisser alter Mann, dessen Namen ich
vergessen habe, bei ihr eintritt, so mchte ich ihn gleich wieder zum Fenster
hinaus spediren. Da legt er sich auf einen Lehnstuhl hintenber, damit der Bauch
Raum habe, der Stock steht zwischen seinen Knieen und die Hnde ruhen auf dessen
Knopf. Von dem rothen, fetten Gesicht ist nichts zu sehen, als ein
gallertartiges Unterkinn, Hngebacken und Wurstlippen. Die Nase zhlt nicht, die
Augen sind von den Runzeln der Augenlieder verschttet, wie ruinirte Teiche vom
zusammenfallenden Erdreich - und diese Maschine hebt an zu erzhlen .... wei
der Teufel was. Und man mag dazwischen reden - er wartet auf eine Pause! man mag
ihm geradezu Schweigen gebieten - er schweigt und hngt an die nchste Bemerkung
eine Anekdote im verbotnen Styl! Wo solche Menschen reden drfen, sieht man
nicht den Nutzen der Censur ein. Nein, mit eurer guten Gesellschaft bleibt mir
nur vom Halse. Wer ein Paar Jahr darin gelebt, ist hieb-und schufest und wei
Bescheid! Hinge es von mir ab, nicht drei Tage liee ich Faustine dazwischen.
Wenn sie dem alten Molch gegenber sitzt und das Goldkettchen immer hastiger,
immer heftiger um die Finger wickelt, ist sie anbetungswrdig. Einmal lachte
sie, aber im Zorn, das war prchtig -
    Und wieder ging er auf Faustine ber, und wie ein Monomane vertiefte er sich
in Extravaganzen bei seiner fixen Idee, indessen er ber andre Gegenstnde klar
und verstndig urtheilte. Trotz seines Mifallens an der guten Gesellschaft
versprach er denn doch, seine gar so lustigen Kumpane etwas fern zu halten und
Feldern kam ganz abgespannt bei Faustine an, die in heiterster Laune sehr gern
auf seinen Wunsch einging, Clemens wieder zu Gnaden aufzunehmen. Dessen
Bedingungen theilte er ihr aber nicht mit, auch nicht ganz genau den Zustand, in
welchem er ihn gefunden; er frchtete, Faustine mchte dadurch etwas aus ihrer
vershnlichen Stimmung gebracht werden, und er hielt es fr ganz nothwendig, da
sie nicht ihre Hand von Clemens abziehe, wenn aus ihm etwas Tchtiges werden
solle. Aber da morgen sein Geburtstag sei, sagte er Faustine.
    Als Clemens in der Frhe des nchsten Tages zu ihr kam, rief sie freundlich:
    Nun, mein verlorner Sohn, dies Krnzchen soll zugleich Ihre Heimkehr und
Ihr Wiegenfest feiern - und warf ihm einen Kranz der ersten Frhlingsblumen
entgegen. Schnere Sinnbilder der Hoffnung, als diese unter Schnee und Eis
gekeimten Blumen, wei ich nicht Ihnen zu geben, und die Hoffnung ist doch das,
womit wir uns am liebsten beschftigen.
    Ich halte nicht viel von der Hoffnung, entgegnete Clemens.
    Gengen Ihnen die Realitten so ganz?
    Sie gengen mir so wenig, da es mir nicht der Mhe werth vorkommt, Trume
von ihnen in die Zukunft hineinzuschieben - und das thut die Hoffnung.
    Aber unwillkrlich blickt der Mensch in die Zukunft, wie er, wenn er am
Fenster steht, zum Himmel blickt, und wie an dem Wlkchen oder Gestirne
auftauchen und dahin ziehen, so dmmern in ihr Bilder der Hoffnung auf. Haben
Sie schon Ihre Abreise nach Oberwalldorf festgesetzt?
    Ich habe noch nicht daran gedacht.
    Und was sagt Ihr Bruder dazu?
    Nichts - vermuthe ich. Er sagt berhaupt so wenig, wenn er auch ziemlich
viel spricht. Da wir aber nicht correspondiren, so wei ich gar nichts von ihm.
    Ich wundre mich, da Ihr Aufenthalt hier Ihnen so zusagt.
    Sie sind ja hier! - ich meine .... Sie leben ja auch in Dresden.
    Ich habe nirgends eine andre Bestimmung.
    Weshalb wollen Sie mich ins Exil des Landlebens schicken, das doch in der
That erdrckend ist, wenn nicht Interessen und Pflichten des Herzens dies Kleben
an der Scholle und Sorgen um die Scholle adeln.
    Und was hlt Sie ab diesen hhern Interessen nachzugehen? In schner,
krftiger Jugend stehen Sie brav und unabhngig da, nicht eben reich - das ist
sehr gut, da wird man zur Thtigkeit angespornt. Also kaufen Sie ein Landgut
Ihrem Vermgen angemessen, suchen Sie eine liebenswrdige Lebensgefhrtin und
werden Sie recht, recht glcklich, lieber Clemens - das ist mein Wunsch zu Ihrem
Geburtstage.
    Wnschen Sie aufrichtig, mich glcklich zu sehen?
    Wenn ich Nein sagte, wrden Sie es glauben? - Ich lge nicht, weil ich die
Wahrheit bequemer finde, als die Lge. Das sollten Sie doch wissen.
    In der Welt macht man aus Gewohnheit, nicht um zu lgen, viel schne
Worte.
    Ich auch! wenn mir nichts Besseres einfllt! - Doch Freunden gegenber
nenne ich leere schne Worte Lge, weil sie etwas Anderes dahinter erwarten; die
Welt aber nicht: die empfngt die Mnze, womit sie zahlt - ein redlicher
Handel.
    Gut denn! so mssen Sie mein Glck nicht blos wnschen, sondern auch etwas
dafr thun.
    Thun? ach, meine gebrechliche Hand webt leichter die fliegenden
Sommerfdchen der Theorie, als das derbe Schiffstau der Praxis. Was kann ich fr
Sie thun? .... ein hbsches Bild fr Sie malen -
    Ihr eigenes?
    Nein, daran mgen Andere ihre Kunstfertigkeit ben! ich habe zu viel mit
mir selbst zu schaffen, um mich auch noch zu malen! - Und Sie besuchen kann ich
-
    Wann? wo?
    Nun, wenn Sie verheirathet sind und ein hbsches Haus haben.
    Das liegt Alles zu fern.
    So will ich mich besinnen! mit der Zeit fllt mir vielleicht noch etwas
ein.
    Aber Faustine war so gelangweilt durch die ungewohnte Anstrengung, jedes
Wort so einzurichten, da es eine Barriere vor Clemens schob: da sie nicht zu
ihrer gewhnlichen Freiheit gelangte und herzlich froh war, als die Ankunft
Cunigundens und ihres Vaters das Zwiegesprch unterbrach.
    Frau von Stein hatte ihre Tochter kalt entlassen mit der Weisung, die groe
Selbstndigkeit, welche sie in so jungen Jahren ihren Eltern gegenber
behauptet, auch nun fr ihr ganzes Leben und unter allen Verhltnissen zu
bewahren, damit sie nicht in den Verdacht kindischen Trotzes gerathe. Da
indessen Jeder, der berhaupt einen Willen habe, berechtigt sei ihn geltend zu
machen, so billige sie, da die Tochter auf eigenem, wenn auch berraschendem
Wege, zum Glck zu gelangen suche. Cunigundens Schwestern weinten - und
trsteten sich. Nur der Vater war sehr betrbt und Cunigunde voll tiefen
Schmerzes, ihn verlassen zu mssen. Sie liebte den beschrnkten, lenksamen,
geduldigen Mann, nicht mit kindlicher Zrtlichkeit, nicht mit Verehrung, aber
mit jenem tiefen Mitleid, das vielleicht Antigone fr den blinden Vater empfand.
Ach, auch der ihre war ja blind, konnte nicht allein stehen in dem verwirrten
Leben, weil er nicht fhig war, es zu berschauen, und bedurfte einer Fhrerin,
einer mildern, als die despotische Gattin war. Das war sein frommes Kind - wie
er Cunigunde nannte - ihm stets gewesen und er bedauerte ihren unersetzlichen
Verlust, aber vollkommen resignirt.
    Sie ist jung, ich bin alt', sagte er, da mu man an ihre Zukunft denken.
Alte Leute haben keine! Und verloren htte ich sie ja doch, sobald sie sich
verheirathet htte. Und dann wre sie unglcklich geworden, sagt sie; das wrde
mir das Herz abstoen. Nun kann ja der liebe Gott es so fgen, da sie noch
einmal sehr glcklich wird, sogar, da ich es noch erlebe.
    Cunigunde sa immer neben ihm und hielt seine Hand in der ihren. Ihre Lippen
zitterten, aber sie weinte nicht und sprach fast gar nicht. Es war eine herbe
Wehmuth in ihr, ber die Art, wie sie aus dem Vaterhause einsam in die Fremde
ging. Ehedem hatte sie sich dies Scheiden wol anders gedacht, an der Hand des
Gatten, einer schnen Bestimmung zu - doch das war lange her, war noch ein Bild
aus ihrer ersten Jugendzeit, wo sie noch nicht ihre eigenen Ansprche an den
knftigen Gatten kannte. Seitdem war es anders in ihr worden; wie und wodurch -
wute sie nicht. Es kam ihr eben nur vor, als habe sie ausgeschlafen. Doch der
Tag, zu welchem sie erwacht war, lag khl und farblos da, und sie frstelte bei
dem Gedanken, da hinein zu mssen.
    Mengen kam, erneuerte die frher gemachte Bekanntschaft mit Herrn von Stein
und Cunigunden, und erzhlte so viel und so herzlich von seiner Familie,
besonders von seinem Vater, da Allen ganz traulich und heimisch dabei zu Sinn
ward. Matildens Hochzeit sollte nchstens sein. Faustine sagte:
    Das freut mich fr die Liebenden und noch mehr fr Sie, theure Cunigunde.
Es bringt uns den Menschen nher, wenn wir ein Familienfest mit ihnen gefeiert
haben. Wir sind nicht fremd in dem Kreise, wo wir einmal theilnehmend gelchelt
oder geweint.
    Und ich werde Ihnen bald folgen, mein Frulein, und Ihnen Briefe und
Nachricht von den Ihren bringen, sagte Mario; denn ich bin sehr entschlossen,
etwas so Frohes, wie eine Hochzeit, nicht bei den Meinen ohne mich vorbergehen
zu lassen.
    Etwas so Frohes? fragte Faustine; aber Mario hrte es nicht, weil Herr von
Stein ganz vergngt sprach:
    Es freut mich recht, Herr Graf, da Ihnen eine Hochzeit wie eine
Frhlichkeit vorkommt. Sonst war es Mode, da es lustig und hoch dabei herging.
Es gab Feste und Schmausereien Tage, ja Wochen lang. Zum Hochzeitstage selbst
gebrauchte man einen ganzen Tag, wie sich das gehrt, damit aller Putz, alle
Ehren, alle Lustbarkeit, aller Scherz sein Recht bekomme, und nicht ein Ehrentag
mit zwei oder drei kmmerlichen Stunden abgefertigt werde, wie es jetzt wol
geschieht, wo man sich am Morgen oder am Abend trauen lt, einen Bonbon it, in
den Wagen steigt und in die weite Welt fhrt.
    Das gefllt mir doch sehr gut, lieber Herr von Stein, sagte Faustine.
    Ja, meine gndige Grfin, das glaub' ich gern! die schne junge Frau ist
wol am liebsten mit dem Gemahl allein. Aber du grundgtiger Gott! sie werden
beide noch so lange beisammen sein, da es sehr gut ist, wenn sie in der ersten
Zeit ein wenig gestrt werden, damit sie nicht nach drei Monaten einander
berdrssig sind. Und dann die Uebrigen! warum sollen die leer dabei ausgehen?
an einer Hochzeit nimmt die ganze Welt Theil, mit Fug und Recht, denn zwei
Menschen, die losbndig in ihr umherirrten, erbauen sich pltzlich ein Httchen
und schmcken die Welt mit Menschen und mit Glck. Das ist fr jedermann
wichtig. Drum erhielten sonst alle Hochzeitsgste ein Stckchen vom Strumpfband
der Braut zum Andenken. Freilich jetzt sind die Leute gewaltig steif geworden.
Der harmlose Scherz macht ihnen keinen Spa mehr, und sie zucken die Achseln
ber den veralteten, plumpen Gebrauch, worin doch wahrhaftig Andacht war. So
untersttzt denn jetzt die Gleichgltigkeit der Uebrigen den Wunsch des
Liebespaars, und die wichtigste Angelegenheit des Lebens wird mit einer ganz
unstatthaften Heimlichkeit vollzogen, als ob man sich ihrer schme. Htte meine
Cunigunde geheirathet - Der Blick der Tochter begegnete bittend dem seinigen,
darum fgte er hinzu: Aber sie will nicht! Es ist kurios, da heutzutage, wo
ein Brutigam rarer ist als ein Nordlicht, gerade mein Mdchen keinen will. Nun,
wir wollen nicht weiter davon reden. Es wird ja wol Alles am Besten sein, wie
der liebe Gott es fgt.
    Der Tag ging recht gut hin. Mengen war fast immer da. Cunigunde schpfte
Zuversicht aus seinen Worten. Feldern kam in der Absicht, ihr Lebewohl zu sagen;
doch er kehrte im Vorzimmer wieder um. Ihm war, als spiele er in der Scene nur
eine Nebenrolle. Am nchsten Morgen wollte Cunigunde reisen, es war Alles fr
sie in Bereitschaft gesetzt. Sie nahm einen kurzen, heftigen Abschied von
Faustine; sie wollte nicht weich werden, vielleicht ihres Vaters wegen. Der alte
Mann erbat sich Faustinens Erlaubni, sie zuweilen besuchen und mit ihr von
Cunigunden reden zu drfen. Diese sagte zu Mario auf Faustine deutend:
    Sie bringen mir also bald Nachricht von meinem Liebesengel! - dann ging
sie mit Herrn von Stein in einen Gasthof, und am andern Morgen, als die Sonne
aufging, waren Vater und Tochter schon getrennt, und Cunigunde ging gefat ihrer
Bestimmung entgegen.
    Und Sie gehen nun auch? fragte Faustine niedergeschlagen Mengen; ich
werde recht einsam sein. Wenn doch Clemens lieber ginge statt Ihrer.
    Ich komme bald wieder, sagte Mario; meine Eltern wnschen es, wollen mich
sehen -
    Das begreife ich! wenn wir uns aber nur wiedersehen.
    Warum sollten wir nicht? wir sind jung.
    O, das ist kein Grund! im Gegentheil, junge Menschen werden hufiger
getrennt, als alte. - Faustine blieb so niedergeschlagen, da auch Mario davon
angesteckt wurde, und wenigstens an dem Abend in keine leichtere Stimmung kam.
Doch gerade dieser mchtige, unleugbare Einflu Faustinens bestimmte ihn, eine
Entscheidung herbeizufhren. Gehre ich ihr so ganz an, sprach er zu sich
selbst, so werde sie denn auch mein eigen! und was frchte ich denn? sie ist ja
frei, ich bin es! aber wird sie wollen? sie mu wollen, wenn sie mich liebt ....
Wenn! - o verdammter Zweifel, den nur der Kopf ausbrtet, und das Herz nicht
hegt! -
    Acht Tage vergingen bis zu Mengens Abreise, und Faustine blieb in einer
Nebelwolke von Traurigkeit. In der Region der Gefhle ist dieser Zustand der
unbehaglichste, weil er keinen Kampf zult, weil man warten mu, bis Sonne oder
Wind den Nebel zerstreuen; und oft der gefhrlichste, weil man mit umdmmerten
Blicken hufig bis an den Rand des Abgrunds tappt, zuweilen in ihn hinabstrzt.
Wie kann er gehen! dachte Faustine; sieht er, fhlt er nicht, wie nothwendig
er mir ist? nothwendig, wie die frische Luft, wie der Frhling! - Ach, der
Frhling kommt und er geht! - Bisweilen machte sie sich selbst Vorwrfe,
wiederholte sich, da einige Wochen schnell verstrichen, da er heimkehren
wrde, da auch Andlau, nach seinem letzten Brief zu schlieen, bald kommen
msse, und da alsdann fr sie Alle eine Erhhung des Reizes im lebendigen
Verkehr eintreten knne. Aber das lag so fern, gleichsam hinter den Nebelwolken
ihrer Traurigkeit. Sie sah es nicht klar. Der Schmerz der Entbehrung lag ihr
nher, als der Trost des Genusses einer zweifelhaften Zukunft. Sie wute nicht,
ob Mengen und Andlau an einander Behagen finden wrden: Beide waren schroff und
scharf, dieser eisig, wenn er unangenehm berhrt sich fhlte, und jener in
demselben Maa schneidend - zwei Naturen, die mit gezogenem Schwert sich
gegenberstehen muten, sobald sie nicht Hand in Hand gingen.
    Faustine war in ihrer tiefsten Seele beklemmt und unheimlich. Htte sie den
Muth, die Strke und die Besonnenheit gehabt, den Verhltnissen fest ins Auge zu
sehen, so wre ihr bald genug klar geworden, da in Marios Entfernung ihrer
Aller Heil liege, und sie htte durch ein gefates: Fahre hin, dem Schicksal
vorbeugen knnen, das sie zerbrach, als es in seiner vollen Macht ber sie
herbrauste; sie htte durch eine ruhige Darlegung ihrer innersten
Seelenverbindung mit Andlau Mengen auf einmal, ehe er ein Wort gesagt, durch
einen einzigen kurzen Schmerz, in sein altes Gleichgewicht, wenigstens
uerlich, zurckgestellt, und in dem seinen das ihre gefunden; sie htte Alles
das thun knnen, was sie nicht that, eben weil ihr Muth, Strke und Besonnenheit
fehlten.
    Gegen Clemens war sie whrend dieser Zeit viel freundlicher, oder eigentlich
sanfter als sonst, wo sie ihm nicht leicht irgend ein Wort hingehen lie, ohne
es zu rgen, sobald es ber seine Grenze sprang. Jetzt hrte sie nicht so scharf
hin, oder sie hatte Mitleid mit seiner Thorheit. Was den Frauen ihr Mitleid fr
Schaden thut - das ist nicht zu beschreiben und nicht zu begreifen! wenigstens
nicht von den Mnnern zu begreifen, welche fr die Frauen alle mgliche
Empfindungen, nur kein Mitleid hegen. Im Ha und in der Liebe als Ueberwinder,
vernichtend, grausam, vor den Frauen zu stehen, ist ihre Wonne, ihre Lust, ihr
Triumph, - ihre Natur! und die Frau, die darber klagt, ist falsch: es hat noch
jeder Simson seine Delila gefunden! - Aber daran thut der Mann unrecht, in jeder
Mitleidsuerung ein Liebeszeichen zu sehen. So weit mte er aus seiner Natur
heraustreten und die fremde Eigenthmlichkeit erkennen. Mitleid ist eine Tochter
des allgemeinen Wohlwollens, und die Frau hat viel mehr Wohlwollen fr den Mann,
in welchem sie von Hause aus eine Sttze und den Begrnder ihres Glckes sieht,
als er fr sie hat, die er doch nur  tout prendre, als eine sichre Beute
betrachtet. Daher wird die Frau durch eines Mannes Neigung zwar nicht immer zur
Erwiderung, doch gewi immer zum Mitleid gestimmt - vorausgesetzt, da ihr keine
Verbindung mit ihm droht, wie es bei Cunigunden und Feldern war - und sie wird
Dinge thun und sagen, die ihm ja nur den Mangel an Liebe freundlich verbergen
sollen. In solchem Verhltni ist es nur seine, niemals ihre Schuld, wenn er ein
Lcheln, einen holden Blick, ein ses Wort als ein Versprechen knftiger
grerer Gaben betrachtet. Die Frau ist gleich dem Kinde, heftig, glhend,
leichtgerhrt; hernach vergit sie das, und das macht ihr der Mann zum
Verbrechen. Es ist aber ihre Natur, so wie die seine Barbarei ist. Nur nie
Mitleid mit dem Manne geuert! er mibraucht es alle Mal.
    Clemens jubelte heimlich: ich wute wohl, da ich sie rhren wrde!
Anfnglich war sein brennendster Wunsch nicht weiter gegangen, als seine Liebe
geduldet - nun wnschte er schon, sie erwidert zu wissen. Er gestand es sich
freilich nicht ein, aber im Herzen rechnete er schon darauf; denn was wr' es
fr eine wunderliche Liebe, die keine Erwiderung begehrt? ich denke, es wre gar
keine Liebe. - Mengen geht - so lautete Walldorfs Rechnung - sie wird ihn
vermissen, weil er ihr eine angenehme Gesellschaft ist, doch von einer Neigung
kann nicht zwischen ihnen die Rede sein, da diese Trennung statt findet.
Hingegen wird Andlau kommen - aber ist denn da noch die alte Liebe? fast sechs
Monat hat er sie verlassen, und sie lebte whrend der Zeit ruhig und heiter. Wo
ist der Mensch, der, wie ich, ohne ihren Blick in Verzweiflung untergeht? Nein,
mir, meinem lodernden Herzen gehrt sie einzig an. - Bisweilen sa er ihr
viertelstundenlang schweigend gegenber und sie schwieg auch. Sie malte oder
zeichnete. Clemens kam gern in den frhen Morgenstunden, wo er gewi war, sie
allein zu treffen; sptern Besuchen rumte er das Feld, und war am
glcklichsten, wenn er sie ungenirt bei ihren gewohnten Beschftigungen, die sie
seinetwegen nicht unterbrach, huslich und traulich fand. Darum begehrte er auch
keine Conversation von ihr. Sie durfte sich in ihre Arbeit, ihre Gedanken
vertiefen. Das that sie auch. Fiel es ihr dazwischen ein, es sei doch sehr
unfreundlich, sich gar nicht um des armen Clemens Anwesenheit zu kmmern, so sah
sie lieblich zu ihm auf, oder nickte ihm einen holden Gru, gleichsam seine
Nachsicht erbittend, zu. Er aber meinte dann, sie freue sich ber seine
Anwesenheit; und sagte sie, um doch einigermaen fr seine Unterhaltung zu
sorgen:
    Da liegt ein hbsches Buch, lieber Clemens, lesen Sie doch ein oder das
andere Capitel; - so war er glckselig, weil er dachte: sie wnscht, da ich
bleibe - sonst knnte sie mich ja gehen heien. - Faustine wnschte aber
hinsichtlich seiner gar nichts, als ihn vor Ausartung der Thorheit in
Verwilderung geschtzt zu wissen.
    Am Vorabend von Mengens Abreise waren mehre Personen bei ihr. Er selbst kam
spt. Sie hatte sich in eine groe Lebhaftigkeit hinein gesprochen, um damit
ihre Trauer zu umschleiern. Gleichgltige werden stets dadurch getuscht. Jemand
fragte: wie sie zu ihrem seltsamen Namen gekommen, und sie sagte:
    Mein Vater hatte eine solche Liebe zu dem Gtheschen Faust, da er, um in
jedem Augenblick seines Lebens an dies Meisterwerk erinnert zu werden, seinen
beiden ersten Kindern den Namen Faust und Faustine beizulegen beschlo. Meine
Mutter bebte vor diesen barbarischen Namen, sie hatte ganz andere Lieblinge. Als
der Zeitpunkt kam, wo ein Kindlein geboren werden sollte, gab es manche kleine
Debatte, und unsglich war die Freude der Eltern, als nicht Eines, sondern zwei
zugleich das Licht dieser Welt erblickten, und nun Jeder einen Lieblingsnamen
auf der Stelle anbringen konnte. So ward ich Faustine, meine Schwester Adele
getauft. Meine arme Mutter starb im Wochenbett, und mein Vater hatte auch nicht
lange die Freude, durch mich an sein geliebtes Gedicht erinnert zu werden: er
blieb im Felde. Fr mich hat aber mein Taufpathe, Faust, stets ein ganz
besonderes Interesse gehabt, unabhngig von dem Zauber seiner Poesie und seiner
grandiosen Weltanschauung. Ich wollte immer mein eigenes Schicksal in diesem
rastlosen Fortstreben, in diesem Dursten und Schmachten nach Befriedigung finden
- aber der zweite Theil hat mir das unmglich gemacht. Ich denke, es schreibt
wol jeder von uns seinen eigenen zweiten Theil zum Faust, der Gthesche ist
allzu individuel.
