
                               Gotthelf, Jeremias

                       Wie Uli der Knecht glcklich wird

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                               Jeremias Gotthelf

                       Wie Uli der Knecht glcklich wird

                   Eine Gabe fr Dienstboten und Meisterleute

                                 Erstes Kapitel

               Es erwacht ein Meister, es spukt in einem Knechte

Es lag eine dunkle Nacht ber der Erde; noch dunkler war der Ort, wo eine Stimme
gedmpft zu wiederholten Malen Johannes! rief. Es war ein kleines Stbchen in
einem groen Baurenhause; aus dem groen Bette, welches fast den ganzen
Hintergrund fllte, kam die Stimme. In demselben lag eine Burin samt ihrem
Manne, und diesem rief die Frau: Johannes!, bis er endlich anfing zu mugglen
und zuletzt zu fragen: Was willst, was gibts? Du wirst auf mssen und
fttern!
    Es hat schon halb fnf geschlagen und der Uli ist erst nach den zweien
heimgekommen und noch die Stiege herabgefallen, als er ins Gaden wollte. Es
dnkte mich, du solltest erwachen, so hat er einen Lrm verfhrt. Er ist voll
gewesen und wird jetzt nicht auf mgen, und es ist mir auch lieber, er gehe so
gestrmt mit dem Licht nicht in den Stall. Es ist ein Elend heutzutag mit den
Diensten, sagte der Bauer, whrend er Licht machte und sich anzog, man kann
sie fast nicht bekommen, kann ihnen nicht Lohn genug geben, und zuletzt sollte
man alles selbst machen und zu keiner Sache nichts sagen. Man ist nicht mehr
Meister im Hause und kann nicht eben genug trappen, wenn man nicht Streit haben
und verbrllet sein will. Du kannst das aber nicht so gehen lassen, sagte die
Frau, das kmmt zu oft wieder; erst in der letzten Woche hat er zweimal
gehudelt, hat ja Lohn eingezogen, ehe es Fasnacht war. Es ist mir nicht nur
wegen dir, sondern auch wegen Uli. Wenn man ihm nichts sagt, so meint er, er
habe das Recht dazu, und tut immer wster. Und dann mssen wir uns doch ein
Gewissen daraus machen; Meisterleut sind Meisterleut, und man mag sagen, was man
will, auf die neue Mode, was die Diensten neben der Arbeit machen, gehe niemand
etwas an: die Meisterleut sind doch Meister in ihrem Hause, und was sie in ihrem
Hause dulden und was sie ihren Leuten nachlassen, dafr sind sie Gott und den
Menschen verantwortlich. Dann ist mir noch wegen den Kindern. Du mut ihn ins
Stbli nehmen, wenn sie zMorge gegessen haben, und ihm ein Kapitel lesen.
    Es herrscht nmlich in vielen Bauernhusern und namentlich in solchen, die
zum eigentlichen Bauernadel gehren, das heit in solchen, wo der Besitztum
lange in der Familie sich fortgeerbt hat, daher Familiensitte sich festgesetzt,
Familienehre entstanden ist, die sehr schne Sitte, durchaus keinen Zank, keinen
heftigen Auftritt zu veranlassen, der irgend der Nachbaren Aufmerksamkeit auf
sich ziehen knnte. In stolzer Ruhe liegt das Haus mitten in den grnen Bumen;
in ruhigem, gemessenem Anstande bewegen sich um und in demselben dessen
Bewohner, und ber die Bume schallt hchstens das Wiehern der Pferde, aber
nicht die Stimme der Menschen. Es wird nicht viel und laut getadelt. Mann und
Weib tun es gegen einander nie, da es Andere hren; ber Fehler von Dienstboten
schweigen sie oft oder machen gleichsam im Vorbeigehen eine Bemerkung, lassen
blo ein Wort, eine Andeutung fallen, da es die Andern kaum merken. Wenn etwas
Besonderes vorgefallen oder das Ma voll geworden ist, so rufen sie den Snder
ins Stbli, und zwar so unvermerkt als mglich, oder suchen ihn bei einsamer
Arbeit auf und lesen ihm unter vier Augen ein Kapitel, wie man zu sagen pflegt,
und dazu hat der Meister gewhnlich sich recht vorbereitet. Er liest dieses
Kapitel in vollkommener Ruhe, recht vterlich, verhehlt dem Snder nichts, auch
das Herbste nicht, lt ihm aber auch Gerechtigkeit widerfahren, stellt ihm die
Folgen seines Tuns in Bezug auf sein zuknftig Schicksal vor. Und wenn der
Meister fertig ist, so ist er zufrieden, und die Sache ist so weit abgetan, da
der Abkapitelte oder die Andern im Betragen des Meisters durchaus nichts spren,
weder Bitterkeit noch Heftigkeit noch etwas anderes. Diese Kapitelten sind meist
von guter Wirkung, wegen dem Vterlichen, das darin vorherrscht, wegen der Ruhe,
mit welcher sie gehalten werden, wegen der Schonung vor Andern. Von der
Selbstbeherrschung und ruhigen Gemessenheit in solchen Husern vermag man sich
kaum eine Vorstellung zu machen.
    Als der Meister im Stall fertig war, kam Uli auch nach, aber
stillschweigend; sie sagten kein Wort zu einander. Als die Stimme aus der
Kchetre zum Essen rief, ging der Meister alsobald zum Brunnentrog und wusch
die Hnde; aber Uli drehte noch lange, ehe er kam. Er wre vielleicht gar nicht
gekommen, wenn die Meisterfrau nicht eigenmndig ihm noch einmal gerufen htte.
    Er schmte sich, sein Gesicht zu zeigen, das braun, blau und blutig war. Er
wute nicht, da es besser ist, sich vor einer Sache zu schmen, ehe man sie
tut, als hinterher ber eine Sache, wenn sie getan ist; aber er sollte es
erfahren.
    ber Tisch fiel keine Bemerkung, keine Frage, welche ihn betroffen htte,
nicht einmal spttische Gesichter durften die beiden Mgde machen, denn der
Meister und die Meisterfrau machten ernsthafte. Als aber abgegessen war, die
Mgde die Schsseln hinaustrugen und Uli, der zuletzt fertig war, die Ellbogen
ab dem Tisch hob und die Kappe wieder auf den Kopf setzte, also gebetet hatte
und auch hinaus wollte, sagte der Meister: Kumm, los neuis ging ins Stbli und
machte hinter ihnen zu. Der Meister setzte sich oben zum Tischli, Uli blieb an
der Tre stehen und machte ein Schafsgesicht, das sich gleich leicht in ein
trotziges oder ein reumtiges verwandeln lie.
    Uli war ein groer, schner Bursche, noch nicht zwanzig Jahre alt, von
kraftvollem Aussehen, aber mit etwas auf seinem Gesichte, das nicht auf groe
Unschuld und Migkeit schlieen lie, das ihn im nchsten Jahre leicht zehn
Jahre lter konnte aussehen lassen.
    Hr, Uli, hob der Meister an, so kann das nicht lnger gehen, du tust mir
zu wst, dein Hudeln kmmt mir zu oft wieder; ich will meine Rosse und Khe
Keinem anvertrauen, der den Kopf voll Brnz oder Wein hat, einen Solchen darf
ich nicht mit der Laterne in den Stall lassen, und ganz besonders nicht, wenn er
noch dazu tubaket wie du, es sind mir schon zu viele Hauser so verleichtsinnigt
worden. Ich wei gar nicht, was du auch sinnest und was du denkst, wo das hinaus
soll. Er hatte noch nichts verleichtsinniget, antwortete Uli, er htte seine
Arbeit immer noch gemacht, es htte ihm sie niemand zu machen gebraucht, und was
er saufe, zahle ihm niemand; was er versaufe gehe niemand an, er versaufe sein
Geld. Aber es ist mein Knecht, antwortete der Meister, der sein Geld
versauft, und wenn du wst tust, so geht es ber mich aus und die Leute sagen,
das sei aber des Bodenbauren Knecht und sie wuten nicht, was der auch sinne,
da er ihn so machen lasse und da er so einen haben mge. Du hast noch kein
Haus verleichtsinniget; aber denk, Uli, wr es nicht an einem Mal zu viel und
httest du noch eine ruhige Stunde, wenn du denken mtest, du httest mir mein
Haus verleichtsinniget, und wenn wir und die Kinder noch darin bleiben mten?
Und was ists mit deiner Arbeit? Es wr mir lieber, du lgest den ganzen Tag im
Bett. Du schlfst ja unter den Khen beim Melken ein, siehst, hrst, schmckest
nichts und stopfest ums Haus herum, wie wenn du sturm wrest an der Leber. Es
ist ein Elend, dir zuzusehen. Da staunest du so gradeaus, da man wohl sieht,
da du an nichts als an deine Schleipfe sinnest, mit denen du desumetrolet
bist. Er sei mit keinen Schleipfe desumetrolet, sagte Uli, solches nehme er
nicht an. Und wenn er ihm nicht genug arbeiten knnte, so wolle er gehen. Aber
so sei es heutzutage, man knne keinem Meister mehr genug arbeiten, wenn man
schon immer mache; es sei einer wster als der andere. Lohn wollten sie je
lnger je weniger geben, und das Essen werde alle Tage schlechter. Am Ende werde
man noch Erdflh, Kfer und Heustffel zusammenlesen mssen, wenn man Fleisch
haben wolle und etwas Schmutziges ins Kraut. Hr, Uli, sagte der Meister, so
wollen wir nicht mit einander reden, du bist noch gstrmt, ich htte noch nichts
zu dir sagen sollen. Aber du kannst mich dauren, du wrest sonst ein braver
Bursch und knntest arbeiten. Ich habe eine Zeitlang geglaubt, es gebe etwas
Rechtes aus dir, und habe mich gefreut. Aber seitdem du das Hudeln angefangen
und das Nachtgeluf, bist du ganz ein Anderer geworden. Es ist dir an nichts
mehr gelegen, hast einen bsen Kopf, und wenn man dir, wie leicht, etwas sagt,
so hngst du einem das bse Maul an oder tublest eine ganze Woche lang. Jawohl
gibst du dich mit Schleipfen ab, und zhle darauf, du wirst unglcklich! Du mut
nicht glauben, ich wisse nicht, da du zu Gnggerlers Anne Lisi gehst, ihm alles
anhngst. Und das ist ja das wstest Meitli zentum; es geht bei ihm wie in einem
Taubenhaus, es gibt sich mit je, dem Halunk ab, und da bist du ihm gerade der
Rechte fr dich anzugeben, wenns gefehlt hat, kannst Kindbett halten fr Andere,
dein Leben lang der Gatter vor der Tre und dein Leben lang mitten in der teuren
Zeit sein wie so viel tausend Andere, die es gerade machten wie du und jetzt im
Elend sind und in der teuren Zeit. Denn fr einen, der nichts vermag, der immer
zu wenig hat, der entweder betteln oder Schulden machen oder hungern mu, whret
ja die teure Zeit, wie wohlfeil es brigens sein mag, von Jahr zu Jahr in alle
Ewigkeit. Geh jetzt, besinne dich, und wenn du dich nicht ndern willst, so
kannst du in Gottes Namen gehen, ich begehre dich nicht mehr. Gib mir in acht
Tagen den Bescheid.
    Da htte er sich bald ausbsinnt und brauche nicht acht Tage dazu, brummte
Uli im Herausgehen; aber der Meister tat, als hrte er es nicht.
    Als der Meister auch hinauskam, fragte ihn die Meisterfrau wie blich: Was
hast du ihm gesagt, und was hat er wieder gesagt? Er habe nichts mit ihm machen
knnen, antwortete der Meister. Uli sei noch ganz aufbegehrisch gewesen, htte
den Rausch noch nicht verschlafen gehabt; es wre besser gewesen, wenn man erst
den folgenden Tag mit ihm geredet htte oder am Abend, wenn der natrliche
Katzenjammer ihn bereits mrbe gemacht htte. Nun habe er ihm Zeit gegeben, sich
zu besinnen, und wolle jetzt erwarten, was herauskomme.
    Uli ging bitterbs hinaus, als ob ihm das grte Unrecht geschehen. Er scho
das Werkzeug herum, als ob alles drauf mte an einem Tage, und die Tiere
brllte er an, da es dem Meister in alle Glieder kam; allein er hielt ruhig an
sich, sagte ein einziges Mal: Nume hbschli. Mit dem andern Gesinde verkehrte
Uli nicht, machte ihm auch ein bses Gesicht. Da der Meister nicht vor den
Andern ihm abkapitelt hatte, so mochte er seine eigene Schande ihnen nicht
auskramen, und weil er nicht mit ihnen gemeinsame Sache machte, so hielt er
dafr, da sie auf des Meisters Seite, seine Gegner seien, nach dem tiefwahren
Spruch: Wer nicht fr mich ist, der ist wider mich. Es machte ihm also hier
niemand den Kopf gro, und er hatte nicht Gelegenheit, sich zu verreden: dieser
und jener solle ihn nehmen, wenn er eine Stunde lnger hier bleibe, als bis
seine Zeit aus sei.
    Nach und nach wichen die Wein- und andern Geister aus ihm, und immer
schlaffer wurden seine Glieder. Die frhere Spannung machte einer unertrglichen
Mattigkeit Platz.
    Diese Mattigkeit blieb aber nicht nur im Leibe, sondern sie ging auch in die
Seele ber. Und wie dem matten Leib alles, was er tut, schwer und peinlich ist,
so nimmt die matte Seele auch alles schwer, was sie getan hat und was ihr
bevorsteht. Worber sie frher gelacht, darber mchte sie jetzt weinen, und was
ihr frher Lust und Freude gemacht, das macht ihr jetzt Gram und Kummer, und in
was sie frher mit beiden Beinen gesprungen, ber das mchte sie sich die Haare
vom Kopfe reien, ja den ganzen Kopf ab dem Leibe. Wenn diese Stimmung ber der
Seele schwebt, so ist sie unwiderstehlich, und ber alles, was dem Menschen in
Gedanken kmmt und was ihm sonst vorkmmt, wirft sie ihren trben Schein.
    Whrend Uli, solang der Wein in ihm war, ber den Meister sich gergert
hatte, kam ihm nun, als der Wein aus ihm war, der rger ber sich selbsten. Er
rgerte sich nicht mehr ber den Meister, der ihm das Hudeln vorgehalten,
sondern ber sich, da er gehudelt. Es kamen ihm die dreiundzwanzig Batzen in
Sinn, die er an einem Abend durchgebracht, an denen er nun fast vierzehn Tage
arbeiten mute, ehe er sie wieder hatte. Er rgerte sich ber die Arbeit, die er
deshalb tun mute, ber den Wein, den er getrunken, den Wirt, der ihn gebracht
usw. Er dachte an das, was ihm der Meister von Gnggerlers Anne Lisi gesagt; es
ergriff ihn immer mehr eine Angst, die ihm den Schwei auf die Stirne trieb.
Jetzt kam ihm manches an diesem Meitschi verdchtig vor; und mute er es wohl
heiraten? Er mute ohne Unterla daran sinnen, sich das Fr und Wider denken,
und wenn er es im Schweie seines Angesichtes dahin gebracht hatte, sich zu
berreden, da alles nichts sei, keine Gefahr vorhanden, oder wenn er sich ein
untrglich Mittel ausgedacht hatte, wie er sich bei vorhandener Gefahr und wenn
Anne Lisi ihn ansuche, herausleugnen wolle, und er sah auf tausend Schritte ein
Weibervolk gegen das Haus kommen, so fielen alle seine Plne und Trstungen
zusammen wie ein Haufen Stroh, in den das Feuer kmmt, die Beine schlotterten
ihm vor Angst, und er floh in den Stall oder auf die Bhne. Er sah hinter jedem
Frtuch Anne Lisi, und wenn jemand an die Haustre klopfte, so fuhr er zusammen
wie Aspenlaub und meinte, Anne Lisi stehe drauen und wolle ihn herausrufen
lassen. Und wie sollte er heiraten? Er hatte ja kein Geld, war Schneider und
Krmer noch die letzte Bekleidung schuldig, hatte nur drei gute Hemder und vier
bse. Und wer sollte ihm das Einzuggeld leihen, wer ihm die Hochzeitkleidung
bezahlen, und wie sollte er Weib und Kind durchbringen und die Schulden
bezahlen, da er sich jetzt alleine nicht helfen konnte? Ob diesen Gedanken
verlor er allen Sinn, verga alles, machte alles verehrt. Er war unbehaglich,
unzufrieden mit sich selbsten, daher auch unzufrieden mit allen Menschen, der
ganzen Welt; er gab niemand ein gutes Wort, und nichts war ihm recht. Es dnkte
ihn, die Meisterfrau koche expre schlecht und alles, was er nicht gerne habe,
der Meister plage ihn mit unntiger Arbeit, die Pferde seien alle koldrig, und
die Khe tten ihm expre alles zuleid, was sie konnten, seien die dmmsten
Khe, die auf Gottes Erdboden Gras fren.
    Htte er Geld gehabt oder nicht die Begegnung von Gngerlers Anne Lisi
befrchtet, er wre aus Trotz und Angst dem Wein nachgelaufen, um Groll, Gram,
Mimut in ihm zu ertrnken. Nun mute er zu Hause bleiben, zeigte sich so wenig
als mglich vor den Leuten und fuhr alle Augenblicke in den Stall, wenn er ein
Weibsbild von weitem sah. Wem es vielleicht auffallen mag, da Uli solche Angst
vor Anne Lisi hatte, da seine Liebe zu demselben so schnell vergangen schien,
dem mu ich bemerken, da Uli gar keine Liebe hatte. Er gehrte unter die
vielen, vielen Bursche, welche aus Grotuerei die leidige Sitte des Kiltganges
treiben so frh mglich, welche dabei ohne Gewissensbisse, ich mochte fast sagen
ganz gedankenlos, alles treiben, was Lust und Gelegenheit ihnen darbieten,
welche ohne Ahnung von Gefahr flattern um das Licht wie die Fliegen und auf
eine, wenn man dieser Leute Gedankenlosigkeit nicht kennte, fast unglaubliche
Art aufschrecken, wenn die notwendigen, natrlichen Folgen eintreten, wenn ein
Mdchen sie der Vaterschaft beklagt, aufschrecken wie Menschen, die man mit
verbundenen Augen an einen Abgrund gefhrt, ihnen die Binde erst abnimmt, wenn
man sie hineinstt. Bei ihnen wird nie Liebe sichtbar, sobald ein Mdchen sie
anklagt; sie fliehen die Mdchen, mit welchen sie frher so zrtlich getan, sie
so oft zu Gast gehalten, nicht nur, sie hassen sie recht eigentlich. Und dies
wollen die Mdchen trotz tausendfltiger Erfahrung nie begreifen, die Mdchen,
welche mit ihrer lsterlichen Willfhrigkeit, ja Zutppigkeit sich Huld und
Liebe zu erwerben und zu erhalten meinen.
    Der Bauer und seine Frau lieen den Burschen machen; es war, als ob sie sich
nicht um ihn kmmerten. Es war aber nicht so. Die Frau hatte ein paar Male zum
Manne gesagt: Uli tue doch so wst, sie htte ihn noch nie so gesehen; ob er ihm
wohl nicht zu scharf zugesprochen? Der Mann wollte das nicht glauben; Uli sei ja
nicht ber ihn allein bse, sondern ber die ganze Welt, sagte er. Er glaube, er
sei eigentlich am meisten bse ber sich selbst und lasse es nun an Andern aus.
Am Sonntag wolle er mit ihm noch einmal reden, so knne es nicht mehr gehen, das
msse nun einmal halten oder brechen. Er solle es aber doch nicht zu grob
machen, sagte die Frau. Daneben sei Uli nicht der Schlimmste; man wisse, was man
an ihm habe, aber nie, was man bekomme.

                                Zweites Kapitel


               Ein heiterer Sonntag in einem schnen Baurenhause

Der Sonntag kam am Himmel herauf, hell, klar, wunder schn. Die dunkelgrnen
Grslein hatten mit demantenen Krnzlein ihre Stirnen geschmckt und funkelten
und dufteten als se Brutlein in Gottes unermelichem Tempel. Tausend Finken,
tausend Amseln, tausend Lerchen sangen die Hochzeitlieder; weibrtig, ernst und
feierlich, aber mit den Rosen der Jugend auf den gefurchten Wangen, sahen die
alten Berge als Zeugen auf die holden Brutlein nieder, und als Priesterin
Gottes erhob sich hoch ber alle die goldene Sonne und spendete in funkelnden
Strahlen ihren Hochzeitsegen.
    Der tausendstimmige Gesang und des Landes Herrlichkeit hatten den Bauer frh
geweckt, und er wandelte andchtigen Gemtes dem Segen nach, den ihm Gott
beschert hatte. Er durchging mit hochgehobenen Beinen und langen Schritten das
mchtige Gras, stund am ppigen Kornacker still, an den wohlgeordneten
Pflanzpltzen, dem sanft sich wiegenden Flachse, betrachtete die schwellenden
Kirschen, die von kleiner Frucht starrenden Bume mit Kernobst, band hier etwas
auf und las dort etwas Schdliches ab und freute sich bei allem nicht nur des
Preises, den es einsten gelten, nicht nur des Gewinnes, den er machen werde,
sondern des Herren, dessen Gte die Erde voll, dessen Herrlichkeit und Weisheit
neu sei jeden Morgen. Und er gedachte: wie alles Kraut und jedes Tier jetzt den
Schpfer preise, so sollte es auch der Mensch tun, und mit dem Munde nicht nur,
sondern mit seinem ganzen Wesen, wie der Baum in seiner Pracht, wie der
Kornacker in seiner Flle, so der Mensch in seinem Tun und Las sen. Gott Lob
und Dank! dachte er, ich und mein Weib und meine Kinder, wir wollen dem Herren
dienen, und er braucht sich unser nicht zu schmen. Wir sind wohl auch arme
Snder und haben nur einen geringen Anfang der Gottseligkeit, aber wir haben
doch ein Herz zu ihm und vergessen ihn nie einen ganzen Tag lang und essen
nichts, trinken nichts, da wir ihm nicht danken, und nicht nur mit Worten,
sondern von Herzensgrund.
    Aber wenn er des Uli gedachte und wie der liebe Gott ihn so frstlich
ausgestattet mit Gesundheit und Kraft und wie Uli seines Schpfers so ganz
vergesse, so schnde seine Gaben mibrauche, so wurde er ganz wehmtig und stund
oft und lange still, sinnend, was er ihm wohl sagen solle, da er wie, der werde
ein Preis seines Schpfers. Es war ihm an seiner eigenen Seele viel gelegen,
darum an den Seelen Anderer auch, und wie er teilnahm, wenn ein Knecht oder eine
Magd am Leibe krank war, so schmerzte es ihn auch, wenn er ihre Seelen in Gefahr
sah, und wie er fr kranke Diensten den Doktor kommen lie, so suchte er auch
ihre kranken Seelen zu doktern. So was ist nicht immer der Fall. Den meisten
Menschen ist an den eigenen Seelen nichts gelegen, darum auch an den Seelen der
Andern nicht. Das ist ein Grundbel dieser Zeit.
    So verweilete sich der Bauer unvermerkt, und die Mutter hatte schon lange
gesagt, sie wollte zum Essen rufen, wenn der tti da wre. Als er zur Kchetre
ein kam mit der freundlichen Frage, ob sie gekochet htten, und als ihm die
freundliche Antwort wurde, man htte schon lange essen knnen, wenn er dagewesen
wre, mit wem er sich wohl wieder verdampet htte, und als er ernsthaft sagte:
Mit dem lieben Gott. so kam seiner Frau fast das Augenwasser, und sie sah ihn
gar sinnig an, whrend sie den Kaffee einschenkte und die Mgde die Knechte
riefen und das Essen auf den Tisch stellten.
    Aus tiefem Schweigen heraus frug der Bauer: Wer geht zKilche? Die Frau
sagte, sie habe es im Sinne und deswegen schon zpfet, damit sie zu rechter Zeit
hinkommen mge, und in ihre Stimme fielen mehrere Kinderstimmen: Mutter, ich
will mit! Zwei Knechte aber und zwei Mgde blieben stumm. Auf die Frage, ob
denn Keines gehen wolle, fehlte es dem Einen an den Schuhen, dem Andern an den
Strmpfen. In Keinem war der Trieb, zu gehen, aber Ausreden dagegen in Menge. Da
sagte der Bauer: So knne das nicht mehr gehen; das komme ihm doch streng vor,
da sie zu jedem Geluf Zeit htten, aber nie zum Kilchengehen. Am Morgen sei
Keins vom Hause wegzubringen, und am Nachmittag sei es, wie wenn man sie mit
Kanonen davon wegschsse, und bis am spten Abend sei Keins mehr zu sehen. Das
sei ihm eine schlechte Sache, wenn man nur Sinn hatte fr alles Narrenwerk, aber
keinen fr seine arme Seele. Und er wolle ihnen gerade heraus sagen, da kein
Meister einem Dienst trauen knne, der Gott aus dem Sinn geschlagen habe und
Gott untreu geworden sei. Wenn ein Mensch Gott untreu sei, ob man dann erwarten
knne, da er Menschen treu sein werde? So wolle er es aber nicht, und heute
htten sie gar keinen Grund, daheim zu bleiben, nur um ums Haus herumzustopfen.
Zudem habe er Sachen zu verrichten. Er mte vierzig Pfund Salz haben; das
knnten die beiden Mgde holen und einander ablsen. Hans Joggi (der andere
Knecht) solle in die Mhle und fragen, wann man Spreuer haben knne; er wollte
lieber nicht allemal auf Bern fahren, und der Mller gbe seine eigenen Spreuer
ihm selber und nicht andern Leuten.
    Aber Vater, sagte die Mutter, wer kochet dann zMittag, wenn du alles
fortjagst? He, sagte der Vater, ds Annebbeli (sein zwlfjhriges Mdchen)
kann dazu sehen, es mu sich auch gewhnen, da man ihm etwas berlt, und hat
noch Freude daran. Uli mu mit mir daheim bleiben; ich wei nicht, was es mit
dem Kleb geben kann, er fngt an einzufallen und hat vorhin so trtschet; ein
Kalb ist manchmal ungesinnet da, und dann geht es bs, wenn niemand dabei ist.
Zu den Worten schaute er die Mutter gar ernsthaft an. Da fiel dieser ein, da
der Vater mit Uli allein sein wolle, um mit ihm zu reden, und da er deswegen
alles fortschicke, damit die gwundrigen Jungfern nicht ihre spitzigen Ohren an
Orten htten, wo sie nicht sollten. Und sie musterte also bald die beiden Mgde,
die gar langsam herumdrehten und es sichtbar an den Tag legten, wie zuwider es
ihnen sei, in die Kirche zu gehen und sich jetzt schon zu waschen und zu
strhlen, aus Furcht, nachmittags sehe man ihnen beides nur noch halb an und die
schn glatt und rot geriebene Haut sei wieder gelb und schlumpelig geworden. Und
zweimal eigentliche Toilette zu machen, ist bei Baurenmgden doch noch nicht
Brauch, Gottlob; sie sehen hchstens im Spiegel nach, so oft es sich schickt,
wie das Ding noch hlt und ob das Trdeli vorn an der Stirne noch schn kruslet
sei. Dem Knecht war es auch nicht recht: Er hatte noch nicht bartet, sagte er,
und sein Messer haue nichts; er htte gedacht, diesen Sonntag berzuspringen und
es dann whrend der Woche schleifen zu lassen. Allein der Meister sagte, er
knne diesmal seine Rustig nehmen und hier in der Stube barten, er selbst knne
es nachher machen. Diese Befehle waren unwiderruflich, aber ihnen zu folgen,
ging hart. Die Mutter mute zehnmal mahnen. Bald wute eine den Waschlumpen
nicht, die Andere hatte einen ihrer Sonntagstrmpfe vernistet, und als sie den
endlich fand zwischen dem Strohsack und der Bettstatt, sah sie zu ihrem
Schrecken, da sie ihren bessern Lumpen nicht htte, und der war nirgends zu
finden. Sie htte fast Mut gehabt, dem Bauer zu trotzen und nicht zur Kirche zu
gehen; allein die Andere, mit der sie zufllig heute einig war, warnte sie und
versprach ihr, den ihren ihr zu leihen, wenn etwa Not an Mann kommen sollte, da
man in der Kirche nicht wohl weder in die Finger noch in das Frtuch die Nase
stecken drfe.
    Die Burin war schon lange fertig, hatte ihrem Johannes Bhet dih Gott!
gesagt und Machs nit z'ruch!, dem Annebbeli anbefohlen, nicht zu viel Holz
anzulegen, das Fleisch sei von einer jungen Kuh und der Pfarrer mache zuweilen
wohl lang, besonders wenn zu taufen sei, und stund mit zweien Kindern, von denen
das eine, ein Bube, das Psalmenbuch trug, vor dem Hause, und immer waren die
Mgde noch nicht da: der einen wollte sich das Mnteli nicht recht schicken, und
die andere ribsete noch an einem Schuh, der halt nicht glnzender werden wollte,
als es seine Art war. Meieli, sagte die Burin, geh und sage ihnen, ich gehe
voran, und sie sollten nachkommen und machen, da sie in der Kirche seien, ehe
es verlutet habe, und nicht so hintendrein in die Kirche schieen wie aus einer
Bchse. Und sie wandelte stattlich voraus, den hbschen Buben an der einen
Hand, das hbsche Mdchen an der andern; in des Buben Kappe ein Pfingstngeli,
um dessen Hals ein rotseidenes Halstuch; das Mdchen unter einem schnen
Schaubhtli, ein schnes Meieli im Corset, whrend in der Mutter stattlichem
Brustlatz ein schner Rosmarinstengel sich wiegte und in ihrem Gesichte wohl
erlaubte Mutterfreude.
    Eine Viertelstunde nachher schossen den gleichen Weg zwei Mdchen mit
Gesichtern wie angelaufene Krebse. Pltzlich stand das grere still und fragte:
Hast du das Salzsckli? Nein, sagte das andere, ich habe gedacht, du
httest es. Das verfluchte Salzsckli! sagte das erste, ich wollte, der
Meister mte es unkchelt fresse. Du mut gehn und es holen. Aber lauf, was du
magst, sonst balget die Meisterfrau, wenn wir so hintendrein kommen. Es ging
hier auch wie allenthalben in der Welt, die Meisterjungfere hatte es vergessen,
die untergebene Magd mute die Mhe haben, es zu holen, und das ist eben in der
ganzen Welt so: wenn der Obere etwas Dummes macht, so soll der Untergebene daran
schuld sein oder es wieder gut machen.
    Unterdessen war der Meister mit Barten fertig geworden, hatte im Stall sich
umgesehen, stund im Schopf, eine Pfeife stopfend und Sinns, auf das Bnkli vor
dem Stalle sich zu setzen und hier dem Uli, der noch im Stall war, ans Herz zu
greifen. Whrend er so dastund und stopfte und ber das Kapitel sann, sah er ein
Wgeli von der Strae ablenken, ein stattlich Ro davor mit schn beschlagenem
Geschirr, Leute darauf, groe und kleine. Bald erkannte er seine Schwester, die
mit seinem Schwager kam und drei Kindern, eines noch an der Brust. Mit
herzlichem Gottwillche trat er ihnen entgegen, konnte sich aber nicht enthalten,
zu denken, es sei doch ds Ttschels Sach, da seine Frau heute htte zKilche
gehen mssen. Nachdem mit Mhe das Weib den schweren Weg vom hohen Wgeli auf
den Boden gefunden, die Kinder ebenfalls, wurde gefragt: Wo er seine Alte habe?
Es sei alles zKilche, sagte er, aber sie sollten nur hineinkommen, sie werde
bald wieder da sein. Er fhrte sie zum Hause; doch brachte es der Schwager nicht
bers Herz, dem Uli, der das Ro abgenommen hatte, nicht in den Stall
nachzugehen, zu sehen, wo er das Ro hinstelle, wie er es abschirre und anbinde,
und zu hren, wie Uli es rhme. Das Letztere tat Uli auch. Es war ihm offenbar
ein Stein vom Herzen gefallen, denn er hatte des Meisters Absicht wohl gemerket,
und da diese jetzt vereitelt war, machte ihn freundlicher, als er die ganze
Woche gewesen. Drinnen hatte der Bauer seinem Meitschi befohlen, ein Kaffee zu
machen. Er selbst ging in den Keller, nahm Nidle ab, hieb Kse ab und brachte
alles nebst einem tchtigen Laib Brot herauf und stellte es dem Mdchen zur
Verfgung, das sich gar emsig rhrte und fr ein ganzes Knigreich diese
Gelegenheit, der Mutter und der Gotte zu zeigen, was es schon verrichten knne,
nicht gegeben htte. Bald war in der Tat die Sache zweg, und die Gotte
ermangelte nicht, das Annebbeli zu rhmen, wie gleitig es sei und wie guten
Kaffee es gemacht habe. Einmal ihr Lisabethli wre das nicht imstande gewesen
und sei doch siebenundzwanzig Wochen lter.
    Trini, sagte spter der Bauer seiner Schwester, dPredig ist aber lange
nicht aus und du ttest mir ein Gefallen, wenn du kcheln wolltest. Meine Alte
wird froh sein, wenn sie heimkmmt und das gmacht ist. Es ist Anken im Keller,
ich will ihn dir hinaufholen. Nein, Johannes, das tue ich nicht, sagte Trini.
Das manglet sich gar nicht z'kechle, und dann kchle ich nicht in einer
fremden Pfanne und mit fremdem Anken. Ich htte es auch nicht gern, wenn mir
jemand ber meine Ankenkbel ginge. Du machst dich eigelicher als unsere Frau
Pfarreri, sagte Johannes. Warum, was hat denn die gemacht? fragte Trini. Ds
Pfarrers sind letzthin hier gewesen, und da war meine Alte auch nicht daheim.
Sie geht manchmal so lange nicht von Haus, aber allemal, wenn sie fort ist,
dnkt mich, es komme jemand. Da habe ich ds Pfarrers gesagt, es sei mir gar
leid, meine Alte sei nicht daheim, sonst htte die ihnen eins kchlen mssen.
Ich wisse wohl, Kchleni seien den Herrenleuten seltsam. Oh, sie wolle schon
kchlen, sagte ds Pfarrers Frau, ich solle ihr nur Anken geben, das Mehl wolle
sie schon finden. Und ist sie nicht gegangen und hat gekchelt, da man es im
ganzen Dorf gschmckt hat, und hat noch geglaubt, was sie verrichte. Wohl, da
hat meine Alte etwas gesagt, als sie heimgekommen ist. So uverschant, meinte
sie, sei sie doch nie gewesen, wenn sie schon nie im Welschland gewesen und
Gumpernantlis gelernt habe. Whrend Trini lachte, ging der Bauer hinaus und
sagte Annebbeli: Es msse noch mehr Fleisch in den Hafen und ein stattliches
Hammeli, und dann solle es der Mutter alles zwegmachen zum Kchlen. Annebbeli
wre im Zuge gewesen und htte gerne selbst gekchelt, um zu zeigen, da es das
auch knne. Wer wei, was Annebbeli noch unterfangen htte, wenn nicht
glcklicherweise die Mutter dazwischengekommen wre. Sie kam im Schwei ihres
Angesichts. Sie hatte von weitem das Wgeli vor dem Hause stehen sehen, und
alsobald stund vor ihren Augen alles, was sie noch zu tun hatte, um am
Mittagessen mit Ehren bestehen zu knnen. Das trieb zur Eile, und unterwegs
dachte sie immer: wenn sie nur daran gedacht haben, noch mehr Fleisch berzutun,
wenn ich jetzt schon wollte, so wird es nicht mehr lind; aber das kommt meinem
Mann nicht in Sinn, und Annebbeli ist einmal noch z'jungs. Und ehe sie in die
Stube kam, sah sie noch ber die Hfen, und als sie das hinzugekommene Fleisch
und die Hamme sah, war sie ganz verwundert und sagte: Das htte sie nicht
geglaubt, da das eim zSinn kme. Als drinnen schn gegrt worden war, sagte
Trini: Was httest du gesagt, Eisi, wenn ich es gemacht htte wie eure Frau
Pfarrerin und dir ber die Ankenkbel geraten wre? Der Johannes hat mich wollen
dahinterreisen. Ja, das wr mir ganz recht gewesen, sagte Eisi, wrest du
nur dahintergegangen! Aber im Herzen dachte Eisi doch, es sei besser, Trini
habe das nicht gemacht, es htte saure Augen gegeben, und der Johannes sei hie
und da noch immer so dumm, wie wo es ihn bekommen. Ds Mannevolk sei gar nicht zu
erbrichten.
    Mit Schwitzen und Essen und Brummen ber die Mgde, welche mit ihrem
Salzscklein gar nicht heimkommen wollten, ging der Mittag vorber; der
Nachmittag wurde mit anderem zugebracht. Die Kinder handelten mit Kngelenen.
Des Johannes Bube verkaufte dem andern eine aschgraue Mhre um drei Batzen. Als
derselbe ein schnes ledernes Sckeli hervorzog und die drei Batzen
hervorblechen wollte mit frhlichem Herzen, denn er hatte einen ganzen Batzen
abgemrtet und glaubte einen sehr guten Kauf gemacht zu haben, sah es Eisi und
fuhr dazwischen und wollte es absolut nicht tun, da er die aschgraue Mhre
bezahle: Sie htten ja deren Kngeli mehr als genug, sie htten des Jahres
Junge, es wisse kein Mensch wie oft, und er solle ihm nicht ds Hergetts sein und
einen Kreuzer abnehmen, das htte ja keine Gattig. Das Bbli, das aufrecht und
ehrlich gehandelt hatte und von Kngeliverehren nichts wute (denn es hatte den
Vater auch nie Khe und Pferde verehren sehen, sondern verkaufen), machte ein
sehr verblfftes Gesicht, und das Weinen war ihm nahe. Trini nahm des Buben
Partie, wollte es lange nicht tun und sagte: Gehandelt sei gehandelt, und es
wre uverschant, wenn sein Bub das Kngeli umsonst nhmte. Als aber Eisi
standhaft blieb (ging es doch nicht ber seine Kasse aus), gab endlich Trini
nach unter dem Beding, wenn sie ihm versprechen wollten, bald zu ihnen zu
kommen, so knne ihr Bub die aschgraue Mhre nehmen; er msse aber dann dem
Johannesli einen hasengrauen Bock geben, ein Fotzelkngeli, sie htten deren
Bcke zwei, die plagten einander nur. Als das Johannesli hrte, verga er das
Weinen, und der hasengraue Fotzelbock kam ihm so lange im Traum vor, bis er ihn
wirklich in Hnden hatte.
    Auf dem Wege aus dem Garten nach den Pflanzpltzen waren Trini und Eisi
zufllig zu diesem Handel gekommen. Eisi machte diesen Spaziergang diesmal nicht
ganz so freudig wie sonst. Die Erdflhe waren hinter dem Flachs gewesen, und das
Werch war etwas ungleich. Trini rhmte aber alles gar sehr, whrend Eisi es
ausmachte. Trini dachte freilich bei sich, whrend es rhmte: zur Zeit, wo es
daheim gewesen wre, htten sie viel schnere Sachen gehabt als jetzt, und
Kabislcher, wie es sie daheim habe, seien hier auch keine. Als es den Flachs
sah, dachte es bei sich: Gottlob, der ist noch viel schlechter als der meine!
Indessen sagte es dieses nicht, sondern: Es sei gar schade, da die Erdflhe so
viel geschndet htten; es wre sonst der schnste Flachs, den es in diesem
Jahre noch gesehen; der seine sei viel leider. Aber Eisi sagte, das wrde kaum
mglich sein. Gar schne Rbli bewegten Trini etwas zum Neid, und es rhmte
dieselben besonders und sagte: Bei ihnen herum htte es nie solche gesehen, und
wenn es von dieser Art Samen bekommen knnte, so wollte es dafr zahlen, so viel
man wollte; aber es wte nirgends welchen zu bekommen. Eisi mute sagen, es
wolle ihm schon geben, der nichts kosten solle. Trini sagte, es wolle gerne
zahlen, aber Eisi sagte: Was es doch denke! Bei sich dachte es: es werde es
niemand merken, wenn es schon andern Samen dareinmische. Endlich lie sich Trini
bewegen, vom Bezahlen abzustehen; dagegen versprach es, es wolle, wenn sie zu
ihnen kmen, Eisi Bohnen geben, wie es sicher auch noch nie gehabt. Die Kifel
wrden ber einen halben Schuh lang, seien breit wie ein Daumen und doch so
zart, da sie einem im Maul ganz vergingen wie Zucker. Eisi dankte gar schn,
dachte aber bei sich: da werde wohl etwas abzumrten sein; es knnte nicht
begreifen, wie Trini zu Bohnen kme, von denen es noch nichts gehrt.
    Unterdessen war Johannes mit dem Schwager im Stall gewesen und hatte ihm
alle Herrlichkeit gezeigt. Es war mehr als ein Pferd herausgenommen worden, und
Johannes hatte gesagt, er htte so und so viel lsen knnen, aber er gebe es
nicht, es msse ihm wenigstens zwei Dublone mehr gelten. Dann war der Schwager
ringsum gegangen, hatte es billig gerhmt, sich aber nicht enthalten knnen, so
mit einigen Winken zu verstehen zu geben, da er auch Augen im Kopfe habe. Etwas
mehr Kuttlen wrden ihm nichts schaden, sagte er; wenn das Zeichen etwas kleiner
wre, so wrde es ihm wohl anstehen, und wenn es die Ohren etwas nher
beieinander htte, so glaube er, er wrde lsen, was er wollte. Von da waren sie
zu den Khen gekommen. Johannes erzhlte, wie lange jede trage und wie viel
Milch jede gebe und was die und jene ihn gekostet und wie bsunderbar glcklich
mit dieser und jener er gewesen. Unterdessen waren des Schwagers Blicke durch
einen jungen schnen Schwarzkleb gefesselt worden. Von diesem zog er, wie im
Verge, die genaueste Erkundigung ein und frug endlich um den Preis desselben.
Johannes sagte, der sei ihm eigentlich gar nicht feil, und wenn er ihm nicht so
und so viel gelte, so gebe er ihn nicht fort. Der Schwager sagte, das sei viel
zu viel. Es sei wohl ein braves Rind, aber er htte noch viel brvere gesehen;
es sei wohl schwer im Kopf und habe kein schnes viereckiges Uter, aber es
kalbere ihm gar anstndig. Es gingen ihm zur selben Zeit gerade zwei Khe gust,
und da msse er etwas Frisches einstellen, das Milch gebe, sonst gbte es Lrm
im Hause. Sie mrteten lange miteinander, mrteten bis an einen Neuentaler
Unterschied, aber da wollte Keiner mehr nachgeben und der Handel zerschlug sich.
Hingegen bestellte der Schwager das Kalb davon, wenn es ein Kuhkalb sein sollte,
und Johannes versprach, das sollte er nicht zu teuer haben, sondern ungefhr so,
wie es Kauf und Lauf sei.
    So war der Nachmittag vergangen, und Trini suchte den Mann, um ihn an die
Abreise zu mahnen. Man redete ein, wie frh es sei, und sie sollten noch in die
Stube kommen. Als Eisi immer ntlicher pressierte, verstund man sich dazu.
Drinnen stund wieder die stattliche Kaffeekanne, eine mchtige Ankenballe,
Kchli, schn weies Brot, Honigwaben, Kirschmus, Kse, Hamme und ser Zieger.
Trini schlug fast die Hnde ber dem Kopf zusammen und fragte: Was Eisi doch
auch sinne; sie htten ja erst zu Mittag gegessen, es dechs, es mchte es noch
mit dem Finger erlngen und knnte es machen bis morndrist zAbe. Wenn sie zu
ihnen kmten, so knnte es ihnen einmal nicht so aufwarten; es wte nicht, wo
es dasselbe nehmen sollte. Aber Eisi sagte, es wolle ihns nur ausfhren, denn
das Aufwarten htte es bei ihm gelernt; wenn man bei ihnen wre, so kme man ja
den ganzen Tag nicht vom Essen weg. Nachdem sich in der Tat noch hie und da ein
Pltzchen fr ein Kchli oder eine Ankenschnitte gefunden, nachdem die
Kaffeekanne der Weinflasche Platz gemacht, auch dieser trotz vielem Weigern
zugesprochen und noch Gesundheit gemacht worden war, bestieg man das schon lange
bereitstehende Wgeli. Trini mute dreimal ansetzen und Johannes den Sitz auf
der andern Seite halten, ehe es oben war; dann wurden die Kinder aufgepackt, aus
deren Scken noch Stcke Brot sahen, und endlich stieg der Schwager nach. Wohin
der eigentlich sollte, begriff niemand, bis er mitten in die Andern
hineinplumpte. Es war fast, als ob ein Kindlifresser da hinaufgefahren; denn
hinter seiner breiten Gestalt verschwanden die Kindlein, nur hie und da
streckten sich rmchen hervor, die fast aussahen, als ob sie direkt aus seinem
Bauche kmen.
    Es gab viel Wegrumens, und spter wurde zu Nacht gegessen, als sonst der
Brauch war. Whrend demselben sagte Johannes: Mutter, du mut uns die Laterne
rsten; Uli und ich mssen diese Nacht dem Kleb wachen, es gibt ein Kalb, ehe es
Morgen ist. Uli sagte, ds Michels Hans htte ihm versprochen, diese Nacht
wachen zu helfen, und wenn es bs gehen sollte, so sei es immer noch frh genug,
den Meister zu wecken. Der Meister aber sagte, er solle dem Hans nur absagen; er
htte nicht gerne, wenn man fremde Knechte unntigerweise und ungefragt brauche.
Michel habe morgen Hans ntig, und man erfahre es alle Tage, was ein Knecht, der
nicht geschlafen habe, wert sei. Uli meinte, so knnte ja sein Nebenknecht
wachen helfen. Diesmal sei er lieber von Anfang an selbst dabei, sagte der
Meister. Es sei das letztemal bs gegangen, er mchte diesmal davor sein. Uli
mute den Meister haben.

                                Drittes Kapitel


                       Eine Kinderlehre whrend der Nacht

Nachdem sie drauen im Stalle die Laterne aufgehngt hatten, den Pferden ber
Nacht gegeben, streute der Meister selbst dem Kleb noch, der unruhig hin-und
hertrappete und in seiner Unruhe nicht liegen konnte, und sagte: Es gehe wohl
noch eine Stunde oder zwei; sie wollten hinaus auf das Bnkli sitzen und noch
ein Pfeifchen rauchen, der Kleb werde sich schon knden, wenn es Zeit sei.
    Es war eine lauwarme Nacht, halb dem Frhling, halb dem Sommer angehrend.
Wenige Sterne glitzerten im blauen Himmelsmeer, ein helles Jauchzen, ein fernes
Fahren unter, brach zuweilen die stille Nacht.
    Hast du dich nun ausbesonnen, Uli? fragte der Meister, als sie auf dem
Bnklein vor dem Stalle saen. Es sei ihm noch so nebeneinander, sagte Uli, doch
nicht in einem bsen Ton. Alles annehmen, das wolle er nicht, aber zuletzt sei
es ihm graglich, zu bleiben. Er hatte halt auch schon den allgemein angenommenen
Grundsatz, da man es nie zeigen drfe, wenn einem an etwas gelegen sei, indem
sonst der Gegner Vorteil daraus ziehe. Daher die merkwrdige Ruhe und
Kaltbltigkeit, die Diplomaten an Bauern bewundern mten. Es ist aber in seiner
Ausdehnung und Anwendung ein heilloser Grundsatz, der unsglich viel Bses
stiftet, unzhlige Menschen auseinanderbringt, sie gegenseitig als Feinde
gegenberstellt und wiederum Kaltbltigkeit da erzeuget, wo heiliger Eifer
brennen sollte, und aus der Kaltbltigkeit eine Gleichgltigkeit macht, welche
jedem Freund des Guten unwillkrlich Gnsehaut den ganzen Rcken aufschnadern
lt. Glcklicherweise war der Meister auch kaltbltig und nahm die Sache nicht
so bel, sondern sagte, ihm seis auch gerade so. Er htte nichts wider Uli, aber
so dabeisein wolle er auch nicht. Es nhmte ihn wunder, wer gefehlt htte und ob
er in seinem Hause nichts mehr sagen drfe, wenn er nicht eine ganze Woche kein
gutes Wort hren und ein Gesicht sehen wolle, mit dem man ganz Amerika vergiften
knnte? Er knne nicht helfen, sagte Uli. Sauersehn sei seine Freundlichkeit,
und wenn er ein apartig Gesicht gemacht habe, so sei es nicht seinetwegen
gewesen, er htte apartig ber ihn nicht zu klagen und ber niemand sonst. Aber
er sei halt auch ein armes Knechtlein und sollte nirgends sein und keine Freude
haben; er sollte nur auf der Welt sein, um bs zu haben, und wenn er einmal sein
Elend vergessen wolle und sich lustig machen, so kme alles auf ihn los und
suche ihn untern zu drcken. Wer ihn ins Unglck sprengen knne, der tue es. Da
knne man nicht immer s dareinsehen.
    Er sollte doch sehen, da er ihn nicht begehre ins Unglck zu sprengen, ds
Gunterri, sagte der Meister. Wenn ihn jemand ins Unglck sprenge, so sei er es
selbst. Wenn ein Bursche sich mit schlechten Mdchen abgebe, so sei er sein
eigener Unglcksstifter und niemand anders. Er wisse wohl, es trste sich jeder
damit, es treffe ihn nicht, sondern einen Andern; aber einen treffe es immer,
und wenn einer auch siebenmal entronnen sei und ein Anderer statt seiner im
Ltsch geblieben, so gebe es ihn zum achten Male, er solle nur darauf zhlen.
Aber solang er nicht darin sei, lache er alle aus und sage allen wst, die ihn
davor warnen; und wenn er einmal darin sei, so sollen alle daran schuld sein,
und er sage wiederum allen wst, da sie ihm nicht davor gewesen seien. Aber
gell, Uli, sagte der Meister, es ist dir diese Woche schon angst genug
gewesen, es htte dich im Ltsch. Ich habe wohl gesehen, wie du vor jedem
Weibervolk geflohen bist und hinter allen Zunen Anne Lisi gesehen hast. Und
deine Angst hast du dann uns und unser Vieh entgelten lassen, nach Art so vieler
Diensten, die allen Zorn und alles Ungerade, das ihnen ber den Weg luft, an
den Meisterleuten oder an ihren Sachen, an Khen oder Kacheln, auslassen. Deine
Angst war in dieser Woche dein Bshaben, und an der war niemand schuld als du.
Du httest es ohne die Angst so gut haben knnen als wir selbst. Nein, Uli, du
mut von deinem Lumpenleben lassen, du machst dich unglcklich, und solchen
rger wie diese Woche will ich deinetwegen nicht mehr haben.
    Er htte noch nichts Schlechts gemacht, sagte Uli. He, das nehme ihn doch
wunder, sagte der Meister; ob Vollsein etwas Bravs sei, und was er mit Anne Lisi
getrieben habe, werde auch nicht das Sauberste gewesen sein und wohl auch im
siebenten Gebot vernamset. Oh, es seien noch viel schlechtere Leute als er,
sagte Uli, und es gebe viele Bauren, mit denen er sich dann noch lange nicht
zusammenzhlen lasse. Da habe er nichts darwider, antwortete der Meister, aber
ein schlechter Mensch mache den andern nicht gut, und wenn schon mancher Bauer
ein Trunkenbold sei oder gar ein Schelm, so sei es deswegen um nichts brver,
wenn Uli ein Hudel sei und noch anderes mehr. Es werde doch wohl erlaubt sein,
eine Freude zu haben, sagte Uli; wer mchte dabeisein, wenn man keine Freude
mehr haben drfte? Aber, Uli, was ist das fr eine Freude, wenn man darauf
eine ganze Woche nirgends sein darf, es einem nirgends wohl ist? Was ist das fr
eine Freude, die einem fr das ganze Leben elend und unglcklich machen kann?
Solche Freuden sind des Teufels Lockvgel. Ja freilich kannst du dich freuen, es
darf jeder Mensch Freude haben, aber an guten und erlaubten Dingen. Das ist eben
ein Zeichen, ob ein Mensch gut oder schlecht ist, je nachdem er an guten oder
schlechten Dingen seine Freude hat. Ja, du hast gut krhen, sagte Uli, du
hast den schnsten Hof weit und breit, hast die Stlle voll schner Ware, den
Spycher voll Sachen, eine gute Frau, von den besten eine, schne Kinder; du
kannst dich wohl freuen, du hast Sachen, woran du Freude haben kannst; wenn ich
sie htte, es kme mir auch kein Sinn ans Hudeln, an Anne Lisi. Aber was habe
ich? Ich bin ein armes Brschli, habe keinen Menschen auf der Welt, ders gut mit
mir meint; der Vater ist gestorben, die Mutter auch, und von den Schwestern
sieht jedes fr sich. Bshaben ist mein Teil in der Welt; werde ich krank, so
will mich niemand haben, und sterbe ich, so tut man mich untern wie einen Hund
und kein Mensch plret mir nach. Oh, da man unsereinen nicht zTod schlgt, wenn
wir auf die Welt kommen! Und damit fing der groe, starke Uli an gar bitterlich
zu weinen. Nit, nit, Uli, sagte der Meister, du bist gar nicht so bs daran,
wenn du es nur glauben wolltest. La dein wstes Leben sein, so kannst du noch
ein Mann werden. Es hat Mancher nicht mehr gehabt als du und hat jetzt Haus und
Hof und Stll voll War. Ja, sagte Uli, solches geschehe nicht mehr, und dann
msse man mehr Glck haben dazu, als er habe. Das ist eine dumme Red, sagte
der Meister; wie kann einer von Glck reden, wenn er alles fortwirft und
vertut, was ihm in die Hnde kmmt? Ich habe noch kein Geldstck gesehen, das
nicht aus der Hand wollte, wenn man es fortgab. Aber das ist eben der Fehler,
da du den Glauben nicht hast, da du noch ein Mann werden knntest. Du hast den
Glauben, du seiest arm und bleibest arm und an dir sei nichts gelegen, und darum
bleibst du auch arm. Httest du einen andern Glauben, so wrde es auch anders
gehen. Denn es kommt noch immer alles auf den Glauben an. Aber um tusig
Gottswillen, Meister, sagte Uli, wie sollte ich auch reich werden? Wie
geringen Lohn habe ich! Wie viel Kleider brauche ich! Dazu habe ich noch
Schulden! Was hilft da husen? Und sollt ich dann kein Freudeli haben? Aber dr
tusig Gottswillen, wo soll das mit dir hin, wenn du jetzt schon Schulden hast,
bei gesundem Leib, und hast fr niemand zu sorgen? So mut du einen Ftzel
geben, und dann mag dich niemand mehr; du verdienst immer weniger und httest
doch immer mehr ntig. Nein, Uli, sinn doch ein wenig nach, so kann das nicht
mehr gehen. Jetzt ists noch Zeit, und ich sage es dir aufrichtig, es wre schade
um dich. Es trgt nichts ab; was hilft mir das, wenn ich schinde und mir
nichts mehr gnne? Ich bringe es doch zu nichts; so ein arm Brschli, wie ich
bin, bleibt ein arm Brschli, sagte Uli.
    Sieh doch, was der Kleb macht, sagte der Meister. Und als Uli mit dem
Bescheid kam, er verdrehe sich noch, das Kalb komme noch nicht gleich, sagte der
Meister: Ich denke mein Lebtag daran, wie unser Pfarrer uns das Dienen
ausgelegt hat in der Unterweisung und wie er die Sache so deutlich gemacht hat;
man hat ihm mssen glauben, und es ist Mancher glcklich geworden, der ihm
geglaubt hat. Er hat gesagt: Alle Menschen empfingen von Gott zwei groe
Kapitale, die man zinsbar zu machen habe, nmlich Krfte und Zeit. Durch gute
Anwendung derselben mten wir das zeitliche und ewige Leben gewinnen. Nun htte
Mancher nichts, woran er seine Krfte ben, seine Zeit ntzlich und abtrglich
gebrauchen knnte; er verleihe daher seine Krfte seine Zeit jemandem, der zu
viel Arbeit, aber zu wenig Zeit und Krfte habe, um einen bestimmten Lohn; das
heie Dienen. Nun sei das eine gar unglckliche Sache, da die meisten Diensten
dieses Dienen als ein Unglck betrachten und ihre Meisterleute als ihre Feinde
oder wenigstens als ihre Unterdrcker, da sie es als einen Vorteil
betrachteten, im Dienst so wenig als mglich zu machen, so viel Zeit als mglich
verklappern, verlaufen, verschlafen zu knnen, da sie untreu wrden, denn sie
entzgen auf diese Weise dem Meister das, was sie verliehen, verkauft htten,
die Zeit. Wie aber jede Untreue sich selbst strafe, so fhre auch diese Untreue
gar frchterliche Folgen mit sich, denn so, wie man untreu sei gegen den
Meister, sei man auch untreu an sich. Es gebe jede Ausbung unvermerkt eine
Gewohnheit, welcher man nicht mehr loswerde. Wenn so ein Jungfruli oder ein
Knechtlein jahrelang so wenig als mglich getan, so langsam als mglich an einer
Sache gemacht, allemal gebrummt htte, wenn man ihm etwas zugemutet, entweder
auf- und davon, gemacht htte, unbekmmert wie es komme, oder darob geklappert,
da ihm das Gras unter den Fen gewachsen sei, zu nichts Sorge getragen, so
viel als mglich gschndet, nie Angst gehabt, sondern fr alles gleichgltig
gewesen sei, so gebe das erstlich eine Gewohnheit, und die knne es spter nicht
mehr ablegen. Zu allen Meistern bringe es diese Gewohnheit mit, und wenn es am
Ende fr sich selbst sei, heirate, wer msse diese Gewohnheiten, diese Trgheit,
Schlfrigkeit, Schmderfrigkeit, Unzufriedenheit haben als es selbst? Es msse
sie tragen und alle ihre Folgen, Not und Jammer, bis ins Grab, durch das Grab,
bis vor Gottes Richterstuhl. Man solle doch nur sehen, wie viele tausend
Menschen den Menschen zur Last seien und Gott zum rgernis und sich als
widerwrtige Geschpfe herumschleppten, den Denkenden als sichtbare Zeugnisse,
wie die Untreue sich selbsten strafe. Aber so, wie man durch sein Tun sich
inwendig eine Gewohnheit bereite, so mache man sich auswendig einen Namen. An
diesem Namen, an dem Ruf, der Geltung unter den Menschen arbeite ein jeder von
Kindsbeinen an bis zum Grabe, jede kleine Ausbung, ja jedes einzelne Wort trage
zu diesem Namen bei. Dieser Name ffnet oder versperrt uns Herzen, macht uns
wert oder unwert, gesucht oder verstoen. Wie gering ein Mensch sein mag, so hat
er doch einen Namen; auch ihn betrachten die Augen seiner Mitmenschen und
urteilen, was er ihnen wert sei. So macht auch jedes Knechtlein und jedes
Jungfrulein an seinem Namen unwillkrlich, und nach diesem Namen kriegen sie
Lohn, dieser Name bricht ihnen Bahn oder verschliet sie ihnen. Da kann eins
lange reden und ber frhere Meisterleute schimpfen, es macht damit seinen Namen
nicht gut, sein Tun hat ihn lngst gemacht. Ein solcher Name werde stundenweit
bekannt, man knne nicht begreifen wie. Es sei eine wunderbare Sache um diesen
Namen, und doch betrachteten ihn die Menschen viel zu wenig und namentlich die,
welchen er das zweite Gut sei, mit dem sie, verbunden mit der inwendigen
Gewohnheit, ein drittes, ein gutes Auskommen in der Welt, Vermgen, ein viertes,
den Himmel und seine Schtze, erwerben wollten. Er frage nun: wie ein elender
Tropf einer sei, wenn er schlechte Gewohnheit habe, einen schlechten Namen und
um Himmel und Erde komme!
    Daher soll, habe der Pfarrer gesagt, jeder, der in Dienst trete, den Dienst
nicht betrachten als eine Sklavenzeit, den Meister als den Feind, sondern als
eine Lehrzeit und den Meister als eine Wohltat Gottes, denn was sollten die
Armen, das heit die, welche nur Zeit und Krfte, also doch eigentlich viel
htten, anfangen, wenn ihnen niemand Arbeit und Lohn gbte? Sie sollten die
Dienstzeit betrachten als eine Gelegenheit, sich an Arbeit und Emsigkeit zu
gewhnen und sich einen recht guten Namen zu machen unter den Menschen. In dem
Mae, als sie dem Meister treu wren, wren sie es auch an ihnen, und wie der
Meister an ihnen gewinne, gewnnen sie selbst auch. Sie sollten ja nie meinen,
da nur der Meister Nutzen zge aus ihrem Flei; sie gewnnen wenigstens ebenso
viel dabei. Wenn sie daher auch zu einem schlechten Meister kmen, sie sollten
ja nie meinen, ihn zu strafen durch schlechte Auffhrung; sie tten damit sich
nur selbst ein Leid an und schadeten sich innerlich und uerlich.
    Wenn nun so ein Dienstbote immer besser arbeite, immer treuer und
geschickter sei, so sei das sein Eigentum, und das knne niemand von ihm nehmen,
und dazu bese er einen guten Namen, die Leute htten ihn gerne, vertrauten ihm
viel an, und die Welt stehe ihm offen. Er mchte vornehmen, was er wollte, so
fnde er gute Leute, die ihm hlfen, weil sein guter Name der beste Brge fr
ihn sei. Man solle doch nur achten, welche Dienstboten man rhme, die treuen
oder die untreuen, solle sich achten, welche unter ihnen zu Eigentum und Ansehen
kmen.
    Dann hat der Pfarrer noch ein Drittes gesagt, und das geht dich besonders
an. Er hat gesagt, der Mensch wolle Freude haben und msse Freude haben,
besonders in der Jugendzeit. Hasse nun ein Dienst seinen Dienst und sei ihm die
Arbeit zuwider, so msse er eine apartige Freude suchen, und er fange daher an
zu laufen, zu hudeln, mit schlechten Sachen sich abzugeben und habe daran seine
Freude und sinne daran Tag und Nacht. Sei aber einem Knecht oder einer Magd das
Licht aufgegangen, da sie etwas werden mchten, und der Glaube gekommen, da
sie etwas werden knnten, so liebten sie die Arbeit, htten Freude daran, etwas
zu lernen, etwas recht zu machen, Freude, wenn ihnen etwas gelinge, wachse, was
sie geset, fett werde, was sie gefttert; sie sagten nie: Was frage ich dem
nach, was geht mich das an? Ich habe so nichts davon. Ja sie htten eine
eigentliche Lust daran, etwas Ungewohntes zu verrichten, etwas Schweres zu
unternehmen; dadurch wchsen ihre Krfte am besten, dadurch machten sie sich den
besten Namen. So haben sie auch Freude an des Meisters Sache, seinen Pferden,
seinen Khen, seinem Korn, seinem Gras, als ob es ihnen gehre. Woran man Freude
hat, daran sinnet man auch; wo man den Schatz hat, da hat man auch das Hetz,
sagte der Pfarrer. Hat nun der Knecht seinen Dienst im Kopf, erfllt ihn der
Trieb, so ein vor Gott und Menschen recht tchtiger Mensch zu werden, so hat der
Teufel wenig Macht ber ihn, kann ihm nicht bse Sachen eingeben, wste Sachen,
an die er Tag und Nacht denkt, so da er keinen Sinn fr seine Arbeit hat, und
die ihn noch von einem Laster zum andern ziehen und innerlich und uerlich
verderben.
    Das hat der Pfarrer gesagt, sagte der Meister; es ist mir, als ob es noch
heute wre, als er uns das sagte, und ich habe schon hundertmal gesehen, da er
recht hatte. Ich habe gedacht, ich wolle es dir sagen, es passet gerade auf
dich. Und wenn du nur glauben wolltest, so knntest du einen von den brvsten
Burschen abgeben und es einst haben, wie du nur wolltest.

                                Viertes Kapitel


  Wie eine schlechte Dirne einem braven Meister die Ohren des Knechtes auftut

Des Ulis Antwort schnitt der Kleb ab, der seine Nten deutlicher kndete. Es gab
nun Arbeit, das Gesprch konnte nicht mehr fortgesetzt werden. Es ging alles
gut, und endlich war ein schnes, brandschwarzes Klbchen da mit einem weien
Stern, wie Beide noch nie eins gesehen und das abzubrechen erkannt wurde. Uli
war bei dem Geschft noch einmal so ttig und aufmerksam gewesen als sonst, und
das Klbchen behandelte er ganz sanft, fast zrtlich, und betrachtete es mit
einer eigentlichen Zuneigung.
    Als sie fertig waren mit dem Kleb und derselbe seine Zwiebelnsuppe hatte,
dmmerte der Morgen herauf und lie keine Zeit zur Fortsetzung ihres Gesprchs.
    Die anbrechenden Werktage nahmen sie mit ihren Arbeiten hart in Anspruch,
auch war der Meister in Gemeindsgeschften abwesend, so da sie nicht
miteinander weiters redeten.
    Aber es schien von Beiden angenommen, da Uli bleibe, und wenn der Meister
heimkam, konnte die Frau nicht genug rhmen, wie Uli sich zu der Sache gehalten
und wie sie nicht gebraucht htte, ihn etwas zu heien; es sei ihm alles von
selbst in den Sinn gekommen, und wenn sie daran gedacht habe, so sei es schon
gemacht gewesen. Das freute natrlich den Meister gar wohl und machte, da er
dem Uli immer bessere Worte gab, ihm immer mehr Zutrauen zeigte. Es ist nichts
verdrielicher fr einen Meister, als wenn er abends mde oder schlfrig
heimkommt und er findet alles im Ungreis und sein Weib voll Klagens, sieht nicht
die halbe Arbeit getan, die htte abgefertigt werden sollen, vieles verpfuscht
und schlecht gemacht, da es besser wre, es wre gar nichts getan worden, und
mu ber das aus die halbe Nacht sein Weib jammern hren, wie die Diensten sich
gegen ihns unbrdig eingestellt, unverschmten Bescheid gegeben und jedes
gemacht habe, was ihm gefallen, und wie es ihr erleidet sei, so dabeizusein, und
wenn er ein andermal fortgehe, so laufe sie auch fort. Es ist grlich fr einen
Mann, der fort mu (und das mu der Mann), wenn ihm auf dem Heimwege, sobald er
sein Haus von weitem sieht, die schweren Seufzer kommen: Was hat es wohl aber
gegeben? Was mu ich sehen, was mu ich hren? und er so fast nicht zum Hause
herzu darf, wenn er mit Liebe und Freude heimkommen mchte und mit Donner und
Blitz einziehen mu in sein aufrhrerisch gewordenes Reich.
    Bei Uli war etwas Neues erwacht und in die Glieder gefahren, ohne da er es
selbst noch recht wute. Er mute der Rede des Meisters je lnger je mehr
nachsinnen, und es dnkte ihn immer mehr, der Meister htte doch etwas recht. Es
tat ihm wohl, zu denken, er sei nicht dazu erschaffen, ein arm, verachtet
Brschli zu bleiben, sondern er knnte noch ein Mann werden. Er sah ein, da man
dieses nicht mit Wsttun werde und da, je mehr man wst tue, man um so mehr
Boden verliere unter den Fen. Es dnkte ihn gar seltsam, was der Meister
gesagt von der Gewohnheit und dem guten Namen, die man neben dem Lohn sich
erarbeiten knne und so auch immer mehr fr sich verdiene, je treuer man einem
Meister sei, und wie man nicht besser fr sich selber sehen knne, als wenn man
recht treu zu des Meisters Sache luege.
    Er konnte je lnger je weniger ableugnen, da es also sei. Es kamen ihm
immer mehr Beispiele in den Sinn von schlechten Diensten, die unglcklich
geworden, arm geblieben, und hinwiederum wie er andere von ihren alten
Meisterleuten habe rhmen hren, wie sie einen guten Knecht, eine gute Magd
gehabt und die jetzt recht wohl zweg und gut im Stande seien.
    Nur eines konnte er nicht begreifen: wie er, Uli, je zu Geld, zu Vermgen
kommen sollte; das dnkte ihn rein unmglich. Er hatte dreiig Kronen, also
fnfundsiebzig Pfund, bar, zwei Hemden und ein Paar Schuhe zu Lohn. Nun hatte er
noch fast vier Kronen Schulden, bereits viel eingezogen. Er hatte es bisher
nicht machen knnen mit seinem Einkommen, nun sollte er Schulden zahlen,
vorschlagen, das kam ihm unmglich vor. Dem natrlichen Gang der Dinge nach war
er darauf gefat, seine Schuld jhrlich grer zu machen. Von den dreiig Kronen
brauchte er doch wenigstens zehn fr Kleider und konnte dabei noch nicht
hoffrtig sein; fr Strmpfe, Schuhe, Hemden, deren er nur drei gute und vier
bse hatte, Waschen usw. gingen doch wenigstens auch acht Kronen darauf; alle
Wochen ein Pcklein Tubak (und er brauchte meistens mehr), war wieder zwei
Kronen: es blieben noch zehn Kronen. Nun waren fnfzig Samstagsnchte, fnfzig
Sonntagsnachmittage, von denen noch sechs extra Tanzsonntage, Mrkte, es wute
kein Mensch wieviel, war eine Musterung, vielleicht gar noch eine Garnison, die
zufllig sich ergebenden Gelegenheiten zum Hudeln nicht einmal gerechnet, wie
Niedersingeten, An- und Aussaufeten, Schieeten, Kegelten und das wieder
einreiende Tschmeln, Abendsitze, die gefhrlichste aller Unsitten, Springeten
usw. Der Verfassungsabend, der in eine der rgsten Schweinereien ausartet, wo
fnfzigjhrige Weibsstcke am Boden sich wlzen auf die unfltigste Weise, war
damals noch nicht im Schwange. Rechnete er nun frs Ordinre alle Wochen nur
zwei Batzen fr Brnz oder Wein, so machte das wieder vier Kronen. bersprang er
drei Tanzsonntage, so brauchte er doch, wenn er mit dem Geiger abschaffen mute,
ein Mdchen haben und, wie es der Brauch war, voll heimgehen wollte, wenigstens
eine Krone und manchmal einen Fnfunddreiiger fr jeden der drei brigen
Sonntage. Jetzt hatte er fr Mrkte, Musterungen und die brigen Hudeleien nur
noch drei Kronen. Mit dem, dachte er, sei es doch wirklich nicht
menschenmglich, auszukommen. Schon zwei Mrte und die Musterung brauchten mehr
als das, fr das Andere hatte er also gar nichts. Er rechnete immer von neuem,
probierte an den Kleidern, an den andern Ausgaben abzuschrnzen; aber das Ding
ging nicht. Er mute doch gekleidet sein, mute waschen lassen, barfu konnte er
auch nicht laufen. So brachte er, er mochte rechnen wie er wollte, immer die
traurige Wahrheit heraus, da er, statt vorzuschlagen, zu wenig htte.
    Als er einst so in seine trostlose Rechnung vertieft war beim Grasen und
immer von vornen anfing und hintenaus immer zu wenig hatte und eben bei sich
feststellte, es m dem Meister nicht recht im Gring sein, so ein Bauer wisse
nicht, was ein Knechtlein alles brauche; ein Bauer brauche nichts waschen zu
lassen, nehme Schuhmacher und Schneider auf die Str und htte am Ende vom Jahr
alle Schpplein vergessen, welche er getrunken, weil er sie seinem Geld nicht
anmerke; wie er so verstaunet stund, tnte es hinter ihm: Bist am Grase? Wie
von einer Schlange gebissen, fuhr Uli auf, und Anne Lisi stund neben ihm. Ich
habe geglaubt, sagte Anne Lisi, du seiest krank, da du nicht zu mir gekommen
bist. Ich sah allenthalben auf dich und konnte dich doch nirgends erblicken. Da
konnte ich es nicht mehr erleiden vor Lngizyti, es hat mir fry das Essen
gestellt. Ich habe schon gestern dort hinter dem Hag auf dich passet, aber du
bist nie allein gewesen. Es dnkt mich, es htte mir schon gewohlet, da ich
dich nur sehen kann. Aber Uli, mi Uli, warum bist jetzt mehr als vierzehn Tage
nicht zu mir gekommen? Das ist doch nichts gemacht von dir. Ich bin manche Nacht
durch immer mit dem Kopf auf dem Ellbogen gewesen; es het mih decht, du mtest
kommen. Warum bist du nicht gekommen? So angedonnert war Uli in seinem ganzen
Leben nicht gewesen. Er kannte Anne Lisi, hatte ein bses Gewissen gegen ihns
und durfte ihm nicht sagen, da er nie mehr zu kommen gedenke. Zu diesem war er
fest entschlossen, es war ihm zu angst gewesen, und jetzt kam ihm die Angst in
verdoppeltem Mae wieder. Er muckelte etwas von einem kranken Ro, dem er htte
abwarten mssen, von einer Kuh, zuletzt sogar von Gliedersucht. Anne Lisi trat
nicht lange in die Vergangenheit ein, sondern sagte: Es knne da nicht recht mir
ihm reden, es htte ihm bsunderbar viel zu sagen; er solle in dieser Nacht zu
ihm kommen, es knne es unmglich lnger ohne ihn ausstehen. Uli wollte das
nicht versprechen: Der Meister sei fort mit Ro und Wgeli; er msse warten, bis
er heimkomme, sagte er, und dann msse er noch fttern, und dann werde es kaum
mehr der wert sein. Was ist mit dir? sagte Anne Lisi; wenn dir neuis daran
gelegen wre, es wrde sich dir ppe wohl schicken. Das sind nur Ausreden, es
hat dich jemand aufgewiesen, dr Gring gro gmacht. Oh, ich wei schon,
Kuderjoggelis Annebbi hat dich aufgestpft. Aber wart es nur, dem rote Donner
will ich die Luse runtermachen, da es mich nicht vergessen soll. Aber wie
magst du dich auch mit einem solchen Strupf, das nicht grer ist als ein
dreitgigs Kalb, abgeben? Das ist nicht bravs von dir. Schme dich, du weste
Hung du! Ich will dirs bim Dolder zeige! Aber gell, du kmmst diese Nacht? Bis
mir ds Hergetts und komm nicht!
    Uli sagte: Es htts schon gehrt, er knne nicht. Was, du willst nicht? Du
wirst doch nit ppe welle west tue wie die andere Schyhng? Du wirst doch
nicht wollen vergessen, was du mir gesagt hast? Er wisse nichts Apartigs, das
er ihm gesagt habe, sagte Uli. Was, du dolderschieige Grnnihung, du weit
nicht mehr, was du mir gesagt hast? Hast du nicht gesagt, da du, wenn du eine
zKilche fhren wollest, mich zKilche fhren wollest? Er wisse nichts mehr
davon, sagte Uli, das sei ihm etwas Neues. So, du besinnst dich nicht mehr
daran, du verfluchte Lumpenhung, was du bist! Soll ich dir dBsinnig mache
umezcho? Aber es ist mir sich nicht der wert deinetwegen! Einen solchen
Zyberligrnni finde ich hinter jedem Zaunstecken, und wenn ich einen haben mu,
so will ich nicht einen solchen Ftzel, der nie drei Kreuzer beieinander hat und
der Meisterfrau alli Wschlumpe stiehlt, um seine Sonntagskutte zu pltzen. Nei,
beim Dolder, eine so leidi More bin ich denn nadisch nicht, da ich mich bei
keinem Brveren und Reicheren wei z'kndte als bei einem solchen verrebleten
Baurenknechtli. Zu dir kme ich zuletzt, wenn ich einen haben mte, hb nit
ppe Kummer, ich well dih! Sellig wett ih zehn an jeden Finger kriegen, ich mt
nicht eine Sellige sein, wie ich bin. Aber wart ume, ds Kuderjoggis Annebbi,
dem will ich sagen was es fr eine ist, und ich will nicht lebig dadnne cho,
wenn ich dem nicht sein Maul auftue, da man es zu Merligen fr ein Tennstor
brauchen knnte. Das verflucht Mnsch dich so gegen mich aufzureisen! Aber du
kannst es noch machen, wie du willst; kmmst du hinecht, wohl und gut, so will
ich dirs vergessen und dir auftun! Kommst du aber nicht, so lueg de, was geht,
und ich will keine gesunde Stund mehr haben, wenn ich dir noch einmal auftue!
Jawolle, so wst zu tun und so dr Gring z'machen!
    Uli wohlete es bedenklich, und er ward ganz trotzig und sagte: Seinetwegen
brauch es hinecht nicht auf dem Ellbogen zu schlafen, er bleibe lieber daheim,
als da er Andern ihre Suppe ausessen wolle, und mit einer Selligen wolle er
sich nicht mehr bschyen. Es solle jetzt seiner Wege gehn und ihn ruhig lassen,
er htte genug von ihm. Da fing Anne Lisi aufs neue an wst zu tun: bald sagte
es ihm alle Schande, dann heulte es ber die Schlechtigkeit des Mannenvolks,
dann rhmte es sein gutes Herz, das so schndlich angefhrt werde seiner Gte
wegen und weil es so einem Schyhung getraut habe. Dann flattierte es dem Uli
wieder auf das zrtlichste und sagte: Es sei ihm noch Keiner so lieb gewesen von
denen, die es an sein Herz gelassen; es htte sich fr ihn knnen lassen lebig
schinden, und es dnke ihns, es well ihm ds Herz zerschryen. Aber Uli blieb
unbeweglich, und als er genug hatte, fuhr er mit seiner Grasbhre nach Hause und
lie Anne Lisi im Klee stehen. Aber bei sich setzte er hoch ein, dasmal sei er
entronnen, und das wolle er sich als Warnung dienen lassen und so m ihm Keine
mehr kommen aus einem Haselhag hervor.
    Und seiner gesprengten Fesseln sich freuend, lie er ein Jodeln ertnen, da
seine Khe in den Bahren fuhren, die Pferde in die Zgel schossen, die Katze ab
dem Ofen sprang, der Hund aus seinem Stalle kroch und die Jungfrau sagte: Was
kmmt wohl den Uli an, den Ghl, da er so ablt? Man hat ihn fry lang nicht
gehrt.
    Bald darauf fhrten Meister und Knecht Steine zu einem neuen Stubenofen. Auf
dem Heimweg kehrten sie ein, da sie einen weiten und bergichten Weg hatten. Da
der Meister nicht hundshrig war und vom schlechtesten Wein befahl, wenn der
Knecht bei ihm war, und fr zwei Personen nur um einen halben Batzen Brot
aufstellen lie, so wurde Uli auf dem Rest des Weges gesprchig. Er erzhlte dem
Meister die Begegnung mit Anne Lisi und wie er froh sei, da er nun des Kummers
und dem Mensch ein fr alle Male los sei. Es htte ihm gewohlet, er knne es
niemand sagen wie. Er begreife erst jetzt, was man mit dem Sprchwort sagen
wolle: Es sind mir Zentnersteine ab dem Herzen gefallen. Der Meister freute sich
der Nachricht, aber warnte, er solle es nicht machen wie gar Viele, die, solange
sie die Folgen ihres Lasters fhlen, reuig seien, dann aber wiederum um die
Snde herumfahren wie die Fliege um ein Licht, bis sie sich die Flgel verbrannt
und vielleicht ein fr alle Male. So kenne er manchen Trunkenbold, der allemal,
wenn er sein Geld ver- und einen sturmen Kopf ertrunken, sich vornehme, sich nie
mehr so zuzuputzen - und das nchstemal, wenn er zum Wein komme, sei er wieder
ein volles Kalb. So gehe es Manchem mit dem Weibervolk: die, welche meinen, die
Listigsten geworden zu sein, die gebe es oft am wstesten. Nein, Uli, halt dich
jetzt, so kannst du noch einen Mann abgeben, wie ich es dir ausgelegt habe,
sagte der Meister.
    Los, Meister, sagte Uli, ich habe der Sache nachgesinnet, und der
Pfarrer, wo dich unterwiesen hat, ist nicht ganz ein Narr gewesen; aber was ein
Baurenknechtli fr Lohn hat und was er braucht, davon hat er nichts gewut; er
wird gemeint haben, ungefhr so viel als ein Vikari. Aber du solltest es besser
wissen und solltest es wissen, da es aus sei mit Frhusen und Reichwerden. Ich
habe manchen Tag lang gerechnet, da es mir fast den Kopf obenabgesprengt hat;
aber ich habe immer das Gleiche herausgebracht: aus Nichts wird Nichts, und nt
von nt geht auf. Wie hast du denn gerechnet?
    sagte der Meister. Uli machte ihm die ganze Rechnung punktum wieder durch,
und als er fertig war, fragte er spttisch den Meister: Und jetzt, was sagst du
dazu, ists nicht so? Der Meister sagte: Deiner Rechnung nach macht es
allerdings so viel; aber man kann noch ganz anders rechnen, Brschli. Los
einmal, ich will dir jetzt auch eine Rechnung machen auf meine Art; es nimmt
mich wunder, was du zu dieser sagen wirst.
    An dem, was du fr deine Kleidung angesetzt hast, will ich nicht viel
ndern. Es ist mglich, da du, wenn du dich ordentlich instand stellen und
namentlich Hemder haben willst, um den Wascherlohn zu ersparen, und berhaupt
da, herkommen Sonntag und Werktag, wie es einem braven Burschen wohl ansteht, in
der ersten Zeit noch mehr brauchst. Fr Tubak hingegen hast du zwei Kronen
angesetzt, das ist zu viel. Ein Knecht, der in den Stall und auf die Bhne mu,
soll den ganzen Tag nicht rauchen, niemals nach dem Feierabend. Um den Hunger zu
vertreiben, brauchst du bei mir nicht zu rauchen, und wenn du es dir ganz
abgewhnen knntest, so wrde es dir als Knecht viel nutzen. Wenn einer nicht
tubaket, so macht er allenthalben mehr Lohn.
    Die andern zehn Kronen, welche du fr Lustbarkeiten aller Art rechnest, die
tue ich dir ganz durch, vom ersten Kreuzer bis zum letzten. Ja, tue nur das Maul
auf und sieh mich an wie dStorche ein neues Dach. Willst du dich kurieren und
etwas werden, so mut du dir einmal auf etwas Rechtes vornehmen, vornehmen, von
deinem Lohn keinen Kreuzer zu verhudeln, auf keine Weise. Nimmst du dir vor, nur
etwas weniger als frher zu laufen, etwas weniger zu vertun als sonst, so ist
das nur den Musen gepfiffen. Bist du einmal im Wirtshaus, so bist du deiner
nicht mehr Meister, die alte Kameradschaft, die alte Gewohnheit reit dich hin,
und du vertust wieder zwei bis drei Wochenlhne. Dann kmmt der Nachdurst, und
du mut andere Abende nachbessern und verlierst immer mehr allen Glauben, da du
dir je auf, helfen knnest, wirst alle Tage liederlicher und verzweifelst immer
mehr an dir selbst. Das ist brigens nicht so schrecklich, als du ein Gesicht
machst. Sieh doch, wie Viele jahraus jahrein nie einen Schoppen trinken und in
kein Wirtshaus gehen. Es sind nicht nur arme Tagelhner, welche genug zu tun
haben, der Gemeinde sich zu erwehren, sondern es sind darunter auch vermgliche,
ja reiche Leute, welchen es zur Gewohnheit geworden ist, nichts unntz zu
vertun, und sie sind nicht nur wohl dabei, sondern die knnen noch viel weniger
begreifen, wie einem vernnftigen Menschen wohl beim Hudeln sein knne, als du
mich jetzt begreifen willst, da ein Mensch, ohne zu hudeln, leben knne. Ich
bin einmal mit einem Mannli vom Langentalermrit zeitlich heimgegangen. Es
verwunderte sich, mich schon auf dem Heimweg zu finden, es msse sonst
gewhnlich alleine heim, sagte dasselbe. Ich antwortete ihm, ich htte apartig
nichts mehr zu tun gehabt, und im Wirtshaus sitzen bis am Abend sei mir auch
zuwider gewesen. Das Geld gehe drauf, die Zeit damit, und am Ende wisse man
nicht, wann und wie man heimkomme. Ja, sagte er, ihm sei es auch so. Er htte
mit nichts angefangen und gar kaum tun mssen. Lange htte er Vater und Mutter
alleine erhalten, aber doch jetzt ein zahltes Heimat und jahraus und jahrein
zwei Khe, von denen keine minder als sechs Zentner mache. Aber er habe auch von
Anfang an keinen Kreuzer zUnnutz vertan. Ein einziges Mal erinnere er sich, da
er in Burgdorf ein halbbatziges Mtschi gekauft habe, das er htte knnen sein
lassen. Er htte es auch erleiden mgen bis heim und dort wohlfeileres Essen
gefunden. Ja, sagte ich, so viel knne ich nicht sagen, es sei mir mancher
Batzen entronnen; aber man knne es auch zu weit treiben, der Mensch msse doch
auch gelebt haben. Ja freilich, sagte er. Ich lebe auch und bin froh dabei.
Ein Kreuzer, den ich erspare, tut mir whler als ein Neutaler einem, der ihn
verhudelt. Wenn ich es nicht so angefangen htte, so wre ich wohl zu nichts
gekommen. Ein armes Brschli hat nicht den Verstand, wenn er einmal angefangen
hat, aufzuhren zu rechter Zeit; hat er einen Batzen verschlengget, so zieht der
zehn andere nach. Du mut aber nicht etwa glauben, da ich dabei ein wster
Gythung sei. Es ist schon Mancher z'leerem von groen Baurenhusern weggegangen
und hat bei mir erhalten, was er ntig hatte. Ich habe nadisch dann nicht
vergessen, wer mir den Segen zu meiner Arbeit gegeben hat und wem ich bald
Rechnung ablegen mu. Auf diese Rede hin habe ich das Mannli von oben bis unten
angesehen mit groem Respekt; es htte ihm kein Mensch angesehen, was hinter ihm
stecke. Ehe wir voneinander gingen, wollte ich ihm noch eine Halbe zahlen fr
seine gute Lehre. Allein er wollte nicht und sagte, er htte gar nichts ntig,
und ob er mein Geld oder seines zUnnutz vertte, das kme ja einst bei der
Rechnung auf das Gleiche heraus. Seither habe ich das Mannli nicht mehr gesehen;
es hat wahrscheinlich seine Rechnung schon abgelegt, und wenn niemand eine
schwerere htte als der, so kme es Vielen wohl.
    Siehe, so meine ich, sei jeder Kreuzer, den du von deinem Lohn fr solche
unntze Sachen brauchst, durchaus ein schlecht gebrauchter. Bleibe zu Hause, und
damit ersparst du nicht nur zehn Kronen, sondern noch gar viel dazu. Es klagen
alle Knechtlein, wie viel Schuhe, wie viel Kleider sie brauchen, wie sie in Wald
und Wetter sein muten; aber weit du, womit sie die meisten Kleider verderben?
Mit ihrem Herumfahren des Nachts bei allem Wetter durch Dick und Dnn und mit
allem dem, was dabei vorgeht. Wenn man die Kleider vierundzwanzig Stunden am
Leibe hat, so verderbt man sie offenbar mehr, als wenn es nur vierzehn Stunden
geschieht. Zu Kilt luft man nicht in den Holzboden, und wann sprengt man mehr
Schuhngel aus, des Tages oder des Nachts, wo man keinen Stein sieht, kein Loch,
keinen Graben? Und sag mir: wie sehen die Sonntagskleider aus, wenn man voll
herumghrschet ist, einander herumgerissen, im Kot herumgedrhlt hat? Wie manche
Sonntagskutte ist so in Stcke gegangen, wie manches Paar Hosen unbrauchbar, wie
manche Kappe verloren worden!
    Es brauchte gewi manch Knechtlein dsHalb weniger fr seine Kleider, wenn es
daheim bliebe; von den Mdchen will ich nur nicht reden. Und denk daran, Uli,
wenn du jetzt schon zehn Kronen fr solche unntze Gewohnheit brauchst, so
brauchst du in zehn Jahren zwanzig und in zwanzig Jahren vierzig, wenn du sie
hast; denn so eine Gewohnheit steht nicht stille, sie wchst, und fhrt das
nicht schnurstracks dem alten Hudel zu?
    Endlich, Uli, hast du nicht blo dreiig Kronen, sondern auch noch manchen
Batzen Trinkgeld, wenn eine Kuh, ein Ro usw. verkauft wird. Die brauche, wenn
du wohin laufen mut und das Einkehren nicht vermeiden kannst. Daraus kannst du
meinethalb an einer Musterung einen Schoppen trinken, kannst etwas zusammentun,
wenn du in Garnison mut; das reicht vollkommen hin dazu. Du hast schon viel
Lohn eingezogen, aber wenn du mir glauben und folgen willst, so kommst du schon
dieses Jahr aus den Schulden; das andere Jahr kannst du ans Vorschlagen gehen.
Und wenn du mir glaubst, so ist dann nicht gesagt, da ich nur dreiig Kronen
Lohn geben knne. Wenn ein Knecht so recht bei der Sache ist und mit seinem Sinn
nicht nur beim Narrenwerk, wenn man ihm etwas anvertrauen kann und es gleich
geht, sei ich dabei oder nicht, und ich nicht allemal mit Kummer heim mu, es
sei etwas Ungrads gegangen, so, Uli, kommts mir auf ein paar Kronen nicht an.
Denk daran, Uli: je besser die Gewohnheit, je besser der Name, desto besser auch
der Lohn.
    Dem Uli gingen ob diesen Reden Maul und Nase auf, und endlich sagte er: Das
wre wohl schn, aber es werde es kaum geben, er glaube nicht, da er das
usgstang. He, probiere einmal einen Monat und siehe, wie es kommt, und sinn
nicht an Laufen, Schoppen und das Wirtshausgehen, so wird es sich schon machen.

                                Fnftes Kapitel


            Nun kommt der Teufel und set Unkraut in den guten Samen

Und es ging recht ordentlich manchen Sonntag lang. Der Uli ging wieder zKilchen
und dachte daran, da er ein Mensch sei und da er auch selig werden mchte. Er
fing auch an zu glauben, da der Meister doch etwas recht haben mchte; denn
wenigstens zwei Neutaler htte er frher in dieser Zeit fr nichts ausgegeben,
die er jetzt noch im Sack hatte. Er war auch ein Anderer bei der Arbeit, es ging
ihm alles noch ein, mal so rasch von der Hand, und weil er wirklich des Nachts
schlief, des Sonntags ruhte, den Krper nicht durch Ausschweifungen schwchte,
so schien ihm keine Arbeit mehr schwer; es war ihm fast, als ob er nicht mehr
mde werden knnte. Der Meister sah mit Freuden, da es so gut komme, und wenn
er ihm etwas zuhalten konnte, so tat er es, mrtete ein greres Trinkgeld ein,
wenn es ihn dnkte, der Metzger vermge es und es sei ihm angst um die Sache,
nahm Uli mit auf einen Mrit oder schickte ihn hier oder dort aus, wenn et - was
zu verrichten war, damit Uli doch auch sein Plsier htte, und wenn Uli einen
Schoppen trank auf diesen Wegen, so zahlte ihn der Meister.
    Natrlich fiel Ulis Betragen auch Andern auf, zuerst seinen Mitdiensten,
dann den Nachbaren. Es geht unter den Diensten gerne wie unter Jakobs Shnen.
Wenn Eines besser ist als die Andern und daher auch den Meisterleuten lieber, so
verfolgen es die Schlechtern, fhren es aus und ruhen nicht, bis sie es
vertrieben haben oder so schlecht gemacht, als sie selbst sind. Sie wollen
nicht, da Meisterleute es erfahren, was ein guter Knecht, eine gute Magd
ausrichten knne; sie frchten, es mchte dann allzu sichtbar werden, wie
schlecht sie seien, und ihnen auch mehr angemutet werden, ein anderes Betragen,
ein rhrigeres Schaffen. Das wollen sie nicht, es soll der Meister keinen
Vorteil an ihnen haben; sie wollen nicht Ghle, Narren, Trpfe, Khe sein und
sich zTod werchen, wo sie nichts davon htten; sie machten, wie sie es gewohnt
seien, und wenn es so nicht anstndig sei, so gingen sie weiters. Es ist daher
sehr oft die Dienerschaft eine gegen die Meisterleute verschworne Bande. Das
Komplott besteht darin, so viel Lohn, so viel Freiheit, ein so gut Leben zu
erzwingen als mglich, und wenn es nicht nach den Kpfen geht, die Meisterleute
so zornig als mglich zu machen. Es braucht viel Kraft und viel Klugheit, solche
Komplotte zu zerstren, und viel Liebe und viel aufrichtige Wohlmeinenheit, sie
nicht aufkommen zu lassen. Es gibt jedoch Diensten, deren feindseliger Sinn auf
keine Weise zu brechen oder zu vershnen ist und die daher gegen jeden Meister
feindselig verfahren und allenthalben den Frieden stren, wohin sie auch kommen.
    Die Nebendiensten fingen daher bald an, auf Uli zu sticheln, zu sagen: Sie
wollten einmal Narren sein, so auf den Meister zu sehen, sie begehren nicht die
Liebsten zu sein, oder aber, wenn sie eine Viertelstunde an ihren Hauenstielen
gedampet hatten, zu trmpfen, sie mten sich zur Arbeit halten, der Meister
wte am Abend, wie manchmal eins geleuet htte. Das machte Uli bse, denn er
machte nicht den Ohrentrger, und mehr als einmal lie er sich verfhren, mit
der Bande zu rsonieren und zu schlumpen. Wenn er aber darber dachte, so dnkte
es ihn doch, es sei dumm von ihm. Sobald er mitmachte und mitrsonierte, war er
unzufrieden und mimutig; sobald er nicht von Herzen arbeitete, hatte er
Langeweile, und er wurde noch einmal so mde dabei. Er tat sich selbst also
ebenso viel zuleid als dem Meister, und wenn er so fortfahre, so sah er wohl,
da er einen mimutigen, unzufriedenen Menschen abgebe, dem die Arbeit eine
Plage sei. Er sah doch, da auf des Meisters Seite die grere Gutmeinenheit sei
und da wenn er diesem gehorche, es ihm besser gehe, und wenn auch der Meister
Nutzen htte von seiner guten Auffhrung, so htte er selbst doch noch den
grern und bleibenderen davon.
    Es kam ihm vor, als ob da zwei Mchte sich um seine Seele stritten, fast
gleichsam ein guter und ein bser Engel, und jeder ihn haben wollte. Der Pfarrer
hatte nmlich einmal in einer Predigt gesagt: Zu den ersten Eltern im Paradies
htte Gott geredet und die Schlange. Gott hatte ihnen etwas zu ihrem Besten
verboten, und die Schlange htte aufgewiesen, Gott und sein Gebot verdchtigt,
als ob er dasselbe nur zu seinem eigenen Nutzen gegeben htte, htte auch den
Menschen geschmeichelt, und so htten die ersten Eltern der Schlange, der
Aufweisung mit ihrer verfhrerischen, schmeichlerischen Rede Gehr gegeben und
seien darob unglcklich geworden und htten ihre Nachkommen mit ins Unglck
gezogen. Nun sei das sehr wunderbar, da die beiden Stimmen alle Menschen durchs
Leben begleiteten und aus Menschenmund zu ihnen kmen. Es sei selten ein Mensch,
den nicht gute Menschen zum Guten mahnen mit Liebe und Ernst, den hin, wiederum
nicht bse Menschen aufreisen und zum Bsen antreiben, indem sie sich mit ser
Rede als Freunde stellen oder mit Spott seine Eitelkeit erregen. Und etwas sei
in uns, das mahne, den guten Menschen zu gehorchen; aber noch ein Anderes sei in
uns, das lieber den bsen Menschen hre, das sich durch Schmeichelei gerne
verfhren lasse, das grern Glauben habe zu denen, welche zum Bsen antreiben,
als zu denen, welche zum Guten mahnen. Daher geschehe es zumeist, da die Bsen
die Gewalt bekmen und die Menschen ins Unglck fhren knnten; hintendrein
lachten sie dann und htten ihr Gesptt mit dem Unglcklichen, der es zu spt
einsehe, wer es eigentlich gut mit ihm gemeint htte.
    So kam es Uli manchmal in Sinn, es gehe ihm jetzt gerade so, und doch war er
so oft nicht Meister ber sich, und die bsen Stimmen erhielten Gewalt ber ihn.
Besonders als nun auch Nachbaren auf Uli aufmerksam wurden und ihr Maul
hineinhngten und den Uli aufzureisen suchten. Einer war Ulis Meister feindlich
und verstund es meisterlich, fremde Dienste anzulocken und sie, wenn er sie
hatte, auszunutzen auf eine unglaubliche Weise. Der tadelte selten einen Knecht,
er rhmte sie, da die Schwarten krachten, und trieb sie damit zu bermigen
Anstengungen und lachte den Buckel voll, wenn sie so recht bysteten und
berzeten. Der hatte nicht ungern, wenn sie hudelten, und sie hatten in seinem
Hause auch Freiheit zu allem Wsten: Mgde und Knechte konnten miteinander
umgehen wie Eheleute; das behielt Viele trotz des schlechten Lohns bei ihm. Er
streckte ihnen gerne Geld vor, denn wenn sie seine Schuldner waren, so waren sie
auch mehr oder weniger seine Sklaven; die Schulden waren das Seil, an dem er sie
festhielt.
    Diesem Meister hatte Uli schon lange in die Augen geschienen, ganz wie
gemacht fr ihn: ein hbscher Lockvogel fr Mgde, die nicht ungern in ein Haus
dingen, wo Freiheit ist und ein hbscher Knecht dazu; ein guter Bastesel, der
die Arbeit verstund, aber liederlich war und etwas einfltig, schien eben recht
zum Brauchen und Ausnutzen. Dieser Meister spottete erst, wenn er Uli des
Sonntags daheim sah: Er werde wollen geistlich werden oder in die Versammlungen
gehen! Es gehe auch kurzweilig zu dort, und das auf die Fe Trappen sei noch
nicht abgestellt bei ihnen. Das guselte Uli, da man ihn fr einen Geistlichen
ansehen wollte, und es juckte ihn, recht wst zu tun, damit man ja nicht glaube,
er sei besser als ein Anderer. Es ist gar merkwrdig, fr was alles die Jugend
sich schmen zu mssen glaubt: nicht nur, minder Geld zu haben, minder hbsch zu
sein, minder stark, minder schon gekleidet, sondern es schmen sich gar Viele
auch, minder wst zu tun als Andere. Doch hielt Uli noch an sich.
    Als der Nachbar mit Sptteln nichts abbrachte, so versuchte derselbe es mit
einem andern Ton. Er begann Uli zu rhmen, wie er afe einer sei und wie ihm
schon lange Keiner unter die Augen gekommen sei, der ihm die Schuhriemen
auflse. Gerade so einen htte er schon lange gewnscht, allein er htte das
Gfell nicht. Es sei nur schade, da ihn sein Meister htte; der wte nicht, was
er an ihm habe. So machte er Uli den Kopf gro und fing allgemach an, den Dienst
ihm zu erleiden. Er deutete ihm darauf hin, wie man alles an ihn lasse, ihm
immer mehr auf brde, ihm Sachen anmute wie sonst nirgend einem Knecht, und wie
sein Meister den Faulhund mache und ihn allenthalben am schwereren Orte nehmen
lasse. Der Meister hatte nmlich im Herbst den Uli einen Acker sen lassen,
whrend er selbst geeggt, hatte ihn Pflug halten lassen, whrend er den Ackerbub
machte. Er hatte Uli gesagt, er msse das auch lernen, wenn er ein Hauptknecht
werden wolle. Es gebe gar manchen Platz, und das seien gewhnlich die besten, wo
ein Knecht alle Arbeit msse machen knnen, und es sei doch nichts Traurigers
als so ein Baurenknechtlein, das nicht die halbe Landarbeit verstehe; und deren
gbte es ganze Hutten voll, die nichts anderes knnten als so geradehin hacken,
holzen und heuen. So hatte der Meister gesagt und den Uli an den Pflug gestellt,
was hundert Vter an den eigenen Shnen nicht tun, solange sie ein Bein machen
knnen, ihnen Pflughalten und Sen nie anvertrauen aus Furcht, es knne eine
Handvoll Korn mehr gebraucht oder sonst irgend ein Fehler gemacht werden. Und
gerade seine Wohlmeinenheit wurde ihm nun so bel ausgelegt und dem Uli alle
Tage der Kopf grer gemacht, wie der Meister alles an ihn lasse und wie der
Meister es nicht mehr machen knnte, wenn Uli einmal fort sei.
    Es nimmt mih nume ds Tfels wunder, wie es denn einist gah soll, wenn du
nicht mehr da bist; sie werden es dann erfahren, das ist ein Spruch, mir
welchem man schon viele hundert Dienste von ihren Pltzen weggesprengt hat. Es
reitet sie der Teufel immer mehr durch den Gwunder, wie es dann gehe, wenn sie
nicht mehr da seien. Es steigt immer mehr die Lust zu Kopfe, einmal seine
Unentbehrlichkeit zu zeigen, zu erfahren, ob man es knne ohne sie, zu erfahren,
da ein Meister oder eine Meisterfrau bittend komme mit dem Bekenntnis: Sie
knnten es durchaus nicht mehr machen ohne Lisi, ohne Benz. Es trumen tausend
halbbatzige Knechtlein und Mgdlein ganze Jahre durch von dieser
Unentbehrlichkeit und wenn Weihnacht kommt und sie ihren Bndel weitertragen, so
will niemand ihnen nachlaufen und sagen: Benz, Lisi, bleib doch da dr tusig
Gottswille; gb wie sie zurck, schauen, es kmmt niemand. Da treibt sie
vielleicht schon die nchste Woche der Gwunder, wie man es ohne sie mache, in
ein Nachbarhaus, wo sie etwas sehen und etwas vernehmen knnen ber die neuen
Diensten und den Stand der Dinge. Und siehe da, es geht, und die neuen Diensten
sind ungefhr wie die alten, und wie sie sich auch mit der Hoffnung trsten, das
bleibe nicht vierzehn Tage beieinander, so geht es doch wie das vorige Jahr von
einer Weihnacht zur andern. Und mit jeder Weihnacht zgeln sie weiter, und
niemand will sie zurckrufen, und allenthalben geht es ohne sie. Ach, es mchten
die Menschen so gerne unentbehrlich sein und verstehen doch so selten, sich
unentbehrlich zu machen.
    So stieg die Aufweisung dem Uli nach und nach ins Haupt. Es verstehen gar
selten Menschen und selbst nicht blo Hochgestellte (die am allerwenigsten),
sondern auch Hochgebildete, der Aufweisung zu widerstehen; es ist also Uli nicht
zu verargen, wenn er die Laus nicht hinunterwarf, welche ihm hinter den Ohren
krabbelte. Was ihn der Meister aus Gutmeinenheit machen lie, das schien ihm
eine ungerecht und mutwillig aufgebrdete Last. Er dachte selten mehr an die
guten und bsen Stimmen, und sein Kopf schwoll immer mehr an, und immer
unwirscher ward es inwendig, und der Nachbar sah mit mchtiger Schadenfreude die
Wirkung des eingespritzten Giftes und wie Uli nher und nher dem aufgespannten
Garne kam. Der Meister dagegen merkte mit Bedauern, da etwas wie eine finstere
Wolke zwischen ihr Vertrauen getreten. Er wute nicht was, und mit angestammter
Kaltbltigkeit berlie er das Aufdecken dieses Unbekannten der Zeit; denn
besondere Gelegenheit, mit Uli zu reden, bot sein Betragen nicht dar, es war
uerlich noch geregelt, und eine Gelegenheit machen war nicht Sache von
Johannes.

