
                                 Tieck, Ludwig

                              Vittoria Accorombona

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                                  Ludwig Tieck

                              Vittoria Accorombona

                           Ein Roman in fnf Bchern

                                  Erster Teil

                                    Vorwort

Schon vor vielen Jahren fiel mir der Name dieser Dichterin, sowie ihr
sonderbares Schicksal als merkwrdig auf. Es war im Jahre 1792, als ich in
Dodsley's collection of old Plays zuerst die Tragdie Websters las: The white
Devil, or Vittoria Corombona. Dieses Schauspiel wurde 1612 in London gedruckt
und auch damals oft gespielt. Ich vermute, da es nach irgendeiner Novelle, die
vielleicht um 1600 mag geschrieben sein und die sich jetzt verloren hat,
gedichtet wurde, denn es enthlt nur eine Anklage und gibt alle Umstnde, die
uns bekannt sind, in Entstellung wieder. Quadrio erwhnt die Unglckliche im
zweiten Bande seiner Geschichte der Poesie und lobt und rechtfertigt sie: nach
ihm zitiert sie Tiraboschi in seinem groen Werke nur kurz. Riccoboni in seiner
Geschichte der Universitt Paduas erzhlt ihren Untergang, ebenso Marosini in
seiner Venetianischen Geschichte. Auch Lebret erzhlt in seiner Geschichte von
Venedig die Ermordung Vittorias; die meisten Nachrichten finden sich aber im
Magazin dieses Geschichtschreibers. - Die neuere Darstellung des Herrn E. Mnch
habe ich erst gesehen, als meine Arbeit schon vollendet war. Dieser wunderbare
und tragische Vorfall mute die Zeitgenossen und ihr Mitgefhl in Anspruch
nehmen. Ist die Geschichte ihrer Ermordung, sowie der Bestrafung des Luigi
Orsini in vielen Bchern klar und deutlich erzhlt, so ist die Ermordung
Perettis, ihres ersten Gemahls, um so dunkler, und in allen Umstnden und
Motiven verwirrt Wahrscheinlich verschwiegen alle Zeitgenossen geflissentlich
den Zusammenhang, denn selbst der geschwtzige und erfindungslustige Leti geht
nur kurz und eilig ber diese Begebenheit hinweg, und scheint es selbst gar
nicht gewut zu haben, da der Neffe des Kardinals mit der Virginia Accoromboni
(wie Quadrio sie nennt) vermhlt gewesen ist. So war es denn dem Dichter
erlaubt, mit seinen Mitteln die Lcken dieser sonderbaren Geschichte auszufllen
und das Dunkel derselben mit poetischen Lichtern aufzuhellen.
    Vieles in diesem Roman ist aber nicht erfunden, sondern der Wahrheit gem
dargestellt. So ermordete im J. 1576 in der Nacht des 11. Julius Pietro der
Mediceer auf seinem Landhause seine Gemahlin Eleonore von Toledo, und den 16.
Julius desselben Jahres starb auf dem einsamen Schlosse des Paul Giordano,
Herzogs von Bracciano, dessen Gemahlin Isabella auf rtselhafte Weise. (S.
Galluzzo Gesch. der Groherzoge von Toscana, Bnd. II.)
    Ein Gemlde der Zeit, des Verfalls der Italienischen Staaten sollte das
Seelen-Gemlde als Schattenseite erhellen, und in das wahre Licht erheben. Diese
Vittoria, oder Virginia Corombona oder Accorombona wird, so hofft der Dichter,
die Herzen der reinen und starken Gemter fr sich gewinnen, und so die
Verleumdung des alten englischen Tragikers verdunkeln, dessen poetischer Wert
(im Gegensatz frherer Tage) von manchen neueren Kritikern viel zu hoch
angeschlagen ist.
    Dresden, im Julius 1840.

                                                                        L. Tieck


                                  Erstes Buch

                                 Erstes Kapitel

Es war in dem Jahre des Jubilums 1575, als sich die Familie Accoromboni in
einem Gartenhause in dem anmutigen Tivoli aufhielt, um dort, whrend der heien
Monate, die frische Khle, den Anblick der Wasserflle und die schne Aussicht
auf den strzenden Teverone und die zauberischen Hgel der reichen Landschaft zu
genieen. Die Mutter der Familie, eine groe stolze Matrone, noch im Alter
krftig und nicht ohne Spuren ehemaliger Schnheit, regierte, obgleich nicht
reich, ihr Haus mit so vieler Umsicht und Kenntnis, da Anstand und Flle sich
zeigte, und Fremde gern in dieser Familie verweilten, wo sie Bildung,
musikalisches und poetisches Talent und selbst Gelehrsamkeit antrafen.
    Diese Mutter, eine edle Rmerin von hoher Gestalt, war die beseelende Kraft
des Hauses, denn ihre mchtige Gegenwart gebot allen Bekannten und Fremden
Ehrfucht. Sie war stolz auf ihre edle Abkunft, sowie auf ihre Kinder. Sie
stammte von einem alten adlichen Geschlecht, und ihr Gatte Accoromboni war in
Rom ein angesehener Rechtsgelehrter gewesen, der fr die Groen, sowie den Staat
die wichtigsten Angelegenheiten verwaltet, bedeutende Prozesse mit Ehren gefhrt
und gewonnen hatte. Schon dessen Vater hatte als Rechtsgelehrter die Liebe und
Achtung der Rmer gewonnen und beide Mnner standen in vielfachem Verkehr mit
Frsten, den Patriziern und den berhmten Gelehrten und Schriftstellern in allen
italienischen Staaten. So war das Haus der Accoromboni bekannt und besucht, und
selten kam ein ausgezeichneter Fremder nach Rom, der sich nicht der stattlichen
Mutter der Familie htte vorstellen lassen.
    Die meiste Befriedigung fand die hohe Frau aber in ihrer Familie und in
Gesellschaft ihrer Kinder. Der lteste Sohn war durch seine Beschtzer, unter
welchen der groe Kardinal Farnese obenan stand, schon Abt, und die Mutter
rechnete darauf, ihn bald als Bischof begren zu knnen, wohl gar etwas spter
ihm im Purpur des Kardinals ihre Verehrung zu bezeigen, denn er war als
Gelehrter geachtet und als feiner Weltmann beliebt.
    Marcello, der zweite Sohn, war wild und unbndig, streifte oft viele Tage im
Gebirge umher, ohne nachher der Mutter Rechenschaft abzulegen, wo und mit wem er
seine Zeit zugebracht habe. Sosehr die Mutter mit dem stolzen Blick aus dem
groen blauen Auge alle Menschen zur Ehrfurcht und gewissermaen zum Gehorsam
zwang, sowenig vermochte sie ber das starre Gemt dieses Marcello, der sich zu
erniedrigen glaubte, wenn er einem Weibe gehorchte.
    Sie hatte allen ihren Einflu anwenden wollen, diesem Unbeugsamen die Stelle
eines Hauptmanns in der Garde des Papstes zu verschaffen, er selber aber hatte
am meisten dagegen gearbeitet, weil er seine Freiheit noch nicht aufopfern und
sich keiner Disziplin fgen wollte.
    Flaminio, der jngste Sohn, schien ganz das Gegenteil von jenem. Er war
schmiegsam, fein gebaut, zart in seinem Wesen, fast mdchenhaft, ein verehrender
Diener seiner Mutter, deren Wink und Blick ihm Gebote waren. So war er der
Geschftige, alles Besorgende im Haushalt, der Aufseher der Dienerschaft, der
Bote ber Land, der Ratgeber anderer Jnglinge und der Liebling junger Mdchen,
um deren Wohlwollen er aber, so freundlich er in seinem Betragen war, sich nicht
sonderlich bemhte. Denn es schien, da er seine ganze Liebe dem jngsten Wesen
in der Familie, seiner holdseligen Schwester Vittoria, oder Virginia, wie sie
auch zuweilen genannt wurde, zugewendet hatte. Ein Fremder, der sie beobachtete,
htte ihn eher fr den verliebten Brutigam, als den Bruder der lieblichen
Erscheinung halten sollen.
    Diese Vittoria glnzte wie ein Wunder, oder wie eines jener Bilder aus der
alten Zeit, die der entzckte Beschauer, einmal gesehn, niemals wieder vergessen
kann. Kaum in das siebenzehnte Jahr getreten, war sie fast schon so gro wie
ihre Mutter, ihr Antlitz war bla und nur mit leichter Rte gefrbt, die oft,
bei selbst schwacher Bewegung des Gemtes vllig entfloh, oder sich, schnell
wechselnd, so seltsam erhhte, da sie dann als ein anderes, dem vorigen fast
unhnliches Wesen erschien. Ihr zart geformter Mund glhte in rubinroter Farbe;
sein Lcheln unendlich erfreuend, sein Zrnen oder Schmollen erschreckend. Die
lngliche, sanft gekrmmte Nase hatte den edelsten Charakter im Oval des schnen
Antlitzes, und die Augenbrauen fein gezogen, dunkelschwarz, belebten den
Ausdruck des feurigen Auges. Ihr Haar war dunkel, und hatte im Lichte
Purpurschimmer, es flo geregelt ber Nacken und Schulter: sa sie nach denkend,
die langen schneeweien Finger in die Flle des Haares halb vergraben, so htte
Tizian kein holderes Modell zu seinem schnsten Bildnisse antreffen knnen.
    Aber weder Tizian, noch irgendein Maler htten den Blick des Auges, das fast
schwarz zu nennen war, den Ausdruck und das Feuer desselben auch nur schwach
andeuten knnen. Dieser Ernst des Blickes, dieser Tiefsinn, dann wieder die
aufblhende Freundlichkeit bten einen seltsamen Zauber, das Zornfeuer war
selbst dem Frechen unertrglich. Es war ein liebliches Naturspiel, da die
langen Augenwimpern fast blond, oder gelb waren, so da sie wie Strahlen in der
Bewegung blitzten, oder so wundersam schimmerten, wie jene lichten Goldstrahlen,
die wir zuweilen an altgriechischen Bildnissen der Minerva wahrnehmen.
    Wie mit beschrnkten Mitteln die verstndige Mutter Julia allen ihren
Kindern auch eine gute Erziehung, Unterricht und Wissenschaft hatte geben
knnen, so war doch Vittoria, diese hohe Erscheinung, ihr Liebling, und
diejenige, auf welche sie ihre stolzesten Hoffnungen grndete. Sie selber war
oft ber den frh gereiften Verstand dieses ihres Kindes erstaunt, sie mute das
Gedchtnis bewundern, in welchem Vittoria alles Gelesene und Gelernte
aufbewahrte, wie sich die Mutter nicht weniger des Talentes erfreute, welches
aus den Versen der Tochter hervorleuchtete.
    Die Familie sa im Saale beisammen, als Marcello seinen Hut und Mantel nahm,
den Degen umgrtete, und von der Mutter Abschied nehmen wollte, indem diese mit
ernster Miene fragte: Wohin wieder?
    Freunde, Bekannte besuchen, erwiderte der ungestme Jngling; der Morgen
ist so schn, und ihr alle werdet mich nicht vermissen.
    Man hat mir sagen wollen, erwiderte die Mutter, du haltest im Gebirge mit
dem verdchtigen Ambrosio Umgang. Der rohe Mensch soll ja mit jenen Banditen in
Verbindung stehn, die in der Gegend von Subiaco streifen.
    Ei! meine Mutter, sagte Marcello, man nennt heutzutage alles Banditen,
was nicht Schulmeister, Priester, oder Advokat ist. Und doch plndern diese oft
mehr, als jene freien Menschen die sich zuzeiten aus sehr gegrndeten Ursachen
mit dem langweiligen Staate berworfen haben, und unter denen man angesehene
Grafen, tugendhafte Leute, ja Mnner antrifft, die von frstlichen Husern
abstammen.
    Mein Sohn, sagte Julia sehr ernst und nahm dem bermtigen Sohne den Hut
aus der Hand, den sie auf den Tisch legte: du sprichst, wie ein unbesonnener
Knabe, der weder mit Welt noch Moral bekannt ist: magst du kindisch bleiben,
wenn das dein Stolz ist, nur das vergi niemals, da dein herrlicher Vater, so
wie dein verehrter Grovater Advokaten waren.
    Gewi nicht, sagte Marcello, stehn doch ihre Namen in so manchem
verdrielichem Buche verzeichnet, da man schon deshalb versucht wird, ein ganz
entgegengesetztes Metier zu ergreifen.
    Hastig ri er den Hut vom Tische hinweg, und sprang so eilig aus der Tr,
da der Mutter die beginnende Rede auf der zrnenden Lippe erstarb.
    Flaminio stand auf und schlo die Tre wieder, die der Fortstrmende in
seiner eilenden Hast offen gelassen hatte.
    Vittoria sah von ihrem Buche auf, um mit einem sanften Lcheln dem Auge der
Mutter zu begegnen. Was denkst du, mein Kind? fragte Julia.
    Ich bin schon seit lange der berzeugung, antwortete die Tochter, da man
den Burschen gewhren lassen mu. Er sucht einen mnnlichen Stolz und Trost
darin, dir nicht zu gehorchen, sondern zu widersprechen: je mehr du also
ermahnst, je mehr sucht und findet er Gelegenheit, das zu tun, was du
verbietest. Zeigst du dich seinetwegen unbekmmert, so wird er von selbst zur
Vernunft zurckkehren, weil er sich dann einbilden kann, als freier Mensch zu
handeln.
    Wenn nur nicht vorher Unglck geschieht, bemerkte die Mutter seufzend.
    Das, wie alles, mu man der Vorsehung anheimstellen, sagte Vittoria, denn
er ist doch der Erziehung und Ermahnung entwachsen.
    Woher nur, fing die Mutter wieder an, hat der Knabe diese Unbndigkeit?
Sein Vater war milde und sanft, nachgiebig, folgsam, ein Feind alles wilden
ungestmen Wesens: die Ruhe und Gesetztheit selbst. - Von wem?
    Gewi von dir, sagte Vittoria lachend.
    Die Mutter stand auf, ging nach dem Fenster, sah in die Landschaft hinaus,
kehrte dann um, betrachtete die Tochter ganz nahe mit groen Augen und sagte
kurz und schneidend: Von mir?
    Vittoria lie sich nicht irremachen, schlo ihr Buch, legte es in die Kapsel
und sagte ruhig: So denke ich mir die Anstammung dieses tobenden Blutes. Dein
fester Sinn, dein groes, starkes Gemt, dein edles Wesen, das fr seine
berzeugung Blut und Leben hingeben wrde, ist in ihm als Mann in diese
jugendliche Roheit umgeschlagen, die sich spter selber erziehn wird. War ich
doch auch ein wildes Kind, und gewi warst du nicht allzu zahm, als du noch mit
deinem Pppchen spieltest.
    Du magst recht haben, antwortete die Mutter, mir ist der Gedanke noch
nicht eingefallen. Freilich vergessen wir nur allzuleicht in spteren
Verhltnissen, wie wir in unsern frhesten Jahren waren.
    Ich habe da wieder den Camillo Mattei gesehen, fing die Matrone von neuem
an; er schien auf unser Haus zuzugehn: ich wei nicht, was er immer hier will.
    Er ist ja ein allerliebstes Kind, sagte Vittoria erfreut; man neckt sich
mit ihm so hbsch, er ist dabei so ehrlich und treu, da man ihn liebhaben mu.
-
    Was soll er uns? fragte Julie, und wendete das Haupt unwillig ab; er ist
unwissend, einfltig, von geringem Herkommen; nun liegt er schon dem armen
Weltpriester, seinem Ohm, seit Wochen zur Last: kann er nicht nach Rom zu seinen
Eltern, den Brgersleuten zurckkehren, um seine Schulstudien fortzusetzen?
    La ihn, liebe Mutter, bat Virginia, er gefllt mir, und uns allen im
Hause; unsere Familie ist als eine gastfreundliche bekannt; sollen wir bei
diesem guten Mattei eine Ausnahme machen? Frage nur unsre Amme, oder unsern
alten Guido, wie gut und lieb dieser immer freundliche Camillo ist.
    Die Mutter zwang sich heiter zu erscheinen, als Camillo eintrat, sich
demtig verbeugte und schchtern stehnblieb, bis sich Flaminio zu ihm gesellte,
und ihm einen Sessel in seiner Nhe anbot.
    Camillo, fing Vittoria an, Ihr habt neulich die Zeichnungen von den
Bildern sehen wollen, die der Kardinal Farnese in seinem neuen Schlosse
Caprarola von Zuccheri hat malen lassen: seht, hier ist das schne Buch, er hat
es uns gestern geschickt.
    Camillo bltterte und sagte dann etwas beschmt: Ich verstehe zuwenig von
diesen groen und sinnreichen Sachen. Und an diesen Kmpfen und Schlachten kann
ich mich vollends nicht erfreuen. Freilich wohl, die Schlacht des Konstantin,
oder Attila von Raffael -
    Lppischer Mensch! rief Vittoria, halb zrnend und halb lachend, wenn er
mit Raffael kommt, mu sich alles verkriechen. Und doch meint der Kardinal wohl,
und sein Maler noch mehr, er knne es mit dem jungen Manne und seinen
vatikanischen Zimmern aufnehmen, und stehe auf der Leiter der Kunst noch einige
Stufen hher. Und diese Bilder hier aus dem Saale des Schlafs und der Trume
sind auch echt poetisch; diese herrlichen Erfindungen werden immer als Muster
gelten knnen.
    Kann alles sein, erwiderte Camillo etwas verdrielich: es ist aber ein so
schner klarer Morgen, und dabei noch gar nicht hei, da wir lieber mit den
verehrten Damen einen Spaziergang machen sollten.
    Die Mutter nahm ihren Sonnenhut, und Vittoria folgte ihrem Beispiel. Gehn
wir dann nach der Villa Este, sagte die Matrone, und besehen einmal wieder die
Herrlichkeiten des neuen Palastes und alle die Knste und Schnheiten des
Gartens.
    O nein! rief Vittoria unwillig, alle diese kleinen Springbrunnen und
Bildchen in Marmor, so fein gelegt und geschnitzt - wren nicht die Zypressen
hingesetzt, die doch dazwischen ein ernstes Wort reden, so wre diese Anstalt
ganz unerfreulich. Nein! hin zu den allerliebsten Wasserfllen! Zu Mcens Villa,
der Neptuns-Grotte, da lst sich unser Herz und Gemt, und die liebliche,
unendlich schne Natur fat mich wie ein groer Dichter vertraulich bei der
Hand, und sagt mir so herzliche, rhrende, erhebende und lustige Dinge in mein
horchendes Ohr, wie sie in keinem Buche und in keiner Handschrift stehn.
    Flaminio fhrte die Mutter und Camillo ging an der Jungfrau Seite. Man
konnte es ihm ansehn, da er sich neben der hohen schnen Gestalt beschmt und
klein fhlte, und doch zugleich geschmeichelt, da er mit ihr so vertraulich
wandeln durfte.
    Als sie in die Nhe der Wasserflle gekommen waren, setzte sich die Mutter
mit ihrem Sohne in den Schatten der Olivenbume, und lie ihr Auge sinnend an
den Formen der schnen lbekrnzten Hgel umherschweifen. Vittoria aber sprang
an ihr vorber, um sich in der Nhe des Wassers zu ergtzen. Wie vieles wit
Ihr, fing Camillo leise an, wie Unermeliches - und ich - -
    Lat alle den Kram, rief Vittoria bermtig und ging schneller. O seht
die alltglichen Wunder dieser Landschaft und diese Wasser, diese Mrchen und
goldenen Fabeln, die es nicht mde werden, sich immer wieder selbst alles das
poetische Zeug vorzuerzhlen, und die uns doch, sosehr wir sie auswendig wissen,
immer neu bleiben. Hier lat uns Kinder sein, wahre Kinder, die sich immer in
ihrem Spielwerk vergessen.
    Indem lief ihr ein Kaninchen vorber, in den Berg hinein. Vittoria sprang
ihm nach, und warf einen buntgefrbten Ball, den sie bei sich trug, dem kleinen
weien Tiere nach. Der Ball rollte den Hgel hinab, nach dem Flusse zu, der sich
hier mit Brausen von bedeutender Hhe in die Tiefe strzte, und mit seinem
Strudel unten einen Trichter bildete, den viele die Grotte des Neptun nannten.
Aus Furcht, der Ball mchte vom Strudel fortgefhrt werden, rannte sie so eilig
hinab, da Camillo ihr kaum folgen konnte, aber auch so unbesonnen, da sie,
unten angelangt, und sich zu eilig und stark nach dem glnzenden Spielzeuge
hinabbeugend, wirklich in den tosenden Strudel strzte. berwltigt und
besinnungslos schrie Camillo laut auf und strzte sich nach, erfate die schne
Gestalt, die sich nur eben noch an einem vorragenden Gesteine festhielt, fiel
hart auf das Geklipp, und rang sich mit der Beute, Brust an Brust verzweifelnd
gedrngt, empor: er gewann Kraft, und schneller, als es sich spricht, hatte er
sich mit ihr gerettet. Unbewut und mit der Verzweiflung Riesenkraft trug der
Kleinere die grere Gestalt fort, zwar nur wenige Schritte empor, aber doch
enfernt genug, um in Sicherheit im blitzenden Grase neben der Geretteten ruhen
zu knnen. Die Strahlen des nahen Wasserfalles spritzten, abstubend vom fernen
Fels wie Staub, oder gewebter farbiger Glanz ber ihre Krper und Angesichter.
Leichenbla, aber still lchelnd, sa Vittoria im Grase, dankbar blickte sie
ihren Retter an, und reichte ihm die zitternde Hand. Camillo, erschrocken noch
und entzckt, taumelnd, betubt, kte die dargebotene schne Rechte mit
Inbrunst. -Wie kann ich dir lohnen? fragte sie. -So! rief er aus, indem der
Blde, Verschmte, brennende Ksse auf die schnen Lippen drckte. - Sie
schwieg, wehrte ihn nicht ab, und nur, als der Berauschte von neuem und heftiger
begann, wandte sie das Antlitz ab und schlug ihn lchelnd mit den glnzenden
Fingern auf seinen heien Mund.
    Jetzt besann er sich, und es wurde ihm nun erst mglich, sie zu sehn und zu
betrachten. Der Hut war mit dem Balle in den Wogen verlorengegangen, die
schwarzen Locken des Haares waren aufgelst, noch flo und triefte das Wasser
vom Haupte, der schne Busen mit seinen jugendlichen festen Marmorhgeln war
fast ganz frei und glnzte blendend im lichten Dmmer, das Baum und Fels
lieblich verbreiteten, an Leib und Hfte schmiegte sich, die herrliche Form
bezeichnend, das nasse Gewand, und so erschien sie dem Jngling, wie man wohl
die Nymphen der Quellen in schnen Gemlden abbildet, oder Amphitriten selbst,
die hehre Gemahlin des gttlichen Neptun, der sie vielleicht vor wenigen
Augenblicken von Liebe betrt in seiner Grotte hatte zu sich entraffen wollen.
Sie erfreute sich des Spiels, welches die Sonnenstrahlen in Dunst und Nebel des
stubenden Wassers trieben, denn viele glnzende Regenbogen tanzten und wogten
wie selbststndige Wesen im aufgelsten Kristall. Sieh, Camillo! rief sie
freudig aus, ich halte die Fabel und das Unmgliche hier sichtbar in meiner
Hand. Ja, ich kann sogar, so spielen die Geister der Natur, dir sichtlich und
krperlich diese bunt glnzende Woge hinreichen, das lachende Kind der Sonne.
Und sieh! zu meinen Fen spielen ebenso im Grase die lieblichen, neckischen
Gespenster, die Tages-Irrlichter, die dem Apollo mit freundlicher
Widerspenstigkeit aus dem Dienst gelaufen sind. Und nun noch, Freund, hat uns
der Waldvogel von drben zum besten, der schreit ein hhnendes Triumphlied, als
wenn wir ins Wasser gefallen wren, um uns unter die Fische anwerben zu lassen.
    Aber, sagte Camillo zgernd und warnend, wir mssen zur Mutter zurck und
nach Hause; du wirst dich erklten, und davon und vom Schreck krank werden.
    Der Schreck ist lngst verschwunden, sagte sie, indem sie sich zgernd
erhob und ihr Busentuch ordnen wollte, dessen Verlust sie erst jetzt mit einer
kleinen Beschmung gewahr wurde. Ja wohl mssen wir zurck, sagte sie dann mit
leiser Stimme. -Mssen wir? - O ber alles dies Mssen in unserer Alltagswelt.
Freilich, die Fabel fliegt fort mit Schmetterlingen, Schwalben und Nachtigallen,
wir kommen immer an das letzte Wort auch des schnsten Gedichtes, machen das
Buch zu und legen es in den hlzernen Schrank. Nach dem herrlichsten Gesang
erschallt die heisere Stimme des elenden Dieners, und ladet die Gesellschaft an
den Etisch. Mu denn das alles so sein? Oder knnten wir nicht mit einem Gott
oder einem hohen Geist ein Pactum schlieen, da es anders sich gestaltete?
    Camillo sah sie mit groen Augen an, und fhrte sie an der Hand den hohen
und steilen Berg hinauf. Flaminio kam ihnen oben mit der Mutter schon entgegen.
Wie erschraken beide, als ihnen Camillo mit kurzen, eiligen Worten das Abenteuer
und die berstandene Gefahr erzhlte. Flaminio erblate und ward so schwach, da
er sich an einen Baum lehnen mute. Die Mutter ergo sich in Danksagung und Lob
Camillos ber seine Khnheit und Geistesgegenwart. Kommt mit uns, beschlo
sie, teuerster Freund, kleidet Euch um, Flaminio wird Euch von seinen Kleidern
geben, wrmt Euch in einem Bett, trinkt glhenden Wein und lat Euch unsre
Pflege gefallen.
    Nein! nein! rief Camillo, Eure Gte und huldreiche Freundlichkeit erkenne
ich mit Dank, aber ich bedarf sie nicht. Ich fhle vom Wasser nichts, die Sonne
scheint warm, ich laufe zu meinem Oheim, der gar nicht weit ist, und kleide mich
um. Meine Wonne, da ich Euch so habe dienen und Euch Eure herrliche Tochter
retten knnen. Ein unverdientes Glck!
    So lief er fort, und die Matrone, ohne zu sprechen, fhrte ihre Kinder nach
ihrem Hause. Vittoria war nachdenkend und Flaminio tief gerhrt.
    Als Camillo zu seinem alten Oheim kam und ihm die sonderbare Begebenheit
erzhlte, sagte der verdrieliche Mann: Immer Kindereien getrieben, die zum
grten Unheil ausschlagen knnen. Wenn ihr nun beide ertrunken und vom Strudel
verschlungen wrt! Ich hab es dir schon oft gesagt: der Umgang mit diesem
hochmtigen Volke ziemt dir einfachem Brgerkinde nicht. Was kannst du von ihnen
erlangen? Du wirst mit deinem Stande unzufrieden werden und deine Zeit
verlieren, und wenn du jeden Tag mit Leib-und Lebensgefahr einen von ihnen aus
dem Wasser ziehst, hast du keinen Dank davon. Das geht mit Kardinlen und
Baronen um; wenn der hochnasige Abt, der lteste Bruder einmal herkommt, sieht
er mich kaum ber die Achsel an. Der lange Mensch wird mir niemals etwas zu
Gefallen tun, sosehr ich mich auch vor ihm demtige. - Jetzt in deine Kammer da
hinein! Zieh dich aus, kriech ins Bett, da du warm wirst, ich will dir das
Essen hineinschicken.
    Camillo gehorchte ihm gern, nur um mit sich allein zu sein. Fast ohne zu
wissen, was er tat, kleidete er sich aus, legte sich nieder, und trumte die
Begebenheit immer wieder von neuem. Gott im Himmel! sprach er zu sich selbst:
wer bin ich? Und sie hat mich du genannt. Diesem himmlischen Munde habe ich
Ksse rauben drfen, und, ich habe es im Taumel wohl gefhlt, sie hat mich
wiedergekt. Nachher wendete sie sich weg, aber wie freundlich, wie zrtlich!
Und das Angesicht! der Busen! O was kann Marmor, Farbe nachbilden, wenn die
Wahrheit, das Leben sich uns nahe und wirklich so hinstellt! - Ich habe gelebt.
- Diesen Krper nahe am meinigen gefhlt, gedrckt, das Pochen ihres Herzens
empfunden. - Und - der eine Augenblick - wo sich das Gewand weghob im
Emporringen, und Bein und Knie sich entblten. - Kann ich diesen Glanz je
wieder vergessen? Wird die Erinnerung daran mich nicht elend, wohl gar rasend
machen? - Wie matt ist Licht und Schimmer und Farbe und glnzendes Wei gegen
den Glanz und die Herrlichkeit, die uns der Krper eines schnen Weibes
offenbart! Und diesen Himmel, einmal geschaut, will das Auge immer wieder sehn.
- Wozu noch leben? Diese Momente kehren niemals, niemals wieder. - Htte ich
nicht vielleicht besser getan, mich mit ihr vom Strudel nieder in den ewig
dunkeln Abgrund hinunterwlzen zu lassen? Sie zu morden, statt sie zu retten?
Wissen wir denn, was der Tod ist? Mir wre er Wollust, Himmel, Seligkeit
gewesen, wenn auch im Grauen der Verzweiflung.
    So phantasierte Camillo und konnte weder den Schlaf finden, noch wirklich
wach sein.

                                Zweites Kapitel


Da die Familie Accoromboni sehr viele Bekannte und Freunde hatte, vorzglich im
nahen Rom, so war es natrlich, da alle diejenigen, die von ihnen wuten, bald
durch das Gercht jene Begebenheit erfuhren, und zwar mit bertreibungen, so da
manche glauben muten, die junge und schne Vittoria sei der Welt durch einen
frhzeitigen Tod entrissen worden. Die Mutter, welche ihre tiefe Rhrung
verbarg, da sie die uerung einer jeden Schwche scheute, hoffte den jungen
Camillo bald wiederzusehn, und ihm noch einmal Dank zu sagen, und bei ihm selbst
zu erforschen, auf welche Art sie ihm vielleicht auf seinem knftigen Lebenswege
ntzlich sein knne. Als er aber nicht erschien, ward sie besorgt, und Vittoria
noch mehr, da der Jngling wohl erkrankt sein knne, denn sie konnten nicht
glauben, da er, ohne von ihnen Abschied zu nehmen, nach Rom zurckgereiset
wre. In dieser Erwartung sagte die Mutter zur Tochter an einem Morgen: Mein
Kind, es ziemt sich nicht, da wir uns um den jungen Menschen, dem wir dein
Leben zu danken haben, so gar nicht kmmern. Er ist arm, seine Eltern, wie ich
gehrt habe, leben in der Stadt nur sehr kmmerlich, man sagt, da er sich dem
geistlichen Stande widmen soll, wir mssen also irgendeine Summe ihm oder seinen
Eltern einhndigen, damit er seine Studien bequemer fortsetzen knne, und ihn
nachher einigen unsrer wohlwollenden Gnner dringend empfehlen, damit er bald zu
einer eintrglichen Stelle befrdert werde, so da er nachher seine armen Eltern
selber untersttzen kann. Bei solchen Gelegenheiten kehrt mir immer wieder der
Wunsch zurck, da ich reich sein mchte, um durch meine Wohltat das Glck eines
solchen Hlfsbedrftigen auf dauernde Weise grnden zu knnen. Auf jeden Fall
werde ich ihm die hundert Scudi geben, die ich neulich fr unerwartete Flle von
meinem Ersparnis zurcklegen konnte. Empfehlung, wenn sie wirksam ist, kann
nachher als eine groe Summe angerechnet werden. Was meint ihr, Kinder, Flaminio
und du, Vittoria, zu dieser meiner Absicht?
    Flaminio stimmte unbedingt der Mutter bei, doch Vittoria schttelte lchelnd
den Kopf, so da die Mutter sie betroffen ansah und mit ihrem forschenden Blicke
ihre Meinung erraten wollte. Nein! nein! rief das lebhafte Mdchen, glaubt
mir nur, unser Camillo ist ganz anders, als wie ihr ihn euch denkt. Ich habe ihn
seit lange beobachtet und kenne ihn ganz genau. So blde das junge Wesen
scheint, so schwachgemut und ungewi in seinem Denken und Tun, was vielleicht
daher komme, da sein Charakter noch nicht ausgebildet ist, so stolz ist doch
dieser Jngling, so da er gewi, verwundet und gekrnkt, diese Wohltat, die ihm
wohl gar als eine Bezahlung erscheinen mchte, ausschlagen wrde. Glaube auch
nicht, liebe Mutter, da es sein Wunsch ist, ein Geistlicher zu werden. Er hat
mir schon vor einigen Monaten in Rom bekannt, da ihm dieser Stand verhat sei;
Soldat mchte er werden, oder als Handelsmann auf Reisen gehn, eine Seefahrt
versuchen und fremde Lnder sehn. Wunderliche Schicksale der Seeleute, der
groen Feldherren und Condottieri - das reizt ihn, solche Bcher, wie das alte
Gedicht von dem Feldhauptmann Piccinini, liest er am liebsten, und versumt, wie
er nur irgend kann, Messe und Gottesdienst, so da ihm auch viele seiner
Schulgenossen feind sind und ihn erbost nur den Ketzer und Lutheraner nennen. -
Und dann - hundert Scudi! Liebe Mutter - wenn ich nun doch einmal bezahlt werden
soll bin ich denn nicht mehr wert? Diese Taxe ist allzu gering, dafr schlage
ich mein Hndchen noch nicht einmal los.
    Trichtes Wesen! sagte die Mutter lchelnd, wie kindisch du zuweilen
sprechen kannst, da dich doch viele kluge Mnner in manchen Stunden wegen deines
Verstandes bewundern wollen. Das Unbezahlbare, das Hchste lt sich niemals mit
Mnze ausgleichen, das wei ich so gut, wie du. Aber eben deswegen mu ein
Leben, wie das des Kindes, das die Mutter, wenn es entflohen ist, nicht mit
Millionen zurckkaufen kann, mit Dank, mit Kleinigkeit, mit Hlfe erwidert und
belohnt werden. Der Wohltter fhlt dies auch selbst und nimmt das, was
Freundschaft reicht, wenn er es bedarf, mit Rhrung an, als wenn es ein groer
Schatz wre. Sind wir doch immerdar mit dem Leben und den Elementen, die uns
beherrschen, im Kampf: kann ich dem Nebenmenschen diesen erleichtern, so tue
ich, selbst durch eine Kleinigkeit, etwas Gutes.
    Alles wahr, sagte Vittoria, aber darum ist auch in diesem Falle, der so
gewichtig ist, Wohlwollen und Freundschaft, ein Entgegenkommen im Vertrauen, ein
kindliches und brderliches Verhltnis, so da ein solcher Wohltter mit zur
Familie gehrt - fr den Zartfhlenden der wahre Dank und die grte Belohnung.
So sollten wir mit diesem freundlichen und bescheidenen Camillo sein, und auch
in Rom seine arme Eltern manchmal sehn, die sich gewi durch solche Auszeichnung
sehr geschmeichelt und beglckt fhlen wrden.
    Die Mutter stand auf, und ging heftig im Saale auf und ab. Also dahin
sollte es kommen? sagte sie und setzte sich wieder langsam in den Sessel.
Vielleicht bereitet sich uns allen von diesem Zufalle aus ein trauriges
Schicksal. Eben alles dies, was du mir deklamierend hergesagt hast, wollte ich
vermeiden und unmglich machen, weil ich das menschliche Herz besser kenne als
du. Weil sich so natrlich ein vertrauliches Verhltnis, eine brderliche
Annherung aus solchem Unglck entwickelt, weil fr dieses ein eigentlicher Dank
und eine Belohnung unmglich sind: so will der erst so gromtige Wohltter nur
gar zu leicht das gerettete Wesen selbst an Zahlungs Statt, und vernichtet so
seinen Dienst, indem er sich das Liebste eigenntzig zum Opfer bestimmt; die
Gerettete ist oft im berschwang des Dankes schwach genug, eine solche
Schuldforderung anzuerkennen, ohne einzusehn, da sie auf diesem Wege nur spter
eines andern Todes stirbt. Und sollte ich dich je auf diese Weise verlieren
knnen, so wre es mir eben auch nicht schmerzlicher, wenn dich die rasenden
Wogen dort verschlungen htten. Gerade darum mu nun dieser Mattei unser Haus so
wenig wie mglich betreten; wir sind ihm zum hchsten Dank verpflichtet, aber
wir mssen uns ihm mehr als je entfremden: er mu fhlen, da wir in
verschiedenartigen Elementen leben, und da unsere Lebenskreise sich niemals
berhren knnen.
    Ihr berrascht mich, Mutter, sagte Vittoria hoch errtend. Nein, ich bin
diesem kleinen freundlichen Camillo so gut, fast wie unserm Flaminio da - aber
deswegen - - was du andeutest Frau Julia, davon knnte ja niemals die Rede sein.
Du sagst, du kennst das menschliche Herz besser als ich - kann sein; aber ich
kenne mein eigenes Herz, mein Wesen, das dir doch vielleicht in einigen Teilen
noch fremd und unbekannt ist.
    Wie die Jugend in ihrer Unerfahrenheit spricht! antwortete die Matrone
nicht ohne Heftigkeit. Dein Herz! dein Wesen! Hast du denn schon etwas der Art,
da du noch gar kein Schicksal, keinen groen, mchtigen Schmerz erfahren und
erlebt hast? Ehe das Eisen geschmolzen, gehrtet und gehmmert wurde, ist es
eine unscheinbare Erdscholle, ohne elastische Kraft, Schneide und Widerstand.
Dein Wesen ist nur noch Traum und Ahnung; was du bis jetzt warst und geworden,
ist nur noch Widerschein meines Geistes, Denkens und meiner Erfahrung. Glaube
mir, Kind, es schlafen in uns grliche Gespenster, tief im Hintergrund unserer
Seele, wohin der Blick der spielenden Jugend und die vorlaute Phantasie niemals
reicht. Man lernt alle Menschen frher als sich selber kennen. Wre nun dieser
Camillo immerdar um dich, gewhnte sein Gemt so an deinen Umgang, da dieser
ihm zu seinem Dasein unentbehrlich wrde, und du wolltest ihn nun als einen
berlstigen abschtteln, so wrde er aus Eitelkeit, verletztem Gefhl,
Zrtlichkeit und Krnkung in eine solche tdliche Leidenschaft geraten, so in
Wut, Eigennutz und Aufopferung rasen, so vor deinen Augen hinsterben, da dein
Mitleid, Kummer, Gewissen, die Vorwrfe, die du dir machtest, dein eignes Wesen
dir ganz verhllen knnten, da du auch auf eine Zeitlang glaubtest, dieselbe
Leidenschaft zu empfinden, und du zu spt deine Aufopferung bereutest. Glaube
mir, alles dies geschieht, sogar nicht selten, und so erwachsen nur zu oft aus
scheinbarer Liebe die unglcklichsten Ehen. In gewissen Stimmungen werfen wir
unser Selbst und Heiligstes mit mehr Leichtsinn hinweg, als wir dem gierigen
Hunde den Knochen hinschleudern. Eine freie und edle Wahl, meine Vittoria, mu
deine Vermhlung mit einem ausgezeichneten und hochstehenden Manne herbeifhren,
er mu deiner wert sein, so da dein reiches Wesen durch ihn gewinnt. Dazu
gehrt vor allen Dingen, da er dich versteht, da er die Welt und den Adel
echter Geister kennt; ein solcher mu dich erheben, du nicht ihn. Das drftigste
Schicksal, das klglichste, entwickelt sich in den Ehen, in welchen das Weib
hher steht, als der Mann.
    Vittoria hatte ihr feuriges Auge sinken lassen, ihr schnes Haupt ruhte
zwischen beiden Hnden, indem sie die Arme auf den Tisch sttzte, so da die
flieenden Haare dunkel, wie eine Wolke, niederwallten. Pltzlich sah sie auf,
wie von einem Traume erwachend, und erschrak fast, als sie ihren Bruder Flaminio
in der Nhe erblickte. Sie stand auf, flsterte dem Bruder leise etwas zu,
worauf dieser das Zimmer verlie. Was hast du, Tochter? fragte die erstaunte
Mutter.
    Ich wollte dir nur sagen, erwiderte sie, und das sollte mein junger
Bruder nicht hren, da ich gar nicht, niemals heiraten will und werde.
    Du hast heute deinen trichten Tag, erwiderte jene: kann mein Kind sich
so etwas vornehmen oder beschlieen?
    Ich sehe wohl, Mutter, sagte Vittoria tief bewegt, da du mich, trotz
deiner Liebe, nur geringe schtzest. Was ntzen uns Bcher, der Umgang mit
verstndigen Mnnern, die Kenntnis der Vorzeit und alles, was uns die edelsten
Geister singen und sagen, wenn das alles nur wie an Kltzen und Steinen
vorbergeht und nicht zu unserem Geiste sagt: stehe auf, die Morgenstunde ist
da, rufe aus allen Kammern deines Herzens und Gehirns die Diener, da sie an die
Arbeit gehn, da in den Wellen des Blutes Entschlsse und Krfte erwachen, die
das Geistige, Unsichtbare in Tat und Wahrheit verwandeln! Ja, Mutter, und so bin
ich geworden, bin so geschaffen, da ich ein Grauen vor allen Mnnern empfinde,
wenn ich den Gedanken fasse, da ich ihnen angehren, da ich ihnen mit meinem
ganzen Wesen mich aufopfern soll. Sieh sie doch nur an, auch die Besten, die wir
kennen, auch die Vornehmsten: wie drftig, arm, unzulnglich und eitel sind
alle, wenn sie alle Verlegenheit der ersten Besuche ablegen und sich so recht
frei und offen zeigen. Diese klgliche Lsternheit, die aus allen Zgen spricht,
wenn das Wort Liebe oder Schnheit nur genannt wird; diese alberne hohnlchelnde
Tugend, die jene andern, welche fr moralisch gelten wollen, zur Schau tragen;
diese Dienstbeflissenheit und das Kriechen vor den Weibern, die sie doch in
ihrem Herzen verachten - o weh! wenn ich in diesen Gesellschaften meine
Heiterkeit behalten soll, so mu ich mich in einen Traum von Leichtsinn hllen
und meine Beobachtung zum Schlaf einwiegen. Und diesen Herzlosen, Gelangweilten,
Geldgierigen, nach Ehrenstellen, und Lob der Groen Durstenden soll ich das
Kleinod meines reinen Leibes, meiner Keuschheit und Unschuld hingeben, wie man
sich Tisch, Gef, Buch oder sonst ein Totes aneignet? Und - nur mit Entsetzen
kann ich an diese Aufgabe unsers Lebens denken - wie aus einem Schrank, wie aus
lebendigem Sarge soll mir unter Qualen ein Wesen genommen werden, das ich bin
und doch nicht bin, das in seinem ersten materiellen Bldsinn mich ebensowenig
kennt, vielleicht weniger, wie die Nelke, die ich in meinem Scherben erziehe. O
mir graut, nur davon zu sprechen. Und dies Leiden, den Graus, den Abscheu zu
erleben, wirklich zu erleben, ich ertrg es nicht! Wie sehr tatest du recht,
Mutter, mir unsere Bandello, Boccaz und den leuchtenden Ariost nicht zu
verschlieen, wie manche Eltern tun, denn statt zu verlocken, hat sich diese
sogenannte Liebe, die immer nach diesem entsetzlichen Ziele strebt, die berhmte
allwaltende Leidenschaft mir nur verhat gemacht.
    Welche Unnatur! rief die Mutter aus, Kind, deine entartete Phantasie ist
es nur, die dir Grauen erregt, nicht diese Bedingung des Lebens selbst, die
durch gttliche wie menschliche Gesetze ihre Weihe, wie alles Heilige, erhalten
hat.
    Ich verstehe ja auch, erwiderte die Tochter, den Willen Gottes und der
Natur, ich verehre diese Satzung und begreife ihre Notwendigkeit - aber warum
soll ich mich ebenfalls dem Ausspruch fgen und nicht zurcktreten drfen, wie
so viele Priester, Nonnen und Heilige?
    Und in ein Kloster wolltest du dich vergraben, du lebensmutiges Kind?
    Nein, Mutter, rief Vittoria aus, lieber sterben! Ich verehre die Ehe;
bist du, herrliche Julia, doch Mutter geworden, und Mutter vieler Kinder; mu
ich dir doch dafr danken, da ich nur durch dich in dies freundliche Dasein
gerufen wurde. La mich gewhren. Vielleicht erzieht mich Zeit und Erfahrung
noch anders. Du meinst, der Mann msse hher stehn, als das Weib. Noch habe ich
keinen gesehn, der sich dir nur vergleichen drfte; meinen teuern Vater habe ich
nicht gekannt und kann mir kein Bild von ihm machen; aber mte ich durchaus dem
Gesetz nachgeben, so scheint mir vielmehr ein Mann, wie Camillo, meiner Ehe zu
passen, den ich eigentlich ohne alle Bitterkeit unter mir fhle.
    Ich werde noch lange, sagte die Matrone, ber unser Gesprch und deine
sonderbaren Meinungen nachzudenken haben. Demjenigen, was allem Lebensreiz,
bewut und unbewut, der Poesie und aller Kunst zum Grunde liegt, dem willst du
entsagen, und doch bist du fr Malerei und Poesie begeistert, doch hast du Sinn
fr die mnnliche Schnheit: wie willst du mit deiner Unnatur dich in geselligem
lebenden Kreise bewegen?
    Mit Mut und Entschlossenheit macht sich alles, erwiderte die Tochter mit
heiterer Miene. Gestern noch las ich das hbsche Bchelchen von der Tullia
d'Aragon, ber die Unendlichkeit der Liebe. - Sieh, diese weltberhmte Frau hat
sich niemals vermhlt, und wurde von der ganzen Welt vergttert, in Bildnissen
verherrlicht, und der groe Bembo, der herrliche Poet Bernard Tasso und so viele
andere berhmte Namen haben ihr gehuldigt.
    Kind! Kind! sagte die Mutter mit schwerem Seufzer - wohin gertst du?
Dieses Wesen, so schn, so poetisch sie war, durfte sich an Tugend und Hoheit
niemals mit der vermhlten Colonna und andern Dichterinnen vergleichen: Du weit
auch, da sie zum Teil deshalb bekannt und beliebt war, weil ihre Sitten, so
sagt man, sich durch Leichtsinn auszeichneten; ihre platonische Liebe soll mehr
als einmal zur irdischen herabgestiegen sein, und so knnte, weil auch du schn
bist, dein Eigensinn dich statt zur Gattin, zur Buhlerin machen.
    Vittoria legte der Mutter den Finger auf den Mund und sagte: Bitte! bitte!
Was sagt die Welt nicht alles von groartigen Frauen. Ich denke mir, da sie ein
schnes reines Leben fhrte, das Edelste jener Gelehrten, Frsten und Dichter
sich aneignete, die zu ihren Fen saen. Hat nicht der ernste pedantische
Orthodox, der alte Speron Sperone in Padua einen eigenen Dialog ber die Liebe
geschrieben, wo sie auftritt und von dem groen Bernardo Tasso verehrt und
gepriesen wird. Dieser herrliche Dichter verleugnete auch nie, da sie seine
Gttin war.
    Vergi nicht, sagte die Matrone, da der finstere Sperone damals jnger
war, und da er gewissermaen in einem sptern moralischen Dialog alle jene
uerungen und Meinungen zurckgenommen hat.
    Um so schlimmer fr ihn! rief die Tochter aus, denn was einmal wahres
Eigentum unsers Geistes war, sollen wir niemals wieder weggeben. Wer gegen sich
selbst nicht treu ist, kann es gegen niemand sein. Wer sich verleugnet, wird
auch das Gttliche verleugnen. Da helfen sie sich denn freilich mit den
traurigen eisernen Schranken einer drren Moral und einer miverstandenen
Religion. -
    Camillo vergessen wir ganz darber, sagte die Mutter, indem sie aufstand.
Sie ging in die Gesindestube, und fhlte, da dieses Gesprch eine Epoche ihres
Lebens bilde, denn sie war dadurch in eine ganz andere Stellung zu ihrer Tochter
gerckt worden. Diesen strengen Geist des eben erst aufgeblhten Kindes hatte
sie nicht geahnet, sie sah jetzt ein, da der poetische Leichtsinn, das Harmlose
des schnen Wesens, der oft kindliche bermut ebensoviel Vorsatz, als
Temperament war. Sie sorgte jetzt, das Dstere der Vorstellungen mchte einst
ber die Heiterkeit den Sieg davontragen. Schwanken wir nicht immerdar, sagte
sie zu sich, an der Grenze des Wahnsinns hin? Arbeit, Pflicht, Scherz und
Andacht mssen uns immerdar zerstreuen, um nicht in den stets offnen Abgrund
hineinzutaumeln, wie sie vor wenigen Tagen dort in den Wassersturz.
    Sie sendete Ursula, die alte Amme, da Flaminio nicht zugegen war, zum
Weltpriester hin, um zu erfahren, ob Camillo Mattei nicht gar von jenem Wagnis
krank geworden sei, da er noch immer nichts von sich hatte hren lassen. Die
berhrige geschwtzige Alte freute sich, in dem kleinen Orte, in welchem sie nur
wenige Unterhaltung fand, wieder einmal eine neue Bekanntschaft zu machen.
Nachdem sie ihre Kleidung verbessert und einen weien Schleier umgelegt hatte,
begab sie sich in das kleine Haus des Priesters. Der Alte sah verdrielich von
seinem Gebetbuche auf nach der unbekannten Besucherin hin, die sogleich redselig
die Gre ihrer Herrschaft hersagte, und sich dann erkundigte, warum denn der
junge, liebenswrdige Mattei noch nicht wieder gekommen sei, um die herzlichsten
Danksagungen der ganzen Familie zu empfangen.
    Setzt Euch, alte Person, ruht Euch aus, sagte der Priester; das Schwatzen
mu Euch sehr mde machen. Mein Neffe, Gott trste ihn, ist krank. Die junge
frhliche Dame ist, wie ich hre, mit weniger selbst als einem blauen Auge
davongekommen. So geht es immer mit den Vornehmen und Reichen: wir armes
Gesindel mssen alles ausbaden und den Schaden bezahlen. Das Wasser hat meinem
jungen Bengel nicht geschadet, aber beim Hineinspringen ist er so heftig auf die
spitzen Steine aufgeschlagen, da Rcken, Rippen, Hften, alles ein Schmerz ist.
Er hat Beulen und ist so blau gefrbt und angelaufen wie der damaszierte Stahl.
- Das wit Ihr doch von Eurer Jugend her, aus der Naturgeschichte, Ihr altes
Kind, da Steine nicht so weich sind, wie das Wasser?
    Lieber Himmel, nein, sagte Ursula, das habe ich noch nicht vergessen. Ich
habe alle meine Herrschaften aufgesugt, sonst wre meine gndige Signora Julia
auch wohl nicht so schn geblieben, und alle die Kinder, vorzglich aber das
lteste, der Herr Abbate, mgen mir vielen Verstand und Einsicht, auch
Gedchtnis weggesogen haben, womit sie nun in der Welt prunken und Aufsehen
erregen, aber diese Kenntnis und Einsicht ist mir doch geblieben. Ja,
ehrwrdiger Herr, Steine sind in der Regel hart, aber auf verschiedene Art, nach
seiner Temperatur ein jeder; aber darauf hinstrzen, ist keinem Krper gesund.
Sonst htten die bsen Juden den heiligen Stephanus gar nicht steinigen knnen,
wenn in den Kieseln nicht eine gewisse Harte wre.
    Eure Kenntnis wandelt auf dem ganz richtigen Wege, fuhr der Priester fort;
man freut sich, mit Menschen von Geist und Erfahrung Bekanntschaft zu machen,
denn die Welt verdummt immer mehr. Aber meinen Neffen, den haben die
Herrschaften, so scheint es mir, verbraucht, denn wenn er auch wiederaufkommen
sollte, wird er doch zeitlebens ein Narr bleiben. Da phantasiert und tollt er
auf seinem Lager herum, und spricht von den alten heidnischen Gttern, von denen
er wenigstens ein Dutzend, so schreit er es aus, da unten im Wasserfall,
kennengelernt hat. Dann sagt er zur Abwechselung, er sei selbst eine von den
alten Gottheiten, und Euer hochgewachsenes Frulein habe ihn dazu gestempelt. Er
meint in seiner philosophischen Raserei, er htte sich eigentlich, wenn er
Menschenverstand gehabt htte, neulich umbringen sollen, und die berweise
Vittoria zugleich mit, so wrden die beiden jetzt in den elysischen Grten
spazierengehn, und die reifsten und sesten Maulaffenbeeren von den Bumen
herunternaschen. Von der Religion will er nun gar nichts wissen, weil er meint,
die knne ihm zu seinem knftigen Fortkommen in der Hlle doch von keinem
sonderlichen Nutzen sein, denn Herr Pluto und dessen unterirdische Richter
examinierten die Kandidaten nach einem gar andern Katechismus. Kurz, der Bursche
ist mir und der ganzen Christenheit dermalen verdorben, und das hat einzig Eure
superkluge Herrschaft: zu verantworten, die das junge Blut als einen Pudelhund
mit sich nahm, um verlornen Hochmut aus dem Wasser wieder heraufzuholen. Ich
habe sogleich den Apotheker mssen kommen lassen, der ihn bepflasterte, und ihm
Latwergen und Trnke und Tropfen mitgebracht hat, die ich armer Gesell aus
meiner knappen Wirtschaft nun alle bezahlen mu; alles bittres, verfluchtes,
niedertrchtiges Zeugs, wo sie mir noch viel Geldes dazugeben mten, wenn ich
sollte berredet werden, das gottlose Hllengesff hinterzuschlucken. Der
einzige greifliche Vorteil bei der ganzen verfluchten Geschichte ist, da das
dumme Lammsgesicht in den ersten zehn Jahren nicht wieder braucht geprgelt zu
werden, weil ihm Rcken und Rippen von der remarkablen Geschichte beinah
zerquetscht und zertrmmert sind.
    Geistlicher Herr, sagte Ursula, Ihr beliebt so klug und so quatsch
durcheinanderzusprechen, da es fast unmglich ist, Eure Meinung zu kapieren.
Wenigstens macht Ihr es den Laien ziemlich schwer.
    Nun, so seht Euch die Bescherung selbst an, sagte der Geistliche, wenn
Ihr Euch aus meiner Legende nicht zu vernehmen wit.
    Sie gingen in die Kammer, wo der Kranke sich unruhig auf seinem schlechten
Lager wlzte. Seine Augen glhten, und als die beiden eintraten, rief er ihnen
entgegen: Teuerster Monsignore Charon, bringt er sie jetzt herber, meine
lngst angetraute Gemahlin, die Dame Vittoria? Ei was! Ist sie schon seit den
kurzen dreihundert Jahren so sehr gealtert, wie mu ich dann erst aussehn, der
ich schon vor meiner Geburt ein alter Kerl war? - Wie? Runzeln in dem braunen
Gesicht? Warum gerade so? Kann das Alter denn nicht blo ehrwrdig erscheinen,
warum mu es gerade lcherlich sein?
    Nein, nein, junges Blut, rief Ursula unwillig aus; ich bin nicht die
Herrschaft, ich bin die Amme, die sie grogesugt hat, darum lat Eure
Pasquinaden und wendet Euch an Gott, damit er Euch gesund mache und Euren
verfallenen Verstand wiederherstelle.
    Ihr habt sie mit Eurem Blut, mit Eurer Milch, mit Euren Lebenskrften
gesugt? rief der Kranke; kommt nher, Musterbild aller Schnheit, denn auf
die Weise hat sie ja nur von Euch ihre Vollkommenheiten. Ehe sie selber war,
ruhten ihr Auge, die stnende Rede, die Himmelslippen, alle die Verse, die sie
wei und selber dichtet, schon in dieser verkncherten, kastanienbraunen Brust?
O kommt und reicht mir auch etwas von dieser Nahrung, damit ich doch einige
hnlichkeit mit ihr bekomme.
    Pfui! schrie die Alte erbittert, er sollte doch wenigstens auf eine
dezente Art rasen, da wohlerzogene Frauenzimmer sich ber seine Liebesphrasen
nicht zu schmen brauchten.
    Sie ging bse und scheltend fort und erstattete der Herrschaft nur einen
sehr unvollkommenen und verwirrten Bericht. Die Signora Julia schickte durch
ihren jngern Sohn eine bedeutende Summe zum Pfarrer, damit ihm der kranke Neffe
nicht zu viele Ausgaben veranlasse, auch sorgte sie dafr, da ein verstndiger
Arzt auer dem halbgelehrten Apotheker sich, auf ihre Rechnung, des Leidenden
annahm. Auch khlende Sachen, eingemachte Frchte und andere Erfrischungen
besorgte sie, und so hoffte sie, bald von der Besserung und Genesung des Camillo
Mattei zu vernehmen.

                                Drittes Kapitel


Es hatte sich mit Camillo gebessert. Die krftige frische Jugend kmpfte das
Fieber und die Krankheit nieder. Der Beistand, den ihm die Signora Julia durch
ihre Bemhung verschafft hatte, indem sie ihm einen verstndigen Arzt sendete,
die Beruhigung, die sie durch ihre Untersttzung dem alten Priester gewhrte,
alles dies hatte die Wiederherstellung des jungen Mannes beschleunigt. Er
meldete sich bei der Familie, um seinen Dank abzustatten, und die Mutter empfing
ihn freundlich, aber zugleich mit einer gewissen Feierlichkeit. Auch Virginia,
von dem strengen, beobachtenden Auge der Mutter beherrscht, hatte einen andern
Ton gegen ihn angenommen, als den er bisher gewhnt war, und so fhlte sich
Camillo, der nach jener Szene ganz andere Erwartungen mitgebracht hatte,
verletzt und gedemtigt; er war verlegen, und wenn ihn die Gesellschaft nicht
beschmt htte, so wrde er sein Gefhl wohl in heien Trnen ergossen haben.
    Ihr werdet nun wohl, sagte die Mutter, um das zgernde Gesprch in
Bewegung zu setzen, zu Euren Eltern nach der Stadt zurckkehren, um
weiterzustudieren. Seid Ihr erst etwas vorgeschritten, mein lieber junger
Freund, so werde ich nicht ermangeln, Euch meinem Sohn, dem Abte, zu empfehlen,
ja ich werde vielleicht die Gelegenheit finden, zu Eurem Besten mit dem groen
Kardinal Farnese zu sprechen, der jetzt wahrlich, zunchst unserm Heiligen
Vater, den grten Einflu auf die kirchlichen Angelegenheiten hat. Zeigt Ihr
Euch nun wacker und unterrichtet, darf man spter von Eurer Rechtglubigkeit
berzeugt sein, so wird es Euch gelingen, bald in eine eintrgliche Stelle
versetzt zu werden, von welcher Ihr allgemach hher steigen mgt, um auch Euren
teuren Eltern ihre Liebe, und die Opfer, die sie Euch gebracht haben, vergelten
und ersetzen zu knnen.
    Vittoria war im Innern ber diese wohlgesetzte Rede aufgebracht, aber sie
hatte nicht den Mut, in Camillos Gegenwart ihr Erzrnen kundwerden zu lassen, um
nicht einen vielleicht unziemlichen Auftritt herbeizufhren. Die Mutter merkte
ihre Verstimmung, sie hatte sich aber fest vorgenommen, sich durch nichts in
ihrem Entschlu irremachen zu lassen. Camillo erwiderte stotternd und mit hoher
Rte im Gesicht: Signora, ich werde noch acht Tage hier in Tivoli verbleiben,
so hat es mir der Arzt befohlen, den Ihr mir zu senden die Gnade hattet. Ich
werde dann nach Rom zurckkehren, aber ganz in Zweifel und Ungewiheit, mehr als
je, ob ich auch wrdig genug sei, mich dem geistlichen Stande widmen zu knnen.
Es ist gar zu schmerzlich, sein ganzes Leben einem Berufe zu weihen, den man mit
entschiedenem Widerwillen antritt. Ihr wollt mich beschtzen - oh, wie glcklich
wrde ich mich fhlen, wenn Ihr mir irgendwo, sei es in Venedig, Florenz, oder
wo es auch wre, eine Stelle und Aussicht beim Soldatenstande schaffen knntet.
Oder wenn sich ein Kaufherr in Genua oder ein Venezianischer meiner annehmen
wollte. Ich frchte, ich bin nicht fromm; zwinge ich mich also, ganz gegen
Neigung, in das geistliche Wesen hinein, so ist zu besorgen, da ich aus Tcke
und Widerspruch, wie der Mensch nun einmal ist, auf gar arge Ketzereien geraten,
und in dem Zustande Leib und Seele verlieren mchte. -
    Junger Mensch, sagte die Matrone mit kalter Sicherheit, Ihr kennt Euch
selbst noch nicht hinreichend. Folgt meinem Rate, denn er ist gewi der beste.
An meinem eigenen Sohne Marcello erlebe ich es, wie schwer es ist, den Shnen
eine andere Laufbahn, als die der Kirche, zu erffnen. Beim Soldaten hat der
Edelmann immerdar den Vorzug, und alle die groen Huser in Italien sorgen
dafr, da bei allen Frsten in den Lndern ihre Schtzlinge und Anverwandten
die eintrglichen Stellen erhalten. Mit Kaufleuten stehe ich in gar keiner
Bekanntschaft, denn meine Verbindungen, durch welche ich Euch ntzen knnte,
erstrecken sich eben nicht ber Rom hinaus. Bei der Bestimmung unseres Lebens
drfen wir nicht zuviel auf unsere Neigungen oder Leidenschaften hinhren, denn
das Schicksal des Daseins, dem wir in dem Augenblicke der Bestimmung
entgegentreten und es herbeirufen, ist zu ernst, um Spiele und Gewhnungen der
Kindheit, jene leichten Blten, die den Frchten weichen sollen, mit
hinberzunehmen. Dadurch, da Ihr uns bekannt seid, da wir Euch so innig
verpflichtet wurden, so da ich gezwungen bin, fr Euch wie fr einen lieben
Verwandten zu denken und zu sorgen, dadurch, da es sich fgt, da wohlwollende
Gnner und Freunde von groem Einflu, auf meine Worte, Bitten und Empfehlungen
achten: dadurch, lieber Mattei, zwingt Euch das, was ich Schicksal nenne, Euch
dieser Bestimmung und keiner andern zu ergeben. Und seid Ihr denn gar nicht
stolz, junger Freund? Seht um Euch, wie groe Mnner allenthalben aus Armut und
Niedrigkeit sich auf diesem so ehrenvollen Wege emporgeschwungen haben. Hier, im
geistlichen Gebiet, ist die echte Republik, die Gleichheit aller Geschlechter
und Stnde. Kirchendiener, Bischfe, Heilige, ja Ppste sind aus Armut und
Dunkelheit emporgestiegen, um der Welt zu leuchten, und ihre Familie zu
verherrlichen. Haben wir nicht ganz in der Nhe ein Beispiel an unserm
Kirchenfrsten, dem gelehrten groen Kardinal Montalto, dessen Familienname
Peretti ist? Wer spricht im rmischen Staat, ja in ganz Italien diesen Namen
Peretti nicht mit Ehrfurcht aus? Und er ist einem so armen, niedrigen, schwachen
Hause entsprungen, da Eure wackern brgerlichen Eltern sich gegen seine Familie
wohl eine vornehme dnken mochten. Als Knabe war dieser groe Geist gentigt,
das Vieh zu hten, durch Almosen ward er grogezogen, schwache, armutselige
Priester und Mnche waren seine ersten Beschtzer - und jetzt! Ist er auch nicht
reich, so kann er doch, wie jeder Kardinal, in wenigen Jahren wohl selbst Papst
werden. Seht, mein Freund, der Stand, den Ihr nicht achten wollt, ist einzig
der, wo Flei und Charakter sich geltend machen, und die Schwchsten, hier
durchgedrungen, die Welt beherrschen knnen.
    Die Frauen erschraken, als in diesem Augenblicke der erst verschchterte
Camillo ein lautes Lachen aufschlug. O ja, rief er, ich kann auch nach Asien
wandern, mich fr heilig ausgeben und der groe Mogul werden. Was hindert mich,
es auf den weltberhmten geheimnisvollen Priester Johannes anzulegen? Von
Melchisedek und den drei Knigen aus dem Morgenlande wei man auch die
Abstammung nicht. Drfte es nicht auch geraten sein, sich mit dem Ewigen Juden
zu assoziieren und sich von dem Brausewind zum Kompagnon annehmen zu lassen? Der
macht ja auch Geschfte mit und in aller Welt.
    Pltzlich schwieg er still, sah starr vor sich nieder, und trocknete sich
heimlich eine Trne aus dem Auge. Mutter und Tochter sahen sich mit Erstaunen
an, und die sonderbare Blsse des Marmors stand auf Vittorias Angesicht. Camillo
richtete sich in mchtiger Verwirrung auf und sagte mit gebrochener Stimme:
Verzeiht mir, ihr Hochverehrten, meine Ungezogenheit. Ich bin ein elender
Mensch, und verdiene nicht, in guter Gesellschaft zugelassen zu sein. Mir
geschieht recht, wenn ich von den Edlen ausgestoen werde.
    Er erhob sich zitternd. Demtig nahte er der Signora Julia und kte ihre
Hand, dann nherte er sich der Tochter, fate ihre Finger, hielt sie lange fest,
und konnte dann seine Lippen kaum entfernen, indem er fhlte, wie sein Druck,
wenn auch nur leise, von der schnen Jungfrau erwidert wurde. So wankte er dann,
wie ohnmchtig, zur Tr hinaus.
    Mit dem Ausdruck der Heftigkeit stand die Matrone vom Sessel auf und ging an
das Fenster. Vittoria blieb auf ihrem Stuhle und sah mit etwas scheuem Blicke
nach der Mutter hinber. -Also schon jetzt! rief die Mutter aus; ich habe es
ja gesagt! So ist die elende Beschaffenheit unsrer menschlichen Seele, da aus
jedem Ohngefhr tolle Hoffnungen erwachsen, deren sie sich schwindelnd
bemchtiget. Nun ist man stolz, und trotzt und pocht in verchtlicher Aufregung
einer rasenden Leidenschaft. Man spielt den Herrn der Welt, indem man tief unter
dem bldsinnigen Bettler steht. Und eigentlich hast du es verschuldet!
    Ich? fragte die Tochter erschreckend.
    Weil du kindlich und unerfahren dein Herz und deine Zunge nicht genug
bewachtest. Deine unschuldige Neigung hat er in seinem mnnlichen Eigennutz ganz
anders gedeutet: diese angeborne Eitelkeit und Anmaung des Geschlechts hat dich
ihm schon erniedrigt, weil du hher standest, als er, weil du ihm reizend und
wnschenswert erscheinst, seine Einbildung hat dich schon in Besitz genommen,
und da sein Irrsinn schon zur wahren Leidenschaft herangewachsen ist, zeigt
seine Raserei, die wir von ihm haben ertragen mssen.
    Was kann ich aber fr das alles? warf Vittoria mit Schchternheit ein.
    Wie? Trin? eiferte die Mutter, sah ich es denn nicht (o ja, du kannst es
meinem scharfen Auge nicht ableugnen), da du ihm noch beim Abschied die Hand
drcktest?
    Und wenn es ist, sagte Vittoria, gibt es etwas Unschuldigeres? Er tat mir
so leid, weiter habe ich mir nichts dabei gedacht.
    Und du meinst, antwortete die Matrone, da der Ungestme sich diesen
Druck nicht ganz anders wird ausgelegt haben? Fr eine Liebeserklrung von
deiner Seite hat er ihn genommen. Liebst du ihn wirklich, so tatst du etwas sehr
Unrechtes, aber du handeltest ehrlich; liebst du ihn aber nicht, so war es ein
armseliger Betrug, und gehrt zu jenen schlechten Knsten, mit denen Weiber, die
mit Recht verrufen sind, Handel und Wandel treiben, und nur gar zu oft durch
fortgesetzte Unwahrheit die edelsten Mnner zur Verzweiflung bringen.
    Du gehst im Eifer zu weit, sagte die Tochter mit groer Ruhe. Gibt es
denn auer wilder roher Leidenschaft, die unbedingt auf Besitz dringt, und jener
kalten toten Gleichgiltigkeit, nichts Edles, Freundliches, Zartes, was zwischen
diesen uersten liegt? Und, da ich es dir nur gestehe, ich war dem kleinen
Camillo immer gut, aber noch niemals hat er mir so sehr gefallen, als in seiner
aberwitzigen komischen Rede, die dich so sehr gegen ihn aufgebracht hat. Diese
Kraft htte ich ihm niemals zugetraut. Ist es denn also mglich, wie du neulich
uertest, da ich auch noch Leidenschaft und Wunsch nach der Ehe wrde
kennenlernen, nun so erzieht sich vielleicht meine Zrtlichkeit fr meinen
Mattei noch zu dieser Liebe. So la denn diesen Gefhlen ihren Lauf und es
ergibt sich nach Jahren vielleicht, da du richtig gesehen hast.
    Da der Wahnsinn ansteckend ist, erfahre ich nunmehr ganz deutlich, sagte
die Mutter und sprach nun kein Wort mehr. -
    Camillo ging indessen langsam und zgernd nach dem Hause seines Oheims
zurck. Ja, ja, sprach er bei sich selbst, recht hat der alte verdrieliche
Mensch! Die Vornehmen - sie taugen alle nichts! Nur bei der Armut wohnt Liebe
und Tugend! das sehe ich an meinen Eltern, an so vielen Elenden! O dieser
verchtliche Hochmut der armen, vergnglichen Sterblichen! - Und diese
hochgetrmte weise Hoffarts-Dame! Was ist sie denn Groes? Die Witwe eines
wohlhabenden Advokaten und Richters: dazu htte mein Vater auch gelangen knnen,
wenn er das Vermgen besessen htte, zu studieren. Sie ist freilich aus einem
adlichen Hause: ist aber doch auch zu einem Rechtsgelehrten hinabgestiegen! -
Unsinn, da sich mit dieser Ungleichheit auch die niedrigen Stnde brsten! -
Ich, ein Geistlicher! Lieber Kohlenbrenner, Ruber, Bandit! - Und sie - ach ja,
da im Saal ist es anders, als da unten, so nah an der Hlle, wo sie sich mir mit
allen Krften und Schnheiten ergab. Warum war ich so dumm und tricht, in
diesem Taumel, wo wir die ganze Welt vergessen, nicht mehr zu verlangen? Sie
htt es nicht geweigert. Und was ist es denn Groes? Das Nchste, Natrlichste,
was ein einfach unverdorbener Mensch nur denken und begehren kann. War doch
Busen, Knie und glnzender Leib schon mein, und in den Kssen entfloh meine
Seele ber ihre himmlischen Lippen in ihr Wesen hinber. - Nichts! nichts! Alles
ist eitel! Auch sie verwelkt und vergeht, nichts ist echt und wahr, als nur die
Zeit und der Augenblick; und diesen mu der Kluge ergreifen! wenn er dazu
entschlossen ist, so gehrt ihm die Welt.
    Zu Hause angelangt, legte er sich nieder, denn er war wieder ein Raub des
Fiebers.
    Nach Tische wurde der Familie der allbekannte Hausfreund Don Cesare Caporale
gemeldet. Mutter und Tochter waren erfreut, den wackern Mann begren zu knnen,
durch welchen sie aus ihrer Verstimmung gerissen wurden, und der ihnen durch
seine unzerstrbare Heiterkeit eine anmutige Zerstreuung versprach.
    Cesare Caporale war einer jener hohen schlanken Gestalten, die durch den
Ausdruck harmloser Gutmtigkeit die Hlichkeit ihres Gesichtes vergessen machen
knnen. Sein Anstand und die Gebrde war edel, und man sah ihm an, da er viel
in der groen Welt gelebt hatte. Die kleine, zurckgekrmmte Nase in dem langen,
gebrunten Gesicht, die vielen Falten, gaben ihm neben dem fast Geringen und
Possierlichen den Anschein eines hheren Alters, als er wirklich erreicht hatte,
denn er war noch nicht fnfzig Jahr. Seine grauen, kleinen und lebhaften Augen
verrieten den Schalk, denn sie begleiteten jedes seiner Worte mit so
geistreichem Ausdruck, da viele seiner Aussprche von seinem Munde witzig
schienen, die man oft als Rede eines andern fr unbedeutend wrde gehalten
haben.
    Mit seiner gewhnlichen Gutmtigkeit schttelte er den beiden Damen die
Hand, setzte sich behaglich nieder und sagte: Da bin ich wieder einmal bei
euch, ihr Gotteskinder, und das tut mir wohl, wie die Frhlingssonne dem
Kranken. Ich war wieder da hinten in meinem geliebten kleinen Perugia und habe
eine Zeitlang frhlich mit meinen Freunden in meiner Vaterstadt gelebt. Das
liebe Nest steht noch auf dem alten Fleck, keine meiner Bekannten ist in diesem
Jahre gestorben, in meinem Vaterhause ist mein Quartier fr mich immer offen,
und so habe ich denn auch die Kirchen wieder besehn, die Berge besucht, und mich
an den Gebilden unsers alten Meisters Pietro und seines groen Schlers Raffael
erfreut. Wie ich nach Rom komme, hre ich zu meinem Entsetzen, ihr alle hier
wret ersoffen, oder mit Erlaubnis zu sagen, ertrunken, was aber beinah auf
eines hinausluft. Das war ein Lamento bei allen den schnen geputzten jungen
Narren, da es nicht auszusagen ist. Je nun freilich, wenn man hbsch ist, wird
man eher vermit, als wenn man, wie ich leider, mit einer so fatalen Fratze
herumluft. Aber sagt um des Himmels willen, was habt ihr eigentlich angefangen,
da man euch so verleumden darf: denn ich sehe ja, da ihr hier ganz als
vernnftige Wesen auf dem Trocknen beisammensitzt. Die hochgesinnte Mutter, die
ausbndige Vittoria, und der hoffnungsvolle Flaminio sind alle wohlbehalten,
wenn auch etwas nachdenkend, wo nicht gar gelangweilt, was ich aber doch nicht
zu voreilig annehmen will.
    Die Mutter bernahm es, ihm in kurzen Worten die sonderbare Geschichte, die
so leicht tragisch htte endigen knnen, zu erzhlen. Seht! seht! sagte Cesare
am Schlu. ich habe immer behauptet, da unsre Virginia fr ihre groe Gestalt
in ihren Gebrden und Bewegungen zu hastig und berhrig ist. Dergleichen schickt
sich nur fr kleine Persnchen, die es manchmal auch recht gut kleidet. Darum
halte ich mich mit meinem hohen Krper, den langen Beinen und Armen immer so
majesttisch. Fllt mir ein lumpiger Ball ins Wasser (ich trage aber niemals
einen mit mir herum), so lasse ich ihn wegschwimmen; und dort gar in dem
Hllenrachen, den ich immer die Grotte des Neptun genannt habe, obgleich
strenggenommen der gewaltige Mann sich mit den Flssen des Landes gar nicht
einlt. Wenn Ihr dort umgekommen wrt, so htte ich Euch wohl gar, als Euer
alter Anbeter besingen und beklagen mssen, obgleich mir noch niemals ein
ernsthafter Vers hat gelingen wollen.
    Aber habt Ihr uns keine neue Komposition mitgebracht? fragte die Mutter.
    Der Poet, antwortete Caporale, ist zuweilen an Entwrfen und Plnen so
reich, da er darber gar nicht dazu kommen kann, einen einzigen auszufhren.
Ich lief in der schnen Gegend von Perugia viel herum und meditierte. Mein
Gedicht ber das Leben des Maecenas ist nun fast fertig, aber auer einer neuen
Komdie ist mir auch noch ein komischer Vorwurf dort in der Einsamkeit
aufgestiegen. Ich dachte mir nmlich, wie Apollo auf seinem Jagdschlo eine
Versammlung knnte ausschreiben lassen, da sich alle, die sich fr Poeten
hielten, zu ihm einfinden sollten, um aus seinem Munde und von verstndigen
Richtern und Beisassen ihr Urteil zu empfangen. Die Aufgabe ist hklig und
kitzlig: denn wie viele unserer jetzt lebenden Pedanten, oder talentlosen Reimer
wrde man da rgern und krnken mssen, darum gebe ich den Gedanken auch
vielleicht wieder auf, wenn ich nicht einen anstndigen Mittelweg entdecken
kann.
    O Bester! rief Vittoria lebhaft aus, da mt Ihr alle meine Lieblinge
recht loben, und diejenigen, die mich immer gergert haben, recht beiend
durchziehn und schwarz abschildern.
    Zum Beispiel? fragte der Poet.
    Wen kann man wohl mehr loben, fuhr sie fort, als den edlen herrlichen
Bernard Tasso, und dessen Sohn Torquato, wegen seines himmlischen Aminta,
Schelten mt Ihr auf den rechhaberischen kritischen Sperone.
    Geht schon deswegen nicht, antwortete der Dichter, weil ich ihn jetzt
eben in Rom gesprochen habe, und er sich recht freundlich gegen mich erwiesen
hat. - Also um fortzufahren: ich wandelte dort in den Bergen von Perugia sinnend
umher, voll Launen und Projekte, Verdru und Freude. So kam ich auf ein grnes
Feld in der Abendstunde, die Sonne ging unter und es gemahnte mich, noch immer
drauen zu bleiben. Mit einem Male blitzt mich aus dem grnen Gebsch vor mir
etwas so grougig an, so unnatrlich feurig, da ich dachte, die Sonne wre
vielleicht umgekehrt: und nun sah ich's, und es war Venus, der Abendstern. Aber
noch nie hatte ich ihn in dieser Herrlichkeit gesehn. Nun gut, ich lie es mir
gern gefallen, da es etwas so Schnes in der Welt und der Natur gab, und ging
immer weiter, an mein dummes Gedicht denkend und spekulierend. Auch gibt es
wirklich Epochen in unserem Leben, in welchen man die sogenannte Zeit vllig
vergit. So war es mit mir. Der Abend hatte mich ausgehn sehn und die stille
Nacht fand mich noch drauen. Wie ich noch so fortwandelte, deucht mir, es
erhebe sich im Osten eine Art von lichtem Grau, ein klarer, wallender Schimmer,
und wie ich mich noch darber verwundre (denn ich hatte ganz vergessen, da es
wohl Morgen sein knne), fahre ich im Schrecken zurck, denn wieder blitzt eine
solche Glutmaschine, so ein Jupiter, als wenn er eben einer Liebschaft wegen zur
Erde gesunken wre, mir entgegen, ein gttlich glnzender Stern, dicht auf dem
grnen Boden, ugelnd im feuchten Grase und den triefenden Granaten liebkosend -
und siehe da, was ich fr einen zerschnittnen Vollmond hielt - nur reiner,
weier glnzend - sei es Jupiter, Mars, Sirius - mir war es, dem Unwissenden,
die gttliche Aphrodite, die Gttin der Liebe. -
    Ihr holdseligen Frauenbilder, da besann ich mich mit wahrer Andacht auf
euch; Ihr Julia seid mein leuchtender Abend -, Ihr Vittoria mein strahlender
Morgenstern und nun lie es mir keine Ruhe, bis ich wieder hierher zu euch kam.
Mag der Himmel mit Millionen Gestirnen prangen, fr mich hat er doch nur die
eine Venus. Nicht wahr Gevatterin?
    Ihr seid galant, Don Cesare, erwiderte Julia, und dabei ein Poet. Wie
schade, da Ihr und so manche Euresgleichen doch Weiberfeinde seid.
    Glaubt Ihr an das Mrchen? fragte Caporale. Nur hliche Mnner, und die
von den Frauen nicht begnstigt worden, stellen sich als Weiberfeinde. Es ist
keinem Sterblichen Ernst damit und kann es auch nicht sein. Denn diese Kaprice
der Natur, da sie Weiber geschaffen hat, ist es doch einzig nur, weshalb es
sich, der Mhe lohnt, zu leben. Alle die Schwchen, Widersprche, Treulosigkeit,
Mangel an Charakter, ausgemachte Schlechtigkeit selbst, was diese Moralisten
immer und immer wieder aus heiserer Kehle ausschreien, ist ja immer nur die
weibliche Natur, die sie nicht zu wrdigen wissen. Wer jemals ein Weib geliebt
hat, wen jemals auch nur ein Weib wahrhaft beglckt hat, der wird ihre Lgen und
Albernheiten hher als Aristoteles, Wahrheit und Platons Weisheit schtzen. Und
so - kann ich den Morgenstern kritisieren? Verlang ich Tugend oder Moral von
ihm? O du ewige, unbegreifliche Schnheit, du himmlisches, unsterbliches und
doch so vergngliches Kleinod der Liebe und Wollust, wie roh gehn auch mit dir
die Menschen um, und hantieren so abgeschmackt mit der Gttlichkeit, als wenn es
eben auch ein Brett oder hlzernes Gestell wre, um alten vergessenen Plunder
darauf aufzubewahren.
    Werdet nicht so ernsthaft, sagte die Mutter, und erzhlt uns lieber, was
Ihr in Rom Neues erfahren habt. -
    Potz Blitz! rief der Poet aus, das ist eben das Kennzeichen unsers
Jahrhunderts, da es gar nichts Neues gibt. Wenn Ihr das nicht etwa so nennt,
wodurch jeder Quark eine Neuigkeit wird. So bastelt unser Heiliger Vater Gregor
immer und ewig an seinem neuen Kalender, als wenn wir damit ein reelles Gut
gewnnen, da das Dmmste und Unbegreiflichste der Schpfung, die Zeit, neu
eingeteilt wrde. Das neue Jahr soll nun nicht mehr mit Ostern und dem Frhling,
sondern mit dem kalten trivialen ersten Januar anheben; und so mehr dergleichen.
Bis jetzt glaubten wir, da die Ppste nur fr die sogenannte Ewigkeit sorgten,
aber jetzt werfen sie sich auch in die irdische Zeit, um da aufzurumen. - Neues
in Rom? Nun, da die Kardinle gegeneinander intrigieren, da viele Fremde wegen
des Jubilums nach Rom gekommen sind, da die Kirchen und die heiligen Orter
besucht werden, da man erzhlte: der ruchlose Ambrosio sei mit einer ganzen
Bande eingefangen worden.
    Ambrosio? fragte die Mutter; wo ist der Bsewicht gefangen worden?
    Man sagt in Subiaco, antwortete der Dichter ruhig: die Bande hatte dort
in der Nacht das Haus der Magistratsperson erbrochen und geplndert, den Mann
aber selbst hher in das Gebirge hinaufgeschleppt, um an ihm Rache zu nehmen,
weil er sich im Verfolgen der Ruber besonders ttig erwiesen hatte. Doch haben
die freiwilligen Milizen sie in ihrem Schlupfwinkel berrascht und das ganze
Nest aufgehoben.
    Die Matrone ward nachdenkend, und Caporale begriff nicht, wie diese
Neuigkeit sie so verstimmen knne. Es ist furchtbar, nahm Vittoria das Wort,
wie diese Ruberscharen sich in unsrer Zeit vermehren und noch tglich
anwachsen. Von den Groen und Mchtigen beschtzt, hat fast jede Familie ihre
Bande, man bekmpft sich ffentlich, wie in einem Kriege.
    Ja, sagte Cesare: diese Orsini, Colonna, die Florentiner, die Ferrareser,
alles hat seine geworbenen kleinen Heere in unserer Stadt und dem rmischen
Gebiet. Der Heilige Vater sieht durch die Finger und fhlt sich zu schwach, dem
Unwesen zu steuern. Rache und Meuchelmord werden als Edeltat angesehn und es
herrscht eigentlich nur so viel Sicherheit, als jene Mrder uns gnnen wollen.
Auch der Privatmann ist fast gezwungen, mit dieser oder jener Bande
einverstanden zu sein, um nicht von allen beschdigt zu werden.
    Ich mag an alles dies gar nicht denken, warf jetzt die Mutter ein; denn
ein Grauen befllt mich, als wenn unser Eigentum und Leben nur vom Zufall
abhingen und wir jedem Entsetzen preisgegeben wren. Alle Gespenstergeschichten,
die ich in meiner Jugend hrte, erwachen dann in meinem Innern, und unser Geist
ist der Sklave von nichtswrdigen Vorstellungen, die in unsern Nerven auf und ab
rieseln und uns das Haar emporstruben.
    Nein, Mutter, rief Vittoria: scheltet mir nicht auf meine lieben
Gespenster und das poetische Grauen, das bei Anhren dieser Geschichten unsern
Geist gefangennimmt. Das ist wie khler Morgenwind, der durch den Eichenwald
braust und alle Bltter in zitternde Bewegung setzt. So erfrischend und
wundersam sind auch die Legenden von wiederkehrenden Gestorbenen, von den
dunkeln Dmonen, die an einsamen Seen ihr Wesen treiben, jener seltsamen
Kobolden, die uns in gefhrliche Smpfe, oder im Gebirge an Abstrze locken
sollen; dann die Orakelstimmen in einsam abgelegenen Tlern, die Fhigkeit
Wahnsinniger oder Kranken, die Zukunft deutlich zu sehn, oder in fernen Gegenden
den Freund wahrzunehmen, und alle die Mrchen von Zauberern und Beschwrern, von
den Bndnissen mit bsen Geistern. Schon des wunderlichen und rtselhaften Abano
oder Pietro Apone wegen mcht ich gar zu gern einmal nach Padua reisen, um mir
sein Haus mit dem groen Saal und seinen Brunnen zu betrachten. Kme so ein
groes oder kleines Gespenst in mein einsames Zimmer, so wrde ich freilich
erschrecken, aber mich auch dieses Erschreckens freuen, und es recht bis in
meine innersten Krfte hinein mit meinem Bewutsein durchgenieen. Ansehn wrd
ich mir das Wesen, das mich seiner Bekanntschaft wrdigte, und gewi ohne
fieberhaftes Entsetzen von ihm Abschied nehmen. Ich habe mir den Fall oft genau
durchgedacht und bin meiner Fassung gewi. Nein, das Geisterreich bietet uns die
Schrecken nicht, die der Wirklichkeit zu Gebote stehn.
    Wie meint Ihr das, Ihr poetische Amazone? fragte Don Cesare.
    Eine Vorstellung, antwortete die Jungfrau, verfolgt und ngstigt mich von
meiner frhesten Jugend. Ich bin allein in der tiefen Nacht, meine Familie ist
schlafen gegangen, meine Dienerin ist verabschiedet, ich will mein Lager
besteigen und die Lampe lschen, als pltzlich vor mir schreckliche Bsewichter
mit geschwrzten Gesichtern und druenden Waffen stehn: ich wende mich um, Hlfe
rufend, und auch von dort treten mir scheuliche, unbekannte Figuren entgegen.
Nirgend Rettung, Hlfe; das Wort stockt mir im Munde, der Atem versagt, die
Brust klopft zum Zerspringen; ganz ohnmchtig und doch klar alles sehend, rcken
die Verruchten und der Mord mir nher und nher. - Seht, indem ich davon
spreche, bin ich halb wahnsinnig vor Entsetzen. - Hinweg du abscheuliches
Bildnis! - Und knnt Ihr leugnen, da nicht dergleichen schon hie und da
vorgefallen ist? Wir alle haben von solchen berfllen gelesen! Und kann
dergleichen sich nicht wiederholen?
    O Kind, rief Cesare, Ihr ngstigt mich ber die Maen. Beruhigt Euch,
entfernt diese niedertrchtigen Vorstellungen aus Eurem Gemt, verbannt sie
vllig, zerstreut Euch und entwurzelt diesen Unsinn, der in Euren Geist so
scheint es, schon tief hineingewachsen ist. Denn Eure Darstellung erweckt zu
meinem Grausen auch mir eine alte Grille in meinem Innern. Ich kann mich nmlich
durchaus nicht von dem Aberglauben losmachen, da dergleichen, wenn man es sich
immer und immer wiederholt am Ende eben dadurch, wie durch unbewute Magie zur
Wirklichkeit hinauswchst. Die Phantasie ist auf die Weise der Boden, in welchem
spter dieses giftige Unkraut als wahrhaftiges hervorspriet. Um Gottes willen,
lat diese fatalen Spiele der Imagination bleiben.
    Die Mutter schauderte. Sollte denn, sagte sie nach einer Pause, unsre
Seele diese ungeheure Kraft besitzen, durch die Vermittlung der Imagination so
was zu erzeugen? Oder ist es nur die Fhigkeit, das Unvermeidliche der Zukunft
vorauszusehn, die sich in dergleichen Furcht und gespenstige Vision umbildet?
Was ist doch berhaupt mein Ich? Warum sagen wir immer so leicht hin: mein
Geist, meine Seele, als wenn noch ein andrer Regent hher ber diesen
Regierenden in uns stnde?
    Ja wohl, sagte Caporale, kommt man mit dem Denken ber diese Geheimnisse
niemals zu Ende. Wir erkennen uns nur in den Funktionen unserer Krfte, in
unserer Ttigkeit: so wendet sich unser Bewutsein und unsre Denkkraft immerdar
von uns ab, und sieht sich nur entstaltet und unkenntlich in einem trben,
schlecht geschliffenen Spiegel, der unser Wesen verzerrt. Ist nun unser Geist,
oder unsre Seele schon einmal dagewesen? Ist er ein gesunkener Geist, der in
bestimmten Perioden seiner Verwandlung in einen frhern seligen Zustand durch
Tat, Reue, Bue, hiesiges Leben zurckkehrt? Ist er ein Funke aus Gott, bei der
Geburt neu entflammt herabgesendet?
    Ihr seid ein arger Ketzer, sagte die Mutter.
    Ich frage nur zweifelnd an, antwortete der Dichter, was unsre Seele sei,
so wie Schrift und Kirche, soweit ich sie kenne, auch nichts Bestimmtes darber
aussagen. Es bleibt immer nur brig: Ich bin ich.
    Kinderei! rief lachend Vittoria: wer es wissen will, was die Seele ist,
der komme nur zu mir, denn ich wei es ganz genau.
    Du? sagte die Mutter, indem sie gro aufsah.
    Ich mchte mich, sagte der Poet, zu Euren Fen niederwerfen, und so,
demtig im Staube, von der hohen Sybille das heilige Orakel empfangen.
    Vernehmt! rief die Tochter - die Seele ist ihrem wahren Wesen nach, eine
kleine graue Maus.
    Virginia! rief die Mutter zrnend, schmst du dich nicht, so albern zu
sein? Oder soll diese Kinderei Witz und schalkhafte Laune bedeuten?
    Auch in Bernis Gedichten, sagte Caporale, die doch so manches
Unbegreifliche erzhlen, erinnere ich mich nicht, diesen oder auch nur einen
hnlichen Ausspruch gefunden zu haben.
    Es soll aber auch gar nicht Spa bedeuten, erwiderte die Jungfrau,
sondern es ist mein vollkommener Ernst. Die Kenntnis der Sache ist mir auch
schon vor mehreren Jahren geworden, wo sie mir in einem allerliebsten Buche
vorkam, dessen Titel ich leider nachher in meinem Leichtsinn vergessen habe. Es
ist nmlich eine Geschichte, der ich meinen Glauben verdanke, und diese will ich
euch jetzt erzhlen:
    Vor alten, uralten Zeiten gab es einen Herzog von Burgund, der irgendwo in
von hier weit, weit abgelegenen Gegenden sein Land, seine Herrschaften, und
hochgelegenen Schlsser hatte. Irre ich nicht ganz, so lebte und regierte er in
einem Teile von Deutschland, nicht fern vom Rheinstrom. Nun war dieser Herr oft
von seinen Feinden bedrngt, doch war er immer siegreich aus allen Kmpfen nach
seinem Schlosse zurckgekehrt. Es war schon damals eine Erfindung und ein
Unglck aufgekommen, welche uns auch in den neuesten Zeiten oft qulen. Der Herr
hatte nmlich Schulden; der Krieg hatte fr Vasallen und Sldner seinen Schatz
gnzlich ausgeleert. Sooft er in seine Schatzkammer ging, sah er nur die leeren
Wnde, und wenn er Truhen und Schrnke aufschlo und hineinschaute, so blickte
ihm immer wieder ein trostloses Nichts entgegen. Um sich zu zerstreuen, ritt er
mit einem vertrauten Knappen in einen schnen dichten Wald hinein. Es lief schon
seit Jahrhunderten im Volk ein Mrchen um, da irgendwo, aber kein Mensch konnte
den Ort bestimmen, ein unendlicher Schatz von Gold, Perlen und Juwelen aus
Bosheit sei versteckt und verzaubert worden, so da keine Wnschelrute, kein
Beschwrer und Hexenmeister diese Flle unermelicher Kostbarkeiten je
wiederentdecken knne. Wie es wohl die Armen, Notgedrngten zu machen pflegen,
so hatte sich auch der gute Herzog mit seinem treuherzigen Knappen von diesen
verzauberten Goldklumpen unterhalten, und sich an diesen versteckten und
verlornen Diamanten und Rubinen getrstet und erfrischt. Mde vom Reiten und
Schwatzen, nachdem sie tief in den schnen grnen Wald hineingeritten waren,
stieg der Frst vom Pferde und band es an einen Baum. Wir haben selbst den
Fusteig verloren, hier ist es so schn ruhig und einsam still, sagte der
Herzog; bewahre und bewache mich, mein getreuer Gottfried, denn eine se
Mdigkeit schleicht mir in mein Gehirn und drckt mir die mden Augen zu. So
geschah es, der Herzog fiel in einen erquickenden Schlaf, und der Diener wachte,
da kein Tier oder Gewrm seinem verehrten Herrn nahen und ihn beschdigen mge.
Der Atem des Frsten, die Brust ging hin und her und auf und ab: er lchelte,
denn ihn mochte ein angenehmer Traum besuchen. Pltzlich stockte der Atem, im
Gesicht zeigte sich Aufspannung und Anstrengung, und mit einem Male sprang ein
ganz kleines graues Muschen aus dem halb geffneten Munde. Nun lag der Herzog
da, wie tot, ohne Atem und die mindeste Bewegung. Das kleine Muschen aber sah
sich mit funkelnden uglein im Grase neugierig um und schlpfte endlich zwischen
den Blumen fort und etwas mehr in den Wald hinein, doch nicht so gar weit vom
Frsten, der nur als starre Leiche noch regungslos dalag. So war der Knappe denn
in seinem Erstaunen und Schrecken doch begierig, was sich aus dem Wunder ergeben
wrde: er ging also ganz leise und behutsam dem Tierchen nach, behielt aber
dabei immer seinen totscheinenden Herrn im Auge. Bald mute das Muschen stille
stehn, denn es kam an einen Bach. Das Wsserchen war nur so schmal und klein,
da es jedes Kind mit einem Schritte berschreiten konnte, und es flo so still
und bescheiden ber die Wiese und unter den grnen Bschen hinweg, da es die
Reiter vorher weder gesehn noch gehrt hatten: fr die Maus aber war es ein
Strom, breiter als unsere Tiber. Und da sie durchaus hinber wollte, lief sie
ngstlich, bald links, bald rechts dem Ufer entlang, ob sie wohl eine trockene
Stelle fnde, oder ob irgendwo vielleicht das Bchlein so schmal wrde, da sie
hinberspringen knne. Der gutmtige Knappe sah nicht ohne Teilnahme, wie das
kleine Wesen sich abngstigte. Er schaute sich um, fand aber kein drres Holz,
zog also seinen Hirschfnger mit dem silbernen Griff aus der Scheide und legte
die blanke Waffe ber das Wasser. Die Maus schien erst erstaunt, trat dann aber
behutsam und zgernd auf den glatten, spiegelnden Stahl und ging hinber, worauf
sie sich bald in das nahe Gebsch verlor und in eine kleine Hhle sprang, die
sich in einem grn bemoosten Felsensteine zeigte. Der Frst lag noch tot, wenige
Schritte hinter dem Knappen. Diesem ward bange, wie der Ausgang sein wrde, und
seine Angst stieg immer hher, je lnger das Tier ausblieb. Wie, wenn der Frst
sich gar nicht wiederbelebte? Wrden die groen Vasallen, wrde der Thronerbe
ihm wohl diese Mausgeschichte glauben? Da wohl mehr als eine Viertelstunde
verflossen war, wollte er schon seinen Degen wieder in die Scheide stecken, den
starren Herren aufrtteln, und wenn dieser sich gar nicht regte, vielleicht in
alle Welt reiten, um nicht fr einen Mrder, der vom Feinde bezahlt sei,
angesehn zu werden. Siehe da springt das kleine Wesen, seine Augen noch heller
glnzend, wieder aus dem Gebsch hervor, sieht sich um, setzt die netten Beine
prfend wieder auf den Stahl und wandelt behutsam bis an den Griff. Gottfried
nimmt seine Waffe und die Maus rennt wieder zum Herzog. Der Diener zweifelt, ob
er sie nun nicht doch greifen und festhalten soll, weil es ihm unziemlich dnkt,
da ein solches Getier seinem Herzog im Gesicht herumspazieren, oder gar in den
Mund kriechen soll. Aber ehe er noch einen Entschlu fassen kann, ist jene schon
wirklich zwischen den Lippen des Frsten wieder in diesen hinein. Kaum war es
geschehn, so kehrte auch das Lcheln auf das Antlitz zurck, die Brust atmete
wieder, und nach kurzer Zeit richtete sich der Herr auf, sah um sich, die
Besinnung wiederzufinden, und schttelte sein Haupt, als wenn er die letzten
Flocken des Traumes aus seinen Haaren schtteln wollte. Lchelnd sah er den
Knappen an und sagte dann zu diesem: Setz du dich noch zu mir her in dieses
grne Gras, denn ich mu dir den seltsamsten Traum erzhlen, der nur jemals mein
Gehirn besucht hat. - Ich war kaum hier auf dieser Stelle eingeschlafen, als mir
dnkte, ich ginge von hier weit, weit in den dicken, dunklen Wald hinein. Aber
wie war um mich die Natur verwandelt! - Das, was ich fr Gras halten mute,
waren hohe, hohe, dicke Binsen, die weit ber meinem Haupte hinwegragten:
ungeheure Bsche schlugen ber mir zusammen, und als ich schon weit gewandelt
war, hrte ich pltzlich ein ungeheures Tosen, und ein Brllen, wie von groen
Wasserfluten. Und so war es denn auch. Ein breiter Strom, dessen jenseitiges
Ufer ich kaum absehn konnte, stand mir gegenber. Ich lief bald hier-, bald
dorthin, denn etwas Unbeschreibliches trieb mich an, als wenn ich durchaus
jenseits des breiten Flusses gelangen msse. Ich sphte aufmerksam nach einem
Schiffe, Fahrzeuge, oder dem kleinsten Kahn; aber so weit ich auch lief, sosehr
ich auch mein Auge anstrengte, war nirgend dergleichen zu ersphn. Noch viel
weniger eine Brcke, die mir das Liebste gewesen wre. So in Verzweiflung
geschah pltzlich etwas, wie man es nur in alten Wunderschriften vernimmt. An
demselben Orte, wo ich mich vergeblich umgeschaut hatte war pltzlich eine
groe, lange und breite Brcke - aber welche! von purem, spiegelblanken,
geschliffenen Stahl, ohne Gelnder und Brustwehr im Sonnenstrahl blendend und
glnzend. Was war zu tun? Behutsam, vorsichtig betrat ich die glatte Bahn,
langsam vorschreitend, um nicht auszugleiten und in den mchtigen Strom zu
strzen. Ich kam glcklich hinber. Nun war ich wieder in einem dichten, dunkeln
Walde, und nachdem ich noch viel gewandert war, geriet ich in eine hohe,
gerumige Felsenhhle - und - was erblickt ich da? Tonnen, hohe, dick mit
Goldstcken angefllt; ich mute lange, lange hinanklimmen, um den Rand der
mchtig hohen Fsser zu erreichen; schwere Goldbarren lagen auf dem Boden,
vermischt mit dem kstlichsten Gestein von aller Art und allen Farben. Ich
besahe mir alles genau, und verharrte lange in diesem verzauberten
Schatzgewlbe. Ich nahm mir vor, mir die Merkmale genau einzuprgen, um die
Stelle wiederzufinden, und so verlie ich endlich den dmmernden Felsenkeller.
Ich ngstigte mich, ob die sthlerne Brcke auch noch da liegen wrde. Richtig,
sie war nicht verschwunden. So nun wieder den langen Gang hierher - und ich
erwache, traurig, da alles nur ein Traum gewesen ist. Sieh so war dies Gesicht
nur eine Fortsetzung unseres Gesprches, die Begier nach Schtzen, die in meiner
Armut wohl natrlich und verzeihlich ist. - Aber du sprichst nichts Gottfried? -
Du schttelst den Kopf? Du glaubst mir nicht.
    - Dieser gute Mann war in seinem poetischen Erstaunen nur darber verlegen,
wie er es seinem Herrn erffnen solle, da er ihn selber als Maus aus seinem
Krper habe auswandern sehn. Er fate sich endlich ein Herz und erzhlte ganz
einfach, was er erlebt hatte. Sie gingen die wenigen Schritte, sprengten mit den
Schwertern die ffnung der Hhle, um sie zu erweitern, und fanden dann wirklich
einen unermelichen Schatz von Gold und Edelsteinen. Der Herzog blieb als
Wchter zurck, der Knappe eilte nach der Stadt, holte Rosse, Geschirre, Wagen
und getreue Diener und der Tag verging, ehe man alle Kleinodien aus der Hhle
aufgeladen hatte. So wurde dieser burgundische Herr der reichste Frst seiner
Zeit und demtigte alle seine Feinde unter seinem Szepter. Und ich wenigstens
habe aus dieser wahren Geschichte soviel gelernt, da unsere Seele in ihrem
natrlichen Zustande eine graue Maus sei.
    Gesegnet der Mann, sagte Caporale nachdenkend, der dich einmal heimfhren
wird. Ich verlasse euch jetzt, ihr geliebten Weiber, und bitte nur um die
Erlaubnis, auch morgen einen Gast herzubringen, der euch, Signora, und auch
diese junge Dichterin will kennenlernen. Ihr seid ja Fremden immer gtig und
werdet mir meine Bitte nicht versagen.
    Wollt Ihr nicht, fragte die Mutter, Euer Stbchen oben in Besitz nehmen?
    Nein, erwiderte jener, ich darf es diesmal meinem Dornherrn nicht
abschlagen, der mich schon mit dem Abendessen erwarten wird.
    Indem hrten sie ein lautes, gewaltsames Klopfen an die uere Tr. Es war
schon finster geworden, und der Diener eilte mit dem Licht hinaus. Verstrt und
die Kleider in Unordnung strzte Marcello herein. Um Gott! rief die Mutter,
was gibt's? was ist dir?
    Versteckt mich nur auf einige Tage, rief der verwilderte Jngling, da
mich keiner bei euch findet. Ha! Don Cesare? Nun, der lustige Poet wird mich ja
wohl nicht verraten.
    Die Mutter ging im Saale auf und ab und rang, Trnen vergieend, die Hnde.
Sie hatte ganz ihre Fassung verloren. Mein Sohn ein Bandit! schrie sie,
vogelfrei! Wohl ein Preis auf seinen Kopf gesetzt! O Himmel, wodurch habe ich
mich so schwer verschuldet, da ich dies erleben mu. War es doch immer mein
stolzer Traum, da ich, wie die Mutter der Gracchen, in meinen Kindern, um die
mich die Welt beneiden msse, meine hchsten Kleinodien sehn knne.
    Fackelt nicht lange! schrie Marcello ungezogen; diese lieben Shne der
prahlerischen Cornelia wurden auch nachher als Rebellen und Meuterer von andern
sehr wrdigen und tugendhaften Mnnern totgeschlagen.
    Kommt morgen, sagte der Fremde, in meinem Wagen mit mir nach Rom. Ihr
knnt meinen Diener vorstellen, und in der groen Stadt mgt Ihr Euch viel
leichter auf einige Zeit verbergen, bis Ihr nachher mit Sicherheit die Flucht
ergreifen knnt. Ich werde Euch morgen mit Tagesanbruch abholen.
    Die gedemtigte Mutter half den Jngling in einem abgelegenen Gemach, in dem
sich ein tiefer Brunnen befand, verbergen. Als am Morgen Don Cesare den
Flchtling abholen wollte, war er verschwunden, und auch Camillo hatte seinen
Oheim ohne Abschied verlassen. Man mute vermuten, da sich beide mitsammen
entfernt htten. -