    Graf Kirchberg sagte: Das find' ich nicht! es ist das treue Bild aller
Menschen, die wie die alten Titanen mit groer Kraft den Ossa auf den Pelion
thrmen, Studien, Forschungen, Leistungen auf ihre Gaben, um damit dem Himmel
abzutrotzen und abzuringen, was er diesem Streben nicht gewhren kann:
Befriedigung. Der Strom der Sinnenlust hat im Entstehen noch Nerv, weil der
Quellpunkt, die Liebe, ihm Nahrung giebt, aber breit, und drftig dennoch,
zerfliet er in der Steppe des Ueberdrusses und des unbestimmten, auf kein
hohes, festes Ziel gerichteten Verlangens. Dann versucht Faust dem Ehrgeiz, dem
Weltglanz, der Welteitelkeit einiges Vergngen abzugewinnen; aber es bleibt ein
schaaler Spa fr ihn, ohne Saft und Kraft, und dasselbe bleibt ihm die Kunst,
der er sich darauf in die Arme wirft. Das in ihr und mit ihr Erzeugte,
Euphorion, verschwindet, weil es nicht aus der Begeisterung geboren ist, und
somit hat auch die Kunst ihren Reiz fr ihn verloren. Endlich probirt er es gar
mit der Wohlthtigkeit, mit der allgemeinen Menschenliebe, doch die Lauheit, das
vage Mivergngen bleiben ihm zur Seite, und dieser ununterbrochene Seelenregen
macht ihn so matt, da er ganz froh ist, endlich mit guter Manier in die
elysischen Gefilde des Himmels einpassiren zu drfen.
    Gut, das ist eben eine Richtung! rief Faustine; ich sehe aber nicht ein,
warum der Faust seelenmatt werden mu. Hat die Liebe ihm keine Befriedigung
gegeben, so werfe er sich lodernd, wie in ihren Schoo, in die Arme des
Ehrgeizes, der Weltherrlichkeit, der Kunst! so ringe er nach ihnen und um sie,
statt mit ihnen zu spielen! so strenge er all' seine Krfte und sporne all'
seine Gaben an, damit er doch Etwas zu Tage frdere - und sei es nur gerade
Etwas, woran Mephistopheles seine Weltironie ben knne, der jetzt in dieser
bengstigenden Atmosphre nur noch zu armseligen Spen Gelegenheit findet, mit
Gauklerkunststcken sich helfen mu, und aus seiner grandiosen Lucifer-Region in
die Kategorie der klglichen, dummen Teufel fllt. Die Krfte eines Faust drfen
brechen - nicht erlahmen. Sind sie gebrochen im rastlosen Kampf: so gehe er heim
nach Gretchens der Htte, und suche dort im Tode, was er im Leben umsonst
gesucht: ein Haus fr die Ewigkeit. Der gttlichen Barmherzigkeit und der reinen
Liebe sind keine Grenzen gesetzt; heben sie die matte Seele in den Himmel -
warum nicht die ringende Feuerseele?
    Schreiben Sie doch einen zweiten Theil zum Faust - sprach Feldern
scherzend.
    Nein, ich lebe ihn lieber, entgegnete sie. Schreiben ist nur ein Surrogat
fr leben.
    Oder ein Widerhall des Lebens, der an jedem Busen sich bricht und zu einem
neuen, klingenden Ton wird - sagte Feldern.
    Ach! rief Faustine, unsre Brust ist gar nicht mehr im Stande, die
Millionen von Widerhallen aufzufangen, die wie Bienenschwrme gegen sie
losgelassen werden. Seit das Bombardement der Menschheit durch Kugeln so
ziemlich aus der Mode gekommen, ist dafr das durch Bcher eingetreten, welches,
wie eine Influenza, seine Zeit durchgrassiren mu. Ich regrettire im Grunde das
Kanonen-Bombardement! man riskirte zwar in einem solchen den Geist aufzugeben,
allein der Kopf wurde dann doch mit fortgeschossen. Die Bcher hingegen lassen
die physischen Kpfe friedlich zwischen den Schultern sitzen, und nur der
geistige wird von ihrem Bombardement betubt und verdummt. Ich hoffe, noch vor
Ende dieses Jahrhunderts wird jeder auftauchende Schriftsteller nach irgend
einem Botany-Bay gesendet.
    Welch' ein vandalischer Ha gegen die armen, liebenswrdigen
Schriftsteller, die Ihnen doch gewi von Robinson an bis zur heutigen Stunde
unsgliches Vergngen gemacht haben.
    So so! Sie leben mir vor, sie denken mir vor - ich lebe und denke aber
lieber auf meine eigene Hand, schlecht und recht, wie ich's eben verstehe, als
einem Andern nach.
    Als Mengen kam, bemerkte er sogleich Faustinens innere Aufregung. Sie
sprach; aber dann und wann hielt sie mitten im Satz inne, weil sie keinen Athem
mehr hatte. Ihre Augen glnzten; aber dann und wann sanken die Augenlieder tief
und mde herab.
    Sie sind fatiguirt, Grfin, sagte Mario sanft, und setzte sich zu ihr.
    O, zum Sterben! entgegnete sie, sich im Fauteuil zurcklehnend.
    Man mu nicht so viel reden, wenn einem nicht danach ums Herz ist.
    Dann schweigen Sie nur, Mengen! Sie thun ja nie danach, wie es Ihnen ums
Herz ist. - Er sah sie fragend an. - Nun ja, fuhr sie fort, Sie reisen und
wrden doch viel lieber, trotz Hochzeit und Freudenfesten, hier bleiben.
    Er antwortete ihr nicht, aber er verwickelte die Anwesenden in Gesprche,
womit die Zeit hinging ohne Faustinens Bemhen. Als man aufbrach, wnschte man
ihm eine glckliche Reise, und all' die freundlich banalen Phrasen erklangen,
welche denen so weh thun, ber die der Schmerz des Abschieds einbrechen wird.
Faustine sa regungslos auf ihrem Platz. Sie grte mit den Augen die
Scheidenden. Nun war sie mit Mario allein. Schweigend, mit untergeschlagenen
Armen, stand er eine Weile vor ihr, denn die Gefhle wogten in seiner Brust und
erstickten die Worte. Da stand sie auf, legte beide Hnde gefaltet auf seinen
Arm und sagte bebend:
    Auf Wiedersehen, Freund!
    Kann ich denn so von Ihnen scheiden? fragte er eben so leise und fate
ihre Hnde in die seine; - o Faustine, ich kann nicht! rief er dann mit
berstrmender Heftigkeit und drckte sie an sein Herz, als wolle er dies
brausende Herz oder die geliebte Gestalt zerbrechen. -
    O, das ist nicht recht! sagte sie, immer mit demselben Ausdruck von Trauer
im Blick und Ton.
    Vergebung, Faustine, sprach Mario sanfter und seine Hand glitt leise ber
ihr Haar, ihre Wange hinab - siehst Du, ich liebe Dich -
    Da stand sie auf einmal frei, seinem Arm entwunden, vor ihm. Sie bog den
Kopf zurck, der pltzlich in einer Verklrung stand, welche nur berirdischer
Triumph verschmolzen mit bacchantischem Jubel auf das Menschenantlitz gieen;
sie breitete die Arme aus, doch nicht zu ihm, sondern empor zum Himmel, und mit
der nmlichen Extase im Ton sagte sie: Er liebt mich! -
    Wohin denn mit dieser wehenden Glut, Faustine, wenn nicht zu mir? rief
Mario entzckt und schlang den Arm um sie, als wolle er sie an seine Seite
fesseln.
    Er liebt mich! wiederholte sie mit derselben schwrmerischen Innigkeit.
Sie umfate seinen Kopf mit ihren beiden Hnden, sah ihn an, schttelte dann
langsam den ihren und sagte trumerisch: Das ist aber doch wol nicht wahr.
    Nicht wahr! o Faustine, hast Du nicht gefhlt, wie mein Wesen allmlig mit
dem Deinen verschmolzen ist, wie mein Herz gelernt hat in Deiner Brust zu
schlagen, mein Geist in Deiner Richtung zu fliegen, mein ganzes Sein mit Dir
Schritt zu halten. Ist das nicht Liebe, Faustine?
    Wie die rosenrothen Gletscher immer blasser und blasser werden, wenn die
Nacht heraufsteigt und zuletzt in schattengleichem Grau dastehen, so erbleichte
sie; sie hing zerbrochen in Marios Armen und sagte tonlos:
    O, das ist aber entsetzlich!
    Warum, Faustine? Engel, Du liebst mich -
    Ich! rief sie und fuhr mit der flachen Hand ber die Stirn; - ich ....
Sie? - Sie irren sich seltsam, Graf Mengen.
    Entsetzen, als habe der Blitz zu seinen Fen die Geliebte erschlagen,
zerwhlte pltzlich Marios glckstrahlendes Antlitz. Er stie Faustine von sich
und sagte mit einer vernichtenden Drohung im Ton: Faustine!
    Sie sank in den Lehnstuhl wie eine welke Blume, die das Haupt unter dem
rollenden Donner beugt. Dicke Thrnen quollen langsam unter den Wimpern vor, die
Locken hingen aufgelst an den entfrbten zarten Wangen herab. Sie war jetzt
bezaubernd durch den unaussprechlichen Gram ihres ganzen Wesens, wie sie es drei
Minuten vorher durch dessen unaussprechliche Glut gewesen war. Mario hatte nicht
die Kraft sie zu verlassen, obgleich er im ersten Augenblick schon eine Bewegung
nach der Thr gemacht. Er kniete vor ihr nieder und sprach:
    Faustine, wie knnen Sie lgen?
    Ich lge nicht! flsterte sie ohne aufzublicken.
    Er legte seine Hnde gefaltet auf ihre Kniee und sprach: Sehen Sie mich an,
fest und ruhig, und nun antworten Sie mir: liebst Du mich nicht, Faustine?
    Nein! sagte sie fast unhrbar, aber unwillkrlich ruhte ihr Auge mit so
himmlischer Zrtlichkeit auf ihm, da er entzckt ausrief:
    Deine falschen, lieblichen Lippen lgen! Dein Auge spricht Ja! ich glaube
ihm.
    Nein, nein! rief sie in heftiger Angst und hielt beide Hnde vor den
Augen; kehren Sie sich nicht an die verrtherischen Augen, der Mund spricht die
Wahrheit.
    Faustine, sagte Mengen und stand auf, und seine zrnende Stimme wurde noch
schauerlicher durch die Bebungen, welche die gewaltigste Aufregung ihr gab -
wenn Du mich wirklich nicht liebst, wenn Alles nur ein Spiel, die Belustigung
fr einen leeren Augenblick gewesen, wenn Du die ganze Grazie Deiner Wesenheit
nur als eine gemeine Koketterie verschwendet, wenn Du solche Nichtachtung
fremder Gefhle hegst, da Du lebende, schlagende, blutende Herzen anatomirst zu
Deiner Belehrung oder Deinem grausamen Vergngen: so habe ich keinen Ausdruck
fr meine Verachtung.
    Mario! schrie Faustine und glitt auf ihre Kniee zur Erde herab - ich
liebe Dich.
    Er hob sie auf, zog sie strmisch an seine hochschlagende Brust und drngte
in einem Ku die Seligkeit und die Sehnsucht zusammen, welche dies Wort in ihm
auflodern lie. Aber Faustine begegnete nur scheu dieser Glut. Sie machte eine
ganz kleine Bewegung, so leise, jedoch so unwiderstehlich, da die Liebe ihr
gehorchen mu, und da doch nur die Liebe sie errathen kann; - und seine Arme
umstrickten nicht mehr wie ein Netz ihre Gestalt, und er fragte gepret:
    Warum drngst Du mir das bervolle Herz in den Busen zurck, Faustine? O
la es an dem Deinen ruhen, mein geliebter Engel! jetzt wei ich ja die
Wahrheit.
    Noch nicht ganz, Mario, antwortete sie dumpf.
    Aber das Wesentliche: Du liebst mich. Und morgen fhrst Du mit mir zu
meinen Eltern, als meine Braut, als mein Weib - wie du willst! aber mit mir,
denn Du liebst mich, Faustine! Er schlang ihre Locken um seine Finger.
    Sie sagte melancholisch: La mich los! es hilft doch nichts! wir mssen
scheiden.
    Da schrie er pltzlich heftig auf: Andlau? - Faustine neigte bejahend das
Haupt und Mengen sank wie zerschmettert in einen Stuhl.
    Siehst Du wol, wie viel schwerer Dir jetzt als vor fnf Minuten die
Trennung wird? sagte sie gelassen; O htte ich das Liebeswort verschwiegen!
    Rede, Unglckselige, rede! rief Mengen; warum denn Trennung? wer hat ein
heiligeres Recht an Dir, als ich? und wenn ein Anderer es gehabt hat, geht es
nicht auf mich ber von dem Moment an, wo Du mich liebst? Ich will Dich haben,
Faustine, ohne Theilung, ganz und gar -
    Das begreif' ich, unterbrach sie ihn. Aber kann ich denn einen Tag
glcklich sein, wenn ich das ganze Schicksal eines Andern, eines geliebten
Menschen, zertrmmere? Kannst du es dann noch durch mich, bei mir, sein?
unmglich, Mario, unmglich, wie die Sonne unmglich zur Mitternacht ber unserm
Haupt stehen kann! Und das sollst Du selbst entscheiden!
    O Faustine! Du liebst mich, nur mich: das wird entscheiden.
    Nein, Mario, ich liebe Andlau, den Mann, dem ich mein ganzes Geschick aus
freiem, vollem Herzen in die Hand gegeben, und der es wie ein Gott unwandelbar
liebend und treu gelenkt hat.
    Und nicht mich, Faustine? besinne Dich, Herz! wirklich nicht mich?
    Sie sank zu seinen Fen nieder, umschlang seine Kniee und legte ihren Kopf
darauf. Er wollte sie aufheben, doch sie bat: La mich hier liegen, Mario, und
frage mich nicht so, Du - Mensch gewordner, lichter Sonnenstrahl! wie sollt' ich
Dich nicht lieben? Sie weinte heftig. Er richtete zrtlich ihr glhendes
Antlitz in seiner Hand empor und sprach:
    Mein Engel, erzhle mir nun Alles, was Dich betrifft. Es ist so dunkel um
mich her! wenn ich Alles wei, wird es mir hell werden, damit ich entscheiden
knne, entscheiden, wie der Mario es mu, den Du liebst. Darum die Wahrheit,
Herz, die reine Wahrheit, wie vor Gott.
    Wie vor Gott! wiederholte sie feierlich, und stand auf. Sie waren schn
die beiden Gestalten einander gegenber. Mario sa in seiner gewhnlichen
Stellung mit untergeschlagenen Armen seitwrts am Tisch, und die Kerzen warfen
nur ein Streiflicht ber ihn. Aber sein marmorbleicher Kopf mit den vornehm
stolzen, aber durch die Macht der Empfindung fr den Augenblick melancholischen
Zgen, mit dem tiefen, geistreichen, glhenden Auge und dem dunkeln Gelock, hob
sich, gleich einem Gemlde von Velasquez oder Murillo, lebhaft von der
dunkelrothen Lehne des Fauteuils ab, welche ihn hoch berragte. Faustine stand
vor ihm, im vollen Kerzenlicht, blaroth gekleidet, blhend, weich, schwebend,
halb sinnlich, halb seelisch, hingehaucht wie von Guido Renis Pinsel, etwas vom
Johannes, etwas von der Magdalena im Ausdruck, der in jeder Secunde wechselte,
so wie sie die Scala der Gefhle durchflog. - Er - ruhig, fest, entschlossen,
nicht unerschtterlich, aber kampfbereit und unermdlich, die Siegesfahne
tragend, vielleicht in den Tod, doch gewi nicht in den Untergang. Sie -
schwankend, und immer ungewi lassend, ob sie fallen, ob sie in den Himmel
auffliegen werde. Er - ganz Mann. Sie - ganz Weib.
    Rede, mein Engel, sagte Mario sanft; keine Frage, keine Einwendung, kein
Blick sollen Dich stren.
    Was habe ich denn eigentlich zu sagen? fragte Faustine sich selbst,
trumerisch die Hand an die Stirn legend. Alltgliche Schicksale, ein Leben
ohne gewaltige Ereignisse, eine Persnlichkeit ohne berwiegende Vorzge - das
ward mir, das bin ich. Und innere Zustnde, Skizzen der Seele, kann man die
einem Andern vors Auge fhren und hindern, da ihm der Glanz zu grell, und der
Schatten zu schwarz erscheine? die Wahrheit wird durch das Wort so hart, da
sie, wenn nicht lgenhaft, doch unglaublich, doch bertrieben erscheint. Ich
aber habe von nichts, als von innern Zustnden zu sprechen; Begebenheiten darfst
Du nicht erwarten. - Aus der Pension in Mannheim, wo meine Schwester und ich,
die armen Waisen, erzogen waren, kamen wir im siebzehnten Jahr zu unsrer Tante,
welche ein schnes Landgut in der Nhe von Bamberg bewohnte. Ich war ein junges
Mdchen, wie alle brigen - glaube ich. Ich kann mich im Grunde gar nicht darauf
besinnen, wie und was ich war, so lange mein Wesen in seiner khlen, grnen
Knospe bewutlos wie ein Kind in der Wiege schlummerte. Ernst war ich wol, doch
auch heiter; still, aber innerlich lebhaft. Bilder wogten in mir, Gestalten
tauchten auf, Erscheinungen zogen vorber mit einer Flle, in einer
Lebendigkeit, welche mich schon zwischen meinen Pensionsgefhrtinnen zu ihrer
Scheherazade machten, zu einer kleinen Improvisatorin, die aber gewi sich
selbst weit mehr, als den Kreis ihrer Zuhrer amsirte. Spter gab ich diesen
Phantasien keine Worte mehr, sondern Bilder; ich zeichnete. Das macht sehr
still, weil die Hand bedchtig und das Auge vergleichend verfahren mu, wenn der
Kopf auch braust. Dies Talent, grade fr mich, mag wol eine besondere Gnade des
Himmels gewesen sein: die bestimmte Form gab mir Haltung. Mit der Poesie
hingegen, deren Schtzlinge zwang- und mhelos von der Form nicht mehr brauchen,
als was sie in ihren Fingerspitzen zusammenfassen, htte ich gewi den
Phatons-Gang und Sturz erlitten. - Von Liebe wute ich nichts weiter, als was
in den Dichtern steht, und das ist, so lange man es nicht auf einen bestimmten
Gegenstand bertrgt, etwas so Farbloses wie das Prisma, ehe man es zwischen
Auge und Sonne hlt. Ich liebte meine Bilder, meine Bcher, die Blumen, die
Vgel, die ganze Natur, die ganze Menschheit, den guten Gott, der dies samt und
sonders geschaffen hat, - Alles en bloc. Meine Tante am wenigsten; denn sie war
intriguant, und solche Charactere stoen mich von Grund aus ab, weil ich ohne
Waffen gegen sie bin, mgen sie mich gewinnen oder mir schaden wollen. Ich fhle
mich bei ihnen beklemmt wie irgend ein scheues Thierlein des Waldes, das die
fangende Schlinge ahnt. Ich hatte Scheu vor meiner Tante. Die Mnner waren mir
am liebsten, welche am besten tanzten und dabei nicht allzu fade plauderten.
Huldigungen verlangte ich nicht - vielleicht darum wurden sie mir oft zu Theil
in der oberflchlichen Manier, die zwischen ganz jungen Leuten statt findet. Nur
Graf Obernau behandelte die Sache ernster. Er war Rittmeister, sieben und
zwanzig Jahr alt, aus vornehmem Geschlecht, sehr reich und sehr schn - wenn man
dies Prdikat den regelmigen Zgen, der stolzen Gestalt und guten Haltung
beilegen will, welche in manchen Familien selbst dann noch erblich sind, wenn
schon der Adel der Gesinnung und die Krftigkeit des Blutes erloschen, die
zuerst diesen Stempel ausprgten. Ich gefiel diesem Manne auf eine mir ewig
unerklrbare Weise, d.h. er verliebte sich am ersten Abend, wo er mich bei der
Tante sah, dermaen in mich, da er auf dem Heimritt zu einigen Kameraden sagte:
Der Teufel soll mich holen, wenn das nicht meine Frau wird. Seine Kameraden
zweifelten durchaus nicht daran, da eine so glnzende Partie wie Obernau
schwerlich abgewiesen wird, und er berdies ein sogenannt guter Mensch war,
Jedem Geld borgte, Jedem im Duell secundirte, keinen Spa verdarb, und nebenbei
von solcher Schwche war, da Jeder, der in seine Launen einzugehen und ihm ein
wenig zu schmeicheln verstand, ihn lenken konnte, wie ein Kind. Solch ein
Kamerad, der vornehm und reich ist, auer den guten Connexionen auch noch den
stets gefllten Beutel hat, und obenein das gute Herz, welches mit beiden
aushelfen lt - wird von allen jungen Mnnern zrtlichst geliebt. Kaum hatte
Obernau mir sultanisch das Schnupftuch zugeworfen, so wrde kein junger Mann,
zehn Meilen in der Runde, sich zwischen ihn und mich gestellt haben. Es war
gleichsam ein allgemeines schweigendes Uebereinkommen, da er und ich fr
einander paten und gehrten. Obernau und immer Obernau war vor meinen Augen und
an meiner Seite, oder schwirrte vor meinem Ohr; denn der Tante konnte nichts
Erwnschteres kommen, als seine passionirte Neigung, und sie trug Sorge, mir von
ihm stets in einem Ton zu reden, der Eindruck auf mich machen mute. Nmlich
zuerst lobte sie seine guten Eigenschaften, dann beklagte sie den bsen Einflu,
welchen schlechte Rathgeber und eigenntzige Freunde in seinem wohlwollenden,
vertrauenden Herzen gewonnen, und schlo endlich damit, eine gute, edle Frau
knne ihn leicht zu sich emporheben und ihn zu einem neuen, bessern Menschen
umwandeln - und das sei der herrlichste Beruf des Weibes. Ich hatte zwar kein
Vertrauen zu dem Herzen meiner Tante, aber groes zu ihrer Klugheit. Was sie da
sagte, kam mir verstndig und gut vor, und ist es auch, wenn nur das Weib,
welches sich diesem heroischen Beruf widmet, in sich klar, fest und
abgeschlossen genug ist, um nicht selbst dabei herabgezogen zu werden. Ich
armes, unerfahrnes Geschpf, ohne Leidenschaft, ohne Schmerz - diesen zwei
Binde- und Lseschlsseln des Wesens - konnte das damals nicht in Ueberlegung
ziehen. Ich dachte, was die ganze Welt gut und zweckmig finde und was einen
Menschen glcklich mache, da msse ich thun, und ich verlobte mich mit Obernau.
Wollte ich sagen, er sei mir gleichgltig oder gar zuwider gewesen, und ich sei
zu dieser Partie beredet oder gezwungen: so wrde ich lgen. Nein, ich war ihm
recht gut, und gab ohne Widerstreben seiner Werbung Gehr. Ich wollte ja auch
meine herrliche Bestimmung erfllen und recht etwas Gott und den Menschen
Wohlgeflliges vollfhren. Ueberdies sah ich meine seit drei Monaten
verheirathete Schwester uerst glcklich mit einem Manne, der mir unertrglich
schien; daraus zog ich den Schlu, der grade umgekehrt richtig ist: der Mann sei
am liebenswrdigsten in der Ehe - und die Anstalten zur Hochzeit wurden gemacht.
    Je nher aber der Zeitpunkt kam, desto beklommener ward mir. Ich, die nie
trume, die nie eine bange Vorempfindung des Gewitters spre, wandelte umher,
als solle ein qulender Traum in Erfllung gehen oder ein Unwetter losbrechen.
Wenigstens bilde ich mir ein, da diese Schwle, diese Schwere, diese Angst ohne
Grund und ohne Namen, denjenigen heimsuchen msse, welcher Traum und Ahnung
kennt. Zu wem sollte ich reden? die Tante liebte nicht Errterungen der Gefhle,
wenn sie Entscheidungen herbeifhren konnten, welche ihren Absichten
widersprachen; sie wies sie nie ab, doch mit schlauer Geschicklichkeit wute sie
stets sie zu vermeiden. Meine Schwester, wie gesagt, war verheirathet: das war
eine unbersteigliche Scheidewand zwischen uns. Sie war jetzt die Frau eines
Mannes, nicht meines Gleichen, kein Mdchen mehr! kaum da sie mir noch wie
meine Schwester vorkam. Es giebt eine Jungfrulichkeit des innern Seins,
rhrender und reizender als die, welche der Myrtenkranz reprsentirt, weil sie
unendlich seltner ist. Aber leider! leider! geht sie oft vor dieser und fast
immer mit dieser verloren! sie widersteht nicht der materiellen Genusucht.
Meine Schwester war in kurzer Zeit ganz fraulich worden, verloren in ihren
Familien- und Haus-Interessen, und mit unendlichem Behagen sich darin zurecht
setzend, wie der Vogel auf seinem Nest. Sie gehrte zu den weiblichen Wesen, die
von der Geburt an, mchte ich sagen, Frauen sind und im Hause Wurzel fassen und
Blten treiben. Sie ist glcklich dabei geworden, weil Temperament, Sinnesart,
Character mit ihrem Schicksal Hand in Hand gingen, und weil man von ihr sagen
darf - was ich jedoch nie ohne einen leisen Schauder auszusprechen wage: - sie
wrde jeden Mann glcklich gemacht haben; - und dies wird doch zuweilen als Lob
von einem Mdchen gesagt! Nun, ich habe es nie verdient. -
    Aber an wen sollte ich mich wenden in meiner Herzensangst? Sehr verstndig,
wie mir scheint, wendete ich mich an Obernau, und sagte ihm an einem schnen
Abend, wo wir allein im Garten waren und die melancholische Herbstnatur mit
heimziehenden Wandervgeln und herabrieselnden Blttern mich noch trauriger
stimmte, da ich ihn lieber nicht heirathen wolle. Ein romanhafter
Mdchengedanke! antwortete er spttisch wegwerfend. Ich verstummte blde, und
sann acht Tage lang darber nach, ob er nicht wirklich Recht habe. Bisweilen kam
es mir auch so vor, aber als ber diesem Besinnen der Hochzeitstag mir bis auf
vierzehn Tage nah gerckt war, so fand ich, Obernau habe Unrecht, und abermals
verkndigte ich ihm meinen Entschlu und bat ihn dringend, mir mein Wort
zurckzugeben. Statt der Antwort sprach er: Ini, Du siehst zum Kssen lieblich
aus, wenn Du bittest! ich wre ein groer Narr, wollte ich Deinen Willen thun.