                                Sechstes Kapitel


                  Wie das Hurnussen dem Uli vom Unkraut hilft

Es war schon lange die Rede davon gewesen, da die Bursche aus Ulis Gemeinde,
die Erdpfelkofer, mit den Brnzwylerern einen Wetthurnuet abhalten sollten.
Das Hurnuen ist nmlich eine Art Ballspiel, welches im Frhjahr und Herbst im
Kanton Bern auf Wiesen und ckern, wo nichts zu verderben ist, gespielt wird, an
dem Knaben und Greise teilnehmen. Es ist wohl nicht bald ein Spiel, welches
Kraft und Gelenkigkeit, Hand, Aug und Fu so sehr in Anspruch nimmt als das
Hurnuen. Die Spielenden teilen sich in zwei Partien, die eine hat den Hurnu zu
schlagen, die andere ihn aufzufangen. Der Hurnu ist eine kleine Scheibe von
nicht zwei Zoll im Durchmesser, in der Mitte etwas dicker als an den Rndern,
welche abgerundet und zwei Linien dick sind. Derselbe wird mit schlanken Stecken
von einem Sparren, der hinten auf dem Boden, vornen auf zirka zwei bis drei Fu
hohen Schwirren liegt, geschlagen, auf den er aufrecht mit Lehm angeklebt wird.
Etwa zwanzig Schritte weit vor dem Sparren wird die Fronte des Raumes
bezeichnet, innerhalb welchem der Hurnu fallen oder abgetan werden mu. Dieser
Raum oder dieses Ziel ist an der Fronte auch ungefhr zwanzig Schritte breit,
erweitert sich nach und nach auf beiden Seiten, hat aber keine Rckseite,
sondern ist in seiner Lngenausdehnung unbegrenzt; so weit die Kraft reicht,
kann der Hurnu geschlagen werden. Innerhalb dieses Zieles mu nun der sehr
rasch fliegende Hurnu aufgefat, abgetan werden, welches mit groen hlzernen
Schaufeln mit kurzen Handhaben geschieht. Fllt derselbe unabgetan innerhalb des
Zieles zu Boden, so ist das ein guter Punkt. Wird er aber aufgefat oder fallt
er dreimal hintereinander auerhalb der Grenzen zu Boden, so mu der Schlagende
zu schlagen aufhren. Die zwei Partien bestehen aus gleich viel Gliedern und
schlagen und tun wechselseitig den Hurnu ab. Haben alle Glieder einer Partie
das Schlagrecht verloren, indem der Hurnu entweder abgefat worden oder auer
das Ziel gefallen, so zhlen sie die guten Punkte und gehen nun ins Ziel, um den
Hurnu aufzulassen, den nun die andere Partie schlgt, bis auch alle Glieder das
Schlagrecht verloren. Welcher Partie es gelungen ist, mehr Punkte zu machen, den
Hurnu ins Ziel zu schlagen, ohne da er abgetan wird, die hat gewonnen. Nun mu
man wissen, da dieser Hurnu fnfzig bis siebzig Fu hoch und vielleicht sechs-
bis achthundert Fu weit geschlagen wird, und doch gelingt es bei gebten
Spielern den Partien oft nicht, einen einzigen Punkt zu machen, hchstens zwei
bis drei. Es ist bewunderungswrdig, mit welcher Sicherheit gewandte Spieler dem
haushoch ber sie hinfliegenden Hurnu ihre Schaufel entgegenrdern, wie man zu
sagen pflegt, und ihn abtun mit weithin tnendem, hellem Klang, mit welcher
Schnelligkeit man dem Hurnu entgegenluft oder rckwrts springt, um ihn in
seinen Bereich zu kriegen. Denn je gewandter ein Spieler ist, ein desto grerer
Raum wird ihm zur Bewachung anvertraut. Je gewaltiger einer den Hurnu zu
schlagen vermag, um so mehr mssen die Auflassenden im Ziel sich verteilen, so
da groe Zwischenrume zwischen ihnen entstehen und auf den geflgelten Hurnu
eine eigentliche Jagd gemacht werden mu. Dieses Spiel ist ein echt nationales
und verdient als eins der schnsten mehr Betrachtung, als es bisher gefunden
hat. Da es ein nationales ist, beweist das am besten, da ein ausgezeichneter
Spieler durch eine ganze Landschaft berhmt wird und die Spieler verschiedener
Drfer ordentliche Wettkmpfe miteinander eingehen, wo die verlierende Partie
der gewinnenden eine rti zahlen mu, das heit ein Nachtessen mit der ntigen
Portion Wein usw.
    Zur Zeit, als die Erdpfelkofer und die Brnzwylerer mit einander hurnuen
wollten, war noch der Dorfha in vollem Leben. Es war nmlich eine Zeit im
Kanton Bern, wo jedes Dorf das andere hate, jedes Dorf seinen Spottnamen hatte,
wo dieser Ha bei jedem Tanz, an jedem Markte und zwischendurch im Jahr noch
sehr oft mit Blut neu besiegelt wurde, daher nie veraltete, sondern in seiner
gleichen Schrfe von einem Geschlecht zum andern berging. Damals schlug man
sich mehr als jetzt, es flo mehr Blut als jetzt; aber damals war es ein
nationales Schlagen mit Scheitern, Stuhlbeinen, Zaunstecken, und die harten
Bernergrinden wurden wohl sturm davon, aber brachen nicht ein. Jetzt aber ist es
mehr ein banditenmiges Morden, ein unnationales Messerbrauchen, und je
stumpfer das Schwert der Gerechtigkeit wird, desto schrfer werden die Messer,
und je feiger die Richter sind, desto frecher wird das Pack. Ach Gott, wenn doch
so ein Richter durch seine vermeintliche Popularitt hindurch sehen knnte, wie
geehrt und beliebt er sich durch seine Feigheit macht, wie hoch ihn die Mit- und
Nachwelt schtzt, wenn er jedem Spitzbuben, jedem Vieh herauszuhelfen sucht, ja
dadurch so recht eigentlich zu ihrem Helfershelfer sich macht, er wrde zittern
und schlottern vor Angst und Scham und doch vielleicht nicht anders knnen, von
wegen seinen natrlichen Anlagen.
    Schon lange hatten sie sich gegenseitig ausgeboten und verhhnt, schon
manches Loch in die Kpfe war geschlagen worden, ehe man dazu kam, einen Tag zum
Wettkampf an, zusetzen. Nun entstund in beiden Drfern ein reges Leben, jede
Abendstunde wurde zur Vorbung benutzt. Die Alten brummten ber viele
Zeitversumnis, sagten voraus, das wer - de eine schne Geschichte absetzen, und
doch nahmen sie eifrig teil an allem, nahmen selbst noch die Schaufeln zur Hand
und probierten die Schlagstecken, wie sie sich in die Hand schickten und was fr
einen Zug sie htten, bis sie sich nicht enthalten konnten, den Hurnu auch zu
schlagen. Zugleich fhrten sie die Jungen aus, wie sie gar nichts mehr knnten
und wie die Andern ihnen den Marsch machen werden, und doch lieen sich noch
einige alte Berhmtheiten mit fast weien Haaren erbitten, am eigentlichen
Kampfe teilzunehmen. Die Auswahl der Spielenden geschah mit der grten Sorgfalt
und nach langem Prfen und Wgen, denn die Ehre des Dorfes stund auf dem Spiele,
und es war lustig anzusehen, wie die Auserwhlten sich ordentlich in die Brust
warfen, die Nichterwhlten aber sich klein machten und demtig zu den Andern
aufschauten.
    Unter den Auserwhlten sollte auch Uli sein, denn fr so ein Junger war er
ein Meister, und wenn ihm schon im Schlagen noch hie und da ein Streich fehlte,
so war er doch im Abtun, wo es Springen und Werfen galt, einer der Tchtigsten.
Sein Meister riet ihm ab, die Wahl anzunehmen. Das sei nichts fr ihn, sagte
derselbe. Verliere seine Partie, so komme er unter fnfundzwanzig bis dreiig
Batzen nicht daraus. Das sei noch das Wenigste. Am Abend gebe es Streit, und was
dann das kosten werde, das wisse man nicht voraus. Wenn es bs gehe, so knne es
zu Leistungen kommen, und man habe Beispiele, da so ein Streit viele hundert
Kronen gekostet habe. Das sei fr reiche Bauernshne, welche gerne ihre Neutaler
sonneten und denen ihre Alten nichts darauf htten, wenn sie nicht alle halben
Jahre eine Ausmacheten htten, wenn sie nicht whrend ihrer ledigen Zeit einige
hundert Neutaler an Schmerzengeld und Buen zahlen mten. Ob solchem sei schon
mancher Bauer arm geworden, ein Knechtlein vermge es vollends nicht. Er solle
daher zurckbleiben, meinte der Meister, es knnte ihn sonst um manches Jahr
zurckschlagen, ja machen, da er nie mehr ins Geleise kme. Den Uli dnkte, was
der Meister sagte, gar vernnftig, ob, gleich es ihn hart hielt, nicht an der
Ehre teilzunehmen, an jenem Sonntag vor der groen Zuschauerschaft als ein
bewhrter Hurnuer aufziehen zu knnen. Er ging den nchsten Abend hin, um
abzusagen. Natrlich nahm man sein Wort nicht gerne an, und unglcklicherweise
war gerade jener oben genannte Nachbar auch dabei. Nachdem man lange umsonst in
Uli gedrungen war, nahm jener Nachbar ihn nebenaus und stellte die Sache nun
anders dar.
    Der sagte nun dem Uli, wie es seinem Meister nur darum zu tun sei, da er
ihm nicht etwas versume und da er nicht etwa einen Abend fr ihn fttern
msse. Er kenne den Bodenbauer von Jugend auf, sagte er. Das sei ihm der grte
Fuchs und scheinheiligste Ketzer unter der Sonne, und so wie er wisse Keiner die
Diensten auszunutzen. Da gebe er ihnen alles Mgliche an und stelle sich lauter
gutmeinend, nur um sie zu Hause zu behalten, damit keiner einen Augenblick
versume und er sie brauchen knne Tag und Nacht. Auch wolle er nicht, da sie
mit andern Leuten Gemeinschaft htten und Bekanntschaft machten, damit sie nicht
vernhmten, wie viel Lohn man hier oder dort gebe, wie gut man es htte usw. So
mache er es allen seinen Diensten, und wenn er einen recht ausgenutzet habe, ihm
alles aufgebrdet und der etwas mehr Lohn wolle, so jage er ihn fort und stelle
wieder einen wohlfeilern an. Jetzt wolle er nur nicht, da Uli gute
Kameradschaft mache mit reichen Bauernshnen und dadurch vielleicht sein Glck
machen knne, man wisse nicht wie. Er, Uli, solle nur dem Meister sagen, man
htte ihn nicht loslassen wollen. Es sei ihm ntzlicher, der Meister brumme ein
wenig, als wenn die ganze Dorfschaft ihn zHa ergreifen wrde. Uli schwankte,
gab nach; solche Worte fanden noch Glauben bei ihm, zudem gefiel ihm die
Kameradschaft mit reichen Bauernshnen; er wute nicht, da auch hier das
Sprchwort giltet, es sei bs mit groen Herren Kirschen essen, weil sie einem
gerne Steine und Stiele ins Gesicht wrfen, das Fleisch aber behielten. Wer mit
Hhern ohne eigenen Schaden umgehen will, mu sehr klug sein, sonst wird er
mibraucht, mu die Ehre teuer bezahlen und wird am Ende doch mit Spott und Hohn
weggeworfen, wenn man seiner satt hat oder ihn nicht mehr zu brauchen wei oder
wenn er sich einfallen lt, Ansprche zu machen. Das ist ganz akkurat gleich zu
Erdpfelkofen wie zu Paris, zu Brnzwyler wie zu Bern.
    Als Uli dem Meister sagte, er msse doch mithalten, man wolle ihn nicht
loslassen, so erwiderte dieser wenig darauf, nur ermahnte er Uli, da er sich
wohl in acht nehmen mchte; es wre ihm leid, wenn er in Ungelegenheit kme und
wieder ans alte Ort. Diese Milde rhrte Uli fast, und beinahe wre er jetzt noch
zurckgegangen, aber die falsche Scham war strker in ihm als die gute Regung.
    Der ersehnte Sonntag brach endlich an, und mit ihm nahm Manchem eine
schlaflose Nacht ihr Ende. Wenige hatten Zeit, die Kirche zu besuchen; alle
Teilnehmer muten sich rsten, Schaufeln probieren, Stecken fecken, die Andern
hatten ihnen zu helfen, und alle Weiber muten das Mittagsmahl wenigstens eine
halbe Stunde frher bereit halten als sonst, was fr die einen eine schwere
Aufgabe war, welche Fleisch im Hafen hatten, das drei Jahre im Kamin gehangen
und von einer Kuh gekommen war, welche, wenn sie eine Frau gewesen, fast gar zur
goldenen Hochzeit gekommen wre.
    Indessen wenn das Fleisch auch blieb wie mittelmiges Sohlleder, heute nahm
es niemand bel, und glcklich war man, als endlich nichts mehr zwischen dem
Nachmittage war, an dem des Dorfes Ehre fr Kind und Kindeskinder neu bewhrt
werden sollte.
    Noch lange hatte die bestimmte Stunde nicht geschlagen, als man schon mit
dem Rstzeug auf den Achseln Einzelne dem Sammelplatz zuziehen und dort Stecken
und Schaufeln von Hand zu Hand zu sorgfltiger Prfung wandern sah. Die Knaben
drngten sich gar eifrig herbei und schwangen mit Eifer die Stecken und redeten
mit gar wichtigen Gesichtern, welche Schaufel am besten in die Hand sich
schicke; die Alten aber stunden scheinbar kaltbltig drauen auf der Strae, die
kurzen Pfeifchen trotzig im Munde, die Hnde in den Kuttentschen und
Westenscken, und redeten vom Luft und vom Sen. Endlich wurde aufgebrochen, die
jubelnde Jugend voran. Mit glcklichen Gesichtern die, welche eine Schaufel,
einen Stecken tragen konnten, branzend und zankend die, welche leer
nebenbeiliefen, khn und trotzig, hie und da einer einen ungelenken Sprung
versuchend, wenn er eben ein Mdchengesicht erblickte, das ihm nicht
gleichgltig war, marschierten die Kmpfer in halbmilitrischer Ordnung nach,
und hintendrein trtscheten, wie in halbem Selbstvergessen, die Alten, und einer
sagte dem andern, er msse auf seinen Acker, man habe ihm gesagt, die Schnecken
machten gar wst in seinem Roggen, und da gehe es ihm in einem zu, zu sehen, wie
die Jungen es verspielten. Es sei unter ihnen kein Einziger, der ihm die
Schuhriemen aufgetan htte, wo er noch jung gewesen, und doch seien noch ein
halb Dutzend ebenso bs gewesen oder noch bser als er. Und als die Mannschaft
aus dem Drfchen war, hielt das Weibervolk Rat, was sie wohl zWort haben
knnten, um auch auf dem Kampfplatz zu erscheinen oder wenigstens von weitem
zuzusehen. So mir nichts dir nichts dem Zuge nachzulaufen, schmten sie sich. Ei
nun, die Vorwnde waren bald gefunden! Die jungen Mdchen zogen aus in langen
Zeilen, Hand in Hand, und flatterten herum, bis sie mitten unter den Buben
saen; etwas ltere zogen langsam, in weiten Kreisen um den Platz herum und
stellten sich in geziemender Entfernung auf einem kleinen Hbeli auf, wo sie
weithin gesehen wer, den konnten, und eine Alte nach der andern trappete nach
mit einem Kinde an der einen, einem Rosmarinstengel in der andern Hand und sagte
jedem Begegnenden: Sie msse auch noch da hinaus, wenn es ihr schon zwider sei,
aber das Kleine htte ihr keine Ruhe gelassen. Es wolle auch luegen, wie dr tti
hurnuen knne, htte es gesagt.
    Es war ein schner herbstlicher Tag, hell die Luft und grn die Erde;
einzelne Schfchen gingen am Himmel, ganze Scharen weideten auf der Erde, und
eine liebliche Wrme lag auf Menschen und Tieren, die in ser Behaglichkeit
sich ausstreckten im grnen Grase an der hellen Sonne.
    Drauen trafen auf einer weiten Matte die Partien zusammen und ordneten sich
zum Spiele, das hundertmal schner und tausendmal nationaler ist als das
fratzenhafte Komdiespielen, das den Leib nicht bt, an dem die Seele nicht
wohl, lebt, das eine leidige Nachahmung ist und Gelegenheiten zum Faulenzen oder
Hudeln gibt.
    Der gnstigste Standpunkt wurde auserlesen, die Sonne fr die Abtuenden in
den Rcken genommen, der Sparren zum Schlagen des Hurnues sorgfltig gestellt,
wo kein dunkler Hintergrund das Aufsteigen des Hurnues verbarg, wo er gleich
von der Stange weg in freier Luft wahrgenommen werden konnte. Wo dies nicht
beachtet wird oder der Tag etwas dunkel ist und der Schlger den Hurnu rasch
und krftig zwickt, da fliegt er mit solcher Schnelligkeit, da er nicht
wahrgenommen wird, bis er Einem schwer verletzend an den Kopf fliegt oder mit
dumpfem Schlage neben Einem zu Boden fllt. Daher haben auch die Vordersten im
Ziele die Aufgabe, denselben, sobald sie ihn erblicken, mit Hnden und Schaufeln
den Hintern zu zeigen, und weithin schallt dann das ngstliche: Da da, da da,
hier hier!
    Lange gings, bis der Sparren oder die Stange aufgerichtet war in ebenrechter
Hhe, bis das Ziel ausgesteckt war in ebenrechter Weite und Breite, bis die
Regeln des Spieles festgesetzt waren und geloset war, wer anschlagen solle. Jede
Partie suchte ihre wirklichen oder vermeintlichen Vorteile, und eine brauchte
nur etwas vorzuschlagen, so verweigerte es die andere hartnckig, etwas
Verdchtiges dahinter witternd. Dann zankte man sich, bis die Alten sich
dareinlegten, den Einen oder den Andern nebenausriefen, ihm etwas ins Ohr
sagten, welches gewhnlich darauf hinauslief: mit Aufgeben eines Vrtelchens ein
anderes zu erlistelen.
    Es war schon ber zwei Uhr geworden, ehe die Spieler ins Ziel traten, sich
verstellten, vom Sparren herauf der Ruf ertnte: Weit dr ne?, von dort her die
Antwort kam: Gt ume!, ein Schlger rasch hinzutrat, aufzog, den Stecken ber
den Sparren, ihn hrbar berhrend, niedersausen lie, alle Herzen pochten, alle
Muler aufgingen, alle Augen in zitternder Spannung zum Hurnu sahen, ihn
suchten in der Luft, ihn nirgends sahen; und whrend alle die Augen aus dem
Kopfe sahen, tnte ein zweiter Schlag, da flog der Hurnu hoch herein bers
Ziel, wurde zu spt entdeckt und machte eins. Der erste Schlag war ein
Vexierschlag gewesen.
    Ich will nun nicht fortfahren, wie ich angefangen, nicht den Lauf des
gesamten Spiels erzhlen, wie oft man branzte miteinander ber vermeintliche und
wirkliche Tuschungen, wie man sich manchmal die Fuste unter die Nase hielt,
wie die Alten Schiedsrichter sein muten, wie sie mittelten von beiden Seiten
und wie die Jungen sich ihnen fgten, freilich oft sperrig; wie die Alten sich
nicht enthalten konnten, praktischen Unterricht zu geben, einem Schlger
zuzurufen: Er solle bas hingere stah oder bas fre; den Abtuenden: Sie sollen
sich besser auseinanderlassen und ihre Schaufeln nit z'gly werfen, das sei
nichts wert. Ich will auch nicht weiter beschreiben, wie allmhlich ein dichter
Kranz von Zuschauern die Spielenden umschlang, wie die alten Mtter mit
pochenden Herzen an dem Spiele teilnahmen, wie die Mdchen vor Angst oder Freude
zitterten, wenn ihr Liebster ans Schlagen trat oder den Hurnu abtat, auch
nicht, wie die Buben von Erdpfelkofen und Brnzwyler sich boshaft neckten und
endlich jmmerlich prgelten, bis die Mtter und Schwestern sie
auseinanderrissen, whrend die Vter und Brder es nicht der Mhe wert fanden,
einzuschreiten. Das alles will ich nicht erzhlen, sondern blo noch sagen, da
die Erdpfelkofer es verloren, freilich nur um eins, aber doch verloren. Sie
zankten sich zwar tchtig, ehe sie es glauben wollten, versuchten alle List und
alle Vrtel, konnten wirklich einen noch einmal schlagen lassen, nachdem er
schon abgetan worden, stpften einen Hurnu, der ins Ziel gefallen war, hinaus
und hoben ihn erst drauen auf und leugneten es dem alten Brnzwyler, der
pfiffig in der Nhe aufpate, ab; aber es half alles nichts, sie muten es
endlich verloren geben. Sie waren unwirsch und hielten den Entscheid des
Schicksals fr durchaus ungerecht, weil sie offenbar die Bessern gewesen, und
hie und da einer konnte sich nicht enthalten, einem schuld zu geben, da er
schlecht geschlagen oder im Abtun sich verfehlt. Die Alten verlieen brummend
den Platz und meinten, sie htten es schon lange gesagt, es komme so; allbets
wre es anders gegangen, sie seien manchmal dabeigewesen, aber so leid htten
sie sich nie gestellt. Und die Weiber und die Mdchen gingen auch mit schweren
Beinen heim und sagten: Das mach ihnen zuletzt noch nichts, wenns Ihrer schon
verspielt htten, wenn es hinecht nur nichts Uwatligs geb, aber sie frchte, die
kmen nicht ohne Klpf auseinander. He nu, was das denn mache, sagte so ein
alter Fger; er sei auch manchmal dabeigewesen, wo es Klpf gegeben habe, und
noch ganz andere als heutzutag, und er sei doch immer mit dem Leben
davongekommen.
    Uli hatte sich brav gestellt, und doch trmpfte ihn ein Baurensohn, der
selbst den Hurnu mehr als einmal liederlich vorbeigelassen, als ob er am
Verlust schuld sei. Das und die Aussicht, so mir nichts dir nichts um zwei bis
drei Pfund zu kommen, machte ihn ganz bse und rgerlich; er sagte: Er denk, er
komme nicht mit zum Trinken, es sei ihm nicht darum und er msse daheim fttern,
der Meister werde kaum daheim sein; es soll doch einer fr ihn zahlen, was es
ihm breiche, er wolle es ihm dann wiedergeben. Aber da sagte man ihm, ob man ihn
hintersich darauslassen wolle! Er htte es verspielen helfen, er msse jetzt
auch zahlen helfen und mit den Andern halten, es mge kommen, was da wolle.
    Das wre lustig, wenn jetzt ein jeder heim wollte, dem Metti unter dScheube
schlfen. Uli mute mit, unzufrieden mit sich selbst und der ganzen Welt. Er
hatte im Stillen gehofft, einmal wieder recht trinken zu knnen auf anderer
Leute Kosten, nun ging es ihm umgekehrt.
    Es war wirklich fr die Erdpfelkofer eine harte Nu, so gleichsam im
Triumph von ihren Siegern aufgefhrt zu werden dem auserwhlten Wirtshaus zu und
in diesem Zuge die frhlichen Gesichter der Brnzwyler Weiber und Mdchen zu
sehen und hren zu mssen: Wie sie es nicht geglaubt htten, da es Ihrer so
wohl knnten, aber da htten sie keinen vorbeigelassen, wie hoch einer auch
dahergekommen sei und wie schnausig. Sie muten es indessen leiden, gebrdeten
sich dabei aber so trotzig als mglich, waren auf Spottreden mit Schlagworten
bereit, und wenn die Mdchen mit schelmischen Blicken sie neckten, so vergalten
sie es ihnen mit schlpferigen Reden.
    Im Wirtshause glimmte das heimliche Feuer, vom Weine genhrt, immer mehr auf
Stichelreden flogen hin und her, und manche Faust hob sich, und manche Flasche
wurde zum Wurfe gefat; aber noch mittelten die ltern, setzten die Jngern und
mahnten, ja nicht anzufangen; aber wenn die Andern anfingen; so sollten sie sich
wehren vom Teufel und nichts borgen. Aber immer mehr stieg auch den ltern der
Wein zu Haupt. Sie begannen zu erzhlen von vergangenen Zeiten, wie sie hier und
dort sich geprgelt, da das Blut durch die Karrgluse gelaufen sei, wie aus
allen Husern die Leute zusammengelaufen seien, wie wenn man zusammengelutet
htte, und wie sie allen Meister geworden wren. Die Erdpfelkofer hielten den
Brnzwylern vor, wie oft sie dieselben gejagt, gescheitert, gebodiget htten.
Die Brnzwyler fhrten anderes an und namentlich den heutigen Tag, und wenn sie
es so verspielt htten, so wollten sie sich nicht so gro machen; es htten es
ja alle Leute sehen knnen, welche die Leideren seien. Und Einer begann dem
Andern vorzuhalten, wie er ihn dort in einen Bach geworfen oder in einer
Mistglle herumgezogen, mit einem Zaunstecken traktiert, da er am Boden gelegen
sei wie ein Kalb. Und der Andere erhob dann die Faust und wollte er, fahren, wer
heute Meister sei. Und die lteren, die frher abgewehrt, waren jetzt die
Hitzigsten geworden, und hier griff ein Paar zusammen, und dort drckten sich
einige alte Mannlein an die Wand, whrend einige mchtige Mnner ruhig hinter
den Tischen saen und mit bewunderungswrdiger Gravitt in das Getmmel
schauten, nur hie und da einige gewichtige Worte sprachen, als: Eh eh, ih wett
nit; la d gah, sust wills dr zeige;und ihre Worte verfehlten ihre Wirkung
nicht. Es waren die Knge, die man kannte, von denen man wute, da wenn die
einmal aufstnden, es den Fall Vieler zu bedeuten htte, denen es aber selten
mehr der Mhe sich lohnte, ihre Kraft in die Wagschale zu legen. Ihre Worte
untersttzten die Bemhungen des Wirtes, der Ruhe halten wollte, seiner Tische
und Sthle, seiner Flaschen und Glser wegen. Er war ein krftiger und beliebter
Mann, der ohne Furcht mitten unter die Streitenden trat, sie auseinandertat, den
Einen hiehin, den Andern dorthin setzte, wenn sie sich wehren wollten, und mit
mchtigem Arme den aus der Stube warf, der sich nicht ergeben, nicht ruhig sein
wollte.
    Dem guten Mann flo von der Stirne hei der Schwei: wenn er hier
auseinandergetan, so klebten dort Andere zusammen; aber er gab nicht nach,
sondern rief immer mchtiger: Hier sei er Meister und hier dulde er keinen
Streit; wer fr ds Teufels Gwalt Schlge haben wolle, der solle hinaus, dort
htten sie Platz genug, und dort knnten sie einander seinethalb dGringe
abschrye. Die recht Streitbrnstigen lieen sich das gesagt sein. Es verschwand
einer nach dem andern; einer wollte dem andern auflauern, und ehe er recht
drauen war, hagelten Streiche auf ihn ein wie von unsichtbaren Hnden; er
konnte kaum seinen Kopf sichern und mit Dreinschlagen den Feind sich vom Leibe
halten. Wie man es drauen so ttschen und klepfen hrte, so nahm es die drinnen
immer mehr wunder, wie es drauen ginge, sie strzten hinaus und hingen sich
auch in den groen, immer blutiger werdenden Knuel, auf den mild lchelnd die
heitern Sterne schienen, aber nicht hell genug leuchteten, da der Freund vor
Freundes Schlag sich wehren, der Feind den Feind er, kennen konnte. Es ging wst
drauen, und hie und da kam einer herein, mit Blut berstrmt, sagte, es werde
ihm fast gschmucht und man solle ihm Wasser geben. Der Wirt, der Wasser holen
wollte, kam auch blutend, mit zerschlagener Flasche und sagte den Kngen, die
noch immer am Tische saen, es wre doch afe Zeit, da sie hinausgingen und
shen, was es gebe; es dnke ihn, es gehe afe wst genug. Die Mannen tranken
aus, klopften ihre Pfeifen aus, erhoben langsam ihre Riesenglieder und schritten
langsam hinaus; sie wren schneller gegangen, wenn man sie gerufen hatte,
drauen einem Pferde die Fliegen zu wehren. Drauen stellten sie sich,
betrachteten gemchlich das Gewhl der auf dem Boden Liegenden, der in Masse
Kmpfenden, und endlich sagte einer: Es dunke ihn, es sollte jetzt genug sein,
sie sollten jetzt aufhren, sonst wolle man es ihnen teilen, aber dann unsauber.
La gseh, guetets jetz de? rief ein anderer, als der Streit fortdauerte, nahm
den Nchsten und schmi ihn rcklings in einen Haufen hinein, da er durch
denselben fuhr wie eine Kanonenkugel und jenseits in einem Zaune hngen blieb.
Die andern griffen auch zu, und es war merkwrdig zu sehen, wie die wildesten
Schlger im Arme eines der Knge zappelten wie Fische in der Hand einer Kchin,
und in krzer Zeit war der Platz von Streitenden leer, nur noch hie und da, in
immer zunehmender Ferne, hrte man Schlge fallen, Fluche schallen. Nun wurden
die Verwundeten aufgehoben, ausgewaschen und suchten sich im Geleite der Knge
den Weg nach Hause. Nur zwei von Brnzwyler wollten nicht fort, sondern blieben,
wie man zu sagen pflegt, in der Leistung liegen und begehrten einen Doktor, das
heit sie blieben auf Kosten ihrer Schlger liegen so lange als mglich oder bis
der Handel ausgemacht, die Entschdnis ausgemittelt war. Das wollte zwar den
Kngen nicht gefallen, sie sagten: Zu ihren Zeiten htte man sich wegen solchen
Flhbicken nicht umgesehen, es sei nichts mehr mit den Leuten. Aber die Bursche
lieen sich nicht abwendig machen; es waren halt nicht die reichsten und es war
ihnen nur um das Stck Geld zu tun.
    Uli war gereizten Gemtes zum Weine gekommen und hatte viel getrunken. Er
dachte, wenn er doch mitzahlen msse, so wolle er wenigstens machen, da er
redlich seinen Teil bekme. Er war auch im Streit gewesen, aber nur so im
allgemeinen, weil gerade kein besonderer Ha gegen irgend einen Brnzwylerer in
ihm war. Er teilte tchtige Schlge aus hie und da, aber mihandelte niemand
insbesonders; er erhielt einige re Klpfe, blutete, und sein Sonntagsstaat
hing ihm zerrissen am Leibe. Als die alten Fger dem Streit ein Ende machten, so
hatten die Erdpfelkofer die Oberhand, auch waren die beiden in der Leistung
Liegenden Brnzwylerer. Die Ersten schrieben sich daher den nchtlichen Sieg zu,
trsteten sich deswegen ber die Niederlage beim Hurnuen und verfhrten beim
Heimgehen einen Mordsspektakel, und manches unschuldige Bumchen und manch noch
unschuldigeres Fenster muten ihren Sieges- und andern Rausch ben. Die Helden
von Waterloo oder Morgarten konnten nicht bumeliger heimgekommen sein als sie.
Am Morgen verging Einigen der Jubel. Als Uli erwachte, der zerschlagene Kopf ihn
brannte, ein Arm sich fast nicht wollte bewegen lassen, seine zerfetzten
Sonntagskleider ihm in die Augen und die mchtige rti ihm ins Gedchtnis
fielen, da htte er fast weinen mgen. Jetzt sei alles aus, dachte er, Hausen
lohne sich nicht der Mhe. Er habe doch recht, ein arm Knechtlein komme zu
nichts, und wenn er ein einzig Mal bertrappe, so sei er fertig, es mge ihm
auch gar nichts erleiden. Er hatte allen Mut verloren, gab nicht nur niemand ein
gutes Wort, sondern ging umher wie eine geladene Kanone, vor der jedermann floh,
weil man frchtete, sie knnte jeden Augenblick losgehen.
    Unterdessen hatten die in der Leistung Liegenden zwei Mnner nach
Erdpfelkofen gesandt mit der Frage, ob sie es mit ihnen in Freundlichkeit
ausmachen oder ob sie es dem Landvogt anzeigen sollten. Diese Mnner hatten sich
an den Bauer gewandt, der den Uli aufgestiefelt hatte gegen seinen Meister, und
dieser gab ihnen den Bescheid: Man werde wohl ausmachen, wenn es der wert sei,
es werde wohl nicht so bs gegangen sein. Indessen msse er mit den Andern
reden, man knne ihnen morgen den Bescheid sagen lassen. Der Fuchs hatte seinen
Plan schon gemacht, wie er und seinesgleichen darauskommen wollten, ohne da es
sie etwas koste. Er gab unter der Hand den Andern an, sie wollten den Uli
vermgen, da er sich als den Schuldigen, welcher jene Beiden mihandelt,
dargebe und entweder mit ihnen abmache oder sich dem Landvogt anzeigen lasse.
Das tue der schon, sagte er, wenn man ihm den Mund recht s mache, ihm nicht
nur verspreche, ihn in allem auszuhalten, sondern noch einen schnen Lohn
obendrein zu geben. Man knne von diesem allem hintendrein immer halten, was
einem anstndig sei. Zugleich schmiere man so die Brnzwylerer an, die an Uli
auch nicht reich werden wrden.
    Das gefiel den Meisten wohl, da Uli die Suppe ausessen sollte; sie hatten
so halb und halb Angst, der Landvogt knnte diesmal nicht blo ben, sondern
bannisieren; und wenn ein reicher Bauernsohn schon das Geld lieb hat, so zahlt
er doch zehnmal lieber, als da er leistet, und sein Vater hundertmal lieber und
das Mtti gar tausendmal.
    Resli, wie der alte Fuchs hie, machte sich also an Uli, als der ftterte am
Abend, und sagte ihm, es htte gefehlt und die Brnzwylerer htten Mannen
geschickt und es komme jetzt darauf an, wie man es etwa ausmachen knne, viel
Geld knnte es allweg kosten. Das war bei Uli die Lunte auf die Kanone, und die
brannte nun krachend und donnernd ber Resli los. Uli nannte ihn einen alten
Schelm, der ihn ins Unglck gestrzt. Er htte nicht kommen wollen, Resli htte
ihn beredet; er htte den Streit nicht angefangen, gerade die Alten, wo am
witzigsten htten sein sollen, htten am wstesten getan, und namentlich er,
Resli. Nun sollte er, ein armes Knechtlein, ein halbes oder ganzes Jahrlhnli
dargeben, ein ganzes Jahr umsonst arbeiten; das sei vor Gott und Menschen nicht
recht! Aber so habe man es mit den dolderschieigen Bauren; wenn die ein arm
Knechtlein ins Unglck stoen knnten, so bsinnten sie sich nicht zweimal.
    Resli lie den Sturm gelassen austoben und sagte endlich: Wenn er ihn wollte
zu Worten kommen lassen, so sollte er gerade das Gegenteil erfahren; man htte
sein Glck im Sinn, und wenn er vernnftig tue, so wolle man es einrichten, da
er allein den Vorteil vom ganzen Handel htte. Er hatte Mhe, Uli zu gschweigen
und zum Losen zu bringen. Als es Resli endlich gelang, zu sagen, da Uli sich
als Tter dargeben solle, so ging ein neuer Schu los, Uli wollte vom Nachtrag
lange gar nichts hren. Endlich gelang es Resli doch, anzubringen, wie man
hinter ihm stehen und nicht nur alle Kosten tragen, sondern auch dem Uli ein
Schnes geben wolle fr sich; er solle nur fordern, man wolle ihm geben, bis er
zufrieden sei. Wenn Uli sich dargebe, so knne man es viel wohlfeiler ausmachen;
oder wenn es endlich vor den Landvogt komme und Uli leisten msse, so mache ihm
das ja nichts. Ein Kerli wie er finde allenthalben Meister; ds Guntrri, es
htte schon Mancher in der Fremde, wohin er nie gegangen, wenn er nicht
bannisiert worden wre, sein Glck gemacht. Und die fnfzig oder hundert Kronen,
die man ihm geben wolle, er solle ja nur heuschen, kmten ihm auch wohl; er
knne lange arbeiten, ehe er so viel verdient htte. Und wenn man ihm weiter
sonst dienen knne, so solle er nur zusprechen, man werde ihn nie stecken
lassen, sondern sein Leben lang ihm daran denken. Kurz Resli wute dem Uli die
Sache so s vorzustellen, ihm es glaublich zu machen, das er noch groen Gewinn
aus dem ganzen Handel ziehen wrde, statt Schaden zu haben, da er versprach,
nach dem Feierabend in eine Versammlung zu kommen, wo man das Nhere verabreden
wolle.
    So komm dann, sagte Resli, aber sag deinem Meister nichts, der braucht
eben nicht alles zu wissen, was wir unter uns machen; es geht ihn ja nichts an,
darum hat er nichts dazu zu sagen.
    Kaum war der Resli fort, so trat der Meister zu Uli in den Stall, und nach
einigen gleichgltigen Worten fragte er: Ist nicht der Resli bei dir gewesen?
Hat er etwa zu mir wollen, Uli sagte, er wisse es nicht, er htte nichts davon
gesagt. Der Meister sagte, er wte auch nicht, was er mit ihm htte, er werde
wohl nur zu Uli gewollt haben. Uli sagte, sie htten noch von gestern
miteinander brichtet. Der Meister wute wohl was. Er war, whrend Uli und Resli
miteinander geredet, die ganze Zeit ber im Futtergang gewesen, hatte alles
gehrt. Es ward ihm daher nicht schwer, durch eine Reihe von Fragen Uli endlich
zum Gestndnis der Wahrheit zu bringen. In seiner angestammten Bedchtigkeit
hatte der Meister einen Kampf in sich zu bestehen: ob er sich weiter in eine
Sache mischen wolle, die ihn allerdings nichts anging, und ob er eines Knechtes
gegenber von Nachbarn sich annehmen wolle. Indessen siegte seine Gutmtigkeit,
sein Wohl, wollen zu Uli und auch etwas der rger, da man hinter seinem Rcken
an seinen Knecht sich mache, ihn erst auf, reise und dann mibrauchen wolle. Er
sagte daher Uli: Du kannst meinethalben machen, was du willst; du hast mir
nicht gehorcht, als ich dir von dem Mitmachen abgeraten; du kannst jetzt auch
machen, was du willst. Indessen, wenn ich dir gut zu Rate bin, so la dich nicht
ein; man will dich hineinsprengen, und die Andern wollen sich hinter dir
drausmachen. Man wird dir alles versprechen, was du willst, aber gar nichts
halten. Wenn du mit den Brnzwylerern abmachst so kannst du bezahlen; wenn du
leisten mut, so kannst du ihrethalben gehen, wohin du willst, keiner wird dir
Dankeigist sagen. Glaub mir nur, so gehts; der Gattigs hab ich schon mehr
erlebt. Aber das wr ihm doch dr Tfel, sagte Uli; was man ihm verspreche,
werde man ihm wohl halten, oder er mte sich dann gar nichts auf die Leute
verstehen. Ja, du guter Tropf du, sagte der Meister, man hlt, was man gerne
will oder halten mu, aber mehr nicht, am aller, wenigsten in solchen Hndeln,
das sind die wstesten Bschyhndel von der ganzen Welt. Wenn man da einen
hinein, sprengen kann, so lacht man sich den Buckel voll.
    Da wurde es Uli angst, es war ihm fast, als wre er schon hineingesprengt,
und weinerlich sagte er: Er knne nicht glauben, da die Menschen so schlecht
seien; wenn es also wre, so erleide es einem, dabeizusein, und es wr eim am
besten, wenn man dahin und daweg aus allem heraus knnte, ganz aus der Welt
heraus. Da msse er die Leute nehmen, wie sie seien, sagte der Meister, er knne
sie nicht besser machen. Je gescheuter man sei, desto besser komme man mit ihnen
nach, denn da fanden sie nicht Gelegenheit, einen zu betrgen, und scheuten sich
auch mehr oder weniger davor; es heie ganz recht, man solle klug sein wie eine
Schlange, aber auch ohne Falsch wie eine Taube. Ein dummer Mensch sei eine
immerwhrende Versuchung fr Andere, ihn hinters Licht zu fhren, ihn zu
betrgen. Er solle nur gescheut tun, so htte alles nichts zu sagen. Ja, was er
dann zu machen htte? fragte Uli. Vielleicht wre das das Witzigste, du gingest
gar nicht hin, lieest dich nirgends finden; da wurden sie dann von selbst
deinen Namen aus dem Spiel lassen mssen. Indessen gehe und wehre dich, da
werden sie dir das Schnste versprechen und immer mehr und mehr und werden
schwren und alle Zeichen setzen, da es dir ganz warm ums Herz werden wird, da
es dich dnkt, es msse wirklich so sein und es wre die dmmste Sache von dir,
wenn du nicht nachgbest und dein Glck zu machen suchtest. Dann sag in Gottes
Namen Ja, aber man solle dir die Sache gschriftlich geben. Sieh dann, was das
fr Gesichter gibt und wie man dir sagen wird, das mangle sich nicht; wenn es
dir ja alle versprechen, so werde das wohl gut sein, und man wollte sich doch
schmen, so etwas zu versprechen und nicht zu halten. Indessen bestehe darauf
und sieh dann zu, was man dir gibt, wer es unterschreibt und da darin alle
vernamset seien und Einer fr den Andern gut ist. Ja, sagte Uli, das wre wohl
gut, aber er knne nicht Geschriebenes lesen. Ei nun, sagte der Meister, das
macht nichts; nimm das Papier nur heim, man kann sehen, was darin ist, und du
kannst morgen noch immer machen, was du willst. Aber meinst dann, Meister,
fragte Uli mit Beben, das mache nichts und ich verfehle mich nicht? Das kmmt
darauf an, sagte der Meister; wenn du mir diesmal glauben willst, dich nicht
willst mitreu machen, aufreisen lassen, so verspreche ich, dir hinauszuhelfen.
Willst du aber den Andern wiederum mehr glauben als mir, so kannst du
meinethalb; siehe dann, wie es dir geht. Ich habe es dir im voraus gesagt, wie
das Ding auslaufen werde, aber du hattest zu den Andern mehr Glauben als zu mir.
Ich wei wohl, wie sie mich werden verdchtigt und gesagt haben, es sei nur
Migunst von mir, nur Zwang, ich wolle meinen Leuten keine Freude gnnen; und
nicht recht von dir, Uli, da du solche Dinge von mir glauben konntest. Ich
htte geglaubt, du solltest wissen, wie ich es mit dir meine, und du verdientest
wirklich, da ich dich stecken liee. Aber das sage ich dir rundweg; wenn du mir
noch einmal so mitreu wirst und jedem Ohrenblser und Lumpenhund mehr glaubst
als mir und seine Aufweisungen gegen mich annimmst, so sind wir geschiedene
Leute fr immerdar. Wenn ich ein Vater an dir sein will, so kann ich doch
fordern, da du Glauben zu mir habest, und den solltest du wohl haben knnen!
Uli bekannte sein Unrecht und da er nicht geglaubt, da die Menschen so seien.
Was, sagte der Meister, da die Menschen so seien? Du hast ja geglaubt, ich
sei ein schlechter Meister und wolle dich ausnutzen; du hast geglaubt, da der,
der mit der Tat sein Wohlwollen dir zeigte, schlecht sei, hingegen gut
diejenigen, die dir flattierten, schmeichelten, aber auch nicht ein Augvoll an
dir taten. Du hast es gehabt wie alle: du hast den Glauben an die Schlechten
gehabt und Unglauben gegen die, welche gut an dir waren; dann kommst du wie alle
Andern: du httest nicht geglaubt, da die Menschen so schlecht seien. Das ist
eine unvernnftige Rede. Aber ihr knnt Gut von Schlecht nicht unterscheiden und
habt eine natrliche Vorliebe fr die, welche euch aufweisen, und eine
natrliche Abneigung gegen die, welche euch befehlen, euch in Ordnung halten
mssen, und darum glaubt ihr zehnmal einem Halunk und nicht einmal einem
Meister. Darum gehts den Meisten auch so gut und kommen so weit. Glaubs mir nur:
die, welche Knechte und Mgde haben mssen, sind weit mehr gestraft als die,
welche Knechte und Mgde sein mssen. Der Meister war wider seine Gewohnheit
ganz hei geworden. Uli hielt ihm an: Er solle doch recht nicht bse sein; wenn
es jetzt so gehe, wie er gesagt habe, so wolle er sein Lebtag an ihn glauben und
nie mehr an Aufweisungen und Halunken.
    Am andern Morgen frh kam Uli zum Meister und sagte ihm: Er htts nicht
geglaubt, aber punktum sei es gegangen, wie er gesagt; er glaube, der Meister
knne hexen. Sie hatten ihn fast gefressen vor lauter Liebe und Freundschaft,
und zwischenein habe hie und da einer ihn wollen zu frchten machen, und am Ende
htten sie ihm ber alles aus tausend Pfund fr ihn versprochen. Da habe er
nachgegeben und es gschriftlich gefordert. Lange htten sie mit ihm gezankt, und
endlich habe Resli gesagt: He, was das dann mache, sie knnten es ihm wohl
geben, und er solle selbst schreiben, wie er es haben wolle. Da habe er gesagt,
er verstand sich nichts aufs Gschriftliche, und Resli habe gesagt, so wolle er
es machen, und Zwei mten es im Namen aller unterschreiben. Nun htten sie ihm
dieses Papier mitgegeben, aber ihm gesagt, er solle es bei Leib und Leben
einstweilen niemandes zeigen, sonst knnte das Ganze fehlen; und wie sie es ihm
abgelesen, sei alles so gewesen, wie sie es abgeredet. Aber das htte ihm nicht
gefallen, sie htten zpflet untereinander, und jeder habe das Maul verzogen,
wenn er dareingesehen.
    Der Meister sagte: Soll ich dir jetzt ablesen, was darauf steht; Hr:
    Da vergangenen Sonntag es schlecht gegangen mit dem Hurnuen und da
nachher auch bel geschlagen worden, woran des Bodenbauren Knecht schuld ist und
sich auch als schuldig dargegeben und bekannt hat und alle hiemit liberiert
sind, das bezeugen mit ihren Unterschriften fr sie und die Andern:
Heuschrecken, den siebenesiebezigst Jnner 1000,8005.
                                                                  Johnes Frfu.
                                                         Bendicht Hemmlischilt.

Als Uli das Papier ablesen hrte, wurde er bald rot und bald wei, und als es
aus war, hatte er beide Hnde geballt und konnte nichts sagen als: Die Donnere,
die Donnere! Und jetzt, Uli, sagte der Meister, wem ist nun zu glauben?
Schwyg doch, Meister, sagte Uli; aber wart, dem Donners Resli schlag ich auf
der Stelle beide Beine abenandere. Das kme gut heraus, sagte der Meister.
Da kmest du vom Regen unter das Dachtrauf. Aber was soll ich machen? sagte
Uli, so will ich es nicht annehmen.
    Gehe, mach deine Sache, sagte der Meister, und la mir das Papier da, ich
will das Ding in der Stille fertig machen; es ist am besten, man mache nicht
Lrm, es knnte fr beide Teile nichts Gutes dabei herauskommen, nichts als
Futter fr die Lmmergeier, welche vom Streit der Bauren leben. Als der Meister
ruhig zMorgen gegessen hatte, trtschete er so wie von ungefhr gegen Reslis
Hofstatt, wo dieser pfel auflas, rhmte ihm, wie viele und schne Bume darin
seien und wie sie bsunderbar gerne trgen. Er ging darauf einige Schritte,
kehrte sich dann um und sagte: J, jetzt htte ich es bald vergessen! Uli geht
heute nicht an die Ausmacheten, das Papier hat ihm nicht recht gefallen. Resli
bckte sich nach pfeln und sagte: He nun, er hat dWehli; aber sehe er nur, was
er macht. He, ja ja, sagte der Meister, aber ich habe dir nur sagen wollen,
da man mir Uli eh reyig lt; es ist euch ntzlicher, ihr machet aus und
zahlet und fordert dem Uli keinen Kreuzer, als da er das Papier dem Landvogt
zeigt. Darauf gab Resli gar keine Antwort, sondern sagte: Johannes, es wre
mir lieb, wenn du deinen Hag besser vermachtest; deine Schafe sind immer in
meiner Hofstatt, und wenn eins an einem pfel erstickt, so will ich nicht schuld
sein. Noch diesen Nachmittag solle die Lcke vermacht werden, sagte Johannes;
es wre schon lange geschehen, wenn man Zeit gehabt htte. Er solle es nicht fr
ungut halten. Nein, sagte Resli, aber es htte ihn gednkt, es wre afe Zeit. Er
htte nichts dawider, sagte Johannes, aber Resli, du weit wohl, wenn ds
Hurnue nicht gewesen wre, so wre Manches gemacht, was nicht gemacht ist, und
manches wre unterwegs geblieben, was nichts abtragt. Dem Resli kam der Tubak
in den letzen Hals; er mute husten, und Johannes ging frbas; aber zu Uli sagte
von wegen dem Zahlen niemand etwas mehr.

                               Siebentes Kapitel


              Wie der Meister fr den guten Samen einen Ofen heizt

So kam er fast ungeschlagen aus groer Gefahr. Freilich reute ihn das vertane
Geld, die verderbte Kleidung, und er konnte den Verlust fast nicht verwinden.
Indessen erkannte er auch den groen Gewinn, den er gemacht hatte, da er
nmlich fr immer begreifen gelernt, wer es gut und wer es bs mit ihm meine;
da die vom Teufel seien, welche einen auf den breiten Weg locken, und die von
Gott, welche an den schmalen Pfad mahnen, der so mhselig ist in seinem Anfang,
aber so herrlich in seinem Ausgang. Um dieses Gewinnes willen verschmerzte er
den Verlust und verlor den Mut zum Sparen nicht, wurde aber doch erst dann recht
froh, als er den Schaden wieder erarbeitet und da fortfahren konnte, wo er
bereits gewesen war. Das war ein gro Glck, denn nichts lhmt den Mut mehr und
oft fr immer, als wenn man wieder von vornen anfangen soll. Rasch will einer
einen Berg hinauf, er kugelt wieder hinab; er setzt noch einmal an, es geht ihm
wie das erstemal; da schleichen die Meisten lendenlahm weiter und lassen den
Berg stehn. Lat Pferde umsonst einen Wagen anziehen, durch einen ungeschickten
Fuhrmann schlecht geleitet, und der Wagen kmmt nicht nach, so werden sie
allemal schlechter anziehen und zuletzt es gar nicht mehr versuchen wollen.
Gerade so ist es beim Hausen insbesonders, beim Besserwerden, sich Bekehren im
allgemeinen: fruchtlose Versuche, Rckflle sind die gefhrlichsten Feinde
wirklicher Besserungen.
    Uli erhielt sich indessen oben, wenn schon das eigene Fleisch und Blut und
manche Gelegenheit ihn hinunterziehen wollten. Am schwersten waren ihm die
Winterabende, in welchen es nichts zu rsten gab, und die Sonntage im Winter; da
dnkte es ihn, es ziehe ihn jemand an allen Haaren nach irgend einem
Versammlungsort der Jugend, wo man anfnglich scheinbar Unschuldiges treibt, um
Nsse spielt, dann um Branntwein, dann um Geld und endlich noch ausfliegt, um
seine Lust weiters zu ben. Es ist in gar vielen Husern eine Eigentmlichkeit,
welcher man bestimmt viele schlechte Diensten zu verdanken hat. In gar vielen
Husern haben nmlich die mnnlichen Diensten keine helle oder warme Stube, in
welcher sie sich aufhalten knnen. Sie schlafen in den obern Kammern; diese sind
an den meisten Orten finster, an allen kalt, selten eine enthlt Sthle, noch
weniger Tische: es sind bloe Schlafsttten, in welchen oft im Winter Biecht an
das Dackbett sich ansetzt, und wer einen Pfnsel hat, soll hufig Eiszpfen
unter die Nase kriegen, ungefhr so, wie sie an Strohdchern zu Hunderten
hangen. Hier knnen sie sich im Winter nicht anders aufhalten als im Bette, und
schlafen mag man doch nicht immer; von irgend etwas anders Machen ist nicht die
Rede, nicht einmal von einem Knopf Annhen oder einem Frfu Platzen fr die
Notdurft. In der Stube, wo gegessen wird, duldet man sie meistens nicht.
Gewhnlich ist es die Wohnstube der ganzen Haushaltung. Aber die Knechte sollen
nicht darin sein. Bis man zum Essen ruft, sollen sie nicht hineinkommen, und
wenn abgegessen ist, so sollen sie wieder hinausgehen, sonst macht die Hausfrau
saure Augen, und wenn die nichts ntzen, so erhlt der Meister den Auftrag, dem
Knecht zu sagen, sein Tubak stinke gar, oder aber kurzweg: Wenn er gegessen
habe, so htte er nichts mehr in der Stube zu tun, er knne ins Gaden hinauf,
dort sei sein Platz. Etwas besser haben es die Mgde; die knnen doch in der
Stube sein, auch an den Abenden, wo nichts zu rsten ist, sie mssen spinnen. An
Sonntagnachmittagen sieht man sie aber an vielen Orten auch nicht ungern
wandern, und schon manche Burin hat zu der Magd gesagt: Ob sie denn nie von
Hause weg wolle; das zu Hause Plttern trage doch hell nichts ab, und es gebe
nichts aus einem Meitschi, wenn es nicht von Hause wegkomme. Wo sie jung gewesen
sei, da htte man sie des Sonntags nicht einmal an einem neuen Hlsig
daheimgehalten, da htte es mssen ppe usgrteret sy.
    Es gibt hie und da auch Dienstenstuben, aber da bemchtigen sich meist die
Mgde derselben und entblden sich nicht, die Knechte unter irgend einem Vorwand
wegzujagen: bald wollen sie die Hhneraugen abhauen, bald sich anders anlegen
usw., und die Knechte mssen weichen. Einige Abweichungen von dieser Regel gibt
es: wo die Meisterleute nicht aufpassen und die Diensten unter sich leben
knnen, wie sie wollen, und die Knechte gerade die Liebhaber der Mgde sind, da
wird die Toilette ziemlich ungeniert gemacht. Nun stelle man sich vor, was aus
einem Knechte werden mu, der jahrelang keinen Platz hat, etwas zu schreiben
oder zu lesen, der whrend einem ganzen Jahre vielleicht nicht ein Halbdutzend
Male dazukmmt, etwas im Kalender nachzuschlagen, der hinausverwiesen ist in den
Stall zum Vieh oder hinauf ins finstere Gaden, der noch dazu ausgelacht wird,
wenn er statt in den Stall einmal in die Kinderlehre wollte. Man denke
vernnftig nach, ob natrlicherweise diese Menschen nicht mehr oder weniger zum
Vieh herabsinken mssen, denn Menschen, welche zu keiner geistigen Speise mehr
kommen, mssen auf feinere oder grbere Weise dem Tiere hnlich werden. Die,
welche noch einen besseren Trieb in sich fhlen und nicht ein vllig Tier werden
wollen, die verlassen Stall und Gaden und suchen andere Menschen auf -
Gesellschaft. Diese Gesellschaft besteht aber eben aus Leuten zumeist, welche
kein Heim haben, keine Triftig daheim, deren Seele zu etwas Hherem weder
gespeiset noch getrnket wird. Hie und da wird ein harmlos Kurzweil getrieben,
an vielen Orten aber reizen schon die Gesprche die grbste Sinnlichkeit,
Getrnke tun es nicht weniger, und man mag kaum die Nacht mit ihren dunkeln
Schatten erwarten, um die mhsam gezgelte Begierde ganz loszulassen. Es wrde
ganz bestimmt selbst die, welche den Sonntag nicht als einen Tag des Herrn
betrachten, schaudern an Leib und Seele, wenn man ihnen vor ihrem Angesicht all
das Treiben an den Wintersonntagnachmittagen und -abenden knnte aufgehen
lassen. Und ein bedeutender Teil dieser Unsitte rhrt davon her, da die
dienende Klasse in ihren unbeschftigten Stunden keinen heitern Platz an einem
Tische, keinen warmen Platz an oder auf einem warmen Ofen hat. Es klagen so
viele sonst vernnftige Leute ber die Schlechtigkeit der Dienstboten und wie
sie kein Gefhl, keinen Verstand und ich wei nicht, was alles, nicht htten,
und diese weisen ihren Diensten oft einen Wohnort an, den man nicht einmal unter
die hoffrtigen Hundestlle rechnen knnte. Und wenn man ihnen die Bemerkung
macht, da wer wie das Vieh wohne, doch wohl nicht viel besser als das Vieh sein
knne, so sagen sie, sie knnten sich nicht anders einrichten, die Hauszinse
seien gar teuer und das Holz auch nicht wohlfeil. Ich habe nichts dawider; aber
dann mssen sie auch mit den Diensten vorlieb nehmen, wie sie in Hundsstllen
und in Lchern werden.
    Dieser belstand ist aber nicht nur auf dem Lande zu Hause, sondern je
lnger je mehr auch in den Stdten. Man mag kein Stbchen mehr fr Mgde mieten,
ja man baut groe Huser, wo man nur wirkliche und eigentliche Hundestlle fr
Dienstboten anbringt und keine Stube fr Menschen. Aber wie alles sich
vergiltet, so auch dieses, und es gibt Huser, welche gerade wegen dieser
Unsitte nie rechte Dienstboten haben knnen, sie nie haben werden, solange sie
das nicht ndern. Man glaube mir nur: einen groen Segen wrde manchem Hause
eine Stube bringen, wo der arme Knecht, der eine ganze Woche am Wetter gewesen,
wenigstens am Sonntag Licht und Wrme, einen freien Platz am Tisch, ein
vernnftig Buch, ganz besonders die Bibel und allfllig auch ein Schreibzeug
finden wrde. Man bedenke: die Diensten sind keine Hunde; je vornehmer man sich
gegen sie betrgt, um so gemeiner werden sie, und wenn unser Betragen gegen sie
nicht mnschelet, so mnschelen sie auch nicht mehr.
    Dieser belstand drckte auch Uli. Er wollte die Sonntagnachmittage daheim
zubringen, aber was sollte er machen? Sie wurden ihm so lang wie des Samihanse
Taunern im Buchiberg die Vormittage, wenn er dieselben mit dem Frhstck des
Morgens um fnf Uhr angehen lt, durch keinen Imbi sie unterbricht und erst
nachmittags um zwei Uhr mit dem Mittagessen sie schliet (Wir wollen wetten, das
ist der Einzige an der ganzen Bucheggberg-Sonnseite, bei dem es so halb und halb
pariserlet).
    Einst traf der Meister Uli an, wie er unter dem Dachtrauf stund und das eine
Bein schon auer demselben hatte und doch nicht ganz darberauskam. Nachdem er
ihm lange zu gesehen, fragte er ihn endlich: Was Schieigs hast du? Bist du da
angeklebt, da du nicht fortkmmst? Nein, Meister, sagte Uli, aber es reit
mich fast voneinander; etwas reit mich hinaus und ein Anderes hinein, und
Keines mag das Andere recht, und so bin ich bel daran und fast wie gebannt; ich
wollte, es wrde mir jemand entweder hinaus, oder hineinhelfen; es friert mich
bereits, da ich meine Fe gar nicht mehr fhle. Der Meister lachte und
fragte: Was er da Wunderlichs habe, das ihn so hierher und dorther ziehe, er
solle ihm es brichten.
    He, Meister, ich habe grausam Langeweile und wei gar nicht, was machen,
und da habe ich gedacht, ich wolle etwas zur Gesellschaft. Aber ich wei nur an
ein Ort hin und wei, wie es da geht; wie ich davonkomme, das aber wei ich
nicht; da dachte ich, es sei besser, daheim zu bleiben. Aber was soll ich daheim
machen? Ins Bett mag ich nicht, im Stall ist es mir auch erleidet, und ums Haus
herum geht der Bysluft, da es einem fast die Knpfe ab den Kleidern nimmt, so
da es mich wegtreibt und gar nicht daheim dulden will. Meister, was soll ich
machen?
    Du bist ein dummer Bursche, sagte der Meister. Kannst du nicht in die
Stube? Dort ist der Ofen warm, geht der Bysluft nicht, und wenn du schon einmal
ein Kapitel lesen wrdest, so wrde es dir gar nichts schaden.
    J, ich wei es neue nit mit der Stube, sagte Uli, obs denn allen recht
ist, wenn ich da drinnen hocke; ich habe es neue einist welle probiere, und da
hat es mich gednkt, als wre ich allen Leuten im Wege.
    He, das wre mir gspssig, sagte der Meister; wenn es mir recht ist, wenn
du da drinnen bist, so wirds den Andern wohl auch recht sein mssen.
    Ich wei's neue nit, sagte Uli. Indessen kam er doch vom Bysluft weg und
dem Meister nach in die Stube. Doch gebrdete er sich, wie wenn er zVisite wre,
und wute nicht recht, wo er absitzen solle. Er setzte sich endlich an die
untere Ecke des Tisches, und der Meister gab ihm die Bibel, welche in der obern
Ecke des Tisches stand, und zeigte ihm noch andere Bcher auf dem Buffert und
sagte ihm: Wenn er in der nicht mehr mge, so soll er da nehmen, was ihm
gefalle. Angeklebt an Tisch und Bank begann Uli zu lesen, aber den beiden
Jungfrauen war er da im Wege. Die eine wollte da, wo er die Bibel hatte, gerade
das Kacheli mit Wasser stellen, welches sie zum Strhlen brauchte, und als er
weiterrutschte, so wollte die zweite gerade da, wo er jetzt war, ein Mnteli
fieggen, und als er noch weiterging, war er mit den Beinen im Wege, und sie
klagten, da sie nicht sauft zueche und dnne knnten. Da begann er doch auch
aufzubegehren: Da er so gut das Recht htte, da zu sein, als sie; der Meister
habe ihn ja selbst geheien hineinkommen, und es dunke ihn, dBible sollte so gut
Wyti auf dem Tische haben als so ein ausgegriffener Hemlideckel. Die Mgde
sagten aber: Was frgen sie dem Meister nach! Es sei, so lange sie hier seien,
nie der Brauch gewesen, da ihnen die Knechte hier am Tische den Platz
verschlgen. Das wr ihnen afangs lustig, wenn der Meister alle Tag einen neuen
Brauch einfhren wollte und sie die Khdreckhosen einen ganzen Tag in der Nase
haben sollten; es sei genug, wenn sie ihnen alle Essen verstnkten. Das gehe den
Meister nichts an, da habe er nichts zu befehlen. Uli sagte, er dchte, der
Meister htte so viel zu befehlen hier als so eine halbbatzige Jumpfer, und er
wisse, da seine Hosen nicht so stnken als andere, welche sie ganze Nchte in
der Nase gehabt.
    So zankten sie, bis die Meisterfrau aus dem Stbli kam und sagte: Es sei
doch afange eine bse Sache. Am Werchtig kmen ihrer Gattig Leut nie dazu, ein
Buch zu nehmen. Und wenn man dann am Sonntag eins nehmen wolle und ppe auch
tun, wie es dr Brauch sei, so knne man nicht einmal mehr ruhig ein Kapitel
lesen. ppige sei das nicht so gewesen, und die Diensten htten auch ppe gwt,
was dr Bruch syg. Vrzieht, Meisterfrau, sagte Uli, der den Trumpf wohl
begriff. Der Meister hat mich hinein geheien, aus mir selber wre ich nicht
gekommen, aber ich kann wieder gehen. Bleib nur, Uli, sagte die Frau, als sie
vom Meister hrte, ich habe dich ja nicht geheien, zu gehen; aber des Zanks
mag ich nicht, und ihr knntet einander ruhig lassen. Wenn ich ppis lesen will,
so mag ich das Branzen nebenzuche nit.
    Das Zanken hrte auf; aber es war Uli doch nicht recht wohl da, er war froh,
als die Ftterungszeit kam und er hinaus konnte. Dort traf ihn der Meister, der
von einem Gange heimkam, und fragte ihn: Wie ihm jetzt der Nachmittag
frgegangen? Ho so, sagte Uli, das Lese in der Bibel sei ihm neue no
kurzweilig gewesen, er htte es nicht geglaubt; aber sonst wisse er neue nicht,
es htte ihm doch geschienen, er sollte nicht drinnen sein. Ob ihn jemand htte
hinausgehen heien, fragte der Meister. Oh, apartig nicht, sagte Uli, aber er
htte es sonst merken knnen.
    Weiter fragte der Meister nicht, aber als er hineinkam, fragte ihn seine
Frau: Sie mchte ihn doch fragen, aber er solle nicht hhn werden, was ihm denn
eigentlich in Sinn komme, dKnechte heien in die Stube zu kommen am
Sonntagnachmittag? Das sei bei ihnen nie dr Bruch gewesen. Wo man dann
eigentlich sein solle, wenn auf jedem Bank so ein Gstabi eim am Weg sei; und
wenn e Mnsch zu eim chmm, wo man dann mit ihm ein vertrautes Wort reden wolle,
wenn die Stube voll Diensten sei? Im Sommer knne man in die Hinterstube, aber
im Winter sei es dort zu kalt und man msse mit den Leuten in die Vorderstube,
wo es auch viel freiner sei von wegen der Sonne, die den ganzen Tag da
hineinscheine.
    Der Meister hatte ernsthaft der Frau zugehrt und sagte dann: Jetzt, Frau,
hre mich auch und werde auch nicht hhn; aber ich will dir sagen, was ich
gemacht habe, und whrend ich da so herumgelaufen bin, habe ich darber
nachgedacht, und die Sache ist mir viel wichtiger vorgekommen, als ich afangs
gsinnet. Nun erzhlte er, da er so ganz zufllig den Uli getroffen und wie und
dann habe hineinkommen heien aus Erbarmen; denn es sei doch wirklich grselich,
wenn so ein Knechtlein nirgends sein solle und wenn er in schlechte Gesellschaft
msse, um nur irgendwo zu sein. Dem habe er so nachgedacht, und die Sache sei
ihm je lnger je ernsthafter vorgekommen. So knne ja kein Knecht ein Buch
nehmen, keiner o ppige einist einen Buchstaben machen; alles, was er in der
Schule erlernt habe, vergesse er, und wenn er einmal etwas anfangen wolle oder
Kinder bekomme, so knne er kaum das Druckte mehr, vrschwyge de das Gschriebne.
So komme ja gar nichts mehr Vernnftiges in seinen Kopf und er vergesse ganz und
gar, da er ein Mensch sei. Und noch eins habe er gedacht. Fast allemal, wenn
eins fortgehe, so komme es mit einem groen Kopfheim; sie machen sich die Kpfe
gegenseitig so gro wie Ofenhuser. Eine jede Frau hat die Freude,
auszufrgeln, aufzuweisen, und die boshaftesten knnen sich dabei so verflmeret
gutmeinend stellen, da es mich schon manchmal gejuckt hat, so einem Giftlffel
eins zum Gring zu geben, da es dnke, es fahre zring um dWelt. Da habe ich
gedacht: wenn man sie ungezwungen und ungeheien daheim behalten knnte, so wre
man ds Halb bas, und wenn sie bei dem Daheimbleiben vernnftiger wrden und ppe
o sinne lernte, was ihr eigener Nutze wre, so wr man nicht nur ds Halb bas,
sondern noch einmal so wohl.
    Eh Johannes, sagte die Frau, schnup doch, du kmmst ja ganz vom Atem und
machst es akkurat wie se Predikant, der redet auch, es ist am Halbe zviel. Es
ist mir zuwider, einen neuen Brauch anzufangen, und wo sollen wir sein? Sollen
wir keinen rhigen Ecken haben, wo wir fr uns sein sollen, wo uns nicht immer
so ein Gstabi am Weg ist, wenn man auch etwa ein vertraulich Wort miteinander
reden mchte, wozu man durch die ganze Woche keine Zeit hat? Der Johannes
meinte, sie htten immer das Stbli, oder man knnte am Sonntag die Hinterstube
heizen, es trage es eim wohl ab, wenn man die Diensten nicht in der Wohnstube
haben mchte. Was wrden die Leute sagen, wenn wir so etwas Neues anfangen
wollten? sagte die Frau. Du Trpfli, sagte Johannes, merkst du noch nicht,
da die Leute immer zu reden haben, du magst alte oder neue Sachen machen? Den
Leuten entrinnt man nie, man mag es machen, wie man will; aber man kmmt am
ungebissensten davon, wenn man es mit ihnen gerade macht wie mit den Hunden,
ihre Ehre vorbehalten: diese beien die am meisten, welche sich am meisten vor
ihnen frchten.
    Aber Johannes, denkest du denn nicht an deine Kinder? Die werden immer bei
den Diensten sein wollen, und du weit ja, was sie da fr wste Sachen lernen.
Es ist gerade, verzeih mir Gott meine Snde, als ob der Tfel sie stpfe, ihnen
das Wsteste zu sagen. Aber Frau, sagte Johannes, du verhtest es nicht, da
die Kinder nicht bei ihnen sind, und finden dieselben die Diensten nicht in der
Stube, so laufen sie zu ihnen in den Stall, du kannst nicht immer daran denken.
Gerade jetzt habe ich zwei bei Uli gefunden. Nun werden sie ihnen in der Stube
unter unsern Ohren gewi weniger wste Sachen brichten als drauen im Stall. Und
wenn sie etwas Vernnftiges vernehmen in der Stube, so ist es mir weit lieber,
da die Kinder bei ihnen seien, als drauen auf der Gasse, woher sie dir ja
gewhnlich heimkommen, als htte man sie durch Dornhge gezogen und in Gllen
herumgetrhlt.
    Die Frau hatte noch manches einzuwenden, doch gab sie am Ende nach, und
Johannes fhrte den neuen Brauch ein, da seine Knechte an Sonntagen und nach
dem Feierabend Triftig hatten an einem warmen, hellen Orte. Herd warf es
freilich allemal auf, wenn an Abenden hie und da zwei Lichter notwendig wurden.
Es wollte der Burin fast vor den Atem kommen, wenn der Johannes die zweite
Lampe anzndete, damit ein Knecht im Kalender lesen knnte. Mssen doch an
vielen Orten Knechte ohne Licht ins Bett, und jetzt gab ihnen Johannes eins nur
so fr die Gwundernase! Es dechte sie, das htte afe sy Seel ke Gattig.
    Indessen sie gewhnte sich daran, und es ging je lnger je besser und zu
ihrer eigentlichen Freude.
    Die Diensten gewhnten sich daran, da immer ein Platz fr sie da sei und am
Sonntag bald in der Wohnstube, bald in der Hinterstube, wie es sich schickte.
Dort konnte einer auf dem Ofen liegen oder am Tische sitzen, wie er wollte, aber
meistens geschah das Letztere. Eins las, eins machte Buchstaben, zwei Andere
versuchten etwas zu rechnen; die Einen halfen den Andern, und wenn niemand mehr
aus und an wute, so ward man rtig, den Meister zu fragen, und wenn der zum
Beispiel ein vorkommend Wort nicht zu erklren wute, so mute ein Kind am
folgenden Tag den Schulmeister fragen, der aber auch nicht einen Kopf hatte, in
dem alles stand, was Andere nicht wuten. An allem diesem nahmen die Kinder teil
und hatten eine unbndige Freude, wenn sie die groen Knechte etwas brichten
konnten und wenn es hie: Dr Johannesli ist afe e Gschickte, dr Schumeister cha
ne wger bald nt meh lehre. Aber sie hatten nicht nur Freude. Selbst die
Burin mute sagen: Es dech se, sie htten noch keinen Winter so viel gelernt
als in diesem, und man htte so wenig mit ihnen zu tun und wte doch immer, wo
sie wren.
    Aber auch die Diensten schienen anders zu werden. Es gab viel weniger
Verdru mit ihnen, viel weniger Streit unter ihnen. Sie hatten etwas, das ihre
Gedanken beschftigte, und muten nicht, um etwas zu denken, ihren bsen
Gelsten, ihrem Neid gegen den Meister, den Aufweisungen ablosen und sie immer
wiederkauen. Es rhrte sich etwas Besseres in ihnen, und sie begriffen immer
mehr, da es doch eigentlich ein Unterschied sei zwischen einem Mooskalb und
einem vernnftigen Menschen. Wie beim gesund werdenden Menschen der Hunger kmmt
und, solange kein Hunger da ist, immer noch der Tod seine Krallen zweg hat, so
kam bei ihnen auch der Appetit nach Gottes Wort, und sie gingen gerne in eine
Predigt, ja sogar hie und da in eine Kinderlehre und wuten dann nicht nur zu
sagen, was verlesen und verkndet worden, sondern auch, wo der Herr den Text
gehabt, und bald dies, bald das, was ihnen in der Predigt aufgefallen. Dar, an
knpften sich dann ber Tisch Gesprche und zwar recht ernsthafte, und wenn
einer etwas spotten wollte, so wurde er zurechtgewiesen. Sie wurden dabei sich
immer mehr bewut da es doch etwas Hohes und Bedeutendes sei, ein Christ zu
sein, und da ein christlicher Knecht doch viel besser daran sei als ein
heidnischer Knig, der nicht recht wisse, warum er auf der Welt sei, whrend der
christliche Knecht doch wisse, da er da sei, um ein Kind Gottes zu werden und
das Himmelreich erblich zu erwerben.
    Die Nachmittage gingen vorbei wie im Fluge, und allemal, wenn es viere
schlug, wollte es niemand glauben: Das knne unmglich sein, sagten sie, man
htte ja erst gegessen. Die Burin sagte selbst, sie htte das nicht geglaubt
und htte selber recht kurze Zyti dabei. Ja es kam sie mehr als einmal an, da
sie im halben Tag ein Kaffee machte ber den ganzen Tisch weg und nicht einmal
daran dachte, was die Leute sagen werden, da sie am Sonntag im halben Tag ein
Kaffee mache fr Knechte und Mgde.
    Etwas Unerwartetes htte die ganze Geschichte beinahe verkehrt und zerstrt.
Man sieht im Winter da, wo die Sonne warm und viel scheinet, die Fliegen sich
hinziehn und da an der Sonne ihr Leben genieen; gerade so ists an Sonntagen, wo
ein warmer Ofen fr Diensten frei ist, mit den Diensten. Es ist recht traurig zu
sehen, wie sie sich fast unwillkrlich herzulassen wie die Fliegen an die Sonne
und sich wrmen und im Gefhl der Wrme auftauen und ihres Lebens sich freuen.
Freilich ist dann dieses Auftauen oft ein schmutziges, und die Freude gibt sich
auf eine wste Art kund.
    Es ging nicht lange, so merkte hie und da einer, da am Sonntag beim
Bodenbauer eine warme Stube sei. Wo nun das Gelsten treibt, macht ein
Knechtlein nicht lange Komplimente. Seh komm, sagt er zu seinem Kameraden,
wir wollen da hinein, sie werden uns notti nit fresse, er ist ppe kei Herr nit
und mi wird ppe wohl i si Stube drfe. Er het zwo vrfluecht brav Jumpfere, die
werde wohl ppe o dinne sy. Mit diesem Sinne drang nun der Eine den Andern
hinein und wollten nun drinnen Flausen machen, den Narren treiben, Karlishof
haben. Es kamen nicht nur Knechte, sondern diesen nach zogen auch Jumpfern, und
diesen war es auch nicht um etwas Vernnftiges, sondern nur um die Knechtlein zu
tun. Das gab nun ein Zk, ein wst, unsauber Wesen in Reden und Gebrden, in
Liedern und Werken, da der Bodenbauer Holla machen mute, so unangenehm es ihm
war. Denn es wird wohl einem Landmann nichts unanstndiger sein, als wenn er
fremde Diensten zurechtweisen, ja berhaupt, wenn er sich geradeaus einen Tadel,
eine Zurechtweisung erlauben mu, die man ihm bel nehmen, bel auslegen,
nachtragen knnte. Aber es mute geschehen. Er sagte daher einmal: Er wolle
niemand verbieten, in sein Haus zu kommen, allein dasselbe sei kein Haus fr
Kilbi zu halten; wer nur wst tun wolle, solle an ein ander Ort hingehen, und
des Zks begehre er nichts. Man knne ja bald nicht einmal stehen in der Stube,
und es stinke von Tubak, da es eim fast erstecke. Es gutete nun. Freilich
rsonierten einige kreuzerige Knechtlein, und einige viererige Jungfrulein
rmpften die Nase, aber was frug dem der Bodenbauer nach!

                                 Achtes Kapitel


       Ein Knecht kommt zu Geld, und alsbald zeigen sich die Spekulanten

Den ganzen Winter ber hatte Uli fast kein Geld gebraucht und so wenig Kleider,
da er sich selbst verwunderte. Ein einziges Mal war er im Wirtshaus gewesen,
und da hatte ihn der Meister noch selbst gehen heien. Er solle auch einmal
gehen und eine Halbe haben, damit er nicht vergesse, wie es in einem Wirtshause
sei. Er komme spter selbst nach, dann wollten sie miteinander heim. So ging es
auch. Der Meister zahlte ihm noch einen Schoppen, und zum erstenmal in seinem
Leben kam Uli mit einer rti von wenig Batzen und als ein vernnftiger Mensch
zum Wirtshaus hinaus. Er htte nicht geglaubt, sagte er dem Meister, da das
mglich sei.
    Es schien, als sei er mit der Erkenntnis dieser Mglichkeit um einen ganzen
Fu grer geworden. Als er so mit seinem Meister vernnftig heimging und mit
ihm redete als wie mit einem Kameraden, da durchrieselte ihn eine Ahnung, da er
auch einst als Meister aus einem Wirtshause gehen knne, wenn er so fortfahre,
und er trumte die ganze Nacht durch von Hfen, die er kaufen wollte, und von
Sacken Geld, die er mit sich herumtrug, um die Hfe gleich zu bezahlen. Aber er
bystete, berzete, gruchsete unter dem Gewichte dieser Scke, da er manchmal
fast zu ersticken frchtete, und wenn er sie abstellte, so wurden sie ihm
gestohlen oder er konnte sie sonst nicht mehr finden. Dann versprach ihm ein
schnes Meitschi, es wolle sie ihm zeigen, und ging voran; ihm aber fielen die
Schuhe von den Fen, als er dem Meitschi nach wollte, und als er diese in beide
Hnde nahm, konnte er seine Beine nicht vorwrtsbringen, es war ihm, als ob er
gspannet wre. Das Mdchen aber lief immer geschwinder, er konnte je lnger je
weniger Schritte machen, obschon er bachna sich schwitzte. Endlich verschwand
das Mdchen, und eine alte Frau kam mit dem Besen und wollte ihn fortjagen, weil
er ihr durch die Bunde gehe, und er wollte davonlaufen und konnte wieder nicht
und mute dem Besen darhalten und sich wst sagen lassen, und endlich rief er
aus: Uy, Uy, su hr doch, du alts Rf! Darob erwachte er, und sein Mitknecht
fragte ihn, was er doch gehabt htte, er htte ihn schon lange gempft, aber er
htte nicht erwachen wollen. Er htte sich bald angefangen zu frchten und htte
noch den Meister geholt, wenn er jetzt nicht erwachet wre. Ds Toggeli htte ihn
gedrckt, sagte Uli. Den Traum konnte er lange nicht vergessen, und wenn er sich
nicht geschmt htte, er wre seinetwegen zu einer Wahrsagerin gelaufen, denn er
selbst konnte gar nicht einig darber werden, ob derselbe bedeute, da er einst
einen Hof werde kaufen knnen, oder aber das Gegenteil; heute dnkte ihn dies
und morgen das Andere. Auffallend war es, da wenn er gegessen und gut
geschlafen hatte, es ihm immer schien, als sei er eine gute Vorbedeutung;
hingegen wenn er mde war und hungrig, so htte ihm niemand ausgeredet, der
Traum bedeute, da er um alles kommen werde, was er habe oder sich erwerbe, und
zuletzt aller Menschen Schuhwisch abgeben msse.
    Unterdessen ging es ihm sehr gut. Er ging dem Meister mit allem Flei an die
Hand, als ob es seine eigene Sache wre, und fhlte dabei alle Tage mehr, da er
doch auf diese Weise ein ganz anderer Kerli werde, als er zu selber Zeit einer
gewesen sei, wo er es fr eine Schande geachtet, ein guter, treuer Knecht zu
sein, und seinen Ruhm dareingesetzt, den Meister zu berlistelen, zu viel zu
fressen und zu wenig zu arbeiten. Er setzte eine Ehre darein, das ganze Jahr
durch vom Lohne nichts einzuziehen, ihn ganz stehen zu lassen, und er zwngte es
auch durch. Er lie es sich gesagt sein, da man nicht auf die Zukunft hin oder
vielmehr auf knftigen Erwerb hin anschaffen drfe, sondern da der zuknftige
Erwerb der Zukunft gehre und die Vergangenheit die Gegenwart ernhren msse,
das heit da man aus dem verdienten Lohn seine Bedrfnisse msse bestreiten
knnen. Und da in der Zukunft der Gebrauch wohl sicher ist, aber nicht der
Erwerb, so mu die Vergangenheit uns auch die Notpfennige liefern fr die Tage,
von denen man sagt, sie gefallen mir nicht.
    Es war aber auch ein Tag groer Freude fr Uli, als auf Weihnacht
nachmittags der Meister ihn ins Stbli rief, ihm dreiig Kronen vorzhlte und
noch einen Neuentaler als Trinkgeld dazulegte. Dem starken Burschen zitterte die
Hand, als er es einstrich, denn so viel Geld hatte er noch nie beisammen gehabt.
Und als der Meister ihn noch lobte und ihn er, mahnte, so fortzufahren, so gbte
er noch ein Kerli ab, so bekam er Augenwasser. Er begann nun auch zu danken und
zu erzhlen, was er mit dem Gelde machen wolle, Kleider mute er haben, Hemder
besonders; aber wenn nicht den halben, doch den Drittel des Lohns wolle er
beiseitetun. Er htte nicht geglaubt, sagte er, wie wohl so dreiig Kronen
bschten, wenn man Sorg dazu htte; es schienen nur so dreiig Krnlein, und
doch knnte man weit lngen damit, wenn man abzuteilen wte. Er hatte nie
geglaubt, da das Geld so darhalten knne; frher htte er es immer damit gehabt
wie der Bauer mit dem herbeigefhrten Heu, wo man ein Klafter nur anzusehen
brauche, so sei es nicht mehr da. Jetzt gehe es ihm mit dem Gelde wie mit einem
selbstgemachten, gutgelegenen Stock Heu; gb wie man davon nehme, so scheine es
eim, er mindere nicht und man htte immer gleich viel. Der Meister mute lachen
ob dieser Vergleichung, die Meisterin dagegen wurde gerhrt und sagte ihm: Er
sei ihr recht lieb geworden, und wenn die Nherin auf die Str komme, so werde
die ihm als Weihnachtskindli von ihr ein Hemd machen, das Tuch sei schon lange
zweg dafr. Uli meinte, der Meister htte ihm schon zu viel gegeben und alles
drfte er nicht nehmen, er htte es nicht verdienet. Der Meister htte so viel
an ihm getan, da er ein Lehrgeld fordern knnte. Aber wenn sie ihm einen
Gefallen tun wolle, so solle sie doch so gut sein und ihm Tuch fr etwa drei
Hemder kaufen; er wolle gleich recht viel zusammen machen lassen, es htts dann
eine gute Weil. Wenn man nur so eins ums ander kaufe, so msse man immer
hingerfr anfangen. Er verstehe sich nicht auf das Tuch und sei noch allemal
betrogen worden; entweder htte man es ihm zu teuer gegeben, oder das Tuch sei
dnn gewesen oder der Faden brde, es htte immer an einem Orte gefehlt und es
sei nicht lange gegangen, so htte er Hemder gehabt wie Spinnhubbelen. Sie wolle
ihm wohl den Gefallen tun, sagte die Burin, aber da sie es allemal treffe, sei
auch nicht gesagt. Die Weber und Krmer seien so einer Burin je lnger je mehr
z'schlimm. Vielleicht da sie selbst htte, wo sie ihm fr drei Hemder geben
knnte, sagte Uli. Ja, sie htte wohl, sagte die Meisterfrau, aber sie verkaufe
den Diensten nicht gerne etwas. Sie htte es auch schon getan, aber noch allemal
Verdru davon gehabt. Die Diensten seien den Krmern fast die besten Kunden,
denn sie profitierten am meisten an den Diensten, knnten ihnen die dmmsten
Sachen anhngen, allweg die, welche niemand Witzigs kaufen wolle. Es brauche nur
eine Burin einem Dienst etwas zu verkaufen, so fhrten es alle Krmer, alle
Schneider, alle Nherinnen, kurz alle die, welche miteinander im Kornplatz
seien, aus und sagten: An einem andern Ort htten sie es wohlfeiler gekauft,
wenn ds Buren es fr sich htten brauchen knnen, sie htten es den Diensten
nicht verkauft. Es sei doch schlecht, ihnen frs Erste schlechten Lohn zu geben
und dann noch fr gutes Geld schlechte Sachen. Bald sagt der Schneider, es
halte den Stich nicht, und die Nherin behauptet, es bekomme ihr Lcher unter
den Fingern, und so wird man verdchtigt und verbrllet, da es eine
schrckliche Sache ist. Ich wei wohl, da es Meisterleute gibt, welche ihre
Diensten betrgen und ihnen den sauer verdienten Lohn ablschlen; aber die sind
doch die mindern, und es meinen es mehr Meisterleute gut mit den Diensten, als
die Diensten glauben und die Krmer sagen. Darum, Uli, will ich sehen, da ich
dir irgendwo kaufen kann, so gut, als wenn es fr mich wre. Ich brauche mein
Tuch dann so, da mich kein Krmer verbrllet und kein Schneider verdchtigt.
    Uli hatte gar groe Freude an seinem Schatz und betrachtete ihn oft im
Stillen. Es hatten aber noch andere Leute ihre Augen auf demselben. So ein
Brschchen, das Geld hat, ist gerade wie ein Hunghafen fr die Wepsen; es sucht
ein jeder, der gerne Geld hrte und es nicht verdienen mag, daraus zu schlecken.
Da sollte er dem fnf Batzen leihen, weil dieser gerade kein Geld bei sich
hatte, dort wollte ein Anderer nur einen Batzen fr ein Pckli Tubak. Sein
Nebenknecht wute auf einmal einen herrlichen Schick zu machen mit einer Uhr,
allein es fehlte ihm ein Neuertaler. Die eine Jumpfere wollte ein prchtiges
blaues Tchlein kaufen von einem Aargauer, der, ins Haus geschlichen, seine
Baumwollenware fr seidene ausgab; allein Uli sollte ihr dreizehn Batzen leihen,
weil sie es der Meisterfrau nicht sagen mochte. Der Schuhmacher, der auf der
Str war, hatte absolut vier Kronen ntig und versprach teuer und fest, bis
Ostern es wiederzugeben mit einer Krone Zins. Der Hechler, der bald darauf kam,
sollte vier Neutaler haben, er wte mit Flachs gerade jetzt viel zu machen und
wollte mit Uli den Profit teilen. Dem Uli gefiel das ganz prchtiges flimmerte
ihm lauter Gold vor den Augen. Er dachte, es wre ja dumm, wenn er das Geld im
Trgli haben wollte, whrend es ihm so viel verdienen knnte; da sei er nicht
ein Narr und gebe es nicht. Er lie es sich noch einmal gut versprechen, da man
ihm auch halten wolle, und gab es dann hin. So hatte er auf einmal freilich kein
Geld mehr, sondern Glten, schne Pfosten: an einem Orte vier Kronen, am andern
mehr als sechs. Das sei besser, dachte er, als so die Stmpleten batzenweise,
die trage nichts ab. Jetzt knne er doch sagen, er htte kein Geld mehr, er
htte alles ausgeliehen. Er kam sich recht gewichtig vor mitten unter seinen
Schuldnern, aber seinem Meister sagte er nichts davon. Der brauche nicht alles
zu wissen, dachte er, und vielleicht htte er den Profit lieber selber genommen
und dem Hechler das Geld selbst gegeben. Er msse auch etwas anfangen, das nicht
alle Leute wuten. Er hatte den besten Glauben zu seinem Meister, indessen das
Mitrauen noch nicht ganz verloren, und gar wenige Diensten lassen es gerne den
Meister wissen, wieviel Geld sie haben, und beichten ihm noch weniger, was sie
mit demselben anfangen.
    Das ging eine Zeitlang recht schn, und Uli rechnete zum ftern nach,
wieviel Zins ihm bereits gelaufen sei. Ostern ging vorbei und der Schuhmacher
brachte kein Geld, aber er entschuldigte sich bndig, indem er vornehme Kunden
bekommen, Stiefelschfte gekauft und diese bar htte bezahlen mssen, und
versprach, der Zeit nach am Zins nachzutun. Nun mhte sich Uli ab, zu rechnen,
wieviel per Woche der Schuhmacher ihm nachzutun htte, aber das brachte er trotz
vielem Schwitzen nicht heraus. Es pressierte brigens auch nicht, denn
Michelstag kam, und Uli hatte seine vier Kronen noch nicht gesehen. Dem Hechler
ging es sehr fatal. Der Flachs hatte eher ab- als aufgeschlagen. Er fand, mit
dem einen Teil wre besser zu warten als ihn jetzt zu verkaufen, den andern aber
hatte er einem Hndler dings verkauft, und den konnte er auf keinem Mrit mehr
antreffen und hatte vergessen, zu fragen, wie er heie, und niemand wollte von
so einem wissen, er habe schon viele Leute gefragt. Da begann es Uli doch Angst
zu machen. Es fing ihm an vorzukommen, wenn er nur sein Geld wieder htte, so
wollte er zufrieden sein, an den Zins nicht denken, von Profit nichts sagen;
aber eben, das Geld wieder zu kriegen, das war eine Kunst. So oft er es
forderte, waren neue Ausreden da, und wenn er ungestm wurde, so blieb man ihm
die Antwort auch nicht schuldig. Man knne es einmal nicht aus den Steinen
herausschlagen; er hre ja, wenn man es htte, so wollte man es ihm geben. Er
solle machen, was er knne, und wenn er sehe, es zu nehmen, so solle er es
nehmen. Man htte gar nicht geglaubt, da er ein so Wster sei, sonst htte man
lieber nichts mit ihm wollen zu tun haben. Er wute sich gar nicht zu helfen und
lief wie sturm herum. Der Gedanke, es sei doch schrecklich, was er so sauer
verdient, so liederlich zu verlieren und gar nichts dafr zu haben, lie ihn
nicht mehr essen, nicht mehr schlafen. Ehedem beim Hudeln, dachte er, htte er
doch gewut, was er mache, und sein Geld selbst verschlengget; jetzt, wo er
meine, gut zu tun, und bs habe, gehe es ihm noch rger als zuvor und er komme
gerade so weit als der rgste Hudel; das sei doch schrecklich, und er sei der
unglcklichste Hung auf der Welt, und das werde wohl an einem Orte geschrieben
sein, da er zu nichts kommen solle. Jetzt wte er, was sein Traum bedeuten
solle und die Geldscke, die er nicht mehr finden knne.
    Der Meister konnte gar nicht begreifen, was Uli hatte. Endlich glaubte er
ihn krank, denn er sah keine andere Ursache seines sonderbaren Wesens. Er sah
der Sache noch einige Zeit zu; aber als Uli immer schlechter aussah, fragte er
ihn einmal, was ihm doch fehle, etwas sei nicht recht da. Uli wollte nicht mit
der Sprache heraus. Erst als der Meister sagte, wenn er so dumm tun wolle, so
knne er seinethalben; aber er htte doch geglaubt, mehr Vertrauen zu verdienen
als so. Uli wisse ja, da wo er ihm helfen knne, es nie Nein sei bei ihm.
Nachdem Uli noch manchmal gesagt, er drfe es nicht sagen, gestund er endlich
seinen Kummer und wie seine ganze Ersparnis vom letzten Jahr, auf die er sich so
gefreut, dem Tfel zu sei; er werde wohl nie einen Kreuzer davon wiedersehen.
    Ja, das httest du denken sollen, sagte der Meister, es wissen so viele
Diensten nichts mit ihrem Gelde anzufangen, lassen es sich ablocken und kommen
so darum. Aber ich mische mich nicht gerne in diese Sache, wenn man mich nicht
apartig frgt, fuhr er fort. Man meint sonst gleich, ich wolle Vogt sein oder
gar das Geld fr mich, und sie werden mitrauisch. Es tut mir leid fr dich,
aber den Hechler und den Schuhmacher httest du kennen sollen, du weit ja, was
das fr Vgel sind. Aber gell, Uli, dr Gyttfel hat dich plaget! Weit du, da
dir der Schuhmacher nicht weniger als hundert Prozent versprochen hat per Jahr,
whrend ehrliche Leute sonst nur vier geben? Und der Hechler hat dir das Maul
sonst s gemacht. Aber eben so fngt man die einfltigen Leute, und wenn einer
so viel verspricht, so sollte man doch denken knnen, der werde nicht halten
wollen, er wrde sonst nicht so viel versprechen. Ja, sagte Uli, das alles
komme ihm jetzt hintendrein selbst in Sinn, aber er mchte dem Meister doch
angehalten haben, da er ihm zu seinem Gelde verhelfe, er hintersinne sich sonst
noch. Der Meister schttelte den Kopf dazu, indessen rettete er mehr, als er
anfangs erwartete, da weder Schuhmacher noch Hechler gerne seine Kundsame
verlor.
    Als er Uli das Geld bergab, sagte ihm dieser: Meister, behalte du es und
kalte es. Ich brauche es nicht, und wenn ich es habe, so behalte ich es nicht
lange; ich bin gar ungfellig mit dem Gelde: entweder vertue ich es, oder man
betrgt mich darum, oder es wird mir gestohlen, und zuletzt, wenn niemand sonst
dazu kme, so wrden es mir die Muse fressen. Nein, sagte der Meister, das
Geld will ich nicht behalten, ich habe genug an meinem zu hten, wenn ich schon
nicht viel habe. Aber weit du was, tue du das i dKasse. Was ist das? fragte
Uli. He, das ist eine Kasse, wo man das Geld, welches man nicht braucht,
hineinlegen kann, bis man es braucht, und unter der Zeit bekmmt man einen
billigen Zins, und es ist gut versichert, da man gar nichts zu frchten hat.
Das ist kommod, sagte Uli, aber kann man hineintun, so viel man will, und
kommt es einem dann nicht aus, wenn man dort Geld hat? Das sei eben gar kommod,
bekam er zur Antwort, da man viel und wenig hineintun knne und wann man wolle.
Was das Auskommen anbetreffe, so solle er sich deshalb nicht frchten. Wer Geld
am Zins habe, dem komme es frher oder spter immer aus. Und zudem glaube er
nicht, da es einem Knechte schade, wenn man vernehme, er htte Geld am Zins. Ds
Guntrri, er glaube, das vermehre nicht wenig seinen guten Namen und verschaffe
ihm einen gewissen Respekt. In einer solchen Kasse brauche er sich auch um den
Zins nicht zu bekmmern. So, bald ein Jahr um sei, werde der Zins zum Kapital
geschlagen und trage wieder Zins, so knne sich, zu vier Prozent gerechnet, in
siebenzehn Jahren das Kapital verdoppeln. Und sobald er es ntig habe, kriege er
es ohne Umstnde in gesetzlicher Frist wieder ganz bestimmt, denn solche Kassen
seien gut verbrget und hintersetzt. Da knnten Diensten weitaus am besten ihre
Gelder einlegen, eben weil man auch weniges nehme und zu jeder Zeit, weil sie
sich da vor keinen Schelmereien, Kunstgriffen usw. in acht zu nehmen htten,
nichts zu tun htten mit Benefizien, Inventarien, Geltstagen oder gar mit
Rechtsagenten. Da knnten sie ganz ruhig ihr Geld hin tun, arbeiten lassen, bis
sie es einmal brauchten, und knnten jedem, der ihnen abentlehnen wolle, ohne
Lge sagen, sie htten keins. Nur solle er sich vor einer St. Galler Kasse
hten, die seien nicht die richtigsten; entweder knnten sie da gar nicht
rechnen oder nur zu gut, und berdem geltstagen sie dort gerne. Da schmollte Uli
mit dem Meister, da er ihm dieses nicht frher gesagt, so wre er nicht zu
Schaden gekommen. Du hasts gehrt, sagte darauf dieser, ich kann einen Knecht
nicht behandeln wie ein kleines Kind. Willst du aber, da ich dich halte wie ein
Kind, so mut du vor allem aus mit Zutrauen an mich kommen, mut mir das Maul
gnnen. Das Kind kmmt zum Vater und frgt um Rat und sagt: Vater, was meinst;
Vater, was glaubst?
    Uli bekannte sich im Fehler und bat den Meister, sein Geld in die
Ersparniskasse zu tun; es waren fnfzehn Kronen, welche er brig zu haben
glaubte. Es trage zwar nicht viel ab, meinte er, aber es sei ihm doch sicher.
Das scheint dir, sagte der Meister, und eben diese Ungeduld ists, was so
viele Menschen um Hab und Gut bringt. Wem es auf dem rechten Weg zu langsam
geht, wird entweder ein Spitzbube oder ein Hudel. Warte nur einige Jahre, lege
immer zu, so wirst du sehen, zu welchem Kapital du kommen wirst.

                                Neuntes Kapitel


              Uli steigt im Ansehen und kommt Mdchen in den Kopf

Und Uli tat so. Er blieb sparsam, ward immer anschlgiger und emsiger und wuchs
zugleich an Weisheit und Verstand und an Gnade bei Gott und den Menschen. Es war
recht merkwrdig, auch uerlich die Vernderung wahrzunehmen, die mit ihm
vorgegangen. Er ging eigentlich erst jetzt recht aufrecht wie ein Mensch, man
sah es ihm von weitem an, da das kein Sauniggel sei; man nahm ihn sehr oft fr
einen Baurensohn und nicht fr einen Baurenknecht, und zwar nicht blo wegen der
Kleidung und weil er eine silberne Uhrenkette hatte, sondern wegen seiner guten
Haltung, seinem anstndigen Betragen. Es redete jeder Bauer gerne mit ihm,
fragte ihn: Uli, was meinst? Und seine Worte hatten eine Bedeutung. Er fhlte
auch, da sie eine Art von Gewicht er, hielten; darum laferte er nicht mehr in
den Tag hinein, sondern besann sich, was er sagte, wog seine Worte ab, so da es
schon hie und da hie: Ds Bodebure Ueli het gseit, er hets o gmeint.
    Er fhlte, da er nicht mehr nur so ein arm Knechtlein sei, der nirgends
sein sollte, sondern da er in der Welt sich auf einen Platz gestellt, wo man
ihn gerne sah, wo er etwas zu bedeuten hatte. Wie das alles so nach und nach kam
und bei welchen einzelnen Anlssen, indem er dem Meister vor Schaden zum Nutzen
war, Mngel an Rossen entdeckte, die der Meister kaufen wollte, gnstige
Witterung benutzte in seiner Abwesenheit usw., kann ich nicht erzhlen, es wre
zu weitlufig. Er begann auch zu fhlen, da man ganz anders auf die Erde
trappe, auch sie mit andern Augen ansehe, wenn man ein Besitzer ist, als wenn
man ein Habenichts ist. Es kmmt so eine Art ruhige Sicherheit, die bei Vielen
in dummen Stolz ausartet, ber den Menschen, wenn er angehngt hat an der Welt,
das heit wenn er Frchte seiner Arbeit, Ertrag seiner Krfte vorgespart, Vorrat
gewonnen hat auf knftige Jahre. Er fhlt: er ist nicht mehr ganz allen Winden,
fremder Willkr preisgegeben, er ist schon selbstndiger, mehr Herr seiner
selbst. Er kann schon einige Krankheitswochen unbesorgt ertragen, kann einige
Wochen ohne Meister sein, das macht ihn zufriedener, gelassener; er schiet auch
nicht mehr herum, wie wenn er in einer Wesperen wre, denn mit der innern Ruhe
nimmt auch die uere zu, und in dem Mae, als er wirklich zufrieden in seinem
Inwendigen wird, wird er auch zufriedener mit seinen Meisterleuten. Und je mehr
er zu etwas kmmt, um so mehr erkennt er den Wert der Dinge, huset nicht nur fr
sich, sondern es reut ihn berhaupt, etwas zu vergeuden, er huset also auch den
Meisterleuten, um so zufriedener werden diese auch mit ihm. Es stellt sich sein
Name fest: er ist ein hauslicher, arbeitsamer Bursche.
    Was dieser Name bedeute und wie jeder Name auch seine Versuchungen
herbeilocke, so wie jede Blume ein Insekt, jede Frucht einen Esser, das sollte
er bald erfahren. Der Titel Es ist ein huslicher Bursche, ist ein Lockvogel,
und auf der Stelle finden sich, freilich nicht Insekten, sondern Mdchen ein,
die den Vogel locken mchten.
    Bei ihnen waren zwei Mgde, die Meisterjumpfere und die Untermagd. Die
Erstere war griesgrmlich, gab nicht drei gute Worte im ganzen Jahr, hlich,
sie hatte haarichte Warzen im Gesicht und Blattergruben und rote Augen und weie
Lefzgen und eine blaue Nase; daneben war sie arbeitsam, sparsam und htte fr
ihr Leben gerne einen Mann gehabt; aber ihre Liebe konnte sie nicht anders
zeigen als durch Rauen und Knurren (so ein Gemisch von Hunde- und
Katzengeschrei), und jedesmal rauete und knurrte sie mit dem am meisten, den sie
am liebsten gehabt htte. Es schien, als ob sie alle Augenblicke auf ihn
schieen, ihn kneipen, kratzen oder beien wollte. Die sagte: Erst wenn sie
einen Mann htte, sei es sich recht der wert, zu arbeiten und zu sparen; dann
wolle sie zeigen, da mit Husen sie Keine mge.
    Die Andere aber war ein leichtfertig Ding mit leichtfertigem Gemt,
leichtfertigem Gesicht, leichtfertigem Leibe: alles schn rot und wei
angestrichen, glatt gerieben, und die Augen wute sie so s zu sttzen und den
Mund so s zu spitzen, da es jeden dnkte, er mte daran kleben bleiben. Sie
putzte sich gerne, arbeitete um so ungerner, wute nichts von Sparen; gut Leben
war ihr um so lieber, aber am allerliebsten wre ihr ein Mann gewesen. In einem
Mann dachte sie sich Heil, Glck, Seligkeit, kurz alles beieinander. Die knurrte
nicht und bi nicht, die wute sich anlssig zu machen und strich an einem herum
wie eine Katze, wenn sie bei guter Laune ist. Die meinte, wenn sie einmal einen
Mann htte, so wollte sie ihn lieb haben wie Keine, und dann wollten sie es sich
recht wohl sein lassen. Es zwings kei Tfel lnger zu dienen, bis es einen Mann
htte; dann wolle es kochen, was ihm gschmcke, und aufstehen, wenn es ihm
gefalle.
    Beide richteten ihre Augen auf Uli und wollten ihn glcklich machen, Beiden
gefiel er. Die Erste meinte, der werde ihr husen helfen, die Zweite, der werde
husen, da sie mit ihm glcklich sein knne, das heit da sie nichts zu tun
brauche und doch alles habe, nach was es sie gelste.
    Beide warfen ungefhr zu gleicher Zeit nach dem Glcklichen ihre Netze aus.
    Stini zankte allemal mit ihm, wenn er in der Kche mit einem Schwefelholz
oder auch mit einem Span die Tabakpfeife anznden wollte: Seine Finger wren
nicht zu vornehm, ein Khli zu nehmen, er werde sie einmal nicht verbrennen dar,
ob. Es schnauzte ihn allemal an, wenn er in die Laterne wollte; bald fllte er
das Ampeli zu sehr, bald kam ein Tropfen daneben. Er werde noch anders mssen
husen lernen, sagte Stini. Seine Lederschuhe stunden oft eine Woche lang zum
Salben in der Kche, Stini rhrte sie nicht an. Es tue ihm sauft, die Holzbden
zu tragen; was mangle er, um das Haus herumzustopfen, Lederschuhe? Das sei ihm
eine neue Mode! Stini hoffte, wenn Uli keine Lederschuhe habe, so msse er
daheim bleiben. Wenn zuweilen nach dem Feierabend die Knechte noch auf den
Bnken vor dem Hause saen, so jagte Stini sie ins Bett. Kein Wunder, sagte es
Uli, da du am Morgen so dr Faulhung machst, wennd am Abe nie is Nest wottst;
aus dir gibts dir Lebetag nt. Der Meisterfrau redete Stini bestndig von Uli,
aber unter lauter Schimpfen und Schelten; es war nichts recht, was er machte, so
da die Meisterin manchmal sagte: Aber Stini, ich wei gar nicht, was du ber
Uli hast; er tut doch niemand etwas zuleid und ist einer von den brvsten
Bursche, wo es gibt, einen tlleren sieht man nicht.
    rsi machte es ganz anders. rsi flattierte, machte se Bschelimli, stund
ganz nahe unter die Augen, hatte immer bei Uli was zu tun: entweder mute es ihm
helfen oder er ihm, es neckte ihn, bis er ihns anrhren, mit ihm ringen mute.
Bald wollte es ihm das Nastuch stehlen, bald eine Blume ab dem Hut, wollte ihm
se pfel zustecken oder teigge Biren. Beim Kornmhen wollte es ihm nachlegen
und hatte immer ein gutes Wort fr ihn auf der Zunge und eine Liebeserklrung in
den Augen. Es wolle einen Mann, sagte rsi oft, und der solle es gut haben bei
ihm; man lebe ja nur einmal, und da wre man ja einfalt, wenn man miteinander
bs haben nicht miteinander glcklich sein wollte.
    Natrlich sagte es Beiden der weibliche Instinkt bald, da sie
Nebenbuhlerinnen seien, und jede suchte die Andere auszustechen.
    Stini schimpfte ber die Mannevlcher, welche einem jeden Schlrpli
nachliefen und beim Weiben nur auf das Gfr shen, und sagte Uli, er sei gerade
einer von den Dmmsten und Nichtsnutzigsten, er sei eigentlich gar nicht wert,
da ein braves Mnsch sich mit ihm abgebe. So einer, der so eim wie dem rsi,
dem liederlichsten Uflat, nachsehe und sich mit ihm abgebe, dem stt me dHose
achela. Mit so eim zhl es sich dann notti nicht zusammen. Wenn es schon kein
solch Gesichtli htte, das man nicht an der Sonne brauchen knne, wenn es nicht
abschieen solle, so htte es doch zwei Dutzend Hemder und sieben Paar
Sommerstrmpfe und fnf Winterstrmpfe (einer sei ihm verloren gegangen), vier
Kittle, zwe verfluecht brav und zwe minger, und dann Geld htte es auch noch, es
sage nicht wieviel. Aber wenn es mit eim anfinge zu husen, so fr zwei Bett und
zwei Khe und vielleicht fr ein Schaf auch noch brauchte der keinen Kummer zu
haben. Das wr doch dann ppis angers als son es Pltterfdle, wo nit emal Geld
htte fr Stroh z'kaufe, wenn es es einmal wischen mchte. Es knnte viel noch
sagen, aber es sei kein so Anlssiges, das meine, es msse einmal mannen; es
htte zu leben, und sein lediger Leib sei ihm auch noch etwas wert. Allbets
htte es schon lange einen Mann gehabt, und vor zwanzig Jahren htte es mehr als
einmal mannen knnen aber jetzt sei nichts mehr zu machen, unter Hunderten gbe
es keinen vernnftigen Bursch mehr; son e Mistmore sei heut, zutage allen lieber
als es bravs Mnsch mit einer guten Hinter, lag. Zu einer solchen Rede machte es
gewhnlich ein Gesicht, da man junge Katzen htte erstecken knnen, und lie
Kruel hervor, da ein Lmmergeier schalus geworden wre.
    rsi war nicht halb so bse ber Stini, sondern lachte und spottete ber
dasselbe, fhrte es aus, wie gerne es mannen mchte, aber gb wie es seine
Augzhne hervorstrecke einem Eber zTrotz, wolle ihm Keiner daran bhangen. Es
schnrfle zNacht, da es Spne absprenge an der Wand, und brlle manchmal
geradeaus mitts in der Nacht. Und wenn es dann frage, was es so brlle, so
schreie es: Es het mr ertraumt, es heyg mih eine la hocke, u ih ha scho gmeint,
ih heyg ne. Hemder habe es in der Nacht an, wo siebni keinen Ofenwsch gbten;
anstatt Gloschleni ziehe es Hudlen an einen Faden wie Bohnen, binde sie dann um
den Leib und rhme, wie die grusam warm gbten. Wenn es an einem Morgen Stinis
Strmpfe anziehen sollte, so knnte es die ganze Nacht aus Angst nicht schlafen,
ob es je zum Frfu kommen konnte, denn an manchem Ort seien sie fast zringsum
abenandere und hingen nur an einzelnen Fden, da es das grte Wunder sei, wie
es sie noch an die Beine bringen knne. Es nhme es nur wunder, wo es mit dem
Geld hinkomme; es schaffe nichts an und htte doch nie fnf Kreuzer beieinander.
Es wollte nur, es liee sich einer anschmieren durch Stini und nhmte es, in der
Hoffnung, er kriege eine reiche Frau; der knnte ihns lchern, wenn er Hudlen zu
erlesen bekme statt Geld zu zhlen. Uli, das wre eine fr dich, sagte dann
rsi, da knntest du eine Nase voll usenh, da du den Sumist nicht mehr
riechen wrdest, nicht einmal den Kuhdreck; du httest sie dein Lebtag voll
genug von der Frau. Ich rhme mich nicht halb so als das Stinkloch; aber es wre
mir doch noch ein himmelweiter Unterschied, eine sferliche Frau zu bekommen,
als so ein Mistloch, so ein ungewaschenes Tier; es gruset mich alle Nacht, wenn
ich zu ihm ins Bett mu, und es ktzeret mich allemal, wenn es kochet und nicht
die Meisterfrau.
    So fhrten die Nebenbuhlerinnen ihre Gefechte hinter ihren respektiven
Rcken; indessen auch vorwrts schonten sie sich nicht, und Stini schimpfte
rsi, und rsi verspottete Stini. Und Uli, den vernnftigen Kerli in seinem
brigen Betragen, htte man vernnftig glauben sollen, glauben sollen, da werde
es ihm nicht gehen wie einem Esel zwischen zwei Heuhaufen; und doch ging es Uli,
dem verstndig gewordenen Knecht, so. Es ist eine ganz merkwrdige Sache, wie
der gescheiteste Kerli in allen Dingen der Welt beim Heiraten ein dummer Stffel
werden kann. Wie irgend ein Trieb im Menschen, eine verborgene oder schon
offenkundig gewordene Lust durch ein Weibsstck fast wie mit einer Lunte
entflammt werden kann, da Feuer in ihm aufgeht, ins Dach schiet und ihm wird,
als mte er mit diesem Stck glcklich werden und htte die ganze Welt gerade
nichts fr ihn als dieses Stck, nichts Reiz fr ihn mehr als dieses Stck, das
sieht man alle Tage, und wer es hundertmal gesehen, den gibt es auch zu seiner
Zeit, er ist an Andern nicht klug geworden. Man sieht tausend Ehen geschlossen
werden, wo Tausende sagen mit aller Bestimmtheit: So gewi eins und eins zwei
machen, werden die unglcklich; alle pflichten bei, der Erfolg gibt ihnen
recht, nur die Beiden oder wenigstens eins ist blind, hrlos, es schmeckt und
riecht nichts. Irgend eine Begierde lag in ihm in noch unentwickelter Kraft, in
mchtiger Anlage; ein Weibsstck tritt als Leben gebendes Element hin, zu, und
nun entsteht eine Grung, in welcher alle Besonnenheit untergeht, in welcher
diese Aufwallung einzig den Willen bestimmt, alle sonstigen Rcksichten
verdunkelt und einzig das ins Licht stellt, was Ziel jenes Triebes ist. Das ist
allerdings eine sehr handgreifliche Erklrung vieler sogenannter Liebe. Aber man
erklre es mir anders, wenn die widerwrtigste Person wegen hundert Kronen
geheiratet wird, das fulste Schlrpli, weil es eine schne Haut hat, die
sinnlichste, ppigste Witwe, weil sie das Flattieren versteht, whrend aller
frheres Leben, das meist den Betreffenden bekannt ist, ihre Umstnde, ihre
Anlagen die unglcklichste Ehe wie mir Kanonendonner predigen!
    Kann man bei einem Menschen die Zeit dieser Grung vorbeiweisen, ehe er ans
Heiraten gekommen ist, so geht der Rausch vorbei; er erwacht wie aus einem
Traume, es ist ihm, als ob die Augen ihm aufgingen, Schuppen von denselben
fielen, ganz anders sieht er alles an, ganz anders rechnet er, und sein
Dringlichstes ist, von seinem sogenannten Lebensglck sich zu befreien. Daher
das Geschrei ber verschwundene Liebe, ber Untreue, daher die Trennung vieler
Brautpaare, daher die noch zahlreicheren sogenannten unglcklichen Ehen. Einen
solchen Grungsproze hat man halt fr Liebe angesehen; es hat nun ausgejset,
der natrliche Zustand kehrt wieder: da ist nun keine Liebe mehr; was eins
werden sollte, hat sich nicht binden wollen, sondern liegt ausgeschieden
feindselig sich gegenber.
    Nun steckte in Uli noch immer der einige zwanzig Jahre alte Bursche, der
beim Flattieren warm wird und ein hbsches Mdchen lieber hat als ein wstes,
dem die Sinnlichkeit zur Brille wird, mit der er ein Mdchen und das durch
dasselbe zu erlangende Glck ansieht. Aber in Uli regte sich auch die
Huslichkeit, der Trieb, etwas Selbstndiges anzufangen, ein Meister zu werden.
Einige hundert Kronen und eine sparsame Frau hatten daher eine eigene Bedeutung
in seinen Augen; mit so einer glaubte er alles gewonnen und seine Dienstjahre um
vieles abgekrzt.
    Daher konnte er sich nicht enthalten, mit rsi zu tschnzlen, zu denken, es
sei doch ein liebes und gutes Meitschi, und mit ihm wrde er ein gut Leben
haben. Und er spielte oft in Gedanken mit diesem Leben und wie er und rsi es
treiben, wie sie miteinander Kilbi haben und einen Haushalt fhren wollten. Dann
kam ihm wieder vor, da man am Ende von der Hbschi nicht leben knne und da
rsi nicht nur nichts habe, sondern noch hoffrtig sei, zu ihren Kleidern nicht
recht Sorge tragen knne, wie es eben nicht das Eifrigste in der Arbeit sei.
Indessen, dachte er, daran knnte er es gewhnen. Dann kam ihm aber auch Stini
in Sinn, und es kam ihm vor, als ob er es mit demselben viel besser machen
wrde. Stini hatte Geld, war werchbar und huslig. Freilich war es hssig; aber
daran gewhne man sich, dachte er, da man es zuletzt gar nicht mehr achte. Es
war sehr wst; aber dann dachte er wieder, zletzt sei eine Frau wie die ander,
es knnten nicht alle schne Weiber haben, und Mancher wrde seine schne Frau
an eine wstere tauschen, die aber minder hoffrtig und werchbarer wre. Dann
schwatzte er wohl mit Stini und lie sich mit ihm an; dann grinste Stini ihn
noch grimmiger an, es war fast, als ob die Haare sich ihm zu Berge stellten, und
zankte ihn noch einmal so innig und inbrnstig aus und sparte die Uflt und
weste Hng nicht, whrend es noch einmal so wenig Mehl und Anken in die Suppe
tat. Dann dachte Uli, es sei doch wahrhaftig nicht alles, mit einer Frau leben
zu mssen, deren Freundlichkeit Sauersehen, deren Wohlmeinenheit Zanken sei, und
wenn sie ihm nichts gnne und er bei ihr keine Leute haben knnte, ob er nicht
ein geschlagener Mann wre, und was ihm dann das Schbeli Geld hlfe?
    So wurde Uli von zwei Gewalten angezogen und abgestoen; immer dringlicher
kam es ihm vor, sich bald zu entscheiden, denn es schien ihm, als ob er nach und
nach veralte und da wenn er sich nicht bald entscheide, es bei ihm mit dem
Heiraten vorbei sein werde, so einen Alten Keine mehr nhme. Denn man kmmt sich
heutzutage viel frher alt vor als ehemals; der Schnuderbube will schon ein Mann
sein, was kann daher ein Mann anders sein als ein Greis? Ehedem schmte sich
einer, zu heiraten vor dem dreiigsten Jahre, jetzt rmpfen die Meitscheni die
Nase, wenn einer ber fnfundzwanzig ist, und nehmen am liebsten mit den
Flaumbrtigen von achtzehn bis zwanzig vorlieb. Das gibt einen guten Begriff,
wie witzig die heutigen Mdchen sind und fr was sie die Ehe ansehen und wie
wenig sie darnach fragen, was Kinder mit Kindern anfangen sollen.
    Glcklicherweise fr Uli wurde in diesem Hause nicht geduldet, da die
Dienstboten sich nchtlich besuchten; zudem waren die beiden Nebenbuhlerinnen in
einem Bette, da wre jedenfalls ein strubes nchtliches Besuchen gewesen. Aber
eben dieser Hemmungen wegen suchten sie ihn um so eifriger bei Tage auf, denn
auch bei ihnen wuchs der Drang, die Vereinigung zu beschleunigen, Ulis sicher zu
sein. Deswegen war Uli nirgends sicher. Im Stall beim Melken, im Futtergang beim
Fttern, auf der Bhne beim Futterrsten, beim Grasen und Misten schlich sich
bald Stini, bald rsi herbei, Stini zankend, rsi liebelend. Aber kaum war Stini
da, so war auch rsi nicht weit, trennte entweder die Zwiesprache oder plagte
Uli spter deswegen. Und kaum war rsi dem Uli an einem Ort unter die Augen
gestanden und blinzelte mit den Augen zu ihm auf, so scho Stini daher wie aus
einer Bchse, lie die Milch ins Feuer laufen, schnzte wie eine taube Katze,
warf mit ungschmten Mnschern um sich und Fotzelbuben usw.
    Je lnger je ungerner lie rsi und Stini sich vertreiben, immer mehr
hielten sie einander stand, hielten sich gegenseitig die wstesten Sachen vor,
und Eine drohte der Andern immer, beim Meister sie zu verklagen: es nhmte sie
wunder, ob er denn ein solches Zk und Gschleipf dulden wolle? Der Meister und
die Meisterfrau sahen das Ding schon lange und allerdings immer mehr mit
Unwille, denn es strte den Gang der Arbeit, und weder Stini noch rsi hatten
Sinn fr ihre Geschfte, vergaen alles unter den Hnden, auch Uli bsete es.
Die Meisterin meinte schon lange, Johannes sollte doch mit dem Uli reden; sie
htte schon manchmal den Mgden abgeputzt, aber es sei nur, wie wenn sie l ins
Feuer schtte, es dunke sie, dieselben wrden alle Tage strmer, und sie htte
afe Kummer, Stini werde ein Narr, es htte letzthin afe plret, und das htte es
noch nie getan, so lange sie es kenne. rsi, selbem tue es nichts, das denke:
Gits nit d, su gits e angere. Johannes sagte, es sei ihm zuwider, mit Uli zu
reden, er htte ihm noch nichts davon gesagt; aber wenn es nicht gute, so werde
es doch sein mssen, so knne es nicht lnger gehen.
    Uli kam die Sache auch immer peinlicher vor. Er schmte sich nach und nach
seiner beiden Schtze, die Grung war am Verrauchnen; Eine war der Andern im
Wege gestanden, und Beide hatten dem Uli Zeit verschafft, wieder zu sich selbst
zu kommen. Er begann nach und nach, die Zwiesprachen zu vermeiden; desto
hitziger stellten sie ihm nach, desto wster sagten sie einander. Er war ohne
Laterne im Stall, desto emsiger suchten sie ihn. Einmal gab er den Rossen ber
Nacht, und kaum hatte er angefangen, so war rsi da und schtzelete mit ihm und
fragte endlich ganz bedauerlich, was er auch habe, er sei nicht mehr der
Gleiche. Daran sei nur Stini schuld, aber dem solle es gezeigt werden, es wolle
Stini dahin helfen, wohin es gehre. Und wie rsi das sagte, fing es drauen an
zu poltern, zu pltschern und dann so wunderlich zu tnen und zu mggen. rsi
jauchzte auf und schrie: Es hets, es hets!, lief hinaus, und Uli zndete nach;
aus dem Hause liefen die Leute herbei, und da fanden sie Stini im Mistloch, das
triefende Haupt aus der schwarzen Jauche emporstreckend und gar erbrmlich
schnopsend, hustend und brllend in allen Tnen. Es konnte nicht selbst heraus,
und niemand mochte das triefende Mensch anrhren. Die ganze Haushaltung stund
ums Loch herum; niemand konnte sich des Lachens enthalten, selbst die Meisterin
mute auf die Seite, weil sie nicht mehr Meisterin ihrer Mienen war. Stini
streckte beide Hnde empor und begann zu fluchen. rsi lachte immer lauter,
Stini brllte immer wster: Es wolle es rsi zeigen, sobald es heraus sei, denn
das Mnsch und niemand anders htte das Loch abgedeckt, da es auf dem Weg zum
Brunnen htte hineinfallen mssen. Whrend die lachten und Buchten, wollte
niemand zugreifen; der Eine redete vom Misthaken, der Andere von einer
Schogabel, der Dritte meinte, man solle es mit Pulver heraussprengen. Endlich
erbarmte sich der Meister, nahm einen drei bis vier Fu langen Knebel, hielt ihn
an einem Ende und gab Uli das andere, und Stini mute nun mit beiden Hnden
diesen Knebel in der Mitte fassen. So hoben sie mit Anstrengung aller ihrer
Krfte Stini langsam aus dem Loch empor.
    Man kann sich keine Vorstellung machen, was das im Scheine der Laterne fr
ein Luegen war, als die von Jauche triefende Gestalt, in schwarzen Kot gehllt,
mit den roten Augen, der blauen Nase, den weien Lippen so nach und nach aus dem
schwarzen Loch tauchte und schwarze Strme nach allen Seiten aus ihren Kleidern
sich ergossen, bis sie endlich wie ein eigentlicher Drecksack auf festen Boden
gestellt werden konnte. Die Zuschauer wollten sich fast am Boden herumwlzen vor
Lachen. Aber kaum fhlte Stini festen Boden, so strzte es zsmefelige wie
eine Hyne auf rsi los. Dieses, laut aufschreiend, wollte fliehen, aber schon
war es von Stini umkrallt, an den Zpfen zu Boden gerissen; auf dem schnen rsi
wlzte sich der Drecksack, dessen grliche Finger whlten in seinem glatten
Gesicht, und wie das gestrhlte rsi der tusig Gottswillen um Hlfe schrie,
schrie wie am Messer, es kam ihm niemand zu Hlfe, niemand mochte Stini
anrhren, das bei jeder Bewegung Jauche weit um sich her spritzte. Da mute
endlich rsi sich wehren, und Stini schrie auf, und sie wlzten, verschlungen,
zu einem Knuel geballt, sich am Boden. Von ferne hrte man Schritte; die
Meisterin sagte, wenn man die Mntscher nicht bald voneinandertun wolle, so
wolle sie es selbst tun. Das durfte man sich nicht zweimal sagen lassen, man
suchte rsi zu ergreifen. Aber rsi war um nichts sauberer als Stini; wer
zugriff, wurde besudelt, und als Uli helfen wollte, wren Beide bald ber ihn
hergefallen, an allem sollte er schuldig sein. Stini fluchte, da er es habe ins
Loch sprengen helfen, und rsi, da er ihm Stini angereiset, und wenn der
Meister nicht aus Angst vor den nach und nach sich nhernden Nachbarn die beiden
Unholdinnen ins Haus gewiesen htte allen Ernstes, so htte Uli mit ihrem Zorn
noch hrter zu kmpfen gehabt als mit ihrer Liebe. Wie die beiden Liebhaberinnen
ausgesehen, wie sie zusammen ins Gaden gekommen und dann endlich auch ins Bett,
das mu ich der Einbildungskraft meiner Leser ber, lassen. Nur das kann ich
sagen, da ihr Anblick Uli wirklich ber den Magen kam und er von Stund an von
Beiden genug hatte. Sie fhlten es Beide auch selbst, da das Ding ein Ende
haben msse, und erneuerten nur sehr schwach ihre Versuche. Stini trstete sich
damit, das verfluchte Mnsch berkmm ihn emel auch nicht, und rsi fate sich,
im Vertrauen, es gebe noch Andere als Uli und wenn ein schnes Meitschi einen
Mann wolle, so brauche es nur den kleinen Finger zum Fenster hinauszustrecken,
so hingen ihm zehn daran; einen jedern nehme es aber auch nicht, es sei nicht
gewachsen, fr an einem Orte der Schuhwisch zu sein.
    Aber ganz war Uli die Lust zum Weiben noch nicht vergangen; es dnkte ihn
noch immer, es wre jetzt Zeit und er htte nichts mehr zu versumen.