                                Viertes Kapitel


Die Mutter war durch den neuesten Vorfall so erschttert, da sie am folgenden
Tage lange auf ihrem Lager blieb, und sich erst erhob, nachdem ihr Sohn Flaminio
und Vittoria die fremden Gste schon angenommen hatten. Als sie in den Saal
trat, fand sie die Gesellschaft im lebhaften Gesprch. Sie suchte sich zu
zerstreuen und spannte sich zu einer erzwungenen Heiterkeit.
    Der fremde Mann, welcher mit dem wohlbekannten Dichter gekommen war, schien
ohngefhr dreiig Jahr alt zu sein. Er war schlank, gro und wohlgebaut, seine
Gebrde edel, das Auge schn und feurig. Vittoria vermutete, da auch dieser ein
Dichter sein knne, da er mit dem alten Hausfreunde erschien, und die Gelehrten
aus allen Provinzen Italiens gern die Familie der Accoromboni aufsuchten. Der
Fremde war sehr freundlich und von den edelsten Sitten, mehr ernst als heiter,
und auf seinen Wunsch beschlo man die Villa d'Este zu besuchen, von deren
Pracht und Schnheit in ganz Italien die Rede war.
    Als sie die Villa erreicht hatten, ward ihnen der Eingang gestattet, weil
die Besitzerin nicht zugegen war. Der Fremde schien sehr aufgeregt und ward von
den Kostbarkeiten, Gemlden und dem Schmuck der Zimmer entzckt: und begeistert.
Wie glcklich, sagte er, knnten die Frsten sein, denen alles dies zu Gebot
steht, und die sich ein solches Dasein bereiten mgen. So umgeben, nichts
Niedriges, rmliches in ihrer Nhe, wohin sie blicken nur von Kunst angeschaut,
von Schnheit umleuchtet, Erinnerung an Geschichte und groe Vergangenheit, die
edelsten Geister, die Raffael, Michelangelo und Julius der Rmer fr sie in
Ttigkeit - und doch -
    Ja wohl, sagte die ernste Matrone, wohnt nur sehr selten in diesen
herrlichen Palsten das wahre Glck. Das Schicksal und die Umstnde, die
Verhltnisse des Menschen sind immer mchtiger, als der Mensch selber. Der
Einsame, Unabhngige strzt sich aus seiner Freiheit in Dienst und Abhngigkeit,
um das zu suchen, was er Glck nennt: und jener, der im Glck zu schwelgen
scheint, von vornehmen Freunden umgeben, im Glanz des Reichtums, wnscht sich
nur allzuoft in die verlassene Einsamkeit des drftigen Waldbruders. Freiheit
ist ein edles Wort und hat einen herrlichen Klang, es ist aber nur ein Wort, ein
verhallendes, ohne Wesen und Inhalt. Die wahre Freiheit ist nur im Tode.
    Der Fremde sah die hohe Frau verwundert an, und Caporale sagte: Ihr seid
heut, verehrte Freundin, aufgeregt; gnnt der Natur und dem schnen klaren
Licht, das so herrlich dort die Gebirge beglnzt, Euch aufzuheitern.
    Zu zerstreuen, sagte sie: mu doch das Edelste der Natur und Schpfung
nur gar zu oft, sich herabwrdigend, dazu dienen, uns von uns selbst zu
entfernen.
    Um uns doch nur, bemerkte der Fremde, dort in diesen Gegenstnden edler
und vollkommener wiederzufinden. Das Wahre, Gute in uns kann uns niemals
verlorengehn.
    Weil es vielleicht nicht da ist, sagte Signora Julia, tief seufzend.
Verzeiht, mein edler Herr, dessen Namen ich noch nicht einmal wei: Eure
Liebenswrdigkeit hat mich verleitet, Euch nach dem ersten Anblick als einen
alten Freund des Hauses zu behandeln, vor dem ich nicht ntig habe, meinen
Kummer zu verbergen. Doch ist es wohl besser und schicklicher, hier in diesen
poetischen Umgebungen eine andre Sprache zu fhren.
    Jetzt verlieen sie das Haus und betraten den schnen, knstlichen Garten.
Vittoria ging schweigend an der Seite der Mutter, auch der heitre Don Cesare war
ernst geworden, und der Fremde war ganz der Betrachtung und Bewunderung der
vielfachen Anlagen, dem Wechsel der Gebsche, der Majestt der Bume, der Pinien
und Zypressen, dem schimmernden Glanz der vielfachen Blumenbeete hingegeben. Am
meisten entzckten ihn aber die mannigfaltigen Wasserknste, die in sinnreichen
und versteckten Erfindungen bald in kleinen Erzfiguren den Gesang der Vgel
nachahmten, bald aus menschlichen Gestalten die Tne der Laute und vielfachen
Gesang bildeten; so wechselten Sirenen und Wassertiere in seltsamen Gruppen, so
spielten die Nereiden und Pan und Schfer die Wasserorgeln, die Syrinx und
Flten und Pfeifen, dort klang die lndliche Schalmei und ferner ab rieselte das
Element, welches erst zur knstlichen Musik abgerichtet war, als klarer Bach in
seinen Naturtnen dahin.
    Als der Fremde in den Ausdrcken seines Lobes immer enthusiastischer wurde,
konnte Vittoria nicht lnger schweigen, sondern lie sich, beinah zrnend, in
diesen Worten aus: Ich wei es wohl, da alle Welt diesen Garten und diese
tnenden Kunststcke bewundert. rgert Euch nicht an mir, teurer Mann, wenn ich
Euch gestehe, da ich immer nur ohne Freude diesen Plan betreten habe, da es mir
schien, als wenn Kunst und Natur hier gleich sehr verletzt wrden. Die wahre
echte Kunst ist hier in eine Knstlichkeit, in eine Seltsamkeit
hineingeschraubt, die wohl Erstaunen und Verwunderung, nicht aber wahre Freude
erregen kann. Die Natur ist gewissermaen vernichtet, denn sie mu hier in den
sklavischen Dienst von gezierten Spielereien treten, die nicht einmal eine
Tuschung hervorbringen knnen, und die ermden, wenn man den ersten Genu der
Neugier und Verwunderung hinter sich hat. Wie anders wirkt ein gutes Gemlde,
ein Werk des Bildhauers, Palestrinas Musik, eine freie Landschaft, dort der
himmlische Wasserfall. Ist es nicht hier, als wenn man die Trume eines
Fieberkranken wirklichmachen, und etwas erreichen wollte, was ber unser
menschliches Vermgen hinausreicht? Jedesmal aber, wenn der Mensch einen solchen
Versuch eitlen Hochmuts unternimmt, sinkt er unter sich selber hinab.
    Ei! ei! mein schnes Frulein, rief der Fremde, sie verwundert ansehend,
wie erklingen in so zarter Silberstimme aus so reizendem Munde diese herben,
verdammenden Worte? Hat Euch niemals eine Sestine, oder eine recht knstliche
Kanzone begeistert? Wie haben unsre Natursprache, den Laut, der immer so gern
wieder in das Burische zurckfllt, unsere Petrarka, Bembo, Molza, Bernard
Tasso, und so manche andre erzogen! Und diese mechanischen Erfindungen, die an
sich selbst nur Staunen und ein leichtes Ergtzen erregen knnten, sollten vom
Genius nicht in seinen Dienst genommen werden, um auch diese Dinge, die auf
Linien, mathematischen Grundstzen und arithmetischen Zahlenverhltnissen ruhen,
in die hchste poetische Freiheit der Phantasie einzufhren? Wenn Euch dort die
Natur und der erhabene Wasserfall mit Recht begeistert und fr Momente Eure
ganze Seele ausfllt, so ist hier dieselbe Natur in ihrer lieblichen Erscheinung
nur in eine Regel gebunden, um sie wieder auf andre Weise in die hchste
poetische Freiheit hineinzufhren. Diese geraden Baumgnge, diese abgeteilten
und abgezirkelten Blumenbeete sind ja nur wie die Stanzen oder Terzinen eines
lieblichen Gedichts, wo das Wort der gewhnlichen Rede auch mit wahrer
kindlicher Freude, mit bermut, in die Regel hineinspringt, um sich selber s
und edler zu vernehmen. Und diese Wasser, Bildsulen, Vgel, Scherz und Ernst,
Schauer und sanfte Wollust, in diesen krausen Gebschen, zwischen Myrten und
Lorbeer und den finstern Zypressen, die ausgebreitete Pinie dort, das Rieseln,
Flstern in den Wipfeln, mit Duft und Echo gemischt, diese fast menschlichen
Tne, der Vogelgesang, dort das Gebirge, ber uns des Himmels lichte Blue, das
se Spiel der Lichter, der dunkelnde Schatten - braucht der Mensch in diesem
Traum der Wollust noch jenen Jupiter um seine Gttersle zu beneiden?
    Schn! sagte die Mutter, sieh, mein Kind, da hast du einmal einen Gegner
gefunden, der dir deinen Eigensinn brechen knnte, wenn es ihm wichtig genug
wre, dich in die Lehre zu nehmen.
    Kann sein, sagte Vittoria, da dasjenige, was ich Natur, Schnheit und
Freiheit nennen mchte, doch wieder ein zu enger Begriff ist, der wohl wieder
zur Gebundenheit und Unfreiheit fhren knnte. Und doch mag ich mein Wesen nicht
willkrlich erziehn; ich mu erst das selbst in mir erleben, was eben jetzt der
werte Fremde ausgesprochen hat: es ist mir unmglich, nachzusprechen, was ich
nicht selbst einsehe, oder knstliche Wege zu suchen, um mein nchstes Gefhl
gegen meine Natur mir zu erziehn. Auch bei Bchern und Gedichten habe ich es nie
vermocht und ich will lieber fr mich selbst irregehn, als nachfhlend und
sprechend mit einem andern recht haben.
    Doch, meinte der Fremde, msse man sich vielleicht in Schriften und
Gedichten nach andern und jenen Regeln fgen, die sich schon seit alten Zeiten
als Kritik geltend gemacht htten.
    So widersprecht Ihr Euch aber selber! rief Vittoria aus. - Sie htten wohl
lnger gestritten, wenn nicht eine merkwrdige Erscheinung, die sich jetzt in
der Nhe zeigte, ihre Aufmerksamkeit in Anspruch genommen htte. Ein alte Frau
trat in Begleitung eines jungen, sehr reich gekleideten Mannes, aus dem nahen
Gebsch. Sie war gro und stark, von mnnlichem Ausdruck und brunlicher Farbe,
an Kinn und Oberlippe zeigte sich selbst ein leichtes Brtchen. Alle verbeugten
sich ehrerbietig, standen still, und lieen die beiden Gestalten vorbergehen,
die sich dem Schlosse zuwendeten. Als sie enfernt genug waren, fragte der
Fremde: Wer war diese Dame, die fast das Ansehn eines starken, ltlichen Mannes
hatte? -Die jetzige Besitzerin dieser Villa, nahm Caporale das Wort, jene
weltberhmte Margarete von Parma, die Tochter des groen Kaisers, des fnften
Karl.
    Ist es mglich, rief der Fremde aus, und schlug die Hnde ineinander, da
ich gerade hier eines solchen Anblicks gewrdigt werden soll? Dieses Denkmal
alter Begebenheiten, dieses groe Monument mchtiger Zeiten, dieser freie groe
Charakter unsrer Geschichte ist an mir vorbergegangen, wie ein Bild des Phidias
oder Lysippus. Aus dem Traum der Poesie und Kunst halb erwacht, stehe ich
pltzlich in der Wundersage der Historie, und es fehlt mir an einem Mastabe,
mich gleich wieder zurechtzufinden. Sie, die Arme, die aus Politik, fast noch
ein Kind, einem grausamen, wilden Medicer, dem Herzog von Florenz, Alexander
vermhlt ward, die dann seine Ermordung erleben mute, (volle vierzig Jahr sind
es jetzt,) die nachher wieder verheiratet wurde, dann vom Bruder als Regentin
nach den Niederlanden geschickt ward, wo sie sich als wahre Knigin klug, stark
und gro zeigte, in der schwierigsten Lage, ein echtes, edles Gegenbild jener
groen Elisabeth von England, bis sie falscher Politik, der Kabale und dem
blutdrstigen Herzog Alba weichen mute. Was hat sie alles gesehn, erlebt und
erfahren. Wie mssen ihr die Welt und deren Frsten, die Widersprche, die
Schwchen der Menschen, Unglck und Glck erscheinen.
    Ja wohl, antwortete Donna Julia, nun bewohnt sie seit einiger Zeit diese
Villa, wird aber, wie sie mir neulich sagte, vielleicht noch in diesem Jahr zu
ihren Schlssern in den Abruzzen und dem Neapolitanischen reisen. Sie schien
heut sehr im Gesprch vertieft, da sie uns auerdem wohl angeredet htte, denn
sie zeigte sich immer meiner Familie, vorzglich meiner Tochter, sehr gndig und
huldreich.
    Sie ist eine einzige Frau, rief jetzt Caporale. wenigstens habe ich noch
nie eine hnliche gekannt, oder von ihr gehrt. Glaubt ihr wohl, da sie noch
jetzt auf der Jagd, so alt sie ist, die rstigsten Weidmnner mde macht? Sie
tummelt sich auf jedem Rosse und scheut sich auch vor dem wildesten nicht, sie
reitet und jagt allen Stallmeistern voraus, kurz sie ist eine echte Virago, in
der edelsten Bedeutung dieses Wortes.
    Jetzt eilte der junge Mann, der mit der Frstin vorher gesprochen hatte, auf
die Gesellschaft zu, und bat den alten Dichter Caporale, ihn der Familie
vorzustellen, der er schon seinen Besuch zugedacht hatte. Caporale sagte: Nehmt
meinen jungen, trefflichen Freund wohlwollend auf, verehrte Damen, den Grafen
Pepoli aus Bologna.
    Wir haben von Euch und Eurer edlen Wohlttigkeit gehrt, sagte die Mutter:
kein Bolognese kommt zu uns, der nicht Euren Ruhm singt.
    Der Graf verbeugte sich zierlich und erwiderte mit einer andern diese
Artigkeit. Sie gingen hierauf nach Hause und alle setzten sich zu einem
einfachen Mittagsmahle nieder. Es gibt Charaktere, die, wenn sie auch nicht
einen starken oder ausgezeichneten Geist besitzen, doch durch unverkennbares
Wohlwollen und Menschenfreundlichkeit, sowie durch feines Betragen alle Herzen
gewinnen. Zu diesen gehrte der Graf. Auch war man bald mit ihm vertraut, als
wenn er schon lange zur Familie gehrt htte. Er bildete einen angenehmen
Kontrast gegen den zweiten Fremden, der viel edler, aber nicht so vornehm
erschien: das freie, leichte Betragen des Grafen war so, da man fhlte, er habe
sich von Jugend auf in den glnzendsten Kreisen bewegt, da er zum Edelmanne
erzogen sei und den groer angeerbter Reichtum von den frhesten Jahren, nicht
nur ber jede Not, sondern selbst Unbequemlichkeit des Lebens hinweggehoben
hatte. Der andere Gast, dessen lebhaftes Auge so geistreich glnzte, dessen
Lippe so fein zu lcheln verstand, glich doch mehr einem Gelehrten, ob man
gleich keinen Professor einer Universitt und noch weniger einen Geistlichen in
ihm erkennen mochte.
    Nach Tisch begaben sich alle in einen kleinen Gartensaal, wo man sich an der
Frische und der Aussicht in die schne Landschaft erfreute. Hier, in diesem
lieblichen Aufenthalt, rief Caporale, sollten wir, wie es jetzt allenthalben
geschieht, eine kleine poetische Akademie formieren, und ber ein gegebenes
Thema improvisieren; oder sollte die Deklamation zu unbequem fallen, so entwerfe
man schnell aus dem Stegreif auf diesen Blttern hier ein kleines Gedicht, oder
auch ein greres, wie es nun gerade die Muse begehrt.
    Die Mutter entschuldigte sich und ging um notwendige Geschfte zu besorgen,
und Flaminio begleitete sie, um ihr hlfreich zu sein. Die brigen setzten sich
um den runden Tisch, und Caporale sagte: das Thema sei die Gewalt der Liebe.
    Alle dichteten, und nach einer stillen Pause, als alle ihre Bltter
beschrieben hatten, sagte Cesare: Ich bin kein Dichter, sondern nur ein
Spamacher und so spricht es auch dies Sonett aus. Er las es, es enthielt eine
Entschuldigung, er habe immer nur der Parodie gehuldigt, und seine Eitelkeit
bestehe darin, da man seine Gedichte nicht unzchtig nennen knne, wenn er auch
in Spa und Witz einen Berni, oder andre berhmte Poeten niemals erreichen
knne.
    Der Graf Pepoli sagte: Wer ist jetzt in Italien wohl nicht ein Dichter? Es
gehrt zur Erziehung eines jeden Gebildeten, Verse machen zu knnen, und wir
haben den groen Vorteil da unsre schne, fein ausgebildete Sprache schon
selber fr uns dichtet. Ohne nachahmen zu wollen, wiederholt der Dilettant,
selbst ohne es zu wissen, das schon oft Gesagte. - Seine fein gewendeten
Stanzen erzhlten in zartem Bilde von dem unerwarteten Glck, in so ausgewhlter
Gesellschaft auf wenige Minuten den Dichter spielen zu drfen.
    Der Fremde las ein Sonett, da die nahe, begeisternde Schnheit der edelsten
Jungfrau, die Mutter derselben, die groe Frstin, deren Anblick er gewrdigt
worden, ein Garten zur himmlischen Wollust und Traumseligkeit erschaffen, alles
dies ihn zwinge, die hchsten Tne der Poesie anzuschlagen; aber die Muse
schttle das Haupt und lege den schnen Finger auf die Lippen, ihm zuflsternd:
Eben weil du zu glcklich bist und zu selig im Genu, kannst du in diesem
Augenblick nicht dichten, lebe und sei zufrieden: Schmerzen und Poesie werden
schon zu dir zurckkommen.
    Vittoria sah den Fremden verwundert an und dann sinnend vor sich nieder,
denn dieses Sonett schien ihr vortrefflich und von einem echten Dichter
herzurhren. Dann sagte sie mit groer Lebhaftigkeit: Die Herrn alle, selbst
unser Vorstand, haben in ihren Versen das aufgegebene Thema nicht einmal erwhnt
viel weniger durchgefhrt; alle verbeugen sich mit der hflichen Entschuldigung,
nicht dichten zu knnen, und ich rmste habe mich, wie wir unterdrckte Weiber
immer mssen, geschmiegt und im Gehorchen ein schlechtes und langes Gedicht
geschrieben. - Sie las eine Kanzone, deren Inhalt ohngefhr dieser war: -

                              Gewalt der Liebe.

Alles, so sagen die Dichter und viele andre Sterbliche, wird von der Liebe
regiert. Ich, zu jung, um sie zu kennen, zu schchtern, um sie herauszufordern,
wie soll ich sie besingen? Wohl sind mir viele der Hymnen bekannt, die ihre
Gottheit verherrlichen sollen; aber auch andere dithyrambische Gesnge, in
welchen Venus und Amor nicht minder krftig geschmht und gelstert werden. Da
erscheinen alte Fabeln und groe historische Sagen vor meinem Blick. Das
mchtige Kind der Tauben, die hohe Semiramis, fand sich pltzlich als Knigin
von Babylon. Eine groe und schne Stadt, doch zu klein und unbedeutend fr ihre
schaffende Phantasie. Ihre ganze Seele ward trunken, als sie den groen Schatz
des Goldes, die unermelichen Reichtmer in ihren Kammern entdeckte. Knstler,
Staatsmnner, Diener und Brger, Maurer, Steinmetzen und Handlanger kamen nun
ihren kniglichen Trumen willig entgegen.
    So erhob sich aus diesen Kammern und ihrem Geiste dies Babylon, das Wunder
der Welt. - Wie aber, wenn ein andrer Geist, vielleicht ebenso stark und khn,
diese Palste, Trme, hngenden Grten und ewige Mauern auffhren wollte, und
fnde nur ein kleines, kleines Kapital in seinem Vermgen? Ein lcherliches
Unding wrde entstehen, ein armseliger, verchtlicher Versuch, vor jedermann zum
Spott, oder zum Mitleid den Bauenden hinstellend. - So vergleiche ich dem
groen, mchtigen Willen dieser schaffenden Phantasie die Liebe, und der
Gegenstand, auf den diese Liebe sich wirft, sind (ein seltner Fall) die
unerschpflichen Goldkammern der Semiramis - oder - das armselige Vermgen, aus
welchem sich mit Sicherheit und als vollendet nur eine Htte zusammenflicken
lt. La ruhen das Bauen, und entsage der Liebe, wenn der Geist, den du lieben
und anbeten, ihm gehren mchtest, nicht in seinen Tiefen die gttlichen Krfte
aufbewahrt, durch die allein die Liebe ihre Wrdigung finden kann. Darum bleibe
mir fern, holdselige Venus, mit deinen Gaben; denn nur im Fabelreiche wohnt der
Held, dessen Seele mir als Goldstrom jener Taubentochter entgegenleuchten
knnte, um die himmelhohen Trme, Palste und schwebenden Grten meiner
Phantasie aufzubauen. -

Der Fremde neigte sich bewundernd, und kte die schne Hand der Dichterin, der
Graf sagte in feinen Worten eine zierliche Schmeichelei, und Caporale rief ein
herzhaftes: Brava! - Nun, fuhr er fort, teilt uns nach Versprechen noch ein
Fragment, einige Verse aus Eurem greren Gedichte mit, an dem Ihr arbeitet,
mein verehrter Freund.
    Der Fremde nahm einige zierlich geschriebene Bltter aus seinem Mantel,
indem er sagte: Ich will Euch eine Episode des Werkes vorlesen, und mir ber
diese Euer freimtiges Urteil erbitten, da viele Verstndige sie schon
bekrittelt, oder selbst vllig verworfen haben.
    Er fing an zu lesen, von Erminien und ihrer Liebe, als Vittoria ahnungsvoll
rief: Und der Name Eures Werkes?
    Das befreite Jerusalem, sagte der Fremde, wie beschmt und etwas errtend.
    Oh, um Gottes willen! sagte Vittoria, laut schreiend -so seid Ihr ja
jener Torquato Tasso, von dessen Gedicht schon ganz Italien spricht - der schon
vor vielen Jahren uns den herrlichen Rinaldo gab - von dem der himmlische Aminta
herrhrt, von welchem uns der tckische Caporale einzelne Stellen, wie die ber
das goldene Zeitalter, mitgeteilt hat. - Ha! Bsewicht! so wendete sie sich an
diesen - also so boshaft knnt Ihr sein, den groen Dichter so zu
verschweigen?
    Es geschah in guter Absicht, sagte der Alte lchelnd. Wutet Ihr, wer
Euer Gast war, so hieltet Ihr gewi mit Eurem Wesen an Euch; denn das liegt
einmal in unsrer Natur, da wir es einem Frsten oder groen Manne durchaus
recht machen und keine Ble geben wollen, keinen Widerspruch versuchen. Wutet
Ihr, wer dieser Unbekannte war, httet Ihr Euch gewi nicht mit ihm gezankt. So
aber seid Ihr nun wie alte Bekannte und ich bin mit mir zufrieden, da ich es
durchgesetzt habe: denn er wollte erst gar nicht einwilligen, weil er meinte, es
setze Eitelkeit und Stolz voraus, so inkognito in eine liebe Familie
einzutreten.
    Niederknieen mte man, rief das lebhafte Mdchen wieder: so ist es
ziemlich, wenn eine Gottheit den Sterblichen wrdigt, seine niedere Htte zu
besuchen.
    Sie erhob sich und eilte in heftiger Bewegung zur Tr. Wie knnt ich es
verantworten, sagte sie eilig, wenn ich nicht meine Mutter und den Bruder
davon benachrichtigte, welchen Gast wir heute bewirtet haben.
    Als die Mnner allein waren, sprach Graf Pepoli mit groem Verstande zu
Tasso, ber das Glck, ihn persnlich kennengelernt zu haben. Tasso war
aufgeregt und konnte mit den Lobsprchen, die der gebildete Mann ihm mit der
grten berzeugung und Aufrichtigkeit spendete, wohl zufrieden sein. Die Mutter
und Flaminio erschienen, und der Gast sah sich, von so vielfltiger Verehrung
und Freundschaft angeregt, um so mehr veranlat, jene berhmte und schne Stelle
seines Gedichtes, die damals von so vielen anmalichen Kennern und Kritikern
verworfen wurde, mit Freude und Genugtuung vorzutragen.
    Wie trocken und nchtern, sagte die begeisterte Vittoria am Schlusse, mu
die Seele dessen sein, der die Schnheit dieser Dichtung nicht empfindet. - O
teurer, einziger Mann! ich hoffe, wenn Ihr nur irgend in Rom verweilt, da wir
uns noch wiedersehn; aber fr jetzt schlagt mir meine Bitte nicht ab, da ich
die Hand, die so schne, so himmlische Worte niederschrieb, in innigster
Verehrung an meine Lippen drcken darf.
    Tasso erhob sich und sagte: Beschmt mich nicht so sehr, schne Jungfrau.
Aber der Dichter drfte vielleicht vor allen andern sterblichen Menschen ein
andres Anrecht in Anspruch nehmen, welches ihm die Musen verliehen haben. Lat
mich, in Gegenwart Eurer verehrten Mutter, zum ewigen Angedenken dieser schnen
Stunde, einen Ku von diesen schnen Lippen pflcken.
    Die beiden dichtenden schnen Wesen umarmten und kten sich innig, und es
blieb, in diesem poetischen Taumel, nicht bei dem einen erbetenen Kusse, da
Tasso fhlte, da sie seine begeisterte Berhrung mit den sen, vollen Lippen
erwiderte.
    Als man Abschied nahm, sagte der Graf: Ich wrde um die Erlaubnis
nachsuchen, morgen meinen Besuch wiederholen zu drfen, wenn mich nicht teure
Verpflichtungen nach Rom hinzwngen. Ein Verwandter von mir, ein ferner Vetter,
aber ein reicher Mann, ist von den Banditen aus Subiaco, dort im Gebirge,
fortgeraubt worden, und die Ruber verlangen fr ihn ein unermeliches Lsegeld.
Das schlimmste aber ist, da keiner wei, wohin sie den Armen geschleppt haben.
Nun sind viele eingefangen und nach Rom gebracht worden, und von diesen ist mir
einer bezeichnet, der vielleicht die Kunde, die genaueste, von jenem Vorfall
haben mag.
    Die Fremden beurlaubten sich und Flaminio geleitete sie, um dem groen
Tasso, den er innigst verehrte, noch einige Zeit nher zu bleiben.
    Wir reisen morgen auch nach Rom, sagte die Mutter pltzlich zur Tochter.
    Himmel! rief Vittoria, wie erschreckst du mich, Mutter! Ich hoffte, wir
wrden die Villagiettura noch recht frhlich hier fortsetzen, da jetzt erst so
manche unsrer Freunde herausziehn werden; denn der Herbst hat ja erst
angefangen.
    Es mu sein, sagte die Matrone.
    O Mutter! klagte die Tochter, ich kann es dir nicht aussprechen, wie
schrecklich und gespenstisch mir diesmal die Stadt vorkommt. Dies groe, ewige
Rom, um das uns so viele Fremde beneiden, und den Aufenthalt dort als einen
glckseligen preisen - o wie greulich, furchterfllt, entsetzlich erscheinen mir
diesmal seine Straen und Pltze! Ich habe eine Vorempfindung, als wenn mir dort
das allergrte Unglck meines Lebens begegnen, als wenn ich dort untergehen
msse. O la uns noch verweilen. Warum diese Hast?
    Warum? rief die gengstete Mutter; weil ich Kinder habe, die mein Stolz
und meine Freude sein sollten, und die mir zur Hllenqual werden. So wisse denn,
Unglckselige, da sie unsern Marcello zum zweitenmal eingefangen haben: in dem
Briefe, den ich heute erhielt, spricht man von Hinrichtung, wenigstens von der
Galeere. Er hat sich wieder bei den Banditen betreffen lassen. Ich mu nach Rom;
unser Schtzer, der Kardinal Farnese, mu sich unserer annehmen, sonst sind wir
verloren.
    Um Gottes willen, sagte Vittoria in Trnen, - dieser unglckliche Bruder
- diese seine Unruhe und Wildheit, die er fr Kraft und Tugend hlt! Aber
Liebste, o du meine einzige Freundin! schtze mich nur dort vor allen den rohen,
unbndigen Gesellen, die mich zu lieben vorgeben, die meine Freier vorstellen
wollen. O dieser abscheuliche Luigi Orsini, dieser entsetzliche Mensch, so im
Wesen, wie ich mir den Herzog Alexander Medici von Florenz, oder gar den
verruchten Cesar Borgia denke - nur vor diesem und andern seines Gelichters
beschtze mich - sonst wre mir ja wahrlich besser gewesen, dort im Wassersturz
unterzusinken.
    Darber beruhige dich, meine Tochter, trstete die Mutter, - dieser
Orsini, dieser Ludwig, soll nicht ber unsre Schwelle schreiten.
    Gib mir noch ein Versprechen! rief Vittoria. -
    Nun? -
    Da du deine Einwilligung gibst, da ich mich gar nicht zu vermhlen
brauche! Ich hasse, ich verachte die Mnner! Ich knnte eher einen vergiften,
als mich ihm unterwerfen. Dies scheint mir das rgste, schndlichste aller
Verbrechen. Nein, Mutter, zwinge mein Gemt nicht, da es sich emprt und sich
lieber in alle Greuel taucht, die Namen haben, als da es sich der Gemeinheit
ergibt, die so viele jmmerliche Menschen Tugend und Notwendigkeit nennen. -
    Tochter! Tochter! sagte Julia gengstigt, vielleicht empfinde ich in
Zukunft um dich noch mehr Angst, als mir jetzt der unglckliche Marcello macht.
O Gott! Was ist das Leben? Rste dich zur Reise.
    Als sich Vittoria allein sah, blickte sie zum Abendhimmel empor. - Der
Mondschein zeigte ihr die Berge, sie hrte in der Stille der Nacht den
Wasserfall brausen. Lebt wohl, rief sie, alle ihr geliebten, teuren Wiesen
und Bume! - hab ich nicht heut gesehn, da dieser gttliche Tasso auch nur ein
Mann, ein schwacher Mann war? - Nicht strker als Camillo. - Wo find ich ein
Wesen, das ich ehren und lieben knnte? - Gut denn: der Tiberstrom wird immer
noch ebenso tief sein, wie der Teverone; - wenn man frei sein will, wahrhaft
will, so gibt es kein Schicksal, das uns Ketten anlegen knnte!

                                  Zweites Buch



                                 Erstes Kapitel

Als die Familie in Rom angekommen war, richtete sie sich in ihrer einfachen
Wohnung wieder auf die frhere Weise ein. Es fehlte nicht an Besuchen, als die
Rmer erfahren hatten, da alle aus Tivoli zurckgekehrt seien. Die Mutter
suchte sogleich ihre mchtigen Beschtzer in Anspruch zu nehmen, um ihren
unglcklichen Sohn von der Schande oder einem noch hrteren Lose zu befreien.
Sie fand aber jetzt mehr Schwierigkeiten, als sie sich dort in ihrer lndlichen
Einsamkeit hatte vorbilden knnen, denn fast alle Parteien waren einstimmig der
Meinung, die Gerichte wren bis jetzt zu nachgiebig gewesen, und es sei zum Wohl
des Ganzen notwendig, dem Volke wie den Rubern ein auffallendes und
abschreckendes Beispiel zu geben. Am schwierigsten zeigte sich, was die Mutter
am wenigsten vermutet hatte, der mchtige Kardinal Farnese, der vieljhrige
Freund und Beschtzer der Familie. Die Frstin Margareta von Parma hatte sich
auf dringendes Ansuchen des Grafen Pepoli persnlich an den Kardinal gewendet,
ihr und der guten Sache in diesem schndlichen Handel beizustehn, und wenigstens
den Anstalten, welche die Regierung fr notwendig halten wrde, nichts in den
Weg zu legen. Farnese war so aufrichtig und mitteilend, da er der Matrone
selbst den Brief der Frstin zu lesen bergab. Die letzte uerung, werte
Freundin, sagte er dann lchelnd, werdet Ihr ebensogut begreifen, als ich
selber. Wie vielen Verdru haben mir meine Feinde, vorzglich die Partei der
Medicer erregt, weil sie mich mehr als einmal beschuldiget haben, da ich mit
verschiedenen Anfhrern der Banden in Verbindung stnde, um meinen Gegnern
Schaden zuzufgen. Meinen groen Proze, wegen der abgeschickten Banditen, die
mich drauen in meiner Villa von Caprarola auf Anstiften dieser Partei und des
Groherzogs hatten ermorden wollen, kennt Ihr ja, Ihr werdet Euch auch des
traurigen Ausganges dieses Handels erinnern, der mir, meinem Ruf und Ansehn so
nachteilig wurde: weil geschickte und verschmitzte Advokaten die Sache so zu
drehen wuten, da viele einzusehn glaubten, von mir selbst rhre dies Komplott
her, ich habe die Bsewichter angestiftet, um dem Groherzog und dem Hause der
Medici einen empfindlichen Schlag beizubringen. Nun hat jetzt der Kardinal
Ferdinand, der Bruder des Frsten, mehr Einflu gewonnen als je, er hat sich mit
dem frommen Carl Borromeo verbunden, und diesen beiden, die den Ruf groer
Tugend sich verschafft haben, folgen viele andre, die auch fr rechtlich gelten
mchten. Alle diese haben sich gleichsam das Wort gegeben, mir gemeinsam,
entgegenzuhandeln. Der alte gebrechliche Montalto hat sich ebenfalls ihnen
beigesellt, der Schleichende, der, wenn er auch nicht nutzen kann, doch wohl zu
schaden vermag. Der Heilige Vater selbst ist froh, wenn er von allen diesen
Geschichten nichts vernimmt, um seinen Studien, der Angelegenheit der Religion
und seinem geliebten Sohn, dem General und Gubernator von Rom zu leben. Beim
Papst vermag ich, in dieser Zeit wenigstens, vollends nichts auszurichten, weil
er mit der grten Eifersucht in mir seinen etwanigen Nachfolger zu sehen whnt,
und frchtet, da ich nach seinem Tode seiner Familie allen mglichen Schaden
zufgen mchte. Seht, so sehr hat es mir geschadet, da man mich seit Jahren den
Mchtigen, den Einflureichsten, ja den Despoten genannt hat, der das Kollegium
der Kardinle eigensinnig beherrscht. Geschadet hat es mir, da ich beim letzten
Konklave so viele Stimmen fr mich hatte. Also beruhigt Euch, ich will
berlegen, wie man der bsen Sache auf irgendeinem Wege beikommen kann. - Aber
warum setzt uns auch Euer Sohn in diese Verlegenheit? Es ist zu verdrielich,
wegen eines Verbrechers, der nicht zu den groen Husern gehrt, Autoritt und
Macht auf das Spiel zu setzen. - Weint nicht, geehrte Frau; so viel werden wir
vermgen, und dahin will ich viele meiner Kreaturen stimmen, den Proze in die
Lnge zu ziehn, da es nicht so bald zum Spruch und zur Entscheidung kommt, und
Ihr wit wohl, in manchen Fllen heit es mit Recht: Zeit gewonnen, alles
gewonnen. Indessen kann in einem oder zwei Monaten sich vieles ndern, und stehe
ich einmal auf einem andern Platze, so knnen alle meine Freunde, zu denen Ihr
gehrt, meines Schutzes gewi sein.
    Donna Julia fhlte wohl, wieviel sie selber beim Kardinal durch die
schlechte Auffhrung ihres Sohnes verloren hatte. Sie sah ein, da der mchtige
Mann nicht eines ganz unbedeutenden jungen Menschen wegen etwas Auffallendes
tun, oder sein Ansehn fr seine Rettung wagen knne: Farnese konnte also nur
noch handeln als persnlicher Freund des Hauses, und insofern konnte sie noch
auf Wohlwollen, Untersttzung, aber nicht auf das Einwirken des Kardinals
rechnen.
    Als dieser ihre tiefe Bekmmernis sah, fate er ihre Hand und sagte
freundlich: Mir fllt etwas ein; geht doch einmal, zum berflusse, zum
Montalto; der Alte setzt etwas darein, fr hlfreich zu gelten, er bekehrt gern
die Snder und trstet die Leidenden; er kann vielleicht den Medicer, und
dieser den Borromeo und den Gouverneur zu Eurem Besten stimmen, so da die
Richter nachher durch die Finger sehn, oder im uersten Fall den Delinquenten
entspringen lassen.
    Mit so geringen Hoffnungen mute die Donna den Palast verlassen, und sie
berlegte unterwegs, wer von ihren Bekannten wohl am fhigsten sei, sie auf eine
wrdige Art beim Kardinal Montalto einzufhren, dessen Bekanntschaft sie noch
nie gemacht, den sie in keiner Gesellschaft sah, weil er sehr zurckgezogen
lebte, sich nur den geistlichen Pflichten widmete und, seiner Krnklichkeit
wegen, die Muestunden in seinem Garten zubrachte. -
    Vittoria hatte indessen bei Freundinnen einige Besuche gemacht, war dann in
der Kirche Maria Maggiore gewesen und ging nun, von ihrer Amme und dem alten
Diener begleitet, nach ihrem Hause zurck. Als sie sich von dem Tempel nach der
nchsten Strae wendete, kam ihr ein Zug von geputzten jungen Leuten entgegen.
In ihrer Mitte wandelte mit leichtsinnigem Ausdruck ein Jngling von mittlerer
Gre, schlank aber schwach gebaut, mit ganz hellblondem Haar, das er nur wenig
gekruselt auf den Schultern schweben lie; sein Auge war blau, und der Ausdruck
seines Gesichtes kein bedeutender. Vittoria war im Begriff, ihn anzurufen, so
hnlich erschien er dem wohlbekannten Camillo: doch noch einen Schritt nher,
und sie sah, wie sehr sie sich getuscht hatte; denn in diesem Jngling war
keine Spur jener burischen Treuherzigkeit, die ihr an ihrem Jugendgespielen
immer so wohl gefallen hatte, und sie erschrak fast, als sich in diesem
Augenblick sein schwebendes, unbedeutendes Lcheln in einen Ausdruck von rohem
Trotz und Gemeinheit verwandelte; denn er zankte pltzlich mit einem seiner
Begleiter und drohte diesem, einem groen starken Menschen, sogar mit der Faust.
Vittoria war getrstet und beruhigt, als sich unerwartet der alte Hausfreund
Caporale zu ihr gesellte. Indem beide nach der Wohnung der Accoromboni gingen,
fragte sie: Wer ist dieser junge Bursche, der sich so seltsam gebrdet? Er
scheint eins von jenen verzogenen adligen Muttershnchen, die sich durch
Erbrmlichkeiten wichtig machen wollen. Solche alberne Kreaturen fangen oft aus
leerem, langweiligen Mutwillen Hndel an, die zu Unglck und Verderben
ausschlagen.
    So ist dieser nicht, antwortete Don Cesare; er ist das friedfertigste
Gemt auf Erden, und meint nur als rmischer Neuling, er msse sich doch vor
jenen jugendlichen Schmeichlern und Dienern durch Mienen, lebhaftes Gesprch,
scheinbaren Eigensinn und nicht ernstgemeinten Zank ein Ansehn geben; am
eifrigsten so bemht, wenn Fremde ihn beobachten, oder gar eine Dame ihn ihrer
Aufmerksamkeit wrdiget. Und so war es nur ein kleines, improvisiertes
Schauspiel, was er Eurer schnen Gegenwart als Huldigung darbot.
    Vittoria lachte und der Dichter fuhr fort: Dieses Brschchen ist der
Abkmmling von armen Bauersleuten, sein Oheim hat ihn unterhalten und ihn in
einem ganz kleinen Stdtchen die Schule besuchen lassen; dann haben ihn Mnche
in die Zucht genommen und unterrichtet, und endlich, da er ganz erwachsen ist,
hat ihn derselbe Oheim nach Rom kommen lassen, um zu sehn was aus ihm zu machen
wre. Dieser Vormund ist nmlich kein anderer, als der alte, hinfllige Kardinal
Montalto, der vor seinem Ende diesen Neffen wenigstens noch anstndig versorgt
sehn mchte. Er wollte ihn zum Geistlichen machen, weil er, da ihm Reichtum und
liegende Besitztmer fehlen, ihn in der Kirche am leichtesten emporbringen
konnte. Davon will aber der schwache Mensch, in dem Punkte eigensinnig, nichts
wissen, und Ihr habt selbst gesehn, wie wenig er zum Priester geeignet ist.
    Indem entstand hinter ihnen ein groes Geschrei, und sowie sich Caporale
umwendete, strzte ihm zu seiner groen Verwunderung derselbe Jngling, von
welchem sie eben gesprochen hatten, leichenbla und mit allem Ausdruck der Angst
an die Brust, indem er laut schrie: Er kommt! er kommt! Vittoria blickte um,
und zog mit ruhiger Bewegung den Dichter noch zur rechten Zeit auf die Seite,
welchem der junge Bursche mechanisch folgte, der sich noch immer mit dem Alten
fest umarmt hielt. Einer von den Stieren, die frei, an langen nachschleppenden
Seilen in Rom von mehreren Reitern, die im Trabe oder Galopp nebenbei rennen,
eingefhrt werden, war seinen Aufsehern entsprungen und rannte nun die Gassen
hinab, Schlchter, Jungen und Alte hinterdrein, die Menschen, die entgegenkamen,
zur Seite springend, um nicht beschdigt zu werden.
    Die Gefahr ist vorber, mein Herr Peretti, sagte der Dichter. fat Euch,
Ihr zittert und seid fast ohnmchtig.
    Wir sind unserer Wohnung ganz nahe, sagte Vittoria, tretet zu uns ein und
erquickt und erfrischt Euch.
    Sehr gndig, Signora, sagte der Jngling; es ist aber schndlich, wie
meine Freunde und Begleiter entflohen sind und mich im Stich gelassen haben.
    Sie traten in den frischen khlen Saal und die Magd flsterte ihrer
Herrschaft zu: Es ist schon einer drinnen, der gndige Herr, die Exzellenz, der
mchtige Don Ludovico Orsini.
    Vittoria erblate und sagte nur leise vor sich hin: Dies Untier ist
gefhrlicher, als jenes. Ein groer, krftiger junger Mann trat ihnen jetzt mit
dem Ausdruck eines frechen bermutes entgegen. Er begrte die brigen nur ganz
leicht, indem ein verachtender Blick schnell ber den jungen Peretti
hinstreifte, und als der Diener Sthle gesetzt hatte, wendete er sich, stark
betonend, mit den Worten zu Vittoria Ihr werdet meinen Brief erhalten haben.
    Ja, erwiderte diese nicht ohne Verlegenheit. -
    Und? fragte der Graf fast in schreiendem Ton.
    Wie kann ich Euch antworten? Was Euch sagen? sprach Vittoria, Ihr kennt
meine Gesinnungen, an jenem Abende, ehe wir nach Tivoli gingen, habe ich, Ihr
mt es Euch erinnern, meine berzeugung erklrt. Warum soll ich noch fter
wiederholen, was mir peinlich ist auszusprechen?
    Ha ha ha! seltsam genug! rief der Graf mit schallendem Gelchter: ich,
aus einem der ltesten Huser, reich, von Einflu ich, vor dem Hunderte zittern,
biete einer unbedeutenden Brgerin meine Hand, und mit dieser mein Vermgen und
meinen Rang, und sie kann mir nichts dagegen schenken, als ein artiges Lrvchen,
einen schlanken Wuchs und weie Gliedmaen: bin ich denn rasend, da ich in den
Familien der Herzge und Frsten nur whlen darf?
    So whlet doch! rief Vittoria, die jetzt ihren Stolz und Mut
wiedergefunden hatte: wer zwingt Euch, ein armes, unbedeutendes Brgermdchen
zu belstigen? Ich werde es fr Gnade von Euch und wahren Gewinn achten, wenn
ich Euer Antlitz niemals wiedersehe.
    So? rief der rohe Mensch, im hchsten Zorn, es kann sich aber doch fgen,
da ich Euch noch zu meinen Fen knieend im Staube sehe, um Euern verehrten
Bruder vom Galgen loszubitten.
    Das ist zu viel! schrie Vittoria, ganz auer sich: Elender! entferne dich
gleich, gleich jetzt in diesem Augenblick! So ein Armseliger, Verchtlicher,
will vorgeben, sich herausnehmen, sich so stolz dnken, mich lieben zu drfen!
Er, fr den jede Dorfmagd noch zu gut ist, er, den ich so tief verachte, da der
Galeerensklave in meinen Augen hher steht.
    Orsini sprang auf, und man konnte frchten, da der freche Mensch etwas
Schreckliches unternehmen knne. Caporale eilte ihm entgegen und hielt ihn
gewaltsam zurck. Mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Verachtung wendete sich der
Graf um und betrachtete stillschweigend den alten Mann: Elender Versedreher,
sagte er dann, Ihr wagt es, mich krperlich anzugreifen.
    O ja, rief dieser erzrnt; solange ich Hand oder Fu rhren kann, werde
ich als Mann auch mit meinem Blut eine Dame, meine Freundin, gegen
Gewaltttigkeiten schtzen.
    Sklave! rief der Graf, und machte sich aus der Umarmung Caporales frei.
    Herr Graf, erwiderte Caporale ruhig; ich bin unabhngig, frei, man hat
mich gewrdiget, mich in der Provinz zum Governatore zu ernennen.
    O ja, sagte jener; von ein paar armseligen Burgflecken. Und wenn ich
zwanzig meiner Leute hinsende, so brennen sie dem Herrn Gouverneur seine Wohnung
ab und schleppen ihn in Ketten und Banden auf mein Schlo. Ihr seid mir aber zu
verchtlich, um mit Euresgleichen Krieg zu fhren. - Und Euch, Accorombona, la
ich nicht, und wenn Ihr mich noch schimpflicher behandelt. Die Worte eines
Weibes verletzen nicht; und der Teufel, der mich in Glut fr Euch entzndet hat,
wird mir auch Mittel und Wege zeigen, Euch zu besitzen. So oder so mt Ihr die
Meinige werden.
    Er strmte fort und rannte fast die Mutter um, die ihm in der Tr
entgegentrat. Vittoria warf sich laut schluchzend an den mtterlichen Busen,
diese aber kam ihr auch mit Trnen entgegen. Caporale trstete, soviel er
vermochte, doch wute er fr den Augenblick keinen Rat. Jetzt empfahl sich der
junge Peretti den Frauen, indem er hflich um die Gunst ersuchte, seinen Besuch
wiederholen zu drfen, und die Bekanntschaft, die unter so seltsamen Umstnden
begonnen hatte, fortzusetzen. In der Tr sagte er halb fr sich: Eine schlechte
Polizei in Rom; die wilden Stiere stoen die Menschen in den Straen um, und die
rasenden Grafen rennen in die Huser hinein.

                                Zweites Kapitel


Graf Pepoli war fr seinen Verwandten eifrig bemht; aber sosehr die Gerichte
den besten Willen zeigten, so wenig war doch Aussicht, da ihm seine gute
Absicht gelingen wrde. Der reiche Signor Velluti war verschwunden, und von
allen eingefangenen Banditen wollte kein einziger den Ort kennen, wo man ihn
hingeschleppt, oder wer ihn in Verwahrung habe. Proze und Verhre gegen die
Verbrecher waren noch nicht weit gediehen, und ein Advokat, den der Graf schon
reichlich beschenkt hatte, gab diesem zu verstehen, es msse irgendeine mchtige
unsichtbare Hand im Spiele sein, die, wie es schon fter der Fall gewesen, alles
verzgere, um diesen oder jenen zu beschtzen, oder zu verhindern, da nicht
irgendein Vornehmer ebenfalls in den traurigen Handel verwickelt werde. In den
Gefngnissen selbst, die der Graf fleiig besuchte, hrte er von einem
Verbrecher, der schon frher eingefangen war, und jetzt wegen anderer Frevel
sein Todesurteil empfangen habe, da dieser vielleicht imstande sei, einige
Nachweisung zu geben. Graf Pepoli lie sich zu diesem verwilderten Mrder
hinfhren, der mit schweren Ketten an die Wand seines finstern Kerkers
geschlossen war, und den er, als geffnet wurde schreiend traf, indem er eben
ein Gassenlied jubelnd absang.
    Als der Verruchte hrte, von wem der Fremde zu ihm gewiesen sei, rief er:
Ei! lebt die alte ehrliche Haut noch, und ist noch nicht gehngt? Nun, das
freut mich, grt den Kumpan nachher von mir recht herzlich, er wird es wohl
schon erfahren haben, da ich mich bermorgen auf die groe Reise begebe. Ja,
ja, mit mir ist es dermalen aus, und ob man noch einmal von vorne anfangen kann,
steht dahin. Je nun, ich bin seit lange darauf vorbereitet; nach den Gesetzen
htte ich schon zehnmal den Tod verdient. Versteht mich, was man so nach den
Gesetzen nennt, die aber niemals ausgebt werden, als wenn unsereins keinem mehr
schaden oder ntzen kann. Ja, ich habe, und nicht blo durch meine eigene
Schuld, meine Beschtzer verloren. Ehemals war ich besoldet von recht frommen,
tugendhaften Leuten auch groen und mchtigen: die haben mir oft durchgeholfen.
Ich war nur Dolch und Messer: diese Reichen, Verehrten, denen jedermann mit
Respekt aus dem Wege ging, waren die Hand. Meinethalb, ist doch die Welt einmal
so eingerichtet.
    Als der Mrder das Gesuch des Grafen vernommen hatte dachte er ein Weilchen
nach, dann sagte er: Kommt mir einmal ganz nahe, werter Herr, da ich eure
Physiognomie betrachten kann, denn es ist so verdammt finster hier, und Ihr seht
wohl da ich nicht zu Euch hinrutschen kann. - Ah ja! Ihr seht recht ehrlich, ja
sogar recht weichmtig aus, es wird also wohl keine Finte sein, um noch andere
gute Kameraden in das Elend zu bringen. Wir hatten ehemals einen lieben
herrlichen Menschen unter uns, Ascanio genannt, ein sanfter Kerl, der uns mit
seinen Predigten immerdar vom Morden abhalten wollte; er war ein halber Pfaff
und dachte sich vielerlei Gutes bei den Worten Himmelreich, Gewissen, Religion
und dergleichen Schnurren, die uns ttige Menschen nichts angehn. Dieser Ascanio
war immer der Vertrauteste mit dem Oberhaupt jener Bande bei Subiaco, dessen
Namen wir alle nicht wissen; denn der nrrische Ambrosio, den hier die Richter
dafr halten, ist nur so ein Beilufer, einer, der das Mus einrhren hilft,
selten aber etwas zu fressen kriegt. Dieser Ascanio war immer wie unser
Staatsminister oder Geheimschreiber. Der wei, was der Teufel selber nicht wei
aber dabei ein Mensch, wie ein Lamm. Den guten Burschen haben sie jetzt in
Castell Angelo eingesperrt, unter dem Vorgeben, er htte falsche Mnzen geprgt
und ausgegeben. Ist es wahr, so macht das dem pfiffigen Kerl alle Ehre, nicht
wahr? und er ist ja fast ein Genie, wie unser Benvenuto Cellini. Es kann aber
auch sein, da es nur ein Pfiff der Unsrigen ist, da sie ihn mit falschen
Aussagen dahin gebracht haben, damit er in ihrem Banditenprozesse nicht mit
figurieren soll. - Seht mal, guter Freund, ich vertraue Euch das alles so
treuherzig an, weil Ihr mir ehrlich ausseht. Und Ihr mgt darber denken, wie
Ihr wollt, in meiner langen Erfahrung habe ich immer die meiste Treue und
Ehrlichkeit unter Spitzbuben, Dieben und Mrdern angetroffen. Es ist ja auch
ganz natrlich, die tugendhaften Menschen in Eurer Welt leben von der Tugend,
das ist ihr Gewerbe wie es aber irgend ihr Vorteil mit sich bringt, da sie mit
der Schelmerei mehr gewinnen knnen, schrammen sie aus und spazieren nebenbei.
Besonders, wenn sie keine Entdeckung zu besorgen haben. Dagegen wir armen
ehrlichen Schelme! Das Regiment bei uns knnte ja keine vierundzwanzig Stunden
bestehn wenn wir nicht untereinander Treue und Glauben hielten. Und welcher
Bischof, Graf oder Kardinal wrde uns denn jemals vertrauen, wenn er uns fr
ausschwatzendes Gesindel hielte? Vor zehn Jahren etwa haben sie mich zweimal auf
die Folter geworfen, aber der groe Herr lebt noch in Ehren, Glck und Wrde, so
wute ich meine Zunge im Zaum zu halten. Und wahrlich, die Schmerzen, die sie
mir knstlich antaten, waren nicht klein. Ich habe auch jetzt den groen Mann um
Hlfe angesprochen, aber er lacht mich nur aus, und mit Recht, denn es ist zu
lange her, die Sache ist vergessen, keiner wrde mir glauben, ja kein Richter
und Advokat mich nur um das ganz verschollene Ding anhren wollen.
    Der Graf lie dem Unglckseligen ein Geschenk zurck, damit er sich noch
einmal an Wein und einem Lieblingsgericht erheitern knne. Als er sich in
Castell Angelo beim Governadore wollte melden lassen, vernahm er, da dieser in
einem wichtigen Geschft ber Land sei, und erst morgen zur Stadt wiederkehre.
Er nahm sich also vor, seinen Abend bei einem Freunde zuzubringen, um sich von
diesen traurigen Geschften in einer edlen Gesellschaft wieder etwas zu erholen.
    Der Freund des Grafen, ein angesehener Rmer, sah vorzglich gern Gelehrte
und Dichter in seinem Hause. Graf Pepoli, sooft er nach Rom kam, wohnte bei
diesem Gastfreunde, der sein Verwandter war. Als man sich im heitern Kreise
gegenseitig begrt hatte, trat auch Caporale herein, und bald nach ihm der alte
Speron Sperone. Dieser feierliche Mann, welcher gern die jngeren Leute
beherrschte, erschien in einem langen, dunkelfarbigen Talar, weder die Tracht
eines Priesters, Rechtsgelehrten, noch Professors, sondern ein Gewand, das er
sich selbst ersonnen hatte, und das vielleicht an die rmische Toga erinnern
sollte, doch hatte es rmel und war um die Hften mit einem breiten Gurt
umschlossen. Dieser Dichter, fr welchen er sich gerne gab, war hoch und
schlank, sein Gesicht hatte den Ausdruck des Feierlichen, auch war seine Sprache
langsam und seine Rede gesucht.
    Die brige Gesellschaft bestand aus einigen angesehenen rmischen Familien,
Edelleuten, die ihre Frauen und Tchter hergefhrt hatten, hauptschlich in der
stillen Erwartung, den berhmten Torquato Tasso kennenzulernen, von dem man
wute, da er sich seit einiger Zeit in Rom aufhalte. Bald aber entstand eine
allgemeine Trauer, als der Wirt erklrte, der groe Dichter habe zu ihm
gesendet, und seine Abwesenheit entschuldigt, indem er krank geworden sei.
    Einige junge schne Damen uerten laut ihr Mivergngen und beklagten den
Armen, der so oft an Unplichkeit litt, und sich doch in seinen Arbeiten durch
die wiederkehrenden Leiden nicht stren lie. Vielleicht, sagte eine junge
schne Frau mit lachender Miene, kommt Tasso nicht, weil er erfahren hat, da
er seinen groen Gegner, den strengen Herrn Sperone, hier antreffen wrde.
    Gewi nicht deshalb, sagte der ernste Mann; denn waren wir je entzweit,
so haben wir uns jetzt wieder vershnt, und keiner ist so geneigt als ich, den
Gaben dieses Jnglings Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er hat mich, weil
ich schon ein vertrauter Freund seines auerordentlichen Vaters war, freiwillig
zum Kritiker seines groen Werkes ernannt, und was kann ich dafr, wenn meine
berzeugung mich antreibt, dem Vater den Preis des greren Dichters
zuzuschreiben? Und ist dies ihm eine Schande? Darf es ihn wohl krnken?
    Der Ruhm bleibt wenigstens in der Familie, sagte Caporale, und wenn unser
Bernard nur noch lebte, so mte er sich mit seinem Sohne in den genau
abgewogenen Preis teilen.
    Er ist ein Dichter, bemerkte eine der Damen, der die Sprache so in seiner
Gewalt hat, wie vor ihm noch kein anderer; daher sind seine Verse so s und
musikalisch, da sie ein jedes Ohr entzcken.
    Der alte Sperone schien ber diesen Ausspruch empfindlich zu werden, denn er
sagte mit etwas spitzigem Ton: S und lieblich, ja, aber die Mnnlichkeit
fehlt.
    Diese Schlachten, warf Caporale ein, diese aufmunternden Reden der
Helden, sind doch in heroischer, krftiger Tonweise. Schade, da er das Gedicht,
da es nun doch einmal fertig ist, nicht sogleich drucken lt, damit sich ganz
Italien daran erfreuen knne.
    Im Gegenteil! rief Sperone, er kann nicht zu lange damit zgern, damit
ein Werk, das die jetzige Zeit berdauern soll, die notwendige Vollendung
erreichen mge. Er ist freilich empfindlich ber diese Verzgerung, und doch ist
er wieder seinen jngern und ltern Freunden dankbar, wegen der Weisungen, die
sie ihm zukommen lassen. Nur tadelt freilich einer oft das, was der andere lobt;
mir scheint vllig berflssig, was ein jngerer hchst notwendig findet. Diese
Strophe will der eine ausmerzen und ein anderer durchaus beibehalten. Das se
Liebesgekose, ppige, ja unzchtige Stellen sind dem Gutdenkenden in diesem
Gedichte, das die Religion zum Gegenstande hat, ein Greuel, und ein junges
leichtsinniges Gemt nennt diese sndlichen Ottaven die Licht- und Glanzpunkte
des Werkes, um welche es sich einzig und allein der Mhe lohne, das weitluftige
Gedicht zu lesen. So verschieden ist der Sinn der Menschen, und es wre deshalb
besser gewesen, einem einzigen klugen Manne die Revision unbedingt
anzuvertrauen.
    Man stritt noch hin und her, und als die entschiedenste der Damen zu
verstehen gab, der bejahrte Kritiker mchte doch vielleicht zu einseitig
verfahren, und manche Schnheit nach seinem System gewissermaen vorstzlich und
willkrlich verdammen, sagte der Alte mit einiger Erbitterung: Mein Zwiespalt
mit dem jungen Tasso schreibt sich eigentlich gar nicht von der abweichenden
Ansicht seines Gedichtes her, sondern er ist viel lter und aus einer ganz
andern Ursache entsprungen. - Als der Jngling vor Jahren sich in den Dienst des
Herzogs von Ferrara begab, war ich unter seinen Freunden der einzige, der ihm
ernsthaft von diesem Schritte abriet. Er ist kein Hofmann, man mu als solcher
geboren sein, man mu nichts anders sein wollen, nichts anders kennen und
achten, als den Hof, am wenigsten aber den Dichter dorthin mitnehmen wollen. Er
konnte Professor in Padua oder an einer andern Universitt werden, er konnte ein
Staatsamt bernehmen, und sich auf diesem Wege, da er kein Vermgen ererbt hat,
unabhngig machen. Da lockte aber und blendete ihn der freundliche Herzog, die
Prinzessinnen, dessen Schwestern, Lob und Bewunderung von allen Seiten. Meine
Warnung schien ihm die trichte Rede eines Murrkopfs, wohl gar eines Pedanten,
der ihm seine glnzende Stellung beneidete. So bin ich denn auch in seinem
Schferspiel Aminta als verdrielicher Mopsus aufgetreten, im Gegensatze seines
vortrefflichen Pigna, oder Elpino. Meinethalb, man kann nicht allen Menschen
gerecht und beifllig leben, am wenigsten der Selbststndige, dem es mit Leben
und Wissenschaft Ernst ist. Was ist ein Dichter an dem Hof eines verwhnten,
selbstschtigen Frsten? Niemals wie der ebenbrtige Freund und Verwandte,
keinesweges wie der ntzliche und notwendige Rat und Staatsmann. Anfangs
Gnstling, Vertrauter, Liebling, Gegenstand einer unverstandenen Bewunderung;
spterhin der Gemihandelte, der die Launen seines eigensinnigen Beherrschers
ertragen mu. Hat er sich berhmt gemacht, so wollen nun andere Hfe, Regenten
und Weiber ihn lieben, bei sich sehn; ihm geschehen Anerbietungen, er fhlt sich
wieder geschmeichelt, unterhandelt hinterrcks halb und halb, die Aufpasser
verraten es seinem Herrn, und dieser, der sich fr den Wohltter, ja den
Schpfer des Armen hlt, ist erbost, sieht in seinem vormaligen Liebling den
frevelnden Verbrecher, und sinnt, wie er sich an ihm rchen und ihn bestrafen
knne, ohne sich der Welt und den Verleumderzungen zu sehr blozugeben. Wie sich
dieselben Frsten in ihren Grten eine Sammlung der wilden, seltenen und
auslndischen Tiere halten, die zuweilen wegen der Federn, oder des wundersamen
Rssels von ihnen und den Fremden in Augenschein genommen werden, so steht ein
Poet an solchem Hofe in seinem kmmerlichen Futter. Und dann wird noch von
Beschtzung der Knste und Wissenschaften gesprochen und gesungen, und Perikles
und Alexander oder Augustus angefhrt, zum Verdru und rger eines denkenden
Mannes, der diese Szenen kennt, und fter in seinem Leben gesehn hat.
    O Ihr bser, zorniger Greis! rief Caporale aus, wenn Ihr so traurige
Erfahrungen gemacht habt, so seid Ihr doch nur halb im Recht, denn Ihr verget
es ganz und gar, auch das Gute eines solchen Verhltnisses herauszuheben.
    Das meiste, antwortete Sperone, sieht in der Welt so aus, wie es der
Mensch sehn will. Aber seid versichert, die Lage dieses armen Tasso ist gerade
so, wie ich sie beschrieben habe, und der Erfolg wird meine Aussage
rechtfertigen. Ich wei es, da er seiner Lage dort in Ferrara schon gnzlich
berdrssig ist: er sehnt sich nach neuen Verhltnissen, kann ohne Beschtzer
nicht leben und dichten und hat also den Mut nicht, offen mit dem Hofe zu
brechen. Der neue Groherzog von Florenz, Francesco, ist eitel genug, um einen
berhmten Mann in seiner Nhe haben zu wollen: stille Botschaften, Vermittelung
von Fremden, Anerbietungen, alles bedrngt den Armen, er will und will nicht:
nun ist sein Frst, die Weiber sind einmal wieder freundlich zu ihm, sie
schmeicheln und liebkosen ihm und seinem Talent; da sieht er wieder goldne Tage,
und schwimmt selig in der Abendrte. Aber der Ferrarese wei es recht gut, da
er auf dem Sprunge steht, von ihm abzufallen; es fehlt nicht an Kltschern, die
dies benutzen, ihn gegen den rmsten zu erbittern. Er war erst mit Pigna
vertraut, auch der Sekretr Guarini schlo sich ihm freundlich an: jetzt sind
sie gegen ihn und der letzte ist sein erklrter Feind, ein schlauer gewandter
Mann, und der die Haltung besitzt, die dem Torquato fehlt, dabei auch ein Poet,
und ein begabter; da mu die Eifersucht entbrennen. Nun hat ihn sein wahrster
Freund und Beschtzer, Scipio Gonzaga, hierher nach Rom berufen; der Herzog hat
ihm nur ungern den Urlaub bewilligt, weil er wei, da hier mit dem Kardinal
Ferdinand Medicis des Tasso wegen verhandelt werden soll, ja Scipio denkt wohl
gar, den Papst selbst fr den Dichter zu gewinnen, da dieser ihm hier ein
Kanonikat oder eine Prbende zuweisen mchte; dieser aber will natrlich um eine
Nebensache Ferrara nicht beleidigen; Florenz will nicht zu offen mit seinen
Anerbietungen heraustreten; Ferrara nimmt aus Eitelkeit den Gegenstand wichtiger
wie die andern, auch vertrauen diese dem schwankenden Charakter Tassos nicht und
seiner Unentschlossenheit, und so verwirrt und verwickelt sich das Verhltnis
von allen Seiten so, da es zum Unglck des Poeten ausschlagen mu.
    Eure Schilderung ist freilich eine traurige, sagte eine junge schne Dame,
und wenn Euer Wahrsagergeist ein richtiger ist, so mchte ich schon jetzt den
lieben Tasso beweinen. Aber Euer Wort trifft eigentlich jedes menschliche
Verhltnis: jeder Stand mu sich durchkmpfen, jeder geistreiche Mann hat seine
Feinde, der Minister und Rat findet Verlockung, seinen Pflichten ungetreu zu
werden, wer nicht als Eremit lebt, gert in Verwicklung und mu kmpfen, sinnen
und arbeiten.
    Ihr habt nicht unrecht, antwortete der Greis, und doch treten dem Poeten
noch viel mehr Schwierigkeiten entgegen. Hat er kein Staatsamt, oder gelehrtes,
ist er nicht Priester, so ist sein Beruf ein doppelter, durch welchen er
eigentlich ein ganz rtselhaftes Wesen wird. Verwickelt mit der Welt, ist er in
seiner Beschftigung, in seinem Beruf doch ein wahrer Einsiedler; denn auf den
Weltlauf hat seine Arbeit auch nicht den allermindesten Einflu. Dadurch aber
verliert er auch allen Mastab, sich an sich selbst oder den brigen Menschen zu
messen; denn an keinem einzigen Abende kann er zu sich sagen: heut hast du
einmal etwas Ntzliches getan, du hast dem, du hast jenem fortgeholfen, jenen
verwirrten Handel hast du aufgeklrt, diese Gesellschaft, jene Zunft, der
Angeklagte, jener Vornehme mu dir danken. Ist er ohne Begeisterung, so fhlt er
sich, als sei er ganz ohne Bestimmung, besucht sie ihn, so meint er alle
Menschen zu berragen; dann ertnt das Lob der Freunde, die laute Bewunderung
der Menge, das Entzcken der Weiber und Mdchen - glaubt ihr, meine Freunde, da
es viele so starke Mnner, so feste Charaktere gebe, die mit richtigem Sinn das
alles genieen und fassen, die den Lorbeer nicht fr strahlender als die
Knigskrone halten, im Rausche nicht dahintaumeln, und das Leben eigentlich
verlieren sollten?
    Ja nun freilich, sagte Caporale, kann es nur selten solche Menschen
geben, wie unser groer Ariost war. Tasso ist weicher und nicht so
selbststndig.
    Was die Frsten betrifft - fing Sperone mit einiger Feierlichkeit wieder
an - traut doch dem alten Ausspruch: procul a Jove, procul a fulmine. - Vor
einigen Jahren besuchte ich auch eine Sammlung wilder prchtiger Tiere am Hofe
eines vortrefflichen Frsten. Der grte Tiger lag in seinem Kfige und sonnte
sich, indem die bunten Flecken seiner schnen Haut; im Lichte freundlich
schimmerten. Man war oft so grausam gewesen, ihm lebende grere oder kleinere
Hunde als Atzung in seine Zelle hineinzuwerfen. Ich war daher nicht wenig
verwundert, als ich ein klaffendes Hndchen bei ihm sah, das uns mit munterem
Bellen begrte und auf seinem Tyrannen hin und her sprang, welcher sich allen
Mutwill von ihm gefallen lie. Der Wrter erklrte meiner Verwunderung die
sonderbare Erscheinung. Vor mehreren Monaten war der Tiger an entzndeten
eiternden Augen erkrankt, so da er sehr verstimmt und verdrielich war. Es ist
schwer, einer solchen Bestie einen Doktor und Arznei beizubringen und, da der
hohe Patient auch kein Gemse, oder Fastenspeise genieen mochte, so frchteten
sich die Wrter selber vor dem Unwillen des zornigen Kranken. Man fuhr fort, ihm
Fleisch und zuweilen wieder lebendige Tiere in sein Behltnis zu werfen; denn
dies schien das einzige, woran er sich erfreute und zerstreute. Ein kleines
Hndchen ward ihm lebend zugeworfen. Dieses, ohne Furcht und Zittern, sprang auf
ihn freundlich zu, und leckte seine wunden Augen; jener lie es sich gefallen,
fhlte sich erleichtert und tat dem Tierchen nichts. Dieses wiederholte seine
Kur und Bemhung so fleiig, da der mchtige groe Tiger in wenigen Wochen
vollkommen gesund, und wieder schn und heiter wurde. Seitdem konnte der Hund
mit seinem furchtbaren Gebieter tun und beginnen, was er nur wollte und ihm die
Laune irgend eingab. Wenn sie beide ihre Fleischportion verzehrten, durfte der
Tiger sich dem kleinen Gnstling nicht nahn; kamen einmal Fremde und der Tiger
war zu trge, um aus seinem hintern Behltnis vorzuschreiten und sich den
Neugierigen zu zeigen, so sprang der Kleine so lange auf dem Groen hin und her,
zerrte ihn am Fell, bi ihn in die Tatzen, bis der Tyrann sich erhob; denn der
Kleine, Unbedeutende tyrannisierte diesen. Der Frst stand mit seinem Favoriten
vor dem Kfig, als dieses erzhlt wurde; sie freuten sich der Naturerscheinung,
und der junge Edelmann, halb Freund, halb Narr des Frsten, erlaubte sich
manchen derben Spa ber den Hof, die Damen, ja die nchsten Verwandten der
Familie, worber der Frst herzlich lachte. - Mir war schauerlich zumute, da
keiner von beiden (vielleicht der Tierwrter) an die Nutzanwendung dachte. Es
waren noch nicht sechs Monate verflossen, so hatte in einem Anfalle von Unmut
der Tiger seinen kleinen Freund doch zerrissen und aufgefressen, und der junge
witzige Edelmann lag im Kerker eines Schlosses in Ketten und Banden. -
    Caporale begleitete den Grafen Pepoli noch durch die Stadt. Sie gingen dem
Hause der Accoromboni vorber, und der Graf bemerkte: Sollte man nicht glauben,
da alle jene ausgezeichneten Menschen durch ihren hhern Geist ein trauriges
Geschick fast freiwillig auf sich herabziehn? Oder sind es unsichtbare,
neidische Mchte, die in der Menschheit nichts dulden wollen, das sich ber die
traurige Mittelmigkeit erhebt?
    Fast scheint es so, erwiderte der Poet, der alte Wahrsager in seinem
jdischen Talare dort hat wohl im wesentlichen recht. Und so zittere ich auch
fr dieses schne, so vielfach begabte Mdchen dieses Hauses. Sie kann nicht:
die gewhnlichen Wege wandeln, und der schwrmerische Geist der Mutter, statt
sie auf die richtige Bahn zu lenken, treibt sie in das Seltsame hinein, aber ihr
heftiger Geist wirft sich in den Widerspruch, und sie sucht noch steilere Bahnen
und grere Wunder. Dazu dieser abscheuliche Luigi Orsini, welcher sie mit
seiner rohen Liebe verfolgt, dieser Mensch, so schn und wohlgebildet, und doch
ein Schandfleck unsers rmischen Adels.
    Vor der Tr erblickten sie die Leute des Kardinals Farnese; der alte Frst
schritt aus dem Hause, sah und erkannte den Cesare Caporale, und lud ihn ein,
mit in seinen Wagen zu steigen, weil er mit ihm etwas Wichtiges zu sprechen
habe. Das Gesprch, welches beide fhrten, war sonderbar genug.

                                Drittes Kapitel


Der Kardinal Farnese hatte das Haus der Accoromboni noch niemals so oft besucht,
als jetzt. Man empfing ihn jedesmal, wie es sich von selbst versteht, mit der
grten Ehrfurcht, und doch fhlte es die Matrone nur allzudeutlich, da sie,
ungeachtet der Freundlichkeit des Frsten, nicht mehr so, wie sonst, auf ihn
vertrauen konnte. Man meldete ihn wiederum, und da die Tochter in der Messe war,
so empfing ihn die Mutter, und es schien ihm lieb zu sein, sich mit dieser
allein unterhalten zu knnen.
    Donna Julia fhlte, so fein auch der Kardinal war, da er heut etwas
Besonderes ihr mitzuteilen habe; denn er war halb zerstreut und doch aufgeregt,
sein schnes groes Auge glnzte mehr als sonst und er fing ein Gesprch an, und
lie es wieder fallen, fragte, ohne die Antwort abzuwarten, und zeigte in seiner
Miene, die bald ernst, bald freundlich wechselte, da er etwas Wichtiges
vorhabe.
    Was Ihr mir von dem jungen Orsini erzhlt habt, so begann er endlich, hat
mich wahrhaft erschreckt, und ich bin in der Tat in Verlegenheit, welchen Rat,
oder welche Hlfe ich Euch anbieten knnte. Da Eure Tochter den jungen
Bsewicht verabscheut, ist natrlich, und an eine Vermhlung mit ihm, so reich
und vornehm er auch ist, ist nicht zu denken. Selbst wenn Vittoria nicht dagegen
wre, wrde ich doch mit allen Krften abraten, denn es ist zu frchten, da das
Schicksal dieses jungen Mannes ein furchtbares sein wird. Er, der jedes Gesetz
verachtet, der die Gefahr stndlich herausfordert, der den Rat keines Menschen
hrt, er mu, wenn er sich nicht einmal vllig umkehrt, tragisch endigen. Und
doch - wer ist stark genug, seine Gewaltttigkeiten abzuhalten? Sein Anhang ist
gro, hundert verwegne Abenteurer, einige aus guten Husern sogar, umgeben ihn,
die besoldeten Banditen ungerechnet; alle diese sind auf einen Wink von ihm zum
Tollsten und Abscheulichsten bereit. Dieses Unwesen unsers Staates ist so
mchtig geworden, da der Heilige Vater und wir alle dem nicht steuern knnen.
Neapel und andere Staaten ermuntern und untersttzen diese freien Banden, um uns
zu schaden, der Knig von Spanien triumphiert, da wir in dieser ngstlichen
Verlegenheit sind, und Florenz ist jenem Monarchen fast dienstbar und widersetzt
sich ihm nie. So gro ist das bel und so furchtbar angewachsen, da wir alle
selbst zuweilen in diesen abscheulichen Verbindungen unsere Hlfe suchen mssen,
um nicht unbedingt dem fremden feindseligen Einflusse zu gehorchen. Treibt nun
ein Orsini, oder ein andrer vornehmer Bsewicht es einmal zum uersten, so ist
hchstens der Bann seine Strafe, und er wird in Neapel, Florenz und Venedig mit
offnen Armen empfangen, man gibt ihm bedeutende mter und Untersttzung aller
Art. - Was soll also hier geschehn? Wer soll Euch in diesem kleinen Hause
mchtig beschtzen? wer diesem Orsini Furcht einflen?
    Aber Ihr selbst, hochverehrter Freund; kann nicht ein so mchtiger Kardinal
fr seine Schtzlinge strker einschreiten?
    Liebe alte Freundin, sagte der Kardinal seufzend, unsere Macht, unser
Einflu unterliegt ewigen Schwankungen. In diesen besteht nur, wenn Ihr Euch
darum erkundigt, die Geschichte unsers geistlichen Regiments. Handeln irgend
andre Mchtige gegen uns, offen oder unter der Hand, so entstehn Hemmungen,
Widersprche, wir gehn vorwrts, kmpfen, und pltzlich fhlen wir uns gelhmt
und ohnmchtig, weil ein heftiger Schlag blitzschnell von einem Orte herkommt,
wo wir es am wenigsten vermuten konnten. Ist schon an den Hfen ein bestndiger
Wechsel von sich ablsenden Intrigen, von Dienern und Vornehmen, die einer des
andern Kraft zu vernichten suchen, so ist dies noch viel manichfacher, strker,
feiner und gewaltsamer in unserer Priesterherrschaft, wo nicht blo Kardinal und
Bischof, der Herzog und Gesandte des Hofes, sondern auch wohl der bettelnde
Mnch durch seinen Einflu einen groben Querstrich durch unsere besten Kalkls
ziehn kann. - Alles das wird mir jetzt bei Eurem Prozesse klar, der nun schon
seit zwei Jahren in der Schwebe hngt. Meine Advokaten wissen, wie es mein
ernster Wille, ja mein Befehl ist, da alle jene Schikanen niedergeschlagen
werden, die Euch den greren Teil Eures migen Vermgens streitig machen
wollen, alle meine Klienten kennen meinen Willen - und doch - doch ist es
mglich, da Ihr gerade jetzt unter den obwaltenden Konjunkturen Eure gerechte
Sache verliert.
    Um Gottes willen! rief Donna Julia, und sank erblat in ihren Sessel
zurck, so trfe mich ein ungeheurer Schlag da, wo ich es am wenigsten
frchtete! Auch noch Bettler werden? Es wre entsetzlich!
    Nicht gleich das rgste frchtet, sagte Farnese, indem er ihre Hand fate
und sie freundlich drckte; im schlimmsten Falle httet Ihr reiche Freunde, die
Euch keinen Mangel wrden leiden lassen.
    Keinen Mangel? rief sie aus, - und von Almosen leben! von Brocken, die
man uns auch willkrlich entziehen knnte! - In eine enge abgelegene Gasse
flchten, die Tr fr jeden anstndigen freien Mann verschlossen halten mssen!
Nicht mehr imstande sein, einen Armen durch eine Gabe zu trsten, viel weniger
einem alten Gastfreunde eine Schssel vorsetzen knnen! Das also wre dann der
Beschlu meines Lebens. - Aus ihren groen Augen strzten brennende Trnen, sie
schien es nicht zu bemerken.
    Die groe Gestalt des Farnese erhob sich und beugte sich trstend ber sie,
indem der zierliche Mund die freundlichsten Worte sagte. Als sie wieder mehr
beruhigt schien, sagte der Kardinal: Nicht wahr, Ihr habt Vertrauen zu mir, Ihr
seid meine bewhrte Freundin, und Ihr glaubt von mir, da ich alles fr
diejenigen tun will und werde, die ich die Meinigen nenne?
    Ihr seid mein einziger Schutz, sagte die Matrone; wenn Ihr mich aufgebt,
so bin ich ganz unter die Fe getreten.
    Macht es mir nur mglich, rief der Frst, ganz mit aller Kraft fr Euch
zu handeln, da ich mit begrndetem Anspruch ohne mich lcherlich zu machen,
auch das uerste versuchen und ausrichten darf.
    Wie meint Ihr das?
    Seht, fuhr er liebreich fort, die Ppste haben ihre Nepoten, die sie
nicht nur beschtzen, sondern reich und mchtig, oft, wenn sich die gnstige
Gelegenheit bietet, zu unabhngigen und regierenden Frsten machen. - Knnte ich
nun Euch und die Eurigen nicht auf hnliche Weise adoptieren?
    Die Mutter sah ihn forschend an.
    Ich habe aus Vittorias eignem Munde, begann der Kardinal wieder: da,
wenn es nach ihrem Willen geht, sie sich niemals vermhlen wird. - Und sie hat
recht. Denn welches Glck knnte diesem hochgestimmten Wesen wohl in der
gewhnlichen Ehe blhen? Glanz, Pracht mu sie umgeben, sie mu ein frstliches
Dasein fhren und durch ihren erhabenen Geist Einflu in die Hndel der Welt
gewinnen. So gelang es dieser merkwrdigen Bianca Capello, die als eine arme
Flchtige und Verbannte nach Florenz kam, und jetzt dort den Herzog und den
Staat regiert, knieend von allen verehrt wird, und ihre Schnheit von aller Welt
bewundert. - Erlaubt mir, fortzufahren. - Vittoria ist schner und begabter als
diese Bianca, deren Geschichte der Welt ein Mrchen dnken mchte. Ich bin kein
regierender Herzog, aber ich kann Euch und den Eurigen eins meiner groen
Schlsser schenken, hier in Rom, oder auf dem Lande das prchtige Caprarola oder
ein anderes, ihr und den Eurigen auf ewig so fest und bndig verschreiben, da
keiner meiner Verwandten Einwendungen machen kann, die ich auch unter den
strengsten Bedingungen so reichlich entschdigen will, da auch der frechste von
diesen keinen Widerspruch wagen soll. Ja, da ich es nur bekenne, meine
Leidenschaft fr die gttliche Virginia ist mit jeder Woche gewachsen: ihre
Zuneigung und Liebe ist zu meinem Dasein unentbehrlich. - bereilt Euch mit
keiner Antwort, und da ich einmal so weit gegangen bin, lat mich alles sagen.
Gehrt Ihr mir auf diese Weise an, sind wir so innigst verbunden, so gebe ich
Euch mein frstliches Wort, ja leiste Euch, wenn Ihr es verlangt, die heiligsten
Eidschwre, meine uerste Gewalt, ohne alle Rcksicht auf meine Kollegen oder
weltliche Frsten, auf Papst und Kurie, anzuspannen, um Eure und meine Wnsche
durchzusetzen. Ihr wit aus meiner Geschichte, da ich Tage erlebt, wo ich auch
schon ohne Furcht und Zagen handelte. Dann seid Ihr reich und mchtig, ich setze
alles daran, Euern ltesten Sohn zum Bischof zu machen, Flaminio erhlt einen
eintrglichen Posten, und Euer Marcello, der jetzt in naher Todesgefahr schwebt,
wird ein angesehener, wohlhabender Mann. Auf diesem Wege knnt: Ihr Euch
erretten und glcklich sein.
    Indem mein Kind eine Buhlerin wird? rief sie ihm mit gedmpfter Stimme
entgegen, und warf aus dem groen feuerstrahlenden Auge ihm einen so zrnenden
und verachtenden Blick zu, da er scharf errtete, den Strahl nicht ertragen
konnte, und sein Auge niederschlug, indem seine feinen schnen Lippen in
Verlegenheit zitterten.
    Er fate sich bald wieder und sagte: Teure Freundin, Ihr seid in der Welt
aufgewachsen, und habt beobachten knnen. Seht um Euch, und erinnert Euch alter
und neuer Geschichten. Wer war Lucretia Borgia, die eine verehrte Herzogin von
Ferrara wurde, und vor der selbst ein groer Bembo in zrtlichen Seufzern
kniete? Solltet Ihr denn, die Hochdenkende, so klein brgerlich gesinnt sein, um
jenes Wort im Ernst aussprechen zu knnen? Hoheit und Glanz versiegelt jede
Lippe, und selbst den Armen, Erbitterten, welche lstern mchten, ist es nicht
Ernst mit ihrer finstern Tugend. Wre ich nicht ein Verpflichteter meines
Standes, so wrde ich Vittorien freien Sinnes meine Hand anbieten, so kann ich
ihr nur meine Liebe geben. Und ist dies Gefhl, diese Verbindung, die aus ihm
entspringt, nicht die allernatrlichste der Welt? Oh, das mt Ihr ja selbst
erfahren haben, wie knntet Ihr sonst so edel und verstndig sein; und wart Ihr
denn nicht auch einmal mit dem Grafen Orsini Pittiliano verbunden? - O freilich,
Euer Errten sagt genug. - Nur jetzt keine Antwort so schnell, sie mchte eine
bereilung sein. - Erwgt meine Vorschlge und Freundschaft in einer ruhigen
Stunde.
    Er empfahl sich mit einem zrtlichen Handkusse, und als man die Tr ffnete,
glnzte von drauen die hohe Schnheit Vittorias in das Zimmer herein: sie kam
aus der Messe, von Caporale und dem jungen Francesco Peretti begleitet. -Was
macht das junge Flachsgespenst in Eurem Hause, sagte der Kardinal, indem er
noch einmal rasch umkehrte; aus dem wird sein eselhafter Oheim, der
eingeschlafene Montalto niemals etwas machen knnen; warum lie er ihn nicht
drauen, bei seinen Klbern und Rindern?
    Zrtlich Vittoria anschauend und mit einem Blick der tiefsten Verachtung auf
den jungen Peretti verlie er das Haus, indem er noch im Vorbeigehen dem alten
Caporale vertraulich die Hand schttelte, worber die tief sich verneigenden
Diener in das hchste Erstaunen gerieten.
    Als sich Donna Julia allein sah, warf sie dem Fortgegangenen eine drohende
Gebrde nach und sagte fr sich hin: O du gleiender Priester! du
Abscheulicher! Also so hast du es mit uns im Sinne? Oh, welche Welt ist dies! -
Und war sie wohl jemals anders? - Der schleichende Fuchs mit der Taubenmiene! -
Es bliebe uns also nichts, als da sich dort das alte Schauspiel mit der
Lucretia wiederholen knnte, oder der Decemvir hier mich zwnge, mit dem Sto
eines Messers meine Virginia aufzuopfern. - Was trumte ich mich, (zum Lachen!)
die Mutter der Gracchen zu sein! - Und doch waren ihre Mrder auch Rmer!
    Sie hrte im andern Zimmer ein lautes Lachen, und der Ton schnitt ihr durch
das Herz. So ist es, sagte sie zu sich; laute Frhlichkeit dort, hier
Verzweiflung! und nur eine dnne Wand zwischen beiden! Wie hat er nur, der sich
meinen alten Freund nennt, den Mut haben knnen, mich an die Geschichte meiner
Jugend zu erinnern! - O nein, er fhlt nicht, wie bei der Erinnerung hundert
schartige Messer durch meinen Busen gehn.
    Sie ffnete die Tr zum andern Zimmer und rief den alten, bewhrten Freund,
den einfachen ehrlichen Caporale zu sich. Sie setzten sich, und in krampfhafter
Rhrung und unter Trnen begann die Mutter den Bericht. Qult Euch nicht so
ohne Not sagte der Alte, ich habe schon gestern abend alles erfahren, die hohe
Eminenz nahm mich so freundschaftlich in ihren Wagen der Kutscher mute einen
Umweg fahren, damit der geistliche Frst in unserer Einsamkeit nur Zeit genug
behielt, mir sein ganzes Herz auszuschtten, und keinen Umstand der
weitluftigen Geschichte zu vergessen. So bin ich denn in meinem Alter nolens
volens sein Kuppler geworden, denn es war keine Mglichkeit, seinen angenehmen
Gestndnissen zu entrinnen.
    Und was ist dabei zu tun? fragte die Mutter bewegt.
    Alles oder nichts. -
    Und was ist die Meinung dieser Worte?
    Entweder sein Erbieten mit Dank annehmen, oder sich bis auf den Tod
widersetzen. Ja, bis auf den Tod, denn es gilt alsdann das uerste. So nimmt
Vittoria denn den wilden Orsini zum Gemahl, und der wird ihr schon mit Dolch und
Feuergewehr vor den andern Unholden Ruhe zu verschaffen wissen - oder, sie
stirbt, was ihrer starken, aufgeregten Natur vielleicht am nchsten liegt. Denn
glaubt nur nicht, diesmal wohlfeilen Kaufs loszukommen, oder da sich alles in
leere Drohungen auflsen werde. Der Kardinal hat mit seiner feinen Sprkraft
diesen Moment schon seit lange herannahen sehen; er ist klug genug, um sich die
Gelegenheit nicht entschlpfen zu lassen. So gleiend, wie mglich, hat er mir
alles erffnet, in wehmtiger Stimmung, indem er mir oft, als seinem intimsten
Freunde, die Hnde drckte, und mich beim Abschiede noch herzlich umarmte, mir
in den grten Lobeserhebungen von meinem ungeheuren poetischen Talente sprach,
das alle jetzigen Dichter weit berragte, indem er mir unaufgefordert beteuerte,
nicht eher zu ruhen, als bis er mir eine viel vorteilhaftere Stelle verschafft
habe, als meine jetzige sei. So werde ich auch noch durch Euch zu einem
mchtigen Manne werden. - Soviel ist gewi, wenn Ihr Euch jetzt dem Kardinal
entzieht, so geht Euer Proze verloren und Euer Sohn stirbt unter
Henkershnden.
    Nicht wahr? rief sie mit grellem Ton; es gibt doch Freunde, wahre Freunde
in dieser Welt!
    Ich habe diese Nacht nicht schlafen knnen, sagte der Alte: mir war unser
Dasein mit seinen Bedingnissen noch niemals in diesem seltsamen Lichte
erschienen. Der Angelstern, den wir in unsrer Brust fr einen ewigen hielten,
droht zu erlschen, und es ist einem zumut, als wenn das Gewissen nur ein
Mrchen wre, wenn alte Mnner, Priester, Frsten, vom Volke Verehrte so ruhig
und sicher ihre Verruchtheiten, als wren es ebenso viele mathematische
Lehrstze, dem erstaunten Zuhrer auseinanderlegen.
    Der Dichter wollte sich entfernen, doch bat ihn die Mutter, zu ihrem Troste
noch zu verweilen, weil es ihr in dieser Stimmung unmglich falle, mit ihrer
Familie allein zu sein. Ungern nur erfllte Caporale diese Freundespflicht, weil
er fhlte, da sein Rat von keinem Nutzen sein knne, er neue gewaltsame Szenen
frchtete, und selbst nach diesen Erschtterungen und der durchwachten Nacht der
Ruhe bedurfte. Im Zimmer befand sich Vittoria allein: Flaminio war mit Peretti
gegangen, um diesen zu begleiten, denn der neue Fremdling hatte dem jungen
Accoromboni eine glhende Freundschaft aufgedrungen. Vittoria schien sehr
heiter, denn sie lachte noch und ftterte mit Brosamen aus dem Fenster ihre
Tauben, die sie sehr liebte.
    Was erfreut dich, mein Kind? fragte die Mutter mit schwerem Ton.
    Ei, da ich schon wieder, fast wie Circe, sagte sie bermtig mir einen
neuen Liebhaber eingefangen habe, den ich kaum noch in ein Tier zu verwandeln
brauche, denn er tritt mir selbst als freiwilliger Gimpel entgegen. Er schwrt
mir zu, da eine ewige, unberwindliche Leidenschaft ihn zu meinen Fen fele,
um ohne Trank und Speise vom Anblick meiner schnen Augen zu leben. Er will
seinen alten Oheim zu seiner Einwilligung bewegen, oder augenblicks des
schrecklichsten Todes sterben. Er hat mir in der kurzen Zeit, da er jetzt bei
mir war, mehr vorgeschwatzt und mir mehr Albernheiten gesagt, als alle meine
vorigen und jetzigen Anbeter in Wochen. Wenn man nicht selbst von diesem
Wahnsinn befangen ist, so gibt es auf Erden doch nichts so Lcherliches, als
diese Liebe.
    Und deinen Orsini hast du schon so bald vergessen? fragte die Mutter.
    Nun ich den ersten Schreck berstanden habe, antwortete sie, mu ich auch
ber diesen Rodomont lachen. Er gefllt sich im Toben, seine Liebeserklrung
wei er nur in Flche einzukleiden. Und am Ende kann man diese Sacripante und
Rolande doch mit einem ruhigen, verstndigen Blicke regieren.
    La deine Tauben, sagte die Mutter, und setze dich zu uns.
    Vittoria nahte sich mit beobachtendem Blick und sagte: Dir mu wieder etwas
begegnet sein, denn du trittst mit einem ganz verwandelten Gesichte zu mir her.
Ich wollte mit dir von diesem meinem Peretti sprechen, und herzlich in deiner
Gesellschaft lachen. Hast du das schon in einem Gedicht oder Novelle gehrt, da
ein wilder Ochs der Kammerherr ist, der den fremden, angekommenen Prinzen der
geliebten Frstenbraut vorstellt? Selbst unter den Tollheiten des Ariost wrde
diese noch als die verwunderlichste erscheinen: und doch ist die Sache
buchstblich wahr, und sie hat gerade mir begegnen mssen.
    Wir stehn jetzt auf einem ganz andern Punkte, sagte die Mutter; seit
gestern hat sich alles vllig gendert, das kann mir dieser bewhrte Freund hier
bezeugen.
    Nun so sprich denn, sagte Vittoria ganz gelassen, ich denke, ich kann
alles hren, solange noch das Tageslicht scheint; in der Nacht bin ich freilich
viel furchtsamer.
    Wir mssen verzweifeln! rief die Mutter von neuem heftig aufgeregt, alle
Mittel entweichen, alle Hlfe lt von uns los: Armut, Schande, Elend, Tod und
Entsetzen stehn dicht vor unserer Tr, alle pochen laut und ungestm an, und
verlangen eingelassen zu werden, und unsre schtzenden Wchter des Hauses sind
entwichen und verleugnen uns.
    Aber wir sollen uns nicht verleugnen, und solange meine Seele mein eigen
ist, ruht auch mein Schicksal in meiner Hand. Nie, nie werde ich mich beugen,
nie dem nachgeben, was die Menschen Notwendigkeit oder Verhngnis nennen. Welch
Wesen kann zu uns treten und sagen: Du sollst mir gehorchen! Solange ich noch
ein Glied regen kann, werde ich mich nicht vor Menschen, auch nicht vor Tod und
Schicksal demtigen. So sprach Vittoria.
    Die Mutter sprang wtend auf, die Tochter hatte sie noch niemals so gesehn
und Caporale entsetzte sich. Ungeratene! Verblendete! Aberwitzige! schrie sie
mit gellenden Tnen, in Haltung und Gebrde aller Grazie vllig entkleidet.
Sieh her, vor einem kleinen Brosamen, vor diesem hier, das deiner Taube
bestimmt, vor diesem Hundertteil eines Pfennigs kannst du knien und flehen
mssen, zu ihm um Erbarmen schreien, und dem die rohen groben Hnde kssen, der
es in der Hungersnot mit Verachtung dir hinwirft, wenn ich gestorben bin, deine
Freunde tot sind, deine Liebhaber dich verachten!
    Vittoria wandte sich zitternd und leichenbla von der Mutter ab. Sie
verstand deren Wesen nicht mehr; sosehr sie war erschreckt worden, sosehr sie
sich auch vor diesem wilden Ausbruch der Wut und der Verzweiflung entsetzt
hatte, so konnte sie sich doch nicht bergen, da ihr die verehrte Frau zum
erstenmal im Leben gering und hlich erschienen sei. Diese Fremdartigkeit
verschlang in diesem Moment alle andern Gefhle, sie kam sich edler und hher
vor, und darum sagte sie ganz ruhig, selbst mit einer Art von kalter Verachtung:
Sollte es denn so sehr schwer sein, zu sterben, und das ngstigende Buch zu
schlieen, ohne alle Bltter desselben durchzulesen?
    Verzeiht mir, Don Cesare, sagte die Mutter jetzt zerknirscht und weinend,
ich habe mich wohl unwrdig betragen, und Ihr seid ein Zeuge meiner Schwche
geworden. Immer hre ich von der Trin wieder die Worte: Freiheit! Sterben! bei
denen sie sich nichts denkt. Es stirbt sich nicht so obenhin; - und wenn auch -
alles das erst durchleben zu mssen, was einem solchen Tode vorangeht!
    So sprecht mit mir verstndlich, ruhig, sagte Vittoria. wei ich doch gar
nicht einmal, wovon die Rede ist.
    Julia ging noch einigemal im Saale auf und ab, um sich zu sammeln, dann
ergriff sie die Hand Don Cesares, wendete sich zur Tochter und sagte: Vergib
auch du mir. Sie setzte sich dann, und erzhlte mit zitternder Stimme, die aber
im Flu der Rede nach und nach erstarkte, von dem Proze, der wahrscheinlich,
und mit ihm ihr Vermgen, verlorengehn wrde, von der nahen Hinrichtung des
Bruders, ihrem Verarmen, der Mglichkeit der Gewalttat von seiten Orsinis, und
wie endlich der so freundlich scheinende Kardinal, er, fast der angesehenste
Mann des Staates und des erlauchten Collegii, jene Vorschlge getan, die auch
Caporale schon kenne, weil er sie kalt berlegt diesem ebenfalls mitgeteilt
habe. Und nun du alles weit, schlo die Mutter, so brich nicht in unntze
Wut aus, sondern rate und hilf jetzt, wenn du denn so mchtig bist.
    Die Mutter und Caporale zitterten jetzt vor dem Ausbruch der heftigsten Wut,
den sie mit Bangen erwarteten; - doch wie waren sie erstaunt, als Vittoria ganz
ruhig blieb, ja sich noch klter und gelassener zeigte, als zuvor. Endlich sagte
sie, fast im hhnischen Ton: Nun, Mutter, was ist es denn nun weiter? Ich
dachte, welche Wunder Ihr mir zu entdecken httet. Wir knnen in kein fremdes
Land flchten, dazu fehlen uns die Reichtmer; hier in den Provinzen, oder
unserm Vaterlande ist keiner so mchtig, oder uns so befreundet, da er uns
schtzt und erhlt, wir sind der Willkr, der Ungerechtigkeit, der Gewalt und
wohl dem Morde preisgegeben. Der einzige Widerstand, der uns noch brigblieb,
ein edler, freiwilliger Tod, wie ihn die groen Rmer nicht selten an sich
vollstreckten, diesen wollt Ihr nicht billigen, weil Ihr meint, das gttliche
Gesetz, unsre Religion, habe den Selbstmord fr die unverzeihlichste Snde
erklrt; - also - warum die Vorschlge unsers besten Freundes, des groen
mchtigen Kardinals, nicht annehmen? Reichtum, Glanz, die Freiheit des Bruders,
das Aufblhen unsrer Familie, alles wird uns gromtig angeboten. Kein andrer
wird dabei aufgeopfert als nur ich allein. Und wenn ich also nun mit dieser
Anordnung zufrieden wre? Ja, wre der Freund, der mir mit diesen Lockungen
entgegentritt, ein so groer Mann, wie es der Papst Julius der Zweite war, wre
er ein Lorenzo Magnifico, so wre es selbst kein Opfer von meiner Seite, denn
ein so groer Charakter wurde mich zwingen, ihn zu lieben. Und wie ich von der
hergebrachten Ehe denke, weit du ja lngst, Mutter. Diese willkrliche
Hingebung an schwache gewhnliche, ja verchtliche Mnner - wie soll ich
glauben, da eine priesterliche Weihe, eine Zeremonie, dieses elende Verhltnis
heiligen knne? Nur fr das blde Auge der Menge, fr den znftigen Priester,
fr jammervolle alte Gevatterinnen kann zwischen der privilegierten und
scheinbar verbotenen Verbindung ein Unterschied stattfinden. Wenn mir alle
Mnner gering und armselig erscheinen wenn die Ehe selbst mir widerwrtig ist,
und du doch behauptest, jedes weibliche Wesen msse sich ihr fgen; so begreife
ich deine zrnende Emprung ber unsern alten wrdigen Beschtzer nicht.
    Ich erkenne dich nicht mehr fr meine Tochter, sagte die Mutter kalt und
verlie das Zimmer.
    Caporale war so erstaunt, da er nicht wute, ob er richtig gehrt oder
verstanden hatte. Lat mich! rief jetzt Vittoria mit dem heftigsten Ausbruch
der Trnen: ich will allein sein; es ist mein Schicksal, von keinem Menschen
verstanden zu werden.