Indessen da er sah, da ich weinte, fragte er, ob ich etwa einen Andern, etwa
den und jenen, den er nannte, heirathen wolle. Zufllig waren das nrrische,
fade, dmmerliche Leute, und Obernaus Frage kam mir possierlich vor - oder war
es nervse Aufregung - kurz, ich brach in lautes Lachen aus, und Obernau sagte
beruhigt und beruhigend: Wenn Du keinen Andern lieber hast, so kannst Du mich
mit gutem Gewissen heirathen. Trotz dieser Versicherung war aber immer eine
Stimme in mir wach, die mir zurief: thu' es nicht! und zum dritten Mal, doch nun
unter tausend heien Thrnen und mit bangem Flehen, bat ich um meine Freiheit.
Da wurde er endlich anders, er gab das spttelnde, scherzende Wesen auf, womit
er bisher meine Einwendungen zunichte gemacht, er beschwor mich, ihn nicht
grenzenlos unglcklich zu machen, er liebe mich zu sehr, um von mir lassen zu
knnen, er wolle Alles thun, Alles sein, was ich gut und recht fnde, er lag zu
meinen Fen, er weinte - ich hatte in meinem Leben weder ihn noch irgend einen
Mann in solcher Bewegung gesehen, es machte einen schauerlichen, gewaltigen
Eindruck auf mich, ich dachte kindisch: wohlan, lieber unglcklich sein, als
unglcklich machen! - nicht wissend, da in der Ehe eins aus dem Andern folgt -
ich bat ihn tausendmal um Vergebung, und wnschte nun selbst den Hochzeitstag
mit einer fieberhaften Ungeduld herbei, in der Hoffnung, mein Schicksal msse
sich lieblicher in der Entschiedenheit, als in der Erwartung stellen. Ich ward
seine Frau. Der Stab war ber mich gebrochen! - so kam ich mir vor, so komme ich
mir noch jetzt vor, wenn ich an den Moment denke, von welchem doch schon manches
Jahr mich trennet.
    Faustine senkte ihr Haupt wie gebrochen, und legte das Gesicht in beide
Hnde; ihr Busen flog krampfhaft, sie bebte vom Scheitel zur Sohle, und als sie
nach einer Pause die Hnde sinken lie, war ihr sonst so blumenzartes,
holdseliges Antlitz starr, marmorbleich, tragisch. Ja, sagte sie mit
herzzerschneidender Wehmuth, von der Faustine, die damals unterging, mag jetzt
wol keine Spur brig sein, denn sie fiel der Schmach anheim! Ja ja! auf meine
unschuldige, reine Stirn wurde der Stempel der Schmach gedrckt, und ich - ich
habe es gelitten und es berlebt!
    Sie ging im Salon auf und ab, mit heftigen, ungleichen Schritten. Sie rang
die Hnde. Sie dachte nicht an Marios Gegenwart, nicht an seine Liebe - nur an
ihre Vergangenheit; und mehr zu sich selbst, als zu ihm, sprach sie mit tiefer
Bitterkeit:
    Giebt es denn auf der ganzen weiten Gotteswelt eine Schmach, welche der
gleich kommt: einem Manne zu gehren, ohne ihn zu lieben? O ich glaube, ein
ganzes Leben von Verworfenheit wird mit diesem Begriff bezeichnet. Doch nein!
nein! ich irre mich! ich war ja seine Frau, am Altar ihm angetraut - dann hat es
nichts zu sagen - fr die Menschen. Sie lachte in sich hinein.
    Ruhig, Faustine, aus Barmherzigkeit mit Dir, sei ruhig! bat Mario
erschttert.
    Schweigen Sie, Graf Mengen! Sie haben mein Leben wissen wollen - da drfen
Sie mich nicht stren, wenn wir bei einem so wichtigen Punkt angelangt sind.
Kennen Sie nicht die Sage von jenem Nixenbrunnen, dessen Wasser, hat man den
schweren Steindeckel einmal abgewlzt, immer hher, immer hher steigt, den Rand
berquillt und das Land rings umher in eine brausende Wogenflut verwandelt? O,
diese unermeliche Flut von ungekanntem, von mikanntem Weh in der Brust eines
Weibes erschttert sogar eine Mnnerbrust, wenn es sich einmal nicht als Klage,
nur als Schrei, uert! dann mu es gewi etwas welterschtterndes sein! Aber
ach! als Abnormitt wird es betrachtet! Krankhaft an Leib oder Seele,
verschroben, berspannt nennt man eine Frau, nachdem man sie ohne Barmherzigkeit
in die Arme des Ersten Besten, der sie nach ihr ausstreckt, geliefert hat, und
sie nun mit unberwindlichem Entsetzen wahrnimmt, was von ihr gefordert wird,
was sie gewhren soll. Von einer Million Ehen wird eine aus Liebe geschlossen.
Die Beweggrnde der brigen kommen in keinen Betracht; weil sie immer auf
hausbackene Ntzlichkeit zielen, sind die einen grade so gemein oder grade so
wrdig als die andern. Aber neunmal hundert neun und neunzig tausend neun
hundert Frauen verlangen es eben nicht anders; achtundneunzig verlangten es wol
anders, einst, vor langen Zeiten, auf die sie sich selbst nicht mehr recht
besinnen knnen, so untergewirbelt sind sie; nun haben sie sich gefgt, aus
Klte, aus Verstndigkeit. Und eine, nur eine, aber doch eine, eine Einzige
unter der Million, die verlangt es anders und, feiner oder schwcher organisirt,
kann sie nicht zahm sich fgen, und fhlt doppelt die Demthigung, weil sie zu
schwach ist sie abzuwehren. O diese Eine! sie kommt nicht in Betracht vor euren
Gesetzen, es kann kein eignes Recht fr sie geschaffen werden, Gott und Menschen
ziehen die Hand von ihr ab - denn im Namen Gottes ist ihr Segen verheien
worden, wo sie Unheil gefunden, und die Menschen hohnlcheln ob der
Phantasterei, welche da einen Tempel erbauen mchte, wo ein ekler Sumpf liegt. O
diese Eine! - es giebt Schmerzen, vor denen die Welt das Knie beugt, strahlende
Schmerzen, geputzte Schmerzen, rosenrothe Schmerzen, Triumphbogenschmerzen! aber
mit diesem Schmerz kokettirt man nicht, den vergrbt man scheu im Busen, wie man
das Krebsgeschwr am Busen mit unsglicher Beschmung verbirgt. Doch das Gift
des Geschwrs durchschleicht allmlig das Geder des Krpers und dringt in Mark
und Blut, und dieser Schmerz wird zu einem Gift, zu einer Quintessenz von Ha,
Bitterkeit, Verzweiflung, Emprung, Verachtung und Groll, wovon die Seele krank
werden und verderben mu, und Keiner, Keiner hat einen Blick des Erbarmens
dafr. O diese Eine! - das ist nicht eine von den Schlechtesten gewesen! nicht
um den Glanz und den Genu der Welt zu haben, ist sie in dies Jammerlabyrinth
gerathen! nur kindisch, nur unerfahren, nur jugendlich selbstvertrauend sprang
sie, ein sorgloser Schwimmer, von dem stillen Felsen ins rauschende Meer, um
einem Andern die liebende, die hlfreiche Hand zu bieten! aber der ist zu Hause
in dem wilden Element, der zieht die Arme in den Strudel hinein, in die Tiefe
hinab, sie sinkt - und Keiner rettet sie! ... Sind denn nicht Mnner da? ... ja
doch! ... da stehen sie, faunisch, neugierig, lstern vor dem trostlosen
Geheimni dieser Ehe, und rathen und rthseln, und deuten und deuteln, und
bringen es am Ende zur sonnenklaren Evidenz, da diese Frau die
begehrungswrdigste auf dem Erdboden ist. Ja doch! ... wo es eine unglckliche
Frau giebt, - jung und hbsch, comme de raison! - da fehlt ein halbes Dutzend
ritterlicher Mnner nicht, welche sich die Ehre streitig machen, dieser holden
Augen Thrnen zu trocknen, dieser frischen Lippen schmerzliches Zucken in ses
Lcheln zu wandeln. Sie sind ja die gebornen Beschtzer der Schnheit - die
edlen Mnner! - O diese Eine! ich will ja gar nicht weinen, weil ich gerade
unter der Million es sein mute; ich weine nur, weil berhaupt solch Elend auf
dieser schnen Welt statt findet.
    Aber damals weinte ich ber mich. Ich kam mir selbst unmenschlich
entwrdigt vor durch die Leidenschaft, die ich erregte, ohne sie zu theilen, und
das Geschpf, welches der Mann mit dem Fu vom Sopha auf die Strae schleudert,
schien mir weniger erniedrigt, als ich mich fhlte; - denn es steht auer dem
Gesetz, denn es macht keinen Anspruch auf Ehre; aber ich, unter dem Schirm des
Gesetzes, umringt von jeder Schutzwehr, welche der Ehre heilig, jung,
unverdorben, sittlich rein, ich sah mich pltzlich in der Gewalt eines Menschen,
dessen furchtbares Recht ber mich dadurch geheiligt sein sollte, da er in
einer Kirche vor vielen Zeugen gelobt hatte, es immer zu ben. Was ging das mich
an? ich mute ihm das Recht geben: nur so begriff ich es! nur so konnte es nicht
entadelt werden. Ich sah bisweilen die Leute ganz erstaunt an, wenn sie mich mit
Achtung behandelten - die brigens der vornehmen, reichen Frau nie fehlt - ich
htte fragen mgen: was fllt euch ein! der willenlose, dumpf gehorchende Sclav,
zhlt der mit in der menschlichen Wesenreihe? und steht mir's nicht wie ein
Brandmal auf der Stirn, da ich Sclavin bin? Ich hllte mich in meinen Gram wie
in ein Panzerhemd, und waffnete mich mit meiner Erbitterung wie mit einem
scharfen Schwert, und behandelte die Mnner mit einem Uebermuth, mit einer
Verachtung, vor welcher sie in den Staub fielen und in Anbetung geriethen. Aber
ich, die weit sehnlicher wnschte, einen Gegenstand der Liebe und Verehrung zu
finden, als es zu sein, zerfiel mit mir selbst immer unheimlicher, immer tiefer,
je greller der Widerspruch zwischen der uern Erscheinung und dem innern Sein
sich gestaltete. Ich wurde von meinem Mann geliebt, und empfand fr ihn den
unbesieglichsten Widerwillen. Die Welt huldigte mir, indessen ich mir selbst
verchtlich vorkam. Man pries meine Verhltnisse glcklich und beneidenswerth,
und ich fhlte mich in ihnen unaussprechlich elend. Htte ich wenigstens den
Trost gehabt, Obernau etwas ber sein leeres, wstes Treiben zu erheben, so
wrde mir das einigen Muth eingeflt haben. Doch die Sclavin dient dem Gebieter
nur, wenn er es befiehlt; auerdem ist sie ein Spielwerk, welches unbeachtet im
Winkel steht. Ich will gern glauben, da es mir auf einem gewissen Wege sehr
leicht geworden wre, unumschrnkte Herrschaft ber ihn zu gewinnen; allein,
konnte ich meinen Gemahl nicht ehren, so mochte ich ihn doch wenigstens nicht
beherrschen, nicht diese Flitterkrone fr den Preis erkaufen, den er darauf
gesetzt haben wrde. Ich ging meine Wege, er ging die seinen. Er bekmmerte sich
gar nicht um mich, sobald ich nur zu gewisser Stunde nicht fehlte. Ich war ja
seine Frau und er liebte mich! folglich, welche Ehre fr mich!
    Ich war immer mit Mnnern umgeben; ich ritt mit ihnen, ich fuhr mit ihnen,
ich schwatzte mit ihnen, nicht weil sie mir gefielen, sondern weil sie sich an
mich drngten, und weil ich gegen sie impertinent sein oder sie ganz ignoriren
durfte, kurz, weil sie nicht die Rcksichten heischten, welche zum Umgang mit
Frauen erforderlich, und weil berdies Obernaus beide Schwestern mir das eigene
Geschlecht noch mehr verleideten, als er selbst das mnnliche. Die eine war in
meinem Alter und verheirathet, eine drftige, enge Natur, welche sich nicht
darber zufrieden geben konnte, da mein Fu kleiner und mein Auge grer als
das ihre war. Die andre, ein junges Mdchen von vierzig Jahren, hatte vor Zeiten
ein Leben gefhrt, welches die Bewerber um ihre Hand nothwendig, trotz ihres
Vermgens, abschrecken mute. Jetzt reizlos, frh gealtert, krnklich, sprach
sie von ihrem nie verstandenen Herzen, welches sie ganz dem lieben Gott
zugewendet habe, weil kein Mensch dieses Kleinods werth sei. Gewi ist es, da
kein Mensch den lieben Gott um dies Kleinod beneidet hat, und da die uerlich
werkthtige, innerlich sterile Frmmigkeit meiner Schwgerin Crescenzie mich
gemahnte wie eine Schaale lauwarmen Wassers, worin man vorsichtig die
Fingerspitzen wscht und sie dann suberlich mit einem Battisttchlein
abtrocknet, aber nicht wie ein frisches, khles, strkendes Bad, worein man sich
begierig strzt, um den Staub des Lebens abzuwaschen. Meine Schwgerin Naudine
ging umher, die Leute fragend, ob sie je eine Person gesehen, welche mir an
Koketterie, Eitelkeit und Leichtsinn gleich kme, und meine Schwgerin
Crescenzie erzhlte den Leuten wehklagend, mit gen Himmel gehobenen Augen und
Hnden, wie unglcklich ich ihren Bruder mache.
    Freilich war er nicht glcklich, der arme Obernau, doch ich htte ja ein
ganz andres Wesen sein mssen, als ich war, um ihn zu beglcken. Das hatte ich
dunkel geahnt, das hatte er, der mich nur mit den Augen der Sinne ansah, nicht
glauben wollen. Er kannte von der Liebe nichts, als was die Sinnlichkeit ihm
zuflsterte, die mich emprt, wenn ihr nicht die Seele ihren himmelblauen Mantel
umgeschlagen - und so lebten wir, mit einander schauerlich verbunden, in
einander schauerlich getrennt. O, ich habe viel gelitten! ich fhlte wohl das
Drckende, das Pflichtlose unsers Verhltnisses. Wenn Obernau nicht da war,
stellte ich mir seine guten Eigenschaften vor, und schob alle seine Fehler auf
Rechnung der vernachlssigten Erziehung. Dann hing ich meine frheren Plane zu
seiner Bildung und Erhebung daran, und nichts schien mir leichter, als mit
einiger Kraft und einigem guten Willen ihn in eine andere Sphre zu versetzen.
Aber dann kam er, und sein erstes Wort: Komm her, Ini, ksse mich - war ganz
hinreichend, um mir die grausige Ueberzeugung wieder aufzudrngen, welche nur
momentan unterdrckt war, da kein Mittel in meiner Macht stehe, um gnstig auf
ihn einzuwirken, weil ich ihn ja leider! leider! nicht liebte. Bisweilen kam er
in tiefer Nacht heim, der Himmel mag wissen, aus was fr Gesellschaft! Hatte der
Wein seinen Kopf montirt, so berstieg seine Brutalitt alle Vorstellung. Doch
mitunter hatte er gespielt, und wie sich von selbst versteht, bedeutende Summen
verloren - dann war er verdrielich, mde und niedergeschlagen, dann verwnschte
er seine Freunde, das wste Leben mit ihnen, seine eigene Schwche; - und dann
war ich ihm wieder gut, so wie frher als Braut, und drang in ihn, den Abschied
zu nehmen, mit mir zu reisen. Er ging ganz auf diesen Vorschlag ein: das
dienstliche Verhltni drckte ihn; die Kameradschaft langweilte ihn; er wollte
mit mir reisen, sich aufhalten, wo es mir gefiele; ich sollte in Paris, in Rom
malen, so viel ich Lust htte - ich schlief ein mit der festen Zuversicht auf
eine, wenigstens uerliche Aenderung meines Schicksals, wo ich im Genu der
Reiseabwechselung und der Kunstausbung Zerstreuung und Freude finden wrde.
Aber ach! wenn Obernau nicht mehr mde und abgespannt war, so kamen ihm meine
Vorschlge romantisch vor - ein Lieblingswort, da er fast gegen jede meiner
Aeuerungen anwendete - ihm gefiel nichts besser, als in Bamberg zwischen seinen
Kameraden und guten Freunden fortzuleben, und ich mute manchen plumpen Spott
ber meine Liebe zur Natur und Kunst anhren. Aeuerlich ertrug ich das mit
kalter Verachtung; aber es grmte mich, da Obernau nicht die geringste
Theilnahme fr mich empfand, und es erbitterte mich, das er dennoch es wagen
konnte, von seiner Liebe zu mir zu sprechen und Erwiderung zu fordern, als sei
sie sein Recht. Und lieen gar meine Schwgerinnen sich einfallen, denselben Ton
anzustimmen, so wies ich sie herbe zurck, und sie rchten sich dafr, indem sie
gegen ihren Bruder ber meine Schroffheit wimmerten, und ihn endlos beklagten,
an eine seelenlose Puppe sein schnes Herz zu verschwenden.
    Wie lange ich diese Existenz ertragen, welchen Act der Verzweiflung ich am
Ende begangen haben wrde - das wei ich nicht mehr! wogende Nebelmassen liegen
auf jenem Ehestandsjahr, und gern wende ich meinen Blick von ihnen ab, der
lichten Erscheinung zu, welche meinem Schicksal eine vershnende Wendung gab.
Ich lernte Andlau kennen, und ich liebte ihn. Gott! ich Arme, ich Bedrftige,
ich Hartverletzte - mit welcher unaussprechlichen Wonne, mit welcher lautlosen
Ueberraschung sah ich aus dem alltglichen, langweiligen Schwarm eine Gestalt
auftauchen, bei der es mir wohl ward, bei der ich mich in meinem innersten Wesen
geschtzt und frei fhlte! Ein armes, kleines Fischlein, das im Eismeer
geschwommen und gefroren, und sich an Eisschollen blutig gestoen hat, und nun
pltzlich in die lauen, sonnigen Wellen der Sdsee versetzt wird, mu diese
friedliche Seligkeit genieen. Es fiel mir gar nicht ein, da meine Pflicht
gegen Obernau im Geringsten verletzt werden knne durch dies Gefhl, fr das ich
keinen Namen wute und wissen mochte. Ich nannte es nicht Liebe, denn bei dem
Wort fiel mir meines Mannes Liebe ein, und ich mochte mein Gefhl nicht einmal
durch den Gleichklang des Namens entadeln lassen. Aber ich liebte ihn! meine
Seele blhte auf vor seinem Lcheln, meine Trume wurden wach vor seinem Blick,
die Welt schlug fr mich das Auge auf, wenn ich in das seine schaute - in dies
ernste, denkende Auge, das forschend, prfend, wgend auf den Gegenstnden
ruhte, und ihnen Werth und Bedeutung zu geben schien, je nachdem es nach der
Prfung mehr oder minder befriedigt war; und das bei mir allein die Forschung
verga, um in heller Freude zu glnzen. Und wohl mir, da er es verga!
unentwickelt, kindisch, dumpf und befangen, wie ich damals war, htte ich
nimmermehr vor der Analyse des Verstandes bestehen knnen; aber er liebte mich
und verga daher mich zu analysiren. Ich war ihm wie ein Meteor zwischen dem
regelrechten Planetensystem der Gesellschaft. Unter andern Verhltnissen wrd'
ich mich vielleicht in derselben acclimatisirt haben; jetzt, aus Scheu ihr zu
gleichen, blieb ich in meiner primitiven Natur, aufrichtig, stolz, sauvage,
unabhngig, leidenschaftlich - eine Charactermischung, die man wol als eine
Reaction des allgemeinen Gesellschafts-Characters betrachten darf, die aber
nicht eben bestimmt sein mag, um einer Frau eine glckliche Zukunft in der Welt
zu sichern. Ein gewhnlicher Mann wrde dies sehr bald zu seinem Vortheil
benutzt haben: Andlau wurde dadurch gerhrt. Er wollte meinem exotischen Wesen
etwas von seiner phantastischen Glut nehmen, damit es besonnen in der khlen
Atmosphre der Welt gedeihen knne - aber daran scheiterte seine Kraft, denn das
tiefe Feuer, welches bis jetzt in meiner Brust geschlummert, weil kein Lufthauch
es angefacht, brach nun mchtig hervor und verzehrte seinen Willen. Die Liebe
brannte wie zwei Altarflammen in unsern Herzen. - - Was sagte die Welt dazu? O
die Welt! tausend gemeine Verhltnisse duldete sie, und abertausend noch
gemeinere begnstigt sie! aber wo eine starke Leidenschaft auftaucht, da schreit
sie Zeter! die keusche, sittsame Welt. Herzen, die im Schlamm ersticken, sucht
sie fein suberlich abzuwaschen; Herzen, die in Glut verlodern, streut sie in
alle vier Winde. Ich nahm keine Rcksicht darauf. Mein Leben hatte einen andern
Polarstern, als das Urtheil der Menge, und ich sagte hchst unbefangen, wie
glcklich ich mich fhle, endlich einen Mann gefunden zu haben, den ich achten
knne, weil Pferde und Hunde, Wein und Karten ihm nicht als die hchsten Gter
und wichtigsten Interessen des Lebens erschienen. Obernau spottete sehr oft ber
meine romantische Liebe zu Andlau, aber er suchte nicht sie zu stren,
vielleicht weil er meiner berdrssig war, vielleicht weil er mich nicht fhig
hielt, eine mchtige Liebe zu erwiedern; wenigstens meinte er ganz ehrlich, ich
msse von Marmor und Erz sein, indem ich bei der seinigen ungerhrt geblieben.
    In meinem jungen brausenden Kopf hatten schon Flucht und jede mgliche
gewaltsame Trennung gegohren, da eine Scheidung bei uns Katholiken mit groen
Schwierigkeiten zu kmpfen hat. Es gab Augenblicke, wo ich mir die Zuflucht
eines Klosters wnschte, um nur dem Druck meiner unseligen Ehe zu entfliehen;
denn die Liebe geht ihren Entwickelungsgang, und da mute es mir bald
unertrglich werden, da mein ueres und mein inneres Wesen schauerlich
zerspalten war durch mein Verhltni zu diesen beiden Mnnern. Was Eins war -
getrennt! was ewig Zwei blieb - verbunden! Das ist ein Rechenexempel, bei dessen
Lsung das Gehirn wirbeln kann! - Nur frei sein; danach schmachtete ich, wie
nach Wasser in der Wste. Nur frei sein; das war das Angstgebet, welches ich zum
Himmel emporschrie. Und Gott hrte mich. Wie ein Gefangener durch Erdbeben - so
gewaltsam, so schauerlich wurde ich frei.
    Andlau war eines Tags bei mir, und eben so traurig und niedergeschlagen als
ich, mochten wir nicht sprechen und auch nicht unsrer Melancholie uns hingeben.