                                Zehntes Kapitel


         Wie Uli um eine Kuh handelt und fast eine Frau gekriegt htte

Einmal, und damals war es hei hatte er eine Kuh zu Markt gefhrt. Der Meister
hatte ihm gesagt, wieviel er lsen solle; was er darberaus ermrte, das knne
er behalten, aber er solle sich dabei wohl in acht nehmen, da er nicht zwischen
Sthle und Bnke komme und am Ende die Kuh heimbringen msse. Es sei schon
Manchem so gegangen, da er den Preis htte lsen knnen, aber zu hoch gespannt
und zuletzt keinen Kufer mehr gefunden habe. Uli hatte beim Msten dieser Kuh
sich viele Mhe gegeben und ging gespannter Erwartungen voll auf den Markt. Kann
ich wohl zwanzig, kann ich vierzig Batzen herausschlagen, oder mu ich mit gar
nichts vorliebnehmen?, das ging ihm bestndig rundum im Kopfe.
    Schon weit vor der Stadt paten Leute auf, schrien ihn an: Junge, wie teuer
das Kuhli? Sie griffen mit ihren Hnden um die Kuh herum, fhrten alle Griffe
aus, und die Haut sei gar dnn, sagten sie, und Unschlitt nicht viel mehr, als
fr einem Kind die Schhli zu salben. Sie fhrten die Kuh aus, da Uli bald
dreingeschlagen htte. Dann kamen Andere und fingen an zu loben so halb und
halb: Man msse sie dieses Jahr nehmen, wie man sie finde; es seien Hufen Khe
feil, aber das sei noch keine von den schlechtesten; das Msten gehe etwas hart
bei grauem Heu.
    Fast wie Brmen das Vieh beim Eintritt in einen Wald empfangen, wurde Uli
und seine Kuh von Leuten umsumst, die ausfhrten, rhmten, bald die Kuh, bald
ihn, und verlangten, er solle sie schtzen, er solle doch sagen, was er fordern
drfe fr so ein Rmpeli. Uli begann zu ahnden, da die Ware besonders bschig
sei, da er einen Schnitt machen knne. Er forderte fnf Neutaler mehr, als der
Meister ihm gesagt hatte. Nun erhob sich ein Gebrll gegen ihn, wie wenn er in
eine Wespern geguselt, und akkurat so fuhren die Menschen von ihm weg. Indessen
bemerkte er doch, da ihn Einige nicht aus den Augen lieen und sich den Ort
merkten, wo er auf dem Mrit sich und seine Kuh stellte. Einen Bekannten, der
vorbeiging, rief er herbei, um die Kuh ihm einen Augenblick zu halten, und
durchstrich flchtig den Markt, um zu hren, was Kauf und Lauf sei. Er sah zu
seiner Freude, da seine Ahnung ihn nicht betrogen und heute etwas fr ihn zu
machen sei. Als er zurckkam, fand er seinen Stellvertreter in groer
Verlegenheit: es waren Kufer da, wollten den Preis wissen, und er kannte ihn
nicht. Alsobald kam Uli in Handel. Er blieb bei seiner Forderung; man bot, man
mrtete, man ging weg, aber er merkte, da die meisten der Bietenden die Kuh im
Auge behielten, da man ungern aus dem Mrit ging und einen Andern dazulie; er
kam zur Einsicht, da er um eine Dublone Gewinn verkaufen knne, und er tat es
endlich auch, frchtend, durch zu langes Hinhalten mchte er endlich um alle
Kufer kommen.
    Es verzgerte sich, bis er das Geld in Empfang genommen, und es brannte eben
die heieste Nachmittagssonne, als er heimging. Er war noch nicht weit auerhalb
der Stadt, als er ein groes Weibsbild mit vier kleinen Schweinen sich
herumtreiben sah. Diese wollten nicht parieren, und alle Fnfe lechzten und
schnupeten zum Erbarmen. Er erkannte die Tochter eines ihrer Nachbarn, die fast
atemlos und erschpft ihn dr tusig Gottswille bat, er mchte ihr beistehen, sie
bringe sonst die Donners Ketzern nicht lebendig heim. Uli half mit etwas mehr
Ruhe, als das Mdchen gehabt, und bald brachten sie auch die Schweinchen in
einen ruhigen Gang. Denn wie die Tiere tun, hngt meist von ihren Treibern ab.
Es liee sich da ein merkwrdig Kapitel fr Eltern und Regenten anknpfen. Doch
diesmal haben wir nicht Zeit, uns mit ihnen abzugeben; wir mssen jetzt
erzhlen, wie Kthi wieder zu Atem kam und wie sie mit den ersten freien
Atemzgen zu erzhlen begann, wie manches Schwein sie daheim htten und wie viel
sie jhrlich nur mit dem Schweinmsten gewnnen. Aber die Mutter verstehe das
bsunderbar; sie gebe aber ihren Mastschweinen im Winter mehr Nidlen als ganze
Milch. Aber mit dem Gspnnst machten sie noch viel mehr. Sie pflanzten alle
Jahre grusam viel, und alle Jahre gerate es ihnen bsunderbar wohl, und dann
htten sie Flei mit Spinnen und schon zWeihnacht alle Stangen voll. Der Baucher
habe schon manchmal gesagt, er treffe in keinem Hause so vieles und so schnes
Garn an. Und wenn die Mutter schon tuchen lasse, da es einem bel gruse, sie
htte den halben Spycher und alle Trg voll Tuch, so knne doch die Mutter von
Weihnacht bis Ostern alle Wochen mit groen Burdenen Garn zMrit gehen. Fr ein
jedes Kind htte sie schon lange den Drossel zweg; da seien Anzge und Fassene
und flchsiges Tuch fr Hemder und reistenes zu Tischlachen und Lylachen, man
knne weit laufen, ehe man solches she. Schon manchmal, wenn sie Dorf bekommen
und die Mutter die Leute in den Spycher gefhrt htte, so htten sie die Hnd
ber dem Kopf zusammengeschlagen vor Verwunderung und htten gesagt, so viel
Sachen und so schne htten sie noch nie beieinander gesehen. Wo das sei, werde
auch noch anderes sein, da mchten sie einist helfen teilen. Der Vater htte
aber auch schon manchmal gesagt, es sei Mancher, er meine, er sei ein Bauer,
aber er gstiengs nicht aus, nur was jhrlich die Mutter an Weber- und
Bleicherlohn ausgebe. Es kme ihm wohl, seien die Zinse gegeben. Es kme ihm
wohl, wte er aus dem Stall zu losen mehr als ein Anderer, da mg es wohl etwas
erleiden. Aber das ist noch alles nichts, fuhr Kthi fort; aber es hat mir
manchmal bel gruset, was jhrlich der Mller dem Vater fr Geld geben mu, ich
glaube, mngs hundert Kronen. Aber er sagt auch allemal, so gutes Korn wie
unseres finde er nirgends; es sei allemal wenigstens eine halbe Krone mehr wert
als den andern Bauren im Drfli ihres. Aber wir haben auch Ackere dafr, viel
Jucharten aneinander, ich wei nur nicht wieviel, und alles eben wie ein Teller
und so schner, schwarzer, murber Herd, man kann nicht genug luege, und die
Leute haben schon manchmal gesagt, sellig Ackere treff man nirgends an ds Land
uf und ab, man mge hinkommen, wohin man wolle. Es sei kein schneres Luegen
als so einer ihrer Ackern voll Korn, wenns so schn graduf stang und dick wie
eine Brste und alle Halmen gleich lang, wie wenn man sie mit der Schere
abgehauen htte. Es stnden allbets alle Leute dabei still und sagten, sie
wten doch nicht, wie es der Vater auch mache; aber solches Korn sehe man
nirgends, und es dunk eim, er msse es vorauswissen, ob es einen frhen Winter
gebe oder nicht, ob er dicker oder dnner sen msse; er treffe es allemal und
htte alle Jahre immer gleich schnes Korn, immer ebenrecht dick, und ihm falle
es nie, nume hie und da ppe es Hmpfeli am ene Port.
    So schwatzte Kthi in einem fort, whrend der Schwei ihr von der Stirne
rann und es einem dnkte, der Mund sollte ihr zusammenkleben und nicht mehr
voneinander wollen. Et, was dergleichen mu wahrscheinlich auch gewesen sein,
denn als man zu einem Wirtshause kam, sagte Kthi: Wenn es dSuleni knnte in
einen Stall lassen und ihnen etwas zu saufen darhalten, so glaube es, es tte
ihnen wohl. Unterdessen knnte es Uli eine Halbe zahlen, weil er ihm so
behlflich gewesen; es glaube nicht, da es sie allein heimgebracht htte. Uli
sagte, es sei ihm recht, eine zu haben, wenn es sich nicht schme, ume so mit
einem Knecht im Wirtshause zu trinken; er htte aber auch Geld, um eine zu
zahlen. Kthi sagte, er solle nicht Gsp haben; es sei schon mit manchem
Baurensohn im Wirtshause gewesen, der minder vorgestellt als er. Der Vater htte
ihn auch schon manchmal gerhmt und gesagt: Er wollte, er htte einen Knecht,
wie er sei, und er wte manchen Baurensohn, er wre ihm als Tochtermann minder
anstndig als Bodenbauren Uli, wenn der schon nur ein Knecht sei.
    Der Stall fand sich und eine Halbe auch. Es waren nicht viel Leute im
Wirtshaus. Zwischen drei und vier Uhr findet man nicht auf dem Heimwege, wer am
Ordinri sitzt oder tanzen will. Die gehen heim, welche mit einem halben
Schoppen vorlieb nehmen, Anken, Garn verkauft haben oder sonst etwas, Ziegen,
Schafe, Schweine gekauft die sogenannten Mannleni und die Hausmutteni, die sich
nicht gerne lange sumen und doch noch etwas mchten, ehe sie heim ans dnne
Kaffee mssen. Derlei Leute saen einige in der Gaststube, hatten ihre halben
Schpplein vor sich, ihre Krbchen oder Mrtscklein neben sich und verhandelten
den Mrit und was dies oder jenes gegolten, und wenn man es nur gewut htte,
wie es ginge, so htte man etwas anderes auf den Markt gebracht, das bschiger
gewesen als der Anken, den man gehabt. Es sei gar grusam viel gewesen, es heig
eim fry dunkt, die Ankekrbleni wachsen us dm Bode use und dLt htten aus
Brunnwasser Anken gemacht. Kthi rhmte, wie sie es getroffen. Sie htten der
Gattig gehabt, aber die Mutter htte es gesagt: Heute solle man nicht mit Anken
kommen; die Leute, welche einen Kreuzer Geld mangeln, werden alle heute Anken
verkaufen wollen. Es dechs, sagte es zu Uli, es mcht etwas essen, der Wein
mache ihm Hunger; ob sie neuis wollen heien cho? Es sei ihm gleich, sagte Uli.
Er knnte es machen, aber er wolle mithalten. Kthi rief den Wirt und fragte,
was sie htten. Der Wirt sagte: Wenn sie noch ein Brsmeli Geduld htten, so
knnten sie Bratis haben und Wrste und von einem Hammli; aber es sei noch alles
ber; sie htten nicht geglaubt, da die Leute heute so frh kmen. Dem Kthi
war es recht, zu warten, von wegen den Sulene, sagte es; es kuhle dann
derweilen. Da werden sie noch eine Halbe haben mssen; sie htten so enangerena
trunke und nicht daran gedacht, da sie noch etwas essen wollten.
    Endlich war aufgegessen und ausgetrunken und Kthi rief: Wirt, was sy mr
schuldig? Kann man euch nicht noch mit etwas aufwarten? sagte er, ppe no
mit emene Schppli? Als er das Nein vernahm, sagte er: He nu so de, su isch es
zme sechszeche Batze. Sie fuhren Beide in die Scke, und Kthi sagte dem Uli,
er solle nicht Geld frezieh, es wolle zahlen. Uli sagte, das wre ihm gspssig;
er sei auch froh gewesen, etwas zu nehmen. Uli zog eine Handvoll Mnze hervor
und Kthi nur sechs Kreuzer oder drei Batzen, dazu dann drei oder vier Neutaler.
Es msse wechseln lassen, sagte Kthi, aber seine Neutaler reuten es schier, man
bekme immer so schlechte Mnze in den Wirtshusern. Es htte einen ganzen
Bieter voll Mnze bei sich gehabt, aber dem Vater davon geben mssen, als er die
Suleni gezahlt habe, sein Geld habe ihn gereut. Weit was, Uli, sagte Kthi,
zahl du auch fr mich; ich will es dir wieder geben, sobald wir heim sind. Ich
habe zu Hause noch mehr Geld als das da, es hat noch Manche nicht so viel als
ich; es wr mnge Bur froh, er knnte mit mir tauschen. Die Mutter sagt immer,
es sei nicht manche Baurentochter ds Land auf und ds Land ab, die svli
Bietersackgeld habe wie ich. Aber ich bekomme Trinkgelder alle, mal, wenn wir
Schweine verkaufen, auf das mindest immer fnf Batzen von einem. Und wenn etwas
zu vertragen ist, kmmt es an mich. Die Metzg ins Pfarrhaus trage ich auch, aber
dort hats bset. Die vorige Pfarrere hat fnf Batzen gegeben, wenn eine Hamme
dabeigewesen ist; die gibt nur dreieinhalb Batzen auf ds Vielst. Alle Jahre habe
ich einen eigenen Flachspltz, wo ich schon manchmal fnfundzwanzig Pfund
gemacht habe. Aber die Mutter sagt, es sei nichts als billig, da ich fr mich
pflanzen knne; es gbte ds Land auf und ab nicht Manche, die sich zum Spinnen
hielte wie ich, und sie wolle ausbieten, es seien im ganzen Kanton nicht ein
Dotzend, die mit mir machen konnten, welches besser. Dann ist auch der Vater gar
gut gegen mir; wenn ihm Geld eingeht und ich bin umeweg, so tut er es nie ins
Bureau, bis er mir ein oder zwei Neutaler gegeben, ja ich wei schon, ich habe
eine ganze Dublone bekommen. Aber dr Vater hat schon manchmal gesagt, das sei
nichts als billig. Wenn er einen Knecht bekommen sollte, der mir die Stange
hielte und den er brauchen konnte wie mich in alle Spiel, er mte ihm vierzig
bis fnfzig Kronen Lohn geben, und dann knnte er ihn im Winter doch nicht zum
Spinnen brauchen wie mich. Er hat schon manchmal gesagt, er htte noch kein
Meitschi gesehen, das mhen knne wie ich. Wo er jung gewesen sei, so htte er
mich messe frchte, und doch htte ihn nie einer mgen. Aber ds Wetzen verstehe
ich aus dem ff; es haut mir durch Schrhfe und durch den Wurmherd wie gschisse,
und ich fahre noch lange zu, wenn die Andern schon lange nichts mehr machen
knnen. Aber sie haben mir auch schon manchmal alle ihre Segessen zu wetzen
gegeben und haben gesagt, es nehme sie nur wunder, wie ich es mache; so hauig
htten sie noch niemand wetzen sehen, und doch meine man, ich nehme die Segesse
blo i dFinger, so nt z'tue gebs mr. Da bin ich am Morgen immer zuerst zweg,
und wenn abends die Knechte schon lange im Nest sind, so fichten ih noch in der
Kche und wasche ab oder helfe der Mutter zMorgen rsten. Sie hat schon manchmal
gesagt, es nehme sie nur wunder, wie ich es ausstehen mge. Aber gschau mini
Arme, Uli, und Beine habe ich noch dickere, da ist ppis drinne. Voriges Jahr
habe ich zweitausend Korngarben, so schwer, wie wir sie machen, wo wir von einer
immer fnf Immi drschen, in einem halben Tag allein hinaufgegeben; es ist dem
gschmuecht worden, wo sie hat abnehmen mssen. Die Leute haben von allem Wunder
brichtet und gesagt, das sei noch nie erlebt worden, da ein Meitschi
zweitausend sellig Garben in einem halben Tag allein hinaufgegeben habe, und ich
bin doch gar nicht mde gewesen. Unser Melker hat gesagt, jetz werde ich doch
afe gstabelig sein. Und da habe ich ihm gesagt, ich wolle ihm es zeigen, wenn er
wolle; und da habe ich ihn dreimal auf den Rcken geschlagen, gb er mich
einist. Da hat er gesagt, es sei im ganze Bernbiet keine Kherstochter, die mich
mchte, und es werde nicht mancher Kherssohn sein. Aber wie hat er afe ein
Gesicht gemacht, wo ich ihm einist habe helfen melken und immer geng zwei Khe
gmolchen habe, gb er eine wohl. Da hat er gesagt: Es sei verflucht schad, wenn
ich nicht eine Khersfrau gebe. Es knnte einer denken, er wre glcklich, wenn
er mich bekmte; der wte dann, da er eine Frau htte, und der knnte
ausbieten: Im Bernbiet und im Lnderbiet gbt es kei selligi. Aber da hat unser
tti gesagt, und ds Augewasser ist ihm gekommen, uf my armi wien e Husbrunne, er
begehre nicht, da einer kme, und wenn ihm einer die beste Kuh im Stall
wegnhmte, es ginge ihm nicht so bel, als wenn ich ihm fortkmte, und es m
nichts mehr zu machen sein, sonst lasse er mich nicht. Und darauf ist er ins
Stbli gegangen und ist mit einer ganzen Handvoll Neutaler herausgekommen und
hat mir sie gegeben und hat gesagt: Eine ganze Scheube voll reuten ihn nicht fr
mich, wenn es sein mte. Und im Aargau habe ich vier reiche Basen, und wenn es
z'machen ist, so erben wir sie alle; und die kommen nie zDorf, da sie mir nicht
Kittlen und Frtcher mitbringen von den schnsten, wo es gibt, und wenn sie
fortgehen, so drckt mir eine jedere noch Silber in die Hand, so viel sie
hmpfelen kann. Die sagen aber allemal, erst wenn sie mich shen, werde es ihnen
recht leid, da sie keinen Sohn htten, wie der afe glcklich mit mir sein
knnte. Im ganzen Aargau seie Keine, die mir nur von weitem die Zechen lngte.
Sie htten es schon manchmal drunten gesagt, und es nhme sie wunder, da nicht
ganze Haufen aus dem Aargau gekommen seien, die mich htten haben wollen, denn
da wre ich doch andere Rustig als ihre bauelige Meitscheni, wo man knne
abenangereluege. Aber das seien gar ynbildisch Leut da unten; die meinten, es
gbe nirgend etwas Gutes als in ihrem rgu, wo dr Wy eim dZng abfre und
dRebe eim dr Buuch verderbe und verklte, da lngs Stck nt as Ischzpfe von
eim gingen. Der Vater htte schon manch, mal gesagt, wenn es wollte bei ihm
bleiben und die Basen gestorben seien und sie dieselben geerbt hatten, so wollte
er ihm einen Stock bauen lassen, wie in der ganzen Stadt Bern keiner sei, und
Land zum Pflanzen mte es genug haben. Da knnte es sich lassen wohl sein,
besser als manche Herrenfrau. Es wisse es noch nicht, sagte Kthi, wie es es
machen wolle. Ja, ein schner Stock sei schn, und so gut haben sein Leben lang
sei auch schn. Aber es wisse es nicht; so ein werchbar Mensch, wie es sei,
frchte es, es htte nur Lngizyti. Was es doch anfangen wollte so alleine? Es
dechs immer, wenn so einer kme, der ihm anstndig wre, es wollte noch lieber
mannen. Es htte schon Manchen haben knnen; aber einen jedern nehme es nicht,
es wolle dann nadisch auslesen, es knns, und wenn ihm Keiner anstndig sei, so
htte es sonst zu essen, und dann sei es noch frh genug mit dem Stock. Es sehe
nicht auf den Reichtum, es htte schon Solche haben knnen, die zahlte Heimet
gehabt htten und groe, aber dPerson habe ihm nicht gefallen. Es wolle e
Hbsche und e Freine, auf das Geld brauche es nicht zu sehen, es bekme fr ihns
und noch einen genug. Es dechs, wenn es so einen bekme, es wollte sich nicht
lange besinnen, und die Eltern htte es nicht zu scheuen, bsungerbar wenn der
ppe bei ihnen bliebe. Wenn einer kme, ppe e rechte Bursch, der ihm anstndig
wr, und sagte, er wolle Kthi ne ppe la, solang sis manglete, und wenn man ihn
ppis schtzte, so wolle er auch kommen, so glaubte es, sie wrden ihm mngs
tusig, mal lieber Ja sagen als dem Reichsten, wenn der ihns fortnehmen wollte.
Sie haten die Diensten afe gar, denen seis nicht zu breichen. Wunderselten
treffe man einen an, der ppe zufrieden sei mit dem, wie man es selbsten habe,
und sie htten es nadisch bei ihnen gut; aber sie meinten, man solle die
Erdpfel selbst fressen und ihnen eierttschlen. Ja, wenn sie alle wren wie er,
sagte Kthi, so wollte sie nichts sagen, aber Solche treffe man unter Hunderten
nicht einen mehr an. Es nimmt mich my armi nur wunder, da du immer dienen
magst; so einer wie du, e sellige tolle Bursch un e huslige, der scho ppis i de
Fingere ht, der kann ppe ppis anfangen, wenn er will, und wenn ihm das nicht
pressiert, so kann er eine Frau bekommen, wo er zu essen hat, wenn er schon
nicht Knecht ist. Es wre Manche froh, wenn sie so einen genommen htte statt so
einen reichen Gytgnpper, der ihr nichts gnnt und ihr alle Tag vorhlt, wie
reich er sei. Die Mutter htte manchmal gesagt, gb sie ihre Tochter so einem
geben wollte, wollte sie sie lieber dem ersten Besten ab der Gasse geben. So
einen aber mchte es notti nit, sagte Kthi, aber es wolle nicht sagen, da es
sich lange besinnen wrde, wenn ein rechter Bursch kme; mi syg notti da fr
z'hrate, und mi heyg viel Byspiel, da die, wo am eigeligsten gewesen und am
wunderlichsten im Auslesen, die unglcklichsten Hng geworden von der Welt. Und
wenn es einen htte, so wollte es sy armi eine manierligte Frau sein, und ds
Fresse mte einer haben so gut als es selber. Da sei es doch nicht von denen
eins, die ppis Apartigs fressen und dem Mann nichts davon geben mchten. Das
dechs wests; es dechs, wenn man alles gemein htte, so sollte man das Fressen
auch gemein haben, es htte es ja Eins vom Andern zu genieen.
    Kthi brichtete, Uli konnte nicht mit einem Hmmerlein dazwischen, und so
kamen sie bis zu ihrem Scheideweg. Da dankte Kthi dem Uli gar schn und sagte,
es htte die Tfels Tiere nicht heimgebracht ohne ihn. Dankeigist dafr; und
dann bin ich dir noch acht Batzen schuldig, und ich bin nicht gerne etwas
schuldig, man knnte es vergessen, und das htte ich ungern. Komm kurzum und
hole es, hrst, sonst hab ichs ungern. Oder weit was, sagte Kthi, schon zehn
Schritte weiter mit seinen Schweinchen, chums hinecht cho yzieh! Ists dr
rst? rief Uli zurck. Ja, my armi tri, antwortete Kthi.
    Ganz wunderlich ging es dem guten Uli im Kopf herum.
    Kthi war eine Person, wie man sagt, von den tllsten eine, hatte eine
Postur wie eine Fluh, einen Gring wie ein M, Arme wie ein Ankenkbli und
Beine, wie es selbst gesagt, noch dickere. Kthi war eine Baurentochter, der
Vater hatte ein groes Wesen; Kthi hatte Bietersackgeld, mehr wie mancher Bauer
Geld; die vier Basen im Aargau waren auch nicht zu verachten, und Kthi war
nicht sprde, und Kthi nahm vielleicht Uli, er glaubte das aus dessen Worten
abnehmen zu knnen. Ein glcklicher Bursch war, wer Kthi erhielt, so ein
werchbar Mensch! Das alles machte Uli sturm, da er fast den Weg nicht getroffen
htte.
    Als Uli vom Stolpern sich aufschnellte, sah er das Haus des Meisters in der
Nhe. Da verga er Kthi und dachte an die Dublone, die er heute verdient hatte.
Es fiel ihm ein, die werde den Meister reuen, und ob es eigentlich nicht besser
wre, er verheimlichte sie ihm und redete nur von zwei oder vier Franken. Kein
bekannter Mensch war beim Kauf gewesen und ein fremder Hndler der Kufer. Er
ersparte auf diese Weise dem Meister rger und behielt nichts fr sich, als was
ihm von Gott und Rechts wegen zugehrte, was er in eigentlichem Sinne verdient
hatte. Aber wute der Meister, wie Kauf und Lauf ginge; sollte er seine
Gutmeinenheit, da er ihm das Verkaufen anvertraut, also mibrauchen, Denn wenn
der Meister nicht gut gegen ihn gewesen, so wre er selbst gegangen, und als
einem alten Fuchs, den die Vorgumper (so nennt man die Treibauf der Kh- und
Rohndler) nicht tuschen, wre auch ihm der Profit nicht entgangen. Das
arbeitete in ihm, die Wage stieg auf und ab, und es war noch nichts entschieden,
als er zum Hause kam und am Stblifenster ihm der Meister klopfte und ihn
hineinkommen hie. Er kam und trat mit einer Art Respekt in dieses Heiligtum, in
dieses Kmmerlein, das Allerheiligste des Hauses.
    Das Allerheiligste in der groen Welt ist ein Salon. Nach diesem fragen die
Herrn und Damen, wenn sie ein Haus mieten wollen, messen, wie hoch er sei, ob
ein Leuchter darin Platz habe, wie breit er sei und wie manchen Spieltisch man
placieren knne, und sehen sich an den Wnden um, ob Glanzfarbe daran sei oder
geschmackvolle Tapeten; aber nach einem Stbli fragen sie nicht. Und haben sie
einen Salon gefunden, so gehen sie glcklich heim, machen ein glcklich Gesicht
und raten ab, ob man die alten Meublen noch brauchen knne oder neue mangle. Und
Beide machen ein glcklich Gesicht, solange Beide einer Meinung sind, und sobald
in diese irgend ein Unterschied trittet, so ziehen die Gesichter sich schief,
das Unglck trittet in alle Zge, die Frau kriegt Krmpfe, der Mann Taubsucht,
Eins fllt hier aus, das Andere luft dort aus. Da knnen sie den Salon nicht
mehr brauchen, und Stbli haben sie keins, hchstens einen Alkoven. Kein Stbli,
wo sie mit treuem Sinn und halblauter Stimme die gemeinsamen Angelegenheiten
beraten, Keines zu einem hohen oder lauten Ton sich hinreien lt, Keines
anders als einig mit dem Andern das Stbli verlt, das Stbli, der Ehe
Heiligtum, wo Leiden und Freuden, Hoffen und Kmmern, Meinen und Glauben
treuherzig geteilt, treuherzig aufgenommen und treuherzig verarbeitet, getragen
werden. Ja, wenn ihnen ein Stbli Bedrfnis wrde und sie nach einem Stbli
fragen wrden statt nach einem Salon, es wurde manche Ehe wieder eine Ehe, die
jetzt nichts anders ist als ein Salonstck, bestehend aus einem Mann und einer
Frau in einem Salon, Beide nach Mglichkeit aufgeputzt, wenigstens die Frau
geschnrt und mit einem Schnepf versehen, aber jedenfalls Beide mit langweiligen
Gesichtern und mit unfltigen Mauggern, bis das Kammermeitli die erste Person
anmeldet. Dann strengt man sich zu grazisen Gesichtern an, macht glckliche
Augen und rudert wie in einem Meer von Wonne dem Sofa zu. Es ist aber nur
Salonwonne!
    Kein Kammermeitli, weder ein weltsches noch eins vom Buchholterberg, meldete
den Uli an, sondern er trat alleine ein, aber doch mit einer Art von Respekt;
denn in demselben war er noch nie gewesen, als wenn ihm der Meister die Kuttlen
gewaschen oder den Lohn gegeben. Darum trat er diesmal ein wie in einen
geheimnisvollen Hain, in dem einem Dinge begegnen konnten, die noch kein
sterbliches Auge gesehen. Drinnen saen der Meister und die Frau Meisterin bei
einem Kaffee, und der Meister frug den Uli nach seiner Verrichtung: Er werde den
Scheck verkauft haben, da er ihn nicht heimgebracht? Die Frau Meisterin aber
stund auf, ob auf einen Wink oder eigenmchtig, war nicht bemerkbar, holte ein
Kacheli, schenkte es voll, stellte es zweg und sagte: So hock ab, nimm das und
hau dr selber Brot ab, du sottst durstig sy? Es macht hei! Nachdem Uli gesagt
hatte, das htte sich nicht gemangelt, hockete er doch ab und begann zu
brichten, wie es ihm ergangen, und von Anfang bis ans Ende war alles lautere
Wahrheit; alles, was er gesagt, gedacht, getan, erfuhren der Meister und die
Frau Meisterin, es wre ihm unmglich gewesen, hier im Stbli ein unwahres Wort
aus dem Mund zu bringen. Zuletzt zhlte er das Geld auf und alles bei Batzen und
Kreuzer, was er gelst, und schob es dem Meister dar. Der Meister lachte, und
die Meisterin sagte: Er htte es ihnen recht gemacht, aber sie htte nicht
geglaubt, da er svli merkig wre.
    Sie aen und tranken, und als der Meister fertig war, nahm er seine Dublonen
und schob die eine dem Uli hin mit der Bemerkung, da er diese nicht wolle, die
gehre ja ihm laut Abrede. Uli sagte: Ja, wenn es ein Zwnzger (kein
streichischer) wre, so mchte es angehen, allein eine Duble, das sei zu viel,
die nehme er nicht. Das wre gspssig, sagte der Meister, wenn Uli nicht an
seinen Profit gedacht htte, er wre vielleicht auch nicht so merkig gewesen. Er
htte sie verdient, und er sollte sie auch nehmen. Uli weigerte sich und meinte:
Er sage nicht, da er gar nichts wolle, aber er solle ihm ppen geben, was ihn
billig deche, aber eine Duble sei zu viel. Der Meister sagte: Er htte es schon
gehrt, sie wollten nicht weiter chren. Aber los, sagte die Meisterin, die
wie die meisten Frauen nicht gerne grundstzlich verfuhr, besonders wenn eine
ganze Dublone auf dem Spiele stund (eine Dublone in Kreuzern htte sie an so
viel Personen, als Kreuzer waren, unbedenklich ausgeteilt), los, wenn der Uli
vernnftig sein will, so tue nicht ungattlich; es decht mich, wenn ihr
halbieren wrdet, so htte Keiner sich zu klagen. Seh da, nimm, Uli, zwei
Neutaler; und du, Johannes, tue das Geld weg, es knnte sonst noch jemand
dazukommen, und den knnte es lchern ob eurem Branzen, und ihr kmet noch in
die Brattig. Uli sagte: Dankeiget de, aber es ist noch zviel! Im Hinausgehen
dachte er nichts, aber es regte sich doch ein Gefhl in ihm, das ihm sagte, die
Sache sei nicht ganz nobel zugegangen. Indessen was wollte er anders, er mute
sich darein schicken. Der Meister aber strich sein Geld ein, tat es weg, ohne
da er etwas sagte, weder mit einer Miene noch mit einem Worte.
    Nachdem die Tagesgeschfte vorbei und abgegessen war, sagte Johannes zu
seiner Frau, er msse noch hinaus. Uli htte noch die Sonntagshosen anbehalten;
es nehme ihn wunder, ob der noch fortwolle, etwa zu Hubechbure Kthi, da wolle
er doch auch noch ein Wort dazu sagen. Drauen traf er allerdings den Uli an,
verdchtig in den Sonntagshosen und der Gelegenheit abpassend, wo er am
unbemerktesten sich vom Hause wegstehlen konnte. Der Meister trat zu Uli und gab
ihm zwei Neutaler. Da nimm noch, was dir gehrt. Hast du geglaubt, ich wolle
dir das vorenthalten, was von Rechts wegen dein ist? Da bist du am Unrechten.
Uli wollte wieder Komplimente machen und sagte: Aber es sei doch nicht billig;
er htte es auch gelst, wenn er selbst gegangen wre, und sechszehn Pfund sei
doch ein zu groer Taglohn fr ein Knechtlein. Hast du es gehrt? sagte dar,
auf der Meister, geredet ist geredet, und wenn es zehn Dublonen wren; was
einer versprochen hat, das mu er halten, und ich bin zufrieden. Aber wegen
meiner Alten habe ich da nicht wollen zanken, man mu den Weibern etwa einmal
recht geben; man kann dann immer noch machen, wie man will oder wie es recht
ist. Die Weiber haben in solchen Sachen nicht immer den rechten Verstand, wenn
sie schon das beste Herz haben. Uli nahm endlich den Rest der Dublone, und hoch
vor Freuden schlug ihm sein Herz, an einem Tage um so viel reicher geworden zu
sein, und er legte bei sich selbst das Zeugnis ab: sein Meister msse doch
wirklich ein braver Mann sein, unter Hunderten htte das nicht einer getan.
    Und wie der Meister so bei ihm stund, so ging das Herz ihm immer mehr auf,
es dechte ihn, er mchte ihn doch neuis fragen. Aber er redete doch von etwas
anderm, und wenn der Meister gehen wollte, so fing er wieder etwas Frisches an,
aber doch nicht das Rechte. Endlich sagte der Meister: Es ist Zeit, da wir
niedergehen, gute Nacht. Gute Nacht, Meister, sagte Uli, aber wenns dr
gleich wr, so htte ich dich gerne noch was gefragt. He was de? sagte der
Meister. He, es ist mir wunderlich gegangen mit ds Hubechbure Kthi. Das hat
mir neue so zuechegredt, da es scheint, als hiee es dort nicht Nein, wenn ich
es begehrte. Das mu ein bsunderbar werchbar Mnsch sein, in alle Spiel zu
brauchen, es geht fr einen Knecht. Und fr einen, der nicht viel hat, mu da
ein groes Vermgen sein, das wre ein schner Anfang. Kthi hat mir so um die
Stauden herum geschlagen, da es mir auftte, wenn ich kme, und es zweiet mir
sich, ob ich gehen solle. Da habe ich gedacht, ich wolle dich fragen, du meinest
es gut mit mir und knnest mir die beste Auskunft geben.
    Fr was mangelst du einen Knecht? fragte der Meister. Knecht mangle ich
aparti keinen, sagte Uli, aber ich habe geglaubt, Kthi wre eine rechte Frau
fr mich. J so, sagte der Meister, aber du hast mir an Kthi ausgestrichen,
was zu einem guten Knecht gehrt und nicht zu einer Frau; und eine Frau und ein
Knecht sind nicht nur ganz verschiedene Krebse, sondern ein guter Knecht kann
eine schlechte Frau und ein schlechter Knecht eine gute Frau sein. Was trgt es
dir ab, wenn deine Frau den Knecht macht und von der Haushaltung so viel
versteht als ein Gusti vom Geigen? Und so ist es mit Kthi. Es mht und mistet,
wie Mdchen das knnen, und trappet dir den Mist mit den bloen Fen, da er
ihm bis weit ber die Stumphosen hinaufspreiset; aber eine repetierliche Suppe,
die man von irgend einem Gschlder unter, scheiden kann, ist es nicht imstande
zu machen. Die Mutter macht die Haushaltung, und nur wenn sie krank ist, chaaren
dTchtere i dr Pfanne herum und sagen, sie mten kochen, und kochen dann, da
es eine eigeliche Sau nicht fressen mchte. Zu den Zeiten, wo sie meinen, sie
mten etwas Apartes haben, oder wenn der Vater nicht zu Hause ist, ttschlet
eine jedere fr sich. Wenn sie nur viel Anken und Eier und Mehl vergeuden
knnen, so meinen sie, die Sache msse auch gut sein. Keine kann dir ein Loch
pltzen; ich glaube nicht, da eine noch je eine Nadel in den Fingern gehabt
hat. Es ist da ein schrecklicher Hausbrauch; es sind Sachen genug, jedes
braucht, so viel es kann, und niemand achtet sich wieviel. Deswegen sind die
Leute nicht reich; da geht es eher zurck als vorwrts, wie es allenthalben
geht, wo keine Ordnung ist. Eine Tochter wird da niemals viel erhalten, Kthi
mag sagen, was es will: das Vermgen ist im Land, das nehmen die Buben, und die
Meitscheni knnen luegen, was sie kriegen. Von den Basen aus dem Aargau habe ich
auch schon gehrt, aber das sind nur so Zuckerstengel, die sie den Leuten durchs
Maul ziehen. Ich wte gar nicht, woher sie Basen im Aargau haben sollten. Es
geht nicht um diese Meitlein, sie rhmen viel zu fast, da denkt man, es htte
sich ntig. Schon ihre Mutter hat es so gehabt. Sie htte mich auch bei, nahe
gefangen, und ich wre mich bel reuig geworden. Ich glaube, du bekmest Kthi,
aber was wolltest du mit ihm? Geld kriegtest noch lange keins, du knntest
hingegen dort Knecht sein ohne Lohn, Shniswyb. Oder wenn du etwas anfangen
wolltest, so knntest du eine Jungfrau anstellen fr die Haushaltung zu machen,
whrend Kthi dir den Mist vertrappet. Dann wrde Kthi nirgend genug sehen, und
wenn es nicht die Milch von vier Khen verchaaren knnte, so wrde es ber
Mangel und Not schreien. Du glaubst nicht, was man mit Baurentchtern oft
angefhrt ist, aus denen man das grte Wesen macht und die aus einem groen
Wesen heraus kommen. Die wissen oft in Gottes Namen nichts als gradane dryschla,
nie genug zu sehen; wenn sie nicht bis an den Hals in der Milch und im Anken
flotschen knnen, so meinen sie, es gehe ihnen bel, und wenn nicht immer der
Schneider hinter ihnen, die Nherin vor ihnen ist, so sehen sie aus, da man
nicht wei, was hinten und vornen ist. Und wenn man nicht Jungfrauen vermag oder
die nicht mehr Verstand haben als die Meisterin, so wei man oft in einem
solchen Hause nicht, wo trappen, und das Essen ist, wie wenn es die Hhner ab
dem Mist gekratzet htten. Dafr wollen sie manchmal Pflug halten, meinen, was
das sei, wenn sie einige Tage im Jahre vom Morgen frh bis am Abend spt mit dem
Volk auf dem Felde sind. Zwischen den groen Arbeiten machen sie gewhnlich den
Faulhung. Wenn du so eine kriegtest, so htte sie es dir das ganze Jahr alle
Tage fr und in den langen Tagen zweimal, wie gut sie es daheim gehabt htte und
aus welchem Hause sie kme und wie bs sie es bei dir habe und wie sie doch dr
dmmst Hung gsy syg, sie htte Andere haben knnen als so ein Baurenknechtlein.
Das ist meine Meinung, Uli, sagte der Meister, mach darneben, was du willst;
aber weil du mich gefragt hast, so rate ich es dir nicht.
    Uli hatte ganz andchtig zugehrt und sagte endlich: So will ich denk gehen
und meine Sonntagshosen abziehen; du hast mir so eine Baurentochter ganz
erleidet, aber du magst ppis recht haben. Wenn man eine Frau will, so mu man
nicht auf einen Knecht sehen, und ich knnte da selbst der Knecht sein und
nichts davonbringen als eine Kuppelen Kinder und eine bse Frau, die nie genug
sehen wrde aus Vertnligi. Wenn du mir nicht gewehrt httest, ich wre gegangen
und htte da vielleicht den Schuh noch vller herausgenommen als mit Stini oder
rsi. Es ist doch gut, wenn man noch jemand hat, der witziger ist, als man
selbst ist. Ja, sagte der Meister, das ist kummlich; aber dann mu man ihn
fragen und ihm glauben, sonst trgt es einem nichts ab.
    Du hast recht, sagte Uli, so witzig bin ich doch jetzt auch worden, zu
fragen und zu glauben; du sollest Dank haben. Ist gerne geschehen, sagte der
Meister. Gut Nacht. Gut Nacht, antwortete Uli. Aber los, da du dann
niemand plauderst, was ich dir gesagt. Hb nit Kummer, sagte Uli, sellig
Sache bhben ih fr mih.

                                 Elftes Kapitel


 Wie bei einem Knechte Wnsche sich bilden und wie ein rechter Meister sie ins
                                  Leben setzt

So vergingen Uli einstweilen die Heiratsflausen und er ward wieder der recht
emsige Knecht, der seinem Dienst alle Aufmerksamkeit widmete. Seine Rosse waren
die schnsten weit und breit, die Khe glnzten, und einen solchen Misthaufen
htte er noch nie gehabt, sagte der Meister. Wenn es einer verstehe, so knne er
mit dem gleichen Stroh fast ds Halb mehr Mist machen als ein Anderer, das sehe
man hier. Aber er htte schon Knechte gehabt, gb wie er es ihnen gesagt habe,
sie seien in ihrem Trapp fortgefahren und htten gelchelt in den Maulecken. Es
mach ihn aber auch nichts tuber als so ein ybildisches Brschchen, das nichts
verstehe und sich doch nicht wolle brichten lassen, das meine, der Meister habe
zu seiner eigenen Sache nichts zu sagen. Das seien die, wo in Gottsnamen nichts
lernten und ihrer Lebenlang gleich dumm blieben, wo zuletzt niemand gerne als
Tauner brauche fr zehn Kreuzer des Tags. Uli fli sich aber auch zu allen
Arbeiten auer dem Hause. Im Fahren war er ein Meister, und seine vier Rosse
zogen so satt und gleichlig an, wenn er die Geiel hob, da sie wenigstens ein
Drittel mehr als andere ab Platz zogen; ja soviel der Wagen tragen mochte, zogen
sie, sie lieen nichts stehen. Er hielt Pflug trotz einem alten Bauer, und mit
Sen mochte ihn nicht bald einer. Selbst das kleine Gsm, Klee, Flachs usw.,
konnte ihm der Meister zu sen berlassen, und die Meisterfrau sagte: Sie sehe
fry keinen Unterschied, wenn dr Johannes se oder dr Uli. Der Meister sagte
manchmal, das gehe aufs Haar ganz gleich, sei er daheim oder nicht, und man
wisse gar nicht, wie viel whler man sei, wenn man einen Knecht habe, dem es am
Dienst gelegen sei und dem man etwas anvertrauen knne, als wenn man so einen
Stopfi habe, dem nichts in Sinn komme als heute eine Unflterei und morgen eine
Lmmelei. Er habe das schon Manchem gesagt, dann habe man ihm geantwortet: Du
hast gut krhen, du vermagst Lohn zu geben; sereim mu Zinsen geben, da
vermgen wir nicht vierzigkrnig Knechten, wir mssens mit mingere machen. Dann
habe er ihnen gesagt, wenn sie doch rechnen wollten, so wrden sie finden, da
die wohlfeilsten Knechte die teursten seien; aber das htten sie nicht fassen
wollen.
    So predigte Johannes oft und war stolz auf seinen Knecht Uli hatte nach und
nach bis auf vierzig Kronen Lohn erhalten und von diesen wenigstens zwanzig
vorgespart, und doch war er stolz gekleidet und hatte mehr Hemder, und zwar
gute, als mancher Baurensohn. Er hatte viel ber hundert Kronen in der Kasse und
sah sich bereits fr einen vermglichen Mann an. Doch wie oft mit dem Essen der
Hunger kommt, so kmmt oft mit dem Huslichwerden, mit dem Vermgengewinnen die
Ungeduld. Es scheint viel zu langsam zu gehen; es dunkt einem, es sei nicht zu
erwarten, bis etwas Erkleckliches beisammen sei, und das msse anders gehen. Das
ist ein eigen Kapitel ber diese Krankheit, die alle mehr oder weniger ergreift,
die zu einigen eigenen Kronen kommen und denen der Gedanke geboren worden ist,
vermglich zu werden. Sie ergriff auch Uli, und es dnkte ihn von zweien eins:
entweder sollte er etwas Eigenes anfangen oder noch mehr Lohn zu machen suchen;
so sechzig Kronen, dnkte ihn, sollte er an einem Orte darnach wohl zu erhalten
imstande sein, und wenn er einen guten Platz als Stallknecht bekommen knnte, so
knnte er leicht auf hundert Kronen kommen. Es reue ihn freilich, da fort,
dachte er, und es seien ihm alle lieb, aber es msse ein jeder fr sich selbsten
auch sehen.
    Der Meister sah diese Krankheit und merkte sie aus einzelnen uerungen,
aber er zrnte nicht darber. Er war nicht von denen einer, die glauben, wenn
sie einem Dienstboten Gutmeinenheit zeigen, so solle derselbe dafr ein
lebenslngliches Opfer bringen, das heit ihnen um einen Lohn dienen lebenslang,
der ihren Krften nicht angemessen ist. Wohlverstanden, ich rede hier nicht von
der Sucht der meisten Diensten, alle Jahre weiterzuziehen um ein, zwei Kronen
Lohn mehr, wobei sie gar nichts in Anschlag bringen, weder ihre Fhigkeit noch
die ihrer wartende Arbeit noch den sittlichen Namen, den sittlichen Schutz eines
Hauses. Das Bewutsein, etwas Gutes an einem getan zu haben, ist auch ein Lohn,
und jedenfalls geniet man einige Zeit lang den besser gewordenen Menschen. Aber
dann gehe man nicht zu weit. Kann man denselben bei sich nicht seinen Krften
angemessen stellen und lohnen, so sei man ihm nicht selbstschtig vor seinem
Weiterkommen, sondern setze sein Werk also fort, da man ihm selbst
weiterzuhelfen, ihn recht zu stellen sucht; dann hat man fr zeitlebens ein
dankbares Herz, einen Freund gewonnen.
    So recht klar sah Johannes das gleich anfangs nicht ein, und es wurmte ihn,
da er Uli fr einen Andern erzogen haben sollte; aber er lie es sich nicht
merken und kam endlich doch zum Schlu: Entweder mut du ihn belohnen, bis er
zufrieden ist, oder ihn gehen lassen. Als daher Uli in seinem zum Meister
gewonnenen Vertrauen ihm einmal erffnete, er wisse nicht recht was anfangen, ob
etwas kaufen oder mieten oder was, so konnte derselbe ohne Bitterkeit ihm raten.
Ich begreife es, sagte er, da du nicht immer bei mir bleiben kannst; du bist
jung und mut deine jungen Jahre brauchen, und dir mit dem Lohn noch viel
nachezmache, gruset mir auch, wenn es mir vielleicht schon ntzlicher wre. Aber
was denkst du ans Kaufen oder Empfangen? Was willst du mit deinen hundert Kronen
anfangen? Etwas Groes ist nicht mglich, da sind hundert Kronen grad wie
nichts. Und wenn man nicht auch etwas Geld in den Fingern hat, so kann man gar
nichts zwngen und ist immer am Hag. Man mu alles wohlfeiler verkaufen denen,
die bar zahlen und die es wohl merken, wenn einer Geld haben mu; man kann nie
warten, bis es die rechte Zeit ist. Dagegen mu man alles teurer kaufen von
denen, die es einem dings geben; man kann sich nie wehren, ist immer im
Hinterlig, bis man die Beine ob sich kehren mu. Noch schlimmer ist es mit etwas
Kleinem. Es gruset mir allemal, wenn ich jemand so an ein kleines Heimwesen sich
hngen sehe, wo man alles, was darauf wchst, librement selber braucht; woraus
soll man den Zins geben? Die Kuhheimetli sind zum Kaufen und Empfangen weitaus
die teuersten; auf solchen gehen die Meisten zugrunde, wenn sie den Zins
innerhalb des Hages nehmen mssen. Wo ein Gewerbe dabei ist oder sonst ein
anderweitiger Verdienst, da ist es ein Anderes. Mit deinem Gelde kannst du
keines zahlen, hast hchstens fr die Bsatzig; was willst du darauf an, fangen?
Nein, dafr habe noch Geduld; du kmest um deine Sache, ehe du daran dchtest.
Aber wenn ich etwa einen Platz vernehme, wo du recht Lohn machen kannst, so will
ich dir nicht davor sein. ppe nit Stallknecht, da gibt es gerne bse Alter; dr
Gliedersucht oder dr Wysucht entrinnt ppe nit menge. Du reust mich freilich;
aber ich kann doch nicht klagen, da du ppe grad fort gewollt hast und ppe
uverschant mit dem Lohn gewesen seiest, da du nicht ppe eingesehen, da du mir
auch etwas zu verdanken httest. Du bist nun bald zehn Jahre bei mir, und so
habe ich allerdings auch deine Besserung zu Nutzen gehabt. Zhl darauf: wenn mir
etwas anluft, so will ich an dich sinnen. Du kannst selber auch nachsehen, nur
sag es mir immer ppe i dr Zyt. So offen redeten Knecht und Meister
miteinander; sie mochten sich das Maul gnnen, und es war Keinesten Schade.
    Herbst war es. Voll Obst hingen die Bume, voll Khe waren die Matten, voll
Erdpfelgrber die cker, voll Eichhrnchen die Birnbume, voll Jger die
Wlder, voll Wirte das Weltschland. Der Johannes hatte den Zug heimgebracht vom
Felde und stopfte auf der Bsetzi die Pfeife, um sie auf dem Bnkchen zu genieen
vor dem Nachtessen; seine Frau kam eben aus dem Keller, wo sie Obst auf die
Hrde hatte schtten lassen, und sagte, schwer Atem schpfend: Sag, Johannes,
ich wei einmal nicht was anfangen; drunten sind schon fast alle Hrden voll
hochauf, und es hangen noch fast tausend Krbe voll; du mut sehen, da da etwas
geht, so kann es nicht lnger bleiben; wenn es schon fast nichts giltet, so ist
neuis doch immer besser, als es la zSchange gah zUnnutz. Der liebe Gott hat es
wachsen lassen, und da mu es fr neuis gebraucht sein. Ich mchte mich
nadisch nicht versndigen, Frau, sagte Johannes, ich habe auch schon daran
gedacht. Willst morgen mit zMrit? Ich habe allerlei zu tun, sollte fr eine Kuh
sehen, sollte auf den Metzger luegen, der mir das Kalb noch nicht bezahlt hat,
und htte noch neuis z'rede mit einem Schreiber wegen Gemeindssachen, und da hab
ich gedacht, es sollte sein, da ich zMrit gehe. Da kann ich nach, sehen, ob so
ein Essig- oder Brnzmacher sie gleich alle miteinander wolle. Eh, was
sinnist, Johannes, wie knnte ich zMrit! Ich will von allem andern noch nichts
sagen, aber wir haben die Schneider auf der Str; denk doch, was das sagen will!
Da mte ich Tuech freg u Fade fr e ganze Tag! He nu, ih chnnt wohl freg
un es wr ne viellicht ds Rechte; aber vo wegem Tuech u Fade denke ich doch, ich
verdiene am meisten daheim. U de lan ih dJumpfere u dSchnyder o nit gern alleini
daheim, das chnnt arig gah. Aber gang du und nimm Ro und Wgeli und nimm ein
Fderli pfel mit! O Frau, das trgt nichts ab, sagte Johannes. Morgen ist
der ganze Mrit gstacket voll. Ein jeder bringt ein Fderli und man lset nicht,
was Ro und Wagen versumen und vertun. Aber Ro und Wgeli will ich doch
nehmen. Es ist mir zwider, zu laufen; es ist mir gar in den Beinen, und morgen
knnen wir doch nicht zAcher fahren. Es mu Mist gefhrt sein, und da kmmt man
mit drei Rossen so weit als mit vieren. Man kann nicht laden, der Boden ist zu
na. Du hast recht, da du fhrst. Aber da mut du mir doch eine Ankenballe
mitnehmen, ich will gleich noch anken lassen. Ich kann dann den Schneidern
morgen im halben Tag einen Ankenbock geben. Es ist ihnen seltsam und macht ppe,
da si mr minger zMittag esse. Es isch i Gottsname ke Sege i nt, wenn die da
sy.
    Uli, sagte am Abend der Meister, mach mir doch morgen den Bla zweg und
brst mir das Wgeli ein wenig, man hat es lange nicht gebraucht. Ich mag, wei
Gott, nicht mit einem Wgeli fahren wie die Oberaargauer und die Bauren um Bern;
so ferndrigen Dreck an den Rdern, an den Speichen und an der Nabe und Gras in
den Splten. Es meint einem, sie knnten keinen Wagen waschen. Das mu sufer
aussehen um ihre Huser; da wird man wohl noch nach fnfzig Jahren dem Grotti
sein Ghder und Gfr ums Haus herum finden, damit, wenn er wiederkme, es ihn
heimelete. Da lachten die Schneider, und jeder wute dem Johannes zu Lieb und
Ehr etwas von den Bauren um Bern herum.
    Am Morgen stund der stattliche Bla und das saubere Bernerwgeli vor dem
Hause. Die Burin legte dem Johannes noch das Halstuch um, machte ihm den
Hemdekragen zu, recht, wie sie meinte, da er ihm am besten stehe, steckte ihm
ein Nastuch in die Tasche, nachdem sie es aufgemacht, um sich zu vergewissern,
da nicht etwa ein Loch darin sei, fragte ihn: Hast du jetzt alles? Und als
Johannes nach allen Scken griff, fehlte ihm noch Schwamm, den die Frau ihm aus
der Kche holte. Drauen war der Anken zweg in einem Bogenkorbe und mit einem
schnen weien Zwecheli mit roten Strichen bedeckt. Johannes setzte sich auf,
nachdem er dem Uli die ntigen Anweisungen eingeschrft; hinter ihm war die
Burin und gab ihm den Anken hinauf und sagte: Er knne ihn einstweilen auf den
Sitz stellen; aber wenn eine Hbsche und Muntere ihn ums Reiten frage, so solle
er es ihr nicht etwa absagen, sie sei nicht so schalus wie die Gufebri, die
apartige Leute bestelle und bezahle, welche ihr aufpassen mten, mit wem ihr
Mann geritten sei, da sie es allemal wte, ehe er noch heim wre. Komm aber
notti nicht z'spt heim, sagte die Frau, und bring den Korb und das Zwecheli
wieder mit! Hast jetzt alles? Ja, sagte Johannes, bhet ech Gott und heyt
guet Sorg zu enangere! H i Gottsname! Der Bla schritt stattlich vor, und Uli
stund im Wege und die Burin auf der Bsetzi und sahen dem stattlichen Meister
nach. Nach hundert Schritten, eben als Uli umkehren wollte dem Stalle zu, hielt
der Meister. Lauf gschwing, Uli, sagte die Frau, er hat etwas vergessen. Es
nimmt mich nur wunder, da der nicht einmal dr Gring am ene Ort vrgit; e
vrgelichere Mnsch gits nit, brummte die Burin, whrend Uli lief und den
Bescheid vernahm, der Meister htte im Stbli auf dem Tischli noch Schriften
vergessen; die Frau solle ihm sie geben, er htte sie zweggelegt. Von weitem
schon vernahm die Frau den Auftrag und brachte sie dem Uli. Nun fahr der Meister
fort und kam aus den Augen, und als die Frau in die Stube ging, abzurumen,
sagte sie zu sich selbst: Ich bin allemal froh, wenn er einist fort ist; man
hat immer nur mit ihm zu tun, er kann nie fortkommen, und doch hat er immer noch
etwas vergessen.
    Unterdessen fuhr Johannes dem Mrit zu. Seine Augen betrachteten
allenthalben den Stand der Herbstarbeit, die Korncker, die geset waren, die
Erdpfel, die noch auszumachen waren; bersah die Bume, wie sie behngt und ob
nicht hier oder da eine schne Sorte sei, die er noch nicht besitze.
    Er sah vor sich mit einem schweren Korb am Arme mhsam ein schlank Weibchen
gehen, die zuweilen ein rosiges Gesicht zurckdrehte. H, Bla, sagte er,
spring es bitzeli! Aber kaum war der im Zuge, so zog der Meister das Leitseil
wieder an und frug: Anne Meieli, wottsch ppe ryte? Und Anne Meieli stund
still und sagte: Gar gern, wes dih nt irrt; es het mih scho vo wytem decht,
es sott dih sy und wed mih heiist cho, su wells dr nit absge. So gib mir
dein Krbchen, sagte Johannes, schlug den Fusack zurck, versorgte die
Krbchen unten im Gestell und bot dann dem Weibchen die Hand, whrend er mit der
andern den Bla mhsam zgelte. So, sagte Anne Meieli, jetz wr ih dobe, es
isch mr viel z'guet gange. Mein Korb htte mich wrden plagen, wenn ich ihn
htte tragen mssen bis hinein. Aber ich habe viel zu kaufen, und da habe ich
gedacht, ich wolle einmal nehmen, da ich etwa lsen knne, was ich brauche.
Ihr werdet kein Geld mehr haben daheim! sagte Johannes. Selb nicht, sagte Anne
Meieli, eine junge, ttige Nachbarsfrau, aber es dechs geng, solange man etwas
zu verkaufen habe, das einem nichts abtrage, so solle man verkaufen und nicht
das Geld, das man habe, wiederum aus dem Hause tragen. Fr son e Jungi, sagte
Johannes, bist du nicht die Letzte. Oh, sagte Anne Meieli, es sei nicht
gesagt, da die ltesten immer die Besten wren und die Witzigsten; wenn manche
Junge machen knnte, was sie wollte, es wrde noch an manchem Orte besser gehen.
Nit, sie wolle aparti nicht klagen; aber es htte sie schon manchmal decht,
ihres Manns Mutter htte einen Brauch, es wre besser, er wre nicht. Aber sie
sage nichts, man knne alte Leute nicht anders gewhnen, und es sei ein
Shniswyb geng dumm, wenn es alles nach seinem Brauch machen wolle. Wenn man
jung sei, so knne man sich am besten leiden; wenn man einst alt werde, so htte
man es auch nicht gerne, wenn so eine Junge kme und alles besser machen wollte.
Johannes antwortete darauf, wie es einem solchen Manne anstndig war.
    Unter solchen Gesprchen fuhr man durch die sich mehrende Menge von allerlei
Geschpfen, grte links und grte rechts, und Anne Meieli machte ein recht
glckliches, fast stolzes Gesicht auf dem schnen Wgeli und neben dem tollen
Mann. Endlich angelangt, sprang Anne Meieli zuerst herab, empfing die beiden
Krbchen und sagte: Wenn er seins ihm anvertrauen wolle, so wolle es seinen
Anken auch verkaufen, es gehe ihm in einem zu und es wolle es machen, so gut es
knne; es wisse wohl, da die Mnner mit dem nicht gerne zu tun htten. Anne
Meieli, sagte Johannes, du tust mir einen groen Gefallen, aber ich will dir
die Krbchen tragen bis auf den Ankenmrit. Ich mag die besser als du. Anne
Mareili machte Komplimente, indessen es lie es geschehen, und Johannes fragte
ihns noch, wann es wieder fort wolle? Es solle mit ihm heimreiten, er wolle auch
nicht spt sein. Es knnte ihm doch zu lange gehen, sagte Anne Mareili. Er solle
sagen, wo es ihn antreffen knne so um Mittagszeit. Es wolle ihm dann das Geld
bringen, und da knne man immer noch luegen, ob es sich schicken wolle.
    Johannes ging seinen Geschften nach, tat dieses ab und jenes, und bald war
es Mittag. Da schiens ihm in dichtem Gedrnge, er hre rufen hinter sich:
Vetterma, los neuis! Johannes, wart doch! Endlich stund er still, sah um sich,
wollte wieder gehen, hrte wieder rufen, stund wieder still, bis ein altes,
schitteres Mannli sich zu ihm durcharbeitete und keuchend sagte: Ich habe
geglaubt, ich bringe es nicht zweg, bis zu dir zu kommen, Vetter Johannes. Eh
Gottwilche, Vetter, sagte Johannes. Ich htte eher an den Tod gedacht als an
Euch, was bringt Euch hier zMrit so weit? Gerade deinetwegen komme ich,
sagte er; ich habe neuis mit dir zu reden, wenn du der Zeit hast, mir abzlose.
Warum nit, Vetter, saget ume. Hier nicht, sagte er, hier schickt es sich
mir nicht; aber wenn wir etwa an einen Ort knnten, wo wir ein rhig Stbli
haben knnten, wo nit alles zuechelauft, so wr es mir anstndig. Aber ich bin
hier gar nicht bekannt. Kommet nur, Vetter, ich wei schon, wo wir hin wollen.
Da, wo ich eingestellt habe, da gibt uns die Wirtin schon ein Stbli; es ist
noch von weitem meine Base, und wenn ich etwas mchte, so ist es nie Nein, wenns
einmal z'mache ist. Es ging nicht lange, so saen sie in der freundlichen
Wirtin Schlafstbli, nachdem die viel Entschuldigung gemacht, da sie kein
anderes habe; aber es sei heute alles voll, es dech se, noch nie so. Hier seien
sie ruhig, und womit sie aufwarten knne. Denk emel afe mit ere Halbi und dann,
wanns Zeit ist, auch etwas zMittag. Was begehret ihr z'esse und was fr Wein
soll ich bringen? Bring guete und z'esse, was dr ppe heit; aber emel lings
Fleisch, ich kann gar nichts mehr daran machen, wenns nicht gut gchochet ist.
Allbets isch es mr ppe glych gsi; aber ih spre ds Alter a alle Orte, und es
decht mih mengisch, wenn ih ume nimme wr! He, Vetter, sagte Johannes, man
siehts Euch noch gar nicht an, und wenn Ihr so klagen wollt, was sollen wir
Andern dann sagen, wo wir nicht den Zehnten Sachen haben, wie Ihr habt? Los,
Vettermann, auf den Reichtum kmmt es nicht an, das erfahre ich alle Tage, und
das ist gerade, was mir Kummer macht, und deswegen kam ich heute, um mit dir zu
reden. Du weit, ich habe ein groes Wesen und mu eine groe Kuppele Leute
haben, um es zu arbeiten. Meine Alte und ich sind schitter und mgen nicht mehr
nach. My Bueb, der Johannes, ist zu vornehm geworden im Weltschland fr auf dem
Land zu arbeiten, dem mute ich ein Wirtshaus kaufen; den kann ich nichts
rechnen, als da er hie und da kmmt, wenn er Geld ntig hat oder etwas anderes.
Meine Tochter ist hell nichts. Die hat geglaubt, sie kme gegen den Bruder zu
kurz, wenn sie nicht auch ins Weltschland knnte. Und jetzt ist sie, helf mir
Gott, nt angers als es Schlrpli und lismet ppe dem Schatten nach, wird bleich
wie ein wei gewaschenes Tuch, da es eim bel gruset, und meint, wenn sie etwas
anrhren solle, me well se hnke. Du kannst dir vorstellen, wie das nun geht bei
der Kuppele Leute, die ich haben mu. Da flkt Eines hier aus, das Andere dort
aus, die Sache wird nur halb gwerchet, das Land wird alle Jahr schlechter, der
Hof trgt mir fast nichts mehr ein, und was es noch gibt, geht in den Kosten
auf. Ja, wei Gott, wenn ich nicht noch Glti htte, ich knnte es nicht mehr
machen bei einem solchen Hof, wo vielleicht nicht ein Dutzend sind im ganzen
Bernbiet. Ich habe geglaubt, ich htte einen guten Meisterknecht, und hab ihm
alles anvertraut. Er ist eilf Jahre bei mir gewesen, und ich htte ein Haus auf
ihn gebaut, so hat er mir reden knnen. Und jetzt, was macht er mir? Verkauft
mir der Hundsbub nicht sechzig Mtt Korn, und der Mller zahlte mir nur fnfzig,
und den Rest teilen die Schelmen miteinander, und das ist schon mehr so
gegangen. Es hats mir endlich ein Tauner verraten, dem ich Gtti bin. Er knns
nicht mehr bers Herz bringen, wie es mir gehe, hat er gesagt; er msse mir
etwas sagen, aber ich solle ihn dr tusig Gottswillen nicht verraten. Und das
haben alle gewut und niemand mir etwas gesagt, weil alle das Gleiche treiben;
da kannst du wohl denken, wie es mir geht. Was soll ich anfangen? Verkaufen will
ich nicht, gb wie es der Sohn meint. Der knnte noch einmal froh ber den
Hofsein, oder wenigstens seine Kinder. Lehenmann mag ich auch keinen. Da htte
ich gar nichts zu befehlen, und der Hof kme vollends in Abgang. Und du magst
mirs glauben oder nicht, ich kann nicht ruhig sterben, bis der ppe wieder im
Gang ist. My Vater hat mir ihn gut im Stand bergeben. Wie drfte ich wieder zu
ihm kommen, wenn ich schlecht hinterlassen wrde, was er mir gut bergeben? Ich
mchte einen Meisterknecht, aber recht einen hauptntischen, an den ich kommen
knnte, der alles wohl verstnde und dem ich trauen drfte. Aber er mte aus
einer andern Gegend sein; bei mir herum ist alles unter einer Decke, und sie
betrachten mich alle wie die Adler das Aas, noch ehe ich gestorben bin. Da habe
ich gedacht, vielleicht knntest du mir am besten zu einem verhelfen, und darum
bin ich expre hiehergekommen; ich habe gedacht, ich treffe dich an. Auf den
Lohn kme es mir gar nicht an; ich wollte einem sechzig Kronen geben, wenn es
sein mte, ja hundert Kronen reuten mich nicht, wenn ich einen kriegte, wie ich
ihn haben wollte.
    Unterdessen war Johannes ganz still gesessen, und auch als der Vetter
ausgeredet hatte, antwortete er nichts. Die Wirtin kam darauf herein, deckte
ihnen dar und brachte Essen und sagte: Sie mten heute vorlieb nehmen, wie es
komme, so an einem Mrit knne man es nicht immer geben, wie man es gerne
mchte; sie wte nicht, wie die Suppe ppe wre, sie htte zwar ausgelesen so
gut mglich. Der Vetter redete allerlei mit der Wirtin. Johannes sagte nicht
viel dazu. Es kam eine Magd herein und fragte, ob der Bodenbauer da sei, es
frage ihm drauen eine Frau nach. Er werde etwas Bestelltes haben, spttelte die
Wirtin. Die Magd sagte, es sei einmal eine Hbsche. Sobald Johannes drauen war,
sagte der Vetter: Ob denn der so einer sei? Er htte das nicht von ihm geglaubt.
Bhetis, sagte die Wirtin, da ist nichts Bses, das ist von den Brvsten
einer. Es wird ppe eine sein, die mit ihm heimreiten will. Johannes brachte
die Krbchen herein und besttigte der Wirtin Meinung und sagte, es sei eine
Nachburin gewesen, die ihm seinen Anken verkauft habe. Sie habe nicht warten
wollen und wolle mit einem Andern heimreiten, wenn es sich schicke. Das sei ihm
leid, wenn er im Weg gewesen sei; es htte ihn schon lange decht, er erwarte
jemand, er habe ihm nur halb zugehrt und noch keine Antwort gegeben. Bhetis,
Vetter, sagte Johannes, da seid Ihr letz dra; wit Ihr, was ich gesinnet habe
und warum noch keine Antwort gegeben? Es ist mir etwas im Sinn herumgegangen,
und es hat sich bei mir gwerweiset, ob ich es Euch sagen wolle. Ich will es
jetzt fry graduse bekenne. Ich htte gerade so einen Knecht, wie Ihr ihn
mangelt, aber er reut mich; ich kriege einen solchen nicht bald wieder, und doch
mchte ich nicht vor seinem Glck sein. Das wre! sagte der Vetter; aber
warum willst du ihn fortlassen, was scheust du an ihm? Gar nichts, sagte
Johannes, er ist mir gerade recht, und ich wnsche mir keinen bessern; allein
er trachtet nach groem Lohn, und er verdient ihn auch. Er kann einem
Bauernwesen vorstehen mit Arbeiten und Handeln wie der beste Bauer, und dazu ist
er fromm, man knnte ihn in Knigs Schatzkammer lassen, er wrde um keinen
Kreuzer betrgen, da ist alles sicher vor ihm. Das wr mir afe, sagte der
Vetter; grad so einen mchte ich. Und was meinst du, kme mir der um vierzig
Kronen? Das ist ein schnes Geld. Gerade so viel gebe ich ihm selbst, sagte
Johannes; Vetter, wenn Ihr den wollt, so kostet er sechzig Kronen und keinen
Rappen weniger. Ist er dir verwandt? fragte der Vetter. Nein, sagte
Johannes, er ist ein armer Bursch gewesen, wo er zu mir gekommen ist. Noch ein
gar langes Examen stellte der mitreue Vetter an, bis er sich endlich entschlo,
mit Johannes heimzufahren und den Knecht selbst ins Aug zu nehmen. Johannes war
fast reuig, da er etwas gesagt.
    Bald befahlen sie anzuspannen, und der Vetter bezahlte die ganze rti, geb
wie Johannes sich wehrte. Als sie hinunter, kamen, kam Anne Meieli wiederum
daher und sagte: Da sei es ihm schn ergangen, der Burri Uli htte ihm
versprochen, ihns mitzunehmen, er wolle nur noch eine Verrichtung machen, es
solle hier warten. Es habe nun gewartet, ihn noch gesucht und knne ihn nirgends
finden, und wenn es jetzt heim, laufen msse, so komme es, es wisse niemand
wann, heim; es schme sich schon jetzt, so lang auf dem Mrit zu sein. Johannes
sagte, der alte Platz warte ihm noch, und so fuhren sie fort, Johannes voran,
der Vetter in seinem schnen Reitwgeli hintendrein. Er dachte allerlei, so
allein fahrend, und als sie noch etwa eine Stunde vom Bodenhof waren, rief er
Johannes: Ob nicht im nchsten Drfchen eine Schmiede sei, er msse ein Eisen
festschlagen lassen, er verliere es sonst. Johannes sagte: Ja, und er wolle ihm
warten, es sei gleich dabei auch ein Wirtshuschen. Aber der Vetter wollte
nicht. Die Frau pressiere, sagte er, und es sei nicht der wert einzukehren, er
komme gleich nach.
    So fuhr Johannes voraus; Joggeli, der Vetter, gar langsam nach, lie beim
Wirtshaus ausspannen und zum Schein einen Nagel einschlagen. Beim Ausspannen
frug er den Stallknecht, was das fr ein Bauer sei, der da vor ihm hergefahren?
Ob das seine Frau sei, Nein, sagte der Stallknecht. Sie werden einander sonst
lieb haben, meinte Joggeli. Er wisse nichts Apartigs, er htte von Beiden
nichts dergleichen gehrt, sagte der Stallknecht. Er htte gar ein braves Ro im
Wgeli gehabt, sagte Joggeli, er mangelte schier so eins und htte auf dem Mrit
nichts Anstndiges gefunden; ob das wohl dem Bauer feil wre und ob er noch
mehrere htte? Der htte einen ganzen Stall voll Ro, sagte der Stallknecht. Da
finde man selten die besten Rosse; wenn man so viel habe, so werde gewhnlich
schlecht gefttert und schlecht zu ihnen gesehen, warf Joggeli ein. Das sei da
nicht der Fall, antwortete der Stallknecht; der Bauer tts nicht so, das sei
einer von den Mehbessern, und dann htte er einen bsonderbar guten Knecht, es
gb weit und breit keinen solchen. Joggeli schwieg, lie den Stallknecht das
Pferd besorgen, ging in die Stube und fing dort fast das gleiche Examen an,
whrend er seinen Schoppen trank, nur mit ganz andern Wendungen, kam aber am
Ende aufs Gleiche heraus: da sein Vetter Johannes ein gar braver Mann sei,
soviel me emel w, seine Gefhrtin ein ehrbares, unbescholtenes Weib, und da
der Bodenbauer allerdings einen berhmten Knecht htte, den ihm schon Mancher
gerne abgedinget htte; aber der Meister und der Knecht seien gar bsunderbar
wohl fr einander, die lieen nicht von einander. Ob es denn nicht kurzum etwas
zwischen ihnen gegeben habe, frug Joggeli. Gar nichts, da man wisse; sie htten
erst am Sonntag hier miteinander eine Halbe getrunken, daneben wten sie nichts
Genaueres, erhielt er von den Wirtsleuten zur Antwort.
    Unterdessen war Johannes heimgefahren, hatte Anne Mareili bis zum Hause
mitgenommen, und als die Frau zum Wgeli kam und die Geiel abnahm, sagte
Johannes: Jetz, Frau, magst recht freini sein, sonst will Anne Mareili bei mir
bleiben. Da werde ich anwenden mssen, sagte die Burin freundlich, nahm auch
die Krbchen ab, hie Anne Mareili hineinkommen, sie htte Kaffee zweg und tt
es nicht anders, als da Anne Mareili ein Kacheli nhme. Anne Mareili wehrte
sich, sagte, es werde daheim auch finden, sagte, es htte schon frher absteigen
wollen, es wte Weiber, es wollte nicht um zwanzig Batzen mit ihren Mnnern bis
zum Hause fahren. Hast du geglaubt, ich sei son e Schalusi? sagte die Burin
lachend. Nein, da bin ich zu alt dazu. Nit, ich will nicht sagen, da es nicht
auch eine Zeit gegeben habe, wos mr vrflemeret i Kopf cho ist, wenn dr Johannes
eine Andere angesehen hat; selbist het es mih decht, er sollte alle Andern
angrnnen, nur mich nicht. Aber das vergeht einem so nach und nach, wenn man
sieht, da man keine Ursache hat, schalus zu sein.
    Das gab zu einigen Geschichten Anla von schalusen Weibern, bis die Burin
auffuhr und fragte: Was kommt dort fr ein Reitwgeli gegen das Haus? Tfel
abenandere, das ist dr Vetter us dr Glungge, er kommt zu uns zum bernachten,
sagte Johannes. Und sagst einem nichts, du bist mir doch einer! Was will der,
da der kmmt; der ist ja viel Jahr nie dagewesen? Du wirst es schon
erfahren, sagte Johannes, und Anne Mareili nahm Abschied und ging am
herbeifahrenden Vetter vorbei.
    Beim Hause stund alles zweg, den Vetter zu empfangen, der etwas schlotternd
und mhselig vom Wgeli stieg, whrend Uli herbeisprang, das Ro abzunehmen.
Reib es mir doch ein wenig ab, sagte Joggeli, und gib ihm nicht gleich zu
saufen, es hat warm. Ihr fttert doch Drrs? fragte er den Johannes, und erst,
als er ber alles beruhigt war, ging er auf seinen wackeligen Beinen ins Haus.
Kaum war er abgesessen, so fragte er: Ist das ne gsi? Ja, sagte Johannes.
Er decht mih no wohl junge und gar so lftig. Er ist bald dreiig, sagte
Johannes, und e Gleytige, das ist wahr; aber es ist kommder so, als wenn er
nicht frers mcht. Mit dem ging er in den Keller und holte Wein und Ks, und
im Vorbeigehen in der Kche frug ihn die Frau: Was hat der nach Uli zu fragen,
was wott der mit Uli? Ich habe jetzt nicht Zeit, es dir zu sagen, antwortete
Johannes, komm herein, du wirst es dann schon hren. Was hats dem Johannes
g? dachte die Frau, er ist ganz wunderliche, und so agschnellt hat er mich
jetzt lange nie. Darinnen fing der Vetter wiederum an, sein Leid zu klagen und
wie sie arme, beschissene Leute wren, und kaum war Johannes hinaus, um das
heutige Tagewerk zu berschauen, so fragte er: Base, was ist mit Eurem Knecht,
dem Uli? Dr Johannes wett mr ne g fr Meisterknecht.Das wird ppe nicht
sein! fuhr die Baurin auf, dr Uli ist der beste Knecht, den man weit und breit
antrifft, wir haben noch nie so einen gehabt. So? sagte der Vetter, aber wie
hat ers denn mit dem Weibervolk? Es hat mir geschienen, er sei gerade so einer,
wie sie am schlimmsten seien. Es wre gut, sagte die Frau, wenn es keine
Schlimmern gbte; er sei mehr als ein Jahr zNacht nie aus dem Hause gewesen.
So, so, sagte der Vetter. Dr Johannes ist da mit einem lustigen Wybli
heimgeritten und hats bis zum Haus gebracht, wie ich gesehen; wer ist das
gewesen? Das ist unsere Nachburin, es hauptntisch bravs Fraueli, und sie ist
bsunderbar wohl fr mich. Es ist ds einzig Hus, in das ich so jeweilen gehe.
So, so, sagte der Vetter, dr Uli war Euch denn mit Schein nicht erleidet?
Wer sagt das? fragte die Frau; der Johannes wird doch nicht so dumm sein und
den Uli fort, tun wollen, da wollte ich auch noch ein Wort dazu sagen. Mit dem
kam Johannes wieder herein, redete von Gleichgltigem; die Frau ging hinaus, und
der Vetter sagte: Sag, Vetterma, es decht mih, dy Frau knn es bsunderbar gut
mit Uli und er sei ihr gar wert. Ja, sagte Johannes, es ist ihr noch Keiner
so wert gewesen; ber all hat sie mir immer zu klagen gehabt, aber seit manchem
Jahr ber den kein Wort. Es ist ein ganz anders Dabeisein. Es schade dann
vielleicht nicht, wenn sie auseinanderkmen, sagte Joggeli. Bhetis, er wolle
damit nichts Bses gesagt haben; aber es sei doch nicht allemal gut, wenns
dWyber und Knechte zu gut miteinander konnten. Oh, das mache nichts, sagte
Johannes, wenn es da, bei die Weiber noch besser mit den Mnnern knnten als mit
den Knechten. Und das sei bei ihnen so. Er und seine Frau seien einig, und keins
mache eine Partei weder gegen die Kinder noch gegen die Diensten, und seit
einiger Zeit seien sie auch mit ihren Diensten einig, und die machen keine
Partei gegen sie unter sich, und so befnden sie sich bsunderbar gut dabei. Ich
wei neue nit, sagte der Vetter; wenn sie zu einig sind, so hat sich sonst der
Meister zu klagen. Wenn es allen gegangen wre wie mir, so wrde noch Mancher
anders reden. Die Burin konnte nicht ins Klare kommen, bis endlich bei Tische
das Kapitel wieder auf Uli kam und sie sich berzeugen mute, da es Ernst sei
mit dem Platz bei Joggeli. Da sagte sie: Aber Johannes, sinnest auch, was du
machst? Ich mchte dem Uli nicht vor seinem Glck sein, antwortete er. Es
ist nicht immer alles Glck, was glnzt, sagte sie halblaut und ging zur Tre
hinaus. Da fing der Vetter an zu treiben, da man den Uli hineinkommen heie, er
mchte mit ihm reden, und Johannes meinte, das pressiere den Abend noch nicht;
morgen wolle er ihm alles zeigen, und dann knne er noch immer machen, was er
wolle. Aber der Vetter sagte, er msse morgen zeitlich fort, wolle die Sache
heute noch richtig machen, so knne er vielleicht wieder einmal gut schlafen;
und Uli mute herein.
    Uli war ganz voll Gwunder, was er im Stbli solle, und stellte sich an der
Tre auf. Der Vetter fllte sein Glas, brachte es Uli und sagte: Tue Bscheid
und chumm hock, ich mchte neuis mit dir reden. Nun begann er, wie Johannes ihm
Uli als Meisterknecht angeboten habe, wie er einen mangle, wie er einen schnen
Lohn gebe und bei Zufriedenheit noch mehr nicht scheuen wolle. Und wenn es dich
gelstet, zu kommen, so fordere Lohn; wir wollen es gleich miteinander richtig
machen. Uli war ganz verstummet. Endlich sagte er, es sei ihm hier nicht
erleidet, er begehre gar nicht fort. Wenn der Meister meine, es sei sein Glck,
so wolle er probieren, aber ungern. Du kannst probieren, sagte Johannes, und
wenn ihr nicht fr enandere seid, so nehm ich dich wieder jede Stund. Und nun,
was forderst du fr Lohn? Der Meister soll fr mich heischen, sagte Uli. Was
decht Euch: sechzig Kronen, zwei Paar Schuhe, vier Hemder und dann noch
Trinkgelder? sagte Johannes. Ihm sei es recht, sagte Uli, wie es der Meister
mache. Es sei wohl viel, sagte der Vetter, und so fr den Anfang htte man es
mit etwas Wenigerem auch machen knnen, indessen wolle er nicht mrten. Nur mit
den Trinkgeldern knne er nicht viel versprechen; fr die Rosse nehme sie der
Karrer, fr die Khe der Melcher, und sonst gebe es nicht viel. He nun, sagte
Johannes, so gebt Ihr am Neujahr noch einen schnen Kram, wenn Ihr zufrieden
seid. Das werde sich schon machen, sagte Joggeli; da htte er frs erste
zwanzig Batzen Haftpfennig, und dann solle er ihm zur rechten Zeit kommen, um
anzustehen. Somit gab er Geld und Hand, und die Sache war abgetan, ehe Johannes
und Uli es sich versahen und ehe die Burin ein Wort dazu sagen konnte. Er htte
gedacht, er wolle es heute noch richtig machen, sagte Joggeli, es htte sonst
vielleicht nichts mehr daraus werden knnen; man wisse nie, was es ber Nacht
gebe.
    Und Joggeli, der alte Fuchs, hatte verdammt recht. Die Frau schwieg jetzt,
sie fhlte, jetzt knne sie nicht mehr reden. Aber sobald Johannes neben ihr
hinterem Umhang lag, so begann sie mit der Frage: Aber sag mir auch, was
sinnest du? Ich htte nie geglaubt, da du ein solcher Lhl wrest. Einen
solchen Verdru hast du mir nicht gemacht, seit wir verheiratet sind. Du bist
viel fort, und wie soll es gehen, wenn Uli nicht mehr da ist? Der alte Verdru
kommt wieder an mich. Dem alte, wunderliche Narr, der niemand trauet und meint,
alle Leute seien schlecht, den besten Knecht anzubieten! Man sollte dich my Seel
vogten. Ich glaube, du bist voll gewesen, wo du das gemacht hast. Sag mir nur,
was hast du auch gesinnet? Aber Johannes, dem der Handel selbst bers Herz
gekommen, wute nicht viel zu sagen, seine Grnde schienen ihm selbst nicht mehr
stichhaltig. Er wisse es selbsten nicht, seufzte er. Er habe geglaubt, dem Uli
sein Glck zu machen. Knecht knne der auch nicht immer bleiben, und um etwas
anzufangen, msse er Geld haben, und einen grern Lohn zu geben, vermge er
nicht. Aber die Frau tat ihm alles durch und wollte von Glck nichts wissen, das
Uli mache, da sie ihm einen grern Lohn htten geben sollen oder da sie einen
grern nicht vermchten; kurz sie war zu einem eigentlichen Redhaus geworden
und lie Johannes in selber Nacht wenig schlafen. Auch Uli schlief nicht, er war
auch halb reuig; nur der Vetter schnarchte behaglich, da man meinte, es sprenge
Laden an der Diele auf und Schindeln vom Dache.
    Am andern Morgen war alles wie verstrt, aber dessen achtete Joggeli sich
wenig; er machte, da er fortkam, gab Uli noch einen Walliserbatzen Trinkgeld
und fuhr vergngt von dannen.
    Uli htte den Handel gerne aufgegeben, und auch die Frau Meisterin war der
Meinung. Was frage man dem Vetter nach; man htte ja sein Lebtag nichts von ihm
gehabt und werde nichts von ihm haben, und er wohne ja sieben Stunden dadnne,
man sehe ihn vielleicht in seinem Leben nicht mehr. Uli sagte, wenn er im neuen
Dienst noch alleine wre, so wrde es ihm noch minder machen; aber da er da
drei, vier Knechte regieren solle, noch Jungfrauen dazu und Tauner die Menge,
das gruse ihm. Er wisse wohl, wie er es mit denen bekomme. Sage er zu allem
nichts, so sei er nur ihr Schuhwisch, und der wolle er nicht sein; wolle er
regieren, so gbe es Hndel, er htte lauter Streit und wisse nicht, wie dann
der Meister ihn untersttze. Es wre wohl am besten, er schicke das Haftgeld
zurck zu rechter Zeit. Aber Johannes war nicht dieser Meinung. Es wre
schlecht, einen fremden Menschen so anzufhren, geschweige dann einen Vetter. Es
komme nichts von ungefhr, und man wisse nicht, wofr das gut sei. Gewhnlich
seien die Sachen, wo einem im Anfang am meisten zuwider seien, spter einem die
vorteilhaftesten. Jetzt msse man der Sache ihren Lauf lassen, es werde ppe
beidseitig gut gehen. Wenn Uli nur im Anfang recht sferli tue und suche, Boden
zu bekommen, so werde sich alles machen. Hans, ihr zweiter Knecht, sei gut
angeleitet und htte vielen guten Willen; es wre mglich, da man mit ihm auch
nicht schlecht fahren werde. Jedenfalls sei die Sache jetzt so, lasse sich nicht
ndern; es wre daher am besten, wenn man sich hineinschicken wrde und so wenig
als mglich davon redete.
    So verstrich die Zeit, und Weihnachten nahte. Schneider, Nherinnen,
Schuhmacher wechselten ab auf der Str, und wenn man es auch nicht sagte, so war
es doch grtenteils Ulis wegen, dessen Kleider man alle in den besten Stand
setzen lie, fast wie einem Sohn, der in die Fremde will. Bald hatte die
Meisterin noch einen Resten Tuch, den sie nicht zu brauchen wute, zu einem
Hemde, oder der Meister eine Kutte, die ihm zu enge war, oder ein Gilet, das ihm
der Schneider verpfuscht hatte. Eines Abends sagte der Meister: Uli, du mut
noch einen Heimatschein holen beim Pfarrer; gehe morgen, damit man Zeit hat, ihn
ausfertigen zu lassen. Meister, das ist mir zwider, sagte Uli. Nit, der
Pfarrer ist mir lieb und ich habe viel auf ihm, seine Predigten haben mir wohl
getan, und ich habe bei ihm einsehen gelernt, da wenn man ein Mensch sein will,
man unserm Heiland nachfolgen msse. Aber ich bin gar ein wster und
ungeschickter Bube gewesen in der Unterweisung, er hat viel mit mir mssen
balgen, und daher habe ich ihn seither immer geflohen und kein einzig Wort mit
ihm geredet. Das habe ich nun ungern, ich darf mich nicht vor ihm zeigen; denn
wenn ich gehe, so wird er glauben, ich sei noch immer der wste Bub wie frher,
und mir einen Abputzer geben vom Tfel. Du knntest mir ihn nehmen, Meister; du
kommst wohl ppe zum Pfarrer. Nein, sagte der Meister, es ist anstndig, da
du selbst gehst, und wenn er dir schon noch eine Ermahnung gibt, so schadet die
dir allweg nichts.
    Uli mochte wollen oder nicht, er mute selbst gehen. Aber es wurde ihm recht
schwer, als er gegen das Pfarrhaus kam; das Herz klopfte ihm, als er
hineingeheien wurde, und als drinnen der Pfarrer fragte: Was wotsch, was wr
dir lieb? da fand er das einfache Wort einen Heimatschein fast nicht und
brachte es mit Mhe heraus. Der Pfarrer schlug groe Bcher auf, frug: Du
heiest Ulrich Merk, dein Vater hat Christian geheien, deine Mutter Madle
Schmck, dein Gtti ist der Vrenechbur gsi. Das wunderte den Uli gar fast, wie
der Pfarrer das alles so wissen knne und da er ihn noch gekannt htte; seit
der Unterweisung sei er doch fast einen Schuh grer geworden. Dann fragte ihn
der Pfarrer wieder: Du gehst in die Glungge, in die Gemeinde flige. He nun, es
soll mich freuen, wenn es dein Glck ist, sagte der Pfarrer. Es hat mich schon
lange gefreut, da du dich so brav aufgefhrt hast; es freut mich allemal, wenn
ich einen auf einem bessern Weg sehe. Wo du in die Unterweisung gekommen bist,
htte ich das nicht von dir erwartet. Aber es ist dem lieben Gott gar viel
mglich, woran der Mensch nicht denkt. Vergi aber in der Glungge nicht, da
dort der gleiche Gott ist, der hier sein Auge auf dir gehabt hat, und da es dir
nur so lange wohl geht, als er dir hilft und du ihm treu bist. Vergi nie, da
er alles gseht und alles ghrt, wenn es schon dein Meister nicht sieht und nicht
hrt. Jetzt wirst du ber viel gesetzt, es wird auch viel von dir gefordert
werden. Jetzt hast du Gott ntiger als nie, und denke immer, was du sagst, wenn
du betest: Fhre mich nicht in Versuchung! Denke daran, was der Heiland gesagt
hat: Wachet und betet, da ihr nicht in Anfechtungen fallet! Es wird mich immer
freuen, wenn ich gute Nachricht von dir habe, und wenn du hieher zDorf kmmst,
so komm auch zu mir und gib mir Bricht, wie es dir geht, es wird mich recht wohl
freuen.
    Uli ging ganz gerhrt und verwundert fort und mochte nicht warten, bis er
dem Meister sagen konnte: Denk, dr Pfarrer hat mich noch gekannt und es ist ihm
alles bekannt gewesen. Er hat gewut, da ich mich gendert, da ich in die
Glungge komme, und wie es dort ist, hat mir geschienen, wisse er auch. Wie ist
das auch mglich, er hat doch nie mit mir geredet und ist die lngste Zeit nicht
bei dir gewesen? J, sagte der Meister, das ist der Name, von dem ich dir
gesagt habe. Der gute Name kommt weit und der bse noch weiter, und es ist kein
Mensch so gering, es wird von ihm brichtet. Und so ein Pfarrer soll auf diese
Namen mehr oder weniger acht haben, damit, wenn die Gelegenheit kommt, er wei,
wie er mit den Leuten reden soll. So ein unerwarteter Zuspruch bei Gelegenheit
tut manchmal recht gute Wirkung; es schadet niemere nt, wenn man wei, da auf
einen gesehen wird. Ja, das mu ich sagen, sagte Uli, der Zuspruch hat mich
gefreut, und ich wollte nicht, da ich nicht selbst gegangen wre. Er hat mir da
ein paar wichtige Worte gesagt, die ich nicht vergessen will.
    Der Meister hatte sich entschlossen, Uli selbst auf seinen neuen Platz zu
fhren; er solle mit dem Zglen nicht Kosten haben, sagte er, und dann knne er
ihm vielleicht einen oder den andern Rat geben, wenn er die Gelegenheit selbst
angesehen. Uli lie seinen Lohn fast ganz zurck und hatte nun in der Kasse
ordentlich ber hundertfnfzig Kronen. Einen Trog hatte er machen lassen mit
einem guten Schlo, damit ihm nicht jeder ber seine Sachen knne.
    Neujahr kam, da wurde auch gneujahret nach allgemeinem Gebrauch. Wein und
Fleisch war genug auf dem Tisch, sonst ging es recht lustig zu. Jetzt sa man
beisammen, a und trank und wollte lustig sein. Da sagte Uli: Hocken ih cht
zum letztenmal da?, und das Augenwasser scho ihm ber die Backen ab, und er
stund auf und ging hinaus. Und allen kam das Augenwasser und stellte ihnen das
Essen, und sie redeten lange nichts, bis endlich die Frau sagte: Johannes du
mut doch use und ga luege, wo Uli bleibt; er soll hineinkommen. Es ist jetzt
so, und ich bin nicht schuld daran aber mir wey die letzti Stund doch noch
binenangere sy.

                                Zwlftes Kapitel


        Wie Uli seinen alten Dienstort verlt und an den neuen einfhrt

Am folgenden Morgen wurde der Schlitten zurecht gemacht, das Trglein
aufgebunden, und Uli mute noch im Stbli mit ihnen frhstcken, Kaffee, Ks und
Eierttsch. Als angespannt war, konnte er fast nicht fort, und als es endlich
sein mute und er der Meisterin die Hand lngte und sagte: Lebet wohl, Mutter,
und zrnet mr nt!, da scho ihm wieder das Wasser aus den Augen, und die
Burin mute das Frtuch vor die Augen nehmen und sagte: Ich wte nicht, was
ich zrnen wollte, wenns dir nur gut geht, aber wenn es dir nicht gefllt, so
komm wieder, welche Stunde du willst, je eher je lieber. Die Kinder wollten ihn
fast nicht lassen; es dechte ihn, als wolle es ihm das Herz zerreien, als
endlich der Meister sagte: Sie sollten lugg lassen, sie mten fort, wenn sie
noch heute an Ort und Stelle wollten, und es werde nicht das letzte Mal sein,
da sie einander sehen. Es sei einmal jetzt so. Als sie fortfuhren, wischte sich
die Frau noch lange die Augen ab und mute die Kinder trsten, die fast nicht
vom Jammern lassen wollten.
    Die Beiden fuhren lange stillschweigend durch den glitzernden Schnee. Na,
na! mute der Meister zuweilen sagen, wenn der wilde Bla in Galopp fiel, den
leichten Schlitten pfeilschnell dahinri und mit hochgeworfenen Beinen den
Schnee weit in die Luft warf. Es macht mir Kummer, sagte Uli, und je lnger
je mehr, je nher wir kommen, es ist mir so schwer, ich kann nichts anderes
glauben, als da ich meinem Unglck entgegenfahre; es ist mir, als wenn es mir
vor wre.
    Das ist nichts anders sagte der Meister, und ich wollte das nicht fr
eine bse Bedeutung nehmen. Sinn daran: vor bald zehn Jahren, wo du ein Ntnutz
gewesen bist und ich zum Bessern dich angetrieben, wie schwer kam dich die
Besserung nicht an, wie wenig Glauben hattest du an die Mglichkeit, da alles
gut kommen werde! Und doch kam es nach und nach gut, dein Glaube mehrte sich,
und jetzt bist ein Bursch, von dem man wohl sagen kann, da es mit dem gewonnen
sei. Darum kmmere nicht; was du jetzt vor dir hast, ist ds Halb leichter; da
kann es ppe nicht beler gehen, als da du nach einem Jahr wieder zu mir
kommst. Halte dich nur gut, nimm dich in acht, der Vetter ist grusam mitreu;
aber wenn er dich einmal erfahren hat, so kannst du dich seiner trsten. Mit den
Diensten wirst du es am bsten haben; da mach sferli, nur nach und nach, solang
es geht, in der Liebe, und ntzt das nicht, so gschirr einmal recht aus, da du
weit, woran du bist; so darinnen hangen ein ganzes Jahr mchte ich auch nicht.
    Es war ein heller, klarer Jennertag, als sie durch schne Felder, dann
zwischen weien Zunen, glitzernden Bumen durch der Glunggen zufuhren. Dieses
Gut lag etwa eine Viertelstunde von fligen, war ber hundert Jucharten gro,
sehr fruchtbar, doch nicht ganz in einer Einhge, einige cker und eine Matte
lagen entfernter. In nassen Jahren mochte es an einigen Orten wohl na werden,
doch dem lie sich helfen. Als sie anfuhren, trtschete Joggeli an einem Stock
ums Haus herum, das etwas im Boden lag, und sagte: Er htte schon lange auf sie
gesehen und bald geglaubt, sie kmen nicht mehr, es htte ihn blanget. Es soll
einer kommen und das Ro abnehmen! rief er gegen das Scheuerwerk hin, das am
Hause war. Es kam niemand. Uli mute selbst abspannen und frug, wo er mit dem
Bla hin solle? Seh, es soll einer kommen! Keiner kam. Da ging der Alte
rgerlich gegen den Stall, ri die Tre auf, und da striegelte der Karrer ganz
gelassen Pferde. Ghrst denn nichts, wenn man ruft sagte Joggeli. Ich habe
nichts gehrt. Su los es andermal, und chumm nimm das Ro! Er msse ihm
zuerst Platz machen, schnauzte der Bursche und fuhr nun unter seine Rosse wie
der Habek in ein Taubenhaus, da die in die Krippe schossen, aufwarfen und Uli
unter bestndigem , ,  und Lebensgefahr seinen Bla zuhinterst in den Stall
brachte. Dort konnte er lange keine Halfter kriegen. Httest eine mitgebracht!
erhielt er erst zur Antwort. Als er wieder zum Schlitten kam und sein Trgli
abband, sollten Holzer es ihm tragen helfen, aber lange rhrte sich keiner.
Endlich schickten sie den Bueb, der auf der Treppe die Handhabe fahren lie, so
da Uli beinahe rckwrts hinabgefahren wre und nur seiner Kraft es zu
verdanken hatte, da es nicht geschah. Das Gemach, in das man ihn fhrte, war
nicht hell, unheizbar und mit zwei Betten besetzt. Etwas trbselig stund er
darin, als man ihn hinunterrief: Er solle kommen und etwas Warmes nehmen.
    Drauen nahm ihn ein munteres, schnes Mdchen in Empfang, nubraun an Haar
und Augen, rot und wei an den Backen, kulicht die Lippen, blendend die Zhne,
gro, fest, aber schlank gebaut, mit ernsten Mienen, hinter denen der Schalk
lauerte, aber auch die Gutmtigkeit. ber das Ganze war das bekannte, aber
unbeschreibliche Etwas gegossen, das da, wo es sichtbar wird, von innerer und
uerer Reinlichkeit zeuget, von einer Seele, die das Unreine hat, deren Leib
daher auch nie unrein wird oder nie unrein scheint mitten in der wstesten
Arbeit. Vreneli, so hie das Mdchen, war eine arme Verwandte im Hause, die ihr
Lebtag nirgends htte sein sollen, allenthalben fr Aschenbrdel gehalten wurde,
aber immer die Asche abschttelte, weder uerlich noch innerlich getrbt wurde,
Gott und Menschen und jedem jungen Tage in neuer Frische entgegenlachte, daher
auch allenthalben sein konnte und sich Platz machte in den Herzen, gb wie man
sich dagegen wehren mochte; daher es oft schon lange von Verwandten innerlich
geliebt wurde, whrend sie glaubten, sie haten es noch und verschpften es als
den Zeugen des unerlaubten Umganges einer vornehmen Verwandtin mit einem Tauner.
Vreneli hatte die Tre nicht aufgemacht. Als Uli heraustrat, berflogen ihn die
braunen Augen, und ganz ernst frug Vreneli: Du wirst der neue Meisterknecht
sein sollen; du sollest hinunterkommen und ppis Warms nh. Es htte sich nicht
gemangelt, sagte Uli, sie htten unterwegs etwas genommen. Indessen ging er
stillschweigend hinter dem raschen Mdchen her der Stube zu. Dort saen Joggeli
und Johannes schon hinter dem Tische hinter dampfendem Fleische, grnes und
gesalzenes, hinter Sauerkabis und Birenschnitzen, und eine alte, runde,
freundliche Frau trat ihm entgegen, strich - die Hand noch am Frtuche ab, bot
ihm sie dar und sagte: Bist du dr neu Meisterknecht? He nu so de, wed son e
Fromme bist, wie de e Brave bist, so wirds scho guet cho, ih ha kei Kummer. Hock
zueche u nimm; schch dih nt, es isch da, fr da me nhm. Auf dem Ofentritt
sa noch eine dnne Gestalt mit weiem Gesicht, blassen, glanzlosen Augen, die
tat, als bekmmere sie sich um alles nicht, ein schnes Druckli vor sich hatte
und blauen Seidenfaden von einem Klungeli auf das andere wand.
    Joggeli brichtete, wie er es mit dem letzten Meisterknecht gehabt habe und
ber was alles er seither noch gekommen sei und wie es ihn deche, es sei noch
viel bler gegangen, als er jetzt nur sinne. Was eim doch so ein Kerli Verdru
machen und schaden kann, und Sellig darf man nicht henke, es ist my Seel nicht
recht. Allbets ist das nicht so gewesen; es ist eine Zeit gewesen, wo man jeden
gehngt hat, der eines Strickes wert gestohlen. Selbist ist es recht gsi, aber
jetzt ists nt meh. Es sollte einem meinen, die schlechten Leute sollten lauter
ihresgleichen an der Regierung haben, so luegen sie ihnen durch die Finger. Ja
nicht einmal die Weiber, welche ihre Mnner vergiften, hngt man mehr. Es nimmt
mih nume wunder, was schlechter ist, wenn man einen gegen das Gesetz ttet oder
einen gegen das Gesetz lebendig lt; es decht mih, das sei eins wie das
Andere. Und dennoch dnkt mich, wenn die, wo die Gesetze aufrecht erhalten
sollen, selber darinnen gange ga chaflen, so sei das ihnen vor Gott und Menschen
nicht zu verzeihen. Da, dnkt es mich, sollte man das Recht haben, die zu tun,
wo sie hingehren, statt ihnen noch mssen den Lohn zu geben.
    Whrend dieser langen Rede von Joggeli, die er glcklicherweise innerhalb
seiner vier Wnde hielt, ansonst sie ihm leicht nicht sowohl einen Preproze,
denn die waren damals noch nicht Mode, sondern eine Hochverratsgeschichte htte
zuziehen knnen, sagte seine Frau fortwhrend zu Johannes und besonders zu Uli:
Nht doch, nht, es isch drfr da, oder decht es ech nit guet? Mir gs, wie
mrs hey. Joggeli, schenk doch y, lue, sie hey us; trinkit doch, es isch no meh,
wo d gsi isch. Der Sohn het ne g, es soll guete sy, er het ne selber gchauft
im Weltschlang, aber er het is whrli ffehalb Batze gchostet die Ma, und de
ist no nit wohl gmesse gsi. Als Uli nicht mehr nehmen wollte, so legte ihm die
Alte immer noch vor, stach die grten Stcke mit der Gabel an und stie sie
dann mit dem Daumen ihm aufs Teller ab und sagte dazu: He, du wrist mr e Lyde,
wed das nit no mchtist; e sellige tolle Bursch mue gesse ha, wenn er bi dr
Kraft blybe soll, und mir gnnen es; we si arbeite slle, su mue me ne o z'esse
g. Nimm ume, nimm! Indessen Uli vermochte doch endlich nichts mehr, nahm die
Kappe in die Hnde, betete und stund auf, um weiterzugehen. Bleib doch, sagte
Joggeli, wo wotsch hi? Sie werden schon zum Bla sehen, ich habe es ihnen
streng befohlen. He, ih will use, ppe e wenig go umeangere luege, wies mir
gfall, sagte Uli. He nu, so gang, chum de wieder yche, wes dih friert, du sost
mir ht no nit werche, sagte die Mutter.
    
    Der wird noch etwas erleben, sagte Joggeli, sie sehen ihn gar grusam
ungern kommen; ich glaube, der Karrer wre selbst gerne Meisterknecht geworden.
Aber es ist mir recht, wenn sie schon wider einander sind. Es ist nie gut, wenn
das Gesind zu einig ist, der Meister mu es immer entgelten. He, sagte
Johannes, das ist, wie man es nimmt. Ja, wenn das Gesind auf einer Seite ist
und der Meister auf der andern, so geht es dem Meister bs und er kann nichts
zwngen. Aber wenn auch das Gesind wider einander ist und Eines dem Andern das
Mgliche zuleid tut, Keines dem Andern helfen will, so geht es dem Meister auch
bs, denn es geht am Ende doch alles ber den Meister und seine Sache aus. Ich
meine, das Wort sei allweg richtig: Friede bauet, Unfriede zerstrt. Es will mir
hier nicht recht gefallen. Da ist kein Mensch gekommen, das Ro abzunehmen,
niemand wollte dem Uli tragen helfen; da macht ein jeder, was er will, und sie
frchten niemand. Das, Vetter, kommt nicht gut. Das mu ich sagen: so bleibt Uli
nicht dabei. Wenn er Meisterknecht sein, die Verantwortung haben soll, so will
er auch Ordnung, da lt er nicht jeden machen, was er will. Da wirds nun Lrm
geben alles wird auf ihn darkommen, und wenn Ihr ihn nicht untersttzet, so
luft er fort. Ich will es fry graduse sge: ich habe ihm gesagt, wenn er es
hier nicht lnger ausstehen knne, so solle er wieder zu mir kommen, fr ihn
htte ich immer Platz. Er reut uns bel genug, und meine Frau het plret, wo ich
mit ihm fortgegangen bin, wie wenn er ihr Kind wre. Das dechte die alte
Mutter gar schn, und sie wischte blo vom Hrensagen schon die Augen aus und
sagte: Hb nit Kummer, Vetter Johannes, dem soll es ppe nit bel bei uns
gehen, wir vermgen es auch, zu ihm z'luege. Es decht mich, wenn wir nume afe
einen htten, dem man trauen knnte und dem an der Sache gelegen wre, es reute
mich kein Lohn. Base, sagte Johannes, es kmmt auf den Lohn nicht alles an;
aber Untersttzig mu Uli haben und glauben mu man ihm. Wir haben ihn fast
gehabt wie ein Kind vom Hause, und da tte es ihm gar ungewohnt, wenn er nur so
der Knecht sein sollte. He, sagte die Mutter, hb nit Kummer, Johannes, mir
wey ds Mgliche tue. Wenn wir fr uns ein Kaffee machen so zwsche yche, so mu
es nicht zu machen sein, oder er mu ein Kacheli davon haben. Und wir haben ppe
alle Tage unser Mckli Fleisch, die Diensten aber nur am Sonntag. Wo kme man
hin, wenn man ihnen alle Tage geben wollte? Aber wennd meinst, so wey mr luege,
da dr Uli o allbeneinisch zwsche yche Fleisch berchunt. Base, sagte
Johannes, das macht die Sache nicht aus, und Uli begehrt das auch nicht, es
macht die Andern nur schalus. Geb wie man es anstellt, die Andern merken es
doch. Wir haben eine Jungfrau gehabt, die hat allemal, wenn sie vom Felde kam,
in allen Kachelene gschmckt und hat allemal es richtig erraten, wenn ein Kaffee
gemacht worden, von dem sie nichts erhielt, wohl aber ein anderer Dienst, und
dann hat sie acht Tage dr Kolder gmacht, da man es bei ihr kaum aushalten
konnte. Aber Zutrauen msset ihr haben und ihm helfen, dann kmmts gut.
    Der Vetter mochte das Gesprch nicht lnger dauren lassen und fhrte den
Johannes herum, in Stllen und Spycher, solange es heiter war, fragte um Rat und
erhielt welchen, aber rhmen wollte ihm Johannes nichts. Bei den Klbern sagte
er, es wre gut, wenn man dazu tte, die htten Luse, und bei den Schafen, die
wren wohl dicht ineinander, sie erdrckten sich, und die Lmmer verrigelten
ganz. Die brige Inspektion tat er stillschweigend ab. Als sie wieder
hineingingen, trafen sie Uli trbselig im Schopfe an, nahmen ihn hinein, aber
trbselig blieb er den ganzen Abend. Das Weinen war ihm zvorderst, sobald jemand
ein Wort zu ihm sagte.
    Am folgenden Morgen rstete Johannes sich zur Abreise, nachdem er ber
Vermgen hatte essen und auf alles hinauf noch ein Schnpschen hatte trinken
mssen, gb wie er sagte: Er trinke nie Selligs am ene Morge. Uli hing ihm fast
an der Kutte wie ein Kind, das frchtet, der Vater laufe ihm fort, und als er
ihm die Hand geben wollte, so sagte Uli, wenns ihm erlaubt wrde, so wollte er
noch einen Pltz mit ihm fahren; er wisse nicht, wann er ihn wieder sehe. Und
wie gefllt es dir? sagte Johannes, sobald sie vom Hause weg waren. O Meister,
ich kann nicht sagen, wie es mir ist. Ich bin an vielen Orten gewesen, aber so
habe ich es nirgends angetroffen. Da ist, helf mir Gott, nirgends keine Ordnung.
Die Bschtte luft in den Stall, der Mist ist noch nie recht ausgemacht worden,
die Rosse stehen hinten hher als vornen, am Stroh ist noch das halbe Korn, auf
der Bhne ist es Gsau, das Werkzeug sieht aus, man darfs nicht ansehen. Sie
sehen mich alle an, als ob sie mich fressen wollten. Entweder geben sie mir
keinen Bescheid oder messen mir unverschmte Worte zu, da es mih decht, ich
m ihnen eine zum Grind geben. Hb Geduld und lyd dih, sagte Johannes.
Fange hbscheli an, nimm sHeft unbemerkt, mach selbst, so viel du kannst, sag
alles mit Manier und lueg, da du sie nach und nach ne ume bringest oder
wenigstens Einige auf deine Seite. So warte eine Zeitlang und lueg, wie es geht
und bis du recht gut mit allem bekannt worden bist, da du siehst, wo du am
besten zwegkommen magst. So grad afangs dryzschiee, trgt nichts ab; man kennt
die Sache gewhnlich zu wenig und greifts nicht recht an. Wenn du dann weit,
woran du bist, und gutet es nicht, so turniere dann einmal recht aus dem ff aus,
damit sie wissen, woran sie mit dir sind, und mach, da Einer oder Zwei fort
mssen, es wird dann schon bessern. Darneben habe nur guten Mut, du bist ja kein
Sklave, kannst gehen, wann du willst. Es ist aber eine Lehrzeit fr dich, und je
mehr ein junger Mensch ausstehen mu, desto besser ist es ihm. Du kannst da viel
lernen, kannst lernen Meister sein, und das ist eine grere Kunst als du
meinst, und es ist mir immer, als knnest du da so recht dein Glck machen und
ein Mann werden. Mach nur, da du es mit dem Weibervolk wohl kannst, aber doch
nicht, da der Alte mitreu wird; wennds mit denen kannst, so hast du schon viel
gewonnen. Aber wenn sie dich zu viel nebenausrufen wollen zu einem Kaffee, so
tue es nicht; hebs wie die Andern, und im Werche sei immer voran, so mssen sie
sich am Ende ergeben, sie mgen wollen oder nicht.
    Das richtete Uli auf; er fand neuen Mut, und doch konnte er fast nicht vom
Meister. Erst jetzt kamen ihm eine Menge Dinge in Sinn, die er noch htte fragen
sollen. Es schien ihm, als wte er gar nichts. Er fragte bers Sen und wie er
wohl dies hier anfangen solle oder jenes, ob diese Pflanze hier kme, wie jene
besorgt sein msse? Er wurde nicht fertig mit Fragen, bis Johannes endlich bei
einem Wirtshause anhielt, noch eine Halbe mit ihm trank und ihn dann fast
gewaltsam heimsandte. Ermutigt ging endlich Uli und fhlte nun allein zum
erstenmal so recht seine Bedeutsamkeit. Er war etwas, er tat seine Augen ganz
anders auf, als er auf das anvertraute Gut trat das von ihm allein seine
Besorgung erwartete; er ging mit ganz andern Schritten dem Hause zu, wo er
gewissermaen regieren sollte, wo man ihn erwartete wie ein rebellisch Regiment
seinen neuen Obersten.