                                Viertes Kapitel


Der alte Kardinal sa sehr tiefsinnig in seinem Zimmer, verstimmt und zugleich
gerhrt. Der junge Neffe, Francesco Peretti, stand verlegen im Winkel des
Gemachs, seine Augen waren rot und feucht, und man sah ihm an, da er eben
heftig geweint hatte. Alle meine Plne, fing der Alte jetzt nach einer langen
Pause an, brechen zusammen; die Freude meines Lebens ist dahin. Seit ich dich,
Unglcklicher, sah, hat sich eine fast rtselhafte Liebe zu dir meines Herzens
bemchtigt: in dir wollte ich meiner armen Familie alles vergten und ersetzen,
was ich zu meinem Schmerz meinen vielbedrngten Eltern nicht habe widmen knnen,
weil sie frher dahingingen, als ich in irgendeinem Wohlstand mich befand. Die
Schwester, den Bruder wollte ich in dir beglcken, und dich als Grundstein
niederlegen, auf welchem meine Familie einst das Gebude ihres Ansehns und
Einflusses auffhren knnte. Du kommst an, der Tag, wo ich dich wiedersah, war
beglckend fr mich, in der Tuschung war er der schnste meines Lebens. Denn
freilich, mute ich den Irrtum schon frh gewahr werden; du bist schwach, fast
ohne Charakter und Mnnlichkeit, scheust die Arbeit und lebst am liebsten in
Zerstreuung, und was noch schlimmer ist, in schlechter Gesellschaft. So mute
ich es bald aufgeben, dir die geistliche Laufbahn zu erffnen, auf welcher ich
dir am hlfreichsten sein kann, da du deinen Widerwillen gegen den ehrwrdigen
Stand auch gar nicht verhehltest. Schon damals schwankte ich in meinem
Entschlu, ob ich gut getan, dich nach Rom zu rufen, oh ich dich nicht lieber
sogleich wieder auf das Land zurckschicken solle. Es kam aber noch schlimmer.
In meiner Gegenwart zitterst du vor mir und beugst dich meinem Willen, und
hinter meinem Rcken bist du ausgelassen, frech und spielst den Frevler, nimmst
die Manieren an, die du von den hiesigen Erben der groen Huser siehst, als
wenn du zu ihnen gehrtest. Die Studien, die ich dir aufgegeben, die dir einmal
Achtung und bedeutende Staatsmter erringen sollen, vernachlssigst du, jeder
deiner Lehrer klagt dich an, keiner will, so gern sie mir schmeicheln mchten,
Hoffnung fr dich schpfen. Nachher hast du dich von deinen verchtlichen
Gesellschaften verleiten lassen, liederliche verrufene Weibsbilder zu besuchen,
du gehst in den schndlichsten Lsten unter, und es ist so weit gekommen, da
meine trichte Liebe sich gewhnen mu, deinen Tod fr kein Unglck mehr zu
halten.
    Peretti kam nher und kniete demtig vor dem alten Oheim nieder. -
Eminenz, sagte er flehend, erlaubt mir Eure liebe wohlttige Hand zu kssen.
O liebster, vortrefflichster Oheim, vergebt doch noch einmal einem
irregeleiteten jungen Menschen. Ich werde mich bessern, ich werde knftig Euern
Ermahnungen mehr Gehorsam leisten: Nur -
    Nun ja! rief der Kardinal mit Heiligkeit aus: nun tut sich ein neues
Abenteuer hervor, das tollste noch von allen! Das junge Blut will jetzt schon
heiraten, das flachskpfige Brschchen ohne Bart, Verstand und Erfahrung, will
einen Ehemann vorstellen und eine Haushaltung fhren. Sollte eine Vermhlung
stattfinden, so war dazu nach manchem Jahre noch die Zeit, wenn du in der Welt
bekannt, wenn du die Achtung angesehener Familien genossest - aber jetzt schon!
Und wen? Eine Unbedeutende, wie man sagt talentvolle Dichterin! Bekannt durch
Schnheit und viele Liebhaber- alles abgeschmackt!
    O liebster, verehrtester Vater, rief Francesco aus, - ja so mu ich Euch
nennen, denn so vterlich, gtig, liebreich, mehr als ehrwrdig erscheint Ihr
mir. Glaubt mir es doch da diese Liebe keine jugendliche bereilung ist, da
Eure gndige, liebreichste Einwilligung mich glcklich und zu einem ganz andern
Menschen machen knnte. Seit ich die himmlische Accorombona nur gesehen habe,
bin ich verwandelt und gebessert; meine Gesellschaft, die Ihr mit Recht tadelt,
habe ich verabschiedet und mag sie nicht mehr sehn, denn ich wei es jetzt, wie
edle Menschen denken und sich betragen mssen. Erhebt Ihr mich zu meinem
hchsten Glck, so werde ich Euch gewi Ehre und Freude machen. Knnt Ihr mir
nicht Eure Einwilligung geben - ach! Teuerster, Einziger - Ihr nennt mich
schwach, und ich bin es auch - aber, wenn Ihr unerbittlich seid, so wird sich
meine Schwche in Verzweiflung verwandeln und meinen Untergang bereiten. -
    Er weinte von neuem und warf sich wieder in der heftigsten Bewegung vor
seinem Oheim nieder. Dieser blieb ganz ruhig, betrachtete ihn gelassen von oben,
und spielte dann nachdenkend mit seinen blonden Locken. Die Jungfrau soll gro,
khn und keck in ihrer Gesinnung sein, sagte er dann; ich habe sie nie gesehn,
aber den rechtschaffenen Vater habe ich wohl vorzeiten gekannt: wie wird diese
Starke dich lieben und achten knnen, wenn auch sonst alle Hindernisse gehoben
wren?
    Der Bruder Flaminio, dem ich mein Herz erffnet habe, erwiderte der
Jngling, gibt mir Hoffnung; er hat mir von der Schwester gesagt, wie wunderbar
ihr Wesen sei. Sie verabscheut den Luigi Orsini, der sich schon seit lange mit
der grten Heftigkeit um sie bewirbt, und erklrt: nur mit einem stillen,
friedlichen Mann, von sanftem Charakter, knne sie in der Ehe glcklich sein.
    So segne dich der Herr, sagte der Kardinal, indem er wieder die Hand auf
das Haupt des Knieenden legte; er erflle deine Hoffnungen. Du weit es aber
selbst, Francesco, da ich dich nicht mit Reichtmern ausstatten kann, ich kann
jetzt nur wenig fr dich tun. Sprich mit der Mutter, die man als eine kluge,
verstndige Frau rhmt. Bringe mir ihre und der Tochter Einwilligung. Vielleicht
entspringt dein und unserer Familie Glck aus dieser Verbindung, wenn sie
mglich ist. Da sie den groen, mchtigen Orsini ausschlgt, gibt mir von ihr
einen guten Begriff, da sie sich einen einfachen sanften Mann wnscht, zeugt
von ihrem Verstande, und da ihr ein kleines stilles Glck hher steht, als
Glanz und Pomp. Geh, wir sprechen uns wieder.
    Der junge Francesco war so entzckt, da er nicht wute, wie er aus dem
Hause gekommen war, als er sich auf der Strae sah. Einer seiner vorigen wilden
Bekannten wollte ihn anreden er wies aber den unntzen Burschen mit der grten
Verachtung zurck, ohne ihn eines Wortes zu wrdigen. Er flog nach dem Hause der
Accoromboni.
    Hier war die Mutter allein in ihrem Zimmer, und hatte ihre Fassung mehr
errungen, indem sie mit einiger Ruhe ihr Schicksal und ihre mgliche Zukunft
berdachte. Sie wollte sich im uersten Fall in die Abruzzen zu einer
wohlhabenden Muhme begeben und bei dieser in der Einsamkeit mit den Trmmern
ihres Vermgens leben. Zwar graute ihr vor der Lebensweise dort, die sie schon
kannte, wenn ihre Phantasie sie ihr ausmalte, und sie sich aller Umstnde
errinnerte, die sie vor Jahren gesehn und beobachtet hatte. Sie grbelte dann
wieder, weshalb sie, die ltere, eine so viel grere Scheu vor dem Tode, als
ihre widerspenstige Tochter habe, sie entsetzte sich weniger, wenn sie sie auch
nicht begreifen konnte, vor diesen ketzerischen Ansichten von der Ehe, dem guten
Ruf und allen diesen hergebrachten Regeln des Anstands und der Tugend, die sie
doch in ihrem Leben so oft von den hchsten, edelsten Mnnern, sowie von den
geistreichsten und vorzglichsten Weibern hatte verletzen sehn. Ihr graute vor
diesen Verirrungen, und dennoch schien ihr die Tochter auch nicht ganz unrecht
zu haben, wenn diese die gewhnliche, rechtliche Bahn des Lebens, wie so viele
Menschen sie wandelten, eine trbselige, unbefriedigende nannte. Ihre eigene
Jugend erschien ihr wieder in einem lebhafteren Lichte, und viele Erinnerungen
und Gefhle, die sie lngst abgestorben whnte, tauchten mit neuer Gewalt aus
ihrem Herzen auf.
    Es war ihr daher, wie ein Wink des Schicksals selbst, wie die glcklichste
Wendung, die sie nur htte ersinnen knnen, als Francesco Peretti mit seinem
Liebesantrage hereinstrmte und in seiner Hast zugleich die errungene
Einwilligung seines Oheims meldete. Die Mutter antwortete dem jungen Menschen
sehr freundlich, und gab ihm alle Hoffnung. Er erschpfte sich in Dank und
Entzckung, und konnte es nicht mde werden, die schnen Hnde der kndigen
Schwiegermutter immer wieder und wieder zu kssen. Sie versprach, mit der
Tochter zu seinem Besten zu reden, und mochte sich gern selbst berzeugen, da
sie dem Jngling sichre Hoffnung geben knne.
    Sie ging nach dem Zimmer Vittorias; diese aber war nicht zugegen, und
wahrscheinlich in der Kirche, oder zum Besuch einer Nachbarin. Francesco nahm
Abschied, um noch vor Abend wiederzukommen, und sich die Besttigung seines
Glckes zu holen. Verget aber nicht, junger Mann, rief ihm die Mutter nach,
da mir die Eminenz einige Punkte bewilligen mu, die nicht unbillig sind, ohne
welche aber die Vermhlung nicht vor sich gehen kann, wenn auch meine Tochter
selbst ihre Einwilligung gibt.
    Es hatte sich im Hause ein seltener Gast eingefunden, der Pfarrer aus Tivoli
nmlich. O seht, Freund Guido, sagte die geschwtzige Amme zum alten Diener,
als der Priester eingetreten war, seht da den verehrten geistlichen Herrn; o
der ist so schrecklich gelehrt, da er lauter unvernnftiges Zeug spricht was
kein Mensch versteht. Ach, das ist berhaupt der Nutzen vom Studieren, da der
Mensch die Gabe erhlt, ganz flieend und hintereinander so recht gelufig, ohne
nur zu stocken, lauter Unsinn zu sprechen, wo unsereins ber jedes Wort tagelang
grbeln mte.
    Der alte Priester legte seinen breiten Hut auf den Tisch, setzte sich nieder
und sagte: Ist das Geschwtz bald zu Ende?
    Was verschafft uns denn die Ehre? sagte Ursula, indem sie sich vertraulich
zu ihm niedersetzte. Guido legte den Hut beiseite und stellte vor den alten Mann
ein gutes Glas Wein und einige Frchte hin. Indem der Priester nur gleichgltig
mit einem Nicken des Kopfes dankte und trank, fing er so an: Ich war hier in
der Stadt bei den armen Eltern des Camillo Mattei. Sie sind in Verzweiflung, die
elenden Personen. Der junge Bengel ist schon seit lange von mir fortgelaufen,
aber nicht nach Rom wie ich mir einbildete; Vater und Mutter haben ihn, seit er
zu mir kam, gar nicht wiedergesehn. Nun wollte ich Euch fragen, liebe
verstndige alte Person, ob er zu Euch hierher geraten sei. Eure Herrschaft ist
keine vornehme und angesehene, das wei ich wohl, also wird er hier keinen
Haushofmeister, Sekretr, oder Cabinetsrat vorstellen knnen.
    Nein, unterbrach sie ihn, solche Wrden kennen wir hier in unserm Hause
gar nicht.
    Richtig, fuhr der Priester kaltbltig fort, ich dachte auch nur, ob der
Bengel nicht vielleicht als irgendein Haustier zum ntzlichen Gebrauch
angestellt sei. Im Hundehause habe ich mich schon umgesehn, die Stelle ist aber
schon von einer andern wrdigen Person besetzt und eingenommen, die mich auch in
ihrem Amtseifer recht derbe angeschnauzt hat. Ich wollte mich bei dem Truthahn
erkundigen, er kollerte ebenfalls was Zorniges daher, und der stolze Pfau wollte
gar nichts von mir wissen. So komme ich denn von jenem unvernnftigen Vieh zum
philosophischen und ausgebildeten Teil der weitluftigen animalischen Schpfung,
um mich bei Euch zu erkundigen, ob Ihr denn von meinem Neffen gar nichts wit.
    Seht Ihr, Guido, rief die Alte, was der durcheinander welscht und
kaudert, je kunter, je bunter, wie man zu sagen pflegt. Nun denkt er gar, sein
Neffe wre zu den unglcklichen metaviehischen Wesen bergegangen, was doch
keinen Menschenverstand in sich hat. Nein, mein Lieber, vielfach redender Mann
ich kann Euch das Naturwunder wohl besser erklren, wie es mir schon seit lange
deutlich geworden ist.
    Nun? sagte der Geistliche.
    Ja, es ist nur, sagte sie nach einigem Bedenken, da Ihr gewi ein
unglubiger Freigeist seid, der alles aus der Natur und seiner Philosophie
erklren will. Aber soviel werdet Ihr doch wissen und in Eurem Katechismus
gelernt haben, da es unsichtbare Wassergespenster gibt.
    Gewi߫, sagte der alte Geistliche, kein Mensch zweifelt daran.
    Diese Amvibien nun, und Truthohnen, und Amfulotriten und Neptuns, und wie
die Bestien sonst noch heien mgen, denn ich habe meine liebe Vittoria, die ich
selber lange gesugt und gestillt habe, das heit freilich in ihrer frhen
Jugend, wo sie alle diese marterlogischen Kenntnisse noch nicht haben konnte,
diese habe ich oft von diesen Geschpfungen und krppelgamischen Kreaturen reden
hren und mir das Wichtigste und Ntzlichste daraus gemerkt, wenn sie so mit
ihrem Herren Serschanten oder Corporale, wie er auch heit, oder mit ihrer
Mutter reden tat.
    Ihr knntet Professor der Mythologie an einer Universitt werden, sagte
ganz trocken der Priester und leerte seinen Becher.
    Ach! warum nicht gar, lchelte die Alte, nach so was ist meine Amputation
niemals gegangen. Man kann nicht alles sein. So ein Professor lt freilich
einen ganzen Saal voll junger Studenten an sich saugen, da ihm auch mit der
Zeit Geist und Seele ausfhrt, und er zuletzt nur noch was daherstammert, was
weder Kind noch Kegel mehr ist, so hat er sich in das Ungewaschene und
Ungehauene und Ungestochene vertiefen mssen. - Doch wieder auf diese
Wasserteufel zu kommen, so kann ich Euch zuschwren, und ich will es vor jedem
Gericht besttigen, da sie da in Tivoli, in Eurer Nhe ganz besonders hausen.
Ihr mt sie ja auch oft genug gehrt haben: denn in dem groen Wassertmpel, in
dem frchterlichen Abgrund, den sie die groe Gaskonade nennen, da kollern sie
und bullern und brllen und brllen ja so abscheulich, da einem Hren und Sehen
vergeht. Denn da bin ich einmal in der Nacht oben vorbeigegangen, ich habe mich
immer gehtet, in die Hlle hinabzukriechen, und da habe ich es in der stillen
Nacht ganz deutlich immer schreien und brllen gehrt: Komm runter! komm Ursel!
Trauben kriegen! Fressen haben! Herrlich hier! Komm, komm, du Maulaffe! - Da
schrie ich aber wieder hinunter, so laut ich immer konnte: Gehorsamer Diener!
sucht Euch einen andern Maulaffen! -
    Nun, der hat sich auch gefunden? Nicht wahr, Frau Ursula?
    Gewi߫, antwortete sie, und das ist ja eben Euer dummer, einfltiger
Neffe. Ich habe es wohl gesehn, wie die Vittoria damals den bunten Fangeball
strickte, da kam der Camillo einen Nachmittag und brachte ihr ein Flausch, oder
Papier, oder Zettel; den steckten sie in den Ball hinein und lachten dabei, als
wenn sie was Besonderes getan htten. Das war nun aber das Paktum, womit sie
sich den Wassergespenstern verschreiben wollten, denn immer war von Neptun und
Apoll, und andern Greueln die Rede. So gingen sie aus und das Karnickelgespenst,
das weie Koboldchen mit den roten Augen stellte so gleichsam einen Abgesandten
in seinem weien unschuldigen Felle vor, wie die Herrn Ambassadors denn auch gar
zu gern so recht unschuldig tun, wenn sie es am dicksten hinter den Ohren haben;
nun dieser Karnickel fragt denn auch ganz freundlich und fromm: Kommt ihr jetzt?
Ja! schreit die bermtige Vittoria, gleich! und schmeit den Ball auch mit dem
inwendigen Paktum in das strudlige Wasser. Das Wasser lt sich das auch nicht
zweimal sagen, sondern schluckt den Ball gleich in seinen Rachen hinunter. Nun
mssen sie nachspringen, aber die Vittoria, der es doch leid werden machte,
kehrt wieder um. Camillo macht sich auch noch davon, aber die Sappermenter von
Elementsgeister geben ihn doch nicht wieder frei. Ihr habt es selbst gesehn,
alter einsichtsvoller Mann, und habt es mir gewiesen, wie er so blitzblau auf
seinem Rcken von den Teufeln gezeichnet war, da er wie eine Brombeere, oder
schwarze rote Maulbeere ausschaute. Ihr wit ja, wie man die Schafe und Hammel
auch auf hnliche Art mit Rotstein zeichnet, da man auf der Gemeinweide, oder
auch beim Verkaufen wei, wem sie gehren. Nun hat er sich also doch freiwillig
wieder bei seiner Compagnie melden mssen. Und so hngt die Sache natrlich
zusammen. Nun frchte ich immer, wird mein Vittorchen doch auch noch nachgeholt,
wenn sie auch hier in Rom auf dem festen Lande ist; aber die Belzebubs von da
knnen gewi in die Tiber hineinschwimmen. Denn sie hat wenigstens in diesen
Tagen schrecklich viel geweint und geheult, und die Mutter nicht weniger. Auch
haben sie sich frchterlich gezankt. Nicht wahr, nun habt Ihr's begriffen?
    Ja wohl, sagte Vinzenz, der Priester:, ich danke Euch fr diesen
grndlichen Bericht; Guicciardini selbst htte ihn nicht besser abfassen
knnen.
    Als die Mutter eines Geschftes wegen in die Kammer trat und den Priester
bemerkte, lud sie diesen an ihren Mittagstisch, wo sie und die Tochter, nebst
dem Dichter Caporale ziemlich heiter waren.
    Alle nahmen sich vor, sich nach Camillo zu erkundigen, und der Priester
entfernte sich dankbar, da er diese freundliche gastliche Aufnahme von den
Leuten, deren Stellung er in der Welt als eine hohe betrachtete, nicht erwartet
hatte, die Mutter ihm auch noch zur Erleichterung seiner Reise ein Geschenk
verabreichte.
    Wie froh bin ich, sagte sie hierauf zu ihrem alten Freunde, da diese
Unbndige sich endlich doch hat zhmen lassen. Ich habe sie wirklich nicht genug
gekannt, denn ich glaubte nicht, da ihre frevle, unnatrliche Gesinnung sie so
weit fhren knne. Morgen werde ich den Kardinal besuchen und mit ihm die
Bedingungen des Ehekontrakts verabreden. So wird Ruhe und Friede in unsre
Familie kommen und wir knnen glckliche Tage erleben.
    Aber, warf Caporale ein, pate dieser Eidam auch zu der grogesinnten
Tochter?
    Es mute zum Schlu kommen, sagte sie.
    Wenn es nur nicht der Anbeginn anderer, ebenso schlimmer Verwicklungen
ist, bemerkte der Alte.
    Alles, rief die Mutter, lt sich leichter ertragen, als der Schwindel,
in welchem wir uns jetzt taumelnd bewegten, da mit jedem unbewachten Augenblick
das Elend unerwartet hereinbrechen konnte. Die Notwendigkeit, die Verhltnisse
zgeln und zhmen von nun an den wild umfahrenden Zufall, durch diese
Alltglichkeit wird sie dem Leben und der Natur wieder zurckgegeben, und der
Gatte wird an ihrer Seelenstrke emporwachsen, sich an ihr erstarken und zum
Manne reifen. Indessen geht unvermerkt die strmische Jugend vorber, und das
Leben hat sie in die notwendigen Gleise hineingewhnt, in denen es doch nun
einmal laufen mu, wenn es sich nicht selbst zerstren soll.
    Als sich Caporale entfernte, traf er drauen auf dem Hofe die junge
Freundin, welche ihre Tauben ftterte. Und Ihr wollt Euch vermhlen? Und an
Peretti? fragte er. Ihr hofft doch glcklich zu werden?
    Folgt mir in den kleinen Garten, antwortete sie; Ihr seid uns in diesen
wenigen Tagen so nahegekommen, da ich zu Euch vertraut, wie zu einem lteren
Bruder sprechen kann.
    Sie gingen in eine Baumpflanzung, die ber ihnen lieblich rauschte. -Was
sollen wir glcklich nennen? fing sie an; ich sehe mit jedem Tage mehr ein,
da dasjenige, was ich mir so nennen wollte, nur ein albernes Kindermrchen ist,
und doch ist alles, was jenseit dieser Wnsche liegt, nicht der Mhe wert, es
vom Boden aufzuheben, wenn es auf dem Spaziergange vor unsern Fen schimmert.
Ich werde eingespannt, wie der Ackerstier, in das Joch der alltglichen
Gewhnlichkeit, so ziehe ich denn nun auch die Furchen der hergebrachten und
regelrechten Langeweile, wie die brigen Menschen.
    Konnte es Euch aber wirklich Ernst sein, fragte Don Cesare wieder, mit
jenem Farnese? Ich berge es Euch nicht, ich war ber Euern Ausspruch ebenfalls
erschrocken.
    Sie sah ihn mit ihrem scharfen glnzenden Auge an und erwiderte: Und wenn
ich Euch nun gerade hin sagte, da es mein Ernst wre - was gibt es denn da zu
erschrecken? Ob ich so oder so verkauft werde, wenn ich dann doch einmal
verhandelt werden soll, kommt doch wohl auf eins hinaus. Wer versteht denn von
euch, oder auch von Weibern und Mttern, die Hoheit, den reinen Adel einer
echten Jungfrau? Alle haben es ja lngst in Geschften, Pflege des Mannes,
Wartung ihrer Kinder vergessen, wie es in diesem Heiligtume aussieht. Die
Entweihung soll unser Beruf sein, so sagen sie alle, ich habe es aber nie
geglaubt: zwang die eiserne Not einmal, der sich auch der Khnste beugen mu,
wie ich es jetzt erlebt habe, nun so war ein Mehr oder Weniger der Entwrdigung
immer nicht so gar wichtig. Weggeworfen bin ich, vernichtet, es hat so sein
mssen, ich erlebe meine sogenannte Bestimmung, das heit in meiner Sprache: die
Nichtswrdigkeit.
    Und immer wieder mu ich vor Euch erschrecken, sagte der Dichter.
    Wie ich vor dem Leben, antwortete sie mit scharfem Ton: ja wohl habe ich
in dieses kalte ekle Schlangengewinde, in dieses Durcheinander des widrigsten
Ungeziefers erst jetzt den wahren, richtigen Blick hineinwerfen knnen. - Ich
mchte weinen, und ich mu eben lachen, wie Ihr seht.
    Caporale fuhr vor dem lauten krampfhaften Lachen wie schaudernd zurck. Ja,
ja, es ist nicht anders, fuhr sie mit feurig glnzenden Augen, wie
phantasierend fort: zum Lachen ist alles das mehr als zum Weinen. Nie habe ich
meine Mutter so gesehn, nie mich vor ihr gefrchtet, mich noch niemals in meinem
Innern von ihr abgewendet. Mu denn auch der edelste Mensch in der Zorngebrde,
in der Verzweiflung etwas Geringes und Unedles zustande bringen? Warum denn aus
dem emprten Abgrund die widerwrtige Schlacke heraufwlzen? Doch freilich, wenn
es vielleicht der Geist - wo kommt sie sonst her? Es ist ja das Innere, was man
so nennt, mit Worten. Oh, man knnte darber wahnsinnig werden. - Diese ihre
ungeheure Heftigkeit, so warnte mich die entsetzende Stimme meiner sndlichen
Prophetengabe - diese brausete hervor, und sie htte mir vielleicht gar ihren
Fluch gegeben, um doch, wenn das Unheil nun geschehen, wie Pilatus die Hnde
waschen zu knnen. - Nun trat denn doch die groe Herrlichkeit ein, denn meine
bse Verkehrtheit hatte keiner Ermahnung nachgegeben: leidend, still,
verschlossen nahm sie daran teil und geno den Glanz der Welt. Seht, darum will
ich die Gattin dieses kleinen Peretti werden, um nicht noch einmal alle diese
Leidenschaften zu erregen. Ich mache Ernst aus dem Opfer, was mir vielleicht
angedeutet wurde, um meine Widerspenstigkeit erst recht zu erregen. - Tue ich
aber ihr, oder der Menschheit, hiermit nur das allerkleinste Unrecht, so bedenkt
einmal, und schaudert, welche Schlacke sich jetzt aus meiner niedertrchtigen
Seele heraufgewlzt hat. - Und habt Ihr schon je erfahren, wie es in Euerm
Innern beschaffen ist? - Lebt wohl, mein Freund, denn das mt Ihr mir von jetzt
mehr als je sein und bleiben.
    Caporale schttelte das Haupt, als er sich auf der Gasse befand. In diesem
ernsten Lichte hatte er das Leben noch niemals betrachtet. Welche sonderbaren
Erffnungen und Bekenntnisse hatten ihm in so kurzem Zeitraum die Mutter, die
Tochter und der Kardinal Farnese gemacht, deren Vertrauter er, ohne sein Zutun,
geworden war.

                                Fnftes Kapitel


Beim Gouverneur, dem mchtigen Buoncompagno, erhielt Graf Pepoli leicht Zutritt
und eine freundliche Aufnahme. Die schriftliche Empfehlung der frstlichen
Margareta von Parma bestimmte den feinen Mann, einen so ausgezeichneten
Bittenden anders, als die Mehrzahl von Supplikanten zu behandeln. Dabei hatte
diese Entfhrung der angesehenen Magistratsperson groes Aufsehen gemacht, so
da der Regierung selber viel daran lag, einen solchen Frevel auffallend zu
strafen und den Gemihandelten frei zu machen. Dem Grafen ward also gern
bewilliget, allein und ungestrt mit Ascanio, dein Gefangenen, zu sprechen, und
von ihm die Mglichkeit der Rettung des alten Mannes zu erkundigen.
    Ascanio, ein blasser, schmaler Mensch, erstaunte sehr ber den Besuch des
vornehmen Mannes. Als er den Gru vernahm, den ihm Pepoli von dem hingerichteten
Strada brachte, schrak er zusammen, doch noch weit mehr, als er vernahm, um
welche Angelegenheit es sich handle, und da vom alten Velluti, und dessen
Befreiung die Rede sei. Der Gefangene rang die Hnde und brach in ein heiliges,
laut klagendes Weinen aus. Ich sehe, rief er nach einer Pause, ich bin auf
eine schreckliche Weise verloren, mein Verbrechen, falsche Mnzen geschlagen zu
haben, wird nun um so mehr geglaubt werden, und obenein zieht man mich nun in
den neuen Proze hinein! Ihr habt mich bei dieser verruchten Sache schon dem
Gouverneur genannt, man wird weiter forschen, mir die Folter nicht ersparen und
mich dann auf schmhliche Weise hinrichten. Ach Himmel, warum ist es dem
Menschen doch nicht immer vergnnt, einen einfachen und rechtlichen Lebenswandel
zu fhren! Ich wre ja so gern im engsten Kreise froh und zufrieden gewesen.
    Der Graf suchte ihn zu beruhigen und nach und nach sein Vertrauen zu
gewinnen. Die Freundlichkeit des jungen Mannes, seine Liebenswrdigkeit brachen
auch allgemach den Starrsinn des Verbrechers und lsten seine Verzweiflung auf.
Ich will Euch vertrauen, sagte er endlich, ich lege mein Schicksal in Eure
Hnde, wenn Ihr leichtsinnig oder zweideutig seid, bin ich verloren, daran kann
ich nicht zweifeln; aber, wenn Ihr klug sein wollt, so bleibt Ihr ehrlich, denn
Euer Los ist, wenn Ihr mich preisgeben solltet, auch vielleicht geworfen, denn
Ihr seid durchaus ein Fremdling auf dem Boden, den Ihr jetzt zu betreten wagt.
    Der Graf nannte ihm seinen Namen, Stand, und da er reich sei, und gesonnen,
eine bedeutende Summe nicht anzusehn, um dies gute Werk, das er sich vorgesetzt,
durchzufhren.
    Ich hoffe, sagte Ascanio, Ihr werdet mich belohnen, aber eine Bedingnis
mu jeder andern vorausgehen.
    Und die ist?
    Der Gouverneur mu mich freilassen, unbedingt, er mu meinen Pardon
unterschreiben, alles mu zwischen uns abgetan und vergessen sein. Knnt Ihr es
durch Euren Einflu dahin bringen, so glaube ich Euch die Freiheit und das Leben
Eures Verwandten versprechen zu knnen.
    Der Graf erschrak ber diesen Vorschlag. Glaubt mir nur, rief Ascanio,
kann das nicht geschehen, so ist alles unmglich und wir wollen jede Rede
darber jetzt und fr immer abbrechen. Und wenn Ihr mir die Freiheit verschafft
habt, und wenn ich drauen bin und Euch geholfen habe, ist mein Leben noch immer
in Gefahr.
    Wer aber steht mir dafr, sagte der Graf, wer gibt mir die
Gewhrleistung, da Ihr, sowie Ihr im Freien seid, nicht entflieht, und ich mit
meinem Mhen so weit bin wie jetzt?
    Ich wei nicht, antwortete der Gefangene, warum ich Euch mehr als andern
Menschen vertraue; aber, wenn Ihr mir Euer Ehrenwort gebt, mich zu befreien, so
sollt Ihr mich jetzt noch hier im Kerker lassen, und mich nur erlsen, wenn Ihr
meine Aussagen wahr befunden habt. Kehrt Ihr dann frei und berzeugt zurck, so
erfllt Euer Versprechen und wir sind uns beiderseits durch Dank verpflichtet.
    Der Graf ging wiederum zum Gouverneur, erinnerte ihn, wie so manche
Verbrecher aus Gnade schon befreit worden wren, wie man durch diesen vllig
reuigen Snder etwas Gutes stiften wolle, da dieser sich anheischig mache, im
Fall er begnadigt wrde, niemals wieder mit irgendeinem Trupp von Banditen
gemeine Sache zu machen, und wie man doch gestehen msse, da manche dieser
Ruber mehr durch Schicksale, als durch ihre Neigung zu diesem Stande getrieben
wrden, viele Vornehme selber diese Wegelagerer aufmunterten und in ihren Sold
nhmen, so da man bei diesem Armen, Zerknirschten sich wohl einmal eine
Abweichung vom Gesetz erlauben drfe.
    Buoncompagno war als ein edler Mann von groer Gesinnung nicht unwillig,
Pepolis Begehren zu erfllen, weil er selbst am besten das Elend seines
Vaterlandes kannte, und weil das Verderbnis des gemeinen Mannes hauptschlich
von den Groen, selbst den Frsten ausging, die durch diese Unordnung und
Verwirrung die Krfte und das Ansehn des rmischen Staates schwchen, und, wo
mglich, vernichten wollten. Er gab also dem Grafen den unterzeichneten Pardon,
indem er ihm den besten Erfolg wnschte.
    Als dieser in den Kerker zurckkam, fand er den Gefesselten beschftigt,
einen Brief durch Wachs und eine Chiffer, die in Holz geschnitten war, zu
versiegeln. Der Gefangene war sehr erfreut als er den Gnadenbrief sah, der ihm
seine unbedingte Freiheit versicherte. Ihr seid ein Ehrenmann, sagte er, wie
es wohl heutzutage nur wenige geben mag, ich verdanke Euch Leben und Luft und
da ich nun meine Kinder und Gattin wiedersehen kann. Das ist mehr als Leben.
Auch wollt Ihr mich noch beschenken, so da ich mit Sicherheit einen neuen
Lebensplan anheben mag. Ihr sollt sehn, verehrter Mann, da Ihr Euch keinen
Unedlen verpflichtet. Aber so lieb Euch Ehre, Leben und Gewissen sind, handelt
nun auch genau nach meiner Anweisung, und lt keinen Sterblichen, ohne alle
Ausnahme, wissen, was unter uns beiden vorgefallen ist. Darauf gebt mir Eure
grfliche Hand zum Pfande. - Es geschah. -Nun nehmt, fuhr er fort, dies mit
Wachs versiegelte Blatt, aber zeigt es keinem Menschen, und wenn Ihr es
aufbrechen solltet, wrde ich Euch fr einen Treubrchigen und Meineidigen
halten mssen, und es wrde Euch und mir zum Verderben gereichen. Ihr wrdet
nichts inwendig finden, kein einziges geschriebenes Wort, sondern nur eine
Chiffer, die Euch vllig unverstndlich wre. Dieses stumme Blatt, ohne
Aufschrift, diese Chiffer enthaltend, werdet Ihr dort abgeben, wohin Euch dieses
zweite kleinere verhllte Blatt anweiset, welches, wie Ihr seht, auch ohne alle
Aufschrift ist. Versprecht mir feierlich, dies Blatt auch nicht zu ffnen, bevor
Ihr aus den Toren Roms seid. Niemand mu wissen, da Ihr diese beiden Zeichen
bei Euch habt. - Das Geschft, so hoffe ich gewi, wird Euch glcken; ich bleibe
hier und erwarte Euch, und sowie ihr zurckkehrt, fhrt Ihr mich zur Freiheit
hinaus. Ihr seht also, ich vertraue Euch weit mehr, als Ihr mir, denn Ihr
knntet ja, wenn Euch die Sache gelungen ist, mit meinem Gnadenbrief in alle
Welt gehn, oder ihn dem Gouverneur wieder zurckstellen. Ich hoffe aber und
wei, wir beide sind von besserer Art, als mit so kleinen Rnken zu schachern.
    Wohl ist es so, sagte der Graf, fast gerhrt, und darum nehmt und
behaltet diesen Euern Pardon, damit dieser Euch bleibt, wenn ich vielleicht
verunglcken sollte. Ich gehe sogleich noch einmal zum Gouverneur, ihm dies zu
erklren, und ihn zu bewegen, Euch die Tore zu erffnen, im Fall mir etwas
Menschliches zustoen sollte.
    Der Gefangene rief ihm noch nach: Verget nicht, da das Lsegeld fr den
geraubten Mann nur eine tolle unmgliche Forderung zum Schein ist, denn kein
Frst knnte es auszahlen. Die ganze Sache sollte nur die Milizen, das Militr
und die Gerichtsbeamten schrecken, da sie in ihrer Pflicht saumselig wrden und
den Mut zu solchen Wagestcken, wie der Alte unternommen hatte, verlren; auch
wollte man die Unterhndler kennenlernen, und im uersten Fall den Gefangenen
auf eine grliche Art ermorden.
    Der Kerkermeister trat herein, um dem Gefangenen, auf Befehl des
Gouverneurs, vorlufig die Ketten abzunehmen, und der Graf verlie die Stadt.
Als er im Freien war, ffnete er das ihm bestimmte Blatt, und sah, da es ihn
nach Subiaco hinwies an einen Apotheker Tommaso. Er verwunderte sich, da er
nach dem Orte geschickt wurde, wo das Verbrechen verbt war. Er merkte den Namen
des Mannes, und vernichtete dann den Zettel sorgfltig, da sein Diener, der ihn
zu Pferde begleitete, oder irgend sonst wer, das Blatt nicht lesen knne. In der
Nhe der Stadt lie er seinen Begleiter in einem Dorfe des Gebirges und wandelte
zu Fu nach dem kleinen Ort. Auf seine Erkundigung vernahm er, da der Mann, den
er suchte, gleich am Eingang des Ortes seinen kleinen Laden hatte. Er trat zu
ihm ein, sah sich behutsam um, und ersuchte ihn, mit ihm allein in seinem Zimmer
zu sprechen. Tommaso brachte ihn in ein Cabinet, und Pepoli bergab ihm das
Billet ohne Aufschrift. Wie der Apotheker das Siegel aber betrachtete, erriet
er, von wem es kam, erbrach und wurde sichtlich bla, als er die Chiffer innen
erblickte. Diese lie er sogleich am Licht, welches dastand, verbrennen, setzte
sich nieder und schrieb ein andres Zeichen, welches er behutsam mit seiner Hand
verbarg. Er siegelte hierauf das Blatt, welches er ebenfalls ohne Aufschrift
lie, und sagte dann zum Grafen: Wenn Ihr diese Strae hinuntergegangen seid,
so trefft Ihr etwas rechts, auf einem kleinen Platz, ein ziemlich groes, weies
Haus, an welchem sich ber der Tr das Bildnis der Madonna zeigt; vor dem Hause
ist eine steinerne Schwelle von drei Stufen; Ihr knnt gar nicht fehlen. Wenn
Ihr angeklopft habt, so wird Euch ein ganz kleines drres Mnnchen die Haustr
aufmachen; diesem sagt leise ins Ohr: Semphoras - dann wird der Euch schon
zurechtweisen. Sollte, was aber nicht leicht geschieht, eine Magd ffnen, so
wartet stillschweigend, bis der kleine Drre zu Euch tritt.
    Der Graf ging verwundert und sinnend ber die Gasse. Als er fast schon jenes
bezeichnete Haus erreicht hatte, kam ihm Geschrei und Getmmel entgegen; es war
der Barigell, ein groer starker Mann mit fast herkulischen Gliedern, der mit
seinen Hschern einen Verbrecher in das Gefngnis fhrte. Der Graf klopfte an
das Haus, die Tr ffnete sich, und die schmalste vor Drre fast klappernde
Figur trat ihm bla und mit eingesunkenen Augen entgegen und fragte ihn mit
feinkrhender Stimme, was sein Begehren sei. Graf Pepoli neigte sich an sein Ohr
und flsterte ihm jenes ihm anvertraute rtselhafte Wort zu. Ah! das ist was
anderes, sagte der Kleine, verbeugte sich und sah ihm dann freundlich lchelnd
ins Gesicht: Ihr wit die heutige Parole! - Er fhrte den Fremden dann mit
vielen Verbeugungen eine Treppe hinauf, ffnete eine Tr, und schob den Grafen
in ein groes, ganz leeres Zimmer hinein. Einen Augenblick warten! krchzte
der Kleine, indem er die Tr von auen wieder verschlo. Der Graf ging im Zimmer
auf und ab. Die Fenster waren so hoch, da man nirgend auf die Strae sehen
konnte, wodurch das Gemach fast das Ansehen eines Kerkers erhielt.
    Nur zwei Sessel standen im groen Raum und ein verschlossener Wandschrank
war noch sichtbar; sonst kein anderes Mobiliar. Graf Pepoli wurde nach und nach
verdrielich, da er so lange warten msse, er horchte nach der Tr und Treppe,
vernahm aber kein menschliches Wesen. Er wurde besorgt, denn es schien ihm nicht
unmglich, da diese Vorschwornen, die mit so knstlichen Mitteln verbunden
waren, ihn selbst gefangenhalten konnten, wenn sie vielleicht frchteten, da er
schon mehr von ihnen wisse, als ihrer Sicherheit zutrglich sei. Er rasselte an
der Tr; sie war fest verschlossen, und jede Anstrengung, sie zu ffnen,
vergeblich. Indem er noch nachsann, was er wohl beginnen knne, stand zu seinem
Erschrecken pltzlich ein groer Mann dicht hinter ihm, der ihm auf die Schulter
klopfte. Er sah um, und erriet nun, da eine unbemerkte Tr in der Wand sich
leise geffnet hatte. Er erstaunte aber von neuem, als er den Mann erkannte, der
kein anderer war, als jener stark gebaute Anfhrer der Hscher, den er vor
weniger Zeit auf der Strae in seiner Amtsverrichtung als Obrigkeit gesehen
hatte. Was verlangt Ihr von mir, werter Freund? fragte ihn die hohe Figur in
einem ernsten, fast verdrielichen Ton. Pepoli berreichte ihm schweigend das
Blatt des Apothekers. Der Barigell ging beiseit, nahm die Chiffer heraus,
betrachtete sie mit gerunzelter Stirn und zerri das Papier dann in die
kleinsten Fragmente. - Der mchtige Antonio, so hie dieser Vorstand der
Hscher, ging mit schwerem Tritte schweigend und, wie es schien, zrnend, im
widerhallenden Saale auf und ab. -Euer Name, Stand, Aufenthalt? fragte er
dann, indem er zugleich den festverwahrten Wandschrank aufschlo. Der Graf
nannte sich, seinen Stand und seinen Wohnort Bologna. Unter vielen groen,
geschriebenen Bchern, welche eine Menge alphabetisch geordneter Namen zu
enthalten schienen, nahm er das eine, schlug nach, suchte und las eifrig. -Ich
finde nicht, sagte er nach einer Weile, da Ihr einer unserer Verbndeten seid
- der gute, dumme Tommaso htte Euch besser nicht hergesendet - erzhlt mir Eure
Sache, weshalb Ihr uns aufsucht. -
    Der Graf erfllte sein Begehren. Mit immer zunehmendem Verdrusse hrte ihm
jener zu. -Ja, sagte er dazwischen, den alten Kerl halten sie immer noch
gefangen, und mit Recht. Wenn es mehr solcher gbe, oder wenn sie aufgemuntert
wrden, htte die Brderschaft bald ein Ende. - Als er nun vom hingerichteten
Strada hrte, wurde er noch ungeduldiger: - und dieser Nichtsnutzige, rief er,
hat er Euch zu dem zweideutigen Ascanio gewiesen? Und dieser hat die Frechheit
gehabt, Euch hierherzusenden? - wir hatten den Schlauen knstlich genug auf die
Engelsburg geschafft, wo er wohl mit zehn Jahren auf der Galeere davongekommen
wre; aber er ist klug, er benutzt sogleich Eure Bemhungen fr den alten
Bsewicht, um sich ganz frei zu machen. - Er verschlo die Bcher und ging
dann, die Hnde auf dem Rcken, im Saale ziemlich lange auf und ab. Hierauf
stellte er sich dicht vor den Grafen hin und sagte mit barschem Ton: Wie wr es
denn, wenn ich Euch lieber gleich hierbehielte? Wenn Ihr auch nicht viel wit,
so wit Ihr doch genug, um mich und den guten Gevatter da unten in seiner
Apotheke verraten zu knnen. Am krzesten zum mindesten wre es so entschieden.
Der schlaue, vielwissende Ascanio bliebe am Ende auch am sichersten dort.
    Der Graf, ohne die Fassung zu verlieren, erklrte noch einmal bndig seine
Absicht, und wie es von je sein Vorsatz gewesen sei, eine bedeutende Summe fr
die Befreiung des Gefangenen zu verwenden, da die Grausamkeit, ihn selbst
zurckzubehalten, oder gar zu ermorden, eine ganz berflssige sei: auch wrden
seine Anverwandten in Bologna, die Gerichte dort in Rom, ja die Kardinle, der
Gouverneur und wohl der Papst selbst die genauesten Nachforschungen anstellen,
da sich die Grten des Landes, wie die Frstin Margareta von Parma fr ihn und
sein Unternehmen interessiert htten: ja, da, wie nicht unbekannt, Herren und
Frsten selbst diesen Bndnissen heimlich zugehrten, so knnte er wohl gar von
diesen wegen seines Attentats hart bestraft werden. Auch warte in der Engelsburg
Ascanio auf seine Rckkehr; dieser wrde, im Fall sein Beschtzer ausblieb,
gewi nicht schweigen und da dieser so sehr alle Fden in der Hand habe, ihnen
wohl den allergrten Schaden zufgen, weil unter solchen Umstnden ihn der
Gouverneur schwerlich seiner Haft entlassen wrde.
    Ihr seid ein kluges Mnnchen, Graf, sagte Antonio, und habt fast so viele
Fassung wie unsereins. Die Sache, wie Ihr sie da vorstellt, ist nicht ohne. Der
verwnschte Ascanio wei gar zu viel, und so klug wir uns zu sein dnken, ist er
denn doch vielleicht noch klger. Nehmt nur, wenn ich Euch freigebe, die eine
berzeugung mit hinweg, da, wenn Ihr Euch gelsten lieet, irgendeinem
sterblichen Menschen nur eine Silbe von dem zu verraten, was Ihr seitdem
erfahren habt, Ihr auch keine Stunde Eures Lebens sicher sein knntet. brigens
ist Euer Ansuchen zu wichtig, die Sache zu verwickelt: ich fr mich selbst kann
nichts entscheiden, ich darf es nicht auf mich nehmen, und viele der
Schiedsrichter sind nicht zugegen. Nur ein Mittel gibt es. Kommt mit dem Neumond
mit Eurem Ascanio selber wieder hierher: dann ist der groe Rat versammelt.
brigens kennt Ihr mich und den Gevatter niemals. -
    Der Graf begab sich wieder auf den Rckweg, indem er die seltsamen
Verhltnisse der Welt bersann, wie er so freundlich und hflich noch vor
wenigen Tagen von Kardinlen und frstlichen Damen aufgenommen und beschtzt
war, und wie er in diesem Augenblicke in der Abhngigkeit eines gemeinen
Menschen gewesen sei, der ihm eine groe Gnade in seiner Meinung dadurch
erwiesen habe, da er ihn seine Strae wieder frei habe ziehen lassen.
    Indessen verhandelte die Mutter Accorombona mit dem alten, verstndigen
Kardinal Montalto wegen der Verbindung seines Neffen mit ihrer Tochter Virginia.
Der alte Mann erstaunte ber die hohe Gestalt der noch schnen Matrone, ber den
Ausdruck dieses klugen Auges und ihre edle und vornehme Haltung. Er fate
dadurch sogleich ein gutes Vorurteil fr den Geist und den Charakter einer Frau,
die sich mit solchem Wesen ankndigte. Donna Julia hatte bis jetzt den Kardinal
nur in kirchlichen Funktionen gesehn, weil er die gewhnlichen Zusammenknfte
der Menschen vermied; sie verstand aber sein kluges Auge und wute durch den
verstorbenen Gatten, wie konsequent, umsichtig und beharrlich er sich von je in
allen Geschften des Lebens betragen hatte.
    Nach den ersten hflichen Begrungen sagte die Matrone: Eminenz, es gehrt
zu den glcklichsten Vorfllen meines Lebens, mit einem so echten, wahrhaft
tugendhaften Mann in nhere Verbindung zu kommen. Haltet es fr keine
Schmeichelei, denn ich spreche nur Wahrheit, da ich unter allen Umstnden ein
solches Bndnis meiner Tochter den Anerbietungen der reichsten, vornehmsten,
ltesten Familien wrde vorgezogen haben.
    Ich glaube Euch, wrdige Dame, antwortete der Kardinal; denn Euer hoher
Sinn, Euer Edelmut wird von aller Welt gerhmt. Auch ist Euer und Eurer Tochter
Entschlu deshalb zu loben, weil ihr es beide sehr gut Wit, da ich diesem
meinem angenommenen Sohne keine groen Reichtmer, Schtze oder liegenden Grnde
bermachen kann; denn ich habe jene krummen Wege, mir Reichtum zu erwerben,
immerdar vermieden. Aber ein gut eingerichtetes Haus mit einem angenehmen Garten
werdet Ihr erhalten, und ein so anstndiges, ja reichliches jhrliches
Einkommen, da Ihr Euch dieser Vermhlung wegen nicht einzuschrnken braucht,
und wenn das Haus, welches Ihr machen werdet, auch nicht zu den glnzendsten
gehrt, so wird es jeder Billige doch gewi zu den anstndigen und wohlhabenden
rechnen. Ihr werdet Gesellschaft sehn, Diener halten; die Mobilien, die Zierden
des Hauses, sind edel, wenn auch nicht kostbar, und wenn Ihr noch Euer Vermgen
mit diesen Einknften vereinigt, werdet Ihr allen Sorgen des Lebens enthoben
sein, und Freunden Euch gastfrei und wohlttig erweisen knnen. Auch ich htte
fr meinen Neffen wohl eine berhmte hochadliche Familie finden knnen, die ihn
nicht ungern aufgenommen htte; doch bin ich berzeugt, da er in solcher
Umgebung zugrunde gegangen wre. Meine Familie, die mich ans Licht gebracht hat,
war eine der rmsten in der ganzen Mark, mit saurem Schwei erbeutete sie ihr
Leben; sosehr es meine ackerbauenden Eltern auch wnschten, so konnten sie doch
nicht das mindeste fr mich tun; wie mein frommer Freund und Beschtzer, der in
Gott selige Pius der Fnfte, bin ich in meinen frhsten Jahren nur ein Bettler
gewesen, der lange von Wohltaten anderer leben mute, die fast ebenso drftig
waren, als ich selbst. Glaubt mir, edle Frau, in der Armut, Hlflosigkeit, wo
wir immerdar auf des Himmels Gnade und den persnlichen Beistand Gottes
aufschauen mssen, tut sich eine Heiligkeit, eine se Weihe kund, von der die
Wohlhabenden niemals etwas erfahren. Und auf diesem Wege habe ich die Gter der
Welt geringe achten lernen, ohne sie vorstzlich zu verschmhen, aber kein
Schmeichelwort hat mir je Gold und Goldeswert erkaufen drfen; in Venedig,
Spanien, in meinen Dizesen, immerdar war ich mir und meiner berzeugung getreu.
Diese meine Erfahrungen habt Ihr freilich nicht machen knnen, aber Ihr habt
Euch ebenfalls nie verleugnet, nicht den Groen aufgesucht, seines Einflusses
wegen, noch vor dem Reichen, seines Goldes wegen, gekniet. Stark und fest seid
Ihr, mnnlich und hochdenkend, und das hat mich hauptschlich bestimmt meine
Einwilligung so schnell zu geben, obgleich mein Neffe, streng genommen, zum
Ehegatten noch zu jung und unreif ist. Ich sah es aber, wie bald er von dieser
jungen Vornehmen durch deren Frechheit verdorben wurde; ich liebe das Kind, ich
wre fhig, fr diesen Jngling alles zu tun, und drum bergebe ich diesen
weichen und schwachen Charakter Eurer weisen Fhrung, da Ihr ihn zum Manne
bildet, da er Recht von Unrecht, Wahrheit von Lge unterscheiden lernt.
    Die Aufgabe ist nicht leicht, erwiderte die Matrone; damit es aber vllig
gelingen knne, ist es notwendig, auch fr das Heil meiner Tochter, da Ihr mir
eine Bitte bewilligt, und sie auch mit den Mitteln durchsetzt, die Euch gewi zu
Gebote stehen.
    Sie erzhlte ihm hierauf von der wilden, fast tierischen Leidenschaft des
jungen Luigi Orsini, und wie er in brutaler Weise die Tochter bedroht habe, wie
man vor ihm und seinen nichtswrdigen Helfershelfern, wie den besoldeten
Banditen, in jeder Stunde zittern msse.
    Der Kardinal versank in tiefes Nachdenken. Diese Ruchlosigkeit, sagte er
dann, ist der wahre Wurmfra unseres Staates, das Gift, welches schon seit
lange alle seine Lebensadern durchdringt. Ein Drako tte uns not, der aber auch
Kraft und Ansehen genug bese, um seine bluttriefenden Edikte durchzusetzen.
Und doch kann es nur auf diesem Wege besser werden, wenn es ja irgendeinmal
besser werden soll. Unser verehrungswrdiger Heiliger Vater ist zu schwach, zu
friedliebend, ja er ist so sehr Menschenfreund, da er gern noch im tckisch
verruchten Mrder das Bildnis seines Bruders anerkennt. Er vergit nur, da ein
verziehener Mord zehn neue erzeugt. - Doch seid ruhig, denn in diesem Falle ist
es meine heiligste Pflicht, dem drohenden bel zu steuern, und es wird mir auch
gelingen. Ich verspreche es Euch bestimmt, der wilde Jngling soll Eure Schwelle
niemals wieder betreten, und Euch weder in Gesellschaft, noch auf ffentlichen
Straen, oder in den Tempeln verletzen, wenn er nicht den Bann auf sein Haupt
herniederziehen will. Das wird mir der Papst bewilligen, wenn er auch sonst
nicht mein persnlicher Freund ist; aber hier wird seine eigene Ehre, die
meinige unmittelbar in Anspruch genommen. Er wird in dieser Sache die strengsten
Befehle erteilen, und sie auch seinem Sohne, dem Gouverneur, schrfend
mitteilen; auch diesem werde ich noch heute selbst meinen Besuch machen. - Dann
werde ich Rcksprache nehmen mit einem ltern Vetter des jungen Irrwisches, dem
Herzoge Paul Giordano, dem tchtigen, gedienten Bracciano. Vor diesem Mchtigen,
wenn er sich erhebt, zittern alle diese Wildfnge; ihm entgegenzuhandeln, wagen
sie nicht, und er hat sich bisher immer als mein persnlicher Freund erwiesen.
Also seid ber diesen Punkt ohne alle Sorge.
    Ihr nanntet, Verehrter, fuhr die Donna fort, mein Vermgen; es ist fr
eine Witwe wohl nicht unbetrchtlich, doch aber kaum zureichend, da ich noch
Shnen damit, die unversorgt sind, forthelfen mu. Und, was das schlimmste, ich
bin nahe daran, es durch Schikanen einzuben. - Sie erzhlte ihm krzlich, wie
gerecht ihre Sache sei, wie sie schon zu ihren Gunsten entschieden worden, und
wie nur krzlich, um sie zu qulen und vielleicht ihre Tochter zu verderben, ein
Groer, den sie nicht nennen wolle, auf krummen Wegen es so weit gebracht, da
ihre Advokaten scheu zurcktraten, und die feindliche Partei nahe daran sei, zu
gewinnen.
    Ich kann wohl den erraten, sagte Montalto, den Ihr mit so vieler Klugheit
verschweigt; seid ruhig, ich werde diese Sache selber in die Hnde nehmen, und
meine tugendhaften Kollegen, der Medicer Fernando und Borromus werden mir
Beistand leisten. Jener Ungenannte wird es niemals wagen, mit seinem offnen
Angesichte hinter dem Vorhange herauszutreten, und so werden Advokaten und
Richter ihre Bahn von selber wiederfinden.
    Jetzt stand die Donna auf, fate die Hand des Kardinals, kte sie mit
Inbrunst, indem sie von ihren heien Trnen benetzt wurde. -Was ist Euch?
fragte der Alte erschrocken. -O jetzt, jetzt, rief sie schluchzend, die
grte Gnade das grte Opfer, das Ihr mir noch bringen mt, um das Elend, das
mich ins Grab drckt, wenn Ihr mein Flehn nicht erhrt, abzuwenden - das Leben
meines ungeratenen Sohnes!
    Er hrte die Geschichte des verirrten Jnglings ruhig an, und sagte am
Schlusse: Auch diese Bitte gewhre ich Euch, ob eine solche Verzeihung gleich
meinen Gundstzen und berzeugungen vllig widerspricht. Auch dies mu mir Papst
und Gouverneur bewilligen; denn es ist das erstemal in meinem Leben, da ich
dergleichen verlange. Wenn aber dieser Marcello wiederum abfallen sollte, er
wieder in schlechte Gesellschaft und durch diese in die Bande des Gerichtes
gerier, so sind, das verget mir nicht, fr ihn meine Lippen versiegelt.
    Sie trennten sich, beide freinander mit der grten Hochachtung erfllt. In
ihrem Hause angelangt, fand die Mutter den Kardinal Farnese neben der Tochter
sitzen, mit der er schmeichelnd zart, verbindlich und fein, vielfache Gesprche
fhrte. Die Matrone, als sie hereintrat, erschrak fast ber die Schnheit der
Tochter, die sich so blhend wie in dem Meisterwerke eines groen Malers von dem
alten, klugen und edlen Gesicht des Staatsmannes abhob. Vittoria benutzte die
erste Gelegenheit, sich auf ihr Zimmer zurckzuziehn, und als die beiden allein
waren, sagte Farnese mit der unbefangensten Freundlichkeit: Wo wart Ihr bis
jetzt, geehrte Freundin?
    Beim Kardinal Montalto, antwortete jene.
    Was wollt Ihr bei dem Duckmuser? rief Farnese laut lachend; dieser
kriechende, trge Esel aus der Mark, der in seinen Gebrden noch immer den
Bettel seiner Eltern zur Schau trgt, der noch immer die Sprchwrter der
Krrner und Viehtreiber von dort im Munde fhrt, ein wrdiger Liebling jenes
fanatischen Pius des Fnften, der ebenso armutselig entsprossen war - warum
erniedrigt Ihr Euch zu solchen Gesellen, von der besten Gesellschaft, die Ihr
gewohnt seid, so tief hinab?
    Migt Euch, Verehrtester, sagte sie gelassen, soeben haben wir
abgeschlossen; sein Neffe ist der Verlobte meiner Tochter. -
    Dem Kardinal versagte das Wort im Munde, er war totenbleich geworden. Er,
der dafr berhmt war, da er nie, auch bei den grten Vorfllen des Lebens, in
Verlegenheit geraten knne, konnte die Rede nicht wiederfinden, stotterte heftig
und sagte endlich in lallendem Ton: So? - Das habt Ihr, wie Ihr glaubt, klug
gemacht? herrlich fabriziert! Diesen gelblichen Strohgimpel, diesen unflggen
Krammetsvogel in Euer Dohnengarn zu verstricken und ihn verzappeln zu lassen!
    Er stand auf, stampfte mit den Fen und knirschte mit den Zhnen. -Ich
dachte, fing er wieder an, Ihr wrdet als eine verstndige, erfahrne Frau,
meine Vorschlge reiflich erwgen - aber nein, auch sie ist eine gackernde
tugendhafte Gans, wie die brigen schwatzenden regelrechten Maschinen.
    Es war ihm unmglich, seine Wut zu verbergen, und so verlie er das Haus.

                                Sechstes Kapitel


Nach kurzer Zeit, nachdem Graf Pepoli nach Rom zurckgekommen war, machte er
sich mit dem frei gewordenen Ascanio auf den Weg nach den Sabinischen Bergen.
Als sie im Felde waren, sagte der Freigewordene: Nur zwei Arten von Menschen
wissen das Glck der Luft, der Landschaft und des hellen Wetters zu wrdigen,
der Kranke, der eine tdliche Krankheit in seinem Bette berstanden hat, und
sich nun wiedererholt, um die Natur noch lange Zeit mit neu anwachsenden Krften
zu begren, und der Gefangene, der monatelang im dumpfen Kerker schmachtete.
Ach, welches Glck, Licht und Luft zu genieren! Wen sie so in die freie
Landschaft hinaushngen, der ist auf keinen Fall so bel daran, als dem sie in
einem engen Gefngnishofe den Kopf abschlagen.
    Habt Ihr nun Hoffnung, fragte der Graf, da wir unser Geschft bald
vollenden, und sogleich den armen Alten werden befreien knnen?
    Wenn ich aufrichtig sprechen soll, erwiderte jener, so habe ich dazu die
Hoffnung immer mehr und mehr aufgegeben, je mehr ich mir die Sache und ihre
Schwierigkeiten berlegt habe. Denn ich sehe ein, sie haben seit meiner
Gefangenschaft das ehemalige Zutrauen zu mir verloren; viele Dinge mssen sich
gendert haben, da jener Antonio mit Euch so barsch verfahren durfte. Wenn Ihr
mir also mitraut, mein Wohltter, oder wenn Ihr irgend zagen wollt, da ich
selbst nicht mehr wei, wie ich mit jenen ruchlosen Menschen stehe, so mgen
sich hier unsere Wege auf immerdar trennen, und ich werde mich ewig Eurer
Wohltat erinnern, die ich Euch nicht habe vergelten knnen.
    Und jener arme Gefangene? rief Graf Pepoli aus, dessen einzige Hlfe und
Hoffnung ich auf Erden bin? Nein, mein guter Ascanio, lat uns beide das Letzte,
das uerste versuchen. Wenn man nur den Mut nicht verliert, so gestalten sich
die Sachen immer besser, als man es erst erwarten konnte.
    Ich wandle mit Euch, rief jener, und wenn es in den Tod ginge.
    Sie nherten sich dem Gebirge, und Ascanio fand es jetzt notwendig, sein
Antlitz und seine Tracht zu verstellen. So kamen sie nach Subiaco, und ohne sich
beim Apotheker aufzuhalten begaben sie sich in das Haus des Barigello. Der
Kleine lchelte verschmitzt, als er ihnen die Tr ffnete. Oben sa in einem
andern Zimmer, als jenem leeren, das Oberhaupt der Hscher. Richtig, rief
ihnen dieser entgegen, heute haben wir Neumond, und ihr seid weder zu frh noch
zu spt gekommen. Wir gehn hinauf, nach dem Gebirge, denn die Versammlung ist
dort. Ihr, Ascanio, kennt den Ort wohl: dort ist schon manches Urteil gesprochen
worden, dort hat sich auch schon manche Strafe und Hinrichtung vollstreckt.
    Antonio hatte indessen auch eine gewhnliche Tracht angelegt, und unten im
Hause trafen sie vier Sbirren, welche als Bauern gekleidet waren. Ascanio
betrachtete diese Anstalten mit groen Augen, denn sie schienen ihm nichts Gutes
zu verkndigen, und der Graf, der die Angst seines Reisegefhrten wohl bemerkte,
fing auch an, unruhig zu werden.
    In der Einsamkeit, als sie den Hgel berstiegen hatten, begegneten ihnen
immer mehr und mehr Menschen, die sich ihnen anschlossen, so da nach einiger
Zeit ihr Zug ein sehr ansehnlicher war. Ascanio schaute ngstlich um sich,
redete diesen und jenen an, da ihm aber keiner antwortete, so schwieg er endlich
verlegen und berlie sich gefat und stumm seinem Schicksal.
    Jetzt waren sie mitten im Walde, weit abgelenkt von der gewhnlichen Strae.
Sie standen auf einem runden, grasbewachsenen Platze, der mit hohen
Felsenstcken steil umgeben war. Hier wurde haltgemacht, und hinter den Felsen
traten mehrere Gestalten hervor, die dem Ascanio sehr wohl bekannt waren, die
aber alle beim ersten Auftreten sich so fremd gegen ihn stellten, als wenn sie
ihn niemals gesehn htten. Pltzlich sprang ein groer, rstiger Mann in ihre
Mitte und rief: Jetzt sind wir beisammen, um Gericht zu halten.
    Derjenige, der so rief, war in seiner Gestalt und seinem Antlitz auffallend
genug. Er war ganz schwarz gekleidet: ein breiter Hut bedeckte sein Gesicht, auf
welchem eine schwarze Feder schwankte. Sein Gesicht hatte den Ausdruck
ungeheurer Wildheit, von einer groen Narbe, die quer ber die linke Wange lief,
noch mehr entstellt; in seinen Gebrden, wie in seinen Reden war er sehr hastig,
so da er in seiner Eile oft stotterte und manche Worte nur undeutlich zu
vernehmen gab.
    Hierher, Ascanio! schrie dieser unbndige schlanke Mann: Rechenschaft
wird abgelegt, wen du von uns verraten hast, und warum du mit einem ganz fremden
Mann ein Komplott geschmiedet hast, um uns alle an das Messer zu liefern?
    Ascanio erzhlte alles genau und umstndlich: seine zufllige
Gefangennehmung, wie man ihn von den brigen getrennt und auf die Engelsburg
gesetzt habe, ein Ereignis, das ganz gewi von den Anfhrern der Brderschaft
selber herrhre. Nun sei der bekannte Strada zum Tode verdammt, dieser habe dem
Grafen Pepoli, der sich um den Gefangenen aus Subiaco gromtig bemht, zuerst
den Ascanio genannt, weil dieser vielleicht Mittel und Wege angeben knne, den
wohlttigen Zweck zu erreichen. Sei irgendein Verrat vorgefallen, oder etwas dem
hnliches, so sei einzig und allein dieser Verbrecher zu schelten. Es war wohl
natrlich, endete der Sprechende, da ich meine Freiheit wnschte, und die
Gelegenheit ergriff, die mir ein edler Mann anbot, und ihr solltet alle jubeln
darber, weil ich nicht wei, was die Schwche meiner menschlichen Natur auf der
Folter oder die Furcht vor dieser mchte ausgesagt haben. Nun seid ihr dieser
Besorgnis los und es gilt nur noch, wegen des alten Gefangenen mit dem Grafen zu
unterhandeln, und dabei berdies ein ansehnliches Geld zu verdienen.
    Nein! rief der groe, wilde Mensch, und stampfte dazu mit den Fen;
keine Auslsung, wenn es nach mir geht! Wozu haben wir den alten Graubart dort
seinem weichen Bett entrissen? Um ein Beispiel aufzustellen, um die
Gerichtshfe, Hscher und Soldaten einzuschchtern, da keiner allzu dreist uns
in die Zgel zu greifen wage. Der Preis, den wir festgesetzt, sollte nur dienen,
berkluge, Vorwitzige herbeizulocken, und die kennenzulernen, die uns etwa jetzt
oder in Zukunft gefhrlich werden knnten. Auch diese wollten wir verderben, und
nachher die Glieder des Alten, zum Schrecken und Entsetzen der Gerichte und
Hscher, in den Stdten und Drfern als Denkmal unsrer Macht und unerbittlichen
Grausamkeit aufstecken. Nun soll alles dies durch Wort und Rede eines
schwchlichen Verrters und auf sein Ansinnen vergeblich sein und widerrufen
werden? Nein, ihr meine mnnlichen starken Freunde, lat euch nicht so arg von
einer glatten Zunge betren. Der Fremde, der so vorwitzig unsere Kreise betrat,
er falle zuerst, zum abschreckenden Beispiel anderer berklugen und Anmalichen.
Nachher mgen wir untersuchen, ob uns Ascanios Leben oder Sterben ntzlicher
sei, denn er wei allerdings zu viel, als da wir ihn nicht als eines der
bedeutendsten Glieder unseres Bundes betrachten sollten. So zieht denn die
Schwerter!
    Mit einem wilden tierischen Geschrei waren mehr als hundert Waffen entblt.
Bei diesem Anblick sprang Ascanio wie rasend von seinen Begleitern fort und
stellte sich dem Redenden gegenber. Halt! schrie er, so laut er es vermochte:
seid ihr unsinnig? Bist du, Hauptmann, trunken? Diesen Gromtigen, den
harmlosen Fremden wollt ihr in eurer tierischen Wut aufopfern? Und ich soll ihn
auf die Schlachtbank geliefert haben? Ich, der Befreite, seinen Wohltter? Wenn
ihr denn nicht Mensch, wenn ihr denn rohes Vieh sein wollt, so nehmt mein Blut
zuerst, so treu ich euch und dem Bunde immer war, schlachtet mich zu eurer
Sicherheit, der ich um alle eure Geheimnisse wei, aber ihn, den edlen Mann lat
zu seiner Heimat sicher und ungefhrdet zurckkehren. Das sei das letzte Zeichen
eures Wohlwollens fr mich, eures ehemaligen Vertrauens, da ihr mich statt
seiner, als freiwilliges Opfer annehmt.
    So sei's frs erste! schrie der Unbndige mit schumendem Munde, und so
war es in einer Sekunde um Ascanio, und wohl auch um den Grafen geschehen, wenn
nicht in demselben Augenblick schnell wie ein Blitz vorspringend, ein schner
schlanker Jngling vor dem Wtenden gestanden htte. -Steckt eure Degen und
Dolche ein, rief er mit lauter, wohlklingender, aber doch gebietender Stimme;
ich habe alle eure Reden vernommen, ich war noch krzlich selbst in der Stadt,
und kenne die Umstnde genau; ich wei, Ascanio ist unschuldig, und ganz im
Recht, ihr wart im Begriff einen Mord zu begehn, anstatt ein Strafurteil zu
vollziehen. Willst du, Ascanio, nun wieder zu uns treten, oder darfst du es
wagen, fr dich selbst dein Leben zu fhren, uns unbekannt, und keinen kennend,
wer dir auch von uns jemals wieder erscheinen wird?
    Das letzte ist mein Wunsch, edler Hauptmann, sagte Ascanio mit bittender
Stimme.
    Und Ihr, Graf, fuhr der Jngling fort, wnscht Euren alten Vetter
wiederzuhaben, und selbst ungefhrdet aus diesem zornigen Kreise
zurckzukehren?
    So ist es, antwortete Pepoli.
    Der junge Mann entfernte sich hierauf mit dem Grafen tiefer in den Wald, wo
sie von niemand gehrt werden konnten. Ihr seid mir dankbar, fing er an, wenn
ich Euern Wunsch erflle?
    Ohne Zweifel.
    Und was ttet Ihr wohl, wenn das alles in Freundschaft, und selbst ohne das
mindeste Lsegeld erfllt wrde?
    Alles, antwortete der Graf, und sah ihn mit Verwunderung an.
    Es geschehe, fuhr jener fort, wenn Ihr mir Euer Ehrenwort gebt, niemals,
von allem, was Ihr gesehn und gehrt, zu irgend jemand zu sprechen, keinen von
uns zu kennen, wo Ihr ihn auch wieder treffen mgt, oder ihn gar auf diese
Begebenheiten anzureden - und, zweitens, wenn Euch jemand diese Chiffer bringt,
ihn aufzunehmen, einige Stunden zu verbergen, und heimlich und sicher
weiterzuschaffen. Wenn Euch diese Kleinigkeit ein quivalent ist fr jenes Alten
und Euer eigenes Leben so reicht mir die Hand an Eides Statt, da Ihr diese
nicht schweren Bedingungen erfllen wollt.
    Der Graf gelobte.
    So geht denn mit Eurem Ascanio zur kleinen Stadt zurck ruht und erholt
Euch dort im Gasthofe, binnen einer Stunde wird der Alte, der so lange entfernt
war, bei Euch sein
    So geschah es. Der Alte ward zu seinem Verwandten, der um ihn so viel gewagt
hatte, unbeschdigt und ziemlich wohl hingefhrt: die Freude, sich wiederzusehn,
wurde von beiden nicht ohne Trnen gefeiert. Man machte Anstalten, bequem nach
Rom zu reisen, Ascanio aber, der eine Sehnsucht zu den Seinigen hatte, die im
Florentinischen lebten, wollte auf dem krzesten Wege zu diesen eilen. Der Graf
gab ihm die ganze Summe zum Geschenk mit, die er fr die Auslsung seines
Verwandten bestimmt hatte.
    Langsam und bequem ward jetzt mit dem krnkelnden Alten die Reise nach Rom
unternommen. In der Nhe der Stadt stieg der Graf vom Wagen, um zu Fu durch das
Tor zu gehn. -
    Am frhsten Morgen schon hatte Donna Julia den feinsten und zierlichsten
Brief vom Kardinal Farnese empfangen. Er sagte in diesem: der sicherste Beweis,
welche Leidenschaft ihn schon seit lange fr Vittoria entzndet habe, sei die
rohe Ungezogenheit, zu welcher er sich in seinem vorgerckten Alter habe
hinreien lassen, wodurch er sich und seinen Stand entwrdigt, sowie seine
liebste und teuerste Freundin gekrnkt und verletzt habe. Wie es aber edlen
Seelen anstehe, dergleichen traurige Augenblicke, in welchen wir uns nicht
selbst angehren, zu vergessen, so sei er auch berzeugt, die Gromtige habe
ihm schon vergeben, und sein Bestreben solle sein, durch alle nur irgend
mglichen Beweise der Freundschaft sie auch diese schwarze Stunde vergessen zu
machen. Er hoffe also, als ein Zeichen der Vergebung die Erlaubnis erneuert zu
sehen, ihr Haus besuchen zu drfen, um Zeuge des Glckes zu sein, und seinen
Geist, wie es immer geschehe, an diesen herrlichen Gemtern der beiden Frauen zu
erheben und zu erfrischen. -
    Es war beschlossen, das Fest der Vermhlung nur mit wenigen der
vertrautesten Freunde zu feiern. Der Kardinal fhlte sich zu unwohl, um zugegen
sein zu knnen, doch war der alte Caporale eingeladen, einige Edelleute mit
ihren Frauen, und der Graf Pepoli, von dem man aber erfuhr, da er verreist sei
und keiner den Tag seiner Wiederkehr bestimmen knne. Jetzt trat aber Graf
Pepoli umgekleidet vor die Kirchentr, indem der Zug der Hochzeiter sich aus dem
bervollen Tempel drngte, denn Adel und Unadel waren zugegen gewesen, um die
Zeremonie anzusehen. Der Graf begrte die Mutter nicht ohne Bewegung, indem er
sagte: Wie glcklich ist dieser junge Brutigam, wie sehr knnte ich ihn
beneiden! - Die Mutter flsterte ihm entgegen: Wenn Ihr mir frher im Ernst so
gesprochen httet, wre ich auch wohl glcklich. - Pepoli stutzte. Geputzt, mit
dem frischesten Ansehn der Gesundheit zeigte sich Marcello mit dem Bruder
Flaminio. Die Braut erschien als ein Wunder, so gro und glnzend, da der
kleinere Brutigam neben ihr sich als unmndig, und beinahe lcherlich zeigte. -
Ich werde es Euch gedenken! sagte eine Stimme halb leise hinter Vittoria; ein
Ehemann, dessen Ihr Euch schmen mt! wir sprechen uns, trotz aller Verbote,
doch wohl ein andermal wieder. - Sie sah sich scheu um, der wilde Luigi Orsini
stand hinter ihr.
    Der Zug stieg die Treppe hinab. Ein Tumult erhob sich auf der Strae. Sie
fhren die Galeerensklaven vorber, sagte ein Brger. Man hrte das Getse und
Klirren der Ketten. Alle verweilten, um den Zug vorberzulassen. - Ha! Fluch!
Fluch euch! schrie eine laute Stimme in Verzweiflung. Virginia war einer
Ohnmacht nahe, denn sie erkannte in dem Gefesselten Camillo. - Du Braut!
schrie dieser wieder: Marcello neben dir mit Edelsteinen, und ich in Ketten!
Ja, der Himmel, alle Heiligen verfluchen diese sndliche Ehe! Die Hlle jauchzt
und die Teufel steigen frohlockend aus dem Abgrund, dir den Brautkranz, die se
Myrte aufzudrcken!
    Alle entsetzten sich. Die Geiel der treibenden Hscher schwirrte, und
tosend, klappernd zog die gefesselte Bande vorber; viele in dieser lachten
laut, schadenfroh, andere grinseten boshaft, und wiesen im tckischen Lcheln
die weien Zhne. Die Hochzeit begab sich nach dem aufgeschmckten Hause und zum
festlichen Mahl.