Wir setzten uns an das Piano und spielten. Die Musik machte mich weich, Thrnen
entstrzten meinen Augen und als er mich zrtlich umschlang, lehnte ich die
Stirn an seine Wange und weinte zum Sterben! Da trat pltzlich Obernau mit
seiner Schwester Crescenzie ein und rief mit knirschender Wuth: Du hast Recht,
Schwester! Dann strzte er in sein Zimmer, holte zwei geladene Pistolen, welche
stets im Schranke hingen, und begehrte, Andlau solle sich auf der Stelle mit ihm
schieen. Dieser verweigerte es kalt. Obernau wurde immer rasender; Andlau blieb
ruhig, beschwor ihn mich zu schonen, kein Aufsehen zu machen, indessen ich wie
eine Statue wort-, gedanken-, besinnungslos dastand, und nicht eher meine
Fhigkeiten wiederfand, als bis ein Schu fiel und Andlau zu meinen Fen
hinsank. Nun wute ich, was ich zu thun hatte! ich lie anspannen, ihn in seine
Wohnung schaffen, Aerzte rufen, ich begleitete ihn. Keinen Augenblick verlor ich
in Unentschlossenheit, Verzweiflung, Zaghaftigkeit. Keinen Augenblick wich ich
von seiner Seite. Obernau, die ganze Welt, waren nicht mehr fr mich da. Ich
gehrte dem an, der fr mich litt, unschuldig und qualvoll litt. Ich wei nichts
aus jener Zeit, als da ich ein Paar Wochen Tag und Nacht vor seinem
Schmerzenslager sa und um sein Leben flehte. Obernau begehrte, ich solle zu ihm
kommen, bald bittend, bald drohend; seine Verwandten forderten dasselbe. Ich
hatte nur eine Antwort: Nie kehre ich in das Haus eines Mannes zurck, der sich
und mich im Angesicht der ganzen Welt erniedrigt hat. Unerschtterlich blieb
ich dabei. Obernau wollte sich nicht scheiden lassen, sei es aus Ha oder aus
Rache. Mir einerlei! ich ging mit Andlau nach Nizza, seine verwundete Brust
brauchte mildere Luft. Zwei Jahr lang kmpften meine Liebe, Sorgfalt und Pflege
ihn dem Tode ab. Zwei Jahr lang war ich in steter zitternder Angst um ihn. Doch
mitten in dieser Angst war ich glckselig - bei ihm, fr ihn lebend, nichts von
der Welt wissend, wnschend, verlangend. Meine Tante war kurz vor der
Katastrophe gestorben, und hatte mir, der Frau eines reichen Mannes, nur das
Pflichttheil, meiner Schwester das ganze Vermgen hinterlassen. Von meinem
kleinen Erbe lebte ich damals wie ich jetzt lebe, einfach, schlicht, unabhngig,
aber damals unsglich froh durch den mir so neuen Genu der Freiheit. Meine
Liebe war nicht erkauft, ward nicht bezahlt! ich fhlte mich weder gekrnkt,
noch erniedrigt, noch gedemthigt! in meiner Freiheit fhlte ich mich auf
derselben Stufe stehend mit dem Mann, den ich so unaussprechlich verehrte,
whrend ich mich durch meine Abhngigkeit tief unter dem Mann gefhlt hatte, den
ich nicht achtete. Als Andlau endlich genesen, machten wir eine Reise durch
Italien. Wie ging mir das Leben auf im Doppellicht der Liebe und der Kunst! wie
entwickelten sich meine Fhigkeiten! welcher Strom von vielseitigem Glck
umrauschte mich, und wie froh, wie sicher, wie bewut meines Glcks und meines
Rechts daran stand ich im Nachen, und lie ihn durch Andlau lenken!
    Da starb Obernau, und ich war frei mit meiner Hand zu schalten. Aber ein
unermelicher Widerwille gegen die Ehe hatte sich zu fest in meine Brust
genistet, als da ich eine zweite htte schlieen mgen. Die zwei Jahre meiner
Verheirathung hatten mich bersttigt mit bittern Empfindungen: der Gemahl war
mir peinigend gewesen, seine Familie feindlich, die Welt gleinerisch, ich mir
selbst verchtlich; keinen Schutz hatte ich gefunden gegen die bitterste
Demthigung, keine Sttze fr meine rathlose Unerfahrenheit, keinen Trost fr
meine innere Zerfallenheit; zweifelnd an Gott, an den Menschen, an mir selbst,
stand ich in grausiger Einsamkeit da, unbegngt, unbefriedigt, tantalisch nach
Hesperidenfrchten schmachtend und, wenn mir eine in die Hand fiel, wenn meine
Lippen sie berhrten, augenblicklich den Sodomsapfel in ihnen erkennend. Bei
Andlau - wie anders! stets war ich gehoben, nie herabgezogen; stets fhlte ich
ein Vorwrtsschreiten, eine Entwickelung, keinen Stillstand, kein Zurckgehen,
kein Versinken. Ich war glcklich, und fhlte mich durch dies Glck befhigt und
stark gemacht, in dieser eigenthmlichen Weise es festzuhalten. Dies Glck und
diese Weise lieen mich in meiner vollen Selbstndigkeit und doch zugleich in
der Sphre des Weibes, welches seine Ausbildung und Befriedigung allein in der
Liebe findet. Es war eine unendliche Gewiheit in mir, welche keines endlichen
Symbols bedurfte, und eine endliche Fessel verschmhte. Vielleicht jedem andern
Mann gegenber wrde diese Zuversicht eine ungeheure Thorheit sein: bei Andlau
ist sie nur eine richtige Wrdigung seines Charakters. Aber mir selbst gegenber
ist es die grte Thorheit gewesen, denn die unendliche Gewiheit wankt, und der
Platz, der wie ein Fels unter meinen Fen war, ist Triebsand geworden.
    Darum, Faustine, mut Du ihn verlassen, sagte Mario ernst und ruhig, stand
auf und nahm ihre Hand; da, wo Du bisher gestanden, ist es nicht mehr sicher
fr Dich. Sttze Dich getrost auf meinen Arm, ich hebe Dich ber alle
Schwankungen hinweg. Ich danke Dir, da Du mir Dein Schicksal enthllt hast, und
doppelt danke ich Dir, weil ich darin nichts sehe, was uns trennt.
    Faustine blickte ihn sprachlos an und fuhr mit der Hand ber die Augen, wie
um sich zu berzeugen, da sie wache.
    Nichts! denn Du liebst mich, und Andlau - liebst Du nicht mehr; denn wenn
Du ihn noch liebtest, so wre Dein Auge nie anders, als mit dem gleichgltig
freundlichen Blick auf mich gefallen, den Du fr alle Welt hast -
    Ja, siehst Du - das ist unmglich! rief sie.
    Nun, Faustine, ich liebe Dich: Du weit es, ich habe es Dir gesagt und Du
mut es auch ohne Worte wissen; aber da ich es Dir gesagt habe, so will ich auch
nicht von Dir lassen, denn Dich bindet nichts an einen Andern, sobald Dein Herz
Dich nicht bindet, und Dich aufgeben, zurcktreten, von Nothwendigkeit der
Selbstopferung reden - das thut nur eine matte Liebe, die sich nicht stark genug
fhlt, fr die Geliebte eine alte Welt aus ihrer Axe zu heben und eine neue
hineinzulegen. Wer zu einer Frau spricht: ich liebe Dich! - und nach diesem Wort
nicht bereit ist, mit ihr eines Weges zu gehen, und sollte der in die Hlle
fhren - freudig bereit ist, weil er die Zuversicht hat, die Hlle in Himmel
verwandeln zu knnen durch Liebe - der ist feig, Faustine, und der Feigling ist
keiner Liebe fhig. Ich bin nicht feig! ich habe den Muth, Dich mit Allem zu
vershnen, mit Vergangenheit und Zukunft, und mit jedem Verhltni, das Dich
bisher verwundet oder abgestoen hat. Du wirst mein Weib, Faustine!
    O dann bin ich aber von erbrmlicher Untreue! sagte sie dumpf.
    Und was wrest Du, wenn Du zwischen zwei Mnnern stehen bliebest, beide
verzaubertest, jedem halb, keinem ganz gehrtest? und was wrst Du, wenn Du mit
einem gespaltenen Herzen zu demjenigen Dich zurckwendetest, den Du geliebt
hast, und zu ihm sprchest: ich liebe einen Andern, aber Dir will ich treu sein?
- Du liebst das Schne, Gute und Hohe, wo Du es findest, Faustine: das macht
Dich liebenswrdig; und Du bist zu sehr von der Gegenwart beherrscht, um Dich
dauernd an eine Persnlichkeit zu fesseln, sobald Dir diese nicht ganz
berwltigend entgegentritt: das macht Dich schwach. Ich will diese Schwche
nicht vertheidigen, weil Du mir Sophisterei vorwerfen, oder mich beschuldigen
knntest, ich sprche fr meinen eigenen Vortheil; aber glaube mir, wenn Du
meine Schwester wrest, wrd' ich Dir nichts Anderes sagen als: Untreue ist ein
zerrissenes, halbes, schwankendes Wesen, ist Widerspruch in der Seele; mach' den
zunicht durch eine scharfe Entscheidung, durch einen unwiderruflichen Schritt,
und Du hast Dich frei gemacht, Dich ins Gleichgewicht gestellt, hast das
Strende fallen lassen und das Frdernde ergriffen; whle. Whle, Faustine!
rief Mario, und die ruhige Gelassenheit, mit der er bisher gesprochen, ging in
die bewegteste Leidenschaftlichkeit ber; whle! jetzt, gleich, auf der Stelle!
in einer halben Stunde verlasse ich dies Zimmer, und es hngt von Dir ab, ob ich
es je wieder betreten werde, oder nicht. Denn so, wie es bisher zwischen uns
gewesen, kann es jetzt, nachdem das Liebeswort gesprochen ward, nicht mehr
bleiben -
    O warum nicht? unterbrach Faustine; Sie sind stark, Mengen, Sie knnen
Alles!
    Alles Menschliche, Faustine, nichts Uebermenschliches! ich liebe Dich! die
Liebe will Eins sein mit dem geliebten Gegenstand. In Deiner Nhe bleiben, unter
dem Zauber Deiner Holdseligkeit, und diesen Wunsch nicht mit jedem Athemzug, wie
die Luft die mich umgiebt, begierig einzusaugen - dazu reicht meine Strke nicht
hin. Hast Du aber die Ueberzeugung, da Deine Verbindung mit Andlau Dir und ihm
noch die frhere Befriedigung gewhren knne, so scheide ich jetzt auf immer von
Dir; das kann ich allerdings. Doch meine Liebe zu Dir endet darum nicht! so
lange mein Herz schlgt, schlgt es fr Dich! so lange meine Augen offen stehen,
wachen sie ber Dich! so lange ein Blutstropfen in meinen Adern fliet, gehrt
er Dir! so lange ich auf dem Wege fortgehe, den ich seit meiner Kindheit
gewhlt, durch meine Jugend fortgefhrt habe, und mit dem ich als Mann gleichsam
verschmolzen bin - folge ich Dir! Du gehrst zu meiner innersten Wesenheit,
Faustine, denn durch Dich ist mir das Verstndni der Liebe geworden. Und Du
solltest mich nicht genug lieben, um nicht ganz mir gehren zu wollen? o das
werd' ich nimmer glauben. Und wenn Du Nein sprichst mit Worten und Nein durch
die That - dennoch werd' ich Dir nicht glauben!
    Da hast Du Recht, Mario! rief sie.
    Jetzt hast Du entschieden, Faustine: Du willst mir gehren. O Engel, habe
Dank! Du liebst mich! - Marios Stimme zitterte und sein Auge war feucht, als er
so sprach; von seinen Zgen war jede Spur des Selbstbewutseins weggeschmolzen,
welches ihm sonst etwas so Khles, so Verpanzertes gab, da man leicht glauben
durfte, sein Herz bleibe unangefochten hinter der eisernen Brustwehr. Faustine
sah ihn an; Freude und Wehmuth, Wonne und Schmerz wogten in ihrem Busen; sie
erkannte, da sein Glck in ihrer Hand lag: der Augenblick beherrschte sie, die
Gegenwart siegte; sie verga die Vergangenheit und dachte nicht an die Zukunft.
Sie sagte nichts, aber sie nahm seine Hnde, faltete sie und legte sie um ihren
Hals, wie ein Joch. Dann fragte sie:
    Hast Du verstanden, Mario?
    Aber Mario antwortete nicht, und Faustine sah sich zum ersten Mal dem
Ausbruch einer Leidenschaft gegenber, neben welcher die eigne Glut ihr bla und
kalt erschien.
    Kann Dich denn wirklich die Liebe beseligen? fragte sie.
    Die Deine kann es, Faustine! entgegnete Mario, und jetzt begehr' ich den
Beweis dieser Liebe.
    Sie schlug die erstaunten Augen gro zu ihm auf, als er sie bei der Hand
nahm und aus dem Salon nach ihrem Zimmer fhrte. Da, vor ihrem Schreibtisch,
lie er sie los und sagte bittend:
    Jetzt schreibe, Faustine.
    O Gott, chzte sie und sank in den Lehnstuhl, ich kann nicht!
    So mu ich es thun! sagte Mario gelassen.
    Bist Du wahnsinnig? rief sie auer sich; nein! keine andre Hand, als die
meine, soll ihm den Dolch ins Herz stoen; denn das thue ich, das wei ich!
    Ja, sagte Mario, ihm oder mir.
    Faustinens Zhne schlugen krampfhaft zusammen und ihre Hnde waren eiskalt.
Mario fuhr fort:
    Die halbe Stunde ist sogleich verronnen, Faustine! schreibe! Du mut Dich
entschlieen. Nach dem Entschlu hrt die Qual auf. Das Unwiderrufliche
berstrmt die Schwankungen so beruhigend, wie Oel die tobenden Wellen. Ich will
ja nicht Deinen Willen beherrschen; ich will ja nur, da Du ihn aussprechen
sollst. Schreibe, Faustine.
    Sie war ganz von ihm beherrscht. Seine Bestimmtheit, die sich um seine
Leidenschaft legte, wie ein Schild vor eine nackte Brust, beschmte sie, die
Schwankende.
    Ja, sagte sie, Du bist zuversichtlich, weil Du ganz gttlich-zuverlssig
bist. Aber ich - darf ich mich auf mich selbst verlassen?
    So verlasse Dich auf mich, Faustine, und schreibe! Sieh, Du kannst ja
nichts Anderes thun. Gesetzt, Du stieest mir den Dolch ins Herz - was wolltest
Du hinterher beginnen? gegen Andlau schweigen? das ist Dir unmglich! berdies
wrd' er errathen, da Du nicht die Alte bist, und fragt er, wie willst Du
leugnen, lgen knnen! - Oder Du sagst ihm, was Dir begegnet ist: glaubst Du,
da er im Stande sein wird, es zu verschmerzen? Wenn's eine Laune von Deiner
Seite gewesen wre - wenn Du in einem migen Augenblick Gefallen an mir
gefunden und Dich neckend und lieblich mit mir amsirt httest - ja, darber
knnte er lcheln und sich trsten. Kann er das jetzt, Faustine?
    Nimmermehr, sagte sie, und nahm entschlossen die Feder. Sie schrieb:
    Anastas, Dein letztes Wort beim Abschied ist Wahrheit worden: ich habe Dich
vergessen. Nein! nicht Dich, aber mich. Ich meine, ich hab' vergessen, da ich
nur in Dir leben konnte oder wollte. Wir drfen uns nie wiedersehen, Anastas.
Mit dieser Entscheidung ruinire ich Dein Leben! darum wag' ich auch nicht, Dich
um Vergebung zu bitten. Du wirst am Besten wissen, wie Du zu denken hast an
Faustine.
    Ihre Schrift war unkenntlich, keine Spur der sonst so sichern, leichten
Hand. Mario couvertirte das Blatt. Dann sagte er:
    Nun die Adresse, Faustine.
    Jetzt mach' ich ein Todesurtheil fertig - murmelte sie, und adressirte
nach Nrnberg; denn so hatte Andlau es in seinem letzten Brief bestimmt.
    Mario siegelte den Brief mit Faustinens Siegel und steckte ihn zu sich,
indem er sagte:
    Morgen frh werd' ich, bei der Post vorbeifahrend, ihn selbst abgeben.
    Dies Alles hatte er gelassen und leidenschaftlos gesagt und gethan. In
seinen Augen war eine andre Handlungsweise unmglich fr Faustine; sie hatte
ihren Willen erkannt und ausgesprochen, sie mute ihn thun. Nun aber berstrzte
ihn die Flle des seligsten Bewutseins wie eine Jubel-Symphonie. Er sank vor
Faustine nieder, umschlang sie mit beiden Armen und wiederholte immer, als ob er
sich mit dem Wort vertraut machen msse:
    Du liebst mich, Faustine! o, Du liebst mich.
    Das mu wol wahr sein, sagte sie finster, und lie die Hnde sinken, mit
denen sie bisher das Antlitz bedeckt hielt. Kaum sah sie aber in Marios Augen,
so entzndete sich auch in den ihren ein helles Freudenlicht, sie war wieder die
glhende, funkelnde Schnheit, wieder das liebedrstige Weib. Sie nahm seinen
Kopf in ihre Hnde und fragte mit jenem Uebermuth, den die Liebe so grazis
auszusprechen wei:
    Du bist aber wol nicht glcklich, Mario?
    Nicht ganz, Faustine!
    O, Sie sind nicht glcklich? sagte sie traurig, und ihre Hnde sanken wie
gelhmt herab; dann hab' ich gewi unrecht gethan.
    Mario stand auf und sah sich im Zimmer um, indem er sagte:
    Als ich Dich in jener Ballnacht heimfhrte und den tollen Clemens hier fand
- als ich dort auf der Schwelle stehen blieb und nicht dies Gemach betreten
durfte - ja, damals ahnte ich kaum, welch Glck mir heute beschieden werden
sollte! Aber ganz glcklich kann ich erst dann sein, wenn Du ganz mir angehrst,
und darum flehe ich Dich an, Faustine, reise morgen mit mir zu meinen Eltern und
la den Vermhlungstag meiner Schwester auch den unsern sein.
    Ach, ich soll Dich heirathen? rief sie ngstlich.
    Wie dann nicht? fragte er stolz. Meinst Du, ich wrd' es mir gefallen
lassen, da die Frau, der ich mein Leben weihe, meinen Namen zu tragen
verschmhte? meinst Du, ich knnte mich zufrieden geben in einem schiefen, aller
Mideutung fhigen Verhltni, wenn dieses durch nichts motivirt wird, als durch
die Laune der Frau? - Wie soll ich sie schtzen, wenn sie nicht ffentlich
freiwillig unter meinen Schutz getreten ist? wie sie ehren, wenn sie mir nicht
die Auszeichnung schenkt, die mich dazu befhigt, indem sie mich von der Menge
trennt? - Tausende knnen Dir huldigen, Einzelne knnen Dich lieben, Dein Gatte
kann Dich schtzen und ehren - er allein so, wie es Dir gebhrt.
    Vor einer Stunde ungefhr hatte Faustine ihren vollen Widerwillen gegen die
Ehe ausgesprochen; allein Mario dominirte sie dermaen und rttelte mit so
krftiger Hand an ihren bisherigen Ueberzeugungen, indem er seine
entgegengesetzten leidenschaftlos aussprach, da sie sich unfhig zum Widerstand
fhlte. Sie sagte nur:
    Und er soll dein Herr sein - steht in der Bibel. Wohlan, Mario, ich werde
Dich heirathen.
    Er hob sie auf und an sein Herz. Komm! rief er.
    Sie nahm ihre letzte Kraft zusammen und sagte: Nein! geh zu Deinen Eltern,
sie wissen ja nichts von mir, nichts von uns, Mario! erzhl' ihnen doch erst,
da wir uns lieben! frag' sie doch erst, ob ich ihnen willkommen bin! In acht
oder vierzehn Tagen bringst Du mir einen Gru von ihnen - der wird mir Muth und
Zuversicht geben. Jetzt geh, Mario!
    Aber in diesen acht oder vierzehn Tagen wirst Du gewaltige Erschtterungen
und wilde Aufregungen zu bestehen haben - frcht' ich -
    Du meinst, ich knnte wol auch von Dir abfallen? fragte sie mit trbem
Lcheln.
    Nein! aber in Gram Dich versenken -
    Ich werde denken, da Du glcklich bist, unterbrach sie ihn, und dann mu
der Gram weichen; denn in meiner Seele ist nichts so stark, als der Gedanke an
Dich.
    Sie war aufs Aeuerste erschpft und kaum im Stande, sich aufrecht zu
halten; ihre Wangen brannten und ihre Hnde waren eisig. Mario sah es, doch
konnte er sich schwer zum Abschied entschlieen. Er rief:
    Was kann nicht Alles geschehen in vierzehn Tagen! ich lasse die Hochzeit
fahren und bleibe hier!
    Aber Faustine beharrte darauf, da er ihr von den Eltern ein Liebeszeichen
bringe. Als der Morgen graute, ging Mario. Faustine sank in einen eisernen
Schlaf. Er hatte die Pferde mit Sonnenaufgang bestellt; aber lngst war die
Sonne aufgegangen und der Wagen gepackt und angespannt - er konnte sich nicht
zur Abfahrt entschlieen; ihm war, als drohe Faustinen Gefahr. Wer kann ihr ein
Leid zufgen oder ihr weh thun? fragte er sich unaufhrlich; Andlau etwa? aber
der thut es nicht! - Endlich sprang er in den Wagen und lie bei Faustinen
vorfahren. Es war acht Uhr, sie konnte aufgestanden sein. Er eilte hinauf und
fragte. Die Kammerjungfer antwortete, die Grfin schlafe wol noch, denn sie sei
erst um fnf Uhr zu Bett gegangen. Mario bat sie zuzusehen, ob die Grfin nicht
vielleicht schon wach sei, und als das Mdchen etwas befremdet seinen Wunsch
erfllte, und in Faustinens Zimmer ging, folgte er ihr auf dem Fue nach. Das
ganze Zimmer glnzte in blutrothem Licht; die Vorhnge von Fenster, Alkoven und
Bett fingen den feurigen Strahl der Aprilsonne auf, ihr Widerschein berrieselte
alle Gegenstnde und stach grell in Marios Augen. Unheimlich berhrte ihn diese
brennende Farbe in dem stillen Zimmer, noch unheimlicher Faustinens leichenhafte
Blsse. Sie schlief. Er trat an ihr Lager und betrachtete einen Augenblick mit
ngstlicher Sorgfalt dies schne, zarte Gesicht, welches, wie eine Blume, noch
die Spuren des nchtlichen Sturmes verrieth - so abgespannt waren ihre Zge.
Dann bog er sich zu ihr nieder und kte ihre Stirn.
    Anastas? fragte sie halberwacht und lchelte.
    Du trumst also nicht von mir? fragte Mario traurig.
    Ich trume nie, rief sie und richtete sich rasch auf; oder trum' ich
jetzt? weshalb bist Du noch hier?
    Weil ich Sorge um Deine Einsamkeit habe, mein Engel! Komm mit mir! mein
Wagen steht unten bereit. Ich bin furchtsam fr Dich .... um Dich.
    Er war neben ihr niedergekniet. Sie legte den Arm um seinen Hals, den Kopf
an seine Brust und sagte:
    O la mich, Herz, ich bin todtmde, ich mu schlafen .... so schlafen.
    Lange hielt er sie in seinen Armen; sie schlief nicht, aber sie schien
betubt, sprach nicht, und drckte ihn nur zuweilen ganz leise an sich. Er
schwieg auch und sann nach, ob diese Ermattung krperlich oder seelisch sei.
Sind die Nerven schwach oder ist's das Herz? schwach bist Du, mein armer Engel!
- Der Wunsch sie mitzunehmen, sogar gegen ihren Willen, stieg immer mchtiger in
ihm auf; da lie er sie zurck aufs Lager sinken, nahm mit inbrnstiger
Zrtlichkeit von ihr Abschied, und eilte hinab. Als er fort war, murmelte
Faustine:
    Wr' ich doch mit ihm gegangen. Ein Chaos wogte in ihr. Die Elemente, aus
denen ihre neue Erde sich gestalten sollte, hatten sich noch nicht aus der
Ghrung ausgeschieden.

Andlau empfing Faustinens Frief in Nrnberg. Er las ihn, ohne ihn zu verstehen,
einige Male. Endlich verstand er das: Wir knnen uns nie wiedersehen. - Ihm
war, als wrd' es Nacht am hellen Mittag. Pferde! geschwind! fort nach Bhmen!
rief er. Er wollte nur fort; wohin, war ihm ganz gleichgltig; fort! fort! was
die Pferde laufen konnten. Beim Pferdewechsel sagte er gewhnlich nur:
Vorwrts! immer die groe Strae. Zuweilen trat ein Postbeamter an den Wagen
und nannte fragend die nchste Station; dann bejahete er schweigend. So fuhr er
wie ein Todter durch den lieblichen leuchtenden Frhling, durch Prag, durch
Breslau. Er wute nicht, wo er war. Da kam er in eine alte, groe, dstere
Stadt; Finsterni schien auf ihr zu brten, eine groe Vergangenheit, eine trbe
Gegenwart. Die mchtigen Huser mit starken Bschungen glichen Grabmlern oder
Festungen des Todes.
    Halt! rief Andlau. Die Stadt gefiel ihm: es war Crakau. Er ging in die
Kathedrale und stieg hinab zu den Grbern der alten polnischen Knige. Er lehnte
sich an einen Sarg; die Geierkralle wahnsinnigen Schmerzes, welche bis dahin
seinen Busen krampfig umspannte, lste sich in der Nhe des ewigen Friedens;
zwei groe Thrnen fielen schwer aus seinen Augen auf den Staub der Todten, auf
den Staub seines Glcks. Sein Fhrer, ein eisgrauer Pole, fragte ihn auf
polnisch um die Ursache seiner Trauer. Andlau verstand ihn nicht, schttelte das
Haupt und blickte zum Himmel. Da ergriff der Greis Andlaus Hand, folgte jenem
Blick, und sprach mit einer Thrne im erloschenen Auge:
    Finis Poloniae! - So standen sie bei einander, der Mann und der Greis, das
Leben und der Tod, Jeder von fremdem Volk, Jeder der Sprache des Andern
unkundig, Jeder mit seinem eigenen einsamen Schmerz in der Brust; und doch Beide
verbunden durch das eine allgemeine, allbeherrschende Gefhl: tiefe, unsgliche,
untrstbare Trauer.