                              Dreizehntes Kapitel


                Wie Uli sich selbsten als Meisterknecht einfhrt

Ruhig, mit gefatem Entschlu kam er zu den Arbeitenden; es war Nachmittag, bald
nach dem Essen. Zu Sechsen wurde gedroschen. Melcher und Karrer rsteten Futter,
zu diesen trat er und half mit. Sie brauchten ihn nicht, sagten sie, und knnten
das alleine. Im Tenn knne er heute nicht helfen bis zum Herausmachen, und so
wolle er ihnen helfen heute Futter rsten und dann misten, antwortete er. Sie
brummten, allein er griff zu, schttelte mit seiner gewohnten Eigelichkeit das
Futter durcheinander, den Staub davon und zwang da, durch die Andern
stillschweigend, es auch besser zu machen als sonst. Drunten im Gang schttelte
er wieder, und die Futterwalmen zog er so schn und exakt, wischte dann mit dem
Besen den Gang zwischen dem Ro- und Kuhfutter, da es eine Freude war. Der
Melcher sagte: Wenn das all Tag so gehen sollte, so mchte man in zwei Tagen
nicht rsten, was die Ware an einem Tage fressen mchte. Das kme darauf an,
sagte Uli, wie man sich gewohnt htte zu rsten und je nachdem die Ware gewohnt
wre zu gschnden. Beim Misten hatte er seine liebe Not mit dem Melcher, der nur
das Grbste obenabnehmen wollte, so gleichsam die Nidle ab der Milch. Es sei
schn warm drauen, sagte Uli, da erkalte ihnen das Vieh nicht, sie wollten ein
wenig zBoden ha. Und wirklich war es ntig, es war da alte Rustig, da sie fast
die Reuthaue nehmen muten, um nur zu den Steinen der Bsetzi zu kommen; das, was
zwischen denen war, herauszugbelen, dazu kamen sie nicht einmal. Es mute aus
dem Bschttiloch geschpft werden, da das Wasser sich auftrieb fast bis zu,
hinterst in den Stall, und da das Ausgeschpfte in die Hofstatt gefhrt und
nicht auf die Strae geschttet wrde, konnte er nur mit Mhe erzwingen. Als der
Mist drauen war, wollte ihn niemand verlegen, und auf seine Frage erhielt er
zur Antwort: Heute htte man nicht Zeit, man mte bald fttern, es sei morgen
noch frh genug. Das sei gar kommod zwischen dem Fttern zu machen, und den Mist
msse man verlegen, whrend er warm sei, besonders im Winter. Sei er einmal
gefroren, so setze er sich nicht mehr und man erhalte keinen Mist. Somit ging er
selbst ans Werk, und die Beiden lieen getrost ihn machen und zpfelten ihn aus
hinter den Stalltren und im Futtergang.
    Drinnen hatte man schon lange sich gewundert, da der neue Meisterknecht
nicht heimkomme, und schon Kummer gefat, er mchte auf- und davongefahren sein.
Joggeli hatte sich ans Fenster gesetzt, von wo aus er auf den Weg sehen konnte,
und sah sich fast die Augen aus und begann zu schimpfen: Den Johannes habe er
doch so schlecht nicht geglaubt, und dazu sei er sein Vetter, und Selligs mochte
er dem frmdest Mensch nicht machen. Aber es sei sich heutzutage auf niemand zu
verlassen, nicht einmal auf die eigenen Kinder. Whrend er am besten im Zuge
war, kmmt Vreneli herein und sagt: Da knnt Ihr lange hinaussehen; der neue
Knecht verlegt drauen den Mist, den sie herausgemacht, er wird auch der Meinung
sein, es sei besser, ihn nicht von zwei Malen lassen zusammenzukommen. Wenn es
niemand anders tut, so wird er meinen, er m es selber machen. Warum kndet
der sich nicht, wenn er heimkommt? sagte Joggeli, und: Herr Yses, warum chuntr
nit cho esse? sagte die Mutter. Gehe und sag ihm, er solle auf der Stelle
hineinkommen, es sei ihm dnne deckt. Wart, sagte Joggeli, ich will selber
gehen und sehen, wie er es macht und was gegangen ist. Aber hei ihn kommen,
sagte die Mutter, es decht mih, dWurmlcher sollten ihm aufgegangen sein.
    Joggeli ging hinaus, sah, wie Uli den Mist sorgfltig verstreute und tchtig
niedertrat, das gefiel ihm. Er wollte den Melcher und den Karrer suchen, um
ihnen zu zeigen, wie Uli es mache und da sie es knftig auch so machen sollten;
er blickte in den Futtergang und konnte lange seine Augen nicht herausbringen,
als er die schnen, runden, appetitlichen Futterwalmen sah und den gesuberten
Gang dazwischen. Er blickte in den Stall, und als er wohlbehaglich die Khe in
reinem Stroh stehen sah und nicht mehr auf altem Mist, da ward ihm auch wohl,
und erst jetzt ging er zu Uli und sagte ihm, das sei doch dann eigentlich nicht
so gemeint, da er das Wsteste selbst mache, das sei eigentlich an andern
Leuten. Er htte wohl Zeit gehabt, sagte Uli; beim Dreschen sei er zu viel
gewesen, und da htte er es gemacht, um zu zeigen, wie er es knftig haben
wolle. Joggeli wollte ihn in die Stube heien, aber Uli sagte, er mchte noch
gerne beim Usemachen des Kornes sein, er mchte auch wissen, wie es da gehe. Da
sah er, da alles nur auf frhen Feierabend hin gemacht werde. Das Korn war
schlecht gemutzet, es waren noch eine Menge halber hren, dann noch schlechter
gereitert und gewannet; das Korn in der Btti war unsauber, es gelstete ihn, es
auszuleeren und die Arbeit von neuem anfangen zu lassen; indessen besa er sich
und dachte, er wolle das morgen anders machen. Joggeli aber sagte drinnen: Der
neue Knecht gefalle ihm wohl, er verstehe die Sache, aber wenn er nur nicht zu
viel regieren wolle, das wre ihm doch zuwider. Man knnte es nicht an einem
Orte machen wie am andern, und zuletzt htte er selbst nichts mehr zu befehlen.
    Nach dem Essen suchte Uli den Meister und fragte ihn was eigentlich alles
noch zu tun sei diesen Winter, es dnke ihn, man sollte so die Arbeit
ineinanderreisen, da wenn der Hustagen komme, man fertig und zweg sei fr die
neue Arbeit. Ja, sagte Joggeli, es wre wohl gut; aber zwingen knne man nicht
alles auf einmal, es wolle alles seine Zeit haben. Man habe noch zirka drei
Wochen zu dreschen, dann knne man anfangen, z'grechtem z'holzen, und wenn man
mit dem fertig sei, so werde der Hustagen wohl da sein. Wenn er etwas sagen
drfe, sagte Uli, so dnkte es ihn, man sollte jetzt das Holz herbeimachen. Es
sei gar schn Wetter und der Weg gut, es gehe ds Halb ringer. Im Horner sei
meist schlecht und leid Wetter, da bringe man nichts ab Platz und verkarre alle
Wagen. Das knne es nicht wohl geben, meinte Joggeli, es sei nicht der Brauch,
erst im Horner zu dreschen. Das sei nicht seine Meinung, sagte Uli. Man solle
fortfahren, zu dreschen. Er und noch einer wollten dem Karrer wohl so viel
niedermachen und zursten, als er heimzufhren vermge. Und bis etwas fertig
sei, knne der Karrer ihnen ja auch im Wald helfen. Dann knne man nicht mehr zu
Sechs dreschen, wenn er einen aus dem Tenn nehme, sagte Joggeli, und wenn alle
miteinander holzeten, so htte man bald viel geholzet. He, sagte Uli, wie Ihr
wollt; es het mih so decht: knnte der Melcher nicht dreschen helfen durch den
Morgen und auch am Nachmittag, wenn man ber Mittag einander helfen will misten
und Futter rsten? Und manchmal verrichten Zwei im Walde mehr als eine ganze
Kuppele, wo Keiner etwas anrhren will. Ja, sagte Joggeli, es geht manchmal
so; aber wir wollen das Holzen doch bleiben lassen, das Dreschen tut jetzt
nter. Wie Ihr wollt, sagte Uli und ging gedankenschwer ins Bett.
    Du bist doch e bloe Wunderliche, sagte die Alte zu ihrem Manne. Es hat
mir bsunderbar wohl gefallen, was Uli gesagt hat. Es wre unser Nutzen gewesen,
und wenn schon da die zwei Musj, der Karrer und der Melcher, nicht knnten
bestndig ihre Nasenlocher an der Sonne trcknen, so schadete es diesen zwei
Lumpenhnden nichts. So tut dir Uli bald nicht mehr gut, wenn du es so machst.
Ich will aber von einem Knecht mir nicht lassen befehlen. Wenn ich ihn so
machen liee, so wrde er gleich meinen, es htte niemand zu befehlen als er.
Man mu es so einem gleich von Anfang zeigen, wie man es haben will. Du bist
der Recht, fr es ihnen zu zeigen; die Guten verderbst du und die Schlechten
frchtest du und lssest sie machen, was sie wollen, so hast dus, sagte die
Alte. Wir haben es immer so gehabt, und es wird jetzt auch nicht anders gehen
sollen.
    Am andern Morgen sagte Uli der Meisterfrau, eine Jungfrau sei berflssig im
Tenn; sie solle die behalten, welche ihr anstndiger sei. Und Uli hielt nieder
im Tenn, stellte den Flegel und traf den Nebenmann auf den Flegel, da er ber
den ganzen Schenkel hin bis an die Wand dreschen mute; und wenn eine Tenneten
fertig war, so wurden die Zwischenarbeiten rasch abgetan und zu einer neuen
geschritten, und das zwang Uli nicht durch Worte, sondern durch das Drngen mit
der eigenen Arbeit. In der Stube sagten sie, es dech sie, sie htten im Tenn
ganz andere Flegel; das rble ganz anders als sonst, das gehe doch auch zBode.
Die Jungfrau, welche in der Stube bleiben konnte, erzhlte Vreneli, wie man es
dem machen wolle; der msse nicht meinen, da er eine neue Ordnung einfhren
wolle, von so einem wollten sie sich nicht kujinieren lassen. Er daure sie noch,
es wre ein manierlicher Bursche, und arbeiten knne er, man msse es bekennen.
Alles, was er in die Finger nehme, stehe ihm wohl an. Unterdessen man im Tenn
drosch, war der Karrer auf einem Rosse ausgeritten; es hie, er sei in die
Schmiede. Der Melcher war mit einer Kuh fortgefahren, er hatte aber niemand
gesagt wohin. Es war Mittag, ehe einer von ihnen heimkam, Keiner hatte einen
Streich gearbeitet.
    Nach dem Mittagessen half Uli noch Erdpfel schinden, wie es in geordneten
Haushaltungen, wenn die Zeit es erlaubt, blich ist; die Andern liefen hinaus,
nahmen sich kaum Zeit zum Beten. Als Uli hinauskam, war Lrm im Tenn; zwei Paare
schwangen auf dem Stroh der letzten Tenneten, die Andern sahen zu. Er rief dem
Melcher, er solle kommen, sie wollten geschwind die Klber herausnehmen und
sehen, wie es mit ihnen stehe, wahrscheinlich mten sie geschoren und gesalbet
werden. Der Melcher sagte, das gehe Uli nichts an; die Klber solle ihm niemand
anrhren, die seien noch lang wohl so. Und der Karrer trat zu Uli: Wei mr ppe
eis mit enangere mache, wed darfst? Es kochte Uli in den Adern, und er sah, da
das ein angelegtes Spiel sei, dem er sich nicht wohl entziehen knne. Frher
oder spter, das wute er wohl, mute er ihnen stehen und sich fecken lassen.
Darum also gerade jetzt, so wten sie doch, woran sie mit ihm seien. He,
wennds probiere witt, es ist mir gleich, und zweimal hintereinander schlug er
den Karrer auf den Rcken, da es krachte. Da sagte der Melcher, er wolle es
auch probieren; es sei ihm zwar fast nicht der wert, mit einem solchen
Hagstecken z'machen, der Scheichleni heyg wie ein Tubakrhrli und Wadli dran
wien e Flhdreck. Mit seinen braunen haarigen Armen packte er Uli an, als ob er
ihn wie einen alten Lumpen verrupfen wollte. Aber Uli hielt stand, der Melcher
brachte nichts ab. Er wurde immer zorniger, setzte immer giftiger an, schonte
weder Arme noch Beine, mpfte mit dem Kopf wie ein Tier, bis endlich Uli die
Sache auch satt hatte, alle Kraft zusammennahm und dem Melcher einen solchen
Schwung gab, da er ber den Kornwalm in die Mitte des Tenns flog und auf dem
jenseitigen Schenkel niederfiel, alle Viere in die Hhe streckend, lange nicht
recht wissend, wo er sei. Wie zufllig hatte Vreneli den Schweinen gebracht und
Ulis Sieg gesehen. Drinnen sagte es der Gotte, es htte etwas gesehen, das ihns
gefreut. Sie htten Uli zuschanden machen wollen, er htte mit ihnen schwingen
mssen, aber er htte sie alle mgen. Den struben Melcher htte er auf den
Rcken geschlagen, als ob er nie gestanden wre. Das sei ihm kommod, wenn er sie
alle mge, so mssen sie ihn doch frchten und Respekt haben. Uli aber, an
seinem Klberexamen gestrt, ergriff den Flegel und sagte dem Melcher blo:
Heute habe er keine Zeit mehr fr die Klber, sie wollten denen dann an einem
andern Tag lausen. Das Kornmutzen nahm diesmal mehr Zeit weg als sonst, und doch
war man frher fertig als sonst und das Korn besser geputzt; aber man hatte sich
auch anders gemhet als sonst und dabei auch weniger gefroren. Als Uli dem
Meister angab, wieviel Korn es gegeben, so sagte der: So viel htten sie noch
nie gemacht in diesem Jahre, und doch htten sie Gefallenes gedroschen.
    Am Abend, als sie bei Tische saen, kam der Meister und sagte: Es deche
ihn, das Holzen wre jetzt kommod, man htte die Pferde nichts zu brauchen und
das Wetter sei schn und es deche ihn, das Holzen und das Dreschen sollten
miteinander gehen, wenn man es recht einrichte. Der Karrer sagte, die Pferde
seien nicht gespitzt, und ein Anderer meinte, dann knne man nicht mehr zu
Sechsen, sondern hchstens zu Vieren dreschen und werde so nie fertig. Uli sagte
nichts. Endlich fragte Joggeli, als er nichts mehr zu antworten wute, von den
Diensten bermaulet: Seh du, was meinst denn du? Wenn der Meister befiehlt,
so mu es gehen, antwortete Uli. Hans, der Karrer und ich bringen das Holz
schon heim, und wenn der Melcher dreschen hilft und die Andern ihm misten und
Futter rsten helfen, so sumt das Holzen das Dreschen nicht. He nu, so machet
es so, sagte Joggeli und ging. Nun brach das Wetter ber Uli los, in einzelnen
Schlgen erst, dann in ganzen Batterien Donnerwettern. Der Karrer verfluchte
sich, er gehe nicht ins Holz; der Melcher verfluchte sich, er rhre keinen
Flegel an; die Andern verfluchten sich, sie wollten nicht zu Vieren dreschen.
Sie lieen sich nicht kujinieren, sie seien keine Hng, sie wten, was Brauch
sei usw. Aber sie wten wohl, von wem es kme; aber der solle sich in acht
nehmen, wenn er hier wolle sechse luten hren. Es sei schon Mancher gekommen
wie ein Landvogt und htte sich streichen mssen wie ein Hund. Es sei einer ein
schlechter Donner, wenn er, um dem Meister die Augen auszubohren, seine
Nebendiensten vermalestiere. Aber einem Solchen htte man es nadisch dann bald
erleidet. Uli sagte nicht viel dazu als da, was der Meister befohlen, vollzogen
werden msse. Der Meister htte befohlen und nicht er, und wenn Keiner
schlechter da wegkme als er, so sollten sie Gott danken. Er wolle niemand
kujinieren, aber er lasse sich auch von niemanden kujinieren; er htte keine
Ursache, einen von ihnen zu frchten. Der Meisterfrau sagte er, sie solle doch
so gut sein und fr ihrer Drei zMittag rsten zum Mitnehmen, denn sie wrden zum
Essen kaum heimkommen aus dem Walde.
    Am Morgen ging es in den Wald. Gb wie der Karrer brummte und fluchte, er
mute mit. Der Melcher wollte nicht dreschen, und der Meister zeigte sich nicht.
Da nahm die Meisterfrau sich zusammen, ging hinaus und sagte: Es dech se, er
sollte nicht zu vornehm sein zum Dreschen, es htten schon viel vornehmere Leute
als er gedroschen. Sie vermchten keinen Melcher zu haben, der den ganzen Morgen
die Zhng am Luft trocknen wolle. So wurde das Holz heimgebracht, man wute
nicht wie, und im Horner war Wetter und Weg so bs, da man bs gelebt htte
beim Holzen.
    Wie Uli auch drauen gearbeitet hatte und bs gehabt im Walde (denn er nahm
immer am schwereren Orte, er wollte der Meister sein nicht nur im Befehlen,
sondern auch im Arbeiten), so half er doch am Abend rsten, was die Meisterfrau
aufzuschtten befahl, es mochte sein, was es wollte. Er drehte sich nie davon
und wehrte auch den Andern, es zu tun; je mehr man einander helfe, desto eher
sei man fertig, sagte er, und wenn man davon essen wolle, so sei es doch billig,
da man daran helfe. berhaupt war er behlflich, wo er nur konnte. Wenn eine
Jungfrau einen Korb mit Kartoffeln gewaschen hatte und ihn nicht gerne alleine
trug, weil sie dabei ganz na wurde, so half er selbst tragen oder befahl es dem
Buben, und als der sich anfangs weigerte, auf seine Worte nicht kam, so gewhnte
er ihn mit Ernst zum Gehorsam. Das sei nichts gemacht, sagte er, wenn ein Dienst
dem andern nicht helfe Sorge tragen zu seinen Kleidern, berhaupt ein Dienst den
andern plage. So mache man sich ja selbst das Dienen mutwilligerweise noch
schwerer, als es sonst sei. Sie wollten das lange nicht fassen. Es war berhaupt
da eine merkwrdige Weise. Die Knechte plagten die Mgde, wo sie nur konnten, da
war nirgends eine gegenseitige Hlfsleistung. Wenn ein Knecht dem Weibervolke
Hand bieten sollte, so hhnte er und fluchte, tat keinen Wank; selbst die
Meisterfrau mute sich dieses gefallen lassen, und wenn sie Joggeli klagte, so
sagte er: Sie htte immer nur zu balgen. Er htte die Knechte nicht, um dem
Weibervolk zu helfen; die hatten anderes zu tun als das Meienzeug
desumz'zaaggen. Das Benehmen von Uli, der an eine solche Zwiespltigkeit in
einem Hause nicht gewohnt war, fiel daher auf und zog ihm von den Knechten argen
Hohn und Spott zu.
    Dieser Hohn, dieser Spott steigerte sich noch wegen andern Sachen bis zum
Unertrglichen auf. Am ersten Samstag schon wollte der Melcher aus bloem
Mutwillen nicht misten, sondern es versparen auf den Sonntagmorgen. Uli sagte,
das tue er nicht, es sei durchaus kein Grund dazu da, es aufzuschieben. So knne
man ja am Samstag nicht aufrumen ums Haus herum, wie es auch der Brauch sei.
Zudem heie es, man solle am Sonntag nicht arbeiten, du und dein Knecht und
deine Magd. Am allerwenigsten schicke es sich, die wsteste Sache auf den
Sonntag zu sparen. Der Melcher sagte: Sunntig hi, Sunntig her; was gheit mich
der Sonntag, und heute miste ich nicht. Uli kochte es hoch im Kopf, indessen
besa er sich und sagte blo: He nu, so miste ich. Der Meister, der das Brll
hrte, ging hinein und brummte fr sich: Wenn doch Uli nicht alles zwnge wett
und neu Brch yfere, selb isch mr nit recht. Man hat lange am Sonntag gemistet,
und es ist allen gut gsi; es wre auch noch gut genug fr ihn.

                              Vierzehntes Kapitel


                        Der erste Sonntag am neuen Orte

In der Samstagnacht ging es aus und ein wie in einem Taubenhaus. Als am
Sonntagmorgen Uli zur gewohnten Stunde hinunterkam, war es still von Menschen,
aber die Pferde scharrten, die Khe brllten und kein Melcher, kein Karrer waren
da. Uli gab einmal Futter, gab zum zweitenmal, setzte sich endlich selbst ans
Melchen, denn es ist nichts schlimmer, als wenn nicht immer zur gleichen Stunde
gemolken und gefttert wird. Mit Schrecken sah er, wie verwahrloset die Euter
der Khe waren, nicht die halben Striche gut; es schien ihm, als wenn der
Melcher nicht melchen knne oder sich nicht Zeit nehme, es gut zu machen. Er war
bald fertig, als der Melcher fluchend kam und sagte, das htte nicht so
pressiert, die Khe htten wohl der Zeit gehabt, zu warten, bis er gekommen, und
wenn er ihm mehr unter eine Kuh sitze, so schlage er ihn unter sie, da er sich
seiner Lebenlang daran besinne. Uli sagte, das knnte er machen, wie er wolle,
aber es wre mglich, da der Melcher eher unter der Kuh wre als er. brigens
wolle er, da zur rechten Zeit gemolken wrde und zwar gut, sonst tue er es. Die
Khe mangelten es, da man gut zu ihnen sehe.
    Im Hause verwunderte man sich gar sehr, als diesmal die Milch so frh kam,
und Vreneli sagte: Es sei gut, wenn es eine andere Ordnung gebe, es wre schon
lange ntig gewesen. Als es zum Essen rief, war Uli zuerst auf dem Platz; selbst
die beiden Jungfrauen erschienen erst spter, verstrupft und schliefrig
anzusehen, die Knechte drehten sich mit unertrglicher Langsamkeit herbei.
Vreneli balgete: Es sei ein unertrglich Warten, man knne an einem Sonntag gar
nicht mehr fertig werden, um in die Kirche zu gehen. Von den Schlinglen gehe
keiner, es wre auch schade um die Kirche, wenn einer hineinkme; aber das sei
das Verflchtest, da ihretwegen auch niemand anders hineinkomme. Uli fragte,
wie weit es sei bis zur Kirche, wann man gehen msse, um zu rechter Zeit zu
kommen, und wo syr Gattig sen darin? Die werden doch luegen, sagte Vreneli,
wenn einer aus der Glungge in die Kirche kommt, das ist schon manches Jahr
nicht der Brauch gewesen. Der Vetter geht, wenn er Gtti sein mu, die Base
zweimal im Jahr zum Nachtmahl und bers ander Jahr an dem Bettag, Lisabethli
(Elisi stt men ihm sge) allemal, wenn es ein neues seidenes Tschpli bekommen,
ich, wenn ich einmal allen wst gesagt, da sie doch zur rechten Zeit zum Essen
kmen, und die Andern gar nie, die denken so wenig daran, da sie eine Seele
haben, als unser Ringgi. Es nimmt mich wunder, was einist der liebe Gott aus
sellige Trle, wenn sie gestorben sind, macht, bsunders mit dem Melcher. Wenn
ich ihn wre, den wollte ich einbeizen hundert oder zweihundert Jahre in ein
Btzifa und ihn dann erst hervornehmen und luegen, ob er noch stinke; dann wr
es erst noch Zeit, zu denken, was man aus ihm machen wolle. Aber, Uli, sie
lachen dich aus, sagte Vreneli, wenn du gehst, und du hast Verdru. I
Gottsname, sagte Uli, aber z'Kilche z'gah brauch ich mich doch nicht zu
schmen, und wenn ich hier nicht gehen drfte, so wollte ich lieber fort. Der
Lohn wre mir noch lang zu klein, als da ich meine Seele darob vergessen
sollte. Du hast recht, sagte Vreneli, geh du nur; ich wollte, ich knnte mit
dir. Aber dene Tfels Trle will ich einmal wieder recht wst sagen, vielleicht
kann ich dann den andern Sonntag gehen. Warum sagt auch der Meister zu solchen
Sachen nichts? Mein Meister, wohl, der hat uns gesagt, ob wir in die Kirche
sollten oder nicht. Der Vetter, sagte Vreneli, sagt, es gehe ihn nichts an,
was sie mit ihren Seelen anfangen wollten; wenn sie ihm nur brav werchen und
nicht stehlen tten, und das sei fast nicht zu erwehren. Das glaube ich,
sagte Uli, das kann er nicht erwehren; wenn da nicht ein Anderer wehrt, so ist
Joggeli lang z'mutze dazu.
    Uli machte sich zweg, trotz dem Gesptt der Andern, nahm ein Psalmenbuch in
die Kuttentsche und wanderte der Kirche zu. Die Andern lachten ihm nach und
sagten: Er wolle zu fligen den neuen Meisterknecht zeigen; er werde meinen, die
Leute werden auf die Bnke hinaufsteigen, um ihn zu sehen. Aber Solche htte man
schon manchen gesehen und noch Brvere. Vielleicht meine er gar, der Pfarrer
ziehe ihn an in der Predig, aber sellig Flause wollten sie ihm schon vertreiben.
Vreneli war, vielleicht zufllig, vielleicht nicht, unter der Tre gestanden und
hatte ihm nachgesehen und sagte den Andern: Es wre eher mglich, da der
Pfarrer sie anzge und von Hurenbuben, Faulhngen und Lugibuben redete, darum
drften sie nicht in die Kirche gehen. Dann wer, den sie denken, solche Ftzel
an Leib und Seele gehrten nicht in die Kirche. Sg ume, sagte einer, es
uverschants Mul hescht; aber gll, der gfiel dr, du redst sonst nicht so; du
bist nicht besser als die Andern, sonst wrst du auch zKilche gange. Du wirst
denken, wenn er nur einmal mit dir zKilche chmm, so heygs de fr dyr Lebtig.
Das geht dich nichts an; einmal mit dir begehre ich nicht zKilche, lieber mit
einem Schinderhund, sagte Vreneli und verschwand. Wildes Gelchter scholl ihm
nach.
    Uli fand bald Begleiter auf seinem Wege und ein Gestnd um das Schulhaus, wo
die Predigt abgehalten wurde. Das werde der neue Meisterknecht in der Glungge
sein, sagte hier einer, dort einer. Es nehme sie wunder, wie lange er es mache.
Meisterknecht mchten sie da nicht sein. Alle Andern htten es gut, der msse
fr alle ausfressen. Knne er es wohl mit den Diensten und mache auch, was sie,
so passe ihm Joggeli auf wie ein Hftlimacher, bis er ihn fortschicken knne.
Wolle einer Ordnung halten und das Land werchen lassen, wie ppe der Brauch sei,
so hocken ihm die Diensten auf, und Joggeli werde zuletzt noch gar schalus und
meine, er wolle regieren, und statt ihn zu untersttzen, kujiniere er ihn, bis
er fort, laufe. Hintendrein sei er dann reuig und laufe ihnen nach, aber kaum
habe er sie wieder, so fange das alte Spiel von neuem an. Das sei der
wunderlichste Joggi, den es auf der Erde gebe, und dJoggeni seien doch fra
etwas wunderlich, es wohne dem Namen an.
    Jeder wute von Joggeli ein Msterli zu erzhlen, was er gemacht und wie es
ihm dieser und jener gereiset, und alle er, mahnten ihn, er solle sich da nicht
plagen, sondern fr sich sehen; wenn er es verstehe, so sei da etwas zu machen.
Uli wurde ganz sturm darob und konnte seine Gedanken gar nicht bei der Predigt
behalten. Alles, was er schon gesehen, besttigte ihm das Gesagte; dasselbe kam
ihm immer rger, greller vor, das Unangenehme wuchs handgreiflich vor seinen
Augen bis zur Unertrglichkeit. Er werde wohl nicht mehr oft in die Kirche
gehen, dachte er, da halte er es nicht lange aus. Als er heimging, finster und
trbselig, schien die Sonne so freundlich, und es glitzerte der Schnee so rein
und wei, und traulich hpften und flogen die Gilberiche vor ihm her, da ihm
ganz heimelig zumute wurde, da es ihm ward, als sei er wieder am alten Ort und
Johannes gehe neben ihm und rede zu ihm. Und da ward ihm, als hrte er ihn
sagen: Weit du noch von den zwei Stimmen, die einen begleiten im Leben, einer
aufweisenden und einer mahnenden, und weit du, wie die aufweisende,
schmeichelnde Stimme vom Versucher kmmt, der Schlange im Paradiese, und wie sie
einem den Kopf gro machen, ableiten will vom rechten Pfade und hinterher
auslachet, wenn sie einen in Unglck und Schande gebracht, wie man die von sich
weisen und sagen mu: Weiche von mir, Satanas! Wie sollte ich ein so groes bel
tun und wider den Herrn, meinen Gott, sndigen! So glaubte Uli den Johannes
reden zu hren; und da gedachte er, was die Menschen, die gekommen waren, an
Gottes Wort sich aufzuerbauen, zu ihm gesagt, wie sie ihn aufgewiesen, den Kopf
gro gemacht. Da erkannte er, was das fr Stimmen seien, was sie fr eine
Bedeutung htten und wie er vor ihnen die Ohren verschlieen msse. Aber es fing
ihm fast an zu grusen vor den Leuten, die zusammenkommen, das Wort Gottes zu
hren, Gott zu dienen, wie sie sagen, und die, statt Gott zu dienen, dem Satan
dienen, statt sich zu erbauen, Andere niederziehen wollen in den Abgrund der
Snde. Es sei doch frchterlich, dachte er, wenn den Leuten die Kirchenwege zu
Hllenwegen wrden, und es sei doch frchterlich, ein Herz zu besitzen, das
einem das Wort Gottes in Gift verkehre und dem Satan angehre, whrend man mit
dem Leibe Gott zu dienen vermeine. Da richtete er sich wieder auf und ward
wohlgemut, da er wieder wute, woran er sei, und den rechten Weg wieder unter
den Fen fhlte. Doch schmte er sich fast, da er beinahe und so leicht
verfhrt worden, und er dachte, da der Mensch fast sei wie ein Rohr, das der
Wind hin- und herbewege, und wie notwendig es sei, zu wachen und zu beten, damit
man nicht in Versuchung falle. Nun begriff er, was aus den Menschen werden
msse, die nicht wachen, nicht beten, und es kam ihm fast verwunderlich vor, da
nicht noch grere Ruchlosigkeit sei unter den Menschen.
    Beim Mittagessen konnte er ohne Zorn die Spttereien er, tragen: Er solle
sich schicken, er werde wohl noch in die Kinderlehre gehen und Fragen aufsagen
wollen. Er solle doch fr sie alle beten; es kme ihnen jetzt kommod, da sie
einen Geistlichen unter sich htten, der knne es fr sie alle machen. Aber
fluchen werden sie nsti doch drfen? Uli htte es nie geglaubt, da an einem
Orte die Gottlosigkeit auf einem solchen Punkte stnde, da sie so frech sich
zeigen und die offen verfolgen drfe, welche Gott dienen wollten. Uli wute dar,
um nicht, da alle, die etwas Apartiges wollen, Glaubensfreiheit,
Gewissensfreiheit wollen, bis sie in dieser Duldsamkeit zur Macht erwachsen und
dann despotisch und gewaltsam Zwang und Tyrannei des Gewissens und des Glaubens
einfhren. Und merkwrdigerweise ist gerade die Gottlosigkeit am unduldsamsten,
sobald sie das Recht erstritten hat, mit Frechheit offen sich zeigen zu drfen.
Sie will keine Gottesverehrung mehr dulden und verfolgt jede mit allen ihr zu
Gebote stehenden Mitteln, legt euch Glaubens- und Gewissensfreiheit so aus, da
niemand mehr einen Glauben haben, niemand ein Gewissen zeigen solle. Wer fhlt
nicht diese zur Macht strebende Gottlosigkeit und den Zwang, den sie bereits
auszuben beginnt?
    Nach dem Essen ging Uli in sein Stbchen herauf, das kalt und dunkel war. Er
nahm die Bibel hervor, die er im Trgli verschlossen hatte; es war eine sehr
schne, die ihm seine Meisterfrau zum Andenken geschenkt, mit grobem, weitem
Druck und stattlichem Einbande. Da schlug er gleich das erste Kapitel auf, las
die Schpfungsgeschichte und staunte ob den Wundern, die Gottes Hand geschaffen,
und dachte, wie weislich alles sich gestaltet und wie unendlich der Raum sein
mge, den Gottes Allmacht mit Sternenheeren bevlkert. Er freute sich ob der
Herrlichkeit des Paradieses und dachte sich in dieses wunderherrliche Tal, ber
das ein ungestrter Friede sich gelagert hatte, das noch keine Leidenschaft
gesehen, keine Strung erfahren. Er mute es sich denken in herrlichem
Sonnenschein wie ein himmlischer Sonntag, der in aller seiner Heiligkeit sich
ausgebreitet wie ein unsichtbarer, aber alles verklrender Teppich ber diesen
schnen Garten. Vor seine Augen stellte sich wie ein himmelanstrebender dunkler
Tannenbaum an silbernem Gewsser der Baum der Erkenntnis des Guten und Bsen.
Goldene Frchte sah er strahlen in dunklem Laube, er sah die bunte Schlange
schimmern in den dunklen sten, sah sie spielen mit der goldenen Frucht und
naschen davon mit lustfunkelnden Augen. Und wie zwei Lichter strahlten diese
Augen weithin in die Ferne; zwei andere Augen begegneten ihnen, und er sah
flchtigen Schrittes die junge Mutter des alten Menschengeschlechtes nahen dem
verhngnisvollen Baume. Und in zierlichen Ringen funkelte die Schlange so
herrlich in dunklem Laube und naschte so zierlich von der prangenden Frucht und
ringelte sich noch funkelnder hinaus auf des Baumes ste, wiegte sich in sem
Behagen, und hinauf mit glnzenden Augen sah die junge Mutter. Die Schlange
prangte so ppig, die Frucht duftete so s, in ihrer jungen Brust schwoll das
Gelsten auf. Da wiegte die Schlange nher und naher sich, walzte spielend die
schnsten der Frchte zu des Weibes Fen und lockte in sen Tnen die neu
geborne Lust zum frhlichen Genu. Schmeichelnd pries sie des Weibes Wohlgestalt
und herrlich Wesen und schalt bitter des Allvaters Migunst, der ihr diesen
Genu verpnt, damit sie nicht an Herrlichkeit wrden wie er. Er sah, wie die
giftigsen Worte schwellten die Lust, wie sie hher und hher wuchs, wie die
schmeichelnde Stimme verdrngte des Allvaters gebietend Wort; er sah, wie Eva
naschte in neugieriger Schchternheit, wie sie eilte, mit Adam die Snde zu
teilen, wie einer dstern, geheimnisvollen Wolke gleich ein dsteres Etwas ber
das Tal sich senkte, es verhllte. Wst und drre breitete der Erdboden vor ihm
sich aus, und im Schweie ihres Angesichtes sah er die ersten Eltern verdstert
und verstrt den ersten Acker bauen, sie, die ersten Opfer der verlockenden
Stimme, die vom Vater die Geschpfe locket und ihnen Elend gibt zum Lohn.
    So sa Uli in seinem kalten Stbchen vertieft in die heilige Geschichte, und
seine Einbildungskraft stellte ihm das alles so lebendig vor, als wenn er es
wirklich vor Augen htte. Er verga, da er in der Glungge war, und es kam ihm
wirklich vor, als sei er im Paradies hinter einem Holderstock und er, lebe alles
mit. Da wurde pltzlich die Tre aufgerissen und eine rauhe Stimme sagte: Seh,
bist du da, und wieder geistlich! Uli, obgleich er nicht nervs war, fuhr doch
hochauf, als die unerwartete Stimme ihn anrief; er wute es nicht gleich, war es
die des Engels Michael, der ihn dem Adam nachjagen wolle, und erst bei nherem
Besinnen merkte er, da es einer der Knechte war. Sie hatten ihn allenthalben
gesucht, sagte dieser, aber nicht gedacht, da er in diesem kalten Loch sei. Er
solle hinberkommen in die Kherstube. Uli war aufgestanden und fhlte erst
jetzt die Klte, die ihn ganz steif gemacht. Was er dort solle? fragte Uli. Er
solle nur kommen, hie es, er werde es dann schon sehen. In des Khers groer,
warmer Stube war die ganze Dienerschaft versammelt, sogar die zwei Mgde. Einige
spielten mit einem Kartenspiel das so beschmutzt war wie zehnjhrige Kherhosen,
Andere lagen auf dem Ofen herum. Fluchen und Zotenreien waren Trumpf. Als Uli
kam, brllte ihm alles entgegen: Er msse Brnz oder Wein zahlen, was er lieber
wolle, das tte jeder neue Meisterknecht. Es komme auf sie an, ob er dableiben
knne oder nicht, und sie wollten ihn bald weghaben, wenn er sich nicht nachela
well. Uli wute anfangs gar nicht, was er da machen solle. Das Geld reute ihn,
er hatte nicht Lust, gemeine Sache mit ihnen zu machen, frchtete sich nicht vor
ihnen; aber geizig mochte er auch nicht scheinen, und zuletzt dachte er, wenn er
hier etwas nachgebe, so knne er vielleicht um so besser beharren auf seinen
Forderungen an sie.
    Es wurde abgeredet, da sie nach dem Abendessen ins Wirtshaus wollten, und
die Leute, die nicht Zeit hatten, fr die Kirche sich anzuziehen, die hatten
jetzt Zeit genug, sich anzuziehen fr das Wirtshaus; die Leute, welche um Gottes
und ihrer armen Seele willen zu faul waren, zu rechter Zeit aufzustehen, die
waren jetzt mit Freuden bereit, um einer Man Wein willen viele Stunden ihres
Schlafes zu opfern. Als beim Nachtessen die ganze Sippschaft gsunntiget erschien
und die Mgde mit dem Essen pressierten, machte Vreneli groe Augen und fragte,
was das geben mte? He, sie wollten alle ins Wirtshaus, hie es, Uli msse Wein
zahlen. Vreneli war das nicht recht. Es konnte nicht begreifen, warum Uli das
tat. Wollte er jetzt auch mit ihnen gemeine Sache machen und war es ihm schon
erleidet, ihr Widerpart zu sein, oder hatte er sich betren lassen? Es hatte das
fr sein Leben gerne gewut. Es war kurz angebunden beim Nachtessen und trmpfte
alles, was ihm nahe kam, verzweifelt ab. Und als Uli, ehe er wegging, es fragte,
ob es nicht auch mitkommen wolle, so antwortete es: Es wurde sich schmen, mit
sellige Ftzle ins Wirtshaus zu gehen, fr so was sei es noch lange nicht gut
genug. Als Uli schon unter der Tre war, rief es ihm noch nach: Nimm dich in
acht, wenn dr rate cha!
    Auf dem Hinwege und im Wirtshause wollte jeder Uli der Liebere sein. Einer
drngte sich nher als der Andere, Einer rhmte dies an ihm, ein Anderer etwas
anderes. Hie und da warf Einer einen Zweifel auf, aber nur, damit die Andern Uli
desto hher heben knnten. Der Melcher meinte: Er htte nicht bald einen
gesehen, der sich auf das Vieh besser verstnde, und der Karrer sagte: Im Fahren
frchte er Keinen, aber beim Holzfhren htte er von Uli lernen knnen. Und wenn
der jngste Knecht sagte, sie wollen sehen, ob er vormhen knne, da wollten sie
ihm noch hei machen, so sagte ein Anderer: Einmal er begehre nicht, mit ihm zu
machen, sondern er wolle es im voraus verspielt geben. Und wenn die eine Magd
klagte, er sei gar so ein Stolzer und mge sich nicht mit einem abgeben, ihrer
Gattig seien ihm nur zu gering, sie wisse aber wohl, wer ihm in die Augen
scheine, sagte die andere: Einmal sie htte nichts ber ihn zu klagen, so ein
Bhlflige und Manierlige sei ihr noch nicht bald vorgekommen. Die seien ihr dann
nadisch nicht die Liebsten, die meinten, sie mten ihre Finger gleich an allen
Orten haben. Und dann sei Uli auch erst acht Tage da und wisse es noch nicht,
mit wem er sich knne anlassen und wer es eigentlich gut mit ihm meine. Whrend
sie so rhmten, verschwand eine Ma nach der andern, und Uli konnte gar nicht
Einhalt tun. Vom Rhmen ging man in Vorschlge ber und sagte ihm, er werde bald
sehen, wer es gut mit ihm meine. Er solle doch nicht ein Narr sein und meinen,
er wolle dem Meister husen und zu seiner Sache sehen. Gerade das wolle der
selbst nicht, und wer es am besten mit ihm meine, den nehme er am meisten auf
die Mugge. Wenn man aber mache, wie es einem in Gring komme, und mit ihm
aufbegehre, wenn er etwas sage, so furchte er einen und habe Respekt vor einem.
Er sollte doch nicht sich und Andere plagen fr nichts und wieder nichts, sein
eigen Sohn mache es akkurat nicht besser, und wenn er den Alten bschummeln
knne, so lache er sich den Buckel voll. Wenn man einander verstehen wolle, so
liee sich da et, was machen, nur msse er es nicht machen wie der frhere
Meisterknecht: der habe alles fr sich wollen und Andern nichts gegnnt, darum
sei es ihm auch so gegangen. Wenn er ppe auch Andern etwas gegnnt, er htte
noch lange gut Sach haben knnen, Joggeli htte nichts vernommen. So er, zhlte
und brichtete man Uli, da er ganz sturm wurde und lange nicht wute: waren das
die gleichen Leute, welche die ganze Woche durch ihm alles Mgliche in den Weg
gelegt, oder waren es ganz andere? Ein Glck fr ihn waren die Vorgnge des
Tages; der Wein, das Rhmen, die Gutmeinenheit htten ihn berwltigt. Nun aber
an das Erlebte, an Vrenelis Rat denkend, blieb er vorsichtig, konnte sich aber
des Gedankens fast nicht erwehren: die Leute seien doch besser, als er sie
gedacht und sie im ersten Augenblick ihm geschienen htten, und es mte bs
gehen, wenn er mit denen nicht nachkommen sollte.
    Endlich wollte der Wirt keinen Wein mehr geben, weil es ber die Zeit sei.
Da wute man noch, was fr Zeit es sei. Wo man aber nie wei, was fr Zeit es
ist, da ist eine Hudelornig, mags nun ein Haus, ein Bureau oder gar ein Oberamt
sein. Ach, so ein verhudeltes Oberamt ist doch eine grliche Sache. Es schmt
sich jeder Mensch, in verhudelten Kleidern zu laufen, und Mancher, der keinen
vorrtigen Kreuzer hat, schickt doch sein Kleid zum Schneider zum Pltzen; aber
ein Oberamt lt man verhudeln und luft in diesem verhudelten Oberamte herum
dick und breit und meint noch, wer man sei. Du guter Gott, hat man denn ganz
vergessen, da die Welt alles verachtet, das in Hudeln herumgeht, Hudeln an sich
hngen hat? Wenn aber einer nie wei, was fr Zeit es ist, so ist er immer wie
sturm im Kopf, legt die Nachtkappe an, wenn er einen Dreirhrenhut aufsetzen
sollte, setzt sich aufs hohe Ro, wenn er kusch machen sollte unter den ersten
besten Ofen.
    Whrend Uli mit innerlichen Seufzern die ziemlich hohe rte bezahlte, ging
Eins nach dem Andern hinaus, nur ein Knecht blieb bei ihm. Drauen war es
dunkel, es schneite stark, man sah kaum eine Hand vor den Augen. Sein Begleiter
sagte ihm, jetzt wolle er ihn zKilt fhren. Ihm seien alle Meitscheni bekannt
weit und breit und er wolle sie alle unters Fenster bringen und es sei in der
ganzen Gemeinde nicht manches Gaden, in dem er noch nicht gewesen sei. Uli
weigerte sich und sagte, er sei noch fremd hier und habe keine Lust, zu
erfrieren an unbekannter Mdchen Fenstern; sie wollten machen, da sie den
Andern nachkmen, die vorausgegangen seien. So solle er doch mit ihm nur einen
Augenblick da nebenauskommen, nicht fnfzig Schritte vom Wege; es nhmte ihn
wunder, ob dort die Tochter einen Kilter htte oder nicht. Es solle sie nicht
fnf Minuten aufhalten. Uli ging. Kaum war er vom Wege ab, in einem dunklen
Gchen, zwischen schwarzen Gebuden, so pfiff ein Scheit ihm hart am Kopf
vorbei, ein Streich surrete ihm im Nacken, ein anderer auf der Achsel. Rasch
griff er ins Dunkel hinein, packte eine Hand mit einem Scheit, ri es aus
derselben, tat zwei, drei tchtige Schlge um sich, da es klepfte, schmi mit
gewaltiger Kraft einen ihm im Wege stehenden Gegenstand weit in eine Hofstatt
hinaus und war verschwunden, wie wenn ihn der Boden verschluckt htte. Man hrte
noch hie und da einen Ttsch, dann: Nit, nit zDonner, ih bis!, flsternde
Stimmen: Wo ist er, wo ist er? Ih wei ne niene meh, es isch, wie wenn ne dr
Tfel gno htt! Aber chumm hilf mr dr Karrer aufstellen, der hat ein Nggis
erwtscht. Ich blte auch wie eine Sau, aber dem Donner wollen wir es noch
eintreiben. Wir wollen ihm vorlaufen und dann beim Trli ihm warten; es mets
dr Tfel tue, wenn wir ihn dort nicht erwtschen, und dort wollen wir ihn dann
salben, bis er zfrieden ist. Sie liefen, taumelten, warteten beim Trli, aber
kein Uli kam. Endlich wurde ihnen angst, er konnte vielleicht bewutlos
niedergefallen sein und nun erfrieren. Sie schlichen sich heim, und der Karrer
fluchte in einem fort: E sellige Ketzer htte er noch nie bekommen, und er
wollte, Uli erfriere; aber wenns dann nur nicht auf sie herauskme, weil sie mit
ihm aus dem Wirtshaus gegangen, es sei jetzt gar verflucht kalt i dr Kefi.
    Am Morgen erschraken sie heftig, als Ulis Stimme wie gewohnt aufrief. D
Dolder lebt scheints noch! sagte der Karrer zum Melcher. Wie Tfel ist der
heimgekommen? Aber niemand konnte Bescheid geben. Sie fragten Uli, wie er
heimgekommen, sie htten ihm lange gewartet, doch umsonst; er werde zu Kilt
gewesen sein. Darauf erzhlte Ulis Begleiter, wie es ihnen im Gchen ergangen,
und klagte Uli an, da er ihn im Stich gelassen und davongelaufen sei, ohne sich
darum zu bekmmern, ob er zu Tod geschlagen wurde. Uli antwortete nicht viel,
als da jeder zu sich selbst sehen msse. Er htte brigens nicht gewut, wie
ihm helfen, da er ihn gleich nicht mehr gesehen. Die Andern taten gar unbefangen
und wnschten nur, da sie dabeigewesen, denen htten sie es zeigen wollen. Uli
nahm das hin, ohne nach ihren Beulen zu fragen, ohne einllich ber die Art
seiner Heimkunft zu antworten. Vreneli, welches auf die Heimkehr der Abwesenden
bange gewartet, hatte Uli zuerst und alleine heimkommen hren und schlief darauf
ein. Am Morgen sah es einige blaue Beulen, und im Vorbeigehen sagte ihm Uli: Du
sollst Dank haben, du hast recht gehabt. Aber mehr zu sagen schickte es sich
nicht. Es wurde natrlich darber gwunderig, und endlich gelang es ihm, von der
einen Magd, die sich etwas auf Ulis Seite neigte, zu vernehmen, wie die Abrede
gewesen, Uli recht tchtig zu prgeln, nachdem man seinen Wein getrunken und mit
Rhmen ihn recht zutraulich gemacht. Man habe das schon im Dorfe versucht, damit
man die Schuld auf die Dorfbuben werfen konnte. Aber sie wisse nicht recht, wie
es gegangen, und niemand knnte rechten Bricht geben. Es seien ein paar Streiche
gewechselt worden, dem Karrer sei es gschmucht geworden, der Herdknecht sei
unter einen Wagen gefahren wie aus einer Kanone, der Melcher habe ein Loch in
den Kopf erhalten, da das Blut herausgefahren sei wie aus einer Brunnrhre,
aber keinen Uli htte man mehr gemerkt, so da sie fast glauben, sie htten
einander selbst geschlagen. Sie htten ihm noch gepat beim Trli, aber kein Uli
sei gekommen, dagegen habe er sie heute geweckt; sie knnten gar nicht wissen,
wie das gekommen, da auch sie Mgde, die auf der Strae geblieben, von Uli gar
nichts gemerkt. Heute beim Betten habe sie Blut auf Ulis Hauptkissen gesehen, so
da sie glaube, er msse doch dabei, gewesen sein. Aber wie es zugegangen, knne
sie nicht sagen, und wenn man ihr den Gring abschreie. Und niemand kam darber.
Auch Vreneli htte es nie erfahren, wenn Uli es ihm spter nicht selbst erzhlt,
wie er, nachdem er einige ausgewischt, unter das schwarze Dach eines Ofenhauses
gestanden, weil er zu alt dazu gewesen, eine Schlgerei auf Tod und Leben
fortzusetzen. Da, ganz an ihnen an, htte er ihre Reden vernommen, ihre Stimmen
gekannt und sei unvermerkt, aber schnell ihnen, die noch mit dem Karrer zu tun
gehabt, vorausgekommen und heim, ehe sie daran gedacht. Es htte ihn freilich
gejuckt, selbst beim Trli zu luen; allein am Ende habe er gedacht, es knnte
ein Unglck geben und am whlsten sei er daheim im Bett. Das habe ihm wieder die
Augen aufgetan, was man den Leuten trauen knne und wie er hier zweg sei. Er
solle nur nicht gerade erschrecken, sondern sich niemere nt achten und seine
Sache recht machen, so werde das schon gut kommen, sagte Vreneli. Dann aber
sagte es auch der Mutter, was gegangen und wie die Diensten den Meisterknecht
verfolgeten, und man msse doch ein wenig zu ihm luegen, sonst laufe er
ungsinnet fort. Er scheine ein braver Bursche und nehme sich der Sache an, man
kriege vielleicht nicht bald wieder so einen. Wir wollen sehen, sagte die
Mutter, wir wollen ppe machen, was wir knnen; wenn nur der tti nicht so ein
Wunderlicher wre, dem ist bim Schie Keiner recht.

                              Fnfzehntes Kapitel


          Uli kriegt Platz in Haus und Feld, sogar in etlichen Herzen

Am nchsten Sonntag rief die Mutter Uli ins Stbli. Joggeli war zum Sohn
gefahren mit der Elisi, die dort einem Ball beiwohnen wollte und deswegen
Schneider, Nherin, Schuhmacher fast auf den Tod geplagt hatte, sie schn zu
machen, und, da alles nichts helfen wollte, weinte und Krmpfe kriegte. Im
Weltschland, jammerte sie, sei sie immer von den Schnsten eine gewesen, und
hier wolle alles nichts helfen, gb wie sie anwende und kein Geld sie reue; aber
die Schneider und die Nherinnen knnten in Gottsname nt, und dann dechs es
geng, man htte hier gar nicht solches Zeug wie im Weltschland; dort mge man
anlegen, was man wolle, so stehe es einem wohl an, und sollte es der Ofenwsch
sein. Gb wie leicht es sich angelegt und noch lange nicht das Schnste, so
htten seine Frauen gesagt: O quelle mignonne vous tes, quelle jolie tournure
vous avez, et le teint est si fin, si noble, vous tes un Gscheli, comme on dit
 Berne. Und hier sage man ihm nur: Du bisch es Bleechs un e Rbel, das sei
das Schnste, wo es hre.
    Uli, sagte die Mutter, seh trink eis und nimm Brot und es Bitzli vom
Hammli, wennd magst. Er begehre nichts, sagte Uli, er htte ja erst gegessen
und es mangle sich dessen nicht. Er mchte sie nur etwas anderes fragen, und
wenn es ihr nicht recht sei, so solle sie es ihm nur gleich sagen, er zrne es
nicht. Er wisse wohl, da an jedem Ort ein anderer Brauch sei. Ob sie ihm nicht
erlauben wollte, an Sonntagnachmittagen in der Wohnstube zu sein, wenn ihn der
Meister nicht etwa aussende. Er gehe nicht gerne, wo die Andern; er wisse nur zu
gut, wie es da gehe. Ins Bett mge er auch nicht. Er lese am Sonntag gern ppe
ein Kapitel und mchte seinem frhern Meister einen Brief schreiben, und dazu
sei es gar zu kalt in seinem Stbchen. He, ja freilich, sagte die Frau, ja
freilich; Joggeli wird ppe nichts dagegen haben, und dem Elisi wird es auch
nichts machen. Du bist nicht wie die Angere; die begehrte ich nicht, die knnen
meinethalben gheye, wo sie wollen. Mit dem Rsten und mit dem Haspen magst du
dich gmhen, wie es noch Keiner gemacht hat. Und berall, wennd so fortfahrst,
so bin ich mit dir bsunderbar wohl zfriede und der Joggeli auch. Aber er kann es
nicht zeigen, und wenn er schon allbeneinisch e wenig wunderlich ist, so mut du
dich seiner nt achten und deine Sache nur fortmachen. Whrend sie ihm so
zusprach, ntigte sie ihm doch etwas vom Hammli und etwas aus der Flasche auf
und trug ihm noch auf, er solle morgen fr Saumehl fassen, dr Joggeli brauch
eben nicht alles zu sehen. Er sage freilich nichts darwider, aber er htte ihr
doch immer vor, wie viel sie brauche zum Sumsten. Verschleipfe wolle sie ihm
nichts, und er esse so viel von den Schweinen als sie, und so werde das wohl
keine groe Snde sein.
    Vreneli machte ein kurios Gesicht, als Uli mit seinem Schreibgerte
dahergezgelt kam. Was solls? fragte es, was kmmt dich an? He, die
Meisterfrau hat mir erlaubt, am Sonntagnachmittag hier zu sein, sagte er. Beim
Kher mag ich nicht sein, droben ists mir zu kalt, und alle Sonntage ins
Wirtshaus will ich nicht. Vreneli ging zur Base und sagte: Es habe nichts gegen
Uli, aber wenn es mit ihm ins Geschrei komme, so solle sie daran denken, da sie
schuld sei, und der Vetter werd auch ein gspssigs Gesicht machen, wenn Uli tue,
wie wenn er da daheim wre. Du Ghl, sagte die Base, was hab ich machen
sollen, wo er mich gefragt? Und er ist doch auch kein Hung, wenn er schon ein
Knecht ist, und zuletzt ist es doch besser, er sei da, als da er uns beim Kher
hilft ausfhren und dr Pltz machen. Wie gesagt, sagte Vreneli, ich habe
nichts darwider; allein sinnet dann daran, da ich nicht schuld bin, wenn
allerlei geredet wird.
    Das rgerte allerdings den Joggeli den nchsten Sonntag gar sehr, als er Uli
Platz nehmen sah, und die gute Mutter hatte manches Stichwort auszustehen, ja
sie sollte ihn schicken. Das wollte sie aber doch nicht, er knne es ihm selber
sagen, sagte sie; das wollte aber Joggeli nicht.
    Nicht minder grnnete ds Elisi, wie ihr die Mutter sagte. Die packte
gewhnlich alle Nachmittage ihren Kram aus, sonnete ihn und packte ihn dann
wieder ein in die schonen Druckleni: Krlli, Seidenfaden, Ketteli, Ringe, Hfte,
Tchleni, Mnteli; sie hatte manchmal damit, wenn es sie recht ankam, den ganzen
Tisch berlegt und alle Sthle dazu, hielt eins nach dem andern bald ans Licht,
bald an den Kopf oder an den Rcken, und dann sollten ihr die Anwesenden sagen,
was ihr am besten stehe; das legte sie zweg fr den nchsten Sonntag. Da sie
dieses aber fast alle Nachmittage vom Montag bis am Samstag trieb, so nderte
der projektierte Putz gar manchmal, denn man trieb das Spiel mit ihm. Die Eltern
durften ihm nichts sagen, sonst plrete Elisi und lag ins Bett, wollte sterben,
weil sie verfolget wrde; man mute den Doktor holen lassen, und es gab eine
Geschichte vom Gugger. Vreneli und Elisi waren einander nicht hold. Elisi
behandelte Vreneli wie eine arme Verwandte, die das Gnadenbrot it, und bedachte
nicht, da die Last der ganzen Haushaltung eigentlich auf ihm lag; auch mochten
Vrenelis gesunde Farbe und rstiges Wesen nicht wenig geheimen Neid erwecken,
obgleich Elisi manchmal sagte: Im Weltschland htten sie ein Wochenmnsch
gehabt, das Vreneli auffallend hnlich gewesen sei, und von dem htten seine
Frauen immer gesagt: O ciel, quel air commun elle a! Vreneli dagegen sah mit
Bedauren der Verwandtin Narrochtigi und Meisterlosigkeit, nahm derselben Hochmut
nicht sehr zu Herzen, lie hie und da ein Wort fallen, um Elisi abzumahnen, da
es sich doch nicht lcherlich machen mchte, was aber allemal bel aufgenommen
und ausgelegt wurde, als ob Vreneli nur schalus sei.
    Elisi grnnete, als sich Uli an den Tisch setzte und etwas zu lesen begann.
Er war ihr allenthalben im Wege, er sollte nicht an diesem Platze sein, sondern
an einem andern, und war er an dem andern, so war er doch wieder nicht am
rechten. Elisi hatte wieder den ganzen Tisch berlegt, eine ganze Menge
Haarschnre aufgerollt, eine schner als die andere, und Uli konnte kaum mehr
sein Buch darauf haben. Er ward in sich bse. Er sah die verdrlichen Gesichter
wohl und die offenbare Absicht, ihn zu verdrngen, und nun meinte er bei sich
selbst: wenn er eine ganze Woche bs habe, an Wind und Wetter sei, allenthalben
der Erste und der Letzte, so sollte doch wohl zwei oder drei Stunden fr ihn
Platz in einer warmen Stube sein. Er war darauf und daran, seinen Unmut laut
werden zu lassen und aufzuprotzen, obgleich es ihm so halb und halb vorkam, als
wre dieses dumm, indem er sich damit selbst strafe; das Klgste sei, zu tun,
als achte er sich ihrer nicht, und zu machen, was ihm bequem sei. Aufzubegehren
seis dann immer noch Zeit, wenn man ihm etwas sage. Wenn aber rger im Menschen
ist, so macht er selten das Klgste, sondern gewhnlich das Dmmste. Da fiel
eins der Bnder Uli zu Fen, er hob es auf, sah darber hin und sagte
unwillkrlich: Das sei das schnste Seidenband, das er noch gesehen; es nhmte
ihn nur wunder, wie man sellig Blumen hineinweben knnte. Das sei noch gar
nichts, sagte Elisi, es htte noch viel schnere. Diese schnern brachte es
herbei, und Uli bewunderte sie aus aufrichtigem Herzen, denn er hatte wirklich
noch keine solchen gesehen. Es nehme ihn aber nicht wunder, setzte Uli hinzu,
da es schne Haarschnre begehre, es htte auch schne Zpfen dazu. Von da an
fand Uli Platz am Tische und Gnade in Elisis Augen. Elisi war nun alle
Sonntagnachmittage in der Wohnstube, zpfete darin, und Uli mute raten, welche
Haarschnur einzuflechten sei. Uli war aber auch ein hbscher Mann, freilich bald
dreiig, aber schn von Wuchs und Farbe; im Kopf hatte er blaue, heitere Augen
und auf demselben dunkelblondes, gekrauselt Haar, bas nieden eine schne Nase
und darunter weie Zhne, welche die Juden auch gestohlen haben wrden, wenn sie
sich an einen solchen Mann getraut htten.
    Das sah aber Joggeli wiederum nicht gerne, er wurde berhaupt immer
rgerlicher auf Uli. Der Schnee war vergangen und mit dem Holzen war man fertig
geworden. Aber Uli hatte zugleich unntiges Grbel aller Art, das ums Haus lag,
aufgeholzt und weggerumt und die Scheiterbygen so zierlich gemacht, da die
Burin groe Freude daran hatte und sagte: Jetzt sei eim doch einmal recht wohl,
man knne zring ums Haus gehen, man stolpere ber nichts und knne zring ums
Haus luegen, und es mache einem nichts taub. Joggeli aber brummte gewaltig: So
einen htte er noch nicht gehabt, dem nichts recht sei; er lasse nichts am alten
Ort, und zuletzt komme er ihnen noch ins Stbli und rume da auf. Zugleich hatte
er um Erlaubnis gefragt, die Bume, die in ganz jmmerlichem Zustande, voll
Moos, Misteln und drren sten waren, putzen zu drfen. Er machte es einem
Meister zTrotz, aber Joggeli doch nicht recht, und alle Knechte schimpften, er
ziehe die Arbeit aus dem hintersten Ecken hervor, um sie zu kujonieren. Die
Bschtti mute ausgetan werden, damit man fr das Frhjahr neue machen knne,
das war wieder Keinem recht. Sobald es recht auffror, ging es hinter die Matten,
die eigentlich im Herbst htten instand gesetzt werden sollen. Hier waren Wuhre
aufzutun, und Graben und neue Britschen htten sollen gemacht sein. Aber
Joggeli, obgleich er das Holz hatte, sperrte sich mit allen Fen und wollte
nicht; es war, als ob Uli den Nutzen davon htte. Die seien lange gut gewesen,
sagte er, er wte gar nicht, warum jetzt auf einmal alles neu sein solle. Die
andern Knechte htten mit denen wssern knnen, und wenn Uli so ein Meister sein
wolle, so dech es ihn, er sollte es mit denen auch knnen.
    Im Mrz, an einem hellen Sonntagnachmittag, sagte Uli zu Vreneli, er mchte
gerne ein Wort mit dem Meister reden, es solle ihn doch heien herauskommen.
Vreneli richtete den Auftrag aus, und Joggeli brummte: Was wott er cht aber,
was ist ihm wieder zSinn cho? Er ist e Tfels Chri und lt einem Sunndig und
Werchtig nit reyig.
    Drauen nun fragte ihn Uli um die Frhlingsarbeit. Sein Meister und er,
sagte er, htten in jeder Jahreszeit und vor jedem Werch die ganze Arbeit und
alle Geschfte ins Auge genommen und dann sich eingerichtet, da ppe alles
zusammen gegangen und nichts zurckgeblieben sei. Wenn man alles ein wenig ins
Auge nehme, so wisse man, was fr Leute man ntig habe, wann man anfangen und
wie man die Leute brauchen msse, da an allen Orten etwas gehe. Wenn man die
Sache nur so von einem Tag zum andern nehme, so vergesse man immer etwas; man
glaube immer mehr Zeit zu haben, als es sich ergebe, und weniger Geschfte, als
sich dann nach und nach zeigen; so komme man in Hinderlig, und zuletzt werde
alles zur Unzeit gemacht und schlecht, so auf und davon gearbeitet. Er mchte
daher fragen, da es bald angehen werde, was fr Sommerfrucht gepflanzt werde,
wieviel Erdpfel, wie groe Bunde usw. und wo man dieses und jenes haben wolle.
Wenn es ihm anstndig wre, so sollte er ihm heute das Land anweisen; es sei ein
so freiner Nachmittag, da es ein rechtes Plsier sei, ein wenig an der Sunne
umeztrtsche.
    Da seis noch lange Zeit dafr, sagte Joggeli, der Schnee sei ja kaum ab;
wenn es dann Zeit sei, so wolle er es ihm schon sagen. Das Pressiere trage
nichts ab, sie htten bis dahin den Hof werchen knnen ohne ein sellig Pressier.
Aber nichts desto besser, sagte die Frau, es gibt ja bald keine Sachen mehr.
Und ich wollte mit Uli gehen; es tut dir nur wohl, wenn du dich auch ein wenig
an die Sonne lssest. Warum willst du hingere hangen und den Leuten umsonst
z'fressen und den Lohn geben? Andere Jahre sind wir mit Holzen und Dreschen drei
Wochen spter fertig gewesen und muten immer um so viel spter anfangen als
andere Leute und blieben so das ganze Jahr durch im Hinderlig. Was sollen die
Leute jetzt machen, wenn du nicht Arbeit anweisen willst? Joggeli zog brummend
seine Finkenschuhe aus und andere an, die Frau mute ihm das Halstuch umlegen
und ein Nastuch in die Tasche tun. Hinter dem Ofen suchte er einen Stecken und
ging endlich zankend und rgerlich.
    Joggeli hatte sein Lebtag noch nie sein ganzes prchtiges Gut ins Auge
genommen und darber nachgedacht, wie es zu benutzen sei, da nicht nur ein
bedeutender Ertrag her, auskomme, sondern da das Gut selbst gesnder werde, ein
Teil dem andern nachhelfe usw. Er sete so viel an, als er Mist hatte oder die
Zeit erlaubte. Muten Erdpfel gesetzt werden, so suchte er einen Pltz dazu,
aber immer so klein als mglich, da man nach dem Neujahr mit den Erdpfeln zu
sparen anfangen mute. So machte er es mit den Flachs-, Raps- und Werchpltzen.
Er lie sich die von der Frau nur so abmrten, und Mist dazu und Bschtti mute
fast gestohlen werden. Alles Land, das nicht Korn oder Futter trug, reute ihn,
er hielt es wie fr verloren. So war auf dem ganzen Gute nur so eine Stmperei.
Hier ein Pltzli von dem, dort ein Pltzli von jenem, je nachdem zufllig ein
Stcklein wenig oder viel Gras gehabt. Zudem stund das Angebaute mit dem
Liegenden nie in rechtem Verhltnis. So wenig als sein Gut nahm er seine
Dienerschaft ins Auge, berechnete und verteilte nie ihre Krfte in der
Bearbeitung des Gutes. Er hatte eben nicht am liebsten zu viele Leute, die Leute
aber, die er hatte, wute er nicht zu beschftigen und anzuleiten; er brummte
freilich, wenn sie so wenig und so schlecht als mglich arbeiteten, allein
weiter brachte er es nicht. Daher fehlten dem Gute die ntigen Krfte, es wurde
nicht bearbeitet; bald fehlte Mist zum Ansen, meist die Zeit. Man wurde nie
fertig, und doch wurde kaum die Hlfte von dem, was ntig gewesen wre, getan.
Daher nahm das Leben des Gutes - denn jedes Gut hat ein Leben, das halb von der
Beschaffenheit des Bodens, halb von der Arbeit abhngt - ab, und somit auch alle
Jahre der Ertrag. Und das ist die Ursache vom unglcklichen Siechtum vieler
Gter, da man das Gleichgewicht nicht zu finden wei zwischen dem, was das Gut
will, und dem, was sein Besitzer will, zwischen den Krften und Bedrfnissen des
Gutes, da man das Ma und die Art und Weise der Arbeit nicht gehrig wrdigt.
    Uli hatte seine liebe Not mit dem Alten. Es reute ihn jeder Boden, den er
hergeben sollte fr dies oder das, aller Mist, der ntig war. Er wollte Boden
und Mist immer fr etwas Anderes, Besseres versparen. Vergebens stellte ihm Uli
vor: Man knne doch nicht alles auf den Herbst sparen, und es dnke ihn, fr
eine solche Weite Landes sei viel zu wenig angeset; man msse auch den Frhling
benutzen, und Mist fr den Herbst wolle er schon genug machen. Mit der grten
Not brachte er ein grer Erdpfelstck heraus, als sonst der Brauch war, und
einigen Sommerweizen, in den er dann Klee sen wollte. Daneben sah er auf dieser
Wanderung Hge, zwei Klafter breit, Brder, mutwillige, sah Arbeit fr die
Zwischenzeit auf viele Jahre.
    Auf dem Heimwege sagte Uli: Er msse ihm noch etwas sagen, wenn er es nicht
ungern haben wolle. Joggeli sagte: Es dech ihn, er htte ihm afe viel gesagt
und sollte zufrieden sein fr heute. Doch solle er es auch noch fremache, es
gehe am Ende in einem zu. Meister, sagte Uli, es ist in den Stllen nicht
alles, wie es sein sollte. An unsern Rossen ist nicht mehr viel zu erfttern;
wenn man nicht etwas ndert, so kommen die meisten in Abgang. Bei den Khen ists
noch viel schlimmer. Die geben nicht Milch, wie sie sollten; die meisten haben
nur zwei oder drei Striche, sind auch wohl alt, und es dnkte mich, wenigstens
mit vieren sollte man fort und dagegen etwas Junges einstellen, mit ganzen
Eutern, man kme viel weiter. Diesen Weg fttere man fast ganz zUnnutz.
    Ja, ja, sagte Joggeli, verkaufen kann man wohl, verkaufen kann ein jeder,
wenn er etwas hat; aber wenn man dann etwas anderes htte! Man werde heutzutage
mit allem betrogen. Und wer sich mit diesem Handel abgeben solle? Er mge nicht
mehr nach, und wem er es anvertrauen solle, da er nicht bschissen werde? Oh,
sagte Uli, das msse ein jeder Bauer riskieren, und betrogen sei schon ein jeder
geworden; aber bei seinem Meister habe er Rosse und Khe gekauft und sei noch
glcklich gewesen dabei. J so, sagte Joggeli, du wolltest das also machen,
verkaufen und einkaufen; j so, das ist ppis angers, jetzt nimmts mich nicht
mehr wunder. He nun, wir wollen sehen, wir wollen sehen, das ist eine
wunderliche Sache.
    Daheim klagte er seiner Alten bitter, wie Uli ihn drngseliert habe. Nichts
sei ihm recht. Er wrfe ihm das ganze Gut zunderobis, wenn er ihn machen liee.
Und beide Stlle wolle er ihm neu besetzen. Er merke aber das Brschli wohl und
wolle es ihm reisen. So einer, der keine Handbreit Land htte, wolle, wie man
ein Gut werche, besser wissen als einer, dessen tti und Grotti schon vornehme
Bauren gewesen seien. Das sei ein Hochmut in den Leuten vom Tfel, es sei gar
nicht mehr dabeizusein. Als er nun insbesondere erzhlte, um was ihn Uli
drngseliert, so sagte seine Alte: Bauren hin Bauren her; aber wenn Mancher nur
halb so witzig gewesen wre, als mancher Knecht ist, so wre er z'Halbem reicher
und sein Hof trg ihm noch einmal so viel ab.
    Indessen lief die Arbeit, und alle Welt verwunderte sich, wie frh man in
der Glunggen erwacht sei. Kamen die fliger zu den Diensten, zum Karrer, der
Mist fhrte, zum Melcher, wenn er Salz holte usw., so sagten sie: Das msse
scheints streng gehen in der Glunggen, das sei doch schlecht von einem Knecht,
die Leute so zu drngselieren; aber sie tten es nicht, sie wrden aufbegehren
und so von einem herzugelaufenen Burschen sich nicht lassen befehlen, sie
wollten ihm zeigen, da sie lnger dagewesen seien als er. Es gehe alles, bis es
genug sei, sagte der Karrer, man solle nur sehen. Kamen sie zu Joggeli, so
sagten sie: Was ihn ankomme, da er so pressiere? Oder ob er etwa einen neuen
Meister bekommen habe; Es sei eine Gegend nicht wie die andere und sie htten
noch nie gesehen, da zu fast pressieren viel abtrage. Er lasse ihn wohl viel
zwngen fr den Anfang. Daneben wollten sie nichts gesagt haben, er werde wohl
wissen, was er mache. Kamen sie dann zu Uli, so sagten sie: So einer wre auf
der Glunggen schon lange ntig gewesen. Man sehe es schon von weitem, da da ein
Anderer predige. Daneben sei er ein Ghl, da er sich so plagen mge, er bleibe
doch nicht lange da, bei Joggeli halte er es nicht aus, und ein solcher Kerli
wie er werde nicht immer Knecht sein wollen oder dann noch auf einen andern
Pfosten pretendieren.
    Dieses trug nicht dazu bei, die gegenseitige Anhnglichkeit zu vermehren,
den Gang der Dinge zu erleichtern. Erst jetzt nahm Ulis Brde zu, und es war
ihm, als ob er bis an die Knie im Lett wandeln msse. Alles mute er Joggeli
abdiputieren, abzanken, und wenn ers dann ausfhren wollte, so hatte er
allenthalben unwillige, ungeschickte Hnde. Er mute allenthalben stoen und
stpfen, an allem machte man so lange und so schlecht als mglich. Er glaubte es
nicht dahin bringen zu knnen, da man den Flachspltz sauber rste, da man auf
irgend einem Acker die Furchen auch recht zu Boden hacke. Man sah noch in
zweijhrigem Grashoden Furchenstreifen, so oberflchlich war gehacket worden. Er
wute, wie schwer sich ber das Arbeiten etwas sagen lt, wie ungern sich ein
Mensch vorwerfen lt, er mache eine Landarbeit nicht gut, wie ein
sechskreuzeriges, drei Schuh hohes Knechtlein auffhrt wie ein Gggel, wenn man
ihm sagt, er knne nicht mhen oder hacken, wie er sagt: Ich bin schon bei
manchem Meister gewesen und habe es ihnen recht gemacht, und wenn ich dir nicht
genug arbeite, so brauchst du es nur zu sagen, es Brschli wie ich findet
Meister dGnegi. Nehmen es die Leute von einem Meister nicht an, wie sollen sie
es von einem Knecht annehmen? Er meinte daher auch, Joggeli sollte dies, sollte
jenes sagen, aber Joggeli wollte nicht. Sag du es ihnen, wenn es dir nicht
recht ist, was sie machen, sagte er, das ist deine Sache, darein mischle ich
mich nicht. Ich wollte ein Narr sein, einem Meisterknecht einen groen Lohn zu
geben und dann noch alles machen zu sollen, was an ihm ist! Wenn ihm aber die
Diensten klagten, heute htten sie das machen mssen und jenes noch und am Ende
noch hintenfr mssen, es sei alles nicht gut genug gewesen, so balgete Joggeli
wieder: Von dem htte er nichts gewut; es tte es Uli doch wohl, zu fragen,
aber er mache, wie wenn ihm niemand etwas zu befehlen htte, wie wenn der ganze
Hof der seine wre. Uli begriff es alle Tage besser, wie man von einem sagen
knne, er habe die Wnde auf springen wollen, kam es ihn doch selbst alle Tage
an.
    Indessen ging die Sache doch, wenn auch mhselig. Sie waren mit den
Frhlingsarbeiten so frh fertig als andere Leute und hatten mehr gepflanzt als
sonst. Sie konnten dieses Jahr zweimal in die Erdpfel, konnten sie krstlen und
huflen und muten nicht das Unterlassen des einen oder des andern mit einigen
hundert Men ben. Der Flachs wurde gesteckelt und war so schn, da die
Burin fast alle Tage hinging, ihn zu besehen, und wenn die fliger
vorbeigingen, so sagten sie zu einander: Es ist schade, da Joggeli diesen
Knecht hat. Man sieht, er versteht die Sache, es bekme gleich alles eine andere
Nase in der Glungge. Er wird ihn aber bald fortgchret ha.

                              Sechzehntes Kapitel


                  Uli kommt zu neuen Khen und neuen Knechten

Unerwartet sagte Joggeli eines Morgens dem Uli: Er htte der Sache nachgesinnet
und gefunden, da es nicht bel wre, wenn man im Stall etwas ndere. Morgen sei
zu Bern Monatmrit, und dort mache man es gewhnlich am besten. Er solle den
Zingel und den Str nehmen und nachmittags mit ihnen fahren. Er knne ber Nacht
sein, wo es sich ihm schicke damit er morgens zeitlich auf dem Markte sei. Wenn
ihm auf dem Markt etwas Anstndiges anlaufe, so solle er es kaufen, sonst knne
man am Burgdorfmaimrit sehen. Uli hatte nicht viel einzuwenden, obgleich es ihn
seltsam dnkte, da er mit zwei alten Khen fnf Stunden weit auf den Markt
fahren sollte auf die Gefahr hin, im Fall Nichtverkaufens sie nicht mehr
heimbringen zu knnen.
    Es war ein warmer Mainachmittag, Staub auf den Straen, die Khe des Gehens,
des Sonnenscheins ungewohnt, Uli hatte Mhe mit ihnen. Doch die Khe kannten
ihn; sie sprangen nicht erschrocken, wenn er ihnen nahe kam, sie folgten ihm
zutrauensvoll ohne Metzgerhund. Whrend er langsam ihnen den Weg zeigte, hatte
er Augen fr alles, an dem er vorbeikam; keine Pflanzung entging ihm, keine
Hofstatt, keine Einrichtung an einem Hause, und alles erwog er in verstndigem
Gemte. Und wenn er nichts Besonderes bemerkte, so dachte er ber die Preise
nach, die er machen msse, denn Joggeli hatte ihm durchaus nichts sagen wollen.
Er solle luegen, was Kauf und Lauf sei, hatte er gesagt, und dann machen, was
ihn gut deche. Er hatte sich lange gewehrt, bis endlich die Frau sagte: Was
willst du doch da lange kre? Du hrst ja, da er dirs berlt; machs, so gut
du kannst, und da wird es wohl gut sein. Joggeli hatte ihm noch einige Dublonen
mitgegeben, damit er mit dem Einkaufen es machen knne so gut als mglich. Da
ergtzte er sich an dem Gedanken, wenn er doch die alten Khe verkaufen knnte
und junge, schne heimbringen fr das gleiche Geld und dem Joggeli seine
Dublonen darzhlen! Wie der Alte Augen machen wrde! dachte er.
    Weiter als vier Stunden kam er nicht mit seinen Khen. Er dachte, wenn er
sie heute nicht bertreibe, so komme er am folgenden Morgen um so besser
vorwrts. Es war wenig Ruhe im Wirtshause; das kam und ging die ganze Nacht
durch, rechtliche Leute und Hudelpack, schmutzige Juden und geizige Christen,
Kufer und Verkufer, alles im Schweie des Angesichtes rennend und jagend gutem
Glcke nach, das Vorspiel der morgigen Schlacht bereits erffnend um die Stlle
herum, in der Gaststube, ja bis in die Schlafkammern hinauf; das war ein Handeln
und Mrten, ununterbrochener als in einer groen Schlacht der Kanonendonner. Es
war ihm nicht geheim unter diesem Volke mit seinen Dublonen im Sacke; er nahm
seine Hosen unters Hauptkissen, zog ein Bein davon herab und lag darauf und
schlief nur wellig. Er wollte aus den Juden heraus, die ihm schon am Abend
zugesetzt hatten, und fuhr am Morgen in aller Frhe von dannen.
    Der Morgen war heraufgezogen in aller Schne, die Mattenblumen dufteten
kstlich, in sem Tau erglnzend, munter und heiterwanderten er und seine Khe
in die Zukunft hinein. Nicht lange war er gegangen, so gesellte sich ein langer,
hagerer Mann zu ihm, von dem er nicht wute, wie er zu ihm kam. Alsobald begann
derselbe mit ihm zu handeln um die Khe, lie nicht nach, bis Uli schtzte, und
ehe sie in Bern waren, hatte Uli verkauft und zwar, wie er glaubte, wenigstens
um zwei Dublonen zu teuer. Noch vor der Stadt zahlte ihn der Mann aus, fuhr mit
den Khen von dannen, und er sah ihn nicht wieder. Es wurde Uli doch noch angst,
er mchte sich bereilt haben, der Preis anders stehen, als er gemeint. Allein
er sah bald viel Ware daherkommen, sah, da sie sehr feil war, weil man wegen
trocknem Wetter nicht viel Heu erwartete. Das sei ihm gut gegangen, dachte er,
und ein guter Schick fehle ihm nicht. Er wartete nicht weit vom obern Tore und
sah die schnen Rinder herbeitreiben, die aus den reichen Gemeinden oberhalb der
Stadt und aus dem Freiburger Gebiete kamen. Es fiel ihm eine groe junge Kuh mit
gewaltigem Knochengebude in die Augen, welche ein kleiner Mann mit einer
Speckseitenkutte und breitem, niederm Wetterhute fhrte. Die Kuh war mager,
strub anzusehen, hatte noch lange nicht ausgetragen; aber an der sei etwas zu
machen, dachte er, wenn sie nicht ungerecht sei. Das war sie nicht, die Haut
lie schn von den Knochen. Aber der Mann roch gar bel, da man ihn auf zehn
Schritte in die Nase fate; sein ganzes Aussehen gab mit, da er nebenaus wohne
und in der Welt nicht recht daheim sei. Diese sind sehr oft im eigenen Hauswesen
auch nicht daheim, haben absonderliche Gebruche, wissen sich nicht zu helfen,
fangen alles verkehrt an, geizen, tun genug bis aufs Blut und kommen doch nicht
vorwrts, sondern hangen so zwischen Leben und Sterben. Das Mannli sagte, als
Uli die Kuh visitierte: Ja, visitier sie nur, der Kuh fehlt nichts! Ich habe
den halben Winter durch Stroh fttern mssen, ich habe zu viel Ware gehabt, und
doch hat es mich gereut, etwas zu verkaufen, und Heu kaufen vermag unsereinem
nicht. Ich habe mich auf das Grn getrstet, und jetzt will das auch fehlen, und
so mu ich jetzt abstoen. Sie reut mich bel, aber wenn ich alles eingrase, so
habe ich dann im Winter nichts. Dr tti hat immer drei Khe gehabt, und ich
zwnge es jetzt, fnf Haupt zu halten, es ist mir von wegen dem Mist; aber es
geht manchmal kaum genug zu. Das gute Nebenausmannli wute auch noch nicht, da
zwei gut geftterte Khe mehr Nutzung und Mist geben als vier schlecht
geftterte (Dem Nebenausmannli war aber das nicht zu verargen, wissen dieses
doch groe Mnner an groen Straen nicht, halten dreizehn Khe und bringen es
auf zehn Ma Milch von dreizehn Khen). Das Mannli weinte fast, und Uli hatte
das Herz nicht, ihn zu drcken, wie er vielleicht gekonnt htte; denn niemand
sah auf die strube Kuh, niemand kam ihm ins Spiel. Er kaufte sie wohlfeil, doch
war das Mannli zufrieden und wnschte ihm alles Glck zu der Kuh, der er mit
nassen Augen nachsah. Zu dieser kaufte Uli noch eine andere, nhig, leicht in
den Hrnern, fein von Haaren, hintenaus wie ein Eisenwecken, kurz wie man die
Khe, von denen man Milch haben will, gerne hat. Bald nach zehn fuhr er schon
zum Tore hinaus mit frhlichem Herzen, denn er hatte drei Neutaler weniger
ausgegeben als gelst und glaubte doch viel bessere Ware heimzutreiben, als er
fortgefhrt.
    Was Joggeli sagen werde und der Melcher! dachte er. Freilich werden sie ihm
die magere ausfuhren; aber er wolle sie nur reden lassen, bis zum Kalben solle
die eine andere Gattig haben, wenn er das Salz an ihr nicht spare und zu rechter
Zeit ein Trank gebrauche, damit die bessere Ftterung nicht bse Sfte erzeuge
und ungerecht mache. Die drei Neutaler konnte er dabei nicht aus den Fingern
lassen. Es kam ihm immer mehr vor, als ob die eigentlich ihm gehrten. Es war ja
ganz seine Schuld, da so teuer verkauft, so gut eingekauft worden.
    Dazu hatte er schon manchen Batzen fr Joggeli gebraucht, den er nicht
anrechnen konnte, hatte schon manchen Schuhnagel ausgesprengt, der bei minderer
Anstrengung im Schuh geblieben wre. Es begann ihm vorzuschweben die groe rti,
die er den Diensten bezahlt um Fried und Ruhe willen, wovon der grte Nutzen
eigentlich Joggeli zugefallen wre. An der hatte ihm auch niemand etwas gegeben,
zu seinem Lohn war ihm auch nichts gekommen, die Trinkgelder aus den Stllen
fielen dem Melcher und dem Karrer zu. Billig und recht war es nicht, da er, der
die meiste Muhe und Sorge hatte, nichts extra erhielt. Wenn er die drei Neutaler
fr sich behalte, so knne der Meister sich wahrhaftig nicht klagen, er msse
noch zufrieden sein, da er ihm nicht mehr anrechne. Die gekauften Khe wolle er
ihm nicht teurer anschlagen, hingegen knne er den Erls fr die zwei verkauften
um drei Neutaler geringer angeben, ohne da das jemand im Geringsten merke. Sie
seien ja immer noch zu teuer, er habe sie einem fremden Mann verkauft, und kein
Mensch sei ja dabeigewesen, der etwas ausplaudern konnte. Hatte er das so recht
sich festgestellt, so tauchte bald wieder etwas Unheimliches in ihm auf, das
sagte ihm, es sei doch nicht recht, und was er da aussinne, seien nur Ausreden
des Teufels, nur Versuche, einer Schelmerei ein schnes Mnteli umzuhngen. Er
begann sich zu erinnern aus frheren Zeiten, da er damals fr sein Wsttun auch
gerade solche Ausreden gehabt und sich selbst eingeredet habe, er tue von Gott
und Rechts wegen wst. Es fiel ihm ein, wie er schon frher einen hnlichen
Kampf bestanden und die Ehrlichkeit ihm wohl bekommen. Und mehr und mehr erhob
sich in ihm das Bewutsein, es solle ihm niemand etwas vorzuhalten haben; er
wollte unbescholten, untadelich sein, damit er mit ungebrochner Kraft gegenber
den Andern Meisterknecht sein knne. Er fhlte es in sich: wenn er diese Untreue
begehe, so sei er schon nicht mehr der Gleiche; er mte vieles bersehen, er
htte das Herz nicht mehr, gegen die Andern aufzutreten, weil er sich als
ihresgleichen fhle. Und wenn es ihm auskme, welch Gesicht sollte er machen?
Wie wrden die Andern frohlocken! Welche Schmach wrde ihn berfluten! (Der gute
Uli konnte es einem fast glaublich machen, die gegenwrtige Schonung des Lasters
habe ihren Grund nicht in christlicher Milde, sondern in schlechtem Gewissen -
ein Schelm hngt selten gerne einen andern Schelm, er mte ja denken: Heute
dir, morgen mir). Vor Gott knnte er es ja auch nicht verantworten, dachte er,
und wie kindlich zu Gott beten mit solcher bewuter Untreue auf dem Gewissen?
Nein, das wolle er nicht tun, dachte er und lie die drei Neutaler aus den
Fingern fahren, pfiff munter ein Liedchen, bis er zu einem Wirtshause kam. Da
stellte er seine Khe an Schatten, setzte sich hinter einen Schoppen, lie sich
etwas Warmes geben, ein Schnfeli Fleisch, und lie die grte Hitze
vorbergehen.
    Unerwartet frh und wohlgemut kam er heim. Seine Ware wollte man ihm nicht
besonders rhmen. Es komme auf den Preis an, meinte Joggeli, und mit so magerer
Ware wisse man nie, wie es einem gehe. Die einen wrden so zh, da sie nicht
mehr nachzufttern seien. Daneben wolle er nichts sagen, sondern zuerst hren,
was sie kosten. Uli mute ins Stbli, legte dort Rechnung ab frank und wohlgemut
und zhlte das erhaltene und gewonnene Geld vor. Joggeli horte mit wunderlichem
Gesicht zu, verwunderte sich ber den guten Handel, meinte aber, ob er aus den
Khen nicht noch mehr gelst, wenn er sie bis nach Bern genommen? Indessen seien
sie gut bezahlt; die gekauften seien auch nicht teuer, in, dessen wisse man noch
nicht, wie es mit ihnen gehe. Das Trinkgeld, das Uli auch dargelegt, solle er
mit dem Melcher teilen und seinen Teil an die Kosten rechnen. J, sagte Uli, das
verstehe er nicht so; er sei gesinnet, die Kosten ihm anzurechnen, denn er habe
ihn geschickt, und solche Auslagen zahlten allenthalben die Meister. Da komme
bei dem weiten Mritgelufe nicht viel heraus, sagte Joggeli und bezahlte mit
Widerstreben die wenigen Batzen. Du bist doch beim Schie eWeste, sagte die
Frau, als Uli heraus war. Der htte einen Neuentaler aus deinem Sack verdient,
und jetzt willst du ihm noch das Trinkgeld abzwacken. So verderbst du alle
Diensten, es ist keine Freude, dir helfen zu husen. Meinst du, das sei etwa
ein guter Schick gewesen und Uli schuld daran? J jere nei! Ich habe einen
gesandt, der hat ihm auf meinen Gunten die Khe abgekauft; ich habe nadisch
wissen wollen, ob er mich betrgt oder nicht. Du bist doch der wstest Hung
sagte die Frau. Und jetzt ist es dir noch leid, da er nicht ein Schelm an dir
gewesen ist! Nei, das hat auf my armi tri afe kei Gattig! Statt da du am
lieben Gott danken solltest, e Sellige z'ha, willst du ihn noch zum Schelm
machen. Nimm dich in acht; wenn er dich merkt, so gheit der dir den Bndel an
den Kopf, da der dir dein Lebtag wackelet.
    Es ging nicht lange, so kam Uli zum Meister mit der Frage: Wann man anfangen
wolle zu heuen; es dech ihn, es wre Zeit, daran zu denken. Du bist ein ewiger
Kri; es hat ja noch niemand angefangen, und ich habe nie gemeint, da es gut
sei, in allem der Erste zu sein. Ja, sagte Uli, wir knnen nicht auf andere
Leute sehen, wir haben weitaus am meisten zu heuen, und wenn wir nicht beizeiten
anfangen, so sind wir bald ein ganzes Werk hinter allen drein. Wenn man einmal
im Hinderlig ist, so kmmt man nie nach und hat am bsten dabei. Das ist akkurat
gleich wie beim Militr, die Hintersten mssen am hrtesten laufen, und
versumen sie sich ein bichen, so kommen sie gar nicht mehr nach, und wenn man
im Hinderlig mit dem Geld ist, so decht mich, bsch keis Huse nt. Joggeli
sperrte sich, drehte, doch mute er diesmal der Erste anfangen.
    Uli war gewohnt, mit gutem Werkzeug zu arbeiten; als man aber das
Sommerwerkzeug untersuchte, war alles im schlechtesten Zustande. Er fand keine
einzige Segessen, die sich ihm in die Hand schickte. Joggeli behauptete, er
htte im vergangenen Jahre vier neue und Rechen und Gabeln gekauft. Er wisse
nicht, wo es hingekommen, und wenn es ihm gestohlen werde, so wollte er ein Narr
sein, immer Neues zu kaufen. Ja, sagte Uli, das knne er machen, wie er wolle,
aber mit den Beinen knne er nicht mhen, mit den Fingern nicht rechen; wenn die
Sache gehrig gemacht sein solle, so mte Werkzeug dafr da sein. Endlich
kaufte Joggeli, aber alles so wohlfeil als mglich. Wie ntzlich schlechte,
wohlfeile Segessen sind, wei jeder. Uli kaufte sich endlich eine aus eigenem
Gelde. Wollte er aber dem Einen oder dem Andern ber sein Mhen etwas zu
verstehen geben, so sagte ihm dieser: Er solle ihm eine bessere Segessen geben
oder aber schweigen.
    Uli war gewohnt, mit dem Mhen morgens um drei anzufangen. Um diese Zeit
wollte ihm anfangs niemand auf, er hatte Mhe, um vier sie auf die Matte zu
bringen. Melcher und Karrer wollten auch nicht anbeien, selbst wenn man
zunchst des Hauses mhte, und wann sie kamen, so trieben sie nur Flausen,
wollten Uli durchtun und ihm vormhen, bis er ihnen seine Meisterschaft
beurkundet und sie zehn Schritte im Rcken gelassen hatte. Hatte er endlich die
Knechte auf der Matte, so fehlten ihm noch die Tauner und kamen erst, um vor dem
Morgenbrot noch eine Mahde zu mhen. Der Eine hatte etwas fr sich gemht, der
Andere seine Segessen anders anschlagen mssen, der Dritte seiner Frau Bschtti
gefhrt; aber alle meinten, der Meister brauche es nicht zu wissen, und wollten
den ganzen Taglohn.
    Uli htte es nie geglaubt, welch Unterschied es sei, von drei bis zehn Uhr
morgens mit zehn rstigen Burschen, versehen mit gutem Werkzeug und gutem Mut,
zu mhen oder aber mit zehn lssigen, wo alle nach dem Takte Komm ich nicht
heute, so komme ich doch morgen arbeiten, einer hieraus zieht, der andere
dortaus liegt. Es schien ihm, als sei man frmlich verhexet, whrend die Andern
jammerten, so drngseliert und kujiniert seien sie noch nie worden. Hatte er
seine liebe Not am Morgen ausgestanden, so war am Abend erst das rechte Elend
da. Kam er des Mittags nach dem Dngelen und Rsten der Wagen auf die Matte, so
war nicht gekehrt, das Heu nicht zusammengemacht, er mute warten; ging er mit
den Andern hinaus, so mute man auf die Wagen warten. Lud er auf der Matte und
sollte ein Teil der Leute abladen, so verrichteten diese nichts; die Wagen kamen
nie zurck, sie muten halbe Stunden mig warten. Ging er ans Abladen, so
wurden sie fertig, aber der Karrer brachte kein Heu, sie konnten lange Zeit
ruhig am Schatten liegen. Am Abend hatte niemand Zeit zum Aufrechen, er mute es
mit Wsttun erzwingen; von Birligen war vollends keine Rede, die konnte er
selbst machen, wenn er welche gemacht haben wollte. Er trieb und jastete sich
fast zu Tode von frh bis spt, die Weiber hatten rechtes Mitleid mit ihm; aber
er brachte nichts ab, er fhlte, es war da ein angelegtes, boshaftes Spiel. Und
Joggeli sah der Sache nicht blo kaltbltig, sondern fast boshaft zu, gb wie
die Weiber ihn stpften, er solle doch auch ein Wort sagen, er sehe ja, Uli mge
nicht gfahren und die Andern tten ihm alles zuwider. He, sagte er, dem sei es
nur gut, wenn er nicht alles zwngen knne; wenn alles nach seinem Kopf ginge,
so kriegte er bald einen so groen da Sonne, Mond und Sterne nicht mehr neben
ihm Platz htten.
    Es war zudem ein Sommer mit sehr unbestndigem Wetter. Es gab wohl schne
Tage, aber mit vielen andern untermischt, an denen man nichts Drres machen
konnte. Es bedurfte also an den schnen Tagen doppelten Flei, mit diesem ist
ein guter Landmann imstande, mittelmiges Wetter gut zu machen. Uli konnte das;
aber nicht blo einer, sondern zehn Schleiftrge legten sich ihm unter die
Beine. Das ist ein peinvoller Zustand, es begreift ihn aber nur der, welcher ihn
erlebt hat. Entweder erstickt, erworget man in demselben, oder aber es gibt
einen Ausbruch, da Funken sprhen, die Wnde zittern, Haare fliegen und Brlle
durch die Welt fahren, da Kometen und Planeten davonfliegen und nirgends mehr
warten drfen. Uli schrieb am Sonntag seinem alten Meister: So halte er es nicht
mehr aus. Der Zorn sei ihm zu oberst, er knne ihn mit einem Finger erlangen.
Essen bringe er keins mehr hinunter, es dech ne, er msse an jedem Stcklein
Brot ersticken, und wenn er einen von den Mffen sehe, so gramsle es ihm in den
Fingern. Sie htten noch viel zu mhen und morgen von dreien Tagen einzufhren.
Wenn sie es ihm nun machen wie die andern Tage und der Meister noch seine Freude
daran htte, so schirre er aus und komme ihm ungesinnet daher. Das sei ein
Teufels Dabeisein, wenn man die Mitdiensten wider sich htte und auch noch den
Meister. Die Frau sehe das wohl, aber sie knne nicht viel zwingen; wenn sie
Meister wre, so ginge es anders.
    Schn Wetter war es am Morgen, auf den Abend drohte ein Gewitter. Schon um
acht hrte Uli auf zu mhen, um beizeiten zetten und kehren zu knnen, schon am
Morgen wurden zwei Fuder eingefhrt. Beim Mittagessen sagte Uli, das Nachtessen
soll man nicht frh zweg haben, heute werde es wohl spten Feierabend geben. Das
Heu werde alles gut, sollte alles hinein, es wre schade, wenn es noch einmal
Regen kriegte. Im Nachmittag fing es sich an zu stecken, es wollte nichts mehr
vorwrts man steckte die Kpfe zusammen, statt da man die Arme rhrte. Wo Uli
war, ruckte es, wo er hinkam, war alles im Hinderlig. Der Melcher zeigte sich
nicht auf der Matte, der Karrer fuhr, wie wenn er Schnecken htte, und als Uli
ihm sagte, er solle doch schneller laufen lassen, es tte es den Pferden wohl,
warf er mutwillig ein Fuder in den Bach, da man darob fast eine Stunde verlor.
Und als Uli dazukam und aufbegehrte, da msse einer doch fahren wie ein Blind,
um da ein Fuder umzuwerfen, so sollte er an allem schuld sein mit seinem
Pressier; solange er da sei, gehe es schlecht. Er knne nichts, sagte der
Karrer, als alle Leute kujiniere, und wenn er ihm nicht recht fahre, so solle er
selbst fahren, er rhre keine Geiel mehr an, bis der Meister es ihm selbst
befehle. Damit warf er Uli die Geiel zu und legte sich behaglich auf einen
Heuwalm. Uli hatte schon die Geiel am dnnern Ort gefat, um zu versuchen, was
ungebrannte Asche vermge, doch besa er sich und fhrte kochend in Zorn das
Fuder heim.
    Die Alte rstete zu Nacht, und als sie Uli mit dem Fuder kommen sah, fragte
sie Vreneli, die vorankam: Was es gegeben, da Uli fahre? Frag ihn selbst,
Base, sagte Vreneli. Es ist ein grusamer Streit unter den Diensten, und wenn
sich der Vetter des Ulis nicht annimmt, so kmmts nicht gut. Ich wre schon
lange fortgelaufen. Da stund die Base auf, ging Uli entgegen und frug: Warum
fahrst du? Was hats gegeben? Und Uli fragte mit bleichen, bebenden Lippen: Wo
ist der Meister, er sll usecho. He Ymmers, wie siehst du aus! Komm du in die
Stube, er ist dort. Es sll derweilen einer die Rosse halten. Uli ging nach,
und die Base nahm aus einer Ecke auf dem Ofen ein Kacheli mit Kaffee und sagte:
Nimm das geschwind und trinks! Ich hatte es dem Vreneli dnne deckt, aber nimm
dus, es bekmmt dann ein andermal. Aber sag mir geschwind: was hats gegeben, was
ists? Meisterfrau, ich will fort und das auf der Stelle, so will ich nicht
mehr dabeisein. Ich will dem Meister die Geiel geben, dann meinen Lohn und noch
heute fort. Ich will mich nicht tten fr Andere und noch dazu ausgelachet
sein. He Uli, Uli, wer lachet dich aus? Gerade der Meister, der treibt nur
den Narren mit mir und ist kein Meister, sonst wrde er sehen, was seine Pflicht
und sein Nutzen ist, darum will ich fort. Und was ist denn meine Pflicht und
mein Nutzen? sagte Joggeli, der eben zur Tre hineinkam. Ich will meinen
Lohn, sagte Uli, und will fort. Du hast keinen Grund, sagte Joggeli, du
wirst wohl bleiben. Nein, Meister, ich bleibe nicht und habe guten Grund. Ihr
habt mich als Meisterknecht angestellt und untersttzt mich nirgends. Ihr
befehlet selbst nichts, ich soll aber auch nicht befehlen, da kann ein jeder
machen, was er will. So braucht Ihr keinen Meisterknecht und habt mich falsch
gedinget, und deswegen will ich nicht mehr dabeisein. Aber was hast du denn zu
klagen? fragte Joggeli, schon nicht mehr recht keck. He, da Ihr kein Meister
seid. Wenn Ihr ein Meister wret, so wret Ihr heute gekommen und httet auch
pressiert und befohlen oder httet wenigstens gesagt, man solle sich schicken.
Aber statt dessen habt Ihr mich allein fechten lassen, habt wohl gesehen, wie
sie drehen, der Melcher, der Karrer nicht vom Hause wollen, und habt mich
stecken lassen, darum will ich fort. He, ume nit grad so prisch, sagte
Joggeli, ich kann nicht immer an allen Orten sein. Httest du mir das Maul
gegnnt, so htte ich etwas sagen knnen, aber wenn man so viel zu sinnen hat
wie ich, so kann man nicht immer an alles sinnen. Sinnen hin, Sinnen her,
sagte Uli, ich will meinen Lohn, ich bleibe nicht mehr. He, Uli, sagte die
Meisterfrau, nimm non es Kacheli und bsinn dih! Du bist uns ganz der Recht und
es hat dir noch niemand von uns ein Unantwort gegeben. Ds Guntrri, ds Vreneli
und ich haben schon manchmal zueinander gesagt: wenn es so seinen Fortgang
nehme, so komme der Hof wieder instand und es gebe auch wieder eine Ornig.
Solang der Karrer und der Melcher da sind, kmmt es nicht gut, und mit ihnen
bleibe ich nicht mehr, keine Stunde; entweder gehe ich, oder sie mssen gehen.
He, he, sagte Joggeli, man mache im Zorn leicht etwas Unrechtes; sie wollten
sich gegenseitig noch bsinnen bis morgen, man knne dann immer noch sehen.
Meister, das ist ausbsinnet, sagte Uli, das ist mir schon zu lang auf dem
Magen gelegen; entweder gebt Ihr dem Karrer und dem Melcher noch heute den Lohn
oder mir, eins von beiden. Ich werde mir doch von einem Knecht nicht sollen
befehlen lassen, sagte Joggeli. Ich will Euch nichts befehlen, ich lasse Euch
ja dWehli, aber eins von beiden mu sein. Bis doch nit e Ghl, sagte die
Meisterin, da wollte ich mich bald ausbesonnen haben. Ja, aber wo dann einen
anderen Karrer und einen anderen Melcher her, nehmen gerade in dieser unmuigen
Zeit? Das kann nicht gehen. He, sagte Uli, wenn die fort sind, so geht die
ganze Sache ds Halb ringer, und dann kann ich auch noch melken und fahren so gut
als die. Ich will einstweilen den Dienst fr Beide machen, und ich denke, es
wird nicht lange gehen, bis man Andere hat. Aber Ihr knnts machen, wie Ihr
wollt, es ist mir ganz recht, zu gehen. Ich habe es gestern geschrieben, ich
werde wohl bald wieder kommen.
    Das schlug bei Joggeli ein und er bequemte sich, den Karrer und den Melcher
kommen zu lassen, um ihnen den Lohn zu geben. Die meinten, er wolle ihnen nur
ein Kapitel lesen, und begehrten gleich von Anfang ganz frchterlich auf und
machten, als ob sie die ganze Erde dem Mond ins Gesicht spucken wollten. Als
Joggeli so hbscheli von Lohngeben zu reden anfing, da sagten sie, das sei ihnen
gerade recht, und sie begehrten es; aber dann knne er sehen, wie es ihm ergehe,
wenn Uli alle die weggebissen htte, die ihm im Wege seien. Er solle nur
fremachen, es lchere sie nur, greren Lohn htten sie schon lngst haben
knnen. Joggeli wurde ganz lugg. Glcklicherweise war die Frau in der Stube
geblieben, um den Wagen zu reisen, wenn er bestechen oder in den Graben fahren
sollte. Diese sagte nun: Seh, Joggeli, mach fre, sie haben ja gesagt, sie
begehrten ihn. Die zwei Schlinglen sind mir schon lange im Weg gewesen, es ist
gut, wenn die einmal fort sind; ich hoffe, sie gehen noch heute. Keine Stunde
lnger blieben sie in einem solchen Hause, sagten Beide. Sie knnten ihrethalben
bis Martistag heuen, es lchere sie nur, und je eher sie fort knnten, desto
lieber sei es ihnen.
    Joggeli zhlte Beiden den Lohn zweg. Drauen fing es an zu winden, die
Wolken flogen am Himmel, schwarze Wnde, der Zukunft einer kummervollen Seele
vergleichbar, erhoben sich langsam, die Vgel suchten die Gebsche, die Fische
sprangen nach Mcken, Windspiele rissen hoch in die Lfte bald Heu, bald Staub.
Drauen hastete Uli, Heu so viel mglich einzubringen, drinnen zhlten
hohnlchelnd die Beiden ihr Geld und meinten: Ob Joggeli nicht auch noch wolle
gehen und helfen, es mangelte sich bei dem schonen Heuwetter. Der Wind ri das
Heu von den Gabeln, die Mhnen der Pferde flogen im Winde, die Heulader flogen
den Walmen nach, die schnen Recherinnen spudeten sich wie flchtige Rehe, in
hochgefllten Frtchern das Zusammengerechete nachtragend. Hb dih! scholl es
von unten herauf; die mchtigen Rosse jagten im Trabe, die Heraufgeber sprangen
nach, warfen mitten im Laufe Gabeln voll auf den Wagen, die der kundige Lader
auf den Knien mit ausgebreiteten Armen empfing. Schwere Tropfen rauschten, der
Wind stie heftiger, nach dem Bindbaum sprang einer; im Hui war er auf dem
Fuder, mit dicken Wellenseilen wurde er niedergeschnrt, flink eilten die
Recherinnen um das Fuder, kmmten es glatt. Da jagte das Wetter heran, es
glitzerte der schwere Regen, es krachte aus den schwarzen Wolken, Staub stob
weit dem Regen voran. Die mchtigen Rosse flogen weit aus, greifend, aber durch
Ulis sichere Hand geleitet der Scheune zu. Mit den Gabeln auf den Achseln
rannten die Heuer nach, und mit den Frtchern ber Achseln oder Kopf formierten
den flchtigen Nachtrab die lustigen Heuerinnen, die unter Lachen und Schkern
sich schttelten unter sicherem Dache. Da platzte der Regen herab in ungemenen
Strmen, es zuckte die Glut des Blitzes durchs dunkle Tenn, hart klepfte es ber
dem Hause. ngstlich und andchtig stund das Gesinde im Schopf; es wute, der
Herr rolle nahe ber seinen Huptern weg.
    Es dunkelte, man rief zum Essen, schwarz war es noch am Himmel, aber der
Regen rauschte sanfter, der Donner rollte ferner; da kamen aus dem Gaden herab
der Melcher und der Karrer gsunntiget, machten Adie bei ihren Freunden, die ganz
erstaunt frugen, was das geben solle? He, sie sollten Uli fragen, hie es, der
sei jetzt der Meister, und weil sie nicht unter einem Solchen sein wollten, so
gingen sie lieber, sie mchten fr kein Geld bleiben. Nachdem sie ihre Sachen,
die sie wrden holen lassen, guter Obhut empfohlen, den Andern geweissaget, da
sie es auch nicht lange mehr da machen wrden, wanderten sie fort wie zwei
Nachtvgel zwischen Tag und Nacht, das angebotene Essen verschmhend.
    Uli sah sie nicht gehen, aber als er hrte, da sie fort seien, leichtete es
ihm ordentlich ums Herz, und die ihm zugefallene Arbeit kam ihm fast wie ein
Lohn, eine Freude vor. Es war auch, als ob zwei Sperrscheiter aus einer Maschine
genommen worden. Trotzdem da zwei Arbeiter weniger waren, wurde doch nicht
weniger gemacht. Uli spudete sich freilich ganz wunderbar, und es schien
manchmal, als ob er zwei, und dreifach sei. Er mhte und besorgte doch die
Stlle, dngelte grtenteils und war doch nicht viel lnger daheim als die
Andern; aber er wute alles anzukehren, konnte zwei, drei Sachen fast
miteinander machen. Im Vorbeigehen gleichsam ging ihm dies und jenes, wozu ein
Anderer eine Stunde brauchte. Erst da sieht man, was fr ein Unterschied es ist
zwischen einem Gstabi und einem beseelten Menschen. Zudem konnte nun Uli die
Krfte recht zusammenspannen, da Eins dem Andern helfen mute. Unter ihm
verrichtete der Bub so viel als sonst ein Knecht. Aus der brigen Diener- und
Taunerschaft schien ein bser Geist gefahren zu sein, es war alles willig und
rhrsam. Es schien fast, als ob ihnen selbst etwas an der Sache gelegen sei.
Die, welche in der Verschwrung gegen Uli am tiefsten verflochten waren, die
zeigten sich nun nach deren unglcklichem Ausgang als die Eifrigsten. Ja sie
rhmten nun Uli und erzhlten ihm alles, was der Karrer und der Melcher getan,
gesagt und im Sinn gehabt und wie sie ihnen oft abgewehrt und gesagt htten, es
komme nicht gut, wie es sich ihnen aber nicht geschickt hatte, sich
dareinzumischen, und dazu htten sie ihn nicht svli gekannt.
    Der Melcher und der Karrer hielten mit groem Jubel in einer nahegelegenen
Pinte sich auf, rhmten mit weitem Maul, wie sie es gemacht, und konnten vor
Freude nicht schlafen, weil sie nicht erwarten mochten, welche Zerstrung und
Verwirrung nun in der Glungge zum Vorschein kommen werde, weil sie nicht mehr da
seien. Aber es ging den ersten Tag. Da sagten sie: Ja, das sei noch so gegangen,
aber man werde es morgen schon sehen. Es ging aber morgen auch. Da vertrsteten
sie die Leute auf den dritten Tag. Aber auch dieser verstrich, in der Glunggen
war alles emsig und ruhig. Kein Mensch fragte nach ihnen. Ja wenn sie sich von
weitem zeigten, so taten ihre ehemaligen Freunde, als htten sie keine Augen.
Das begann sie doch zu gmhen, denn es hatte insgeheim jeder fr sich die
Erwartung gehegt, man werde nach ihm schicken und ihn wieder haben wollen. Jeder
hatte bei sich schon ausgedacht, wie er aufbegehren, wieviel Lohn er mehr
fordern wolle, und jetzt kam niemand. Niemand sah nach ihnen. Da sandte der
Karrer eine geheime Botschaft an Joggeli ab. Diese sollte verblmt zu verstehen
geben, der Karrer kme wieder. Eigentlich sei der Melcher an allem schuld, der
habe immer alles hintereinandergereiset und der Karrer es nicht besser gsinnet.
Es sei ihm jetzt leid, er sehe sein Unrecht ein. Der Melcher aber sandte eine
gleiche Botschaft an Uli, lie ihm einen Neutaler versprechen, wenn er mache,
da er wieder darkomme. Der Karrer sei an allem schuld, wenn der nicht dagewesen
wre, so htte der Melcher nicht daran gesinnet, so wst zu tun. Sobald er zu
Uli komme, wolle er ihm sagen, was der Karrer fr einer sei. Er wisse noch
Sachen, woran jetzt niemand sinne.
    Als Uli dngelete, kam Joggeli zu ihm und sagte: Der Karrer wre neue
Sinns, wieder zu kommen; er hat neue gmurbet, der Melcher syg neue an allem
schuld. Es wird wohl am richtigsten sein, wenn man ihn wieder kommen heit? Er
ist sich gewohnt hier, ein Neuer mu man erst wieder brichten, wie man es haben
will.
    Meister, sagte Uli, das knnet Ihr machen, wie Ihr wollt, aber mit dem
Karrer will ich nichts zu tun haben. Der Melcher hat mir einen Neutaler
versprechen lassen, wenn ich ihm z'best rede, und gibt dem Karrer an allem
schuld. Es ist Einer wie der Andere, ich kehre nicht die Hand um. Und so gewi
einer wieder kmmt, so haben wir wieder Streit.
    J nu, sagte Joggeli, so ists. Aber was meinst denn, was sollen wir
anfangen, wenn dir kein Anderer recht ist? Gwerchet mu die Sache doch sein, so
kann es nicht lnger gehen
    He, sagte Uli, er glaube, die Sache sei gwerchet worden so gut, als wo der
Melcher und der Karrer dagewesen. Mit dem Heuen seien sie ja bald fertig und
htten trotz dem schlechten Wetter weit weniger lang daran gemacht, als die
Leute sagen, da man andere Jahre daran gezogget habe. Er glaube nicht, da
etwas versumt worden sei. Du bist doch afe so prische, Uli, sagte Joggeli,
man kann gar nicht mit dir reden. He nei, Meister, sagte Uli, aber ich habe
auch gemeint, ich schaffe, da ppe nit viel dahintenbleibt, und da macht es
mich taub, wenn ich immer hren mu, ohne Melcher und ohne Karrer gehe es
nicht. Ja, das habe ich nicht gesagt, antwortete Joggeli, verstehe mich
wohl. Aber was soll dann gehen? So kann es nicht bleiben. Jemand mu herzu.
Ja, sagte Uli, das meine ich auch, und ich habe geglaubt, Ihr httet fr
Andere gesehen. Nein, sagte Joggeli, ich habe geglaubt, du wollest nach
Andern sehen, weil du die Andern nicht mehr gewollt. Ich bin ja nur Knecht,
sagte Uli, und kann ja nicht andere Knechte dingen, das wrde Euch ppe nicht
anstndig sein. Aber wenn Ihr nichts darwider habt, so mchte ich Euch etwas
sagen. He, sagte Joggeli, red ume; es decht mich, ich brauche dirs nicht
lange zu erlauben.
    Nun setzte Uli auseinander, da wenn es gut kommen solle, einer Meister sein
msse. Bisher sei ein jeder Meister gewesen, der Karrer, der Melcher, jeder
souvern in seinem Stall ber seine Person, seine Zeit, und alle Andern htten
nach ihrem Beispiel nach der gleichen Freiheit gestrebt. Joggeli solle es ihm
nicht fr bel nehmen, aber er msse es sagen: er habe nicht recht den Meister
gemacht und befohlen, die Leute htten ihn nicht gefrchtet, und doch hatte er
niemand die Meisterschaft anvertrauen wollen, daher sei ein jeder Meister
geworden; Eins habe hieraus, das Andere dortaus gezogen und mit allem sei man in
Hinderlig gekommen. Er wolle nicht lebig dadnne, wenn mit dem Hof nicht ds
Halbe mehr zu machen wre, wenn man recht zum Herd sehe und auch aus den Stllen
ziehe, was ppe der Brauch sei. Aber dafr msse einer da sein, der befehle, und
die Andern mten wissen, da sie zu gehorchen htten. Nun sei ihm ganz recht,
wenn Joggeli befehlen wolle; aber wenn er es nicht tue, so msse es ein Anderer
tun in seinem Namen, sonst wolle er lieber nichts mit der Sache zu tun haben.
So befiehl doch, sagte Joggeli, ich habe dir ja manchmal gesagt, du sollest
befehlen, es sei deine Sache. Ja, gesagt habt Ihr mirs wohl, aber den Andern
nie, da sie mir gehorchen sollen, ds Guntrri. Du bildest dir das nur ein,
sagte Joggeli, aber du mut nicht meinen, man knne da so einem, den man nicht
kennt, gleich das ganze Heft in die Hand geben und machen lassen, als wenn
niemand sonst mehr daheim sei. Meinethalb befiehl allesame, nur der Frau nicht,
was sie kochen soll. Das begehre ich nicht, Meister, sagte Uli, aber dem
Karrer und dem Melcher mu man befehlen drfen, was sie machen sollen und wie
man es haben will. Man kann nicht in einem Stall die Ordnung haben und im andern
eine andere, und einer mu dem Andern helfen. Das geht bei den Herren gewhnlich
so schlecht, weil die nicht wissen, wie eine Sache sein soll, und daher auch
nicht befehlen knnen, wie sie es haben wollen. Es machts nun ein jeder nach
seinem Kopf. So ist man hinger em Haus im Emmental, vor dem Haus im Oberland und
nebendran im Seeland und zuletzt ringsum im Uflat.
    Joggeli ergab sich in sein Schicksal. Zwei Knechte wurden angestellt mit der
Weisung, Uli zu gehorchen. Der alte Karrer und der Melcher wanderten endlich in
die Weite hoffnungslos, nachdem sie in der Nhe umsonst Platz gesucht. Sie
fluchten nicht bel ber die Falschheit der Leute. Als sie noch in der Glungge
gewesen, htte sie jeder gerhmt, ihnen den Kopf gro gemacht, als ob jeder sie
wolle; jetzt, da sie zu haben wren, begehre sie Keiner.