                                  Drittes Buch



                                 Erstes Kapitel

So war die Ruhe in der Familie der Accoromboni hergestellt worden. Der junge
Gemahl fhlte sich glcklich, Vittoria lebte still und ruhig, den weiblichen
Arbeiten, oder dem Lesen ihrer vielgeliebten Schriftsteller hingegeben, bald
spielte sie auf der Laute und sang mit ihrer wohltnenden Stimme die zarten
Lieder, von denen sie selbst viele erfunden hatte, bald dichtete sie und schrieb
Briefe an ihre Freunde. Viele Sonette und Kanzonen oder Stanzen lieen damals
ihre Freunde und Verehrer, denen sie sie mitgeteilt hatte, drucken, doch ohne
ihren Namen; manche ihrer Poesien liegt noch in den Bibliotheken Italiens als
Manuskript verborgen. So schien sie vergngt und ihres einfrmigen, stets mit
denselben Genssen wiederkehrenden Lebens gewohnt, mit sich und aller Welt
zufrieden.
    Das Haus der Accoromboni, jetzt Peretti, war von Fremden und Gelehrten, auch
Vornehmen mehr als je besucht. Alle Welt sprach von der Wissenschaft, Tugend und
dem Talent der schnen Vittoria, und diese Besuche von ausgezeichneten und
vornehmen Frauen und Mnnern, die poetischen Akademien, die Improvisationen,
Musik und Gesnge, zuweilen der Vortrag einer gelehrten oder philosophischen
Untersuchung, scharfsinnige Streitfragen und zierliche Disputationen, alles dies
hatte das anmutige Haus gleichsam zu einem Musenhaine umgeschaffen, in welchem
sich der heitere Mann, wie der ernste Jngling wohlgefiel. Der Kardinal Farnese
besuchte wie sonst die Familie, ja fleiiger, weil er jetzt manche seiner
Freunde, Bekannten und noch mehr Unterhaltung hier fand, als vorzeiten. Er war
immerdar fein und artig, und kein Augenblick verriet mehr seine ehemalige
Leidenschaft, so da man glauben mute, da er von dieser gnzlich geheilt sei.
Er nahm sich mit groer Freundschaft des jungen Peretti an, und dieser durfte
ihn oft besuchen und an seiner Abendgesellschaft in seinem Palaste teilnehmen,
welches noch fter geschehn sein wrde, wenn ihn nicht sein Oheim, der Kardinal
Montalto, der ehemalige Frater Felix, vor diesem Umgang gewarnt htte. Denn da
dieser sich immer mehr dem Hause Medici und dem Kardinal Ferdinand anschlo, und
die Medicer und das Haus Farnese in offner Feindschaft lebten, so konnte
Montalto nicht wnschen, da sich sein junger unerfahrner Neffe zu genau mit
ihrem mchtigsten Gegner verbnde; er warnte diesen daher vor jenes
Treulosigkeit und Falschheit, die Farnese mit gewandter Klugheit sehr geschickt
zu verbergen und durch seine Liebenswrdigkeit der Tcke und Bosheit den
Anschein der Treuherzigkeit zu geben wisse.
    Die Mutter, Donna Julia, hatte sich seit der Vermhlung von der Tochter
auffallend zurckgezogen. Sie behandelte diese ganz anders, als vormals, denn
sie fhlte wohl, da Vittoria in dieser neuen Lebensepoche ganz selbstndig und
unabhngig sein msse. Es schien auch, als sei durch jenen letzten gewaltsamen
Sturm der Leidenschaft ein gewisses scheues Mitrauen zwischen beide getreten,
so da sie sich ebensosehr vermieden, als sie sich gegenseitig beobachteten.
Beide fhlten es wohl, ohne es sich zu gestehn, da jenes frhere unbedingte
Vertrauen, jene hingebende, rcksichtslose Mitteilung vorber und erloschen sei:
beide Geister waren voreinander erschrocken, und durch den Schreck, der sich
zwischen sie geworfen hatte, waren sie sich fremd geworden. Waren sie allein
beisammen, so sprachen sie ber Gegenstnde der Literatur oder gleichgltige
Sachen, so da nun in spten Jahren die Mutter an sich irre wurde, ob sie ihren
Kindern auch die richtige Erziehung gegeben habe. Der Abt, welcher jetzt eine
eintrgliche Prbende durch Montaltos Bemhungen in Rom erhalten hatte, war in
seinen uerungen fast feindselig gegen die Mutter und die mit Mhe
durchgesetzte Vermhlung seiner Schwester. Er sprach bei jeder Veranlassung
geringschtzig vom Montalto, behandelte dessen Neffen, den jungen Peretti, mit
unverhohlner Verachtung und machte ganz auffallend dem alten mchtigen Farnese
den Hof, dem er oft aufwartete, und welcher ebenfalls den jungen Mann mit der
grten Auszeichnung behandelte.
    Montalto, welcher fast alle seine Zeit den kirchlichen Pflichten und frommen
bungen widmete, besuchte nur selten die Familie, und wenn es geschah, so war es
nur in jenen Stunden, von denen er wute, da er sie allein, und ohne
Gesellschaft finden wrde. Mit der Mutter unterhielt er sich am liebsten, deren
Geist und Verstand er verehrte; vor der Tochter, sosehr ihm ihre Schnheit
auffiel, sosehr er sich ber ihre scharfen Urteile verwunderte, schien er doch
eine Art von Furcht zu fhlen, wie vor einem ihm ganz fremden Wesen. Lieber war
ihm der schwache, unbedeutende Flaminio, den er gern zuweilen belehrte und ihn
freundschaftlich auf dieses und jenes aufmerksam machte, was der leichtsinnige
Jngling noch niemals beachtet hatte. Geflissentlich vermied er dagegen, wo er
nur konnte, den ungestmen Marcello. Er hatte selbst den Dank des jungen Mannes
fr die Lebensrettung nicht annehmen wollen, weil er sich dieser seiner Wohltat
schmte. Er wollte sich berhaupt an diesen Punkt niemals erinnern lassen, weil
diese Landplage der Banditen, sooft er nur von ihr hren mute, ihn in Zorn
versetzte, und leider wurde jedermann in Rom nur allzuoft, ja stndlich, durch
Furcht, Missetat und erschreckende Nachrichten aus den Provinzen und Gebirgen an
diese Pest des Staates gemahnt. - Marcello fhlte wohl, wie widerwrtig seine
Gegenwart dem verehrten Alten war, er verlie daher in der Regel das Zimmer,
sowie Montalto eintrat. -
    Welche Freude, sagte die Mutter in manchen Stunden zu sich selber, habe ich
denn eigentlich nun an meinen Kindern, oder jemals an ihnen gehabt? Wie war es
nur mglich, da Marcello mit diesen Gesinnungen an meiner Seite aufwachsen
konnte? Ihm vertraut keiner; welche Stelle wird er in der Gesellschaft einnehmen
knnen? Sooft ich Vittoria betrachte, fliet ein leiser Schauer durch meine
Nerven, wenn ich mich ihrer leidenschaftlichen Reden und Gedanken erinnere. Und
warum will dieser Flaminio so gar nicht zum Manne werden? Er ist gut, ja, weil
gar keine Kraft in ihm ist, bse zu sein! Und der lteste? Was ist es mit ihm,
da er so gar keiner Liebe fhig zu sein scheint! Er hat es ganz vergessen, wie
ich fr ihn gesorgt, was er mir zu verdanken hat. - So qulte sie sich und
machte sich Vorwrfe, da sie gegen eines ihrer Kinder zu strenge, gegen ein
andres zu schwach und nachgiebig gewesen sei, da sie durch ihre freie
Gesinnung, die sie selbst immer geuert, sie vielleicht unfhig gemacht habe,
sich dem brgerlichen, gewhnlichen Leben zu fgen.
    Der alte mrrische Sperone hatte vor seiner Abreise auch noch einigemal die
Familie besucht, sich aber in ihrer Umgebung nicht allzusehr gefallen, weil man
ihm nicht unbedingt in allen Behauptungen recht geben wollte. Er uerte zu
seinen Freunden: Diese Vittoria erinnert mich an jene ehemals berhmte Tullia
Aragona, die ich in meiner Jugend wohl einigemal gesehn habe: nur erscheint mir
diese neue anmaliche Muse viel schner, und ihr Ausdruck ist ein tragischer,
als wenn ihr Schicksal nicht so gleichgltig und mittelmig, wie jener Tullia,
ausgehen knnte. Bei solchen Gesichtern fllt dem gereiften Manne, der von den
Reizen nicht mehr bestochen wird, vieles ein: sie kommen mir vor, wie jene
Bildchen und groartigen Physiognomien, mit denen oft gute Knstler unsre
Dichter in Andeutungen und Allegorien haben ausschmcken wollen: sind diese
kleinen Werke in ihren Verbindungen und Gruppen auf dem Titel, oder den Blttern
selbst anziehend, und gut geraten, so lieset man in ihnen selbst wieder ahnend
ein Gedicht.
    Caporale, sooft er sich in Rom aufhielt, besuchte das Haus sehr fleiig. Er
war allen Mitgliedern der Familie notwendig geworden, denn jedes fand in ihm das
Vertrauen belohnt und erwidert, indem er allen auf fast gleiche Weise mit
unparteiischer Liebe zugetan war, wenn er auch Vittoria so auszeichnete, da
seine Freundschaft an unbedingte Verehrung grenzte. ber ihr eheliches
Verhltnis sprach er niemals zu ihr, weil er es wohl gefhlt, wie sie es
vermied, auch nur das kleinste Wort ber diesen Gegenstand fallenzulassen. Er
zwang sich, gegen den jungen Gemahl freundlich zu sein und ihn zuweilen mit
einer gewissen Ehrerbietung zu behandeln: doch erschien es ihm in vielen
Augenblicken als eine komische Begebenheit, da dieser unreife Jngling in einem
Hause, in welchem Kunst, Poesie und Gelehrsamkeit herrschten, durch welche die
beiden weiblichen Wesen allen Mnnern interessant waren, als Oberhaupt der
Familie sich ziemlich unwissend zeigte, und es gern, wenn er konnte, vermied, an
den literarischen Gesprchen oder poetischen bungen teilzunehmen. Zwar war es
nicht zu verkennen, da der junge Mann sich eifrig bestrebte, nach allen
Richtungen hin seine Kenntnisse auszubreiten, allein die Grundlage seiner
Bildung war zu schmal, und es fehlte ihm ganz an jenem Enthusiasmus, der auf
seinem krzeren Wege den Geist mit Schtzen bereichert, und selbst ein weniges
zu vielem machen kann.
    Als Caporale an einem Abend das Haus verlie, kehrte er in der Tr des
Zimmers noch einmal um, und wendete sich zu Mutter und Tochter: Ich mu euch,
werte Freunde, doch noch ein kleines Abenteuer erzhlen, welches mir vor wenigen
Tagen begegnet ist. Ihr wisset schon, wie gern ich im Lande umherstreifte, am
liebsten allein, wo die Straen nur irgend sicher sind. So war ich nach Albano
hin geraten, ganz meiner Laune und den Gedanken der Einsamkeit ergeben, indem
ich in einem kleinen Hause vor der Stadt mein Quartier genommen hatte. Bei
meinem Umherstreifen, auch im Hause selbst hatte ich zuweilen einen groen,
starken Mann, von herrischem Aussehen, wahrgenommen, der mir durch sein Wesen,
Miene, Anstand und Gebrde auerordentlich auffiel. Ich wollte endlich nach Rom
zurckkehren, und siehe da, meine Geldbrse war mir irgendwo entwendet worden,
oder ich hatte sie im Gebirge verloren. Der Wirt des Hauses, der mich nicht
kannte, weil ich es liebe, ohne Titel und Wrden auf meinen Zgen zu leben, fing
in seiner Weise ein lautes Geznk an, sprach von Landstreichern und Betrgern,
und benutzte mein Phlegma, sich immer eifriger in seinen Komdienzorn
hineinzuarbeiten. Pltzlich flog der Mann in einen Winkel seiner Stube, und ich
begriff nicht, welche Gewalt ihn dahin gezaubert hatte, als ich in selbem
Augenblick meinen Unbekannten vor mir stehen sah. Lump! rief er jenem zu, der
sich am Boden krmmte; so einen Edelmann zu behandeln! Siehst du nicht, wen du
vor dir hast? - Der bleiche Mensch empfing zitternd aus der Hand des Starken
seine Bezahlung, und ein briges, um ihm den Schreck zu vergten. Als ich dem
Fremden meinen Namen zugleich mit meinem hflichen Dank sagen wollte, rief er:
Unntig, lat uns noch eine Weile, so namenlose Bekannte und Wandersleute
bleiben. Erlaubt mir, ebenfalls fr Euch ein simpler Reisender zu sein. - So
streiften wir noch einige Tage umher, und als wir ankamen, sah ich, da er ein
Haus nicht weit von der Porta Capena besitzt, wo er nach seinem Eigensinn, fast
ohne Bedienung lebt. Seitdem haben wir uns fter dort im Felde wiedergesehn. Ich
habe ihm viel von Euch erzhlt, und er wnscht lebhaft, da ich ihn bei Euch
einfhren mge. Aber er ist eine Art von Menschenfeind, besonders hat er, so
scheint es, einen Ha auf die groe Welt. Als er erfuhr, da Euch der bermtige
Farnese nicht selten besucht, gereute ihn schon sein ausgesprochener Wunsch,
doch bittet er durch mich, wenn Ihr einmal allein seid, ihm zu erlauben, Euch zu
sehen, und wenn ich nicht irre, seid ihr morgen abend ohne Gesellschaft. Darf
ich den barschen Mann dann bringen?
    Gern, sagte Vittoria, nur htet Euch, Bester, da ihr keinen von den
berhmten Banditen in unsre Haushaltung fhrt die uns nachher wohl gar ausrauben
und ermorden.
    Caporale lachte laut und erwiderte: Nein, schne Freundin den Anschein hat
er durchaus nicht: er erffnete mir endlich, er sei ein wohlhabender Kaufmann
aus der Lombardei, und habe sich von dort entfernt, weil die Pest, wie wir alle
wissen, in Oberitalien auf eine furchtbare Art wtet.
    Du vergissest, Vittoria, sagte die Mutter, da morgen der Celio Malespina
hier sein wird, und Euer junger Freund Don Cesare, der redselige Boccalini.
    Die beiden werden ihn wohl nicht stren, oder ihm im Wege sein, sagte
Caporale: doch will ich es ihm ankndigen, damit er kommen oder wegbleiben
kann. Ihr seid aber auch von der Gte, alle andern Fremden zurckzuweisen.
    So geschah es. Die Familie war am andern Abend versammelt, und der junge
Boccalini, ein groer Verehrer des Dichters Caporale hatte sich zuerst
eingefunden. Bald darauf erschien Malespina, der in Florenz bei dem Herzoge
Francesco, welcher erst vor einigen Jahren die Regierung angetreten hatte, seit
einigen Monden die Stelle eines Sekretrs bekleidete. Er war jung und wohlberedt
und sein neuer Eintritt in die groe Welt, wo er pltzlich blendende und
mchtige Verhltnisse aus seiner Nhe in einem andern Lichte sah, schien ihn
sehr glcklich zu machen. Er spottete mutwillig ber viele Gegenstnde, die ihm
vor einem Jahr vielleicht ein ehrfurchtvolles Schweigen aufgelegt htten. Er
kannte auerdem die Literatur, und viele Gelehrte persnlich. -
    Jetzt trat Caporale mit seinem neuen Freunde ein. Dieser begrte sie alle
hflich, mit den feinen Manieren eines Weltmanns sagte dann schmeichelnd, wie er
seit lange gewnscht, die berhmte Accorombona nher und persnlich
kennenzulernen, deren Ruhm durch ganz Italien verbreitet sei: er fhle sich
berrascht, da der Ruf der Schnheit von einem so zauberreichen Wesen noch zu
wenig gesagt habe. Auch der Mutter war er verbindlich und verga oder bersah
auch Peretti nicht, sowie die beiden Fremden, so da er sich durch sein sicheres
Wesen, und seinen gebildeten Ton, der ihn als einen Mann von tiefer Erfahrung
und mannigfaltigen Schicksalen ankndigte, mit allen Gegenwrtigen sogleich in
ein gutes Verhltnis setzte.
    Celio Malespina erzhlte von Florenz, Boccalini spttelte ber einige
rmische Gelehrte und berhmte Staatsmnner, Caporale suchte die zu scharfen
Urteile zu mildern und Virginia war so ausschlieend mit der Betrachtung des
Fremden beschftigt, dessen Sonderbarkeit ihr auffiel und sie fesselte, da sie
fast nur mit einigen lachenden Antworten an dem Gesprch der brigen teilnehmen
konnte. Auch die Mutter beobachtete diesen und sie suchte emsig in ihren
Erinnerungen umher, ob sie dem bedeutenden, groen und stark gebauten Mann, mit
diesem feurigen gebietenden Auge, nicht schon frher in ihrem Leben begegnet
sei. Peretti drckte eine gewisse Scheu und Furcht vor dem Fremden aus und war
in seinen uerungen, wenn er an der Unterhaltung teilnahm, noch furchtsamer und
blder, als gewhnlich.
    Malespina erzhlte, da jetzt einige unvollendete Gesnge des befreiten
Jerusalems von Tasso nach Florenz gekommen seien, die den ganzen Hof in
Entzcken versetzt htten. Es ist wohl gewi߫, fuhr er dann fort, da dieser
junge Mann jetzt der grte Dichtergenius unsers Vaterlandes ist. Es erheben
sich sogar hie und da einige Stimmen, die ihn schon ber unsern groen Ariost
erheben wollen.
    ber das ewige Streiten und Erheben und Subordinieren! rief Caporale
unwillig aus. In seiner Sphre wird der gttliche Ariost niemals wieder
erreicht werden; Tasso betritt, soweit ich sein herrliches Gedicht kenne, eine
ganz andere Region der Poesie. Diese beiden magischen Kreise knnen sich in
keiner Gegend ihres Zauberbanns berhren. Die Kristallpalste Ariosts sind vom
strahlenden Lichte des Scherzes und der Lust umgossen, vom zarten Mutwillen
durchstrmt und der Ernst des Lebens ist in ein leichtes, wenn auch tiefsinniges
Spiel verwandelt. Tasso wandelt mit den Gestalten seiner Sehnsucht und Poesie in
einem grnen dmmernden Hain, die Liebe ist s, doch ohne Schalkheit, Krieg und
Abenteuer, Helden und Jungfrauen, alle sind von einer sanften Weihe
durchdrungen, und eine freundliche Wehmut erfat und durchschauert unsern Geist,
indem wir uns dem poetischen Taumel ergeben. Wie so ganz anders das blendende,
verwirrende und verlockende Labyrinth unsers Ariost! wo uns im innersten Gemach,
wenn es in diesem neckenden Garten ein solches gibt, statt des Minotaurus ein
Reigen scherzender und bermtiger Nymphen und Satyrn berrascht, die uns laut
wegen unserer Erwartungen verlachen.
    O wie wahr! rief jetzt Vittoria aus: mag Ariost fr den Kenner, welcher
die Waagschale in prfenden Hnden halten darf, der grte Dichter sein, unser
zrtlicher Tasso wird sich immer neben ihn stellen drfen.
    Boccalini sagte: Glaubt mir, auch die schnsten Werke mssen erst, den
Mispeln hnlich, eine Weile still und ungenossen liegen bleiben, bis sie fr den
Gaumen der Menge die weiche Reife erlangt haben, da diese den Geschmack an
ihnen finden. Der Enthusiastische versteht sie frher und gewissermaen im
voraus, so wie der wilde, leicht erhitzte Ungebildete bald dieses bald jenes
wesenlose Gespenst als seinen Gott anbetet, und ihm einen Dienst weiht, der viel
grer ist, als der nchterne Gtze selbst.
    Der wohlbeleibte Fremde warf dem jungen Mann einen scharfen prfenden Blick
zu, indem er bemerkte: Wahr! Die Begebenheit aller Zeiten; aber ist die Zeit
selbst immer die Wurfschaufel, welche die Spreu links und die Krner rechts
wirft?
    Und hat selbst die Geschichte, die unbefangene Nachwelt niemals geirrt? Ja,
wenn diese sogenannte Zukunft nicht zerstreut und vergelich wre! Sie vergit
auch nur allzuoft an den neuen Schtzen, was sie schon frher an Juwelen besa;
das Neue ist ihr oft nur das Bessere, weil die Politur die frischere ist, und
das massive Gold voriger Tage von Staub unkenntlich gemacht wurde. Hat nicht der
leuchtende Ariost und der spahafte Berni unsern edeln Bojardo zu frh in die
Vorratskammer der Altertmer hineingestellt?
    Gewi! rief jetzt Donna Julia aus, und es freut mich, da ein edler Sinn
einmal diese gehaltreiche Frage aufwirft. Der Erfindungsreiche hat uns diese
Bahn geebnet, er war trunken im sen Wein der schnen Fabel, und nun hat er
doch Undankbaren die duftenden Trauben seines reichen Berges gekeltert.
    Vittoria betrachtete mit Freuden ihre Mutter, von deren schnem Munde ein so
poetischer Ausspruch gefallen war.
    Malespina erzhlte wieder vom Tasso, wie er seinen Nachrichten zufolge,
unzufrieden am Hofe von Ferrara sei, wie er sich fortsehne, und besonders mit
dem florentinischen Frsten, dem Groherzoge Francesco in heimlichen
Unterhandlungen stehe. Auch sei ihm der Frst geneigt, und vielleicht noch mehr
dessen Geliebte, Bianca Capello. Nur sei der Poet so schwankend und
unentschlossen, da die Anfragen und Unterhandlungen niemals weiterrckten: und
der florentinische Hof wolle natrlich auch nicht zu rasch und bestimmt
entgegenkommen, um dem Herzoge Alfons, der schon seit Jahren die Medicer hasse,
keine Ble zu geben. -berhaupt, fuhr Malespina fort, wird den armen,
krankhaften Tasso frher oder spter ein unglckliches Schicksal ereilen. Er ist
verzogen worden, und zugleich gedemtigt, manche erheben ihn seines Gedichtes
wegen zum Gott, andere tadeln eigensinnig und unermdlich, und er ist schwach
genug, alle, die fr Kenner gelten, anzuhren und ihnen selbst das Richtschwert
in die Hand zu drcken. Wollte er allen folgen, so bliebe kein Vers seines
Werkes brig, oder unverletzt; das Notwendigste und Schnste wrde ganz
verworfen; weil die pedantischen Kritiker diese herrlichen Zwischenhandlungen
unter dem Namen der Episoden verdammen, welche nach ihrer Einsicht in keinem
epischen Gedichte sein drfen. Wehrt sich der rmste nun rechts und links gegen
diese Vertilger, so mu er die alten Phrasen von der Poeten-Eitelkeit hren, von
dem leicht erregten Zorn der Dichter, und dergleichen lateinische
Sprichwrterchen. Er meint es ernst mit seiner Dichtung, vielleicht zu ernst,
seine Splitterrichter aber pedantisch; diese nun, zum Erbarmen, indem sie ihn
schmerzlich verletzen, spielen die Gekrnkten und Beleidigten, als wenn er ihnen
noch groen Dank sagen mte, da sie das Werk, dem er Jahre von Flei, Studium
und Liebe geopfert, das ihn so viele Nachtwachen gekostet hat, zerfleischen und
vernichten.
    Ja, ja, sagte Caporale, ein solches Elend kann nur ein Dichter ganz
mitfhlen.
    So soll der Unglckliche, fuhr Malespina fort, jetzt mit sich und der
ganzen Welt unzufrieden sein. Er wnscht zu reisen, je weiter, je lieber: der
Herzog Alfons aber will ihn nicht entfernen; manche der Hofleute, die ihm
neidisch sind, mchten ihn vertreiben, falsche Freunde halten ihn wieder fest,
um sich schadenfroh an seinem Kummer zu weiden, da derselbe Mann schon so tief
gesunken ist, den sie eine Zeitlang so sehr ber sich erhoben sehen muten.
    Man mchte weinen, rief jetzt Vittoria mit bewegter Stimme aus, wenn man
es sieht, wie in unserm armen Vaterlande der Genius, fast wie ein Hofhund, an
den Ketten frstlicher Gnade gefangen liegt. Ein Spielwerk der Launen, ein Putz
fr den Hochmut, ohne wahre Achtung und noch weniger Liebe: wie das Talent nicht
erkannt, und dennoch in Knechtespflicht gehalten wird, dann zufllig
aufgeopfert, oft dem gemeinsten Interesse sogar geschlachtet. - Oh, das wre ein
Gegenstand fr unsere Tragdie, viel ergreifender und durchdringender, als jene
kalten Exerzitien eines Sperone und Trissino.
    Ja wohl, erwiderte Malespina. Aber er selbst, unser Torquato, ist allzu
schwach. Selbst seinen gutgesinnten Freunden zwingt er durch manche Dinge ein
halbverachtendes Lcheln des Mitleidens ab. Knnt Ihr es glauben, Verehrte? Er
hat sich neuerdings so weit erniedrigt, da er sich zum Inquisitor begeben, und
sich ber seine Rechtglubigkeit hat examinieren lassen. Dieser hat ihm ein
Zeugnis ausstellen mssen, da er ganz mit ihm zufrieden sei, so wie man es wohl
Kindern oder jungen Kandidaten gibt. Aber das ist ihm nicht genug, auch nicht,
da gelehrte, ihm wohlwollende Bischfe ihn einen orthodoxen katholischen
Christen nennen: dringend liegt er immerdar seinem Herrn an, da er ihn nach Rom
schicken soll, damit hier sein Glaubensbekenntnis untersucht werde. Er ist auch
wiederum, sagt man, zu einem andern Inquisitor gewandert, der wiederum auf sein
Flehen seinen ungeflschten Glauben hat besttigen mssen. Dieser groe Mann,
der den Plato und Aristoteles liest und kommentiert, der selbst so schne,
tiefsinnige Dialogen schreibt dieser fllt so ganz von seiner Wrde - oh, nicht
wahr, man wei nicht, ob man weinen oder lachen soll. - Es ist doch zu
erbrmlich um diese unsere menschliche Schwche.
    Als diese Worte ausgesprochen waren, stand Vittoria in der heftigsten
Bewegung auf und wandelte mit groen Schritten durch den Saal; dann stellte sie
sich hoch aufgerichtet vor Malespina hin und sagte mit Trnen im feurigen Auge:
Mann! Don Celio! Wo kommt Ihr denn her, aus welchem einsamen Winkel des wilden
Kalabriens? Wie seht Ihr die Welt und die Menschen an, wie leset Ihr die
Geschichte?
    Don Celio erschrak sichtlich vor dieser Anrede; die schne Frau erschien ihm
in diesem Augenblicke furchtbar.
    Ihr ein Hofmann? fuhr sie mit lauter Stimme fort, ein Menschenkenner? O
wahrt Euch, wahrt Euch, da Euch dieses Lcheln ber Tasso nicht einmal den Hals
bricht. Ihn verlachen, den rmsten? Ja, wren noch die Zeiten des Julius und Leo
des Zehnten, als witzige Lsterer selbst Prbenden fr ihren lustigen Atheismus
erhielten, als Bembo, der galante, eben wegen seiner Feinheit, Kardinal ward,
als Peter, der Aretiner, von Priestern, Ppsten und Kaisern geehrt wurde. - Aber
jetzt! habt Ihr es denn gar nicht erfahren (und es ist doch noch nicht so tief
in die Vergangenheit entrckt), wie Euer wahrhaft groer Frst, der erst vor
zwei Jahren gestorben ist, damals dem fromm-wtenden Papst seinen Tischfreund,
seinen Vertrauten, den gelehrten Carnesechi aufopferte? Den edlen Mann, der hier
in Rom enthauptet und verbrannt wurde? Und weshalb ward dieser Busenfreund, den
der groe Cosmus, der so viel Edles und Schnes ausgerichtet hat, so schnde
auslieferte, preisgegeben? Um jenen alten Przedenzstreit endlich zu schlichten,
da Cosmus vor Ferrara und andern ginge, die Hoheit erhielte, und statt Herzog
Groherzog tituliert wrde. Weshalb der Ha Ferraras und der brigen Frsten
noch fortbrennt. Kann nun Alfons, wenn er sich von seinem Hofdichter beleidigt
dnkt, diesen den Religionswchtern in die Hnde spielen, glauben diese in
blindem Eifer wirklich, oder auf hhern Befehl an Tassos Ketzerei, so darf sich
der Frst von Ferrara ohne weitere Bemhung oder Zorn zurckziehen, und nur
unsere liebende Kirche walten lassen Mglich, da Tasso zu ngstlich ist, aber
ihn deshalb zu verlachen ist wahrlich keine Ursache.
    Der Fremde, der sich nur Don Giuseppe nennen lie, stand auch wie in
Begeisterung auf, ging hin und fate die schne junge Frau bei der Hand, fhrte
sie zu ihrem Sessel zurck, und sagte mit bewegter, aber sehr wohlklingender
Stimme: Ihr habt da ein sehr wahres Wort ber die Frsten gesprochen, und noch
mehr, als diese Einsicht, verehre ich Eure Ketzerei. Oh, was wren wir
Italiener, wenn viele Tausende so dchten, und diese Million denselben
heroischen Mut htte, es so laut und dreist auszusprechen!
    Die Mutter war erst ber die heftige Rede der Tochter erschrocken, jetzt war
sie es noch mehr ber die Bemerkung des fremden Mannes, und ber die Art und
Weise, wie er gleichsam, als wenn es so sein msse, den ganzen Kreis ihrer
Familie regierte. Vittoria sah den kecken Mann mit einem ganz eigenen Blicke an,
dann senkte sie das Haupt, ward auf ihre seltsame Weise rot und dann viel
blasser als gewhnlich, und man bemerkte, sosehr sie es auch verbergen wollte,
da sie Trnen vom Auge trocknete.
    Dem jungen Peretti war alles, was sich jetzt zugetragen hatte, nicht
aufgefallen, er sprach eifrig mit Flaminio ber eine Stadtneuigkeit. Marcello,
dem alle diese Gesprche langweilig waren, hatte sich schon lngst entfernt, um
irgendeine seiner Gesellschaften aufzusuchen, in denen es lauter, wilder und
lustiger herging.
    Um wieder in die gleichgltige und ruhige Bahn einzulenken, fhrte Caporale
das Gesprch auf die Dichtungen zurck, und ersuchte seine junge Freundin, ber
irgendein Thema zu improvisieren; denn Don Giuseppe habe viel von dieser ihrer
Gabe gehrt, und wie schn sie sich in dieser bung von Enthusiasmus und
Begeisterung ber alle gewhnlichen Grenzen fortreien lasse.
    Der fremde Herr, erwiderte sie, hat schon gesehen, wie unziemlich ich
mich von einem gewissen Dmon kann einnehmen und beherrschen lassen, den Ihr so
freundlich Enthusiasmus nennen wollt. Darum sei es fr heute genug. Besser ist
es vielleicht, wenn jeder ein aufgeschriebenes Gedicht von sich mitteilt, um
unsern Abend auf echt italienische Weise zu beschlieen. Ich bin es gern
zufrieden, dann auch eine Grille herzulesen, die ich neulich gedichtet habe.
    Ohne weiter umzufragen, zog Caporale einige Bltter aus dem Busen, und
sagte: So will ich den Anfang machen. - Er las einige Kapitel aus seinem neuen
komischen Gedicht ber die Grten des Maecenas, welche alle Zuhrer in eine
heitere Stimmung versetzten. Dann gab Flaminio einige Verse zu hren, die die
Schwester ihm wahrscheinlich verbessert hatte. Donna Julia nahm aus dem Schrank
eine moralische Kanzone, die sie mit wohlklingender Stimme vortrug, und der
blonde Peretti brachte ein Lied vom Glck des Landlebens herbei, welches er so
stotternd und unrichtig vorlas, da man wohl daran zweifeln durfte, ob es auch
von ihm selber herrhre.
    Hierauf sagte Don Giuseppe: Jetzt, meine Damen, da die Reihe an mich
gekommen ist, fllt mir dermalen nichts ein, (am wenigsten ein Vers, da ich in
meinem ganzen langen Leben noch keinen geschrieben habe,) als eine Stelle aus
jenem weltbekannten Kindermrchen von den drei Orangen. In diesem heroischen
Zaubergedicht kommt eine eiserne Tr vor, die darber chzt und winselt, da sie
so furchtbar knarren und krchzen msse, weil ihre Angeln, ich wei nicht, seit
wie vielen Jahrhunderten, nicht mit l sind getrnkt worden. So mte ich auch
noch auf irgendeine Muse warten, die mir, um Verse sprechen zu knnen, die Kehle
geschmeidig mache. Nehmt, Verehrte, diese Erinnerung an ein Gedicht fr ein
Gedicht, und diesen meinen Scherz fr Ernst.
    Boccalini las in den heiteren daktylisch-gleitenden Versen ein Gedicht, wie
der erzrnte Apollo einst den schlafenden Amor berrascht habe. Noch bse ber
die Liebeswunden, die ihn so oft geschmerzt, habe er den tckischen Bogen des
Kleinen zerbrechen wollen. Wie er ihn zusammenkrmmt, ertnt, wie klagend, die
Sehne: so biegt der Gott ihn um, und erschafft die Leier. Darum will sie immer
nach Liebe tnen, auch oft, wenn der Musengott nach andern Weisen sucht. Der
Satyr erprobt nicht selten, wenn Apollo ihm freundlich ist, das Instrument der
Sehnsucht: in seiner Faust schwirrt es halb zum alten Bogen zurck und schiet
oft bittre, vergiftete Pfeile. Doch unser Satyr, von Vittorias oder Junos
Majestt verschchtert, lt dem gutmtigen Caporale nur leichte Scherze von der
feinklingenden Sehne fliegen, und Apollo und Vittoria lcheln ihm Beifall.
    Die brigen applaudierten und Virginia suchte jetzt, indem sie mehr Caporale
als Boccalini mit einem lchelnden Blicke begrte, aus einer Sammlung vieler
Bltter einige heraus und sagte: Ich wei nicht, soll ich diese Erfindung
Ballata, oder wie die Spanier Romanze, oder nur Grille betiteln. Sie las, und
es waren in Versen ohngefhr folgende Worte; -
    Der schwarzbraune Brutigam.
    Der junge Frst nahm Abschied von der Braut. Sie war ihm seit einem Monat
anverlobt. Er dachte nur an sie, und ritt jetzt in das Gebirge hinein, um seinen
Vater zu besuchen, und ihn auf die Ankunft der Schwiegertochter vorzubereiten.
    Verla mich nicht, klagte die schne Braut, mir ahnet Unheil. Warum gerade
in diesem Augenblicke von mir gehn? - Ich mu, sagte der Prinz, und kte sie
zrtlich: unsere Liebe wird diese Trennung nur lchelnd berdauern.
    Nein! klagte sie weinend; ich sehe dich nicht wieder. Als gestern abend die
dunkeln Wolken so eilig durch den Himmel flogen, erblickte ich in ihnen lauter
abscheuliche Gesichter, grinsend, in frchterlicher Schadenfreude verzerrt. Es
sind die Gttinnen des Schicksals, oder Dmonen, die dir auflauern. Sie wollen
uns trennen, sie wollen dich tten! sie frchten, die Schadenfrohen, da du
deine Lnder beglcken wirst, sie wollen nur Unheil sen.
    Gespenster, sagte der Liebende, sind nichts Wirkliches, darum zittere, darum
bange nicht, mein holdes Liebetraut. Da wir uns lieben, ist Wahrheit: davor
weilt und steht kein Dmon. Deine Phantasie ist krank, die Wirklichkeit gesund.
Um so viel du in Schmerzen leidest, um so mehr jauchze ich in Lust. Der gute
Geist mu Sieger sein.
    Kannst du es wissen? sprach sie, und umschlang ihn inniger. Sie meinen es
nicht gut mit uns, das habe ich in allen meinen Trumen gesehn. Du bist mir
Leben, Gegenwart und Zukunft: wenn sie dich fortreien, wo ist noch eine Zeit
fr mich?
    Da ward sein schwarzes, hohes Ro vorgefhrt, sein Lieblingsro. Wie er dem
edlen Tiere gut war, so war das Pferd mit wunderbarer Freundschaft dem Herrn
zugetan; es hatte ihm schon oft das Leben gerettet. Und der Herr war dem Rappen
dankbar. Die Liebe, die den Menschen an die Tiere knpft, ist wunderbar.
    Im Tale, tief unten, im Felsenkessel, von Schierling, Bilsenkraut und
giftigen dunkeln Blumen umgeben, hausten in der Einsamkeit weibliche Dmonen.
Ihre Freude war Unglck, Verderben, Krankheit. Das aufschlagende Feuer, das die
Htte des Armen verzehrte, war ihnen, wenn es durch die Nacht hin leuchtete, ein
Freudenzeichen; der Verzweifelnde, wenn er ihnen begegnete, war ihnen ein Narr
und Geck, an dem sie sich belustigten. Sie hatten oft den schwarzbraunen schnen
Prinzen gesehn, sie liebten ihn alle, weil er so herrlich war, und alle wollten
sich gegen ihre Natur, ihm gefllig beweisen. Bald kam ihm die eine als
Zigeunerin entgegen, um ihm wahrzusagen, bald kam eine andere als Bettlerin;
jene, die Wildeste dort, mit dem ruchlosen Auge, wollte ihm den krzeren Fupfad
durchs Gebirge zeigen; - aber so sehr sie auch schmeichelten, so fein sie auch
sangen, so tief sie sich beugten, so sehr in verwandelten Larven sie ihn
anlchelten; er achtete ihrer nicht, und ihre Liebe verwandelte sich in bittere
Galle und essigsauren Ha.
    Da braust er heran, auf seinem nachtdunkeln Ro, sagte jetzt Alrune, die mit
der gelben Haut, den groen stechenden Augen und dem langen Rabenhaar. - Das
Pferd ist auch schn, sagte Geldrude, die falsche, deren einer langer Zahn weit
ber den blassen Lippen vorragte. - Wie es stampft! die Erde zittert bis
hierher! sprach Gudula, die bsartige, die die kleinen Kinder stahl und sie tot
und krank aufgeschwollen den jammernden Mttern wieder in den Weg legte. -
Alrune rief kreischend: Ich will uns alle an ihm rchen! Gebt acht, er soll den
alten Vater, er soll die schne Braut nicht wiedersehn!
    Sie stellte sich, die Scheuliche, unsichtbar an den Weg. Da, an der Ecke
des Waldes, wo kein Kruzifix, kein Bildnis der gottgesegneten Mutter in der Nhe
war. - Da braust es heran, da klingt der Felsengrund, da weht der Mantel des
schnen Reiters im Frhlingswind, und der Wald duftet, und die Vgel singen
laut.
    Sie streift, das schreckliche Gespenst, die Gewnder ab. Ein Scheusal zeigt
sich den Geistern, denn das sterbliche Auge sieht sie nicht, aber die greulichen
Schwestern der Unholdin freuen sich der entsetzlichen Schnheit ihrer Genossin.
Wie ein brauner Zweig steht sie an der Waldecke, wie eine aufgerichtete
dunkelgelbe Giftschlange, wie eine hoch aufgeschossene ekle Pflanze, vor der
sich die Morgenluft scheu zurckbeugt und das Licht Tau niederweint, da es den
Graus beglnzen mu.
    Holla! da sprengt der schne Jngling heran. Er singt ein frhlich Lied; die
dunklen Locken fliegen ihm spielend nach, und fcheln liebkosend seine braune
Wange. Er denkt einen Liebesgesang und ruft: Wie schn ist die Natur! wie
berauschend der Lenz! wie berglcklich ich!
    Nun ist der Reitende dem Grausal nahe. Ihr Auge jubelt. Mit einem Sprunge
ist sie hinter ihm, sitzt schrittlings; die braunen Schenkel leuchten von der
Schwrze des Rappen abscheulich zurck, ihr schiefer groer Mund lacht, die
weien Zhne glnzen. Den drren ausgereckten Arm, an dem die langen Ngel wie
Klauen stehn, schlgt sie, um sich festzuhalten, dem Reiter um die Brust. Er
wei nicht, wie ihm geschieht, er sieht sie nicht sein Herz bebt, der Rappe
schaudert. - Nun sprengen sie hin, das Pferd sperrt weit die Nstern und
schnaubt, da die vorberfliegende Wespe forteilt im Schreck.
    Wohin, mein Rappe? ruft der bestrzte Jngling; du rennst aus der Bahn. Das
Pferd stemmt sich gegen den Zgel, es gehorcht nicht Sporn, nicht Ruf. Die
Schwestern sehn es jauchzend, wie Ro und Reiter dahinstrzen, ber hohe und
niedere Felsgesteine und bemooste Felsenblcke; der Reiter blickt sich scheu um,
er will die unsichtbare Klammer von seiner Brust lsen, und vermag es nicht.
Bein und Fu schlgt die Wilde in die Weichen des Rosses, das immer toller,
immer unbndiger rennt: ihr struppigtes, starres, greises Haar fliegt wie
Borsten im Winde, man sieht das Grinsen des Antlitzes, das Zhneblcken. - Welch
bser Geist regiert mein Pferd! schreit nun der Knigssohn: was pret mir so mit
eisernen Klammern Brust und Herz, da ich vor Schmerzen schreien mchte? - So
steh denn in der Hlle Namen! So reit er mit Riesenkraft sein Pferd herum, der
Rappe zittert in allen seinen Fibern wie Espenlaub, doch hinter dem Reiter
schlgt die Gelbbraune die Beine schnalzend an die Weichen des Rosses, und nun
strzt es wie rasend zurck, der Hut entfllt dem Reiter, auch seine Haare
flattern im Winde ihm nach, nun wten Pferd und Jngling heran, dem
Zauberkreise, dem Giftbrunnen, das Ro bricht zerschmettert nieder, der
sterbende Frst wirft noch einen, den letzten Blick in den lichten, blauen
Himmel hinein, und wahrnimmt die kleine Wolke, die, ihn beklagend, sanft
vorberschwimmt. -
    Nun stehn sie, die Scheulichen, mit gierig starren Blicken umher, und
freuen sich ihrer Tat. Was kmmert es sie, da der Vater sich hrmt, und am
gebrochenen Herzen stirbt, da die Braut weint, und jeder schne Jngling ihr
nur als Leiche erscheint? -
    Und so jagt manchen ein unsichtbarer Dmon mit wilder Schadenfreude in
seinen Untergang. Je schner, je edler das verfolgte Wesen, je mehr Scheuel und
Greuel sein niedertrchtiger Feind, der ihn vernichtet, er wei selber nicht
warum.
    Und das nennen sie nachher Schicksal, unvermeidliches Verhngnis, die
kurzsichtigen Sterblichen. Oh, knnten ihnen doch die Augen aufgetan werden,
damit sie es wahrnhmen, mit wem sie es zu tun haben.

Ei! rief der alte Poet, wie kommt ihr auf eine so trbselige Erfindung? Ist
dies wohl ein Gegenstand, ihn in einer heiteren poetischen Akademie
vorzutragen?
    Don Giuseppe schien anderer Meinung und lobte das Gedicht. Es mag wohl,
sagte er, nur zu sehr ein wahres und trbes Bild unseres Lebens sein. Auerdem
aber habe ich es mir zur Pflicht gemacht, alles, was die Signora Peretti tut und
sagt, zu bewundern.
    So ist es recht, rief Vittoria, jetzt wieder ganz aufgeheitert, eine
solche Verehrung, die durchaus keinen Tadel zulassen will, ist einzig und allein
die richtige. Nicht wahr, an unserm Ariost oder Dante noch mkeln, diese Stelle
so, jene anders wnschen, das ist nur die Art schwacher Geister? Und so
behandelt Ihr mich, Don Giuseppe, wie ein vollendetes Kunstwerk, und ich danke
Euch dafr.
    Als man sich jetzt zu Malespina wandte, sagte dieser: Ich mu, wie Don
Giuseppe, um Entschuldigung bitten; ich darf mich in einer solchen Gegenwart
wohl nicht fr einen Poeten geben, und wenn ich auch diese Khnheit htte, so
trage ich doch kein Blttchen mit Versen bei mir, und mein Gedchtnis ist mir
nicht treu genug, etwas ungelesen rezitieren zu knnen. Wenn Ihr es aber nicht
mit Unwillen aufnehmen mgt, so will ich Euch zur Abwechselung und Aufheiterung
eine jener an sich unbedeutenden komischen Begebenheiten vortragen, die sich in
Residenzen und an Hfen wohl oft ereignen. Nur mu ich bei den verehrten Damen
im voraus um Entschuldigung bitten, wenn die Erzhlung wie wohl die meisten
komischen, hier und da, wenn auch nur ganz wenig, verletzend sein sollte.
    Caporale erwiderte: Es lt sich fast alles erzhlen, wenn man nicht selbst
eine unziemliche Lust am Unziemlichen empfindet.
    Sehr wahr, sagte die Mutter, das mchte wohl die richtige Art bezeichnen,
weshalb viele unserer Autoren von mir rein genannt werden, die bei andern in
einem sehr beln Rufe stehen Wer sich selber unsittlich aufreizt, um gemeine
Lsternheit in andern zu erregen, nur einen solchen sollte man unmoralisch
nennen.
    So bin ich denn dreist genug, den Spa, der sich wirklich so zugetragen
hat, zu beginnen, sagte Malespina.
    In unserer Residenz lebt schon seit lngerer Zeit ein komischer Mann, der
unzhlige Blen gibt und sich fast immer lcherlich zeigt, dessen ohngeachtet
aber eine gewisse Hochschtzung mit Recht in Anspruch nimmt: es ist dies der
alte Conegiani, der Gesandte von Ferrara an unserm Hofe. Dieser Mann ist lang
und hager, bla, von eingefallenem Gesicht und tiefliegenden Augen, zuweilen,
wenn er nachdenkend aussieht, wie ein Bild des Jammers; wenn er leicht und
ausgelassen sein will, so reit er im schmalen, drren Gesicht den groen Mund
so weit auf, da man sich entsetzen mchte.
    Dieses Bild des Schreckens also, oder diese klapperdrre Figur, welche die
Natur in bizarrer Laune scheint hervorgebracht zu haben, wei aber von seiner
Lcherlichkeit nichts; so verblendet ist er und so von sich selbst eingenommen,
da er sich fr schn hlt, fr anmutig und geistreich; darum tanzt er gern noch
auf den Festen, spielt den Zrtlichen, den Witzigen, und versagt keinen Spa
oder keine Ausgelassenheit, die die jungen, bermtigen Kavaliere ersinnen, und
welche sie oft nur erdenken, um ihn hineinzuziehn, und sich an seiner
Possierlichkeit zu ergtzen.
    Sein vertrauter Freund ist ein junger reicher Edelmann aus Padua, der ein
schnes, witziges Mdchen unterhlt; und bei diesem speiset, ohne andere Gste,
der Gesandte fast jeden Abend.
    Die grte Schwche des Alten ist nun, da er glaubt, jede Dame sei in ihn
verliebt; so da die Frauen ihn nrren und necken, oft die Zrtlichen spielen,
um ihn zum Gelchter zu machen, wie es sich von selbst versteht. Ganz ffentlich
aber hat er sein fhlendes Herz vorzglich der witzigen und schnen Donna
Isabella gewidmet, die auch zum Schein seine Liebe erwidert, seine
Zrtlichkeiten beantwortet und den Alten in so wunderliche Posituren versetzt,
da dieses ffentliche Verhltnis zu den Lustbarkeiten des Hofes gehrt.
    Wer ist diese Isabella? fragte Don Giuseppe, der sehr aufmerksam der
Erzhlung zuhrte.
    Sie ist, antwortete Malespina, die Schwester unsers Groherzogs und die
Gemahlin des Herzogs Bracciano, des berhmten Orsini Paul Giordano, der sich
schon in verschiedenen Feldzgen ausgezeichnet hat, wie Ihr wissen werdet. Diese
Dame ist vielleicht die schnste unsers Hofes; sehr viele erkennen ihr den Preis
vor unserer berhmten Schnheit, der Bianca Capello. Alle Welt ist von ihrer
Anmut bezaubert, von ihrer witzigen Unterhaltung hingerissen. Dabei ist sie in
ihrem edlen Betragen so gutmtig, da die Armen und Brgerlichen sie verehren:
ihre Gewandtheit und Lebensklugheit ist so gro, da unsere krnkliche und
ernste Groherzogin sie ebenso liebt, und ihr ebenso vertraulich ist, wie jene
bermtige Bianca. Gewi ein seltnes Beispiel da die regierende Frstin gewi
nicht leichtsinnig ber die Leidenschaft ihres Gemahls denkt, und ihre
Nebenbuhlerin nur mit innigem Grauen neben sich dulden kann.
    So gab es denn im letzten Karneval einen unendlich spahaften Auftritt am
Hofe, im Saale der regierenden Frsein. Es war ein trauriger Regentag, und die
Frstin, sonst ernst, fast melancholisch, schlug Tnze und Spiele vor, weil sie
sich vorgenommen hatte, an diesem Tage recht heiter zu sein. So wurde denn
getanzt, und in allen Wendungen, feierlichen wie lebhaften Tnzen, figurierte
jener beschriebene Conegiani, und spielte seine zrtliche Rolle mit der Herzogin
Isabella. Nachher ward gesungen, dann trieb man das Spiel, schwere Worte
hintereinander schnell zu sagen, was die tollsten Redensarten, burleske
unsinnige Silben hervorbrachte; wer aber fehlte, stotterte, oder falsche Worte
sagte, erhielt von einer kleinen vergoldeten Kelle einen derben Schlag in der
flachen Hand, so wie es wohl den kleinen Kindern in den Schulen geboten wird.
Viel Schlge, und heftige, bekam unser Gesandter, denn die Dame, die das
Strafamt verwaltete, spate mit ihm nicht, wenn er wegen Fehler gezchtiget
wurde, so da seine Hand am Ende rot aufgelaufen war, und er mit den
lcherlichsten Grimassen die schmerzende an seinen Kleidern rieb.
    Jetzt schlugen die jungen Leute ein tolles Spiel vor, das Affenspiel,
Mattacini genannt, in welchem einer der Herren hpft, springt, Gebrden macht,
und alle brigen nachahmen und ebenso tun mssen. Bei dieser Tollheit sind die
Damen natrlich nur Zuschauer. Man legt bei diesem Spa die Mntel ab und zeigt
sich im Wams, ein nachlssiges Kostm, in welchem schne junge Mnner, welche
gut gewachsen sind, nur gewinnen knnen, in welcher Tracht aber das drre, arme,
fleischlose Skelett, an welchem man weder Waden, Schenkel noch Hften wahrnehmen
konnte, sich vollends erst wie ein aufrecht wandelnder Affe ausnahm. Dieses
bermtige Spiel fhrte nun ein Vetter der Herzogin Isabella an, der Graf Troilo
Orsini, ein groer schner Mann, in voller Kraft der Jugend, und so mit Grazie
begabt da alle Weiber in ihn vernarrt sind. Dieser ersann nun die tollsten
Sprnge, Stellungen und Gebrden, und wie einem reizenden Jnglinge, der seinen
Krper in der Gewalt hat, und sich kennt, um zu wissen, was er sich erlauben
darf, alles schn steht, und er auch das Komische und seltsam Abgeschmackte
veredelt so erschien an unserm Gesandten selbst das Gewhnliche verzerrt und
widerwrtig, das Absurde aber abscheulich. Ihr knnt euch die Lust und Freude
der bermtigen Jugend und der Weiber und Mdchen vorstellen; ich habe die edle
Groherzogin noch niemals so lachen sehn. Wie wurde es aber erst, als der tolle
Troilo anfing, seinen ihm Vorstehenden mit aufgehobenem Bein und Fu einen Tritt
in die Hften zu geben. Wie ein kreisendes Rad ging diese Gebrde mit der
grten Schnelligkeit durch die Versammlung: mancher Getretene fiel um, mancher
Tretende war in Gefahr: am schlimmsten erging es dem armen Conegiani, dessen
lange, drre Figur sich zuweilen vom gewaltigen Tritt hintenber bog, wie ein
Bogen. Die Gesichter, die er dabei schnitt, lassen sich gar nicht beschreiben.
Er versumte es aber auch nicht, es nach Vermgen seinen Mitspielenden zu
vergelten, so da er, wie die brigen, in Schwei geriet, die Groherzogin sich
aber von Lust und bermigem Gelchter so angegriffen fhlte, da sie nach
diesem Spiele den Saal verlassen mute. - Nun kleidete man sich wieder an, und
der Gesandte setzte sich freudetrunken nieder zu seiner angebeteten Donna
Isabella, im Wahn, wie zauberreich er in diesen verschiedenen Windungen und
Gebrdungen die Schnheit seines Krpers entfaltet habe. Sie drckte ihm die
Hnde, lobte seine Gewandheit und er war entzckt -
    Doch der Gemahl der Isabella - trieb er auch diese geistreichen Spiele
mit? fragte Don Giuseppe.
    Ihr scheint es nicht zu wissen, sagte der Fremde, da der Herzog
Bracciano schon seit Jahren von Florenz abwesend ist; wenn er nicht im Kriege
ficht, so lebt der schon bejahrte Mann hier und dort. Er hat, sagt man, seine
Gemahlin nie geliebt, und sie ihn wohl ebensowenig. So sieht man auch fast
niemals unsern Frsten Francesco in den Zimmern seiner Gemahlin, wenn diese ihre
Gesellschaften hat. Bei unsern Groen fllt dergleichen kaum mehr auf, wie Ihr
es ja auch aus eigener Erfahrung wissen mt. - Erlaubt aber, da ich jetzt zu
jener seltsamen Geschichte bergehe, zu welcher das Bisherige nur die Einleitung
sein sollte, um den Helden derselben kennenzulernen.
    Der junge Troilo unterhielt, der Wohnung des Gesandten gegenber, ein
schnes junges Mdchen, die auch mit der Geliebten des Paduaners, des Freundes
unsers Conegiani, sehr vertraulich war, wie unter diesen jungen Wesen, die das
ganze Leben von der leichtsinnigen Seite nehmen, diese Verbindungen sehr
natrlich sind. Da der alte Gesandte das Kleinod des Troilo tglich aus seinen
Fenstern, sich ziemlich nahe gegenber sah, so ward er leichtsinnig, wie er ist,
in dieses artige Wesen entbrannt, und es schien ihm um so merkwrdiger, da sein
Herz neben jener hohen, erhabnen Leidenschaft fr die Herzogin, auch noch einer
leichteren Empfindsamkeit fhig war, und er schadenfroh imstande sei, einem
jungen Manne auf diese Weise Eintrag zu tun.
    Da sein Liebugeln, Kuwerfen und Grimassieren mit jedem Tage zunahm, so
erzhlte die mutwillige Kleine diese Neuigkeit ihrem Troilo. Dieser jubelte auf,
als er seinen Conegiani wieder von dieser Seite kennenlernte. Er befahl der
kleinen Lisa, sich gegen den Alten freundlich zu stellen, und ihm Hoffnung zu
machen, als wenn sie sich ihm und seinem Liebreiz wohl nach einiger Zeit ergeben
knne. Dem stets lustigen Paduaner wurde auch mitgeteilt, was sich ergeben
solle, und dessen junge, leichtfertige Giannina mute ebenfalls darum wissen, um
das mglich zu machen, was der Graf Troilo entworfen hatte. Dieser nmlich
erzhlte seiner Muhme, der Herzogin Isabella, sogleich alles, und diese heitere
Dame, die gern mit ihrem Vetter lachte, ging sogleich auf dessen Absicht ein,
zum Teil auch wohl, um den Alten recht auffallend blozustellen, und auf diese
Weise seine lstigen Bewerbungen abzuschtteln, da ihr jetzt wohl schon die
Rolle der Zrtlichen, im Angesichte des ganzen Hofes, lstig fallen mochte.
    Man beredete also die kleine Lisa, da sie dem zrtlichen Gesandten durch
ihre Freundin Giannina eine Nacht zusagen lie, wie sie zum Abendessen mit
dieser Freundin und dem Paduaner bei ihm sein und nachher bei ihm bleiben wolle.
Alles ward dazu veranstaltet.
    Nun war eben seit zwei Tagen eine junge, aber beraus hliche Sklavin von
Livorno angekommen, die, ich wei nicht, zu welchen Diensten, im Palast
gebraucht werden sollte. Sie schielte furchtbar, hatte einen widerwrtig groen
Mund, und war von jener fast safrangelben Farbe, die durch Vermischung mit
Europern die Kinder erhalten, und so eine Race bilden, hlicher, als die
Schwarzen selber. Diese Widerwrtigkeiten abgerechnet, war sie brigens krftig
und gut gebaut.
    Als Mann verkleidet, um nicht aufzufallen und von den fremden Dienern
erkannt zu werden, ging Donna Isabella mit Troilo nach dem Hause des Gesandten.
Sie fhrten die hliche Sklavin mit sich. Troilo, der im Hause sehr bekannt und
durch seine Freigebigkeit auch beliebt war, merkte in den untern Gemchern, die
zu den Stllen gehren, einen jungen Diener. Die Sklavin, die nur ihre
barbarische Sprache zu reden wute, hatte sich indessen schon auskleiden mssen.
Der junge Mensch fhrte die drei Personen auf der kleinen Treppe zu den innern
Zimmern, und von da in das Schlafgemach des Gesandten. Der Stallbediente
verstand etwas von jener barbarischen Sprache, und mute also der Wilden
bedeuten, da sie sich im Bette ganz ruhig halten msse. Die Garstige bequemte
sich gern, in ein so aufgeschmcktes, flaumweiches Bett zu steigen, in welchem
sie durch Mdigkeit und gesunde Natur auch sogleich in den festesten Schlaf
versank. Der Diener verlie sie, und Troilo und Isabella hrten jetzt aus dem
benachbarten Saale Scherz, Lust und lautes Gelchter. Der Alte sa neben seiner
geliebten Lisa, trank und jubelte; mit ihm war sein vertrauter Freund, der
Paduaner, und dessen Giannina. - Indem der Alte Lisa einschenkte, rief er laut:
Trink von diesem edlen Monte Pulciano! Wie oft hat mir Donna Isabella einen
Becher dieser Traube kredenzt! Fhlst du denn auch wohl, Kleine, wie sehr ich
dich erhebe, da ich vom Besitz einer solchen Gebieterin zu dir hinabsteige?
    Der Schmaus war geendigt, und Giannina nahm den Alten beiseit und flsterte
ihm zu: Vergnnt, verehrter Freund, da sich Lisa jetzt einsam dort auskleide,
und, ihr Gefhl zu schonen, sie Euch im Finstern empfange. Er bewilligte, befahl
auch den Dienern, sich wegzubegeben, und harrte seines Glcks. Auch der Paduaner
nahm Abschied, Lisa wartete auf der Treppe, und Giannina kam jetzt zurck, um
mit ihrem Freunde auch das Haus zu verlassen. Nun begab sich der Gesandte im
Finstern in sein Schlafgemach. Er stieg in sein Bett, nicht wenig erstaunt, da
seine Gefhrtin nach so wenigen Minuten schon so fest eingeschlafen sei. Anfangs
hielt er es fr Schalkheit und Verstellung, aber ein allzu gesundes Schnarchen
berzeugte ihn bald vom Gegenteil. Erstaunt schttelte und rttelte er die
Eingeschlafene heftig, aber lange vergeblich. Endlich wurde sie munter, und
erhob, da sie einen Mann neben sich merkte, der ihr, wie sie glauben mute,
Gewalt antun wollte, in ihrer barbarischen, unverstndlichen Sprache ein
mrderliches Geschrei. Da sprang der Gesandte mit Entsetzen vom Lager, schrie
nach Licht und allen seinen Dienern, so sehr harte er die Fassung verloren. Das
ganze Haus wurde wach. Als Licht gebracht wurde, sah man ihn zitternd dastehn,
von seinem langen Schlafrock nur drftig bekleidet. Ohne da er die Sache
begriff, ward die Sklavin von den Dienern fortgefhrt, jener Vertraute gab ihr
unten im Stall ihre Kleider wieder, und betubt, fieberhaft zitternd setzte sich
der Alte, alles Rates beraubt, in seinen Sessel. Wie ward ihm jetzt, als in der
Einsamkeit zwei Figuren aus einer Nische auf ihn zutraten, und er in dem einen
Mann seine hohe Gebieterin, Isabella, wiedererkannte! Er glaubte, das Haus msse
mit ihm versinken. - So lerne ich Euch kennen, redete ihn jetzt die mutwillige
Donna an, Euch, der sich fr meinen Herzgeliebten, fr meinen unwandelbar treuen
Schfer ausgeben will? Seht! welches scharfe Auge die Eifersucht hat, die Euch
schon seit Tagen unermdlich beobachtete, und nun Eures Treubruches, Eurer
Schndlichkeit innegeworden ist. Ich wollte es meinem Vetter Troilo nicht
glauben, da Ihr alter, boshafter, ungetreuer Mann einer solchen Unwrdigkeit
fhig wret. Er hat Euerm Leichtsinn, Euerm Wankelmut, Eurer Sucht, die Weiber
zu verfhren, niemals getraut, er hat mich immer vor Euch gewarnt. Aber, da Ihr
von mir, die Ihr anzubeten vorgebt, so tief herabsteigen, da Eure verirrte
Lust, Euer schwaches Gemt zu einem solchen Scheusal sich herabwrdigen knne,
das htte ich keinem, auch dem zuverlssigsten Manne nicht, geglaubt, wenn es
mein eignes Auge, zu meinem unendlichen Schmerze, nicht gesehn. Knnt Ihr wohl
noch ein einziges Wort zu Eurer Entschuldigung hervorbringen? 
    Der Alte wute nicht, ob man ihn nrre, ob die Rede Ernst sei, er sank in
die Knie, und bat, in Demut und Wehmut aufgelst, um Verzeihung. Er konnte immer
noch seine Fassung nicht wiederfinden. Er mochte nicht sagen, und wagte es am
wenigsten in der Gegenwart des Troilo, wen er eigentlich erwartet habe. Er
flehte nur, als man sich trennte, seine Verirrung und sein Migeschick zu
verschweigen. Dies wurde ihm zugesagt, und Donna Isabella war auch froh, als sie
sich, von den Dienern des Hauses unerkannt, wieder im Freien befand. - Das
Abenteuer des Gesandten blieb aber nicht verschwiegen, und er mute Anspielungen
auf seine Sklavin hren, von der man in seiner Gegenwart wie von einer fremden
Schnheit sprach, die mit seltsamen Reizen ausgestattet sei. Isabella aber zog
sich seitdem ganz von ihm zurck, und er durfte sich nicht darber beklagen. -
-
    Diese possierliche Begebenheit, bemerkte die Matrone, wenn sie nicht sehr
ausgeschmckt ist, belehrt uns wieder, wie es an Hfen und bei den Vornehmsten
ganz anders hergeht, als wir Geringeren es uns denken knnen.
    Es ist unbillig, sagte Vittoria, Menschen so zu kritisieren, als wenn sie
etwa ein Buch wren, aber ich mu gestehen, da ich diese Donna Isabella gar
nicht begreife. Schn, verstndig, witzig, unterrichtet - und doch die Zeit mit
so nchternen Spen hinbringen zu knnen. Fhlt sie denn nicht, da, indem sie
den alten Gesandten dem Gelchter preisgibt, etwas, wenn noch so weniges, auf
sie selber von dieser Geringschtzung zurckfllt? Die edlen Naturen mssen am
meisten darber wachen, wen sie zur Gesellschaft whlen; denn die zartesten,
hchsten, leiden am meisten vom schlechten Umgange: der Mittelmige braucht
nicht so ngstlich zu sein, denn in seiner Unbedeutendheit schtzt ihn eine
Waffe, die dem feinern Geiste mangelt.
    Sehr wahr, sagte Don Giuseppe, der flache Mensch kann durch den
Hochbegabten weder zur gttlichen Natur aufsteigen, noch durch den
Nichtsntzigen zum Bsewicht verwandelt werden. Je feiner, zarter die Natur, so
leichter ist sie der Verderbnis ausgesetzt. -
    Man trennte sich, denn es war spt geworden. Indem Don Giuseppe von den
Damen, vorzglich von Vittoria Abschied nahm, fhlten diese beiden wohl, in
welcher Bewegung sie waren. Er zgerte, sah Mutter und Tochter mit bedeutenden
Blicken an, und bat dann um die Erlaubnis, seine Besuche wiederholen zu drfen.
Sie wurde ihm gern zugestanden, denn beide Frauen konnten es sich nicht
verhehlen, da ihnen dieser fremde Mann sehr bedeutsam erschienen war, wenn sie
auch nichts Bestimmteres von ihm wuten.
    Caporale begleitete diesen noch; und als sie in die einsame Gegend des
Coliseums gekommen waren, stand der Fremde einen Augenblick still, fate die
Hand des Dichters und sagte: Wie sehr mu ich Euch danken, Vortrefflichster,
da Ihr mich in diese Familie eingefhrt habt, und wie glcklich seid Ihr zu
preisen da Ihr sie schon seit Jahren, und als vertraute Freunde kennt. Um des
Himmels willen, wie ist diese Vittoria an diesen Mann, oder an dieses Mnnchen
geraten? Sie, die, wie ich meine, nur unter den Frsten Italiens htte whlen
drfen. Dazwischen mu eine hchst sonderbare Geschichte liegen. Steht er nicht
neben ihr, wie ein gemaltes Pppchen, das nur da ist, um den Saal ausfllen zu
helfen? Kann die Mutter wirklich viel von der Verwandtschaft mit dem Montalto
erwarten? Mag der Mann fromm und tchtig sein, aber niemand achtet ihn; er wird
niemals einen groen Einflu erringen, dabei ist er alt und schwchlich.
    Caporale antwortete nur obenhin, weil er die Geschichte der Familie einem
Fremden, den er nur noch so wenig kannte, nicht preisgeben wollte.
    Die junge Frau, fuhr Don Giuseppe fort, indem sie weitergingen, ist ein
wahres Wunder zu nennen. Mir ist noch niemals in der Schnheit die wahre Hoheit
und Majestt des Weibes so erschienen. Wie sie spricht! Welcher Ton! Und welch
ein Labsal ist es, sie nur anzublicken! Diese purpurdunkeln Haare, die
rabenschwarzen Brauen, unter diesen, wie Goldstrahlen, die langen gebogenen
Augenwimpern! Kein Maler hat je in seiner schnsten Begeisterung so etwas
ersonnen. Und habt Ihr wohl das liebliche Rtsel bemerkt - oder, wie soll ich es
nennen? - da in dem linken Augenlide fnf oder sechs dieser Goldfden mangeln?
Schlgt sie nun das Auge nieder, oder blickt sie gar auf und sieht Euch an, so
ist, als wenn Amor pltzlich aus dem Goldsaum flhe und unverhllt sichtbar auf
dieser entblten zarten Stelle des Auges dastnde. - Nicht wahr? fr einen Mann
von Jahren schwrme ich noch so ganz leidlich? - Ich werde gewi von dem
erhabnen Wesen trumen. -
    Am andern Tage ging Caporale mit schwerem Herzen zu seinen Freunden. Die
junge Frau traf er im Garten, der, sehr verschieden von dem ehemaligen Grtchen,
sich weit hinter der schnen Wohnung ausdehnte. Vittoria eilte auf ihn zu. -
Nun? rief sie ihm entgegen.
    Ich begr Euch, sagte der Poet.
    Ich dachte, antwortete sie schmerzlich, Ihr httet mir etwas Neues zu
hinterbringen, und etwas Gutes, oder wenigstens Wunderbares. - Ach! Freund! ich
habe die ganze Nacht nicht schlafen knnen, und wenn ich auf Augenblicke
einschlummerte, so standen die Bildnisse der alten Heroen vor meinen Augen. - So
habe ich doch wirklich einen wahren, wirklichen Mann gesehen.
    Im Traum also? fragte Don Cesar.
    Wie Ihr sprecht! rief sie lebhaft; gar nicht, wie ein Poet, sondern wie
ein Krmer, der alles mit der Elle ausmit: Euern Don Giuseppe mein ich, oder
wie er sich nennen mag. Ich freue mich, ihn wiederzusehn, von ihm zu hren und
zu lernen, denn jedes Wort ist gewichtig, das von seinen Lippen fllt.
    Ihr seid begeistert, erwiderte der Freund sehr ernst; wre der Mann noch
jung, aber er ist ohngefhr von meinem Alter so wrde ich Wunder was von Euch
denken.
    Was Ihr wollt! rief sie unwillig: immer und ewig mu ich das alte,
abgedroschene Mrchen von Jugend und Alter wieder hren. Wer ist denn jung? Ist
es denn etwa mein uraltes, lngst gestorbenes Mnnchen, dieser Peretti, weil er
blonde Haare und rote Wangen hat? Alle sprechen immerdar von der
Unsterblichkeit, von der hohen Wrde ihrer Seele, und geben dann doch dem
Kleide, dem rohen berzuge den Vorzug. Jugend! ist sie nicht eine Einwohnerin
des Himmels und der seligen Gefilde? Lt sie sich denn in trgen Gefhlen, in
albernen Gedanken beherbergen? - Ich kann es jetzt ahnen, wenn auch noch nicht
verstehn, was die Liebe zum Manne sein mchte. Und wenn mir diese Vision, die
Gotterscheinung nahe tritt - wer hat ein Recht, sie zurckzuhalten? Wer ist es,
der fordern darf, ich soll mich von dieser Weihe abwenden? Weshalb? Wem habe ich
es versprochen, mir, oder ihm, oder Gott, da ich diesen kleinen Francesco
lieben will? Lieben! als htte ich nur gewut, was das Wort zu bedeuten habe.
    Armes Kind! sagte Caporale, jetzt mu ich selbst frchten, die Vermutung,
die im Scherz neulich ausgesprochen wurde, sei eine richtige: da ich Euch
nmlich einen alten Banditen ins Haus gebracht habe. Denkt nur, ich spreche heut
bei ihm vor - alles ist verschlossen - endlich, nach vielem Klopfen ffnet ein
altes Mtterchen. Er sei schon vor Sonnenaufgang abgereist, kein Mensch wisse,
wohin, keiner, ob, oder wenn er wiederkomme: das sei einmal so seine Art und
Liebhaberei. Keine Seele knne auch von seiner Hantierung Rechenschaft geben,
denn sooft er das Haus betreten, sei er so schweigsam, wie das Grab; auch drfe
man ihn nicht viel fragen. Kurz, er ist ein Rtsel. Und wohin? Warum? Da er
Euch, wie er mir so lebhaft versicherte, heut abend wieder besuchen wollte? Da
er von Euch, Euren Gaben, Eurer Schnheit, so entzckt ist? Da er ebenso
schwrmerisch von Euch spricht, wie Ihr von ihm? Knnt Ihr Euch diese
Seltsamkeit erklren?
    Jetzt erst wei ich, sagte sie, da ich unglcklich bin, ich wei es, bis
dahin trumte ich es nur. - Sie lehnte das Haupt auf die Schulter des Alten und
weinte heftig - Ihn nicht wiedersehen? Er sollte ein Verrter, ein Mrder sein?
- Meinethalb. Und wenn er mir entschwunden ist, wenn er dem Hochgerichte
angehrt, wenn er ein Bettler ist, meine Seele ist auf ewig mit der seinigen
verkettet. - Versteht Ihr mich, Alter? Ihr, der dieselben Jahre, ebenso viele
Sommer hat kommen und schwinden sehn, wie er? - Ja, wenn Ihr nur auch vom Trank
der Unsterblichkeit gekostet httet! - Aber Ihr seid nur ein eingefleischter
alter Mann, zhe und unwandelbar, aber dabei gut, wie ein Lamm. Ob Euch wohl
jemals das Lieben angewandelt ist? - Ihr seid bei alledem ein komischer Patron.
    Sie warf die dunkeln Haare nach hinten, die ihr in das Gesicht gefallen
waren, stie ihn gelinde zurck und lief laut lachend nach einer fernen, dunkeln
Laube, in welcher sie sich verbarg. Don Cesar stand wie betubt, schttelte das
Haupt und sagte halb verdrielich, indem er den Garten verlie: Es ist eine
unangenehme Sache, der Vertraute von Personen zu sein, die ber der Linie der
gewhnlichen Menschen stehen.

                                Zweites Kapitel


Don Giuseppe, der am Abend erfahren hatte, da Malespina am folgenden Morgen
wieder nach Florenz zurckreisen wrde, hatte, da ihm ein pltzliches Geschft
zugekommen war, sich schnell entschlossen, mit diesem unterrichteten Manne die
Reise gemeinschaftlich zu machen. Noch in der Nacht war die Abrede genommen
worden, und sie waren schon frh, vor Anbruch des Tages auerhalb der Tore Roms.
    Der gesprchige Malespina beantwortete gern, soweit er konnte oder durfte,
alle Fragen des wibegierigen Lombarden und sagte unter anderm: Es ist gewi
und augenscheinlich, da unsre Zeit so vieles an das Licht bringt und zur
Wirklichkeit macht, was ganz die Gestalt hat, wie es jene Mrchen liebende
Poeten erzhlen. Darum darf man sich auch nicht wundern, wenn vieles, das auf
die Dauer bestehen sollte, sich ebenso schnell entwickelt und pltzlich
beschliet, wie es unerwartet aufgetreten war. Wie arm und hlfsbedrftig kam
diese jetzt allmchtige, kluge Bianca Capello mit dem jungen armseligen Gatten
flchtig von Venedig. Der junge Prinz Francesco sah sie; bald war sie seine
Geliebte: so schlau und verstndig ist dieses schne Wesen, da er jetzt nach
dreizehn Jahren noch ebenso leidenschaftlich ihr ergeben ist, wie in den ersten
Wochen. Wir alle sind berzeugt, da, wenn etwa seine Gemahlin sterben sollte,
er Bianca zur Groherzogin erheben wrde. Als der vorige Mann der Bianca sich
durch bermut allen verhat gemacht hatte, ward er ermordet und niemand beklagte
ihn. berhaupt, so gern unser Frst streng sein mchte, haben die Meuchelmorde
in der Stadt wie in der Provinz auerordentlich zugenommen, denn es scheint den
Mchtigen immer das krzeste, den Gegner, der Verdru und Verwicklung erregt,
aus dem Wege zu rumen.
    Die beiden Mnner konnten sich in ihrem Fuhrwerk so frei und ungestrt
unterhalten, weil Giuseppe keinen Diener bei sich hatte und der Florentiner
seinen Wagen von einem halbtauben Menschen lenken lie, der nur seine Pferde
beachtete.
    In Eurer Erzhlung gestern, fing Don Giuseppe an, ist mir manches unklar
geblieben, und ich zweifle selbst, ob sich alles so habe zutragen knnen, und
doch scheint Ihr sehr unterrichtet, ja Ihr waret bei jenen lppischen Spielen am
Hofe wohl selber zugegen.
    Gewi߫, erwiderte jener. Aber, mein Freund, wenn Ihr niemals an Hfen
gelebt habt, so wit Ihr auch nicht, was bersttigung und Langeweile alles
erzeugen knnen. Wieviel Aufwand, bertriebene Pracht, Gold in Haufen
weggeworfen, bermige Belohnung der Knstler und Gewerbe bei Hochzeiten - und
daneben unwrdige Knickerei und Geiz. Die edelsten Geister unserer Zeit so oft
in Ttigkeit, das Vollendete, Groe hervorzubringen, wovon unsere Nachkommen
noch mit Bewunderung sprechen knnen; - und unmittelbar darauf solche Spiele und
Spe, welche ihr eben lppisch genannt habt. Der Groherzog sieht seine
krnkelnde Gemahlin nur selten, er wnscht sich mnnliche Erben, damit sein
Reich nicht an seine Brder falle: der Kardinal Ferdinand ist ein vortrefflicher
Mann, fein, gewandt und edel, aber der Groherzog betrachtet ihn natrlich mit
Neid und Eifersucht. Der jngste, Don Pietro, der viel in Spanien gelebt, und
mit einer Spanierin aus dem Hause Toledo vermhlt ist - was soll man von diesem
sagen? diesem wilden ausschweifenden Mann, den Krankheiten ausgehhlt haben, der
in seiner Wut kaum einem Menschen gleicht - er wird gefrchtet und gehat, und
setzt ebendadurch alles in Schrecken, er herrscht dadurch, da er es gar kein
Hehl hat, wie er keine Rcksichten kenne und sich alles fr erlaubt halte. -
    Da Ihr Euch so gerne mitteilt, Don Celio, so erlaubt mir noch einige
Fragen, und lst mir einige Zweifel auf, die Eure Erzhlung von jenem
lcherlichen Gesandten aus Ferrara mir erregt hat, sagte Don Giuseppe. Jener
Troilo von Orsini, den Ihr nanntet und als einen schnen jungen Herrn
beschriebet, mu mit der Herzogin von Bracciano, jener Isabella, auf einem sehr
vertrauten Fue leben, ich mchte das Verhltnis verdchtig nennen, da er so
ganz keine Rcksicht auf ihren Stand und Ruf zu nehmen scheint, da er sie zu
diesen nchtlichen Spaziergngen und Verkleidungen mibrauchen darf.
    Mein geehrter Herr, sagte Celio, Ihr nehmt diese Verhltnisse zu streng
und feierlich. Wie die arme Groherzogin, die doch eigentlich in keiner wahren
Ehe lebt, sich oft in Langeweile, Verdru und Eifersucht verzehrt, und sich
daher gern in zuweilen schlechten Spen ergeht und erheitert, so ist es auch
auf hnliche Weise mit Donna Isabella beschaffen. Ihr Gemahl, der Herzog von
Bracciano, ist ein tapfrer Herr, ein Mann in hundert Rcksichten ausgezeichnet,
aber der Liebe mag er wohl nicht fhig sein. Seine Bravour hat sich frh im
Dienst der Republik Venedig erwiesen, er ist schon etlichemal leidenschaftlicher
Soldat gewesen, noch vor drei oder vier Jahren hat er sich im Kampf gegen den
Trken vielen Ruhm erworben, und schon vor zwlf Jahren ging er von Venedig aus
zur See: aber die arme Gemahlin hat ihn nur noch wenig gesehn.
    Ihr kennt den Mann nicht persnlich? fragte der Fremde.
    Nein, antwortete Celio, denn er hat sich schon seit Jahren nicht in
Florenz gezeigt; aber alle, die von ihm sprechen, achten ihn hoch, wegen seiner
mnnlichen Tugenden; aber sie frchten ihn auch, denn er ist barsch und
unerbittlich, wenn er erzrnt ist; selbst der Groherzog hat eine gewisse Scheu
vor ihm. Nun geht er seiner Laune nach, lebt bald hier, bald dort, und hlt in
Rom ein prchtiges groes Haus, wo es ihm sein groes Einkommen erlaubt, die
Kardinle und andere Frsten zu berglnzen. Dann ist er wieder auf Reisen,
untersttzt die armen Anverwandten und bndigt diejenigen, die sich zu trotzig
erweisen. Aber die arme Isabella! Er soll sie nur aus politischer Rcksicht
geehlicht und niemals geliebt haben. Nun hat sich dieser leichtfertige Ton am
Hofe eingefhrt, der einem Fremden auffallen knnte, welcher aber nur sehr
selten rgerliche Geschichten oder Verhltnisse hervorruft. Und so steht Donna
Isabella auch ganz rein und unbescholten da. Aber die Langeweile, das einsame
Leben, ein unbefriedigtes Dasein fhren sie dahin, vielleicht mit zu groem
Ernst diese lppischen Spe zu verfolgen.
    Hat sie Kinder?
    Nur einen Sohn und eine Tochter, den Virginio, der noch unmndig ist, und
den sie wie ihre Virginia liebt. Sie hat sich sehr jung, fast noch selbst als
ein Kind verheiratet.
    Wie ist es nur mglich, begann der Fragende wieder, da dieser Troilo doch
immer ihren Verehrer und Liebhaber vorstellt, da er den Mut hat, eine so hohe
Dame mit seiner besoldeten Geliebten bekannt zu machen, da er es wagt, sie
zusammenzubringen: was mu Donna Isabella von ihm denken? Wie ihn ansehen, wenn
sie ihn etwa lieben sollte? Und woher diese ganz unbegreifliche Vertraulichkeit,
wenn ihr Verhltnis kein unerlaubtes ist? Seht, das ist ein Rtsel, welches ich
mir gar nicht auflsen kann.
    Weil Ihr die Hfe nicht kennt! rief Celio lachend; weil Ihr alle diese
Stmpereien und Kleinigkeiten aus einem zu moralischen Gesichtspunkte anseht!
Da der junge Graf seine Liebschaft der Herzogin anvertraut, ist ja der
sicherste Beweis, da beide nur Scherz und Zeitvertreib suchen: denn auerdem
wrde sie doch wohl eiferschtig sein und ihn nach einer solchen Erffnung von
sich entfernen. Wenn der regierende Herr, wie es bei uns der Fall ist,
ffentlich in einem Verhltnisse lebt, das nicht ganz den Gesetzen gem ist, so
ahmt die Umgebung ihn nach und bertreibe und berbietet jene Ungebundenheit.
Darum ist er auch schon einigemal mit Zorn und Bestrafung hart, ja grausam
dazwischengefahren. Jedoch, um ein Beispiel zu geben und abzuschrecken,
vergeblich.
    Und sich als Mann zu verkleiden! fing Don Giuseppe wieder an: so in
finsterer Nacht mit dem jungen Manne allein auszuwandern! Im Stall mit einem
Diener und einer Sklavin zu verweilen.
    berlegt doch nur, sagte Celio halb unwillig, da es nur auf diese Art
mglich war, den ganzen Spa durchzufhren. Die Diener des Gesandten durften sie
doch nicht als Donna Isabella erkennen: ein langer Mantel verhllte sie ganz,
sie gab sich nachher nur dem Gesandten zu erkennen, um diesen recht zu
beschmen.
    Nun meinethalb, sagte Don Giuseppe: was geht mich auch die ganze
widerwrtige Geschichte an? Aber ein Verwandter der Dame drfte es doch hchst
anstig finden, da sie mit dem jungen Menschen, wenn er auch ihr weitluftiger
Vetter ist, auf der Strae und unten im Hause so lange im Finstern verweilt:
dann wieder im Schlafgemach im Dunkeln, jener unzchtigen Szene ganz nahe. Alles
das setzt in der Dame einen Leichtsinn voraus, den meine Einbildung mit
weiblicher Tugend durchaus nicht zu reimen wei.
    Hab ich je einen so schwerflligen hartnckigen Mann gesehn! rief Celio
aus: gut, da Ihr es nicht ntig habt, an Hfen zu leben. Ihr gemahnt mich fast
wie der ehrbare Sperone, der sich in Rom hauptschlich dadurch bei den Vornehmen
verhat machte, da er in jeder Gesellschaft in seinem selbsterfundenen langen
Professorhabit erschien, der ihm so ehrwrdig auf die Fe reicht, und hinten
nachschleppt, ein Talar, wie ihn weder ein Professor noch ein Philosoph jemals
in Italien getragen hat; am wenigsten in vornehmer Gesellschaft. - Die Gemahlin
des Prinzen Pietro, diese ist es, die ein ffentliches rgernis erregt. Sie
nimmt gar keine Rcksicht, hoch und niedrig, alles ist ihr gleich willkommen:
und dabei bemht sie sich nicht einmal, ihre Schande und Ausschweifung den Augen
der Welt zu entziehn. Freilich ist ihr Gemahl noch schlimmer und ruchloser, der
mir dem allerniedrigsten Pbel verkehrt, in den schmutzigsten Kneipen sich
schimpfliche Krankheiten auflieset, aller Welt schuldig ist, weder Treue noch
Glauben kennt, und ihr, der Verlornen mit einem gottlosen Beispiel vorangegangen
ist. ber das ruchlose Leben der beiden ist selbst der Groherzog emprt: nur
hegt er, so stark und stolz er ist, doch vor dem Bruder eine gewisse Scheu: und
sie verlacht in Leichtsinn und Frechheit jede Ermahnung. Man hat mir immer
gesagt, da wenn die zchtigen, eingezogenen Spanierinnen einmal den Zwang
abgeworfen haben, sie viel wilder und unzchtiger als unsre Landsmnninnen sein
sollen. Der Frst selbst hat den Bruder der Frau ermahnt, ihr Zaum und Gebi
anzulegen: es ist ihm selbst befohlen worden, an den Vater der Ausgelassenen zu
schreiben, damit dieser von Neapel herberkomme, um sie zu zchtigen, und das
rgernis wenigstens zu mildern, wenn er es nicht ganz aufheben kann. Man ist nun
gespannt, ob es zur Scheidung kommen oder ob man sie in ein Kloster verstoen
wird. Vielleicht, da der Gemahl sie auch so tief verachtet, da er sich um
ihren Lebenslauf nicht mehr kmmert. -
    So, unter mancherlei Gesprchen verging den Reisenden die Zeit. Celio
Malespina wute vielerlei von Gelehrten sowohl, wie von Staatsmnnern. Was er
auf seinen Reisen gesehn und erlebt, hatte sich seinem Gedchtnis gut
eingeprgt, und er wute auch kleine, unbedeutende Begebenheiten gut
vorzutragen, weil er ihnen eine frische, lebendige Frbung gab, so da die
Figuren und Sachen den Hrenden vor Augen standen.
    Don Giuseppe war sehr abwechselnd in seinen Launen: bald heiter, bald wieder
sehr ernst, ja finster. Wenn ihn Malespina befragte, antwortete er nur: einige
Verlegenheit in seinem Kaufmannsgeschft, das er dort in Mailand ordnen msse,
mache ihn nachdenklich, wenn er sich den Verdru denke, der ihn dort erwartete.
    Sie hielten sich unterwegs nirgend auf, weder in Bologna noch Siena. Oft, in
der Zeit, wenn die Pferde der Ruhe bedurften, ging Don Giuseppe durch die Stadt,
oder ber Feld, seinen Reisegefhrten nicht beachtend: ein andermal war er
wieder sehr freundlich und lie sich kostbaren Wein und herrliche Frchte
nachtragen, die er selbst eingekauft hatte, und in Frhlichkeit mit seinem
redseligen Reisegefhrten teilte.
    Als sie in die Nhe von Florenz gekommen waren, verweilte Giuseppe in einem
Borgo, der nur noch wenige Miglien von der groen Stadt enfernt lag. Er sagte zu
Celio: Hier, mein teurer Gesellschafter, mu ich mich von Euch trennen: liegt
der Ort Eurer Bestimmung doch ganz nahe vor Euch, wo wir ja doch voneinander
scheiden mten. Ich werde hier noch im Gebirge einen alten Ohm besuchen, den
ich, wenn ich ihn jetzt versumte, vielleicht niemals wiedersehen wrde. -
Jetzt erhob sich, indem sie freundlich Abschied nehmen wollten, ein Streit der
Hflichkeit, denn der Mailnder wollte dem Florentiner die ausgelegten
Reisekosten so reichlich vergten, da er sie dadurch wohl ganz allein bezahlte.
Malespina weigerte sich, der Lombarde aber war so dringend, empfindlich, ja halb
befehlerisch, da Celio endlich nachgeben mute. -Ich bin reich, sagte der
Lombarde, wenn mein Geschft dort nicht ganz verunglckt, gewi viel reicher
als Ihr. Ich habe es wohl gemerkt, da Ihr einigemal meinetwegen auf der Reise
zgertet, da Ihr hie und da, meiner Person zu gefallen, mehr aufgehen lieet,
als wenn Ihr allein gewesen wret, und so drft Ihr meinetwegen keinen Schaden
leiden, denn Ihr seid noch ein junger Hofmann, und Euer Glck noch keineswegs
entschieden.
    Alter Herr, sagte Celio empfindlich, ich habe Euch mehr als einmal daran
erinnert, da Ihr von Hfen nichts wit. Es ist auch ganz natrlich; denn wenn
der reiche Kaufmann auch einmal mit den Herrschaften in Berhrung kommt, so kann
er immer nur ihre ganz oberflchliche Auenseite gewahr werden, die doch immer
nur eine Maske sein mu.
    Ihr habt nicht unrecht, erwiderte jener, und doch mchte ich, als der
ltere Mann, Euch, dem jngern, noch zum Abschied einen Rat geben, der weit mehr
wert ist, als jene unbedeutende Summe, ber welche wir so unntig gestritten
haben.
    Und der wre? -
    Sprecht, da Ihr ein Hofmann sein wollt, weniger, erzhlt das was Ihr glaubt
gesehn und erlebt zu haben, nicht andern, am wenigsten Fremden.
    Alter Herr, rief Celio verdrielich, ich sollte Euch fr Euern
gutmeinenden Rat danken, und doch wei ich es nicht anzufangen. Ich bin der
Sekretr der Chiffer bei meinem gndigsten Herrn, und ich verdiente gehngt zu
werden, wenn ich auch nur das allerkleinste Geheimnis, ja nur eine Nachricht,
die mir beim Dechiffrieren frher als jedem andern zukommt, verraten, oder
ausplaudern wollte; auch die gleichgltigste. Was ich Euch gesagt habe, und dort
in Rom gesprochen, erzhlen sich die Kinder auf den Gassen.
    Wenn gleich, erwiderte der ltere: man gbe oft viel darum, auch ein
gleichgltiges Wort wieder zurcknehmen zu knnen. Nur allzuleicht kommt man
durch diese Redseligkeit in eine gewisse Abhngigkeit von Menschen, mit denen
man lieber nichts zu tun haben mchte; mindestens erzeugt es mit Unbekannten
oder Fremden eine gewisse Art von Vertraulichkeit, die uns auch drckend werden
kann. Wen man als Redseligen kennt, dem kann der kluge Verleumder auch leicht
etwas anheften, und von ihm das glaubwrdig machen, was er niemals gesprochen
hat.
    So trennten sie sich, beide verstimmt.