    Andlau schrieb aus Crakau an Faustine:
    Kein Wort Dir von Frage, Vorwurf oder Klage! Werde glcklich, wenn es Dir
mglich ist; vergi mich, denn das ist die Hauptbedingung zu Deinem knftigen
Glck. Vergi Deine ganze Vergangenheit! Deinem Leichtsinn wird das nicht schwer
fallen - und lebe wohl.
    Er blieb vor der Hand in Crakau; ohne Faustine war ihm jeder Ort in der Welt
gleichgltig; bei ihr - gehrte ihm die Welt mit ihrer Herrlichkeit, die Kunst
mit ihren Wundern, die Natur mit ihren Schtzen. Sie sah die Steine an und
erzhlte ihm deren Geschichte! die Jahrhunderte standen vor ihr auf wie vor
einer Magierin und sie lie in einer Kette von Ereignissen den goldnen Faden an
ihm vorbeilaufen, an welchem die Vorsehung die Menschengeschlechter lenkt! die
Ruinen erhoben sich vor ihr aus dem Schutt und sie stellte ihm den Gedanken der
Erbauer hin! die stummen Bilder regten die Lippen vor ihr und vertrauten ihr die
Bedeutung, welche der Maler seinen Heiligen, der Bildhauer seinen Gttern
gegeben! die Natur redete zu ihr mit Stimmen der Elemente! wre sie allein in
der todten Schpfung gewesen, sie wrde dem Felsen Seele eingehaucht haben;
solch ein berquellendes Leben war in ihr, so wute sie es auf Alles zu
bertragen, was sie umgab. Andlau kam sich vor wie ein Eingekerkerter zwischen
schwarzen, stummen, kalten Mauern. Zuweilen berfiel ihn nagende Angst um
Faustinens ihm so ganz unbekanntes Schicksal. Er las ihre Briefe nach; sie waren
in der letzten Zeit unruhig, hastig geworden. Er suchte einen Namen, der ihm
Aufschlu geben mge, aber sie nannte nur obenhin einige fremde Namen, unter
denen auch Marios war. Wie elend kann sie werden! sprach Andlau zu sich selbst.
Die Qual um ihre Zukunft zernagte ihn mehr, als der Blick auf die seine. Er
gehrte zu den Mnnern, von denen Mario einst zu Faustinen sagte: wenn der Faden
ihres Geschickes reit, so knpfen sie keinen neuen an. Andlaus alte Welt war
untergegangen - er suchte keine neue; er blieb auf den Trmmern wie ein Priester
auf denen seines zerstrten Tempels. Der Palast seines Glckes war in Schutt
zerfallen; nach einer Htte sah er sich nicht um. Zuweilen auch packte ihn der
Ingrimm ber Faustinens Schwche, die sie unfhig machte, einem lebhaften
Eindruck mit Besonnenheit entgegenzutreten. Wird sie ewig Kind bleiben? rief er
zornig; will ihr Wesen denn immer Blten und nimmer Frucht tragen? - Dann,
mitten in der Trostlosigkeit, kam ihm der Gedanke: weil unzuverlssig, sei sie
auch unberechenbar, und vielleicht noch zu herrlicher Entwickelung bestimmt. Nur
wollte dieser Gedanke nicht in ihm haften. Faustine hatte seine Existenz
zerbrochen: das Natrliche schien ihm, sie msse auch die ihre zu Grunde
gerichtet haben.
    Nachdem Faustine seinen Brief empfangen, ward sie ruhiger. Bis dahin lebte
sie in unaussprechlicher Bangigkeit. Nun wute sie, da sie fr immer
unwiderruflich von dem Mann getrennt war, den sie ihre irdische Vorsehung
genannt, und der Throne und Triumphe ausgeschlagen haben wrde, htte er sie
nicht mit ihr theilen drfen. Und nicht etwa im brausenden Rausch der ersten
Seligkeit htte er das gethan. Nein! noch jetzt, nach sieben Jahren, kniete er
vor ihr mit derselben Andacht, Huldigung und Freude, die er ihr bei der ersten
Begegnung dargebracht. Die volle Frische der Empfindung lag noch wie Morgenthau
auf seiner Liebe; als ein Kleinod trug er sie im Herzen. Nicht aus
Pflichtgefhl, nicht als Mann von Ehre betrachtete er Faustine, als ein Wesen,
da ihm fr die ganze Zukunft anvertraut sei; nicht aus Rcksicht fr ihre
Verlassenheit und Hlflosigkeit hielt er sich untrennbar an sie gefesselt; was
ihn tiefer rhrte und inniger band, war ihre groartige, einfache Natur, die,
Alles wegwerfend oder verschmhend oder nicht bedrfend, was nicht Liebe war,
sich in die als in ihr alleinzigstes Gewand hllte. Er liebte sie, mirakelmig,
nicht mitleidig, sondern bewundernd. Ach, die meisten Frauen preisen ihr
Schicksal, wenn nach so vielen Jahren, in denen die frische Schnheit, der Reiz
des Besitzes, die Neuheit des Glcks entflohen sind - die Mnner noch aus alter
Gewohnheit, aus Dankbarkeit fr se Erinnerungen, zuweilen mitleidig einen
Strahl der alten erlschenden Liebessonne aufleuchten lassen; und Faustine, fr
die, wie durch ein Wunder, diese Sonne im Zenith steht, Faustine schaut nach
einem andern Gestirn.
    Aber sie that es. Alles dies sagte sie sich tausend Mal, wiederholte und
prgte fest sich ein, was Alles sie mit Andlau aufgab, aber - sie gab ihn auf.
Es giebt keinen Stillstand fr mich, dachte sie, rastlos mu ich vorwrts - und
ist das nicht eins und dasselbe mit aufwrts? - Sie kehrte zu ihren alten
Gewohnheiten, zur Malerei, zur Gesellschaft zurck. Ihre Freunde fanden sie
nicht so frei, leicht und heiter wie sonst. Man war gespannt, ob sie sich wieder
ins alte Geleise zurckfinden werde. Clemens ging hufiger denn je bei ihr aus
und ein, und nahm immer mehr die Allren eines unentbehrlichen Freundes an. Sie
wehrte ihm nicht, denn bei hundert Dingen war er ihr bequem und bei tausend -
gleichgltig. Er wnschte glhend, ihr Alles zu ersetzen, jede Lcke
auszufllen, dann - whnte er - bliebe ihr nichts brig, als seine Liebe zu
erwidern. Faustine sprach weder von Andlau noch von Mengen: daraus folgerte
Clemens, sie sei auf gutem Wege, Beide zu vergessen. Wenn man meint, Clemens sei
verrckt, so mein' ich, eine Liebe ohne Erwiderung sei allerdings eine
Verrckung: nur auf der Gegenseitigkeit beruht ihre Wahrheit.
    Mario schrieb fast tglich. Seine hohe Sicherheit erquickte Faustine. Htte
er ihr gesagt, er msse ihr den Weg zum Orion bereiten, so wrde sie sich darauf
verlassen haben. Die hlflose Einsamkeit, in der sie auf der Welt stand, machte
ihr diese Zuversicht zum Bedrfni. Der edle Mann schtzt so gern, dachte sie,
und wer bedarf mehr des Schutzes als ich? - Marios Eltern waren nicht erfreut
ber den Entschlu des Sohnes.
    Das rmste Mdchen, nur unbescholten, wre mir eine liebere Tochter, sagte
Grfin Mengen; und der Vater sprach:
    Nach Deiner Beschreibung mu sie eine Circe sein! Hast Du Dich fangen
lassen, mein armer Mario?
    Mario lchelte. Der absichtlosen, nachlssigen Faustine wr' eine planmige
Eroberung unmglich gewesen. Seine Schwestern warfen sich entzckt in seine
Arme, als sie seine Verlobung erfuhren.
    Welch ein unbegreifliches Glck fr Dich, Mario! rief Matilde, und Marie
flog zu Cunigunden, um ihr diese Jubelbotschaft mitzutheilen. Dann mute
Cunigunde kommen, und den Eltern all das Gute und Schne von Faustine erzhlen,
was sie den beiden Schwestern erzhlt hatte, und Mario war gerhrt von der
tiefen Freudigkeit, mit der sie es that.
    Sie hat mich getrstet, gestrkt und erhoben, als Alle mich niederbeugten;
sie hat mir zugelchelt, als Niemand von mir wissen mogte, und in dem
entscheidenden Moment, wo thtige Hlfe mir noth that, hab' ich sie bei ihr
gefunden.
    Weit mehr noch erzhlte Cunigunde von Faustinens Schnheit, Anmuth und
Talenten, und sagte zuletzt:
    Ich bin einmal darber ausgelacht worden, dennoch mu ich sie stets mit dem
Mdchen aus der Fremde vergleichen; ich kenne sonst Niemand, der ihr hnlich
wre, oder der mich an sie erinnerte.
    Ach Gott, seufzte Grfin Mengen, wie soll ein so extraordinres Geschpf
in den Familienkreis passen?
    Wie die Sonne in die Welt, gute Mutter, sagte Mario.
    Mario ist aber einmal verliebt! .... ganz erschrecklich verliebt!
flsterte Marie heimlich Matilden zu.
    Liebt Dich Faustine in demselben Mae, wie Du sie liebst? fragte ihn der
Vater.
    Die Liebe lt sich nicht messen und wgen, antwortete Mario lchelnd,
und bei Niemand weniger, als bei Faustinen. Ihre Liebe fliegt.
    Und fliegt davon, mein Sohn! warf die Mutter ein; solche Frauen - genial,
ungewhnlich, ber dem Alltglichen, und wie man sie nennen mag! haben so selten
die Klarheit, Ruhe, Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue, mit denen man einzig
und allein glcklich sein und machen kann.
    Vor drei Monaten, liebe Mutter, hab' ich mir und Faustinen selbst das Alles
gesagt. Aber ich liebe sie - und wie sie nun einmal ist, so beglckt sie mich.
    Und so soll sie uns willkommen sein! sagte der alte Mengen, und gab dem
Sohn die Hand. Mario kte sie und rief:
    Ich wut' es, Vater!

Faustine sa vor der Staffelei und that die letzten Pinselstriche an einem
meisterhaften Gemlde. Es war dasjenige, welches sie sich einst in Mainz
ausgedacht hatte: ein junger Mann ging an einem Fenster vorber, hinter dessen
Gitter ein Mdchen sa, die Katze, die Kapuzinerkresse, die Arbeit - nichts
fehlte. Mario sollte kommen; sie wollte ihn mit diesem Bilde erfreuen, denn
eifrige Arbeit - das wute er - war stets ein krampfstillendes Mittel fr sie.
    Clemens trat ins Cabinet und hinter ihren Stuhl. Das Bild wrde mir
auerordentlich gefallen, sprach er, wenn der Mann nicht dem Graf Mengen
hnlich wre.
    Graf Mengen hat ein so frappantes Gesicht, da ein Malerauge es gern
auffat und darstellt.
    Ich will es nicht leugnen! nur pat es nicht in diese gothische Umgebung; -
er sieht ganz tatarisch aus.
    Tatarisch! Clemens! Sie haben wirklich kein Urtheil.
    Und Sie ein Vorurtheil.
    Faustine zuckte schweigend die Achseln. Nach einer Pause fragte sie:
    Werden Sie denn nie nach Oberwalldorf heimkehren, Clemens?
    Bin ich Ihnen lstig? fragte er bitter.
    Zuweilen - durch Ihre bizarren Launen - ja.
    Sie waren in Prag, nicht wahr, da oben auf dem Wisserad ber der Moldau, wo
man das Badezimmer der Libussa zeigt?
    Ja, ja! aber ich sprach von Oberwalldorf.
    Wissen Sie, was in jenem Badezimmer geschah?
    O ja! die Knigin Libussa, stolz auf ihre Unabhngigkeit, wollte keinen
Mann Einflu ber sich gewinnen lassen, und, wenn auch aller Schwche des Weibes
unterliegend, nie schwach erscheinen und immer frei bleiben. Deshalb lie sie
die Mnner, denen sie eine momentane Gunst geschenkt, aus jenem Gemach in die
Moldau strzen.
    Sie sind die Knigin Libussa im modernen Gewande, ohne die wilde
Sinnlichkeit, ohne die blutige Grausamkeit. Hrt eine Persnlichkeit irgendwie
auf Ihnen homogen zu sein, und htte sie Ihnen das Innerste des Lebens
dargebracht - Sie lassen sie in die Moldau strzen.
    Bitterer Schmerz durchbebte Faustine; sie gedachte Andlaus und rief:
    Das ist wirklich nicht ganz unwahr.
    Aber ich lasse mich weder in die Moldau noch nach Oberwalldorf schleudern,
fuhr Clemens aufgeregt fort.
    O, Sie! sagte Faustine und sah ihn verwundert an, fr Sie bin ich nicht
die Knigin Libussa gewesen. Ihnen hab' ich keine Liebesverheiung gegeben -
    Vielleicht auch Andern, unterbrach Clemens sie gereizt, aber mir gewi!
Sie haben mich in Ihr Leben aufgenommen! wenn eine Frau wie Sie das thut, so ist
es eine Liebesverheiung, denn Sie mssen fhlen, da dem, der in Ihrer Nhe
lebt, Ihre Liebe eine Bedingung der Existenz wird, oder haben Sie das etwa nicht
gewut bei mir?
    Ich habe Sie um mich geduldet, weil ich keinen andern Weg offen sah, um Sie
zur Erkenntni ber mich zu bringen. Ich hatte Wohlwollen fr Sie, ich habe
Mitleid mit Ihnen -
    Ah, Du hast Mitleid mit mir! rief Clemens, warf sich vor ihr nieder, und
umschlang strmisch ihre Knie.
    Ich hatte Mitleid mit Ihnen, mu ich sagen, rief Faustine ungeduldig, und
stand lebhaft auf; allmlig geht es ber in Widerwillen, und nicht durch meine
Schuld! Ich begreife Sie nicht, Clemens! wenn mir ein einziges Mal gesagt oder
gezeigt wrde, da man mich nicht liebt, so wrde ich eher sterben, als mich
einer zweiten Abweisung aussetzen.
    Es ist hart zu sterben, wenn man liebt! sagte er finster.
    Aber wer spricht denn vom Sterben? Sie sollen ja leben, froher, glcklicher
als bisher. Nur ein klein wenig Vernunft, guter Clemens -
    Bravissimo, Grfin Faustine! wenn Sie die Vernunft predigen, so mag ich es
wol noch zu einer recht freudenreichen Existenz bringen! rief Clemens und
lachte grimmig. Doch einstweilen, bis es so weit kommt, schwimme ich auf dem
Meere des Lebens an das dnne Brettchen der einzigen Hoffnung geklammert, Du
werdest mir, wie Leukothea dem Geliebten, dem gefhrlich Schiffenden, die
rettende Binde zuwerfen - dereinst, Faustine, nicht wahr, dereinst? ich will
warten, warten .... o bis in die Ewigkeit hinein, aber ich will und mu darauf
hoffen drfen - sonst .... lasse ich mich sterben.
    Thun Sie, was Sie wollen - nur hoffen Sie nichts von mir, Clemens - sprach
sie sehr bestimmt.
    Weder fr Gegenwart noch Zukunft?
    Weder fr Gegenwart noch Zukunft - so wahr ich Faustine bin.
    Gut, gut! sagte Clemens; eine frchterliche Zerstrung glitt ber sein
Gesicht. Sie sah es nicht, denn sie hatte sich wieder an die Staffelei gesetzt.
Eine Gnade! fuhr er fort; sagen Sie mir, wem gehrt Ihre Zukunft?
    Mir - und Gott! antwortete sie fest.
    Sie zwingen mich, die Frage anders zu stellen, sagte er gelassen; wem
gehren Sie in Zukunft?
    Sie nehmen sich das dreiste Recht einer Frage, die ich nicht Lust habe zu
beantworten, entgegnete sie kalt.
    Mein Gott, einem Freunde, der fr immer scheidet, kann man doch wol diesen
Beweis von Zutrauen geben, sprach er sanft.
    Ah, Sie gehen? rief Faustine freudig.
    Ja, ich gehe, Faustine!
    Und wann? und wohin?
    Wohin? das wei ich nicht; aber wann? morgen .... gewi morgen.
    Faustine athmete erleichtert auf; morgen sollte Mario kommen, also traf
Clemens nicht mehr mit ihm zusammen.
    Sind Sie mit mir zufrieden? fragte er.
    Sie gab ihm schweigend die Hand. Zwischen Vorwurf und Trauer sprach er:
    Sie geben mir die Hand zum ersten Mal, seit wir uns kennen!
    Es soll nicht zum letzten Mal sein - erwiderte sie freundlich.
    Wer wei, Grfin! es kommt immer anders als man meint! darum sein Sie
gndig und beantworten Sie mir die Frage, die ich vorhin wagte - wenn sie auch
allzudreist ist. Bedenken Sie - es ist die letzte .... ich gehe ja morgen! und
ist's fr Andre ein Geheimni, so verlassen Sie sich auf mein ewiges Schweigen.
    Sein feierlicher Ernst in Blick und Ton stimmte auch Faustine ernst. Sie
sagte nichts; aber sie legte den Finger auf Marios Portrait im Gemlde. Clemens
verstand sie. Er sttzte sich auf ihren Stuhl und die Lehne blieb in seiner
Hand. Entsetzt blickte sie ihn an und rief angstvoll:
    Gehen Sie, Clemens! um Gottes Barmherzigkeit willen verlassen Sie mich -
ich frchte mich vor Ihnen, Sie sehen aus, als bebrteten Sie eine Unthat.
    Er fuhr mit der Hand bers Gesicht: Eine Unthat? o nein, Grfin! nur eine
That! - Dann nahm er den Hut und sagte: Ich werde noch Abschied von Ihnen
nehmen. Damit ging er.
    In Faustine hatte sich die Angst festgesetzt, Clemens knne Marios Leben
wollen; das ihre oder sein eigenes - daran dachte sie nicht; nur an Mario. In
namenloser Unruhe ging sie in den Zimmern umher, denn sie konnte nicht mehr den
Pinsel halten, alle Nerven zitterten. Bald griff sie im Vorberstreifen ein paar
Akkorde auf dem Flgel, bald trat sie an den Bcherschrank, um Lektre zu
suchen, die sie nicht fand, bald setzte sie sich erschpft nieder und summte
halblaut eine Melodie ohne Worte, bald legte sie sich ins Fenster und blickte
rechts und links mit jener seltsamen Stupiditt, die den ersten besten
Gegenstand ergreift, um von qulenden Gedanken und Vorstellungen loszukommen, so
da man sich z.B. auf der heimlichen Frage ertappt: Wird jenes Vgelchen sich
auf einen Ast oder auf ein Dach setzen? und man sieht dem Vogel nach, so lange
man ihn gewahr werden kann. Whrend der Zeit hat das Herz gleichsam still
gestanden und nach Luft geschnappt, nun gehts wieder weiter in athemlosem Lauf.
    Endlich ging sie zu Frau von Eilau, fand aber dort so viel Menschen, da ihr
nicht die gehoffte Zerstreuung ward. Nur in der Conversation mit zwei oder drei
Personen amsirte sie sich, weil sie Aufforderung zur Mittheilung fand. In
greren Kreisen, wo man Lrm machen mu mit seinen Worten, um gehrt zu werden
- nur gehrt, nicht verstanden! da verstummte sie und war fast immer zerstreut.
Heute mehr denn je. Aber man kannte das; es fiel nicht auf. Graf Kirchberg
setzte sich zu ihr und versuchte Tne anzuschlagen, die in ihr den Wiederhall
weckten. Es gelang nicht.
    Ich habe nicht verstanden, erwiderte sie auf eine seiner Bemerkungen.
    Dann mu ich mich sehr konfus ausgedrckt haben, sagte er lchelnd, denn
Sie pflegen Salomos Ring bei sich zu tragen, vermittelst dessen man die Sprache
auch der unvernnftigen Creatur versteht.
    O! rief sie, ohne den Scherz zu beachten, wenn man sich unbehaglich
fhlt, wie konfus und windschief erscheinen alle Worte, Zustnde, Menschen! man
ist nicht im Stande, das ABC herzusagen! man starrt einen Freund zerstreut wie
einen Fremden an! man meint, man werde in den nchsten vierundzwanzig Stunden
stecken bleiben wie in einem Sumpf. Kennen Sie solche Momente? - Ohne seine
Antwort zu erwarten, fuhr sie im vernderten Ton fort: Wo der Pflug ber ein
Menschenherz geht, ist die Hand Gottes da, um Samen fr die Ewigkeit
hineinzustreuen: das glauben Sie doch auch, Graf? denn wenn man es nicht glaubt,
wie soll man sich trsten, den Pflug mit eigner Hand ber ein Herz gelenkt zu
haben?
    Ich wrde mich auch nur in dem Fall trsten, da dies Herz - das meine
wre, entgegnete Kirchberg. Es hiee dem Egoismus zu leichtes Spiel machen,
wenn der nichtsachtende Leichtsinn oder die rcksichtlose Leidenschaftlichkeit
sich einbilden drften, der liebe Gott werde die Wunden, die sie schlagen, mit
Balsam heilen.
    Faustine schauerte zusammen und wurde leichenbla. Graf Kirchberg fragte, ob
sie krank sei.
    Mir ist bange, sagte sie und verlie die Gesellschaft. Bei ihrem Diener
erkundigte sie sich besorgt, ob Niemand in ihrer Abwesenheit sie habe besuchen
wollen. Er verneinte es. Dasselbe that ihre Kammerjungfer, die sie, zu Hause
angelangt, gleichfalls befragte. Dennoch sah sie sich gespannt im Zimmer um;
frchtete sie Clemens - hoffte sie Marios Nhe? sie wute es nicht! immer traten
Beide zusammen vor sie hin.
    Jeannette, ich freue mich heute recht zu Bett zu gehen! sagte sie zu der
Jungfer.
    Ach! rief die ganz erfreut, das habe ich noch nie von der gndigen Grfin
gehrt! und es giebt doch gewi nichts Angenehmeres und Bequemeres auf der Welt,
als solch weies, frisches, stilles Bett. Ich wrd' es noch mal so gern machen,
wenn gndige Grfin sich immer dazu freuen wollten.
    Behte der Himmel, Jeannette! ich darf nicht immer so trge sein.
    Jeannette sah das durchaus nicht ein und verrichtete schweigend ihren
Dienst. Faustine schlief bald; und ohne Trume, ohne Unruhe, wie einem Kinde,
ging ihr die Nacht hin. Es giebt einzelne glckliche Organisationen, die
zugleich stark und biegsam genug sind, um dem Krper zu gestatten, da er im
Schlaf sein Recht behaupte und nicht zu leiden habe von den Kmpfen und Mhen
der Seele. Wachend ist er ihr getreuer, dienstwilliger Sclav, schlafend ihr
Herr: sie liegt in Fesseln, denn er borgt ihr nicht die Organe, durch welche sie
ihre Herrschaft bethtigen kann. Wie im Lethe gebadet war Faustine jeden Morgen;
es whrte immer eine Zeit lang, bis der grelle Tag mit seinen Beschwerden sich
Platz machte in der dmmernden Khle, womit die Nacht sie umhllt hatte. Morgens
war sie auch am schnsten. Das ist nur ausnahmsweise der Fall bei Personen, die
ber 16 Jahr alt sind. Je lter man wird, um desto mehr bedarf man der
Excitation, der Bewegung, des Putzes, der Lichter, um schn zu sein; es wird
eine factice Schnheit. Die meisten Menschen stehen fatiguirt auf; der Traum hat
sie mehr geplagt als der Schlaf erquickt.
    Faustine stand heiter auf, denn: heute kommt Mario! dachte sie. Sie ging
auf den Balkon; die grnenden Bume, der wolkenlose Himmel, die zwitschernden
Vgel kamen ihr vor wie freundliche Verheiungen. Mario! sagte sie halblaut,
mit stillem Jubel. Da, wie ein Schiffer, der am Horizont das kleine Wlkchen,
den unfehlbaren Boten des Ungewitters, entdeckt - da sagte sie dumpf: Wo ist
jetzt wol Anastas? was wird aus Clemens .... mein Gott! Der Tag kam ber sie.
Indem meldete Ernst den Herrn von Walldorf, der so frh sich empfehlen wolle.
Sie lie ihn eintreten. Clemens sah verwildert aus; ihr fiel ein, ob er nicht
berauscht sein knne, und die Angst, welche sie schon mehrmals in seiner Nhe
empfunden, befiel sie von Neuem. Aber er sagte ruhig:
    Im nchsten Monat wird es ein Jahr, da Sie nach Oberwalldorf kamen. Wissen
Sie wol noch, was Sie mir dort Alles bei unsern Spaziergngen erzhlt haben?
    Nicht eine Sylbe, bester Clemens.
    Das vermuthete ich schon! ich will Sie auch nur an ein einziges Wort
erinnern. Sie sagten von Georg von Frundsberg und von mehren Anderen: Er sah
ein, da seine Zeit aus war, darum starb er.