                              Siebzehntes Kapitel


                 Wie Vater und Sohn an einem Knechte operieren

In der Glungge zog alles schn an einem Seile und die Mutter sagte, es sei ihr
lange nicht so wohl gewesen, es sei fry es ganz angers Leben und so freu es
einem auch, dabeizusein. Es dech se nichts so ungewohnt, als wie man jetzt
melke im Stall. Von den gleichen Khen kriegten sie fast ds Halb mehr Milch. Es
dech se, sie htten es ihr sonst zuleid getan, da sie selten in einem Werch
genug Milch gehabt, und wenn man nicht Milch habe, so wisse man gar nicht, wie
die Haushaltung machen. Jetzt drfe sie die Ernte auch erwarten, und die
Ankenhfen werden ihr an der Sichelten nicht leer.
    Joggeli hingegen war es nicht wohl. Es schien ihm immer, als htte er zur
Sache nichts mehr zu sagen. Noch einmal so viel strich er auf dem Lande herum,
in den Stllen, suchte etwas zu sehen, an dem er sich rgern, ber das er balgen
konnte, wenigstens vor seiner Frau. Gegen Uli redete er nicht recht heraus,
stichelte nur so hintenum, konnte sich aber nicht enthalten, hie und da das
Gegenteil von dem zu befehlen, was Uli angeordnet hatte.
    Einst strich er auch so mimutig um einen Kornacker her, um, rgerte sich
ber dessen schlechtes Aussehen und htte gerne Uli schuld gegeben, aber der
hatte noch keine Hand daran gelegt. Da trat der Mller zu ihm und sagte: Da
hast du einen braven Acker voll und bald Reifes! Und ich mchte dich eben
gefragt haben, ob du mir nicht etwa dreiig Mtte geben knntest. Ich mangelte
sie sehr bel und wei sie gar nicht zu bekommen. Joggeli und der Mller wurden
des Handels einig. Da sagte der Erste: Du knntest mir einen Gefallen tun.
Versprich meinem Knecht einen Neuentaler, wenn er mache, da du das Korn um den
und den Preis kaufen knnest. Es nimmt mich wunder, was er macht. Man kann
Keinem zu viel trauen; wenn man schon meint, man habe es getroffen, so ist man
gerade am belsten zweg. Der Mller versprach es natrlich und machte sich an
einem Abend an Uli. Dieser las just einen Brief von seinem alten Meister, worin
ihm dieser zusprach, auszuhalten und nicht den Kbel auszuleeren. Er solle nur
mit Joggeli recht reden und ihm die Sache in der Manier sagen. Das sei weit
besser, als den rger so in sich zu verschlucken; da jse dann dieser, mache
einem bel und breche zuletzt unaufhaltsam und ungereimt aus, da man sich
dessen schmen msse. Er sei kein Meitschi, das am Kupen, am rger sterben
werde. Darum solle er nicht mutlos werden; es htte im Leben jeder sein Brdeli,
und je eher man sich daran gewhne, das manierlich zu tragen, desto leichter
komme es einem spter vor. Er solle nicht alles auf einmal wollen, und wenn er
wieder dinge, auf die Entlassung derer dringen, mit denen er nicht fahren knne.
Dann waren noch viele Gre dabei und wie er bald einmal kommen solle, es
blangeten alle gar grusam nach ihm. Zu dem in seinen Brief Vertieften trat der
Mller, setzte sich zu ihm und redete mit schnen Worten von allerlei ber Ulis
Verdienste, rhmte den Misthaufen und das Gras in der Hofstatt, dem man es
ansehe, da es beschttet worden sei. Nach langem Vorspiel kam er endlich zum
Kornkauf. Er msse Korn haben und Joggeli knne ihm geben. Aber der sei gar ein
grusam Wunderlicher und knne die Sache nie im Preis geben. Zuerst wolle er viel
zu viel, und hernach, wenn sie ihm erleidet sei, gebe er sie ums halbe Geld. Er
knne diesmal aber nicht auf das Erleiden warten, und doch mchte er nicht gar
zu viel bezahlen. Er wisse nun, da Uli alles zu sagen habe, und was er sage,
das sei geredet. Er solle ihm doch z'best reden, und wenn er mache, da er den
Mtt um neunzig Batzen kriege, so komme es ihm auf einen oder zwei Neutaler
nicht an. Es sei zwar noch immer mehr als zahlt, aber wie gesagt, er mangle es
bel und wisse vor der Ernte es nirgends zu bekommen. Uli sagte: Darein mische
er sich nicht, das sei seines Meisters Sache. Der Mller aber gab nicht nach,
zog endlich einen heraus und wollte ihn ihm in die Hand drcken. Uli stund auf
und begann nun dem Mller wst zu sagen: Er msse ein schlechter Mann sein, da
er Diensten schlecht machen wolle; es msse ihm scheints alles ums Geld feil
sein, da er meine, Andere htten es auch so. Aber um eines Mllers willen wolle
er sein Gewissen nicht beladen, und wenn er ihm alles Mehl geben wollte, was er
in seinem Leben den Bauren gestohlen usw. Das machte am Ende den Mller auch
warm und er sagte: Es gebe Bauren, die noch schlechter seien als die Mller, mit
denen er sich noch lange nicht zusammenzhle. brigens habe er das nicht aus
sich selbst gemacht und er habe noch niemand schlecht machen wollen. Wer hat
dir denn das angegeben? fragte Uli. He, das sollte dir doch in Sinn kommen,
wenn du so ein Listiger sein willst, antwortete der Mller. ppe der Meister?
Ich will nichts gesagt haben, antwortete der Mller, aber da solltest ppe
nicht lange fragen. Da fate eine zornige Wehmut Uli, prete ihm die Brust, da
ihm fast der Atem fehlte, groe, schwere Tropfen aus den Augen kamen, und die
geballten Fuste stie er geradeaus. Er konnte nichts mehr sagen als: Ist das
so gemeint? und sprang hinauf ins Gaden.
    Der Mller schlich sich hinter dem Haus durch zur Kche und sagte dort der
Meisterin: Sie solle doch hinauf ins Gaden gehen und sehen, was Uli mache, er
glaube, es habe gefehlt; und darauf erzhlte er, wie er ihn habe fecken sollen
und wie Uli es aufgenommen und den Meister erraten. Vreneli, gang guck, sagte
sie, und komm sag dann, was er macht. Zum Mann aber ging sie und sagte: Du
bist doch dr wstest Hung, hast du denn nicht an einem Male genug gehabt? Du
hast den besten Knecht weit und breit, und es reitet dich dr Tfel, bis du ihn
fortgesprengt. Man knne niemand zu viel trauen, sagte Joggeli, und weil sie an
Uli den Narren gefressen, so msse er zusehen; es wte kein Mensch, wie es
ginge, wenn er nicht ppe es bitzli luegti, und es knne sich ein Mensch von
einem Tag zum andern ndern. Und man probiere ja jedes Ro, und so wte er
nicht, warum man nicht auch einen Menschen, auf den es doch noch viel mehr
ankomme als auf ein Ro, sollte probieren knnen. Und wenn er schon den
Neutaler genommen hatte, deswegen htte ich ihn nicht fortgeschickt, aber ich
htte dann gewut, wie weit ich ihm trauen knne oder nicht. Aber Joggeli,
glaubst du denn, ein braver Bursche sei an einem Ort, wo man ihm nicht trauet,
wo man ihm all Finger lng eine Tsche beizt? Wer ein rechtes Gefhl hat, kann
nicht in einem Hause sein, wo er sieht, da man eine schlechte Meinung von ihm
hat. Du bist geng e Ghl, Alti, sagte Joggeli. Heutzutag luegt man auf den
Nutzen und nicht auf die Meinung, und es nhmte mich wunder, wo Uli einen
grern Lohn machen knnte. Er wird sich wohl bsinnen, was er macht.
Unterdessen war Vreneli hinaufgegangen und hatte gesehen, wie Uli einpackte,
whrend ihm groe Tropfen ber die Backen kamen und zuweilen D Donner! halb
verdrckt ber die Lippen kam. Vreneli trat unter die Tre und fragte: Was
machst, was hast? Uli antwortete lange nicht, bis Vreneli nher trat und
endlich vernahm: Furt wott ih. Das tue nicht, sagte es, es ist ja nicht dr
wert; du mut dr Vetter nh, wie er ist. Aber Uli sagte: An Solches sei er
nicht gewohnt und habe es nie erfahren. Ob das nun der Lohn sei da er sich halb
tot arbeite und dem Meister seinen Nutzen suche, wo er knne. Er sehe wohl, wo
das hinaus solle. Zuletzt hnge ihm d alt Donner noch einen schlechten Namen
an, er begehre ihn zum Schelmen zu machen. Er wolle gehen, whrend es Zeit sei,
d Grnni knne dann sehen, wo er einen Andern hernehme. Er sei schon mehr als
ein halbes Jahr da, und d west Tfel hatte ihm noch nie gesagt, da er
zufrieden sei. Du hast es dann auch wie die Andern, sagte Vreneli. Ich mache
die ganze Haushaltung; er gibt mir keinen Lohn und ist noch imstande, mir zu
sagen, er htte mich dr Gottswillen. Wenn die Base nicht wre, wer wei, was ich
schon gemacht htte. Aber los, tue es uns nicht zuleid; du bist allen anstndig
und es ist es freins Debysi und es geht alles, da man Freude daran hat. Denk
nur, was der Melcher und Karrer fr Freud htten, wenn du auch fortgingest! Sie
wrden dir einen Lrm machen weit und breit, wie du fortgejagt worden. Du
mochtest sagen, was du wolltest, die Leute glaubten doch das Bsere. Mira
chnne sie, sagte Uli, was gheit es mih; so dabeisein will ich nicht mehr. Da
drhnten die schweren Schritte und der schwere Atem der Mutter die hlzerne
Treppe auf, welcher die Verhandlungen im Gaden zu lange gegangen waren. Es ist
gut, kommst du, Base, sagte Vreneli; du kannst ihm nun selbst sagen, er solle
nichts Einfaltes machen. Er will absolut fort. Das sollst du mir nicht, sagte
die Alte. Was haben wir dir zuleid getan? He, Ihr nichts, sagte Uli, Ihr
wret mir gar recht, aber der Meister ist wst gegen mich und trauet mir nichts,
will mich zum Schelmen machen, und bei einem Solchen bleibe ich nicht, my armi
- Verred dich nicht, Uli, sagte die Alte. Denk, es ist ein alter Mann, man
mu Geduld mit ihm haben; du wirst einmal auch froh sein, wenn man Geduld mit
dir hat. Das soll nicht mehr geschehen, ich verspreche es dir, und wenn wir dir
etwas tun knnen, so sag es nur, es soll nicht Nein sein. Ihr knnet lang
versprechen, sagte Uli, ich wei wohl, da das nicht Euer Wille ist, aber fr
Euren Mann knnt Ihr nicht gut sein. Wohl, das kann ich dann nadisch, wenn es
sein mu, er mu mich dann z'Zeiten auch noch frchten; aber er soll selbst noch
kommen und versprechen, da er dich knftig mit Beizen und Fecken ruhig lassen
will. Vreneli, geh und sag ihm, er solle heraufkommen! Aber Vreneli hatte einen
sehr harten Stand; Joggeli sagte, das wre das erstemal, da er vor einem Knecht
wrde anekneue, das tue er nicht. Wenn Uli ds Wstest machen wolle, so knne er,
aber anhalten tue er nicht. Vreneli sagte: Aber Vetter, Ihr seid doch zuerst
wst gegen Uli gewesen; wenn Ihr mirs so machtet, ich lief auch fort. Wrdest
aber bald wieder kommen, wenn dir niemand nachliefe, sagte Joggeli. Das ist
noch die Frage, sagte Vreneli; aber Uli kmmt nicht wieder, das kann ich Euch
sagen, und wer soll dann ernten: He nu, so sag myr Alte, sie sll ihm anhalten
und ppe ein paar Batzen in die Hand drcken, so wird er sich schon
niederlassen. Base hat Euch schon manchmal gut gemacht, sagte Vreneli, aber
dasmal macht es sich nicht damit. Uli will fort, wenn Ihr ihm nicht versprechet,
da so etwas nicht mehr geschehen soll, und dann knnt Ihr sehen, wie es gehen
wird in der Ernte, whrend jetzt ja alles wie am Schnrchen lauft. Gell, es
ging dir am belsten, wenn Uli fortging, du knntest dann nicht mehr mit ihm
desumeschleipfe. Vetter, ich schleipfe mit niemand desume, aber Ihr seid dr
wstest Mann, wo es gibt; Ihr msset doch afe ein Nichtsnutziger gewesen sein,
da Ihr niemand trauet. Aber machet meinethalb, was ihr wollt; was gheit mich dr
Uli und was gheits mih, wenn ds Korn auf den ckern bleibt!
    Damit war Vreneli verschwunden, umsonst rief ihm der Vetter nach. Er nahm
nun seinen Stecken, ging langsam hinaus, rief seiner Frau. Als die nicht
Bescheid gab, kam er immer nher an Ulis Gaden, bis seine Alte ihm sagen konnte:
Er solle hinaufkommen, sonst gehe es nicht gut. Das sei ihm doch ein Lrm um
nichts, sagte Joggeli, er knne gar nicht begreifen, was er da tun solle und
warum Uli so dr Gring mache, das sei ihm afe dr wert. Er htte es ja nicht bse
gemeint und nur wissen wollen, woran er sei, und dazu habe er das Recht, das
lasse er sich nicht nehmen. Du httest doch afe Ursache gehabt, dem Uli
z'glauben, sagte seine Frau. Er htte auf dem Glauben nicht viel, sagte
Joggeli, er wolle seine Sache lieber gewi haben. Wenn einer so viel betrogen
worden sei in seinem Leben wie er, er nhmte dann die Sache auch genauer. Es sei
immer alles unter einer Decke gegen ihn, er nehme niemand aus. Das sei schon
lange gewesen und werde immer so bleiben, bis er die Augen zutue. Darum begehre
er nicht mehr dabeizusein, sagte Uli, er sehe wohl, da er ihm nie trauen werde,
und er mge nicht an einem Orte sein, wo Keines dem Andern traue. Ja, sagte
Joggeli, da knne er weit laufen, ehe er einen Ort finde, wo alles einander
traue. Darum solle er nicht so wst tun. Fecken wolle er ihn nicht mehr, das
wolle er ihm gesagt haben. Aber er solle dann deshalb nicht meinen, er hatte
nicht zwei Augen im Kopf. Es msse sich ein Mensch immer etwas zu furchten
haben, der Teufel gehe ja umher wie ein brllender Lwe und suche, wen er
verschlinge. Diesmal sei aber er der Tfel gewesen, der ihn habe verschlingen
wollen, und das sei wst von ihm, sagte Uli. He, er wolle es nicht mehr tun,
sagte Joggeli, er solle jetzt zufrieden sein, er selbst sei auch zufrieden, und
es wre ihm zwider, wenn er wieder um einen neuen Knecht aus mte, und er
glaube, erfnde kaum einen bessern. Die Leute seien neue heutzutage nichts mehr
wert. Wenn man sie schon berglden wollte, so finde man sie nicht, wie man sie
suche. He, sagte die Frau, wir sind alle arme Snder und du bist auch kein
Engel. Aber gt jetz enangere dHng und hret uf branzen! Uli, du hast gehrt,
mein Mann will das nicht mehr tun, und komm jetzt herab, ich habe ein Kaffee
zweg, du mut auch ein Kacheli nehmen. Man wird erst recht mit einander
zufrieden, wenn man mit einander it und trinkt, bsunderbar ein Kacheli Kaffee.
Uli, auch an den Brief seines Meisters denkend, lie sich dazu verstehen, ward
wieder zufrieden. Joggeli tat auch zufrieden, bei sich selbst aber dachte er:
seinem Weibervolk msse er aufpassen, das knne es viel zu gut mit Uli; wenn das
so fortgehe, so sei er verraten und verkauft.
    Die Ernte kam mit all ihren Anforderungen. Zur Erntezeit treffen mehrere
Arbeiten zusammen. Die Kirschen sind reif; Flachs, Werch wollen gezogen, besorgt
sein. Es beginnt auch an manchen Orten schon das Strauchen, Lewatsen usw. Es
ist kein Werch, wo so das Ganze ins Auge gefat, die Zeit benutzt, die Arbeiter
verteilt sein wollen, damit allem sein Recht geschieht, nichts zuschanden geht,
wie die Ernte. In derselben wird recht eigentlich die Tchtigkeit des Landmannes
gefeckt. Fast allemal in der Ernte hatte Joggelis Frau das Gallenfieber gehabt.
Entweder war niemand da, der ihr kirschen wollte, als die Spatzen; das Werch
berreifete oder man lie es an den Haufen hei werden, den Flachs verga man
entweder zu ziehen oder auf die Rooe zu fhren und auf der Rooe zu kehren. Fr
nichts hatte man Zeit. Wohl aber konnte man ganze halbe Tage ums Haus herum
drehen und werweisen, ob man an dieses hin wolle oder an jenes? Und whrend man
fr dieses die Zeit zu kurz fand, fr jenes zu lang, verrann die Zeit, und es
blieb keine mehr als fr zu essen und zu Bette zu gehen.
    Nun ging die Sache anders. Uli hatte alles im Auge und daher auch fr alles
Zeit. Jeder Augenblick wurde benutzt, jeder Arbeiter wute, was er zu tun. Hatte
man nicht mit dem Korn zu schaffen, so wute man schon im voraus, woran man
mute, verlor mit Stotzen, Fragen, Werweisen keine Zeit. Es wurde auch nicht
gezankt, nicht die Last von Einem zum Andern geschoben, denn sie war gleichmig
verteilt, daher fhlte sich niemand gedrckt. Die Arbeit ging aus den Hnden
fort, man wute nicht wie, und der Meisterfrau lachte ununterbrochen das Herz im
Leibe, wenn die Krbe mit Kirschen kamen, Flachs und Werch in schnen Spreitenen
vor ihr sich ausdehnten - dort hngte man den Flachs nicht an Schatten, ehe man
ihn rffelte. Hingegen Joggeli trippelte gar unruhig umher, er dachte nur ans
Korn, hatte Angst, man versume dasselbe, und konnte gar nicht begreifen, wie
das zuging, da man an allem sein konnte und doch das Korn auch einkam und zwar
so, da sie die Sichelten mit den andern Leuten am gleichen Samstag haben
konnten. Sonst war es der Brauch, da man sie in der Glunggen acht oder vierzehn
Tage spter hatte. Und Joggeli meinte sich noch damit. Er sagte: Mir hey se
erst ber acht Tag, aber es ist sich nichts zu verwundern, kurzi Haar sy bald
brstet. Er wollte es da, her fast ungern haben, als er mit den Andern fertig
war. Die Leute werden meinen, dachte er, er vermchte nicht mehr so viel
anzusen als sonst. Die Leute wuten aber wohl, woher es kam.
    Die Sichelten ist einer der Haupttage im Baurenleben. Einem armen Tauner und
seinem Weibe, welche das ganze Jahr durch die Erdpfel sparen mssen und kein
Brsmeli Fleisch sehen, ist eine Sichelten, an der Wein, zwei- oder dreier
Gattig Fleisch und Kchleni genug sind, wirklich ein Tag aus dem tausendjhrigen
Reich, auf den sie sich das ganze Jahr durch freuen und traurig seufzen, wenn er
vorbei ist. Der Geizigste schmt sich an diesem Tag, zu schmrzelen, und wenn es
ihn schon reut, er verbirgt es. Es liegt auch eine Art von religisem Gefhl,
oder wenn man will, eine Art von Aberglaube zugrunde. Es ist eine christliche
Opfermahl, zeit. Der Geber alles Guten hat wiederum seine Hand aufgetan, den
Flei des Landmanns gesegnet, den Scho der Erde gesegnet; da kmmts auch dem
Hrtesten, da er Gott Dank schuldig sei, etwas opfern solle. Er rstet eine
Mahlzeit, gibt ungezhlt die Kchleni weg an der Kchetre und lt essen und
trinken eine Nacht und einen Tag lang seine Leute, seine Shne und Knechte und
Mgde und den Fremdling, der bei ihm wohnet, so viel ihr Herz gelstet. Wo die
rechte alte Freigebigkeit noch vorwaltet, da heit man nicht nur die, welche in
der Ernte gearbeitet haben, kommen, sondern noch Andere, die durch das Jahr
durch fr das Haus gearbeitet haben. Und weit und breit wird erzhlt, wie einst
einer einen Arbeitsmann auf der Str gehabt habe an einem Samstag, der am Abend
mit aller Arbeit fertig geworden wre. Am Mittag sei er zu ihm gegangen und habe
ihm gesagt, er wolle mit ihm abschaffen, sie knnten ihn jetzt entmangeln.
Darauf habe jener gesagt, es sei ihm zwider, jetzt fortzugehen, so verliere er
einen halben Tag, und bis am Abend wurde er fertig. Nein, sag du nur, was ich
dir jetzt schuldig bin, wir knnen dich entmangeln. Ich will dirs fry sagen,
warum: diese Nacht haben wir die Sichelten, da haben wir neue nicht Platz fr
dich. Komm dann eher morgen e Rung wieder, wennd gern willst.
    Ist dieser Opfertag vorbei, dann liest der Geizige die Brosamen zusammen,
tut sie sorgfltig an Schatten und schliet Kisten und Ksten fr ein Jahr lang
zu.
    Freilich mu es dem Landmann an diesem Tage wohl zu, mute sein. Es hat ihm
der Herr fr ein Jahr das tgliche Brot beschert, sein Flei ist gesegnet
worden, seine Kinder drfen nicht Hunger leiden, und seine Frau kann wieder Arme
speisen, Drstende trnken, in behaglicher Flle sitzet er. Da kann ihm wohl
sein, es ist ihm erlaubt. Aber Essen und Trinken sollten doch nicht das einzige
Opfer fr Gott sein, nicht die einzigen Dankeszeichen. Der Herr hat die
eingeernteten Frchte ein ganzes Jahr durch gesegnet und behtet: kann man ihn
wohl mit einem einzigen Tage abspeisen? Sollte man fr diesen Herrn nicht auch
das ganze Jahr hindurch ein Herz im Leibe tragen, das in Dankbarkeit fruchtbar
ist, das nie vergit, da ohne den Willen des Herren kein Haar von unserm Haupte
fllt und da jedes Wort und jeder Gedanke vor ihm offenbar ist und da wir die
Armen allezeit bei uns haben und nicht nur an der Sichelten?
    In der Glunggen war das auch ein sehr festlicher Tag und nichts wurde
gespart. Viele Menschen genossen ihn da, und aus dem Anken, der verkchelt
worden war, seit die Glungge bestund, htte man wohl einen Murtensee machen
knnen. An diesem Tage, wenn auch das ganze Jahr nie, kam der Sohn mit seiner
Familie von Frevlingen, wo er sein Wirtshaus hatte, und tat sich gtlich an den
vterlichen Kchlene. Er tat wie einer, der gerne htte, man meine, er sei
vornehm; er setzte den Hut auf die Seite, hatte die Hnde in den Hosenscken
oder schlenggete die Arme und machte ein Gesicht, wie wenn er die sieben
Haimonskinder samt ihrem Rosse Bayard lebendig gefressen htte, und sagte allem
Bunschur, Bunschur! Seine Frau war ein Hpeli und Zipperynli und sagte
Merci. Sie war eine reiche Tochter gewesen und hatte gelernt zu schlottern,
wenn sie etwas anrhren sollte. Sie zog sich prchtig an, aber alles blampete an
ihr herum wie an einem Geielstecken. Sie tat sehr meisterlosig, ein
Hhnelifecken war das Gemeinste, an dem sie schleckete. Sie gebrdete sich sehr
vornehm, aber das gemeinste Stdi war ihr gut genug, um ihm zu rhmen, wie reich
sie sei und wie vornehm, wenn es ihr nur zuhren wollte. Sie hatten drei Kinder,
in denen Vater und Mutter verschmolzen waren. Sehr hoffrtig waren sie
angetoggelt und machten sehr freche Gesichter. Kehrum schrie eins, und dann
schrie der Mann: Wer macht mr dKing geng z'brlle? Ih will de luege, ob das
geng so gah me! Und sie sagte: Schwyg ume, schwyg, du mut dann eine Feige
haben und ein paar Mandlen dazu! Hatte dieses das erhalten, so schrien die
andern, bis sie auch hatten. Sagte die Mutter: Jetzt hab ich keine mehr, so
fingen alle drei zu schreien an. Dann fluchte der Vater: Warum sie auch nicht
genug mitgenommen htte, sie mache es immer so. Aber sie sollten nur schweigen,
beim nchsten Krmer wolle er kaufen, bis sie genug hatten. Die Knaben hieen
Edewarli und Ruedeli, das Mdchen aber Carelini.
    Joggeli hatte immer ein heimlicher Schrecken, wenn die kamen, er wute wohl
warum; indessen meinte er sich doch mit ihnen. Die Alte hatte eine recht
mtterliche Liebe zu ihrem Sohne und eine noch grere zu seinen Kindern;
indessen klagte sie, sie kmen ihr gar so fremd vor, und wenn sie fortfuhren, so
leichtete es ihr allemal, denn sie wute nach zwei Tagen schon nichts mehr zu
essen zu geben, da es ihnen recht war. Elisi hatte rechte Freude, wenn sie
kamen. Elisi und die Schwgerin Trinette (ehemals Trini) zeigten einander ihre
Kostbarkeiten, und Eins redete herrscheliger als das Andere von seinen
Krankheiten, und Eins tat dummer als das Andere mit seinen Manieren. Glaubte nun
Elisi Meister zu sein mit den Kostbarkeiten und Krankheiten und Manieren, so
hatte es groe Freude und lie Trinette ungern ziehen und plrete und wollte
nicht Adie machen. Ward aber Trinette Meister und hatte schwerere Hafte oder ein
sydigeres Tschpli, mehr Krmpfe gehabt oder eine lngere Badefahrt gemacht,
eine vornehmere Mauggere ersonnen oder zmpferere Scheti, so plrete Elisi,
solange sie noch da waren, versteckte sich und kam erst wieder zum Vorschein,
wenn Trinette schon im Schrbank war. Da lchelte Elisi dann, hatte Handschuhe
an, an denen die Fingerspitzen abgehauen waren, ein schnes weies Nastuch in
der Hand, eine Stndelikappe auf dem Kopf, glitzerte von lauter Gold und Silber,
sagte A revoir und Bon voyage, und wenn der Kohli zog, so sagte Elisi: Es
sei froh, da sie endlich fort seien; der Bruder sei ein Grobian, Trinette htte
mauvais got und die Kinder de mauvaises manires. Es mchte keinen Mann,
pfitusig! Aber wenn es einen bekommen sollte, so mchte es keine Kinder,
pfitusig! Aber wenn es deren bekommen sollte, und man wisse ja, was man hasse,
msse man haben, so wollte es die ganz anders erziehen; sie mten ihm nicht so
dicke Knderen sein und so verfrorne Nasen haben und rote Schuhe, sie mten ihm
schlanke Tournure haben und feine Gesichter und gwixte Stifeli. Es wrde sich
schmen, mit solchen groben Ttschen spazieren zu fahren.
    Vreneli sprach selten ein freundlich Wort, solange der Besuch da war. Sie
behandelten ihns nicht wie eine Dienstmagd, sondern mit recht eigentlicher
Verachtung; hchstens versuchte der Sohn, einige handgreifliche Spe an ihm
auszulassen. Zudem rgerte es ihns, wie sie die Alten auszubeuten suchten auf
jegliche Weise und ihnen doch alles nicht gut genug war. Trinette konnte nicht
genug erzhlen, wie viel sie von Hause erhielte und wie sie es gar nicht machen
knnten, wenn ihre Eltern nicht so viel geben wrden. Dann wute sie zu sagen,
dieses htte ihr der Vater gegeben und jenes die Mutter, und als sie das
letztemal bei ihnen gewesen, htte ihr der Vater sechs Neutaler gegeben und die
Mutter zehn und Beide ihr gesagt, wenn sie etwas mangle, so solle sie nur
kommen, wo das gewesen sei, sei noch mehr. Natrlich wollte dann die gute Mutter
auch nicht die Letzte sein, rckte auch aus, fast ber Vermgen, und bekam kaum
ein Dankeigist dafr.
    Die Kinder waren in allem, verdarben alles, und wehrte man ihnen das
Geringste ab, so sagten sie einem entweder wst oder schrien wie angeschossene
Seeklber. Der Sohn trieb seine Sache dagegen ins Groe. Bald kaufte er dem
Vater eine Kuh ab und zahlte sie ihm nie oder brachte ein lahmes Ro und nahm
das beste mit, vorgebend, das eine zurckzusenden, das andere holen zu lassen,
verga es aber; oder er mute einen Wechsel zahlen, den ein Weinherr auf ihn
gezogen, und war nicht berflssig im Gelde, und der Vater sollte ihm
vorschieen, erhielt es aber nie wieder. Irgend eine dieser Schrpfeten ging
allemal vor, wenn er da war. Dabei behandelte er Vater und Mutter als dumme
Baurenleute mit souverner Verachtung, nicht viel besser als zwei Geldseckel, zu
denen man Sorge trgt, solange Geld darin ist. Er brachte es allemal als einen
Tageswitz heim nach Frevligen, wie er seinen Alten abermals zu Ader gelassen. Er
wunderte sich diesmal gar sehr ber die Ordnung, die er in der Glunggen antraf.
Die schn glatten, saubern Bume, aufgebunden die jungen, der stattliche
Misthaufen, die Aufgerumtheit allenthalben trotz der Ernte fielen ihm alsobald
in die Augen. Als er sein Pferd in den Stall begleitete, wie blich, wunderte er
sich noch mehr ber die Reinlichkeit darin und die schnen, wohlbesorgten Pferde
und rgerte sich, da er diesmal kein lahmes mitgebracht. Nicht weniger gefiel
ihm der Kuhstall und absonderlich die junge Kuh, die Uli in Bern gekauft, die
jetzt zu kalben stand und wenigstens drei Dublonen mehr wert war als vor drei
Monaten, so gut hatte sie getan. tti, was fangst du an in deinem Alter? sagte
der Sohn, fangst erst jetzt recht an dich zu rhren? Hast die schnste War, und
es ist allenthalben wie an einem Sonn, tage. Gefllt es dir? sagte Joggeli
kurz. Aber die Mutter konnte sich nicht enthalten, zu sagen: Wir haben einen
gar guten Meisterknecht, der nimmt sich der Sache an, wie wenn sie sein wre,
und versteht alles wohl wie ein alter Bauer, es ist jetzt auch eine rechte
Freude, dabeizusein. Der Sohn sagte auch nicht viel darauf, aber er trappete
mehr als sonst auf dem Lande herum, sah das letzte Korn laden und einfhren,
ging durch die Matten, da der Alte sagte: Er knne nicht begreifen, was der
Johannes habe, er laufe allenthalben herum und gschaue alles so wohl; ob er wohl
meine, er knnte den Hof vielleicht bald erben? Aber er sei sich noch nicht
Sinus, bald da dnne, und es htte schon mancher Alte mit jungen Beinen pfel ab
den Bumen geworfen. Nicht da er das begehre, aber nur so zu sagen.
    Als es dunkelte, sollte die Sichelten angehen, aber man hatte seine liebe
Not, die Leute herzuzubringen. Vreneli, krebsrot von Kcheln und Kochen den
ganzen Tag, war zuletzt zornig und sagte: Die Tfels Schnrfline htten den
ganzen Tag schon die Finger geschleckt bis zu den Achseln und noch bas hingere,
und jetzt wollte sich Keiner dafr halten, Keiner sich herbeilassen; so knne
man nicht anrichten, nicht mit der Sache ab Weg, und dann am Morgen sei Keiner
vom Tisch wegzubringen und hockten da wie angebrnntet. Man mute diesem
nachschicken und jenem, und am Ende war doch noch jemand nicht da, den man bei
den Ohren htte herbeireien sollen.
    Da war eine gelbe Safferetsuppe in mehreren Kacheln auf dem Tische, wo das
Brot so dick eingeschnitten war, da man auf eine Kachel htte knien knnen,
ohne da das Brot ein Dmpfi bekommen htte. Dann kam Rindfleisch, grnes und
drres, Speck, Schnitze, Kchleni von drei Arten, alles hoch aufgebyget, und
einige mige Flaschen stunden auf dem Tisch, und fr alles war kaum Platz, da
die Auftragenden oft in der grten Verlegenheit waren, wo abstellen. Spatzen im
Hirse mu es wohl sein, aber die wissen doch noch lange nicht, wie es einem an
einem Sicheltentisch ist, der unter seinen Lasten sich biegt und unter dem man
seine Beine gar nicht zum Stillehalten bringen kann, weil sie auch hinauf
mchten und sehen, was da oben so herrlich riecht.
    Und doch war es nicht allen gut genug dort. Ds Elisi und Trinette mochten
nicht zu den groben Leuten und Speisen. Im Stbli war ein besonderer Tisch
gedeckt, auf dem war roter Wein, waren Fische an einer Sauce und Zuckererbse und
Braten von Klbern und Tauben, gebackene Fische, Hamme und Kuchen, Zpfen statt
Brot und ein Knnchen voll sen Tees fr die Liebhaber und Dessert, den die
Wirtin seit der vorjhrigen Zehntsteigerung aufbewahrt hatte. Die Kinder gingen
von einem Tisch zum andern, taten immer an einem Tisch wster als am andern, bis
sie endlich, zu voll von Speise und Trank, wie wste kleine Teufelchen zu Bette
gebracht werden muten. Ds Elisi und Trinette erzhlten einander, was sie alles
erleiden mchten, was nicht, rmpften ber alles die Nase und sagten, was ihnen
dies mache und was jenes; das Eine blhte sie und das Andere lag ihnen sonst im
Magen, das Eine lie sie nicht schlafen, das Andere brachte ihnen das Toggeli,
das Eine schlug ihnen in die Augen, das Andere in die Ohren, das Eine verstopfte
sie, das Andere machte ihnen den Durchlauf. Unterdessen aen sie von dem, was
sie verstopfte und was ihnen Durchlauf machte, das mute sich ja gegenseitig
aufheben, und auch dem Trinken sah man ihre Krnklichkeit eben nicht sehr an.
    Johannes hielt sich nicht lange am Familientische auf, sondern machte sich
bald hinaus zum Gesinde und blieb dort bis der Morgen grauete und alles die
Betten suchte. Er gab sich besonders mit Uli ab, setzte ihm zu mit Trinken, gab
ihm Tabak und fhrte mit ihm Gesprche ber allerlei, da es Uli vorkam, der
Wirt von Frevligen sei nicht halb so hochmtig, als man ihn verschreie. Am
meisten aber verwunderte sich Uli, als derselbe schon morgens frh in den Stall
kam, wo er alleine hantierte, whrend die andern Knechte noch schliefen.
    So, bist du schon zweg und alleine? sagte der Wirt. He ja, antwortete
Uli. Die War hat gestern nicht Sichelten gehabt und hart arbeiten mssen; da
wre es nicht billig, wenn sie lnger auf ihr Fressen warten mte. Es denken
aber nicht alle so, sagte der Wirt, und darum habe ich dich etwas fragen
wollen. Weit du was, komm du zu mir; ich htte einen Platz fr dich, wo du
wenigstens zehn Kronen hher kmmst als hier, und all Tag mut du deinen Wein
und dein Schnfeli Fleisch haben. Aber was sagt der Meister, wenn Ihr mich
abdinget? Was geht das dich an? sagte der Wirt, da la du mich sorgen. Du
bleibst doch nicht lange da; mein Alter ist viel zu wunderlich und mitreu, er
kann niemand behalten. Bei mir ist das ganz anders: ich bin viel nicht daheim
und meine Frau ist ein Pflartsch, da mu ich einen Knecht haben, dem ich alles
anvertrauen darf. Und wenn mir einer anstndig ist, so hat einer bei mir einen
Posten, wie im ganzen Land keiner mehr ist, er kann es haben wie ein Herr. Komm,
du sollst dich nicht reuig sein. S, da hast du einen Neutaler Haftgeld.
Behaltet nur Euer Geld, sagte Uli, das macht sich nicht so geschwind. Ich
habe diesen Augenblick nichts zu klagen, vor vier Wochen wre es anders gewesen.
Man ist gut gegen mich, besonders die Meisterfrau, und dann halte ich nichts
darauf, weiterszugehen, wenn es einem an einem Orte wohl ist. Der Wirt lie
nicht nach mit Drngen, man hrte Gerusch am Brunnen, Uli sagte endlich, er
wolle sich besinnen. Er mute versprechen, in vierzehn Tagen den Bescheid zu
geben. Als sie aus dem Stall traten, ging eben Vreneli mit einem Zber Wasser
ins Haus.
    Am Mittag ging Essen und Trinken von neuem an; nur Elisi und Trinette taten
schmchtig, klagten ber allerlei und taten, als ob sie kein Brsmeli
hinunterbringen knnten, packten aber doch unvermerkt ziemlich ein. Im
Nachmittag reisete der Besuch wieder ab, nachdem Johannes noch einen neuen,
schnen Fnfbtzler dem Uli in die Hand gedrckt und mit den Augen bedeutsam
zugewinkt hatte. Die Gromutter sah dem Schrbank lange nach und sagte endlich:
Die Kinder sind mir lieb, aber wst tun die doch, es hat keine Gattig; die
mten mir noch anders drssiert sy, wenn ich immer um sie sein sollte. Drinnen
sagte sie zu Vreneli: Dr Johannes macht doch je lnger je mehr dr Gro; denk
doch, het d schieig Narr nit dem Uli einen neuen Fnfbtzler zTrinkgeld g!
Er wird wohl wissen, warum er das getan hat, sagte Vreneli. Dr Herr wott er
mache u zeige, da er wei, was unter dr Herrschaft dr Bruch syg, das wott er,
sagte die Alte. Nein, Base, sagte Vreneli, er will noch etwas anderes, ich
darfs Euch fast nicht sagen, aber es ist ein wstes Stcklein vom Johannes.
Diesesmal hat er den Vetter weder um ein Ro noch um eine Kuh gebracht, aber den
Uli will er ihm ab, dingen, darum hat er ihm auch das Trinkgeld gegeben. Was
du nicht sagst, d Uflat! sagte die Alte. Wenn man den eigenen Kindern nicht
mehr trauen darf, dann ist doch nicht mehr dabeizusein. Johannes, Johannes, was
bist du doch fr ein Umnsch! Aber seine Frau ist schuld daran, sie macht ihn
so, er ist allbets doch nicht so gewesen! Aber woher weit du das? Ich holte
am Morgen frh Wasser, es wollte aber keine Jungfrau auf. Da war Johannes, der
sonst bis um zehn im Bett liegt, schon bei Uli im Stall, das wunderte mich.
Whrend mir das Wasser in den Zber lief, loste ich der Sache ab und hrte, wie
Johannes Uli drngesilierte und ihm einen Neutaler Haftgeld geben wollte. Uli,
hat er ihn genommen? Nein, er stellte sich recht brav, ich htte es nicht von
ihm geglaubt. Sie hrten mich wahrscheinlich und brachen ab; ich vernahm nur
noch, wie Uli vierzehn Tage Bedenkzeit nahm. Aber ich glaube, wenn der Vetter
ihn zur rechten Zeit frgt ums Dableiben, so werde es keine Not haben. Er hat
mich schon manchmal fast wild gemacht, sagte die Alte. Er will die Diensten
nie fragen, er meint, es sei an ihnen. Aber seit wann frgt ein rechter Knecht
selbst? Dann sagt er, sie arbeiteten viel brver, ehe man sie gefragt habe.
Sobald man sie einmal wieder fr ein Jahr gedungen, sie des Dienstes sicher
seien, so werden sie ganz gelassen und sie dchten, es hatte es wieder fr ein
Jahr, ob sie nun etwas mehr oder etwas weniger arbeiteten. Ja, sagte Vreneli,
dr Vetter nimmt immer alles in eine Wid, und weil er die guten wie die
schlechten hlt, so kmmt er nie zu guten. Er mu den Uli noch heute dingen,
sagte die Alte. Aber verratet mich nicht, da ich es gehrt, sonst hingt mir
der Vetter wieder ein Schlemperlig an; er trauet mir auch nicht mehr als dem
rgsten Mnsch, ermahnte Vreneli.
    Die Alte suchte ihren Eheherrn und brachte ihm vor: Denk ume o, was dr
Johannes fr e Uflat isch, wott er is nit dr Ueli abdinge! Joggeli tat nicht
halb so verwundert, sondern meinte, etwas msse der Johannes immer verben,
entweder ihm etwas abstehlen oder abschwatzen; er sei von Jugend auf so gewesen,
aber er sei nicht schuld daran. Darauf wollte er wissen, wie seine Frau die
Sache vernommen. Natrlich bekannte sie bald, da sie es von Vreneli habe. Ich
kann dir nicht sagen, Frau, sagte Joggeli, wie mir das Meitli zwider ist; es
hat seine Nase in allem innen, und hinten und vornen heits immer nur: Vreneli,
Vreneli. Das hat ein Gschleipf mit dem Uli, zahl darauf. Was htte es so frh
beim Stall zu tun gehabt, wenn es ihm nicht htte nachstreichen wollen? Aber
zhl darauf, sobald ich darberkomme, so jage ich es fort. Es hat schon Schande
genug in die Familie gebracht, es soll nicht noch mehr bringen, die wste
Tsche! Dann knne er selbst die Haushaltung machen, sagte seine Frau. Das sei
nicht reche, da Vreneli jetzt alles ausessen solle. Es htte ihnen zGutem
wollen, und jetzt wolle er es schlecht machen. Wenn sie von allen verraten und
verkauft wrden, so sei er selbst schuld daran. Sobald eins ihnen einen Dienst
erweise, so hnge er ihm etwas an, statt ihm zu danken. Aber mach meinethalb,
was du willst, me isch umen e Ghl, we me dir zGuetem will.
    Joggeli bedachte sich die Sache wohl, und sie ging ihm im Leibe herum wie
ein Wurmpulver.

                              Achtzehntes Kapitel


        Wie eine gute Mutter viel Ungerades gerade, viel Bses gut macht

Am Abend ging Uli den Kirschbumen nach, um zu sehen, wo noch gekirschet werden
msse; unversehens war Joggeli bei ihm. Nachdem sie allerhand verhandelt, sagte
Joggeli:
    Die Ernte sei gut gegangen, die Arbeit gut gelaufen, nur msse er nicht
meinen, da man dem Weibervolk alles machen msse, woran es sinne; das Korn sei
die Hauptsache, der andern Sachen htte man sich nicht zu achten, wenn es nur
mit dem Korn gut gehe. Zum Zeichen der Zufriedenheit wolle er ihm da etwas
geben. Er drckte ihm einen Neutaler in die Hand. Uli dankte, sagte aber doch:
Es sei ihm nicht wegen dem Weibervolk und er wisse wohl, da das Korn die
Hauptsache sei; aber er meine, man msse alle Sachen achten und womglich gar
nichts Schaden leiden lassen. Er htte ihn auch gleich fragen wollen, ob er
gedenke, zu bleiben, fragte Joggeli. Er wisse nicht recht, was er sagen solle;
es sei ihm zu, wider, frers, aber er sei auch nicht gerne an einem Orte, wo man
nicht mit ihm zufrieden sei, ihm nicht traue. Wenn er wte, da noch etwas der
Art geschehen wrde wie letzt, hin, so wollte er gleich gehen, antwortete Uli.
Er hatte es ja gehrt, sagte Joggeli, da er zufrieden sei, und so wolle er ihm
gleich noch einen Neutaler Haftpfennig geben. Er htte es sonst nicht im Brauch,
wenn er wieder dinge, aber am Ende vermochte er es so gut als Andere. Er wolle
lieber seine Neutaler selbst brauchen, wie er wolle, als Andere mit seinen
Neutalern ihm Streiche spielen lassen. Da dachte Uli an diesen Morgen und sagte:
Wer ihm das schon wieder gesagt habe? He, Uli, sagte Joggeli, es ist denen
immer am mindesten zu trauen, wo vorwrts am meisten schlecken und einem
nachstreichen. So machen es gewhnlich die falschen Katzen, die geben einem
hinterrucks den Talpen, und damit hpperlete Joggeli an seinem Stecken gegen
fligen zu, wo er gerne an einem Sonntage seinen Schoppen nahm.
    Die letzten Worte warfen Uli einen Stachel ins Herz, er wollte fast, er
htte den letzten Neutaler nicht genommen. Wem sollte er nicht trauen? Wer hatte
ihm den Talpen gegeben? Doch wohl Vreneli! Das war vom Brunnen weggegangen,
mute allem an die Verhandlungen gehrt haben. Er hatte es mit allen gut
gemeint, niemand etwas zuwider getan und glaubte sich namentlich mit Vreneli in
einem gewissen zutraulichen Einverstndnisse ohne alle Liebe. Die Bezglichkeit,
die mehr oder weniger zwischen einem hbschen Burschen und einem hbschen
Mdchen, welche in einem Hause wohnen, entweder anziehend oder abstoend
stattfindet, merkt man oft lange nicht. Aber Vreneli war im Hause, was Uli auer
dem Hause; sie konnten einander viel zuwider, viel zu lieb tun. Uli hatte nun
geglaubt, das Letztere getan zu haben, weil es auch der Meisterleute Nutzen war,
da sie einander in die Hand arbeiteten und gemeinsam das Gemeinsame frderten.
Ulis schlichter Verstand begriff, wohin es kommen mu, wenn ein Departement
hieaus will, das andere daaus und die Departemente ungefhr das vorstellen am
Staate, was die unbndigen Hengste an einem Verbrecher, der zerrissen werden
soll. Uli hatte in dieser Beziehung mehr gesunden Verstand als manches
Departement in corpore, zum Beispiel als gegenwrtig das Departement des
Auswrtigen in Paris.
    Nun war also Vreneli falsch an ihm und verklagte ihn hinterrcks, das tat
ihm weh. Er hate das Kelerwesen, wo immer Feindseligkeit herrscht, bald die
Einen verbndet sind und bald wieder die gestern Verbndeten als Feinde sich
gegenberstehen, er war daran nicht gewohnt.
    Je lnger die Sache ihm im Herzen wurmte, desto rgerlicher wurde er; er war
oft darauf und daran, den Haftpfennig wiederzugeben und expre zu Johannes zu
gehen. Natrlich war er dabei mrrischer als sonst, hatte sein frhliches
Aussehen nicht, war einsilbig ber Tisch, lie hier und da einen Trumpf fliegen
und tat manchmal, als hrte er etwas nicht, das ihm gesagt wurde. Die Mutter
fragte mehr als einmal: Was hat doch auch Uli, er ist ganz ein Anderer; was ist
ihm ber den Weg gelaufen, oder wer hat ihm etwas zuleid getan? Es wute
niemand etwas. Sie fragte Joggeli: Ob er ihm etwas getan und ob er ihn
eigentlich gedinget oder nicht? Der lchelte und sagte: Sie solle nicht Kummer
haben, es sei alles im Reinen. Sie sagte Vreneli, was doch wohl das sei und es
solle mit Uli reden. Aber Vreneli sagte: Das tue es nicht. Es htte Uli nichts
zuleid getan, und doch sei er gerade gegen ihns am wstesten. Wenn es ihm etwas
sage, so tue er, als hre er es nicht, und handkehrum lasse er etwas fliegen,
das ein Trumpfsein solle, aber es wisse nicht, auf was. Sie solle selbst mit Uli
reden, es schicke sich fr sie am besten. So sei allerdings ein langweilig
Dabeisein und es wollte lieber, das whrte nicht zu lange.
    Die Mutter ging einmal wieder zur Kirche, es war ein Ereignis zu fligen.
Die gute Mutter hatte so viel zu sehen: die Kanzel war neu angestrichen worden,
einige Bnke hatten Lehnen bekommen, junge und alte Menschen waren da, die sie
nicht kannte, da die Predigt aus war, ehe sie daran dachte. Sie htte ihr
Lebstag noch nie so kurze Zeit in einer Predigt gehabt, sagte sie, es msse ihr
knftig wahrhaftlich mehr gegangen sein. Der Pfarrer knne es wie Schnupf, nur
mache er es wohl kurz, sagte sie. Nach der Predigt ging sie zum Krmer, kramete
allerlei, unter anderm auch ein seidenes Halstuch mit schnem Rande.
    Als sie heimkam, wartete alles mit Verlangen auf sie zum Essen, denn die
gute Frau hatte gar lange beim Krmer sieh aufgehalten. Dort war ja fast noch
mehr zu sehen als in der Kirche, dazu mute man noch mrten und konnte darber
ein noch manches fragen, das man in der Kirche gesehen. Sie konnte sich nicht
satt erzhlen von ihren Genssen whrend diesem Morgen und sagte auch: Das msse
ihr knftig wger fleiiger in die Kirche gegangen sein. Wenn der Pfarrer nur
nicht so exakt luten liee, sie glaube, sie ginge alle Sonntage.
    Nachmittags, als das Volk verflog, sah sie unvermerkt nach Uli, wo der
hinginge. Als sie ihm nach einiger Zeit in sein Stbchen folgte, fand sie ihn in
der Bibel lesend. Du siehst ja nichts hier, sagte die Frau, warum kommst du
nicht mehr hinab in die Stube? Du tust seit einiger Zeit so wunderlich, ich kann
mich nicht auf dich verstehen, und sonst wre ich so zufrieden mit dir. Du hast
mir so schon zum Flachs und zu den Kirschen gesehen, und deswegen habe ich dir
nur so als ein Zeichen ein Halstuch gekramet; aber jetzt mchte ich auch wissen,
was du hast. Hat dir jemand etwas in den Weg gelegt oder dich aufgereiset, oder
was ists? Das htte sich nicht gebraucht, sagte Uli, das Halstuch mit
Wohlgefallen betrachtend, er htte nichts Apartes gemacht. Aber was dublest,
was hast dann? He, so wolle er es geradeaus sagen. Bse sei er ber Vreneli.
Das htte ihn nicht gebraucht beim Meister zu verrtschen und anzuschwrzen, als
Johannes ihn htte dingen wollen, er hatte sich dessen nichts vermocht und
nichts gesagt, was nicht alle Leute htten hren drfen; aber was es dazu
gelogen habe, das wisse er nicht. Wer hat dir gesagt, da Vreneli dich
angeschwrzt? sagte die Frau. Das ist gar nicht wahr. Es wird doch wohl wahr
sein, sagte Uli, der Meister hat es selbst gesagt, freilich nicht gerade
heraus, aber er hat es merken lassen, da man es mit dem Zwilchhndschen greifen
konnte. Er ist doch geng der wstest Hung, verzeih mir Gott meine Snde,
antwortete die Frau. Vreneli hat ihm ja gar nichts gesagt, sondern bei mir den
Johannes verklagt und dich noch gerhmt dazu; du bist aber auch nicht der
Witzigist, da du gleich alles glaubst. Du weit ja, wie er ist. Du solltest
doch wohl sehen, da Vreneli dir nichts in den Weg legt, sondern da du ihm gar
anstndig bist. Was wei man, sagte Uli, es ist sich bs auf das Weibervolk
zu verstehen, und es ist doch auch traurig, wenn man dem Meister nicht glauben
darf. Was willst? sagte die Frau es ist einmal so, und ich meine, wenn man
wolle, so sei es sich auf das Weibervolk besser zu verstehen als auf das
Mannenvolk; von dem sagt man ja, es sei falscher als Galgenholz. Und dann mchte
ich auch wissen, wer den Heiland verraten hat, ob ein Mann oder eine Frau? Sei
wieder zufrieden aber sage es dem Vreneli nicht, was du gehabt; es hassete sonst
meinen Alten noch mehr als jetzt, tte wst mit ihm und bekehrte ihn doch nicht.
Er ist ehemals nicht so gewesen, aber seit alles ihn betrgen will und an ihm
saugen, ist er so mi, treu geworden und trauet keinem Menschen mehr. Herr Ises,
selbst mir nicht! Anfangs han ih plret, da es mir den Kopf fast
obenabgesprengt. Ich habe gemeint, das msse nicht sein, das knne ich nicht
leiden. Aber so nach und nach habe ich mich darein ergeben; ich wei jetzt
nichts anderes mehr, und ich lebe doch und, ich will es gerade heraus sagen,
nicht bser als ehemals. Wo das nit gsi isch, da isch ppis angers gsi. ppis
mue me geng ha; ists nit das, so ists ppis angers, und das ist geng am
schwersten, wo me grad het. Da kmmt es nur darauf an, ob man sich darein
schicken kann oder nicht und ob man annehmen kann, was man nicht wehren kann:
das ist dKunst. Uli, das la dir gesagt sein, an allen Orten ist etwas, und
Meiner ist noch nicht der Bste. Wenn du immer bleibst, wie du bist, so hast du
ihn ja nicht zu scheuen, und er plagt sich am meisten selbst. Er hat mich
manchmal duret, da ich plret ha seinetwegen. Ich habe gedacht, er msse viel
mehr leiden seinetwegen als kein anderer Mensch. Mit den Meisterleuten mssen
die Dienste auch Geduld haben, es haben ja alle Menschen ihre Fehler. Aber sag
doch dem Vreneli nichts, ich glaube, es liefe fort oder sagte meinem Alten wst.
Es ist ein freines Meitli, aber Solches vertrgt es nicht und kann dann wst
tun, da es einem bel gruset. Uli versprach es, und die Meisterfrau hatte im
Treppeabgehen eine Ausrede bei der Hand fr das fragende Vreneli. Als der Friede
wieder, kehrte, die Spaltung aufhrte, welcher der Alte mit Freuden zugesehen
hatte, wunderte er sich sehr, aber er fragte mit keinem Worte. Ebenso wenig
verriet ihm seine Frau, da sie ihm ber seine Schliche gekommen und den
Friedensstifter gemacht. Diesmal ging alles so diplomatisch zu, da selbst Louis
Philipp sich darob verwundert htte.
    Nun lief die Arbeit wieder freudig fort wie gesalbet. Denn wenn man einig
ist und zufrieden die Gemter, so geht alles ds Halb ringer; und es tat not, es
war sehr viele Arbeit. Aber eben wenn am meisten Arbeit ist, dieselbe fast ber
den Kopf wachsen will, so bemchtigt sich ein gewisser Hast, eine Ungeduld des
Menschen. Die lt sich an den Umgebungen an den Mitarbeitenden aus; die werden
bse, hinterstellig, und der Schleiftrog ist untergeworfen.
    Der Herr hatte die Bume gesegnet, da man fast nicht wute, wo mit diesem
Segen hin. Es war viel Mist, viel Land bedurfte desselben: es war also viel
anzusen. Wildes, strubes Land kriegte man unter den Pflug, das doppelter Arbeit
bedurfte. Nun war man aber in der Glunggen, wie schon gesagt, an ein Hacken
gewhnt, das dem Nidle ab der Milch Nehmen gleicht. Man schrpfte nur das Gras
obenab, die zhe Furche und das darin befindliche Wurzelgeflecht blieb
unverhauen, das Samkorn fand keinen mrben, uneingenommenen Boden zum Wurzeln
und zur Nahrung, daher mageres, schlechtes Korn trotz allem Misten. Zu gleicher
Zeit wurde der Pflug nicht tief gefhrt, trotzdem da es in der Glunggen nicht
steinichter Boden war. So mute der Boden unfruchtbar werden. Tiefer gefahren,
besser gehackt mute er werden, wenn es eine gute Ernte geben sollte. Dazu es zu
bringen, hatte Uli Mhe, man war der Sache halt nicht gewohnt. Es grusete
Joggeli, als er die dichte Reihe der Hacker sah, als Uli sechs Haupt vorspannte,
statt sonst nur viere, als der rohe, wilde Boden an die Sonne gekehrt ward. Das
sei ja die dmmste Sache von der Welt, sagte er halblaut vor sich hin, die gute
Erde zu verlochen und die bse, magere obenfrzumachen; so mache man ja den
Boden expre wieder mager, wenn man den Mist untern fahre, da er ganz gegen
Amerika hinunterkomme und dort hervorgewssert werde, whrend man in den
schlechten, wilden Boden pflanze. Das knne unser Lebtag nichts geben, das komme
doch jedem Kind in Sinn. Glcklicherweise ging er mit seinem Sohn ins
Welschland, um Wein zu kaufen oder vielmehr, um fr den Sohn zu zahlen, was
dieser kaufte. Er mute also freie Hnde lassen und war ganz verwundert, als er,
zurckgekehrt, die junge Saat so schn erronnen sah im reingemachten Acker. Man
werde es aber im Hustagen sehen, dachte er, wie das komme, der grte Teil werde
im Winter dahintenbleiben.
    Indessen war vergnglich eingeherbstet worden, denn wieder hatte man frher
angefangen als Andere. Nichts mute unter dem Schnee hervorgeholt werden; man
fand Zeit, bei schlechtem Wetter unter Dach zu bleiben, und fand dort auch immer
Dinge zu tun, welche die Arbeit drauenfrderten. Das Wetter mache freilich
viel, sagte die Mutter, aber sie wisse Herbste, wo das Wetter noch schner
gewesen sei, und doch sei man spter fertig geworden und habe nicht so viel
angeset und nicht so viel Mist auszutun gehabt. Da sehe man, da man selbst
auch etwas zwingen knne. Freilich, wenn das Wetter darnach sei, so knne man
nichts zwingen (im sechzehner Jahr stund der Hafer noch um Weihnacht drauen),
aber sie wisse Leute, die nicht fertig wrden, und wenn der Herbst bis Fasnacht
dauern wurde. Die meinten, es sei eine Snde, wenn sie nicht etwas den ganzen
Winter drauen lieen, Kartoffeln, Rben, Rbli, oder sollten es nur die
Bohnenstecken sein.
    Die Matten kamen in Ordnung. Grben, Whre wurden aufgetan, der gewonnene
Schlamm aufs Land gefhrt, ja Uli schlug sogar noch das Tonen vor in der nassen
Matte. Tonen sind nmlich tiefe Graben im Boden, die nachher wieder zugedeckt
werden, welche das Wasser sammeln und abfuhren, so da die Oberflche
austrocknet und fruchtbar wird. Solchen Tonen hat man viele tausend Jucharten
gutes Land zu verdanken, und noch viele konnten sie gut machen. Freilich knnen
sie nur da angewendet werden, wo Fall ist. Das kam Joggeli aber zu streng vor.
Sie wollten doch nicht alles auf einmal machen, sagte er, es sei das andere Jahr
auch noch ein Jahr. Und dann sei es Zeit, das Dreschen anzufangen, sonst werde
man ja bis Ostern damit nicht fertig. Wenn man Zeit finde, so knne man im
Frhjahr sehen, aber alles zunteroben z'gheyen, sei ihm nicht anstndig. Es gebe
nur Kosten und man wisse nicht, was dabei herauskomme. So redete er. Bei sich
dachte er noch, die Leute mten doch nicht meinen, da dem Uli alles allein in
Sinn komme und da man in der Glungge nur auf ihn gewartet habe, um solche
Sachen zu machen. Der Bursche wrde ihm nur zu bermtig, er mache jetzt schon,
wie wenn alles sein wre und wie wenn vor, her niemand da daheim gewesen wre.
Ja Joggeli rhmte noch den andern Knechten: Was sie wurden gesagt haben, wenn
sie noch den ganzen Winter htten tonen mssen? Uli htte wollen. Er aber htte
es doch besser mit ihnen gemeint, als sie hinter eine solche Arbeit zu reisen,
wo alle Kleider drufgiengen. Uli knne notti nicht alles zwngen, er sei selbst
immer noch Meister und das komme ihnen noch manchmal wohl. Er htte noch mehr
Verstand als Mancher, der es doch eigentlich mit ihnen halten sollte.
Begreiflich fanden die Knechte die Rede des Meisters sehr erbaulich.
    Alle Extraarbeiten sind den meisten Knechten zuwider, weil die laufende
Arbeit doch getan, also strenger und fleiiger gearbeitet werden mu. Gar manch
Knechtlein verlt seinen Platz, wenn es eine solche Arbeit kommen sieht.
Machen sie es meinethalb, wenn ich fort bin, sagt es, ich aber wollte ein
Narr sein, mich da halb zu tten und meine Kleider drufzumachen. Da kann ein
Anderer den Schleck haben. Diese Sucht, nichts Ungewohntes zu machen, geht so
weit, da Viele, wenn sie nur die geringste nicht tglich vorkommende Arbeit
machen sollen, den Kopf aufsetzen, poltern, fluchen, aus dem Dienst laufen.
Daher kmmt es auch, da so Viele die geringste Handbietung dem weiblichen
Geschlechte verweigern und nie Ohren haben fr einen Befehl oder Wunsch der
Meisterfrau. Das gibt die Leute, die nicht aus dem Trapp zu bringen sind, die
sich nie weder anstrengen knnen noch anstrengen mgen, die mit der gelassensten
Lauheit dem Elend zuwandern, im Elend sich wlzen. Allerdings sind viele
Meisterleute da daheim, da sie mit wenig Diensten das Unmgliche erschinden
wollen. Und wie das Kamel sich weigert, aufzustehen, wenn man ihm zu schwer
aufgeladen, so wer, den bernutzete Diensten halsstarrig und weigern sich des
Dienstes. Diesen kann man es nicht verbeln. Nun aber verbreitet sich von diesen
aus die Halsstarrigkeit nach und nach ber die ganze Klasse, und wenn einmal ein
Dienst schwitzen mu, so schreit er Zetermordio, und wenn er einmal ermahnt
wird, schnell zu machen, sich zu schicken, so wirft er den Bndel vor die Fe
und begehrt auf wie ein Hftlimacher. Du mein Gott, was soll aus Menschen
werden, die sich nicht schicken knnen, nicht schicken wollen, die, wo es immer
mglich ist, vier Stunden an einer Sache machen, welche in zwei leicht abzutun
wre! Das gibt die armen Leute. Sie strafen sich also selbst, und da erwahret
sich das Sprchwort wieder, da Untreue den eigenen Herren schlgt. Da entsteht
die bse Gewohnheit, von der wir schon gesprochen haben, und die Rhrigkeit,
welche durchs Leben hilft, vergeht.
    Gar viel besser als Andere waren Joggelis Knechte nicht, und wenn man schon
dem Meister es verbelt und flucht und tubelet, wenn er etwas extra vornimmt,
so muten sie es dem Mitknecht noch weit bser aufnehmen, da er eine so wste
Arbeit ihnen aufsalzen wolle. Sie fluchten nicht nur ber den Werchteufel, den
er im Leibe habe und der ihm und Andern nie Ruhe lasse, sondern sie suchten
hinter seinem Flei und Eifer, der ihnen so ungewohnt vorkam, Grnde, und zwar
eigenntzige und selbstschtige. Es ist dies ein eigentmlicher, tiefliegender
Zug im Volke. Im Fragenbuch heit es, alle unsere guten Werke seien mit Snden
befleckt, und Paulus sagte, all unsere Gerechtigkeit sei wie ein unfltig Kleid.
Diese Aussprche haben allerdings ihren guten Grund in unserer Natur. Gar zu oft
regt der uere Nutzen uns zu einer guten Tat an, und wenn wir auch aus innerm,
schnem Triebe etwas Gutes vollbracht, so kommt hintendrein gezogen die
Eitelkeit, der Stolz und bermut und beschmutzt die Tat. Das sind die
Befleckungen der guten Werke. Nun nimmt das Volk diese Befleckungen, obgleich
die Meisten der eigenen sich nicht bewut sind, so allgemein als sich von selbst
ergebend an, da alsobald, sobald man etwas Gutes sieht, nach den Flecken
gesprt wird. Und je weniger man sich selbst innerer guter Triebfedern bewut
ist, um so mehr sucht man nach den uern Befleckungen, nach eigenschtigen,
uern Beweggrnden, die zum Guten angespornt. Je eifriger einer zum Beispiel
der Uneigenntzigkeit sich ergibt und mit raschem Hervortun fr Andere lebt, um
so eifriger wird man ihn der geheimen Eigenntzigkeit zeihen und verdchtige
Absichten ihm zudichten. Die unwillig gewordenen Knechte begngten sich daher
nicht mit bloem Fluchen und Sticheln, sondern sie suchten nach den Triebfedern
von Ulis Tun, und die glaubten sie mit leichter Mhe gebunden zu haben. Sie
wten wohl, was der Narr meine, aber er habe den Bren noch nicht im Sack. Er
wolle sich wert machen, htte Flausen im Gring und meine, da Bauer zu werden.
Aber das komme nicht nur auf das Schlrpli an und die alte Strme, da predige
dann noch ein Anderer. Diesem allgemeinen Satz reihten sie eine Menge
Einzelheiten an, und jeder wute neue dazuzufgen samt neuem Spott und neuem
Hohn.

                              Neunzehntes Kapitel


                   Eine Tochter erscheint und will Uli bilden

Ds Elisi hatte nmlich groes Wohlgefallen an Uli und tat recht dumm mit ihm.
    Schon im Winter hatte es dasselbe gefat, und wenn des Sonntags nachmittags
Uli allein in der Stube war, so machte sich Elisi an ihn, kramte ihm alles aus,
und er mute raten und bewundern, so da es Uli recht erleidete, in die Stube zu
kommen. Die bessere Jahreszeit unterbrach diese Konferenzen, da bekam ds Elisi
Lngizyti. Es hatte ein halb Dutzend Blumentpfe. Die hatten bisher monatelang
ruhig an einem Ort stehen knnen, wenn Vreneli sie nicht der Sonne oder dem
Regen nachtrug. Nun waren sie ihm nie am rechten Ort. Uli stund selten vom Essen
auf, da ds Elisi ihm nicht sagte, er msse ihm seine Meienstcke frerstragen,
das Vreneli trge gar keine Sorge zu ihnen, es liee sie je eher je lieber
zugrunde gehen. Und selten kam Uli so schnell fort, als er wollte; er mute bald
an diesem, bald an jenem schmcken, und wenn er fort wollte, so kam es Elisi in
Sinn, an einem andern Ort wren sie noch besser, und er mute sie noch einmal
weitertragen und noch an einem schmcken, welcher das vorige Mal bersprungen
worden war. Saen die Knechte am Abend auf dem Bnkli vor dem Stalle, so kam
Elisi mit einer Giekanne zum Brunnen und tat so ungeschickt und schttete sich
Wasser in die Schuhe, bis Uli ging und half, whrend die Andern tapfer lachten
und ziemlich unverhohlen ber das Schlrpli spotteten. Regnete es oder waren ihm
die Meien sonst nicht im Kopf, so trippelte es doch da herum, ja einigemal nahm
es sogar eine Lismete in die Hand und spazierte damit den Schopf auf und ab,
weil es seine kalten Fe erwrmen mte, wie es sagte.
    Ja einmal im Emdet legte es sein Schaubhtli auf, zog lange Handschuhe an,
schob zwei Paar Bracelets daran herauf, nahm sein Sonnenparesli und ging
hinaus, als sie mit dem Wagen Emd holen wollten. Uli mute ihm einen Rechen
auslesen, und nun fuhr Elisi, mit der einen Hand das Sonnenparesli haltend, mit
der andern den Rechen, in die Matte sich schrecklich gebrdend ber den harten
Sitz auf dem Wagen und dessen jmmerliche Ste. In der Matte wollte es Uli, der
Heu auf den Wagen gab, nachrechen, das ging aber nicht. Erstlich fing sich ihm
der Rechen immer im Grase, da es ihn nicht loskriegen konnte, zweitens konnte
es nicht rechen und zugleich das Paresli halten, und die Sonne schien doch so
hei! Elisi setzte sich daher auf den Wagen mit seinem offenen Paresli. Es war
eine schwere Aufgabe fr den Lader, den Wagen gehrig zu laden bei dem darauf
sitzenden Elisi, das kein Glied machen konnte, das, wenn es etwas Platz machen
sollte, Brlle auslie, da es den Schwalben, welche den Wagen umflogen, fast
gschmucht wurde. Er mute es hin- und herheben samt seinem Paresli wie ein
kleines Kind. Ringsum in den Matten stunden die Leute still, als sie das
Parisli auf dem Heufuder sahen, wuten zuerst nicht, was das war, denn so etwas
hatten sie noch nicht gesehen, und lachten sich dann fast tot, als sie unter dem
Parisli auch das Elisi wahrnahmen. Als das Fuder hher und hher wurde, war es
in einem bestndigen Kreischen und wollte doch nicht herab. Als es auf dem
schwankenden Wagen heimfuhr, hrten die Herr Jeses, Herr Jeses! Ach heyt mih,
heyt mih dr tusig Gottswille! nicht auf. Endlich war man glcklich im Tenn,
aber nun fing die Not erst an. Elisi durfte weder hinten dem Wellenseil nach
hinunter noch vornen ber das Frgsttz. Der Vater und die Mutter kamen heraus,
als sie das Geschrei hrten, und als die Letztere ihre Tochter mit dem Parisli
schreiend auf dem Fuder sah, sagte sie: Du Tfels Ghl, was kommt dir doch in
Sinn? Hat man unser Lebtig e sellige Ghl mit dem Parisol uf enem Heufuder
gesehen? Joggeli begehrte mit der Mutter auf, da sie jetzt hintendrein balge;
sie htte vorher wehren sollen, da es nicht gehe, jetzt mache sie ihm nur
Angst. Diese war in der Tat gro. Uli hatte hinten ans Fuder eine Leiter
angestellt, und Elisi sollte auf die hinaustreten und da hinunter. Aber Elisi
stund zitternd auf dem Fuder, das offene Parisli in der Hand, und allemal, wenn
es den Fu hob, schrie es: Herr Jeses, Herr Jeses! Heyt mih, heyt mih, ih
fallen abe! Endlich sagte Joggeli: Das tue nichts so, Uli solle hinauf und
Elisi holen; es sei aber dumms von ihm, da er Elisi einmal da hinauf gelassen,
er htte wohl denken sollen, das komme so. Uli ging die Leiter auf und wollte
Elisi die Hand bieten. Aber Elisi schrie noch rger. Da ging er aufs Fuder und
wollte Elisi hin, aus auf die Leiter heben, damit es auf derselben allein
hinuntergehen knne; da schrie aber Elisi geradeaus, als ob man es am Messer
htte. Es blieb Uli endlich nichts brig, als Elisi auf den Arm zu nehmen wie
ein kleines Kind und so es zu tragen. Das lie auch Elisi sich gefallen und
hielt sich so wacker an Ulis Hals, da er ganz braun und blau den Boden
erreichte. Solange Elisi lebte, bildete diese Heufahrt seine Hauptgeschichte.
Wenn man es erzhlen hrte, was es da ausgestanden und erlebt, so stunden einem
fast die Haare zu Berge, und man kam zur berzeugung, da was der Kapitn Parry
auf seiner Nordpolexpedition erlebt, nur Kleinigkeiten seien gegen das, was
Elisi von der Matte bis ins Tenn erfahren. Daneben behandelte es Uli handkehrum
wieder mit gar mchtigem Hochmut, antwortete ihm so wenig als den andern
Diensten, wenn er guten Tag oder gute Nacht wnschte, hielt ihm vor, er rieche
nach dem Khstall, fhrte ihn aus ber seine rauhen, groen Knechtenhnde,
konnte sich aber denn doch nicht enthalten, mit seinen magern, bleichen Hnden
daran herumzufingerlen.
    Uli war dieses sehr unangenehm, ohne da er eine weitere Bedeutung darein
setzte. Er meinte, das gehre zu den Eigentmlichkeiten und Meisterlosigkeiten
des verzogenen Kindes. Er war damit geplagt und wurde von den andern Diensten
ausgefhrt. Indessen benahm er sich anstndig, denn es war immerhin die
Meisterstochter, whrend hingegen die Andern das Mdchen zum Narren hielten oder
es so rcksichtslos verhhnten, besonders wenn sie zu Weihnacht aus dem Dienst
wollten, da es gar oft heulend und schreiend vor seinen Alten Klage fhrte und
sich ins Bett legen mute, sich gebrdend fast wie ein wirbelsinnig Kind.
Joggeli nahm dann seinen Stecken und hpperlete weiters. Die Mutter sprach zu,
es solle doch nicht so plren, es sei doch nicht dr wert, gab ihm Tropfen, und
wenn es weit kam, so ging sie hinaus und putzte dem Snder ab, da er insknftig
ihr Meitschi reyig lasse. Dagegen erhielt sie gewhnlich zur Antwort: Da man
Elisi gern reyig lasse, aber es solle dann in der Stube bleiben und brauche
nicht zu ihnen zu kommen und anzufangen. Man sei doch nicht dafr da, sich von
einem Sellige, das auf der Himmelswelt nichts sei, kujonieren zu lassen.
    Dem Elisi kam es auf einmal in Kopf, es wolle seinen Bruder besuchen, es
wute niemand warum. Es war eine unmuige Zeit. Der Vater wollte es nicht
fhren; man wollte es ihm ausreden, aber ds Elisi fing an zu plren, zu
schnopsen, als ob es ersticken wolle, bis es endlich hie, Uli solle es morgen
fhren. Nun kam es nach und nach zu sich selbst, tat Ksten und Schfte und
Kommoden auf und fllte die ganze Stube mit seinen Herrlichkeiten und rief das
ganze Haus zu Rate, mit was es die Trinette rgern knnte. Dem Uli war die Reise
nicht anstndig; er ging nicht gerne zu Johannes, und auch hrte er den Spott
seiner Mitknechte nicht gerne, die sich lustig darber machten, da er mit der
Meisterstochter im Lande herumfahren knne. Zudem schien ihm Vreneli puckt und
mutz, gab ihm kurzen Bescheid und warf seine Schuhe, die er zum Salben brachte,
gar unsanft in eine Ecke. Diese Unfreundlichkeit mhte Uli doch und er htte
gerne gewut, woher sie stamme, aber er hatte keine Gelegenheit, zu fragen. Als
er am Morgen erschien, schn angetan mit dem Halstuch, das ihm die Meisterfrau
gekramet, da warf es ihm spttische Blicke zu und sagte ihm, er htte wohl
angewendet, aber er werde gedacht haben: Helf, was helfen mag!, aber dem Elisi
mge er doch nicht nach. Allerdings erschien dieses gar schn und glitzerig,
umbunden und aufgezumt mit allem Mglichen, zwei Jungfrauen hinter sich, von
denen jede ein Pack mit Kleidern trug, und hintendrein die Mutter mit einer
Drucke, worin noch eine Kappe und die Mnteli waren, die nicht verdrckt werden
durften. Es wollte freilich den andern Tag wiederkommen, aber es sagte, man
wisse nie, was es gebe, und es sei einem nicht wohl, wenn man sich nicht
wenigstens zweimal anders anziehen knne. Als der Zug durch die Stube war,
ergriff Vreneli die Katze und trug sie einige Schritte nach mit der Frage auf
der Zunge, ob es die nicht auch noch mitnehmen wolle. Doch besann es sich eines
Andern, setzte die Katze wieder ab, ging zurck und drckte trbe Augen ans
angelaufene Fenster.
    Uli hatte sich voraufgesetzt, im verdeckten Sitz sa vergngt ds Elisi. Es
versuchte, sobald das Haus im Rcken war, mit Uli zu reden, aber das wilde junge
Ro fesselte dessen Augen so, da er nicht rckwrtssehen, seine Antworten nur
so abgebrochen ber die Achsel geben konnte. Da wurde ds Elisi ungeduldig, und
einige Regentropfen gaben ihm den Vorwand, den Uli zu heien, auf den Sitz zu
kommen. Er machte Umstnde, allein da er endlich den Regen und seinen Hut
bedachte, so setzte er sich neben ds Elisi. Nun war diesem recht wohl neben Uli
und es sagte ihm mehrere Male, er solle sich nur nicht so in den Ecken drcken,
sie htten gar wohl Platz nebeneinander, sie seien ja Beide noch nicht so dick
wie der Vater und die Mutter, und die mten doch auch Platz haben. Die Mutter
sei auch nicht immer so dick gewesen wie jetzt, sie hatte manchmal gesagt, sie
sei zu ihrer Zeit noch dnner gewesen als es. Es werde ihm auch schon bessern;
der Doktor htte ihm schon manchmal gesagt, wenn es einmal einen Mann habe, so
werde es schon wieder rote Backen bekommen. Es sei das schnste Kind gewesen, wo
man htte sehen wollen. Die Leute seien allbets bei ihm stillgestanden und
hatten die Hnde ob dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt: Nei aber, wie ist
das doch ein Kind! So ein schnes haben wir noch nie gesehen! Es besinne sich
gar wohl daran. Noch wo es ins Weltschland gekommen sei, sei nit mengs schners
Meitschi im Kanton gsi. Backen hatte es gehabt wie gmalet und eine Haut so
glatt, man htte sich knnen darin luegen wie in einem Spiegel. Wenn es allbets
sys Gitarrli an einem rot und schwarzen Bndel umgehngt habe und vor dem Hause
auf und ab spaziert sei und schne Lieder gespielt und gesungen habe, zum
BeispielIm Aargu sy zweu Liebi, und die hnd enandere gern oder si Chatz
und ds Herre Chatz hey enandere bisse, so seien ganz Kuppele Weltsch um es
gestanden und htten ihm flattiert; es htte nur brauchen Ja zu sagen, so htte
es zehn fr einen haben knnen von den Vornehmsten, wo im Weltschland seien, und
so schn, so schn, da man hier nichts so sehe. Das seien dort andere Leute als
hier. Da sei es aber krank geworden und htte wieder heim gemt, und da sei man
gar wst gegen ihns gewesen; es htte arbeiten sollen wie ppe eine gemeine
Baurentochter, und Speise htte es brauchen sollen, so wie sie andere Leute auch
htten, wie sie aber kein Hund im Weltschland fresse, der leicht meisterlosig
sei. Seither htte es, es knne es wohl sagen, keine gesunde Stunde gehabt, aber
es werde ihm schon noch bessern. Darauf erzhlte ds Elisi seine ganze
Krankengeschichte dem Uli; die dauerte, bis sie das Stdtchen vor sich sahen, wo
ds Elisi noch kramen wollte.
    Da lie es halten und sagte dem Uli, es regne nicht mehr er solle wieder
voraufsitzen, die Leute wrden sonst nicht wissen, was das gegeben habe, da es
mit dem Knecht im Schesli hocke, und knnten ihm einen wsten Lrm machen, den
es nicht begehre. Das stach Uli in die Nase, und schweigend setzte er sich
vorauf. Im Wirtshaus machte sich ds Elisi ganz breit, lie sich nicht bel
aufwarten, nachdem es doch auch an Uli gedacht und befohlen hatte, da man ihm
einen Schoppen gebe und etwas Weniges zu essen, ppe es Mmpfeli Fleisch und es
Brsmeli Gchch, und a nur vom Besten. Rindfleisch nahm es keins, deren htten
sie daheim alle Tage, sagte es, und vom Gemse, da es deren keins gegessen,
seit ihm der Herr erlaubt, es treibe ihm den Bauch gar auf, und vom Kalbfleisch
wollte es wissen, da es zu fett mache, und im Weltschland in den Husern, wo
man leicht vornehm sei, esse man gar keins. Hingegen den Fischen, Tauben,
Hhnelinen sprach ds Elisi munter zu, als ob es gedroschen hatte. Es kramete
tchtig und sagte in jedem Laden, es wolle seinen Knecht schicken, die Sache zu
holen. Wo ist mein Knecht? frug es, sobald es wieder im Wirtshause war. Mein
Knecht mu mir das holen, mein Knecht soll anspannen. So ging es an einem fort,
bis sie endlich wieder zum Tor aus waren.
    Kaum dachte Elisi, nun knne vom Stdtchen aus sie niemand mehr sehen, nicht
einmal mehr der Sigrist im Turm oder der Landjger im Schlo, so zog es ein
rotes Nastuch hervor und sagte Uli, es htte ihm auch etwas gekramet, er solle
sehen. Er begehre nichts, sagte Uli, er knne es sonst machen. So sieh doch,
sagte Elisi. Er htte nicht Zeit, sagte Uli, er msse auf das Ro sehen. Er
solle halten und hereinkommen, befahl Elisi. Er sei wohl da, sagte Uli, es
knnte es ja jemand sehen. Bist hhn, Uli? Bis doch recht nit hhn, sagte
Elisi. Was kann ich dafr? serein mu tun, was dr Bruch ist, we me nit will
vrbrllet werde. Gmein Lt heys gar chumlig, es git niemer druf acht, was si
mache; sie chnne mache, was es sie achunt, es seyt niemere nt, aber sereim
pat alles uf. Bis doch recht nit hhn, sunst han ih kei Freund meh! So bat,
befahl, jammerte, weinte endlich Elisi, bis Uli hineinging, aus Angst, Elisi
mchte etwas Ungattlichs anfangen. Nicht weit von Frevligen hielt er aber von
selbst und wechselte stillschweigend seinen Platz.
    Frevligen ist ein groes Dorf in ebenem Lande, reich an Feldern und Wldern;
eine Heerstrae zieht sich durch dasselbe und schne Bche bewssern es, viel
Reichtum ist dort, aber auch viel bermut. Die Leute knnen notdrftig lesen und
schreiben, haben Bildung, darum sind sie auch grenzen, los einbildisch. Weil sie
vom A bis Z alle Buchstaben gelufig kennen, so meinen sie, sie kennten auch
alle Dinge im Himmel und auf Erden, sprechen daher mit weiten Nasenlchern, den
Hut auf der Seite und die Hand am Geldseckel, ber himmlische und irdische Dinge
ab, da Funken davonfahren, als ob die sieben Weisen Schnuderbuben gegen sie
wren und jeder von ihnen eine lebendige, herumwandelnde Universitt mit allen
vier Fakultten und den sieben freien Knsten im Leibe. Und wenn sie zufllig
eine Tabakspfeife im Maul haben, dann will ich niemand raten, ihnen zu
widersprechen. Jupiter mit Blitz und Donner in beiden Hnden, im Begriff,
Stdte, Lnder zu zerschmettern, mu ein lieblich Mieneli gemacht haben, mit dem
Gesicht verglichen, das ein Frevliger macht, wenn er eine Tabakspfeife im Maul
hat und Widerspruch vernimmt. Die Flche entstrmen ihm nicht einzeln, sondern
dutzendweise, und die Himmelsdonner und Dr Tfel soll mih nh hngen
aneinander wie Frschmalter, und je gebildeter er sich glaubt, um so lnger und
um so grlicher flucht er, da einem dnkt, er sei nicht blo eine lebendige
Universitt, sondern auch eine lebendige Dampfmaschine, die Flche fabriziert en
gros. Wenn sie von weitem eine Wahrheit hren, seis nun eine religise oder eine
medizinische, eine politische oder juridische, so blhen sie sich dagegen auf
mit Schnauben und Tabak, als ob sie Schwefel unter der Nase fhlten. Wenn ihnen
aber ein halb, witziger Gumi oder ein am Verunglcken begriffener juridischer
oder medizinischer oder politischer Spekulant die sinnlosesten Unwahrheiten, die
wstesten Lsterungen vorplaudert, so tut es ihnen wohl durch den ganzen Leib;
sie strecken wohlbehaglich die Beine von sich aus, und wohl Einer oder der
Andere steht auf, schlgt auf den Tisch und brllt, indem er Maul und Augen
aufreit, da sein ganzes Gesicht nur ein Loch scheint: D het jetz auf meine
armi tri Himmelsgottsseel recht, d vrfluecht Millionstusigsdonner! Diese
Leute sind ein frchterlicher Beweis von einem menschlichen Zustande, in welchem
man nur Lgen zu lieben, zu glauben imstande ist; sie beweisen die Wahrheit der
Worte, da nur, wer aus der Wahrheit ist, ein wahrhaft Gemt in sich trgt,
Wahrheit begreifen, lieben und glauben kann. Wer diese psychologische Wahrheit
im Auge behlt, der kann sich gar manches Rtsel im Staatenleben erklren, und
gar manche Erscheinung, mit der er sonst nichts zu machen wute, wird ihm
deutlich. Wenn der widerlichste, wsteste, selbstschtigste Lmmel mehr Glauben,
mehr Anhang findet als der auf, richtigste Menschenfreund, so wei er, was da
einzig trsten kann.
    Als sie dort vor das Wirtshaus fuhren, worin Johannes der Wirt war, so kam
der Stallknecht, das Pferd abzunehmen. Kinder stunden vor dem Hause, aber
bewegten sich nicht, Gesichter fuhren vom Fenster weg und zeigten sich nicht. Ds
Elisi stund da vor dem Wirtshaus in grner Seide, mit halb verfrornem Gesicht,
wie ein Krautblatt im Winter, und Uli packte aus, Pack um Pack, die ihm niemand
abnahm. Als endlich alles ausgepackt, das Pferd lngst im Stall war, wanderten
sie der Haustre zu, bei den Kindern vorbei, die sie mit groen Augen
anglotzten, die liebe Tante weder mit Gebrden noch Worten begrten, sondern
sich herumschlenggeten und den Rcken wiesen, wenn man sie anreden wollte.
    Endlich, als sie unter der Haustre waren, kam Johannes durch den Gang und
grte zrtlichst seine Schwester: Bunschur! Bunschur! Was Donners kmmt dir
jetzt in Sinn, da du zu uns kommst? An dich htten wir jetzt nicht gesinnet. Wo
Donners wottst du hin mit deinen Bnteln? Den Uli grte er vertraulich und
htte ihm sogar die Hand gegeben, wenn Uli eine freie gehabt htte. Ds Elisi
sagte, es htte Lngizyti gehabt und es htte es decht, es mchte einist zu
ihnen zDorf cho. Dr Vater und dMuetter lassen dich gren. Somit hatte
Johannes eine Stube geffnet, wo die honetteren Reisenden eintraten, und ds
Elisi hineingefhrt. Uli legte seine Packs ab und ging, Johannes ihm nach,
sagend, er wolle es seiner Frau sagen, da es da sei. Die aber hatte Elisi wohl
gesehen, Johannes brauchte es ihr nicht zu melden. Er ging Uli nach, der zu
seinem Ro sehen wollte, sprach mit ihm des Langen und Breiten darber, zeigte
ihm dann seine Pferde und Khe und machte ihm zwischendurch Vorwrfe, da er
nicht zu ihm gekommen; er htte ein ander Leben bei ihm haben sollen, als er in
der Glunggen habe, wo ein ewig Gchr sei und man es nie treffe, bald zu wenig,
bald zu viel mache. Unterdessen sa ds Elisi alleine in der Wartstube, sah sich
zuerst die greulichen Helgen an, welche an den Wnden hingen zu groer Erbauung
manches Kindbettimannes, der nie etwas Gemaltes gesehen als die Wegweiser, die
Kirchenzyt und Hochzeitschfte und -trge. Nachdem es diese und endlich alles
andere angesehen, was in der Stube war, so fing es an auszupacken, und Trinette
kam noch immer nicht und niemand offerierte dem Elisi etwas, nicht einmal etwas
Kaltes, verschweige etwas Warmes. Trinette machte nmlich die Toilette. So wie
sie war an diesem Nebeltage, mit angelaufenem Mnteli und Fingern, ohne Gufen
und Ringe, in Schuhen ohne Hinterstck und Kittel ohne Hfte, einer gemeinen
Haarschnur und wohlfeiler rguer Scheube, wollte sie sich vor Elisi, das sie
schn seiden gesehen, nicht zeigen. Whrend nun Trinette sich strubelte und
aufzumte, blies Elisi unten Trbsal und nahm sich allerhand vor, was es tun und
sagen wolle. Mitten in den besten Entwrfen rauschte Trinette heran und sagte:
Bonsoir, Elise; es freut mih, dih z'seh!, und Elisi sagte: Merci, Trinette;
ich ha glaubt, mi heyg mih ganz vrgesse. Trinette entschuldigte sich, da sie
noch mit der Nherin zu tun gehabt, die ihr das M zu einem neuen Tschpli habe
nehmen mssen, und sie habe geglaubt, der Mann sei da. Unterdessen musterten die
beiden Schwgerinnen einander mit Kenneraugen von oben bis unten, und whrend
Trinette in stolzer Freude, diesmal dr Dche z'sy, Elisi Erfrischungen anbot,
der Kchin und der Stubenmagd Befehle gab, sagte Elisi, es mchte in ein Stbli,
sich anders anzuziehen. Es htte fr die Reise das Leydest angezogen, wo es
gehabt. Es sei nicht gewohnt, in solchen Kleidern zu sein, und mchte sich auch
ppe anziehen, wie es der Brauch sei. Gb was nun Trinette einwandte, Elisi sei
ja so de bon got angezogen, wie wenn es grad aus dem Weltschland kme, setzte
es Elisi doch durch, da man ihm eine Stube anwies und eine Magd ihm alles
nachtrug. Drunten wurde nun auf, getragen allerlei Gutes, die Kchin mute
Strbli machen, und der Johannes sollte Neuenburger holen im Keller, tat aber
nur Roquemoore in eine Neuenburgerflasche und sagte fr sich: Was wissen doch
die, was Neuenburger ist! Roquemoore tuts denen zwee Guggle wohl.
    Endlich erschien Elisi, und diesmal nicht grasgrn, sondern schn
himmelblau, mit brodiertem Mnteli, groer Gufe, goldener Uhrenkette, Haften am
Kittel wie Zwanziger und Gllerketteli, die es ganz vorniederzogen und deren
Blmpel mit Gold ausgelegt waren. Es war eine helle Pracht, wie das funkelte und
so neu und schn aussah. Trinette ward ganz grn und gelb vor Neid und war auf
dem Punkte, die Strbleni abzusagen. Indessen besa sie sich doch und rhmte
Elisis Pracht, aber stichelte dabei: Wie es gar kommod sei, hoffrtig zu sein,
wenn man noch bei Vater und Mutter sei, da mge es alles erleiden. Wenn man aber
fr alles selbst sorgen msse und noch Kinder habe, so tue einem das die Nase
hintere. Sie htten Beide noch nichts geerbt, und wenn ihre Eltern nicht so gut
gegen sie wren, sie knnten es nicht machen. Wenn man schon grusam viel
verdiene, so gehe doch grusam viel darauf so in einer Wirtschaft. Elisi wurde
nun ganz zweg, a und trank nach Herzenslust, rhmte die Strbli und besonders
den Neuenburger. Der Vater msse auch solchen anschaffen, sagte es, er htte
immer nur so Kuttlenrugger, wo man im Weltschland damit den Musen vergebe; man
sage ihm Taveller, er komme da von Biel her. Nun packte Elisi auch seinen Kram
aus, unter dem feines Guttuch zu einem Tschpli fr Trinette war, ber das
dieselbe aber gar sehr die Nase rmpfte. Sie sei gar froh darber, sagte sie, es
sei schn warm, und sie htte schon lange so etwas gemangelt, sie sei voriges
Jahr beim Sauerkabiseinmachen schier erfroren im Keller. Freilich machten
solches die Mgde, man msse doch aber auch zuweilen sehen, wie sie es machen.
Die Diensten seien heutzutage gar schlecht, sie luegten nur zu sich. Das war die
lngste Rede, welche diesen Abend Trinette hielt.
    Da kriegte Elisi doch nach und nach Langeweile. Aus der Nebenstube ertnte
Gelchter, der Stoff der Rede ging ihm aus, und es dechte ihns, es sei doch
schade, wenn niemand in Frevligen seine himmelblaue Bkleidig sehe als die
mignstige Trinette und die dumme Stubenmagd, die noch mit keinem einzigen Wort
ihre Bewunderung bezeugt hatte. Immer mehr wuchs ihm der Glust wenn die daneben
doch auch sehen knnten, wie schn es bkleidet sei; vielleicht wre einer
darunter, der ihm gefiele, und da knnte sich eine gute Partie machen ungsinnet.
Es msse daheim versauren und komme den Leuten nicht vor die Augen, da sei es
doch kein Wunder, da es noch keine Partie gemacht. Darum wolle es doch, wenn es
einmal fort sei, nicht in einem Hinterstbli vrgrauen und sich vor niemand
zeigen. Aber Trinette, wie sehr auch Elisi um die Stauden schlug, tat keinen
Wank, und wenn es fragte, wer wohl drben sei, so sagte Trinette, es werden die
Sutreiber sein von Lutern oder von Eschlismatt. Aber es dechte Elisi, die
Sutreiber von Lutern sollten nicht so mgen lachen, und endlich sagte es, sein
Knecht werde wohl auch dort sein? Trinette sagte, er werde wohl. Da sagte Elisi,
es mte doch gehen und ihm sagen, wann sie morgen fort wollten, es htte ihm
noch nichts befohlen. Trinette aber antwortete, es wolle ihn kommen lassen, man
knne ihm hier ja auch befehlen. Aber Elisi wollte hinber, stund auf,
entschuldigte sich, da es nicht Mhe machen wolle, und tat die Zwischentre
auf.
    Drinnen saen an zwei Tischen, einem den Fenstern, einem der Wand nach,
viele Mnner, fluchend, lachend, rauchend, trinkend, spielend. Es waren aber
allerdings nicht Suhndler von Lutern, sondern alte und junge Frevliger, die an
ihrem gewohnten Abendwerk saen; denn da war des Wirtshauses wegen alle Tage
Sunntig, in der Kirche aber alle Tage Werchtig. Bei ihnen saen Johannes und
Uli, der Letztere vom Erstern zu Gast gehalten mit Tabak und Wein. Langsam kam
aus dem dunklen Hintergrunde das himmelblaue Elisi, stpfte dem Uli auf die
Schulter und sagte ihm, sie wollten am Morgen zeitlich fort, er solle machen,
da zu rechter Zeit gefttert sei. Jenseits dem Tische sa ein lustiger
Gerichts, der fragte: Was das fr eine schne Jumpfere, fr ein hoffrtig
Meitschi sei, ob ers ihm bringen drfe? Ein Wort gab das andere. Elisi sa bald
auf einem leeren Platz und lebte wohl an den Spen der Alten und Jungen, sagte
aber nicht viel, sondern lachte nur zimperlig und fuhr oft mit dem schnen
Schnupftuch manierlich zur Nase, wobei man die Finger, ringe sah, und zog oft an
seiner goldenen Kette, wobei man dann eine kleine goldene Uhr sah nach alter
Faon, wie man sie wohlfeil beim Uhrenmacher kauft. Elisi sa da gar wohl, mehr
als zwei Stunden lang, und hatte seine Schwgerin ganz vergessen.
    Als endlich niemand mehr viel zu ihm sagte, ging es wieder in die
Nebenstube. Da war aber keine Trinette mehr, sondern nur die Stubenmagd, die
Tisch deckte und sagte, Trinette sei zu Bette gegangen, sie htte gar Zahnweh
gehabt. Obs ppe ppis angers syg? fragte Elisi. Sie wisse es nicht, sagte die
Stubenmagd; daneben knnte es wohl sein, wunderlich genug sei sie dafr. Das war
Elisi angeholfen, und vielleicht wren die Beiden die ganze Nacht hinter
Trinette gewesen, wenn nicht die Kchin mit einem Fluch zur Tre hereingefahren
wre: Ob es aber angebacken sei, da es die Suppe nicht hole? Es brnnte drauen
alles an. Als aufgetragen war, kam Johannes mit Uli und fluchte nicht wenig, als
er nur zwei Teller sah; fluchte ber seine Frau, da sie schon im Nest sei, e
selligi Plttere gebe es keine mehr im Kanton, entweder fehle es ihr am Gring
oder im Gring; fluchte ber die Stubenmagd, da die Dolder Gans nicht drei
zhlen knne oder meine, sie fressen wie dSu aus einem Trog. Johannes
behandelte Uli wie einen alten Kameraden und sagte ihm alle Augenblicke: Seh
suf! Seh fri! Mit Elisi war er nicht halb so freundschaftlich, sondern fragte
blo: Wotsch?, und wenn Elisi Nein sagte, so sagte Johannes: He nu, so hesch
scho gha! Daneben spottete er ber ihns: Obs nicht bald einen Mann habe, am
Wollen fehle es nicht. Er wollte an seinem Platz lernen eine Suppe machen und
Strmpf pltzen, vielleicht bekme es dann einen. Vielleicht nhmte dich Uli,
sagte er, wenn du ihn fragst, soll er diese Nacht etwa bei dir liegen? Mit
solchen brderlichen Spen wrzte Johannes das Mahl.
    Am folgenden Morgen sah man Uli zuerst, nicht gar viel spter erschien
Johannes, zu groem Schreck seines Gesindes, zu eigenem groem Zorn. Jedes
pflegte seiner Behaglichkeit, im Glauben, der Meister tue es ebenfalls; der
Meister faulenzte, im Glauben, es wte jeder Dienst, was er zu tun htte. Als
er nun einmal zur unerwarteten Stunde aufstund, da erfuhr er, was die Faulheit
der Meisterleute fr Wirkung tut auf die Diensten. Er fluchte sich fast die
Zhne aus dem Maul, die Zehen ab den Fen, aber am andern Morgen lag er wieder
bis gegen neune; was half da das Fluchen? Was kann in einem Wirtshause alles
gehen von morgens fnf bis um neune, wo der Herr Wirt und die Frau Wirtin
aufstehen! Nirgends straft wohl Gott die zeitlichen Snden schneller und
deutlicher als die der Wirte, welche berwirten. Wenn Wirt und Wirtin nicht Ruhe
schaffen in ihrem Hause zu rechter Zeit mit Hudeln, mit Spielen oder auch nur
Dasitzen und Zusehen, wie Andere hudeln ber die Zeit, so haben die Einen einen
schweren Kopf und zitternde Glieder am Morgen, die Andern mgen sonst nicht auf,
und whrend dieser Zeit geht ihnen weit mehr zugrunde, als sie am Abend verdient
haben, und zum Trinkgeld haben sie den ganzen Tag den schweren Kopf, die faulen
Glieder, zum Trinkgeld haben sie ein bses Alter und schlechte Kinder, und was
Mancher am Ende seines Lebens davonbringt, ist Bettlerbrot, Spitalsuppe und ein
schlechter Strohsack. O wenn mancher Wirt wute, was ginge, ehe er aufsteht, er
wrde wohl am Abend frher Feier, abend machen.
    Johannes donnerte und wetterte, solange er seine verstrupften Diensten sah,
welche die Gaststube noch nicht aufgerumt, die Khe nicht gemolken, die Pferde
nicht gestriegelt hatten, und auf dem Wege zu seinem Lande, das er Uli zeigen
wollte, klagte er gar bitterlich ber alle seine Diensten, wie sie alle nichts
wert seien und wie er hundert Kronen geben wollte um einen guten Knecht. Er
wute noch nicht, da ein schlechter Meister nie gute Diensten hat, da die
einen unter ihm schlecht werden, die, welche gut bleiben wollen ihm weglaufen
mssen.
    Als sie endlich zurckkamen von ihrem Beschauen, fanden sie das Elisi
diesmal ganz in schwefelgelber Montur, das heit in schwefelgelbem Tschpli und
Frtuch, betrbt in der Nebenstube, wohin man eben das Frhstck gebracht hatte,
zirka um halb zehn Uhr: Strbli von gestern, Anken, Ks, Nidle, Kaffee und
schnes weies Brot. Trinette lie sich nicht sehen. Es hie, sie htte in der
Nacht nicht schlafen knnen und mache jetzt etwas nach. Nachdem man fertig war,
sagte ds Elisi noch nichts vom Anspannen. Johannes fhrte den Uli in seine
Keller, und ds Elisi spazierte schn schwefelgelb vor dem Hause auf der Trasse,
im Garten, ums Haus herum, die Handschuhe an den Hnden, das Nastuch darin,
spazierte hin und her, auf und ab, bis es endlich eilf Uhr schlug. Da winkte es
dem Uli und sagte: Sie mten fort, er solle zwegmachen, es wolle gehn und sich
anders an, ziehen; sobald es fertig sei, msse er anspannen. Es ging fast eine
Stunde, bis ds Elisi grasgrn wieder zum Vorschein kam. Und wer sa da prchtig
in schokoladefarbener Seide (Donna Maria war noch nicht Mode), kostbar um und
um, hinten Silber und vornen Gold? Es war Trinette, Trinette, welche die
schwefelgelbe Pracht nicht sehen wollte und auf das grasgrne Elisi gewartet
hatte, um ihm zu zeigen, da es dann auch noch Kleider htte, wenn es sich
zeigen wolle und wenn es schon noch nicht geerbt htte und nicht mehr daheim
sei. Ds Elisi wurde noch einmal so grn, als es die vor ihm sitzende
Herrlichkeit sah, und brachte seinen Mund gar nicht auf zu einem Bonjour und der
Frage nach dem Zahnweh. Hingegen Trinette tat wohl etwas schmchtig, war
brigens die Freundlichkeit selbst, wollte Elisi ntigen, heute (so grasgrn)
noch dazubleiben. Als alle Bitten umsonst waren, erhielt die Stubenmagd Befehl,
schleunig den Tisch zu decken und aufzutragen, gb wie Elisi wehrte, weil sie
erst dischiniert htten.
    Es war ein stattlich Essen da, das Beste, was das Haus vermochte, allein es
schmeckte heute dem grasgrnen Elisi nicht halb so gut als gestern dem
himmelblauen; sobald es Trinette ansah, stockte ihm der Bissen im Halse, selbst
dem Johannes sein Neuenburger hatte heute einen ganz andern Geschmack als
gestern. Es hatte keine Ruhe, bis angespannt war.
    Als endlich angespannt, alles eingepackt war, ds Elisi im Sitz sa, wollte
Uli vorauf, aber Johannes tat es nicht. Er solle doch nicht ein Narr sein, sagte
er, sie werden da innen einander nicht beien, nicht krbeln, hingegen drauen
regne es und sei unlustig. Sie sollten sich nur gut zusammenlassen, so htten
sie nicht kalt; man sei ja dafr auf der Welt, fr einander zu helfen. Uli
mochte wollen oder nicht, er mute hinein, und ds Elisi ruckte weg, drckte sich
in eine Ecke und lie sich nicht hervor, bis sie weit auer Frevligen waren.
    Endlich hob es den Kopf auf und sagte, es sei froh, da sie auf dem Heimweg
seien; ds Bruders seien wste Leute, er sei ein Grobian, ein Unflat, Trinette
ein bses Mnsch, e halbe Narr. Die werden schn fr den Hag hinaus husen. Sie
knnten Beide wohl brauchen, aber nichts verdienen; was das Maul wolle, msse
gefressen, was den Augen gefalle, gekauft sein. Fr die ledig zu bleiben, die es
nur fr einen Narren zu halten begehrten, dazu sei es nicht dumm genug, und
sollte es einen von der Gasse nehmen, so wollte es heiraten, nur da die keinen
Kreuzer von ihm bekmen. Wenn einst Vater und Mutter gestorben seien und es noch
keinen Mann htte, so wte es wohl, wie es ihm ginge; die wrden es
eingnterlen, bis es murbe genug zum Erben wre. Aber es sei ihnen noch zu
schlimm und wolle dem Trini sein schokelaseidenes Tschpli eintreiben. Eins, das
hunderttausend Pfund erben knne, lasse so das Spiel nicht mit sich treiben. Auf
den Reichtum brauche es nicht zu sehen, es vermchte einen Mann zu erhalten, da
sie Beide gut haben knnten. Aber hbsch mte er sein und frein, es wolle
Freude an ihm haben knnen. Die Alten scheue es nicht, wenn es wst tue, so
knne es bei ihnen alles zwngen. Wenn es nume afe einer wollte, noch heute
wollte es die Sache richtig machen, nume ihnen zTrutz. Nit, es htte bereits gar
Manchen haben knnen und sie alle abgewiesen, sie htten ihm nicht gefallen.
Aber jetzt meine die Ghle, es wolle gar Keinen und es drfe sich niemand mehr
an ihns lassen. Wenn es vornen anfangen knnte, so machte es es ganz anders; es
nhme den Erstbesten, so riskierte es wenigstens nicht, da es fr den Hag
hinaus kme. So redete ds Elisi aus seinem ingrimmigen Herzen und rckte immer
mehr aus seiner Ecke hervor und sagte: Uli, du mut nit so schch sy! Kurz,
aus lauter Tubi wurde ds Elisi unter dem Fusack recht zrtlich; blo den Kopf
hielt es, solange es Tag war, in angemessener Entfernung. An dem Stdtchen lie
es vorbeilenken und bestimmte einen unbedeutenden Ort zum Fttern. Uli ward es
bei dem allem wunderlich zumut; indessen verga er nicht, da seines Meisters
Tochter neben ihm sitze, machte von ihrem Gerede keine besondere Anwendung auf
sich und von allem Nherrcken keinen Gebrauch, trotz der Aufforderung, nicht so
schch zu sein.
    Diesmal bannisierte ds Elisi Uli nicht zu einem aparten Schoppen nebenaus,
sondern lie gleich eine Halbe fr sie Beide bringen und dann etwas auf einem
Teller, und dann schien ihm dieser Wein noch nicht gut genug, sondern es befahl
vom mehbessern und dem Kohli noch ein Immi, lie sich da zBoden wohl sein und
sorgte dafr, da es dem Uli und dem Kohli nicht bler sei. Der Erstere mute
Hammeschnittli essen, bis er zuletzt glaubte, selbst eine Hamme zu sein.
    Als sie wieder fortfuhren, irrte der Sonnenschein, die Tagesheiteri nicht
mehr, und ds Elisi wurde auch oberhalb des Fusackes zrtlich, lehnte sich an
Uli an und redete allerlei, bis es endlich sagte: Es gelste ihns, ihm ein
Mntschi zu geben, ob er etwas dawider htte? Seit dem Weltschland htte es
keine mehr gegeben, es msse doch probieren, ob es das noch knne. Im
Weltschland htte man beim Pfnderspiel ihm immer gesagt, es knne das Keins so
gut wie es. Was sollte Uli dagegen haben? Ds Elisi kte ihn nun nach
Herzenslust ab, und er gab wohl hie und da ein Mntschi wieder, aber ziemlich
kaltbltig. Dem Elisi waren sie wirklich auch wohl kalt, und es meinte, dem
Vreneli wrde er wrmere geben und ungeheien. Uli wollte von Vreneli nichts
wissen und sagte, dem htte er noch keine gegeben, er wute nicht, wie dazu
kommen. Elisi meinte, das sei doch kurios; es seien nur Mntscheni und tten eim
doch so wohl, man wurde es niemand glauben, wenn man es nicht selbst erfahren
tte. Und es, eine reiche Tochter, htte so manches Jahr keine er, halten, da
es ganz vergessen gehabt, wie wohl sie eim tten. Aber das m ihm knftig nicht
mehr so gehen, gll, Uli? Als Uli antworten wollte, tat der Kohli einen Satz,
da sie Beide hoch auffuhren, wollte in einen Acker hinaus, da Uli mit beiden
Hnden wehren mute. Endlich wieder gerade auf der Strae, war er so ertaubet,
da Uli aus Leibeskrften ihn halten mute. Da war es mit dem Kssen aus und
Elisi froh, da es mit ganzen Gliedern heimkam.