                                Drittes Kapitel


Es war im Beginne des Julius, welcher in diesem Jahre mit ungewhnlicher Hitze
eintrat. In Italien ist es schon oft bemerkt worden, da in diesen heien
Monaten die meisten Untaten und Verbrechen geschehn. Im Norden will man
wahrgenommen haben, da auch bei anhaltender bermiger Klte das Gemt des
Menschen sich verhrtet, und der Grausamkeit zugnglicher ist, als bei milderem
Wetter. - In dem schnen Florenz sah man in allen Husern und Palsten die
Vorkehrung, sich eine anmutige Frische und Khlung zu verschaffen, viele der
reichen Familien bezogen ihre hher liegenden Schlsser im Gebirge, und auch der
Hof hatte schon beschlossen, einige der angenehmen Palste auf dem Lande zu
besuchen.
    In seinem Palast war der Groherzog Francesco mit Arbeiten beschftigt. Noch
nicht weit in Jahren, fing er doch schon an, stark zu werden. Der Ausdruck
seines Gesichtes war milde und freundlich, sein Auge verstndig und leuchtend,
er affektierte aber gern einen starren, abschreckenden Ernst, wie er in Spanien,
wo er lange gelebt hatte, vom Knige und den Ersten des Reiches gesehn hatte,
die er sich gern zum Muster nahm, wodurch er seinen italienischen Dienern und
Untertanen oft unbequem wurde. Sein Sekretr Malespina stand vor ihm, mit dem er
zufrieden schien, indem er wohlgefllig dessen Berichte aus Rom anhrte. Es war
ihm nicht unwillkommen, alle die Kleinigkeiten zu erfahren, die ihm sein
Geheimschreiber von seinem Bruder, dem Kardinal, mitteilen konnte. Mit
Schadenfreude hrte er einige Anekdoten aus dessem Privatleben an, und von den
kleinen Blen, die sich doch auch im Eifer oder Nachlssigkeit der Mann gibt,
der sich am meisten bewacht.
    Ein Kammerherr trat ein und meldete den Herzog Orsini von Bracciano.
Francesco erschrak sichtlich und sprach halblaut mit dem Ausdruck des tiefsten
Verdrusses im Gesicht: Bracciano? Wo kommt der ungestme Mann her? Was will er
in Florenz? Das ist ja so pltzlich und unvermutet, wie ein Donnerschlag aus
heiterm Himmel.
    Er winkte dem Edelmann, dieser ging hinaus, die Flgeltren wurden geffnet,
und in seinem glnzenden Kleide trat der groe starke Frst mit kniglichem
Anstande herein. Mit einem von Freude strahlenden Gesicht ging ihm Francesco bis
zur Tr entgegen und umarmte ihn herzlich. Der Sekretr aber ri gro die Augen
auf und glaubte, der Palast msse mit ihm versinken, denn dieser eintretende
Herzog Bracciano war niemand anders, als jener Don Giuseppe, sein Reisegefhrte
von Rom her. Indem der Groherzog den Frsten Bracciano zum Lehnsessel fhrte
entfernte sich Malespina bla und bestrzt, ohne da Paul Giordano die mindeste
Kenntnis von ihm nahm, als wenn er ihn schon gesehen htte. Der Sekretr
begriff, da es klger sei, von jenem Abend zu Rom und der Reise hierher mit
diesem vornehmen Begleiter zu keinem Menschen ein Wort verlauten zu lassen.
    Nach kurzer Zeit trat auch der jngste Bruder des Herzogs, Don Pietro, der
wilde, herein. Bla und abgezehrt, wie er war, so ein irres Feuer auch aus
seinem unstt rollenden Auge blitzte, so erkannte man doch die edle Grundgestalt
der Medicer in seinem Angesicht. Er war heftig aufgeregt, und sprach von der
Schande seines Hauses, er schalt auf die Familie, da weder Vater noch Bruder
sich herbeibemhen wollten, ein Weib, das so ffentliches rgernis gebe, zu
bestrafen. Und was soll nun geschehn? rief er mit zorniger Gebrde. Denn ich
dulde diesen Schandfleck unseres Hauses nicht lnger.
    Bracciano sprach von Scheidung, und die Verirrte in ein einsames Kloster zu
verbannen. Um noch mehr Aufsehn zu erregen? fragte der Prinz, indem er mit dem
Fu heftig auf den Boden stampfte. Eins ist krzer und sicherer, ohne Gerichte
und Priester zu bemhen.
    Was sinnst du? fragte der Herzog.
    Hast du so lange in Spanien gelebt, antwortete jener, und kannst noch
zweifeln? Nur bei der Wahrscheinlichkeit, nicht einmal beim Beweise, da der
Mann vom Weibe beschimpft sei, zeigte sich dort der stets fertige Dolch.
    Mein Prinz, sagte Bracciano, berlegt khl und ruhig bevor Ihr zum
uersten schreitet. Diese Eleonora ist schn und klug, Ihr habt sie vormals
geliebt, erspart Euch, ihr und der Welt das Traurige. Gebt der Verleumdung und
der Tadelsucht nicht von neuem Gelegenheit, Euer erlauchtes Haus zu
verunglimpfen, in welchem das Schicksal schon so oft mit blutigem Finger die
glnzenden Bltter seiner Geschichte bezeichnet hat.
    Als der Groherzog in demselben Sinne sprach und Migung anriet, rief Don
Pietro im hchsten Unwillen: Was kann der ltere Bracciano von dem wissen und
fhlen, was in meinem jugendlichen Herzen tobt? Sei er doch mig, gelinde und
phlegmatisch: unsre witzige, bermtige Schwester wird sich so mehr ihres
huslichen Glckes, oder ihrer Ungebundenheit erfreuen knnen. Ihr, Herr Herzog,
seid jahrelang abwesend, Ihr seid im Grunde von Eurer Frau geschieden, Ihr denkt
und handelt wie ein Italiener, Ihr seid auf jenem Ehrenpunkte nicht so
empfindlich: auch gibt Euch die Schwester keine Veranlassung zur Wut und Rache.
Und mein frstlicher Bruder! Er wei sich doch auch immer auf eine kurze Art
Ruhe zu schaffen, wenn ihm jemand im Wege steht. So wenig Ihr, mein gebietender
Herr und Bruder, Euch auch um Eure Gemahlin kmmert, so wrdet Ihr doch gewi,
wenn ihre Schande so offenbar wre, dieselbe Bahn betreten, die ich im Sinne
habe. Und das ist auch das grte Vorrecht unsers Standes, da wir nicht, wie
die kmmerlichen Menschen dunkler Geschlechter nach Form und Recht zu fragen
brauchen. Lassen wir uns mit diesen ein, so wird der geborne Frst immer in
Nachteil geraten; denn die kleine brgerliche Schadenfreude und der Neid zwacken
an seinem klaren Recht dann so hin und her, da er auch das Notwendigste endlich
nur mit Verdru und Demtigung erlangt.
    Der Groherzog schien durch sein Stillschweigen diese Aussprche zu
billigen. Das Gesprch nahm eine andere Wendung und Don Pietro entfernte sich.
Der Groherzog sah ihm sinnend nach und schien innerlich zu erwgen, wieviel
Gewaltttiges sich schon im Hause der Medicer ereignet habe, wieviel er selbst
veranlat und wieviel Tragisches noch im Scho der Zukunft schlummern mge.
    Bracciano beurlaubte sich, indem er sagte: da es seine Absicht sei, einmal
auf seinen Jagdschlssern hier sich zu ergtzen, sich mit der liebenswrdigen
Gattin, die er zu sehr vernachlssiget habe, vllig auszushnen, sich der
Erziehung seines Sohnes zu widmen, und durchaus den Hausvater zu spielen: einen
Zustand und Charakter, den er in seinem bewegten Leben fast noch gar nicht habe
kennen lernen. Der Groherzog lchelte freundlich aber zweideutig, als wenn er
alle diese Reden in einem andern Sinne verstnde. Bracciano entfernte sich, um
in seinem Palaste die ntigen Befehle zu geben, weil er auf seinem Schlo im
Gebirge eine groe Jagdlust veranstalten wollte.
    Don Pietro reisete auch mit seiner Gemahlin und wenigem Gefolge ab. Donna
Isabella empfing ihren Gemahl Bracciano mit einiger Verlegenheit, da sie ihn
seit Jahren nicht gesehn hatte. Sie verwunderte sich noch mehr ber seine
freundliche Vertraulichkeit, die sie auch in frheren, besseren Zeiten an ihm
vermit hatte. Ja, sagte er, ich will einmal diesen Sommer ganz mir und
meinem Genius leben; mein schnes Jagdrevier in Cerreto habe ich seit zu lange
vernachlssigt, auch du siehst dich gern zu Pferde im frischen khlen Walde und
scheust dich, wahre Heldin, nicht vor dem wilden Eber. Diese schnen Tage sollen
uns ungestrt von lstiger Gesellschaft dahinflieen: nur wenige Freunde werden
uns besuchen und nur Jagdgenossen. Ich begreife selbst nicht, warum ich meine
Schlsser hier nicht schon mehr ausgebaut, und bequemer eingerichtet habe: geht
mir doch mein Schwager, der Groherzog, mit so trefflichem Beispiel voran. Er
kann auch freilich bequemer die groen Summen in seinem Pratolino aufwenden, als
ich es vermchte.
    Die Herzogin Isabella befand sich wie in einer neuen Welt Auf diese Rckkehr
ihres Gemahls hatte sie niemals rechnen knnen: ihre ganze Lebensweise mute
durch dieses unerwartete Ereignis eine andere Einrichtung gewinnen. Sie glaubte
den Gemahl und seine Eigenheiten zu kennen, und doch erschien er ihr jetzt in
einem ganz neuen Lichte, als wenn sie gewissermaen jetzt zuerst seine
Bekanntschaft machte. Sie ward ngstlich, und wollte sich doch ihre Angst, als
eine grundlose, ableugnen.
    So begab sie sich in den Palast, um von dem Groherzog ihrem Bruder Abschied
zu nehmen. Sie fand ihn allein in seinem Arbeitszimmer. Er war still und
nachdenkend. Die schne Frau die fast grer war, als der Bruder, umarmte diesen
mit Herzlichkeit und empfahl sich seinem Wohlwollen und Schutze. Er antwortete
nur wenig, und sie zgerte noch zu gehen, und wute selbst nicht, weshalb sie
zauderte. Du siehst krank, mein geliebter Bruder, sagte sie endlich, bla und
ermdet. -Ich wollte von dir das nmliche bemerken, antwortete er, du
scheinst aufgeregt und eine fieberhafte Rte brennt auf deinen Wangen.
    Werden wir uns frhlich und gesund wiedersehn? fragte sie fast weinend im
Ton. Sie erschrak vor dem stechenden Blick den sie aus seinem Auge empfing, doch
verschwand dieser scharfe Glanz pltzlich und wich einer sanften Zrtlichkeit in
seinem Auge, indem er ihr die Hand drckte und sie zur Tr geleitete.
    Sowie sie ber die Schwelle schreiten wollte, umarmte sie der Bruder noch
einmal mit ungewhnlicher Heftigkeit, er drckte sie lange an sich, indem er
zitterte und entlie sie dann mit dem Ausdruck tiefster Wehmut. Auerhalb dem
Vorhang der Tr, dnkte es ihr, als hre sie den starken, kalten und
verschlossenen Bruder weinen, und sie wollte schon wieder umkehren, aber die
Kammerherren und Hofdamen, die sie feierlich umringten, um sie nach den
entfernten Gemchern der Groherzogin zu fhren, verhinderten sie daran.
    Sie traf die krnkelnde Frstin bla und erschpft auf ihrem Ruhebette
liegen. Ich habe schon erfahren, sagte diese, wie glcklich du bist, da du
dich mit deinem Gemahl wieder vershnt hast, du Beneidenswerte. Nur mich
verfolgt das Elend in allen Gestalten, und es ist sehr wahrscheinlich, da ich
euch bald verlasse: bin ich doch auch mir und allen Menschen nur zur Last.
    In der Bewegung, in welcher die Herzogin sich befand, kte sie feurig die
Hnde der kranken Frstin. Du bist gut, geliebte Schwester, sagte diese; so
wild und leichtsinnig du auch manchmal sein kannst, du liebst mich, ich habe es
immer gefhlt, wenn du auch mit jener da, die ich nicht nennen mag, auf einem zu
vertrauten Fue lebst - wohl deinem Bruder zu gefallen mehr, als weil du sie
wahrhaft achten knntest. - Verscherze nun nicht wieder die Liebe und Achtung
deines Gemahls; er hat groe Eigenschaften, er ist gromtig bis zur
Verschwendung, tapfer, ein Edelmann und Frst in jeder Ader, dabei nicht
jhzornig und rachschtig, wie es so viele der Unsrigen hier sind.
    Von der Frstin begab sich Isabella zu Bianca. Sie traf sie in ihrem
Ankleidezimmer, beschftigt, Putz, Kleider und Schmuck zum heutigen Feste
auszuwhlen. O Trin! rief ihr Bianca entgegen, da du jetzt schon reisest,
und nicht das heutige Fest noch abwarten willst. Sieh mich einmal an, ich habe
heut zum erstenmal die neue Schminke versucht, die mir der Doktor empfohlen hat:
sie ist etwas zu rot, hebt aber dadurch freilich das Feuer der Augen noch mehr
hervor. Mein kleiner Francesco ist entzckt von dieser Erfindung. Nicht wahr, er
fngt an, recht dick zu werden? Aber es kleidet ihn nicht bel; doch ein anderer
Mann, wie der Kardinal Ferdinand, der kalte, abgemessene Mensch, der lauersame.
Denke! - unser, oder dein Troilos ist verschwunden; er soll wo drauen auf dem
Lande krank liegen aber kein Mensch kann sagen, wo. Ich hatte schon so sicher
auf ihn gerechnet, da er mit seinen Spen unser heutiges Fest beleben sollte.
- Hte du dich nur etwas vor deinem Bracciano: er war hier bei mir und er
gefllt mir gar nicht. Er hat sich in den Jahren, da ich ihn nicht gesehen
habe, recht verndert. So herrisch, gebietend, sich so breit machend: und in
seinem hoffrtigen Auge so eine Art Verachtung, selbst gegen mich, als wenn er
Kaiser wre und ihm die Welt gehrte. Diese tckischen, bsartigen Mnner, die
sich selber alles erlauben, und uns armen Weibern dann die kleinsten Schwchen
vorrcken wollen! Hast du gehrt, wie Pietro, der ungezogene Mensch, gegen seine
Frau gewtet hat? Es ist wahr, sie ist etwas zu weit gegangen, die Tolldreiste,
und wir alle haben ja auch deswegen jeden Umgang mit ihr abbrechen mssen; aber
wer ist er denn, der ausschweifendste aller Menschen? darf er die Tugend
predigen wollen?
    So ergo sich das herzlose Geschwtz noch eine Weile, dann nahm sie mit
gleichgltiger Freundlichkeit von Isabellen Abschied und sagte beim Scheiden:
Ich wei es, liebe Herzogin, du bist immer meine wahre Freundin gewesen; du
hast mir auch immer das Wort geredet, wo es die Gelegenheit gab, oder es
notwendig war; das werde ich dir niemals vergessen, und es findet sich gewi
eine Zeit und Veranlassung, wo ich dir vergelten und dir auch hlfreich sein
kann. - Sie hpfte fort, weil eine Schneiderin sie im nchsten Zimmer
erwartete.
    Isabella konnte die verschiedenen Betrachtungen nicht loswerden, die sich
ihr wider Willen aufdrngten. Wodurch bte diese Capello, die ihr heute fast
hlich erschienen war, diese unbeschreibliche Gewalt, diese alles vermgende,
ber den Bruder aus? Der Groherzog war klug, nicht so fest, wie Cosimo, sein
Vater, aber in seinen Angelegenheiten ein starker, unbeugsamer Mann; er war
unterrichtet, fein, stolz, er hielt auf seine Wrde, und suchte seinen Hof
prchtig und bewundert zu machen. Es berschlich sie der peinigende Argwohn, da
sie doch auch in mancher Hinsicht dieser Bianca hnlich sein mchte und da der
stolze, durchaus mnnliche Bracciano sie dann nicht ganz ohne Grund habe
verachten drfen.
    Sie reiseten ab. Der Herzog nahm nur seine Jger und vertrauten Diener mit;
sie einige Kammerfrauen und die alte Amme des Hauses, denn man wollte drauen im
Waldschlosse recht einsam und behaglich leben. Es war die Laune des Herzogs, da
er zuzeiten alle Etikette und die Zeichen seines Standes von sich entfernte, und
dann wieder pltzlich die glnzendste Pracht entfaltete. So wenig konnte er den
Zwang der Regel dulden, da alles dies oft ohne alle Vorbereitung geschah, was
die Umgebung wie die Dienerschaft zuweilen in die grte Verlegenheit versetzte.
    Wie mit Feierlichkeit empfingen sie in der Wildnis das einsame Schlo und
die Diener und Beamten, die dort zur Aufsicht angestellt waren. Als sich
Isabella in ihren Zimmern befand, und aus ihren Fenstern die Aussicht auf den
Wald und die grnen Hgel betrachtete, sagte sie zu sich: Was ist es nur, da
mir hier aus Bumen, Wnden und Felsen diese Schauer rieselnd entgegenquellen?
Ich war schon sonst hier, aber damals erfreute mich diese Einsamkeit, die jetzt
qulend auf mich drckt.
    Sie ritten in den Wald hinein, und der Herzog schien in dieser frischen
Natur, die er schon als Knabe geliebt hatte, wie verjngt. Er scherzte ber den
sichtbaren Mimut seiner Gemahlin: ihn ergtzte der khle Schatten, ihn
erquickte das Blasen der Waldhrner, die er von seinem Jgermeister in gewissen
Entfernungen hatte aufstellen lassen. So phantasiert es sich lieblich, sagte
er: alle wunderlichen Gestalten des Ariost und Bojardo begegnen uns hier; man
sieht eine poetische Vorzeit durch die Dmmerung wandeln und geistig schwanken.
Nicht wahr, hier mte es einem Dichter recht wohnlich sein?
    Sie stiegen ab an einer anmutigen Stelle, wo ein kleiner Brunnen, den der
Herzog im Walde erschaffen hatte, durch sein rieselndes Geschwtz zur Ruhe
einlud. Man geno hier nur Wein und Bracciano fuhr phantasierend fort: Hier
gemahnst du mich in deinem Jagdkleide, dem grnen Hut und deiner Schnheit, wie
die Knigin Ginevra, die etwa hier an diesem Zauberbrunnen nach ihrem Lancelot
ausschaut. Es fehlen nur die Frhlingsvgel, um mit ihrem sehnsuchtsvollen
Gesang das Poetische dieser schnen Stelle zu vollenden. - Nur du hast deinen
dichterischen Mutwillen eingebt und ich mu hier allein phantasieren.
    Du hast in Rom, erwiderte sie, oder wo es sein mag, deine
Dichterschwingen entfalten lernen, denn frher habe ich dich in solchen Reden
und Gleichnissen niemals vernommen.
    Bracciano wurde pltzlich sehr ernst und tiefsinnig; denn ein holdseliges,
groes, glnzendes Bild stieg in seiner Imagination auf. Gegen diese Erscheinung
war diese, die zu ihm sprach, nur eine geringe, unbedeutende - und jene, wie
fern ihm! Von den Verhltnissen der Welt ihm entrissen. Er und die Herrliche
angekettet an drren Zwang, der in sich selbst weder Kraft, Notwendigkeit, noch
fesselnde Gewalt zu haben schien. Das ist von jeher den starken Gemtern das
traurigste, klglichste Gefhl gewesen, sich diesen Zuflligkeiten fgen und
sich demtig dem Einspruche resignieren zu mssen, den ihr Herz verachtet.
    Pltzlich fuhr er auf, und sie ritten nach der Wohnung zurck. Als es
finster geworden war, erhob sich ein Sturm und Gewitter. Der Wind brausete
furchtbar durch die Waldung, die alten Stmme schttelten sich und die
brechenden Zweige krachten zum Erschrecken. Dann kam ein starker, sausender
Regen, und ihm folgten Blitze und brllende Donnerschlge. Man setzte sich zum
Abendessen, die Herzogin zagend, der Mann frohen Mutes, denn ihn ergtzte stets
bis zu lauter Freude dieser Aufruhr in der Natur.
    Ein alter Kammerdiener, der aus Florenz kam, lie sich noch am spten Abend
melden. Wer sendet dich? Was willst du? rief ihm Bracciano entgegen.
    Vergebt, mein gndiger Herr, antwortete der Alte, da ich so na und
triefend vor Euch erscheine: es ist aber die Nachricht nach der Stadt gekommen,
da auf dem alten Schlo der Medicer, dort in Cafaggiolo, die Dame Eleonora
pltzlich verschieden ist.
    Wie? rief Isabella, und ward totenbleich.
    Woran ist sie, so jung noch, gestorben? fragte Bracciano ganz ruhig.
    Am Herzklopfen, sagte der alte Diener; der Prinz Pietro ist selbst in
grter Eile mit dieser Trauerbotschaft nach der Stadt geritten. Er selber ist
aber gar nicht traurig, sondern wst und wild wie immer. Deshalb wird auch schon
allenthalben laut geschwatzt und vielerlei erzhlt: und er selbst soll gar nicht
einmal widersprechen, sondern gleichsam durch sein Stillschweigen alles zugeben:
da er sie nmlich im einsamen Zimmer mit eignen Hnden erwrgt, oder erdrosselt
habe, um sie wegen ihres schlechten Lebenswandels zu bestrafen. Es ist aber
immer hart und grausam, eine solche Rache zu nehmen.
    Gewi߫, sagte Bracciano, ebenso unverzeihlich, als unnatrlich. Sie hat
zwar aller Sitte Hohn gesprochen und den erhabnen Namen der Medicer, sowie das
Haus Toledo geschndet; aber der Prinz hat dennoch wie ein Ruchloser gehandelt.
Freilich war es unverzeihlich, da sie als Mann verkleidet in dunkler Nacht
durch die Stadt lief, mit Jnglingen im vertrauten Verkehr war, sich zu Sklaven
und Sklavinnen mit leichtsinniger Vertraulichkeit herab erniedrigte, maskiert in
fremde Huser ging, um unzchtige Szenen zu belauschen und ihre Freude an ihnen
zu haben; - alles dies war unverzeihlich: - aber ermorden! mit eignen Hnden! -
Dadurch hat der Prinz sich selbst auf Lebenszeit gebrandmarkt. Das ist die
verruchte spanische Sitte jener blinden Eifersucht und verabscheuungswrdigen
Rache, die in unserm Italien niemals einheimisch werden sollte.
    Er verabschiedete den Alten, und befahl ihm, sich umzukleiden, ein
Abendessen zu genieen und sich zeitig niederzulegen, damit er nicht erkranke.
Es geschah so. - Isabella sa wie vernichtet an dem Speisetische. Das Zimmer
ward ihr zu enge, und doch zwang sie sich, zu genieen, was der Gemahl ihr mit
scheinbarer Freundlichkeit vorlegte.
    Denkwrdige Begebenheiten! sagte er nach einer Weile: so watet die
Leidenschaft und das heie Blut immerdar in unsern groen Husern. Wie einfach
war die Lebensweise des alten Cosmus, jenes ehrwrdigen Vaters des Vaterlandes,
wie rein und edel steht jener groe Lorenzo Magnifico da! Aber nun mit dem
Herzog Alexander brechen Untaten und Unglck herein. Diese Shne des edeln
zweiten Cosimo, die so rtselhaft in frher Jugend sterben: die Blutszenen, die
schon jetzt, seit der kurzen Regierung deines Bruders vorgefallen sind. Von
andern Familien jener Papst Alexander, und sein scheulicher Sohn Cesar Borgia,
noch manche Ppste, die Familie der Visconti und Sforza in Mailand, der
Ferrarese, der den eignen Sohn hinrichten lt - und alles wird erregt durch
Liebe, Wollust, Eifersucht, Rachgier, Eigennutz und Herrschbegier! -
    Er ging im Saale auf und ab und sagte dann: Keine grere Wonne, als nach
so furchtbarem Gewitter im Finstern durch den erfrischten Wald zu schreiten: das
war von Jugend auf meine Lust.
    Er nahm den Degen und die Jagdflinte und entfernte sich. Isabella sa in
stummer Verzweiflung und rang die Hnde. Dahin war also nun der schwrmende
Leichtsinn des Lebens ausgeschlagen! Sie irrte durch die Zimmer: in den
Vorstuben, vor den Tren, allenthalben ihr fast unbekannte Diener, mit strengen
Angesichtern. Da kam die alte Amme und winkte ihr geheimnisvoll, so da sie,
entfernt von allen, sie in der Schlafkammer ganz allein sprechen knne. Als sie
sich sicher wuten flsterte die Amme: Hier! nehmt das Blttchen! Der Alte
sagte mir, wie er ankam, er htte deswegen nur die traurige Botschaft
bernommen, um Euch das Blttchen, wenn auch mit Lebensgefahr, abzuliefern. Er
ist zwar reichlich belohnt - aber das Leben geht doch ber alles.
    Isabella nahm zitternd das Papier. Sie kannte die Hand wohl; es enthielt
nur: Um Gottes willen! flieht! gleich! im Augenblick, da Ihr dies empfangt!
    Wohin? Wie? rief Isabella in Verzweiflung; die Fenster zu hoch, der Wald
unwegsam und mir unbekannt; kein Pferd, kein vertrauter Mann - wenn jener Alte
vielleicht aus der Stadt -
    Alles umsonst, heulte die Amme, ich bin schon an seiner Tr gewesen, sie
haben ihn eingeschlossen. - Wohin man sieht, stehn die ernsten, verdrielichen
Wchter mit finstern Gesichtern; wir sind wie in einer Festung verriegelt.
    An alle Fenster ging die gengstigte Isabella, um einen mglichen Ausweg zu
entdecken; aber alles war umsonst. Jetzt kehrte der Herzog zurck und die Amme
verlie ihre Gebieterin. Er stellte Flinte und Degen wieder in die Ecke, zog die
Handschuhe aus und sagte: Es ist doch beinahe kalt geworden, man sollte sich
mehr vor solchem schnellen Wechsel der Witterung in acht nehmen. Solltest du es
glauben, der ehrliche Alte, der so unbesonnen und hastig herausritt, um uns jene
Trauerkunde zu bringen, er hat sich so erhitzt, und nachher durch das Gewitter
so erkltet, da er jetzt schon in dem Zimmer unten tot liegt.
    Isabella stie einen laut gellenden krampfhaften Schrei aus, indem ihr
ganzer Krper zitterte. Von ohngefhr ging ihre vertrauteste Kammerfrau, die
schne junge Stella, an der Tr vorbei: diese kam, da sie diesen ungewhnlichen
furchtbaren Aufschrei vernahm, schnell herein. Sie sah, wie Bracciano um die
leidende Gemahlin bemht war; er hielt sie in den Armen und sagte: Ist es die
Reise, ist es die Furcht, welche ihr das Gewitter erregte? sie ist wie von einem
Schlagflusse getroffen worden.
    Stella rieb ihr die Schlfe: die halb ohnmchtige Herzogin warf einen fast
sterbenden Blick auf die befreundete Gestalt, drckte ihr die Hand und lispelte:
Bei mir bleiben!
    Sie wird immer schwcher, sagte Bracciano; Ihr seht meine Angst, Stella.
O schnell, schnell lat Euch unten von meinem Oberjgermeister das Elixier, das
heilsame, geben, das ich ihm anvertraute, im Fall mir im Walde auf der Jagd
etwas zustiee: schnell!
    Es dnkte der Kammerfrau, als wenn die schwache Ohnmchtige sie festhalten
und ihr etwas sagen wollte; aber sie vermochte es nicht und Bracciano rief
wieder: Ihr seht, wie meine Gemahlin leidet. - Eilt!
    Stella flog fort. - Seht, sagte der Herzog leise, da fllt das Billet des
Troilo aus Eurem Busen; warum habt Ihr es nicht gleich zerrissen?
    Jetzt kam Stella in fliegender Eile und herzklopfender Angst zurck. Wie sie
aber eintreten wollte, fand sie die Tr von innen verriegelt. Sie klinkte und
klopfte. Da war es ihr, als hrte sie ein Weinen, dann einen lauten Wortwechsel,
ein Schluchzen - pltzlich war alles still. - Bracciano ffnete die Tr und
sagte: Wer hat sie verriegelt? Seht die Arme.
    Isabella war vom Sessel heruntergesunken. Stella kniete neben ihr nieder und
legte das schne Haupt in ihren Scho: sie rieb Schlfe und Stirn mit der
krftigen Essenz: sie sah, wie die Sterbende am Halse und im Gesicht blaue
Flecken hatte, wie die Augen aufgeschwollen herausstanden: ein brechender Blick
schaute sie noch einmal mit ungewissem Lichte, dmmernd und aufflackernd an,
dann lag Isabella tot in ihren Armen.
    Seht! rief Bracciano klagend, sie ist dahingeschieden, die Unglckselige,
noch im Tode schn und reizend. Ja weint nur, arme Stella, Ihr habt eine liebe
Herrin, eine gromtige, freundliche verloren. Und ich Verlaner! so schnell sie
einzuben, da ich sie eben erst wiedergewonnen hatte. Hierher kam ich, um in
frhlicher Huslichkeit, in stillem Frieden den Sommer an der Seite des
geliebtesten Wesens zu genieen - und nun kehre ich als trauernder Witwer zur
Stadt zurck.
    Stella war auer sich, die andern Dienerinnen erschraken, als sie diese
schreckliche Neuigkeit erfuhren. Die Reise, das feuchte Schlo, das
schreckliche Gewitter haben es ihr angetan; dies Grauen hat ihrem zarten Krper
den Schlag zugezogen, und der Herzog ist untrstlich. So sprachen sie
untereinander.
    Man kehrte zur Stadt zurck. Bracciano voran und die Leiche folgte ihm nach.
Soeben war die Totenfeier fr Eleonore Toledo beschlossen, und eine zweite wurde
jetzt mit noch viel grerem Pomp fr die junge, dahingeschiedene Schwester des
Groherzogs veranstaltet. Der Bruder der Verstorbenen ging traulich Arm in Arm
mit Bracciano, und beide schienen einander freundlich zu trsten: sie waren, das
sahen alle Zuschauer, inniger vereint als je. Pietro war nicht zugegen.
    Als sie aus der Kirche zurckkehrten, gewahrte Bracciano in der Menge den
Geheimschreiber Malespina, und sagte halblaut im Vorbeigehn: Nicht wahr, nun
gibt es wieder recht viel zu erzhlen? - Diesen schauderte und er verlie das
Gedrnge, um in der Einsamkeit nachzudenken.

                                Viertes Kapitel


In Rom hatten sich, durch ihre Stellung gegen den herrschschtigen Farnese dazu
veranlat, die beiden Kardinle Montalto und Ferdinand der Medicer immer enger
aneinandergeschlossen. Es war fast schon entschieden, da, im Fall ein Konklave
eintreten wrde, die Wahl gewi nicht auf den Farnese fallen solle, und so
vereinten sich, auer dem frommen Borromeo, heimlich oder ffentlich immer mehr
Prlaten der Medicischen Partei, weil der Hochmut des Farnese viele verletzt
hatte und sie einsahen, da alle in ihren Interessen beschdigt wrden, wenn
dieser hochfahrende Mann den ppstlichen Stuhl besteigen sollte.
    Montalto und Ferdinand waren eben beisammen, weil der junge Kardinal dem
alten wichtige Nachrichten mitteilen und um dessen Rat bitten wollte.
    Wie es in Florenz steht, verehrter Freund, begann Fernando, brauche ich
Euch nicht zu schildern, denn Ihr kennt selbst das Elend und die Schande, in
welche sich mein schwacher Bruder verwickelt hat. Diese Bianca, diese
Abenteuerin, beherrscht ihn so unbedingt, da Volk, Adel, alles leidet. Er ist
von Natur edel und grogesinnt, er liebt Kunst und Wissenschaft, er verehrt die
Religion, und dennoch gelingt es der elenden Buhlerin, in so vielen Stunden ihn
sich selber abtrnnig zu machen. Ihre Ausschweifungen haben sie dahin gebracht,
da sie keine Kinder mehr gebren kann, und dennoch hat sie schon im vorigen
Jahre meinem Bruder einen Sohn untergeschoben, das Kind armseliger, unbekannter
Eltern. Francesco ist glcklich und glaubt der Betrgerin alles. Von
verschiedenen Ammen waren schon seit Monaten einige schwangere Weiber bewacht
und bestochen: sie, in verstellter Krankheit, wute abwechselnd des Bruders
Mitleid, Freude und Hoffnung zu erregen. Eine dieser Frauen kam mit einem Knaben
nieder, und dieser wurde sogleich knstlich in den Palast geschafft, und dann
als der Sprling des Groherzogs vorgewiesen. Die Ammen, sowie diese gemeinen
Mtter, sind nach und nach verschwunden, damit sie nicht irgendeinmal das
Geheimnis ausplaudern knnten. Ihr kennt ja die abscheuliche Art und Weise, die
sich, vorzglich jetzt, in meinem Vaterlande eingefhrt hat: der tote Mund ist
schweigsam, und Meuchelmord ist ein fast ffentliches Gewerbe und eine
rechtliche Hantierung geworden.
    Furchtbar ist es in ganz Italien jetzt! rief Montalto hchst erzrnt: wem
soll der Herr die Geiel in die Hand geben, diesen Greuel zu vertreiben?
    Nun habe ich gestern, fuhr der Medicer fort, einen Eilboten von Bologna
erhalten, und zugleich die Schriften ber ein merkwrdiges Verhr und einen
Mordanfall, der dort im Gebirge, in der Nhe der Stadt sich zugetragen hat. Eine
dieser Ammen, die die verschlagenste sein mag, und bei der Capello scheinbar in
der grten Gunst stand, ist nmlich von Bianca mit ansehnlichen Geschenken und
Belohnungen in ihr Vaterland entlassen worden. Oben im Berge wird der kleine Zug
von scheinbaren Rubern angefallen, man lt die Frau fr tot liegen: alle
entfliehen. Sie aber kommt wieder zu sich, wird nach der Stadt gefhrt und
erklrt vor den Richtern, da sie jene Ruber sehr gut als Florentiner erkannt
habe, Schurken, die im Solde der Bianca stehen, und die sie, die Amme selbst,
oft auf Befehl ihrer Herrin ausgesendet habe. Es kann nichts fruchten, diese
Sache jetzt bekanntzumachen, aber fr die Zukunft werde ich diese Zeugnisse
aufbewahren, und die Frau, wenn sie genesen sollte, selber nach Rom
hierherkommen lassen. Wohin wir blicken, Verrat und schlechte Knste. Und ist es
nicht wunderbar und fast unbegreiflich, da diese Weiber, nur allzuhufig die
schlechtesten, ohne Reiz, Schnheit und Verstand die grten, geistreichsten
Mnner, als wren diese bldsinnig und verrckt, an ihrem Gngelbande leiten,
wohin sie nur wollen. - Und dann wieder - Euch ist das neueste Unglck unserer
Familie bekannt.
    Ja wohl, sagte Montalto; pltzlich ist Eure Schwester, so wie Eure
Schwgerin gestorben.
    Es befllt mich oft ein Grauen, begann Ferdinand wieder, wenn ich an die
seltsam wechselnden und blutigen Szenen meiner Familie denke. Mein jngster
Bruder, ein Mann, immerdar in Zorn, Lust und Mordgier entbrannt, dabei schwach
und krnklich, wie so oft diese Tyrannen, ist wie ein Bild aus alten Tagen, wie
ein feuriges Meteor, das druend und schreckend vorberfhrt, und nachher nicht
mehr gesehen wird. Mit Blut hat er das, was diese ruchlosen Mnner ihre Schande
nennen, rein gewaschen. Sie erlauben sich alles; und die Sitte der gottlosen
Welt ist so, da man dem Manne kaum verargt, was bei dem Weibe ein
Todesverbrechen, auch von den ruchlosesten Sndern, genannt wird. Freilich war
diese Leonore eine Schande der Welt. Indessen, auf wen fllt eigentlich die
Schuld zurck, als auf meine Brder? Der Regent lst ohne Scheu, ganz
ffentlich, alle heiligen Bande der Ehe auf; Pietro versumt die Frau, verachtet
sie, bringt Buhlerinnen alles Gelichters in ihre Nhe, hat frher ihre Sinne
aufgeregt, und verlangt nun, da sie als Nonne leben soll, weil sie seinen Namen
trgt. Und meine arme, unglckselige Isabella! Auch sie war vom ltern Manne
ganz vergessen und verachtet; sie glaubte vielleicht, den Gemahl niemals
wiederzusehn, sie hielt sich fr geschieden, und der starke, hochfahrende
Bracciano erscheint auf einmal wieder, um auch sie wegen der verletzten Ehre zu
bestrafen. Nach unsern Sitten und unsinnigen Begriffen des Ritterstandes und
Adels hatte sie freilich den Tod verdient; denn ihr Verhltnis mit Troilo Orsini
war offenkundig. Durch die Niedrigkeit der Bianca ward ihr Leichtsinn erregt und
gestrkt, sogar in dem Mae, da sie selbst des Troilo bezahlte Buhlerinnen
kannte, und mit ihnen scherzte und lachte. Mein Bruder, der gewi nicht an den
natrlichen Tod der Schwester glauben kann, ist doch dem Bracciano befreundeter
als jemals, und ich kann mich, wie alles steht und liegt, auch nicht von ihm
zurckziehn, und mu an diese pltzliche Krankheit des Schlages vor den Augen
der Welt glauben. Ihr Buhle Troilo ist auch schon nach Frankreich entflohen, wo
er auf den Schutz der Knigin rechnet. Der unerbittliche Bracciano hat ihm aber
schon zwei seiner Banditen, reich belohnt, nachgesendet, die ihr Opfer in Paris
gewi nicht verfehlen werden. -

In der Familie Accoromboni herrschte scheinbar Glck und Ruhe. Der furchtbare
Orsini hatte sich nicht wieder gezeigt, so viel hatten ber ihn die ernsten
Drohungen des Gouverneurs Buoncompagno vermocht. Es lie sich hoffen, da
Flaminio, der sehr unterrichtet war, bald eine Anstellung erhalten wrde, da der
Kardinal Montalto sie ihm verheien hatte. Durch die Bemhung des alten Mannes
hatte der lteste Sohn, Octavio wirklich schon den Rang und die Wrde eines
Bischofs erlangt. So sah denn die stolze Mutter viele ihrer Wnsche erfllt, und
sie htte ungestrt die Erhebung, die der Familie in ihrem Alter geworden war,
mit Behaglichkeit genieen knnen, wenn nicht viel Bitteres sich diesem Kelche
der Freude eingemischt htte. Wie vielen Dank auch der neu bestellte Bischof
seinem Oheim Montalto schuldig war, so unerkenntlich zeigte er sich, ja er
machte kein Hehl daraus, wie tief er den wrdigen und wohlwollenden Greis
verachtete. Er schlo sich unverhohlen und mit bertriebenem Eifer der
intrigierenden Partei des Kardinal Farnese an, weil er glaubte, durch diesen
ttigen Feuergeist gar anders, als durch den saumseligen Montalto befrdert zu
werden. Darum erschien er auch nur selten bei seiner Schwester, und er suchte
eine befriedigte Eitelkeit darin, dieser und noch mehr deren Gemahl Peretti mit
unverhohlener Verachtung zu begegnen. Er zankte auch mit der Mutter wegen dieser
Heirat, die er eine Erniedrigung der Familie nannte. Derselbe Ungestm, welcher
die meisten Glieder des Hauses bezeichnete, war bei diesem Manne ganz in Stolz
und Hochmut verwandelt worden, und diese Leidenschaft regierte in seinem Gemte
so heftig, da er kein Mittel scheute, um sie zu befriedigen. Deshalb war es der
Mutter, wie der Schwester lieber, wenn er nicht erschien, als wenn er zankend
und hofmeisternd sie einmal besuchte; es gingen auch Wochen hin, ohne da sie
ihn sahen.
    Es konnte der verstndigen Mutter auch unmglich verborgen bleiben, da
diese Ehe, welche sie gestiftet hatte, diesen Namen nicht verdiene. Vittoria
ertrug den Gatten nur so eben, sie bersah ihn zu sehr; seine Schwche, die auch
dem bldesten Auge auffiel, mute sie verachten.
    Der herbeste Kummer entstand aber ber den ungestmen Marcello, der sich
weder durch Liebe, noch Strenge bndigen lie. Nur einmal war Montalto in den
heftigsten Zorn, ja in Wut geraten, so da Mutter und Tochter sich vor dem alten
Priester entsetzten, als die Nachricht gekommen war, da in Zank und gemeinen
Hndeln Marcello einen vornehmen Jngling wiederum gefhrlich verwundet habe,
und aus Rom entflohen sei, um sich einer der vielen Banden anzuschlieen, die im
Lande, so wie auerhalb, von den Mchtigen unterhalten wurden. Bei der leisesten
Vorbitte der Mutter, auch diesmal zu vermitteln, war er im blinden Zorneseifer
aufgefahren: er verwnschte die gefhllose Niedertrchtigkeit des Jnglings, und
verbat ein fr allemal, in seiner Gegenwart auch nur seinen Namen zu nennen.
Auch fr den jungen Camillo lie er keine Vorbitte gelten, und wiederholte, wie
sehr er es bereue, da er den nichtswrdigen Marcello damals vom Galgen befreit
habe, dort sei derlei Gelichter am besten versorgt, und seine Familie wrde an
ihm nur Gram und Schande erleben.
    Graf Pepoli war aus Bologna wieder nach Rom gekommen. Er eilte, das Haus der
Accoromboni, jetzt Peretti, wieder zu besuchen, weil fr ihn diese Menschen zu
den merkwrdigsten gehrten, die er jemals hatte kennen lernen. Vittoria war
sehr erfreut, ihn wiederzusehn, denn, gedrckt von ihrer Lage, war ihr jeder
gebildete Fremde eine trostreiche Erscheinung. Nach den ersten Begrungen sagte
der Graf: Ich mu Euch, Verehrte, ein Begebnis mitteilen, das mich wahrhaft
erschreckt hat. Vor einigen Monaten ist der arme, bis zur Verwirrung gengstigte
Tasso heimlich aus Ferrara entwichen. Niemand wute dort am Hofe, wohin er sich
gewendet haben knne; endlich erfuhr man, er sei fast wie ein elender Bettler
bei seiner Schwester in Sorrent angekommen. Nun hat ihn seine Unruhe wieder nach
Rom getrieben - soeben ist er angelangt - aber, Himmel! wie verwandelt! Wie sich
so ganz unhnlich! Wie unkenntlich! - Wie wrdevoll und ruhig erschien er uns
damals: eine zarte, edle Wehmut durchzog und luterte sein Wesen, er war sanft
und bescheiden, und doch fhlte er seinen Wert - und jetzt - ich sah ihn bei
seinem Beschtzer Scipio Gonzaga - so ganz ohne Haltung und Wrde, unruhig,
hastig, hin und her fahrend und wie verwirrt, das Antlitz eingefallen und die
Augen erloschen, eilig, stotternd, viel fragend, ohne die Antwort abzuwarten -
ein Bildnis zum Erbarmen und zum Entsetzen. Dieser groe, herrliche Mann, mit
diesem sublimen Talent, der so sicher und fest in sich selber ruhen knnte, der
andern wie sich eine Quelle namenlosen Glckes sein sollte - oh, wie seltsam ist
doch das Gewebe unsers Lebens geflochten, da nur zu oft das Schnste und
Edelste uns blo zu unserer Zerstrung gegeben wurde, und scheinbares Glck, das
uns so freundlich entgegenschreitet, nur ein verhlltes Elend ist.
    Vittoria war tief erschttert, indem sie jenes schnen Tages in Tivoli
gedachte.
    Alle seine Freunde, fuhr der Graf fort, vorzglich Gonzaga, beschwren
ihn: auf keinen Fall wieder nach Ferrara zurckzugehen; der Frst sei erzrnt,
die Prinzessinnen ihm abgewendet, seine Neider und Feinde von mehr Einflu als
je. Aber ein bser Dmon scheint ihn mit kranker Hast und gespenstiger Unruhe
dahin zurckzujagen. Er denkt und spricht nichts anderes. Um sich seinem Herrn
ganz als ergebener Diener und bereuender Untertan zu zeigen, ist er auch bei
Masetto, dem Agenten Alfonsos, abgestiegen, und behlt dort seine Wohnung. Er
ist ein untergegangenes schnes und edles Menschenbild.
    Es war natrlich, da man in Rom in der Gesellschaft von den beiden
pltzlichen Todesfllen der jungen Frauen Eleonore und Isabelle sprach, die sich
so schnell hintereinander ereignet hatten. Nur wenige glaubten an Krankheit und
natrlichen Tod. Donna Julia betrachtete die Tat der beiden Frsten mit Grauen;
niemals, beschlo sie, habe ich diesen schroffen Herzog Bracciano gesehen,
ich denke mir ihn aber entsetzlich. Der Mord schwacher, hlfloser Frauen hat in
der Vorstellung noch etwas viel Grlicheres, als Grausamkeit und tdliche
Verletzung, die sich Mann an Mann erlaubt.
    Oft, bemerkte Vittoria, ist dergleichen auch keine Tat, sondern ein
Schicksal, das sich aus den Umstnden unabweislich wie von selbst entwickelt.
Aus der naiven Erzhlung des Fremden der so gar kein Arg von der Erbrmlichkeit
seiner Novelle hatte, ging doch deutlich hervor, da diese Donna Isabella ein
sehr geringes Wesen sein mute. Wenn ein so klgliches Leben untergeht, so kann
man wohl Erbarmen damit tragen, aber es ist nur wenig daran verloren. Und der
Mann - o ja, man kann, man darf ihn schelten; aber warum Grauen und Entsetzen
vor ihm empfinden? Scheltet doch die hergebrachte Sitte unsers verwirrten
Lebens, diese Ehre, wie es die Mnner nennen, dieses schwarze Nebelgespenst, dem
schon so viele Opfer gefallen sind. Und abgesehen von allem andern, mu man die
Umstnde, Verhltnisse, Zuflle, die obgewaltet haben, alles genau kennen, um
ein eigentliches richtiges Urteil zu fllen. Ich mag den Frsten nicht
verteidigen, oder auch nur entschuldigen, weil er mir unbekannt ist; aber in
einer Behauptung werde ich nicht unrecht haben, da auch die strkste Frau, wenn
sie liebt, vor dem Manne in ihrer Zrtlichkeit eine gewisse Scheu und Furcht
haben msse, durch welche das Geheimnis der Liebe dann noch eine hhere Weihe
erhlt. Diese Furcht und Scheu ist ja nur die gesteigerte Achtung vor der wahren
Mnnlichkeit, die die Frau verehren will: sosehr sich die Gatten auch verstehen
mgen, so gibt es eine Grenze, wo sie sich, wenn auch nicht fremd, doch
geheimnisreich bleiben mssen, und hier an dieser Grenze hlt jene Scheu Wacht,
die sich selbst in ein ahnendes Grauen, in einen sen Schauer verwandeln kann.
Auch der liebende Mann wird das Weib nie ganz verstehn. Eine Zartheit, eine
Aufopferung, ein Hingeben ber die Natur und Mglichkeit hinaus, wird ihm, sooft
er es ahnen kann, auch ein Erschrecken einflen.
    Der Mutter war diese Errterung sehr unangenehm, denn jedes Wort war fast
wie ein Spott auf die Ohnmacht Perettis. Jetzt strzte der Kammerdiener fast
zitternd herein und meldete, da der Herzog von Bracciano seine Aufwartung zu
machen wnsche. Selbst die Mutter, sosehr sie tglich die vornehmsten Besuche
annahm, wurde etwas verlegen. Vittoria schrie auf, als Paul Giordano in seiner
Trauer, mit der edeln, stolzen Gebrde eintrat, und der Mutter versagte vor
Verwunderung das Wort, das sie eben aussprechen wollte.
    Ihr edeln Frauen, sagte Bracciano mit seiner schnen, volltnenden Stimme,
mt mich als einen alten Bekannten aufnehmen, wenn meine Bitte irgend etwas
bei euch gilt. Dem unbekannten Don Giuseppe zeigtet ihr Vertrauen; warum soll
ein anderer Name mich euch entfremden?
    O Exzellenz, rief Donna Julia, nachdem sie sich wieder gesammelt hatte,
warum uns damals und unsern Caporale so listig hintergehn? Ist es nicht
Bosheit, da Ihr Euch nun an unserer Verlegenheit ergtzen wollt?
    Eure Tochter, verehrte Dame, antwortete der Herzog, scheint mir gar nicht
verlegen. brigens legt Ihr mir eine Absicht unter, die meinem Wesen vllig
unnatrlich sein wrde. Ich lebte schon seit Wochen inkognito in Rom und der
Umgegend, wie es denn meine Liebhaberei ist, mich zuweilen von allen Banden der
Gesellschaft zu befreien, um mich selbst und die andern Menschen in ihrem
wirklichen Wesen kennenzulernen. In meinem Hause hier glaubte man, ich sei
wichtiger Geschfte wegen in Neapel. Da lernte ich zufllig den wackern Don
Cesar kennen, und wir sprachen viel von euch; da er mich nur unter der Maske,
mit einem nichtssagenden Namen kannte, nahm der wackere Mann lange Anstand, den
Rtselhaften bei euch einzufhren. Aber ich danke ihm um so mehr, denn die
Erlaubnis, euch zu meinen Freunden zhlen zu drfen, wird zu den glcklichsten
Begebenheiten meines Lebens gehren.
    Man ergo sich in hflichen Erwiderungen, und Pepoli, der dem Herzoge schon
seit Jahren bekannt war, fhrte hauptschlich das Gesprch. Vittoria war stumm
und sa fast wie im Traum; ihr Auge wurzelte auf dem Antlitze des Gastes, und
sie verglich ihr damaliges Gefhl, als sie ihn hatte kennen lernen, mit dem
jetzigen. Die beiden Stimmungen waren sich so hnlich, und doch wieder so
unhnlich; ihr war, als habe sie sich im jetzigen Augenblick vllig verloren,
und doch blitzte sie in diesem Vernichtetsein ein so helles Bewutsein der
wahrsten Existenz an, da dieses Grbeln ihr schon hohes Glck war.
    Als die Besucher sich entfernt hatten, wollte man sich niederlegen, und
zgerte nur noch, weil der junge Peretti ausblieb. Er hatte sich angewhnt, oft
aus den Gesellschaften, die er besuchte, und die nicht die besten waren, spt
nach seinem Hause zu kommen, aber noch nie war er so lange ausgeblieben, als es
heute geschah. Man war schon besorgt, man fragte die Dienerschaft, wo der junge
Mann sein mge, als sich vor dem Hause ein lautes Getmmel erhob. Man ffnete
die Tre, und fremde Menschen trugen den Jngling herein, der schwer verwundet
schien. Er hatte Streit gehabt, man hatte gefochten, und so war er verletzt nach
seiner Wohnung gebracht worden.
    Die Mutter seufzte, denn es schien ihr nun schon ausgemacht, da sie
dasjenige, was sie das wahre Glck des Lebens nannte niemals finden wrde. Sie
ging in ihr Schlafzimmer, fast grollend mit dem Schicksal. Wundrzte wurden
gerufen, und Vittoria blieb die ganze Nacht bei dem Kranken, welcher, seinen
Klagen nach, empfindliche Schmerzen litt.
    Als es Tag geworden, erschien die Mutter wieder. Es hatte sich ein heftiges
Wundfieber eingestellt, welches den Arzt, der jetzt von Montalto war gesendet
worden, sehr besorgt machte. Endlich fand sich der Schlummer ein, und man konnte
fr den Kranken wieder Hoffnung schpfen. Vittoria wich nicht vom Lager des
Leidenden, sie schlief fast gar nicht, sie geno wenig und alles fr den jungen
Mann besorgte sie, die Umschlge der Wunde, die oft auf der Schulter erneuert
werden muten, die Dekokte, die Trnke. Sie gab ihm ein, sie trstete ihn auf
seinem Lager, wenn er vor Schmerzen winselte, um ihm irgend Erleichterung zu
verschaffen. Sie sah niemand, und erschien niemals im Besuchzimmer: Bracciano
meldete sich wieder bei der Mutter aber Vittoria kam nicht zur Gesellschaft.
Selbst Caporale, als er wieder in Rom war, ward seiner jungen Freundin nicht
ansichtig, und die Mutter bewunderte stillschweigend diese strenge Tugend, die
sie der Tochter niemals, ja vielleicht sich selber nicht in diesem hohen Grade
zugetraut hatte.
    So waren mehr als acht Tage verflossen. Der Kardinal, der mehrmals nach dem
Zustand seines Neffen hatte fragen lassen erschien endlich selbst. - Man sah an
seinem Antlitz, wie sehr er sich um den geliebten Neffen gehrmt, wie sehr ihn
die Mglichkeit seines Todes gengstigt hatte.
    Er erkundigte sich genau nach dem Befinden, er fate selbst den Puls des
jungen Mannes, er untersuchte seine Krfte, und fhlte sich endlich getrstet,
da sich die Besserung so bestimmt angekndigt hatte, so da man hoffen durfte,
da nach einigen Wochen auch die letzten Spuren, bei der Jugend des Kranken,
verschwunden sein wrden. Wie bist du aber nur, fragte dann der Alte, in
diesen unglckseligen Streit geraten?
    Mein edler Ohm, antwortete der Neffe, das sind noch die Folgen meiner
frheren Snden; jene wilden Jugendgenossen, mit denen ich ehemals lebte, und in
deren Gesellschaft mir Vittoria, an jenem Tage, als ich ihrer zum ersten Male
ansichtig wurde, begegnete - diese verfolgen mich jetzt mit Vorwrfen, da ich
mich ihnen abgewendet habe, da ich ihre Gesellschaft verschmhe. Derjenige, mit
welchem ich damals am vertrautesten war, der reiche, junge Mensch, Cesar
Valentini, hat mir schon lange mit empfindlichen Schmhungen zugesetzt. Ach,
Verehrtester, man ist jung, man wird endlich auch empfindlich; so schalt ich
zurck, da sie mir zu roh wren, ihr Umgang mir jetzt pbelhaft dnke, da, wer
bessere Gesellschaft kenne, sie wie die Pest fliehen msse, und dergleichen
mehr. Wir zogen, und ich ward berwltigt, weil mehrere ber mich herfielen, ich
aber keinen zu meinem Beistande hatte. Jetzt, hre ich, ist seit diesem Anfall
dieser Valentini entflohn, weil er die Gerichte frchtet, und noch mehr Euch,
mein geliebter Oheim.
    Mag er nur weit entrinnen, sagte der Kardinal, und sich hten, die Stadt
nicht wieder zu betreten! Danke dem Himmel, da du der Gefahr und dem Tode
entgangen bist.
    Ja wohl hat er sich gndig an mir erwiesen, antwortete Peretti mit einem
tiefen Seufzer: aber auch ihr, meiner Gemahlin danke ich, zunchst der
unmittelbaren Hlfe Gottes mein Leben, denn sie hat mehr an mir getan, als alle
rzte, sie hat sich zur Magd erniedrigt mich zu pflegen, und sich Schlaf und
Nahrung versagt, um immer bei mir zu sein.
    Er nahm ihre Hand und kte sie mit dem Ausdruck der dankbarsten Rhrung.
Auch der Kardinal war, indem er Abschied nahm, freigebig in Lob und Dank, und
Vittoria begngte sich, dem ehrwrdigen Manne mit gewhnlichen Reden zu
antworten und sich seinem Gebet und Segen zu empfehlen.
    O anbetungswrdige Vittoria, sagte jetzt der zerknirschte Peretti, als sie
allein waren, ich kann es dir nicht mit Worten aussprechen, wie sehr ich mich
unter dir fhle, wie niedrig klein und gemein, du groes, erhabnes Wesen. Ja,
ich wei es, ich fhle es innigst, dir gegenber bin ich nur schlecht, und
armselig - aber der Himmel wird mir beistehn, da ich besser, und deiner etwas
wrdiger werde.
    Er hielt inne und sah sie bietend an. Sie antwortete ihm mit einem strengen
Blick und sagte dann: Du erwartest, Francesco, da ich, dem Herkommen und der
Hflichkeit gem, dir widersprechen, und deine Selbstanklage mit beruhigender
Freundlichkeit zurckweisen soll. Ich kann dies aber nicht und will es auch
nicht, denn du bist jetzt wieder stark genug, um Wahrheit aus meinem Munde
vernehmen zu knnen.
    Sie ging zur Tr, und Peretti erstaunte nicht wenig, wie er sah, da sie
diese verriegelte. So knnen wir ungestrt sein, sagte sie hierauf, indem sie
sich zu ihm setzte. -
    Ja, Francesco, fing sie an, du bist ein schwaches Wesen, und frh gingen
deine Vorstze unter, die du so sicher gefat hattest. Da ich dir nicht mit
Liebe ergeben war, du weit es, ich brauche es dir nicht jetzt zu sagen.
Schnell, in wenigen Tagen erlosch das, was du deine ewige Leidenschaft nanntest,
ich ward dir gleichgltig, alltglich. Dies sei kein Vorwurf, ich beklage mich
nicht ber deine Ohnmacht, ich hatte es so erwartet, und es war mir Trost und
Beruhigung, da dieser Zustand so frh eintrat. Warum also wollen wir nicht
still und einverstanden ein Band lsen, das uns niemals htte vereinigen sollen?
Ich will dir Schwester sein, hlfreiche Gefhrtin, Pflegerin in der Krankheit,
aber niemals deine Gattin.
    Francesco war betreten, und wute nicht, was er antworten sollte. Um so
mehr ist dies ntig, und mein fester, unwandelbarer Entschlu߫, fuhr sie fort,
weil ich es recht gut wei welche Gesellschaften du aufsuchst, wie du zu allen
deinen frheren Snden mit verstrktem Gelste zurckgekehrt bist. Dein Oheim
soll die Geschichte deiner Hndel glauben, o ja, ich gnne dir gerne diese
Genugtuung. Ich aber wei es, da du neben andern schlechten Weibsbildern jene
verrufene Agnes besuchst, die dich deiner Geschenke wegen annimmt, da dich dort
dieser Valentini getroffen hat, da diese Rauferei nur ihretwegen entstand.
Geplndert, krank, mit verletztem guten Namen, verwundet kehrst du von diesem
Gesindel zu mir zurck, und kannst, wenn dir ein Funke von Gefhl blieb,
unmglich erwarten, da ich mich nicht gegen schndenden Mibrauch zu gut dnken
sollte. So wie du lebst und denkst, wre diese Vertraulichkeit nur schmachvoller
Ehebruch, die Entweihung alles Gttlichen in mir. - Ich werde zu niemand, auch
zu meiner Mutter nicht sprechen, keiner braucht zu ahnen, welche bereinkunft
wir getroffen haben. Solltest du aber klagen, unzufrieden sein, so sei
versichert, Peretti, da ich mich sogleich in ein Kloster, oder zu den Tieren
des Waldes flchte, um deiner loszuwerden. Oder ffentlich aller Welt von dir
erzhlen, und lieber in der Barbarei als Sklavin dienen, als deine Gemahlin
heien.
    Francesco sah sie von der Seite an, drckte dann die Augen zu und murmelte
etwas von Gehorsam des Weibes und ehelichen Pflichten, die allen auferlegt
wren, und welche die Kirche geheiligt htte.
    Vittoria stand auf und sah ihn von oben herab mit einem tdlich verachtenden
Blicke an. Soll ich dich verlachen, sagte sie dann, oder dich mit Ekel
hassen, wie ein widerwrtiges Gewrm? Darfst du ein solches Wort in unserm
Verhltnis nennen und noch ein Mensch sein wollen? Das wre also ein Sakrament,
was ich abwechselnd mit der schmutzigsten Kreatur teilte? - Und wre ich
verworfen genug, in mehr als tierischem Leichtsinn so Leben und Gefhl zu
vergeuden, so darf ich es um so weniger, seit ich erkannt habe, was die Liebe
ist, was die Gttlichkeit im Manne zu bedeuten hat. Nun wre es mir Wonne, zu
sterben eher, als diesem Gefhl, dieser Weihe, die mein Herz durchstrmt, auf so
schmhliche Weise abzufallen. Wie danke ich jetzt mit Inbrunst dem Himmel, da
er es nicht zugelassen hat, da ich nicht frchten darf, ein Wesen von dir
stammend, in die Welt zu setzen: das arme Gewrm wrde mir aus unschuldigen
Blicken nur meine Verworfenheit entgegenschreien und ich knnte es ermorden, um
das Denkmal dieser Erniedrigung zu vertilgen.
    Und dieser gttliche Mann? fragte Francesco furchtsam.
    Ich sollte ihn dir wohl nennen, antwortete sie, da du forschen mchtest
mit deinem schwachen Sinne, ob er auch meine Anbetung verdient. Frage ich doch
nicht nach deinen Katharinen, oder Euphemien, oder wie diese Wandelnden alle
Namen fhren, denen du dein Herz zuwendest.
    Und ihm also, fragte er wieder, dem Ungenannten, willst du dich ganz
ergeben?
    Auch diese Frage ziemt dir nicht, rief sie unwillig: aber ich bedarf
dessen nicht, und er, ich wei es, wird es nicht fordern, obgleich ich es jetzt
erkenne, da diese Vereinigung in gegenseitiger Liebe und Anbetung der seligste
Triumph ist, den die Natur zu feiern vermag. Weil dieser Sieg, dies strmende
Gefhl, welches unmittelbar an den Himmel klopft, das allerhchste alles
Erschaffenen ist, ebendarum werde ich es mir versagen knnen, und nur im
Anschaun, in der Bewunderung seiner Hoheit leben und trumen. Verstehn sich
unsre Herzen doch ohne Worte. Auch mag in dem allgemeinen Vorurteil doch eine
gewisse Wahrheit schlummern und dmmern, da dem Manne mehr erlaubt ist, als dem
Weibe, und dies Gefhl, die Achtung vor diesem Aberglauben wird mich bewahren:
vorzglich aber die Furcht, sein Gemt, (da der edelste Mann noch eine gewisse
Roheit in sich hegt,) mchte nicht so gelutert sein, da er mich nicht nach
dieser Hingebung, etwas, wenn auch nur um ein weniges, geringer achten drfte.
    Wenn ich von meinem Erstaunen erwache, sagte Francesco, so begreife ich
nicht, wie gerade du, Vittoria, so ganz unweiblich sein kannst.
    Lachend sagte sie: Ja wohl, diese eure ganz abgestandenen Redensarten von
Unschuld, Mdchenhaftigkeit, Jungfrulichkeit und Weiblichkeit, die ihr uns
entgegenhaltet, um unsrer Entwrdigung, indem wir bldsinnig bleiben, oder uns
so stellen, schne Namen zu geben. Ei wie himmlisch steht das unbewute Mdchen
in ihrer Unschuld da, wie die reine Lilienblume. Und sie wird ein Raub des
Lstlings, da man nichts loben will, als diese se Einfalt, (die der Frau nicht
mehr ziemt,) oder die Frechheit der gesunkenen Metze. Als wenn das nicht hhere
Wrde, Tugend und Unschuld wre, so frei zu denken, zu fhlen und zu sprechen,
wie es freilich denen nicht erlaubt ist, die die Gemeinheit in ihrem Innern
empfinden.
    Wohin aber, rief Francesco aufgebracht, zu welcher Ehrlosigkeit kann eine
solche Gesinnung fhren!
    Sei ganz ruhig, mein Mnnchen, sagte sie, ich werde diese deine Ehre
gewi besser bewahren, als du selber. - Ehre! - O Menschen, welche Sprache redet
ihr denn? - Ich soll es freilich nicht wissen, aber ich wei es doch, wie du mit
meinem Bruder Ottavio einig bist; wie ihr beide meine und eure Ehre gerne dem
groen mchtigen Farnese verkauftet, wenn ich nur jmmerlich genug dchte,
nachzugeben? Nicht wahr? - Schlafe jetzt wohl und zweifle nicht, da ich meinen
Willen durchsetze. Du aber kannst, wie du es schon tatest, jetzt mit meiner
Einwilligung so ungebunden leben, wie es deine zgellose und schwache
Imagination dir nur eingeben mag.
    Sie verlie ihn, und er hatte vielen Stoff, lange ber das Gesprochene
nachzudenken.


                                  Zweiter Teil

                                  Viertes Buch

                                 Erstes Kapitel

In der Familie Accoromboni und Peretti hatte indessen Friede und Ruhe geherrscht
und alle Mitglieder derselben genossen eines anscheinenden Glckes. Viele
angesehene Mnner und Frauen besuchten gern das wohlhabende Haus, und der junge
Peretti verlor nach und nach jenen Anschein unreifer Unmnnlichkeit, konnte den
Gesprchen Verstndiger leichter folgen, und lernte in ihrem Umgange mehr und
mehr ein anstndiges Betragen. So segnete denn mit beruhigtem Gemt der Oheim
Montalto diese Ehe und war nur darber verstimmt, da, ohngeachtet aller
Warnungen, der Neffe sich immer bestimmter zum hinterlistigen Kardinal Farnese
hinneigte, der ihn durch Schmeichelei und glnzende Verheiungen gewann.
    Der Herzog Bracciano wiederholte seine Besuche, und bald war die Familie mit
ihm auf den Ton eines vertrauten Freundes gekommen, denn er hatte sich der
Mutter dadurch empfohlen, da er mit einem reichlichen Gehalt den jngsten Sohn
Flaminio als vertrauten Sekretr in seinen Dienst genommen. Manchem Beobachter
war diese Versorgung auffallend, da um dieselbe Zeit Flaminio sehr vorteilhafte
Anerbietungen des Farnese von sich gewiesen hatte. So waren die Mitglieder der
Familie auffallend in zwei Parteien geteilt, indem Peretti und der Bischof
Ottavio ganz dem Farnese, die brigen dem mchtigen Paul Giordano ergeben waren.
Vittoria verschlo gegen jedermann ihre Gefhle und nur Bracciano verstand ihren
Sinn.
    Der Graf Pepoli hatte sich wieder, wichtiger Geschfte halber, nach Rom
begeben. Er erstaunte nicht wenig, als er im Palaste Medici einen schnen und
edlen Jngling wiederfand, den er sogleich fr jenen Anfhrer der Banditen
erkannte, der ihm vor einiger Zeit im Gebirge das Leben gerettet hatte. Die
Rubereien der Banditen und ihre Unternehmungen der Rache waren zu einem
wirklichen Kriege gegen den Kirchenstaat ausgebrochen, man drang bis vor die
Tore Roms, die kleineren Stdte wurden ausgeraubt und oft halb zerstrt, und die
Macht des Staats war mit dem Dienst seiner ungetreuen, oft verrterischen
Beamten und Soldaten nicht hinreichend, diesem bel zu steuern, denn da die
Banden besser und pnktlicher bezahlten, so liefen viele zu ihnen ffentlich
ber, andere, bestochen, weigerten sich zu kmpfen und lieen sich leicht und
gern besiegen.
    So unterhandelte jetzt der Kardinal Ferdinand von Medici, auf Ansuchen des
Papstes, mit jenem Alonso, Grafen Piccolomini, der mit dem grten Heere von
Banditen Rom bedroht und beunruhigt hatte. Piccolomini war willig, das Gebiet
des Kirchenstaates zu verlassen, wenn man ihm seine Gter im Florentinischen
zurckgab. Der verstndige Beobachter konnte an diese seltsamen Verhandlungen
sehr eigentmliche und niederschlagende Betrachtungen knpfen, da die
Verwirrung so weit gediehen war, da Rom mit Emprern, Rubern und Mrdern, wie
mit einer rechtsbesttigten Macht unterhandelte, ffentlich, im Palaste eines
angesehenen Kardinals, und da Florenz halb gezwungen, halb gefllig nachgiebig
vieler Rcksichten wegen, dem frechen Emprer die Besitzungen wiedergab, die er
frher durch offenen Verrat zur Strafe eingebt hatte.
    Als der verstndige Kardinal sich mit dem Grafen allein sah, sagte er: So
tief sind wir gesunken, da wir einen so schndlichen Frieden abschlieen
mssen: dies beweist, wie sehr die notwendigsten Verhltnisse, alle Grundlagen
eines Staates, aufgelst sind, und da wir, trotz anscheinender Gesetze,
Herrschaft und Verwaltung, in einer wahren Anarchie nur noch dahinschmachten.
    In einer andern vornehmen Gesellschaft fand der Graf Pepoli den unbndigen
Luigi Orsini. Er betrug sich miger und mit besserem Anstand als gewhnlich,
denn er war in Gesellschaft der schnen Leonore, aus dem altberhmten Hause
Savelli, mit der er sich seit kurzer Zeit verlobt hatte. Diese schne edle
Gestalt zeigte in ihrem sanften und zarten Wesen vielen Stolz, und man konnte
bemerken, da sie selbst den starren Sinn ihres Brutigams schon jetzt gebrochen
hatte. Graf Pepoli erschrak fast, als er mit Orsini den Grafen Pignatello im
vertrautesten Verhltnis fand, jenen Verruchten, der ein Anfhrer der Banden, im
Walde von Subiaco Ascanio und den Grafen Pepoli hatte ermorden wollen.
    Ah Don Giovanni, rief Vittoria dem Grafen entgegen, als er in den Saal
trat, Ihr kommt gerade recht, mir in einem Streite beizustehn, den ich fast
schon verloren habe.
    Der Eintretende fand eine ziemlich groe Gesellschaft versammelt, unter
welchen der Herzog von Bracciano und der Kardinal Farnese die vornehmsten Gste
waren. Um was handelt es sich, edle Donna? fragte der Graf: ich werde Euch
nur von geringer Hlfe sein knnen, wenn ein Geist, wie der Eurige, seine
Behauptung schon beinah fallenlt.
    Unsre Freundin, sagte Bracciano, liebt es zuweilen, paradoxe Meinungen zu
verteidigen. Und ihr ist es nicht genug, den Schwchern, wie mich, in
Verlegenheit zu setzen, sondern sie geht viel weiter, und will uns beschmen. So
uert sie ihre Freude darber, da der Heilige Vater mit dem Piccolomini, als
wenn dieser Neapel oder Florenz selber wre, einen Frieden abschlieen mu, da
ein ehrwrdiger Kardinal sich dem Geschfte unterzieht, und da wir alle, wenn
wir leben und gedeihen sollen, die Obermacht eines Piccolomini oder Sciarra
anerkennen mssen.
    Und doch beschuldigt sie uns, fuhr Farnese fort, da wir diese Banden
erschaffen haben, da sie in unserm Solde stehn, und da wir gleichwohl von
ihnen abhngig sein sollen.
    Meine Meinung ist nur, erwiderte Vittoria mit Lebhaftigkeit, da diese
Emprer, Verbannte, Ruber und von der Gesellschaft Ausgestoene bei unserer
Verwirrung notwendig, ja da sie eine Wohltat zu nennen sind. So wie fast alle
Gesetze bei uns ihre Kraft verloren haben, wie jeder tut, was er will, wie der
Mchtige jedes Gelste befriedigen kann, wie keiner ihm widersprechen darf, so
frage ich nur: was wrde aus uns hier werden, wenn diese Verbannten, die zu
einer groen selbststndigen Macht angewachsen sind, nicht einigermaen diese
Willkr hemmten und zgelten? Alle diese furchtbaren Menschen sind freilich dem
Gesetz verfallen: dies ist aber so schwach und ohnmchtig, da es die
Strafflligen nicht ergreifen und festhalten kann. Sie sind also die krftigeren
Naturen, die freien, selbststndigen, dem schwankenden Staate mit seinen
zagenden Anstalten gegenber. Sie sagen also durch ihren ffentlichen Austritt
dreist und ffentlich: das Wesen, welches ihr einen Staat nennen wollt, erklren
wir fr untergegangen; hier in den Feldern, Bergen und Wldern bilden wir
vorlufig den echten, wahren Staat, auf Freiheit gegrndet, im Widerspruch aller
jener qulenden, engherzigen Hemmungen und unverstndigen Bedingungen, die ihr
Gesetze nennen wollt! Alles, was sich losreien kann, was der Freiheit genieen
will, kommt zu uns, und frher oder spter mu unsre Gesinnung die im Lande
herrschende sein, aus unserer Kraft mu sich neue Verfassung, ein besseres
Vaterland entwickeln, und die schlimmern Ruber, die engherzigen, klglich
Eigenntzigen, die zaghaften Egoisten sitzen, von uns verbannt, hinter ihren
morschen Mauern und wurmstichigen Gesetzen, an welche sie selber nicht mehr
glauben. Wahrlich, nach dem, was wir hier erleben, liefern wir eine Erklrung
zum ersten Buch des groen Paduaners, unsers Livius, dessen beginnende Erzhlung
manche Zweifler fr eine Fabel haben erklren wollen. Scharen solcher Verbannten
und selbstndigen Mnner haben das starke Rom gegrndet, aus diesem Blut und
Stamme sind die Weltherrscher entsprossen, die ihre Gesetze und ihren Willen
ber den Erdkreis trugen. Werden diese Freien einmal bei uns von den Gefangenen,
Furchtsamen besiegt, so ist wohl die letzte Kraft Italiens erloschen. Denn keine
knechtische Scharen eines Spartakus sind es, sondern die im berflu, im
Reichtum Erzogenen, die wahren Aristokraten: freilich zitterte vor jenen das
starke, festgegrndete Rom und unterwarf sie endlich: bei uns zagt und zittert
jedermann, an sich verzweifelnd, ohne krftigen Widerstand zu leisten; doch kann
vielleicht diese laue Schwachheit den Sieg davontragen, denn diese dem Staat
Emprten sind auch oft gegen sich selbst emprt, sie kmpfen gegeneinander, und
es hat sich erwiesen, da sie weit ernstlicher gegeneinander fechten, als die
Soldaten und gedungenen Sldlinge des Staates gegen sie. So stehn diese Freien
denn auch in Dienst und Lohn der hiesigen und auswrtigen Mchtigen und reiben
sich zuweilen untereinander auf. Jeder der Magnaten hat seine Bande, auf die er
zhlen kann, die stets willig ist, ihm gegen den Staat, aber auch gegen einen
andern Tyrannen Hlfe zu leisten. So wird ein Schwert, welches Bosheit, Rache
und Grimm zcken mchte, von einem andern Krftigen in der Scheide festgehalten,
und so sind diese Verbannten die wahren Schtzer unsers Lebens und unsrer
Sicherheit, die Beschrnker der Tyrannei und Willkr, ganz anders wie unsre
Gesetze, ber welche der Mchtige nur lacht. Eigentum, Leben, Freiheit ist
gefhrdet, von hier und dort, aber ohne jene Ruber wre alles unbedingt der
schlaffsten, charakterlosen Willkr preisgegeben.
    Schlimm, wenn es ganz so steht, sagte Bracciano.
    Es ist etwas Wahres in dieser ziemlich poetischen Schilderung, bemerkte
Farnese; wenn das Zeitalter einmal eine bestimmte Richtung angenommen hat, sei
es, welche es wolle, so kann der einzelne, der mit im Strome schwimmt, sich dem
allgemeinen Zuge und Falle der Wogen unmglich entziehn, oder ihm gar widerstehn
wollen: der Kluge wird im Gegenteil alle die Vorteile ergreifen und fr sich
benutzen, die sich rechts und links neben ihm zeigen. Auch ndert sich jedes
Verhltnis, jeder Zustand wieder nach und nach, denn die Zeit ist die
gewaltigste Kraft; wie sie allein den Gram ber Unglck und Verlust von Freunden
lindern kann, so dmpft sie auch Enthusiasmus und Leidenschaft, und dieselbe
Emprung, die alles vernichten wollte, kehrt, wenn die Gewsser gesunken sind,
wieder friedlich in dasselbe Bett zurck, das sie erst mit stolzem Verschmhen
verlassen hatte.
    Doch ist durch die berschwemmung, warf der Herzog ein, hier drres Land
in fruchtbares verwandelt, dort Acker und Wiese zur Einde gemacht. Derselbe
Zustand kehrt, einmal gestrt, nie ganz auf dieselbe Weise wieder. Die Kunst,
jede Bewegung und Eruption, jede Krisis zum Vorteil zu lenken, das Gute
befrdern und den Schaden mildern, ist nur den allerwenigsten gegeben: mit einem
Wort, die Kunst des Herrschers ist die seltenste.
    Sie ist wohl Talent, bemerkte Vittoria, und wie wir immer sehn, da kein
groes Talent einzeln steht, sondern nur, wie Bume im Gebirge, in der Ungebung
von Gruppen gedeiht und geschtzt wird, so ist es wahrscheinlich mit der
Regentenkunst ebenfalls. Ruft eine Gre die andere hervor und weckt und strkt
sie, oder ist es mehr der Epidemie zu vergleichen, die nun einmal, ohne da der
Mensch die Ursache anzugeben wei, in der Luft herrscht, und sich dann durch den
Verlauf der Zeit wieder verliert, wie sie in dieser entstanden ist? Kann man sie
nur zhlen, alle die groen Mnner, die sich in einem Zeitraum eines halben
Jahrhunderts, vor meiner Geburt, zusammendrngen? Ariost, Bernard Tasso,
Machiavell, Bembo, Annibal Caro; und Raffael, Buonarotti, Tizian, Correggio,
Julio und unzhlige Knstler und Maler aller Art? Fand der fnfte Karl nicht
einen zweiten Julius und zehnten Leo, und viele treffliche Kardinle sich
gegenber? Soll ich diesen hohen Geistern auch noch den verruchten Peter, den
Aretiner zugesellen? Aber wohl darf man noch Guicciardini nennen und Leonardo da
Vinci, wie Franz den Ersten und manchen Frsten jener Tage. Da ich nicht den
scharfsinnigen tiefen Pomponatius in Padua vergesse, den Lehrer Sperones und von
hundert mchtigen Denkern - und, was haben wir jetzt? Und beneidet nach funfzig
Jahren jene Generation nicht vielleicht wieder die unsrige, die wir uns doch
eines Torquato Tasso, einer Elisabeth von England, und so mancher krftig
strebenden Menschen noch rhmen drfen?
    Wir sind auf dem Wege, sagte Farnese mit einiger Bosheit, auch groartige
Ketzer zu rhmen.
    Wir sind hier im vertrauten Kreise, fuhr Bracciano mit einiger Heftigkeit
auf, und in die innere Familie hat die Inquisition bis jetzt noch nicht
eindringen mgen.
    Der Kardinal lchelte und antwortete mit feiner Liebenswrdigkeit: Man kann
mir wohl zutrauen, da ich kein Freund der Inquisition und jener strengen
Maregeln bin, die sich so oft, vielleicht ohne Not, fr Heilungsmittel
ausgeben.
    Und meine Meinung, fuhr Vittoria ruhig fort, ist auch zu unbedeutend,
oder meine Person vielmehr, als da irgendwer ein Gewicht darauf legen knnte.
Doch glaube ich, da die Kirche ebenso gegen unsre erste Hlfte des Jahrhunderts
zurcksteht, wie in Staatskunst, Wissenschaft, Malerei und Poesie. Schon seit
Alexander dem Sechsten hatte sich in Glaubenssachen ein freier Sinn offenbart,
und ging gleichsam allen den Neuerungen in Deutschland und Frankreich voraus.
Wren jene groen Ppste und Kardinle, die selbst die Freigeisterei und den
Unglauben ertrugen, indem sie selber teil daran nahmen, weniger leichtsinnig
gewesen, htten sie ihre moralische Wrde mehr gewahrt, so mchte ich jene Zeit
eine goldene der Freiheit, der Poesie und des Denkens nennen. Ein groer Teil
der Menschen war der Zuchtrute und Furcht entwachsen, die Kirche mute sich
bequemen und der neu aufgehenden Zeit entgegenkommen: die anstige Lebensart
der Geistlichen mute sich bessern und so war im notwendigen Umbau vieler
veralteten und morschen Teile der Kirche eine Einigung mit den starken Geistern
des Auslandes wohl mglich, und der gefhrliche Ri im Gebude wre nicht
eingebrochen. Aber der Kluge verachtete, der Einfltige schalt die neuen
Symptome, so verlief die gnstige Zeit, und nun hat sich, um zu bessern, eine
strenge Finsternis, ein Ha und Geist der Verfolgung, vernichtend ber das bis
dahin so heitere Leben gelagert. Seit dem vierten Paul, dem frommen Pius dem
Vierten und dem krankhaft glubigen Fnften, haben wir jetzt am milden und
menschenfreundlichen Gregor, unserm Heiligen Vater, einen Herrscher, der die
straff angezogenen Bande, die ihm jene in die Hand legten, nicht wieder darf
locker auseinanderfallen lassen. Ja wohl sehne ich mich in jene heitere Vorzeit
zurck, in denen unsre Eltern ohne Furcht vor diesem dunkeln Geist der Kirche
denken und sprechen durften. Hat das Leben doch schon des Elends genug und des
Grams, sind wir doch von allen Seiten beschrnkt und gebunden - so konnte man
hier doch dem Spiel und dem Ernst, der Poesie wie Philosophie ihre freie
Rennbahn zu Entwickelung der edelsten Krfte gestatten.
    Farnese stand auf, zwar freundlich lchelnd, aber doch verwirrt und in
ungewisser Gebrde. Er kte die Hand der Rednerin und sagte: Nicht so laut und
ffentlich; denn man kann nicht wissen, wie diese Meinungen mit Zustzen und
entstellt herumgetragen werden mchten.
    Gewi von keinem in diesem edlen Kreise, sagte Bracciano, indem er sich
ebenfalls erhob, um Abschied zu nehmen. Er verweilte vor Vittoria, die ihm
jetzt, beinah so gro, wie er selbst, gegenberstand, indem er ihre Hand fate
und festhielt, ohne sie zu kssen. Ihr denkt in allen Dingen gro߫, sagte er
dann, und steht immerdar vom Haufen abgesondert, im Glanz Eures eigentmlichen
Wesens und Glaubens. Ja wohl solltet Ihr eine Semiramis sein, um der starren
kleinlichen Welt beurkunden zu knnen, was das Herz und die Gesinnung eines
groen Weibes vermgen.
    Auch Pepoli verlie mit allen brigen den Saal und Vittoria fhlte sich
beschmt, da der Mann, den sie so innigst verehrte, jenes jugendliche Gedicht
aus den schnen Tagen von Tivoli kennen sollte, welches sie fr so unreif hielt.
Nur der gutmtige Caporale konnte es ihm mitgeteilt haben.
    Peretti, der wiederhergestellt war, entfernte sich auch, um sich nach seinem
abgelegenen Schlafgemach zu begeben. Die Mutter welche das neu eingetretene
Verhltnis wohl erriet, wies alles Nachdenken darber von sich ab. Betrachtete
sie unbefangen ihren Schwiegersohn, so mute sie sich bekennen, da sie ihn in
ihrer blhenden Jugend niemals als Gatten neben sich htte dulden knnen. Sie
beseufzte die Entfernung, die zwischen ihr und ihrer Tochter unverkennbar lag,
so da beide gerade ber die wichtigsten Gegenstnde und Verhltnisse ihres
Lebens am wenigstens sprachen. Mit beklemmtem Gefhl verlie sie die Tochter,
die auch alle Diener zu Bette sendete, um in der Nacht noch im Saal in der
Einsamkeit sich und ihren Gedanken zu leben.
    Als alles still und ruhig war, ffnete sie die Tr zum Garten und
betrachtete das Licht des abnehmenden Mondes, das rtselhaft durch die Bume
schimmerte. Dann setzte sie sich und schrieb in wehmtiger Stimmung noch einige
Gedichte nieder.
    O du se Rosenknospe! so lauteten die Verse, warum zitterst du, den
Kelch, den duftenden, zu ffnen? Der Mondschein schlummert im Grase neben dir,
und breitet seine weichen schlaftrunkenen Arme um deine grne krftig
schwellende Hlle. Er hat dem Abendtau geboten, flssige Demanten dir
berzustreuen, sie sollen dich bestechen, zum sen Ku den roten Mund zu
ffnen. Du bleibst dir treu, verschwiegen und stumm. Da kommt die allgewaltige
Sonne und du mut deinem Schicksal gehorchen. Der Tau rinnt, sowie du ihn
ffnest, als groe, zitternde Trne in deinen Busen: wie glnzt sie auf dem
frischen Rot! Nun geht die Braut im Frhlingshauch vorber und sagt zu ihrem
Jngling: O sieh die Wonne dieser Blume, wie sie das feuchte Kind des Morgens
liebkosend im Purpur ihrer Bltter wiegt, und wie im vielfachen Schimmer der
Tropfen lacht, hochentzckt, von der schnsten Blume so gepflegt zu sein. Sie
stehn und schaun im Bilde hier ihr namenloses Glck - und wissen, oder bedenken
nicht, da dieser Glanz das Unglck des Lebens ist - die Trne des Elends - und
da am Abend die jugendfrische Rose mit zerstreuten Blttern tot auf dem Boden
liegt. -

Im weiten Meer, im dunkeln Grund bewegt sich die Muschel. Wie bin ich einsam!
klagt sie. Wie kann auf lieber Erde Pflanze und Tier im heitern Lichte sich
ergehn. Welche wste Nachbarschaft die meinige! Wohin ich blicke und denke, nur
kalte, stumme Ungeheuer. Elend und Widerwart auf dunkelm Grunde: oben, an des
Lichtes Grenze das traurige Geschlecht der ziehenden und schwimmenden
Schuppentiere. Keiner wei, keiner kennt meine Sehnsucht. Fremd mir alles, ich
in mir selbst verschlossen mu mich verzehren in Angst nach ungekannter Freude.
- Da bricht es, ein Seufzer, Klage, Jammer, oder ttendes Jauchzen aus der
rmsten, und, einer stillen Trne gleich, setzt sich festgehalten das Leid an
die schimmernde Umhllung. Die zarte Krankheit wchst im stillen fort, so wie
die Sehnsucht steigt. Schon wird ihr selbst das harte Haus zu enge. Da wird sie
im Tode erlst. Ein kluger Fischer zerbricht die Wnde, sie stirbt, er nimmt die
kstliche unschtzbare Perle und trgt sie zum Knig hin, in dessen Krone sie
forthin glnzt, als der kostbarste Schmuck. - O armer Torquato Tasso! - Und darf
ich sagen: o rmste Vittoria? - Oder bin ich zu eitel?

Nein, eitel nicht, aber auch so elend bin ich nicht. - Hat doch der edelste der
Mnner dich verstanden, und sagt es dir in jedem Blick. Ja, wie der armen
verwelkenden Pflanze der sanfte Regen des Himmels, so sind diese belebenden
Blicke aus den klaren Geisteraugen. Die Geisterbrunnen, die Jungbrunnen, von
denen die Mrchen erzhlen, sind sie mir. Denn wie der Wilde sich zuerst im Bach
und Strom mit Staunen sieht, so habe ich mich in deinem Blick, in deinem
Seelengru, zuerst erkannt. O welch ein Schauer von Seligkeit, welch ein
Wonnegrauen flog durch alle Fhlungen, Gedanken und Ahnungen meiner Seele, als
ich mir zuerst sagen durfte: siehe, dieser ist Geist von deinem Geist, und Liebe
von deiner Liebe! Und wenn ich jetzt, in diesem Augenblick strbe - ist es denn
nicht genug, fr diesen einen einzigen Moment gelebt zu haben? Wenn die hchsten
Geister in des Unnennbaren Nhe ein entzcktes Sein genieen, wenn sie, ihm
hnlich, im ganzen All nur eins in der Unendlichkeit der Schpfung sich und
seine Liebe erblicken - so rufe ich: wohl mir! da ich in seinem Erscheinen den
Reichtum seines Herzens und die unendliche Flle des meinigen zugleich
erblickte. -

O du arme, arme Welt! - Mich lstern wirst du einst vielleicht, mich den
Niedrigsten zugesellen, wenn du von mir und meinem Wandel die elenden,
abgerissenen Silben erfhrst. Kannst du mich stren und die selige Harmonie, die
mit ihren sen Kreisen klingend durch mein Wesen schwingt? Ihm nur bin ich ihm
nur denk ich, ihm nur sterb ich. Eilt er mir voran, so flieg ich ihm durch alle
Welten, durch Sein und Ahnung nach und durch den leeren Raum. Wohl ist im Tode
erst Einigung und Leben. Uns trennt die nahe Gegenwart, wenn meine Hand die
seine rhrt, so ruft das Ewige im Drucke: flieht! dorthin! wo keine Zeit und
Stunde herrscht, wo man nur nach Entzckungen die Ewigkeit rechnet, wo kein
Ermden ist, kein Vergessen, kein Zweifel und keine Frage. Aug in Auge, Geist in
Geist, du ich und ich du, mehr als Gedanke und Gefhl - o armer Mensch, kehre
doch zu dir und dieser Erde zurck, auch hier siehst du im Bilde, was du suchst;
auch das einfache Wort ist ein ewiges: jeder Augenblick der Liebe ist ja ein
unerschpfliches Meer - ach! mein Geliebter! ohnmchtig nach allem Aufschwung
sinke ich beglckt in deine Arme - und alles ist lebendig in mir, was ich vor
Tausenden von Jahren schon suchte, da ich mich unbefriedigt in allen Windungen
nach dir sehnte.
    Sie sa nahe an der Mauer, die das Haus von der Strae trennte, denn die
Wohnung stand frei und abgesondert. Indem sie schrieb, war es ihr schon oft
gewesen, als wenn sie ein sonderbares Gerusch vernhme. Es war, als wenn ein
Tier oder ein Mensch sich drauen auf der Strae an der Mauer etwas zu tun
machte. Gleich, wenn sie hinhorchte, war es wieder still, dann lie es sich
wieder vernehmen. Vittoria, die nicht ngstlich war, wollte das Fenster ffnen,
um hinauszusehn, was so in ihrer Nhe sich verdchtig bewege; aber das Fenster
war, der Sicherheit wegen, von den Dienern zu fest verschlossen, sie konnte es
ohne Hlfe nicht auftun. Jetzt, indem sie wieder an der Wand mit Aufmerksamkeit
horchte, kam es ihr ganz deutlich vor, als vernhme sie das Aufatmen eines
Schlafenden. Sie konnte nicht lnger zweifeln, da dieses Atmen bald in Rcheln,
und dann in Schnarchen berging. Die Tne waren aber nicht, wie im Freien,
sondern hallten, wie in einem engen Gemach: und doch wute sie, da kein Zimmer
mehr neben diesem Saale sei.
    Indem sie so, nicht ohne Besorgnis, an der langen Wand hin und her tappte,
fhlte sie mit der Spitze des Fingers pltzlich ein Knpfchen, nicht grer und
dicker als etwa eine Linse, unkennbar in der Mauer, mit Farbe berstrichen - und
sowie sie den Druck strker wiederholte, ffnete sich pltzlich ohne Gerusch
die Wand. Sie sah in der Dmmerung, da dennoch dort, wo sie die Strae glaubte,
noch ein schmales Gemach sich befinde, aus welchem jetzt viel deutlicher das
regelmige Getne des fremden Schlafenden erscholl. Sie zgerte einen
Augenblick, ob sie die Diener wecken und rufen solle, Mitternacht war lngst
vorber und die unerwartete, seltsame Entdeckung hatte ihren Sinn befangen. Doch
nahm sie nach kurzem Besinnen die Lampe in die Hand und schritt hinein. Wie
erstaunte und erschrak sie, als sie dort ihren Bruder, den verbannten Marcello,
in einem Sessel schlafend fand. -
    Sie setzte die Lampe auf den kleinen Tisch und weckte dann den Trumenden,
der sich lange nicht aus seiner Schlafbetubung finden konnte. Du? Schwester?
rief er dann, hier? du hast das Kunststck auch entdeckt? -
    Er mute erzhlen, warum und wie er in die Stadt gekommen sei. Ei! sagte
er auf seine gleichgltige Weise, ich bin schon oft heimlich in eurem Hause
gewesen, und dein freundlicher kleiner Peretti logiert mich immer in das
niedliche Gartenhaus, zu welchem er dann selbst die Schlssel behlt. Auch
Ursula wei es jedesmal, wenn ich hier bin, und hilft mir herein und heraus.
Dabei ist die gute Alte so schweigsam wie das Grab. Wie ich nun neulich wieder
einmal im Hause bin, was aber nur die Alte fr diesmal wute, vergit mich das
gute Tierchen, ich irre in dunkler Nacht herum, gerate in den Saal hier, kollre
gegen die Wand und entdecke unverhofft diesen niedlichen Versteck. Den hat sich
damals, als er sein Haus fr sich selbst baute, dein feiner Schwiegervater
angelegt, und keinem Menschen ein Wrtchen von diesem Geheimnis gesagt. Man kann
durch diese dnne Wand alles hren, was im Saal gesprochen wird, so kann man
durch Baum und Gestruch versteckt, die auf der Gasse stehn, auch durch die
verhllten Fensterstbe jede Silbe hren, die sie drauen im Freien reden. So
mag der Alte damals manches erlauscht haben. Jetzt wohnt er da oben, um euch
diesen kleinen Palast zu geben. Heute schlich ich wieder herein und versptete
mich, und so mute ich notgedrungen alle eure Konversation und deine Tollheiten,
Schwester, mit anhren. Jetzt aber, da Ursula doch wohl schlft, werde ich durch
den Garten und ber die Mauer den Rckweg suchen mssen, da du die Hausschlssel
nicht hast.
    Die unsichtbare Tr wurde leise und fein wieder zugemacht, und als Marcello
schon im Garten war, kehrte er noch einmal um, und raunte der Schwester zu:
Hte dich nur vor der Schlange, dem Farnese, der hat Bses gegen dich im Sinne;
- und dein Mnnchen - o der liebe niedliche Blondkopf - der ist auch ein feiner
Fuchs. Traue ihm ebensowenig. - Er entfernte sich schnell und sie blieb noch
lange im einsamen Saale allein, vielerlei bedenkend.

                                Zweites Kapitel


Italien feierte wieder ein Fest, weil der Groherzog Francesco nach dem Tode
seiner Gemahlin die bekannte und berchtigte Bianca Capello ffentlich
geheiratet und zur Frstin erhoben hatte. Der Kardinal Fernando, der Bruder des
Regenten, war empfindlich gekrnkt, doch erschien er ffentlich als ein
vershnter Freund des Groherzogs: er war vertraut und hflich gegen die neue
erwhlte Gemahlin und Frstin, und da der Senat von Venedig Bianca fr eine
Tochter der Republik feierlich erklrt und ihr dadurch den hohen Adel des
Staates mitgeteilt hatte, so war es nicht zu verwundern, wenn berhmte und
unberhmte Poeten diese Vermhlung mit ihren Hymnen begrten. Ein schnes
Gedicht lie der arme Tasso bei dieser Gelegenheit ertnen, der schon in seinem
Kerker schmachtete: warum der scheltende Sperone, der den Frsten nicht
schmeicheln wollte seine rauh klingende Leier bei dieser Gelegenheit in seinem
hohen Alter stimmte, ist weniger zu begreifen, wenn sein wie in Verlegenheit
stammelndes Gedicht nicht entstand, mehr um Venedig als der neuen Groherzogin
gefllig zu sein.
    Der Herzog Bracciano uerte sich sehr milde ber diese Miheirat und
Vittoria stimmte ihm bei, obgleich sie die schmeichelnden Poeten, selbst ihren
alten Hausfreund, Caporale, sehr tadelte. Gewi߫, sagte sie, entsteht jedes
Gedicht mehr oder minder aus irgendeiner Veranlassung, und welche Unzahl
vortrefflicher Meisterwerke verdanken wir diesem Aufruf und zuflligen
Aufschwung! Aber schon ist es Sitte und unerlliche Notwendigkeit geworden, da
die Poesie sich bei jeder Standeserhhung, bei Tod oder Geburt, Vermhlung eines
Frsten und Mchtigen, bei Errichtung eines Hauses, oder noch kleineren
Veranlassungen vernehmen lt; und wie arm, nchtern und ungeniebar ist nun
vieles Getrnk eingeschenkt worden, das sich fr berauschenden Wein ausgeben
will. Und dann diese ersonnenen Liebschaften, oft ernst in Heuchelei, oft nur in
galanten und feinen Anspielungen und Wendungen; andre, an Damen gerichtete
Begeisterung, die gar nicht leben - wo kann in diesem albernen Gesang der Mode
sich Erhebung fr Religion und Vaterland, wo der Ha des Tyrannen und
schndlicher Willkr, wo die Lobpreisung des wahrhaft Edlen, wo die echte ewige
Leidenschaft groer Liebe vernehmen lassen? Durch dieses stets wiederholte
Stammeln und Lallen wird dem echten Gesang die stark tnende Zunge ausgerissen
und es kommt dahin, da auch der Bessere die Affektation affektiert. Ja, diese
mchtige Harfe durch welche der Adler Dante mit seinen groen Schwingen rauscht
- wie hallt da Vaterland, Tugend, Himmel und Natur im einklingenden Echo jeden
tiefsinnigen Ton zurck, und die Poesie ist die Gattin des prophetischen
wahrsagenden Genius!
    Wenn zwei edle Gemter sich auf die Weise nher gekommen sind, wie das
Schicksal Vittoria und Bracciano zueinandergefhrt hatte, so empfngt jedes
Wort, jeder Ausspruch in dieser Aufregung hoher Leidenschaft den Charakter der
Weihe: der Liebende nimmt die Rede als Orakel auf, und grbelt und deutet auch
aus dem nur Hingeworfenen einen tiefen Sinn. In dieser Entzndung der Herzen
wird den beiden alles Poesie und Wahrheit. So sah der Herzog und die junge
schne Frau in allem, was sie lasen oder hrten, in der Begebenheit des Tages
oder in alter Geschichte, immer nur Anspielungen auf sich und ihr beiderseitiges
Verhltnis. - Wo habe ich denn bis jetzt gelebt, und wie! pflegte der Herzog in
einsamen Stunden wohl zu sich selber zu sagen, da ich den Menschen und seinen
Wert, da ich die Hoheit des Weibes noch niemals gesehn und verstanden? Mute
ich zum Manne heranreifen, um in so spten Jahren erst mich selbst im innersten
Geheimnis meines Herzens zu finden? - Und ich sollte nicht das erringen, was
Himmel und Natur fr mich erschaffen haben?
    Mit diesen Gesinnungen begab sich der Herzog wieder einmal, und ohne
Gefolge, wie er gewhnlich zu tun pflegte, nach dem Hause der Peretti. Als er
eintrat, bemerkte er, da alle Mitglieder der Familie das Haus verlassen, und
Vittoria sich allein im Gartensaal befinde. Er berraschte sie, indem sie eben
jene Gedichte fortsetzte, an denen sie gern in einsamen Stunden arbeitete und
schrieb, sie war so vertieft und abwesend, da sie ihn erst gewahr ward, als er,
ber ihre Schulter gebeugt, das Blatt schon gelesen hatte. Sie verwunderte sich,
war aber nicht erschrocken, noch weniger stellte sie sich so, als sie sich
pltzlich allein mit dem Geliebten sah. Er freute sich dieser ruhigen Fassung
und sie antwortete: Wre ich jetzt empfindlich, oder erzrnt, so mchtet Ihr
mein Freund, wohl gar glauben knnen, es sei ein ersonnenes vorstzliches Spiel,
da Ihr mich einsam bei diesen Dichtungen treffen, und sie auf diese Weise
kennenlernen solltet. Aber dem ist nicht so. Ihr erinnert Euch gewi, da Ihr
gestern bestimmt sagtet, es wre Euch unmglich, uns heut zu sehn, meine Mutter
und Peretti sind beim Kardinal, ihm zu danken, denn unser Proze ist endlich,
und zwar zu unsern Gunsten entschieden, so hatten denn die Diener den Befehl,
alles abzuweisen, und nur Euer Name ward nicht genannt, weil ich die Hoffnung
Eures Besuchs aufgegeben hatte.
    Und so wird mir einmal das ungehoffte Glck, Euch so ganz allein zu
treffen, erwiderte Bracciano: - und so lat mich jetzt alle diese Bltter,
diese lieblichen Bekenntnisse lesen. -
    O Vittoria! rief er nachher aus: was bist du fr ein Wesen, fr ein
Wunder! - Er umarmte sie und sie entzog sich seinen Kssen nicht. - Wie ist
dir? fragte er dann, als er sah, wie sehr sie zitterte.
    Wie? antwortete sie mit bewegter Stimme, so selig, wie ich nicht mir
einbilden konnte, da eine solche Wonne fr uns Menschen geschaffen sei. Zu
glcklich bin ich so in deiner Gegenwart. Eine solche Seligkeit, sagten die
alten Griechen, gnnen uns die Gtter nicht, sie werden uns bald durch Unglck
trennen. O Giordano! wir fordern das Schicksal heraus durch unsern Obermut, ein
solcher ist Sterblichen nicht erlaubt, und die Gtter werden uns strafen. Und
bist du denn glcklich?
    Mehr als Worte es fassen und aussagen knnen, antwortete der Herzog
begeistert. Wie gro bist du und edel, da du ohne Wort und Rede meine Liebe
gefhlt und verstanden hast. So la uns vielmehr den Gttern auf die wahre Art
dankbar sein, anstatt sie zu frchten: ist doch der ganze Olymp zu uns
herniedergestiegen, unser Gefhl, unser Mut hat uns ihre Gunst gewonnen, zagen
wir dann nicht, an ihrem Gastmahl teilzunehmen. Und wie liebst du, Liebster?
fragte sie.
    Da ich dir ganz unbedingt gehre, du ganz mir, sprach der Trunkene: da
unter uns kein Zweifel waltet, keine ngstliche Furcht uns die kleinste Wahrheit
oder grte Wonne unterschlagen darf, da du mir keine Faser deines Herzens
verdeckst, da du jeder Frage mit Liebe und Wahrheit Antwort gibst.
    Ja, Freund, sagte Vittoria, das ist mein Wunsch selbst; aber, wenn die
Lge unter uns verbannt sein soll, so bleibt es doch immer schwer, die wahre,
eigentliche Wahrheit zu finden. In der Lge und Heuchelei spricht der bse
Geist; aber in der Leidenschaft nicht immer der der Wahrheit.
    Und du knntest zgern, sagte Bracciano, da du mich liebst, ganz mein zu
sein, ohne Rckhalt und Vorbehalt? Du selber httest diesen nchsten
natrlichsten Wunsch nicht, wenn du mich liebst? du knntest kalt und berweise
es ansehn, wenn ich mich in Sehnsucht verzehre? O du Angebetete, la uns das
Elend des Lebens ja nicht durch willkrliche Satzungen und Eigensinn, die sich
Tugend nennen wollen, erhhen.
    Du wirst mich verstehn, Geliebtester, antwortete Vittoria. Mein Herz,
meine Seele, alles mein Wnschen ist dein; wie kann es anders, wenn mein
Eigensinn es auch selber wollte. Die unbedingte Hingebung ist in der Liebe
alles, das habe ich erst erfahren, seit ich dich kenne. Inbrnstiger Wunsch,
Wonne und Paradies ist mir mit dir jene Vereinigung, die ich sonst mit Grauen
betrachtete - aber, ist denn nicht auch in der Liebe, auch ohne diese
Vollendung, das hchste Glck? Jeder Blick von dir ist meinem Herzen ein Gru
aus dem Himmel, jedes Wort eine Offenbarung, und jeder Druck der Hand eine
selige Gemeinschaft der Geister. Wre ich frei, Teuerster, ich kme deinem
Wunsch entgegen, ja ich knnte mit mitleidigem Lcheln auf die Welt
herniedersehn, wenn sie mich deine Buhlerin nennen wurde; aber ich habe meiner
Mutter, dem Kardinal und diesem Peretti mein heiliges Wort, mein feierliches
Versprechen gegeben, niemals zu freveln, niemals diese Untreue und Schwachheit
mir zuschulden kommen zu lassen. So wie die Sachen in der Welt stehn, mu ich
dem guten, edlen Montalto mein Versprechen halten, ich darf ihn und meine Mutter
nicht auf diese Weise krnken. Du glaubst nicht, von welcher Schmach uns
Montalto durch seinen Edelmut, durch diese traurige Vermhlung erlst hat. Wre
ich frei und ungebunden, so wr ich dein. - Sieh, ich habe dir jetzt mit meiner
Liebe auch die Wahrheit gegeben.
    Bracciano schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und ging
unzufrieden im Saale auf und ab. Ich Unglcklicher! rief er aus, da ich dich
nicht frher habe kennen lernen! du meine Gattin - welch Glck dem meinigen zu
vergleichen! O du Himmlische, was ist dir gegenber die verchtliche Bianca
Capello, die tuschende und heuchelnde Lgnerin, und doch ist sie jetzt die
rechtmige Gemahlin des Frsten! So sehr ist dieser so schwache Francesco doch
von der Gewalt der Liebe bezwungen worden.
    Und du knntest nicht glcklich sein, fragte Vittoria furchtsam, ohne
diese Befriedigung?
    Ja, rief Bracciano, glcklich und selig, mehr als einer, den ich kenne,
und doch elend zugleich. Ja wohl ist die Zeit der mchtigste Gnner und Feind:
damals, als du noch kein Wort gegeben, als du mir als freie, edle Jungfrau
entgegentreten konntest, o warum lernt ich dich damals nicht kennen? - Und nun?
- So flicht sich unser Schicksal zusammen, um uns zu erdrosseln, und die
Leidenschaft wirft sich wtend und doch ohnmchtig in die Notwehr, und erliegt
endlich im Kampf, oder siegt scheinbar durch Verzweiflung. Und dann - o dann ist
das Leben nicht mehr jenes klare, reine Blatt, das der Jngling in seinem
Lebensbuche aufschlgt, um eine jugendliche Hymne begeistert hineinzuschreiben.
    Er versank in ein tiefsinniges Hinbrten, stand lange, das Haupt
niedergesunken und blickte dann nach dem Garten und dem Abendhimmel: Ha,
Isabella! rief er pltzlich, - du drohst, du mahnst - ja, du hast dich jetzt
an mir gercht, und mich gedemtigt.
    Vittoria schrak zusammen, weil sie ihn zu verstehn glaubte. Ihr war, als
wenn pltzlich eine tiefe schwarze Nacht in ihre Seele falle. Wo war in diesem
Augenblick die Gegenwart und das Gefhl der Liebe, von dem sie noch eben
begeistert war? So kann zuweilen in uns die letzte Spur des Lebens verschwinden,
und ein Grauen befllt uns, da das, was uns als reiches mannigfaltiges Paradies
erschien, nun, da die se Tuschung verschwunden ist, als unbersehbare drre
Steppe vor uns liegt, ein Nichts drrer Verzweiflung.
    Er stand jetzt vor ihr, und beide sahen sich mit einem Blicke an, der sich
nicht beschreiben lt. Auch selbst nach diesem Blicke konnten sie die Rede noch
nicht wiederfinden. So fhlten ihre Seelen jenen sonderbaren Druck, der uns
bengstigt, auch wenn Lge, Unwahrheit, Heuchelei uns fern stehn: der furchtbare
Tod schwingt dann seine Flgel durch unser ohnmchtiges Wesen und ermattetes
Dasein.
    Ich kenne deine Gedanken, sagte er endlich, nachdem er wieder durch den
Saal gegangen war, und sich dann niedergesetzt hatte, aber sie war meiner ganz
unwrdig, und selbst ihre Brder haben kein Wort der Klage ausgesprochen. Und du
standest hell und klar in jenem finstern Momente vor mir; und auch ohne
Vorwurf.
    Auch jenen Abend, sagte sie jetzt, an welchem der Schwatzende hier war,
hat uns das Verhngnis gesendet. Das ist die groe Frage des Lebens, wie sehr
man sich den Schickungen widersetzen darf, wie man sie bezwingen kann. Da du
mir vorher Entsetzen erregtest, gehrt auch als ein dunkles Bild in das Gedicht
meiner Liebe und meines Lebens.
    Ach! Vittoria, klagte jetzt Bracciano, und Trnen strzten aus seinen
Augen, in manchen Momenten glaube ich, da ich deiner nicht wrdig bin, dann
fhle ich dich so viel grer und herrlicher. Ja, zu deinen Fen mu ich
liegen, im Staube vor dir und deine Fe kssen, als dein Huldiger oder
demtiger Sklave, dem deine Hoheit, deine Gnade erst die Freiheit schenken
kann.
    Er warf sich nieder und barg schluchzend sein Haupt in ihren Scho. So
berlie er sich einige Momente dem seligen Genu jener wehmtigen Hingebung,
jener Auflsung aller Krfte und Gedanken, wo wir uns selbst enfliehen und uns
verlieren, und nur noch in den Pulsen der sesten Rhrung unser Leben fhlen.
Sie legte weich und zart die rechte Hand in die Locken seines Haars, und er
fhlte sich jetzt, wie erwachend durch und durch beglckt, weil ihm war, als
segnete ihn der hchste Engel des Himmels und sprche ihn von allen seinen
Snden frei.
    Unangemeldet, wie er als nchster Verwandter, sich dieser Freiheit bedienen
durfte, war der Bruder Vittorias, der Bischof Ottavio hereingetreten. Er warf
einen boshaften prfendes Blick auf die Gruppe und fragte die Schwester, die
sein Eintreten auch nicht bemerkt hatte: Vittoria! ist Seiner Exzellenz nicht
wohl?
    Vittoria sah, ohne zu erschrecken auf, und ruhig erhob sich der Herzog,
blickte, noch Trnen in den Augen, den Bruder mit festem Gleichmut an und sagte:
Sehr wohl, Herr Bischof, war mir, so freudig bewegt, wie selten im Leben: Eure
Schwester hatte mir eben einige ihrer neuesten Gedichte hergesagt, und diese
sind so schn, da ich ihr nur auf den Knieen meinen Dank sagen konnte. Ihr
seht, ich schme mich dieser schnen Rhrung nicht, da auch die Strke des
Mannes von dem Zauber der Poesie zerschmelzen kann.
    Immer eine seltene Erscheinung, erwiderte mit fragendem Lauschen der
Bruder; mchte mir die Schwester die schnen Ottaven oder Sonette nicht
ebenfalls mitteilen, damit ich die Erfahrung machen knne, ob mein Gemt
vielleicht weniger nachgiebig wre?
    Du wrdest diese Verse doch nicht begreifen, sagte Vittoria kalt, stand
auf und verschlo die Bltter in ihrem Schrank.
    Ich bin freilich, sagte der Bischof, in der Poesie nicht so eingeweiht,
wie hochbegabte Kenner, indessen sollte doch wohl, was so gewaltige Rhrung
hervorbringen kann, auch dem Laien verstndlich sein.
    Nicht immer, sagte Bracciano, indem er seinen Hut nahm und sich zum
Abschied rstete: es gibt Stimmungen, in welchen die Kunst der Musen leichter
Eingang in unsere Herzen findet, als in andern kltern Augenblicken.
    So mu es wohl sein, erwiderte Ottavio, und Eure Exzellenz ist natrlich
seit dem Tode Ihrer schnen Gemahlin, mehr als frher, zu solchen Trnen und
Rhrungen aufgelegt.
    Signor, sagte der Herzog und trat ganz nahe an ihn heran, indem er ihm mit
scharfem Blicke, halb zrnend, halb verachtend in sein Auge sah: ich wute
nicht, da wir so vertraut miteinander wren, da Ihr etwas von meinen
Seelenzustnden wissen knntet. Ich pflege mein Vertrauen und meine Freundschaft
nicht so eilig auszubieten.
    Mit diesen Worten entfernte er sich in stolzer Haltung. Ottavio setzte sich
jetzt der Schwester nahe gegenber, und sagte mit spttischer Feierlichkeit:
Ich habe da wohl eine Szene unterbrochen, die vielleicht das Vorspiel zu einer
andern war, die noch weniger einen Zeugen vertrug. Also schon jetzt, so frh
schon, du schwachherzige Schwester, fngst du an, die Ehre unseres Hauses zu
vergessen?
    Ohne zu errten, mit Eisesklte sah ihn starr und fest die Schwester mit den
groen Augen an. Wie tief ich dich verachte, kann ich nicht aussprechen. Nur
diese wenigen Worte sagte sie. Ottavio, der den Blick des stolzen Herzogs mit
entgegnender Dreistigkeit ertragen hatte, schlug jetzt, mit den Augenlidern
zitternd, den Blick zu Boden und eine Schamrte bergo sein Antlitz, So kalt
kannst du mir das sagen? Nur diese wenigen Worte konnte er stotternd
hervorbringen.
    Da ich dem Bruder es sagen, sprach sie, und es so sagen mu, demjenigen,
der mein Schutz sein sollte, der mit mir unter demselben mtterlichen Herzen
gelegen hat, das, glaube mir, spaltet mir, zwar nicht erst jetzt das Herz, nein,
denn ich bin endlich ruhig geworden. Aber welche Todeskmpfe es mir gekostet
hat, welches Ringen in der gequlten Seele, das kann ich dir Kaltherzigen nicht
in Worten ausdrcken. Und wozu? dein Busen ist allem Edlen entgegen gepanzert:
mich wirst du mit deiner Heuchelei niemals tuschen. Gehe nur hin, und erzhle
ihm alles, was du glaubst gesehn zu haben: was kmmert es mich? Ihr alle, Gute
wie Schlimme, habt mich so hingestellt, da ich nur mir selbst verantwortlich
bin. Ihr sollt mein Schicksal nicht aufhalten und mein Wesen nicht beschrnken,
ihr, schlimmer, als die Phariser!
    Ich verstehe dich nicht, sagte Ottavio verlegen, der sich aber gern
sammeln wollte; wem wiedersagen? Was meinst du damit?
    Man mchte lachen, erwiderte sie, wenn der Narr nur selber lustiger dabei
ausshe: nun, dem weltberhmten Niemand, der ja alles Bse, Schlechte und
Verchtliche in der Welt ausrichtet, der arme Sndenbock, auf den alle Laster
und Bosheiten immer gewlzt werden: diesem Niemand kannst du es sagen, oder auch
seinem Erbfeinde, dem Jemand: denn freilich ist der Niemand auch wieder der
Tugendsame, Gottesfrchtige, Wohlttige, der ohne Laster und Leidenschaft ist,
und wenn Niemand so ausbndig und tadellos ist, so mu irgendein Jemand doch
wohl dies und das verbrochen haben. - O ihr armen Armseligen! hat Gott denn
wirklich fr euch die Sprache erfunden und sie euch mitgeteilt?
    Mit dieser Rede lie sie ihn stehn, um sich in ihren Zimmern zu
verschlieen. Ottavio, der Hohnlcheln und verachtenden Spott in ihren Mienen
gesehn hatte, war erfreut, als die Mutter mit ihrer Gesellschaft in das Haus
trat. Vittoria lie sich, als unpa, durch den Diener entschuldigen. -