    Ja, das hab' ich gesagt.
    Und Sie freuten sich darber.
    Ich fand es natrlich fr jene energischen Menschen.
    Meine Zeit ist auch aus, Faustine, sagte er fest.
    Sie haben noch keine Zeit gehabt, entgegnete sie ebenso fest.
    Doch! doch! die der Hoffnung!
    Die Hoffnung, von der Sie sprechen, war ein Irrthum; kein tchtiger Mensch
lebt fr einen solchen.
    Ferner sagten Sie damals, Faustine: Auf der Grenze zwischen dem Bewutsein
der neuen Erkenntni und der Verzweiflung ber den Irrthum - stirbt man. Ich
stehe auf jener Grenze und ich sterbe.
    Warum foltern Sie mich, Clemens? sagte sie traurig.
    Das ist nicht mehr als billig, schne Knigin Libussa! fr die Martern, die
Du seit einem Jahr ber mich verhngt hast, sollst Du wenigstens einen Moment
mit mir und durch mich leiden. Clemens murmelte dies zwischen den Zhnen, und
hatte Faustinens Hnde ber dem Gelenk in seiner Linken zusammengefat. Sie
konnte nicht von der Stelle, und versuchte es auch nicht, denn sie sah, er hatte
einen Entschlu gefat, dem sie mit ihrer geringen Kraft nicht wrde wehren
knnen.
    Nun? wie wollen Sie mich foltern? fragte sie muthig; Sie sehen, ich warte
darauf.
    Du bist recht tapfer, wie sich das schickt fr eine Knigin! .... Und Du
frchtest Dich wirklich gar nicht vor mir?
    Ich frchte nur den Mann, den ich achte und liebe, sprach sie kalt.
    Da zog Clemens ein Pistol aus der Brusttasche, setzte es in den Mund und
drckte ab. Seine Hand packte im Todeskrampf noch fester die ihren; sie fiel
neben seiner Leiche ohnmchtig hin. Die entsetzten Dienstboten und die brigen
Hausbewohner eilten herbei mit Geschrei und Gejammer. Durch all' den Tumult
machte ein Mann sich strmisch Platz, drang ins Zimmer, das blutroth im
Morgenlicht glnzte, sah neben einer entstellten Gestalt die leichenhnliche
Faustine, und rief:
    O! warum lie ich sie hier zurck? - Mario trug Faustine zum Wagen, der
noch vor der Thr hielt, lie umkehren, und reiste sogleich mit ihr zu seinen
Eltern.

Auch der Genius hat seine Brden! sagte ich am Grabe von Leopold Robert in
Venedig. Bei diesen Worten hob ein Mann das Haupt und sah mich an, so scharf, so
forschend, und zugleich so berzeugt, da sein Blick mich frappirte, denn in der
halb neugierigen, halb gleichgltigen Welt tragen die meisten Blicke ihr
nchternes Geprge, und die Neptune der Fontnen schauen nicht viel bedeutender
drein, als das Menschenauge. Dieser Mann hatte schon am Grabe gestanden, als wir
herzukamen. Unbeweglich, die Arme untergeschlagen, den Kopf gesenkt, so tief
gesenkt, da der auf die Stirn gedrckte Hut das Gesicht verbarg, dunkel
gekleidet, glich er einer Statue von Basalt. Ohne Rcksicht auf ihn hatten wir
geplaudert. Reisen sind nicht die Schule, wo man das Rcksichtnehmen lernt.
Gleichgltig wie an einer Mauer streift man an all' den Unbekannten hin. Um so
mehr berraschte mich dieser Blick. Der Mann mute uns verstanden, unserm
Gesprch zugehrt haben, war vielleicht Bruder, Verwandter, Freund Roberts,
vielleicht auf irgend eine Weise in dessen Schicksal verflochten. Sei es Furcht,
ihn verletzt zu haben, oder Interesse fr den Todten, ich fragte:
    Sie kannten wol Leopold Robert, mein Herr?
    Nur aus seinen Bildern, entgegnete er.
    Gegen meine Gewohnheit beharrte ich wie ein Inquisitor bei dem fragenden
Styl: Sind sie selbst Knstler?
    O nein! die Brde des Genius wurde mir nicht auferlegt, sagte er und
lchelte traurig.
    Ich errthete vor Aerger; ich kann's nicht leiden, wenn man mir meine Worte
nachspricht. Er fuhr lebhaft fort:
    Darum ist es eine schwere Brde, weil die Welt sie nicht anerkennen will!
Der Begabte soll ein Vollkommner sein. Weil er Mensch bleibt, wird er gelstert.
Man denke nur an Byron und tutti quanti.
    Mein Begleiter sagte: Extravaganzen sind indessen nicht als die Glorie -
sondern nur als die Ausgeburt des Genies zu betrachten.
    Es ist nur bel, rief ich, da viele Leute die natrlichen Allren des
Genies extravagant nennen. Columbus wurde wie ein Narr behandelt, Galilei wie
ein Verbrecher! freilich - nicht alle Genies haben sich so glorreich
gerechtfertigt, und Leopold Roberts Manen mssen sich vielleicht unterthnigst
bedanken, wenn man achselzuckend spricht: Er war Hypochonder, der Arme!
    Ja ja! sagte der Fremde, denn Wahnsinn und Snde klingen hrter.
    Er hatte whrend des Sprechens die Haltung wenig verndert, nur den Kopf
gehoben, aus dem dunkle Augen ungewhnlich ernst und strahlend hervorblickten.
Sie warfen einen wundervollen, ich mgte sagen, vershnenden Glanz ber seine
scharf ausgeprgten Zge, und als er nach jenen Worten das Haupt wieder senkte,
so da die Augen verdeckt wurden - da trat mit ihnen das ganze Gesicht in
Schatten zurck.
    Wir gingen fort. Nachmittags begegneten wir ihm in der Markuskirche; er
grte, und es entspann sich eine Unterhaltung, die mir gefiel, denn er war ein
sehr angenehmer Mann, von lebhaftem Verstande und von ruhigen Manieren,
weltvertraut und weltverachtend, aber nicht blasirt, nicht abgestumpft, sondern
nur durch das Beste gleichgltig gegen das Geringe. Wir waren acht Tage zusammen
in Venedig. Er hatte ein Kind bei sich, einen prchtigen, sechsjhrigen Knaben
mit funkelnden Augen, voll Lust und Muthwillen, unbndig wild, verwegen - ganz
wie ich Knaben liebe. Sie werden frh genug zahm werden! Daraus, da Beide in
Trauer waren, und an der inbrnstigen Zrtlichkeit, die Beide fr einander
hatten, erkannte man Vater und Sohn. Keine Spur von Aehnlichkeit war zwischen
ihnen! Sonst, wenn auch die Zge sich nicht gleichen, sind es Mienen, Ausdruck,
Bewegungen; hier - nichts! Ich fragte auch ganz berrascht, als ich den Kleinen
zuerst sah:
    Ist es Ihr Sohn?
    Sie wundern sich, da ich ein so schnes Kind habe, nicht wahr? sagte er,
und sein Blick wickelte den Knaben gleichsam in Liebe ein. Ja, es ist mein
Sohn, nur sieht er aus wie seine Mutter, durch und durch wie sie .... und so ist
er auch.
    Er schwieg pltzlich. Wir frhstckten im Caf Florian, und der Knabe sprang
auf dem Markusplatz umher, streute den Tauben, die sich dort in Schaaren
aufhalten, Brotkrumen hin, unterhielt sich mit den Gondolieren italienisch, mit
den Wassertrgerinnen deutsch, und amsirte sich ber alle Maen, so da man
frmlich neidisch werden konnte. Zuweilen trat der Vater, wenn er lange nicht
seiner ansichtig geworden war, vor die Arkaden und rief mit seiner tnenden
Stimme:
    Bonaventura! - dann kam der Kleine gelaufen, athemlos, glhend, warf sich
in die Arme des Vaters und sah ihm in die Augen auf eine unbeschreiblich
grazise Weise, neckend und lieblich, wie ein Amor - oder wie eine Frau.
    Mein Aufenthalt in Venedig ging zu Ende. Am Vorabend der Abreise bat ich den
Fremden um seinen Namen.
    Graf Mengen, sagte er.
    Mario Mengen? rief ich erfreut.
    Mario Mengen.
    Glcklicher! rief ich; dann fiel mir ein, wie unpassend dieser Ausruf sei;
aber ich konnte doch nichts Anderes sagen als: Armer Glcklicher!
    Sie kannten also Faustine? fragte er.
    So wie Sie Leopold Robert antwortete ich.
    Ich war nach Dresden gekommen, damals, vor Jahren, gleich nach jener
tragischen Catastrophe mit Clemens, hatte viel darber gehrt, und bald darauf
auch von ihrer Heirath mit Mengen. Hernach ward sie in der Kunstwelt so
gefeiert, da wol Niemand ist, der nicht von ihr gehrt htte. Dies sagte ich
ihm. Er fragte, ob ich mich genug fr sie interessire, um ihrem Leben folgen zu
mgen ohne Ungeduld, und ohne vorschnellen Unwillen - dann wolle er von ihr
erzhlen. Mein Herz schlug vor Freude, denn ich liebte sie, grazis und genial
wie sie war. Solche Personen werden so viel getadelt und - ich will's nicht
streiten - verdienen auch so viel Tadel, da der Gedanke, ich wrde liebend und
bewundernd von ihr reden hren, mich erquickte. Wir gingen die Riva der
Slavonier entlang nach dem ffentlichen Garten. Da ist's am einsamsten in ganz
Venedig; denn die Italiener gehen lieber in den Straen spazieren als unter
grnen Bumen. Der Garten ist auf einer Landspitze angelegt: groe Rasenpltze
und breite Alleen von weien Akazien, die, eben in voller Blte, mit ihrem
feinen Arom die Abendluft durchstrmten. Wir setzten uns so, da wir vor uns in
die Lagunen hinaus sahen, rechts auf die Stadt, die zauberhaft zwischen Himmel
und Wasser im Golde der sinkenden Sonne schwebte, und links, in weiter Ferne,
auf die schneeweie Alpenkette. O! Venedig ist gar so schn! - -
    Ich hatte in der Hand einen Strau von dunkelrothen Nelken - meine
Lieblingsblume. Mario sah sie unverwandt an; endlich sagte er:
    Ich werde zwar nicht ohnmchtig wie die Prinzessin Lamballe, wenn sie
Veilchen sah, und nicht tiefsinnig, wie Ritter Parcival, als er drei
Blutstropfen im Schnee sah - doch erinnert mich die dunkelrothe Nelke jedesmal
an Faustine. Diese Blume kommt selten zur Vollendung, entzckt uns selten in
ihrer reinen Form als glhende Liebesfackel, oder als Kcher voll
zartgefiederter Liebespfeile. Ist der Kelch sehr gefllt, so platzt er, die
Bltter fallen traurig heraus, zerflattern, verwelken; ist er drftig gefllt,
so platzt er zwar nicht, aber die Blume bleibt auch drftig. Fast eben so selten
wie eine Nelke bringt der Mensch sich zur Herrlichkeit: er verwildert oder
ermattet. An Faustine war das Wunder geschehen, sie hatte die Glut, die Flle,
die Pracht ihres Wesens unzersplittert beisammen. Sie wollte nicht immer Eins
und dasselbe - wenigstens wollte sie es nicht in unvernderter Gestalt - aber
was sie jedesmal wollte, das wollte sie ganz. Sie war ein leidenschaftlicher
Charakter, und daher nur schwankend, ehe ein energischer Entschlu in ihr Wurzel
gefat. Um ein groartiger Charakter zu sein, fehlte ihr nichts - als Strenge
gegen sich selbst.
    Nach dem Tode des unglckseligen Clemens bracht' ich sie sogleich zu meinen
Eltern, und nach drei Wochen, als sie meine Frau ward, war sie auch schon deren
geliebtestes Kind, denn diese pompse Frau, die sich nur zu zeigen brauchte, um
fr ihre Erscheinung allein jeder Huldigung gewi zu sein - diese Sibylle mit
dem Seherblick und den Prophetenlippen, heimisch in der Kunst, vertraut mit der
Wissenschaft - war heiter wie ein harmloses Kind und anspruchlos wie ein junges
Mdchen, das die eigne Anmuth nicht ahnt. Auf der einen Seite htte eine Matrone
nicht mehr imponirt, und dem verwegensten Mann nicht strenger ein leichtes Wort
auf den Lippen getdtet durch ihren unbefangenen Ernst; auf der andern Seite
lagen die Jugend, die Neuheit, die Unkenntni und die Verheiungen, die so
reizend um Neulinge in der Welt schweben. Das war sie. Bis dahin hatte sie
auerhalb der Welt gelebt, und sich ihr nicht wie ein Feind - dazu war sie ihr
zu gleichgltig - aber wie ein Fremdling gegenber gestellt. Bis dahin mogte sie
nicht in die hergebrachten Verhltnisse eingehen; sie verstand nicht das
Familienglck, denn sie war ein verwaistes Kind - nicht die Ehe, denn sie war
ein gequltes Weib gewesen - vielleicht nicht einmal die Liebe, obgleich sie
Andlau mchtig geliebt hatte, denn sie wollte sich durch die Liebe auerhalb
aller Schranken frei fhlen; und nur innerhalb Schranken kann Freiheit bestehen,
auerhalb liegen Willkr und Auflsung. Das erkannte sie; jede Erkenntni war
ihr eine Wonne, sie liebte mich glhend, weil sie mir sie verdankte.
    Ein Jahr frher hatte ich zu meinem Freund Feldern gesagt: ich begehrte
kein andres Glck, als ein foudroyantes, das mich gerade im Mittelpunkt meines
Wesens trfe. Es war mir geworden! Faustine strahlte in meine Seele hinein wie
ein tausendfarbiger Diamant, wie ein indisches Gedicht, Stern und Rose, Glanz
und Duft. Das unbedeutendste Weib, der stupideste Mann werden belebt und
verschnt durch die Liebe, so da sie uns erfreuen und interessiren knnen. Und
nun Faustine! bald entzckte sie mich, bald machte sie mich zittern, bald
bewunderte ich sie! Herz, Sinne, Geist - Alles fand bei ihr Nahrung,
Befriedigung, Anregung. Ich wurde nie mde sie zu betrachten; wie in Rafaels
Arabesken Genien aus Blumen keimen, so schwebte ihre Seele in und ber ihrer
holdseligen Gestalt, die zart und durchsichtig genug war, um jeder Regung leicht
zu folgen. Ihre Augen waren von jener unbestimmten grauen Farbe, die man bei
Augen blau zu nennen pflegt, und die darum so schn ist, weil sie alle
Schattirungen annimmt - vom lichtesten Azur in der Freude, vom tiefsten Schwarz
in der Leidenschaft. Ebenso wechselnd war auch ihr Teint, transparent, krftig;
an ihrem Colorit errieth ich ihre Stimmung. Mit dieser Frische kontrastirte
seltsam dunkles Geder ums Auge, das, wenn es nicht von Krankheit herrhrt,
einem blhenden Kopf wundervollen Reiz von Melancholie und Leidenschaft giebt,
wie z.B. bei der sogenannten Fornarina in der Tribne zu Florenz. Ich wurde auch
nie mde sie zu beobachten. Es war etwas Unergrndliches, Geheimnireiches,
Einfaches in ihr, etwas von der primitiven Frische des Naturlebens, durch
welches alle Elemente spielen und blitzen; in ihr stand das Gewitter neben der
Sonne, und das Mondlicht neben der Aurora. Sie war von einer
Leidenschaftlichkeit, die man htte fiebernd nennen drfen, wenn Krper und
Seele ihrer nicht gewachsen gewesen wre. O, wie sie mir entgegenflog, wenn ich
nach kurzer Abwesenheit wiederkehrte! sie erkannte meinen Schritt im Vorzimmer,
fast ohne ihn zu hren, sie lief mir entgegen, sie hing sich um meinen Hals - so
trug ich sie fort! Goldfunken lagen auf ihrem Haar, unter dem Sammet ihrer Wange
rieselte das Blut, silberne Streifen schlangen sich durch das schwarzblaue Auge.
Und ihre Stimme! o der goldne Klang, der Lerchenjubel, wenn sie dann sagte:
Mario! - In den Modulationen dieser Stimme lagen wieder Analogien mit
Naturzustnden; erzhlte sie von ihrer gleichgltigen, halbvergessenen Kindheit,
so war es, als fliee ein schmaler, seichter Bach durch eine grne Ebene: ihr
Ton war gleichmig sanft, vibrirte nicht, weil damals das Herz nicht vibrirt
hatte. Aber er zitterte traurig wie das Rauschen fallender Bltter, sobald sie
mit dumpfem Trbsinn von ihrer Ehe sprach. Bemerkten Sie je am hohen Mittag, im
heien Sommer, das leise, schwere, athemlose Flstern, das durch die Natur weht?
zittern die Bltter, oder die Flgel der Insekten, oder die Wellen im See, oder
Schilf, Gras und Blume in der brennenden Berhrung des magnetischen
Sonnenstrahles? Nun, so war es, wenn Faustine in meinem Arm ruhte, mit ihren
weien Zhnen oder brennenden Lippen meine Wange berhrte, ohne sie zu kssen,
und Worte flsterte, die nur die Liebe hren darf, weil die Liebe nur sie
erfindet. Beachteten Sie je den wilden, jauchzenden Schrei der Schwalbe, wenn
sie Abends durch das Wollustbad der Luft, gleich einem dunkeln Blitz, schiet?
Dieser Ton des hchsten Jubels rang sich bisweilen in einem abgebrochnen Laut
aus ihrem Busen; und dann girrte sie wie eine verblutende Taube, wenn die
Melancholie schwerer Erinnerungen ber sie kam. Alle Temperamente waren in ihr
vereint zur Quintessenz. Heftig, eiferschtig, wrde sie wie eine chte
Andalusierin den kleinen Dolch im Strumpfband getragen haben, um den Geliebten
zu vertheidigen oder - zu strafen. Aber bei allen Angelegenheiten des Lebens
hatte sie eine. Fgsamkeit in den fremden Willen, die sich nie verleugnete, und
die ich tausendmal auf harte Probe stellte; denn ich wollte, da sie sich fgen
lernen sollte - nicht mir! ach, da sie mich liebte, war mein Triumph, nicht,
da ich sie dominirte! - aber dem anerkannten festen Gesetz. Ich glaubte, die
allmlige Gewhnung wrde auch ihre innerste Wesenheit nach und nach zgeln
knnen. Zeitenlang war sie weichlich, ppig wie eine Orientalin, lag halbe Tage
auf dem Divan mit halbgeschlossenen Augen, trumend, denkend, dichtend, und
langweilte sich nicht - whrend sie dann pltzlich von vernichtender Langweil
sprach, wenn ich am wenigsten es vermuthete, und sich, um ihr zu entgehen,
lernend oder schaffend in die Region des Gedankens oder der Begeisterung warf.
Hatte sie sich dann in irgend einem Werk als den Genius gezeigt, den die Welt
anerkannt hat, so trieb sie kleine unbedeutende Kunstfertigkeiten, um ihre
Geschicklichkeit auch in diesem Fach zu prfen; doch sie amsirte sich nur so
lange damit, bis sie es zur Fertigkeit gebracht; dann sah sie sich nach etwas
Neuem um. Jede vollendete Arbeit war ihr gleichgltig - gleichgltig haben,
besitzen, genieen! Streben war ihr alleinziges Glck, und der Moment, wo sie
das Erstrebte mit der Fingerspitze berhrte - ihre Seligkeit. Sollte sie aber
festhalten, so ermattete ihre Hand.
    Gleich nach unsrer Verheirathung gingen wir nach Florenz, wohin ich als
Geschftstrger gesendet ward. Faustine verlie gern Deutschland. Vllig
vernderte Umgebungen schickten sich fr ihre vernderten Verhltnisse. Anfangs
frchtete sie, irgendwo in Italien Andlau zu begegnen, denn sie war gewi, da
er dorthin gegangen, und sie meinte, er knne nichts thun, um sie zu vermeiden,
da er ja gar nicht wisse, wie sie heie, noch lebe. Diese Unkenntni qulte sie.
    Es wrde ihm ein Trost sein, mich glcklich zu wissen, rief sie, und die
Furcht, da ich mich selbst so elend gemacht haben knnte als ihn, ist gewi ein
Gift in seiner Wunde.
    Sie trauerte um ihn, zuweilen bis zum tiefsten Gram; aber sie wnschte nie
anders gehandelt zu haben; darum suchte ich nicht ihr die Trauer zu nehmen. Wenn
sie bereut htte, wrd' ich trostlos gewesen sein. Die Erinnerung an Clemens
trat zuweilen wie ein Gespenst oder ein Fiebertraum vor sie hin. Sie rang die
Hnde und Todtenfarbe berzog ihr Antlitz: sie marterte sich ab mit
Combinationen, wie sie dieser Catastrophe htte vorbeugen knnen.
    O Gott, sagte sie oft, ich htte ja aber eine ganz andre Faustine sein
mssen, wenn ich Alles ganz anders htte machen sollen! die furchtbarsten
Erschtterungen, die gewaltsamsten Zustnde hab' ich berdauert; ich liebe und
hoffe so wie einst; keine Gabe, keine Fhigkeit ist in mir untergegangen; nichts
Heiliges ist mir zum Mhrchen worden; ich glaube an die unberechenbare
Gotteskraft im Menschen, die ihn auf immer neue, unvorhergesehene Bahnen, aber
nie zum Untergang fhrt; - erflle ich nicht auf diese Weise meine Bestimmung?
    So sprach sie sich ruhig, und immer seltner kamen die Bengstigungen. Ihr
Malertalent entfaltete sich wunderbar; der Glanz der italienischen Frbungen
schwebte um ihren Pinsel, der mit Allen in Glut und Krftigkeit rivalisiren
durfte, und von Keinem an Phantasie bertroffen ward.
    Bonaventura ward im ersten Jahr geboren. Mario ist der Name, den der
Erstgeborne in meiner Familie seit langen Zeiten zu fhren pflegt; aber Faustine
bat und flehte:
    Es giebt nur einen Mario fr mich! ich kann Niemand auer Dir so nennen,
von keinem zweiten Mario Glck erwarten! gieb ihm einen andern Namen!
    Sie sprach diese Laune so zrtlich fr mich aus, da ich sie hingehen lie,
und warnte ich sie halb im Ernst, halb im Scherz vor ihrem unlschbaren Durst
nach etwas Anderem - wie sie selbst es nannte, dann rief sie:
    O frchte Dich nicht! ich liebe Dich, Mario!
    Sie liebte auch Bonaventura, aber meinetwegen; fr ihn sollt' ich arbeiten
und sorgen, mit seiner Erziehung mich angenehm beschftigen, in ihm ihre Seele,
ihr Wesen wiederfinden - wenn ich einst todt sein werde, sagte sie. Sie
knpfte nicht ihre Zukunft an das Kind. Wenn sie meine leidenschaftliche
Zrtlichkeit fr den Knaben bemerkte, war es ihr stets wie ein Trost fr mich.
Sonst dachte sie nicht hufiger an den Tod, als ich oder jeder Andere es thun
wrde, der den ernsten Gedanken vertragen kann und den Tod weder wnscht noch
scheut.
    Vier goldne Jahre verlebten wir in Florenz. O, sie war glcklich! die selige
Ueberzeugung hab' ich! strahlend glcklich - zuweilen, in Momenten der Liebe,
der Begeisterung, wenn ein neues Bild vor ihr auftauchte, ein neuer Gedanke in
ihr erwachte, wenn sie die Lava ihres Herzens vor mir ausstrmen lie, des
innigsten Verstndnisses gewi; dann rief sie:
    O wre doch das Leben eine ununterbrochene Kette solcher Momente! Trte
doch nie eine Abspannung, Nchternheit, Oede an die Stelle des Enthusiasmus, der
Thatkraft, der Flle! Folgte doch nur nicht auf den hchsten Schwung die tiefste
Ermattung!
    Wren wir doch Gtter und nicht Menschen! entgegnete ich lchelnd.
    Oder gbe Gott uns etwas so Dauerndes, so Wechselloses, da, trotz aller
Schwankungen der Sinne und des Geistes zwischen Verlangen und Befriedigung, die
Seele in einem permanenten Bewutsein tiefster, unwandelbarster Befriedigung
bliebe.
    Mir hat Gott dies Wechsellose gegeben, Faustine! sagt' ich: die Liebe zu
Dir! Tausendmal kann ich geirrt - hundertmal gefehlt haben: allein die Liebe zu
Dir hat mich nie anders als stark und gut gemacht. Dies Bewutsein ist etwas
Ewiges.