                              Zwanzigstes Kapitel


                 Uli kriegt Gedanken und wird stark im Rechnen

So lief die Fahrt glcklich und unschuldig ab, aber nicht ohne Folgen. Es stieg
Uli nach und nach doch zu Haupt, da er da leicht zu einer reichen Frau kommen,
glcklich werden knne. Denn so unsinnig es ist, so ist doch im gemeinen
Sprachgebrauch Glcklichwerden und Reichwerden gleich, bedeutend. Man hrt ja so
oft: Der kann wohl, der ist glcklich gewesen im Heiraten und hat mehr als
zehntausend Pfund erwybet. Freilich ist seine Frau ein Laschi und er hat viel
mit ihr, aber was macht das, wenn man Geld hat? Das Geld ist doch die
Hauptsache. Von dieser allgemeinen und doch so unbegrndeten Ansicht war Uli
nicht frei, wollte er ja doch auch reich, ein Mann werden. Wenn er an Elisi
uerungen dachte, die freilich im Nebel und im Regen getan waren, so kam es ihm
immer wahrscheinlicher vor, da es ihn nehmen wrde, wenn er es recht begehrte.
Der Bruder hatte ihn so freundschaftlich behandelt, so viel Zutrauen ihm
gezeigt, da er meinte, der wrde wirklich nicht sehr darwider sein. Wenn es
einer sein mte, so wre er ihm lieber als mancher Andere. Den Eltern, dachte
er, wre es wohl im Anfang nicht recht, und sie wurden wst tun; aber wenn
einmal Elisi es erzwngt htte, die Sache geschehen, so machte es ihm keinen
Kummer, ihnen lieb zu werden.
    Der Gedanke, einmal auf der Glungge Bauer zu sein und so ganz frei schalten
zu knnen, tat ihm gar unendlich wohl. In zwanzig Jahren, rechnete er manchmal
aus, wollte er gut noch einmal so reich sein, der ganzen Gegend wolle er zeigen,
was das Bauren knne. Es stieg ein Plan nach dem andern vor ihm auf, wie er es
anfangen, was er alles vornehmen wolle, was der Pfarrer sagen werde, wenn er mit
der reichen Tochter die Hochzeit angebe, was die Leute in seiner Heimat sagen
werden, wenn er einmal mit eigenem Ro und Wagen daherkomme und es heie, der
Uli htte sechs Ro im Stall und zehn Khe von den schnsten! Freilich, wenn er
dann das Elisi schlrplen sah, so gab es ihm einen Tolgg in seine Rechnung. Er
sah wohl, da es fr die Haushaltung nichts, daneben wunderlich und bruchig und
mit allem unzufrieden sei. Das Letztere wrde bessern, dachte er, wenn es einen
Mann htte. Er vermge dann Diensten zu haben, es gehe sonst, wenn die Frau
nichts mache; bei solchem Reichtum mge es wohl etwas erleiden. Es sei bei einer
jeden etwas zu scheuen, er htte noch von Keiner gehrt, die gewesen sei, da
man nicht noch etwas anderes gewnscht. Reich, reich, das sei doch immer die
Hauptsache. Und doch, wenn er Elisi sah, so wollte es ihm erleiden. Das
verschienene Tirggeli, Hmpfeli kam ihm gar zu unappetitlich vor. Wenn es ihn
mit seinen feuchtkalten Hnden anrhrte, so schauderte es ihn, es war ihm, als
msse er den Fleck abwischen, den es berhrt. Wenn er es erst reden hrte, so
zimperlig und doch so dumm, so wollte es ihn aus der Stube treiben, und er mute
fr sich denken; Nein, bei dieser haltest du es nicht aus; bei jedem Wort, das
sie sagt, mtest du dich ja schmen. Aber wenn er dann von Elisi weg war, so
sah er wieder den schnen Hof, hrte das Geld klingen, sah sich im Ansehen, und
es kam ihm vor, als sei Elisi doch so wst nicht, und nach und nach wollte es
ihn dnken, als sei es wirklich gescheuter, als man glaube, und wenn es Liebe zu
einem htte und man vernnftig mit ihm rede, so wre noch etwas mit ihm zu
machen und bei einem rechten Mann knnte es noch eine recht vernnftige Frau
abgeben.
    Das alles ging nur in Ulis Kopf vor, allein es ist nichts so rein gesponnen,
es kmmt doch endlich an die Sonnen. Die Reise hatte Elisi und Uli vertraulicher
gemacht, es war ein anderer Ton, in dem sie zueinander redeten, und mit den
eigenen Augen eines gewissen Einverstndnisses blickte ihn ds Elisi an. Uli
freilich suchte die Augen zu meiden, besonders wenn sie in Vrenelis
Gesichtskreis waren. Denn so wie Elisis Reichtum ihn alle Tage heftiger lockte,
so schien ihm Vreneli alle Tage hbscher und anschlgiger. Am besten, dachte er
oft, wrde es gehen, wenn Vreneli bei ihnen bleiben und die Haushaltung machen
wurde. Mehr als frher zog Elisi Uli nach, und wenn es an einem
Sonntagnachmittag einen Augenblick alleine mit ihm in der Stube war, so ruhte es
nicht, bis es ans Kssen kam. Es wre fr sein Leben gerne wieder einmal mit ihm
ausgefahren, allein es wute nicht wohin, und an die Mrkte kamen Vater oder
Mutter mit. Indessen, htte Uli Bses im Sinne gehabt und auf schlechtem Wege zu
einer Heirat kommen wollen, wie man deren Beispiele von Schlechtern, als Uli
war, viele hat, Elisi htte Gelegenheit genug dazu gegeben und in sich nichts
getragen, das ihns davor geschtzt. Uli, bis nit so schch! hatte es
vielleicht noch gesagt. Aber Uli war brav, begehrte nichts Bses, mied solche
Gelegenheiten, ging der Anlssigkeit von Elisi recht oft aus dem Wege, wollte
viel lieber Elisi verdienen als verfuhren. Er arbeitete um so emsiger, lie sich
alles besonders angelegen sein und wollte sich das Lob erwerben: wenn er schon
jetzt nicht reich sei, so knne es ihm bei solcher Anstelligkeit nicht fehlen,
es zu werden. Das, glaubte er, werde so viel bei den Eltern ziehen als viele
tausend Pfund. Er dachte nicht an das Schreckenswort: Ume dr Knecht!
    Nun aber hatten die Nebendiensten auch Augen im Kopf, und weit eher, als Uli
noch an etwas gedacht, hatten sie Elisis zutppisches Wesen bemerkt und Uli
damit aufgezogen. Sie schrieben immer mehr seine Ttigkeit der Absicht zu,
Tochtermann zu werden. Die Vernderung seit der Reise blieb ihnen nicht
verborgen. Sie ersannen allerlei Mrlein ber die Vorginge auf derselben,
stichelten Uli ins Angesicht und verleumdeten hinter seinem Rcken. Alle
Zumutungen, die er machte, deuteten sie, als ob er sich nur auf ihre Kosten wert
machen wolle, nahmen sie daher bse auf, stellten sich ungebrdig und dachten,
dem wollten sies vrha. Sie paten Elisi und Uli auf, wo sie nur konnten, suchten
ihr zufllig oder absichtlich Beisammensein zu stren oder zu belauschen,
allerhand Schabernack ihnen zu machen, und htten gar gerne irgend ein grobes
rgernis aufgedeckt, aber dazu gab Uli keine Gelegenheit. Noch ging die Wage bei
ihm auf und ab. Es erleidete ihm manchmal Elisi und das Dasein in der Glungge,
da er gerne hundert Stunden da dnne gewesen wre. Das Mdchen aber ward immer
verliebter, kramete Uli bei jeder Gelegenheit, verehrte ihm mehr, als er
annehmen wollte, tat so narrochtig mit ihm, da es endlich selbst den Eltern
auffiel. Joggeli muckelte: Da hatte man es jetzt, da knne man sehen, was Uli
eigentlich im Schilde fhre, dem wolle er aber einen Strich durch die Rechnung
machen. Indessen tat er nichts; insgeheim htte er es seinem Sohn, der ihn so
oft bschummelte, gnnen mgen, wenn Elisi einen dummen Streich gemacht und htte
heiraten mssen.
    Die Mutter nahm das mehr zu Herzen und sprach Elisi zu: Es sollte doch mit
Uli nicht so narrochtig tun und auch denken, was die Leute sagen und wie sie es
auf die Trommel nehmen werden. Es schicke sich doch wahrhaftig nicht fr ein
reiches Meitschi, mit einem Knecht zu tun wie mit einem Schatz. Nit, sie htte
nichts wider Uli, aber er sei doch immer nur der Knecht, und es werde doch
keinen Knecht wollen. Dann plrete ds Elisi und sagte: Es sei alles nicht recht,
was es mache, man htte in Gottsname immer mit ihm zu balgen; bald halte man ihm
vor, es sei zu hochmtig, bald, es mache sich zu gemein. Wenn es mit einem
Knecht ein freundlich Wort rede, so mache man ihm einen Lrm, einen rgern
knnte man ihm nicht machen, wenn es schwanger wre. Aber man gnne ihm in
Gottsnamen keine Freude und alles sei nur auf ihm. Es wre ihm am whlsten, wenn
es bald sterben knnte. Und Elisi plrete dabei immer heftiger, bis es keinen
Atem mehr hatte, die Mutter in aller Eile das Gllert auftun mute und wirklich
glaubte, das Elisi wolle sterben. Dann schwieg die gute Mutter wieder, denn sie
wollte wirklich nicht, da ds Elisi sterbe. Sie klagte nur zuweilen Vreneli, sie
wisse nicht, was sie da machen solle. Tue sie wst, so wr ds Elisi imstand,
etwas Ungeschicktes zu machen; lasse sie es gehen und geschehe dann wirklich
auch etwas Ungeschicktes, so werde sie an allem schuld sein sollen und man werde
sagen, warum sie nicht zu rechter Zeit dazu getan. Aber einmal jetzt wte sie
nichts zu machen. ber den Uli knne sie nicht klagen, er fhre sich vernnftig
auf und sie glaube, es sei ihm eher zuwider. Und so mir nichts dir nichts, bis
man mehr zu klagen habe, ihn fortzuschicken, reue sie auch. Und wenn sie es
tte, so wre Joggeli der Erste, der ihr immer vorhielte, sie htte aus leerem
Kummer den besten Knecht fortgeschickt, den sie noch gehabt. Aber er mache es
immer so: da, wo sie mchte, da er rede, da schweige er, und wo er schweigen
sollte, da mffele er drein. Vreneli solle immer gut Achtung geben, und wenn es
etwas Apartes sehe, es ihr sagen. Aber von Vreneli hatte die Alte wenig Trost,
das tat, als ob die Sache ihns nichts anginge. Ds Elisi konnte sich nicht
enthalten, dem Vreneli von Uli zu reden, wie er ein Hbscher und Freiner sei und
wie es sich nicht verschworen wolle, da es ihn nicht noch einmal heirate; wenn
sie es einmal taub machten und ihm nicht tun wollten, was es begehre, so sollten
sie nur sehen, was es mache. Es besinne sich dann nicht lange und es brauche nur
ein Wrtlein zu sagen, so gehe Uli und gebe das Hochzeit an. Wenn Vreneli dann
auch zu diesem wenig sagte, so hielt ds Elisi ihm vor, es sei schalus. Oder wenn
Vreneli ihm zusprechen wollte, es solle doch Uli nicht so zum Narren halten, es
begehre ihn doch nicht, oder es solle den Eltern nicht diesen Verdru machen, so
hielt es ihm vor, es mchte Uli selbst und wolle ihns nur abspenstig machen, um
selbst ans Brett zu kommen; aber so eine mit einem blutten Fdle nehme Uli
nicht, dafr sei er zu gescheut. Es solle sich nicht einbilden, da es so bald
einen Mann bekme; der leidest Knecht besinne sich, ehe er so ein arm Meitli
nehme, und zweimal, ehe er ein unehliches nehme. Das sei immer noch die grte
Schand, die es gebe. Obgleich Vrenel solche Reden tief empfand, so lie es es
doch nicht merken, weinte nicht und zankte nicht, sagte hchstens: Elisi, da
du nicht auch unehlich bist, dafr kannst du nichts, und da du nicht schon ein
Unehliches hast, daran bist du auch nicht schuld.
    Am meisten Not machte Vreneli das eigene Betragen gegen Uli. Je mehr diesem
Elisis Geld zu Kopfe wuchs, desto mehr fhlte er sich zu Vreneli gezogen; er
konnte es gar nicht leiden, wenn es ihm kurzen Bescheid gab oder bse ber ihn
schien, und suchte es auf alle Weise zu vershnen, gut zu stimmen. Er floh Elisi
oft und suchte es nie auf; er floh Vreneli nie, suchte es aber oft auf, whrend
es ihn floh und Elisi ihn suchte. Vreneli wollte mit Uli kurz sein und trocken,
und doch konnte es, wenn es den besten Vorsatz hatte, oft nicht anders als
freundlich mit dem freundlichen Burschen sein, konnte zuweilen sich bei ihm
vergessen und zwei, drei Minuten mit ihm schwatzen und lachen. Wenn das dann
zufllig ds Elisi sah, so gab es grliche Geschichten. Zuerst hielt es Vreneli
die wstesten Sachen vor, bis es nicht mehr reden, kaum Atem finden konnte. In
diesem Zustande scho es manchmal an ihns hin und htte es prgeln mgen, wenn
es ihm nicht an Kraft gebrochen htte. Dann ging es ber Uli her; er mute
hundertmal hren, da er ein Unflat sei und nur der Knecht. Und es sehe jetzt,
was es zu erwarten htte, wenn es so dumms wre, wie man meine. Aber es sei
Gottlob noch frh genug und es wolle nicht so ein Narr sein, sein Geld einem zu
bringen, von dem es frchten msse, er verbrauche es mit Huren. Dann fing es an
zu heulen ber solche Falschheit, und wie es sterben wolle. Manchmal vershnte
es sich schon whrend diesen Trnen und Uli mute versprechen, nicht mehr Andern
nachzulaufen, dem wsten Vreni, das ihn locken, verfhren wolle, kein gutes Wort
zu geben. Bald dauerte der Unfriede lange, und ds Elisi kupete. Dann kam es Uli
doch vor: eine, die so schalus sei, die ihm den Knecht so oft vorhalte, so
heulen oder kupen knne, sei doch nicht die liebenswrdigste Frau, und da gebe
es ein bs Dabeisein und es wre besser, wenn er die ganze Sache sich aus dem
Sinne schlge. So wie er nun gleichgltig gegen das Kupen ward, so ward es Elisi
angst und es suchte die Vershnung, kramete etwas oder suchte sonst eine
Gelegenheit, wo es Uli flattieren, ihm anhalten konnte, er solle es doch lieb
haben, es habe sonst keine Freude mehr am Leben. Und wenn es ihn so bs mache,
so solle er ihm nicht zrnen, das geschehe nur, weil seine Liebe so gro sei,
weil es ihn keiner Andern gnne usw. Wenn es ihn einst recht htte, so wollte es
nicht mehr schalus sein, aber solange es so dahange und nicht wisse, woran es
sei, komme es ihm manchmal, als ob es lieber sterben wollte. Es wisse auch nie
recht, ob Uli ihns lieb habe; es dunke ihns manchmal, wenn er es recht lieb
htte, so setzte er ganz anders an und nhme die Sache besser in die Hand, er
sei da so wie ein Gstabi und mache kein Gleich. Wenn dann Uli sagte, er wte es
nicht besser zu machen, er wisse ja auch nicht recht, ob ds Elisi ihn eigentlich
wolle, und wenn es ihm Ernst sei, so solle es mit den Eltern reden oder sie
wollten zum Pfarrer gehen und das Hochzeit angeben und dann sehen, was daraus
werden wolle, so sagte Elisi: Das pressiere nicht halb so, Hochzeit halten knne
sie immer noch. Das sei die Hauptsache, da er es lieb habe, und dann sei es in
einem Jahr noch frhe genug, oder wenn er recht dransetze (das komme auf ihn an,
es wolle sehen), in einem halben. Aber mit dem Donners Vreni solle er nichts
mehr zu tun haben, sonst kratze es Beiden die Augen aus und das Mnsch msse aus
dem Hause.
    Natrlich gab die Sache ein gro Gerede weitumher, und man redete weit mehr
davon, als daran war. Es gab zwei Partien: die eine gnnte die Geschichte den
Eltern, die andere die reiche Frau dem Uli. Je lnger die Sache dauerte, und das
ging nicht nur ein Jahr, desto mehr gewann der Erfolg an Wahrscheinlichkeit,
desto mehr unterzogen sich die Dienstboten dem Uli und stellten sich auf die
Seite des mutmalichen Tochtermanns, so da der Hof ein immer blhenderes
Aussehen bekam und Uli immer unentbehrlicher wurde. Selbst Joggeli, dem der bare
Gewinn in den Sack flo und der wohl rechnen konnte, was zwanzig Klafter Futter,
tausend Garben Korn mehr zu bedeuten htten, verbi seinen rger, tat ein Auge
zu und trstete sich damit, er wolle Uli brauchen so lange als mglich; wenn es
einmal Ernst gelten sollte, so knnte man immer noch sehen.
    Als einmal Johannes daherkam, der auch von dem Gerede gehrt hatte, und
verdammt aufbegehrte und forderte, da man Uli fortschicke, so wollte Joggeli
nichts davon hren. Solange er lebe, htte er hier zu befehlen, und Uli wre
Johannes der Rechte, wenn er ihn htte. Was hier gehe, gehe Johannes nichts an,
und wenn man dem Uli ds Elisi geben wolle, so gehe es ihn auch nichts an. Er
msse nicht glauben, da er alles allein erben wolle; einstweilen sei, was sie
noch htten und was er ihnen nicht abgelschlet, noch ihr. Je wster Johannes
tue, desto eher msse ds Elisi heiraten; es sei nicht, da es Uli sein msse, es
gebe Andere auch noch. Sie wten wohl, wie lieb sie ihm alle seien; wenn er das
Geld htte, so frge er Vater und Mutter und Elisi nichts mehr nach, sie knnten
seinethalb alle noch einmal heiraten, und wenns Schinderknechte wren, so wre
es ihm gleich. So redete Joggeli zu seinem Sohne in seinem krigen, hustenden
Tone, da es der Mutter ganz angst war und sie einredete, er solle doch nicht
Kummer haben, das geschehe nicht, sie seie auch noch da und ds Elisi werde nicht
alles zwngen und Uli sei ein braver Bursche usw. Johannes wollte nun mit Uli
selbst reden, aber der war nicht zu finden. Er sei um eine Kuh aus, hie es.
Trinette, diesmal noch viel schner schwefelgelb als frher Elisi, bewegte sich
um Elisi mit verachtender Miene und germpfter Nase und sagte endlich zu
demselben: Pfitusig, wie gmein machst de dih! Mit eme Knecht sih mge abzg! Es
ist eine Schande fr die ganze Familie! Wenn meine Leute gewut htten, da
meines Mannes Schwester einen Knecht sollte heiraten, sie htten ihn geschickt
Band hauen, er gefiel ihnen ohnehin nicht sonderlich. Aber ih bi Ghls gnue gsi
u han e abselut welle. Mi cha dih nimme zur Familie zelle, und du kannst dann
sehen, wo du untereschlfst, einmal hier sollt ihr dann nicht mehr bleiben.
Pfitusig, so mit emene Knecht es Glscheipf z'ha! Pfitusig, es gruset mr fry ab
dr, ih ma dih nume nimme aluege. Pfitusig, schmst dih nit i dys bluetig Herz
yche und teuf i Bode ache! Aber ds Elisi schmte sich nicht, sondern hngte
Trinette noch ein viel bser Maul an und meinte: Ein Meitschi htte dWehli, sich
abzugeben, mit wem es wolle, und knne einen Knecht oder einen Herrn heiraten,
vor Gott seien all Menschen gleich. Aber wenn es einmal eine Frau sei, dann
wrde es sich schmen, bald mit dem Stallknecht und bald mit dem Metzger, bald
mit dem Herdknecht und bald mit dem Karrer und zletzt noch mit allen Zundleren
und allen Lndern im Geschrei zu sein und Kinder zu haben, wo keins eine Nase
habe wie das andere und eins dem andern gleiche wie ein Guer einem Weltsch.
Wenn Vreneli und die Mutter nicht gewesen wren, so htten sich die beiden
Schwgerinnen die grasgrne und die schwefelgelbe Seide vom Leibe gerissen. Als
die Mutter Trinette mit Zusprechen helfen wollte, so ereiferte sich ds Elisi so,
da man es zu Bette bringen mute. Erst jetzt, sagte es, als es wieder zu sich
und zur Sprache kam, erst jetzt wolle es machen, was ihm anstndig sei. Es wolle
sich nicht einmetzgen lassen wie eine feie Sau. Und es sei schlecht von den
Eltern, da sie meinten, es solle ein Kind einzig erben und das andere ohne Mann
verrebeln, nur damit alles auf einem Haufen bleibe.
    Johannes und seine Frau blieben nicht lange da. Auf dem Heimwege fters
einkehrend, wobei aller Rckhalt verloren ging, kramten sie ihren guten
Freunden, Kollegen und Kolleginnen die ganze Geschichte aus, und ihre Erzhlung
erhob das Gercht zur vollen Gewiheit. Der Bruder und seine Frau haben es
selbst gesagt, hie es, und die werden doch etwas davon wissen.
    Nicht lange darauf fuhr Uli mit einem Ro zMrit, sah aber bald, da er es
nicht verkaufen knne um das, was er lsen sollte. Da es schlecht Wetter war, so
nahm er es ab dem Markt und stallete es in einem Wirtshause ein. Wie er in die
Gaststube wollte und um eine Ecke bog, prallte er an seinen alten Meister. Mit
unverhohlener Freude bot Uli ihm die Hand und sagte, wie froh er sei, ihn
anzutreffen und ein wenig bei ihm zu sein. Der Meister war trockener und redete
von vielen Geschften, gab aber doch endlich Uli ein Stelldichein, wo sie ruhig
eine Halbe trinken knnten. Dort, nachdem sie in einem Winkel ziemlich gedeckt
saen, erffneten sie die Vorrede und Johannes fragte, ob es viel Heu gegeben,
und Uli sagte Ja, und ob bei ihnen das Korn auch schon gefallen wre, ihres
htte der erste Luft gestoen. Du bist alle zweg, fuhr der Meister nach
einigen weitern Zwischenreden fort, und was hab ich gehrt? Du werdest bald
Bauer in der Glunggen werden, sagen die Leute. So, wer redt das? fragte Uli.
He, die Leute sagens, es sei weit und breit das Gerede und man rede es fr eine
bestimmte Wahrheit. Die Leute wissen immer mehr, sagte Uli, als die, welche
es angeht. ppis werde doch an der Sache sein, antwortete der Meister. He,
sagte Uli, er wolle nicht sagen, da es es einst nicht geben knne, aber die
Sache sei noch im weiten Felde; geredet sei noch nichts darber, und es knnte
noch beid Weg gehen. He, sagte Johannes, es decht mih, es sei genug
geredet. He, wieso? fragte Uli. He, ds Meitschi ist ja schwanger! Das ist
eine verfluchte Lge, sagte Uli, ich habe es nie angerhrt d Weg. Ich will
nicht sagen, da ichs nicht htte knnen, aber ich htte mich geschmt, es so zu
machen. Es htten da alle Leute mir schuld gegeben und gedacht, es sei ein
Schelmenstreich von mir, wie schon mehr dergleichen geschehen, und das habe ich
nicht gewollt. Die Leute mssen mir nicht nachreden, ich sei d Weg zu einer
reichen Frau gekommen. So? sagte Johannes, das ist dann anders, als ich
gehrt, und ich habe geglaubt, Uli wolle mich ansprechen, ihm z'best z'reden.
Das wre mir zwider gsi, ich mu es sagen, und deswegen habe ich lieber gewollt,
ich htte dich nicht angetroffen. Es freut mich, da es nicht so ist, ich htte
auch noch Schmutz davon auf den rmel gekriegt. Jedenfalls htte es mich
gergert, wenn du es auch so gemacht wie andere Lusbueben. Aber ppis werde
doch an der Sache sein? He, sagte Uli, er wolle nicht leugnen, da er nicht
glaube, die Tochter wollte ihn und es wre zu erzwingen, wenn sie recht
ansetzten. Und es htte ihn allerdings decht, fr ein armes Brschli, wie er
sei, wre das ein groes Glck, besser machen knnte er es nie. Das wird doch
wohl das bleich, durchschynig Meitschi sy, wo geng ab em Luft mue, wenn ers nit
nh soll? fragte Johannes. ppe gar ds Brvst ist es nicht, sagte Uli, es
ist magers und ungsngs; aber es werde ihm schon bessern, wenn es einen Mann
habe, hat der Doktor gesagt; aber hunderttausend Pfund bekmmt es. Hcklets no
geng so da ume, oder rhrt es auch etwas an, macht es die Haushaltung? fragte
Johannes. Werche tut es nicht viel, und in der Kche ist es wenig, aber schn
lismen kann es und mit Krllene allerlei Styfs machen. Aber wenn es den Hof
einmal bekmmt, so vermag man eine Kchin zu halten. Wenn es nur hie und da
nachsieht, es braucht ja nicht selber alles anzurhren, meinte Uli. J, fr
nachezluege mu man die Sache selbst verstehen; das ist gar dumm, da man meint,
wenn eine Frau bei einer Sache hocke, so sei damit alles getan. Es kann zum
Beispiel eine Frau lang in einer Apothek hocke und lismerle, die Knechte knnen
doch machen, was sie wollen, sagte Johannes. Aber es het mih decht, es lueg
gar ulydig dry und grnn eim nume so an, statt eim auch es freundlich Wort
z'g. Es fehle ihm viel, sagte Uli und es sei gar ein Empfindliches. Aber wenn
es einen freinen Mann htte und ppe zu tun, so viel es mcht, da es sich ein
wenig vergessen knnte, es wrde ihm schon bessern. Es sei doch nicht, da es
dann nie knne freundlich sein. Es knne bsunderbar flattieren, und wenn man den
Hof recht werche so knne man darauf wenigstens zehntausend Garben machen und
zwar nur Korngarben. Das sei viel, sagte Johannes, und solche Hfe gebe es nicht
mehr viel im Kanton. Aber wenn man ihm die Wahl liee, einen gfreuten Hof und
eine ungfreuti Frau dazu oder keins von beiden, er wollte hundert, mal lieber
das Letztere. Reichsein sei eine schne Sache, aber reich mache noch nicht
glcklich; wenn man so einkybig Hpeli daheim habe, das ber alles entweder
grnne oder pflenne, so mchte der Tfel dabeisein. Und wenn man einmal die
Freude auer dem Hause suchen msse, so htte es gefehlt.
    Aber Meister, sagte Uli, du hast mich doch immer brichtet, ich solle
husen und sparen, so gebe ich auch einen Mann ab, man sei nichts, wenn man
nichts habe. Ganz recht Uli, sagte der Meister, das habe ich gesagt und sage
es noch. Es ist einer glcklicher, wenn er huset, als wenn er liederlich ist,
und es ist einer kein Mann, wenn er in seinen ledigen Tagen nicht fr die alten
sorgen kann. Wenn einer in den jungen Jahren nicht einen guten Anfang macht, so
kmmt er zu einem bsen Ende. Ein braver Bursche mit etwas Geld kann auch besser
heiraten als ein Hudel und soll auf eine rechte Frau sehen, aber die reichste
Frau ist nicht immer die beste. Es gibt Weiber, die mir ohne einen Kreuzer
lieber wren als andere mit hunderttausend Pfund. Es kommt immer auf die Person
an. Mach, was du willst, aber besinne dich wohl. Ds Elisi ist freilich eine
elende Person, sagte Uli, aber es kann ihm bessern; es ist Manche mager
gewesen in der Jugend, sie ist im Alter noch dick geworden, und bs aparti ist
es nicht, besonders wenn es zufrieden ist. Wenn es hhn ist, dann wei es
freilich nicht recht, was es sagt, und hlt mir den Knecht vor und andere
Meitscheni; aber wenn es wieder zufrieden geworden ist, so kann es recht
kurzweilig sein und hat das beste Herz von der Welt. Es hat mir schon gekramet,
es wei kein Mensch wie viel, und htte mir noch viel mehr gegeben, wenn ich
nicht immer gewehrt htte. Mach, was du willst, sagte Johannes, aber ich
sage dir noch einmal: besinne dich wohl; es tut selten gut, wenn so Ungleiches
zusammenkmmt, und es ist noch selten gut gekommen, wenn der Knecht des Meisters
Tochter geheiratet hat. Es ist mir etwas an dir gelegen, einem Andern htte ich
nicht so viel gesagt. Jetzt mu ich heim; komm einmal in miger Zeit zu uns,
dann wollen wir noch weiter ber das Kapitel reden, wenn es nicht zu spt ist.
    Uli sah seinem Meister unzufrieden nach. Ich htte nicht geglaubt, dachte
er, da der mir mein Glck nicht gnnte. Aber so sind die Donners Bauren, sie
sind alle gleich; sie mgen es nicht leiden, wenn ein Knecht zu einem Hof kmmt.
Der Johannes ist noch von den Besten einer, aber er mag es auch nicht vertragen,
da sein alter Knecht reicher wird, als er ist, und zu einem schnen Hof kmmt.
Was htte es ihm sonst gemacht, ob ds Elisi hbsch oder wst ist? Er hat doch
auch nicht allein auf die Hbschi gesehen, als er seine Frau genommen. Sie sehen
das fast wie eine Snde an, wenn unsereiner an eine Baurentochter nur denkt, und
doch wr noch Manche froh, sie bekme einen manierlichen Knecht und mte nicht
ihr Lebtag der Hund auf einem Hofe sein. Er lasse sich aber nicht so mir nichts
dir nichts absprengen, das sei ihm jetzt schon zu lang gegangen und das Gerede
zu fast unter die Leute gekommen, als da er so davon wolle. Aber ab Brett msse
die Sache, dachte er, er wolle einmal wissen, woran er sei; so zwischen Tr und
Angel zu hangen, sei ihm nicht lnger anstndig. Er wolle es Elisi sagen, es
solle mit den Alten reden; bis im Herbst msse das Hochzeit zu verknden sein,
oder er wolle auf Weihnacht fort, dr Narr wolle er nicht lnger sein.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


                  Wie eine Badefahrt durch eine Rechnung fhrt

Solche Entschlsse fate er hinter einem Schoppen. Als er dann auf seinem
Braunen heimritt, ging ihm der ganze Hof im Kopf herum und ob der wohl sein
wrde, oder ob Johannes das Wirtshaus verlassen und ihn beziehen wrde.
    Das Letztere glaubte er nicht; er hielt Johannes und Trinette zu sehr an das
Weltgetmmel gewohnt, als da sie auf der einsamen Glunggen sich gefallen
sollten. Wenn er den Hof bekme, dachte er, so wrde er sicher nicht viel darauf
schuldig.
    Johannes htte bereits viele Tausende, und so viel er merken mochte, hatte
Joggeli noch weit ber siebentausend Pfund Glte. Nun begann er zu rechnen, was
er aus dem Hof ziehen knnte. Er berschlug die Hauskosten, dann den Abtrag aus
Feld, Wald und Stall, rechnete die Fehljahre ein, rechnete alles mig, und er
glaubte, wenn er weder Zins noch Schlei auszurichten htte, so wollte er wohl
eher vier, als nur drei, tausend Pfund jhrlich vorsparen. Er rechnete: wenn ihm
Gott das Leben schenken wrde nur fnfundzwanzig Jahre lang, so wollte er so
viel Geld am Zins haben, als der Hof gelten wrde. Dann sollte einer kommen und
ihm die reiche Frau vorhalten und das Geld komme von ihr! Dem wolle er dann
sagen, es sei keine Kunst, viel zu erben, aber hunderttausend Pfund zu erwerben
sei eine Kunst, und ds Elisi htte manchen Reichen nehmen knnen und in
fnfundzwanzig Jahren htten Beide nichts mehr zu beien und zu brechen gehabt,
geschweige dann noch einmal so viel, als sie geerbt.
    Unter solchen Gedanken kam der Weg dem Uli unendlich kurzweilig vor, und der
Braune rchelete am Stalle, ehe Uli daran dachte, da er schon daheim sei. Es
ging nicht lange, so hatte ihn ds Elisi gefunden und forschte nach dem Kram. Uli
packte aus, Feigen und Mandeln und Kastanien, aber sagte zugleich: Er mchte
doch bald wissen, woran er sei; so knne das nicht lnger gehen, die Leute
lachten ihn allenthalben aus. Entweder wollten sie Hochzeit haben, oder er wolle
fort. Ds Elisi sagte, das sei an ihm, zu sagen, wann es Hochzeit haben wolle.
Sobald sie es einmal recht taub machten, so mte es am nchsten Sonntag sein,
und wenn der Bruder noch einmal komme und das Geringste sage, so laufe es auf
der Stelle zum Pfarrer und der msse auf der Stelle Predig anstellen und es
verknden. Jetzt aber knnte es unmglich daran sinnen. Die Mutter htte ihm
versprochen, mit ihm in den Gurnigel zu gehen fr acht oder vierzehn Tage. Da
mte nun die Nherin noch kommen, der Schneider, der Schuhmacher, es htte an
so viel zu sinnen, da es ganz sturm sei, mte zudem noch hieaus, daaus, Sachen
einzukaufen, da es gar nicht wte, wo man Zeit zum Hochzeit nehmen wollte.
Wenn der Gurnigel verrumpelt htte, dann wollte es sehen, wie es ihm im Kopf
sei. So komme es auch zweimal zu neuen Kleidern; es nhmte es doch wunder, ob
dann die Hex zu Frevligen ihre Nase nicht mte hintern halten. Uli mochte
sagen, was er wollte, ds Elisi a Feigen und dachte an den Gurnigel. Ganze Tage
packte es aus und ein, machte die Koffern fertig und packte wieder aus. Es
dachte nicht nur, was es wohl fr Aufsehen machen werde, sondern es erzhlte
allen, die einen Augenblick bei ihm stillestehen konnten, wie gewi droben Keins
sein werde, das solche Kleider habe, und was wohl die Herren dazu sagen werden,
es sollen gar schne und reiche hinaufkommen. Es frug alle Leute, wie manchmal
des Tages man sich anders anziehe und wie manche Bkleidig es mit sich nehmen
solle? Ob wohl fnfe genug seien, oder ob man sechs haben mte; ob man die
Mnteli droben auch knnte waschen und gltten lassen und ob man wohl gutes
Ammermehl htte, von krnigem Mehl, oder ob es mit hinaufnehmen solle? Mit so
Tfelsdreck von Erdpfeln wolle es sich seine Mnteli nicht verderben lassen.
Was man wohl meine: ob es Mode sei, die heiteren Bkleidigen am Morgen anzuziehen
oder am Abend? Wo man wohl das beste Schmckwasser zu kaufen bekomme, zu Bern
oder zu Burgdorf, oder ob es dasselbe sollte von Neuenburg kommen lassen? Man
htte ihm gesagt, dort schmcke man weitaus am besten weit und breit. So hatte
ds Elisi fast Tag und Nacht zu tun, und die Mutter sagte manchmal: Sie wollte,
sie htte nichts davon gesagt oder sie wren schon dort, das Meitschi werde ihr
noch zum Narren; sie htte ihr Lebtag noch nie so tun sehn.
    Als die Mutter endlich auch ans Einpacken denken wollte war kein Platz fr
sie. Ds Elisi hatte schon zwei Koffern gefllt, und eine Menge Sachen sollten
noch mit, aber man wute nicht wie. Die Mutter meinte freilich: Elisi knnte
fglich dies und jenes daheim lassen, sechs Tschpli brauche es doch nicht, und
an zwei Kitteln wre es wohl auch genug Aber allemal, wenn die Mutter so etwas
sagte, so weinte das Meitschi, und statt etwas wegzutun, ri es Neues hervor,
noch mehr Kittel, noch mehr Tschpleni, und Gloschleni ohne Zahl. Joggeli hatte
eine Art Galgenfreude daran und riet ihnen, sie sollten eine Zgelkiste von Bern
kommen lassen; man htte dort welche, wie ein kleines Ofenhaus, da knne man am
kommodsten einpacken, nicht nur Kittel und Gloschleni, sondern die Sachen
mitsamt den Schften und Trgen, da werde doch am wenigsten verrumpfet. Dem
Elisi gefiel das gar wohl, und Uli sollte auf der Stelle fort, eine solche Kiste
zu holen. Aber die Mutter, wie auch ds Elisi weinte und tat, wollte das durchaus
nicht zugeben. Sie wolle nicht in die Brattig, sagte sie, und was wrden die
Leute sagen, wenn sie mit einer solchen Kiste dort ankamen, man knnte sie viel,
leicht nur nirgends hintun. Es sei schon viel gemacht, da sie mit einem solchen
Narr in den Gurnigel gehe, sie brauche nicht noch eine solche Kiste. Sie ginge
gar nicht, wenn es ihr nicht der Doktor befohlen htte und sie frchten mte,
das Meitschi hintersinnete sich. Er sei immer der Wstest, sagte sie zu ihrem
Mann; statt etwa einen guten Rat zu geben oder dem Meitschi abzubrechen, treibe
er nur das Gesptt mit ihnen. Sie wisse wohl, am liebsten wre es ihm, wenn sie
gar nicht gingen, und es htte ihn von jeher jeder Kreuzer gereut, den er fr
sie htte ausgeben mssen, und doch sei sie auch nicht mit leeren Hnden
gekommen. Dann sagte Joggeli, sie htte das Meitschi so gemacht, ihm zu allem
z'best geredet; sie knne es jetzt haben, wie es sei, er wisse nichts zu machen.
Sie wolle doch nicht alle Schuld tragen, sagte sie. Wer ihm immer die schnsten
Sachen gekramet htte und wer es ins Weltschland getan, woher es so wunderligs
heimgekommen? Einmal nicht sie. Aber sie wisse es wohl: es sollten immer alle
Leute schuld sein, nur er nie, und doch rede er immer zur letzen Zeit und
schweige immer zur letzen Zeit, nur um Andern schuld geben zu knnen. Whrend
sie zusammen branzten, branzte Elisi mit Uli, dem die Gurnigelfahrt nicht recht
gefallen wollte und der jetzt Elisi noch dazu verhelfen sollte, seine ganze
Garderobe mitzunehmen. Wenn er nur ein Wrtlein einreden wollte, dies oder jenes
sei doch nicht ntig mitzunehmen, so fuhr ein Wetter ber ihn aus, das
frchterlich war. Da knne es 's schon sehen, weinte Elisi, was es von ihm zu
erwarten htte, er sei schon jetzt der Wstest von allen gegen ihns usw. Er
wute sich endlich nicht anders zu helfen, als da er unvermerkt ein tchtiges
Kistchen zwegmachte, es durch Elisi fllen lie und unter dessen Adresse durch
den Boten voranschickte. Auf das hin versprach ihm Elisi, im Gurnigel wolle es
mit der Mutter reden und plren, bis sie Ja sage, und es solle nicht Martistag
werden, so mten sie verkndet sein.
    Nun hatten Mutter und Tochter in zwei groen Koffern Platz fr ihre Sachen,
da die Mutter mit viel Wenigerm zufrieden war. Nur etwas warme Rustig, sagte
sie, wolle sie mitnehmen; man htte ihr schon manchmal gesagt, es schneie dort
zuweilen wie mitts im Winter. Ds Elisi war nicht zu bewegen, wollene Strmpfe
mitzunehmen. Wenn es an einem Orte lustig gegangen sei, so htte es noch nie
gefroren, sagte es. Viel Kaffeepulver nahm die Mutter mit, wie die Junge sie
auch auslachte und meinte, sie wolle im Gurnigel bessere Sachen haben als
Kaffee. Ein gutes Kaffeeli, sagte die Mutter, sei immer die Hauptsache, und so
an einem Ort verbrenne man ihn immer (ganz besonders die Basler), man bekomme
nie guten. Schmarotzen oder entlehnen schicke sich ihr auch nicht, und man sei
manchmal froh, wenn man fr eine gute Bekannte ein gutes Trpfli htte. Statt so
viel Kleider wollte sie lieber eine frischmelchige Kuh mitnehmen, von wegen der
Nidle. Sie htte manchmal gehrt, dort sei die Nidle noch schner himmelblau als
Elisis Tschpli. Als das Kistchen fort war, ward Uli fast vergessen, und es
gmhte ihn sehr, wie Elisi fast nicht Zeit hatte, Adie, leb wohl! zu sagen,
als er das Ro hielt, mit dem Joggeli sie auf Bern fuhren wollte.
    Als sie fort waren, trat eine rechte Windstille ein, es wohlete dabei
ordentlich den Zurckgebliebenen. Uli konnte mit Vreneli reden, ohne da er
immer ringsumblicken mute, ob nicht Elisi hinter irgend einem Baum ihnen
abgugge. Und obgleich Vreneli ziemlich trocken mit ihm war, so floh es doch
nicht und brach die Rede nicht so kurz ab. Blo als einmal Uli es fragte, warum
es so leid aussehe, es dnke ihn, es htte seit einiger Zeit viel gemagert,
kehrte es sich um und gab ihm keine Antwort. brigens war es eine Freude, zu
sehen, wie es die Haushaltung machte. Das Ding schien fast von selbst zu gehen
wie ein Zeit. Es schien Uli, als knne er die Jungfrauen nie mehr drauen
brauchen als jetzt, und doch ging alles im Gleichen fort daheim. Vreneli rhrte
sich aber, wie wenn es auf Rdlene ginge; die Hnde bewegten sich flink, wenn
schon der Mund ging, und wenn auch Mund und Hnde im Gang waren, so konnte es
noch an einem dritten Orte sehen, was dort ging. Es sah an den Augen ringsum und
nicht nur zmittendrin gerade hinaus. Dabei meinte es nicht, um eine rechte
Hausmutter zu scheinen, msse es so recht strub und wst daherkommen, um dann
sagen zu knnen, wenn man in allem sein msse, so knne man nicht gsunntiget
sein. Vreneli war von den Leuten, die, sie mgen anrhren, was sie wollen, immer
ein sauber und nett Aussehen haben, whrend es hingegen Leute gibt, die, sie
mgen anwenden, wie sie wollen, es nie dahin bringen, da zwischen ihnen und
einem Ofenwisch ein merklicher Unterschied ist. Mit Fragen und Werweisen wurde
keine Zeit verloren. Es schien, als ob dem Mdchen, sobald es aufstehe, das
ganze Tagewerk klar und geordnet, wie eins nach dem andern komme, vor Augen
stehe, so da es nie vergebene Gnge gab, man nie von ihm hrte: Ih ha nit
gsinnet, ih ha n denkt, ih ha nit gmeint. Als Uli drauen und Vreneli drinnen
nach ihrem Sinn unumschrnkt herrschten, die Arbeiten ineinanderreiseten,
einander in die Hnde arbeiteten, ging alles so wie gpfiffen, da Joggeli
brummte, es werde ihm ganz wunderlich dabei und es ginge ihm alles ringsum. Er
sei froh, wenn seine Alte wieder komme, er frage dem nichts nach, wenn alles so
ginge wie ghexet. So knne man sich nie ordentlich besinnen, was und wie man es
machen wolle. Das mahne ihn daran, wie wenn man ohne Schleiftrog im Galopp den
Stalden ab sprengen wolle oder wie wenn Zwei in den neumodischen Tnzen, denen
man Lnguus sage, davonfuhren, wie wenn sie Fecken htten und in die Hlle
fahren wollten zsmefelige.
    Indessen war die Alte im Gurnigel, wo es dem Elisi ganz besonders wohl
gefiel, wenn es ihm schon fast die Fe abfrieren wollte bei dem kalten Sommer
und seinen hoffrtigen Schuhen und Strmpfen. Peinvoll war ihm die Reise
gewesen. Es hatte sich himmelblau angezogen in Bern, in Riggisberg kam es ihm in
Sinn, es wolle sich schwarz anziehen, schwarz scheine viel vornehmer. Die
vornehmen Frauen kmen ja auch oft in schwarzseidenen Kleidern. Der Kutscher
wollte aber die Koffer nicht abpacken und fluchte es gar jmmerlich an: Das
htte ihm noch kein vernnftiger Mensch zugemutet, da er in Riggisberg abpacke,
und doch htte er vornehmere Leute gefhrt, als er heute habe. Kurz er tat es
nicht, und ds Elisi plrete bis hinauf, wo auf einmal die Kutsche hielt und es
aussteigen sollte, um den steilen Weg hinauf zu Fu zu gehen. Elisi wollte
nicht, wollte auch die Mutter aufweisen: Sie htten bezahlt, um zu fahren, und
nicht um zu laufen, und das sei ein grober Stadtlmmel und dem tte es wohl, sie
hinaufzufahren. Aber die Mutter war eine zu verstndige Burin, als da sie vom
Elisi sich meistern lie. Ihr Leben lang sei sie nie einen solchen Berg
hinaufgefahren, und die Rosse vermchten sich dessen nichts, da der Kutscher
ein Lmmel sei. Sie stieg aus, druckte aber dem Kutscher ein Trinkgeld in die
Hand, da er ihr Meitschi fahren lasse, es sei ihm bel, und wandelte nun im
Schweie ihres Angesichtes und mit schwerem Atem den Berg auf, oft stillestehend
und schwer aufseufzend.
    Im Gurnigel war groe Freude, als ds Elisi so schn himmelblau zum Vorschein
kam. Die Frauen lchelten auf den Stockzhnen und mochten fast nicht warten, bis
die Ankmmlinge im Hause waren, um laut zu lachen. Sie muten aber lange warten,
denn da gab es viel auf- und abzupacken. Spazierende Herren lachten ungeniert,
und einige mit Schnuzen traten ganz nahe hinzu, sttzten sich mit beiden
Hnden, wenn nicht die eine den Schnauz drehte, auf ihre Stcke, hielten sich
schn gerade, lieen ihre ugelein zu Zeiten martialisch zwitzern, beugten ihre
steifen Oberleiber einander seitwrts zu und machten unter schallendem Gelchter
ihre deutschen, weltschen und hollndischen Bemerkungen.
    Der Raum dieses Bchleins, das schon viel grer geworden ist, als es es im
Sinne hatte, erlaubt es nicht, diese merkwrdige Badefahrt des Nheren zu
beschreiben; nur das Notwendigste ist erlaubt aufzuzeichnen. Ds Elisi machte
Aufsehen im Gurnigel und war recht glcklich, ja wie im Himmel. Nur zwei Dinge
waren ihm nicht recht. Es konnte gar nicht leiden, da sie am Brgertisch aen.
Wenn nur eine Schneiderin dagewesen wre, es htte sich auf der Stelle stdtisch
kleiden lassen, htte die Mutter im Stich gelassen und wre an den Herrentisch
gezogen. Es sagte der Mutter manchmal, es htte gar keinen Appetit unter den
groben Leuten, wo eim niemer serviere, ein jeder nur fr sich selbst sehe und
esse, wie wenn die Andern nichts bekommen sollten. Zweitens klagte es schwer,
da man des Morgens so frh aufstehen mute, um das Wasser zu trinken. Die
ersten Tage blieb es im Bette. Als die Herren es aber fragten, warum es nicht
komme, es sei am Morgen so schn, zum Schwarzbrnnli zu gehen usw., da wollte es
diese Zeit versumen und zwang sich, aufzustehen. Aber es ging genug zu, und die
Mutter schwitzte oft mehr als den ersten Tag den Berg auf, bis sie ds Elisi aus
dem Bett, auf den Beinen und aus der Stube hatte.
    Die ganze mnnliche Welt gab sich mehr oder weniger mit dem Elisi ab, dessen
Bekanntschaft man den ersten Tag beim Tanz gemacht hatte; tanzen war nmlich
das, was Elisi wahrscheinlich am besten konnte. So tanzte man nicht ungerne mit
ihm und trieb dabei seinen Spa mit ihm. Zuerst meinten die Herren, es sei eine
der sentimentalen Nrrinnen, die sich mit Bcherlesen abgeben. Sie fragten nach
seiner Lektre, ob es den Clauren kenne und den Kotzebue und den Cramer, nach
dem Lafontaine und dem la Motte Fouqu und Andern, nach Eberhards Pastetik und
Stapfers Seufzern der Liebe. Aber sie sahen bald, da sie auf dem Holzweg seien.
Ds Elisi las das ganze Jahr aus nichts; seit es in der Schule das Fragenbuch, im
Weltschland die Grammaire aus der Hand gelegt, hatte es vielleicht kein Buch
mehr in die Hand genommen, kaum mehr den Kalender, ja es wre zweifelhaft
gewesen, ob es eine Zeile ohne Fehler htte lesen knnen. Ds Elisi beschftigte
sich nur mit seinen Kleidern, seiner Person, seinem Essen, seinem Heiraten,
sonst mit nichts. In die gelehrten Gesprche trat es also nicht ein und gab sich
nicht einmal den Schein, als ob es einen von den genannten Herren kenne, es war
von dieser Krankheit unangesteckt. Die Herren waren einen Augenblick in
Verlegenheit, als sie mit diesem ausgetretenen Thema nicht Glck machten. Sie
schwadronierten hin und her, bis sie endlich merkten, wie wohl das Rhmen bei
Elisi angehe. Das trieben sie nun anfangs auf die unverschmteste Weise, da
ihnen die Augen bergingen, Elisi in Wonne schwamm, die nicht dumme Mutter aber
manchmal sagte: Aber Meitschi, wie magst du dich doch mit diesen abgeben? Sie
halten dich nur zum Narren, glaub es mir doch, ich wei auch noch, was Trumpf
ist. Wenn mir einmal einer solche Sachen gesagt htte, wie sie dir sagen, ich
htte ihm einen Klapf gegeben, da er nicht mehr gewut, ob er den Kopf noch
htte oder nicht.
    Das Ding nahm aber eine etwas andere Farbe an, als man vernahm, das
schwefelgelbe Ding sei Erbin von wenigstens hunderttausend Pfund; man
betrachtete es nun mit andern Augen und kriegte eine Art Respekt vor ihm.
Hunderttausend Pfund, pardieu, sind keine Kleinigkeit! Wenn die Herren beisammen
waren, so war der gleiche Spott da, und jeden Abend ging ein neu Geschichtlein
von Elisi herum. Dem hatte es erzhlt, wieviel Mnteli es habe und wieviel
Gloschli, ein Anderer wute, woher sie ihr Schmckwasser htte kommen lassen,
ein Dritter brachte eine Krankheitsgeschichte zum Vorschein, ein Vierter war
darbergekommen, das ds Elisi nicht wute, in welchem Lande es wohne. Wenn aber
die Herren alleine waren, jeder fr sich, so dachte Mancher an die
hunderttausend Pfund, stellte sich vor den Spiegel, drehte den Schnauz, warf
sich forsche Blicke zu und dachte: ein schner Kerl sei er noch, aber es sei
Zeit, da er an Schermen komme, machte sich dann Plne zu einem Feldzug auf die
hunderttausend Pfund. Hier im Gurnigel waren ihm zu viel Leute, blogeben mochte
er sich nicht, spter dann wollte er das Ding nher besehen. Hier wollte er sich
unterdessen gut Spiel machen, Anknpfungspunkte suchen usw. Wenn sie zu Elisi
kamen, so suchte nun Keiner es absichtlich lcherlich zu machen, sondern seine
eigene Person ins rechte Licht zu stellen, sich angenehm zu machen, redete vom
Glck der Bekanntschaft, vom Glck, sie fortzusetzen; wo man die Ehre htte, es
anzutreffen; ob es wohl erlaubt wre, ihm einmal einen Besuch zu machen; was
Vater und Mutter wohl sagen wrden, wenn man einmal kme und sie um eine Suppe
bitten wrde usw. Das Elisi schwamm im Glck.
    Hie und da einer wagte sich auch an die Mutter mit seinen Redensarten,
erhielt aber gewhnlich hchstens ein zweisilbig Wort zur Antwort. Die Alte ist
une bte, sagte er dann, so was man sagt ein Baurentolgg. Die Mutter aber
sagte: Wie magst du doch auch Solchen ablosen? Das sind mir doch die dmmsten
Menschen, die ich erlebt habe. Solange ich da bin, wissen die mich nichts
anderes zu fragen als: ob ich nicht meine, da es bald schn Wetter gebe, und ob
wir schon verheuet htten. Unser Bub wre witziger, er wte doch noch von etwas
anderem zu schwatzen als vom Wetter und vom Heu. Solche Herren meinen doch, man
sei so dumm auf dem Lande, da man von nichts zu reden wisse als vom Wetter und
vom Heu, die Lhle!
    Whrend diese Herren in aller Ruhe ihre Plne machten, in aller angewohnter
Steifheit jeder sich den Weg zu ffnen suchte fr die Zukunft, in aller
angebornen Selbstgeflligkeit sich dachten, das werde sich schon machen, ohne zu
pressieren, verstund es ein Anderer anders.
    Es war ein Baumwollenhndler im Gurnigel, und zwar ein grusam vornehmer. Er
hatte zwar keinen Schnauz, aber er war mit Gold berhngt, und sein Uhrenbhnk
lutete fast wie ein Rogschll, konnte tanzen wie dr Tfel und schwatzen wie
eine Elster. Der wute mit Mutter und Tochter zu schwatzen, da es ihnen
wohlgefiel. Der Mutter wute er von allen Arten von Baumwollenzeug und Garn zu
reden, was gut und nicht gut sei, da sie den Mund offen verga. Wenn man immer
einen Solchen bei sich haben knnte, wenn man etwas kaufen wollte, das wre
kummlich, sagte sie. Dann sprach er wie nebenbei von seinen Geschften, wie ein
groes Lager er habe, um wieviel Tausende er hier eingekauft, um wieviel
Tausende dort, da der guten Mutter ganz der Verstand stillestund. Wenn der
nicht grusam reich sei oder einen Geldscheier habe, so begreife sie nicht,
woher er das Geld nehme, so viel zu kaufen, sagte sie. Sie seien auch reich,
aber so viel Geld brchten sie doch nicht so bald zusammen, und zu entlehnen
schme man sich, wenn man es schon bekme. Mit Elisi schwatzte er von seinen
Kleidern und lobte ihm den Stoffund die Farbe, wute aber, wo man beides noch
besser kriege, erbot sich, ihm zu verschreiben, was es wolle. Er garantiere ihm,
sagte er, von solcher Qualitt, wie er sie zu bekommen wisse, htte keine
Ratsherrenfrau in Bern, und wenn ihm eine schon hundert Louisdor bieten wrde,
wenn er ihr auch verschaffen wolle, er lachete sie nur aus, was frag er hundert
Louisdor nach! Die Jungfer Elise msse die Einzige sein im Kanton, die solches
Zeug trage. Die grte Freude htte er ber die Augen, welche die Tchter in
Bern machen wer, den, wenn sie solches Zeug sehen wrden und es nicht bekommen
knnten. Dann wute er mit Elisi vom Weltschland zu schwatzen, kannte alle Orte,
wo es gewesen war, auf das Genauste, wute von dessen Bekannten zu reden, wie
wenn er sie erst heute verlassen, so da ds Elisi sich nicht genug verwundern
konnte, da es ihn dort nie gesehen, nie angetroffen. Es war ihm bei dem
Baumwollenhndler weitaus am heimeligsten, er besa sein vollkommenes Vertrauen,
aber die Schnuze gefielen ihm doch fast noch besser. Svli schn Herre, sagte
es, htte es syr Lebtig no nie gseh, die gingen so graduf, dr Tfel chnnt se
nit chrmme; es glaub, mi chnnt se am ene Bey graduse ha, es miech kene kes
Gleich.
    Der Baumwollenhndler war nicht dumm, er merkte das und wute wohl, da wenn
eine Spekulation einem vor die Fe fllt, man nicht Wochen lang sich besinnen
darf, ob man sie aufheben will oder nicht. Als es endlich wieder recht schn
Wetter war, lud er Mutter und Tochter ein zu einer Partie nach Blumenstein.
Elisi war das gleich recht, die Mutter machte Umstnde. Sie ginge nicht ungern
einmal nach Blumenstein, sagte sie, aber das gebe groe Kosten, nur schon das
Fuhrwerk sei unverschmt teuer. Wenn sie eins von ihren sechs Rossen herpfeifen
knnte, so wollte sie nicht Nein sagen. Das solle ihr keinen Kummer machen,
sagte der Einlader, das sei eine Kleinigkeit, nicht der Rede wert. Es wrde ein
Affront fr ihn sein, wenn sie nur noch ein Wort davon reden wrde. Die Freude
fr ihn sei unendlich grer als die Kosten. Aber sie msse doch noch einmal
davon anfangen, sagte die Mutter, er mge sagen, was er wolle. Sie wolle schon
mit ihm fahren, die Kosten werden zwar nicht alles zwingen, allein ihren Teil
wolle sie tragen. Wo sie ein junges Meitschi gewesen, da htte sie Mancher zu
Gast gehalten, sie wolle es nicht leugnen, aber jetzt sei sie zu alt dazu, jetzt
tue sie es nicht mehr. Mein Baumwollenherr war nicht verlegen. Er lachte: Das
werde sich schon machen, sie solle nur kommen. Er wolle fr ein Fuhrwerk sorgen,
sie sollten nur machen, da sie um acht Uhr zweg seien. Wenn sie nur zur Tafel
dort seien! Die drften sie nicht versumen, dort wisse man auch, was Kochen
sei. Hier meine man, wenn man etwas in einen Hafen werfe, Wasser darauf schtte,
Feuer darunter mache und das zusammen machen lasse, bis die Eglocke gehe, so
sei das gchochet und die Gste mten wohl daran leben und doch sei es manchmal
ein Fressen, das einem Magenweh machen msse.
    Es war ein recht schner Sonntag da oben im Lande. Die sonst etwas dunkle
Gegend wurde durch die Sonne frhlich, und ihre Einfrmigkeit wurde ihr benommen
durch die vielen Fuhrwerke, die vielen Wandelnden, die dem Gurnigel zueilten
oder sonst wohin. In leichtem, schnem Fuhrwerk mit schnellem Rosse eilten sie
windschnell durch das Tal nieder, funkelnd in kstlichstem Putze. Der Mutter
schnster Putz war das strahlende Hemd auf der breiten Brust. Die Tochter
dagegen haue andere Dinge aufzuweisen: Gold, Silber, Seide, doch diesmal nicht
schwefelgelbe, sondern schwarze, aber keine breite Brust; dafr aber war ihr
Mnteli brodiert und bgelte sich einer Brieftasche hnlich in die Hhe bis fast
zum Kinn. Der Herr vorauf strahlte vor Vergngen, glnzte in neuen Tchern mit
gelben Handschuhen und schwarzen Stiefelchen, hatte Kasimir an den Hosen, ein
seidenes Schnupftuch im Sack und fuhr wie einer, der nie ein eigenes Ro in den
Hnden gehabt. Die Mutter hatte immer die Hand auf dem Schlage, als ob sie sich
halten wolle, und machte allemal, wenn sie an einem Fuhrwerk vorbeifuhren, das
ngstlichste Gesicht. So sei sie nie gefahren und doch htten sie gute Rosse im
Stall, sagte die Mutter, aber sie mchte es einem Ro nicht zuleid tun. Wenn eim
ein Rad abginge, so fhre man ja desus, es wte kein Mensch wie weit. Und
bsonderbar rainab sprenge er, es htte kei Gattig, sie mchte ihm kein Ro
anvertrauen. Ein Ro sei freilich kein Mensch, aber eben deswegen, weil es ein
Unvernnftiges sei, so htten die Menschen den Verstand, da sie ihm nicht mehr
anmuten sollten, als es wohl erleiden mge. Es lachte der Baumwollenhndler gar
sehr ber die altvterische Sorglichkeit der Mutter fr ein Ro, und er wute
eine Menge Heldentaten zu erzhlen, die er auf Kosten von Pferden verbt, wie
geschwind er hier und dort gefahren und wie er so ein Ro zu morischinieren
wisse wie Keiner. Viel von seines Vaters Rossen wute er auch zu erzhlen, von
Engelndern und Mecklenburgern. Er dachte, die wten nicht, da sein Vater
Baumwollenzeug in einer Drucke im Lande herumgetragen.
    Im Fluge waren sie im bekannten Blumenstein, wo auf der Laube die
zahlreichen Gste den Besuchern entgegensahen und sie musterten.
    Es geht nun splendid zu in Blumenstein. Der Baumwollenhndler spielt den
Herren vortrefflich, regiert und befiehlt, da die Mutter ganz erstaunt sagt:
Dem sehe man es an, da er nicht zNtigen daheim sei; der knne beim Sacker
regieren wie ein General, einmal sie drfte nicht. Die Kellner kmen ja daher,
da ihrereins sich schmen mte und froh sei, wenn sie eim ruhig lieen. Bei
Tische lt man es sich wohl sein. Kein Wein ist dem Herrn gut genug, er
schimpft ber jeden, auch der Neuenburger ist nicht recht, obgleich ds Elisi
sagt, er sei viel besser als der des Bruders zu Frevligen, und der sei doch auch
gut gewesen. Er wei ganz vortrefflich zu ntigen, und seine Begleiterinnen
trinken ein Glas mehr als blich, ohne da sie es merken.
    Nach Tische geht das Tanzen an, und Elisi fliegt dahin wie im Himmel. Nun
will der Baumwollenhndler auch hinein. Er beginnt sich zrtlich zu machen, er
drckt die Hnde, ds Elisi drckt wieder. Er macht seine Augen liebetrunken, ds
Elisis werden zrtlich; er drckt Elisi an sich, Elisi hilft nach. O wenn er
doch sein Lebtag nicht weiter von ihm wre, sagt er. Ds Elisis sieht ihn an, was
noch nachkomme? Er wollte, er htte es nie gesehen, sagt er. Ihr seid ein
Wster, sagt ds Elisi und gibt ihm einen Mupf mit dem Ellbogen. Ach Gott, was
fange ich an, wenn ich fort mu? Ich schiee mir eine Pistole vor den Kopf!
Herr Yses, sagt ds Elisi, das wollte ich nicht tun, etwas Dumms so! Wohl,
das tue ich, sagte er, auf parole d'honneur. So lat mich gehen, sagt ds
Elisi, ich will nicht dabei und dann noch etwa schuld sein. Ach, fltete der
Baumwollenhndler, wenn ich hoffen drfte, und drckte wieder; ds Elisi sah
ihn wieder an und drckte auch. Ach, wenn ich hoffen drfte, sagte er und
drckte. Da drckte ds Elisi nicht, sondern sagte: Ach, das isch es Gstrm, ih
cha mih nt druf vrstah! Ach, sagte er, wenn Ihr Herz redete, Sie wrden
mich verstehen! ppis Dumms eso han ih ser Lebelang nie ghrt. Mi redt mit
dem Mul u nit mit dem Herz. We die o no rede wette, wer wett zletscht lose?
Ach, seufzt er, Elise, Sie zerreien grausam mein Herz! ppis Dumms eso,
sagt ds Elisi. Nun mag es kosten, was es will, und sollte es das Leben sein,
rief der Baumwollenhndler pathetisch aus, da die Tanzenden alle auf ihn sahen,
es mu heraus, Sie mssen mich verstehen: Elise, ich liebe Sie, ohne Sie gehe
ich dem Teufel zu; wollen Sie mein sein, mich glcklich machen mit Ihrer Hand,
Hrate? fragte ds Elisi, wieder zrtlich blickend, ach ganget mr, Dir weyt
mih nume fr e Narr ha! Ach Gott, nein, es ist mein blutiger Ernst! rief der
Baumwollenhndler. Ohne Sie lebe ich nicht mehr bis zur Zurzacher Me! Dr syt
e Weste, grad eso z'cho, sagte Elisi zrtlich, und eim so angst z'mache;
chnnet dr Eui Sach nit o manierlich sge u da mes o bigryft? Das tat nun auch
der Baumwollenhndler, und Elisi sagte ihm zu, mit etwas innerlichem Zgern
freilich, wenn es an die mit den Schnuzen dachte, die kein Gleich machen
wrden, wenn man sie bei einem Bein geradeaus hielte. Indessen dachte es: Htten
sie die Gosche aufgetan und zur rechten Zeit geredet, es geschehe ihnen jetzt
gar recht. Es wolle nicht ein Narr sein und jetzt noch lnger warten und zuletzt
zwischen Sthle und Bnke kommen. Uli blieb weit aus seinem Sinn. Nun war auch
der Baumwollenhndler im Himmel, tanzte, wie wenn er ber das Stockhorn aus
wollte, lie Champagner kommen und lie es flott gehen, da es der Mutter, die
sich auch herbeigefunden, angst und bange wurde. Sie begehrte fort und fragte
diesen, jenen, was sie schuldig seien, sie wollten fort; und dabei berschlug
sie immer, ob sie wohl Geld genug bei sich htte, das gebe einen Gunten, von dem
wollte sie Joggeli nichts sagen. Aber die gute Frau fragte eine lange Stunde
umsonst. Immer hie es: Pltzlich, pltzlich! Aber niemand stund ihr weiter
Rede. Der helle Schwei stund ihr endlich aus lauter Angst vor der Stirne. Ds
Elisi und der Hndler taten auch so dumm miteinander, da sie sich schmte und
sich vornahm: diesmal wolle sie dem Meitschi doch die Sache sagen, es mge dann
plren oder nicht, das sei ihr gleich. Was werden doch die Leute sagen, dachte
sie, und meinen, was ich fr eine Mutter sei, da mein Meitschi angesichts
meiner Augen sich so auffhrt!
    Endlich nach einer grausamen Stunde hie es, es sei angespannt, abgeschafft,
sie knnen fort. Jetzt dachte sie: sobald sie einmal im Fuhrwerk sitze, wolle
sie ihnen das Kapitel lesen, da es eine Gattig htte. Aber kaum hatte sie dem
Kellner, der das Trchen zumachte, Dankeigit, lebit wohl gesagt, als es
davonging in sausendem Galopp und immerzu, immerzu, was sie auch rufen mochte,
er solle doch hbschli machen, da sie endlich sagte, das sei ihr ein Donners
Sturm, mit dem fahre sie ihr Lebtag nicht mehr. Wie im Hui waren sie in
Riggisberg. Dort ward gehalten trotz allem Protestieren der Mutter, sie htte
nichts ntig, es sei ihr nur, wenn sie da, heim wre. Auf das Verlangen des
Herrn wurden sie in eine aparti Stuben gefhrt, trotz dem Protestieren der
Mutter, die meinte, nicht lnger, als man bleiben knne, wre es ihr whler in
der Gaststube. Vom besten Wein mute gebracht werden, wenn schon die Mutter
sagte: Herr Yses, noch immer mehr Kosten! und: Wer soll den Wein trinken? Ich
mag nicht, und es scheint mir, die Andern htten auch genug. Als er gebracht
ward, das Stubenmdchen ihn entsiegelt, mit den Hnden aufeinander gefragt
hatte: Ihr werdet heute in Blumenstein gewesen sein? Es war gar schn Wetter!
Es werden viele Leute dort gewesen sein? Wir haben auch Leute gehabt, da wir
fast nicht zu wehren wuten, dann mit rascher Wendung nach einigem Ruspern den
Abzug genommen hatte, begann der Baumwollenhndler in wohlgesetzter Rede: Sie
mchte ihm doch ja seine Auffhrung nicht bel nehmen, die Freude htte ihn
bernommen. Er sei reich, habe ein gut Geschft, es htte ihm nur eine Frau
gefehlt, fr glcklich zu sein. Viele htte er haben knnen, aber Keine sei ihm
recht gewesen. Er habe nicht aufs Geld gesehen und nicht auf die Schnheit, er
habe eine nach seinem Herzen gesucht, mit der er glcklich sein knne. Erst in
ihrer Jungfer Tochter, der Jungfer Elise, habe er gefunden, was sein Herz
verlangt. Vom ersten Augenblick an, wo er sie gesehen, sei es ihm wie angetan
gewesen: Die oder Keine! habe er bei sich selbst gesagt. Je lnger je mehr
habe er gefhlt, da er ohne sie nicht mehr leben knne, und es endlich gewagt,
sie auf die heutige Partie einzuladen. Im Gurnigel, unter den vielen Leuten,
htte er es nicht wagen drfen, seine Erklrung zu machen. Er htte schier nicht
drfen, htte sein Herz in beide Hnde nehmen mssen und doch erst nach dem
Essen und beim Tanzen die Jungfer Elise fragen drfen: ob sie ihn nicht
verschmhe, ob er glcklich oder unglcklich sein solle in Zeit und Ewigkeit?
Und meine liebe, teure Elise hat mich beglckt, hat meine Hand, mein Herz nicht
verschmht. Oh, da habe ich gefhlt, was es heit, der Himmel tue sich einem
auf! Aber ich bin nicht ruhig gewesen, es hat mich geplagt, bis ich auch der
guten Mutter meiner teuren Elise meine Absichten erffnet, bis meine und meiner
teuren Elise Bitten zu ihrem Herzen gedrungen, da sie mich als Sohn annehmen
und mit dem Besitz der unvergleichlichen Elise selig machen wolle schon hier auf
Erden.
    Der guten Mutter liefen die Trnen die Backen ab whrend dieser schnen
Rede. Sie dachte bei sich, ein solches gutes Herz habe sie noch bei keinem
Menschen gesehen. Aber wunderlich mte doch so ein Herr sein. Sie msse sagen,
wenn ds Elisi schon ihr Meitschi sei, zur Frau wre es ihr zu wst und zu
hssig; aber in der Stadt sei alles gerade das Gegenteil als auf dem Lande. Da
fren sie ja auch Schnecken und verachteten Kchleni. Als er endlich geendet
hatte und ihre beiden Hnde gefat hielt (knien tat er nicht von wegen dem
Kasimir an den Hosen), war sie in groer Verlegenheit, was sie antworten sollte.
He ja, sagte sie endlich, das sei wohl gut und schn, aber er mte den Vater
fragen, der htte zu befehlen, und was der sagen werde, wisse sie nicht, er sei
allbets einist ein wenig wunderlich. Es komme darauf an, in was fr einem Laun
er sei und wie man es ihm breichen knne. Oh, sagte der Baumwollene, das mache
ihm gar keinen Kummer, wenn es ihr recht sei, sie ein gutes Wort fr ihn
einlegen wolle. Sie solle nur Ja sagen, so sei ihm schon geholfen. Aber Elise,
kommt und helft mir die gute Mutter bitten, sagte er zu seiner holden Braut,
die unterdessen gar emsig Mandeln gegessen und Haselnsse aufgemacht hatte. Die
gute Mutter war nicht unbarmherzig. Sie dachte an Uli und wie auf diese Weise
der Lrm ihr erspart wrde, da die Tochter den Knecht heirate. Der reiche
Tochtermann mit seinem guten Mundstck gefiel ihr wohl, indessen sagte sie blo:
He, darwider wollte sie nicht sein, wenn ds Elisi nichts darwider habe und kein
Anderer mehr ihm im Kopf sei. Aber versprechen knne sie nichts, das msse der
Mann machen, und dann msse man doch noch etwas genauer wissen woher er sei und
was er wohl fr Mittel htte. Sie zweifle nicht daran, da alles so sei, wie er
sage, aber es habe sich schon Mancher fr reich ausgegeben und nachher sei man
darbergekommen, da alles lauter Lgenwerk gewesen. Und bsunderbar an solchen
Orten, wie der Gurnigel auch eins sei, gebe es gar allerlei Leute, da msse man
wohl luegen, wem man traue. Sie denke immer an das Sprichwort: es gebe gar viel
Beeren, allein es seien nicht alle Kirschen. Da war der Baumwollhndler ganz
vergngt und sagte: Oh, wenn es nur das sei, so sei er glcklich und die Jungfer
Elise sein. Er wolle sich ausweisen, da es eine Art htte. Sie sollte nur
keinen Kummer haben, er mache ein Haus, wie es wenige gebe. Er htte unter den
reichsten Fabriktchtern im Aargau auslesen knnen und auch im St. Gallerlande.
Man htte ihm manchmal unter den Fu gegeben, man mchte gerne ein Geschft der
Art mit ihm machen. Aber er htte sie nicht verstehen wollen. Die Tchter dort
seien ihm alle zu bauelig gewesen. Er handle zwar mit Baumwolle, aber das msse
er sagen, die Tchter habe er lieber sydig als bauelig. Die Alte lachte gar
herzlich, nahm einen guten Schluck und verga fast das Pressieren zum
Heimfahren. Es ging nun langsamer das Tal auf, und der Herr schwatzte ganz
traulich mit seinen Damen und er, zhlte ihnen von seinen Herrlichkeiten, seinen
Einrichtungen, Geschften, Plnen, da es der Mutter ganz wunderlich im Kopfe
ward und es ihr manchmal schien, die Tannen hben die Fe und tanzten Lnguus
um sie herum. Wenn es nicht so wre, dachte sie, so wrde er es nicht sagen, und
alles Mitrauen schwand. Sie konnte sich nicht sattsam an den Betrachtungen
erlaben, wie das doch eine glckliche Badefahrt sei und wie das sich auch htte
treffen mssen, da ds Elisi so einen hier gefunden, der so reich sei und gerade
so gnatrt, da er ds Elisi absolut haben wolle. In hundert Jahren, meinte sie,
htte das vielleicht sich nie so breicht. Das Zeichen im Kalender wolle sie sich
aber merken, in dem sie die Badefahrt angetreten; das msse ihr ein vornehmes
sein es nehme sie doch wunder, was fr eines. Whrend die Alte ihre
Betrachtungen machte, schtzelete der Herr mit der Jungen, wie es dieser auch
recht war. Die Zeit verrann auf dem langen Weg, sie wuten nicht wie.
    Als sie bald heim waren, sagte ds Elisi: Es hlfe aber droben von dem allem,
was heute vorgegangen, nichts sagen; es begehrte nicht, da die Herren es
wten, es mte sonst gar viel ausstehen von ihnen. Mglicherweise dachte ds
Elisi, wenns dem einen oder andern auch noch einfiele, mit ihm nach Blumenstein
zu fahren, so knnte es immer noch machen, was es wolle. Dem Baumwollenhndler
war der Vorschlag auch ganz recht, aber aus andern Grnden. Im Gurnigel knnte
manches bekannt sein, was ihm nicht lieb war, und der Neid es leicht vor die
unrechten Ohren bringen. Die Mutter meinte, das verstehe sich. Das wrde ein
schner Lrm daheim absetzen, wenn Joggeli vernhmte, seine Tochter sei
Hochzeiterin im Gurnigel, und er wte nichts davon. Und so etwas trag der Luft
in einem Tag, man wisse es nicht wie weit, bsunderbar wenn es Leute seien, auf
die man ppe luege und die nicht zum Pbel gehrten.
    Die Mutter hatte nichts darwider, da der Baumwollenhndler seine Elise zur
guten Nacht noch herzlich kte und tat, als knne er fast nicht von ihr lassen.
Endlich sagte die Mutter, es dnke sie, es sei genug, es sei morgen auch noch
ein Tag; es sei hohe Zeit, wenn man etwas schlafen wolle. Aber trotzdem, da die
gute Mutter endlich im Bette war, konnte sie doch nicht schlafen. Vor allem zog
sie den Atem tief herauf, wie wenn es ihr geleichtet htte auf der Brust, ds
Elisi darab gefallen wre. Dann dachte sie, was Joggeli wohl sagen werde,
Diesmal werde es ihm doch wohl recht sein, was sie gemacht, da jetzt ds Elisi
dem Knecht entronnen sei. Sie konnte aber auch nicht umhin, an Uli zu denken,
was der sagen und machen werde? Es ist ihm nicht bel gegangen, dachte sie
zuletzt, er wird wohl noch etwas finden, das sich besser fr ihn schickt als ds
Elisi. Dann dachte sie an den Trossel, lie alle Bettstcke, alle Ziechen, alle
Leintcher, die zu diesem Zwecke gemacht bereit lagen, die Musterung passieren,
zhlte alle Stcke Tuch, die sie noch ganz hatte, auf und sann und sann, ob sie
alle hinreichten, den Trossel so zu vervollstndigen, da er fr eine reiche
Herrenfrau passe. Und endlich gingen ihr noch alle Strangen Garn, gebauchetes
und ungebauchetes, die vorrtig waren, an den Augen vorber, sonderten sich zu
dieser und jener Bestimmung, wanderten zu diesem, jenem Weber, je nachdem es
Tischzeug oder Bettzeug oder Hemlituch oder Naselmpen geben sollte. Endlich ob
dem Rechnen mit den Webern kam der gute Schlaf und lie die gute Mutter nicht
aus den Armen, bis die Sonne hoch am Himmel stund.
    In wenig Tagen lief der Aufenthalt im Gurnigel zu Ende. Der
Baumwollenhndler leuchtete wie ein Siegesheld, bei der Mutter wechselten Sorgen
mit mtterlicher Freude. Elisi aber war whrend der ganzen brigen Zeit in
bestndigem Werweisen begriffen, ob es es mit diesem oder jenem Schnauz nicht
noch besser gemacht und ob es nicht htte warten sollen, bis sie fort wren, bis
Keiner etwas gesagt, um das Jawort zu geben. Indessen trstete es sich damit da
im gegebenen Fall noch nichts Schriftliches vorhanden sei, so da es noch immer
machen knne, was es wolle. Diese Bedenken lieen es nicht zum reinen Genusse
seines Glckes kommen. Am Tage vor ihrer Abreise ward Elisi nicht mde, allen
Leuten zu sagen, morgen frh um sechse reisten sie ab, und dann ging es
spazieren nach jedem einsamen Winkel hin. Dann schwebte der Baumwollenhndler
hinter ihm drein wie eine Bremse hinter einem Pferde und wollte zrtlich tun im
Verborgenen. Aber Elisi fand, der Bysluft gehe kalt, und steuerte wieder der
Laube zu. Kaum dort, strich es sich zu einer andern Tre aus wiederum spazieren.
Horch, was suselt hinter ihm drein: ists ein Schnauz, in dem der Wind weht? Ach
nein, es ist der Baumwollenhndler, der Staub ab dem Ermel blst und dem Elisi
nachschiet wie eine hungrige Fliege einem Suppenteller. Da klagt Elisi ber den
Wetterluft, der ihm gehe durch Mark und Bein, und segelt wiederum der Laube zu.
Endlich am Abend, als niemand mit ihm spazieren gehen wollte, als man nur so in
allgemeinen Redensarten, die es kaum verstund, sein Weggehen bedauerte, dachte
es, Einer sei besser als Keiner, und es kam zu einem zrtlichen Abschied und
nherer Abrede in ihrer Kammer oder Stube, man kann beid Weg sagen.
    Endlich hatten sie den Gurnigel im Rcken und die Mutter meinte: Sie wollte,
ihr Herz wre so leicht wie ihr Geldseckel! Joggeli wird luegen, wenn er sieht,
wie er die Auszehrig hat. Doch das macht mir wenig, wenn ihm nur das Andere
recht ist. Und was wird Uli sagen? Es macht mir ein rechter Kummer,
heimzugehen. Mir nicht, sagte ds Elisi. Was wird der Vater sagen? Er wird
brummen und rsonieren und wird mich machen lassen. Und was frage ich Uli nach?
Er ist nume dr Knecht (die Mutter wute aber nicht, was Elisi und Uli alles
verhandelt hatten und wie sie eigentlich zusammen stunden, sondern blo, da sie
einander se Augen machten). Er ist e Ghl gsi, da er gmeint het, er berchmi
e Buretochter, we si ppis Bessers wti. Aber Elisis Herz wurde doch schwer.
Es kam die Eifersucht und spiegelte ihm nun vor Augen, was sein
Baumwollenhndler alles treiben werde, wenn es fort sei. Alle Mgde, alle
weiblichen Gste gingen vor seinen Augen vorber, und der Gwunder und der Kyb
tteten es fast, was er wohl mit allen diesen anfangen und was er ihnen sagen
werde. Wenn die Mutter nicht Meister gewesen wre, es wre umgekehrt und htte
in irgend einer Verkleidung den Verlobten beargauget.
    Sie wisse nicht, sagte die Mutter, wie sie es machen wolle, ob sie es dem
Vater gleich sagen oder warten wolle, bis er komme. Sie wollte, es wre vorbei.
Am Kummer der Mutter nahm ds Elisi keinen Teil; es dnkte ihns, es gbe alles
Geld, welches es htte, wenn es nur wieder im Gurnigel wre, ja es plrete
endlich und sagte: Es stehe es nicht aus, so lang von ihm fort zu sein! Elisi
plrete bis zum Bren, wo die Wirtin gar teilnehmend sich bewies mit
Hoffmannstropfen und vielen Fragen. Es besserte Elisi nicht, bis die Mutter
sagte, sie msse doch noch etwas in der Stadt herum. Sie sei lange fort gewesen,
und wenn sie nicht auch etwas heimkramete, so ginge es bel. Es gruse ihr
freilich, sagte sie, sie htte Geld gebraucht, es sei eine Schande, sie htte
nicht von weitem an so viel gesinnet. Wenn sie etwa mangle, sagte die Wirtin, so
solle sie es nur sagen, es stehe ihr zu Diensten, so viel sie wolle; sie wisse
wohl, wie das gehen knne. Nein, sagte die Burin, svli bs zweg sei sie doch
noch nicht. Sie htte da noch ppis in einem Sckeli fr die Not. Sie htte
freilich gemeint, sie wolle es nicht angreifen. Nun wollte ds Elisi auch mit, es
wute wohl warum. Die Mutter wollte erst nur fr die Hauptpersonen etwas kramen.
Aber wenn sie fr dieses gekramet hatte, so dauerte sie jenes, wenn es nichts
bekme, und hatte sie fr dieses etwas, so kam ihr ein Drittes in Sinn, und als
sie einmal ber die Hlfte aus war, so dnkte es sie, es wre wst von ihr, wenn
sie nicht fr alle etwas htte. Sie mge die mivergngten Gesichter nicht
sehen, sagte sie, die seien ihr verflmeret zuwider. Sie mute das
Reservesckeli zur Hand nehmen, mute Geld daraus nehmen und zwar viel, denn ds
Elisi wollte zuletzt auch noch etwas. Es konnte niemand kramen sehen, wenn es
nicht den bessern Teil davon bekam. Aber je mehr die Mutter daraus nahm, desto
ringer ging es ihr. be so mhr, dachte sie, e kly meh oder e kly minger, es
gang jetz alles i eim zue; es w niemer, wie lang es gang, gb sie wieder vo
Hus chmm! Sie hatten fast nicht Platz in ihrem Chaischen, als sie heimfuhren,
und muten so bel sitzen, da ds Elisi ein ber das andere Mal balgete, die
Mutter htte nicht so viel zu kaufen braucht, man knne. Ja gar nicht sein.
    Es war ein schner Abend, als sie heimfuhren. Bei jedem Schritt, den das Ro
tat, wohlete es der Mutter. Wenn nur das schieig Zg nicht wre, sie knnte
nicht sagen, wie froh sie wre, heimzukommen. Solche Betten, wie sie daheim
htten, htte man doch im Gurnigel nicht, wenn es schon Herrenbetten sein
sollten. Wenn sie nicht immer noch den Kittel und das Gloschli auf das Bett
getan htte, sie glaube, sie wre erfroren und kme nicht lebendig heim.
    Sie hatte fast nicht Augen genug, nach allem zu sehen, nach jedem
Kabispltz, jedem Flachspltz, nach den Kirsch, und Apfelbumen. Alle
Augenblicke sagte sie zu Elisi: Lueg, die fangen schon an, Flachs zu ziehen;
dort sind doch schlechte Bohnen! Aber Elisi nahm sich nicht die Mhe,
aufzusehen, sondern sagte: Lueg, wie mein himmelblau Tschpli abgeschossen ist,
ich darf es nicht mehr tragen als blo so daheim herum. Es nimmt mich doch
wunder, sagte die Mutter, ob sie wohl den Kabis beschttet haben? Dann mute
der Knecht Antwort geben, und auf das Genaueste wurde er ber alles examiniert.
Je nher sie nach Hause kam, desto mehr tat sie die Augen auf, zu sehen, wie
alles stehe, und alle Augenblicke nahm es sie wunder: ob sie nicht mehr Gras
htten, als dort sei, auch so viel Brand im Korn, auch so schnes Werch. Lueg,
lueg! sagte sie endlich, dort sieht man unsern Kirchturm, jetzt sind wir in
einer Viertelstunde daheim. Als sie den ersten bekannten Menschen sah, lachte
ihr das Herz im Leibe und sie sagte: Wenn ich gewut htte, da wir den zuerst
antreffen wrden, ich htte ihm auch etwas gekramet. Wenn ich noch einmal so
lang fort sollte, was aber, so Gottswill ist, nicht mehr geschehen wird, so
kaufe ich etwas, um es dem ersten bekannten Menschen zu geben, der mir beim
Heimfahren begegnet.
    Endlich bogen sie ein gegen ihr Gut. Vor Blangen hielt sich die Mutter am
Fusack, und eine Bemerkung nach der andern ber jeden Baum und jeden Pltz
entrann ihr unwillkrlich, und da die Spatzen in den Erbsen seien, beschftigte
sie so, da sie es fast nicht merkte, als sie zum Hause fuhren. Dort kam aus der
Kche Vreneli gesprungen, aus dem Futtergang Uli, und am Stecken im Schopf stand
Joggeli. Er sah doch seine Mutter gerne wieder kommen, wenn er es schon nicht
sagte. Schon lange hatte die Mutter die Hand am Fusack gehabt, wollte ihn jetzt
abheben, allein er steckte sich, Uli mute ihn emporreien. So, sagte die
Mutter, aber vergi doch recht nicht, morgen ein Gschch in die Erbsen zu
stellen, die Spatzen machen ihnen sonst viel zu wst. Drunten gab sie Vreneli
die Hand und sagte freundlich: Ist alles gut gegangen und hast gut Sorg
getragen zu allem? Dann eilte sie, nachdem sie das Frtuch glatt gestrichen,
dem Joggeli zu, streckte ihm schon von weitem die Hand dar und sagte:
Gottwilche! Wie ist es dir gegangen? Ich bin doch so froh, da ich wieder
daheim bin, so bald bringt mich niemand mehr fort. Uli hatte Elisi
herausgehoben, und das hatte ihm guten Abend gewnscht und gesagt, er solle
nicht unerchannt machen beim Auspacken und die Sachen hineinbringen, sie mten
ausgepackt sein von wegen den Rmpfen. Drinnen war das Kaffee schon zweg, und
die Mutter konnte nicht genug rhmen, wie das eins sei. Wenn man schon meine,
man habe den besten Kaffee, so fehle eim doch die Nidle, und die sei doch die
Hauptsache. Es htte sie manchmal dnkt, sie gbte die Plttleni alle fr ein
Trpfli guten Kaffee. Gib mir noch ein Kacheli, sagte sie zu Vreneli, alle
guten Ding sind drei; es dnkt mich ich knne gar nicht aufhren. Dann rhmte
sie auch das Brot und den Ks und erklrte endlich: Es sei doch alles nt gege
daheim. Wenn man schon manchmal auch etwas zu klagen habe, es ist einem doch
endlich immer am whlsten daheim. Sie konnte nicht satt werden, zu erzhlen,
was sie alles gesehen und wie wohl es ihr jetzt sei.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


       Von innern Kriegen, welche man mit einer Verlobung beendigen will

Als Elisi wieder kam, hatte Uli ungefhr das Gefhl, wie wenn auf einmal eine
Wolke vor die Sonne kmmt, oder wie es einem ist, wenn mitten in traulichem
Gesprch eine Person, vor der man sich in acht nehmen mu, in die Stube tritt.
Und doch sah er im Elisi sein Glck heimkommen, freute sich seiner, und es nahm
ihn wunder, wie lange er jetzt wohl noch warten msse. Sonderbar schien es ihm,
da Elisi diesen Abend nicht aus dem Hause kam, ihn nicht beim Brunnen, nicht im
Stall, nicht im hintern Gngli suchte. Er grmte sich aber darber nicht,
sondern dachte, es werde ihm etwas Wunderliches durch den Kopf gefahren sein, es
werde aber schon wieder zufrieden werden, und schlief getrstet ein.
    Drinnen aber ward nicht so bald Ruhe.
    Die Mutter hatte den ganzen Abend erzhlt und Joggeli Bericht geben mssen
ber alles, denn er war auch schon im Gurnigel gewesen. Eins aber hatte sie noch
nicht gesagt, und wenn sie auch von allen Personen redete, die sie droben
angetroffen, der Baumwollenhndler kam nicht ber ihre Zunge. Joggeli war lange
nicht so teilnehmend gewesen, hatte lange nicht so ohne Muckeln zugehrt, da es
sie dnkte, sie knne ihm nichts verheimlichen, sie msse ihm das Hinterste her,
vorgeben. Besonders als sie unter dem heimeligen Dackbett so behaglich sich
streckte und es ihr so wohl ward in ihrem warmen, wohlbekannten Bette, schien es
ihr eine eigentliche Snde, wenn sie ihm nicht alles sage. Los, sagte sie,
ich mu dir noch etwas sagen, ich kann sonst nicht ruhig schlafen, es kmmt mir
sonst vor in der Nacht. Was wird das ppe sein? sagte Joggeli, hast du das
Geld alles gebraucht? Fast, sagte sie, aber wenn es nur das wre, so machte
es nichts; es ist etwas ganz anderes, ich darf es fast nicht sagen. Endlich
nahm sie das Herz zusammen und sagte: So stehts: ds Elisi hat einen, und der
wird die nchsten Tage kommen und es dir abfordern, es mit dir richtig machen,
zwischen ihnen ist schon alles ausgemacht und richtig. Das wre mir der
Teufel, fuhr Joggeli auf, da will ich auch noch dabeisein, aus der Sache wird
nichts. Was wrde der Johannes fr einen Lrm anfangen! Er schlge allen die
Beine ab. Und was wrde Uli sagen! Der liefe mir fort, und wie sollte ich dann
bauren? Wie er ist, bekomme ich Keinen wieder. Wegen Elisi bleibt er da, schlgt
nicht mit dem Lohn auf; ich habe das schon lang gemerkt. Willst du denn den
Knecht zum Tochtermann? fragte die Mutter. Bewahre, sagte Joggeli, fr das
begehre ich ihn nicht. Aber solange er ein Auge auf ds Elisi hat, bleibt er da;
whrend der Zeit sind wir wohl, und vielleicht sterbe ich derweilen, und was
frag ich dann dem nach, wie es nachher geht, wenn ich nicht mehr da bin! Ich
glaube nicht, da Elisi den Uli nhmte, wenn es ihm niemand wehrt, es ist zu
hochmtig. Was will doch auch eine solche Grnne heiraten? Es ist aber doch
so, sagte die Mutter, und gerade Solche setzten am meisten an, und man wisse
zuletzt nicht, was es Dumms geben knnte. Jetzt habe es einen reichen Herrn an
der Hand; so gut mache es es sein Lebtag nicht mehr, und er werde doch nicht vor
seinem Glck sein wollen. Was, noch gar einen Herrn! sagte Joggeli. Das wird
mir ein schner Ftzel sein und ein Hungerleider. Ein rechter Herr liee sich
nicht hinter eine solche Grnne. Das sind nur so die Ausgepeitschten, wo niemand
mehr will und die nichts mehr zu beien und zu brechen haben. Potz Tfel
nein, sagte die Mutter und zhlte ihre Beweistmer fr den Reichtum des
zuknftigen Tochtermanns her, wie er Geld habe und Geschfte mache. Gelogen ist
bald viel, sagte Joggeli. Wenn er so reich ist, so mu er ein Narr sein, da
er so ein Hpeli, so ein Schlrpli will, nicht recht im Kopf, er wrde sonst auf
eine Hbschere sehen und auf eine, mit der mehr ist als mit unserem Elisi, das
nicht einmal wei, wie man einer Katz das Fressen darstellt, geschweige denn wie
man es kocht. Potz Tfel nein, sagte die Mutter, er ist der Gescheutest, wo
im Gurnigel gewesen ist; er hat gewut, woher man die Baumwolle hat und wie man
daraus das Tuch macht und was fr ein Unterschied ist zwischen der Langentaler
Ell und der Berner Ell. Das hat mir noch nie jemand knnen so begreiflich
auslegen wie er. Und vom Weben hat er mir brichten knnen, die Augen sind mir
fry bergelaufen. Wohl, unsern Webern will ich jetzt anders aufpassen! Da ist er
ein ganz Anderer gewesen als die Stck von Bern, wo nichts gewut als den
Schnauz zu drehen, den Stock unter den Arm zu nehmen und zu sagen: Es schynt mr,
dSunne well ht no frecho. Und sei er einer, wie er wolle, sagte Joggeli,
so ist er ein Herr, und einem Herren gebe ich ds Elisi nicht. Wenns noch ein
Baurensohn wre, so wollte ich nichts sagen. Der knnte zu uns kommen, den Hof
bernehmen lehensweise; dem brauchte man nichts herauszugeben, und Uli knnte
dann meinethalb gehen, wohin er wollte. Aber so einen Herrn begehre ich nicht
auf den Hof, lieber wollte ich gehn und betteln. Der wird eine Ehesteuer wollen
und keine kleine. Ich wei wohl, wie es die Herren haben; die mrten schon
untereinander um die Ehesteuer wie dMetzger um dKlber; wenn sie dann erst einen
Bauer unter die Finger kriegen, so meinen sie, man knne ihnen nicht Geld genug
geben fr die Ehre, ihnen den Hunger stellen zu knnen. Sie meinen, je
uverschanter sie gegen einen Bauern seien, fr um so hflicher sehe er es an.
Er htte schon dem Johannes helfen mssen, da ihm das Liegen weh tue; wenn er
nun noch so einem Herrn eine Ehesteuer geben msse, so werden seine Glten an
einem kleinen Ort Platz haben, und vom Hofe knnten sie nicht leben, es mte
anders gehen. Wenn man so alt sei, so gewhne man sich nicht gerne anders, gehe
und habe es bs. Das htte sie sinnen sollen, sie wre witzig genug dafr
gewesen. Aber wenn eine Frau etwas von einer Heirat schmcke, so sei es ihr
nicht mehr zu helfen und es sei gerade, wie wenn der Teufel in sie gefahren
wre.
    Du bist immer der Wstest, sagte die Mutter. Ich vermag mich dessen
nichts, sie hatten es unter sich ausgemacht, ehe sie mir etwas gesagt, und wenn
es dir nicht recht ist, so mach es mit dem Elisi aus; du kannst dann erfahren,
was das verbt. Das sei ihm kommod, sagte Joggeli, erst die Sache anfangen und
dann nichts davon wollen. Er wolle sich dar, ein nicht mischen, aber er sage
ihr, er wolle nichts davon. Sie knne seinethalb sehen, wie sie wieder absage.
Er htte schon gehrt, sagte sie, sie vermge sich bei der ganzen Sache nichts,
und er sei der Vater und wenn er nicht wolle, so knne er die Sache ausmachen
und nicht immer nur die Faust im Sack machen und sie hineinstoen. Diesmal wolle
sie nichts davon. Gut Nacht, schlaf wohl! Aber weder sie noch Joggeli
schliefen bald und wohl.
    Nicht weit von da war ein ander Gesprch. Meist teilten Elisi und Vreneli
das Schlafgemach, wenn es Elisi nicht in Sinn kam, die Vornehme zu machen und
ins Stckli zu gehen, wo sie allerdings ein sehr schn ausstaffiertes Zimmer
hatte. Kaum waren sie diesmal in ihrem Stbchen, so fing Elisi an: J gell,
wenn du ppis wtest! Aber ih sg drs nit, du bruchst das emal einist nit
z'wsse. Vreneli meinte, es sei von einem neuen Tschpli die Rede oder einem
neuen Kittel, und gab sich zum Erraten viele Mhe nicht. Aber in allen mglichen
Redeformen forderte ds Elisi das Vreneli zum Erraten auf, bis das Letztere
sagte: Es htte jetzt des Gstrms genug, entweder solle es schweigen oder sagen,
was es habe. Was sagst du, sagte Elisi endlich, wenn einer kommt in einer
schnen Chaise und mich will? Was wollte ich dazu sagen? sagte Vreneli, frag
du Uli, was der dazu sagt. Den hab ich nicht zu fragen und der hat mir nicht
zu befehlen; du kannst ihn meinethalb jetzt haben, ihr werdet ohnehin die Kpfe
brav zusammengesteckt haben, whrend ich fortgewesen bin, sagte Elisi. Aber es
ist mir jetzt gleich, was frag ich einem Knecht nach, und wr er noch einmal so
hbsch; du kannst ihn jetzt haben, du hast doch schon lange um ihn ntlich
getan, ich habe jetzt einen Andern. Schme dich, sagte Vreneli, so etwas zu
sagen. Sag, wann bin ich dem Mannenvolk nachgelaufen, Knechten oder Anderen?
Sags doch, wenn du kannst. Wenn ich schon keine reiche Tochter bin, so htte ich
mich doch geschmt. Ich habe nie einen gelockt, bin nie so anlssig an einem
herumgestrichen und lasse mir daher nichts derlei vorhalten, am wenigsten von
dir. Behalte, was du hast, ich begehre nichts davon, weder deinen Uli noch etwas
anderes! Meinen Uli! Ich habe keinen Uli, was geht mich unser Knecht an? Hast
nicht gehrt? Ich habe einen Andern und bin mit ihm versprochen. Ach, so einen
Schnen, so einen Reichen hast du wohl noch nie gesehen! Er kommt die nchsten
Tage, da wirst du luegen! Rede doch nicht so dumm, sagte Vreneli. Glaubst,
du knnest mich zum Narren halten? Glaubst du, ich wisse nicht, da du mit dem
Uli versprochen bist? Schweig mir doch mit deinem Tfels Uli! Hast du nicht
gehrt, da ich nichts von ihm will? Es ist mir ja nie Ernst gewesen. Ach nein,
einen so Schnen und Reichen hast du sicher nicht gesehen. Ich gehe dann mit ihm
in die Stadt, lasse mich anders kleiden. Das Abgende von meinen burschen
Kleidern kannst du dann alles haben. Schweig doch mit deinem Gstrm, sagte
Vreneli, ich merke dich schon. Ich soll dir nur etwas ber Uli sagen und dir
glauben mit dem Andern, da du es dann morgen Uli sagen kannst und Streit
anstellen, ich kenne dich. Du machst mich bald taub, da du meinst, es sei
nicht wahr, sagte ds Elisi. Wir wollen die Mutter fragen, die wird dir sagen,
ob es wahr ist oder nicht. Aber und Uli? fragte Vreneli, was willst du denn
mit dem? Was geht mich Uli an? sagte Elisi, du hasts schon gehrt. Es wre
ppe bs, wenn man einen jeden, den man angesehen hat, gleich heiraten mte.
Aber du hast nicht blo ihn angesehen, du hast ihm vom Heiraten gesagt und es
versprochen, antwortete Vreneli. Warum hats der Narr geglaubt! Was kann ich
dafr? Es halten so viel Buben Meitscheni zum Narren; es wird doch wohl auch
erlaubt sein, da hie und da ein Meitschi einen Buben zum Narren hlt. Du
bisch e Uflat, sagte Vreneli, zog das Dackbett ber die Ohren, gab keine
Antwort mehr, was ds Elisi auch noch dmperlen mochte.
    Am folgenden Morgen war Waffenstillstand, keine der streitenden Partien lie
sich mit der andern ein. Die Mutter ging umher, jedem Hausgenossen ihren Kram
insgeheim abzugeben, und verbot jedem, denselben den Andern zu zeigen, sie
knnten sonst schalus werden - und nach einer Stunde wute ein jeder, was die
Andern empfangen, und manch saures Gesicht entstand, manch Stichwort wurde
gewechselt, denn beim besten Willen, es allen zu treffen, ists unmglich. Elisi
packte aus und verkehrte dabei viel mit den Mgden, die ihm alle Augenblicke
Handbietung leisten muten. Nachdem es ihnen alles gespienzelt, was es
heimgebracht, verfiel es in seine verblmte Redeweise und gab zu verstehen, da
sie bald noch etwas viel Kstlicheres, Schneres zu sehen kriegten, das es im
Gurnigel sich erworben. Es redete mit ihnen so verblmt, da sie die Wahrheit
blinzligen greifen konnten, und in einigen Stunden wute es das ganze
Hauspersonal: ds Elisi htte einen, einen Reichen und Vornehmen, und von Uli
wolle es nichts mehr wissen.
    Dieser hatte arglos seine Arbeit gemacht, den Nachmittag in der Schmiede
zugebracht, wo er Pferde beschlagen lie. Abends heimkommend, sah er allerlei
Gesichter, hrte hier muckeln, dort muckeln, und wenn er dazukam, so schwieg
man, ging auseinander. Allerlei Blicken begegnete er, spttischen, mitleidigen
usw. Es dnkte ihn, die Mutter und Vreneli seien nie so freundlich gegen ihn
gewesen; hingegen tat Elisi, als sehe es ihn nicht, und wich ihm absichtlich
aus. Er wute nicht, was das zu bedeuten hatte; erst am Abend, als er zu Bette
ging, fragte er den Buben, der in seinem Stbchen schlief und der sehr an ihm
hing, weil er ihn menschlich behandelte, was es gegeben habe hier, es mache
alles so wunderliche Gesichter. Er drfe es ihm fast nicht sagen, sagte der
Bube, er wisse brigens auch nicht, ob es wahr sei. Uli wollte es wissen, und da
sagte der Bube, es heie, ds Elisi htte einen, und der werde die nchsten Tage
kommen, ein gar grusam Reicher und Schner, und von Uli wolle es nichts mehr
wissen. Uli fragte, woher das gekommen sei? Der Knabe sagte, er wisse es nicht
bestimmt, aber es heie, ds Elisi selbst habe es den Jungfrauen gerhmt und die
es weitergesagt. Etwas msse sein, der Meister mache ein gar bs Gesicht und
habe den ganzen Tag der Meisterfrau kein Wort gesagt, auch htten sie gestern im
Bette lange stark miteinander geredet.
    Das traf Uli hart, er konnte es fast nicht glauben, so schlecht knnte ds
Elisi nicht sein, dachte er; habe es ihm nicht das gesagt, jenes verheien, und
sei es es nicht gewesen, das ihn gesucht, ihn gewollt? Dann aber fielen ihm
dessen Zgerungen auf, dessen Hinhalten, dessen gegenwrtig Betragen. Und doch,
dachte er, knnte es ihn nicht so zum Narren halten, das wre ja schlecht, und
schlecht sei doch Elisi nicht, wenn es auch nicht das Listigste sei. Ob das wohl
der Lohn seiner Redlichkeit, seiner Aufmerksamkeit sein solle, dachte er.
Mehrere tausend Pfund habe er dem Meister gentzt und zum Dank jetzt endlich
Spott und Hohn. Alle Leute htten von der Sache geredet; wenn es jetzt anders
komme, so lcherete es alle und er drfe sich nirgends mehr zeigen. Was sollte
dann aus ihm werden? Alle seine Trume fielen stckweise auseinander whrend der
langen Nacht. So, dachte er, darf man mir mitspielen, weil ich nur ein Knecht
bin, immer und ewig nur Knecht. Es ist, als ob ein Fluch auf dem Worte lge, und
ein Lmmel ist, wer etwas anderes will und versucht, sich aufzuschwingen. Ja,
mein Meister konnte schn predigen, aber das war eine Speispredigt in seinen
Sack. Er wollte einen guten Knecht. Was habe nun ich davon, da ich einer
geworden? Spott, Hohn, ein weites Nachsehn und eine lange Nase. Und doch dnkte
es ihn dann wieder, so knne es eigentlich nicht sein, die ganze Geschichte
werde wohl ein leer Gerede sein, ein Spuk, wie ihn Jungfrauen oft anstellen. Das
nahm er sich vor: morgen wolle er wissen, woran er sei; knne er es nicht von
Elisi vernehmen, so gehe er geradewegs zur Meisterfrau und frage die; so
darinhangen wolle er nicht lnger, und sei die Sache so, wie die Leute sagen, so
packe er auf und bleibe keine Stunde lnger.
    Am Morgen konnte er lange des Elisi nicht habhaft werden, obgleich er,
whrend alle Andern aufs Feld gingen, zu Hause blieb, grasete, dngelete usw.
Endlich sah er es im Garten, auffallend geputzt, sich dort schne Blumen
aussuchend. Er zauderte nicht lange und stund vor Elisi, ehe dasselbe sich
dessen versah. Warum fliehst du mich immer? fragte er, was soll das
bedeuten? Ho, nt, sagte Elisi. Aber warum bist du so gegen mich und gibst
mir kein freundlich Wort? Hab ich denn nicht mehr das Recht, zu sein, wie ich
will; Und wenn ich so sein will, so geht es dich nichts an. So, ist das so
gemeint? fragte Uli. Dann wird es wohl wahr sein, da du einen Andern hast?
Und wenn ich einen htte, was ginge es dich an? Ich bekmmere mich ja auch
nicht darum, was du seither mit Vreni gemacht hast. Das drfen alle Leute
wissen, sagte Uli. Aber ich mchte wissen, ob du ein so schlechtes Mnsch
seiest, einen Andern zu nehmen, whrend du mir versprochen hast. Herr Yses,
Herr Yses, jetzt sagt mir noch der Uflat Mnsch, heulte ds Elisi. Du Knecht
du, willst du mich jetzt reyig lassen, oder ich rufe Vater und Mutter. Ruf
wem du willst, sagte Uli, aber die schlechteste Person bist du, welche die
Erde trgt, nicht wert, da dich die Sonne anscheint, wenn es wahr ist, was die
Leute sagen. Aber gell, Elisi, es ist nicht? Warum sollte es nicht sein?
sagte Elisi. Wenn ich einen Reichern und Vornehmern haben kann, warum sollte
ich dann dich nehmen? Das wre ja dumm. Aber tue nicht so wst, ich will dir
dann z'best reden und Meiner mu dich in seine Handlig nehmen, da kannst du
ungwerchet reich werden. Wie Elisi dies sagte, fuhr eine schne Chaise vors
Haus, ein geputzter Herr darin. Wie Elisi ihn erblickte, schrie es: Da ist er,
da ist er! und lief auf ihn zu. Die Mutter stund unter die Tre und wischte
sich verlegen die Hnde am Frtuch ab. Joggeli lie sich nicht sehen, und Uli
stand im Garten wie Loths Weib.
    Es ging geraume Zeit, ehe er wute, was er machte und was er machen wollte.
Fast bewutlos hatte er gesehen, wie ds Elisi den Menschen empfing und ins
Stckli fhrte. Dann ballte er die Fuste und sagte: Dem Donner will ich es
recht sagen, der mu wissen, was fr eine er hat, und dann will ich fort, keine
Stunde bleibe ich lnger da. Wie er so in einem Satz vom Garten auf die
Terrasse springen will, wird er festgehalten am Hemdrmel, da er fast in zwei
Stcke zerri. Zornig aufziehend, dem unerwarteten Halter eins zu versetzen, sah
er Vreneli neben sich unerschrocken stehn und ihn festhalten. Er schlug nun
nicht, aber schnellte ein zorniges: La mih gah! Nein, ich lasse dich nicht
gehen, sagte Vreneli; lueg mich nur an, wie du willst, aber gehn sollst mir
nicht. Du daurest mich, Uli, es macht dirs wst, aber eben deswegen mut du
jetzt der Witzigere sein. Bleib da und tue dergleichen, als gehe dich alles
nichts an, das macht es am tubsten. Tust du wst, so lachen sie dich aus, und
das tte ich ihnen an deinem Platz nicht zu Gefallen. Uli wollte lange dieses
nicht begreifen und klagte bitter, wie wst Elisi ihms gemacht. Sei du froh,
sagte Vreneli, ich habe nichts sagen mgen; aber danke Gott auf den Knieen, da
es so gegangen ist. Wenn du Elisi kenntest wie ich, so nhmtest du es nicht, und
wenn die ganze Welt sein wre. Das mag jetzt sein, wie es will, sagte Uli,
so will ich hier fort auf der Stelle; meinethalb kann der neue Tochtermann
ihnen den Hof arbeiten. Das wre noch dmmer, sagte Vreneli, dann erst
wrden die Leute zentum lachen und brllen, wie es dir ergangen. Die einen
wrden sagen, sie htten dich fortgejagt, die andern, du seiest zum Narren
gehalten worden, du httest dir eingebildet, du seiest schon Glunggenbauer, und
machten dir Gbeli. Stelle dich, als gehe dich alles nichts an, als lchere dich
die Sache noch, so werden die Leute nicht wissen, woran sie sind, dich nicht nur
in Ruhe lassen, sondern noch sagen: Da sieht man jetzt, Uli ist nicht so dumm,
wie man geglaubt hat, er hat sie zum Narren gehalten und nicht sie ihn. Du
bist eine Dolders Hex, sagte Uli, aber der Tfel soll mich nehmen, wenn ich
lnger da Knecht bleibe - als du gedinget hast, setzte Vreneli hinzu. Zu
Weihnacht kannst du meinethalb gehen vielleicht gehe ich auch. Aber jetzt gehe
nicht. Tue es mir und der Mutter nicht zuleid. Was macht doch das dem Elisi,
wenn du gehst? Im Gegenteil, es ist ihm noch das Rechte. Die ganze Brde fllt
auf die Base und mich; der Vetter nimmt sich ja der Sache nur an, um zu branzen.
Was vermgen wir uns Beide, da es so gegangen? Aber zhl darauf, du wrest
unglcklich geworden, und der Herr wird es auch, zhl darauf. Vielleicht aber
betrgt Eins das Andere. Gehe jetzt in Stall, sieh zum Mutzschwanz, gib ihm
Haber, mach, wie wenns dir ganz anstndig ginge, und zhle auf mich, du wirst
sehen, es kmmt am besten so. Man kommt am besten durch die Welt, wenn man oft
die Welt nicht merken lt, wie es eim ist. Du magst etwas recht haben, sagte
der in der langen Zwiesprache etwas abgekhlte Uli, aber wenn man nicht
zuweilen ausdonnern knnte, es wrde einem zuletzt versprengen. Es gehrte sich,
da man einer solchen Tsche auch einmal die Sache sagte. Das kannst du eben
am besten, wenn du hier bleibst, da wird es sich dir wohl einmal viel besser
schicken als heute. Und wenn du httest mssen den Weg gehen, wo ich, so wtest
du, da man mit dem. Ausdonnern wenig gewinnt. Ausdonnern heit nicht klug sein
wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. Die Not hat es mich gelehrt.
Aber gehe jetzt, ich werde dem Herrn kcheln und brgeln mssen, und ich tue es
ihm von Herzen gern.
    Whrend die hier so verhandelten und Uli endlich gehorchte wider Willen,
fand eine andere Verhandlung statt im Stckli. Dorthin hatte die Mutter Kse und
Wein und weies Brot gebracht, nachdem sie Vreneli umsonst gerufen. Dann war sie
zurckgeeilt zu Joggeli, hatte ihm gesagt, wer da sei, und nun sollte er die
Sonntagskutte anziehen, ein Halstuch umlegen und hinberkommen. Aber Joggeli
wollte nicht. Dem Schminggel laufe er nicht nach, er begehre ihn nicht zu sehen,
er wolle nichts von ihm und htte nichts mit ihm, man solle ihn ruhig lassen; er
knne wieder gehen, wo er hergekommen. So knne er doch nicht tun, sagte die
Mutter, gerade wie wenn er nicht halb witzig wre. Mit ihm reden msse er, und
er solle sich in acht nehmen, was er mache. Sie wolle nichts gesagt haben, sich
in gar nichts mischen, aber sie wolle dann auch nicht schuld sein, wenn das
Meitschi z'ltz tue. Er wisse wohl, wie es sei. Und wenn es etwas Unwatlichs
machen wrde, so mte man sich ein Gewissen machen in Zeit und Ewigkeit. Das
begehre sie nicht, sie begehre ruhig zu sterben. Damit ging sie hinaus, und hart
schlug hinter ihr die Tre zu.
    Joggeli brummelte fast eine Stunde lang mit sich und ber die Weiber, die an
nichts schuld sein und doch alles regieren wollten. Unterdessen schenkte Elisi
dem Baumwollenhndler ein, sagte, so streng es konnte: Nht doch, nht doch,
trinkit! Endlich lngte Joggeli nach dem Halstuch, band es um und sagte, eine
andere Kutte ziehe er nicht an, seine sei fr so einen Schminggel gut genug;
dann nahm er den Stock, trtschete zwischen Haus und Stckli einigen Bumen
nach. Drinnen sah ihn der Baumwollenhndler und fragte: Ob das der Vater sei?
Als Elisi Ja sagte, sagte er: So wolle er hinaus, ihn zu gren. Joggeli wollte
eine halbe Wendung links machen, allein er entrann nicht mehr. Er sei so frei,
sagte der Baumwollenhndler, und komme, zu sehen, wie seiner Frau Gemahlin und
seiner Jungfer Tochter ihre Kur im Gurnigel zugeschlagen; dort htte er die Ehre
gehabt, ihre Bekanntschaft zu machen, und die glcklichsten Tage seines Lebens
verlebt. Joggeli sagte: He ja, es wird so sein!
    Ihr werdet krank gewesen sein, da Ihr ins Bad habt mssen? Nein,
eigentlich nicht, sagte der Baumwollenhndler, aber er htte Ruhe ntig gehabt.
Nun erzhlte er von seinem groen Geschft und seinen weiten Reisen und wie er
mit Extrapost Tag und Nacht von Petersburg gekommen usw., da dem Joggeli der
Verstand fast stillstund und der Respekt sich einstellte. Reden kann der, dachte
er, wie druckt, und wenn nur das Halbe wahr ist, so ist das ein ganzer Bursch.
Gezogenes Werch gab dem Hndler Anla, zu fragen: Ob er wohl den Hanfsamen
selbst ziehe? Als Joggeli Nein sagte, verbreitete er sich ber die Orte, wo man
ihn am besten kaufe: von Basel, von Freiburg im Breisgau, redete von den
Pflanzungen aller Art, die man dort sehe, was fr Samen dort gewonnen werden und
wie viel sie dem Land eintrgen und wie viel auch hier damit zu machen wre,
wenn man nur die Sache verstehen wollte und nicht zu fast am Alten hinge. Er
garantiere: auf einem groen Gut knnte man leicht zwei- bis dreitausend Pfund
aus allerlei Smereien lsen, wenn man nur wollte. Dr Tfel dachte Joggeli, wenn
nur das Halbe wahr ist, so wre das der wert, und sein Respekt nahm zu. Als die
Mutter im Vorbeigehen fragen konnte: Nun, wie gefallt er dir?, sagte er, so
fr einen Herrn sei er noch nicht der Dmmste; er wisse doch noch, da die Khe
Hrner htten und die Pferde keine und wo Bartlome Most hole.
    Der Baumwollenhndler wute, was er zu rhmen hatte. Das schne Tischzeug
bot ihm viel Stoff; dann kam er vom gerucherten Fleisch auf Hamburg, von der
Hamme auf die westflischen Schinken, vom Bratis auf die Klber in St. Urban und
was die Bandweber in Baselland fr Kalbfleisch essen, und endlich brachte ihn
der gute Wein aus der weien Flasche auf den Wein berhaupt. Hier legte er so
viele Kenntnisse an Tag, wute so viel Sorten zu nennen, die verschiedenen
Unterscheidungszeichen anzugeben, da Joggeli dachte: Gegen den ist Johannes nur
ein Lhl. Wenn der den Neuenburger kennt und den Weltschen, so ists allen
Handel. Er sei doch schon an mancher Kindbett gewesen, aber so einen
Kurzweiligen habe er selten angetroffen, die Zeit gehe einem um, man wisse nicht
wie, und brauche man doch nicht viel dazu zu sagen. Die Mutter verga fast das
Nten ob all dem Reden, und Elisi, das nicht begriff, was der Herr wollte, wurde
ganz bse, da er immer mit dem Vater redete und sich nicht mit ihm abgab. Es
plrete fast und sagte der Mutter drauen: Es glaube, es wolle nichts mehr von
dem, er sei so unhflich und unmanierlich wie der grbste Knecht und htte
whrend dem ganzen Essen nichts mit ihm geredet. Du dumms Elisi, sagte die
Mutter, du bist doch immer der gleiche Ttsch! Merkst du nicht, da er beim
Vater in Hulden kommen mu, wenn er Ja sagen soll? Du weit ja, wie er wst
getan. Was geht ihn der Vater an? sagte ds Elisi. Er will mich heiraten, und
wegen dem Vater kann er mir den Kummer berlassen; dem wollte ich es reisen,
wenn er etwas darwider haben wollte. Schweig doch, sagte die Mutter, es
dnkt mich, es mge eins herkommen, woher es wolle, so sei es witziger als du,
und doch hat man ein erschrecklich Geld an dich gewandt und bist noch im
Weltschland gewesen. Aber wo die Gaben nicht sind, was will man? Und dann,
fuhr ds Elisi fort, hat er immer das Vreneli angesehen, wenn es etwas brachte;
er ist ein Wster, ich habe es ihm angesehen. Das Vreneli soll nicht mehr
hinberkommen, du kannst bringen, was wir noch mangeln. Du wirst noch etwas
anderes erfahren, Elisi, sagte die Mutter. Das wirst du Keinem wehren knnen,
da er nicht die Andern auch ansieht; froh kannst sein, wenn es nur dabei
bleibt. Es wolle dann beim Donner luegen, sagte ds Elisi.
    Unterdessen hatten drinnen die wichtigen Verhandlungen begonnen. Der
Baumwollenhndler hatte den ersten Augenblick ergriffen, als er mit Joggeli
alleine war, die Bewerbung zu erffnen, noch schner und wohlgestellter als bei
der Mutter. Von Ehesteuer sagte er kein Wort, kein Wort von Trossel, hingegen
zog er eine Brieftasche hervor voll Papier und sagte Joggeli, da knne er einen
Begriff von seinem Geschft erhalten und seinem Vermgen. Diese Brieftasche
enthielt eine Menge Wechsel aller Art, von denen Joggeli wenig anders begriff
als die Summen und dann die fr bar Vermgen nahm, so da er wie die Mutter
nicht begreifen konnte, warum so ein grusam Geschickter, grusam Reicher und
grusam Schner an Elisi sich mache. Es habe halt, dachte er, ein jeder Mensch
seinen Gaue. Die Einen wollten ihre Weiber bleich, die Andern rot, die Einen
fett, die Andern mager, die Einen hoffrtig, die Andern ttig, die Einen
narrochtig, die Andern witzig. Der werde nun gerade so eins wollen, wie ds Elisi
sei, das werde sein Gaue sein, darber msse man sich nicht verwundern. So
dachte Joggeli whrend der schnen Rede des Bewerbers. Aber sein mitrauisch
Gemt war damit noch lange nicht befriedigt; er fragte noch eine Menge Dinge,
machte viele Einwendungen, suchte ber Bekannte, Verwandte ihn auszuforschen, um
allfllige Erkundigungen einziehen zu knnen, und brachte am Ende selbst die
Rede auf die Ehesteuer. Er bitte sich aus, sagte der Herr, da davon einstweilen
keine Rede sei, er sei darin gar nicht wie Andere gesinnet und htte es
eigentlich auch nicht ntig. Er wolle nicht sagen, da er das Geld nicht auch
lieb habe; aber der Mann sei dafr da, die Frau zu erhalten. Sollte es spter in
ihrem guten Willen liegen, ihm etwas zu geben, so werde er es mit Dank annehmen,
sonst sei er mit Nichts auch zufrieden, die Jungfer Elise sei ihm alles. Es
werden sich spter viele Gelegenheiten geben, einander ntzlich zu sein, wenn er
das Glck htte, in ihre Familie zu treten. Ihren Flachs, ihr Kirschenwasser
sollten sie knftig ganz anders verkaufen als jetzt, aus dem letztern lse er in
Frankfurt wenigstens vier Pfund aus der Ma. Auch mit dem Korn lasse sich viel
machen, wenn man es verstehe. Dann gehe es sehr oft Gelegenheit zu schnen
Spekulationen, wenn man bares Geld zur Verfgung habe. Nun geschehe es, da auch
der reichste Kaufmann oft zu solchen Nebengeschften nicht Geld habe; wenn er
dann in solchen Augenblicken vorsprechen drfte um Vorschu, so knne er leicht
fnf und sechs Prozente offerieren und doch noch zehn bis fnfzehn Prozente
gewinnen. Das gefiel Joggeli nicht bel. Der, dachte er, sei doch ein kurioser
Held, mit dem liee sich noch handeln, noch besser als mit einem Bauer. Doch
wollte er seine Einwilligung noch nicht geben, sondern forderte vierzehn Tage
Bedenkzeit. Man msse mit dem Sohn reden, sagte er, und hie und da nachfragen;
wenn er ihm schon traue, so sei das doch so der Brauch. Zudem wute er nicht, ob
ds Elisi nicht besser tte, ledig zu bleiben; es sei neue krnklich und mge
wenig erleiden. Was wolltest du davon wissen? sagte ds Elisi, du weit viel,
was ich erleiden mag oder nicht. Aber wenn immer alles auf einem ist, so mu eim
allbets einist ppis fehle. Der Herr fiel rasch ein und beteuerte, wie die
Jungfer Elise ihm gerade recht sei, drckte ihre Hnde, beteuerte, wie die
Bedenkzeit ihm gerade recht sei. Ja freilich, sie knnten ber ihn fragen, wo
sie wollten, so muten sie alles Gute vernehmen, wenn die Leute nicht
verleumdeten, was freilich oft geschehe, besonders wenn man viele Neider htte.
Unterdessen solle man ihm doch erlauben, der Jungfer Elise einstweilen ein
Andenken zu gehen, und somit zog er ein Kstchen hervor, eine prchtige Uhr mit
Kette daraus und hngte die mit zrtlichen Gebrden der Jungfer Elise um und bat
sich ehrerbietig die Erlaubnis aus, der Uhr noch ein Kchen beifgen zu knnen.
Jetzt war ds Elisi wieder zufrieden mit ihm, freute sich wie ein Kind ber sein
Geschenk, lief ins Haus, es dem Vreneli, den Jungfrauen zu zeigen, und dann
wieder zu dem Geliebten, ihn zu fragen, wie man sie ffne und wo man sie
aufziehe, ihm erzhlend, wie des Bruders Frau Augen machen werde, wenn sie
dieselbe sehe. Elisi wollte jetzt gegen die Bedenkzeit sich auflehnen, der
Geliebte aber bat recht dringend, den Eltern nachzugeben. Unterdessen knne er
seine Papiere in Ordnung bringen, da die Verkndigung alsobald erfolgen knne.
Man msse die gute Jahreszeit profitieren, um noch eine rechte Hochzeitreise zu
machen, wohin es seine Elise gelste. Nun erst begann Elisis Jubel, und dann
plrete es wieder ber den Aufschub, es htte die Reise gleich jetzt antreten
mgen.
    So verrann der Tag. Der Glckliche rstete sich zum Aufbruch und wollte mit
Pomp, dahinfahren. Dem Vreneli wollte er einen Zehnbtzler in die Hand drcken,
es wandte sich rasch weg und sagte, es nehme kein Geld. Vor der Kche traf er
auf die, die sein Ro zumten, denen Uli zu Hlfe kommen mute, weil es den Kopf
gar hoch hielt. Da druckte er unversehens Uli auch einen Zehnbtzler in die
Hand. Wie der sah, was er hatte und wer es gab, lie er es, ohne ein Wort zu
reden, fallen, wie wenn es ihn gebrannt htte, machte den Zaum zurecht und tat,
als wenn der Herr und sein Geld gar nicht da wren. Derselbe las den Zehnbtzler
wieder auf und dachte bei sich: Das sind mir puckte Leute, denen will ich es
eintreiben.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