                                Drittes Kapitel


Die Mutter, Donna Julia, hatte sich schon seit lange in alle die Einrichtungen
gefunden, welche Vittoria in ihrem Haushalt fr notwendig hielt. Es befremdete
sie eigentlich nicht, wenn sie sah, wie die beiden Ehegatten auf keine Weise in
dem Verhltnis lebten, wie es Sitte, Gesetz und Religion verlangen. Sie waren
stets getrennt, und sahen sich nur, wie zufllig, wenn Besuchende im Saale
versammelt waren. Sie benutzten die Gewohnheit, welche schon damals eine
miverstandene Schicklichkeit und Courtoisie in Italien einfhrte, da Mann und
Frau sich nicht beisammen in fremden Husern zeigen, und so erblickte man
Vittoria allenthalben nur in Gesellschaft des Herzogs Bracciano, dem alle brige
erklrte Verehrer der schnen Frau hatten weichen mssen. Vittoria behandelte
immerdar mit einer stillen, nicht auffallenden Geringschtzung, an welche er
sich nun schon gewhnt hatte, ihren Gemahl; eine Vernachlssigung, die ihn jetzt
nicht mehr demtigte, da er so auffallend von vielen Groen, vorzglich vom
Kardinal Farnese beschtzt wurde. Die Mutter Julia war bekmmert, da sie so
ganz das Vertrauen der Tochter, sie wute selbst nicht wie, verloren hatte, und
die bange Ahnung eines vielleicht bald einbrechenden Unglcks bedrckte ihr
Gemt, so da sie nach und nach alle Heiterkeit verlor. Es machte sie auch das
Gefhl unglcklich, da ihr Sohn, der Bischof, ihr und dem Kardinal Montalto
fast mit offenbarer Feindlichkeit entgegentrat, und sich offen als Anhnger der
Farnesischen Partei erklrte: von ihrem Sohne Marcello brachte sie nichts in
Erfahrung, als nur betrbende Gerchte, so da sie fr diesen immerdar zittern
mute, und so war das Glck, auf welches sie gerechnet hatte, fast in nichts
zerronnen.
    War der Herzog Bracciano auch glcklich, so kmpfte sein ungestmer Geist
doch immerdar, mehr und alles zu erringen. Indem er seine Geliebte wegen ihres
edlen Mutes verehren mute, fhlte er doch, wie unwrdig ihr gegenber ihr
sogenannter Gemahl erschien, auch qulte ihn eine sonderbare Eifersucht, denn er
wute oder ahnete wohl, was Farnese gehofft, und frher der junge Orsini
beschlossen hatte. Dieser vermied geflissentlich alle Gesellschaft, wo er die
Accorombonis treffen konnte und lebte ganz seiner Braut, der schnen Savelli,
mit welcher er sich auch nach einiger Zeit vermhlte, zum Erstaunen vieler
Rmer, welche es nicht begreifen konnten, wie die edle, von allen verehrte
Jungfrau sich mit dem Ausgelassensten der rmischen Jugend verbinden knne.
    Es war ein Fest und ein Maskenball unter den jungen Leuten veranstaltet
worden, an welchem auch Peretti teilnehmen sollte. Vittoria entzog sich seit
einiger Zeit diesen rauschenden Vergngungen, und so auch dieser Anstalt, und um
so mehr, weil man beschlossen hatte, da das Festino bis in den folgenden Tag
hinein dauern sollte. Die Mutter war unwohl und ging frh zur Ruhe, alle
Bekannte und Freunde, jeder Besuch war abgewiesen worden, und so hatte Vittoria
Gelegenheit, sich wieder einmal ganz der Einsamkeit zu ergeben, die sie jetzt
mehr als je gern aufsuchte, sooft es nur irgend mglich war. Denn dem
beobachtenden Freunde entging es nicht, da sie viel ernster war, als frher,
da jene jugendliche bermtige Laune, die sie ehedem so reizend machte, sie
jetzt nur noch selten besuchte. Heut am Abend berlie sie sich gern den
sesten Trumen, weil es verabredet war, da Bracciano sie sehn, und ungestrt
bis spt sich ihres Gesprchs und ihrer Gesellschaft erfreuen solle. Der Herzog
kannte ihr Wesen und ihre Festigkeit so gut, da er mit keinen neuen Hoffnungen
zu ihr schlich, und sie durfte sich so vertrauen, da kein Flehn oder liebliches
Trumen ihre Entschlsse in dieser nchtlichen Einsamkeit erschttern wrden.
    Ursula, die Vertraute, lie auf ein gegebenes Zeichen den verkleideten
Frsten in den Saal. Vittoria erwartete ihn beim Scheine einiger Kerzen, sie
hatte verschiedene ihrer Gedichte hervorgesucht, die sie ihm nach seinem Wunsche
mitteilen wollte. Bracciano war sehr feierlich gestimmt und nahm traurig und
nachdenkend Platz an ihrer Seite. Sie erlaubte ihm gern Ku und Umarmung und
beide ergingen sich dann in sen Plaudereien, die nur Liebende zu schtzen
wissen, in jenen Kleinigkeiten, die den brigen Menschen nur unbedeutend
erscheinen, und an denen sich die Berauschten entzcken.
    Endlich sagte Bracciano: Und du willst dies Elend noch ferner so ruhig mit
ansehen, in welchem wir beide verstrickt leben? Es ist dir nicht mglich, einen
groen, herzhaften Entschlu dir abzuringen, um uns eine neue Bahn zu brechen?
Knnen wir nicht nach Venedig gehn, selbst nach Toskana, oder Frankreich und
Deutschland? Alles, was ich besitze, lege ich zu deinen Fen: meine
Verbindungen, mein Rang sichern dir in jedem Lande eine ehrenvolle Aufnahme, wer
wei, was indessen hier mit dem schwachen, oft krnkelnden Peretti geschieht,
und dann erklre ich dich vor aller Welt fr meine Gemahlin. Gilt es das Glck
des ganzen Lebens, die hchste Wonne unseres Daseins, so mu man nicht zu
zaghaft jeden hemmenden Umstand in Erwgung ziehn - was ist das Geschwtz der
Menge? das Lstern jener Moralisten, deren engherziges Gemt niemals das Groe
begreifen kann? Und knnen wir es uns denn nicht mit sicherer berzeugung sagen,
da nicht gemeine Lust oder Leichtsinn uns unberlegt in diese Bahn wirft? Ist
die Liebe das Edelste der Welt, so mu sie endlich auch, nach langer Entsagung,
ihren Preis erringen.
    Liebster, antwortete sie, ich habe dir schon sonst ber diesen Gegenstand
offen und wahr meine Meinung gesagt, meinen festen, unerschtterlichen
Entschlu. Ihr brigen Menschen fat es nicht, von welchem Elend uns damals der
edle Montalto auf so edle Art errettete: diese scheinbare Ehe, es ist wahr, ist
nichtig und ungltig, ich habe sie niemals anerkannt, und seit ich dich sah,
vllig in meinem Gemt, wie fr die Wirklichkeit vernichtet. Auch wagt es
Peretti nicht, mir darber Vorwrfe zu machen, er wei, wie ich ihn verachte, ja
wie sehr ich Grund htte, ihn zu hassen, wenn er mir nicht zu unbedeutend wre.
Aber ich kann meine groartige tugendhafte Mutter nicht so krnken, die schon
ein stiller Gram verzehrt und ihr Leben untergrbt. Ihr und dem armen Peretti
habe ich feierlich versprochen, diese, von der Welt so laut ausgerufene Ehre
nicht zu verletzen. Und wie sollte ich den gerechten Vorwrfen, oder gar dem
Blick des tugendhaften Montalto begegnen knnen? - Mit dir entfliehn? - Und
diese Kardinle, deine Familie, Florenz und die Frsten Italiens - welch
Geschrei, welche Anklage wrden sie erregen, welche Verfolgung! Und
hauptschlich gegen mich, denn in diesen Fllen ist das Weib immerdar das Opfer.
Nun wrdest du gekrnkt und verletzt sein, dein hoher Rang und deine Wrde
verwundet, und es wre nur das natrlichste, da unsere Liebe, die wir jetzt,
und mit Recht eine ewige nennen, getrbt und krank hinsnke. - O warum bist du,
der du bist: mit allen diesen reichen groen Familien, diesen Kardinlen und
Frsten nah und nher verwandt, mit zwei schnen Kindern gesegnet, um deren Erbe
man besorgt sein wrde - warum bin ich, von den Umstnden gedrngt, auch in
diese hohe Verwandtschaft getreten, warum habe ich, so fest ich auch zu sein
glaubte, meine Freiheit geopfert? - Sieh, Geliebter, so hat sich unser
Verhngnis durch und gegen unsern Willen geschmiedet, und unzerreibare Ketten
um uns gelegt. Keine Menschenkraft kann sie zerreien. Und sind wir denn nicht
glcklich? Wahrhaft beseligt? Wie arm, niedrig, und tief unter mir, erscheinen
mir alle die brigen Menschen, wie bejammernswrdig, da sie nicht so lieben,
wie wir.
    Nicht solche Worte! rief Bracciano, du hast recht und doch auch wieder
unrecht, und wenn du so oft diesen Satz verteidigst, der ganz der menschlichen
Natur und der edelsten Kraft unsers Herzens widerstreitet, so gerate ich auf den
Argwohn, da du Sophistereien liebst, oder kalt bist und mich nicht wahrhaft
liebst.
    Sie drckte ihm weinend den herzlichsten Ku auf die Lippen und sagte dann
flehend: Nicht so mich krnken. - Die Trne, die in den goldenen Wimpern
zitterte, kte er ihr nun vom Auge, dann sprach er: Wer dich so sieht, dies
groe Auge, diese Trne wie ein gefangenes Vgelchen in Goldstben des Kfigs,
diese aneinandergelegten Finger der flehenden schnen Hnde, und dazu den
Silberton, das se Flten dieser seelenvollen Stimme vernimmt, der mu, ist er
nicht wahrer Skythe und Barbar, dir alles bewilligen. - Es sei. - Wie nun aber,
Liebste, wenn du in einem Proze auf Scheidung drngest? Du kannst ja gewi
gltige Grnde auffhren.
    O schweige, schweig! rief sie heftig aus, wenn ich nicht in Schaudern
vergehen soll. Ich bin dreist und mutig, wenn es gilt, verwegen; aber allen
dergleichen schndlichen Fragen, Zweifeln, Darlegungen mte ich unterliegen:
die Liebe darf vielleicht in der Feier ihrer Mysterien (so denke ich es mir) die
Scham verleugnen - aber vor Rechtsgelehrten, kalten Mnnern, ihre Frechheit mit
Frechheit berbieten - nein Liebster, eher wrde ich mir auf offnem Markt den
blank geschliffnen Dolch in die entblte Brust stoen. - Es ist aber auch nur
dein Scherz, Geliebter, denn ich kenne dich viel zu gut, um es anders zu nehmen.
- Und wre ich die Unverschmte, die sich selbst zum eklen Schauspiel preisgeben
mchte - was wrde es fruchten? Der Heilige Vater ist fromm, er und das
Kollegium stnden der Familie Peretti bei, viele meiner und deiner Feinde wrden
alles gegen mich aufbieten - und nach Jahren wrde dann wohl entschieden, da
ich zur Strafe meiner Gottlosigkeit in einem armseligen einsamen Kloster Bue
tun mte, um von einer bigotten btissin und nichtswrdigen Nonnen gepeinigt zu
werden.
    Sie liebkosete ihm, scherzte, lachte und weinte, so da er selbst in einen
sonderbaren Humor geriet und ausrief: Nun? Wenn ich mich nun doch auf rohe
Barbarei legte? dich einmal pltzlich an einem schnen Morgen mit Gewalt
entfhrte, in die weite Welt mit der Jammernden und Widerspenstigen
hineinreisete, und hier Mama und Heiligem Vater, dem lieben Peretti und seinem
Oheim, sowie dem Kollegium und meinen Muhmen, Vettern und Basen das leere,
nchterne Nachsehn liee? Wie dann?
    Recht so, mein Liebster, sagte sie lachend, da geraten wir auf die rechte
Bahn. Und so reiseten wir denn, und reiseten, Arm in Arm, in das Unendliche fort
und fort, bis alle Vettern und Basen weit, weit hinter uns lgen, und wir
landeten dann an einer unbewohnten, unentdeckten Insel im Stillen Ozean, ohne
Menschen, hchstens mit einigen Affen bevlkert, Palmenwein, die sesten
Frchte, die herrlichsten Blumen, alles wchse uns freiwillig entgegen - die
Jahreszeit ein ewiger Frhling - nun entdeckten wir pltzlich einen alten, aber
sehr menschenfreundlichen Zauberer. Seine Kunst, alle seine Geister stnden uns
zu Gebot, er hexte uns immer Speise und Trank, schne Kleider, auch einen
herrlichen Palast herbei: hbsche, niedliche Elfen und Feen unsre Bedienung, und
kein einziger Teufel oder bser Dmon auf der ganzen Insel. Wie bei der Circe
hrten wir dann den einsamen Webstuhl sausen, und die strkste und knstlichste
der Feen webte uns die Gewnder, andre, kleinere, legten mit fast unsichtbaren
Nadeln die feinsten Stickereien hinein. Nun fhrst du, auf einem schnen Wagen,
von Hirschen bespannt, auf die Jagd, dann sitzen wir im bunten Kahn und fischen,
im Wald singt dazu die Nachtigall und der Quell rauscht - jeder Baum klingt in
seiner eignen Singstimme - und so lebe ich fort und fort in Liebe mit meinem
lieben Mnnchen, bis wir beide alt und grau werden; und ich bin auch vor jeder
Untreue des zrtlichen Gatten gesichert, denn es lebt keine einzige Frau, nicht
ein Mdchen auf unserm Weltteil dort. - Nicht wahr, so wollen wir es einrichten,
so einfach und ganz vernnftig, ohne alle falsche, poetische Erwartung?
    Und unter den brigen Affen dort, wre auch meine Gemahlin ein wunderliches
ffchen, antwortete Bracciano, indem er ihr leise mit den Fingern den
blendenden Nacken schlug. Wie nur geschieht es, da alles, was du treibst und
tust, dir so liebreizend steht? Und die kleine Plaudertasche ist dann gleich
wieder so gro und erhaben, springt aus der lieblichen Narretei so pltzlich in
den Tiefsinn, kann eben noch neckisch einen mit dem Feuerblick so erschrecken,
da, wie die Griechen sagten, alle Grazien bei deiner Wiege gestanden haben
mssen, um dich mit diesen Gttergaben zu beschenken. Du Hebe und Juno, Pallas
und Venus - und vor allen andern, und was dich am schnsten schmckt, die
eigentmliche, einzige Vittoria!
    Schmeichler! sagte sie und schlug ihm auf den Mund, worauf sie dann seine
Lippen zrtlich kte. Er fate ihre Hand, und lobte die schmalen, langen
Finger, sie spielte mit seinen schwarzen, immer noch krausen Locken, er kte
und drckte die Hand und lste dann ihr langes Haar, da es ber den weien
Nacken wogend niederrollte.
    So, sein Alter ganz vergessend, sa er tndelnd bei seiner jungen Geliebten,
beide in diesem Augenblick spielenden Kindern nicht unhnlich. Pltzlich wurden
sie aus ihrem Jugendtraum aufgeschreckt, denn die alte Ursula kam hastig herein
und flsterte: Um Gott und alle Heiligen! unser Herr kommt ganz unerwartet nach
Hause, und noch ein vermummter Mann mit ihm: ich habe sie beide von oben aus
meinem Kmmerchen beobachtet, sie sind schon an der Haustr und unser Herr hatte
den Schlssel mitgenommen. Was ist zu tun?
    Die erschreckte Alte entfernte sich wieder. Ja, was ist zu tun?
wiederholte Vittoria: wenn ich auch alle Rcksichten fahrenliee, so kannst du
nicht nach meinem Zimmer gehn, denn meine Kammerfrau erwartet mich dort -
    Warum mich verstecken? fuhr der stolze Bracciano auf bin ich ein Knecht?
Wenn ich sie beide mit diesem Dolche niederstoe, so werden sie schweigen.
    Und ich? klagte Vittoria: und unser Haus? Und mein Ruf?
    Da fiel ihr pltzlich das kleine Cabinet ein, welches sie neulich zufllig
entdeckt hatte: sie schlug an die Wand, schob den Geliebten hinein, zeigte ihm
den kleinen Drcker auf der andern Seite, und entfernte sich eilig, nachdem sie
vorher alle Kerzen ausgelscht hatte. Sowie sie die Tr hinter sich zugemacht
hatte, hrte sie die beiden schon durch den andern Eingang hereintreten.
    Peretti trug eine Blendlaterne unter seinem Mantel, und schien, so wie er
taumelte, einen kleinen Rausch von dem Maskenfeste mitgebracht zu haben. Er
zndete einige Kerzen wieder an, sah sich dann im Saale um, und begab sich
schwankend an alle Tren, um jede sorgfltig zu verschlieen. Nun sind wir ganz
sicher, sagte er dann leise.
    Jetzt wickelte sich der Fremde aus seinen Umhllungen, und es zeigte sich in
einer Verkleidung der Kardinal Farnese. Wir haben uns nun, sagte dieser, aus
der Tollheit Eurer jungen Freunde, die mich gewi nicht erkannt haben, so ganz
allein fortgeschlichen, Ihr sowie ich ohne Diener, und ich rechne nun darauf,
da Ihr Euer Versprechen halten werdet. -
    Setzt Euch nieder, groe, furchtbare Eminenz, sagte Peretti, halb
stammelnd; es ist gewi und fast augenscheinlich, da ich nicht fhig bin,
lange aufrecht zu stehn, so fleiig und freundschaftlich habt Ihr mir dort
zugetrunken. Denn eins ins andere gerechnet, ist der Mensch in allen Dingen und
Genssen nur eines gewissen Maes fhig, der mehr und der weniger, so wie die
Gaben nun von der Natur ungleich ausgeteilt sind.
    Der Kardinal schien sehr verdrielich, er sah sich um, und sagte dann: Ich
hoffe doch, da Ihr Eures Wortes noch eingedenk seid.
    So mu ich mir denn einen Mut fassen, fuhr Peretti fort, groherzige und
allmchtige Eminenz, und Euch, da es nicht zu ndern steht, gleichsam mit Trotz
entgegentreten. - Er sank in die Knie, fate die Hand des Alten und kte sie
mit vieler Zrtlichkeit.
    Warum habt Ihr Euch so betrunken? fuhr ihn Farnese an.
    Im Gegenteil, antwortete der junge Mann, jetzt bin ich allzu nchtern;
aber dort, im Saale, als wir im Nebenzimmerchen beide ganz allein bei dem
vortrefflichen Syrakuser saen, da freilich mein herrlicher Beschtzer, da war
ich mehr als berauscht, denn meine Zunge sprach, wovon mein Herz nichts wute.
Ach! Mann! hocherfahrner Priester und Regent - nicht wahr, wir lgen nur
allzuoft, bald wissentlich, bald unwissentlich? Ich log zwischen beiden, ich
erkannte meine Lge und meinte es doch so herzlich gut mit Euch, da ich
zugleich wnschte, sie mchte zur Wahrheit werden knnen.
    Ich verliere die Geduld ber dem Geschwtz, sagte der Kardinal. Habt Ihr
es denn ganz vergessen, unter welchem Versprechen Ihr mich hierhergelockt habt?
    Gewi nicht, mein erlauchter Patron, fuhr jener fort, und so bin ich denn
gezwungen, Euch reinen Wein einzuschenken, wie man zu sagen pflegt, zum Dank
dafr, da Ihr mir dort auch den allerreinsten gegnnt habt.
    Nun also? -
    Ach Himmel! wie lange ist das schon her, wie lange, da ich nicht mehr,
weder bei Tage, noch in der Nacht, zu meiner Vittoria habe kommen drfen, so da
ich sie zeither auch immer Virginia genannt habe. Das war mir nun in meiner
mutigen Trunkenheit ganz aus meinem Gedchtnis entwichen, als ich Euch so
treuherzig versprach, Euch im Finstern so in ihre stille Kammer zu fhren, als
wenn ich es wre. Ja so ein lblicher Betrug bliebe recht lustig und schn, wenn
er nur mglich wre, wenn das nur gleich nach meiner Vermhlung htte geschehen
knnen, aber jetzt ist sie immer fest eingeriegelt, und brennt immer Licht, und
lieset und studiert und dichtet ganze Nchte hindurch. Brchen wir auch das
Schlo auf, so entstnde ein greulicher Skandal, da das ganze Haus wach wrde,
und die groe frchterliche Mutter auch dazu kme, und wie es mir Armen dann
erginge, das knnt Ihr wohl selber ermessen.
    Und nun also? sprach Farnese ergrimmt; sie sieht Euch nie, seit Monden
nicht, wohl gleich nach den ersten Tagen der Ehe hat sie Euch verabschiedet, sie
verabscheut Euch? Ihr habt im Hause hier nicht das mindeste Recht? Und das alles
habt Ihr im tierischen Rausch vergessen? Schmeichelt mir mit der Aussicht: und
deswegen besuchte ich nur Euer dummes Gelag, da es mglich sei, mich in der
Nacht verkappt zu ihr einzufhren. Da Ihr mich am Morgen unerkannt wieder aus
dem Hause lassen wolltet? Und nun -
    Nun, fiel Peretti ein, sehe ich freilich ein, da das ein niedertrchtig
falsches Sprichwort ist: in vino veritas. Aber warum seid Ihr mir bse? Aus
Respekt vor Euch, aus Liebe zu Euch, habe ich ja nur die gute Frau so
vernachlssiget, weil ich mich so ganz unwrdig fhlte, Euer Nebenbuhler zu
sein; das hat sie denn auch so unwirsch gemacht, da sie mich ganz und gar von
sich wegjagte. Aber wir wollen drum nicht verzweifeln, und einen besseren Plan
ersinnen und ausfhren.
    Ich habe Euch, das wit Ihr, sagte Farnese, meinen Schutz zugesagt, und
Ihr seht es selber ein, da Euer gebrechlicher Oheim, den kein Mensch achtet,
der ohne allen Einflu ist, Euch nichts ntzen kann. Ich will Euch befrdern und
zum reichen, mchtigen Manne machen, aber ich mu sie, diese Stolze, besitzen,
die mich verhhnt, oder Euch ist der Untergang geschworen.
    Ich berlasse sie Euch ja, rief Peretti, denn vielleicht hasse ich sie
ebensosehr, als Ihr sie liebt. Wir alle sind auf Eurer Seite und stehn Euch bei,
blo der elende Flaminio nicht, der bei dem prahlerischen Bracciano in Diensten,
und dem ganz ergeben ist. Aber der Abt Ottavio ist ganz Euer eigen, ich bin Euer
geschworner Diener und der tapfre Marcello will Blut und Leben fr Euch
aufopfern.
    Marcello? rief der Kardinal erstaunt, das kann ich Euch nimmermehr
glauben.
    Ich habe ihn ganz in der Hand, sagte Peretti; seht, Verehrter, er ist
schon seit lange ein Verbannter, ein Bandit; aber, ein kluger Kopf, wie er ist,
wei er sich doch oft in die Stadt zu schleichen, und dann beherberge ich ihn
bei mir, dort in dem kleinen Gartenhause. Da haben wir schon vielerlei
miteinander verabredet, und wenn Ihr ihn gut bezahlt, so lt er das Leben fr
uns.
    Freund! rief Farnese, htet Euch vor diesem verwegenen Menschen! In
welchem Lichte wrdet Ihr erscheinen, wenn ihn die Hscher in Eurem Hause
aufheben sollten!
    Sorgt nicht, antwortete Peretti, der nun nach und nach nchtern geworden
war. Wir sind beide zu vorsichtig. Aber auf meinen Plan zurckzukommen, so ist
es dieser, der gar nicht fehlschlagen kann. Ich habe mit meiner Familie
verabredet, da wir in wenigen Tagen alle wieder auf einige Wochen nach Tivoli
hinbergehen, um dort das kleine Haus, ein Eigentum der Familie, zu bewohnen.
Nun fhrt die stolze Vittoria dann in dem einen Wagen ganz allein, wie sie es
immer tut, nur etwa zwei Kammerfrauen mit ihr, ich folge mit der Mutter nach. Da
will ich es schon so einrichten, da der zweite Wagen Schaden nehmen soll, und
wir bedeutend zurckbleiben. Halben Weges, auf dem wsten Felde, knnen Eure
verkappten Leute, oder Eure Freunde des Gebirges, die freien Menschen, sie
leicht entfhren und schnell auf eins Eurer Schlsser, oder zu einem sichern
Freunde bringen. In Tivoli selbst ist sie auch leicht aus dem kleinen Hause
wegzurauben: oder von einem Spaziergange, weil sie es liebt, oft ganz allein
umherzuwandeln. Ist sie nun erst in Eurer Gewalt, so mu sie sich, ihrer eignen
Wohlfahrt wegen, bald ergeben. Denn sonst lasse ich ihr mit einem Prozesse
drohen, da sie mich bslich verlassen, da sie sich freiwillig von irgendeinem
Eurer Kastellane oder Stallmeister, wegen bewuten Ehebruchs von diesem ihrem
Liebhaber habe entfhren lassen: dann wird ihr gesagt, wenn sie ruhig bei Euch
bleibt, sich die Geschenke von Euch, Reichtum und Wohlleben mit Euch gefallen
lt, so werde ich gnzlich schweigen, und tun, als lebe sie von mir, mit meiner
Bewilligung, getrennt.
    Lieber Mann, sagte Farnese jetzt, Ihr seid viel klger, als ich geglaubt
habe. Meldet mir nur, an welchem Tage und in welchen Stunden die Reise nach
Tivoli vor sich geht, und ich will mich gar nicht mehr hier sehen lassen, um
allen Verdacht um so mehr zu entfernen. Bei dieser Abrede soll es also bleiben:
sie soll glcklich, reich und vornehm werden, und Euch werde ich so belohnen,
da Ihr selber ber meine Gromut erstaunt denn meine Leidenschaft zu ihr ist
eine unendliche. - Aber jetzt lat mich, nach Euerm trichten Benehmen im
Rausch, wieder unbemerkt aus dem Hause: denn ich frchte, der Morgen dmmert
bald herauf.
    Er nahm seine Umhllungen wieder auf, und Peretti suchte den Schlssel des
Hauses hervor. Kaum hatten beide mit der Kerze den Saal verlassen, als
Bracciano, der jedes Wort vernommen hatte, sich aus seinem engen Cabinet
behutsam herausschlich, die Tr wieder andrckte, und den beiden mit leisen
Schritten nachging. Der Saal stand offen, auf dem Gange folgte er dem
Lichtschein in der Ferne. Nun standen jene beide an der Tr des Hauses und
Peretti fgte den groen Schlssel ein, um zu ffnen. Auf tat sich leise und
langsam die Tr, und Farnese schlpfte auf die Gasse, im selben Moment aber
blies Bracciano, der jetzt dicht hinter Peretti stand, die Kerze aus, gab diesem
einen kleinen Sto, und sprang aus dem Hause, sich nach der entgegengesetzten
Seite wendend, als wo er den Verhllten im aufdmmernden Dunkel wandeln sah.
Peretti wute nicht, wie ihm geschehen war, zitternd und halb ohnmchtig
verschlo er die Tr, begab sich in sein Gemach, und konnte sich lange von
seinem Schreck und Grauen nicht erholen.

                                Viertes Kapitel


Peretti mute noch viel darber sinnen, wer jener Fremde gewesen sei, der ihn so
erschreckt und sich so verdchtig in seinem Hause versteckt habe. Er riet auf
viele, konnte aber nirgends eine sichere Vermutung finden. In seiner
Verlegenheit und Angst war er unklug genug, dem Kardinal Farnese den Vorfall zu
erzhlen, und wurde noch verwirrter, als dieser in Schreck und Zorn ihn heftig
anlie, da dergleichen in seinem Hause mglich sei. Wie? rief er aus, Ihr
verlockt mich in stiller finstrer Nacht in Euer Haus, ich folge Euch in
unziemlicher Verkleidung, weil ich Euch mein unbedingtes Vertrauen schenke; -
und in unserer Nhe lauert ein Mrder, oder wenigstens ein Verdchtiger, ein
Unbekannter! Wie leicht war es ihm, so ohne Diener, unbewaffnet, wie wir waren,
uns zu ermorden - und welchen Ruf erwarb mir dann in der Welt dieser verdchtige
Tod! Bedenkt, Peretti, ob es mir wohl zu verargen wre, wenn ich Euch selbst fr
einen verruchten Bsewicht und Verrter hielte, der im Komplott meiner Feinde,
mir boshafte Schlingen legt, und mir nach dem Leben stellte. Erinnere ich mich
Eures sonderbaren Benehmens, so wird der Argwohn fast zur Wahrscheinlichkeit.
Wie? Ihr beredet mich, Euch verkleidet nach jenem Festino zu folgen, um mir dort
wichtige Entdeckungen und Vorschlge mitzuteilen? Damals wart Ihr noch nicht
berauscht, und konntet also wissen, da Ihr mir etwas Unmgliches versprachet
und verhieet. Nun also waren wir auch bei der sptern Beratung, als Ihr etwas
mehr zur Vernunft gekommen wart, nicht allein: sagt selbst, ob ich im Unrecht
bin, wenn ich Euch fr einen Verrter halte?
    Peretti bereute herzlich seine unbesonnene Mitteilung, denn statt Rat und
Hlfe bei seinem Beschtzer zu finden, mute er diese Vorwrfe hren, und die
Rache des Kardinals befrchten. Er entschuldigte sich so gut er konnte, und
beteuerte seine Redlichkeit und seinen Diensteifer. Ich will Euch glauben,
sagte endlich der Alte, und Eure Unschuld knnt Ihr mir dadurch beweisen, da
noch in dieser Woche Euer Umzug nach Tivoli stattfindet. Dann mu ich genau
Stunde und Minute der Abreise erfahren: ich werde die Meinigen anstellen, und es
so einrichten, da frerst nicht der mindeste Verdacht auf mich fallen kann.
Spterhin ist es gleichgltig. Gelingt die Sache, so sind wir vllig ausgeshnt
und ich schenke Euch meine Freundschaft und mein unbedingtes Vertrauen. Finde
ich Euch falsch und unwahr, mit meinen Feinden im Bndnis, so werdet Ihr meiner
Rache nicht entgehen, und der Mchtigste soll Euch vor meinem weitreichenden Arm
nicht schtzen knnen, geschweige Euer schwacher Oheim.
    Dies Gesprch fiel am Montage vor, und Peretti verhie, da schon vorlufige
Anstalten getroffen, einige Diener schon hinausgesendet waren, die manche
Bequemlichkeit hinbergeschafft hatten, gewi freitags frh, mit seiner Familie
nach dem Landhause und der lieblichen Gegend aufzubrechen.
    Vittoria sa, da das Wetter so schn war, mit ihrer Mutter und dem
treuherzigen Caporale in der khlen Laube ihres Gartens. Er war, da er sich von
Rom nicht entwhnen konnte, wieder aus seiner Landschaft herbergekommen, und
befand sich am liebsten in dieser Familie, die ihm seit Jahren in Rom am meisten
befreundet war. Ihr seid so ernst, Donna Julia, sagte er jetzt, und ich finde
schon seit lange Eure Stimmung anders als ehemals, und doch seid Ihr, nebst den
Eurigen, wohl und gesund.
    Und mein Sohn Marcello? erwiderte sie, kann ich ihn denn vergessen, und
das Schwert nicht sehn, das ihm immerdar ber dem Haupte hngt? Kann ich mit
Ottavio zufrieden sein?
    Seitdem wir hher hinaufgestiegen sind, fhle ich mich beklemmter, und mir
ist immerdar so zumute, als wenn pltzlich aus irgendeinem Winkel ein
erschreckendes Unglck hervorbrechen wrde.
    Nun reisen wir ja, sagte Vittoria trstend, schon am Freitage nach unserm
geliebten Tivoli. Da wirst du dich wieder im Freien ergehn, deine
Lieblingspltze besuchen. Dort wollen wir uns erfreuen und erfrischen, und ich
werde mich jenem betubenden Wasser-Abgrunde nicht wieder nhern.
    Du zittertest damals, sagte die Mutter, nach der Stadt zu reisen, und
hattest eine Vorahnung von etwas Entsetzlichem, was dich hier betreffen msse:
diese Furcht ist nicht erfllt worden, und so, mchte ich hoffen, kann es
vielleicht auch mit meinem Gefhle sein. Denn ich gestehe, ich bebe in Angst vor
dieser Reise und schelte selbst meine blinde Weiberfurcht kindisch, und kann
doch dieses Grauen, das mir auf jedem Schritte nachschleicht, nicht
verscheuchen.
    Wie damals meine Angst, sagte Vittoria mit einem sonderbaren Ton, mir nur
groes, unerwartetes Glck bedeutete, so wird es dir auch widerfahren, Teuerste,
und du wirst dich mit frischer Kraft dort in Tivoli deines Lebens erfreuen. -
Doch mu ich dich jetzt verlassen; ich selber mu nach allen meinen Musiksachen
und nach meinen Schreibereien sehn, da nichts verlorengeht oder in unrechte
Hnde kommt.
    Sie hpfte fort, und die Mutter sah mit einem langen wehmtigen Blick der
schnen, dahinschwebenden Gestalt nach. Ich glaube, sagte sie nach einer Weile
mit schwermtigem Ton, diese meine Augen werden Tivoli niemals wiedersehn.
Geschieht es, so frchte ich, wahnsinnig zu werden. -
    Caporale war in Verlegenheit, was er der aufgereizten Frau antworten sollte,
die ihm krank zu sein schien, denn ihr groes Auge hatte den ehemaligen Glanz
verloren, sie war bleicher als sonst, und die Wangen waren eingefallen. Ihr
verwundert Euch ber mich, fuhr sie nach einiger Zeit fort, - ach! ich wei am
besten, was ich seither gelitten habe. Glaubt mir, alter Freund gewisse
Erschtterungen unserer Natur, wenn wir auch nachher wieder gleichgltig
weiterleben, zittern und unterhhlen fort und fort in unsrer Seele, bis von der
dauernden Anstrengung und dem Um-sich-Fressen des Giftes die Schale zerbricht.
So hat meine Tochter, meine beiden Shne, der boshafte Farnese, jetzt dieser
Peretti, alle haben wetteifernd diese zersprengenden Angstgefhle in meinen
Geist geschttet. Kann man diese Ehe ohne Furcht und Grauen betrachten? Wie soll
es enden? Der Gemahl entzieht sich uns, und ist ein Knecht des Farnese, so wie
mein ltester Sohn. Und was will dieser Bracciano in unserm Hause? Wird der
Gewaltttige vielleicht die Rolle des jngern Vetters, jenes Luigi fortsetzen
wollen, der jetzt ruhig und vermhlt ist? Ich zittre, sooft ich die hohe
mchtige Gestalt hier sehe und mein Auge seinem herrschenden Knigsblick
begegnet. Ja, diese Orsini! seit meiner frhen Jugend haben sie sich wie bse
Dmonen in den ruhigen Lauf meines Lebens hineingedrngt, und so hat mich der
schlaue Kardinal mit einer Jugenderinnerung geschreckt, mit einer Begebenheit,
die ich lngst vergessen glaubte.
    Caporale ersuchte sie, da sie doch Vertrauen zu ihm habe, welches er nie
mibrauchen knne, ihm etwas davon mitzuteilen und sie begann: Ihr wit es,
Freund, da ich von dem alten Geschlecht der Agubio abstamme. Mein Vater war
nicht reich, aber was ihm an Vermgen abging, schien er durch Stolz ersetzen zu
wollen. Frh ward in unserm Hause auf unserm Gut der bekannte und berchtigte
Graf Nicola Pitigliano eingefhrt, der zu der Familie Orsini gehrt, so wie
Bracciano, sowie jener Luigi, und noch viele andre unbndige Gemter, wie es
Euch bekannt ist. Diesen Graf Nicola, welcher nachher verrterisch seinen armen
Vater durch einen berfall von seinem Schlosse vertrieb, und ihn dann dem Elende
preisgab, der nachher seinen leiblichen Bruder meuchlerisch ermorden wollte,
dieser, der es jetzt mit den Banditen hlt und der Anfhrer einer groen Bande
ist, dieser bse Mensch, der nun ebenfalls (denn die Gerechtigkeit des Himmels
vergit niemals die Wiedervergeltung) von seinem eignen Sohn durch Verrat aus
seinem Besitztum vertrieben ist, dieser Nicola war als Jngling eine anmutige,
ja eine schne Erscheinung. Ich darf und kann es nicht leugnen, er gewann mein
junges unerfahrnes Herz. Mein Vater aber, der seinen bsen Charakter genauer
kannte, war ihm entgegen. In unserm Hause war seit kurzem ein junger, stiller,
liebenswrdiger Mann wohnhaft, der als Rechtsgelehrter die verwickelten
Geschfte meines Vaters besorgte und in Ordnung brachte, das Muster eines
verstndigen, geregelten Mannes, angenehm im Umgang, unterrichtet und von zarter
und einnehmender, wenn auch nicht schner Bildung. Es ist die Art der jungen,
bermtigen Mdchen, wenn sie im Aufblhen sind, sich zu erfreuen, wie auf
Mnner von verschiedenem Charakter ihre Reize Eindruck machen. So berlie ich
mich diesem Mutwillen, und hrte weder auf die ernsten Warnungen meines Vaters,
noch meiner Mutter. Die Zeit ging hin, der Graf immer ungestmer, und Federigo
mit jedem Tage schwermtiger.
    Der Stolz meines Vaters hinderte ihn, die Liebe des jungen Rechtsgelehrten,
die er wohl bemerkte, weil sie durch seinen Tiefsinn nur allzu auffallend wurde,
mit einem guten Auge anzusehn. Mir war dieses Seufzen und Wehklagen
unertrglich, und mein unbndiger Sinn neigte sich immer mehr dem wilden Grafen
zu. Gestehe ich es nur, da auch viel Stolz und Hochmut sich in meine
Leidenschaft mischte, und ich, zum Teil seines Standes wegen, den Brgerlichen
so unbedingt verschmhte.
    Meine Mutter sah es wohl, wie der Gram und die Eifersucht das Herz des Armen
verzehrte, aber wenn mein krausgelockter hoher Graf mich anlchelte, so war mir
jeder Mensch, alles Leiden und die ganze Welt gleichgltig. Wie oft habe ich
nachher ber das Unbegreifliche dieser heftigen Leidenschaft nachdenken mssen,
die alle unsre Krfte, Vernunft und Wohlwollen, Gewissen und Frmmigkeit, alle
Freiheit unsers Wesens so vllig unterjocht, da es nur dem furchtbaren Bann
eines unzerreibaren Zaubers zu vergleichen ist. So gingen denn Tage, Wochen und
Monden hin und ich kann wohl meinen Zustand so bezeichnen, da ich mir selber
ganz abhanden gekommen war, und mich in manchen Momenten einer aufdmmernden
Besinnung htte umsehen mgen, wo denn mein frheres Selbst geblieben sei.
    Vllig entzog ich mich der Liebe meiner Eltern und ihrer Aufsicht; wenn der
Geliebte nicht zu uns kommen konnte, erhielt ich Briefe von ihm, es war, ich
gestehe es zu meiner Beschmung, nur Zufall oder Gnade des Himmels, da ich
nicht der Leidenschaft erlag, wenn wir uns selbst im Garten oder im Zimmer
allein berlassen waren. Mein guter Engel hatte mich vllig verlassen, wenn er
mich nicht mit den Argusaugen der Eifersucht, in der Person Federigos bewacht
und beobachtet htte. Dieser kannte und wute alle meine Taten, Schritte und
Entschlsse, er, ohne sich meinen Eltern mitzuteilen, kmpfte dem bsen Genius
entgegen.
    Die Nacht war bestimmt, in welcher ich meinem Hause entfliehen, und durch
vertraute Menschen in die Arme Pitiglianos gefhrt werden sollte. Es geschah,
ich fuhr ab, in stiller Mitternacht, meine mir unbekannten Begleiter waren
stumm: der Morgen dmmerte empor, als wir den Ort der Bestimmung, ein einsames
Haus im Gebirge, erreicht hatten. Ich war allein, auf den Geliebten harrend, im
Zimmer, als Federigo hereintrat.
    - Ich mag die Szene nicht schildern, die sich nun entwickelte. Er hatte um
alles gewut, und jene ruchlose Entfhrung in eine Rettung verwandelt: er selbst
hatte mich begleitet, mit andern verhllt und unerkannt: frher, als das des
Grafen, war er mit dem Fuhrwerk an dem bezeichneten Ort erschienen und ich hatte
mich tuschen lassen. Aber mit welchem Schmerz, welcher Raserei, ja
Verzweiflung, nahm ich diese Tuschung auf: es gab keine beschimpfende
Benennung, mit der ich ihn nicht krnkte, keinen Fluch, den ich nicht auf mich
selber herabrief. Es half dem Treuen nichts, da er mir erzhlte und bewies, wie
der Graf an diesem nmlichen Tage seine Hochzeit mit einer Erbin aus einem alten
Hause feire, und er mich nur, aus Hohn und Mutwillen, in der nmlichen Zeit, um
mich und meine Familie zu schnden, als seine Buhlerin habe entfhren wollen.
Als ich erst imstande war, zu sehen und zu hren, konnte ich den Briefen, den
Zeugnissen, die mir der tugendhafte Mann vorwies, nichts entgegensetzen. Aber
mein Zorn steigerte sich ber diesen seinen Triumph so ungeheuer, da ich ihm
diese Dokumente, die mich beschmen sollten, vor die Fe warf, und dreist, ja
frech erklrte, auch unter dieser entehrenden Bedingung wrde ich dem Grafen auf
sein Schlo gefolgt sein. So tief war ich nicht gesunken, da dies meine wahre
Empfindung htte sein knnen, ich stie diesen Unsinn nur heraus, um den
Getreuen recht empfindlich zu demtigen.
    Und Ihr knnt, Ihr werdet mich niemals lieben? - Solange ich meiner Vernunft
mchtig bin, niemals! rief ich ihm entgegen! Ich htte aber wohl fhlen knnen,
da ich jetzt und seit lange schon vom Unsinn befangen sei. - Federigo war jetzt
auch in Verzweiflung, und unter Trnen und demtigem Flehen schwur er mir, da,
wenn ich jede Hoffnung fr alle Zeiten ihm raubte, er sich vor meinen Augen
ermorden wrde. - Ich lachte hhnisch ber dieses Wort, und erwiderte ihm, wie
das die abgenutzte Phrase, die veraltete Drohung aller verschmhten Liebhaber
sei, und da dergleichen Aberwitz mein festes Herz am allerwenigsten rhren
knne. - Pltzlich aber stie er, zu meinem Entsetzen, sich einen groen Dolch
in die Brust, und sank zugleich blutend zu meinen Fen nieder. - Ich war so
bestrzt, gerhrt und auer Fassung, da ich erst nach einiger Zeit um Hlfe
rufen konnte, um die Wunde, welche tdlich schien, verbinden zu lassen. Zum
Glck war ein durchreisender Arzt im Hause, der aber fr das Leben des
Ohnmchtigen nicht einstehn wollte. Um die Verwirrung zu erhhen, kam mein Vater
an, in Wut, denn sein Stolz war auf das empfindlichste gekrnkt worden.
    So von allen Leidenschaften zerrissen, versank ich in einen betubenden
Stumpfsinn, so da ich auf einige Wochen mein Leben fast verlor. Ich war nicht
gesund, ohne doch krank zu sein. Mein Vater, der von dem Zustande des Federigo
Accoromboni innigst gerhrt war, rief mir immer wieder zu: Sieh, du Verwilderte,
Undankbare, dies ist echte Treue und Liebe! - Als die Strme der Leidenschaft
hinter mir lagen, bemchtigte sich ein unendliches Mitleiden meines Gemtes, und
ich mute das Herz, das fr mich schon geblutet hatte, in das meinige schlieen.
- So ward ich eine Accorombona und durch diesen wackern, tugendhaften Mann die
Mutter von vielen Kindern. - Meine leidenschaftliche Liebe aber hat er nie
besessen. - Lebt wohl, teurer Freund; wir sehn uns, vielleicht, in Tivoli
wieder. -
    Sie verfgte sich in das Haus, um auch zur nahen Abreise Anstalten zu
treffen.

                                Fnftes Kapitel


Am Donnerstage war man frhlich bei Tische versammelt; Caporale ergtzte alle
Anwesenden durch heitere Erzhlungen, und nur Donna Julia war nachdenkend und
nahm am Scherz des Dichters nur wenig teil. Peretti war ausgelassen, wie man ihn
nur selten gesehn hatte, und die Frauen tadelten es im stillen, da er sich des
heien Weins im berma erfreute. Die Dienerschaft war schon zum Teil in Tivoli
und die letzten Wagen, die am Morgen des folgenden Tages abgehn sollten, standen
auch schon aufgepackt im Hofraum.
    Caporale trennte sich diesmal, er wute selber nicht warum, ungern von der
Gesellschaft. Er zgerte noch beim Abschied. Beklemmt und mit einem Seufzer
verlie er endlich das Haus.
    Man ging zeitiger schlafen, als gewhnlich, um am Morgen desto frher wach
sein zu knnen. Schon war Vittoria in ihr Gemach gegangen und die bekmmerte
Mutter schlief schon, Peretti, der die entferntesten Zimmer oben bewohnte, hatte
sich, da er berauscht war, frher als alle niedergelegt. Nur einige Diener waren
noch wach.
    Da klopfte es laut und ungestm an das Tor, wie wenn jemand in Eile wichtige
Nachrichten bringt. Der Diener ffnete, und verwunderte sich im stillen, da der
rohe, unstte Mancini, einer der verdchtigsten Gesellen in Rom, so dreist und
so spt eintreten drfe. Er msse augenblicks den Herren, Signor Peretti
sprechen, ein wichtiges, hchst wichtiges Blatthabe er ihm zu berreichen. Da
der freche Bote nicht ablie, so fhrte der alte Guido den Ungestmen in das
Schlafzimmer seines Herrn. Es war nicht leicht, den weinbetubten Peretti zu
ermuntern. Als es endlich gelang, und dieser den Boten, der immer zu seinen
Vertrauten gehrt hatte, erkannte, als Kerzen angezndet waren, las er den
Brief, welcher folgendermaen lautete:

Geliebter Schwager: sowie Du dies Blatt empfangen hast, wirf Dich in die
Kleider, und eile nach Monte Cavallo in das Dir wohlbekannte Haus, wo wir schon
fters Rates pflogen. Etwas hchst Wichtiges hat sich ereignet, welches den
frhern Beschlu umstt, oder wesentlich verndert. Der Bewute, den Du
ebensosehr liebst, wie frchtest, rechnet mit Sicherheit auf Dein pnktliches
Erscheinen. Morgen, wie Du es selber weit, ist alles zu spt. Wenn Dein Wohl
Dir lieb ist, so sieht Dich alsbald
                                                                 Dein Marcello.

In der grten Eile kleidete sich Peretti an, und lie den jngern Diener
wecken, der ihn mit einer Fackel begleiten sollte. Guido hatte indessen das Haus
munter gemacht, und die erschreckten Frauen warfen sich schnell in die Kleider.
    Peretti kam ihnen schwankend schon auf dem Vorsaal entgegen. Lieber Sohn,
rief Donna Julia in Angst, knnt Ihr wirklich die Absicht haben, jetzt in
spter Nacht noch auszugehn?
    Ich mu߫, erwiderte der junge Mann, lat mich, ich habe Eile und werde
alsbald wiederkehren.
    Vittoria sagte: Wenn ich ber dich etwas vermag, Francesco, so bleibst du
im Hause. Du weit es selbst, wie unsicher die Stadt ist, und wie mir Guido
sagt, ist es der nichtswrdige Mancini, der dich in so verdchtiger Stunde
abholt. Erwarte wenigstens den Morgen, wenn dein Geschft denn so ntig ist, und
wir reisen lieber einige Stunden, oder einen Tag spter nach Tivoli.
    Du kennst die Umstnde nicht! rief der gengstete Peretti, dem der Boden
brannte, sich eiligst auf dem bestimmten Platz einzufinden, wo, wie er
vorausetzte, sein mchtiger Gnner ihn erwartete. Was sprecht Ihr mir von
Mancini? Dein eigner Bruder, Marcello ist es, der mich so dringend zu sich
entbietet. Vielleicht kann ich ihn vom Bann lsen; vielleicht gilt es sein
Leben.
    Sowie der Name Marcello nur genannt wurde, schrie Donna Julia laut auf,
heftig erschreckend. - Also der Unglckliche, Verlorne, wagt es doch wieder,
die verbotene Stadt zu betreten? Er bringt sein Haupt zum Block.
    So dumm ist er nicht, antwortete Peretti; ei was! er ist wohl schon fter
hier gewesen, und hat fnf Tage hier in meinem Hause gewohnt, wovon ihr freilich
nichts habt wissen drfen.
    O Gott! Gott! Jesus Maria! so steht es? schrie Donna Julia, ganz und gar
aus der Fassung. Ein kalter Todesschwei rann ihr in groen Tropfen von der
Stirn ber das leichenblasse Angesicht, das Haupthaar, wei und braun gemischt,
flo aus der leicht geschrzten Kopfbinde nieder, sie strzte jetzt, die Hnde
in Verzweiflung ringend, auf die Knie und fate krampfhaft den Mantel des
fortstrebenden Francesco, um ihn festzuhalten. Ihr mt bleiben! rief ihre
bebende Stimme, bei allen Heiligen beschwre ich Euch, denn Ihr rennt, ich seh
es, in Euer Verderben. - Tochter! Vittoria! kniee mit mir, und flehe mit mir,
mit Trnen und Schluchzen flehe den Hartnckigen, den Wahnsinnigen an, da er
bei uns bleibt.
    Sie stellte sich hoch aufrecht und erhob sich noch auf den Zehen, und
drckte mit beiden Hnden, diese auf die Schultern pressend, die Tochter mit
gewaltiger Kraft auf den Boden nieder. Vittoria folgte dem Zwange nur mit halbem
Willen. Du bleibst! rief Virginia nun. Snder! du bleibst! Mein Fluch folgt
dir, Unsinniger, wenn du die Schwelle berschreitest! Sind nicht Ketten da, um
den Rasenden, den Bsewicht an die Mauern zu schlieen?
    Erblat standen die Diener umher, und schauten mit Entsetzen und zitternden
Lippen dieser furchtbaren Szene zu. Die alte Amme bekreuzte sich und betete
halblaut. Peretti aber stie mit dem Fu nach Vittoria, ri den Mantel so
gewaltig aus den Hnden der Mutter, da diese zurcktaumelte, und mit den
Ellenbogen auf den marmornen Fuboden schlug. So sprang er ber die Trschwelle
und Vittoria sendete einen ttenden Blick dem Wtenden nach.
    Auf der Strae angekommen, schttelte sich Peretti schaudernd und murmelte:
Die Weiber sind voll sen Weines, und meine bermtige spricht mir, als wenn
sie alles wte. Nun, morgen bin ich ihrer los.
    Ein feiner Regen fiel, die Fackel leuchtete qualmend und rot in der
Dunkelheit. So kamen beide unten bei Monte Cavallo an. Da fielen zugleich drei
Schsse und Peretti strzte nieder. Der Diener entsprang. Dunkle Gestalten
nherten sich dem auf dem Boden Liegenden, welcher nur matt winselte. Sieben
Schwerter fuhren durch seinen Busen, er zuckte nicht mehr. Die Mrder
berzeugten sich von seinem Tode und entfernten sich stillschweigend in
verschiedenen Richtungen.

Der Diener war, nachdem er die Fackel ausgelscht hatte, mit Entsetzen nach dem
Hause zurckgerannt. Hier waren alle noch in heftigster Bewegung und Aufreizung.
O welcher Schutz, rief Donna Julia aus, war uns dieser schwchliche
Jngling? Vittoria, noch so unangekleidet, wie sie gewesen, sa in einer Ecke
und lehnte das Haupt in die Hand, den Arm auf den Tisch gesttzt.
    Nun brachte man die Leiche, die der Diener mit den brigen Leuten auf einer
Bahre von der Strae geholt hatte. Caporale, der schon das Gercht vernommen
hatte, kam wieder; alle waren stumm, oder nur einzelne Silben wurden im Saale
vernommen. Jetzt ward Montalto gemeldet. Der kranke gebckte Greis setzte sich,
ohne die andern zu begren, auf den Boden zum Leichnam nieder. Er fate dessen
Hand und benetzte sie mit Trnen. Man hatte ihn nie vor andern Menschen weinen
sehn. - Dann erhob er sich und trstete Gattin und Mutter. Mit scheinbarer Ruhe
sprach er von den Schickungen, denen sich alle Menschen unterwerfen, und die
Hand des Vaters kssen mssen, auch wenn sie nach unserer Meinung etwas zu
strenge zchtige.
    Als er in seine Wohnung zurckgekehrt war, begaben sich die Trauernden,
Trostlosen auch wieder auf ihr Lager.
    Von der Reise nach Tivoli war nicht mehr die Rede.

                                Sechstes Kapitel


Ganz Rom war dieses Mordes wegen in Bewegung. Da man die Tter in finsterer
Nacht nicht hatte ergreifen knnen, da niemand sie gesehn hatte, so erschpfte
sich jedermann um so mehr in Vermutungen. Leidenschaft und feindselige
Gesinnung, Parteiha und Vorliebe machten sich bei diesem tragischen Vorfall
geltend, und hundert verschiedene Namen wurden genannt, sowie viele Vornehme
angeklagt und von andern verteidigt.
    Der alte Kardinal sa noch angekleidet am frhsten Morgen auf seinem Zimmer,
Schreck und Kummer hatten es ihm nicht erlauben wollen, sich auf sein Lager zu
werfen und den Schlaf zu suchen. Seine Diener hatten ihm vieles, und mancherlei
durcheinander erzhlt, widersprechende Gerchte und Fabeln, aber auch Tatsachen,
die mit der Wahrheit bereinkamen. - Also dieser Mensch, sagte er zu sich
selber, dieser verruchte Marcello - er ist der Mrder, oder der Eingeweihte des
Komplotts! Er, dem ich mich als Wohltter erwies, den ich damals vom Tode
rettete, um den ich mein Gefhl des Rechtes unterdrckte, mir bittere Vorwrfe
im Gewissen seinethalb machte - nun ja, nun hat er es mir vergolten, und ich mu
mir in meinem stillen Innern sagen: da mir recht geschieht, da der Himmel so
meine sndliche Nachgiebigkeit bestraft; freilich schwer, hart; - so wird mir
meine Liebe, mein Mitleiden vergolten, da ich einmal der Rhrung meines
Herzens, den weinenden Klagen einer Mutter nachgegeben. - Er weinte bitterlich
und legte sein Haupt zwischen den Armen auf den Tisch, auf welchem viele Papiere
lagen, die er noch nicht angesehen hatte.
    Als er sich am Weinen gesttigt, sa er aufrecht, um dem Papst den Vortrag
ber wichtige Geschfte halten zu knnen. So trafen ihn in seiner Ruhe mit
trocknem und festen Blick bei der Arbeit, die ihn besuchenden Kardinle. Der
Medicer war sehr gerhrt und Borromus konnte ihn nur, von Trnen unterbrochen,
begren. Diese und andre Kardinle bewunderten seine Standhaftigkeit und
Ergebung in den Willen des Schicksals. Fest und ungebeugt trat Montalto in die
Versammlung der Kardinle, gefat und scheinbar ruhig: Freund und Feind
begrten ihn dort mit der herzlichsten Rhrung, viele reichten ihm die Hand,
und keiner war, der ihm nicht seine aufrichtige Teilnahme bewiesen htte. Selbst
Farnese und die Partei, die sich bis dahin immer die Miene gegeben hatte, ihn zu
verachten, uerte ihre Verehrung und Bewunderung ber diese, wie sie sagten,
mehr als menschliche Fassung.
    Als Montalto in das Zimmer des Papstes trat, ging ihm der alte Gregor
entgegen, drckte ihm die Hand und weinte herzlich. Wir wollen, sagte er dann,
diesen abscheulichen Meuchelmord mit der grten Strenge und Grndlichkeit
untersuchen, und seid versichert, alter bewhrter Freund, der Schuldige, mag er
auch sein, wer er will, soll zu Eurer Genugtuung furchtbar bestraft werden.
    Heiligster Vater, erwiderte Montalto erschttert, wenn mein Wort etwas
gilt und meine Bitte, so lassen wir diese traurige Geschichte vllig ruhn, und
bergeben sie, wo mglich, der Vergessenheit. Ich mag nicht die Veranlassung
geben, da neue Hndel und Verwirrungen entstehn, unvermutete Entdeckungen, die
die jetzigen Faktionen verstrken und andere erschaffen knnten. Lassen wir dem
Herrn die Strafe, der mir nach seiner Weisheit und Liebe diesen Kummer in meinem
Alter gesendet hat.
    Der Papst sah den Redenden mit einem groen, verwunderten Blicke an. - Sie
gingen zu den Geschften ber, und als diese geendigt waren, und andere
Kardinle eintraten, sagte er zu einigen von diesen: Dieser Montalto ist ein
ebenso groer als kluger Mann: sein unerschtterlicher Gleichmut verdient die
allerhchste Bewunderung.
    So gingen einige Tage vorber, Peretti war, nach dem Wunsche seines Oheims,
mit wenigem Pomp, um das Aufsehen nicht zu verstrken, beerdiget worden. Eine
stille dumpfe Trauer herrschte in der Familie Accoromboni; sie nahmen nicht alle
Besuche an, welche ihnen von Teilnehmenden gemacht wurden, viele aber, die sich
bisher laut genug zu den Freunden des Hauses gerechnet hatten, blieben aus, so
wie der Kardinal Farnese; manche gaben nur schriftlich ihre trauernde Begrung
ab, und Bracciano war bei einem kurzen Besuche so erschttert, da er sich bald
wieder entfernen mute, und Vittoria keine Beruhigung von ihm empfangen konnte.
    Diese war endlich durch das berma der vielen, sie bestrmenden Gefhle,
vllig aufgelst. Ihre Nchte waren schlaflos, die Nahrung strkte und erquickte
sie nicht, und so, nach einem kurzen Fieberzustande sank sie in eine stumpfe
Bewutlosigkeit. Sie war nicht mehr fhig, ihr Schicksal zu berdenken, sich
aller Umstnde zu erinnern, die sie so nach und nach in diese abscheuliche Lage
geworfen hatten. Diese gewaltsame Wendung ihres Lebens hatte sie so pltzlich
berrascht, da sie noch keines freien Entschlusses fhig war. Ihr Gemt, das
sie fr so reich gehalten hatte, schien ihr nun vllig verarmt: sie sah mit
Entsetzen in diese innere Leere, und begriff nicht, wohin alle diese Krfte
entschwunden waren, die ihr sonst immer Halt gegeben, die Gefhle, von denen sie
in allen Lagen, selbst in der Verzweiflung Trost empfangen hatte.
    Wozu, rief sie in nchtlicher Einsamkeit in ihrem starren Unmut auf, habe
ich mich denn immer fr besser als viele andre gehalten, wenn jetzt der Brunnen
des Lebens so vllig in mir versiegt? - Ich glaubte ja immer von den Musen
begnstigt zu sein, und mich in unmittelbarer Berhrung mit gttlichen Krften
zu befinden; warum gestatte ich denn nun der toten kalten Erde die Herrschaft
ber meinen Geist, und rufe nicht jene Bundesgenossen zu Hlfe, die mir in
Stunden des bermutes frhlich und lchelnd beistanden?
    Sie setzte sich nieder, tat einige Griffe auf ihrer Laute und schrieb dann
ein Gedicht in Terzinen, dessen Inhalt ohngefhr folgender war:
    Ernst und Trauer des Lebens.
    Vielleicht sagt man mit Recht, wir seien alle verbannte Geister, die,
unwrdig ihres hheren Glckes, sich auflehnend gegen die Liebe, in den Zustand
versenkt wurden, der mit dem Tode verwandt ist und den wir Menschen unser Leben
nennen.
    So wachsen denn, gedeihen wir, und unsere Jugend ist ein Traum, der in uns
webt. Rosengewlk vor dem Aufgang der ersten heien Sonne.
    Nun, da wir jagdfhig sind, treten die Dmonen mit Weidmannsgert in das
Revier, die Hunde von der Leine los, jagen klffend den armen Hirsch, bis er
zerfleischt, ermdet, Blut schwitzend, unter ihren Bissen niedersinkt.
    So sitzt der Fischer lchelnd, schlautckisch am Flu und senkt den
lockenden Kder hinein. Der arme, bunte Fisch, er spielt an der Angel, gereizt
verschlingt er den Hamen, und am Gaumen wird er aus seinem Element mit dem
grausamen Haken herauf gerissen.
    Das Kind spielt mit dem unschuldigen Lamm, beide hpfen im Frhlingslicht.
Doch im Busche steht schon lauernd der Schlchter, und wetzt sein blutgieriges
Messer.
    Gibt es etwas anders, denn Verlust? denn jeder Gewinn wird uns nur geliehen,
damit der Schmerz des Verlierens folge. So scherzen grausame Menschen mit
Kindern: schenken ihnen glnzende Sachen zum Schein, und wenn sie sich recht
daran freuen, entreien sie sie ihnen wieder, und lachen ihrer Trnen.
    So werden uns Eltern, Geschwister durch den unerbittlichen Tod entrissen,
die lieben Jugendfreunde - alles war nur Spielzeug, und liegt zertrmmert im
Staube.
    O schlimmer! andre, sie leben und weben noch in ihrer Gestalt, Verbrechen,
Unsinn, hat sie uns von der Brust gerissen, und wir zittern bei jedem Windhauch,
der uns leidige Nachricht von ihnen zuwehen mchte.
    Am frchterlichsten - wenn wir hassen und verachten mssen, wo dasselbe
Mutterblut uns zuschreit: du sollst lieben! Welche Sprache, welche Tonweise
ermit diesen Schmerz!
    Solon gab kein Gesetz gegen Vatermord, weil sich die Natur des Menschen
dahin nicht verirren knne. - So versagt die von Gott uns offenbarte Sprache den
Ausdruck diesem Jammer.
    Das Herz stirbt ab und bricht - der Seufzer schreit - die Verzweiflung sieht
starr. Das ist die Sprache. - So brllt in der Wste der verhungernde Lwe nach
Raub, und die stummen Felsen hallen zitternd wider.
    Armer Peretti! Was warst du mir? Was konnt ich dir bedeuten? Wie in lebloser
Maschine kein Rad vom andern wei, und doch das eine das andere treibt, so lief
mit uns, nebeneinander, das Getriebe unsers Daseins.
    Und du bist dahin! Dir und der Welt entrissen, nicht mir. Eigensinn,
Verblendung trieb dich deinem schaudervollen Untergange entgegen, die Hemmung,
die warnende der Freunde, zerbrachst du ungestm.
    Und ngstigende Ahndung weht um mich. Mir dnkt, ich sehe die unsichtbaren
Dmonen schadenfroh lachen und die gierigen Zhne fletschen. Der Glanz der
weien Hauer blitzt leuchtend durch die Nacht.
    Sie werden der Unschuldigen nachjagen - schon trieft das Blut aus meinem
Herzen - die Witterung macht sie nur lsterner und wilder. - Ich sinke nieder,
todesmatt.

Der biedre, herzliche Caporale zeigte sich auch jetzt wieder als der treueste
Freund. Er kam tglich, trstete, verweilte bei den Trauernden, und lie sich
von keinem Geschwtz, von keiner Verleumdung irremachen. In solcher Flut der
Verwirrnis erkannte Vittoria sowie ihre Mutter den Wert eines solchen Mannes der
in den Augen der Welt nicht glnzte.
    So trat er auch an einem Morgen in das Zimmer der Trauernden. Er war
tiefsinnig, ihm schien etwas sehr Schweres auf dem Herzen zu lasten.
    Wie seid Ihr heut so anders, alter Freund, begann endlich die Mutter, ist
Euch ein Unglck zugestoen?
    Ja wohl, erwiderte der Dichter, und ein solches, da ich davon ganz zu
Boden gedrckt werde. Es lebt hier in Rom seit einiger Zeit ein Cavalier aus
England, ein Katholik, der seiner Religion wegen, wie er vorgibt, aus seinem
Lande verbannt ist. Da ich aber sehe, da er mit den einflureichsten Kardinlen
und Prlaten in Verbindung steht, und mit dem Governador in einem ziemlich
vertrauten Verhltnis lebt, so vermute ich vielmehr, er ist ein maskierter
Beobachter und Unterhndler fr seine verstndige und politische Knigin. Dieser
Mann hat mich seit einiger Zeit in sein Herz geschlossen und interessiert sich,
weil ich viel von Euch erzhlte, fr Euer Schicksal. So habe ich denn durch
diesen Ritter Carre etwas erfahren, das fr Euch von der hchsten Wichtigkeit
ist. Der edle Montalto wnscht, da diese Untat und das Unglck vergessen und
verschwiegen bleibe, was die Urheber betrifft, wer sie auch sein mgen und was
sie beabsichtiget haben. O dieser Alte ist ebenso klug als gromtig. Er will
sich keine Feinde erregen, da ihm bei einem Wechsel der Regierung mchtige
Familien hemmend entgegentreten knnten, obgleich ihm alle die Gerchte,
Vermutungen und Verleumdungen nicht unbekannt geblieben sind, und er auch im
stillen seine Meinung und Oberzeugung gefat hat. Die Medicer wollen aber die
Sache nicht auf sich beruhen lassen, und Farnese hat sich zu dem klugen
Ferdinand gesellt, so wie der fromme Borromus; ihnen folgen noch einige
Unbedeutende, welche meinen, die Ehre des Staates verlange, da dieses
Verbrechen untersucht und bestraft werde. Der Papst, welcher erbittert ist und
vom Schicksal Montaltos tief gerhrt, lt ihnen freie Hand. Der elende Mancini,
der an jenem Abend die Botschaft brachte, ist gefangen, oder hat sich fangen
lassen, bei ihm hat man noch jenen Zettel von Marcellos Hand gefunden; der
Verkufliche soll auf der Folter schon allerhand ausgesagt haben, was, wie ich
glaube, ihm in den Mund gelegt ist, und so ist man im Begriff, Tugend und Ehre
der edelsten Menschen zu verunglimpfen. So hat denn auch, natrlich bestochen,
jener Valentini, von welchem Peretti damals schwer verwundet ward, einen Brief
eingesendet, in welchem er sich selbst zur Mordtat bekannt, weil er schon seit
lange Peretti gehat habe, und nun noch von Schnheit, Huld, berredung, und
tausend solcher Herrlichkeiten zur Tat getrieben sei, von jenen, die er
angedeutet habe, die er aber auch bestimmter bezeichnen knne.
    Redet ganz aus, rief die Mutter, schon auer Fassung gesetzt.
    Ihr wit, fuhr Caporale mit bewegter Stimme fort, da Ihr nach den
Gesetzen hier in diesem Hause nicht bleiben knnt, denn da Peretti ohne Erben
gestorben ist, so fllt es mit allem Zubehr an Montalto zurck. Euch bleibt
also nichts brig, als Euch in Eure frhere Wohnung zu begeben, oder Euch beide
unter den Schutz des Bischofs, Eures ltesten Sohnes zu stellen, der jetzt das
Haupt der Familie ist.
    Auf keinen Fall! rief Vittoria und stand emprt vom Sessel auf; als
Sklavin wre ich dann verhandelt. Ich habe mir lngst gedacht, was die elenden
Menschen vermuten und ausschwatzen werden, und die am giftigsten, die am besten
die Wahrheit wissen.
    So ist es, sagte Caporale; den Mchtigen, der es vor seinem Gewissen
verantworten mag, was er getan hat, wird man nicht beschuldigen, man wird es
nicht wagen, in diesem Prozesse nur seinen Namen zu nennen. So ergiet sich dann
die ganze Flut der Schmhung auf arme, wehrlose Weiber, die ohne Schutz dastehn,
ganz preisgegeben dem Sturm und Unwetter der Verleumdung. Da Ihr so ganz
ohnmchtig seid, und Euer kleines Haus Euch kein Asyl geben kann, so mt Ihr
Euch durchaus unter den Schutz eines Groen stellen. Doch ist der tugendhafte
Farnese, der jetzt der Gewaltigste wre, ganz von Euch abgefallen.
    So bleibt uns nur, rief Vittoria aus, der Palast des Herzogs von
Bracciano brig.
    Das war auch mein Gedanke, antwortete Caporale. -
    Wird er uns aber in dieser Bedrngnis aufnehmen, und seinen Namen
preisgeben wollen? -
    Ich komme von ihm her, meine Angst um Euch trieb mich zu ihm: er ffnet
Euch seine Tr, und Ihr seid dort wenigstens fr den Augenblick vor Schimpf und
Gewalttat sicher. -
    Die Mutter irrte verwildert im Saal umher und rang die Hnde. - So wird es
ja aber, rief sie aus, nur besttigt, da er der Urheber des Frevels ist, da
wir um ihn wuten und ihn bewilligten, da meine Tochter seine Geliebte ist, da
ich Alte, Unglckselige, die Kupplerin vorstellte, und mein Jngster, Flaminio,
sich auch deswegen hat abkaufen und bezahlen lassen. Nun sind ja Ottavio und
Farnese die Tugendhaften und wir die Verbrecher. O Himmel! Himmel! wie hart, wie
grausam bestrafst du meinen Stolz, mit dem ich frher auf meine Kinder hinsah.
Wohin, wohin hat uns das Notwendige, Gute, wohin das Schicksal gefhrt, da wir
nun in diesem ehernen Netze gefangen liegen, und alle unsre Glieder tdlich
gelhmt sind. O du unbefleckter Ruf meines tugendhaften Hauses! - Es bleibt uns
nichts als Verzweiflung und Untergang.
    Fassung, Mutter, sagte Vittoria in ihrer groartigen Weise; das Nchste,
Notwendigste mssen wir auch jetzt ebenso wie damals ergreifen. Konnt ich den
Entschlu zu jener unglckseligen Vermhlung fassen, weil es die unerbittliche
Notwendigkeit so forderte, so kann ich mich auch jetzt diesem Zwange beugen.
Verleumdung! befleckter Ruf! O wohl ist Ehre und guter Name ein unschtzbares
Kleinod, aber Freund und Feind hat uns so in diese frchterliche Enge
hineingezwngt, so an die Felsen gedrckt, da weder Vorschritt noch Rckweg
mglich ist, da ich mich gefangengebe. Nur sterben will ich nicht, nicht jetzt
endigen, wie ich es ehemals vermocht htte, weil ich das Leben kennengelernt
habe, und weil ich es von der Zeit erwarte, die oft billig und selbst gerecht
ist, da sie mich und die Meinigen wieder lutre. - Wir nehmen also den
gromtigen Schutz Braccianos an, und werden uns als Flchtige in dieser Stunde
noch in seinen Palast begeben.
    So geschah es. Farnese wtete, als er diese Khnheit erfuhr, weil er
geglaubt hatte, weder der Herzog noch die eingeschchterte Familie wrde eines
solchen Entschlusses fhig sein: er hatte gehofft, die armen Unterdrckten
wrden ohne alle Bedingung seiner Gnade und Gewalt anheimfallen mssen.
    Bracciano war auf eine gewisse Art erfreut, die Geliebte in seinem Hause und
Schutze zu wissen, doch tuschte er sich auch nicht ber die Gefahr, der er
selber ausgesetzt sei, wenn die Regierung jede Rcksicht fallenlasse und die
Untersuchung mit Strenge auf das uerste treibe. Indessen sprach er Vittorien
Mut ein und verhie, da er alle seine Gewalt daransetzen wolle, da nichts
Schreckliches eintreten knne.
    Die Gerichte durften es nicht wagen, seinen Palast zu betreten, aber der
Governador erschien selber bei ihm, um Vittoria zu dem geistlichen Gericht der
Kardinle vorzuladen.
    Im Saale des Vatikans hatten sich die Richter versammelt. Voran als
Prsident der Kardinal Farnese, ihm zunchst Karl Borromus und Ferdinand der
Medicer. Noch waren andre Kardinle und Bischfe zugegen, so wie einige
Schreiber und Richter der Kurie. Man wollte vorlufig die Angeklagte und
scheinbar Schuldige verhren, um nach den Aussagen und Bekenntnissen nachher den
eigentlichen Proze zu beginnen. Durch Protektion war es dem Ritter Carre
gelungen, auch bei diesem Verhr zugelassen zu werden, denn er war sehr
begierig, diese Vittoria, von der ganz Rom sprach, ber welche die Aussagen so
verschieden lauteten, persnlich kennenzulernen.
    Alle erstaunten, als sie statt einer Trauernden, Demtigen, die sie erwartet
hatten, die hohe Gestalt im vollen Glanz ihrer blendenden Schnheit stolz
hereintreten sahen. Sie hatte sich in ihre reichsten Gewnder gekleidet und ein
kstlicher Schmuck schimmerte von Hals und Nacken. Farnese erschrak fast, denn
er gestand sich, da er diese blasse Schnheit noch nie in so erhabenem Reiz
gesehn habe.
    Auf diese Weise, begann Borromus, erscheint Ihr, die Sndige, in dieser
erlauchten Versammlung? Statt trauernde Witwe, wie eine reichgeschmckte
Frstenbraut, statt der benden Magdalena, eine heroische Judith? Ist das Eure
Reue und Zerknirschung? Wollt Ihr auf diese Weise den zrnenden Schatten Eures
Gemahls vershnen?
    Wre ich die, antwortete Vittoria stolz und mit fester Stimme, fr die
ihr, die sich meine Richter nennen, mich ausgeben mchten, so htte ich schon
lange vorher mit kluger und berechneter Heuchelei meine Witwenschleier und
schwarzen Trauergewande fertig und bereit gehalten, um mit verhlltem Antlitz,
mit nachschleifendem Krepp und Trnen im Auge euer Mitleiden und Wohlwollen zu
erschleichen - aber Schreck und Kummer haben mich so pltzlich berrascht, da
ich so knstlicher und hergebrachter Anstalten verga und mich lieber schmckte,
weil dieser Tag meine Unschuld an das Licht bringen soll.
    Ohne einen Wink oder die Erlaubnis ihrer Richter, nahm sie den Sessel ein,
der allein noch unbesetzt im Saale stand.
    Einer der Richter erhob sich und las mit lauter Stimme die Anklage vor. Er
erzhlte die Vermhlung des jungen Peretti, der den gtigen Oheim vermocht habe,
ihn, der so grere Ansprche hatte, mit einer nicht reichen, aber schnen Dame
zu vereinigen, welche er leidenschaftlich liebte. Vittoria aber habe sich
niemals dankbar bezeigt, sondern den Gemahl immer nur mit Klte behandelt Sie
habe es vorgezogen, statt eines einsamen, stillen Lebens, wie es ihr als der
Nichte eines frommen Kardinals gezieme, ihr Haus zu einer poetischen Akademie,
zum Sammelplatz von Fremden und Vornehmen zu machen, um hier in Vorlesung,
Dichtkunst, Musik und Gesang, sowie sonderbaren und rgerlichen Gesprchen, die
sich fr philosophisch ausgaben, zu schwelgen. Sie und die Mutter htten den
jungen Gemahl so sehr vernachlssiget, da sich dieser am wohlsten auer seinem
Hause befunden habe.
    Seinen Freunden habe er oft geklagt, wie sehr es ihm empfindlich falle, da
er in seiner eigenen Familie zurckgesetzt werde. Nun sei pltzlich dieser
Jngling in der Mitternacht auf ebenso schreckliche als verrterische Weise
ermordet worden. Lange habe man schon davon geflstert, da diese Vittoria ihren
Mann loszuwerden wnsche, um vielleicht eine andre noch vornehmere Ehe zu
schlieen. Schon einmal sei der verfolgte Peretti von einem Valentini fast
tdlich verwundet worden. Seit lange sei ihr lterer Bruder, der ehrwrdige
Bischof Ottavio mit der Schwester und Mutter in Zwist und habe sie fast niemals
besucht, dagegen sei der zweite Bruder Marcello, der Mrder und Bandit, oft im
Hause versteckt gehalten worden. Dieser Marcello habe in jener Nacht durch einen
Vertrauten den Signor Peretti nach jenem Mordplatze beschieden: dieser
Vertraute, Mancini, habe ausgesagt: noch beim Abschiede in jener Nacht habe die
junge Gemahlin dem Manne, der zum Tode bestimmt war, laut ihre Verwnschungen
nachgesendet. Die Mutter, Donna Julia, habe das tdliche Komplott mit Klugheit
gefhrt, und Ursula, die alte Amme, sei Mitwisserin der Bosheit. Die Mrder
seien alle, wie dieser Mancini aussagte, entflohen, der eine von ihnen ein
Untertan eines groen, mchtigen Herrn, den er aber nicht nennen knne und
wolle. Valentini habe aber seitdem geschrieben, da er auf Anstiften die Tat
verbt habe. Was sei also wahrscheinlicher, als da dieser Marcello, der
offenbar der Mitwisser des Mordes sei, wo nicht das Haupt des abscheulichen
Komplotts, mit der Schwester Vittoria vereinigt, um den im Wege stehenden
unglcklichen Peretti zu entfernen, mit dem ruchlosen Bruder und der gottlosen
Mutter fr die Mrder anzusehn seien.
    Jetzt erhob sich vor dem Saale ein lautes Gerusch. Die Tren wurden
gewaltsam aufgerissen, ein groer starker Mann stie mit Ungestm die Diener
zurck und trat stolz herein. Es war der Herzog Bracciano, in seiner reichsten
und kostbarsten Frstenkleidung, mit allen Orden geschmckt und Ketten und
Juwelen auf der Brust, sowie glnzende Steine am Hut. Er verneigte sich
nachlssig, als er hereintrat.
    Vittoria ward rot, als sie ihn erkannte, senkte dann das Haupt und lchelte
still in sich. Die Kardinle waren bei dieser unvermuteten Erscheinung verlegen,
und einer der Richter erhob sich in ngstlicher Eile, um fr den Frsten einen
Sessel zu suchen. Er fand keinen und nherte sich Vittorien, als wenn er ihr
bedeuten wollte, aufzustehen und dem Hheren Platz zu machen. Sie sah ihn nicht
an und blieb ruhig, worauf er Miene machte, als wolle er sie vom Sessel
aufheben. Da eilte der Herzog herbei, fate mit starker Hand den Arm des
Richters, fhrte ihn nach seinem Sitze zurck und drckte ihn hastig und
gewaltsam auf diesen nieder. Hierauf nahm er eine Art Fubank, oder kleinen
Schemel, der im Winkel stand, trug ihn in die Mitte des Saals, legte seinen
kostbar gestickten Mantel ab, breitete diesen ber das demtige Brett und setzte
sich darauf, ohne im mindesten seine stolze Miene zu verndern.
    Jetzt erhob sich Vittoria und trat vor ihre Richter. Sie vermied es, Farnese
anzuschauen, der ber ihre Gegenwart halb verlegen und halb erfreut war. Wie
schmerzt es mich, begann sie mit fester Stimme, in dieser hochehrwrdigen
Versammlung den tugendhaften Montalto zu vermissen, dem ich vertraue, der mich
einst liebte, in dessen Gegenwart, von seinem Blick befeuert, es mir noch
leichter sein wrde, alle diese leeren gehaltlosen Anklagen niederzuschlagen,
und diese Verleumdung wie Staub von mir zu schtteln. Meine ehrwrdige,
tugendhafte Mutter, die ihr ganzes Leben nur ihren geliebten Kindern zum Opfer
gebracht hat, die von allen Freunden und Bekannten verehrt wurde, diese eine
Mrderin? Und wofr? Weshalb? Hat sie je Rang und Gre auf niedrige, oder gar
schndliche Weise zu erringen gesucht? Ihr ganzes Leben mit allen seinen
Aufopferungen spricht fr das Gegenteil. Ich darf wohl daran erinnern, denn die
Sache ist ja stadtkundig, wie weder ich noch sie den Bewerbungen jenes jungen,
reichen und mchtigen Luigi, der sich sogar Gewaltttigkeiten erlauben wollte,
nachgab oder entgegenkam. War es uns denn um Glanz und Reichtum zu tun, so wurde
er uns ja hier gewissermaen aufgedrungen. Der groe ehrwrdige Kardinal Farnese
hat meine tugendhafte Mutter seit vielen Jahren gekannt, ja ich darf es sagen,
ohne seine Wrde zu krnken, er ist immerdar ihr wahrer Freund gewesen, und hat
es niemals an Beweisen der Achtung und des Vertrauens fehlen lassen. Er mag
jetzt dreist und entschlossen sagen, ob er diese abgeschmackte Anklage auch nur
fr mglich hlt. - Ja, ich nenne sie abgeschmackt, und die hohe Versammlung
verzeihe mir diesen Ausdruck, denn ich finde kein andres Wort fr diese
unzusammenhngenden, sich widersprechenden Aussagen. Sei es, ich liebte Peretti
nicht; - wei denn der fromme, tugendhafte Borromus, oder der hohe Medicer, ob
ich irgend Ursach hatte, diesen Mann zu lieben? Hat er mich geliebt? War er ein
treuer Ehegatte? Hat er mich nicht vielleicht tdlich verletzt und beleidigt?
Doch ich will nicht anklagen, wenn ich auch meinen Wandel nicht zu rechtfertigen
brauche. - Mein unglcklicher Bruder Marcello - ja dieser ist das Unglck, der
wahre Schmerz meines Lebens - wenn er mit den Mrdern, wie es scheint, in
Verbindung war, wenn er sie vielleicht fhrte - so ist es doch unbegreiflich,
wie auf ein dunkles Wort von ihm, Peretti so wahnsinnig sein konnte, nach dem
Ort der Bestimmung zu eilen. Er mu diesem Marcello also doch unbedingt vertraut
haben, er mu sein Herzensfreund, sein Verbndeter, wer wei zu welcher
Freveltat gewesen sein. Und ich, die ich erst spt erfuhr, die ich mich
entsetzte, als ich es vernahm, da Marcello von Peretti oft in unserm Hause
versteckt gewesen sei: ich soll gegen meine Ehre, Wohlfahrt und Leben ein
solches Komplott geleitet haben? - Ja, ich bekenne offen und laut: verwnscht
habe ich diesen Peretti, als er in jener furchtbaren Nacht, trotz aller Bitten
und Warnungen von uns eilte, als meine ehrwrdige Mutter, wie wahnsinnig vor
Schmerz, weinend und schluchzend seine Knie umfate und er sie zurckstie. -
Man stelle doch diesen elenden, verchtlichen Mancini mir gegenber, er
wiederhole, Auge im Auge mir, jene furchtbare Anklage - ich wei, ich behaupte
es, er wird vor meinem Blick zuschanden werden, der Verchtliche, er wird meine
Anrede und Frage nicht ertragen knnen. Man rufe den Valentini herbei, der jenen
Brief soll geschrieben haben. Und dann - wenn ich denn dahin gezwungen werde -
werde ich auch statt Abbitte und Bekenntnis eine Anklage anregen knnen, die
vielleicht den Dreistesten und bermtigsten, der sich so sicher dnkt, in
Verwirrung, ja Betubung versetzen mchte. Ich habe erfahren, was in jener Nacht
vorfiel, als der arme, berauschte Peretti in sein Haus frher von jenem Festino
zurckkehrte, als er uns gesagt hatte; vielleicht lt es sich wahrscheinlich
machen, da diese Nacht das Vorspiel zu jener trbseligen war, die wir alle
beklagen. -
    Die letzten Worte hatte sie an den Kardinal Farnese gerichtet, jetzt ging
sie ganz nahe zu ihm, und sah ihn fest mit jenem durchbohrenden Blicke an,
dessen Feuer noch niemand hatte ertragen knnen. Der Alte ward sichtlich
verwirrt, er erblate, er wollte sich zusammenfassen, und man bemerkte das
Zittern seiner Hnde. Borromus und Medici, als aufmerksame Beobachter, sahen
alles und errieten noch mehr; sie ahneten jetzt, da die traurige Begebenheit
ganz anders zusammenhnge, als man ihnen hatte vorspiegeln wollen. Borromus
ward sogar beschmt, und der Medicer beschlo, die Sache so zu wenden, wie er
es schon vor der Sitzung bedacht hatte, die nicht stattgefunden, wenn der fromme
erzrnte Papst nicht mit zu groem Ernst sie verlangt htte.
    Und meine Lebensweise, fing Vittoria wieder an: also soll es verdchtig,
tadelnswrdig sein, sich mit Poesie und Philosophie zu beschftigen? Mit
Fremden, einem Tasso, Caporale und berhmten, edlen Mnnern, wie dem ernsten
Greise Sperone, zu verkehren? rgerliche Gesprche? Wen haben sie gergert?
    War dies alles doch die einzige Ursache, wie er es selber hundertmal erklrt
hat, da der groe Farnese unsre Familie so fleiig besuchte. Sind denn etwa
geschminkte oder berchtigte Buhlerinnen zu uns gekommen, wie es doch an so
manchen Hfen geschieht, die dort geduldet, ja bewundert werden, die herrschen
drfen, - So mag nach meiner Rechtfertigung, die ich, wenn ich mu, noch viel
bestimmter aussprechen kann, die Versammlung ber mich beschlieen.
    Es war nicht zu verkennen, da alle in Verlegenheit waren, denn sie hatten
einen ganz andern Ausgang erwartet. Es schien auch dem Befangensten
einzuleuchten, da nur die Tugend so stolz und dreist sprechen knne. Man
vermutete, da ein andres, schlimmeres Geheimnis hinter diesem laure. Man sah,
wie still und verlegen, fast demtig, der groherzige Kardinal Farnese war, der
in seiner triumphierenden Schadenfreude erst dieses Verhr am eifrigsten
gefordert hatte. Auch dem nicht Scharfsichtigen fielen jetzt die Widersprche in
der sonderbaren Anklage auf und alle waren still und sahen vor sich nieder. Man
wute ja, wie oft Zeugen oder Verbrechern Worte in den Mund gelegt wurden, um
ihnen auf diesem Wege ihre Verzeihung zu erleichtern, um irgendeinem Gegner zu
schaden. War doch auch der elende Mancini, der auf der scharfen Folter alles
sollte ausgesagt haben, schon freigelassen, man hatte ihn nur verwarnt, das
rmische Gebiet bei Todesstrafe niemals wieder zu betreten. Wute man denn die
Summe, die er vielleicht von jenen erhalten hatte, denen seine Entfernung
notwendig war? Valentinis Selbstanklage hatte noch weniger zu bedeuten.
    Ohne da es mit einer Silbe ausgesprochen wurde, hatte Vittoria schon einen
vollstndigen Sieg erfochten, worber der Englnder entzckt war, den die schne
groe Frau und ihre heroische Entschlossenheit begeistert hatte. Jetzt erhob
sich der stolze Bracciano und wendete sich, nachdem er alle durch eine
Verbeugung begrt hatte, an den Kardinal Farnese, der sich die Miene gab, als
wenn er tiefsinnig in seinem Gedenkbuch etwas Wichtiges einzeichnete.
    Ihr, verehrter Freund, sprach Bracciano mit lauter Stimme, werdet also,
wie die edle Witwe wnscht, ihre Tugend und Unschuld am besten und krftigsten
bezeugen knnen. Soll Euer Stillschweigen nicht fr Lossprechung gelten, oder
verlangt der Heilige Vater und das Kollegium der Kardinle die Fortsetzung des
Prozesses, so erklre ich hiermit, da ich imstande bin, den wahren Mrder
anzuzeigen, was ich auch gewi tun werde, wenn man mich zum uersten zwingt.
Aber zum uersten, ich wiederhole es, werde ich dann getrieben. Alle meine
Macht, Mannschaft, mein Ansehn, meine Reichtmer, meinen Einflu werde ich dann
rcksichtslos daran strecken, mit meinem Gut und Blut eine verleumdete Unschuld
zu verteidigen und zu erretten. Es komme dann, was kommen mag, und meine Gegner
mgen sich dann selber die mglichen Folgen zuschreiben. Dann erffne ich aber
zugleich, wie und wo ich es erfahren habe, wozu dieser arme Peretti von einem
groen, mchtigen Manne gemibraucht werden sollte; wird dies weltkundig, so
steht es dahin, ob noch irgend jemand, selbst der edle Oheim, das Schicksal des
Unglcklichen sonderlich bedauern wrde.
    Alle verstummten, und sahen nach Farnese, der heftig in sich kmpfte, seine
Fassung nicht vllig zu verlieren. Er war vernichtet, denn was Vittorias Rede
nur angedeutet, sprach der Herzog deutlich aus: da er selbst in jener Nacht die
schndliche Abrede angehrt hatte. Mit einem stolzen Gru wendete sich Bracciano
nach der Tr. Einer der Schreiber eilte ihm nach und sagte demtig: Exzellenz,
Ihr habt Euern Mantel vergessen; er machte Miene, ihn herbeizuholen. Kind,
sagte der stolze Mann, was kmmert dich das? La liegen, ich bin es nicht
gewohnt, die Sthle, auf denen ich sitze, mit mir zu nehmen. - So verlie er
den Saal. -
    Jetzt erhob sich Farnese, und sagte, indem er die Versammlung eilig verlie:
Ich bin in meinem Gewissen gezwungen, alles das zu besttigen, was der edle
Herzog oder die verstndige, tugendhafte Witwe selbst ausgesagt haben, ich halte
sie fr vllig unschuldig, und erklre, da wir durch falsche Angeber sind
getuscht worden.
    Der Medicer erhob sich hierauf und sprach: Vittoria Accorombona,
verwitwete Peretti, wir sprechen Euch hiermit jedes Verdachtes an dem Morde des
Gemahls frei, los und ledig. Aber in dieser unruhigen Zeit, verfolgt von
mchtigen Feinden, wie Ihr es seid, bedrngt von gewaltttigen Bewerbern, die,
wie Ihr selber wit und ausgesagt habt, keine Mittel scheuen, selbst die
schrecklichen nicht, ist es unsre Pflicht, Euch auf einige Zeit von der Welt
abzusondern, um Euch Sicherheit zu gewhren. Da Euer kleines Haus Euch diese
nicht verleiht, da es nicht ziemlich ist, lnger im Palast des Herzoges zu
verweilen, mu Eurem hohen Verstande selber einleuchten. Der Governador in
eigner hoher Person, der Neffe und weltliche Stellvertreter unsers Heiligen
Vaters, hat Euch die Ehre erwiesen, Euch hierherzufhren, er wird Euch
gleichfalls zurckbegleiten, und Euch einen Teil seiner eignen Wohnung, zum
Schutz, in Castell Angelo anweisen. Nicht als Gefngnis bezieht Ihr diese Burg,
sondern als wahres Asyl, um Euch wie vor Verleumdung, so auch vor persnlichen
Angriffen zu schtzen. Der Heilige Vater wird sich auch erweichen lassen, und
Euch die vllige ungehemmte Freiheit wiedergewhren, die Ihr scheinbar nur auf
einige Zeit verliert, wenn sich alle diese ungestmen Wogen verlaufen haben.
    Im Vorsaal empfing der Governador die Losgesprochene und fhrte sie nach der
Engelsburg, wo sie mehrere Zimmer bewohnen sollte, um weder Bracciano, noch
andre ihrer Freunde oder Feinde auf einige Zeit zu sehn.
    Als im Palast der Medicer der Kardinal Fernando und der Ritter Carre
angekommen waren, sagte der letztere: Diese herrliche Frau sollte die Knigin
eines groen Reiches sein.
    Man sagt, erwiderte der Medicer, da sie sich schon jetzt mit Bracciano
verlobt habe. Sei sie brigens unschuldig, so darf doch unsre Familie diese
unkluge Ehe nicht zugeben, damit die rechtmigen Kinder nicht in der Erbschaft
verkrzt werden Diese Miheiraten haben schon Unglck genug hervorgebracht Ich
zitterte, da sie mir von meiner jetzigen Schwgerin, Bianca Capello sprechen
wrde. Aber die Frau ist hochbegabt und verstndig.