    O Mario! rief sie, und warf sich in meine Arme mit der intensen
Leidenschaft in Blick, Stimme und Geberde, die stets mein ganzes Wesen vibriren
machte; - Mario, diese Liebe zu mir ist mein Triumph, meine Rechtfertigung,
meine Glorie! aber siehst Du denn nicht ein, da sie heute in den Himmel hebt
und morgen in die Hlle schleudert? Mario! auf Augenblicke der Extase, wo Seel'
an Seele ruht, wo ich kein Wort brauche, um Dir mein Innerstes zu offenbaren, wo
wir sind wie das Himmelblau, das alle andre Farben in sich auflst - folgen
andere .... da hab' ich Dir nichts zu sagen, wenigstens nichts, was ich nicht
ebenso gut allen Menschen sagen knnte; da sind wir in Kleinigkeiten
verschiedener Meinung, und eben weil es Kleinigkeiten sind, denkt Jeder, der
Andere knne wol nachgeben; da hast Du ein dringendes Geschft, wenn ich mit Dir
umherstreifen mgte, oder ich sitze tief in Farben vergraben, wenn Du kommst mit
mir zu plaudern; da ist Dein Blick klter, Dein Gesprch unbelebter, Dein Ku
ruhiger, Dein ganzes Wesen gleichgltiger; da fhle ich, da Du durchaus das
Nmliche bei mir findest; da betrb' ich mich denn unsglich, und weder Dein
glnzendes Lcheln noch Deine sonore Stimme, bei denen mir doch sonst zu Muth
wird, als brche der Tag an, haben genug Gewalt ber mich, um
Niedergeschlagenheit und Trbsinn zu verjagen, die mich erschlaffend anwehen,
wie der Scirocco. Dann denk' ich: wre die Liebe rechter Art, so knnte nie ein
solcher Moment eintreten. Die Seligen sind gewi niemals niedergeschlagen - die
Seligen jenseit des Grabes. O wie gut verstehe ich den alten Montaigne, der da
sagt: Il n'y a de satisfaction -bas que pour les ames ou brutales, ou divines.
Geschpfe vom Mittelschlag wie ich, haben es auch nur mittelmig.
    Nun Faustine, entgegnete ich, auch ich kann mit fremden Worten reden!
Novalis sagt: Und da kein Sterblicher den Schleier der Isis heben kann, so
wollen wir suchen Unsterbliche zu werden.
    Ja, das wollen wir! und Du bist ein Engel! rief sie.
    Dies Gesprch fand statt, als wir einst bei Sonnenuntergang nach San Miniato
heraufstiegen, und unter den Cypressen bei dem Kloster von San Francesco
rasteten. Ich lehnte an einer Cypresse und blickte auf sie herab; sie sa auf
einer Stufe der Treppe, und hatte ihre Hnde gefaltet um ihre Knie gelegt; ihr
Hut war zurckgefallen, der Abendwind wehte ihre Locken hin und her, ihr Gesicht
war von innerer Glut, ihr blarothes Kleid von der sinkenden Sonne in Feuer
getaucht. Pltzlich hob sie die Hnde zu mir empor und rief:
    Mario! ewig anbeten - das wrde mich beseligen.
    Das verdient kein Mensch! sagte ich.
    Nein! aber Gott, antwortete sie. Sie hatte Recht - immer Recht; darum fiel
mir auch damals dies Wort nicht weiter auf, um so weniger, da sie pltzlich zu
knstlerischen Betrachtungen bersprang, und behauptete: in meiner gegenwrtigen
Stellung htte ich groe Aehnlichkeit mit dem Antinous des Palastes Braschi in
Rom. Ich lachte ber dies allzu schmeichelhafte Compliment; doch sie sagte
ernsthaft:
    Strube Dich und lache immerhin! die Aehnlichkeit bleibt. Antinous denkt
nach ber seinen Kaiser Hadrian, fr den er sich freiwillig den Tod im Nil
gegeben, damit die Priester in seinen Eingeweiden das knftige Schicksal des
Kaisers lesen mchten - denn so hatte das Orakel geboten; darauf lie der Kaiser
ihm gttliche Ehren erweisen, und ihn als gyptische Gottheit, mit der
Lotosblume ber dem Haupt, darstellen. Was half das dem Antinous? er hat doch
vor der Zeit sterben mssen! Mario! Mario! wirst Du auch sterben mssen?
Meinetwegen sterben? ich bringe auch den Untergang denen, die mich lieben!
    Aber nicht denen, die Du liebst, Faustine, sagte ich, und nahm ihre Hand.
    O doch! doch! antwortete sie mit jener himmlischen Melancholie, die ihren
Blick, sonst so rein, klar und schwer wie Gold, in ein dunkles nchtliches Meer
verwandelte, das unter dem Mondstrahl zittert. Sie stand auf, und wir gingen
schweigend nach S. Miniato, denn ich strte sie nicht in solchen Momenten der
Erinnerung; Zerstreuung wre ungeschickt gewesen und Aufforderung sich
mitzutheilen wrde sie noch mehr in den Gegenstand versenkt haben. Zuweilen
wandelte es mich an wie Eifersucht, da Schatten Macht ber sie haben konnten -
Schatten nenne ich, was fr sie todt und unfhig war ihr neuen Schwung zu geben.
Sie brauchte ihre und die fremde Wesenheit immer ganz voll, ganz beisammen:
darum war die Gegenwart ihre Tyrannin und darum auch meine Eifersucht nie von
Dauer.
    Sie war seltsam anders als ihr Geschlecht! Wir sprachen einmal ber die
Corinna, worin uns alles Andere besser gefiel als die eigentliche
Liebesgeschichte; und ich sprach meine Verwunderung aus, wie ein so glanzvolles
Geschpf diesen trbseligen Oswald lieben knne.
    Mitleid! Mitleid! liebes Herz! rief sie; aber davon habt ihr Mnner gar
keinen Begriff, und ich auch nur einen halben; denn ich bringe es mit dem
Mitleid nicht weiter, als mich lieben zu lassen, nicht so weit, um wieder zu
lieben. Der Gegenstand meines Mitleids wird kleiner als ich, und ich bedarf
eines greren, der mich ganz umfngt, hebt und trgt. Aber die meisten Frauen
sind gutmthiger und rhrbarer als ich. Stirbt doch gar Corinna wegen dieses
trbseligen Oswalds! Das ist mir nun vollkommen unbegreiflich! Fr die Liebe
leben, fr den Geliebten leben oder sterben, wie's kommt, das ist einerlei! -
Aber nur nicht sterben, weil ein Mann mich nicht mehr liebt! Die Mnner mssen
um die Frauen sterben, so schickt sich's; das habe ich von jeher behauptet.
    Ja, sagte ich, Du hast darber wundersam despotische Ansichten.
    Despotisch? mglich! doch nicht wundersam. Die Liebe ist unser Element,
unser Knigreich; Ihr nehmt nur dann und wann eine Stelle darin ein, bringt's
auch wohl zu einem Ehrenposten oder dergleichen. Wir sind heimisch, wo Ihr fremd
- Herrin, wo Ihr Einwanderer seid; dies Bewutsein macht despotisch: wir wollen
lieben ber Alles, und lieben, nichts als lieben, Knigin sein, von allen Gaben
strahlend, im Reich der Liebe! Darum, Mario, begreife ich, da eine Frau sterben
kann, wenn sie nicht mehr liebt! macht ihr Herz seine Pendelschwingungen nicht
mehr, so steht das Uhrwerk ihres Lebens still. Lieben ist: sich einem Gegenstand
weihen; aber mu der Gegenstand durchaus derselbe bleiben? sind in uns keine
Fortschritte, keine Umwlzungen, die einen andern bedingen? knnen wir bei
zwanzig Jahren reif genug sein, um unsre Entwickelung bei dreiig und deren
Ansprche vorherzuwissen und uns gleich von Hause aus dafr einzurichten? Ich
meines Theils hatte vor zehn Jahren kaum eine Ahnung von Allem, was ich geworden
bin. Es mag ein hohes Glck sein, beim Eintritt ins Leben der Seele zu begegnen,
mit der wir, bis zum Austritt aus demselben, verbunden bleiben; aber es ist ein
seltner Glcksfall, da zwei Menschen durchaus gleichen Schritt halten in ihrer
Entwickelung, und da keiner den andern berflgelt. Darum sollte man nicht eine
Ausnahme zur Richtschnur machen wollen; nicht sagen: nur das Festhalten an einem
Gegenstande ist Liebe.
    Vielleicht hat man zuweilen darin Unrecht, Faustine! entgegnete ich; nur
bleibt es gewi, da hufig in dem Wechseln mehr Selbstliebe als Liebe liegt.
Glaubst Du nicht, da ein Mensch in Opfer und Entsagung bis zum Tode ebenso sehr
der Vollendung entgegenreifen knne, als indem er Andern das Opfern berlt?
Denk an Vinzenze Sonsky!
    Ach, Vinzenze! rief Faustine; ich beuge mich gern vor ihr, denn mehr als
sie kann der Mensch nicht thun. Aber das ist ein trauriges Beispiel! sie hat
sich geopfert, und doch ist Niemand beglckt, sie selbst todt, ihr Mann einsam
im Alter, Ohlen einsam in der Jugend. O sage mir, da Du glcklich bist, Mario.
    Wenn sie in den Ausdruck der Liebe berging, war sie unwiderstehlich; darin
war sie ein Genie wie in ihrer Kunst; dadurch beherrschte sie mich so malos,
da ich oft mit Erstaunen wahrnahm, wie sie meine Besonnenheit schwanken machte,
meine Besonnenheit, die ich mit so eisernem Willen mir angearbeitet hatte! Vom
ersten Augenblick unsrer Bekanntschaft an war meine Seele ihr unterthan.
Faustine vernderte nicht meine Richtung, aber indem ich dabei beharrte, sah ich
nach ihr, wie nach der Bussole hin, und in den Auendingen des Lebens behielt
ich deshalb unumschrnkte Gewalt, weil sie zu trg und zu gleichgltig gegen
deren Handhabung war. Oft in diesen vier Jahren hatte sie mich gebeten, eine
Reise in den Orient mit ihr zu machen; oder wenigstens nach der Schweiz, die sie
noch nicht kannte. Meinen Erziehungsprojecten zufolge sollte sie sich aber an
den geregelten, einfrmigen Gang der Existenz, im Verkehr mit Andern, wie in der
brgerlichen Stellung gewhnen. Ich schlug es ihr unerbittlich ab, und sagte,
ich htte kein Geld dazu. Das glaubte sie leicht, und deshalb sagte sie ganz
ruhig:
    Ich werde suchen etwas zu verdienen.
    Sie schickte ein eben vollendetes Gemlde zur Kunstausstellung nach Mailand,
wie sie pflegte. Nach zwei Monaten hndigte sie mir eine Anweisung an meinen
Banquier in Florenz auf 8000 Franken ein. Ich fragte, ob sie eine pltzliche
Erbschaft gemacht.
    Nein! antwortete sie; ich hatte nach Mailand geschrieben, man solle den
Ezzelino verkaufen, wenn sich Liebhaber fnden: das ist geschehen. Knnen wir
nun in den Orient?
    Ich war ganz verdrielich; das wunderschne Gemlde ging nach Ruland! ich
sagte, wenn sie mir genau ein hnliches male, dann wollten wir reisen. ich wute
wol, da sie es nicht thun wrde. Dieselbe Gedankenfrucht zweimal reifen lassen
- kann sogar der liebe Gott nicht - sagte sie. Aber sie malte Neues, und immer
Schneres. Dazwischen dichtete sie viel, meistens Lieder, tiefsinnig und
lieblich wie sie selbst war, denen nichts zur Vollendung fehlte, als da sie
sich ein wenig Mhe gegeben htte, um sie zu corrigiren. Wenn ich sie dazu
ermahnte, so entgegnete sie, damit wolle sie sich beschftigen, sobald die Zeit
des Produzirens fr sie vorber sei. Vor meinem Tode will ich es thun, damit
die Welt wisse, was sie eigentlich an mir gehabt hat; vorher lohnt's der Mhe
nicht! die beste Berhmtheit hebt nach dem Tode an! wer populr war, wird selten
unsterblich, sagte sie.
    Ich neckte sie bisweilen mit ihrem Ruhmdurst.
    O, rief sie, Bedrfni des Ruhms ist nur Bewutsein der Zukunft! wer
nicht an seine eigne Zukunft glaubt, verdient auch keine Gegenwart; und man sagt
mir doch - und ich meine mit Recht - ich sei ein groes Talent. Da meine
Gemlde nur in der Mode und deshalb zukunftlos sein knnten - fllt mir oft
schwer aufs Herz. Ich wei wol, da ich einen kstlichen Schatz besitze; jedoch,
ob ich ihn zu Kleinodien oder zu Mnzen oder zu was wei ich! verarbeite: das
wei ich nicht, wenigstens nicht genau. Wir irren uns ber den Werth unsrer
Schpfungen, wie Mtter ber die Schnheit ihrer Kinder. Von seinem Gedicht
Afrika erwartete Petrark die Unsterblichkeit, und fand sie durch seine
Sonette. Es wre doch traurig, wenn ich nur Afrikas hinterliee!
    Endlich ging ich auf die orientalische Reise ein; ich gnnte Faustinen und
mir diesen Genu. Ueberdies halte ich eine solche Anfrischung der Lebenselemente
nicht blos dem Knstler nothwendig, sondern Allen, die sich jahrelang nur mit
ihrem Geschft und Beruf abgegeben haben. Man wird allzu einseitig, sobald man
sich ihm ausschlielich widmet. Die Einseitigkeit hat auch ihr Gutes: sie macht
zufrieden, sie lehrt das Geringe schtzen, sie erhlt sogar einen gewissen Grad
von Unschuld, indem sie manche Illusionen lt - aber nicht alle Seelen sind fr
diese friedliche Beschrnkung geboren. Der Eine fliegt lieber, der Andre geht
lieber - Jeder nach seiner Eigenthmlichkeit! Die Schattenseiten seiner Vorzge
hat jeder Charakter, jede Lage; aber man bemerkt sie nur bei ausgezeichneten
Charakteren und in ungewhnlichen Lagen, weil bei den alltglichen Mischungen
kaum der Unterschied zwischen Licht und Schatten wahrgenommen wird. Das ist in
der Ordnung! man sieht nicht hin, wenn Jemand im Gehen stolpert; will aber
Jemand fliegen und die Schwingen brechen, so sieht es das stumpfeste Auge.
    Wir reisten zuerst nach Deutschland, um meine Eltern zu besuchen und ihnen
Bonaventura zu prsentiren. Meine Schwestern waren jetzt alle drei verheirathet
und mig glcklich mit kleinen Sorgen und manchen Freuden. Cunigunde war Braut.
Nichts glich unsrer Ueberraschung, als sie uns den Verlobten vorstellte, einen
benachbarten Landpfarrer von der Sorte, die man jetzt die fromme zu nennen
pflegt, mit gescheiteltem Haar und niedergeschlagenen Augen, aus denen zuweilen
hastige, stechende, inquisitorische Blicke schossen, die unbehaglich mit dem
salbungsvollen Ton kontrastirten, und der ganzen Erscheinung etwas Falsches
gaben. Faustine wnschte ihm Glck zu der Braut; bei Cunigunden erstarb ihr das
Wort auf den Lippen. Hernach sagte sie zu mir:
    O Gott, welch ein matter, trister Gesell! gegen den war ja Feldern ein
Heros! Und diese klare, bestimmte Cunigunde kommt mir ganz verwirrt vor, denn
sie spricht von diesem Menschen, als sei er wenigstens ein Apostel.
    Lieber Engel, entgegnete ich, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, zu
welchen Schritten die Furcht treibt - eine alte Jungfer zu werden! die
liebenswrdigsten, ausgezeichnetsten Mdchen, zu denen Cunigunde gewi zu zhlen
ist - verfallen bei dieser Lebenskrisis fast immer in ein Fieber, das ihnen die
Besonnenheit raubt. So ist's Cunigunden gegangen! und da sie diesen Mann
unmglich lieben kann, so hat sie sich fr ihn fanatisirt. Wahrscheinlich wird
sie spter aus Stolz und Beschmung nie eingestehen, da sie nicht vollkommen
glcklich ist; aber sie wird es gewi nicht! eine Ehe dauert etwas zu lange fr
den Fanatismus.
    Und Feldern ist doch ein schlichter, unverschrobener Mensch, sagte
Faustine niedergeschlagen, trotz seiner Vorliebe fr die conventionellen
Formen. Sie sind ihm das, was ihm die Kleidung ist: ein Gesetz, das der Anstand
gegeben hat. Aber dieser Mann, so gezwungen einfach, so manierirt schlicht -
kann dessen Seele wahr sein?
    Meine Eltern freuten sich meines Glcks in Weib und Kind. Faustine war Aller
Liebling, Aller Stolz. Die geistige Ueberlegenheit, welche mittelmige Frauen
so unertrglich macht, da man sie wie eine lstige Appanage betrachtet, etwa
wie einen vornehmen Namen bei groer Armuth - schien Faustinen gegeben, um zu
beweisen, da die superiorste Frau die liebenswrdigste sei. Sie faltete still
ihre Flgel zusammen, damit Niemand bemerken drfe, da er keine habe; aber sie
schttelte sie und flog auf, bei der geringsten Anregung, und lie in unsern
Kreis den Glanz der Aether, die Blten ihrer Region hineinspielen.
    Dann fuhren wir die Donau hinab nach Constantinopel, Griechenland und
Palstina. Erwarten Sie keine Beschreibung der Reise, Grfin! gedenke ich jener
Tage, so whlt die Erinnerung wie eine himmlische Harpye in meinem Herzen.
Faustine war selig, war von einem Reichthum, einer Vollendung, einer Sigkeit,
wie noch nie. Berauscht von den Quellen der Urgeschichte und der Urpoesie, die
jenem Boden entquollen, sagte sie:
    Ich bin allzu glcklich! hier mu ich sterben - wre der Tod nicht allzu
grausig. Ich will leben ohne zu altern, schaffen ohne zu ermden, genieen ohne
mich abzustumpfen, forschen ohne zu zweifeln, ruhen ohne mich zu langweilen!
glaubst Du nicht, Mario, da dies Alles hier, in diesen primitiveren Zustnden,
leichter zu erreichen sei, als da drauen, in der verschrobenen, abhetzenden
occidentalischen Civilisation?
    Vor allen Dingen glaube ich, da Du Dich binnen Jahresfrist glhend zur
europischen Civilisation zurcksehnen wrdest, gegen die Du freilich oft genug
zu Felde ziehst, wenn Du ihr bequem im Schoo sitzest, sprach ich.
    Und Bonaventuras Erziehung ruft uns zurck! er ist nun bald vier Jahr alt,
da mu er denn in irgend eine gelehrte Schule gesteckt werden, und seine schne,
frische, jauchzende Kindheit mit Studien von Dingen hinbringen, deren eine
Hlfte er nicht braucht, und deren andre er vergit. Armer Bonaventura! wrst Du
mein Sohn allein, so erzg' ich Dich hier, fern von der demoralisirten
Gesellschaft, fern von dem Wust pedantischer Gelahrtheit, mit der Bibel, der
Geschichte, der Poesie und der Natur; und wrst Du zum Jngling herangereift, so
liee ich Dich nach Europa in alle Lnder, zu allen Nationen, auf alle
Universitten ziehen, um die Gegenwart durch unmittelbare Anschauung kennen zu
lernen. Die Mnner-Erziehung ist heutzutag unausstehlich einseitig! die armen
Jnglinge werden mit Studien gepfropft, fr das Procrustes-Bett des
Staatsdienstes gepret, der von Allen dasselbe Ma verlangt, das Genie herunter
- den Dummkopf herauf zerrt. Lernen mssen sie! ob sie das Gelernte verarbeiten
und wissen - darum kmmert man sich nicht. Die Meisten verkommen in dem Sumpf
des Lernens, ohne sich zur Entwickelung geistiger Selbststndigkeit zu erheben.
Bonaventura! rief sie und hielt den erstaunten Knaben auf ihrem Schoo fest;
wenn Du in zwanzig Jahren eine Brille auf der Nase hast, Runzeln auf der Stirn,
Falten um Mund und Augenwinkel, wenn Du pedantisch bist, mein Bonaventura,
langweilig, unbeholfen, drr an Leib und Seele, unerquicklich wie die
personifizirte Vernnftigkeit, gehrig eitel auf Deine negative Entwickelung, -
so verklage ich den Staat beim lieben Gott, weil dessen Geschpf und mein Sohn
so klglich mihandelt ward von dem Alles verschlingenden Moloch, dem wir unsre
lieben Kinder auf die versengenden Arme legen mssen.
    Ich bin aber der Meinung, da Kinder in dem Lande und in den Verhltnissen
zu erziehen sind, fr welche die Geburt sie bestimmte. Exotische Erziehungen
sind fast immer unvertrglich mit der sptern Bestimmung, und die Gewhnungen
der Kindheit so stark, da oft ein trauriger Zwiespalt entsteht, wenn man nicht
gesucht hat, sie, wenigstens approximativ, jener anzupassen. Auf diese
Einwendung entgegnete Faustine:
    Ich hab' auch nur gesagt: wenn Bonaventura mein Sohn allein wre! - jetzt
bist Du mein Herr und der seine.
    Der Orient war der Culminationspunkt meines Glcks. Nach Florenz
zurckgekehrt, nahm Faustinens Wesen eine andre Richtung. Ein Hauch von
Melancholie hatte immer um sie geschwebt, wie ein leichter Duft um Gebirge:
jetzt verdichtete er sich oft zu Wolken, die ihre Heiterkeit berschatteten und
ihre Beweglichkeit lhmten. Es geschah ohne uere Veranlassung; sie war nicht
krnklich, sie hatte keine der Verdrielichkeiten, der winzigen Sorgen, welche
reizbaren phantastischen Personen unertrglich sind, keinen Unfall - es kam wie
eine Schickung ber sie: es war da. Ist es eine traurige Mitgift des Genies, da
er im Geben ein Crsus und im Genieen ein Uebersttigter ist - oder whnt er
leicht, das vorgesteckte Ziel nicht erreicht zu haben und nie erreichen zu
knnen - oder lt alles Erreichbare eine Lcke in ihm, und alles Sichtbare eine
Oede - oder fhlt er vorahnend seinen Flug erlahmen - oder haben diese
glhenden, drstenden, strebenden Creaturen unaufgelste Geheimnisse zwischen
sich und dem Schpfer, die sie auf alle Weise zu entrthseln suchen - genug,
Faustine war verndert. Viele, ich wei es, werden sagen: das Schicksal hatte
sie verwhnt, sie war bersttigt von Glck, sie machte sich Chimren, weil die
Wirklichkeit sich fr sie erschpft hatte, man mu in sich das Gengen finden,
und wer das nicht thut, ist ohne innern Gehalt, und Alles, was die Klugheit der
Welt und die schnde Mittelmigkeit zu ihrem eignen Vortheil vorzubringen
wissen. Aber Faustine war nicht das Kind, das in Thrnen ausbricht, weil es
nicht den Mond haschen kann, und ihr Schicksal ist darum so traurig, weil es der
Mittelmigkeit gleichsam gewonnenes Spiel giebt, indem sie Fehler beging, die
jener nie einfallen wrden. Es ist auch traurig lehrreich, indem es zeigt, wie
der glorioseste Mensch untergeht, sobald er sein Ich in der Welt isolirt, sei es
auf die feinste, die geistigste Weise. Aber das wird die Menge schwerlich
bemerken! sie versteht nur die Bestrebungen fr das Ich, insofern sie sich auf
Vermgen, Ansehen, schne Kleider und hnliche Aeuerlichkeiten beziehen.
    Jetzt mag ich nicht mehr reisen! sagte Faustine; ich wei nun, da die
Erde berall dieselbe ist, und der Mensch ist es auch. Nur die Oberflche wird
bei jener durch das Clima, bei diesem durch das Temperament verndert. Das Neue
ist immer etwas Altes, und etwas Anderes ist immer dasselbe; nur das uere
Kleid ward gewechselt. Das kann uns keine volle Befriedigung geben.
    Volle Befriedigung ist mir undenkbar fr den menschlichen Zustand auf der
Erde, sagte ich, der Moment, wo ich inne wrde, am Ziel alles Strebens zu
sein, und keine Arena der Wnsche und Kmpfe mehr fnde, wrde mich trostlos
machen, statt mich zu befriedigen. Fertig sein und doch nicht vollkommen - ist
wie das Leben in harter Gefangenschaft.
    Das uere Leben kann fertig und das innere strebend sein, sagte sie,
z.B. im Kloster.
    Oder in jedem andern Verhltni, setzte ich hinzu, z.B. in der Ehe.
    Sie war nicht trbe, nicht unzufrieden, nicht erkaltet gegen mich, nur von
einer unbesieglichen Schwermuth. Ich bat, ich beschwor sie zu malen, zu dichten.
    Wozu? antwortete sie. Was nicht erster Ordnung ist, braucht gar nicht zu
sein, und erster Ordnung sind etwa zwei oder drei Bcher und ebenso viel
Kunstwerke: sie bestimmten eine Zeit, sie brachen eine Bahn, sie gaben eine
Richtung. Dies hngt nicht sowol von dem ab, der sie schrieb, malte oder baute,
sondern davon, da Gott ihn im rechten Moment, als er ein tchtiges Werkzeug
brauchte, auf die Welt schickte. Ein solcher Genius ist fr alle Zeiten gro;
nur fr eine Epoche es zu sein, ist demthigend! denke doch: Gluck wird
unsterblich genannt, aber von 1000 Menschen ghnen 999 bei seiner Musik.