 Von nachtrglichen Verlegenheiten, welche statt des Friedens aus der Verlobung
                                     kommen

Als er endlich fort war und die Leute wieder zur eigentlichen Besinnung kamen,
fanden sie sich schweren Herzens, Elisi ausgenommen. Was wird Uli machen, was
wird Johannes sagen, wie wird alles gehen? rttelte die Leute gewaltig aus ihrem
ruhigen Leben auf. Zu ihrer groen Verwunderung sagte Uli nichts und tat so
kaltbltig, als ob ihn das nichts anginge, und wenn seine Mitdiensten ihn
aufziehen wollten, so schmunzelte er, da die Leute nicht wuten, woran sie mit
ihm waren. Ja mehr und mehr konnte er es auch von ganzem Herzen tun, denn jetzt,
da die Sache vorbei war, war es ihm, als ob er, aus schwerem, dummem Traum
erwacht, viel leichter geworden sei. Das Geld, das Gut hatte ihn wie mit einem
Blendwerk umstrickt, er mute die Sache nun von dieser Seite ansehen und bersah
Elisis Persnlichkeit mehr und mehr. Jetzt, da ihm diese wieder ins grelle Licht
trat, jetzt ging er mehr und mehr dem Standpunkt zu, auf welchem er Gott danken
mute, dieser Gefahr entronnen zu sein. Mehr und mehr begriff er, wie
unglcklich ein Mann bei allem Gelde sein msse mit einem solchen Ding zur Frau.
Jetzt erst begann er seinen alten Meister zu fassen, und er dachte manchmal,
wenn er nur bald zu ihm kme, da er ihm sein Mitrauen abbitten knnte.
Indessen stund es in ihm fest, den Dienst aufzusagen, da wollte er nicht mehr
bleiben; er wartete nur eine Gelegenheit ab, es zu tun. Wo ein solcher Halunk
Tochtermann sei, da sei seines Bleibens nicht, dachte er, und da der
Baumwollenhndler ein Halunk sei, das sagte ihm immer deutlicher sein eigenes
Bewutsein, so wie ihm die Grnde immer klarer wurden, warum er selbst Elisi
eigentlich gewollt. Er mute sich sagen, da wenn er nur die Hlfte des Zehntens
gehabt, welchen der Schminggel vorspiegle, er an Elisi nie gedacht htte.
    Nicht so kaltbltig benahmen sich Johannes und seine Frau. Elisi wollte hin,
es ihnen anzukndigen und seine Uhr zu zeigen, allein weder der Vater noch die
Mutter wollten mit, und alleine durfte Elisi es doch nicht wagen. Man schrieb.
Wie aus einer Kanone kam das Ehepaar dahergefahren mit Schnauben und Tosen.
Geplret, geflucht wurde an selbem Tag in der Glunggen wie vielleicht seit
hundert Jahren nie. Es war kein Schimpfname, den Johannes dem Brutigam nicht
gab, kein Laster, das er nicht haben sollte, kein Fluch, mit dem er ihn nicht
belegte, und Trinette fgte noch unter Schluchzen und Schnpfen bei, was
Johannes verga. Ds Elisi sparte auch sein Maul nicht, wre aber von dem Bruder
geprgelt worden, wenn die Mutter nicht gewehrt. Da hast dus jetzt, sagte
Joggeli, da siehst dus, wies geht; da kann ich die Suppe ausessen helfen, die
ihr eingebrockt. Johannes bergab sich unzhlige Male dem Teufel, wenn er je
wieder einen Fu in die Glungge setze, wenn sie einem solchen Donners
verfluchten Sauftzel ihre Tochter geben wrden. Jetzt suchte er Uli wieder auf
und fluchte auch bei ihm sich aus. Er verfluchte sich hunderttausendmal, da
wenn der Donners Pltter doch einen Mann htte haben mssen, er
hunderttausendmal lieber Uli zum Schwager gehabt. Natrlich, ledig wre ihm das
Mnsch am liebsten gewesen, sagte er, was brauche es das Geld zu vermannen!
Aber wie die Schelmen haben sie an dir gehandelt. Gll, wrest du zu mir
gekommen! Aber du kommst noch, bei den verfluchten Donnern bleibst du nicht!
Uli gab wenig und ausweichenden Bescheid und war froh, als Johannes mit
Schnauben und Tosen von dannen gefahren war. Der arme Teufel hatte von dem Tage
nichts, als da seine Frau ihn um eine solche Uhr und Kette plagte, bis sie
dieselbe hatte.
    Joggeli hatte noch andere Erkundigungen eingezogen, sie waren ungnstig,
ausweichend, oberflchlich gut. Er sei ein Windbeutel, dem nicht zu trauen sei,
zeige viel Geld und habe keins, wenn man von ihm wolle, sagten die Einen; man
wisse nichts Genaues ber ihn, er scheine Geschfte zu machen, aber man sei
nicht in direktem Verkehr, die Zweiten; er sei ein artiger, gewandter junger
Mann, der seinen Weg machen werde und, so viel man merke, Vermgen besitze, die
Dritten. Je nher das Ende des Termins kam, desto schwerer ward das Herz den
Alten, besonders der guten Mutter, der Joggeli alles aufbrdete. Sie wren
lieber zurckgegangen, ja die Alte htte Elisi fast lieber dem Uli gegeben;
allein so oft davon die Rede war, tat Elisi wie eine Besessene, verdrehte die
Glieder, bekam Schaum vor den Mund, da sie sich vor dem fallenden Weh
frchteten. Als der Termin aus war, an einem Tage, an welchem es regnete und
windete, da man nicht leicht einen Hund zur Tre ausgelassen htte, kam der
Baumwollenhndler wieder angefahren. Trbselig wie sein Herbeifahren war sein
Empfang. Es zeigte sich kein Knecht, das Ro abzunehmen, Elisi blieb wegen dem
Luft zehn Schritte von ihm am Schermen stehen, keine Jungfrau kam mit einem
Regenschirm, die Alten zeigten sich nicht. Es ging noch rger, als wo Uli
anlangte als neuer Meisterknecht.
    Es ging lange, bis er unter Dach war, na und frstelnd, lange, bis er sein
Gesicht in die blichen freundlichen Falten gelegt, und noch lnger, bis die
Alten kamen, aber auch frostig, so da alle waren, Elisi ausgenommen, wie wenn
sie bei zwanzig Grad Klte in einem ungeheizten Zimmer einander amsieren
sollten. Nach langen Vor- und Einreden fragte endlich der Baumwollenhndler: Ob
er jetzt wohl den Ring, den er mitgebracht, der Jungfer Elise als seiner lieben
Braut an den Finger stecken drfte. Die Alten machten betrchtliche Gesichter.
Eins sah das Andere an, endlich sagte Joggeli: Er wisse neue nit, sie htten
allerlei vernommen, und der Sohn sei sich neue gar nicht zufrieden. Das Letztere
sei ihm ganz begreiflich, sagte der Hndler; aber wenn er die Ehre htte, ihren
Herrn Sohn persnlich zu kennen, so wrde er garantieren, da derselbe nichts
gegen ihn htte als eben, da er seine Jungfer Schwester heiraten mchte und
somit an seinem knftigen Erbe ihm zu schaden scheine. Ebenso begreiflich sei
ihm das Andere. Er htte schon lange viele Neider gehabt, und jetzt seien noch
viel mehr derselben entstanden, die ihm sein Glck mignnten und ihn von
Jungfer Elise zu trennen suchten. Nun erzhlte er lange Geschichten, was man ihm
von ihnen erzhlt und wie man ihn abspenstig zu machen gesucht, ihm vorgestellt,
wie er betrogen, unglcklich werden werde. Aber er kenne die Leute zu gut, kenne
nicht umsonst den Weg von Moskau bis Lissabon, da er ihn mit verbundenen Augen
finden knnte; er wte, was die Leute seien und knnten. Sie knnten sich nun
denken, wenn man ber sie, so ehrbare, honette Leute, die ein so geregeltes
Leben auf ihrem Gute fhrten, solche Dinge erzhlen knne, so mte man sicher
von ihm, dem lebhaften jungen Mann, noch viel leichter etwas zu ersinnen wissen.
Es seien nie Zwei zusammengekommen, da den Leuten die Muler nicht
voneinandergegangen.
    Er wisse neue nicht, sagte Joggeli, aber es deche ihn, es wre wohl am
besten, wenn man sich nicht pressierte und noch so ein Jahr wartete; whrend der
Zeit lernte man sich besser kennen, und Beide seien noch jung, sie veralteten
nicht. In zwei oder drei Jahren knnten sie perfekt gleich heiraten wie jetzt
und wren Beide um so viel witziger geworden. Man habe ja Beispiele, da Leute
zwanzig Jahre miteinander versprochen gewesen wren, und es heie, die seien
gerade am glcklichsten gewesen, und er glaube es, da habe man der Zeit gehabt,
einander dLn abzluegen. Wenn man so zsmeflige dareinspringe, so fehle es eim
gar gerne. Da fing ds Elisi zu heulen und zu schreien an, und als man endlich
vernahm, was es sagte, so waren es grliche Protestationen gegen solche
Verzgerung. Sie wollten es metzgen, schrie es, damit der Kerli zFrevligen desto
mehr htte; aber so wahr ein Gott im Himmel sei, sollte es sie gereuen, es wisse
schon, was es mache usw.
    Nachdem der Baumwollenhndler diesen Ausbruch hatte wirken lassen,
besnftigte er Elisi mit zrtlichen Reden und wandte sich dann in rhrsamer
Ausdrucksweise an die Eltern. Ob sie das Herz htten, ihr Kind so unglcklich zu
machen und ihn dazu; sie knnten ja sehen, wie sie aneinander hingen. Und warum
unglcklich machen ihr eigenes Kind? Wegen neidischen, unbegrndeten uerungen,
die bei jeder Heirat blich seien? Warum? Weil ein Bruder, der, wie es scheine,
viel ntig habe, nicht gerne mit seiner Schwester teilen wolle? Nein, so hart,
so unbarmherzig, so steinernen Herzens knnten sie sicher nicht sein! Nein, er
wisse, sie seien gute, liebe Leute und glaubten an Gott und an eine Seligkeit,
und darum bitte er noch einmal bei seiner und ihrer Seligkeit um die Hand der
teuren Jungfer Elise, damit sie miteinander die Pfade der Tugend und der Moral
wandern knnten, bis sie Gott einst zu einem seligen Leben hinaufnehme in seinen
Himmel, wo sie einander alle wiederfinden und alle in alle Ewigkeit miteinander
glcklich sein knnten. Der guten Mutter liefen die Trnen wieder ber die roten
Backen, und Joggeli sagte: In Gottsname, wenn ihrs zwingen wollt, so zwingts;
aber ich will nicht schuld sein, es mag gehen, wie es will. In Gottsname,
sagte die Mutter, es hat so sollen sein, und wenn etwas sein soll, da kann man
lange wehren. Aber seht jetzt selbst, da ihr glcklich werdet. Wenn ihr es
nicht werdet, so vermgen wir uns dessen nicht. Oh, sagte der
Baumwollenhndler, was das Glck anbelangt, so habt keinen Kummer, wer wollte
mit der teuren Elise nicht glcklich sein! Ich garantiere, wir wollen nie
klagen. Das habe ich doch gedacht, da Ihre guten Herzen nicht zwei Leute
unglcklich machen werden. Kommt, Elise, lat uns den teuren Eltern danken fr
unser Glck, danken, da sie uns mehr geglaubt als bsen Leuten. Bei der Hand
fate er Elisi und zog sie zu den Eltern und fiel darauf der Mutter um den Hals
und kte sie. Ihrer Lebelang htte es ihr niemand so unerchannt gemacht, sagte
sie spter. Dann fiel er dem Joggeli um den Hals, da der den Husten bekam fast
zum Ersticken. Ds Elisi htte eigentlich auch um den Hals fallen sollen, aber es
hatte eben ein Stck Zpfen in der Hand, die wre ihm brosmet. Es fand daher
vernnftiger, ruhig zu bleiben und seine Zpfe zu essen. Als aber der
Baumwollenhndler mit den Eltern fertig war, ri er in seinem mannlichen
Ungestm die Tochter an seine hochschlagende Brust, achtete sich aber der Zpfe
zu wenig; die kam ins Gedrnge, so da Elisi schreien mute: Herr Jeses, my
Zpfe, Ihr vrdrcket mr se ganz; wartet doch, bis ih se weggleit ha!
    Der Baumwollenhndler tat sehr glcklich, konnte nicht aufhren, von Einem
zum Andern zu gehen, die Hnde zu drcken und zu sagen, er knne Gott im Himmel
nicht genug danken fr sein Glck; es sei der schnste Tag seines Lebens, und
der msse wrdig gefeiert sein. Darauf ging er hinaus zu seiner Chaise. Es mge
nun gehen, wie es wolle, sagte die Mutter mit einem Seufzer, jedenfalls habe er
ein gutes Herz und Religion. Das sei aber die Hauptsache, was man mehr wolle? Er
kam zurck mit Flaschen und sagte: Sie htten letzthin von Wein geredet; er habe
gedacht, er wolle ihnen einige Muster mitbringen, sie mten auch wissen, was
Wein sei. Da er das Glck haben sollte, seine liebe Elise zu erhalten, so zieme
es sich nicht, an einem solchen Tag gemeinen Wein zu trinken. Solchen Wein
trinke man nicht alle Tage; ihnen aber knnte er ihn liefern um einen Spott,
wenn er schon nicht Weinhndler sei. Aber wenn man viel in der Welt herumkomme
und die Augen mitten im Kopf habe, so wisse man bald, wo man die besten Sachen
am wohlfeilsten bekommen knne. So habe er gerade die schnsten Geschfte
gemacht. Auch hatte er ein prchtiges Stck Seidenzeug mitgebracht von
aschgrauer Farbe, wie Elisi noch keines gesehen und Trinette keins hatte.
Solches, sagte er, wrden sie in Bern und Zrich umsonst suchen. Ein guter
Freund htte es direkt von Lyon gebracht und aus Freundschaft es ihm abgelassen.
Nun waren alle glcklich, und bei dem guten Wein und schnen Seidenzeug wurde
man nach und nach recht gemtlich und heimelig miteinander, da die Mutter
dachte, es wre doch ltz gegangen, wenn man ihm das Elisi nicht gegeben htte.
    Was habt ihr fr wunderliche Leute im Hause? fragte unter anderem der
heimelig gewordene Brutigam. Als ich das letztemal fortwollte, ging ich in die
Kche und wollte dem hbschen Meitli, wo uns aufgewartet hat, ein Trinkgeld
geben, wie es der Brauch ist; das kehrte mir den Rcken und sagte, es brauche
kein Geld. Das wird Vreneli gewesen sein, sagte die Mutter. Es ist
eigentlich nicht Magd, wir haben es dr Gottswille zu uns genommen. Es ist uns
eigentlich von weitem verwandt und hat niemand gehabt, der sich seiner
angenommen. J so, sagte der Baumwollenhndler, dann ists mir leid, wenn ich
es beleidigt habe, ich mu es suchen gut zu machen. Das sei nicht ntig, sagte
ds Elisi; am besten tte er, es nicht immer so anzusehen, es knnte sonst
meinen, was das zu bedeuten htte. Es sei ohnehin ein anlssig Mensch. Das knne
man just nicht sagen, sagte die Mutter. Aber wer war denn der groe, schne
Bursche, durchschnitt der sprachgewandte Herr das unangenehm werdende Gesprch,
der mein Ro zumte? Der hat mirs noch rger gemacht. Der hat mir gar keine
Antwort gegeben, aber den Zehnbtzler mir vor die Fe geworfen, so da ich
darauf und daran gewesen bin, ihm eine Ohrfeige zu geben, wenn ich meine Hand an
einem Knecht htte beschmutzen mgen. Es sei besser, er habe das nicht getan,
sagte Joggeli. Das werde Uli gewesen sein, der Meisterknecht, ein guter Knecht,
aber lngs Stck ein Kolder, mit dem nichts anzufangen sei. So einen wrde er
doch nicht haben, sagte der Hndler. Er sei so bs nicht, sagte die Mutter. Und
fr das Land und das Vieh sei er bsunderbar gut, sie htten noch Keinen so
gehabt und so einen wten sie nicht mehr zu bekommen. Das mte bs sein, sagte
der Brutigam. Wenn sie ihm den Auftrag geben wollten, so wolle er ihnen einen
prokurieren um einen billigen Lohn, wo sie dann wten, da sie einen Knecht
htten. Diesmal schnitt die Mutter das Gesprch ab und kam auf etwas anderes.
    Endlich begann der Brutigam davon zu reden, noch heute das Hochzeit angeben
zu wollen zu fligen. Die Mutter schlug ber diese Eile die Hnde ber dem Kopf
zusammen, Joggeli schttelte den Kopf und sagte: Das Pressier gefalle ihm nicht.
Elisi sagte, das Wetter sei sehr strub, sie mchte warten bis morgen. Diese
Meinung ging endlich durch, und der Herr blieb da ber Nacht. Er suchte whrend
dem Abend sein vermeint Vergehen gegen Vreneli gut zu machen, trappete ihm nach
und wollte nach seiner Weise artig mit ihm sein. Elisi merkte es aber, und er
hatte Mhe selben Abend, ein gutes Wort von ihm zu erhalten. Dem Vreneli packte
das Elisi grlich aus, hielt ihm Anlssigkeit vor, da es ihm den Brutigam
verfhren wolle, da es gesehen, wie sie mit den Augen ein Verstndnis htten,
und da es, wenn es ein, mal verheiratet sei, keinen Fu mehr ins Haus setzen
wolle, solange eine solche Luenz darin sei. Das sei ein schner Dank, da man es
so lange dr Gottswille gehabt habe. Vreneli war nicht von denen, welche Personen
wie Elisi schwiegen. Die Luenz, sagte Vreneli, kannst du fr dich behalten
und deinen Schminggel auch; den mchte ich nicht, wenn ich noch einmal nichts
htte. Aber im Weg will ich dir nicht mehr sein, ich bin lange genug dr
Gottswille hier gewesen. Was man an mir getan, glaube ich abverdient zu haben,
und begehre nun nicht zTrinkgeld, da man mir alle Tage vorhlt, was lngst
vergangen ist und was dich nichts angeht, denn du hast nichts an mir getan als
mich geplagt, wo du konntest. Einer solchen Grnne wegen wollte ich ein Narr
sein zu plren und mir die Sache zu Herzen zu nehmen. Aber aus dem Wege will ich
dir, darauf zhle. Und jetzt la mich ruhig, dein Zyberligrnni wird wohl auf
dich warten. Elisi wre dem Vreneli ins Gesicht gefahren, wenn es nicht zu gut
gewut htte, da Vreneli sich von niemand auf den Leib kommen lie. Es war
schon einige Male bei solchen Anfllen von Vreneli an den Armen festgehalten
worden, da man die Zeichen noch tagelang sah.
    Die smtlichen Hochzeitgeschichten aller Art, das Hochzeit selbst usw.
wollen wir berspringen, denn mit dem Baumwollenhndler haben wir es eigentlich
nicht zu tun, sondern mit Uli, daher uns schon zu lange mit dieser unbedeutenden
Nebenperson abgegeben. Als dieselbe aber einmal aufgetreten war, wollte sie sich
bei ihrer angebornen jdischen Zudringlichkeit nicht so schnell abfertigen
lassen, und noch jetzt, nach gefatem Entschlu, werden wir ds Teufels Mhe
haben, sie uns vom Leibe zu halten.
    Ulis Stillschweigen und ruhiges Verhalten war den alten Eheleuten sehr
sonderbar, indessen nicht unangenehm vorgekommen. Es wollte ihnen scheinen, als
htten sie das Verhltnis zwischen Elisi und Uli zu ernsthaft genommen und
dieser sei froh, da es gelst sei, so da er weiters nichts daraus machen,
sondern dableiben werde. Sie hatten aber nicht Zeit, whrend dem Hochzeitstrudel
das Nhere zu erforschen, sondern nahmen getrost das Bessere an. Als die
Geschichte aber versurret hatte, mahnte die Mutter Joggeli, da er Uli doch
frage, was er gedenke; sie htte alle gute Hoffnung, er werde bleiben. Joggeli
meinte, wenn er nicht bleibe, so sei sie daran schuld. Ein Besserer wre wohl zu
bekommen, der Tochtermann htte ihnen ja einen versprochen, aber man sei jetzt
an Uli gewohnt, daher sei es ihm recht, wenn er bleibe; aber hngen wolle er
sich nicht, wenn er gehe. Du bist immer der gleiche Lhl, sagte die Frau und
ging zur Stube aus.
    Als Uli einmal grasete, trappete Joggeli zu ihm und sagte: Sie werden es,
denke er, wohl haben wie gewhnlich; einmal er sei nicht anders gesinnet, als
da Uli bleibe. Nein, Meister, sagte Uli, ich will fort, Ihr mt fr einen
Andern sehen. Was kmmt dich an? sagte Joggeli, hast du schon wieder zu
wenig Lohn oder hat dich der Johannes mir abgestohlen? Keins von beiden,
sagte Uli. Aber warum willst du dann fort? Ho, man kann nicht immer an einem
Orte sein, sagte Uli. Und wenn ich dir noch vier Kronen hinzumache? Um
hundert bliebe ich nicht. Es ist mir erleidet, und wenn es mir einmal erleidet
ist, so behlt mich kein Geld. Mimutig stffelte Joggeli dem Stbli zu und
sagte seiner Frau: Da hast du es jetzt, Uli will nicht bleiben; gehe und suche
jetzt einen Andern, ich will nichts damit zu tun haben.
    Wie auch die Frau fragte: Warum? Was hat er gesagt?, so antwortete Joggeli
nichts darauf als; Frag ihn selbst. Und als sie fragte: Was fangen wir jetzt
an?, so sagte er auch: Da siehe du zu, ich habe von Anfang gesagt, das komme
so. Weiteres brachte sie auf ihre Fragen nicht heraus. Da ging sie hinaus in
die Kche, wo Vreneli waltete, die ihre Vertraute war in allen huslichen
Angelegenheiten, und sagte: Denk o, Uli will fort, weit du warum? Aparti
nicht, sagte Vreneli, aber ds Elisi hat es ihm wst gemacht und er wird
denken, er wolle nicht da den Leuten zum Gesptt sein und dazu sein Lebtag fr
Andere werchen, wenn man es ihm am Ende so macht. Aber was sollen wir jetzt
auch anfangen? sagte die Mutter, so einen kriegen wir nicht wieder. Er ist
manierlich, fromm, arbeitsam, es ist allen wohl dabei, man hat nichts von Streit
gehrt, und wenn er fortgeht, so ist alles anders; ich darf gar nicht daran
denken. Es geht mir gleich, sagte Vreneli. So, wie es vorher gegangen ist,
mag ich nicht mehr dabeisein. Es ist mir leid, Base, aber ich mu Euch bei
diesem Anla auch sagen, da ich nicht mehr dableiben kann, ich will auch fort.
Was, du? Was hab ich denn dir zuleid getan? Uli und du werden es abgeredet
haben Nein, Base, sagte Vreneli, Uli und ich haben nichts miteinander
abgeredet, wir haben nichts miteinander. Ihr habt mir auch nichts zuleid getan,
Base, Ihr seid immer eine Mutter an mir gewesen, und wenn alles auf mir gewesen
ist, so habt Ihr Euch meiner angenommen; ich werde Euch das nie vergessen,
solange ich lebe, und solange ich bete, werde ich fr Euch beten, da der liebe
Gott Euch vergelten wolle, was Ihr an mir getan. Und Vreneli weinte und lngte
der Base die Hand, welcher auch wieder groe Tropfen ber die roten Backen
rollten. Aber warum, du wests Meitli, willst dann fort, wann du mich lieb hast
und ich dir nichts zuleid getan? fragte diese. Ich bin an dich gewohnt, du
hast mir alles zuvorgetan. Wenn ich etwas habe machen wollen, so war es gemacht;
wie soll ich jetzt, wo ich alle Tage lter werde, bald nichts mehr mit mir ist,
die schwere Haushaltung machen? Base, es ist mir leid, aber ich mu fort; ich
habe mich verredet, ich wolle mir von Elisi nicht allemal wst sagen lassen,
wenn es mit seinem Mann kmmt. Allemal hlt es mir vor, ich wolle ihm den Mann
verfhren, und halt mir alle Suppenbrckli vor, die ich hier gegessen. So kann
ich nicht lnger dabeisein. Wenn mich sein Schminggel einmal anrhrte, ich
schabte mir die Haut bis auf das Bein ab, so gruset es mir ab ihm. Ich habe ihm
gesagt, ich wolle ihm aus dem Wege und wolle mir nicht alles vorhalten lassen,
ich sei jetzt nicht mehr dr Gottswille da. Ach, sagte die Mutter, du mut
dich des Elisis nichts achten, du kennst es ja, es ist immer ein Wstes gewesen,
und was es sagt, hat nichts zu bedeuten. Warum lt du mich entgelten, was es
dir sagt? Dafr kann ich wei Gott nichts, sagte Vreneli. Warum kann Elisin
niemand in Zucht und Ordnung halten? Ich mu ihm aus dem Wege. Dann ist noch
eins, aber ich will es nur Euch gesagt haben. Sein Mann ist allerdings mehr
hinter mir drein, als ntig ist, das wst Bckli! Aber habe er nur Sorge: kmmt
er mir zu nahe, so berschlage ich ihn, da er mit den Beinen am Himmel bhanget.
Ach, Base, das geht jedenfalls nicht mehr gut hier, ich knnte ohne, hin so
nicht mehr dabeisein; der Tochtermann macht schon jetzt, als ob nur er zu
befehlen htte und schon alles sein wre.
    Daran war etwas Wahres. Die reiche Flle, welche bei der blichen
Sparsamkeit in der Haushaltung herrschte, wo es auf eine Ma Milch, ein Pfund
Anken, ein Brot mehr oder weniger nicht ankam, ber die Eier keine Rechnung
gefhrt, Arme, ohne sie zu zhlen, gespiesen wurden, hatte er aufs Korn
genommen. Manchmal schon in der kurzen Zeit hatte er dem Joggeli vorgerechnet,
wie viel er eigentlich sollte verkaufen knnen, jetzt trage ihm das Gut nicht
einmal zwei Prozente ab. Wenn er das Geld fr das Gut in seinem Geschft htte,
so wollte er wenigstens acht Prozent daraus ziehen. Allemal darauf hatte dann
Joggeli gemuckelt, ber den vielen Verbrauch mit seiner Frau gebalget und
gemeint, sie sollte da oder dort abbrechen. Als man ihn in Spycher und Gaden
herumgefhrt, in Trge und Schfte hatte blicken lassen, erstaunte er ber die
reichen Vorrte. Das trage doch gar nichts ab, sagte er, das verliege ja. In den
Sachen liege ein bedeutend Kapital, das nicht nur kein Prozent abtrage, sondern
sich am Ende selbst aufzehre. Wenn sie nur das berflssigste verkaufen wollten,
und gerade jetzt sei ein gnstiger Moment, so garantiere er ihnen: wenigstens
dreitausend Pfund wollte er lsen. Aber er wrde es nicht den Unterhndlern hier
verkaufen, die gewhnlich fnfzig Prozent Gewinn nhmten, sondern direkt den
ersten Abnehmern. So hatte er ihnen Garn, Flachs, Tcher, Schnitze, Korn,
Kirschenwasser abgeschwatzt, bedeutend Kisten und Kasten ernchtert, da der
guten Mutter das Herz blutete und sie sich des Weinens fast nicht enthalten
konnte. Svli use, sagte sie, syg si nit gsi, sit si heyge afa huse. Bhetis
Gott vor ere tre Zyt, was fieng ih a, ih drft niene warte. Er hatte Nachricht
gebracht, da er alles vortrefflich verkauft, aber kein Geld. Er habe es
gegeben, wie es im Handel blich sei, auf halbjhrigen Kredit, hatte er flchtig
gesagt. Das wollte Joggeli eben auch nicht am besten gefallen.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


 Von einer andern Fahrt, welche durch keine Rechnung fhrt, sondern unerwartet
                                 eine schliet

Das fiel der guten Mutter alles bei und da dazu Uli und Vreneli fort wollten,
da dann der Tochtermann das Heft ganz in die Hand kriege, da sie die
Haushaltung machen solle mit Nichts, gegen die Armen schmrzelen, da man ihr
jede Kelle Mehl nachrechnen werde und alle ungeraden Male, wenn sie das Kcheln
ankme - und da kam sie ein Elend an, da sie niedersitzen und weinen mute, da
man die Hnde htte waschen knnen unter ihren Augen, so da selbst Joggeli
hinauskam und sagte, sie solle doch nicht so plren, es hrten es ja alle Leute
und knnten meinen, was sie htte. Was er gesagt habe, sei ja nicht der wert,
sie wisse ja wohl, da er allbe einist etwas sagen msse. Auch Vreneli trstete
und sagte, sie solle das nicht so schwer nehmen, es gehe ja am Ende alles
leichter, als man denke. Sie aber schttelte den Kopf und sagte, man solle sie
ruhig lassen, sie msse sich selbst fassen knnen, das Reden helfe ihr nichts.
Sie suchte nach Fassung manchen Tag. Man sah sie umhergehen schweigend, als ob
sie Schweres im Kopfe wlze, sah sie hier und dort, wo sie sich unbemerkt
glaubte, absitzen, die Hnde in den Scho legen hie und da den Zipfel des
Frtuches ergreifen und mit der Rckseite die Augen trocknen.
    Endlich schien es ihr zu leichten, das Ungewisse schien verschwunden, sie
sagte: Es htte ihr viel gewohlet, aber es dech sie, sie mchte neuehin, sie
sei so blange, es besserete ihr, wenn sie einen Tag oder zwei fort knnte.
Joggeli hatte diesmal nichts darwider, seine Alte hatte ihm selbst Kummer
gemacht. Sie knne ja zum Sohn oder zur Tochter fahren, wohin sie wolle; Uli
solle sie fhren, er htte jetzt wohl Zeit, meinte er. Nein, sagte sie, dahin
mge sie nicht, da sei ein ewiges Gchr, und wenn sie die Scke mit Neutalern
fllte, sie htte doch noch zu wenig. Aber es dnke sie, sie mochte einmal zu
Vetter Johannes; man htte es ihm schon lange versprochen, nie gehalten, und sie
sei nie dort gewesen. Sie sehe da einen neuen Weg, eine unbekannte Gegend und
knne vielleicht am besten vergessen, was sie drcke. Sie wolle Vreneli
mitnehmen, das sei auch lange nie fortgewesen. Ans Hochzeit habe man es nicht
mitgenommen, und es sei doch auch billig, wenn das Meitschi zuweilen eine Freude
htte. Gegen das Letztere hatte Joggeli Manches einzuwenden, indessen diesmal,
der Alten zulieb, gab er nach und wollte zwei Tage sich leiden.
    Uli freute sich, als er hrte, wohin er mit der Frau fahren sollte. Vreneli
dagegen wehrte sich lange, hatte hundert Grn, de dagegen und gab erst nach, als
die Base sagte: Du bisch mr doch es wunderligs Greis, und kurz und gut, du
kommst mit, ih befiehles.
    Es war in den ersten Novembertagen eines schnen Herbstes an einem Samstag
morgens, als das Sitzwgeli vor dem Hause stund, der Kohli herausgenommen, im
Schopf mit geschftigen Hnden aufgeputzt und endlich von einem zum Fuhrwerk
gefhrt wurde, whrend nun auch Uli seine Sonntagskutte anzog und stattlich mit
der Geiel in der Hand an das Fuhrwerk sich stellte. Nicht lange darauf kam
Vreneli, schmuck und schn wie ein aufgehender Morgen, einen kleinen Strau an
der Brust, und packte etwas ein. Dann kam die Mutter, geleitet von Joggeli, dem
sie noch manche Anweisung zu geben hatte. Die Leute werden glauben, ihr seiet
ein Hochzeit, sagte Joggeli, die fahren an einem Samstag im Lande herum. Ds
Vreneli sieht gerade aus wie eine Hochzeiterin. ppis Dumms eso, sagte
Vreneli und ward rot bis weit hinteren. Uli mu noch einen Meien haben, dann
meinen es alle Leute, rief eine schnippische Jungfrau, ri dem Uli den Hut vom
Kopf und sprang damit ins Haus. Zornig war Vreneli aufgesprungen im Wgeli:
Mdi, willst du den Hut geben oder nicht? Was braucht Uli einen Meien? Sei mir
nicht ds Hergetts, einen Meienstock anzurhren! Als Mdi nicht hren wollte,
wollte Vreneli ab dem Wgeli springen; aber die Mutter, lachend, da es ihre
ganze Gestalt erschttete, hielt es am Kittel und sagte: Was willst du? La das
doch gehen, das ist nur lustig. Vielleicht sieht man ja mich fr die
Hochzeiterin an, wer wei? Die smtliche Hausbewohnerschaft nahm an dem Spiel
teil und lachte ber Vrenelis Zorn, der sich gar nicht wollte besnftigen
lassen, whrend Uli in den Spa eintrat und seinen Hut tchtig in den Kopf
drckte, den Vreneli ihm abzureien suchte, um den Meien wegzunehmen. Es htte
ihm doch noch denselben abgerissen, wenn nicht die Mutter gesagt htte, es solle
nicht so dumm tun und den schnen Meien verstrupfen. Das wre doch noch lange
nicht das Grslichste, wenn man sie schon fr ein Hochzeit ansehen wrde. Es
wolle es aber nicht, sagte Vreneli und nahm den eigenen Meien von der Brust und
htte ihn fortgeworfen, wenn die Mutter nicht gesagt htte: Es solle doch nicht
so dumm machen. Die, wo am wstesten tten, die heirateten zuletzt noch am
liebsten, wenn es Ernst gelte. Einmal ich nicht, sagte Vreneli, ich will
keinen Schlufi, wie sie alle sind. Ich wte nicht, was ich so mit einem
Schnrfli anfangen sollte. He, ppe was die Anderen! sagte die Mutter
herzlich lachend und fuhr mit dem von nun an schmollenden Vreneli in den schnen
Morgen hinaus.
    In aller Farbenpracht hing das welke Laub an den Bumen, im Schimmer seiner
eigenen Abendrte, unter ihm streckte sich grn und munter die junge Saat aus,
spielte lustig mit den blinkenden Tautropfen, die an ihrer Spitze hingen;
geheimnisvoll und dftig dehnte sich ber alles der Himmel aus, der
geheimnisvolle Scho der Wunder Gottes. Schwarze Krhen flogen ber die cker,
grne Spechte hingen an den Bumen, schnelle Eichhrnchen liefen ber die Strae
und beguckten von einem rasch erreichten Ast neu, gierig die Vorberfahrenden,
und hoch in den Lften segelten in ihrem wohlgeordneten Dreieck die Schneegnse
einem wrmeren Lande zu, und seltsam klang aus weiter Hhe ihr seltsam
Wanderlied.
    Der Mutter verstndig Auge schweifte lebendig ber alles, ihre lauten
Bemerkungen nahmen kein Ende, und manche kluge Rede ward zwischen ihr und Uli
gewechselt. Besonders wenn sie durch Drfer fuhren, hufte sich das Auffallen,
de, und selten ein Haus bot ihr nicht Gelegenheit zu einer Bemerkung. Es sei
doch nichts, wenn man immer daheim hocke, sagte sie, da sehe man immer das
Gleiche. Man sollte von Zeit zu Zeit im Lande herumfahren: da sehe man nicht nur
etwas fr den Gwunder, sondern knne auch viel lernen. Man mache die Sachen
nicht an jedem Orte gleich und an einem Orte besser als am andern, und so knne
man das Beste daraus nehmen. Sie waren nicht viel mehr als zwei Stunden
gefahren, als die Mutter schon davon zu reden anfing, da sie dem Kohli etwas
werten geben mssen. Er seis nicht gewohnt, so lange zu springen, und sie wollte
lieber ihn gesund wieder heim- bringen. Halt du beim nchsten Wirtshaus, sagte
sie auf Ulis Einreden, und lueg, ob er nicht ein Immi Hafer nimmt. Es ist mir
auch gleich, etwas zu nehmen, es will mich schier anfangen zu frieren.
    Dort angekommen, befahl sie Uli: Wenn das Ro den Hafer hat, so komm
hinein. Noch unter der Tre kehrte sie um und rief: Hast du gehrt? Komm
dann! Nachdem drinnen die Wirtin mit dem Frtuch die Bnke abgewischt, gefragt
hatte: Womit kann man aufwarten?, eine gute Halbe und ein wenig Tee befohlen
war, setzten sich die Frauen, sahen in der Stube herum, machten halblaut ihre
Bemerkungen und wunderten sich, da es an dieser Uhr nicht spter sei; aber Uli
sei wohl geschwind gefahren, man sehe, es pressiere ihm, hinzukommen. Als
endlich das Verlangte da war mit der Entschuldigung, es sei wohl lang gegangen,
aber das Wasser sei nicht warm gewesen und das Holz habe nicht brennen wollen,
sagte die Mutter zu Vreneli: Es solle doch Uli rufen, sie wisse nicht, warum der
nicht komme, sie htte es ihm doch zweimal gesagt. Als er da war und gehrig
Gesundheit gemacht hatte, wollte die Wirtin ein Gesprch anfangen und sagte: Es
sei heute auch schon ein Hochzeit durchgefahren. Da lachte die Mutter gar
herzlich auf. Uli lcherete es auch, hingegen Vreneli wurde hochrot und zornig
und sagte: Es seien nicht alles Hochzeit, was heute auf der Strae sei. Es
werden andere Leute auch noch das Recht haben, am Samstag herumzufahren, die
Strae werde nicht blo fr Hochzeitleute sein. Sie solle doch recht nicht
zrnen, sagte die Wirtin sie kenne sie ja nicht; aber es htte ihr geschienen,
sie schickten sich wohl fr einander, ein so hbsches Paar htte sie nicht bald
gesehen. Die Mutter trstete die Wirtin, sie solle sich nur nicht lange
verexgsieren; sie htten schon daheim ein groes Gelchter gehabt und gedacht,
es werde so gehen, und schon damals sei das Meitschi so bs geworden. Das ist
nicht schn von Euch, Base, da Ihr mich auch helfet plagen, sagte Vreneli,
wenn ich das htte wissen sollen, ich wre gar nicht mitgekommen. Es plaget
dich ja kein Mensch, sagte die Base lachend. Du tust so dumm, es wrde sich ja
manches Meitschi meinen, wenn man es fr eine Hochzeiterin ansehen wrde. Ich
darum nicht, sagte Vreneli, und wenn man mich nicht ruhig lt, so laufe ich
noch jetzt heim. Du wirst den Leuten die Muler nicht verbinden knnen und
kannst froh sein, wenn sie nicht etwas rgeres ber dich sagen, antwortete die
Base. Das ist mir genug, wenn mich die Leute verbrllen mit einem, den ich
nicht will und der mich nicht will.
    Vreneli htte noch lange geeifert, wenn nicht angespannt und weitergefahren
worden wre. Sie rckten rasch vor. Die Meisterin sagte fters: Machs nicht zu
stark, Uli, wenn es nur dem Kohli nichts tut. Als sie hrte, da sie nur noch
eine Stunde von Erdpfelkofen seien, befahl sie, im nchsten Wirtshause zu
halten. Dort wollten sie etwas zu Mittag essen, sie htte Hunger und sie mge ds
Vetter Johannese nicht zur Mittagszeit kommen, das gebe gar viel Umstnde. So im
halben Tag sei es am anstndigsten und kommodesten, da knne man es mit einem
Kaffee machen, das sei bald gemacht und man nehme es doch gern. Uli gehorchte,
fuhr vor, und ziemlich wurden sie vom Stubenmdchen empfangen. Dasselbe fhrte
sie in eine Stube und ffnete sie mit den Worten: Geht nur hinein, es sind
schon zwei drinnen, und drinnen empfing sie der Ruf: Das geht gut, da kmmt
noch eins - Hochzeit nmlich! Die Base lachte, da es sie ber und ber
schttelte, und sagte: Du siehst, es mu sein. Du magst dich wehren, wie du
willst, es gilt dich doch. Dahinein bringe es niemand, sagte das zornig
gewordene Vreneli, und wenn es den ganzen Tag so gehen solle, so laufe es zu Fu
heim. Und von dir, Uli, ist es auch nicht bravs, da du nicht witziger bist als
so, du ttest sonst deinen Meien ab dem Hut. Ich habe dir aber nichts darauf,
weit du es nur. Da sagte Uli: Bs wolle er es nicht machen, er htte es fr
einen Spa angesehen. Wenn es es aber so nehme, so wolle er ihm gerne seinen
Meien geben und, wenn es wolle, heimgehen; sie knnten mit dem Kohli wohl
fahren, er sei sicher. Vreneli nahm den Meien und sagte: Dankeigist! Aber die
Base sagte: Ich htte ihm ihn nicht gegeben, ihr habt euch einander nicht zu
verschmen. Und kurz und gut, Base, sei das, wie es wolle, so will ich nichts
davon, und zu den Hochzeitleuten will ich nicht, und wenn Ihr nicht mit mir in
die Gaststube kommen wollt, so laufe ich heim auf der Stelle, begehrte Vreneli
auf. Das ist mir doch afe es Meitli, das, sagte die Base. Uli, wenn ih dih
wr, su nhmt ih das uf e Gunte. Mira, nehm ers, wenr will; aber ih htt bald
gseit, Ueli syg witziger as anger Lt und heyg o selber nit Freud a ppis Dumms
eso. Wart ume, Vreneli, sagte die Base, es wird dir o scho angers cho, zell
druf. E Hochzytere z'si ist doch de am Eng e schni Sach. Was, e schni Sach!
E arme Tfel isch e Hochzytere, sagte Vreneli. Hochzyt ha isch no viel rger
as Sterbe. Bim Sterbe wei me doch no ppe, ob me selig wird oder ob eim dr
Tfel nimmt, bim Hochzytha cha me gar nt wsse. We me meint, dr Himmel syg voll
Gyge, su sys zletzt luter Donnerwetter. U we me meint, mi heyg dr Freinst, su
isch es de zletzt, we me recht luegt, dr westisch Hung. O Meitschi, sagte
die Base, du heschs o so wie y Bettlere, wo gseit het, sie mcht kei Bri sy,
vo wege sie mg dKechleni nit erlyde, das syg ere doch es Dolders Fresse, u wo
me du grad druf im ene Cheller erwtscht het, wo sie e ganzi Bygete het welle
stehle. Gang mr doch mit sellige Rede, mi vrsngt sih drmit gar gern. U we me
scho e wenig kybig isch, sym Mul soll me doch geng e Rechnig mache. Mi wei nie,
was es eim g cha, u we me de drin isch, su chunts eim wieder zSinn, was me
gredt het, u selligi Wort chnne eym mengisch Tag und Nacht vrfolge, rger as e
Truppele wildi Tier, da me kei Rue meh het. U menge het ne nit angers wsse
z'ertrnne as dr e Tod. Base, sagte Vreneli, ih han Ech nit welle hhn
mache u dih o nit, Ueli, aber lyt mih reyig! Ih bi nt as es arms Meitschi, u
drum mue ih mih wehre, we mih pper no zu ppis Mingerem mache will.
Bhetis, sagte die Base, das chunt niemerem zSinn, u es wr mngi rychi
Tochter froh, si wr, was du. Ja ih wett o gern ppis minger ha u no fry ordelig
minger, we ds Elisi wr, was du. Du machst en iedere Ma glcklich, er ma rych
oder arm sy. Mi cha dih histelle an esn ieders Ort, wo me will, u ds Elisi isch,
helf mr Gott, nt. Ih wei o nit, wie das cho isch, u ha doch Beidi erzoge. Aber
es isch o nit Eim g wie am Angere. Du masch arere, wasd witt, su steyts dr
wohl a, u wenn ih e junge Bursch wr, su seyt ih: Die u ke Angeri! U was ds
Elisi macht, isch uwatlig; da wirds no Vrdru g, d mih i ds Grab bringt.
    Der guten Mutter schossen die Trnen in die Augen, und ds Vreneli, das bei
sich selbst gedacht hatte, es knnten Zwei an einem Orte und von der gleichen
Person erzogen werden und doch ungleich, sagte dieses nicht, sondern trstete:
Es werde wohl nicht so bs gehen, sondern besser kommen, als man denke. Aber die
Base schttelte den Kopf und klagte fort, wie sie gedacht htte, wenn es einmal
geheiratet sei, so werde es auch etwas angreifen, es werde ihm schon noch anders
kommen; aber es komme ihm nicht. Den ganzen Tag habe es die Hnde ber einander,
mache die Dame; es sei ein Schlrpli und werde sein Lebtag eins bleiben. Wenn
sie ihm nur den Zehnten eingeben knnte, was Vreneli sei, so wollte sie
glcklich sein. Ihm gebe alles nichts zu tun, es mge sein, was es wolle, und
alles sei immer gemacht, es dech eim, es knne hexen, und wenn ds Elisi an
einem Sessel den Staub abwischen sollte, so htte es einen ganzen Tag daran, und
den andern mte es im Bette liegen. Manchmal am Nachmittag sei noch kein Bett
gemacht, und abends um neun Uhr wisse man noch nicht, was man zu Nacht essen
wolle. Es htte sie hoch aufgesprengt, als sie das gesehen. Aber sgits daheim
niemere, ih mcht nit, da es no uschmti, setzte sie hinzu und trocknete sich
die Augen.
    Vreneli war wieder gut geworden; das Lob hatte ihm wohl, getan, es wute
eigentlich nicht warum. Es schwatzte, rhmte, schalt das Essen, schenkte ein und
neckte Uli, er htte immer nur leer. Die Mutter verga auch ihren mtterlichen
Jammer, und hellauf fuhr man wieder ab, dem vetterlichen Hause zu. Uli hatte nun
viel zu berichten, wem dieses Haus gehre, wem jener Acker. Als er den ersten
Acker sah, der dem Vetter Johannes gehrte, lachte ihm das Herz im Leibe. Alles,
was er auf demselben geschafft, ging wieder in ihm auf; von weitem zeigte er
ihn, pries seine Eigenschaften. Dann kam ein anderer und wieder ein anderer, und
sie fuhren zum Hause, ehe sie daran dachten. Dort machte man Kabis ein im
Schopf, die ganze Haushaltung war da versammelt. Alles hob die Kpfe auf, als
das unerwartete Wgeli daherkam. Erst kannte man die Leute nicht, dann erhob
sich ein Geschrei: Es ist dr Ueli, dr Ueli!, und die Kinder sprangen aus dem
Schopfe; dann sagte Johannes: d Base in der Glungge kmmt mit; was Guggers
kmmt die an, was bringt die wohl? Er und seine Frau traten nun auch hinaus,
lngten die Hnde hinauf zum Willkomm, und Eisi, des Johannese Frau, sagte:
Gottwillche, Ueli, bringst is dy Frau? Da lachte die Base wieder herzlich auf
und sagte: Da ghret drs, dr mget welle oder nit, es mue sy, all Lt sges
ja. An allen Orten sieht man uns fr ein Hochzeit an, erluterte Uli, weil
wir am Samstag mit einander fahren, wo so viele Hochzeit auf der Strae sind.
He und nicht nur das, sagte Johannes, sondern es decht mich, ihr schicktet
euch nicht bel zusammen. Ghrst, Vreneli, sagte die Base, der Vetter meints
auch, da hilft Wehren nichts mehr. Bei Vreneli hatte Weinen mit Lachen
gekmpft, Zorn mit Spa; endlich berwand es sich der Leute wegen, das Letztere
siegte, es antwortete: Es htte immer gehrt, wenn es ein Hochzeit geben sollte,
so mten Zwei wollen; bei ihnen aber wolle gar Keins, und so sehe es nicht ein,
wie etwas aus der Sache werden solle. Was nicht ist, kann werden, sagte des
Johannes Frau, so etwas kmmt oft ungesinnet. Es gspre einmal noch nichts
davon, sagte Vreneli, brach dann aber ab und gab die Hand noch einmal und sagte:
Wie uverschant es sei, da es mitgekommen, aber die Base habe es haben wollen,
sie knne es jetzt versprechen, wenn es ihnen in den Kosten sei. Es freue sie
gar wohl, da sie einmal gekommen, sagte die Hausfrau und hie dringlich
hineinkommen, gb wie die Andern sagten: Sie wollten sie nicht versumen, vor
dem Hause bleiben, helfen, es sei so schn und frein da auen!
    Wie sie nun auch sagten, sie htten nichts ntig, htten erst gegessen, so
wurde doch gefeuert, und nur durch dreimaliges Hinausgehen konnte eine frmliche
Mahlzeit verhindert, die Gutttigkeit auf ein Kaffee zurckgebracht werden.
Vreneli hatte bald mit dem ltesten Mdchen, das aus einem rhrigen Kinde eine
schne Jungfrau geworden war, Freundschaft geschlossen und mute alle dessen
Herrlichkeiten in Augenschein nehmen. Uli blieb aus schuldigem Respekt nicht gar
lange in der Gesellschaft, die ltern Leute wurden alleine gelassen. Endlich mit
einem schweren Seufzer begann die Base: Sie msse fry gerade sagen, warum sie
komme, sie htte nirgends besser hingewut um Rat und Hlfe als hieher. Der
Johannes htte ihnen schon so oft gedienet, da sie gedacht, er lasse sie
diesmal auch nicht im Stich. Es sei alles so gut gegangen bei ihnen, es sei eine
Freude gewesen. Freilich htte einige Zeit lang Uli ihr Elisi in den Kopf
genommen, aber daran sei das Meitschi selbst schuld gewesen, und sie glaube, Uli
htte zuletzt doch eingesehen, da das Meitschi nichts fr ihn sei. Da htte sie
das Unglck in den Gurnigel hinauf geschlagen, dort das Elisi seinen Mann
aufgegabelt, und seither sei alles wie zerstrt. Ihr Johannes tue wst, der
Tochtermann sei nicht, wie er sein solle, sei ein grusam Interessierter, meine,
sie solle nichts mehr brauchen in der Haushaltung. Ds Elisi htte immer Streit
mit Vreneli, das wolle nun fort deswegen, Uli wolle fort, alles falle wieder auf
sie und sie wisse um ihr Leben nichts anzufangen, sie htte manche Nacht kein
Auge zugetan und aneinander plret, da es ihr in ihren alten Tagen so gehe. Da
sei ihr eins in Sinn gekommen: Es knne ihr doch sicher kein vernnftiger Mensch
etwas dawider haben, wenn sie das Gut in Lehn geben wrden, dadurch falle ihr
die Last ab. Und da htte sie gesinnet, einen bessern Lehenmann als Uli, der
ihnen zu allem sehe und ehrlich und brav sei, knnten sie nicht erhalten, und
Uli knnte da auch sein Glck machen; denn da er ppe hart gehalten werden
sollte, das tte sie nicht, es solle sein Nutzen sein wie der ihre. Aber sie
htte keinem Menschen etwas davon gesagt; sie htte zuerst mit ihm reden wollen,
was er dazu meine, und wenn er es gut finde, so mchte sie ihm anhalten, da er
mit Uli rede und der Sache sich annehme, bis sie im Reinen sei. Es dnke sie,
wenn sie das zwegbrchte, so wollte sie nichts mehr wnschen auf der Welt, wenn
schon manches ppe nicht sei, wie es sein sollte. Das sei wohl schn und gut,
sagte Johannes, und es wrde ihn fr Uli freuen, aber da seien ihm zwei Sachen
im Weg. Das sei eine gar bedeutende bernahme, und Uli habe dafr zu wenig Geld.
Er habe ein Schnes verdient, aber viel zu wenig fr alles anzuschaffen, was da
ntig sei. Er htte kaum so viel, um im Handel etwas zu machen und nicht zur
unrechten Zeit verkaufen zu mssen, woran die meisten Lehnleute gewhnlich
sterben. Dann kann Uli nicht blo mit Diensten husen, er mu eine Frau haben,
und wo nun eine finden, die dem vorzustehen wei? Denn das gibt eine schwere
Haushaltung. Ich wte ihm eine, sagte die Base, gerade das Meitschi,
welches mit nur gekommen. Ein besseres gibt es nicht, und es und Uli haben sich
an einander gewhnt; wir knnten noch heute sterben, sie trieben die Sache fort,
man merkte nicht, da jemand fehlte. Es ist gesund, stark und fr so ein Junges
hat es gute Gedanken, es tte manche Alte durch. Es hat freilich kein Vermgen,
aber doch einen schnen Sparhafen, brav Kleider, und ganz mit leeren Hnden
lieen wir es auch nicht. Ihr wit wohl, wie es mit seiner Mutter gegangen ist.
Wenn Uli Vreneli nhmte, so glaube ich, er wrde fr Bsatzig und andere Sachen
wenig anzuschaffen brauchen. Die Sache ist da, man kann ihm ja alles in die
Schatzung geben, so ist es da, wenn man den Hof wieder bernehmen will, und man
braucht es nicht anzuschaffen. Sie knnten anfangen, fast wie wenn sie die
Kinder vom Hause wren.
    Das ist schn und gut, sagte Johannes; aber, Base, nehmt es mir nicht fr
ungut auf, aber fragen mu ich doch ob Ihr glaubt, da alles seine Einwilligung
gebe? Es sind gar viele Leute, die zu der Sache reden mssen, wenn sie gehen
soll. Was werden Eure Leute sagen? Joggeli ist allbeneinisch wunderlich! Und
Eure Kinder werden auch dareinreden und das Gut zu Nutzen bringen wollen so hoch
als mglich. Uli macht eine gewagte Sache. Ein einziges Fehljahr, Presten oder
so was macht ihn zu Boden. Auf einem solchen Gut ist tausend Pfund Ertrag auf
oder nieder nicht sichtbar, whrend in einem Jahr vier- bis fnftausend Pfund
verloren gehen knnen. Und will das Meitschi Uli? Es ist ein lftiges und Uli
nicht mehr heutig, er hat einige dreiig Jahre auf dem Rcken.
    Das, sagte die Base, mache ihr nicht allen Kummer. Joggeli sei am Ende froh,
abzugeben, und Uli sei ihm als Lehenmann sicher anstndig; denn wenn er schon
wunderlich sei, so sei er doch nicht der Wstest gegen sie und werde wohl ein,
sehen, da ein guter Lehnmann besser sei als schlechte Knechte. Ihrem Sohn werde
das das Rechte sein. Er habe schon ber den Schwager geflucht, er nehme alles
fort, und das Gut msse zu Lehn gegeben werden, er hre dann. Auch halte er auf
Uli viel und habe ihnen denselben abdingen wollen. Auf den Tochtermann achteten
sie sich nicht viel. Er rede ihnen zu viel in ihre Sache und es wre ihnen lieb,
wenn sie nicht zu der seinigen reden mten. Vreneli, glaube sie, tte nicht am
wstesten, wenigstens habe es keinen Andern, selb wisse sie. Sie glaube, es sehe
Uli nicht ungern, und darum htte es heute so wst getan, wenn man sie fr
Hochzeitleute angesehen htte. Sie sei afe alt, aber sie htte noch nicht
vergessen, wie es die rechten Meitscheni machen. Auf die heutigen anlssigen
Tsche verstehe sie sich freilich nicht. Uli mache ihr am meisten Kummer. Der
sei so politisch, man wisse nicht, woran man mit ihm sei. Wo ds Elisi den
Baumwollenhndler genommen, habe sie geglaubt, er werde die Wnde auf springen,
alles verschlagen; aber er habe kein ander Gesicht gemacht, kein Wort lauter
gesprochen, es sei gewesen, wie wenn alles ihn nichts anginge. Uli ist ein
Bursch, er kann sein Glck machen, wo er will; er ist brhmt zentum, und wenn
mancher Herr wte, was das fr ein Bursch wre, es reute ihn kein Geld, er
setzte an, bis er ihn htte. Uli mache ihr Kummer. Er trage es ihnen wegen dem
Elisi nach. Aber er sollte dem lieben Gott danken, da es so gegangen, er wre
ein unglcklicher Mensch geworden und htte doch zuletzt an allem schuld sein
sollen. Wenn Uli wollte, die Sache wrde sich machen, und ein Jahr in das andere
gerechnet, sollte er seine tausend Pfund vorschlagen. Ich wei, was der Hof
abtrgt, wenn man es treibt, wie Uli es treiben kann, wenn er und Vreneli
zusammenspannen. Das kann Euch kochen, es ist allen recht, und sie schlecken
noch die Finger bis an die Ellbogen, und braucht doch fast ds Halbe weniger als
Manche, die meint, wie sie es knne, und doch die Diensten allemal grnnen, wenn
sie nur bei der Kche vorbeigehen. Uli habe ihr Zutrauen, ein bses Jahr htte
er nicht zu frchten. Vetter Johannes, sagte die Base, du mut doch nicht
glauben, da wir so wste Hng wren, wegen einem bsen Jahr den Lehnmann ber
Nichts zu bringen. Wenn wir den Hof selber htten, so htten wir ja auch das
bse Jahr, und warum sollte es der Lehenmann allein entgelten, wenn es zu
trocken oder zu na ist? Es ist doch immer unser Hof, und was vermag er sich
dessen? Es hat mich schon manchmal wst decht, wenn ein Lehenmann immer den
gleichen Zins geben mu, gebe es etwas oder gebe es nichts. Nein, Vetter,
Joggeli ist wunderlich, aber der Wstest doch nicht, und wenn alles fehlen
sollte, so ist es dann nicht, da ich nicht auch noch et- was htte, womit ich
nachhelfen knnte.
    Base, sagte Johannes, nehmt es mir nicht fr ungut, aber wenn man etwas
Rechtes machen will, so mu man von allem reden. Die Sache freut mich fr Euch
und Uli und auch fr mich, denn an Uli ist mir etwas gelegen. Es ist wahr, er
ist mir fast so lieb wie mein eigen Kind, und was ich fr ihn tun kann, das
spare ich nicht. Er hat mir auch von Elisi geredet, und da habe ich ihm die
Sache miraten. Es ist ihm damals nicht recht gewesen, ich sah es ihm wohl an.
Es nimmt mich wunder, ob er mir jetzt etwas davon sagt. Soll ich mit ihm von der
Sache reden, so ihm ablosen von weitem, was er im Sinne hat, oder gleich mit der
Tre ins Haus, oder wollt Ihr zuerst mit Vetter Joggeli reden? Ich wre lieber
mit Uli und Vreneli im Reinen, und deswegen bin ich mit ihnen gekommen, sagte
die Base. Fange ich Joggeli davon an und wollen spter Uli und Vreneli nicht,
so mu ich mein Lebtag hren, was ich da einmal Dumms hervorgebracht, von wegen
er ist gar wunderlich und kann einem eine Sache nicht vergessen; darneben ist er
der Wstest nicht. Wenn es sich dir schickt, Vetter, so lose Uli ab, was er
denkt, ziehe ihm die Wrm aus der Nase; es wre mir sehr lieb, wenn ich wte,
woran ich mit ihm wre. Es dnkt mich, ich wre wie im Himmel, wenn die Sache im
Reinen wre. Gefllt Euch das Meitschi aber nicht auch? fragte die Base. Und
Johannes und seine Frau rhmten nun, wie hbsch es sei und appetitlich, und der
Erstere versprach, zu helfen, was er knne.
    Selben Abend schickte es sich ihm nicht, er war mit Uli nie allein. Aber am
andern Morgen, sobald sie zMorgen gegessen hatten, fragte Johannes den Uli: Ob
er mit ihm auf den Herd hinauswolle, er mchte ihm zeigen, was er angeset
htte, und dies und jenes ihn fragen. Die Base mahnte, ja nicht zu lange
auszubleiben, indem sie zeitlich verreisen wollten, um nicht zu spt
heimzukommen. Whrend nun Johannese Frau der Base zusprach, da sie heute noch
hier bleiben sollten, wandelten die Mnner ab.
    Ein schner Morgen war es wieder. Ein Kirchturm nach dem andern gab sein
Zeichen, da es heute der Tag des Herren sei, die Herzen sich ffnen sollen dem
Herrn, um Sabbat mit ihm zu halten, seinen Frieden zu empfangen, seine Liebe zu
empfinden. Es ward den beiden Wandelnden auch feierlich im Gemte, ber manchen
Acker waren sie gewandelt mit wenig Worten. Sie waren an einen Waldsaum
gekommen, von wo man das Tal schwimmen sah in dem wunderbaren herstblichen Duft
und von vielen Kirchtrmen her das Gelute der Glocken hrte, welche die
Menschen zusammenriefen, in den geffneten Herzen den Samen zu empfangen, der
sechzig- und hundertfltig Frchte tragen soll in gutem Herzensgrunde.
Schweigend setzten sie sich dort und lieen einziehen durch die weiten Tore der
Augen und Ohren des Herren herrliche Predigt, die alle Tage ausgeht in alle
Lande ohne Worte, lieen in tiefer Andacht die Tne widerklingen im Heiligtum
ihrer Seelen.
    Endlich fragte Johannes: Du bleibst nicht in der Glungge? Nein, sagte
Uli. Nicht da ich es ihnen zrne wegen Elisi. Ich bin froh, da es so gegangen
ist. Erst hintendrein sehe ich, da ich keine glckliche Stunde mit ihm gehabt
htte und da bei einem solchen bsen Schlrpli einen kein Geld glcklich macht.
Ich kann nicht begreifen, was ich auch gesinnet habe! Aber ich mag doch nicht
bleiben. Der Tochtermann ist immer da, will anfangen zu regieren, plndert sie
aus, wo er kann, so da ich nicht mehr dabei sein mag; auch lasse ich mir von
dem nicht befehlen. Aber was willst du denn? fragte Johannes. Das ists eben,
was ich mit dir reden mchte, sagte Uli. Pltze bekme ich genug; ich knnte
auch zum Sohne, der gbe mir Lohn, so viel ich wollte. Aber ich wei es nicht:
Knecht sein ist mir aparti nicht erleidet, aber es dnkt mich, wenn ich etwas
Eigenes anfangen wolle, so sei es Zeit. Ich bin in den dreiig Jahren alt und
gehre schon fast zu den Alten. J so, sagte Johannes, hast du das Heiraten
im Kopf? Aparti nit! sagte Uli. Aber wenn ich heiraten will, so sollte es
bald geschehen, und etwas Eigenes anfangen mu man auch, whrend man sich noch
rhren mag. Aber ich wei eben nichts anzufangen. Fr alles habe ich zu wenig,
denn was sind zweitausend Pfund, um etwas Rechtes anzufangen? Ich sinne noch
immer daran, wie du gesagt hast, auf kleinen Gtchen schlage man den Zins nicht
heraus, und ein Lehenmann, der nicht Geld in den Hnden habe, knne nicht wohl
ein groes Wesen bernehmen, und auf kleinen gehe er zugrunde. He, sagte
Johannes, zweitausend Pfund sind schon was, und es gibt hier und da Gter, wo
die Bsatzig dabei ist, wo man sie gegen eine Schatzung bernehmen kann, so da
du die zweitausend Pfund zum freien Handel in der Hand behieltest, und wenns
dann noch mehr sein mte, so fndest du wohl Leute, die Geld htten. Ja, aber
die gben mir es nicht. Wenn man Geld will, so mu man gute Versicherung oder
Brgen haben, und wo die nehmen? He, Uli, sagte Johannes, das ist eben, was
ich dir auch gesagt habe: eine guter Name ist auch eine gute Versicherung. Vor
fnfzehn Jahren htte ich dir nicht fnfzehn Batzen geliehen, wenn du aber jetzt
zwei-bis dreitausend Pfund mangelst gegen ein bloes Handschriftli, so kannst du
sie haben, oder wenn ich dir Brge sein soll, so sprich zu.
    Wofr ist man auf der Welt, als fr einander zu helfen? Das wre guter
Bescheid, sagte Uli; daran htte ich nicht denken drfen, und wenn ich etwas
wte, ich wollte gleich darauf los. Das tte ich nicht, sagte Johannes. Ich
ginge zuerst auf eine Frau aus, und je nachdem ich eine htte, finge ich etwas
an. Es sind schon viele Leute zugrunde gegangen nur deswegen, weil die Frau zu
des Mannes Geschft nicht pate oder weil sie nicht dazu passen wollte. Um ein
Hauswesen gut zu fhren, bedarf es einen eintrchtigen Willen. Hast du einmal
eine Frau und whlet ihr eintrchtig ein Heimwesen zum Kaufen oder Empfangen,
das sich zu euch Beiden schickt, so ist schon viel gewonnen. Oder hast du schon
etwas der Art unterhnds? Nein, sagte Uli. Ich wte wohl eine, aber die
sagt mir nicht Herr. Warum nicht? fragte Johannes, ist es wieder eine reiche
Baurentochter? Nein, sagte Uli, es ist das Meitschi, das mit der Frau
gekommen ist. Vermgen hat es aparti nicht, aber wer das bekommt, der ist
glcklich. Ich habe es seither schon manchmal gedacht, mit dem kmmt einer
weiter, wenn es schon keinen Batzen hat, als mit dem reichen Elisi. Was es in
die Hnde nimmt, steht ihm wohl an, alles gert ihm, und es ist nichts, das es
nicht versteht. Ich glaube, es wird nie mde, am Morgen ist es zuerst und abends
zuletzt und den ganzen Tag nie mig. Nie mu man auf das Essen warten, nie
versumt es die Jungfrauen, und es meint einer, es werde nie hssig; je mehr zu
tun ist, desto lustiger wird es, wo doch sonst die Meisten, wenn sie viel Arbeit
haben, hssig werden und nicht bei ihnen zu sein ist. Es ist huslig in allen
Teilen und doch bsunderbar gut gegen die Armen, und wenn jemand krank wird, so
kann es ihm nicht gut genug luegen. Es ist Keins weit und breit so. Aber warum
solltest du das nicht bekommen? fragte Johannes, hasset es dich?Aparti
nicht, sagte Uli. Es ist gut gegen mich, und wenn es mir etwas zu Gefallen tun
kann, so ist es nie Nein, und wenn es sieht, da ich mchte, da etwas gemacht
werde, so hilft es nur, so viel es kann, und kein einzigmal begehre es
Saumsteine in den Weg zu legen, wie es die Weiber dickist haben, da wenn sie
sehen, da man etwas absolut machen sollte, sie absolut etwas anderes wollen und
einen versumen, wie sie nur knnen. Aber doch ist es etwas hochmtig und kanns
nicht vergessen, da es aus einer vornehmen Familie ist, wenn es schon unehlich
ist. Wenn ihm einer nur von weitem zu nahe kmmt, so schnauzt es ihn an, als ob
es ihn fressen wolle, und ppe Gspa mit ihm zu treiben und es auch etwas in den
Finger zu nehmen, wie an vielen Orten der Brauch ist, das wollte ich Keinem
raten. Es hat schon Mancher eine wste Tschen herausgenommen. Aber das will
noch gar nicht sagen, da es dich nicht nehmen wrde, sagte Johannes. Wenn es
sich schon nicht von jedem will fingerlen lassen, so kann ich ihm das nicht fr
bel nehmen. Ja, dann ist noch eins, sagte Uli. Ich darf jetzt nicht mehr an
Vreneli sinnen. Wrde es mir nicht sagen: Gll, jetzt, wo du die Reiche nicht
haben kannst, jetzt soll ich dir gut genug sein! Hast du mir ja das grne, gelbe
Elisi vorziehen knnen, so will ich dich jetzt auch nicht; ich mag nicht einen,
der so mit einem verschlampeten Brentalpenstengel geschtzelet hat. Das mu es
mir zur Antwort geben, und doch habe ich auch whrend der Geschichte mit Elisi
mehr an Vreneli gesinnet als an ds Elisi. Erst jetzt merke ich, da mir Vreneli
immer lieber gewesen ist. Und wenn ich das Meitschi htte, ich wollte ausbieten,
einen Hof zu bernehmen und darauf mehr zu machen als irgend ein Anderer. Aber
jetzt ist es zu spt, es nimmt mich nicht, es ist gar ein Eigeliges. He,
sagte Johannes, man mu nie den Mut verlieren, solange ein Meitschi noch ledig
ist. Das sind wunderliche Greiser und tun gewhnlich gerade das Gegenteil von
dem, was man ihnen zutrauet. Wenn die Sache so ist, so wollte ich anhoschen, das
Meitschi gefllt mir. Nein, Meister, nicht um hundert Kronen wollte ich das
Meitschi fragen. Ich wei wohl, es zerschreit mir fast das Herz, wenn ich von
ihm mu und es nicht mehr alle Tage sehen kann. Aber wenn ich es fragte und es
wrde mich verachten, Nein sagen, ich glaube, ich hinge mich an die
Bhnisleiter. Beim Dolder, ich knnte es nicht sehen, wenn es ein Anderer zur
Kirche fhrte, ich glaube, ich wrde ihn erschieen. Aber das heiratet nicht,
das bleibt ledig. Da begann Johannes gar herzlich zu lachen und fragte: Woher
er wisse, da ein solches Meitschi, dreiundzwanzig Jahre alt, ledig bleiben
werde. Oh, sagte Uli, es nimmt Keinen; ich wte nicht, wer dem gut genug
wre.
    Da sagte Johannes, sie wollten doch machen, da sie heimkmen, ehe die
Kirche aus sei, er mchte nicht in die Kirchenleute laufen. Uli folgte ihm,
wenig redend, und was et redete, klang immer gegen Vreneli zu, bald dieses, bald
jenes, und Johannes sollte ihm versprechen, ja kein Wort ber seine Lippen zu
lassen von dem, was er ihm gesagt. Du Guchel du, sagte Johannes, wem sollte
ich etwas davon sagen?
    Die Base hatte daheim schon lange vor Ungeduld gezappelt, und sobald Uli und
sein Meister in die Stube traten, sagte sie zu Uli: Geh doch in die Stube, in
welcher wir geschlafen haben, und sieh, was Vreneli macht. Es soll einpacken,
wir wollen fort. Uli fand das Mdchen vor einem Tische stehend, wo es ein
Frtuch der Base zusammenlegte. Uli ging sachte hinter ihns, schlang den Arm,
aber ganz manierlich, um dasselbe und sagte: dBase pressiert. Vreneli drehte
sich rasch um, sah, wie ber diese ungewohnte Vertraulichkeit verwundert,
schweigend zu Uli auf. Dieser fragte: Bist noch immer bse auf mich? Ich bin
ber dich nie bse gewesen, sagte Vreneli. So gib mir ein Mntschi, du hast
mir noch keins gegeben, entgegnete Uli und bog sich herab. In diesem Augenblick
wand Vreneli sich so krftig los, da er in die halbe Stube zurckfuhr; und doch
war es ihm, als htte er ein Mntschi erhalten, er glaubte noch deutlich an
einem gewissen Fleck Vrenelis Lippen zu fhlen. Dasselbe aber fuhr mutwillig
ber ihn her: Es dnke ihns, er sei zu solchen Flausen wohl alt, und
wahrscheinlich werde die Base ihn nicht heraufgeschickt haben, um mit solchem
Narrenwerk es zu versumen. Er solle doch denken, was Stini, sein alter Schatz,
dazu sagen wrde, wenn es dazukme. Es begehre nicht mit demselben einen
Schwinget zu haben wie rsi. Dabei lachte es, da es Uli ganz zerschlagen zumute
ward und er die Tre suchte so bald mglich.
    Die Reise ging spter vor sich, als man dachte. Denn als man anspannen
wollte, mute man zuerst noch zu einem Mahl, wobei des Johannes Frau ihre ganze
Kochkunst, den ganzen Reichtum ihres Hauses aufgeboten hatte. Obgleich die Base
in einem fort sagte: Herr Jeses, wer mcht doch auch von allem essen, so war
doch des Ntigens kein Ende, und sie wurde nicht in Ruhe gelassen, bis sie
erklrte: Sie bringe ihre armi tri nichts mehr hinunter; wenn sie noch ein
Brsmeli essen sollte, es wrde sie versprengen.
    Whrend Uli anspannte, drckte sie des Vetters Kindern neues Geld in die
Hnde, gb wie die sich wehrten und ihre Eltern die Base mahnten, sie solle sich
doch nicht solche Kosten machen, und den Kindern zusprachen, sie sollten doch
nicht so unverschmt sein und es nehmen. Wenn sie es doch nahmen und zu der
Mutter eilten und ihren Schatz zeigten, so hie es: Nein, es hat kei Gattig,
wir mssen uns ja schmen. Und dann sagte die Base: Es sei ja nicht der Rede
wert und sie sollten doch recht bald zu ihnen kommen und es ein, ziehen, was sie
ihnen in den Kosten gewesen sei. Das werde sich schon geben, erhielt sie zur
Antwort, aber sie htte nicht so pressieren und noch einen Tag bleiben sollen.
So unter vielen Reden kam sie endlich auf ihr Sitzwgeli und setzte oben das
Reden fort, Vreneli alle ihre gemachten Betrachtungen mitteilend, deren in der
Tat nicht wenige waren. Denn sie hatte manches gesehen, von dem sie sagte: Wenn
ich jnger wre und noch besser mchte, das mte mir auch sein.
    Zu allem redete Uli nichts, war mit seinem Kohli beschftigt, den er tchtig
traben lie, so da endlich die Frau sagte: Uli, fehlt dir etwas? Machst es dem
Kohli nicht zu stark? Er ist nicht gewohnt, so zu laufen. Uli versprach sich
und erhielt den Befehl, etwas ber em halben Weg zu halten. Es sei ihr nicht nur
wegen dem Kohli, sagte sie, sondern auch wegen ihr selbst. Hamme und Kchli
zusammen machten ihr immer Durst. Vreneli sagte, auch ihm sei es recht, es htte
es gerade wie die Base, und heute werden sie doch in ein Wirtshaus knnen, ohne
fr ein Hochzeit gehalten zu werden. Man werde eher glauben, sie kmen von einer
Grbt, so mache Uli ein Gesicht. Er htte keine Ursache, ein anderes zu machen,
sagte Uli, am allerwenigsten seinetwegen. Am Samstag sei es nicht recht, wenn er
lache, und am Sonntag nicht recht, wenn er nicht lache, es sei bald bs
z'breiche. Du bist puckt, Uli sagte Vreneli, ich habe nicht gewut, da man
dir nichts mehr sagen darf. So, zanket recht, sagte die Base, das gefllt
mir; was sich liebt, mu sich zanken, und ihr machet exakt wie Zwei am Tage nach
der Hochzeit. Eben darum wolle es ja nicht heiraten, sagte Vreneli. Solange es
ledig sei, mache es ein Gesicht fr sich, wie es ihm gerade an, stndig sei.
Ich mache meine Gesichter auch fr mich, sagte Uli, und du brauchst sie gar
nicht zu sehen, wenn sie dir nicht anstndig sind. Habe nur noch ein wenig
Geduld, so wird dir mein Gesicht nicht mehr im Wege sein. Nit, nit! sagte die
Base. Machet einander nicht zu guter Letzt noch bse und kommt mir taub heim.
Man mu aus Spa nicht gleich Ernst machen, sonst kmmt man nicht durch die
Welt.
    Und wenn man gleich so aufbrennen will, ach bhetis, so ists allerdings
besser, man bleibe ledig! Ich bin als Meitschi auch aufbegehrischer Natur
gewesen und habe nichts leiden wollen, aber wenn ich bei meinem Joggeli so htte
bleiben wollen, so lgen er oder ich oder Beide im Grabe. Ich habe bald gesehen,
da eins nachgeben, sich ndern mu, und da ist die Reihe dazu an mich gekommen.
Nit da Joggeli nicht auch ein Gleich gemacht, er hat sich auch in manchem
gebessert. Ich glaube nicht, da Zwei zusammenkommen auf der Welt, die sich
nicht mehr oder minder ndern mssen, wenn sie glcklich bleiben wollen. Darum
ists am besten, man bleibe ledig, sagte Vreneli, da kann man bleiben, wie man
ist, und es grnnet einen niemand an fr nichts und wieder nichts. Eh,
Vreneli, sinnest denn nicht an Gott und da der will, da wir uns ndern und
alle Tage besser werden? Ist dir der auch zu wenig, da du um seinetwillen kein
ander Gesicht machen willst, als dir anstndig ist? Aber Base, sagte Vreneli,
wie kommt Ihr mir auch! Wir reden von einem Mann und Ihr kommt mir mit Gott, da
ist doch ja gar keine Gleichheit. Wie einem Gott in Sinn kommen kann, wenn man
von einem Manne redet, begreife ich nicht. Wenn man von Mnnern redet, so sollte
einem immer der Teufel in Sinn kommen, denn der ist ja auch ein Mann, und er hat
das Weib verfhrt; wenn er nicht gewesen, so wren wir glcklich geblieben. Von
einer Frau Tfelin habe ich noch nichts gehrt; das ist mir ein sicher Zeichen,
da der Teufel unter dem Weibervolk Keine seinesgleichen gefunden hat, sondern
nur unter dem Mannenvolk. Unter dem gibt es ja ganze Legionen, wie es in der
Schrift heit. Versndige dich nicht, Vreneli, sagte die Base, du weit
nicht, was dir bestimmt ist. Ich glaube, du redest nicht, wie es dir ums Herz
ist, sondern wie alle Meitschi, wenn sie noch Keinen haben oder der Rechte ihnen
noch nicht gekommen. So wie Vreneli den Mund zur Antwort auftat, fuhr Uli, der
ihnen ganz den Rcken gekehrt und getan hatte, als hre er von allem nichts, zum
bestimmten Wirtshause. Die Wirtin empfing sie und fhrte sie in eine apartige
Stube, wie die Base verlangt hatte, nachdem sie dem Uli gesagt, er solle bald
nachkommen. Dort befahl sie Wein und auch etwas auf einem Teller oder zweien;
das Fahren mache hungrig, sie htte es nicht geglaubt.
    Es war alles da, nur Uli nicht. Die Wirtin war nach ihm ausgeschickt worden,
kam wieder mit dem Bescheid, da sie es ihm gesagt, aber er kam doch nicht. Da
sagte die Base: Geh, Vreneli, und heie ihn auf der Stelle kommen. Vreneli
drehte und meinte, man solle ihn doch nicht zwingen; wenn er hungrig oder
durstig wre, er wrde schon kommen. Wenn du nicht gehen willst, sagte die
Base, so mu ich zu-letzt noch selber gehen. Da ging Vreneli hssig und trieb
mit hssigen Worten den bei den Keglern stehenden schmollenden Uli, der anfangs
nicht kommen wollte, herbei. Seinethalben, sagte es, knnte er bleiben, wo er
wre, aber die Base befehle es. Er solle kommen, es htte nicht Lust, ihm noch
mehr nachzulaufen.
    Uli kam endlich, auf die vielen Vorwrfe der Base wenig antwortend. Diese
schenkte ihm tapfer ein, ntigte zum Essen und schwatzte allerlei durcheinander,
wie es ihr bei Vetter Johannes wohl gefallen und wie sie jetzt wohl merke, wo
Uli sei drssiert worden. Er mte aber auch bsunderbar wohl fr sie gewesen
sein, denn noch jetzt hingen die Kinder an ihm, und sie hielten ihn ja wert fast
wie ein Kind. Du wirst wohl wieder zu ihnen wollen, wenn du bei uns fortgehst?
Nein, sagte Uli. Es ist sonst nicht der Brauch, da man frgt, aber willst du
mirs sagen, wo du hinkmmst? sagte die Base. Er wisse es noch nicht, sagte Uli,
es htte ihm noch nicht pressiert, einen Platz zu nehmen, obgleich er manchen
htte haben knnen. E nun, so bleibe du bei uns, das schickt sich fr beide
Teile am besten, wir sind jetzt an einander gewohnt. Sie solle es nicht fr
ungut haben, sagte er, aber er htte nicht im Sinn mehr, Knecht zu sein. Hast
du etwas anderes? fragte sie. Nein, antwortete er. Wenn du nicht mehr Knecht
sein willst: wenn wir dir da unser Gut ins Lehen geben wollten? Dies Wort traf
Uli wie ein Stein. Er lie die mit einem Stck Schafbraten beladene Gabel aufs
Teller fallen, behielt den Mund aber offen, drehte seine Augen gro wie
Pflugsrdleni der Base zu und starrte sie an, als ob sie aus dem Mond herabkme.
Vreneli, das am Fenster gestanden war und sich ber Ulis langes Essen gergert
hatte, drehte sich rasch um und horchte mit spitzigen Augen, was das geben
sollte. Ja, sieh mich nur an, sagte die Base zu Uli, es ist mir Ernst mit der
Frage: wenn du nicht als Knecht bleiben willst, wrdest du wohl als Lehenmann
bleiben? Frau, sagte endlich Uli, wie sollte ich Euer Lehenmann werden
knnen? Das vermag ich nicht, da mu einer anders hintersetzt sein als ich. Ihr
wollt mit mir nur Eure Flausen treiben. Nein, Uli, es ist mir Ernst, sagte
die Frau, und mit dem Nitvrmgen ist das nichts, das knnte man ja machen, da
das Anfangen dich nichts kostete, die Bsatzig ist da. Aber was denkt Ihr,
Frau, sagte Uli, wenn das schon wre, wer wollte mir Brge sein? Ein einziges
Fehljahr brchte mich auf einem solchen Gut zu Boden. Das Geschft ist zu gro
fr mich. He, Uli, das wird sich alles machen, und die wstesten Hng sind wir
doch nicht, da wir einen Lehenmann, der uns anstndig ist, wegen einem einzigen
Jahr zugrunde gehen lieen. Sag nur, du wollest, so wird sich das schon machen.
Ja, Frau, sagte Uli, und wenn das sich schon machte, wer sollte mir die
Haushaltung machen, Das will da was heien. He, nimm eine Frau, sagte die
Base. Das ist bald gesagt, antwortete Uli, aber wo wollte ich wohl eine
finden, die gut dafr wre und die mich nhme?
    Weit du keine? fragte die Base. Da stockte dem Uli das Wort im Munde, und
werweisend grbelte er verlegen mit der Gabel auf dem Teller. Vreneli aber sagte
rasch: Es dunke ihns, es wre Zeit fr fort, der Kohli habe den Hafer lngst
gefressen und Uli werde auch bald genug haben, sie knnten ein andermal mit
einander Flausen haben. Ohne auf diese Worte zu hren, sagte endlich die Base:
Weit du keine? Ich wte dir eine. Uli machte wieder Pflugsrdli gegen die
Base zu, Vreneli sagte, es mchte die auch wissen. Die Base, in ungestrter,
schalkhafter Gemtlichkeit, die eine Hand auf dem Tische, den breiten Rcken
behaglich hinten am Stuhle, sagte: Errate mal, du kennst sie wohl. Uli sah
herum an allen Wnden, er konnte das rechte Wort nicht finden, es war ihm, als
ob er einen Erdpfelstock von einem ganzen Sack Erdpfel im Halse htte, und
Vreneli trippelte ungeduldig hinter die Base und sagte: Sie wollten doch machen
und fort, es finstere ja schon. Aber die Base hrte Vreneli nicht, sondern fuhr
fort: Kmmt es dir nicht in Sinn? Du kennst sie wohl, es ist ein werchbar
Mensch, tut aber zuweilen etwas uwatlig, und wenn ihr nicht zusammen zanket, so
knnt ihr es sonst recht gut mit einander. Dazu lachte sie recht herzlich und
schaute Eins ums Andere an. Da schaute Uli auf, aber ehe er eine Antwort
hervorgeworget hatte, fuhr Vreneli dazwischen und sagte: Geh und spanne an!
Base, man kann den Spa auch zu weit treiben. Ich wollte, ich wre nie
mitgefahren. Ich wei gar nicht, warum man mich nicht ruhig lassen kann. Gestern
haben mich die Leute taub gemacht, und heute wollt Ihr es noch rger machen. Das
ist nicht schn, Base.
    Uli war aufgestanden und wollte gehen, aber die Base sagte: Hock doch
nieder und los. Es ist mir Ernst, ich habe schon manchmal zu Joggeli gesagt, es
schickten sich nie Zwei besser zusammen als ihr Beide, es sei, wie wenn ihr fr
einander gewachsen wret. Aber Base, rief Vreneli, dr tusig Gottswillen,
hrt doch auf, sonst laufe ich fort. Ich lasse mich nicht ausbieten wie eine
Kuh. Wartet doch nur bis Weih, nacht, da will ich Euch aus den Augen, oder wenn
ich Euch so erleidet bin, noch vorher. Was wollt Ihr Euch so vergebene Mhe
geben, Zwei zusammenzubringen, die einander nicht mgen? Uli fragt mir gerade so
viel nach als ich ihm, und je eher wir von einander kommen, desto lieber ist es
mir. Da ging doch Uli der Mund auf, und er sagte: Vreneli, zrne mir doch
recht nicht, ich vermag mich ja gar nichts dessen. Aber das mu ich dir sagen:
wenn du mich schon hassest, so bist du mir schon lange lieb gewesen und ich
wnschte mir keine bessere Frau. Es mu einer glcklich mit dir sein; wenn du
mich wolltest, ich wre glcklich genug. So, sagte Vreneli, jetzt, wo du vom
Hof hrst und da du ihn ins Lehen erhieltest, wenn du eine Frau httest, bin
ich dir auf einmal recht von wegen dem Hof. Du bist mir ein lustig Brschli.
Gell, wenn du nur den Hof kriegtest, so heiratest du jede Luenz ab der Gasse,
jeden Zaunstecken aus einem Hag. Aber oh! Du bist an der Ltzen, es ist nicht,
da ich einen Mann haben mu. Ich will gar keinen, allweg keinen, der jeden
Dachen nimmt, wenn nur ein Trpfli l daran hanget. Wenn ihr nicht fahren wollt,
so laufe ich alleine heim, und somit wollte es zur Tre aus schieen. Aber Uli
fing es auf, hielt es mit starkem Arm, wie es sich auch wehrte, und sagte:
Nein, wahrhaftig, Vreneli, du tust mir unrecht. Wenn ich dich haben knnte, ich
wollte mit dir in die Wildnis, wo ich nichts als schwenden und reuten mte. Es
ist wahr, wo mir ds Elisi so flattiert hat, da ist mir der Hof in den Kopf
gekommen und ich htte es nur detwegen genommen. Aber schwer hatte ich mich
versndigt, denn schon damals bist du mir im Sinn gelegen, und ich habe dich
immer hundertmal lieber gesehen als ds Elisi. Allemal wenn ich ihns gesehen, so
bin ich erschrocken, wenn du mir aber begegnet bist, so lachte mir allemal das
Herz im Leibe. Frag nur den Johannes, ich habe es ihm heute morgen gesagt: eine
Frau, wie du eine gibst, wte ich, so weit die Sonne scheint, keine bessere zu
finden. La mich gehen, schrie Vreneli, das whrend der schnen Rede getan
hatte wie eine Katze am Hlsig und selbst mit Klemmen und Kratzen nicht schonte.
Ich will dich gehenlassen, sagte Uli, der mnnlich das Kratzen und Klemmen
aushielt, aber du mut mich nicht im Verdacht haben, als wollte ich dich nur,
wenn ich Lehenmann werden knnte. Du mut glauben, ich htte dich sonst lieb.
Ich verspreche nichts! rief Vreneli, ri sich los mit eigener Gewalt und floh
oben an den Tisch. Du tust doch so wst wie eine junge Katze, sagte die Base.
Ich habe mein Lebtag kein solch Meitschi gesehen. Aber tue jetzt vernnftig,
komm hock da neben mich! Willst du kommen oder nicht? Ich gebe dir mein Lebtag
kein gutes Wort mehr, wenn du nicht eine Minute da hocken und dich stille halten
willst. Uli, sag, man solle noch eine Halbe bringen. Halt dich still, Meitschi,
und rede mir nicht darein, sagte die Base und erzhlte nun, wie es ihr wre,
wenn sie Beide fortgingen, was fr bse Tage ihrer warteten, vergo schmerzliche
Trnen ber ihre Kinder und wie sie noch glcklich werden knnte, wenn es ginge,
wie sie in schlaflosen Nchten es sich ausgedacht. Wenn Zwei mit einander
glcklich werden knnten, so wren sie es. Sie habe Joggeli manchmal gesagt, sie
htte ihrer Lebtag nie zwei Menschen gesehen, die einander so wohl verstnden in
der Arbeit und einander so behlflich seien. Wenn sie so fortfhren mit
einander, so mten sie zu schnem Vermgen kommen. Was sie ihnen behlflich
sein knnten, das wrden sie tun. Sie htten es nicht wie viele Lehenherren,
denen nicht wohl sei, wenn nicht alle zwei Jahre ein Lehenmann auf ihrem Gut
zugrunde ginge, und die allemal schlaflose Nchte htten und am Zins aufschlagen
wollen, wenn einmal der Lehenmann zu rechter Zeit den ganzen Zins geben kann,
weil sie frchten, er habe das Lehen zu wohlfeil. Nein, gewi, sagte sie, wir
wollten tun an euch, wie wenn ihr unsere eigenen Kinder wret, und einen Trossel
mte Vreneli haben, dessen keine Baurentochter sich zu schmen htte. Aber
wenn ihr das nicht gerate und Vreneli wst tun wolle, so wte sie nicht, was
anfangen, sie wollte lieber nicht mehr heim. Sie wolle ihm nichts frhalten,
aber das htte sie doch nicht um ihns verdient, da es jetzt so wst tue; sie
htte ppe getan an ihm, was ihr wohl angestanden sei. Und das Wstmachen tue es
ihr expre zuleid, sie merke es wohl. Es sei schon lange nicht mehr wie sonst
gegen sie. Und gar herzlich weinte die gute Frau.
    Aber Base, sagte Vreneli, wie knnt Ihr auch so reden? Ihr seid ja meine
Mutter gewesen, fr eine solche habe ich Euch immer gehalten, und wenn ich fr
Euch durchs Feuer sollte, ich besnne mich keinen Augenblick. Aber so einem
Schnrfli, der mich nicht begehrt, lasse ich mich nicht anhngen. Wenn ich denn
endlich einen haben mu, so will ich doch einen, der mich lieb hat und mich
meinetwegen nimmt und nicht mitsamt den andern Khen mich zum Lehen begehrt.
Wie kannst du auch so reden sagte die Base, hast du nicht gehrt, da er
gesagt hat, er habe dich schon lange lieb gehabt? Ja, sagte Vreneli, das
sagen sie alle, Einer wie der Andere; wenn man aber an dieser Lge ersticken
mte, es wrde wenige Hochzeit geben. Er wird auch nicht besser sein als die
Andern; wenn Ihr nicht zuerst vom Hof angefangen httet, Ihr httet dann sehen
knnen. Und es ist auch nicht recht von Euch gewesen, mir nichts von allem zu
sagen und mich da so ungesinnet ihm darzuwerfen wie einer Sau einen Tannzapfen.
Wenn Ihr mir zuerst ein Wort gegnnt httet, so htte ich es Euch sagen knnen,
was Trumpf ist bei Uli. Er sagt auch: Geld, du bist mir lieb, und dann soll eine
verstehen: Gll, du bist mir lieb! Du bist ein wunderlich Gret, sagte die
Base, und tust rger, als wenn du die vornehmste Herrentochter wrest. Eben,
Base, weil ich nichts bin als ein Meitschi, so steht es mir wohl an, vornehm zu
tun und mich da nicht so vorwerfen zu lassen. Ich glaube, ich habe ein grer
Recht dazu als manche vornehme Tochter, sei es dann meinethalb eine Herren- oder
eine Baurentochter. Aber Vreneli, sagte Uli, was vermag ich mich dessen, und
soll ich es jetzt entgelten? Du weit im Herzen wohl, da ich dich lieb habe,
und ich habe so wenig von dem gewut, was die Base im Sinne hatte, als du. Es
ist daher nicht recht, da du es an mir auslassest. Ach, sagte Vreneli, erst
jetzt merke ich, da das Ganze eine abgeredete Sache war; du wrdest dich sonst
nicht versprechen, ehe ich dich angeklagt. Das ist erst recht wst und ich will
von der ganzen Sache nichts mehr hren, ich lasse mich nicht so hineinsprengen,
wie man die Fische ins Garn sprengt.
    Damit wollte Vreneli wieder auf und fort, aber die Base hielt es fest am
Kittel und sagte ihm: Es sei das wstest und mitreust Mnsch, wo an der Sonne
herumlaufe. Seit wann sie hinter seinem Rcken unter dem Htli spiele? Das sei
wahr, wegen dieser Sache habe sie zum Vetter begehrt und dessetwegen habe sie
Beide mitgenommen. Aber was sie im Sinn gehabt, habe niemand gewut, nicht
einmal Joggeli, geschweige denn Uli. Sie habe dem Vetter den Auftrag gegeben,
dem Uli die Wrme aus der Nase zu ziehen, und es sei wahr, der habe Vreneli
grusam gerhmt, so da der Vetter ihr gesagt, Uli nhme Vreneli lieber heute als
morgen, aber er drfe ihm nichts sagen, er frchte, es halte ihm ds Elisi vor.
Daraufhin habe sie gedacht, sie wolle reden, wenn Uli nicht drfe, denn da ihm
Uli nicht anstndig sei, das berrede sie niemand, sie habe ihre Augen noch
nicht am Rcken. Er vermge sich also dessen nichts. Aber warum kmmt er denn
heute in die Stube, wo ich einpacke, fragte Vreneli, und will mir ein Mntschi
geben? Das hat er noch nie getan.
    He, sagte Uli, ich will es dir grad sagen. Als ich heute mit dem Meister
geredet hatte, da bliebest du mir im Sinn mehr als je, und ich dachte, ich
wollte geben, was ich htte, wenn ich wte, ob du mich lieb httest und mich
nehmen wrdest. Vom Lehen wute ich kein Wort. Als ich dich so allein antraf, da
bernahm es mich, ich wute nicht wie, es kam mir in den Arm fast wie ein
Gschti, ich mute dich anrhren, dich um ein Mntschi fragen. Anfangs glaubte
ich, ich htte eins erhalten, allein spter dachte ich, es knnte doch nicht
sein, du httest mich sonst nicht so wild in die Stube hinausgeschossen; ich
dachte, du httest mich nicht gerne, und das machte mich betrbt im Herzen, und
ich dachte, wenn nur Weihnacht da wre, da ich fort knnte, da wollte ich weit
weit ins Weltschland hinein, da nie jemand mehr etwas von mir hre. Und so ists
mir noch, Vreneli; wenn du mich nicht willst, so will ich vom Lehen nichts, will
fort, fort, so weit mich die Fe tragen, und kein Mensch soll erfahren, wohin
ich gekommen. Er war aufgestanden, vor Vreneli getreten, das Wasser stund ihm
in den treuherzigen Augen, der Base aber rollte es die Backen ab. Da sah Vreneli
zu ihm auf, die Augen wurden ihm feucht; aber um den Mund zuckte noch der Spott
und der Trotz, die niedergehaltene Liebe brach auf und begann durch die Augen
ihre leuchtenden Strahlen zu werfen, whrend das jungfruliche Widerstreben die
Lippen aufwarf als Schanze gegen das Ergeben an die mnnliche Zudringlichkeit.
Und whrend die Augen Liebe leuchteten, kamen doch hinter den aufgeworfenen
Lippen hervor die spottenden Worte: Aber Uli, was sagt dann Stini, wenn du
schon wieder eine Andere willst? Wird es dir nicht singen:

Er hat ein Herz wie es Tubehus:
Flgt die Eini dry, flgt die Anderi drus!