                                  Fnftes Buch



                                 Erstes Kapitel

Es schien, als sollte in Rom und dem Kirchenstaate mehr Ruhe einkehren und doch
zeigte sich pltzlich eine Landplage, die schlimmer, als alle frheren, auch
noch das gemeine Volk drckte und es zur Verzweiflung brachte. Eine Hungersnot
brach ein, so gewaltig und furchtbar, wie man sich keiner hnlichen erinnern
konnte. Es war dem Armen, dem gemeinen Manne unmglich, das zu erschwingen, was
nur das gewhnliche Brot, die alltglichsten und wohlfeilsten Nahrungsmittel
kosteten. In solchem Elende wird der Mensch zum Tier und es lt sich nichts
erdenken, was der aufgereizte wtige Pbel dann nicht fr erlaubt hlt: jede
Schranke erscheint ihm dann als Grausamkeit, und jedes Gesetz als Willkr und
Wahnsinn.
    Alle Welt entsetzte sich vor den Greueln, die jetzt tglich und stndlich
zur Sprache kamen. Auch dem Feigsten zwang Notwehr und Verzweiflung die Waffen
in die Hand. Man raubte und stahl, man ermordete sich am lichten Tage, vor aller
Augen, und die Gerechtigkeit war viel zu schwach, diesen Abscheulichkeiten
Einhalt zu tun.
    ffentlich zogen die Banditen in groen Scharen durch die Stadt. Die Groen
quartierten sie in ihren Palsten ein, unter dem Vorwand, da sie ohne diese
Bewachung ihres Lebens nicht sicher sein wrden. Sooft der Kardinal Farnese
ausfuhr oder ritt sei es zum Besuch, sei es zu Geschften, so begleitete ihn zum
Schutz ein Heer gemieteter und bewaffneter Banditen, deren Anblick so
schreckerregend war, da alle Welt mit Entsetzen vor ihnen floh. Auch die
verschiedenen Parteien dieser Banditen gerieten zuweilen in den Straen der
Stadt ins Handgemenge, und nicht selten blieben die Erschlagenen auf den Pltzen
liegen.
    Der alte Papst war in Verzweiflung, als er diesen Unfug mit jedem Tage mehr
anwachsen sah. Er fhlte die Abnahme seiner Krfte und sein herannahendes Ende.
Er vergo bittere Trnen, da alle Versuche, dem furchtbaren Unheil und der
Verzweiflung des Volkes Einhalt zu tun, vergeblich waren. Alle Klugen und
Verstndigen seiner Umgebung, alle Entschlossenen sprach er um Rat und Hlfe an.
Borromus und der Medicer rieten; aber alle Mittel, die versucht und aufgeboten
wurden, waren zu schwach. Diese furchtbaren Banditen wurden von Grafen und
Baronen angefhrt, die sich verarmt und verzweifelnd zu ihnen geschlagen: sie
machten aus Raub und Mord und bezahlter Rache ein ehrenvolles Gewerbe, und da
sie von den grten Baronen, Herzogen und Kardinlen in der Stadt ffentlich
beschtzt und als Freunde anerkannt wurden, so berstieg, wie es begreiflich
ist, ihre Frechheit alle Grenzen.
    Auch der Sohn des Papstes, Buoncompagno, der Governador von Rom, suchte
seinem ehrwrdigen Vater zu helfen und ihm Rat zu erteilen. Glaubt mir, sagte
dieser in einer traulichen Stunde zu ihm, dieses bel ist mehr in der Stadt,
als auerhalb der Mauern. Diese Frevler und freien Banden sind alle miteinander
einverstanden, sie werden dadurch reich, da unsre armen Rmer des Hungertodes
sterben. Sie streifen bis vor die Tore Roms und nehmen den Landleuten die
Lebensmittel, Mehl, Korn, Gemse, alles, was diese zur Stadt fhren. Dann lassen
sie es durch die Ihrigen zu ungeheuren Preisen auf den Mrkten verkaufen. Das
Volk wei es auch, und lstert nicht diese Bsewichter, sondern die schwache
Regierung. Es ist keine andre Hlfe, wir mssen einmal mit Strenge, Gewalt, ja,
wenn es nicht anders mglich ist, mit Grausamkeit einschreiten. Die meisten
Palste sind mit diesem Raubgesindel angefllt, sie wohnen sicher darin, wie in
Festungen, machen ihre Ausflle, plndern, morden und kehren ffentlich in diese
zurck.
    Der Papst war selber schon lngst dieser berzeugung gewesen. Jetzt lieen
er und der Gouverneur den Obersten der Hscher Roms, den Barigell Bozela zu sich
entbieten. Ihm ward strenge anbefohlen, alle Hscher um sich zu versammeln, neue
anzuwerben, und sie zu bewaffnen. Sein Auftrag war, alle Banditen, die sich
betreffen lieen, in der Stadt zu ergreifen, und diejenigen, die sich in den
Palsten versteckt hielten, aus diesen mit Gte oder Gewalt herauszunehmen, weil
die Gerechtigkeit des Asyls diesen Husern schon lngst von den Ppsten genommen
sei, es also nur ein schdlicher Mibrauch heie, wenn die Adlichen unter diesem
nichtigen Vorwande Mrdern und Rubern einen Zufluchtsort gestatten wollen.
    Der Barigell folgte dem Befehl, und man hoffte, jetzt dem bel gesteuert zu
sehn. Die Hungersnot lie endlich nach, aber aus dieser Maregel erzeugte sich
neues Unglck.
    Man hatte wiederum mit dem berchtigten Piccolomini kapitulieren mssen, der
die zahlreichsten Banden, viele Herren und Edelleute unter ihnen, fhrte, und
mit Rom in einem frmlichen Kriege begriffen war. Er zog sich wieder in das
florentinische Gebiet zurck, dankte fr jetzt viele seiner Sldlinge ab, und
versprach, sich ruhig zu verhalten.
    Auch mit andern Anfhrern wurde unterhandelt, und so konnte Rom wieder etwas
freier atmen, allgemach fiel wieder der hohe Preis der Lebensmittel, und man
hoffte auf Ruhe.
    Jetzt glaubte man sich krftig genug, um mit jenen Banditen, die zu Zeiten
sich in Rom selbst aufhielten, dreister verfahren zu knnen. Es war ein Haus
ausgeraubt, einige der Frevler waren gefangen worden und andre hatten sich in
den Palast des Raimund Orsini gerettet, um hier eine Zuflucht zu suchen. Der
Barigell, der durch die neuesten Vorflle mehr Mut bekommen hatte und der durch
den strengen Befehl des Governador, wie des Papstes, bevollmchtigt war, drang
mit seinen Hschern in das Haus, um die Flchtlinge zu fordern und in das
Gefngnis zu fhren. Der Graf war abwesend und mit einigen Freunden auf einem
Spazierritt begriffen. Die Diener weigerten sich, die Banditen herauszugeben und
beriefen sich auf das Recht des Asyls und die Unverletzlichkeit des Hauses. Der
Anfhrer widersprach, das Recht sei lngst aufgehoben und vernichtet, und kein
Mensch drfe sich seiner rechtmigen Obrigkeit widersetzen. Whrend dieses
Streites und Zankes kam Graf Raimund mit seinen Genossen vom Spazierritt zurck.
Der junge Mann war nicht ganz so wild und ungestm, wie sein Bruder, Luigi, aber
nicht minder stolz und hochfahrend, auf seinen Adel und die Hoheit seines Blutes
eitel, und unfhig eine Beleidigung, oder was er die Verletzung seiner Rechte
nannte, zu erdulden. Er erstaunte, den Obristen der Hscher mit seinem Gefolge
in seinem Hause zu finden. Er zwang sich erst hflich zu sein, und erkundigte
sich nach der Ursache dieses Besuchs. Der Barigell antwortete da er auf
allerhchsten Befehl verschiedene Banditen verlange die der Graf ihm ausliefern
mge.
    Ich erstaune, Mann, ber Eure Dreistigkeit, rief Graf Raimund: habt Ihr
vergessen, wem dieser Palast gehrt, und wer ich bin? Drft Ihr mein angebornes
Recht so frech verletzen, und mit diesen Euren saubern Gesellen ber die
Schwelle meines Hauses schreiten?
    Herr Graf, rief ihm Bozela entgegen, mein und Euer Gebieter ist der
erlauchte Governador, von Seiner ppstlichen Heiligkeit gar nicht einmal zu
sprechen. Auf deren ausdrcklichen Befehl bin ich hier, und so wie ich diesen
allerhchsten Gewalten Gehorsam leisten mu, werdet Ihr es auch.
    Welche neue, nie erhrte Sprache! rief der erbitterte Graf. Woher diese
Frechheit? Ich befehle Euch, augenblicks mein Haus zu rumen, und jene beiden
Gefangenen sogleich in Freiheit zu setzen, wenn Ihr nicht meinen Zorn und Eure
Zchtigung erfahren wollt.
    Zchtigung? schrie jetzt im Jhzorn Bozela. Wer seid Ihr denn eigentlich,
Ihr kleines Mnnchen, da Ihr also sprechen drft?
    Jetzt machte sich der eine Begleiter des Grafen, Rusticucci, auch ein junger
Mann, herbei, sowie der dritte, Graf Savelli, ein Schwager Raimunds. Sie waren
besorgt, da Orsini sich in seinem Zorn vergessen knnte und ritten jetzt ganz
nahe zu ihrem Freunde heran.
    Mnnchen? schrie Raimund erbost, wenn ich jetzt meinen Dienern dort
befehle, Euch zu zchtigen, Unverschmter, so bekommt Ihr nur, was Euch gebhrt.
Dankt es meiner Migung und Gromut, da es nicht geschieht, weil Ihr meinem
Zorne zu niedrig seid.
    Rusticucci wollte vermitteln, Savelli riet abzusteigen, aber schon hatte
sich das Volk bei dem lauten Geznk versammelt, und drngte sich an das Haus;
die Diener, die sich im Palast befanden, waren durch die Hscher abgeschnitten
von ihren Herren, und konnten nicht durchdringen, um diesen beim Absteigen zu
helfen. So schrie jetzt alles durcheinander, und im Volksgedrnge bemerkte man
den alten gebrechlichen Montalto, der sich vergeblich bestrebte, die freie
Strae zu gewinnen, um zur Kirche, die er besuchen wollte, hinzulenken. Nun
hatte der Barigello auch schon alle Fassung verloren und schrie mit seiner
donnernden Stimme: Ihr, der Herr Raimund? Gromtig? Elender Wicht! Ihr seid
selber ebenso schlimm, wie jenes Gesindel, denn Ihr beschirmt diese Ruber und
Mrder, Ihr zieht Vorteil von diesen Landflchtigen, Ihr seid ein Emprer und
Rebell gegen Eure Obrigkeit und unsern Heiligsten Vater, und wenn ich wollte, so
knnte ich Euch selber als Gefangenen in den Kerker werfen, und wenn ich es
jetzt nicht tue, so bin ich, als Amtsverwalter der Gromtige gegen Euch!
    Nichtswrdiger Hund! Bestie! schrie der Graf, von Wut ganz auer sich:
die Kanaille will wie ein Prinz reden.
    Und mit diesen Worten holte er mit der Reitpeitsche aus, und schlug von oben
dem nahe stehenden Barigello so heftig ber das Antlitz, da dieser im ersten
Augenblick glaubte, blind zu sein. Als der pltzlich reiende Schmerz, der ihn
betubt hatte, entwichen war, sah er sich nach seinen Leuten um, winkte, und auf
dies frher verabredete Zeichen donnerten zehn Schsse aus den scharf geladenen
Doppelhaken. Ein Schu ging dicht dem Kardinal Montalto vorber; entsetzt sprang
das Volk auf die Seite, die Strae ward fr den Augenblick frei. Der junge
Rusticucci lag, aus der Brust blutend, seinem Rosse hintenber, er griff
ohnmchtig mit den Hnden auf die Steine, als wenn er sich aufrichten wollte,
das Pferd schlug hinten aus, sprang seitwrts und schleppte ihn eine Strecke
ber das Pflaster, bis er als Leiche niederfiel. Graf Raimund war totenbleich,
er blutete stark, auch in die Brust getroffen, seine Leute hoben ihn vom Ro und
trugen den Ohnmchtigen nach seinem Zimmer, andere Diener rannten nach rzten.
Savelli hing ber den Hals seines Pferdes vorn, er nannte wimmernd den Namen
seines Schwagers, Luigi Orsini; ein Stallmeister empfing ihn in seinen Armen,
und da er ebenfalls ohne Besinnung war, ward er auch, indem er viel Blut verlor,
in den Palast getragen.
    Ein stummes Entsetzen hatte sich des Volkes bemchtigt. Aber, sosehr diese
geringen Menschen vom Adel waren geqult und mihandelt worden, so betrachteten
sie doch mit Grauen diese blutige Tat der Hscher. Die Jnglinge, die so
schmhlich endigen muten, dauerten sie so sehr, da sie Trnen vergossen, und
sich nicht fassen konnten, wie sie mit ihren Augen etwas so Ungeheures erlebt
und gesehn hatten, was ihnen selbst nach der Tat als etwas Unmgliches erschien.
    Der Barigell fhrte mit seinen Hschern die Gefangenen triumphierend in das
Gefngnis, denn es fiel im Hause keinem mehr ein, die Banditen zu verweigern, da
sie vollauf mit ihren sterbenden Gebietern zu tun hatten.

Vittoria lebte vllig einsam und zurckgezogen, aber nicht als eine Gefangene im
Kastell. Ihre Zimmer waren angenehm geschmckt, zwar nur mit einer Aussicht in
den innern Hof, aber doch nicht unerfreulich. Der Gouverneur besuchte sie
zuweilen, und zeigte ihr die grte Hochachtung, dessen Lieutenant Vitelli, ein
jngerer Mann mischte einige Zrtlichkeit, ja Leidenschaft in den Ausdruck
seiner Verehrung, weil er von der Schnheit Vittorias, die er frher noch
niemals gesehn hatte, bezaubert war. Sie verstand recht gut, da diese
Gefangennehmug, wie sie es mit allem Anstand doch war, sie vom Herzog trennen
solle, damit nicht geschehe, was die Familie und auch die Medicer frchteten,
da er sich mit ihr vermhle, und so auf neue Erben viele von den Gtern der
Bracciano bergehen mchten. Da sie aus dem ihr angedrohten Proze mit Triumph
geschritten war, so berlie sie der Zeit, ihr knftiges Schicksal zu
entwickeln. Sie war jetzt damit zufrieden, da sie die Verlobte des Mannes war,
den sie verehrte und liebte.
    Da ihre Mutter, wie man ihr sagte, nicht wohl sei, betrbte sie innigst, da
es ihr unmglich war, sie zu pflegen und zu trsten. Sonst wies sie alle
Besuche, die zuweilen die Erlaubnis des Governadors erhielten, zurck; denn da
sie den Herzog Bracciano nicht sehen sollte, er auch keinen Versuch machte, bei
ihr einzudringen; so wollte sie kein anderes menschliches Angesicht schauen,
auer ihre Wchter und die alten Freunde ihrer Kindheit, Guido und Ursula,
welche sie mit sich genommen hatte.
    Bracciano hatte dem Papst und dem Medicer versprechen mssen, jetzt seine
Verbindung mit Vittorien aufzugeben. Unter dieser Bedingung hatte man die
Anklage fallenlassen, die Gerchte unterdrckt, keine andre Zeugen verhrt, und
Vittoria selbst auf anstndige Weise bewacht. Bracciano sah ein, da, wenn er
nicht nachgbe, und zum allgemeinen rgernis unmittelbar nach des Gatten Tode
sich mit der Witwe vermhlte, der verletzte Papst unerbittlich, seine Familie
unvershnlich sein und er alle Gunst des Volkes verlieren wrde. Alles, was
boshafte Feinde gegen die Accoromboni aufbringen konnten, erhielt dann eine
groe Wahrscheinlichkeit, und da nur die uere Tatsache erschien und die
innersten geistigen Ursachen, das moralische Getriebe verborgen bleiben muten:
so setzten sich beide dem allgemeinen Abscheu aus, und es entstand dann die
Frage, ob der Herzog, trotz seiner Stellung, mchtig genug sei, der Kabale
gegenber Vittorien vor Schande, Einkerkerung, vielleicht gar schimpflichem Tod
zu schtzen, ja ob er nicht selbst, berwltigt, den Sturz teilen wrde. So
waren es denn doch die Umstnde welchen diese beiden starken Naturen nachgeben
muten. Sie beugten nur ungern den stolzen Nacken, aber das Schicksal, das sie
selbst herbeigerufen hatten, bezwang sie dennoch.
    In dieser ruhigen, fast anmutigen Einsamkeit war alle Bitterkeit aus dem
Gemt Vittorias verschwunden. Sie erlebte jetzt den Zustand, in welchem auch der
starke Geist sich nicht ungern einer unbedingten Passivitt hingibt. Dies ist
kein Verzagen, Sichaufgeben, oder ohnmchtiges Verzweifeln, sondern die Seele
taucht sich willig, wie in einen erquickenden Schlaf, in ein behagliches
Vergessen unter, um wieder neue Krfte fr andre, vielleicht nahe Strme zu
sammeln.
    Nur einmal war ihr Zorn in seiner ganzen Strke wieder aufgewacht. Der
lteste Bruder, Ottavio, hatte sich, mit Erlaubnis des Gouverneurs, bei ihr
melden lassen, und dringend ein Gesprch verlangt. Sie war nicht zufrieden
damit, ihn kurz abzuweisen, sondern schickte ihm noch ein Billet, voll
Bitterkeit durch den Diener, in welchem sie ihm von neuem seine Schlechtigkeit
vorwarf. Man sagte ihr, da er mit sehr bekmmerten Mienen sich entfernt habe.

                                Zweites Kapitel


Ganz Rom war in der heftigsten Bewegung. Der Adel, der das, was geschehn war,
fr Verletzung aller seiner Rechte, fr Beschimpfung und gewaltttigen Mord
erklrte, rottete sich in den Husern, Straen und auf den Pltzen zusammen;
auch die Feindseligsten vershnten sich und schwuren Rache und Vergeltung. Die
Brger verschlossen sich in ihren Husern, weil sie einen gewaltsamen Ausbruch
frchteten. Die Regierung war ungewi, was sie tun sollte, der Barigell war mit
seiner Mannschaft allenthalben auf Wacht.
    Es fehlte dem Adel nur ein Haupt, um die verschiedenen schwankenden
Entschlsse auszufhren, und zu diesem schwang sich durch Wut und ungebndigte
Wildheit Luigi Orsini auf. Die alten Barone und Grafen, selbst der Geistlichen
viele, billigten die Rache, von welcher alle durchglht waren, wenn jene auch
selber keinen ttigen Anteil nehmen wollten. Luigi war derjenige, welcher sich
mit Recht von allen am meisten gekrnkt fhlen konnte. Schon am folgenden Tage
war Raimund, sein Bruder, so wie sein Schwager Savelli, an den Wunden gestorben
sie wurden zugleich mit dem jungen Rusticucci mit groem Pomp und vielem Tumult
und unter Geschrei und heftigen Reden beerdiget. Im Palast des Luigi hatten sich
nach dem Begrbnis alle jungen Adlichen von den verschiedenen Familien
versammelt. Die junge Gattin Luigis flehte umsonst. Du hast es mir so feierlich
versprochen, sagte sie, dich aller jener gewaltsamen Taten, aller jener
Wildheit vllig zu entwhnen, die deinen Namen so berchtigt gemacht haben: ich
habe deinem heiligen Wort vertraut und mein Schicksal an das deinige geknpft;
und nun sollen jene schadenfrohen Prophezeiungen meiner Feindinnen dennoch in
Erfllung gehn, da du deinen grausamen Sinn niemals ndern knntest? Ich
beschwre dich, bleibe dieser abscheulichen Unternehmung fern, verweile bei mir,
rate deinen jungen ungestmen Freunden ab, denn deine Stimme gilt alles bei
ihnen. Wohin soll dieser Aufruhr fhren? Und wenn du fllst? Wenn jene siegen
und die Regierung dich bannt, oder gefangensetzt, oder gar -
    Wie! schrie er im wildesten Zorn, dulden sollten wir es, wir Frsten und
Barone, da diese gemeinen, elenden, feigen Sldlinge uns so ungestraft
mordeten? Uns wie das Vieh hinschlachteten? Und wenn ich in Stcke gerissen
werde, wenn Papst und Kardinle und Rom untergehn, so mssen wir uns rchen.
Dahin sollte es kommen, da wir die Sklaven von Hschern wrden? Und wir die
Hnde in den Scho legen? O du bist keine Savelli, du bist das hochherzige Weib
nicht, fr das ich dich erkannt habe, wenn du mir im Ernst eine solche
Niedertrchtigkeit anraten kannst? Und wo ist die Gefahr? Du wirst sehn, wie
leicht, wie schnell dies Gesindel von uns zertrmmert wird.
    Er verlie sie und sein Gemt jauchzte. Er mochte wohl nur eine Gelegenheit,
einen Vorwand erwartet haben, um seine Wut, die immerdar in ihm brannte,
entzgeln zu knnen. Nun ward die versammelte Menge nach verschiedenen Palsten
und Straen gesendet und pltzlich strzten die Jnglinge von verschiedenen
Punkten, mit Schwert, Dolch und Schiegewehr bewaffnet, auf Pltze und Gassen
hinaus. Orsini lief zuerst auf die Wacht zu, die der Barigell um sich versammelt
hatte. Toben, Schreien, das Knallen der Gewehre, die Wehklage der Fallenden,
alles erregte den zitternden Brgern, die aus ihren sichern Husern der Metzelei
zusahen, Schauder und Entsetzen. Mancher der Edlen fiel, aber diese Hauptwacht
war vernichtet; der Barigell, als er seine Leute fallen sah, entfloh mit wenigen
Lebenden, die sich nach verschiedenen Richtungen zerstreuten.
    Aus andern Straen strmten dem blutberonnenen Luigi fliehende Hscher und
ihre Verfolger entgegen. Alle diese Sbirren wurden berwltigt und grausam,
schnell, unter Hohngelchter massakriert. Welche Freude, rief Luigi im Taumel
zu seinen Begleitern, welche Lust mu das vor zehn Jahren in Paris gewesen
sein, als man auf diese Weise die Bartholomusnacht feierte, als jedermann auf
diese verdammten Hugenotten loshieb und stach, und von dem verruchten
ketzerischen Blut hei bergossen wurde!
    Wo sich nur ein Hscher zeigte, wurde er diesseit und jenseit der Tiber
niedergemacht: es war keine Strae, die nicht vom Blute des Mordes befleckt
wurde. Mancher Wandernde, der nicht in seinem Hause geblieben war, ward
niedergestoen, weil sich die Wtenden auf Frage und Antwort nicht einlieen,
und ihn fr einen verkleideten Feind annahmen. Wo sich die Parteien der Rasenden
begegneten, drckten sie einander die Hnde, umarmten sich und frohlockten ber
ihr gelungenes Werk. - Allenthalben lagen Leichen, oder Sterbende, die sich in
ihren Schmerzen krmmten und die klaffenden Wunden zu decken suchten. Aber
nirgend war Mitleid.
    Bracciano sah aus seinem hohen Gemach vieles von diesem Unheil und hatte es
den Seinigen streng verboten, aus dem Hause zu gehn, und an diesem Mordfeste
teilzunehmen.
    Als Luigi schon die ganze Stadt durchraset hatte und von allen seinen
Begleitern getrennt war, sah er noch einen Hscher in ein kleines Haus
hineinspringen, um sich dort zu verbergen. Die Wohnung war ihm nicht unbekannt
und er sprang dem Fliehenden nach. Dieser rann durch das Vorgemach und strzte
sich in eins der innern Zimmer: Luigi ihm nach mit dem geschwungenen Dolch.
Unter ein Ruhebett wollte der Zitternde sich verkriechen, doch hatte ihn der
Wtende schon ereilt, und stie ihm den Dolch in die Brust. Ein Blutstrom, ein
kurzes Rcheln, und er war verschieden. Nun erhob er den Blick und sah vor sich
auf dem Ruhebette ein Wesen sitzen, das ihn entsetzte, sowenig er Furcht und
Grauen kannte. Es war ein Weib, das ihm wie ein Gespenst erschien. Ein schwarzer
Blick aus dem tief eingefallenen Auge fuhr stechend in das seine, die Wangen
aschgrau und eingesunken, das greise lange Haar ungekmmt und ohne Ordnung ber
die Brust hngend, Nacken und Arme vermagert.
    Um des Himmels willen, schrie Luigi, und schlug die Hnde zusammen; erst
jetzt erkenne ich Euch, Ihr seid Donna Julia!
    Und warum nicht? antwortete sie mit heiserer Stimme: irgend was mu der
Mensch sein, und ich habe diese mhselige Rolle bernommen.
    Ihr rmste! rief Luigi innigst bewegt, - also so weit ist es mit Euch
gekommen? Wo ist nun Euer Glck? Wo die Bewunderer, die hier in diesem Zimmer
Eure und Eurer Tochter Gedichte lobpriesen? Nicht wahr, die Vermhlung mit
diesem Peretti ist herrlich ausgegangen? Eure Klugheit hat Wunder ausgerichtet!
Ist das die stolze, herrische Donna, die es damals wagte, mir so herbe Worte zu
sagen? Die poetischen Werke Eures bermutes haben wenig gefruchtet.
    Eines Eurer schnen Werke, antwortete sie, habt Ihr mir hier berreicht
- sie wies auf den Leichnam - und Euer Ende ist auch noch nicht gekommen - aber
es wird - glaubt mir - die Stunde wird kommen, wo Euer Weib sich die Haare
ausrauft, da sie die Eurige ist: im dumpfen, engen, finstern Kerker werdet Ihr
schmachvoll verscheiden, und Stadt und Land werden ein Jubelgeschrei anstimmen,
da der Bsewicht endlich sich seinen verdienten Lohn selbst herbeigeholt hat.
-
    Mit Schauder verlie Luigi die Prophetin, indem er noch einmal das Zimmer
musterte, in welchem er frher mit der hohen Jungfrau als Freund und Feind
gewesen war, wo er noch zuletzt, als er zuerst Peretti erblickte, jene Zornworte
ausstie, die doch, sosehr die Familie Accoromboni gesunken war, sich nicht
erfllt hatten. -
    Die Regierung Roms war in der grten Verlegenheit. Der alte Papst, von
Natur ein weicher Mann, und ebenso schwach, hatte alle Fassung verloren. Ihn
gereuten die Befehle, die er gegeben hatte, denn er hatte diesen Aufstand nicht
erwartet, der noch gefhrlicher werden konnte. Dazu ngstigten ihn Schadenfrohe,
wie der Kardinal Farnese, der seine Befrchtung aussprach, ganz Rom knne in
eine allgemeine Emprung ausbrechen, und den Papst wie die Regierung zur Flucht
zwingen, wenn sie sich nicht in Tod und Verderben begeben wollten, denn alle
Brger, auch die Landleute drohten, die Partei des Adels zu ergreifen.
    Montalto, Ferdinand der Medicer und Karl Borromus waren im einsamen Zimmer
versammelt, um diese Begebenheit zu besprechen. Es ist keine Hlfe, sagte
Montalto, der Heilige Vater ist allzu schwach, er hat keine Kraft, den
bermtigen Adel zu bndigen. Er beweint den Befehl, den er krzlich dem
Oberhaupt der Sbirren gegeben hat.
    Ja wohl, sagte Fernando, und er schmht unsre Regierung, den Governador,
den er doch so innig liebt und sich und uns alle, denn soeben hat er das
Todesurteil fr die wenigen Sbirren unterschrieben, die sich in seinen Palast
geflchtet haben, und er lt sie als Emprer und Rebellen hinrichten, die sich
gegen ihn und die Stadt eigenmchtig aufgelehnt haben. Wie mu nun der bermut
jener zgellosen Adelsjugend, dieses rohen Volkes wachsen, wenn ihnen der
Souverain, vor dem sie zittern mten, ffentlich so schimpfliche Abbitte tut,
indem er diejenigen seiner Diener schmhlich aufopfert, die nichts getan haben,
als seinen Befehlen Folge leisten.
    Es ist nichts mehr darber zu sprechen, fgte Borromus hinzu: der
Barigell, ein braver mutiger Mann, hat sich nach der Grenze gerettet. Man hat
schon hingesendet, um ihn ausliefern zu lassen, und ein peinlicher Proze soll
ihn wegen Veruntreuung von Geldern, wegen einer geheimen Verbindung mit einem
andern Obristen, einem gewissen Antonio in Subiaco, und Verrat und
Einverstndnis mit Banditen gemacht werden. Ihm wird auch der Kopf abgeschlagen,
wegen veralteter undeutlicher Klagepunkte, weil man es nicht wagt, den
Verstndigen wegen des letzten Unglcks zur Rede zu stellen. So wird diesem
jungen Volk geschmeichelt und allen Patrioten sowie dem Auslande unsre Schwche
aufgedeckt. Und werden denn diese grausamen Shnopfer jene Unbndigen
zufriedenstellen? Ich glaube es nicht. Man weist ihnen ja selber die Bahn an,
auf welcher sie immer mehr und mehr fordern knnen. Ich frchte noch
Schlimmeres. -
    Vittoria sa indessen ruhig in ihrem behaglichen Gefngnis. Sie hatte, von
dicken Mauern beschtzt, selbst nichts vom Tumult in den Straen, keinen Laut
des wilden Geschreis, nichts von dem Gewehrfeuer vernommen. Whrend dieses
Aufruhrs, indessen der Gouverneur, und Vitelli, dessen Stellvertreter, im
stillen Anstalten trafen, das Kastell zu verteidigen, falls die Wtigen in ihrer
Frechheit einen Angriff wagen sollten, schrieb und dichtete sie in ihrem stillen
Zimmer. - - Ist mir nicht sein Andenken, dachte sie, ein Paradies und
Himmelreich? Er sinnt hierher, und ich sehe und hre ihn immer dar, denn seine
Gedanken klingen in meinem Herzen wider.
    Und bin ich nicht glcklich? Meine Feinde verstummt, ihre Angriffe
zurckgeschlagen, meine Kerkermeister fein, artig, gefllig: jeder erlaubte
Wunsch wird mir erfllt, sowie ich ihn ausgesprochen habe. - Wie glcklich,
rmster Tasso, bin ich, wenn ich mein Schicksal an dem deinigen messe!
    Zweimal hat dich dein bser Dmon zurckgejagt, nach dem verhaten Ferrara.
Alle Warnungsstimmen hrtest du nicht, das leise Flstern deines Genius ward
berschrieen von deiner Leidenschaft. Nun schmachtest du, Edelster, in dumpfer,
finstrer, enger Zelle, preisgegeben den hmischen Launen deiner Wchter. Wenn du
sinnst und dichtest, bist du vom Geheul der Wahnsinnigen betubt, die in deiner
Nhe hausen. Du, ein Tor, ein Wahnwitziger! Im Narrenhause festgehalten! Und die
frech Bldsinnigen, die Aberwitzigen drauen in Freiheit, dich belachend, ber
dich spottend, wenn sie dem Kerker vorbergehn, hhnisch und mitleidig die
Achseln zuckend. - Und jener schwatzende Malespina gibt verstmmelt sein Werk
heraus, um dem Armen den letzten Trost zu rauben, eigenmchtig, ungefragt, und
sendet es mir, das schne und in diesem Zustand so traurige Werk, dem
Gtterbildnis hnlich, dem Haupt und Arme fehlen - und der Schwtzer schreibt
mir, da es doch besser so getan sei, als wenn das Gedicht ganz verlorengehe;
sein Herzog habe ihn zu der Herausgabe gedrngt. Bianca habe es auch so herzlich
gewnscht. Mit Heeresmacht sollten die Guten ausrcken, um all die Tyrannei, die
Aberweisheit, die schlecht verhehlte Schadenfreude, um alles dies Gewrm zu
zertreten und zu zerstren.
    Jetzt trat Vitelli, der Lieutenant, herein. Er erzhlte Vittorien, nachdem
die Ruhe scheinbar wiederhergestellt war, vom Tumult und Morde. Jetzt hat der
Heilige Vater, beschlo er, alle Faktionen durch die Opfer besnftigt, die er
den Emprern gebracht hat.
    O Luigi! rief Vittoria aus, dieser bse Geist, dieser Entsetzliche ist
mir bekannt, und der Himmel wird es mir gewhren, da ich sein Antlitz niemals
wieder erblicke. In ihm ist Wut und Roheit verkrpert, und sein Wesen ist um so
furchtbarer, weil er auch mit hflichem Gleien den feinen Mann, den Galanten
spielen kann. Wenn er am freundlichsten lacht, sinnt er auf das Abscheulichste.
    Ihr eifert zu sehr, schne Frau, antwortete Vitelli, dieser Luigi wird
wohl, wie es bei den meisten Menschen der Fall ist, zu seinen Taten mehr durch
die uern Umstnde, als durch seine innere Bosheit getrieben. Was die
schlechten Menschen tun, darf man nicht immer ihrem Charakter zuschreiben. Wir
sind einmal so in unsrer Schwachheit, da wir vieles nicht unterlassen oder
vermeiden knnen, wenn wir auch wollen. So, was jetzt der Heilige Vater und der
verehrte Gouverneur haben tun mssen; sie beweinen den Schlag, zu welchem sie
notgedrungen die Hand erheben. - Lebt wohl, der Papst hat mich rufen lassen.
    Mann! rief Vittoria gengstigt - nach allem, was Ihr mir eben erzhlt
habt, nach diesen krzlich verbten Greueln, werdet Ihr Euch doch nicht in den
Straen von Rom sehen lassen wollen? Lat Euch warnen, Freund. Nein, Ihr geht
heute nicht aus, der Papst wird Eure Entschuldigung annehmen, und der Gouverneur
sollte es Euch verbieten, heute einen Fu aus dem Kastell zu setzen.
    Vitelli lchelte und sagte: Weiberfurcht!
    So seid ihr Mnner, antwortete sie, alle seid ihr so; - als wenn wir
Frauen nur Wesen der Furcht und Bildnisse der Angst wren! Es gibt ein Zagen,
das ebenso weise, als mnnlich ist: Tollkhnheit und Leichtsinn mu man nicht
mit dem Namen Mut stempeln wollen. Bleibt heute in Euern Zimmern, wenn ich nicht
Todesangst um Euch erdulden soll: denn ich sehe einen schwarzen, tckischen
Geist hinter Euch stehn, welcher grinset und hohnlacht. -
    Glcklich, antwortete der junge Mann, da Ihr so warmen Anteil an meinem
Schicksale nehmt.
    O keine Phrasen! rief sie aus; zu dergleichen ist die Zeit allzu ernst.
Wenn ich mir Euer sanftes Antlitz, Euer edles weiches Wesen diesem Luigi und
seinen wilden Genossen gegenber denke! Bleibt, mein Freund, wir wollen lesen
und musizieren, Ihr habt dies Befreite Jerusalem, wie wir es nun einmal
besitzen, noch nicht zu Ende gelesen. Seid nicht halsstarrig aus einer
miverstandenen Mnnlichkeit.
    Vitelli lchelte wieder, kte ihr zrtlich die Hand und hpfte zur Tr.
Auf Wiedersehn! rief er zurck.
    Sie knnen nicht ernsthaft sein, diese Mnner, sagte Vittoria zu sich:
uns gegenber soll immer Liebe und Zrtlichkeit gespielt werden, auch in
Momenten, wo es vllig unziemlich ist. Auch das gehrt zu den Drangsalen von uns
armen Weibern, da wir keinen echten, unbestochenen Freund unter den Mnnern
finden knnen. Diese scheinbare Vergtterung, in demselben Augenblick, wo sie
uns geringe achten. So dieser sanfte, liebenswrdige Vitelli. Fr den Posten,
der ihm von Vater und Grovater anvertraut ist, mte er etwas mehr von einem
Helden haben. Es gbe keinen mnnlichen, echten Freund, so sagte ich eben? - o
du guter, getreuer Caporale, wie mu ich bei dir abbitten! -
    Vitelli fuhr zum Papst, um dessen Befehle zu empfangen. Man wollte, da die
Stadt wieder ruhig war, gegen die Banditen auf dem Lande, die ganze Stdte
eingeschert hatten, mit Strenge verfahren. Nur war es bedenklich, da nach
diesem Tumulte kein Barigell und Hscher in den Provinzen sich wollte gebrauchen
lassen: in der Stadt waren sie fr diesen Augenblick alle vertilgt, und es war
zu frchten, da sich neue zu diesem gefahrvollen Dienst schwerlich wrden
anwerben lassen. Man ratschlagte, ob nicht Banditen, denen man unbedingte
Amnestie gewhrte, am besten zu gebrauchen wren, um die Ruhe einigermaen
wiederherzustellen. Doch erschien dieser Versuch auch wieder allzu milich, weil
sich dadurch die Regierung vllig in ihre Hnde lieferte. Im uersten Falle
mute man sich auf die bewaffneten Haufen, auf die Soldaten und selbst die
wenigen Schweizer, sowie auf die Freiwilligen verlassen, die bei dringender
Gefahr aufgerufen wurden.
    Der Papst sagte endlich dem geliebten Vitelli Lebewohl. Er trat an das
Fenster, um ihm nachzusehn. Vitelli bestieg seinen kleinen offenen Wagen, und
grte noch einmal ehrerbietig zum Palast hinauf. Indem trat ber den Platz
Luigi Orsini mit seinem abscheulichen Begleiter, dem Grafen Pignatello, auf das
Fuhrwerk zu. Dieser Pignatello trug wieder ein solches schwarzes Wams und den
Federhut, wie ihn frher Pepoli im Gebirge gesehen hatte. Seit einiger Zeit war
er Orsinis Herzensfreund geworden, und lie sich von diesem zu den verruchtesten
Diensten gebrauchen. Vitelli wurde bla, als er des Luigi ansichtig wurde, doch
befahl er seinem Stallmeister, diesen beiden sorglos aber schnell
vorberzufahren. In demselben Augenblick aber schrie Orsini: Halt! und griff
in den Zgel, so da das Pferd stillstand. Zugleich erschallte ein Schu, und
Vitelli strzte, von dem Pistol des Pignatello getroffen, zurck, da das Haupt
ber den kleinen Wagen hing. Dein Vater, schrie Orsini, ist der Schurke, der
den verruchten Rat gegeben hat, den Adel von niedertrchtigen Hschern ermorden
zu lassen: nimm dies zum Lohn. - Sie entfernten sich, langsamen Schrittes, noch
trotzig zum Palast hinaufdruend. - Der Stallmeister fhrte bestrzt den
Leichnam seines Herrn in den Palast des Papstes zurck.
    Der Papst, als er die verruchte Tat sah, war einem seiner Cameriere, der
hinter ihm stand, in die Arme gestrzt. - Dieser Anblick hatte ihn zu pltzlich
berrascht, und ihn mit Entsetzen erfllt. So weit war es gediehen? So wenig
hatte seine zu nachgiebige Milde auf diese verhrteten Herzen gewirkt?
    Es war natrlich, da diese Untat ganz Rom von neuem aufregte. Dieser Mord
erschreckte selbst die Freunde Orsinis, viele seiner Partei fielen von ihm ab,
und schalten mit lauter Stimme und ffentlich diesen Frevel. Als Luigi dies
gewahr ward, wie die Mehrzahl der Emprer sich von ihm wendete, konnte er selber
sein Schicksal sich voraussagen. Dies entmutigte ihn aber nicht, sondern er
lachte laut und rief den Braven, die ihm treu geblieben waren, zu: Nun beginne
ich also ein Leben, das ich mir eigentlich seit lange gewnscht habe. Wie
Piccolomini, wie Sciarra fhre ich nun offenen Krieg mit meinem Vaterlande. Man
wird mir meine Huser und Gter nehmen, man wird den Bann ber mich sprechen und
mein Todesurteil, wenn ich mich wieder im rmischen Gebiet betreffen lasse.
Immerhin! meine Gattin sende ich nach Venedig und folge ihr knftig vielleicht
nach. Bis dahin sind wir freie Mnner in Wald und Gebirge, quartieren uns ein,
ohne anzufragen: die Reben des Weinbergs, das Wild der Jger, die Weiber in den
Kastellen, alles ist unser, und Schwert, Dolch und Feuer unsre Brder! -
    So verlie er mit so viel Geld und Juwelen, als er eilig zusammenraffen
konnte, die Stadt. - Als der Papst sich wieder erholt, und die Regenten des
Staates berufen hatte, ward beschlossen, da Luigi Orsini als Meuter, Rebell und
Meuchelmrder auf ewige Zeit aus dem Gebiet des Rmischen Staates und aller
Provinzen verbannt sein sollte; ein Preis ward auerdem auf seinen Kopf gesetzt,
und ein groer Lohn dem verheien, der ihn tot oder lebendig herbeischaffen
wrde. - Man rechnete hierbei auf die Banditen und seine Raubgesellen selbst.
    Als Vittoria die Mordtat erfuhr, war sie kaum verwundert und nicht
erschrocken, weil ihr voraussehender Geist ihr dieses Ende gesagt hatte. Sie
weinte mit dem Gouverneur, der pltzlich ein trostloses Geschick auf sich
hereinbrechen sah.

                                Drittes Kapitel


Mit allen seinen Gesellen, Vornehmen und Geringen, begab sich der Graf Luigi
Orsini in die freie Landschaft, um dem Staate, dem er sich emprt hatte, so
vielen Schaden zuzufgen, als in seiner Gewalt stand. Man vernahm bald die
Klagen ber Beschdigungen, die er an den Stdten und Landbewohnern ausbte.
Auch rstete er ein Schiff aus, um die See zu beunruhigen und die Fahrzeuge,
welche nach Rom segelten, aufzufangen. Auch warb er neue Banden, und verstrkte
sich durch Galeerensklaven, die teils ihre Strafzeit berstanden, teils sich
emprt und mit Gewalt befreit hatten.
    Der nchste nach Luigi im Kommondo der Banden war der Graf Pignatello, der
grausame Mrder des Vitelli, sowie der Graf Ubaldi aus Arezzo, ebenfalls ein
verwegner Mensch, der auf unwrdige Art sein Vermgen verschwendet hatte und
jetzt in Verzweiflung und leichtsinniger Frechheit keine Rcksicht der
Menschlichkeit mehr anerkannte.
    Ein besserer Mensch war durch Verarmung und traurige Schicksale in die
Gesellschaft dieser Verworfenen geraten, der Graf Francesco Montomellino. Er war
von mittleren Jahren, wohlgebaut, stark und sein Wesen hatte den Ausdruck eines
edlen Mannes. Auch ihn hatte Unglck und Verzweiflung, aber nicht Bosheit diesen
Banden und einem Luigi zugefhrt. Es war eine von den Erscheinungen in der
menschlichen Natur, welche fter wiederkehrt, da Orsini sich mit Vertrauen, ja
Liebe, an diesen besseren Mann anschlo, der ihm so unhnlich war, den er mehr
achten mute, als sich selber: Graf Montomellino war ihm bald so unentbehrlich,
da er keine Stunde ohne ihn leben konnte und er in dessen Gesellschaft sogar
seine Gattin und alle frheren Freunde, die ihm nicht gefolgt waren, verga.
    Unter den Galeerensklaven hatte sich auch jener junge Camillo Mattei, der
Neffe des alten Priesters Vinzenz in Tivoli, eingefunden. Er wagte es nicht,
nachdem er seine Strafzeit berstanden, nach Rom zu seinen Eltern
zurckzukehren, da ihn Schande und Schmach bedeckte, und er nicht hoffen konnte,
auf irgendeine Weise in seine frhere Stellung zurckzukehren. Ein glhender Ha
gegen die Familie Accoromboni war in ihm entbrannt, so wie gegen alle Vornehmen,
und da er wute, wie sehr die stolze Vittoria den Luigi Orsini verabscheute, so
hatte er sich diesem und seinen Freibeutern am liebsten angeschlossen.
    Von Marcello hatte man nur wenig erfahren knnen. Das Gercht sagte, da er
sich beim Heere des Piccolomini befinde welches bald in den florentinischen,
bald in den neapolitanischen Staaten umstreifte und oft wieder die Grenzen des
rmischen Gebietes beunruhigte.
    Als Flaminio sich in Rom wieder nach seiner Mutter umsah, um ihr Hlfe zu
bringen, war sie ohne Spur verschwunden, und jede Forschung und Nachfrage
vergeblich. In der Verwirrung ihres Geistes hatte sich die unglckselige Matrone
scheu und tief bekmmert von allen Menschen zurckgezogen. Sie zrnte sich und
aller Welt, den Menschen wie dem Himmel, weil sie sich nicht still ergeben und
fgen konnte, sondern ihr Gefhl ihr zurief, da in ihrem Unglck ihr vom
Schicksal das herbste Unrecht zugefgt sei. So lie sie auch oft ihren
liebevollen Sohn Flaminio abweisen, und wollte ihn nicht sprechen, weil sie ber
seine weiche und charakterlose Unbestimmtheit zrnte: auch auf den Herzog
Bracciano war sie erbost, und wies mit schnden Worten alle Hlfe zurck, die er
ihr gromtig anbot; denn sie meinte, er htte sich bei dieser Entwicklung der
groen Begebenheit mit mehr Kraft und Khnheit betragen sollen. Gegen den
Bischof, ihren ltesten Sohn, gab sie ihren Ha offen kund; sie sah ihn nicht
wieder, so oft er auch bei ihr einzudringen suchte. Selbst auf die freundlichen
Botschaften und Briefe ihrer Tochter Vittoria nahm sie keine Rcksicht. So, von
aller Welt verlassen und Freunden wie Feinden unsichtbar geworden, war sie nun
endlich, ohne Spur, verschwunden. -
    Auch in der Landschaft war allenthalben die Kunde erschollen von der
Ermordung Vitellis, der Emprung des Orsini, und der Verhaftung der Vittoria
Peretti, sowie von der Anklage gegen sie. Das Volk, welches sich so gern mit
Mrchen trgt und diese am liebsten glaubt, verband damit tausend unmgliche
Bosheiten und wunderbare Zuflle: von Bezauberung, Gift, Gespenstern und
Gestndnissen auf der Folter war die Rede, und in der kleinen Stadt Tivoli, in
welcher die Familie Accoromboni oft gewohnt hatte und in ihr gewissermaen
einheimisch war, wurde am meisten ber diese neuesten Begebenheiten geschwatzt
und geurteilt, verschieden und mannigfaltig, je nachdem man den Angeklagten
freundlich oder feindlich gesinnt war. Doch hatte auch hier das Mrchen bei den
meisten Eingang gefunden, Vittoria habe durch einen Liebestrank den Herzog
Bracciano bezaubert, auf dieselbe Weise den jungen Luigi Orsini unsinnig
gemacht, den Gemahl Peretti durch den Bruder umbringen lassen, so wie sie den
Kardinal Farnese habe vergiften wollen und jetzt sitze sie mit der Mutter im
Kastell gefangen, weil sie der Papst in kurzer Zeit beide als Hexen ffentlich
wolle verbrennen lassen. -
    Der alte Pfarrer Vinzenz wandelte langsam durch die Stadt und berlegte sich
diese tollen und trichten Erzhlungen, sowie so manches, was er in seinem Leben
schon gesehn und erfahren hatte. Alles, sagte er zu sich, gleicht diesem
Teverone hier. Da oben fliet er glatt und freundlich, die Ufer mit ihren
Gebschen und Hgeln spiegeln sich in der klaren Flut, sie kommt nher und
rennt, und rennt, immer schneller, nun strzt sie wogend, unaufhaltsam,
brausend, in Klagen und Verwnschungen tief hinunter in den Abgrund. - Wie
freundlich, erquicklich lebten sie hier und schienen so sicher und fest, stolz
und selbststndig. Und nun - zu hoch wollten sie hinaus - die Ebne war ihnen zu
gering, und nun dieser Absturz!
    Er stand jetzt vor einem zierlichen Hause, welches einzeln lag. Er war seit
lange nicht diesen Wnden, die mit Efeu bewachsen waren, vorbeigegangen. Nun
ward er hier durch ein seltsames Getn festgehalten. Er hrte nmlich mit
heiserer Stimme einzelne Strophen aus Volksliedern bertrieben laut und
kreischend singen, dann pltzlich Stille, ohne die Melodie zu beschlieen -
Aufschrei, Schluchzen - dann wieder Gesang, von lauten Flchen und
Verwnschungen unterbrochen. Jetzt tat es einen harten Fall, und nun vernahm der
Alte Winseln und Schluchzen und vielfltige Klagelaute. Die Fenster waren gegen
die Sonne verschlossen, er konnte nicht hineinsehn, ob sich hier ein Unglck
zugetragen habe. Er nherte sich der Tr, sie war nicht verriegelt, und er trat
in das freundliche Haus, welches nicht zu einem Aufenthalt des Elends bestimmt
schien, mit zgernder Furcht und einem leisen Schauer. Das Winseln und
Schluchzen lie sich nach einer Pause wieder vernehmen. So ffnete er
entschlossen die Tr des Zimmers, aus welchem er den Ton vernahm, und trat in
das halb dunkle Gemach.
    Bedarf jemand einer menschlichen Hlfe? frug er mit gedmpfter ngstlicher
Stimme - und fuhr mit lautem Schrei, sich entsetzend, zurck, denn eine groe
weibliche Gestalt lag ausgestreckt auf dem Boden, die man fr eine Leiche htte
halten knnen, wenn nicht die schwarzen feurigen Augen im kreideweien, alten,
ganz abgemagerten Gesicht sich heftig bewegt htten.- Wer ist da? Welcher
Sterbliche? sagte die mchtige Gestalt, und erhob sich langsam vom Boden. Ihr
greises langes Haar schttete sich bei der Bewegung ber das Gesicht, sie
lchelte furchtbar und warf es nun ganz ber das Antlitz hinber, bckte sich
nach vorn und nahm ein Gebetbuch vom Ruhebett auf, stellte sich gekrmmt so in
die Mitte des Zimmers, als wenn sie in Andacht lesen wollte, und sah in dieser
Gestaltung einem wilden reienden Tiere oder einem Ungeheuer nicht unhnlich.
Nun fuhr sie mit einem Sprunge auf den alten Priester los und schrie: Nun,
warum weichst du nicht dem Banne, wenn du doch ein Gespenst bist?
    Nichts weniger, sagte der Alte mit erzwungener Ruhe, ich bin ein ganz
gewhnlicher Mensch, und wollte der Himmel, da ich Euch so betiteln knnte.
Aber mir scheint, als wenn Ihr gewaltig ber die Strnge geschlagen httet. -
Seid Ihr denn nicht mit Verlaub, jene Dame Julia Accorombona, die sonst mit
ihrer schonen Tochter hier in diesem Hause wohnte, das ich freilich erst jetzt
wiedererkenne?
    Meine Tochter? rief die Wahnsinnige, und setzte sich mit Majestt auf
einen hohen Sessel. Sie nahm einen Kranz, von Stroh geflochten, und rckte ihn
auf den grauen Scheitel zurecht, indem sie die Masse der verwirrten Haare ber
den Rcken warf - meine Tochter? elender Sklave! wie wagst du es, diese nur zu
nennen? Sie ist die weltberhmte Kaiserin Semiramis, und sitzt da droben unter
goldenem Baldachin, hoch, hoch in ihren schwebenden Grten, und sinnt, so wie
sie die Elfenbeinhand an die glnzend weie Stirn legt, und sich mit der andern
auf den goldenen Szepter sttzt, auf neue Weltwunder. O solch himmlisches Bild
von Schnheit, Wrde und Majestt ist noch niemals auf Erden gesehen worden, und
Raffael, der groe Maler, hat vorgestern bei unserm Pluto um die Erlaubnis
nachgesucht, da er aus seinem Grabe kommen und die Himmlische malen drfe.
    Lat die Dummheiten, liebe, unglckselige Frau Julia, sagte der Priester,
dessen Sinne halb verwirrt waren: der Himmel hat Euch heimgesucht, fgt Euch
seinem Willen in gelinder Demut, und er wird Euch Euern Verstand, der recht
ansehnlich war, wiedergeben.
    Meine Knigreiche soll er mir zurckgeben! rief sie mit Ungestm: - aber
still - schon hat mein David, mein Sohn den Riesen berwunden - nun geht er, der
gesalbte Knig, mit seiner tapfern Schar und streift durch das Gebirge - sie
bewirten, sie frchten ihn - der Herr hat ihn gesalbt durch Samuel seinen
Hohepriester - er wird den Saul berwinden, und dann wird David vor allem Volke
gekrnt. Dann fhrt er die Mutter, die Unbekannte, Verschleierte, zu seinem
Thron, und alle Vlker beten sie an, die Unsterbliche, die solche Kinder zur
Welt gebracht hat.
    Was die Gottlose fr Reden fhrt! rief Vinzenz unwillig aus: versndigt
Euch nicht an der Schrift und dem heiligen Wort. Der verruchte Marcello soll wie
David sein, der knigliche Prophet? der Auserwhlte des Herrn? Wo steht das
geschrieben? Banditen und Mrder sind keine Heilige: mit Blut, nicht vom Samuel
sind sie mit dem heiligen l gesalbt und getauft.
    Was? rief sie, sprang auf, und ergriff den Erschrockenen heftig bei der
Hand: seid Ihr ein Levit und versteht die Gesetze und Prophezeiungen so ganz
und gar nicht? Habt Ihr vom Daniel gelesen, der ein Liebling des Knigs war?
seht, Einfltiger, das ist mein Sohn Flaminio, er mit dem flammenden rmischen
Geist, jetzt Geheimschreiber bei dem groen Tyrannen Holofernes. Und der fromme
Bischof, mein Sohn, der groe Kirchenpfeiler, beredter wie Chrysostomus,
gelehrter wie Origines, heiliger als Augustin; er wird morgen zum Papst erwhlt
vom Heiligen Geist.
    Nun, das fehlte uns gerade noch, sagte Vinzenz murrend. Sndiges Weib!
rief er, haltet inne, ist es nicht genug, da Ihr selber rasend seid, mt Ihr
mich auch noch toll machen?
    Gelinde, Mnnchen, erwiderte sie mit jenem furchtbaren Lcheln der
Wahnwitzigen, und streichelte ihn unter dem Kinn: - sprecht nicht so mit der
berhmten Cornelia - wit Ihr? Mein Sohn, der Cajus Gracchus ist viel
ungestmer, als jener ltere, der Tiberius, er lt Euch sogleich hinrichten,
wenn ich Euch bei ihm verklage. Dann werdet Ihr vom Tarpejischen Felsen, gleich
hier nahebei, in den Wasserstrom hinuntergeworfen. Das haben wir hier recht
bequem. - Ach! schrie sie - und sprang pltzlich auf und rannte heulend durch
das Gemach; alle Sthle und Sessel packte sie an - Hlfe! Hlfe! rief sie -
sie versinkt, meine Tochter! mein Kind! der Mrder, der verruchte, der
schndliche Camillo hat sie hineingestrzt!
    Warum nicht gar! schrie ihr der Geistliche entgegen; - nehmt Vernunft an,
kurioses, altes Weib, oder jeder Mensch mu Euch fr toll halten, wenn Ihr so
alberne Dinge sprecht!
    Nun, so la uns tanzen, Schatz! sagte sie, wenn es denn wirklich nicht so
bse gemeint ist. - Sie sprang auf, und fiel gleich wieder in den Sessel.
Nein, sagte sie matt, mein Gebein ist zu schwach geworden, der Gram hat mich
ausgehhlt. Ich kann auch nicht mehr singen. Wit Ihr meine schnen Verse? Ja,
mein Befreites Jerusalem haben sie nun auch herausgegeben und mich obenein in
den Narrenturm gesperrt: Ihr seht es, mit den Verrckten, wovon Ihr einer seid,
mu ich nun sprechen und poetische Akademien halten. Nun improvisiert gleich
ber ein Thema, das ich Euch geben will.
    Das ginge mir ab, sagte Vinzenz: ich verrckt und die da klug.
    Wie Astra die Welt so ganz und gar verlassen hat! fuhr die Alte fort. O
ber den Greuel, die Schandtat, die sich seitdem entwickelt. Wie die Unschuld
nun unterdrckt wird, wie der Arme blutet, das Gesetz den Gerechten zerschneidet
und Bosheit und Frevel in Purpur gekleidet geht. Den Farnese wollen sie zum
Papst machen, dann wird Luigi Governador von Rom und alle die Meinigen sind dem
Untergang geweiht! Betet, da Christus und Maria uns die Astra wiederschicken.
    Einen Funken Verstand sollten sie an Euch wenden, sagte jener: aber sie
denken vielleicht, das wre doch nur ein weggeworfnes Gut.
    Als er sah, da die Kranke sich etwas beruhigt hatte, war es ihm auch
mglich, verstndiger und eindringlicher mit ihr zu reden. Sie hrte ihn an und
begriff sein Wohlwollen, da jetzt nach jener Erhitzung die gute Stunde bei ihr
herrschte. Sie brachte ihr Haar in Ordnung, warf einen Mantel ber, und
versprach, mit Gelassenheit den Willen des Himmels zu tragen.
    Ihre Dienerin kam, eine junge, einfltige Bauernmagd, die ihr das wenige von
Speise und Trank brachte, welches sie geno. Nur diese, die ihr nie antwortete,
sich ber ihre tollen Reden weder verwunderte, noch sie anhrte, durfte zu ihr,
sonst war vor aller Welt ihre Tr verriegelt, und niemand erfuhr es, selbst die
Einwohner von Tivoli wuten es nicht, da die Signora Julia, welche sie ehemals
wohl gekannt hatten, sich in ihrer Nhe aufhielt.
    So gewhnte der redliche Vinzenz die arme Kranke an seine Gegenwart, und es
schien in mancher Stunde, als wenn dieser, freilich zu ihrem Schmerz, Vernunft
und Bewutsein zurckkehrte.
    Oft zankten sie wieder heftig, denn er wollte es nie dulden, da sein Neffe,
der unschuldige Camillo, Ursache am Unglcke der Familie sein solle. Verglich
sie wieder den abtrnnigen Marcello mit David, so geriet der Priester auer
sich, so da es in solchen Momenten schwer zu entscheiden sein mochte, wer von
beiden der Trichte sei. Denn, wenn er ihr die mythologischen und
geschichtlichen Torheiten christlich nachsah, wenn sie sich bald diese bald jene
groe Knigin, oder Juno, Minerva, manchmal Niobe nannte, so war er desto
strenger und unerbittlicher, wenn sie in die Geheimnisse der Religion anmaend
hineingriff, und sich und den Ihrigen die groen heiligen Personen der Bibel
oder Legende aneignen wollte. Da sie seine Unvershnlichkeit in diesem Punkte
kennenlernte, entwhnte sie sich auch dieses Frevels und begngte sich mit der
weltlichen Geschichte und der heidnischen Poesie. - Aber, ohnerachtet dieser
Torheit, ward sie auf diesem Wege milder, und selbst christlicher und
vernnftiger. - Htte ich je von mir geglaubt, sagte der Priester zu sich
selbst, als er an einem Abend von ihr ging, da ich noch einmal so ein starker
Heidenbekehrer werden knnte? Und da sich wirklich doch zuweilen Beelzebub
durch Satan vertreiben lt? Vielleicht haben aber auch andre, viel grere
Mnner als ich rmster, schon ehemals diese Knste gebt und ihre heilsame
Wirkung erfahren.

                                Viertes Kapitel


Obgleich der Papst Gregor nicht krank war, so konnte doch jedermann bemerken,
da in seinem hohen Alter seine Krfte sichtbar abnahmen. Vielerlei Bewegungen,
Verbindungen, mancherlei Versprechen waren geschehn und im Kollegium der
Kardinle, sowie unter den Prlaten und den Gesandten der fremden Mchte
vorgefallen. Alles rstete sich schon auf den Fall einer so wichtigen
Vernderung. Der Nepote, oder Sohn des Papstes, Buoncompagno, der Statthalter
von Rom und Oberbefehlshaber des rmischen Heeres hatte Ursach, am meisten bei
einem vorfallenden Wechsel besorgt zu sein. Der Papst, der immer gern rechtlich
und im christlichen Sinne handelte, war nicht darauf ausgegangen, sosehr er und
mit Leidenschaft diesen Buoncompagno liebte, ihn zu einem unabhngigen Frsten
zu machen, und er sprach den Ungeduldigen, der hher hinaufzusteigen wnschte,
oft zufrieden, und riet ihm, sich mit seinem bedeutenden Posten zu begngen.
    Um nicht zu viel zu wagen, hatte der Statthalter sich mit dem Groherzoge
von Florenz vershnt, der ihn hafte, und alle Zerwrfnisse, aus welchen die
Entzweiung hervorgegangen war, hatte Buoncompagno jetzt durch die Vermittlung
des klugen Kardinals Ferdinand beigelegt.
    Vittoria leistete dem Governador oft Gesellschaft, um ihn aufzuheitern, und
dieser fand stndlich Gelegenheit, ihren Verstand und festen Charakter zu
bewundern. Selten nur ward eine ausgelesene kleine Vereinigung von Freunden
hinzugelassen, weil der Statthalter von seiner Milde und Freundschaft nicht viel
reden machen wollte, da der Papst unvershnlich schien, und Vittorien noch
ebensosehr, wie im Moment der Anklage, zrnte. Diese erfuhr von diesem Hasse des
Oberhauptes nichts und hoffte von einem Tage zum andern ihre vllige Freiheit zu
erhalten, sie suchte sich daher an ihren geliebten Dichtern und eignen Arbeiten
zu erheitern, sie sang und war gegen die Dienerschaft und alle Menschen, die mit
ihr in Berhrung kamen, mitteilend und freundlich.
    Nur gegen den einen hatte sie ihren bittern Zorn nicht verhehlen knnen und
mgen, gegen ihren ltesten Bruder Ottavio. Dieser Unglckselige, von den Furien
des Stolzes und Hochmutes unablssig verfolgt, hatte sich krzlich mit ihr
vershnen wollen, als sie ihn mit so vieler Bitterkeit abgewiesen hatte. Schon
seit einiger Zeit fhlte er sich gekrnkt und unglcklich, da alles, was er
gehofft und gewnscht hatte, sich nicht der Erfllung nhern wollte. Die Partei
des Montalto wies ihn von sich, wegen des Bruders Marcello und des Unterganges
des Peretti, auch der Papst war ihm erzrnt, und die Florentiner, die sich mit
andern dem Medicer anschlossen, vermieden ihn ebenfalls. Es war schon jetzt
ziemlich ausgemacht, weil die Verbindung gegen den Mchtigen allzustark war, da
bei Erledigung des ppstlichen Stuhles nicht dem Farnese die hohe Stelle
zugeteilt wrde. Dies schmerzte den Bischof Ottavio, weil er darauf wie auf eine
feste Hoffnung gebaut, und darnach seinen ganzen Lebensplan eingerichtet hatte.
Noch mehr aber ward er gekrnkt, da sich Farnese nicht nur vllig von ihm
abwendete, sondern ihm auch ffentlich seine Feindschaft erklrte. Der Kardinal,
welcher gern jede Spur seines Verhltnisses zu Peretti, Vittoria und ihrer
Mutter in Vergessenheit bringen wollte, behandelte seinen Schmeichler Ottavio
als einen Verdchtigen, der vielleicht in Verbindung mit seinen Feinden
gestanden habe, um ihm in der ffentlichen Meinung zu schaden. Er mochte selbst
davon berzeugt sein, da Ottavio ein zweideutiger Charakter sei, da er gesehn,
wie er sich gegen die eigne Familie hatte brauchen lassen. Dem Herzog Bracciano
und allen Freunden dieses groen Hauses durfte Ottavio sich nicht nhern, weil
ihn der Frst, der seinen Charakter kannte und alles Bse wute, das er der
Schwester hatte zufgen wollen, hate. Selbst Flaminio, der jngste Bruder und
der Vertraute Braccianos, wollte ihn nicht sehn, auch die kranke Mutter hatte
ihn mit Verwnschungen zurckgewiesen und sich vor ihm verschlossen. So war sein
Herz halb gebrochen, als er noch erfuhr, die Mutter sei ohne Spur verschwunden.
Lange waren alle Nachforschungen vergeblich, endlich sagte ihm ein dunkles
Gercht, da sie sich wahrscheinlich nach Tivoli gewendet habe. -
    So sah man nach einiger Zeit einen kranken blassen Mann in Tivoli mit
schwankenden, ungewissen Schritten umherirren. Er lehnte sich oft, wie
erschpft, an einen Baum oder eine Mauer: er schien viel zu sinnen und sich
mancher Dinge mit Trauer und Leid zu erinnern. Schon lange hatte den wie im
Schwindel Umhertaumelnden der alte Pfarrer Vinzenz von seinem Fenster aus
beobachtet. Da der Kranke jetzt einer Ohnmacht nahe schien, so trat er aus
seiner Tr, um ihm Beistand zu leisten. Tretet zu mir ein, kranker Herr, sagte
der Priester, erquickt Euch in meiner kleinen Htte, und lat mich, wenn Ihr es
bedrft, den guten Apotheker herbeirufen. - Nein, erwiderte jener, setzt
Euch, wenn Ihr Zeit habt, ein wenig zu mir, auf diese Steinbank, und beantwortet
mir einige Fragen.
    Gern, sagte der Priester.
    Wit Ihr denn vielleicht, ob sich eine Donna Julia Accorombona hier im Orte
aufhlt, und wo sie ihre Wohnung genommen hat?
    Jetzt erst erkannte, fast mit Entsetzen, der Alte diesen Fragenden. In
dieser unscheinbaren, kmmerlichen Gestalt, so ganz zerbrochen und ohne Wrde,
sa jener hochmtige, starke, straff aufgerichtete Ottavio neben ihm, der, als
er nur noch Abt war, den armseligen Priester von oben herab kaum eines Blickes
gewrdiget hatte. Ein Schauer ber den Wandel menschlicher Schicksale und die
Unbestndigkeit des Glckes ergriff ihn: es kostete ihn Mhe, sich zu fassen und
seine Erschtterung zu verbergen.
    Ihr wit also, fing der Bischof mit schwacher Stimme wieder an, wo diese
Donna Julia sich aufhlt und knnt mich zu ihrer Wohnung fhren?
    Gewi߫, sagte der Priester, auch bin ich der einzige, den sie seither
gesehn und gesprochen hatte.
    Ich war an jenem Hause, sagte Ottavio, aber alles war verschlossen und
fest verriegelt. Wie geht es ihr? Ist sie genesen und mehr beruhigt?
    Jetzt ist sie ganz ruhig, antwortete Vinzenz.
    Nun so gehn wir, doch gebt mir vorerst einen Becher Wasser.
    Kommt, geehrter, ehrwrdiger Herr, rief Vinzenz, indem er hastig aufstand,
wrdigt meine Htte, hineinzutreten, geniet etwas und erstarkt Euch mit einem
Trunke Weins.
    Nein, sagte Ottavio, nur Wasser. Jener ging in das Haus, und jetzt
erinnerte sich auch Ottavio, da dieser jener armselige Priester sei, den er
vormals, als einen unwissenden, geringen Menschen schnde behandelt habe. Der
Alte kam mit dem Wasser, das er in seinem zierlichsten Becher auf einem
Untersatz brachte. Zitternd vor Rhrung nahm der Bischof das Gef, dankte und
trank. Er gab den Becher zurck und blickte in den klaren blauen Himmel hinauf.
- Wie hart und undankbar sind wir Menschen doch, sagte er dann: welcher
Wohlschmack, welche Wonne, ja welche lautre Offenbarung enthllt sich dem
Durstenden, Matten, in einer einzigen Welle des khlen Elementes. In Kunst und
Wissenschaft, in hochgetrmten Tempeln und Palsten, oder einzig in der Schrift
und ihren begeisterten Auslegern suchen wir das Wort des Ewigen - und sehn ihn
stets dicht neben uns, wo wir auch sein mgen: er winkt, er reicht uns die Hand,
und immerdar will der Stolz unsers pharisischen Herzens ihn nur finden, wo
Weihe und Wrde, Pracht und Wissenschaft, Zeremonie und Weihrauch ihn uns
kenntlich machen sollen. - Fhrt mich jetzt, mein lieber Gastfreund, der mich
erquickt hat. -
    Sie gingen durch die Stadt. - Hier verlieren sich die Huser und
Wohnungen, sagte der Bischof - ist sie denn so weit weggezogen?
    Wir sind gleich zur Stelle, sagte der Priester wehmtig. -
    Dort! - Sie nherten sich dem Kirchhof. Ein Hgel war neu, und mit
frischem Rasen belegt. - Hier schlft sie, sagte Vinzenz: endlich hat ihr
wildes Herz Ruhe gefunden, da unten steht es still. -
    Mit einem irren Blick sah Ottavio seinen Begleiter an, sank dann in die
Knie, weinte laut und heftig und umarmte das Grab. Vinzenz entfernte sich und
setzte sich trauernd hinter einen Busch, um den Unglckseligen nicht zu
beobachten, oder seine einsamen Gebete zu stren. - Vernichtend, das Herz
zerschneidend drngten sich jetzt wie strmende Hagelschauer alle Erinnerungen
der Jugend und Kindheit in das Gemt des Betenden. Wie die Mutter ihn immer
geliebt, wie so willig sie ihm so manchen Genu, Bequemlichkeit, ja oft das
Unentbehrliche in ihrem bedrngten Wittum aufgeopfert hatte, um ihm nur die Bahn
des Lebens und der Wissenschaft zu ebnen: wie sie sich seiner Fortschritte,
seines Gedeihens gefreut, wie er ihr Stolz gewesen, wie sie auf ihn ihr
irdisches Glck und die ganze Hoffnung ihrer Zukunft habe bauen wollen. Welche
Wonne es der Mutter gewesen, wenn sie ihn durch ein Geschenk, zuweilen ein
kostbares, habe berraschen und erfreuen knnen, an seinem Namenstage, dann, als
er die Priesterweihe erhalten, welches Entzcken in ihrem Auge glnzte, als er
nun Abt geworden. - Und er! - Wie Stolz, Hochmut und Hrte ihn frh dem
mtterlichen Hause abgewandt, wie er immerdar ihre Sorgfalt und Liebe verkannt
habe. - O ja! rief er, indem er innigst bewegt die Hnde rang: - ja, wir
Kinder sind Ungeheuer: statt der Liebe und Verehrung saugen wir Undank,
Verschmhung aus der Brust und dem Herzen unserer Mutter. O wieviel
Verworfenheit nistet in unserem Gemt; - ach! und dem Mann dort, ja dem Himmel
da oben war ich eben noch in Rhrung dankbar fr den Schluck khlen Wassers, den
mir der Fremde gnnen wollte - und ihr, dieser hochherzigen Mutter, die ganz
Liebe, deren Leben ununterbrochene Aufopferung fr die Kinder war - wie haben
wir ihr gelohnt! Und ich der Verruchteste, schlimmer als Marcello! ich! - Ja,
jetzt, da es zu spt ist, mcht ich zu ihren Fen hinsinken, und mich auflsen
in reumtigen Trnen. - Und sie - knnte sie sich jetzt unter dieser grnen
Decke ihres Bettes erheben - durch einen Blick, ein Wort, eine Trne wre sie
mir vershnt, ganz nur Liebe und Mutter wieder - ja sie wrde alle Schmerzen,
die sie meinethalb erduldet, fr Gewinn, fr Freude achten, wenn meine Liebe
ihr, wie ein Gefhl meiner frhen unschuldigen Kindheit, wiederkehrte. - Und er,
den wir stammelnd Gott nennen - das Liebeherz aller Welten - er sollte sich
weniger des reuenden Snders erbarmen? -
    Er hatte sich auf das Grab hingeworfen, und konnte sich in Trnen nicht
ersttigen. Aber ihm ward wohl. Die starre, eherne Schale, die wie ein Panzer
sein Herz umschlossen hatte, zersprang und brach, und alles Harte in ihm lste
sich schmelzend in diesem Ergu der Trnenflle. Er hatte in diesen groen
Momenten die Welt und sich vllig berwunden. -
    Der Priester glaubte schon, weil Ottavio sich nicht wieder erhob, er sei zur
Leiche geworden. Als er sich nherte, schaute ihm vom Grabhgel ein verklrtes
Angesicht entgegen, eine Begeisterung des Schmerzes leuchtete in allen Zgen,
und so wie die Zeichen der Krankheit verschwunden waren, glnzte das Antlitz,
wie das eines selig Sterbenden, der schon im toten Ohr die Stimme der Engel
vernimmt. Vinzenz, erschttert, war im Begriff niederzuknien, und um den Segen
des zu bitten, der ihm ehemals so feindlich gegenberstand. -
    Knnt Ihr mich, sagte der Bischof, fr die wenigen Stunden oder Tage, die
ich noch zu leben habe, in Eurem Hause aufnehmen, wollt Ihr meine Beichte hren
und mich als geistlichen Vater zu meiner irdischen Auflsung vorbereiten? -
    Vinzenz weinte und kte ihm die Hand - Soll ich nicht zur Stadt senden,
sagte er, soll nicht einer der Groen zu Euch kommen? Wollt Ihr Euch nicht
selbst nach Rom begeben?
    Nichts von all dem, sagte Ottavio sanft lchelnd, und fate den Alten
unter dem Arm, um sich von ihm fhren zu lassen. So schritten sie langsam nach
dem kleinen Hause.
    In seinen letzten Stunden behandelte der Bischof den Priester als seinen
rettenden Engel und liebenden Vater. Er ergo ihm sein ganzes Herz, beichtete
ihm alle seine Verirrungen, Fehler und Snden, empfing von ihm Absolution und
die Sakramente. Der demtige Priester drckte ihm die Augen zu, und beerdigte
ihn dann dicht neben seiner Mutter, wie Ottavio es gewnscht hatte.
    Alles, was er bei sich trug, Gold, Juwelen und Kostbarkeiten, alle seine
Habe in Rom vermachte er in seinem Testament Vinzenz, dem Freund seiner letzten
Stunden. Dieser ward durch dies Erbe wohlhabend und konnte dadurch sein
bekmmertes Alter aufheitern und sich und andern Armen eine bessere Pflege
zukommen lassen. Er selbst legte aber auch das Harte und Schroffe seines
Charakters ab, und seine Liebe, die sich unter einem fast wilden uern
verborgen hatte, zeigte sich nun weich und offen als christliche Liebe. -
    Indessen war in Rom der Papst Gregor in diesen Tagen gestorben. Die
Kardinle vereinigten sich zum Konklave, und alles war in der hchsten Spannung,
wer an seine Stelle treten wrde. Viele jubelten ber den Tod Gregors, weil sie
seine Schwche und Unentschlossenheit fr die Ursache aller jener Leiden
hielten, die den Staat whrend seiner Regierung bedrckt hatten. Andre, die
seine Liebe und Wohlttigkeit erfahren hatten, beklagten das Hinscheiden des
menschenfreundlichen Frsten.
    Sowie der Tod des Papstes bekanntgemacht war, fuhr der Herzog Bracciano, der
auf diesen Fall schon alles vorbereitet hatte, in allem Prunk seines Standes,
und von Grafen, Baronen und Edelleuten, die von ihm abhngig waren, sowie mit
einer groen Schar von Dienern, die Vornehmen in kostbaren Kleidern, die
Geringeren in schimmernden Gewndern, vor das Kastell. In dieser wichtigen,
kritischen Zeit konnte es der Gouverneur nicht wagen, ihm und seinem Gefolge den
Einzug zu verweigern.
    Buoncompagno war in Verwirrung, als der groe Mann mit dem Anstande eines
Herrschers und Frsten zu ihm trat. Ich verlange von Euch meine Gemahlin,
sagte er im befehlenden Ton.
    Der Gouverneur wollte sich entschuldigen, bat um Aufschub, meinte, der
neuerwhlte Papst drfte vielleicht seine Nachgiebigkeit schelten, und riet, die
neue Wahl abzuwarten, damit er dann vom Herrscher dessen Befehle empfangen
knne.
    Zwischen Zorn und Lachen antwortete Bracciano: Mein edler Freund, denn das
seid Ihr, und werdet Ihr bleiben, der Papst ist gestorben, wir haben jetzt in
Rom keinen Herrscher, es bleibt zweifelhaft, ob der neue Euch in Eurer Wrde
besttigen wird. Jetzt ist also keine Regierung, und der Frst, in dessen Hand
ich mein Versprechen gab, mich nicht zu vermhlen, ist verschieden. Ihr wit,
wie oft whrend des Konklave das unruhige Volk zu Meuterei und Aufruhr
ausgebrochen ist: versagt Ihr jetzt bestimmt mein rechtmiges Verlangen, so
werde ich nicht scheuen, mir mit Gewalt zu nehmen, was nach menschlichen und
gttlichen Gesetzen mein ist. Wollt Ihr es wagen, in diesen Tagen der Anarchie
es zu einem Kriege zwischen uns kommen zu lassen? Wollt Ihr Euch meine und der
Meinigen unauslschlichen Ha zuziehn, der Ihr vielleicht bald unsere Hlfe
brauchen knnt? Diese, wie meine Freundschaft und Liebe bleibt Euch versichert,
wenn Ihr Euch jetzt als ein verstndiger und nachgiebiger Freund zeigt.
    Der Gouverneur hatte weiter keine Antwort: er sagte nur, wie ihm Vittoria
unaufgefordert bezeugen werde, mit welcher Hochachtung, wie einer Tochter, er
ihr in dieser traurigen Zeit begegnet sei. Er fhrte ihn hierauf selbst in die
Zimmer der Gefangenen und lie sie nach einigen Bezeugungen der Hflichkeit
allein, indem er die schne Gefangene als frei dem Gemahle feierlich bergab. -
    Beide umarmten sich in Freude und Rhrung weinend. So hat die Zeit, sagte
der Herzog, doch endlich die glnzende Woge heraufgewlzt, die mein Glck,
meine Seligkeit trgt. Nicht wahr, das Leben ist doch ein groes Geschenk, ein
himmlisches Wonnegeheimnis jenes ewigen, unnennbaren Geistes? Ja, er liebt seine
Geschpfe, und wir wollen es dankbar erkennen.
    Wenn uns nur nicht immer, sagte Vittoria, in diesen groen Momenten ein
sonderbarer Schwindel ergriffe. Es ist kein Zagen, kein Zweifeln, keine
Ungewiheit unsrer selbst, auch keine Furcht vor Gegenwart und Zukunft - nein,
mein Geliebter, nur, als wenn dem Dichter im Moment der hchsten Begeisterung,
wenn er alle seine glhenden Strophen in die Saiten rauschen mchte - pltzlich
die goldne Lyra in der Hand zerbrche und seine silberne Stimme durch Heiserkeit
stumm gemacht wrde - so fehlt uns Sterblichen der Ausdruck fr das hchste
Glck, die Freude ist mit dem Schmerze zu geschwisterlich verwandt; fr Unglck
und Leid sind tausend Fhlungen in uns.
    Gedankenreiche, melancholische Braut, sagte der Herzog lchelnd, so
mchten wir uns dem Krebse vergleichen, der ungeschickte Glieder zum
Rckwrtskriechen, aber keine zum Vorschreiten hat.
    Er umarmte sie herzlich mit einem glhenden Ku und fhrte sie hinab, um mit
ihr den Wagen zu besteigen.
    Der Bischof erwartete sie schon im Palast. In der Kapelle ward von ihm die
Trauung feierlich vollzogen. Die Braut war geschmckt und in den reichsten
Kleidern. Sie trug, weil es der Herzog gewnscht hatte, dieselben Gewande, mit
denen sie am Tage ihres sogenannten Verhrs war bekleidet gewesen; ihr Benehmen
an jenem Tage hatte ihn so entzckt, da er sie wieder in der nmlichen Tracht
sehn wollte.
    Die Priester entfernten sich, und nur wenige der Vertrautesten versammelten
sich im aufgeschmckten Saal. Bracciano war weit davon entfernt, ein groes
prchtiges Vermhlungsfest zu feiern, er vermied an diesem Tage seines Glckes
die groe, vornehme und geschwtzige Gesellschaft. Die Menge wre ihm an diesem
Tage lstig gewesen. So lud er nur einige seiner Verwandten, von deren
Ergebenheit und Liebe er berzeugt war, und seinen Schwager, Flaminio, den er
heut seiner Dienste als Geheimschreiber entlie und ihm, damit er ein
selbststndiger Mann sein knne, ein bedeutendes Vermgen bergab: Caporale, der
treue Freund, der sich in Rom befand, ward nicht vergessen.
    So war gerade nur die Zahl der Musen am Tisch und das Mahl, das nicht zu
lange whrte, ward unter Scherz, Lachen, und ernsten Gesprchen genossen. Der
Herzog hatte es, als einen besonderen Luxus ersonnen, da sie nur von schnen
Mdchen bedient wurden, die alle poetisch, als Nymphen oder Gttinnen der Fabel
leicht und bunt bekleidet waren. Caporale war so glcklich, so heiter, sein
Gesicht so lachend, als wenn er selbst der glckliche Brutigam gewesen wre.
Aber er triumphierte, da sich nun doch, trotz aller Hemmung und des Unglcks,
das erfllt hatte, was sein Herzenswunsch immer fr seine Freunde gewesen war.
Er jauchzte darber, da er zuerst, und ohne ihn zu kennen, den edlen Freund in
das Haus der schnen Geliebten eingefhrt hatte. Diese betrachtete er mit immer
wachsendem Erstaunen, denn sie war, was auch der Herzog behauptete, noch schner
geworden, und in ihrer strahlenden Majestt schimmerte lchelnd eine so se
Jungfrulichkeit, da nicht blo der Brutigam in ihrem Anblick entzckt und wie
trunken sich verlor. Alle Dienerinnen, so schn und reizend sie in Blumenkranzen
und poetischen Gewndern glnzten, so lieblich und holdselig sie auch waren, so
lockend Busen, Nacken und Schultern leuchteten, waren in der Nhe Vittorias doch
nur wie dienende Sklavinnen, und ihr Licht ward von diesem Sonnenglanz durchaus
verfinstert und dunkel.
    Caporale lie beim Bankett und Nachtisch die Rosenkrnze hereinbringen, die
man auf seine Anordnung geflochten hatte. Nach alter Weise mute sich jeder mit
einem schmcken und nun wurden auch die Dienerinnen entlassen. Jetzt
extemporierte Caporale ein Lied und sang es herzlich, wenn auch mit etwas
heiserer Stimme. Jeder Gast folgte dem Beispiel und nur Bracciano, an den Busen
seines Weibes gelehnt, sagte, dieser stumme Ausdruck seines Gefhls sei das
wahre und beste Gedicht, das er aus seinem Herzen in seine Augen, aber nicht auf
seine Zunge hinaufbringen knne.
    Vittoria improvisierte ohngefhr in folgender Weise, indem sie die Laute
ergriff und in schner, malerischer Haltung mit ihrer Silberstimme sang:
    Gibt es Gtter? Lebt und webt die unsterbliche Lust noch droben im Olymp?
Komm, du ernster, trber Zweifler, und siehe uns hier und unser Glck. Kannst du
schauen, und ist dein Auge nicht blde vom Erdenstaub, dein Geist nicht stumpf
vom irdisch trben Geschft - so siehe dort die holde Kypria stehn und lachen,
mit Amor, der zu uns herber schalkhaft blickt: auch der magdliche Bacchus ist
zugegen, er, von allen Gttern der Jungfrau am hnlichsten. - Wenn ihr Mut genug
habt, ihm ins Auge zu schauen, so wagt es, und seht den mchtigen Jupiter an,
den Vater der Geschicke, und die hochedle Juno, die auch in guter Laune ein
weniges von Eifersucht bemerken lt. - Htet euch, es mit dieser Beschtzerin
der Ehe zu verderben, denn auch den Zeus bezwingt sie endlich. Wer ist stark
genug, dem Schmollen zu widerstehn? - Beschtze du mich Regent, mein
Auserwhlter, der Widerschein des Hohen, des bermenschlichen, da keine
neidische, dich liebende Gottheit uns jemals entzweit.
    Als es Abend war, trennte man sich und die Mdchen geleiteten die Braut zur
Kammer, um sie zu entkleiden. Als Bracciano durch Hlfe seines alten
Kammerdieners die Hlle von sich warf, sagte der Herzog: Was fehlt dir, alter
Freund, da ich dich so bewegt sehen mu? Hat jemand dir etwas Leides zugefgt?
    O nein, erlauchter Herr, sagte der Alte; im Gegenteil, ich freue mich
Eures hohen Glckes. O mein gndiger Frst, es ist ja eine Gttin, die Ihr
heimgefhrt habt, mehr als Armida, oder Helena. Wohl mir, da es mir vor meinem
Tode noch vergnnt war, eine solche Schnheit mit meinem schwachen Auge zu
erblicken; und beseligt ich! da sie Euch gehrt, Euch die Gattin, mir die
Gebieterin! Welcher Frst, welcher Sterbliche kann sich rhmen, je der Gemahl
einer Himmlischen gewesen zu sein? ja, Venus soll mehr wie einen Erdgebornen
beglckt haben - aber hier, Venus, Juno, Minerva und Diana in ein Wesen
verschmolzen: und dieser Ernst, Tiefsinn und diese Schalkheit und kindliche
Plauderei, und dies Necken, Witz und groe Gesinnung.
    Hre auf, alter Freund, sagte Bracciano lachend, du fngst an zu
schwrmen, und du wirst mich eiferschtig machen.
    Es ist zuviel fr einen Menschen, beschlo der Alte, alles dies in seine
Arme zu fassen, und es sein Eigentum zu nennen.
    Die Mdchen, als sie nach Hause gingen, schwatzten untereinander auf
hnliche Weise. Die eine sagte weinend: Ich habe mich fr hbsch gehalten, man
hat mich selbst schn genannt - wie erbrmlich, schlecht, matt und leblos dieser
gegenber. Wenn er nicht treu ihr bleibt, verdient er des schimpflichsten Todes
zu sterben.
    Als Bracciano sich der Tr der Kammer nherte, sagte er zu sich: wer bin
ich, da die Unsterblichen mir diese Wonne haben auferblhen lassen? Mit
heiligem Schauer nur, mit erhabener Furcht, mit wollstigem Zagen kann ich euch
danken. Das ist meines Lebens wichtigster Moment. Und htte ich nur fr diesen
einen Augenblick gelebt, so wre mein Leben ein reiches gewesen.