    Nach dem Urtheil der Menge darfst Du nicht hren, denn zuweilen beherrscht
falscher Geschmack, durch irgend welche Laune einer Sommitt sanktionirt, lange
Epochen. Whrend des Baustyls der Renaissance war der gothische verachtet; erst
jetzt lernt man allmlig ihn bewundern.
    Freilich, er ist erster Ordnung! sagte sie traurig.
    Wie diese Muthlosigkeit mich grmte! wie ich sie anflehte, mir deren Grund
zu sagen! ich warf ihr Mangel an Vertrauen vor.
    Nein! rief sie, meine Seele liegt offen vor der deinen! aber Du, Mario,
Du willst nicht sehen, was ich doch ganz klar und deutlich sehe, da meine Zeit
aus ist. Schweig! schweig! rief sie, als ich antworten wollte; weshalb sollte
ich das nicht sehen? wei doch die Wasserlilie ihre Zeit, steigt zum Blhen auf
die Wellen empor, und sinkt dann in die Tiefe zurck, befriedigt, still, mit dem
Schatze seliger Erinnerungen. Die Blume wei, wann ihre Zeit vorber ist, und
der Mensch bemht sich, es nicht zu wissen! Diese Jahre mit Dir, Mario, waren
meine hchste Bltezeit!
    Du liebst mich nicht mehr! rief ich mit bitterm Schmerz.
    Thor! sagte sie ruhig, mit jenem extasischen Lcheln, das ich nur auf
ihrem Antlitz gesehen habe; Thor! hast Du nicht das Tabernakel meines Herzens
berhrt? ist nicht Bonaventura Dein Sohn? Nein, Mario, ich liebe Dich, ich habe
nichts so wie Dich geliebt, ich werde nach Dir nichts lieben, aber ber Dir -
Gott! O Engel, meine Seele hat mit der deinen in solchen Extasen der Liebe und
Begeisterung geschwelgt, da Alles, was ihr in dieser Region widerfahren kann,
nur Wiederholung, und vielleicht .... eine matte sein drfte. Wir haben mein
Herz so nach seinen Schtzen durchgraben, da die Goldminen .... vielleicht
erschpft sind. Ehe die trostlose Gewiheit uns kommt -
    Faustine! sagte ich - ich wei nicht, mit welchem Ton; denn sie fiel mir
zitternd in die Arme und sprach ganz, ganz leise:
    Ah, wenn Du mir zrnst, hab' ich keinen Muth Dir meine Seele zu entfalten.
    Ich erkannte wohl, da ich sie nicht einschchtern durfte, umarmte sie und
fragte gelassen, was sie denn zu thun gesonnen sei. Sie erwiderte:
    Ich will die Minen verschtten! ist noch edles Metall darin, so mg' es in
der Tiefe ruhn! oben darauf will ich Blumen pflanzen.
    Aber was mgtest .... was willst Du thun? rief ich in Todesangst.
    Ganz Gott angehren und in ein Kloster gehen, sagte sie; ich aber sprach
bestimmt:
    Nie, Faustine! nie, niemals.
    Ich bemhte mich, die Sache fr eine momentane Aufregung zu halten, zu
glauben, da irgend ein Buch, irgend ein Gesprch mit ihrem Beichtvater sie
lebhaft erschttert habe; doch ihre Lektre bestand grade jetzt aus den alten
rmischen Geschichtschreibern, und ihr Beichtvater, der zugleich der der halben
Florentiner Welt war, Pater Gerolamo, war mir sehr wohl bekannt als ein ruhiger,
milder, kluger Mann, ohne alle ascetische Anforderungen.
    Wir waren dazumal in Pisa, theils weil der Hof sich fr einige Monate dort
aufhielt, theils weil Faustine eine besondere Vorliebe fr diese melancholische
Stadt hatte. Wir bewohnten den Palast Lanfranchi am Lung' Arno, wo Lord Byron
whrend seines Aufenthalts in Pisa wohnte, und bei uns lebte Graf Kirchberg, ein
alter Freund Faustinens, der so eben nach Italien gekommen war. Zufllig oder
absichtlich - ich wei es nicht - uerte er einmal im Gesprch mit mir, Andlau
sei von den Aerzten seiner Gesundheit wegen nach Italien geschickt, er glaube
nach Rom. Ich bat Kirchberg, nichts davon gegen Faustine zu erwhnen, sie sei
ohnehin in einem krankhaft erregten Zustand. Er fand das auch, denn er hatte sie
wirklich lieb. Nur Gleichgltige sahen uns mit immer gleichem Auge an. Wir
machten tglich weite Spazierritte mit ihr, daran fand sie viel Vergngen; und
fast tglich auch ging sie in das Campo santo, um Studien zu machen, wie sie
sagte. Doch umsonst begehrte ich, da sie dort Zeichnungen und Skizzen entwerfe.
    Ich sehe und denke - ist denn das nicht genug? sehen nicht die meisten
Leute, ohne zu denken? fragte sie.
    Fr Dich ist's nicht genug, Du mut schaffen! rief ich, und wie aus einem
Munde mit mir sprach Kirchberg, der gegenwrtig war:
    Sie mssen produziren.
    Immer soll ich mich ganz extraordinr benehmen, Ihr wunderlichen Leute,
sagte sie mit ihrer alten Heiterkeit; aber doch nur grade so weit, wie Euch das
Ungewhnliche nicht extravagant erscheint. Ach, wie seid Ihr so schwerfllig,
Ihr Subtilen! - Aber heut' hab' ich wirklich Lust, das Innere des Campo santo zu
zeichnen; Ihr knnt allein spazieren reiten!
    Dieser Entschlu wurde dahin abgendert, da sie erst mit uns einen
Spazierritt machte, worauf wir sie zum Campo santo begleiteteten und ihr Pferd
mitnahmen. Sie blieb allein unter der Obhut der Kustoden. In zwei Stunden sollte
ich ihr den Wagen schicken. - Ich war hchst befremdet, als der Wagen leer
zurck kam und der Diener meldete, der Kustode habe gesagt, die Signora sei
schon vor einer Stunde fortgefahren. Ihr Zeichnenbuch brachte er; der Kustode
hatte es im Campo santo auf der Erde gefunden. Ich glaubte, Bekannte htten
Faustine zu einer Spazierfahrt entfhrt; doch war mir bnglich zu Muth, weil sie
niemals bestimmte Stunden versumte. Jetzt war es halb 5; um 5 speisten wir,
aber sie war um halb 6 noch nicht da. Dies berschritt all' ihre Gewohnheiten!
mich befiel unsgliche Angst, Kirchberg konnte mich nicht beruhigen; ich lie
aufs Gerathewohl anspannen. Da kam sie auf einmal, zu Fu, im Reitanzug,
leichenbla, verstrt, athemlos. Wie zerbrochen fiel sie in meine Arme, und
chzte:
    Er ist da! er ist da! er stirbt und will mich nicht sehen.
    Andlau war in Pisa, todtkrank an seinen alten Brustwunden. Der milde Tag
hatte ihm groe Sehnsucht gegeben, das Campo santo zu sehen, und er war in
Begleitung seines Arztes hingefahren. So wie Faustine ihn gewahrte, erkannte sie
ihn, trotz der Verwstung der Krankheit, und flog ihm mit einem Weheruf
entgegen. Andlau aber streckte die Hand abwehrend aus, und sank ohnmchtig in
die Arme des Arztes. So ward er in den Wagen und in seine Behausung gebracht;
Faustine begleitete ihn verzweiflungsvoll. Der Arzt beschwor sie, den Kranken zu
verlassen, als er wieder zur Besinnung gekommen, da ihr Anblick ihn tdtlich
erschttere.
    Er soll mich auch nicht sehen, sagte sie und rang die Hnde; aber lassen
Sie mich nur hier im Vorzimmer, damit ich ihn sehen kann.
    So blieb sie zwei Stunden. Andlau erholte sich momentan.
    Er fragte nicht den Arzt nach mir, und wo ich geblieben sei, sagte
Faustine traurig; da fiel mir ein, wie Du besorgt sein mtest, Mario, und ich
kam heim. - Dies erzhlte sie Alles so hastig, so abgebrochen, da wir sie kaum
verstehen konnten. Kirchberg ging sogleich zu Andlau; er kannte ihn aus frherer
Zeit. Sie gab ihm einen Diener mit, der ihr jede Stunde Nachricht bringen
sollte. Anfangs lautete sie immer gleichfrmig. Faustine ging den ganzen Abend
auf und ab im Zimmer und sagte zuweilen:
    Mario! Mario! Mario! ich tdte ihn! dem Clemens hab ich Leib und Seele
getdtet; .... Ihm, das Herz .... und jetzt auch den Leib.
    Gegen Mitternacht kam Kirchberg und fragte Faustine, ob sie noch einmal
Andlau sehen wolle? er werde den Morgen nicht erleben. Sie strzte sich in den
Wagen; Kirchberg begleitete sie. Er sagte mir hernach, sie habe sogleich neben
Andlau niedergekniet, der mit geschlossenen Augen und schon ber den Todeskampf
hinaus auf dem Bett gelegen. Sie sagte fast unhrbar: Anastas! - und er, der
nichts mehr beachtete, hrte auf ihre Stimme, ffnete die Augen, lchelte,
versuchte die Hand ihr zu reichen, sagte Ini! und verschied. Ihr gehrte jeder
Hauch seines Lebens, auch der letzte.
    In der folgenden Nacht, bei Fackelschein, fuhren wir in einer Barke mit
seiner Leiche den Arno hinab nach Livorno, wo sie auf dem protestantischen
Gottesacker ihre Ruhestatt fand. Faustine war dabei. Sie schien absichtlich all
diese Emotionen zu suchen, vielleicht in der Hoffnung, ihrem Schmerz dadurch
einen Ausweg zu bahnen. So macht man Wunden grer, damit die Kugel oder der
Splitter herausgenommen werden knnen. Aber bei ihr blieb der Splitter. Sie
verfiel in herzzerreiende Trauer. Zuweilen sagte sie mit heier Sehnsucht:
    O, wenn Gott mir doch einen groen Gedanken in die Seele hauchen wollte, so
wie sonst, da ich ihn ausbilden, ihn auch Andern verstndlich machen, und mich
daran erfreuen knnte! aber nichts! nichts! meine Seele ist drr und de, keines
Aufschwungs mchtig, ausgesperrt aus ihrem alten Himmel der Begeisterung, der
Phantasie, der Kunst. La mich einen neuen suchen, Mario! den, welchen die
Religion uns verheit. La mich den Rest meines Lebens einzig Gott weihen, und
in ein Kloster gehen.
    Du tdtest Dich! sagte ich mit dumpfer Verzweiflung.
    Nein, antwortete sie, dort werd' ich still werden. Mario, dies Fieber in
mir, das durch nichts auf der Welt gestillt werden konnte, nicht durch die
Liebe, nicht durch den Schmerz, nicht durch das Glck, nicht durch den Genu,
durch nichts, nichts, was sonst der Menschen Lust und Wonne oder ihre
Vernichtung ausmacht - dies Fieber, das mich rastlos umhertreibt, obgleich ich
wohl wei, da es nur genhrt, nicht beschwichtigt wird durch die Aufregungen -
o, la mich versuchen, ob die Entsagung alles dessen, was ich bisher so glhend
geliebt und gesucht, mir Befriedigung giebt. Die Unmglichkeit ealmirt die
wildesten Wnsche. An Klostermauern scheitert der uere Reiz. Anfangs werd' ich
selig darber sein; dann wird eine Epoche der Verzweiflung kommen, wo meine
unbndige Natur sich gegen den Zwang auflehnt; endlich aber legen sich Kmpfe
und Strme, der Friede kommt, die Ruhe in Gott -
    Die Ruhe im Grabe! rief ich.
    Mein geliebter Mario, flehte sie, gnne mir ein wenig, nur ein ganz wenig
Ruhe diesseit des Grabes! wenn Du wtest, Herz, wie mde ich bin - nicht des
Lebens, nicht der Liebe - aber vom Leben und Lieben, so wrdest Du mich selbst
auf andern Weg fhren.
    Du schlgst einen falschen ein, sagte ich; denn Du willst all Deinen
Pflichten treulos werden. Hast Du nicht vor Gott gelobt, in Noth und Tod bei mir
auszuharren? hast Du nicht die Kindheit Deines Sohnes zu bewachen und seine
Jugend zu leiten? hast Du nicht den Genius zu pflegen? diese Gabe, himmlisch wie
keine, - weil sie fr Andere eine Stimme des Trostes, der Wahrheit, der Kraft
wird.
    Ach, unterbrach sie mich, Du glaubst noch an meinen Genius, mein armer
Mario! und ich erreiche, was ich auch schaffen mge, nie das, was ich gewollt.
Am letzten Schpfungstage sah Gott, da es gut war; die Menschen sprechen: der
Genius mache gotthnlich, denn aus dem Nichts bilde er Wunder und Welten; so
mte ich denn doch auch sehen, da es gut ist, und mich ruhen in diesem
Bewutsein.
    Faustine! rief ich, vergi nicht, da der Dornenkranz untrennbar vom
Strahlenkranz ist; die tiefsten Schmerzen haben den hchsten Genius geboren! wer
auferstehen will, mu sich ans Kreuz schlagen lassen! wer gen Himmel fahren
will, mu die Hllenfahrt nicht scheuen. Mit welchem Recht willst Du bequem nur
die Glanzseiten genieen?
    Diese und hnliche Vorstellungen hatten den Erfolg, da sie sich mit
gewaltiger Kraft emporri, und in einem Moment der sublimsten Inspiration den
Moses schrieb, dies Gedicht, welches die brennende Farbenpracht und die
mystische Tiefe des Orients gleichsam abkhlt und aufklrt in den Krystallfluten
ihrer Andacht, Sehnsucht und Begeisterung. Ueber die Erhabenheit der Gedanken,
ber die Weltumfassung der Anschauungen, ber den lyrischen Schwung der
Darstellung - breitet die Melancholie ihrer Seele einen duftigen, blulich
dmmernden Hauch, wie er in Kirchen schwebt, halb Weihraucharom, halb gedmpftes
Sonnenlicht. O sie hat mit einem glorreichen Schwanengesang von der Welt
Abschied genommen! So lange sie daran arbeitete, und bis sie das Manuscript zum
Druck nach Deutschland schickte, war sie fast so lebendig, so angeregt, so
frisch wie in ihrer besten Zeit. Nachdem es fort war, sank sie zusammen: der
Erfolg war ihr gleichgltig.
    Ich habe mich erschpft, sprach sie; Hheres kann ich nicht - Geringeres
mag ich nicht leisten. Ich habe das Meine gethan! nun ists genug fr die Welt!
nun mu ich gehen, mein geliebter Mario, und wie die alten Anachoreten einzig
mit Gott verkehren. Ich scheide nicht gleich einer benden Magdalene, ich
glaube nicht, im Staub und in der Asche mit blutigen Kasteiungen das gutmachen
zu mssen, was ich gefehlt habe. Ich will nur Aug und Seele unmittelbar in
Anschauung Gottes versenken, statt, wie bisher, in seinen Werken und Geschpfen
ihn zu lieben und zu verherrlichen, und statt mich durch das Sichtbare an das
Unsichtbare - durch das Vergngliche an das Ewige erinnern zu lassen.
    Ich erinnerte sie an Bonaventura und an das Glck, worauf sie verzichte
durch die Trennung von ihm. Mit einer Glut und Innigkeit, die mich vor dem
Gedanken zittern machten, da all diese Flammen unter dem Schleier lodern
sollten, verlodern - oder verzehrend sich nach innen wenden; rief sie:
    Die Trennung von Dir berwiegt jede andere! Dich nicht zu sehen, nicht mit
Dir die Gedanken auszutauschen, nicht vor Dir die Seele hinzubreiten, nicht fr
Dich Sonnen, Sterne und Flammen funkeln zu lassen, nicht in dem Liebesglanz
Deiner Augen das Herz zu baden - Mario! Mario! das ist ein wahnsinniger Schmerz,
den ich nicht berwinden knnte, wenn ich nicht glaubte, ein Opfer bringen zu
mssen.
    Aber Du opferst mich! rief ich.
    Nicht Dich, nicht mich! .... sondern uns, sagte sie. Sie hielt nach ihrer
anmuthigen Art meinen Kopf zwischen ihren Hnden, und sah mich an mit ihrem
seltsam zauberhaften Blick, dem kein Mann widerstehen konnte. Er glitt in die
Seele wie ein langsamer Blitz, so intensiv zerschmelzend und versengend. Ich
hatte ihr oft gesagt, sie brauche nicht fr einen dereinstigen Platz im Himmel
zu sorgen, sondern nur den heiligen Petrus mit diesem Blick anzuschauen, er
werde ihr alsbald die Pforte ffnen. Mich berfiel die unermeliche Gre des
drohenden Verlustes, und ich sprach mit harter Bitterkeit:
    Und was willst Du denn eigentlich werden? Soeur grise etwa? und Deine
Nerven beben beim Anblick einer Verstmmelung, und die Luft eines Krankenzimmers
macht Dich ohnmchtig! - Oder Ursulinerin, die kleinen Kindern das Buchstabiren
und das Einmaleins beibringt? .... und Du wirst ungeduldig, wenn Deine raschen
Worte und Gedanken nicht schnell genug Verstndni und Antwort finden!
    Sanft und demthig antwortete sie: Nein, Herz, die irdische Geschftigkeit
war nie mein Gebiet. Du hast ganz Recht: darin bin ich ungeschickt. Ich bedarf
eines ganz abgeschiedenen und beschaulichen Lebens, heilige Bcher lesen,
Psalmen dichten, die Orgel spielen, viel, viel beten! ich finde, was ich brauche
.... bei den Vive sepolte. - Die Vive sepolte! schon der Name macht schaudern!
-
    Ich besuchte den Pater Gerolamo, und that ihm einen Eid, da er die Beichte
nicht verletze, indem er mit mir von Faustinens innerstem Seelenzustande
spreche. Ich sagte ihm genau Alles, wie sie sich ber ihr Vorhaben gegen mich
uerte, und er versicherte, da sie gerade so auch zu ihm rede, und sich durch
die Einwrfe nicht stren lasse, welche er ihr anfangs gemacht.
    Es ist eine Vocation, Signor, sprach er gelassen und berzeugt.
    Faustine war in ihrem Entschlu so fest und sicher, da ihre Ruhe zuweilen
auf mich berging, und mich ihr Glck, wie sie es nun einmal begriff, hoffen
lie, ganz fern, ganz leise. Da das meine in Trmmer ging, bekmmerte mich am
wenigsten, und ich zrnte ihr nicht, weil sie nicht darauf Rcksicht nahm. Ich
sagte mir, ich htte auf wundersame Schicksale gefat sein mssen von dem
Augenblicke an, wo ich Faustine in mein Leben verwebt; denn unbeseligt und
unverwundet bleibe Keiner in dem Verkehr mit solchem Wesen; - Gott habe fr
auerordentliche Geschpfe auerordentliche Prfungen und Entwickelungen
aufgespart, und Faustine, die sich nie in vaporser Religionsschwrmerei
verloren, mge wirklich im Gefhl der Unzulnglichkeit menschlichen Glckes,
prophetisch eine bessere Zukunft fr sich wahrnehmen. In Augenblicken der
Exaltation wiederholte ich mir, ein Herz wie das ihre knne an keinem
Menschenherzen Genge haben, und nur von Gott, dem Herzen des Alls, verstanden,
gewrdigt, erfllt werden. O ich sann mir erhabene Trstungen auf und - gab
meine Einwilligung. Der Papst ls'te unsere Ehe, und ertheilte Faustine die
Dispensation, ohne Noviziat den Schleier bei den Vive sepolte in Rom nehmen zu
drfen. Sie schritt der Erfllung ihres Schicksals entgegen, zuversichtlich,
hoffnungsreich. Sie ging, wie Moses, einsam auf die Hhe des Nebo, um hinber zu
sehen in das ersehnte Canaan.
    Kein Wort, keine Sylbe von den Verzweiflungen des Abschieds und der letzten
Trennung! Es giebt Geister, die dem Magus berlegen sind und ihn tdten, wenn er
sie hervorruft! - - Ich war Zeuge ihrer Einkleidung. Bis zum letzten Moment
wollt' ich sie sehen! kein profanes Auge sollte lnger als das meine auf ihr
ruhen! - die schnen Locken fielen - der Schleier sank ber die holde Gestalt,
das begeisterte Antlitz, die glhende Brust - die Sonne meines Lebens versank in
Wolken! - - - Und wenn nur ihr eine neue Aurora gedmmert htte! aber nein,
nein, und tausendmal nein! .... Denn sie ist todt, Grfin, Sie wissen es ja, vor
fnf Monaten ist sie gestorben, kaum anderthalb Jahr nach ihrer Einkleidung. Der
Beichtvater ihres Klosters schrieb mir, sie sei an kurzer Krankheit gottselig
verschieden, und der Bischof des Klosters, ein Cardinal in Rom, den ich wohl
kannte, schrieb dasselbe, und viel Lobpreisungen ihrer Demuth, ihrer Milde,
ihrer Frmmigkeit dazu. Das sollte mich trsten, meinten sie; mich trsten
dafr, da sie - o nicht an jener kurzen Krankheit, - sondern am langen Gram, an
der bittern Enttuschung, vielleicht an der zernagenden Reue gestorben ist. Denn
die Ueberzeugung ist unerschtterlich in mir: zum dritten Stadium des
Klosterlebens, das sie einst mir beschrieb, ist sie nicht gelangt; das zweite
hat sie aufgerieben. Sie hat sich die Flgel im Kfig wund geschlagen, und ist
daran verblutet. Sie hat zu spt eingesehen, da unser Leben, wie das des Moses,
nichts ist, als der Hinblick nach dem verheienen Canaan; sie hat ihre gloriose
Natur in dumpfer Trostlosigkeit zu Ende gehen lassen, und ihren Irrthum mit dem
Tode gebt! - Ruhe Dir, Du ruheloses Herz!
    Von mir hab' ich nichts zu sagen. Sie werden fhlen, da seit meiner
Trennung von ihr die Sonne mir klter ist, die Nacht lnger, mein Auge trber,
meine Bewegung schwerer, mein Gedanke langsamer; da mir die jubelnde Freude am
Leben, an der Natur, an der Kunst erstorben ist, weil sie es nicht mehr
durchgeistet; da mir zu Muth ist, als knne mein Herz seine bei ihr gelernten
Pendelschwingungen nicht ausschwingen. Jetzt ruft mich der krzlich erfolgte Tod
meines herrlichen Vaters nach Deutschland. Ja, todt ist der Mann, den ich am
meisten verehrt habe, todt das Weib, das ich einzig geliebt habe! aber der
Gegenstand meiner sesten Hoffnungen lebt, blickt mit Faustinens Auge, spricht
mit ihrer Stimme, liebt mit ihrer Glut, ist ihr Vermchtni .... und mein
einziges Kind.
    Mario schwieg, und faltete die Hnde um Bonaventuras Haupt, der lngst auf
seinem Schoo eingeschlafen war. Zwei Thrnen rollten langsam ber sein stolzes,
undurchdringliches Antlitz, das jetzt, im Mondlicht, noch bleicher als
gewhnlich war. Ich liebe Mnner, denen nicht der Gram, nicht der Schmerz,
sondern Freude und Rhrung eine Thrne erpret.
    Wir schttelten die Hnde. Dann stand Mario auf, nahm Bonaventura auf den
Arm und ging ans Ufer zu einer der Gondeln, die dort immer stationiren. Leises
Pltschern im Wasser verkndete, da er fortfuhr. Ich habe ihn nicht
wiedergesehen, denn in derselben Nacht verlieen wir Venedig - aber gehrt, da
ihm im Herbst sein Posten in Neapel angewiesen worden sei.
    Damals sagte ich zu meinem Gefhrten: Frauen wie Faustine sind der
Racheengel unseres Geschlechtes, welche die Vorsehung zuweilen, aber selten auf
die Erde schickt, und denen die Allerbesten unter Euch verfallen; denn nur die
Allerbesten unter Euch sind zu dem bereit, wozu die meisten Frauen bereit sind:
ein Herz fr ein Herz, ein Leben fr ein Leben, eine ganze Existenz fr eine
ganze Existenz zu geben, und sie whnen, diesen Tausch bei solchen Frauen zu
finden, deren glutvolle Unersttlichkeit eine Brgschaft unerschpflichen
Gefhls zu geben scheint. Ein so strahlendes Wesen, meinen sie, msse ein
verklrtes sein; aber mit nichten! eine solche feingeistige Vampyrnatur
verbrennt und verbraucht - zuerst den Andern, dann sich selbst. Die
mittelmigen Mnner hten sich vor ihnen; sie, die ewig Bedrftigen, wollen
immer haben; die Bessern unter Euch wollen auch geben. Nehmt Euch vor den
Faustinen in Acht! Es ist nicht mit ihnen auf gleichem Fu zu leben! Es ist
immer die Geschichte vom Gott und der Semele - Nein! nicht vom Gott - vom Dmon.