Aber wie magst du auch mit ihm den Narren treiben! sagte die Base, du siehst
ja, wie es ihm Ernst ist. Wenn ich ihn wre, ich kehrte dir das Nest und sagte
dir: Blase mir, wo ich schn bin! Er hat dWehli, Base, und Ihr wisset nicht,
ob es mir nicht recht wre, sagte Vreneli. Nein, es wre dir nicht recht,
Meitschi, sagte die Base, ich hre es dir schon an. Und Uli, wenn du nicht ein
Lhl bist, so nimmst du es jetzt um den Hals; es schiet dich nicht mehr in die
Stube hinaus, glaub es mir. Indessen htte die Base fast unrecht erhalten. Noch
einmal bot das Mdchen seine Kraft auf, und Uli wre in raschem Umschwunge bald
wieder geflogen. Allein des Mdchens Kraft hielt nicht aus. Das Mdchen fiel an
Ulis treue Brust und brach in lautes, fast krampfhaftes Weinen aus. Es wurde den
beiden Andern, als das Schluchzen nicht aufhren wollte, fast angst dabei, sie
begriffen nicht, was das sein solle. Uli trstete, so gut er konnte, und sagte,
es solle doch ja recht nicht so tun, und wenn es ihn lieber nicht wolle, so
knne er ja gehen, er wolle ihns nicht plagen. Die Base balgete erst, es sei
dumm getan, zu ihrer Zeit htten die Mdchen nicht die Schlohunde verspottet,
wenn sie einen gefunden. Dann ward ihr aber auch bange, und sie sagte, sie wolle
es nicht zwingen; wenn es lieber nicht wolle, so knne es ja ihretwegen machen,
was es wolle. Es solle doch nur dr Gottswillen nicht so tun, die Wirtsleute
knnten sonst glauben, was es wre.
    Endlich konnte ihnen Vreneli sagen, sie sollten es doch nur ruhig lassen, es
wolle sich zu berwinden suchen. Es sei sein Lebtag eine arme Waise gewesen und
verstoen von Jugend auf. Es habe nie ein Vater es auf den Scho genommen, die
Mutter es nie gekt, nie habe es seinen Kopf an irgend einem Halse verbergen
knnen. Es htte ihns manchmal gednkt, gerne wollte es sterben, wenn es nur
dabei jemand auf den Knien sitzen, jemand dabei um den Hals nehmen knnte; aber
solange es Kind gewesen sei, habe niemand ihns lieb gehabt, nirgends htte es
sein sollen. Es knne nicht sagen, wie oft es einsam geweint. Sein Sehnen sei
immer und immer dar, auf gegangen, irgend einmal jemand so von ganzem Herzen,
ganzem Gemte lieb haben zu knnen, jemand zu finden, an dessen Brust es sein
Haupt in Leid und Freud legen knnte. So eine Freundin aber habe es keine
gefunden. Da habe es gedacht, wenn man ihm vom Heiraten gesprochen, es wolle es
nie, es sei denn, es knne so von Herzensgrund glauben, da das die Brust sei,
an die es in Leid und Freud sein Haupt legen, die ihm treu sein werde im Leben
und im Sterben. Aber es habe keine gefunden, zu der es diesen Glauben htte
haben knnen. Uli sei ihm lieb, sei ihm schon lange lieb, mehr als es sagen
wolle, aber diesen Glauben zu ihm habe es noch nicht finden knnen. Und wenn es
diesmal getuscht wrde, wenn Uli nicht die rechte Liebe, die rechte Treue fr
ihns htte, dann wre ja sein letztes Hoffen dahin, dann wrde es keine mehr
finden, dann mte es unglcklich sterben. Dar, um mache es ihm so angst, und
sie sollten es doch jetzt dr Gottswillen ruhig lassen, damit es so recht
berlegen knne, was es mache. Ach, sie wten es nicht, wie es einer armen
Waise zumute sei, welche der Vater nie auf dem Schoe gehabt, die Mutter nie
gekt!
    Du bisch es Ghl! sagte die Base und wischte die nassen Backen ab. Wenn
ich gewut htte, da es dir nur da fehle, auf ein Mntschi mehr oder weniger
wre es mir doch gewi nicht angekommen. Aber warum sagst du es nicht? Unsereins
kann doch wahrhaftig nicht an alles sinnen. Uli sagte, er htte das verdienet,
es geschehe ihm recht und er htte gedenken sollen, da es ihm so gehen werde.
Aber wenn es in ihn hineinsehen knnte, so wrde es sehen, wie lieb er es htte
und wie aufrichtig er es meine. Er wolle sich nicht entschuldigen, er habe schon
mehrere Male ans Wyben gesinnet, aber lieb gehabt habe er Keine wie ihns. Aber
er wolle es nicht zwingen, er msse in Gottes Namen sich gefallen lassen, was
sein Wille sei. Du hrst es ja, sagte die Base. wie lieb er dich haben will!
Komm, nimm dein Glas und mach Gesundheit mit Uli und versprich ihm, du wollest
die Lehenfrau in der Glunggen werden. Vreneli stund auf, nahm sein Glas, machte
Gesundheit, aber versprach nichts, sondern bat: Man solle ihns nur heute noch
ruhig lassen und nichts mehr davon sagen; morgen wolle es den Bescheid geben,
wenn es sein msse. Du bist ein wunderliches Gret, sagte die Base. He nun,
Uli, so spann an, sie werden daheim nicht wissen, wo wir bleiben.
    Drauen flimmerten die Sterne im dunkelblauen Grunde, weie Nebelwlkchen
schwebten ber feuchten Matten, einzelne Streifen hoben neugierig an Talwnden
sich auf, laue Winde wiegten das matte Laub, hie und da lutete eine auf der
Weide vergessene Kuh ihrem vergelichen Meister, hie und da schickte ein
bermtig Brschchen sein Jauchzen weit ber Berg und Tal. Die Bewegungen des
Tages und des Fahrens rttelten die Base in tiefen Schlaf, und Uli hielt mit
gespannter Kraft den wild ausgreifenden Kohli in ziemlichem Laufe; Vreneli war
alleine in der weiten Welt. Wie weit am fernen Himmel die Sterne schwammen in
des unermelichen blauen Meeres schrankenlosem Raume, jeder fr sich in einsamer
Bahn, so fhlte es sich wieder das arme, einsame, verlassene Mdchen im groen
Weltengetmmel. Wenn es fort war von Base und Vetter, wenn sie gestorben waren,
so hatte es niemand mehr auf der Erde, kein Haus, wohin es sich flchten konnte
in kranken Tagen, keinen Menschen, dem es etwas klagen konnte, kein Auge, das
mit ihm lachte, mit ihm weinte, keinen Menschen, der einmal weinte, wenn es
sterben sollte, ja vielleicht keinen, der seinen Sarg begleitete bis zu dem
engen, kalten Hause, das man ihm endlich doch gewhren mute. Allein war es,
einsam und verlassen sollte es durch das Weltgetmmel bis zu seinem einsamen
Grabe auf langer Wanderung, vielleicht durch viele viele einsame Jahre,
gebeugter, mut-, kraftloser von Jahr zu Jahr, ein alt, verwittert, verachtet
Wesen, dem kaum jemand Herberge mehr gab, wenn auch um Gotteswillen dafr
angesprochen. Neues Weh zuckte ihm im Herzen, Klagen wollten aufquellen: warum
doch wohl der Vater, der gute, der die Liebe heie, so arme Kinder leben lasse,
die niemand htten auf der Welt, die in der Kindheit verstoen wrden, in der
Jugend verfhrt, im Alter verachtet?
    Da begann es doch zu fhlen, da es sich an Gott versndige, der ihm viel
mehr gegeben als Vielen, der seine Unschuld behtet bis auf diesen Tag, es so
gestaltet, so hatte werden lassen, da ein reichlich Auskommen ihm sicher
schien, wenn Gott seine Gesundheit erhielt. Es begannen ihm aufzutauchen, wie
aus dem Nebel die Hgelspitzen und die Kronen der Bume, die Liebeszeichen, die
Gott augenscheinlich ber sein Leben ausgestreut, wie es behtet worden hier und
dort, wie es viel heiterere Tage genossen als viele viele arme Kinder und wie es
auch Leute gefunden, viel bessere als andere Kinder, die, wenn sie es auch nicht
wie Vater und Mutter an ihre Herzen nahmen, ihns doch auch lieb gehabt und so
erzogen, da es vor alle Leute treten durfte mit dem Gefhl, da man ihns fr
einen eigentlichen Menschen ansehe. Nein, klagen durfte es nicht ber den guten
Vater droben, es fhlte, da dessen Hand ob ihm gewesen. Und war seine Hand
nicht noch jetzt ber ihm, war sie nicht auch heute ber ihm? Hatte er sich wohl
ber das arme, einsame Meitschi erbarmet? Hatte er den Ratschlu wohl gefat,
weil es getreu geblieben bis dahin und von der Snde sich unbefleckt zu erhalten
gesucht, nun auch seines Herzens Sehnen zu stillen, ihm eine treue Brust zu
geben, an die es sein Haupt lehnen konnte, etwas Eigenes, damit einst jemand
weine bei seinem Tode, jemand es begleite auf dem trben Wege zum schaurigen
Grabe? War das wohl Uli, der getreue, vielgewandte Knecht, den es so lange schon
in verschwiegenem Herzen geliebt, dem es nichts vorzuhalten wute als seine
Verirrung mit Elisi, da er auch von dem Wahn ergriffen worden, das Geld mache
glcklich, der so treu und ehrlich sein Herz dargetan und seinen Fehler bereute?
War es nicht eine eigene Fgung, da sie sich Beide getroffen gerade an diesem
Orte, da Uli nicht frher fortgekommen, da Elisi habe heiraten mssen, da der
Base der Wunsch komme, das Gut Uli in Lehen zu geben? Hatte das alles sich nicht
recht wunderbar treffen mssen, war darin nicht offenbar des Vaters gtige Hand?
Sollte es wohl das Dargebotene verschmhen? War es etwas Hartes, Widerliches,
das ihm zugemutet wurde? Nun rollte die Seele ihre Bilder auf, bevlkerte mit
ihnen die de Zukunft. Uli war sein Mann, es hatte Wurzel geschlagen im Leben,
in der weiten Welt, sie waren der Mittelpunkt, um den ein groes Hauswesen sich
ordnete, um ihren Willen kreisend. Hundertfltig gestaltete dieses Bild sich vor
seinen Augen, und immer schner, lieblicher woben dessen Farben sich
durcheinander. Es wute nicht mehr, da es im Wgeli fuhr, es war ihm so leicht,
so wohl ums Herz, als ob es bereits atme in jener Welt, wo keine Sorge, kein
Leid mehr ist; da rollte das Wgelein ber einen Stein. Vreneli fhlte ihn
nicht, aber die Base erwachte mit langem Ghnen und fragte, mhsam sich fassend:
Eh, wo sind wir? Ich habe doch nicht geschlafen? Da sagte Uli: Wenn Ihr recht
lueget, so seht Ihr dort unser Licht durch die Bume. Herr Yses, wie habe ich
doch geschlafen! Das htte ich doch niemand geglaubt. Wenn nur Joggeli nicht
balget, da wir so spt sind. Es macht noch nichts, sagte Uli, und morgen
kann der Kohli ruhen, wir brauchen ihn nicht. He nun, sagte die Base, so
macht es desto minder. Aber wenn die Rosse spt heimkommen und frh fort sollen,
so ist das eine Schinderei. Nehme man doch, wie es einem wre, wenn man es einem
auch so machen wrde, immer laufen, immer laufen und keine Zeit zum Essen und
Schlafen. Aus allen Tren schossen diesmal mit Lichtern und Laternen die
Bewohner der Glungge, als sie das herannahende Wgeli hrten, die einen ans
Pferd hin, die andern zum Wgeli; selbst Joggeli gnappete herbei und sagte: Ich
habe geglaubt, ihr kommet heute nicht mehr, es htte euch etwas gegeben

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


 Der Knoten beginnt sich zu lsen, und als er sich stecken will, zerschlgt ihn
                 ein Mdchen und zwar mit einem buchenen Scheit

Nun ging es wie an allen Orten, wenn die Hausmutter spt heimkmmt, mit Reden
und Fragen; doch war noch keine Stunde verflossen, so wars still in der Glungge,
nur im Stalle hrte man den Kohli fressen. Der schne Schlaf hatte sich ber die
Bewohner gesenkt und seine Gaben gebracht, das Vergessen alles Leids und manch
schn Gaukelspiel vor die bewutlose Seele. Doch auf einem Bette sah man ihn
nicht weilen. Es war ein reinlich Bett, auf demselben lag eine stattliche
Federdecke und drinnen ein noch stattliches Mdchen; zu voll war dessen Seele,
des Schlafes Eindrcke aufzunehmen. Was jener Stein unterbrochen, das tauchte
wieder auf: liebliche Bilder aller Art schwammen ber die Seele, flchtig eilten
die einen vorber, s und wonniglich weilten andere lange ber dem verklrten
Mdchen, das sucht in unruhiger Pein hin und her sich werfend den Schlaf suchte,
sondern in seliger Hingebung unbemerkt Stunde um Stunde an sich vorberrinnen
lie. Als khle Morgenlfte durch die Tler strichen, da begann ein ses,
banges Sehnen aufzuwallen, des Mdchens Brust zu schwellen, das Sehnen, Uli Ja
zu sagen, das Sehnen, ihm zu sagen, es wolle sein sein fr immerdar, das Sehnen,
ihn auch sein nennen zu knnen fr immerdar. Je dringender dieses Sehnen ward,
desto mehr gattete es sich mit der Bangigkeit, das ersehnte Glck machte nur ein
Traum sein, mchte sich verflchtigen wie des Traumes Bilder, am Morgen mchte
Uli nicht mehr zu finden sein, knnte erzrnt ber Vrenelis Benehmen anderes
Sinnes geworden sein. Oh, wie ihm jetzt dieses Zagen und Abweisen leid tat, wie
es sich nicht begreifen konnte, wie es ihns mehr und mehr drngte, das
Verschulden gut zu machen, zu vernehmen, ob Uli noch gleichen Sinnes geblieben
sei die Nacht hindurch.
    Es litt es nicht mehr im Bette, leise stund es auf, ffnete ein Fensterchen,
atmete Morgenluft, zog sich an und begann sein Morgenwerk, leise, da niemand es
hre. Leise ffnete es die Tre, stille war es drauen, kein Knecht rhrte sich
noch, kein Pferd scharrte nach Futter. Da ging es leise durch den Schopf dem
Brunnen zu, dort im khlen Wasser sich zu waschen nach blichem Brauch. Am
pltschernden Brunnen stund eine Gestalt gebeugt ber den Trog und mit Eifer
auch ein solches Werk verrichtend. Mit pochendem Herzen er, kannte Vreneli
seinen Uli, da stund der Ersehnte. Da schwanden Nacht und Nebel, wie Morgenrot
ging es ihm auf, und wie ein Herz ziehen knne, das fhlte es jetzt. Doch den
unwiderstehlichen Zug noch mdchenhaft zu umschleiern, war ihm seine Schalkheit
zur Hand, und mit unhrbarem Tritte an Uli getreten, schlug es rasch beide Hnde
vor dessen Augen. In gewaltigem Schreck zuckte der starke Mann zusammen, ein
halber Schrei entfuhr ihm; dann die Hnde vor den Augen fassend, erkannte er mit
ser Wonne der schnen Hnde schne Eigentmerin. Bist du es? fragte er. Und
Vreneli wute, wen er meine, und seine Hnde sanken tiefer, umschlangen den
teuren Mann, und wortlos lehnte es sein Haupt an dessen treue Brust. Da, wie aus
dem Brunnen Welle um Welle sprudelte hell und klar, so wogte in Uli das
Bewutsein seines Glckes auf in mchtigen, ungetrbten Wogen. Er zog das teure
Mdchen an sich, und wie die Wellen des Brunnens pltscherten und Blschen
warfen in blankem Troge, so flsterte Uli dem Mdchen seine Freude zu, versuchte
ein leises Kssen, und kein Sto warf ihn diesmal zurck von dem holden Ufer,
dem er zugesteuert. Willst du meins sein? hrte der Brunnen; bist du mein;
koste es wieder. Und noch manches hrte der Brunnen, aber er sagte es niemand
wieder.
    Ein eigenes Gefhl durchstrmte Beide, das Gefhl, ein teures Kleinod
gefunden zu haben, das Verlangen, bei diesem Kleinod zu sein fr und fr und
sonder Unterla. Wenn jemand einen lieben Brief erhlt, wie oft fhrt seine Hand
in die Tasche und liest ihn von neuem! Wenn jemand einen Acker gekauft hat, wie
oft geht er hin des Tages und beschauet seinen Kauf! Wenn jemand eine liebe
Seele gefunden und an sich gebunden nicht nur fr diese Zeit, sondern auch fr
die Ewigkeit, soll es ihn dann nicht hin zu dieser Seele ziehen mit
Himmelsgewalt, soll es ihn nicht in ihre Augen, die Tore der Seele,
hineinziehen, um das Gefhl lebendig zu erhalten, eins mit einer Seele zu sein
in Zeit und Ewigkeit? Dieses Einswerden mit einer Seele von ganzem Herzen,
ganzem Gemte und allen Krften, in welcher Vereinigung alle Ichsucht untergeht,
ist das nicht auch ein Vorlufer des Einswerdens mit Gott, welchem ebenfalls
unsere Selbstsucht zum Opfer fallen mu? Und wie der, der eins geworden ist mit
dem Vater im Himmel, denselben vor Augen hat, wenn die Sonne scheinet und wenn
die Nacht Finsternis bringt in jedes Land und jede Kammer, soll dann dem, der
eine Seele gewonnen, nicht auch vergnnt sein, diese Seele zu suchen und wieder
zu suchen, so oft die Rume und Geschfte der Erde sie ihm aus den Augen tragen?
Der tiefe Seelenzug in diesen Zeiten wird selten recht verstanden, bringt daher
auch selten die rechten Frchte. Sie machen recht nrrisch mit einander, hrt
man sagen, sie machen einem Lngizyt. Das glaube ich gerne, aber warum gnnt
man ihnen nicht die ungestrte Freude an einander? Ach Gott, die Welt und die
Furcht der Welt vor ihrem eigenen Fleische! Ach Gott, die Welt und ihre
Neugierde, die sehen will, wie Zwei zusammen tun, und dann, wenn sie keinen
rechten Sinn zu einander haben, sagt: Die Beiden lob ich mir, die sind recht
vernnftig; wenn man es nicht wte, man merkte es ihnen gar nicht an, da sie
Brautleute wren. Ich mchte fast sagen, das sei eine vermaledeite
Vernnftigkeit, welche fr die Seele und ihr Sehnen keine Empfnglichkeit hat,
hchstens fr des Leibes Reize, deren Empfnglichkeit man allerdings lieber im
Dunkeln zeigt, meistens nur fr des Geldes verhngnisvolles Klingen. Vreneli und
Uli htten kaum verstanden, was da geschrieben steht, aber diesen Zug der Seelen
empfanden sie. Kaum waren sie getrennt worden, so suchten sie sich wieder, und
der Brunnen war die heilige Sttte, wo so oft sie sich suchten und fanden. Noch
nie hatte Vreneli so viel Wasser in die Kche gebraucht, Uli noch nie so viel zu
waschen oder zu trnken gehabt.
    Whrend beim Brunnen ein junges Glck aufging, hielt ein altes Ehepaar im
Stbli seine Zwiegesprche. Joggeli und seine Frau erwachten frhe, und den
alten Gliedern die ntige Ruhe gnnend, erachteten sie diese Stunde am
schicklichsten, ein vertrautes Wort zu wechseln. Nachdem die Frau an Joggelis
unruhigem Drehen dessen Erwachen wahrgenommen, fragte sie: Ob er seither nichts
von einem Knechte vernommen, ob gestern keiner dagewesen sei? Weihnacht rcke,
so knne das doch nicht gehen. Nun begann Joggeli sein altes Klagelied ber
Elisis Heirat, an der er nicht schuld sei und die ihm Uli forttreibe. Seit der
da sei, trage ihm der Hof jhrlich tausend Pfund mehr ein. Wenn doch das
Meitschi habe heiraten mssen, so wollte er zuletzt lieber, es htte Uli
genommen als so einen ungeftterten Baumwollenhndler. Er htte keinen Magen,
einen andern Knecht zu suchen; wenn er nur Uli wieder haben knnte, es reute ihn
kein Geld.
    Sie wisse nicht, wie das gehen solle, sagte die Frau; sie habe mit Uli
geredet, allein er habe nichts davon hren wollen, lnger hier Knecht zu sein.
So htte mans, sagte Joggeli, die Frauen machten alles, wie sie wollten; sie
begehrten alles zu regieren, und wenn etwas krumm gehe, so sollten es die Mnner
gerade machen. Er htte vorausgesagt, das kme so, sie knne seinethalb jetzt
selbst einen Knecht suchen. Wenn das so gemeint sei, sagte sie, so wolle sie mit
allem nichts mehr zu tun haben. Wer am Ende bs htte, wenn alles schlecht
ginge, als sie, die die Haushaltung machen mte? Das Beste wre, sie wrden das
Gut zu Lehen geben; sie wte eigentlich nicht, fr wen sie bs haben sollte bis
ins Grab. Es danke ihr doch zuletzt niemand dafr, sondern je mehr sie
zusammengehselet habe, desto mehr lache man sie aus. Das sei ihm auch recht,
sagte Joggeli, er begehre nicht lnger zu pflanzen, damit ihr Tochtermann komme,
die Sache nehme und das Geld fr sich behalte. Aus freien Stcken habe er ihm
eine Ehesteuer gegeben, grer als mancher Landvogt sie gebe; es schiene ihm,
der knnte zufrieden sein und ihn jetzt ruhig lassen. Wenn sie ihm einen
anstndigen Lehnsmann wte, so wollte er noch heute mit ihm die Sache richtig
machen. Sie wte keinen bessern als Uli, sagte sie. Uli? sagte Joggeli. Ja,
wenn der besser hintersetzt wre und eine anstndige Frau htte, so wre mir der
der Rechte, aber so kann er kein solches Gut bernehmen. He, sagte die Mutter,
eine bessere Frau als Vreneli wte sie nicht, und sie glaube, sie htten nichts
wider einander. Daneben sei Uli auch nicht mittellos, und vielleicht wrde
Vetter Johannes ihm helfen, wenn man es begehrte; es dnke sie, derselbe habe
gar viel auf Uli. So, so, sagte Joggeli, es ist also schon alles richtig!
Was richtig? fragte sie. Glaubst du, sagte Joggeli, ich solle nichts
merken? Du bist nicht umsonst nach Erdpfelkofen gefahren so mir nichts dir
nichts, da ich mich fast zu Tode gewundert habe, und hast Vreneli und Uli
mitgenommen. Du mut doch nicht meinen, da ich so dumm sei und nichts merke,
was hinter meinem Rcken abgekartet wird. Aber ich bin auch noch da und es ist
nicht bravs von dir, so mich zum Narren zu halten und mit fremden Leuten unter
dem Htli zu spielen gegen mich. Aber warte nur, ich will es dir reisen. Ich
will zeigen, wer Meister ist.
    Nun bekam die gute Frau keine Antwort mehr, sie mochte vorbringen, was sie
wollte, so da sie endlich sagte: He nun dann, so sei meinethalben Meister und
arbeite meinethalben den Hof selbst und mache die Haushaltung auch noch dazu,
ich aber will nichts mehr damit zu tun haben. Brummend wlzte sie sich auf die
andere Seite, schlief wieder ein und stund am Morgen spter als sonst,
schweigend und schmollend auf. Lustig tanzte Vreneli im Hause herum, es war, als
ob es ber Nacht Federn in die Beine bekommen htte und eine Mundharmonika
zwischen die Zhne. Ganz verwundert sah die Base dem Wesen zu und sagte ihm
endlich, als sie allein waren: Ist es dir ber Nacht anders gekommen, willst du
ihn jetzt? O Base, sagte Vreneli, wenn Ihr mich zwingen wollt, was will ich
dagegen machen als mich zwingen lassen? Und so, wenn Ihrs zwingen wollt, so
zwingts; aber ich will nicht schuld daran sein, es mag kommen, wie es will! Du
bist eine gottlose Dirne, mir den Mann zu verspotten, sagte die Base. Aber das
Lachen wird dir schon vergehen, wenn du hrst, da Joggeli nichts vom Lehen
hren will. Er ist bs darber, da alles hinter seinem Rcken abgekartet wurde,
und sagt jetzt, er sei Meister, er wolle es uns reisen. Aber das Lachen verging
Vreneli nicht, sondern es lachte nur: Der Vetter wolle auch gezwungen sein, wie
es zum Heiraten. Am besten kme man zurecht mit ihm, wenn man nichts mehr von
der Sache sage und sich stelle, man wolle fort. Es mache ihm jetzt schon angst,
was er um Weihnacht anfangen wolle, zu einem andern Knecht knne er sich nicht
entschlieen. Wenn er in acht Tagen noch nicht selbst mit der Sache komme, so
wolle es den Tischmacher kommen lassen und ihm ein Trgli zu machen befehlen,
wie Mgde zu tun pflegen, wenn sie zgeln wollen. Helfe dieses nicht, so msse
man ihm sagen, Uli komme zum Johannes, man habe neuis gemerkt; dann fange er von
selbst von der Sache an und sage: So zwngets, wenn ihrs zwngen wollt, aber
ich will an nichts schuld sein, es mag gehen, wie es will. Du bist eine Tfels
Hex, sagte die Base; ich glaube, du wrest imstande, ein ganzes Chorgericht
zum Narren zu halten. Das wre mir nie in den Sinn gekommen, und sind wir doch
jetzt bald vierzig Jahre bei einander.
    Und richtig: wie Vreneli, das dem Uli eingeschrft hatte, es anzusehen, wie
wenn er lauter taub wre, gesagt hatte, ging es. Der Tischmacher brauchte nicht
zu kommen. Lange vor Verlauf der acht Tage fing Joggeli mit seiner Alten zu
zanken an: Wie sie alles hinter seinem Rcken mache, zu allen Leuten Vertrauen
habe und nur zu ihm keines; er mchte doch endlich wissen, was sie jetzt mit dem
Uli ausgemacht habe. Es wre Zeit, da er auch etwas davon wte. Da sagte sie,
sie habe nichts mit ihm ausgemacht und nichts angefangen, das sei seine Sache,
sie mische sich nicht darein. Er habe ja gesagt, er sei Meister. Da begehrte
Joggeli noch mehr auf, da seine Frau ihn so im Stich lasse und sich gar nicht
darum bekmmere, wie es gehe; es sei doch ihre Sache so gut als seine und er
wte nicht, warum immer alles an ihn kommen solle. Er wollte, sie solle gehen
und mit Uli reden, und wenn er schon eine andere Frau nhme als ds Vreni, so sei
es ihm gleich; das sehe ihn seit einiger Zeit so unverschmt und spttisch an,
da es ihn schon manchmal gelstet habe, ihm die Hand ins Maul zu geben. Aber
seine Frau wollte nicht, nach Vrenelis Instruktionen; das sei Mannssache,
behauptete sie. Da sagte er, wenn sie nicht gehen wolle, so schreibe er dem
Tochtermann, er solle ihm einen Knecht oder einen Lehenmann senden, der werde
ihm das schon machen. Da lie die Alte das Herz fallen und bernahm den Auftrag.
Als sie mit demselben zu Vreneli kam, sagte dieses: O du gute Mutter, hast du
dich zwingen lassen! Aber Mutter, Mutter, wie konntest du glauben, da es
Joggeli Ernst sei, vom Tochtermann einen Knecht oder einen Lehenmann zu nehmen!
Httest du nur noch einmal herzhaft Nein gesagt, so htte er gesagt: He nun,
wenn du mir nichts zu Gefallen tun willst, so will ich mit Uli reden, aber ds
Vreni, die Tsche, begehre ich nicht, und es mag herauskommen, wie es will, so
bin ich nicht schuld daran, mir wre es nie in Sinn gekommen. Schicke ihm aber
Uli hinein, er soll und mu doch mit ihm zuerst z'grechtem davon reden.
    So geschah es auch.
    Die Weitlufigkeiten der ganzen Unterhandlung zu beschreiben, wre fr
manchen Lehenmann belehrend, allein fr diesmal aus guten Grnden nur Folgendes.
Joggeli war die ganze Sache mehr als recht, und doch machte er Umstnde und
Vorbehlte, an denen die ganze Sache htte scheitern mssen, wenn er fest darauf
bestanden htte; aber so wie er erfinderisch war im Ersinnen, so war er wieder
schwach im Nachgeben, sobald man ihn zu fassen wute, und das verstund der
Vetter Johannes, der als Mittelsmann und Brge recht gefllig sich finden lie.
Und wenn alle an waren, so wute Vreneli noch den besten Rat und fand den
Ausweg. Joggeli sagte aber oft: Er knne nicht begreifen, warum Uli so eine
nhme mit einem blutten Fdle und einem Maul wie eine Schlange. Wenn er so ein
Bursch wre und ein solches Lehen in den Hnden htte, er wollte viel tausend
Pfund erwyben. So eine Gexnase wrde er nicht mit dem Rcken an, sehen, und
dreiig Kronen wollte er ihm das Lehen wohlfeiler geben, wenn das Ketzer
Meitschi ihm wegkme; das wrde dem lieben Gott Blau fr Wei machen, wenn sie
je zusammenkmen, was er aber nicht glaube.
    Man war fast richtig, als der Tochtermann die Sache vernahm und einen
Mordsspektakel begann. Der wolle erst gar nichts davon wissen und behauptete,
sie htten ja die Verabredung getroffen, da er ihnen die Produkte abnehme und
zu hohen Preisen seinen Bekannten verkaufe. Er htte deshalb Akkorde getroffen
und knne nicht zurck. Endlich wollte er den Hof selbst ins Lehen nehmen trotz
seinem brillanten Geschft, von dem er behauptete, es trage mehr ab als sechs
solcher Hfe. Er tat so wst, drohte auf solche Weise und ds Elisi mute wst
tun und mit allem Grlichen drohen, da die ganze Geschichte fast rckgngig
geworden wre. Den beiden Alten kam es grlich vor, wenn sie an einem Unglck
schuld sein sollten, wenn ds Elisi mit seinem Mann deswegen in Streit kme oder
es krank wrde oder es ihm sonst schadete in seinen Umstnden. Ein jedes sagte:
Mach, was du willst, aber gib mich dann zuletzt nicht an die Axt, ich will
nicht schuld sein. Da gab Vreneli dem Sohn Johannes einen Wink, da es darauf
und daran wre, da sein geliebter Schwager Lehenmann in der Glungge wrde.
Johannes, dem es, seit er Gaden und Spycher durch seinen Schwager gefhrdet sah,
sehr reche war, da das Gut in eines Lehenmanns Hnde kam, und Uli als einen
guten Landwirt recht gerne darauf sah, indem er einst den Hof lieber gut als
schlecht zuhanden nahm, kam mit Trinette dahergefahren wie eine Bombe und traf
es eben, da ds Elisi und sein Mann auch da waren. Das gab nun Donnerwetter um
Donnerwetter, obgleich es mitten im Winter war. Der Tochtermann machte sich
zuerst sehr aufbegehrisch und wollte den Johannes von oben herab traktieren und
ihn einschchtern mit Oberarm Dreinreden. Aber Johannes kannte als Wirt diese
Sorte von Leuten auch und redete noch mehr Oberarm drein, zudem hatte er eine
gewaltige Faust, die dem Baumwollenhndler abging; mit dieser schlug er auf die
Tische, da alle Tren aufsprangen. Auch hielt er dem Baumwollenhndler Sachen
vor, die dieser lieber hier nicht gehrt htte, seine vielen Schulden und vielen
Streiche. Woher er den Landbau kennen wolle, da er im Bettel aufgewachsen? Sie
htten seinen Vater oft hier in der Glunggen ber Nacht gehabt im Stall, sie
sollten sich nur an den alten, verhudelten Mann mit der Drucke und den Schuhen
ohne Sohlen erinnern. Er mchte nur die Alten aushuteln, den Lehenzins knnten
sie im Himmel suchen. Uli mte das Lehen haben, und sollte er den Donners
Bauelebueb mit eigenen Hnden erwrgen, brllte er und manvrierte demselben mit
seinen dicken Hnden so nahe am Halse herum, da alles Zetermordio schrie und ds
Elisi sicher ohnmchtig geworden wre, wenn es gewut htte, wie man das mache.
Aber der Baumwollenhndler hatte eine zhere Natur als seine Bauele. Kaum war er
nicht mehr blau im Gesicht, so gab er mit Verachtung den Gedanken, selbst
Lehenmann zu werden, auf. Er wollte ein Narr sein, sagte er, ihnen seine Hlfe
aufzudringen, sein Geschft trage ihm hundertmal mehr ab als so ein Schygetli.
Gerade ihretwegen, damit sie nicht mir fremden Leuten es machen mten, htte er
es bernehmen wollen. Wenn man ihm seine Gutttigkeit so aufnehme, so knnten
sie machen was sie wollten, er sei recht froh darber. Aber das fordere er, da
man das Gut an eine Steigerung bringe und es dem Meistbietenden gebe, das htte
er das Recht zu fordern. Er wte nicht, warum man einem solchen Lmmel, da
nicht fnfe zhlen knnte, ohne fnfmal zu verirren, den Vorzug geben wolle.
    Da ging der Streit von vornen an, in den nun auch Joggeli sich mischte, da
er sich vom Sohn untersttzt sah. Das gehe ihn hell nichts an, sagte Joggeli
seinem Tochtermann; er knne verleihn, wie er wolle, er sei denn doch noch nicht
bevogtet. Solange er lebe, solle in der Glungge keine Steigerung sein, und auch
nach seinem Tode nicht; er wolle es ihm vermachen, da es hafte, er sei ihm gut
dafr. So einer, von dem man noch jetzt nicht wisse, wo er jung gewesen, solle
ihm nicht kommen und ihm hier in der Glunggen befehlen wollen. Er sei sein
Lebtag dagewesen, und Vater und Grovater. So weit man sich hintern besinnen
mge, sei der Hof in der Familie gewesen; da solle Keiner kommen, der auf der
Gasse jung gewesen, und ihm befehlen, was er auf demselben machen solle. Er
solle ihm zahlen, was er ihm weggenommen. Es dnke ihn, er sollte fr einmal
genug haben und sich schmen, noch mehr zu begehren, und er solle nicht meinen,
weil er so herrschelig daherkomme, so knnte er mit ihnen machen, was er wolle.
Wenn er die Kleider nicht aus ihrem Gel, de bezahlt htte, so wisse man nicht,
ob er noch solche tragen wrde.
    Der Tochtermann lie sich aber nicht erschrecken. Er lasse sich das Geld
nicht vorhalten, sagte er. Ob sie denn eigentlich so dumm seien, zu glauben, er
htte seine Frau wegen etwas anderem als wegem Geld genommen? Da sie ein
halbwitzigen Schlrpli sei, htte ihr ja jedermann angesehen. Aber wenn er
eigentlich gewut htte, was sie fr ein wstes Reib, eisen, eine hssige Krot,
eine faule Sau sei, er htte sie mit keinem Stecklein anrhren mgen, und wenn
sie noch einmal so viel Geld gehabt htte. Jetzt htte er sie ins Teufels Namen
und mte sie einstweilen behalten; jetzt wolle er dazu sehen, da er auch zu
dem Geld komme, das ihm gehre. Er lasse sich noch lange nicht absprengen, und
sie sollten versichert sein, da je wster sie gegen ihn seien, er um so wster
tue und alles seine Plttere entgelten lasse; die wolle er rangieren, da es des
Salzfaktors Jagdhunde besser haben sollten als sie. Da fiel dem Joggeli und der
Mutter das Herz, und sie wren vielleicht dem aufbegehrischen Tochtermann
hingekniet, aber Johannes war da. Mach es nur, sagte der, je wster, desto
besser, wir wollen dir den Marsch bald gemacht haben. Je eher du abgesprengt
wirst, desto besser ists. Denke an die Krone zu - und was du da treibst! Du
verfluechte Bueb! Mit fnfzig Kronen scheiden wir, und dann wirst du zum
Geltstag getrieben, das ist das Beste fr einen solchen Donner, wie du bist;
dann kannst du ds Land ab und Rben fressen. Sie erschrecken ihn noch lange
nicht, antwortete der Tochtermann. Mit dem Geltstag knnten sie es probieren,
wenn sie wollten, sie kmen an den Unrechten. Was bei der Krone gegangen sei,
gehe sie nichts an, er wolle es auf eine Untersuchung ankommen lassen, und wenn
man zu Frevligen nachfragen wollte, so brchte man vielleicht viel rgere Dinge
heraus. Wenn sie die Schande haben wollten, da ihre Tochter so bald sich
scheiden msse, so sei es ihm recht, er frage nichts darnach. Er wolle ihnen
dann aber den Marsch machen.
    Indessen er so aufbegehrisch redete, zog er doch in etwas seine Pfeifen ein,
besonders da Johannes sich nun auf seine Worte berief: Sie sollten jetzt sehen,
was sie fr einen Donner von Tochtermann htten. Es geschehe ihnen aber recht,
sie htten nichts glauben wollen, und er sollte sie jetzt eigentlich im Stiche
lassen mit ihm. Aber es sei ihm auch um seinetwegen; wenn er den Donner machen
lasse, so kme es bald dahin, da die Glungge an eine Steigerung kommen mte.
Davor wolle er sein, er knne darauf zhlen. Von einer Steigerung mute der
Tochtermann endlich schweigen; aber nun wollte er sich in den Akkord mischen und
ihn machen nach seinem Sinn, also auf eine Weise, da Uli unmglich htte
eintreten knnen. Er warf ihn aufs Papier, und Joggeli gefiel er so bel nicht;
er fand von manchem, daran htte er nicht gedacht, die Mutter aber und Johannes
widersetzten sich: Was wollte doch so ein baueliger tusigs Donner von einem
Lehenakkord wissen: keinem Hund wrde man einen solchen machen, und je wstere
Akkorde man mache, desto weniger wrden sie gehalten und desto mehr msse das
Gut darunter leiden.
    Whrend man darber stritt im Stbli, versuchte der Baumwollenherr
Privatgeschfte bei Vreneli, wollte mit ihm so unterhandeln, da wenn es ihm
nachgebe, so wolle er auch mit dem Akkord nachgeben, und lie sich wohl nah zu
ihm her, an. Das aber, nicht faul, nahm ein buchenes Scheit, fuhr auf ihn dar
wie eine Furie und traktierte ihn jmmerlich. Das gab grlichen Spektakel.
Vreneli schlug, der Tochtermann schrie die ganze Verwandschaft scho zu allen
Tren aus und sah den Herren vor Vrenelis Scheit in alle Ecken fliehen. Die
Einen lachten, die Andern schrien, Johannes hatte gute Lust, zuzugreifen;
niemand gab Auskunft, es war wie beim Turmbau zu Babel. Endlich scho der Herr
in eine geffnete Tre, und Vreneli wurde vom Verfolgen abgehalten. Wie eine
glhende Siegesgttin stund es da mit dem Scheit in der Hand oder wie ein Engel
mit flammendem Schwerte vor dem Paradiese der Unschuld und rief dem fliehenden,
blutenden Baumwollenhndler nach: Weit du jetzt, wie ein Bernermeitschi
akkordiert und mit was es den Akkord unterschreibt, du keibelige Uflat! Und
frankweg ohne Hehl erzhlte es, was der Lumpenhund ihm fr Antrge gestellt. Da
ffnete dieser die Tre und rief: Du lgst! Aber ehe das Wort noch recht aus
dem Munde war, fuhr das buchene Scheit aus Vrenelis starker Hand akkurat durch
die geffnete Tre dem Lgner ins Gesicht mitten hinein, und rckwrts fiel er
zurck, fuhr mit der Hand ins Gesicht, und drei ausgeschlagene Zhne rollten ihm
entgegen. Nun neuer Lrm von allen Seiten. Des Johannese Stimme schallte vor
allen in gewaltigem Lachen. Ds Elisi wute nicht, sollte es auf den Mann los
oder auf Vreneli und machte nach beiden Seiten hin seine kleberigen Fustchen.
Vreneli rief: Sag noch einmal, ich lge, wenn du darfst! Es sind noch mehr
Scheiter da! Die weiche Mutter lief nach Wasser und einem Lumpen, Trinette
kickerte und sagte: So einen herrscheligen Mann, der meine, alle seien fr ihn
da, begehre es nicht. Joggeli schttelte den Kopf, ging ins Stbli und las den
Akkord wiederum.
    Sobald der Baumwollenhndler das Blut sich ausgewischt und recht wieder
reden konnte, begehrte er auf ber Vreneli, redete vom Verklagen und wie er es
nicht tue, da es hier auf dem Hofe bleibe, und Joggeli nickte mit dem Kopfe
dazu. Vreneli aber stund ungesinnet vor ihm und htte ihn gleich noch einmal in
die Finger genommen, wenn die Mutter ihns nicht gehalten, aber seine Zunge
konnte ihm niemand halten. Verklag du nur, rief es, ich will dann mit den
andern Jungfrauen kommen; sie knnen auch sagen, was sie von dir er, fahren,
vielleicht wissen die Knechte auch etwas. Beweise es, da ich etwas mit dir
gewollt oder mit den Jungfrauen. Ich kann beweisen, wie du mich geschlagen. Du
Kuh! Da ist einer nicht ein Esel und nimmt Zeugen mit, wenn er ein Mdchen
verfhren will. Aber es wre bse, wenn ein Mdchen sich seiner Ehre nicht mehr
wehren drfte, so stark es mag, oder es htte Zeugen, und wenn es einem den
Grind ab, schlge und nicht nur Zhne in den Hals! Wir wollen sehen, was der
Richter sagt, rief der Baumwollenhndler.
    Meinethalben kann er sagen, was er will, und wenn er ein Bock ist wie du
und dir recht gibt, so mache ich es ihm wie dir. Wenn das Gesetz fr die
Hurenbuben und Diebe und Hndler und Richter da ist, so schlgt man euch das
Gesetz um dGringe, bis ihr gesetzlich zufriedengestellt seid. Ich bin nur ein
Meitschi, aber es nimmt mich wunder, ob ich diesen Weg das Gesetz nicht noch
viel krftiger anwenden knnte als so ein abgejagtes Bcklein, wie du bist und
mancher Andere. Hast du dich nicht still, so wollen wir sehen!
    Aber der Hndler hatte sich nicht still, rsonierte fort und fort, jedoch
ungefhr so, wie eine Kolonne, die sich zurck, ziehen will, um so hitziger
feuert, um den Rckzug zu decken. Er sagte dem Elisi: In einem solchen Haus
bleibe er nicht lnger, wo er sei wie vogelfrei und ein jedes Rindvieh auf ihn
schlagen drfe und ein jedes ertaubete Mdchen; dem wolle er es aber zeigen und
ihm sagen, wie und mit wem er es angetroffen. Er machte einen Lrm mit seiner
Unschuld, da ds Elisi auch halb taub wurde, begriff, ds Vreneli htte
eigentlich seinen Mann verfhren wollen, und eilenden Schrittes ging, diesem
wst zu sagen. Whrend es sich dort fast Schlge holte, ging er in den Stall,
befahl anzuspannen und begegnete dabei dem Uli, der bereits von der andern
Geschichte wute, so puckt, da der ihm sagte, wenn er sich nicht alsobald zum
Stall aus mache, so werfe er ihn ins Bschttiloch, a wolle ihm seine Hitz
vertreiben. Derselbe begehrte auf und sagte Uli: Er solle nicht meinen, weil er
eine unehliche, schlechte Dirne zke, die etwas verwandt sei, so sei ihm alles
erlaubt; er sei der Knecht und sie ein schlecht Mensch und damit punktum. Da
sagte Uli, er wisse ganz genau, welche das schlechter Mensch sei, ob ds Elisi
oder Vreneli, und wenn er es htte machen wollen wie er, so wre Elisi nicht
seine Frau geworden. Aber die Rechten seien aneinander gekommen, sie schickten
sich zusammen wie Mist und Mistbhre. Er solle jetzt schweigen und gehen, sonst
zeichne er ihn auch noch, obgleich es ihm zuwider sei, einen anzurhren, den ein
Meitschi geprgelt. Der Baumwollenhndler wollte vielleicht Streit, aber Uli
lie sein Ro herausfhren; das trieb den Herrn aus dem Stall, und als er wieder
hineinkam, war Uli nicht mehr da. Endlich reisten er und Elisi ab, aber unter
vielen Drohungen: Wie man erfahren solle, was man an ihnen getan, und wie man
sie nicht mehr sehen werde an einem Orte, wo man sie so behandelt.
    Es leichtete allen ordentlich, als sie fort waren, und Johannes versprach
dem Vreneli ein Stck Hausrat zur Ehesteuer, es knne auslesen, was es wolle,
weil es den Schwager so tchtig abgeklopft. Er wollte gerne eine Dublone geben,
wenn er klagen wrde; dem wollte er Snden einbrocken, da er daran ersticken
sollte.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


 Wie Vreneli und Uli auf hochzeitlichen Wegen gehen und endlich Hochzeit halten

Von da an ging die Sache vonstatten, viel besser, als Uli gedacht hatte, und er
mute manchmal denken, es gehe ihm besser, als er verdient, und mute denken,
was sein alter Meister gesagt: der gute Name sei ein eigenes Kapital und mehr
wert als Geld und Gut. Der Lehenzins war billig, was aber die Hauptsache
ausmachte, das waren die Zugaben. Einiges, was ihm besonders gefiel, nahm zwar
der Johannes zuhanden.
    Es sei nichts als billig, sagte er, da er auch etwas htte gegen das Korn
und Kirschenwasser, das der Schwager ihnen abgelschlet. Die Zugaben erstreckten
sich nicht nur auf den ganzen Viehstand, Schiff und Geschirr, sondern auch auf
den Hausrat und die Dienstenbetten. Die Schatzung ber alles war billig, so da
sie den Empfnger, wenn die Sachen ein, mal zurckgegeben werden muten, nicht
ber Nichts bringen konnte. Es waren einige tchtige Vorbehlte, die indessen
bei dem billigen Zins zu bersehen waren. Uli mute ihnen eine Kuh fttern, zwei
Schweine msten, Erdpfel genug geben, ein M Flachssamen, zwei M Hanfsamen
sen, ein Pferd geben, so oft sie fahren wollten. Wenn man einig ist, so ist
selten ein Vorbehalt zu schwer, gert man aber in Miverhltnisse, so wird jeder
Vorbehalt ein Stein des Anstoes.
    Uli und Vreneli konnten ihr meistes Geld sparen und brauchten sehr wenig
anzuschaffen; der versprochene Trossel blieb ihnen auch nicht aus, ein Bett und
einen Schaft erhielten sie, wie man sie selten schner sieht. Johannes sandte
ihnen, ohne ihre Auswahl zu erwarten, eine schne Wiege, die Vreneli lange nicht
ins Haus lassen wollte, behauptend, die sei verirret.
    Aber was das dem Uli zu sinnen und zu denken gab, wie er alles anzustellen
htte in Feld, Stall und Haus; wie es ihm angst machte bald um das Korn, bald um
den Lewat, bald ums Gras; wie er schon vor Fasnacht, wenn der Bysluft ging,
jammerte, es gebe in diesem Jahr nicht Heu; wie hundertmal er rechnete, aus was
er den Lehenzins schlagen, wieviel er verspielen, wieviel gewinnen knne, das
kann nicht wohl erzhlt werden. Es ist aber auch begreiflich, da es einem
jungen Anfnger im ersten Jahr, das ihm den Boden unter den Fen wegnehmen oder
einen Boden darunter grnden kann, etwas bange wird; ein alter, reicher Bauer
nimmt es schon kaltbltiger. Da tut es ihm wohl, wenn er oft zu dem auf, sieht,
der in seinen geheimen Kammern den Bysluft macht und den Schnee, der
Heuschrecken sendet und den Tau fallen lt. Wenn er aufblickt zu dem da oben,
so kommt ihm der Trost ins Herz, da der den jungen Anfnger so wenig vergessen
werde als den Sperling auf dem Dache, als die Lilie auf dem Felde , sobald
derselbe seiner nicht vergit. Allgemach wird er es lernen, aber nur allgemach,
fleiig sein und treu und alles auf das beste tun, dann aber dem Herrn getrost
es berlassen, was daraus werde, und kummerlos das Gedeihen erwarten oder das
Fehlschlagen; wird mit ergebenem Herzen zusehen knnen, wie der Hagel die Felder
zerschlgt, die Flammen das Haus zerstren, und getrost und ohne Heuchelei
sagen: Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn sei
gelobt. Uli sah viel auf zu dem, der so schn ihn gefhrt bis dahin, und verga
keinen Abend seinen innigen Dank; aber das strmische Meer im Herzen, das Wogen
der Gedanken in der Brust wollte sich nicht legen: er war zu neu aufgeregt, zu
viel strmte auf einmal auf ihn ein.
    Vreneli klagte gar manchmal, er sei nicht mehr sein alter Uli, habe keinen
Spa mehr, keine Worte, keine Ohren. Sie htten noch so viel abzureden, und da
sitze er, staune; es sei, als ob die Worte ihm im Halse gefrren, und es knne
manchmal eine ganze Stunde reden, ohne Antwort zu bekommen. Wenn es gewut
htte, da der Brautstand so langweilig sei, so htte es ihn geschickt Band
hauen. Statt zuweilen mit ihm zu schtzelen und Flausen zu haben, sinne er
darber nach, was ihm mehr abtrage, eine Fllimhre oder zwei Ferlimore, oder
welche Khe besser Milch geben, die rotschcken oder die schwarzblschen. Wenn
Vreneli so mit Uli kifelte, so weckte das ihn wohl auf und er tndelte und
lachte manchmal eine ganze Viertelstunde lang, bis ihm der Ernst und das Sinnen
wieder kam. Vreneli, so leichtfertig es schien, war innerlich nicht minder
ernst, konnte es aber verbergen. Es war von den Leuten, die uerlich immer
lustig und leichten Sinnes scheinen, die tiefen Gedanken aber in der Tiefe des
Herzens verbergen, so da man sie ihnen gar nicht zutraut. Es konnte auch halbe
und ganze Nchte sinnen, was ihm als Hausfrau alles obliege, wie es dieses und
jenes machen wolle, da es am besten komme, konnte aus vollem Herzen seufzen, ob
es wohl der Aufgabe gewachsen sei, konnte mit nassen Augen Gott bitten um seinen
Beistand und seine Hlfe, seinem schweren Amte getreulich vorzustehen und Uli
glcklich zu machen. Von diesem allem sieht man am Morgen nichts mehr, der
feuchte Glanz in den Augen scheint von dem Rauch in der Kche zu kommen. Es
fhrt herum wie auf Rdern und trllert seine Liedchen wie ein harmlos
Rotkehlchen, und wo es Uli erwischen kann, mchte es mit ihm spassen, ihn
necken. Hinter dem Tndeln aber sitzt der ernste, innige Gedanke, Uli glcklich
machen zu wollen, und wenn es leichtsinnig mit ihm zu schtzeln scheint, so ist
es nur, um einen Augenblick seinen Kopf an Ulis Brust legen, sich seines Glckes
reche bewut werden zu knnen, eine Seele zu besitzen, ein vernnftig Wesen sein
nennen zu knnen.
    Du bist mir auch das leichtsinnigste Geschpf von der Welt, sagte die Base
oft. Wo ich habe Hochzeit halten sollen, da habe ich manchmal ganze Tage lang
plret, und wenn mich Joggeli hat anrhren wollen, da es die Leute gesehen, so
bin ich zur Tre aus gelaufen, und kein Mensch htte mich wieder hineingebracht.
Ich wei nicht, wie das gehen soll. Und wirklich schttelte sie manchmal bei
sich selbst den Kopf und dachte, sie verstehe sich nicht mehr auf die heutigen
Meitschi, aber wenn das so fortgehe, so komme das nicht gut. Vreneli falle nicht
gut aus, und Uli sei mit ihm geschlagen, mit dr Narre Trybe werche man keinen
Hof. Diesen geheimen Kummer vermehrte Joggeli noch, der ihr alle Tage sagte: Du
kannst sehen, wie das kmmt; das geht nicht ein Jahr, so sind sie am Haufen.
Aber ich vermag mich dessen nichts, ich habe es genug gesagt, es komme nicht
gut. Aber man glaubt mir nichts, man hat mir nie geglaubt, darum ist auch alles
so gekommen. Ich habe es mit dem Elisi von Anfang an gesagt, aber es wollte mich
damals niemand hren.
    So rckte in banger Stimmung die Zeit heran, wo Uli das Lehen bernehmen
sollte, das ihm das Zutrauen um seiner Anstelligkeit und Treue willen bertrug.
Vorher sollte er mit Vreneli Hochzeit halten. Schon seit dem Neujahr war davon
die Rede gewesen, aber das Meitschi hatte immer Grnde zum Aufschub. Bald hatte
es nicht Zeit gehabt, recht daran zu sinnen, bald hatte es eben daran gesinnet
und gefunden, es sei besser, noch einen Sonntag oder zwei zu warten. Dann sagte
es, es wolle vom Hochzeit gleich als Meisterfrau eintreten und nicht erst noch
Magd sein, oder der Schuhmacher htte seine Sonntagsschuhe, in den Holzbden
knne es doch nicht wohl zum Pfarrer gehen, das Hochzeit anzugeben. So strich
ein Sonntag nach dem andern vorbei. Da sa an einem strmischen
Sonntagsnachmittag die Base hinter dem Tisch und sagte: Vreneli, gib mir doch
die Brattig, sie hanget dort auf. Sie bltterte darin, weit von den Augen sie
haltend, zhlte mit dem dicken Finger die Wochen, zhlte wieder und schrie
endlich: Weit du, da es bis zum fnfzehnten Merz, wo ihr das Leben antreten
mt, nur noch fnf Wochen sind? Du wests Meitli hast die Sache bis dahin
verdreht! Auf der Stelle geht mir jetzt und gebt mir das Hochzeit an! Das ist
mir eine schne Geschichte! Jawolle! Vreneli wollte es nicht glauben, zhlte
nach, fand es endlich noch eine Woche zu frh und meinte, wenn sie nur einen Tag
oder zwei vor dem Fnfzehnten Hochzeit hielten, so wre es lange frh genug.
Aber davon wollte die Base nichts hren. Uli schlug sich auf ihre Seite, und
wenn schon nicht selben Sonntag, so sollte doch in selber Woche das Hochzeit
beim Pfarrer zu fligen angegeben und derselbe ersucht werden, in Beider Heimat
zu schreiben, damit es auch dort verkndet werde. Am Montag hatte aber Vreneli
seine Schuhe noch nicht vom Schuhmacher, am Dienstag schien ihm der Mond zu
heiter. Alle Leute wrden es ja kennen durchs Dorf ab, sagte es. Am Mittwochen
war das Zeichen ihm nicht gut genug, auch sei der Mittwochen ja eigentlich kein
Tag, behauptete es. Es stehe an diesem Tag ja kein Jungfrulein ein, und sei das
Hochzeitangeben noch wichtiger, als einen Dienst anzutreten, wo man ja das ganze
Jahr daraus knne, wann man wolle. Endlich am Donnstag gingen alle mit Ernst
hinter ihns und sagten ihm, das sei kreuzdumm getan. Es htte sich der Sache
doch nicht zu schmen und einmal msse es sein, gb es geschehe einen Tag frher
oder spter, und es sollte froh sein, wenn es einmal geschehen sei.
    Glcklicherweise hatte der Schuhmacher die Schuhe gebracht, und der liebe
Gott sandte ein grliches Schneegestber, da kein Mensch mit offenen Augen ein
Dutzend Schritte gehen konnte, und eine Nacht legte sich zwischen Himmel und
Erde, wie keine noch so dick und schwarz gewesen war. Als es nun so recht strub
machte, Schnee und Riesel an die Fenster prtschten, fingershoch an den Rahmen
hingen, der Wind schaurig durch das Dach pfiff, die Nacht dick und finster zu
den Fenstern ein kam, das Lmpchen selbst sich ihrer kaum erwehren mochte, die
Katzen schaudernd die Feuerplatte suchten, der Hund an der Kchentre kratzte
und mit dem Schwanz zwischen den Beinen unter den Ofen kroch, da sagte Vreneli
endlich: Jetzt, Uli, mach dich zweg, jetzt wollen wir gehen, jetzt guggen uns
die Leute gewi nicht nach. Du bist mir doch das wstest Gret, sagte die
Base. Nein, bei solchem Wetter kme ich dir auch nicht, wenn ich Uli wre, da
knntest du alleine gehen. Das kann er machen, wie er will, sagte Vreneli,
aber wenn er heute nicht kmmt, so gehe ich nachher nicht mehr. Und wenn seine
Liebe so gro ist, wie er sagt, so tut ein solches Wetter ihm nur wohl. Wohl,
ich wollte dir, wenn ich Uli wre! sagte die Base. Aber so nehmt doch das
Wgeli, Hans kann euch fhren, ihr kommt ja um in solchem Wetter. Warum nicht
gar, Base, auf dem Wgeli reiten, um das Hochzeit anzugeben! Da wrden die Leute
ja erst recht zu reden haben, und wir kmen das andere Jahr in die Brattig, und
das Wgeli kme zmitts auf die groe Helge. Nun wollte die Base Uli aufweisen,
er solle nicht gehen, aber dem war es recht, wenn Vreneli nur einmal gehen
wollte. Aber wunder nehme es ihn, wie Vreneli durchkommen wolle. Etwas htte es
verdient um sein wunderlich Tun, und so wollten sie es in Gottes Namen wagen,
knnten sie doch jetzt zusammen gehen und brauchte Keins dem Andern hinter einem
Hag oder hinter einer Scheuer zu warten, wie es sonst blich sei. Die Base,
bestndig brummend ber diese Narrheit, half doch, so gut sie konnte, bei der
Ausrstung zu dieser Fahrt, brachte Joggelis Mantelkragen und seine
Pelzhandschuhe; aber bei jedem Stck, das sie brachte, sagte sie: Los,
Meitschi, das kmmt gewi nicht gut. Wenn du so wunderlich tun willst, so
schlgt dir Uli vom Nest. Wenn ein Meitschi so tut, du mein Gott, was soll das
fr eine alte Frau werden! Die Wunderlichkeiten nehmen mit dem Alter zu, das
kann ich dir sagen.
    Als sie endlich fertig waren und die Kchentre aufmachten, mute Vreneli
dreimal ansetzen, bis es drauen war, und Uli mute seinen Hut zuhinterst in der
Kche wieder suchen. Die Base fing von neuem an zu jammern, sie zu beschwren,
sie sollten doch dr tusig Gottswillen nicht gehen, sie kmen ja um! Aber Vreneli
setzte zum drittenmal an mit aller Kraft, war im Schneewirbel verschwunden, der
Base Gejammer verhallte ungehrt. Es war wirklich ein halb halsbrechender Gang,
und Uli mute dem Mdchen aushelfen. Den Wind gerade im Gesicht, verloren sie
fters den Weg, muten manchmal stillestehen, sich umsehen, wo sie seien, muten
Atem schpfen, sich umdrehen, die grellsten Ste vorbeizulassen; sie brauchten
Dreiviertelstunden fr die kleine Viertelstunde bis zum Pfarrhaus. Dort klopften
sie sich erst so gut mglich vom Schnee rein, dann an die Tre. Lange klopften
sie umsonst, der Schall verlor sich in des Windes Geheul, das schauerlich durch
die Kamine toste. Da verging Vreneli die Geduld, statt des ehrerbietig
klopfenden Uli klopfte nun es, da sie drinnen von ihren Sitzen auffuhren, die
Frau Pfarrerin sagte: Herr Jeses, Herr Jeses, was ist das! Der Herr Pfarrer
aber beruhigte sie und sagte: Das werde ein Kindbettimann oder ein Hochzeit
sein, die schon mehrere Male geklopft; aber Marei werde wieder nichts gehrt
haben, wie es es im Brauch habe. Unterdessen Marei Bescheid gab, zndete er
bereits ein Licht an, damit die Leute nicht lange warten mten, und sobald
Marei zur Tre hinein sagte: Herr Pfarrer, es sind zwei Ltli da, trat er
schon heraus.
    Hinter der Haustre stunden die Beiden, Vreneli hinter Uli. Der Pfarrer,
etwas klein, in eben rechtem Alter, aber bereits mit einem ehrwrdigen Haupte
versehen und klugen Zgen, die sehr scharf und sehr freundlich sein konnten, hob
das Licht ber sein Haupt empor, sah etwas vorwrtsgebeugten Hauptes darunter
durch und rief endlich: Eh, Uli, bist du es, bei solchem Wetter! Und hinter dir
wird wohl Vreneli sein, sagte er, mit dem Lichte herumzndend. Nei aber, rief
er bei solchem Wetter? Und die gute Glunggeburin hat euch gehen lassen! Marei,
komm, rief er, putz mir die Ltli ab, nimm diesen Kragen und trockne ihn.
Marei kam mit seiner Lampe sehr gerne her. Da tat die Frau Pfarrerin auch die
Tre auf mit dem Lichte in der Hand und sagte: Fhre doch die Ltli hier
herein, es ist wrmer als bei dir, und Vreneli und ich kennen einander gar
wohl.
    Da stand nun Vreneli im Glanz von drei Lichtern noch immer zwischen Uli und
der Tre und wute nicht recht, was fr ein Gesicht es vornehmen solle. Endlich
machte es gute Miene zum bsen Spiel, kam hervor, grte sittig den Pfarrer und
dessen Frau und sagte, die Base lasse ihnen guten Abend wnschen, der Vetter
auch. Das sagte Vreneli mit der unschuldigsten Miene von der Welt. Aber, sagte
drinnen der Pfarrer, warum kommt ihr bei solchem Wetter? Es ist ja fr darin
umzukommen! Es hat sich nicht wohl anders geschickt, sagte Uli, der die
Mannespflicht, den Eigenwillen seiner Frau auf seine Schultern zu nehmen, zu
fhlen begann, eine Pflicht, die man am Ende notgezwungen ben mu, entweder um
nicht unter dem Pantoffel zu scheinen oder die Schwachheiten der Frau nicht
auszubringen. Wir durften nicht lnger warten, fuhr er fort, da wir den Herrn
Pfarrer bitten mchten, die Sache noch da und dort anzuzeigen, damit es auf den
nchsten Sonntag verkndet werden knne. Dafr seien sie wohl spt, sagte der
Pfarrer, er wisse nicht, ob die Post vor dem Sonntag kme an beide Orte. Es sei
ihm leid, sagte Uli, daran htten sie nicht gedacht; Vreneli tat, als ob ihns
die Sache nichts anginge, und redete recht eifrig mit der Frau Pfarrerin ber
den Flachs, der so schn geschienen und doch beim Hecheln gar nicht ausgeben
wolle.
    Als die Formalitten zu Ende waren, sagte der Pfarrer zu Uli: Und Ihr
werdet Lehenmann in der Glungge? Das freut mich. Ihr seid nicht wie so viele
Knechte, denen man kaum ansieht, da sie Menschen, geschweige da sie Christen
sind, Ihr stellt Euch wie ein Mann dar und tut auch wie ein Christ. Ja, sagte
Uli, warum sollte ich Gottes vergessen? Ich habe ihn ntiger als er mich, und
wenn ich ihn vergesse, darf ich dann hoffen, da er an mich denkt, wenn er seine
Gaben und Gnaden austeilt? Ja, Uli, das ist schn, sagte der Pfarrer, und
ich glaube, auch er habe Euch nicht vergessen. Ihr habt ein gutes Lehen, und ich
glaube, Ihr bekommt eine gute Frau. Ich rede nicht vom Arbeiten und Haushasten,
da wird Vreneli gerhmt, ich wei es wohl; Arbeiten und Haushasten ist gut, aber
doch nur eine Nebensache. Vreneli scheint leichtsinnig und flchtig, aber ich
wei, es sinnet auch tiefer und hat ein gutes Herz. Vreneli hatte seine Ohren
bei diesem Gesprche, wie eifrig es vom Flachs redete. So wenig es frher dieses
merken lie, so wenig konnte es sich jetzt enthalten, zu sagen: Aber Herr
Pfarrer, Ihr knntet nur auch zu viel zutrauen. Nein, Vreneli, sagte der
Pfarrer, ich sehe in der Unterweisung in gar manches Herz hinein, man wei es
nicht, ich hre gar manches, man glaubt es nicht, und dazu errate ich noch
vieles. Bist du nicht auch schuld, da Ihr bei diesem grlichen Wetter
hereingekommen? Sieh, ich wnsche von ganzem Herzen, da dieses der strbste
Gang ist, den ihr mit einander whrend Eurer Ehe geht. Doch was Gott verhngt,
wei niemand, wenn nur alles zur Seligkeit dienet. Aber das kann ich wohl
wnschen, da Ihr keinen so struben Gang mehr tun mt durch des Einen oder
Andern Schuld. Was von Gott kmmt, das lt sich alles tragen, wenn Zwei in Gott
eins sind; aber wenn der Eigensinn oder die Wunderlichkeit oder die Leidenschaft
von Mann oder Weib Unglck ber eine Ehe bringen, rgernis und Elend, und das
Unschuldige mu mit aus dem bittern Kelch trinken, mu bei jedem Zuge denken:
Daran ist mein Gatte schuld, wenn er nicht wre oder anders wre, so wre das
auch nicht, da wird das Leben ein Wermutstrank und der Gang durchs Leben ist
noch viel ungestmer als euer heutige Gang. Und wenn man am Ende ist und es
gehen einem die Augen auf und man sieht, da man das Unwetter selbst war auf dem
Lebensweg, das einem Gatten die ganze Lebenszeit verfinstert, getrbt hat, da
er unsertwegen einen so schweren Gang htte, whrend er bei etwas weniger
Eigensinn oder Wunderlichkeit einen recht schnen, heitern htte haben knnen:
denk, Vreneli, was mu man sich da fr ein Gewissen machen!
    Vreneli war ganz rot geworden, das Wasser trat ihm in die Augen, und die
Frau Pfarrerin sagte: Aber Mannli, du machst ja dem Meitschi ganz angst, kommst
so ernsthaft, da es mir selbst den Rcken auf geht, und du weit doch nicht, ob
die Sache so ist, wie du meinst. Ich kann mich irren, antwortete der Pfarrer,
aber ein ernstes Wort gehrt zu diesem ernsten Gange. Ihr werdet Euch Euer
Lebtag erinnern an das grliche Wetter und das mhselige Gehen, da kmmt dann
auch die freundliche Mahnung Euch in Sinn, auch wenn Vreneli diesmal nicht
schuld war, da jedes sich hten solle, da das Andere nicht durch seine Schuld
beschwert werde, leiden msse, da wir daseien, einander das Leben zu
erleichtern und zu versen und nicht zu verbittern und mhselig zu machen.
Paulus sagt, die Ehe sei ein Geheimnis; er hat recht, aber die Liebe, die er im
dreizehnten Kapitel im ersten Brief an die Korinther beschreibt, ist der
Schlssel dazu. Habe ich dir unrecht getan, Vreneli, so zrne mir nicht; du
sollst wissen, da ich es doch gut mit dir meine.
    Da begannen die Wasser aus den Augen zu rollen, und Vreneli bot dem Pfarrer
die Hand und sagte: Ihr habt mehr als recht, ich bin schuld daran, bin ein wst
und wunderlich Meitschi gewesen. Was Ihr mir gesagt, will ich nicht vergessen,
es soll nur eine Warnung sein fr mein Lebtag. Ich habe es nicht bs gemeint,
habe nicht daran gedacht, da es so kommen werde; es ist mir zuwider gewesen, zu
kommen, und da habe ich alles hervorgesucht, um es zu verschieben. Aber es soll
mir eine Warnung sein! Nun, nun, sagte der Pfarrer, grme dich nicht. Es ist
allerdings ein schwerer Gang, zum Pfarrer, das Hochzeit anzugeben. Ich begreife,
da es einem Mdchen bange werden mu dabei, und da man das Schwere so weit von
sich wegschiebt als mglich, ist menschlich, und es tun das noch viel andere
Leute als nur junge Meitscheni. Es ist eben die schwerste Lebensaufgabe, das
Schwere auf sich zu nehmen, vor dem Schwersten nicht zu zagen und zu zittern.
Das meiste Unglck der Menschen besteht eigentlich nur darin, da sie sich mit
Hnden und Fen gegen das Kreuz, das sie tragen sollen und tragen mssen,
stemmen und wehren. Es ist ganz recht, wenns den jungen Leuten eng ums Herz
wird, wenn sie zum Pfarrer gehen, ist dieser Gang doch der entscheidende fr ihr
ganzes Lebensglck; darum rede ich gewhnlich ein ernstes Wort dazu, denn dieses
Wort wird viel weniger vergessen als hunderte, die ich in der Kirche sage. Wie
heute geben die Umstnde sie mir in den Mund, und wenn der Herr so mchtig auf
den Flgeln des Sturmes daherfhrt, so mssen die Worte ernsthaft werden. Und
wie das uere Leben ein Bild des geistigen Lebens ist, so ward mir Euer Gang
daher zum Bilde mancher, mancher Ehe, zum warnenden Worte, vor solcher Ehe und
den Ursachen dazu Euch zu hten. Es mu auch niemand wunder nehmen und auch dich
nicht, liebe Frau, die du jetzt vielleicht zum erstenmal bei der Abnahme einer
solchen Angabe gewesen und zum erstenmal einen solchen Zuspruch gehrt hast, da
ich so ernsthaft werde. Es ist frchterlich, welcher Leichtsinn einreit und wie
schauderhaft unwrdig so Viele ihre Ehe angeben. Ein Freund hat mir geschrieben,
da ihm letzthin an einem Samstag zwei Paare zur Hochzeitangabe gekommen seien,
beide Brute hochschwanger und alle Viere voll Branntwein, so da sie kaum
reden, kaum gehen konnten. Wren wir in einem christlichen Staate und nicht in
einer Agentenwirtschaft, so wrde man solche Tiere zurck, weisen, bis sie in
einem menschlichen Zustande wren. Tte man es jetzt, so riskierte man
Anschicksmnner, Rechtsverwahrungen, Zitationen, und die Richter wrden mhselig
in der Gerichtssatzung oder im Personenrecht einen Paragraphen suchen, der sich
auf diesen Fall beziehen liee, und wrden ganz sicher gegen den Pfarrer auch
einen finden. Vom eigentlichen Regieren lscht der Begriff immer mehr aus, wie
auch das Licht immer dsterer brennt, je mehr Rauch und Staub um dasselbe
gemacht wird. Aber was mu das fr Ehen geben, wo die Leute in solchem Zustande
den wichtigen Gang tun, und was fr ein Bild ihres zuknftigen Zustandes wird da
dem Pfarrer auf die Zunge gelegt! und doch darf er es vielleicht nicht einmal
aussprechen diesen trunkenen Leuten, besonders wenn sie etwa Brger einer Stadt
oder sogenannte Ftzelherren sind. Bei solchen luft er Gefahr, da sie ihm wst
sagen, ihn in eine Zeitung tun oder gar verklagen. So wie es bei solchen
Erscheinungen einem recht eigentliche Stiche ins Herz gibt, so tut es einem auch
wohl, wenn man Zwei zur Ehe schreiten sieht, von denen man wei, da Gott bei
ihnen ist und da sie trachten werden, ihre Leiber und ihr Haus zu einem Tempel
zu machen, darin Gott wohnen mag. Nicht nur mu der Pfarrer ber jede solche Ehe
sich freuen, ich wei, es ist Freude darber im Himmel. Wenn nun zwei Solche zu
einem kommen, wo man sich freuen kann ber sie, da darf man ein ernsthaft Wort
zu ihnen reden; man wei, sie nehmen es einem nicht bel, sondern es fllt auf
gutes Erdreich, wo es dreiig-, sechzig-, hundertfltige Frchte bringt.
    Ja, Herr Pfarrer, sagte Vreneli, ich werde es nie vergessen, was Ihr
gesagt, und Uli soll es Euch zu danken haben. Oh, ich habe noch manches Wort von
der Unterweisung her, das ich nie vergessen werde. Und wenn es mich schon manch-
mal dnkt, ich htte alles vergessen, so steigt bei diesem Anla oder einem
andern ein Wort aus der Unterweisung in mir auf, fast als ob mir jemand den
Finger aufhbe und sagte: Eh, eh! Es gehe ihm auch so, sagte Uli, doch jetzt
mehr als frher. Es sei eine Zeit gewesen, wo er wenig an die Unterweisung
gesinnet habe. Es komme viel darauf an, was man im Kopf habe, je nachdem komme
einem etwas in Sinn. Er htte es nicht geglaubt, wenn er es nicht selbst
erfahren htte.
    Da kam die Magd mit den Tellern herein, um Tisch zu decken. Vreneli merkte
es und stund zum Abschied auf, obgleich die Frau Pfarrerin sagte: Man solle
nicht pressieren, oder sie sollten mithalten. Aber Vreneli sagte, sie mten
gehen, die Base meine sonst, sie seien umgekommen, dankte recht innig dem
Pfarrer noch einmal fr sein Wort und bar ihn, zu versprechen, da er auch zu
ihnen komme, wenn sie schon nur Lehenleute seien. Ein Kaffee vermchten sie doch
immer, wenn sie vorlieb nehmen wollten. Es lache ihm alle, mal das Herz im
Leibe, wenn es ihn nur von weitem sehe. Glck und Segen wnschend zum heiligen
Ehestand, zndete ihnen mit hochgehaltenem Lichte der Pfarrer selbst hin, aus
und gab ihnen einen guten Abend mit fr die Base und fr den Vetter auch.
    Drauen hatte der Schneesturm aufgehrt, zerrissene Wolken jagten durch den
Himmel, einzelne Sterne flimmerten in den lichten Zwischenrumen, in ein weies
Schneegewand war die Erde gehllt. Stillschweigend wanderten sie durch das Dorf,
wo die Bewohner hinter ihren kleinen runden Scheiben um dstere Lampen saen,
die Spinnrder lustig schnurrten, lang ausgestreckt das Bein von manchem Hans
Joggi um den Ofen blampete. Hie und da bellte ein Ringgi sie an, sonst nahm sie
niemand wahr, berflssig war ihre Vorsicht, schweigend und leise durchs Dorf zu
eilen. Zum Schweigen trugen auch ihre vollen Herzen bei, in denen gar manches
ernst und heiter sich wlzte, whrend rasche Wolken vorbertrieben, zwischen
denen heiterere Sterne funkelten in immer grerer Menge, bis die letzte Wolke
entschwunden war, in heiterem Blau Stern an Stern sich reihte, in heiterer
Pracht ein funkelnder Himmel sie berstrahlte, die dstern Lmplein
zurckblieben unter des Dorfes dstern Dchern. Da umfate schweigend Vreneli
seinen Uli, blickte hell und strahlend ihm ins Auge, strahlende Augen hoben sich
auf zum strahlenden Himmel. Die verschwiegenen Sternlein hrten heilige Gelbde,
horchten lautlos den heiligen Gedanken, welche leise und wonnereich die Herzen
der seligen Brautleute fllten, die still und leise ihren Heimweg gingen, den
ihnen Gottes eigene Hand mit des Himmels Blten, mit reinem, unbeflecktem Schnee
bestreut hatte.
    Nher und nher rckte der verhngnisvolle Hochzeittag. Schon waren des
Vetters ins Stckli gezgelt; die Base lie das Haus von oben bis unten fegen
und ribeln, wie sehr auch Vreneli wehrte, da in dieser khlen Jahreszeit solche
Arbeit nicht viel abtrage, aber ungesund sei. Sie wolle das Haus nicht bergeben
wie einen Schweinstall, sagte sie, und die Leute sollten ihr nicht nach ihrem
Tode nachreden, wie sie ihr Haus bergeben. Aber man sinne nicht, da wenn so
viel drauen zu tun sei und man so viel Land habe, man im Hause nicht machen
knne, was man wolle, und nicht alle Freitage fegen wie die Herrenfrauen. Der
Tischmacher hatte seine Arbeit gebracht, Schneider, Nherin waren endlich unter
Schwei und Angst zu Ende getrieben worden, aber der Schuhmacher wollte nicht
rcken, der kam nicht und kam immer nicht, der hatte seine Freude daran, warten
zu lassen, sein Wahlspruch war: Ihr wartet wohl, bis ich komme. Vreneli
verredete sich, der habe ihm die letzten Schuhe gemacht, und sollte es frder
barfu laufen, und es hielt sein Gelbde.
    Wie an einem Samstag vor einem heiligen Sonntag, der fast unwiderstehlich
feierliche Gefhle den Herzen aufdringt, fast wie am Vorabend seiner Admission
war es ihm am Tage vor der Hochzeit zumute. Sinnig und ernst waltete es im
Hause, vielleicht hatte es noch nie so wenig geredet als an diesem Tage. Es war
ihm manchmal, als ob es weinen sollte, und doch hatte es ein freundlich Lcheln
fr alle, die ihm begegneten. Es versank zuweilen in ein Sinnen, wo es sich, Ort
und Zeit, alles, alles verga; es wute nichts von sich selbst, wute nichts von
seinem Sinnen. Wenn dann jemand es anredete, so fuhr es auf wie aus tiefem
Schlafe, es war ihm, als ob es erst jetzt wieder Ohren und Augen bekme, als ob
es aus einer andern Welt wieder auf Erden fiele.
    Als sie am Nachtessen saen, knallte es unerwartet auf dem Hgel neben dem
Hause, da alle hoch auffuhren. Es waren die Knechte und einige Tagelhner, die
die Ehre der neuen Meisterleute der Welt verknden wollten. Es liegt in diesem
Schieen und Knallen bei Hochzeiten ein tiefer Sinn, schade nur, da so manches
Menschenleben dabei gefhrdet wird; Kein widriges Horngeheul klang dazwischen,
keine grliche Trosselfuhr, wie Neid oder Feindschaft sie Brautleuten bringen,
strte den friedlichen Abend. Die Base gab allerlei Ermahnungen, hatte mitunter
auch allerlei Spe, brachte Finkenschuhe, Handschuhe und was sie auftreiben
konnte, um am frostigen Morgen vor Klte sie zu schtzen. Frh wollten sie fort.
Uli wollte in seiner Heimat Hochzeit halten, wo Vetter Johannes wohnte. Er
sagte, es koste dort weniger. Aber inwendig in ihm war etwas anderes, das ihn
heimtrieb. Seine schne Braut, das stattliche Fuhrwerk zeigte er gerne daheim.
Man sollte daheim doch auch wissen, da er aus einem Hudelbub ein Mann geworden,
und er wollte es gerne erzhlen zu Nutz und Frommen von Vielen, wer ihn dazu
gemacht und wie.
    Unerwartet rief Joggeli ihn noch ins Stbchen und sagte ihm: Rhmen und
Flattieren sei nicht seine Art, so lange er dagewesen, habe er ihm nicht viel
gesagt; aber da er zufrieden sei mit ihm, das htte er sehen und daraus
abnehmen knnen, da er ihm das Gut so gegeben, ein Fremder htte es nicht so
erhalten. Der Tochtermann habe ihm noch gestern geschrieben, er solle, statt so
viel in die Schatzung zu geben, eine Steigerung darber halten; er lse ein
groes Kapital, das er ihm zu fnf oder sechs verzinsen wolle. Aber er wolle
seine Sachen nicht versteigern, und was er geschrieben habe, das habe er
geschrieben. Zum Zeichen der Zufriedenheit wolle er ihm aber noch etwas tun. Er
solle das Pckchen nehmen, es sei etwas an die Kosten des morndrigen Tages. Er
wisse, Uli sei huslich und halte jetzt besonders sein Geld zusammen, aber morgen
solle er nicht sparen und sich gehen lassen. Huslichkeit sei eine schne Sache,
aber am Hochzeittage drfe man nicht auf den Kreuzer sehen; wo es geschehe, sei
es meist eine bse Vorbedeutung; wenn die junge Frau halb hungrig heimkomme und
plre, so komme das selten gut. Uli weigerte sich erst, dankte vielmals fr alle
schon erhaltenen Vergnstigungen, versprach noch einmal alles Gute und nahm es
endlich doch, obgleich er es nicht bedrfe und dafr Geld gerstet htte. Da
lachte die Mutter: Das werde ein Haufen sein, sie knne es sich schon denken;
sie wisse, wie er es habe. Was er Ungerades zu einem Neutaler habe, das werde
gerstet sein, aber wechseln werde er kaum etwas lassen wollen. Ei, sagte Uli,
wenn man das Geld genug verdienen msse, so zhle man die Batzen, ehe man sie
ausgebe, und jetzt knne er gar nicht begreifen, wie man an einem Tage so mir
nichts dir nichts verhudeln knne, was man mit saurer Mhe whrend sechs Tagen
an Wind und Wetter verdient habe. Ehedem htte er es auch nicht so gehabt. Aber
fr morgen htte er nicht sparen wollen und mchte gerne noch seinen alten
Meister und dessen Frau einladen. Zwei Kronen oder sechzig Batzen sollten ihn
nicht reuen. Da lachte das alte Ehepaar gar herzlich, selbst Joggeli, der es
sonst selten tat. Nu nu, sagte er, es ist nicht Gefahr, da du um deine Sache
kmmst, wenn du nie mehr brauchst und noch Leute zu Gast haben willst. Es ist
gut, da ich noch etwas nachgebessert, sonst htte Kohli Hunger haben mssen,
und du httest noch manchen Tag ein saures Gesicht gemacht ber das zu viel
gebrauchte Geld, und ds Vreni, weil du ihm Hunger und Durst gelassen. Gute
Nacht!
    Uli aber hatte keine gute Nacht. Frh um drei wollten sie fort. Der Stunden
waren also wenige bis dahin, aber sie wollten nicht vorbei. Er konnte nicht
schlafen, gar vieles bewegte ihn, warf ihn unruhig hin und her, und alle halbe
Minuten griff er nach der Uhr. Die ganze Bedeutung, in die er treten sollte,
wlzte sich in ihrer ganzen Schwere auf seine Seele. Dazwischen gaukelten
liebliche Bilder, und Vreneli in seiner ganzen Holdseligkeit tanzte vor seinen
geschlossenen Augen. Noch nicht lange war die Geisterstunde vorber, als er das
Bett verlie, um dem Pferde sein Futter zu geben und es gehrig zu putzen und zu
striegeln. Als er mit dieser Arbeit fertig war, ging er zum Brunnen und begann
das Werk auch an sich. Da umfingen ihn wieder schalkhafte Hnde, und Vreneli
brachte ihm den holden Morgengru. Ein Vorgefhl hatte es zum Brunnen gefhrt,
und sie kosten in kalter Morgenluft, als ob laue Abendwinde suselten. Das
Bengstigende, Drckende schwand ihm nun, und rasch frderte er die
Vorbereitungen zur Abfahrt. Bald konnte er in die Stube zum warmen Kaffee, den
Vreneli gekocht und zu dem die Base weies Brot und Kse gerstet hatte. Wenig
Ruhe hatte das Meitschi am Tische, der Kummer, etwas zu vergessen, lie es nicht
rasten; das Zusammengelegte wurde immer wieder besehen, ob nichts fehle, und
doch wren die Finkenschuhe der Base bald zurckgeblieben. Endlich stund es fix
und fertig da, holdselig und schn. Die beiden Mgde, die der Gwunder aus dem
Bette getrieben, umleuchteten es mit ihren Lampen und waren so in Bewunderung
vertieft, da sie vergaen, da das l Flecken mache, da das Feuer znde; bald
wre Vreneli in l getrnkt im Feuer aufgegangen. Ach, in der armen Mgde
fleischichten Herzen wogte das Verlangen: ach, wenn sie doch einmal so schne
Kleider htten, so wrden sie auch so schn sein wie Vreneli, dann knnten sie
auch einmal mit einem so schnen Mann zHochzyt ryten!
    Lange vor drei Uhr fuhren sie in den kalten, bereiften Morgen hinaus. Es ist
seltsam, wie froh und frei es einem im Gemte wird, wenn man des Hauses
beengende Schranken verlt, von den allenthalben einem entgegentretenden
Geschften sich wendet und hinaustritt in einen hellen Morgen Gottes. Da geht es
einem weit vor den Augen auf, weit wird das Herz, und khnen Mutes schlgt es
dem Leben entgegen, dem Leben, rosenrot gefrbt durch das junge Morgenlicht.
Wenn der Abend wiederkmmt, dann kehrt in die mden Glieder das Sehnen ein nach
des engen Hauses Ruhe, jede kleine Mhe wird zum Berge, der seufzend bezwungen
wird, und erst leuchtet das matt gewordene Auge wieder auf, wenn das dstere
Huschen sichtbar wird, wenn das dunkle Kmmerlein sich zeigt, wo Ruhe ist fr
die mden Glieder, wo das an Heimweh kranke Herz heilende Schranken findet.
Frhlichen Gemtes fuhren sie der Stunde entgegen, in der ihr Bund frs Leben
geheiligt werden sollte; ein frhliches Vertrauen zu sich und Gott hatte sich
auf erbaut in ihren Herzen, sie zweifelten nicht an ihrem Glcke. Frhlich kte
Uli sein Mdchen, er wute, die verschwiegenen Sterne plauderten es nicht aus.
Er hatte seine Freude an Vrenelis kalt angehauchten Wangen, die, sobald er sie
berhrte, zu schwellen und zu glhen begannen, als ob sie nur die Wlbung wren
des geheimen Feuerherdes, der bei jedem mnnlichen Hauche zu flammen und zu
sprhen beginnt. Er hatte den Mut, zu sagen: Das sei doch ein ander Kssen als
auf Elisis kalte Backen, die ihm immer vorgekommen wren wie eine weseme Rbe,
und es sei ihm immer gewesen, als mte er den Pfnsel bekommen, wenn er ihm ein
Mntschi habe geben mssen. Vreneli nahm diese Rede nicht bel, fgte nur bei:
Was dahinten sei, das sei gemht, es wolle es vergessen. Aber fr die Zukunft
verbitte es sich das Untersuchen, ob andere Backen hei oder kalt seien. Wenn er
ihm ds Herrgetts wre, so etwas zu machen, es wte nicht, was es anfinge, aber
gut ginge es nicht. Unter solcher Rede und Gegenrede erbleichten die flimmernden
Sterne und suchten ihre himmelblauen Bettlein, und die gute Mutter Sonne begann
ihnen den goldenen Umhang darum aus funkelnden Lichtesstrahlen zu weben, damit
ihr keusches Niedergehn, ihren unschuldigen Schlaf neugieriger Snder Augen
nicht beflecken mchten. Der Reif schttelte seine Locken mchtiger; durch die
Sonne von den Sternlein weg, dem dunkeln Scho der Erde zu getrieben und von den
himmlischen Liebchen verjagt, versuchte er mit irdischen zu kosen, wollte um
Vreneli sich legen, seine kalten Arme schlingen um das warme Mdchen, sein
weier Hauch spielte schon in den Spitzen von Vrenelis Kappe. Das Mdchen
schauderte zusammen und bat Uli, sich flchten zu drfen in ein warmes Stbchen
nur einen Augenblick; es schttle ihns durch und durch, sie kmen immer noch
frh genug.
    Uli lenkte alsobald unter einen Herberge darbietenden Schild, und Vreneli
suchte Schutz vor dem kalten Liebhaber in einer Gaststube. Dort ist des Morgens
gewhnlich ein wstes Sein, sie mahnt an eines Trunkenen Erwachen und
Katzenjammer; indessen wenn es drauen kalt ist, so nimmt man vorlieb, auch wenn
der Ofen nur verglimmende Wrme hat. Das Pferd war bald eingestallet, desto
schwerer aber das Stubenmdchen zu wecken, welches das Aufstehen vor hellem Tage
nicht liebte, nicht gerne sein abgeschossenes Angesicht zeigte, ehe die Sonne
darauf scheinen konnte. Endlich kam es verstrupft dahergeschlarpet. Es war, als
ob es bei jedem Schritt ein Bein oder gar beide verlieren mte, und vor Ghnen
konnte es lange, lange nicht fragen, was ihnen lieb wre. Lange, lange gings,
bis endlich der bestellte warme Wein kam, den man fast siedend trinken mute,
wenn man sich nicht verspten wollte. Schon acht Batzen, dachte Uli, als er die
rti hrte, und ein Batzen dem Stallknecht, macht neun. Es ist gut, da mir
Joggeli etwas beigeschossen, ich kme sonst mit fnfzig Batzen nicht aus! Somit
zog er das Pckchen, das er fr ein neutaleriges Mnzpckchen eingesteckt,
hervor, klaubte es auf und wollte abschaffen. Als er es endlich offen hatte,
waren lauter Fnfbtzler darin und fnfzig an der Zahl. Er war eigentlich
erschrocken, als sie ihm so unverhllt auf der Hand lagen, und sagte immer: Lue
doch, Vreneli, lue doch, was mir Joggeli gegeben! Wenn ich das gewut htte, ich
htte ihm ntlicher gedankt. Das kannst du ja immer noch, sagte Vreneli, das
Beste ist, da du es hast. Ich htte das aber von Joggeli nicht erwartet. Mir
htte er auch etwas geben knnen. Er hat mich nicht einmal gefragt, ob ich einen
Kreuzer Geld habe, und doch wei er wohl, wie bs das Zeichen ist, wenn eine
Hochzeiterin kein Geld im Sack hat. Aber ich glaube, er mchte mir es gnnen,
wenn ich mein Lebtag keinen Heller zum Brauchen htte. Da, sagte Uli, nimm
die Hlfte, es gehrt dir wie mir. Nein, Uli, sagte Vreneli, was sinnest
doch? Ich habe Geld genug, und wenn ich keines htte heute, so wollte ich doch,
Zeichen hin, Zeichen her, Geld haben, so lange als du welches hast. Zhle
darauf, ich will ein freines Fraueli werden, wenn du ein Mann bist, wie es sich
gehrt; aber wenn du mich unterntun wolltest und vogten, da ich nichts sagen,
nichts haben sollte, so will ichs mit dir probieren, wer Meister werden soll. Du
weit nicht, wie bs ich sein kann. Ich habe mich mein Lebtag wehren mssen, es
hat mich immer alles unterntun wollen, und niemand hat es gekonnt. Da kann ich
das Wehren, und ich glaube immer, du brchtest so wenig ab als die Andern, ds
Cuntrri. Aber wir wollen nicht probieren, sagte Uli, ich glaubs, ich kme
zu kurz mit dir. Du kannst ja alle um einen Finger wickeln und sie merkens nicht
einmal. Ja nicht einmal spaen wollen wir darber, liebs Meitschi, sonst hrts
der Bse und sucht beim Einen oder beim Andern aus dem Spae Ernst zu machen.
Ich habe einmal meine Gromutter sagen hren, es sei von gar schwerer Bedeutung,
was man am Hochzeitmorgen rede, und je nher man der Kirche komme, um so
schwerer werde die Bedeutung. Da sollte man eigentlich an nichts anderes denken
als an den lieben Gott und seine Engelein, wie die in Friede und Freude mit
einander lebten und den Menschen alles Gute brchten und gnnten, und sollte
nichts anderes reden als mit dem lieben Gott, da er bei einem bleiben mchte am
Abend und am Morgen, im Hause und auf dem Felde, im Herzen und im Wandel, und
da seine Engelein ber einem wachen mchten jahraus jahrein, damit kein bser
Geist Gewalt ber einem bekme und keiner zwischen Beide hineinkme. Sie hat
manchmal gesagt, wie es ihr angst geworden sei, als mein Vater und meine Mutter
mit einander gelacht und im Spa gestritten und viel Weltliches geredet. Da sei
es nicht lange gegangen, so seien die bsen Geister gekommen, Beide seien frh
in der Welt untergegangen, und wir seien arme Kinder geworden, allen Leuten im
Weg und zweg zum Verderben, wenn sich nicht Gott ganz apart unserer erbarme.
Gottlob, er hat es getan, aber der Gromutter Wort kann ich nicht vergessen, und
je nher wir jetzt kommen, desto ernsthafter wird es mir im Herzen. Es ist mir
fast und doch nicht ganz wie beim Sterben: da geht man auch so einem Tor
entgegen und wei nicht, was dahinter ist, und dahinter kann die Seligkeit sein
oder die Hlle. Und wenn man schon mehr oder minder glaubt, es sei die Hlle
oder die Seligkeit, die einem wartet, so wei man doch nicht, wie die Seligkeit
ist und wie die Hlle ist, und beide sind sicher viel anders, als man glaubt,
die Seligkeit viel ser, die Hlle viel bitterer. Da klopft mir das Herz immer
mehr, ich mu mich fast schmen, und doch kann ich es nicht verbergen.
    Meine Eltern sind nie zusammen z'Kilche gegangen, sagte Vreneli, und ich
habe es entgelten mssen. Whrend Beide noch gelebt, bin ich doch ein arm,
verstoen Waischen gewesen und alle bsen Geister haben mir aufgelauert, aber
Einer hat mich behtet. Wer wei, ob nicht auch ein frommes Gromtti fr mich
gebetet oder gar mich behtet und beschtzt hat, vom lieben Gott verordnet.
Nein, Uli, ich begehre nicht zu spaen; ich mchte nicht, da einmal wieder arme
Kinder unsere Snde entgelten mten. Und wer wei, wenn wir recht fromm sind
und unsere Kinder dem Herrn zufhren, ob dann nicht Gott um unsertwillen unsern
Eltern ihre Snden vergibt. Nein, Uli, glaub, es ist mir nicht ums Spaen, es
ist mir gar ernst im Gemt; aber ich habe gar oft spaen mssen, um den Leuten
nicht zu zeigen, wie es mir im Herzen ist, und mit dem Lachen habe ich das
Weinen vertrieben, um nicht ausgelacht zu werden. Und um die Meisterschaft
wollen wir nicht streiten, da behte mich Gott davor. Ich habe mich dir ergeben
und will dir auch gehorchen, solange du mich lieb hast, und will tun, da du
mich alle Tage lieb haben kannst, will keine Zyberligrnne werden. Nicht da ich
mich nicht auch wehren wrde, wenn du mich qulen, zu deinem Hund machen
wolltest; ich glaube, ich wrde ein bser Tfel, ich knnte wei Gott nicht
anders. Aber das tust du nicht, und wo mich jemand lieb hat, da gehe ich fr ihn
durchs Feuer, Uli, wei Gott, noch heute, wenn es sein mu. Sieh, ich verspreche
es dir schon hier, und der liebe Gott wird es auch hren, ich will immer Gott
vor Augen haben und mit dir zu Gott beten, wann du willst. Aber zrnen mut mir
auch nicht, wenn ich zuweilen lache, singe und springe. Glaub mir, ich habe
schon manchmal dar, ber nachgedacht, wenn eine alte Frau mit mir gekifelt hat,
wie ich immer lachen und springen mge und so leichtsinnig sei; aber ich fand
mich sicher nie frmmer, als wenn ich so recht frhlich im Gemte war, da ists
mir oft, ich mchte ber alle Berge aus und dem lieben Gott um den Hals fallen
oder mchte fr jemand sterben, mchte allen Leuten Gutes tun. Bhetis, sagte
Uli, das Lachen und Lustigsein habe ich gar gerne; aber steh, dort ist der
Kirchturm schon, und da ist mir die Rede der Gromutter in Sinn gekommen und ich
habe gedacht: wie man auch nicht lache und spae, wenn man das Nachtmahl nehmen
will, so solle man auf jedem Gange, den man eigentlich zu Gott tut, an Gott
denken und ihn bitten, da er einem dazu verhelfe, zu halten, was man ihm
versprechen wolle. Sieh, da fliegen uns Tauben entgegen, eine ganze Schar, und
sieh, die zwei weien darunter, wo dort zusammen fliegen, das ist eine gute
Vorbedeutung fr Frieden und Eintracht. Es ist mir fast, wie wenn der liebe Gott
unseretwegen ein Zeichen getan, da es gut kommen werde. Meinst du nicht auch?
Und Vreneli drckte Uli die Hand, und in stiller Andacht weilten sie, bis der
Stallknecht des Pferdes Zgel nahm und sagte: Es ist gut frisch diesen Morgen.
    Es war da eins der guten alten Wirtshuser, in denen die Leute nicht alle
Jahre wechseln, sondern eine Generation die andere ablst. Diese saen eben an
ihrem Kaffee, als die Brautleute hereinkamen, und erkannten alsobald Uli. Nun
eine recht freundliche Begrung, und sie muten, sie mochten wollen oder nicht,
zu ihnen sitzen und mithalten. Sie sollten doch nicht Umstnde machen, hie es,
das sei ja zweg, und an einem so kalten Morgen tue einem nichts whler als ein
Kacheli warmer Kaffee. Vreneli tat etwas zimperlich: Es sei uverschant fr ihns,
da zuechezhocke, als ob es da daheim wr. Die Wirtin aber musterte es, bis es
sa, gschauete es dann und begann dem Uli zu rhmen, wie er eine hbsche Frau
habe; lange Zeit sei keine brvere dagewesen. Es freue sie, da er seine Sache
so gut mache, er htte sie alle gereut, als er fortgekommen. Es freue einen
immer, wenn einer zwegkomme. Nit, sie wolle nicht sagen, es gebe auch Leute, die
das nicht leiden mgen, aber deren seien doch nicht recht viel. Ob der Pfarrer
wohl auf sei, fragte Uli, er sollte vorher noch zu ihm. Er werde wohl, hie es,
bsunderbar an einem Freitag, wo gewhnlich Leute kmen. Nit, sie wollten sonst
nicht sagen, da er von den Frhsten sei, er mge das Liegen wohl erleiden; aber
er sei afe von den Alten, und da sei es ihm wohl zu gnnen. Aber er htte einen
Winter einen Vikari gehabt, den htte man vor den achten nie sehen knnen, und
das habe alle Leute gergert, da sie so einen faulen Vikari haben mten.
Darauf fragte Uli: Ob es wohl der Brauch sei, da er ihns gleich mitnehme? Nein,
hie es, selten warte man im Pfarrhaus. Nachher gingen wohl Viele zusammen hin,
den Schein zu holen. Was aber so die Scheuen seien oder die, welche glaubten,
der Pfarrer htte Ursache, ihnen etwas zu sagen, die kmen gleich wieder ins
Wirtshaus, und nur die Kerleni gingen hin.
    Nachdem Vreneli das Mitkommen von der Hand gewiesen und Uli noch befohlen
hatte, da man seinem Meister Bescheid mache, er und seine Frau sollten doch
kommen, machte er sich auf. In seiner stattlichen Kleidung und in dem dstern
Stbchen erkannte ihn der Pfarrer nicht gleich, hatte dann aber eine rechte
Freude. Ich habe gehrt, sagte derselbe, du seiest zweg, bekommest ein gutes
Lehen, eine gute Frau und habest schn Geld erspart. Das tut mir gar wohl, wenn
ich eine Ehe einsegnen kann, von der ich hoffe, da sie in dem Herren bleibt.
Da du etwas erspart, ist nicht die Hauptsache, aber du httest es nicht und man
htte dir nicht so viel anvertraut, wenn du nicht brav und fromm wrest, und das
ists, was mich eigentlich recht freut. Das Weltliche und das rechte Geistliche
sind viel nher bei einander, als die meisten Leute glauben. Sie meinen, um
recht wohl zu sein auf der Welt, msse man das Christentum an den Nagel hngen,
und das ist gerade das Gegenteil; daher das bestndige Klagen in der Welt, daher
betten sich die meisten Menschen so, da sie liegen wie in Nesseln. Frage dich
nur selbst, ob es dir so wohl wre, wenn du ein Hudel geblieben, verachtet von
allen Leuten. Was meinst du wohl, was fr einen Hochzeittag httest du erlebt?
Denke dir recht, was du fr Eine erhalten und was fr Aussichten du gehabt und
was die Leute gesagt htten, wenn sie euch htten zur Kirche gehen sehen, und
stelle dagegen, wie es heute ist, dann ermi den groen Unter, schied. Oder was
meinst du, ist das blinde Glck, der Zufall, das sogenannte Gfell schuld daran?
Die Leute sagen immer: Ich habe das Gfell nicht, es ist heutzutage nichts mehr
zu machen. Was glaubst du, Uli, ist es blo das Gfell? Httest du dieses Gfell
auch gehabt, wenn du ein Hudel geblieben? Aber eben das ist das Unglck, da die
Leute durch das Gfell glcklich werden wollen und nicht durch ein frommes Leben,
bei dem der Segen Gottes ist. Da ists nun ganz recht, da die, welche nur auf
das Gfell warten, vom Gfell betrogen werden, bis sie wieder zur Erkenntnis
kommen, da am Gfell nichts, aber an Gottes Segen alles gelegen sei.
    Ja, Herr Pfarrer, sagte Uli, ich kann Euch nicht sagen, wie wohl es mir
ist gegen damals, wo ich einer von den Schlechtern gewesen bin, die auf der
Gasse herumgelaufen. Aber es kmmt doch auch etwas auf das Gfell an, denn wre
ich nicht zu so einem guten Meister gekommen, so wre auch nichts aus mir
geworden. Uli, Uli, sagte der Pfarrer, war das Gfell oder Gottes Fgung?
Das ist das Gleiche, meine ich, antwortete Uli. Ja, sagte der Pfarrer, es
ist das Gleiche, aber gleichgltig ists nicht, wie man sagt, darin liegt eben
der Unterschied. Wer vom Gfell redet, denkt nicht an Gott, dankt ihm nicht,
sucht seine Gnade nicht, er sucht das Gfell von und in der Welt. Wer von Gottes
Fgung redet, denkt an Gott, danket ihm, sucht sein Wohlgefallen, sieht in allem
Gottes Leitung; er kennt weder Gfell noch Ungfell, sondern alles ist ihm Gottes
gtige Leitung, die ihn zur Seligkeit fhren will. Die verschiedene Redensart
ist der Ausdruck einer verschiedenen Gesinnung, einer verschiedenen Ansicht des
Lebens; darum liegt ein so groer Unterschied in den Worten, und es ist wichtig,
welche man braucht. Und meint man es auch gut, so macht es einen, wenn man nur
von Gfell redet, leichtsinnig oder mimutig; redet man aber von Gottes Fgung,
so wecken diese Worte schon Gedanken in uns und richten unsere Augen auf Gott.
Ja, so, Herr Pfarrer, habt Ihr etwas recht, sagte Uli, und ich will es mir
lassen gesagt sein. Du kommst doch mit deiner Braut nach dem Gottesdienst zu
mir? Gar gerne, wenn Ihr es begehret , sagte Uli, aber wir versumen Euch an
Eurer Arbeit. Es versumt mich niemand, sagte der Pfarrer, denn das ist
nicht nur mein Amt, sondern auch meine Freude, bei ernsten Anlssen ein ernstes
Wort zu Herzen zu reden, wo ich auf einen Boden hoffen darf, der Frchte trgt.
Was bei solchen Anlssen der Herr redet, das wird nicht so bald vergessen.
    Unterdessen hatte Vreneli die Finkenschuhe ausgezogen, die rechte Kappe
aufgesetzt, und mit eigenen Hnden hatte die Wirtin ihm das Krnzchen
aufgeheftet. Das sei eins auf die Langenthaler Mode, sagte sie. Sei es nun eins
auf welche Mode es wolle, so steht es dir wohl an, fuhr sie fort. Aber wenn
sie mir daherkommen mit einem Ranzen, der beim Fenster ist, wenn der Kopf erst
zur Tre hinein kmmt, und ich soll ihnen dann noch das Krnzchen auf heften,
dann kmmt es mir in alle Finger und ich mchte sie lieber bei den Zpfen nehmen
und sie verflmert haaren, als ihnen ein Krnzchen aufheften. Es ist eine
bluetige Schand, da eine jede Hure mit einem Krnzchen daherkmmt und damit im
Lande herumfhrt, und ber den Fusack heraus hngt ihr der Ranzen bis ihrer
Mhre aufs Kreuz. Sellige sollten die Krnzchen verboten werden, es ist ja nur
das Gesptt damit getrieben. Aber es heit, die Gndigen Herren frgen dem nicht
viel nach und htten selbst die Ranzen lieber als die Krnzchen. Ich wei das
nicht, ich bin, seit die streicher gekommen, nie in Bern gewesen, aber man sagt
es so. Ob es ist, wei ich nicht, frage auch nicht viel darnach, was gehen mich
die Herren an! Es ist mir zwider, wenn einer zu uns kmmt. Sie sind so
hochmtig, da sie einem nicht einmal antworten mgen, wenn man ihnen
Gottwilchen sagt; und wenn man ihnen die Hand lngen will, so mgen sie einem
die ihre nicht geben, so ziehen sie nicht einmal die Handschuhe aus und habest
noch Furcht, man bschye die.
    Es begann zu luten, und laut begann Vrenelis Herz zu klopfen, es schwamm
ihm ordentlich vor den Augen. Die Wirtin brachte ihm Hoffmannstropfen, rieb ihm
mit etwas die Schlfe und sagte: Du mut das nicht so schwer nehmen, Meitschi,
wir mssen alle da durch. Aber geht jetzt in Gottes Namen, der Herr wartet an
einem Freitag nicht lange, er ist gar e ngstige.
    Uli fate sein Vreneli bei der Hand und wanderte mit ihm der Kirche zu;
feierlich tnten die feierlichen Klnge im Herzen wieder, denn der Siegrist
lutete ordentlich die Glocken, da sie an beiden Orten anschlugen, und sucht
wie wenn sie lahm wren, nur bald all diesem, bald an jenem Orte. Wie sie auf
den Kirchhof kamen, schaufelte eben der Totenmann an einem Grabe, und stille
wars um ihn: kein Schaf, keine Ziege kam und verrichtete ihre Notdurft in des
Menschen letzte Ruhesttte, denn da war der Kirchhof kein Weideplatz fr
ungeistliche Tiere. Es ergriff Vreneli pltzlich eine unwiderstehliche Wehmut.
Der ehrwrdige Anblick der Grber, das Schaufeln eines Grabes wecken dstere
Gedanken. Das bedeutet nichts Gutes, flsterte es, einem von uns schaufelt
man sein Grab. Vor der Kirche stunden Gevatterleute, eine Gotte mit einem Kinde
auf dem Arme. Das bedeutet einem von uns eine Kindbett, flsterte Uli, um
Vreneli zu trsten. Ja, da ich in einer solchen sterbe, antwortete es, da
ich aus meinem Glck weg mu ins kalte Grab. Denk doch, sagte Uli, da der
liebe Gott ja alles macht und da wir nicht aberglubisch, sondern glubig sein
sollen. Da einmal unser Grab geschaufelt werden wird, ist gewi, aber da das
Grabgraben Sterben bedeute denen, die dazukommen, habe ich noch nie gehrt.
Denke doch, wie Viele ein Grab graben sehen; wenn es die alle nachzge, denk
auch, wie gro der Sterbet sein mte. Ach, verzeih mir, sagte Vreneli, aber
je wichtiger ein Gang ist, um so ngstlicher wird die arme Seele und mchte gar
zu gerne wissen, wie es zu Ende geht, und nimmt daher jede Bewegung als ein
Zeichen auf, ein gutes oder ein bses; weit du, was du von den Tauben sagtest,
als wir ins Dorf fuhren? Da drckte Uli seiner Braut die Hand und sagte ihr:
Du hast recht; la du uns unser Vertrauen auf Gott stellen und nicht kummern.
Was er uns tun, nehmen oder geben wird, das ist wohl getan.
    Sie traten in die Kirche, leise, zagend, teilten sich zur Linken und zur
Rechten, sahen ein Kindlein aufnehmen in den Bund des Herrn, dachten, wie schn
es doch sei, so ein zart und hinfllig Kind der besondern Obhut seines Heilands
mit Leib und Seele anempfehlen zu drfen, und wie eine groe Last es von der
Eltern Brust wlzen msse, wenn sie in der Taufe das Bewutsein erhielten, der
Herr wolle mit ihnen sein und mit seinem Geiste sie das Kind nhren lassen, wie
die Mutter es sttige mit ihrer Milch. Sie beteten recht andchtig mit und
dachten, wie ernsthaft sie es nehmen wollten, wenn sie als Taufzeugen es geloben
mten, darauf zu achten, da das Kind dem Herrn zugefhrt werde. Das
gewhnliche Wochengebet verhallte ihnen in der Wichtigkeit des ernsten
Augenblicks, der nher und nher kam. Als der Pfarrer hinter dem Taufsteine
hervortrat, als Uli Vreneli geholt hatte und Beide ans Bnkchen traten, sanken
Beide auf die Knie, der Zeremonie weit vorgreifend, hielten die Hnde inbrnstig
verschlungen, und von ganzer Seele, ganzem Gemte und allen Krften beteten und
gelobten sie, was die Worte sie hieen, ja noch viel mehr, was aus treuen Herzen
sprudelte. Und als sie aufstunden, fhlten sie sich so recht fest und wohlgemut;
es war einem jeden, als htte es einen groen Schatz gewonnen frs ganze Leben,
der ihns glcklich machen msse, den ihm niemand entreien, niemand abgewinnen
knne, mit dem es vereint bleiben msse in alle Ewigkeit.
    Drauen bat Uli sein Weibchen, mit ihm zum Pfarrer zu kommen, den Schein zu
holen. Verschmt weigerte sich dasselbe dessen unter dem Vorwande, es kenne ihn
nicht, es sei ja nicht ntig usw. Indessen ging es doch und nicht mehr
verschchtert wie ein Dieb in der Nacht, sondern wie es einem glcklichen Weib
an der Seite eines ehrenhaften Mannes wohl ansteht. Vreneli wute sich
zusammenzunehmen.
    Freundlich empfing sie der Pfarrer, ein ehrwrdiger, langer, hagerer Herr.
Es war nicht bald einer wie er, der Ernst mit holdseligem Wesen zu mischen
wute, da vor ihm die Herzen aufgingen, als wren sie mit einem Zauberstbchen
berhrt.
    Als er Vreneli betrachtet hatte, fragte er: Was meinst du, Uli, ist das
Gfell oder Gottes Fgung, da du dieses Weibchen bekommen? Herr Pfarrer,
sagte Uli, Ihr habt recht, ich halte es fr eine Gabe Gottes. Und du,
Weibchen, welches Sinnes bist du? Ich meine auch nichts anderes, als da der
liebe Gott uns zusammengefhrt, sagte Vreneli. Ich glaube auch, sagte der
Pfarrer, Gott hat das gewollt, das verget nie. Warum hat er euch
zusammengefhrt? Da Eins das Andere glcklich mache, aber nicht nur hier,
sondern auch dort - das verget mir wieder nicht. Die Ehe ist auf Erden Gottes
Heiligtum, in welchem die Menschen sich weihen und reinigen sollen fr den
Himmel. Ihr seid gute Leute, seid fromm und brav, aber ihr habt Beide Fehler.
Dir, Uli, kenne ich zum Beispiel einen, der dir nher und nher kmmt, es ist
der Geiz; du, Vreneli, wirst auch welche haben, aber ich kenne sie nicht. Diese
Fehler werden hervortreten nach und nach, und wie an dir, Uli, ein Fehler
sichtbar wird, so gewahrt ihn deine Frau zuerst und du kannst ihn an ihren
Mienen gewahren, und was an Vreneli hervorkmmt, bemerkst du und es kann es an
deinem Gesichte absehen. Eines wird fast zu des Andern Spiegel. In diesem
Spiegel, Uli, sollst du deine Fehler erkennen und aus Liebe zu deiner Frau sie
abzulegen suchen, weil sie am meisten darunter leidet, und du, Frau, sollst ihm
mit aller Sanftmut beistehen, sollst aber auch deine Fehler erkennen und um Ulis
willen bezwingen, und er wird dir auch dazu helfen. Wenn der Liebe diese Arbeit
zu schwer werden will, so schenkt Gott Kind um Kind, und jedes ist ein Engel,
der uns heiligen soll, jedes bringt uns neue Lehren, uns recht darzustellen vor
Gott, und neues Begehren, da es zugerichtet werde zu einem Opfer, das da heilig
und Gott wohlgefllig sei. Und je mehr ihr in diesem Sinne zusammen lebt, desto
glcklicher werdet ihr im Himmel und auf Erden, denn glaubt es mir doch recht,
das rechte weltliche Glck und das himmlische Glck werden akkurat auf dem
gleichen Wege gefunden. Glaubt es mir, der liebe Gott hat euch zusammengefhrt,
da Eins dem Andern in Himmel helfe, da Eins dem Andern Sttze und Stab sei auf
dem engen, schweren Wege, der ins ewige Leben fhrt, da Eins dem Andern diesen
Weg durch der Liebe Sanftmut und Geduld ebne und leichter mache - er ist so
schwer und dornenvoll. Wenn nun trbe Tage kommen wollen, wenn Fehler an dem
Einen, an dem Andern, an Beiden ausbrechen, so denket nicht an Ungefell, da ihr
unglcklich seiet, sondern an den lieben Gott, der alle diese Fehler schon lange
gekannt und euch eben deswegen zusammengebracht, damit Eins das Andere heile,
ihm von seinen Fehlern helfe, das ist Zweck und Aufgabe eures Zusammenkommens.
Und wie Liebe den Heiland gesandt, Liebe ihn ans Kreuz gebracht, so mu auch bei
euch die Liebe ttig sein; sie ist die Kraft, die ber alle Krfte geht, heilet
und bessert. Mit Fluchen und Schimpfen, mit Drohen und Schlagen kann Eins das
Andere unterdrcken, aber nicht bessern, da es wohlgefllig vor Gott wird.
Gewhnlich, je wster Eins wird, desto wster wird auch das Andere, Eins hilft
dem Andern in die Hlle. Darum verget es nie: Gott hat euch zusammengebracht,
Eins wird er aus der Hand des Andern fordern. Mann, wird er sagen, wo ist deines
Weibes Seele? Weib, wird er sagen, wo ist deines Mannes Seele? Macht, da ihr
wie aus Einem Munde antworten knnt: Herr, hier sind wir Beide, hier zu deiner
Rechten. Fraueli, vergib mir, da ich dir an diesem Morgen so ernsthaft geredet.
Aber es ist ja besser, man rede dir jetzt so als spter, wenn Uli gestorben und
man ihn durch deine Schuld verdorben glaubt; es ist auch dem Uli besser jetzt
als spter, wenn er dich unter die Erde gebracht htte. Was ich aber von Beiden
nicht glaube, denn ihr seht mir Beide wirklich so aus, als wenn Gott und
Menschen Freude an euch haben sollten.
    Als Vreneli von Sterben hrte, scho ihm das Wasser in die Augen, und mit
bewegter Stimme sprach es: O Herr Pfarrer, da ist keine Rede von Zrnen. Ihr
sollt Dank haben z'hunderttausend Malen fr den schnen Zuspruch, ich will mein
Lebtag daran denken. Es wrde uns groe Freude machen, wenn Ihr einmal in unsere
Gegend kmet, Ihr uns besuchen wrdet, um zu sehen, wie Eure Worte bei uns
fruchten und da wir sie nicht vergessen haben. Der Pfarrer sagte, das werde
gewi geschehen, sobald er in ihre Gegend kme, und das knne sehr leicht
geschehen. Er betrachte sie, wenn sie auch nicht in seiner Gemeinde wohnten,
doch so halb und halb als seine Schfchen, und sie sollten darauf zhlen, da
wenn es ihnen wohlgehe und sie glcklich seien, niemand grere Freude daran
htte als er. Und wenn er ihnen in etwas dienen knne, sei es was es wolle, und
es stehe in seinen Krften, so sollten sie nur kommen, er werde sich eine Freude
daraus machen. Darauf nahmen sie Abschied, und allen war es recht wohl und
heiter im Herzen. Ein wohltuendes, erwrmendes Gefhl hatten sie sich
gegenseitig erweckt, das eigentlich ein Mensch im andern bei jedem Zusammensein
erwecken sollte. Dann wre es schn auf Gottes schner Erde. Das ist mir doch
der freundlichste Herr, sagte Vreneli im Fortgehen, er nimmt die Sache
ernsthaft und meint es doch gut; dem knnte ich einen ganzen Tag ablosen, es
wrde mir nicht erleiden.
    Als sie ins Wirtshaus kamen, waren die Gste noch nicht da, nur der
Bescheid: Johannes werde bald kommen, aber seine Frau knne nicht wohl. Da sagte
Vreneli: Du mut sie holen, fahre hinauf, es ist nicht so weit; wenn du recht
fhrst, in einer halben Stunde bist du wieder da. Ich plage den Kohli nicht
gerne, er hat heute noch zu laufen genug, antwortete Uli. Der Wirt gibt dir
wohl ein Ro, nicht weiter, als es ist.
    So geschah es auch, und es war gut. Johannes war noch nicht zweg, und seine
Frau trug groes Bedenken, so an einem Werktag ins Wirtshaus zu sitzen, ohne da
man Gotte sei; was wrden die Leute dazu sagen, Er htte mit seiner Frau zu
ihnen kommen sollen, statt da im Wirtshaus Kosten zu haben, sie htten ihnen
auch zu essen und zu trinken gehabt. Das wisse er wohl, sagte Uli, allein das
wre uverschant gewesen und dazu wohl weit, denn sie wollten heute noch heim, er
htte jetzt alle Hnde voll zu tun. Aber sie sollten doch recht kommen, er htte
es sonst ungern und mte glauben, sie schmten sich ihrer. Was sinnest doch,
Uli? sagte die Frau, du weit ja, wie wert du uns bist. Expre sollte ich
jetzt nicht kommen, weil du solche Gedanken hast. Indessen machte sie sich doch
zweg, wollte aber nicht erlauben, da ihre Tochter mitkme, die Uli auch gerne
mitgehabt. Warum nicht gar, sagte sie, noch die Katze und der Hund, das wre
mir! Es ist uverschant genug, da ich komme. Warte nur, du wirst dein Geldli
sonst noch brauchen knnen - Haushalten hat gar ein weites Maul.
    Mit Verlangen hatte ihnen Vreneli entgegengesehen von der Ecke des
Wirtshauses aus. Wer vorbeiging, wandte kein Auge ab ihm, und wenn er vorber
war, fragte er: Wem ist die Hochzeitere? Ein schner Meitschi sah ich lange
nicht. Es ging im ganzen Dorfe die Rede von der schnen Hochzeiterin, und wer
nur irgend Zeit oder einen Vorwand hatte, ging beim Wirtshause vorber.
    Endlich kam Uli dahergefahren, und gar freundlich empfing sie Vreneli. Bist
doch jetzt ein Fraueli geworden, rief die Burin, bis mir Gottwilche, und
streckte Vreneli die runde, hohe Hand entgegen. Das hab ich doch wohl gedacht,
das werde ein Paar geben, es htte sich niemand bas zu einander geschickt. Ja,
aber selb Kehr ist noch gar nichts gewesen, erst auf dem Heimweg haben sie mich
angefangen zu plagen, und daran seid Ihr, glaub ich, auch schuld gewesen, sagte
Vreneli, sich zu Johannes wendend und ihm die Hand bietend. Aber wartet nur,
ich will Euch recht den Krieg machen, hinter meinem Rcken mich so zu
verhandeln. Ihr seid mir sufere Kunden, und tut Ihr mir das noch mehr, so will
ich Euch bezahlen, wartet nur! Wir wollen Euch auch verhandeln hinter Eurem
Rcken. Johannes antwortete, und Vreneli begegnete ihm wieder mit schalkhaft
wohlgesetzten Worten. Als es einen Augenblick hinausgegangen war, sagte die
Burin: Uli, du hast bsunderbar eine manierliche Frau; die kann reden, es stnd
manchem Herrenhause wohl an, und ds Schnste ist, da sie das Werchen ebenso gut
kann, das ist sonst nicht immer bei einander. Hb Sorg zu dere, du berchunst ke
Selligi meh! Da begann auch Uli mit nassen Augen zu rhmen, bis Vreneli
wiederkam. Als bei seinem Eintritt pltzlich das Gesprch stockte, sah es
schelmisch Eins nach dem Andern an und sagte: Schon wieder habt ihr mich hinter
meinem Rcken verhandelt, und das linke Ohr hat mir gelutet, wartet nur! Uli,
ist das schn, mich schon so zu verklagen, wenn ich nur einen Augenblick den
Rcken kehre? Er hat dich nicht verklagt, sagte die Burin, ds Cuntrri,
aber ich habe ihm gesagt, er solle Sorg zu dir haben, eine Solche bekomme er
nicht wieder. Ach, wenn dManne mngisch wte, wie die Zweute wre, sie htten
besser Sorg zu de Erste! Nit da ich zu klagen habe. Myne ist mir lieb und wert,
ich bekme keinen Bessern und er gnnt mir, was ich brauche, aber ich sehe ppe,
wie es an andern Orten zugeht. Ih ha welle lose, antwortete Johannes. Du
hast aber nachebesseret. Du hast recht, es geht an manchem Ort den Weibern bs,
aber an andern den Mnnern auch, es kmmt immer darauf an, wo auch Erkanntnus
ist und ppe auch der Glaube, da ein Gott im Himmel sei. Wo kein Glaube ist, da
ist das Wstest Meister.
    Darauf wurden sie in die Hinterstube entboten. Dort war die Suppe
aufgetragen, eine Ma Wein auf dem Tisch, ein Knnlein ser Tee dabei. Sie habe
gedacht, sie wolle gleich Tee machen, sagte die Wirtin, es knne dann nehmen,
wer wolle; ein Teil sei Liebhaber, ein Teil nicht. Mit ungezwungener
Freundlichkeit machte Vreneli die Wirtin, schenkte ein, legte vor, mahnte ans
Austrinken; es wurde allen recht wohl und heimelig. Uli machte sich an den
Meister und fragte ihn dies und das: Wie er sich einrichten solle im Stall, was
er fr vorteilhafter halte zu pflanzen, um welche Zeit er dieses se und jenes,
fr was der Boden gut sei, fr was jener. Johannes berichtete vterlich, fragte
wieder, und Uli teilte seine Erfahrungen mit. Die Weiber horchten anfangs, dann
aber schwoll auch Vrenelis Herz mit Fragen an und es suchte Rat bei der Burin
in den hundert Dingen, in denen eine Burin Meister sein sollte, erzhlte, wie
es es bis dahin gemacht, aber ob es nicht noch besser und vorteilhafter
anzuschicken wre? Mit Freuden enthllte die Burin ihre Geheimnisse, sagte aber
oft: Ich glaube, du machst es besser, das mu mir auch probiert sein. Die
trauliche Heimeligkeit lockte Wirt und Wirtin an, verstndige Leute, und Beide
halfen raten und wgen, was das Beste sei, und zeigten ihre Freude an manchem,
das sie hrten. Und je mehr sie hrten, um so mehr zeigten Vreneli und Uli
Begierde, zu lernen, um so demtiger wurden sie und horchten den Alten ihre
Erfahrungen ab und prgten dieselben sich ein in ihr nicht mit unntzen Dingen
beschwertes Gedchtnis.
    Der Nachmittag schwand, es wute es niemand. Auf einmal warf die Sonne einen
goldenen Schein ins Stbchen, und verklrt schwamm in ihrem Lichte, was darinnen
war Erschrocken fuhren sie zweg ber das unerwartete Licht; das fast von
ausgebrochenem Feuer zu kommen schien. Sie sollten nur ruhig sein, sagte die
Wirtin, das sei nur von der Sonne; die mge gegen Haustagen hineinscheinen, wenn
sie nieder, gehen wolle. Herr Yses, so spt schon? sagte Vreneli, wir mssen
fort, Uli. Ich wollte nicht pressieren, sagte die Wirtin, der Mond kmmt,
ehe es finster wird. Wie ist mir doch dieser Nachmittag vorbeigegangen! sagte
die Burin. Ich wte mich gar nicht zu besinnen, wann ich so kurze Zeit gehabt
htte. Es geht mir auch so, sagte die Wirtin. Das ist etwas anderes gewesen
als so viele Hochzeitleute, die vor langer Weile nichts anzufangen wissen als zu
saufen und zu spielen, und einem so lange Zeit machen, da man froh ist, wenn
man ihnen den Rcken sieht. Ja es dnkt mich manch, mal, ich mte so einem
Brschchen, das nichts zu reden wei an seinem Hochzeittag als zu fluchen und
seine entlehnte Pfeife geradeausstreckt, wie wenn er den Mond hinunterguseln
wollte, eins zum Grind geben, da er ihn doch auch wieder da habe wo andere
Leute und reden lerne wie andere Leute. Die Burin aber gab Vreneli die Hand
und sagte: Du bist mir, wei Gott, recht lieb geworden, und ich lasse dich
nicht fort, bis du mir versprichst, du wollest bald wieder zu uns kommen.
Recht gerne, sagte Vreneli, wenns mglich ist. Es ist mir auch gewesen, als
rede ich mit einer Mutter, und wenn wir nur nher bei einander wren, ich kme
nur zu viel. Aber wir haben ein groes Wesen und wer, den nicht viel daraus
knnen, ich und Uli. Aber kommt Ihr zu uns, das mt Ihr mir versprechen; Ihr
habt erwachsene Kinder und wisset, es geht zu Hause gleich, wenn Ihr schon fort
seid. Ja, kommen will ich zu euch, das verspreche ich. Ich habe es dem
Johannes schon manchmal gesagt, es nhmte mich wunder, wie es in der Glungge
sei. Und los, wenn ihr ppe einist eine Gotte mangelt, so habt nicht Mhe und
lauft weit um eine aus. Ich wei eine, sie sagt euch nicht ab. Das wre guter
Bescheid, sagte Vreneli und zupfte am Frtuchbndel, es wolle ihn nicht
vergessen und daran sinnen, wenn es ihnen einmal dazu kommen sollte; man wisse
nie, was es geben knne. Ungefhr wohl, lachte die Burin, und dann wollen
wir sehen, ob ihr uns etwas schtzet oder nicht.
    Unterdessen hatte Uli abgeschafft, anspannen lassen und schenkte nun
allseits ein und ntigte zum Abschiedstrunk. Da kam noch der Wirt mit einer
Extraflasche und sagte: Etwas wolle er auch tun und nicht umsonst getrunken
haben. Es freue ihn, da sie bei ihm gewesen, und er wollte alle Freitage eine
vom Mehbesseren zum besten geben, wenn alle Freitag solche Leute bei ihm
Hochzeit htten; an denen htte er jetzt Freude gehabt. Als er hrte, da
abgeschafft sei, tat Johannes es nicht anders, der Wirt mute noch eine auf
seine Rechnung holen, und es stunden wiederum die Sterne am Himmel, als nach
recht innigem Abschied, wie er selten von Nichtverwandten genommen wird, der
mutige Kohli ein glckliches Paar rasch davonfhrte - dem Himmel zu.
    Ja, lieber Leser, Vreneli und Uli sind im Himmel, das heit sie leben in
ungetrbter Liebe, mit vier Knaben, zwei Mdchen von Gott gesegnet; sie leben im
wachsenden Wohlstande, denn der Segen Gottes ist ihr Gfell, ihr Name hat guten
Klang im Lande, weit umher stehn sie hoch angeschrieben, denn ihr Trachten geht
hoch, geht darauf, da ihr Name im Himmel angeschrieben stehe!
    Merke dir das, lieber Leser!