                                Fnftes Kapitel


Nach vielfltigen Verhandlungen, Widersprchen, Annherungen, und in Ausbung
jener Knste, welche immerdar die Geschichte der Konklaven, wenn sie umstndlich
und wahrhaft erzhlt sein konnten, so lehrreich machen ward endlich der Kardinal
Montalto zum Papst gewhlt, weicher den Namen Sixtus des Fnften annahm.
    Viele hatten ihre Stimme fr ihn gegeben, weil sie ihn fr so schwach und
unbedeutend hielten, da sie glaubten, in seiner Stelle und seinem Namen
regieren zu knnen. Einige gaben in der berzeugung nach, er sei so alt und
krank, da er unmglich lange leben knne, und da also der Stuhl bald wieder
erledigt sei, und ihnen eine neue Hoffnung aufgehn wrde. Viele waren fr ihn,
um nur dem klugen, ehrgeizigen Farnese entgegenzustreben, und so geschah
endlich, was der Medicer vom Anbeginn gewollt hatte, da Montalto die hchste
geistliche Wrde der Christenheit erhielt.
    Es hatte dem Greise auch die Hochachtung bei der Wahl geholfen, die er sich
durch seine ruhige Fassung beim Tode seines Neffen Peretti erworben hatte. Und
so sah denn Montalto den ehrgeizigen Wundertraum seiner Kindheit erfllt, da er
zum Teil durch seine Klugheit und Beharrlichkeit auf dem Throne sa, vor welchem
alle zu seinen Fen knieen muten.
    Aber wie erschrak das Kollegium, als sie statt eines schwachen, kranken,
zaghaften Greises nun pltzlich einen rstigen, starken, gebietenden
Kirchenfrsten vor sich sahn, der gleich in den ersten Augenblicken deutlich
zeigte, da er zu befehlen wisse, und Kraft besitze, seine Gebote geltend zu
machen. Viele, die ihm zu seiner Wrde geholfen hatten, wnschten, da es
mglich sei, die Wahl rckgngig zu machen, und Farnese, sowie manche andre, die
dem schwachen, stets schweigenden Montalto so oft ihre Verachtung gezeigt
hatten, waren jetzt sehr verlegen, als sie sich vor ihm demtigen muten.
    Auch in der Stadt verbreitete sich sogleich Furcht und Entsetzen. Es war
althergebrachte Sitte, da am Tage, wenn der neue Papst gekrnt ward, allen
Verbrechern in den Gefngnissen Gnade widerfuhr. Dies wurde auch jetzt allgemein
erwartet. Viele Verbannte stellten sich freiwillig, um so an der Amnestie
teilzunehmen, und fr die Lebenszeit wegen frherer, oft vergessener Verbrechen,
freigesprochen zu werden. Sixtus aber, dessen fester Vorsatz war, diesen Untaten
fr immer einen Damm entgegenzusetzen, lie alle des Todes Wrdigen, selbst am
Tage seiner Krnung, ffentlich hinrichten. Alle Vorbitten, Einreden waren
vergeblich. Einen Burschen, der nur mig sich gegen einen Hscher im Wortgeznk
verteidigt hatte, lie er, sosehr auch selbst die vornehmsten Kardinle sich fr
den Unglcklichen verwendeten, hngen. - Alle, die sich im stillen mancher
Vergehen bewut waren, entflohen aus der Stadt. Auf dem Lande wurde auf seinen
strengsten Befehl ebenso unerbittlich verfahren, denn diejenigen, die seine
Gebote nicht befolgten, oder nur lau und lssig sie ausrichteten, wurden selbst
fr das Gesetz in Anspruch genommen, und er lie keinem, der solcher Fehler
berwiesen war, Gnade widerfahren.
    Jedermann sah ein, da man sich in der Person des gebrechlichen, alten und
hinflligen Montalto geirrt hatte, und da man, fast wider Willen, einen
strengen und wahren Regenten der Kirche gewhlt habe, einen echten Papst, der
auch, ohne zu zagen wenn er es fr notwendig hielt, den Tyrannen spielen wrde.
Es endeckte sich nun auch, da er bis jetzt sein Lebensalter vorstzlich zu hoch
angegeben hatte, denn seinen Jahren nach, sowie seiner jetzt entwickelten Kraft
und Rstigkeit war die Aussicht, da er lange den ppstlichen Stuhl besitzen
knne.
    Als die groe Audienz angesagt war, begab sich auch der Herzog Bracciano mit
den andern Groen in den Palast des Vatikans. Es schien, da der Papst ihn gar
nicht beachtete, er redete ihn nicht an, bersah ihn, und Bracciano mute
glauben, da dies vorstzlich geschehe und ein Zeichen seiner Ungnade sei.
    Beunruhigt wendete sich der Herzog an den Kardinal Ferdinand von Florenz; er
ersuchte diesen, ihm eine Privataudienz bei Sixtus zu verschaffen. Der Papst,
sagte dieser, ist natrlich ungehalten, da Eure Exzellenz, gegen Euer
feierliches Versprechen, sich mit Vittoria dennoch vermhlt hat.
    Ich gab dies Versprechen, erwiderte Bracciano, nur dem Papst Gregor, der
nicht mehr ist. Ich gab es, weil ich sah, da der erzrnte Greis es auerdem zu
gefhrlichen Extremen treiben wrde, die, wenn er ohne Rcksicht handelte, mich
zwngen, offen als Rebell ihm gegenberzutreten. Dann war das Dasein meiner
Gemahlin gefhrdet, und alle meine ffentlichen wie heimlichen Feinde htten
schnell diesen rechtlichen Vorwand benutzt, auch mich zu strzen und zu
vernichten, denn es war wohl deutlich, da die Kabale mehr gegen mich, als gegen
die arme Vittoria gerichtet war: denn sie wurde dem Papst nur hingestellt, um
den Verblendeten, der den Zusammenhang nicht kannte, zu Gewaltschritten
anzureizen, damit ich in Gefahr kme. Und wer wei, wie es diesem Farnese und
andern geriet wenn sie durch ihren heroischen Mut nicht diesen Hauptfeind
schamrot gemacht und gedemtiget htte.
    Gesteh ich es nur, geehrter Schwager, da ich mich Euch auch nicht vllig
vershnen kann, erwiderte der Medicer. Ist sie denn so vorzglich, groartig
und tugendhaft, als Ihr sie whnt? Hat Euch die Leidenschaft nicht verblendet
und zu einem unziemlichen Schritte verleitet? Ich rede jetzt nicht vom Tode
meiner Schwester, sie ist ihrem Schicksal erlegen, sei es Strafe, sei es
Krankheit, sie hatte sich tief gegen Euch verschuldet, und Ihr wit es selbst,
wie weder der Frst, mein Bruder, noch ich, Euch nach diesem Unglck unsre
Freundschaft entzogen. Wir verbanden uns im Gegenteil inniger mit Euch und Eurem
Interesse. Eures Sohnes wegen, und auf Euren Wunsch strengten wir Mittel und
Kredit an, um Eure Gter von der Schuldenlast zu befreien, die Euch drckte, die
durch Eure Gromut und Freigebigkeit so angehuft war. Ihr verspracht auch mir,
Vittoria aufzugeben.
    Eminenz! rief Bracciano, seid billig und setzt mich nicht auf diese Weise
in Verlegenheit, indem Ihr Worte und Versprechungen anders nehmt, als sie jemals
gemeint sein konnten.
    Bedenkt doch, was meine Liebe und Leidenschaft bedeuten knnte, wenn ich so
ruhig auf immer diesem Besitz meiner angebeteten Gemahlin htte entsagen mgen.
Ich mute ja notwenig voraussetzen, da Ihr, als ein weiser Mann, mein Wort so
nahmt, wie es nur gemeint sein konnte: da ich in diesem Zwiespalt, in diesem
kritischen Moment ihr entsagte, und es duldete, da die Unschuldige eingekerkert
wurde. Und sie, Vittoria? Ja, wre sie eine Bianca Capello, oder nur entfernt
ihr hnlich, so wre der Handel mit einer listigen Buhlerin bald geschlossen
gewesen; sie htte dann die gnstigen Umstnde, wie jene abgewartet, falls meine
Schwachheit fr sie, wie bei jener des Gemahls, fortgewhrt htte. Denn Ihr wit
und bedauert es gewi, verehrter Freund und Schwager, was Euer erlauchter Bruder
sich alles fr jene hat zuschulden kommen lassen. Dort werdet Ihr zu sorgen
haben, da nicht untergeschobene Kinder Eure Rechte krnken. Nicht soll mein
Virginio je darunter leiden, da ich mich in meinem Alter noch den glcklichsten
aller Menschen nennen darf. Und Euer groer Vater: gab er nicht in Krankheit und
Schwche noch einer Leidenschaft nach, die auch viele, selbst von seinen
Freunden, tadeln wollten? Ich bin Euch und Eurem Bruder verbunden, da Ihr
Ordnung in mein Hauswesen und Vermgen habt einfhren wollen; es wird meinen
Kindern zugute kommen. Aber arm, ohne Rang und Titel, ein Bettler mchte ich
lieber sein, als den Besitz meiner Vittoria aufgeben, die noch tiefer in mein
Herz eingewurzelt ist, die ich noch leidenschaftlicher liebe, seit ich sie meine
Gattin nenne. Ihr selber wrdet sie verehren, wenn Ihr sie nher kennenlerntet.
-
    Der Medicer schien mit dieser Auseinandersetzung nicht unzufrieden, und er
mute sich gestehn, da Vittoria, von fast ebenso edler Abkunft, wie jene, ihm
verhate Bianca, war, und da ihre Schnheit, Betragen, Tugend und edle Weise
weit ber die Eigenschaften jener vorragten und die gealterte Buhlerin in den
Schatten stellten. -
    Sixtus bewilligte das Gesprch, um welches Bracciano angesucht hatte. Dieser
mute einige Zeit im Vorsaal warten, was seinen Stolz aufreizte, indem er sich
jener Zeiten erinnerte, in welchen er mit Geringschtzung auf diesen Montalto
hinabgesehen hatte. Er wurde eingefhrt, und traf den Papst allein, in seinem
Sessel sitzend. Als der Herzog die herkmmliche Veneration gebt hatte, sah ihn
Sixtus mit seinem scharfen hellgrauen Auge blitzend an, doch Bracciano war
gefat und vorbereitet:
    Indem ich Euern Segen, Heiligster Vater, fr mich und die Meinigen
erflehe, sprach er, empfehle ich mich und uns alle in Euern Schutz und Eure
Gnade. Die Gnade aber, die ich am hchsten stelle, ist, da Ihr meinen Sohn
Virginio, der sich den reifen Jahren nhert, wrdiget, da er der Gemahl Eurer
Nepotin, der Tochter Eurer verehrten Schwester Camilla, werden mge. Dann
sichert Ihr auf immer das Wohl meiner Familie und ich kann ruhig sterben.
    Ihr seht nicht aus, wie ein Mann des Todes, antwortete Sixtus, und ein
neu verehlichter Gatte sollte nicht vom Sterben sprechen. Was Euren Sohn und
meine geliebte Nichte betrifft, so danke ich Euch fr Euer Anerbieten, durch
welches Ihr sie ehrt. Und so wnsche ich Euch auch zu Eurer Verbindung alles
Glck, obgleich mir diese schne Vittoria mehr gefallen wrde, wenn sie damals,
als sich jenes Unglck ereignete, sich in ein Kloster als fromme Schwester
verborgen, und der sndigen Welt vllig entsagt htte.
    Jetzt stand der Papst auf und ging mit schnellen Schritten durch den Saal.
Soeben wurden Verbrecher auf dem Platze hingerichtet. Er trat an das Fenster und
rief den Herzog zu sich hinan: Seht! rief er, auch Banditen und Mrder, denen
ich niemals, unter keiner Bedingung, Gnade erweisen werde! - Ja! rief er aus,
indem seine krftige Stimme wie Donner tnte und sein blitzendes Auge wilder in
das Gesicht des Herzogs sah - und wenn ein regierender Frst, der
durchlauchtigste, so vor mir stnde, so wrde ich ihm ungesumt sein Urteil
sprechen, und ebenso dort unten an ihm vollstrecken lassen! - Alles sei
vergessen, was meinen Neffen betrifft - aber jeder neue Frevel, jede Verbindung
mit Banditen, jede Gewalttat in meinen Staaten - bei Gott und meiner Ehre und
der des Stuhls - er schlug heftig mit der Faust auf seine Brust - nur Strang
und Beil sollen sie richten, ohne Ansehn der Person!
    Bracciano, so khn er sich fhlte, erschrak und mute vor diesem Feuerblick
sein Auge scheu niederschlagen. Die Kmmerer im Vorsaal entsetzten sich, weil
sie nicht wuten, was vorging, und sie diese Donnerstimme des Papstes von ihm
noch niemals vernommen hatten. - Mit der gewhnlichen Zeremonie entfernte sich
Bracciano. -
    Was ist dir, Geliebter? fragte Vittoria besorgt, als der Herzog in seinen
Palast zurckgekommen war; du siehst bleich aus, dein Auge ist ohne Glanz: du
wirst erkranken.
    La, Liebste, erwiderte der Gatte, ich bin wohl und gesund, und diese
Erschtterung wird bald vorbergehen. Aber wir verlassen Rom, schon morgen mit
der Frhe.
    Vittoria erstaunte. Ja, sagte Bracciano, ich habe in Schlachten dicht vor
den morderfllten Kanonen gestanden, trkische Sbel blitzten tdlich nahe ber
meinem Haupte, aber bis heute wute ich nicht, was Zittern sei. Doch der Alte
dort im Vatikan brllt wie ein wtiger Lwe und hat den Blick eines Tigers. Er
lechzt nach Blut und Mord: ihm wage ich nicht gegenberzustehn.
    Dieser alte, milde, schwchliche Montalto? sagte Vittoria lchelnd.
    Zum Drachen ist er hinausgewachsen, sagte der Herzog: unser Untergang,
unsre Hinrichtung wrde ihn mit trunkner Lust erfllen, und wie leicht, da
einer meiner Anhnger sich vergit, da selbst dein Bruder, der Marcello, mich
in Gefahr bringt, da die Geschichte vom Tode Perettis wieder aufwacht, die er
nun nicht, wie damals, beschwichtigen wird. Wir mssen fort von hier, je weiter,
je besser, bis an die Grenzen der Schweiz und Deutschlands. Dort oben, am
schnen Gardasee, in Salo, besitze ich ein anmutiges Sommerhaus: der Frhling
hat erst begonnen, dort wollen wir in schner warmer Zeit bis zum Sptherbst,
uns selbst und der Liebe leben: ein Paradies ist dort; Menschen bedrfen wir
nicht, Musik und Bcher nehmen wir mit uns, und, das hchste Kleinod, die
Liebe. -
    Vittoria, als sie ihr Erstaunen berwunden hatte, fgte sich gern dem
pltzlichen Entschlu, und der folgende Tag sah sie schon auf der Reise. -
    Sie verweilten in Bologna, beim Grafen Pepoli, der entzckt war, in seinem
Palast so edle Gste aufnehmen zu knnen.
    Beim frohen Gastmahl sagte der Herzog wie im Scherz: Mich jagt der wtende
Sixtus aus meinen rmischen Besitzungen hinweg, obgleich er mein Schwager
geworden ist, und ich meinen Sohn ihm mit der Tochter seiner Schwester verlobt
habe. Ja, mir dnkt noch dies Bologna, als ihm gehrend, unheimlich und ich
werde eilen, diese mit Blut gefrbten Staaten zu verlassen.
    Wie erfreulich, sagte Pepoli, wenn ein Mann und Frst, der hohe und
mutigste, sich in solchen Scherzen ergeht. Es ist, als wenn der Mond sich
wirklich frchtete, von den thessalischen Zauberinnen auf die Erde herabgezogen
zu werden.
    Ei, Freund! sagte der Herzog, der Zauberknste und Formeln gibt es gar
viele und mannigfaltige. Die Wirkung kommt, knstlich und magisch vorbereitet,
so unerwartet um eine unschuldige Felsenecke, wie eine kriechende Schlange
schleichend heran, und pltzlich sieht sich pltzlich mit seinen Shnen
verstrickt, unentrinnbar, und der Tod grinst hmisch da, wo vor Minuten noch
Gesundheit und bermut lachten. -
    Noch am Abend, als eine kleine Gesellschaft sich versammelt hatte, brachte
der Kammerdiener dem Grafen ein versiegeltes Blatt. Er erffnete es in Gegenwart
des Herzogs und es enthielt nichts, als eine Chiffre. Aha! rief Pepoli aus,
da werde ich nach Jahren an ein feierliches Versprechen gemahnt, das ich um
alles nicht brechen darf.
    Er rief dem Haushofmeister. Dieser mute sogleich ein Fuhrwerk besorgen, um
in Begleitung zweier Diener diejenigen, die sich so rtselhaft angemeldet
hatten, noch in der Nacht weiterzuschaffen. Er lie ihnen schnell ein Gastmahl
anrichten, damit sie erquickt und gestrkt die nchtliche Reise unternehmen
knnten, um in der Landschaft, auf einem einsam gelegenen Kastell, einige Tage
zu verweilen.
    Als sie allein waren, sagte der Graf: Ihr drft es wohl erfahren, da die
Fremden von jenen proskribierten Verbannten sind, die der Papst mit
unerbittlichem Sinne zu vertilgen sucht. Ein guter Mann, Ascanio, ist mit einem
ehemaligen Barigell, Antonio, unten in meinem Hause. Jetzt darf ich davon
sprechen, da die Zeit alles Geheimnis jener Sache lngst entkleidet hat. Dieser
Ascanio hat mir in jener Zeit, als ich einen alten Verwandten im Sabiner Gebirge
aufsuchte, auf eine edle Art das Leben gerettet. Dem berchtigten Piccolomini
mute ich als Ersatz dafr mit einem feierlichen Handschlag versprechen,
diejenigen zu retten, die sich mir mit dieser Chiffer anmelden wrden. Nun mu
der weichherzige Ascanio doch wieder in die schlimme Verbrderung, durch
Unglcksflle geraten sein, da er meine Hlfe in Anspruch nimmt.
    Aber, fiel Bracciano ein, Ihr setzt Euch durch Euer Mitleid einer Gefahr
aus.
    Die strengen Edikte des neuen Papstes, antwortete Pepoli, sind auch zu
uns hierher gekommen; ich werde es auch niemals wagen, hier in Bologna einen
Verbannten aufzunehmen und zu beschtzen. Ich sende sie nach dem Kastell dort,
das auerhalb des ppstlichen Gebietes liegt, und das unter Schutzherrschaft des
deutschen Kaisers steht, dessen Vasall ich ebenfalls bin.
    Man beschlo, sich am folgenden Tage nach diesem Schlosse zu begeben, denn
Bracciano zog es vor, soviel als mglich das ppstliche Gebiet, sowie das
Florentinische zu vermeiden, weil er, unter den jetzigen Umstnden, in
Begleitung der jungen Gemahlin, mit seinen Verwandten dort weder in freundliche
noch zornige Berhrung kommen wollte.
    Bracciano wie Vittoria freuten sich ber die Verehrung und Liebe, die ihr
Freund Pepoli in Bologna geno. Erst an diesem Tage hatte er eine Menge
verwaister Kinder beiderlei Geschlechts reichlich ausgestattet, und ihnen den
Eintritt in das Leben erleichtert. Er sorgte gromtig fr Blinde und hlflose
Alte. Jeder Arme, der rechtlich war und den Unglck gebeugt hatte, wandte sich
mit Vertrauen an den edlen Grafen, und keiner ging ungetrstet von ihm. So
nannten ihn die Bedrftigen, Bettler und Kranke nur den Schutzgeist von Bologna,
und wenn er sich ffentlich zeigte, drngte sich das Volk um ihn, um ihm ihre
Liebe und Verehrung kundzutun. Nicht minder achtete ihn, seines
menschenfreundlichen Wesens halb, der ltere und jngere Adel, er galt allen fr
ein Muster, nach dem sich der Jngling bilden msse. Auch Priester und Gelehrte
schtzten ihn hoch, weil er die Wissenschaften ebenfalls auf alle Weise
untersttzte. Kurz, er konnte fr das Vorbild eines sanften, edlen, wohlttigen
Mannes gelten. Er war unvermhlt, und hatte bis jetzt die Anmutung sich zu
verheiraten, abgewiesen, weil er frchtete, da er doch als Gatte, so gro sein
Vermgen war, in seiner Wohlttigkeit gehemmt werden drfte; obgleich seine
Freunde auf seine nchsten Verwandten hindeuteten, die, falls er ohne Erben
strbe, seine Reichtmer auf ganz entgegengesetzte Weise anwenden mchten.
    Mit der Frhe reiseten die drei befreundeten Wesen von Bologna ab, um sich
nach jenem Kastell des Grafen zu begeben. Unterwegs sagte Pepoli: Ihr werdet
einen sonderbaren alten Verwandten von mir kennenlernen: diesen Velluti, den ich
damals mit einiger Anstrengung befreite. Er war frher der Ausbund eines
bermtigen Mannes, keine Unternehmung war ihm zu khn, man nannte ihn in der
kleinen Stadt nur den tollkhnen Alten. So war er denn auch den Banditen dort
sehr gefhrlich, die vor seinem Namen zitterten, bis es den Bsewichtern gelang,
ihn aus dem eignen Hause wegzurauben, und ihn unter stndlicher Todesbedrohung
viele Tage im innern Gebirge zu verstecken. Seitdem denkt, sieht und hrt der
Arme nichts, als Banditen, denkt und trumt nur Mord und Brand, und aus dem
verwegensten Menschen ist die feigste Seele geworden.
    Sie gelangten an das Schlo, das in einer schnen, grnen Einsamkeit sich
stattlich zeigte. Es war fest, wie es die damaligen unruhigen Zeiten notwendig
machten, da Kampf und berfall tglich sich ereignen konnten.
    Schon vor dem Tore kam ihnen der zitternde Velluti entgegen. Weinend kte
er die Hand des Grafen und rief bewegt: O mein Wohltter! so sehe ich Euch doch
noch einmal in meinem Leben wieder. Ich dachte, Euer liebes Angesicht nicht
wiederzuerblicken. O nein, ich mu vergehn in meiner Angst, und Ihr werdet
sterben, mein Hochverehrter. Ach! da sind zwei greuliche Menschen unten im
Schlo, zwei von denen, die Ihr auch wohl in den schrecklichen Bergen
kennenlerntet. Kommt ihnen nicht zu nahe, lt Euch mit ihnen nicht ein,
wechselt kein Wort mit den Bsewichtern.
    Sie betraten unter frhlicher Begrung der Dienerschaft das Schlo. In den
untern Gemchern traf Pepoli die beiden Flchtigen. Der riesengroe Antonio war,
wie immer, ruhig und barsch: Ich dachte nicht, sagte er mit grobem Ton, da
ich noch einmal so herunterkommen wrde, Eure Hlfe in Anspruch nehmen zu
mssen, aber der Sixtus ist schlimmer als ein toller Eber, so da sich auch der
wilde Piccolomini von ihm hat ins Bockshorn jagen lassen. Und so sind wir, so
gut wir auch organisiert waren, ausgerissen, denn der verrckte Pfaffe wei sich
nichts Kstlicheres, als Rdern, Kpfen, Verbrennen und Strangulieren. Das ist
sein Konfekt des Nachtisches, die Folterqualen selber mit anzusehn. O wohin ist
unsre goldene Freiheit?
    Ascanio erzhlte wehklagend eine traurige Geschichte, wie klgliche Umstnde
ihn wieder jener frheren Verbrderung zugefhrt htten. Der Graf gab ihnen
bedeutende Summen, um sich mit diesen in das Venezianische, oder nach Korfu und
Dalmatien, oder selbst nach Deutschland zu begeben. Sie eilten von dem freien
Gebiete, wo ihnen keine Gefahr drohte, nach fern liegender Zuflucht, um dort ein
neues Leben zu versuchen.
    Als die Herrschaften in heitern Gesprchen beim Abendessen saen, strzten
atemlos und bleich einige Diener herein: Was gibt es, fragte der Graf. Ist
ein Unglck geschehn?
    O weh! schrie der eine, das Haus ist mit Soldaten und Truppen umstellt.
    Und der alte Velluti, rief der andre, ringt schon mit dem Tode; so hat er
sich ber diesen Anblick entsetzt.
    Alle erhoben sich vom Tische. Was ist das? rief der Graf; was kann man
von mir wollen? - Sind es denn Kaiserliche?
    Nein, stammelte der Diener; rmische Krieger und Hscher.
    In der Verwirrung hatte man den Anfhrer schon in das Haus gelassen, er trat
hflich grend herein, und mahnte den Grafen, sich mit ihm nach Bologna zu
begeben.
    Weshalb? Was hat es zu bedeuten?
    Ihr wit, fuhr jener fort, die strengen, geschrften Befehle unsers
Heiligen Vaters: wie jeder, der Banditen eine Freisttte gewhrt, dem Gesetz
verfallen ist.
    Wit Ihr auch, sagte der Graf stolz und fest, da ich hier in diesem
meinem Kastell der Vasall des Rmischen Kaisers bin? da in diesem Distrikt hier
der Papst nicht mein Oberherr ist, und er mir hier gar nichts zu gebieten oder
zu befehlen hat?
    Ich folge der Ordre meiner Obern, antwortete der Barigello, mich
kommandiert mein General, Graf Cordori, dieser steht unter dem Kardinal
Salviati, welcher im Bolognesischen die Befehle des Heiligen Vaters mit aller
Strenge auszuben hat. Wollt Ihr uns nun, Herr Graf, gutwillig folgen, oder
sollen meine Leute Euch mit Gewalt fortfhren?
    Dieser Friedensbruch, sagte jetzt Bracciano, und Verletzung des Bannes
ist in der Geschichte unerhrt.
    Ich bitte um Antwort, sagte der Barigello.
    Man bersah aus dem Fenster die ansehnliche Mannschaft der Soldaten und
Hscher, alle zum Kampf gewaffnet, an Widerstand war also nicht zu denken, an
Flucht noch weniger. Ich mu mich ergeben, sagte Pepoli, ich hoffe am
Kardinal Salviati, der mir persnlich bekannt ist, einen verstndigen Richter zu
finden.
    Salviati ist mir von alter Zeit befreundet, sagte der Herzog, und ich
begleite Euch zurck nach Bologna. Er wird Vernunft hren und annehmen. Kann er,
oder der Papst den deutschen Kaiser so mutwillig krnken und beleidigen wollen?
    Vittoria sah die beiden Mnner mit Erstaunen und Wehmut an. Sie begriff
eigentlich den Handel nicht. Unten lag Velluti als Leiche. Er hatte sterbend
seinen Wohltter gren lassen. -
    Traurig, finster, kam Bracciano am folgenden Tage zurck. Die Unmenschen!
rief er der erschreckten Gemahlin zu; sie haben ihn sogleich als berfhrt im
Gefngnis erdrosselt. Mchten die Erben doch ihre Klage bei Papst und Kaiser
erheben, sagte der blutdrstige Salviati; - o welcher Tiger, dieser Sixtus. -
Als ich zornig sprach, drohte man mir selbst, als einem Banditenfreunde! La uns
dem Schlachthause entfliehen.

                                Sechstes Kapitel


Am Gardasee, in der Nhe der kleinen Bergstadt Salo, lebte der Herzog mit seiner
Gemahlin glckliche Tage. Sie lasen, sangen, dichteten, er ritt auf die Jagd,
und sie begleitete ihn auf kleinen Reisen in der schnen und mannigfaltigen
Umgegend. Die Nhe von Deutschland und der Schweiz, diese Bergnatur mit ihrem
stets neuen Wechsel geben diesen Landschaften einen eigentmlichen Reiz. Von
einem so einfachen, idyllischen Leben ist nur wenig zu berichten, das ruhige,
ungestrte Glck kann niemals die Imagination des Dichters vielfach bewegen: nur
von Wechsel, Unglck, Schlacht und Tod, Gram und Verzweiflung, oder Wunder,
berichtet Legende und Romanze, das epische Gedicht wie das Drama.
    In dieser holdseligen Einsamkeit strte sie fast niemals ein Besuch. In
Venedig waren sie gewesen, und die Republik hatte dem tapfern Herzoge eine hohe
und rhmliche Befehlshaberstelle angetragen: er war gerhrt von der ihm
zugedachten Ehre, schlug aber diese Wrde aus, was den Dogen und den Rat
einigermaen krnkte. Man hatte ihm und seiner Gemahlin mit einem feierlichen
Aufzuge entgegenkommen wollen, welches aber nun, so viel Ehre sie ihm auch
erwiesen, unterblieb.
    Es erfreute ihn aber, hier in dieser weltberhmten Stadt seine Vittoria im
Glanz einer Frstin auftreten zu sehen; es schmeichelte ihm, wie der Doge und
hohe Adel ihrer Schnheit huldigte, und jedermann sich ihr nur mit Erstaunen und
Bewunderung nherte. Auch die Gelehrten und Dichter brachten ihr Opfer des Lobes
und der Schmeichelei, da man in Italien, wenn sie auch ohne Namen gedruckt
waren, ihre feurigen Lieder kannte.
    Nachdem sie das groartige Verona besucht hatten, begaben sie sich wieder in
die Einsamkeit ihrer Berge und nach dem schnen, romantischen See, den sie auf
einer Barke, mit Musik begleitet, berschifften, und sich an den alten Romanzen
ergtzten, die man in diesem Lande vernahm.
    Zuweilen erfllte die hohe Schnheit den Wunsch des Geliebten, sich ihm in
der Gestalt und Tracht der Diana zu zeigen, und er rief einmal in seinem
Entzcken: Ja, du mein Herz und meine Seele, in dieser herben Jungfrulichkeit,
du wildes Kind, wurdest du mein, denn ein Mgdlein, nicht eine Frau gnnte mir
an jenem Abend, wo Hymen uns vereinte, den kostbarsten Schatz ihrer Liebe. Oh,
du Wunderwerk der unerschpflichen Natur! wie wandelst du dich in alle
Gestalten, und in jeder neuen bist du schn und herrlich. Wenn ich dich als
Pallas anbeten mu, so hpft mein Herz im Rausche der Wonne, wenn ich dich auch
im Taumel der Liebe als Bacchantin sah, und immer weiblich edel, immer von
Grazie und Holdseligkeit umgossen. Wenn andere Frauen sttigen, entzndest du
die Liebe und ihr Verlangen nur mehr und mehr. Wie ich nach dir brannte, wie
mein Herz nur dein und deiner immer und ewig begehrte, und der Moment, da du
mein werden konntest, mir von feindseligen Dmonen festgeschmiedet schien, um
mich ohne Labsal verschmachten zu lassen; - so - oh, miverstehe mich nicht,
mein Abgott - so sehne ich mich jetzt, da ich mir nur ein einzig armes Mal
sagen knnte: jetzt ist mein Herz und Sinn gesttigt, ich bin, auf diesen
Augenblick doch, der Sehnsucht und dieses Rausches frei.
    Da zog jene wundersame Glut der Schamrte ber ihr Lilienantlitz, und sie
schmiegte, ihr Auge verbergend, das Lockenhaupt an seine Brust. Oh, mein Paul!
flsterte sie ihm zu, - du mein Gott und alles - was bin ich durch dich
geworden? Eine Selige, der Olympischen eine. - Aber warum, du Wilder, bist du so
wild und ungestm? Ist es denn nicht oft, als wolltest du Seele und Leben, die
ganze Ewigkeit in diesen Momenten des Rausches opfern? Oh, mein Gatte, mein
Held, mein liebliches Kind, mein sanftes Lamm und auch Bacchus und Apoll und
Jupiter - willst du, kannst du nicht sanfter, demtiger - ach! Himmel! - Was
soll ich sagen? - Du verstehst mich gewi.
    Er lchelte selig und sah auf sie nieder, etwa wie Herkules mag auf die
Gttin der Jugend sanft und stolz hinabgesehen haben.
    Wenn sie einmal allein war, was sich nur selten zutrug, so war ihr Sehnen
nach ihm so milde und gengend, die Erinnerung so still behaglich, da das Herz
sich immerdar in sanfter Freude wiegte. Da den Sterblichen, sagte sie dann,
ein solches Glck zugewiesen werden knne, ist mir ehedem nicht glaublich
gewesen; ja, ich habe keine Ahnung von einem solchen Leben gehabt.
    Ein andermal neckten sie sich wieder, wie die Kinder, und bten tausend
kleine Schalkheiten aneinander aus. Im Garten stellten sie einst einen Wettlauf
an, und er blieb weit zurck.
    Du bist zu stark, sagte sie lachend und ihn verspottend; wie willst du
die Last eines groen Krpers, deine hohe Gestalt so schnell bewegen und so
behende? Ich darf dir viele Schritte vorausgeben, und du wirst mich doch nicht
einholen.
    Mit der Atalante, erwiderte er, kann keiner rennen, ich mte dir denn,
wie jener Freier, die goldnen pfel zum Abirren weit wegwerfen.
    Und so kann ich dir also doch weglaufen, sobald ich nur will.
    Dann schleudere ich, dein Zeus, Donner und Blitz dir nach, die sind doch
rascher als deine schnen Beine: meine Liebesgedanken ereilen dich dann, wie sie
dich ja auch so eingeholt und berlaufen haben, da du mein Weibchen geworden
bist.
    Bin ich es denn? sagte sie, ihn kssend, deine Geliebte bin ich, dein
wildes Kind, wie du mich so oft nennst. Wie du mich neulich schlugst, mit meinen
eigenen schweren Locken, als ich deine Heldentaten gegen den Trken nicht
glauben wollte, du Prahler!
    Prahler! fuhr er auf, und umschlo sie mit seinen krftigen Armen, und
eben ermahnte sie mich noch, in meiner Liebe miger zu sein, die nchterne,
unglubige Heidin! Ja, morden knnte ich dich, du Gottlose, liebste Liebe, in
diesen hchsten Momenten der Liebe.
    Und warum nicht gern sterben? antwortete sie, und mit Freudentrnen im
Auge? - Ach, Paul, mein Giordano! wenn wir uns nach dem Tode wiederfinden, wenn
ich dir entgegenstrze, in jenem uns unbekannten Lande: wird dann die Wonne
nicht vielleicht noch grer sein? oder anders? oder ist es, wie mir im Leben
vorher war, da wir es uns jetzt nicht denken knnen?
    Tod und Leben in deiner Nhe ist mir eins, antwortete Bracciano: fr dich
nur hat mich das Schicksal auf einer langen, und oft rauhen Bahn erzogen. So ist
mein Lieben jetzt die Schule, deiner in Zukunft noch wrdiger zu werden.
    Ja, fuhr sie fort, und so schweben wir in jenen, uns jetzt unsichtbaren
und undenkbaren Gebieten, wir beide eins, und zugleich mit Andacht, Anschauen
der vorigen Krfte eins, wie wir schon jetzt in begeisterten Momenten aufgehen
mit der schnen Natur umher, mit Luft, Himmel, Licht, den Gestirnen der Nacht,
und wir in Entzcken die ewigen Krfte fhlen, die magisch im Gestein und
Wasser, in Mond und Sonne weben: wir hren dann, wir fhlen den Pulsschlag der
allgewaltigen Natur, Gottheit weht durch unser ganzes Wesen, und auch die
kleinste Faser unsers Daseins ist geweiht und klingt, wie die windbewegte Saite
der Harfe, in den Akkord der Unendlichkeit hinein.
    Und auch dies Gesprch, fuhr er fort, ist bacchantischer Natur. Wir
Menschen knnen nicht anders. Wohl dem Eingeweihten in Eleusis' Mysterien, wenn
er in jeder Chiffer, die ihm die Wirklichkeit vorhlt, ein Geheimnis findet, ihm
verstndlich.
    Oder ein Rtsel, sagte sie, das, als unerraten, lieblicher und tiefer
unser Wesen durchschauert, als wenn sich uns die sogenannte Wahrheit enthllte.
    Darum ist jede Wirklichkeit, jede Erscheinung Symbol, sagte Bracciano,
und wieder, oft in anderer, irdischer Begeisterung angesehen, bedeutet es doch
nur sich selbst, gengt sich selbst, und ist sich selbst das Hchste. Es ist
Abend geworden, la uns ruhen, und jene sich gengenden hchsten Mysterien
feiern.
    Sie sah ihn mit leuchtenden, aber keuschen Blicken an und schttelte
lchelnd das Haupt. Er kte sie aber und sie folgte ihm nicht unwillig. -
    So zhlten sie in immer neuem Glck nicht Zeit und Stunde. - Flaminio war in
Padua, und hatte dort den Palast fr sie eingerichtet, wenn sie mit dem Beginn
des Winters diesen beziehen wrden. Der Herzog hatte den ltern Bruder Marcello
auch dorthin beschieden, der jetzt, durch den erlauchten Schwager in
Wohlhabenheit versetzt, sich vornahm, fortan ein anstndiges Leben zu fhren.
Der Sommer war vergangen, aber die beiden Glcklichen dachten noch nicht daran,
ihre schne Einsamkeit zu verlassen.
    Es war schon im Herbst, und einer von jenen wunderbaren Tagen, wie man sie
nur in den sdlichen Berggegenden erleben kann. Er wollte das wundersam schne
Wetter einmal ganz fr sich allein im Walde genieen. Vittoria blieb einsam
zurck und sa sinnend und schreibend bei offenen Tren im Saal, welcher die
Aussicht auf die schne Landschaft erlaubte.
    Wie selig mde, so schrieb sie, wie erregt in schlummernde Mattigkeit,
wie wach und bewut in diesem seligen Traum! Die Liebe ist es, durch die ich
alles verstehe, durch welche auch das scheinbar Tote lebt. Der See schimmert und
rauscht und flstert unter seinen wechselnden und spielenden Lichtstrahlen. Oft
klingt wie aus dem Grunde ein Glockenton herauf und tnt fort, wie mahnend unter
die kosenden, vielfach schwatzenden Laute hinein. Ist es des Wassers ernster
Geist, der die plaudernden Kinder ermahnt? Denn wie die kunstbegabte Hand durch
die vielfach tnenden Saiten der Harfe sich klug auf und ab bewegt, wie auf dem
Spinett die angeschlagenen Tasten klingen, so hlt die Fee der Wasser die
glnzenden Finger hinein, und spielt mit den vor Freude zitternden Wellen und
lt sie rieseln und klingen. Der ernste Felsen drben zieht schon, wie zum
Schlaf, die ernste Nebelkappe ber sein rauhes Haupt, um andchtig zuzuhren,
und die Wlder fragen sich: wird die Nacht kommen und die Traumgestalt, die dann
durch das dunkele Grn poetisch wandelt? Das kleine Gestruch schwatzt am Ufer
von jener Zeit, in welcher es zu Bumen wird, und statt der Amsel und der
Nachtigall der Adler sie besucht, und der Reiher in ihnen sein Nest baut. Wie
spiegelt sich die schlpfende Eidechse noch in den letzten Strahlen der
untergehenden Sonne! Nun wandelt und wimmelt das kleine Wurmgeschlecht, die
Vlkerschaft der kleinen Kfer auf mannigfachen Wegen durch das dunkler
leuchtende Gras. Der Adler fliegt zu seinem Horst und trinkt die Strahlen der
Abendrte: die Schafe kommen blkend von der Weide, die Glocken der Khe tnen
den einfrmigen Schall - ein Schweigen ruht auf Wasser, Feld und Berg - es
horcht brtend und aufmerksam in die Tiefe der Erde hinein, was die Geister dort
ausschwatzen, die niemals an die Oberwelt kommen. Nun stehen die Kuppen der
Berge hell blhend im Rosenlichte, die Nebel ziehen sacht, vom Strahle gekt,
in den Wald hinab, die groen Wolken malen khn Schlacht und Tumult und
Ovidische Metamorphose in das dunkelnde Himmelsgwlbe. Nun geht sie fort, die
Abendrte, die Knigin; blulich grau, wie Leichname, stehn die Felsenkuppen,
wie Gespenster fast, und mich ergreift ein Schauer, und zittert an mein Herz
hinan. -
    Wirklich ergriff sie ein frstelndes Zittern, und sie stand auf die Fenster
und Tren gegen die eindringende Abendluft zu schlieen. Indem sie sich umsah,
nahm sie in der Ecke des Saales ein zusammengekauertes, kleines graues Wesen
wahr, das sich in der Nhe einer Tr gelagert hatte. Ihr erster Gedanke war,
einen jener bldsinnigen Bettler, oder die Gestalt eines Kretins vor sich zu
sehn, wie sie wohl in jenen Gegenden zu finden sind. Sie wollte die Diener
rufen, um das kleine Wesen mit einem Geschenke abzufinden, als dieses sich erhob
und den nebelgrauen Finger warnend ausstreckte. Es war nicht Wirklichkeit, so
sagte sie zu sich selbst, sondern eine Schpfung ihrer aufgeregten Phantasie.
Sie trat dem Fremden dreist nher und heftete die Augen fest auf ihn, aber er
verschwand nicht, wie sie erwartet hatte. Sein hngendes Gewand war grau, mit
einem schwrzlichen Gurt in der Mitte zusammengehalten, die weiten rmel
schlotterten, und Arme, Finger, und Hnde waren unendlich mager: sein Angesicht
war wie das eines halb verweseten Leichnams, die Lippen blablulich und die
Augen dunkel mit stechendem Blick. So mutig sie war, so genau sie den
Unheimlichen zu betrachten wagte, so konnte sie sich doch einer angsthaften
Furcht nicht erwehren. - Wer bist du? redete sie ihn an; was willst du von
mir? Dein Warner, krchzte kaum vernehmlich der Kleine; sollst dich hten! -
Er - jetzt eben -
    Da ging sie ganz nahe, aber ihre Hand erfate nur die Mauer, es war nichts
da, was gesprochen haben konnte, aber viel finsterer war die Stelle des Saales,
als vorher, als der Kleine noch dort in seinem grauen Schimmer gestanden hatte.
- Aber sie fate sich und rannte schnell aus dem Hause, da sie glaubte, soviel
begriffen zu haben, er sei in Gefahr. - Sie eilte in den nahen Wald. Hier war
die Dmmerung schon in Dunkel und Finsternis verdichtet. Es war, als wenn ein
unsichtbarer Fhrer sie auf den Fusteigen geleitete, die sich nach allen Seiten
ausstreckten, denn sie zweifelte nicht, da sie ihrem Gemahl begegnen msse. Er
kam ihr auch nach geraumer Zeit entgegen, schwankend, ungewissen Schrittes, auf
einen fremden Mann gesttzt. Sie eilte in seine Arme, er lehnte sich auf sie und
rief: Nun bin ich getrost, da ich dich wiederhabe!
    Sie wute nicht, was sie antworten sollte. Dank Euch, mein guter Mann,
sagte Bracciano, da Ihr mir bis hierher geholfen habt, jetzt ist mir besser.
- Sie sah sich um, der Wald war an dieser Stelle um ein weniges lichter, und
schnell hatte sie mit einem krftigen Sto den unbekannte Begleiter zu Boden
geworfen. Du Elender! rief sie, willst uns auch bis hierher verfolgen?
Bracciano stand verwundert still. Es ist ja der verchtliche Mancini, ein
Spiegesell von Mrdern, der uns damals von meinem unglcklichen Bruder den
Zettel brachte in der verhngnisvollen Nacht. Seitdem hat mich eben Marcello
wiederholt und dringend vor diesem Menschen warnen lassen, der im Solde unserer
Verfolger steht. - Mancini! rief Bracciano, ich kenne ihn als meinen Feind,
ob ich ihn gleich frher niemals sah. Der Niedergestrzte raffe sich auf und
floh mit grter Eil in das Dickicht des dunkeln Waldes. Sie wollte ihm nach,
aber das Zittern und Schwanken des Gemahls hielt sie bei diesem zurck und der
Verdchtige entkam.
    Vittoria fhrte ihn, ihn sicher sttzend, in das Haus; er legte sich tu
Bett, und mit grter Eil wurden rzte aus der nchsten Stadt herbeigerufen. Sie
wachte indessen bei seinem Lager, und er, so matt er sich fhlte, konnte nicht
einschlafen. -
    Was ist dir geschehn? sagte Vittoria in der Nacht: du siehst bleich,
deine Hand zittert, dein Auge ist matt und sieht starr.
    Ich frchte, antwortete der Herzog, ich bin durch mein Verschulden meinen
listigen Feinden in die Hnde geraten: da du diesen Mancini, vor welchem mich
seit lange schon freundschaftliche Briefe warnen, wiedererkannt hast, gibt mir
fast die Gewiheit davon. Ich glaube, da ich ihnen und ihren Knsten
unterliege, und da du zu spt zu meiner Rettung herbeigeeilt bist.
    O Vittoria! wir sind alle schwache, gebrechliche Menschen. Indem uns die
eine Torheit verlt, meldet sich schon die andre bei uns an, und wir gestatten
ihr gern den Eingang. O freilich war es eine Lge, da deine Liebe mir eins und
alles sei, denn wre dies, so htte ich mich nicht von dieser Schwachheit so
grblich hintergehn lassen.
    Schon vor Jahren laborierte ich mit meinem Schwager, dem Groherzog. In
seinem Kabinett bewahrt er Wundersachen, die ich mir nicht zu erklren wei. Und
mag man disputieren und klug sein, wie man will, mich hat noch kein Argument so
getroffen, da es meine berzeugung sei, nur ein Tor knne auf die Verwandlung
der Metalle und auf das Erringen des Goldes hoffen.
    Wie dieser Wonnerausch der Liebe alle unsre Krfte erhht, wie wir im
Glauben, oder Aberglauben, so selig sind, so kamen auch die alten, vergessenen
Trume wieder zu mir. Wer kann die Scheidewand ziehn zwischen Glauben und
Aberglauben? Ich erinnerte mich nun, da ich schon einmal mit dem berufenen
Deutschen, dem Thurneiser gearbeitet hatte, da ich zu verschiedenen Zeiten die
Hoffnung genhrt, dem Geheimnis ganz nahe auf der Spur zu sein.
    Vor einiger Zeit traf ich in diesem Walde einen alten Mann welcher Kruter
suchte. Wir kamen ins Gesprch, er sagte mir einiges von Blumen, von der Kraft
mancher Gewchse, was mir ganz neu war. Seine Wohnung wollte er mir nicht
anzeigen, er war berhaupt in allen seinen Reden kurz angebunden, und er schien
vielmehr mich vermeiden, als aufsuchen zu wollen.
    Ich traf ihn ein andermal wieder, und nun erzhlte er mir von einem viel
ltern Manne, dessen Schler er sei, und welcher das groe Mysterium besitze. Es
lag ihm aber, so tat er, nichts daran, da ich den Greis kennenlernte.
    Nur wie zufllig fand ich ihn noch einmal, und nun fhrte er mich auf mein
Ersuchen zu einer Waldhtte, wo ich den Magier traf. Auch dieser rckhaltend,
kannte mich nicht, wollte mich auch nicht nher kennenlernen. Aber auf meine
dringenden Fragen gab er Antwort. Kurz, er war nicht abgeneigt, mir einen
sichtlichen Beweis seiner Kunst zu geben, wenn ich nmlich Mut genug dazu
besitze. Es war von nichts Geringerem die Rede, als mir die Geister meiner
Eltern zu zeigen, was mir um so merkwrdiger war, da der Zauberer, so wie ich
glaubte, mich gar nicht kannte.
    Zu keinem Sterblichen, so hatte ich mein feierliches Versprechen gegeben,
durften ich eine Silbe von diesem Abenteuer erwhnen, darum verschwieg ich auch
dir alles, was ich nicht htte tun sollen. Heute, so war die Verabredung, ging
ich zu ihm. Nun die gewhnlichen Vorbereitungen: er gab mir einen Trank der
Weihe, wie er ihn nannte, der mich strken sollte, um das Ungewhnliche, oder
Erschreckende leichter zu ertragen. Auch er trank davon, um mich ganz sicher zu
machen. Kein Mensch war im Zimmer als wir; die Fenster wurden gegen das
Sonnenlicht geschlossen, geweihte Kerzen angezndet, magische Kreise zog der
Beschwrer, und ein sinnebetubender Rauch stieg aus seiner Pfanne, und erfllte
das ganze Zimmer. Schon fing meine Nachgiebigkeit an, mich zu gereuen, als
wirklich im Dunst meine Eltern erschienen, und mit drohender Gebrde die
Zeigefinger gegen mich erhuben. Vielleicht hatte man auf Schrecken oder
Entsetzen von meiner Seite gerechnet, da ich aber kaltbltig blieb, so mute man
weiterschreiten. Ich war jetzt schon berzeugt, da der Gaukler mich kenne, und
da alles, vom ersten Augenblick an, auf eine grbliche Tuschung berechnet
gewesen sei. Ich schmte mich vor mir selber. Da erschien im Dampf das Bild
jener Isabella von Florenz, dann der ermordete Peretti blutend. Ich wollte mich
entfernen, als der Dampf so vermehrt wurde, da ich zu ersticken frchtete, und
pltzlich standest du, in Qualen, halb nackt, aus vielen Wunden blutend,
verzerrten Angesichts da. Dem unerwarteten Anblick war ich nicht gewachsen, ich
strzte nieder, bewutlos. Nach einiger Zeit traf ich mich im Walde wieder, von
jenem Menschen gefhrt, den du wiedererkanntest. - Meine Feinde haben mich
berwltigt, und diese meine Schwachheit benutzt; ich fhl es, von diesen
Dmpfen bin ich vergiftet und jede Hlfe wird vergeblich sein. -
    Noch in der Nacht erschienen einige rzte.

                               Siebentes Kapitel


Es war der Winter eingetreten, welcher in Oberitalien eine rauhe und traurige
Jahreszeit ist und viel Regen und Klte mit sich bringt. Der Herzog Bracciano
war gestorben und zur Erde bestattet. Vielfache Gerchte waren seinerhalb
verbreitet. Waren es die Orsini, die Gegner in Florenz, die Freunde des in Paris
ermordeten Troilo, die sich ihm in Masken genhert und ihn listig fortgeschafft
hatten? Das Haus, wo jene Geisterscheinungen vor sich gegangen sein sollten,
konnte man im Umfange des Waldes, sosehr man sich auch bemhte, nicht auffinden;
derjenige, welchen Vittoria als Mancini erkannt hatte, war seitdem nirgend
gesehen worden. So glaubten manche, die sich fr die Einsichtigen hielten, ein
Fieber habe den Herzog hingerafft, und seine sonderbaren Aussagen zeugten nur
von der Krankheit seines Gemtes und einer schon ganz irregeleiteten Phantasie.
Die Wunderglubigen dagegen behaupteten, seine Visionen in dem rtselhaften,
verschwundenen Hause htten sich, sei es durch einen Magier, sei es auf andre
bernatrliche Weise, dem Verstorbenen wirklich gezeigt, um ihm alle Snden und
Verbrechen seines Lebens vorzuhalten, und keine giftigen Dnste oder Getrnke,
sondern die Qual des aufgescheuchten Gewissens habe seinen frhen Tod
herbeigefhrt.
    Vittoria ertrug ihren Schmerz, wie groe Seelen fast immer die herbsten
Verluste zu tragen pflegen. Man sah sie nicht klagen und weinen, ihr Unglck war
zu gro, um sich in solchen Leiden kundzutun. Sie lebte in einer stillen,
erhabenen Resignation. Ihr Leben war beschlossen: ein Frhling, Sommer und
Herbst war ihr Glck gewesen, in diesen wenigen Monaten war der Inhalt ihres
eigentlichen Daseins befangen. Die Erinnerung dieser lndlichen Einsamkeit war
jetzt ihr Genu, sich jede, auch die kleinste Begebenheit, den unbedeutendsten
Scherz wieder lebhaft herbeizurufen.
    Sie hatte den fr sie bestimmten Palast in Padua bezogen. Der Magistrat der
Stadt, der hohe Adel, sowie einige der vornehmsten Geschlechter aus Venedig
hatten sie ehrerbietig als Herzogin von Bracciano begrt und ihr Schutz und
Sicherheit zugesagt.
    Viele Diener, einige Stallmeister, alles was zum Gefolge einer mchtigen
Familie gehrt, umgab sie. Der Herzog hatte schon frher ein Testament zu ihrem
Vorteil gemacht, in welchem er ihr alle baren Summen, das Geschmeide, Juwelen
und Kostbarkeiten, alles Silbergeschirr, den Marstall und alle Mobilien seiner
Gter gerichtlich bergab, sowie den wohleingerichteten Palast in Padua. Das
Testament war unter den Schutz des Herzogs Alfons von Ferrara, sowie einiger
anderer Groen gestellt, weil Bracciano gegen die Familie der Orsini ein
gerechtes Mitrauen hatte, er auch wohl berzeugt sein konnte, da das Haus der
Medicer dieser Verfgung nicht hold sein wrde. Sollte und konnte der Frst von
Este die Herzogin Vittoria Bracciano schtzen und mit Kraft vertreten, so war
dies freilich auch Veranlassung, den Frsten von Florenz gerade deshalb zu
Streit und Eifersucht zu bewegen, weil schon seit lange Ferrara und Florenz in
bestndigem Zwiespalt lebten. Alle Gter und brigen Schlsser des Bracciano,
seine groe Herrschaft, alles verblieb dem Sohn Virginio, welchen er mit der
Schwester des Groherzogs von Florenz, Isabella, erzeugt hatte. Man konnte also
billigerweise wohl nicht behaupten, da der verstorbene Herzog seinen Kindern zu
viel entzogen habe, um die kinderlose Vittoria allzusehr zu begnstigen.
    Wre die grogesinnte Witwe irgend geneigt gewesen, viele Menschen um sich
zu sehn, so war der Adel der Stadt und der Umgegend geneigt, ihr seine Huldigung
darzubringen. In ihrer Stimmung zog sie aber die Einsamkeit vor und den Umgang
einiger Gelehrten und edlen Priester. Wer so groe, unnennbare Schmerzen
durchlebt, der wendet sich gern in der Einsamkeit seines verwaiseten und
verarmten Herzens an die ewige Liebe des Unnennbaren, die dem Menschen am ersten
im Unglck sichtbar wird. Poesie und Gelehrsamkeit verlieen die rmste nicht
und ihre Stimmung war auch nicht der Art, da sie diese Gttergaben, diese
himmlischen Begleiter des Lebens, vorstzlich als Torheit verabschiedet htte;
aber so, wie ihr sonst der Olymp und Parna, Apollo und sein liebliches Gefolge,
der Tanz der Grazien und das Necken der Amorinen persnlich anschaulich gewesen
und in ihren dichtenden Stunden immer nher getreten war: so erwachte jetzt das
Bedrfnis bestimmter in ihr, sich jenen Unsichtbaren, den in der Andacht
Geahneten, in Bildung und Gestalt als Vater und Trster zu verwirklichen, sich
diesem Vater der hchsten Liebe ganz hinzugeben, der sich durch den Schmerz, das
Mitleid mit dem Menschengeschlecht und die Inbrunst seiner Liebe sich selbst und
dem Vater der armen Sterblichen so himmlisch verstndlich gemacht hatte. Sie
fhlte deutlich, da, soviel sie geschaut und empfunden hatte, doch eine Lcke,
eine Kluft in ihrem Herzen geblieben war, die der tiefste Lebensschmerz ihr erst
entdeckt und beleuchtet, und ihr zugleich gewiesen hatte, wie diese Leere durch
Liebe auszufllen sei. Sie erfuhr nun an sich, da die ewige Liebe sich keinem
entzieht, der sie wahrhaft und mit ernster Anstrengung sucht, und auch in diesen
bungen der Andacht fhlte sie den teuern Gemahl wieder ganz nahe in ihrer
Gegenwart.
    Unter den merkwrdigen Besuchenden trat auch der mehr als achtzigjhrige
Sperone wieder zu ihr, mit dem sie von Literatur, den Gelehrten, und dem armen
eingekerkerten Tasso sprach. Es schmerzte sie innig, da der Greis weder Tassos
Talent noch Unglck in seiner ganzen Gre anerkennen wollte.
    Als diese groe ehrwrdige Gestalt sich entfernt hatte, trat auf sein
dringendes Verlangen der schmchtige, zitternde Camillo Mattei ein, der so
herzlich wnschte, seine ehemalige Jugendgespielin nach zehn vollen Jahren als
groe, reiche Herzogin und mchtige vornehme Dame wiederzusehn. Vittoria mute
wider ihren Willen ber die sonderbare Verlegenheit ihres Jugendfreundes
lcheln. Sie suchte ihn zu beruhigen und sicher zu machen, indem sie ihren Ton
jener ehemaligen Vertraulichkeit nherte. Er fate endlich mehr Mut, und
erzhlte von seinen Eltern, welche beide schon seit Jahren gestorben seien, sein
Oheim Vinzenz mache sich in Tivoli gute Tage, indem er durch den Bischof Ottavio
wohlhabend geworden sei, auch eine bessere Pfrnde erhalten habe. Er selbst habe
in diesen zehn Jahren vielfaches Elend durchgemacht und kennengelernt. Die
Lebensweise auf der Galeere sei eben nicht die schlimmste gewesen, oft sei er in
der Gesellschaft der Banditen noch schrecklicher gemihandelt worden, wenn es
freilich auch hie und da gute Tage gegeben habe. Seit nun der grausame Sixtus
der Fnfte den ppstlichen Thron bestiegen, htten alle sich mit der grten Eil
und Angst aus dem Kirchenstaat geflchtet, jeder, der ergriffen, sei
hingerichtet worden, und so htten viele der bravsten Mnner auf erschreckliche
Weise ihr Leben eingebt. So habe sich Piccolomini und Sciarra und andre
Bandenfhrer fortgemacht, ebenso der unvergleichliche Luigi Orsini, in dessen
Diensten er gewesen, seit er von der Galeere frei geworden. Jetzt ist dieser
Herr Luigi hier in Padua, so beschlo er.
    Hier? rief Vittoria in der grten Bestrzung aus.
    Ja wohl, sagte Camillo, er hat den groen Palast Barbarigo dort am Wasser
eingenommen, er mit allen seinen braven und furchtbaren Mnnern. Die Republik
hat den tapfern Grafen schon seit einiger Zeit in ihre Dienste berufen, und er
geht in wenigen Tagen mit uns allen als Militr-Gouverneur nach Korfu ab.
    Nach Korfu? und bald? fragte die Herzogin, etwas beruhigt.
    Ja wohl, sagte Camillo, denn Venedig, so sagt man, will dort eine tapfere
Besatzung und einen khnen Anfhrer hinlegen, weil von den Trken groe Gefahr
zu besorgen sei.
    Camillo entfernte sich wieder, in seiner Imagination diese Vittoria mit
jener vergleichend, die er vor zehn Jahren gekt, deren Reize er ohne Schleier
gesehn hatte. Jetzt zitterte er vor der, welche er damals so khn umarmte.
    Auch Vittoria ma ihren jetzigen Zustand mit jenem kindlichen von damals.
Jetzt hatte sie nun den Brunnen und den groen Saal des Apone oder des Pietro
von Abano gesehn, auch dessen Bildnis, und wie gleichgltig und unbedeutend war
ihr alles erschienen.
    Nicht lange, so erschien Luigi Orsini selber vor ihr, den sie nicht,
wenigstens diesen seinen ersten Besuch, hatte abweisen knnen. Er war strker
geworden, im Antlitz ganz gebrunt, doch hatten ihm die Erfahrungen von zehn
Jahren ein milderes Ansehn gegeben. Er bemerkte es wohl, wie Vittoria bei seinem
Eintritt zitterte, er aber nherte sich verbindlich, kte mit Anstand und fein
sich verbeugend die Hand und sagte: Schne Muhme, ich mu vor Euch erscheinen,
wenn Ihr mich auch vielleicht ungern seht, um Euch mein Beileid ber Euern
groen schmerzlichen Verlust, das Abscheiden des edelsten Mannes zu bezeugen,
den wir Orsini alle immerdar gern und ohne Widerspruch fr das edelste Haupt
unsrer Familien anerkannten, dessen Wille uns fast immer fr einen Befehl galt,
und dem sich auch die Kecksten unter uns in Ehrfurcht beugten.
    Vittoria sah in verwundernd an, und besttigte gern, was er von den Tugenden
und dem Adel ihres Gemahls ausgesprochen hatte. Ihr habt, fuhr Luigi fort, an
Schnheit gewonnen, erlauchte Herzogin, die Zeit vermag nichts ber Eure Reize,
eine erhabne Majestt regiert in Euren Zgen, aber doch ist es noch viel zu
frh, da ihr Euch den Matronen zugesellen knntet. Nun solltet Ihr so bald als
mglich diese Trauergewande ablegen, denn sie heben Euern Reiz so strahlend
hervor, da Ihr nur um so vieles verfhrerischer erscheint.
    Vittoria wollte ihn mit einem strengen Blicke strafen, der aber an seinem
feinen, fest stehenden Lcheln abglitt.
    Zrnt mir nicht, fuhr er ungestrt fort: zwar widerfuhr es mir ehemals
ebenso, und ich darf mich wohl keiner andern Begegnung von Euch erfreun,
obgleich ihr jetzt Witwe, und widerum ganz frei seid. Was aber knnte mir Liebe
und Leidenschaft nutzen, da ich an eine schne Frau gefesselt bin, die auch aus
einem hohen Hause stammt? Und sie etwa umbringen, um mich einer andern Schnheit
wrdig zu machen, wre doch zu grausam, obgleich man sagt, da Liebe und
Grausamkeit wohl aneinander grenzen. Habe ich Euch doch in meiner Jugend auch
dergleichen vorgeschwatzt, wodurch ich Euch erzrnte. Ich drohte Euch damals,
wenn ich mich recht erinnere, sogar mit Tod und Untergang, und ich mu ber
meine trichte Heftigkeit selber lachen, wenn ich sehe, wie wir uns jetzt, in
diesem Augenblick gegenberstehn.
    Er lachte mit dem Ausdruck des albernsten Leichtsinnes, indessen Vittoria im
Innersten erschauderte und ihr Angesicht von ihm abwenden mute. Doch, um wieder
ernsthaft zu sein, fing er von neuem an: Ich bin bei Euern wrdigen und sehr
angesehenen Rechtsgelehrten gewesen, und diese werden es Euch auch wohl
mitteilen, verehrte Muhme, da ich gegen das Testament Eures erhabnen Gatten
einen Einspruch erhoben habe, zum Besten meines armen Neffen Virginio, und der
Groherzog von Florenz, sowie der Kardinal Ferdinand sind darin mit
einverstanden, da er, der Verwaiste, nicht so sehr darf beschdigt werden: ich
bin auch berzeugt, da der strenge, feste Papst auf unsere Seite treten wird.
    Von diesen Sachen, erwiderte sie, verstehe ich so wenig, da ich bitten
mu, alles dies mit meinen Advokaten abzumachen, die man mir als sehr gelehrte
und rechtschaffene Mnner anempfohlen hat: auch mgt Ihr mit dem Dogen wenn ihr
es gut findet, darber sprechen, oder Euch an den Herzog von Ferara wenden, die
sich als meine Beschtzer erklrt haben.
    Ich wenigstens, antwortete Luigi, kann dergleichen nicht abwarten, denn
ich segle schon in diesen Tagen mit meinen Leuten nach Korfu ab, kann also erst
spter die Entscheidung erfahren. Aber was, reizende Dame, wollt Ihr nur mit dem
ganzen groen Marstall eines so berhmten Reiters und Jgermeisters, wie es der
Herzog war, anfangen? Alles Mobiliar ist Euch vermacht, kann man aber wohl
rennende und springende Rosse, wenn sie sich gleich bewegen, ein Mobiliar
nennen? Diese Tiere sind Euch ganz unbrauchbar. Ja, wrt Ihr eine wilde
Reiterin, wie jene Margareta von Parma es war, so liee sich dieser Punkt des
Testamentes, oder die Auslegung eher begreifen.
    Er lachte wieder und Vittoria sagte: Lat das, werter Graf, ich hoffe, da
wir uns ber alle etwa streitigen Punkte vereinigen werden.
    Noch an einen Punkt mu ich erinnern, fing der Redselige wieder an. Euer
Gemahl war in aller Zeit sehr gromtig und freigebig, er liebte, wie Ihr es
wit, Pracht und Aufwand, und so mute ich ihm einmal, als er sich in Not
befand, mit einer sehr bedeutenden Summe aushelfen. Ich kann Euch durch meinen
Advokaten die bndige Verschreibung, von ihm selbst unterzeichnet, vorweisen
lassen. Fr diese groe Summe, die ich jetzt bei meiner Ausrstung nach Korfu
sehr gut brauchen knnte, wrde mir, so wie ich es kenne und berrechne,
ohngefhr der Schatz Eures Silbergertes ausreichen. Was die Juwelen und
altererbten Schmuck und Kostbarkeiten betrifft, so kann der Groherzog und
Kardinal unmglich diesen fast kniglichen Juwelenschatz aus der Familie
entfhren lassen.
    Vittoria stand auf und der Graf ebenfalls. So soll ich denn, sagte sie,
ohne Zorn, aber ihn fest anblickend, vllig beraubt und geplndert werden. Wie
ich Euch sagte: persnlich werde ich mich nicht darein mischen, das Recht und
meine hohen und hchsten Beschtzer mgen fr oder gegen mich sprechen: diesem
Ausspruche werde ich mich unbedingt fgen. - Sie gab dem lstigen Besucher das
Zeichen, da sie ihn verabschiede. - Nicht in Zorn, sagte er, sich tief
verneigend, entfernt mich so, schnste Muhme, erlaubt mir vorerst noch einen
Ku der Ergebenheit auf diese himmlische Hand zu drcken. Ich mu doch wieder
lachen seid mir nicht bse deshalb. Gedenkt Ihr des Tages, als Ihr Euch mit dem
kleinen Peretti vermhltet? In der Kirchtr stand ich grimmig und erbost hinter
Euch, meine Leidenschaft war so ungeheuer, da ich ihn und Euch mit dem Dolch
htte niederstoen knnen, und ich sagte Euch ins Ohr: Wir sehn uns, oder wir
treffen uns wieder! - Nun freilich sind wir auch wieder zusammengekommen, und
sprechen hier, wie alte Handelsleute ber Geld und Geldeswert,
    Vittoria war nach diesem unglckseligen Besuch des Frechen in einer
Stimmung, da sie in eine Wste htte ziehen mgen, um nur kein menschliches
Antlitz mehr zu sehen. Sie lie ihren alten, ehrwrdigen Rechtsgelehrten ruf en,
um sich an seinem Gesprch wieder etwas zu beruhigen. Er trstete sie, und sagte
unter andern: Sorgt nicht zu sehr, Exzellenz; diese Anflle des rohen Menschen
geschehen mehr, Euch zu krnken, als da er irgendeinen festen Grund htte, auf
welchem er fuen knnte. Es wre unerhrt, wenn ein mchtiger, reicher Herzog,
der im Bewutsein aller seiner Seelenkrfte stirbt, nicht in einem legalen
Testamente seiner rechtmig von der Kirche angetrauten Gemahlin sein Mobiliar,
bares Geld und Schmuck sollte vermachen drfen. Wenn Ihr Euch dieser und jener
Sache, vielleicht des zahlreichen Marstalls, der Euch mehr belstigen, als
nutzen mag, entuert, so kann das nur durch Euern freien Entschlu und auf dem
Wege des Vergleichs geschehen, auf keine Weise durch Zwang. ber seine alte
Schuldforderung an Euern Gemahl mchte man lachen; er, der Verschwender,
Verschuldete, war wohl niemals in der Lage, dem Herzoge einen so groen,
bedeutenden Vorschu leisten zu knnen. Wre es aber selbst der Fall, so mte
er um Wiederbezahlung bei den Haupterben, dem Sohn, der die Herrschaft und alle
Gter bekommt, nicht aber bei der Nebenerbin, seine Forderung einreichen. Es ist
keine Frage, da die Medicer und die Orsini dies Testament des weisen Herzoges
umstoen mchten, aus Eigennutz und Ha: auch der Papst, der Euch, erhabene
Frau, aus begreiflichen Ursachen nicht gewogen ist, riet Euch, wie Ihr wit, die
Erbschaft fallenzulassen, und Euch in ein Kloster zurckzuziehn, in welchem er
Euch dann mit einer jhrlichen ansehnlichen Summe versorgen wrde: Ihr habt dies
Anerbieten aber, und mit Recht, zurckgewiesen. Da der Herzog Euch keins (wie er
es immer noch gekonnt htte) von seinen vielfachen Gtern vermacht hat, um Euch
nicht Euern Feinden auszusetzen, so kann nach Recht, Gesetz und Herkommen auch
von diesem bermachten Vermgen Euch nichts entrissen werden. Ihr seid als
adliche Tochter der Republik anerkannt, der Herzog von Ferrara hat Euch auf
bestimmte Weise seinen Schutz zugesagt und so darf Florenz nicht wagen, die
Orsini noch weniger, gegen die groe, gewaltige Familie, einer Nebensache wegen,
in offne Feindschaft auszubrechen: und der Papst am wenigsten, der seinen
Vorschlag nur als Rat einsendete, und der das gewaltige Ferrara, das schon oft
verletzt wurde, schonen mu Dieser Luigi will sich auch nur, nach seinem
schlechten Lebenswandel, bei den Florentinern und den Erben von Bracciano
wichtig machen, um etwas zu gewinnen: vom Papst mchte er gern die eingezogenen
Gter wiederhaben, und meint auch diesen fr sich zu erobern, wenn er Euch etwa
einschchtern knnte: befehlt darum strenge, da der Freche niemals wieder ber
Eure Schwelle gelassen werde, und wir alle werden mit Erfolg Euer Recht
beschtzen.
    Wenn ich nur meiner Stimmung folgte, antwortete Vittoria, so wrde ich
alles von mir werfen, und mich mit wenigem in die entfernteste Einde
zurckziehn, um niemals wieder in die Nhe von Menschen zu kommen: ich brauche
ein Geringes; meine wrdige Mutter, die sich meines Glanzes erfreut haben wrde,
ist gestorben, so wie mein ltester Bruder, Marcello wie Flaminio sind durch die
Gromut meines Gemahls reichlich versorge; ich kann mich aber, so denke ich,
nicht zurckziehn, das Testament als ungltig hinwerfen, und mich in ein Kloster
verkriechen und von der unwilligen Gnade eines erzrnten Papstes leben. Dadurch
wrde die Ehre meines Gemahls gekrnkt, und ich erklrte mich ffentlich fr
unwrdig, jemals an seiner Gre teilgenommen zu haben. So zwingen uns immer
wieder Bedingungen und Umstnde zu Handelsweisen, sie legen uns Pflichten auf,
von denen wir in gewhnlichem Verhltnis, wenn wir alles aus der Ferne
betrachten, keine Vorstellung haben.
    Der Graf Luigi kam sehr verdrielich von seinen Advokaten zurck, die ihm
alle Schwierigkeiten des Prozesses auseinandergesetzt und ihm vorgestellt
hatten, da er wenigstens nicht so schnell, als er es gedacht, beendige werden
knne, da die mutige Frau sich nicht einschchtern lasse. Auch sei der Ausgang
selbst sehr bedenklich, da sie so hohen Schutzes geniee, der Vorwand, das
Testament umzustoen, auch kein hinreichender sei.
    Diese Hunde von Advokaten! rief er in Wut, als er wieder zu den Seinigen
im Palast zurckgekehrt war. Diese Federfechter mit ihren Klauseln und
Praktiken! Ich habe alles dem Kinde, meinem Vetter, so fest versprochen, er
tritt mir gern einen Teil des Vermgens ab, knftig, als Schwiegersohn des
Papstes mu er mir meine Gter wiederschaffen. -
    Er versammelte seine Vertrauten um sich. Der den meisten Einflu auf ihn
hatte, war der verruchte Graf Pignatello, der vor keiner Tat und keinem Morde
zurckschreckte: seine Liebe und Freundschaft besa aber der mildere Graf
Montemellino, ein naher Verwandter jenes Blutdrstigen. Diese beiden und noch
einige der Entschlossensten wurden zum geheimen Rate berufen.
    Je schneller geendigt, je besser, sagte Pignatello. Kinder sind nicht da,
die Toten schweigen und Proze und Testament sind von selbst zu Boden gefallen.
Luigi war derselben Meinung und der mildere Montemellino konnte seine Einwrfe
nicht geltend machen. Nein! schrie Luigi: abgesehen von allen meinen
Vorteilen, so mu ich an dieser Kreatur Rache, blutige Rache nehmen. Nur wer
jemals rechten, innerlichen, ewigen, wahren Ha empfunden hat, kann wissen und
ermessen, welchen Grimm und welche Wut mir diese Buhlerin seit so vielen Jahren
erregt hat. Kein Drache, Krokodil, Ungeheuer, keiner, der mir Vater und Mutter
ermordet htte, knnte je meine Seele mit diesem Abscheu anfllen, wie er in Wut
gegen dieses schne Untier in meinen Eingeweiden kocht und siedet. Wie sie mich
immer verletzt, zurckgestoen und gekrnkt hat; nicht gegen den rudigen Hund
kann man so viel Ekel und Widerwillen zeigen, als sie mir mit ihrer Mutter so
unverhohlen bewies. Es war ein innerlichster Schwur, eine Aufgabe meines Lebens,
und beides habe ich in keinem Augenblick, auch in meiner Brautnacht nicht,
vergessen und aufgegeben, mich blutig an dieser Sirene oder Harpyie zu rchen.
Und diese wonnevolle Stunde soll nun endlich geschlagen haben. Wer als ein Lump
mir die Freundschaft aufsagen will, mag es jetzt tun, denn ich bin mir selbst
genug.
    Alle sagten mit Schwren ihre Hlfe zu und Orsini sprach: So mu es bald,
so mu es eilig geschehn, noch vor dem Fest, denn unmittelbar nach Weihnachten,
wie ihr es wit, sollen wir nach Korfu absegeln. Die Kreatur mu morgen
vernichtet sein.
    Vittoria war zur Beichte gewesen, und hatte mit mehr Erbauung als je das
heilige Abendmahl genossen. Mit einem Gefhl des Schauers trat sie in ihren
groen, einsamen Palast. Sie sprach mit ihren Brdern, dann war sie wieder
allein. Flaminio, seit er nicht mehr fr den Herzog beschftigt war, wute nicht
recht, wie er seine Zeit anwenden sollte. Marcello, der sich mit Bchern nicht
unterhalten konnte, wnschte als Soldat von der Republik angestellt zu werden,
nur dnkte es ihm schmhlich, bei Orsini, dem Feinde seiner Schwester, Dienste
zu nehmen.
    Vittoria suchte sich in Bchern zu zerstreuen und zu erheben. Aber ihr
Schmerz war noch zu neu; sie betete oft im Stillen: O gtiger Vater, gib,
schenke mir nur eine, eine einzige Minute, in welcher ich meinen Verlust vllig
vergessen kann, nur so viel, um auszuruhn, damit ich dann neu gestrkt zum
Gefhl meiner Leiden zurckkehren mge. Aber wie sie die Hand ausstreckte, wie
sie ein Buch ausschlug, wie sie den Bissen zum Munde fhrte, war es ihr immer,
als wenn Bracciano nun neben ihr stnde, mit jenem sterbenden Leichenblick, der
sich ihr so tief, so unvergelich eingeprgt hatte.
    So war es Abend, so war es Nacht geworden. Sie war in ihrem Schlafzimmer,
arbeitete, betete und las abwechselnd. Wrde mir ebenso sein, sagte sie zu sich
selbst, wenn ich ein geliebtes Kind von ihm an meinem Busen nhren knnte?
    Marcello hatte schon beim Mittagsessen darauf angetragen, den Pfrtner des
Hauses zu entlassen, weil dieser ihm verdchtig erschien. Vittoria, ganz in
ihren Gedanken vertieft, hatte diesen Vorschlag keiner Aufmerksamkeit gewrdigt.
Jetzt schlich sich Camillo zu Flaminio, der im Vorzimmer schrieb, und wollte ihm
mitteilen, was er glaubte, gehrt, oder vielmehr erraten zu haben: Flaminio riet
ihm zu warten, weil er den krftigen Bruder Marcello rufen und suchen wolle.
Sowie sich Flaminio entfernte, entfloh der gengstigte Camillo wieder, weil er
sich vor Marcello frchtete, und nicht den Mut hatte, diesem seine Gedanken
mitzuteilen.
    Vittoria begriff es nicht, was sie in dieser Nacht mehr als jemals ngstigen
knne. Sie kniete auf den Betschemel, und strebte im Gebet wiederum ihre Seele
zum allmchtigen Vater emporzuheben. Nun ging sie wieder in den Saal, und
beleuchtete mit der Kerze die Bilder, die dort an der Wand hingen. Mit einem
Male stie sie einen lauten gellenden Schrei aus, denn hinter ihr, wie sie sich
umwendete, dicht an ihr, stand eine groe, furchtbare Gestalt, mit geschwrztem
Angesicht, die sie aus den dunklen Augen gro anstierte. Sie wollte nach der
entgegengesetzten Seite entrinnen, und eine andre entsetzliche Figur trat ihr
entgegen, und die dritte, vierte, und mehr, alle mit unkenntlichen Gesichtern,
geschwrzt, oder in dunkeln Masken. O Gott! schrie sie der abscheuliche Traum
meiner Kindheit geht in Erfllung!
    Auf ihren gellenden Schrei war aus dem innern Zimmer Flaminio
hereingesprungen. Sowie sie ihn erblickten, rannten die Verlarvten auf ihn zu
und hieben ihn nieder. Da ffnete Marcello die uere Tre, sah die
Abscheulichkeit, und sprang schnell Fassung gewinnend, zurck, und so aus dem
Fenster auf die Gasse hinaus, um Hlfe, oder die Wchter der Stadt anzurufen.
    Du stirbst! sagte die groe, finstre Gestalt mit dumpfem Ton zur
gengstigten Vittoria. - Ich ergebe mich, klagte sie, denn sie sah und hoffte
keine Rettung, da ringsum die blanken Degen und Dolche ihr drohten, und einige,
niederknieend, noch ihren Stahl in den zerhauenen Leichnam des Bruders, wie aus
bermut bohrten.
    Also heut, diese Nacht, jetzt, erfllt sich mein Schicksal, sagte sie zu
sich selbst. - Wirf das Kleid, diese Gewnder und Tcher von der Brust zurck,
wenn du eines leichten Todes sterben willst - sagte die dunkle Gestalt.
    Folgsam wie ein gehorsames Kind, warf sie das Nachtleibchen ab, denn sie
hatte sich schon zum Schlafen aus- und angekleidet. - Auch das Busentuch! -
rief jener; - sie tat es - er zog hierauf selbst das letzte Leinengewand von der
Brust zurck und die herrliche Gestalt stand in ihrer glnzenden Schnheit,
nackt bis zu den Hften hinab, wie das herrlichste Marmorbildnis da, die festen,
getrennten Brste im Dmmer des wenigen Kerzenlichtes schimmernd. So sank sie
auf den Betschemel knieend nieder. Man htte denken sollen, der roheste Barbar,
der Kannibal mte sich bei diesem Anblick erweichen lassen. Da stie er den
scharfen Dolch zielend neben der Brust in den Leib. Sie sank zu Boden. - Oh,
wenn ich tot bin, so klagte sie, habt die Barmherzigkeit und kleidet mich
wieder an. - Vielleicht, sagte jener und stie das Eisen wieder in die Wunde,
indem er es wie prfend, zwei-, dreimal drin bewegte. - Wie ist dir? fragte
er. - Khl ist die Schneide, sprach sie lallend, - o la jetzt - ich fhle,
das Herz ist getroffen. - Noch nicht, sprach der Schreckliche mit
entsetzlicher Klte - noch einmal: und wieder an einer andern Stelle stach er
in den edlen, marmorweien Krper. Da sank sie ganz zu Boden, das Haar lste
sich und schwamm in dem Blutstrom, der sich auf dem steinernen Fuboden hingo.
    Andre hatten auf einen Wink indessen schon die Schrnke hier und in den
andern Zimmern erbrochen, was sie an Gold, Juwelen und Kostbarkeiten fanden,
nahmen sie mit sich und verschwanden dann so still, wie sie gekommen. Wohl
hundert Bsewichter waren es gewesen, die alle Tren und Zimmer bewacht hatten,
damit die Mrder nicht gestrt werden knnten.
    Orsini erwartete scheinbar ruhig den Ausgang: er hatte sonderbar genug, bei
der Ermordung nicht zugegen sein wollen: der abscheuliche Pignatello hatte sich
zu dieser Exekution gedrngt.

                                 Achtes Kapitel


Marcello, der entsprungen war, hatte keine Hscher oder Wchter in der den
finstern Nacht antreffen knnen, auch hatte er bemerkt, da das ganze groe Haus
von jenen Mrdern und Raubgesellen angefllt war, so da eine Hlfe von wenigen
Menschen nutzlos und fr diese nur gefhrlich geworden wre. -
    Gegen Morgen erst kehrte er zurck: in allen Zimmern waren die Dienstleute,
der alte Guido, die alte Ursula, der Haushofmeister, die Kammerdiener, alle
gebunden und geknebelt, einige fast tot vor Furcht und Schrecken.
    Nun verbreitete sich das Gercht von dem schrecklichen Ereignis durch die
Stadt. Man kam und sah mit Entsetzen die Greuelszene des Mordes. Einige Damen
erbarmten sich der Leiche und bekleideten sie, indem sie die hohe Schnheit des
entseelten Krpers mit Bewunderung betrachteten.
    Mit scheinbarer Betrbnis kam nun auch Graf Orsini wehklagend herbei. Er
lie die Leichname in die nahe Kirche bringen und dort ausstellen. Flaminio war
so entstellt und zerhauen, da man ihn nur mit Mhe wiedererkennen konnte.
    Die Tat war so abscheulich, so frech unternommen und ausgefhrt, da weder
Padua noch der Staat von Venedig sich ruhig dabei verhalten konnten. Auf
dringendes Ansuchen ward der Trhter eingezogen, und erst gtlich, dann auf der
Folter befragt; der zerknirschte Camillo meldete sich von selbst, und bekannte
so viel, als er vom Komplott wute.
    Indessen lie Orsini, der sich als naher Verwandter aller Anstalten
bemchtigte, die beiden Leichname ohne alles Geprnge und so still, wie mglich
beerdigen. Der Adel wie das Volk murrten darber, da so wenig fr das
Gedchtnis einer der vornehmsten Damen geschah, da auf das Andenken und den
Namen eines mchtigen Herzogs nicht mehr Rcksicht genommen wurde. Sosehr man
auch gesucht hatte, die Feierlichkeit des Begrbnisses zu vermindern und das
Ganze gleichsam zu verschweigen, so strmten doch viele Menschenmassen hinzu,
und klagten laut ber den Frevel und beweinten die Ermordete.
    Der Magistrat der Stadt berichtete den ungeheuren Vorgang sogleich nach
Venedig. Nach der Angabe des Camillo Mattei, sowie nach einigen Anzeigen fiel
der nchste Verdacht des Verbrechens auf Luigi Orsini: der Statthalter, der fr
Venedig in Padua residierte, lie den Grafen also zu sich in das Stadthaus
laden. Der bermtige erschien mit seinem ganzen Gefolge, allen jenen
Verbndeten, die am Morde teilgehabt hatten. Da sie alle bewaffnet waren, lie
die Magistratsperson nur den Grafen herein, alle brigen muten auf der Strae
und im Hofe warten.
    Der Unverschmte trat wie ein Knig vor den Gouverneur hin, und statt auf
dessen Fragen zu antworten, fuhr er selber als Fragender auf den alten Mann los:
Wie kommt Ihr dazu, Signor, mich wie einen Eurer Klienten oder einen Brger der
Stadt auf diese Weise vor Euch zitieren zu lassen? Was niemals als ich in Rom
lebte, der Papst Gregor wagte, was ich meinem Verwandten, dem Groherzog von
Florenz, ja, was ich keinem Knige der Erde einrumen wrde, das wagt Ihr an
meiner Person? Kennt Ihr mich? Wit Ihr von meinem Herkommen und meinen
Vorfahren? Ganz andre Mnner, als ich jetzt einen vor mir sehe, haben vor mir
gezittert. Wenn Ihr mich sprechen wolltet, so war es geziemlich, da Ihr Euch
bei mir melden lieet, und ich wrde Euch gern Gehr erteilt, und vernommen
haben, was Ihr begehrt oder wnscht.
    Der alte Mann, ein fester Charakter, lie sich durch diese Grosprechereien
nicht verwirren, sondern antwortete: Mein Herr Graf, von alledem ist hier die
Rede nicht. Ihr seid fr jetzt ein Einwohner dieser Stadt, Ihr steht in Diensten
der erlauchten Republik Venedig: eine ungeheure Tat ist vorgefallen, die
Sicherheit der Stadt ist verletze, eine hohe Person schndlich ermordet, Euer
Name ist genannt, und ich frage Euch, als Vorstand der hiesigen Brgerschaft, ob
Ihr, und was Ihr von dieser Begebenheit wit.
    Indem hrte man schreien, laut fluchen und Getse von Waffen. Jene Begleiter
hatten die Wache des Stadthauses berwltigt und traten nun mit Lrmen und
trotzigem Anstand alle in den Saal. Der Statthalter war ber diese Frechheit
verwundert, aber nicht erschrocken. Was soll ich nun, rief Orsini aus, in
Gegenwart dieser meiner Freunde sagen und erklren? Wrden sie es dulden, wenn
ich mich, einem alten unbedeutenden Manne gegenber, feige oder furchtsam
zeigte? Ich erklre Euch also hiermit, da ich, als Verwandter, ber den Tod
meiner Muhme, der Herzogin Bracciano, geborne Accorombona, am meisten zu trauern
Ursach habe: im Proze war ich, auf Ansuchen des nchsten Erben, des jungen
Herzogs Virginio mit ihr begriffen, und das ist dem Magistrat hier und den
Richtern bekannt. Nur einmal habe ich sie hier in der Stadt besucht, um mich mit
ihr wegen unsers Rechtsstreites zu besprechen, sonst wei ich nichts von ihr und
ihren Verhltnissen, am wenigsten aber, was ihr dieses traurige Ende zugezogen
haben mag. Ich hrte am Morgen, wie alle Einwohner, das Gercht von diesem
nchtlichen berfall, ich erschrak, und die Brgerschaft ist Zeuge meiner Trauer
gewesen, und wie ich selbst die Bestattung der rmsten besorgt habe. Dies alles,
und so wie ich von der Ermordung hrte, habe ich ebenfalls, wie es als
Verwandter meine Pflicht war, dem Magistrat melden und anzeigen lassen.
    Ihr werdet vergnnen, sagte der Statthalter, da wir diese Eure Aussage
zu Protokoll nehmen, und da Ihr sie, als eine wirklich gesprochene, mit Eurem
Namen unterzeichnet.
    Das werde ich keineswegs, antwortete Orsini, ich kann mich nicht
vernehmen lassen, erkenne Eure Auctoritt nicht an, und wei, da Ihr mich dazu
nicht zwingen knnt. Aber ich ersuche um die Geflligkeit, da ich diesen Brief
nach Florenz durch meinen Boten senden darf: er ist an den jungen Bracciano, in
dessen Namen ich den Proze gegen diese seine Stiefmutter eingeleitet habe; ich
gehe morgen oder bermorgen nach Korfu ab, und ich melde mit diesem Blatte ihm
nur, welche Aussicht ihm seine Sachwalter wegen seiner Ansprche geben.
    Der Gouverneur las den Brief, der in der Tat auch nichts anders enthielt,
und deswegen gern gestattete, da der Bote ihn nach Florenz bringen drfe.
    So entfernte sich Orsini und lachte mit seinen Vertrauten ber die Art, wie
er den Alten verhhnt und betrt habe. Dieser Statthalter aber war klger, als
die bermtigen dachten, und Luigi war einfltig genug, sich fangen zu lassen.
Sowie dieser sich entfernt hatte, gab der Statthalter Befehl, den Boten zu
beobachten, und als dieser ungehindert durch das Tor gegangen war, ward er
pltzlich in der Einsamkeit des Feldes angehalten und genau durchsucht. Auer
jenem Briefe fand man in den Schuhen versteckt einen andern, folgenden Inhalts:
    Alles ist abgemacht. Wir haben sie fortgeschafft. Die Affen hier habe ich
zum besten, wie es sich gehrt. Sie halten mich fr ein unschuldiges Kind.
Sendet nun die ntigen Leute, wie wir es verabredet.
    Beide Briefe wurden zurckbehalten und der Bote heimlich in Verwahrung
gebracht. Orsini und die Seinigen jubelten indes, hielten die Sache fr
abgemacht, rsteten sich zur Reise und lachten ber den schwachen und
einfltigen Magistrat, den man eingeschchtert und zum Schweigen gebracht habe.
    Sie verwunderten sich aber, als sie vernahmen, da man alle Tore
verschlossen hielt und sie bewache, kein Mensch durfte die Stadt verlassen. Ein
Ausrufer ging durch alle Gassen, und verkndete mit lautem Ruf: da diejenigen,
die vom Morde wten, bei hrtester Strafe aufgefordert wrden, die Umstnde und
Teilnahme anzuzeigen: wer Folge leistete, sollte belohnt werden, selbst wenn er
am Verbrechen teilgehabt.
    In der Nacht vom zweiundzwanzigsten Dezember war Vittoria ermordet worden,
und morgens frh um sieben Uhr am ersten Weihnachtstage kam schon von Venedig
Bragadino mit unumschrnkter Vollmacht, vom Senat, auf alle Gefahr, es mge Blut
und Leben kosten, sich des Luigi Orsini, lebendig oder tot zu bemchtigen. Der
Senat zu Venedig hatte diese unerhrte Freveltat, die Frechheit des Grafen nach
den Berichten des Statthalters und den Aussagen Camillos, sowie des gefolterten
Trhters, sehr ernst genommen, da auerdem des Grafen eigenhndiger Brief fr
ein vollstndiges Bekenntnis gelten konnte.
    Sogleich begaben sich Bragadino, der Kapitn und der Podesta in das Kastell.
Es wurde Sturm gelutet, alle Glocken der Kirchen strmten ebenfalls. Wohl noch
niemals war das Fest der Weihnachten auf diese Weise in Padua begangen worden.
Die ganze Stadt, gro und klein, vornehm und gering war in Aufruhr und Bewegung.
Bei Lebensstrafe war geboten, da alle Milizen, die Reiterei und alle
waffenfhige Mannschaft sich vor das Kastell, das dem Palast Barbarigo nahe war,
versammeln sollten, und, wenn es ntig wre, diesen Aufenthalt des Orsini zu
strmen und mit Gewalt einzunehmen. Sowie der Tag ganz hell war, ward ein Aufruf
erlassen, da alle Einwohner bewaffnet herbeikommen sollten, wer nicht mit
Gewehr oder Degen versehn wre, was er begehre, im Kastell erhalten wrde, um
tot oder lebend den Luigi Orsini der Gerechtigkeit zu berliefern; zweitausend
Dukaten solle erhalten, wer den Grafen, fnfhundert Scudi, wer einen von seinen
Leuten einbringe.
    Auch vom Lande wurden Mnner herbeigerufen, um die Anzahl der Freiwilligen
zu verstrken. Von allen Seiten wurden Wachen gestellt, damit keiner entrinnen
knne.
    Auf die alte Mauer, dem Palast gegenber, wurden Kanonen aufgepflanzt,
Bollwerke wurden eilig an der Seite des Flusses errichtet, ebenso auf der
Strae, damit die Leute sicher wren, wenn die Belagerten etwa einen Ausfall
wagen sollten. Barken lagen mit Bewaffneten auf dem kleinen Flusse, damit auch
hier keiner entkommen knne.
    Als von den Fenstern aus Orsini alle diese Anstalten gewahr wurde, schrieb
er kalten Blutes einen langen Brief an den Senat von Venedig und den edlen
Bragadino, in welchem er sich ber diese Behandlung beschwerte, da man ganz
vergesse, welche Dienste seine Vorfahren der Republik geleistet htten, da man
ihm selber die Statthalterschaft von Korfu anvertraut habe, und ihn jetzt auf
einen oberflchlichen Verdacht hin ohne Ursach wie einen ausgemachten Verbrecher
und Rebellen behandle.
    In der Nacht begaben sich auf Befehl einige Edelleute aus Padua zum Orsini.
Sie fanden, da Tren, Fenster und alle Zugnge mit Gert, Brettern, Steinen,
und was man hatte habhaft werden knnen, verschanzt waren. Die Mnner rieten
ihm, sich der bermacht freiwillig zu ergeben, weil jeder Widerstand doch nur
unntz sein knne; fge er sich, so mchte er vielleicht bei seinen Richtern
noch einige Milde finden, sonst gewi nicht, da der Senat auf keine Weise von
seinem Entschlu abgehen wrde, ihn in seine Gewalt zu bekommen.
    Er antwortete in seiner sichern Art, er wolle sich ergeben, doch nur, wenn
man alle Truppen und Wachen von seinem Hause entferne, dann sollte man ihm, von
seinen Vertrautesten begleitet, eine Unterredung mit Bragadino und den
Vornehmsten gestatten, und ihm versichern, da er nachher ungefhrdet in den
Palast zurckkehren knne. Bragadino war ber diese Anmutung emprt, da er mit
ihm, wie dem Gouverneur einer Festung, unterhandeln solle und verwarf unbedingt
dies Ansuchen. Noch einmal gingen die Edlen zu ihm, er gab keine andere Antwort
und erklrte fest, er wrde sich bis auf den letzten Blutstropfen verteidigen.
    Nun machten die Belagerer ernstliche Anstalten. Einer der eifrigsten unter
den Freiwilligen war Marcello, der Bruder der Ermordeten; er hatte eine
Compagnie der bewaffneten Brger aufgestellt und verfuhr als ihr Hauptmann.
Alles rhrte sich, die Gewehre und Kanonen wurden geladen und auf das Haus
gerichtet. Das Volk schrie, die Glocken strmten, Bewaffnete zogen durch die
Straen, Neugierige versammelten sich auf den Pltzen und alles war in der
bangsten Erwartung.
    Orsini lief durch die Sle des Palastes, ordnete an, und sprach seinen
Freunden und den Gesellen Mut ein. Alle schrieen verwirrt durcheinander und
schwangen die Degen. Da nahm der Graf Montemellino seinen Freund Orsini beiseit
und sagte zu ihm: Luigi, Ihr seht es doch wohl, da wir verloren sind: meine
Warnung wolltet Ihr nicht hren, und es ist gekommen, wie ich vorher sagte. Da
keine Rettung ist, lat uns wenigstens wie Soldaten sterben, und diesen
Paduanern auf ewige Zeiten ein blutiges Andenken zurcklassen. Wir, die
Obersten, scheuen den Tod nicht, und haben ihm oft genug ins Angesicht geschaut,
aber auch der Geringste unserer Bande ist frech und tollkhn. So lat uns denn
alle zugleich unter diese Brger und Milizen hinausbrechen, niedermachen,
schieen, was wir erreichen: Ihr seht, wie vorsichtig, wie furchtsam sie sind,
welche Haufen sie gegen unsere kleine Schar zusammengetrommelt haben. So fechten
wir einen tapfern offenen Kampf in den Straen, verfolgend und verfolgt, siegend
und besiegt, und da gewi keiner von uns entrinnen kann, und jeder dies sieht,
so morden alle wie Verzweifelnde, und die feindliche, gelehrte Stadt wird zum
Schlachtfeld, das unsern Namen tragen wird, solange diese Mauern stehen. Aber -
wollt Ihr dem Henker verfallen und dem Volke zum schadenfrohen Schauspiele
dienen, dann habe ich mich sehr in Euch geirrt.
    Gewi war dieser Rat der klgste und eines tapfern Kriegers wrdig, so
blutig und grausam er auch, wenn man ihn befolgte, fr die Stadt ausfallen
mute. Aber Orsini war in diesem hchsten und wichtigsten Moment seines Lebens
wie betubt, er zog es vor, zu zaudern, und sich, was doch unmglich war, hinter
den Mauern zu verteidigen.
    Pltzlich rollte der Kanonendonner durch die Stadt und schlug als Echo, wie
ein nahes Gewitter, zurck. Die ruhigen Einwohner entsetzten sich. Die Kugeln
hatten die Sulen und einen Teil der untern Mauern niedergeworfen. Aus den
Fenstern schossen mit Gewehren die Belagerten, mit geschwungenem Degen sah man
ihnen vorbei den wtenden Orsini laufen, der immerdar laut schrie: Krieg!
Krieg! Blut! Vertilgung! Nun wurden die Kanonen etwas hher gerichtet, aber nur
wenige, weil man nicht die Absicht hatte, wie man es wohl gekonnt, das ganze
Haus in Grund und Boden zu schieen. Indessen, da es den Belagerten an Kugeln
fehlte, schmolzen sie eilig das Zinngeschirr der Kche, sie hoben die Fenster
aus, zerschlugen sie, um das Blei zu gewinnen, und gossen schnell im Hinterhause
Kugeln. Es schien sogar, als wollten die Verzweifelten einen Ausfall wagen. Die
Angreifer fhrten zwei grere Kanonen auf, um schneller zu endigen, ob sie
gleich, hinter ihren Verschanzungen ziemlich gesichert, noch keinen Mann
verloren hatten. Der zweite Schu nahm von der Mauer und dem Hause ein viel
greres Stck hinweg, mit dem Schu strzte einer der gefhrlichsten Banditen,
Levonetti, tot mit den Steinen herunter. Er hatte auf Befehl des Orsini viele
abscheuliche Mordtaten begangen. Wieder donnerten die Kanonen, und diesmal fiel
mit der Mauer zugleich zerschmettert der Graf Montomellino. So ward auf gewisse
Weise der Wunsch dieses tapferen Mannes erfllt. Nun erschrak Luigi. Wtend war
der Oberst, ein herzhafter Mann, Lorenzo dei Nobili; da dieser sah, wie
unglcklich dieser tolle Krieg sich wendete, strzte er mit seinem geladenen
Gewehr aus dem Hause heraus; er wollte in die Masse des Volkes hineinschieen,
um sich im Tode zu rchen, aber das Pulver fing nicht Feuer, und so ward er im
Augenblicke von einem jmmerlichen, furchtsamen Menschen niedergeschossen, einem
Aufwrter in einem Schulhause. Andere gemeine Mnner strzten hervor und nahmen
ihm schnell Ring, Schrpe, seine Flinte und das Geld, das er bei sich trug.
Einer schnitt ihm den Kopf ab.
    Auf Befehl des Orsini winkte jetzt sein Sekretr, Filelfo, mit einem weien
Tuche aus dem Fenster, als ein Zeichen einer friedlichen Unterhandlung. Man
hielt mit Schieen inne, und Orsini befahl seinen zurckbleibenden Leuten, sich
nur zu ergeben, wenn sie einen schriftlichen Befehl dazu von seiner Hand
erhielten. Der Lieutenant Anselmo Suardo wurde abgeordnet: auf die Forderung des
Luigi, in einem Wagen nach dem Kastell gebracht zu werden, um dem Volke nicht
zum Schauspiel zu dienen, machte ihn Anselmo darauf aufmerksam, wie unmglich es
sei, dies Begehren zu erfllen, wegen der Volksmassen, der aufgefahrnen Kanonen
und der aufgerichteten Parapetten, welche die Strae sperrten. Anselmo, um ihn
sicherzustellen, nahm ihn unter den Arm, und allenthalben machte man ihm Platz.
Marcello, der Wtende, drngte sich jetzt hinzu, weil er ihn mit seinen Leuten
bis in das Kastell fhren wollte. Orsini achtete nicht die druenden Blicke, die
dieser ihm zuwarf, und zuckte nur mit den Achseln ber seine zornigen Gebrden.
Als er vor seine Richter trat, affektierte er eine groe Nachlssigkeit, er war
gleichgltig in seinen Reden und kurz in seinen Antworten. Er bergab seinen
Degen und sagte nachher: Oh, htte ich nur fechten wollen, wie mein Freund
Montemellino riet, so htten wir wohl ganz andere Dinge erlebt, aber jetzt reut
mich die ganze Geschichte, besonders weil dieser liebste Freund dabei hat
umkommen mssen. Die Albernheit hat Blut gekostet, obgleich ihr, meine Herren,
wohl nicht bedeutend eingebt habt.- Er schrieb hierauf an seine Leute den
Befehl, sich zu ergeben weil man indessen von beiden Seiten noch mit Schieen
fortgefahren hatte. Dann, indem er jeden seiner Richter freundlich und hflich
begrte, nherte er sich dem Kamin, nahm eine Schere, die er dort fand, und
beschnitt sich langsam und mit vollkommener Ruhe die Ngel.
    Die Bande wurde nun eingefangen und alle fhrte man nach den Gefngnisse der
Stadt. Aus seinem Kerker schrieb Orsini seiner Gattin, die in Venedig war, einen
sehr gefaten Brief, den man edel nennen mchte, wenn der Schreiber nicht in
einer so verruchten, sondern bessern Sache gefallen wre. Der Stadt Venedig
vermachte er seine schne Waffensammlung, die im Arsenal zu seinem Angedenken
aufbewahrt wurde. Dann erlitt er den Tod und wurde im Gefngnis erdrosselt. Im
Dome wurde sein Leichnam am Morgen dem Volke zur Schau ausgestellt.
    Der Graf Paganelli, oder Pignatello, jener Verruchte, der die Dame Vittoria
so kaltbltig gemordet hatte, wurde auf grausame Art ffentlich hingerichtet,
mit Zangen gezwickt, und ihm ebenso, wie er getan, ein Dolch lange und oft im
Busen umgekehrt, so da er wohl eine halbe Stunde diese Martern litt, ehe der
starke, krftige Mann seinen Geist aufgab. Vielen wurden die Kpfe abgeschlagen,
die andern gehenkt. Niemals noch hatte Padua so viele Hinrichtungen gesehn. So
ward das Weihnachtfest dort im Jahre 1585 gefeiert.
    Camillo, der weniger schuldig war, und den Mord zuerst freiwillig angegeben
hatte, wurde nur auf zwei Jahr auf die Galeeren verdammt. -
    Als der Papst diesen ernsten Hergang und das strenge Gericht erfuhr,
forderte er vom Staate von Venedig diesen Marcello, welcher am Morde des Peretti
teilgenommen hatte. Der Senat meinte, die ernste Forderung nicht zurckweisen zu
drfen. Sixtus lie ihn in Rom hinrichten.
    So war das ganze Geschlecht der Accoromboni, einst so bekannt, erloschen,
untergegangen und bald vergessen. Die Verleumdung verdunkelte den Namen der
einst so hoch gepriesenen Vittoria und nur mangelhafte, zweideutige Zeugnisse
werden von den Zeitgenossen und den Nachkommen ihrem Namen beigefgt. Nur zu oft
wird das Edle und Groe von den kleinen Geistern so verkannt und geschmht.
